Bilder aus der Weltkunde für die reifere Jugend Lebensvolle Darstellungen aus der Weltkunde sind zweifellos ein gesundes geistiges Nahrungsmittel für unsere reifere Jugend, ein heilsamer Gegensatz gegen die Romanleserei, die sich in den mannigfachsten formen an sie herandrängt. Solche Darstellungen habe ich in dem vorliegenden Buche zu geben mich bemüht. An den behandelten Gegenständen aus der Natur- und Erdkunde soll, so hoffe ich, sich die Beobachtungsgabe der jugendlichen Leser schärfen; ihre Einbildungskraft soll im heimischen Anschauungskreise Übung und ver- ständnis gewinnen zur Auffassung der Dinge fremder Länder, und so soll der Natursinn, dieses wertvolle Muttererbe des deutschen Volkes, sich ausbilden besonders zur liebevollen Wertschätzung der cheimat. Wo ich über die Grenzen der Heimat hinausführe, da habe ich mich bemüht, die Dinge mit dem Auge des Deutschen zu betrachten. Darum steht mir im Hintergründe aller fremden Erscheinungen stets die Hochschätzung unseres deutschen Vaterlandes als Leitstern. Möge sie es auch den Lesern dieses Buches fein und immer mehr werden! Delitzsch, 8. Oktober 1897. A. K. Inhalt. Erste Abteilung. Bilder aus der Naturkunde. I. Aus Feld und Wald. o breite Wetterpropheten 5 Auf der wiese 8 Der edle weinstock Dom Leinkorn zur Leinwand 20 Dom Maikäfer 26 Ans dem Leben der Heuschrecken 32 Meine Lieblinge unter den Spinnen 36 Unsere Fledermaus und ihre Derwandten HO Ein Wintergast im Stadtwalde 46 Unsere Schwalben Die Wunderwelt im Moose 56 Meister Grimbart 6 ( II. Aus Strom und See. Ein Masserbaumeister 6 ? Die edelsten der Muscheln 73 Ein Räuber unter den Fischen 80 Der Hering und seine Derwandten 84 wanderfische Ein gefiederter Fischräuber 96 Die Möwen und ihre Derwandten ^02 Zweite Abteilung. Bilder aus der Erdkunde. I. Aus der £)eimat. Steinerne Fragezeichen tu Zn Rübezahls Reich ((6 Auf der Ruppe des Brockens (30 Die Köhler im Harz (38VIII Seite Im Spreciualbc W Die Leute im llloor. 154 Ein schwimmendes Land (60 Bilder vom Kurifdieu ßaff (68 kjelgoland (78 Die perle der nordfriesischen Inseln (y!> Der Kaiser Wilhelm-Kanal 203 Ans dem Leuchtturm 2(2 II. Aus der Fremde. wandernde Baumstämme... Die Lappen und ihr Daustier Der Kaschmirshawl Bilder aus Japan Lin „Freiland" in Afrika Die deutsche Kolonie Kamerun Bei den Eskimos auf Labrador Im amerikanischen ksinterivald Eine Nacht an den Ufern des Ämazonenstromes. . . Robinsons Insel und ihre ersten Bewohner . . . . Die Kokospalme Entdeckerfahrten. wie die Normänner Amerika entdeckt haben 3(0 Christoph Columbus 3(8 Dasco Balboa, der Entdecker der Südsee 3H6 Die Entdeckung des Ämazonenstromes 357 Die erste deutsche Kolonie in Afrika 36-( (Eine gefahrvolle Eiswanderung 375 Fridtjof Nausen, der Nordpolfahrer 38HI. Nus Feld uuü ZNslü. Wetterpropheten. ch hatte eilten alten Oheim, der galt bei den Leuten für einen wetterkundigen Mann. War's Zeit zum Säen oder war's Erntezeit — nie versäumten die Nachbarn im Dorfe, sich zu erkundigen, was der alte Gottlob über das Wetter meine. Keiner wäre ans Heu oder ans Korn „gegangen," wenn der Alte Regen prophezeite, und nach ihrer Meinung war schönes Wetter in sicherer Aussicht, trotzdem der Himmel voll Wolken hing, wenn ihr Dorf-Wetterprophet solches ver kündigt hatte. Das; der brave Alte manch liebes Mal weit vorbeischoß mit seinen Wetterprophezeiungen — was that's? Sein Ruhm stand auf so sicheren Füßen, daß daran nicht zu rütteln war. Natürlich teilten wir Jungen die gute Meinung der Leute von unserm alten Oheim Gottlob. Wenn wir ihn besuchten, blickten wir nie ohne eine Art ehrfurchtsvoller Scheu auf das, was er im Stubenfenster stehen hatte. Da stand zwischen blühenden Geranien ein hohes, oben verschlossenes Ein macheglas, halbgefüllt mit Wasser, aus dem eine kleine Leiter hervorragte. Auf einer der obersten Sprossen hockte ein grüner Laubfrosch, der sich offenbar sehr unbehaglich fühlte und dem wir Jungen gern eine Freude verschafften, indem wir ihm Fliegen aufs Wasser warfen, die er mit merk würdiger Geschicklichkeit wegschnappte. Da stand ferner ein schönes weißes Goldfischglas mit dem Wetterfisch, hinter dem wir stets eine Art von Schlange vermuteten, da er zu dem uns wohlbekannten Hering doch gar nicht recht passen wollte. An der Innenseite der Fensterverkleidung hing ein viereckiges Täfelchen; auf diesem war ein Kreis ausgezeichnet, um den herum all die Bezeichnungen geschrieben waren, die man auf den Baro- 1 *Metern findet, von „beständig" an bis zu „Sturm." In der Mitte des Täfelchens aber war die fingerlange, schraubenförmig zusammengedrehte Fruchtspitze vom Storchschnabel befestigt, deren Ende dann stets auf eine der Wetterbezeichnungen hinwies. Das waren des alten Oheims Hilfs mittel fürs Wetterprophezeien! Mehr als diese Hilfsmittel mag ihm aber der scharfe Blick von Nutzen gewesen sein, mit dem der wackere Alte die Natur um sich her zu betrachten von früher Jugend an gewöhnt war. „Merkt's Euch, Jungen," sagte er eines Abends, als wir ihn wegen einer am andern Tage an zutretenden Ferienwanderung „ums Wetter" fragten, und dabei Pflückte er ein Zweiglein Hühnerdarm vom Acker — „merkt's Euch: wenn hier die kleinen Blumen abends noch ihre Blätter ausspreizen, dann habt Ihr morgen gutes Wetter zur Wanderung, und seht, dort fängt auch der Fuchs an zu brauen; da kann's gar nicht fehlen." Der „brauende Fuchs" aber waren die weißen Nebelschwaden, die eben aus den Wiesen aufzusteigen begannen. Diesmal behielt der Alte recht: der folgende Tag war ein selten schöner. Als ich mich dann später eingehender mit Naturkunde beschäftigte, fielen mir ab und zu die Wetterpropheten meines alten Oheims ein: der Laubfrosch, der Wetterfisch und der Storchschnabel. Und da es vielleicht auch den freundlichen Leser interessiert, zu erfahren, was es mit den Wetter prophezeiungen dieser drei für eine Bewandtnis habe, so will ich es hier kurz mitteilen. Der Laubfrosch, der kleine grüne Vetter unseres bekannten Wasser frosches, ist in manchen Stücken ein sehr interessantes Tier. Er ist in seiner Familie gewissermaßen der Seiltänzer, der durch die weichen Saug scheiben an den Spitzen seiner Zehen befähigt wird, auf Bäume zu klettern, und der tagelang in Laub und Gezweig sein Wesen treibt, ohne einmal auf den Boden zu kommen. Trotzdem er sich ziemlich häufig auf dem Laub der Bäume findet, sieht man ihn doch äußerst selten, da die Farbe seines grünen Röckleins so genau mit der Farbe der Blätter zusammen stimmt, daß er sehr leicht übersehen wird. Desto besser aber erspäht er umhersummende Fliegen und Mücken und versteht sie mit seiner langen, klebrigen Zunge gar geschickt zu fangen. Bei dieser für uns so nutzbaren Beschäftigung sollte man den grünen Schelm ruhig lassen. Denn sein Ruf, ein Wetterprophet zu sein, ist doch ein sehr fragwürdiger. Es ist zwar richtig, daß er bei schönem, sonnigem Wetter sich gern auf die Oberseite des Laubes setzt und daß er bei Regen Unterschlupf unter einem größeren Blatte sucht; — aber das thut er doch nur, wenn das schöne5 ober das regnerische Wetter bereits eingetreten ist, nicht vorher, wie dies bei einem rechten Propheten der Fall sein müßte. Es ist sonach völlig zwecklos, den Laubfrosch als Wetterpropheten in einem Glase zu halten. Will man dies aber um seiner Zierlichkeit willen thun, so sollte man nicht vergessen, ihm ein einigermaßen bequemes Quartier einzurichten. Das zierliche Tierchen liebt die sonnedurchwärmte Luft und das Laub der Bäume; — kann es größere Qual für ihn geben, als int verschlossenen Glase auf einem Leiterchen hocken zu müssen, von dem jeder Sprung ihn ins Wasser bringt, das er durchaus nicht liebt? Mit besserem Recht als der Laubfrosch darf der Wetterfisch ein Wetterprophet genannt werden. Es ist der etwa spannenlange Fisch, der in manchen Gegenden Schlammbeißer, in andern Schlammpietzger genannt wird. In seinem Körperbau erinnert er an den Flußaal, kenn zeichnet sich aber durch die zehn Bartfäden am Maul und ist auf der Rückenseite schwarz mit gelben Längsstreifen, am Bauche aber von schön orangegelber Färbung und schwarz punktiert. Seinen Namen führt er mit Recht; denn er befindet sich nirgend wvhler als im Schlamme, weshalb er sich auch fast nur in Teichen findet. Hier vergräbt er sich, wenn der Winter seine spiegelnde Eisdecke über die Gewässer breitet, tief in den Schlamm, und auch im Sommer sucht er diesen immer wieder auf, selbst auf die Gefahr hin, daß er beim Eintrocknen des Wassers im Schlamme zurückbleibt. Bei solchen Gelegenheiten erweist er sich denn auch als ein Fisch von ganz besonderer Lebensweise. Eingetrocknet im zähen, fast wasserlosen Schlamme, vermag er diesen für einen Fisch geradezu unnatür lichen Zustand lange auszuhalten, oft mehrere Monate lang; und wird er während einer solchen Zeit der Dürre zufällig ausgegraben, so giebt er, unähnlich allen übrigen Fischen, piepende Laute von sich. Diesen seltsamen Gesellen nun hält man in vielen Gegenden als Wetterpropheten im Glase, indem man diesem einen Grund aus etwas Flußsand giebt. Bleibt der Schlammbeißer ruhig auf dem Grunde, oder hat er sich behaglich in den Sand eingewühlt, dann ist in der Regel schönes Wetter, fängt er aber an, unruhig im Wasser auf und ab zu steigen und nach Luft zu schnappen, dann ist geivöhnlich ein Gewitter im Anzuge. Der Grund zu dem selt samen Verhalten des Wetterfisches mag wohl darin liegen, daß bei ihm die Empfindlichkeit gegen die Einwirkung der Luftelektrieität zu einem hohen Grade gesteigert ist. Auch die Verwendung der schraubenförmig zusammengedrehten Frucht spitzen des Storchschnabels zum Anzeigen der kommenden Witterung hat ihren guten inneren Grund. Bei feuchter Luft nämlich ziehen die feinen6 Gefäßchen im Innern der Fruchtschnäbel viel Wasserdampf aus der Lust in sich hinein, und das bringt die Fruchtschnäbel zum Aufrollen, während bei trockenem Wetter, wenn das Wasser wieder verdunstet, sich ihre Spitzen wieder einrollen. Eine ähnliche Anwendung dieser Eigenschaft mancher Körper, Wasserdampf aus der Luft aufzusaugcu, findet sich bei den Wetterhäuschen, die man wohl hie und da noch vor den Fenstern sieht und aus deren einer Thür bei schönem Wetter eine Frau mit dem Sonnenschirm, bei Regenwetter aber aus der andern Thür ein Mann heraustritt. Die Scheibe nämlich, auf welcher die beiden Figuren angebracht sind, wird bewegt durch eine Darmsaite, die sich, da bei feuchter Luft Wasserdampf in ihre Röhrchen eindringt, verkürzt und bei trockener Lust ein wenig wieder verlängert. Das ist das ganze Geheimnis! In neuerer Zeit sind dann noch die Spinnen in den Ruf gekom men, zuverlässige Wetterpropheten zu sein. Und dieser Ruf knüpft sich hauptsächlich an die merkwürdigen Schicksale eines gefangenen Mannes. Im Jahre 1787 nämlich saß in einem Kerker zu Utrecht in Holland ein französischer Offizier Namens Quatremöre d'Jsjonval. Er hatte bei dem Aufstande der holländischen Patrioten gegen den Erbstatthalter eine Rolle mitgespielt, war dann von den einrückenden Preußen gefangen genommen worden, wurde zu langjähriger Kerkerhaft verurteilt und verließ fast sechs Jahre lang sein Gefängnis nicht wieder. In der trüben Zeit dieser sechs Jahre fand nun der arme Gefangene seine einzige Unterhaltung in der Pflege der Spinnen, deren Gespinste die Ecken seines Kerkers auskleideten. Er sorgte dafür, daß am Tage die Fenster lange geöffnet blieben, damit es seinen Pfleglingen nicht an Fliegen und Mücken fehlen möge, und es erfüllte ihn stets mit Trauer, wenn seine Spinnen beim Herannahen des Winters in Löchern und Ritzen der Mauern Unterschlupf suchten. Bei diesem eigentümlichen Freundschaftsverhältnis zwischen dem Gefangenen und seinen Spinnen konnte es nicht ausbleiben, daß er ihr Thun und Treiben aufs sorgfältigste beobachtete und darin endlich vielerlei sehr Merk würdiges entdeckte. Seiner Kenntnis von dem Treiben der Spinnen verdankte der ge fangene französische Offizier endlich seine Befreiung aus dem Kerker. Als nämlich im Winter des Jahres 1794 das Kriegsheer der französischen Republik in Holland vordrang, trat im Dezember auf einmal Tauwctter ein, welches in dem wasserreichen Lande jedes weitere Vordringen sehr gefahrvoll machte. Schon hatte der französische Obergeneral den Rückzug beschlossen, als es Quatremöre d'Jsjonval gelang, einen Brief in seine Hände zu bringen, in welchem er ihm die Versicherung gab, daß nach den7 - Arbeiten seiner Spinnen spätestens in vierzehn Tagen ein starker Frost eintreten werde, der ihn zum Meister aller Flüsse machen würde. Auf diese bestimmte Zusicherung hin gab der französische Obergeneral den Rückzug auf. Was aber der gefangene Offizier vorausgesagt hatte, traf ein. Schon am zwölften Tage fror es so stark, daß die Franzosen bald im stände waren, die schwersten Geschütze über die Flüsse und Kanäle zu bringen. Bald fiel nun auch die Festung Utrecht, und damit öffneten sich auch für den fleißigen Beobachter der Spinnen endlich die Thüren seines Kerkers. Seitdem haben die Natnrkundigen die Beobachtungen des gefangenen Franzosen ans ihre Zuverlässigkeit nachgeprüft und folgende Regel gefunden: „Kriecht unsere Hausspinne — denn diese vornehmlich ist die Wetter- Prophetin — tief in ihre Röhre und dreht die Spitze des Hinterleibes nach einer bestimmten Seite, dann ist ans bald cintretenden heftigen Wind aus jener Gegend zu rechne»; kommt sie aber mit vorwärts gerichtetem Kopf ende zum Eingänge der Röhre und streckt die Beine, wie zum Fange ge rüstet, daraus hervor, so kann man ruhiges Wetter erwarten." Und wie ist dies merkwürdige Verhalten der Hausspinne wohl zu erklären? „Jede Spinne," sagt der Naturforscher, dem wir diese Regel verdanken, „muß mit ihrem Spinnstoff sparsam sein, weil seine Erzeugung von ihrer Ernährung abhängt und eine verhungerte weniger besitzt als eine wohl genährte; darum wird sie also auch nicht arbeiten, wenn Sturm und Regen drohen, welche ihre Arbeit zerstören könnten." Endlich rechnet man zu den Wetterpropheten unter den Tieren auch die Schwalben. Fliegen sie hoch, sagt man, so wird gut Wetter, bei niederem Flug tritt Regenwetter ein. Auch diese Wetterregel hat ihren guten inneren Grund. Das fliegende Getier, von dem sich die Schwalben ausschließlich nähren, wird durch warmen Sonnenschein hervorgelockt; dann ist den Schwalben reichlich der Tisch gedeckt, und sie segeln lustig zwit schernd in der Lust umher, wobei sie in tollem Übermut oft bis zu ge waltigen Höhen aufsteigen. Tritt dagegen feuchte, kalte Witterung ein, so bergen sich die Fliegen und Mücken und kleinen Schmetterlinge in ihren Schlupfwinkeln, und dann müssen auch die Schwalben darben und ver lieren an lustigem Wesen. Da sieht man sie dann wohl über den Teichen und Flüssen rastlos hin und wieder fliegen, um die wenigen Mücken oder Fliegen zu erhaschen, die sich in der Nähe des wärmeren Wassers auf halten. Das aufmerksame Betrachten der Natur ist unzweifelhaft eine der edelsten Beschäftigungen des Geistes; denn es lehrt den Sinn manches—- 8 seltsamen Rätsels kennen, schärft den Blick und führt ihn über die Er scheinungen der Sinnenwelt unvermerkt hinweg zu dem, von dem die heilige Schrift sagt: „Herr, wie sind Deiner Werke so groß und so viel; Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll Deiner Güte." Zu dieser sinnigen Betrachtung der Natur führen auch die Pflanzen und Tiere hin, die das Volk „Wetterpropheten" nennt. Aber eins darf über sie nicht verschwiegen bleiben. Der freundliche Leser wird bereits gemerkt haben, daß Schwalben und Spinnen und Laubfrösche und Wetterfische eigentlich nicht das künftige, sondern das bereits eingetretene Wetter anzeigen, und daraus die Lehre ziehen: daß es Wetterpropheten unter den Tiere» und Pflanzen nicht giebt. Äuf üer Miese. &•> hinter dem Städtchen sondert sich von dem Acker die Wiese. Zu beiden Seiten des Fußweges furcht sich der Boden zu braunen Streifen von Erdschollen; dann senkt er sich ein wenig und geht in scharfer Linie über in das lichte Grün der Wiese, die sich bis zu dem Wässerlein erstreckt, dessen Lauf von dunkelgrünem Erlengebüsch begleitet wird. Der Wiesenstreif am Bache, er ist ein bescheidener, aber stets herz- erfreueuder Schmuck jedes Laudschaftsbildes. Hier zuerst regt sich im Früh ling neues Leben. Wenn droben in den Furchen zwischen den Äckern der letzte Schnee zerrinnt, dann beginnen die Spitzen der Wiesengräser schon hier und da lustig zu grünen, als ob sie vom linden Märzwinde frühzeitig wachgeküßt seien. Und so ist die Wiese immer einen Schritt voraus im Grünen und im Blühen. Mag Ostern auch noch so zeitig fallen — nie gehen die Kinder vergeblich hinaus, um auf der Wiese einen vollen Strauß Himmelsschlüssel zu pflücken; das bescheidenere Gänseblümchen aber öffnet sein gelbes Blütenauge noch früher, und seine weißen Randblüten folgen in wenigen Tagen dem zerfließenden Schnee. Setzt dann aber der Frühling mit Macht ein, dann leuchtet die Wiese wie ein reich mit Gelb9 durchwirkter Teppich. Prahlerisch stechen die Sumpfdotterblumen hervor mit ihrem saftstrotzenden Stengel- und Blattwerk und ihren dottergelben Blütenkelchcn. Darüber hebt sich der Hahnenfuß empor, der durch den Goldglanz seiner Blüten sich als ein vornehmer Vetter der bürgerlich- behäbigen Dotterblume ankündigt. Dazwischen steht reichlich das schmächtige Wiesenschaumkraut mit seinen lilafarbenen Blütentrauben. Wie aber das freundliche Grün in der Reihe der sieben Regenbogenfarben in der Mitte steht — alle vereinigend, wie ein naturkundiger Mann sinnig gesagt hat —, so wird auf der Wiese alle Blumenpracht von dem saftigen Grün des Grases eingeschlossen, das Halmglied auf Halmglied treibt, bis sich die zierliche Blumenrispe auf der schlanken Spitze wiegt. Und welch munteres Leben tummelt sich in dem grünen Halmenwald! Tag für Tag brechen jetzt aus dem feuchtwarmcn Grunde Fliegen und Mücken und zierliche Käfer hervor, die ihre winterliche Puppenruhe unter den Gräsern der Wiese gehalten haben. Überall regt das summende Getier die Flügel und probiert sie zum lustigen Flug in der lauen Frühlingsluft. Wie ein in schimmerndem Erz funkelnder Ritter erscheint zwischen den Kleinen der Goldschmied, jener schlankleibige Käfer mit den goldgrünen, kupferrot-streifigen Flügeldecken und den behenden Beinen. Er ist nicht eigentlich auf der Wiese zu Hause, aber er gehört zu ihren häufigen Be suchern; denn sie ist ein Jagdgrund für den schönfarbigen Räuber, wie es keinen zweiten giebt. Was sich in die Luft erheben kann, ist freilich vor ihm sicher; denn die Gabe des Fliegens ist dem schönen Käfer nicht ver liehen; aber was träumerisch ans den Halmen hockt, das fällt den scharfen Beißzangen zur Beute, die dem Goldschmied vorn am Kopfe stehen — er verschmaust Hunderte von Mückenlarven, zerknackt die noch nicht erhärteten Flügeldecken kleiner Küfer, ja er fällt wohl gar mit Mordgier über den Regenwurm her, den ein warmer Regen zu seinem Verderben hervor gelockt hat. Der Goldschmied treibt sein Wesen auf der Wiese meist während der Nacht, wie ein richtiger Strauchdieb; der anbrechende Tag treibt ihn dann zurück unter die Erdschollen des angrenzenden Ackers. In den ersten sonnigen Morgenstunden folgt ihm dann häufig das seltsame Geschöpf, das unsere Altvordern den Maiwurm uannten, trotzdem es ein Käfer ist. Schwerfällig schleppt er sich durch die Gräser; denn sein Hinterleib ist dick und feist, und seine kurzen Flügelstummel sind auch mehr der Zierde wegen da als zum Fliegen. Was thut der plumpe, schwarzblau glänzende Geselle auf der Wiese? Setzt er das Raubhandwerk des Goldschmieds bei Tage fort? Achte doch auf sein Wesen, und du wirst eine bessere Meinung10 von ihm erhalten. Den räuberischen Goldschmied vermagst du, hast du ihn einmal gefangen, kaum festzuhalten; — der Ölkäfer aber — denn so heißt er richtiger — ergiebt sich auf Gnade und Ungnade: ängstlich krümmt er sich zusammen, zieht Beine und Fühler an sich, und wenn nicht die gelbe ölartige, blasenziehende Flüssigkeit, die dann aus den Gelenken der Beine hervortritt, ein Schntzinittel gegen kleinere Feinde wäre, so möchte man den plumpen Gesellen für sehr hilflos halten. Alles an ihm zeigt friedliche Art, und was ihn ans die Wiese führt, ist nur die Sorge um das liebe Brot: die jungen Spitzen der Grashalme, die zarten Blätter der Veilchen und anderes frisches Grün läßt er sich schmecken. Wenn er aber erst seine zahlreichen Eier in ein Erdloch verscharrt hat, ist's mit seiner Freude am Leben zu Ende, er verschwindet zwischen den Gräsern, und bald findet man höchstens noch das unscheinbare, hohlgefressene Hautgerüst. Aber der behäbige, furchtsame Ölkäfer ist eine Doppelnatur! Alls dem Erdloch, in dem er seine Eier abgelegt hat, schlüpfen nach wenigen Wochen die Larven aus. Das sind kleine, flohartig aussehende Geschöpfe, welche, unähnlich dem schweren Maiwurm, munter in die Wiesenblumen hinanf- klettern. Selten wird man einen Strauß von Hahnenfuß oder Wiesensalbei pflücken, ohne Dutzende der schwärzlichen Larven mit nach Hause zu tragen. Diesen ist dann ihre Laufbahn in grausamer Weise abgeschnitten. Denn im richtigen Verlauf der Dinge hätten sie es dahin bringen können, daß man von ihrer Raublust ebenso geredet hätte, wie von der des Goldschmieds. Bleiben sie nämlich in den Blüten, welche sie sich zum Aufenthalt erwählt haben, ungestört, so warten sie den Besuch honiglüsterner Bienen ab; denen kriechen sie in das Haarkleid und werden so in die Bienenstöcke eingeschlcppt. Ein merkwürdiger Naturtrieb leitet sie dort zu den Zellen für die Bienen brut. Ist eine solche Zelle mit Honig gefüllt und von der Bienenkönigin auf dem Honig das Ei abgelegt, so schlüpft auch oft eine solche Maiwurm larve ein, gerade rechtzeitig, um sich von dem Wachsdeckelchen einsperren zu lassen, mit dem von den Bienen die Zelle geschlossen wird. In der Zelle treibt nun die Larve ihr lichtscheues Handwerk: sie verzehrt zuerst das Ei, dann den Honig und verwandelt sich dabei selbst zum zweitenmal in ein engerlingähnliches Geschöpf, aus dem dann die Puppe entsteht, aus welcher der Maiwurm hervorbricht. Der sucht dann, wenn ihn nicht die Rache des erzürnten Bienenvaters ereilt, als ein scheinbar harmloser Gast wieder die Wiese auf, wo ihm der Tisch gedeckt ist. Wenn der Johannistag naht, legt die Wiese ihr Festkleid an. Das freudige Rot giebt überall den Ton an. Denn zwischen den Gräsern drängt der bescheidene Wiesenklee seine rundlichen Blütenköpfchen hervor;11 höher schießt die Kuckuckslichtnelke mit ihren feingeschlitzten Blütenblätteru, und in so überwältigender Fülle zeigt sich die Rispe des Ampfers, daß das grüne Gras weithin von rosigem Schimmer überhaucht ist. Der geschmückte Wiesengrund ist zu dieser Zeit ein Festsaal für Tau sende von geflügelten Gästen. Das Summen der Biene deutet darauf, daß jetzt der Honigquell am reichlichsten fließt, der die Stöcke im Bienen hause füllt; dort gaukeln Hunderte des schlichtfarbigen Ochsenauges, des wahren Wiesenschmetterlings, dazwischen mischt sich der kleine, zierliche Bläuling; über den Gräsern dahin aber ziehen mit vornehm-schwebendem Flug die Edelgestalten des luftigen Schmctterlingsvolkes, der prächtige Admiral, der schlanke Segelfalter und dessen nicht minder schöner Ver wandter, der Schwalbenschwanz. Zwischen den Gräsern aber schreitet bedächtigen Schrittes der Storch, der auf der sommerlichen Wiese Eidechsen spießt und den Molchen und Fröschen nachstellt, die sich aus dem benach barten Bache aufs Land gewagt haben. Senkt sich dann nach langem Sommertage der laue Abend herab auf die Wiese, so schließt wohl der schöne Tag mit prächtigem Feuerwerk. Hunderte von Feuerfünkchen zittern dann durch die warme Luft, und wenn dem entzückten Blick das eine erlischt, so taucht ein anderes auf zum feurigen Tanze. Die Feuerfünkchen aber sind Johanniswürmchen, kleine Käfer- chen, welche in dem feuchten Grunde der Wiese ihre Verwandlung bestehen und an warmen Sommerabenden zu fröhlichem Tanze in die Luft steigen. In den ersten Stunden der Nacht erhebt sich aus dem feuchten Wieseu- grunde denn auch ein lichtscheues Schmetterliugsgeschlecht. Eulen nennt sie der Schmctterlingssammler wegen der wolligen Behaarung ihres Brust stückes und ihrer Beine und wegen der düsteren Farbe ihrer eng anliegenden Flügel, Nachtvögel sind es unter dem farbenprächtigen Geschlecht der Falter. Über Tag hocken sie unter irgend einer Erdscholle, deren graue Farbe von der ihrigen sich nicht unterscheidet; erst in der Nacht gaukeln sie irren Fluges durch die Lust und besuchen die Blumen der Wiese, die blühenden Gras- und Getreideähreu, um mit dem laugen Rollriissel den Grund der Blüten nach Honig zu durchsuchen. Bei dieser Beschäftigung bekommt man die dickköpfigen Falter selten zu sehen; nur wenn sie, von dem hellen Licht der Lampe angelockt, sich in die Gärten oder durch die geöffneten Fenster in die Zimmer verirren, erinnern sie daran, daß auch zur Nachtzeit das Leben der Wiese nicht schläft. Und nun kommt für die Wiese die Zeit, in der sie eine Stätte segen voller Arbeit des Menschen ist. Lange „vor Tag und Tau" ziehen die Mäher mit scharfer Sense hinaus zum Heuen. In langen Schwaden sinken—- 12 die hoch aufgeschossenen Gräser und Kräuter dahin; wenn sich die Sonne hebt, muß der Schnitt beendet sein. Nun schreiten, in der Hitze des Tages, die Reihen der Mägde durch die Wiese, mit leichtem Rechen die Gräser wendend, damit sie ausdörren zu nahrhaftem Hen. Unvergleich lich schön ist dann der Ruchgrasduft, der über der Wiese liegt und sich von hier weit hinein ins Feld verbreitet. Wer zu dieser Zeit an einem taufrischen Morgen durch den kurz geschorenen Teppich der Wiese schreitet, der findet sehr häufig die Larven der Schaumcikade. Das ist ein kleines Geschöpf von kaum Weizenkorn größe, schön grasgrüner Farbe und am Bauche abgeplattet. Überall treibt sie sich an Gräsern und Blättern umher, wartend auf die Zeit, wo ihre wachsenden Flügel sie zum Schwirren in der Luft befähigen. In der ersten Zeit ihres Lebens hat die Cikade das Leben eines Gefangenen ge führt. Sorgsam nämlich hat das Muttertier im Herbst seine Eier an die Wurzelstöcke mancher Wiesenpflanzen abgelegt, an das Wiesenschaumkraut, den Wiesenbocksbart oder die Kuckuckslichtnelke. Von den Blattschuppen geschützt, haben sie den Winter überdauert. Die Frühlingssonne hat dann aus den Eiern die winzigkleinen Larven hervorgelockt. Diese stechen nun mit ihrem Säugrüssel die Pflanze an, auf der sie überwintert haben und welche ihnen nun auch zur Futterpflanze wird. Dabei erscheinen die durch den Körper der Cikaden hindurchgegangenen Säfte als weißer Schaum wieder, der sich in leichten Flocken häufig genug auf den Pflanzen findet und den die Landleute wohl „Kuckucksspeichel" nennen. In diesen Schaum flocken wachsen nun die kleinen Larven der Cikade heran. Vor den Vögeln geschützt, pflegen sie nur das Geschäft der Verdauung. Erst wenn sie die kleinen Flügelstummel zu regen beginnen, regt sich in ihnen auch der Trieb, zu schauen, wie es wohl draußen in der Welt aussehen mag. Freilich büßt manche der lustig umherkriechenden Cikaden ihre Neu gier mit dem Leben. Denn zwischen den kurzen Wiesengräsern lauert auf sie die Gefahr von allen Seiten. Je mehr es in den Hochsommer hinein geht, desto zahlreicher wird das Geschlecht der Heuschrecken. In allen Lebensaltern sind sie jetzt auf der Wiese zu finden. Da springt ein halb Dutzend auf, wenn man den Fuß weiter setzt: es sind kleine graue ohne Flügel; dort schwirrt ein braun oder grün beflügeltes, fast fingerlanges Heupferd, das sich dann wieder ins Gras niederläßt, um mit kräftigen Kinnbacken sein unterbrochenes Mahl fortzusetzen. Diese großen schwirren den Heuschrecken aber sind die gefürchteten Wegelagerer des Stoppelfeldes und der Wiese. Bei ihrer unersättlichen Freßgier sind sie nicht wählerisch in ihrer Nahrung: die weichen Larven der Cikaden sind ihnen da gerade13 recht appetitliche Bissen; ja, häufig genug machen sie sich selbst an Raupen, die so groß sind wie sie selbst, und die sie mit ihren langen Beinen ge schickt zu sangen verstehen. Wer sich gewöhnt, auch in den reizvollen Er scheinungen der Natur den Dingen auf den Grund zu sehen, wird die großen grünen Heupferde um ihrer Wegelagerei willen mit günstigen Augen ansehen; denn alles unter ihresgleichen, was sie mörderisch anfallen, schadet dem Menschen, und wir sollten uns daher freuen, im Heupferd einen treuen Verbündeten gegen mancherlei Ungeziefer zu haben. Nach der fröhlichen Heuernte kommt für die Wiese noch eine Zeit kräftigen Nachwuchses. Das Gras sprießt noch einmal. Besonders aber sind es jetzt starr hervortretende Doldenpflanzen, welche die Wiese beleben. Überall Schirmblüten: dort die weißen der wilden Mohrrübe und des Wiesenkümmels, da die grünlich-gelben der Pastinak und des Kerbels. All diese Kräuter geben dem „Grummet," dem zweiten Grasschnitt, einen Teil seiner Nahrhaftigkeit. Wenn auch sie unter dem Schnitt der Sense dahingesunken sind, steht die Wiese kahl. Wohl lugt hier und da noch das treubleibende Gänseblümchen zwischen den kurzen Gräsern hervor; wohl zünden nun die Zeitlosen ihre „seltsamen blaßblauen Erdflämmchen" an; aber es kommt nicht mehr zum fröhlichen Fruchten, die schönen, sonnigen Herbsttage künden doch nur den Winter. Doch das Tierleben der Wiese ruht auch zu dieser Zeit nicht völlig. Wenn der Landmann durch die Gräser dahinschreitet, dann regt sich in seinem Herzen wohl Verdruß, wenn er große gelbe Stellen erblickt, auf denen die Grasnarbe wie abgestorben aussieht. „Da ist wieder die Werre am Werk gewesen!" brummt er verdrießlich. Drunten nämlich im Grunde der Wiese hat sich die Maulwurfsgrille stark vermehrt, ein seltsames Kerbtier, kräftig gebaut, nur kümmerlich beflügelt, aber mit starken Grab beinen ausgerüstet; denn sie ist für das Leben in der Erde bestimmt. Hier wühlt sie dicht unter der Oberfläche ihre Gänge. Hauptsächlich spürt sie in diesen den Larven anderer Kerbtiere nach; aber auch die zarten Würzel chen der Wiesenpflanzen läßt sie sich schmecken. Was sie besonders gefähr lich macht, ist ihr Vermögen, sich stark zu vermehren. Wenn in der glatten Erdhöhle, in der sie etwa zweihundert Eier ablegt, diese zahlreiche Nach kommenschaft glücklich ausschlüpft, dann nagen in ein paar Wochen Hunderte don Kinnbacken am Wurzelwerk, dann kommt's, daß der Landmann durch abgestorbene Stellen aufmerksam gemacht wird auf das Treiben der bösen „Werre." Aber zum Glück schickt ihm hier die Natur auch gleich einen guten Freund und Gehilfen. Die lockern Hügel, welche der Maulwurf jetzt da14 und dort auf der Wiese emporstößt, sind nirgends so häufig als an den von der „Werre" befallenen Stellen. Denn ist diese ein hungriges Ge schöpf — der Maulwurf ist's in noch höherein Maße, und sättigt diese sich an Pflanzen- und Tierkost, so kann der Maulwurf nur bei der letzteren bestehen. Daher der große Fleiß, mit dem der kleine sammetfellige Berg mann die von der „Werre" befallenen Stellen der Wiese durchwühlt, daher der große Nutzen, den er dem Landmann bringt. Was will es dagegen heißen, daß er dabei hier und da die Würzelchcn lockert, daß er den Wiesen grund uneben macht — elfteres bringt keinen Schaden, letzteres läßt sich durch gute Bewirtschaftung leicht wieder beseitigen. Darum aber ist es auch für jeden Naturfreund ein unerfreulicher Anblick, wenn er im Grase der Wiese einen Galgen sieht, in dessen Schlinge sich ein Maulwurf gefangen hat; denn er Hütte ein besseres Schicksal verdient, der kleine schwarze Bergmann, der so unermüdlich die Sicherheitspolizei auf der Wiese ausgeübt hat. Der eüle NZeinstock. a m 0 die mächtige Doppelkuppe des Ararat in dem armenischen Ml Hochlande wurzelt, allen umwohnenden Stämmen der Armenier WA eine Landmarke und eine geheiligte Statte religiöser Er innerungen, da zeigen Mönche dem Reisenden die von Noah nach der Sündflut angelegten Weinberge; aber das Gewächs, das dort die Natur von selbst zeitigt, läßt sich mit der edeln Gottcsgabe der Rebe nicht vergleichen; denn die kleinen Beeren bleiben hart und sauer und liefern keinen genießbaren Wein, wegen der Sündhaftigkeit der Menschen, wie die Mönche behaupten. In dieser Erzählung steckt nach den Untersuchungen der Pflanzenkundigen insofern ein geschichtlicher Kern, als allem Vermuten nach das heutige Armenien das Vaterland des edlen Weinstockes ist. Allerdings meidet er die rauhen Höhen des Berglandes; aber in den warmen Thalwinkeln umrankt er häufig das Gestein, und sein frischgrünes Laub bildet einen reizvollen Schmuck der Landschaft. Ans Armenien15 stammten wahrscheinlich jene Reben, die zur Blütezeit des Volkes Israel das gelobte Land zu einem der Wcinländer Asiens machten, dessen Trauben wegen ihrer Größe und Süßigkeit berühmt waren, und noch heute sindet man in den kalkigen Gründen Syriens würdige Nachkommen jener Niesentrauben, welche einst die Kundschafter aus dem Thale Eskol zurück brachten. Dem Griechenvolke erschien die edle Rebe, die vermutlich Seefahrer aus ihrer Urheimat geholt hatten, als ein Geschenk der Götter, und dieser hohen, poesievollen Anschauung entsprach auch die Wertschätzung des edeln Strauches. Sie feierten seine göttliche Abstammung durch Opfer, welche sie dem Dionysos darbrachten; Rebensaft galt ihnen als die Krone des Gastmahls; er war die erste Gabe, die sie dem Fremden darreichten zum Zeichen der Gastfreundschaft. Als der Weinstock aus Griechenland auch in die italienische Halbinsel einwanderte, kam er zu einem Volke, bei dem die alte, edle Einfachheit der Sitten durch Sinnengenuß untergraben war. Da wurde denn auch der Rebensaft ein Gegenstand des Luxus, der in berühmten Sorten auf den Tafeln der Reichen prangte, aber auch häufig die Freude des Mahles zu wüster Schwelgerei steigerte. Wenn der römische Krieger in die Provinzen auszog, so verlangte ihn auch dort nach dem erfreuenden Tranke. So pflanzten römische Soldaten die ersten Rebgärten in Gallien; als sie an den Rhein vor gedrungen waren, entging ihnen nicht, wie wohlgeeiguet die Thäler der Mosel und des Rheins mit ihren Thonschiefergehängen für das Gedeihen der Rebe sind, und so wandelten sich in den friedlichen Zeiten, in denen der Grenzkrieg schlummerte, die stolzen Krieger Roms in betriebsame Winzer um. Der Sage nach soll das Rheinland das Geschenk seines Weinbaus dem römischen Kaiser Probus verdanken, der um 280 n. Ehr. an der Mosel die ersten Anpflanzungsversuche machen ließ. Dieser er lauchte Vorgänger hat dann eine Reihe edler Nachahmer gefunden. Zumeist aus geistlichem Stande. Wo sich um die Klausen und Zellen der christ lichen Glaubensboten ein Kloster erhob, da fanden sich unter den Kloster brüdern auch stets einige des Weinbaus Kundige. Mit feinem Verständ nis wußten sie die sonnigsten Hänge auszumitteln; da arbeiteten sie im Schweiße ihres Angesichts mit Karst und Spaten, und wenn dann die Traubenernte in die Kelter eingebracht war, so wirkten sie als Küfer und Kellermeister trotz einem. Rheinischer Klosterwein galt bei den Fürsten als kostbares Geschenk. Viele der im Rheinlande angesessenen Landherren kelterten selbst auf ihren Meiereien. Voran Kaiser Karl der Große.16 -— „Als Kaiser Karl vom Jngclheimer Schlosse Betrachtend einst hinaussah in das Thal, Da schon der Mtirz auf Hellem Sonnenrosse Die Berge küßte mit des Frühlings Strahl, Da sah er, wie vom Rüdesheimer Berge Zuerst der Schnee in wilden Bächen schmolz, Und, während rings noch lag des Winters Scherge, Sein Haupt der Gipfel hob befreit und stolz. Da, meint' der Kaiser, da im ersten Glühen Der Frühlingsfonne, wo sie fort und fort Hinüberströmt, bis zu des Herbst's Versprühen, Da war' für Reben ein erwünschter Ort. Da ließ er Reben Pflanzen rings hinauf, Und als der Herbst die gold'ne Ernte brachte — Ha, Kaiser Karl, Dir blühten Schätze ans, Die ich den kleinsten Deines Ruhms nicht achte!" Roquettc. So ist das Rheinland zum Weinland geworden. Und wo eine Thalung sich öffnet zu unserem herrlichen Rheinstrom, deren warmes Klima der Rebe Gedeihen verhieß, da ist der Winzer zu Haus, da prangen die Ge hänge in Laubschmuck, und Freude herrscht in den Thälern zur Zeit der Weinernte. So ist's in Baden und in der „lustigen Pfalz," so auch in Franken, wo der Spruch geht: „Main, Wein und Glockenklang gehen durch ganz Frankenland." Ja, so sehr waren die Verehrer des Weinstocks für ihren Liebling begeistert, daß sie ihn auch noch da anzusiedeln suchten, wo die Strenge des Klimas seinem Gedeihen eine Schranke setzt: so überbrachte der Bischof Otto von Bamberg den Pommern neben dem Christentum auch den Weinbau; freilich mag das Gewächs so sauer aus gefallen sein, daß die Pommern sich niit dem Fremdling aus dem Main- thale nicht befreunden konnten. Und so hat denn gegenwärtig der Wein bau im mittleren Deutschland drei vorgeschobene Posten: man baut ihn an der Elbe bei Meißen, an der Saale bei Naumburg und auf den Grün berger Hügeln in Niederschlesien. Freilich geht gar neckischer Spruch im Lande über das Getränk aus diesen Weinbergen: drei Männer sollen den nicht halten können, der diesen Wein getrunken hat, und er soll ein Loch im Strumpfe ohne Spule zusammenziehen — und was der Nachrede mehr ist; aber die Naumburger und Meißener Winzer behaupten, ihr Produkt sei besser als sein Ruf, und gar mancher trinke ihren Wein mit Wohlgefallen, weil er ihn für edles rheinisches Gewächs bezahlt habe. Ist es der Rebe in Norddeutschland nicht warm genug, so wird es ihr zu heiß und sonnig, wo sich die südlichen Thäler der Alpen gegen die17 vberitalische Tiefebene öffnen. Das sieht man recht deutlich auf einer Wanderung durch das schöne Etschthal. Im oberen Teil desselben, bei Meran und Bozen, steht die Rebe noch aneinandergereiht in Weinbergen; dagegen bei Verona, auf italienischem Boden, sucht sie den Schatten und rankt deshalb weit hinauf in das lustige Geäst der Ulmen und Pappeln, welche dort die Felder einfriedigen. Auf dem heißen Boden Nordafrikas gedeiht sie gar nicht mehr, und wenn man sie auch auf einigen afrikanischen Inseln anbaut, wie z. B. auf Madeira, so ist sie dort doch eigentlich nur ein Fremdling, der von Europäern eingeführt und von ihnen mit gutem Bedacht in kühlen Gebirgslagen angepflanzt ist. Als Pflanze betrachtet, zeichnet sich der Weinstock durch seine außer ordentliche Lebensdauer aus. Armesdicke Stämme sind bei uns nichts Seltenes; aber was will das heißen gegen den Stumpf eines durch Sturm entwurzelten Weinstocks von fast zwei Meter Umfang, der im botanischen Garten zu Pisa erhalten wird?! Aus dem Hauptstamme treiben macht voll die Zweige, die sich zu oft dreißig Meter langen Ranken gestalten, welche zuerst von grüner, dann von graubrauner Farbe sind und deren bastartige Rinde leicht der Länge nach berstet und sich in zottigen Fasern ablöst. Wo Seitenloden sich abzweigen, da ist die Rebe stets etwas an- gcschwollen. Der Hauptschmuck des Strauches ist sein Laubkleid: die hand großen, drei- bis fünflappigen Blätter mit grobgezähntcm Rande gehören trotz der Einfachheit der Grundform zu dem Edelsten, was die Natur in Pflanzengebilden hervorbringt, und haben deshalb in der Maler- und Bild hauerkunst vielfache Verwendung gefunden. Sehr einfach und schlicht ist die Blüte. Wenn im Juni sich die Blütenzapfen zu kleinen Trauben strecken und sich die grünlichen Blütchen entfalten, so bilden die fünf kleinen Blütenblättcr ein oben geschlossenes Mützchen, das sich schon nach wenigen Tagen ablöst und die fünf im Welken begriffenen Staubgefäße sichtbar werden läßt. Zu dieser Zeit erfüllt weich sich einschmeichelnder Blüten- buft die Thäler, ein Verkünder der sich bildenden Frucht. An jedem Vlütenstiele, auf dem ein unscheinbares Bliitchen seine Blumenblätter spreizte, entwickelt sich eine Beere, die stets von schöngerundetcr Form ist; in deren Fruchtfleisch bilden sich die Samen, die bei einzelnen Beeren bis vier sein können, meist aber nur zu ein bis zwei vorhanden sind, ja einzelnen Weinsorten ganz fehlen, z. B. den Korinthen und Sul taninrosinen. Gehört der Weinstock zu den edelsten Geschenken der Natur, so fallen doch seine Gaben dem Menschen nicht mühelos in den Schoß. Wenig stens bei uns in Deutschland nicht. Der Rebstock steht in enger Hummel, Bilder a. d. WelU. 218 Beziehung zu dem Boden, auf dem er gedeiht. Zu rechter Vollkommenheit entwickelt sich die Traube nur auf schieferigem Boden, in dem die heißen Strahlen der Mittagssonne befruchtende Kräfte wecken. Daher klimmt der Weinberg stets bergan, und dies macht die Winzerei zu einem umständ lichen und mühsamen Geschäfte. Dabei verlangt der edle Strauch das ganze Jahr hindurch sorgliche Pflege. Den ganzen Winter über muß der Winzer „schiefem," d. h. er muß die Schiefersteine aus den Felsen her vorkratzen, zerhacken und in den Weinbergen zerstreuen. Denn diese Schiefersteine halten den Boden feucht, düngen ihn, indem sie verwittern, und sind daher beständig zu erneuern. Zugleich müssen im Winter, wenn es die Witterung gestattet, die Mauern in den Weinbergen ausgebessert werden, damit die Terrassen nicht Schaden leiden. Im Frühling müssen dann die Winzer die Stöcke aufstellen, den Boden lockern, umgraben und düngen, welch letzteres Geschäft, da der steile Weinberg für Wagen unzu gänglich ist, viel Kraft und Schweiß kostet. Die Kornäcker, wenn sie einmal geackert, gedüngt und bestellt sind, und wenn die Körner dem Boden anvertraut wurden, sind fertig, und der Landmaun hat dann im Sommer nur zuzuschauen, wie die Ähren der Ernte cutgegenreifen. Beim Weinbau ist dies anders. Der Winzer darf seine Stecklinge fast das ganze Jahr hindurch nicht außer acht lassen. Gleich nach bem Stöckeaufstellen und nach dem Graben muß im Frühjahr auch das alte Holz ausgehauen werden. Der Boden ist immer locker zu halten, damit er Licht, Wärme und Wasser stets willig in sich aufnehme. Die Winzer müssen ihn daher, damit sich keine dichte Gras- und Unkrautnarbe bilde, im Sommer aber mals graben. Und ebenfalls muß im Sommer das überflüssige Holz ausgehauen werden und zwar diesmal das frischgcwachsene, damit die Stöcke nicht ihre Kraft in der Ausbildung unfruchtbarer Neben ver geuden. Und dies sind nur die großen, regelmäßig wiederkehrenden Ar beiten, die kleinere Mühe und Not, das Anbinden losgerissener Zweige, das Jäten u. s. w. gehen noch immer zwischen durch. Und bei aller Sorgfalt hängt das Auge des Winzers an Himmel und Wolken, um die Witterung zu erkunden. Denn von dieser allein hängt es ab, ob er den Lohn seiner Mühen ernten wird. Zieht der Lenz früh ein, so prophezeit der erfahrene Winzer ein gutes Weinjahr; ja, „Donnern im April, ist des Winzers Will'." Wenn im Sommer dem schwülen Tage ein Gewitter folgt, dann zerzaust der Gewittersturm wohl arg das Nank- werk, und die durch den Weinberg wie Wildwasser flutenden Regenbäche richten vielen Schaden an Mauern und Fruchtland an; aber das alles nimmt der Winzer leichten Herzens in den Kauf. Und wenn nun im2 * 19 August am Morgen der Nebel in den Thälern braut und darauf wolken lose heiße Hochsommertage folgen: dann ist dies das trefflichste Weinwetter. Da werden die harten Beeren nach und nach klar und fast durchsichtig, ihr Saft süßer, und je weiter der Herbst vorrückt, desto gelblicher oder bräun licher schimmert durch die dünne Beerenschale der goldene Tranbensast. Man gönnt der Traube volle Zeit zum Ausreisen. Die Oktobersonne kocht noch den Zucker im Traubenblut, schon zeigt ein Teil der Beeren die sogenannte „Edelfäule," da geht es zur Weinlese. Diese ist für den Winzer das Freudenfest, das auf viele mühevolle Wochen folgt. Überall in den Weinbergen herrscht Jubel und Freude. In Scharen sind die Winzer beim Traubenpflückcn; sind die Eimer gefüllt, so nehmen drunten am Fuße des Weinberges Fässer die goldene Last der Trauben auf, in denen sie der Kelter zugesührt werden. Da wird die Arbeit zur Lust; singende Winzer wecken das Echo des Thales, und kommt der Abend, dann leuchten in allen Weinbergen die Feuer aus den Winzerhäuschen, um die herum das junge Volk durch Spiel und Tanz sich vergnügt. Es beginnt nun die Arbeit der Kelter. Nachdem bereits ein Teil des Rebensaftes durch Pressen in durchlöcherten Kufen und Bütten ausgepreßt ist, treiben die schweren Balken der Kelter den letzten Nest heraus. Große Fässer, im Keller nebeneinander gereiht, nehmen den trüben Traubensaft auf. In dem Safte, der nun Most genannt wird, beginnt ein geheimnisvolles Regen und Weben. Es perlt darin, und schaumige Flocken steigen zur Oberfläche: der Wein gärt. Dabei ist es, als ob die Geister des Weins entfesselt würden und als berauschende Dünste den Keller erfüllten. Nach etwa acht Tagen ist die erste Gärung zu Ende. Der Schaum sinkt zu Boden, und der Most klärt sich zu Wein, der in diesem Zustande am Rhein Federweiß heißt. Dieser hat fast noch die Süßigkeit des Mostes; aber schon entwickelt er den eigentümlichen Duft des Weins und hat auch die berauschenden Eigenschaften desselben. Damit der Federweiße sich zu edlem Wein ver wandle, muß er uoch eine Nachgärung durchmachen; diese ist nicht so stürmisch wie die Vorgärung und umfaßt auch einen längeren Zeitraum: vor Februar oder März des nächsten Jahres wird die Ernte des vergangenen Jahres nicht verkäuflich. Aber damit ist die Veredelung des goldenen Rebensaftes noch nicht zu Ende. Erst in der Flasche erlangen manche hochberühmten Weinsortcn ihren vollen Duft und das edle Feuer, mit dem sie den Menschen erfreuen.20 Vom Leinkorn zur Letnmsnü. ■ in Spaziergang durch das Feld führt einem heute ganz andere Bilder vor, als vor dreißig, vierzig Jahren. Der Landmann, der über große Flächen Landes gebietet, treibt alles, was er angreift im Landbau, im großen; man erblickt heute nur noch „Breiten" von Kar toffeln, von Getreide oder von der einförmigen Zuckerrübe. Früher war es darin anders. Da zogen sich die verschiedensten Fruchtarten in langen Streifen durch die Flur, da sorgte der Landwirt nicht allein für seinen Korn boden oder für die benachbarte Zuckerfabrik, sondern auch für das eigene Haus; da kaufte auch die Gutsherrin noch nicht die Leinwand, die sie zur Ausstat tung der Tochter gebrauchte, fertig in der Stadt, sondern sie ließ unter ihrer Aufsicht spinnen und weben, und dazu gehörte, daß auch der dazu nötige Flachs auf eigenein Boden gebaut wurde. Ja es herrschte damals vielerorts noch die schöne Sitte, daß selbst den Knechten und Mägden vom Gutsherrn ein mäßiges Stück Land mit Flachs angesäct wurde, und dessen Ertrag half ihnen nicht nur vorwärts, sondern stärkte auch in ihnen die Anhänglichkeit an den Grund und Boden. Heute freilich haben sich die Dinge in dieser Hinsicht geändert. Seitdem uns die Russen prächtigen Flachs zu billigem Preise liefern, ist der Flachsbau im großen aufgegeben; nur in kleineren Bauernwirtschaften findet er sich noch, — und Gott möge ihn diesen noch recht lange erhalten als ein Erbteil aus der Zeit der Urväter und als eine Beschäftigung, bei der die Arbeit von manch gutem Gedanken begleitet wird. Die Wichtigkeit, welche der Flachsbau für den kleineren Landmann besitzt, erklärt es, daß er aus allerlei Voranzeichen den Ausfall der künf- tigen Ernte prophezeien will. Schon im Februar schaut er aus nach dem Wetter, denn er meint: „Lichtmeß hell und klar, giebt ein gutes Flachsjahr." Geht's dann zum Säen, so wählt er mit Vorliebe den Marientag, denn dann soll nach altem Glauben der Flachs am längsten werden, und zwar säet er am Vormittag, denn der am Nachmittag gesäete Leinsamen blüht immerfort, ohne Samen anzusetzcn. Sorgsam sieht man auch darauf, daß beim Einschütten des Samens in den Sack das Maß recht hoch gehoben werde, so daß die Körner recht lang hinabfallcn, damit auch der Flachs recht lang werden müsse. Unter diesem und ähnlichem alten Brauche, aber auch begleitet von manch frommem Segenswunsche kommen die glänzenden, glatten Körner des Leinsamens in die Erde.21 Da ist es denn, als hätten die schlafenden Keime in den Körnchen nur gewartet auf die nährende Feuchte in der Ackerkrume und ans den Sonnen strahl, der mit milder Wärme die obere Erdschicht durchdringt; denn schon nach zwei bis drei Tagen regen sie sich, sprengen die Hüllen der Samen und strecken sich nach oben dem Lichte zu. In kurzer Zeit nach der Aus saat wird dem Flachsbauer die Überzeugung, ob Gedeihen ihm Sorgfalt und Mühe lohnt. Ist der lockere Teppich des sprossenden Grüns gleich mäßig über die Flur gebreitet, dann mag er froh-dankbaren Herzens denken: „Mit Gottes Hilfe wird heuer das Spinnrad der Frau nicht stillstehen;" zeigen sich aber kahle Stellen, auf denen, wenn der Flachs und das Getreide ringsumher hoch aufschicßt, nichts kommen will als vereinzelte dünne Stengel- chen, dann schilt er wohl den Knecht, daß er zu ungeschickt gewesen sei beim Säen; denn nach altem Brauch muß der Flachs dicht gcsäet werden, damit die Pflänzchen durch sich selbst dem Boden Schatten geben zur Zeit der Sommerdürre. Aber je kräftiger der Flachs in die Stengel schießt, desto üppiger sproßt auch das llnkraut. Der Hühnerdarm mit seiner zarten weißen Sternblume spinnt seine liegenden Stengel über den Boden, der Ehrenpreis setzt Blüten an und bald zeigen sich auch die kugeligen Kapseln, die Ackerwinde entfaltet stellenweis ihre weiß und rot gestreiften Blütentrichter, und stachelige Disteln recken ihre Speere nach allen Seiten. Da ist es denn Zeit, daß der Land mann den Leinpflänzchen Licht und Luft schaffe vor dem fremden, nichts nutzigen Gesindel, und so zieht die Familie hinaus, den Flachs zu „mieten." Viele Hände müssen hierbei schnell ein Ende machen; denn das Mieten muß gründlich geschehen und darf nicht zum zweitenmal wiederholt werden, sollen die emporschießenden Stengel nicht allzusehr leiden. Auf die Hände gebückt, damit kein Unkräutlein dem Auge entgehe, schreiten die Kinder und Mägde langsam den Acker hinunter, und wenn am Abend ein stattlicher Haufen Unkraut am Ackerrande zusammengehäuft liegt, so ist er sicher die Frucht eines sehr mühsamen Tagewerkes. Schnell schießen nun die Stengel des Flachses zu ihrer vollen Höhe empor; werden sie armlang, dann betrachtet die Hausfrau schmunzelnden Gesichts das grüne Feld; denn der Flachs gedeiht wohl. An Laubschmuck, das Auge zu erfreuen, ist dem Pflänzchen freilich wenig mit auf den Weg gegeben. Die schmalen Blättchen stehen zerstreut am Stengel, ihrem Grün fehlt auch der freudige Frühlingston und sie spielen vielmehr in Blau; selbst die Verzweigung des Stengels, die mancher Pflanze noch zu besonderem Schmuck gereicht, ist ärmlich und sparrig. Dennoch hat Mutter Natur dafür gesorgt, daß das Leinpflänzchen nicht ohne allen Schmuck durch das22 Leben gehe. Ende Juni oder Anfangs Juli behängt es sich mit Blüten, gar zarten Kränchen, die regelmäßig aus fünf Blumenblättern gebildet sind, so schön himmelblau, als spiegele sich der Sommerhimmel in seiner ganzen Pracht in ihnen. Und eingeschlossen in dem blauen Kränchen sitzen fünf Staubgefäße, und selbst der Stempel, der zur Fruchtbildung mitzuhelfen bestimmt ist, spaltet sich oben in fünf Narben — nicht anders, als ob das Pflänzchen, das im Menschenleben als Sinnbild der Ordnung, der „segens reichen Himmelstochter" gilt, auch in seiner ganzen Tracht diese Ordnung und Regelmäßigkeit darstellen müsse. Zu dieser Zeit gewährt das Flachs feld einen herzerfreuenden Anblick. Aber die Blütenpracht welkt schnell dahin, kaum eine Woche liegt zwischen dem Entfalten der ersten Knospen und dem lebensmüden Dahinsinken der letzten Kronblätter; dann arbeitet die Lein pflanze an dem Werke der Fruchtbildung. Alle Säfte, welche die Wurzel dem Stengel zuführt, werden jetzt dieser wichtigen Aufgabe dienstbar. So dehnt sich denn der Fruchtknoten behaglich in die Breite; aber je mehr er zunimmt an Rundung und Fülle, desto mehr verliert die Hülle der Frucht kapsel an Glanz und Schönheit; sie wird nach und nach runzelig und welk, und endlich vermag sie sich nicht einmal mehr zusammenzuhaltcn, sondern öffnet sich in fünf Klappen, durch welche hindurch man die Samenfächer bloßliegen sieht. Bei der Betrachtung des Fruchtbaues kommt einem dann wohl der Gedanke, daß es bei der Leinpflanze ist wie bei einem Menschen, der nach einem thätigen Leben sagen darf: „Gott hat mich gesegnet über Bitten und Verstehen;" denn in der Kapsel, deren Fünfzahl auch nur fünf Samenfächer erwarten läßt, haben sich zehn Kämmerchen ausgebildet, aus denen nach der Fruchtreife die Samen goldig Herausschimmern. Das Leben der Leinpflanze ist zu Ende, — sie wird nun zur Gespinstpflanze, die ihre Tage nicht mehr in der sonnigen Flur zubringt, sondern ihrem letzten Ziele, der Verwandlung in weiße Leinwand, entgegengeführt wird. Zu Anfang des August, wenn die Morgen taufrisch werden, geht's hinaus ins Feld zum „Ziehen" des Flachses. Schnell muß die Arbeit gethan werden, damit die heiße Mittagssonne die Blätter und Fruchtkapseln not dürftig dörre. Denn ehe die letzteren ganz trocken geworden sind, müssen sie abgestreift sein, weil sonst der wertvolle Leinsamen ansfallen würde. Zur Gewinnung desselben muß der Flachs „geröppelt" werden. Das geschieht meist gleich auf dem Felde. Es muß der „Röppelbaum" heran. Das ist ein kurzer Baumstamm, auf dem in wagcrcchtcr Lage ein altes Wagenrad befestigt ist, auf dessen Kranze dicht nebeneinander lange eiserne Zähne auf recht stehen. Unter den Röppelbaum aber ist ein Leintuch gebreitet, um die abgestreiften Samen aufzunehmcn. Von allen Seiten legt man Hand ans23 Werk, die zu kleinen Bündeln zusammengelegten Flachsstengel zwischen den Zähnen hindurchzuziehen; leicht wie Glas springen dann die Samenkapseln herunter und entleeren meist schon jetzt ihren Inhalt auf das Leintuch. Aber die noch geschlossenen Kapseln müssen „geklängt" werden. Dazu läßt man sie noch einige Tage in der Sonne trocknen; ihre Fruchthülle und die Scheidewände lösen sich dann von selbst, und der glatte Same kann nun leicht gewonnen werden. Schon der Leinsamen ist für den flachsbauenden Landmann ein wichtiges Erzeugnis; er nimmt davon das Saatgut fürs nächste Jahr, und was übrig bleibt wird in der Ölmühle zu goldgelbem Leinöl geschlagen, das soll gut sein gegen mancherlei Leibesschaden, und auf jeden Fall schmeckt es, frisch von der Mühle und im Tiegel angeröstet, ganz prächtig und muß in mancher kleinen Wirtschaft zeitweilig die Butter ersetzen, welche die Hausfrau, um etwas bares Geld aus der Wirtschaft zu nehmen, zu Markte trägt. Nunmehr gilt es, den nutzbarsten Teil des Flachses zu gewinnen. Das ist eine feine Schicht von Bastfasern, welche zwischen der Oberhaut und dem eigentlichen Holzkerne der Pflanze eingelagert ist. Zweierlei muß geschehen, damit die tvertvolle Bastschicht herausgelöst werden könne: die Oberhaut muß gelöst und der Holzkern so mürbe gemacht werden, daß er leicht zerbrochen werden kann. Wenn heutzutage einem erfindsamen Kopfe diese Aufgabe gestellt würde, was gilt's: er würde über die Einrichtung einer Maschine sinnen, welche die beiden Thätigkeiten in möglichst schneller und säuberlicher Weise vollbrächte. Unsere Flachsbaueru haben an nichts Derartiges gedacht. Nach alter guter Sitte, die mit eigener Hand thun hieß, was damit anszurichten war, greifen sie selbst zu, haben sich aber zwei Diener herangezogen, welche das von ihnen verlangte Geschäft billig und gut vollbringen. Diese beiden Diener sind Luft und Wasser. Vorab aber das Wasser. Wenn man durch flachsbauende Gegenden kommt, zum Beispiel durch das Vorland des Harzes bei Aschcrsleben, so sieht man die meisten der fließenden Gewässer verwendet zur „Flachsröste." Jedes der Dörfer hat seinen Röstplatz am Wässerlein, ilberall sieht man, durch aufrechte Stöcke bezeichnet, die fast fortwährend überfluteten Flachsbündel, die durch aufgelegte Steine oder Rasenstücke unter Wasser gehalten werden; oder längs des Bächleins stehen auf der Wiese in langer Reihe die bereits gerösteten Bündel zum Trocknen aufgestellt. Der Vor gang des Röstens selbst besteht darin, daß durch die zersetzende Einwirkung des Wassers die Oberhaut der Flachspflanze zerstört und der innere Holz kern so mürbe gemacht wird, daß er leicht zerbrochen werden kann. Man cherlei Erfahrung ist bei dem Geschäft nötig, und erfahrene Frauen wissen24 mit Sicherheit den Zeitpunkt zu bestimmen, wo die Röste ihre Dienste gethan hat und der Bast in Gefahr ist, in die Zersetzung der übrigen Stoffe hinein gerissen zu werden. Dann müssen die Bastbündel sorgsam gespült und getrocknet werden. Dann aber „braucht der Flachs noch Wärme." Und deshalb spreitet man die geöffneten Bündel an der Mittagsseite der Häuser und Scheunen den heißen Strahlen der Mittagssonne entgegen, und abends, wenn man ihn über die Tenne breitet, deckt man ihn wohl mit Säcken und Decken zu, damit er lange warm bleibe. Am Morgen kommt dann der Flachs zur „Brake." Das ist ein ein faches, aber sehr wirksames Instrument. Es läßt sich mit nichts besser vergleichen als mit einem Einschlagemesser. Die Schalen werden durch zwei hölzerne Bäume dargestellt, die Klinge ist ein um einen Zapfen leicht drehbarer hölzerner Schwengel, und dem Einschlagemesser sind, damit es sich daran bequem hantieren lasse, vier Beine untergesteckt. Neben der Brake aber sitzen die Mägde am „Böhnstein." Mit kräftigem Schlag führen sie wuchtige Holzklöppel auf die über den Böhnstein gebreiteten dünnen Flachs schichten, um den Holzkörper der Stengel erst im großen zu zerbrechen; die wirkliche Zerkleinerung geschieht dann in der Brake, durch welche die gebühnten Stengel unter hurtigem Auf- und Niederschlag der Holzklinge langsam hindnrchgetrieben werden; nach allen Seiten hin fliegen die leichten Stücke der „Schebe" heraus, und nur die Bastschicht bleibt in der Hand zurück. Aber der so gewonnene Bast ist noch zu ungleich, um gut versponnen zu werden. Deshalb müssen die kurzen Fasern von den langen, die groben von den feinen geschieden werden. Das geschieht in der „Hechel," einem ebenfalls sehr einfachen Instrumente, das an den Röppelbaum erinnert, dessen Zinken aber viel enger beisammen stehen. Zu drei verschiedenen Malen muß der Flachsstengel den beschwerlichen Weg durch die Hechel machen. In der „Grobhechel" sondern sich die gröberen Teile der Fasern aus, die „Werg" genannt werden; die „Mittel-" und endlich noch die „Feinhechel" geben sodann dem Flachse die weiche, seidenartige Gleich mäßigkeit, welche die Hausfrau, die sich gern des selbstgebanten Flachses rühmt, in Entzücken versetzt. Man dreht nun den gewonnenen Flachs in „Knoten" zusammen, zu deren jeder man zehn Hände voll nimmt, und legt ihn zurück für den Winter. Da ist seine weitere Verwandlung in blendend weiße Leinwand eine willkommene Arbeit, in die sich die Haus frau mit den Mägden gern teilt. Gab es irgendwie ein häusliches Geschäft, das im Altertum dem schlichten Sinne des Volkes als ein ehrwürdiges erschien, so war es das Spinnen. Frau Holle, die Göttin, welche nachts über die Erde dahinzog,25 -— nahm nach der Sage die Spinnerinnen in ihre besondere Obhut. In jenen Urzeiten fehlte die Spindel auch nicht im Königsschloß: war es doch eine Spindel, an der Dornröschen sich die Hand verwundete, ehe der feste Schlaf ihr auf viele Hunderte von Jahren die Augen schloß. Und noch im Mittelalter, in dem schlichte Sitte und einfacher Sinn eine Zierde des deutschen Bürgerhauses war, saß die Hausfrau gern im Kreise der Töchter an dem schnurrenden Rädchen und rühmte es nicht als das geringste Stück ihrer Haushaltungskunst, daß eigenes Gewebe Truhen und Laden füllte. Dieser selbe tüchtige wirtschaftliche Sinn ist es, der vielerorts auf dem Lande dem Spinnrade noch heute einen Ehrenplatz in der Haushaltung anweist. Selbst da, wo es nicht selbst mehr in schnurrenden Gang gesetzt werden soll, fehlt es nicht; denn als ein Sinnbild des Fleißes und der Ordnung, geschmückt mit bunten Bändern und mit dem mit einem frommen Spruch bedruckten Rockenbrief, ist es von den Jugendgespielinnen der Braut in die neue Haushaltung gestiftet worden. Seine Glanzzeit fällt in die langen Winterabende. Wenn draußen in der kalten Winternacht die Sterne glitzern und funkeln, wenn der Schnee unter den Tritten knirscht und selbst der Hofhund das wärmende Strohlager in der Hütte sucht, dann führt das Spinnen die Jugend des Dorfes im traulich-warmen Stübchen zu sammen. Um den Tisch mit der überschirmten Lampe sitzen die Mädchen, ein jedes vor sich das schnurrende Spinnrad mit dem wohlgesüllten Rocken, und im Hintergründe ans der Ofenbank vergnügen sich einige junge Burschen des Dorfes an der kurzen Pfeife und an den Geschichten aus alter Zeit, welche der Großvater des Hauses schon so oft erzählt hat, daß mancher unter den Zuhörern sie nachgerade auswendig weiß. So wird der Flachs zum Garn. Dafür aber, daß dieses zu fester Leinwand werde, hat der Weber zu sorgen. Die Auswahl eines solchen ist da, wo man noch auf „selbstgemachte" Leinwand hält, eine Frage von nicht geringer Bedeutung. Da muß vorher genau das Garn geordnet werden nach den Sorten der Leinwand, die man dem Weber in Auftrag zu geben beabsichtigt; manche Prachtstücke der künftigen Ausstattung der Töchter erfordern viel Überlegung über das Damastmuster, das zu wählen ist, und Gründe der mannigfachsten Art werden für und gegen das Blitz muster oder das Rosenmustcr oder den Wasserlauf vorgebracht und auf das gründlichste durchgesprochen, und dann muß der Meister Weber sein Werk thun, und die sorgliche Hausfrau schaut ihm scharf auf die Finger, damit seine Arbeit ihrem Hanse zur Ehre gereiche. Als fester, aber grauer und unscheinbar aussehender Stoff verläßt die Leinwand den Webstuhl. Noch einmal müssen die Frauen sich ihrer26 annehmen, damit sie zu dem „schneeigen Lein" werde, als der sie im „rein lich geglätteten Schrein" prangen soll. Sie muß hinaus auf den Bleich plan. Dort wird sie in langen Streifen über den Rasen gezogen, und Wasser und Sonne reichen sich die Hand, um auch den letzten Schein von der grauen Farbe auszuziehen, der dem Lein vom Liegen in der Röste noch anhaftet. Es ist ein arbeitsvolles Jahr, das zwischen der Aussaat des Leins und der letzten Bleiche der Leinwand liegt, aber ein Jahr, das durch die mannigfachen Anregungen zu tüchtiger, nutzbringender Thätig- keit dem Hause, das sich noch nicht des Spinnrades schämt, zu einer Zeit des Segens wird. Vom M o i K ä f t r. IM » er Mai ist ins Land gekommen mit allem, was des Menschen Herz erfreut, mit seinen sonnigen, hellen Frühlingstagen, seinem duftenden Heere von Frühlingsblumen, seinem Blütenschnee, den wir uns vom lauen Westwind gar gern aufs Haupt herabschütteln lassen, seinem Lcrchenjubel und dem Summen, Brummen und Zirpen überall, wo sich's regt von keimendem Leben. Dieser Lenzesjubel begrüßt auch wie eine schöne Morgcnmusik den lichtbraunen Schelm, welchen wir alle gern haben trotz seiner Untugenden und Fehler. Für ihn ist jetzt auf der grünenden Erde überall der Tisch gedeckt, und Hunger hat er trotz einem; denn er hat drei volle Jahre nichts zu beißen und zu brechen gehabt als die Würzelchcn der Pflanzen im Erd boden, und dann kam für ihn noch eine Zeit, in der er sich brav im völ ligen Hungern üben mußte. Das gicbt schon Appetit! Aber komm her, du brauner Schelm, daß wir dich einmal genau be trachten können, wie du aussiehst, und sehen, wie du dein Wesen treibst. Da sitzt er vor uns auf der Hand, etwas verdutzt freilich; aber er bewegt doch den Kopf gravitätisch hin und her wie einer, dem der Kopf voll steckt von gewichtigen Gedanken. „Er zählt," sagen bei uns die Kin der, — nämlich die Minuten, die er noch auf dem Finger sitzen bleiben wird;27 aber sie möchten ihn auch gern fliegen sehen, und um ihm dazu Lust zu machen, singen sie wohl einen alten Kinderreim: „Maikäfer fliec,'! Dem Vater ist im Krieg, Deine Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg'!" Als ob ihm der muntere Kindersang Lust gemacht habe, sich in der Welt umzuschauen, so hebt der Maikäfer langsam und ruckweise seine hor nigen Flügeldecken und schnurrt nun lustig hinein in die warme Frühlings lust. Wohl fühlt er sich hier, das muß man dem braunen Schelm lassen. Wo nur ein Blättlein grünt, da ist sein Aufenthalt, und er ist kein Kostver ächter. Die Obstbäuine, die Linden, die Nüstern und Eichen und alle übrigen Bäume, ausgenommen die Nadelhölzer mit ihren harten, bittern Nadeln, beehrt er mit seiner Gegenwart; denn wie cs scheint, scheut er es, sich ein Leckermaul heißen zu lassen. Was die Menschen zu diesem Treiben sagen, danach fragt er nicht. So haben wir doch die Obstbäume nur zu unserm eigenen Gebrauch gepflanzt; das aber kümmert den Maikäfer nicht, sondern ct läßt sich das Laub derselben herrlich schmecken, und das ist ein Zug bon ihm, der nicht schön ist. Denn mit den jungen Blättern, welche dem Maikäfer so gut schmecken, geht dem Baume gar viel Saft und Kraft verloren, und wir bekommen wohl, wenn's gut geht, im Sommer einen schönen, dichtbelaubten Baum; aber wenn dann der Herbst naht, so suchen wir vergeblich nach den rotbäckigen Äpfeln und goldgelben Birnen. Das alles aber dürfen wir dreist dem Maikäfer auf die Rechnung schreiben, der immer bei gutem Appetit ist. Aber wie alles einmal zu Ende geht, so auch die Frühlingsfreude des braunen Brummers. Hat er nämlich ein oder zwei Wochen lang unfern Sbstbäumen zur Last gelegen, so geht ihm sein bißchen Lebensmut aus; er wird matt und stellt Todesbetrachtungen an. Ehe noch der schöne Mai ganz zu Ende ist, gräbt sich das Weibchen etwa fingertief in die Erde und legt hier fünfundzwanzig bis dreißig hirsekorngroße weißliche Eier meistens an Pflanzenwurzeln. Nun ist dem Küfer nimmer bange um seine Nachkommenschaft. Er kommt wohl nochmals hervor an das gol dene Sonnenlicht; aber er hat den Appetit verloren, treibt es wohl noch einige Tage, dann aber ist es mit ihm vorbei, und er legt sich hin und stirbt. Du hast ja die hohlen Küferleiber wohl auch schon gesehen, wenn du im Sommer durch den Wald gingst, oder im Garten Blumen suchtest, nicht?28 Sehen wir nun zu, was aus den Maikäfereiern im Erdboden wird. Sie liegen kaum sechs Wochen, dann schlüpfen aus ihnen die kleinen wurmartigen Engerlinge hervor. Wer aber sähe es den gelblichen Tier chen von kaum Strohhalmsdicke an, daß aus ihnen ein so wohlbeleibter Küfer werden kann, wie der Maikäfer es ist? Nur zwei Dinge haben sic mit diesem gemeinsam: das sind ihre sechs Beine und die kräftigen Kau werkzeuge, die das Nagen gründlich verstehen. Man sieht, der Apfel füllt auch hier nicht weit vom Stamm! Aber ihre kräftigen Kauwerkzeuge haben die Engerlinge nicht um sonst; denn ihre Beschäftigung besteht den ganzen Tag über in nichts anderem als in Fressen. Und wie bequem sie es sich dabei machen! Behaglich auf den Rücken gestreckt, frißt so ein Engerling den ganzen Tag über, was er an kleinen Würzelchen erreichen kann; denn diese sind ein leckerer Schmaus für ihn. Aber dann und wann, wenn's ihm so recht behaglich zu Mute ist, kommt ihm auch ein gefährlicher Feind über den Hals, der ein halbes Dutzend von ihnen auf eine Mahlzeit verspeist; das ist der Bergmann unter den Tieren, der Maulwurf. Leider sind viele Menschen so unverständig, daß sie dem schwarzen Gesellen mit Undank lohnen. Was der Engerling verschuldet hat, meinen sie, habe der Maul wurf gethan, und darum schlagen sie diesen tot, wo sie ihn finden. Wer vernünftig ist, läßt das bleiben. Neigt sich endlich der Sommer seinem Ende zu, so bezieht auch der Engerling die Winterquartiere. Er gräbt sich nämlich so tief in die Erde hinein, daß der Frost ihm nichts anhaben kann, und höhlt sich hier eine feste und glatte Wohnung aus. Da hinein bettet er sich und liegt hier still, während droben auf der Erde Schnee und Eis die Berge und Thälcr deckt und der eisige Nordwind an Baum und Strauch reißt, als wolle er sie aus dem Boden heben. Kommt aber endlich die Frühlingssonne mit ihrem milden Strahl, so dringt die Wärme auch bald hinab zu dem kleinen Schläfer. Den lcidct's dann nicht länger in der engen Klause; er muß hinauf, näher zur Ober fläche der Erde, zu dem goldenen Frühlingslicht. Droben aber muß er fein geputzt erscheinen, und doch ist durch das lange Liegen in der feuch ten, dunkeln Erde sein Wams zu eng geworden, und schmutzig genug sieht es aus. Er muß sich deshalb nach einem neuen umsehen. Das ist freilich leicht genug beschafft, und er braucht deshalb Tnchhändler und Schneider nicht zu belästigen. Der Engerling wartet nur in aller Ruhe und Bequemlichkeit, bis eine große Veränderung mit ihm vorgeht. Plötz lich reißt nämlich das alte, zu eng gewordene Wams auf dem Rücken—» 29 -— entzwei, und das neu ausstaffierte Tierlein spaziert frank und frei aus der abgelegten Hülle heraus. Dabei ist es freilich merkwürdig, daß es uun ein Röcklein hat, welches dem abgelegten aufs Haar ähnlich sieht; es ist überaus sauber gearbeitet, und an Festigkeit und Dauerhaftigkeit fehlt es ihm auch nicht. Neun Quernähte gehen unten über den Leib, die in neun Knopflöchern endigen. Weil der Engerling aber zu diesen Knopf löchern vorläufig noch keine Knöpfe hat, so läßt er sie offen und benutzt sie zum Atemholen, und behält diese sonderbare Gewohnheit durch das ganze Leben hindurch bei.30 Nun aber hält den Engerling nichts mehr unten im dunkeln Grunde, er windet und gräbt sich langsam empor und fällt wieder über die jungen Würzelchen mit einer Gefräßigkeit her, daß einem schier bange werden könnte. Doch der Mensch vermag nichts zu thun, um seinem Zerstörungswerke zu steuern, sondern muß sich auf seine Freunde unter den Tieren verlassen, auf die Saatkrähe und auf den Maulwurf. Wie dem letzteren leider ge lohnt wird, wissen wir bereits. Die Saatkrähe aber steht beim Landmann in hohem Ansehen, und er hat es gern, wenn sie im Frühjahr dem Pfluge nachgeht. Hat sie es doch dabei hauptsächlich auf die Engerlinge abgesehen, welche die tiefschneidende Pflugschar zu Tage bringt, und sie verzehrt die Larven mit derselben Gefräßigkeit, wie drunten im Grunde der Maulwurf. Nachdem so der Engerling drei Jahre lang sein Wesen getrieben hat, geht er gegen Ende des dritten Sommers in einen Zustand über, der ihn dem Maikäfer schon näher bringt. Er gräbt sich nun tiefer in die Erde hinein als zuvor, manchmal bis zu der Tiefe von einem Meter; — denn er bedarf bei der Verwandlung, welcher er entgegengeht, der Ruhe und Bequemlichkeit gar sehr. Der leicht bewegliche Engerling wird nämlich nun zur bewegungslosen Puppe, die ruhig in ihrem Erdkämmerlein liegt, Speise und Trank verschmäht und mit Sehnsucht der Auferstehung harrt zu einem Leben in Blütenduft und Sonnenschein. Aber du darfst bei der Puppe des Maikäfers nicht etwa an die Puppen der Schmetterlinge denken. Die Käferpuppe ist von diesen vollständig verschieden. Sie zeigt, möchte man sagen, auch schon in dieser Form ein höher ausgebildetes Kerbtier an; denn bei ihr lassen sich Beine und Fühler bereits deutlich unterscheiden, obwohl sie zur Fortbewegung untauglich sind, da sie dicht am Leibe liegen. Lange aber hält es der Maikäfer in dieser Verkleidung nicht aus; schon nach sechs bis acht Wochen sprengt er seine Hülle und erscheint nun in der Gestalt, in welcher wir ihn alle kennen. Nur seine Flügel decken, später schon braun und fest, find noch ganz weich und weißlich, und erst mit der Zeit erhärten sie und nehmen ihre schöne lichtbraune Farbe an. Will aber der Käfer nun hinauf zur Oberfläche der Erde, so giebt es für ihn keinen andern Weg, als daß er sich durchgräbt. Von den ersten lauen Tagen des Februar an beginnt schon dieses unruhige Weben und Treiben in der Erde; aber die Käfer steigen nur so weit empor, daß es ihnen nicht schadet, wenn der Winter noch einmal mit Schnee und Eis gar grimmig thut, und daß sie doch rechtzeitig Hervorbrechen können, wenn draußen der Tisch für sie gedeckt ist. Nur manche, die nicht so tief gelegen31 haben und die vor Ungeduld ihren Winterschlaf nicht zu Ende bringen können, wagen sich zuweilen an warmen Tagen heraus, wissen aber selbst nicht, was sie wollen, und werden bald genug von der rauhen Witterung aufgerieben. Dafür aber haben manche von ihnen, die zufällig von einem spazierengehenden Naturfreunde bei ihrem ersten Blick in die Welt beobachtet werden, die Ehre, von alt und jung angestaunt zu werden; ja, ist ihnen das Glück günstig, so erwähnt man sie, als eine Naturmerkwürdigkeit, wohl gar in der Zeitung. Diese Ehre wird freilich nur den Vorposten des zahllosen Käferheeres zu teil, welches im Mai überall aus der Erde hervorbricht. In den ersten Tagen erfreuen sich wohl noch die Knaben an den brummenden Gesellen, und auf ihren Spielplätzen halten sie dann eifrig ihre „Maikäferbörse," bei der die „Kaiser," die „Könige," die „Nottürken" u. s. w. noch ganz an sehnliche Preise an Marmelkugcln oder Stecknadeln erzielen. Aber schon machen die verständigen Leute bedenkliche Gesichter, und wer im Garten Obstbäume zu schützen hat, der steht nun vor Tage auf, um den braunen Verwüstern derselben ans Leben zu gehen; denn des Morgens ist dazu die beste Zeit. Dann hängen die Käfer, von der Kühle der Nacht und vom Tau getroffen, wie erstarrt auf dem Laube und fallen auf ein kräftiges Schüt teln schwerfällig herab. Da endet nun freilich ihr Leben, das so poetisch begonnen hatte, recht prosaisch. Die Hühner sind wie toll hinter den krabbelnden Käfern her und spießen und verschlingen sie mit Haut und Haar. Wo ihrer zu viele sind, da wirft man sie wohl in Erdgruben und bringt sic massenhaft mit einem Guß siedenden Wassers zu Tode. Wo es aber einem oder dem andern gelingt, dem allgemeinen Vertilgungseifer dadurch zu entkommen, daß ar sich hastenden Laufs seitwärts in die Büsche schlägt, ist ihm auch noch nicht viel geholfen. Denn tvo er sich zur Luftfahrt anschickt, da lauert der Spatz, dem der unbehilfliche Brummer stets leicht zur Beute fällt und der sich in diesem Falle unzweifelhaft bewährt, was manche ihm gern abstreiten möchten, — als ein Freund der Menschen.32 den Bodenwärme. Was an Unkraut und nutzbarem Klee zwischen den Stoppeln steht, sieht sahlgrün ans; denn seit Wochen ist kein Tröpslein Regen zur Erfrischung gefallen. Mittagsstille in der Dürre des Hoch sommers — sie kündet beängstigend den nahen Herbst, der auf der Flur alles zum Ersterben bringt, was sonst frisch grünte und sich fröhlich regte. Aber freundlich sänstigt die Natur für den Menschen den schweren Über gang; — denn wo man Sterben zu sehen glaubt, da tummelt sich, sieht man nur genau zu, auch wieder frisches Lebe». Ein winziges Völklein von hochbeiniger Art treibt überall sein Wesen. Jeder Schritt zwischen den Stoppeln schreckt drei, vier der Hüpfer auf zu weiten, munteren Sprüngen. Hier und da entfaltet sich auch ein grünes, seidenartig schimmerndes Flügelpaar zur kräftigen llnterstützuug der Springbeine, und schwirrend sucht der Grashüpfer sich einen ruhigeren Platz. So ist's nicht leicht, einen der geflügelten Springer zu erhaschen. Wie zum Spott ertönt33 dabei von allen Seiten das sonderbare Konzert dieser Musikanten des Feldes. „Zirpen" nennen es die Menschen, wohl in etwas verächtlichem Sinne; denn für ihr sür die Sprache der Tiere so wenig verständnisvolles Ohr klingt es freilich wenig besser als das häufig unterbrochene Wetzen einer Sense; — aber was so ein Tierlein mit seiner Musik ausdrücken will, davon hat keiner von uns eine Ahnung. Man nennt die Musikanten des Feldes gewöhnlich Grashüpfer und bezeichnet damit ihr Wesen fast noch besser als mit dem naturgeschichtlichen Namen Heuschrecke. Immerhin aber gehört alles, was da im Stoppel- felde hlipft oder schwirrt, so eng zusammen, wie in der Familie Eltern und Kinder — gleichviel, ob man es mit grauen, flügellosen, winzig kleinen Spring-in-die-Welts zu thun hat oder mit gesetzten Leuten, die, gewisser maßen als Anerkennung langen Wirkens im Stoppelfeld, sich der Zierde zweier grüner Flügel erfreuen, neben denen sie dann noch zwei schmale Decken besitzen, damit das zarte Grün nicht leide unter dem heißen Strahl der Sonne. Des Rätsels Lösung ist hier einfach: die grauen, flügellosen Hüpfer sind die Jungen, die grünen, beflügelten die Alten. Wer von den Jungen durch die tausenderlei Gefahren des Lebens glücklich hindurchkommt, der bringt's allmählich auch zu dem Besitz von Flügeln. Freilich auch hier — ohn' Leid kein' Freud'! Das häutige Röcklein in allen Nähten Platzen zu fühlen und drei-, viermal die gewohnte Haut abstrcifen zu müssen, mag kein angenehmes Gefühl sein; wenn dann aber auf dem Rücken üier kleine Stummel hervorwachsen und nach und nach immer größer werden, dann wird sicher dem Tierlein auch das Leid versüßt durch die Lust, nun bald im Sonnenschein über das Stoppelfeld dahinzuschweben. Wenn man dem lustigen Treiben der Grashüpfer zuschaut, möchte man fast auf- den Gedauken kommen, daß sie sich eigentlich recht zwecklos auf den Stoppelfeldern umhertreiben. Wer aber nur genau zuschaut, findet dald heraus, daß auch diese grünbeschwingten Müßiggänger ihre Stelle ausfüllen im Haushalt der Natur. Freilich können sie dies nur auf ihre Art — durch Fressen; aber das verstehen sic auch meisterlich. Nicht zur Zierde, sondern zum fleißigen Gebrauch haben sie in ihren Mundteilen die zwei scharfen Beißzangen, die so kräftig zuzugreisen vermögen, daß auf den Biß in die Haut des Menschen wohl Blut fließt. Mit diesen scharfen Beißzangen schneidet solch ein Grashüpfer die jungen Halme des Grases glatt an der Wurzel weg, um sich von dem weichen Laube zu nähren; das lsi ein kleiner Schade, gewiß; aber um so kräftiger bestockt sich dann der junge Trieb, und wo sonst ein Halm gewachsen wäre, schießen nun drei oder vier empor — alles das ist dem gefräßigen Grashüpfer zu Hummel, Bilder et, b. fficltt. 334 danken. Oder dieser macht Beutezüge auf die Bäume, wo man ihn nur nicht leicht sieht, da er wegen seiner grünen Farbe vom Laube nur schwer zu unterscheiden ist; da oben stellt dann der gefräßige Hüpfer den Raupen nach, und wegen seiner langen Beine füllt es ihm nicht schwer, die be haglich einherkriechenden geschickt zu fangen und abzuwürgen. Wer einmal diesem Treiben unseres grünen Grashüpfers zugeschant hat, wird ihn gewiß nicht mehr als einen unnützen Tagedieb ansehen. Unser leichtbeschwingter Grashüpfer hat einen Verwandten, der ist im Körperbau das gerade Gegenteil von ihm. Das ist die Maulwurfs grille. Wenn man sie kennen lernen will, muß man sie unter der Erde aufsuchen, wozu sich aber auf Wiesen oder Rasenplätzen leicht Gelegenheit findet. Man muß sich nur bemühen, solche Rasenstücke aufzufinden, deren Gräser gelblich werden, das ist ein sicheres Kennzeichen, daß darunter „Werren," wie die Gärtner sie nennen, ihr Wesen treiben. Denn die Maulwurfsgrille ist der Bergmann unter dem leichtbeschwingten Volke der Heuschrecken. Kurz und stämmig sind ihre Vorderbeine, nach vorn zu ver breitert und wie zu plumpen Fingern gespreizt; die kurzen, braunen Flügel erfüllen ihren Zweck so unvollständig, daß die Werre kaum handlange Strecken fliegend zurückzulegen vermag; auch die Hinterbeine, obgleich bei ihnen verdickte Schenkel sich finden, mögen ihr nur wenig zum Springen nützlich sein. Denn die Maulwurfsgrille ist durchaus zu einem Leben in der Erde bestimmt, wie das kleine Raubtier, nach dem sic benannt ist. Darum schafft sie sich auch in der Erde eine Art von behaglichem Daheim, eine glatt ausgearbeitete Höhle nämlich, deren Wände mit Speichel be feuchtet, gut geglättet und auf diese Weise gewissermaßen ausgcmanert werden, so daß man bei gehöriger Vorsicht das ganze Rest als eine hohle Erdscholle herausheben kann. In diesem Neste legt die Maulwurfsgrille ihre Eier ab, hier kommen die Jungen aus und bleiben eine Zeitlang ge schützt, bis der Hunger sie treibt, die Lebensweise der Alten anzunehmen. Durch ihre Lebensweise macht sich nun freilich die Maulwurfsgrille bei den Besitzern der Wiesen und auch bei den Gärtnern, denen sie an die Gemüsebeete kommt, nicht eben beliebt. Aber auch bei ihr ist's, wie bei dem Maulwurf: der Schaden, den sie anrichtet, liegt deutlich zu Tage, der Nutzen aber, den sie bringt, ist nicht im einzelnen nachzuweisen und wird daher leicht ganz übersehen. Sicher ist, daß die Maulwurfsgrille, wie alle Heuschrecken, als Nahrung Pflanzenstoffe aufsucht; so durchbcißt sie manches Würzelchcn, und das hat dann das Gclbwerden der Gräser und Gemüsepflanzen zur Folge. Aber wie der Maulwurf geht sie auch tierischer Nahrung nach. Sie ist ein starker Fresser und hat einen so unver-—.. 35 -— wöhnten Geschmack, daß, wie man beobachtet hat, eine Werre, welche durch einen Spaten in eine vordere und Hintere Hälfte gespalten war, sich selbst auffraß, indem die Mundteile sich in die weichere hintere Hälfte hinein nagten! Das zeigt doch auch, eine wie große Menge unter der Erde lebender Kerfe von der lichtscheuen Werre vertilgt werden, und das sollte der Maulwurfsgrille billigerweise zu besserem Rufe verhelfen. Vorderhand freilich wollen unsere Gärtner in dieses günstigere Urteil nicht einstimmen, sondern verfolgen die Maulwurfsgrille, wo und wie sie können. Man schüttet auf den von der Werre befallenen Stellen heißes Wasser oder auch wohl Lauge aus, um die Eier zu zerstören, oder man gräbt im Herbst etlva einen Meter tiefe Gräben, füllt diese mit Pferde dünger aus und schafft so den Maulwurfsgrillen Zufluchtsorte vor der Winterkältc, in die sie gern hineinkriechen und so leicht getötet werden können. Dazu lauern der schwerfälligen Grille noch mancherlei vierfüßige und geflügelte Feinde aus. Kreuzen sich im Boden die Gänge der Maul wurfsgrille und des Maulwurfs, so erliegt sie wehrlos den Bissen des schwarzrvckigen Burschen. Krähen bohren mit dem Schnabel Löcher in die gelb gewordenen Rasenflecken, und verloren ist die Werre, die sich in der Nähe eines solchen Schnabels betreffen läßt. Besonders aber ist die arme Grille für den Wiedehopf ein Wild, auf das der schöngehaubte Vogel mit förmlicher Leidenschaft Jagd macht. Eifrig bricht er mit seinem langen Schnabel die flach liegenden Gänge der Werre auf; ein scharfer Hieb mit dem Schnabel tötet das schwerfällig einherkriechende Kerbtier; dann wirft er, wie im Übermut, die Beute in die Luft und fängt sie geschickt mit dem Schnabel auf, da er sie sonst wegen seines kurzen Stummels von Zunge nicht zu verschlingen vermöchte. So emsig übrigens die Feinde der Maul wurfsgrille am Werke sind, das Tierlein auszurotten, so steht solches doch nicht zu befürchten. Die starke Vermehrung des merkwürdigen Kerbtiers hält jeder Verminderung das Gleichgewicht.36 Weine Lieblinge unter den Spinnen. ffut, die häßliche Spinne! Schnell, tritt sie tot!' 1 Wie oft hört man diesen Ruf, wenn beim Auskehren der oberen Zimmcr- ecken eins der langbeinigen Tiere aus seinem dunkeln Schlupf winkel herausgescheucht wird und hastigen Laufes ein neues Versteck zu erreichen sucht. Nun ja, es muß zugegeben werden, daß die Spinnengewebe in den Zimmerecken mancher ordnungsliebenden Hausfrau mit Recht ein Dorn im Auge sind, und ebenso ist es wahr, daß den Unkundigen ein gelinder Schreck ergreifen kann, wenn er die langbeinige Spinnerin mit großen Schritten lautlos auf sich zu marschieren sieht; aber reicht dies schon aus, um die Spinnen für häßliche Tiere zu halten, die man schnell töten muß, damit sie nicht in irgend einer Weise schaden? Da sind die verständigen unter den Landleuten anderer Meinung. Im Viehstalle schwirrt und summt es von Tausenden kleiner Mücken und Fliegen, und die Rinder und Pferde können sich der Plagegeister nicht anders erwehren, als daß sie fortwährend mit dem Schwänze schlagen. Wie würden sic erst gepeinigt werden, süßen nicht überall an der Decke, in den Winkeln, selbst in den Ritzen des Balkenwerkes Hunderte von Spinnen aller Art umher, welche sie im Kampfe gegen all das summende Getier kräftig unter stützen! Nein, die Spinnen scheltet mir nicht! Für häßliche Tiere mögt ihr sie halten, das ist Geschmackssache; aber schädlich ist keine einzige unter ihnen, vielmehr stehen sie samt und sonders als fleißige Vertilgerinncn von allerhand lästigen und schädlichen Kerfen recht eigentlich im Dienste des Menschen. Soviel zu ihrer Ehrenrettung. Betrachtet man sie nun gar mit günstigeren Augen, als die meisten Menschen dies leider thun, so wird es kaum fehlen, daß man sich mit einigen Arten geradezu befreundet. So war es an einem Sommcrtage, als meine Tochter, am Fenster stehend, überrascht ausrief: „Ei, Vater, was ist das doch hier für ein merkwürdiges Tier!" Als ich herzukam, nahm ich es ihr nicht übel, daß sie, trotzdem sie in der Schule Naturgeschichte gelehrt erhält, das seltsame Geschöpf nicht als — eine Spinne erkannt hatte. Denn von der Harlekinsspinne hatte sie sicher noch nichts in der Schule gehört, obgleich diese keineswegs zu den Seltenheiten gehört, sondern häufig ge nug an sonnigen Mauern, Fenstern u. s. w. ihr seltsames Wesen treibt.