Wandernde Erde Von Adolf Köster sind bei Albert Langen erschienen Die bange Nacht Roman 2. Auflage Die zehn Schornsteine Novellen 2. Auflage Der Tod in Flandern Kriegsnovellen 7. Auflage Brennendes Blut Kriegsnovellen 5. Auflage Die stille Schlacht Kriegsberichte 2. Auflage Mit den Bulgaren Kriegsberichte 2. Auflage Wandernde Erde Kriegsberichte Die Sturmschar Falkenhayns Kriegsberichte Wandernde Erde Kriegsberichte aus dem Westen von l)r. Adolf Köster Kriegsberichterstatter Wbköthe k)ertirr Albert Langen, München 1917Lop^rixkt 1917 Ulbert langen, iVwnickInhalt Scitc Wieder im Westen 7 Aus dem Tagebuch eines Verdun-Kämpfers .... 7 Unter den Mauern von Fort Vaux 10 Regiment in Ruhe 14 Schwere Granaten auf Fort Vaux 17 In der weißen Woevre 19 Lustschlachten 22 Die Schlacht im Caillettewalde 23 Nacht vor Verdun 26 Dorf hinter der Front 29 Feuer auf Höhe 304 32 Farbige Franzosen 34 Flug an die Front 38 Minenkrieg bei Givenchy 41 Ein Sturm auf den Vimyhöhen 43 Nach dem Angriff 46 Im Sappenkopf an der Lorettohöhe 49 Krieg im deutschen Land S2 In den südlichen Vogesen 55 Ein Blick auf Belfort 58 Am Schweizer Zipfel 6V Die Engländer greifen bei Hooge an 62 Siegreicher Gegenstoß der Sachsen 66 Kurze Kampfpause 69 Die Deutschen erobern Höhe 50 7l Ein Gegenangriff und eine neue Sprengung ... 74 Die Nacht im Eiskeller 77 Der Brauer und der Clerk 79 Hinter der Sommesront 82 Trommelfeuer und Gasangriffe 84 Der englische Ansturm 87 Der Kampf um Ovillers 89 Südafrikaner an der Somme 92 Der Heldenkampf der Artillerie 95 Heiße Schlacht 98 Die Schlacht am Sternenwald 101 Saint Quentin 106 Das Ringen an der Römerstraße 109 Die Schlacht im Nebel III Holsteiner vor Estree 115 Maschinengewehre bei Deniecourt 117 Das Lob des Einzelnen 120 Marsch auf Douaumont 124 In den Kasematten von Douaumont 127 Wandernde Erde 130Wieder im Westen Großes Hauptquartier, April 'ly'lb. Heute morgen gegen Z Uhr passierte der Nachtzug hinter Metz die alte Grenze. Die bleichen Silhouetten der Hausruinen von Audun de Roman starrten ins Fenster des abgedunkelten Abteils. Man kann nicht schlafen. Z0 Kilometer seitwärts liegt Douaumont. Man horcht. Mitten auf der Strecke ein kleiner Aufenthalt. Es regnet. Man hört ein heiseres Grollen, ein Knurren, ein abgerissenes weitentferntes Orgeln. Das ist Verdun. Im ganzen serbischen Krieg war solche Musik nicht zu hören. Wieder in Frankreich. Über der Maas liegt weißer Nebel. Die Ardennen werden grün. Ein Motorfahrer rast durch den Morgen. (Wenn unsere Soldaten diese Straßen auf dem Balkan gehabt hät ten!) Frühling auch hier — der zweite französische Kriegsfrühling. Die Wiesen werden bunt. Kirschen und Pfirsiche blühen. Soldaten mit Flieder am Helm. Auf den Gräbern in Belgien wächst zum zwei ten Male junges Gras. Im alten Quartier — alles wie früher. Nur hinter unserem Hause die Schuttwiese ist reicher geworden durch den Winter. Mehr Frauen und Kinder als sonst wühlen suchend in den Abfällen der Stadt. Sonst alles wie früher. Die Züge rattern über die Brücke. Der Steinbruch liegt tot da. In der Maas faulen die halbversunkenen Kähne weiter. Ich fragte die Waschfrau nach Verdun. Die Leute sind gleichgültiger geworden. — „Wann kommt der Friede?" fragte die Waschfrau. Krieg auf dem Balkan — Krieg in Frankreich. Am ersten Tage ist einem hier oben der Atem benommen. Da unten paßt der Krieg noch sozusagen in die Landschaft — der Komitadschis, der Dorfkämpfe, der ewigen Aufstände. Hier oben im Lande der intensiven Ackerwirt schaft, der Schwerindustrie, der hochentwickelten Stadtkultur — man geht durch die Straße, man steht auf dem Bahnhof, man sieht aus dem Fenster — anders als in Nisch und Monastir blickt einen hier der Krieg aus allen Dingen an — gedrückter, schmerzlicher. Aus dem Tagebuch eines Verdun-Kämpfers Großes Hauptquartier, 20. April l.y'lö. Am 22. Februar stoßen wir aus der Linie, in der wir über ein Jahr gelegen hatten, gegen den Herbewald vor. Letzte Nacht haben wir alle kaum geschlafen. Vom „Kap der guten Hoffnung" beobachte ich unser Artilleriefeuer. Ununterbrochenes Trommeln auf die feindlichen Stellungen, die kaum antworten. Plötzlich Stille. Eine Offiziers-8 Patrouille des ...ten Regiments wird vorgeschickt, um südlich des Waldes die Wirkung unserer Artillerie festzustellen. Sie kommt heil zurück. Das Trommeln beginnt auss neue. Eine Stunde. Zwei Stunden. Alles bei uns ist parat. Die Leute stehen auf dem Sprung — vollbehangen mit Handgranaten. Es wimmelt hinten in den Deckungen von Reserven. Auch unsere unterirdischen Stollen für die Verwundeten sind fertig. Der Sturm beginnt. Die ersten Meldungen laufen ein. Drei Kom pagnien haben vom „Kap der guten Hoffnung" aus den Nordrand des Herbewaldes erreicht. Der Wald selber schauerlich befestigt. Be sonders hält eine Reihe von Blockhäusern auf, die nur teilweise ein geebnet waren. Während der ganzen Aktion fortdauerndes starkes Artilleriefeuer unsererseits nach hinten. Am 2Z. Februar geht der Sturm weiter. Auch der Ostrand des Herbewaldes hatte unter unserer Beschießung nur teilweise gelitten und mußte kämpfend genommen werden. Die Schlucht hinter den Blockhäusern voll von Maschinengewehren. Hinter Höhe 280 ein völlig abgeschnittenes französisches Maschinengewehr, das sich bis zu letzt heroisch verteidigte. Unser Angriff dehnt sich auf den Kuschgraben aus, der den Herbewald und den Bois de Ville verbindet. Auf all diese Gräben und Gehölze haben wir ein Jahr lang hingestarrt. Am 24. Februar nach schweren Kämpfen den Südrand des Herbe waldes erreicht. Vormittags 10 Uhr Verbindung mit dem ...Korps hergestellt. Unter starkem feindlichen Feuer Angriff gegen Ornes (zirka 1,000 Einwohner groß). Von den zwei Grabenstellungen, die vom Südostrand des Herbewaldes nach Ornes (östlich) und nach dein Chaumewald (westlich) führen, wird zuerst — mittags 2 Uhr — der westliche genommen und dadurch Ornes vom Westen her fast abge schnitten. Die Stadt ist gegen Nordosten durch starke Vorstellungen und fünf Reihen von Hindernissen gut geschützt. Unser Angriff geht konzentrisch vom Westen und Südwesten, von Nordwesten gegen den Bahnhof und von einer dritten Abteilung zwischen Bahnhof und Mühle gut voran. Um 10 Uhr 15 Minuten ist der Ort von drei Seiten um zingelt und wird mit Hurra und Trommelschlag genommen. Teil weise heftiger Widerstand in den Straßen und Häusern. Trotzdem sind eigene Verluste gering. 264 Gefangene, zwei schwere Geschütze, zwei Maschinengewehre, ein Schanzzeugpark erbeutet. Der Gegner war zuin großen Teil nach Bezonvaux entflohen. Unter den Ge fangenen eine halbe französische Sanitätskompagnie nebst zwei Ärz ten. In der Straße links der Kirche lag ein von Granaten erschlagenes altes Ehepaar. Am 25. Februar vormittags in Ornes gelegen. Die Franzosen haben in der Nacht Maucourt und das kleine gleichnamige Gehölz geräumt (direkte Folge der Einnahme von OrneS). Mogeville ist gestern von uns besetzt. Daselbst ein Friedhof gefunden, unter dessen .kreuzen gut ausgebaute Unterstände festgestellt wurden.y Für den Nachmittag des 25. Angriff gegen das Dorf Bezonvaux angesetzt — südlich von OrneS. Auch dies Dorf an der Nordseite be sonders gut befestigt. Abends um 7 Uhr wieder von drei Seiten um stellt. Erbitterter Widerstand. Was nicht geflohen, im Handgemenge niedergerungen. Bei geringen eigenen Verlusten (Gott sei Dank) mach ten wir Z Offiziere, 1 Arzt und Z85 Mann zu Gefangenen. Beute: 4 schwere Geschütze, 1 Revolverkanone, 10 Maschinengewehre. Der Prozentsatz der Leichtverwundeten ist überraschend und erfreulich groß. Die Franzosen beginnen, unsere Hinteren Linien stärker als sonst zu beschießen. Abends spät gute Nachrichten. Rechts von uns sind Beau- mont, Samogneur, Champneuville und Louvemont genominen. Oberst D. auf dein Gefechtsstand: „Unsere Leute sind wie Adler und Löwen." Am 26. Februar. Der Angriff geht weiter. Wir erklettern all mählich die Cüte. In der Nacht wird der Sturm auf das Werk Bezonvaux vorbereitet. Auf den Höhen östlich des Dorfes Feldartillerie in Stellung gebracht zur Unterstützung des Angriffs. Schweres Feuer liegt stundenlang auf dem Werk. Morgens 6 Uhr treten die Truppen zum Sturm an. Ein Bataillon in der Schlucht westlich des Werkes. Ein Bataillon links umfassend. Major S. mit den Lothringern am Ostrand des Waldeö von Hardaumont. So von allen Seiten bedroht, bricht die Widerstandskraft der Besatzung schnell zusammen. Die Franzosen fliehen aus dem Werke unter Zurücklassung einiger Ge fangener. In einem Keller des betonierten Werkes 20 verwundete Franzosen mit einem älteren Arzt, der fließend Deutsch sprach. Das Werk selber, fast unversehrt, gehört schon zum eigentlichen Festungs gürtel von Verdun. Immer weiter. Noch am selben Tage Sturm auf das Werk von Hardaumont. Weit schwieriger als bei Werk Bezonvaux. Verteidigung aus gut vorbereiteten Stellungen, die jede unserer Bewegungen flan kieren. Besonders gut eingebaute Maschinengewehrstellungen in den Blockhäusern westlich des Forts. Trotzdem glücklich vorwärts bis an den Südrand des Waldeö von Hardaumont. Mit Unterstützung der Feldartillerie schieben wir uns unter harten Kämpfen und Ver lusten nach und nach bis 1,00 Meter nahe ans Tor heran. Hier stockt Angriff. Üble Lage. Plötzlich schlägt eine unserer schweren Granaten 5 Meter vor dem Fort ein. Das gibt drüben den Ausschlag. Die weiße Flagge geht hoch. Unsere Leute dringen in das Fort durch Drahthindernisse von 40 Meter Breite ein. Ein Offizier und 120 Mann — der Rest der Besatzung — werden gefangen gemacht. Noch am selben Abend stoßen wir bis zum Iickzackgraben südöstlich des Forts durch. Um 7 Uhr abends sind alle Stellungen bis zum Vaux- tal in unserer Hand. Gleichzeitig bestätigt sich das Gerücht, das III. KorpS habe Fort Douaumont genommen. Auf dem Fort nur ein Oberfeuerwerker gefangen, der dort 12 Jahre Dienst tat. Auch links von uns in der Woevre bauen die Franzosen ab. Was bedeutet das? Am 27., 28. Februar Ruhe. Ich war vorn im Hardaumontwald-lo und sah von einem Beobachtungsbaume das Fort von Vaux unter un serem Feuer liegen. Wir graben uns -ein, bis vorn und rechts die Lage geklärt ist. Abends und am Morgen des 29. beginnen die Fran zosen eine starke Gegenaktion. Von 5 bis 7 Uhr stärkstes Trommel feuer. Ich lasse alle Verwundeten weiter nach hinten bringen. An griff zum Stehen gebracht und abgeschmiert. Unser äußerster Graben rechts vorn bleibt der „Zickzackgraben". Gegenüber der französische „Busengraben" — so genannt nach zwei halbrunden Vorsprüngen des Grabens, auf die unsere Leute mit Vorliebe und unter kräftigen Witzen schießen. Starkes französisches Feuer auf all unsere Gräben. Heute morgen in der Aufnahmestellung drei tote Essenträger im Schnee. Schnee und Mondlicht kosten uns viele Menschen. 'l., 2. März. Ich werde nach Dieppe und dem Chsnewald gerufen. Auch dort immer stärker werdendes Sperr- und Streufeuer auf un sere Hinteren Zugänge. Uber dem Chenewald wird ein feindliches Flugzeug abgeschossen und kommt im Gleitflug nieder. Von den In sassen ist der Meger heil, der Beobachter hat Schenkelschuß. Ein Sanitäter vom Feldartillerieregiment Nr. ... eilt hinzu und will den verwundeten Gegner abseits tragen. Im selben Augenblick beginnen die Franzosen ihr eigenes Flugzeug zu beschießen. Der dritte Schuß sitzt. Das Flugzeug brennt. Unser Sanitäter wird von einer Stich flamme erfaßt und getötet, der französische Beobachter aber gerettet. Z. März. Wieder zurück nach vorn. Die Wege sind grundlos. Gestern kühner Umgehungsversuch der Franzosen gegen unsere Gräben am „Pfeifenkopf". Hauptmann K. gefallen mit dem Gewehrkolben in der Hand. Heute früh wunderbarer Sonnenaufgang unten in der Woevreebene. Man sagt, daß wir in den nächsten Tagen gegen Fort Vaur angesetzt werden. Unter den Mauern von Fort Vaux Großes Hauptquartier, 25. April ^9^6. Soeben kehre ich von der im Heeresbericht des 9. März erwähnten ruhmbedeckten Posener Reservedivision zurück und kann über die denk würdigen Vorgänge dieses Tages und die augenblickliche Lage um Fort Vaur folgendes mitteilen: Am Abend des 8. März befand sich die gesamte nördlich des Forts Vaur auf einem Berge gelegene Hardaumontstellung in unserem Be sitz. Diese stark befestigte und mit einem Ouvrage gekrönte Stellung fällt in Terrassen nach Süden ab. Auf den Terrassen wächst Wein. Zwischen der Hardaumontstellung und der Kuppe mit dem Fort liegt eine Senke, durch die der Vaurbach und längs ihm eine schmalspurige Vizinalbahn zieht. An dieser Bahn liegen von rechts nach links ein Bahnwärterhaus, ein zerschossenes Gasreservoir undu die Station des Dorfes Vaux. Das Dorf Vaux — ein echtes Straßen dorf — versteckt sich iin westlichen Teil der Senke, die sich hier zu einer waldigen Schlucht verengt. Rechts vom Dorfe leuchtet der braune Steinbruch auf, der unsern Leuten so schwer zu schaffen machte. Am westlichen Ausgang des Dorfes stößt man auf den Vauxteicb. Hier gabelt sich die Landstraße. Ein Teil führt links durch den Fumin- und Chapitrewald nach dem Fort Souville. Ein anderer zieht rechts am Ostrande des Caillettewaldes hinauf nach dem eroberten Fort Douaumont. Am Abend des 8. März standen wir am Fuß des Har- daumontberges, der hinter uns lag. Vom Dorf Vaux besaßen wir noch kein einziges Haus. Auö dieser Stellung wurde für die ersten nächtlichen Morgenstunden des 9. März der Sturm durch die Senke und Schlucht hinauf aufs Fort befohlen. Der Berg, der das Fort Vaux trägt, liegt ungefähr Z00 Meter über dem Meeresspiegel und fast Ivo Meter über der Talsenkc. Er steigt in trockeneil Weinbergterrassen ziemlich steil an. Das Plateau, auf dein das Fort selber liegt, ist kahl, endet jedoch am südlichen Ausgang des Kernwerks in einem Wald, dem Bois de Montagne. Selbstverständlich waren die Weinbergterrassen, die eS zu stürmen galt, in den anderthalb Jahren des Krieges mit allen Mtteln be festigt. Dieser Sturm würde etwas anderes werden als der berühmte Sturm auf die Spicherer Hohen — das sagte sich jeder, der von: Hardaumontberge hinüber auf das steile Treppenwerk des Vauxberges sah. Dazu kam, daß diese Weinbergterrassen und das Vorgelände des Forts offen im Flankenfeuer des Gegners lagen. Sowohl vom Südosten, von Damloup her, wie voin Westen, aus dein oben ge nannten Caillettewalde her, konnte der Feind die offen daliegenden Zugangsflächen zum Fort unter das Strich- und Streufeuer der Ma schinengewehre und Geschütze nehmen. Diesen ungeheuren Schwierigkeiten zum Trotz entschloß man sieb zum Sturm auf die Höhe. Nach heftiger Artillerievorbereitung, die sich sowohl auf das Fort und seine Abhänge wie auch auf die nocb wichtigeren Flankierungsfeuerstellungen des Gegners erstreckte, wurde von den beiden Reserveregimentern 6 und 1? bald nach Mitternacl't der Vauxbach überschritten. Und zwar ging Reserveregiment 19 am rechten, Reserveregiment 6 am linken Flügel vor. In dünnen Schützen- schleiern, die bei mäßigem Abstand einander folgten, stießen die beiden Regimenter über die Acker und Wiesen der Senke sowie über den Bahnkörper und die Landstraße vor, überrannten so im Dunkel der Nacht das Vorgelände deS Forts und waren bald am Fuße der Wein bergterrassen angelangt. Bei diesem Vorgehen streifte der rechte Flügel dieEingänge deSDorfesVaux und besetzte sie mit einigen Kompagnien. Danach begann der Sturm auf die Weinberge. Dieser verzweifelte Kampf von Terrasse zu Terrasse ging im letz ten Dunkel der Nacht und im Morgengrauen des anhebenden Tages vor sich. Von unseren Stellungen am Hardaumontberge konnte das^2 Ringen in den Weinbergen zeitweise genau beobachtet werden. Raketen und Fallschirmleuchtkugeln stiegen auf. In ihrem bleichen Lichte sah man die vorderste Kette unserer Stürmer höher und höher rücken. Ein junger rheinischer Bankbeamter, der auf dem Hardaumont an seinem Beobachtungsrohr saß, schildert mir, wie die krachende, auf blitzende Linie unserer Handgranatenwerfer von Trichter zu Trichter vorwärts drang — bald geschlossen, bald zerfetzt, bald in großen Kurven — eine Leistung von so überragender Größe, daß vor ihr kein Wort der Ehrfurcht zu heilig ist. Die Franzosen waren vorbereitet. Aber dieser tollkühne Hand streich auf die ganze Bergstellung war ihnen doch eine Überraschung. So kam ihr flankierendes Artillerie- und Maschinengewehrfeuer erst nach und nach zur vollen Entfaltung. Aber die Besatzung des Ab hanges selber kämpfte aus den zahllosen Gräben mit Löwenmut. Terrasse für Terrasse ward unsern durch Draht- und Steinhindernisse aufdrängenden Stürmern streitig gemacht. Nichtsdestoweniger stießen sie allmählich dem Rande des Plateaus näher und näher. Besonders auf dem linken Flügel ging es flott vorwärts. Das hier kämpfende Bataillon hatte als erstes den Rand der Fortkuppe erreicht. Das Kernwerk des Forts rechts liegen lassend, drang es im heute soge nannten Fingergraben unaufhaltsam bis an das oben erwähnte, schon südlich des Forts gelegene Gehölz Bois des Montagnes vor, wo es sich eingrub. Etwas langsamer erreichten die übrigen Bataillone den Rand. Das lag an dem wilden Flankierungsfeuer, das die Franzosen gerade von dieser Seite aus — gedeckt im Caillettewald sitzend — auf unsere Bataillone zu schleudern vermochten. Trotzdem war ungefähr um 6 Uhr morgens, als die Sonne aus der roten Woevreebene ihren Aufstieg begann, das Fort in einem Halbbogen, der von Norden über Osten nach Süden zog, umstellt. Die äußerste Sturmstellung zog sich in einer Entfernung von etwa 1,00 Metern um daS Kernwerk herum. Bon dieser äußersten Sturmstellung auö wurden nun im Laufe der nächsten Stunden weitere Angriffe gegen das Kernwerk unternom men. Dieses Kernwerk, ein Trapez, das von einer südwestlichen Basis nach Nordosten in die Ebene schaut, war in seinen Außenteilen schon damals von unserer schweren Artillerie arg zugerichtet. Mir haben Photographien vorgelegen, die die teilweise Zerstörung seiner Mauern und Deckungen deutlich zeigen. In dieses angeschossene Fort stürm ten nun Teile unserer vordersten Kompagnien hinein. Sie gerieten mit der Besatzung, deren Verbindung nach hinten nicht abgeschnitten war, in wütende Handgranaten- und Bajonettkämpfe. Im Verlaufe der hin- und herwogenden Nahkämpfe in und um das Fort konnte dieses selbst auf die Dauer nicht gehalten werden. Aber ebenso schei terten alle Versuche des Gegners, unsere Halbkreisklammer um das Fort zu erschüttern. Erst nach Uhr ebbten diese Kämpfe ab. Ihr Resultat war, daß unsere vorderste Sturmstellung in 100 Meter1Z rings um die Hälfte des Forttrapezes unerschüttert stand, daß dagegen das Kernwerk selber in der Hand des Gegners blieb. So wie unsere Stellung auf der Fortkuppe von Vaux in jenen heißen Morgenstunden des S. März von den tapferen Reserveregi mentern 9 und 16, in denen sich Schlesier, Polen, Hanseaten und andere Landesgenossen zusammenfanden, errungen ward, so sieht sie auch heute noch aus. Wir liegen in Bogenform unter der Fort mauer — vom Kernwerk Ivo bis 200 Meter entfernt. Unser linker Flügel schiebt sich in dem sogenannten Fingergraben ziemlich weit um die südöstlichste Ecke des Kernwerks herum. Dieser Graben ist uns und dem Gegner gemeinsam. Nur ein paar Sandsackpackungen tren nen uns von ihm. Das Fort selber liegt dauernd unter Feuer. Wie derholte Photographien des Forts beweisen, wie es nach und nach von unseren großen Kalibern umgepflügt wird. Gänzlich verändert, und zwar zu unseren Gunsten, hat sich seit jenem y. März unsere ehemalige Stellung zwischen Fort Vaux und Hardaumont. Damals hatten wir vom Dorf Vaux nur den Ost rand im Besitz. In schweren Kämpfen eines anderen Regiments aus dem Divisionsverbande sind wir zu Herren des ganzen Dorfes ge worden. Auch der Steinbruch nördlich des Dorfes ist in unserer Hand. Die Lage unserer Truppen auf den ungeschützten Terrassen des Vauxberges ist eine der exponiertesten der ganzen Verdunfront. Das Flankierungsfeuer hat nicht aufgehört, sondern sich im Laufe der Zeit bedeutend verstärkt. Zu den Maschinengewehren und kleinen Kalibern sind gut eingeschossene Steilfeuergeschütze getreten. Aus den Stel lungen hinter dein Fort poltern täglich schwere Minen in unsere Gräben. Das Antlitz des einst blühenden, anmutigen Berges ist heute ein Wirrwarr von Beulen und Narben. Große Beschwerden verursacht die Zufuhr von Trinkwasser. Der Berg selber ist gänzlich trocken. Bei Regenwetter ist jede kleinste Pfütze — im Trichter, in der Zeltbahn, wo immer sich ein paar Tropfen sammeln — wertvoll. Vor dein Heldentum der einzelnen Männer, die hier oben sechs Tage vorn in der äußersten Sturmstel lung gelegen haben, verstummt der Mund der Reporter und Dichter. Tag und Nacht prasseln alle Kaliber auf Gräben, Wege, Trichter — auf Lebende, Tote und Verwundete. Hier ist der einfache Essen träger, der unverletzt sein kostbares Gut nach vorn bringt, ein großer Mann. Noch größer der andere, der neben seiner eisernen Last ge troffen zur Erde sinkt. Warmes Essen ist hier wichtiger als die schönste Erbauung. In den ersten schweren Tagen hat man Hartspiritus nach vorn geschafft. Unter den Rändern der Granattrichter wärmten sich die Soldaten ihre eiserne Ration. Alle ethischen und logischen Maßstäbe entgleiten, wenn man diese Menschen sieht und hört. Sie hocken Tag und Nacht in den grauen Falten der Erde — eingeschmiegt wie gejagte Hasen. Werden siel4 morgens getroffen, so müssen sie bis zur Nacht liegen bleiben, denn wer ihnen helfen wollte, wäre nach drei Metern Vorwärtskriechen erledigt. Auch Einbuddeln ist hier schwerer als anderswo. Denn in diesen Weinbergterrassen stößt man überall auf Stein, und die Erde liegt kaum einen halben Meter tief. Hat man je von Menschen gehört, die ihre natürlichsten Bedürfnisse nicht befriedigen können, weil ihnen Minen und kleine Kaliber in die Parade fahren? Hier unter den Mauern von Vaux ist ein Büschel Gras, ein Stein, ein zerknickter Weinstock von höherem Werte für jede einzelne Menschenseele als alle Kulturgüter von Westeuropa. Diese Männer verfluchen den Mond, der nachts durch die Wolken tritt und die Landschaft mit seinem mil den Licht übergießt. Denn seine Helle bedeutet den sicheren Tod für so und so viele Kameraden. Regiment in Ruhe Großes Hauptquartier, 30. April lylb. Ostern im April. Ein Lothringer Dorf. In den Gärten blühen Kirschen und Birnen. Im Pfarrhof flötet die Amsel. Alle Straßen sind sauber geputzt. Auf den Wiesen vor dem Dorf stehen die Ba gagewagen des Regiments in schnurgerader Linie. Die Knaben und Mädchen ringsherum. Aus der Schenke ertönt Singen. Auf einer Wagendeichsel sitzt ein einsamer Musketier rauchend in der Sonne. Neben ihm kräht ein Hahn. Ein Unteroffizier mit seiner eben ange kommenen Frau biegt vom Bahnhof um die Ecke. Die Frau hat ein erhitztes Gesicht. Die Mittagsglocke schlägt 1,2 Uhr. Von fernher rollt der Donner von Verdun. Aber so leise — das Lied der Amsel übertönt ihn. Das sind die Vaurkämpfer, die hier seit einigen Tagen in Ruhe liegen. Sie stürmten die Weinberge am Fort und lagen tagelang auf den offenen Terrassen im Minenfeuer der zähen Verteidiger. Schon seit zehn Tagen sind sie aus jener Hölle abgerückt. Aber sie zogen langsam und allmählich — von Dorf zu Dorf — immer ein wenig ferner diesen Orten des Grauens. Denn wenn sie zu plötzlich in dieses Paradies versetzt worden wären, vielleicht hätte dieser oder jener den Verstand verloren. Ist dies ein Paradies? Es ist ein armes Dorf — mitten im loth ringischen Industriegebiet. Die vielen italienischen Schilder an den Läden zeigen die Menge billiger fremder Arbeitskräfte an, die hier im Frieden schafften. Es ist ein richtiges Arbeiterdorf — ein wenig kahl, ein wenig bäurisch noch — aber für die Soldaten, die hier seit vor gestern liegen, ist es ein Paradies. Denn hier sind alle Häuser heil und ungeschoren. Seit Monaten sahen diese Männer kein unzerstörtcs Dorf. Und in den Gärten hier wird gebaut — auf dem kleinen Bahn--lS Hof drängen sich Menschen in bürgerlicher Kleidung — der blaugeklei dete Briefbote schiebt die gelbe Postkarre vor sich her — in den Wirt schaften gibt es Bier — und auf der Straße hört man deutsche Kinder worte: „Ringel, Ringel, Rosen — Schöne Aprikosen." Ist das kein Paradies? Man ist nicht mehr in Frankreich — man ist in Deutschland. Man geht auf eine richtige deutsche Postagentur und kann direkt an Muttern telegraphieren. Man geht zum Krämer, der deutsch spricht und bezahlt mit richtigen Groschen alles, was man haben will. Man wohnt in einem richtigen Haus; es regnet nicht durchs Dach; man schläft viel leicht in einem Bett; man kann sich waschen — langsam, feierlich; man kann in Pantoffeln auf der Hausschwelle sitzen und mit der Frau von nebenan ein paar gleichgültige Worte reden. Ist das kein Para dies? Drei Wochen soll das Regiment — die ganze Division — in Ruhe liegen. Drei Wochen — der General hat es selber gesagt. Und da man im richtigen Deutschland und in keiner Festung liegt, warum sollen die Frauen nicht auf Besuch herkommen? Schon am ersten Tage geht das Telegraphieren los. Am zweiten kommen die ersten Frauen an — aus Lothringen, aus der Pfalz, vom Rhein. Am ersten Ostertag ist der Mittagszug überfüllt — alles einfach, dunkel geklei dete Frauen. Sie hängen glücklich am Arm der Männer und ver schwinden in den einzelnen Häusern. Ist denn Platz genug da? Platz in Hülle und Fülle. Denn über 20 Dörfer ist die Division verteilt — damit alle Platz haben und sich richtig und mollig ausruhen können. So hat der General es selber gesagt. Und auch seine Frau wird kom men, die Frau des Generals — Md die Frau des Stabsarztes ist schon da und geht im Garten des Pfarrhofes spazieren — und die Frau des Adjutanten wird für heute abend erwartet. Sie bringt einen Sohn mit von vier Monaten, den der Vater noch nicht kennt — auch ein Dienstmädchen und einen Kinderwagen und eine Badewanne. War um nicht eine Badewanne? Das Regiment wird drei Wochen hier liegen — drei lange Frühlingswochen. In allen Häusern liegen die Mäntel der Soldaten aufgeweicht im Seifenwasser. Morgen sollen sie ge bürstet und ausgeschlagen werden — mit dem Schlagholz nach alter lothringischer Sitte — und übermorgen sollen sie zum Trocknen auf die Leine. Alles hat sich so gut eingerichtet. Im Schulhaus, das der Oster- ferien wegen leer steht, ist das Geschäftszimmer aufgeschlagen. Mit ein paar Drähten hat man sich in das große deutsche Telephonnetz eingehängt. Es wird viel gesprochen — aber immer nach hinten. Die Fäden nach der Front sind wie abgeschnitten. Wie wenig spricht man überhaupt von vorn, von den furchtbaren Tagen, die so kurz und ver gangen sind. Nachmittags in der Kneipe und bei den singenden jungen Burschen, die noch für keine Frau zu sorgen haben — niemand redet von den SchreckenStagen des März, von den toten Freunden, die ihr16 Ostern unterm Rasen feiern — niemand will daran erinnert werden. Sie wollen trinken und singen — oder rauchen oder schlafen oder allein sein. Wie Genesende sind sie — ganz allmählich lösen sie sich, werden frei, können denken, reden, werden Menschen wie wir. Abends wird das ferne Grollen etwas stärker. Aber niemand küm mert sich darum. Alle Häuser sind erleuchtet — in allen Zimmern ist festliches Licht. Da kommt vom Nachbardorf, wo der General liegt, ein Radfahrer herangejagt. Er springt vor dem Schulhause ab. Der Stab sitzt schon beim Essen. Er kommt am Pfarrhaus vorgefahren. Man redet ge rade über die Schönheit unserer heimischen Buchenwälder. Der Rad fahrer tritt ein und gibt oben am Tisch den Befehl ab. Der Regiments kommandeur setzt den Kneifer auf — alles ist still— dann sagt der Oberst ruhig: „Morgen früh 8 Uhr die erste Staffel zum Verladen fertig an der Bahnhofsrampe — zweite Staffel 12 Uhr — dritte Staffel 4 Uhr — Ziel unbekannt." Das Abendessen war schnell zu Ende. Um 8 Uhr war im ganzen Dorf noch alles fröhlich. Drei Wochen in Ruhe — der General hat's selber gesagt — Gott, wird daö gut tun — drei, drei Wochen lang. Um 9 Uhr aber wußte jedermann, was morgen los war. Da saßen sie — mit ihren Träumen, ihren Frauen, ihren eingeweichten Män teln, mit ihrer Badewanne. Daö Geschäftszimmer war plötzlich ein krabbelnder Ameisenhaufen. Uberall brannte bis spät noch Licht. Aber es schien einen anderen, einen festlosen Glanz zu haben. Nur aus der Wirtschaft klangen die Lieder der Burschen noch weiter: „Drum, Mädchen, weine nicht — sei nicht so traurig — wisch dir die Träne aus dem Angesicht." Am andern Morgen regnete es. Die Vollbahn lag drei Viertel stunden weit vom Dorfe weg. Die erste Staffel zog im Morgengrauen ab. Die zweite stand um 10 Uhr marschfertig in der Hauptstraße. Das ganze Dorf war versammelt. Viele Frauen weinten. Die Män ner hatten abgehärtete Gesichter. Einige von den jungen scherzten. Andere sagten: „Wer hat das denn glauben können — drei Wochen Ruhe — gibt's ja gar nicht." Musik war nicht da. Den ganzen Vor mittag strömte der Regen auf die gelbrote lothringische Erde. Dann marschierten sie ab. Voran der Bataillonskommandeur — auf der schwarzen „Lotte", deren durchnäßtes Fell im Regen glänzte. Dann die Männer — mit ihren gelben Päckchen, die am Tornister und Gürtel hingen, von denen viele schon weich vor Nässe waren. Und dann die Bagagewagen, hochräderig, eben frisch gesäubert — und schon wieder voll von neuen gelben Spritzern. So bewegte sich der Zug zum Dorf hinaus, auf der langen, geraden Chaussee, die mit hohen Pappeln zu beiden Seiten bewachsen ist. Niemand wußte wohin — die Jungen nicht, die Alten, der Hauptmann nicht — auch nicht der General.Schwere Granaten auf Fort Vaux Großes Hauptquartier, 2. Mai 1Y1S. Am Rande eines Wäldes — gut versteckt: Tische, Stühle, Sche renfernrohre, Karten, Telephondraht — ein General, sein Stabschef, Hauptleute, Adjutanten, Ordonnanzen. Die Morgensonne scheint durch das grüne Dach. Die Vögel schütteln sich und singen. Drüben auf Fort Vaux sollen heute morgen Granaten schwersten Kalibers gelegt »verden. Da liegt daö Fort — auf der braunen durchpflügten, durchlöcherten Höhe — ein hell sich abhebender niedriger Steinbau —, hier und da mit dunklen Schußlöchern —besonders die Mitte der Stirnseite ist scheinbar durchbrochen. Aber am rechten Schulterpunkt steht noch ein dunkler Panzerturm — am östlichen Kehlpunkt ein zweiter — beide scheinbar unversehrt. Fort Vaux ist in natürlich geivachsenen Fels eingelassen — das dortige Bataillon oder Regiment liegt sicher tief unten im Felsenbau — eine schwere Aufgabe selbst für unsere größten Kaliber. Pünktlich zur angegebenen Stunde — bis auf die Sekunde genau —donnert der erste Abschuß zu uns herüber. Ob von links, von rechts, ob über unsere Köpfe hinweg — niemand tveiß es. Aller Augen sind auf das helle Viereck des Forts gerichtet. Die Luft stöhnt, jammert und wimmert. Da — eine Riesengarbe, braun, gelb — eine haushohe, gezackte, gefahnte Erdfontäne steigt gerade zum Himmel auf — hun dert Meter links vom östlichen Schulterpunkt. Wie sie seitwärts zu sammenfällt, verhüllt sie die ganze Kuppe — Qualm, Rauch und gelbe Schwaden ziehen nach allen Seiten ab. Eben tauchen die ersten Umrisse des Forts wieder auf, da leuchten drei, vier rote Flammen platzender Schrapnells über der Kehle auf. Jetzt erst kracht der Ein schlag an unser Ohr. Er bricht sich an den hinter uns liegenden Mosel- Höhen und verrollt langsam in der Ferne. Eine lange Pause. Telephongespräche schwirren von den Fessel ballons zur Feuerzentrale, von hier nach den GesechtSständen, nach den Batterien. Die Flieger, welche über dem Fort kreisen, melden ihre Beobachtungen. Es wird gemessen, gefragt, abgeschätzt. Alles fertig? Eine fürchterliche Stille. Ein Maikäfer surrt um das Scherenfernrohr. Ein Frosch quakt. Ein tveicher warmer Wind zieht von den Wiesen her, auf denen die Sonne liegt... Jetzt senkt sich das Riesenrohr des Geschützes nach hinten — die Eisentür klappt auf — langsam schiebt sich der eiserne Zuckerhut nach vorn — die Tür schlägt zu — das Rohr erhebt sick zum Sprunge. Und drüben in dem zerpflügten Felsenberge hocken Hunderte von Menschen, angstvoll, lauernd, fürchtend — das, ivas hier neben uns der Gefechtsstand mit allen Fasern heiß herbeiwünscht. Der ziveite Schuß sitzt dicht vor der Stirnseite. Mit ihm zugleich Köster, Wandernde Erde 2l8 gehen zwei andere Mittelkaliber auf das östliche Anschlußwerk des Forts nieder, wo eine Batterie aus einem für sich stehenden Betonwerk schießt. Wieder folgen dem Einschlag einige aufblitzende Schrapnell- schüsse. Der Zweck ist klar. Sollte jemand von der Besatzung erschüttert durch die Wirkung unserer Großkampfgeschütze — zu fliehen versuchen, er würde unter dem heißen Regen der Schrapnells zu Boden sinken. Krieg ist — die absolute Vernichtung des Gegners. Bis jetzt schweigen die Franzosen. Ab und zu steigt aus dein Har- daumontwald eine dünne Fahne auf — kleine Kaliber von einer fran zösischen Eselsbatterie. Anscheinend ist der Gegner im unklaren über unsere Absichten. Auch beim dritten und vierten Schuß schweigt er noch. Dann aber öffnet er plötzlich alle seine Schlünde. Er fürchtet offenbar einen Sturmangriff aufs Fort und legt daher zwischen Vaur und Damloup eine dichte Sperrkette von Feuer jeden Kalibers. Man unterscheidet keinen Abschuß lind keinen Einschlag, keinen einzelnen Ton mehr. Als ob du auf der tiefsten Saite einer Baßgeige sinnlos hin- und herstreichst, so brummt, grollt, dröhnt eS von der C«te herüber. Aber unsere große Batterie läßt sich nicht stören. Jetzt arbeiten zwei Großkampfgeschütze. Dicht hintereinander schlagen sie ein. Der eine hinter der Kuhle am „Bergwald". Der andere — ein Voll treffer, der erste Volltreffer. Mitten hinein in die weißliche Stein masse. Kein Zweifel möglich. Der ganze Gefechtöstand bricht in Jubel aus. „Da — sehen Sic?" — „Was? Was ist daS?" — „Wieviel?" ^ „Ne ganze Menge! Sehen Sic doch!" — „Wahrhaftig! Fran zosen!" — „Sic lausen. Der arme Kerl." — „Der läuft ja >zu uns. Schwupp! Da hat sie'S gepackt!" Wieder blitzen die roten Flammen über dem Fort auf. Und wenn die Gläser nicht getäuscht haben, sind soeben eine Reihe angstvoll flüchtender Franzosen ge troffen worden. So geht eS weiter. Schuß auf Schuß. Der Gegner weiß nicht, was er tun soll. Er hat sein Sperrfeuer wieder eingestellt. Aber als unsere Mittelkaliber einmal etwas lebhafter werden, bekommt er wieder Mißtrauen. Und nun beginnt er unsere Stellungen dicht unter dem Fort wütend zu beschießen. Das sind die berüchtigten Wein bergterrassen von Vaux. Von weitem sieht man nichts als eine braune aufgewühlte Sandmasse, Loch an Loch, eine Kraterlandschaft wie im Monde, jetzt aber im hellen Tageslicht. Hie und da leuchten Spuren von Stollen und Gräben auf. Bis dicht vor das Kernwerk laufen dünne Fäden parallel — ihre Köpfe arbeiten aufeinander los — unsere vordersten Sappen. In dieses Gewühl von Sand und Stein, in welchen: unsere Brüder und Söhne Hausen, jagen nun die Eisen- zentner des Gegners hinein. Fahne an Fahne, Zypresse an Zypresse — quellen die dunklen Einschläge auf. Vielleicht sind diese Gräben unbe setzt, vielleicht liegen nur einige Posten vorn. Aber wer weiß das? Genau so wie oben auf der Klippe hüllt sich jetzt hier am Abhang allesin Rauch und Erde und gelbe Schwaden. Der ganze Berg wird lebendig und speit an allen Enden Dreck und Feuer. Feind und Freund ist kaum zu scheiden. Nur die Riesengarben unserer Großkampfbatterie auf der Kuppe sind zu erkennen — zerfetzte, zerfleischte Arme eines Riesen, der aus der Hölle herauf in die Erde droht. Den ganzen langen Tag dauert dieses tödliche Hin und Her. Manch mal ebbt eö ab — nur unsere planmäßige Beschießung des Felsen- forts setzt nicht aus. Manchmal greift das Feuer über auf alle Wälder der Cvte, auf unsere letzten Verbindungen nach hinten. Dann kracht es in Damloup und Mogeville, im Tillawald und gegen Ornes. Alle östlichen Forts von Verdun, die „Hohe Batterie" von Souville und die dicken Schiffögeschütze weit hinten beginnen zu brüllen, und mi nutenlang liegt der Wald von Caillette unter dicken, gelben Gaöwolken, die um so sicherer töten, je langsameer sie abziehen. In der weißen Woevre Großes Hauptquartier, den 6. Mai 1,9^6. Vor ein paar Wochen noch war dieses ganze Land hier zwischen MaaS und Mosel eine zähe gelbe Schmutz- und Schlammasse. In den Wäldern brachen Pferde und Wagen tief in den durch langen Regen aufgeweichten Boden. Auf den besten Landstraßen lockerte sich der Stein. Tiefe Pfützen erschwerten unsern Kolonnen den Vormarsch. Die Wälder wurden undurchdringlich — nicht nur durch Feuer und Drahtverhau, sondern auch durch Sumpf und Morast. Da gab es Waldstellungen, zu deren vorderster Linie man nur barfuß ge langte — bis an die Knie im Lehm watend — denn die Stiefel blie ben im Schlamm stecken. Heute fegt ein trockener Wind über die Woevre. Wolken von wei ßem Staub jagen durch die Straßen und Dörfer. Das junge Grün auf den Bäumen und Gärten in der Nähe der Kolonnenwege ist be deckt mit einer weißen, grauen Staubschicht. Noch sieht man an den Bäumen links und rechts, wie der Dreck im Februar und März hier einen Meter hoch gespritzt ist. Heute liegt eine weiße, graue Mehl- decke auf den Wagen und Pferden. Mancher Reiter und Kutscher ist weiß wie ein Müllerknecht. Auf der schnurgeraden alten Heerstraße von Longuyon nach Etain fliegt unser Wagen durch die Nacht. Rechts aus den dunklen Wäldern des Horizonts schießt ab und zu die rote Stichflamme eines Mün- dungsfeuers. Dörfer und Städtchen, die an uns vorüberhuschen, strei ken ihre verstümmelten Mauern müde in daS Morgengrauen, das langsam von Osten naht. Klotzige Dampfivalzen, die am Wege ste hen, erwachen, werden geheizt, rauchen und beginnen kreischend, grol lend ihr Tagewerk. Verschlafene, verstaubte Gestalten tauchen aus 2»20 den Hausern, den Zelten, den Wagen hervor — wandernde Frage zeichen dieser Tage der bangen Erwartung. Wenn unser Wagen an einer der vielen Paßkontrollen hält, hört man das Feuer von Verdun. Auch daö Feuer erwacht mit dem anbrechenden Tage — in allen Wäldern und Senken rechts wird eö lebendig — krachend, fauchend, jubelnd. Uber den Rücken eines Hügels im grauen Dämmerlicht zieht ein schwarzer Reiter. Die Vögel schlagen ihre Flügel und schmettern ihr Lied. Im Osten steigt die Sonne auf. Es ist der 1. Mai. Vor einem Walde halten wir. Dichter, aber schlechter, ungepfleg ter Baumwuchs. Der Wald ist durchquert von hundert Pfaden. Alle Pfade sind Knüppeldämme. Vor ein paar Wochen lagen selbst diese mühevoll geziinmerten Knüppeldämme unter Wasser und Morast. Der Wald ist lebendig. Hütten, Baracken, unterirdische Betonhäuser schauen rechts und links aus dem grünen Dickicht. Im vorigen Jahre lag der Wald dicht hinter der Front — immer im drohenden Feuer. Alles, was man baute, baute man vorsichtig, leise, unruhig. Das ist heute anders. Seit dem 2^. Februar sind die Franzosen westlich bis an und auf die Cüte geworfen. Heute wird hier ein luftiges Häuschen neben das andere gesetzt. Die damals spärlichen Gärtchen dehnen sich aus. Man pflanzt und zimmert ungestört, unbesorgt wie in einer Laubenkolonie. Der helle Tag breitet sich über die staubige Straße und gelben Acker der Woevre aus. Auf allen Seiten steigen jetzt die Fesselballons hoch. Unten an der Erde hilflose, ungeschlachtete, beängstigende Quallen. Aber je höher sie steigen, desto schlanker, zweckvoller, selbstsicherer sehen sie aus — wie die Sonne auf ihnen liegt — vier große, ruhige, silber- graue Augen. Und gleich nach den Fesselballons klettern die Flieger hoch. Sechs weiße, surrende Falken mit blitzenden Metalleibern. Sie haben eine besondere Aufgabe. Oben angelangt formieren sie sich zu einer langen Kette und fliegen langsam in rundm Zickzacklinien die Front der vier Fesselballons ab. Sie sind die beiveglichen, schützen den Trabanten der großen gefesselten Brüder. Sie fliegen vor und zwischen und hinter ihnen auf und ab. Den ganzen Tag singt die Luft von ihren Motoren. Wir wandern durch eine Ferme. Eine Minenwerferabteilung liegt hier in Ruhe. Die Ferme ist längst zusammengeschossen. Aber sie ist aufgeräumt — eine saubergeputzte Ruine. Aller Schutt liegt in der Mitte aufgestapelt, wo sonst der große Misthausen dampft. Der Acker verwildert rings herum. Zwei Pflüge rosten im Unkraut. Eine Dreschmaschine verfault — eine von diesen grausamen Tretmühlen, die unsere heimischen Ackerpferde glücklicherweise nicht mehr kennen. Im Innern der Ruine lagern die Minemverfer. Die Post ist eben ausgeteilt. Einige sitzen in der Sonne — über ihre Briefe gebeugt. Aus dem leeren Kuhstall flitzt eine Schwalbe. Endlich haben wir unser Ziel erreicht. An einem Waldrand steht eine kleine Hütte. Vor unö liegt plötzlich das ganze östliche Kampf-21 fcld von Verdun in der Sonne ausgebreitet. Da liegen die Wälder und Dörfer und Kuppen, deren Namen uns alle, von Libau bis Sa- lonik, deren Schicksal die ganze Welt gefangennahm. Da liegt, alles überragend, die baumlose gelbe Kuppel von Douaumont — die dunkle Schlucht von Baux, Vaux selber, das Fort, eine breite, graue, pocken narbige Höhe — der lange Wald von Hardaumont, zerfetzt, düster, als wäre ihm die Lust zum Grünen vergangen — da liegt unterhalb von Vaux, weißleuchtend in der Sonne, das steinerne Meer von Dam- loup, über dem die berüchtigte „Hohe Batterie" noch immer feuert. Ganz hinten schneidet den Horizont die Silhouette des Caillettewaldes ab — ganz vorn zeigen Drahtverhaue und verlassene Gräben unsere alten Stellungen vor der Offensive an. Weiße Schloßruinen in einem zerschossenen Parke sollen einst der Sitz der Familie Poincare ge- ivesen sein. In der kleinen Hütte sitzt ein Vizewachtmeister am Scherenfern rohr. Zwischen seinen Karten vergraben liegt ein Essayband von Oskar Wilde. Wir lassen die deutschen Stellungen von Vaux eine nach der andern durch das runde Sehfeld gleiten. Es ist noch eine Stunde Zeit. Dann müssen wir vorn auf dem Gefechtsstand sein. Auf Vaux sollen heute schwere Granaten geworfen werden. Wir sitzen auf der Treppe des kleinen Holzhauses und warten. Frösche quaken im Sumpf. Eine Grasmücke flötet über uns. Die Blätter der Buchen sind so jung, so grün, so weichgefiedert wie damals, als es Frieden war... Plötzlich klackern Maschinengewehre in der Luft. Wir fahren auf. Der ganze Himmel über Douaumont und Vaux ist voll von weißen, runden Wölkchen, die wie gefüllte Ringe eines geschickten Rauchers ganz allmählich zerfließen. Und bald haben wir die feindlichen Flie ger im Glase. Es sind zwei weiße, leicht erkennbar und fast zu ver wechseln mit den unseligen, und ein dritter, ein seltsamer Typus, rie sengroß, mit einem braunen Körper und zwei durchsichtigen Flügeln, kein Vogel, sondern eine Libelle, ein garstiges Insekt. Sie haben sich in ziemlicher Höhe an unsere Ballons herangeschlichen und be ginnen kühn auf sie zu feuern, just in dem Moment, wo unsere Sper- flieger hinten abseits liegen. Aber keine Minute dauert eS — das unaufhörliche Feuer unserer Maschinengewehre und Abwehrgeschütze hielt sie ohnedies in würdiger Höhe und Abstand — da kommt die Kette unserer Luftpolizisten herangeschosscn — sie schwärmen aus einander — zwei Fokker sind deutlich zuvorderst zu erkennen — unsere Geschütze stellen das Feuer ein — die Luft klingt von sieben Motoren — alles steht und hält den Atem an. Werden die drei den Kampf aufnehmen? Nein — plötzlich biegen sie ab. Das Insekt in der Mitte, die beiden Weißen seitwärts — fliehen sie m schnurgerader Linie rück wärts, ihrer Front zu, unsere sechs hinter ihnen her — die beiden Fokker jetzt weit vornliegend. Aber auch diese erreichen nichts. Bald ballen sicb weiße Wölkchen der Franzosen um ibre Apparate und sie22 kehren um. Sic sammeln sich. Sie bilden ihre lange Kette wie am Anfang und fliegen wieder langsam an der Front der grauen großen. Brüder auf und ab. Luftschlachten Großes Hauptquartier, 10. Mai 1916. Nicht von Fliegerkämpfen ist hier die Rede. ES gibt noch andere Luftschlachten in diesem Kriege. Sie dauern Tag und Nacht. Ge räuschlos und unsichtbar werden sie geschlagen. Sie kennen keine Grenze, keine Front, keinen Raum, sie kennen kaum eine Zeit. Du stehst auf eineni Berge, am Strand des Meeres. Über dir in den Lüften ringen drei, vier Gegner zugleich. Erbittert, mit allen Mitteln des Verstandes, der Kunst der Überredung, der Entstellung, der psy chologischen Technik. Und von dieser Luftschlacht merkst du gar nichts. Auch diese Lustkämpfe der drahtlosen Telegraphie sind ein Novum dieses Krieges. Sie sind erst während des Krieges zu dem gewachsen, was sie heute bedeuten. Jeder kriegführende Staat schlägt seine Schlachten doppelt — auf dem Felde draußen mit Blut und Eisen gegen lebende Soldaten — und dann noch einmal in der Luft, vom Funkenturm, auf dem Papier, für die Verbündeten, für die Neutra len, gegen laue Freunde und mißtrauische Gegner. Jede der großen Kriegsmächte hat mindestens eine Funken-Großstation für diese täg liche internationale Luftschlacht organisiert. Da hat ein tapferes Regiment — ganz gleich, welcher Nationa lität — bei Verdun ein Dorf erobert. Eine abgeschlossene, blutige Leistung — eine Tat, an der nicht zu rütteln ist. Zweierlei Schicksal kann sie haben. Kommt sie nicht auf den Funkenturm, dann bleibt sie zunächst tot — für das eigene Volk, für die ganze Welt. Wird sie der Erwähnung für würdig erachtet, dann fliegt sie im nächsten Augenblick von den Funkentürmen Europas über alle zivilisierten Län der der