—- 37 Die von uns beobachtete Spinne war ein ziemlich kleines Tier, kaum einen Centimeter lang, und die drei weißen Ouerbinden auf dem schwärzlichen Rücken, sowie der weiße Rand um das ebenfalls schwärzliche Bruststück kleideten sie etwa so, wie einen Harlekin seine aus bunten Flicken zusammen- genähte Jacke. Aber nicht diese bunte Kleidung hatte das Erstaunen meines Töchterchens erregt, sondern die ganze seltsame Art der Spinne. Wir haben ihr dann längere Zeit mit größtem Interesse zugeschaut und fanden es ganz treffend, daß man das seltsame Tier die „Katze unter den Spinnen" nennt. Denn wenn sie jetzt einige Augenblicke still aus dem Fensterbrett saß, war sie bald darauf mit einem fingerlangen Bogensprunge wieder an der Fensterscheibe, um eine der kleinen Fliegen zu erhaschen. Die schienen ihr freilich zu behende, so daß es ihr längere Zeit nicht gelingen wollte, eine Beute zu erlangen. Da aber kam ihr ein kleines schwarzes Küferlein in den Weg, auf das stürzte sie sich, wie eine Katze auf die Maus; dann sahen wir, wie sie die Beute mit den Vorderbeinen fest umklammerte und den Kopf tief zwischen die Beine schob, worauf sie eine ganze Weile still lag. Als sie sich von neuem ans den Weg machte, ließ sie das tote, aus gesogene Käferlein liegen — eins weniger von dem fliegenden Getier, welches Menschen und Tieren lästig wird. Will man die Harlekinsspinne kennen lernen, so darf man nicht, wie bei den übrigen Spinnenarten, nach ihrem Gewebe suchen; denn in dieser Hinsicht ist sie ein Faulpelz und giebt sich mit so kunstreicher Arbeit nicht ab. Was sie spinnt, ist ein ziemlich rohes Machwerk, ein kleiner, an beiden Enden offener Sack, den sie im Herbst in irgend einer Mauerlücke auf- hüngt als Wohnplatz, in welchem sic vor Sturm und Kälte den Winter hindurch gesichert liegt. Eine so merkwürdige Art wie die Harlekinsspinne trägt nun freilich unsere allbekannte Hausspinne nicht zur Schau, ja, es ist nicht zu ieugnen, daß sie sich durch das Austapezieren der Zimmerecken in hohem Grade lästig macht und dort nicht zu dulden ist; aber auch sie gehört zu ^n unscheinbaren Freunden des Menschen, da sie Hunderte von kleinen Fliegen und Mücken tötet, ohne daß ihr der geringste Dank dafür wird. Neben unserer langbeinigen, schmächtigen Hausspinne nimmt sich die Kreuzspinne wie die fetteste und wohlgenährteste des ganzen Spinnen- »eschlechts aus. Alles an ihr ist wohlgerundet und zeugt von reichlichem Nahrungszuwachs. Diese größte unserer Spinnen ist aber auch früh und !pät mit der Sorge für ihr körperliches Gedeihen beschäftigt. Es giebt wenige Orte im Freien, an denen sie nicht ihr stets senkrecht hängendes großes Nadnetz befestigt. Hier findet man cs mitten im Gesträuch, dort38 schließt es eine Ecke am Dachfirst, oder es schimmert wie Seide zwischen dem Blattwerk einer Laube hindurch. Will es sich einmal gar nicht recht schicklich anbringen lassen, so geht die Spinnerin wohl mit einer Art von Überlegung dabei zu Werke. So hatte einst eine Kreuzspinne ihr Netz zwischen zwei Linden ausgespannt, die vier Schritt voneinander entfernt standen. Die drei Hauptsäden, welche das Netz festhielten, bildeten ein gleichschenkliges Dreieck, dessen obere Seite durch einen wagerecht von Baum zu Baum laufenden Faden vertreten wurde, während die beiden anderen Seitenfäden nach unten liefen und sich etwa in der Mitte vereinigten. Mit Erstaunen bemerkte man, daß die Spinne in diesem Winkel ein ganz umsponnenes Steinchen aufgehängt hatte. Auf diese Weise hatte das Netz die gewöhnliche senkrechte Lage erhalten, indem der Stein den dritten festen Haltepunkt von unten ersetzte. Unter allen Spinnenartcn läßt sich an der Kreuzspinne am leichtesten das Treiben der ganzen Spinncngescllschaft beobachten. Denn da sie stets hungrig zu sein scheint, so läßt sie keine Gelegenheit vorübergehcn, um eine Beute zu ergattern. In irgend einem Winkel des Netzes, nicht selten auch im Mittelpunkte desselben, sitzt sie, lauernd, daß die Erschütterung der Netzfäden ihr die Stelle andeute, wo eine arglos herumsummende Fliege sich in die Fäden verwickelt hat. Dann kommt die Gefangene selten wieder los. Schnell fällt die Kreuzspinne über sie her; ist's eine der großen Schmeißfliegen, so fesselt sic diese wohl mit einigen um Beine und Flügel geschlungenen Gespinstfüden, — nun ein kurzer Kampf, und nach wenigen Minuten hängt die ausgesogene Fliege tot im Netz. So eifrig ist die Kreuzspinne bei dieser Jagd nach Beute, daß sie selbst einer plumpen Täuschung zum Opfer fällt. Wer Hütte sie nicht schon einmal zum besten gehalten, indem er durch das Berühren eines der Fäden ihres Netzes das- selbe in Erschütterung versetzte, worauf dann die aus ihrem Schlupfwinkel hervorgekommene Spinne ohne Beute wieder abziehen mußte! Freilich zeigt sich aber auch an der raubgierigen Flicgenfüngerin recht deutlich die alte Wahrheit, daß im Leben der Tiere ein beständiger Kampf das eine gegen das andere treibt. Denn die großen, wohlgenährten Kreuzspinnen sind so rechte Leckerbissen für manchen hungernden Vogel; wenn die Sperlinge im Sommer das Gesträuch absuchen, so verschmähen sie nie einen fetten Spinnenbraten, und wenn sich die überlebenden Spinnen auch im Herbst in Baumritzen ihr Winterquartier gesucht haben, so fallen doch sehr viele von ihnen den Meisen zur Beute, die sie mit ihrem spitzen Schnabel aus dem Versteck hervorziehen. Endlich gehört noch zu meinen Lieblingen unter der achtbeinigen Ge-39 sellschaft die Wasserspinne. Man kann sie mittels eines recht dichten Filetnetzes leicht in jedem Teiche fischen, und sie läßt sich dann auch im Zimmer-Aquarium halten, wenngleich sie ihre ganze Eigenart nur im freien Wasser zeigt. Man erkennt sie hier leicht, weil sie beständig eine silber glänzende Luftblase von der Größe einer Erbse mit sich herumschleppt, aus der sie die zur Atmung erforderliche Lust entnimmt. Unter allen Spinnen ist sie wohl die merkwürdigste hinsichtlich ihrer Wohnung, da diese ihr mitten im Wasser die Luftatmung ermöglicht. Sie webt nämlich im Wasser aus ihren Gespinstfäden ein unten offenes Gehäuse von der Größe eines halben Taubeneies, das sie an Wasserpflanzen anheftet. Ist sie mit der Webarbeit fertig, so begiebt sie sich an die Oberfläche des Wassers und fettet mit einer firnisartigen Absonderung ihren haarigen Leib ein, der dadurch und mit Hilfe der behaarten Beine in den Stand gesetzt wird, eine ziemlich große Luftblase um sich herum festzuhalten. Von dieser Luft blase umgeben, steigt sie an den Stengeln der Wasserpflanzen in die Tiefe, begiebt sich in ihr Gehäuse, streicht mit den Beinen die Lust ab, die dann das Gehäuse immer mehr aufschwellt, bis dieses gleich einer silberglänzen den Blase mit Luft gefüllt ist. In diesem seltsamen Hause lebt und atmet sie, wie der Taucher in der Taucherglocke. Auch die Wasserspinne ist, wie alle ihre Verwandten, in ihrer Lebensweise ein räuberisches Tier. Jene Gespinstsädcn, die von dem Gehäuse aus nach benachbarten Wasser pflanzen gezogen sind, verraten ihr durch ihre Erschütterung jede nahe Beute, und sie treibt es dann im Wasser nicht anders als die Kreuzspinne in der Luft. So sehr ist das seltsame Tier auf den Aufenthalt im Wasser angewiesen, daß es seine Eier ebenfalls in dem glockenförmigen Gehäuse ablegt und sogar den Winter darin zubringt, in welchem Falle dann das Gehäuse verschlossen wird, da die Wasserspinne zu dieser Zeit in Winter schlaf verfällt. Doch sindet man sie während des Winters auch wohl dann und wann auf dem Lande. Sie wählt dann zum Winterquartier gern ein leeres Schneckenhaus, dessen Mündung sie durch ein künstliches Ge webe verschließt.40 Unsere Fleüer m aus unü ihre Vermsnütrn. A» * s ist ein Märzabend. Seit ein paar Tagen ist der „Schnee- Himmel" verschwunden; im Westen über der Heide zeigt sich ein schmaler Streifen von Abendrot; darüber hängen grau blaue Wolken mit dunstigen Rändern; die Luft weht so lind, als sollten am Morgen alle Frühlingsblumen blühen. Das Frühlingsahncn, das durch die Natur geht, macht auch die Menschen lebendiger. In der Ecke am Kirchplatz versuchen kleine Mädchen den ersten Reigen; es freut sie, die warmen Hündchen zur Kette zu schließen, nachdem diese monatelang gefroren haben. Von den Brüdern daneben wirft der eine seine Kappe in die Luft — er will Fledermäuse angen, und das kann man, so hat man ihm gesagt, am besten, wenn man einer Fledermaus eine Mütze in die Bahn tvirft. Dem muntern Buben wird's damit gehen, wie andern mit dem angepriesenen Verfahren, Sperlinge zu fangen, indem man ihnen Salz auf den Schwanz streut. Und es wird Nacht. Droben in der Luft behauptet der alte, gries grämige Winter noch seine Herrschaft. Die scharfe Kühle treibt die Kinder in die Stube; noch immer ist der warme Ofen, auf dem die letzten Brat äpfel bersten, ei» guter Freund, den man nicht verachten soll. Da geht eins der Kinder hinaus auf den Flur. Ein Streifen Licht füllt in die Finsternis; er ist hinreichend gewesen, die Kleine zum Aufschrei zu bringen: „Eine Fledermaus! Eine Fledermaus!" Von Angst getrieben, stürzt sie herein ins Zimmer. „Das Tierchen sucht auch wieder Unterschlupf," sagt der Vater. „Sie ist durch den Hausflur hereingekommen, wir wollen sie wieder hinauslassen?' Und während er nun mit der Mutter in den Haus flur hinuntergeht, gucken ihm die Kinder mit vorgestrecktem Kopfe halb ängstlich nach in die Dunkelheit. Dann kommt er, nachdem er die Fleder maus hinausgelassen, allein die Treppe herauf, und um sich einen Scherz zu machen, ruft er: „Kinder, die Fledermaus hat die Mutter gefressen!" Es war gut, daß die Mutter den Scherz unterbrach; denn ängstliches Jammern und Wehklagen erfüllte das Haus. Dies wahre Erlebnis zeigt, in welch schlimmem Rufe unsere Fleder maus wenigstens bei den Kindern steht. Da soll sie, wenn sie des Abends durch die Luft dahingaukelt, den Mädchen ins Haar fahren, und wer von—- 41 den Blutsaugern unter den seltsamen Tieren gehört hat, meint wohl gar, sie folge dabei einem blutdürstigen Gelüst. Andere reden ihr nach, sie sei ein ausgeinachter Speckdieb, der es auf die Speckseiten und Schinken im Rauchfang abgesehen habe. Solch' wunderlichen Nachreden wird man am besten entgegentreten können, wenn man die Art unserer Fledermaus und ihre Weise zu leben mit unbefangenem Sinn betrachtet. Daß die Fledermaus ein sehr sonderbar gestaltetes, ja geradezu ein verzerrtes Säugetier ist, steht außer allem Zweifel. Sie hat ja die ihr als Säugetier zukommenden vier Beine; aber den bei den Vierfüßlern üblichen Gebrauch kann sie von diesen Beinen nicht machen. Sie bewegt sich auf dem Boden nur langsam kriechend fort, und setzt man das Tier chen auf die Hinterbeine allein, so schlägt es unfehlbar wieder nach vorn um. Denn die Hinterbeine sind sehr schwächlich, und ihre Zehen sind so kümmerlich entwickelt, daß man meinen könnte, sie wären zu dem eigen tümlichen Leben der Fledermaus von gar keinem Nutzen. Dafür ist sie mit den Vorderbeinen um so besser weggekommen. Lang strecken sich die Unterschenkel aus, und wie die Stäbe eines Regenschirms zweigen aus ihnen die vier übermäßig langen Zehen aus; nur die Jnnenzehc ist kurz, hat aber in einer scharfen Kralle ihre besondere Ausstattung erhalten. Die vier langen Zehen der Vorderbeine aber sind Grundlage des merk würdigen Flatterorgans der Fledermaus, der sehr weichen und sehr dehn baren Haut nämlich, die von den Vorderbeinen nach den Hinterbeinen zieht und selbst den dünnen Schwanz einschließt. Trotz der verhältnis mäßigen Größe der Flatterhaut ist cs doch nur wegen des sehr kleinen Körpers der Fledermaus möglich, daß das Tierchen sich in die Luft erhebt; ks ist, könnte man sagen, an ihr rein gar nichts; alle Knochen sind so dünn, und daß der Rumpf etwas völlig aussieht, ist auch nur dem bauschigen Haarkleide zu verdanken. Wahrlich, das Tierchen würde Hungers sterben, müßte es sich seine Nahrung auf dem Boden zusammensuchen. Aber was der Fledermaus auf dem Boden hinderlich ist, kommt ihr bei ihrem Lnftleben gar trefflich zu statten. Den zierlichen Flug der meisten Vögel freilich vermag sie nicht nachzuahmen, und zu schweben wie die Schwalben vermag sie gar nicht; aber die Mücken und Nacht- schmetterlinge, denen sie nachstellt, halten sich doch auch in der Nähe der Erde auf, und ihr unsteter Zickzackflug führt sie gewiß häufig genug in Schwärme derselben hinein. Und dabei begünstigt die sonstige Ausrüstung des Körpers ungemein den Fang. An gefangenen Fleder mäusen ist ausgefallen, wie fein die Tierchen mit der Nase spüren, und42 die überaus langen, häutigen Ohrmuscheln sind ihnen doch auch nicht um sonst gegeben. Denen entgeht nicht das leiseste Geräusch, wenn die Fleder maus sie aufrichtet, und anderseits hindern sie auch nicht beim Fliegen, da das Tier die sonderbaren Schalltrichter leicht nach vorn überzubiegen vermag. Nimmt man dazu noch das große Maul mit dem vollen Gebiß von kleinen scharfen Zähnen, so begreift man, daß die Fledermaus eine Kerbtierfüngerin ersten Ranges ist. Die Große ihrer Beute kommt dabei nicht in Betracht; weiß man doch für bestimmt, daß sie sich selbst an die plumpen Maikäfer macht und diese bis auf die hornigen Teile, die Beine und Flügeldecken nämlich, mit ihrem scharfen Gebiß zerschrotet. Bei ihren Raubzügen entgeht die Fledermaus leicht den Gefahren der Nacht. Ihr taumelnder, unsicherer Flug scheint das Anstoßen an die Bäume und Häuser, zwischen denen sie dahinflattert, unvermeidlich zu machen; aber die feinen Nervengewebe ihrer Flatterhäute verleihen ihr ein so außerordentlich feines Gefühl, daß sie selbst iin engsten Winkel nicht anstößt. Dazu ist der Flug selbst so schnell und so unstet, daß es selbst der Eule schwer fallen möchte, eine umherschweifende Fledermaus zu er haschen. Selbst die düstere Färbung des ganzen Tieres muß diesem zum Schutz dienen gegen nächtliche Feinde aus der Vogelwelt. Zu ihren Raubzügen locken die Fledermaus schon die ersten milden Frühlingslüfte. Aber nur karg ist ihr da der Tisch gedeckt; denn nur wenige vorwitzige Kerfe, welche vorzeitig ihre Puppcnhüllen sprengen, findet sie auf ihrer nächtlichen Fahrt. Dann bringt der Sommer reich liche Nahrung, und fast übermächtig wird die Menge fliegenden Getiers, welches jetzt aus Gärten und Äckern, aus Wiese und Wald Tag für Tag seinen Flug in die Luft nimmt. Freilich braucht zu dieser Zeit die alte Fledermaus auch doppelte Portionen von Nahrung. Denn sie muß ja ihre beiden Jungen beständig mit sich Herumschleppen, die sich an den Zitzen sestgesogen und mit ihren feinen Krallen im Haarkleide der Mutter festgehäkelt haben. Und das dauert eine geraume Zeit in den Sommer hinein; denn selbst wenn die kleinen Tiere bereits recht hübsch flattern können, kehren sie doch längere Zeit immer wieder zu der Mutter zurück. So geht's allmählich durch den Sommer in den Herbst. Wenn dann die klaren, kalten Reifnüchte kommen, geht das Kerbticrleben zur Ruhe. Dann wird es auch für die Fledermaus Zeit, das Winterquartier zu suchen; denn bei ihrer mäßigen Flatterkunst würde es ihr unmöglich sein, wie die Zugvögel in wärmeren Ländern aufzusuchen, was ihr die Heimat versagt. So macht sie die Not zur Winterschläserin. Sie sucht sich einen trockenen, möglichst frostfreien Unterschlupf, etwa eine Kluft im Ge-— 43 -— stein, oder einen ruhigen Winkel in einer Scheune, oder einen unbenutzten Schornstein; nicht selten schlupft sie auch durch ein unverschlossenes Keller loch, und die überraschte Hausfrau findet dann eines Tages den selt samen Gast, natürlich im Winterschlaf, mit den schwachen Krallen der Fledermüusc tu der Winlcrruhe. Hinterbeine angehäkelt an einen hervorstehenden Mörtelbrockeu, die Flatter baut wie einen Mantel umgeschlagen, den Kopf nach unten hangend. Das Blut steigt deni Tierchen dabei nicht in den Kopf; denn der Blutkreislauf steht fast ganz still, weshalb auch die Körperwärme fast bis auf den Gefrier punkt herabsinkt. Aber auch die im Winterschlafe liegende Fledermaus44 ruht in Gottes Hand, und sicher ist dem Tierlein wieder der Tisch ge deckt, sobald es sich zu neuem Leben regt. So verläuft das Jahr im Leben unserer langohrigcn Fledermaus. Ihre wahre Art aber kann nur der recht erkenne», der sich die Mühe nimmt, ein solches Tier in der Gefangenschaft zu halten. Denn auch das ist versucht worden, und gefangene Fledermäuse zeigten sich dabei in ziem lichem Grade der Zähmung fähig: hatte doch ein Naturforscher eine solche so weit gezähmt, daß sie ihm durch alle Zimmer folgte und, wenn er ihr eine Fliege hinhielt, sich augenblicklich auf seine Hand setzte, um jene zu fressen! Überhaupt ist die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses ihr wichtigster Lebenszweck, auch in der Gefangenschaft. Als man zu solch' einer gefangenen Fledermaus Stubenfliegen setzte, machte sie augenblicklich Jagd daraus; zu einer einzigen ihrer Mahlzeiten bedurfte sie aber sechzig bis siebzig dieser Tiere. Ihren Raub bemerkte sie nicht durch das Ge sicht, sondern vermittelst ihres feinen Gehörs und durch den Geruch. Sie wurde gleich unruhig, wenn sich Fliegen in ihrer Nähe bewegten, ging witternd umher, spitzte und drehte die Ohren, machte Halt vor der Fliege und fuhr dann mit ausgebreitcten Flügeln auf sie los; um sie zu er wischen, suchte sie dieselbe unter ihre Flügel zu bringen und ergriff sie dann mit der nach abwärts gebogenen Schnauze. War es eine große Fliege, so bog sie den Kopf unter die Brust, um sic besser zu fangen. Sie kaute ihre Nahrung leicht und geschwind und leckte sic mit der Zunge hinein. Beine und Flügel, welche sie nicht gern fraß, verstand sie prächtig auszuscheiden. Auf tote Fliegen ging sie nur dann, wenn sie sehr hungrig war. Diese an einer gefangenen Fledermaus angestellten Beobachtungen zeigen uns in jedem dieser Flattertiere einen kleinen Vielfraß. Also: jede lebende Fledermaus ist ein Freund des Menschen, ein Bundesgenosse in der Vertilgung schädlichen Ungeziefers, und jedes mutwillige Toten eines dieser nützlichen Tiere ist ein Schnitt in das eigene Fleisch! Leider ist das Geschlecht der Fledermäuse bei uns nicht so häufig verbreitet, wie wohl zu wünschen wäre. Nur eine Verwandte unserer Ohrenfledermaus kommt in Deutschland häufiger vor, die gemeine Fledermaus; man erkennt sie an den nur kvpfgroßen Ohren, und daß sie meist schon früh am Abend, zuweilen selbst noch bei Sonnenschein fliegt. Je mehr aber mit der Luftwärme die Fülle der Kerbtiere zunimmt, desto mehr verstärkt sich das Heer der Flattcrtiere. Die warmen Länder sind ihre eigentliche Heimat. „Schon in Italien, Griechenland und Spa nien," sagt ein naturkundiger Reisender, „bemerken wir einen auffallenden Reichtum an Fledermäusen. Wenn dort der Abend naht, kommen sie nicht45 zu Hunderten, sondern zu Tausenden aus ihren Schlupfwinkeln hervor gekrochen und erfüllen die Luft mit ihrer Menge. Aus jedem Haus, aus jedem alten Gemäuer, aus jeder Felsenhöhle flattern sie heraus, als ob ein großes Heer seinen Auszug halten wolle, und schon während der Dämmerung ist der ganze Gesichtskreis buchstäblich von ihnen erfüllt. Wahrhaft überraschend aber ist die Menge der Flattertiere, welche man in heißen Ländern bemerkt. Es ist äußerst anziehend und unterhaltend, einen Abend vor den Thoren einer größeren Stadt des Morgenlandes oder Indiens zuzubringen. Die Schwärme der Fledermäuse, welche der Abend dort erweckt, verdunkeln buchstäblich die Luft. Sehr bald verliert man alle Schätzung; denn allerorts sieht man Massen der dunkeln Ge stalten, welche sich durch die Luft fortwälzen. Überall lebt es und bewegt es sich; zwischen den Bäumen der Gärten, der Haine oder Wälder schwirrt es dahin; über die Felder flattert es in geringer oder bedeutender Höhe, durch die Straßen der Stadt, die Höfe und Zimmer geht der bewegliche Zug. Hunderte kommen, und Hunderte verschwinden. Man ist beständig bon einer schwebenden Schar umringt!" Aus dieser gestaltenreichen Schar der Verwandten unserer Fledermaus soll wenigstens das größte und am übelsten beleumdete Flattertier hier borgestellt werden, der Vampyr. Er ist in der That eine Riesensleder- maus; denn seine Körperlänge beträgt an dreizehn Centimeter, und die Flatterhäute spannen fast einen halben Meter. Von unserer Ohrenfleder maus unterscheidet er sich durch zwei blattartige Hautaufsätze auf der Nase; eigentümlich ist ihm ferner die dicke, mit Saugwarzen besetzte Zunge. In Brasilien und Guayana, wo der Vampyr hauptsächlich zu Hause ist, kommt er ziemlich häufig vor. Aus diesen Ländern stammt denn auch die grausige Sage, daß der Vampyr sich nachts auf schlafende Menschen niederlasse, diesen mit seinen großen Schwingen geräuschlos Kühlung zufächle und ihnen dann das Blut aussauge; ja, ein solcher vom Vampyr überfallener Mensch könne durch wiederholte Angriffe des mör derischen Tieres endlich gar dem Tode verfallen. Diese grausige Erzählung hat sich, wie so manche naturgeschichtliche Fabelei, als starke Übertreibung erwiesen. Nichtig ist, daß der Vampyr )ur kühlen Jahreszeit, wenn die Kerfe anfangen, selten zu werden, sein Nahrungsbedürfnis dadurch zu stillen sucht, daß er Rinder, Esel oder Maultiere anfüllt. Meist in der Nähe des Rückens, wo die befallenen -bwre sich des Blutsaugers nicht erwehren können, saugt er eine Stelle ^er Haut an, öffnet sie mit den Vorderzähnen und saugt dann eine ge linge Menge Blut aus. Gewöhnlich blutet auch nach dem Fortfliegen46 des Vampyrs die angesogene Stelle nach, doch nie sehr stark. Ein schmaler, getrockneter Blutstreifen ist dann die einzige Spur von der Thätigkeit des nächtlichen Besuchs. Wohl werden solche Tiere nach täglich sich wiederholen den Blutverlusten etwas geschwächt; einen weiteren Nachteil aber haben diese nächtlichen Überfälle für sie nicht. Damit stimmt überein, was einige Rei sende über das Blutsaugen des Vampyrs an Menschen berichten. Solche Fälle kommen außerordentlich selten vor, da ja in jenen heißen Ländern nie mand ohne Moskitonetz schläft, und da sie wegen der Geringfügigkeit des Blut verlustes keine Gefahr bringen, fürchtet und verwahrt sich niemand vor ihnen. Das ist das Wahre an der grausigen Sage vom blutsaugcnden Vampyr! Ein Wintergnst im Ztsütrrmlüe. ist es Winter. Der Nordwind, der pfeifend durch die n fegt, stäubt den Schnee empor; dort ist eine Ecke wie gekehrt, da zieht ein langer Schneewall, dessen scharfer Kamm durch das tolle Spiel der Flocken in jedem Augenblick verändert wird. Auf glänzender Schneebahn gleitet klingelnd ein Schlitten daher; er überholt leicht den Frachtwagen, dessen Räder sich knirschend in den Schnee senken, so daß das Gefährt nur mühsam von der Stelle rückt. Der Fuhrmann, der langsam beiher trottet, knöpft sich fester in den dicken Mantel ein, in dessen Falten der grimme Wintersturm herumreißt; ihn wie die dampfenden Pferde verlangt es nach der warmen Herberge. Wenn einer in solchem Wetter das behaglich durchwärmte Zimmer verläßt, um draußen dem Wind und dem Schnee Trotz zu bieten, dann muß er schon eine ungewöhnliche Veranlassung haben. Dennoch befand ich mich vor Jahren in dem Falle, und die Veranlassung dazu war folgende. Am Tage vorher hatte der Jäger aus dem benachbarten Forsthause einen Vogel geschossen, von dem niemand im Städtchen recht zu sagen wußte, welcher unter den zahlreichen Sippen der gefiederten Welt er eigentlich angehöre: der Jäger, ein in diesen Dingen erfahrener Mann, hatte nur47 zweifelnd den Kopf geschüttelt, weil er sich nicht die Blöße geben wollte, seine Unkenntnis einzugestehen; ein alter Holzhauer hatte bedenklich gemeint, der Vogel sei ein Pestvogel, und man werde den Sommer über wohl viel zu hören bekommen von Seuche und Krankheit; der Apotheker aber, der naturknndigstc Mann im Städtchen, hatte in seinen Büchern nachgeschlagen und versicherte, der fremde Vogel sei ein Seidenschwanz. So bekam ich den ersten Seidenschwanz zu sehen, und als wir Buben hörten, daß es draußen im Stadtwaldc der Vögel noch manchen gebe, und daß es leicht sei, an sie heranzukommen, da war kein Halten mehr, und das war eben die Ursache, daß wir an dem schneestürmischen Dezembertagc draußen umherstrichen. Der Wald lag wie ausgestorben: das Eichhörnchen, das, wohlgcschützt durch den dichthaarigen Winterpelz, dem Wanderer selbst im Winter nicht gar selten zu Gesicht kommt, hatte vor dem rauhen Nordwinde Unter schlupf gesucht im warmen Neste; Specht und Meise, sonst so geschäftig im Üben ihrer Kletterkünste, scheuten heute Wind und Schneetreiben; und so wäre wohl bei dieser Lage der Dinge uns Buben sicher der Mut gesunken, Hütte man uns nicht genau beschrieben, wo der freu,de Vogel gestern geschossen worden war. Tief int Tannicht stand eine Gruppe von Vogelbeerbäumen, eine Zufluchtsstätte für die Beerenfresser unter den gefiederten Kostgängern des Waldes, wo Amsel, Drossel, Fink und Star sich zur Frühjahrszeit stets Stelldichein gaben, um zu verzehren, was von den hochroten Beeren dom Winter her übrig geblieben war: — dort war der Seidenschwanz an- getrvffen worden. Die Vogelbeerbäumc waren das Ziel unserer Streife. Zu unserer Freude fanden wir uns in unseren Erwartungen nicht getäuscht. Um die kahlen Äste herum schwirrte es nur so. In anmutigen Flugwendungen umkreisten die Vögel die Trauben hochroter, glänzender Beeren, die sich in der Schneelandschaft wie Festesschmuck ausnahmen; andere saßen schmausend in den Gabclästen; und dabei war die muntere Bogelschar von einer Arglosigkeit und Zutraulichkeit, daß unser Spatz dagegen als ein mißtrauisches Geschöpf gelten mußte. War es doch auch dem Jäger, der einen aus dem Schwarme herausgeschossen hatte, ganz Reicht geworden, bis dicht an die Vögel heranzukommen; ja zu seiner Ver wunderung waren diese nach dem verderblichen Schüsse nicht etwa nach Bogelart in alle Winde gestoben, sondern sie hatten sich zusammengehalten und nur den benachbarten Baum ausgesucht. Wir fanden in jeder Hinsicht bestätigt, was uns von der harmlosen Art des Seidenschwanzes erzählt U'vrdcn war: unter allen Vögeln unseres deutschen Waldes giebt es keinen, so unbekümmert um die Nähe des Menschen sein Wesen treibt, wie der seltene Fremdling. Wir Buben hatten denn auch unsere höchste Freude48 an dem lustigen Treiben droben in den kahlen Zweigen, und diese Freude war um so reiner, als jedes etwa insgeheim aufkeimende Gelüst nach Nest und Ei dadurch unterdrückt worden war, daß uns der naturkundige Apo theker erzählt hatte, der Seidenschwanz brüte im nördlichen Schweden und Norwegen und sei bei uns nur ein Wintergast. Wir haben uns dann später den Fremdling, der ausgestopft worden war und in der Schulsammlung aufbewahrt wurde, oft mit Vergnügen angeschaut. Sein schöner Bau und die anmutige Färbung seines Gefieders machen den Seidenschwanz in der That zu einem gar stattlich dreinschauenden Vogel. Er ist etwas größer als ein Sperling, fast wie ein Fink gebaut, mit müßig langem, fast kegelförmigem, aber spitz zulanfendein Schnabel, auf dem Kopfe mit einem graubraunen, sehr beweglichen Federhänbchen geziert, welches er aufrichtet oder niederlegt, je nachdem eine freudige oder traurige Gemütsregung ihn bewegt. Das Federkleid ist von außerordent licher Weichheit und so glänzend, daß er seinen Namen mit Recht trägt: die Grundfarbe ist ein von lichten Tönen bis zum Schwarz sich abstufendes Gemisch von aschgrau, weinrot und kastanienbraun, welches in seinen zarten Übergängen einen recht wohlthuend milden Eindruck macht; einen besonderen Schmuck aber hat der Vogel in dem in eine hochgelbe Binde endenden Schwänze, aus dem wie Perlen hochrote Hornblättchen hervorlugen, sowie in der hochgelben Zeichnung am hinteren Ende der Flügel, die in der Mitte ebenfalls mit roten Flecken garniert sind, nicht anders, als wären die Schwingen mit goldenen Spangen und roten Korallenkettchen geziert. Diese Korallenkettchen aber sind nichts anderes als die Schäfte der Federn, die etwas über die Fahne hinausragen und sich an der Spitze zu zarten Hornplatten verbreitern, ein sehr wirkungsvoller Schmuck für den nordischen Fremdling, wie er sich bei keinem Vogel unserer Wälder findet. Als ein Bewohner hochnordischer Gegenden giebt der Seidenschwanz bei uns eigentlich nur Gastrollen, und wir lernen aus denselben des Vogels Art und Weise nur sehr unvollständig kennen. Aber selbst in Lappland, wo er brütet, gehört er zu den verhältnismäßig wenig bekannten Vögeln. Das kommt daher, daß er dort ein ziemlich einsiedlerisches Leben ftihrt. In Gebirgsmulden, wo die sturmsichere Lage den harten Nadel hölzern gestattet, zu Manneshöhe emporzuwachsen, und wo die knorrigen Äste und Loden der Zwergkiefern sich zu undurchdringlichen grünen Massen verflechten, baut er sein Nest. Was das Gehölz ihm bietet, dürre Fichten reiser und die langen Fasern der Bartflechte, webt er geschickt ineinander und bildet so eine tiefe Nestmulde, die er mit Grashalmen und Federn ausfüttert. Da geht es denn im Juni, wenn der spät einziehende Früh-49 ling in den Gründen die Schncemassen wegtaut, ebenso lustig zu wie in unserem von Vogelgesang durchtönten Walde. Es wird fleißig gebrütet; denn im Neste liegen vier bis sieben Eier von bläulicher Farbe, gar an mutig mit braunen oder violetten Flecken und Punkten überstreut, und dabei erschallt der zwar nicht laute aber ungemein anmutige Gesang, ein Durcheinander von weichen Trillern, die mit Pfeifen oder Zirpen ab wechseln. Es ist, als wollten die Alten die kurze freudenreiche Sommer zeit so recht in vollen Zügen genießen, und als müßten sie sich beeilen im Genuß des Sonnenscheins und der lauen Sommerluft; denn schon im August klopft der Winter mit Reif und Nachtfrost wieder an. Während des kurzen Sommers giebt sich der Seidenschwanz mit aller Sorgfalt der Ernährung der Jungen hin. Diese entwickeln einen so gesunden Appetit, daß die Alten über der Sättigung der hungrigen Schnäbel im Nest fast nicht zu Atem kommen. Die zahllosen Schwärme von Mücken, die im Spätsommer über den Gefilden Lapplands ihre Tänze aufführen und Menschen und Tiere gleichmäßig plagen, geben dann willkommene Beute; wo die Heidelbeere zu reifen beginnt oder die rote Preißel- und Moos beere sich findet, da erntet auch der Seidenschwanz, stets im Fluge, deun sein eigener Magen, nicht weniger als der seiner Jungen, wird von dem geringen Nahrungsstoffe, der den Beeren eigentümlich ist, nur schwach be friedigt. Geht es zum Winter, wo die hereinbrechende grimme Külte alles Kerblierleben in der Luft ertötet, dann sind die Bcerengründe gar seine einzige Speisekammer, in der die mütterliche Natur ihm denn auch den Tisch reichlich gedeckt hat. Verläuft der Winter mit mäßigem Schnee fall, so denkt er nicht an die Wanderung nach dem wärmeren Süden; denn sein weiches Federpelzchen schützt ihn selbst vor der grimmigsten Kälte. Nur der Schnee ist sein Feind. Wenn die weiße Flockendecke sich höher und höher über die Beerensträucher schichtet und kein zeitweilig auftretendes Tauwetter die Bahn frei macht, dann drängt den Seidenschwanz die bittere Not zur Wanderung, und solchem Umstande haben wir es zu danken, wenn wir ihn dann und wann in der Freiheit zu Gesicht bekommen. Gerade sein unregelmäßiges Erscheinen aber machte einst den schönen Bvgel für den abergläubischen Landmann zu einem Gegenstände des Schreckens und banger Befürchtungen. Er nannte ihn Pestvogel oder auch Sterbevogel und prophezeite aus seinem Erscheinen Seuche, Krieg oder Teurung. Es mag in diesem Aberglauben, wie in manchem anderen, ein Körnchen Wahrheit sich finden, sei es auch nur, daß außergewöhnlich strenge Winter nicht selten allgemein auftretende Krankheiten nach sich zwhen; jedenfalls aber betrachtet man den nordischen Fremdling jetzt nicht Hummel. Bilder a. b. Wcltk. 450 mehr als Unglückspropheten, sondern freut sich seines seltenen Erscheinens als einer Gelegenheit, sein Naturwissen zu bereichern. Wenn der Seidenschwanz auf seiner Reise nach schneefreien Gegenden zu uns gelangt, besitzt er in jeder Hinsicht seine nordische Eigenart. Auf beerentragenden Bäumen oder Sträuchern macht er am liebsten Quartier, und daß ihn besonders die glänzenden, hochroten Beeren der Eberesche anziehen, ist leicht erklärlich. Da in den Fichtenwildnissen Lapplands nur selten ein Mensch ihn stört, so kennt er nicht die Gefahren, welche ihm von deren Nähe drohen, und daraus erklärt sich sein zutrauliches, so wenig scheues Wesen und daß sein Fang ganz leicht ist. Daß nicht geistige Stumpfheit es ist, welche ihn dem Vogelsteller in das Netz treibt, zeigt sich zur Genüge in seinem geschickten Fluge und in seinen regen Bewegungen, sowie besonders darin, daß die Erfahrung ihn getvitzigt macht; den» gegen Ende seines Aufenthalts in einem dichter bevölkerten Lande ist aus dem sonst so arglosen Vogel ein scheuer und vorsichtiger getvordcn. Aus der Vorsicht des anmutigen Tierchens mag es denn auch wohl zu erkläre» sein, daß es, ist es in die zum Fang von Drosseln aufgestellten Dohnen geraten, sich in denselben nicht, wie die Drosseln, sehr bald zu Tode zappelt, sondern nach einigen vorsichtigen Versuchen, sich zu befreien, ruhig sitzen bleibt, bis endlich der Vogelsteller sein Beinchen aus der Schlinge löst. Da der Fang des Seidenschwanzes sehr leicht ist, so hat mau vielfach den Versuch gemacht, den schmucke» Vogel in den Vogelstuben einzubürgern. Er gewöhnt sich leicht an die Gefangenschaft und findet sich darin ganz behaglich, sobald man in seiner Wartung und Pflege nur die Natur möglichst nachahmt. Die heiße Sommersonne ist ihm unangenehm, und er sucht sich zu dieser Zeit stets das kühlste, schattigste Plätzchen. Beeren frißt er, wie in seinem Vaterlande, auch hier mit Vorliebe, und recht viel, wenn es sein kann; denn trotzdem hier nicht das Umherstreifen nach Nahrung seinen Appetit erhöht, frißt er doch für zwei seiner gefiederten Kameraden. Macht man ihm in dieser Hinsicht das Leben behaglich, so ist er der zahmste, verträglichste Genosse im Käfig. Das kommt dann aber auch dem Äußeren zu gute. Da er nie ungestüm im Käfig flattert, so zerstößt er sich den Schnabel nicht und vernntzt nicht die Spitzen des Gefieders; vielmehr bleibt der Scidcnglanz seines Federkleides stets frisch und untadelhaft. Seine ruhige Gemütsart ist, wie bei vielen Menschen, selbst von Einfluß auf seine Lebensdauer: hat er sich erst einmal in das ihm fremde Klima cin- gewöhnt, so kann er wohl zehn Jahre laug am Leben erhalten werden. m51 en. |nb braut der Winter noch so sehr mit grimmigen Gebärden, und streut er Eis und Schnee umher: es muß doch Frühling werden!" jauchzt frohen Mutes das Menschenherz, wenn der Winter die Erde gar nicht aus dem kalten Wvlkenmantel heraustreten lassen will in blaue, laue Lenzcslnst. Und ein anderer Dichter tröstet: „Wenn die Zeit, so laubt und blüht auch der letzte Strauch im Garten." Sie erfüllt sich denn auch jedes Jahr, die trostreiche Verheißung. Das Schneeglöckchen läutet den Frühling ein; die Primel hebt ihr gelbes, das Veilchen sein blaues Köpfchen keck aus dem Grase; in Hecken und Büschen wird es lebendig von allerlei Vogelgezwitscher; aber erst wenn es heißt: die Schwalben sind da, glaubt es ein jeder, daß der grämliche Winter dem frohen Lenze dauernd den Platz geräumt hat. Darum aber sind uns En auch die Schwalben so lieb; ja man kann sagen, sie stehen von uralters her unter dem Schutz und Schirm des ganzen Volkes. Der mutwillige Bube, der sonder Scheu seine Hand ausstreckt nach den Eiern ober Jungen im Rotkehlchen- oder Finkennest — ihm kommt wohl selten rmmal der Gedanke, ein Schwalbennest zu plündern, und käme er, die52 Eltern würden erschrecken ob des frevelhaften Vorsatzes; denn alter frommer Glaube ist es, daß, wo eine Schwalbe nistet, das Haus gefeit ist gegen Feuersbrunst und Wetterstrahl, daß, wer eine Schwalbe aus dem Hause vertreibt, damit Glück und Segen verscheucht. Drei Schwalbenarten sind es, welche sich fast überall in unserem Vaterlande finden. In der Umgegend von Stadt und Dorf nistet die Hausschwalbe und die Rauchschwalbe; ein einsameres Leben führt die Uferschwalbe, die fernab von den Sicdelungcn der Menschen an sandigen Hängen und Flußufern ihr Wesen treibt. Alle drei Arten sind im Körper bau einander wie aus den Augen geschnitten. Am wenigsten schön ist der Kopf. Abgesehen von dem lebhaften, man möchte sagen ausdrucks vollen Auge, ist die Schnabelbildung viel weniger harmonisch als bei den meisten Sängern. Der an der Wurzel sehr breite Schnabel ist bis weit hinter die Augen gespalten, so daß das zierliche Schwälblein, wenn es den ganzen Schnabel in seiner Länge aufsperrt, den Eindruck eines unersätt lichen Fressers macht, der zu seiner sonstigen zierlichen Körperhaltung nicht recht stimmen will. Vielleicht gerade wegen dieser zierlichen Körperhaltung! Denn man kann sich bei einem Vogelleibe nicht leicht etwas Schlankeres und Edleres vorstellen als solch' eine Schwalbe. Dazu liegt das Gefieder so knapp an und glänzt stets in so frischem Schimmer, als brächte die Schwalbe den größten Teil des Tages damit zu, vor dem Spiegel eines stillen Baches Toilette zu machen. Interessant ist es, zu sehen, wie bei ihr alles auf die Ausbildung des Flugvermögens berechnet erscheint: die sehr langen, schmalen Flügel, die an die Segel eines Neunschiffes erinnern, und der lange, gegabelte Schwanz, das Steuerruder im Luftmeere. Den kurzen Beinen mit den schwachen Zehen und Nägeln sieht man es an, daß sie höchstens zum Anklammern, nicht zum Gehen oder gar zum Hüpfen auf dem Erdboden bestimmt sind; sie bestätigen, daß man es in den Schwalben mit echten Seglern der Lüfte zu thun hat. Die Unterschiede in der Färbung des Gefieders unserer heimischen Schwalbenarteu machen diese leicht erkennbar. Die auf der Rückenseite braungraue, auf der Unterseite schmutzig-weißliche ist die Uferschwalbe. Ungleich farbensrischcr sind ihre Schwestern, denen das glänzende Schwarzblau des Rückengcfieders sehr sauber zu Gesicht steht; die etwas kleinere mit dem weißen Lätzchen vor der Brust ist die Haus schwalbe, die etwas größere mit roter Kehle die Rauchschwalbe. In seltenen Fällen findet sich in einem Schwalbenneste unter der ordnungs mäßig befiederten Schar wohl auch einmal eine weiße Schwalbe; solche Tierchen aber sind schwächlich, und all ihre sonstigen Eigentümlichkeiten deuten darauf, daß man es in ihnen mit ähnlichen aus der Art geschlagenen53 Geschöpfen zu thun hat, wie mit den weißhaarigen und rotäugigen Menschen, die man Albinos nennt. Allem an den Schwalben wird von dem Menschen ein höheres In teresse zugewendct als bei anderen Vögeln: ihrem Nestbau, ihrer Lebens weise, ihrem Kommen und Gehen. Am ersten unter allen Schwalben, schon Ende April, erscheint die Rauchschwalbe. Weit von uns, unter den Minarets Ägyptens, hat sie den Winter zugebracht; aber die Erinnerung an das Nest in der Ecke des Hausflurs oder des Stalles oder eines Winkels in altem Gemäuer hat sie nicht verlassen. Ein uns unerklärlicher, ans göttliches Walten deuten der Zug hat sie den weiten Weg sicher zurückgeführt zur alten Heimat. Mit frohem Gezwitscher begrüßt sie das gewohnte trauliche Nest. Der Landmann hat dieses sorgsam geschont; wo es schadhaft, ist es schnell ausgebessert. Bringt aber das Schwalbeupärchen junge Brut mit, dann muß zum Bau eines neuen Nestes geschritten werden. Auch die Kunst des Mauerns hat die Natur dem jungen Schwälblein mit auf den Weg gegeben; es braucht nicht erst mühsam zu probieren und zu lernen, es arbeitet gleich vom Beginn des Baues an als Meister. Das Material zu dem Neste findet sich an jeder Pfütze. Der breite Schnabel dient gar trefflich zum Herantragen des feuchten Kots, der vor dem Vermauern mit kurzen Hälmchen Stroh vermischt wird. Stets ist die äußere Seite des Nestes die glatte; die innere, rauhere ist auf die spätere Ausfütterung durch weiche Halme und Federn berechnet. Die von den Maurern festgehaltene Regel, daß ein Gebäude nur durch Austrockuen recht wohnlich werde, wird auch von den bauenden Schwalben beobachtet. Jeden Tag erhebt sich über der Grundlage des Nestes der Bau etwas höher, bis endlich nach etwa zwölf Tagen das Nest fest und sicher dasteht zur Aufnahme der Aus fütterung. Ganz ähnlich macht es die Hausschivalbe, welche indes erst zu Anfang des Mai bei uns eintrifst. Sie ist in Hinsicht auf die Form des Nestes sogar der Rauchschwalbe überlegen. Wahrend nämlich das Nest der letzteren fast napfförmig ist, gleicht das Nest der Hausschwalbe einer schön gerundeten Halbkugel, an deren oberem Rande sich das Flug loch befindet. Wenn Haus- und Rauchschwalbe beiin Nestbau mauern, so ist die Uferschwalbe ein Bergmann. Dazu ist ihr ein Schnabel von besonderer Härte verliehen, und auch die Nägel ihrer Zehen sind zum Scharren im Erdboden trefflich geeignet. Bei dem Aufsuchen einer Nistgelegenheit ver fährt die Uferschwalbe mit großer Vorsicht. Wo ein Lager von hartem Sand sich findet, da sucht sie sich den steilsten Abhang aus; je steiler der-54 selbe ist, und stände er selbst senkrecht auf der Thalsohle, desto lieber wird er gewählt; denn die Schwalbe fürchtet Wiesel, Marder und anderes Raub zeug, die ihr ins Nest gehen und Eier und Junge rauben können. Nie baut sie zu ebener Erde, sondern stellenweis fünf bis zehn Meter über dem Boden: so ist das Nest geschützt vor den Wildwassern, die bei Sommer regen sich durch das Thal ergießen und alles ersäufen, was in ihrem Bereiche liegt. In Uferhängen, welche diese Eigenschaften besitzen, finden sich denn manchmal die Nester der Uferschwalben in so großer Anzahl bei einander, daß es aussieht, als lügen Bienenzellen dicht neben- und über einander. Eine jede Zelle aber ist eine Röhre, etwa von der Weite eines Lampencylinders, nach innen mehrfach gewunden, bis sie in einer Tiefe von höchstens einem Meter in einer etwas größeren Weitung ihr Ende erreicht. Diese ist mit geringer Kunst vermittelst Halmen und Federn zur Brutstätte hergerichtet. Liegen auch hier die Jungen geschützt vor Wasser und Wind, so mag es ihnen doch nicht so behaglich zu Mute sein, wie der jungen Brut der Hausschwalbe, die aus ihrem hohen Schlosse lustig in die warme Sommerluft hinauszwitschcrt und bei der Käfer und Schmetterlinge zu Besuch kommen. Bemerkenswert ist bei allen Schwalbcnarten die Beharrlichkeit, mit der sie den einmal zum Nestbau ausersehenen Platz behaupten. Es ließen sich eine Anzahl beglaubigter Geschichten mitteilen, welche alle die Schwalben in dieser Hinsicht von einer, man möchte sagen zudringlichen Seite kennen lehren. So berichtet ein Naturbeobachter, wie er einst bemerkte, daß ein Schwalbenpaar die Absicht hatte, sich an eins der oberen Fenster seines Hauses anzubauen. Um die dadurch in Aussicht stehende Beschmutzung des Hauses zu verhindern, ließ er mit einer Bohnenstange die angefaugene Arbeit zerstören. Sofort wurde von den Tieren eine andere Baustelle am zweiten Fenster in Angriff genommen und, da jedesmal die Zerstörung erfolgte, später in fieberhafter Hast bald das eine, bald das andere der fünf Fenster belagert. Als die Schwalben einsahen, daß alle Arbeit ver geblich war, zogen sie endlich ab, wie man glaubte auf Nimmerwiedersehen. Aber in dieser Hoffnung fand sich der Beobachter getäuscht. Nach kurzer Zeit wurden sämtliche fünf Fenster gleichzeitig von einem großen Schwarme von Schwalben, wahrscheinlich sämtlichen des ganzen Städtchens, mit einer solchen Geschäftigkeit in Angriff genommen, daß die Zerstörung nicht gleichen Schritt halten konnte. Endlich, nach vergeblichem Widerstande, ließ der Besitzer des Hauses alle oberen Fensterflügel nach außen öffnen, wodurch die Mauerecken verdeckt wurden. Die Familie saß unterdes auf der Frei treppe vor dem Hause in Erwartung dessen, was nun kommen würde.55 Da geschah denn, was niemand erwartet hatte. Die Schwalben, in ge drängten Haufen hin und her fliegend, schienen sich zu beraten. Plötzlich erhoben alle ein großes Geschrei und flogen während mehrerer Minuten hin und her und so dicht an den Köpfen der verwundert Drcinschauenden vorüber, als ob sie allen Ernstes zum Angriff schreiten wollten, und daß die aufs höchste Überraschten oft abwehrend mit den Händen das Gesicht decken mußten. Dann zogen sie plötzlich in einem dichten Schwarme ab, ohne später einen neuen Versuch zum Bau zu machen. Glücklicherweise trifft die Schwalbe selten auf einen so hartherzigen Hausherrn; die meisten gönnen ihr gern ein bescheidenes Plätzchen am Giebel und freuen sich des zuthunlichen Vögelchens. Und auch die Schwalbe findet sich heimisch in der Nähe des Menschen und macht ihm hundertmal all ihre Künste vor. Wie anmutig klingt es, wenn mit dem ersten Morgen strahl, der den Giebel streift, das Gezwitscher der Schwalben anhebt, erst leise, wie traumhaft, dann in zusammenhängenderen Strophen und dann endlich in behäbiger Geschwätzigkeit, wie eine Anzahl zungengewandter Nachbarinnen, die sich guten Morgen sagen. Aber die Morgensprache ist bald zu Ende. Der Tag mit seinen mannigfachen Pflichten rückt vor, die junge Brut im Neste schreit nach Futter, und das Schwälblein muß hinaus auf die Suche nach Mücken und Fliegen, von denen eine große Menge nötig ist, um die Schnäbel der hungrigen Jungen zu füllen und den eigenen nicht zu vergessen. Daher giebt es unter den Vögeln unserer Heimat wohl auch keinen zweiten, der Tag für Tag ein so umher- schweifendes Leben führt wie die Schwalbe. Selten einnial gönnt sie sich einige Augenblicke Ruhe. Wenn sie dürstet, so senkt sie sich im behenden Fluge hinunter, zum Wasser und nippt im Fluge; ja wenn die eben flügge gewordenen Jungen noch geäzt werden müssen, geschieht dies eben falls in nur ruckweise unterbrochenem Fluge. Man sieht, Naturanlage und Übung haben sie zu einer Luftseglerin gemacht, der unter den kleineren Vögeln es selten einer gleichthut. Und sie scheint sich auch dieser außerordentlichen Flugkraft recht wohl bewußt zu sein. Ine Vertrauen auf ihre Gewandtheit umkreist sie neckend den Feind. Sehr häufig kann man sehen, wie die Hauskatze funkelnden Auges zum Sprung auf der Lauer liegt, wenn die Schwalben dicht neben ihr einen lustigen Reigen aufführen. Mit zierlichem Flügelschwung schwebt die eine vorüber, geradezu einen Haken schlägt die andere, und eine dritte treibt den Hohn gegen die Feindin gar so weit, daß sie mit leisem Flügelschlag sie streift: da schnellt die Katze vorwärts und — greift in die Luft, während sich dw Schwalben in höhnischem Geschwätz ergehen. So treiben sie ihr—- 56 -— munteres Spiel, bis sie beim Abendrot zu den Jungen ins warme Nest schlüpfen. Es geht allmählich der Sommer zu Ende. Die weißen glänzenden Spinnenfäden, welche die Stoppelfelder überziehen, künden den herein- brechenden Herbst. Der Schwalbe, der es so wohlig war in der sonnen- durchleuchtcten Luft, wird es kühl und unbehaglich; dazu fängt die Kerb- tieruahrung an knapp zu werden. Manche der gefiederten Schar haben längst die Winterreise angetrctcu, wie der Storch, der bereits im August wegzieht; andere rüsten die Fahrt. Zu diesen gehören denn auch die Schwalben. Die Hausschwalbe, die am spätesten kam, geht auch am ersten, bereits zu Anfang des September; die Rauchschwalbe hält es in den warmen Ställen, wo noch manche Fliege summt, etwas länger aus und verläßt uns erst zwei bis drei Wochen später. Die Reise über die Alpen durch Italien nach Afrika wird stets in großen Scharen zurück gelegt. Es ist dann einige Tage vor dem Antritt des Reiseflugs, als ob ein allgemeines Aufgebot zur Musterung erfolge. In Scharen sieht mau zu dieser Zeit die Schwalben sich zusammenfindcn, an den taufrischen Morgen die Sonnenseite der Dächer suchend und zur Mittagszeit die klare, warme Herbstluft in altgewohnter Weise nach Beute durchstreifend. Dann sind sie auf einmal verschwunden, meist ohne daß jemand ihren Abzug bemerkt hat. Nicht selten aber bleibt nach dem Abzug die eine oder andere zurück, — man weiß nicht, ob sie sich zu schwach fühlt zum weiten Flug, oder aus was sonst für Ursachen. Da ist es denn ein banges Gefühl für jeden, der an dem Schicksal des Tierchens Anteil nimmt, wie sie immer ängstlicher umherfliegt, je mehr die sonnigen Tage des Herbstes sich in kalte Regentage wandeln. Endlich, manchmal im November erst, bleibt auch sic aus. Ob sie dem Hunger und der nassen Kälte erlegen ist, ob sie der hereinbrechcnde Winter zur Wiutcrschläferin gemacht hat, die erstarrt in irgend einem Mauerwinkel den Frühling erharrt: man weiß es nicht zu sagen. Aber man mag sich des Ge dankens trösten, daß Gottes Allmachtshand auch über diesen Verlassenen waltet, und daß ihnen Tod oder Erstarrung nur nach seinem Willen naht.57 Die NZurrüerweit im Moose. * u wanderst durch den Wald und wirst nicht müde, deinen Blick hinausschweifcn zu lassen in die grünen Gewölbe des Buchen- fvrstcs; du schaust durch die einförmig wie Soldatenreihen aus gestellten Stammsronten des Nadelholzes hindurch; es ergötzt dich das rege Tierlebcn, vom Habicht, der hoch oben in der Luft seine Kreise zieht, bis herab zu dem Rüsselkäfer, der durch die Gebüsche schwirrt: — aber des grünen Teppichs, auf dem dein Fuß weich dahinschreitet, achtest du nur wenig. Und dennoch ist die unscheinbare Welt der Moose eine kleine Wunderwclt, überaus reich an niedlichen, zierlichen Gestalten und an bewundernswürdigen Einrichtungen. Wcr's nicht glauben will, der mag sich aus seinem heimatlichen Wäld chen oder aus dem benachbarten Bruche, oder auch von dem Moospolster irgend eines alten Strohdaches so viel verschiedene Moosarten zusammen- tragen, wie nur immer möglich. Und wer dann aufmerksam den grünen Haufen durchmustert, der wird erstaunen über den Formenreichtum, der in der Mooswelt zu Tage tritt. Da zeigt sich ein Gräslein, leicht blaßgrün gefärbt, dessen Schößlinge, die gerade wie Weingläser aussehcn, keck empor steigen und mehlig bestaubt erscheinen. Daneben liegt ein zartes Lebermoos, blattartig ansgebreitet, mit winzig kleinen Schirmchen auf den Fruchtsticlchen, in denen sich der Same der Pflanze birgt. Hier erhebt sich ein zartes Bäum chen, fast nur aus zierlichen Schüppchen zusammengesetzt und an den Enden der Ästchen mit kleinen geschlossenen Kügelchen geziert oder mit vierteilig gespaltenen Kreuzchen — die Schuppen kleine Blättchen, die Kügelchen und Kreuzchen die Früchte auf ihren verschiedenen Entwickelungsstufen. In das verschiedene Grün wird durch dies kleine Moos eine reizende Abwechslung gebracht: — überall schimmern seine hellrot gefärbten Spitzchen hervor und verleihen dem grünen Gewebe der anderen Moosarten einen ungemein leb haften Anblick. In unseren deutschen Nadelwäldern findet man oft ganze Strecken überzogen von einem lebhaft hellgrün gefärbten schwellenden Moos- Polster. Hebt man ein Stück dieses Moospolsters aus dem feuchten Grunde, so zeigt es sich aus einer großen Zahl einzelner Moospflänzchen zusammengesetzt, welche äußerst zierlich gebildet und so dicht aneiuandergcdräugt sind, daß das winzige Teilchen Erde, auf dem das Ganze wächst, fast ganz verborgen ist. Betrachtet man das Moospolster noch genauer, so kommt man da-58 hinter, daß das Leben der zarten Moospflänzchen manche Eigentümlich keiten hat, die sich an vollkommeneren Pflanzen nicht finden. Deutlich niinmt man wahr, wie die oben hellgrüne Farbe der Stengel nach unten allmählich in ein grauliches Gelb übergeht, und wie dies endlich braun, ja schwärzlich wird, je tiefer man den Stengel der Moospflanze verfolgt. Diese letzteren Stufen der Verwesung, in denen der Stengel braun oder schwarz aussieht, kann man besonders auf feuchten, schattigen Waldplätzchcn beobachten, oder noch besser ans Torfmooren, wo ja die nach unten fort schreitende Verwesung der Moospflanzen die Ursache der Torfbildnng ist. Sonach bilden die Moose einen starken Gegensatz zu den vollkommeneren Pflanzen: — diese leben nur fort, solange die Wurzel lebenskräftig ist, das Moos dagegen treibt junge Stengel und setzt Blüten und Früchte an, während die Wurzel längst in Verwesung übergegangen ist. Die einzelnen Moosblättchen, die durch ihre Zusammensetzung den Stengel bilden, zeigen in ihrem Bau trotz der größten Einfachheit so viel Interessantes, daß es selbst dem damit Vertrauten immer von neuem Freude macht, die wundervollen Elfengebilde der Natur zu betrachten. Bringt man nämlich ein solches Moosblättchen unter das Mikroskop, so erscheint die ganze grüne Fläche wie ein zartes, durchsichtiges Spitzen gewebe. Das hat seine Ursache darin, daß die Moosblättchen stets nur aus einer einzigen Lage von Zellen bestehen und daß die Haut dieser Zellen so dünn und durchsichtig ist, daß mau ganz deutlich den Zellinhalt wahrnehmen kann. Die Streifen, in denen die Wände dieser kleinen Zellen des Moosblattes zusammenlaufen, bilden dann die Fäden, aus denen Mutter Natur das Spitzengewebe int Moosblatt gebildet hat. Das Interessanteste am Moose ist aber die Art, wie es seine Früchte bildet. Suchen wir denn bei den Moospflänzchen, die wir zur Hand haben, die Fruchtbildung kennen zu lernen! Dies hält nicht schwer. Da ragen aus dem Moospolster hervor feine Frnchtstielchen, meist glänzend braun gefärbt, so daß sie sich von dem grünen Untergründe leicht wahr nehmbar abheben. Auf der Spitze eines jeden Frnchtstielchens sitzt eine Frucht. Etwas sonderbar ist sie gestaltet, und man könnte sie treffend mit einer langgestreckten Vase oder Kapsel vergleichen. Von dieser Ähn lichkeit haben denn auch die Naturforscher den dafür gebräuchlichen Namen „Kapsel" hergenommen. Ehe wir in die Kapsel hineinschauen können, um ihren Inhalt zu erkennen, müssen wir ein zierliches Gebilde entfernen, durch welches die Natur für den Schutz der kleinen Fruchtbüchse gesorgt hat. An ihrem oberen Ende ist nämlich die Mooskapsel mit einer zarten häutigen Röhre überzogen, welche unten ein wenig aufgeschlitzt ist und59 oben in eine Spitze ausläuft, so daß das Röhrchen dadurch das Aussehen einer Mütze oder Haube erhält. Diese Haube läßt sich, nachdem die Kapsel vollständig zur Reife gekommen ist, leicht abziehen. Dann wird ein kleines Deckelchen sichtbar, das flach gewölbt ist und an seiner Oberseite in ein Spitzchen ausläuft, welches gleichsam den Griff des Deckelchens bildet. Das Deckelchen verschließt die Kapsel dicht, läßt sich aber durch einen kleinen Druck leicht entfernen. Mit der Entfernung des Deckelchens ist indes die Kapsel noch keineswegs geöffnet. Die obere Öffnung derselben zeigt sich vielmehr noch von einer darüber gespannten Haut verschlossen. Erst nachdem man diese Haut entfernt hat, ist die Kapsel vollständig ge öffnet. Sieht man sich indes die letztere genau an, so bemerkt man noch eine vierte Vorrichtung zur Sicherung der in der Kapsel befindlichen Keim körner. Der obere Rand der Kapsel ist nämlich abermals von einem häutigen Gebilde eingefaßt, das zahnförmig ausgezackt ist und deshalb der „Zahnbesatz" heißt. Die meisten Moosarten sind mit einem doppelten Zahnbesatze versehen in der Art, daß an dem äußeren Rande eine Anzahl von häutigen Zähnen entspringt, und daß auch der innere Rand mit einer ähnlichen Zahnreihe versehen ist; doch sind die äußeren Zähne stets stärker und fester als die inneren. Der Zweck, dem der Zahnbesatz wahrscheinlich dienen soll, läßt sich durch einen artigen Versuch deutlich machen. Bringt man nämlich eine ziemlich reife Mooskapsel unter ein Vergrößerungsglas und entfernt behut sam das leicht abzulösende Deckelchen, so sind die Zähne des Zahnbesatzes fest über der Kapsel geschlossen. Läßt man nun die Sonnenstrahlen oder die Zimmerwärme auf die Kapsel wirken, so beginnen die Zähnchen sich alsbald zu dehnen und in die Höhe zu strecken. Wer's nun versteht, etwa mit dem Knopfe einer Stecknadel der Öffnung der Kapsel ein wenig Wasser zuzuführen, der wird zu seinem Erstaunen bemerken, daß der Zahnbesatz sich sofort wieder zu schließen beginnt und sich endlich ganz fest über die Mündung der Kapsel legt. Wartet man das Trockenwerden derselben ab, so öffnet sich der Zahnbesatz von neuem, um Luft und Sonnenschein in das Innere der Kapsel eindriugen zu lassen, damit die darin verborgenen Keimkörnchcn reifen können, Hieraus ergiebt sich, daß der Zahnbesatz dem Zwecke dient, die reifenden Samen trocken und warm zu halten, wenn Regen sollt, oder die Feuchtigkeit der Luft das Reifen derselben zu verhindern droht. Ist nun durch Entfernung des vierfachen Verschlusses die Kapsel ge öffnet, so daß man den Inhalt derselben erkennen kann, so bemerkt man, das; in der Mitte derselben ein kleines aufrechtes Mittelsäulchen steht, das vom Grunde bis zur Mündung der Kapsel reicht und an dem das Deckelchenbis zur Reife der Samen angeheftet ist. Die letzteren selbst, die Sporen, wie die Naturforscher sie nennen, sitzen am Grunde des Mittelsüulchens wohlverwahrt in einem kleinen häutigen Beutelchen, das nach eingetretener Reife der Sporen zerplatzt und die letzteren aus der Kapsel entläßt. So wunderbar ist der Bau des winzigen Mooses! Gewiß wird mancher, der früher achtlos über die zierlichen Pflänzchen dahingeschritten ist, sie mit anderen Augen anschauen, nun er sie besser kennen gelernt hat. Und diese Schätzung wird sich steigern, wenn er hört, daß die winzigen Moose auch im Haushalt der Natur eine gar wichtige Nolle spielen. Wer diese Rolle kennen lernen will, der muß freilich ein Auge haben für solche Dinge. Gehen wir nur einmal hinaus in den Nadelwald und beobachten in dem hügeligen Sandboden die Wirkungen eines heftigen Gewitterregens. In schnell entstandenen Gießbüchen flutet das Regenwasser dahin; wild rauscht es von den sandigen Hügeln herab und spült überall den dürftigen Ansatz von Ackerkrume mit fort, der sich hier und da gebildet hat. Anders da, wo der Boden unter einer Moosdccke liegt. Da nimmt das Moos den fallenden Regen auf und bewahrt das Wasser wie einen köstlichen Schatz. Es schützt den Boden vor der austrocknenden Gewalt des Windes und der Sonne und trägt auf diese Weise mit bei zur Entstehung einer fruchtbaren Erdschicht. Aber noch in anderer Weise dient das Moos der Fruchtbarkeit ganzer Landstriche. Die moosreichen Waldungen sind so recht eigentlich die Wasserkammern der Flüsse, sie sind es, welche die Quellen selbst im heißesten Sommer nicht versiegen lassen, durch die aber auch ver heerende Überschwemmungen verhindert, oder wenigstens beschränkt werden. Wessen Auge aber nicht geschürft sein sollte für so großartige Züge des Lebens der Erde, für den hat doch gewiß das freundliche Stillleben seine Reize, das jahraus jahrein im Moose seinen Kreislauf vollendet. Die knorrige Eiche zusamt der schlanken Buche schütten ihre Früchte in seinen grünen Schoß; die tausend Käfer des Sommers suchen sich hier Winterquartiere, sobald der frostbriugende Herbst sie nötigt, sich zu bergen. Da liegt zusammengcrollt eine Blindschleiche, dort ein Häuflein Schmetter lingseier oder ein Nest voll Käferlarven, alle sorgsain eingehüllt in das weiche Moosbett, entgegenharrend ihrer Auferstehungsstunde und den lauen Lüften des Frühlings. Die Stürme des Winters mögen über diese kleine schlafende Welt dahinbrausen; der Schnee mag hoch und dicht liegen, so daß selbst der scharrende Hirsch den Grund nicht mehr zu erreichen ver mag: — alle die tausend Tierlein liegen sicher und warm im weichen Grunde. Und nun kommt der liebliche Gesell, der Frühling, und der Schnee muß zerrinnen vor seinem freundlichen Lächeln. Da läßt es auch61 die schlafenden Tierlein nicht mehr ruhen. Hier summt ein Küfer in froher Lust auf; dort streckt und dehnt sich eine Jnsektenlaroe und regt die noch gebundenen, unbehilflichen Flügel; die Eichel und die Buchnuß und all fröhlichen Lebens, steht bescheiden daneben und setzt neue Früchte an zu seiner eigenen Vermehrung. ie das lebt und webt im Walde zur Sommerzeit! Da kost der Wind, der lustige Geselle, mit den Blättern oder spielt in den Rispen der Waldgräser, da klingt und singt, schwirrt und zirpt es aller Orten und Enden, da hämmert der Specht und knuspert Boden, oder die flinke Eidechse birgt sich blitzschnell im dunkeln Schlupf winkel: es ist, als ob der helle Sonnenschein alles, was von der Natur mit der Gabe der Beweglichkeit ausgestattet ist, mit erhöhter Lebensfrische und Regsamkeit durchwärmt habe. Inmitten all dieses munteren Treibens aber zieht sich ein Einsiedler nur um so finsterer und mürrischer in seinen Bau zurück, das ist Meister Grimbart, der Dachs. Freilich in der Wahl seines Wohnplatzes zeigt Meister Grimbart nicht bolle Verwandtschaft mit den Einsiedlern, von denen die Legenden berichten, daß sie am liebsten im Waldesdunkel, weitab von jeder menschlichen Siedelung, halb vergraben im steinigen Geklüft, geborgen von Dorn und Farnkraut, ihre Klausen sich bauten; er liebt vielmehr wenigstens entfernte Fühlung zu behalten mit dem einsamen Dorf oder dem kleinen Weiler am Waldesrande. Deshalb sucht er die Ränder der Gehölze auf, und da ihm auch an Steingeklüft nichts gelegen ist, indem er seinen Bau mit ken Pfoten ausscharren muß, so zieht er weichen Sand- oder Lehmboden jeder auch noch so malerischen Steinwildnis vor. Da legt er seinen Bau an, das ist das Jagdrevier, welches er auf seinen Streifzügen nach Beute abspürt. die anderen überwinterten Früchte treiben in der feuchten Wärme kräftig ihre Keime, — und das einfache Moos, der Schützer und Hüter all dieses IN eiprr G r i m It a r t. das Eichhörnchen, da raschelt die Natter durch das dürre Gezweig am—- 62 -— Man kann freilich, auch wenn einem die Lage eines solchen Dachs baues genau bekannt ist, tage- und wochenlang harren, um Meister Grim bart in seiner Häuslichkeit kennen zu lernen, und wird doch nur höchst selten einmal zum Ziele kommen. Denn der Dachs ist von Natur ein lichtscheues Tier. Das ist er aber wohl weniger, weil seine Augen zum Sehen beim Tageslicht nichts taugen, als, weil er wegen seines ziemlich langsamen Ganges den Gefahren, die draußen auf ihn warten, nicht behend genug aus dem Wege zu gehen vermag. Wo er sich sicher weiß, da kommt er wohl auch zuweilen mitten am Tage aus seinem Bau hervor und dehnt und streckt sich so recht voll Wohlbehagen in der Sonne. Da hat man denn auch Gelegenheit, seine seltsame Körperbcschaffcnhcit zu beobachten. Der Dachs ist von niedrigem, gedrungenem Körper, der mit steifen, weitabstehenden Haaren bekleidet ist und in einen kurzen Schwanz endet. Der Pelz ist auf der Oberseite weißgrau, unten aber schwarz, so daß der Dachs, wie er in seiner Lebensweise manche Sonderbarkeit hat, sich auch im Wechsel heller und dunkler Färbung von den meisten Säugetieren unter scheidet. Der Kops ist fast eiförmig, mit nur wenig zugespitzter Schnauze und sehr kleinen Ohren; auch die Augen sind verhältnismäßig klein. Der Bau der Beine deutet auf den Bergmann unter den Tieren: sie sind kurz, aber stämmig »ud an den fünf Zehen mit starken, gewölbten Grabnägeln bewehrt. Eine besondere Eigentümlichkeit des Dachses ist die Lage seines Fettes. Während sich dieses bei den meisten Tieren hauptsächlich in den inneren Weichteilen findet, liegt cs bei dem Dachse unmittelbar unter der Haut und ist fast gleichmäßig über den ganzen Körper verbreitet. Das Gebiß ist kein eigentliches Raubtiergebiß, aber doch so scharf und schneidig, daß ein Biß des wütend gewordenen Tieres selbst harte Knochen zer malmt; dabei ist er so bissig, daß er auch auf ihm entgcgengehaltene scharfe Haken so wütend eingebissen hat, daß ihm diese zum Auge wieder herausgedrungen sind. Aus dieser Eigentümlichkeit des Dachses erklärt sich wohl mit sein mißtrauisches, einsiedlerisches Wesen, das selbst mit seinesgleichen nicht Frieden zu halten vermag, sondern jeden Fremdling als natürlichen Feind betrachtet. Daher kommt es denn auch, daß er seinen Bau stets ganz allein bewohnt. Bei der Anlegung desselben geht er wie ein Mensch zu Werke, der sich von seinen Nachbarn nichts Gutes versieht. Der Bau ist stets ein Meisteriverk und mehr auf Verteidigung als auf Flucht berechnet. Mit ungemeiner Beharrlichkeit wühlt sich das Tier tief im Erdboden seine zehn bis fünfzehn Schritte langen Gänge, die sich ohne Regel durcheinander63 winden, aber dvch in dem sogenannten Kessel, einer größeren Höhlung, die als eigentlicher Wohnraum dient, ihren Vereinigungspunkt haben; stellenweis senken sich Fallröhren hinunter, senkrecht angelegte Höhlungen, die auf unbequeme Eindringlinge berechnet sind; nach allen Seiten hin führen Ausgänge ins Freie, die er aber fast nur zum Ansgang, selten zur Flucht benutzt. Die Lebensweise des Dachses hat etwas ungemein Einförmiges. Da findet sich nichts von der Aufregung, in welche die Jagd ans schnellfüßige Beute oder auch die eilige Flucht vor stärkeren Feinden jedes der übrigen Raubtiere versetzt; der Dachs liebt viel zu sehr das gemächliche und be schauliche Leben, als daß er sich hierauf einließc. Bei der ruhigen Lebens weise, der er sich hingiebt, ist sein Nahrungsbedürfnis nur ein geringes, und das befriedigt er auch mit geringer Mühe. Wenn draußen im Walde das Geräusch des Tages schweigt, macht er sich zu seinen Streifzügen auf. Langsamen, bedächtigen Schrittes trottet er durch das Gesträuch, leise tritt er dabei mit der ganzen Fußsohle auf; denn wenn er eine Beute ergattern will, muß er sie im Schlaf überraschen. Er hält mit der breite» Tatze den von einem warmen Regen hervorgelockten Regenwurm fest, oder ver schlingt die im Grase schleichende fleischige Wegeschnecke; wo er eine Eidechse aufzuspüren vermag, oder einen Frosch, da ist er zur Hand; ja nicht selten geht er sogar der giftigen Kreuzotter zu Leibe, wobei ihn sein starkes Fell, mehr noch die dicke Fettlage darunter vor den tödlichen Wirkungen ihres Bisses schützt. Ist die tierische Beute knapp, so nimmt er auch wohl mit Wurzeln, Bucheckern und Eicheln vorlieb; ja im Herbst sättigt er sich selbst mit abgefallenem Obst, mit Rüben und Möhren; mit besonderer Vorliebe aber geht er an Trauben, so daß die Weingärtner den Dachs als einen Hauptfeind ihrer Rebstöcke ansehe». Hat er so sich einige Stunden der Nacht draußen umhergetummelt, so tritt er den Heimweg an. Dabei geschieht es dann wohl, daß im Hochsommer, wenn die ausgehende Sonne die Schnitter schon draußen im Felde findet, diese den Dachs er blicken, wie er bedächtig nach Hause schleicht und bei jeder Annäherung cmer Gefahr sich scheu nach einem Versteck zurückzieht. Bei seinen Streif- Zügen lebt er fast nur für den Tag; der Winter macht ihm wenig Sorge, und wenn man im Herbst, wo die Vorratskammern mancher Nagetiere voller Frucht liegen, den Kessel eines Dachses untersucht, wundert man sich, ^uie Meister Grimbart sich mit seinen dürftigen Wintervorräten an Tannen- Zupfen, Eicheln, Bucheckern re. durch den ganzen Winter hindurchhilft. Daß aber der Dachs auch die lange Winterzeit übcrstehe, dafür hat Re Natur durch das Fettpolster gesorgt, das er unter seiner Haut, der64 sogenannten „Schwarte," trägt. Von diesem Fette zehrt er, allerdings nur im bildlichen Sinne. Wenn draußen der erste Schnee fallt und der Frost das Wasser, wohin der Dachs zur Tränke geht, zu Eis erstarrt, dann legt er sich tief unten in seinem Kessel zurecht zum Winterschlaf. Den Körper zusammengerollt, den Kopf zwischen den Vorderbeinen ge borgen, wartet er geduldig auf linderes Wetter; tritt dies dann und wann ein, so unterbricht er die lange Winterruhe, geht zum Wasser, verzehrt was er an Wintervorrat im Bau findet und legt sich dann von neuem zum Schlaf nieder. So geht es fort bis in den Februar hinein; dann weckt ihn der nahende Frühling völlig wieder auf zum alten Tagewerk. Aber wie sieht er aus! Der feiste, wohlgenährte Bursche, der sich zum Winterschlaf niederstreckte, ist zum klapperdürren Gerippe abge magert, und wenn von einem Tiere das Wort entlehnt ist: „er hat gehungert, daß ihm die Schwarte knackte," so ist dies sicher der Dachs gewesen. Wie ein rechter Einsiedler von dem lärmenden Treiben der Menschen, so bleibt auch Meister Grimbart ziemlich unberührt von der Feindschaft, welche manche Tiergeschlechter trennt. Wo er dennoch einnial in Streit verwickelt wird, da ist es nicht Todfeindschaft, welche ihn dazu antreibt, sondern eine der vielen Unbequemlichkeiten, die jeder zu ertragen hat, der mit anderen zusammen leben muß, die nicht ein und desselben Sinnes mit ihm sind. Ein solch unbequemer Nachbar ist für den Dachs Reineke, der Fuchs. Was für den des Grabens kundigen Dachs ein Leichtes ist, das Graben eines tiefgehenden sicheren Baues, das macht dem Fuchse schon erhebliche Schwierigkeiten; außerdem ist er schlau genug, um zu wissen, daß die Zeit, die er zum Hausbau verwenden müßte, nützlicher und ver gnüglicher zum „fröhlichen Jagen" dienen kann. Wer kann es dem schlauen Burschen verdenken, wenn er begehrliche Blicke auf den bequemen Bau wirft, in dem sich Meister Grimbart häuslich eingerichtet hat. Er versucht, als Mietsmann einzuziehcn, und manchmal duldet es der Dachs — mau mag sich vorstellen, unter welch verdrießlichem Brummen und Knurren! —, daß Reineke in einem abgezweigten Viertel sein Quartier aufschlügt; öfter aber kommt es zum Kampfe, und dem in seinem Besitz gestörten, erbitterten und bissigen Dachse ist dann der Fuchs nicht recht gewachsen. Der greift dann in bübischer Tücke zu einem Mittel, das seinen Zweck niemals verfehlt: er verunreinigt den Bau in häßlicher Weise. Damit aber berührt er bei Meister Grimbart eine empfindliche Seite. Wie er selbst seinen Bau in musterhafter Weise reinlich und sauber hält, so vermag er nicht zu bleiben, wo diese erste Grundbedingung einer behäbigen Häuslichkeit ihm fehlt; er entschließt sich deshalb zur Aus-65 Wanderung, sehr zur Freude des Eindringlings, der nun in dem bequemen Bau sich häuslich einrichtet. Stört ein derartiger Zwischenfall dem Dachse höchstens auf einige Zeit die Bequemlichkeit, so naht ihm ernste Gefahr, wenn der Jäger zum „Dachsgraben" auszieht. Mit Spaten, Hacken und eisernen Haken be wehrt, gefolgt von einigen hochbeinigen Jagdrüden und krummbeinigen Dachshunden, zieht in der Frische des Herbstmorgens eine lustige Schar heran. Ein Glück für Meister Grimbart, wenn er dann vielleicht noch ausnahmsweise draußen im Felde liegt. Doch die Jäger, welche seine, solchen Absonderlichkeiten abholde Natur kennen, wissen sich darüber sehr bald Gewißheit zu verschaffen. Einer der Dachshunde wird in eine Röhre hineiugehetzt, und schnüffelnd nach dem verborgenen Feinde durchkriecht dieser nun den Bau. Solange er nichts gefunden hat, schweigt er; ertönt aber sein Kläffen dumpf aus dem Schoße der Erde, dann ist dieses für die Jäger ein untrügliches Zeichen, nicht nur, daß Meister Grimbart zu Haus ist, sondern auch daß der mutige „Dächsel" vor ihm liegt und jeder seiner Bewegungen folgt. Nun gilt es, den Ort zu ermitteln, wo der Dachs liegt. Das ist bei dem sehr ausgedehnten Bau nicht leicht; aber indem die Jäger, das Ohr auf die Erde gedrückt, dem Kläffen des Hundes lauschen, finden sie endlich doch die Stelle. Hier wird nun ein- geschlageu. Die Hacke lockert, der Spaten wirft die Erde heraus; mit Hast und Anstrengung wird gearbeitet, denn wenn der Dachs während des Grabens seine Lage verändert, so ist der manchmal zwei bis drei Meter tiefe Einschnitt vergeblich gemacht. Drunten aber im Bau liegen Dachs und Dachshund einander in grimmiger Feindschaft gegenüber. Jede Bewegung des Dachses nach vorn oder rückwärts wird von dem „Dächsel" zu verhindern gesucht. Denn eins ist für den Dachshund so gefährlich wie das andere. Gelingt es dem Dachs, unter dem Hunde hinweg vor wärts zu kommen, so wühlt er so schnell die Erde auf, daß er seinen Feind verschüttet; kann er sich aber wenden, so wirft er zwischen sich und dem Hunde ebenso schnell einen Wall von lockerer Erde auf, die diesen un jeder weiteren Verfolgung hindert. Der „Dächsel" ist sich dieser Ge fahren auch bewußt; denn er sucht jeden Versuch seines Feindes, sich zu bewegen, mit scharfem Biß zu verhindern. Dabei aber treffen auch seine Schnauze die Bisse des wütenden Dachses, so daß beide Kämpfer am Kopf mit Wunden bedeckt sind. Unterdes aber kommen die grabenden ^üger tiefer und tiefer. Glauben sie ziemlich auf der Röhre zu sein, so sondieren sie mit einem spitzen eisernen Haken; treffen sie damit den Hund, so erkennen sie dies an dem kläglichen Geheul, das der „Dächsel" aus- Hummel, Bilder a. d. Weltl. 566 stößt; der Dachs dagegen klagt nicht, höchstens läßt er ein ärgerliches Brummen vernehmen, das dann die Jäger mit fröhlichem Jauchzen be antworten. Das Dachsgraben nähert sich nun schnell seinem Ende. Entweder brechen die Kämpfer, sobald sie Luft erhalten, ineinander ver bissen und mit Sand und Erde überdeckt, heraus, worauf die Jagdrttden mit kräftigen Bissen dem Dachse den Rest geben, oder die Jäger greifen zum „Krätzer." Das ist das unmenschlichste Jagdwerkzeug, das je erdacht Dachs und Dachshund, aus dem Bau hcrvorbrechcnd. ist, ein starkes, korkzieherartiges Eisen, das man dem Dachs in unbarm herziger Weise durch seine dicke „Schwarte" bohrt. Daß Meister Grim bart auf so unmenschliche Art enden muß, ist ein Überrest des alten Wahns, daß die Tiere nur um des Menschen willen erschaffen seien, eines Wahns, der nicht eifrig genug ausgerottct werden kann. Im übrigen lohnt die Jagd des Dachses nur sehr wenig. Die starke „Schwarte" ist noch das wertvollste an dem Tiere; denn sie wird zu Taschen, Koffern u. s. w. verarbeitet. Das Fleisch und auch das Fett sind eßbar; aber es gehört die Zunge eines leidenschaftlichen Jägers dazu, um sie schmackhaft zu finden. mII Nus Strom unü See. Ein Wssserksumetster. ^ach den Berichten alter Naturkundiger ist der Biber in alter Zeit ß- an den Flüssen Deutschlands ziemlich häufig gewesen. Und W das Land war ja auch wie für ihn geschaffen. Auf tagereise weiten Strecken lagerte die grüne Decke des Waldes über dem Boden; die hindurchziehenden Flüsse wanden sich in geschlungenem, vielfach in tote Arme auszweigendem Laufe langsam durch die Waldwildnis; wo heute fette Wiesen sich breiten, da watete man damals durch Sumpf und Bruch. Solche Sumpfreviere, dem Jäger schwer zugänglich, aber dem Biber äußerst behaglich, mögen denn wohl auch überall mit Biberkolonieen besetzt ge wesen sein. Noch im Mittelalter muß unser Vaterland an deni seltsamen Nager wenigstens nicht arm gewesen sein. Auf den großen Klostergütern, zu deren Besitz Sumpf oder Wasser gehörte, galt das Vorhandensein von Bibern als eine Gottesgabe, die man möglichst sichern und wahren müsse. In müßigen Stunden vergnügte sich wohl dieser und jener der frommen Väter, denen die strenge Ordensregel den Gebrauch des Weidspeeres verbot, damit, den sonderbaren Schwimmer mit der Falle zu berücken: brachte doch der wohlschmeckende Schwanz des Tieres, das man um der Fastenvorschriften willen allerdings für einen Fisch ausgab, eine wohlthnende Abwechselung ln den einförmigen und mageren Küchenzettel der Fastenzeit; außerdem warf der Balg bei der damaligen Vorliebe der Adligen und des reichen Bürgerstandes für kostbares Pelzwerk ein schönes Stück Geld ab; und sndlich trug der Biber in zwei Drüsen am Hinterleibe einen Stoff mit l^ch herum, das sogenannte Bibergeil, das von krampfstillender Wirkungist und in der Heilkunst bis in die neuere Zeit hinein eine große Rolle gespielt hat. Und heute? Heute wandert man durch weite Gegenden unseres Vaterlandes, ohne von dem Vorhandensein des Bibers zu hören. In an deren Gegenden rühmt man noch von den Strömen, daß sich an ihrem Ufer stellenweis Biber finden; so ist es an dem Flüßchen Nuthe in der Nähe der Stadt Barby, so an der mittleren Elbe in der Wittenberger Gegend und an der Donau in Bayern. Aber überall findet sich der Biber nur als absterbender Rest einer einst weitverbreiteten Familie, nicht als frisch aufstrebender Stamm. Darum kann er auch nur durch Schonung erhalten werden, und es ist in dieser Hinsicht ein Glück für den seltsamen Kauz, daß manch' hoher Forstbeamter lieber den von ihm angerichteten Schaden übersieht, als daß er den „letzten Biber" unbarmherzig wegschießen laßt. Ungleich häufiger findet sich das seltsame Nagetier im Osten unseres Erdteils, besonders aber in den waldreichen Strichen um die Riesenströme Sibiriens und in den kalten Gegenden des nördlichen Amerika. Von da her stammen denn auch die einzelnen Tiere, welche unsere zoologischen Gärten besitzen und denen sie in einem Wasserpfuhle nebst dazu gehörigem Klotz- und Strauchwerk eine ihrer Natur einigermaßen zusagende Heim stätte bereiten. Da hat man denn auch Gelegenheit, des sonderbaren Wasserbaumeisters Art und Weise zu beobachten. Nach seinem Körperbau könnte man den Biber für einen riesenhaften Hamster halten. Wie dieser ist er großköpfig, stumpfschnäuzig, von lang gestrecktem Körper, und auch die verhältnismäßig kurzen Beine, auf denen der Körper ruht, sowie die zwei Nagezähne in jedem Kiefer erhöhen die Ähnlichkeit. Aber diese Zähne — was sind sie für gewaltige Schneide werkzeuge! Safrangelb von Farbe, lang, kräftig, vorn flach, nach hinten aber fast kantig zugeschärft, sind sie nach allen Seiten hin schneidig, wie ein Meißel. Alan begreift, daß der Biber damit zwei Finger dicke Stämmchen und Äste glattweg durchbeißt und daß es ihm gelingt, schenkel dicke Stämme zu füllen, wie solche in forst- und jagdwissenschaftlichen Sammlungen zu jedermanns Erstaunen zu sehen sind. Aber schon im Bau der Beine entfernt sich der Biber erheblich von: Hamster: — daß er ein Schwimmer von großer Geschicklichkeit ist, darauf deuten die weit gespreizten, fünfzehigen Füße, darauf auch die bis zu den Nagelgliedern herabziehendcn Schwimmhäute an den Hinterbeinen. Fast möchte man glauben, die Natur habe ihn wenigstens in einem Stück den Fischen ähn lich bilden wollen; denn sein etwa dreißig Centimeter langer, bis zwölf Centimctcr breiter Schwanz, der im ersten Drittel noch lang behaart ist,69 hat in der Mitte und an der Spitze eine hautschuppige Beschaffenheit, welche ihm fast das Aussehen eines wirklichen Schuppenkleides verleiht. An andere im Wasser lebende Tiere erinnert ferner die Nickhaut, mit welcher er die kleinen, tief im Pelze liegenden Augen in ähnlicher Weise zu schließen vermag wie der Wasserfrosch. Aber in einem Stücke zeigt er sich als echtes Säugetier — das ist in seinem Pelze. Mit diesem ist er besser weggekommen als die meisten Haarticre. Feinhaarig und dicht, ist er so recht zum Schutz gegen die Kälte des Wassers eingerichtet, und darüber zieht sich, in weichen Formen verlaufend, eine Art von Überwurf bildend, ein zweiter sehr lockerer Pelz von kastanienbraunen, glänzenden und sehr elastischen Borstenhaaren. Die Farbe des Pelzes ist auf der Rückenseite stets dunkler, während sie auf der Bauchseite hin heller wird; selbst der darunter liegende Wollpelz zeigt eine ähnliche Schattierung: die Spitzen der Haare sind noch schön gelblich-braun, welches sich aber nach der Wurzel hin in silbergrau abtönt. So stellt sich der Biber dar, wenn er im zoologischen Garten einmal die Sonntagslaune hat, sich dem Beob achter zu zeigen. In einem Stücke jedoch täuscht ein solcher in der Gefangenschaft ge haltener Biber aber die Erwartungen der Beschauer. Man erwartet, ihn einmal bei der Arbeit anzutreffen. Ist von derselben doch in alten natur- geschichtlichen Schriften gar Wunderbares erzählt: wie die Biber sich zu großen Gesellschaften versammeln, ehe sie sich an die Arbeit machen; wie sic auf wunderbare Art die im Walde gefällten Stämme zuin Wasser transportieren, indem sie mit den in kurze Stücke zerbissenen Hölzern einen der größten ihrer Genossen, der zu diesem Zwecke auf den Rücken geworfen sei, beladen und wie einen kleinen Wagen zum Wasser ziehen; wie sie beim Vau sich ihres Schwanzes als Mauerkelle bedienen,.so daß man das Arbeiten der Biber schon von ferne vernehmen kann, und was der Märchen mehr waren. All diese Erwartungen täuscht ein solcher gefangener Biber auf das schnödeste — er baut nicht; die Klötze und Knüppel, die man in der Nähe seines Sumpfes aufgeschichtet hat, dienen nur zur Dekoration, niemals macht er Miene, aus ihnen einen der so interessant beschriebenen „Biberpaläste" aufznführen. Der Biber baut eben nur in Gesellschaft; ist er einzeln, so sucht er in irgend einem Uferloche Unterschlupf. Es giebt diese Gewohnheit manches zu denken. Was von zuverlässigen Beobachtern über die Beschaffenheit der Biberbauten mitgeteilt ist, reicht zwar nicht entfernt an die Fabeln heran, welche über die Weise des Tieres im Schwange gehen; immerhin aber ist es genug, um daraus zu sehen, daß Bauwerke dieser Art nur von vereinten Kräften gefördert werden können,70 während die Arbeit eines einzelnen Tieres völlig nutzlos aufgewendet sein würde. Ließe sich der Biber nur von jenem rätselhaften Naturtriebe, den man Instinkt nennt, antreiben, so würde er bauen, wo er nur ein Stück Holz fände und Schlamm, es einzukneten; daß er aber gar nicht an die ihm sonst so naturgemäße Arbeit geht, wenn die Möglichkeit, sie zu fördern, mangelt, scheint doch unzweifelhaft darauf hinzudeuten, daß er einer gewissen Beurteilung der Dinge fähig ist, die sich über das blinde Walten des Instinkts hinaus erhebt. Und was hat es denn nun mit diesen berühmten Biberbauten in Wirklichkeit auf sich? Ein amerikanischer Naturforscher, der jahrelang das Leben und Treiben der merkwürdigen Wasserbaumcister beobachtet hat, berichtet darüber etwa folgendes: Während des Sommers bauen die Biber überhaupt nicht; sie leben vielmehr während dieser Zeit in Erdhöhlen, welche das llfer der Flüsse oder Seeen ihnen bietet. Erst gegen den Winter gehen sie an den Bau. Zn diesem Zwecke versammeln sie sich in Gesellschaften von zwei- bis dreihundert Stück. Zur Anlegung ihrer Bauten wühlen sie beschattetes, langsam fließendes Wasser. Buchten an Flüssen, welche weit in das Land hineingreifen, aber hinlängliche Tiefe besitzen, sind ihnen dazu am liebsten. Ehe sie ihre Wohnungen bauen, legen sie erst einen Damm an, um das Wasser stets in gleicher Höhe zu halten. Zu diesem Zwecke fällen sie mit ihrem kräftigen Gebiß junge Stämme von weichem Lanbholz, besonders von Pappeln, Weiden, Erlen rc., und zwar sollen sie dieses oberhalb des Bauplatzes und ganz in der Nähe des Stromes thun, damit die Stämme in den Strom fallen und von schwimmenden Bibern nach dem Orte ihrer Bestimmung geleitet werden können. Die gefällten Stämme und Äste benutzen sie zur Grund lage des Dammes, dessen Zwischenräume sie mit Schlamm ausfüllen. Es ist eine Fabel, daß hierbei der Schwanz dem Biber als Mauerkelle diene. Er bringt vielmehr die Erde nur im Maule oder in den Vorder füßen herbei und drückt sie mit der Schnauze zusammen. Da in dem so aufgeführten, mit Erde gedichteten Damme das Weidengesträuch leicht Wurzel faßt und ausschlägt, so entsteht daraus mit der Zeit eine voll ständige Hecke, und deshalb wird ein solcher Damm nach und nach so fest, daß man mit Sicherheit darüber gehen kann. Ist der Damm vollendet, so trennen sich die Biber in kleine Familien, um die einzelnen Wohnungen anzulegen. Diese lehnen sich auf der dem Strome abgewandten Seite an den Damm an, sind ebenfalls aus Reisern gebaut und von innen und außen mit Schlamm überzogen. Eine solche Wohnung hat zwei Stock werke. In dem oberen liegt eine Kammer, gewölbt wie ein Backofen, am71 Boden mit kleinen Spänen bestreut. Neben dem Eingangsloche befindet sich noch eine Vorratskammer, in welcher Nahrungsvorräte aufgespeichert werden, Wurzeln von der Seerose und Äste, von denen man oft einen ganzen Karren voll findet. Das obere Stockwerk dient demnach zum Auf enthalt der Tiere und zur Aufbewahrung ihrer Wintervorräte; in dem unteren, unter dem Wasserspiegel liegenden Stockwerke ist der Aus- und Eingang, durch welchen die Biber sich in der Gefahr flüchten, oder die Nachbarn ihrer Kolonie besuchen. Das Bauen findet nur des Nachts statt; auch legen sie nicht für jeden Winter neue Wohnungen an, sondern sie bessern häufig nur die alten aus. Es ist leicht erklärlich, daß die sonderbare Weise, in welcher der Biber baut, das Interesse aller Beobachter erregen mußte. Namentlich mußte dies da geschehen, wo die Menschen noch eng mit der Natur verbunden leben und wo die Bauten des seltsamen Nagers häufig genug sind, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So ist es z. B. bei den In dianern Nordamerikas, die von unserem Wasserbaumeister seltsame Fabeln erzählen und allen Ernstes behaupten, daß das Tier eine unsterbliche Seele habe. Um so mehr muß es auffallen, daß sie in dem allgemeinen Vertilgungskriege gegen alles, was einen Biberschwanz trägt, ebenfalls mit Hand anlegen; es läßt sich dies nur daraus erklären, daß die verschiedenen guten Dinge der Bleichgesichter, voraus das Feuerwasser, eine überwältigende Wirkung auf solch' ein indianisches Herz ausüben müssen. So streben denn in den nördlichen Teilen Amerikas die „Nothaut" und der „Trapper," d. h. der weißhäutige Biberjüger, nach Kräften danach, dem Biber an das Leben zu gehen. Die Biberjagd ist genau den Gewohnheiten des Tieres angepaßt. Da der Biber äußerst vorsichtig und mißtrauisch ist und selten einen Menschen auf Schußweite herankommen läßt, so hält es außerordentlich schwer, das Tier mit der Kugel zu erlegen. Der Mensch muß eben der Schlauheit seiner Jagdbeute durch seine überlegene Schlauheit beizukommen suchen. Das geschieht, indem er Biberfallen auslegt. Natürlich befinden sich solche aus Eisen verfertigten, mit starker Schlagfeder versehenen Fang- Werkzeuge nur in den Händen der weißen Jäger oder weniger Indianer, denen es gelungen ist, den Trappern die Fallen zu stehlen. Mit ihnen wird mancher der arglos umherschwimmenden Biber erlegt. Ganz unver- sänglich schwimmt ein Knüppelwerk auf dem Wasser, in der Mitte mit einem dicken Aste grünenden Holzes versehen; mißtrauisch umschwimmen es die alten Veteranen der Biberkolonie; harmlos machen sich die jüngeren Tiere darüber her, den teefern Köder in Gemächlichkeit zu verspeisen; da72 stöhnt eines der Tiere auf mit fast fauchendem Angstschrei und wehrt sich vergeblich gegen eine unsichtbare Gewalt, die es in die Tiefe hinab zieht, wo es, der Luft beraubt, in einigen Minuten erstickt; die starke Feder der verborgenen Falle hat das Bein festgellcmmt in das eiserne Stangenwerk, das durch sein Gewicht das ermattende Tier unter Wasser zieht. Am Morgen leeren dann die Trapper die Fallen, hauten die Beute ab und schneiden die Drüsen mit dem wertvollen Arzneistoffe heraus. Ungleich gewaltsamer und roher verfahren die Indianer beim Biber fang. Bei ihnen fällt er meist in die Zeit des Winters. Wenn dann die Flüsse und Secen mit einer Eisdecke belegt sind, so beginnt die Gefahr für die in ihren Bauten versteckten Nager. Da der Eingang zu den Biber bauten stets unter Wasser liegt, so führt jeder Ausflug der Tiere ins Wasser stets die Gefahr des Erstickens herbei, wenn nicht eine offene Stelle im Eise ihnen Gelegenheit zum Atmen bietet. Wo eine solche Stelle künstlich geöffnet wird, dahin schwimmen alle benachbarten Biber, oft in solcher Hast, daß sie, aller Vorsicht vergessend, mit wohlgezielten Knüttelschlügen getötet werden können. Oder die unbarmherzigen Jäger eisen in der Nähe der Bauten ein ganzes Stück des Flusses auf, spannen ein starkes Netz darüber, brechen die Burgen auf und jagen dann die erschreckten Nager hinein. Ist ein solcher Fang ergiebig gewesen, dann herrscht Freude in den Wigwams der rothäutigen Jäger; denn der lange Verkehr mit den weißen Jägern und Händlern hat sie den Wert eines Biberfelles wohl zu schätzen gelehrt; außerdem ist ein fetter Biberschwanz eine Speise, die nicht bloß die deutschen Feinschmecker des Mittelalters zu würdigen wußten, sondern auch ein Jndianergaumen, der in diesen Dingen weniger verwöhnt ist. Leider gereicht auch ein sehr ergiebiger Fang den rothäutigen Jägern nicht dauernd zum Segen. Alles, was sie an gewebten Stoffen nötig haben zur Wintcrklcidnng, allen Schießbedarf und besonders all ihren Bedarf an dem geliebten Feuerwasser haben sie bereits im Herbst bei den Agenten der Pelzhandelskompanie auf Kredit genommen; alles, was sie an Biberfellen und anderen Häuten den Winter über zusammenbringen, nuiß gesammelt werden zur Abzahlung dieser Schulden. Mit dem Som mer, wenn die offenen Gewässer die Bootreisen ermöglichen, kommen die Agenten der Pclzhandelskompanic, um Abrechnung zu halten. Für seinen wertvollen Besitz an Häuten erhält dann der Indianer die Ver sicherung, daß die alten Schulden bezahlt sind, sowie einen neuen Vorrat von Winterbedarf, dessen Wert ihm sorgsam aufs Kerbholz geschnitten73 wird; ein guter Trunk von Feuerwasser besiegelt den neuen Kontrakt, und mit dem Ertrage der Winterjagd verläßt das dem Händler gehörige Kanoe den Lagerplatz. Zu mächtigen Ballen schwillt nach und nach der Ertrag des seltsamen Handels an. Mit diesen befrachtet erreicht das Kanoe die Hanpthandels- station. Hier erhält das Biberfell erst seinen eigentlichen Wert, der ffich inimer mehr steigert, je mehr der Hände werden, in die es beim Handel übergeht. Die edelsten der Muscheln. wei Muscheln kennt jeder der freundlichen Leser, wenn er bei Spaziergängen ins Freie aufmerksam auf das geachtet hat, was es an Teich und Fluß zu schauen giebt: — die fingerlange Malermuschel, welche zwischen Flußsand und Kies an allen Flußufern leicht zu finden ist und welche die Knaben zu Farbcnäpfchen benutzen, sowie die viel größere Teichmuschel, welche auf dem schlammigen Boden abgelassener Teiche schräg im Schlamme steckt, so daß sie nur zum Teil daraus hervorragt. Das erstere dieser Muscheltiere bekommt man lebend nur selten zu sehen; denn aus den klaffenden Schalen, wie sie sich im Sande finden, ist das Tier gewöhnlich schon herausgefault; die Teich muschel aber kann man als lebendiges Tier aus dem Schlamme heraus ziehen, und wenn man sie dann in ein großes Wasserglas setzt, kann man das Herauskommen des unförmlichen Körpers aus den Schalen, das Atmen durch Kiemenblütter, sowie das langsame, schleichende Fortbewegen recht gut beobachten. Diese beiden bekannten Muscheltiere können uns eine Vorstellung geben bvn den edelsten ihres Geschlechts, den Perlmuscheln. Freilich nur insofern, als auch diese einen unförmigen Flcischklumpen bilden, der, wie die Blätter eines Buches von den Deckeln, beiderseits von zwei kalkigen Schalen um schlossen ist, welche auf der Rückenseite durch ein zähes, faseriges Band miteinander verwachsen sind.74 Im übrigen ist zwischen der echten Perlmuschel und unseren heimischen Muscheln doch ein erheblicher Unterschied. Zunächst ist die echte Perl muschel größer; denn ihre abgerundet-viereckige Schale wird bis zehn Centimeter lang und breit und ist außen von grünbrauner Farbe und weiß gestrahlt. Sodann ist sie gegen die Angriffe räuberischer Mceres- tiere viel mehr geschützt als die Teichmuschel; denn ihre Schale ist finger dick, hat außen eine schuppige Oberfläche, etwa wie eine Auster, und ist nach innen mit einer dicken Perlmutterschicht ausgekleidet, so daß auch das scharfe Gebiß eines Raubfisches an ihr abstumpfen würde. Endlich aber — und das ist der Hauptunterschied — ist die Perlmuschel unserer doch auch nur langsam kriechenden Teichmuschel gegenüber ein Musterbild der größten Trägheit; denn wenn sie sich einmal mittels des faserigen Bartes, der aus ihrer Bauchseite heraustritt, auf dem Meeresgründe festgesponnen hat, verläßt sie diesen Ort nie wieder, aus welcher Eigentümlichkeit sich die Entstehung von Perlmuschelbänken erklärt, die aus dichten Schichten übereiuandergewachsencr Perlmuscheln bestehen. Eine andere Eigentümlich keit der Perlmuschel ist die überaus große Empfindlichkeit ihres weichen Körpers. Diese Empfindlichkeit ist so groß, daß, wenn durch die Strömung des Wassers irgend ein fremder Körper, ein Schalenstückchen oder ein Sandkorn zwischen die Muschelschalen und den Körper gelangt, durch dieses ein so heftiger Reiz bewirkt wird, daß durch den massenhaft ab gesonderten Schleim das Körperchen mit derselben Masse überzogen wird, welche die Innenseite der Perlmuschel auskleidet — und so entsteht eine Perle! Die glänzend weißen, wohlgeformten Perlen haben zu allen Zeiten das Wohlgefallen der Menschen erregt, ja sie boten sich von selbst dar zum Schmuck und befriedigten damit den geheimnisvollen Zug unserer Natur, unser Äußeres durch mehr oder weniger geschmackvolle Dinge zu verschönern. Vielfach leitet die Natur bei der Befriedigung des Schmuck bedürfnisses. Die Südsee-Jnsulanerin flicht sich noch heute die herrlichen Blumen ihrer Insel in das mit Kokosnußöl gesalbte rabenschwarze Haar; der Eingeborene von Haiti legte plumpe Goldringe sich um Arm und Bein, oder beschwerte Ohren und Nase mit Gehängen aus dem gleichen Metall. Ihnen allen voran aber stand in Hinsicht auf die Leichtigkeit, sein Bedürfnis nach Schmuck zu befriedigen, der Anwohner der perlen führenden Gewässer Persiens und Indiens. Denn die edeln Perlen be durften keiner Bearbeitung wie das Gold, da sie von der Natur fertig zur Verwendung hervorgebracht werden; und während der Blütenschmuck der Südsee-Jnsulaner nur stundenlang Duft und Frische behält, wahrt—.. 75 die Perle Glanz und Schimmer durch zahlreiche Geschlechter hindurch. So erklärt sich, daß das Auge des schmuckbedürftigeu Menschen schon sehr früh sich auf die edeln Perlen richtete. In der That reicht die Benutzung der Perlen zum Schmuck in das graueste Altertum zurück. Schon die Bibel erwähnt der Perlen als Gegenstände von hohem Wert. Bei den Persern und Medern waren Arm- und Halsbänder von Perlschnüren im Gebrauch. Besonders in den: Lande uralter Gesittung, in Ägypten, waren die Perlen ein Schmuck, dessen sich hauptsächlich die Vornehmen bedienten. Wer kennt nicht jenen Charakterzug aus dem Leben der ägyptischen Königin Kleo- patra, die von den beiden unschätzbaren Perlen, welche sie als Ohrschmuck trng, eine in Essig warf, sie auflöste und trank — bloß um den Ruhm zu haben, die kostbaren Gastmähler des Antonius zu übertreffen. Nicht minder war bei den Römern der Perlenluxus im Schwange. Nament lich zu der Zeit, als das römische Reich durch die aufs höchste gestei gerte Verschwendungssucht seiner Bürger dem Verfall entgegentaumelte, flössen ungeheure Summen nach Indien zum Eintausch der kostbaren Perlengeschmeide. Die Geschichte berichtet von einem königlichen Geschenk des Julius Cäsar an Servilia, die Mutter des Brutus. Dieses bestand aus einer einzigen Perle von unvergleichlicher Schönheit, die dem frei gebigen Spender nach heutigem Geldwert etwa eine Million Mark ge kostet hatte! Bei deni großen Bedarf an Perlen, den man im Altertum hatte, konnte selbstverständlich ein Fundort allein nicht den Anforderungen genügen. Deshalb legte man an den Küsten der damals bekannten Meere Perlenfischereien an, die je nach der Lage der Muschelbänke Perlen von größerem oder geringerem Werte lieferten. Unbestritten aber war schon damals der Vorrang, den die bei der Insel Ceylon gefischten Perlen behaupteten. Die Perlenschätze dieses blühenden Eilandes sind anscheinend mit am frühesten ausgebeutet worden und haben sich bis jetzt als unerschöpflich erwiesen. Der letztere Umstand mag seinen Grund darin haben, daß zwischen der Nordküste von Ceylon und dem Festlande von Indien eine Menge flacher Jnselchen liegen, die den Strömungen des Meeres nur wenig Durchgänge gestatten, so daß sich in dieser Meeresstraße fast stets eine ruhige See findet, in der die Perlmuscheln vor der Gewalt der bewegten Gewässer geschützt sind. Wenn irgend eine Landschaft durch ihr Aussehen eindringlich predigen könnte von der Nichtigkeit des Reichtums, so würde dieses bei der Perlen küste von Ceylon der Fall sein. Denn diese ist in geradezu abschreckender76 Weise öde und unfruchtbar. Der harte, sandige Boden vermag fast nichts hcrvorzubringen. Die kümmerlichen Sträucher und Gräser, welche die Regen zeit hervortreibt, vertrocknen unter dem glühenden Strahl der Sommersoune. Wie Stroh rauscht das gelbe, halb verbrannte Gras; wie zu Leder zu- sammengeschrumpft und grau überstäubt hängt das Blattwerk am Gesträuch. Über dem Boden liegt bleiern eine heiße, zitternde Luft, von keinem Wind hauch leicht betvegt; selbst das sonst überall kühlende Meer wirft, wie ein riesiger Brcnnspiegel, erdrückende Hitze zurück. So sieht die Gegend aus, in welcher den größten Teil des Jahres alles Leben erstorben zu sein scheint. Kommen aber die Boote der Taucher an, so entwickelt sich wie mit einem Zauberschlage das bunteste Gewühl. Eine leichtgcbaute Hütte aus Bambus- oder Palmpfählen, mit Reisstroh oder Palmwedeln gedeckt, reiht sich an die andere, Straßen werden gebildet, und in wenigen Tagen bietet der sonst so öde Strand den Anblick eines belebten Fleckens. Der Zu sammenfluß von Menschen aller Art in dem wie über Nacht empor gewachsenen Flecken ist ein sehr bedeutender. Vom Festlande kommen Händler herüber und schlagen ihre Buden auf; indische Gaukler zeigen ihre Kunststücke; Abenteurer, Taschenspieler und gewandte Diebe schleichen sich ein, alle in der Hoffnung, ihr Glück zu machen. Rechnet man nun noch das Gewühl von Regierungsbeamteu, von Regierungssoldateu, Tau chern, Matrosen u. s. w. hinzu, so kann man sich einigermaßen das Menschengewühl vorstellen, welches zur Zeit der Perlenfischerei die sonst so öde Küste belebt. Die Fischerei findet in den Monaten März und April statt, weil zu dieser Zeit das Meer am ruhigsten und daher das Tauchen am wenigsten gefährlich ist. Einige Tage vor Beginn der Taucherarbciten führt ein Ne gierungsboot hinaus in die See und ankert inmitten der Muschelbänke, da mit die im Boote anwesenden Negierungsbeamten die Aufsicht über die Ar beiten führen. Durch eine Bekanntmachung der Regierung ist inzwischen ein bestimmter Tag als Anfang der Fischerei festgesetzt, und nun begeben sich die Fischerboote nach dem ihnen bestimmten Platze. Bereits um Mitter nacht beginnen die Vorbereitungen. Mit dem sich erhebenden Landwinde stechen alle Boote zu gleicher Zeit in See und legen sich dicht beim Ne gierungsboote vor Anker. Sobald der Tag schnell und licht anbricht, wird vom Regierungsboote das Zeichen zum Anfang der Fischerei gegeben. Es ist gegen sechs Uhr morgens. Die nun folgende Scene bietet ein Bild von größter Lebendigkeit. Jeder Perlenfischer strebt, am ersten dem Ocean seine Schätze zu entreißen. Mit größter Anstrengung legen sich die indischen77 Bootsleute in die langen Ruder, die sich unter dem Druck wie elastische Ruten biegen. Pfeilschnell fliegen die schmalen Fahrzeuge auseinander und durchschneiden das Wasser mit scharfem Kiel, so daß dieses sich vor dem Bug kräuselnd teilt und am Stern eine glatte Wasserfurche zurücklüßt. An den Seiten der Boote stehen die Taucher, bereit, ihr gefährliches Handwerk zu beginnen. Große Schwärme von Seevögeln werden aus ihrer trägen Ruhe aufgcstört; kreisenden Flugs und mit gellendem Geschrei beleben sie das Meer. Dazu der inenschenwimmelude Strand mit seinen Bambushütten und über das alles der tiefblaue Tropenhimmel — fürwahr ein wunderbar gestaltenreiches und lebensvolles Bild! Schauen wir uns nun ein solches zum Perlmuschelfang ausgerüstetes Fahrzeug näher an. Das Boot ist von beträchtlicher Länge, oft acht Meter und darüber. Zn beiden Seiten befinden sich hölzerne Gestelle, und zwar auf der einen Seite zwei, auf der anderen drei. Auf diesen Gestellen liegt das Taucher gerät. Dieses besteht aus einem zuckerhutförmigen Steine von acht bis zwölf Kilogramm Gewicht, durch dessen durchbohrte Spitze ein Tau geht, welches mit einer dauerhaften Schleife befestigt ist. Reben der Spitze des Steins hängt ein sackförmiges Netz, das an einen sehr elastischen Reifen gespannt ist und zur Aufnahme der auf dem Meeresgründe gesammelten Perlmuscheln dienen soll. Die Bemannung eines solchen Bootes besteht in der Regel aus zehn Tauchern, mehreren Ruderern und dem Eigentümer des Fahrzeugs. Sind die Boote an dem ihnen zur Fischerei angewiesenen Orte an gelangt, so betreten die Taucher die Holzgestelle. Jeder Taucher ist bis auf eine baumwollene Lendenbiude unbekleidet. Ohren und Nasenlöcher verstopft er sich mit in Öl getränkter Watte, um das Eindringen des Meerwassers zu verhindern. Mit den: rechten Fuße fährt er in die Schleife am Stein, während er mit bent linken den Reif des Netzes zusammendrückt. So versinkt er auf ein gegebenes Zeichen in der klaren Flut. Ist er auf dem Grunde angelaugt, so verläßt er den Stein, wobei er indes das Seil in der Hand behält, rafft nun so schnell wie möglich alles zusammen, was er an Muscheln losreißen kann und füllt das Netz. Fühlt er, daß ihm der Atem ausgeht, so schüttelt er das Tau, worauf dieses sofort empor gezogen wird. Hierauf ergreift er selbst das Tau und schwingt sich behend, Hand über Hand, über das Netz empor. Ist er im gehörigen Schwünge, sv läßt er das Tau los, legt die Arme an die Seiten und schießt mit großer Geschwindigkeit zur Wasseroberfläche empor, wo er mit gierigen Zügen die belebende Luft atmet.In dieser Weise läßt sich jeder Taucher täglich vierzig bis fünfzigmal hinunter und schafft tausend bis viertausend Muscheln herauf. Die Zeit, welche sich die Taucher unter Wasser aufzuhalten vermögen, ist je nach der Körperbeschaffenheit der einzelnen verschieden: sie schwankt zwischen fünfzig und neunzig Sekunden. Daß das Meer durch das unausgesetzte Auf- und Untertauchen einer solchen Menge Menschen in immerwährender Bewegung ist, läßt sich denken; das Geräusch ist in der That so heftig, daß dadurch sogar die Haifische verscheucht werden. Was so durch ganz natürliche Ursachen hervorgebracht wird, schreiben die Taucher merkwürdiger weise den kräftigen Beschwörungen ihrer Zauberer zu; daher würde es kein Taucher wagen, hinabzugchen, wenn er nicht sicher wäre, daß am Strande ein Haifischbeschwörer für ihn betet. Die Thätigkeit dieser Beschwörer beschränkt sich auf das Hermurmeln sinnloser Beschwörungsformeln. Zu weilen, wenn auch nicht häufig, kommt es vor, daß allen Beschwörungen zum Trotz ein heißhungriger Hai sich unter den Tauchern seine Beute wählt. Aber der Beschwörer ist in einem solchen Falle nie um eine Ent schuldigung verlegen. Er behauptet vielleicht, daß im Augenblick des Un glücks sich gerade eine ihm feindliche Hexe am Strande befunden habe, durch deren Zauberkraft seine Beschwörung wirkungslos geworden sei, oder was der Ausreden inehr sind. Die Bezahlung der Taucher erfolgt ent weder in Muscheln oder in Geld. In beiden Fällen ist ihr Verdienst verhältnismäßig bedeutend, wodurch es sich auch nur erklärt, daß sich immer wieder Menschen finden, welche sich zu dem gefahrvollen Gewerbe hergeben. Macht sich beim Herannahen des Abends der Seewind auf, oder wird das Wetter drohend, so segeln auf einen Kanonenschuß vom Negierungs boote sämtliche Fischerboote nach dem Hafen zurück, wo sic von der un geduldigen Menge mit Fahnenschwenken und lautem Jauchzen begrüßt werden. Jedes Boot ordnet nun seine Angelegenheiten. Die üblichen Anteile werden an die Taucher, die Regiernngsbeamteu, die Haifisch beschwörer abgegeben, und zwar alles in geschlossenen Muscheln. Die übrigen werden von dem Bootseigentümer zum Verkauf ausgeboten oder selbst geöffnet. Manche Kauflcutc lassen die erworbenen Muscheln sofort öffnen, andere dagegen bringen sie in große verschlossene, wannenartige Gefäße, die einen zweiten Boden haben, damit das aus den Muscheln sickernde Wasser abfließen kann. Diese Muscheln gehen nach ungefähr zwei Tagen in Fäulnis über und verbreiten einen unausstehlichen Geruch. Ist die Fäulnis so weit vorgeschritten, daß sich die Muscheln von selbst öffnen und ihre Schätze79 darbieten, so werden sie in großen, aus hohlen Bäumen gefertigten Trögen so lange gewaschen, bis sie aller Perlen entledigt sind, die sich dabei auf dem Boden des Troges sammeln. Durch Siebe von verschiedener Weite sondert man nun die gewonnenen Perlen gleich an Ort lind Stelle in verschiedene Sorten; ja sehr oft werden dieselben auch gleich gebohrt. Hierin haben die Eingeborenen eine ganz außerordentliche Fertigkeit. Sie bringen die zu bohrende Perle in ein in einem Holzblock befindliches Loch und feuchten das Holz an, so daß dieses aufqnillt und die Perle festhält, ohne sie zu verletzen; dann dient ein nadelfeiuer Bohrer zum Bohren des Lochs, das gerade und glatt durch die Perle hindurchgeht. So wiederholt sich diese Thätigkeit Tag für Tag bis zunr Beschluß der Fischerei. Ist aber das letzte Fischerboot verschwunden, so verändert sich das Aussehen des Schauplatzes der Fischerei zauberhaft schnell. Große Haufen Muschel schalen und die zerstörten Überreste der Hütten bezeichnen allein noch den Strand als eine noch vor kurzem so lebhafte Stätte menschlicher Betrieb samkeit und Gewinnsucht. Aber köstliche Perlen spendet nicht allein der Ocean; auch manche Bäche und Flüsse unseres Erdteils beherbergen ein Muscheltier, das Perlen erzeugt. Dies ist die Flußperlmuschel, welche sich von der echten durch die verlängert-eiförmige, schwarzbraune Schale unterscheidet. Sie findet sich besonders in einigen kleinen Flüssen Bayerns und Sachsens. In letzterem Lande ist die Weiße Elster das Gewässer, welchem Sachsen seinen Ruhm verdankt, ein indisches Kleinod im eigenen Lande zu haben. Aber wie mit dem Goldsegen des Fichtelgebirges, so soll es auch mit den Perlen schätzen der Elster gewesen sein; — lange vorher, ehe man im Vogtlande, durch welches die Elster fließt, eine Ahnung von den Schätzen des Flusses hatte, sollen schlaue „Venediger" diese ausgebeutet haben. Durch diese wurde, so erzählt die Sage, das Geheimnis endlich an Bürger der Stadt Olsnitz verraten, die lange Zeit insgeheim Perlen fischten, bis später ein Olsnitzer Tuchmacher dem Kurfürsten von Sachsen den Perlenschatz des Vogtlandes entdeckte. Mit großen Hoffnungen nahm der Kurfürst die Mitteilung auf. Er ließ durch Sachkundige die Muscheln der Elster bis zur Quelle hinauf untersuchen und nahm auf einen vermutlich übertriebenen Bericht die Perleufischerei in der Elster als sein alleiniges Recht in Besitz. Die sächsischen Kurfürsten haben denn auch die Genugthuung gehabt, durch üiele Jahre hindurch aus den Erträgen der Olsnitzer Perlenfischerei eine Perlenschnur anzusammeln, die an Größe, Farbe, Rundung und Glanz der Perlen den indischen nicht nachstehen soll. Dieser auf sächsischem Boden gewonnene Pcrlcnschmuck wird noch jetzt im grünen Gewölbe zu80 Dresden aufbewahrt. Uber diesen Ertrag ist man freilich nicht viel hinaus gekommen. Die Erträgnisse der Fischerei waren von jeher nicht bedeutend Lind nehmen neuerdings immer mehr ab. Aber einen anderen Nutzen haben die Perlmuscheln der Elster den fleißigen Bewohnern des Vogtlandcs doch gebracht. Aus ihren sauber polierten Schalen fertigt man neuerdings Geldtäschchen und andere zierliche Kleinigkeiten, die als „Adorfer Waren" weithin begehrt sind. Ein Muüer unter üen Fischen. ur Seite des großen Stromes, weit ab von den Stellen, wo das Wasser wirbelnd und quirlend sich dreht, ziehen sich flache Aus zweigungen des Stromes in das Land, die der Anwohner „Alt- wasser" nennt. Weit hinein in den flachen Grund dringen hier die Pioniere der Pflanzenwelt vor. Da schwimmen still die nierenförmigen Blätter des flutenden Hahnenfußes, und zur Sommerzeit offnen sich die grünen Blüten- knospcn zu den anmutig entfalteten schneeweißen Blüten; tiefer hinein taucht das derbe Laub der Bachbungen, an deren saftigen Stengeln sich blaue Blütentrauben emporheben, und daneben erheben sich die steifen Halme des Schilfrohres, dessen schone Blütenrispe sich über dein Wasserspiegel gar an mutig im Winde wiegt. Während draußen ans dem Flusse ein stilles, aber nimmer rastendes Treiben herrscht, liegt über den Altwassern Ruhe und sonntäglicher Frieden. Nach diesen flachen, stillen Wassern drängt sich daher auch die Mehr zahl der laichenden Fische. Wer hätte sic nicht schon gesehen, die unzähl baren Tausende kleiner Weißfischlein, die durch die ersten Wochen ihres Daseins sich lustig in der vom Sonnenschein durchleuchteten und durch wärmten Flut umhertummelu! Ein leichtes Geräusch schon scheucht ihren munteren Schwarm in tieferes Wasser; aber kaum ist es ruhig geworden, so kommen sie auch wieder dahergeschwommen und huschen und gleiten und spielen durcheinander fast wie scherzende Menschenkinder. Weißfische und Gründlinge aber sind nur das gemeine Volk unter den Fischen, welche81 - bin stillen Altwasser zur Brutstätte erwählen. Auch Barsch und Hecht steigen herein, gewöhnlich zur Abendzeit, wenn die Luft feucht und gewitter schwül ist. Dann erhebt sich in dem stillen Wasser ein Plätschern und Wühlen im Schlamm, das seltsain absticht gegen die Ruhe da draußen. Der erfahrene Fischer aber kennt all dieses und hütet sich, die Fische im Laichgeschäfte zu stören; weiß er doch, daß dann ihr Fleisch nnschmackhaft ist, und daß er mit dem Fange ganze Geschlechter der nutzbringenden Wasserbewohncr zu Grunde richten würde. Wer dann zur Laichzeit einmal die Mühe nicht scheut, die mit borst- lichen Blättern umkränzten Stengel des Hahnenfußes oder die unter dem Wasser stehenden Halme des Schilfrohres abzusuchen, der wird die win zigen Eierchen des Fischlaichs zu Tausenden finden. So ähnlich auch ein solches Eichen dem anderen zu sein scheint, so hat doch jede Fischart ihre eigene Weise, sie abzulegen. Manche überlassen sie sorglos der treibenden Flut, andere, wie Barsch und Hecht, suchen ihnen einen Anhalt zu geben, indem sie dieselben im Röhricht ablegen, wo sie vor Wellenschlag möglichst gesichert sind. Aber wie verschieden ist auch da das Geschick der im Ei schlummernden Fischlein! Ernsten Schrittes watet der langbeinige Reiher daher, oder schnatternd nähert sich ein Zug schwimmender Wildenten, und alle suchen sie, gierig nach Beute, das Röhricht ab. Da und dort zieht eine der emsig suchenden Enten eine schleunige Schnur aus dem Wasser und läßt sie in dem breiten Schnabel verschwinden: es sind ein paar Tausend Barscheier, die der Hungrigen zum Fraß gedient haben, ohne sie zu sättigen; denn eine solche Ente vermag den ganzen Tag im Schilfe herumzuschnattern. Und wie sie, so treibt es der Strandläufer, der Storch, und was sonst von Vögeln sich nährt von der Jagd im Wasser. Von all den schweren Gefahren, die der Fischbrut drohen, wird der Laich des Hechtes mit am wenigsten betroffen; denn er findet sich nur vereinzelt an den Halmen des Schilfrohres und entgeht ans diese Weise den Feinden. Und von dem ersten Tage seines Daseins an weckt die Svnnenglut, die das Wasser leuchtend durchstrahlt, immer mehr in ihm den Keim schlummernden Lebens. Bald dehnt sich das Ei in die Weite; es zerreißt die zarte Haut, welche den flüssigen Inhalt schirmend bewahrt, und ein winziges Fischlein streift die nutzlos gewordene Hülle ab und verläßt den Ort, in dem Licht und Wärme es ins Leben riefen. Wie das winzige Geschöpfchen, als das der Hecht sich nun darstellt, es anfängt, uni sich zu erhalten, wird wohl für immer ein Geheimnis dleibeu. Wer wollte ermitteln, wie sich ein Fischlein von der Länge eines Fingernagels, das sich nur von Fischen nährt und eigensinnigerweise nur Hummel, Bilder a. d. Weltk. 682 von lebenden Fischen, seine Nahrung verschafft, und zwar so reichlich ver schafft, daß es nach einem halben Jahre schon die Länge eines Fingers erreicht hat? Zu dieser Zeit freilich ist die Natur des Hechtes schon ganz bestimmt ausgeprägt: er ist ein Räuber von gemeinster Art, in dem flachen Altwasser ebenso gefürchtet, wie sein Ahn, der Hechtkönig, draußen im Flusse unter allem, was schwimmt und Schuppen trägt. Man sieht nicht selten einen solchen kaum fingerlangen Hecht mit einem Fischlein im Maule von der halben Größe, wie er selbst; nicht im stände, die Beute hinunter zuwürgen, hält er sie zwischen den Zähnen fest und schwimmt damit um her, bis er, vom Hunger getrieben, nach anderem Fange ausschant. Bei diesen Streifereien durch seine Fischereigründe kommt dem Hecht ein llmstand zu statten, der seine Annäherung verhüllt, bis er mit ge waltigem Stoß sich zwischen einen Schwarm spielender Fischlein stürzt. Wo der Grund des Gewässers wegen der wuchernden Wasserpflanzen grün ist, da ist ein unbeweglich im Wasser stehender Hecht gar nicht zu sehen, weil er sich wegen seiner grasgrünen Farbe vom Grunde nicht ab hebt. Grashecht nennen die Fischer den kleinen Raubfisch in diesem Zustande. Sie halten ihn dann des Fanges noch nicht für wert, sondern werfen ihn in das Wasser zurück, wenn er ihnen durch Zufall mit in ein recht engmaschiges Netz gekommen ist. Aber im zweiten Jahre, zu welcher Zeit der Hecht nun schon handlang ist, verwandelt sich das Grasgrün all mählich in Grau, und es treten auf dem Schuppenkleide nach und nach blaßgelbe Flecken hervor. Das ist dann für den Hecht die Zeit, in der ihm das ruhige Leben zwischen den Bachbungen und im Geröhricht des Altwassers schon zu einförmig wird und wo es ihn unwiderstehlich hinaus zieht auf die große Heerstraße des Flusses; denn da winkt bei Rührigkeit und Kühnheit Kampf und reiche Beute. Während des Nmherstreifens in den neuen Jagdrevieren verändert sich schnell die Färbung seines Schuppenpanzers. Auf dem Bauche, an den Seiten und in den Flossen treten schwarze Flecken hervor; das Blaß grün, das bei den jungen Hechten nur verstohlen ans dem Graugrün schimmerte, wird lebhafter und geht nach und nach in Hochgclb über. Dann steht der Fisch auf der Höhe seiner Entwickelung, er ist, wie der Fischerausdruck das bezeichnet, ein Hechtkönig. Sein Körperbau könnte seinem Korsarendasein nicht besser angepaßt sein. Schmal und schmächtig, aber überaus derb gebaut der Leib; niedrig und glatt der Kopf, aber mit stark hervortretenden Augenbuckeln; weitgespalten die breite, fast schnabel artige Schnauze; aufs beste ausgestattet mit Flossen, von denen besonders die weit nach hinten stehenden Afterflossen und die Rückenflosse stark ent-83 wickelt sind, und endlich die zahlreichen Reihen spitzer, scharfer Zähne, die von den Kieferknochen, dem Gaumen und selbst von der Zunge wie die gebogenen Spitzen einer eisernen Hechel aufstarren: das ist der Raubfisch charakter in stärkster Ausprägung! Zu allem dem kommt noch, daß der Hecht sehr schnell wächst, ja wohl der am schnellsten wachsende aller Fluß fische ist. In den großen Haffen an der Ostseeküste erreicht er eine Länge von anderthalb Meter und macht sich in demselben Maße zu einem uner sättlichen Verwüster des Fischbcstandes. In der Art, wie der Hecht sich seiner Beute bemächtigt, hat er un verkennbare Ähnlichkeit mit der Katze. Er macht die Beute sicher, bis ein einziger Stoß ihm genügt, sie zu ergreifen. Man muß ihn im Karpfen teiche sehen, um sich von seiner Art eine richtige Vorstellung zu machen. In dem sonnedurchleuchteten Wasser spielen handlange Fischlcin in wohliger Behaglichkeit: das steigt auf und nieder, dreht sich und wendet sich, Plätschert im Übermut an der Oberfläche, oder hascht sich im neckischen Spiel. In der Nähe des munteren Schwarmes liegt ein stattlicher Hecht, unbeweglich wie ein Stück Holz, mit seinen Glotzaugen scharf nach allen Seiten lugend. So liegt er lange, lange Minuten, vielleicht eine halbe Stunde lang; du zweifelst, ob du ein lebendes Wesen vor dir hast; plötz lich ein Stoß mitten zwischen die Scharen der spielenden Fische hinein, und alles ist verschwunden: die Fische nach allen Richtungen hin ausein andergestoben, der Hecht mit der unbarmherzig erschnappten Beute zum Grunde hinab. Je großer er wird, desto gefräßiger scheint er zu werden. Dann weicht er, wenn das Nahrungsbedürfnis ihn Peinigt, wohl von dem ihm von der Natur gewiesenen Wege ab, dann ist ihm nichts zu schlecht. Er verschlingt Frösche, Vögel und Säugetiere, welche er mit seinem weit geöffneten Nachen umspannen kann; er packt den untergetauchtcn Kopf des Schwans, läßt nicht los, soviel auch der kräftige Vogel sich sträuben mag, und erwürgt ihn; er kämpft mit dem Fischotter; er schnappt nach dem Fuße oder der Hand der im Wasser stehenden oder sich waschenden Magd und vergreift sich in blinder Gier sogar an größeren Säugetieren, z. B. an Maultieren, welche, an der Tränke von Hechten in die Leffzen gebissen, Ne im Fleische verbissenen Angreifer ans Land gezogen haben. So zeigt sich der Hecht als einer der großen Räuber des Süßwassers. Solange er jung ist, unterliegt er wohl im Kampfe mit einem anderen Raubfisch, z. B. dem Lachs, und wird dann selbst anfgefressen. Ist er aber einmal zu stattlicher Größe herangewachsen, so ist er der despotische Beherrscher seines Reviers, und kein Geschöpf der Wasserwelt ist über ihm. Nur allein im Menschen findet er dann noch seinen Meister. Sein un- 6 *- 84 bewegliches Feststehen nahe der Oberfläche reizte dazu, ihm mit dem Fisch speer zu Leibe zu gehen, oder ihm vom nahen Ufer aus eine Kugel durch das Gehirn zu jagen. Werden diese Arten, den Hecht zu erlangen, von Liebhabern des Fischfanges betrieben, so stellt der Fischer dem gefräßigen Räuber mehr handwerksmäßig nach. Er fängt ihn im Netze zugleich mit dem Karpfen oder dem Weißfisch, dem er eben nachstellte; oder der in seiner Raubgier wie blind und toll drauflos stoßende Hecht gerät in die aus Weidenruten geflochtenen Kammern einer Reuse, in die er wohl den Ein gang findet, aus denen aber kein anderes Entkommen ist als in den Fisch kasten des Fischers, oder er erschnappt sich in einem unglücklichen Fischlein, dem man einen an einer Angel befestigten zweizackigcn Hechthaken durch den Leib gezogen hat, den Tod, der ihn unter den Händen der Köchin sicher erwartet. Der Hering mrü seine Verwandten. %•> - eich und mannigfach sind die Ernten, welche der Mensch, der sich so vielerlei zu nutze macht, aus dem Wasser zieht. Wir ver nehmen mit Bewunderung, daß fürstliche Freigebigkeit unfern Kaiser* mit einem Geschenk des kostbaren Sterlets erfreute, der in eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Eisenbahnwagen von besonders Bediensteten aus dem Innern Rußlands im Eilzuge nach Berlin befördert wurde; wir freuen uns, daß für das rosafarbene Fleisch des geräucherten Rheinlachses hohe Preise gezahlt werden, denn wir wissen, daß das so verausgabte Geld doch schließlich zum Segen gereicht in der Hütte manches armen Fischers am Rhein und an der Weser; — aber was will die Bedeutung all dieser Prachtfische sagen gegen den Wert des Herings, der in seinem schlichten grauen Schuppenkleide in der Salztonne des Kaufmanns steckt und verkauft wird Stück für Stück von fünf bis zehn Pfennig?! Jene Vornehmen des * Kaiser Wilhelm I.85 beschuppten Geschlechts reizen höchstens den Gaumen des reichen Fein schmeckers; dieser ihr schlichter Verwandter ist der Fisch sür alle, der in der Gestalt des zarten Matjesherings auf der Tafel der Wohlhabenden Freunde findet, aber auch dem Armen eine schmackhafte, billige Zukost liefert, die ihm oft genug das Fleisch ersetzen muß. Ja, man begreift, wie Kaiser Karl V. einst zu Ehren des holländischen Fischers Willem Benkels, der die Kunst des Heringsalzens verbessert hat, auf dessen Grabe zu Biervliet einen Hering verzehren konnte! Wenn man eine rechte Vorstellung gewinnen will von der gewinn bringenden Arbeit, die der Hering jahraus jahrein den Menschen an un serer deutschen Nord- und Ostsecküste gewährt, so muß man das rührige Völklein beobachten zur Zeit ihrer Ernte, etwa im August und September. Da ist in den Fischerdörfern alles in freudiger Erregung, vom uralten Großvater, der im Stuhle hinter dem Ofen sitzt, bis zu dem Enkelkinde, das seine noch ungeübten Händchen an der Klarmachung der Netze ver sucht. Und überall greift man mit Lust und Eifer zu; wenn nur der Hering in reicher, guten Fang verheißender Menge sich zeigt, arbeiten wolle man schon gern, meint ein jeder: der Fischer, der für seine eigene Rech nung in See geht, oder der „geheuerte" (d. h. gemietete) Gehilfe, der vielleicht für gewöhnlich den Pflug auf den drinnen im Binnenlande ge legenen Äckern führt. Und Arbeit giebt es in Hülle und Fülle. Keine Stunde ist frei. Am Nachmittag geht es hinaus in die See zum Stellen der Senknetze. Hochbeladen mit Netzen arbeiten die schwerfälligen Boote gegen die starkwehende Meerbrise an; die geschickt geführten, gleichmäßigen Schläge der langen Ruder treiben sie kraftvoll durch das Wogengekräusel, das sich ordentlich in schaumgekrönten Wellen an der Wand des plötzlich zum Stehen gebrachten Bootes bricht. Mit Sorgsamkeit schreiten die Fischer zum Einsenken der Netze. Schwere Steine und Bleigewichte müssen dazu dienen, diese in die Tiefe zu ziehen, während Korkstücke und leere Fässer, um oberen Rande befestigt, sie emporhalten, so daß jedes dieser gestellten Netze einer senkrechten Maschenwand gleicht. Mit dem Stellen der Netze ist die Arbeit des Tages zu Ende; der Fischer hat auf seinem Ackerfelde, der See, gesäet; die Ernte hofft er von dem folgenden Tage; zufrieden »nt dem Tagewerk kehrt er, meist lange nach dem Sinken der Sonne, zum Strande zurück. Am folgenden Morgen findet ihn bereits die Dämmerung wieder auf dem Platze. Die scharfe Morgenluft, die den Binnenländer, der sich „zum Vergnügen" einmal draußen auf See den Heringsfang anschauen will, bis aufs innerste Mark durchschauert, sie ist dem Fischer eben recht. In war-—- 86 -— mer wollener Jacke, den gefirnißten „Südwester" mit langem Nackenschilde zum Schutz gegen Regengüsse auf dem Kopfe, die „Krempers" (Wasser stiefeln) bis zum Körper heranfgezogen, kennt er das, was verweichlichte Menschen Ungestüm der Witterung nennen, nicht. Er ist überhaupt eine harte, allem Poetischen abholde Natur: mag der in glühendem Rot aus den Wassern sich hebende Sonnenball die kräuselnden Wellchen der Flut mit einem goldenen Netz überspinnen, so daß jedem, der einen solchen Sonnenaufgang auf dem Meere zum erstenmal sieht, das Herz in Bewun derung und Andacht zittert — ihn läßt das großartige Schauspiel kalt; das goldene Netz der Sonnenstrahlen vermag ihm den Gedanken an seine gestellten Netze nicht einen Augenblick aus dem Sinne zu zaubern; denen richtet sich all sein Denken zu. Und in der That, wer einmal dem Herings fange draußen auf See beigewohnt hat, der begreift, daß die Lust daran den ganzen Menschen zu packen vermag. Während der Nacht ist die Beute massenhaft ins Netz gegangen. Die Maschen desselben sind genau so weit, daß ein junger Hering durchschlüpfen kann; kommt ein größerer in die Nähe der Maschenwand, gegen die er von den heran treibenden Schwärmen unaufhaltsam hingedrängt wird, so gelingt es ihm höchstens, mit dem Vorderleibe sich durchzuzwängen, meistens aber schiebt er nur die hornigen Kiemendeckel hindurch, deren abstehende Ränder den einmal in die Masche gegangenen Fisch wie mit Zangen festhalten, so daß es für ihn kein Entrinnen mehr giebt. Das erklärt, daß ein so reicher Fang für den Binnenländer ein nie gesehenes Schauspiel ist. Schwer und mühsam wuchten die Fischer die Netze empor; überall schimmert es wie Silber von den schuppigen Leibern; ein kurzes, krampfhaftes Schlagen, dann ist es mit der Qual der Heringe zu Ende, denn diese gehören zu denjenigen Fischen, bei denen der Tod sehr schnell eintritt, wenn man sic ihrem Lebensclcment entreißt. Nun beginnt, je weiter sich das Netz aus dem Wasser hebt, die Arbeit des Ausmachens der Fische. Mit gewandtem Griff und Zug wird Masche um Masche geleert; unwillkürlich greift auch der Zuschauer selbst mit zu; mehr und mehr füllen sich die Tonnen, welche die Boote zur Aufnahme der Beute mit sich führen. Dann und wann sondern die Fischer mit größerer Sorgfalt einen fremden Fisch aus der Heringsschar: es ist ein Schnepel, auch Nase genannt, von besonderer Feinheit des Fleisches. Diese gelegentliche Beute wird gesondert unter gebracht, da sie nur ihren Wert behält, wenn sic möglichst lange lebendig erhalten wird, um frisch auf den Markt zu kommen. Ein schiffartiges, oben geschlossenes und von allen Seiten mit Löchern versehenes hölzernes Gefäß, der „Jäger," welcher hinter dem Boote nachschwimmt, nimmt den87 kostbaren, vom Zufall gebotenen Fang auf. Schwerbefrachtet mit den ge leerten Netzen und den gefüllten Tonnen, so das; die Fischer oft selbst kaum Platz finden, fahren die Boote zu Land. Geht es an, so benutzen sie die Morgenbrise, und dann bietet sich dem Fischer ein arbeitsfreies Stündchen, das er, die kurze Pfeife zwischen den Zahnen, angenehm ver dämmert; steht aber der Wind gegen das Boot, dann muß er von neuem am Segel stehen, um in harter Arbeit durch Lavieren den Strand zu erreichen. Am Strande entwickelt sich nun ein munteres Leben. Von allen Seiten her kommen nach und nach die Boote zum Fischerdorfe zurück. Da muß für die sofortige Unterbringung des Fanges gesorgt werden. Schon stehen die Fässer bereit, wohlgefügt aus zähen Dauben, um die Heringe aufzunehmen; daneben sind auf Dielenböden große Haufen grobkörnigen Salzes aufgeschüttet. Frauen und Kinder beschäftigen sich mit dem Heraus nehmen der Eingeweide, die sie, nachdem sie am Unterhalse des Fisches einen tiefen Einschnitt gemacht haben, mit einem einzigen geschickten Zuge samt und sonders herausziehen. Andere tragen in Bütten die aus genommenen Fische den Salzern zu. Schicht um Schicht, wechselnd mit Salzlagen, füllen die Heringe die Tonne, bis diese gefüllt ist und darauf mit geschickten Hammerschlägen fest zugespundet wird. So wird der Dauerheriug hergcrichtet, der vom Meeresstrande aus überallhin in das Binnenland sich verbreitet und bis in die entferntesten Gebirgsthäler hinaufwandert, wo das Hirtenkind die Kartoffeln mit seinem scharf schmeckenden Fleische würzt. Aber ein nicht unerheblicher Teil der gefangenen Heringe wird an der deutschen Meeresküste zu den bekannten Bücklingen umgestaltet, die zu gewissen Zeiten des Jahres ebenso pünktlich in den größeren Städten auf dem Markte erscheinen, wie der Salzhering. Allerdings wird vielerorts an der Ost- und Nordsee der graublaue Hering in den goldigbraun schim mernden Bückling umgewandelt; alle aber übertrifft Kiel mit einer statt lichen Anzahl benachbarter Dörfer, die alle mehr oder weniger vom Hcrings- räuchern leben. Es ist wahrhaft erstaunlich, zu sehen, was man dort durch sorgsame Teilung der Arbeit in kürzester Zeit zustande bringt. Den Hering, der am Morgen noch lustig draußen in der Kieler Bucht nmherschwimmt, kann man am nächsten Tage zu Mittag wohlgesalzen und gut geräuchert sich auf die Tafel stellen lassen. Das Kunststück ist einfach genug, erfor dert aber, wie gesagt, zweckmäßige Verteilung der Arbeit und rührige Hände. Beides freilich findet sich bei den Fischern jener Gegend in hohem Grade. Der Fang, der weit draußen auf See, oft in der Nähe der dänischen Inseln gemacht wird, muß mit möglichster Schnelligkeit zu88 Lande geschafft werden. Dazn bedient man sich heutzutage selbst für diesen Zweig der Fischerei des Dampfbootes. Dessen Rauchsäule ist das Signal, das in den Dörfern alles zum Strande hinunter ruft. Das Aus- nchmen der Fische, das Abteilen in „Wall" (achtzig Stück), sowie das Einsalzen derselben in Kisten ist in einigen Stunden zustande gebracht, während drin im Dorfe die am vorigen Tage gesalzenen Heringe in den Räucherofeu wandern. Denn im Salz bleiben die Fische nicht länger als etwa viernndzwanzig Stunden; längeres Salzen soll die Feinheit des Ge schmackes beeinträchtigen und dem Fleische viel von seiner Zartheit nehmen. Am anderen Tage, nach Beendigung des Salzens, werden die Fische ge waschen, leicht an der Luft getrocknet, sortiert, auf hölzerne Stangen gezogen und in den Räucherofen gebracht. Etwa zwei bis drei Stunden lang bleiben sie in dem dick und qualmig aufsteigendcn Rauche von Pappel oder Ellerholz hängen, dann nimmt man sie zum Abkühlen heraus, und der erfahrene Räucherer inacht nun seinen Überschlag über die Güte des Produkts: je größer, fetter und biegsamer sie sind, desto mehr darf er beim Verkauf zu fordern sich getrauen; dabei sieht man es gern, wenn die Haut in kräftigem Goldbraun schimmert und wenn die Augen recht klar sind. Ein weiteres wichtiges Geschäft ist die Versendung. Kenner behaupten, daß der Bückling nur in den ersten viernndzwanzig Stunden nach dem Herausnehmen aus dem Rauche seinen vollen Wert als Delikatesse besitze; später verliere der Geschmack erheblich an Güte. In diesen vierundzwanzig Stunden sind aber doch höchstens die nahen Großstädte mit dem frisch geräucherten Fische zu erreichen, und doch macht es die Menge der Tag für Tag aus dem Rauche kommenden Bücklinge zur Notwendigkeit, auch im Binnenlande noch eine» Markt für dieselben zu suchen. So sicht man denn, sobald das Auskühlen der Fische beendet ist, diese schnell in Kisten verpacken. Ist eine Eisenbahnstation in der Nähe, so führt jeder durch gehende Zug einen stattlichen Haufen dieser Kisten mit hinweg. Muß man aber den geräucherten Fisch der Beförderung durch den langsameren Fuhrmann anvertrauen, so empfangen die letzten Käufer jene Jahrmarkts ware, die zwar sehr billig ist, aber durch ihre gräuliche Farbe und den sehr zweifelhaften Duft bedenklichen Gemütern schwer verdächtig tvird. Immerhin aber mag man sich freuen, daß auch durch sie unfern Nord- und Ostseefischern ein gut Stück Geld zufließt. Der Heringsfang an den deutschen Meeresküsten zeigt nur im kleinen Maßstabe die hohe Bedeutung des Herings für die Völker. Denn man rechnet, daß von hundert Heringen, die weit und breit verzehrt werden, nur etwa drei von deutschen Fischern gefangen sind. Den Löwenanteil89 am Heringsfange nehmen uns die Holländer hinweg, sowie die Schotten und Norweger, welche den Eingang in das deutsche Meer nmwohnen und die sozusagen den Hering aus erster Hand haben. Da geht denn der Fang auch überall mehr ins Große. Wochenlang liegen die Fischerboote in See; Dampfer fahren unausgesetzt in den Fischereigründcn auf und nieder, um den Fang zu Lande zu führen; am Lande ruft der unaus gesetzte Betrieb des Einsalzens Salzhändler, Faßdaubenverkäuser und Bött cher herbei. Wahrlich, ein buntes, bewegtes Treiben ist es, das der Hering überall, wo er erscheint, hcrvorruft, und das nicht nur die Anwohner der Küste nährt, sondern auch noch weit im Binnenlande Gelegenheit zu nutz bringendem Erwerbe bietet. Die Verwandten des Herings sind mit ihrem weltberühmten Vetter nicht zu vergleichen, was großartige Verbreitung itnb Nutzbarkeit für alle Schichten des Volkes anlangt. Dennoch sind sie interessant. Manche dürften, könnte sie das in ihrem Lose, gefangen und verspeist zu werden, trösten, mit einer gewissen vornehmen Wichtigkeit auf den großschuppigen Vetter in der Heringstonne herabsehen. Da ist zuerst die Sardine, ein etwa fünfundzwanzig Centimeter langer Fisch von etwas behäbigerem Körperbau, wie der Hering, am Bauche silberweiß schimmernd, mit dunklerem, grünlichblauem Rücken und schön goldig schimmernden Kiemendeckeln, welcher sich durch den sehr weit vor- gestrecktcn Oberkiefer von dem Hering unterscheidet. Die Sardine findet sich in den Meeren des nördlichen Europa überall, tvo der Hering auf- tritt, verbreitet sich aber im Atlantischen Ocean auch weiter nach Süden und kommt in unzählbaren Scharen besonders an der Küste von Frankreich vor. Die Küstenbewohncr nützen den Fisch nach ihrer Art, und die Weise, wie sie ihn für 'die Dauer zurecht machen, zeigt uns ihre Stammesart recht deutlich. Norweger und Russen bereiten scharfe Gewürzbrüheu, brennend von schwarzem und spanischem Pfeffer; dem entsprechend ver speisen sie ihre Anchovis und Pickelsardinen zum Frühstück und setzen einen tüchtigen Trunk darauf, wie ihn das kalte Klima ihres Landes fordert. Gebildeter im Geschmack erweisen sich die Franzosen. Bei ihnen werden die Sardinen, nachdem sie kurze Zeit in der Sülze gelegen, in blechernen Büchsen in feines Provenceröl eingelegt und nach dem luftdichten Verschließen der Büchsen so lange in heißem Wasser gekocht, bis nicht nur das Fleisch der Fische weich ist, sondern selbst die Gräten mürbe geworden sind. Bei ihnen bildet die Olsardine eine appetitreizende Vorspeise bei der Mittags tafel, welcher der darauf folgende Wein ebenso entspricht wie der Brannt wein der Russen den scharfen Pickelsardinen.90 Die kleinste, aber unzweifelhaft edelste des ganzen Heringsgeschlechts ist und bleibt aber doch die Sardelle. Freilich wollen sie die scharf untersuchenden Naturforscher nicht mehr so recht als einen Verwandten der Sippe gelten lassen, und in der That unterscheidet sie sich durch den silberweiß glänzenden, fast nnbeschuppten Bauch auch ganz erheblich von unserem Hering, bei dem die harten Schuppen am Bauche zu einer säge artig gezähnten Kante zusammcngcstellt sind. Bei alledem ist die Sardelle aber doch ein echter und rechter Heringsfisch. Wie dieser erscheint sie in unzählbaren Scharen, wenn sie sich aus den Tiefen des Mittelländischen Meeres erhebt, um in den flachen Küstengewässcrn Spaniens, Frankreichs und Italiens zu laichen. Wie ihr nordischer Vetter, gewährt sie einer erheblichen Anzahl von Menschen durch ihren Fang lohnende Beschäftigung. Da wiederholen sich in den schönen Golfen Italiens dieselben Bilder wie im kälteren Norden: nächtlicher Fischfang, nur hier noch malerischer wie bei unseren deutschen Ostseefischern, da man den kleinen behenden Fisch durch Laternenschein in das Netz lockt, so daß es aussieht, als seien die Glühwürmchen aus den Gärten am Strande hinausgezogen auf die dunkle See; dann das muntere Leben am Strande, bei dem allerdings die zungen geläufigen und sangeslustigen italienischen Fischer ihre mehr schweigsamen Berufsgenossen an den deutschen Küsten an Lebhaftigkeit übertreffen. Nur der Fuhrmann, der die geräucherte Ware unserer deutschen Fischer in den Handel bringt, fehlt hier. Denn die Sardelle verlangt nicht, wie der Bückling, den möglichst schnellen Verbrauch; sie ist ein Dauerfisch ersten Ranges und wird in den Kellern der Großhändler stets in mehreren Jahrgängen vorrätig gehalten, die sich, ebenso wie die Jahrgänge des Weines, durch verschiedene Zartheit und Schmackhaftigkeit des Fleisches unterscheiden. Als der edelste aller Heringsfische ist die Sardelle haupt sächlich eine Speise für den Tisch der begüterten Klassen und steht also in Hinsicht auf allgemeine Nutzbarkeit hinter dem wohlfeilen Heringe er heblich zurück; aber man würde sie doch ungern in dieser Reihe schmackhafter Nutzfische vermissen, und auch in praktischer Hinsicht ist es der deutschen Hausfrau keineswegs gleichgültig, ob in einem Jahre der Sardellenfang in Italien reichlich ausfällt, oder nur spärliche Ausbeute liefert.91 Wsnüerfische. itter den beschuppten Bewohnern unserer Flüsse zeigt der Fluß aal ungewöhnlich viele Besonderheiten. Schlangenförmig in seinem Körperbau, mit der Fähigkeit ausgestattet, ungewöhnlich lange außerhalb des Wassers leben zu können, zeigt er sich auch sonst als ein merkwürdiges Geschöpf von sonderbaren Lebensgewohnheiten. Hierzu ist vor allein seine Lust zu wandern zu rechnen. Erfahrene Fischersleute wollen behaupten, daß der Aal ein Feinschmecker sei, der in lauen Sommer nächten aus dem schlammigen Grunde des Flusses hinaus aufs Land krieche; da, in den Wiesen und Erbsenfeldern, mache er eifrig Jagd auf Regen würmer und Schnecken und finde beim Anbruch des Tages unfehlbar das schützende Wasser wieder auf. Ob etwas Wahres an dieser landläufigen Annahme sei, weiß man nicht bestimmt; jedenfalls darf man von dem Aal behaupten, „daß seine Mittel es ihm erlauben," sich eine kleine Wanderung aufs feste Land zu leisten. Denn da seine Kiemen unter der Körperhaut liegen, erhalten sie sich wohl einen ganzen Tag lang feucht, und der in großer Menge von ihm abgesonderte Schleim bereitet ihm eine glatte Bahn, welche ihm sicher das Zurückkriechen zum Wasser erleichtern könnte. Manchmal freilich ist's mit dem Zurückkriechen nichts — so z. B., wenn den Aal seine Lust, gern in Röhren zu kriechen, in eine der großen Sammelröhren einer städtischen Wasserleitung führt. Wird dann das Wasser nicht gehörig geklärt, so macht er wohl seine Wanderung durch die Hauptröhre der Leitung zur Stadt und dringt selbst mehrere Stockwerke hoch in den Häusern empor. Ein solcher „Weitgereister" genießt wohl die besondere Auszeichnung, in der Zeitung erwähnt zu werden, die dann freilich immer böse Bemerkungen über den Zustand der städtischen Wasser leitung an das seltene Vorkommnis knüpft. Die Land- und Röhrenkriecher unter den Aalen sind aber gewisser maßen nur Entdeckungsreisende unter ihresgleichen, denen die große Menge nicht nachahmt. Trotzdem liegt jedem Aal der Wandertrieb im Blute. Denn so hoch oben im Flusse die Aale leben mögen, ihren Laich vertrauen sie doch nur dem Meerwasser zum Ausbrüten an. Daher sind im Spät herbst die ausgewachsenen Aale auf der Wanderung zum Meere hinab. Kriechend und schwimmend streben sie diesem Ziele zu und erfüllen dann die Buchten und seichten Gewässer am Strande, zur Freude der Strand-92 fischer, die zu dieser Zeit besonders ergiebigen Fang haben. Im März und April findet dann eine Rückwanderung anderer Art statt. Winzig kleine, nicht viel über einen Centimeter lange, fast glasartig durchsichtige Fischlein beleben in Ungeheuern Mengen die Mündungen der großen Ströme; langsam geht's stromauf; vom Hauptheere zweigen sich Seiten schwärme ab, die in den Nebenflüssen hinaufgehen; ob Wehre oder selbst kleine Wasserfälle die Bahn sperren — nichts hält die sich schlängelnden Fischlein auf ihrer Wanderung auf, bis sie das ruhige Wasser erreicht haben, in dem sie ihre ersten Jugendjahre zu verleben von einem rätsel haften Naturtriebe gezwungen sind. Noch großartiger als in den Flüsse» sind im Meere die Schwärme wandernder Fische. Der bekannteste unter ihnen ist der Hering — ver danken wir es doch seinem Wandertriebe, daß ungezählte Tausende von Tonnen dieses ausgezeichneten Nutzfisches jahraus, jahrein überallhin ins Binnenland versendet werden. Wenn in der Nordsee der Heringsfang zu Ende geht, schickt sich in den wärmeren Gewässern des Mittelmeeres ein anderer Fisch zur Wan derung an. Das ist die Sardelle, jenes fingerlange Fischlein mit dem azurblauen Rücken, das als köstlichster der Heringsfische geschützt wird. Ende April oder Anfang Mai, je nachdem die Witterung ist, sammeln sich in allen Teilen des Adriatischen Meeres die Sardellen in Scharen und ziehen dann nordwärts. Aber nicht wie die Heringe, um im seichten Wasser ihren Laich abznsetzen — das geschieht schon im März, zu welcher Zeit die Fischer die winzigen Eier in kleinen Klumpen an dem Seegrase finden —, sondern um sich durch reichlichere Nahrung von dem Geschäft des Eier legens zu erholen. Die Zngzcit der Sardelle ist dann auch für die Fischer von der dalmatinischen Küste bis hinein in den Golf von Triest eine heiß ersehnte Erntezeit. Zwei Monate lang bringt das zierliche Fischlein in alle Küstenorte Leben, Arbeit, Nahrung und Geld. Ein paar Wochen vor Beginn des Zuges haben Fischer im engen Zugnetz einzelne Sardellen mitgefangcn; es ist die Vorhut des großen Schwarmes, der sich zur Wanderung anschickt. Daun vergeht selten eine Stunde, zu der nicht kundige Fischer das Wasser prüfen, ob nicht die sehnlich erwartete Beute sich zeigt. Ist sie endlich da, dann ist das leicht erregbare Völkleiu wie aus Rand und Band: „Sardelli! Sardelli!" Dann verlassen zahlreiche kleine bewegliche Barken die Fischerplätze; bunte Wimpel, wie am hohen Kirchenfest, flattern von jedem Blaste; munterer Gesang ertönt, wie zur Zeit der Weinlese, — überall regen sich die Hände zur Bergung des Fanges.93 - Besonders malerisch gestaltet sich das Bild a» der Küste von Dal matien. Da wird der Sardellenfang bei finsterer Nacht betrieben. Das Mittel, die Fische anzulockcn, ist dann die Fackel. Deshalb gewährt es einen reizvollen Anblick, von fernher einen Hellen Lichtkreis wahrzunehmen, in dem sich die kleine Barke mit Mast und Segeln und den malerischen Gestalten der Fischer deutlich heraushebt aus der dunkeln Nacht, die schweigend über dem Wasser ruht. Langsam nähert sich eine solche Barke mit hell brennender Fackel dem Strande; jeder geräuschvolle Rnderschlag wird vermieden; denn ein gewaltiger Schwarm von Sardellen zieht dem berückenden Lichte nach. Am Strande aber warten fünf bis sechs Barken mit dem großen Zugnetz und der nötigen Bemannung auf das Heran kommen der Feuerbarke. In einem weiten Ringe um den Sardellenschwarm werden nun die Netze eingescnkt, die mit dehnbaren Wänden den Sardellen den Rückweg ins Meer verschließen; am Strande aber erwartet sie das große Zugnetz, das mehrere hundert Meter Länge besitzt und in einen großen Sack ausläuft. Ist in solcher Weise der Schwarm umschlossen, dann be ginnen die Fischer die Sardellen gegen den Netzsack zu treiben, indem sie mit den Rudern klatschend auf das Wasser schlagen. Erschreckt schießen die geängstigten Fische vorwärts, und der Stoß, mit dem sie gegen das Netz treffen, ist so gewaltig, daß dieses zuweilen armhoch über das Wasser cmporgeschlcudert wird. Der Fang der zierlichen Fischlein geschieht dabei in der Art, daß diese mit ihren zugespitzten Köpfen in die engen Maschen hineindringen und, indem sich dann die Kiemendeckel spreizen, in den selben .hängen bleiben. Noch einfacher geschieht der Fang der Sardellen in der Bucht von Triest. Auch dort muß das Licht die Beute den Fischern ins Netz locken. Im Gegensatz zu- ihren dalmatinischen Nachbarn wühlen diese aber mond helle Nächte, und der Mond nnlß ihnen dann die Stelle der Fackeln ver treten. Daher sind die Fischer von Triest, bevor der Mond aufgeht, an Ort und Stelle und setzen ihre Netzwände so, daß die Fische, indem sie dem ausgehenden Monde entgegenschwimmen, an sie anstoßen müssen. Die Arbeit der Bootsleute besteht, wenn einmal die Netze ausgeworfen sind, in nichts anderem, als zu warten, bis das Netz hinreichend voll ist; dann wird es gehoben, und die Fische werden auf der Nachhausesahrt aus den Maschen gelöst. So sind während der Monate Mai und Juni an der Küste von Dalmatien und Italien Tausende von Händen beschäftigt mit dem Fange der schmackhaften Sardelle. Wieder andere sorgen am Land für die Ver wertung des reichen Fanges. Ein Teil wird in Holztönnchen verpackt—- 94 und durch Salzlake dauerbar gemacht. Noch ergiebiger ist die Verar beitung zu Sardinen, d. h., das Einlegen in kleine Blechdosen, in denen der zarte Fisch durch Erwärmen in kochendem Wasser mürbe geinacht und dann mit Olivenöl übergossen wird, das ihm einen besonderen Wohl geschmack verleiht. Wenn in den Küstcnorten am Mittelländischen Meere der Sardellen fang seinen Höhepunkt erreicht hat, dann erscheint in diesen Meeresteilen regelmäßig noch ein anderer Wanderfisch in der gewaltigen Niescnmakrele, die unter dem Namen des Thunfisches allgemeiner bekannt ist. Dieser gehört zu den Riesen unter den Nutzfischen; denn ausgewachsen kann er drei bis vier Meter lang werden, obgleich sein Fleisch am zartesten schmeckt, wenn er nicht viel über einen Meter lang geworden ist. Der Thunfisch wird zu seiner Wanderung ins flache Wasser gleichfalls durch den Trieb zu laichen genötigt. Auch seine Wanderung ruft die Küstenbevölkerung zu erhöhter Thätigkeit. Aus vieljähriger Erfahrung wissen die Fischer, daß der fremde Gast an ihren Küsten sehr furchtsamer Natur ist und daß er, sobald er etwas Verdächtiges spürt, leicht wieder ins offene Meer zurück schwimmt. Gerade diese Eigentümlichkeit der Thunfische aber wird zu ihrem Verderben benutzt. Denn auf das Zeichen von ihrer Annäherung, welches von auf Felsen lauernden Kundschaftern gegeben wird, gehen eine Anzahl Fischerboote weit hinaus ins Meer und treiben den Zug von dort aus gegen den Strand. Dort aber erwartet sie ein Netzgehege, das von den Fischern mit schlauer Kunst gestellt ist. Reihen von langen und breiten Netzen, unten mit Steinen und Blei beschwert, oben durch Kork stücke in senkrechter Lage erhalten, sind gleichlaufend mit der Küste auf gestellt, oft in der Länge von mehreren Kilometern. Dieses Netzgehege ist durch Quernetze in verschiedene Kammern abgeteilt, in welchen nach der Landseite zu schmale Öffnungen gelassen sind. Ist es den Fischern einmal gelungen, einen Schwarm Thunfische in den Vorhvf dieses Netzgeheges zu treiben, dann wird der Fang auch bald zu Ende gebracht. Klatschende Ruderschlüge scheuchen die großen Fische bald aus einer Kammer in eine andere landwärts gelegene. Zuletzt schießen sie, um dem sie ängstigenden Lärm zu entgehen, in die „Totenkammer," den innersten und engsten Raum. Das aber wird ihr Verderben. Denn unter dieser Kammer liegt wagerecht ein starkes Netz, das nun gehoben wird und den reichen Fang ans Tages licht bringt. Da geht's nun mit starken Knütteln und selbst mit kurzen Stangen über das zappelnde Volk der Fische her, und in kurzer Zeit deuten die nach oben gekehrten weißen Bäuche darauf, daß Hunderte von Thun fischen den Fischern zur Beute gefallen sind. Freilich vermag sich der95 große Thunfisch mit der kleinen Sardelle hinsichtlich der Nutzbarkeit nicht zu messen; sein Fleisch ist in frischem Zustande zwar wohlschmeckend, ver dirbt aber sehr bald und muß daher schnell verspeist werden; außerdem läßt sich aus den Köpfen und den Eingeweiden Thran sieden. Immerhin aber ist sein Fang von Wichtigkeit für alle Küstengegenden am Mittelmeer. Keiner der geschilderten Wandersische aber setzt die Menschen in so großartigem Maßstabe in Thätigkeit, wie der Kabeljau, der dem in der Nordsee vorkommenden Schellfische sehr ähnlich ist. Der wandert zur Frühlingszeit aus dem Nördlichen Eismeer in wärmere Gewässer gegen Süden, um zu laichen. Flache Meeresgründe sind dann die Orte, denen die gewaltigen Scharen des Fisches zustreben. Auf europäischer Seite sind es die Lofot-Jnseln an der norwegischen Küste, um die herum das Meer vom Kabeljau förmlich wimmelt; auf der amerikanischen Seite bezeichnet die Insel Neufundland den Mittelpunkt der großen Fischereireviere. Ganze Flotten setzen sich, sobald der Frühling kommt, zum Kabeljaufang in Be wegung. England allein stellt über zweitausend Schiffe mit dreißigtausend Matrosen, Frankreich die Hälfte, Amerika soviel als beide Länder zu sammen. Ein Paar Monate lang sind nun die Fischereigründe der Schau platz eifrigster Thätigkeit. Der Fang wird über Tag gemacht. Er wird durch die Lebensweise des Kabeljaus erleichtert. Da dieser nämlich ein überaus gefräßiger Fisch ist, der nach allem schnappt, so geht er leicht an die Angel. Als solche werden mehrere hundert Meter lange Leinen benutzt, an denen in kleinen Abständen drei Meter lange Angelschnüren befestigt sind, welche in die Angelhaken auslaufen. Als Köder werden Heringe und zerkleinerte Krnstentiere verwendet. Wird dann eine solche Angel gehoben, so darf der Fischer auf einen reichen Fang rechnen; vierhundert Stück armlange Fische auf einen Zug gilt noch nicht als übermäßig große Beute! Die Verwendung des Kabeljaus ist eine verschiedene. Er wird entweder eingesalzen und heißt dann Laberdan, oder er wird gesalzen auf den Klippen getrocknet und heißt dann Klippfisch, oder er wird ungesalzen auf Gerüsten gedörrt und heißt dann Stockfisch. In letzterer Form ist der Kabeljau im Binnenlande am meisten bekannt, und zwar besonders in Gegenden mit katholischer Bevölkerung; denn sein großer Nahrungswert bei wohlfeileiu Preise macht ihn zu einer beliebten Speise für die Fasten zeit. Außerdem aber gewinnt man aus der Leber des Kabeljaus durch Auspressen den Leberthran, der schon manchem Kinde mit schwachem Knochenbau zu besserer Gesundheit verholfen hat.96 (Ein gefiederter Fjsrhrmlker. in Sommermorgen. Über die Wiesen zieht es in feuchten Nebel schwaden, drüben aber, wo die Gewässer des breiten Stromes langsam dahinziehen, liegt noch der dichte Morgennebel. Die Sonne steigt höher. Ihre Strahlen trinken den Tau, der in Millionen funkelnder Tropfen an den Halmen hängt, hier und da blinkt der Spiegel des Flusses hervor wie flüssiges Silber, nun legt sich wieder, wie trübender Hauch, der Nebel darüber; aber seine Macht ist gebrochen, und bald ziehen sich seine letzten Schleier in das Röhricht hinein. Schon längst ist auch das Leben und Treiben der Menschen am Flusse erwacht. Drüben über dem hohen Deiche, dem Erddamme, welcher das Anland des Stromes vor den verheerenden Frühjahrswassern schützt, arbeiten die fleißigen Schnitter im Feld; jenseits, wo ein breiter Saum üppig grüner Wiesen den Fluß wie ein schmückendes Sammetband einfaßt, mäht man die zweite Heuschur. Aber es giebt noch manches Plätzchen am Strom, zu dem weder Ackers mann noch Heumäher hinabgehen: das sind die tiefen Niederungen, die jedes geringe Steigen des Flusses unter Wasser setzt. Hier ziehen sich zahlreiche „tote Arme" ins Land, seitliche Auszweigungen des Stromes, flach, mit Sand oder Schlamm erfüllt, mit dichten Säumen von Röhricht oder Weiden eingefaßt. Wer einmal so recht ungestört von dem Lärm der Menschen das Naturleben am Fluß beobachten will, dem bietet sich nicht leicht wieder ein passenderer Ort, als solch ein „toter Flußarm." Auf und unter dem Wasserspiegel lebt es. Da gleiten, geradlinig dahinschießend, Wasserläufer über die ruhige Flüche von einem Blatt der Teichrose zum anderen; die zarten Hautsäume, mit denen ihre sechs langen Spinncnbeine eingefaßt sind, hindern den leichten Körper am Einsinken, so daß er über das Wasser zu gleiten vermag wie ein Norweger auf seinen Schneeschuhen über die Firnflächen seiner Hochfelder. Gelockt vom warmen Sonnenstrahl, kommen die Kleinen unter den Fischen nach oben, tummeln sich im lustigen Übermut durcheinander, steigen, nach Kerfen schnappend, zur Oberfläche, um gleich darauf, wie erschrockeu über ihre Kühnheit, wieder tieferes Wasser aufzusuchen. Da hebt sich, mitten in die lustige Schar hinein, von unten her ein langgestreckter, schnialgebauter Hecht; unbeweglich, wie ein Stück Holz, liegt er nahe der Oberfläche; viertelstundenlang regt er sich nicht von der Stelle — Plötzlich, wie mit97 einem Blitzschlag, flieht die lustige Gesellschaft der Rotfedern und Barsche und Weißfische auseinander, und auch der Hecht ist verschwunden: er hat mit einem seiner blitzartig schnellen Stöße eine Beute erfaßt und dadurch das friedliche Treiben im Wasser auf Minuten gestört. Aber auch nur auf Minuten; denn während der räuberische Hecht seine Beute in einem anderen Winkel des Wassers verzehrt, steigen neue, sorglose Gesellschaften von Fischen zur Oberfläche, um das alte fröhliche Spiel von neuem zu beginnen. Welch seltsamer Vogel aber kommt da längs dem entgegengesetzten Reiher, ailS dem Schilf cmfflicgeild. Ufer herauf?! Hochbeinig, wie geschürzt zum Waten, stelzt er durch das Wasser. Der magere Leib wiegt sich bald nach vorn, bald nach hinten auf den dünnen Beinen; der sehr lange, dünne Hals scheint ihm dabei als eine Art Balancierstange zu dienen; denn er versteht ihn bis auf den Rumpf nach hinten zu legen oder ihn mit der Beweglichkeit eines Schwanenhalses wieder zu heben, je nachdem die Lage des Körpers es erfordert. Wer das Wesen des seltsamen Vogels genauer kennt, drückt sich jetzt, ohne auch nur ein Wort zu flüstern, tief hinein in das Gras; denn der Fischreiher — ein solcher ist es — ist so mißtrauisch, wie nur ein Mensch sein kann, den das böse Gewissen nicht schlafen läßt. Das Brechen eines trockenen Zweiges, das Bellen eines fernen Hundes, oder eine Menschenstimme würde ihn unfehlbar aus seiner Ruhe auf- und zur Hu.mmcl, Bilder ci. d. Wcltk. 7—- 98 -— Flucht schrecken, während er das Schnattern der Wildente, das Knarren der Rohrdommel, das „Kui" des über das Wasser dahinstreichenden Kiebitz oder den schrillen Schrei der Flußschwalbe von diesen gefahrdrohenden Stimmen recht wohl zu unterscheiden weiß. Er ist so mißtrauisch, daß er fast nach jedem seiner bedächtigen Schritte auf kurze Zeit innehält, um lauschend und spähend zu prüfen, ob die Gegend frei von Feinden ist. In einiger Entfernung folgt ein zweiter Reiher; denn er liebt es, wenn nicht das Pärchen durch irgend einen Unglückssall getrennt ist, oder das Weibchen brütend auf dem Neste sitzt, seine Fischereigründe zu zweien aufzusuchen. Die seltsamen Fischer sind endlich so nahe gekommen, daß es möglich ist, ihre äußere Erscheinung genauer aufzufassen. Ihr Federkleid hat durchweg einen düsteren Grundton: der Hals, der von fern weiß aussieht, zeigt sich doch stark in Grau übergehend, und die Deckfedern des Rückens sind gar schieferblau angeflogen. Dabei hat das Gefieder eine Eigen tümlichkeit, die nur noch bei wenigen Vögeln sich findet, das ist die Ver längerung einiger Teile desselben, wodurch sich seltsame Anhängsel bilden: so verlängert sich das Kopfgefieder nach hinten in drei Federn zu einem schlaff herabhängenden Federbusche, und auch das Gefieder der Brust hängt in langen, etwas zerrissenen Fransen herab, an denen das Wasser leicht abläuft. Was aber dem Fischreiher als besonderes Unterscheidungs merkmal vor den übrigen Arten seiner Verwandtschaft dient, das sind die drei Reihen schwarzer Flecken, die, am Unterkiefer beginnend, am Vorder halse bis zu dem Brustgefieder herablaufen. So ist vieles an dem Reiher seltsam, aber nichts eigentlich anmutig oder gar schön; selbst das lebhafte, goldgelbe Auge hat in seinem Blicke etwas Lauerndes und Tückisches, so daß es sich wohl dem Auge einer Schlange vergleichen läßt. Aber seinen eigentlichen Charakter erhält der Reiher doch durch seinen Schnabel. Dieser übertrifft den langen, flachen Kopf noch bedeutend an Länge, ist sehr kräftig und scharf wie ein Spieß, dabei gerade und so recht zum tödlichen Stoß eingerichtet; selbst die Zähnchen, welche die Schnabelränder in der Nähe der Spitze zeigen, scheinen darauf berechnet, den glattschuppigen Fisch mit unwiderstehlicher Kraft fassen zu können. Unsere beiden Reiher geben sich indes mit voller Ruhe dem Geschäfte des Fischfangs hin. So langsam und bedächtig bewegen sie sich durch das Wasser, daß die darin spielenden Fische die Annäherung ihrer Feinde gar nicht ahnen; ja im tollen Übermut schießen diese zwischen und um die langen Stelzbeine, nicht ahnend, daß ein Paar scharfe Augen jede ihrer99 Bewegungen verfolgen und der lange Schnabelspieß jeden Augenblick zum tödlichen Stoß bereit ist. Und welch harmloses Aussehen sich dabei der schlaue Fischräuber zu geben versteht! Da steht er, scheinbar aufs tiefste in Gedanken versunken; der lange Hals liegt bequem nach hinten zurück gebogen, so daß der Schnabel wie zum Ansruhen sich fast ganz in das Brustgefieder verborgen hat; das sonst so hell leuchtende Auge hat sich wie im Schlafe halb geschlossen: — der ganze Vogel ist ein Bild der voll kommensten Friedfertigkeit. Doch schau! Schnell wie der Blitz fährt der Schnabelspieß nach vorn, der Hals streckt sich in seiner ganzen Länge, und der Kopf begräbt sich ins Wasser. Im nächsten Augenblicke hebt er sich wieder; ein handlanger Fisch zappelt im Schnabel, der ihn festhält wie ein Schraubstock und den krampfhaft Widerstrebenden mit Gewalt hinunter schlingt. Der Reiher geht dabei mit nicht geringerer Geschicklichkeit als Mordlust zu Werke. Man begreift nicht, wie er den schleimigen, in tausend Windungen sich krümmenden Aal, den mit der Hand sestzuhalten fast unmöglich sein würde, mit dem unbehilflichen Schnabel bewältigt; es ist unerklärlich, wie er den dicken Karpfen durch den engen Hals hinunter würgt: — der Reiher, als ein echter Fischräuber, vollbringt all diese Dinge mit der größten Bequemlichkeit. Dabei ist seine Verdauung eine so kräftige, daß er täglich mehrere Male sich den Leib mit Fischen füllen muß, wenn er nicht Not leiden soll. Solche Zeiten treten nun freilich auch ein. Und da bleibt ihm denn nichts anderes übrig, als auf der Speisekarte, die ihm die Natur vorlegt, auch weniger schmackhafte Gerichte auszuwählen: er geht den Erdsalamandern, Schlangen, Molchen und Fröschen zu Leibe; auch Muscheln hebt er aus ihrem schlammigen Lager; ja in Notzeiten verschmäht er selbst Würmer und Kerbtiere nicht, wennschon es ihm ent setzlich viel Arbeit machen muß, seinen stets regen Appetit mit so wenig ausgiebiger Nahrung zu befriedigen. Denn von Natur ist er auf Fisch nahrung angewiesen, und dadurch wird er zu einem gefährlichen Verwüster der Fischereien, dem man ans Leben geht, wie und wo man nur irgend vermag. Aber es gilt selbst dem erfahrensten Jäger für ein Kunststück, einen Reiher zu beschleichen. Wie ein geübter Jagdhund das Wild schon von ferne wittert, so erspäht das scharfe Auge des Reihers jedes Anzeichen, das eine Gefahr kündet. Ein kurzes, warnendes „Ka," das einer oder der andere der fischenden Vögel ausstößt, genügt, um sie zum Erheben über den Wasser spiegel zu bringen, und trifft sie nicht in diesem Augenblicke der tödliche Schuß, so hat der Jäger Geduld und Scharfsinn vergeblich aufgewendet. Mit langsamen Flügelschlägen, die langen Beine nach hinten gestreckt, 7 *100 streichen sie weit ab von dem Orte, wo ihnen Gefahr droht. Man merkt dann höchstens aus dem gellenden, trompetenartigen „Kräk," daß hoch oben in der Luft der vertriebene Fischräuber vorüberzieht, und das Auge folgt ihm, bis er, anscheinend fast zu einem Punkte zusammenschrumpfend, im Grün der Wiesen verschwindet. Selten sucht er dabei, hat er nicht Junge im Neste sitzen, seinen Horst auf. Denn so mißtrauisch der Reiher auf der Streife nach Fischen ist, so ängstlich vermeidet er es, dem Jäger die Richtung nach seinem Neste zu zeigen. Dieser muß es vielmehr in den meisten Fällen selbst aufsuchen. Im dichten, unzugänglichen Röhricht geborgen, findet sich der Horst. Bei seiner Anlage hat der Reiher nichts bewährt von der Sauberkeit, mit der zum Beispiel der Fink sein Nest rundet und es in Fürsorge für die Jungen mit Haaren und Federn weich auspolstert. Starke Rohrhalme zusammen gebogen, etwas dürres Reisig darübergebreitet, — das ist das wenig wirt liche Heim des Fischräubers; so wenig dicht ist es, daß die einfarbigen, mattgrünlichen Eier von unten deutlich zu sehen sind. Und wie die Be hausung unwirtlich, so ist auch die ganze Umgebung ein Bild größter Un sauberkeit: angenagte Fische, die zu verschlingen sein Hals zu eng war, liegen rings umher und verpesten die Luft; mit trockenem, weißlichem Kot sind Rohr und Schilf besudelt. Denn die drei bis sechs Jungen, ebenso gefräßig wie die Alten, werden bis zum Flüggewerdcn reichlich mit Fischen genährt und verwandeln durch die Abfälle die Umgegend des Nestes in ein wahres Schmutzloch. Und da nun der Reiher gern in Gesellschaft nistet und sich in einem sogenannten „Reiherstande" fünfzig, zuweilen hundert Nester finden, so erklärt sich, daß für manche wasserreiche Gegend der Reiher zur wahren Landplage werden kann. Selbst im Zusammenleben mit seinesgleichen beweist der Reiher sich als ein arglistiger, räuberischer Gesell. Da fehlt jedes friedliche Zusammen leben, aus den Räubern draußen werden Diebe daheim, von denen der Stärkere dem Schwächeren manches mühsam ergatterte Beutestück wieder abjagt. Selbst der Schutz der eigenen Jungen, welcher sonst die schwächsten Vögel zu wahrer Todesverachtung entflammt, liegt dem Reiher nicht schwer auf dem Herzen. Man hat beobachtet, daß beim Raube eines jungen Reihers durch einen Fischadler der Alte murrend und drohend vom Horste ging, aber den Räuber ruhig mit seinem Kinde davonziehen ließ, während nur ein Versuch, seine gefährliche Waffe und seine Kraft anzuwenden, der Tod des Räubers gewcseu sein würde. So zeigt sich der Reiher als ein Feind aller, und deshalb ist auch die Hand des Menschen mit Recht zu seiner Verfolgung und Vertilgung aufgehoben.101 Während die Jagd des schädlichen Vogels gegenwärtig ausschließlich mit der Flinte betrieben wird und nur selten von Erfolg begleitet ist, zog man es in früherer Zeit, besonders im Mittelalter, vor, den Blut durst eines anderen Räubers aus der Vogclwelt gegen ihn zu entfesseln. Man „baizte" den Reiher, das heißt, man fing ihn mit Hilfe eines Falken. Wie heute zur Hcrbstzeit lustige Jägerscharen hinausziehen in den Wald, von Treibern und Hunden begleitet, so galt es in jenen Zeiten für ein ritterlich Spiel selbst der Edeldamen, mit dem Jagdfalken auf der Hand zur Reiherbaize zu reiten. Die scharfen Fänge mit einer ledernen Uin- kleidnng versehen, an die Hand des Falkeniers gefesselt durch eine starke Lederschnnr, die Augen verdeckt durch eine lederne Haube, — so wurde der hungrige Jagdfalke bis zu dem Reiherstande transportiert. Der mit schwerem Flügelschlage hoch oben dahinstreichende Reiher wurde dann der Gegenstand einer aufregenden Jagd. Sobald der Jagdfalke, der Haube entledigt, seiner Beute ansichtig wurde, erhob er sich kräftigen Fluges, um seinen Gegner von oben her mit vernichtendem Stoße anfallen zu können. Aber schon hatte auch dieser scharfen Auges die Gefahr erspäht. Mit dem Mute der Verzweiflung wandte er sich gegen den furchtbaren Gegner, und seine Schnabellanze war eine Waffe, die, wenn sie traf, um so furchtbarer wirken mußte, je kräftiger der Stoß war, mit dein der Falke sich auf den Reiher warf. Diesen tödlichen Stoß zu vermeiden, hatte man dem Falken durch sinnreiche Mittel ans das sorgfältigste gelehrt. Darum waren auch die ersten Stöße stets nur blinde, das heißt, nicht ans das Ergreifen des Reihers, sondern nur auf dessen Ängstigung und Einschüchterung berechnet. Aber endlich kam der geeignete Augenblick, wo der Jagdfalke, seines Opfers sicher, sich mit furchtbarer Gewalt diesem in den Nacken stürzte und ihn unter angstvollem Flügelschlage mit sich zu Boden riß. Das Los, welches den Reiher hier traf, war meist ein über Gebühr günstiges. Man beraubte ihn seiner schönsten Federn, legte ihm einen Metallring um den Fuß, auf dem Ort und Zeit des Fanges eingegraben war, und schenkte ihm dann die Freiheit wieder. Man setzte eben damals die Rücksicht auf das eigene Vergnügen häufig über die Sorge um das allgemeine Wohl. Daß man dem Räuber heute scharf mit Pulver und Blei zu Leibe geht, ist zwar weniger romantisch, aber nutzbringender.—- 102 Die Möwen und ihre Verwandten. üppige Fruchtbarkeit des Schlammbodens der Arbeit des Ackerers doppelten Lohn verheißt; Frachtschiffe nutzen die bequeme Wasserstraße; Fischer und Fährleute ziehen ihren Gewinn aus dem Wasser, und wer seine Freude hat an dem stillen Weben der Natur, sucht mit Vorliebe die grünen, schilfumbuschten Ufersüume. Denn da läßt sich das Tierleben ungestört belauschen. Der Reiher, der schweren Flügelschlags langsam über das Wasser schwebt, der weiße Storch, zuweilen in Gesellschaft seines einsiedlerisch lebenden Ver wandten, des schwarzen Storches, — das sind nur die großen, jedermann ins Auge fallenden Gestalten aus der Vogelwelt. Verborgener halten sich die kleinen Leute, die in oder dicht bei dem Gcröhricht des Ufers ihr Häuslein aufgeschlagen haben, wie die Wasseramsel, der Wasscrstar und die zahlreichen Arten der Rohrsänger; sie führen ein durchaus heimliches Leben und gehen aus dem grünen Schatten ihrer Nistplätze, wo blaue und braune Libellen zu Besuch kommen, nicht gern weit hinaus auf die freie Fläche des Stromes. Aber auch dieser mangeln nicht die gefiederten Streifer. Möwen nennen sie die Anwohner des Flusses, indem sie die selben für Glieder der großen Vogelfamilie halten, die zu ungezählten Tausenden längs aller Meeresküsten sich findet. Und in der That ist der Vogel von ganz anderem Wesen und Treiben als die dem Festlande angehörigcn Vogelsippen. Er ist zwar nicht groß, etwa anderthalb Spannen lang, und an dem weißlichen Gefieder mit schwärzlichem Kopf und schwärzlichem Bauche zeigt sich auch keine besondere Farbenpracht; aber er vereinigt in seinem Bau in vollendeter Weise die Vorzüge der Flieger und Schwimmer. Lang und schmal sind die Flügel und weit hinausgestreckt über den gegabelten Schwanz, so daß der Vogel dadurch unverkennbare Ähnlichkeit mit der Flugkünstlerin Schwalbe erhält; dazu aber sind die drei Vorderzehcn der ziemlich langen, kräftig entwickelten schönroten Beine mit Schwimmhäuten ausgestattet, zwar nicht so breiten, wie der ungefüge Fuß der Gans, aber doch hinlänglich, um den Vogel über Wasser zu erhalten. Aber des Vogels Lebenselement ist doch die Luft. Es gewährt einen in großer Strom im platten Lande ist und bleibt doch die nimmer ruhende Herzadcr für alles Leben der Natur und alles Treiben der Menschen. Diese siedeln dichtgedrängt in den Niederungen, wo103 überaus anmutigen Anblick, wenn er mit weitgebreiteten Schwingen eleganten Flugs daherkommt; nun senkt er sich in schöner Bogenlinie gegen den Wasserspiegel; dann steigt er wieder auf, und seine Gestalt zeichnet sich scharf gegen den Himmel ab. Den spitzen, roten Schnabel nach unten gekehrt, mustert er spähenden Auges den Wasserspiegel. Wo ein Fischlein im Sonnenlicht spielt, dahin lenkt er den behenden Flug; sein Stoß in das Wasser ist schnell und kräftig; häufig greift er die Beute fast von der Oberfläche hinweg und nicht selten sieht man ihn sogar auf kurze Zeit unter dem Wasserspiegel verschwinden. Denn er ist ein Fischräuber, der trotz seiner geringen Größe seinesgleichen sucht. Aber das Wasser spendet ihm nur die Nahrung; für seine Brut sucht er in der Nähe des Flusses möglichst trockene Stellen. In Kieshägern oder auf niedrigen Inseln scharrt er kunstlos eine flache Grube, meist so, daß er in Gesellschaft nisten kann, und nach diesen Nistplatzen hin wird nun zur Atzung der brütenden Weibchen und späterhin der Jungen herangeschleppt, was die Jagd auf dem Flusse geliefert hat. Und Nahrungsmangel ist es nie, an dem die Jungen zu Grunde gehen; wohl aber werden sie nicht selten von den Ge fahren ereilt, welche das Wasser ihnen bringt. Wenn plötzlich herein gebrochenes Sommerhochwasser den Strom schwellt, dann hört man wohl von den Nistplätzen her ein ängstliches „Keck, keck!" Das deutet dann auf hochgestiegene Gefahr. Bei weiterem Steigen des Wassers wird der Auf ruhr unter den Vögeln ein fast beängstigender; vergebens — Eier und Junge werden durch die schlammige, reißende Flut hinweggespült! Wenn man einen Vogelkundigen nach Geschlecht und Art unserer Fischräuberin befragt, so erhält man die befremdliche Antwort, daß der geschilderte Vogel gar keine echte Möwe ist, sondern die Flußschwalbe, welche sich durch den langen, gegabelten Schwanz und den graden Schnabel in der That sehr scharf von den Möwen unterscheidet. Diese berühmten Seevögel bekoinmt man allerdings im Binnenlande nur selten zu sehen; nur unter ganz besonderen Umstünden folgen sie zuweilen dem Wasser streifen des Flusses tiefer hinein in das Festland und sind dann wohl schon aus dem Bodensee und anderen Binnengewässern beobachtet worden. Will man der Möwen Leben und Treiben genau beobachte», so muß man die Mündungen der großen Ströme und die Meeresküsten auf suchen. Hier fehlen sie nie und bilden eine außerordentlich charakteristische Staffage der Landschaft. Du fährst etwa mit dem Dampfer von Hamburg nach Helgoland. Anfangs ergötzt dich noch das muntere Getümmel im Hafen: die ein- und ausfahrenden Schiffe, die kleinen Fischerbarken, die mit dem vom Winde gefüllten viereckigen Segel wacker gegen die Ebbe—» 104 ankämpfen, um zur Stadt heraufzukommen, das hurtige Hin- und Wieder schießen der Jollen, die den Hafenverkehr vermitteln. Dann fesselt die Uferlandschaft deine Aufmerksamkeit: links erstrecken sich, flach wie der Tisch, die üppigen Marschenwiesen: zur rechten Hand zieht sich eine schön geschwungene Hügelkette, stellenweis bewaldet, in deren Winkeln sich an mutige Villen versteckt haben, von denen sorgsam gepflegte Gärten sich gegen den Fluß hinuntersenken. Je mehr aber das Auge sich mit diesen Bildern vertraut gemacht und je flacher die Hänge werden, desto mehr fesseln den Blick die Scharen munterer Möwen, die jeden Teil des Flusses beleben. Dem Binnenländer erscheinen sie anfangs wie Tauben, die um die Speicher der Stadt schwärmen; bald aber kommt er über ihre Schwimm vogelnatur zur völligen Klarheit. Sie suchen die breite Fläche des immer mehr sich erweiternden Stromes, selten, daß sie nach den Ufern hinüber ziehen. Ihr Flügelschlag ist ein langsamer und bedächtiger; oft schweben sie mit gebreiteten Schwingen auf weite Strecken dahin. Wohl nur selten erheben sie sich weit über das Wasser; in der Regel halten sie sich sehr nahe zu dem Elemente, das ihnen Tummelplatz, Speisekammer und Speise saal zu gleicher Zeit ist. Man kann kaum etwas in seiner Art Anmutigeres sehen, als wenn eine Möwe sich ans das Wasser niederläßt; sie erinnert an den Schwan, der, indem er sich gleichsam seiner Schönheit bewußt ist, das weiche Gefieder anmutig halb spreitet, halb schließt; so senkt sich auch die Möwe auf das Wasser, leise, leise, daß kaum verlaufende Weilchen sich heben; wie eine Schaumflocke schwebt sie auf der klaren Flut, spielend mit den Genossen und sich dann wieder leicht erhebend zum kreisenden Fluge. So ein klarer, ruhiger Sonnentag ist dann freilich auch ein Sonnen blick im Leben der Möwe. Aber es kommen auch Tage, wo der Sturm schauerlich um die Dünen heult, wo Sturmflut und Brandung den fahlen Gischt hoch in die nebelgraue, regenschwere Luft peitschen, wo sich weder Mensch noch Tier vor den jähen Stößen des Sturmes zu halten vermag. Dann birgt sich das meiste Strandgevögel in Schutz gewährenden Senkungen der langen Sandwülle. Die Möwe aber wird vom heftigen Nahrungs bedürfnis hinausgetrieben auf das Meer. Heißhungrig senkt sie sich in die Wellenthälcr; ängstlich weicht sie nach oben, wenn ein aufspritzender Wellenberg heranrollt; oft faßt sie der Sturm und reißt sie weite Strecken fort, ehe sie die Richtung ihres Fluges wieder anzunehmen vermag. Der Möwenschrei, schon an und für sich nicht anmutig, steigert sich dann zum schrillen Kreischen, das sich scharf von dem hohlen Pfeifen des Sturmes unterscheidet.105 Die gestaltenreiche Sippe der Möwen unterscheidet sich von unseren binnenländischen Flußschwalben hauptsächlich durch den seitlich stark zu- sammengedrückten Schnabel, dessen obere Hälfte an der Spitze hakenförmig nach unten gebogen ist, während der Unterschnabel sich vorn fast eckig nach unten zukantct, und durch den grade abgestutzten oder doch nur schwach ausgeschnittenen Schwanz. Auch im Gefieder haben sic eine starke Familien ähnlichkeit. Fast keiner Art fehlt das den Augen so wohlthuende „Möwen blau," eine eigentümliche Schattierung zwischen blau und grau. Dieser Möwen Leim Fischfang. Farbenton tritt bei einigen Arten in tieferer Schattierung auf, bei anderen dämpft er in außerordentlich wirksamer Art das blendende Weiß des weichen Federkleidcs. Sonst aber hat jede Art der großen Familie auch wieder ihre eigentümliche Tracht. So zeichnet sich die Lachmöwe, die in Nord deutschland häufigste Art, durch die nußbraune Fedcrkappe aus, welche Kopf nud Vorderhals überzieht und welche gegen den Winter in unschein bares Grau übergeht. Die Silbermöwe, welche die Größe einer statt lichen Ente erreicht und die besonders an den Küsten Skandinaviens und den einsam gelegenen nordatlantischen Inseln nistet, hat schneeweißes Kopfgefieder, und der über die Rückenseite gebreitete schön möwenblaue106 -— Federmantel steht ihr außerordentlich anmutig. Noch farbenprächtiger ist die Mantelmöwe, die fast so groß ist wie eine Gans und ebenfalls in hoch nordischen Gegenden nistet; auch bei ihr strahlen Kopf und Hals in reinstem Weiß, zu dem das grauschwarze Gefieder des Oberrückcns und der Flügel einen wirksamen Gegensatz bildet. Selbst auf Schnabel und Läufe erstreckt sich die Farbenpracht: das Lackrot dieser beiden Organe steht der Lach möwe nicht minder schön als der Silbcrmöwe und der Mantelmöwe das gesättigte Gelb. So sehr es die Möwen lieben, über dem Wasser umherzuschwärmen, so sehr hängen sie an: Lande, und cs mag selten Vorkommen, daß einer der Vögel, vom Sturme verschlage», sich mehrere Meilen weit vom Lande findet. Am Strande legen sie ihre Nestkvlonieen an; — denn sie nisten meist in Gesellschaft. Wo ein toter Fisch oder ein Schattier von den Wellen an das Ufer gespült wird, da sammeln sie sich zu gierigem Schmause, wobei sic mit ihren hakigen Schnäbeln der Beute große Fleischstücke vom Leibe reißen; sie folgen jedem aus- und einsegelnden Schiffe, durch Er fahrung belehrt, daß durch mancherlei in See geworfene Küchenabfälle ihnen der Tisch gedeckt ist. So sehr sie zu nutzen wissen, was im Haus halt der Menschen an Fleischabgängen abfällt, so ängstlich meiden sie jede vertrauliche Annäherung. Erfahrung übler Behandlung mag sie zu diesem Verhalten bestimmen; denn es ist an den Küsten zu beobachten, daß junge Möwen, besonders die zierlichen Lachmöwen, wenn sie jung aus dem Neste gehoben werden, sich leicht zähmen lassen und bei guter Behandlung sich so an ihren Herrn gewöhnen, daß sie diesem ins Freie und wieder zurück folgen. Freilich ist dann durch die Gefangenschaft ihre Natur so verändert, daß der ursprünglich fleischfressende Vogel nun mit Brot und ähnlichem vorlieb nimmt. An unseren deutschen Küsten wird die Möwe nicht eigentlich als Nutzvogel angesehen. Allerdings können ihre Eier gegessen werden; aber das Fleisch ist von abscheulich thranigem Geschmack und völlig ungenieß bar. Wo dagegen sich Tausende der Vögel zu Ungeheuern Schwärmen vergesellschaften, wie im hohen Norden, wo die größere Kargheit der Natur den Menschen zu sorgsamster Benutzung ihrer Gaben zwingt, da weiß man den Eierertrag, den die Möwen gewähren, wohl zu schätzen. Wie bei uns die meisten ländlichen Besitzungen ihren Anteil haben an Acker, Wiese und Wald der Flur, so dort an den sogenannten Vogelbergen, den Brütplätzen der Möwen längs der Küste. Dort hegt man sie und hält jede unnötige Störung von ihnen fern; dafür aber hält denn auch der Mensch mehr mals im Jahre seine reichliche Eierernte, die er durch planmäßige107 Schonung eines Teils der in jedem Neste befindlichen Eier zu einer lang andauernden und überaus ergiebigen macht. Da man hier den Möwen nur die Eier nimmt, ihnen selbst aber nicht ans Leben geht, so sind die Scharen, die einen solchen Vogelberg bevölkern, ganz ungeheuer große. Von denselben giebt die Schilderung eines Reisenden, der am Nordkap einen solchen Vogelbcrg sah, dessen Bewohner durch einen Kanonenschuß auf- gcscheucht wurden, eine anschauliche Vorstellung. „Eine gewaltige Wand erhob sich wie eine riesenhafte Schiefertafel, welche mit Millionen kleiner weißer Pünktchen bedeckt ist; unmittelbar nach dem Donner des Schusses lösten sich diese Pünktchen teilweise ab vom dunkeln Grunde, wurden lebendig, wurden zu Vögeln, zu blendenden Möwen und senkten sich minutenlang auf das Meer hernieder, so dicht, in einer so ununterbrochenen Folge, daß man vermeinte, ein unerwarteter Schncesturm sei losgebrochen und wirbele riesenhafte Flocken vom Himmel hernieder; minutenlang schneite es Vögel, auf unabsehbare Ferne hin bedeckte sich das Meer mit ihnen, und noch erschien die Wand fast ebenso dicht betüpfelt als vorher." So giebt das geflügelte Volk der Möwen jeder nordischen Küstenlandschaft ein nimmer fehlendes, höchst eigentümliches Gepräge. Aber unter dem friedlich auf Fische jagenden Möwenvolke finden sich nicht selten räuberische Genossen, die sich die Früchte der Fischarbeit der übrigen zu nutze machen. Überall in den nordischen Meeren lebt die Schmarotzer-Raubmöwe und wandert längs der Küsten nicht selten bis an unsere Flußmündungen. Sie ist ein ziemlich stattlicher Vogel, etwa von der Größe des Kolkraben. Schon das graubraune Gefieder kennzeichnet sie als nicht recht zugehörig zum Möwenschwarm, noch mehr die harte Wachshaut am Grunde des Schnabels, die ihr etwas Raubvogelartiges' giebt. Und in der That ist sie von durchaus räu berischen Gewohnheiten. Sie selbst vermag nicht mit der Geschicklichkeit der eigentlichen Möwen den Fisch im jähen Stoß herauszuholen aus dem Wasser; aber sie versteht sich auf das Geschäft des Wegelagerns trotz einem. Überall ist sie bei der Hand, wo ein ergiebiger Fang ge macht wird und wo sich ein zappelnder Fisch im scharfen Schnabel einer Möwe windet. Dann beginnt ihr Geschäft. Sie stößt frech auf die geschickte Fischerin; diese mag fluggewandter sein als die Raubmöwe, — mit dem zappelnden Fische beschäftigt, kann sie ihr nicht entkommen; die Stöße werden häufiger, die Angriffe mit dem scharfen Hakenschnabel heftiger: — da läßt die Möwe, um der räuberischen Genossin ledig zu werden, den Fisch fallen, der dann, che er die Wasserfläche erreicht, von der scharfspähenden Raubmöwe als willkommene Beute erhascht wird.108 Manchmal freilich spielt ihr die Freßgier einen herben Streich. Schiffs passagiere werfen, um sich in der Einförmigkeit der Fahrt die Ab wechselung der Jagd zu verschaffen, einen mit einem Haken versehenen Köder dem das Schiff umschwärmenden Tiere zu. Dieser ist meist im Schnabel verschwunden, ehe er das Wasser erreicht. So fängt man den gefräßigen Vvgel, wenn es ihm nicht gelingt, durch eine gewaltige Kraftanstrengung loszukommen und mit blutendem Schnabel das Weite zu gewinnen.I. Nus üer Heimst. Steinerne Fragezeichen. überall in der Natur trifft man auf Erscheinungen, die, mit k dem Scheine des Rätselhaften angethan, das Nachdenken an- regen und die Einbildungskraft beschäftigen. Man darf nicht meinen, daß dies nur in solchen Gegenden der Fall sei, denen man, nach einem landläufigen Ausdrucke, „Naturwunder" zuschreibt; auch die einförmigste Ebene bietet genug des Interessanten, wenn man nur ein Auge hat, das geübt ist in der Kunst des Beobachtens, und einen Sinn, der sich gern hineinversenkt in die Fragen, welche die Natur an den Menschen stellt. Versuchen wir es einmal, eine solche Frage zu lösen. Wer je einmal durch die große Niederung gekommen ist, welche sich in ganz Norddeutschland zwischen die Hauptwasseradern lagert, dem sind bei der Betrachtung des Bodens auch wohl fremdartige Erscheinungen ausgefallen. Hier stößt der Pflug des Landmanns auf einen mächtigen Steinblock, und wenn er sich die Mühe nicht verdrießen läßt, ihn aus seinem Lager zu heben, so findet er, daß er nach seinem Aussehen und Gefüge grundverschieden ist von dem Gestein, das aus dem benachbarten Steinbruche herausgesprengt wird. Anderwärts lagern diese Steinblöcke auf der oberen Erdkrume; Tausende von Centnern schwer, weit hinein gesunken in die lockeren Lehm- oder Thon- oder Sandschichten, liegen sie da als Zeugnisse von Kräften, die in Urzeiten hier thätig waren, nun aber scheinbar erloschen sind und nur ihre Gedächtnisschrift in diesen Riesenblöcken geschrieben haben.112 Unsere Vorfahren, welche in die Erscheinungen der Natur einen tie feren Sinn zu legen gewohnt waren, sahen diese fremdartigen Gesteine wohl manchmal mit einem Gefühl heimlichen Grauens an. Giebt es doch fast keinen Ort, der nicht seine Teufelssage hätte: wie der böse Geist beim Bau einer Kirche als thätigcr Gehilfe sich erwies, wie der Bau meister ihm dies oder jenes Versprechen gemacht hatte, wie aber durch einen gescheiten Einfall desselben der Satan um den erwarteten Lohn gebracht wurde, und wie er nun im Grimm einen Riesenblock gegen das Gotteshaus schleuderte, der aber durch göttliche Fügung von dem Kirchlein abgelenkt wurde. So oder ähnlich erzählt sich das Volk noch heutzutage über den Ursprung der rätselhaften Steinblöcke, die ohne Regel über die Feldmarken zerstreut umherliegen, und die Kunde Pflanzt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Während aber so die Sage die steinernen Fremdlinge mit ihrem Geranke umspinnt, macht der Mensch diese selbst sich vielfach nutzbar. Vielerorts nutzt man als willkommenen Baustein, was die Natur ohne Zuthun zum Gebrauch zurechtgelegt hat; besonders große und schöne Exemplare der Gesteine wählt der Bildhauer zum Material für seine Kunstwerke, und wer einmal die mächtige Steinschale gesehen hat, welche in Berlin den Platz vor dem Museum ziert, der hat sicher auch gehört, daß diese aus einem der größten dieser rätselhaften Findlingsblöcke ge meißelt worden ist, die je auf dem Sandboden der Mark Brandenburg gefunden worden sind. Und so wären wir aus dem nebelhaften Reiche der Sage auf einmal hineinversetzt in das frische Leben der Gegenwart, das auch die rätselhaftesten Erscheinungen auf ihr „Wie" und „Warum" prüft. Da haben denn nun die Naturforscher die Findlingsblöcke als freinde Einwanderer in deutsches Gebiet zuerst nach ihrem Heimatschein gefragt. Dieser ist klar und deutlich geschrieben. Die Findlingsblöcke bestehen aus Granit, einem überaus harten und festen Gestein, das sich von allen ähn lichen Gesteinen durch einen eigentümlichen Gemengteil, silber- oder gold glänzende Glimmerblättchen, scharf unterscheidet. Alle Findlingsblöcke stammen demnach aus Gebirgen, welche aus Granit aufgebaut sind. Das ist der Heimatschein dieser rätselhaften Gebilde, der ebenso deutlich spricht und ebenso unzweifelhaft ist, als hätte eine Staatsbehörde ihr Siegel darunter gedrückt. Auf Grund dieses Heimatscheines haben nun die Naturforscher die Frage nach der Herkunft der Findlingsblöckc untersucht. Alan schaute sich da zunächst in der deutschen Gebirgswelt um. Aber ganz Norddeutsch land hat nur zwei Gebirge, in denen sich Granitgestein findet, den Harz113 und weiter gegen die Oder hin das Niesengebirge, und diese Granit-Inseln sind verhältnismäßig so klein und das mit Findlingsblöcken überstreute norddeutsche Tiefland so groß, daß man unmöglich die Heimat der Find- lingsblöcke in diese Gebirge verlegen konnte. Man mußte sich also nach den benachbarten Gebirgsländern Umsehen, bei denen ebenfalls Granit das hauptsächlichste Material ihres Baues bildet und die gleichzeitig bequem genug liegen, um den Transport der Findliugsblöcke in das norddeutsche Tiefland erklären zu können. Das nächste dieser Gebirge auf deutschem Gebiet sind die Alpen. Sie zeigen einen durch ihre Mitte hindurchlaufenden mächtigen Granitgürtel, so gewaltig, daß von hier aus nicht nur ganz Deutschland, sondern ganz Europa mit Riesenblöcken überstreut werden könnte. Anders aber gestaltet sich die Frage nach der Möglichkeit des Transportes. Vor dem Granitgürtel der Alpen nämlich lagert ein breiter Mantel von Kalkgestein, so vielfach in Thäler zerspalten und zu Schluchten zerrissen und stellenweis so hoch über den Granitgürtel im Süden hinaus ragend, daß keine irdische Kraft im stände wäre, die Granitblöcke ans den innersten Alpenwinkeln heraus bis zu ihrer jetzigen Lagerungsstelle hinzu führen. Und damit ist festgestellt, daß die Heimat der norddeutschen Find lingsblöcke nicht die Alpen sein können. Nichten wir nun den Blick nach Norden, so treffen wir innerhalb der deutschen Grenzen kein Granitgebirge mehr; denn die norddeutsche Ebene senkt sich langsam verlaufend gegen ihre beiden Meeressäume hinunter, und wo ja einmal eine Erhcbungsmasse die Fläche unterbricht, da ist es in den meisten Fällen weicher Lehm-, stellenweis auch wohl Kreidebodcn, nimmer aber der harte, körnige Granit. Über der Ostsee treffen wir endlich wieder auf Granitgestein. Stellen weis tausend Meter hoch, kehrt sich der Gebirgsbau Skandinaviens wie eine gewaltige Felsenfestung gegen die Wogen des Atlantischen Oceans, und wenn sich auch das Land gegen Osten hin allmählich senkt, sein Körper besteht doch allerorts aus schön-rötlichem Granit, ungleich massiger noch gelagert als der Granit der Alpen und deshalb ebenfalls hinreichend, um ganz Europa mit Findlingsblöcken zu übersäen. Aber zwischen den Granit gebirgen Skandinaviens und den Lagerungsstellen der Findlingsblöcke in der norddeutschen Ebene liegen weit über hundert Meilen und dazwischen flutet das Meer; welche Kräfte hatte die Natur zur Verwendung, um diese zuweilen so riesenhaften Blöcke dahin zu transportieren, wo jetzt der Norddeutsche die Fremdlinge aus dem fernen Skandinavien zu Bausteinen meißelt? Denn es ist leicht einzusehen, daß ohne Nachweis der Wanderung selbst die sichere Kenntnis der Heimat nicht zur völligen Gewißheit über die stattgefundene Wanderung führen kann. Also: wie sind die Findlings- 8 Hummel, Bilder a. d. Wcltk.114 blöde über das Meer zu unseren Gegenden geführt? — Das war die dritte Frage, welche die Naturforscher sich vorlegten. Die Reisenden, welche Hochgebirge besucht haben, erzählen von der Zertrümmerung der Bergflanken und Hänge. Da sickert zur Sommerszeit das Wasser in alle Ritzen und füllt alle Klüfte aus, und wenn dann der Winter kommt, so wandelt sich jeder Wasserfaden im Gestein zu einem Eiskeil um, der, sich ausdehnend, gegen die Gesteinswandnngen preßt. So rückt die feste Felsmasse aus ihren Fugen, nur um ein Weniges, kaum Bemerkbares in jedem Jahr, aber doch mit jedem Winter von neuem, so daß endlich im Laufe der Zeiten die Ritzen zu Klüften, die Klüfte zu Schlünden auseinander reißen. Diese stille, geräuschlose Arbeit des gefrierenden Wassers findet ihre Stelle überall, wo Nebel und Regen das Gestein netzen, und daher sind alle Hochgegenden der Gebirge der allmählichen Zertrümmerung unterworfen: — Felsmassen werden ab gesprengt, so groß, daß sie, in die richtige Bahn gelangend, ganze Gebirgs- dorfer zu verschütten vermögen, und ähnliche Felsmassen, losgesprengt aus den Gebirgen Skandinaviens und in Blocke zerkleinert, sind es nun, welche der Bewohner des norddeutschen Tieflandes ans seinem Ackerboden als Findlingsblöcke findet. Das Transportmittel, dessen sich die Natur hierzu bedient, ist das eigenartigste, das man sich zu denken vermag. Es ist zu jetziger Zeit nicht mehr im Gebrauch, wenigstens nicht mehr in Skandinavien, und daher kommt es, daß gegenwärtig deni deutschen Tieflande oder doch wenigstens den deutschen Meeresküsten die Ankunft solcher nordischen Fremdlinge eine unbekannte Erscheinung geworden ist. Aber weiter im Norden, in der Gebirgs- und Eiswelt Grönlands, finden wir den Transport der Gesteins blocke noch ebenso im Gange, wie dies in Urzeiten sicher zwischen Skan dinavien und Deutschland der Fall gewesen sein muß. Auch die Gebirge Grönlands zeigen dieselbe Zertrümmerung, wie alle Hochgebirge der Erde, auch bei ihnen füllen sich die Thäler mit den ab gesprengten Gesteinsblocken. Aber während diese in den Gebirgen südlicherer Länder in den Thalspalten sich lagern, oder von den Gebirgswassern in tollem, sprudelndem Laufe in die Vorländer der Gebirge hinausgeführt werden, stürzen sie in den Gebirgen Grönlands auf die Eisströme hinunter, welche die Thalspalten ansfüllen, sich langsam thalein bewegen und als Gletscher sich ins Meer hinuntersenken. Diese Gletscher aber sind die Wagen, auf denen die in den innersten Gebirgswinkeln losgesprengten Gesteinsmassen endlich, wenn auch nach jahrhundertelanger Wanderung, das Meer erreichen. Festgefroren und tief eingesenkt in die Oberfläche des115 Eisstromes, tauchen sie mit diesem, der seinen Fuß in das Meer hinunter senkt, zuerst weit unter Wasser; ist aber später der unter Wasser liegende Teil des Gletschers zu bedeutendem Umfange angewachsen, so reißt er endlich, da Eis leichter ist als Wasser, los, und das losgesprengte Stück hebt sich wieder zur Oberfläche, wo es, den Strömungen des Wassers folgend, als ein mit Steinen belasteter schimmernder Eisberg seine Reise durch den Ocean antritt. Man weiß aus den Berichten der Polarschiffer wie häufig die in wunderlich geformten Hörnern und Zacken aufragenden klarblauen Eisgewölbe bersten oder ganz und gar in Trümmer gehen, und wie sie dabei, was sie an Gesteinsmassen ans ihren heimischen Bergen hinweggeführt haben, zu Grunde sinken lassen. Dort lagern sich die Blöcke in Schlamm oder Sand ein, um vielleicht in anderen Perioden der Erd geschichte, wenn da, wo jetzt das Meer flutet, Wiesengründe sich dehnen oder Saatfelder im Sommerwinde wogen, von den Bewohnern dieser Landstriche ebenso angestaunt und benutzt zu werden, wie die Findlings blöcke unseres norddeutschen Flachlandes. Aber, fragt man mit Recht, woher weiß man, daß einst durch die Thalschluchten Skandinaviens in gleicher Weise Eisströme sich hinunter wälzten und die hoch oben im Gebirge losgesprengten Gesteinsmassen ins Meer hinuntertrugen? Wenn draußen auf sandiger Heide ein fast verschwindender Pfad durch das Heidekraut sich dahinzieht, und man sieht in demselben regelmäßige Gleise, die in gleicher Breite sich begleiten, so schreibt man diese Spuren wohl mit Recht einem Wagen zu, der seinen Weg durch die Heide ge nommen hat. In ähnlicher Weise hat man in den Thalspalten Skan dinaviens die Gleise eines Wagens, der die Gesteinsblöcke in das Meer hinunterführte, aüfgefunden. Freilich sind diese Gleise von höchst sonder barer Art. Droben am Berghang, oft viele Meter über der Thalsohle, zeigt sich die Thalwand eingerissen, zu beiden Seiten in gleicher Höhe, und die Risse sind so glatt ausgeschliffen, daß sie noch jetzt, nach vielen tausend Jahren, wie poliert erscheinen. Eine solche glänzende Politur des harten Granits läßt sich aber nur dadurch erklären, daß durch Jahrtausende hindurch sich feste Massen längs der Thalwände bewegten, — die oberen Ränder der Eisströme nämlich, die einst diese Thäler füllten und die hoch oben in der Gebirgswildnis losgesprengten Gestcinsblöcke auf ihren breiten Rücken hinabführten zum Meere. Dort trieben sie dann, wie noch heute die Eisberge Grönlands, mit ihrer steinernen Fracht beladen gegen Süden, und wo sie, vom wärmeren Wasser zernagt, barsten, oder wo sie an der Küste strandeten, da sanken auch die Gesteine zu Grunde. So war, allem 8 *-—- 116 Vermuten nach, der seltsame Wagen beschaffen, dessen sich die Natur be diente, um die rätselhaften Findlingsblöcke an ihre heutigen Fundorte zu transportieren. Zwei Gedanken knüpfen sich von selbst an die gewonnene Erkenntnis. Skandinavien muß in Urzeiten ein kälteres Klima besessen haben als gcgen- wärtig, damit es ebenso ein Schauplatz der Gletscherbildung werden konnte, wie es heutzutage noch Grönland und die Eisregion unserer deutschen Alpen ist; und zu derselben Zeit muß das Nordmeer noch die heutige norddeutsche Ebene überdeckt, ja vielleicht bis an den Fuß des mittel deutschen Berglandcs gereicht haben. Beide Gedanken würden unsere Einbildungskraft vielfach anregend beschäftigen können; aber sie können hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden. In liüüezahls limij.