Erde. In Pommern und Kalifornien, Montevideo und Singa- pore denken kleine und große Leute plötzlich alle an das Dorf und die Soldaten. Dieser blutige Dorfsieg besticht den Börsenjobber in Broo klyn und hilft dem obcrschlcsischcn Bergmann vielleicht über eine üble Stunde hinweg. Nie ist die Welt so klein geworden wie durch diese Funkentürme.Die Schacht im Caillettewalde Vor Verdun, 2. Juni ^916. Himnielfahrtstag, 1. Juni. Wir sitzen mittags links dcr Maas in einem verschlafenen Dorfe. Eine Sägemühle singt auö der Ferne - eine Kleinbahn klingelt — auf den heuduftenden Wiesen arbeiten Frauen mit weißen Kopftüchern. Zwei Turkos werden verhört, die eben übergelaufen sind. Erschöpft - stumm — mit ihren braunen wulstigen Lippen, ihrem roten Fez, ihrer gutturalen Aussprache des Französischen — sitzen sie da, schielen nach dem Kamp hinüber, wo die Franzosen arbeiten, und geben auf alle Fragen einfältige und widersprechende Antworten. — Plötzlich surrt das Telephon: Täh—tatäh—tatäh. DaS Ober kommando ruft. Ich höre Bruchstücke: „Caillettewald — an 2000 Gefangene — sofort ans Ostufer fahren zum Verhör." Ein Sieg — ein großer Erfolg südlich Douaumont — an der schlimmsten Ecke der ganzen Verdunfront. Im Nu sind die beiden Farbigen entlassen. Dcr französische Unteroffizier mit dcr Marokko- medaille führt sie ab. Eine halbe Stunde später sauscn wir über die Waldhügel nördlich Montfaucon — wie in einer Bergtalbahn auf und ab — ostwärts an die Maas. Bei Consenvoye dicht hinter unserer alten Winterstellung entlang, durch die frühlingsgrünen Wälder, nörd lich Haumont und Flabas, bei Wavrille auf die alte Verduner Heer straße. In anderthalb Stunden etwa die ganze blutende Verdunfront entlang. Und überall Truppen, Zelte, Lager, Baracken — endlose Stapel von Draht, von Holz — fliegende SanitätSautos, Beutege- schütze, schwerste Lastwagen, Schipper, Husaren, Verwundete, frische Reserven — alles quirlt durcheinander unter einer warmen Sonne in dichtem, weißein Staub. Wir sehen dein lebendigen Menschenringe, dcr sich immer enger um die Festung legt, tief in den Rücken. Ankunft in G. Französische Backsteinruinen mit Blumenbeeten und Birkenanlagen deutscher Soldaten. Im Hof der Kommandantur ste hen die ersten Gefangenen, an 200 blaue Uniformen mit Stahlhel men oder dem neuen Käppi. Ein paar Offiziere abseits — der eine mit verbundener Hand. Sie kommen direkt aus dcr Caillette-Schlacht. Vor sieben Stunden lagen sie noch in Frankreich, zwar an seiner äußer sten Grenze, aber doch mit tausend Fesseln der Wirklichkeit und Hoff nung an ihr Vaterland geknüpft. Um 9 Uhr Z0 Minuten wurden sie abgeschnitten — abgetrennt von ihrem Volke, herübergeworfen in unser Lager. Braungebrannte Bayern haben sie hergebracht. Das Regiment, zu dem sie gehören, war ein Teil jener Division, die vor kurzem am Fort Douaumont einige Fortschritte gemacht hatte. Danach waren sie ungefähr 400 m südlich des Forts abgedrängt wor den und verteilten sich jetzt auf die Linie zwischen dem Gehöft Thiau- mont und den: Westrand deS Caillettewaldes. Diese Stellung hat-24 ten sie seit vier Tagen inne. Zwei Tage später sollten sie abgelöst werden. Da kam der wuchtige deutsche Angriff am Himmelfahrts tagmorgen. Die ganze Nacht vom ZI. auf den 1. lag das deutsche Feuer auf ihren vordersten Gräben. Einer nach dem anderen stürzte ein. Um 5 Uhr morgens französischer Zeit (das ist 6 Uhr deutscher, 7 Uhr Som merzeit) hob das Trommelfeuer an. Um 1/2^0 deutscher Zeit setzte der Sturm ein. Aber er kam nicht nur, wie erwartet wurde, von vorn aus den gegenüberliegenden Gräben, sondern sein Hauptstoß kam aus der rechten Flanke, aus der Nordspitze des Caillettewaldes. Er kam von seitwärts mit solcher Wucht, daß von den drei franzö sischen Bataillonen eins regelrecht von Ost nach West ins andere ge schoben war. Ein wirres Durcheinander folgte. Gleichzeitig verlegte das deutsche Sperrfeuer jedem den Rückzug nach Süden. Mit einem Kommandeur, einem Oberst und allen Bataillonskommandeuren wurde alles, was von diesem Regiment noch am Leben war, gefangen genommen, über 1,000 Mann. „Jawohl, das war zweifellos ein Erfolg für Sie — man muß es aufrichtig sagen — wie neulich bei Douaumont eö für unö einer lvar. Es war ein beträchtlicher Erfolg für Sie — eine verlorene Sache für uns — und wir wissen genau, wer unser Gegner war. Es war unser alter Gegner aus dem Artois." Der Kommandeur des ersten Bataillons, Major D., ein kurzer Mann von 50 Jahren, mit grauem Schnurrbart und etwas geröteter Nase, tut einen Seufzer. Ich verstehe ihn zuerst nicht und frage, was er meint. — „Jawohl, mein Herr, in Neuville—St. Vaast unter den Vimy- höhen waren wir schon einmal mit diesen Bayern zusammen, dem selben Regiment wie heute." Dann gehe ich zu den Mannschaften. Viele haben sich vor Erschöp fung auf die bloße Erde hingestreckt und sind sofort eingeschlafen. Einige kauen an ihren Biskuits. Seit vier Tagen haben sie nichts Warmes gegessen. Draußen hinter dem Drahtgitter des Hofes stehen deutsche Soldaten. Es entspinnt sich eine Unterhaltung durch das Git ter. Man neckt sich und lacht. Man will nicht verletzen — aus ein fältigem Siegerstolz, den man vielleicht zu Hause, aber nicht an der Front kennt. Man nimmt nichts übel — denn auch die weinerliche Elendphilosophie gewisser heimischer Heulmeier kennt der Frontsoldat nicht. Diese einfachen, herrlichen Menschen verstehen sich auch nach vierstündigein gegenseitigem Trommelfeuer ohne die geringsten Sprachkenntnisse besser, als wir Gehirnmenschen mit unsem fran zösischen Vokabeln und angelernten Menschheitsphrasen. Seht nur, wie sie gemeinsam den Stahlhelm betasten und sich erklären lassen! Wie die Unseren Eimer voll Wasser heranschleppen! Wie sie zum Dank mit dem Kopfe nicken! Ich frage einen Buchdrucker aus Brest, ob er mit seinem Schicksal zufrieden ist. „Sehr zufrieden, mein Herr, vollkommen zufrieden. Und die Ge-25 fangennahme durch die Bayern war sehr korrekt. Ich versichere Sie (als ob er meint, ich glaubte es ihm nicht!), sie waren sehr korrekt. Einige, nachdem wir die Waffen abgegeben hatten, reichten uns so gar die Hand." Fast alle diese Gefangenen stammen aus Paris, dem Centre und der Normandie. Sie gehören zu den besten Truppen der Republik, dem dritten Armeekorps. Im Durchschnitt gutgenährte, kräftig ge baute Gestalten — viele Studierte, jeden Alters. Bei der Durch prüfung werden einige Angehörige der Jahresklasse 1,6 festgestellt. Diese Jahresklasse war ursprünglich in einheitlichen Verbänden zu großen Offensivzwecken bestimmt. Gegen 6 Uhr wird aus der Gegend Douaumont über den Caures- wald her der Donner stärker. Scheinbar haben die Gegenangriffe der Franzosen auf die heute morgen genommenen Gräben schon be gonnen. Neue Gefangene kommen an. Neue Regimenter werden festgestellt; darunter eines, das östlich des ersten schon mitten im Cailletteivalde focht. Der Erfolg scheint weit größer, als man annahm. Man sagt, daß wir fast den ganzen Caillettewald in unseren Händen haben. Ein Tischler aus Chcrbourg erzählt von den schrecklichen Stunden vor seiner Gefangennahme. Sie standen in drei Linien hintereinander, nördlich der Schlucht, die den Caillettewald im Westen begrenzt. Das deutsche Sperrfeuer muß glänzend geleitet gewesen sein. Nur so ist die große Zahl von Gefangenen zu erklären. ES melden sich Leute, die im Südostzipfel des Caillettewaldes ge fangen wurden. Sie standen mit Maschinengewehren — unter dem Bahnübergang in der Nähe des Vauxteiches. Der Kampf scheint also vom Gehöft Thiaumont bis zum Vaurteich gewütet zu haben. Es sind bisher Angehörige von fünf Regimentern eingetroffen — auch Artilleristen, Ärzte und viel Sanitätspersonal. Als der Regimentskommandeur eingeliefert wurde, entstand auf dem Hofe eine Bewegung. Er trat zu seinen Offizieren, die fast voll zählig beisammen standen. Wie sie sich nacheinander stumm die Hand reichten, schluchzten einige vor Erregung. DaS Ganze war, wie wenn einer gestorben wäre, den sie alle lieb hatten — ihr Regiment. Die Truppen selber lagen dabei, und jeder blickte vor sich hm. Als der Oberst hereingeführt wurde, stieß ein Pariser seinen Nebenmann an und lachte. Dabei sagte er etwas von der .,Ai'iinrng,sss ciu e,o- lonol". Die Offiziere, deren Zahl jetzt über 20 gestiegen war, schienen ihr Schicksal schwerer zu tragen als die Mannschaft. Aber auch über ihrer Trauer lag eine demütige Freude. Ihre unverwüstlichen Instinkte erwachten allmählich; sie waren nicht nur gefangen, sondern auch ge rettet. Ich sprach noch einmal mit dem alten Major D. von vorhin. Gewiß, auch er war durch sein Schicksal erschüttert. Aber wie freu dig erregt sprach er von seiner alten Schwester, die seit Kriegsbeginn26 im okkupierten Charleville deutsche Verwundete pflegte. Nun gar, als er von seiner kleinen Tochter erzählte („in^ olisrs xetits ?au- leite"), da rannen ihm menschlich schön die hellen Tränen über die Backen. Er wußte: Die alte Schtvester und die kleine Tochter - jetzt würde er sie sicher beide wiedersehen. Nacht vor Verdun Links der Maas, Anfang Juni 1916. Die Bäume begannen lange Schatten zu werfen. Das Verhör der Gefangenen auö der Caillette-Schlacht nahm kein Ende. Immer in neuen Scharen von hundert Mann kamen sie von dem Hügel her unter marschiert; vorn und hinten flatterten die Fähnlein deutscher Husaren. Sobald sich das drahtbesponnene Gitter des Hofes hinter ihnen ge schlossen hatte, traten sie zu Vieren an — nach ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Bataillonen und Kompagnien geordnet. Ihr eigener Feldwebel (adjuta-nt) sorgte für Disziplin. Sie packten ihre Taschen auö und legten den Inhalt in kleinen Haufen vor sich hin. Alles Ge druckte und Geschriebene ward ihnen abgenommen. Sie hatten viel Verbandzeug bei sich, besonders viel Watte. Photographien ihrer An gehörigen bekommen sie wieder — natürlich behalten sie Geld, Uhr, Tabakspfeifen und anderes persönliches Eigentum, worüber sich einige erheblich wundern. Jeder hat zahllose Postkarten bei sich — mit kitschigen Frauenfiguren (wie bei uns) — manchmal ins Pornogra phische schweifend. Zwei Brüder feiern an diesem Abend hier aus dein Gefangenenhofe Wiedersehen. Der eine, blondbärtig, aus einem Regiment, das in der „Totenschlucht" in Ruhe lag, tritt aufgeregt an mich heran und fragt, ob es wahr sei, daß vom Regiment Nr. 5 Gefangene gemacht seien. Ich führe ihn hinten auf den Hof, wo das Regiment versammelt ist. Es ist dasjenige, das von den Bayern fast ganz gefangen wurde. Ein junger Sanitäter von bleichen schmalen Gesichtszügen sitzt auf einem Baumstamm und grübelt. Der Bärtige sieht ihn, springt auf ihn zu und schreit „Jean". Beide fallen sich in die Arme, lachen und weinen. Es sind zwei Brüder auö Versailles, die sich seit einem Jahr nicht gesehen haben. Noch zwei andere Brüder sind da — Zwillinge ^ seit Anfang des Krieges nebeneinander marschierend. Sie lagen auch die letzte Nacht beieinander in der Ravin de Basile unter dein deutschen Trom melfeuer. Sie wurden zusammen abgeschnitten. — „Plötzlich stan den von allen Seiten die Bayern um uns herum" — und nun wandern sie zusammen in die Gefangenschaft. Alle unsere Soldaten auf dem Hofe wissen bereits, daß die beiden Zwillinge sind. Sie betrachten sie27 erstaunt von allen Seiten — auch hinter dein Gitter die Landstürme? des Dorfes linterhalten sich mit wichtiger Miene über das merkwür dige Paar. Ein Schneider aus Bernay drängelt sich vor. Ich rede lange mit ihm über Deutschland. Er will durchaus wahr haben, daß Maximilian .Warden ein Parteifreund von Karl Liebknecht und daß dieser der kommende Präsident von Deutschland sei. Noch ein paar andere ver fechten merkwürdige Ansichten über Krieg und Frieden. Aber diese sind ZluSnahmen. Die meisten haben ganz andere Gedanken. Ein Typograph aus Paris. Er möchte um alles gern wissen, ob er im Gefangenenlager als Schriftsetzer verwandt werden kann. Ein Schau spieler aus Rouen. Wann werden wir die ersten Briefe schreiben können? Wie oft dürfen wir Kollis empfangen? Ich habe einen Vetter in Liegnitz gefangen — glauben Sic, daß ich dahinkommen kann? Ist das deutsche Schwarzbrot bekömmlich? Kann man im Lager Bier kaufen? — Alles ist vergessen und versunken: Trommel feuer und Niederlage, die blutbefleckten Tannenstümpfe im Eaillette- walde, der Tod so vieler Kameraden — alles dreht sich um das eigene kleine Geschick. „Wie?" — ruft ein junger Versicherungsagent aus — „nicht mehr als zwei Kollis pro Woche? Aber ich habe einen Bru der in Wasserburg, der bekommt jeden Tag ein Kolli geschickt — Weißbrot, Schinken, Käse, Muscheln. Sie müssen wissen, mein Herr, wir leben sehr gut in Frankreich." Dunkle Nacht liegt jetzt über dein Dorfe. Aus Richtung Douau- mont wetterleuchtet es. Immer noch poltert über den Caures-Wald herüber das hohle, heisere Gebrüll der Batterien. Der letzte Trupp für heute marschiert ein. Im Schein der Azetylcnlampen bekommen die erschöpften Gesichter der Gefangenen etwas Geisterhaftes. Dieser letzte Trupp war müde zum Umfallen. Einige schliefen fast, stehend, indem sie den Kopf an die Schultern des Nebenmannes lehnten. Auch wir waren müde. Ein kälter Nachtwind blies über den Hof. Ich saß auf einer leeren Benzintonnc. Vor mir kauerte ein schwarzbärtiger Bretone. Wir sprachen von der Ernte, dem Fisch fang, von dein brennenden Verdun und von: Fort Vaur. Sein Regi ment hatte vor kurzem noch in den Kasematten dieses Forts ge legen. Das interessierte mich. Ich erinnerte mich der furchtbaren Beschießung, die ich am 1. Mai aus der Woevreebene drüben mit an gesehen hatte. Ich fragte ihn nach der Wirkung des Bombardements. „O, wir selber saßen ganz sicher in den Kasematten. Wir zählten die Einschläge über uns. Wenn ein ganz dickes Kaliber kam, erlosch das Licht. Euer Feuer kann das ganze obere Fort zerstören. Aber die Besatzung könnt Ihr nur durch Handkampf bezwingen." Nun begann mich doch zu interessieren, ob dieser Mann und dieses Regiment etwa am 'l. Mai auf Vaux gelegen hatte. Ich fragte ihn, wir rechneten nach, und richtig — sie erinnerten den Tag genau, es war die heftigste Beschießung der ganzen Zeit gewesen, von morgens28 6 bis nachmittags 4 Uhr. Da lagen sie nun — ein seltsamer Zufall — dieselben Männer. Ich dachte an jenen Maimorgen und an die zitternden Gefühle, mit denen ich jeden Einschlag droben vom Gefechts- stand verfolgt hatte. Ich erzählte das dem Manne. Aber es schien ihm gleichgültig. Er nickte und sah stumm vor sich hin. ES war lange nach Mitternacht — endlich brachen wir auf. Ich warf noch einen Blick in das Zimmer der Kommandantur. In einer Ecke lag ein hoher Stapel von Briefen, Tagebüchern, Karten, Zei tungen und anderen schriftlichen Habseligkeiten — rührende Zeug nisse der Sorge und Liebe von tausend Müttern, Schwestern, Vätern, Bräuten. Bis zu den? Augenblick, wo sie den Einzelnen wieder zuge stellt wurden, waren diese Briefe Eigentum des siegenden Heeres, aller sentimentalen Individualität entkleidet, kalte Quellen zur Er weiterung unserer Kenntnis vom Feinde und seinen Bewegungen. Der Wagen schleppte Ms über Berg und Tal die ganze Front entlang zurück in unser Dorf. Wir trafen noch ein paar Gefangenen kolonnen — plötzlich im Lichte der Scheimverfer unseres Benzwagens leuchtete ihre blaue Kette vor uns am Wege aus. Diesmal sah ich einen Wagen, auf dem sich ein paar erschöpfte Gefangene niederge lassen hatten. Unsere Landsturmleute gingen ruhigen Schrittes zu Fuß hinter dem Wagen her. Ein rührendes Bild — mit den wasser- schleppenden Leuten vom Nachmittag zusammen ein schönes Zeugnis für den Geist unserer Truppe. Man soll kein Aufheben davon inachen — aber man soll es auch nicht totschweigen. Drüben wird es nicht anders sein. Nur wird die schöne Menschlichkeit des einfachen Sol daten dort durch die Rigorisität des militärischen Regimes durchkreuzt. Wir haben einen Tagesbefehl des Generals Bazelaire in Händen, der sich entrüstet gegen ,,Is, äouLöur st inöms äss kttsntions stu- piclss" gewisser Franzosen gegenüber den deutschen Gefangenen wen det. Es sei vorgekommen, daß man eben gefangenen Deutschen ir gendwelche Erfrischungen hätte zuteil werden lassen. Er befehle hier mit unter Androhung strenger Strafen, daß keinem Gefangenen „Nahrungmittel, Getränke, sei es auch Wasser, Kleidung, Kopfbe deckung, Decken oder Stroh" gegeben werde. Sobald wir auf die Berge von X... kommen, müssen die Lichter an unserem Wagen ausgelöscht werden. Nicht nur hat der Gegner bis hierher eine gute Beobachtung. Auch den zahlreich allnächtlich hier kreisenden französischen Fliegern wäre die Lichtspur unseres Autos ein guter Wegweiser in die Dörfer. Alle diese Dörfer liegen dunkel da. Auf einer Höhe halten wir. Das Wetterleuchten von vorhin hat sich zu einein rotzuckenden Flammenmeer gesteigert, aus dein die scharf geschnittene Kuppel des Douaumont ab und zu klar hervortritt. Im grellen weißen Schein der Leuchtkugeln liegen für einen Augenblick zerfetzte Waldstücke nackt und wie hilfeflehend vor uns. In Richtung Vaur muß ein Munitionslager brennen. Alle Augenblicke färbt sicb der ganze Himmel bis steil über unsere Köpfe weg blutigrot — dumpfe29 hohle Donner hallen Hinternach — in der plötzlich herabstürzenden Finsternis züngeln die roten Flammen der Abschüsse doppelt hell aus den dunklen Wäldern. Nichts ist einzeln zu erkennen — eS ist die ganze Verdunschlacht, die vor uns tobt, rollt, leuchtet — von Vaur bis über die Maas, nach den Argonnen. Plötzlich wird auch der Himmel lebendig. Von drei, vier Höhen zucken die Scheinwerfer aus. Feindliche Flieger kreisen über uns in der dunklen Himmelskuppel, durch die mm die weißen Lichtkegel der Scheinwerfer stürmen. Jetzt sind eS sechs, sie ben — über zwölf lange, weiße Stilaugen, die sich drehen, langsam, schnell — die verlöschen, durcheinander stürzen, still stehen — die jede Wolke, jeden blauen Fleck des Himmels abtasten. Manchmal versammeln sie sich auf einen Punkt — sie glauben, den Flieger gestellt, gefangen. Aber dann reißen sie sich wieder auseinander und schießen in viele Richtungen. Dorf hinter der Front Westfront, Juli ly'lb. Dorf R. liegt hinter der Feuerzone. Nur nachts reisen die franzö sischen Flieger bis hierher und werfen ziellos ihre Bomben, wo immer ein schwaches Licht sich zeigt. Das Dors ist nicht geräumt. Die Frauen liegen den ganzen Tag in der Waschhalle am Fluß und klopfen nach der Sitte des Landes die lehmbcschmutzten Anzüge der Soldaten mit dem schweren Wasch holz sauber. Auch auf den Wiesen sieht man Frauen lind Kinder unter Aufsicht der Soldaten das Heu einbringen. Sie verdienen Geld und haben zu essen. Männer sieht man kaum. Ich kenne nur vier im ganzen Dorf. Von ihnen ist der interessanteste der alte Wärter des fetzt verlassenen Schlosses. Er sitzt in seiner Kastellanwohnung zwi schen herrschaftlichen Möbeln, Büchern, Ri'esenhaufen von Brennholz und schimpft den ganzen Tag auf die Republik. Er hat die Bilder der Orleans zwischen Heiligen an der Wand hängen. Sein erbittert ster Feind ist der Abgeordnete des Kreises, ein Gummihändler aus Südamerika. Früher vertrat der katholische Graf Ch. den Kreis, sein Herr. Eines Tages erschien der Gummihändler in dieser Gegend ^ eine Stütze der Republikaner. Er hatte viel Geld, und das nächste Mal wurde er gewählt. Der Kastellan schimpft auf die republikanische Armee, die den Krieg völlig unvorbereitet begonnen habe, und hofft, daß bald die „Roten" (Republikaner) ganz ausgespielt haben und die „Blauen" (Royalisten) wieder ans Ruder kommen. Dorf R. ist der Sitz eines Armierungsbataillons. Man hat zu Hause viel Lustiges über unsere Schipper geschrieben — über die Maler und Rechtsanwälte, die plötzlich zu Erdarbeitern werden. Lusti ges ist nicht daran. Sie leisten dem Heere gerade in diesen Monaten20 der großen Krisis wertvollere Diensie als mancher Mann mit Orden und Sporen. Jeden Morgen und Abend sieht man sie durch die Dorf straße ziehen. Selten hört man Gesang. Ihre Arbeit ist schwer. Die Massenquartiere hier vorn sind alles andere als behaglich. Sie graben. Sie bauen. Sic richten Straßen- und Feldbahnen her. Aber sie ver laden auch Munition — vorn im feindlichen Feuer. Seit der Gegner unsere Hinteren Verbindungen immer systematischer unter Feuer hält, hat auch mancher deutsche Schipper seinen Dienst mit dem Tode be siegelt. In der Kirche des Dorfes ist die Sammelstelle für Verwundete. Hier kommen sie zu Fuß, zu Wagen oder auf der kleinen Feldbahn an. Tag und Nacht wandert es ein und aus. Die Kirchenstühle sind zu Betten hergerichtet — mit aufgeschüttetem Stroh. An schweren Tagen liegt auch der Altar voll. Nachts flackert eine rote Laterne am Eingang. Der ganze hohe Raum ist nur von wenigen Kerzen erhellt. Der Unteroffizier am Eingang sitzt und schreibt. In den Kirchen- stühlen atmet und stöhnt es schwer. Dorf R. hat auch eine Bierwirtschaft mit einem lockenden Kranze, gezimmert aus weißem Birkenholz. Und eine Selterwasserfabrik, die täglich viele Tausende Flaschen nach vorn liefert. Eine Feldbuchhand lung, in der man Goethe und Darwin, Ganghofer und Marzell Salzer kaufen kann. Endlich eine reiche saubere Schweinezucht, deren Stamm von weither, aus Wolhynien, mitgebracht ist. Aber das darf weiter nicht wundernehmen. Draußen auf der Straße trippeln hurtige Trag tiere mit serbischen Beutesätteln. Manchmal ziehen auch gutgenährte schwere Büffel vorbei, deren zähes Leben die Reise aus der Schumadija bis an die Westfront glänzend überstanden hat. Oberhalb des Dorfes befindet sich ein Gefangenenlager. Hier arbei ten die Franzosen, bis sie nach Deutschland abtransportiert werden. Jeden Tag sieht man einige zwischen unseren Verwundeten von der Front angewandert kommen. Das Gefangenenlager wird von außen streng bewacht. Inwendig aber regieren sich die Internierten selber. An ihrer Spitze steht ein Feldwebel (s.äjutg.nt), der für die Disziplin verantwortlich ist — augenblicklich ein umgänglicher beweglicher Mann, der frühere Polizeiminister von Nizza. Je 80 Mann sind einem Sergeanten unterstellt. Der hat neben sich seinen Dolmetscher. Dieser spricht ein gutes Deutsch. Er ist ein ehemaliger Lehrer des Französischen an einer Handelsschule in Hannover. .Kurz vor dem Kriege hatte er ein Hotel in Bolivien (Südamerika). Die Nahrung der Gefangenen in diesem Lager ist reichlich und kräftig, wo von ich mich bei meinein achttägigen Aufenthalt öfter überzeugt habe. Natürlich haben sie alle Heimweh, nach Hause, nach öfteren Nach richten. Aber an Heimweh leidet heute ganz Europa. Man hört oft Singen und Lachen im Lager — besonders in den ArbeitSstuben der Handwerker. Zu ihrer Nahrung können die Gefangenen für eigenes Geld Zucker, Heringe und Tabak kaufen — durchkommende franzö-21 fische Offiziere auch andere Lebensmittel. Das Lager ist sauber ge halten — besonders die Revierstube, wo einige französische Sanitäter angestellt sind. Jeden Morgen kommt der Lagerarzt und hält Sprech stunde ab. Vom Lager und von ihrer Arbeit draußen auf den Stra ßen der Höhen aus können die Gefangenen den Rauch der Schlacht genau beobachten, der Schlacht, die über das Schicksal ihres Landes entscheidet. Kurze Zeit waren in diesem Lager auch einige hundert Russen beschäftigt. Von ihnen redet noch heute das ganze Dorf. Jeden Mittag und Abend nämlich nach dein Essen klangen ihre mehr stimmigen Lieder aus dem Lager ins Dorf hinab. Dorf R. hat auch einen Friedhof. Neben dein Gefangenenlager leuchten die paar weißen Steine der verstorbenen Dorfbewohner und die vielen braunen Kreuze unserer Gefallenen. Auf den Kreuzen die ses kleinen Dorfes, das niemand in Europa kennt, finden sich viele polnische Namen. Ein alter Franzose mit seinem verkrüppelten Sohn tut Totengräberdienste hier — seit 20 Monaten. Manchmal zieht auch Musik durch die Straßen von R., wenn ein Bataillon in Ruhe kommt oder in die Stellung marschiert. Die Leute, die von vorn kommen, sind bis über die Hüften mit Lehm bedeckt. Von ihren Helmen haben sie die jetzt unpraktischen Spitzen abgeschraubt. Zum Singen sind sie zu müde. Aber wenn der General über die Straße geht, werfen sie die Beine, daß die Lehmfetzen weit wegfliegen. DaS ist Dorf R. Wo eS liegt, ist gleichgültig. Auch liegt es überall vor Verdun und an der Somme, im Artois und in der Cham pagne. Gestern wanderte ich mit dem Dorfkommandanten auf die südliche Anhöhe des Dorfes, wo man die Rauchfahnen der großen Schlacht sieht. Hinter der „Japanischen Tanne" kamen wir auf lange Weizen felder, die der Kommandant angelegt hatte. Er erzählte von den Dörfern Wolhyniens. Wir kamen auf eine Wiese. Hier pflückte ein zehnjähriges Mädchen Gras für seine Ziege. Das Mädchen war zu traulich zu dem Kommandanten und sagte: „Man sollte meinen, dieser Herr da sei ein Herr in Zivil?" —.„Gewiß, meine Kleine." — „Waö will er hier?" — Der Kommandant wurde verlegen — dann machte er einen Scherz: „Dies ist der Mann, der den Frieden bringt." — Die Kleine sah mich halb entgeistert, halb mißtrauisch an — einen Augenblick schien sie erregt nachzudenken — dann lachte sie und schnitt ihren roten Klee weiter: „Was glauben Sie, mein Herr — ich bin 10 Jahre alt!"22 Feuer auf Höhe 304 Links dcr Maas, Juli 191 ö. In den Ruinen von Montfaucon. Kein Mensch — kein Hund schleicht durch die Straßen. In den einst gutgepflegten Gärten zwi schen den Ruinen blühen Rosen, Mohn und Nelken sich selber zur Freude. Das aufgeklappte Schiff der Kirche zeigt dem Himmel seine geborstenen Pfeiler, geknickten Marienbüsten, Haufen von Schutt, aus denen Altarschmuck und Fetzen von Priestergewändern heraus sehen. Die freundlichen Rentnerhäuser, in denen einst die Sommer frischler aus Verdun wohnten, die kleinen behaglichen Gasthöfe, in denen die Pariser Jagdpächter dcr wildreichen Umgebung Montfaucons so manchen Jagdschmaus abhielten, und die netten sauberen Plätze und Straßen dieser behäbigen kleinen Provinzstadt — all das ist aus geräuchert, eingelegt, wieder aufgewühlt — tot. Und noch in diesen zerschossenen Leichnam sendet der Franzose jeden Tag stundenlang seine schweren Kaliber. Diese tote Stadt, dieser graue Trümmerhaufen mit seinem durch löcherten schiefen Kirchturm, dcr bisher allem Feuer standgehalten, liegt hoch auf einem Berge, der das ganze Kampfgelände links der Maaö in idealer Weise überhöht. Vor der Offensive, als hier „bloß" Stellungskrieg herrschte, ein oft besuchter Aussichtspunkt. Damals war Montfaucon trotz seiner Ruinen lebendig. Kasernen und Kan tinen, ein Lichtspielhaus, ein Kasino — aber seit der Offensive liegt auch diese Soldatenstadt in Trümmern, die sich in dcn Ruincn des alten auf dem Vormarsch 1914 zerschossenen Montfaucon eingebaut hatte. Heute ist Montfaucon eine zweimal tote Stadt. Unter der warmen Junisonne krieche ich mit einem Artilleristen zwischen den Trümmern umher. Immer hinter Maliern Deckung suchend — denn die Stadt auf dem geschlossenen Bergkegel ist von allen Seiten her genau eingesehen. Heute nachmittag sollen einige Punkte der Höhe 304 verstärkt beschossen werden. Wir kriechen durch Gärten und zerstörtes Mauerwerk an den Rand des südlichen Ab hanges. Wir kommen an ein rundes Granatloch in einer Häuserwand. Plötzlich liegt das ganze Kampffeld „Links der Maas" wie ein ge füllter Teller vor unfern Augen. Indem wir uns in das Granatloch hocken und unsere Gläser richten, wünscht jeder heimlich, daß der Franzose sein tägliches Feuer aus Montfaucon bis zum Abend ver schiebt. In diesem riesengroßen flachen Teller, durchquert von kahlen grauen Höhenrücken und weißen staubigen Landstraßen, übersät mit scharfgeschnittenen dunkelgrünen Waldstücken, liegt die berühmte Höhe Z04 wie ein langgestreckter brauner Riegel quer vor unsern Augen. Links fällt sie ziemlich schroff in den Heckengrund — eine breite Senke, an deren anderm Ende sich das Massiv des Totenzz Mannes erhebt. Rechts ist sie verwachsen mit einem breiten Höhen zug, dessen Nordspitze der uns zugekehrte, viel genannte Termiten hügel ist. Höhe Z04 ist ein kahler Rücken — eine „Läts wie mir jüngst ein gefangener Franzose erklärte, der aus dem benach barten Bethincourt stammt. Die genaue trigonometrische Höhe 204 ist natürlich nur ein Punkt — eine kleine Erhebung auf dem östlichen Teil dieses Rückens, früher durch einen hohen Baum erkenntlich. Der Baum ist längst verschwunden — wie auf dem Lorettorücken bei Arras die kleine Kapelle, die ihm den Namen gab. Jetzt haben wir uns gewöhnt, diesen ganzen rauchenden Rücken, der da mäßig an steigend, quer vor uns in der Sonne liegt, mit Höhe Z04 zu be zeichnen. Diese „Lots oräinairs" war früher mit Gras bewachsen, auf dem die Bewohner des Grundes von Malaneourt und Bethincourt ihre Herden weideten. Dieser Rücken lag Jahrtausende lang unbeachtet da. Auf der weißen Straße von Haucourt nach Esnes fuhren die Land- wagen hin und her, in den letzten Jahren vielleicht auch ein Automobil. Niemand bog von der Straße ab auf diesen tristen, namenlosen, un fruchtbaren Rücken. Am Ostabhang trug er etwas Gehölz. Das ist heute weggeschossen, weggebrannt. Auf der Westseite neben der wei ßen Landstraße stand einst das Camardwäldchen. Auch dieses ist bis auf ein paar dunkle Stümpfe in den wilden Maikämpfen verschwun den. Der Gefangene aus Bethincourt kannte das Camardwäldchen genau. Aber daß es einen Namen hatte, wußte er nicht. Jetzt ist sein Name und der Name dieser öden Höhe durch die ganze Welt ge gangen. Der ganze friedliche Weiderücken ist heute eine braune, schwe lende, zuckende Wunde. Es ist immer dasselbe Bild — wie vor Höhe 60 bei Sankt Elvi, wie vor dem Vimyrücken, vor Vauquois, vor Douaumont, wie in den Vogesen, wo plötzlich eine braungesengte, zersplitterte Kuppe das dunkelgrüne Meer der blühenden Wälder schän det. Immer dasselbe Bild — diese dunklen Erdsäulen, die plötzlich aufschießen wie schlanke Pinien, wie breite Eichen — die langsam zu sammenfallen. Diese bläulichen Gaswolkcn, die nach dem Einschlag zögernd seitwärts über die Erde ziehen. Immer dasselbe Brüllen und Rascheln und Stöhnen und Wispern in der Luft, das dumpfe, heisere Gebell der Abschüsse, das Krachen und Klatschen der Einschläge. Und immer dieselben zitternden Gedanken an die Tausende, die da vorn unter der warmen Sonne in den Falten und Trichtern der braunen Erde hocken und unfroh ausharren und bluten und sterben für eine Zukunft, die sie kaum noch sehen werden. Die ganze deutsche Linie am Nordabhang der braunen Höhe ist init dem Fernrohr genau zu erkennen — von weitem ein Wirrwarr dünner Riemen und Furchen, wie Spuren von Schnecken und Würmern im feuchten Meeressand. Wir sehen von hinten in die Eingänge der Unter stände. Wir sehen die vorderste Sturmstellung, die dickt unter dem KSstcr, Wandernde Erde >?34 Kuppenrande entlang sich windet — die Fingersappen, die aus ihr nach vorn getrieben sind und die in seitlichen Ausläufern allmählich Verbindung anstreben. Aber auch die Taufende von kleinen Kratern, Trichtern, Löchern sehen wir — durch Deutsche geschossen, als die Franzosen den Abhang noch hielten — von drüben vermehrt, nachdem am 8. Mai unsere Pommern aus dem vor uns liegenden Grunde her aus die Höhe gestürmt hatten. Bis 6 Uhr war das deutsche und das feindliche Feuer auf dem un glücklichen Rücken ungefähr gleichmäßig verteilt. Nur schienen die Säulen unserer eigenen schweren Kaliber, die drüben aus der gegne rischen Stellung heraufbrachen, gewaltiger als die französischen, die diesseits zwischen unsern Gräben barsten. Es war eine gewöhnliche Nachmittagskanonade. Bald nach 6 Uhr aber schien unser Feuer zu sammenzurücken auf die Mitte der Höhe. Die Abschüsse folgten sich schneller. Auf dem mittleren Drittel des Rückens lag Fahne an Fahne dicht gedrängt — noch kein wirkliches Sperrfeuer, aber doch so, daß auch der Feind stutzte. War ein Angriff geplant? War dies der Be ginn einer Aktion gegen die Kuppe ? Sofort verstärkte auch der Franzose sein Feuer durch mehrere Bat terien. Aus den Rändern des Gehölzes von Esnes, aus dem Eulen- wald, aus dem südlichen Avoucourtwalde (nicht zu verwechseln mit dem verbrannten Streichholzwäldchen vorn, rechts von uns, das den selben Namen trägt), von überall her sah man jetzt bei lichtem Tage die Abschüsse der Batterien aufblitzen. Und anstatt, wie bisher, wahl los unsere Zugangswege und unsere vermutlichen Waldlager zu be streuen, warf sich das gegnerische Feuer jetzt auf unsere Batterien, und mit verdoppelter Wucht auf die Gräben der Mitte, aus denen heraus sie einen Sturm befürchteten. Minutenlang lag jetzt unser Abhang in einer dicken, blauen, gelben, weißen Rauchmasse verborgen. Unter dessen schien unsere eigene Artillerie ihre Feuerkreise immer dichter um die Mitte des Rückens zu ziehen, immer heftiger überschüttete sie einen Teil des Rückens mit ihrem konzentrischen Eisenregen. Auch wir wurden stutzig — eine seltsame Unruhe und Angst ergriff uns. Sollte hier vor unsern Augen ein Angriff —? Nein! Punkt 7 Uhr brach das Feuer plötzlich ab. Hinter, neben und vor uns die Batterien schwiegen. Unwillkürlich atmeten wir auf. Es war ein gewöhnlicher Feuerüberfall gewesen. Einen Augenblick noch glaubten die Franzosen an einen deutschen Angriff. Sic warfen gegen unsere Hinteren Linien ein rasendes Sperr feuer, eine dichte, lückenlose Wand von Geschossen. Aber bald merk ten sie ihren Irrtum. Da niemand von uns aus den Gräben kam, zogen sie ihr Feuer zurück. Eine Viertelstunde noch knallte es nervös zwischen den beiden Artillerien hin und her. Dann begann die gewöhn liche Abendkanonade — Krach für Krach, auf Chausseen und Be- obachtungSpunkte, in Wälder und vermutliche Batteriestellungen —3* Z5 jene monotone Musik, unter der dieses friedliche Jagd- und Weideland jetzt seit zwei Jahren langsam dahinsiecht. Kurz darauf schlug die erste Granate auf der Landstraße nach Cheppy ein — dicht vor der Stadt. Eine zweite saß hinter uns in der Richtung des Friedhofes — schon mitten im Ort. Wir krochen durch die verlassenen Ruinen rückwärts. Am Waldrand zwischen Cierges und Nantillois saßen wir noch eine halbe Stunde und sahen, wie der unglückliche Ausflugsort der Verduner unter den Granaten seiner Landsleute brennend und rauchend zusammensank. Farbige Franzosen Links der Maas, M'tte Juli 191S. Es sind wieder zwei Farbige übergelaufen — zwei khakigelb ge kleidete Araberburschen, der eine schlank, aufgeweckt, Friseur aus Con- stantine (Algier), der andere aus der Küstenstadt Bone, ein Last träger, gedrungen, stumpf, ängstlich um sein Schicksal. Nur der erste kann etwas französisch. Der Dolmetscher der Gefangenensammel- stelle, der Sergeant mit der Marokkomedaille, hilft uns bei der Unter haltung. „Weshalb bist du übergelaufen?" — „Der Leutnant hat mich vor ein paar Tagen ins Gesicht geschlagen." — „Da hättest du dich beschweren können." — „Ich habe mich zuerst beim Hauptmann und dann beim Oberst beschwert. Aber beide haben mich hinausgeworfen. Da habe ich gesagt: diese Nacht gehe ich fort. Als Antwort hat mich der Leutnant mit der Matraque (eine Art Prügelstock) geschlagen. Da sind wir letzte Nacht aus dem Graben herausgekrochen. Wir haben uns versteckt gehalten bis zum Morgen. Dann sind die Boches ge kommen und haben uns geholt." — „Aber war das nicht gefährlich für euch? Wenn ihr entdeckt worden wäret, hätten eure Leute von hinten auf euch geschossen." — „Nein, mein Herr, sie hätten in die Lust geschossen." — „Werden viele schlecht behandelt von euch?" — „Viele, mein Herr, aber sie haben Angst, fortzulaufen. Denn die ,Blaumützigen' (wie die Turkos die weißen Franzosen nennen) passen scharf auf. Und die meisten von uns lassen sich alles gefallen. Wir wissen, mein Herr, daß wir Soldaten zweiter Klasse sind. Aber auch wir haben ein Recht. Und kein Blaumütziger darf uns mit der Ma traque schlagen." Das lebendige Rechtsgefühl dieses einfachen farbigen Friseurs er staunte mich. In diesem Augenblick reckte sich der Lastträger in die Höhe und blickte starr auf die deutsche Schildwache, die vor dem Eingang des Lagers auf und ab ging. Dabei murmelte er einige Worte der Überraschung und des Unwillens vor sich hin. Ich fragte den Dolmetscher mit der Medaille, was er sich reckte?Zb „Er wundert sich, daß die Deutschen das Gewehr auf der linken Schulter tragen, und sagt, das sei falsche" Mich interessierte, wie die Franzosen ihren afrikanischen Nachschub besorgen. Bekanntlich rechneten sie im Anfang ernsthaft mit Unruhen in Afrika. In Algier und Tunis waren damals starke Kräfte kon zentriert. Die Befürchtung war grundlos. Zu den vielen Überraschun gen dieses Krieges gehörte auch die, daß sich im Anfang alle Kolonial völker ruhig verhielten, zum Teil Freiwillige für den europäischen Krieg stellten. Das ist heute anders. Die Meldungen haben aufgehört. Neueintretende gehorchen einem nicht immer gelinden Zwange. „Seid ihr freiwillig eingetreten oder gibt es in Algier jetzt eine Dienstpflicht?" Der Barbier grinst, daß seine großen weißen Araberzähne leuchten. „Der Gendarm fragt in allen Häusern, wer freiwillig in den Krieg will. Ich weigerte mich und wurde eingesperrt. Ich bekam 25 Tage lang wenig zu essen und zu trinken, bis ich mich freiwillig meldete. So geht es vielen. Zwei französische Kompagnien werden ausgeschickt. Die Männer ganzer Dörfer werden von ihnen ,ramassiert' und dann abgeführt." „Habt ihr gehört, daß dabei Dörfer zur Strafe angezündet sind, daß die Kabylen einen Aufstand versucht haben?" Das hatten vor ein paar Wochen drei andere Überläufer erzählt. Alle diese Gefangenenaussagen werden mit Recht sehr mißtrauisch auf genommen. Auch der Friseur und der Lastträger wisse«? nichts davon. Die beiden stehen auf und werden in das Lager abgeführt. Der Lastträger macht ein klägliches Gesicht. Im Fortgehen lasse ich ihn fragen, warum denn er sich seinem geschlagenen Kameraden ange schlossen hätte. Die Antwort ist rührend: „II avait, tkint cls mi- ssrs." (Das Elend drüben war zu groß.) — „Möcbtest du denn jetzt hier bleiben?" — „Nein, weit weg." ES gibt hier noch mehr Farbige im Lager. Da ist ein Araber vom „Leichten afrikanischen Jägerregiment". Dieses Regiment war früher ein Strafregiment (lzg,ts,i11on äiseixliQg.ii-s), in das besonders gern Wilddiebe gesteckt wurden. Heute steht es in sehr gutem Rufe. Die meisten Angehörigen dieses Regiments sind tunesische Schützen. „I^ss jo^sux" (die Fröhlichen) nennt man das Regiment im französischen Heer. Aber dieser Araber muß immer das Gegenteil von fröhlich ge wesen sein. Ein wild aussehender stämmiger Kerl. Er hat seinen Posten jetzt an der Pumpe, die das Wasser für die Küche herauf aus dem Tal schafft. Dieser Mann lag mit seinem Regiment auf der Höhe Z04. Bei einer Patrouille ward er abgeschnitten und brachte zwischen unseren und den französischen Linien elf Tage und Nächte zu. Er nährte sich von den Tornisterrationen der umherliegenden Toten. Durch eine unserer Patrouillen ward er endlich gefangen genommen — aber er wehrte sich bis zum letzten Augenblick. Jetzt pumpt er Wasser. Neben ihm steht ein Landsmann vom 1. Algerischen Schützenrcgiment.27 Der muß einen Knax im Gehirn wegbekommen haben. So oft man sich ihm nähert, lacht er einen blöde an. Die Farbigen werden im Lager von ihren Kameraden gemieden wie Aussatz. Sie hocken und arbeiten und essen sür sich allein. Nie mand will in ihrer Nähe schlafen — am wenigsten die Unteroffiziere, die ihre Vorgesetzten waren, oder die Weißen, die mit ihnen in den sogenannten Bataillons inixtss zusammen dienten. Diese Kolonial- unteroffiziere, von denen auch ein paar im Lager weilen, sind ausge suchte Leute der französischen Armee. Nur durch ihre rigorose Diszi plin werden die farbigen Regimenter im modernen Artilleriekrieg ver wendbar. Immer aber (und besonders in den erbitterten Kämpfen um Berdun) werden die farbigen Bataillone auf beiden Seiten von „Blaumützigen" flankiert. Bei längeren Unterhaltungen, wie ich sie während meines letzten achttägigen Frontaufenthalts vor Verdun (in der meinem Quartier benachbarten Gefangencnsammelstelle) pflegen konnte, fällt einem die intellektuelle Minderwertigkeit dieser afrikanischen Mischrassen aus Neger- und Araberblut auf. Ahnlich wie dem zentralafrikanischen Neger mangelt es ihnen an scharfem Jeitbewußtsein. Die wenigsten wissen, wie alt sie sind. Zeitmaße geben sie durch stärkeres oder schwächeres Betonen der Sätze, manchmal durch charakteristische Gesten an, mit denen sie ihre Antwort begleiten. „Wie weit ist der Weg von eurer Feldküche bis zur ersten Linie?" — Auf diese Frage antwortet jeder: „Lang." Aber der eine sagt es leise, indem er mit den Händen einen halben Meter zeigt. Dann bedeutet es „kurz". — Der andere sagt es laut und mit aufgerissenen Augen, indem er mit dem Arm weit weg zeigt. Dann bedeutet eS: „Der Weg ist sehr iveit." — Ich lasse einen Teppichweber aus Bizerta aufzeichnen, wie ungefähr die Linie seines Grabens im Walde von Avoueourt verläuft. Ich komme ihm zu Hilfe, indem ich das Dorf, die Chaussee, den Rand des Waldes male. Er kritzelt mir ein buntes Wirrwarr aufs Papier wie ein fünf jähriges Kind — ohne den elementaren Sinn für bildnerische Wieder gabe und zeichnerische Abstraktion, wie sie zum Beispiel jeder Indianer besitzt. Aufgeweckte Burschen wie den Barbier aus Constantine, dessen Mutter eine Ägypterin, dessen Vater ein Araber war, trifft man sel ten. Bei den meisten stößt man auf eine unglaubliche Stupidität, ohne irgendwelche politischen oder sonstigen Interessen. DaS schließt natürlich eine gewisse kindliche Verschlagenheit nicht aus. Fast alle Farbigen, wenn sie zu uns herüberkommen, fragen, ob es keine Türken bei uns gäbe. Manche äußern den sonderbaren Wunsch, sofort auf seiten der Türken gegen die Franzosen kämpfen zu wollen. Aber solche Äußerungen nehmen wir heute mit großer Vorsicht auf. Meist wollen sie dadurch nichts als einen guten ersten Eindruck machen. Nach ein paar Tagen reden sie nichts mehr davon.Z8 Flug an die Front Westfront, Juli 1,91b. Am Vormittag war beim Generalkommando des ...ten Korps die Meldung eingelaufen, daß nach den Aussagen mehrerer Gefangener auf den Wiesen bei X. — 9 Kilometer hinter der feindlichen Front — gewaltige Munitionsbestände lagern sollten. Diese Wiesen waren durch gewisse dunkle Streifen auch unsern Fliegern schon aufgefallen. Aber irgend etwas Sicheres hatte sich nicht feststellen lassen. Jetzt ward sofort die Artillerie unterrichtet. Eine schwere Batterie schoß sich ein. Den ganzen Nachmittag lagen die Wiesen unter unserm Feuer. Abends sollte vom Flugzeug aus der Erfolg unserer Beschießung festgestellt werden. Der Kommandant des Flughafens hatte nichts dagegen, daß ich auf diesem Beobachtungsflug mitflog. Gegen 6 Uhr kamen wir auf dem Flugplatz an, der auf einer Höhe im Norden des Dörfchens I. lag. Ein frischer Wind blies aus Nord ost und zerrte an den weißen Apparaten, die eben ihre Schuppen ver lassen hatten. Es ging lebendiger als sonst hier zu. Eben war ein Generalstäbler aus dein Großen Hauptquartier im Flugzeug ange kommen. Er stand in einer Gruppe und plauderte. Nach 10 Minuten flog er nach Richtung Westen ab. Ein neuer Apparat aus Deutsch land ging nieder — geführt von einein jungen Vizefeldwebel. Alles drängte sich um den blanken weißen Körper und prüfte und betastete jedes seiner Glieder. Telephonmeldungen kamen an und gingen ab. Aus dem Walde tauchte mit Flinte und Jagdhund spazierend ein Flie ger auf. Er ward von mehreren beglückwünscht. Ein ostpreußischer Förster. Erst seit vier Wochen draußen. Er hat vormittags seinen ersten Gegner abgeschossen. Gegen bVs Uhr startete ein Doppeldecker in Begleitung eines Fokkers mit dem Auftrag, die feindlichen Bat terien am Rande des Wäldchens A. noch einmal zu photographieren. Wir saßen auf dem grünen Rasen — abseits von dem Gebrüll des Motors. Ein Sonntagabend. Das Korn wogte schon gelblich im Winde. Aus den Wäldern im Tal klang eine Kapelle herauf. Dort unten lagerte ein zurückgezogenes Jägerbataillon bei Bier und Musik. Im Süden über der grauen Silhouette von M. standen die Rauch fahnen der ersten feindlichen Einschläge. Nun wird der Apparat deö Kommandanten aus dein Schuppen ge zogen. Hauptmann G. ist einer unserer tüchtigsten Flieger — kein Blender — er fliegt, seitdem in Deutschland Apparate gebaut werden. Ein stiller Mann. Wir hatten den Abend vorher lange über die Jung türken und den englischen Imperialismus, über Schweden und die Zukunft Frankreichs debattiert. Jetzt tritt er aus seinem kleinen Block haus am Waldrand und winkt. Wir springen auf. Ich ziehe Pelzjacke und Mantel an, stülpe den Helm auf — ein paar dicke Schals um den Hals und Handschuhe39 an, die bis zum Ellenbogen gehen. Im Nu hocke ich in dem Vorder sitz. Der Motor zittert. Der Propeller springt an. „Alles frei?" — „Alles frei." — Und schon sausen wir über den grünen Rasen der Anhöhe hin. Noch zittert der weiße Vogel in allen Gliedern. Aber jetzt ein Ruck. Das Zittern hört auf. Wir schweben. Eisig kalt peitscht der Wind das Gesicht. Der Motor wirbelt heulend in den leeren Raum. Der Höhenzeiger rückt. Wir steuern südwärts an die Front. Eö fliegen täglich tausend Menschen allein im Westen. Die meisten zwischen Leben und Tod. Was vor ein paar Jahren Ereignis war, kann heute nur Erlebnis sein. Es wäre lächerlich, dies beschreiben wollen. Man sitzt ergriffen still. Die Welt wird klein und da unten liegt das zerstampfte Frankreich, liegt unser