* - sind auf der Eisenbahn den langen heißen Sommertag hin- nrch gefahren bis in die Nacht hinein. Da hält der Zug n dem Perron von Hirschbcrg. Die Waggons werden ge öffnet; alles beeilt sich, aus dem engen, dunstigen Raume hinauszukommen in die kühle, reine Abendluft; das Gedränge von Fremden und Ein heimischen, das den Perron erfüllt, frischt angenehm auf nach der langen abspannenden Fahrt. Bald aber verteilt sich der Zusammenfluß von Menschen in einzelne Bächlein, die sich in den Straßen des Ortes immer mehr vereinzeln. Wir schließen uns einem dieser Menschenbächlein aufs * Das Riesengebirge, dem sich der Schwarm der Sommerreisenden von Jahr zn Jahr mehr zuwendet, hat infolgedessen an Wegsamkeit gewonnen; auch zahlreiche „Bauden" sind neu entstanden, die freilich nur vornehme Gasthäuser sind. Sv wird dem alten Rübezahl ein Stück modernes Leben nach dem andern in seine Gebirgsklüste hineingezwängt. Das nimmt denr Gebirge manches von seiner Ursprünglichkeit. Es mag deshalb, als ein Zeichen der Erinnerung, >vie es vor etwa 15 Jahren (1881) im Gebirge anssah, die obige Schilderung ihren Platz haben.117 Geratewohl an: ein Wirtshaus zum Übernachten wird ja doch in der Nähe sein, und die Schlesier sind dafür bekannt, daß bei ihnen der Fremde sich heimisch fühlt. Bald sitzen wir denn auch freundlich empfangen und wohlgeborgcn an der schnell hergerichteten Wirtstafel. Speise und Trank, beides so gut als irgendwo im lieben deutschen Vaterlande, haben nichts Eigenartiges, sie könnten ebenso gut in der Reichshauptstadt auf den Tisch gesetzt werden; aber an den Gästen merkt man es, daß man sich im Bann von Rübezahls Reich befindet. Da giebt es freilich welche, denen sieht man auf den ersten Blick an, daß cs wvhlehrsame Hirschberger Bürger sind: sie reden von städtischen Angelegenheiten, vom Stand der Ernte, vom Gange des Leiuwandhandels, wohl auch von der Arbeitslosigkeit, die unter den Webern im Gebirge herrscht; neben ihnen aber kommt auch ein mehr bewegliches Element zur Geltung. Die reden fast nur vom Wetter, und zwar immer nur mit der bestimmten Beziehung auf das Gebirge; die machen auch Pläne, trotz dem gewiegtesten Hirschberger Handelsherrn, aber es sind Reisepläne für den morgenden Tag. Manchem unter ihnen strahlt die frohe Hoffnung auf eine reizvolle Gebirgswanderung vom Gesicht, sie wollen morgen hinauf ins Gebirge; andere, und das sind die „Klug gewordenen," wissen nur abschreckende Stücklein von Rübezahls Tücken zu erzählen. Aber wie alles, so gehen auch mit der Zeit die interessantesten Reisegesprüche zu Ende, und auch wir suchen mit den letzten der Gäste die Nachtruhe. Der Morgen bringt prachtvolles Reisewetter. Warm und klar weht die Luft durch das schöne Hirschberger Thal. In den Linden vor dein Hause summen die Bienen; der Fink schmettert seine lustigsten Weisen, als wolle er den Menschen ans seine Weise einen Neisesegen mitgeben. Da wird schnell der Morgentrank genossen, Ranzel und Plaid liegen schon bereit, die Zeche wird bei der freundlichen Wirtin berichtigt, und dann hält das muntere Bölklein der Touristen nichts mehr zurück in den Zimmern des gastfreundlichen Hauses. Die Kundigen unter ihnen verraten es den Neu lingen, daß man schon von Hirschberg aus einen überraschenden Blick in das Revier des Berggeistes haben könne, wenn man nur hinaufsteige auf den Abhang des Kavalierberges, der sich mit seinen schönen Anlagen bis au den Saum der Stadt hcranzieht. Den guten Rat, und diesmal ist's wirklich ein guter, läßt denn auch wohl keiner unbeachtet. Und wie sehr belohnt sich die leichte Mühe des Steigers durch die schattigen Laubgänge hinauf zu dem vielbesuchten Aussichtspunkte! Es giebt wohl im deutschen Vaterlande keine zweite Stelle, auf der einem ein ganzer Gebirgsbau in seinem vollen Umfange so nahe und übersichtlich vor Augen118 gerückt ist, wie das Riesengebirge vom Kavalierberge aus. Zn unseren Füßen breitet sich ein welliges Flachland, von einem Flüßchen durch schlängelt, eine Stätte menschlichen Fleißes, wo Wiesen mit Getreide feldern abwcchseln, mit einzelnen Ortschaften besetzt, die zu einer meilen langen Reihe zusammentrcten — und im Hintergründe dieses lachenden Geländes, dem Auge überraschend nahe gerückt, erhebt sich der in blauen Duft gehüllte Gebirgswall, in dessen unzugänglichstes Geklüft unsere Alt vordern das Reich Rübezahls verlegten. Da erblickt man bei klarem Himmel die Felskuppen und Berghäuptcr, die bei den Riescngebirgs- wanderern einen so gefeierten Namen haben: die beiden Sturmhauben, das Hohe Rad, den Reifträger und vor allen die Niesenkoppe, die ihren imposanten Kegel wie ein König über die benachbarten niedrigeren Berge erhebt; da unterscheidet ein scharfes Auge als gewaltige nischenartige Einsenkungen des Gebirgskörpers nach der Hirschberger Seite hin die beiden Schneegruben und die Teiche; da prüft man die Sehkraft des Auges, um auf dem Gebirgskamme auch Einzelheiten, zum Beispiel die hervorragenden Felsblöcke der Mädelstcine, zu erkennen. Wer unter den Touristen bis dahin noch keine Sehnsucht hatte nach Rübezahls Gebirgsrevicr, dem wird sicher auf dem Kavalierberge das Herz weit, den zicht's mit magischer Gewalt hinein in die Thäler und auf die Höhen des blauen Gebirgsreviers. Die meisten Gebirgswanderer wühlen dann die Straße nach Warm brunn. Das ist ein sauberer Ort, dicht herangcschmicgt an die Höhen des Riesengebirgcs. Aber er paßt nicht so recht in Rübezahls Reich. Mit welchem Erstaunen würde der grimme Berggeist, der nach der Sage in seinem Revier eine strenge Straßenpolizei handhabte, das muntere Bölklcin beobachten, das jetzt im Sommer den Ort belebt, die Gefährte mannig facher Art, von der eleganten Kutsche an bis zu den Brot- oder Fleisch karren, welche vom frühen Morgen an die Straße beleben, die sauberen Landhäuser mit den wohlgcpflegten Gärten dahinter, und nun gar die Promenade bei dem stattlichen Grafcnschloß, auf welcher sich das bunte Treiben der Badegäste entfaltet von der Morgenmusik an bis zu dem Abendkonzert, das alle in die laue Nachtlust hinauslockt! Des Berggeistes menschenscheue Art hätte sich wohl kaum erfreut an dem munteren Treiben — und manchmal scheint es, als ob die Wolkenmasscn, die sich vom Gebirge über das anmutige Thal herabwälzen, von seiner Hand zusammcngeballt wären, um den Menschlein zu zeigen, daß der Alte in den Bergen noch nicht ganz zur ohnmächtigen Spukgestalt ge worden ist.119 Wer sich auf der Wanderung gern von geschichtlichen Erinnerungen begleiten läßt, wandert auf steilem Pfade durch dichten Buchen- und Fichtenwald hinauf zur Burgruine des Khnast, die nur wenig ab seits von Hermsdorf sich auf steilem Felskegel erhebt. Wenn man da droben auf luftiger Höhe unter dem schattigen Laubdache längs der Vorbnrg beim kühlen Trünke sitzt, bekommt man Respekt vor den Edel geschlechtern alter Zeit; sie verstanden sich meisterlich nicht nur auf die Sicherung des eigenen Herdes, sondern bewiesen auch häufig ein Marlenlhal - Schreiberhall. feines Verständnis für die Schönheiten der Natur. Beides vereinigt sich hier in seltenem Maße. Ist schon der Ausstieg vom Hirschberger Thale her steil und beschwerlich, so ist der Burgfcls noch mehr geschützt von der entgegengesetzten Seite; dieser steile Absturz, den das Volk die Hölle nennt, bot in alter Zeit wohl noch einen Pfad für klettergeübte Ziegen, nimmer aber für den schwergewappneten Ritter. Daher glauben wir es, wenn die Geschichte der Burg erzählt, daß der Khnast zu den wenigen Vesten gehöre, die niemals belagert worden seien — und das will viel sagen für jene so fehdclustige Zeit! Droben aber auf der luftigen Höhe des alten Wartturmes erfreut die andere Seite des Bildes: die weite Rundsicht auf das Hirschberger Thal, weit über die sauberen Orte im120 Thal und die stattlichen Türme der alten Vergstadt hinweg bis zu den blauen Höhen des Boberkatzbach-Gebirges, welche gen Mitternacht den Gesichtskreis schließen. Vom Kynast aus schlagen die meisten Gebirgswandcrer den Weg nach Schreiberhau ein, das man bei tüchtigem Ausschreitcn in zwei Stunden erreicht. Schreiberhau ist dem Namen nach ein Dorf; aber die 4000 Ein- wohner, die zu dem Kirchspiel gehören, stellen es in dieser Hinsicht über manches Städtchen. Und es ist hochinteressant, für einen halben Tag in einem der freundlichen Gasthäuser an der Straße Station zu machen und sich den Ort und die Leute darin genauer anzuschen. Da fällt zuerst ins Auge die sonderbare Art der Dorfflur. Was an Wicscngrund vor handen, das schmiegt sich in schmalen Streifchen dem Flußlause an, er freut aber auch aus diesem Grunde selbst im trockenen Hochsommer durch eine so saftige Frische des Grüns, wie man sie im Flachlande nirgend findet. Vom Thal des Zacken aber öffnen sich gegen das Riesengebirge hin eine Anzahl von Seitenthälern, jedes mit dem Silberfadcn eines sprudelnden Bergwassers im Grunde, unter denen das vom Riesen- gebirgskamme herkommende Zackerle wohl das namhafteste ist. Und in all diese Thäler sind die Menschen vorgedrungen bis gegen den Gebirgs- kamm hinauf. Da vereinzelt sich naturgemäß der Erwerb gar sehr. Seitlich der Thalkluft, auf den schroffen Hängen, wo Bergwiesen sich steil gegen den Tannenwald emporziehen, findet man stellenweis noch kleine Gehöfte, und man erstaunt über die Betriebsamkeit, mit der sich die Leute hier von ihrem kleinen Viehstande zu nähren wissen. Je weiter man dann ein solches Thal hinabwandert, desto behäbiger werden in der Regel die Gehöfte, bis sie endlich in der stundenlangen Hauptstraße des Ortes hier und da selbst von stattlichen Gasthäusern unterbrochen werden. Alles aber, was von der Bevölkerung abseits in den Thälern lebt, geht nach Schreiberhau zur Kirche, so daß manche Gcmeindcgenossen fünf Stunden weit zum Gotteshause zu wandern haben. Da kommt es denn wohl vor, daß viele dieser Gebirgsbewohner von Martini bis zu Ostern keine Predigt zu hören bekommen, da Schnee oder Wildwasscr in dieser Zeit die Wege sperren, — ein Glück aber für sie, daß gerade bei diesem Teile der Gebirgsbevölkerung Bibel und Gesangbuch nicht zum Staat auf dem Kannrück stehen. Wer von Schreiberhau aufs Gebirge will, kann unter den Straßen nach Geschmack wählen. Rüstige Gebirgswandcrer wählen den Weg zum Fall des Zackerle, der sein Wasser in eine zwischen dem Granitgestein tief einreißende Felskluft ergießt. Der kühle Sitz vor der am Zackcnfall121 liegenden Baude, die Frische, die das stürzende Wasser ringsumher ver breitet, die schöne Aussicht auf den gegenüberliegenden gewaltigen Fels block des Höchste ins — all das entschädigt für die geringen Mühen der Wanderung bis zum Zackenfall und stärkt zu dem mühsamen Anstieg gegen den Gebirgskamm. Wer aber behagliches Wandern liebt, selbst auf die Gefahr eines längeren Weges hin, der verfolgt von Schrei berhau aus die Fahr straße, die ihn unver merkt über Bergwiesen und durch Fichtenwald nach der südlichen Seite des Gebirges führt. So wenig steil erhebt sich der Fahrweg, daß man gar nicht merken würde, in welcher Höhe man sich befindet, böten nicht die stellenweis an der Straße stehenden Vo gelbeerbäume ein un trügliches Merkzeichen, besonders wenn man die Wanderung zur Herbstzeit macht. Dann sind drunten in Schrei berhau die reifen Vogel beeren schön hochrot; hier aber, wo die Straße die Gebirgsscheitel überschreitet, noch ganz grasgrün — da sieht denn jeder leicht ein, daß hier oben die Sonnenstrahlen nicht mehr so kräftig wirken wie drunten in Schrciberhau. Wenn man, der sich wieder senkenden Straße folgend, nach Neuwelt kommt, so deutet der österreichische Doppeladler am Hause des Ortsvorstehers darauf hin, daß man die Landesgrenze zwischen Preußen und Böhmen überschritten hat; an der Volksart aber merkt man dies nicht; denn die böhmischen An wohner des Gebirges sind ebenso gastfrei, ebenso höflich und freundlich gegen die Fremden, wie die Leute auf der schlesischen Seite. Von Neuwelt Zackcnsall.122 aber führt ein schöner, erst in den letzten Jahren angelegter Fnßweg, der sich langsam im Thale an der Gebirgsflanke in die Höhe zieht, mit all mählicher Steigung auf den Gebirgskamm. Diese Straße hat freilich nichts von Gelegenheiten, sich beim Abgleiten vom zackigen Gestein die Beine zu brechen; trotzdem aber ist sie nicht reizlos. Sie führt an einem der weniger bekannten Wasserfälle des Gebirges vorüber, dem Mummelfall, der freilich nicht so hoch herabstürzt wie der Zackenfall, dessen kaffeebraunes Wasser mit den weißen Schaumkronen darauf aber einen höchst eigentüm lichen Eindruck macht, und der vor seinem vornehmeren, bei allen Gebirgs- wanderern in hohem Ansehen stehenden Zwillingsbruder voraus hat, daß er mit unversiegbarer Wasserfüllc seinen Sprung macht und nicht wie dieser durch künstliches Aufstauen des Wassers der Natur abgequält werden muß. Und es wandert sich gut an dem murmelnden Flusse hinauf: man erfreut sich an den rotgefleckten Forellen, die blitzschnell aus einem Gesteins winkel in den anderen schießen; man begrüßt jedes Streifchen Bergwiese, das sich von den Höhen herunterscnkt, mit seinen bunten Blumen, Käsern und Schmetterlingen wie eine Oase im einförmigen Waldesgrün. Freilich, je höher sich der Weg emporzieht, desto hochgebirgsartiger wird die Land schaft: die munteren Bergwasser rauschen nur noch kaum vernehmbar tief unten im Grunde; die Tannen werden knorriger und niedriger, und man erwartet, bald Knieholz zu treffen, das sichere Zeichen, daß man sich den: Gebirgskamme nähert. So begrüßt man es nach stundenlanger Wanderung endlich mit Freude, daß einmal der Wald aufhört und man auf die weite Fläche einer Hochgebirgswiese hinaustritt. Eine Hochgebirgswiese ist freilich von den Wiesengründen im Tief lande himmelweit verschieden: — was einmal im Bann von Rübezahls Reich liegt, darf man nicht im Zauber landschaftlicher Anmut sich vor stellen. Der Wiesenboden hier oben ist uneben, ja stellenweise höckerig. Wo eine tiefere Mulde sich bildet, da quillt unter dem Fuße kaltes, braunes Moorwasser hervor; hebt man die Rasenschicht ab, so kommt man auf dichtes, schwammiges Moor. Auch die Grasnarbe ist nur aus harten, steifen Gräsern zusammengesetzt, deren Blätter häufig borstenförmig zu sammengerollt sind; sie schmückt nicht das frische, saftige Grün der Wiesen daheim, sondern hier ist das Gras fahl und gelblich, wie angebräunt von dem Moor, das überall den Untergrund der Wiese bildet. Eine Zier allerdings ist diesen Bergwiesen eigen: das sind teils hochausschießcndc, teils strunkige Kräuter, wie sie auf den Höhen der Alpen Vorkommen. Es giebt unter ihnen gar seltene Pflanzen, nach denen die Botaniker, die das Gebirge besuchen, emsig Umschau halten; andere sind so gemein, daß123 sie allen Gebirgswanderern bekannt sind. Kommt man im Juni, kurz nachdem der Schnee völlig geschmolzen ist, hinauf auf die Bergwiesen, dann wird man an die berühmten Alpenrosen erinnert durch die purpurfarbenen Blumenraseu, welche eine winzig kleine Primel bildet; etwas spater erscheint dann die schöne Weiße Blume der Alpeuanemone, die freilich zur Zeit des Hochsommers nur noch ihre besenartig gebildeten Fruchtköpfchen zeigt. Diese Fruchtköpfchen aber sind gewissermaßen ein Wahrzeichen des Gebirges ge worden: wer bei der Heimkehr den „Teufelsbart" am Hute trägt, dem Knieholz. glaubt mau es, daß er droben gewesen ist auf den höchsten Höhen von Rübezahls Reich. Die Bergwiesen, welche sich von allen Seiten gegen den Gebirgskamm hinanziehen, werden in diesen höchsten Höhen des Gebirges vielfach unterbrochen von Knieholz, das entweder als geschlossene Masse sich hinzieht, oder sich an anderen Stellen zu kreisförmigen Gruppen auf löst, die wie Vorposten von dem Heere des Berggeistes gegen die Thäler hin zur Wacht aufgestellt sind. Und es sind kernige Gestalten, diese Legföhren, die das Knieholz bilden! Mit tausend zähen Wurzelarmen klammern sie sich im Gestein fest; aber nicht empor strebt der Stamm mit dem zähen Holze, sondern in vielfachen Krümmungen und Verästelungen kriecht er am Boden entlang,124 und nur die elastischen, biegsamen Zweige richten sich etwa einen Meter hoch empor. Das giebt denn ein so ineinander gefilztes Gewirr von gekrümmten Ästen, sperrigen Zweigen und jungen, mit scharfen Nadel» besetzten Trieben, daß nur die Axt einen Weg hindurch zu bahnen ver möchte. Was thut es da, wenn der rasende Sturm über die Legföhren dahinbraust: machtlos stehen die hohen Tannen der Gewalt der Elemente gegenüber, sie werden gebrochen; das niedere Knieholz duckt sich dicht an den Boden, unschädlich tobt der Sturm an ihm vorüber. Ein Glück, daß das Knieholz sich selbst fortpflanzt, ohne daß die Hand des Försters etwas dazu thut; denn die Gebirgsbevölkerung glaubt auf dem Gebirgskamme im „freien Wald" zu sein, wo jeder nach Bedarf nimmt. Aus den Dörfern und Städten am Gebirgsfuße kommen die Drechsler herauf und holzen die stärkeren Stämmchen aus, um sie zu den mannigfachen kleinen Geräten zu verarbeiten, die man überall als Andenken an die Gebirgswanderung kanft. Der Baudenbcwohner aber sammelt nicht bloß das starke Holz, sondern er trägt jeden Zweig heim; denn er weiß sehr wohl, wie gut das harzreiche Knieholz brennt, wäre es auch noch so grün oder naß. Das Knieholz kündet dem Gebirgswanderer stets die nächste Nähe des Gebirgskammes, und es verläßt ihn nicht mehr, solange er droben auf dem Kamme bleibt. Da giebt's denn außer den Knieholzgebüschen nicht viel anderes mehr zu sehen als Moose und Flechten. Die Moose haben sich da angesiedelt, wo sich Mulden im Gestein finden; da stehen sie eng ineinandergefilzt zu einem wasserreichen Schwamm, auf dem man sich auch im Hochsommer nasse Füße holt, wenn man einmal vom Wege abirrt. Die Flechten aber überkleiden mit einer graugrünen oder gelben Schicht jeden Felsblock, der am Wege liegt. Da aber ganze Strecken des Riesen- gebirgskammes sich als eine dicht aneinandcrliegende Schicht großer und kleiner Gesteinsbrocken darstellen, so giebt die nie fehlende Flechtendecke der ganzen Hochgebirgslandschaft einen in grau getauchten Farbenton, wie er als Farbe des Kleides vom uralten Berggeist nicht besser zu ersinnen wäre. Der Kamm des Riesengebirges ist nur im Sommer einigermaßen belebt. Dann gehen bis hinauf in die Gebirgseinsamkeit vereinzelte Rinder herden, um die spärliche Grasnarbe geschützter Stellen abzuweideu. Das im Accord gestimmte Geläut ihrer Glocken erfreut — wenn auch nur selten — den Gebirgswanderer, der die volle Eigenart des Gebirges auf einer „Kammwanderung" kennen lernen will. Außer den vereinzelten Hirten trifft er dann nur noch in den Bauden auf ständige Bewohner des Gebirges. Hier laufen die Wege zusammen, welche aus den seitlichen125 Thalschluchten zum Gebirgskamme heraufführen; hier geht aller Verkehr von der böhmischen nach der schlesischen Seite hindurch; hier findet der Reisende die einzige Gelegenheit zur Erfrischung nach anstrengender Wan derung oder, dunkelt der Abend herein, zur Nachtrast. Wer von den Gebirgswanderern seinen Weg streng nach den Anwei sungen der Reisebücher einrichtet, der lernt von den Bauden des Riesen gebirges vornehmlich nur drei kennen: die neue schlesische Baude, welche den vom romantischen Zackenfalle emporsteigenden Reisenden am Saume der Knicholzrcgion begrüßt, die Schneegrubenbaude, die hoch oben am Rande der Schneegruben hinter Rübezahls Kanzel, einem rie sigen Felsblvcke, liegt, und die Riesenbau de, dicht am Fuße der Schnee koppe gelegen, wo man sich für den Aufstieg auf die Koppe stärkt. Über all in diesen und noch einigen ähnlichen Bauden erfreut man sich an sorg samer Bewirtung und schläft nachts behaglich in den allerdings engen Kämmerchen, die dicht unter dem niederen Dach liegen. Eine ganz andere Art der Bauden aber lernt man kennen, wenn man die Heerstraße des Touristenschwarmes verläßt und weniger besuchte Gegenden des Gebirges aufsucht. Da ist es denn auch mit der gasthaus artigen Einrichtung der Bauden bald zu Ende, da findet man die ur wüchsige Art der Gebirgsleute in Wohnung und Nahrung. Man nimmt wohl Gäste auf in den abseits gelegenen Bauden; aber diese müssen sich außer mit einem freundlichen Willkommen mit dem begnügen, was da ist, und das ist auch im günstigsten Falle nicht eben viel. Eine solche Bande macht in mancher Hinsicht den Eindruck eines amerikanischen Blockhauses; denn auf dem steinernen Unterbau liegen vierseitig behauene dicke Baum stämme, vom Alter gebräunt, übereinander. Die Hausthür führt in einen schmalen Gang, der Stall und Wohnraum trennt. Die Wohnung enthält ein größeres und ein kleineres Zimmer. In jenem befindet sich der Kachel- und der Backofen; es ist die Familienheimat, wo während des Tages die Geschäfte der Haushaltung besorgt werden, während abends bei dem Scheine von Tanuenholzfackelu die Neuigkeiten des Gebirges besprochen werden. Ein zweites kleineres Zimmer ist die eigentliche Gaststube, in welche man die Reisenden führt und welche in den größeren Bauden nicht ohne Bequemlichkeit eingerichtet ist. Gegenüber der Wohnstube ist nun der Stall, meistens sehr sauber gehalten, als das wichtigste Stück der Bauden wirtschaft. Der Hausflur selbst führt in den nach der Bergseite zu ge legenen und von frischem Quellwasser gekühlten Milchkeller. Oben ist der Heuboden mit einigen Verschlügen und Bodenkammern, Schlafstellen und Schlafgemüchern für das Gesinde und für Reisende. Das Heu bildet126 hier nicht nur das wohlriechende Lager, sondern auch die Dekorationen, indem man zwischen seinen festgeschichteten Wänden hindurchgeht. Un mittelbar über der Schlafstätte erhebt sich das Schindeldach, das hinten bis zum Bergeshang hinunterläuft; auch die Wetterseite ist mit Schindeln belegt, deren wärmende Wirkung für den Winter noch durch Moos und Tannenreisig verstärkt wird. Wer einen tieferen Blick thun will in das Leben der Menschen in Rübezahls Reich, dem bietet eine solche abseitsliegende Baude die beste Ge legenheit. Laß dir da nur vom Baudner erzählen, wie man hier oben im Gebirge den über ein halbes Jahr lang währenden Winter hinbringt! Wie der Schnee oft drei, vier, fünf Meter hoch fällt, so daß sich die ver schneiten Bewohner der Baude aus den Schneemassen erst mühsam heraus graben müssen, um überhaupt einen freien Blick auf Himmel und Erde zu gewinnen! Und wie beschwerlich dann der Verkehr von der einen zu der anderen dieser von Schnee ummauerten Einsiedeleien ist! Da müssen sich die Baudenbewohner den Schneereifen unterbinden, einen mit Hanfschnüren durchflochtenen Holzreifen, der vor dem Einsinken in den lockeren Schnee schützt. Und welche Gefahren drohen ihnen auch dann noch von den zusammenstürzenden Schneewänden in den Schluchten, oder von den Schneebrücken, welche, unterhöhlt von wühlenden, tosenden Ge birgsbächen, in der Luft schweben! Wie bedrohlich sind die Schneenebel und Schneewirbel, welche die den Weg oder mindestens die Richtung an zeigenden ausgesteckten Stangen verbergen! Schon mancher hat sich in den zweifelhaften Schutz eines der Felsungetüme geflüchtet, welche einzelne Punkte des Kammes bezeichnen, und ist hier vor Hunger und Kälte zu Grunde gegangen. In dieser Zeit des Winterschnees pocht selten einmal ein Gast an die Thür der Bauden, ein Jäger, ein Waldarbeiter, ein Holz schläger und Zurücker, welche letztere mit ihren Hörnerschlitten* das Holz, das sie als „Schleppe" an dieselben festbinden, auf steiler Rutschbahn hinab in die Thäler führen. Desto reger aber ist in den Bauden Leben und Verkehr, wenn die Sommersonne den Schnee geschmolzen, wenn die Bergwässerchen aus den Mooren und Hochwiesen hervorquellen, die Laubwälder in der mittleren Gebirgshöhe mit voller Pracht sich schmücken und selbst die Trümmer gesteine der Sturmhauben die Zier des „Veilchenmooses" zur Schau tragen. Da beginnt das Hirtenleben auf den Weiden; am frühen Morgen * So genannt von den hornartigen Verlängerungen des vordersten Teils der Schlittenkufen.127 schon klirrt dcr Eimer der Melkerin, und ein heiteres Volksfest weiht den Auszug der Herden ein. Denn diese ziehen nun noch höher in das Ge birge, in die sogenannten Sommerbaudeu, die, um deu höchstgelegeneu Bergwiesen näher zu sein, im Sommer bezogen und im Herbst wieder verlassen werden. All diese einzelnen Züge des Lebens im Gebirge erfährt man ge sprächsweise, weiß man sich sonst nur deu Baudneru zutraulich zu nähern und in ihre Art einzugehen, und das „B'hüts Gott!" das einem zur Morgenwanderung auf deu Weg gegeben wird, kommt, das fühlt man, aus aufrichtigem Herzen. „B'hüts Gott!" — welchen sinnigeren Gruß könnte es auch geben hier oben in Rübezahls Reich! Ist es doch, als könne der neckische Berggeist die Stückchen, die er einst hier und da in seinem Revier aufführte, auch heute noch nicht ganz lassen, als müsse er sich den aufgeklärten Leuten, die an sein Dasein nicht mehr glauben, allen Ernstes einmal wieder in Erinnerung bringen. Und es ist selten, daß er einem Gebirgswanderer stets ein lachendes Gesicht zeigt und ihn völlig ungeschoren läßt. Da wanderst du etwa in fröhlicher Reisegesellschaft auf dem Kamme nach der Schneekoppe zu; die Entfernung ist nicht mehr groß, und alles freut sich auf die Rast nach der anstrengenden Wanderung. Da hebt es sich aus einem der Gründe heraus wie ein Rauchnebel von dem Feuer eines Holzhauers. Niemand achtet des leichten Schwadens — er wird ja bald wieder zergehen. Doch was ist das? Da ist ja die benachbarte Bergflanke schon ganz von Dunst verhängt! Und auf dem Wege vor und hinter den Wanderern her raucht und qualmt es, und langsam kriecht es heran, immer dichter, immer dunkler! Schon zieht sich vor die Sonne, deren Strahlen noch licht und kräftig hineinschossen in das Nebelmeer, ein grauer Vorhang — nur noch matt, wie eine helle Scheibe, ist der leuch tende Ball sichtbar, aber ohne Strahlen, ohne Glanz —, da zieht sich der Nebelvorhang ganz zu, und du stehst im Nebel, so dicht, daß man, wie das Volk sagt, ihn mit dem Messer schneiden kann. Was ist da zu thun? Einige raten zu bleiben, bis sich der Himmel wieder aushellt, andere drängen fröstelnd auf Weitermarsch — der Nebel geht ja durch bis aus die Haut, und man kann sich hier oben auf den zugigen Höhen den Schnupfen holen, wenn nicht was noch Schlimmeres! — und die Dränger behalten recht. Die kleine Gesellschaft setzt sich in Marsch, recht langsam allerdings, aber man kommt doch vorwärts, der Beherzteste voran, die anderen folgend in langer Reihe auf dem schmalen Pfade. Da, ein ängst licher Aufschrei — es steckt einer bis an die Kniee im kalten Moorwasser!128 Alle eilen herzu, man muß doch sehen, wie da zu helfen ist. „Vorsicht!" ruft's hier, „Himmelelement!" dort. Es ist wahrhaftig, als ob der ganze Boden um die kleine Reisegesellschaft her zu Moor geworden sei. Endlich hat man wenigstens den am meisten Gefährdeten wieder auf trockenem Grunde, und der Marsch konnte weitergehen. Aber wo ist der Weg? In der Verwirrung hat man den schmalen, grauen Streifen im Nebel, an dem man den Pfad zur Not erkannte, völlig verloren. Da bleibt nichts übrig, als geduldig zu warten, bis Rübezahl wieder ein freundliches Gesicht macht. Manchmal mag's sein, daß die alte Heiterkeit schnell wieder zurückkehrt: oben erscheint dann ein Stückchen blauer Himmel, die Sonnenscheibe zeigt sich wieder, zuerst glanzlos, bald aber in strahlender Helle, und vor ihrem Strahl kriechen die Nebelschwaden schnell ins Geklüft zurück. Manchmal aber schaut der Berggeist noch sauertöpfischer darein. Dann lichtet sich wohl der Nebel so weit, daß man wieder Weg und Steg sehen kann; aber ein eisiger Wind saust iiber die Höhen, und Regenschauer folgen, so heftig, daß sie bald auch durch den dichtesten Regennmntel hindurchgehen. Da sucht man denn wohl hinter einem Knieholzgesträuch ans der vor dem Winde geschützten Seite Unterschlupf vor Sturm und Regen und findet sich eine Zeitlang gar nicht unbehaglich an dem geschützten Plätzchen. Aber von unten dringt allmählich die Nässe heran, und von oben her schüttet das vom Winde gepeitschte Knieholz einen Tropfenschauer nach dem anderen über die Darunterlagernden aus, bis endlich einer der Einsichtigen auf springt. „Hier können wir nicht bleiben, die Rast könnte verhängnisvoll werden — vorwärts!" Und das ist denn auch das Beste, was sich thnn läßt. Da rafft jung und alt alle Kraft zusammen, und im langsamen Schritt geht's gegen die Regenschauer an, die von der Koppe herunter fegen. Noch verhängt Nebel die weitere Aussicht — da hört man Stimmen — ein geräumiges Haus mit kräftigem Holzgebälk wird durch den Nebel sichtbar — „Land!" rufen erfreut einige der Lustigsten — da ist die Riesenbaude! Das ist dann ein Schütteln und Stampfen, ehe man in das behaglich durchwärmte Schenkzimmer tritt, um wenigstens einigermaßen wieder für die Gesellschaft drinnen genießbar zu werden. Bei wärmendem Trunk und dem unvermeidlichen Harsenspiel hält man es da schon aus, bis es Rübezahl beliebt, wieder freundlich dreinzuschauen. Von der Riesenbaude ersteigt man auf schmalem Zickzackwege in einer halben Stunde den Kegel der Ricsenkoppe. Man ist auf dem Koppen kegel gewissermaßen in einer anderen Welt. Hier erscheint das Getrümmer, das die Flanken der Koppe überall bedeckt, fast ganz pflanzenleer; denn von den botanischen Seltenheiten, die am Koppenkegel wachsen sollen, der zier-129 lichen Zwergbirke und der noch zarteren Zwergweide, bekommt man auf dem Touristenwege nicht das Mindeste zu sehen. So einsam erhebt sich die Riesenkoppe auf ihrem Unterbau, daß die Knicholzgebüsche, die uns überall auf dem Kamme begleitet haben, von dem Koppcnkegel aus gesehen, zusammenschrumpfen zu buchsbaum- oder gar nioosartigen Rosen, die mit ihrem dunkleren Grün den grauen Gebirgskamm marmorieren. Aber in dieser so eigenartigen Welt bleibt der Mensch doch immer derselbe. Droben im Gasthause auf der Koppe, einem der bequemsten und statt- Riesenbaude und Schneekoppe. lichsteu des Gebirges, findet sich wieder all der Verkehr wie in Hirschberg an der Wirtstasel: Kellner mit der Serviette über dem Arme, ankommende und abgehende Reisende und am Abend in dem wohldurchwärmten und gut erleuchteten Saale ein munterer Verkehr von Menschen aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes. Dian erzählt von der Wanderung des ver gangenen Tages, man tauscht Hoffnungen oder Befürchtungen für den kommenden Morgen aus. Wem dann nun das Glück bcschieden ist, einen Sonnenaufgang zu genießen mit seinem nicht zu schildernden wunderbaren Beleuchtnngswcchsel in Berg und Thal — der hat das große Los gezogen. Aber das kommt selten. Die meisten Koppenwanderer sind froh, wenn sie nur ein Stück Aussicht erhäsche» nach Schlesien oder nach Böhmen hinein. Hummel, Bilder a. d, Weltk. 9130 Vielen aber ist auch das nicht einmal beschieden: sie müssen, wie sie im Regen gekommen sind, im Regen wieder fort. Aber was thut das? Sie kaufen in dem kleinen Häuschen, das drunten am Zickzackwege steht, ein Knäuelbecherchen ans Knieholz oder eine andere zierliche Kleinigkeit und legen ein Schächtelchen mit „Veilchenstein" dazu, der von dem darauf sitzenden Veilchenmoose einen veilchcnartigen Geruch erhält — das gilt als beglaubigende Unterschrift auf dem Reisepaß durch Rübezahls Reich. Lluf der kuppe ües Brockens. A» m Dorfe Schierke, am Südvstabhange des Brockens, ist man noch etwa zwei Wegstunden von der Kuppe des sagenumwobenen Blocksberges entfernt. Aber man atmet doch schon die eigen artige, strenge Gebirgslust. Der frische Harzduft des Tannenwaldes, die langen Gehänge einer faserigen, graugrünen Flechte, welche die Harzer Judenbart nennen, an den Zweigen, die farbigen Glocken des roten Fingcr- huts, die von jedem Grasplätzchen im Walde durch das Grün hervor leuchte»: alles dies drückt der Landschaft den Stempel des Hochgebirges auf. In Schierke möchte man sich gar in ein Alpendorf versetzt wähnen. Da zieht sich der Spalt des Thaies der kalten Bode zu größerer Enge zusammen; wo dürftiger Wiesewachs sich zeigt, da teilt das Gras den Raum mit großen rundlichen Felsblöcken, zwischen denen hindurch das murmelnde Wasser der Bode rieselt; die Häuser niedrig, aus Hvlzwcrk aufgeführt und selbst die Kirche ein solcher Holzbau, dem die Zeit eine altersschwarze Färbung gegeben hat; auf der kleinen Terrasse am hölzernen Wirtshaus nur Bohnensträucher und Winden in Blüte und ein schwacher Versuch, einige Küchenkräuter zu ziehen: — das ist Schierke, das höchst gelegene Dorf am Brvckcnfußc! Von hier aus unternahmen wir am Mittag eines Spätsommertages den Ausstieg auf die Brockenkuppe. Über moorigen Grund, nun durch—» 131 Ter Brocken. rauhe Waldblößen oder an dampfenden Meilern vorüber leitete der Pfad. Oft mußte er sich um die mächtigen wollsackähnlichen Granitblöcke dahinschlängeln, mit denen die Flanken des Berges von allen Seiten besäet sind. Und dabei brodelt und rauscht es einem zuweilen fast unheimlich unter den Füßen: — es sind unterirdische Wasseradern, die, auf Augenblicke auf blitzend, sich wieder im Gestein verlieren, um weiter unten als tosende Büche hervorzubrechen. Fußhohes Moos deckt den Boden, an den sich die langen Ranken des Hexenkrautes klammern, mit welchem Namen man hier die sonderbar schlangenförmigen, mit schuppenförmigen Blättchen besetzten Stengel des Bärlapp bezeichnet; da und dort erhebt das Engelsüß, eine zierliche Farnkrautart, seine grünen Wedel; besonders massig aber treten die Heidel- und Preiselbeersträucher auf, oft dichte Büschel und Klumpen bildend, gleichsam als wollten sie der Strenge des Brockenklimas in Ge sellschaft Trotz bieten. Der Wald aber ist recht einsam. Es scheint, als ob das lustige Volk der Sänger lieber drunten niste in den grünen, schattigen Thälern; nur der Specht hämmert sein eintönig Tick-tack, und stinke Tannenmeislein klettern emsig im Geäst umher. Der einzige Wald baum, der wie ein grüner Mantel sich um die Schultern des alten Berg-riesen legt, ist die Tanne. Aber auch sie muß sich, trotz ihrer harten Natur, gar sehr dem Klima anbequemen. Sehr häufig sieht man, daß solch schlanker Tannenstamm sich zur Erde geduckt hat und daß er dann weiter nach oben einen Versuch gemacht hat, sich aufzurichten, was ihm aber wegen der Schneelasten, die er oft ein halbes Jahr lang tragen muß, nicht recht gelingen will. Ja endlich wird es selbst der Tanne in jenen Höhen zu kalt und zu stürmisch. Sie macht der Zwergkiefer Platz oder dem Knieholz, wie man im Gebirge sagt. Das ist ein wunderliches Ge wächs, das treffende Abbild eines eckigen, borstigen, aber eisenfesten Charakters; was er an Ästen und Zweigen treibt, das duckt sich an den Boden, flechtet sich durch jede Felskluft, treibt zahlreiche Schossen nach oben, wird jedes Jahr von den bösen Wettern zerzaust und zerrissen und schmückt sich doch mit jedem Frühling wieder mit dem hoffnungsgrünen Nadelkleid; und dabei erlangt das Holz des Stammes eine so außerordent liche Härte, daß es unter dem Eisen springt wie sprödes Gestein. Der Führer, den wir von Schierke aus mitgenommen hatten, trotz dem er schwer mit Reisegepäck belastet war, wacker voranschritt; lang samer, oft rückschauend zu den Waldbilder», die in immer neuem Wechsel sich vor dem Auge entrollten, folgte unsere Reisegesellschaft. Bei einer Quelle, die lustig aus bemoostem Gestein sprang, machten wir kurze Rast. Was wir drunten im Thale von Schierke noch nicht zu Gesicht bekommen hatten, erfreute uns nun zum erstenmal in seiner ganzen Er habenheit: der Anblick der eigentlichen Brvckenkuppe. Dieser Anblick, den: Anwohner des Harzes etwas so Bekanntes und Liebgewordenes, wird in unmittelbarer Nähe des mächtigen Berghauptes so lange durch Wald und Bergcoulissen verdeckt, daß man dem Gipfel schon ziemlich nahe sein muß, ehe man seine Hänge und die Form seines Scheitels genau überschauen kann. Und dabei hatten wir noch von besonderem Glück zu sagen. Klar und heiter lag der Brockenscheitel über uns. Das tritt nur in sehr- trockenen Sommern häufiger ein; meist „hat der Brocken eine Hauben, dann darf man wohl an Regen glauben." Und wie iin Sommer durch seine Wolkenkappe, so nimmt sich im Herbst und Frühjahr der Gipfel durch seine Schneeperücke, die er viel früher aufsetzt und später ablegt als die übrigen Harzberge, wie eine Art ehrwürdiger Berggreis unter denselben aus. Alsdann sieht man ihn in großen Abständen, z. B. aus der Gegend von Braunschweig oder Magdeburg, wie ein weißlich schimmerndes Wölkchen oberhalb der grünen Waldung liegen und schweben. Von welch großer Unbeständigkeit das Wetter unter dem großen Brockengipfel ist, davon erhielten wir, trotz der guten Aussichten, in derFolge den klarsten Beweis. Die Nähe des Reiseziels gab neue Kraft zum Steigen. Freilich dehnte sich der Weg länger, als wir geschätzt hatten, denn die dünne Luft der Höhen verringert scheinbar die Entfernungen; aber nach halbstündiger mühsamer Wanderung waren wir doch dicht unter dem Gipfel. Keine Rückschau gönnte man sich jetzt mehr, in der bestimmten Hoffnung, in wenigen Minuten das prächtige Landschaftsbild vom Brocken scheitel aus ganz und voll genießen zu können. Da aber kam cs kühl und feucht von der Brockenknppe herunter; um die Flanken des Berges zogen von rechts und links dichte Nebelschwaden; der feuchte Brodem schien sich ordentlich aus dem Boden zu unseren Füßen hervorzuspinnen; schon war die Brockenkuppe nur noch in einem matten Dämmerlichte sichtbar. All das ging in der Zeit weniger Minuten vor sich. Staunend hielten wir an. Noch war der Blick nach rückwärts frei — und was für ein Blick! Über den grünen Hag des Gebirges schweifte das Auge weit hinaus in die Ebene, wo im Sonnenschein die Silberbänder der Flüsse anfblitzten und Dörfer und Städte in mannigfachem Wechsel sich aus dem bunt farbigen Teppich der Flur abhoben. Aber das war nur wie in einen: Theater, wo nach dem Schluß der Scene der Vorhang sich langsam über den Hintergrund der Dekoration herabsenkt. Noch war der Wolken mantel nicht ganz geschlossen, sondern der Luftzug riß stellenweise weite Thore in die graue Nebelwand; die Wolken verbanden und trennten sich wie spielend, trieben dort in zusammenhängenden Geschwadern über die Höhen, oder schritten nach der anderen Seite hin in leichten blassen Säulen über das Gebirge. Dann aber verengte sich der Horizont bis auf wenige Schritte, und es senkte sich eine Dunkelheit auf uns herab, daß wir uns unwillkürlich aneinander drängten, aus Furcht, auseinander zu kommen. „Jetzt zusammenhalten!" mahnte der Führer; „der Weg führt steil hinauf." Langsam ging cs nun aufwärts, der Führer voran, wir auf dem feuchten Moosrasen zuweilen glitschend und strauchelnd. Nach wenigen Minuten mühsamen Aufstiegs wurde der Pfad ebener — wir hatten die Brockenkuppe erreicht. Ein kräftiges „Hurra!" jubelten wir hinaus in den Nebel; dann folgten wir dem Führer und standen bald darauf an der Pforte des gastlichen Brockenhauses. Hier hatte in dem behaglich durchwärmten Raume des Gastzimmers der plötzlich hereingebrochene Nebel eine bunte Reisegesellschaft zusammen geführt. Kaufleute aus Berlin und Hamburg, eine englische Familie, die sich auf der „großen Tour" durch Deutschland befand, wandernde Schüler mit grünen Botanisiertrommeln, ein Pensionat junger Mädchen aus dem benachbarten Blankenburg in Begleitung zweier älteren Damen: in der134 That eine bunte Bewohnerschaft des geräumigen Gastzimmers! Man kürzte sich die Zeit, so gut es eben angehen wollte; die meisten hatten den Ge danken, noch heute weiterzukommen, ganz ausgcgeben; der Brockenwirt aber, der sich auf sein Barometer verstand, vertröstete auf baldiges Klarwerden des Himmels. Und wir hatten in der That Glück. Gegen fünf Uhr begann es sich draußen zu lichten. Der hohe Aussichtsturm, der neben dem Brockenhause erbaut ist, wurde wie ein riesiges Gespenst durch den Nebel sichtbar und trat bald in schärferen Umrissen hervor; ans dem Brockcnscheitel jagte ein frischer Luftzug die Nebelmassen in tollem Spiel durcheinander; bald schimmerte matt die Scheibe der Sonne durch den Dunst und Brodem; dann noch einige kräftige Windstöße, und der Brockenkulm lag wieder frei vor unserm Auge. Wie eine im Käfig eingesperrte Vogelschar ins Freie schwirrt, sobald ein Zufall das Thürlein öffnet, so eilte jetzt alles hinaus. „Mau über schaut von der Brockenkuppe ein Terrain von 35 Meilen Durchmesser und 830 Quadratmeilen Flächeninhalt, etwa den 200. Teil von Europa und den 11000. Teil der Erdoberfläche mit 89 Städten und 668 Dörfern" — proklamierte schnell noch einer der Schüler aus einem Reisebuche, und damit war allen die Richtung gegeben, der sich die Aufmerksamkeit zulenkte. Daß der Aussichtsturm jetzt von Besuchern dicht besetzt war, ist selbstverständ lich. Aber die Aussicht vom Brocken muß man nicht beschrieben lesen, man muß sie selbst genießen. Und so will ich nur erzählen, was außer dem wahrhaft überwältigenden Blick in die Ferne uns reizvoll und interessant erschien ans der kahlen Felsplatte. Eine „kahle Felsplatte!" So erschien uns allerdings der Brocken scheitel beim ersten Anblick; aber genaueres Zuschaucn berichtigte doch bald diese Vorstellung. Eigentlich besteht der Brockenkulm aus unzähligen in einander gekeilten Felsklötzen; die Klüfte zwischen den einzelnen Blöcken sind durch Felsenschutt ausgefüllt, und über den Fclsgrund hat sich im Laufe der Jahrtausende eine Schicht von Moosen und Flechten gesponnen, so daß nun der Fuß bequem auf dem Felsboden wandert. Und auch dieser grüne Teppich ist nicht ohne eigentümlichen Schmuck. Das islän dische Moos, jene graugrüne Flechtcnart mit zierlich ausgelapptem Lager, welche auf Island und im rauhen Lappland in Hungerjahrcn als Zu satz zum Brote dient, findet sich hier in Menge; die Sage erzählt, daß es früher in allen Thälern um den Brocken herum zu Hanse war und dem Vieh reichliche und gute Milch gab, aber von Christus, der auf seinen Wanderungen bei einem reichen Hirten ungastlich ausgenommen wurde, auf135 die unwirtliche Brockenkuppe gebannt sei, wo es keiner Kuh mehr zu gute komme. Dazwischen leuchten, wie goldene Sterne, die gelben Strahlblüten des Alpenhabichtskrautes und die Weißen oder gelben, filzigbehaarten Kelche der Brvckcnblume oder des Teuselsbartes. Überhaupt hat die rührige Ein bildungskraft des Volkes fast alles, was droben auf der Brockenkuppe grünt und blüht, in irgend einer Weise mit dem Wirken böser Mächte in Zusammenhang gebracht. Die berühmteste Brockenblnme, die fast überall den Wanderer grüßt, nennt man hier oben den Hexenbesen: es ist das Alpenwindröschen, ein zartes Kräutlein aus dem Geschlecht der Anemonen, das seine ersten weißen Kelche entfaltet, sobald der Schnee nur einige Tage vom Brockenscheitel geschwunden ist und das mit neuen Blüten fast den ganzen Sommer über den Moosteppich ziert; wenn es abgeblüht hat, entwickelt es einen rauhen, haarigen Samenschopf, der allerdings wie ein kleiner Besen aussieht. Strauchpflanzen wagen sich freilich nicht hinauf auf die Hohe des Brockenkulms, sie ist ihnen zu windig und zu kalt; aber bis dicht unter den Gipfel klimmen sie empor. Da kriecht, an den Boden geduckt, ein birkcnartiges Gewächs, die Zwergbirke, die nur im höchsten sächsisch-böhmischen Erzgebirge und dann erst Hunderte von Meilen nördlicher, auf den Felsen Lapplands wieder vorkommt, und von der kein Mensch zu sagen weiß, wie sie über Meer und Land und durch niedrigere, wärmere Gegenden, in denen sie nicht gedeiht, hierher eingewandert ist; da spinnt die Moosglocke oder nordische Linnäa ihre immergrünen faden förmigen Stengel durch das struppige Gras, die man dem berühmten schwedischen Pflanzenkundigen zu Ehren benannte, und die mit ihren rötlich weiße», wohlriechenden Blüten in der That ein wunderschöner Schmuck dieser Gebirgseinöde ist. Das sind-so etwa die Vornehmen aus der Pflanzenwelt des Brockens; die Kleinen aufzufinden gelingt nur dem Pflanzenkundigen. Die Kräuterleute im Harz aber schufen in ihrer Einbildungskraft noch so manches andere Brockenkraut sonderlicher Art. Neben die netten weißen Anemonen und gelben Habichtskräuter setzten sie eine häßliche „Krebswurzel," von der sie behaupteten, daß sie in Form und Farbe einem roten gebrühten Krebse gleiche, sehr rar und dem Menschen in mancherlei Zufälligkeiten sehr dien lich und heilsam sei. Zu dieser gesellten sie noch die „Trunkelblume," deren Genuß Schwindel und Trunkenheit verursachen sollte. Und außer diesen schufen sie noch die „Affenbeeren," welche sie so benannten, weil diejenigen, welche von ihnen äßen, sich hinderdrein wie Affen anstellten und allerhand tolle Gebärden und Sprünge machten. Auch blühte hier ehemals eine wundersame Zauberblume, mit der man, wenn sie in der136 Johannisnacht unter vorgeschriebenen Zauberformeln gepflückt wurde, im ftandc war, sich selber nicht nur unsichtbar zu machen, sondern auch die Felsen zu offnen und die in ihnen verborgenen Schätze zu finden. Einen Anflug des Sagenhaften haben droben auf dem Brocken nicht nur die Pflanzen und Tiere, sondern auch noch manch anderes. Da quillt an der Ostseite des Brockens der „Hexenbrunnen," dessen Wasser zur Ilse hinunterplätschert, der soll aus einem tiefen Grunde hervorkommen, welcher mit dem großen Weltmeere Zusammenhang hat. Freilich ist es für den einfachen Verstand der Harzer ein schwierig Ding, zu erklären, wie so dicht unter der Brockenkuppe, nur wenige Schritte abwärts, ein wasser reicher Quell sprudeln kann, und wer von ihnen die Ursache einsieht, der hängt zu fest an den alten von Jugend auf gehörten Sagen, um nicht eine ins Wunderbare streifende Ursache einer natürlichen Erklärung vor zuziehen. Die Nebel, welche fast Tag für Tag um die Brockenkuppe brauen und häufig sie mit seinem Regen überrieseln, das sind die Wasser schätze, die den Hexenbrunnen speisen; sie versiegen nicht, solange der Wasserdampf unsichtbar aus den Thülern und Gründen aufsteigt und sich zu Wolken ballt. Wie der Hexenbrunnen droben am Kulm des Brockens eine beständige Quelle fließenden Wassers ist, so ist das „Schnceloch" an der Nordseite des Berges ein Eiskeller, in dem, vor dem warmen Süd winde geschützt, sich Schnee und Eis häufig vom Winter bis wieder zum Winter hält. Man hat es treffend einen kleinen Harzgletscher genannt, und wie ein solcher beeinflußt es seine Umgebung: an seinen Rändern be halten selbst wetterharte Pflanzen den Sommer über ein winterliches Aus sehen, erst in der Entfernung einiger Schritte thun sie ihre Blätter auf, und endlich noch weiterhin schießen sie in Blüte und setzen Früchte an. Ist das Schneeloch eine von gewaltigen Naturkrüften in den Felsen leib des Brockens eingerissene Kluft, so treffen wir auf unserer Streife um den oberen Brockengipfel auf Höhlungen, die künstlichen Ursprungs zu sein scheinen. „Kuxlöcher" nennt sie der Führer und erzählt: in alten Zeiten hätten sich Schatzgräber hier oben am Brocken eingenistet; die Krystall- höhlen und Goldadern des Blocksberges hätten sich vor der Springwurzel, der in der Nacht leuchtenden Wurzel der Zauberblume, von selbst er schlossen, und die Kuxlöcher seien alte Schmelzöfen, in denen die Schatz gräber den Goldgehalt der kostbaren Erze ausgeschmolzen hätten. Zum Beweis dafür zeigt uns der Führer seltsam geformte Steinblöcke an den Hängen der Kuxlöcher; seine Einbildungskraft erblickt in denselben die Gestalten von Mönchen oder Bergmännern mit Schlägel und Eisen in den Händen. Man darf sich nicht wundern, hier am Fuße des sagen-137 haften Hexenberges so manchen wunderlichen Aberglauben in den Köpfen spukend zu finden: erstreckte sich doch einst der Zauberbann, den der alte Bergriese auf die Anwohner ansübte, bis weit in das Vorland des Harzes hinaus; er beherrschte noch jenen hallischen Studenten, Namens Engel mann, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine abenteuerliche Fahrt als Goldsucher in den Harz unternahm und sie dann wahrheitsgetreu beschrieb! Zu all diesen wundersamen Vorstellungen bildeten dann die Nebclschwaden, die wieder aus den Thälern heraufzukriechen begannen, einen ganz eigenen Hintergrund. Lebhafte Einbildungskraft sah in ihnen den wehenden Mantel des Berggeistes, den er schützend über die Geheim nisse des Blocksberges zog. Uns aber schnitten die Nebelmassen die Aus sicht auf den berühmten Sonnenuntergang ab und trieben uns nach dem Brockenhanse zurück. Da drängte sich denn nun die wieder eiugesperrte Schar fröhlicher Zugvögel in dem engen Bauer. Aber in dem behaglich durchwärmten Speisesaale wurde es nun lebendig und ging es recht lustig zu. Uns war es eine seltsame Vorstellung, daß, während noch drunten in den Thälern Tageslicht, vielleicht gar Sonnenschein die Menschen erfreute, hier oben über der Tafel Kerzenflammen leuchteten; aber wir befanden uns ja im vollsten Sinne des Wortes in den Wolken, und da verbreitete das durch den Wassernebel gedampfte Tageslicht nicht mehr genügende Helle. Einen andern Gegensatz, und zwar einen angenehmen, verschaffte uns die Betrieb samkeit der Menschen. Zwölshundert Meter über dem Meeresspiegel in luftiger Wolkenburg eine Abendmahlzeit zu finden, die an Güte der Bewirtung in den großen Hotels am Fuße des Gebirges nichts nachgab, das erfreute nach den Anstrengungen des Tages und stimmte heiter für den Rest des Abends. Als die Gesellschaft auseinanderging, prophezeite der wetterknndige Brockenwirt einen Umschlag der Witterung. Wir deuteten uns die Prophe zeiung zum Guten und schliefen mit der Hoffnung auf einen sonnigen Wandertag ein. Aber am Morgen stand der Nebel dick und unbeweglich auf dem Brockeuscheitel; selbst nicht einmal der Aussichtstnrm war heute sichtbar. Beim Genuß des Kaffees und des Morgenbrots — im eigent lichen Sinne genommen, denn Semmel gicbt es auf dem Brocken nicht —, bildete das Wetter den Hauptgegeustand des Gespräches. Leider kehrte sich dieses auch nicht an die dringendsten Wünsche. Als wir um neun Uhr das Brockenhaus verließen, dicht in unsere Plaids eingehüllt, da war aus dem Nebel bereits ein feiner, durchdringender Staubregen geworden. Neckisch wünschte uns der Brockenwirt glückliche Reise: — der Schalk138 kannte ba§ Wetter seines alten Blocksberges genau und wußte, daß wir aus dem Regen in die Traufe kommen würden. Das trübte uns freilich die Neisestimmung nicht. Und als wir in Jlsenburg einwanderten, da machte auch der Himmel wieder ein freundlich Gesicht, und das tröstete uns leicht darüber, daß wir im Gasthof uns vor allen Dingen bis auf die Haut trocknen mußten. ZA, Die Köhler Lm Harz. nördlichen Rande der grünen Harzberge, wie ein Bergriese zwischen niedrigeren Berghäuptern hervorragend, erhebt sich der Brocken, für das ganze Harzland ein Hochpunkt, von dem aus der Blick weit hineinschweift in das Waldesgrün. Besonders gegen Mitter nacht hin, von wo das Flachland mit den aufblitzenden Silberfäden seiner Gewässer an das grüne Bergrevier des Harzes dicht herantritt, schaut man in eine schier 'unbegrenzte Ferne; fast noch reizvoller aber ist es in der Enge der Waldthäler, die sich überall zu den Füßen des Brockens aufthun. Da blickt man |irt dichtes, ununterbrochenes Grün von ernster, dunkler Färbung; das ist die Tracht der Tanne, die in dichten Waldungen um den Brocken herum wächst und in dem etwa meterhohen Knieholze bis dicht unter den Scheitel des ehrwürdigen Berges hinanfklimmt. So ist es ge wesen in den Urzeiten, als heidnische Sachsen auf der einsamen Brocken kuppe nach Altväterweise den Göttern opferten; so ist es noch heute, wo der Förster den Wald in Aufsicht hat und in regelmäßigen Zeiträumen das Tannicht anpflanzen, durchforsten und Niederschlagen läßt. Was so gewonnen wird an Tannenholz, kommt der Waldbevölkerung gar sehr zu gute. Noch hat man im Harze den Brauch, den großen Kachelofen Sommer und Winter mit Holz zu heizen. Drunten in den Thälern knirschen die Sägen der Sägemühlen, welche die schlanken Tannenstämme zu Balken oder Brettern zerschneiden. Was dann noch übrig bleibt von den grünen Tannenbäumen, das fällt zu einem guten Teile dem Köhler zu, der daraus die schwarzglänzende Holzkohle brennt. Wo im Harze die Tanne grünt, da siedelt auch der Köhler. VonKöhler im lharz.139 jedem Harzberge läßt sich die Lage der Köhlerhütten und der dazu ge hörigen Meiler leicht erkennen an den feinen Rauchschwaden, die bei günstigem Winde über das Tannicht emporsteigen. Daher sind die rußigen Gesellen auch allen Harzwanderern wohlbekannt, und man begrüßt es mit Freuden, wenn seitab von dem holperigen Waldwege da und dort ein „Kohlhai" sichtbar wird. Meist sind es gar reizende Plätzchen, diese „Kohlhais." Im Schutze vorspringender Bergwände, damit der kalte Nordsturm nicht allzusehr treffe, in der Nähe einer munter rieselnden Quelle erbaut sich der Köhler seine „Köthe" am liebsten. Sie ist nur für den Waldbrauch eingerichtet und daher höchst einfach. Im Kreise aufgestellte Holzstämme, oben zusammen geneigt und fest verbunden, mit einer Öffnung, gerade hoch und weit genug, daß ein Mann hindurchzuschrciteu vermag, — das ist der Rohbau; große Lappen grauer Buchenrinde verschließen die Fugen vor Wind und Regen; häufig wählen die Köhler hierzu auch Rasenstücke, und es ist dann nicht selten, daß dazwischen buntfarbige Waldblumen einen gar anmutigen Schmuck der Köthe bilden. Auch das Innere ist sehr einfach. In der Mitte brennt auf einem roh aus Steinen gefertigten Herde das Feuer, dessen Rauch nur durch den Eingang oder durch versteckte Ritzen hinauszieht. Uber dem Feuer hängt an einem eisernen Haken der Kochkessel. Längs der Wände liegen auf sehr niederen Holzgestellen die Betten, freilich nur Heusäcke, auf denen aber nach hartem Tagewerk der Köhler so sanft ruht wie mancher Reiche nicht auf weichem Pfühle. Rechts und links vom Eingänge stehen meist die kleinen Schränke und Vorratskasten des Köhlermeisters und seiner Gehilfen, — alles wie das so Sitte ist bei den Waldleuten, in fester Ordnung. So gehört die Bank zur Rechten des Eingangs stets dem Köhlermeister, die-zur Linken dem ersten und zweiten Knecht, dem „Hulpen" (Gehilfen); auf der Bank geradeaus im Hintergründe der Köthe kauern die kleinen Köhlerbnben oder „Haijungen." Was sonst noch nötig ist zum Aufbewahren von Nahrung und Kleidung, findet sich in der Gestalt einiger derben Holzpflöcke in den Wänden der Köthe; an diesen hängen Kleidungs stücke, Beutel mit Salz, Zwiebeln u. dergl. Draußen vor der Köthe ist dann hioch für den Hund aus ein paar Brettern ein notdürftiges Obdach zusaminengeschlagen; etwas abseits, meist geschützt im Walde sind ein paar breite Rindenlappcn aufgespannt, die den Stall für die Pferde vorstellen. Sehr einfach, ja sogar rauh ist demnach die Lebensweise der Köhler draußen im Walde; wenn sie dennoch mit immer neuer Freude zu Köthe und Meiler zurückkehren, so muß man annehmen, daß das einsame Waldleben auch seine stillen Freuden und geheimen Reize hat.140 Wenn in den Harzthälern der Frühling einzieht, wenn die Knospen der Buche sich zu kleinen Blätterherzchen entfalten und selbst die Tanne hellgrüne Sprossen treibt, wenn im Holze der Fink schmettert: dann wird's in den Dörfern, deren Bevölkerung teilweis aus Köhlern besteht, lebendig. Schwer bepackt mit „Holstern," Säcken aus grobem Leder, die als Kleider und Speiseschrünke zugleich dienen, ziehen die „Hulpen" ein, um sich bei dem einen oder anderen Köhlermeister für den Sommer zu verdingen, wenn sie nicht schon ein Unterkommen haben. Dann macht sich auch der Köhler meister marschfertig. Ein zweirädriger Kohlenkarren, von ein Paar mageren Pferden gezogen, trügt den geringen Hausrat; auf diesem sitzt der Hund oder das Kätzchen oder auch wohl ein besonders zutraulicher Hahn; nebenan gehen die munteren Haijungen, mit Wiesenblumen geschmückt und dem Walde entgegenjubelnd. Draußen genügen wenige Stunden, dann ist die Köthe in Ordnung, und es kann nun zum wichtigsten Geschäfte geschritten werden, zur Anlegung des ersten Meilers. Das Holz, das im Meiler zu Holzkohlen verwandelt werden soll, wächst oft genug weitab von dem Kohlhai. Da muß es gefällt wer den — am besten im Spätwinter, ehe der Saft in die Bäume tritt; dann muß es, ist es frisch geschlagen worden, erst gehörig austrocknen und in etwa meterhohe Scheite zersägt werden. Endlich muß es zum Meiler herangeschafft werden, und die letztere Arbeit muß der Köhlermeister selbst besorgen oder durch seine Gehilfen besorgen lassen. Daher hat er unter den „Hulpen" stets auch einen „Schlittner." Der versteht es, den hoch beladenen Schlitten über Moos und Gras hinweg, auf dem er fast ebenso leicht dahingleitet, wie auf glatter Schneebahu, mit seiner Holzladung bis an den Meiler heranzubringen. Es macht einen seltsamen Eindruck, wenn man mitten im sommergrüuen Walde einem solchen Schlitten geführte begegnet; schließt man dann die Augen, so kann man sich in der That in den Winter versetzt wähnen; denn das Klingeln der Glocken, mit denen die Pferde behängt sind — um sie im Fall des Verlaufens im Walde leicht wiederzufinden —, erinnert lebhaft an das Geläute des Rennschlittens. Ist im Kohlhai Holz in genügender Menge vorhanden, dann wird die Anlegung des ersten Meilers schnell gefördert. Nach bestimmten Regeln und nicht ohne eine gewisse Kunstfertigkeit werden Holzstöße auf Holzstöße getürmt; dann überdeckt der Köhler die Holzmassen mit frischen Baum zweigen und auf diese kommt eine Schicht Erde oder wohl auch Rasen — und der Meiler ist fertig. Hier und da in dem „Mantel" des Meilers — so nennt der Köhler die Erd- und Rasenhülle — sind Löcher angebracht,141 damit der nötige Luftzug entsteht und das Feuer sich innen über den ganzen Holzstoß ausbreiten kann. Ein solcher Meiler ist für den Köhler meister ein sehr wichtiges Stück. Daher führt er, der sonst wohl kaum den Stift in die rußige Hand nehmen würde, gewissenhaft Buch über jedes Vorkommnis beim Meilerbau: er schreibt ans, wieviel Holz er dazu ver wendet hat, an welchem Tage er mit dem Bau fertig geworden ist, wann er den Meiler in Brand gesetzt hat u. s. w. Aus dem allen sieht er, wann der Meiler „gar" ist und geräumt werden muß. Denn diesen Zeit punkt richtig zu treffen, ist von der größten Wichtigkeit für das Gelingen der Arbeit. Daher überwacht auch der Köhler seine Meiler während des Brandes mit einer Art väterlicher Sorgsamkeit. Prüfend beobachtet er jede Drehung des Windes. Denn es ist eine alte Regel, daß er die Löcher im Mantel des Meilers auf der Seite stopfen inuß, von welcher der Wind bläst; gleichzeitig müssen auf der entgegengesetzten Seite mit dem Schürbaume neue Löcher eingestoßen werden, damit die Glut sich nach dieser Seite hin ziehe. Sorgsam klopft bei all diesen Veränderungen der Köhlermcister mit dem „Wehrhammer" an allen Punkten des Meilers, um am Tone zu hören, ob drin alles in Ordnung ist. Bildet sich irgendwo ein Riß im Mantel, so hat er vorsorglich Erde und Wasser zur Hand, um den Schaden zu bessern. Nicht gar selten aber ist alle Vorsicht vergebens: die dampfende Halbkugel bebt dann förmlich, wirft an einer Stelle den Erdmantcl polternd in die Höhe, der Wind fährt in die Glut, entfacht diese zu lodernden Flammen, und der Köhler muß froh sein, wenn er die benachbarten Meiler rettet. Die beständige Sorge, die der Köhler seinen Meilern widmen muß, nötigt ihn, Tag und Nacht auf dem Platze zu sei». Besonders in Zeiten, wenn nach dem geführten Buche ein Meiler „gar" werden soll, darf sich der Köhlermeister keine Stunde ruhigen Schlaf gönnen. Jst's in der Nacht, so gewährt es einen malerischen Anblick, die rußigen Waldleute mit Fackeln von doppelter Manneslänge von einem Meiler zum anderen wandern zu sehen, wobei einmal die Fackeln im Tannicht verschwinden und dann an einem anderen Punkte wieder sichtbar werden. Diese Fackeln bereitet sich der Köhler in einfacher Weise, indem er einen jungen harzreichen Tannenbaum oben mit dem Beile in zahlreiche Splitter zerkleinert, diese auseinanderspreizt, sie entzündet und dann dem Winde das Anfachen über läßt; mag dann selbst ein Regenschauer kommen, die hochrote, lodernde Flamme flackert immer wieder mit neuer Kraft auf. Einen besonders schönen Anblick aber gewährt es, wenn ein Meiler in dunkler Nacht „gar"142 wird. Dann wird die ganze große Halbkugel glühend, ohne zu brennen, und schimmert weit durch den Wald, als erhöbe sich eben der volle Mond aus dem düsteren Grunde. Das ist dann einer der Lichtpunkte in dem sonst so einförmigen Leben der Köhler. Mit fröhlichen! Jauchzen machen sie sich an das Geschäft, den Meiler anskühlcn zu lassen und zu räumen. Denn schon am nächsten Morgen arbeiten alle Hände an dem Wölben eines neuen Holzstoßes, während die dampfende Kohle der Fuhrleute harrt, die sie hinwegführen. Während so der Köhlermeister mit seinen Gehilfen oft weit von dem heimatlichen Dorfe ein einsanies Waldleben führt, besorgt daheim die Frau die Wirtschaft. Denn es müssen doch die Kinder zur Schule gehen, es muß das Ackerstück bebaut werden, das mit Roggen und Kartoffeln für den Hausgebrauch bestellt ist, es muß die Wäsche im stände erhalten werden und was dergleichen Haushaltungsgeschäfte mehr sind. Den ge samten Verkehr mit dem Kohlhai und dem Hause daheim unterhält die Frau. Mit der „Kiepe" auf dem Rücken wandert sie hin und zurück, zuweilen einmal, öfter auch zweimal in der Woche, gewöhnlich Mittwochs und Sonnabends. Sie bringt die notwendigsten Lebensmittel, Kartoffeln, Brot, Wurst und dergleichen, von Zeit zu Zeit auch etwas frische Wäsche, obgleich der Köhler bei seinem rußigen Handwerk gerade von der letzteren weniger verbraucht als irgend ein anderer gesitteter Mensch. Bei diesen Märschen laufen die erwachsenen Buben und Mädchen wohl dann und wann einmal mit, um den Vater draußen im Walde zu besuchen, die Kleinsten aber bekommt er meist nicht eher wieder zu sehen, als bis er im Spätherbst, wenn die durch die Harzthüler ziehenden Schneegestöber den Winter anmelden, nach Hanse kommt. Da somit im Kohlhai dem Köhler die sorgsam schaffende Hand der Hausfrau fast immer fehlt, so fallen die wenigen Haushaltnngsgcschäfte einem der Hai jungen zu. Er ist der Küchenmeister, der für die Herrichtung der einfachen Mahlzeiten und für die spätere Reinigung der benutzten Ge schirre zu sorgen hat. Und das lernt er in kurzer Zeit; denn der Küchen zettel ist ungemein einfach. Höchstens versteigt man sich einmal zu einem Gericht Kartoffeln mit geröstetem Speck; gewöhnlich giebt's „Schiebensuppe" (Scheibcnsuppe). Das Kochrezept zu derselben ist sehr einfach. Man schneidet von dem großen Schwarzbrot dünne Scheiben herunter und thut dieselben in einen Topf. Ans diese wird ein Haufen Salz und Kümmel nebst etwas Rindertalg gcthan, dann kochendheißes Wasser darüber ge schüttet, und die Schiebensuppe ist fertig. Wollen sie sich einen besonderen Leckerbissen gönnen, so rösten sie sich auf der eisernen Platte über dem145 Kohlenfeuer wohl einen „Knaust," das sind Stücke mit Butter getränkten Schwarzbrotes, die gar nicht übel schmecken. Ist das Mittag- oder Abendessen bereit, so wird zu Tische gerufen. Da aber die Gehilfen, die oft weit draußen im Walde arbeiten, durch eine menschliche Stimme nicht immer zu erreichen sein würden, so bedient man sich als Tischglocke einer „Hillebille." Das ist ein Brett aus Buchenholz, das an Stricken zwischen zwei Bäumen aufgchängt, mit einem hölzernen Schlägel geschlagen einen Ton giebt, der hell und vernehmlich weit hinein in den Wald schallt. Der Schall der Hillebille ruft die Tischgenossen in kurzer Zeit zusammen zur Küthe. Beim Essen herrscht alter frommer Brauch. Keine Mahlzeit ohne Tischgebet, nicht viel Worte beim Essen, und dabei alles in seiner festen Ordnung: zuerst legt der Köhlermeister sich vor, daun die Gehilfen, zuletzt der jüngste Haijunge; legt der Meister den Holzlöffel zur Seite, so thun es die anderen auch. Es würde für unschicklich gelte», von de» alten Sitten abzuweichen: — wie die Altvordern gegessen und getrunken haben, wie sie ihre Köthen einrichteten und ihre Meiler bauten, genau so machen cs auch ihre Nachkommen. Ein solches Leben erzieht ein festes, zähes Geschlecht, einfach und beständig in Sitte und Art, in Glauben und Handeln. Daher auch zieht es den Köhler in jedem Frühjahr immer wieder hinaus in den Tannenwald zu seinem Kohlhai, und selbst den lebensmüden Greis beschleicht oft genug die Sehnsucht nach dem grünen Waldrevier. Man erzählt im Harz eine rührende Geschichte von einem alten achtzig jährigen Köhlermeister, der schon von seiner „Gnade" (das heißt seiner Pension) lebte, aber dennoch auch in seinen letzten Lebensjahren es nicht unterlassen konnte, im Frühling mit in den Hai hinauszuziehen. Er er bettelte sich von - den Forstbehörden die Erlaubnis, auf einer alten ver lassenen Kohlstütte Hausen zu dürfen. Dort baute er sich selbst seine kleine Hütte, in der er einsam wohnte. Er las sich im Walde vom Winde ab gerissenes Holz zusammen und erhielt auch von den benachbarten Köhler- mcistern dann und wann etliche „Kohlenbrände" (so nennen sie das Holz, das in einem Meiler nicht vollständig verkohlte) und anderen Abfall und richtete sich daraus seinen kleinen Meiler zu, den er auf eigene Hand „gar" machte. Eines Morgens aber fand man den alten Martin, so hieß er, starr und tot, sanft entschlafen in seiner Hütte neben seinem nieder gebrannten Meiler.144 Im Spreemslüe. ichow! Zwei Minuten!" Hastig griffen wir nach Stock und Reisetasche, sprangen aus dem Waggon, weiter schnaubte der Eiscnbahnzug, und wir standen nebst noch einigen ausgesticgenen Passagieren vor dem Bahnwärterhäuschen, das hier die Stelle des Bahn hofes vertrat, mitten im Kiefernwalde. Die Sonne neigte sich schon stark gegen den Waldessaum — es war im September und halb sechs Uhr abends —, der Wald aber war von rotem Licht erfüllt, so daß die Kiefern wie angcglüht dreinschauten, tiefe Stille überall, ein friedcvolles, wenn auch schlichtes Landschaftsbild! Wir hatten gehofft, in Eichow übernachten zu können, um den folgen den Tag ganz vor uns zu haben zu einer Wanderung durch den Spree wald. „Nachtlager giebt's hier nicht" — mit diesen Worten machte der Bahnwärter einen argen Strich durch unseren Reiseplan. Wir berieten. „Wie weit haben wir noch bis Burg?" — „Drei Stunden, wenn Sie den Weg wissen." Den wußten nun weder ich, noch meine beiden Reise genossen. Glücklicherweise erbot sich ein von der Station abgehender Bauer, uns bis zu einem Dorfe (den Namen Hab' ich vergessen) mit- zunehmcn, da würden wir Nachtquartier finden. So machten wir uns denn frohen Acutes auf zur Waldwandcrung durch das alte Wendenlaud. Bald erreichten wir eine große Waldblöße, die Feldflur eines ein samen Dorfes. Die roh aus Holz geschnitzten, gekreuzten Pferdcköpfe über den Giebeln der bemoosten Strohdächer, ein Brunnen mit schrägstehendem, hochaufgcrecktcm Baum, an dessen unterem Ende der Eimer hing, weiterhin breitästige Zitterpappel», schon halbgelichtet durch den herbstlichen Blätter- fall, da und dort einer der Dorfbewohner, der in fremder Sprache die Tageszeit bot und uns neugierig nachschaute — das alles machte einen fremdartigen, seltsam anmutenden Eindruck. Dann ging's weiter über Bruchland. Unser Begleiter hatte einen Richtweg cingeschlagcn. Da galt es, niedere Gräben zu überspringen und nicht zu straucheln, wenn der Fuß an Binsen oder Moos abglitt. Und dazu war es mittlerweile völlig Nacht geworden; ein Glück, daß der Herbsthimmel in seiner Sternenklar- heit ein wenig leuchtete auf dem beschwerlichen Wege. Wieder ein kleines Dorf! Unser wendischer Begleiter verspürte Durst und mahnte zur Ein kehr. Der Krug war elend genug. In niederer, überheizter Stube, in145 welcher der Backtrog gerüstet stand, setzte uns die unsaubere Wirtin ein Glas abgestandenen dünnen Bieres vor, das wir halb stehen ließen. Dann ging's nach kurzem Aufenthalt weiter, wobei der Weg nicht besser, die Nacht aber immer finsterer wurde. Endlich, nach etwa dreistündiger Wanderung, winkte das Ziel. Hunde- gcbell sowie die aus den Häusern schimmernden Lichter kündigten ein größeres Dorf an, und die breite Steintreppe vor dem Wirtshause versprach ein behagliches Nachtquartier. In der Gaststube rechts vom Flur war es lebendig: Bauernburschen saßen beim Kartenspiel, wobei der Gewinn fast ausschließlich in Branntwein angelegt wurde. Während einer meiner Reiscgenossen und ich in einer Ecke beim Glase Bier saßen, sprach der andere mit dem Krüger wegen des Nachtquartiers. Da erhob sich eine unerwartete Schwierigkeit. Unter vielem Bedauern erklärte der Wirt, daß er in dieser Jahreszeit auf Gäste nicht mehr gerechnet habe, daß just heute alle Oberzimmer gescheuert und noch naß und alle Betten unüberzogen seien. Wir schlugen dies und jenes Auskunftsmittel vor, sogar das Streu lager — alles vergebens. „Was nun?" — mit dieser Frage wandten wir uns an unseren getreuen Führer, der einträchtiglich mit uns beim Bier saß. „Ja, wenn die Herren durchaus nicht hier bleiben können, so bleibt nichts übrig, als daß sie heute noch bis Burg fahren. Mein Schwager kann Sie in seinem Kahne hinunterfahren, wenn's Ihnen recht ist." Uns war's schon recht; denn wir hatten keinen anderen Ausweg. Nach einem halben Stündchen etwa lag denn auch der Kahn dicht am Wirtshause. Vorsorglich leuchtete uns der Wirt mit einer Laterne den etwas steilen Abhang zum Fließ* hinab in den schwanken, nur mit großer Vorsicht zu betretenden Kahn. Bequemlichkeit gab's da nicht viel. Man hatte einige Schütten Stroh hineingeworfen, darüber ein Brett als Sitz, das nach kurzer Zeit sich nach der einen Seite weich in das Stroh hinabsenkte und das Sitzen nur sehr unbequem gestattete. Aber für all diese Unbequemlichkeiten entschädigte die Fahrt! Zu allen Seiten erhob sich aus den Wiesen der Nebel und spann sich in seltsamen Gestalten um die Köpfe der alten Weiden, die hier und da neben dem Fließe standen; oben aber war es wundervoll klar, und die Sterne leuchteten in seltenem Glanze. Kein Laut ließ sich in den Wiesen hören; man vernahm kaum das leise Plätschern der Wellchen, welche die Stange des „Fuhrmanns" — so heißen im Spreewald die Kahnführer — aufregte. Dabei aber war die Nachtluft so kalt, daß uns im leichten Uberrock bald fröstelte, ja, daß * Fließe heißen in der Mark Brandenburg die langsam dahinfließenden Flußarme. Hummel, Bilder a. d. Welt!. 10146 wir endlich empfindlich zu frieren anfingen. Denn die Fahrt dauerte wieder über eine Stunde. Bald kamen wir aus den Wiesen in hoch stämmigen Erlentvald, der fast den Himmel verdeckte. Der Wunsch, end lich in einem warmen Zimmer zur Ruhe zu kommen, spiegelte uns mancherlei Trugbilder vor: der eine glaubte das Bellen eines Hundes zu vernehmen, der andere wollte die beleuchteten Fenster des Gasthauses ent decken, aber es war der nun aufgehende Mond gewesen, der ihn getäuscht hatte. Endlich aber ging auch die so interessante aber bitterkalte Nacht fahrt zu Ende. Unser Kahn bog in einen schmalen Seitenarm des Fließes ein, fuhr gleich darauf langsam auf festes Land, und links, etwas abseits, von alten Zitterpappeln fast versteckt, lag unser heißersehntes Reiseziel. Fast schienen sich die Enttäuschungen des Abends wiederholen zu sollen; denn der Wirt, der zugleich einen Kaufladen hielt, erklärte, daß er auf Gäste nicht mehr eingerichtet sei. Diesmal aber waren wir entschlossen, nicht von der Stelle zu weichen, und wenn wir in der Ladenstube über nachten müßten. Das half. Zuerst dazu, daß uus eine Tasse Thee mit dem notigen Imbiß gebracht wurde, endlich auch zu einem guten Bett in einem großen, saalartigen Zimmer. Als wir nach manchem munteren Scherz das Licht löschten und noch einmal zum Fenster hinaussehen wollten, stand draußen eine graue undurchsichtige Nebelwand. Der folgende Tag war ein Sonntag und ein recht klarer Sonnentag dazu. Der warme Strahl der Herbstsonne drückte, was noch von Nebel schwaden über Wald und Wiese hing, mit Macht zu Boden, und funkelnd in der Morgensonne hingen die Wiesengräser dicht voll Tautropfen. Da war's lustig, draußen auf der rohen Veranda des Hauses Kaffee zu triuken und sich zu freuen an der Aussicht auf Wiese und Wasser, wohl auch an dem mannigfachen Verkehr, den der Kaufladen heranzog. Da sprachen Männer vor im grauen oder blauen Leinwandrocke. Das Geschäft wurde kurz abgemacht; während sie die erstandene Ware im vierseitig verknoteten Tuche unterbrachten, vergaß keiner, ein gut Glas Branntwein sich als Zugabe zu gönnen. „Der wärmt," sagte einer altklug. Mittlerweile aber belebte sich die Gegend immer mehr. Das Fließ herunter kamen einzelne Kähne mit geputzten Leuten; auf dem Fußwege, der durch die Wiesen sich schlängelte, erschienen in kleinen Trupps die Kirchleute. Sie alle wanderten oder fuhren nach Burg, dem größten Dorfe des Oberspreewaldes. Dort war heute deutscher und wendischer Gottesdienst, bei dem sich, was zur Kirche ging in der ganzen Umgegend, auf einige Stunden zusammenfand, um vor und nach der Kirche in freundschaftlicher Weise zu verkehren. Diese Gelegenheit, einen Blick in das wendische Volksleben zu werfen,10 * 147 »— durften wir nicht unbenutzt vorübergehen lassen, und so wanderten wir denn anch mit hinunter nach Burg. Mit Ausnahme einiger Brücken, auf denen wir die Fließe überschritten, hatten wir überall festen Grund. Denn Burg liegt nebst den zugehörigen zahlreichen und großen Wiesen sowie einigen Ackerfeldern in einem fest zusammenhängenden Stücke mitten in dem Gewirr von Wiese, Wald und Wasser, das der Spreewald in dieser Gegend bildet. Ja der Platz, auf Im Sprccwalde. dem die Häuser und die stattliche Kirche des Dorfes erbaut sind, ist die einzige Stelle im ganzen Spreewaldc, wo ein etwas höher gelegener sandiger Hügel aus dem schwarzen Moorboden des merkwürdigen Sumpfgebietes hervortaucht. Das verleiht dem Orte etwas Auszeichnendes, das war die Ursache, weshalb nach wendischer Sage hier ein Herrschersitz ihrer alten Könige sich erhob. Nach dieser Sage war es um das Jahr 900, als in der Oberlausitz eine große Schlacht zwischen Wenden und Deutschen geschlagen wurde. Die Wenden wurden besiegt, und ihr König Prebislav wurde in seiner festen Burg auf dem Limasberge bei Königshain belagert. Die Burg wurde148 erobert; aber der Wendenkönig entkam glücklich und entfloh in den wilden, wasserreichen Spreewald. Auf einem Floß von Weidenruten schwamm er mit seinen Getreuen die Spree hinunter bis in die Gegend des heutigen Burg. Dort ließ er den hohen Burgberg auftragen und ein festes Schloß erbauen, das mit doppelten Wällen umgeben war. Hier ist dann noch lange ein Hauptsitz der wendischen Macht gewesen, auch dann noch, als in den Gegenden an der Havel und Spree die Wenden, gezwungen von dem Schwerte der Markgrafen an der Elbe, sich vor dem Kreuze beugten. Hier befanden sich die Grabstätten einer ganzen Reihe von Wenden fürsten, und Schwertgriffe, sowie Urnen mit goldenen Reifen und gol denen Ketten, die man hier ausgegrabeu hat, bezeugen die Wahrheit der alten Überlieferung. Ja die alte wendische Königsherrlichkeit wirft einen letzten Schimmer selbst noch in unsere Zeit. Als schon lange der Wenden könige Macht gebrochen war, wühlten die Wenden im Sprcewald einen König aus ihrer Mitte. Die Familie aber, in der die Königswürde erb lich war, ist nun auch ausgestorben; aber noch heutzutage sollen sich einige angesehene Bauernfamilien in Burg königlicher Abkunft rühmen. Die alte Zeit ist vorübergeranscht, und die neue hat die Wenden auch nicht unberührt gelassen. Alljährlich tvandert eine stattliche Anzahl junger Burschen nach Kottbus oder auch tvohl nach Potsdam oder gar nach Ber lin, um des Königs Rock anzuziehen; kommen sie ausgedient zurück, so hat der Aufenthalt in der Freiude unter deutschem Volk zwar die Liebe zu dem Boden der Väter und ihrer heimatlichen Sprache und Sitte nicht erstickt, aber der junge Mann brüstet sich im Kruge doch auch mit der Kenntnis des deutschen Wesens, und cs verschlügt ihm nichts, fremde Worte zu gebrauchen, wenn seine Muttersprache für die Dinge keinen Namen hat. So belustigte uns ein solcher weltkundiger Wende nicht wenig, als er das Gewehr mit „Flinta," den Regenschirm mit „Paraplü" bc- zeichnete. Und auch im Spreewalde selbst wächst durch Schule und Kirche deutsche Sprache und Sitte immer mehr in das wendische Wesen hinein. Das zeigte sich recht deutlich, als in der Kirche zu Burg