Waffenvolk in zerschosse nen Dörfern und gelben Gräben. Es ist ein Juliabend, und der Welt krieg nähert sich seiner KrisiS. Den heftigen Wind merken wir an dem fortwährenden Stoßen des Apparates. Als ob die Luft ein fester Körper wäre, so stoßen wir an — und jedesmal erbebt der wunderbare Körper dieses künstlichen Vogels, zu dem der kleine Flugsamen einer Algenart lebendiges Modell gestanden hat. Wir fliegen über eine kreisrunde Bergruine. Ein Fesselballon bleibt stumpf und schwerfällig tief hinter uns liegen. Wir fliegen über Wie- sentäler und über das kunstvolle Gewirr unserer Hinteren Stellungen. Die weißen Landstraßen schlängeln sich wie weiße Bänder. Wer Hun derte von Fliegerphotographien gesehen hat, den kann die Perspektive aus 2000 Metern an sich nicht uberraschen. Aber nun taucht vor wärts über dem metallenen Rand deS Sitzes das Kampffeld auf — die Schlacht — die weißen Trichter — die aufgewühlten Hügel, über welche Schwaden blauen Rauches ziehen. Ein dunkelgrüner Wald, der in einer gelben, kahlen, zerfleischten Spitze endigt, aus welcher graubraune Erdfahnen emporbrechen. Mitten aus den offenen Feldern züngeln die Abschüsse der Batterien. Zahlreiche, grünliche Wasser tümpel leuchten neben einer weißen, ausgebrannten Dorfruine. Alles klein — wie das WeihnachtSspiel eines irren Gottes. Plötzlich stockt der Motor. Wir gleiten nach unten. Die Propeller singen kraftlos. Hauptmann G. brüllt mich von hinten an. Ich reiße mich herum. „Sehen Sie?" — Der Hauptmann weist mit der Linken nach vorn. — „Das Munitionslager brennt." Ich blicke scharf nach vorn. Richtig — ganz hinten, wo die Ebene sich grau verliert, leuchten drei, vier rotgelbe Feuersäulen auf. Sie sinken zusammen. Neue spritzen hoch. Das ganze Lager scheint zu brennen und nach und nach in die Luft zu fliegen. Einen Augenblick nur gleiten wir. Dann springt der Motor wieder an und aufs neue stürmt der weiße Möwenleib mit uns nach oben. Trotz des dicken Mantels beginnen mir die Glieder jetzt zu frieren und die Augen tränen hinter der dicksten Schutzbrille. Wir fliegen nun die rauchende Front entlang — immer noch ein Stück vor unserer40 Linie — aber von oben schienen mir die feindlichen Gräben direkt unter uns zu liegen. Wir flogen Z0 Kilometer westwärts — über feuernde Batterien, über ein brennendes Gehöft, über vergaste Wälder. Auf einer staubig weißen Landstraße zog eine dünne schwarze Kolon- nenlim'e. Der Wind faßte uns jetzt von der Seite. Manchmal schwankte der Apparat. Manchmal schien er mir hundert Meter ties zu sacken. Als wir in plötzlicher Kurve wenden, stehen die bunten Dorf- und Wälderquadrate plötzlich über meiner linken Schulter. Ein Schwindel wie in einer Hexenschaukel kommt mich an. Aber jetzt stürzen wir wieder gerade vorwärts — auf die schwelende braune Höhe Z04 zu. Wolkenfetzen gleiten an uns vorüber — durchsichtig, blaugrau. Tief unter uns platzen feuerspritzend kleine Wolken. Die bleicheWaldnase vonAvoucourt zuckt unterHundertenvonEmschlägen. Wir sehen einen Riesenkampf von Geschützen unter uns rauchen und leuchten. Aber wir hören nichts als das Gebrüll unseres Motors. Immer noch gehen am grauen Horizont vor D. die Feuerbüschel des brennenden Munitionslagers ruckweise hoch. Plötzlich stockt der Motor wieder. Der Hauptmann stößt mich an und schreit: „Ein Fokker — oben rechts." — Ich reiße mich hoch. Oben schräg über unseren Mügeln ein himmlisches, nein menschliches Wunder: ein grauer Fokker glitt über uns hinweg. Er „ölte" stark — ein langer, dunkler Schweif zog hinter ihm her. Die dunkle Silhouette eines MenschenkopfeS hob sich über den Mand. In dem endlosen Raum — ohne Halt, ohne Maß — ein Mensch, ein Gefährte der Wolken — 2000 Meter über dem Weltkrieg. Unwillkürlich schließt man die Augen und denkt an eine lange Mcersahrt und an einen weißen Klipper, der nach wochenlanger Einsamkeit am Horizont auf taucht und wieder verschwindet. Dreimal zogen wir die Front entlang, dreimal zurück. Einmal riß uns etwas schräg zur Seite, einmal in die Tiefe. Einmal stand eine Kirche senkrecht über meinem Kopfe. Meine Beine waren jetzt steif wie ungegerbtes Leder. Endlich warf der Hauptmann die Maschine zum letzten Male herum. Mit dein Winde steuerten wir heimwärts. Aber nun gerieten wir ganz in die Wolken. Und das war das einzige Mal, wo ein Gefühl der Unsicherheit mich überkam. Zuerst waren es kleine wollige Fetzen, die wir überholten — dann dicke Klum pen, die ineinander wühlten und brodelten — dann saßen wir plötz lich mitten drin. Und über und neben und unter uns standen dichte, weiße, stumme Schleierwände. Es gab kein Unten und Oben mehr. Standen wir still? Jagten wir gegen eine Wand, die uns im nächsten Augenblick zerschmetterte? Sinnlos, ziellos strebten wir durch das weiße Nichts — nur daö Brüllen der Propeller verband uns mit der Erde. — Aber plötzlich stürzte der ganze Spuk zusammen. Eine blaue Kuppel leuchtete über uns auf — und die gelben und grünen Quadrate der Acker und Wiesen und Dörfer, der ganze bunte Mantel der Mutter Erde entrollte sich zu unseren Füßen. Wieder stockte der41 Motor. Das leise, matte Singen der Propeller begann. Den stumpfen Kopf fast senkrecht nach unten, in langen Spiralen, so stieß das weiße Wundertier jetzt durch den Raum hinab. Immer breiter wurde der Fluß — immer flockiger die grüne Masse deö Waldes. Die Kuppe deö Flugplatzes mit den weißen Apparaten, dem dunkelbraunen Schup pen trat immer greifbarer aus der bunten Fläche auf. Noch einmal sprangen die Propeller an. Der Hauptmann riß die Maschine weiter westwärts. Dann aber senkte sie sich in einem langen Bogen zu Tal. Ohne Ruck, ohne den geringsten Anstoß gewannen wir die Fühlung mit der grünen Erde wieder. Als ich aus dem Flugzeug stieg, merkte ich, daß ich nicht hören konnte. In beiden Ohren sang eS den ganzen Abend wie die Pfeife einer Lokomotive. Der Hauptmann aber hängte sich ans Telephon: „Meldung aufgeben ans Generalkommando! Soeben ausgeführter Beobachtungsflug von Hauptmann G. stellte ausgezeichnete Wirkung unserer Artillerie fest. Munitionslager auf den Wiesen nördlich von D. steht in Flammen." Minenkricg bei Givenchy Großes Hauptquartier, 26. Mai 1,916. Am Abend deö 21. Mai hatten unsere SchleSwig-Holsteiner süd westlich von Givenchy-cn-Gohelle die Engländer angepackt und von den westlichen Hängen der Givenchyhöhe hinuntergeworfen. Am Mor gen deS 22. Mai — die ganze Nacht hindurch hatten wir das Artil- leriefeuer der englischen Gegenangriffe bis Douai hin gehört — stan den wir auf dem GefechtSstand der siegreichen Division. Das vielum- kämpfte Schlachtfeld der Loretto- und der Vimyhöhen mit seinen Schornsteinen und Schutthalden, Arbeiterkolonien und hochragenden Fossen lag wieder einmal vor uns. Manches hat sich hier oben geändert seit dem letzten Herbst und der großen französisch-englischen Offensive. Damals lagen noch die Soldaten der Republik den Unseren gegenüber — heute sind es Lon doner Territorialregimenter. Damals lief unsere Front von hier ziem lich gerade nordwärts bis nach La Bassse — heute schießt uns der Engländer aus dem Borsprung von LooS in die Flanke. Die blutigen Kämpfe um die Lorettohöhe, um Dorf Souchez und nm Neuville gehören der Vergangenheit an. Von dem wichtigen Höhenrücken, der mitten durch das Kohlenbecken von Lens aus Nordwesten nach Süd osten zieht, hat der Gegner endgültig die nordwestliche Hälfte, die Lorettohöhe, behalten. Beide Hälften werden durch den Souchezbach getrennt. Alles, was südöstlich dieses Baches liegt, die Gießlcrhöhe, die Givenchyhöhe und die Höhe von Vimy, ist in unserem Besitz. Da bei sind die Vorteile für beide Gegner ungefähr gleich: der Engländer42 hat von der Lorettohöhe aus eine glänzende Beobachtung in unser An marschgebiet — dafür sehen wir ihm von den Vimyhöhen aus weit in seine rückwärtigen Verbindungen. Bis zum 22. Februar freilich saß uns der Feind an einer Stelle tief in der eigenen Front. Das war auf der Gießlerhöhe — einer Art Riegel vor dem Givenchy- und dem Vimyrücken. Von dieser wich tigen Höhe aus sah er uns gegen Norden teilweise direkt in den Rücken. Unsere ganzen Gräben im sogenannten Großen und Kleinen Angreswäldchen haben während des Winters unter dieser feindlichen Sicht lange gelitten, bis am 22. Februar ein glänzender Sturm un serer Landsleute von der Wasserkante die Engländer von dieser Höhe hinunterwarf. Seitdem zieht sich unsere Linie ungefähr am diesseitigen Fuße der Lorettohöhe und am jenseitigen Abhang derGießler-Givenchy- Vimy-Höhe entlang. Die „Vimyhöhen" — wenn wir unter dieser Bezeichnung einmal den ganzen Rücken zwischen Souchezbach und Vimydorf verstehen wollen — sind in den letzten Monaten der Schauplatz schwerer Minen kämpfe gewesen. Von der einen Seite bohrten die Engländer, von der anderen wir. Dabei waren die Engländer im natürlichen Vorteil, weil sie an den Abhängen unter uns saßen. Hier wie bei Saint-Eloi, dem anderen Hauptschauplatz des westlichen Minenkrieges, verwendete der Gegner große Kolonnen aus England herbeigeholter Minenkompagnien, sogenannter „Tunnelingkompagnies". Diese bestehen aus Tausenden von Bergarbeitern, Erdarbeitern und sonstigen Spezialisten, an deren Spitze meistens Zivilingenieure stehen. Sie werden militärisch über haupt nicht ausgebildet und tragen besondere Abzeichen. Direkt aus den Gruben werden sie an die Front geschickt, nachdem sie in einem vierzehntägigen Kursus die Ehrenbezeigungen und andere Grundlagen militärischen Benehmens gelernt haben. Durch diese Minierkompagnien in Verbindung mit zahllosen eng lischen Ärbeitösoldaten (den sogenannten msn) wurden all mählich Hunderte von Stollen in die Westhänge der Höhe hineinge wühlt — nach einem raffiniert ausgedachten System mit Zuhilfe nahme aller technischen Hilfsmittel. Kein Tag verging zuletzt, ohne daß eine Mine in die Luft flog oder ein Stollen abgequetscht wurde — durch uns oder durch die Engländer. Mir haben Spezialkarten und Fliegerphotographien vorgelegen, die auf einer Frontlänge von etwas mehr als zwei Kilometer nicht weniger als 25 offene Riesentrichter aufwiesen. Einige von diesen Trichtern waren 70 Meter breit und 20 Meter tief. Immer mehr wurden wie bei Saint-Eloi diese Trichter stellungen das Charakteristische dieses ganzen Frontstücks. Sie wer den mit Ziffern ('l, 2, Z usw.) und Buchstaben k>, d, o usw.) oder mit Namen bezeichnet (zum Beispiel TranSfeldtrichter). Sie haben ihren eigenen Kommandanten. Der Kampf um einen frischgesprengten Trichter gehört zun, Schauerlichsten deS ganzen Stellungskrieges. Manchmal fallen seine Ränder steil ab. Tag und Nacht, jeden Augen-43 blick muß die ganze Grabenbesatzung eines solchen Abschnitts darauf gefaßt sein, in die Luft zu fliegen. All das kostet Blut lund frißt Nerven. Zwar hatten wir von den achtzehn Trichtern innerhalb des zwei Kilometer langen Angriffsabschnitts fünfzehn besetzt. Trotzdem herrschte seit Wochen bei Führern und Mannschaft der dringliche Wunsch, sich durch einen kühnen Vorstoß von diesem immer uner träglicher werdenden Minengebuddel zu befreien und die feindlichen Maulwürfe, wenn irgend möglich, über die Eingänge ihrer Stollen hinaus zu werfen. Als Angriffsabschnitt wählte man eine zwei Kilometer lange Strecke des Westabhanges, deren Mittelpunkt genau da lag, wo die eng lische Linie an einer kleinen Stelle den Rand des Höhenrückens in hundertdreißig Meter Höhe erreichte. Dabei hatte der linke Flügel unserer Stoßgruppe in seinem Rücken das Zahnstocherwäldchen, einen völlig zerfetzten Ausläufer des Waldes von La Folie, jenes heute völlig zerschossenen weißen Gehöfts, daS ich im Frühjahr 1915 genau beschrieben habe. Hauptzweck und Ziel dieses Angriffes war so in den örtlichen Ge gebenheiten dieses Frontabschnitts selbständig erstanden: Zurückwer fen der Engländer über ihre Stolleneingänge hinaus und damit Be freiung von dem opferreichen Minenkrieg, wenigstens für einige Zeit. Daneben versprach eine Offensivaktion gerade an dieser Stelle noch andere Erfolge. Zunächst würden die Engländer durch einen erfolg reichen Vorstoß gänzlich von dem Kuppenrand hinuntergeworfen. Zweitens würde ein Gelingen der Aktion unsere Front verkürzen, die gerade hier einen Bogen in unsere eigene Linie hinein beschrieb. Eid lich mag noch eine Nebenerwägung mitgespielt haben. Es wurde in letzter Zeit bei Gegnern und Neutralen so viel von englischen Offensiv- absichten geredet und geschrieben. Da konnte es nicht schaden, wenn man gerade diesem Gegner wieder einmal einen Schlag versetzte. So ward beschlossen, am Sonntag den 21. Mai, gegen 10 Uhr abends, auf der angegebenen Strecke vorzustoßen. Ziel war die alte „Prinz Reuß-Stellung", eine Linie, die sich in einer Entfernung von 100 bis 400 Meter unterhalb unserer Front am Abhang der Vimy- höhen entlang zog. Alsbald begann man mit den Vorbereitungen. Ein Sturm auf den Mmyhöhen Großes Hauptquartier, 27. Mai 1916. Tie Vorbereitungen für den für Sonntagabend angesetzten Angriff gegen die Engländer begannen mit einer nochmaligen genauen Er kundung der feindlichen Stellung. Jede Sappe, jeder Stollenein gang, die Stellung eines feindlichen Maschinengeivehres, eines vor gezogenen Geschützes, eines Mmenwerfers wurde noch einmal nach-44 geprüft. Desgleichen die Position der feindlichen Batterien. Die mög liche Kraft ihres Sperrfeuers wurde genau in Rechnung gesetzt. Ebenso wurde auf jede feindliche Bewegung doppelt scharf geachtet. Deuten etwa die kleinen Rauchwolken, die von Zeit zu Zeit aus dem ersten Graben schlagen, auf Versuche zu einem feindlichen Gasangriff? Sind im Zusammenhang damit die blanken Gegenstände, die drüben von Zeit zu Zeit auf dem Grabenrand liegen, etwa Gasflaschen? Was schanzt der Feind in den letzten Tagen am Cabaret rouge? Diese Erkundungen geschahen auf allen bekannten und unbekannten Wegen: vom Fesselballon aus, vom Flugzeug, auö den vordersten Sappen durch direkte Beobachtung. Auch Gefangenenaussagen wurden genau geprüft und jedes ihrer kleinsten Ergebnisse in Rechnung ge stellt. Zu diesen Vorbereitendel, Erkundungen kam der eigentliche Aufbau des Angriffs in unseren Linien. Munition wurde ergänzt und in Sam melstellen angehäuft, Baumaterial zum sofortigen Eingraben in der neuen Stellung herangeschafft, Proviant gestapelt — für jeden Stür menden, denn man wußte nicht, wie bald die regelrechte Verbindung nach vorn geschaffen würde. Die Sturmkompagm'en übten — eine jede Gruppe ihre Funktion. Die eine hatte Gräben zu verdämmen, die andere Gegenangriffe abzuwehren, diese baute Maschinengewehre ein, jene schleppte dicht hinter den Stürmenden Draht und Balken heran, jeder Zug, jeder Mann wußte genau, an welcher Stelle und welche Arbeit er in eiserner Unbckümmertheit um alles, was rings um ihn vorging, zu verrichten hatte. Am Donnerstagmittag begannen unsere schweren Minenwerfer ihre Arbeit. Zweieinhalb Tage lang tanzten die dicken gefürchtete» „Rum jars" oder „Coal boxes", wie die Engländer sie nennen, durch die Luft in die feindlichen Gräben hinein. Dieses Minenfeuer hat, wie fast alle Gefangenen am nächsten Morgen mir bestätigten, unter den Engländern, die ihre ersten Gräben besetzt hatten, grausig gewütet. Der Sonntag kam. Ein strahlender warmer Frühlingstag — mit Lerchen und blühenden Feldern wie einst, wenn Tausende von Fami lien aus dem Kohlenbezirk auf den Kapellenberg von Loretto oder in das Gehölz von La Folie ihren SonntagsauSflug machten. Den ganzen Tag heulten die unsichtbaren Kurven der Geschosse über die Linien hinweg, die deutschen aus allen Verstecken zwischen Lille und ArraS, die englischen auö dem Loosvorsprung, aus Bully-Grenny, aus dem Walde von Bouvigny. Hoch auf spritzten die Erdfahnen aus den braundurchwühlten Hängen des ehemaligen AusflugSbergeS. Ein gut geleitetes modernes Artilleriefeuer ist ein Kunstwerk. Viele hundert Kanonen, versteckt in Wäldern, Erdfalten, Häusern, Ruinen, verteilt auf einen weiten, unübersehbaren Komplex, alle auöeinander- gerissen und doch alle verbunden durch zahllose Drähte, die zusam menlaufen in der Zelle des Kommandeurs. Ein Kunstwerk — keine Maschine. Denn alle diese Feuerrohre gehorchen einem Gesetz — nicht45 mechanisch, leblos, sondern elastisch, lebendig. In immer neuen Va riationen und Kombinationen kann der moderne Artillerie-Komman deur einen Teil hierhin, einen anderen dahin lenken, hier schwächen und dort verstärken. Er kann plötzlich daS Feuer all dieser Rohre auf einen einzigen Punkt werfen und kann es im nächsten Augen blick wie einen breiten Fächer nach drei Seiten streuen. Diese souve räne Beherrschung gewaltiger Feuerwaffen, diese innere Systematik des Artilleriekampfes hat erst dieser Krieg gebracht. Aus dein Sta dium des empirischen Handbetriebes ist die Artillerie durch diesen Krieg in das Stadium des gesetzmäßigen Großbetriebes getreten. Den ganzen Sonntag saßen unsere Artilleriebeobachter in den vor dersten Gräben und verfolgten drüben jeden unserer Einschläge. Gegen sechs Uhr abends begann sich ein konzentrisches Feuer auf den feind lichen Angriffsabschnitt zu legen — aus allen unseren Rohren. Gleich zeitig wurden alle Minenwerfer auf die feindlichen Drahthindernisse eingesetzt. Das Feuer steigerte sich allmählich zum intensiven Trom melfeuer. Bei allen Batterien, in allen Gräben, waren immer wieder alle Uhren miteinander verglichen worden. Pünktlich auf die Sekunde 9 Uhr 46 Minuten sollte das Feuer plötzlich abbrechen und dann der Sturm beginnen. Seitdem die fest eingebauten Stellungen des Grabenkampfes für jeden Sturm eine starke Artillerievorbereitung erfordern, hat man beim Gegner wie bei uns verschiedene und immer wechselnde Methoden des Sturmbeginnes angewendet. Zuweilen wird sofort mit dem Mo ment des Schweigens der eigenen Artillerie gestürmt. Manchmal wird eine genau verabredete Pause eingelegt. Meistens springt zu ange gebener Stunde das Feuer plötzlich ein paar hundert Meter vorwärts auf die feindliche Reservestellung und der Sturm auf die zerschossenen Gräben geht unter dein ungeschwächtcn Sperrfeuer der Artillerie vor sich. Neulich haben die Franzosen nach einer ganz neuen Methode gestürmt. Zwei Stunden Trommelfeuer — plötzliche Pause. Alles bei uns in den Gräben steht bereit zur Abwehr. Plötzlich wieder Trom melfeuer — eine Stunde lang — dann wieder Pause. Und das wiederholte sich, bis endlich beim fünftenmal der Gegner aus den Gräben kam. Es geht auf neun Uhr. Die Dämmerung nimmt zu. Uber den feind lichen Stellungen lagert eine immer dicker werdende dunkle Wolke, eine immer höher ragende Wand von Staub, Rauch, Dreck und Gas. Jetzt scheinen die Engländer unruhig zu werden. Ihr Antwortschießen wird lebhafter. Aber eS kommt nicht zur vollen Entfaltung. Die Wand steigt weiter und bewegt sich langsam auf die Lorettohöhe zu — allen englischen Beobachtern die Aussicht nehmend. Die Dämme rung senkt sich tiefer herab. Die dunkle Wand wird zu einem riesen großen Vorhang zwischen Himmel und Erde. Alles wird unheimlich und geisterhaft. Englische Gasgranaten platzen in unseren Linien und verbreiten einen gelblichweißen Schein, der langsam wie ein Ölfleck nach46 allen Seiten sich verbreitet. Forttvährend laufen Meldungen ein — von der Artillerie — von den Jnfanteriebeobachtcrn, von den Fessel ballons, die das Feuer der feindlichen Batterien beobachten. Mit der Uhr in der Hand stehen alle Führer da — vom Artillen'e- kommandanten bis zum jüngsten Unteroffizier. Unaufhörlich pras seln die Einschläge vor unseren Linien nieder. Sie spritzen Eisen, Erde, Feuer. Zwei Minuten noch... eine Minute. Plötzlich eine Pause... eine drückende Stille... beängstigend, als ob der Himmel zur Erde fiele. Zehn... zwanzig... dreißig Sekunden. Plötzlich brüllen die Rohre wieder los. Sie sind umgeworfen, weiter nach vorn. Und im selben Augenblick — eine Minute nach Vorlegen des Feuers — bre chen unsere Hamburger, Lübecker, Husumer, unsere Apenrader und Ratzeburger aus ihren Trichtern und Sappen heraus — vorwärts, über das aufgewühlte Minengelände hinab in die englische Stellung. Im Gefechtsstand sind alle Gläser und Scherenfernrohre nach vorn gerichtet. Alles bangt, alles wartet auf das verabredete Zeichen. Ha ben die Engländer etwas gemerkt und stehen gerüstet? Wird der Angriff abgeschlagen? Müssen unsere Tapferen zurück? Nein... da — nach drei, vier Minuten — längs des ganzen An griffsabschnittes ... plötzlich leuchtet es auf: von grellen, tveißen, sieg haft strahlenden Raketen, lückenlos eine neben der anderen, eine leuch tende Schnur, das von allen ersehnte Zeichen: „Wir sind in der feindlichen Stellung!" Nach dem Angriff Großes Hauptquartier, 28. Mai 1916. Mit einer solchen Wucht tvaren an jenem Abend des 21. Mai unsere Schleswig-Holsteiner vorgestoßen, daß sie an den meisten Stellen weit über die vorgeschriebene Linie, die alte Prinz-Reußstellung, hin ausgeprescht wurden. Erklärlich im Dunkel der Nacht, wo die ange gebenen Linien schwer zu erkennen sind — im Schwung nach vor- tvärts, wo jeder dem Feinde möglichst schwere Verluste beibringen will. Der Engländer war zweifellos durch unfern plötzlichen Vorstoß überrascht. Das zeigte das Verhalten der feindlichen Grabenbesatzung, die anfängliche Verwirrung der englischen Artillerie, das haben die Gcfangenenaussagen am nächsten Tage bestätigt. Aber trotzdem ivar sein Widerstand wie gewöhnlich — zäh erbittert bis zum letzten Augen blick. Sobald er sich von der ersten Bestürzung erholt hatte, kämpfte er wie ein Berserker. So brachte eines unserer Regimenter aus dem am wildesten umkämpften Abschnitt der Front zwei Maschinengewehre, aber keinen einzigen Gefangenen mit.47 Natürlich gelingt es trotz allen Artillerie- und Mincnwerferfcuers niemals, die ganze Stellung eines Gegners restlos einzuebnen. So kam auch in dieser Nacht eine Kompagnie vor einen noch völlig unver sehrten feindlichen Graden, aus dem ihr ein wildes Maschinengewchr- feuer entgegenschlug. Tollkühn stürzten sich unsere Handgranaten trupps, ohne eine Sekunde zu zögern, in das Feuer, überrannten alle Hindernisse und nahmen in einem kleinen Grabenstück allein zn>ei Maschinengewehre und 42 unvcrwundete Engländer (darunter 2 Offi ziere) gefangen. Auch von den feindlichen Mincnwerfern — geschickt in die Erdfalten des Abhanges eingebaut — »varen natürlich nur einige erledigt. Sie und eine Reihe von Maschinengewehren, die in den Flankierungsgräben der feindlichen Stellung eingebaut waren, machten unsern Leuten schwer zu schaffen. Trotzdem saßen alle bald fest in den neuen Trichtern und Gräben. Die Bau- und Schanztrupps waren ordnungsgemäß zur Stelle. In dem unheimlichen Schein der schnell aussteigenden, langsam nicderschwcbenden Leuchtkugeln begann alsbald hinter der schützenden Wand der sofort init Handgranaten und Maschinengewehren eingegrabenen neuen Sturmstellung das Ab dämmen und Einrichten der neuen Gräben. Schlaf, Hunger, Durst, Mitleid mit den Sterbenden und Verwundeten — niemand dachte zu nächst an etwas anderes als an die Sicherung der neuen Gräben gegen den kommenden Gegenangriff. Dabei war von besonderer Wich tigkeit das sofortige Besetzen der feindlichen Stolleneingänge und die vorläufige Unschädlichmachung der Minen. Durch all diese harte Ar beit in unaufhörlichem Störungsfeuer des Feindes ging doch ein Ge fühl der Befriedigung — diese drohenden Maulwurfsgänge des Fein des jetzt fest in eigener Hand zu haben. Nachdem die Stellung einigermaßen ausgebaut war, ging man an das Fortschaffen des erbeuteten Materials: Gewehre, Handgra naten, Ausrüstungsgegenstände. Aber auch eine Menge von Konser ven, bestes Corned beef, Weißbrot, alter Chesterkäse, Haufen von Dosen vorzüglicher Marmelade wurden gefunden. Zwischen den Toten und Verwundeten, die jetzt allmählich abtransportiert wurden, sah man im Schein der Raketen hungrige Männer, die mit den Seiten gewehren große Blechbüchsen aufbrachen. Der Abtransport der Gefangenen ging nicht ohne Zwischenfälle vor sich. Manche begannen plötzlich Widerstand zu leisten oder ivarfen sich auf die Erde und benahmen sich wie toll. Viele ivaren vollkommen erschöpft und nervös stark mitgenommen. Eine ganze Reihe von ihnen sprach ich am nächsten Morgen im Dorfe H. Einige lagen apathisch auf dem Stroh und fuhren erschreckt zusammen, wenn man sie etwas fragte. Andere wieder rauchten und erzählten vergnügt, was man wissen wollte. Alle waren von oben bis unten voll von gelbem, trok- kenem Lehm. Das Regiment war ein Londoner Territorialregiment. Manchen Typen sah man den „Arbeiter" aus dein schlimmsten sluinx in Whitechapel an. Aber auch prachtvolle Gestalten waren darunter48 mit guten Schädeln und selbstbewußten Zügen. Einige hatten ihre Füße entblößt, die merkwürdig sauber und weiß waren. Aber die Nacht war noch nicht zu Ende. Schon gegen U Uhr stellten unsere Artilleriebeobachter fest, daß der erste englische Gegenangriff im Gange war. Im Nu war das gesamte Feuer unserer Kaliber vor den bedrohten Abschnitt geworfen. Der Angriff mißglückte. Gegen Mitternacht setzte ein zweiter ein, um halb fünf Uhr morgens ein dritter, und eine halbe Stunde später schon ein vierter und letzter. Die ganze Nacht stiegen hüben und drüben Raketen in allen Farben. Das Feuer dröhnte und heulte die ganze Nacht hindurch. Aus allen Verstecken spieen die zahllosen Rohre ihre gelben Flammen. Dunkelrot spritzte es vorn auf den umkämpften Hängen aus den Einschlägen auf. Wie kleine grelle Blitze leuchteten über unseren Hinteren Stellungen die englischen Schrapnells. Aber alle Angriffe erreichten nichts. Sie kosteten dem Feinde schnxre Verluste und bewiesen nur, wie wichtig ihm daö von unseren Niederdeutschen entrissene Stollenterrain war. Als der Morgen anbrach, konnten allein vor der Stellung eines ein zigen Regiments 250 tote Engländer gezählt werden. Unsere eigenen Verluste waren durch die geglückte Überraschung in der Mitte sehr gering geblieben. Den ganzen Tag zitterten diese nächtlichen Ereignisse noch durch den Abschnitt. Bei der geringsten Bewegung entstand eine Höllenkanonade. Noch gegen Mittag entdeckte man in unserer neuen Stellung ein Eng- län^rnest. Die Leute wollten sich nicht ergeben. Wenn jemand nahte, warfen sie i^it Handgranaten. Im Lause des Nachmittags erhielt die Division die Nachricht, daß der Feind in der kommenden Nacht einen Handgranatenangriff ohne Artillerievorbereitung plane. Sofort wurde die Artillerie instruiert. Alle unsere Rohre schössen sich auf die bedrohte Stelle ein. Die ganze Nacht stand alles parat. Bis Mitter nacht regnete es. Aber gegen Morgen griffen die Engländer wirklich noch einmal an. In dichten Wellen — mit kurzen Abständen — brandeten sie gegen unsere neue Mauer. Nicht einen Meter gewannen sie zurück. An jenem Morgen — wir kamen gerade aus der vordersten Stel lung am Souchezbach zurück trafen wir einen Mann aus Neu münster, der eben verwundet war: Handgranatensplitter am Kopf. Wir fragten nach dein englischen Angriff und wie weit sie in unsere Gräben gekommen wären. „Die erste Welle bis dicht an die Brustwehr. Aber wir waren scharf auf Posten. Die meisten sind erledigt, die anderen bürten aus."49 Im Sappenkopf an der Lorettohöhe Großes Hauptquartier, 29. Mai 1916. Im Jechengebiet vvn Courrisres. Tiefe Nacht. In der luftigen Mansarde einer Bergarbeiterwohnung. Unaufhörlich poltern die schwe ren Kolonnenwagen über daö Straßenpflaster. Die dünn gebauten Häuser der Arbeiterkolonie zittern. Ab und zu huscht an? gardmen- losen Fenster der Schein der Automobillichter vorbei, die von und nach den, Gefechtöstand sausen. An Schlaf nicht zu denken. Die Uhr leuchtet zwei — drei. Immer neue Eisenräder knarren, dröhnen über die Straße. Dazwischen daö helle Klingen der Hufe. Ab und zu der verschlafene Ruf eines Kutschers. Gegen vier Uhr wandern wir hinaus. Durch diese maßlos traurigen Zechendörfer. An, Denkmal von Courrisres vorbei. Zwischen steil abfallenden Schutthalden, schlanken Essen, phantastischen Glaspalä sten, aus denen Riesenräder ragen — einst Fördermaschinen und be lebte Schachte — heute versoffen, durchschossen. Auf einer Fosse ist der höchste Pavillon von einer Granate angekratzt und hängt schief in der Morgendämmerung wie die herabgerutschte Spitze eines Kuchens, über die sich die Kinder bei Tisch freuen. Ein Soldatenkino. Eine Leihbücherei. Und immer wieder diese schmalen glatten Seitenstraßen mit den kleinen roten Häusern, eines wie das andere, ohne Ende, so schmal, daß Wagen nur in einer Richtung fahren können. Eine Held- buchhandlung. Eine Kirche — auch sie zerstört — aber nicht durch Krieg, sondern durch Steinwürfe. Ein erschütterndes Denkmal des Schmerzes — auch daS Grauen dieses Krieges überdauernd: nach der Grubenkatastrophe von Courrisres zogen die Frauen der Verunglück ten vor diese Kirche und ließen ihren Schmerz an diesen toten Steinen und Fenstern aus. Niemand hat gewagt, sie wiederherzustellen. Die letzten Häuser. Aus einer Ruine dampft Kaffee. Der Morgen ist kalt. Ein Mann aus Dithmarfchen reicht unö einen dünnen braunen Trunk. Wir steigen in die Gräben. Es wird Heller. Wir klettern auf und ab — in immer neuen Windungen — manchmal durch cmen Tunnel. Der Boden ist lehmig, aber je tiefer man kommt, desto mehr Steine. Plötzlich heult der erste englische Morgengruß aus Bully- Grenay durch die Luft — hoch über unö weg. Wir stehen plötzlich am Souchezbach. Dieser kleine Bach — kaum einen Meter breit — entspringt auf dem Hinteren Abhang der Lorettohöhe, dicht unter der „Kanzel", neben der „Versammlungömulde", die unsere Badener so gut kennen. Er schießt am „Wasserschloß" vorbei und an der „Zuckermühle" - er fließt durch die Trümmer von Dorf Souchez. Wie wichtig waren alle diese Namen unö vor einem Jahre. Heute sind sie verschmerzt, wenn auch nicht vergessen. Wir stehen im Mühlengrund des Souchez- baches. Ein paar Steinreste erklären den Namen. Dicke zersplitterte Köster, Wandernde Erde 450 Stämme liegen quer über den Bach gestürzt. Ihre Zweige knospen. Hier war ein Wald — das kleine Angreswäldchen. Eine Brücke geht über den Bach. Das Wasser murmelt wie im Frieden. Ein durch Volltreffer zerschlagener Unterstand trägt auf zwei Kreuzen die Namen der unter ihm ruhenden Toten. Am Bach liegt ein französischer Sol datenstiefel, auö dem ein Knochen guckt. Weiter durch alte und neue Gräben, an Stolleneingängen vorbei (oder sind es nur Unterstände?), überall diese herrlichen, stillen Men schen aus unserer niederdeutschen Ebene. Sie tänzeln wie Gaukler mit schweren, dicken Balken auf den Schultern durch die schmalen Graben- straßen. Einer steht tiefsinnig mit seinem Marmeladenbrot in der Morgensonne. Hamburger und Bremer Zeitungen liegen herum. Aus den Unterständen klingen plattdeutsche Laute herauf. In diesen lehmig braunen, steinigen Gräben weilen die zitternden Gedanken von tau send Frauen aus der meerumspülten Heimat. Es wird Tag. Bon einem Flankierungsgraben auö über den Sou- chezbach hinweg haben wir eine gute Sicht auf die Vimyhöhen — zuerst in unserem Rücken auf die Gießlerhöhe, die im Februar un sere Hanseaten stürmten. Vorher saßen die Engländer dort drüben. Jede Bewegung in diesen Gräben hier lag direkt unter ihrem Feuer. Heute können wir lins hier ruhig bewegen. Nur an einigen Stellen inahnt der Begleitoffizier zum Bücken. Augenblicklich liegt englisches Feuer auf der Gießlerhöhe drüben. Kaum 200 Meter weit vor uns schlagen die Geschosse in das zersplitterte Givenchywäldchen ein, das sich an der Höhe hinaufzieht — Flachbahngeschossc von den Batterien auf der Lorettohöhe, die hier dicht vorm Ziel nur einige hundert Meter über unseren Köpfen mit fast spürbarem Luftdruck mehr brüllend als heulend durch die Luft fahren. Jedesmal spritzt drüben eine dunkle Fontaine von Erde, Holz und Steinen hoch, die ihre letzten Reste uns vor die Füße wirft. Ein schaurig-schönes Höllentheater. Ein kleiner Sattel bindet die Gießlerhöhe an den langen Viiny- rücken, auf dem vorgestern abend die Nachbartruppen den prächtigen Vorstoß machten. Wir sehen von seitwärts in ihre Gräben, die durch den Grund des Souchezbaches zu uns herüberlaufen. Wenn wir vor sichtig vorwärtskriechen, sehen wir auch die englischen Gräben — immer noch mit den typisch englischen Sandsackverpackungen. Die Gräben sind tief in die Erde gelassen. Der aufgeworfene weiße Kalk an den Grabenrändern leuchtet in der Sonne. Oberhalb der Gräben leuchten zwei Sprengtrichter englischer Minen. Wie Kraterberge liegen sie dem braundurchpflügten Erdboden auf. Sie sind beide von uns besetzt. Diese weißen Kalkhaufen flößen eine Art Ekel ein, wie Ein geweide, die der Erde aus dem Leibe gerissen sind. Wieder kriechen und klettern wir weiter. Wir sind jetzt im ersten Graben. Lautlos stehen die Männer an ihren Stahlschilden. Jeder hat im Spiegel seinen kleinen Abschnitt vor sich, den er Stunde um Stunde, Tag für Tag beobachtet. Er kennt jeden Stein, jedes Draht-51, stück des feindlichen Verhaus, jeden einzelnen Sandsack nach Form und Farbe, er sieht das Unkraut Zoll um Zoll wachsen, den Ginster Blüten treiben. Jetzt kommt die vorderste Sappe, ein langer, dünner Finger, der sich dicht an den Feind schiebt. Hier ist eö an? stillsten — das ewige Schweigen der Erwartung — jedem sieht der Tod hier über die Schulter. Wir klettern in den vordersten Kopf der Sappe. Wir lie gen jetzt dicht vor Souchezdorf — ein paar weiße Steintrümmer schim mern durch die Baumsplitter des großen Angrcswäldchens. Das ganze Schmerzensland des vorigen Jahres liegt hier vor uns. Da zieht quer ab vor unserem Graben die hochbaumige Chaussee nach Aix-Noulette, hinter der die Lorettohöhe langsam aufsteigt. Ein paar Baumsplitter an dieser Chaussee — das Marokkanenväldchen. Hinter diesem, tief in den Abhang schneidend, unsere ehemalige „Schlammulde" mit dem deutschen Soldatenfriedhof. Immer noch springt in der Mitte des kahlen Kapellenrückens plötzlich die scharfe Silhouette des Bouvigny- waldes auf, der berüchtigte „Baumaffe", eine einzeln stehende hohe Linde mit dem besten Beobachterposten dieser ganzen Gegend — glotzt uns immer noch in unsere Gräben. Immer noch blutet der alte, heilige Berg aus tausend Wunden. Es ist Vormittag geworden. Die Sonne liegt klar auf den feind lichen Stellungen. Flieger surren hoch über uns. Immer lebendiger wird das Rauschen und Heulen in der Luft. Drüben über Careney ist ein feindlicher Fesselballon aufgestiegen. Aus LenS schießen ein paar dicke Rauchsäulen auf. Der Tag beginnt —der wirkliche Tag. Von allen Seiten — jeder Busch, jedes Haus, jedes Dorf, jede Fosse wird lebendig. Mit jeder Minute hastiger und lauter — immer schneller, immer mehr Batterien greifen ein in den Höllenspektakel in allen Tonlagen — aus allen Richtungen — Steilfeuer und Flachbahn — jeder Schuß so sicher, so selbstbewußt, so frech in den Morgen platzend — und doch alle mit diesen wimmernden, jammern den Nebengeräuschen, als zögerten sie und schämten sich. Unter diesen Tausenden von unsichtbaren Geschoßbogen wanderten wir durch die Gräben zurück. Neben lins ging ein junger Hamburger — seit zehn Jahren Kohlenkaufmann in Cardiff — am Z. August mit Mühe noch rübergekommen. Wir sprachen über diese seltsamen Bogen da über unseren Köpfen. Wenn diese Kurven alle farbig wären — was würden wir da sehen? Die hohen, steilen Kurven der Mörser — etwa rot. Die halbkreisförmigen Bahnen der Scbiffsgeschütze — etwa grün. Die dünnen, fast geraden Streifen der Feldkanonen — etwa blau. Wir sprachen über die Engländer. Sein ganzes Vermögen drüben hatten sie ihm beschlagnahmt, seine Frau erst nach langen Monaten naebreisen lassen. Ja, das waren sie nun, diese Engländer — da lagen sie nun gegenüber und feuerten auf ihn. „Aber persönlich ... nein, persönlich haben sie sich untadelhaft benommen... alle un sere Freunde... eS war genau wie vor dem 4. August... sie haben 4*'52 meiner Frau geholfen, wo sie konnten... persönlich sind sie fast alle gute Kerle." Wir redeten von Hamburg und seinem toten Hafen, vom Frieden und von unserer ganzen Zukunft. Unter dem Höllen donner einer richtigen deutsch-englischen Morgenkanonade redeten wir von dein großen Augenblick, wenn unser erstes Hamburger Schiff mit Flaggen und Wimpeln den Hafen verläßt — ins freie Meer. Krieg im deutschen Land Mülhausen, Zum ^916. Während bei Verdun die Blüte zweier Völker um die militärische Entscheidung ringt, geht an der übrigen Westfront der blutig-aufrei bende Stellungskrieg seinen alten Gang. Hie und da, im Artois, in Flandern, in der Champagne, an den klassischen Kampfstätten des Westens, lebhafter als anderswo. Aber nirgends ohne stündliche Ver luste, saure Arbeit, tägliche Feldwachen, Patrouillen, Überfälle und schwere Kanonaden. Ganz Deutschland blickt heute zitternd auf das gigantische Drama in den Maasbergen. Indessen auch in den weißen Dünen von Lombartzyde, an den grünen Ufern der AiSne, im dichten Unterholz der Argonnen stehen und fallen noch immer die Kinder un seres Landes — auch in jenem kleinen oft vergessenen Zipfel Deutsch lands, der seit den ersten Tagen des Krieges die feindliche Invasion erträgt. Gewiß, dieser Zipfel ist sehr klein. Gewiß wußten wir von An fang an, daß dieses Land unhaltbar war, so weit die Geschütze von Belfort reichen. Aber das nimmt diesem Lande und seinem Schicksal nicht die herbe Tragik, die jeder empfindet, der sieht, wie die Fran zosen von den deutschen Vogesen aus in die Straßen Mülhausens gucken. Gewiß, es sind nur wenige deutsche Dörfer, von deren Rat haus die Trikolore weht, und nur zwo' Städtchen — Thann und Dammerkirch — mit deren Besitz und parlamentarischen Vertretung die Franzosen jetzt seit fast zwei Jahren ihr kindliches Erlösungstheater betreiben. Aber wie könnte unser Land auch diese kleinsten und letzten deutschen Dörfer vergessen, deren Häuser zum Teil in Trümmern liegen, deren Männer in Polen und vor Verdun kämpfen, deren Frauen und Kinder ihre Häuser verlassen mußten? Seit zwei Jahren wandert man nun im okkupierten Belgien, Frank reich und Serbien umher. Schon ist einem der Anblick verwüsteter Äcker, zersplitterter Wälder, verbrannter und zerstörter Dörfer zu schauerlicher Gewöhnung geworden. Kommt man aber hier mitten in daS deutsche „Loch von Belfort", so ergreift einen alle Zerstörung noch einmal wie damals im Anfang — mit der ungeheuren Wucht der ersten Tage. Soviel vermag der Gedanke: daß es deutsche Erde und deutsches Gut ist, die hier unter der Trommel des Krieges seufzen.53 Deutsche Weizenfelder — sinnlos von Gräben durchschnitten und zer wühlt. Unsere eigenen Rathäuser und Schulen — zusammengetrom melt zu Schutthaufen. Die Kirche von Oberburnhaupt ragt mit einem einzigen nackten Turmsplitter hinter grünen Wäldern auf. Der große Eisenbahnviadukt von Dammerkirch mit seinen vielen stolzen Bogen ist mitten entzwei geborsten. Zweimal versuchten die Franzosen ihn wiederaufzurichten. Zweimal schlugen wir ihre Arbeiten mit unserem Feuer nieder. Krieg im deutschen Land. Wir fühlen ihn hier schmerz licher als in Frankreich; denn niemand kann über seinen eigenen Schat ten springen. Aber sein Anblick' macht uns auch doppelt nachdenklich — und von hier aus wissen wir erst, was unserem Lande erspart blieb, und welches Elend unsere Invasion über die feindlichen Gebiete ge bracht hat. Wir wandern entlang der Front zwischen den Vogesen und dem Schweizer Zipfel, durch die breite, fruchtbare Ebene voll alter Dörfer, Klöster, Burgen, voll von Geschichten und Nomantik, aber auch voll von den rauchenden Fabrikschloten der elsässischen Textilindustrie. Viele Dörfer in und hinter der Front sind evakuiert. Das Vieh hat man den Einwohnern zu guten Preisen abgekauft. Die Leute selber sind in Baden und Württemberg bis hinauf nach Thüringen hin an gesiedelt. Wir kommen nach Altkirch. Vor einem Jahre noch eine blühende Bürgerstadt, die von ihrem grünen Hügel herab weit in das „Loch von Belfort" hineinsah. Die alten Wirtshäuser mit den schönen Na men auf den schön geschmiedeten Eisenschildern waren voll quirlen den elsässischen Lebens. Oben aus den geöffneten Fenstern deö Gym nasiums hörte man die Stimmen der Kinder und Lehrer, während zwei Kilometer von der Stadt über den Gräben die Granaten der Franzosen heulten. Heute ist Altkirch eine tote Stadt. Schlimmer als tot. Denn fast kein Haus ist zerstört. Die Häuser stehen wie im Frieden — die Gärten blühen — die Schilder locken über den Türen. Aber alles ist verlassen, öde, gemieden — wie wenn die Pest in allen Häusern wohnte. Der schattige Platz vor der Kirche ist besät mit den Ziegel steinen, die eme Granate jüngst aus dein Kirchdach warf. Der Bahn hof, auf dem noch das letzte Zugschild nach Belfort zeigt, liegt seit langem in Trümmern. Wir kommen nach Kloster Olenberg. Kirche und Kreuzgang, Wirt schaftsgebäude und Weinberggärten — die ganze blühende Trappisten- anlage ist unter den 1,000 Granaten, die der Franzose allein auf die sen Berg warf, zusammengesunken. Die deutschen Mönche sind ver trieben. Auf dem Friedhof ragen neben den schwarzen namenlosen Kreuzen der Brüder die hellen geschmückten unserer Gefallenen auf — zwischen dunklen Pinien, durch deren Zweige die verbrannte Kuppe des Hartmannsweilerkopfes herniedersieht. Olenberg lag wie Altkirch vor einem Jahre noch friedlich in der grünen Baumflut des Sund- gauS da. Die Franzosen standen damals auf demselben Fleck wie heute.54 Indem sie keinen Schritt vorwärts kamen, stürzte sich ihre schwere Ar tillerie auf die Perle ihres geliebten Alsaee. Seltsam wie diese toten Dörfer ergreift einen auch das Leben hinter dieser Front. Hier ruhen unsere Truppen nicht bei fremdsprachigen Polen und Flamen, sondern bei deutschen Bauern und Kleinbürgern. Wie anders als in Frankreich! Wenn sie hier morgens an die Front arbeit ziehen, grüßt sie das Winken deutscher Kinder und Frauen. Hier ist die alte Roinantik der die Grenze schützenden Landwehr wirklich am Platze. Wir wissen zwar, daß wir auch in Kurland und in der Champagne unsere Grenze schützen. Aber hier unten im „Loch von Belfort" verteidigen unsere Truppen handgreiflich und wirklich alten deutschen Acker und alte deutsche Dörfer. Und dicht hinter diesen Dörfern der Feuerzone, unter den Rohren der französischen Geschütze liegt die Großstadt Mülhausen. Eine Stadt voll Rätsel für jeden Fremden. Eine Stadt, in der zweimal die Fran zosen die Herren spielten. Mit einein Rathaus, auf dein sie fran zösische Briefmarken ausgaben. Mit Gasthäusern, in denen die Kell nerinnen noch heute von ihren Gelagen erzählen. Eine unruhige Stadt — voll Flüstern und Wispern. Du hörst keine französischen Laute. Aber du siehst viele übermalte Schilder. Eine Stadt mit uralter, reicher Industrie, mit vielen prächtigen Bürgerhäusern in gut ge pflegten Gärten. Viele Straßen heißen nach Frankreich: Magenta, Thiers, Le Havre. Viele Häuser sind leer. Du erkundigst dich nach den Besitzern und erfährst französische Namen und schweizerische Staatsangehörigkeit. Du trittst in das Haus eines reichen Baumwoll industriellen und siehst französische Möbel, französische Bücher, franzö sische Zeitungen, Rechnungen und Quittungen, auf denen unsere deutsche Währung hartnäckig in Franken und Centimes umgerechnet ist — französische Bilder, über einer Karikatur auf Deutschland von Waltz-Hansi das Porträt der Haustochter, von einem jungen Pa riser Künstler elegant hingeworfen. Aber auch eine Stadt mit einem gewaltigen Arbeiterviertel im Nordwesten, mit Mietskasernen und Höfen, wie sie in Dortmund und Chemnitz stehen, mit Gewerkschaften und Konsumvereinen. Und hier ist merkwürdigerweise alles deutsch. Eine seltsame Stadt — mit der Unruhe und quirligen politischen At mosphäre der echten Grenzstadt. Alle Mädchen, auch die aus der Fa brik, gehen hier gekleidet wie in Paris. Auf dem Markt siehst du allemannischc Bäuerinnen, wie sie der Schwarzwald nicht unverfälsch ter trägt. In den Anlagen gehen würdige, alte Herren — im Schnitt von Bürgern aus Amiens oder Cambrai. In den Hotels und Läden ist alles deutsch. Aber in den Fremdenzimmern schauen Wandbilder auf uns herab, die die Armee BourbackiS verherrlichen. Nirgends gibt es eine so rein deutsche Speisekarte wie in Mülhausen. Aber auf dein Zahnstocher findest du plötzlich den verpönten französischen Namen der Stadt. Und wenn du einen Strohhut kaufst, errötet die Verkäuferin, sobald du ihn von innen betrachtest. Denn da ist alles55 noch französisch gedruckt. Eine seltsame Stadt und ein seltsamer Kriegsschauplatz nicht wie in Frankreich — aber auch nicht wie in Ostpreußen. ^ Und diese ganze, weite, lärmende, leuchtende Stadt liegt Tag und Nacht unter den Rohren der französischen Artillerie, die vom Molken- rain herab in das ganze „Loch von Belfort" lind in die Ebene bis über den Rhein nach Baden schaut. Sie kann jeden Tag beginnen. Mül hausen liegt unter ihr wie ein großes Spielzeug. Schon sind nach Dornach und Burzweilcr die ersten Granaten gefallen. Vielleicht macht auch das den Aufenthalt in dieser Stadt so merkwürdig dies Gefühl, hier unter französischen Augen friedlich durch die Stra ßen zu wandern — unter blanken Rohren, die drohend von den Bergen auf uns niedersehn. In den südlichen Vogesen Großes Hauptquartier, September l9l5. Neulich kroch ich in den weißen Dünen an der Kanalküste gegen über England herum. Gestern konnte ich von den Hügeln des Sund- gaueö die Berge des Schweizer Jura und die FabrikSschornsteine von Basel sehen. Dazwischen liegen siebzehn Stunden O-Zugfahrt von Ostende bis Mülhausen. Ich kam zu günstiger Stunde in die Vogesen. Am Schratzmännle wie am Hartmannsweilerkopf hatten unsere Truppen tags zuvor einen schönen Erfolg davongetragen. Außerdem raunten die fran zösischen Blätter seit Wochen von einer neuen großen Offensive gegen das schmerzlich geliebte Elsaß. Als wir aus Mülhausen abfuhren, machten die Bewohner trotz der frühen Morgenstunde große Augen. Wir fuhren mit den Militär attaches der neutralen Staaten. Ihre ungewohnten Uniformen er regten hier vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit als in irgendeiner anderen deutscheil Stadt. Es war ein verschleierter Herbstmorgen. Wir sausten durch die kleinen elsässischcn Dörfer mit ihren alten, gewundenen Straßen reihen, ihren verschrobenen Häuserfronten, diese Dörfer, die alle eigent lich Städte sind und früher waren, wohlhabend, voll von Zierat und historischer Erinnerung. Indem wir durch die Ebene nordivärts auf Kolmar steuern, lassen wir links neben uns den Hartmannsweiler kopf liegen. Durch den aufsteigenden Nebel schimmert seine Kuppe, hell, braun, gelb: die zerfetzten Bäume des Kampfplatzes, auf dem seit Monaten Deutsche und Franzosen lim den letzten Rand des Gip fels ringen. Wir wissen, daß seit gestern auch das letzte Randstück vom Gegner gesäubert ist, daß er jetzt endgültig auf den Sattel (908 Meter) zwischen Hartmannsweilerkopf (956 Meter) und Mol-56 kenrain (1125 Meter) hinuntergedrängt ist. Aber bei den selbstver ständlich zu erwartenden Gegenangriffen ist ein Besuch dort heute unmöglich. So steuern wir aufs Fechttal zu, um Schratzmännle, Lingelkopf und Barrenkopf zu überblicken. Hinter Kolmar biegen wir scharf links ein aufs Gebirge zu und klettern durch Ingersheim und Niedermorschweiler im Zickzack bergan. Die Autos keuchen. Je höher wir klettern, desto breiter und weiter dehnt sich in unserem Rücken das grüne Tal des Rheins, übersät mit weißen, grauen und roten Dörfern. Jenseits der Ebene steigen die blauen Berge des badischen SchwarzwaldeS auf. Ganz benommen von dieser endlosen Schönheit, von diesen dörflichen Bildern fried lichen Schaffens vergessen wir ganz, wer und wo wir sind und was wir hier wollen. Plötzlich kracht ein Schuß von weitem — links und rechts hallt er donnernd wieder — hin und her geschlagen an Fels- und Waldwänden entlang rollt er, immer schwächer werdend, über die grünen Waldkuppen, die zu unseren Füßen liegen. Der erste Schuß in den Vogesen, den wir hören! Anders als das wilde Trom melfeuer auf der Lorettohöhe, anders als das majestätische Rollen der englischen Schiffsgeschütze. Hier gibt das Kruppsche Stahlrohr nur den Auftakt. Den eigentlichen Donner besorgen die Vogesen selber, die Wald- und Felsengeister, die, aus fünfundvierzigjährigem Friedens- schlaf erwacht, heute Tag und Nacht vor Schmerz zum Himmel brüllen. Bald hinter dem Bergdorf Drei Ähren verlassen wir das Auto. In scharfer Steigung klettert die Gesellschaft einen Gipfel hinan. Endlich haben wir den Gipfel erklommen. Er ist von dein gegen überliegenden französischen Beobachtungsposten völlig eingesehen, so daß sich die bunten Uniformen der Neutralen recht vorsichtig bewegen müssen. Zwischen Felsen und krummen Tannen kriechen wir einzeln vor und haben nun einen klaren, weiten Blick über den ganzen Kampf platz der letzten Monate. Kuppe neben Kuppe, bald dunkelgrüner Nadelwald, bald herbstlich gelb und braun gefärbter Laubwald — Schluchten und Täler, aus denen hie und da die Spitze eines Kirch turms, das Dach eines Hauses auftaucht. Und mitten durch dieses Meer von Wald ziehen sich die feindlichen Linien — direkt vor und unter uns liegt die zerrissene Kuppe des Schratzmännle. Auf ihr steht kein Baum mehr heil, kein Grün leuchtet in der Sonne. Braun, allsgebrannt, angeschwärzt liegt dieser sagenumwobene Gipfel da, von den: vor einigen Tagen die Franzosen weichen mußten. Wie eine eiternde Wunde ein schönes Antlitz, so entstellt dieser zerschossene, zersplitterte Bergwald das liebliche Bild, das vor uns liegt. Wo die Linien des Feindes im einzelnen laufen, daö verdeckt der hohe Wald unseren Blicken. Ein Hauptmann der hier kämpfenden Divi sion gibt uns genau die Lage der Kräben an. Aber sie laufen kreuz und quer, bald hinter, bald vor einem Berge. Wir sehen den vor springenden ReichSackerkopf, wir sehen im Tal die Häuser von Metze-57 ral, wir sehen den Grenzkamm — aber vor und über allem sehen wir friedlichen Wald, grünen Wald und immer wieder Wald. Und doch ist jener Wald drüben genau so lebendig wie unserer hier: von krabbelnden Menschen, Eseln, Maultieren, Seilbahnen — von Te lephondrähten, Unterständen und nicht zuletzt von gut versteckten Ge schützen. Das für den Laien schwierige Terrain der Südvogesen ward mir strategisch klarer, als wir eine halbe Stunde später bei einer benach barten Division zu Gast weilten. Hier befand sich im Vorzimmer des Generals ein ziemlich großes Relief der Vogesen. Das plastische Bild dieses Reliefs machte mit einem Schlage klar, weshalb gerade das Schratzmännle und der Reichsackerkopf diejenigen Kuppen sind, um deren Besetzung die Franzosen seit Februar die schwersten Opfer bringen. Diese beiden Berge sind nämlich die äußersten und beherr schenden Ausläufer zweier Seitenbarrieren, die sich von dem nord südlich laufenden Grenzgrat der Vogesen nach Westen schieben. Ebenso wie die Säuberung des Schratzmännle zur unmittelbaren Folge hatte, daß wir heute auf Straßen fahren können, die früher vom Feinde eingesehen wurden, ebenso würde die definitive Festsetzung der Fran zosen auf diesen beiden Köpfen eine unmittelbare Bedrohung der Stadt Münster sein. Die Franzosen haben an deutschen Städten im Ober- elsaß nur Thann und Dammerkirch in der Hand. Alle ihre blutigen Anstrengungen im Fechttal haben das einzige Ziel, die kleine, aber alte Reichsstadt im Münstertal zu besetzen. Durch die letzten siegreichen Angriffe unserer Vvgesentruppen ist dieses Ziel einmal wieder in weite Ferne gerückt. Bei diesen Angriffen, die zu gleicher Zeit nachmittags S Uhr statt fanden (nach einer artilleristischen Befeuerung von etwa zwei Stun den), fielen ungefähr zweihundert Gefangene in unsere Hände. Diese Gefangenen befanden sich in Mülhausen. Während die Neutralen die Geländebesichtigung im Fechttal fortsetzten, fuhren wir eiligst zu rück. Unter Führung eines süddeutschen Gymnasialprofessors (Spe zialisten in französischer Sprache) konnten wir den Gefangenen einen längeren Besuch abstatten. Sie standen, lagen und saßen im Hofe einer stillstehenden Textilfabrik. Bis auf ein paar Ausnahmen alles gut gewachsene und gut gekleidete, nicht unintelligent aussehende Män ner. Sie gehörten teils einem gewöhnlichen, teils einem Alpenjäger- bataillon an. Wir sprachen ausführlich mit ihnen, worüber wir woll ten. Nichts wäre übereilter, als aus ein paar Gefangenenaussagen weitgehende Schlüsse zu ziehen. Pessimistische Aussagen eines Ge fangenen können tendenziös sein. Aber auch solche, die von der un erschütterlich guten Stimmung in Frankreich, von der Selbstverständ lichkeit eines WinterfeldzugeS, von der Sicherheit eines endgültigen Sieges reden, können künstlich fein und ganz falsche Vorstellungen erwecken. Die Leute, mit denen ich redete, waren alle siegesgewiß. Manche redeten renommistisch. Den HartmannSweilerkopf nennen58 sie den „alten Armand". Auö Schratzmännle haben sie einen un verständlichen Wirrwarr von Zischlauten komponiert. Die okkupierten Elsässer — sagen sie — fühlen sich wohl. Ich frage sie: „Könnt ihr den Rhein von eurer Kuppe sehen?" — „Ganz deutlich sehen wir ihn Tag für Tag, am besten abends, wenn die Sonne auf ihm liegt." Die Leute sind mit ihrer Behandlung sehr.zufrieden. Am meisten interessiert sie, wohin sie kommen, ob sie arbeiten müssen, und wie oft sie schreiben dürfen. Sie stammen fast alle aus dein Südosten ihres Vaterlandes. Als der Professor fragt, wieviele verheiratet sind, heben drei Viertel von ihnen die Hände hoch. Ein baumlanger Jäger mit einem eisernen Helm auf dem Kopf tritt an mich heran und fragt, ob sie Weißbrot in Deutschland bekommen. Als ich verneine, will er wissen, ob seine Frau ihm etwas schicken darf. Wie oft und wieviel und ob sie Decken und Wäsche im Lager bekämen — alle Leute sind um ihr künftiges leibliches Wohl besorgt. Während sie um mich herumstehen und ich ihre Fragen nach der Lage in RußlaiH und auf dem Balkan beantworte, ertönt plötzlich das charakteristische Bullen, der Ballonabwehrgeschütze — weiße und schwarze Granatenwolken tauchen aus dem Blau des Himmels auf — und ein goldgelb glän zender, feindlicher Flieger zieht unerreichbar weit über uns hin. Eine Welle von Staunen, Schmerz, Sehnsucht und Hoffnung — ein Ruck, der alle Augen groß macht — geht durch die Gefangenen. Und einen Augenblick vergessen sie den Fabrikshof, vergessen sich und ihr Schick sal und denken nur an ihr Vaterland. Ein Blick auf Belfert Im Sundgau, Juni 1916. In den ersten Kriegswochen spielten die wilden Gerüchte vom Fall Belforts eine große Rolle im deutschen Publikum. Später ist es still gewordeil von Belfort. Heute taucht der Name dieser vor dem Kriege bekanntesten und populärsten französischen Festung kaum noch im strategischen Stammtischgespräch auf. Und wie die Festung selber, so ist der ganze Kriegsschauplatz des SundgaueS uns ferner gerückt, seitdem die Franzosen — nach der zweiten Okkupation Mülhausens endgültig auö dein Elsaß vertrieben — sich mit dem schmalen Grenz saum westlich der Linie Thann-Mtkirch begnügten und der Stellungs krieg auch hier permanent ward. Nur ab und zu haben wir von den hartnäckigen Grabenkämpfen bei Ober- und Niedersept gehört, von größeren Patrouillen bei Sennheim oder Carspach, von Fliegerkämp fen, unter denen einer den Mülhäusern unvergeßlich geblieben ist: unter den Augen der ganzen Stadt stürzten innerhalb weniger Minu ten vier französische Flugzeuge zerschossen zu Boden. Der Grund für diese Ruhe ist von jedem besseren AussichtspunktS9 des Sundgaues leicht zu überblicken. Den schmalen Zugangsweg nach Frankreich, der rechts von dem hohen Gebirgöwall der Vogesen, links von der Schweizer Grenze eingeschlossen wird, sperrt das Festungs system von Belfort in natürlicher Genialität ab. Deutschland hat bisher darauf verzichtet, eine Forcierung des „Loches von Belfort" zu versuchen. Frankreich ist sein doppelter Versuch eines Einbruchs in das Elsaß sehr übel bekommen. So ist es sehr leicht möglich, daß der Sundgau bis zum Ende ein Nebenkriegsschauplatz bleibt — ganz anders als im Jahre 1,870, wo um die von Denfert-Rochereu ver teidigte Festung ein monatelanger, für beide Gegner verlustreicher Kampf tobte. Die Stadt Belfort mit ihrer steilen Zitadelle, in der der berühmte Marmorlöwe ruht, liegt 28 Kilometer vor unserer Front. Zu weit, um die Landschaft und das Kriegstheater hier unten völlig zu beherr schen, und doch nicht weit genug, um zu verhindern, daß ab und zu ein deutsches Langrohr ein paar Granaten auf seine heiligen Forts wirft. Vom Fesselballon, vom Flugzeug aus sieht man die Festung an der Savoureuse bequem bei jedem Wetter liegen — hinter dem niedrigen grünen Rücken bei Gottesthal, der die Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone, die alte Völkerscheide zwischen Deutschen und Fran zosen bildet. Aber bei gutem Wetter sieht man Belfort auch von einem beliebigen Ausguck unserer vordersten Gräben, von jedem Dachfenster in Altkirch auö. Der Blick auf Belfort gehört zu den berühmten „Blicken" an der Westfront — wie der auf Reims oder der auf Vpern. Wir wandern durch die stillen Gräben des Sundgaues. Bald durch dunkle, feuchte Waldstellungen — bald durch hellgelbe Lehmgräben, von deren Rändern der rote Ackermohn auf uns niederleuchtet. Ab und zu fliegt eine Granate in die Stellung. Aber welches Idyll gegen Verdun! Nordwärts von den Vogesen her leuchtet das braune Brand mal des zerschossenen Hartmannsweilerkopfes herüber — daneben Molkenrain, der Große Belchen, die lange, blaue Kuppenreihe, von der die Franzosen nach Deutschland hineinsehen. Im Süden stößt der Blick an die Schweizer Juraberge — faltige, graue Ketten, eine die andere überhöhend — dahinter das Land, in dem der Friede wohnt. In dem blauen Himmel über unS arbeiten ein paar Flieger. Man hört sie und sieht nichts. Dieser Himmel hier war das Kampffeld des Fliegers Psgoud. Drüben über den grünen Grenzwäldern stürzte er ab. Durch diese Gasse von Belfort brechen auch die französischen Luftgeschwader ein, die Mülheim und Freiburg bombardieren. Wir treten zu einem Beobachter. Sein Unterstand ist stockfinster. Nur durch einen langen, dünnen, halbkreisförmigen Schlitz in der Betonwandung dringt der Blick ins Freie. Mit einem Scherenfern rohr können wir das ganze „Loch von Belfort" absuchen. Die zwei Grabenlinien laufen im Zickzack, aber fast parallel nebeneinander her, von Gebirge zu Gebirge, quer durch die Ebene. Sie gleiten vom Hart-60 mannsweilerkopf schräg herunter — tiefbraune, offene Maulwurfs gänge — verschwinden im Tal links von Sennheim — kriechen Hügelauf, hügelab, und verlaufen sich in den Forsten südlich von Ballersdorf. Bei Obersept treten sie dicht aneinander. Weißgelbe Kiestrichter, braunzerfetzte Iahnstocherwälder, ein dichtes Gewirr von Gräben zeigt die Hauptkampfstelle dieses ganzen Frontstücks an. Nach her kriecht die Doppellinie das kleine Largtal aufwärts, bis sie östlich Pfefferhausen auf den schmalen Zipfel stößt, der sich aus der Schweiz hier ins deutsche Gebiet hineinschiebt. Vor diesem heiligen Zipfel schrecken die beiden feindlichen Linien auseinander. Die französische bleibt nördlich, die deutsche streicht allein, immer „friedlicher" wer dend, weiter bis zu der berühmten Schlußpforte des Grabenweges Ostende-Basel. Geradeaus aber liegt Belfort. Über die zerschossene Eisenbahnbrücke von Dammerkirch hinweg — ein Denkmal unserer schweren Artillerie — stößt das Auge zuerst auf die runde dunkle Kuppe des Salbergs. Dieser liegt von uns aus gesehen hinter der Stadt. Auf dem süd lichen Abhang des Salbergs leuchtet eine weiße Kaserne. Auf der Spitze des Berges — stark verhüllt — ein weißes Fort. Belfort selber, die Stadt, am Fuße des Berges — eine graue, rauchende Masse. Gleich rechts von ihrem Rande die helle Silhouette des Forts La Miette. Südlich von diesem ein anderes Fort: La Justice. Diese beiden gehören zu den JnnenfortS. Von den weit vorgelagerten Außenforts sehen wir nur Fort Roppe — hoch im Norden liegend, auf den letzten Ausläufern der Vogesen. Von der Zitadelle sieht man nur einen dunklen Schattenriß. Aber südlich von ihr die befestigte Kuppe von Danjeutin erkennt man genau. Diese Kuppe erstürmten die Deutschen im Januar 1,871, bei furchtbarstem Winterwetter, wäh rend das Korps Werder weiter westlich an der Lisaine die Bourbakische Entsatzarmee abdrängte. An der Straße von Belfort nach Danjeutin liegen die deutschen Soldatengräber von damals. Werden sie cwig Ruhe behalten, oder kommt der Tag, wo auch auf diesen Friedhof das Feuer des Angreifers niederprasselt? Am Schweizer Zipfel Pfirt, im Sundgau, Ende Juni 1Y16. Wie stolz und sicher steht der dunkelblaue Schweizer Soldat da drüben am Wiesenrand! Wir selber drücken uns im hochumwachsenen Drahtverhau unserer Gräben umher — wir bücken und verstecken uns vor den Franzosen — genau wie die feindliche Patrouille es drüben macht, die nie aus ihrem Walde kommt. Wir Glieder großer, mäch tiger Völker umkriechen unS wie Verbrecher. Da drüben der kleine Mann aus Aargau oder Wallis steht aufrecht da. Jeder sieht ihn.s^l Er geht unbekümmert auf der weißen Grenzstraße mit den roten Kirschen an ihren Bäumen auf und ab. Neben ihm bringt eine junge Frau ihr Heu ein. Mit einem winzigen Keil drängt sich der heilige Friede der Arbeit hier mitten in das tolle Kriegstheater hinein. Dieser Zipfel ist schmal und kurz — ein kleines Rechteck, das sich vom schweizerischen Dorf Pumpfel aus über die Wasserscheide zwischen Larg und Vendeline ins Deutsche hinüberzieht. Eine Mühle, ein paar Hofe ragen aus grünen Wäldern auf. Über der Linie der grasum- wachsenen Grenzsteine ist in der Luft ein Seil gespannt, an welchem kleine Schweizer Flaggen hängen — merkwürdig leuchtend mit ihrem flatternden weißen Kreuz auf rotem Grunde in dieser schauerlichen Stille gegenseitigen Spähens. Mit ein paar Schritten wäre inan drüben. Der schmale Grenzbach, dessen Wasser um unsere äußersten Drahtverhaue und jetzt um unsere Stiefel spült, streift mit seinem anderen Ufer schon eine saftige Schweizer Wiese. DaS erste kleine weiße Gehöft da drüben hat früher manchmal deutsche und französische Soldaten nachts hintereinander beherbergt. Jetzt ist das aus. Der wachsame Schweizer Posten pa trouilliert über die Wiese, über das Gehöft — er hat sich drüben an der Straße einen Unterstand gebaut wie ein echter Krieger. Manch mal redet er über den Bach hinüber mit unseren Leuten, über den Waldrand hinüber mit unseren Feinden. Der Welschschweizer hält sich meist drüben in der Nähe der Franzosen auf, der Deutschschweizer bei uns. Denn genau an der Spitze dieses Zipfels enden die Gräben der Deutschen und der Franzosen. Das gibt dem Zipfel eine merkwürdige Rolle. Er liegt eingeklammert in die Hinteren Stellungen der beiden feindlichen Heere, die sich über ihn hinweg gegenseitig in die Karten sehen. Früher flog ab und zu eine Granate über diesen heiligen Zipfel. Heute ist auch das vorbei. Keine Kugel, kein Flieger wagt sich in die neutrale Luftsäule dieses Zipfels. Und im Schutze der rot-weiß ab gesteckten Wiesen können wir ungestört vom Süden aus das ganze Anmarschgebiet der Franzosen im „Loch von Belfort" überblicken. Es ist ein historischer Platz, diese Waldstellung am Ufer der Larg, mit der der lange, lange Graben des Westens endigt. Und natürlich haben unsere Soldaten diese Stelle schön kenntlich gemacht. Gleich südlich des Zipfels, da, wo der erste Annäherungsgraben beginnt, wölbt sich ein weißes Birkentor mit der bedeutsamen Inschrift: Eingang zur Stellung Schweiz—Ostende. Von dieser friedlichen Grabenpforte wandern die Gedanken eines jeden, der vor ihr stand, ohne Kunst nach Norden — an jene weiße Düne vor Nieuport, auf der die letzte deutsche Matrosenwache sitzt und ins Meer schaut. Sie wandern entlang dieser ganzen blutenden stöhnenden Via Triumphalis, auf der seit zwei Jahren der Tod zwischen den Gräben wandert. Alle heiligen und unheiligen Namen der Westfront erheben sich — zu den alten die neuen: Somme und62 Anerebach. Während wir hier vor dem Birkentor stehen, beginnen sich die Massen der Engländer und Franzosen, die Massen ihrer far bigen Hilfsvölker gegen unsere Front in der Pieardie langsam in Be wegung zu setzen. Ein Zittern geht durch den ganzen Menschenwall von hier bis Ostende. Wir eilen nach Norden. Aber der Abschied fällt nicht leicht. Irgend etwas will unö festhalten hier auf dieser seltsamen Schwelle zwischen Krieg und Frieden — wo von drüben die blauen Juraberge so sommer lich zufrieden in den Himmel blinzeln. Auch während wir an dem endlos langen, hohen Drahtzaun vorbeifahren, der das elsässische O^u- pationSgebiet von der neutralen Jone zwischen Deutschland und der Schweiz trennt, immer ruht der Blick auf diesem kleinen Friedens- land rechter Hand. Wir fahren durch St. Ludwig — die Baseler Straßenbahn neben uns her. Welche fremde vergessene Welt! Auf einem Berge halten wir. Zu unseren Füßen im Rheintal liegt Basel — ein graublaues Häusermeer mit grünen Gärten — mit dem weiß- leuchtenden Fluß, über den sich Brücken spannen — über die Brücken eilt ein Strom von Menschen — mit jenem roten Münster, aus dem kurz vor dem Kriege noch unsere „Frohe Botschaft" an Europa er ging. Mächtig greift hier die Vergangenheit und die Zukunft an un ser Herz. Aber dann wendet der Wagen schnurgerade nordwärts. Der braun zerschossene Vogesenrand taucht auf, der dunkle Jdsteiner Klotz reckt sich drohend aus dem Schwarzwald herüber. Aus der Richtung von Bclfort grollt der gewohnte Donner. Wir kehren in Kriegsland zu rück. Aber auch hier ruht die Arbeit des Friedens nicht. Auf dem Felde wird das Heu gekehrt. Und die Ernte des dritten Kriegsjahres gilbt langsam in der Sonne. Die Engländer greifen bei Hooge an Südlich Vpern, den 29. September ^y'tS. Die englisch-französische Herbstoffensive, die jetzt seit vier Tagen längs der ganzen Westfront tobt, zerfällt in einen Nord-, Mittel- und Südabschnitt. Im Südabschnitt kämpften lediglich Franzosen. Aus dem großen Truppenlager von Chalons in der Champagne füh ren sie immer neue, seit Monaten sorgfältig bereitgestellte Kräfte gegen unsere zwischen Reims und den Argonnen eingebauten Trup pen vor. DaS alte Kampffeld der Winterschlacht in der Champagne ist heute zum Schauplatz neuer erbitterter Kämpfe geworden. Im Mittelabschnitt stoßen Engländer und Franzosen aneinander. Hier ist Lille das Ziel der Verbündeten. Die Franzosen kämpfen auf dem rechten Flügel. Ihr Ansturm kommt aus der blutgetränkten Loretto- gegend. Die Engländer halten den linken Flügel. Ihre Gasangriffe6Z zielen zunächst auf die große Straße von LenS nach La Bassse. Der Nordabschnitt wird fast rein von Engländern gehalten. Hier ist der Dpernbogen der Schauplatz der Offensive. Hand in Hand mit den Angriffen aus dem Upernbogen heraus operiert in den letzten Tagen die englische Flotte lebhafter denn je gegen unsere Küstenstellung, die natürliche Deckung unserer ganzen Westfront auf dem rechten Mgel. Seit ein paar Tagen weile ich im Nordabschnitt dieser Kämpfe. Schon die Reise hierher zeigte Bilder, wie die Westfront sie seit langein nicht mehr kennt. Alle Bahnhöfe überfüllt. An die Stelle der fried lichen Ruhe und Behaglichkeit, mit der die Züge hier früher ver kehrten, war das quirlende jagende Leben getreten, wie in den Tagen der großen Umgehungsfchlachten im vorigen Herbst. Keine Unruhe, keine Überstürzung — aber selbst in der größten Exaktheit eine innere Leidenschaft bei jedem Telegraphisten, Bahnschaffner, bei jedem Wachtposten, bei jedem Stationsvorsteher. Wie nebensächlich waren jetzt die prächtigen V-Züge mit Speise- und Schlafwagen! Andere Züge rollten jetzt hin und her, ohne Fahrplan, simpel, mit rohen Holzbänken statt mit weichen Plüschsofas. Aber diese endlos langen Züge waren umgeben von der Majestät des Augenblicks. Niemand wußte, woher sie kamen und wohin sie fuhren. Denn überall don nerte es — auf der Höhe der Champagne, auf der Höhe von Arras, auf der Höhe von Vpern. Die Lage um Vpern hatte sich seit unserer großen Apriloffensive nicht sehr geändert. Von Hetsas im Norden der Stadt zog sich un sere Front über Pilkem, Verlorenhoek, Hooge in einem Halbkreis nach Osten um die Stadt herum. Gekämpft wurde hauptsächlich um zwei Stellungen, um die Höhe 60 an der Südspitze des Bogens und um Dorf und Schloß Hooge. Gegen Hooge hatten die Eng länder schon vor ein paar Wochen einen wuchtigen Stoß geführt. Sie hatten seit diesem Stoß Teile der Dorfreste von Hooge in der Hand. Wir selber begnügten unö mit dem Schloß und einigen Häuserreihen, die links von der großen Straße Menin-Upern liegen. Die berühmte Höhe 60 jedoch, die in englischen Zeitungen eine so große Nolle spielt, ward von uns gegen alle wütenden Angriffe gehalten. Mir war nie recht klar gewesen, warum gerade diese Höhe in England von einem so merkwürdig tragisch-romantischen Schimmer umspielt war. Gestern beim Stabe des hier kämpfenden KorpS ver nahm ich die Lösung. Bei der berühmten Sprengung, durch die die Engländer sich in den Besitz dieser Höhe zu setzen suchten, waren von allen Teilen der Front zahllose englische Offiziere herbeigeeilt, die dieses seltene Schauspiel aus der Nähe besichtigen wollten. Da bei gerieten sie in das Sperrfeuer, das unsere deutschen Batterien sofort nach der Sprengung zur Abwehr eines englischen Angriffs hinter die Höhe legten. Durch dieses Sperrfeuer sind zahlreiche eng lische Offiziere getötet worden, deren zufälliges Ende in der Heimat64 selbstverständlich als Heldentod im Kampf um die Höhe 60 geseier^ worden ist. Die nördliche Hälfte unserer Vpernfront (Langemark, Polecapelle, Kessellaere, St. Julien) habe ich im Mai eingehend beschrieben. Seit ein paar Tagen weile ich bei dem Korps D., das seit Oktober die Südhälfte des UpcrnbogenS hält. DaS Terrain dieses Korps ist un günstiger als das der benachbarten. ES fehlt ihm an natürlichen Be obachtungsmöglichkeiten. Reiche Waldbestände erschweren die Sich- tigkeit und machen die Nahkämpfe besonders hart. Die neue Dpernoffensive der Engländer begann zugleich mit dem Gesamtangriff in der vorigen Woche. Ihr Zweck war einmal der alte aller bisherigen Dpernoffensiven: sich endlich von dem unerträg lichen Druck zu befreien, den unsere Klammer auf die zerschossene Stadt von drei Seiten ausübt. Zum andern sollte diese Offensive womöglich ein Loch in unsere Frontmauer schlagen, das dann durch nachzuschiebende Truppen beliebig zu vergrößern wäre. Endlich sollte sie möglichst viele unserer Truppen binden für den Fall, daß es viel leicht an einer andern Stelle der Front gelänge, durchzudrücken. Von Mitte voriger Woche ab begann der englische Artillerieangriff. Der Gegner schoß sich auf diejenigen unserer Stellungen ein, die ihm nach seinen Fliegerbeobachtungen die wichtigsten schienen. Auch auf unsere vordersten Gräben legte er schweres Feuer, so daß die Leute Tag und Nacht mit dem Wiederaufbau beschäftigt waren. Die Nacht vom Freitag auf Sonnabend war trüb. Der Gegner arbeitete wie immer mit starkem Raketenfeuer. Bei uns war alles in Alarm bereitschaft, besonders, da Freitagabend von einigen Stellen gemeldet war, daß die Engländer ihre Drahthindernisse wegräumten. Bald nach Mitternacht führte der .Gegner seine Sturmkolonnen herbei. Gegen 4 Uhr langten diese auf der Südfront des UpernbogenS in Gegend von Hooge an. Es war noch stockfinster, als 4 Uhr 45 Mi nuten die englischen Batterien plötzlich ein konzentrisches Feuer auf die ganze Hoogefront begannen. Die Höhen westlich Upern sind ge spickt mit englischen Batterien. Bis in die vorderen Stellungen hin ein ist gerade um Upern herum die englische Front artilleristisch aufs stärkste ausgebaut. Die Gegend südlich Hooge und der Straße Ypern- Menin, da, wo auf englischer Seite das sogenannte Suavenwäldchen, auf unserer Seite der Hof Beukenhorst liegt, bildete das Hauptziel des Feuers in diesem Abschnitt. Unsere Truppen: Sachsen und Preu ßen, Württembergs und Elsässer, saßen in ihren Grabenunterständen. Eine Stellung nach der andern wurde zugedeckt, verschüttet, weg- rasiert. Es wurde 6 und 7 Uhr. Endlos prasselten die Geschosse aller Kaliber auf unsere Männer hernieder. Kein Wort war zu verstehen. Wenn man im Gefechtsstand deS KorpS weit hinten das Telephon ans Ohr nahm, hörte man nichts als eine singende, brodelnde, kra chende Hölle. Noch immer war eS dunkel. Da plötzlich springt das Feuer — eS war bald nach 7 Uhr — von der ersten auf die zweite65 Linie. Wie eine Maschine durch eine plötzliche Steuerung, so schnell, so sicher hüpfte der Granatenregen Z00 Meter vorwärts — mit Sperrfeuer unsere rückwärtige Stellung zudeckend. Und im selben Moment springen die Schotten über ihre Brustwehr und dringen in unsere Gräben ein. Unsere ganze erste Stellung rauchte und brannte. Der Rauch war so stark, daß an einer Stelle die englischen Sturmkolonnen den Weg verfehlten und unfern Graben entlang statt in ihn hineinliefen. Zwi schen unserer Grabenbesatzung und dem eindringenden Gegner ent spann sich ein wilder Handgranatenkampf. Sobald die Engländer in einem Teile des Grabens sich festgesetzt hatten, warfen sie nach beiden Seiten Sandsackbarrieren auf, hinter denen sie ihren Gewinn verteidigten. Auch Maschinengewehre schleppten sie mit sich, die sie sofort in unsere Gräben einbauten. Aber niemals wäre es ihnen ge lungen, hier so tief in unsere erste Stellung einzudringen, wenn sie ihren Sturmangriff nicht mit einer erfolgreichen Sprengung ver bunden hätten. Die Gegend südlich Upern ist das klassische Terrain des unterirdischen Minenkampfes. Die Höhe 60 ist durchwühlt von alten englischen und deutschen Minengängen. Das sogenannte Ab quetschen von feindlichen Stollen ist hier an der Tagesordnung. So hatten auch die Engländer ihren längst geplanten Angriff mit einer größeren Minenunternehmung zusammengelegt, und mit dem Mo ment, wo ihr Artilleriefeuer von der ersten auf die zweite Linie über sprang, krachte ein Stück unserer Stellung südlich Hooge in die Luft. Durch das hier gerissene Loch strömten bereitgestellte feindliche Ko lonnen in unsere Front, buddelten sich auf den Rändern des entstan denen Kraters ein und beschossen unsere mühsam sich verteidigende erste Grabenbesatzung aus den mitgeschleppten Maschinengewehren so fort mit Flankenfeuer. ^ Dies alles war das Werk kaum einer halben Stunde. Iren und Schotten saßen dicht vor unserer zweiten Stellung. Die sogenannte Höhe 55, dicht südlich der Straße Menin-Vpcrn, war bedroht. End lich waren die Vorbereitungen der Reserven soweit gediehen, daß wir zum Gegenstoß ausholen konnten. 10 Uhr Z0 Minuten vormittags ertönte das Signal zum Angriff. Dieser Angriff aber und sein sieg reicher Ausgang ist nur zu verstehen von den tapferen Operationen aus, die ein sächsisches Regiment nördlich der Straße Menin-Vpern gleichzeitig vollführte. Köster, Wandernde Erde 566 Siegreicher Gegenstoß der Sachsen Südlich Upcrn, September 1,91,5. Die Straße Menin-Vpern zieht schnurgerade von der belgisch- französischen Grenze nordwestlich bis an die Tore der alten Hallen stadt. Nur an einer Stelle knickt sie in einein Winkel von 10 Grad nach Süden um. Genau in diesem Punkte schneidet der eiserne Ring, mit dein die Deutschen Upern umklammern, die Chaussee. Die Kämpfe südlich der Chaussee habe ich bis zu dem Punkte geschildert, wo die Engländer vor der zweiten deutschen Stellung standen. Auch nördlich der Chaussee, wo unsere Front die Straße Upern-Ionnebeeke schneidet, waren die Engländer im Laufe des Morgens ein gut Stück vorgekommen. DaS Terrain ward ihnen hier besonders günstig, da sie nach ihrem Erfolg am 9. August (teilweise Einnahme von Hooge) das ganze glänzend ausgebaute deutsche Sappensystem als Anlauf- stellung benutzen konnten. Schloßsappe, Fingersappe, Seeweg — alles befand sich ja seit dein 9. August in englischen Händen. Die Artillerievorbereitung war auch in diesen? Nordteile der Upernfront äußerst schwer. Das Terrain hier liegt zum Teil tiefer als der See von Bellewarde, aus dem, durch Schleusen mühsam gehindert, das Wasser alle Gräben zu überschwemmen droht. Genau wie südlich der Straße hatte der Gegner sich auch hier schon während des schweren Artilleriefeuers morgens aus seinen Gräben herausgeschlichen, hatte unter zahlreichen Verlusten durch seine eigene Artillerie unsere Draht hindernisse durchschnitten und stand im selben Moment, wo die Ka nonade schwieg, auch schon in unseren Gräben drin. Die Leute, die daS Artilleriefcuer dieses 24. September mitge macht haben, schildern mir seine seelische Wirkung in den verschieden sten Formen. Die meisten saßen mit dem Rücken gegen den Feind auf dem Grabenboden. Einige hielten sich die Ohren zu. Andere stierten regungslos vor sich hin. Wieder andere rauchten die Pfeife wie in ihrer sächsischen Erzgebirgsheimat. Alle dachten und fühlten: etwas Außergewöhnliches, etwas Unerhörtes kommt. Aber mitten in dieser Hölle gab es auch Leute, die ruhig umhergingen. Ja einige kletterten auf die Brüstung, zählten die Einschläge und kamen erst auf Befehl wieder herunter. Ganz verschieden wirkt die Gefahr. Einige bessern ihren Graben aus, einige spielen mit ihrem Gewehr, einige beten, einige schelten. Um 8 Uhr vormittags nach dein überwältigenden Angriff durch Iren und Schotten, die zahllos heranstürmten und Sandsäcke, Stahl schilde und Maschinengewehre mit sich schleppten, war die Lage hier nördlich der Straße kritisch geworden. Der Übermacht weichend, hatte sich die ganze Linie zurückziehen müssen. Nur an einer einzigen, Stelle hatte sich ein sächsisches Regiment gehalten. Dieses ragte nun wie ein schmaler Finger in die Flut der anstürmenden Feinde hinein.b? Nach links und rechts hatte cö sich hinter Sandsack- und Erdbarrieren verrammelt. Alle Anstürme schlug es ab. Von vorn, von rechts, von links. Nach hinten war jede telephonische Verbindung zerstört. Ganz auf sich gestellt, stand der Führer vor der schwersten Entschei dung. Zog er sich zurück, so erleichterte er dem Feinde ein weiteres Vordringen. Hielt er stand, so geriet er in die Gefahr, abgeschnitten und gefangen zu werden. Ohne irgendwelche Befehle von hinten hielt das Regiment in gefährlichster Lage stand. Und indem eS immer neue Scharen von Stürmenden gegen sich zog, erleichterte eS den Kameraden links und rechts die Sammlung zum Gegenstoß. Dieses tapfere Regiment hat die neue Schlacht von Ypern zu unseren Gun sten entschieden. In diesen Augenblicken höchster Spannung und drohender Gefahr entfalten sich bei dein Einzelnen die schönsten Seiten individueller Initiative. Nicht nur bei Führern, sondern auch bei den einfachsten Soldaten. Da war ein Telephonposten durch Granaten halb ver schüttet worden. Er telephoniert ruhig weiter. Die Engländer stür men an ihm vorbei. Er telephoniert weiter. Völlig abgeschnitten von seinen Leuten — mitten zwischen den Feinden, die in der Aufregung nicht auf seinen zusammengestürzten Unterstand achten — er tele phoniert weiter, und das einzige, was er dein Gefechtsstand des Regiments von seiner Lage sagt, ist dieö: „Ich muß leise sprechen, sonst hören mich die Engländer!" Während die Sachsen mit übermenschlichen Kräften ihre bedrohte Fingerstellung halten, ist hinten alles zum Angriff zusammengestellt. Hunderte, Taufende von Handgranaten liegen bereit. Ein jeder schwer beladen mit dieser SpezialWaffe des Stellungskampfes, so dringt alles auf das gegebene Signal durch die Anlaufgräben wieder vor. Unsere Artillerie böllert unaufhörlich eine undurchdringliche Sperr kette von Feuer hinter die Engländer, damit möglichst wenig Reserven herankönnen. Ganz oben an der Zonnebeekerstraße geht der Angriff am schnellsten vorwärts. Unwiderstehlich, einen Regen von Hand granaten vor sich hinprasselnd, stoßen unsere Leute in ihre verlassenen alten Stellungen wieder hinein. Nach den unerträglichen Stunden hilflosen Wartens, wo jeder wehrlos dem Granatentod ausgesetzt da liegt, ist der persönliche Angriff wie eine Erlösung. Unwiderstehlich stoßen sie weiter — in den ersten, in den zweiten englischen Graben hinein. Nach einer Stunde hat der Nordflügel die englische Offensive in eine regelrechte Niederlage umgewendet. Schwerer war der Kampf zu beiden Seiten der Fingerstellung. Undurchdringlich dicke Scharen von Engländern hatten sich hier ein genistet. Aber auch hier gelang es durch geschickte Gruppierung von weitem herangezogener Reserven, den eisernen Dreiviertelring um unser tapferes Regiment zu sprengen und flankierend nach links und rechts den hartnäckigen Widerstand zu brechen. Dabei wurde gerade diese Stellung dein Feinde furchtbar. Scharen von tapferen Gegnern 5»68 wurden jetzt aus der Flanke niedergemäht. Dutzende wurden gefangen. „Hands up!" — das einzige englische Wort, das sie verstanden — riefen die Sachsen. Aber die meisten der Gegner zogen es vor, mit den Waffen in der Hand zu sterben. Bei diesem Gegenstoß, der uns genau an die Stelle führte, die wir vor dem Angriff inne hatten, nahmen wir alle unsere verlorenen Maschinengewehre, alles Telephon- material und sonstiges Gerät wieder. Dazu über 1,00 Gefangene und 8 englische Maschinengewehre. An russischen Verhältnissen gemessen gewiß nicht viel. Aber als Ergebnis einer überwältigenden feindlichen Offensive von neun Brigaden unter schwersten Kampfbedingungen gewiß ein schöner Erfolg. So war der Gegner schon am Mittag nördlich und in der Mitte dieses Kampffeldes siegreich zurückgeschlagen. Nur im Süden brach sich unser Gegenangriff langsamer Bahn. Hier hatte der Feind den großen Sprengtrichter, durch den er die ganze Offensive eröffnet hatte, natürlich sofort besetzt und mit zahlreichen eingebauten Ma schinengewehren außerordentlich schwer befestigt. Unsere Reihen waren durch die Sprengung selber naturgemäß gelichtet. So ging der ganze Nachmittag noch darauf hin, bis auch hier das Ziel erreicht ward. Rührend aber war, wie selbsttätig und ohne besondere Befehle abzu warten, auch hier wieder die einzelnen Abteilungen immer dahin streb ten, wo die Kameraden am schwersten zu ringen hatten. So eilte ein junger Kompagnieführer mit seinen Leuten aus sich heraus einem südlichen Nachbarregiment freiwillig zu Hilfe. Seine Aufgabe ist, den Chausseedurchstich 4 von Engländern zu säubern. Die Aufgabe ist gelöst. Soll er sich und seinen Leuten die wohlverdiente Ruhe gönnen? „Vorwärts — Vorwärts — Leute! Da unten stehen sie noch!" Und frisch versorgt mit Haufen von Handgranaten brechen sie nach links über die alten Wege des Schloßparks von Hooge, den Stoß der bedrängten Kameraden zu verstärken. Solchem Geiste wi dersteht keine Übermacht. Gegen 6 Uhr war auch der Doppeltrichter wieder erobert. Und als die Sonne sank, saßen unsere tapferen Sach sen längs der ganzen Linie in ihren alten Stellungen und bauten sich wieder ein. Von den eroberten Maschinengewehren wurden einige nach hinten zur Reparatur geschickt. Andere wurden umgedreht und bewiesen mit ihren drohenden Läufen den Gegnern, daß seine monate lang vorbereitete große Offensive hier oben im Apernbogen siegreich abgeschlagen war.69 Kurze Kampfpause Südlich Vpern, den 28. September 1915. Nachdem so der englische Ansturm siegreich abgeschlagen war, herrschte für einige Tage Ruhe. Bei uns wie beim Gegner waren die Gräben in trauriger Verfassung. Man saß mehr in Granattrichtern als in wirklichen Gräben. Am Sonntag begann zunächst das Bergen der Toten. Die schlechte Sitte mancher Franzosenregimenter, ihre Ge fallenen auö dem Graben zu werfen, hat bei unö keine Nachahmung gefunden. Im Gegenteil, man sah Leute auf den Grabenrändern, den Rücken gegen den Feind, unter Lebensgefahr herumhantieren, bis sie einen gefallenen Freund in den Graben geschleppt hatten. Auch die während der Sonnabendkämpfe flüchtig im Graben Verscharrten wur den liebevoll wieder ausgegraben und von den Trägern hinter die Stellung geschafft — wo jedes Regiment seine eigne und besonders gepflegte Ruhestätte hat. Was dieser Transport von Toten bedeutet, kann nur der ermessen, der die engen, niedrigen, wasserreichen flandri schen Gräben kennt. Im feindlichen Artilleriefeuer, das selbstverständ lich auch während der Kampfpausen nicht aufhört, schleppen unsere Sanitäter die Toten und Verwundeten nach hinten. Sie können vor den Granaten keine Deckung nehmen, und mancher von ihnen stürzt selber getroffen über der heiligen Last zusammen, die ihm anvertraut wurde. Die gegenseitige Behandlung der Gefangenen, verwundeter und nichtverwundeter, durch die Deutschen und Engländer ist nach wie vor ein Objekt bitterer Vor- und Gegenvorwürfe. Auch nach dieserSchlacht hörte ich wieder, daß man in den zurückeroberten Gräben deutsche Ver wundete gefunden habe, die von den Engländern erschlagen seien. Aber Leute, die das zweifelsfrei aussagen und beschwören konnten, habe ich nicht getroffen. Unsere Soldaten teilen auch durchaus nicht die Mei nung, als ob jeder von ihnen drüben totgeschlagen würde. Dagegen scheint sich bei den Engländern diese Legende fester eingenistet zu haben. Mehrere englische Verwundete, die bei uns im Hospital unterschiedslos mit den Deutschen gepflegt werden, versicherten mir ihr großes Er staunen, daß man sie überhaupt am Leben gelassen hatte. So einge- fressen war ihre Furcht, daß sie beim Abtransport unter Schreien und Beißen sich weigerten, den Anordnungen des Sanitäters Folge zu leisten. Der gegenseitige Haß hat in den ersten Monaten des Krieges zwischen Engländern und Deutschen sicherlich manchmal auf beiden Seiten häßliche Auswüchse gezeitigt. Aber die sächsischen Textilarbeiter, die in der letzten Dpernschlacht mitwirkten, sind alles andere als grau same Teufel. Sie reden von den Engländern ohne hysterischen Groll. Ich konnte feststellen, daß einem schottischen Füsilier, der verwundet im Graben lag, von einem Zwickauer Arbeiter mehrere Male Wasser aus seiner Flasche gereicht wurde. Ein anderer hörte mit seinen Be-70 mühungen um einen verwundeten Engländer erst auf, als dieser ihm voll Angst in den Finger biß. Selbst vor den toten Gegnern ist unfern Leuten der Respekt nicht ausgegangen. Ein Hauptmann, der in der Nacht vom Sonntag durch die unaufgeräumten Gräben ging, erzählt mir, daß unsere Leute ihm zweimal auf einen an der Seite des Graben bodens liegenden toten Engländer aufmerksam machten, an den cr nicht stoßen solle. Das sind Kleinigkeiten. Aber das heilige Feuer brennt heute überhaupt nicht hell. Sondern über jeden Funken sollen wir uns freuen. Am Dienstag besuchte ich ein paar Engländer im Hospital. Sie waren im Grunde alle sehr glücklich. Ein deutscher verwundeter Haupt mann saß bei ihnen und redete über dies und das. Die Engländer hatten manche merkwürdigen Vorstellungen. Ein Ingenieur meinte, daß sie Konstantinopel von ihren Dardanellenstellungen sehr gut be schießen könnten. Aber sie täten eS nicht aus Humanität. Als wir ihnen von dem englischen Gasangriff bei Hooge erzählten, lachten sie ungläubig. Ein Korporal ereiferte sich und sagte, daß wohl die Deut schen, aber niemals die Engländer sich so „unfairer" Mittel bedienen würden. Das augenblickliche Heer der Engländer schätzen sie auf 8 Mil lionen Mann. Ganz neu war ihnen der Gedankengang, daß Deutsch land über den Balkan hinweg der Türkei zu Hilfe kommen und mög licherweise gar Ägypten bedrohen könnte. Ich würde das alles nicht erwähnen, wenn die Mehrzahl dieser Leute nicht dein besseren Mittel stand angehört hätte. Am interessantesten aber war für mich die Aufhellung eines dieser vielen zuweilen leichtfertig von einem zum andern kolportierten Schauermärchen, mit denen der augenblicklich notwendige und deshalb gesunde kriegspolitische Instinkt eines Volkes unnötigerweise entstellt und künstlich erhitzt wird. Ich hatte in letzter Zeit öfter von seltsamen Keulen gehört, mit denen die Engländer im Nahkampf die Deutschen erschlagen sollten. In diesem Hospital bekam ich endlich eine solche zu sehen: einen 60 Zentimeter langen festen Holzstock mit Griff, der oben eine dicke bleierne Umfassung trug. Diese bleierne Umfassung wies vom Gebrauch viele Schrammen auf. Die ganze Keule war sehr handlich und inachte auf jeden einen ganz gemeinen Eindruck. Wir unterhielten uns nun mit den Verwundeten über diese Waffe und brachten endlich heraus, daß eS sich bei diesen Totschlägern um etwas ganz anderes als Keulen handelte. Die Engländer haben in letzter Zeit eine neue Art von Handgranaten. Die Handgranaten werden durchweg durch Zerreißen einer kleinen Zündschnur erplosionsfähig ge macht. Bei diesen neuen Handgranaten hingegen mußte ein kleiner Metallknopf abgeschlagen werden, damit die Waffe verwendungsbereit war. Diesen Metallknopf abzuschlagen, dazu diente jene „Keule" ^ und auch die Schrammen auf der Bleiumfassung hatten nun einen ganz natürlichen Ursprung. Wir trafen deutsche Verwundete, die aus der Schlacht zurückkehr-71 ten. Ein Unteroffizier liegt heute im Hospital von Courtrai, dein das Schicksal besonders mitgespielt hat. Er war gerade mit einem Gefrei ten auf Patrouille draußen, als am Sonnabendmorgen 4 Uhr 45 Mi nuten jener Eisenhagel auf unsere Gräben niederging, der die große Offensive eröffnete. Er konnte nicht zurück, grub sich ein und wurde gegen 7 Uhr, als die Engländer stürmten, gefangen. Die Engländer nahmen die Deutschen mit sich, zwangen sie zu Führern in dein Gra bengewirr neben und unter der großen Straße Vpern-Menin und stießen den Gefreiten, der sich weigerte, ihnen bei den Schanzarbeiten zu helfen, nieder. Gegen Mittag, als der Unteroffizier sich gerade im sogenannten Durchstich 4 unter der Chaussee befand, stürmten die Sachsen aus der Fingerstellung und drängten die Engländer zurück. Um ein Haar hätte die Handgranate eines deutschen Kameraden den Unteroffizier getötet. Leicht verwundet fiel er seinen Befreiern in die Hände. Außer ihm wurde durch den deutschen Gegenstoß noch eine andere Gruppe von 10 Mann und 2 Unteroffizieren aus englischer Gefangenschaft befreit. Auch diese sollen von den Engländern als Führer und Schanzarbeiter benutzt worden sein. Sonntag, Montag, Dienstag herrschte an der Dpernfront Ruhe — außer dein gewöhnlichen Artillerie- und Jnfanteriegeknalle, das die Leute Tag und Nacht in Atem hält. Wir bauten unsere Gräben aus. Der Feind schien seine Offensive nicht wiederholen zu wollen. Dafür bereiteten wir selber für Mittwochabend eine Überraschung vor, die ihm beweisen sollte, daß die deutsche Westfront sich nicht nur verteidi gen, sondern darüber hinaus auch heute noch zu kräftigem Schlage ausholen kann. Die Deutschen erobern Höhe 50 Südlich Vpern, 29. September. Der große Minentrichter, mit dein die Engländer sich am Sonn abend in unsere Linie hinein gesprengt hatten, war wiedererobert. Sofort begannen unsere Leute, sich von diesem Trichter aus unter irdisch vorwärts zu wühlen. Dabei konnten sie die alten Gänge des Gegners zum Teil benutzen. Das Ziel