ein gutgeschulter Chor ein deutsches Kirchenlied sang, während etwa die Hälfte der Kirch gänger den deutschen Gottesdienst vor dem wendischen bevorzugte. Das that unserem deutschen Herzen wohl, und doch hatte es auch wieder für uns etwas Ehrwürdiges, als wir im wendischen Gottesdienste den jungen Prediger in wohllautender, wie Musik klingender Sprache, der teuer» Muttersprache der zahlreichen Gemeinde, reden hörten von Jesum Christum, in dem beide, Deutsche und Wenden, Brüder sind. Nach dem Gottesdienste herrschte buntes Leben in der Dorfstraße.In plaudernden Gruppen, Freund bei Freund, standen die Kirchleute; hier setzten sie sich in einem oder dem anderen der einfachen Gasthäuser zum Trunk, dort standen sie überlegend vor dem Schaufenster eines kleinen Ladens, in dem bunte Tücher, Eisenwaren, Küchengeräte und sonstiger Hausbedarf zum Kauf einluden. Und dazu überall die fremde, in ihrer Farbenzusammenstel lung höchst eigentüm liche Tracht! In der Kleidung der Männer herrscht die blaue Farbe vor, und ein blauer, lang herab- hängender Tuchrock, dunkle Hosen und bis zum Knie reichende glänzende Stiefel sind ihr höchster Schmuck. In diesem Anzuge sieht man sie jedoch nur an Sonn- und Festtagen, sonst sind sie in Lein wand gekleidet. Die Frauen und Mädchen aber lieben die recht prunkenden Farben, blau, rot, weiß, grün, auch gelb. Ihre Tracht ist: rot und blau und gelb gestreifte kurze Röcke, bunte Schürzen, die länger sind als der Rock, ein eng anschlie ßendes dunkles Mieder, „Leibchen" genannt, weiße aufgeschlagene Hemds ärmel und ei» rot und gelb geblümtes Brusttuch. Ihre frischen Gesichter umgeben sie mit einem geschickt gelegten weißen Kopftuche, der „Kopflappe," die bei den Mädchen noch bunt ist und das bräunliche Haar wenig sehen läßt. Heute, am Sonntage, trägt die Spreewäldlerin schneeweiße Strümpfe und Schuhe, nicht selten von Glanzleder, an Wochentagen aber während des ganzen Sommers behilft sie sich ohne Schuhe und Strümpfe. Reinlich Sprecwäldler vor der Kirche in Burg.150 und sauber aber ist alles, auch bei den Feldarbeiten, wo die blendend weißen Tücher weit hinausleuchten, wenn die Frauen gruppenweise auf dem Felde arbeiten. Während wir in Burg am wendischen Gottesdienste teilnahmen und uns an dem bunten Treiben in der Dorsstraße erfreuten, hatte die höher gestiegene Sonne den Tau in den Wiesen getrocknet. Das gab trockenen Weg und reizte uns, ein wenig seitab zu schweifen. Auf hohem Stege ging's über das ringsum mit Erlengebüsch umsäumte Fließ, und wir standen bald auf dem Grunde einer Wiese, die sich weit hinausdehnte, bis an ihrem äußersten Umkreise wieder ein mit Erlen umkränzter Spree- arm sie begrenzte. Freilich wandcrte der Fuß hier nicht auf dem weichen Grase, wie es unseren Wiesen daheim zum Schmuck dient; hier wächst das Gras höher, aber auch gröber, ein Mittelding zwischen den runden Binsen und dem scharfkantigen Schilfe. Aber die Kühe im Spreewald sind daran gewöhnt, und deshalb bewirtschaftet man hier die Wiesen mit großer Sorg falt. Besonders die Schichtung des Heues, das in Diemen aufgesetzt ist, hat für den Landesfremden etwas Auffallendes. Es macht einen eigen tümlichen Eindruck, all die Reihen der etwa fünf Meter hohen Heudiemen zu sehen, deren jeder unten rundlich sich weitet und oben in der Mitte allmählich spitz zuläuft, so daß ein solcher Diemen aufs Haar einem großen, auf den Kopf gestellten Rettiche gleicht. Wer den Sprcewald kennt, findet leicht den Grund zu dieser sonderbaren Schichtung des Heues. Ein jeder Diemen nämlich ruht auf einer wagerechten Unterlage von dünnen Stäm men, hoch genug über dem Wiescngrunde errichtet, daß das Sommerwasser der Spree, das sich nicht selten mehrmals im Jahre in den Wiesen aus breitet, dem aufgeschichteten Grase nicht zu schaden vermag. Neben den Wiesen nimmt das Ackerland im Spreewald einen ver hältnismäßig kleinen Raum ein. Nur wenige Stellen liegen, wie ein Teil der Feldflur von Burg, so hoch, daß die Überschwemmungen sie nicht er reichen. In den so begünstigten Stellen schießt der Roggen weit über mannshoch empor, und das zwanzigste Korn ist bei der Ernte ein gewöhn licher Ertrag. Wo der Boden tiefer liegt und der Spreewäldler doch einen Versuch zum Ackerbau macht, da muß mancher Tropfen Schweiß fließen, ehe ein kleines Ackerstück gesicherten Ertrag liefert. Denn was man von oben her mit dem Spaten erreicht, ist schwarzer Moorboden, der nichts anderes hervorbringt als scharfrandiges, saures Gras. Diese Torfschicht liegt oft vier bis fünf Meter hoch und geht erst nach unten in Sand über. Sand aber ist es allein, der den zähen Torfboden zu lockern vermag zum guten Fruchtland. Da weiß denn nun der Spreewäldler, daß in seinen Fließen—» 151 »— beständig eine Schicht Sand den Grund bildet, der, von der langsamen Strömung hinabgeführt, hier und da kleine Sandbänke bildet und sich nach und nach wieder ersetzt, wenn er abgestochen wird. Diese in den schmalen Sprecarmen aufgeschwemmten Sandbänke werden abgestochen und der so gewonnene Sand in Kähne geladen. Wo es geht, legt der Spree- wäldler wohl auch einen „Sandfang" an. Er nötigt durch hineingelegtes Holz die Strömung des Wassers, eine etwas andere Richtung zu nehmen Haus Im Sprecwalde. und den mitgeführten Sand an dieser Stelle abzulagern. Dieser wird mit Moor und Dünger vermischt und auf die neue Ackerstelle gebracht. Oder man schält die Grasdecke ab, läßt den Rasen verwittern und mischt ihn dann mit Sand und Moorboden. Das ist nun das Rohmaterial für die Ackerstücke. Aber unendliche Mühe und Fleiß kostet es noch, ehe der Ackerstreif fertig zum Bestellen daliegt. Denn des Wassers wegen müssen die Ackerstücke hoch angelegt werden, bis ein Meter über der Wiescnfläche, dann erst darf der Besitzer mit Sicherheit auf Ertrag rechnen. Ehe aber der Boden seine Gaben spendet, ist die sorgsamste Bearbeitung not wendig. An die Stelle des Pflugs tritt hier der Spaten, mit dem jeder—- 152 Teil des Ackerstückes auf das sorgfältigste gelockert wird. Aber es ist dann auch eine Freude, zu sehen, in welcher Üppigkeit solch ein Ackerstück im Spreewalde prangt. Und so zarten, weißen Meerrettich, so grüne, schlanke Gurken, wie man hier überall erntet, muß man weit und breit suchen. Bei seiner so mannigfachen Arbeit in Acker und Wiese lebt der Spreewäldler als eine Art Einsiedler, der in der Regel nur mit einigen der nächsten Nachbarn Verkehr hat. Denn sein „Hoff" liegt stets in mitten der zugehörigen Wiesen und Ackerstücke, die voneinander durch drei bis vier Schritt breite, mit Rohr umsäumte Wassergräben getrennt sind, so daß man, um den Nachbar zu besuchen, den Kahn benutzen muß. Der „Hoff" kündet sich stets von fern durch eine hohe Gruppe alter Erlen oder Zitterpappeln an, unter denen sich das moosbewachsene Strohdach verbirgt, welches den langen, einstöckigen Bau deckt. Von außen sind die Häuser fast ganz verborgen von dem sorgsam an den Wänden auf- geschichteten Holzvorrate, der oft nur die kleinen Fenster frei läßt. Die Fenster haben noch hier und da kleine runde oder eckige, in Blei gefaßte Scheiben. Nie fehlt der fromme Spruch über der Hausthür. Im Innern liegen alle Räume zu ebener Erde, so daß das Vieh mit den Menschen unter demselben Dache lebt. Nichtsdestoweniger herrscht in den Wohn- räumen eine Reinlichkeit und Sauberkeit, die man unter dem bemoosten Strohdache kaum zu finden erwartet. Neben den blitzenden Schüsseln und Tellern, den Tassen und Löffeln, die längs der Wände in besonderen „Rygeln" stecken, ist der Stolz der Hausfrau das riesige, hochaufgetürmte Bett mit seiner massenhaften Füllung von selbstgcwonnenen Federn und seiner blendend weißen Wäsche, das, als der schönste Schmuck des Hauses hinter einer bis zum Fußboden reichenden Leinengardine steht und zu seinem eigentlichen Zwecke wohl nie benutzt wird. Von der Eigentümlichkeit des Verkehrs im Sprcewalde erhalten wir ans dem Spaziergange nach unserem Gasthofe zurück allerdings nur ein schwaches Bild. Wir sehen, wie hier und da die Kirchleute im Kahne nach ihrem „Hoff" zurückkchren; wir sehen die etwa zwei Meter hohen Stege, welche über die Fließe führen. Diese Stege hat man deshalb so hoch anlegen müssen, weil die darunter hinweg fahrenden Kähne oft hoch beladen sind. Sie bilden außerordentlich einfache Übergänge über die Spreearme. Meist bestehen sie nur aus einem einzigen behauenen Balken, neben dem, zum Zwecke des Anhaltens, in geeigneter Höhe eine dünnere Stange ans zwei Pfühlen geführt ist; der Ausgang wird durch eine schräg liegende starke Bohle gebildet, auf welche kleine Holzstückchen genagelt sind. So hindert nichts den Verkehr auf den Fließen, und der Kahn kann den153 Wagen vollständig ersetzen. „Zu Kahne," schildert ein Kenner des Sprce- waldes den eigentümlichen Verkehr, „wird das im Walde gefällte und ge spaltene Holz in die Wohnungen geschafft; zu Kahne wird täglich das Gras für die Kühe, deren Milch die kostbare Spreewaldsbutter liefert, von den Wiesen oder aus dem Busche geholt. Zu Kahne fährt die statt liche Hochzeitsgesellschaft zur Kirche; lustig und möglichst unharmonisch schmettert die Musik voran, begleitet von dem Jauchzen aus allen Kähnen. Inneres eines SprccwaldhanscS. Still und feierlich gleitet ein andermal eine lange Reihe von Kähnen an uns vorüber. Auf dem ersten Kahne steht ein Sarg, mit einem großen weißen Tuche bedeckt. Drin schläft ein Bauer seinen letzten Schlaf; auch er wird int Kahne zur Ruhestätte gebracht." Im Winter tritt an die Stelle des Kahnes der Schlittschuh. Die Kinder, die zur Schule wollen, die Marktlcute, welche nach Lübbenau hinuntergehen, selbst der Postbote, der von Lübbenau die Briefe bringt, sie alle fühlen sich wohl und sicher auf dem beflügelnden Stahl. All diese Bilder gingen vor unserem Geiste vorüber auf dem weiten Morgenspaziergange. Und so war es denn allmählich hoher Mittag ge-154 worden. Wieder saßen wir in unserem Gasthause, schmausten mit gutem Appetit Spreewaldhechte in der weitberühmten „Spreewaldsauce" und tranken in rotem Wein auf das Wohl des stillen, fleißigen Völkleins im Spreewalde. Dann rüstete der „Fuhrmann" zur Abfahrt. Die Bilder des vorigen Tages, der Wald, die Wiese und das Wasser wiederholten sich: eins aber war neu! In dem Dorfe Lehde erblickten wir das „Venedig des Spreewaldes." Hier bildet das Fließ geradezu die Dorf straße, an der die Gehöfte dicht aneiuandergedrängt liegen, so daß man vom Kahne aus in das Innere der Höfe zu sehen vermag. Dann kam, nach etwa fünfstündiger Fahrt, Lübbenau in Sicht, ein sauberes Städt- lein dicht am Rande des Spreewaldes, das zugleich der Platz ist, von dem aus sich die ganze Bevölkerung des oberen Spreewaldes mit all den Dingen versorgt, welche von den fleißigen Händen der Spreewüldler nicht selbst gebaut oder gefertigt werden. Als wir dann in Lübbenau auf dem Bahnhofsperron saure Gurken an die Reisenden ausbieten sahen, fiel uns ein in der Mark bekanntes Sprüchlein ein: „Saure Lübbenauer ißt Bürger und Bauer." Wir fanden zu unserer Freude, daß so eins der Haupterzeugnisse des Spreewaldes durch den Fleiß der Lübbenauer Bürger einen höheren Wert erhält. Die Leute im AZaor. ine Eisenbahnfahrt von Bremen nach Leer an der Ems gehört zu den langweiligsten und trostlosesten Reisen, die man sich denken kann. Ganz flach, wie eine unermeßlich große Platte, breitet sich nach allen Seiten hin der Boden aus; kein hervortretender Hügel mit altem Gemäuer fesselt auf kurze Zeit das Auge; eine kümmer liche Waldstrecke, die hier und da auftaucht, ist die einzige Abwechselung in der Landschaft. Dazu fehlen die belebten Stationsbahnhöfe, welche den Reisenden in dichter bevölkerten Gegenden so mannigfache Gelegenheit zu anregender Beobachtung bieten. Mit Ausnahme von Oldenburg, das die—» 155 -— Mitte des Weges zwischen Bremen und Leer bezeichnet, hält der Zug fast nur bei Dörfern an, und diese schauen kümmerlich genug darein und liegen weit verstreut voueinander, wie Oasen in der Wüste. Die verschiedenen Jahreszeiten, die geschickten Landschastsdekorateure auch sonst wenig begünstigter Gegenden, erlahmen hier so ziemlich in ihrer Kunst. Wohl kleidet der Frühling Wiese und Feld auch hier in saftiges Grün. Aber Wiese und Feld nehmen hier nur den weitaus kleinsten Teil des Landes ein, und was zwischen ihnen liegt in meilenweiter Erstreckung, ist Moor. An dem Moor aber geht auch die laueste Frühlingslust und der lachendste Sonnenschein beinahe spurlos vorüber. Freilich sprießt jetzt das Torfmoos und setzt an der Spitze der abgestorbenen Äste neue Triebe an; aber diese Triebe sind von bleichgrüner Farbe, als trügen sie den Keim des Todes schon in sich, dem sie in kurzer Zeit zum Opfer fallen müssen. Kommt dann der Sommer mit seinem grellen Sonnenschein, der bei uns im grünen Laube die Kirschen reift, so bestrahlt er hier im Moor nur schwarzbraunen Grund, der wie verbrannt aussieht. Und früher als bei uns kündet sich im Moor der Herbst an, wenigstens durch seine Nebel. Diese ostfriesischen Nebel passen in jedem Stück zu der Natur ihres Landes. Im Gebirge und selbst im Flachlande ist ein nebeliger Morgen häufig genug von ganz eigentümlicher Schönheit; wenn der zarte Schleier unter dem warmen Strahle der höher steigenden Sonne zerrinnt, so tritt Wiese, Feld und Wald im Schmuck von Millionen Tauperlen in wunderbar frischer Schönheit uns entgegen. Nichts von alledem zeigt ein Nebelmorgen in Oldenburg und Ostfriesland. Hier ist der Nebel grau und stinkend und so zähe, daß er sich fast stets ver dichtet zur schweren Wolkendecke, die in trostloser Einförmigkeit sich über das Land breite-t. Ein so geartetes Land bringt auch einen eigentümlichen Menschen schlag hervor. Heitere und lebenslustige Leute sind die Oldenburger und Ostfriesen freilich nicht, aber kernfeste Menschen, die nicht im Reden, son dern im Handeln ihre Stärke zeigen. Alte Sitten erhalten sich unter ihnen mit großer Zähigkeit, da sie weitab liegen von den lebhaften Straßen des Verkehrs. Wohl giebt es unter ihnen, wie überall, Reiche und Arme; aber der Reichtum wächst hier langsam zu aus dem Erbe der Väter, und der Arme braucht nicht zum Bettelstäbe zu greifen, sondern findet, so er nur rührig ist, selbst als Besitzer eigenen Bodens überall ein genügendes Auskommen. Was nämlich von Fruchtland in Oldenburg und Ostfriesland vor handen ist, besonders der fette Marschboden um die Meeresküste, ist auch—- 156 -— hier in alter Kultur. Da sitzen, oft auf mehrhundertjährigcm Besitz, alte Bauerngeschlechter, in denen es Familiensitte ist, daß der Hof ungeteilt entweder auf den ältesten, oder auf den jüngsten Sohn übergeht. Diese durch die Familiensitte Begünstigten, deren Bezeichnung als „Bauern" als ein gewichtiger Ehrenname gilt, sind die eigentlichen größeren Grund besitzer im Lande; alles übrige Landvolk gehört zu den „kleinen Leuten." Manche der mit einem knappen Erbteil abgefundenen Brüder des „Bauern" bleiben als „ole Jungens" auf dem väterlichen Hofe und werden dann mit dem Gesinde auf gleichem Fuße behandelt. Andere der Geschwister, welche unternehmungslustiger sind und weniger Anhänglichkeit an das väterliche Gut haben, suchen sich anderwärts eine „Stelle." Das letztere ist nun in den so schwach bevölkerten Landschaften um die Ems im wörtlichen Sinne zu verstehen; denn es giebt hier noch große Gebiete, welche in ihrem jetzigen Zustande fast wertlos sind, aber durch rüstiges Schaffen allmählich zu Fruchtland umgewandelt werden können. Das sind die Moore. In ihren schwarzen Gründen schlummern noch ungehobene Schätze; aber schwere Arbeit kostet diese Art der Schatzgräberei, und die Leute, welche zur dauernden Ansiedelung ins Moor ziehen, er wählen sich damit ein Leben voll harter Arbeit und schwerer Mühsal, dem aber doch auch als Lohn ein Walten auf eigenem Besitztum und eine sorgenfreie Zukunft der Familie beschicden ist. Manche dieser Moorkolonisten versuchen cs mit einem Stück „Brand land." Das ist in beliebig großen Flächen leicht zu haben, und der Pachtschilling von einigen Pfennigen für den Morgen ist auch dem Ärmsten noch erschwingbar. Anspruch an eine gewisse Behaglichkeit in der Woh nung dürfen die Leute freilich nicht machen, welche ein Stück Vrandland in Angriff nehmen. Die Hütte, in welcher sie Unterkunft finden, steht meist schon nach wenigen Tagen fertig da. Hölzernes Sparrwerk ist nur so viel darin, als zur Not erforderlich ist; die Fächer zwischen den Balken werden durch Lehmschlag ausgefüllt, nicht selten auch nur mit Torf aus gesetzt. Als Bedachung muß Stroh oder Schilf dienen. Der kleine Stall, in welchem die magere Kuh, sowie ein Paar Schweine, welche die Winter kost liefern müssen, untergebracht werden, darf nicht fehlen. Die innere Ausstattung einer solchen Hütte ist die denkbar einfachste. Dielen würden zu teuer sein; deren Stelle muß ein Fußboden aus hartgestampftem Lehm vertreten. Der aus Lehmsteinen aufgeführte Herd nimmt die eine Ecke des Raumes ein; ein großer, roh gearbeiteter Tisch und die erforderliche Anzahl von Holzschemeln, sowie einige kastenartige Truhen, die zugleich als Bettstatt dienen müssen, stehen an den Wänden umher. An Schmuck157 findet sich nichts, — man müßte denn den buntblühenden Geraniumstock als solchen ansehen, der in einer Ecke der kleinen Luke steht, welche als Fenster dient. Hat der Bau des kleinen Gehöftes wenig Zeit gekostet, so muß von den Moorbauern um so mehr Fleiß ans das Moor selbst verwendet tverden. Da gilt es zuerst, für das Wasser, welches das ganze Moor wie ein Schwamm durchdringt, Abzug zu schaffen. Zn diesem Zwecke muß ein Netz von Gräben angelegt werden, die ihr Wasser nach dem benachbarten fließenden Gewässer abführen. Da das Ausheben dieser Gräben sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und der Moorbauer ohne eine Herbsternte vom eigenen Grund und Boden nicht durch den Winter kommt, so ist die Fläche, welche zuerst in Angriff genommen wird, nicht allzugroß. Die Leute richten sich so ein, daß nach dem Ziehen der Gräben im zeitigen Frühjahr das Moor umgehackt wird, worauf man zum Anbrennen des Torfes schreitet- Das Anbrenneu geschieht an möglichst vielen Stellen zu gleicher Zeit. Dann schwelt der noch etwas feuchte Torf Tag und Nacht weiter; nir gends zeigt sich eine Flamme, aber ein dicker, gelblicher und stinkender Rauch qualmt aus den Spalten des Bodens und breitet sich weithin über das Land. Die Leute in den Nachbargegenden spotten, wenn Höhenrauch ihnen die Aussicht trübt, wohl in gutmütiger Weise über die Oldenburger Moorbauern: „Ganz Deutschland riecht's, wenn Eure Moore rauchen;" — aber den armen Moorkolonisten bleibt kein anderes Mittel, ihren Boden einigermaßen fruchtbar zu machen. Nach dem Erlöschen des Brandes wird zur Einsaat geschritten. Man säet Buchweizen, wohl auch Hafer. Die Ernte füllt ein Paar Jahre hin durch leidlich aus, dann ist die Fruchtbarkeit des Ackerbodens erschöpft. Man muß dann ein neues Stück in Angriff nehmen, während das zum Ackerbau unbrauchbare als Weideland benutzt wird. Glücklich darf sich dann noch der Moorbauer nennen, unter dessen Brandland der Lehn: nicht allzu tief liegt, oder der bei der Anlegung seiner Gräben auf eine Schicht von grobem Sande stößt; denn Lehm und Sand sind die wirksamsten Mittel zur Gewinnung eines fruchtbaren Ackerbodens. Daher findet man überall, wo dies angeht, „Lehmkuhlen," d. h. tiefe Löcher, aus denen der Lehm herausgeholt ist. Dieser wird über die umgebrochenen Moorflächen ausgebreitet und dann mit dem Moor durch Pflügen oder Graben vermischt. In gleicher Weise verfährt man mit dem Sande. Neichen die Mittel des Moorbauern aus, um diesem Acker noch Dünger zuzuführen, dann hat er gewonnen Spiel. Bon Jahr zu Jahr mehrt sich dann die Ernte. Aus den Wiesenflächen, die zur Stelle gehören, weidet eine Anzahl158 Rinder, nicht mehr die mageren Jammergestalten von vordem, sondern glatte, schmucke Tiere, die ein schönes Stück Geld ins Haus bringen. Ja wirklich ins Haus, — denn die elende Hütte, in welcher der Moorbauer sich das erste Heim gründete, hat mit der Zeit einem behaglichen, wohnlich ein gerichteten Anwesen Platz gemacht. Will man aber an einem recht augenfälligen Beispiele sehen, was Arbeit und Ausdauer des Menschen vermögen, wenn sie planmäßig auf ein Ziel gerichtet werden, so muß man eine wirkliche Fehnkolonie* besuchen. Einen solchen Abstecher kann man am besten von dem hannöverschen Städtchen Papenburg aus machen, das man von Leer aus nach einstün- diger Fahrt auf der Eisenbahn erreicht. Wer aber das Leben und Schaffen der Moorkolonisten recht genau kennen lernen will, der wählt Papenburg nicht als Ausgangs-, sondern als Endpunkt seines Ausflugs. Der Ausgangspunkt aber liegt im Hümmling. So nennt man das Moorgebiet, das sich südlich von Papenburg bis gegen die Ems hin aus breitet. Da findet man auf stundenlanger Wanderung nichts als totenstille, einförmige, mit braunem Heidekraut und spärlichen Gräsern bestandene Moorfläche. Sobald man sich aber einer Fehnkolonie nähert, ändert sich das Landschastsbild wie mit einem Zauberschlage. In der Ferne tauchen dunkle Torfhaufen auf; zwischendurch erheben sich Schiffsmasten, die mit ihren flatternden Wimpeln im Moor zu stehen scheinen; Häuser werden sichtbar, von denen nur die Dächer zu erblicken sind; man erblickt die Flügel von Windmühlen, oder die Kronen von Fruchtbäumen. Woher das sonderbare Bild? Die Ursache zeigt sich, sobald wir näher kommen. Da durchzieht ein breiter Graben die Fläche, mühsam von der Hand des Menschen ausgeworfen. Wir umgehen denselben, oder durchschreiten ihn auf schwammigem Steg, kommen dann zwischen lange Reihen schwarzen Torfes, die uns die Aussicht versperren, und stehen plötzlich am steil ab- geschnitteuen Rande des Hochmoors. Es läßt sich wohl kaum ein grellerer Gegensatz denken, als die öde Fläche des Hochmoors und die Rinne des Kanals, der in unabsehbarer Länge denselben durchzieht. Überall am Kanal herrscht das regste Leben. In ununterbrochener Reihenfolge stehen die Gehöfte nebeneinander. Selten wandert man weiter als hundert Schritt, ohne auf das Haus zu stoßen, welches die Niederlassung eines „Fehntjers" bezeichnet. Diese Häuser sind, wo der Kanal weit drinnen im Moor anfängt, nicht viel wohnlicher als die ersten Hütten der Ansiedler im Brandland; aber eins haben sie samt * Fehn ist das niederdeutsche Wort für Moor.159 und sonders vor diesen voraus — das ist der kleine Garten, der gleichsam aus dem Moor herausgeschnitten erscheint und der neben nutzbringenden Gemüsebeeten und Fruchtbäumen wohl auch von mancher bunten Sommer blume geschmückt ist. Zu jedem Gehöft aber gehört ein breitbauchiges Fahrzeug, das beim Beginn einer Ansiedelung oft das einzige Besitztum des Fehnkolonisten bildet. Ans diesem Fahrzeuge beruht sein Gedeihen. Auf ihm führt er den gestochenen Torf den Kanal hinunter zum Verkauf, auf ihm bringt er zurück, was er von Dünger und fruchtbarer Schlamm erde irgendwie austreiben kann. Daher herrscht das ganze Jahr hindurch am Kanal das regste Leben. Dort sind Männer und Frauen beschäftigt, aus der „Pütte" (d. h. dem Torfschachte) die schwarze, noch triefende Masse des Torfes zu heben und in den Schlägen zum Trocknen aufzustellen; dort karren andere den trockenen Torf von der Höhe ins Schiff. Zu welcher Zeit man auch den Kanal hinabschauen mag, stets findet man ihn von Schiffen belebt. Manche benutzen den günstigen Wind, um mit Segeln vorwärts zu kommen; andere kämpfen sich mühsam windan, indem sie vom Schiffer selbst oder seinem Knecht am langen Seil gezogen, oder mit langen Stangen vorwärts ge schoben werden. Diese Fahrzeuge sind bis hoch über den Bord mit Torf beladen, jene kommen nüt allerlei Stückfracht wieder an. Die Ankunft eines Schiffes unterbricht dann die Arbeit im Torfschacht; denn der mitgebrachte Dünger u. s. w. inuß zu Lande geführt und auf dem ueugewonnenen Untergründe ausgebreitet werden, der für die nächste Aus saat zu „Land" gemacht werden soll. Bei dieser regen Thätigkeit begreift es sich, daß man in einer solchen Fehnkolonie keine müßige Hand findet. Beim Grauen des Tages sind die Torfgräber schon in voller Thätigkeit, und so wiederholt es sich, mit Aus nahme der Sonntage, Tag für Tag, bis der Winterfrost das Moor zu einer harten Masse zusammenbückt, in welche der Spaten nicht mehr ein zudringen vermag. Mann und Frau teilen sich dabei gleichmäßig in die harte Arbeit. Wenn der Vater mit seinem „Wasserwagen" in die Stadt hinabführt, schaltet die Frau mit den Kindern daheim und auf dem Felde; sie unterhält nicht nur mit den Erzeugnissen der Wirtschaft das Haus wesen, sondern versorgt auch das Schiff mit Nahrungsmitteln aller Art. Und der Segen so redlicher Arbeit bleibt nicht aus. Auch in der am weitesten ins Moor vorgeschobenen Hütte findet man nicht die Spuren der Armut, sondern überall wächst der Wohlstand langsam, doch sicher. Die Leute im Moor sind zufrieden mit ihrer Lage, und sie haben deshalb auch mehr, als dies bei den Ostfriesländern sonst der Fall ist, ein der Lust,160 dem Gesänge und dem Scherze zugeneigtes Wesen. Führt ihnen doch auch jede Fahrt auf dem Kanal herunter Bilder fröhlichen Gedeihens vor Augen, an dem sie, wenn sie auch als ganz arme Kolonisten begonnen haben, doch sicher in kurzer Zeit ebenfalls teilhaben werden. Denn unten am Kanal befand sich vor zwanzig, dreißig Jahren ebenfalls nur Moor und Heide, unwirtbar, sumpfig und unbewohnt wie an dem Eingänge zu ihrem breiten Torfgraben. Und wie schaut es heute dort ans? Je weiter man am Kanal herunterkommt, desto weiter sind die braunen Ufer des Hochmoors zurückgcdrängt, immer länger werden die Strecken des kultivierten Landes. Es zeigen sich üppige Kornfelder und fette Wiesen, auf denen das wohlgenährte Rindvieh grast. Immer statt licher werden die mit schattigen Linden umgebenen Häuser, immer großer die schmucken Gärten. Schiffswerfte, eine auffallende Erscheinung mitten im Lande, zeigen sich; Korn- und Sägemühlen unterbrechen die Reihen der Gehöfte, stattliche Schulen — und auf den größeren Fehnen auch Kirchen und Türme — erheben sich, und belebte Zugbrücken und Stege führen von einem Ufer zum andern. So gelangt man endlich hinunter nach dem Hanptorte der ganzen Fehnkolonie, nach Papenburg. Das ist jetzt ein blühendes Städtchen mit sechstausend Einwohnern, und doch sind noch nicht zweihundert Jahre verflossen, da fand sich an seiner Stelle nur wildes, wüstes Moor. Diese Oase in der braunen Moorwüste ist nicht bloß eine angenehme Unterbrechung langweiliger Eisenbahnfahrt — sie ist mehr: nämlich ein leuchtendes Beispiel des Segens, den anhaltende und planmäßige Arbeit bringt. Ein schwimmendes Land. in schwimmendes Land?! Das ist gewiß eine Fabel, ausgehcckt im Kopfe eines Menschen, der nichts Besseres zu thun hatte, als mit ernsthaftem Gesicht Schnurren zu erzählen, während er bei sich selbst lachte, daß es Thoren gab, die leichtgläubig genug waren, ihm aufs Wort zu glauben. Keineswegs, sondern die Sache verhält sich genau so, wie sie die Überschrift angicbt.161 Wenn man dies seltsame Land kennen lernen will, so mnß man von der alten, ehrwürdigen Hansastadt Bremen aus die Chaussee verfolgen, welche in nordöstlicher Richtung nach Hamburg führt. Diese Straße ge hört zu denjenigen in unserem deutschen Vaterlande, auf denen die Rei senden sehr leicht müde werden; selbst bei einer Frühlingsfahrt durch das grünende Land, wenn die verkrünunten Obstbäume zur Seite der Chaussee tiu bunten Feiertagsschmuck dastehen, wird man von der Langenweile bald in sanften Schlummer gewiegt. Kommt der Wagen auf die holperige Brücke, welche über das mit bräunlichem Wasser trüge dahinschleichende Flüßchen Wümme führt, so zeigt der Grenzpfahl mit den schwarzweißen Schräg streifen, daß man aus dem Gebiete der Freien und Hansastadt Bremen ins Preußische kommt, was hier von früheren Zeiten her immer noch das Hannöversche heißt — das ist für die meisten, welche diese Straße passieren, die einzige Merkwürdigkeit. Und doch hat man hier das seltsame Natur schauspiel des „schwimmenden Landes" in ziemlicher Nähe. Es liegt links von der Straße und ist das St. Jürgener Land geheißen. Daß von den Reisenden, welche die Straße passieren, nur wenige etwas von seinem Dasein wissen, liegt daran, daß cs nichts bietet von dem, was sonst das Heer der Vergnügnngsreisenden anlockt: keine malerischen Berge, keine grünen Thäler, nicht lustig plätschernde Vergwasser, nicht kräftige Gebirgs- luft, die sonst die Brust höher schwellt. Dazu ist das St. Jürgener Länd- chen, trotzdem es so offen dalicgt, wie wenige Landschaften, doch sehr schwer zugänglich. Zu Fuß nun einmal gar nicht. Man muß sich, will man hinein, einem Kahne anvertrauen, der einen durch unendlich lange, ge wundene Kanäle zwischen hohen Schilfwänden, welche fast überall die Aus sicht versperren, nach stundenlanger Fahrt endlich in den Hauptort des St. Jürgener Ländchcns bringt, in das Dorf Waakhusen. Wen der Zufall einmal nach dem Dorfe Waakhusen führt, der findet hier nicht, wie in den behäbigen Dörfern daheim, ein sauberes Gasthaus, an dessen Tisch er sich von den Anstrengungen der Reise erholen kann, — die Leute von Waakhusen begnügen sich eben damit, in einem dürftigen „Kruge" zusammenzukommen, wenn Gemeindeangelegenheiten dies nötig machen, sonst befinden sie sich am liebsten zu Hause in der Wirtschaft. Das kommt daher, daß die Feldflur des Dorfes sich weithin im Winkel zwischen den beiden Flüßchen Wümme und Hamme ausdehnt und daß die Gehöfte nach dem Brauch der Altvordern noch über die Flur zerstreut liegen, ein jedes von seinen Ackerstreifen und Wiesenflächen umgeben und vom Nachbargehöft noch vielfach durch einen schmalen Kanal getrennt. Das ist die eine Seltsamkeit, die das Dorf Waakhusen zeigt. Die andern Hummel, BUder a. d. Welt!. H162 sind die Ackerflächen seiner Bauern, namentlich da, wo sie in größeren Stücken ungetrennt aneinander liegen. Es ist da gerade so, als habe in Urzeiten einer der Götter, von denen die alten Sagen erzählen, das Land mit riesigem Pfluge umgestürzt und cs sei in seiner Verwüstung und Zer klüftung bis heutigen Tags liegen geblieben. Da blickt man stellenweis in mannsticfe Risse, aus deren Grunde braunes Moorwasser hervvrblinkt; dort ist der Boden wie senkrecht abgerissen, oben Getreidefeld, unten Wiese, auf der die nutzbaren Gräser mit scharfkantigen Binsen einen Kampf ums Dasein führen; und nicht selten erblickt man gar mitten in der Wiese, aufgelagert auf ihrem Grunde, einen Brocken Moorboden, so groß wie ein mäßiger Hausgarten, auf dem zur Herbstzeit die roten Glöckchen des Heidekrautes gar lustig blühen. Dieses seltsame Aussehen der Waakhusener Feldflur versteht man erst, wenn man die Beschaffenheit des Bodens untersucht, Überall, wo man den Spazierstock in den Boden stößt, findet man, daß er außer der braunen Erde, die sich hier auf der Wiese wie auf dem Acker findet, ein zähes Wurzelgcflccht durchbohrt, welches den Kundigen an den Torf er innert, der in Oldenburg und in Ostfriesland und vielerorts auch in der Mark Brandenburg und in Pommern als Feuerungsmaterial verwendet wird. Wenn beim Verschiffen der Torfstücke eines derselben ins Wasser fällt, so schwimmt es, als ob es leichtes Holz wäre. Das ist die Lösung des Rätsels vom „schwimmenden Lande!" Die ganze Feldflur von Waak- husen, ja man könnte sagen das ganze St. Jürgener Land, ist eine ein zige große Moor- und Torfmasse, welche den Winkel zwischen den beiden Flüßchen Wümme und Hamme ausfüllt. Obenauf liegt das „weiße Moor," in dem die Moose und sonstigen Moorpflanzen noch nicht vollständig ver west sind, und das von grauer oder lichtbrauner Farbe ist; nach unten werden dann die Moorschichten dichter, und ihre Farbe wird dunkel braun und selbst schwarz. Das „weiße Moor" schwimmt im Wasser wie Kork, die unteren Moorschichteu sind gewichtiger, weil sie immer dichter werden. Überall aber ruht die unterste schwarze Moorschicht auf Sand boden, ähnlich einem Floß, das voin Hochwasser auf das Flußufer hinaus geschoben und bei sinkender Flut auf demselben sitzen geblieben ist. Jedes neue Hochwasser kann dann das Floß von neuem flott machen und zum Schwimmen bringen. Ein solch riesenhaftes Moorfloß ist nun aber das St. Jürgener Land. Die Gewässer, welche cs von dem Sandgrnndc, auf dem cs ruht, empor heben und zum Schwimmen bringen, spendet zu gewissen Jahreszeiten die Weser. Das Weserwasser staut dann die beiden Moorflüßchen auf, und163 deren Wasser heben nun das ganze Moorfloß langsam in die Höhe, zu zeiten wohl an drei Meter über seine sonstige Lage. Wenn dann die Weser wieder zu fallen beginnt, so sinkt mit der verlaufenden Flut auch der Boden wieder, bis er sich endlich auf den Sandgrund fest aufsetzt. Da ist dann leicht erklärlich, daß die Leute im St. Jürgener Land vielfach anders leben müssen, als wenn sie jahraus jahrein festen Grund und Boden unter den Füßen hätten. Das zeigt sich schon in ihrer Art zu wohnen. Wer dort bauen will, der muß zuvörderst darauf sehen, daß der Baugrund seines Hauses fest werde. Das kann auf verschiedene Weise bewirkt werden. Manche werfen da, wo die Grundmauern des Hauses stehen sollen, so tiefe Gräben aus, daß sie auf den Sandgrund kommen, auf welchem das bewegliche Moor ruht; in diese Gräben wird dann Sand, den sie mühsam herbeiführen müssen, fest eingeschlämmt und auf diesem Sandgrunde das Haus errichtet. Ein sachkundiger Baumeister würde freilich den Kopf schütteln über diese Art, „auf Sand zu bauen;" aber im St. Jürgener Land giebt es eben weit und breit keinen Steinbrocken, der nur wie eine Hand groß wäre, da muß man sich zu helfen suchen, so gut es geht. Andere scheuen selbst die Mühe, einen tiefen Graben auszuheben. Diese werfen dann einen etwa meterhohen Sandhügel auf, der drückt durch sein Gewicht die darunter liegende Moorschicht so fest zusammen, daß sie vom Wasser nicht mehr gehoben werden kann und nun einen einigermaßen sicheren Baugrund ab- giebt. Auf dieser „Warf" bauen denn nun die Leute im St. Jürgener Land in einfachster Weise: an Gebälk lassen sie es nicht fehlen, denn das muß zumeist Sicherheit geben; die zum Ausfüllen erforderlichen Ziegel formen sie selbst aus thonhaltigem Schlamm, und an Schilf zum Bedecken der Dächer fehlt es nirgends in ihren zahlreichen Gräben. Ein solches Haus sicht freilich selbst neu nicht sehr dauerhaft aus; aber der unsichere Grund, auf dem es ruht, verträgt keinen größeren Aufwand. Kommt es doch häufig genug vor, daß der Boden hier und da nachsinkt, und dann senkt sich an dieser Stelle das Haus mit, so daß Thüren und Fenster ganz schief stehen. Da muß denn der Dorfzimmermann Rat schaffen. Er setzt an der gesunkenen Ecke dicke, bis anderthalb Meter hohe Holz schrauben unter das Gebälk und schraubt dieses langsam so weit empor, bis es wieder in den richtigen Winkel gerückt ist. An der unsicheren Stelle aber wird so viel Sand und Steingrus nachgefüllt und fest ein gestampft, daß man hier wieder festen Grund schafft. Freilich bebt bei einer solchen Radikalkur das alte Haus in allen Fugen, und nach derselben giebt es im Inneren viel zu flicken und zu bessern. Deshalb entschließt 11 *164 sich der Besitzer auch sehr schwer zum „Aufschrauben," und die Familie behilft sich in dem schiefen Hause solange als möglich. Ganz besondere Sorgfalt wendet man im St. Jürgener Land auch der weiteren Befestigung der „Warften" zu. Die steil abfallenden Ränder dieser künstlichen Sandhügel sind gegen das Wasser durch ein sonderbares Zaunwerk geschützt, welches man aus den starken, knorrigen Ästen von Eichen oder Erlen in der Art herstellt, daß man diese in den Grund rammt und sie mit dem dünneren Zweigwerk ineinandergreifen läßt. So mag es, wenn man im Winter an eine Warf kommt, wohl aussehen, als sei sic mit einem Zaune umgeben; nur im Frühling, wenn alles umher grünt, zeigt das dürre Astwerk seine wahre Natur. Bei der Abgeschlossenheit der einzelnen Gehöfte führen die Leute im St. Jürgener Land ein ziemlich einsiedlerisches Leben. Am schönsten ist's noch im Sommer. Da sprießt überall das Gras mit Macht hervor, und an den Ufern der Kanäle setzt das grüne Schilf seine schönen Vlütenrispen an; hier und da leuchtet aus dem Uferschilf die große gelbe Blüte der Schwertlilie, und auf den stillen Spiegeln der Gewässer schwimmen die großen Blätter der Teichrosen, ab und zu von den weißen oder gelben Blüten der schönen Wasserpflanzen unterbrochen. Dann lebt es auch in ^ der Luft. Über dem Wasser tummelt sich die zierliche Seeschwalbe mit den langen, scharfgeschnittenen Flügeln; sie stößt hierhin und dorthin, bis ein Fischlein ihr zur Beute fällt. Wo größere Wiesenflächen sich breiten, da lärmt das muntere Volk der Kiebitze und schießt in sonderbarem Haken fluge regellos durcheinander. Wenn dann das Gras und Schilf das Schneiden lohnt, so kann man die Leute vom St. Jürgener Land in seltsamer Weise beim Heumachen sehen. Statt über dem Boden, müssen sie vielerorts ihr Gras über dem Wasser schneiden. Knietief sieht man sie da im Sumpfe watend, und die Sense schneidet die Halme oft dicht an der Wasserfläche ab. Das Gras sinkt dann ins Wasser, und sie lassen es so lange schwimmen, bis sie ihren Strich heruntergemüht haben. Dann harken sie das Gras in einen freien Kanal, schieben es in einen großen auf dem Wasser schwimmenden Haufen zusammen und flößen diesen Haufen mit einem Brette, das an einem langen Stiele befestigt ist, über den Kanal hin bis zu der Stelle, wo ihr Heuschifl liegt, das dann mit dem noch triefenden Grase beladen wird. Dieses muß dann manchmal stundenweit zu einer höheren Landstelle weg gefahren werden, um da an der Sonne Heu daraus zu machen. Dan» aber kostet es wieder viele Mühe, um das gewonnene Heu zu Kahne auf den Heuboden des Gehöftes zu bringen.165 Diese vielerlei Geschäfte, welche die Leute im St. Jürgener Land auf dem Wasser treiben, machen den Kahn nnentbehrlich, und daher hat denn auch jedes Gehöft eins oder mehrere dieser breiten, uubehilslichen Fahr zeuge. Hat man nicht große Lasten zu transportieren, sondern will man sich nur selbst vorwärts schaffen, so dient dazu das kleinere und leichtere „Schedel-Schip," auf dem dann auch die Hausfrauen zu Markte, oder die Kinder zur Schule rudern. Natürlich ist dieser Kahnverkehr nur möglich, solange offen Wasser ist; schlägt der Wiuterfrost seine glänzenden Eisdecken über die Kanäle, so greift alt und jung zum Schlittschuh, und diese sonst so schwerfälligen Bauersleute bewegen sich ans dem dünnen Stahl mit einer Leichtigkeit, ja selbst Zierlichkeit, um die sie mancher Schlittschuhläufer einer großen Stadt beneiden könnte. Noch mehr als im Sommer, besitzt im St. Jürgener Land der Winter seine Eigentümlichkeiten. Hier, wo das Wasser das herrschende Element ist, gestaltet sich alles, was mit diesem zusammenhängt, viel großartiger als auf unseren Flüssen und Teichen. Wenn bei uns an einem scharfkalten Wintertage ein leises, kurzes Krachen die fröhlichen Schlittschuhläufer über rascht, so achtet niemand besonders darauf — weiß man doch, daß es nichts weiter bedeutet, als daß sich hier oder da im Eise ein fingerbreiter Spalt gebildet hat, über den man gefahrlos dahingleitet. Anders im schwimmenden Land. Da bildet das Wasser oft stundenweit eine einzige zusammenhängende Masse; denn es durchzieht das zwischen den Kanälen liegende Moor wie einen Schwamm, und wenn das Wasser gefriert, so gefriert Moor und Schlamm mit. Wenn da bei zunehmendem Froste das Eis spaltet, so setzt sich der Riß blitzschnell auf weithin fort; er reißt in die Tiefe, oft so weit, daß man das braune Moorwasser durch den Eisspalt heraufquellen sehen kann, und wenn sich das Reißen des Eises wieder holt, werden die Eisspalten manchmal so breit, daß man darin wie in einem natürlichen Kanäle zwischen Eis- und Schlammmauern dahinschiffen könnte. Eine solche Eisrinne nennen dort zu Lande die Leute eine „Spanje."* Sie fürchten ihre Entstehung; denn sie kann unter Umständen großen Schaden verursachen. Da ist etwa ein Fahrzeug eingefroren; — wenn das in dem Wege liegt, den die „Spanje" nimmt, so reißt mit dem Eise, in dem es festsitzt, auch der Boden entzwei. Oder, da im Winter Eis und Moor und Land eine zusammenhängende Masse bilden, die „Spanje" geht vom Wasser quer durch das Land und zerreißt nicht nur das gefrorene * Von spannen.166 Moor, sondern spaltet auch nicht selten eine Warf, so daß die Mauern der Gebäude unsicher werden und den Einsturz drohen. Überhaupt ist im St. Jürgener Land der Winter die Jahreszeit, in der sich mancherlei verheerende Erscheinungen vorbereiten. Wenn der Frost hart kommt und lange anhält, dann schauen die Leute in Waakhnscn und den übrigen zum Ländchen gehörigen Dorfschaftcn bange aus nach ihren Wiesen und werden nicht eher ruhig, als bis der Boden völlig durchtaut ist. Sie fürchten nichts mehr als stark eintretendes Tauwetter. Wenn aus der Wümme und Hamme, oder wohl gar aus der Weser das erste Friihlingswasser über die noch gefrorenen Wiesen geht, dann mag es wohl geschehen, daß es deren Eisdecken hebt, und mit dem Eise hebt sich der daran festgefrorene Boden, und kommt die Scholle zum Treiben, so treibt auch der Wiesengrund mit hinweg. Da kommt es vor, daß der Bauer noch am Abend über die Wiese ging, und am Morgen, wenn der Nebel sich lichtet, traut er seinen Augen nicht: — Wasser flutet, wo gestern noch Eis und falbes Grün sich zeigte, und ein mctertiefes Loch ist in die Wiese gerissen, das im Sommer zum Schilfsumpfe eintrocknet. Das Losreißen von „Eisdobbcn" — so nennt man die fortgeführten Wiesenstücke — kommt im St. Jürgener Land wohl in jedem Frühling vor, wenn auch vereinzelt; was aber jedes Frühjahr sich so sicher cinstellt wie die Störche auf den Hausdächern, das ist das Hochwasser. Denn da das Schmelzen des Eises in den beiden Flüßchen des Landes zu derselben Zeit stattfindet wie in der Weser, so kann das Schmelzwasser nicht ab laufen, sondern es tritt auch noch von der Weser herein. Da steigt das Wasser in den Kanälen langsam, aber sicher. Merkwürdig aber ist dabei, daß es nicht in die Wiesen und Felder tritt, die sonst ein großer See sein müßten. Die Leute im St. Jürgener Land wissen wohl, woran sie sind. Wenn sie im Sommer und Winter von ihren Warften hinuntersahcn in die Wiesen und auf die Äcker, so liegen diese jetzt in gleicher Höhe mit der Hausdiele; ja nicht selten kommt es vor, daß sie zu den Äckern und Wiesen hinaufschauen müssen. Denn überall ist das Hochwasser unter das Moor getreten und hebt es allmählich immer mehr empor. Nur was zu schwer ist, wie die Warften mit ihren Gehöften, bleibt auf dem Grunde. Natürlich tritt da, wo sich die Wiese oder der Acker von der Warf löst, das Wasser hervor, und je höher es steigt, desto höher leckt es an der Warf empor. Schon bei mäßigem Wasserstande tritt es ins Hans. Darauf sind die Leute eingerichtet, da dies Ereignis sich Jahr für Jahr wiederholt. Längst sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Man sichert zunächst das Vieh, indem man in den Ställen Rinder und Pferde auf167 erhöhte Gerüste treibt, die aus Blöcken und darübergelegten Bohlen her gerichtet sind. Damit das Herdfeuer nicht erlösche, baut man auf einem Blocke aus zusammengelegten Steinen einen Notherd, der zwar entsetzlich viel Rauch, aber wenig Wärme giebt und nur zum Kochen der Speisen verwendet werden kann. Dann sorgt der Bauer noch für den Dünger im Hofe, indeni er, um ihn vor dem Wegschwimmen zu schützen, die Dünger statt mit Weidengcflechten umfriedigt. Damit hat er alles gethan, was bei dem gewöhnlichen Verlauf des Hochwassers zur Sicherung seines Be sitztums notwendig ist. Er steigt dann mit den Seinen auf der Leiter zum Hausboden. Dort hat er seine Wohnstatt, die er nur verläßt, um nach dem Vieh zu schauen, oder um Torf zum Feuer zu legen. Anders aber gestaltet sich die Lage der Bauern, wenn das Wasser zu ungewöhnlicher Höhe anschwellt. Das tritt ein, wenn im Frühjahr bei ausgehendem Eis längere Zeit starker Nordwestwind herrscht. Der staut dann auch das Wasser der Weser auf und treibt es mit gewaltiger Macht in der Wümme und Hamme und allen mit diesen Moorflüssen zusammenhängenden Kanälen empor. Eine solche Sturmnacht ist gar grausig im St. Jürgener Land. Pfeifend heult der Wind über das Land; er reißt die Bäume in den Hainen hin und her, und jede Bewegung ihres Wurzelwerks macht der schwimmende Boden mit, auf dem sie stehen; drunten aber im Hausflur steigt das Wasser von Stunde zu Stunde. In solchen Zeiten der Gefahr kann nur ein schneller Entschluß vom Untergang retten. Wenn das Feuer auf dem Herde erlischt, gilt's kein weiteres Besinnen. Der Bauer schreitet zur Auswanderung. Die große Luke im Giebel wird geöffnet und eine festgezimmerte Notbrücke gelegt, die von dem nächsten Rande des höherliegenden Ackers in den Hausflur herein reicht. Auf dieser Notbrücke wird das Vieh hinaufgetrieben zum Acker, wobei sich oft die Kühe recht ungebärdig anstellen. Dort, oder im benach barten Eichenkamp müssen Rinder und Pferde, solange das Hochwasser dauert, unter freiem Himmel zubringen. Für die Familie aber wird eine Hütte errichtet, in der sie, wenn das Hochwasser nur langsam sinkt, manchmal wochenlang kampieren müssen. In dieser Zeit der Not lockern sich im St. Jürgener Land selbst die Bande, die dort die Menschen fest zusammenhalten: die Kinder kommen nicht zur Schule, die Alten nicht zur Kirche. Besonders das letztere will bei diesen Wasser-Einsiedlern viel bedeuten. Sonst sieht man sie jeden Sonntag in ihren Kähnen nach St. Jürgen rudern, einer kleinen Insel, die wie ein etwa fünf Meter hoher Landbuckel sich zwischen den Kanälen und Wiesen des seltsamen Landes erhebt; — da befindet sich im Schatten168 uralter Eichen die kleine Kirche des Landes, da steht das Pastorhaus und die Schule, und daneben breitet sich der Kirchhof, auf dem alle Leute im St. Jürgener Land ihre Ruhestatt finden; — dahin zieht fromme Sitte und die Freude am Zusammentreffen mit Freunden und Verwandten all sonntäglich eine große Menge von Andächtigen. Nur das Hochwasser stört den frommen Brauch. Da ruft wohl, wie immer, das Glöcklein der Kirche hinaus in die Wasscrwüste, und droben auf dem Turme steht der Küster und späht landauf und landab, — aber kein Kahn will sich zeigen, der Andächtige zur Kirche führt. Man erzählt, daß sogar Osterfeste vor gekommen sind, bei denen das Glöcklein von St. Jürgen vergeblich zum Gottesdienst gerufen hat. LZilüer vom Rmischen Haff. K er Badeort Kranz an der Nordküste des bernsteinreichen Sam- landes ist eine Oase, die man dem Düncnsande mühsam ab gerungen hat. Wo man vor dreißig Jahren noch im grob körnigen Meeressande watete, da ziehen jetzt schattengcbeude Alleen und breiten sich geschmackvolle Parkanlagen; die Häuser der Fischer sind alle sauber und wohnlich; denn viele von ihnen dienen im Sommer als Woh nungen für Badegäste; freundliche Villen und stattliche Hotels sind in den letzten Jahren immer mehr entstanden. Freilich hat damit auch das Leben der Badegäste vornehmere Formen angenommen. Wer vor dreißig Jahren noch schlecht und recht nicht nur bei wackeren Fischersleuten wohnte, sondern sich auch getrost bei ihnen in die Kost gab und nicht schlecht dabei fuhr, der speist jetzt wenigstens zu Mittag im Hotel; wer sich damals auf den Sonntag nachmittag freute, wo eine kleine Kapelle reisender Musikanten aus Königsberg ein bescheidenes Konzert gab, der hat jetzt die Gelegenheit zu musikalischen Genüssen alle Tage, seitdem eine besondere „Badekapelle" sich aufgethan hat; wer früher seine vicrwöchentliche Kurzeit in Ruhe ab machte, da sich weitere Ausflüge von selbst verboten, der denkt heute an weitere Partieen, etwa über das Kurische Haff nach der nördlichsten Stadt unseres deutschen Vaterlandes, nach Memel. Vvr dreißig Jahren war eine solche Fahrt noch ein waghalsiges Unternehmen; — man fuhr damals169 mit dem Schakener Bierboote, das ankam, wann es den Wellen und dem Winde gefiel; heute legt man sie im bequemen Dampfschiffe sicher in acht bis neun Stunden zurück. Schließen wir uns einmal einer solchen Ver gnügungsfahrt an, — es kommt mancherlei dabei heraus für die Kenntnis von Land und Leuten. Der Hafen von Kranz ist einigermaßen seltsam. Ein kleines Gewässer, die Beek (b. i. Bach), windet sich in einiger Entfernung von dem Badeorte langsam dem Haff zu. Das war früher ein wahres Moderloch von Sand, Schlamm und ineinandergewachsenen Wasserpflanzen, ist aber jetzt eine Strecke flußaufwärts hinlänglich tief ausgebaggert, so daß ein kleines Dampfboot es mit genauer Not passieren kann. Dies Dampfboot nun besorgt den ganzen Verkehr zwischen Kranz und Memel. In der Höhezeit der Badesaison ist es stets vollbesetzt, und der Besitzer hat all sein Geschick aufzubieten, um die Reisekoffer und Schachteln unterzubringen, die nun einmal zu einem Badeaufenthalte unentbehrlich sind. Darum aber kennt man auch zu dieser Zeit keine besondere Rücksicht auf säumige Passagiere — die Schiffsglocke hat zum drittenmal zur Abfahrt geläutet — die Landungs brücke wird eingezogen — die Maschine im Raume hebt ihre Kolben langsam und dann immer schneller — die Rauchwolken aus dem Schlot folgen sich häufiger und dichter — das kleine Schifflein strebt rüstig vorwärts! Zuerst geht's noch langsam durch frische Wiesen dahin; dann aber weitet sich der Wasserspiegel, und bald sind wir draußen auf der weiten Fläche des Haffes, das heute bei wolkenfreiem Himmel wie ein blitzender Spiegel vor uns ausgebreitet liegt. Gegen Osten hin weitet sich vor unseren Augen das Haff gleich dem offenen Meere, nach Westen zu aber wird der Blick zunächst eingeengt durch die Nehrung. Man will das unserem Ohre fremdartig klingende Wort als „Niederung" deuten; richtiger ist es wohl, anzunehmen, daß es ein Überrest ist von der Sprache der alten heidnischen Preußen, der sich an diese so auffallende Landbildung knüpft. In ziemlich gleicher Breite von etwa vier Kilometern zieht sich die Nehrung auf eine Strecke von hundertunddreißig Kilometern von Kranz bis nach Memel, welch letzteren Ort sic freilich nicht erreicht, sondern von dem sie durch das sogenannte „Memeler Gatt" getrennt ist. Soweit beim Beginn der Fahrt das Auge über die Nehrung entlang schweift, erblickt es nur Sand, und zwar grau weißen, dürren Flugsand, mit dem der Wind sein launenhaftes Spiel treibt, und hier und da eine verkrüppelte Fichte. Bei sonnenhellem Himmel ge währt es immerhin einige Unterhaltung, den scharfgezeichneten, zuweilen eigentümlich beschatteten Linien der Sandwehen und Sandhügel zu folgen;170 bei trübem Himmel aber, wenn Haff und See aschgrau erscheinen und Krähen, Dohlen und Möwen mit heiserem Gekrächze über die öde Fläche dahinziehen, bietet die Nehrung ein trostloses Bild, das selbst den Lebens lustigsten melancholisch stimmt. Landeskundige versichern, daß die Kurische Nehrung nicht immer einer Wüste geglichen habe. Man weiß bestimmt, daß noch im siebzehnten Jahr hundert sich überall auf dem sandigen Streifen Wälder von Eichen, Tannen, Birken, Weiden und Erlen befunden haben. Damals wußte man zur An legung der Verbindungsstraße, die von Königsberg über Memel nach den russischen Ostsecprovinzeu führte, keinen bequemeren und sicherern Weg, als den über die Nehrung. Als aber im Siebenjährigen Kriege die Russen sich jahrelang in der Gegend heimisch machten und die sorgsam geschonten Wälder bis auf den Grund verwüsteten, kam ein Wendepunkt zum Schlimmen. Die Straße verfiel; denn es gab keine Hände mehr, welche dem Meeres sande, den jeder Sturm von neuem auswirft, gewehrt hätten. Der Sand drang unaufhaltsam vor gegen die Dorffluren, welche sich über die Niederung breiteten; er deckte Äcker und Wiesen zu, drang durch die Zäune und ver schüttete endlich auch die Hütten der Bewohner. Da mag es sein, daß man auf einer alten Dorfstütte, wo einst Menschen in bescheidenem Wohl sein sich des Lebens freuten, jetzt bis an die Hüften im Sande versinkt! Zum Glück bietet die Nehrung nicht überall das gleiche abschreckende Bild. Etwa auf dem dritten Teile des Weges zwischen Kranz und Memel taucht eine grüne Stelle in der Nehrung auf; man sieht Bäume, Saaten und frische Wiesen dazwischen, ja einer der Passagiere, der den Ort kennt, versichert, daß die Bewohner des Dorfes Rositten ebenso gut ihren Weizen boden besitzen wie die reichen Bauern der Weichselniederuug. Wir glauben es dem Manne aufs Wort; denn die roten Ziegeldächer des Dorfes schauen so behäbig zu uns herüber, daß nur zufriedene Menschen unter ihnen wohnen können. „Ja selbst auf unserer Nehrung sind des Lebens Güter recht ungleich verteilt," berichtet der freundliche Passagier. „Sie werden das noch be stätigt finden, je weiter wir an der Nehrung hinunterkommen. Da haben Sie zum Exempel Nidden, das eigentliche Centrum der Nehrung. Da hat's der liebe Gott den Leuten nicht so gut werden lassen wie den Weizen- bauern von Rositten. Der Ort hat Kirche und Schule, neuerdings ist sogar eine Rettungsstation für Schiffbrüchige dorthin verlegt worden; — aber was man dort in den kleinen kümmerlichen Gärten an Grün sieht, das muß dem Sande alle Tage von neuem abgetrotzt werden. Es giebt nichts, aber auch rein gar nichts, was einen Bewohner der Außenwelt nach171 Nidden ziehen könnte. Die Leute liegen wie abgeschnittcn von der Welt auf ihrem Sandstreifen, nach Memel haben sie zwölf Stunden Weg, nach Labiau noch etwas weiter, und das sind die nächstgelegenen Orte! Im Sommer mag's auch noch gehen; denn dann geht doch wenigstens einiger Verkehr hinüber und herüber; ist aber die Schiffahrt auf dem Haff unter brochen, so tritt mit der Außenwelt erst wieder Verbindung ein, wenn das Eis halt. Dann greifen die Leute zum Schlittschuh, lind es ist kaum glaublich, welch beträchtliche Strecken sie dann zurücklegen." — „Und die Nahrungsguellen dieser armen Leute von Nidden?" fragt einer. — „Ja, damit ist's leider schwach bestellt. Wenn's nicht fchlschlägt, so bauen sie in ihren versandeten Gürten etwas Kohl und Kartoffeln; alles andere muß das Haff liefern; schauen Sie nur, wie fleißig die Leute an der Arbeit sind — die Hunderte von Fischerkähnen, die man von hier aus zählen kann, gehören allermeist in die Nehrungsdörfer. Doch halt, eins hätte ich beinah' vergessen, was den Fischern von Nidden zu gute konunt. Das ist der Krähenfang im September und Oktober. Dann fallen ganze Schwärme dieser schwarzen Aasvertilger über die Nehrung her. Alles ist da auf den Beinen: Netze werden gestellt, Lockkrähen ausgesetzt wie am schönsten Harzer Vogelherd, zu Tausenden gehen die Krähen ins Netz. Man tötet sie durch einen Schlag auf den Kopf, nicht selten durch einen Biß — schaudern Sie nicht, meine Damen! — dann hinein mit ihnen in den Kochtopf oder ins Pökelfaß — nach dem Kochrezept werden Sie wohl nicht begierig sein!" „Wieviel besser ist da den Leuten in Schwarzort, das dort unten auftaucht, das Los gefallen! Da hat sich ein letzter Rest des Wald paradieses erhalten, das ehemals die ganze Nehrung bedeckte. Dazu liegt der Ort durch seine hohen Dünenhügel so geschützt vor den Nord- und Ostwinden, den'bösen Gesundheitsfeinden unserer Gegend, daß die Schwarz orter Fischer selten einmal den Doktor brauchen und steinalt werden. Diese Vorzüge ihres Dörfchens haben sie gehörig ins Licht zu setzen verstanden, und die wohlhabenden Memeler Kaufleute und Beamten, die an ihrem eigenen Strande Badegelegenheit haben in Hülle und Fülle, fanden, daß sie, wie die reichen Königsberger und Danziger Kaufleute, ebenfalls ihr Seebad haben müßten. So kommt es denn, daß in Schwarzort alljährlich fünfhundert bis sechshundert Fremde zur Kur wohnen, so daß nun da große Gasthäuser nebst einer Anzahl moderner Logierhäuser erbaut sind, um alle wohnlich unterzubringen. Das wirft denn den Schwarzorter Fischerslcuten manche schöne Mark Geld ab — mehr aber noch die groß artige Bcrnsteinfischerei, die in Schwarzort ihren Hauptplatz hat, und die bei eisfreiem Haff unausgesetzt betrieben werden kann."172 Während der freundliche Memeler Kaufmann uns in so interessanter Weise erzählt non dem Leben und Treiben der Nehrungsleute, hält der kleine Dampfer uach Nordost hinüber; denn er macht auf seiner Fahrt zu weilen auch an diesem Ufer Station, wenn er Personen oder Güter uach Heidekrug oder gar nach Tilsit als Ladung findet. Nach letztgenannter Stadt ist denn freilich die Transportgelegenheit derartig, daß man sich von ihr im übrigen Deutschland mit seinem dichten Eisenbahnnetze keine auch nur halbwegs richtige Vorstellung zu machen vermag. Früher muß man auf dieser Strecke tagelang unterwegs gewesen sein; heute, wo jeden Tag ein Dampfschiff von Tilsit nach Memel hinuntergeht, hat man wenigstens einige Sicherheit für ein geregeltes Fortkommen. Benutzen wir die Stunden, während welcher der Dampfer anhält, zu einem kurzen Ausfluge ins Innere! Das Ufer des Haffes selbst ist hier überall flach und reizlos. Ein breiter Gürtel von dichtem Röhricht um zieht es wie eine schützende Palissadenwand; aber schon vor der Einfahrt haben wir rechts und links, wie grüne Inseln hervortretend, dichtes Gefilz von Wasserpflanzen beobachten können. Da mag es im Sommer gar prächtig aussehen, wenn die Wasserranunkeln ihren Blütenschnee auf der Wasserfläche entfalten; aber diese Wildnisse von Wasserpflanzen erschweren die Schiffahrt, und wehe dem Unkundigen, dem es nach einem Bade lüstet in dem grünen Wasser: wie von tausend Armen fühlt er sich festgehaltcn und mag Gott danken, wenn er mit dem Leben davonkommt. Landwärts geht nun der Sumpfrand des Haffes allerdings in festeren Boden über; aber dieser ist fast überall toter Sand, stellenweis mit ver krüppelten Kiefern bestanden, auf weiten Strecken aber so kahl, daß der Wind mit den gelblichen Sandkörnern sein ungehindertes Spiel treiben kann und sie hier zu langgezogenen Hügeln aufschüttet, dort zu Senken einticft. Wo diese Sandsenken größere Ausdehnung annehmen, da sickert denn auch die Feuchte des Bodens zusammen, da sprudelt hier und da eine Quelle, zeigt sich etwas frischeres Grün und findet man die kleinen Dörfer der Bewohner. Wir sind da mit einem Schlage mitten drin in Litauen. Man rühmt die Litauer überall in Ostpreußen als frische, rüstige Leute. Trotz dem sie nicht von deutschem Blut sind, hängen sie an ihrem Könige mit unverbrüchlicher Treue — waren es doch Litauer, welche sich im Revolu- tionsjahre 1848 aufmachten, um dem Könige in Berlin ihre Hilfe an zubieten, da auch in ihre Wälder die Kunde gedrungen war, daß der hohe Herr nicht mehr sicher sei in seiner Hauptstadt! Es ist des Litauers Stolz, daß er ein geborener Kavallerist sei, und gern dienen sie bei dem Dragoner-Regiment in Tilsit, welches größtenteils aus Freiwilligen besteht.173 Sucht man sie daheim auf in ihren kleinen Dörfern und einsamen Weilern, so wird man mit Herzlichkeit und Gutmütigkeit empfangen, und man merkt aus Wort und That, daß bei ihnen alte patriarchalische Gastfreundschaft noch zu Hause ist. In den östlichsten Teilen Litauens, besonders in der sehr fruchtbaren Tilsiter Niederung, giebt es nicht wenige wohlhabende Bauern von litauischem Stamm; aber am Haff ist doch viel Armut zu finden, und günstigenfalls helfen sich die Leute unter Sorge und Arbeit schlecht und recht durchs Leben. Einfach genug ist ihre Art zu wohnen. Langgestreckt und niedrig liegt das Haus am Hügelhange, das eine Ende immer breiter als das andere, da, wie hier und da in Norddeutschland, auch das Vieh hier sein Unterkommen findet. Ziegeldächer sind selten; das Rohr, das man draußen am Haff zur Herbstzeit schneidet, ist warm, trocken und — billig. Tritt man durch die niedrige Hausthür, so fällt einem, als das Hauptstück des breiten Hausflurs, der Herd ins Auge — freilich nur eine niedere, ge mauerte Erhöhung mit einem eisernen Rost und einigen Haken darüber, um nach Bedarf einen größeren Kessel über das Feuer hängen zu können. Ein Schornstein findet sich selten; denn er würde wegen des sumpfigen Baugrundes bald genug windschief stehen. Der Rauch muß sehen, wie er aus dem Hause kommt, doch unbenutzt läßt man ihn nicht ziehen; er muß nämlich die frisch geteerten Stricke und Netze durchziehen und bräunen, damit sie um so länger halten. Damit der Rauch seine Bestimmung desto besser erfüllen kann, hat man in geringer Höhe über dem Herde einen Bretterverschlag, der wie ein großer Holztrichter aussieht, angebracht, der den Rauch zusammenhält. Freilich sieht man auf vielen dieser litauischen Hütten einen Schornstein; aber das ist nur ein „blinder," den die Leute aufstellen, um dem Hause „ein Aussehen" zu geben. Ja, das Aussehen! Es spielt seine Nolle selbst noch in den armen Stranddörfern im Litauer Land. Teure Kleidungsstücke verbieten die ein fachen Verhältnisse dieser schlichten Leute schon von selbst; — aber wenig stens bunt muß das Gewand sein, besonders der Sonntagsstaat. Die Männer gehen dann in weiten, faltenreichen Beinkleidern, in Weste und Jacke von starkem, aber stets etwas buntfarbigem Zeug und heben das Aussehen noch durch eine große Anzahl von blanken Metallknöpfen. Die Frauen hüllen ihre Köpfe, es mag kalt oder warm sein, in bunte Tücher; von Röcken lieben sie die buntfarbigsten am meisten, und diese werden, um nur ja recht zur Geltung zu kommen, so getragen, daß sie mit ihren farbigen Säumen treppenartig übereinander liegen. Die Strümpfe er glänzen in buntester Farbenpracht, die sich selbst noch bis auf die Pantoffeln174 erstreckt. Die Mädchen tragen anstatt der Jacken kleine Mieder mit langen weißen Ärmeln und einem großen Kragen, welcher meist mit Spitzen ein gefaßt ist. Doch das ist, wie gesagt, die Tracht am Sonntag; an Werk tagen behilft man sich mit schlichter, nicht selten mit kümmerlicher Kleidung. Diese litauischen Strandbauern führen eigentlich ein Doppelleben. Um ihr Gehöft her kratzen sie den Sandboden etwas auf und stecken Kar toffeln, Kohl und Speiserüben; selten nur erblickt man einen Streifen Land, auf dem man einen Glücksversuch mit Korn gemacht hat. Ihr eigentlicher landwirtschaftlicher Besitz liegt nach dem Haff hinunter. Da hat jeder von ihnen seinen Anteil an dem bruchigen Wiesengrunde, der zwar stellenweise nur harte, saure Gräser hervorbriugt, stellenweise aber auch so zartes Gras, daß das hier gewonnene Heu weithin begehrt ist. Die eigentliche Zeit des Heuverkaufs ist der Winter; denn im Herbst und selbst im Sommer sind die Wiesengründe für Lastschlitten unzugänglich. Wenn aber die Memel und all die kleinen ins Haff mündenden Gewässer spiegelblanke Eisbahnen bieten, dann kommen die Aufkäufer des Heues bis zu den äußersten Hütten heran; man handelt und feilscht stundenlang um den Preis; dann aber kommt der „Maggeritsch," das ist das Besiegeln des Kaufs durch einen tüchtigen Trunk. Das bringt dann tagelang ein munteres, lustiges Leben in die einsamen Hütten. Sobald aber der warme Westwind die Eisschollen auf dem Haff zu sammenschiebt, verwandelt sich der Litauer, der bis dahin nichts anderes als seinen Heuhandel im Kopfe zu haben schien, in einen thätigen Fischer. Hierzu hat die Natur selbst ihn angeleitet. Denn es giebt wohl im ganzen deutschen Vaterlande kein Gewässer, das so fischreich wäre, wie das Kurische Haff. Die schwimmenden Wiesen, welche dem Schiffer so beschwerlich, sind aber auch wahre Brutnester der schuppigen Bewohner dieses Gewässers. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen," — die für uns unverständ lichen litauischen Namen von all dem, was Schwanz und Flossen hat im Haff?! Für uns, die wir hauptsächlich auf den Nutzen sehen, den dieses beschuppte Heer den Menschen gewährt, heben sich nur einige Hauptarten heraus. Sobald die ins Haff mündenden Flüsse von dem Eise befreit sind, erscheint an ihren Mündungen der noch nicht einmal fingerlange Stint in unbeschreiblichen Mengen. Aus der Tiefe der süßen Gewässer steigt er empor, um zu laichen und dann wieder zu verschwinden. Bald nach dem Verschwinden dieses Wichtleins erscheint sein vornehmer und besonders geschätzter Verwandter, der große, mit scharfem Gebiß bewehrte Lachs, welcher, aus der Ostsee kommend, das Memeler Gatt durchschwimmt und die Mündungen der Memel aufsucht, um in ihnen seinen Laich ab-175 zusetzen. In der schlammigen Tiefe findet sich ferner massenhaft der Aal. Er macht seine Wanderungen gerade umgekehrt wie der Lachs: er setzt seinen Laich, wo er kann, in der Salzflut ab, die Jungen aber suchen das Süßwasser wieder auf. Kurische Neunaugen endlich sind eine Ware, die in jedem Winter dem Königsberger Markte zugeführt wird. Wegen dieses unerschöpflichen Reichtums betrachtet der litauische Strand bewohner das Haff als sein eigentliches Acker- und Erntefeld. Vom April an, spätestens Anfang Mai, liegt er den ganzen Sommer bis in den Spätherbst hinein draußen auf dem Fischfang — nur der Sonntag ruft ihn nach Hause; denn er will doch auch eine Predigt hören im weitent legenen Kirchdorf. Am Sonntag Abend aber begiebt sich der Fischer mit seinen Knechten schon wieder in den Keutelkahn, in den mit den Netzen auch der nötige Proviant gebracht wird, welcher aus Brot, Kartoffeln und Salz besteht. Das große sackförmige Schleppnetz wird an dem Hinteren Ende des Kahnes befestigt, und alsdann bestimmt der Wind den Lauf des Fahrzeuges. Die Ergiebigkeit des Zuges hängt von der Witterung ab: bei stürmischem und kaltem Wetter ist der Ertrag gering, ruhige und warme Tage dagegen bringen reichen Fang. Ist nach der Meinung des Fischers das Netz mit Fischen gefüllt, so wird es vermittels eines langstieligen Käschers „gelichtet," das heißt geleert, und der Fang wird im Kahne untergebracht. Hat dieser seine Ladung, so segelt der Fischer zu Lande, wo er von den Fischauskäufern sogleich umringt wird. Während des Fanges werden die Mahlzeiten auf dem Fahrzeuge bereitet. Der Küchen zettel bietet keine Abwechselung. Das Frühstück besteht immer aus Mehl suppe, Kartoffeln und Fischen, das Mittag- und Abendessen nur aus Fische« und Kartoffeln. So lebt der Haffsischer die ganze Woche hindurch, und es ist nicht eben selten, daß ihm auch am Sonntag die Frau nicht einmal ein Stück frisches Fleisch auf den Tisch stellt. Der Absatz der gewaltigen Mengen von Fischen, die jahraus jahrein aus dem Haff gezogen werden, ist des Fischers geringster Kummer: — im Hinterlande wohnen Leute genug, die alle auf das Haff wie auf eine große Speisekammer angewiesen sind. Zur „Stintezeit" wird das Fischchen metzenweis verkauft und von den Verkaufsplätzen am Strande in Tüchern und Säckchen in die entlegensten Dörfer getragen, oder der Litauer befestigt auch die damit gefüllten Beutel umschichtig an den Sattelknopf des Pferdes und trabt alsdann der Heimat zu. Die litauischen Hausfrauen „krillen" ihn (kochen ihn an), gießen das übelriechende Wasser, worin er gekocht wurde, ab und würzen ihn mit Salz, Essig und Pfeffer. Getrocknet be wahrt man ihn für spätere Zeiten auf. Besonders gern kaufen ihn die176 katholischen Gemeinden, um bei ihren mit gewöhnlichem Hanföl gewürzten Fastenspeisen eine Abwechselung zu haben. Was an den vornehmeren Fischen, an Aalen und Lachsen, gefangen wird, das fällt meist in die Hände der Fischaufkäufer, die damit die großen Fischmärkte von Königs berg, Elbing oder Danzig beziehen. Tritt Überfluß an geringeren Fisch sorten ein, so fahren die Fischer wohl auch nach Polen, um die Fische gegen Getreide und Kartoffeln umzusctzen. Ist der Fang so reichlich ausgefallen, daß die Verwertung eine schwie rige wird, so benutzt man die fetten Tiere zur Thranbereituug. Zu dem Zwecke werden die Fische in großen Gefäßen so gekocht, daß sie ausein anderfallen. Dann schüttet man diesen Fischbrei, „Dragys" genannt, in große Kübel, in denen sich das Fett von dem Bodensätze sondert. Der Thran wird dann abgeschöpst und noch einmal gekocht; den Dragys aber verwendet man zum Düngen der Felder. Wir bekommen Respekt vor dem einfachen, biederen Fischervolke am Kurischen Hass, wenn wir, als der Dampfer schon wieder unterwegs ist nach Memel, da und dort im Haff die weißen Segel der Keutelkähne auftauchen sehen: die Leute darin sind frisch an der Arbeit, so trüge auch das Fahrzeug sich fortzubewegen scheint. Und nicht immer arbeiten sie in so idyllischer Ruhe, wie heute am klaren Sommertage. Manchmal toben draußen auf dem Haff die Stürme so gewaltig, daß der Wogengang an die offene See erinnert; und besonders zur Zeit des Eisaufgangs drohen den Schiffern bei ihrem Gewerbe Gefahren, bei denen es gilt, Heldenmut zu zeigen trotz dem besten Matrosen. Wie es da manchmal in den Dörfern um das Haff aus sieht, zeigt am besten ein Bericht über die fürchterliche Nacht, welche die Bewohner des Dorfes Postniken vom 24. auf den 25. März 1852 durch lebten. „Ein großer Teil der dort wohnenden Fischer, zwanzig und mehr, fuhren am 24. Mürz genannten Jahres, der zwar trübe und regnerisch war, doch keineswegs Unglück ahnen ließ, mit ihren Schlitten weit über das schon mürbe gewordene Eis des Haffes, um an geeigneter Stelle ihre Arbeit zu beginnen. Die Netze waren bald unter der Eisdecke verschwunden, und die Hoffnung auf reichen Gewinn erwärmte jeden. Doch schnell erhob sich ein rasender Sturm; Krach auf Krach erfolgte; die dicke Eisdecke barst oft in gefährlicher Nähe der armen Fischer, die schaudernd in das tiefe nasse Grab schauten. Noch war durch Aufgeben der kostbaren Netze vielleicht Rettung des bedrohten Lebens möglich. Doch wer malt das Entsetzen der Unglück lichen, als der Boden unter ihnen zu wanken begann und die Masse sich hob und senkte — ein grausiges Fahrzeug! Der dunkelnde Abend, die Finsternis der Nacht mit dem heulenden Sturme im Bunde, machten die177 Lage der auf zerbrechlichen Schollen im Haffe umhertreibenden Armen zur entsetzlichsten. Mit ihnen sorgten, zagten und beteten die im Dorfe Zurück gebliebenen; ersehnt und dennoch gefürchtet kam der neue Morgen. Hatte vielleicht die dunkle Nacht mitleidig ihren Schleier über die Schreckensscene geworfen? War das Eisfeld zertrümmert? Hatten die darauf Weilenden ihr Grab in dem schäumenden Wasser gefunden? Gott hatte Erbarmen! Der Sturm hatte ausgetobt; Ruhe kehrte in die besorgten Herzen zurück; denn alle, alle waren gerettet! Die Spalten des Eises geschickt über springend, erreichten die schwer Geprüften glücklich das Ufer. Teilnehmende Liebe half die Verluste ersetzen." Wohl den merkwürdigsten Anblick aber bietet das Haff zur Winterszeit. Da zeigen sich, als wär's mitten im Sommer, hier und da die weißen Segel, ohne die, wie es scheint, diese große Wasserfläche nun einmal nicht zu denken ist. Es sind Segelschlitten, schwer beladen mit Marktgut, die der Schiffer, der geschickt durch eine mit eisernem Haken versehene Stange lenkt, durch den Wind ziehen läßt, und zwar noch geschwinder, als im Sommer den Kahn. Was ist freilich der schnellste Segelschlitten gegen unseren munter vorwärts strebenden Dampfer! Gewiß überkommt den litauischen Fischer, an dessen ruhig schaukelndem Kahne wir eben vorüberdampfen, etwas wie ein Gefühl der -Ohnmacht gegenüber den Erfindungen der neueren Zeit. Doch ist es auch bei ihm wie bei all diesen Dingen: Verlust auf der einen, Vorteil ans der anderen Seite. Seit die Dampferlinic eingerichtet ist, denkt niemand, der über das Haff will, mehr an die Schakener Bierboote; wenn aber bei reichem Fischfang die Fischer mit Sorge nach Käufern ausschanen, dann ist's ihnen auch erfreulich, wenn die Fischaufkäufer von Memel oder gar von Königsberg gleich mit dem Dampfboot kommen, um die fetten Lachse' und Aale ihnen abzunehmen. Dies und noch anderes wird besprochen unter den Passagieren des kleinen Dampfers auf der Fahrt nach Memel hinunter. Das kürzt die Zeit, und man ist ordentlich überrascht, als bereits die „Schmelz" auf taucht, eine Vorstadt von Memel, welche sich schon von weitem durch eine Menge von Sägemühlen ankündigt. Nun geht's an der „Schmelz" vor über — ein heiseres Pfeifen kündet die Nähe des Hafens — die Maschine im Schiffsraum arbeitet nur noch langsam — dann schiebt sich das Dampf- bvot vorsichtig an das Bollwerk — die Landungsbrücke wird über geschoben — binnen wenigen Minuten wandern wir durch die sauberen Straßen der nördlichsten Stadt des Deutschen Reiches. Hummel, Bilder «. d. Weltl. 12178 Helgoland aus der Vogelperspektive. Rechts im Vordcrgritnde das Unterland mit Treppe und Aufzug zum Overlande. Rechts von der Insel sieht man die „Diinc." H e I g o I s n ir. Deutscher Fels in deutschen Wogen, Den die Brandung klagend schlug, Deutscher Stamm, der, uns entfremdet, Eine andre Fahne trug: Wieder bist du neugewonnen, Unserm Reiche angetrant, Perle kaiserlicher Krone, Helgoland, du Wogcnbraut! Als man einst dich uns entrissen, Lag in Schmach Germania! Heute steht die große Mutter Wieder stark und gltinzcnd da, Sammelt die geraubten Kinder, Doch nicht mit dem Schwert allein! Auch In friedlichem Triumphe Zieh» sie in die Heimat ctn. Franz Hein. ■ on den vielen Reisenden, die jeden Hochsommer auf der Insel i Helgoland Erfrischung suchen, versäumen es nur etwa die alten Stammgäste, vorher in Haniburg Station zu machen. Wer zum erstenmal die Fahrt macht, nimmt sicher auf einige Tage in der großen Handelsstadt an der Unterelbe Aufenthalt; denn Hamburg ist das große Thor für die Nordsee. Und in Hamburg ist es wieder die hart am Elbufer liegende Elbhöhe, die einen weiten Aus- und Überblick gewährt über das, was man auf der Fahrt nach Helgoland zu erwarten179 hat. Hier oben, auf dem „Stintfang," wie die eingeborenen Hamburger den Ort nennen, findet man im Spätwinter bei eintretendem Tauwetter ebenso zahlreiche Besucher wie an lachenden Sommertagen. Alte, würdige Handelsherren und leichtfüßige Handlungsgehilfen drängen sich da durch einander, und aller Blicke hängen an dem übereisten Strome: — auf der Unterelbe nämlich ist das Eis ins Treiben gekommen; da hat jeder, der mit dem Handel zusammenhängt, das lebhafteste Interesse daran, daß der Eisgang schnell und glücklich von statten geht. An schönen Sommertagen freilich denkt niemand mehr zurück an die Gefahren des Eisganges; da erfreut man sich nur an dem lebensvollen Blick über den Hafen, verfolgt mit dem Auge die über die Elbe kreuz und quer hinüber schießenden Jollen, die gewandt den mit puffendem Dampf ein- und aus- fahrenden Dampfschiffen ausweichen, oder lauscht dem taktmäßigen Gesänge der Matrosen, mit den: sie ihre Arbeiten beim Ein- und Ausladen der Schiffe begleiten. Vom Stintfang aus nehmen gewöhnlich auch die nach Helgoland Gehenden Abschied von der alten Hansestadt; denn gleich unter der Höhe liegt das Bollwerk für die nach der Nordsee bestimmten Dampfer. Das Reisegepäck ist schnell genug in den unteren Raum weggestant; einer be sonderen Einrichtung für längere Fahrt bedarf es kaum; denn man macht die Fahrt in etwa sechs Stunden, und nur wenn Wind und Strömung ungünstig sind, fährt man wohl acht bis neun Stunden — immerhin lange genug, um die Seekrankheit gründlich kennen zu lernen. Bei ruhigem Wetter aber ist die Fahrt elbabwärts reich an mannig fachster Abwechselung. Der Verkehr der ein- und ausfahrenden Dampf boote ist ein ununterbrochener. An die Stelle der Jollen treten die größeren und plnniper gebauten „Ewer," die in ihren viereckigen Segeln Wind genug fangen, um selbst gegen die ausgehende Ebbe aufzukreuzen. Und dort, die ersten Boten der See — die Möwen! Wie große weiße Tauben schweben sie über dem Wasser, und erst wenn sie sich leicht darauf niederlassen und, nachdem sie mit ihrem Hakenschnabel den oder jenen Brocken vom Schiffs abfall aufgegriffen haben, sich ebenso leicht wieder erheben, merkt man es, daß die schönen weißen Vögel nur Gäste im Binnenwasser sind und eigentlich hinaus gehören auf das Meer. Drüben am Ufer zur Rechten, wo stattliche Hügelgehänge sich zum Wasser herabsenken, reiht sich eine schmucke Villa an die andere, jede einem reichen Hamburger Kaufherrn gehörig. Schon taucht Blankenese auf, in alten Zeiten ein reizend gelegenes Fischerdorf, heute ein Vorort der reichen Handelsstadt: die Fischersleute sind nahezu ausgestorben, großstädtisches Leben entfaltet 12 *180 sich zwischen den grünen Baumwipfeln, welche sich bis auf die Berge hinaufziehen. Vorüber! Denn rastlos arbeitet drunten im Raume des Dampfers die Maschine, und das am Kiel sich kräuselnde Wasser zeigt, mit welcher Schnelligkeit das wackere Boot seine Bahn verfolgt. Übrigens sind die Höhen bei Blankenese die letzten Berge, welche man sieht; denn von Blankenese ab liegen die beiden Ufer der Elbe in flacher Eintönigkeit da. Eine Augenweide für den Landwirt freilich ist das Land, dessen Oberfläche so eben ist, als wäre sie mit einem großen Lineal abgestrichen, mit seinen unabsehbaren Wiesenfluren, in deren fettem Gras die Rinder bis an den Bauch stehen, — das ist aber auch alles, was sich zu seinen Gunsten sagen läßt. Von „Landschaft" giebt's nichts mehr in den „Marschen." Man sieht nur die erhabenen Linien der „Deiche," der Schutzwälle gegen verheerende Überschwemmungen; höchstens unterbrechen einzelne Baumgruppen und hier und da eine Windmühle oder ein Kirchturm die einförmigen Uferlinien. Auch das Wasser der Elbe scheint sich zu langweilen und träger zu werden. Denn wo hier Schlamm- und Sandbänke im Strom angeschwemmt worden sind, da hat sie das Wasser nicht hinweggerissen, sondern fließt sanftmütig um sie herum, so daß Stromiuseln entstanden sind. Diese zahme Art des Flusses hat sich das betriebsame Menschenvolk zu nutze gemacht und siedelt nun mitten im Strom. Man fährt an einige» dieser Strominseln, die hier allesamt „Sünde" genannt werden, vorüber; die größte ist Krautsand, welche der Dampfer zur Linken läßt. Man erfreut sich an dem lachenden Anblick der Insel; denn der Schlammboden auf derselben ist so fruchtbar wie der Marschgrund, das Vieh so wohlgenährt und in gutem Stande wie nur irgendwo auf dem Festlande. Aber es gewährt einen seltsamen Anblick, daß die Häuser der Gehöfte samt und sonders auf künstlich aufgeworfenen Erhöhungen erbaut sind; — das läßt ahnen, daß die Bewohner dem jetzt so sanftmütig dahinfließenden Strome doch nicht trauen, sondern gar oft genötigt sind, mit ihrem Vieh sich auf die „Warften" zu flüchten, wenn das Frühjahrswasser über die ungeschützte Insel hereinbricht. Der Dampfer legt hier und da an, um Passagiere oder Güter an das Land zu setzen, so an der Mündung der Schwinge, eines Flüßchens, das aus den Marschen am linken Elbufer kommt und zu der alten han- növerschen Stadt Stade hinaufführt. Aber nicht lange dauert solch vorüber gehender Aufenthalt — die Maschine beginnt von neuem zu arbeiten, und das Dampfboot steuert wieder hinaus nach der Mitte des Stromes. Und immer breiter wird nun der Wasserspiegel der Elbe, immer weiter treten—» 181 -— die Ufer zurück, und ist gar Flutzeit, so daß das Elbwasser sich staut und stromaufwärts getrieben wird, so könnte man schon glauben, daß die Mündung der Elbe erreicht sei. Und doch ist noch eine weite Strecke bis dahin. Dort zur Rechten taucht erst Brunsbüttel auf. Das war bis vor ein paar Jahren noch ein stilles Marschendorf; seit aber (1895) der Kaiser Wilhelm-Kanal eröffnet ist, wächst es sich immer mehr zu einem lebhaften Flußhafen aus, von dem die Schiffe den Weg durch den Kanal nach Kiel nehmen. cOirpfCT 5 jr n n jk j Je breiter die Elbe wird, desto unsicherer wird das Fahrwasser; denn Schlamm- und Sandbänke durchsetzen gar häufig den Strom. Deshalb ist cs nötig, den aus- und einfahrenden Schiffen die tiefste Stelle in der breiten Stromrinne als Fahrbahn anzuweisen. So erklärt es sich, daß da und dort im Flusse weiße und schwarze Tonnen liegen, mit Ketten im Grunde verankert, so daß sie ihren Ort nicht verändern können. Zwischen dieser Doppelreihe von Tonnen hindurch sucht unser Dampfboot seine Bahn. So gelangt bald das alte Schloß des kleinen Städtchens Ritzebüttel in Sicht, gleich dahinter der Leuchtturm und der Mastenwald von Cuxhaven. Letzterer Ort ist der Außenhafen von Hamburg, aber für den, der die alte182 Hansestadt selbst gesehen hat, doch nur von geringem Interesse. Also vor über! Noch im Angesicht der Schiffe von Cuxhaven machen Ortskundige darauf aufmerksam, daß das Dampfboot an der Elbmündung angekommen ist. Dicht am Ufer liegt abermals eine der wegweisenden Tonnen, die Kugelbake — sie bezeichnet den letzten Punkt des Festlandes; was weiter hinaus liegt, ist schon Nordsee, und das zeigt sich auch bei einigermaßen bewegter See an der Bake selbst, an der dann die schaumenden Wellen hoch emporbranden und dann zu weißem Gischt zerstieben. Rechts verschwindet nun die Küste völlig, links zieht sich noch ein zarter Streifen dahin. Wenn auch dieser verschwindet, sehen wir die zu Hamburg gehörige Insel Neuwerk mit ihren niedrigen Fischerhütten und ihrem hohen, vierkantigen Leuchtturm. Dann taucht noch, als letzter Vor posten des Landes, die Sandbank Scharhörn auf, auf welcher, rings vom Wasser umbraust, sich einsam eine Bake erhebt, ein hohes Gerüst, welches dem Schiffer als Wegweiser dient, wenn er in die an Sandbänken über reiche gefährliche Elbmündung einläuft. Gegen Nordwesten hin kommt nun ein Leuchtschiff in Sicht, ein segelloses, an armstarken Ankerkettcn festliegendes Fahrzeug mit rot angestrichenem Schiffsrumpfe, von dem aus zur Nachtzeit aufgehängte große Laternen weit über das Wasser hinaus leuchten, um einsegelnden Schiffen den Eingang zur Elbe kenntlich zu machen. In schönen Sommernächten haben die Leute auf dem Leuchtschiff leichten Dienst. Wehen aber die Herbststürme, oder schiebt sich das Treib eis der Elbe bis zum Leuchtschiff vor, dann wird der Dienst nicht selten ein Ringen um das eigene Leben. So ist der zweite Weihnachtstag des Jahres 1824 unvergessen, in dessen Schreckensnacht ein solches Leuchtschiff mit Mann und Blaus zu Grunde ging. Zwischen zwei solcher Leuchtschiffe hindurch verfolgt der Dampfer seine Bahn. Eine gewisse Aufregung herrscht unter den Passagieren an Deck. „Dort vor uns liegt die rote Tonne!" ruft der Kapitän. Wer der Fahrt kundig ist, erklärt den Reisegenossen, daß die rote Tonne eine der Baken ist, die uns bisher geleitet haben, aber dadurch merkwürdig, daß sie die eigentliche Mündung der Elbe bezeichnet. Ja, wir sind nun wirklich in der Nordsee! Wer's nicht an dem klargrüuen Wasser merkt, welches all mählich an die Stelle des gelblichen Flußwassers getreten ist, der sieht es an den höher und länger ausrollenden Wellen, der fühlt es, wenn nicht völlig windstilles Wetter ist, sicher an dem rebellischen Verhalten seines Magens. Hat aber ein freundliches Geschick über uns gewaltet, so kommt schon nach einer halben Stunde Helgoland in Sicht. Zuerst erscheint das Felsen-183 eiland wie eine' matt beleuchtete Gruppe von Schiffen, deren weiße Segel im Sonnenschein fernhin leuchten. Bald jedoch treten die weißen Punkte deutlicher hervor; wir erkennen, daß sie auf einer hohen, dunkeln Masse ruhen: es ist der Helgoländer Felsen mit dem weißen Leuchtturm und an deren weißen Gebäuden. Schnell nähert sich nun das Dampfschiff der Insel. Zur Rechten zieht sich ein langer Streifen hin, die Sandinsel. Zwischen dieser und der Insel laufen wir ein in den Süderhafen, wo sich der Dampfer vor Anker legt. Der Süderhafen ist nun freilich nichts weniger als ein Hasen, sondern nur der Ort, wo die herankommenden Boote die Reisenden und das Gepäck derselben aufnehmen, um sie nach der Insel überzusetzen. * * *184 Wer so, frisch aus dem Boot gekommen, Helgoländer Boden betritt, findet sich zwischen zwei Gegensätze gestellt: der Strandgrund, den man betritt, und dicht dahinter die „rote Klippe," wie Helgoland bei den Helgoländer Fischern heißt — das alles ist ein unverfälschtes Stück Seenatur; und mitten drin treibt sich eine bunte, aus allen Gegenden Deutschlands herbeigekommene Badegesellschaft umher in all der ungezwungenen Fröhlich keit, wie sie besonders in Seebädern sich zeigt. Wem die Seekrankheit noch in den Gliedern liegt, dem mag es freilich kein behagliches Gefühl sein, durch die „Lästerallee" zu gehen, das heißt durch den mit Hilfe zweier langen Leinen gebildeten Weg von der Landungsbrücke bis zu den ersten Häusern des Fischerdorfes; denn an diesen Leinen steht die ganze Bade- gesellschast und hat in dem Augenblick eben nichts Besseres zu thun, als mit gut gemeintem Spott die kläglich dreinschauenden neuen Ankömmlinge zu empfangen. Doch was thnt's? Jedenfalls stehen diese übermorgen selbst mit an der Leine und rächen sich schrecklich, wenn auch nicht an denen, die sie so tief kränkten. Ist man erst einige Tage auf Helgoland, dann treibt die Langeweile des Badeaufenthalts von selbst dazu, sich auf der merkwürdigen Insel genauer umzuschauen. Sie ist bald genug in ihren Teilen durchforscht. Einem unregelmäßigen Dreieck vergleichbar, erhebt sich eine aus rotem Sandstein gebildete, sechzig bis siebzig Meter hohe Felsenplatte mit senk recht abstürzenden Wänden aus der See. Die Felsenplatte ist von Nord west nach Südost etwa dreitausend Schritt lang und in ihrer größten Breite an der Ostseite etwa tausend Schritt breit. An dieser breiten Ost seite nun liegt ein Stück flachen Sandbodens, der sich sehr allmählich in die See absenkt. Das ist das Unterland, von dem aus an der steilen Felswand hinauf eine bequeme Steintreppe nach dem Oberlande führt, das man aber jetzt auch mühelos durch einen Aufzug erreichen kann. Ge wissermaßen eine Art Vorposten von Helgoland ist die kleine Sandinsel, die etwa eine Viertelmeile östlich der Insel liegt. Für einen Festlandsmenschen steht es bald fest, daß die Helgoländer von der Natur nicht verwöhnt sind. Wohl kleidet besonders im Mai eine gelbblühende Kohlart den ganzen Ostabhang des Felsens in prächtigen Schmuck, und das kleine Gänseblümchen steht mit seinen freundlichen Blütensternchen überall zwischen dem kümmerlichen Rasen; daneben findet sich der gelbe Löwenzahn, dessen Federkronen auch die Helgoländer Kinder zum Vergnügen in die Luft hinausblasen; der rote Kopfklee kommt stellen weise auf dem Oberlande vor; was dann von Holzpflanzen da ist, be schränkt sich auf den Teufelszwirn, die Weide und den Flieder, — aber185 -— alles ge deiht nur kümmer lich in der salz gesättig ten Luft. Von Zier pflanzen trifft man wohl in kleinen, mühsam gepflegten Gärt chen Rosen und Lilien, von Nutz pflanzen nur die Kar toffel, die auf dem Oberlande ziemlich gut gedeiht. Da begreift sich denn leicht, daß es mit der Tierwelt auf Helgoland schwach bestellt ist. Früher war in dieser Hinsicht eine Art Berühmtheit „die Kuh <5 des Gouverneurs." Seitdem aber dieser nützliche Zweihufer entschiedenen Widerwillen . ' . . Der Aufzug, ^CiQtC, |iu) ttn K.uint6t mit der das Oberland mit dem Unterland verbindet. getrocknetem Schellfisch er nähren zu lassen, ist sie aus der Liste der Helgoländer Vierfüßler gestrichen. Jetzt findet man nur auf dem Oberlande einige Hundert magerer Schafe, die, an kurzen Stricken angepflöckt, um sie vor dem Abstürzen von der Klippe zu bewahren, die karge Trift abweiden. Viel reichlicher ist die Vogelwelt vertreten. Der Helgoländer Felsen wird stets von zahlreichen Möwenarten umschwärmt, und es ist ein außerordentlich schöner Anblick, wenn Tausende derselben bei niedrigem Wasserstand über der schäumenden Brandung vor dcr Sandinsel186 schweben, um zu fischen. Hie und da sieht man dann plötzlich eine Möwe senkrecht ins Meer hinabschießen, um pfeilschnell die mit scharfem Auge aus großer Höhe erspähete Beute zu erhaschen. Im Winter aber, wenn die Elbmündung unter Eis liegt, kommen auch aus dem Binnenlande manche Wasservögel bis Helgoland. Da sieht man Schwärme unserer farben prächtigen Wildente, oder die kleine graue Krickente und selbst die berühmte Eiderente. Auf dieser so ärmlichen und trotzdem eigenartigen Insel hat sich ein kleiner