dieses WühlenS war die Sprengung von Höhe 50. Auf Höhe 50 lagen gewöhnlich zwei kriegsstarke englische Kompagnien^— jetzt vielleicht noch mehr. Diese Höhe ragte wie eine Beule in unsere Front hinein. Von ihr aus konnten unsere Linien 100 m weit nach beiden Seiten flankierend eingesehen werden. Mittwochabend 5 Uhr ZV Minuten sollte die Sprengung stattfinden. Zu gleicher Zeit sollten unsere Truppen gegen den überraschten Gegner vorgehen, zunächst den Trichter, dann die ganze Höhe besetzen, endlich den so eroberten Einsprung in die feindliche Front nach links und72 rechts an unsere alte Linie angleichen. Von Sonntag bis Mittwoch wurde Tag und Nacht gegraben, gehämmert, geschleppt, gesägt. Nicht nur der Stollen mußte bis zur festgesetzten Stunde fertig sein. Die neue Stellung mußte sofort nach dem Sturm ausgebaut »verden. Die Drahthindernisse mußten fix und fertig da liegen, daß man sie nur über den eroberten neuen Grabenrand hinaus zu werfen brauchte. Sandsäcke und Bretter, Eisenschilde und Schießscharten, alle Requi siten des modernen Stellungskrieges mußten parat sein. In den schmalen nassen Zugangsgräben, die sich durch den Schloßpark von Hooge schlängelten, krochen unsere Sachsen und Elsässer bei strö mendem Regen hin und her. In diesen dreck- und lehmbespritzten Männern, die hier oben im Vpernbogen, die nebenan bei Loos und Lens, die tveiter unten in der »veißen Champagne gefaßt und stumm ihre Arbeit verrichteten, an ihrem Arm, an ihrer unerschütterlichen Ruhe hing das Schicksal un seres ganzen Landes. Seit einem Jahr — gewiß — aber niemals deutlicher, niemals gespannter wie in diesen Tagen. Über die alte und neue Welt schwirren die Funkensprüche von der großen Entschei dungsschlacht hier draußen. Millionen Köpfe denken, hoffen, debat tieren. Das Schicksal Europas soll hier entschieden iverden. Zuletzt hängt es an diesen grauen groben Gestalten, die hier vorn im Regen hantieren — auch an diesen etwas gebückt schreitenden Chemnitzer Textilarbeitern und Erzgebirglern. Am Dienstagabend lief eine Meldung ein, die die Spannung noch vermehrte. Aus soundso viel Anzeichen glaubte ein Abschnittskomman deur schließen zu müssen, daß die Engländer uns mit der Sprengung zuvorkommen würden. Das ist eine oft erlebte und die übelste Über raschung im Minenkrieg: kurz vor der Tat fliegt die eigene Mann schaft, der eigene Graben in die Luft. Die Nacht ward unruhig. Höchste Gefechtsbereitschaft überall. Im Generalkommando fast kein Schlaf. Der Morgen kam, der Mittag. Gegen 5 Uhr machten wir uns auf den Weg, um von einer Höhe zwischen Zandvoorde und Geluwe die Sprengung zu beobachten. Ich hatte es noch nie erlebt: dieses drückende, lastende Gefühl, diese zuerst unfaßbare Vorstellung: in zwei Stunden sollen 500 Mann in die Luft gesprengt werden — in zwei Stunden werden die Erz- gebirgler gegen die englischen Maschinengewehre anrennen — in zwei Stunden wird einiges tot und kalt sein, was jetzt noch lebenswarm in der Sonne plaudert. Und als wir durch den aufgeweichten Lehm boden stampften, un, die Höhe zu erreichen, von der aus das Kampf feld zu übersehen war, überkam mich ein leises Schamgefühl: nun standen wir hier oben mit dem Fernglas in der Hand, einige unge duldig die Uhr musternd, und warteten. Worauf? Auf einen dumpfen Knall, auf eine Riesenwolke, auf den Höllenlärm des Angriffs. Wor auf? Auf die Wolke des TodeS, auf die Musik des Todes, auf den Tod von vielen hundert Menschen...7Z Die Landschaft ist wellig hier oben, viel Wald, viel Wasser — ein Land für Landsitze. Der Rittmeister, der uns begleitet, zeigt uns den Schloßpark der Vaughan, den Schloßpark des Baron de Vinkh. Der Park von Hoove, der vor uns liegt, ist zerschossen, sein Wald gelichtet. Mit den Sümpfen und Seen, mit den sonst hier seltenen Kiefern erinnert die Landschaft an die Mark. Aber überall auf den Wiesen und Ackern, an den Straßen und Feldwegen stehen verstreut die weißen Kreuze. „Ein Engländer". „Ein deutscher Soldat". „Zivei tapfere Elsässer". An eines der Kreuze ist ein Flugzeugpropeller ge nagelt: „Zwei englische Flieger". Plötzlich wird die Luft erschüttert durch einen dumpfen langen Ton, der unö alle beben macht. Die Erde selber scheint zu zittern, die Luft, der Himmel. Noch einmal. Die ganze Erde brüllt, stöhnt auf und speit eine ekelerregende gelbe Ricsenwolke aus sich auf. Drüben hin tern: Berg — keine Wolke mehr — eine schwelende Wand, ein Wald von gelbem Schmutz, der wächst in die Höhe und Breite. Ich sehe auf das gelbe Ungetüm und kann an gar nichts denken, nicht an die Grabenstücke, nicht an die 500 Engländer, die jetzt da drüben in der Luft umherfliegen — ich habe vor dieser gelben Wolke nur das Ge fühl eines unbestimmten Ekels. Einen Augenblick ist alles starr. Wie wenn nachts der Blitz die Räder eines fahrenden Wagens beleuchtet — alle stehen still, nichts rührt sich. So hält Erde und Himmel für einen Aligenblick den Atem an. Aber dann bricht es los. Die englischen Batterien — überrascht, wütend, toll — beginnen wie sinnlos zu schießen. Sperrfeuer nach hinten! Feuer in die Gräben! Feuer auf den Sprengtrichter! Wie das Bellen und Kläffen einer Meute von Hunden — heiser, dumpf, hell — erfüllt ein Höllengezänk die Luft. Kurz, ratternd, abgehackt, stoßen die Einschläge in das orgelnde Gebrüll der pflügenden Geschosse. Endlich die lange Marinebatterie — ihr Abschuß klingt wie eine stür zende Stadt, ihr Einschlag wie ein Donnerknall bei Hochgewitter und Blitz im Nachbarhaus — ihre melodisch brüllende Geschoßbahn ver folgst du sekundenlang durch die aufgehetzten Lüfte. Dies alles schreit durcheinander — unregelmäßig, verwirrt, nervös gemacht durch die plötzliche Sprengung — nicht wie daö vorbereitete, trommelnde Gra benfeuer, das sich am Samstag stundenlang auf unsere Gräben ergoß. Zuerst hörten wir nichts als dieses laute Brüllen der Kanonen. Aber das Ohr gewöhnte sich. Nun treten allmählich aus dem rollenden Lärm die kleinen hackenden Geräusche der Infanterie hervor. Manch mal in knarrenden Salven. Meistens allein, kurz, spitz, fast tonlos. Und daö Tak-tak der Maschinengewehre, dieses monotone aufpeit schende Rattern. Und daö abgerissene Husten der platzenden Hand granaten. Alle leeren Räume füllten sich mit starken und schwachen Geräuschen. ES brüllte aus den Büschen, die rings um uns standen, aus den Wiesen, aus der Erde, es brüllte und ratterte überall — unsere Körper lösten sich wie auf in diesem Tumult — jawohl — wir74 waren schließlich selber ein Teil dieser stöhnende,, brüllenden Atmo sphäre. Aber dann ordnete eö sich — daS Schießen wurde regelmäßiger,, der Jnfanterieangriff schien beendet. ES wurde nicht ruhig. Aber man konnte nun unser eigenes von dem fremden Feuer genau unter- scheiden. Es ward ein gewöhnliches Artillerieduell. Wir wanderten auf die Chaussee zurück, um von da den Gefechts- stand der Division aufzusuchen, in deren Bereich sich das eben be endete Gefecht abgespielt hatte. Wir redeten über den Erfolg. War die Besetzung des Trichters geglückt? War die Sprengung überhaupt gelungen? Denn wir selber hatten natürlich nichts vom Ausgang des Kampfes gesehen. Wir hatten überhaupt nichts vom Kampf gesehen — außer jener gelben Säule und ein paar weißen Schrapnellwölk chen und vielen schmutzigen Rauchfäden, die vom Einschlag der Gra naten herrührten. Als wir auf dem Gefechtsstand ankamen, erhielten »vir folgende Nachricht. Die Sprengung war glänzend gelungen. Die beiden Kom pagnien des Gegners mußten restlos vernichtet sein. Zehn unver wundete Gefangene auS der vordersten Linie, die durch den Luftdruck zu uns herübergeschleudert waren, befanden sich bereits auf dem Wege zu unö. Der Trichter war mit ganz geringen Verlusten unsererseits besetzt worden. Ein paar eroberte Maschinengewehre feuerten schon kräftig auf ihre früheren Eigentümer. Die Verbindungen des Trich ters mit unserer Linie waren genau in der geplanten Richtung her gestellt. Drahthindernisse, Schießlöcher, Schutzeisen — alles war ein gebaut. Die früher so lästige Stütz- und Beobachtungöhöhe 50 ivar fest in unserer Hand. Am Abend im Generalkommando sprachen wir über das Grausame dieses SprengungSkrieges. Einer von unö machte ein paar Einwen dungen. „Da kann ich Ihnen eine interessante Mitteilung machen," mischte sich der Nachrichtenoffizier ins Gespräch, „nach den Aussagen der Gefangenen, die ich eben vernommen habe, war die Abquetschung unseres Stollens durch die Engländer für morgen früh 5 Uhr 30 Minuten in Aussicht genommen. Wir sind ihnen also lediglich um 1,2 Stunden zuvorgekommen." Ein Gegenangriff und eine neue Sprengung Südlich Upern, Z0. September. Die Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag verging ruhig. Die Eng länder schienen das verlorene Gelände und Höhe 50 in unserer Hand lassen zu wollen. Am Donnerstagvormittag, als wir über das Schlachtfeld von Zandvoorde ritten, ward wenig geschossen. Nur ein Flieger warf Bomben in ein HauS, das wir vor drei Minuten ver lassen hatten.75 Die Daten der weißen Kreuze, an denen wir vorbeiritten, jährten sich gerade. Hier auf den Hügeln von Jandvoorde ward eine der blu tigsten Schlachten geschlagen. Wer kennt sie? Über die englischen Gräben, die damals unter schweren Verlusten gestürmt wurden, ist hellte schon Unkraut gewachsen. Ein Jahr lang liegt das Korps D. jetzt hier oben vor Upern! Es kämpfte bei Mülhausen, bei Saar burg, bei Craonne und Hurtebise — wie der Wind jagte eö die Front hinauf — jetzt liegt es ein Jahr lang im Kampf um Höhe 60, um Hooge. Mail faßt sich an den Kopf: ein Jahr lang. Was ist cm Jahr im Frieden? Es gibt hier Leute, die 365 Tage lang an einer Stelle, in einem Unterstand, mit einer Beschäftigung zugebracht haben. Gegen Mittag hörte das Feuer ganz auf. Uber dem Hügel, aus dem hie und da rotbraune Heideflecken leuchteten, lag eine warme Sep tembersonne, ein Summen von Bienen lind Käfern. Eine Zeitlang herrschte die Ruhe eines Mittags in der Heide. Aber gegen 2 Uhr begannen die Engländer den Gegenangriff. Zu nächst überschütteten sie das verlorene Terrain mit einem Hagel von Eisen. Besonders auf den neuen Trichter konzentrierten sie cm mör derisches Feuer. Dann begannen sie Sturm zu laufen. Am heftigsten gegen die neuen Seitengräben, die den vorgeschobenen Trichter nach links und rechts, rückwärts mit unseren Linien verbanden. Aber ohne Erfolg. Unsere Trichterbesetzung hielt im schwersten Feuer stand. Als die Engländer anstürmten, wurden sie zum Teil schon hinten von un serer Artillerie zusammengeschossen. Wer näher kam, geriet vor unsere Maschinengewehre. Immerhin hatten unsere Leute gegen die unauf hörlich andrängende Übermacht gegen Abend einen schweren Stand. Und vielleicht hätten sie sich am Ende doch zur Räumung des gestern eroberten Geländes entschließen müssen, wenn ihnen nicht zwischen 7 und 8 Uhr eine neue Sprengung ^ diesmal freilich an einer an dern Stelle der Front — Hilfe und Entlastung gebracht hätte. Diese Sprengung — aus 7 Einzelsprengungen bestehend — fand in der Nähe von Höhe 60 statt. Sic mußten nach Lage der Dinge den Gegner noch mehr überraschen als die Sprengung von gestern. Sie zog genau wie gestern sofort das ganze Artilleriefeuer auf sich. Da der Gegner annehmen mußte, daß" wir an einigen Stellen oder an allen sieben zugleich angreifen würden, so mußte er voll der bedrohten Stellung bei Hooge auch Truppen wegschaffen. Dadurch wurde die Lage für unsere tapfer allsharrenden Sachsen erleichtert. Der Angriff flaute ab. Sie hatten Ruhe, und Höhe 50 blieb sicher in unserer Hand. Auch diese große Sprengung habe ich, diesmal vom Kirchturm in D., mitansehen dürfen. Die Leute gingen gerade zur Abendmesse, als wir durch das Halbdunkel des Hinterschiffs in das Treppenhaus des Turmes schlüpften. Die Uhr schlug sieben, als wir oben anlangten. Wenn die Orgel begann, zitterte daö Gelände leise, an das wir uns lehnten. Die flandrische Ebene versank langsam in Dämmer und Dunkel. Scharf hob sich am Horizont der Kemmel ab — als ein-76 ziger Bcrg. Höhe 60 verschwamm im Nebel. Die groteske Silhouette der zerstörten Kirche von Jandvoorde rückte für einen Augenblick sicht bar in das Glas. Der Kampf um unfern gestern eroberten Trichter dauerte um 7 Uhr noch unvermindert heftig an. Das Rollen und Krachen der Geschütze bekam jetzt Farbe, je dunkler eS wurde. Das Mündungsfeuer spielte kurze rote Fächer in die Luft — aus Wäldern, hinter Bergen, vom freien Felde flammte es rot auf. Dicke Blitze von krepierenden Gra naten. Hoch über den Bäumen zuckende Schrapnells. Und am ganzen Horizont entlang, auf und ab, in kurzen und langen Pausen, das weiche fließende Licht der Leuchtkugeln und Raketen. ES ist ein ganz anderes Licht — gegen das harte, abgerissene, aufdringliche Spritzlicht der Geschosse. Langsam wie eine Frage, wie ein Heimweh — steigt es auf, milde in seiner Klarheit — es zieht in sanften Bogen durch die Nacht, es fällt traurig herab. Dieser Krieg hat soviel Neues, soviel neue Bilder gebracht. Zu dem ganz Neuen gehörten diese feuerzaubernden Nächte — mit weißen, gelben, roten, grünen Raketen. Was überwindet der Krieg nicht? Die Luft — durch den Flieger, — das Wasser — durch das II-Boot, die Erde — durch unsere Minentrupps, die Nacht — durch dieses unaufhörliche Feuerwerk. Um 7 Uhr 15 Minutei, sollte die erste Sprengung sein. Wir standen und sahen in Richtung von Höhe 60. Plötzlich hörte ich ein leises Klingeln von unten. ES war der Prie ster am Altar. Mir kam es vor wie die Glocke des Regisseurs. Ich dachte einen Augenblick, hinunterzusteigen... Aber da flammte es auch schon auf — eine breite hohe Feuerpy ramide, dunkelrot, nach oben spitz aufzüngelnd. Und bald darauf em langes Rollen und Poltern, das alle kleinen und großen Geräusche in sich aufsog. Nun folgte wie gestern die kurze Pause des Schweigens. Und dann begann wie gestern der aufgeregte Höllenlärm des über raschten Gegners. Alle Geschütze ließ er gegen die bedrohte Stelle los. Die Kugeln und Raketen folgten sich so schnell, eine die andere über leuchtend. Um 7 Uhr 25 Minuten erfolgte die ziveite Sprengung, eine zweite rote Feuerpyramide — diesmal etwas südlicher. Dann 10 Minuten später — ein Feuerüberfall von uns — ein regelmäßiges Maschinengewehrfeuer, auö einer Richtung, auf einer einzigen Stelle der gegnerischen Front. Und so folgte eins dem andern — eine Hölle von Licht und Lärm. Und dazwischen klang aus der Turmtür das Singen der Gemeinde. Die Orgel setzte brausend ein. Die Glocke des Priesters klingelte. Vielleicht war das Ganze doch ein Theater — des Teufels.77 Die Nacht im Eiskeller Vor Vpcrn, September 1915. Mit ausgelöschten Lichtern tastet sich unser Wagen langsam auf der Chaussee vor. Stockfinstere Nacht. Es regnet in Strömen. Hie und da ein Posten, der vom Kutscher die Parole fordert. Ab und zu eine Leuchtkugel, die daö ganze Gelände geisterhaft erhellt. Man sieht schwarze Umrisse von Mauern und Wagen auf der Chaussee — müde, verregnet — kommen und gehen, Verwundete und Kranken träger, zerfetzte Waldstücke, Telephonstrippen, Hausruinen, frischge baute Stellungen. Immer lebendiger wird das Dunkel, je tiefer wir in das nächtliche Uhriverk der großen Schiacht vorschreiten. Da, wo der Wald anfängt, steigen wir auf. Reserven liegen und stehen wartend herum — völlig durchnäßt. Die Gräben beginnen. Die Gräben sind blank von Wasser. Langsam schieben wir uns vor- ivärts. Aus der Stellung vorn knallt es herüber wie von großen Peitschen — Gewchrfeuer — hell — mit schauerlichem Echo. Die Artillerie ist fast still — nur selten ein dumpfer Einschlag. Zahlreiche verirrte Kugeln sausen über uns in den Wald — hellpseifend und singend — und schlagen klatschend in das Holz der Bäume. Wieder begegnen uns Krankenträger. Dunkle Schatten. Auf den Wegen dunkle Pakete. Sind es Verwundete, Tote? Der Graben ist schmal. Wir pressen uns an die nasse Lehmwand und lassen den heiligen Zug vorbei. Immer häufiger klatschen die Kugeln in die Bäume. Wir sind boo Meter vorm Feind. Eine Lichtung, in der weißes Bauholz schim mert. Wir biegen in einen Seitengraben und sind am Ziel. Wir treten m zwei, drei alte ausgemauerte Gewölbe — schräg in die Erde ein gelassen. Daö ist der „Eiskeller". ^ Dieser Wald, durch den wir gewandert sind, war einst der Schloß park von Hooge — mit breiten Wegen, lauschigen Ecken, herrlichem Waldbestand. Das große und weiße Herrenhaus liegt heute vorn in der umkämpften Front. Ein Trümmerhaufen, der zur Feldschanze aufgeworfen ist. Diese Gewölbe waren der Eiskeller des reichen Schlosses — dunkel, kühl, mit grünem MooS an den Eingangstoren. Heute herrschen hier Arzte und Telephonisten. Es ist 1,2 Uhr Mitternacht. Der Telephonist sitzt vor seinem Schrank mit den vielen Löchern, Stöpseln und Drähten. Unaufhörlich: Tah— tatäh—tatäh—. Er wirft die Stöpsel hinein — horcht, ob gesprochen wird — zieht die Stöpsel wieder heraus — fertigt Fragen und Bitten ab — nicht unruhiger als in einer Zentrale von Hainburg oder Leipzig — und ist doch nur 600 Meter vor dem sicheren Tod. Ein junger Mensch von der Verbandsstette im Nebengewölbe tritt ein. Er will mit Feldlazarett 1 sprechen. Täh—tatäh—tatäh. „Hallo. Hier Eiskeller. Also: bisher 24 Schwer- und 68 Leichtverwundete78 hier durchpassiert. Letzter Transport eben von Hindenburgeck abge fahren. Rest wird nach Feldlazarett Z dirigiert. Hallo! Verstanden? Hören Sie: Hauptmann P. mit schwerem Kopfschuß liegt noch vorn und kommt im Laufe der Nacht. Auto bereit halten. Verstanden? Schluß." Täh—tatäh—tatäh. Mitten in dein Gespräch ein Einschlag — nicht weit von hier — die Scheiben der Tür klirren — der Apparat — die Tasse, die neben dem Telephonisten steht — der ganze Keller zittert dumpf. Man sieht nach oben an das niedrige Ziegelgewölbe. Ein einziges dickes Kaliber — und der ganze „Eiskeller" ist verschüttet. — Um "U/s Uhr langes Gespräch von vorn an den Kommandeur der Artillerie. Ich höre nur abgerissene Sätze. — „Gegenüber Abschnitt 10 feuert vorgezogenes feindliches Geschütz." — „Starke Schanzabteilungen seit einer halben Stunde gegenüber Abschnitt tätig." — „Zwei feindliche Maschinen gewehre in linker Hälfte von .Gambetta-Graben' anscheinend umge baut in Richtung ,Bach-Stellung'." ES ist naßkalt im „Eiskeller". Einige Ziegel des Bodens sind lose, und daö schmutzige Wasser quillt hervor, wenn man auf sie tritt. In der Ecke auf einem Lager von Stroh, in einer Holzkiste, be ginnt es zu schnarchen. Eine Weckuhr tickt — an einem langen braunen Eisennagel der Wand hängend. Da — wieder ein Einschlag — wieder ein Klirren und Zittern, das durch die ganze Erde fortgeht. Und immer wieder: täh—tatäh—tatäh — dieses leise, aber eindringliche, in set ner monotonen Unerschütterlichkeit auspeitschende Gesurre: tatäh— tatäh—tatäh. Um 2 Uhr 15 Minuten wird es vor der Tür des Eiskellers lebendig; ich trete hinaus in die pechschwarze Nacht. In das Stimmengewirr des ArzteS und der Träger mischen sich die stöhnenden, wimmernden Laute der eben angekommenen Verwundeten. ÄuS dem Nebengewölbe fällt daö weiße stechende Licht einiger Azetylenlampen. Im Vorbei gehen stoße ich an etwas Weiches. Ich leuchte hinunter — an der Wand liegt ein Schlafender — regungslos — anscheinend übermüdet hingesunken. Ich decke ihn zu. Aus dem Gewölbe her ertönt der Schrei eines Verwundeten, dem der Arzt seinen Verband abnimmt. Dies sind die Letzten, die der abgeschlagene Angriff uns kostete. Eö sind die am schwersten Verwundeten, die Hilflosen, deren Transport am längsten währte. Manche von ihnen sind erst vor einer Stunde unter dem Schutze des Dunkels aus dem feindlichen Jnfanteriefeuer herausgezerrt worden. Schmutzig, blutüberströmt — in voller Aus rüstung — liegen sie auf den Bahren. Einer umklammert in der Wundangst seine gerettete Tabakspfeife — sein rechtes Bein ist ihm abgeschossen — ein blutender Stumpf. Einer nach dem anderen kommt auf den weichen, weißen Leinen tisch, unter daS grelle Oberlicht, das seine Züge noch bleicher macht und seine Wunden blank und bloß legt. Du stehst dabei. Zuerst win dest du dich vor Grauen — ein Zorn packt dich. Dann kommen die79 Tränen. Aber dann siehst du einen zerrissenen armen Teufel, der die Zähne zusammenbeißt. Dann schämst du dich — nicht wegen der Tränen, sondern weil du hier stehst — als elender Zuschauer. Und dann legst du ganz von selber die Hand mit an. Du hörst keine Ein schläge mehr und keine Gewehrkugeln pfeifen — kaum noch das Wim mern der ringsum Wartenden. Du siehst nur, wie du einem armen hilflosen Menschenbruder ein Quentchen Linderung, ein ganz klein wenig Hilfe bringen kannst... Stunde auf Stunde verrinnt. Immer leerer wird das Gewölbe. Unermüdlich arbeitet der Arzt — freundlich und leise helfen ihm die anderen. „Kumm, Kamrad" — ein graubärtiger Sanitäter sagt es begütigend zu einem Sterbenden, der nichts mehr hört und sieht. Um 5 Uhr morgens erschüttert ein furchtbarer Knall das Gewölbe, die Erde, die ganze Luft. Alle Verwundeten waren jetzt fort. Ich saß »leben dein Arzt, der die Verwundetenliste abschloß. Auf den Knall springen wir hinaus. Das konnte kein Einschlag sein. Durch den ge lichteten Wald sahen wir vorn über der ersten Linie eine gewaltige Rauch- und Feuersäule aufsteige!». Ein Handgranatenlager mußte explodiert fein — oder ein MunitionSschuppen oder ein Lager von Leuchtraketen — Gott sei Dank nicht bei uns. Als wir zurückkamen, lag jener Schlafende noch immer an der Mauer des Eiskellers. Der Arzt nahm die Decken von ihm. Es war kein Schlafender, sondern ein Toter. Unterdessen hatte sich der Himmel im Osten gerötet. Die Sonne stieg aus ihren Morgenschleiern auf. In allen Regentropfen der Zweige und Blätter und Blumen brach sich der Glanz der Morgen sonne. Ein Specht begann zu hämmern. Wir saßen vor der Tür des Eiskellers. An der weißen Schürze des Arztes war noch ein kleiner Fleck roten Blutes. Der Brauer und der Clerk Großes Hauptquartier, 20. Mai. Der Clerk war auö JpSwich, und eigentlich ganz unkriegerisch. Sein Vater handelte in Tabak und machte gute Geschäfte mit Rotterdam und Hainburg. Der Clerk hatte auch ein kleines Mädel — ein Tipp mädel von 1,9 Jahren. Er selber war 21 und wollte sie heiraten, sobald sein Vater ihn ins Geschäft nahm. Jetzt war er noch ausge kernter Clerk bei Stevenson Sons Ltd., und verdiente 15 Pfund im Monat. Sein Leben war so klar, so einfach — so sicher im voraus zu berechnen. Er würde auf 16, 18 und 20 Pfund steigen, und dann ins Geschäft zum Vater gehen. Der Alte würde etwas knurren zu dem mittellosen Mädel, aber die Mutter würde ihm helfen. Denn der Clerk war tüchtig — ein smarter Junge — dazu kräftig und schön80 getvachsen — ein anerkannt guter Stürmer im Fußball. So würden sie heiraten — sie würden Kinder bekommen — und als gute ange sehene Bürger in Jpöwich älter und älter werden. Nie schien etwas so normal, so selbstverständlich wie das Leben und die Zukunft dieses Clerks in Jpswich. Aber dann kam der Krieg. Zuerst ging in England alles seinen gewöhnlichen Gang. Der Clerk las die Zeitungen. Viel Erfolge hatten die Engländer nicht — das mußte man schon sagen. Aber diese ver rückten Deutschen würden die Sache bald satt haben und um Frieden bitten. Das dachte damals jedermann in England — auch der Clerk. Aber es dauerte immer länger. Immer mehr Soldaten wurden nach Flandern geschickt. Sie kamen nicht voran. Alle Vereine hielten Ver sammlungen ab: Freiwillige, Freiwillige, Freiwillige! — schrie eS auf der Straße, im Theater, in der Kirche, in der Kneipe. Eines Sonntags mußte auch der Clerk heran. Er tat es weder unwillig noch besonders gern. Aber man konnte nicht anders. Und der Vater des Clerk war stolz. Es Mir sein Einziger. Er kam bei London ins Lager, und nach 5 Monaten Drill schon lag er drüben südlich Vpern im vordersten Graben. Der Clerk war bei den Royal Scotch Fusileers. Er bekam viele Pakete. Sein kleines Mädel schickte ihm täglich einen Brief — und einmal auch eine kleine Photographie. Darauf saß sie vor ihrer Schreibmaschine in der Sonne. Unter der Photographie stand ge schrieben: lisrs tliö 'Wkvos ok Iiair — Ävä in- äusti-ious I a,m!" Immer trug der Clerk diese Photographie, die in seinem Soldier-Book lag, bei sich in der Tasche. Damals lagen den Royal Scotch Fusileers südlich Upern unsere Sachsen gegenüber. Unter ihnen ein junger Brauer aus Nordhausen. Der war vom ersten Tage ab im Krieg. Ein gut bezahlter Brauer — seit langem in Nordhausen südlich des Harzes tätig. Auch er hatte ein Mädel zu Hause — es war eine Kellnerin. Sie wollten gerade im Herbst heiraten — wollten dann ein paar Jahre sparen und dann selber eine kleine Wirtschaft eröffnen. Sic waren normale, friedliche Kleinbürger — ohne besonderen Ehrgeiz. Ich sehe sie ordentlich, wie sie sich im Herbst ^914 verheiratet hätten, wie sie eine Wirtschaft suchen, eine kleine, billige, die nicht recht vorwärts will, wie sie die sauber einrichten, ihr einen schwungvollen neuen Namen geben, wie sie fleißig arbeiten und im Laufe der Jahre rund und behäbig werden... Aber das alles hat der Krieg unmöglich gemacht. Der Brauer rückte am 4. August ein. Er kämpfte in Belgien, in Frankreich, an der User; schließlich lag er genau dem Clerk gegenüber — in 80 Metern Ent fernung — wochenlang. Zwei Menschen waren einander gegenüberge- worsen — zwei Familien, zwei LebenSkreise, die nichts miteinander oder gegeneinander hatten — so fremd — wie wenn du einen grauen Stein vom kalifornischen Gebirge verschleppst und legst ihn dicht neben einen anderen Stein von der Insel Rügen.8^ Eines TageS sprengten die Sachsen den Engländern ein Stück ihres Grabenö weg. Beim Kampf um den Trichter geriet der Clerk mit dem Brauer zusammen. Der Clerk warf eine Handgranate nach ihm. Die ging über ihn hinweg und platzte in einem anderen Grabenstück. Der Brauer blickte sich, zielte mit einem Revolver und schoß den Clerk mitten durch den Kopf. Der hob die Arme und sank nach hinten. Als der Trichter von den Deutschen besetzt war, fragte der Brauer den Trichterkommandanten: Er habe da einen englischen „Freund" liegen — ob er dessen Soldbuch mitnehmen könne als Andenken? — „Einen englischen Freund?" — „Nun, ja, einen schönen, jungen Engländer, den er hätte erschießen müssen — der erste, den er mit seinem Wissen getötet hätte. Er möchte als Andenken etwas von ihm mitnehmen." — Der Trichterkommandant erlaubte es. Der Brauer kroch zur Leiche des Clerks und nahm sein Soldierbook ab, dazu eine kleine Nadel mit einer schottischen Katze, die die Soldaten der Royal Seotch FusileerS am Nock zu tragen pflegen. In dem Soldierbook lag die Photographie des kleinen Tippmädels und ein Gruppenbild, auf dein der Clerk selber in der Mitte stand — wirklich ein schöner, kräftiger Bursche. Zehn Tage nach diesem Kampfe um den Trichter trafen wir den Brauer auf deni Wege von der Stellung ins Lazarett. Sein Darm war nicht in Ordnung. Er erzählte uns von den Kämpfen der letzten Tage und zeigte uns das Soldbuch seines „Freundes" mit dein merk würdigen Inhalt. Die Katze schenkte er uns gern, auch das Buch, wenn eö uns interessierte — und die Photographie des Tippmädels. Nur das Bild des Toten nicht, seines „Freundes". Das wollte er aufbewahren für immer — „weil er so ein schöner, junger Bursche ist und ich ihn töten mußte". Der Brauer war ein stämmiger, schlich ter Mann, und sagte das ohne Pose. Ich glaube, ein ganz klein wenig Siegesgefühl war auch dabei. Wollte er das Bild vielleicht in der kleinen Wirtschaft hcrumzeigen, die er nach dem Kriege mit seiner Braut zu eröffnen gedenkt? Mit der Photographie in der Tasche zog der Brauer langsam ab. Wir sahen ihm nach. Es war ein sonniger Nachmittag. Wenn wir nicht so schnell nach vorn hätten in die Stellung müssen, wir hätten vielleicht noch lange auf dem Hügel gesessen und nachgedacht. Uber diese beiden einander so wildfremden Menschen. Warum gerade ihre beiden Schicksale ineinander schlagen mußten? Warum ward dieser Brauer das Unglück jenes alten Tabakhändlers in Zpswich? Wie tragen wir jetzt die Photographie jenes kleinen Tippmädels mit uns herum — ihre liebevollen Worte, die doch für uns nicht geschrieben sind? Aber dieser Krieg gibt so viele und große menschliche Rätsel auf — was sollen wir uns das Herz schwer machen mit den Gedanken an diese Geheimnisse? Wir sollten den Clerk ruhen lassen, und den Vater und die Mutter weinen lassen mit den Hunderttausendcn anderen, Köster, Wandernde Erde 682 und der Brauer möge das Bild behalten, wenn er noch lebt — und diese Geschichte mag zu den vielen anderen Geschichten dieses Krieges gelegt werden. Und doch ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Einer von uns er zählte das traurige Schicksal dieses Clerks in einem deutschen Blatte. Dabei nannte er den Clerk bei Namen. Die Zeitung kam nach Rot terdam. Der holländische Händler, der dem Vater des Clerk den Tabak lieferte, erkannte den Namen seines Freundes. Er schickte ihm das Blatt nach Jpswich, und der alte Kaufmann sah, daß der Clerk sein Sohn sei. Sie schrieben hin und her, und auch an uns. Nach ein paar Wochen bekam der Vater in einem dicken Briefe das Soldbuch seines Sohnes gesandt — die kleine Nadel mit der schottischen Katze und die Photographie mit jenem Mädchen, das vielleicht einmal seine Toch ter geworden wäre. Hinter der Sommefront Cambrai, 17. Juli 1916. September 1914. Zwischen Verdun und Lille tobt die Marne- schlacht. Zum ersten Male zitterte Deutschland. Auf einer kleinen ausgeleierten Lokomotive fuhren »vir um Mitternacht hier in Cambrai ein. Vom Westen rollte der Donner des Kampfes um Bapaume her über. In einer Eckwirtschaft lagen am Boden die ersten blutenden Eng länder. Durch die dunklen Straßen der Geburtsstadt Blsriots wälzte sich unser Nachschub. Gefangene drückten sich lautlos, schattenhaft an ihnen vorbei. Auf dein Pflaster des Marktes schlief ein Jäger bataillon. „Morgen wird Arras genommen!" — sagte ein Wands becker Husar. Juli 1916. Wieder in Cambrai. Wieder zittert die Heimat. Wie der steht die Picardie in Flammen. Wieder sieht der alte Belfried der Cambräser zu seinen Füßen die neuen Saaten und die blutigen Ernten einer Riesenschlacht wimmeln. Spät abends treffen wir ein. Auf dein Bahnhof stauen sich die Menschen. Kein Licht in den Straßen. Die Place d'Armes wimmelnd von dunklen Soldatenschatten. Auö einer Nebenstraße keucht ein Auto. Seine zwei langen Scheinwerferfinger beleuchten für einen Augenblick den nächtlichen Platz — die Radfahrerkompagnie, müde, beschmutzt — die breite Fassade des alten Rathauses — das kleine HauS des netten Schneiders, in dein wir damals Quartier hatten (damals, als der Krieg eine Sache von Monaten und nicht von Jahren schien). Die ganze Nacht brüllt das Trommelfeuer aus dem Westen. Die kleinen Fenster in unserem „Grand-Hotel" zittern ängstlich. Kein Donner, kein Laut der Natur, nicht die Bildersprache eines Homer oder Dante kann dieses fürchterliche Rollen und Hämmern wieder-8Z geben. Welch kindliches Handwerk war das Feuer der Marneschlacht gegen die artilleristische Großindustrie von heute! Am anderen Morgen Besuch der Lazarette. Durch die Säle der Schwerverwundeten wandert man stumm wie durch die Kirche. Mit den anderen, die liegen und lesen oder sitzen und Karten spielen, kann man plaudern. Sie erzählen gern. Von der Menge der feindlichen Flieger, die bei Beginn der Offensive sich plötzlich über unsere Linien ergoß. Die tollkühn sich herniederschwangen und ihre Maschinenge wehre auf Kolonnen, Eisenbahnzüge und Verwundete prasseln ließen. ,/Auf Verwundete?" — „Jawohl. Wir kamen auö dem Wald von Bernafay. Einige lagen auf einer Wiese. Die meisten schleppten sich die Straße entlang. Plötzlich schoß ein Doppeldecker über uns hin weg — wir dachten natürlich, eS sei ein deutscher — aber da klackerten seine Kugeln auch schon mitten unter uns. Und er war plötzlich fort wie er gekommen war." Sie erzählen von ihren früheren Stellungen. Einer zeigt wehmütig die Photographie seines alten, so sauber, ge mütlich ausgebauten Grabens. Eine elende Erdhöhle — aber cr ist stolz auf sie; denn er hat sieben Monate lang in ihr gehaust. Jetzt ist sie eingeebnet und in feindlichem Besitz. — Manche waren eben angekommen, als dieser Kampf begann. Sie kannten weder Land noch Leute. Sie hatten nie einen Engländer gesehen. Auf dem ersten Weg in die Stellung wurden sie von einem Splitter getroffen und kehrten nun — gleichsam abgewiesen — nach Hause zurück. Mag sein, daß diese Leute daheim gern renommieren — („Er prahlt wie ein Leichtverwundeter," sagt man hier draußen) — solange sie hier vorn sind, sprechen sie von dem Gegner mit würdigem Respekt. Frei lich mehr von seiner Maschinerie als von seinen Menschen. Die feind liche Artillerie sei ausgezeichnet, die Aufklärung gut, auch das Ab blasen von Gas lerne er allmählich handhaben. Aber von dem eng lischen Infanteristen wollen sie nichts wissen. Durchweg gehe er nur in großen Massen schneidig vor — er verlasse sich auf seinen tech nischen Apparat. Der französische Stürmer stehe turmhoch über dem englischen. Das sind Meinungen, die man nicht nachprüfen kann. Aber sie sind allgemein. Und ruhige und intelligente Leute erzählen viele Einzelbeispiele, die daö verständlich machen: auS dem Mametz- wald, wo ein paar entschlossene Handgranatenwerfer von uns 40 Eng länder gefangen nahmen — oder aus dein Tröneswäldchen, wo eine einzige schwache Pionierkompagnie ein ganzes führerloses Bataillon vertrieb. Und das alles trotz der gewaltigen Übermacht, die an den meisten Stellen 2:1, an einigen bis 4: 'l beträgt. Vielleicht aber ist die mäßige Unterführung des Gegners an solchem Versagen schuld. Cambrais Privatläden werden täglich leerer. In den Auslagen gil ben alte, vertrocknete Ladenhüter. Nur die Magazine des amerikani schen Komitees, das Belgien und Nordfrankreich (gegen bar) mit Lebensmitteln versorgt, sind gefüllt. Weithin erkennbare Schilder und Verbote machen unsere Soldaten darauf aufmerksam, daß sie in den 6*84 heiligen Räumen dieses neutralen Warenlagers nichts zu suchen haben. — Die Bewohner Cambraiö scheinen noch verschlossener als anders wo. Oder hat nur der Beginn der Offensive sie aufgeregt? Ge spannter als sonst verfolgen sie jeden Flieger, der über der Stadt kreist. Ihre Hoffnungen hängen an dem Donner im Westen. Wenn der Wind ihn näher bringt, horchen sie auf und denken: jetzt kom men sie. Inmitten wunderschöner Parkanlagen, die durch ein geschmackwidri ges Denkmal für den Kanalflieger Blsriot verunziert sind, liegt die Zitadelle. In der Zitadelle lagern die gefangenen Engländer — lär mend, rauchend, sich juckend. Auf den Köpfen seltsame Kappen, die sie aus dem Innern ihrer Eisenhelme herausgerissen haben. Leute ver schiedener Klasse und Bildung des Körpers und Geistes. Aus London, Manchester, Irland. Aber fast alle unbekümmert um ihr Schicksal, wie immer, zuversichtlich, manchmal roh und frech, manchmal tief sympathisch wie jener Lehrer aus Sheffield, der in der Stube der Ser geanten saß. Er focht seit Kriegsanfang — ein blonder Hüne, wie aus Wesselburen, aber mit den sanften Augen eines Knaben — man schaudert, daß dieses Bruderblut mit uns im Kriege liegt. Die meisten redeten gern. Sie drängten sich heran und prahlten — mit derSchlacht an der User, mit ihren 5 Millionen. Sie wollten wieder zurück in die Gräben. Die Deutschen seien heute halb besiegt. Morgen würden sie es ganz sein. Wann der Krieg zu Ende sei? Wenn Deutschland die englischen Bedingungen restlos angenommen habe. (Hier erhob sich vereinzelter Widerspruch.) Gewiß, sie seien jetzt gefangen — sagte ein Maschinenbauer von Vickers — aber wenn sie noch lange hier in Cambrai lägen, würde die englische Kavallerie sie holen. Ein deutsches II-Boot in Amerika? Schwindel! „Und wenn ihr tausend II-Boote nach Amerika schickt, s^all I>sg,t tlism g.11." Als Stimmung eben gefangener Truppen ist das immerhin bemerkenswert. Aber es waren auch andere da, die gar nichts sagten, und einige, die ernsthaft redeten: über die mangelhafte Ausbildung der englischen Offiziere, über Deutsch lands Vorzüge vor England und umgekehrt — und über die Möglich keit eines guten Friedens, der „uns und euch und so die ganze Welt zufrieden macht". Trommelfeuer und Gasangriffe Cambrai, 18. Juli 1916. Ovillers lag schon vor der englischen Offensive an einem kritischen Punkt unserer Front — da, wo unsere Linie in der Pieardie aus der Nordsüdrichtung plötzlich nach Südosten abbiegt, an der Nationalstraße von Rouen nach Valenciennes. Im Laufe der Sommeschlacht ist Ovillers zu einem Zentrum der deutsch-englischen Kämpfe zwischen Ancre und Somme geworden. Als die südlich anschließende Linie85 schon längst zurückgenommen war, als Frieourt, Mametz und Contal- maisvn schon in den Händen der Gegner waren, leistete das tapfere Regiment von OvillerS noch immer heldenhaften Widerstand. Diese tapfere Verteidigung von Ovillers soll hier näher beschrieben werden. Sie ist nur ein kleiner Abschnitt aus der gewaltigen Somineschlacht. Aber der Geist dieser Verteidigung ist der Geist dieser ganzen Defensiv- schlacht gewesen. Das schwäbische Regiment, das Ovillers vom ersten bis zum 7. Juli verteidigt hat, bezog im Juni seine Stellungen, die von Thiepval über Ovillerö in einein scharfen Haken nach La Boisselle zu liefen. Von einer bevorstehenden englischen Offensive wußte das Regiment nichts Sicheres. Aber man richtete sich ein, indem man die Drahthindernisse verstärkte und möglichst viele und tiefe Unterstände baute. Am 24. Juni frühmorgens setzte die Beschießung auf der ganzen Linie ein, nachdem schon am Tage vorher von bis 1 Uhr mittags das hinter der linken Flanke des Regiments liegende Dorf Pozisres unter schweres Feuer genommen war. Die Beschießung dauerte mit kurzen Unterbrechungen sieben Tage und sieben Nächte. Der vorderste Graben blieb bis kurz vor dein Angriff vom Feuer frei. Nachts warf sich die feindliche Artillerie besonders auf die Hinteren Verbindungs- straßen. Tagsüber trommelte sie auf der mittleren und dritten Stel lung. Nach einiger Zeit bekam ihr zunächst zielloses Streufeuer auf unsere gesamten Linien besondere Richtung. Der Feind beschoß einige Stellen systematisch und mit besonders schweren Kalibern, offenbar, um einige ganz sichere Durchbruchslöcher und Sturmgassen in unsere Verteidigungslinie zu schlagen. In diesen Stellen setzte er gegen unsere Drahthindernisse auch besonders schwere Torpedominen an. Endlich, kurz vor dein 1. Juli, begann er auch unsere erste Linie mit großen Kalibern zu belegen. Neben dieser Feuervorbereitung ging einher eine intensive Flieger- aufklärung, Patrouillentätigkeit und Abblasen von Gaö gegen unsere Linien. Von den Scharen englischer Flieger, die mit Beginn der eng lischen Offensive unsere Linien überschwemmten und an manchen Stel len aktiv in den Feuerkampf mit eingriffen, haben wir bereits aus den Äußerungen deutscher Verwundeter gehört. Diese zahlreichen Flie ger haben zweifellos durch ihre Beobachtung der feindlichen Feuer- leitung große Dienste geleistet. Unsere eigene Beobachtung haben sie durch heftige Angriffe auf unsere Flieger und Fesselballons zu stören versucht. Wenig Erfolg hatten die englischen Gasangriffe. Wenn der Wind stark war, verpuffte die Wirkung oder das Gas schlug zurück. Bei schwachem Winde konnten die bläulichen Wolken vorher gesehen und alle Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Unsere Gasmasken be währten sich vorzüglich. Während der ganzen Angriffe betrug die Verlustzahl durch Gas zwei Mann. Diese hatten ihre MaSken ge öffnet, um bei ihrer anstrengenden Arbeit reichlichere und frischere Luft8b atmen zu können. Gas, das bis weit nach hinten drang, war so dünn geworden, daß es keinen Schaden mehr tat. Immerhin empfanden noch in Courcelette, 5 Kilometer hinter der Front, die französischen Einwohner diese übelduftenden Grüße ihrer Alliierten so peinlich, daß sie sich in die Unterstände ihrer deutschen Feinde flüchteten. Wo das Gas in die Unterstände drang, ward es rasch wieder vertrieben. Ein Stuttgarter Hofschauspieler wurde von einer Gaswelle weit hinter der Front auf der Landstraße überrascht und mußte das Zuhauselassen seiner GaSmaSke mit einer leichten Erkrankung büßen. Die vorbereitende Patrouillentätigkeit der Engländer ward durch energische Gegenpatrouillen von seiten des Regiments erwidert. Dabei wurde eine feindliche Patrouille abgeschnitten, bei welcher man höchst merkwürdige Nahkampfwerkzeuge entdeckte. Zum Beispiel eine Mist gabel, deren Zinken vorn umgebogen waren. Nach Aussage ihres Be sitzers sollte sie dazu dienen, unsere Leute von oben aus dem Graben herauszuzerren. Andere trugen kleine Beilpicken, um dem Gegner den Schädel einzuschlagen. Einer hatte sich höchst kunstvoll eine Lanze mit Eisenspitze verfertigt, wie man sie in den „Schreckenskammern" der Jahrmärkte bewundert. Dies und die Tatsache, daß man eines Tages eine deutsche Patrouille von den Engländern mehr gemordet als getötet fand, schuf große Erbitterung und gab auch den späteren Kämpfen ein wildes Gepräge. So nahte der Angriffstag des 1. Juli heran. Die Engländer schös sen unentwegt in rasendem Tempo weiter. Einzelne ihrer Blindgänger trugen Kupferringe ohne jeden Eindruck — so ausgeleiert waren manche Rohre ihrer seit sieben Tagen feuernden Geschütze. Während dieses ganzen endlosen Trommelfeuers harrten die Bataillone des Regiments in ihren Unterständen tapfer aus. Ihre Verluste waren minimal — dank den anstrengenden, aber weisen Vorarbeiten. Natür lich war an Schlaf kaum zu denken. Stündlich gab es verschüttete Eingänge wieder freizulegen. Glänzend funktionierte der Telephon dienst. Während der ganzen Beschießung und auch später ist das Re giment mit jeder Kompagnie ununterbrochen verbunden gewesen. Für jeden, der die Wirkung eines modernen Trommelfeuers auf unser Strippennetz kennt, eine fabelhafte Leistung. Glänzend arbeiteten auch die Essen- und Materialträger, die Läufer sowie die wichtige Forma tion der Wmker. Als am 1. Juli, 7 Uhr ZV Minuten, nach einer nochmaligen zwei stündigen intensiven Beschießung unseres ersten Grabens die Englän der zun, Sturm antraten, da sahen selbstverständlich unsere Stellun gen böse aus. Wo die Torpedominen gehaust hatten, waren unsere Drahthindernisse wie wegrasiert. Die meisten Gräben waren einge fallen und ausgeglättet. Viele Unterstände halb verschüttet. Anstatt der sauberen Kunstfiguren unserer Sappen- und Ausnahmestellungen eine Erdwüste von Löchern und Buckeln, Holz- und Steinsplittern. Das war die Basis, von der aus daS Regiment seine drei Kilometer87 lange Stellung und das dahinter liegende Dorf Ovillers verteidigen sollte. Mit dein Moment, wo die Engländer ihr Feuer auf unsere Hintere Linie verlegten, um jede Verbindung mit unseren Reserven zu sperren, wo sie aus ihren Gräben stiegen und in dichten graugrünen Wellen auf unsere scheinbar völlig erledigte erste Stellung losstürmten, setzte unsere eigene Artillerie mit einem mörderischen Sperrfeuer dicht vor dem anrückenden Gegner ein. Das Regiment von Ovillers wird immer dankbar der glänzenden Unterstützung der hinter ihm liegenden Artil- leriegruppen gedenken, deren lückenloses Sperrfeuer mächtige Löcher in die englischen Wellen riß. „Wie Kegel" — schreibt ein englischer Verwundeter — fielen die Stürmenden um. Aber immer neue Mas sen drängten nach und füllten die Lücken. Plötzlich standen die ersten vor den Trümmern unserer Drahtverhaue. Sie drangen durch die Sturmgassen in unsere ersten Grabenreste. Da aber wurde plötzlich die tote Erde überall lebendig. Der Kampf begann. Der englische Ansturm Cambrai, 18. Juli 1916. Die ersten Angriffe der Engländer gegen die zirka drei Kilometer lange Front des Regiments erstarben im Strichfeuer unserer Maschi nengewehre, die aus allen Löchern der Erde mit unheimlicher Plötz lichkeit aufwuchsen. Waö den Maschinengewehren entrann, fiel den Jnfanteriegefchossen oder den Handgranaten zum Opfer. Die drei ersten Angriffe folgten sich in halbstündigen Pausen. Der vierte An sturm erst hatte Erfolg. Hier gelang es dem Gegner gegen Vs'lo Uhr in den ersten Graben einzudringen — und zwar zwischen der soge nannten Baumsappe und der Leichensappe. Letztere hatte ihren Namen von 200 französischen Toten, die hier aus den Septemberkämpfen des Jahres 1914 begraben lagen. Der Gegenangriff wurde sofort vorbereitet. Während so im ganzen der englische Ansturm hier scheiterte ^ von der Ruhe und Kaltblütigkeit unserer Abwehr zeugt die Tatsache, daß einer unserer Offiziere aus dem zweiten Graben ein paar glän zend gelungene Aufnahmen der abgeschlagenen englischen Sturmkolon nen machen konnte —, war es ihm in dein links anstoßenden Abschnitt gelungen, in die deutschen Gräben einzudringen. Dadurch geriet der linke Flügel des Regiments in die Notlage, sich gegen zwei Seiten wehren zu müssen. Es lag nahe, diesen Flügel zurückzubiegen. Das aber widersprach dem Befehl, Ovillers unter allen Umständen zu hal ten. So dämmte man die Gräben nach links ab, brachte Maschinen gewehre in Stellung, und mit dünneren Linien, aber womöglich noch entschlossener warf man sich der grüngelben Flut entgegen. Von drei88 dichten englische« Sturmwellen, die hier anrannten, meldete das linke Flügelbataillon, daß nicht ein einziger Mann aufrecht zurückkam. Gleichzeitig mit diesem Angriff entwickelten sich schwere Kämpfe weiter nördlich, wo der