Zweig des alten Friesenvolkes mit zäher Festigkeit eine Heimstätte bereitet. Es mögen etwas über fünfhundert Familien sein, von denen vielleicht der fünfte Teil sich auf dem Nntcrlande angesiedelt hat, während die übrigen auf dem Oberlande wohnen. Die etwa vicrhnndertfünfzig kleinen Gehöfte sind hier regelmäßig in Straßen und Gassen angelegt, so daß auf diese Weise ein sauberes Städtchen entstanden ist, an dessen West seite die Kirche mit dem vierkantigen Turme liegt. Weiter gegen Westen, ziemlich nahe dem Felsabsturz, erhebt sich ein Leuchtturm. Das Völklein, das in diesen niederen Hütten wohnt, ist, wie gesagt, friesischer Abstammung, damit aber auch ein Reis am lebensfrischen Stamme unseres deutschen Volkes. Wie klingt es vertraut in unser Ohr, wenn wir den alten Reim hören, mit dem die Helgoländer die Landes- natur ihrer „roten Klippe" bezeichnen: „Grön is det Lumi, Road is de Kant, Witt is de Sunn; Deet is det Woapen Van't Hillige Sumt.'' („Grün ist das Land, Rot ist die Kant', Weiß ist der Sand; Das ist das Wappen Vom «Heiligen Land».") Auch die Erinnerungen der Helgoländer knüpfen mit einer gewissen Vorliebe an die Zeit der alten Friesen an. Sie erzählen noch heute vom Friesenkönig Ratbod, der um das Jahr 700 auf der Insel vor Pipin von Heristal Zuflucht fand. Vergebens bemühte sich der heilige Willibrord, den alten Helden zur Taufe zu bewegen. Schon hatte dieser einen Fuß im Wasser, als er an den christlichen Priester die Frage richtete, wohin denn seine Vorfahren gekommen seien. „In die Hölle," lautete der kurze Bescheid des Priesters. „Dann will auch ich nicht in den Himmel kommen!" Sprach's und starb ungetanst, und nach mehr als tausend Jahren fanden sie auf der Höhe des „Moderberges" an der Südspitze der Insel ein Grab mit dem Skelett eines Mannes, eine Bronzewaffe zur Linken und an jeder Seite einen bronzenen Spiralring. Und es hieß, es sei das Grab Ratbods, des Friesenkönigs.187 Aus späteren Zeiten berichtet die Überlieferung, daß da, wo heute auf dem Oberlande Kartoffeläcker sich ausbreiten, der Weg durch Roggen felder geführt habe. Das ist nun freilich schwer glaublich; — jedenfalls ernährten sich die Helgoländer, wie noch heute, auch damals ausschließlich von der See. Ihre wetterharten, seekundigen Männer haben die Tausende von Fahrzeugen in die Häfen der alten Hansestädte Bremen und Hamburg geleitet, die alljährlich vor den Mündungen der Weser und Elbe erschienen. Daneben lagen sie dem Heringsfange ob, der damals reiche Erträge lieferte. Leider aber ist diese wichtige Erwerbsquelle später gänzlich versiegt. Die Züge der Heringe suchten zum Laichen andere Gegenden der Nordsee auf und mieden die „rote Klippe." Da wurden zahlreiche Fischerboote über flüssig, und die teucrn Heringsnetze moderten nutzlos. Darf man sich ver wundern, daß die Sage die Ursache dieses schweren Schadens in einem Frevel finden will, der von bösen Menschen verübt wurde? „Nach der Einführung des Christentums," so erzählt man, „wurde ein kleines Götzen bild zum heiligen «Tiets» umgetauft. Da es der Fischerei günstig war, so trug man es im Frühjahr in Prozession auf dem Oberlande umher bis auf einen Berg, der «Tietsberg» genannt. Bei einer solchen Prozession erfrechte» sich einige, das Bild zu prügeln, und seit jener Zeit kam nie wieder ein Hering nach der Insel; statt seiner aber erschien die Pest." Zu Anfang unseres Jahrhunderts schien dem Völklein der verarmten Helgoländer ein Glücksstern aufzugehen. Es war die Zeit, wo das Macht gebot Napoleons I. alle englischen Waren von dem Festlande ausschloß. Das trieb die Preise für alle Erzeugnisse des englischen Gewerbfleißes, be sonders aber für Kaffee, Zucker und Tabak auf dem Festlande so gewaltig in die Höhe, daß die Versuchung zum Schmuggel selbst nüchterne Köpfe unter den ehrsamen Bremer und Hamburger Handelsherren ergriff. Für dieses lichtscheue Treiben lag aber die „rote Klippe" äußerst günstig. Da mals entstanden auf Helgoland eigene Handelshäuser, welche nur in ge schmuggelten Waren Geschäfte machten. Sie wagten ihre Fahrzeuge und ihr Geld, — die Gefahr, von französischen oder deutschen Zollwächtern ergriffen oder gar niedergeschossen zu werden, war auf Seite der waghalsigen Helgo länder Schiffer. Freilich brachte das gesetzlose, aber gewinnbringende Ge werbe viel Geld ins „Lunn," und wenn es nach dem Wunsche der Helgo länder gegangen wäre, hätte die „Kontinentalsperre" bis ans Ende der Welt fortdauern können. Aber es kam anders. Napoleons Macht nahm ein Ende mit Schrecken, und damit ging's auch mit der Wohlhabenheit der Schiffer auf der „roten Klippe" schnell bergab. Es wurde Friede; — aber den Helgo ländern brachte er keine Freude, sondern Armut und Not mehr als zuvor.188 Da wurde ein unternehmender Helgoländer Fischer, Jakob Andresen Siemens, der Wohlthätcr seiner Heimat-Insel. Der hatte ans seinen Küsten fahrten in allen Teilen der Nordsee den Segen kennen gelernt, den der Fremdenznflnß den oft- und nordfriesischen Inseln bringt. „Ist nicht," sagte er sich, „auf unserer «roten Klippe» die Seeluft noch stärkender als in der Nähe des Landes? Hält nicht durch den ganzen Herbst hindurch die behagliche Wärme des Seewassers an und lockt zum Baden? Und gicbt es nicht reiche Leute genug, die ihre überreizten Nerven gern in der welt abgeschie denen Ein samkeit un serer Fischer insel kräfti gen wer den?" So machte denn der alte un ternehmende Schiffer, von einigen Nachbarn unterstützt, in der Mitte der Zwan ziger Jahre einen kleinen bescheidenen Anfang. Die Sache fand Anklang, Helgoland kam als Seebad in die Mode. Wie würde der ehrliche Jakob Andresen heute staunen, wenn er es hätte erleben können, daß seine „rote Klippe" im Laufe eines Jahres von etwa acht- bis zehn tausend Menschen als Badegäste besucht wird! Für diese sommerlichen Zugvögel sind nun freilich Luft und Wasser das Hauptanziehungsmittel; aber auch das Nebensächliche ist hier wohl bestellt. Man rühmt es den Helgoländer Hausfrauen, in deren Hand das häusliche Wohl der Badegäste ganz allein liegt, nach, daß man nirgends im reinlichen Norddeutschland eine so musterhafte Sauberkeit und Ordnung findet wie im Haushalt eines Helgoländer Fischers. In den meisten dieser sauberen Häuschen, die samt und sonders für den Aufenthalt von Bade- Hclgoliiildcrlniien.189 gasten eingerichtet sind, findet man als vornehmsten Schmuck Reinlichkeit und Nettigkeit, keinen Luxus, wohl aber manches, was „Helgoländer Stim mung" giebt. So fehlt wohl an keiner Zimmerdecke ein aufgehängter ge trockneter „Windfisch," dessen schlangenförmiger Körper durch seine Drehungen den draußen herrschenden Wind anzeigen soll. Daneben hängt dann ge wöhnlich eine „Johannisblnme," eine Art Fetthenne, die, wenn sie nur ein klein wenig Feuchtigkeit in der Luft findet, lange Zeit sortwächst — das ist dann ein Zeichen, daß nicht nur die Person, welche das Aufhängen besorgte, sondern sämtliche Hausgenossen im Laufe des Jahres vor dem Tode sicher sind. Solch kleine Eigenheiten muten den Fremden seltsam an; aber sie geben ihm doch auch das Gefühl, für einige Zeit in seinem Stübchen wirklich „zu Haus" zu sein. Für gewöhnlich verläuft ein Tag auf Helgoland ziemlich einförmig. Man fährt am Morgen auf sicherem Boote hinüber nach der Sandinsel, die auch wohl „die Düne" heißt. Wie köstlich segelt es sich da in der frischen Morgenluft! Dann wird man im Badekarren hinausgeschoben, bis das Wasser tief genug ist, um das Bad zu gestatten. Nach dem Bade schlendert man am Strande, sonnt sich wie ein Seehund im Sande, be trachtet die herrliche Brandung auf der „Südzunge," wo die krhstallklaren, unten tiefgrünen, oben schneeweißen Wellen sich bekämpfend gegeneinander brausen. An diesem Schauspiel kann man sich stundenlang ergötzen, oder man sammelt allerlei bunte Steine, seltsame Versteinerungen, Muscheln, kleine Krebse u. s. w. und ergötzt sich an den wunderbar schönen und zier lichen Formen der Seegewächse, die man auch wohl im Glase mit nach Hause nimmt, um sie unter Wasser auf Papier zu legen und als sinniges Andenken aufzubewahren. Dann ruht man, nach Hause zurückgekehrt, ein paar Stunden; bis die Tischglocke zur Tafel ruft. Der Nachmittag ist geselliger Unterhaltung gewidmet, oder man spaziert auf der „Kartoffel- Allee," welche das Oberland der Länge nach durchzieht, um sich für das Abendessen Appetit zu holen. Wer sich aber gewöhnt hat, der Natur etwas tiefer ins Gesicht zu sehen, verspürt dabei auch keinerlei Langeweile. Schon die Beobachtung von Luft und Licht ist, je nach den Tageszeiten, von eigentümlichem Zauber. Ein Sonnenaufgang bei klarem Himmel — von welch unvergleichlicher Schönheit ist er! Schnell, ohne die Augen lange vorher zu blenden, steigt die blutrote Feuerkugel hinter der Düne aus der Flut empor; eine breite Lichtbrücke zieht von der Sandinsel nach der „roten Klippe" herüber; wie ein goldschimmerndes Netz funkelt das Licht auf den von der Morgenbrise leicht bewegten Wellen. Oder du machst bei Mondschein noch einen nächt-190 lichen Spaziergang auf der Sandinsel: wie sind dann deren Dünen so gespenstisch weiß beleuchtet, wie dunkel liegen die beschatteten Thälchen zwischen den Sandhügeln, und drüben auf der „roten Klippe," wie viele rötliche Lichter schimmern aus den Fischerhütten herüber, jedes der Mittel punkt eines trauten Familienkreises. Und wenn dann der Herbst nach warmen Tagen bei heiterem Himmel kühle Nächte bringt, welch wunderbaren Anblick bietet Helgoland im Nebel! Da stehst du auf der Sandinsel und siehst nichts weiter als den gegenüberliegenden Strand der „roten Klippe," und wo das Auge sonst die prallen Felswände zu sehen gewohnt ist, wallt und wogt es wie ein grauer Mantel, aus dessen Falten nicht einmal mehr die Spitze des Leuchtturms hervorlugt. Tritt der Nebel schon am Abend ein, dann freilich wirft der Leuchtturm einen so hellen, rötlichen Schein ringsum, durch die Schatten der Fensterrahmen strahlenförmig geteilt, das; der Unkundige eine große Feuersbrunst im Städtchen vermuten kann. Endlich aber bietet wohl jeder längere Aufenthalt auf Helgoland wiederholt Gelegenheit, das „Waterbarnen" (d. i. Wasserbrennen) zu beobachten, wie die Helgoländer Fischer das Meerleuchten nennen. Am häufigsten tritt dies wundervolle Naturschauspiel bei ruhigem, schwülem Wetter ein; aber auch bei kalter Luft gehört es nicht zu den Seltenheiten. Dann versäumt es wohl keiner der Badegäste, sich an dem herrlichen Anblick zu erfreuen, den es bietet, wenn die glühenden Schaumkämme der Wellen an den Felsenwänden der „roten Klippe" funkensprühend zerstieben. Auch die Beobachtung der auf und um Helgoland heimischen Tierwelt gewährt mannigfache Unterhaltung. Freilich einen arglosen Seehund zu belauern, gelingt nur wenigen. Manchmal lassen sich wohl leidenschaft liche Jäger nach den Seehundsklippen überfahren, wo sie, verborgen im ausgeworfenen Seetang, geduldig lauern, bis ihnen ein Seehund zun: Schuß kommt; meist aber sind solche Jagdausflüge ohne Erfolg, da das seltsame Wild, mißtrauisch geworden, sich durch schnelles Untertauchen vor der tödlichen Kugel in Sicherheit bringt. Von dem übrigen Meergetier, das sich um Helgoland findet, lernt man das wichtigste am bequemsten an der Wirtstafel kennen. Die kleinen Schollen und Seezungen und die größeren Steinbutte mit der schwärzlichen, mit Knochenkernen besetzten Haut lernt man sehr leicht unterscheiden; denn sie sind fast alle Tage auf der Tafel zu finden. Wer Interesse findet an den schuppigen Bewohnern der Meerestiefe auch über die Mittagstafel hinaus, der begleitet dann wohl seinen Wirt auf schwankem Boote einmal hinaus zum Fischfang. Da lernt er die fingerlange Sandspiere kennen, ein häufig vorkommendes Fischlein, das nur gefangen wird, um als Köder beim191 Fang von Schellfischen oder Dorschen zu dienen. Freilich muß man zeitig im Jahr auf Helgoland sein, wenn man einen Begriff von dem Leben erhalten will, welches der Schellfischfang auf der „roten Klippe" hervor- bringt. Denn der Hauptfang geschieht im Frühjahr. Da sieht man nicht selten eine ganze kleine Flotte von dreißig bis vierzig Fischerbooten in See gehen, und es ist ein anmutiger Anblick, bei der Rückkehr die weißen Segel in der Sonne schimmern zu sehen. Ebenso interessant ist es, einmal mit hinauszufahren auf den Hummer fang. Da führt der Fischer wohl vierzig bis fünfzig Hummerkörbe im Boot. Ein solcher Hummerkorb ist ein bienenkorbartiges Holzgerüst mit flachem Brettcrbodcn, von einem dichten Netz umflochten. Nur an einer Seite befindet sich ein kleiner Eingang durch ein röhrenförmiges Netz. Beim Legen der Körbe wird ein jeder derselben mit einem großen Steine beschwert, welchen man auf dem Boden festbindet; darauf bringt man im Innern dicht vor dem Eingang ein Stück getrockneten Fisches als Köder an und senkt den Korb auf den Meeresgrund an einer Leine, deren Ende durch Korkschwimmer oben erhalten wird. Gewöhnlich werden die Hummer körbe zweimal täglich geleert: früh am Morgen, nachdem sie über Nacht ausgesetzt gewesen sind, und dann noch einmal am Nachmittag. Der Fang ist nicht eben reichlich. Bringt der Fischer ein Dutzend der großen Krebse von der Fahrt zurück, so ist das schon viel; es kommen Tage vor, wo alle Hummerkörbe leer bleiben. Nach dem Fang bindet man den Hummern, um sie zu hindern, sich zu zerfleischen, die Scheren fest und setzt sie in große durchlöcherte Kästen, welche im Wasser schwimmen. So werden sie aufbewahrt, bis der Wirt eines Badehotels nach Hummern schickt, oder sie gehen mit nach Hamburg, von wo aus die großen Städte im Binnenlande mit dem geschätzten Krebse versorgt werden. Bei Fischfang und Lotsendienst verläuft das Leben der Helgoländer sehr einförmig. Anders ist's, wenn der Sturm um die „rote Klippe" heult. Gesellt sich dazu eine Hochflut, dann wird der Meereswinkel zwischen Helgo land und den Mündungen der Weser und Elbe ein Schauplatz des Kampfes zwischen den Menschen und der Wut der Elemente. Mancher schlichte Helgoländer Fischer in grober Friesjacke und geteertem Südwester voll bringt dann Heldenthaten, des höchsten Ruhmes wert. So war es zum Beispiel im Oktober 1862, aus welcher Zeit uns ein spät zurückgebliebener Badegast folgende Schilderung giebt: „Am Morgen des 20. lag oben auf der Südspitze der Sandinsel eine englische Brigg, mit dem Spiegel (Hinterteil) den Dünen zugewendet. Sie war während der Nacht in die Nähe Helgolands geraten und hatte beim192 Drehen vor dem Winde einen so furchtbaren Windstoß auszuhalten gehabt, daß im Nu alle Segel zerrissen waren, das Schiff auf dem Trocknen saß, und die Mannschaft an nichts als an die eigene Rettung denken durste. So erblickte man bei Tagesanbruch das schone Schiff mit vollen, zum Teil gänzlich zerfetzten Segeln, mit der ängstlich sich an das Takelwerk klam mernden Mannschaft an demselben Punkt, wo im Sommer lorgncttcn- behangene Herren und zierliche Damen auf dem Kiesboden sich lagern, oder am Strande lustwandelnd nach Muscheln und bunten Steinchen suchen. Die Helgoländer hatten Gelegenheit, eine jener kühnen Thaten auszuführen, von denen uns die Jahrbücher der meerbefahrenden Volker so häufig erzählen, und sic haben diese Gele genheit redlich be nutzt. Schon am Morgen ward unter großerAnstrengung ein Fährboot auf die Ostseite der Sandinsel gerudert. Fast bis zu den Dünen war diese durch die ungewöhn lich hohe Flut über schwemmt, und eine schrcckenerregende Brandung, von beiden Seiten über der Sandbank haushoch zusammenschlagend, trennte die Rettungsmannschaft von der Bemannung der Brigg, über welcher bis zwanzig Meter hoch die Wogen zusammenschäumten und das Schiff so gewaltig in rollende Bewegung versetzten, daß die Mastspitzen fast das Wasser berührten. Indessen hatten die Engländer allmählich bemerkt, daß nach Eintritt der Ebbe ihr Schiff nach und nach aufs trockne geriet; noch brauste und toste ringsum die schreckliche Brandung; aber ein kleiner Fleck uin die Brigg ward trocken, und die iu dem zwölfstündigen eisigen Wasserbade erstarrten Leute ließen sich Mann bei Alaun am Tau vom Schiffsbord hinab, um das kleine, aber unschätzbare Stückchen Landes als Rennbahn zur Erwärmung der Glieder zu benutzen. Mehrere Versuche der Engländer, sich durch die Brandung hindurchzuwagen, mißglückten gänzlich und hätten ihnen fast193 das Leben gekostet. Auch den Helgoländern gelang die Rettung erst nach mehreren vergeblichen Versuchen und furchtbaren Anstrengungen. Zwei kühne Lotsen hatten sich völlig entkleidet und ein langes Tau um den Leib geschlungen, dessen anderes Ende die übrigen Helgoländer festhielten, welche in bedeutender Entfernung zurückblieben, um die Vordermänner mittelst des Taues rasch zurückzuziehen, falls ihnen etwas zustieße. Diese begannen den Kampf mit den Wogen, vorsichtig schreitend und den Wellen ausweichend. Endlich, gegen ein Uhr, gelang es, die Engländer, einen nach dem andern, mittelst des Taues durch die Brandung zu ge leiten. Sie mußten samt ihren Rettern noch bis zum Abend des fol genden Tages in einem Schuppen auf der Sandinsel zubringen, weil bis dahin des hohen Wellenganges wegen die Rückkehr nach der Insel nicht zu ermöglichen war." * * * Die „rote Klippe" mit ihren friesischen Fischern ist „ein deutscher Fels in deutschen Wogen." Das ist sie schon früher einmal gewesen, als die Flagge des mächtigen Hansabnndes achtunggebietend in den deutschen Meeren flatterte. Als diese Glanzzeit deutscher Seemacht zu Ende ging, kam auch Helgoland unter fremde Herrschaft. Zuerst unter die der Her zöge von Schleswig; diese verloren die Insel an Dänemark (1714); von Dänemark ging sie an England über (seit 1814). Dann kam am 17. Juni 1890 eine überraschende, hocherfrenliche Kunde: durch einen Vertrag zwischen der deutschen und der englischen Regierung wurde die „rote Klippe" an Deutschland abgetreten. Bis zur wirklichen Besitz ergreifung vergingen dann noch einige Wochen. Sie erfolgte erst am 10. August, als Kaiser Wilhelm II. auf der Rückfahrt von England, wo er seiner kaiserlichen Großmutter einen Besuch abgestattet hatte, mit der Kaiserjacht „Hohenzollern" vor dem jüngsten Fleck deutscher Erde vor Anker ging. Es war ein schöner Sonntagmorgen, ruhig und klar die Luft, so weit das Auge reichte. Acht große Panzerschiffe und verschiedene andere Kriegsfahrzeuge umlagerten die „rote Klippe." Das Oberland wie das Unterland prangten in Festschmuck; von schlanken Flaggenmasten herunter grüßte die Willkomminschrift: „Helgoland grüßt Dich, Kaiser!" Um zehn Uhr dröhnen von allen Schiffen Kanonensalven, der Gruß der deutschen Kriegsschiffe an ihren kaiserlichen Herrn. Darauf wird die Flottenparade abgehalten, der Kaiser umfährt auf der „Hohenzollern" die Insel; dann bringt ihn ein von zwölf Matrosen gerudertes Boot an die Landungs- Sunuiut, Bilder a. d. Weltk. 13—- 194 brücke. Musik ertönt, Hurrarufe erschallen — der Kaiser betritt den Strand von Helgoland. Da tritt die anmutige Gestalt eines jungen Mädchens aus ihn zu: es ist die Sprecherin der Helgoländer Jungfrauen, die unter schlichten, herzlichen Gedichtworten dem Kaiser ein kleines Wunder werk aus Blumen überreicht, eine kunstvolle Nachbildung der Insel, ihrer Häuser, Türme, Felder und des umgebenden Meeres. Sie bittet ihn, er möge auch dem kleinsten und jüngsten Teilchen seines Reiches Schutz und Gunst angedeihen lassen. Dankend reicht ihr der Kaiser die Hand — nochmals Hurrarufen und dröhnender Geschützdonner, und hinauf geht's nach dem Oberlande. Als dort von dem preußischen Minister von Bötticher eine Kund machung verlesen worden war, welche die Besitzergreifung der Insel durch Preußen verkündigte, sprach der Kaiser die feierlichen Worte: „Kameraden der Marine! Heute verleibe Ich diese Insel als das letzte Stück deutscher Erde dem deutschen Vaterlande wieder ein, ohne Kampf und ohne Blut. Das Eiland ist dazu berufen, ein Bollwerk zur See zu werden, den deutschen Schiffern ein Schutz, ein Stützpunkt für Meine Kriegsschiffe, ein Hort und Schutz für das deutsche Meer gegen jeden Feind, dem es einfallen sollte, auf demselben sich zu zeigen. Ich ergreife hiermit Besitz von diesem Lande, dessen Bewohner Ich begrüßt habe, und befehle zum Zeichen dessen, daß Meine Standarte und daneben die Meiner Marine gehißt werde!" Unter dem Geschützdonner sämtlicher Schiffe stiegen die Kaiserstandarte und das deutsche Reichsbanner an den Flaggenmasten empor. Mit diesem Augenblick war Helgoland wieder deutsches Land geworden. Den für Helgoland so wichtigen Tag glaubten dann später deutsche Patrioten nicht würdiger verherrlichen zu können, als daß sie zum An gedenken desselben auf der „roten Klippe" dem Dichter Hoffmann von Fallersleben einen Denkstein errichteten: — hat doch Hoffmann sein herr liches Lied von „des Deutschen Vaterland" auf Helgoland gedichtet, und ist doch der Sinn desselben erst recht zur Wahrheit geworden an dem denkwürdigen 10. August des Jahres 1890.195 Die Perle üer norüfriesischen Inseln. n Urzeiten, von denen kein Geschichtsbuch Kunde giebt, sah es an der Westküste von Schleswig wahrscheinlich ganz anders aus als heute. Da dehnte sich das feste Land der Halbinsel in ununterbrochenem Zusammenhänge weit gegen Westen hin in die Nordsee hinaus, und die zahlreichen Inseln und Jnselchen, welche die Küste um kränzen, waren wirklich, wie ihr Name „Utlande" andeutet, die westlichen Außenlande des schleswigschen Landes. Die „Utlande" wurden dann nach und nach Inseln. Und das ging so zu. Die Westküste des Festlandes senkte sich — von welchen Kräften getrieben, weiß niemand genau anzu geben — ein wenig, und damit gewann der „blanke Hans", welcher draußen an der Küste lauerte, Macht über das Land. Der „blanke Hans" — so nennen die Friesen das Meer; das ist der unversöhnliche Feind des Landes. Wo es eine Landecke findet, die seinen Wogen Widerstand leistet, da nagt es mit scharfem Zahn; wo eine Senkung sich eintieft, da schleicht das Salzwasser sich hinein; es zieht bei Sturmfluten immer weitere Kreise, tieft aus, wächst fort und umklammert endlich wie mit Polypenarmen ein zelne Teile des Festlandes. So ist der Hergang an der Westküste von Schleswig gewesen. Dafür zeugen noch vorhandene alte Landkarten, welche das Jnsclgewirr, das heute dort vor dem Strande des Festlandes liegt als einige wenige Inseln von bedeutend größerer Ausdehnung darstellen. Seit jener Zeit hat das Meer sein Zerstörungswerk rastlos fortgesetzt. Die größeren Landstücke zwar haben die Menschen mit zähem Fleiß ge sichert gegen den Untergang; die kleineren Brocken aber sind dem Unter gänge verfallen. Wenn nach Jahrhunderten jemand eine Landkarte von heute ansieht, wird da, wo jetzt die kleinen Eilande der Halligen sich zeigen, wahrscheinlich Meeresfläche angegeben sein. Die Eilande des friesischen Meeres, welche dieses Geschick wahrscheinlich nicht teilen werden, sind Föhr, Amrum, Nordstrand, Pelworm und Sylt. Unter diesen ist Sylt auch für die Binnenlandsbewvhner von be sonderem Interesse. Allsommerlich im Juli und August ist der Name „Sylt" auf Tausenden von Lippen. Aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes führen die Eisenbahnen Badegäste hier zusammen, die von der mit Salz gesättigten Seeluft Erholung und Kräftigung erhoffen, und bis in den Frühherbst hinein entfaltet sich aus der Insel ein bewegtes Badeleben. 13 *196 -— Daß Sylt zu den Eilanden gehört, denen der „blanke Hans" nichts anhaben kann, liegt nicht in der Form der Insel begründet; denn sie scheint zu einem Angriffe geradezu herauszufordern, und eine halbwegs starke Sturmflut, sollte man meinen, müßte sie in mehrere Teile zerreißen. Etwa 35 Kilometer lang, streckt sie sich mit nur wenig gebogener Westküste nahezu gegen Nord und ist an vielen Stellen so schmal, daß man von der Ostküste zur Westküste kaum einen Kilometer wandert; nur in der Mitte verbreitert sie sich zu einer größeren, weit gegen Osten hin gestreckten Landmasse. Von dieser Hauptmasse streckt sich, wie ein schmales Anhängsel, das Hörnum-Land gegen Süden und das List-Land weit gegen Norden hin aus. Daß die langgezogene Küste der Insel trotzdem allen Angriffen der vom Weststurm aufgewühlten See wacker stand hält, verdankt sie den mächtigen Düncnwällen, welche von der Südspitze des Hörnum-Landes bis zu dem „Ellenbogen" ziehen, mit dem das List-Land wie mit einem ge krümmten Arme ins Meer hinausgreift. Die Leute von Sylt wissen denn auch recht gut, welch kostbaren Schatz ihr Eiland in dem langgestreckten Sandrücken der Dünen hat. Drüben auf Pelworm und Nordstrand, und teilweise auch auf Föhr müssen die Besitzer „deichen", d. h. die niederen Stellen des Strandes durch mächtige Erddämme sichern; das kostet den Bauerschaften ein schweres Stiick Geld, aber es ist eine Last, die jeder auf seine Schultern nehmen muß; konnte in alter Zeit der Besitzer die Last nicht mehr tragen, so galt: „Wer nicht will deichen, der muß weichen!" Diese Deichlast kennen die Leute von Sylt nicht; ihre Dünen sind Wind- und Wogenbrecher, hinter denen sie in Sicherheit und Behäbigkeit wohnen. Man kann Sylt mit dem Dampfboot erreichen, das von dem schles- wigschen Städtchen Husum abgeht. Der Dampfer nimmt nordwestlichen Kurs, und die Fahrt geht durch das sogenannte „Wattmeer." Das bietet, je nachdem man die Fahrt zur Ebbezeit oder zur Zeit der Flut macht, einen verschiedenen Anblick. Ist Ebbe, so zieht sich das Meer weit von den Vorländern der größeren Inseln und den kleinen Landstücken der Halligen zurück, und alles Land ist dann von einem breiten Gürtel grau schwarzen, zähen Schlammes umgeben, der hier und da von Rinnen durch zogen ist, in denen das Schlammwasser beständig meerwürts fließt. Tritt die Flut ein, so füllen sich allmählich die Schlammrinnen wieder, die flachen Schlammbänke werden kleiner und kleiner und tauchen bei voller Flnthöhe ganz unter das Wasser; die Halligen schrumpfen zusammen, und über manche dieser Jnselbrocken geht dann die Salzflnt hinweg, so daß nur noch die auf künstlich aufgeworfenen Erhöhungen liegenden Hütten der Bewohner herausschauen. In diesem Meer von wechselnder Tiefe das197 richtige Fahrwasser zu finden, ist nur dem eingeborenen Schiffer möglich. Wohl hat man die fahrbaren Stellen durch fest verankerte Tonnen be zeichnet; dennoch muß von der Mannschaft des Dampfers häufig mit langen Stangen sondiert werden, damit nicht plötzlich das Schiff auf einer Schlamm bank sich festfahre, wo man dann bis zum Eintritte der Hochflut liegen bleiben müßte. Hat man im Wattmeere Föhr Passiert, das zur linken Hand bleibt, so kommt links ein langer nebliger Streif in Sicht. „Sylt!" berichtet einer der Matrosen die Fragenden, indem er sorgfältig mit seiner Stange weiter „peilt" und seinen Tabak ans einem Mundwinkel in den andern schiebt. Man glaubt nun, das Ziel der Fahrt in kurzer Zeit zu erreichen; aber der flache Streif in See ist die lange Landzunge des Hörnum-Landes, die behält man noch eine lange Weile zur linken Hand, ehe der kleine Landungsplatz Keitum sichtbar wird. Früher fand die Fahrt nach Sylt noch einen sonderbaren Abschluß. Der Dampfer mußte wegen des flachen Strandes ein Stück draußen in See liegen bleiben; die Passagiere wurden dann in Booten zum Strande hinübcrgeführt, wobei ihnen schließlich nichts übrig blieb, als sich den kräftigen Armen der Sylter Fischer anzuvertrauen, die sie dann die letzte Strecke durch das Wasser trugen. Heute ist dies anders. Von dem kleinen Hafen von Keitum zieht ein langer Damm in das Meer hinaus, der ermöglicht die Landung in bequemer Weise. In Keitum, dem Hafenörtchen der Insel Sylt, tritt alte und neue Zeit scharf gegeneinander. Seitab die kleinen Fischerhäuschen aus Balken werk mit dem spitzen Schilfdach, — und mitten durch den Ort ziehend eine breite Dorfstraße mit neugebauten zierlichen Häusern, denen selbst die schmucken Gärtchen nicht fehlen, darunter stattliche Gasthäuser, die sich, lute jetzt üblich, als Hotels den Reisenden empfehlen — das ist jetzt das ehe malige Fischerdorf Heidum. Fragt man nach dem sonderbaren Namenwechsel, so erfährt man, wie das Dorf einst ein Hauptsitz heidnischen Götzendienstes gewesen sei. Man zeigt dem Fremden wohl auch die Hügel, auf denen sich in Urzeiten das Volk sammelte zu heidnischem Brauch: den Wodanshügel, die Opferstätte des Wodan, den Tinghügel, auf dem nach den alten ungeschriebenen Landes bräuchen Recht gesprochen wurde. Liegt das klare Sonnenlicht über der Insel, so erscheinen diese kleinen Hügel nichts weniger als gespenstisch; fährt man aber auf dem offenen Korbwagen hinein in die sinkende Nacht, so scheinen sie sich höher zu heben, und es werden dann im Geiste die alten Sagen lebendig, die unter den Syltern über sic im Schwange gehen. Überhaupt macht eine Abendsahrt durch die Insel, etwa von Keitum aus nach dem eine halbe Stunde weiter gegen Westen gelegenen Westerland,einen melancholischen Eindruck. Der Weg führt über kümmerliches Heide land. Begangene Wege, die Zeichen regen Verkehrs, finden sich nirgend; der Wagen folgt halb verwehten Spuren, die vielleicht am Morgen noch frisch waren und über Tag von dem hier nimmer ruhenden Spiel der Winde ausgefüllt worden sind. Vergeblich sucht das Auge in dem ewigen Einerlei nach einem Baume, auf dem es ausruhen könnte; nur hier und da ragen aus der Abenddämmerung einzelne Gehöfte hervor, aber alle kahl ringsum, ohne ein grünes Fleckchen, in dem man Fruchtbäume oder bunte Sommerblumen vermuten könnte; denn die ärmlichen Gersten- und Kartoffelfelder zählen als Schmuck der Landschaft nicht mit. Endlich schimmern durch die Abenddämmerung die Lichter von Wester land. Das ist freilich auch nur ein Dorf; aber noch mehr wie in Keitum ist es gehoben durch den starken Verkehr von Badegästen. Diese wohnen teils in den sauber eingerichteten Häuschen des Dorfes, teils in den einige Minuten weiter westwärts gelegenen großen Gasthöfen, welche sich in der Nähe des Dünenwalles angesiedelt haben. Letztere sind die Brennpunkte des Badelebens. Konzerte morgens und nachmittags, Hunderte von Spazier gängern, Sonnenschirme, unter denen sich die Damen im bequemen Lehn stuhl der frischen Seeluft erfreuen, die von den Gasthöfen wehenden bunten Flaggen, welche zu Tische rufen, — das alles wiederholt sich hier Tag für Tag wie in jedem anderen großen Seebade. Die Beobachtung des rastlosen bunten Badelebens giebt wohl für ein paar Tage Unterhaltung: man denkt dabei gern der Zeit, als die Leute von Sylt noch so einfach waren, daß ein Pastor als Verschwender an gesehen wurde, der sich gegen Gott versündige, weil er sich beim Essen der Gabel statt der Finger bediente. Aber unvermerkt überschleicht jeden unter den Badegästen, dessen Sinn nicht ganz in äußeren Dingen aufgeht, die Langeweile. Und da gilt es denn, der kleinen Welt noch so viel Reize abzu gewinnen, daß sie den Geist auf einige Zeit angenehm zu beschäftigen vermag. Da ist zuerst der Sand! Die Kinder der Badegäste machen es sich zum Vergnügen, sich tief hineinzuwühlen, Burgen und Dämme in allen möglichen Formen zu erbauen, und manches von den Alten macht die Mode mit. Es ist erstaunlich, wie die weißen reinlichen Körnchen auch nicht die Spur von Schmutz zurücklassen, nachdem man die Kleider aus geklopft hat. Der Sand bietet daun weiter den bequemsten Spaziergang am Strande. Dicht am Saume des Wassers, im Bereich der leckenden Meeresflut, zieht ein breiter Sandstrcifen, der ist völlig eben und glatt, fast wie poliert; soeben hat sich die spielende Welle von ihm zurückgezogen, und er liegt nun reinlich und so trocken, daß nur der Fuß des Wanderers199 schwache Wasserspuren Mrückläßt: — das ist die beliebteste Promenade der Badegäste, wo man Spaziergänger zu allen Tagesstunden antrifft. Der sandige Strand ist aber nur der Vorposten der Dünenberge, die sich dicht dahinter emportürmen. Man hat die Übersteigung derselben durch bequeme Treppen erleichtert; ohne diese wär's ein schwer Stück Arbeit, nach den Badehäusern am Strande hinunterzukommen. Denn nicht mit Unrecht hat man die Dünen die Berge der Insel genannt. Steigen doch die Kämme derselben dreißig Meter und noch mehr über den Strand empor. Was das bedeutet, spürt man erst, wenn man den Versuch macht, die Dünen auf ungebahnten Wegen zu erkliinmen. Auf zwei Schritt vor wärts einen zurück, das ist die Regel, und manchem geht Lust und Atem aus, ehe er den Dünenkamm erreicht. Und doch hat eine solche kleine Entdeckungsreise in die Dünen ihre Reize! Da gewinnt man erst Einblick in die Mannigfaltigkeit der Formen, welche hier der Sand annimmt. Da sind hochgetürmte Wände mit zackigen Kanten, spitz aufschießende Kegel, zusammenhängende Hügelketten, ganz wie in den Gebirgen des Landes; dort sind Doppelreihen von Dünen, zwischen denen tiefe Schluchten klaffen, da ziehen Längen- und Querthäler durcheinander in malerischen Formen. Wer scharf beobachtet, mag wohl auch ergründen, wie der Wind die Dünen aufbaut. Stets prallt der Wind mit voller Kraft auf die Vorderseite; wenn er den Kamm überschritten hat, so ist seine Kraft gebrochen, und er läßt hier langsam den Sand fallen, welchen er mitführt, so daß an der Binnenseite die Abhänge der Dünen sich allmählich erhöhen. Von Ge wächsen gedeihen auf beut Sande der Dünen nur kümmerliche Kräuter: Sandrohr, Sandriedgras, Sandhafer und etwa die krause Stranddistel aber man freut sich auch dieser Kleinen der Pflanzenwelt, wenn man hört, daß ihr zähes- Wurzelgeslecht es ist, welches die beweglichen Sandmassen der Dünen festigt und zusammenhält, so daß sie auch im stärksten West sturm höchstens ihre Form, nie ihre Lage verändern. Von den Dünen hat man denn auch die freieste Ausschau über alles, was auf der Oberfläche des Meeres lebt und webt. Wenn zur Ebbezeit das Vorland der Insel weit hinaus bloßliegt, zeigt sich auf dem Meeres gründe ein reges Gewimmel von kleineren und größeren Punkten, die sich beim Näherkommen als geflügelte Gäste des Meeres kundgeben. Reiher, Secraben, Strandlüufer und anderes Gevögel haust da friedlich neben- und durcheinander. Da, mit einemmal erhebt sich alles kreischend und schreiend in die Luft, und nicht selten bildet sich eine Art Vogelwolke, die sich hier verdichtet, dort zu einzelnen Schwärmen auflöst. Die häufigste Erscheinung aber ist die weiße Möwe, die sich überall in der Nähe des200 Strandes tummelt, jetzt mit gellendem Schrei vorüberschießt, nun sich senkt, um bei flüchtiger Berührung der Wogen einen Fisch zum Fraß zu er haschen. Macht man gar eine Bootfahrt um die Insel, so ergötzt man sich an den tollen Sprüngen des „Tummlers," wie ihn die Seeleute nennen; sie meinen damit den Delphin, ein dem Walfisch verwandtes Fisch säugetier, dessen einen halben Meter langen Knochenschädel mit den beiden Reihen spitzer Zähne sich wohl der Naturfreund zum Andenken an die Insel sauber präparieren läßt. Näher an den weichen Sand des Strandes wagt sich der Seehund. Zuweilen liegen diese Tiere in Gruppen da, mit gehobenen Köpfen, unbeweglich wie Klötze; aber sie sind sehr mißtrauisch und suchen beim geringsten Geräusch die schützende Flut. Leider haben sie zum Mißtrauen guten Grund. Jagdlustige Badegäste machen sich häufig genug das Vergnügen, an das sonderbare Wild anzuschleichen; ein glücklicher Schuß bietet eben eine Abwechselung in dem Einerlei des Bade lebens, und nicht selten geschieht es, daß ein solcher Nimrod den erlegten Seehund an seine Freunde in die Heimat sendet zum Wahrzeichen, daß er auch auf Sylt ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn ist. Eine ebenso unversiegbare Quelle der Beobachtung, wie die Vogelwelt, ist das Spiel der Wellen am Strande. Schaut mau bei klarem Himmel und windstillem Wetter hinaus über das Meer, dann liegt sein Spiegel vor einem so eben, wie eine polierte Metall fläche. Bei aller Ruhe aber wogt es geheimnisvoll in der Meerflut. Unfern dem Strande hebt es sich langsam, das Wasser schwillt zu einem langgezogenen niederen Kamme, der gegen den Strand fortschreitet; Kräuselwellchcn, wie Silberschaum blitzend, krönen den Rücken der Woge; sie überstürzen sich hier, dort sinken sie zusammen, und dabei schreitet die Welle unaufhaltsam fort und kommt näher und näher; weit auf den Strand hinaus drängt sie ihr zu Schaum aufgelöstes Wasser, das im Zurückfließen bereits von einer neuen Sturz welle ausgenommen wird. Dieses nie ruhende Spiel der Wogen ist der ruhige Pulsschlag des Meeres; ohne diese schwachen Brandungswellen würde der Badestrand bei Sylt einen seiner hauptsächlichsten Reize einbüßen. Aber wenn der Nordweststurm sich erhebt und tagelang in der nun grauen Luft heult, so zeigt der Strand ein ganz anderes Bild. Dann kommt die Brandung gegen die Küsten, daß man selbst an der breitesten Stelle der Insel das Brausen der Sturzwellen hört; dann schaut man wohl von der sicheren Höhe der Dünen herab, eng in den flatternden Plaid eingewickelt, dem Toben der hochaufspritzenden Wellen zu; die Badekarren aber stehen an solchen Tagen verlassen, bis mit wärmendem Sonnenschein wieder ruhiges Wetter kommt.—. 201 Es bedeutete in älteren Zeiten für den Schiffer ein schweres Unglück, wenn in grauser Sturmnacht ihn der Kurs seines Fahrzeuges zu weit an die langgestreckte Küste der sonst so friedlich daliegenden Insel heran führte. Keine Küste unter den vielen Küstenstrichen der Nordsee war so verrufen als die von Sylt. Und ganz besonders die südliche Verlän gerung der Insel, das Hörnum-Land, war ein Unglücksort, an dem zahl reiche Schiffbrüche stattgefunden haben. Und fast noch furchtbarer als die sandigen Untiefen am Strande waren die Leute von Hörnum-Land. Die große Zahl der Schiffbrüche hatte hierher allerlei fremdes, aben teuerndes Gesindel gezogen, das in diesem sichern Schlupfwinkel von Raub und Mord lebte. War ein Schiff ans hoher See in Not, so wurde es wohl absichtlich durch falsche Zeichen irregeleitet. Was sich von Menschen ans Sturm und Flut rettete, wurde kaltblütig erschlagen. Noch heute stößt man bei einer Wanderung durch das Hörnum-Land hier und da auf halb vom Sande verschüttetes Balkenwerk, das sind Trümmer von Schiffen, die einst an dieser unheimlichen Küste strandeten. Das hat sich in unserer Zeit auch zum Besseren gewendet. Wohl meiden die Schisser in Sturmnächten noch nach Möglichkeit die lang gestreckte Küstenlinie; aber sie laufen doch nicht mehr Gefahr, in Dunst und Nebel ungewarnt auf den Strand geworfen zu werden. Drei Leucht türme, zwei an der Nordspitze und der dritte über dem „roten Kliff," drei Kilometer nördlich von Westerland, senden ihr helles Licht weit hinaus in die sturmbewegte See, damit die herantreibenden Schiffe sich fern halten von der gefahrdrohenden Küste. Außerdem bestehen auf der Insel noch drei Stationen des Vereins zur Rettung Schiffbrüchiger, von denen eine zu Westerland sich befindet. Wie da die braven Shlter Fischer oft ihr eigenes Leben daransetzen, um arme Schiffbrüchige zu retten, mag ein ein facher Bericht zeigen, der über eine solche Strandung veröffentlicht worden ist- „Am 30. September 1872 morgens strandete auf Sylt die holländische Kuss „de Spreut," Kapitän Folgering, von Friedrichsstadt mit Balken nach Emden bestimmt. Der Kamper Apparat* trat sofort in Dienst. Der erste Wurf ging fehl, der zweite traf, und es wurde mittels der Wurf leine auch sofort das Tau mit dem Block an Bord geholt. Währenddem hatten die ain Strande befindliche» Seeleute beraten und sich dahin ge einigt, mit einem zur Hand liegenden guten Boote mittels der endlosen Verbindungsleine die Rettung der Mannschaft zu bewirken. Sofort fand * Ein bei dem Dorfe Kämpen ausgestelltes Geschütz, durch welches mittels geworfener Raketen ein Tau nach dem notleidenden Schiffe geführt werden kann.202 sich ein junger Seemann bereit, sich mit dem Boot Hinausschleppen zu lassen, um dieses beim Anlegen an das Schiff vor dem Zerschellen zu schützen. Das Boot gelangte ohne Unfall seitlängs des Schiffes; nachdem die Besatzung ins Boot gestiegen, zog man dasselbe gegen den Strand heran. Auf etwa halbem Wege ans Land aber rollte eine fürchterliche See heran; die Insassen des Bootes hatten sich alle im Vorderteile auf einem Punkt zusammengedrängt, und nun geschah das Schreckliche: das Boot überschlug der Länge nach und begrub die aus fünf Mann be stehende Schiffsmannschaft und den hiesigen Seemann in den Wellen. Trotz aller Anstrengungen vom Lande gelang es nur, den Kapitän des Schiffes und den Sylter zu retten. Beide wurden anscheinend leblos aus dem Wasser gezogen; der Kapitän erholte sich jedoch bald wieder, der Sylter schwieriger, so daß er erst am folgenden Abend nach seiner Woh nung in Westerland gebracht werden konnte." So lautet der schmucklose Bericht von einer Heldenthat, die man bei den braven Sylter Fischern für gar nichts Ungewöhnliches zu halten scheint. Auch in einem anderen Stück hat sich auf der Insel der Brauch zum Besseren gewendet. In früherer Zeit galt es für ein Gottesgericht, wenn vom Meere die Leiche eines beim Schiffbruch Ertrunkenen auf den Strand ausgeworfen wurde; einem solchen ziemte kein ehrliches Begräbnis, man verscharrte ihn am Strande, wo man ihn anfgefunden hatte. So un christlich denken die Sylter heute nicht mehr. Seitdem die Insel an Preußen gekommen ist, haben sie in der Nähe des Dorfes Westerland einen Friedhof angelegt, von einem aus dunkeln Steinen aufgeführten Mauerviereck umschlossen, mit dem sinnigen Wort über der Eingangsthür „Heimatstätte für Heimatlose." Da werden die Leichen der Schiff brüchigen zur ewigen Ruhe bestattet. Freilich ist's ein traurig Begräbnis. Weder Kreuz noch Kranz schmückt die Gräber der fremden Seeleute; sie sind nicht einmal mit Nummern bezeichnet; keiner weiß, wer unter den Sandhügeln zur ewigen Ruhe gebracht ist.203 Der Kaiser Wilhelm-Kanal. 1. Bon gefahrvoller Schiffahrt in alter Zeit. einem Maitage des Jahres 1782 trat in dem dänischen Städtchen Helsingör auf der Insel Seeland ein Seemann in eine Trödelbude, welche von einer Jüdin gehalten wurde. Während er unter den ihm vorgelegten Sachen seine Auswahl traf, gab ein Wort das andere. So erfuhr die Jüdin, daß der Seemann der Kapitän eines Stettiner Kauffahrtei schiffes sei, daß sein Schiff auf einer der Untiefen des Kattegatts Schiff bruch gelitten und er nebst der Mannschaft nichts gerettet habe als das nackte Leben. Die schlichte Erzählung des Mannes hatte der Jüdin Thränen des Mitgefühls ins Auge gelockt. Sie schob ihm das Geld, das er für das gekaufte Hemd auf den Tisch zählte, wieder zu mit den Worten: „Soll mich Gott bewahren, daß ich Geld von Ihnen für das Hemd nähme!" Vergebens versicherte der Seemann, daß es, nun er erst am Lande sei, keine Not mit ihm habe. Sie steckte ihm das zusammengeraffte Geld in die Hand und das Hemd in den Busen, und als er es dennoch auf den Laden tisch legte und mit Dank seines Weges ging, lief sie ihm nach, um es ihm wieder aufzunötigen, so daß der Mann endlich bitten mußte, auf der Straße kein Aufsehen zu erregen, und mit dankbarem Händedruck von ihr schied. Der wackere Kapitän Nettclbeck aus Kolberg, der dies erzählt, hatte ein paar Jahre darauf die Freude, zu sehen, wie die Sicherheit der Schiffahrt um die jütländische Halbinsel ein gut Stück vorwärts kam. König Christian VII. von Dänemark 'nahm den Plan eines seiner Vorfahren wieder auf, die Nordsee mit der Ostsee durch einen Kanal zu verbinden. So wurde denn vom Jahre 1784 an der Eiderkanal gegraben, der bei Rendsburg von der Eider abzweigte und bei dem Fischerdorfe Holtenau in die Kieler Bucht mündete. Dieser Kanal aber entsprach doch nur mangelhaft den wirklichen Bedürfnissen. Bei dreißig Meter Breite und drei Meter Tiefe gestattete er nur kleinen Fahr zeugen die Durchfahrt, und wenn er auch jährlich von 4500 Schiffen passiert wurde, mußten doch 35000 andere wegen zu großen Tiefgangs den Weg um die dänische Halbinsel wählen. Wohl strahlten von den hier und da an den Küsten errichteten Leuchttürmen Nacht für Nacht die warnenden Leucht feuer: — wenn Sturm- oder Nebelwetter eintrat, zeigte das gefahrvolle Fahr wasser doch immer wieder von neuem seine alten Tücken. Der Schifferspruch der Leute von der Wasserkante „die Nordsee ist eine Mordsee" galt im höchsten204 Maße für die benachbarten Meereswinkel des Skagerraks und des Kattegatts. Viele Hunderte von Schiffen sind in ihnen zu Grunde gegangen, viele Tausende von Seeleuten haben in ihren Wellen ein nasses Grab gefunden. 2. Wie der Kaiser Wilhelm-Kanal angelegt wnrdc. „An dem alten Eiderkanal war alles schlecht mit Ausnahme der Idee," urteilte später ein hoher deutscher Seeoffizier über das Werk des Dänen königs Christian. Und das hatte seinen guten Grund. Die Kosten der Anlegung eines großen Schiffahrtskanals wären für ein kleines Land, wie Dänemark, unerschwinglich hoch gewesen. Dazu wäre Dänemark nicht stark genug gewesen, im Kriegsfälle den Kanal vor feindlichem Angriff zu schützen. Ein stärkerer Staat nur konnte das große Werk mit Erfolg in die Hand nehmen. Das hat denn nun das Deutsche Reich gcthau. Und zwar nach einem Plane, wie er der Macht desselben entsprechend ist. Nicht nur den Handelsschiffen jeder Größe soll der neue Kanal Durchfahrt gewähren, sondern auch die Schiffskolosse der Kriegsflotte sollen sicher ihren Weg finden ans der Nordsee ins Baltische Meer. So steht der Kaiser Wilhelm- Kanal neben dem Suez-Kanal einzig da in der Welt! Seit am 16. Mürz 1886 der deutsche Reichstag den denkwürdigen Beschluß zur Ausführung des gewaltigen Unternehmens faßte, sind bis zur Vollendung desselben acht Jahre verstrichen. Jahre der regsten Arbeit. Viele Hunderte rühriger Hände sind, solange nicht Winterfrost die Erde festete, Tag für Tag am Werke gewesen. Hier mußten gewaltige Erdanfschüttungen vor genommen werden; da wurden Schienenwege gelegt, ans denen zahlreiche Erdtransportzüge hin und her eilten. Dort mußte man das ausgehobenc Erdreich loszuwerden suchen; deshalb war ans der Kieler Bucht eine mit Dampf fahrende Baggerschute thätig, welche es weit hinaus in die offene See trug, um es dort zu versenken. An anderen Stellen sperrten die Bahn des Kanals jene riesenhaften Findlingsblöcke, die in der früheren Eiszeit von Norwegens Bergen auf Eismassen iu die holsteinischen Fluren hinabgesührt wurden; da mußte man die gewaltige Sprengkraft des Dynamits zu Hilfe . nehmen, um Raum zu schaffen. Sorgsam wußten dann die Wasserbaumeister die gesprengten Steine zu verwerten, wo es galt, auf moorigem llntergrnnde ein sicheres Fundament für die Schienenwege zu legen, auf denen die ge waltigen Massen ausgehobener Erde befördert wurden. Dabei waren Tag und Nacht zahlreiche Dampfpumpen in Thätigkeit, das durch unterirdische Quellen, Regenfälle und dergleichen sich sammelnde Wasser zu entfernen.205 Was so die Kunst der Wasserbaumeister geschaffen und Tausende fleißiger Hände zur Ausführung gebracht haben, macht, da es sich in derselben Gleichförmigkeit immer wiederholt, auf den Beschauer freilich einen etwas nüchternen Eindruck. Bei dem Kaiser Wilhelm-Kanal liegt eben die wahre Größe, wie bei großen Männern, nicht in dem, was er scheint, sondern in dem, was er ist und was er nützt. In diesem Sinne gewinnt auch das anscheinend Nüchterne ein höheres Interesse. Schon der Eintritt in den Kanal zeigt die ganze Gewaltigkeit des Werkes. Man kann diese entweder an der Nordseeseite bei dem Örtchen Brunsbüttel an der unteren Elbmündnng oder an der Ostseeseite bei dem Fischerdorfe Holtenau bewundern in den Sch lensen an lagen. Schleusen dieser Art giebt es nicht zum zweitenmal. Aber sie dienen auch ungewöhn lichen Zwecken: sie haben die Bestimmung, den Kanal vor den Springfluten zu schützen, die von der Nordsee her durchschnittlich dreißig Tage im Jahre in die Wasserstraße einzudringen streben. Der Gewalt der heranrollenden Flutwellen entspricht die Stärke der Schleusenthore. In dreifacher Zahl, von zwölf Meter Wasserhöhe und fünfundzwanzig Meter Breite, werden sie trotz ihres Niesengewichts dennoch unter der Wunderkraft kunstvoller Maschinen ohne Anstoß bewegt. Je nach Bedürfnis kann das Wasser in mannshohem Guß durch einen Tunnel in die Schleusenbecken strömen. Zwischen de» beiden Endschleusen zieht die einförmige Linie des Kanals. Von der Ostseeseite her benutzt er den alten Eiderkanal bis zur Stadt Rendsburg, um daun in südwestlicher Richtung Brunsbüttel zu erreichen. Bei einer Tiefe von neun Metern hat er eine Breite von vierzig Metern; aber an einigen „Weichen," die der Kanal ebenso braucht wie die Eisenbahn, verbreitert er sich bedeutend. Diese „Weichen" bieten dem Auge des Beschauers, der den Kanal an Bord eines Dampfers Passiert, auf lauge Strecken hinaus die einzige Abwechselung, die sich an anderen Stellen noch um etwas erhöht, dort nämlich, wo die Kanalstrecke einige natürliche Seen durchschneidet, deren in sanften Schwunglinien verlaufende Ufer einen bescheidenen landschaftlichen Reiz gewähren. Die Wasserstraße des Kaiser Wilhelm-Kanals, die den Verkehr auf dem Wasser erleichtert, hindert aber den Landverkehr. Da dieser aber doch auch sein Recht hat, sind mannigfache Vorkehrungen zur Überquerung des Kanals nötig geworden. Dem örtlichen Verkehrsbedürfnis dienen vierzehn Fähren. Was auf den großen Landstraßen oder auf den Eisenbahnen den Kanal überschreiten muß, thut dies auf vier Brücken. Zwei von diesen Brücken sind feste Brücken (bei Grünenthal und bei Levensau), wunderbar kühne Schöpfungen des Brückenbaues. Jede besteht aus einem206 einzigen majestätischen Bogen von über 150 Meter Spannung und etwa 50 Meter Höhe, so daß auch die höchsten Masten ohne Anstoß passieren können. Wenn ein Eisenbahnzug über sie dahinrasselt, bangt man für seine Sicherheit, und doch sieht man mit Staunen, daß das leichte Geflecht von biegsamem Stahl, als das die Brücken von fern erscheinen, eine so sichere Bahn bietet, als lägen die Schienen auf festem Grunde. Mehr noch als die festen Brücken erregen die Drehbrücken das Er staunen des Reisenden. Gewöhnlich stehen sie offen, um den Schiffahrts verkehr nicht zu stören. Ist aber ein Eisenbahnzug in Sicht, so schließen sie sich mit spielender Leichtigkeit. Jede Drehbrücke besteht nämlich aus einem festen und aus einem beweglichen Arm. Der letztere, der wiederum aus zwei im stumpfen Winkel stehenden Abschnitten zusammengesetzt und einhundert Meter lang ist, wird mittels gewaltiger Maschinen trotz seines Gewichtes von einer halben Million Kilogramm Eisen an den festen Arm in fünf Minuten so bequem herangelegt, als gelte es, ein Taschenmesser zusammen zuklappen. So sind alle Hindernisse, welche der Kaiser Wilhelm-Kanal dem Landverkehr entgegensetzt, thunlichst beseitigt. Man hat bei ihm das Gefühl, daß der große Nutzen, den er schafft, nicht durch Verödung an derer Verkehrswege erkauft ist, was sich nicht von allen hochgepriesene» Straßen mit gleichem Recht sagen läßt. Z. Wie der Kaiser-Wilhelm Kanal eröffnet wurde. Am 3. Juni 1887 hatte der neunzigjährige Kaiser Wilhelm I. an der Holtenauer Schleuse den Grund gelegt zu dem „Nordostsee-Kanal" — denn so nannte er ihn schlicht und einfach. Acht Jahre lang hatte man dann gebaut, da rüstete mau sich im Juni des Jahres 1895 zu seiner feierlichen Einweihung. Unser Kaiser Wilhelm II. hat ein scharfes Auge für alles, was den Verkehr zu heben geeignet ist; ganz besonders aber zieht ihn das Meer an, das weltenverbindende. Daher erschien ihm denn auch die Eröffnung der Wasserstraße zwischen unseren beiden deutschen Meeren als ein Ereignis, das durch eine glänzende Feier verherrlicht werden sollte. Es ergingen deshalb schon Monate vorher Einladungen an alle see fahrenden Mächte, Schiffe zu entsenden zur Feier des wichtigen Tages, der ja auch für ihren Handel neuen Aufschwung bringen sollte. Überall fand die Einladung freudige Aufnahme — selbst die Franzosen hielten nicht zurück, als es sich um die Ehrung des hervorragenden Friedenswerkes handelte; auch sie sandten zwei Kriegsschiffe zu friedlichem Stelldichein. So erschienen von207 Mitte Juni an Tag für Tag in der Kieler Bucht neue Kriegsfahrzeuge und legten sich an den vorher für sie bestimmten Plätzen vor Anker. Engländer und Franzosen, Russen und Amerikaner, Spanier und Portugiesen, Türken, Italiener und andere lagen hier friedlich bei einander. Nicht weniger als 13 fremde Nationen mit 53 Schiffen, mit 12 Admiralen, über 800 Offizieren und 16000 Mann Besatzung waren der Einladung unseres Kaisers gefolgt. Und zu ihnen gesellten sich, abgesehen von Torpedobooten und kleineren Fahrzeugen, 26 unserer eigenen großen Schiffe mit einer Besatzung von über 350 Offizieren und 9000 Mann. „Das war," sagte ein preußischer Ad miral, „wahrlich eine Flottenschau, wie sie noch nie dagewesen ist!" Doch auch die „Leute von der Wasserkante" blieben nicht dahinten. Allen voran rüstete sich die stolze Hansastadt Hamburg zum festlichen Empfange des Kaisers. Denn von hier aus wollte Kaiser Wilhelm seine Fahrt nach Brunsbüttel antreten, dem Nordsee-Endpunkte des Kanals. Seine Fahrt durch den Kanal sollte, so war des Kaisers Wille, diesen einweihen, und der Augenblick der Ausfahrt aus der Holtenauer Schleuse in den Kieler Hafen sollte die Eröffnung des Kanals für den Handel be zeichnen. Die erste Handelsstadt Deutschlands wollte den kurzen Aufenthalt des Kaisers in einer ihrer würdigen Art feiern. Überall in den Straßen, durch die der Kaiser fahren sollte, reichster Laub- und Flaggenschmuck, überall ein dichtes Gedränge froher Menschen, überall begeistertes Hochrufen, als nachmittags gegen vier Uhr Kaiser Wilhelm in der weißen Uniform der Gardes du Corps, neben ihm in schlicht bürgerlicher Kleidung der „regierende Bürgermeister" der stolzen Hansastadt, durch die Feststraßen nach dem Hafen zur Kaiserjacht „Hohenzollern" fuhr, die ihn abends elbabwärts nach Brunsbüttel führen sollte. Von hier ging die Fahrt auf einem anderen Wege wieder durch die Stadt zurück nach dem Rathause, wo der Rat dem Kaiser ein glänzendes Festmahl bot. Seltsam mischte sich hier das bunte Leben der Gegenwart mit den Erinnerungen an die alte Glanzzeit der Hansa: bunte Uniformen hoher Offiziere und darunter die Hamburger Sena toren im schwarzen Talar und spanischer Spitzenkrause, mit ihren würdig ernsten Gesichtern wie aus einem Bilde von Rubens herausgeschnitteu. Aber die eigentümlichste Überraschung bot die alte Seestadt dem Kaiser am Abend nach dem Festmahl. Inmitten der Binnen-Alster, wo sonst die Dampfer kreuzen, erhob sich auf unsichtbaren Pfühlen eine größere Insel mit zwei vorgeschobenen Klippenforts. Das Grau der Felsen war belebt durch das Grün der angepflanzten Bäume und Sträucher. Eine breite, stattliche Landungsbrücke führte zu einer reichgeschmückten Festhalle. Zur Seite überragte das Ganze ein mächtiger Leuchtturm; breite Wege, Ter-,-ua3UO?U3jo$" jlpotoliojj209 -— lassen mit Aussichtsplätzen und Pavillons luden zur behaglichen Wanderung und zur Rundschau ein. Draußen aber an den Alsterufern waren auf den schwarzen Hamburger Schuten große Tribünen errichtet, und selbst noch auf den flachen Dächern der umgebenden Häuser waren Sitzplätze angebracht, so daß das ganze Alsterbassin einem Niesen-Amphitheater glich. Zu dieser Zauberiusel führte nach dem Eintritt der Dunkelheit eine Kaiserjacht den Kaiser. Was thut's, daß schwarze Wetterwolken drohend Heraufziehen, daß die ersten schweren Tropfen fallen — die Massen weichen nicht, selbst als der Regen herniedergießt. Da flammt die Insel plötzlich auf, wie ein Feenpalast die Nacht durchleuchtend. Zugleich verkünden tausendfache Hochs das Nahen des Kaiserschiffes. Ungezählte Leuchtkugeln steigen in die Höhe, erstrahlen in magischem Lichte und verlöschen dann allmählich. Die Raketen zischen, die Kanonenschläge dröhnen, und dazwischen zucken die Blitze und rollt der Donner, ein natürliches Feuerwerk, an das das künstliche an Großartigkeit nicht heranreichen kann. Draußen aber um das Alster-Bassin strahlen in reichster Illumination die gewaltigen Häuserfronten, welche das schöne Wasserbecken einschließen. So ehrte Hamburg Kaiser Wilhelm! Spät am Abend, als die beiden nachgeahmten Kriegsschiffe, die sich mit endlosen Feuergarben überschüttet hatten, zu Grunde gegangen waren, verließ der Kaiser die Insel und landete mit den übrigen Fürstlichkeiten und dem Gefolge bei dem Alsterthore. Über tausend Sänger begrüßten ihn hier mit dem preußischen Königsliede „Heil Dir im Siegerkranz," Zehntausende treuer Bürger aber hatten Spalier gebildet, durch welches des Kaisers Wagen langsam nach der Landungsbrücke fuhr, wo die Kaiser jacht „Hohenzollern" mit geheizten Kesseln fertig zur Fahrt lag. Am Donnerstage der festlichen Woche, am 20. Juni, begleiteten alle, welche des Kaisers in Verehrung gedenken, im Geist den Monarchen auf seiner Fahrt durch den Kanal. Nach allen Enden des Reiches blitzte es der Telegraph hin, daß der Kaiser die Hauptstationen passiert habe — die Hochbrücke bei Grünenthal, die Drehbrücken bei Rendsburg. Es war ein freundliches Bild: auf der Kommandobrücke der Kaiserjacht steht allein der Kaiser im weißen Matrosenrock und mit schwarzer Mütze und grüßt nach dem Ufer herüber. Die kaiserlichen Prinzen, welche die weltgeschichtliche Fahrt mitmachen zur bedeutsamen Erinnerung fürs Leben, schwenken lustig die Mützen, wenn der hohe Vater leutselig nach der geputzten, jubelnden Menschenmenge hinübergrüßt. Und als wolle auch der Himmel mitfeiern, fegt eine prächtige Brise die letzten Regenwolken hinweg, und Wasser und Land ist wie vergoldet vom herrlichsten Sonnenschein. In Kiel aber, welch ein farbenprächtiges Bild! Im Hafen liegen über Hummel, Bilder a. d. Weltk. 14210 hundert Schiffe, große und kleine, alle im Flaggenschmuck; vom Wasser spiegel bis zur äußersten Mastspitze wehen die kleinen bunten Signalflaggen lustig im frischen Winde. Ungezählte Tausende sind hinausgewandcrt oder hinausgefahren nach Holtenau. Kopf an Kopf drängt sich die Menschen menge auf den Tribünen, den Festplätzen, den weiten Getänden um den Kanal. Kriegervereine, Schulen und Turner sind hinausgezogcn zu den Festplätzen, die Ankunft des Kaisers zu erwarten. Dreivicrtel ans ein Uhr ist's. Da schwimmt die schimmernde Kaiserjacht Holtenau entgegen. Eine Bewegung geht durch die an die Stelle gebannten Massen, ein Jubel ohne Grenzen bricht los. Alles erhebt sich. Die Musikkapellen setzen ein, und aus dein schwarzen Meer von Köpfen Pflanzt sich ein Hurra rufen fort, das ob seiner Gewaltigkeit alles übertönt. Die „Hohenzollern" ist am Ausgang des Kanals. Ein Signal steigt hoch, und nun beginnt eine Ka- uonade, wie sic im Kieler Kriegshafen noch nicht gehört worden ist. Und hoch oben auf der Kommandobrücke steht der Kaiser in Admiralsuniform, den Gruß der Flotten aller Länder entgegennehmend — ein wahrhaft erhebender Moment! Der Hauptfesttag der Käisertage in Kiel war Freitag der 21. Juni. Denn er bezeichnete die Legung des Schlußsteins durch den Kaiser. Wiederum das farbenreiche Bild vom Donnerstag: wehende Flaggen, mit Menschen ge füllte Tribünen, dazu die deutschen Bundesfürsten, viele fürstliche Gäste aus fremden Ländern, Minister und hohe Beamte in ihren glänzenden Uniformen — die glänzendste Festversammlung, die Deutschland je gesehen. Um 11 llhr naht die kaiserliche Barke von der „Hohenzollern" her. Sie führt den Kaiser zu Lande, diesmal in der weißen Uniform der Gardes du Corps mit dem silberstrahlenden Helm, begleitet von der Kaiserin in blaßhimbeerfarbencr Toilette. Der Reichskanzler und einer der Minister empfangen den Kaiser an der Landungsbrücke. Unter dem brausenden Jubel der Tausende steigen die Majestäten an den präsentierenden Ehrcnkompanieen vorüber zu dem präch tigen Festzelt empor. Der Präsident des Reichstages überreicht dem Kaiser den Hammer. Der erste Hammerschlag — wiederum donnern von allen Schiffen die Kanonen, wiederum erneuert sich der brausende Jubel der Festversammlung. Der Kaiser aber sprach bei dem Hammerschlag folgende Worte: „Zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen taufe ich den Kanal: «Kaiser Wilhelm-Kanal»" und begleitete darauf die drei Hammerschläge mit den Worten: „Im Namen des dreieinigen Gottes, zur Ehre KaiscrWilhelms, zumHeile Deutschlands, zum Wohle derVölker!" Die Musik fiel mit „Heil Dir im Siegerkranz" ein, und wiederum krachte von allen Schiffen der begrüßende Geschützdonner. Darauf vollzogen die Kaiserin, der Kronprinz, der Prinzregent von Bayern, der König von Sachsen,14 * 211 der König von Württemberg und die übrigen Fürstlichkeiten die üblichen Hammerschläge. Noch ein Kaiserhoch, in das alle Anwesenden begeistert einstimmten, dann sührte der Kaiser die Kaiserin znr Landungsbrücke und kehrte mit seinem Gefolge an Bord der „Hohenzollern" zurück. Die Schlußsteinlegung zum Kaiser Wilhelm-Kanal war der Höhepunkt der Kieler Festtage. Ihr Schluß war aber würdig dem Beginn. Nach mittags am Freitag nahm Kaiser Wilhelm Flottenparade ab. Zu dieser hatten sich auf der Kaiserjacht sämtliche deutschen und fremden Fürstlichkeiten versammelt. Auf der Kommandobrücke stand der Kaiser allein in Admirals uniform. Sv durchfuhr die Kaiserjacht die Reihen sämtlicher Kriegsschiffe, deren Matrosen in Paradeaufstellung auf den Nahen standen. Von allen Schiffen ertönte beim Vorüberfahren der Kaiscrjacht dreifaches Hurra und die Weise des deutschen Kaiserliedcs. Abends ehrte dann Kaiser Wilhelm seine Gäste durch ein glänzendes Festmahl. Die Festhalte war in der Nähe der Holtenauer Schleuse in der Form eines mächtigen Seeschiffes aus alter Zeit erbaut. Da der glänzende Festraum durch zahlreiche elektrische Lampen erleuchtet war, so wurde der volle Eindruck erzielt, als würde die Festtafel unter dem von der Mittagssonne be strahlten Sonneuscgel auf dem Schiffsverdeck abgehalten. Den geistigen Höhe punkt des Prunkmahles bildete auch hier die Rede des Kaisers. Sie war ein Preis der friedlichen Arbeit der Völker miteinander. „Der großen Kultur aufgabe des deutschen Volkes entsprechend," sprach der Kaiser unter anderem, „eröffnen wir dem friedlichen Verkehr der Nationen untereinander die Schleu sen des Kanals, und zu freudiger Genugthuuug wird es uns gereichen, wenn seine fortschreitende Benutzung Zeugnis dafür ablegt, daß die Absichten, von welchen wir geleitet worden sind, nicht allein verstanden, sondern auch frucht bar werden zur Hebung der Wohlfahrt der Völker. Die Teilnahme an unserer Feier seitens der Mächte, deren Vertreter wir unter uns sehen und deren herrliche Schiffe tvir heute bewundert haben, begrüße Ich um so leb hafter, je mehr Ich darin die volle Würdigung unserer auf Aufrcchterhal- tung des Friedens gerichteten Bestrebungen zu erblicken das Recht habe. Deutschland wird auch das heute feierlich eiugeweihte Werk in den Dienst des Friedens stellen und sich glücklich schätzen, wenn der «Kaiser Wilhelm- Kanal» in diesem Sinne allezeit unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den übrigen Mächten fördert und befestigt!" Es ist dieses Kaiserwort der Grundton gewesen, der durch den Jubel der Kieler Festtage immer von neuem hindurchklaug, — möge ihm die segensvolle Erfüllung nie fehlen!212 Auf dem Leuchtturm. Meer ist des Küstenbewohners Wiesengrund und Ackerfeld — is kommt einem bei jeder Wanderung an der Meeresküste elfältig zum Bewußtsein. Das Meer ist auch die große Brücke, welche die Erdteile miteinander verbindet — davon zeugen die weißen Segel der Kauffahrteischiffe und die dunkeln Rauchstreifen der Dampfer, welche die besuchteren Meeresteile Tag für Tag beleben. Spendet so das Meer mit der einen Hand tausendfachen Segen, so greift es mit der an deren verderbenbringend ein in das Leben der Menschen. Es donnert an seine Häfen, es schleudert in dunkler Sturmnacht das Schiff auf die Klippen hinauf oder setzt es auf gefahrdrohende Sandbänke. Solange das Tages licht dem Schiffer freie Umschau gestattet, zwingt er wohl durch geschicktes Lavieren das Schiff selbst gegen einen ungünstigen Wind; wenn aber Nacht und Nebel über der gärenden Wasserfläche liegen und der Sturm das Fahrzeug hin und her wirft, dann verliert auch der erfahrenste Seemann die Richtung, dann zieht bange Sorge um Schiff und Leben ein in sein sonst so unerschrockenes Herz. Wo starker Verkehr die Gefahren des Schiffers in Sturmnächten oder beim Einlaufen in den Hafen steigert, da hat man diesen Gefahren zu be gegnen versucht durch Anlegung von Leuchttürmen. Sie sind fast so alt, wie die Meeresschiffahrt selbst. Berichtet uns doch die Geschichte von einem der selben, als von einem der sieben Wunderwerke der Welt, jenem Pharus, der vor Alexandrien die Einfahrt in den Nil sicherte, der etwa dreihundert Jahre vor Christi Geburt erbaut wurde und bis in das vierzehnte Jahrhundert das Staunen aller Reisenden erregte, die ihr Weg nach Alexandrien führte. Das Beispiel, das mit der Erbauung des berühmten Pharus von den Ägyptern gegeben wurde, ist heutzutage hundertfältig nachgeahmt. Besonders England, das Land der Häfen, hat in der Erbauung von Leucht türmen Staunenswertes geleistet; denn vielfach unsicher sind seine weit- gestreckten Küsten. Im nördlichen Teile des Landes, in Schottland, starrt dem Schiffer auf weite Strecken felsiges Geklüft entgegen, an dem kaum ein Boot vor Anker gehen kann; noch gefährlicher aber sind die Strecken der südlichen Küste, wo Sandbänke zur Ebbezeit aus dem Wasser hervor treten, die dann von der Flut überschwemmt werden. Eine solche Kette von Sandbänken, die Goodwin-Sands, begleitet die englische Küste des213 Kanals nördlich von Dover, dem Uberfahrtsorte nach Frankreich, bis zu der Landspitze von North- Foreland, bei welcher das Meer sich weit gegen Westen hineinzieht und die Einfahrt zu dem Themsebusen bildet. Die sandige Landspitze von North-Foreland ist eine der für den Schiffer wichtigsten Landmarken an diesem Teile der englischen Küste. Hält er sich im Norden derselben, so gewinnt er sicher die Einfahrt in die Themse; treibt er zur Nacht oder im Nebel nach Süden ab, so gerät das Schiff auf die Bänke der Goodwin- Sands, die zahllosen Fahrzeugen Verderben gebracht, zahllose Menschenleben verschlungen haben. Damit denn nun der Schiffer diese wichtige Landmarke nicht fehlen könne, auch wenn Nacht und Nebel ihm die Aussicht versperren, hat man auf der sandigen Landspitze von North-Foreland einen Leuchtturm erbaut, aus gewaltigen Quadern, fest und sicher, so daß er auch dem rasendsten Sturme Widerstand zu leisten vermag. Dem Spaziergänger auf dem Ufersande, den der Weg an diesem Leuchtturme vorüberführt, erscheint er als einförmiges Gebäu, wettergrau, jeglichen Schmuckes bar; der Schiffer aber, dem sein Leuchtfeuer ins Auge strahlt, schätzt den einförmigen Turm höher als einen Königspalast, und denkt er tiefer nach über seine Bedeutung, so segnet er den Mann, der den Plan zur Errichtung dieses Turmes faßte, die Hände, die diese gewal tigen Quadern aufeinander türmten, und die Männer, die in treuer Pflicht erfüllung den Dienst am Leuchtfeuer versehen. Der freundliche Leser wird das verstehen, wenn er sich eine Scene aus der stürmischen See schildern läßt. Es ist Nacht, und ein wackerer kleiner Schoner läuft vor einer tüch tigen Kühlte, wie die Schiffer sagen, den Kanal hinauf. Das kleine Fahr zeug ist schwach bemannt; außer dem Schiffer befindet sich nur der Steuer mann, ein Matrose und ein Schiffsjunge an Bord; aber es ist durchaus seetüchtig, und der „Alte," wie der Schiffer von den Matrosen genannt wird, fürchtet sich nicht vor einer „Mütze voll Wind." Aber nach und nach wird die Kühlte zum Sturm. Da muß fast alle Leinwand hereingenommen werden, und nur so viel Segel führt das kleine wackere Fahrzeug, daß es sich eben vor dem Winde zu halten vermag. Dennoch fliegt der Schoner vor dem heulenden Südwest mit rasender Schnelle nach Osten hinunter. In der Nähe des großen Mastes steht der Schiffer und bespricht leise flüsternd mit dem Steuermann die Lage des Schiffes. Eine eigentümliche llnsicherhcit liegt über dem Wesen des sonst so selbstbewußten Mannes. Ein Wink des „Alten" sendet den Jungen hinauf auf den Mast, um scharfen Ausguck zu halten. Schiffer und Steuermann recken sich dabei fast die Hälse aus; aber wer je in dunkler Sturmnacht auf dem gärenden214 Wasser umhergeschleudert wurde, der weiß, daß da die schärfsten Augen die von Regendunst gesättigte Luft nicht zu durchdringen vermögen. Den Schiffer leidet es nicht an Deck. Er eilt durch die Luke hinunter in die Kajüte. Da unten aber ist alles Finsternis. Das Licht ist nirgends zu finden. Die Büchse mit Zündhölzern steht natürlich nicht an ihrem Platze; sie ist umgeworfen und ihr Inhalt über den nassen Fußboden zer streut. Endlich kommt der Schiffsjunge herunter und macht, nachdem er sich in der Dunkelheit fast den Schädel eiugerannt, heulend und schreiend Licht. Der platt getretene Talgstumpf wird aufgesteckt, wie es eben gehen will, der Docht angeziindet und die Karte aus dem Futteral hervorgeholt. Und was für eine Karte! Über und über schmutzig, fettig, teerfleckig, angerissen und zerfetzt! Uber sie lehnt sich der Schiffer, so daß seine Nase die Karte fast berührt und beim Suchen ebenso thätig mitzuwirken scheint wie der braune, klebrige Zeigefinger, der forschend auf dem Papier umher tastet. Er findet bald genug die gefürchteten Goodwin-Sands, und auch den Leuchtturm von North-Foreland findet er auf der Karte. Der Schiffer überschlägt, daß jetzt das Leuchtfeuer erscheinen muß. Er stürzt aufs Ver deck — es ist noch nichts sichtbar. Sollte sich nicht der Schimmer des Leucht schiffes bei den Goodwin-Sands entdecken lassen? Auch davon keine Spur! Er starrt auf den Kompaß und ändert unruhig die Richtung des Schiffes. Dann eilt er wiederum, fast kopfüber, hinab in die Kajüte, um seine Rechnung von neuem durchzugehen. Wiederum tvirft er sich mit dem Ellbogen auf die zerlumpte Karte, wobei er mit dem Endchen Licht, das er zwischen den Fingern hält, den ganzen St. Georgs-Kanal mit Talg überträufelt. Horch! Oben wird es lebendig. Deutlich läßt sich die Stimme des Steuermanns unterscheiden. „Das Licht in Sicht!" ruft der alte wetter harte Seemann fast jauchzend in den Raum hinab. Da wirst der Kapitän die Karte in den Winkel und den Lichtstumps darauf. Das Wort ist ihm mehr wert als alles Geschmier der Kartenmacher. Ist das Feuer in Sicht, so ist der Lauf des Schiffes mit der Rechnung in Einklang und alles in Ordnung. Der „Alte" stürzt auf das Verdeck. Das Erste, was ihm ins Auge füllt, ist ein stetig leuchtendes Licht in der Ferne, dessen Strahlen sich siegreich durch den Nebel Bahn brechen, der seinen Dunstmantcl schwer und dicht um das Schiff zieht. Der Kapitän atmet erleichtert auf und die Mannschaft des Schiffes mit ihm. Ein Blick auf den Kompaß — dann wird das Steuer beigedreht, und der Schoner sucht sich durch Nacht und Nebel seinen Weg aus dein Kanal hinaus. Hat der Leser aus der Schilderung einer Sturmnacht auf dem Meere die hohe Bedeutung der Leuchttürme erkennen gelernt, so fragt er wohl,215 wie es in einem solchen aussieht und was man da thut und treibt. Da von wird uns ein Besuch auf dem Leuchtturm, dessen Licht die Gefahr von dem Schoner abwandte, ein Bild geben. Derselbe steht hart am Meer, auf sandigem Strande. Ans einen Empfehlungsbrief hin öffnet sich uns bereitwilligst die Eingangsthiir am Fuße des Turmes, uud wir werden in ein kleines, aus Stein erbautes Vorzimmer geführt. Einer der Feuer wächter geleitet uns nun weiter in das Innere und endlich treppaufwärts. Überall trifft unser Auge auf die verschiedensten, zur Unterhaltung des Feuers bestimmten Gefäße und Gerätschaften. Ölkannen, Ölmaße, Ersatz reflektoren, Lampengläser, Reservefensterscheiben und noch viele andere Gerät schaften, meist aus glänzend poliertem Metall, sind auf breiten Gesimsen sorgfältig aufgestellt. Dazwischen hängen an den Wänden Baumwollstrühne zu Dochten, Leder, Tuch, Gemsenfelle zum Putzen der Metallteile u. s. w. Im Turme selbst herrscht tiefe Stille, die nur durch den Schall un serer Fußtritte unterbrochen wird. Die Feuerwächter scheinen das Sprechen verlernt zu haben, und wenn wir einige Worte fallen lassen, flüstert uns der Führer gewiß ein warnendes „Pst!" zu. Ilnd gewiß, der Mann hat recht. Der Hauptlichtwächter, an dem für die bevorstehende Nacht die Reihe ist, hat sich frühzeitig zu Bett gelegt. Bon der Wachsamkeit dieses Mannes hängt möglicherweise die Sicherheit vieler Menschenleben ab, und so gönnt man ihm gern die Ruhe, ohne die er seinen schweren Beruf nicht treu erfüllen könnte. Unterdes setzen wir, dem Führer folgend, langsam den beschwerlichen Weg fort, der uns zwischen engen, schneckenförmig gewundenen Steinmauern zu dem Lichtzimmer auf die Höhe des Turmes führt. Endlich stehen wir vor einer dunkeln, verschlossenen Thür, durch deren Ritzen ein heller Glanz hcrvorzubrechen scheint. Der Führer öffnet, und wir stehen im Lichtzimmer des Turmes. Es läßt sich dieses mit nichts besser vergleichen als mit einem Hand korbe für Gurken, nur ist es entsprechend größer. Auf einer mäßig hohen Plattform von glänzendem Kupfer ruht der hintere Teil des Gerüstes, welches die Lampen trägt. Jede dieser Lampen ist mit einem Cylinder versehen, ähnlich unseren Steinöllampen, und hat einen nach innen ge krümmten Lichtspiegcl, einen sogenannten Reflektor, hinter sich. Jeder dieser Reflektoren ist ein prächtiges Stück Arbeit. Hinten Kupfer, vorn reines, glän zend poliertes Silber, sind sie von solchem Glanze, daß das Auge nicht un geblendet in dieser spiegelnden Höhlung weilen kann. In doppelter Reihe ziehen sich die Lampen mit ihren Reflektoren hin, hinter jeder Röhren, um sie gleichmäßig mit Öl zu versorgen, dann Luftzüge, Rauchröhren u. s. w.216 Die kupferne Plattform ist kreisförmig und breit genug, daß eine Person sich zwischen den Lampen und dem Glasfenster des Lichtzimmers hindurchbewegen kann. Unser Führer schreitet voran, wir folgen — aber schüchternen Trittes. Die großen strahlenden Sonnenaugen der Reflektoren schauen uns so sonderbar an, daß wir ordentlich Scheu tragen, an ihnen vorüberzustreichen. Man ist wirklich froh, wenn man das andere Ende der Plattform erreicht hat. Wir steigen die Treppe der Plattform wieder hinab. Da schrecken wir überrascht zusammen; denn plötzlich ertönt von draußen ein dumpfer Schlag gegen die Glasscheiben. Das dicke Glas ist allerdings unverletzt; aber der Ankömmling draußen ist jedenfalls schlecht davongekommen. Neu gierig treten wir auf den kleinen Balkon hinaus, der außerhalb des Feuer zimmers rings um den Turm läuft. Mit ausgebreiteten Flügeln und geöffnetem Schnabel liegt dort eine gewaltige Eule, welcher der heftige Stoß jedenfalls den Kopf zerschmettert hat. „Ja," sagt der Lampenwärter, „unser Geschoß reicht weiter hinaus in See, als die größte Kanone. Ich habe mehr als einmal den Balkon dicht mit Secmöwen und anderen Vögeln bedeckt gesehen, die der Anziehungskraft dieses Lichtes nicht widerstehen konnten und sich an den Glasplatten den Schädel einstießen. Zuweilen sammeln wir fast einen Scheffel Lerchen, die wie gesäet draußen umherliegen." Seltsam, dasselbe Licht, das Tausende von Geschöpfen zum Ver derben heranlockt, wird für andere, die sich entfernt von ihm halten, ein Mittel der Rettung! Ihr Männer aber im groben Arbeitsgewande, die ihr das Licht unterhaltet von der hereindämmernden Nacht bis zum Hellen Morgen, fahret damit fort in redlicher Pflichttreue zum Heile des Schiffers, der in grauser Sturmnacht mit den Wogen um Schiff und Leben ringt!II. Mrs im Fremde. Wanüernür Baumstämme. Mississippi, diese gewaltige Wasserader der Vereinigten Staaten an Amerika, ist noch heute der in vielen Stücken seltsame Urom, als den uns die Reiseberichte der ersten Entdecker ihn schildern. Wenn man auf einem der zahlreichen Dampfer, welche sein gelbliches Wasser beleben, stromaufwärts fährt, so kommt man vorüber an schmucken Städten und führt stundenlang zwischen offenem Kulturland, wo Tabakfelder oder Baumwollpflanzungen vom Fleiß der Menschen zeugen; und dann wieder vergräbt sich der Dampfer in Waldungen, wo von der Anwesenheit des Menschen nur die aufsteigende Rauchsäule Kunde giebt, welche die Blockhütte eines Holzhauers anzeigt, oder wo bei Nacht ein hin und her geschwungenes brennendes Holzscheit den Kapitän einladet, den Holzbedarf zur Heizung des Dampfkessels den am Ufer aufgeschichteten Holzstößen zu entnehmen. Wie in alter Zeit die am Mississippi wohnenden Indianer ihren Fluß den „Vater der Gewässer" nannten, so ist er es noch heute. Denn eine unzählbare Menge großer und kleiner Wasserrinnen zieht er in sein ge waltiges Bett und ist sogar ein wohlthätiger Spender der befruchtenden Feuchtigkeit während der heißen Monate trockener Sommer. Dann grünt und blüht es üppig in den Niederungen, während im höher gelegenen Lande, auf dürrem Boden, das Laub der Bäume wochenlang früher gelb wird. Aber in regenreichen Jahren wird der segenspendende Strom auch zu einem Verwüster des Landes. Dann sickert zuerst an allen niedrigen Stellen des Ufers das Wasser hindurch in die tiefliegenden Gründe; nach wenigen Stunden schon sind breite Eingangsthore ausgewaschen, durch die218 nun die gelbe, schlammige Flut sich unaufhaltsam ergießt. Das ist dann für die Bewohner der Niederungen eine Zeit schwerer Not, welche glück licherweise nicht die eigentlichen Ansiedler betrifft; denn diese sind vorsichtig genug und kennen die sumpfigen Niederungen zu gut, um sich mit Weib und Kind ihnen anzuvertrauen. Aber mancher Holzhauer lebt doch in einsamer Hütte am Stromufer, und mancher Jäger durchstreift die feuchten Gründe, um dem Hirsch an der Salzlccke aufzulauern, oder auch wohl dem Bären zu Leibe zu gehe». Da ist es denn nicht selten, daß solch ver einsamte Männer vom Wasser überrascht werden. Mit unheimlicher Ge schwindigkeit vergrößern sich die Wasserlachen und flachen Teiche, tvclche sich selbst während der Sommerhitze im Walde halten; das Wasser quillt ordentlich zusehends aus dem Boden, und immer weitere Strecken des trockenen Landes werden davon überschwemmt. Glücklich dann noch der Jäger, wenn es ihm gelingt, watend einen höherlicgenden Erdbnckel zu erreichen, auf dem er dann am Lagerfeuer bei schmaler Kost manchmal wochenlang kampieren muß; denn nicht zu den Seltenheiten gehört es, daß von dem hereinbrechenden Wasser jeder Ausweg abgeschnitten wird und dann nichts weiter übrig bleibt, als Zuflucht auf irgend einem Baume zu suchen, wo der Unglückliche dem nagenden Hunger und den blutsaugenden Moskitos preisgegebcn ist. Drunten im Sumpf aber treibt nun das Wasser Tag und Nacht seine Wühlarbeit. So stolz die virginischen Cedern, die schlanken Hcmlockstannen, der Sassafrasbaum mit seinem buntgesprenkelten Laube und all die man nigfaltigen Bäume des amerikanischen Urwaldes sich sonst erheben, — wenn das Wasser ihnen im Wurzelgeflecht nagt, werden sie zu ohnmächtigen Waldriesen, die jeder Sturm krachend niederstreckt. Dann liegen die Baum- leichcn wild durch- und übereinander; die Fäulnis frißt ihnen bis ins Mark hinein, und meist zerfallen sie da, wo sie stürzten, in schwarze Baum erde, aus der üppiges Unterholz seine Nahrung zieht. Häufig genug aber bemächtigt sich auch das Wasser der gestürzten Stämme. Wenn der Mississippi in seine Ufer zurücktritt, dann flutet das Wasser langsain durch die breiten Uferrisse in den Strom und führt alles, was schwimnit, mit sich fort. Was dann von gestürzten Baumstämmen im Bereiche der Strömung ist, wird langsam hinuntergcflößt; die regellos liegenden Stämme stauen sich hier und da und verschränken sich mit Wurzeln und Geäst; aber die nachsprossenden Baumriescn sprengen den Verhau und machen die Bahn zum Flusse hinab frei. Zu solchen Zeiten treibt dann in be sonders waldreichen Gegenden der Mississippi wohl mit Baumstämmen, wie bei uns zur Zeit des Winters ein Fluß mit Eisschollen. Freilich verteilt219 sich dann die Menge der treibenden Baumstämme bald über die breite Wasserfläche des Stromes, so daß man in waldärmeren Gegenden nur noch an vereinzelten Stämmen von Treibholz die Verheerungen erkennt, welche das Wasser in den Sumpfwaldungen angerichtet hat. Die treibenden Baumstämme gehören zu den charakteristischen Erschei nungen dieses Riesenflusses. Sie sind die häufige Ursache einer völligen Veränderung in der Ansicht, welche die Flußufer, vom Schiffe aus gesehen, erleiden. Die Kapitäne der Dampfer, welche sich etwas darauf zu gute thun, daß sie den Strom kennen wie ihre Tasche, werden trotzdem manchmal überrascht von einer Veränderung in den Formen des Ufers, deren sie sich von früher her nicht erinnern. Vor Jahren — wußten sie — lag eine bestimmte Einbuchtung des Ufers offen und frei; jetzt liegt darin eine Insel, wie durch Zauber aus dem schlammigen Grunde hervorgewachsen. Dem Kundigen ist die Entstehung der Insel kein Geheimnis. Einer der treibenden Stämme hat sich festgesetzt, mit dem schweren Wurzelende nach unten und der entblätterten Krone nach oben. Das hat den Anstoß ge geben zur Anschwemmung neuen Treibholzes. Die Stämme haben sich ineinander geschoben; der Schlamm des Mississippi, welcher sich zu allen Zeiten massenhaft absetzt, verkittete das Holzfloß zu einer ungeteilten Masse; Schilf, Röhricht und andere Wasserpflanzen finden in dem Schlamme einen fruchtbaren Boden und schießen bald mannshoch empor, während ihr Wnrzelgeflecht die Stämme ihrer Unterlage immer dichter verstrickt; — so ist in vielleicht kaum Jahresfrist eine Insel entstanden, wo bis dahin offenes Wasser war. So fest wie Land können diese schwimmenden Inseln freilich nicht werden. Zuweilen reißt ein Sturm die Insel wieder auseinander; oder diese kommt, wenn ihr Hauptstamm seinen Halt verliert, von -neuem ins Treiben und bietet nun als wirkliche schwim mende Insel einen Anblick, der von allen Vorüberfahrenden aufs höchste angestaunt wird. Zu einer wirklichen Gefahr aber können die treibenden Baumstämme des Mississippi für den Schiffsverkehr werden, wenn sie so tief im Wasser gehen, daß die Stämme selbst nicht mehr sichtbar sind und nur die spitzen Zacken der abgestorbenen Äste hier und da hervorragen. Das sind die „Snags," welche von allen Schiffern des Mississippi gefürchtet werden. Sie sind nicht nur dem flachen Bauche der Flatboote (d. i. Flachboote) gefährlich, welche mit Getreide, Gemüse oder Branntwein befrachtet den Strom hinabgehen, sondern auch in den gcknpferten Kiel eines Strom dampfers vermögen sie ein gewaltiges Leck zu stoßen, wenn dieser mit großer Geschwindigkeit auf einen langsam treibenden „Snag" ausfährt.