Feind aus dem Walde von Authuille Welle um Welle vortrieb. Hier mußten der Übermacht ausweichend die vor deren Gräben geräumt werden. Die Engländer gruben sich mit rasen der Schnelligkeit fest ein und schoben einen tiefen Laufgraben, gefüllt mit Maschinengewehren, sowie ein frisches Bataillon in das eroberte Gelände hinein. Wieder mußte die Stellung nach rechts verlängert und mit Sandsäcken abgedämmt werden. Endlich warf der todesmutige Handgranatenangriff einer Kompagnie den Gegner in den Wald von Authuille zurück. Um 10 Uhr 35 Minuten ist auch hier jede Gefahr abgewandt. Nun folgt eine mehrstündige Pause, während welcher wir unsere Verbände ordnen und Munition und Verpflegung heranschaffen kön nen. Der Engländer ist fast stumm — scheinbar überrascht durch den lebendigen Widerstand, der ihm jeden Erfolg an dieser Stelle unmög lich machte — beschäftigt wahrscheinlich wie wir mit dem Wiederher stellen seiner Einheiten. Das muß ihm besondere Mühe gemacht haben. Denn alle Meldungen auch dieses Regiments bestätigen die schon oft bemerkten Mängel der englischen Unterführung. Um 1 Uhr 10 Minuten nachmittags nimmt der Gegner die An griffe wieder auf. Aus seinem sogenannten „Marmorpalast", einein glänzend weißen Grabenstück aus Kreide, stürmt er gegen unser Zen trum an. Dieser Angriff kam als Überraschungsangriff ohne Artil lerievorbereitung. Aber so hervorragend funktionierte unser Nachrich tendienst, daß schon nach wenigen Sekunden das Sperrfeuer unserer Artillerie einen dichten Vorhang vor seine Linien warf. Ohne über haupt unseren Graben zu erreichen, fluteten die Reste der Angreifer in ihren „Marmorpalast" zurück. Das völlige Mißlingen dieser Überraschungsaktion muß nachhal tigen Eindruck gemacht haben. Denn von da an blieb der Gegner den ganzen Rest des TageS in seinen Gräben. Um 7 Uhr 35 Minuten abends war auch das kleine Grabenstück zwischen Bauin- und Leichen sappe wieder in unserer Hand. Der erste Tag der Offensive schloß mit einein guten Ergebnis; die tapferen Schwaben hatten kein Stück ihres Geländes verloren, vielmehr am Nordflügel noch 100 Meter gewonnen. Ihre Verluste waren gewiß nicht gering. Aber die Ver luste des Gegners betrugen nach einer ziemlich genauen Berechnung des Regiments das Achtfache. Wurden doch allein in und direkt vor dem Regimentsabschnitt zwischen 1500 und 2000 englische Gefallene gezählt. So fiel die Nacht auf Tote und Lebende herab. Das Dörf chen OvillerS mit seinen zerschossenen Bauernhäusern und seiner Kirchenruine, von der noch zwei Eckpfeiler und ein Streber (mit Ziegel bedeckt) in den Himmel ragten, war trotz aller englischen Massen stürme in deutscher Hand.89 Aber auch die Nacht war voll Leben. Vor den ersten Stellungen erhob sich das Ächzen und Stöhnen der Verwundeten, wie das nächt liche Brüllen des Löwen vor den? Lager der Karawane. Von hüben und drüben krochen die Krankenträger heran und retteten im Feuer, was zu retten war. Dazwischen schoben sich Patrouillen. Wütende -Handkämpfe entspannen sich, in welche hie und da auch Verwundete eingriffen. Zwischen zwei und drei Uhr morgens setzte ein verheeren des Trommelfeuer der Engländer ein. Aber es blieb ohne jeden An griff. Die ganze Nacht arbeiteten unsere Leute fieberhaft an der Aus besserung ihrer Gräben und Unterstände. Mengen frischer Jnfanterie- und Maschincngewehrmunition wurden herbeigeschleppt. Die ersten Verstärkungen trafen ein. Drüben lagen die Engländer. Sie hatten im Norden und Süden einige schmale Erfolge gehabt. Im Abschnitt von Ovillers lagen sie an derselben Stelle, aus der sie sich am Morgen siegestrunken erhoben hatten. Man hat nach zwei Tagen einen interessanten Befehl bei einem ihrer Gefangenen gefunden. Darnach war für den ersten Tag der Offensive die Erreichung der Linie Puisieux—Mirauinont—Cour- celette—Martinpuich befohlen. Diese Orte lagen durchschnittlich fünf Kilometer hinter unserer Front. An keiner Stelle war dies Ziel auch nur annähernd erreicht. Im Abschnitt von OvillerS sollte, nach dem selben Befehl, der erste Stoß bis in unseren dritten Graben, der zweite bis zur Linie Ferme du Mouquet—Pozisres, der dritte bis nach Courcelette—Martinpuich führen. Hier hatte der Gegner auch nicht einen Meter gewonnen. Trotz aller bangen Schwere des Augenblicks ^ ein leises Zittern des Stolzes durchschlich das Regiment bis auf den letzten Mann. Der Kampf um Ovillers Cambrai, 18. Juli 1916. Der englische Ansturm am 1. Juli war die Einleitung zu Kämpfen gewesen, die erst am Z. Juli ihren Höhepunkt erreichten. Noch während des ganzen Vormittags herrschte am 2. Juli drüben bei dem Feinde wie bei den Schwaben reges Leben in den Stellungen ohne besondere militärische Aktionen. Der Gegner war anscheinend noch immer mit dem Auswechseln seiner Truppen beschäftigt. Tat sächlich bewiesen die späteren Gefangennahmen, daß er gegenüber dem Regiment eine ganze frische Division neu eingesetzt hatte. Um sich gegen Flankenangriffe zu sichern, mußte die Verbindung nach links abgedämmt werden — alles unter den Augen der englischen Flieger, die an diesem Morgen besonders keck und zahlreich dicht über unsern Linien kreuzten. Um 4 Uhr nachmittags griffen die Eng länder noch einmal am Nordflügel stark an. Das dortige Bataillonyo hatte sich nach den schweren Kämpfen des vorhergehenden Tages in der Nacht aufgefrischt und wies diesen Angriff kräftig ab. Die Eng länder blieben im Walde von Authuille liegen. Die verhältnismäßige Ruhe an diesem Tage ließ für den Z .Juli nichts Gutes ahnen. So kam es. Schon um 2 Uhr 20 Minuten hatte das vorbereitende englische Trommelfeuer eingesetzt. Um 4 Uhr ZV Minuten setzten sich die Jnfanteriemassen gegen unsern Südab schnitt, dicht vor dein Dorfe selber, in Bewegung. Ein schwaches Bataillon verteidigte das Dorf gegen einen Gegner, der mit Reser ven eine ganze Division umfaßte. Wie später aufgefundene Befehle zeigten, hatte diese Division Befehl, das Dorf Ovillers um jeden Preis zu nehmen. In solchen Massen kamen die Engländer angeflutet, daß sie über unsere erste Linie längst hinaus waren, bevor unsere eigenen Leute ihre Unterstände verlassen konnten. Um 5 Uhr ZV Minuten sind die Engländer mit starken Kräften mitten im Dorf, wo sie sofort ein paar Maschinengewehre bei der Kirche in Stellung bringe». Aber auch die Schwaben sind mittler weile lebendig geworden. Ohne sich um die über ihre Köpfe hinweg gerannten ersten englischen Wellen zu kümmern, werfen sie sich den immer neu von drüben heranstürmenden Reserven entgegen. Vor diesen Reserven sprengten seltsamerweise englische berittene Offiziere her — „in totaler Verkennung der Situation" — waö ihnen die Maschinengewehre unserer Verteidiger schnell beibrachten. Kein Pferd hat den Weg nach den englischen Linien zurückgefunden. Allmählich gelingt es den Kompagnien, nicht ohne schmerzliche Verluste, diese nachdrängenden englischen Massen zum Stehen zu bringen. Dafür ward die Situation im Dorfe selber mit seder Minute brenz liger. Die Engländer hatten sich hier fest eingenistet und beschossen mit ihren Maschinengewehren unser nördlich anschließendes im Zen trum der Regimentsstellung liegendes Bataillon im Rücken. Fast alle Kräfte des Regiments waren vorn engagiert. Kaum standen dem Kommandeur noch Reserven zur Verfügung. So mußte von andern Abschnitten Beistand geholt werden. Zuerst kamen zwei Züge vom rechten Flügel. Durch das dichte Sperrfeuer des Gegners hindurch eilten die Leute ihren Kameraden zu Hilfe. Schon nach 10 Minuten waren sie vom äußersten Nordabschnitt her angelangt. Trotz empfind licher Verluste griffen sie sofort ein. Zwei weitere schwache Züge wur den aus den übrigen Abschnitten zusammengestellt. Mit diesen ge ringen Kräften ging man gegen das starke Engländernest vor. Und zwar griffen zwei Züge von Norden, die beiden andern von Süden umfassend mit Handgranaten an. Ein wildes Ringen von Mann zu Mann entspann sich in den Dorfgassen und besonders auf dem Kirch platz, wo die zwei Lewis-Maschinengewehre standen. Endlich gelang es einem besonders schneidigen Handgranatentrupp von vier Mann, die IS Mann starke Bedienung dieser Maschinengewehre unschädlich zu machen. Das eine warfen die Engländer im letzten Augenblick inI - 91 den Brunnen, der neben der Kirche steht. Das andere wurde nebst Z2 englischen Gefangenen, darunter einem Hauptmann, nach einer halben Stunde als Beute nach C. eingebracht. Alle Entsatzversuche der Engländer, die von der üblen Lage ihrer in Ovillers eingedrunge nen Kameraden natürlich bald erfuhren, wurden abgeschlagen. Außer Gefangenen verließ keiner der Eingedrungenen lebendig den Kampf platz. Um 7 Uhr morgens konnte das ganze Dorf als gesäubert ge meldet werden. In unerhörten Anstrengungen hatten unterdessen die vorn kämp fenden Kompagnien sich der englischen Anstürme erwehrt. Von dem persönlichen todesverachtenden Mute, dem allein diese wunderbare Verteidigung zu danken war, zeugt das Beispiel eines Gefreiten Pf. Er war Führer eines Maschinengewehrs und lag in einem der vor dersten Trichter. Seine ganze Mannschaft wurde hinweggeschossen. Er bediente das Gewehr allein. Er bekam einen Schuß durch den Handteller. Er feuerte weiter. Das Gewehr hatte plötzlich Lade hemmung. Im feindlichen Feuer, mit blutender Hand, reparierte er es, und schießt weiter. Dicht vor der Mündung fallen die Engländer zu Dutzenden. Alö der Sturm abgeschlagen ist, meldet der Gefreite seine Verwundung und bittet um die Erlaubnis, sich verbinden lassen zu dürfen. 20 Minuten, nachdem dieser furchtbare Ansturm auf das Dorf abgeschlagen war, um 7 Uhr 20 Minuten, setzte der Gegner auf dem ungeschwächten Nordflügel wieder zum Angriff an. Wieder wälzen sich aus dem Walde von Authuille die grüngelben Massen. Wieder hält das Nordbataillon mit übermenschlichen Kräften die dicht auf einanderfolgenden Stöße auf. Und nichts zeigt den Geist dieses tapfe ren Regiments besser als folgende Tatsache: Mitten in seiner eigenen Bedrängnis schickt der Kommandant dieses Nordbataillons auf die Nachricht, daß es drunten im Dorfe wild zugehe, aus freien Stücken eine kleine Unterstützungsschar nach dorthin ab. Dieser Zug erschien plötzlich am Südrand des Dorfes. Aber seine Hilfe war nicht mehr nötig. Um 8 Uhr waren auch oben im Norden alle Angriffe abge wiesen. Um 8 Uhr 4 Minuten ging die stolze Meldung an die Di vision nach hinten: Ovillers und die ganze Stellung deS Regiments ist restlos gehalten. Um 1.0 Uhr 35 Minuten traf ein längeres Hand schreiben des kommandierenden Generals ein, der dem tapferen Regi ment den Dank des gesamten Abschnittes übermittelte. Während dieser ganzen drei Kampftage — an einer der exponier testen Stellungen unserer gesamten Offensivfront — hatte, auch in den kritischen Momenten, der Nachschub und die Verpflegung glän zend funktioniert — bei den heutigen Kampfverhältnissen ein ganz besonderes Verdienst. Nur einmal in der ganzen Zeit seit dem Be ginn des Trommelfeuers mußte die eiserne Ration angebrochen wer den. Immer klappte der Nachschub von frischer Verpflegung, trotz dem die Anmarschwege dauernd in schwerem Feuer lagen. Die tüch-92 tigen Leistungen der Regimentstelephonisten während des siebentägi gen Trommelfeuers sind schon erwähnt. Auch während der Kampf handlung selber hielten sie ihre Verbindungen tadellos aufrecht. Vom 4. bis 7. Juli erfolgten keine Angriffe. Nur einige Pa- trouillengefechte wurden in dem mit Haufen von Leichen bedeckten Vorgelände der Stellung geliefert. Links und rechts stürmte der Feind immer von neuem gegen die Nachbarn. An der Stellung der Schwa ben hatte er sich den Schädel eingerannt. Dann verließ das Regiment seine Stellung und machte frischen Kräften Platz. Fast vier Wochen hatte es in den Gräben und Löchern um Ovillers gelegen. Es hatte den stärksten Ansturm des Feindes ausgehalten. Es hatte die wichtige Scheitelstellung gehalten. Seine Verluste waren natürlich schwer, aber im Vergleich zu den Verlusten, die es dem Feinde zugefügt und besonders zu dem, was es durch sei nen Opfermut gerettet und verhindert hat, mußten sie stolz ertragen werden. Aber auch der Heimweg des Regiments war noch eine letzte furcht bare Leistung. Kaum waren die Leute in C.... angekommen, erfolgte zwischen Ovillers, La Boiselle und Contalmaison ein neuer englischer Massenangriff. Das Regiment mußte eine rückwärtige Riegelstel lung einnehmen. Hier lag es zwei Tage lang — in elenden Schlamm gräben — im schweren englischen Artilleriefeuer. Diese zwei Tage, denen jede eigentliche Kampfhandlung fehlte, werden merkwürdiger weise von allen Seiten als die schwersten der ganzen Zeit geschildert. Endlich kam der Befehl zum Abmarsch. Und in demselben Moment war alles vergessen. Sie zogen nach Bapaume. Sic marschierten an diesem Tage noch ^5 Kilometer. Sic konnten plötzlich wieder singen. Zerfetzt und zusammengeschmolzen — aber unbesiegt — wanderten sie auf der breiten Nationalstraße Rouen-Valeneiennes dahin. Links und rechts wogten die Kornfelder. Blutigrot wie der blühende Mohn ging die Sonne in ihrem Rücken unter. Als sie durch die dunklen Straßen Bapaumeö zogen, sangen sie das Lied: „O Deutschland, hoch in Ehren." Südafrikaner an der Somme Cambrai, Juli ^916. Unter den englischen Gefangenen in der Zitadelle von Cambrai fielen einige durch besondere Abzeichen auf. Das waren Südafrikaner. Sie tauchten zum ersten Male an unserer Westfront auf. Die meisten von ihnen hatten den Feldzug gegen Deutsch-Südwest mitgemacht. ES waren also die Eroberer unserer bestentwickelten Kolonie, die da vor uns standen. Ein merkwürdiges Gefühl — zumal für den, der noch zwei Monate vor dem Kriege erstaunt durch die Diamantenfelder,93 Viehweiden und Kleinsiedelungen da unten geritten ist. Als ich diese Leute vor mir sah, die sich rühmten, Lüderitzbucht und Keetmanshoop, Windhuk und die Bergwerke von Otavi besetzt zu haben, empfand ich zum ersten Male, mit welchen Gefühlen ein Franzose einen deutschen Kriegsgefangenen betrachten muß, von dein er sich sagen muß, daß er seine schönsten Provinzen zerstampft hat. Mit ganz anderen Ge fühlen als wir, die wir den Krieg außer Landes haben. Die Südafrikaner stecken teils in der eigentlichen südafrikanischen Brigade, teils in andern Regimentern. Ich traf sie in schottischen Regimentern, unter die auch Kanadier gemischt waren. Warum, ist nicht ganz klar. Wollte man vielleicht verbergen, daß auch an der Somme wieder die ooloni-ils die Hauptarbeit tun? Denn so ist eS. Auf dem schmalen Frontstück zwischen Hardeeourt und Thiepval trifft man außer den Engländern alle fremden Kontingente des Imperiums beisammen. ^vkols Lmizirs is ksi-s" — sagte der Lehrer aus Sheffield stolz. Die Leute redeten offener als die Stockenglander — über die Pro- tektionswirtschaft im Beförderungswesen, über die Unzahl junger Gentö, die sich in der Etappe herumtreiben, über die Franzosen, die gute Soldaten, aber schlechte Kaineraden sind. Wieviel schöner war der Krieg in Afrika als hier, wo sie aus Rücksicht auf die französische Empfindlichkeit größere Städte wie Amiens überhaupt nicht betreten dürfen. Sie redeten recht offen — auch über den Krieg gegen Süd west. Warum meldeten sich Z0000 Mann, als die Werbetrommel durch Kapstadt und Johannesburg ging? O, diese meist stellungs losen Leute des Rand wußten ganz genau, daß bei einem Krieg da unten immer etwas zu holen ist. Und sie haben sich alle etwas geholt und mitgebracht aus unseren sauberen Europäerstädten — wie sie ohne Scheu als ganz selbstverständlich zugeben — auch Diamanten. Die einen rückten von Lüderitzbucht ins Land, die anderen über Port Nolloth und den Oranje. Ein ehemaliger Schaffner der Beirabahn nahm an dem Kommando teil, das den aufständischen General Beyers in den Oranje trieb. Sie redeten nicht mit großer Achtung von Südwest, wo eö kaum Wasser zu trinken gab. Sie machten sich lustig über Windhuk, das ein klägliches Dorf sei im Vergleich mit ihren schönen Städten am Kap lind in Transvaal. Nachdem sie das Land bis zum tropischen Norden erobert hatten, zogen sie heim, auf der neuen Bahn, die während des Krieges von Upington nach Keet manshoop gebaut worden war (und die vor dein Krieg nicht gebaut werden durfte, damit das Vieh auö Südwest nicht den Bauern der Union die Preise verdarb). ^ Ein Mann saß allein, aus Johannesburg (oder Johburg, wie die Südafrikaner sagen), ein Clerk, der gut Deutsch sprach. „Wo haben Sie Ihr gutes Deutsch gelernt?" frage ich ihn. „Auf der deutschen Schule in Johburg." — „Kennen Sie den deutschen Klub dort?" — /,Jch habe dort oft getanzt." — „Kennen Sie die deutsche Firma94 soundso und soundso und soundso?" — Er kannte alle. — „Warum haben gerade Sie sich anwerben lassen?" — „Wenn man nicht mit geht, wird man Feigling gescholten — und das kann man nicht er tragen." Der Clerk war in England geboren, dachte aber schon so afrikanisch, daß er von den Engländern immer nur in der dritten Person sprach. Von Südafrika wurde die Brigade nach England, von da zunächst nach Ägypten transportiert. „Auf welchem Schiffe fuhren Sie?" — „Leanstephan Castle". — „IS ovo Tons groß — 191Z in Dienst gestellt für die Osttour um Afrika — nicht wahr?" — Lii-." — „Ich sah dieses Schiff im Februar 1914 in Durban liegen. Es hat die besten Ventilationsschächte, die ich kenne — nicht das größte, aber daS schönste Schiff der Castle-Linie." — >,?es, Vir." In Ägypten schlug sich die Brigade mit den Senussiö herum. Auch hier war der Wüstendienst nicht leicht. Aber sie wollen den ganzen Stamm der Senussis vernichtet haben, worüber ich lächle. Dann kommen wir in eine Debatte über Englands Kriegsleistungen über haupt. Ich will dein Clerk klar machen, daß England bisher eigent lich wenig getan hat. Aber daö will er nicht wahrhaben. „Sehen Sie, diesen schrecklichen Krieg in Flandern, den Krieg in Gallipoli, der viel mehr gekostet hat, als Sie glauben, den Krieg in Mesopotamien, in Indien, in Arabien, in Ägypten, den Krieg in Südwest, in Deutsch- Ost, den Krieg zur See. ÄlleS das kostet Blut, Geld, Menschen, Munition und Schiffe. I — Englands Kräfte waren bisher zersplittert, aber jetzt faßt es sie alle zusammen. Und Sie iverden sehen: es siegt." Der Clerk lächelte breit mit seinen großen weißen Zähnen. Er war die letzte Nacht erst gefangen genommen. Aber sein blondes Haar war glatt gescheitelt. Er blies den Rauch der Zigarette aus den Nüstern und lehnte sich zurück. „Seit drei Monaten sind wir nun hier. Zuerst lagen wir in Armentisres. Dann kamen wir an die Somme. Wenn ich Ihnen erzählte, wie stark die Engländer sind, wür den Sie erschrecken. 40 Kilometer tief hinter ihrer Front liegt alles voll Reserven. Jedes Frontbataillon hat mindestens eine Division als Reserve hinter sich. Sie haben gearbeitet wie Narren, die Engländer. Und Sie werden sehen: sie siegen." Ich ließ dem Clerk seinen guten Glauben. Und dann erzählte er mir, wie er gefangen wurde. Sie hatten gestern Longueval genommen und waren bis in das Gehölz von Delville vorgestoßen. Aber wie so oft, hatte auch hier die Führung versagt. Sie waren plötzlich ohne Direktive auseinandergerisscn in einzelne Häuflein, die nicht wüßten wohin. Der Clerk lag mit ein paar anderen in einem Granatloch des Waldes. Das Strichfeuer der deutschen Maschinengewehre pfiff über ihre Köpfe. Plötzlich kamen aus allen Trichtern vor und hinter ihnen Deutsche hervorgekrochen. Es war, als ob sie unterirdische Gänge be nutzten. So tauchten sie von allen Seiten aus der Erde auf. Sie95 schleuderten ihre Handgranaten mit wunderbarer Sicherheit. Zwei seiner Kameraden wurden durch eine einzige Handgranate getötet — dicht neben ihm. Darauf rief er die Deutschen in ihrer Sprache an. Einen Augenblick stutzten sie. Dann ward er entwaffnet abgeführt. Draußen auf dein Hofe der Zitadelle traten die Gefangenen mit ihrem klappernden Geschirr zum Essen an. Ich ging. Auch der Clerk war hungrig. Wie ich über den Hof komme, stellt sich mir ein stäm miger Schotte mit nackten Knien vor: ebenfalls Südafrikaner, ein Schlachter auö Pretoria. Er will wissen, wie lange eS dauert, bis seine Schwester unten Nachricht hat, daß er gerettet sei. Ich weiß in, Frieden über den Fahrplan der Castle-Linie ganz gut Bescheid. Heute kann ich ihm keine Antwort geben. Auch an diesem Abend rollte das Trommelfeuer der Sommeschlacht unaufhörlich über die Moore und Juckerrübenfelder der Picardie zit ternd bis an unser kleines Hotelfenster. Dieser Schlacht, die nach dem Willen unseres stärksten Gegners den Krieg entscheiden soll. Und endlos knarrten die Wagen unten über das Pflaster der Stadt. Alle Gedanken kreisten drüben um unsere grauen Männer, die jede Scholle dieses fremden und doch heiligen, weil blutgetränkten Bodens gegen eine Rieseilübermacht verteidigen. Einige letzte Gedanken aber schli chen weit hinweg — nach Afrika, nach den eroberten Viehweiden unserer Farmer in Südwest, nach den Gefangenenlagern am Kap und am Rand, nach Afrika, wo zwischen Zanzibar und den großen Seen ein kleines Häuflein Deutscher in der Tropensonne um seine Ehre kämpft. Der Heldenkampf der Artillerie Südlich der Somme, August 1S16. Es gab eine Zeit, da die Artillerie eine Nebenwaffe war. Die Zeit ist vorbei. In den großen Durchbruchsschlachten des Ostens und Westens hat sich die Artillerie den vollen Wert und Rang einer Haupt waffe erstritten. Bei Gorliee und in der Champagne tat sie in erster Linie noch vorbereitende Arbeit. Bei Verdun und an der Somme arbeitet sie seit Wochen täglich und stündlich an der Entscheidung mit — nicht der kleinste Graben wird ohne schweres eigenes Feuer gegen das schwere Sperrfeuer deö Feindes genommen. Es gab eine ^Zeit, wo die Artillerie eine Art Lebensversicherung war. Auch die Zeit ist vorbei. Die Artillerie — und nicht nur die leichte — steht heute zun? Teil weit vorn. Seitdem wir Fliegerphotographien und Luftfunker haben, ist auch die Niederkämpfung von entfernten Batterien niög- lich geworden. Die Zahl der Geschütze ist ins Riesenhafte gejtiegen — ihre Rohrleistungen sind verblüffend — was täglich bei Verdun und an der Somme als unbrauchbar abgeschoben und als Ersatz neu herangeschafft wird, übersteigt alle bisherigen Begriffe. WaS willYS es heißen, wenn von 2000 Geschützen einmal vier dem Feind in die Hände fallen? Wir lesen die artilleristische SiegeSbeute (der Unfern und deö Gegners) immer noch mit den Augen vom Jahre 1870. Der Wert des einzelnen Geschützes ist gesunken in dein Maße, als ihre Zahl gestiegen ist. Es wiederholt sich alles in diesen großen Durchbruchsschlachten des Westens — bei Arras, in der Champagne, an der Somme. Der erste Tag bringt den Gewinn, das Loch, die Krisis. Dann zieht sich das Loch organisch zusammen, und das Gewürge des Stellungskrieges beginnt. Der erste Tag bringt den Gewinn — den wirklichen Vor stoß, die Gefangene,?, die Dörfer. Der erste Tag bringt auch die eroberten Geschütze. Er bringt den Heldenkampf der Artillerie. Es wiederholt sich alles, die unvergeßlichen Feldkanonen von Ablain- Carency, die ruhmbedeckten Batterien von Loos und Tahure. Auch in der Sommeschlacht umschloß der Verlust einiger Dörfer das Schick sal manches tapferen Geschützes. Sie haben nicht den schlechtesten Kampf gekämpft, diese Batterien zwischen Fay und Belloy. Sollen wir sie vergessen, weil sie so tapfer bis zum Ende feuerten? Wie jener französische Bürgermeister vor einem Jahre an dem gemein samen Denkmal der deutschen und französischen Toten sagte: der Ruhm ist nicht nur bei den Bataillonen, die vorwärts marschieren. Der Heldenkampf unserer vorgezogenen Feldgeschütze südlich der Somme zeigt, daß das mehr als eine Phrase ist. Hier ist einiges aus seiner Geschichte. Als am ersten Tage der großen Offensive die Jnfanteriemassen deö Gegners in unsere zerschossenen Stellungen einbrachen, da war ein Teil unserer vorderen leichten Feldartillerie schon durch das tage lange Trommelfeuer außer Gefecht gesetzt. Manche Batterien traten mit nicht mehr als zwei feuerfähigen Geschützen an. „Ein Rohr war durch mehrere Volltreffer zerstört, bei einem anderen war ein großes Rohrstück völlig herausgeschlagen, Richtmaschine und Schild völlig verbogen, Rad zerstört, das ganze Geschütz halb verschüttet." Bei der Bekämpfung dieser Batterien hatten die feindlichen Flieger die Haupt arbeit geleistet. Jede hatte einen solchen Funkenteufel steil über sich, der Schuß für Schuß nicht nur auf das Geschütz sondern auch auf jeden Unterstand mit Genauigkeit lenkte. Mit welcher Überlegenheit an Artillerie der Feind arbeitet, geht aus der Meldung eines Batterie- führerö hervor, der am 1. Juli von 21/2 bis I .0V2 Uhr, also acht Stunden lang, von drei feindlichen Batterien auf seine zwei letzten feuerfähigen Kanonen 1250 Schuß schwerer Kaliber, Flachbahn- und Bogenschuß, bekam. Noch intensiver als bei Verdun betrieb der Gegner daS Vergasen unserer Batterien. Iu den Opfern des direkten Granatfeuerö traten hier die Opfer des giftigen Gases. Betäubte innerhalb und außer halb der Unterstände, die sich manchmal schnell erholten, aber nach zwei Tagen plötzlich tot zusammenbrachen.97 Bei der überlegenen Beobachtung des Feindes, die durch das sich tige Wetter noch begünstigt wurde, war das Dunkel der Nacht die einzige Rettung. Das schwache nächtliche „Störungsfeuer" wurde als wohltuende Erlösung'empfunden. Schon während des tagelangen vorbereitenden Feuers war die Ver bindung mit der Infanterie vorn schwer aufrecht zu erhalten. Bei dem Einfluten des Gegners in unsere Front ging sie zum Teil völlig verloren. Das erschwerte die Möglichkeit eines wirklichen Sperr feuers ungemein. Denn mit den Infanteristen vorn wurden auch die im vordersten Graben liegenden Artilleriebeobachter und Iielgeber überlaufen. Wegen der Menge von Gas- und Nebelgranaten war auch die Verständigung durch Leuchtkugeln erschwert. So haben manche Batterien an diesem kritischen Tage ohne Verständigungs möglichkeit nach vorn und hinten — denn natürlich waren auch die meisten Strippen gerissen — ganz isoliert und auf eigene Verantwor tung gearbeitet. „Vor der Batterie befand sich keine eigene Infanterie mehr" — diese erschütternde Wendung kehrt in den Berichten der einzelnen Bat- terieführer innner wieder. Was das heißt? Es mußten aus den Be- dienungsresten der zusammengeschossenen Geschütze Trupps gebildet werden, die mit Handgranaten ausgerüstet vorn die Fühlung gegen den andringenden Feind aufnahmen. Man sah Unteroffiziere und Offiziere mit Drahtrollen auf dem Buckel nach vorn eilen, um die zerfetzten Linien wieder zu schließen. Geschützführer sammelten ver sprengte Infanteristen und führten sie wieder nach vorn. Ein Artillerie- leutnant mit zehn Kanonieren besetzte 500 Meter eines Grabens. In diesen kritischen Stunden bewährte sich das selbstdisziplinierte Indi viduum. „Manchmal kam es auf einen einzigen Menschen an, der plötzlich etwas tat." Die Batterien feuerten bis zum letzten Augenblick. Ihre einzelnen Tagebücher sind Heldengedichte von einer sachlichen Kraft, die kein Dichter erreicht. Manche Geschütze schössen trotz Rohraufbauschungen unermüdlich weiter. Die verwundete Kanone einer Batterie nördlich Estrse gab so lange Sperrfeuer, bis nur noch Querschläger heraus kamen. Zwei andere ihrer Geschütze waren längst durch Volltreffer zerstört, die Munition in Brand geschossen, der ganze Geschützstand vollständig ausgebrannt. Ein Versuch, ein Rad von Geschütz 4 an Geschütz 2 zu versetzen, mißlang. Da ward auch das letzte Geschütz durch einen Volltreffer vernichtet. Der Batterieführer läßt alle Rohre sprengen, an die Nebenbatteric Mitteilung machen, den Schußabschnitt mit zu übernehmen, dann zieht er sich mit seinen zum Teil verwun-! deten Leuten zurück, um daS Protzenlager zu retten. — Eine andere Batterie. Sic lag blank vor der feindlichen Infanterie. Längst hatte die benachbarte Batterie ihre Geschütze gesprengt. Sie schoß mit dem letzten brauchbaren Geschütz wütend weiter. Plötzlich taucht im Gas nebel 10 Meter vor dem Rohr ein feindlicher Trupp unter Anführung Köster, Wandernde Erde 798 eines Offiziers auf. Die letzten Schüsse strecken ihn nieder. Dann vorn und hinten ein Geschoß ins Rohr, daö Geschütz fliegt in die Luft — der Rest der Mannschaft schlägt sich nach Belloy durch. Ich habe die Berichte aller Batterieführer — auch der Vertreter jener, die neben dein Geschütz gefallen waren — im Abschnitt Estree— Dompisre—Barleur gelesen. Danach sind alle Feldgeschütze, die in dem geräumten Abschnitt stehen blieben, vernichtet worden. Nur bei einer Batterie waren zuerst lediglich die Verschlußstücke mitgenommen worden. Der Feind befeuerte diese leere Batterie 24 Stunden lang. Am nächsten Morgen ward auch sie durch ein Sprengkommando ver nichtet. Bekommen mag der Franzose die gesprengten Geschütze haben. Aber in Paris wird er sie nicht ausstellen. Diese verbeulten, durch schossenen, zersplitterten, zersprengten Kanonen sind die Ehre der tapferen Artilleristen, die sie bis zum letzten Augenblick bedienten. Aber die Ehre dieser Tage gebührt nicht nur den Kanonieren und ihren Offizieren, von denen einige mit eigener Hand die Munition heranschleppten. Da sind die unermüdlichen Strippenflicker. Das weite Spinnennetz der Drähte, wo zahllose tote Leitungen neben den leben digen und verletzten liegen, haben die Telephontrupps im schwersten Feuer immer wieder zu reparieren versucht. Da sind die Munitions kolonnen. Galoppierend brachten sie allnächtlich ihre gefährliche La dung durch die Sperrkette des feindlichen Feuers bis vorn an die Batterien. Mancher Munitionswagen ist in die Luft geflogen — Roß und Reiter sind zerstoben. Sie alle haben sich dem großen Ziel geopfert. Wohl gingen vorn einige Menschen und Kanonen, einige Gräben und Dörfer verloren. Aber indem diese Tapferen dem Feinde ihre Brust darboten, indem sie sich tollkühn und den Tod vor Augen seiner Übermacht entgegenwarfen, schufen sie die Zeit, daß hinter ihnen der Ring sich schloß. Daß dieser eherne Ring noch heute hält, das danken wir ihnen. Nein, auch diese zerschossenen Kanonen südlich der Somme sollen nicht vergessen bleiben. Heiße Schlacht Südlich der Somme, August ^91,6. Unbarmherzig brennt die Julisonne auf das Schlachtfeld an der Somme herab. Aus einem lachend blauen Himmel — als ob ihn das Stöhnen und Sterben der Erde da unten nicht rührte. Ausgetrocknet liegen die Felder da, auf denen das goldene Korn sich den Schnittern neigt. Aber es sind keine Schnitter da als jener Eine mit der Hippe, dessen Ernte reich und in dichten Schwaden fällt. Diese Schlacht ist eine Schlacht des Sommers, der Hitze, der Glut, der Dürre, des Durstes. Niemals trank die Erde so gierig Menschenblut als in dieser heißen Sommeschlacht.99 7» Da kommt auf der weißen Landstraße ein Trupp Verwundeter an marschiert. Langsam — stumm — einige mit verstörten Blicken — andere mit einem Zuge des Glücks auf ihren grauen Gesichtern. Die müden Füße wirbeln den weißen Staub von der Straße, der in einer dichten Wolke hinter ihnen herzieht. Die weißen Verbände mit den blutroten Flecken leuchten in der Sonne. Auf manchen Flecken sitzen Fliegen. In die graue Staubschicht auf den Gesichtern furcht der Schweiß seine glänzende braune Linie. Alles auf diesem Schlachtfeld hier ist grau, weiß, trocken, dunstig, glutzitternd. Die Bäume und Wiesen und Gärten, alle ihre Blätter sind leblos grau wie Metall. Die roten Dorfhäuser, die grünen Fen ster, die schwarzen Beeren an den Sträuchern — alles Lebendige und Tote ist eingehüllt in einen dichten grauen Mantel von Staub. Nur die schwarze Somme fließt träge und satt durch ihr Moorbett. Aber sie ist nur schmal. Und das grüne Schilf und die Weiden an ihren Ufern sind auch längst ergraut. Manchmal zieht ein Wind über diese traurige Ebene der Picardie — er wälzt hohe graue Säulen über die Felder. Wenn zwei Wagen sich auf der Landstraße begegnen, gibt es dicke Staubwirbel, die lange anhalten. Auf diesen ausgedörrten Ackern, in dieser flimmernden Sonne, in einem unregelmäßigen Halbkreis von 40 Kilometer Länge raucht und brüllt seit Wochen die vierte große Durchbruchsschlacht deö Westens. Vor uns — zu unseren Füßen — liegt nur ein schmales Glied dieses Feuerringes, die Front von Soyseourt bis Berny. Aber es ist eines seiner wichtigsten Glieder. Wie die Engländer oben bei Pozisres an rennen, um den spitz in unsere Linie geschobenen Keil seitlich zu er weitern, so die Franzosen hier bei Estrse und Dsniecourt. Da liegt sie vor lins, die Schlacht, die den Krieg entscheiden soll. Wie viele Schlachten sahen wir so vor uns liegen — im Frühling und im Herbst. Dies ist die Schlacht des Sommers, der reifen Kornfelder. Ist es die letzte? Da liegt Dsnieeourt — Schloß, Wald und Dorf. Die Waldruine wird seit heute früh mit Brandgranaten beschossen. An zwei Stellen brennt der Wald lichterloh. Es befinden sich noch Gräben und Men schen in diesem Wald. Die sollen ausgeräuchert werden. Graue schwarze Riesenwolken wälzen sich über die Brandstätte hin und kön nen durch die Hitze der Erde den Weg nach oben nicht finden. Aber auch Estrse brennt und das weiße Berny. Die alte Römerstraße mit der hohen Pappelreihe raucht. Ein Kornfeld brennt und eine Zucker fabrik. Alles brennt — von Vermandovillers bis nach Barleux hin auf — ein dichter breiter Kranz. Ist eS Rauch, Staub, Gas, Feuer? Die Erde erbricht sich. Der Himmel singt von Fliegern. ES ist immer dasselbe — und darum immer grauenvoller — diese moderne Schlacht: Wirkungsschießen, Zielschießen, Sperrfeuer hin und her-- Sturmangriff, Gegenangriff auf beiden Seiten. Es ist kein Kampf um Land und Sieg, es ist eine Blutpumpe.Ivo Jetzt tauchen vorn am linken Ausgang von Estrse die roten Spritzen der Schrapnells auf. Das bedeutet Angriff. Von wem? Wir sehen nichts. Das Telephon hier oben weiß auch nichts. Seit einer Stunde sind die vordersten Strippen der Leitung gerissen. Wir sehen nur den grauen Riesenbrand und schaudern in dem Gedanken, daß dort vorn in der Gluthitze zwischen Eisen, Staub und Feuer Menschen Auge in Auge gegeneinander ringen. Der Brand der Einschläge wälzt sich bis an unser Dorf. Hier wohnten vor Wochen noch hundert französische Familien — arbeitsam, friedlich, in jener Ungestörtheit durch die Nähe der Front, die einen immer wieder bei diesen Unglücklichen erschüttert. Jetzt sind sie ge flüchtet — vor den Granaten ihrer Landsleute. Und ihre mühsam bebauten fruchtstrotzenden Felder gehen in den Flammen französischer Fliegerbomben auf. Draußen auf offenem Felde feuert eine deutsche Batterie. Über ihr kreisen singend zwei feindliche Flieger — ein großes Kampfflug zeug und ein leichter Beobachter, der mit einem Funkenapparat das feindliche Feuer auf unsere Geschütze leitet. Ungeachtet der nahen Einschläge, die die Batterie zeitweise in dichten Rauch hüllen, feuern unsere Leute weiter. Sie dürfen sich um die verhaßten Vögel da oben nicht kümmern, denn unsere Infanterie hat unter allen Umständen dichtes Sperrfeuer verlangt. Wir sehen die Leute aus ihren Unter ständen springen, feuern und wieder verschwinden. Die Sonne liegt blank auf den grauen Stahlrohren, die so heiß vom Feuern sind, daß keine Hand den Verschluß berühren kann. Die Leute arbeiten schweiß triefend, halbnackt. Der Gegner „vergast" die Batterie — bläuliche Gaswolken, die sich nur langsam verziehen, hüllen die Feuerstelle ein. Die Kanoniere arbeiten in Gasmasken weiter. In regelmäßigen Salven krachen ihre vier Geschütze nach Estrses hinüber — mit allen anderen Batterien ringsum einen dichten Eisenvorhang vor die feind lichen Gräben legend. Ungestört kreisen die beiden Raubvögel noch immer über ihren Opfern, die sie nicht mit Krallen erwürgen, sondern mit kleinen Zif fern und Zahlen, die sie zur französischen Feuerleitung hinunterfun- kcn. Aber jetzt wird das Singen in den Lüften lauter. Zu den melo dischen Sirenen der Franzosen gesellt sich das dunkle Brummen und Knurren der deutschen Motore. In dem blendenden Sonnenlicht — hoch über 2000 Meter — sind nur wenige Apparate zu erspähen. Dafür hört man jetzt deutlich das Klackern des Maschinengewehrs einsetzen — in kurzen abgebrochenen Stößen. Der Kampf im Äther beginnt. Eine Staubwolke naht auf der hinter uns liegenden Chaussee — eine graue rauchende Schlange — ein Bataillon, das nach vorn in den Kampf zieht. Tausend neue runde graue Stahlhelme tauchen aus der Wolke auf. Diese Helme sind schwer, besonders bei der Sonnen glut von heute, aber sie sind ein meisterhast gearbeiteter Schutz. Jetzt-loi kommen sie näher. Der weiße Staub liegt dick auf ihren Körpern, den Tornistern, den kleinen Postkartons, die rings am Gürtel hängen. Grüße aus der friedlichen Heimat — morgen hängen Handgranaten an derselben Stelle. Diese Leute lösen zum zweiten Male in diesem Abschnitt ab. Sie wissen, was ihrer vorn harrt. Diese Leute, von denen auch die jüngsten längst zu Männern geworden sind, brauchen keine Musik, keinen Gesang, keine Prediger und keine aufpeitschenden Tagesbefehle. Stumm wandern sie an ihre Pflicht — hart gegen die Welt, härter gegen sich selber. Plötzlich erhebt sich ein Rauschen über uns. Eine Granate? Ein Zug von Vögeln? Wir können zuerst nichts entdecken in der heißen blendenden Sonnenluft. Plötzlich — das Blut erstarrt — ein bren nender Flieger. Ein weißer Flieger in voller Schleifenfahrt nach unten. Aber die ganze Hintere Hälfte seines Apparates ist eine sprühende gelbe Flamme, die durch den Strom der Luft rauschend nach hinten flattert. Der Flieger rutscht nicht ab. Er überschlägt sich nicht. Ein brennender Sonnengott — stürmt er hernieder zur Erde. Zitternd stehen wir. Wann hat es ihn erreicht? Wann läßt er los? Wann stürzt er hernieder? Wie? Was? Jetzt schießt er zwei Leuchtkugeln ab— bittend, flehend, verzweifelnd. Wer kann ihm helfen? Näher kommt das brennende flatternde Rauschen. Alles hält den Atem an. Eine unheimliche Stille — als ob die große Millionenschlacht für eine Sekunde stockte. Jetzt löst sich etwas aus dem brennenden Vogel — ein Mensch stürzt herab aus 1000 Meter — ein schwarzer Punkt — ein totes Häuflein — mitten im Kornfeld. Aber der andere, der richtige — er muß noch immer lebendig an seinem Rade sitzen und lenken. Noch einen Bogen dreht er, steil und elegant. Jetzt rauscht es durch die Luft wie tausend Kraniche. Unser ganzer Körper bebt. Da bricht der stolze Sonnenvogel auseinander. Ein Flügel flattert lahm und langsam in der Luft wie kohlendes Papier. Der Rest schießt steil ins Feld. Eine Säule von Staub wirbelt auf und hüllt ihn ein. Die Schlacht am Sternenwald Südlich der Somme, August ^916. Diese Division hielt den lenken Flügel der ganzen angegriffenen Sommefront. An ihren südlichen Linien brachen sich die andrängenden Wellen des Gegners. Während er nördlich über Fay und Asservillers in unsere Hinteren Stellungen hineinflutete, hielten diese Schlesier eisern stand. Der Franzose kannte diese Regimenter — vom Friedhof bei Souchez her. Ihre Stellung wurde nach dem 1. Juli einer der wichtigsten Eck pfeiler unserer neuen Linie, ein Scheitelpunkt, um den sich die hef tigsten französischen Anstürme und die gesamte Verteidigung der deut-102 sehen Südfront drehte. Dabei sprang die Stellung mit dem Sternen wäldchen weit in den Feind hinein. Dieser Wald, aus gemischten Buchen und Tannen bestehend, mit dichtem Unterholz, hat seinen Namen von der Sternenfigur, in der zahlreiche Schneisen von seiner Mitte aus nach allen Richtungen laufen. An seinem Westrand zog sich unsere vorderste Linie entlang. Wenn diese Linie verloren ging, mußten wir den ganzen Wald aufgeben. Denn über den Wald hin war von Osten keine Artilleriebeobachtung möglich. Den ersten und zweiten Generalsturm an der Somine haben die Schlesier in dieser Stellung auögehalten ohne Ablösung. Zerfetzt, aber unbesiegt — ohne Übermut, aber voll Stolz — so sahen wir sie in Ruhe abziehen. Unerschöpflich fließt der Strom der Hilfsvölker für unsere Gegner — auö dein Innern Asiens für Rußland, aus Afrika und Indien für Briten und Franzosen. Wir haben keine erotischen Hilfsvölker. Bei uns sind es immer dieselben Regimenter. Es sind immer dieselben deutschen Arbeiter und Bauern, Handwerker und Kaufleute. Man hat sie bei Upern und Belgrad gesehen und trifft sie nun an der Somme wieder. Sie hatten schon gepackt, als wir kamen. Einige Bataillone waren schon kilometerweit fort. Die letzten Kolonnen verließen das Dorf. In dem roten Häuschen, das am Ausgange des Dorfes M. liegt, um kränzt von Granattrichtern, saß der Adjutant und inachte die letzten Eintragungen in seine Bücher. „Was soll ich Ihnen erzählen? Für uns ist die Sache abgetan. Ein Höllenmonat. Weiß Gott, sie können die Ruhe brauchen, un sere Leute — da hinten, wo es Milch und Eier und weder Minen noch Granaten gibt. Denn es sind alles Helden — alle, alle — wenn dieses abgegriffene Wort Ihnen noch etwas besagt." Auf dem Rande einer alten wackeligen Drahtbettstelle sitzend er zählt der Adjutant an der Hand seiner Berichte von den Kämpfen die ser schlesischen Regimenter. Draußen rollt der Donner der Front über die wogenden Kornfelder. Troll, der Pintscher, der alle Stel lungen bis in die Sappen kennt, liegt unruhig zu unseren Füßen. Hunderte von Fliegen surren in dem schwülen, kleinen Raum. „Von der Trommelkanonade Ende Juni werden Sie gehört haben. Die war schlimm, aber nicht neu. Neu war die schwere Menge von Fliegern und Fesselballons. Die Flieger schössen aus 500 Meter Höhe in unsere Gräben, wo immer sich jemand rührte. In unserm kleinen Abschnitt hatten wir 17 Fesselballons gegenüber. Sie können sich denken, wie wir fluchten. Sie beschossen alles, von vorn bis weit hinten. Sie schössen bis auf die Sommeübergänge. Sie schössen außer Gas- nun auch Nebelgranaten. Die sind ungefährlich, aber sie ver breiten dicke Nebelwolken, die die Jeichenverbindung zwischen Infan terie und Artillerie erschweren. — Wie es vorn aussah, können Sie sich nicht ausmalen. Auf einem Kompagnieabschnitt blieben zwei Un terstände heil. Die Leute lagen in Trichtern, zwischen denen sie müh-10Z sam einige Verbindungen aushoben. Vor den anrollenden Torpedo minen sprangen sie hin und her — wie gehetzte Hasen. Zu essen be kamen sie — aber meistens kalt. Zwar die Küchen fuhren bis ins Feuer. Die Essenträger — ein herrlicher Menschenschlag, von dem niemand redet, der aber allnächtlich das Höchste leistet — die Essen träger schleppten unter Verlusten die Kessel nach vorn. Aber natürlich, was bis nach vorn kam, war eiskalt. Dann kam der erste große Sturm — Anfang Juli. Die Fran zosen befolgten eine neue Taktik. Sie drangen schon während des Trommelfeuers in unsere Linien ein. Aber was heißt Linie? Ich war einmal vorn in diesen Tagen. Da traf ich — kriechend — einen Mann, der in einem Granatloch hockte. Wo ist Eure vordere Linie? frage ich ihn. — Dat bin ich — antwortete er. Also sie kamen an geschlichen, in dichten blauen Massen, noch ehe das Trommelfeuer zu Ende war, so gegen ^0 Uhr morgens. Na, und dann ging's los. Wie das ist — wie daö war, daö kann niemand erzählen. Das sind lauter lose Einzelheiten. Niemand vorn erfährt, was links und rechts passiert, niemand hinten, wie es vorn von Minute zu Minute sich ändert. Alle Strippen sind zerrissen. Man sitzt auf Kohlen und wartet. Erst nachher, allmählich füllt sich daS Bild, aber schwer, denn auch die Lebenden hier bei uns erzählen nicht gern... Am Mittag des 1. Juli war unsere Hauptfront gehalten — bis Soyecourt hatte kein Franzose unsere vorderen Trichter überschritten. Nur unser rechter Flügel hatte zurückgehen müssen. Wir standen ur sprünglich bis Fay hinauf. Jetzt lagen die Franzosen in Esträe und unsere Nachbardivision in Belloy. Aus unserer geraden Frontlinie war ein rechter Winkel geworden. Damals waren wir einen Augen blick bestürzt. Erst nachher sahen wir, waö wir gehalten hatten — und daß unsere Winkelstellung der Eckstein unserer ganzen Somme- front geworden war. — Nach ein paar Stunden überblickten wir die Lage. Der Feind war rechts über Frize, Dompierre und Fay hinauSgeströmt. Es war ganz selbstverständlich, daß wir das ver lorene Flügelterrain uns wiederholten. Gegen 4 Uhr nachmittags rückten unsere Schlesier, verstärkt um einige Reserven, auf dem rechten Flügel vor. Sie griffen wütend an — auch die Reserven. Mein Gott, eö waren alles abgekämpfte Regimenter, während die Fran zosen, die uns gegenüberstanden, auö wochenlanger Ruhe kamen. Sie drangen in Estree wieder ein, eroberten das Dorf und lagen am Abend dieses schweren Tages nördlich der alten Römerstraße, deren hohe Pappeln Sie vom HauSdach sehen können. Das war der schlimmste Tag. Die nächsten brachten fieberhafte Arbeit. Immer unter Feuer. Wir bauten und schanzten. Auch der Franzmann richtete sich ein. Manchmal machte er Angriffsversuche. Aber wir hatten die Ansammlungen hinter seiner Front bald heraus, und unsere Geschütze pfefferten sie auseinander. Auch seine Artillerie verteilte der Gegner neu. Wir störten ihn, wo wir konnten. Ganze-l04 Geschütze und Pferde haben wir drüben in die Luft fliegen sehen. Unsere Schweren waren jetzt in großer Anzahl da. Unsere vordere Linie hatte sich nach ein paar Tagen Mühsam eingebaut. Und welche Sicherheit für unsere Truppen vorn, wenn unsere dicken Juckerhüte unaufhörlich in den Gegner schlugen. Am 5. Juli endlich konnten wir unsere Front verkürzen. Rechts von uns wurden Reserven eingeschoben. Unsere Linie endete von nun ab am