—» 220 Solange das Tageslicht dauert, weiß man die gefahrdrohenden Baumzacken wohl zu vermeiden, indem man auf dem Vorderteil des Schiffes scharfeu Ausguck hält; wenn aber im Frühjahr oder im Herbst einer der dichten Mississippinebel aus dem Flusse aufsteigt, bleibt nichts übrig, als so lange am Ufer beizulegeu, bis das Fahrwasser wieder frei zu überblicken ist, und in derselben Weise muß beim Einbrüche der Nacht die Fahrt unterbrochen werden, wenigstens an solchen Stellen des Stromes, in denen erfahrungs mäßig die „Snags" häufig Vorkommen. Monate vergehen, ehe ein treibender Baumstamm von der trägen Flut des Mississippi nach der Mündung des Stromes hinuntergeführt wird, auch wenn er den Weg dahin ohne Hindernis zurücklegt. Führte einer unserer deutschen Ströme in dieser Art Treibholz, so würden Hunderte von Händen bereit sein, das herrenlose Gut zu sichern. Anders aber ist es, oder war es wenigstens bis in die neueste Zeit am Mississippi. Da wächst den Leuten noch immer des Holzes zu viel, so daß sie die Waldbestände ver nichten, unbesorgt um die Zukunft. Deshalb ließ man früher die „Snags" ungehindert treiben, ja mau war sogar froh, wenn es keiner besonderen Arbeit bedurfte, um die Einfahrt in den Hafen von New-Orleans für die Dampfer und Segelschiffe frei zu erhalten. In neuerer Zeit hat sich dies etwas geändert. Das Steigen der Holzpreise, das sich zuerst in den großen Städten bemerkbar machte, hat auch dem Treibholz der Strome einen ge wissen Wert verliehen. Daher ist es jetzt ein ganz gewöhnlicher Anblick, Neger oder Weiße, die gerade keine lohnendere Beschäftigung zu finden vermögen, auf kleinen Booten draußen auf dem Mississippi liegen zu sehen; sie halten scharfen Ausguck nach den schlammigen Baumzacken, welche einen Treibholzstamm ankünden, und sind, wenn eine „Snag" in die Nähe des Bootes gelangt, hurtig bei der Hand, die willkommene Beute an ein gehauenen Hakenstangen zu Lande zu führen. Freilich kostet es noch manchen Schweißtropfen, das durch das lange Liegen im Wasser hart gewordene Holz zu zerkleinern; aber das verschlägt wenig bei Leuten, welche in geschäftsstiller Zeit mit ihrer Arbeitskraft sowieso nicht viel anzufangen wissen. Werden aber zur Zeit starken Verkehrs „Hände gesucht" — wie es in New-Orleans heißt —, dann denkt auch der ärmste Neger nicht mehr daran, im Mississippi nach Treibholz zu fischen. Und so kommt es, daß noch heute jahraus, jahrein Tausende von treibenden Baumstämmen durch den Strom in das Meer hinausgeführt werden, so daß sic häufig genug den nach New-Orleans hinaufgehenden Schiffen begegnen. Im mexikanischen Meerbusen, wo die geringe Geschwindigkeit des Treibens sich noch verringert,221 sinkt ein guter Teil der Treibholzstämme überhaupt zu Grunde; meist geschieht dies mit den Eichen, deren Holz durch das lange Liegen im Wasser endlich so hart und schwer wird, daß es säst steinartige Beschaffenheit an nimmt. Alle Nadelhölzer aber, die Cedern und die verschiedenen Arten der Tannen, werden nicht in dieser Weise verändert. Sie schwimmen daher im Meerwasser und folgen allen Bewegungen desselben. Unter allen Teilen des Weltmeeres ist aber gerade der Busen von Mexiko diejenige Meeresgegend, von der aus der Transport eines schwimmen den Körpers durch das Wasser am leichtesten erfolgt. Denn hier nimmt die bekannteste aller Meeresströmungen ihren Ausgang — der Golfstrom. Die Floridastraße, jene Meeresenge zwischen der niedrigen Halbinsel Florida und dem bergigen Eilande Cuba, ist die großartige Pforte, aus welcher der Golfstrom heraustritt in den Atlantischen Ocean. Durch sein indigo- blaues Wasser, sowie durch seine etwas höhere Wärme von dem übrigen Meerwasser deutlich gesondert, bewegt sich die merkwürdige Strömung in der Floridastraße mit einer Geschwindigkeit, welche die eines rüstigen Fuß gängers übertrifft. Was von schwimmenden Körpern in sie gelangt, folgt ihrem mächtigen Zuge, und so kommt es, daß die Treibholzstämme, welche das Wasser des Mississippi gerade in sie hineinführt, hier einen Anstoß erhalten zu einer Reise durch den Oeean. Ein wandernder Baumstamm in der großen Wasserwüste des Oceans — man könnte meinen, er hätte nicht mehr Bedeutung als das Sonnenstäub chen, welches in dem in ein dunkles Zimmer einfallenden Lichtstrahl auf und nieder steigt! Und doch hat ein solcher Treibholzstamm seine kleinen Erlebnisse. Die schwanken Rohre und das kleine Genist holziger Wasser pflanzen, die allesamt mit den zahlreichen Baumstämmen aus dem Mississippi in den Ocean- hinaustreiben, — sie würden durch das nimmer ruhende Spiel der Wellen hierhin und dorthin zerstreut werden, wenn nicht diese gleichmäßig treibenden Baumriesen mit ihrem Wurzelwerk und ihrem zackigen Geäst ihnen einen Anhalt böten. Diese treibenden Holzmassen werden dann von den an den Küsten schweifenden Seevögeln ausgesucht, teils um zu ruhen vom langen, ermüdenden Flug, teils aber auch, um nach Quallen und Seegewürm zu fischen, das sich um das schwimmende Geröhricht in großer Menge tummelt. Solche treibenden Baumstämme mit ihren Gesell schaften von Vögeln sind dem Schiffer das willkommene Anzeichen vom nahen Land, — sie waren es ja auch, wie uns die Entdeckungsgeschichte von Amerika berichtet, an denen sich der Mut des Columbus von neuem aufrichtete, als Woche um Woche verstrich, ohne daß die so. bestimmt er- tvartete Küste aus dem Meere emporstieg.222 Dazu bringt einen solchen Treibholzstamm nichts aus seiner gleich mäßigen Bahn. Da erhebt sich ein Sturm, der tagelang wütet. In langen Zügen jagt eine der empörten Wellen die andere; glänzende Kämme Non silberweißem Schaum und aufspritzendem Gischt erheben sich da, wo einen Moment zuvor das grünblaue Wasser sich zum Wcllenthal senkt. Alle Schiffe im Bereich des Sturmes werden vom Kurs verschlagen, die Dampfer ebenso wie die vom Winde mehr abhängigen Segler, — der Treibholzstamm schwimmt gleichmäßig seine Bahn; denn er bietet nichts, an dem der Sturm irgendwelchen Anhalt fände. Und wenn der Sturm einschläft zur Windstille, daß auf dem Schiff die Segel schlaff herab- hüngen und auch nicht die kleinste Rahe knarrt im Spiel des Windes — da treibt an dem Schiff vorüber langsam der Treibholzstamm, der Strö mung folgend, die ihn immer weiter ins Meer hinaus führt. So vergehen Monate auf Monate. Schon längst sind die Vögel zurückgeblieben, welche in der Nähe der amerikanischen Küste den Ccdern- stamm vom Mississippi-Ufer dann und wann besuchten; lange Wochen ist er ganz einsam geschwommen; da stellt sich wieder Gesellschaft ein. Möwen sind es mit langen, schön geschnittenen Flügeln und scharfem Hakenschnabel. Sie künden aufs neue die Nähe des Landes. Da steigt es empor in zackigen Formen, ohne den Schmuck grüner Wälder ans seinen Höhen, nur an den niedrigeren Küsten von grünen Rasensäumen umschlungen. Island ist es, die von Sagen umwobene Insel im Nordmeer. Mancher von den schwimmenden Geführten des Cedernstammes hat hier seine Bahn vollendet. Sie sind von der Strömung langsam gegen die Küste heran getrieben und zwischen den felsigen Klippen der Küste gestrandet. Wenn dann einer der isländischen Fischer beim Hinausfahren auf den Fang einen solchen gestrandeten Baumstamm entdeckt, so weiß er manchmal kaum, was er höher anschlagen soll: den zu erwartenden Fang oder den sichern Fund, den ihm das Meer zugeführt hat. Jedenfalls giebt er sich alle Mühe, den letzteren zu bergen. Denn auf seinem „Eislande," wo die einzigen Bäume ein paar bei Akureyri geschützt stehende Ebereschen sind, und wo man den Thee am qualmenden Torffeuer kocht, ist ein schlanker Cedern- stamm, der Bauholz geben kann, von hohem Werte. Die wandernden Baumstämme aber, welche an Island vorübertreiben, sind wieder monatelang unterwegs, ehe für sie neues Land in Sicht kommt. Denn immer langsamer bewegt sich die Meeresströmung fort, welche sie mit sich führt, und immer kühler werden ihre Wasser. Wenn jetzt Vögel herankommen, so sind es schönfarbige Eidergänse oder schwerfällige Alke», die viel schneller rudern, als der Baumstamm sich bewegt, und taucht223 neben ihm ein Mcertier auf, so ist es ein Seehund, oder es öffnet sich gar der mächtige Nachen eines Walfisches. Wie aber endlich alles zu seinem Ende kommt, so auch die lange Irrfahrt des Cedernstammes aus dem Mississippisumpfe. Es ist eine flache Küste, an der er endlich einen Landungsplatz findet. Tausende von Stämmen sind vor ihm denselben Weg gewandert; er kann ihre Zahl nur vermehren. Das nimmer ruhende Spiel der Flut führt die gestrandeten Stämme zusammen und schichtet sie unregelmäßig übereinander, stellen weise so hoch, daß die Eingeborenen jener Gegend von „hölzernen Bergen" reden. An der Küste des nördlichen Asiens sind diese hölzernen Berge eine bekannte Erscheinung. Aus ihnen holen die Eingeborenen jener wei ten, fast menschenleeren Landstriche, die Jakuten und Tschuktschen, was sic an Holz zum Aufbau ihrer Jurten (d. i. Hütten) nötig haben. Und wenn ein Schiff an dieser unwirtlichen Küste überwintern muß, so ist der Mannschaft der in den Holzbergen aufgehäufte Vorrat von Brennmaterial ein hochwillkommener Fund. Da mag cs sich denn wohl treffen, daß ein nvrdamerikanischer Schiffer an einem Feuer sich seinen Thcc kocht, welches von Holz genährt wird, das Tausende von Seemeilen entfernt an den Ufern seines heimatlichen Stromes gewachsen ist. nter der großen Anzahl der Geschlechter der zweihufigen Tiere, die fast über alle Zonen der Erde verstreut sind, zeichnet sich die Familie der Hirsche nach zwei Seiten hin aus: durch ihre Schönheit, aber auch durch die sehr geringe Nutzbarkeit für den Haus halt der Menschen. Es ist freilich ein reizendes Bild, wenn an einem taufrischen Sommer morgen ein Nudel Hochwild auf einer Waldblöße erscheint. Wie schlank und edel der Körperbau des Rehes mit seinem dreispitzigcn Gehörn, mit dem feingeformten Kopse, den leichten, aber sprungkrästigen Beinen, dem zierlichen Doppelhufe! Wie kraftvoll trägt sich bei aller Feinheit des Die Lappen unü ihr Haustier. nter der großen Anzahl der Geschlechter der224 Körperbaues der stattliche Edelhirsch! Wie stolz hebt sich der mit dem vielendigen Geweih bewehrte Kopf! Wie anmutig alle Bewegungen des Tieres, selbst wenn der Flüchtige in jähem Schreck durch das Unterholz bricht! Aber diese edelsten Tiere unseres deutschen Waldes lassen sich an Nutzen nicht entfernt vergleichen mit einer der Familien der hohlhörnigen Zweihufer, die der Mensch sich zu Haustieren gezähmt hat. Was will der kärgliche Ertrag an Fleisch und Haut, den sie gewähren, bedeuten gegen den großen wirtschaftlichen Nutzen ihrer bescheidenen Vettern? Und diesem kaum nennenswerten Nutzen gegenüber hebt sich um so augenfälliger heraus der Waldschaden, den sie anrichten, wenn sie zur Winterszeit dem Förster durch Abnagen der jungen Sprossen die Schonungen verderben, oder wenn sie im Sommer dem Landmann in die sorgsam bestellte Flur treten. Wahrlich, das Geschlecht der Hirsche würde trotz seiner Schönheit sehr tief stehen in der Wertschätzung der Menschen, wenn nicht das Renn- tier die bedrohte Familienehre voll und ganz rettete. liberall in der nördlichen Erdhälfte, wo im Winter Kälte und reich licher Schneefall das Fortkommen von Pferd und Rind hindern, findet sich das Renntier, das diese beiden Tiergeschlechter ersetzt. In den nörd lichsten Gegenden Skandinaviens ist es eine charakteristische Staffage der Landschaft; von hier aus trifft man es gegen Osten hin durch das ganze nördliche Asien verbreitet, und auch gen West setzt das Meer seiner Ver breitung keine Grenzen, da es auch in den kältesten Teilen Nordamerikas zu Hause ist. In der alten Welt drängt es weiter gegen Norden hin, in Amerika wandert es auffallend weit nach Süden. Wie würde ein Be wohner von Berlin oder von Leipzig oder gar von Prag erstaunen, wenn er in der neuen Welt, in ganz gleicher Polnähe, Herden des Renntiers anträfe, die er in der Heimat nur in den kühlsten Winkeln der zoologischen Gärten zu sehen bekommt! Freilich prägt sich in der Gestalt des Renntiers die ganze Strenge der nordischen Natur aus. In der Länge freilich erreicht es den Edel hirsch, denn es mißt ausgewachsen etwa zwei Meter; aber in der Statt- lichkeit des Wuchses steht es gar sehr hinter seinem edeln Vetter zurück. Dazu sind die Beine niedriger und plumper; unschön ist auch der Dvppel- huf mit den breiten Afterklauen, besonders wenn es die Hufe beim Gange über ein Schneefeld spreitet, um nicht in die trügerische Decke einzusinken. An Adel der Formen steht es ferner weit zurück im Bau des Halses und des Kopfes. Der Hals ist stets gebeugt, wie gewohnt des Joches, und der Kopf hat besonders in der Nähe der Mundteile plumpe, unschöne Partieen; nur das Auge ist groß und lebhaft und erinnert einigermaßenDie Lappen und ihr Haustier.225 an die berühmten „Rehaugen." Der Geweihschmuck ist eigenartig: stark nach hinten gebogen, mit handförmig verbreiterten Endschaufeln, so stark und kräftig, daß er wohl dem Angriff des Wolfes Widerstand zu leisten vermag. Der Pelz ist von außerordentlicher Dichte des Haares, im Sommer grau, im Winter in weiß übergehend, da zu dieser Zeit zwischen dem grauen Haar noch ein Winterpelz hervorwächst, dessen Haare mit Beginn der wärmeren Jahreszeit wieder ausfallen; Brust und Hals schützt außerdem ein langer Bart. Erscheint so das Renutier nach seiner äußeren Gestalt tief unter dem Edelwilde der deutschen Wälder stehend, so erhebt es sich weit über dasselbe durch den machtvollen Einfluß, den es auf eine ganze Völkerschaft ausübt. Im nördlichen Skandinavien und weit in das nordwestliche Rußland hinein wohnen, weit verstreut über die stcllenweis felsigen Gefilde, die Lappen und Finnen, zwei Völkerstämme, deren gedrungener Bau und schiesstehende, geschlitzte Augen deutlich ihre mongolische Abstammung ver- raten. Aus ihrer asiatischen Urheimat haben sie die nomadische Lebens weise mitgebracht. Ursprünglich wohl viel weiter nach Süden verbreitet, sind sie in Skandinavien durch eingewanderte Normänner in die unwirt lichen Gefilde des Nordens zurückgedrängt worden. Hier wären sie im Kampfe mit der rauhen, strengen Natur wohl schon längst aufgerieben, besäßen sie nicht in dem Nenn ein Zug-, Reit-, Jagd- und Haustier, das alle ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen vermag. Es ist Hochsommer in Lappland. Kürzer und kürzer sind die Nächte geworden, länger und länger die Tage, ja endlich verschwindet der blut rote Saum am nördlichen Himmel, in dem Abend- und Morgen dämmerung zusammenfließen, gar nicht mehr. Schnell hat sich unter den Strahlen der fast nicht mehr untergehenden Sonne die karge Pflanzen decke entfaltet, welche die Hochfelder Lapplands überdeckt: es blühen Hirtentäschel, Löwenzahn und Ehrenpreis; die zwergigen Gestalten der Weide und Birke haben ihr bescheidenes Laubkleid angethan, während in dem dunkleren Nadelgewande der Zwergkiefer maigrüne Köpfchen des jungen Triebes sich erheben. Aber mit der sommerlichen Luft stellen sich dichte Schwärme von zweiflügeligen Insekten ein, so daß ein der Landes natur Unkundiger sich statt in den Hochfeldern Lapplands in den sumpfigen Niederungen eines tropischen Flusses zu befinden glauben könnte. Voller Blutgier fallen diese kleinen Peiniger über jedes warmblütige Geschöpf her. Mensch und Tier leiden in gleicher Weise. Erstere versuchen es, durch Bestreichen des Gesichts mit Teer die quälenden Mücken abzuhalten; Renntiere und Hunde aber suchen die aus feuchtem Reisig angezündeten Hiiinmcl, Bilder <>. d. Weltk. 15226 Feuer auf und halten den Kopf in den Ranch, um den Angriffen der kleinen Blutsauger zu entgehen. Vergebliche Muhe! Die summenden Wolken der blutdürstigen Kerfe folgen den geängsteten Tieren auch bis zu den Feuern. Ihre Stiche lassen die Nenntiere keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Und dabei nährt sich das blutdürstige Geschmeiß nicht nur selbst, sondern sorgt auch für die Zukunft eines künftigen Geschlechts. Denn in die durch die Stiche gemachten Wunden legen die Nennticrbremsen ihre Eier ab, wodurch bei der Entwickelung derselben äußerst schmerzhafte Geschwüre entstehen. Was Wunder, wenn sich eine steigende Unruhe der Herde bemächtigt! Da darf der Lappe nicht säumen, er muß mit der Herde zur Küste hinunterwandern, wo es zwar auch sommerwarm ist, wo aber doch die scharfe Seeluft die blutdürstigen Zweiflügler nicht so auf- kommen läßt, wie droben im Berglande. So beginnt der Aufbruch. Zu dem Sommerzuge nach der Küste hin macht es sich die Familie des Lappen leicht und bequem. Alle irgend ent behrlichen Gerätschaften bleiben in dem Vorratshause zurück, das die Fa milie in der Nähe der Holzkirchc besitzt, zu deren Kirchspiel sic sich hält; nur die Geräte für Jagd und Fischfang und für die Milchwirtschaft werden auf den Rücken der stärksten Tiere mit fortgeführt. In kleinen Tagemärschen wird der Weg vollbracht, und langsam nähert sich die Renn tierherde der Küste. Sobald aber diese einmal in Sicht ist, giebt es für die Tiere kein Halten mehr. Sie setzen sich in Trab, schneller und schneller wird der Trott, kein Hindernis des felsigen, abschüssigen Bodens vermag sie aufzuhalteu, nur das Meer. Sobald die vom Laufe keuchenden Tiere das Salzwasser erreicht haben, schlürfen sie es mit unbeschreiblicher Gier. Die Lappen behaupten, es geschähe dies, weil ihr Instinkt sic zu dem Wasser als einem Gegenmittel gegen die Insektenplage hinziehe; merk würdig ist dabei aber, daß die Renntierc späterhin das so heißbcgehrte Seewasser nicht mehr mögen, sondern eher Durst leiden, wenn sie den selben nicht mit Süßwasser zu stillen im stände sind. Für den Sommeraufenthalt wählen die Lappen am liebsten die fel sigen Küsteninseln, die, gleich abgesprengten Stücken des Festlandes, in einem dichten Kranze die Westküste Skandinaviens begleiten. Denn hier schrecken nicht, wie ans dem Festlande, Wolf und Bär; hier ist auch die Seeluft am frischesten, und dazu bietet das Meer in seinen Fischen eine nimmer versiegende Nahrungsquelle. Aber die Neuutierherde vermag die zum Sommerlager ausersehene Insel nicht anders als schwimmend zu er reichen. Das aber schreckt die Tiere nicht; denn sic sind unter allen Zwei hufern wohl die besten Schwimmer, deren kräftige Brust und breitgespaltene227 Hufe es ermöglichen, über ansehnliche Wasserflächen zu setzen. Das Sommerlager auf den Inseln ist für den Lappen und seine Renntiere die angenehmste Zeit des Jahres. Da giebt es für die Tiere die mannig fachsten frischen Sommerkräuter, da auch das junge Laub der Birken, Weiden und Eschen, das sie begierig abweiden. So werden die Renntiere fett, und an ihrem Milchertrage merkt die lappische Hausfrau, wie gut ihnen der Aufenthalt an der Küste bekommt. Dann schmückt sich das sonst so entbehrungsreiche und frcudeleere Dasein des Lappen auf kurze Zeit mit Behaglichkeit und Anmut. Besonders malerisch ist der Anblick des Melkens, wenn sich die Herde zur Abendzeit in der aus Pfählen erbauten Hürde sammelt. Die geschäftigen Hunde treiben bellend die Nenntiere zu sammen; diese springen und rennen, stehen still und springen wieder in einer unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit von Bewegungen. Welch schönen Anblick gewährt cs, wenn das weidende Tier, von dem Hunde geschreckt, sein Haupt erhebt und seine breiten Schaufelgcweihe zeigt! Ist endlich die ganze Herde versammelt, so stehen die Tiere still, ruhen aus oder springen zutraulich herum, spielen mit ihren Geweihen gegeneinander, oder umringen gruppenweis einen Moosfleck, um ihn abzuweidcn. Wäh rend die Mädchen von einein Tiere zum andern mit ihren Milchgefäßen herunilaufen, wirft der Bruder oder der Knecht einen Strick von Bast um das Geweih des Tieres, das ihm die Mädchen bezeichnen, um es heranzuziehcn. Das Tier sträubt sich gewöhnlich und will der Halfter nicht folgen, doch endlich ergiebt es sich in sein Schicksal und läßt sich ruhig melken. Wenn die Blätter zu gelben beginnen, dann ist die lustige Zeit der Sommertagc zu Ende. Das Futter für die Tiere wird knapp, und die Küsteninseln werden durch die grimmen Herbststürme selbst für die ab gehärteten Lappen unbewohnbar. Dagegen ist nun droben im Berglandc der Renntierherde reichlich der Tisch gedeckt. Fußhoch überwuchern jetzt die krausen, graugrünen Stengel der Renntierslechte das Gestein; so nahrhaft ist die Pflanze, daß sie allein ausreicht, den Tieren den ganzen Winter hindurch Nahrung zu geben. Auf den altgewohnten Herdenwegcn geht es nun wieder zurück in die Berge. Wie bei der Thalwanderung ist das Renn die einzige Nahrungsquelle der Familie und das Lasttier, dem man alles aufbürdet, tvas man an gewonnenem Käse, an angekauften Wirt schaftsbedürfnissen und Geräten mit in die Berge hinauf nimmt; ja in den meisten Füllen muß es als wandelnde Kinderwärterin dienen, da man ihm die aus Baumbast gefertigten Wiegen für die jüngsten Kinder der Familie zu beiden Seiten des Rückens festschnürt. t5*228 Zur Winterszeit wird freilich das Leben des Renntiers und damit auch das seines Besitzers ein knapperes. Die Nenntierflechte, welche es mit Huf und Geweih unter dem Schnee hervorscharrt, hält zwar das Tier fett und fleischig; aber mit seinem Milchertrag ist es zu Ende. Daher läßt denn der Lappe, um sich den Genuß des wohlschmeckenden Nahrungs mittels auch im Winter dann und wann einmal zu verschaffen, eine ge ringere Menge der Milch gefrieren und taut sie dann nach Bedarf auf. Der Nutzen, den er in der strengen Jahreszeit von seiner Herde zieht, liegt besonders in dem während des Sommers gewonnenen trockenen, durch Kräuterzusätze sehr wurzhaft schmeckenden Käse und in dem Fleische des Nenntieres. Aber auch sonst läßt er nichts, was bei dem Schlachten desselben abfällt, unbenutzt. Das Blut dient ihm zur Bereitung einer für ihn sehr leckeren Suppe; Knochen und Hufe werden zum Schnitzen von mancherlei Gerät benutzt; die Sehnen dienen als Fäden für das Winter kleid, das er aus dem dichthaarigen Felle des Tieres anfertigt. Auch noch nach einer anderen Seite hin entwickelt das Renn jetzt schätzbare Eigen schaften. Da es ein vortrefflicher Läufer ist und mit seinen gespreizten Hufen leicht die hartgefrorene Schneedecke überschreitet, aus der es sich doch auch wieder ohne Hilfe des Menschen überall die erforderliche Nah rung selbst hervorscharrt, so benutzt man es zum Zugtier. In einem fast bootähnlich aussehenden Schlitten ist die beträchtliche Last aufgeschichtet; vorn hockt der das seltsame Gespann lenkende Lappe; das Geschirr ist roh und verspricht wenig Halt, und doch gleitet das Gefährt über den spie gelnden Boden mit einer Schnelligkeit dahin, die auf die Dauer inne zuhalten dem Pferde wohl kaum möglich sein würde. So ist das wirt schaftliche Leben der Lappen in all und jeder Beziehung aufs engste mit dem Renntier verknüpft. Das so nutzbare Geschöpf ist aber nur ein unter das Joch der Dienst barkeit gebeugter Abkömmling des wilden Nenntiers, das in ungebändigtcr Freiheit herdenweise in einsamer Gebirgswildnis lebt. In diesem erhält sich noch die ursprünglich kräftigere Natur. Es trägt sich stolzer wie sein der Dienstbarkeit verfallener Bruder, läuft behend wie der Hirsch, klettert geschickt wie die Gemse und ist ein mißtrauisches, überaus scheues Tier, das den Jäger selten auf Schußweite herankommen läßt. Die Jagd auf das wilde Renn wird von den Norwegern mit derselben Leidenschaft be trieben wie bei uns von eingefleischten Weidmannsnaturen die Jagd des Hirsches, oder in den Alpen die Gemsjagd, wo Müh' und Gefahr zu dem Wert der Jagdbeute in allzu großem Mißverhältnisse stehen. Nur zur Zeit der Wanderungen, welche auch das wilde Renntier antritt und229 - die es dann in Herden ausführt, wird es massenhaft erlegt. An den gewohnten Übergängen der Tiere über die Bergströme lauern die Jäger, im Grase versteckt. Sobald die Herde ins Wasser gegangen ist, springen die Jäger in die bereitliegenden kleinen Boote und stürzen sich mit furchtbarem Geschrei unter die erschreckten Tiere. Auf den Seiten sucht man die Herde vom Ufer abzuschneiden, und mitten hinein in das Getümmel der schwimmenden Tiere wagen sich die Kühnsten, mit kurzen, scharfgeschliffenen Lanzen nach allen Seiten hin Stöße führend, deren jeder eins der Tiere tödlich verwundet. Viele derselben erliegen unter dem furchtbaren Angriff, manche mit verzweiflungsvollcm Geweihstoß dem Jäger die erhaltene Wunde heimzahlend; andere aber brechen durch, er reichen schwimmend das Ufer und sind dann in wenig Augenblicken aus dem Bereiche der Gefahr. Aber nur bis zum Herbst. Denn nie ver säumen es die Nimrode Skandinaviens, auf dem Platze zu sein, wenn das Renn wieder zu Berge zieht. Der KsschmirshsmI. it der Zeit, als die Kaiserin Eugenie von Frankreich noch den Ton.angab im Reiche der Mode, erregte eins ihrer Kleidungs stücke immer und immer wieder das Entzücken und den Neid ihrer Hofdamen. Es war dies ein Kaschmirshawl von so zartem, duftigem Gewebe und von einer solchen Pracht der Farben, wie ein solcher noch nie in Europa gesehen war. Nicht minder als durch seine Schönheit erregte der Shawl Interesse durch die Angaben, die man über seine Herstellung erfuhr. Er war das Werk von nicht weniger als dreißig Webern, die daran volle dreiviertel Jahr gearbeitet hatten. Das giebt einen Begriff von der Kostbarkeit dieser Art Shawls, für welche die ostindische Stadt Kaschmir der Hauptmarktplatz ist; das erklärt es, daß manche dieser herrlichen Gewebe auch bei uns von reichen Damen mit dreitausend Mark bezahlt werden. Es liegt ein weiter Weg zwischen dem Lande, in dem die Wolle zu den berühmten Shawls gewonnen wird, und der eleganten Modewaren-230 Handlung, aus der ein solch kostbares Kleidungsstück in die Hände der Käuferin gelangt, — und viele fleißigen Hände müssen sich regen zu diesem Zwecke. Wenn man die Fäden ansieht, welche sich aus jenem fernen Lande bis zu uns herüberspinnen, so erkennt man mancherlei Bedeutungsvolles. Einmal, daß es für recht viele Menschen doch ein Segen ist, wenn für die Erzeugnisse menschlicher Kunstfertigkeit von reichen Leuten große Sum men gezahlt werden, und zum andern, daß dieser scgenbringende Verkehr nicht möglich wäre, wenn nicht der Kaufmann dabei seine Hand mit im Spiele hätte. Denn das Rohmaterial zu den Kaschmirshawls stammt aus Tibet, jenem merkwürdigen Hochlande nördlich des großen ostindischen Reiches, vor dessen südlicher Gebirgsbarriere die Engländer Halt gemacht haben. Tibet gehört unzweifelhaft zu den merkwürdigsten Ländern der Erde. Ein Gebiet von dem dreifachen Flächeninhalte des Deutschen Reiches bildet ein zusammenhängendes Hochland, dem jede warme, fruchtbare Niederung fehlt und das in seinem weitaus größten Teile von Gebirgsmassen durchzogen ist, deren beeiste Zinken weit über die Höhen unserer Alpenberge hinaus reichen. Da fehlt auf weite Striche hin jede Waldbekleidung, und wenn ja einmal an einer geschützten Stelle ein Paar Bäume sich zeigen, so sind es Krüppel, wie sie in unseren Hochgebirgen sich finden; da kommt es fast jedes Jahr vor, daß in die noch nicht völlig gereifte Saat der Schnee fällt, so daß die Gerste erst daheim getrocknet werden muß. Daher ist aber auch in jenem kalten, unwirtlichen Lande das Tierleben in bewunderns würdiger Weise der Natur des Bodens angepaßt. Wir vernehmen zu unserem Erstaunen, daß die meisten Geschlechter der Huftiere jener Gegend nnt einem dichten Wollpelze ausgestattet sind, der sie die grimmige Winter külte ihres Heimatlandes ertragen läßt. Zu diesen pelztragenden Huftieren gehört auch die tibetanische Ziege, das Tier, welchem unsere reichen Damen ihre Kaschmirshawls verdanken. Ein ziemlich richtiges Bild derselben kann man sich machen, wenn mau sich eine der größten unserer Hausziegen denkt und vom Kopf bis zur Fußspitze in lang herabhängendes, seidenweiches Haar gehüllt; selbst der stattliche Kinnbart fehlt nicht. Nur in einigen Stücken ist die Verwandte unserer Hausziege etwas reichlicher ausgestattet. Da ist einmal das statt liche Gehörn, das fast noch einmal so lang ist als das der Hausziege und sich in zierlicher Schwingung etwas nach auswärts kehrt; sodann sind die schräg abwärts hängenden Ohren kräftiger entwickelt, und endlich ist das lange, silberweiße oder schwach gelbliche Seidenhaar ein Schmuck, durch den die tibetanische Ziege vor allen Tiergeschlechtern sich auszeichnet. In231 Wirklichkeit ist dies Seidenhaar für das Tier nichts anderes als ein Schmuck, eine Art prächtiger Überwurf, möchte man sagen, unter dem das dichte weiße vder graue Wollhaar sich eng an den Körper anlegt. Im übrigen ist es nur die kalte Zeit des Winters, in welcher die Ziege ihren schönen Schmuck besitzt; denn das Seideuhaar sproßt im September, wächst bis zum Frühjahr und fällt vom April dann wieder aus. Es wird auch gesammelt und zu Geweben versponnen; aber diese sind nur von geringerem Werte und gehen deshalb nicht aus dem Lande. Die Gewinnung der zur Shawlweberei zu verwendenden Wolle ge schieht im Frühjahr. Dann wird die Ziege geschoren, indem man sie kopf- abwärts zunächst von ihrem langen Haar befreit; dann erst kann ihr die Shawlwvlle mittels eines Kammes genommen werden. Ist die Ziege von ihrer Last befreit, so beginnt auch sofort ihre Rückkehr in die eigentliche Heimat, die Berge, wo sie bis zum nächsten Frühling verbleibt. Das ge wonnene Gemenge wird nun zunächst sortiert, indem man zuerst das lange, seidenartige Haar aussvndert und dann das Wollhaar nach seiner Farbe scheidet. Am meisten geschätzt wird die rein weiße Wolle, welche in der That die Farbe frisch gefallenen Schnees mit dem Glanz der Seide ver einigt und so weich und zart ist, daß der ganze Wollertrag von einer Ziege nur etwa einhundertundzwanzig Gramm beträgt. Die Verarbeitung der kostbaren Wolle zu Shawls erfolgt aber nicht jn Tibet, sondern in Indien. Daher hat ihre Beförderung dahin einen lebhaften und eigentümlichen Handelsverkehr hervorgerufen. Dieser Verkehr liegt in den Händen von Handelsleuten, die in den schönen, fruchtbaren Thälern der Landschaft Kaschmir, welche zu Indien gerechnet wird und heute im englischen Besitz ist, zu Hause sind. Nach altindischem Brauch halten sich diese Handelsleute in Genossenschaften zu sammen und bilden deshalb auch Karawanen, welche fast einen vollen Monat brauchen zur Wanderung aus den frühlingsgrünen Thälern von Kaschmir über die beeisten Pässe des Himalaha nach Gertope, dem Haupt marktorte für die tibetanische Ziegenwvlle. Sie sind deshalb zum lang samen Reisen genötigt, weil die hochbeinigen Schafe, welche sie als Lasttiere benutzen, nur kleine Tagereisen zu machen im stände sind. Jn Gertope entwickelt sich dann mehrere Wochen hindurch ein reges Verkehrsleben. Außer klingender Münze haben die indischen Händler wertvolle Produkte ihres Landes mitgebracht, Zucker, Gewürze, feine Gewebe, darunter auch die vielbegehrten Shawls, welche die Frauen der vornehmen Tibetaner ebenso gern als Schmuck tragen wie die Europäerinnen. Da geht es an ein Handeln und Feilschen von früh bis abends, bis die Bestände an‘232 Wolle geräumt sind. Der Rückweg nach Kaschmir erfolgt in derselben beschwerlichen Art, wobei jedes Lasttier mit etwa fünfzehn Kilogramm beladen ist. Das Weben der Shawls geschieht ausschließlich in der Landschaft Kaschmir. Dem Geschäft des Webens aber geht hier die sorgfältigste Be handlung der Wolle voraus. Noch einmal macht man sich an das genaueste Sortieren derselben. Die graue bleicht man durch eine Abkochung von Reisblüten zu völliger Weiße; dann wird sowohl diese Art der Wolle, wie die kostbare weiße, gefärbt und zum Verspinnen hergerichtet. Ehe es dann aber zum Weben kommt, bedarf es noch vieler Hände. Nach der Schilderung eines deutschen Reisenden, Erich von Schönberg, entwirft ein besonders geübter Arbeiter das Muster. Leute von solcher Befähigung sind selten; zur Zeit, als sich der Genannte in Kaschmir auf- hiclt, gab es dort nur drei. Sie machen den Entwurf zu den Shawls und bestimmen das Muster und dessen Zusammensetzung, je nachdem es die Mode erheischt. Doch entwerfen sie nur die Hauptlinien, und zwar mit Kohle oder Tusche. Erst der Musterzeichner führt die Zeichnung mit Tusche in ihren Einzelheiten aus, indem er unzählige Blümchen und Blatter, Schlingen und Ranken hineinträgt. Solcher Künstler giebt es weit mehr, obgleich auch sie Geschmack und Kunstfertigkeit besitzen müssen. Darum schwingen sich aus ihrer Mitte jene ersten Talente empor. Nun folgt der Maler, welcher die Farben bestimmt, darauf der Rechner. Er setzt die verschiedenen Fäden für jede Farbe und ihre Zahl fest, eine Arbeit, der nur wenige gewachsen sind. Hierauf giebt er km Arbeiter Zettel, auf denen ein Durchschuß gedacht ist und die Farben auf dem Durchschuß der verschiedenen Aufzugsfäden angegeben sind. Man kann sich das durch eine Kanevasstickerei versinnlichen, wenn man sich die verschiedenen Farben und Zahlen der längslaufenden Fäden zwischen je zwei Querfäden angegeben denkt, wie sie nacheinander folgen. Nun erst kann der Weber beginnen. Freilich ist sein wagerechter Webstuhl äußerst einfach; allein mit dem Webschifflein und den hölzernen Nadeln, deren jede einen Faden von besonderer Farbe trägt, bringt er endlich ein Werk hervor, das bisher von keinem Volke der Erde übertroffen wurde. Die einfachsten Shawls vermögen wohl zwei Arbeiter recht gut herzustellen; allein zu einer der feineren Arbeiten gehören etwa vier, und dennoch rücken an den besten Mustern drei Arbeiter nur um einen Centi- meter täglich an ihrem Werke vor, während ganz besonders kunstreiche Shawls selbst auf verschiedenen Webstühlen gewirkt und dann zusammen gesetzt werden müssen. Die ganze Webarbeit wird von einem Meister ge-233 leitet. Zu dicsein Behufe sitzt er vor den Arbeitern, um auf alle Figuren, Farben, Fäden und Handgriffe aufmerksam zu machen, welche das vor ihm liegende, auf Papier sorgfältig gezeichnete Muster erfordert. Schweigend verrichten diese ihre Arbeit und nur ein Nicken mit dem Kopfe deutet an, daß sie die vom Meister erhaltenen Anweisungen gewissenhaft beachten — so vollständig sind sie mit ihren Gedanken bei dem Werke, dessen Voll kommenheit ihr höchster Stolz ist. Dabei ist stets die linke oder rauhe Seite des Shawls nach oben gekehrt. So rückt das Werk langsam vor, und immer mehr entfaltet sich die Pracht der Blumen und Arabesken, welche an dem fertigen Shawl die Kenner entzücken. Aber es ist nur ein kärgliches Stück Brot, das die fleißigen Weber in Kaschmir mit ihrer kunstfertigen Arbeit erwerben. Arbeiten zwei Weber zusammen, so mögen sie etwa ein halbes Dutzend der einfachsten Shawls fertig bringen; für kostbare Sorten aber muß nicht selten die Arbeit eines vollen Jahres verwendet werden. Wenn nun auch an Ort und Stelle die einfacheren Shawls mit 1200 — 1500 Mark bezahlt werden, so stecken in diesem Preise so viele Ausgaben, daß nur ein kleiner Teil an den armen Weber kommt, dessen kunstfertige Hand das Werk her- gestellt hat. Ein erheblicher Teil der Kaschmirshawls wird in Indien selbst ver braucht; denn den Frauen der reichen Hindus gelten die zarten, farben prächtigen Gewebe als ein wichtiges Stück ihres Putzes, und sie zeigen in der Auswahl derselben ihren eigenartigen Geschmack. Es gilt als Kenn zeichen der wertvollsten Shawls, daß diese zusammengerollt sich durch einen Fingerring ziehen lassen müssen. Ebenso werden die kostbarsten Shawls nur ungewaschen getragen. Gewaschen verlieren sie bedeutend an Wert. Manche europäische Dame, welche auf ihr teures Kaschmirgewebe stolz ist, wird sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß ihr Shawl schon einmal die Schultern einer Hindufrau geziert hat und daß die Frische der Farben diesem durch Waschen und Appretieren wiedergegeben ist. Im übrigen mindert das den Wert der kostbaren Gewebe nicht; ja man will sogar behaupten, daß die Farbenpracht derselben mit dem Alter immer mehr zunimmt.—» 234 Bilüer aus Japan. 1. Wie Japan den Fremden verschlossen wurde. erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ist in der Geschichte er Entdeckungen mit goldenen Lettern verzeichnet. Kolumbus mr der Pfadfinder geworden, dessen Beispiel begeisterte Nach folger in alle Meere hinaustrieb. Jedes seefahrende Volk legte die Hand auf uubesiedelte Gebiete, um bei der Teilung der neuentdeckten Welt nicht zu kurz zu kommen. Zu dieser Zeit wurden drei portugiesische Soldaten aus der Nieder lassung zu Goa in Vorderindien, denen der Dienst zu streng gewesen, fahnenflüchtig. Vor sich hatten sie das weite, blaue Meer; eine kleine aus Bambusrohr gebaute Dschunke mit braunem Mattcnsegel lag verlockend auf der Reede. Ihr Entschluß war schnell gefaßt: sie einigten sich mit der gelbhäutigen Bemannung des Fahrzeuges um den Fahrpreis, und am nächsten Morgen waren ihre Plätze in der Kaserne leer und sie selbst in der Dschunke unterwegs nach dem Wunderlande im fernen Osten, dem heutigen Japan. Das war im Jahre 1542. Die drei Fremdlinge fanden auf der südlichsten der japanischen Inseln, dem heutigen Kiuschiu, gastfreundliche Aufnahme. Sie waren rührig im Handel, gewannen Eigentum und verheirateten sich endlich mit vornehmen Japanerinnen. Aber eins hielten sie in dem fremden Lande unter den selt samen Leuten fest: das war ihr Christenglaube, in dem ihnen auf eine fast tvunderbare Art kräftige Stärkung zu teil wurde. Wenige Jahre nach ihrer Landung auf Kiuschiu erschien auf der Insel ein christlicher Priester, Franz Xaver. Den hatte sein brennendes Verlangen, heidnischen Völkern das Evangelium zu bringen, hinausgetrieben in das Jnselreich des fernen Ostens. Und da er ebenso tugendhaft war, wie er die Heiden machen wollte, fand sein Wort bald fruchtbaren Boden in vielen Herzen unter dem fremden Volke. Als er Kiuschiu verließ, um sein Bekehruugswerk in Indien fortzusetzen, trauerte über seinen Weggang manche kleine Christen gemeinde. Leider traten an die Stelle des frommen Franz Xaver hochmütige und habgierige Priester, denen die Förderung ihres Einflusses im Lande das Hauptziel war, dem sie zustrebten. Wenn sie das Bibelwort, daß man235 Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, ihren Zuhörern auslegten, dann gaben sie deutlich zu verstehen, daß dies Wort besonders aus die heidnische Obrigkeit Anwendung finde. Aber diese schlimme Auslegung trug so bittere Früchte, wie sie wohl nicht erwartet hatten. Ende des sechzehnten Jahrhunderts brach eine entsetzliche Christenverfolgung aus. Eine große Anzahl einheimischer Christen wurde getötet, die fremden Priester verbrannt und die portugiesischen Kaufleute, denen bisher ganz Japan offengestanden hatte, aus dem Lande gewiesen. So wurde Japan den Europäern ver schlossen. Diese Schranken wenigstens au einer Stelle zu durchbrechen, gelang erst in späterer Zeit wieder den schlauen und zähen Holländern. Aber so stolz die Flagge der Niederlande zu damaliger Zeit ans allen Meeren wehte, so bescheiden mußte das rührige Handelsvolk in dem entfernten Erdenwinkel auftreten, um nur erst einmal in den: verschlossenen Lande wieder Fuß zu fassen. Die beiden hochbordigen holländischen Japanfahrer, welche jedes Jahr zugelassen wurden, haben vor Desima, einem Jnselchen, das an der West küste von Kiuschiu im Angesicht des jetzigen Hafenortes Nagasaki liegt, Anker geworfen. Nur wenig erhebt sich das Eiland über den Meeres spiegel, und mit vierhundert Schritten durchmißt man seine größte Aus dehnung. Man hat von hier ans eine prächtige Fernsicht auf die grünen Hügel der Hauptinsel, auf ihre Wälder von mächtigen Eichen, Cedern und Lorbeeren, auf halb im Gebüsch verborgene Tempel und zierliche Land häuser; aber alle diese nach langer Seefahrt so reizvollen Dinge waren für die holländischen Schiffer jener Zeit ein verschlossenes Paradies; denn die ganze Insel war rings durch eine Mauer abgeschlossen, aus welcher nur zwei Thore führten. Das eine, nach der Wasserseite zu gelegen, wurde nur geöffnet, wenn ein Schiff befrachtet oder seine Ladung ge löscht wurde; das andere, durch welches mau über eine schmale Brücke nach der Stadt Nagasaki gelangte, wurde durch japanische Krieger be wacht, welche keinen Holländer ohne Erlaubnisschein der japanischen Be hörde herausließen. Und in diesem engen Quartier durften sich die holländischen Kaufleute auch noch nicht einmal völlig frei bewegen. War das Schiff vor Anker gegangen, so mußten die Kanonen und der Schießbedarf desselben, jeder Säbel und jedes Enterbeil, sowie alles, was an die christliche Gottes verehrung erinnerte, den japanischen Behörden bis zur Abfahrt des Schiffes in Verwahrung gegeben werden. Aber damit nicht genug; es wurde auch strengste Vorsorge getroffen, daß keine verbotenen Waren ins Land ein-236 »— geschmuggelt werden konnten; es mag ein entehrendes Gefühl gewesen sein, wenn alle Holländer, mit Ausnahme des Handelsvorstehers, ihre Kleider ablegen mußten, um sich von den mißtrauischen Japanern nach verbotenen Waren durchsuchen zu lassen — da half nichts, entweder fügen oder um kehren ! Und die zähen Holländer fügten sich. Ja, sie unterwarfen sich noch anderen Demütigungen. Da wollte der Kapitän an Land gehen, um nach langer Seefahrt doch auch einmal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Erlaubnisschein war gegen hohe Gebühren gelöst; nun aber gesellte sich der von der japanischen Behörde bestellte Aufseher ihm zu mit einem Schwarm von Dienern; die hemmten nicht nur jeden freien Verkehr, sondern verursachten wiederum Kosten, da sie sowohl als die von ihnen unterwegs Eingeladenen freigehalten werden mußten. In Desima selbst aber waren die wenigen Holländer beständig von Dolmetschern begleitet; außerdem aber wurden sie auch von Polizeibeamten umgeben, die täglich abgelöst wurden. Alle japanischen Diener, die sic sich hielten, mußten mit Sonnenuntergang die Insel verlassen; ferner war es diesen streng verboten, Freundschaft mit den Fremdlingen zu schließen und ihnen über die Sprache, Gesetze und Gebräuche sowie den Glauben der Japaner Mitteilungen zu machen. Ebenso unfrei wie die holländischen Kaufleute war die Art des Han delsverkehrs. Die von den Holländern eingeführten Waren wurden näm lich von ihren Eigentümern nicht unmittelbar an die japanischen Händler verkauft. Das Geschäft wurde vielmehr ausschließlich durch japanische Beamte geregelt. Diese verkauften die eingeführten Waren und lieferten für den Erlös die zur Rückfracht bestimmten Produkte. Bei diesem Aus tausch erfolgte keinerlei Rechnungslegung, da die Beamten nur ihrer Re gierung verantwortlich waren. Dabei waren die Holländer noch genötigt, die Erhaltung ihres Han- delsvorrcchts alljährlich durch reiche Geschenke zu erkaufen, die sie durch eine besondere Gesandtschaft »ach Jedo* zu senden hatten. Sonderbar war es dabei, daß selbst die vornehmsten Japaner den holländischen Kaufleuten während dieser Reise mit allen Zeichen der tiefsten Ehrfurcht begegneten. In Desima waren die Fremdlinge eben Kaufleute, die in der Rang ordnung der Japaner eine ziemlich tiefe Stellung einnehmen; auf der Reise aber waren sie Gesandte und als solche Gäste des Herrschers von der vornehmsten Rangstufe. Jedo ist das jetzige Tokio, die Landeshauptstadt auf der Hauptinsel Nippon.237 In so demütiger Art erkauften sich die Holländer vor zweihundert Jahren den Handel mit Japan, und so hat er im wesentlichen bis in unser Jahrhundert stattgefunden. 2. Wie Japan den Fremden erschlossen wurde. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, das den Fremden verschlossene Japan für den Handel wieder zugängig zu machen. So haben zu Anfang unseres Jahrhunderts die Russen, als sie bis zur Halbinsel Kamtschatka vordrangen, mit den Japanern freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen versucht; ihre Vorschläge wurden aber entschieden zurückgewicsen. Später hatten die Engländer mit ihren Bemühungen, Handelsverbindungen mit Japan herzustellen, nicht viel bessern Erfolg. Sie erreichten nur das Zugeständnis, daß fremde Schiffe, die durch Sturm oder durch Mangel an Lebensmitteln an die Küsten des Jnselreiches getrieben würden, dort gastfreundliche Aufnahme finden sollten; aller Handel aber blieb wie bis her streng untersagt. Da erschien im Juli des Jahres 1853 zur unangenehmen Überraschung der Japaner ein starkes Geschwader der Vereinigten Staaten von Amerika in der schonen Meeresbucht, in deren Hintergrund die Hauptstadt Tokio liegt. Die hohen japanischen Beamten wollten kaum ihren Augen trauen, als sie neben den zahlreichen chinesischen Dschunken mit den großen gemalten Augen am Bug und den braunen Mattensegeln die großen Kriegsdampfer liegen sahen, von deren Masten das Sternenbanner lustig in der Brise flatterte. Der Anführer des Geschwaders, Kommodore Perry, verlangte eine Zusammenkunft mit den höchsten Ratgebern des japanischen Herrschers. Darauf langes Überlegen der Großen des Jnselreichs. Der energische Nordamerikaner aber benutzte diese Zeit, um in der Bai so weit landein wärts vorzugehen, daß er in die Nähe der Hauptstadt kam. Da war der Widerstand der Japaner gebrochen. Es kam eine Gesandtschaft von fünf hohen Beamten nach dem Orte Jokohama, dem gegenüber gerade Kommo dore Perry ankerte, und hier wurde nun wegen eines Handels- und Freundschaftsvertrages zwischen Japan und den Vereinigten Staaten unterhandelt. Dabei zeigte sich Kommodore Perry als ein seiner Menschenkenner. Er verstand es meisterhaft, den schwerfälligen und mißtrauischen Japanern die Glanzseitcn der abendländischen Gesittung ins hellste Licht zu setzen. Der perlende Champagner, der in hohen Krystallgläsern den würdigen238 Hosbeamten gastfrei kredenzt wurde, schien deren besonderes Wohlgefallen zu erregen. Sicherlich aber wurden sie aus der fröhlichen Weinlaune in unbegrenztes Erstaunen hineingerissen, als Perry ihnen die Wunder des Telegraphen vorführen ließ. Ein kundiger Ingenieur nämlich hatte den Leitungsdraht zu einem eine Viertelmcile entfernten Hause geleitet und begann sogleich in japanischer, englischer und holländischer Sprache zu telegraphieren. Ihr Er staunen kam fast dem Schrecken gleich, als sie bemerkten,wie blitzschnell sich die Depeschen au der zweiten Station an- kündigten. Nicht ge ringer war ihr Erstau nen, als Perry ihnen die Einrichtung einer Eisenbahn vorführen ließ. Es war ein gro ßer Schienenkreis an gelegt worden, auf dem eine Zwerglokomotivc herumdampfte, der mau Personenwagen von der Größe eines Kinderkar rens angehängt hatte. Mit dem gewaltigen Erstaunen über die Lei stungen des Dampfes mischte sich bei den ern- Kaiserin von Japan. stcn japanischen Wür denträgern eine fast kindliche Lust an dem Neuen. In dieser Lust setzten sich endlich die dicken Herren auf das Wagcndach der Personenwagen und wirbelten, ängstlich und seelenvergnügt zugleich, mit flatterndem Gewand im Ring umher. Die günstigen Berichte, welche die Gesandten an den Hof des Mikado (d. i. des Kaisers) schickten, wurden wirksam unterstützt durch die Geschenke, welche Kommodore Perry dem Mikado überreichen ließ. Herrliche Bilderwerke stellten ihm dar, was die abendländische Gesittung Großes und Schönes geleistet hat; Ackerbaugeräte, Waffen u. s. w. gaben ihm greifbare Beweise in239 die Hand. Der Kaiserin war besonders ein Blick in die bunte Welt der Mode eröffnet; kostbare Kleider zeigten ihr, wie sich die amerikanischen und euro päischen Damen kleideten, und der vergoldete Toilettentisch, mit dem sie Perry in höflicher Aufmerksamkeit überraschte, nötigte selbst der an feinste Holzarbeiten gewöhnten Herrscherin laute Bewunderung ab. Die Vereinigung von Klugheit und Energie, welche Kommodore Perry den Japanern gegenüber gezeigt hatte, führte end lich zu dem erstrebten Ziele. Im Frühling des Jahres 1854 kam es zum Abschluß eines Haudels- nnd Freundschaftsvcr- trages zwischen den Ver einigten Staaten und Japan. Nach demsel ben wurden den Ameri kanern zwei Häfen ge öffnet und die Anstel lung eines amerikani schen Konsuls gestattet. Von jenem Tage au begann für Japan eine neue Zeit. Mit der schnellen Fassungs gabe, die dem merk würdigen Volke eigen ist, erkannte der Kaiser, daß er sein Land nur heben könne durch völ- Mikado (d. i. Kaiser) von Japan, lige Erschließung des selben für die Gesittung des Abendlandes. Nicht nur, daß junge Japaner zum Studieren nach Europa gesendet werden, selbst zahlreiche europäische Gelehrte sind an die Landeshochschule zu Tokio berufen worden; Tele graph und Telephon beflügeln wie bei uns den Gedankenverkehr, und auf einem Eisenbahnnetze, das im Jahre 1893 schon 3000 Kilometer Länge hatte, braust jetzt die Lokomotive dahin, für Japan wie für jedes Land der Bahnbrecher einer neuen Zeit.240 3. Iokohn nt a. Jokohama ist die erste Handelsstadt Japans, zugleich der Hafenort für die Hauptstadt Tokio. Wer also Tokio besuchen will, landet in Jokohama. Der Hafen ist wohl sehr groß, aber nicht nach Art der europäischen Häsen angelegt; man findet hier weder Bollwerke noch Stein quais; die Schiffe müssen, wie auf einer Reede, in größerer Entfernung vom Strande ankern. Dafür ober glaubt sich der Europäer nach der Landung in eine eng lische Hafenstadt versetzt. Ganz nahe am Strande erhebt sich das „Grand Hotel," das den Reisenden alle gewohnten Bequemlichkeiten bietet. Die Straßen, welche sich landwärts eröffnen, haben wie die europäischen Groß städte ihre eleganten Verkaufsläden, ihre Hotels, Haarschneidesalons und Barbierstuben. Das erklärt sich daraus, daß Jokohama neben dem japanischen Stadtteile ein europäisches Viertel hat, in dem man alle Sprachen des Abendlandes durcheinanderschwirren hört. Denn amerikanische, englische und in neuerer Zeit auch deutsche Handelshäuser haben in Joko hama ihren Sitz und in dem europäischen Viertel ihre Geschäftsräume. Dagegen haben die reicheren Handelsherren ihre Sommerwohnungen auf einem langgestreckten Hügel am Meeresstrande. Neben den reizenden Landhäusern liegen hier überall wohlgepflegte Gärten, und die weite Nund- sicht auf die Stadt und die von Schiffen belebte Meeresbucht bildet einen Hintergrund von seltener Schönheit. Der deutsche Reisende aber findet sich doch am heimatlichsten im deutschen Klubhause. Da kann er sich selbst an gutem hellen Bier erfrischen, das, in einer von einem deutschen Braumeister geleiteten Brauerei gebraut, neuerdings in Japan seinen sieg reichen Einzug gehalten hat und selbst nach chinesischen Hafenplützen aus geführt wird. Eine Wanderung durch den japanischen Stadtteil führt den Europäer aber in eine neue Welt. In der Anlage der Straßen hat das Winkelmaß eine wichtige Rolle gespielt: die Straßenreihen sind fast überall wie nach der Schnur gezogen, und winkelige Plätzchen, wie in unfern deutschen Kleinstädten, giebt es nirgends. Menschengewimmel giebt's überall; denn in Japan ist die Volks dichte größer als im Deutschen Reiche. Aber auch in den belebtesten Straßen herrscht Ordnung und größte Sauberkeit. Der Hausbau zeigt große Gleichförmigkeit. Die große Anzahl stärkerer und leichter Erd erschütterungen, deren man in Jokohama jährlich in der Regel weit über hundert zählt, nötigt dazu. Das einstöckige Haus ist die Regel; selten nur241 setzt man auf das Erdgeschoß ein zweites, sehr leicht gebautes Stockwerk. Auch in den Formen der Häuser ist alles wie mit dem Lineal gezogen. Das solideste ist das ziemlich flache, mit schwarzgrauen, glasierten Ziegeln feuersicher gedeckte Dach, das hier und da weiße Spitzenverzierung zeigt; alles übrige ist leichter Fachwcrksbau, aus dem das Holzwerk hervortritt, dessen natürliche Farbe vom hellen Gelb des frischen Tannenholzes durch alle Schattierungen des Not- und Schwarzbraunen bis zum verwitterten Grau wechselt. Das Interesse der europäischen Reisenden erregen begreiflicherweise die großen Geschäftsstraßen. In ihnen drängt sich, wie bei uns, Kauf laden an Kaufladen. Die indigoblauen oder braunroten Gardinen, welche vor vielen dieser Läden herabhängeu, machen einen zwar fremdartigen, aber nicht unschönen Eindruck. In der Kunst, seine Waren anzupreisen, ist der japanische Kaufmann dem europäischen mindestens ebenbürtig. Die großen Anzeigen in den Zeitungen ersetzt er sehr wirkungsvoll durch phantastische Aushängeschilder, die in bunten Farben glänzen und sinn bildlich anzeigen, was in dem Laden alles zu haben ist. Hier winkt ein frei in der Straße stehender Kobold in den Spielzeugladen, dort baumelt ein riesiger Fächer, und von langen Bambusstangen wehen bunte Fahnen; vor den größeren Kaufhäusern aber steht meist ein hohes Balkengerüst, von dem ein langes Schild mit goldener oder roter Aufschrift auf buntem Grunde herabhängt; zuweilen thront auf dem Firstbalken ein seltsam ge schnitzter Drache mit geringeltem Schuppenschweif. Unter all den Lüden, welche sich in den großen Geschäftsstraßen Joko- hamas finden, vermißt man eine Art — Kleiderhandlungen nämlich. Der Schnitt der Gewänder ist nämlich hierzulande so einfach, daß fast alle Kleidungsstücke zu Hause von den Frauen angefertigt werden können. Handelt es sich aber um die Prunkgewänder, wie sie die höheren Beamten noch immer tragen, so ist ein jedes derselben ein Kunstwerk eigener Art, dem die Amtsbezeichnung vor dem Nähen eingefärbt werden muß; da ist jede fabrikmäßige Arbeit ausgeschlossen. Im übrigen zeigen die Lüden der japanischen Kausleute vieles Eigen tümliche. Die Spielzeughandlungen sind mindestens so reichhaltig wie bei uns. Da sieht man zierliche Kindermöbel, Theetische, Spiele u. s. w. in schöner Ordnung, und Schalen mit rotem Reis und Zuckerwerk davor hin gesetzt. Da ergötzen die Augen der Kleinen die seltsamsten, schön gekleideten Puppen für die Mädchen und grimmigen Krieger für die Knaben. Da hängen leichte Federbälle mit vergoldeter Korkkugel in zierlichen Guirlanden zwischen Papierdrachen und Schmetterlingen, von denen manche statt des 16 Hummel, Bilder a. d. Wcltl.242 Schmetterlingsleibes ein Wickelkind zeigen. Da giebt es allerliebst ein gerichtete Kaufläden in der Art unserer Puppenküchen, welche das Kind über alle in diesem Bereich vorkommenden Dinge im lustigen Spiel be lehren sollen u. s. w. In anderen Laden findet man den den Japanern unentbehrlichen Fächer in unendlicher Mannigfaltigkeit, groß und klein, fein und grob. Das Gestell ist aus Bambusrohr, die Bekleidung Papier, weiß oder in kunstreicher Art bemalt. Anderswo werden Sonnen- und Regenschirme verkauft; ihr Gestell ist ebenfalls ganz aus Bambus, der Überzug von geöltem Papier, bald weiß, bald blau oder grau, stets aber sehr nett gearbeitet und von unglaublicher Wohlfeilheit. Eine Art von Geschäften, die zu betreten bei uns für unfein gilt, sind in Jokohama besondere Anziehungspunkte für die Fremden, das sind die Trödelbuden. Sie nehmen stets die ganze Front des schmalen Hauses ein; Ladenfenster und -thüren giebt es nicht; man tritt gleich auf den Estrich, ans dem der Verkäufer hockend der Käufer harrt. Auf Holzgestellen, welche zur Seite oder an der Hinterwand aufgestellt sind, stehen die Waren; besondere Schinuckstücke hängen auch wohl an Fäden von der Decke herab. Da sindet man unter dem mannigfachsten alten Hausrat oft Lack- und Bronzesachen von herrlichster Arbeit. Das giebt Gelegenheit, Andenken an das ferne Jnselreich einzukaufen. Freilich schlägt der japanische Händler in der Regel das Dreifache des Preises vor; aber er hat dies, wie Japaner versichern, erst von den europäischen Reisenden gelernt, die nicht glaubten kaufen zu können, ohne zu handeln. Es macht nicht eben große Schwierigkeiten, den Europäer in ein japanisches Haus einzuführen. Bekanntschaften wirken da ebenso wie bei uns. Nichts ist übersichtlicher als solch ein japanisches Haus. In der Regel gleicht es einem der bekannten Schweizerhäuschen mit weit über ragendem Dach. Der etwa meterhoch über der Erde liegende Fußboden ist über die Seitenwände hinausgeführt, so daß dadurch eine zwei bis drei Meter breite Veranda entsteht. Die Wände sind nur dünn; denn sie be stehen aus Bambusgeflecht, das mit Lehmputz beworfen und mit Muschel kalk geglättet ist; außen sind sie geweißt, innen tapeziert. Die innere Einteilung des Hauses wechselt nach Bedarf. Zimmer von verschiedener Größe werden dadurch hergestellt, daß man hölzerne Gitter, die mit starkem Papier überzogen sind und die zwischen Leisten auf Porzellanrollen laufen, vorschiebt; ebenso leicht schafft man einen großen Festsaal, indem man die beweglichen Scheidewände hinwegnimmt. Glasfenster giebt es nicht; sie werden durch Papiergitter in der Vorder- und Hinterwand ersetzt; diese sind bei warmem Wetter geöffnet, bei rauher Lust geschlossen und werden•v Ul 0 J 0 J 0 S244 nachts durch hölzerne Schiebläden ersetzt. Öfen sind ebenfalls nicht vor handen. Gegen die Kälte stellen die Japaner Kohlenbecken auf; die von diesen erzeugte Wärme ist aber für Europäer nicht hinlänglich, und ge wöhnlich hocken dann auch die Japaner fröstelnd in dem Zimmer umher. Ja im vollsten Sinne des Wortes: sie hocken; denn irgend ein zur Bequemlichkeit dienendes Hausgerät giebt es in den Häusern der Japaner nicht, keinen Stuhl, keinen Tisch, keinen Schrank, ja nicht einmal eine Bettstelle. Feine weiße Binsenmatten sind der einzige Schmuck; auf diesen sitzen, essen und — schlafen diese einfachen Menschen. Ihr Kopfkissen ist im letzteren Falle hart genug. Ein Holzklotz von der Form eines Stcreoskopenkastens, mit einem runden Ausschnitt, der eine dünne, harte Polsterung hat, das ist das Pfühl, mit dem auch der europäische Reisende in japanischen Herbergen vorliebnehmen muß. Will er als ein Mann von guter Lebensart gelten, so wird er beim Betreten auch des einfachsten Gastzimmers nicht vergessen, seine Stiefel abzulcgen; denn überall, besonders aber in guten japanischen Häusern, ist man auf die Schonung der feinen Matten sorglich bedacht. Aus dem Hause führen wenige Stufen hinunter in den meist an der Hinterfront belegenen Garten. Dieser besteht gewöhnlich aus zwei Teilen, die durch hohe, gestutzte Hecken voneinander geschieden sind. Der größere hintere Teil ist Nutzgarten, wo Aprikosen-, Pflaumen- und Pfirsichbäume uns anheimeln, aber neben der großblumigen Magnolie auch Lorbeer- und Myrtensträuche sich finden. Der kleinere Teil des Gartens aber ist ein „grüner Putztisch/' die Freude und der Stolz des japanischen Hausherrn. Da ist alles ins Kleine und Zierliche, aber auch ins Seltsame und Ab sonderliche gezogen. Kein Baum, kein Strauch behält seine natürliche Gestalt: da wachsen Fächer und segelnde Schiffe, große Halbkugeln und steile rechtwinkelige Wände. Den Boden deckt sammetweicher Nasen, die reinlichen Kieswege sind mit bunten Steinen, Zwergbäumchen und Blumen töpfen eingefaßt; aus den Goldfischteichen und gewundenen Wasserrinnen ragen kleine bemooste Felsen, zu denen zierliche Brückchen hinüberführen, und in der heimlichsten Ecke des Gärtchens steht das Bild des Hausgötzen. Die sprichwörtliche Höflichkeit der Japaner zeigt sich auch, wenn ein fremder Gast ihr Haus betritt. Schnell steht das kleine Kohlenbecken zu seinem Gebrauch bereit; auf einem zierlichen Tischchen werden den Herren kleine sauber gearbeitete Pfeifchen neben der gefüllten Tabaksschale präsen tiert; sind Damen dabei, so wird auf alle Fälle Thee geboten, in kleinen bunten Porzellantassen ohne Henkel, und stets ohne Milch und Zucker. Daß die europäischen Damen nicht rauchen, mag den Japanerinnen seltsam245 erscheinen: — sie thun es, freilich auf keineswegs widerliche Art: zwei oder drei Züge auS dem pfenniggroßen Köpfchen ihrer Metallpfeife, damit ist dem Bedürfnis Genüge geleistet, und das Pfeifchen wird wieder in seinen Behälter zurückgebracht, der an einem Elfenbeinknopfe am Gürtel hängt. Die Tracht der Japaner, die sich von der der Japanerinnen nicht viel unterscheidet, ist durch Abbildungen ziemlich bekannt. Sie besteht im wesentlichen aus einem schlafrockühnlichen Obergewande mit kurzen Ärmeln, das durch eine Schnur zusammengehalten wird. Dazu werden Beinkleider getragen, vom niederen Volke eng und aus Baumwollenzeug, von den höheren Ständen weit und von Seide. Ein bis auf die Hüften reichender jackenartiger Überwurf mit weiten Ärmeln dient gewissermaßen als „Pom padour;" denn in den zahlreichen Täschchen desselben sieht es bunt genug aus: Tabakspäckchen und -Pfeifchen, Tuschnäpfchen und Pinsel, Taschentücher aus Papier — all dieses und noch viel mehr hat hier seinen bestimmten Platz. Die japanischen Damen müßten keine Frauen sein, wenn nicht auch bei ihnen kleine Kunststücke der Toilette in Übung wären. Das Schmink- töpfchcn ist ziemlich allgemein im Gebrauch. Es gilt für ein Zeichen von gutem Geschmack, Weiß aufzulegen; die Wangen erhalten einen zarten Rvsaton, auch die Lippen werden rot gefärbt. Zeigt nun eine solche japanische Modedame mit bezauberndem Lächeln die schwarzgebeizten Zähne, so hat man die Farben des Deutschen Reiches hübsch bei einander. Einen wirklichen Schmuck aber schafft den Japanerinnen die Pflege ihres meist prachtvollen schwarzen Haares. In der Haartracht giebt es keine Mode: die Frau des hohen Adligen trägt das Haar wie die Frau aus dem Volke, nur mit dem Unterschiede, daß die Spangen, Nadeln und künst lichen Blumen, welche zum Haarschmuck unerläßlich sind, bei der elfteren von Gold, Silber und Schildpatt, bei der letzteren von Rauschgold, Zinn und Knochen gefertigt sind. Freilich brauchen die japanischen Damen zur Ordnung ihres prächtigen Haares stets mehrere Stunden, und nie können sie dabei die Hilfe einer erfahrenen Dienerin entbehren. Man sieht, die Tyrannin „Mode" setzt auch im fernsten Ostasien ihren eisernen Willen durch. 4. Von Jokohama nach Tokio. Von Jokohama nach Tokio sind dreißig Kilometer Eisenbahnfahrt, die man in einer Stunde zurücklegt. Eisenbahnen verwischen alle Unterschiede in der Gesittung mit der Zeit gründlich; in Japan ist es nicht anders ge wesen. Auf dem Bahnhof in Jokohama erhält man seine Fahrkarte, die246 in chinesischer Schrift das Datum nach europäischer Zeitrechnung trägt — bereits seit dem Jahre 1875! Die Schaffner, in europäischer Uniform, weisen die Reisenden je nach Verlangen in eine der drei Wagenklassen. Der Zug geht ab. Die Eisenbahnlinie führt durch flaches Land, das überall die Spuren sorgsamen Anbaues trägt. Wo der Eisenbahndamm sich durch sumpfige Niederungen zieht, schaut man auf Reisfelder; auf trockeneren Stellen erheben sich in Reihen die dunkelgrünen Stauden des Tabaks, oder man schaut in eine Baumwollenpflanzung; seltsam nehmen sich in den Feldern die Niesenkürbisse aus, welche die Japaner im merk würdigen Gegensatz zu ihren Zwergobstbäumchen zu ziehen lieben. Endlich Station Tokio! Auch in der Stadt des Mikado hat die europäische Gesittung mit Riesenschritten ihren Einzug gehalten. Wer vom Bahnhof kommt, kann meinen, „Unter den Linden" in Berlin zu sein; denn eine breite, schnurgerade Straße eröffnet sich. Sie ist auf beiden Seiten mit breiten Trottoirs für Fußgänger belegt, hat einen geräumigen Wagen weg in der Mitte und ist zwischen dem Fahrweg und den Trottoirs mit zwei Reihen von Fruchtbäumen und Fichten bewachsen. Die Straßen fronten zeigen durchweg europäische Bauart. Man findet zweistöckige Häuser, einige aus Stein, andere aus roten Ziegeln erbaut, aber sämtlich an der Vorderseite mit glänzenden Läden und Warenlagern ausgestattet. Hier ein Uhrenmagazin mit prächtigen Schaustücken, dort ein Laden, in welchem eine Anzahl japanischer Frauen eifrig mit Nähen auf amerikanischen Näh maschinen beschäftigt sind; hier Schaufenster voll herrlicher Glas- und Por zellanwaren, dort große Buchhandlungen, welche neben japanischen Büchern auch deutsche, französische und englische Werke ausgelegt haben u. s. w. Telegraphendrähte sieht man nach allen Richtungen laufen, und an den Hauptplützen befinden sich Briefkästen zum Einwerfen frankierter Briefe. Wer nach europäischer Art im Gasthaus wohnen will, mietet eine Dschinrikischa, einen zweirädrigen Karren mit Sonnenverdeck; in diesem zieht ihn ein japanischer Arbeiter, „Kutscher und Pferd zugleich," nach dem Tokio-Hotel, wo er, freilich zu hohen Preisen, alle europäischen Bequem lichkeiten und Genüsse haben kann. Wer des Landes Art und Sitte kennen lernen will, sucht ein japanisches Gasthaus auf. Das ist von den ge wöhnlichen japanischen Häusern nicht verschieden — bis auf das hölzerne Kopfkissen; aber es erwartet den Fremden da höfliche und billige Bedie nung. Freilich ist die Küche einförmig: Reis wird bei jeder Mahlzeit geboten, süße Kartoffeln (Bataten) desgleichen; giebt es junge Bambus schößlinge, so kann sich eine lebhafte Phantasie an den heimischen Spargel erinnern; auch Bohnen und Hirse kommen häufig aus die niederen Tischchen.247 Schlimm sieht's mit dem Fleisch aus. Als fromme Anhänger der Buddha lehre dürfen die Japaner Tiere nicht schlachten, Fische sonderbarerweise ausgenommen. Daher giebt es an japanischen Tafeln nur Fisch: gebraten, gekocht, getrocknet und zu Pulver zerstampft, ja sogar roh — eine für Europäer widerliche Sitte! Die Mahlzeiten beschließt der übliche, un gesüßte Thee; wer stärkere Getränke liebt, läßt sich einen Porzellanbecher Saki reichen, einen kräftigen Reisbranntwein, für den die Japaner eine besondere Vorliebe haben. Japanische Spazierfahrt auf der Dschinrikischa. Die rein japanischen Stadtteile Tokios unterscheiden sich nicht von denen Jokohamas. Bei der niedrigen Bauart der Häuser und den 1200000 Ein wohnern, die in der Stadt leben, ist deren Ausdehnung natürlich eine sehr große: man braucht etwa zwei Stunden, um auf der Dschinrikischa von einem Ende in gerader Richtung zum andern zu kommen. Eine Hauptsehenswürdigkeit ist natürlich das Schloß des Mikado. Europäer werden es meist nur von außen besichtigen können, da es schwer hält, Einlaß zu erlangen. Das Gebäude selbst liegt in einem großen Park, der von allen Seiten mit hohen Granitmauern und breiten Wassergräben248 umgeben ist. Vor den Thoren sind Wachtposten aufgestellt, und in un mittelbarer Nähe liegen große Kasernen und eine Reihe von Regicrungs- gebäuden. Wer Glück hat, bekommt wohl auf einer Ausfahrt den Mikado Mutsuhito selbst zu sehen, einen angehenden Vierziger mit intelligentem Gesicht, der sich fast wie ein österreichischer Jnfanterieoffizier kleidet. Vor vierzig Jahren wäre das nicht möglich gewesen, da damals der Mikado wie eine Art Halbgott sich von seinen Unterthanen abgeschlossen hielt; heute ahmt der erlauchte Herrscher auch in diesem Stücke europäische Vorbilder nach. Auch darin zeigt sich der Mikado als ein weiser Fürst, daß er das deutsche Wort: „Soll es wieder in einen guten Schwang kommen, so muß es wahrlich an den Kindern angefangen sein," in Japan in kräftigster Weise durchgeführt hat. Als in den siebziger Jahren eine Gesandtschaft von mehreren hohen japanischen Beamten die Länder Europas besucht hatte, war einer der wichtigsten Vorschläge, den diese Männer dem Herrscher machten, daß das Schulwesen nach europäischem Muster eingerichtet werden müsse. Das ist auch geschehen. Fast 30000 Volksschulen bestehen gegen wärtig in dem Jnselreiche, denen etwa sechzig Lehrerbildungsanstalten die Lehrer vorbereiten. Eine japanische Volksschule wird von Kindern vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre besucht, die täglich fünf Stunden Unter richt erhalten. In dem, was gelehrt wird, ähnelt sic den deutschen Anstalten gleicher Art. Die Schüler werden durch das Buchstabieren der krausen Schriftzeichen in das Lesen eingeführt; sie lernen mit leichtem Pinsel aus den zierlichen Farbenäpfchen Tusche nehmen und mit schönem Schwung die Schriftzeichen auf Papier bringen; sic üben sich in der Anfertigung kurzer Aufsätze, erfahren das Wichtigste über die Geographie und Geschichte ihres Heimatlandes, über seine Natur und seine Staatseinrichtungen. Eins aber vermißt man in den japanischen Volksschulen: die Einführung in die Religion; diese bleibt einem späteren Alter Vorbehalten. Außer den Volksschulen giebt cs noch über hundert höhere Schulen und eine Landesuniversität, die in Tokio ihren Sitz hat. Die höheren oder Mittelschulen werden von Schülern im vierzehnten bis zum einund zwanzigsten Lebensjahr besucht. Die letzte Hälfte dieser Zeit ist einem sogenannten höheren Unterricht gewidmet. Da erlernen die Schüler be sonders die chinesische Sprache, um die heiligen Schriften der Bnddhalehre verstehen zu können; außerdem werden an jeder derartigen Schule noch drei fremde Sprachen gelehrt, nämlich Englisch, Französisch und „Tok," wie in Japan das Wort „deutsch" heißt. Das Geistesleben eines Volkes hat aber seine höchste Blüte in der Gottesverehrung. Wer diese kennen lernen will, besucht einen der zahl-249 reichen Tempel Tokios, in denen in der Regel alle zehn Tage gepredigt wird. Ein englischer Reisender erzählt über einen solchen Tempelbesuch: „Als wir in den Tempel eintraten, wies man uns in das anstoßende Gemach einer kleiner Kapelle, welche die Aussicht auf einen geschmackvollen, reichlich mit Steinlaternen und Zwergbäumen gezierten Garten zeigte. In der für den Prediger bestimmten Abteilung des Zimmers stand ein hoher Tisch, mit einer weiß und scharlachroten, reich mit Arabesken und Blumen gestickten Seidendecke behängt; auf demselben befanden sich eine Glocke, ein Präsentierbrett mit Papierrollen, worauf weise Sprüche ver zeichnet waren, und eine kleine Räuchermaschine von Porzellan. Vor dem Tische stand ein Gong, d. h. eine hängende Metallglocke, und hinter dem selben ein hoher, rückenbrechender Armsessel. In einer Ecke des Raumes, der für die Gläubigen bestimmt war, stand ein niedriges Schreibpult, bei welchem ein Schreiber kauerte und alle, die an ihn herantraten, um ihre Namen und milden Gaben einschreiben zu lassen, durch eine große, in Horn gefaßte Brille gespensterartig anglotzte. Die Geldbeiträge waren nicht sehr reichlich ausgefallen; denn die Versammlung hatte einen mehr ärmlichen Charakter. Sie bestand zumeist aus alten Weibern, Nonnen mit kahlem Scheitel, einigen kleinen Handelsleuten und einem halben Dutzend pausbäckiger Kinder, wahren Mustern von gutem Benehmen und frommen Sitten. Eine einzelne Dame schien mir indes vornehmer als die übrigen; denn sie war besser gekleidet, von einer Dienerin begleitet und ließ sich mit einem bedeutsamen Rauschen der Gewänder auf ihren Sitz nieder. Sie zog sogleich ihre niedliche kleine Pfeife und das Tabakssäckchen hervor und begann zu rauchen. Zündhölzchen und Spucknäpfc wurden herum gereicht, so daß die halbe Stunde vor der Predigt ganz gemütlich verstrich. In der Zwischenzeit wurde in der Haupthalle des Tempels eine Art Messe celebriert, und der einförmige, näselnde Choralgcsang drang von der Ferne aus nur schwach zu uns herüber. Sobald der Gesang geendet, setzte sich der Schreiber vor das Gong und begann ein Gebet anzustimmen, in welches die Versammlung einfiel. Nun erschien der Prediger, in weiße und rote Prachtgewänder ge kleidet. Ihm folgte ein Knabe, der eine der heiligen Schriften auf einem mit rot und goldenem Brokat bedeckten Präsentierbrett trug. Nachdem der Prediger sich vor dem Gemälde verneigt hatte, welches über dem steif- lehnigen Sessel hing, nahm er an dem Tische Platz und zupfte seine Ge wänder zurecht. Dann zog er die Muskeln seines Gesichts mit dem Aus druck gänzlichen Jnsichversenkens zusammen, schlug auf die vor ihm stehende Glocke, verbrannte etwas Weihrauch, las hierauf eine Stelle aus demJapanischer Tempel (einem japanischen Original-Holzschnitte treu Hochgebildet). 250 heiligen Buche vor und hob es dann ehrfurchtsvoll über seinen Kopf empor. Die Gemeinde begleitete die gelesenen Worte salbungsvoll, aber ohne Ver ständnis; denn der Schrifttext ist in alt-chinesischer Sprache verfaßt, die von den gewöhnlichen Japanern nicht verstanden^wird. Während nun die-—- 251 versammelten Frommen Kupfermünzen in Papier wickelten und die Opfer gaben auf den Tisch warfen, las der Prediger eine andere Stelle des heiligen Buches für sich allein, und der Schreiber begann in höchst unehr erbietiger Weise mit einem Mitglied der Gemeinde über einen Geldbeitrag zu zanken. Nachdem diese einleitenden Ceremonieen beendet waren, erschien ein kleiner kahlköpfiger Junge und präsentierte dreimal nacheinander dem Pre diger eine Tasse Thee. Dieser begann seine Gesichtszüge in ihre gewöhn liche Form zu bringen, lächelte vergnügt, schlürfte seinen Thee, blickte heiter und wohlwollend umher und begann nun seine Predigt. Sein Vortrag, den er in leichtem Nnterhaltungstone hielt, war eine Auslegung einiger Stellen des heiligen Buches mit beständigen praktischen Anwendungen auf die Verhältnisse seiner Zuhörer. Sobald er in der Predigt eine Pause machte, rief die ganze Versammlung ein einstimmiges «Nammiyü,» ein Wort, durch welches religiöse Gefühle aller Art ausgedrückt werden. Nach dem Schlüsse seines Vortrages blickte der Prediger so heiter lächelnd um sich, als wären die von ihm ausgesprochenen ernsten Worte nur ein guter Scherz gewesen; die Versammlung aber brach in lange und laute Rufe «Nammiyü» aus. Der Schreiber nahm seinen Platz bei dem Gong ein, und ein allgemeines lautes Gebet beschloß die Ceremonie, worauf der Prediger, dem ein Knabe mit dem heiligen Buche voranging, sich entfernte." Man erkennt aus dieser Schilderung den Charakter der Japaner. Sie sind ein praktisches, aber religiös nicht tief angelegtes Volk. Die religiöse Tiefe könnte ihnen das Christentum bringen. Mit der Kraft, welche die Welt überwindet, hat das Evangelium an zahlreichen Orten des merkwürdigen Jnselreiches von neuem Wurzel geschlagen; möge der Tag nicht fern sein, an dem die Japaner als das beste Gut, das ihnen die Völker des Abendlandes gebracht haben, das Christentum ansehen werden! Ein „Freilnnü" in Afrika. » er Schiffer, welcher auf einer Fahrt an der Westküste von Afrika stets das Land im Auge behalt, erblickt, nachdem er die Linie passiert hat, etwa unter dem 8. Grade südlicher Breite ein nicht hohes, aber mit steilen Wänden ins Meer hinaustretcndes Vorgebirge, dessen rote Thongesteine es auf weithin sichtbar machen. Das ist die Sierra Leona oder das Löwengebirge. Eine Schiffersage erzählt, daß, wenn der Weststurm sich in diesen Klüften verfängt, sein Heulen wohl für die Stimme des Wüstenkönigs gehalten werden kann, und durch diese Täuschung seien die ersten Entdecker auf den seltsamen Namen gebracht worden. Soviel aber ist gewiß, daß die Sierra Leona heute ihren Nanien nicht mehr verdient. Denn an der kleinen Bucht, in welche sich der hier mündende Rokelleflnß ergießt, liegt jetzt eine aufblühende Stadt von 18000 Einwohnern, und weiter in das Land hinein zeigen zerstreute An siedelungen die fleißige Arbeit der Menschen. Das ist kein Jagdgrund mehr für das wilde Getier der Wüste! Die Umwandlung jener einst wüsten Küstenstrccke in ein anfblühcndcs Kulturland aber ist ein Lichtblick in der Nacht, welche bis in unsere Tage auf dem „schwarzen Erdteile" lag. Und diese Umwandlung ist folgendermaßen vor sich gegangen. Im Jahre 1772 wurde durch den Lordobcrrichter von London eine Entscheidung gefällt, welche in den Herzen aller Menschenfreunde begeisterten Wiederhall fand. Der Oberrichter sprach im Namen des englischen Ge setzes kurz und bündig aus, daß jeder Neger, welcher das Gebiet Groß britanniens betrete, damit von selbst frei werde aus der Sklaverei. Dieser wichtige Beschluß war besonders ans Anregung einer Gesellschaft edler Männer zu stände gekommen, unter denen Wilberforce und Sharp die namhaftesten waren. Diese Männer hatten nun bald Gelegenheit, zu er fahren, daß das Ziel ihres cdeln Strebens, die Befreiung ihrer schwarzen Mitmenschen von den Fesseln der Sklaverei, nur auf dornenvollem Wege zu erreichen sei. Bald nämlich zeigte sich unter den Bettlern, welche in den belebten Straßen Londons ihr kümmerliches Gewerbe trieben, auch dieser und jener Neger, welcher das Mitleid der Vorübergehenden ansprach. Alle diese Unglücklichen hatten wohl von dem ihnen zugestandenen Rechte Gebrauch gemacht, waren aber nun unfähig, sich durch eigene Thätigkeit fortzuhelfen. Zum Glück fehlte es den edeln Männern, welche für die Freierklärung der Neger so wacker eingetreten waren, nicht an Opferwilligkeit. Sie sahen freilich anch ein, daß mit einem bloßen Spenden von Almosen an die bettelnden Neger das Übel nicht beseitigt sei, und deshalb dachten sie auf gründliche Abhilfe. Als daher von einem namhaften englischen Reisenden der Küstenstrich um das Vorgebirge Sierra Leona zur Besiedelung empfohlen wurde, ergriffen sie diesen Vorschlag als einen guten und ausführbaren, und bald waren die erforderlichen Mittel zu seiner Ausführung znsammcngebracht. Im Jahre 1787 gingen zwei von der Gesellschaft ausgerüstete, nach der afrikanischen Küste bestimmte Schiffe in See. Auf ihnen befanden sich außev 60 Europäern 400 Neger, mit denen die erste Ansiedelung gegründet werden sollte. Als die kleine Expedition nach glücklicher Fahrt an der roten Küste der Sierra Leona ankerte, erwarb der Anführer derselben durch einen der üblichen Tauschverträgc von einem Negerkönige, Namens Naimbanna, ein kleines Gebiet von etwa zwei Quadratmeilen, wohin nun die befreiten Neger ausgcschifft wurden. Dann ging es rüstig an die Arbeit. Das Land wurde in kleinen Stücken, welche etwa zum Lebensunterhalt ausreichend waren, an die Neger verteilt, dazu Sämereien und einige Haustiere. Aber der Fortgang entsprach den Erwartungen nicht. Die angesiedelten Neger, nur an die Sklavenpeitsche oder an Bettelbrot gewohnt, entzogen sich teil weis der strengen Aufsicht, linier die sie gestellt wurden, durch die Flucht, so daß bald nur noch die Hälfte von ihnen vorhanden war. Dazu kam noch, daß die Leiter der Ansiedelung in dem heißen, fiebererzeugenden Klima entweder starben oder so heftig erkrankten, daß sie, zur Rückkehr nach England gezwungen, die junge Kolonie sich selbst überlassen mußten. Dieses Zusammentreffen von unglücklichen Umständen würde vielleicht der ganzen Sache den Todesstoß gegeben haben, hätten sich nicht die englischen Freunde des Unternehmens alsbald zu einer größeren Vereinigung zu sammengeschlossen, welche unter dem Namen der „Afrikanischen Gesellschaft" auch von der Negierung anerkannt und unterstützt wurde. Da schleunige Hilfe not that, so sendete die Afrikanische Gesellschaft einen Agenten nach der Sierra Leona-Küste, dessen Schiff mit Lebensmitteln, Werkzeugen, Sämereien u. s. w. befrachtet wurde. Diesem Agenten, einem erfahrenen, thatkräftigen Manne, gelang es, die Zerstreuten wieder zu sammeln und sie zur Gründung einer dauernden Niederlassung an dem Punkte der Küste zu bewegen, wo jetzt der Hauptort der Niederlassung die Stadt Freetown liegt. Wenige Jahre später, 1792, erhielt die Kolonie einen bedeutenden Zu wachs an schwarzen Ansiedlern. Während des Krieges nämlich, den einige Jahre früher die Engländer gegen ihre nordamerikanischen Kolonieen führten,254 hatten sich auch viele aus der Sklaverei befreite Neger von den Engländern als Soldaten anwerben lassen. Als dann mit dem Friedcnsschlnß die Dienste dieser schwarzen Soldaten entbehrlich wurden, hatte die englische Regierung sie auf der noch in britischem Besitz verbliebenen Halbinsel Nenschottland angesiedelt. Das aber erwies sich bald als ein schwerer Mißgriff. Die rauhe, ncbelreiche Witterung Neuschottlands wollte den schwarzen Söhnen des sonnigen Südens durchaus nicht zusagen, viele kränkelten, andere starben schnell dahin. Ilm diesem unnatürlichen Zustande ein Ende zu machen, entschloß sich die englische Negierung auf den Rat des edcln Wilberforce, ihre schwarzen Schutzbefohlenen nach der afrikanischen Küste überzusiedeln. Um aber die Kolonie nicht durch einen so bedeutenden Zuwachs in Gefahr zu bringen, wurden vorher über 100 Europäer nach Sierra Leona gesandt, worauf dann auf 16 Schiffen 1100 freie Neger von Nenschottland eintrafen. Das gab der jungen Pflanzung erfreulichen Aufschwung. Die mit herübergekommenen Missionare ließen eine allerdings nur aus Holz aufgeführte Kirche erbauen, sic machten den Versuch, die Kinder der schwarzen Ansiedler in einer Schule zu sammeln, durchforschten das Land und legten Sammlungen seiner Erzeugnisse an, und wo Krank heit sich zeigte, da waren sie mit heilsamen Arzneimitteln zur Hand. Aber schon im Jahre 1794 traf die Kolonie ein harter Schlag. In dem eben damals ausgebrochencn Kriege zwischen Frankreich und England hatte Frankreich erklärt, daß es die Kolonie von Sierra Leona um ihres edeln Zweckes willen schonen werde und daß der Verkehr nach derselben unbelästigt bleiben solle. Ungeachtet dieses hochherzigen Versprechens aber wußten französische Sklavenhändler, denen das „Freiland" an der afrika nischen Küste ein Dorn im Auge war, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß bald nach dem Ausbruch des Krieges ein französisches Kriegs schiff vor Freetown erschien und den kleinen Ort vollständig zerstörte. Die französischen Seesoldaten hausten bei dieser Gelegenheit mit seltener Bar barei. Sie zerschlugen die von den Missionaren mitgebrachtcn physikalischen Apparate, zerstreuten die Sammlungen, verdarben die Arzneimittel, zerrissen die Bücher und warfen endlich die Brandfackel in die leichtgebauten Hütten des Ortes, so daß die Stadt nebst der Kirche in Flammen aufging. Trotz dieses vernichtenden Schlages ließ die Afrikanische Gesellschaft in London den Mut nicht sinken. Vorräte und Hilfsmittel aller Art, die unverzüglich der schwergeprüften Kolonie zngesandt wurden, stärkten hier wieder die Hoffnung auf bessere Zeiten. Man machte sich von neuem an den Aufbau der Stadt, welche schon vier Jahre später wieder dreihundert Häuser zählte, und um ähnlichen Überfällen für die Zukunft vorzubcugen,255 wurde mit Unterstützung der Regierung ein Fort erbaut, dessen Kanonen den Eingang in die Bucht von Freetown beherrschten. Aber mit den von Neuschottland herübergeschafften Negern hatten die englischen Freunde der Kolonie derselben eine schwere Last aufgeladen. Diese Leute, welche sich in der durchlebten Kriegszeit an eine gewisse Selbständig keit gewöhnt hatten, vermochten sich nur schwer unter die heilsame Zucht zu fügen, welche in der Kolonie herrschte. Da war es denn nichts Sel tenes, daß bei diesem und jenem das heiße Negerblut aufschäumte und daß Gewaltthätigkeiten vorknmen, denen der Gouverneur mit gewaffneter Hand entgegcntreten mußte. So kam es, daß man fast jede Woche von Ent weichungen aufrührerischer Neger ins Innere zu berichten hatte. Und diese Entweichungen trugen für die Kolonie bittere Frucht. Denn die Ent flohenen fanden in den Negerhäuptlingen der Umgegend willige Bundes genossen zu räuberischen Einfällen in das Gebiet der Kolonie. Zu dieser Zeit ertönte häufig genug während der Nacht die Lärmglocke in Freetown, und wenn sich dann die waffenfähige Mannschaft aufmachte zur Verteidigung von Hab und Gut, kamen sie gerade noch zeitig genug, um dieses oder jenes Gehöft niederbrennen zu sehen, während die Brandstifter längst das Weite gesucht hatten. In dieser Zeit der Unsicherheit wußten sich die eng lischen Freunde der Kolonie nicht anders zu helfen, als daß sie sich ent schlossen, ihren Besitz ganz und gar au die englische Negierung abzutreten, da nur von dieser ein nachhaltiger Schutz zu erwarten war. Das geschah im Jahre 1808. Ein Jahr früher war von der englischen Regierung die Erklärung erlassen worden, daß sie den Sklavenhandel für Seeräuberei ansehe und daß die englischen Kriegsschiffe Befehl hätten, jedes Sklavenschiff wegzu nehmen. Seit dieser Zeit war die britische Flagge für manchen Schiffer in den Gewässern an der Guineaküste eine schreckhafte Erscheinung. Denn noch immer blühcte hier das schmachvolle Geschäft des Sklavenhandels. In den von hochwurzeligem Mangrovegebüsch umschlossenen seichten Lagunen an der Küste, in welche sich die tiefgehenden englischen Kriegsschiffe nicht hineinwagcn durften, lagen spanische und portugiesische Kausfahrer bereit zur Aufnahme von „Ebenholz," — wie die hartherzigen Sklavenhändler die Neger nannten, welche die Fracht ihrer Schiffe bilden sollten. Gar manchem dieser Unglücksschiffe glückte es, die englische Kreuzerlinie zu durchbrechen und mit seiner unglückseligen Fracht nach Brasilien oder den westindischen Inseln zu entkommen; andere erreichte ihr Geschick, und sie fielen den englischen Kreuzern in die Hände. Da diente nun die Kolonie auf Sierra Leoua als der Ort, wo die eingebrachten Sklavenschiffe ab-256 geurteilt wurden, zu welchem Zwecke dem dortigen Gouverneur die Aus übung der bürgerlichen und militärischen Gewalt übertragen war. Jedes eingcbrachte Schiff, welchem der Sklavenhandel nachgewiesen worden war, wurde zerlegt, und die einzelnen Bestandteile wurden verkauft, der Kapitän und die Mannschaft wurden bestraft, die Sklaven aber als freie Leute in der Kolonie versorgt. Das erste Sklavenschiff wurde am 10. November 1808 eingebracht, und bis zum Jahre 1819 betrug die Zahl derselben nicht weniger als 73, die der befreiten Neger 11280. Der Zustand, in welchem letztere ankamen, war in jeder Hinsicht ein bejammernswerter. Nicht bloß, daß sie, völlig nackt, ausgehungert, abgemagert und unreinlich wie sie waren, einen abstoßenden Eindruck machten: auch ihre Neigung zu Diebstahl, ihr abgeschmackter Fetischdienst* und das Fehlen aller Begriffe von Zucht und Ordnung ließen sie als Wesen erscheinen, welche dem Tiere naher standen als dem Menschen. Die Gelandeten wurden gekleidet, genährt, in den bestehenden Dörfern verteilt, oder zur Gründung neuer Dörfer bestimmt. Die Art, in welcher die Bevölkerung der Kolonie auf Sierra Leona einst zusammengebracht wurde, erklärt, daß diese noch heute den Eindruck macht, als ob sich hier alle Stämme des völkerreichen Afrika zu sammengefunden hätten. Alan hat hier Gelegenheit, fast alle Sprachen des Erdteils zu hören. Man findet Leute, die nach Kordofan reisten und so ganz in die Nähe von Ägypten kamen, oder solche, welche in der Sahara gekämpft haben, oder in den Wildnissen des Sudanlandes umhergestreift sind. Man kann da Nachrichten bekommen von den Eingeborenen der großen Städte von Mittelafrika, von Timbuktu, von Kano, von Kuka. Unter den Fischern, die täglich an der Küste von Sierra Leona ihre Netze auswerfen, giebt es auch einzelne, welche schon an den Ufern des Indischen Meeres gefischt, oder solche, welche ihre Jugend an der Straße von Mozambique verlebt haben. Natürlich hörte dieses Zuströmen von An gehörigen der verschiedensten Negerstämme auf, seit der Sklavenhandel an der Küste von Afrika völlig unterdrückt ist; aber das Durcheinander der Bevölkerung bleibt so ziemlich unverändert. Dies zeigt recht deutlich eine Zählung der Bevölkerung der Kolonie, welche zu Anfang der siebziger Jahre vorgenommen wurde: — damals lebten in Sierra Leona etwa 16000 von Sklavenschiffen befreite Neger, während bis dahin gegen 23000 in der Kolonie geboren worden waren. Man darf nun freilich nicht glauben, daß gleichzeitig mit der Um wandlung ihrer äußeren Umstände sich bei den schwarzen Bewohnern der * Fetisch bedeutet ein Zauberding.—- 257 -— Sierra Leona-Kolonie eine ebenso schnelle Veredelung der Sitten gezeigt habe. Diese innere Umwandlung ist vielmehr dem heißen afrikanischen Blute der Neger sehr schwer angekommen und sehr langsam vorgeschritten. Noch immer bewährt das „Feuerwasser" auch den freien Negern gegen über seine alte Zauberkraft, noch immer bildet der wilde Tanz zum ein tönigen Schlag der Trommel die gewohnte Belustigung. Aber die scharfe Aussicht, in der die leichtblütigen Kinder der afrikanischen Wildnis vom englischen Gouverneur und den unter ihnen wirkenden Missionaren ge halten werden, hat doch auch in diesem Stücke manchen Wandel zum Bessern geschafft. Die Neger haben gelernt, sich anständig zu kleiden; durch den Besuch der Schule sind in manchen unter ihnen edlere Keime geweckt worden; viele wurden nützliche Landbauer, andere lernten Hand werke, andere versuchten selbst ihre Kräfte im Handel. Im Jahre 1839 legten nämlich mehrere Neger ihre ersparten Kapitalien zusammen, um einen Küstenhandel zu beginnen. Sie kauften der Regierung eins der Fahrzeuge ab, die früher dem Sklavenhandel gedient hatten, bemannten dasselbe und sandten es, im Vertrauen auf den Schutz der englischen Flagge, nach Badagry an die Bucht von Benin. Auf diesem Schiffe war der Obersteuermann der einzige Weiße an Bord, die ganze übrige Mann schaft bestand aus Negern. Es war ein herzergreifender Anblick: — ein Schiff, das einst dem verwerflichen Sklavenhandel gedient und, begleitet von den Flüchen und Thränen der Kinder Afrikas, seinen Weg in die See genommen hatte, steuerte jetzt in denselben Gewässern, geführt von seiner ehemaligen Fracht und begleitet von den Segenswünschen einer zahl reichen Bevölkerung, auf ehrlichen Handelswegen seinem Ziele zu! Das alles hat auf das Aussehen des Landes einen bemerkenswerten Einfluß ausgeübt. Das Gebiet der Kolonie hat sich allmählich immer mehr erweitert und umfaßt gegenwärtig zweiundzwanzig Quadratmeilen, ist also so groß wie eins der kleinen deutschen Fürstentümer, und die zahlreichen geräumigen Häuschen mit den wohlumhegten Gärten zeigen, daß an diesem Punkte der afrikanischen Küste die vor hundert Jahren von den cdeln englischen Negcrfreunden begonnene Arbeit an der Besserung des Schicksals ihrer Schützlinge in erfreulichem Gedeihen begriffen ist. Hummel, Bilder a. d. Weltl. 