Westeingang von Estrse. Einen Tag nach dieser Ablösung aber ging das Dorf verloren. Das war gewiß nicht wichtig — und kann bei Ablösungen leicht vorkommen. Nunmehr klebte unser rechter Flü gel am Ausgang des Dorfes. In einem schmalen Dreieckszipfel sprang er bis zur Nordwestecke von Estrse vor. Um diesen schmalen Zipfel ist tagelang gerungen worden. Bald waren wir, bald die Franzosen drin. Deutsch-Eck nannten ihn unsere Leute. Wir gaben nichts um seinen Besitz. Aber die Leute ließen ihn nicht aus der Hand. Besonders ein rheinisches Reserveregiment, das eine Zeitlang unter uns focht, hatte sich hier festgebissen. In 24 Stunden haben die Rheinländer einmal zwölf französische Angriffe abgeschlagen. Es war am 6. Juli. Nach dem letzten abgeschlagenen Ansturm fanden diese Leute noch die Kraft zu einem Gegenangriff. Sie entrissen den Franzosen einige Gräben, machten ein paar Dutzend Gefangene und konnten drei Maschinenge wehre und vier Grabenkanonen nach hinten schaffen lassen — nicht zu vergessen die reichen Eßvorräte, die sie erbeuteten und von denen nichts nach hinten kam. Dieses Gewürge dauerte an unserer ganzen Front fast drei -Wochen lang. Dann kam der zweite Generalsturm — am 20. Juli. Wir alle bis auf den letzten Mann wußten vorher, daß etwas los war, ja, daß es jetzt um das Letzte ging. Franzmann hat sich später her ausgeredet, als ob er nichts Besonderes vorgehabt hätte damals. Wir alle wissen es besser — von unserer südlichsten Division hier unten, bis hinauf zu den Kameraden, die bei Thiepval gegen die Engländer standhalten. Es war dieselbe Ruhe vor dem Sturm wie im Juni, derselbe Eisenregen die ganze Nacht, derselbe einheitliche Sturm auf der ganzen Linie. Von morgens 9 Uhr 30 ab warf General Lebouc seine Regimenter gegen unsere Front — in unaufhörlich neuen An sätzen. An zwei Stellen wurden je ^3 Angriffe an diesem Tage ge zählt — verstehen Sie recht — 1^3 regelrechte Angriffe mit schwerer Minenfeuervorbereitung. Das war eine starke Probe. Manchmal schien das stramm gespannte Band zu reißen. Aber es gab nur nach — ein wenig nach. Und dann zog es sich wieder zusammen. Am Abend war auch diese Krisis überstanden. Der rechte Flügel stand wie eine Mauer. Deutsch-Eck war gehalten. Weder hier noch in der wackeren Nachbardivision war ein lebendiger nicht gefangener Fran zose in unserer Linie. Und doch war dieser Sieg teuer erkauft. Unser Sternemväldchen hatten wir verloren. Es war nicht groß — nicht größer als einen105 Quadratkilometer. Es war auch wirklich keine wichtige Stellung — es sprang aus uns heraus — wir haben nachher nicht einen Soldaten geopfert, um es wieder zu bekommen. Gewiß — das sagt man. Wer uns persönlich war es sehr schmerzlich. Es war ein schönes Wäldchen und mancher Schlesier liegt darin begraben. Ich sage das ganz offen. Aber die Hauptsache war doch, daß das Ganze gehalten hatte. Die wichtigste Ecke der ganzen Süd-Sommefront war nicht erschüt tert. Wir waren stolz, das melden zu können. Seitdem blieben größere Angriffe aus. Das bedeutet natürlich nicht, daß Ruhe war. Sie hören draußen die Artillerie — so ist es immer bei uns. Ab und zu folgten kleine Patrouillenunternehmungen. Vor ein paar Tagen haben wir einen französischen Dragoneroffizier gefangen, einen netten Kerl. Wir fragten ihn, wie lange seine Lands- leute diese fruchtlosen Angriffe noch fortsetzen wollten. Er sagte, unge zählte Scharen von Russen seien unterwegs, die Frankreichs Lücken wieder füllen würden. Ein andermal ergatterten wir einen Tages befehl vom General Leboue, unserem Gegner drüben. Den muß ich Ihnen zeigen. Das Schriftstück ist nicht unsympathisch. Aber be achten Sie, wie selbst dieser anscheinend gerade und ehrliche Soldat in einen: „dienstlichen" Schriftstück uns nicht anders als „Boches" nennt." Der Hauptmann reichte mir den Befehl, der folgenden Wortlaut hatte: „Soldaten! Ihr seid müde, ich weiß es. Aber ich weiß auch, daß der Boche noch müder ist als Ihr. Und ich weiß auch, daß der Befehls haber Euch nicht ablösen kann. Der Boche ist ermüdet, weil er sich seit acht Tagen nur mit großen Schwierigkeiten verpflegt. Er ist de moralisiert, weil er fühlt, daß wir bereit sind, uns auf ihn zu stürzen, sowohl vom Norden wie vom Westen, ihn so in einer Zange packend. Der Befehlshaber kann Euch nicht ablösen, weil er zum Nachstoßen Reserven braucht, um, nachdem Ihr Deniecourt eingenommen habt. Euren Erfolg fruchten zu lassen. Erreicht Ihr dies, so werdet Ihr heute Abend abgelöst. So braucht Ihr denn nur vorzugehen — der Boche liegt seit 14 Tagen Euch gegenüber in einem Ring von Feuer — in einer wahren Hölle. Dies wollte ich Euch sagen, denn Ihr wißt, daß ich Euch immer die Dinge sage, wie sie sind. Ihr werdet mich verfluchen, weil ich trotz Eurer Müdigkeit noch eine Anstrengung von Euch fordere. Aber Ihr werdet Sieger sein — daö verspreche ich Euch — wenn Ihr alle drauf- geht wie ein Mann. Gez. General Leboue." ^ Dieser Befehl war wirklich sympathisch — die Sprache eines alten Soldaten. Er war vor 14 Tagen geschrieben worden. Aber Denie court war noch immer in den Händen der Deutschen. Und ^ist es heute noch. Ich selber habe gesehen, wie die Franzosen seinen Schloßpark in Brand zu schießen versuchten.106 „Eins muß ich noch sagen," fuhr der Hauptmann fort, „unsere Leute sind gewiß nicht ruhmredig. Sie achteil auch den Gegner. Aber alle sind fest überzeugt von ihrer absoluten Überlegenheit — auch von ihrer individuellen Überlegenheit jedem einzelnen gegenüber. Ich frage mich manchmal, wenn ich die strammen, wohlgenährten Burschen von drüben bei uns eingeliefert bekomme, ob das richtig ist. Aber es muß wohl so sein. Denn worin wären wir ihnen sonst überlegen? An Artillerie? An Gunst des Geländes? An Zahl der Truppen? Sie wissen — in keinem von allen. Irgend einen Grund aber muß es doch haben, daß die es drüben trotz aller Massen nicht zwingen." Der Hauptmann machte eine Pause. „Verluste? Nach fünf Wochen Höllenkampf an der wichtigsten Ecke sind unsere Verluste nicht gering. Aber was hilft es? Ohne Verluste ist eine Stellung wie diese nicht zu halten. Und hätten wir sie nicht gehalten — unsere Verluste wären zehnmal größer. Das können Sie glauben. Wir wissen, daß dies der Höhepunkt des Krie ges ist, vielleicht seine Entscheidung. Vielleicht haben gerade wir an dieser Stelle den wichtigsten Kampf für die Zukunft unseres Landes und seiner Kinder geführt. Nun ziehen wir ab. Wir haben unsere Pflicht getan — das weiß der letzte Trainfahrer. Wir sind abge kämpft. Aber wir sind nicht besiegt. Jeder sehnt sich nach Ruhe. Aber niemand möchte den Stolz missen, mit dein wir diese Front verlassen." Nach einer halben Stunde fuhr der letzte Wagen der Schle- sier zum Dorfe hinaus. Es dunkelte. Und die Leuchtkugeln über Estrse zeigten an, daß die Sommeschlacht noch kein Ende gefunden hatte. Saint O.uentm Sommefront, August 1916. Eine bleiche, gelbe Hand hängt aus dem Sanitätsauto, das an uns vorübersaust. Die Hand eines Verwundeten. Keine geballte Faust. Nicht die Hand eines Toten. Eine nach oben geöffnete flehende Hand — als ob ein Moslem betet. Mitten zwischen elektrischen Wagen, Lastautomobilen, Etappensoldaten und schwatzenden Mädchen. Auf dem Marktplatz von Saint Quentin. Viele SanitätSautomobile jagen heute hinter der sommefront auf und ab. Früher wunderte man sich, wenn man einen dieser praktischen zweirädrigen Anhängerwagen sah, die leicht federnd und auf Gummi rädern hinter dem Sanitätsauto herflogen. Heute sieht man zwei — drei — vier solcher Anhängewagen ancinandergekoppelt. Ganze Züge sind es, die sich geschickt durch das Straßengewirr der Stadt schlän geln — alle mit dem blutigroten Kreuz, das weithin leuchtet — immer in rasender Eile — überstaubt, mit flatterndem Verdeck. Bei man cher Last bedeutet eine gewonnene Minute vielleicht das Leben.-l07 Vor dein neuen Justizpalast werden sie ausgeladen. Die Ernte der Sommeschlacht. Es geht wie maschinell. Jeder weiß seinen Griff. Im Nu sind sie verschwunden und neue Wagen rollen vor. Auf den breiten Freitreppen des Austizpalasies huschen deutsche Schwestern, franzö sische Arbeiterinnen, Mönche und Arzte hin und her. Oben in den großen kühlen Sälen schauen alte und neue Bilder auf die weißen Bett- reihen der Verwundeten hernieder — Bilder aus der Geschichte der Stadt und der Pieardie, Bilder von alten Ratsherren und üppigen Frauen. In einem Seitenzimmer neben dem Operationssaal arbeitet ge heimnisvoll der große Magnet. Das ist märchenhaft zu sehen. Ein Pionier hat eine Kugel tief im Schenkel sitzen. Der Arzt kann sie nicht entfernen. Da wird der Mann ins Zimmer gerollt — mit der Wunde gerade unter den Magneten, einen starken Metallblock, der in der Mitte des Raumes hängt. Der Magnet wird niedergelassen. Alles Metall ringsum — auch unsere Uhren und Schlüssel — muß entfernt werden. Dann dreht der Krankenbruder an dem elektrischen Hebel. Der Strom schießt in den Block. Immer stärker und stärker. Die geheimnisvolle Kraft beginnt zu wirken. Der Arzt steht daneben, helfend, dirigierend. Plötzlich fliegt die Kugel klatschend an den Block. Dieser Magnet hat eine fabelhafte Kraft. Er hält ein Eisenstück, an das ein schwerer Mann sich hängt. Saint Quentin tauchte im Anfang des Krieges ganz plötzlich am deutschen Himmel auf. Das war, als die Engländer hier in der vierten Kriegswoche geschlagen wurden. Dann versank es für uns. Fast zwei Jahre lang war Saint Quentin eine echte Etappenstadt — voll all der ruhigen unaufdringlichen Arbeit, die die Etappe dem Heere leistet. Seit dem 1. Juli ist Saint Quentin der natürliche Brennpunkt der Sommeschlacht. Es sind zwar keine neuen Aufgaben, die jetzt gelöst werden. Auch vorher mußte für Ersatz und Ablösung gesorgt, Muni tion und Proviant herbeigeschafft, zerschossenes Material ausgebes sert, neues angefertigt werden. Auch vorher gab es Verwundete. Und wie der große Soldatenfriedhof der Stadt zeigt — auch vorher gab eS Tote. Aber jetzt hat sich daö alles ins Riesenhafte gesteigert. Tag und Nacht zittert das Straßenpflaster unter den schweren Last zügen, den knarrenden Krümperwagen, den hallenden Tritten der Ab- und Anmarschierenden. In den einzelnen Zentralen herrscht fieber hafte Tätigkeit und bei aller äußeren Ruhe — dem Geist der Stunde angemessen — doch eine ernste Spannung. Tausende von Strippen laufen von draußen hier zusammen — kriechen in dicken Bündeln durch die Straßen — an den Häusern hinauf — verteilen sich durch die Fenster in die zahllosen kahlen Arbeitsstuben. Obgleich hier seit Kriegsbeginn kein Bürger telephonieren darf — niemals war die Luft hier erfüllt von so viel lautlosen Gesprächen, Fragen und Befehlen, Ratschlägen und Hilferufen, wie in diesen Wochen. Der Name dieser Stadt wird immer mit der großen Sommeschlacht verbunden bleiben.-l08 ^ Und doch ist Saint Quentin auch heute keine reine Soldatenstadt. So unverwüstlich ist das bürgerliche Leben. Hier wohnen Hunderte von Frauen und Männern — abseits dieser Schlacht — die ihr eigenes Leben führen, fast wie vordem. Da ist die kleine Näherin drüben, der ich ins Fenster seh«. Den ganzen Tag hockt sie gebückt an ihrer Arbeit. Sie hat ein Kind. Ich weiß nicht, ob sie verheiratet ist. Die Mutter ist barsch mit ihr. Zu ihr kommen die Damen der Stadt und probieren die neuen Sommerkleider an. Ich sehe es, wenn ich von der Arbeit aufgucke. So friedlich wichtig geht es zu — ob dies und das auch richtig sitzt. Ms ob hier 20 Kilometer westlich keine Welt geschichte gemacht würde. — Da ist der Diener im Hotel de France. Er erzählt immer nur von der kleinen Buvette, die er nächstens er öffnen will. Er muß noch 800 Franken sparen. Dann hat er genug. Dann kann er sie kaufen. Und es ist ihm ganz gleichgültig, ob er sein Trinkgeld in Sous oder Groschen, von uns oder von den Franzosen bekommt. Und noch gleichgültiger ist ihm die Sommeschlacht. — Und da ist der Lehrer mit seiner jungen Frau — ein etwas künst lerisch aufgeputzter Mann, der sicher eine Reihe großer Ideen hat. Jeden Abend um 6 Uhr geht er mit seiner Frau auf dem Boulevard Gambetta spazieren. Beide sind nett, ja elegant gekleidet. Beide sind stark verliebt. Ich glaube, er schreibt an einem dicken Buch, und sie hoffen, noch einmal nach Paris versetzt zu werden. Was kümmert sie das Grollen der Schlacht im Westen? Sicher sind da viele, die zittern bei jedem Fliegergesurre, das über Saint Quentin zieht, bei jedem aufschreckenden Feuergepolter, das sich aus dem eintönigen Rollen der Schlacht heraushebt. Aber andere sitzen im Cafs Central am Marktplatz wie sonst, lachen und spielen Domino. Andere draußen im Faubourg Saint Jean hatten im Frie den nicht mehr zu essen als jetzt im Krieg. Für sie ist der Weltkrieg eine Wolke am Horizont. Zwei Jahre lang stand die alte Basilika des heiligen Quintinus — weithin sichtbar, aufragend aus dem niedrigen Häusermeer der Stadt — unberührt vom Kriegsgetümmel, das zu ihren Füßen wogte. Auch auf sie schien der Weltkrieg keinen tiefen Eindruck zu machen — mit ihren bunten und schweren Erinnerungen, die tief in die Jahrhunderte zurückreichen. Dieser Krieg der Republik, der nicht der Krieg der Basilika war. Denn die Basilika ist royalistisch und haßt die Re publik. Sie haßt die große Revolution, die ihr die schönsten Statuen zertrümmerte. Sie haßt die Republik, die ihren schönen Leib zerfallen läßt. Zranäs veladrsö — die „große Zerstörte" nannte der Volksmund sie. Nein — die Basilika hatte keinen Anteil an diesem Krieg. Da kam die Sommeschlacht. Die Flieger kamen. Das alte Bauwerk bebte. Fensterkreuze stürzten nieder ins Schiff. Alte Glasmalereien zersplitterten in tausend Scherben. Die Basilika hat ihre Pforten geschlossen und wartet auf ihr Schicksal. Schon brennt Peronne.109 Die Schwesterkathedrale von Noyon fürchtet für ihr Leben. Jedes mal, wenn die französischen Flieger nahen, erzittert die alte Basilika bis in ihr Inneres — bis in die Krypta hinunter, wo in einer alten heidnischen Marmorsäule die Gebeine ihres Heiligen ruhen. Das Ringen an der Römerftraße Sommefront, August 1916. Sie sind nicht laut — diese Männer aus Schleswig und Apenrade, aus Husum und von den friesischen Inseln. Sie drängen sich nicht vor. Sie machen nichts aus ihren Taten. „Wie man das Eiserne Kreuz gewinnt?" — „Man tritt auf Anruf vor und nimmt es in Empfang." — So sind sie, nüchtern und doch innerlich, schweigsam, aber im rechten Augenblick voll wilder Kraft. Sie sind große Arbeiter, zähe Verteidiger. Kein anderer Stamm unseres Landes übertrifft sie an Feuerdisziplin — eine prachtvolle Rasse im Kriege wie im Frieden. 14 Tage lang kämpften sie an der Römerstraße — zwischen Vil lers und Estrse — um einen Straßentunnel, in Distelfeldern, um einen Schloßpark, in Schlupflöchern und Mulden. Immer die hohe Pappelreihe der alten Straße vor Augen. In der Sommerglut des Juli. In den kritischen Tagen, als der Gegner auf der ganzen Front zum zweiten Generalsturm antrat. Sie ließen manchen Landsmann ihrer schönen Heimat tot zwischen den Sandlöchern liegen. Aber sie gaben keinen Meter dieses fremden Bodens auf, den die Heimat ihnen anvertraut hatte — als Bollwerk ihrer Sicherheit. Als sie Mitte Juli diesen Abschnitt bezogen, da kamen sie in die zerschossenen Grabenreste, die vom ersten Sturm übrig geblieben waren in Stellungen ohne Drahtverhau, die eilig unter schwerem Feuer aufgeworfen waren, mit spärlichen Zugangs- und Verbindungswegen, mit dürftigen Schlupflöchern ohne jede Abstufung, die kaum gegen Splitter Deckung boten und bei jedem kleinen Kaliber sofort zu sammenbrachen. Es war ein Abschnitt, auf dem der volle Druck des Feindes lastete. Berny in ihrem Rücken war des Gegners immer wieder bekanntes Ziel. Links von ihnen, bei den Schlesiern, war nicht durchzukommen. Von Berny aus wollte er flankierend jene neulich beschriebene Soyeeurt-Eckstellung unserer ganzen Verteidigung umlegen. Indem die Schleswiger die Römerstraße am Tage des zwei ten Generalsturmes hielten, sind sie mit einer der größten Leistungen unserer Westfront unauflöslich verknüpft. ^ Am 10. Juli zogen sie ein. Schon der Anmarsch in die Stellung ^ im Reihenmarsch — war eine Hölle. Die Zugangsgräben schmal, zerbrochen, — teilweise niedrig gedeckt gegen Fliegersicht, so daß die zu- und abströmenden Gruppen mit vollem Gepäck sich stauten. Auf diesen vollgestopften Gräben lag das ruhige, zielsichere Feuer des Geg-110 ners. Manche Züge krochen aus den unerträglichen Gräben hinaus und legten den Weg durch das feindliche Sperrfeuer im Laufschritt über das offene Weizenfeld zurück. Dann die Ablösung. Sie ist immer voll von kritischen Momenten. Für den Gegner, der sie weiß, die beste Gelegenheit zum Angriff. Alles ist neu — noch nichts eingespielt — niemand kennt genau sei nen Platz — noch sind gar nicht alle da. Dunkle Nacht. Die Leute sind aufgeregt. Plötzlich gegen 2 Uhr nachtö setzt ein schweres Artil leriefeuer auf die Stellung ein. Die Leute rennen hin und her. Nie mand kennt die gefährdetsten Stellen, niemand die „Inseln", wo hin kein Schuß kommt. Gegen Morgen schon folgt der erste Jn- fanterieangriff. Unbekannte Sappen. Unbekannte Postenlöcher. Nie mand weiß, von wo der Feind erwartet wird. Die Artillerie wird benachrichtigt. Ein dichtes Netz von Sperrfeuer senkt sich vor den Abschnitt. Gott sei Dank. Der Franzose kommt gar nicht heraus. Das war die erste Nacht. So ging es zehn Tage lang. Man schanzte nachts im Störungs- feuer — ohne Material. Tagsüber rissen die dicken Kaliber alles wieder zusammen. Granaten und Minen. Minen von 1,1/2 Meter Höhe, die Franzmann gut versteckt hatte zwischen den Trümmern von Belloy. Allmählich lernte man die Gegend kennen. Dieses Belloy war ein Schutthaufen. Es hatte einen Schloßpark und ein paar Gär ten, in denen zersplitterte Obstbäume standen. Auf ihnen hockten zu weilen französische Beobachter. Drei von ihnen wurden im Laufe der Zeit erledigt. Sonst war nicht viel zu sehen vorn, als Disteln, Wiesen und Getreidefelder, aufgerissener Lehmboden und die hohen Pappeln der alten Römerstraße. Die Römerstraße läuft quer von West nach Ost. Alle unsere Stellungen bis Estrse hin lagen nördlich dieser breiten Straße. Vom 10. bis 20. Juli spie der Gegner Granaten über den ganzen Abschnitt, von den vordersten Trichtern bis weit hinten auf die An marschstraßen, die aus dein Tal der Somme auf das Plateau von Barleaux führen — von den vorgeschobensten Posten bis auf die letz ten Reserve- und Armierungstruppen hinten. Er vergaste die Schluch ten und Mulden, wo immer eine Kompagnie in Bereitschaft lag, die offenen Felder, wo seine Flieger festgestellt hatten, daß in Kaninchen löchern oder verlassenen Batteriestellungen vereinzelte Gruppen kau erten. Er deckte alle Ortschaften ein — zerriß durch Volltreffer seine Landsleute, Männer und Frauen, die sich in Kellern versteckt hatten. Dazwischen kleine Angriffe — fast immer aus Belloy heraus. In diesen Vorkämpfen tauchten Schwarze auf. Die Kämpfe waren bis zum 16. Juli zusammenhanglos und rein örtlich. Vom 16. Juli ab wurde es unruhiger. Die ganze Sommegegend hat viel Nebel. Dieser Nebel hat sein Gutes: er behindert die Sicht der feindlichen Artillerie. Aber er er leichtert auch bei Angriffen dein Feind das Näherkommen. Auch ab-III geblasenes Gas ist bei dichtem Nebel erst im letzten Augenblick zu erkennen. Das Gas färbt sich im Nebel bläulich. Es hält sich länger in den Mulden und über den Batterien als sonst. Merkwürdig ist, daß die Pferde über Stellen nicht hinüberzupeitfchen sind, an denen sie einmal Gas geschluckt haben. Vom 1,8. Juli ab ward das Feuer stärker. Die Unruhe steigt. In den Telephonen schwirrte es. Vereinzelte Angriffe wälzten sich dicht an unsere Stellungen. Eine Fernsprechabteilung nach der andern reißt. Die Läufer treten in Tätigkeit. Die in Stafetten ihre Befehle nach vorn und hinten bringen. Da war ein Läufer — einer der schnellsten und zuverlässigsten dieser wichtigen Truppe, die die einzige Rettung ist, wenn alle Strippen gerissen. Durch das dichteste Sperrfeuer rannte er mit seinen Meldungen tollkühn hindurch. Er kannte alle Schliche, der nahenden Granate aus dem Wege zu springen und ihren Splittern die am wenigsten edlen Teile seines Leibes zuzuwenden. Eines Tages, als vorn ein Angriff im Gange ist, wird er im „Schokoladengraben" durch einen schweren Splitter am Kopf getroffen und sinkt um. Er hat eine wichtige Meldung in der Tasche. Die Stafette stockt. Ein ganzes Bataillon liegt vorn ohne Handgranaten und ist verloren, wenn die Meldung nicht ankommt. Der Läufer ist tödlich getroffen. Der Läufer stirbt — ein Maschinenbauer. Aber im Sterben noch zieht er die Meldung auS der Tasche und hält das kleine Papier fejt in der ausgestreckten Hand. Ein Artillerist kommt vorbei, sieht das Papier in der Hand des Toten, rennt zurück, und das Bataillon ist gerettet. So kommt der Abend des 19. Juli heran. Die Division gibt einen Befehl durch: „Morgen starker Angriff erwartet." Die Schleswiger wissen, was die Uhr geschlagen hat. Die Schlacht im Nebel Somme-Front, August 1S16. Der 20. Juli brachte den zweiten Generalsturin auf der ganzen Somme-Front. Die Nacht vorher steigerte sich am Abschnitt der Schleswiger daö Feuer mit unheimlicher Regelmäßigkeit. Um Z Uhr trat eine Feuer- Pause ein. Um 4 Uhr brach es wieder los. Um 6 Uhr hatte es seinen Höhepunkt erreicht. Dichter Nebel lag über der Ebene, als die Sonne aufging. Jeder Mann hockte auf seinem Posten und suchte die graue Wand mit seinen Blicken zu durchbohren. Um 7 Uhr 20 Minuten wur den die Reserven bereitgestellt. Um 7 Uhr ZV Minuten erfolgte der allgemeine Angriff. An einigen Stellen in dichten Gruppenkolonnen. Anderswo in dünnen Schleiern. Die Franzosen lärmten und sangen. Man beobachtete einige Gruppen in braunen Khakiuniformen. Sie112 kamen durch die hohen Disteln im Schutze des Nebels bis auf 10 Meter unbemerkt herangekrochen. Unsere Leute standen zum Teil aufrecht und erwarteten den Feind — das Gewehr an der Backe oder noch lieber die Handgranate in der Faust — die deutsche Handgranate, der kein Franzose widerstehen kann (davon ist jeder unserer Hand granatenwerfer fest überzeugt). Der Kampf an diesem Entscheidungstage spielte sich bei den Schles wigern auf drei Schauplätzen ab. Der rechte Flügel kämpfte im An gesichte von Belloy. Er hatte wegen des starken Nebels Sicherungs- patrouillen vorgeschickt. Nachdem sich der Nebel hier etwas verzogen hatte, belegte der Gegner diesen Abschnitt noch einmal über eine Stunde lang mit schweren Minen. Erst 8 Uhr Z0 Minuten warf er das Feuer in unseren Rücken. Gleichzeitig brach er flankierend aus dem westlichen Teil von Belloy hervor, ward aber mit einein solchen Handgranatenregen empfangen, daß die Reste seiner Stürmer einzeln zurückkrochen. Unter dem Schutz dieser Flankenoperation sandte er seine Hauptmasse frontal vor. Diese brach ungefähr um y Uhr aus 200 Meter Breite in den rechten Flügel ein und erreichte mit ihren Spitzen im Nu den Chausseekörper der Römerstraße. Sofort wurde durch links und rechts angesetzte Gegenangriffe versucht, den einge drungenen Feind abzuquetschen. Er war jedoch so stark, daß er viel mehr selber einen Angriff in den Rücken unserer vordersten Stellung unternahm. Bis 12 Uhr wogten die Kämpfe hier hin und her. Aber Schritt für Schritt schnürten unsere seitwärts drückenden Kompagnien den Gegner zusammen. Endlich erschien Verstärkung von hinten — mit Hurra begrüßt („ein unvergeßlicher Anblick — wie eine Eisen mauer schob sich die Schützenlinie bis an den vordersten Graben"). 12 Uhr 50 Minuten waren die Franzosen am rechten Flügel hinaus gedrängt. Eine abgequetschte Gruppe von 60 Mann wurde gefangen genommen und abgeführt. Schwerer waren die Kämpfe, die sich an diesem Tage in der Mitte des Abschnittes abspielten — hart nördlich von Berny. Auch hier war die Römerstraße das nächste Ziel des Gegners. In diesem Ab schnitt setzte er offenbar, weil es direkt auf Berny ging, seine vorge schobenen Hauptkräfte ein. Schon gegen 5 Uhr morgens entspannen sich im Nebel kleine Vorpostengefechte. Während der ganzen Mor genstunden streuten hier unsere Maschinengewehre das neblige Gelände ab. Um 6 Uhr Z0 Minuten begannen die Minenwerfer westlich von Belloy zu arbeiten, bis 8 Uhr. Eine Viertelstunde später wurde alar miert. Der Angriff ist erkannt. Im selben Augenblicke wird die ganze Nebelwand lebendig. In dichten Massen fluten die Franzosen über unsere Stellungen hinweg. Während sich der rechte Teil dieses Abschnittes hält, wird der linke durch die Übermacht verschlungen. Um 10 Uhr vormittags ist der Feind hier über die Römerstraße hin weg 200 Meter südlich eingedrungen und hat sich mit Maschinengeweh ren festgesetzt, die zunächst alle Angriffe unserer HandgranatentruppsHZ abschlagen. Mit großer Muhe gelingt es den auseinandergerissenen Kompagnien, wieder Fühlung miteinander zu gewinnen. Unterdessen sind hinten Verstärkungen alarmiert — mit dem Be fehl, vom Nordrand Berny aus anzugreifen und den Feind rücksichts los über die Römerstraße zurückzuwerfen. Unter schwerem Granat feuer erfolgt ihre Bereitstellung. Da der Feind sie erkennt, belegt er sie mit Wolken von Schrapnellfeuer. Trotzdem rücken die Schles wiger eilig vor, stürzen sich mit Gebrüll und Handgranaten auf den eingedrungenen Gegner und treiben ihn im ersten Schwung bis zur Römerstraße zurück. Es ist 1 Uhr mittags. Nach einer Pause wird der Stoß wieder aufgenommen. Aber wegen des heftigen französischen Maschinengewehrfeuers voin Chaus seekörper her ist das einheitliche Zusammenarbeiten der in drei Ko lonnen anrückenden Verstärkungen sehr erschwert. Trotzdem erreichen am rechten Flügel dieses Abschnittes um 2 Uhr 45 Minuten die ersten zehn Mann den alten Graben. Ihnen folgen bald andere, und durch den so verstärkten Druck gelingt es im Laufe des Nachmittags, den Gegner rechts ganz hinauszupressen, so daß bald darauf mit dem rechts anschließenden Bataillon auf dem alten Wege die Verbindung wieder aufgenommen werden kann. Links dagegen hat der Gegner seine Maschinengewehrstellung durch schnell und geschickt aufgeworfene Barrikaden verstärkt, die jede Verbindung mit dem am Chausseetunnel kämpfenden linken Flügel der Schleswiger verhindern. Hier entspinnen sich nunmehr die hartnäckigsten Handgranaten kämpfe. Der Feind fühlt sich so sicher, daß er bei Eintritt der Dun kelheit selber zu einein neuen Vorstoß übergeht. Dieser Angriff wird aber durch unser sofort gegen ihn geworfenes, gut liegendes Sperr feuer erstickt. In der Nacht zum 21. Juli erfolgt ein Versuch unser seits, die Barrikadenstellung zu nehmen. Er mißlingt. Die allmählich stark zusammengeschmolzene Kompagnie hält mit übermenschlicher Anstrengung einen neuen Druck des Gegners aus. Endlich, gegen 5 Uhr morgens, wird die Barrikade von der anderen Seite her durch stoßen. Mit Hurra werden die Kameraden empfangen. Das Häuflein ist erlöst. Im Nu befindet sich die ganze Stellung auch im mittleren Abschnitt wieder restlos in unserer Hand — nach 24 stündigen schwe ren Kämpfen. Auch der linke Flügel der Schleswiger war am Morgen des 20. Juli eingedrückt worden. Hier lag die feindliche Linie von vornherein am nächsten an der Römerstraße. Schon nach wenigen Minuten war der Gegner im Besitz des Straßentunnels, den er sofort wie die be nachbarte Barrikadenstellung mit Maschinengewehren ausbaute. Der Gegenangriff ward hier um 2 Uhr nachmittags befohlen: „Durch Maschinengewehre verstärkte Kräfte dringen vom Nordrand Bern» aus durch den Schokoladengraben vor, nehmen den Tunnel, säubern die daran anschließende Sappe und stellen die Verbindung nach rechts her." — Unter ungeheuren Schwierigkeiten dringen die Leute durch Köster, Wandernde Erde 8114 den zerschossenen Zugangsgraben vor — immer eingesehen, denn in der Luft werden 16 bis 20 feindliche Flieger gezählt. Erst kurz vor 5 Uhr erreicht man die Tunnelstellung und geht hier in Deckung. Ein französisches Maschinengewehr bestreicht von Zeit zu Zeit das offene Feld, über das hin der Tunnel angegriffen werden muß. Drei Handgranatentrupps werden gebildet, um von links, rechts und fron tal den Tunnel zu nehmen. Angesichts der in Aussicht stehenden schweren Verluste, und da der Angriff nur als überraschender Erfolg haben kann, wird von einein sofortigen Sturm abgesehen und der Angriff auf 10 Uhr Z0 Minuten abends festgesetzt. — 10 Uhr Z0 Minuten abends. Sobald sich die ersten unserer Leute rühren, setzt daS französische Maschinengewehrfeuer ein. Aber durch Ablenkung des Feindes auf einen rechts vorgeschobenen Scheinangriff gelingt es 10 Uhr 40 Minuten den drei plötzlich hervorbrechenden Trupps, den Tunnel überraschend zu nehmen. Die mittlere Gruppe durchstößt den Tunnel. Und der Feind zieht sich — Handgranaten werfend — zurück. Dann wird die Sappe genommen. Schon sind 250 Meter unseres alten Grabens nach rechts hin wieder in unserer Hand. Da stockt der Angriff. Die Leute haben ihre Handgranaten verausgabt. Der Feind bemerkt dies sofort, macht einen Gegenangriff und wirft unsere Leute 50 Meter zurück. Schnell wird eine Barrikade gebaut, hinter der man sich eine Zeitlang mühsam verteidigt. Während die einen den Graben halten, beschaffen die anderen Handgranaten. Man findet zunächst 60 bis 70 französische. Ungefähr 100 deutsche werden in? Zugangsgraben gesammelt. Eine rechts zurückliegende Kompagnie kann 120 abgeben. Morgens 4 Uhr stehen über 250 Handgranaten zur Verfügung. Sie werden vor der Barrikade aufgestapelt. Um 4 Uhr Z0 Minuten erfolgt dann der Angriff. Voran die tüchtigsten Werfer< Dann die übrigen — jeder Mann 8 bis 10 Handgranaten. Die rechts zurückliegende Kompagnie wird herangerufen und bekommt Befehl, falls der Durchstoß gelingt, sofort dicht aufzuschließen. Zehn Minuten später ist die ganze alte Linie gesäubert in unserem Besitz, die Verbindung mit dem linken Flügel des derweil befreiten Mittel- abschnitteö aufgenommen. Um 4 Uhr 50 Minuten kann Meldung nach hinten gegeben werden: „Die gesamten gestern vom Feinde er oberten Stellungen an der Nömerstraße sind wieder in unserer Hand." Fünf Tage später waren die Schleswigcr abgelöst. Die Picardie lag weit hinter ihnen. Die Picardie. Sie dachten nach. Ein böser Traum? Ein Feld der Ehre? So wie sie jetzt die Picardie verließen, so werden sie ganz Frankreich gern verlassen — an jenem Toge — möge ihnen der Himmel diesen Tag bald schenken.1^5 Holsteiner vor Eftree Somme-Front, August 1?16. Vor Verdun fiel inir neulich eine französische Karte in die Hände, auf der die deutschen Gräben mit den merkwürdigsten Namen belegt waren: „Graben der Frauenschänder", „Graben der Meineidigen", „Graben der Homosexuellen", der „Diebe", der „Wilden", der „Menschenfresser". Das war eine französische Liebenswürdigkeit und hoffentlich eine Ausnahme. Auch der deutsche Soldat liebt kräftige, anschauliche Grabenbezeichnungen. Aber ich habe nie ein trostloses Schimpfwort unter diesen gefunden. Immer hingegen Namen, die an die Heimat erinnern. Und das ist merkwürdig: wenn man heut zutage in eine vielbezogene Stellung kommt, dann läßt sich an den Schichten gewissermaßen dieser Grabenbezeichnungen die ganze Ge schichte dieser Stellung ablesen. Da liegen irgendwo Hamburger. Natürlich gibt es eine Hummelbrücke. Aber der braune Bach heißt Bliemchenbach — von Sachsen, die hier im Jahre 1,9^4 lagen. Es gibt eine Bainberger Sappe, einen Bonner Graben, einen Hügel, der nach einem badischen Obersten genannt ist. Von allen Provinzen und Städten unseres Landes, deren Kinder hier gelegen und gelitten haben, erzählen diese Namen. Sobald die Holsteiner vor Estrse einzogen, gab es einen kleinen Holstengraben. Auch dieser Graben wird von ihnen erzählen, so lange deutsche Soldaten zwischen Soyecourt und Belloy auf der Wacht liegen. Estree war Anfang Juli von den Franzosen genommen worden. Die Trichterlmie der Holsteiner zog sich dicht unter den Mauern des zerschossenen Dorfes hin, das seiner ganzen Länge nach von der alten Römerstraße durchschnitten wird. Der Stumpf des kleinen Kirch turms von Estrse guckte über die grauen Ruinen in ihre Trichter herüber. Drei, vier hohe Laubbäume ragten heraus. Abseits, links, an dem Wege nach Fay, mitten in unserer Stellung, lag die Dorf schule. Wo dieser Weg die Römerstraße kreuzt, stand damals noch eine hohe Tanne — schlimmen Andenkens, denn aus dieser Richtung kamen die dicksten und meisten französischen Flügelminen (wie Koffer) angewackelt. Diese 'lsoo Meter vor Estrse — denn das Dorf ist ein richtiges langes Straßendorf — waren den Holsteinern für 1^4 Tage anvertraut. In dieser Zeit haben alle Kompagnien mindestens zweimal vorn ge legen. Manche waren schon nach einem Tage abgekämpft. Es war alles schwierig. Zu dem Granaten- und Minenseuer kam der Wasser mangel. Da war ein Brunnen zwischen den beiden ersten Linien. Aus diesen: holten sich tagelang Freund und Feind ihr Wasser. Es war, als ob vor diesem Quell der Natur die Feindschaft der Staaten ver stummte. Bis der Brunnen eines Tages verschüttet wurde. Das Essen kam kalt nach vorn. Es war unmöglich anders. Wie viele 8"U6 Essenträger haben das Heranbringen selbst des kalten Essens mit ihrem Leben bezahlt. Natürlich konnte man nichts kochen. Wo die kleinste Rauchsäule aufstieg, schlugen die Granaten doppelt hurtig ein. Es war ein Höllendienst — dies Liegen im Feuer. Und es ist keine Phrase, daß viele sich sehnten nach jenem Augenblick, wo das Feuer vor ihnen verstummte und der lebendige, offene Kampf von Mensch zu Mensch begann. Auch vor Estrse wurde am nebeligen 20. Juli hart um die Ent scheidung gerungen. Aber auch hier verging bis zum Tage des zwei ten Generalsturms kein Tag ohne Handgranatenkämpfe, ohne im Sperrfeuer erstickte französische Versuche, sich aus dem Dorfe heraus zuarbeiten. Wenn wieder ein Angriff mißglückt war, rächten sich die Franzosen durch wahnsinniges Feuer auf die ganze Stellung. Das nannten die Holsteiner „Wutfeuer". Was für Munition dabei der Gegner verpulverte, sieht man aus folgendem Beispiel. Ein Ba taillon erhielt an einem Nachmittag 500 Schuß schwersten und 500 Schuß mittleren und leichten Kalibers. Erfolg: ein Schwerverletzter und ein Leichtverwundeter. Aber manchmal schlug es auch hart in unsere Reihen. Da war eine Unglückskompagnie; sie ward vorn und hinten wie verfolgt vom Feuer, verschüttet, dezimiert — ein furcht bares Iufallsschicksal. Und da war ein Schuster. Er saß bei der Ar beit auf seinem Bock. Eine Granate kam und fuhr ihm mitten zwi schen den Knien hindurch in die Erde. Ein Blindgänger. Ihm ge schah gar nichts. Auch hier gab es Gas und viele Flieger. Flieger so zahlreich wie schwärmende Maikäfer. Sie kamen auf 500 Meter herunter. Wenn man auf sie schoß, erkannten sie die Linie unserrer Stellung und lenk ten das Feuer auf sie. Trotzdem schössen die Holsteiner eines Tages einen dieser verhaßten Geier mit dem Gewehre herunter. Da freuten sich alle. So lag man und litt, ohne viel an seinem Schicksal ändern zu können. Man lag und wartete. Auf den Angriff. Auf die Ab lösung. Manchmal kamen sie. Aber die Kraft ihrer Angriffe impo nierte keinem. Sie waren meist schlapp und verließen sich ganz auf die Arbeit ihrer Granaten und Minen. Am Westeingang des Dorfes, wo der Weg nach Fay kreuzt, lagen die Holsteiner den Franzosen in einer weit vorgetriebenen Fingersappe dicht gegenüber. Zum anderen reichten die Franzosen südlich der Dorf mitte mit einem stark ausgebauten „Nest" in unsere Linie, das ihre Angriffe sehr erleichterte. Beide Stellen wurden am kritischen 20. Juli hart umkämpft. Der Tag begann auch hier mit dickem Nebel, hinter welchem die charakteristische Silhouette von Estrse — Tanne, Kirchturmstumpf, Baumkronen — völlig verschwand. Nach schwerem Feuer schob sich der Gegner auf der ganzen 1,500 Meter langen Linie gegen unsere vorderste Trichterkette vor. Der rechte Flügel ward rest los gehalten. Aber indem er wie eine Mauer stand, geriet er in schwere Gefahr. Ich habe geschildert, wie die Schleswiger, die rechts von den117 Holsteinern kämpften, am Mvrgen des 20. Juli auf der ganzen Linie zunächst rückwärts bogen und erst im Laufe des Tages durch heroische Gegenanstrengungen ihr altes Terrain ganz wiedergewannen. In dem ihr linker Flügel überrannt wurde, hing der rechte der Holsteiner zunächst in der Luft. Das gab kritische Stunden. Feuer aus der Flanke. Feuer im Rücken. Zurück oder nicht zurück? Nach rechts hin mußte abgedämmt und abgeriegelt, der Schokoladengraben, der die Grenze darstellte, verteidigt, die Verbindung nach rechts mußte hinten herum gesucht tverden. Kritische Stunden. Aber alles ging gut. Am Morgen des 21. Juli schlössen sich die Linien zwischen dm beiden wieder nachbarlich und an derselben Stelle wie vorher. Am Ostausgang von Estrse war die zweite Angriffsstelle. Hier stürmten die „Poilus" mit vollem Gepäck heran — als hätten sie noch eine weite Reise vor — bis Deniecourt, bis Berny, oder gar bis an die Eisenbahnstation nach Misery. Sie kamen aber noch nicht mal bis in die ersten deutschen Trichter. Die Holsteiner empfingen sie zum Teil mit Mützenschwenken und Hurragebrüll. Um 10 Uhr war der Angriff im Feuer der Gewehre und im hellen Krachen der Handgranaten erstorben. Die Minenwerfer aus Estrse begannen ein „Wutfeuer". Ganz glatt ward 9 Uhr 30 auch der französische Ansturm auf den deutschen Sappenkopf links von Estrse nördlich vom Schulhaus ab geschlagen, Hier beherrschten ein paar deutsche Maschinengeivehre un bestritten das Feld. Dagegen hatte sich der Gegner in der Mitte des ganzen Abschnittes aus seinem „Nest" heraus tief in unsere Stellung hineingebissen. Er stand hier bald nach 8 Uhr dicht vor dem Walde von Deniecourt. Am Rande dieses Waldes entspann sich zwischen ihm und unseren Maschinengewehren ein hartnäckiger Kampf im Nebel. Er endete mit der Vertreibung der Franzosen. Im Laufe des Nachmittags konnte gemeldet werden, daß der französische Durchbruch auf Deniecourt vollständig mißglückt, daß die gesamten Stellungen mit 200 Gefangenen, zwei Maschinengewehren und zwei Schützengra benkanonen in unserer Hand seien. Aber von dieser tapferen Ma schinengewehrkompagnie am Waldrand von Deniecourt muß noch kurz die Rede sein. Maschinengewehre bei Deniecourt Sommefront, August 1916. Deniecourt lag den Holsteinern südlich im Rücken — ein Dörflein mit Schloß — im Norden und Westen von Park und Wald umgeben. Dichter Laubwald mit viel Unterholz. Ein zerschossenes Herrenhaus mit schönem Durchblick nach der Front. Alles verlassen. Die Franzosen haßten diesen Wald. Ihre Flieger kreisten stunden lang über ihm — drunten rührte sich nichts — sie photographiertenU8 ihn, kamen wieder und ließen ihn beschießen — mit allen Kalibern — vom Feldpuper bis zum Z4er — an einem Tage manchmal 4500 Schuß auf die kleine Waldparzelle — ohne Erfolg. Als es heiß ward, warfen sie Brandgranaten in den Park. Der Park fing Feuer. Aber er verbrannte nicht. In der Durchbruchsschlacht vom 20. Mai war Deniecourt das Hauptziel des französischen Stoßes. „Erreicht Ihr Deniecourt, so werdet Ihr abgelöst," sagte der General Lebouc am 1,7. Juli. Heute sind wir Ende August. Der Wald ist, wie die Römer straße, in deutschen Händen. An jenem Vormittag des 20. Mai waren die Franzosen aus ihrem „Nest" in Estrse heraus vorgebrochen und rückten langsam rechts der Straße Estrse—Deniecourt auf den Wald zu. Der Nebel war so dicht, daß auf sechs Schritt nichts zu sehen war. Weder Freund noch Feind wußte, was rechts und links vor sich ging. Das Artilleriefeuer hatte nachgelassen. Denn niemand wußte, wie weit die eigene Truppe vor oder zurück war. Ab und zu tackte ein Maschinengewehr. Es verstummte wieder. Der Nebel stand unbeweglich dick wie eine Mauer. Unsere Maschinengewehre waren damals im Nordteile des hier stark gelichteten Waldes aufgestellt — eingebaut in Postenlöcher. Die Postenlöcher waren am Abend des 1.9. durch Gräben flüchtig ver bunden worden. Die ganze Nacht hatte schweres Feuer auf dem Walde gelegen. Um 2 Uhr wurde ein Maschinengewehr durch einen Z4er verschüttet, aber unverletzt wieder ausgegraben. Ein Schütze bekam einen Splitter in die Schulter, ein anderer einen in den rechten Schenkel. Beide blieben auf Posten. Um 4 Uhr revidierte der Kom pagnieführer die besetzten Gewehre. Allgemeines Gesühl: Es kommt etwas. Um S Uhr erschienen vor dem Unterstand des Kompagnie führers noch einmal die Essenträger — im dichtesten Feuer. Zwei Mann von ihnen erboten sich freiwlillig, Kaffee, Brot und eiserne Rationen nach vorn an die Gewehre zu bringen. Von 6 bis 7 Uhr steigerte sich noch einmal das Feuer. Wieder wird ein Posten ange schossen, verbunden — und bleibt. Die Gewehre liegen schußfertig. Die Posten äugen angestrengt durch die graue Nebelwand. Gegen 8 Uhr wird die Nebelwand nach links hin gegen den Schul weg zu merkwürdig lebendig. Zwischen den Stämmen der Bäume schweben Schatten, Gestalten. Sind es unsere Leute? Aufgepflanzte Gewehre! Tornister! Nein — das sind keine Holsteiner. Die Kerle tragen flache Stahlhelme. Das sind Franzmänner. Feuer! Taktaktak- tak... Kugeln schlagen ins Holz der Stämme. Ein paar Körper über schlagen sich. Die Wand steht grau und dicht wie vorher. Die Baum stämme fest wie vorher. Nichts rührt sich. Der Kompagnieführer stellt jetzt das Feuer frei. Nach einigen Mi nuten — im nassen Gras zwischen den Baumstämmen rührt sich etwas. Feuer! Jetzt hebt sich der Nebel langsam. Die aufgerissene Wiese nördlich des Waldes tritt hervor, wird größer und größer. Plötzlich mitten auf der Wiese ein Maschinengewehr — ein russischesU9 Maschinengewehr — wie die Franzosen es öfter gebrauchen. Es wird auf einem Baumstumpf in Stellung gebracht. Solche Frechheit! Feuer! Taktaktak... Und die Leute mit dem Gewehr purzeln seit wärts. Aber es wird immer unheimlicher. Links, in der Mitte, rechts, immer neue Gestalten tauchen auf und werfen sich nieder. Das Gras wird lebendig. Die Gewehre bestreichen aufs Geratewohl das ganze Gelände. Ein Getacke und Geknatter, als ob ein elektrischer Bohrer arbeitet. Plötzlich ein Ruf: „Da sitzen die Schw... ja im Granattrichter!" — „Wo?" — „Hier!" — 20 Meter vom rechten Gewehr bewegt sich etwas. Weiter hinten nach rechts ist es auch nicht geheuer. Während Zugführer S. und die augenblicklich beschäftigungslose Bedienung eines schweren Minenwerfers mit Handgranaten vorgehen und den Trichter säubern, wird eines der Maschinengewhre herausgezogen und hinten rechts als Flankensicherung in einem vorbereiteten Loch einge baut. Sobald es schußfertig liegt, beginnt es unaufhörlich in Richtung Feldweg Estrse—Deniecourt zu streuen. Nun wird es wieder vorn lebendig. Eine ganze Reihe von Löchern sitzt voll. Franzmann hat die Aufregung rechts benutzt und ein Fusil mitrailleux in Stellung gebracht. Zwischen ihm, unsern Gewehren und den Franzosen, die unentwegt aus allen Löchern schießen, entspinnt sich jetzt ein ohrenbetäubendes Geknalle. Wir schießen mehrere Schützen ab. Ab und zu purzelt etwas Blaues über einen Trichterrand. Eine halbe Stunde vergeht. Aber es ist nichts zu machen. Mit dem Ma schinengewehr reichen wir nicht in die Löcher hinein. Immer wieder rascheln ein paar schneidige Kerle näher heran. Ihre Kugeln pfeifen unseren Leuten um die Ohren. Die Kerle warten vielleicht auf Ver stärkung? Und wollen uns dann an unsere Gewehre? An diese blan ken deutschen Maschinengewehre? Unerhört! Alisgeräuchert sol len sie werden. Sofort. Und es werden Handgranatentrupps gebildet — aus der Gewehrbedienung und den Minenwerfern. Handgranaten sind in Masse da, drei Trupps sind im Nu fertig. Jeder den Gürtel voll gehängt. Alles klar. Eine kleine Pause. Noch ein mal ein rasendes Streufeuer durch den Wald, über die ganze Wiese weg. Wieder eine kleine Pause. Und dann los auf die Löcher und Trichter. In ein paar Minuten war die Sache gemacht. Der Wald war ge säubert — der Wiesenrand. Franzmann versuchte kaum Widerstand. Die meisten rissen über die Wiese aus. Einige schössen. Viele hoben sofort die Hände hoch. 40 Mann wurden nach hinten geschafft. „Ja, das hätten Sie sehen müssen. Wie sie die Koppel abschnallten. Und wie sie dazwischen immer wieder die Hände hochhoben. Wie sie die Gewehre weit von sich und die Koppel mit einem Schwung zur Erde warfen. ES waren keine Jünglinge mehr. Und sie konnten einem leid tun. Einer bot Geld an — blanke Doppelfrankstücke. Aber natür lich gab es auch Schufte darunter. Einer griff beim Abttansport ein120 Gewehr von der Erde auf und schoß. Schulze III schlug ihn mit dein Kolben nieder. Ein Unteroffizier von uns mit angeschossener Backe schrie ihm zu: „Marsch nach hinten. Du Sch...!" — „Nix Schw.. — antwortete der Franzose — „ick verstehe Deitsch." yi/z Uhr. Die Maschinengewehre werden jetzt an den Wiesenrand nördlich des Waldes gezogen. Noch sitzt der Feind im linken Teil der Wiesen, wo es nach dem Schulweg geht. Hier wimmeln die Löcher noch von Franzosen. Wieder ein rasendes Feuer über die Löcher hin. Wieder eine Pause. Wieder mit Handgranaten auf das Trichterfeld. Wieder laufen die Franzosen. „Wirklich, sie taten mir leid" — sagt der Kompagnieführer, ein stiller, weicher Mann — „wie sie so liefen, und wie wir in sie Hineinschossen. Aber Schneid hatten sie nicht. Es waren so viele. Sie hätten uns paar Mann ja längst in der Tasche haben können — und unsere paar Gewehre auch. Statt dessen ver teidigten sie sich kaum. Sic blieben noch nicht einmal in ihren Löchern liegen. Sie sprangen aus den Löchern auf und rannten weg. Hoben die Hände hoch, warfen sich nieder, rannten und wurden getroffen. Es war eine widerliche Jagd. Aber was hatten sie hier in unserer Stellung zu suchen?" Das war der 20. Juli vor Deniecourt. Ein kleiner Ausschnitt nur. Aber einer von denen, die große Kreise ziehen. Wieviele Franzosen nach Estree zurückgelangten, weiß man nicht. 200 blieben unver wundet in der Hand der Holsteiner und zwei Maschinengewehre und zwei von diesen neuen französischen Fusils mitrailleur. 40 Franzosen wurden nach links abgedrängt und fielen der Kompagnie in die Hände, die die Sappe am nördlichen Schulweg hielt. Gegen 1,0 Uhr liefen unsere Linien wieder dicht vor Estrse entlang. Nie ist etwas so miß glückt wie der „Generalsturm" an dieser Stelle. Rechts, die Schles wiger, hatten noch bis zum anderen Morgen zu tun. Dann waren auch sie wieder vorn. Und ihre Linien schlössen sich mit denen der Holsteiner genau an derselben Stelle wie vorher — up ewig ungedeelt. Das Lob des Einzelnen Südlich der Soimne, August 1916. „Der Angriff wurde abgewiesen." Vier kalte Worte. Vor jedem Postamt im weiten Deutschen Reich. Kaum beachtet. Ihr fragt zu Hause: „Wer hat den Angriff abgewiesen?" Und sagt: „Die West armee." — Ihr kommt ins Große Hauptquartier und fragt. — „Korps X." sagt man im Großen Hauptquartier. — Ihr kommt zum Korps. „Wer hat den Angriff abgewiesen?" — „Die Tapferen der Brigade Z." — Ihr kommt zur Division, zur Brigade, zum Re giment. Wer war es? Wer hat das Hauptverdienst? Auf wen in letzter Linie kam es an? Die Tagebücher werden nachgeschlagen -121 von den Regimentern, von den Bataillonen. Die Berichte der Kom pagnieführer werden eingefordert. Immer enger wird der Kreis, im mer breiter und anschaulicher die Antworten. Die Kompagnien wer den lebendig, die einzelnen Züge und Gruppen. Endlich kommt es heraus — schwarz auf weiß: „Dem hervorragenden Heldenmute die ser beiden einzelnen Männer ist es zu danken, wenn an diesem kriti schen Tage der Gegner trotz der gewaltigen Aufwendung an Munition und des Ansetzens starker Truppenmassen keinen Schritt vorwärts kam." Da sind sie. Sie heißen Petersen oder Lück oder Thomsen. Manchmal ist es nur einer — ein Füsilier — ein Feldwebel — ein Leutnant. Immer und überall aber sind es einzelne Menschen, an denen auch die riesengroße Entscheidung dieses Krieges der Massen hängt. „Ich wurde am 11. Juli gegen Abend mit Handgranaten zur Ver stärkung der 1. Kompagnie geschickt. Dort war infolge von Minen- und Artilleriefeuer eine Strecke des Grabens unbesetzt. Am Grabcn- rande standen ungefähr 50 Feinde. Herr Oberleutnant H. mit 15 Mann forderte dieselben auf, sich zu ergeben. Die ersten hielten die Hände hoch. Aber die anderen warfen mit Handgranaten, so daß Oberleutnant H. schwer verwundet wurde. Wir warfen darauf schnell unsere Handgranaten, und die Feinde fielen alle, bis auf einige, die verwundet gefangen genommen wurden. Wir hielten auch diesmal den Graben gegen die Übermacht." (Bericht des Reservisten Schw.) „Unsere Gruppe hatte die Posten zu stellen für ein kleines Stück Graben und die Sappe. Am 15. morgens war das feindliche Feuer auf unserm Abschnitt stärker als gewöhnlich. Um die Mittagszeit trat noch starkes Minenfeuer hinzu. Mein Kamerad und ich zogen um Z Uhr nachmitatgs auf Posten in der Sappe. Jetzt setzte das feind liche Feuer mit schwerer Artillerie ein. Wir blieben auf Posten, ob wohl wir wußten, daß der Abschnitt unseres Zuges geräumt ivar. Um 5 Uhr schlugen die Geschosse immer dichter bei uns ein. Der Weg vom Graben zum Sappenkops war zum großen Teil eingeebnet. Unsere Ablösung konnte nicht herankommen. Als mein Kamerad be reits durch einen großen Erdklumpen am Bein eine Prellung erhalten hatte, beschlossen wir, uns über den Sappenkopf hinüber dichter an den französischen Graben heranzuarbeiten. Die Luft war durch die aufspritzende Erde und den Qualm fast undurchsichtig geworden. Wir sprangen nacheinander über und krochen in dein vor der Sappe liegenden alten Verbindungsgraben weiter. Als wir einigermaßen vor Splitter sicher waren, machten wir halt und machten uns mit zwei alten Tornistern Gewehrauflagen. Um unserer Ablösung Auskunft über unseren Verbleib zu geben, ging ich wieder zurück und befestigte am Sappenkopf eine Feldpostkarte mit der diesbezüglichen Meldung. Gegen 8 Uhr kam unser Gruppenführer mit einigen Leuten und halfen uns, den Sappenkopf weiter nach vorn zu verlegen." (Bericht des Füsiliers Scho.)122 „Es war am 1,9. 7., als wir in Bereitschaft vor B. lagen. Plötz lich der Befehl: heute abend geht es in die erste Stellung. Nun wurde die Dunkelheit erwartet. Der Laufgraben ist bei solch einem dauernden Trommelfeuer nicht mehr zu finden. Also geht es in der Nacht, ausgeschwärmt in Schützenlinien frei übers Feld, vorn in die Stellung. Hier angekommen, geht alles seinen alten Gang. Posten ablösen und das Übrige arbeiten. Die Nacht verlief ruhig, ausge nommen den Lärm der Beschießung von B. Kurz nach 5 Uhr rief mein Feldwebel: „Achtung, Mine!" Und richtig, fing der Feind an, uns mit Minen zu beschießen. Nach der ersten, welche sehr gut ge zielt war, folgte eine solche Unmasse dieser furchtbaren Geschosse, daß wir nicht mehr wußten, wohin. Rechts oder links, vom oder hinten krachte es und war ein undurchsichtiger Qualm. Um 6 Uhr fing der Gegner mit Trommelfeuer auf unsere Stellung an. Nun wußten wir, auf deutsch gesagt, „schwer Bescheid". Denn das war uns allen klar, daß der Franzose heute kam. Und er wurde erwartet. Wohl gelang es ihm, da sich unsere Kompagnie wegen des heftigen Minenfeuers nach links und rechts zusammengezogen hatte und in folgedessen in der Mitte des Abschnittes eine Lücke entstanden war, durch dieses Loch zu brechen. Sofort bekommen wir auf dein rechten Flügel den Befehl: „Der Feind ist durchgebrochen und kommt uns in den Rücken." Hierauf zogen wir uns in die Stellung der rechts an uns grenzenden ... Füsiliere zurück und eröffneten ein heftiges Flankenfeuer, wodurch wir dem Franzmann schauderhafte Verluste beibrachten. Hierauf drang unser Leutnant und Zugführer mit einer Gruppe außergewöhnlich todesmutiger Leute, bewaffnet mit Hand granaten vor, und gewannen wir durch diese Heldentat unsere Stel lung binnen kurzem Schritt für Schritt zurück, so daß wir um 9 Uhr vormittags im vollen Besitz unserer »Stellung waren. Diejenigen Franzmänner, welche uns im Rücken geblieben waren, wurden von unserer ... Kompagnie, welche ausgeschwärmt trotz des heftigen Sperrfeuers uns über freies Feld zu Hilfe kam, zu Gefangenen ge macht. Mit Hurra wurden diese braven Kameraden von uns emp fangen. Nach 9 Uhr wurde eö ruhig. Gegen 12 Uhr kam der Befehl, wir werden diese Nacht noch abgelöst, und ist kein Befehl bis jetzt mit größerer Freude aufgenommen und später ausgeführt als dieser." (Bericht des Gefreiten Fr.) „In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli rückten wir zugweise über freies Gelände in die uns angewiesene Stellung ein. Wir kamen dort trotz heftigen Feuers ohne Verluste an. Die Stellung war vom Minenfeuer stark zerstört. Nur der linke Flügel war verschont ge blieben. Vor unserer Stellung lag das Dorf Belloy, umgeben von Gärten, aber vollständig zerstört. Kaum hatten wir uns in den Erd löchern eingenistet und Posten bezogen, so begann der Feind mit schweren Minen zu werfen. Er streute die ganze Stellung ab. Ich stand mit unserm Leutnant P. auf Posten. Hinter uns schlugen die-l2Z Minen und Artilleriegeschosse ein. Bor uns war dichter Nebel, und man konnte nichts vom Feinde sehen. Das Artilleriefeuer wurde immer heftiger, und es kam uns zum Bewußtsein, daß ein Angriff erfolgen würde. Endlich, um 9Vs Uhr, verlegte der Feind sein Feuer nach hinten. Jetzt kam der Befehl „Stellung besetzen"-. In drei Sturmwellen kam der Feind auf uns zu. Leider hatte der Feind, durch das hohe Gras und den Nebel begünstigt, ungehindert an eine Stelle eindringen können. Aber durch das unvergleichlich brave Vor gehen zweier Feldwebel wurde der Feind durch Handgranaten wieder hinausgeworfen. Leider fanden beide Feldwebel den Tod dabei." (Kampfbericht des Gefreiten H.) > „Am 1^8. Juli, morgens, war die ... Kompagnie zweimal mit Material nach dem Hohlweg und rückte abends bei Dunkelwerden nach vorn, wo sie die ... Kompagnie in vorderer Linie ablöste. Der ^9. Juli diente dem Feinde zur Vorbereitung seines Angriffes. Den ganzen Tag lag stärkstes Artillerie- und Mnenfeuer auf unserer Stel lung. Während der Nacht zum 20. Juli wurde die nahezu vollständig zerschossene Stellung wieder ausgehoben und ein neuer Graben ange legt. Der Vormittag des 20. Juli zeitigte dichten Nebel. Um 8 Uhr ^5 Minuten setzte plötzlich ohne Artillerievorbereitung ein starker An griff auf der ganzen Front ein. Aus Belloy kam der Feind in Grup penkolonnen, im übrigen in Wellen. Die Stellung war augenblicklich besetzt, und der Feind wurde durch rasendes Schnellfeuer empfangen. Etwa 20 Sekunden nach Erkennen des Angriffs schon setzte das Ar- tillerie-Sperr-Schnellfeuer ein, das vorzüglich lag. Am rechten Flü gel geriet der Feind bis auf 20 Meter, im übrigen auf 50 bis 100 Meter an den Graben heran. Durch das ruhige gezielte Feuer der Leute, die vielfach, um nicht durch die Disteln in der Sicht behindert zu werden, von der Böschung aus stehend freihändig schössen, erlitt der Feind ganz außerordentlich schwere Verluste. An, rechten Flügel hatte die Kompagnie eine Flankierungsanlage, die, von drei Gruppen be setzt, dem Gegner schwere Verluste zufügte. Die vorbildliche Ruhe des Vizefeldwebels D., der mit großem Geschick diese Anlage aus nutzte, hat sich auf alle seine Leute übertragen und wesentlich dazu beigetragen, den Massenangriff zurückzuschlagen. Am linken Flügel wäre der Feind in die nördliche Sappe der stark geschwächten ... Kompagnie eingedrungen, wenn nicht der Unteroffizier H. mit vier Mann rechtzeitig zur Verstärkung herbeigeeilt wäre. Die Gruppe des Unteroffiziers K. mußte den Hauptstoß des aus Belloy in dichten Kolonnen vordringenden Feindes aushalten. Es ist ihr das durcb Handgranatenabwehr, die dein Feinde die schwersten Verluste zufügte, glänzend gelungen. Sanitätsgefreiter H. hat nach Abschluß der Kampfhandlung die Deckung verlassen, um einen Schwerverwundeten zu verbinden, wurde jedoch vom Gegner unter Jnfanteriefeuer ge nommen und fiel." (Bericht des Leutnants und Kompagnieführers S.) „Nachdem der Feind einen Grabenteil besetzt und mit einem Ma-124 schinengewehr nach der Flanke gesichert hatte, sprang Unteroffizier D. allein aus dem Graben, tötete die Bedienung des Maschinenge wehres durch Handgranaten, sprang über deren Leichen der feindlichen Grabenbesatzung entgegen und schoß so viele mit dem Revolver nieder, bis sich der Rest von 25 Mann ihm ergab." (Regimentseingabe, um für D. das Eiserne Kreuz I. Klasse zu erhalten.) Das sind ein paar einzelne Bilder — genommen aus einem ein zigen Regiment — aus einem kleinen Abschnitt zwischen Estrse und Belloy — in der kurzen Zeit vom 11. bis 20. Juli. Die Somme- front ist 50 Kilometer lang. Hunderte von Kompagnien wehren aus Erdlöchern wie bei Belloy den nichtversiegenden Strom des Gegners ab. Immer neue ziehen in die zerschossenen Stellungen der abge kämpften Regimenter ein. Alle Stämme dieses Landes — ganz Teutschland steht hinter der Brustwehr in der Picardie. Ganz Deutsch land. Und doch — alles — einzelne. Marsch auf Douaumont Rechts der Maas, August 1,916. Wieder vor Verdun. Rechtes Maasufer. Im Lager einer Sani tätskompagnie. Hier kommen wir abends an und sollen mit einer Frühpatrouille morgen aufs Fort. Ter Appell ist zu Ende. Zehn Patrouillen sind von oben angefor dert für morgen früh. 40 Mann und 10 Bahren. Die Leute gehen langsam auseinander in ihre Lehmunterstände, in ihre Zelte, an deren Leinendächern zahllose Löcher von den Splittern der Fliegerbomben erzählen. Am Himmel wetterleuchtet es. Aus dem Walde unten klingt Musik herauf. Dort liegt ein Regiment in Ruhe. Das war vor ein paar Tagen noch in der Hölle von Thiaumont. Jetzt machen sie Musik. Sie sind unergründlich, einige dieser Menschen. Neulich traf ich in der Picardie ein Bataillon, das zerschossen aus den schwer sten Sommekämpfen kam. Die Leute spielten jeden Abend Zirkus. Die Nacht ist kurz, aber endlos. Wir liegen auf Krankenbahren und können vor Ratten nicht schlafen. Nebenan aus den eingefallenen ehemaligen französischen Gräben stinkt es süßlich nach Leichen. Dann plätschert der Regen durch das Dach auf uns herab. Die Tür knarrt iin Winde. Eine Ratte huscht über den Erdboden. Durch breite Spal ten und Ritzen leuchtet die nächtliche Front herein: Scheinwerfer, Leuchtkugeln, rote Explosionen. Man liegt mit offenen Äugen und friert und denkt: welche Nacht! Und denkt: daß es Männer gibt, die fern von Frau und Kind zwei Jahre lang in solchen Löchern Hausen. Gegen Z Uhr klopft es. Ein Mann mit Laterne. Der Regen hat aufgehört. Ein fast tvarmer Wind streicht über das Feld. Aus Wol-125 kenfetzen äugt ab und zu der gelbe Mond. Die Patrouillen stehen schon auf dem Alarmplatz versammelt. Je zwei Mann tragen eine Bahre über die Schulter gehängt. Die andern frei. Ein letztes Wort des Hauptmanns an den Unteroffizier: „Alle Gasmasken in Ord nung?" — „Jawohl!" — Dann setzen wir uns in Bewegung. So wandern sie jeden Morgen nach vorn, diese Männer von der Sanitätskompagnie. Manchmal 4, manchmal 20 Patrouillen. Immer wie die blutige Ernte des vorhergehenden Tages sie fordert. So wan dern sie hier seit neun Wochen. Für sie gibt es keine Ablösung, keine Ruhe. Sie müssen aufrecht wandern unter den Bogen der Granaten, durch die Ketten des Sperrfeuers, denn sie können keine Deckung nehmen, sich nicht hinwerfen — mit der wunden Last, die ihnen an vertraut ist. Auch sie fallen und werden verwundet. Täglich wan dern sie „im Totenhemd chen" ab — sagte der Arzt gestern Abend. Und sind doch „nur" Sanitätssoldaten. Ihre Arbeit ist größer als ihre Ehre. Unter dem nächtlichen Mond schreiten wir kräftig aus — Hügel auf, hügelab. In der hellen Nacht wird alles zu Schatten: die kräfti gen Gestalten mit den langen Bahren, eine zerschossene Wassermühle in einer engen Schlucht, ein Pferdekadaver mit zum Himmel drohen den Beinen. Alles wird unheimlich, auch der friedlichste Stein am Wege. Alles wird riesengroß — zersplitterte Baumgruppen ragen wie verzweifelte Gebete in die Luft. Auf einem Plateau machen wir eine kurze Pause und blicken links in die endlose, schwarze Woevre- Ebene hinab. Weiter. Wir stolpern über Drahtverhaue, hinter denen ein Jahr lang die Franzosen hockten. Wir klettern durch Schluchten auf und ab. Zerbrochene Wagen, verbrannte Munitionskästen, Pferdeskelette, zahllose tote Telephonleitungen — alles durcheinander. Wir schleichen durch ehemals befestigte Wälder im Gänsemarsch auf schmalen Pfa den, die unsere Trruppen sich im Februar mit Bajonett und Hand granaten mühsam bahnten. Die ersten Granaten schlagen in den Wald. Die Splitter sausen zischend aufwärts durch die Baumkronen. Von diesen Sanitätssoldaten lernt man Feuerruhe. Keiner rührt sich. Jetzt beginnt der Osten zu grauen. Wieder auf einem Plateau. Tie Sterne bleichen. In den Schluchten nebelt es noch. Aus Lehm löchern kriechen verschlafene Armierungssoldaten. Die Erde entschlei ert sich und zeigt ihr pockennarbiges Antlitz — das ganze Plateau ist aufgerissen von zahllosen Trichtern und Löchern, zwischen denen die Spuren der Wagen sich schlängeln. Die Luft wird lebendiger, lauter. Noch streut der Gegner — wie immer des Nachts — ziellos auf alle Wege, m alle Wälder, wo er Truppen oder nächtliches Leben vermutet. Aber sobald es hell wird, schießt er Ziel. Jetzt fahren die meisten Geschosse hoch über uns hinweg aus Gegend Damloup in die westlichen Wälder. Einmal wird im Westen der ganze Himmel rot — für einen kurzen Augenblick.^26 Bevor es Heller Tag ist, sollen wir im Fort sein. Wir beschleunigen das Tempo. Immer tiefer rücken wir in den Feuerring von Verdun. Wir passieren Schluchten, in denen reihweise Trichter hart neben Trichter liegt. Das sind die Sperrlinien, auf die der Feind genau ein geschossen ist. Sobald sich vorn irgend etwas Verdächtiges rührt, sofort senkt sich auf diese Linien ein dichter Eisenvorhang nieder. Wieder eine Pause. Wir hocken gedeckt an einer Wand. Ein Lehrer aus dem Odenwald neben mir. Der war neulich zehn Tage vorn auf Trägerdienst zwischen Fort und erster Linie. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Transportes — vier Mann schleppen die beladene Bahre kilometerweit Trichter auf Trichter ab. Natürlich werden sie beschossen. Manchmal wird der Verwundete, der sich schon gerettet glaubt, noch auf der Bahre erledigt. Einmal zerschmetterte ein Voll treffer drei Träger tödlich, den letzten schwer, und der Verwundete blieb hilflos im Schlamin liegen. „Aber man kann nicht sagen, daß mit Absicht auf uns geschossen wird. Auch in den wildesten Kämpfen hier vorn gibt es immer noch Rücksicht und Gesetz. Neulich wurden wir von Souville aus beschossen — eine lange Patrouille von 24 Mann. Ein Flieger senkt sich dicht auf uns herab. Kurz nachdem er unser Rotes Kreuz-Fähnlein erkannt hatte, hörte das Schießen auf." Jetzt teilt uns der Unteroffizier in mehrere Gruppen, die auf ver schiedenen Wegen dein Fort zustreben. Wagen kommen uns entgegen. Unheimlich — wenn man neben einem Wagen herläuft, hört man vom Lärm der Räder kein Geschoß sich nahen. Mannschaften, Ab gelöste kreuzen unsern Pfad. Alles grau in grau. Im Halbdunkel kein Grad, keine Waffe zu erkennen. Es könnten Franzosen sein. Gestern hat man zwischen dein Fort und unsern Linien wieder einen entsprungenen Gefangenen festgenommen. Die Löcher auf den Wegen werden immer zahlreicher. Wege? Es sind ausgetretene Pfade, die ihre Richtung nach dem Grade des Schutzes nehmen, den sie gegen die Geschosse des südlichen Gegners bieten. Man geht nicht mehr, man springt. Wir springen auf der Sohle einer Schlucht, die sich im Zickzack windet, von einer Seite zur andern. Vor einer Lehmhöhle stehen Leute und waschen sich aus Pfützen. Sie lachen über uns, wie wir hüpfen. „Süh da — ein Stehkragen!" — höre ich hinter mir herrufen. — Dann wird es Heller und Heller. Rechts oben tritt ein Wald aus dem Nebel. Ein Wald? Dünne, ragende Zahnstocher in großen Zwischenräumen. — Nun kracht vor uns eine kleine Granate in den Hang. Mit ekelhaft Hellem Knall. „Gas!" ruft der Mann vor mir. Unwillkürlich greifr alles zu der Trommel, in der die MaSke hängt. Aber es ist unge fährlich. Wir bleiben stehen. Eine dünne, blaugraue Wolke mit wei ßen: Rand zieht durch die Schlucht. Wie wir an die Stelle kommen, stinkt es nach Schwefelwasserstoff und Chlor. Jetzt die letzte Schlucht! Die Luft singt und röchelt. ES wird noch lebendiger. Träger kommen uns entgegen. Mit leeren Wasserfässern127 auf dem Rücken. Andere schleppen Draht, Holz, Petroleum, Säcke voll Brot, Konserven, Post. So springen sie von einem Lehmklum pen zum andern. Jetzt ist es ganz hell geworden. Vor uns liegt ein Berg. Ein grauer Hügel — lehmig, aufgewühlt. Eine ausgezackte Kratersilhouette schließt ihn ab. Das ist Douaumont. Der ausgetretene Pfad ist schmal. Die Trichter vergrößern sich zu Kratern — Schußlöchern schwerster Kaliber — die auf das Fort gerichtet waren. An den Rändern der Krater springen wir entlang. Manchmal rutscht einer ab. Alles rennt. Immer höher hinauf. Eine Sekunde hält man ein und sieht sich um — kein Baum, kein Trüm- merstück, nichts Menschliches, ein graues Feld von Löchern, das sich im Nebel verliert. Weiter. Links eine alte Leiche, ein Bein, ein Stie fel. Frische Handgranaten, Blindgänger, Bänder mit kupfernen Ge wehrgeschossen im nassen Dreck. Wieder ein Riesenkrater. Das Loch eines 42 ers. Keuchend stapft alles durch den weichen Lehm. Alle Gesichter sind erhitzt und triefen. Jetzt noch einmal bergauf. „Oben sofort links!" ruft der Mann vor mir. In ein paar Sätzen ist man oben auf dem lehmigen Grat. Man fällt zehn Schritte hinab in einen Trichter, in ein Mauerloch. Man sieht sich um — und steht am An fang eines langen Ganges. Wir sind im Fort. In den Kaselnatten von Douaumont Rechts der Maas, Ende August 1916. Schwitzend, ausgepumpt, verstört, so fallen die Leute durch die Ein gangslöcher in das Fort. Alle überkommt ein wunderbares Gefühl der Sicherheit — unter diesen dicken Mauern, die auch dem schwersten Kaliber ruhig standhalten. In den wassertriefenden unterirdischen Gängen drängen sie sich mühsam aneinander vorbei. Scheinwerfer mit einem grellen gelben Sonnenlicht erhellen die schlüpfrigen Trep pen, auf denen Holzrahmen ausgespannt sind als Halt für die tor kelnden Füße. Hie und da brennt eine trübe elektrische Birne. Ein Motor rasselt hinter einem schmutzigen Leinenvorhang. In der Wacht- stube wird jedermann notiert, der das Fort verläßt und betritt. Treppauf — treppab — das große Fort hat mehrere unterirdische Stockwerke — klettern wir durch einen Wirrwarr von Gängen kreuz und quer. Die Temperaturen wechseln. Am heißesten ist es tief unten im Lazarett, wo durch dann und wann abgeblasenen Sauerstoff die Luft erfrischt werden muß. Das Lazarett ist leer. Die Patrouillen, mit denen wir gekommen sind, haben sämtliche Verwundete dieser Nacht abgeholt. Krankenwärter säubern gerade die beiden Räume, deren heiße Luft geschwängert ist von Karbol und Blutgeruch. Ab und zu dringt auf der Wanderung durch einen Riß der Mauer das^28 blaue Licht des Tages zu uns herab. Ein kalter Windzug fegt durch den Gang. Die Außenmauern zittern, wenn mit kurzem, dumpfem Krach ein Geschoß draußen niederfällt. Von den vielverschlungenen Gängen kommt man seittvärts in die zahlreichen Kasematten. Die französischen Eisenbetten stehen über einander noch genau so da wie im Februar. Manche Räume sind leer. Manche voll Gerumpel. In den Ecken lagert französische Mu nition, Schanzzeug, Bajonette, Drahtscheren, Uniformen. Von einer Wand schimmert eine verkratzte goldene Inschrift, aus der die Worte „Zloirs" und „äi-^xsau" mit Mühe zu entziffern sind. In einem der Räume strecken wir uns hin — übermüdet von dem nächtlichen Anmarsch — auf Tragbahren im Hintergrund, wo ein großes Loch in der Malier durch Sandsäcke verstopft ist. Vorn sitzen um einen Tisch ein paar Pioniere. Im Halbschlaf hören wir sie reden. Es sind Metzer. Sie reden von den „Schänzels" und „Pimoks" (Franzosen)... „Ein Schangelslieger ist gestern östlich vom Fort brennend abgestürzt."... „Ein Träger von uns hat sich verlaufen und ist 2 Kompagnien weit seitwärts gelandet."... „Zwei andere sind spurlos verschwunden."... Ein Mann kommt herein. Er hat ein deutsches Maschinengewehr gefunden — ohne Verschluß. Er zeigt das Gewehr herum wie ein Spielzeug. Jedesmal, wenn die Tür aufgeht, hört man die Lichtmaschine draußen surren. Es ist wie tief unten in einem Bergwerk. Gegen Mittag gibt es Gas-Alarm. Die Franzosen schießen Gas- Granaten vor die Eingänge. Das schwere Gas zieht durch die Löcher ins Fort. Diesmal wird es nichts. Vor ein paar Tagen zog das Gas durch die Gänge bis in die inneren Kasematten. Aber es gab nur drei leichtsinnig Erkrankte. Die Schutzmittelvorschriften sind sehr streng. Keinen Augenblick — und wenn er von einem Raum in den anderen geht — darf der Soldat ohne Gasmaske sein. Nachts haben wir die schützende Trommel neben uns auf dem Bette liegen. Wir wandern wieder im Fort herum. An der Latrine pumpen 'Tag und Nacht zwei Männer. Pioniere graben seitlich des Forts eine neue Anlage. Dabei stoßen sie auf ein paar Leichen. — Wir kommen an die gefüllten Wassertanks. Die Franzosen sollen eine Leitung besessen haben, die von Fleury das Wasser heraufpumpte. — In einein der halbzerstörten Türme des Forts steht noch ein gut erhaltenes 'lS om- Geschütz — mit gut funktionierender Drehvorrichtung, Geschoßaufzug und reichem Munitionslager. — Hie und da sieht man Leute an den Mauern schwer arbeiten, bohren, sprengen. Alle Betonmauern sind mit dicken Eisenbändern und Stäben durchzogen — modernste Fe- stungStechnik. Es ist unbegreiflich, wie die Franzosen im Februar dies starke Fort so leichtsinnig konnten fahren lassen. Jetzt sind alle Gänge und Kasematten gefüllt mit Leuten, die teils nach vorn in die Stellung, teils nach unten wollen. Sie liegen auf den Betten, auf dem blanken nassen Steinboden. Sie sitzen in den^29 Ecken, lesen Briefe oder essen. Nur selten macht einer eine befreiende Bemerkung. Die meisten sind stumm. Viele schlafen. Junge Men schen kommen an, deren Gesichter mit dem kriegerischen Stahlhelm fast knabenhaft wirken. Sie sehen uns erstaunt, verglast an. Ein junger, ganz junger Leutnant, verdreckt und verschwitzt, aber mit eleganten braunen Handschuhen, sitzt mitten unter seinen Leuten am Boden und schläft. Ein Hauptmann zwängt sich über eine Holztreppe. Bon seiner Brust leuchtet der Eiserne Halbmond, den er sich an der Spitze seiner türkischen Kanoniere auf den Dardanellen holte. — Plötzlich stehen wir wieder im Freien — im Tageslicht. Die Augen schließen sich vor der leuchtenden Helle. Mühsam erkennt man aus den Schuttmauern den inneren Hof des Forts — die durchlöcherte Kasernenmauer, die sich nur an einer Stelle sichtbar von der Erde ab hebt — die Löcher wie Dachfenster in einem Strohhause — einen angeschossenen Panzerturm wie einen schiefen Dachreiter. Das ganze Totenfeld mühevoller künstlicher Arbeit, an der die Hände und Gehirne Tausender von Menschen schufen, liegt wieder erschreckend vor einem. Aber darüber ein reiner blauer Himmel — voll menschlicher friedlicher Schönheit nach diesen, Dunkel da unten, neben dieser Zerstörung ringsum. Aber nein. Jetzt geht das Böllern der Abwehrkanonen loö. Am Himmel spritzen weiße Wölkchen auf. Maschinengewehre knat tern aus dem Blau herab. Auch im Himmel ist Krieg. Weiter. Wir stehen an der Südostmauer des Forts. Durch ver kohlte Baumstämme hindurch sehen wir die platte Nase des Forts Tavannes, die Reste des Chapitrewaldes und hinter ihm die dunkle Linie der Souvilleschlucht. Von einer kahlen Höhe links hebt sich Fort Vaux heraus — ein hoher aufgesetzter Koffer. Hinter Vaux liegt breit, nach Deutschland dunstig sich verlierend, die Ebene. Wieder wird es Nacht. Die zweite Nacht im Fort. Wir sitzen mit dein Führer einer Maschinengewehrkompagnie und warten auf die Ablösung. In dem kleinen Raum tickt die Uhr. Bei jedem Einschlag draußen zittert das elektrische Licht. Im Gang poltern die Träger vorbei. Man hört ärgerliche Stimmen: „Rechts halten!" — //Ach tung!" — „Döskopp!" Manchmal rutscht einer aus. Auf der Pritsche an der Wand schläft der Leutnant, der heute abend hinausgeht. Auf dem Tisch liegen alte Zeitungen und Feldpostpäckchen. Der Haupt mann geht unruhig auf und ab. Wieviel Verluste? Alle Gewehre in Ordnung? Wo ist bloß die Munition geblieben, die seit gestern vorn nirgends angekommen ist? Ich lese auf einem Feldpostpäckchen den Namen Ellinor. Berlin, Prinzregentenstraße. Eine Frau. Eine Wohnung. Und hier draußen jeder am Rande des Todes. Gegen Mitternacht wandert der Leutnant ab. Ein Leutnant? Ein Oberlehrer. Ein Bürger. Verlobt. Er schnallt den Stahlhelm fest. Nach kurzem stummen Abschied ist er draußen. Man hört seine Tritte auf dem Gang hallen. Dann alles still. Langsam fließt die Nacht. Kister, Wandernde Erde 91Z0 Ab und zu haut eö neben uns draußen nieder. Vielleicht ist der Ober lehrer jetzt schon getroffen. Gegen zwei Uhr draußen auf dem Gange Lärm. Der abgelöste Maschinengewehrzug trifft ein. Ein junger Unteroffizier von kaum 20 Jahren meldet ihn. Die Leute dampfen und triefen — bis an die Hüften voll von gelbem Dreck. Einige halten sich in der stickigen Luft kaum auf den Beinen. Die Leute sind überdurstig. Sie lehnen an der feuchten Wand und schließen die Augen. Aber wie der Haupt mann kommt, stehen sie plötzlich stramm wie zur Parade. Der Haupt mann redet zu ihnen — dankbar, gütig. Er weist auf die zwölf Tage Ruhe hin, die nun kommen, weit weg unten im Waldlager. Er ver teilt einige Kreuze. Aber die meisten der Leute sind so erschöpft, daß sie wie abwesend vor sich hinstarren. Dann treten sie weg. Sie verteilen sich auf ein paar Kasematten. Sie vergessen Durst und Hunger und fallen hin, wo sie stehen. Nur schlafen, schlafen. Dann kommt ihr Zugführer, der Leutnant. Ein Leutnant? Ein Postassistent. Ein Bürger. Aus Metz. Zart gebaut, jung, Antialko holiker. Der Hauptmann holt ihn an den Tisch. Rührend bedient er ihn mit allem, was er will. Aber auch er rührt kaum an die Spei sen. Er ist noch voll von den Bildern und Geräuschen da draußen. Aufgeregt, nervös erzählt er von den vier Tagen in der Lehmkuhle, die sie barg — mühsam gedeckt gegen kleine Steinsplitter durch eine lächerliche Zeltbahn. Er entschuldigt sich, daß er nicht gewaschen ist. Aber sie haben bis eben im Lehm gegraben. Die Ablösung ging gut. Der Oberlehrer ist heil angekommen. Dann wird er plötzlich still — müde — und fällt zusammen. Nach kurzer Zeit hört man von der Pritsche her seine tiefen Atemzüge. Alles schläft jetzt im Fort. Bis auf die Wachen, die auf und ab gehen. Die draußen an den Eingängen hocken. Bis auf die Beob achtungsposten, die jede Leuchtkugel und jedes Mündungsfeuer genau notieren. Bis auf die Leute am Telephon, das unaufhörlich quäkt. Bis auf die Tausende da vorn, die zwischen Tod und Leben an Schlaf nicht denken mögen. Wandernde Erde Rechts der Maas, August 1916. Auf Douaumont. Morgens früh. ES nebelt noch immer, und der Feind streut die Umgegend des Forts ab. Wir kriechen auf allen vie ren durch ein Schußloch der westlichen Mauer ins Freie. Aus wild übereinander getürmten dicken Betonblöcken ragen Hunderte von ge knickten verbogenen Eisenbändern wie tote Zweige hervor. Wir sehen keine 500 Meter weit. Der Nebel zieht über eine graue Kraterland schaft. Kein Vogel. Kein Mensch. Kein Grashalm. Nichts Leben--lZI, diges. Eine tote Mondlandschaft. Kein Laut als ab und zu das Heulen in der Luft, ein Krach. Aber auch die Geräusche ersterben — im Nebel. Wir kriechen an der Mauer entlang. — An der Mauer? An dem Wall von Erde, Schutt und Blöcken — wo einst eine Mauer stand. Nun liegt der halbe Rücken von Thiaumont bis an die Nebelwand zu unseren Füßen. Ein zerfleischter, brauner, toter Lehmrücken — voll von Löchern und Rändern. Auf diesem Rücken stürmten Ende Mai die Franzosen noch einmal heran — ans Fort, ins Fort. Es war der Tag, an dem abends ganz Paris jauchzte. Aber über diesen Rücken jagten wenig später unsere Bayern sie wieder hinweg in unvergleich lichem Schwung bis weit hinter Fleury, bis in die Kasematten von Souville. Wir liegen auf dem Bauch hinter einem Block in Deckung. Neben uns ragt aus der lehmigen Erde ein halbbegrabener Helm auf — ein durchlöcherter deutscher Stahlhelm. Jetzt wird es auf dem Rücken le bendig. 5, 8, 'tv dunkle Punkte klettern über einen Rand, verschwin den in einem Loch und erscheinen wieder. Sie kommen näher. Es sind Träger. Sie haben Nucksäcke auf dem Buckel. Immer schneller klet tern, springen sie, von Loch zu Loch. Sie klettern mit Stöcken — wie Gebirgstouristen. Jetzt rennen sie an uns vorbei und verschwinden in einem der dunklen Löcher, die in den Bauch der Festung führen. Wieder wird eS still. Leichenstill. Ein dünner grauer Nebelfetzen zieht über das Lavafeld. Sind wir hier auf einem Z00 Meter hohen Festungshügel im Herzen von Europa? Nein. Wir sind auf dein Gipfel eines ausgebrannten Kraters. Wir liegen vor einer elenden Hochgebirgshütte. Dieser Tod um uns herum — diese grauenvolle Ode — hier wohnten niemals Menschen. Dies ist das Lavafeld des Kili mandscharo — dicht unter den Wolken, wo kein Vogel singt — der Mensch schwer atmet — „daö Maultier sucht im Nebel seinen Weg". Plötzlich liegen ein paar graue Pioniere neben uns. Sie sind^dem Dunkel der Kasematten entflohen und schöpfen Luft. Einer i>t die letzte Nacht von Thiaumont zurückgekommen — aus dem zerschos senen Werk auf der Mitte jenes zerfleischten Rückens — jetzt noch vom Nebel verhüllt. Er erzählt von zwei seltsamen Toten. Die stehen seit einigen Tagen friedlich angelehnt an die Fortmauer im Süden, die Stirn gegen den erhobenen Arm gesenkt — vom Gas überrascht. Heute nachmittag werden sie begraben. — Dann erscheinen drei Feld- prediger, zwei Pfarrer und ein Rabbiner. Sie haben eben Gottesdienst abgehalten im Fort unten — in wassertriefenden, dunklen, kleinen Kasemattenlöchern, wo alte französische Munition neben leeren Ben zinfässern und altein Gerümpel lagert. Sie wollen heute mittag im Schutze ihres Roten-Kreuz-Fähnleins wieder nach unten wandern. Ich sitze neben dem Protestanten und wir reden über seinen Beruf. „Ja, es ist schwer" — sagt er. — Wir reden von der Heimat, von Teuerung und Frieden. Und plötzlich von Politik. Der Pfarrer amtiert 9*132 im Königreich Stumm. Unter Granatenbogen, im Nebel, am Rande des Totenackers von Verdun reden wir über das neue, das ganz neue Deutschland des Friedens. An? Nachmittage ist die Sonne heraus. Jetzt liegt aus dem Fort und seinen Eingängen, seinen Mauerstümpfen, den Resten seiner Pan zertürme unaufhörliches Feuer. In den untersten Kasematten hört man nur den dumpfen Hall. An den Schußlöchern der Mauer schmeißt einen der Luftdruck um. Vor den Eingängen verdrängt ein neuer Trichter den andern. Wir hocken in einem zerfetzten Turm und betrachten durch einen dünnen Spalt das nahe Kampffeld. An der Wand des engen Raumes gibt eine verblichene französische Zeichnung rot und grün die Silhouette des Schießfeldes an. Einmal schlägt ein dickes Kaliber neben dem Turm ein und spritzt Dreck und Steine durch den Spalt auf unsere Karten. Es ist dieselbe Richtung, in der wir heute morgen von drau ßen sahen. Aber der Nebel ist verflogen, und weiter, klarer, schauer licher breitet sich die tote Kraterlandschaft vor unfern Augen aus. Da liegt Thiaumont — das ehemalige Zwischenwerk — ein buckliger Grind, mit einem dunklen Eingangsloch. Um diesen Grind haben Tausende von Männern wochenlang hin und her gekämpft. Hunderte sind gefallen. Alles ist hier verbrannt, zerstampft, aufgepflügt, eine geronnene braune Erdsuppe. Zwischen hier und Thiaumont lag einst eine glänzende Reihe per manenter Batterien. Wieviele Telegramme sind über diese perma nente Befestigungsreihe in die Welt geflattert. Nichts ist mehr da von ihr. Und die große Doppelbatterie südlich von Thiaumont! Auf den letzten Fliegerphotographien habe ich mit Mühe ihre Umrisse noch erkannt. Heute ist nichts zu sehen von ihr. Heute ziehen unsere Trichter quer durch die ehemalige Batterie. Senkrecht auf dieser kahlen, ausgebrannten Thiaumont-Höhe steht nach Südosten der Fleury-Rücken — beide zusammen ein Pilz mit Stengel und breitem Dach. Als wir das Dach in unfern Händen hatten, schoben wir uns auf dem Stiel des Pilzes entlang, dem Fleury-Rücken, an dem unvergeßlichen 2Z. Juni, als deutsche Jäger aus allen Gauen über Fleury und die Sainte-Fine-Capelle hinaus bis in das Fort von Souville und den Wald von Saint Michel rann ten. Wo läuft heute unsere Linie? Niemand kann es genau sagen. Wir stehen dicht davor und können es nicht sehen. Wie oft haben wir hier im Westen den Zug unserer Gräben von weitem beschrieben, die weißen Sandsackpackungen, die Drahtverhaue, den Iickzacklauf der Sappen und Flankierungsgräben. Hier sehen wir nichts Äs Löcher und abermals Löcher. Zwischen ihnen spritzen hohe Garben auf. Sind es deutsche oder französische Geschosse? Wir wissen nichts und die Leute neben uns auch nichts. Wie oft kommt es vor — hüben und drüben — daß die Leute auf dem Wege zur Stellung sich im Wirrwarr der ewig gleichen Löcher verlieren und plötzlich beim Gegner landen!^zz Ein breiter weißer Strich leuchtet auf dem braunen Fleury-Rücken. Das ist Dorf Fleury. Dorf? Die Krater- und Erdfontänen sind hier weiß. Das nennt man Fleury. Fleury ist heute französisch. Also sitzen unsere Leute diesseits der weißen Erdwunde. Jenseits fällt der Rücken in ein paar steilen Schluchten hinab ins Maastal. Diese Schluchten, durch die der Franzose seine ganze Zufuhr und Verstärkung gegen uns herausführt, liegen Tag und Nacht unter deutschem Feuer. Dicker Rauch schwelt aus der brennenden Weinberg-Schlucht. Wenn der Rauch auf dem Thiaumont-Rücken für einen Augenblick verzieht, liegt das Kraterfeld in der hellen Sonne mit seinen weißen Steinsplittern blinkend da. Einmal sah ich im Scherenfernrohr wieder Männer kriechen von Loch zu Loch. Wieder von diesen unbekannten Trägern, den ArbeitSsoldaten, die Tag und Nacht (vielleicht schlimmer als die vorn im Trichter liegenden fechtenden Kameraden) zwischen Front und Fort im Feuer des Gegners hin und her wandern. Oder es waren Läufer, Nachrichtenbringer, Schnelläufer, wie auch der Fran zose sie seit langem gebraucht. Denn vom Fort ab nach vorn hört jede Telephonstrippe auf. Und noch etwas sah man. Am Fleury-Rücken entlang zog sich im Frieden eine Kleinbahn, die aus der Schlucht von Vaux herauf über die Fleury-Höhe nach Verdun hinüberführt?. Eine Bahn für die Bauern der nördlichen Woevre-Ebene, eine Kreisbahn, die hier am Berge kletternd zwischen den grünen Waldhängen von Caillette und Chapitre ihre malerischste Strecke hatte. Die Bahn ist wegrasiert. Aber um die noch nicht völlig eingeebneten Reste des Bahnkörpers werden harte Kämpfe geführt. Von diesem Bahndamm ragten ein paar zer schossene Schienen krumm, aufgerissen, hoch in den Horizont — ein verzweifelter Schrei aus den Tagen einstiger friedlicher Arbeit. Dies ist das Trümmerfeld der letzten Höhen vor Verdun. Es ist um kränzt von verbrannten Wäldern. Ein Meer von Lehm und Stein. Erstarrt und doch lebendig. Denn diese ganze Erde wandert. Jeden Morgen sind ihre Wege neu. Die Trichter werden zugeschüttet, neue geschlagen. Die Trichter wandern. Die Blöcke wandern. Auch die Toten haben keine Ruhe. „II est rsmoi-t" — sagen die Landleute, wenn ein Toter aus seinem Grabe aufgeschüttet wird. „Er stirbt zum zweiten Male."Von Or.AdolfKöster erschien gleichzeitig mit diesem Buche im Verlag von Albert Langen Die Sturmschar Falkenhayns Kriegsberichte aus Siebenbürgen und Rumänien Umschlagzeichnung von Carl Arnold Preis geheftet 1,50 Mark, gebunden 2 Mark Früher erschienen Mit den Bulgaren Kriegsberichte aus Serbien und Mazedonien Umfchlagzeichnnng von Carl Arnold 2. Auflage. Preis geheftet 1,30 Mark, gebunden 2 Mark Die Post, Berlin: Aus dem wundervoll lebendig gezeichneten Berichten spricht nicht so sehr der Kriegsteilnehmer, als vielmehr der Geschichts forscher und Dichter. Köster behält sich den einzelnen Ereignissen gegenüber eine selbständige Stellung vor. Seine Persönlichkeit verarbeitet die Ein drücke erst, um sie dann in eigener Prägung wiederzugeben. So sehen wir mehr als das tiesinnere Wesen der Begebnisse. Wir nehmen innerlich An teil und erleben den Gang der geschichtlichen Bedeutsamkeiten tatsächlich Seine Schilderungen sind nicht Erzählungen von diesen oder jenen Vor fällen, sondern Bilder aus ihnen. Sie entkeimen den Geschehnissen. Sind also von deren Herzblut durchpulst. So besitzen sie höchste Eindruckskrast. Jedem Teilnehmer an dem Feldzug in diesem Teil Europas werden Kösters Berichte ein unschätzbares Gut bedeuten. Zeitung der 10. Armee, Wilna: Adolf Köster, dessen Kriegsberichte aus dem Großen Hauptquartier „Die stille Schlacht" und dessen Kriegs novellen „Brennendes Blut" und „Der Tod in Flandern" sich weit über die Tiefen des patriotisch verputzten Kitsches erheben, legt Kriegsberichte aus Serbien und Mazedonien vor, die vom 18. Oktober 1915 bis April 1916 reichen. - Es ist wohl ein uneingeschränktes Lob und ein vollgültiger Beweis für die Tüchtigkeit von Kriegsberichten, wenn man sie im dritten Kriegsjahr, nachdem man selbst in verschiedenen Fronten in Feuerstellung gelegen hat, nachdem man so manche Kriegsberichte hat lesen müssen, noch mit voller Aufmerksamkeit von Seite zu Seite liest ... Ein elastischer, Ein drücke aufsaugender Geist mit reichem, umfassenden Wissen und schneller, geschickter Verknüpfungs- und Einreihungsfähigkeit war dazu nötig, ein solches Buch zu schaffen, das auch nach dem Kriege ein grundlegendes Werk für die Kriegsberichte nnd Berichterstattung des bulgarischen Teils dieses Weltkrieges bleiben wird.Die stille Schlacht Kriegsberichte aus dem Großen Hauptquartier Umschlagzeichnung von Carl Arnold Preis geheftet 1,50 Mark, gebunden 2 Mark Frankfurter Zeitung: Die bange Frage beim Erscheinen jedes neuen Kriegsbuches: „Habe ich's nicht schon zehnmal gelesen, kann es mir noch etwas bieten?" darf hier getrost mit dem Hinweis auf die Verschiedenheit der mechanischen Wiedergabe im Lichtbild und der seelischen Wieder erschaffung im Bilde beantwortet werden. Wie wir im guten Bilde Berg und Tal, Wald uud Ackerbreite immer wieder mit Freude und Bereiche rung beschauen können, so auch in diesen Kriegsbildern unser Männervolk draußen, wie es liebt und leidet, wie es kämpft und ruht. Der Genuß ist ein ungetrübter, denn der Verfasser geht in seinem Werke auf und die Schilderung sitzt am Gegenstand, wie das gute Kleid an der schönen Frau... Die Zurückhaltung des Verfassers gegenüber dem Schaurigen ist äußerst wohltuend, sein Mitempfinden ist immer männlich gefaßt, und doch fühlen wir, wie ein meisterhaft geführter Bogen über die straffen Saiten unserer Seele streicht. In der Sammlung von Langens Kriegsbüchern erschienen Der Tod in Flandern Novellen 7. Auflage. Geheftet 1 Mark, gebunden 1,25 Mark Vossische Zeitung: Frische, nachdenkliche Geschichten, oft an seinen Roman von der „bangen Nacht" erinnernd; zuweilen bleibt er an der Ober fläche, zuweilen klingt Tieferes auf oder wenigstens das Suchen nach der Tiefe. Die Aktuellität drängt sich nicht vor, sie gibt nur den Rahmen; so liest man die Erzählungen von den vier Primanern oder die hübsche Skizze von dem jnngen Feldprediger mit ähnlichem Anteil, wie etwa gut geschrie bene Feldpostbriefe. Das Gegenständliche ist hier zum Rang des Tatsäch lichen erhoben. Brennendes Blut Novellen 5. Auflage. Geheftet 1 Mark, gebunden 1,25 Mark Berliner Tageblatt: Adolf Kösters Geist spiegelt die erschütterte Welt nicht so sehr in der Einzelseele, als in der Allgemeinheit. Er sieht und erkennt, daß die Welt von ewig ehernen Gesetzen regiert wird, die solche gewaltigen Zusammenbrüche und Katastrophen unausbleiblich mit sich bringen. Ein Künstler, der sich, trotzdem oder besser weil er den Krieg selbst miterlebt hat, so sehr über das äußere Ereignis zu erheben vermag, der sich durch seine glühende Vaterlandsliebe das objektive Urteil nicht ver wirren läßt, verdient ganz besondere Hervorhebung in unseren ausgewühlten Tagen.Adolf Köster Die bange Nacht Roman 2. Auflage. Gehestet 4,50 Mark, gebunden 6,50 Mark Tägliche Rundschau, Berlin: Selten lebte bisher in einem Roman so viel Bewußtsein von der Durchseeltheit des Alls, selten soviel Gefühl für das, was das Wesen unser er Zeit ausmacht, wie in diesem Buche. Es ist, als ob das Beste, was eine junge Generation bewegt, hier seinen Brennpunkt gefunden habe. Und, was man sonst bei den Jüngeren selten findet, be sitzt Köster: einen Humor, der aus der Tiese deutschen Gemütslebens kommt und an das beste Schaffen Wilhelm Raabes erinnert. Das Schönste an Kösters Roman scheint mir die besondere Art seines Optimismus zu sein. Das ist kein Optimismus der Art, der mit Scheuklappen einhergeht nnd nur sieht, was in seinen Kram paßt, sondern der Optimismus eines, der sich mit Tod und Teufel herumgeschlagen, allen Unrat des Lebens gesehen hat, in alle Tiefen und Zweifel hat eindringen, alle Wirrnisse und Bitter keiten hat kosten müssen, und der aus der Kraft und Gesundheit seines Wesens heraus doch schließlich und endlich Sieger geblieben ist. Man denkt an Steens Landsmann Liliencron und seinen Schlachtruf „Hurra, das Leben!" Preußische Jahrbücher, Berlin: Es ist ein ausgereiftes, tiefinner liches Buch . . . „Die bange Nacht" ist der symbolische Titel, den der Verfasser der Entwicklungsgeschichte eines jungen Menschen gibt: Jahre des Übergangs, des Gärens und der Krisen ... Zwischendurch sind geschickt eingestreut Landschafts- und Naturbilder, die, gleichviel ob sie nun von leuchtender Farbenbracht oder nur dämmeriges Nebelgrau sind, klangvoll mit der eigentlichen Handlung zusammenstimmen und zu kunstvoller Einheit verschmelzen. Adolf Köster Die zehn Schornsteine Novellen Umschlagzeichnung von Th. Th. Heine 2. Auflage. Geheftet 3,30 Mark, gebunden 3,50 Mark Neue Freie Presse, Wien: Diese Erzählungen hat ein Mensch geschrieben, der aus irgend welchen zwingenden äußeren Umständen ein verinnerlichtes und grübelndes Dasein führen mußte und der sich dabei mit allen Sinnen in die robuste Wirklichkeit hinaussehnte. Ein Mensch, der auf die leisen Untertöne horcht, vor dessen Augen sich das Unbelebte beseelt, der am hellen Tag Gesichte hat, ein empfindlicher Mensch, auf den auch das scheinbar Gewöhnliche und Nüchterne merkwürdig wirkt. Neue Hamburger Zeitung: Der erste Band eines neuen Mannes, aber erstaunlich in seiner Reise und von so starken Vorzügen, daß eine ganze Reihe altbekannter Namen davor erblaßt. Dieses Buch anzuzeigen ist eine Freude, wie sie einem im Laufe eines Jahres nickt oft blüht. .. Verlag von Albert Langen in München Druck von Hesse 6 Becker in Leipzig.Wandernde Erde Kriegsberichte Albert Langen, München 1917