17258 Dir deutsche Kolonie Kamerun. ä ^^ichts Neues aus Afrika?" Diesen Ruf konnte man vor etwa zweitausend Jahren in allen Straßen und Gassen der alt- tf^S berühmten Stadt Rom jeden Tag hören. Wenn die würdigen Senatoren in ihrer malerischen Gewandung bedächtig zum Kapitol schritten, um über das Wohl des Staates zu beratschlagen, so empfing sie in der Versammlung die Frage, welche damals jedem Römer auf den Lippen schwebte, und wenn der Vater eintrat in den engen Kreis des Hauses so fragten die Heranwachsenden Knaben, die auch schon berührte, was der Alten Herz bewegte: „Nichts Neues aus Afrika?" Seltsam, daß in unseren Tagen das alte Wort wieder Leben ge wonnen hat! Man mag ein Zeitungsblatt zur Hand nehmen: — es bringt Nachrichten ans Afrika; in den großen Städten unseres Vaterlandes, vor auserlesenen Gesellschaften berichten Reisende, welche den „schwarzen Erd teil" durchforscht haben, von ihren Erlebnissen und von der fremdartigen Natur des Mohrenlandes; und nicht gar selten ist es, daß wir die schwarzen Kinder Afrikas selbst zu Gesicht bekommen, sei es, daß man kräftige Burschen von ihnen in deutsche Matrosenuniformen gesteckt hat und sie unserem Kaiser* in Berlin als Ehrenwache vor das Palais unter den Linden kommandiert, oder daß sie auf eigene Faust die Reise in das Land der Weißen unternehmen, um deren Neugier und Schaulust für ihren Geldbeutel auszunutzen. Das alles macht, daß man heute mit demselben Interesse, wie vor zweitausend Jahren, immer wieder die Frage hören kann: „Nichts Neues aus Afrika?" In einem wichtigen Stück aber ist doch ein llnterschied. Das Inter esse, das damals die Römer an Afrika nahmen, lief schließlich stets hinaus auf die Frage: Wann wird das kühne Schiffervolk der Karthager von dem römischen Adler überwunden werden, wann wird Karthago in Trümmern liegen? Heute verbindet man mit der alten Frage einen neuen, edleren und höheren Sinn. Afrika, das alte Land der Wunder, soll erschlossen werden für eine höhere Gesittung, und wenn das auch nicht anders geht, als daß der Kaufmann, der zunächst nur nach Mein und Dein fragt, den Pionier macht, so kommt in seinem Gefolge doch auch der Missionar in Wilhelm I.17 * 259 das Land, der an seinem Teile mithilft, daß auch im schwarzen Erdteil das Feld der Heidenwelt weiß zur Ernte werde. Es ist ein Kampf des Lichtes mit der Finsternis, der sich in den Ländern des fernen Erdteils vorbereitet. An dessen Ausgang nimmt jeder Anteil, auch unsere reifere Jugend. Da ist es denn wohl am Platze, daß etwas Ausführliches von Land und Leuten in Afrika erzählt wird. Unter den bereits recht zahlreichen weiten Länderstrichen in Afrika, über denen gegenwärtig die Flagge des Deutschen Reiches weht, ist zur Zeit keine Landschaft so viel genannt als Kamerun. Man gelangt dahin, wenn man von Deutschland aus auf südlich gerichteter Seefahrt in die Nähe des Äquators gekommen ist. Da zieht sich, unter etwa 10 Grad nördlicher Breite, die Landmasse Afrikas weit gegen Osten zurück, so daß das Schiff über dreihundert Meilen östlichen Kurs nehmen kann. Hält sich das Schiff in der Nähe des Landes, so macht der Kapitän wohl auf mancherlei Spuren deutscher Thätigkeit zur See aufmerksam. Wenn man das Kap der drei Spitzen in Sicht bekommt, hat man nicht mehr weit bis zu einem stattlichen Hügel, der sich steil gegen die dürre Strandebene heruntersenkt; seine Abhänge und sein Gipfel sind mit tropischen Pflanzen dicht überwachsen; aber doch erblickt man durch das Fernrohr des Kapitäns hier und da gesprengtes Mauerwerk, welches das Palmen gebüsch noch nicht völlig zu überwuchern vermocht hat. Im Anblick dieser Mauerreste schlägt jedes deutsche Herz voll hoher Begeisterung; denn drüben auf dem Berge habe« vor zweihundert Jahren schon einmal Deutsche ge- siedelt, brandenburgische Handelsleute und Soldaten, von dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm ausgesendet, dem zu Ehren sie denn auch das auf dem Berge erbaute Fort Groß-Friedrichsburg benannt habe». Freilich verstand damals niemand in den brandenburgische» Landen, was der Kurfürst mit dem Küstenstrich an dem fernen Gestade Afrikas eigent lich im Sinne hatte; seine Nachfolger erstrebten Anderes, Näherliegendes, und deshalb hatten es die Holländer leicht, das Fort Groß-Friedrichsburg nebst dem zugehörigen Gebiete für eine runde Summe holländischer Dukaten an sich zu kaufen. So müssen sich denn die deutschen Schiffe begnügen, das alte brandenburgische Festungswerk durch Hissen der deutschen Flagge zu begrüßen. — Vorüber! Auf weiterer östlicher Fahrt kommt dann das Schiff am Togolande vorbei, das ist, von Deutschland aus gerechnet, die erste deutsche Besitzung an der Westküste von Afrika. Man vermag über die flache Küste hinweg weit hineinzuschauen in das Land. Ein flacher Strandsee weitet sich vor den Blicken, die Ufer sind in dichtem Geröhricht verborgen. Weiter im260 Innern des Landes winken Palmenwedel grüßend herüber, kleine, weiße Häuserchen zeigen sich, und ein gutes Auge will an der Flagge, welche über ihnen flattert, die Farben des Deutschen Reiches unterscheiden: es sind die Gebäude der Handelsniederlassungen, welche hier unternehmende Ham burger Kaufleute schon seit Jahren gegründet haben. Aber die Häuserchen mit der darüber flatternden Flagge verschwinden im einförmigen Grün, und der Dampfer strebt rüstig weiter immer gegen Osten hin. Wieder dauert die Fahrt ein paar Tage, dann erhebt sich über der Küste ein scharf hcrvortretendcr Berg, anfangs wie eine niedere Spitze, die sich von dem grünen Untergründe scharf abhebt, dann immer schärfer hcrvortrctend und immer hoher sich aufgipfelnd, bis er sich endlich deutlich als der mächtige Beherrscher eines ausgedehnten Küstenstriches enthüllt. Die Erfahrenen unter den Schiffspassagieren haben es längst den Neulingen verkündet: der Berg, der sich da so imponierend über das Land erhebt, ist der höchste Gipfel des Kamerungebirges, an dessen Gehängen unsere deutschen Lands leute ihre frisch aufblühende Niederlassung gegründet haben. Der „Götterberg" ist eine gewaltige Landmarke, welche viele Meilen weit im Binnenlande und noch weiter vom Meere aus gesehen wird. Mit abergläubischer Scheu hängen die Augen der Eingeborenen an seinem spitzen Gipfel — nennen sie ihn doch den Berg des Donnerers (Mungo ma Loba!) —, und sehnsüchtig richten sich die Blicke der Matrosen auf den vorübersegeluden Schiffen nach der Stelle am Horizont, wo er auftauchen muß aus dem dichten Grün der Ufervegetation. Aber einen Eindruck von seiner ganzen gewaltigen Blasse erhält man doch nur in der Nähe der Küste. Zur dreifachen Höhe der Schneekoppe im Riesengebirge reckt der Berg seine zackige Masse empor; man bemerkt, daß er von niedrigeren Vorbergen umgeben ist, alle von denselben zackigen Formen, wie der sie be herrschende Bergricse; hier und da schaut man in Thalschluchten, in denen saftiges Grün auf die rauschenden Bergwasser deutet, welche in lustigen Stürzen der Tiefe zueilen; weiter gegen Nordoft aber zieht sich eine fast zusammenhängende Kette zackiger Höhen in das Land hinein. Ruht der Glutblick der tropischen Sonne auf Meer und Land, dann ist dieses Land schaftsbild ein außerordentlich reizvolles. Der Fuß des Götterberges ist in dichtem Grün verborgen, und fast bis zur Höhe des Brockens gehen die Ölpalmenwälder hinauf; dann löst ein dichter Gürtel von baumartigen Farnkräutern die Palmen ab, aus denen aber schon hier und da das schwarze, zerklüftete Gestein hervorragt; darauf vereinzelt sich die Pflanzen decke immer mehr und duckt sich immer dichter zu Boden, bis blinkende Schneefelder droben die weißglänzende Spitze umhüllen.261 Es ist ein merkwürdiger Gegensatz zwischen Gipfel und Fuß des Götter berges! Droben Schnee und unten Sumpf, nämlich überall da, wo die Vor- höhen des Berges sich zum Wasser heruntersenken. Dieser breite Einschnitt in die Küste, für den die Eingeborenen ihren besonderen Namen haben, ist von den Europäern der Kamerunfluß genannt worden. Streng genommen freilich ist der Kamerunfluß gar kein Fluß, sondern eine Meeresbucht, der ans den Thälern des Kamernngebirges nur kleine Gewässer zuströmen und die trotzdem breiter ist als die Elbe bei Cuxhaven, wo man doch kaum noch von einem Ufer zum anderen hinübersehen kann. Und noch che das Schiff in die eigentliche Mündung des Kamerunflusses cinläuft, kündigt sich der Strom draußen im Meere an. Das bis dahin krhstallklare Wasser des Meeres, in dem man dem vorbeischicßendcn Hai aus eine weite Strecke mit dem Auge zu folgen vermag, trübt sich, und sein reines Blau geht über in ein schmutziges Gelb; kommt man gar zur Regenzeit an, so treibt die Strömung nicht nur entwurzelte Bäume, sondern auch losgerissene, aus Wurzelwerk gebildete kleine Inseln mit aller auf ihnen befindlichen Vegetation ins Meer hinaus. Nach Nordost hin, hart gegen die Strömung, nimmt der Dampfer seinen Kurs. Die Passagiere, müde der langen Seereise, haben sich aus Deck gesammelt; Fernrohre sieht man da und dort von Hand zu Hand gehen; andere verlassen sich auf ihr gutes Auge. Aber so sehr man auch das Auge anstrengt, — das Bild, welches die Ufer des unteren Kamerun flusses bicteu, ist ein überaus einförmiges. Mangrovenwaldung links und rechts: — wer die seltsamen Stelzenbäume noch nicht kennt, der kann hier stundenlang ihren Anblick genießen. Wenn die Flut vom Meere hcreinzicht und überall im unteren Stromlaufe sich das Wasser anstaut, dann erscheint der Gürtel der Mangrovenwälder dicht an den beiden Flußufern' wie ein dichtes Labyrinth von Baumstämmen, die durch un zählige Ärmchen sich ineinander geschlungen haben. Diese Ärmchen sind Wurzeln, welche überall aus dem Stamme und selbst aus den Zweigen Hervorbrechen und nach dem Nachbarbauine hinüberkriechen, oder sich wie hängende Taue dem Boden zu senken. Über dieses Durcheinander von Wurzeln und Stämmen bildet das bleichgrüne Laub eine nicht überall deckende Hlille, so daß häufig genug die senkrecht in die Luft steigenden Wurzeln sich wie kahle Tauenden daraus hervorhebcn. Einen noch viel seltsameren Anblick aber bieten diese Mangrovenwälder, wenn die Ebbe ein- gctretcn ist. Dann stehen die Bäume in der That auf ihren hohen Wur zeln wie auf Stelzen in Mannshöhe über dem Boden, und man könnte unter dem Wurzelgeflecht gebückt hindurchgehen, wenn nicht der Fuß in den schwarzen Schlamm einsänke; überall aber auf dem mit Schlamm262 überzogenen Wurzelwerk lebt und webt es von Krabben und Seespinnen, welche auf kleine im Schlamme lebende Wassertiere Jagd machen. Und wie die jagenden Krabben und Seespinnen, so treibt es das Wassergevögel, das sich überall zeigt. Im Schlamme des Users waten grau oder weiß gefiederte Reiher, da und dort den spießartigcn Schnabel zum Fange hinabstoßcnd, große Entenscharen schwimmen auf dem Wasser, auf den Schlammbänken wimmelt es von Flamingos und Pelckaneu, und auf den Ästen der Mangroven hocken blauschimmerndc Eisvögel, die unermüdlich im Fischfang sind; über dem Wasser schwebt mit ruhigem Flügelschlag der Schopfadler, der plötzlich mit Blitzesschnelle herabschießt und in den ge waltigen Klauen einen stattlichen Fisch als Beute davonträgt. Eins aber vermißt nran in der untersten Uferlandschaft des Kamerun flusses — die Siedelungen der Menschen. Wohl erhebt sich hinter den« einförmigen Mangrovcnwalde da und dort ein Hain von Wein- oder Ol- palmen, oder eine vereinzelte Kokospalme schaukelt ihre zierlichen Wedel im -Winde; aber in dem sumpfigen, sieberhauchenden Gelände vermag nicht einmal ein Eingeborener dauernd zu leben, für den Weißen wäre der Aufenthalt vollends sicherer Tod. Nur selten begegnet man dem Kanoe eines schwarzen Fischers, und an einer höheren Stelle des Ufers steht wohl eine einsame Hütte, welche die Fischer nach ergiebigen! Fang aussuchen, um dort zu rasten und ihre reiche Beute zu längerer Dauer an der Sonne zu trocknen. Diese vereinzelten Fischerhütten künden aber die bald erscheinenden Negerdörfer an. Auf der rechten Seite des Flusses, gegen Nordwest hin, ist freilich der Boden noch auf viele Meilen weit so sumpfig, daß sich da nichts weiter findet als niedere Mangrovenwaldung. Dagegen beginnen auf dem linken Flußufer wenige Meilen von der Mündung niedere Hügel sich aus dem bleichen Grün zu erheben; sie werden höher und höher, und bald erblickt man die Gipfel derselben besetzt mit einzelnen kleinen Ge höften, die stellenweis zu ordentlichen Dörfern zusammentreten. Das ist dann wieder ein neues Bild, nach dem alle Fernrohre, die auf dem Schiffe vorhanden sind, sich hinüber richten. Doch der Dampfer keucht rastlos weiter. Die Negerdörfer verschwinden wieder; denn ein breiter Urwald streifen senkt sich herunter zum Fluß; dann erscheinen ans dem linken Ufer- einige saubere Häuser mit weit vorspringenden Veranden, von fern fast wie zierliche europäische Landhäuser ausschend — darüber ein hoher Flaggenstock, von dem die schwarz-weiß-rote Flagge lustig im Winde flattert — das ist die „Station!" Auf dein roh hergerichteten Landungsplätze haben sich Menschen gesammelt, Fernrohre richten sich auf das ankommende263 Schiff, HTücher wehen zum Willkommen — da raffelt der Anker des Dampfers an seiner schweren Kette in die Tiefe, die dem Schlot ent quellenden schwarzen Rauchwolken werden lichter, gehorsam folgt das Schiff dem Steuer und legt sich langsam neben das Bohlenbollwerk, zu dem gleich darauf die hölzerne Landungsbrücke hinübergelegt wird. Jede Ankunft eines Dampfers — sei es eines englischen, sei es eines aus dem deutschen Vaterlande — bedeutet für die Niederlassung einen festlichen Tag. Keiner von den deutschen oder englischen Kauflenten bleibt zu Hause, sobald die Ankunft des längst erwarteten Schiffes signalisiert wird. Bringt auch der Dampfer nichts weiter als Geschäftsbriefe und Zeitungen aus der Heimat — die Ankunft eines befreundeten Europäers mag selten genug Vorkommen —, so hat man doch Gelegenheit, wieder einmal bekannte weiße Gesichter zu sehen, wieder einmal die vertrauten Laute der Muttersprache zu hören und sich in ihnen zu unterhalten. Das ist für alle, welche der Beruf in der schönen Waldwildnis festhült, ein so hoher Genuß, daß sie selbst einen weiten Weg nicht scheuen, um sich ihm hingeben zu können. Während der Dampfer still liegt und der muntere Schwarm von Zuschauern allmählich sich zu verlaufen beginnt, wollen wir die Gelegen heit benutzen, einmal zu sehen, wie sich unsere Landsleute an den Ufern des Kamerun häuslich eingerichtet haben. Dazu ist nun die „Station" nicht der rechte Platz. Denn diese unterscheidet sich in der That gar nicht so sehr von der Niederlassung eines Kaufmanns bei uns daheim auf dem Lande: Wohnhäuser mit Gärtchen dahinter und zur Seite große Speicher gebäude — aber alles, was Haus heißt, sehr leicht aus Holz gebaut, da mit die kühlende Luft vom Flusse her überall Durchzug finde —, so haben sich hier Deutsche und Engländer freundnachbarlich nebeneinander angebaut. Will man aber sehen, wie hier der weiße Kaufmann wohnt, wenn er „bei sich daheim" ist, so muß man ihn auf seiner „Hulk" aufsuchen. Diese „Hulks" gehören unzweifelhaft zu den seltsamsten Wohnplätzen, auf denen sich civilisierte Menschen heimisch gemacht haben. Als nämlich die ersten Europäer in der Mündung des Kamerunflusses festen Fuß faßten, um mit den Eingeborenen Handelsgeschäfte zu betreiben, fanden sie es sehr bedenklich, ihre Handelsniederlassungen am Ufer des Flusses aufzuschlagen. Erfahrungen böser Art hatten sie gelehrt, daß die Neger wohl gern ein Tauschgeschäft mit den Weißen schließen, um die von ihnen so heißbegehrten Erzeugnisse des europäischen Gewerbfleißes zu erlangen, daß sie aber auch selten die Gelegenheit versäumen, zu stehlen, was ein zutauschen ihnen zu viel Palmöl oder Elfenbein kosten würde. Um den264 -— Negern diese Diebereien unmöglich zu machen, blieb nichts übrig, als die Verkaufsläden und Warenmagazine auf dem Flusse auzulegen. Zu diesem Zwecke ließen die weißen Kaufleutc — Engländer waren es — alte, ab gebrauchte Schiffe aus England herüberführen. Diese wurden an geeig neten Stellen im Flusse festgeankert, die Masten mit dem Takelwerk fielen, und an die Stelle der stolzen Schiffszier trat ein flaches Dach aus ge trockneten Palmenwedeln oder wohl auch aus gewelltem Blech, welches das Schiff vom Vorder- zum Hinterdeck überwölbte. Ans dem Hinterdeck wurden dann Wohn- und Schlafräume für den weißen Kaufmann und seine Gehilfen hergerichtet; andere Teile des Verdecks wandelte man in Warenlager um, wo europäische Erzeugnisse aller Art — Baumwollen zeuge, Perlenschnüre geringer Art, Messer, Beile, Flinten, Branntwein tönnchen u. s. w. — aufgestapclt liegen, während ein anderer Teil des Schiffsraumes dazu bestimmt ist, als Marktplatz zu dienen. Für die Güter aber, die durch Tauschhandel in den Besitz des weißen Kaufmanns übergehen, findet sich im Zwischendeck und in dem weiten Schiffsbauche der nötige Raum. Ein solch schwimmendes Warenmagazin ist eine „Hulk." Die „Hulk" gestattet die wünschenswerte Bequemlichkeit des Verkehrs und gewährt die nötige Sicherheit; denn mit sinkender Sonne ist sic für jeden Neger, der nicht zur Bemannung gehört, aufs strengste gesperrt. Die Kundschaft, welche auf den „Hulks" verkehrt, wohnt entweder weiter flußaufwärts oder in den höher gelegenen Gegenden des südlichen Flußufers. Zwischen ihnen und den „Hulks" besteht ein reger Verkehr: die Neger bringen Waren zum Verkauf, oder die weißen Handelsleute besuchen ihre schwarzen Kunden in ihren Dörfern, um Lieferungsgeschäfte zu verabreden. All diese Negerdörfer sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Vom Flußufer aus läuft eine Art roher Straße in gewundener Linie durch den Wald; hier geht sie einem mit hohem Bambusrohr übcr- buschtem Sumpfe aus dem Wege, dort vermeidet sie einen Höhenrücken, indem sie sich in einem sanft geneigten Thale immer höher windet. Dann weitet sich die Aussicht; die Straße läuft in Nebenwege auseinander, welche zu den seitab liegenden Gehöften des Dorfes führen, und hier und da er blickt man unzweifelhafte Spuren menschlicher Thätigkeit in den in ziemlich regelmäßigen Reihen angelegten Bananenpflanzungen, welche in Kamerun so sicher ein Negerdorf ankündigeu, wie bei uns daheim die Pslaumcn- bäume ein deutsches Bauerndorf. Mit einem Schlage fühlt man sich da hineinversetzt in die afrikanische Natur, wo Sonnenbrand und Tropenregen die Gewächse zu höchster Entfaltung treibt. Die krautartigen, saftigen, aus übereinander gerollten Blattschciden bestehenden Stämme, welche mit265 einer glänzend braunen Oberhaut bekleidet sind, schießen bis zu zwei, ja drei Meter Höhe auf. An seinem Gipfel trägt der Stamm die länglichen, in weitem Bogen geneigten, oft durch Wind und Wetter zerfetzten, bis zwei Meter langen Blätter, und unter dieser Krone hängt am Stamm der von prächtigen violetten Deckblätter» umhüllte Blutenkolben oder ein Bündel gurkenförmiger Früchte. Unter dem Schatten der Bananen aber schiminern am Boden zwischen Stachelblättern goldgelbe Ananas, welche zur Zeit der Reife von Saft strotzen. Darf man sich wundern, daß das so üppig fruchtbare Land dem von der einförmigen Seereise ermüdeten Europäer wie ein Paradies erscheint? Auch der Eintritt in ein Ncgcrdorf zerstört zunächst nicht das schöne Bild. Alle Reisenden versichern, daß wegen der Reinlichkeit und Sauber keit, die iu diesen Dörfern herrscht, die Ortschaften der Kamernnneger einen recht freundlichen Anblick gewähren. „Die Hütten," berichtet ein Reisender, „sind nicht aus Lehm, sondern aus Matteugcflecht hergestcllt. Sie haben die Form länglicher Rechtecke und stehen auf etwa meterhohen Lehmsockcln. Die Wände werden mit einem gitterartigen Geripp aus den langen Blatt stielen der Palnien hergestcllt und sorgfältig mit den zähen Schalen der Bananenstämme belegt mtb gedichtet; das schräg ansteigende Dach ist mit Palmwedeln gedeckt. In der Mitte der einen Längswand besindet sich die Thüröffnung, welche durch ein Mattcngeflecht oder eine aus Planken gefertigte Thür geschlossen werden kann. Fcnsterlöchcr fehlen; das durch die Thüröffnung cindringende Licht allein erhellt den Raum, welchen der Reger eigentlich nur als Schlafstelle benutzt. In der Regel sind mehrere Hütten mit ihren Gicbelsciten aneinander gebaut, und eine solche Reihe bildet das Besitztum eines Familienoberhauptes. Vo» letzterem wird eine der Behausungen bewohnt; die übrigen sind für die Weiber und Kinder bestimmt oder dienen als Kochplätze. Hin und wieder erhebt sich zwischen den Hütten eine schlanke Kokos- oder Fächerpalme, welche mit ihren langen Fiederblättern die Hütten beschattet, und die belebt wird von gold gelben Webervögeln, deren künstliche Beutelnester an den Blattspitzen hängen, oder von grauen Papageien, die mit kreischendem Geschrei sich aus den Palmenwipfeln Besuch machen." Unter den Mattenhütten jedes größeren Dorfes zeichnet sich gewöhn lich ein Gehöft durch Größe und festere Bauart der zugehörigen Hütten ans. Das ist dann das Gehöft des Dorfobcrhauptes. Denn weiter nichts als Oberhäupter größerer Dörfer sind die sogenannten „Negerkönige." Durchwandert man doch am Kamerunflusse in einer kleinen halben Stunde die Reiche von zwei dieser Ncgerfürstcn, das Reich des „Königs" Bell,266 des Freundes der weißen Händler, und das Reich des „Königs" Aqua, dessen den Weißen feindseliger Sinn den ersten blutigen Zusammenstoß zwischen deutschen Marinesoldaten und den Negern vcranlaßte. So un bedeutend aber auch das Machtgebiet dieser „Negerkönige" ist, so schwebt doch um ihre Person immer noch ein schwacher Abglanz wirklicher Herrscher würde. Sie sind die einzigen im Lande, mit denen die weißen Kaufleute noch mit einiger Sicherheit ein Abkommen treffen können; um sich ihr Wohlwollen zu sichern, dürfen selbst wertvolle Geschenke nicht angesehen werden, und so kommt es, daß man in den armseligen Mattenhütten dieser „Negerkönige" nicht selten große, in Goldrahmen gefaßte Spiegel, präch tige Vasen, Lampen und andere Luxusgegenstände findet, deren Wert der Eigentümer gar nicht zu würdigen versteht. Die Unterthanen der Negerkönige in der Kolonie Kamerun gehören fast samt und sonders dem Negerstamme der Duala an. Sie zeichnen sich vor den meisten Negerstämmen der Westküste durch etwas lichtere Haut farbe aus, welche von einem Reisenden mit der des schwachgebrannten Kaffees verglichen wird. Diese Abweichung von dem Schwarz der meisten Negerstämme ist aber auch so ziemlich alles, was sich zu ihren Gunsten sagen läßt. Ihre Gesichtszüge sind grob und roh, und diesem unschönen Äußern entspricht ihre geistige Art: sie werden von den Weißen als geistig stumpf und der Bildung wenig zugänglich bezeichnet; dabei aber sind sie ungemein träge, feig, diebisch und hinterlistig. Da begreift sich, daß trotz der unsäglichen Mühe, welche eine Reihe von Jahren hindurch englische Missionare dem Bekehrungsgeschäfte unter den Dnala gewidmet haben, dieselben so wenig Erfolge erzielten, daß sic sogar die kleine Schule wieder aufgaben, in welcher sie den Samen der christlichen Lehre in die Herzen der Jugend zu pflanzen gedachten. Diesem niederen geistigen Standpunkte der Dnala entspricht ihre Art zu wohnen und sich zu kleiden. Unter der Tropensonne dieser Gegenden vermindert sich die Kleidung auf das Unentbehrlichste: ein Streifen Baum- wollenzeug, je nach den Vermögcnsverhültnissen von verschiedener Größe, bildet die gesamte Garderobe von Mann und Frau; die Kinder läßt man ganz nackt umherlaufen. Aber in einem Stücke sind die Dnala echte Glieder der großen Menschenfamilie: ihnen wohnt die Lust, sich zu schmücken, ebenso unvertilgbar inne wie den elegantesten Modedamen unserer Groß städte. Nur in den Schmuckgegenständen ist natürlich ein Unterschied. Den Hut, dieses unentbehrliche Stück einer Damentoilette, kennt man hier nicht; aber auf den natürlichen Schmuck des Kopfes, das Haar, verwendet man große Sorgfalt. Besonders bemühen sich die jungen Mädchen, ihre—- 267 -— Haartour möglichst vorteilhaft zu gestalten. Sie ziehen nämlich vom Wirbel aus einen Scheitel in einer Schraubenlinie um den Kopf und flechten das Haar zwischen den Scheiteln in zahlreiche, kurz anliegende kleine Flechten zusammen, durch welche an einer Seite des Kopfes ein zierlich in Pfeil form geschnitztes Stäbchen von Elfenbein recht kokett hindurchgeschoben wird. Ungleich seltsamer ist der Schmuck der Frauen. Sie durchbohren ihre Ohrlappcn, oft auch die Nasenscheidewaud und stecken durch die entstandenen Löcher Holzstifte oder Pfropfen von zusammengerollten Blättern, welche nach und nach mit stärkeren vertauscht werden, so daß der Ohrlappen schließlich in einen weiten Ring ausgezogcn ist. Die Frauen aber lieben es ebenso wie die jungen Mädchen, Hand- und Fußgelenke mit Ringen von Perlenschnüren zu schmücken, und auch dem Halse fehlt selten dieser Schmuck, zu dem ihnen die weißen Kaufleute die bunten Glasperlen liefern. Überhaupt scheint der Armring das wesentlichste Stück des Schmuckes bei den Duala zu sein. Denn auch die Männer tragen häufig aus Elefantenzähnen geschnittene Armringe, auf welche die „Könige" oder größeren Ölhändler von den europäischen Kaufleuten gern ihre Namen schreiben lassen, um sie den Fremden gegenüber als Legitimation zu benutzen. Ein besonderes Zeichen der königlichen Würde ist dann noch der geschnitzte Ebenholzstock, mit dem ein solch schwarzer Herrscher stolz cinherschreitet, sowie ein europäischer Cylindcrhut, möge dieser auch noch so fuchsig und fadenscheinig aussehen. Einen noch weniger erfreulichen Eindruck, als die äußeren Sitten der Duala, gewährt ein Einblick in ihr Familienleben. Ein hervortretender Zug in dieser Hinsicht ist die Stellung, welche sie den Frauen einräumen. Diese ist, wie bei allen Negerstämmen, eine überaus niedrige. Die Frau wird, wie bei allen Negerstämmen, so auch bei den Duala, dem Vater einfach abgckauft, und sie ist dann die willenlose Sklavin des Mannes. Was es an Arbeit zu thun giebt im Haushalt, liegt auf ihren Schultern. Sie muß die Matten flechten zum Bau des Hauses; sie muß das Jams oder Bananenfeld bearbeiten und die Früchte einernten; sie muß das Palmöl auspressen, und daneben hat sie auch noch die Küche zu versehen, zu welchem Zwecke sie aus dem thonigcn Schlamme des Flusses die Töpfe und Schüsseln aus freier Haud formen und nach dem Trocknen am Feuer hart brennen muß. Sie hat hunderterlei Geschäfte, während der Mann kaum einmal zu einer Elefantenjagd Hand und Fuß regt. Nur den Verkehr mit den weißen Händlern läßt sich solch ein schwarzer Hausherr nicht nehmen. Für die Frau fallen dabei ein paar Perlenschnüre ab, oder wenn es hoch kommt, einige Blätter Tabak — denn die Frauen der Duala rauchen mit Leidenschaft —; alles andere, besonders den erhaltenen Rum, verwendet268 der Mann in seinem Interesse oder in dem seiner schwarzen Jungen, die er zu ebensolchen Haustyrannen erzieht, wie er selbst einer ist. Es ist bereits erzählt, daß die einzige Gelegenheit, bei welcher die Duala aus ihrem trägen Dahindämmeru erwachen, die Elefantenjagden sind, welche ihnen das oon den europäischen Händlern vielbegehrte Elfen bein liefern. Die Gewinnung des anderen Hauptprodukts für den Handel, des Palmöls, bleibt allein dem Fleiße der Frauen überlassen. Wenn die an den niederen Ölpalmen hängenden Fruchttrauben ein schönes Orangcrvt zeigen, dann gehen die Negerweibcr, mit an Stangen befestigten schweren Messern versehen, hinaus zur Ernte. Mit kräftigen Schlügen trennen sie die schweren Fruchttrauben von ihren Stielen und sammeln sie in roh geflochtenen Körben. Zu Hause geht es dann an das Bereiten des Palmöls. Die walnußgroßen Früchte, deren Fruchtfleisch stark ölhaltig ist, werden in große irdene Gefäße gebracht und vermittels einer hölzernen Keule zer stampft. Hierauf vermischt man den Brei mit Wasser, bringt ihn über Feuer und kocht die Flüssigkeit unter beständigeiu Umrühren. Dadurch sondert sich alles im Fruchtfleische enthaltene Ol ab, und ebenso werden die Fasern und Kerne ausgeschiedcn, welche man mit Schöpfern aus grobem Geflecht entfernt. Hierauf läßt man die heiße Flüssigkeit erkalten und sich klären, worauf das obenschwimmende Öl in thönerne Kalebassen, wohl auch in hohle Kürbisse abgegossen wird. Das sind denn auch die Gefäße, in bencii die Duala das Öl den weißen Händlern zum Kauf anbieten. Neuerdings wissen sie auch noch die beim Palmölkochen abfallenden Palm kerne zu verwerten, seitdem ihnen dafür ein guter Preis geboten wird. Hat ein Duala so viel Elfenbein oder Palmöl und Palmkerne zu sammen, daß es eine Fahrt nach der „Hulk" des weißen Händlers lohnt, so macht er sich früh am Morgen auf zur Fahrt; denn ein solcher Handel ist eine Tagesarbcit. Da die Neger gar keinen Begriff haben vom Werte der Zeit, so feilschen sie halbe Tage lang um den Preis, der ihnen für ihre Waren zu zahlen ist. Ist dann solch ein Neger endlich mit dem weißen Kaufmann handelseins geworden über den Preis, so ist der Handel noch lange nicht beendet. Denn da er den Preis nur in europäischen Waren erhält, so macht ihm die Auswahl derselben wieder stundenlanges Kopfzerbrechen. Bald gefüllt ihm an den Baumwollstoffen die Farbe nicht, bald das Muster. Hat er zuerst Zeug gewählt, so möchte er hernach Eisenwaren. Dann denkt er daran, daß seine Frau zu einer Perlenkette nicht scheel sehen würde, und Tabak ist auch nicht zu verachten. Endlich besinnt er sich, daß er doch eigentlich immer recht großen Durst habe, und so entscheidet er sich schließlich für Rnm. Da ihm aber jede solche Über-269 legung entsetzlich viel Zeit kostet, so zögert sich der Abschluß eines solchen Kaufgeschäftes gewöhnlich bis zum Abend hin; ja, wer weiß, wozu ein solcher Neger fähig wäre, gälte es nicht als strenge Regel, daß mit sinkender Sonne die „Hulk" von allen, die nicht zu ihr gehören, geräumt sein muß. Man sieht aus alledem, daß es kein interessanter Beruf ist, dem der weiße Kaufmann am Kamerunflusse obliegt: — Tag für Tag dasselbe schwerfällige Handelsgeschäft, abgeschnitten vom Verkehr mit gebildeten Menschen, in beständiger Gefahr für Leben und Gesundheit, welche die den Sümpfen entsteigenden Fieberlüfte bereiten. Da ist es ein Festtag, wenn, vielleicht allmonatlich einmal, ein europäisches Fahrzeug zwischen den Mangrovenwaldungen heraufdampft. Dann wird jedes Geschäft unter brochen — die Duala, welche etwa an Bord der „Hulk" sind, mögen morgen wiederkommen mit ihren Palmöl-Kalebassen. Das Schiffsboot wird klar gemacht. Aus dem Rücksitz liegt ein Leopardenfell für den Kauf herrn; vorn warten die schwarzen Ruderer auf den Befehl zur Abfahrt. Am Steuer nimmt der Handelsherr Platz, heute in feiner europäischer Kleidung, den Strohhut mit einem weißen Tuche umwunden, dessen Zipfel über den Nacken herabhängen, in der Hand den aufgespannten Sonnen schirm zum Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen. Um das eingelaufene Dampfboot sammelt sich dann auf einige Stunden, was von Europäern in der Kolonie ist; es werden Postsachen übergeben und abgeholt, Ladungen geholt und übernommen, und dazwischen kann man sich nicht satt plaudern in der heimischen Sprache. Dann ein Böllerschuß — der Dampfer macht sich fertig zum Auslaufen — und bald geht in der Kolonie alles wieder seinen alltäglichen schleppenden Gang. So ist es bisher gewesen an den Ufern des Kamerunflusses. Die nächste Zukunft aber wird manches ändern. Schon baut man an dem stattlichen Gebäude des deutschen Gouverneurs, der dort im Namen des deutschen Kaisers das Recht wahren und dem Unrecht steuern soll, und wenn diese Zeilen in die Hände des freundlichen Lesers gelangen werden,* so wird auch das Haus fertig stehen, eine Burg deutschen Wesens im fernen Afrika. Und wie es die Art der Deutschen ist, lieber mit Waffen des Geistes zu kämpfen als mit roher Gewalt, so wird beim Hause des deutschen Gouverneurs auch die deutsche Schule stehen. Hoffen wir, daß ihre Arbeit auch an den Seelen der im Heidentume versunkenen Kamerun neger eine gesegnete sei! * Geschrieben 1887.270 Bei üen (Eskimos auf Labrador. abrabor ist die größte Halbinsel Nordamerikas, mehr als zwei mal so groß wie Deutschland. Wenn man auf der Landkarte ihre Lage betrachtet, so scheint diese gar nicht unvorteilhaft zu sein; denn die südlichen Teile der Halbinsel liegen etwa mit Berlin unter einer und derselben geographischen Breite. Aber die Erdkundigen lehren uns, daß es in Hinsicht auf die Witterung einen bedeutenden Unter schied macht, ob ein Land der alten Welt oder der neuen Welt angehört. Wir in Deutschland seufzen wohl manchmal, wenn der Winter sich im November mit Schneeflocken anmeldet und der März noch keine Veilchen bringen will, — aber das ist mit Unrecht geklagt; denn in den Teilen Nordamerikas, welche dieselbe Lage haben wie Deutschland, ist der Winter von noch längerer Dauer und lastet auch mit größerer Strenge auf den Menschen. Daraus läßt sich denn sehen, was man von der Witterung in Labrador zu erwarten hat. So hätte denn das Land Labrador eigentlich nichts, was einen weißen Mann reizen könnte, sich in dies unwirtliche Gebiet zu wagen. Aber mehr als eine reizvolle Natur spornt es den Menschen an, wenn er sich ein Feld gewinnbringender Thätigkeit zu erschließen vermag. So dachten auch jene wetterharten, unternehmenden Männer, tvelche in den dreißiger Jahren aus den britischen Besitzungen am St. Lorenzstrom aufbrachen, um in Labrador Handel zu treiben. Es waren ihnen Gerüchte zu Ohren ge kommen von dem großen Reichtum an Pelztieren, an Zobeln, Mardern, Blaufüchsen u. s. w., welche sich in den Wäldern des unbekannten Gebiets befinden sollten, und die Hoffnung, diese teuern Pelze in großen Mengen einhandeln zu können, bewog sie, in Labrador einen Handelsposten zu gründe». Sie siedelten sich zu diesem Zwecke an einem Flusse au, der in die Ungavabai sich ergießt, welche von Norden her in die Halbinsel Labra dor einschneidet. Es wurde ein mit Palissaden uinfriedetes Fort gebaut; man legte die Waren zurecht, gegen die man Pelze einzutauschen gedachte; aber es fehlte zu einem Geschäft am Notwendigsten, an den Eingeborenen, welche das sehnlich erwartete Pelzwerk zum Tauschhandel heran brachten. Als dann die Leiter der Unternehmung Streifzüge durch das Land unter nahmen, um persönlich Handelsverbindungen anznknüpfen, brachten sie sehr entmutigende Nachrichten zurück. Erstlich war Labrador gar nicht so reich271 an Pelztieren, als man erwartet hatte, und sodann war mit den Ein geborenen kein gewinnreicher Handel anzuknüpfen gewesen, weil es diesen bedürfnislosen Menschen nicht einlcuchten wollte, daß sie, um bisher ent behrte Dinge zu erwerben, härter arbeiten müßten als bisher. Als sich so die Aussichten auf lebhaften Handelsverkehr als nichtig erwiesen, gaben die englischen Unternehmer ihre Niederlassung auf und zogen nach Kanada zurück. Einen rührenden Gegensatz zu dieser Unternehmung bildet eine andere, die von christlichen Missionaren ausgegangen ist. Es war im Jahre 1771, als sich an der Ostküste von Labrador einige Mährische Brüder oder Herrn huter an das Land setzen ließen. Sie erbauten aus Holz, das sie aus Dänemark mitgebracht hatten, einige Wohnhäuser und ein ebensolches Kirch lein und gruben im Schweiße ihres Angesichts etwas vor den Winden geschütztes Ackerland um, auf dem sie Kohl, Rüben und einige Küchen gewächse anbauten. Ihre Hauptarbeit aber galt den Eingeborenen, den Eskimos. Sie suchten sie in ihren Hütten auf, lernten ihre Sprache, brachten ihnen in Krankheiten Heilmittel, gaben in Hungerjahren den Darbenden aus ihren eigenen Vorräten und gewöhnten sie so allmählich an ihre Ansiedelung. Wenn dann am Tage des Herrn die Glocke des kleinen hölzernen Kirchleins zum Gottesdienste rief, dann kamen von weit her die Eskimos zu den freundlichen Brüdern, und manchem von ihnen gefiel es so gut bei diesen, daß im Laufe der Zeit um die Niederlassung der Mährischen Brüder eine Ansiedelung von christlichen Eskimos entstand. So hat sich diese erste Niederlassung der Mährischen Brüder als ein rechtes Nain (die Freundliche) erwiesen. Später sind von hier aus noch drei Missionsplätze gegründet worden. Von diesen liegt Hössenthal etwas südlicher, Okak und Hebron aber nördlicher. Eine jede dieser Nieder lassungen ist der Ausgangspunkt christlichen Glaubens und Lebens für eine viele Meilen umfassende Umgegend geworden. Hier vollzieht sich der geringe Handelsverkehr; hierher kommen die christlichen Eskimos, um dann und wann einmal eine Predigt zu hören im Gotteshause, oder ihre Kinder taufen zu lassen, oder zum Tische des Herrn zu treten. Von hier aus unternimmt auch der Missionar seine Sommerreisen, um die zerstreut lebenden Glieder seiner Gemeinde aufzusuchen. Einfach und dabei doch seltsam fremdartig sind die Scenen des Lebens und Treibens der Ein geborenen, die er auf seiner Wanderung beobachtet. Dem Kalender nach ist es Sommer; denn wir sind im Juli. Aber wie ganz anders kommt hier der Sommer, als in Deutschland. Da schickt er seinen Bruder voraus, den lieblichen Frühling, der breitet über die272 Wiesen grünen Sammet und stickt sie schön mit gelbem Hahnenfuß und Dotterblumen und mit dem lilafarbenen Schaumkraut, und derweil sprengt er im Garten die Knospen der Obstbäume, so daß die grünen Blätterherzchen wundersam anmutig hervorlugen aus dem weißen Blüten schnee. Einen solchen deutschen Frühling kennt man in Labrador nicht. Wohl werden die Tage länger und länger, und im Mai scheint die Sonne gegen Mittag einige Stunden schon recht warm; da aber die ganze Küste zu dieser Zeit noch von treibenden Eisfeldern unckagert ist, so hält der eisig kalte Ostwind alles zurück in den schützenden Knospen- hüllen, was sich etwa von treibenden Blättchen an das Sonnenlicht wagen möchte. Endlich, vielleicht in der Mitte des Juni, wird das Meer eisfrei und die Nachtfröste bleiben aus. Dann aber ist es auch wie mit einem Zauberschlage Sommer. Überall webt der warme Sonnenstrahl in den schlafenden Pflanzenkeimen, und in wenigen Tagen kleidet sich die Erde in ihr Festgewand. Freilich, was man in Labrador ein Festgewand nennt! An der felsigen Meeresküste, wo niedere Sprossentannen sich so eng aneinander drängen, daß man über die ineinander gewachsenen Zweige dahinzuschreiten vermag, prangt es, wie die Kerzen an einem Weihnachtsbaum, von fingerlangen gelbgrünen Sprößchen; hier und da überkleidet ein niederes Birkenstümm- chen sein zierliches Astgehänge mit saftiggrünen Blättchen, oder eine ver krüppelte Weide zeigt zugleich Kätzchen und hervorbrechende Blätter. In geschützten Gründen fangen Erdbeeren und Brombeeren an zu blühen; der Stachelbeerstrauch verspricht, wenn die Beere nicht vom jäh eintreten den Froste vernichtet wird, sogar eine Art Obst; Hirtentäschel, Ehrenpreis, Löffelkraut, die Kleinen unter den Gewächsen, treiben immer neue Blüten und setzen zugleich Früchte an. Wo sich aber der Boden zu tieferen Mulden senkt, da wuchern Moose und Flechten, trotzdem der Boden in geringer Tiefe noch immer gefroren ist und auch wohl nie auftaut. Und auf den Bergen sieht es ebenso trostlos aus wie in den von Torfmooren ausgefüllten Niederungen: am Fuße zeigt sich wohl noch etwas Nadelholz, aber verkrüppelt und dicht an den Boden geduckt, zum Schutze vor dem grimmen Wintersturme; nur wenige hundert Fuß über dem Boden aber hört alles Pslauzenleben auf, und man erblickt nichts als den kahlen röt lichen Fels. Selten erfreut das Ohr des Wanderers der anheimelnde Gesang eines Vogels: da und dort zwitschert ein Rotkehlchen oder ein winzig kleiner Sperling; Raben und Eulen sind nicht häufig, desto zahl reicher aber erscheinen an den Küsten und in den Mündungen der Flüsse die Wasservögel, Gänse, Enten und der zierliche Schwan, vor allen aber273 der Eidervogel, jene nützliche Entenart, deren Daunen einen wertvollen Gegenstand des Handels bilden könnten, wenn nur die Eingeborenen sich die Mühe nehmen wollten, sie ebenso sorgsam zu gewinnen, wie das auf der Insel Island geschieht. Woher diese Gleichgültigkeit der Eingeborenen gegen jede Verbesserung ihrer Lage kommt, sehen wir, wenn wir sie in ihren Wohnungen aufsuchen. Sie wechseln dieselbe je nach der Jahreszeit. Sobald die Sommerwärme hoch genug steigt, um den Schnee zu schmelzen, rinnt das Schmelzwasser in alle tieferen Stellen der Winterhütte und treibt die Eskimos zum Be ziehen des Sommerzeltes. Dieses ist aus Walroßsellen gearbeitet, welche durch Sehnen aneinander genäht sind, und erhebt sich hinter einer schützen den Bergwand wie ein abgestumpfter Kegel; eine offen gelassene Stelle er setzt die Thür; oben ist das Zelt geschlossen, da Feuer darin niemals an gezündet wird. Die innere Ausstattung ist die einfachste, die man sich denken kann. Walroßhäute dienen zur Lagerstatt; ein Kessel, einige rohe, hölzerne Küchengeräte stehen an den Wänden umher; einige Messer und ein Beil, welche aus dem Warenvorräte der Missionare stammen, sind die einzigen Gegenstände europäischer Abstammung. Dagegen haben die Missio nare sich wohl gehütet, diese Verbesserungen bis auf die Waffen zu er strecken, und so findet man bei ihnen noch immer die ursprünglich im Lande heimischen Waffen, die Lanze, deren Schaft mühsam aus einem Taunenstämmchen verfertigt wurde und die eine aus dem Zahne des Wal rosses geschnitzte Spitze trägt, sowie Bogen und Pfeile, welch letztere mit Spitzen von Knochen oder scharfem Feuerstein versehen sind. Wo es in der Familie Kinder giebt, da fehlt nicht die aus rohem Weidengeflecht ge fertigte Wiege, die, von der Spitze des Zeltes an einem aus Sehnen ge drehten Stricke herabhüngend, von der Mutter durch gelegentliche Stöße in schaukelnde Bewegung gesetzt wird. Ein solches Eskimo-Sommerzelt ist stets nur von einer einzelnen Familie bewohnt. Sie sind ein seltsames Völklein, diese Eskimos. Mit einem wohlgewachseneu Deutschen verglichen, sind sie von kleiner Statur. Das schönste an ihnen sind Hände und Füße; denn diese sind klein und edel geformt. Dagegen ist das Antlitz flach, die Wangenknochen springen weit hervor, die Augen sind klein, tiefliegend und nebst den Augenbrauen schwarz; denkt man sich dazu die breite Nase, die Ohren, welche durch daran gehängte Zieraten ungewöhnlich in die Länge gezogen sind, die dünnen Lippen, das straffe, schwarze Haar und die weizengelbe Gesichts farbe: — so wird man gestehen müssen, daß von den Eigenschaften, die wir an einem edel gebildeten Menschen zu finden gewohnt sind, die Es- 18 Hummel, Bilder <i. d. Wcltk.274 kimos so gut wie gar keine besitzen. Auch ihre Tracht, obgleich außer ordentlich zweckmäßig für das strenge Klima ihres Heimatlandes, ist nach europäischen Begriffen sehr unschön. Sic tragen besonders im Winter stets Ober- und Unterkleider von derselben Form; der ganze Unterschied zwischen dem Ober- und llntcrkleide besteht darin, daß letzteres das Pelzwerk dem Körper zukehrt, während es bei dem oberen die Außenseite cinnimmt. Die Stiefel — welche auch die Frauen tragen —, die Hosen und Oberkleidcr sind allesamt aus Walroßfellen gemacht; eine Kapuze aus demselben Stoff, nicht selten mit einem Saume aus Fuchspelz nicht ungeschickt verziert, ist an dem Oberkleide befestigt und macht jede andere Kopfbedeckung über flüssig. Im Sommer legt man natürlich die Oberkleidcr ab. So leicht und sommerlich gekleidet treffen wir die Familie im Zelte beisammen. Sie sind auf der Sommerwanderung nach der Küste hinunter, brechen daher das Zelt nach kurzer Lagerung ab und transportieren cs auf einen, Schlitten weiter, der von grobhaarigen Hunden selbst über den Felsboden dahiugezogen wird. Freundlich werden wir empfangen und mit einfachster, natürlichster Gastfreundschaft bewirtet. Solch rohe Naturkinder, wie die Eskimos cs sind, kennen nur eine Art, den Gastfreund zu ehren: das Vorsitzen des Besten, was sie gerade in ihrem Spcisevorrate haben. Eine hölzerne Schüssel mit roh gekochten Fleischstückcu wird in den Mittelraum gestellt, wo sich alle kauernd niedersetzen, nachdem wir auf einem dargcreichtcn Bündel von Seehuudsfellen Platz genommen haben. Ein jeder wählt das Stück, das ihm am meisten zusagt; findet er es zu groß, um es auf einmal in den Mund zu nehmen, so ist dem bald ab- geholfen: ein Ende des Fleischstückes wird mit den Zähnen erfaßt, das an dere mit der linken Hand, während die rechte in gefährlicher Nähe der Nase einen trennenden Schnitt macht. Will dich die Wirtin ganz besonders ehren, so sitzt sie auch Kompott auf, fad-süßliche Moosbeeren mit See- hundsthran getränkt. Dann bietet der Wirt dem Missionar eine Pfeife Tabak, und das Mahl ist zu Ende. Wenn unsere Eskimofamilie hinunterkommt an das Meer, dann ist für sie die Zeit rüstigen Schaffens für die Bedürfnisse des bald wieder hereinbrechenden Winters. Sie verwandeln sich in kurzer Zeit in ge schickte Seeleute. Die Frau hilft dem Manne beim Bau einiger Boote. Aus wenigen zähen Holzrippen, die ,nan mit Seehundssill überzieht, ent steht unter ihren in diesen Arbeiten geübten Händen das größere Weiber boot, der „Nimajak," und der „Kajak." In dem letzteren geht der Mann hinaus auf das offene Meer; das nnbehilfliche Nimajak dient dazu, die Familie längs der Küste zu transportieren, wenn der Wohnplatz gewechselt18 * 275 wird. Besonders der Kajak ist ein in seiner Art vortreffliches Fahrzeug. Bei einer Breite von nur etwa sechzig Centimeter ist er etwa vier Meter lang und läuft nach beiden Enden sehr spitz zu. Er ist nicht nur an den Nippen dicht mit Seehundsfell überzogen, sondern auch auf der ganzen Oberseite, mit Ausnahme einer Öffnung in der Mitte des Fahrzeuges, in welches der Ruderer seine Beine steckt. In der Handhabung dieser sonder baren Fahrzeuge besitzen die Eskimos eine ganz unglaubliche Geschicklichkeit. Auf ihnen gelingt es, nicht nur den scheuen Seehund zu beschleichen, son dern auch selbst den Riesen des Eismeeres, den Walfisch zu fällen. Aber auf der Seehundjagd ist der Eskimo auch ein ganz anderer Mensch, als daheim, wenn er im Zelte träge der Ruhe Pflegt. Weit draußen in See tauchen die schwärzlichen Köpfe von Seehunden auf, andere sonnen sich auf felsigem Geklipp. Zwei, drei Eskimos, die sich mit einander zur Jagd verbündet haben, eilen hinunter zum Strand. Rasch sind sie in den Kajaken, in denen außer den Wurfspießen mit den scharfen Knochenspitzen Tag und Nacht das Doppelruder bereit liegt, dessen an beiden Enden befestigte, schmale Schaufeln abwechselnd in das Wasser ge taucht werden. Der Ledergurt, an welchem der Eskimo sich mit seinem Kajak zusammenschnürt, ist festgebunden, und gleich darauf schwimmt das Boot auf offenem Wasser. Ob ruhige oder bewegte See, ist ihnen gleich; das Ruder regelmäßig zu beiden Seiten eintauchend, lassen sie den Kajak über die schaumgekrvnten Wogenkämme hüpfen. Fast lautlos nähern sich die Seehundsfänger, indem sie in weitem Bogen sich trennen, ihrer arglos im Wasser spielenden Beute. Enger schließen sie den Kreis. Da hebt eins der Tiere den Kopf; es wittert die Gefahr. Schnell taucht die ganze Schule — so nennen die europäischen Robbenfänger eine solche Gesellschaft von Seetieren — unter. Den Eskimos ist das eben recht; sie wissen, daß nach tvenigen Minuten die Seehunde irgendwo in der Nähe wieder empor- taucheu müssen, und für diesen Fall nehmen sie nun die Wurfspieße zur Hand. Mit scharfem Auge schauen sie rings um das Boot. Wo weißliche Luftblasen das Emporkommen eines Seehundes ankünden, dahin lenken sie mit der Linken und mit geschickt ausgeführtcm Ruderschlage den Kajak, so daß sie den auftauchenden Seehund nicht selten dicht vor dem Wurfspieße haben. Ein geschickter, kraftvoller Wurf — und das Tier taucht, zum Tode getroffen, zurück in das Wasser, um in kurzer Zeit langsam wieder an die Oberfläche zu steigen, eine willkommene Beute der kühnen Ruderer im Kajak. Kommt ein Walfisch in Sicht, so nehmen sie entschlossen selbst den Kampf mit diesem auf. Sie bedienen sich dann, nach Art der Walfisch fänger, einer Harpune, an die sie mit einem, wohl zehn Meter langen- 276 Riemen ein aufgeblasenes Robbenfell befestigen. Dieses Fell wird in dem selben Augenblick ins Meer geworfen, wo der Walfisch von der Harpune getroffen ist. Indem das Fell durch die Bewegungen des Tieres umher geschlendert wird, setzt es diesem einen so kräftigen Widerstand entgegen, daß der Walfisch bald davon erschöpft aus dem Wasser emportaucht, um zu atmen. Diesen Augenblick benutzen die Eskimos, sich ihm von hinten zu nähern und ihm ihre Lanzen in die edleren Teile zu stoßen. Ein solch glücklicher Fang versorgt dann eine ganze Anzahl von Familien für den langen Winter mit Thran und Walfischspeck. Der Winter aber meldet sich in Labrador schon früh im Jahre an. Schon in den ersten Tagen des Septembers gewinnt die Pflanzenwelt ein herbstlich buntes Aussehen. Die Zwergbirken kleiden sich in ein rotes Gewand; bleich und erfroren sehen die Sumpsbeeren aus dem dnnkel- geröteten Blätterpaare hervor, und nur hier und da kommt noch eine ver spätete Blüte zur Entfaltung. Wenn dann die ersten Schneeflocken über das öde Land wirbeln, so ist der Winter da und hält ununterbrochen mindestens acht Monate an. Da ist es für die Eskimos Zeit, aus dem luftigen Sommerlager in die Winterquartiere zu ziehen. Manche von ihnen halten sich zu den Missionen, andere suchen weitab von jeder mensch lichen Siedelung in geschützten Felswinkeln Unterschlupf. Hier wie dort aber erbauen sie ihre eigentümlichen Schneehütten. Aus durchtantem und dann hart gefrorenem Schnee, den sie in Blöcke formen, wölben sie eine Art Halbkugel, die etwa vier Nieter im Durchmesser hält und drei Meter Höhe besitzt; der obere Teil dieser Halbkugel wird mit einer durchsichtigen Eisscholle belegt; aus der Schneehütte führt ein gekrümmter, ganz in Schnee eingegrabener und bedeckter Zugang, der gegen den Wind durch Vorgesetzte Eisschollen verschlossen werden kann, ins Freie. Im Innern läuft um die Schneewand eine niedere Bank von Schnee, die dicht mit Scehunds- fellen bedeckt wird und als Sitz und Bett dient. Eine Feuerstelle giebt es im ganzen Raume nicht; die Thranlampe aus Stein, in der ein Docht von Moosfaseru die Flamme nährt, giebt hinlänglich Wärme. Am meisten aber schützen sich die Eskimos gegen die Kälte durch reichlichen Genuß von Robbenfleisch und thrantriefendem Walsischspeck. Wochenlang kann in dieser Weise eine Eskimofamilie in einem eigentümlichen Stillleben verbringen, nur mit Essen und dazwischen mit Schlafen beschäftigt, ohne daß sich der Sinn für Geselligkeit regt. Aber selbst unter Schnee und Eis vermag dieser nicht völlig zu ersterben. Blaut ein klarer Wintertag, an dem es nicht allzu kalt ist, dann denkt wohl der eine oder der andere an einen Besuch im nächsten „Jgloi"277 (Hütte). Der an den Kufen mit Walfischrippen unterlegte Schlitten er weist sich jetzt in seinem ganzen Werte. Drei bis vier Paar Hunde, durch Stricke von Renntiersehnen vor den Schlitten gespannt und ununter brochen angetrieben von der langen Peitsche ihres Herrn, ziehen das leichte Gefährt mit sausender Schnelligkeit über die glänzende Schneeflüche dahin. In dem befreundeten Jgloi giebt's dann einen freudigen Willkomm und einen tüchtigen Schmaus. Ob dabei die Nacht zu>n Aufbruch mahnt, beachtet der Besucher nicht viel: der funkelnde Glanz der Sterne am klaren Winterhimmel, nicht selten auch der milde, strahlende Schein eines Nord lichtes erhellt ihm den einsamen Pfad. Im amerikanischen Hintermaiü. * er Staat New-Jork ist unter den Landesteilen der Vereinigten Staaten von Amerika am längsten und dichtesten besiedelt. Eisen bahnen durchziehen nach den verschiedensten Richtungen das Land; eine Dampferslotte belebt den Hudson, die große Hauptwasserader des Landes, und seine Hauptstadt New-Iork ist die volkreichste und glänzendste in dem blühenden Kranze der Hafenstädte an der atlantischen Küste. Und doch gehören zu demselben Staate New-Iork noch Urwaldbezirke, die so menschen leer sind, wie zu der Zeit, als die ersten Baumstämme zu der Stadt Manhattan gefällt wurden, der alten holländischen Ansiedelung an der Mündung des Hudson, an deren Stelle jetzt New-Iork in so großartiger Weise emporgcblüht ist. Wenn man von New-Jork aus mit einem der zahlreichen Dampfer den Hudson hinauffährt, so kommt man, nachdem man etwa dreißig deutsche Meilen zurückgelegt hat, zu der Stelle, wo von Westen her der wasserreiche Mohaivkslnß sich in den Hudson ergießt. Der Mohawk ist die Haupt verkehrsstraße in dem nördlichen Teile dieses Staates; denn auf seinen Wassern geht bis zur lebhaften Handelsstadt Buffalo alles hinauf, was die reichen New-Iorker Handelsherren über den Eriesee hinüber nach Kanada schaffen, und alles kommt den Fluß herunter, was die kanadischen Ansiedler zur Ausfuhr nach dem New-Iorker Hafen zurückschicken.Dagegen veröden die Nferlandschaften am eigentlichen Hauptstrome des Staates New-Iork, am Hudson, immer mehr, je weiter nach Norden hin man den Strom verfolgt. Was an den Ufern des oberen Hudson sich an gesiedelt hat, liegt außer dem Bereiche des großen Handelstreibens; dort sind entweder vereinsamte Farmen oder Sommerausflngsorte für die reichen New-Iorker Kaufleute oder Fabrikanten. Unter den letzteren nimmt der Badeort Saratoga den ersten Platz ein, nächst ihm das aus zierlichen Sommerhäusern bestehende Landstüdtchen an den malerischen Glennsfällen. In dc» kanadischen Wäldern. Es muß jedem Nordamerikaner, der die Schriftwerke seines Volkes kennt, wunderbar zu Mute sein, wenn er in den prachtvollen Kurgürten von Saratoga sich ergeht oder einen Ausflug nach den benachbarten Glennsfällen macht. Denn diese Stellen sind der Boden, auf dem sich eine jedem Amerikaner bekannte Scene der berühmten „Lederstrumpf-Er zählungen" des amerikanischen Schriftstellers James Fenimorc Cooper zu getragen hat. In einer Hohle in dem kalkigen Gestein, über welches der Glennsfall hinabschäumt, war es, wo Hawk-eye seine Schutzbefohlenen barg und von wo aus er den Kampf gegen die blutdürstigen Mingos so279 heldenhaft führte; das heute so glänzende Saratoga bezeichnet den Platz an der Quelle, wo er samt seinen beiden Nothautfreunden Chingachgook und Unkas über die Horde des verräterischen Magna herfiel und seine weißen Genossen aus ihnen heraushieb. Seit jener Zeit, die uns der Dichter so lebensvoll geschildert hat, mögen fast hnndertvierzig Jahre vergangen sein. Es klingt daher ein wenig überraschend, wenn man Hort, daß nur einige Tagereisen west- und nordwärts von diesen belebten Sommerfrischen, in der Richtung nach den Ufern der kanadischen Seen und des St. Lorenzstromes hin sich noch heute eine ununterbrochene Waldwildnis ausbreitet. Und doch ist es so. Dieser Urwald ist von keiner Straße durchzogen, von keiner Kultur be rührt; seine zahlreichen Flüßchen und kleinen Seen werden höchstens von den Rindenkanoes der wenigen noch im Lande zurückgebliebenen, halb- eivilisierten Indianer oder eines vereinsamten Jägers belebt, welcher dem geradezu fabelhaften Reichtum der Gewässer an Forellen nachgeht, oder den Bären, Jaguaren und Wölfen, den Muse- und Elenntiereu den Krieg erklärt hat, die dort noch gegenwärtig fast die einzigen Herren des Bodens sind. Diese weiten Urwaldreviere werden erst in sehr ferner Zukunft von den großen begrenzenden Strömen aus einigermaßen gelichtet werden. Teilweise ist dies bereits jetzt in den Gegenden am Hudson und noch nörd licher in den Uferdistrikten des langgestreckten Champlainsees der Fall. Diese Bezirke sind schon seit langen Jahren die großen Holzkammern, ans denen sich die nun schon holzarm gewordenen Ufergelände des Hudson bis hinunter nach New-Iork mit Bau- und Brennholz versorgen. Hunderte von Menschen trifft man während des Winters, zu welcher Zeit die großen Holzsendungen vorbereitet werden, an Stellen, wo im Sommer nicht ein einziger Ansiedler zu finden war. Unternehmende Kapitalisten kaufen des Bauholzes wegen große Strecken Waldland. Um diese auszubcuten, schließen sie dann mit den Holzfällern einen Vertrag ab. Da die letzteren den Wald nur für die Dauer ihrer Arbeit zum Aufenthalt wählen, so ist ihre häusliche Ein richtung sehr einfach. In geschützten Thalschluchten bauen sie Blockhütten für sich und das wenige Rindvieh, das sie mit in den Wald hinaus- nehmen. Einige in die Holzblöcke eingefügte Stangen dienen als Bettstatt, rohgezimmerte Kasten müssen Schränke, Stühle und Tische zugleich er setzen. Nachdem sie sich so eingerichtet haben, wozu kaum ein paar Tage erforderlich sind, beginnen sie ihren Verheerungskrieg gegen die Riesen tannen des Urwaldes. Ihre Ochsengespanne schleppen die Holzblöcke noch an Abhängen vorwärts, wo man das Feststehen eines Tieres kaum für280 möglich hält. Sie selbst haben sich in die Vorteile ihres rauhen Hand werks so eingelebt, daß, wenn sie einmal einer Waldstreckc zu Leibe rücken, von dieser bald nichts mehr zu sehen ist als die etwa meterhohen Baumstümpse. Die ihres Gewerbes kundigen Holzfäller bedienen sich zu diesem Zwecke des „Baumtreibens." Mancher deutsche Forstmann würde mit Kopfschüt teln auf die Frage antworten, was das „Baumtreiben" denn eigentlich sei. Jeder tüchtige amerikanische Holzfäller würde ihm die Sache erklären Blockhaus. und sie ihm meisterhaft vormachen. Dort ist ein dunkler Bergesabhang! Eine Anzahl fleißiger Holzfäller hat seit dem Morgengrauen den Wald mit dem Wicderhall ihrer Axtschläge erfüllt. Und so ein Hieb mit der schweren, langstieligen amerikanischen Axt greift wohl noch einmal so tief in das Holz des Baumes, als eine deutsche Axt dies vermag. Alle Holz fäller sind tüchtige, erfahrene Leute, und trotzdem ist noch kein Baum gefallen. Doch sieh, jetzt fängt einer an, sich langsam zu neigen — und horch! ein Krach, dem andere wie Donnerrollen folgen! Ein ganzer Wald scheint niederzustürzen, und eine lange Kluft ist in die grüne Laubmasse des Berges gerissen, wie wenn ein verheerender Wirbelwind über ihn281 dahingestürmt wäre. Die Holzfäller haben, von unten aufsteigcnd, wohl etwa dreißig Bäume halb durchgehauen; sie thaten dies nicht aufs Gerate wohl, sondern wählten auf einem schmalen Streifen den Berg hinauf alle Bäume, die sich einander berührten. Endlich, als eine hinlängliche Anzahl vorbereitet war, wählten sie einen auf der Höhe aus, der einen zweiten, halb durchschnittenen, niederschmettern mußte; diese warfen einen dritten und vierten nieder; die Wucht der fallenden Bäume nahm außerordentlich zu, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzten zwanzig und mehr der gewaltigen Baumriesen zu Boden. Das ist das „Baumtreiben," mit dem die Holzfäller jener Gegenden Arbeitskraft sparen, auch ohne Maschinen. Auch den Transport der gefällten Baumstämme übertragen die Holz fäller zum Teil den rohen Naturkräften. Die gewaltige Strömung der Bergwasser muß nämlich das fehlende und hier in den Bergen unbrauchbare Fuhrwerk ersetzen. An den Bergseiten und längs des Ufers der Bäche, die zur Frühlingszeit, von dem Schmelzwasser angeschwellt, in brausendem Sturze durch den Wald schäumen, werden die schlanken Not- und Hcmlocks- tannen während des Winters gefällt und bis an die steilen Uferränder gezogen oder gerollt. Hier bezeichnet ein jeder der Waldleute sein Eigen tum, wie ein Schäfer seine Schafe, mit einer besonderen Marke und rollt sie dann in den vom Regen oder Schneewasser angeschwcllten Bach. Der schmelzende Schnee flutet von den Abhängen in Wasserfällen und tausend Rinnsalen hernieder; die Bäche wachsen zu Strömen an, und eine breite Wassermasse wälzt sich düster und gischtsprühend durch den Wald; Schanmblascn erglänzen auf dem schwärzlichen Wasser, hängende Zweige tauchen hier und da hinein, und die bemoosten Felsabhänge blicken ernst nieder in den Aufruhr zu ihren Füßen. Die Gewässer schießen pfeilschnell dahin; sie suchen die einsamsten und schauerlichsten Durchgänge, welche nur die unbctretene Wildnis zu bieten vermag. Die Kraft dieser ungebändigten Wassermassen würde hinreichen, um Tausende von Wagen ladungen hinwcgzuschwemmen; hier zwängt man sie in das Geschäft des Holztransportes, wie anderwärts Rind oder Pferd. Wenn der April mit seinen milderen Lüften den Schnee in den Bergen auftaut, dann ist die erste Frage des Holzfällers, der zum Sommergcschäst hinauszieht in den Wald: „Geht das Wasser hoch genug, um Baumstämme zu flößen?" Je höher der Fluß anschwillt, desto vergnügter schaut er drein. Ist der. Wasserstand hoch genug, dann geht es an die Arbeit. Gewaltige Blöcke rollen, einer hinter dem andern, den Berg oder den Uferwall hinab und stürzen dröhnend in die hoch aufspritzende Flut. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die riesigen Kraftanstrengungendieser wetterharten Männer oder die Kaltblütigkeit, mit der sie vielleicht unterhalb einer ganzen Schicht von gewaltigen Baumklötzen hantieren, um die Hindernisse ans dem Wege zu räumen, während andere ihrer Gefährten die aufgestauten Stämme mit eingesetzten Hebestangen zurückzuhalten suchen. Da setzt sich, das Hindernis überwältigend, die ganze ineinander gekeilte Masse der Baumstämme mit einem Schlage in Bewegung. „Vorgesehen!" Holzflöher. ertönt es von unten in so gellendem Tone, daß die Männer mit den Hebestangen wie von einer Otter gebissen beiseite springen. Gleich darauf aber kehren sie auf ihren gefährlichen Posten zurück; denn sie wissen sich, sobald erst einmal die Stämme ins Gleiten gekommen sind, außer Gefahr, und ihre Hebestangcn haben jetzt volle Arbeit, in den Fluß zurückznstoßen, was etwa von den Stämmen ans dem Uferrande festgehalten wird. Es ist in der That ein aufregendes Schauspiel, die tollen Sprünge dieser gewaltigen Blöcke und ihre reißend schnelle Bewegung stromabwärts283 zu beobachten. Dumpf dröhnend springen sie von Fels zu Fels den Ab hang hinunter, bis sie unten in den Gischt des großen Kessels hineinsausen den der Fluß am Ende seiner Laufbahn durch die Felsenengen sich gewaschen hat. Nach einigen Augenblicken erscheinen die Stämme wieder an der Oberfläche; sie stehen, im beständigen Umdrehen um ihre Achse, einen Augenblick völlig still an ihren Plätzen, dann ergreift sie die Flut und führt sie auf dem Nucken des Gebirgsflusses stromab. Oft freilich kommt es vor, daß die Masse der Stämme so ineinander gedrängt beisammen liegt, daß sie dem Abfluß nicht zu folgen vermag. Sie hebt und senkt sich dann auf dem sich stauenden unruhigen Wasser. Dann betritt lang sam und vorsichtig ein Flößer die schwankende Brücke und untersucht mit seinen Füßen und der Stange, wo die Stämme festsitzen. Findet er das Hindernis, so bringt er oft mit einem Schlage oder Stoße die ganze Masse in Bewegung. Nun schau um dich, kühner Schiffer, du stehst mit einem Fuße im Grabe! Doch sieh, wie ruhig er das Durcheinander der schwimmenden Stämme überblickt! Die geringste Hast oder Bestürzung führt zum Fehltritt in das unter ihm gärende Wasser, und dann ist er unrettbar verloren. Aber es ist erstaunlich, mit welcher Besonnenheit er sich bewegt: wie er jetzt, einen Augenblick schwebend, während der Block, den er betritt, flußabwärts schießt, dann schnell auf einen andern hinüber springt, der sich ihm unter den Füßen dreht, und wie er sich dabei doch durch wiederholte Sprünge dem Ufer immer mehr und mehr nähert. Jetzt hat er fast Land unter den Füßen, — da wendet sich plötzlich die ganze schwimmende Masse so weit von dem Ufer, daß er nicht weiter springen kann. Doch den kühnen Hinterwäldler bringt dies nicht in Verlegenheit, er setzt sich rittlings auf einen dicken Stamm und schießt darauf wie ein stolzer Reiter den Fluß hinab. Auf diese Weise wird das Flößholz sechs bis acht Meilen weit weg geschafft, indem es aus kleineren Bergwasseru in größere und durch Seen und Flüsse sortschwimmt in das Niederland. Endlich wird alles an einer bestimmten Stelle durch quer über den Fluß gelegte Balken aufgehalten, und hier holt sich jeder die mit seiner Marke versehenen Stämme heraus. Das giebt dann ein Stelldichein für alle Holzfäller im Waldrevier, und tagelang ertönt der Ort von Rufen und Lachen. „He, Nachbar Jones, ist das dein Klotz?" „Ja, freilich." „Woran kennst du ihn?" „An beiden Enden abgestutzt und rechts geschlitzt, und hier bist du mit einem Knoten an der Stirn, und dort ist Tom mit dem Stutzschwanz."284 So arbeiten die Holzfäller im Hinterwald den Frühling hindurch in den Sommer hinein bis zum Herbst. Jagd und Fischfang kürzen die Zeit und bringen Abwechselung in das einförmige Geschäft des Holzfällens; sie liefern manch saftiges Stück Wildbret und manchen köstlichen Lachs in die rauhe Küche dieser einfachen Leute. Wenn dann nach dem arbeitsvollen Tage die Sonne gesunken ist, so sitzen sie in ihren Blockhütten beisammen, dampfen eine nicht gerade fein riechende Sorte heimischen Gewächses und pflanzen im Gespräch die Geschichten von Pferdedieben und anderem Ge sindel fort, welche gegenwärtig im Hinterwalde an die Stelle der grausen haften Sagen von indianischen Überfällen getreten sind, die sonst an den Grenzen im Schwange waren. Was dann und wann sie tiefer erregt, geht in dem stillen, menschenarmen Walde nicht von Menschen aus, sondern ist höchstens ein Naturereignis, wie es sich in diesen Wäldern jedes Jahr, bald hier, bald da zuzutragen pflegt: ein Windbruch, der vielleicht diesen oder jenen Genossen erschlug, oder ein Waldbrand, der auf, weiten Flächen die schönsten Hemlockstannen in Grund und Boden hinein verwüstete. Nur selten aber sind es so verheerende Ereignisse wie ein Waldbrand, welche das einsame Stillleben der Holzfäller im Hinterwaldc unterbrechen. Meist geht der Sommer zu Ende, ohne daß sie etwas anderes zu hören bekommen als das Klingen der Äxte, das Hallogcschrei der Flößer, oder höchstens dann und wann das Krachen einer Büchse. Gegen den Herbst rüsten sie sich zum Abschied vom Walde. Und cs ist ein lustiger Abschied. Überall in der Welt ist der Herbst die Zeit ernster Gedanken, welche das allmähliche Einschlummcrn des Naturlcbens hcrvorruft; nur im nordamerikanischen Walde kommt er in heiterem Ge wände. Hier kleidet sich das sterbende Jahr in einen so unglaublich prächtigen Schmuck, daß es scheint, als wolle die Natur alle die Farben, mit denen sie sich in den vergangenen Monden geschmückt, nochmals ver einigen zu schönster Harmonie. Dort steht mitten im Wald ein einzelner Ahornbaum! Der Herbst ist an ihn herangetrcten und hat ihm über Nacht eine rote Mütze aufgesetzt, während ein Teil seiner Blätter noch ganz frühlingsmäßig grünt. Auf andern Bäumen sind hellgrüne Streifen ge zeichnet, und dann wieder prangt eine Eiche im prächtigsten Scharlach. Dort ist ein offener Hain, durch den der Herbst weitergezogen ist. Den einen Baum hat er ganz gelb überhaucht, einen andern zartrot, dann einen unberührt gelassen, um den folgenden mit allen möglichen Farben zu be spritzen. Diesem folgt eine riesige Linde, deren Laub schon in einzelnen Blättern niederrauscht. Auch wo das ganze Jahr hindurch alles kahl285 erschien, hat der heitere Herbst noch Farbenschmelz hervorgezaubert. Ein gelber Kranz legt sich um den Fels, und festliche Gewinde hängen an den Bäumen, wo gestern noch kaum bemerkbar ein wilder Weinstvck sich ver steckte. Über den schilfigen See, im Schatten hoher, dunkelgrüner Föhren hat sich ein gelber Teppich gebreitet, und der kleine Tümpel in seiner Nähe ist nun mit einem hellen Saftgrün bedeckt. Doch welche Farbenglut hat der rastlose Maler erst über die mit Laubholz bewachsenen Bergabhänge ausgegossen! Die verschiedene Beschaffenheit des Bodens hat an der Berg seite die mannigfaltigsten Hölzer wie in Schichten übereinander wachsen lassen, und jetzt ziehen sich alle diese Streifen von gelb, grün, rot und gold über den Berg hin. Wie der geschickteste Maler versteht sich der Herbst auf die Farbenwirkung. Aber indem er in so großartiger Weise und so zauberhaft schnell färbt, indem er Millionen von Bäumen voll endet, während der Maler kaum einen einzigen entwirft, vergißt er auch nicht, die kleinsten Einzelheiten auszumalen. Jedes Blatt ist so sorgfältig schattiert und mit so feinen farbigen Adern durchzogen, als ob die Miniatur malerei sein einziges Geschäft wäre. In so farbenschöner, heiterer Weise nimmt der Sommer vom Urwalde Abschied. Das Gelbwerden des Laubes mahnt aber auch alles, was die Holz gewinnung in die Wälder hinausgetrieben hat, zur Heimkehr. Schwer beladene Boote gehen jetzt Tag für Tag den Hudson herunter. Eins und das andere hält da und dort an einer befreundeten Farm. „Auch schon auf der Thalfahrt, Jones?" „Ja, droben in den Bergen ncbelt's, daß einem das Wasser bis auf die Knochen geht." „Kann's mir denken, haben hier auch nur eine kurze Frist. Wenn ihr nach Albany hinunter kommt, grüßt mir den Bill Smith." „Wcrd's besorgen. Los da vorn mit dem Boot! Gott befohlen bis zum nächsten Frühling!"286 -— Eine Vncht nrr den Ufern ües Nmnzonenstromes. » s war an einem Sommerabend. Wir saßen unter den dunkelnden Baumgängen eines beliebten Vergnügungsortes. Die Abendluft flüsterte durch die Blätter; vom Ufer des Flusses herüber rauschte es leise, wie verschlafen; dazwischen spannen sich die lieblichen Melodieen, die von der Konzerthalle herübertönten, und da und dort zischte eine fcuerschwünzige Rakete hinauf in den dunkeln Nachthimmel. „Prächtig!" bemerkte eins aus der Gesellschaft. „Ich habe einen Abend am Lago Maggiore verlebt. Alles, was darauf Anspruch machte, etwas von Italien zu verstehen, schwamm an jenem Abend in Entzücken. Ich allein war nüchtern genug, um einen Sommerabend in der Heimat ebenso schön zu finden, wie eine Nacht in Italien. Unseren Sommerabenden fehlt nicht die schmeichelnde, laue Lust, nicht die durchsichtige Klarheit des Himmels, — nicht einmal die Plage der verwünschten Stechmücken!" Ein Klaps auf die Hand folgte, — die Vollstreckung des Urteils, das unser Freund eben über einen der zudringlichen Blutsauger aus gesprochen hatte, die in zahlreichen Schwärmen um uns her ihre lustigen Tänze aufführten. „Ja, die Schnaken!" hieß es von allen Seiten. „Wenn sie nicht wären " „So würdet Ihr vergebens auf dem weiten Erdenrunde nach einem Orte suchen, der so wonnig ist wie dieser. Nicht übel ausgedacht, das muß wahr sein. Nur leider so unbescheiden, daß unser Herrgott gar nicht darauf eingehen kann, Euern Wunsch zu erfüllen. Diese Mücken? Nun ja, sie kitzeln Euch dann und wann ein bißchen mit ihrem Stechrüssel; aber das ist denn doch nur geliebkost, wenn man sie mit den Blutsaugern, den Moskitos vergleicht." „Wenn Freund W. das sagt," bemerkte ich, „so geschieht das nicht ohne Grund. Sicherlich erlebt ein Naturforscher in den sumpfigen Nie derungen des Amazonas in dieser Hinsicht mehr als ein Stückchen, die alle des Erzählens wert sind." Das ging auf meinen Freund, der erst vor kurzem von einer Reise nach jenen Gegenden zurückgekehrt war.—- 287 -— „Nun ja," meinte W., „ich Hab' etwas erlebt in dieser Art. Da man es dort zu Lande aber nicht anders gewohnt ist, so macht man wenig Redens davon. Ja, man versichert, daß sich die Leute dort so an ihre Moskitos gewöhnt haben, daß sie den Einsturz des Himmels befürch teten, als die lieben Tierchen sie einmal eine Viertelstunde ungcquält ließen. Doch Ihr wollt eine Geschichte hören. Da fällt mir eine Jagd partie ein, bei der einem richtigen deutschen Sonntagsjäger sicher die Pfeife ausgegangen sein würde. Wir lagen mit unserem Kanoe schon seit zwei Tagen in einer lau schigen Bucht des Stromes, ich botauisierend, meine spanischen Begleiter wie echte Lazzaroni Sonnenschein schlürfend und Cigaretten rauchend. Mit unseren Vorräten ging cs knapp her. Wollten wir nicht fasten, so mußte neuer Proviant geschafft werden. Es war schon gegen Abend, als ich den Beschluß faßte, mit Bernardo, einem meiner Begleiter, einen Jagdzug zu unternehmen. Freilich regnete es; zu warten bis es aufhörte, wäre aber thöricht gewesen. So streiften wir denn Schuhe und Strümpfe ab, warfen das Gewehr auf den Rücken und bahnten uns einen Weg in den Wald. Indes machte sich die Sache nicht so einfach, wie ihr vielleicht denkt. Längs des Stromes zieht sich da überall ein breiter Streifen Sumpfland, in dem sich in der That die Erdoberfläche noch in gallertartigem Zustande zu befinden scheint. Blätter, Zweige und Stämme sind mit Schlamm über- kleistcrt. Zwischen entfärbtem Grün, schlierigen Ästen und knorrigem Wurzelwerk hindurch sucht oder vielmehr watet man seinen Weg. Und Geduld kostet es; denn während das vordere Bein bis an das Knie ein- siukt, muß man das Hintere jedesmal mühsam aus dem zähen Schlamm grunde ziehen. Doch hat auch dies fatale Geschäft seine zwei Seiten: die Schlammstiefel an den Füßen schützen einen doch wenigstens vor den Stichen der Moskitos, die am Hellen Tage schon zudringlich genug sind. So folgten wir denn langsam einer lehmigen gelben Strömung und ge langten endlich auf festeren Sandgrund, an den Saum des Waldes — des triefenden Waldes — muß ich sagen. Denn wenn der Regen in Strömen auf das grüne Laubdach herniederfällt, so wird das Ohr ordent lich beängstigt von dem Rauschen der Bäche und der Millionen fallender Tropfen, einem Höllenlärme, der dennoch übertönt wird von einem tausend stimmigen Schrillen und Zirpen. Zwischen moostriefenden Felsenblöcken wühlen sich schäumend ockergelbe Fluten ihre Bahn. Wohin Ihr den Blick richtet — eine unbeschreibliche Nässe! Die Rinnsale fangen schon an den Bäumen an; die Rinden aller Stämme sind mit ununterbrochen herab-288 fallenden Quellen umkleidet. Von jeder Fiederspitze der Palmenwedel, welche zahllos die hohen Gipfel der Laubbäume überwölben, hängen zahl lose Wasscrfäden zur Erde. Aus allen Blutenkelchen, die in vielfarbiger Pracht aus dem nassen Grün hervorleuchten, spritzt unaufhörlich plätschernder Überfluß. In dem durchsichtigen Grün der Farnkräuter, auf dem sam- metnen, lockeren Kissen moosiger Überkleidungen, — überall rieselt und perlt bezaubernd krystallhell, diamantenrein die strömende Gabe der Wolken. Besonders in den Bechern der Flechten haften die Tropfen so märchenhaft glänzend gefaßt, daß ich alter Tropf wie ein Kind mich verführen ließ, danach zu greifen. Alles, alles ist vollgesogen, übergossen, getränkt mit Wasser. Da fällt es denn freilich schwer, etwas zum Schuß zu bekommen. Was huscht und kriecht, liegt tief versteckt im moosigen Grunde. Naß genug freilich ist solch ein Lager; aber die Tiere sind doch wenigstens den fast nußgroßen Tropfen des herniederplätschernden Regens nicht so aus gesetzt. Dazu kam noch ein besonderes Unglück. Zweimal gelang es uns, an ein Wasserhuhn anzuschleichen; da versagte die feuchtgewordene Ladung, und wir mußten den Schuß erneuern. Ein Paar wilde Tauben war alles, was nach stundenlangem Umherstreifen unsere Jagdtasche füllte. Damit aber hatte ich für heute übergenug. Zwar nicht Nahrungs mittel, aber an der Lust des Streifens und Schweifens. Ameisen an den Beinen, Dornen in den Füßen, Schnitte von scharfen Bandgräsern auf Gesicht und Händen, Holzböcke auf dem ganzen Körper, und dazu diese entsetzlichen Moskitos, schon so unverschämt blutdürstig! «Hier wird es ungemütlich! Laß uns umkehren, Bernardo!» Ja, das war wieder eine Fahrt! Wir hatten uns im Jagdeifer einen flachen Hügelrücken in die Höhe gearbeitet, den mußten wir nun wieder hinab. Aber das war ein Ausrutsche» den schlüpfrigen Bergeshang hinunter! Unten angekommen, hatte die Flut bereits alles überschwemmt, und schon dunkelte die Nacht mit Gewalt herein. Da half nichts, vor allem keine Verzögerung. Langsam geht's hinab, mehr tastend, als in festem Tritt. «Caramba!» wettert mein Diener und haspelt sich aus einem Wasserloche heraus, in das er unversehens gerutscht ist. So wenig spaß haft die Sache ist, ich lache doch aus vollem Halse. Unzeitiger Jubel! Denn gleich darauf folg' ich Bernardo auf seiner schlüpfrigen Bahn. «Ja sehen Sie, Sennor,» hält mir Bernardo ganz kaltblütig eine Auseinandersetzung, — «sehen Sie, der Schlamm hat seine unangenehmen Seiten; aber nlan weiß doch, daß man einsinkt, und erwartet es nicht anders; auf dem Lehm rutscht man aus und steht wieder auf; aber auf— 289 dem falschen Thon, da ist es eine andere Sache. Da sinkt man bloß zu weilen ein. Man schreitet, es gelingt; man wird dreister: — auf einmal aber geht die Versenkung los, und ein Bein, gerade so lang, als es ist, steckt festgemauert iu der Erde.» «Sehr richtig bemerkt,» antwortete ich. «Aber die Nacht bricht mit Gewalt herein. In zehn Minuten können wir hier mitten im Walde nicht die Hand vor Augen sehen. Also vorwärts, Bernardo!» Ja, ich hatte gut «vorwärts» sagen. Es goß jetzt förmlich auf uns ein, und alle Augenblicke waren wir genötigt, die nassen Wimpern wegen der in die Augen fallenden Regentropfen zu schließen. So phlegmatisch mein brasilianischer Diener sich übrigens erwies, hier war der Bursche vor trefflich an seinem Platze. Ohne seinen, ich möchte sagen instinktartigen Ortssinn, wäre ich im Leben nicht nach dem Landungsplätze zurückgekommen. So aber wand er sich langsam auf dem schlammigen Boden weiter, wobei er sich nur dann und wann einmal schüttelte wie ein durchnäßter Pudel, wenn eine breitwedelige Palme beim Anstreichen eine gar zu reichliche Wasserladung uns auf die Köpfe goß. Endlich lichtete sich vor uns das schwarzgrüne Waldesdunkel ein wenig, eine heller dämmernde Linie zeigte, wo der Strom sich zwischen den Urwaldsmassen hindurch seinen Lauf gesucht hatte. Das Sumpfland, das uns vom Ufer trennte, mußten wir freilich noch durchwaten, und da bei ging allerdings der letzte Rest der Kräfte drauf. Der letzte Rest der Kräfte? Nicht wahr, das klingt verzweifelt. Aber wenn Ihr mitten im Walde noch eine gute Strecke vom nächsten Wirts hause entfernt seid, und das Wirtshaus kommt eben nicht zu Euch, nicht wahr, dann ist immer noch ein Extrarestchcn von Kraft übrig? So war es bei uns. Als wir eine Büchse abfeuerten, um den Lagerplatz zu erkunden, zeigte es sich, daß wir ein tüchtiges Stück zu weit flußabwärts gekommen waren. Wir sahen uns bei dieser Entdeckung mit gelinder Verzweiflung an, — wieder schwebte uns ein Kraftwort auf der Lippe, meinem Geführten ein spanisches, mir ein deutsches; — aber all das brachte uns nicht einen Schritt weiter. Noch einmal warfen wir uns in Sumpf und Röhricht. Dann endlich erreichten wir das Lagerfeuer; aber fragt mich nicht wie! Und einen Hunger brachten wir mit, daß wir die zwei Tauben gleich roh Hütten verschlingen mögen. Doch gebot die gute Kameradschaft, sie in vier Portionen zu zerlegen. Dieser Mundvoll Fleisch und ein wenig Farinha (geröstetes Maniokmehl) war alles, was wir unserem knurrenden Magen bieten konnten. Hummel, Bilder a. d. Weltl. 19290 Todmüde, wie ich war, warf ich mich, in eine Decke gewickelt, auf den durchnäßten Grund. Bernardo erzeigte mir die ganz ungewöhnliche Gefälligkeit, mein Moskitonetz über mich auszuspannen. «Die kleinen Bestien,» meinte er, «sind heute nacht von ganz verwünscht bissiger Art. Wenn ich ein Wörtchen in Gottes Schöpfung zu reden hätte, so würde ich die Moskitos verdammen, einander anzufallen und die spitzigen Rüssel sich gegenseitig in den blutgierigen Leib zu bohren. Aber so muß man sich eben zu helfen suchen, so gut es geht. Gute Nacht, Sennor.» Bernardo setzte sich zu seinen Kameraden, die bei der fünfzigsten Cigarette waren und in dem qualmenden Rauche des Lagerfeuers sich so leidlich zu befinden schienen. Ihr eintöniges Geplauder versetzte mich bald in einen unruhigen Halbschlummer. Aber wie es dem schlafenden Müller geht, wenn seine Mühle plötzlich stehen bleibt, so auch mir. Die drei Burschen waren, in ihre Sarapen (Decken) gewickelt, zusammen gekrochen an dem glimmenden Aschenhaufen und schnarchten wie die Säge eines deutschen Holzhauers. Hatte mich dies unharmonische Kon zert geweckt oder das Verstummen ihres Geplauders, genug, ich war wach und starrte klaren Auges hinauf in den tropischen Nachthimmel. Die Sterne leuchteten in zauberischem Glanze hernieder. An dem Stande des hellfunkelnden südlichen Kreuzes sah ich, daß es erst eine Stunde vor Mitternacht sei. Droben in dem dunkelblauen Dome des Himmels die feierlichste Ruhe, ein wahrhaft himmlischer Frieden. Aber um das Lager her, welch Gewirr der verschiedensten Tierstimmen! Deutlich unterschied ich das jammernde Geheul der Brüllaffen, den winselnden, fein flötenden Ton der kleinen Sapajous, das schnarrende Murren des gestreiften Nacht affen, sowie das abgesetzte Geschrei des Kuguars. Dazwischen mischte sich das Pecari und Faultier, und ganze Schwärme von Papageien schienen ihr mißtönendes Geschrei in diesen ohrenzerreißenden Wirrwarr von Tier stimmen zu gellen. Ich war derartige Scenen des nächtlichen Tierlebens im Urwalde gewöhnt; ja eine Zeitlang vergnügte ich mich daran, die Stimmen der Tiere zu unterscheiden und danach zu beurteilen, ob sich ein Tapir oder ein Nabelschwein in der Nähe unseres Lagers umhertrieb, oder ob ein Kuguar seine Streifzüge selbst bis zu unserem Feuer auszu dehnen wage. Plötzlich riß mein Bein beim unruhigen Umherwälzen die eine Stütze des Moskitonetzes um, und gleich darauf befand ich mich unter der Gazehülle19 * 291 desselben begraben. Ich raffle mich zusammen, so gut es anging; auch das Netz wieder aufzurichten gelang mir nach einigen Versuchen, aber doch viel zu spät iür die kleinen blutdürstigen Peiniger, die in ungezählten Scharen mich umsummten. An ein Wiedereinschlafen war natürlich nicht zu denken. Das feine, scharfe Summen, das ich mit nichts besser zu vergleichen weiß, als mit dem durchdringenden Tone einer gestrichenen Stahlsaite, schreckte mich immer wieder empor, wenn die müden Augenlider zufallen wollten. Und welche Haut wäre abgehärtet genug, den wütenden Angriffen der gierigen Blutsauger zu widerstehen! Sie bohrten ihren Stechrüssel durch Beinkleider und Wams; sie nisteten sich im Haar ein; ja mir schien es in meiner Verzweiflung, als ob sie sich mit höllischer Grausamkeit selbst unter die Nägel bohrten. Plagten sie mich gar zu entsetzlich, so zog ich wohl die Hand aus der Decke und klatschte fünf oder sechs danieder. Das bekam mir aber schlecht genug; denn ebenso viele schlüpften unterdes in den leergewordenen Raum und erneuerten ihre Angriffe von anderer Seite. Halb verzweifelt sprang ich auf, um die Eindringlinge mit Stumpf und Stiel zu vertilgen. Vergebliche Mühe, — es war keine Verminderung ihrer Zahl bemerkbar. Wäre ich nicht als Naturforscher von Fach über derartige Märchen hinaus, ich würde glauben, die Mos kitos wären in sich immer vermehrender Anzahl aus der feuchten Erde ausgeschlüpft. Erschöpft von den nutzlosen Anstrengungen gab ich endlich den Kampf gegen die Quälgeister auf und wickelte mich bis über den Kopf in meine Decke. So brachte ich den Rest der Nacht zu. Was das aber heißen will, davon könnt Ihr Euch eine Vorstellung machen, wenn Ihr Euch heute abend mit den Kleidern ins Wasser werft und dann bei zwanzig Grad Wärme unausgekleidet Euch ins Bett vergrabt. Und Nächte wie diese Hab' ich mehr als eine an den Ufern des Amazonas verlebt."292 Robinsons Insei UN ü ihre e r st e n Bewohner. IM a ^^er von meinen freundlichen Lesern ist nicht im Geiste mit Robinsons Insel vertraut? Wer weiß nicht Bescheid an dem Strande, der felsig ist und sandig, wo der vielgeprüfte Ein siedler ans Land geworfen wurde und wo die Wilden ihre schrecklichen Mahlzeiten hielten. Wer sieht nicht im Geist die Festung des einsamen Siedlers — nicht seine Sommerlaube? Wer wunderte nicht in Gedanken auf der Entdeckungsreise mit ihm über Berg und Thal? Dem, der dies schreibt, hat einmal, wie euch allen auch, das Herz geklopft, als er die wunderbare Erzählung zum erstenmal aus einem abgegriffenen, nur noch teilweis vorhandenen Buche las; er kostete mit dem armen Robinson alle Qualen der Einsamkeit durch; er saß wehmütig neben dem Schmerzens lager des Vielgeprüften; aber er jauchzte auch mit ihm, wenn es ihm gelang, durch seine Erfindsamkeit irgend etwas Neues zu entdecken, das ihm den Aufenthalt auf der einsamen Insel wieder um ein gut Teil an genehmer machte. Später kam reifere Überlegung. Ich fragte mich, ob die Geschichte, die in meinen Knabenjahren meine Einbildungskraft so lebhaft erregt hatte, sich auch in Wirklichkeit so zugetragen habe, wie jenes alte Buch erzählte. Ich forschte hier und da nach. Da fand ich denn nun, daß die Geschichte von Robinson, wie so viele andere, freilich auch eine erdichtete ist, daß sie aber vor so vielen anderen Gebilden der Phantasie doch einen sehr schwer wiegenden Vorzug voraus hat. Der Erzähler des Robinson hat uns nämlich in seinem herrlichen Buche etwas erzählt, was sich auf einem wirklich vorhandenen Schauplatze in Wirklichkeit zugetragcn hat. Hat er dabei Namen und Zeit verändert, hat er dies und jenes Ereignis besonders lebhaft ausgemalt: — was schadet dies? Wir nehmen an den Schicksalen seiner Personen doch innigen Anteil, wenn wir wissen, daß diese empfinden und handeln, wie wir alle handeln und empfinden. Und gerade das letztere ist nun der Fall bei der Geschichte von Robinson. Der Erzähler des Robinson hat uns in seinem Buche Ereignisse be richtet, wie sie damals gewiß nicht selten sich zutrugen und wie sie noch heute nicht zu den Unmöglichkeiten gehören. Zu Anfang des vergangenen- 293 Jahrhunderts, als das Weltmeer nur noch unvollkommen bekannt war, konnte es leicht geschehen, daß vom Sturme verschlagene Schiffe an un bekannten Eilanden scheiterten. Glückte es einigen der Mannschaft, sich zu retten, so gingen vielleicht lange Jahre darüber hin, ehe ein zufällig vor übersegelndes Fahrzeug in Sicht kam und die Schiffbrüchigen aufnahm. Bei dem lebhaften Schiffsverkehr, der schon damals auf dem Meere statt fand, haben solche Fälle sich gewiß nicht selten ereignet, — und jeder konnte der Stoff zu einer Robinsonsgeschichte werden. Kamen nämlich die geret teten Schiffbrüchigen in die Heimat zurück, so ging die Erzählung ihrer Abenteuer von Mund zu Mund; namentlich in Ländern, deren Wohlstand an das Gedeihen der Schiffahrt sich knüpft, waren solche Erzählungen eine nicht zu erschöpfende Quelle der Unterhaltung. Der Kaufmann erzählte sie dem Matrosen nach, und so brach sich die Kunde von wunderbaren Abenteuern bis in die weitesten Kreise Bahn. In dieser Weise geschah es, daß zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in England die Geschichte eines Mannes Aufsehen erregte, der über vier Jahre auf einer unbewohnten Insel verlebt hatte. Dieser Mann war im Jahre 1709 zuerst in Bristol aufgetaucht. Vieles an ihm war sonderbar: sein sonnegebräuntes Gesicht deutete zwar auf den Europäer, aber seine Kleidung schien der Hütte eines Wilden entnommen; denn Jacke und Beinkleider waren aus Ziegenfell verfertigt, und die schlechtgenähten Stiefel bestanden ans demselben Stoff. Der seltsame Mann nannte sich Alexan der Selkirk. Man mag sich vorstellen, wie sehr das Auftreten des merkwürdigen Fremdlings die Neugier der Bristvler erregt haben mag! Man inter essierte sich für ihn in den Salons der vornehmen Bristoler Kaufleute nicht weniger wie in der rußigen Matrosenschenke, wo er seine Abenteuer vor der gespannt zuhorchenden Menge erzählte. Dabei kam es denn heraus, daß Alexander Selkirk eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich hatte. Er war der Sohn eines Schusters in einem kleinen schottischen Städt chen und schon in seiner Jugend ein wilder Bursche gewesen, dessen Sinn nicht nach dem Dreibein des Vaters, sondern nach wilden Abenteuern stand. Als er einst nach einem tollen Streiche in der Kirche vom Geist lichen mit harten Worten zurcchtgewiesen wurde, verschwand er plötzlich. Er hatte den Entschluß gefaßt, zu Schiffe zu gehen und sein Glück auf dem „blauen Wasser", zu versuchen. Selkirks beherzter Sinn und an stelliges Wesen schienen ihm den Pfad leicht zu ebnen. Bald wurde er vom Matrosen zum Hochbootsmann befördert. Aber zugleich kehrte sich294 bei ihm die Starrköpfigkeit und die Lust an völliger Ungebundenheit immer mehr heraus. Im Jahre 1704 hatte Selkirk auf den „Cinqueports," einem eng lischen Schiffe, Dienst genommen, einem kleinen Fahrzeuge, das aber ein trefflicher Segler und zum Kriege ausgerüstet war. Gerade damals näm lich rangen Spanier und Engländer um die Herrschaft auf dem Meere. Die Spanier, bis dahin weltberühmt als Entdecker und Eroberer, geboten über eine mächtige Flotte; aber ihre Kriegsschiffe waren nach altem Muster gebaut, und an Bord derselben galt ausschließlich der Geburtsadel anstatt des wahren seemännischen Verdienstes. Die Engländer dagegen standen erst im Anfang ihrer späteren Größe. Ihre Flotte zählte noch wenige Schiffe; aber die seetüchtigen englischen Matrosen dürsteten danach, sich mit den stolzen „Spaniolen" zu messen. Außerdem aber hatte England eine große Anzahl Kaperschiffe ausgerüstet, welche blitzschnell über die un behilflichen spanischen Kauffahrer herfielen und diesen das Leben ungemein sauer machten. An Bord eines solchen Kaperschiffes nun hatte Selkirk Dienst genommen, dessen Befehlshaber, Kapitän Stradling, das Kap Hoorn umsegeln und im Stillen Meere seinem Kapergewerbe nachgehen wollte. Ehe es aber zum Losschlagen gegen die „Spaniolen" kam, entschied sich das Schicksal Selkirks in ganz anderer Weise. In Stradling und Selkirk waren zwei harte Steine aufeinander getroffen. Von Zerwürf nissen kam es bald zu den heftigsten Auftritten. Wie ingrimmig Selkirk dadurch gestimmt sein mußte, zeigt sein Verlangen, daß Kapitän Stradling ihn auf der ersten Insel, die sie anlaufen würden, aussetzen lassen solle! Selkirk sollte nicht lange auf Erfüllung seines von der Verzweiflung eingegebenen Wunsches zu warten haben. In dem Meeresteile an der Küste von Chile, etwa 115 Seemeilen westlich von der südamerikanischeu Küste, kam bald eine bereits über hundert Jahre bekannte kleine Inselgruppe in Sicht. Diese war im 16. Jahrhundert durch den spanischen Seefahrer Juan Fernandez entdeckt und nach seinem Namen benannt worden. Die Gruppe besteht aus zwei kleinen Eilanden. Das größte derselben wird Mas a tierra (d. i. „mehr nach dem Lande zu") genannt, die kleinere Insel führt den Namen Mas a fuera (d. i. „mehr nach außen"). Während Mas a fuera durchweg mit schroffen, klippigen Küsten aus dem Meere aufsteigt, zeigt die größere Insel einen Wechsel von flachem Strand lande und felsigen Steilküsten. Bei etwa sieben Kilometer Breite durch wandert man die Insel der Länge nach in etwa vier Stunden. Diese letztere Insel war es, an der Kapitän Stradling seinen starr köpfigen Hochbootsmann aussetzen ließ. Und zwar geschah dies an der295 Nordküste, da, wo eine ins Land schneidende kleine Bucht, jetzt die Cumber- landbai genannt, einen guten Hafenplatz bildet. Was Selkirks Eigentum war, wurde ihm von Kapitän Stradling nicht vorenthalten. Das Boot, das Selkirk ans Land setzte, führte zugleich seine Matrosenkiste, einiges Bettzeug, Beil und Messer, etwas Tabak, eine Büchse mit Munition, Feuerzeug, einen Kessel und eine Bibel mit hinüber. So betrat denn der Held der Robinsonsgeschichte das Land, auf das er sich nach eigenem Willen verbannte. Aber bald wankte sein Entschluß. Ein kurzer Streif zug durch die nächste Umgebung der Cumberlandbai zeigte ihm seinen nun mehrigen Aufenthaltsort in nicht eben rosigem Lichte; mehr noch fiel ihm der Gedanke schwer aufs Herz, daß er, hier ausgesetzt, zwar von Kapitän Stradling getrennt, aber auch von jeder menschlichen Hilfe abgeschnitten sei. Das Furchtbare völliger Einsamkeit, die er noch eben so heiß ersehnt hatte, überkam ihn mit seinen ganzen Schrecken. Schnell schlug sein Sinn um, und er gab Zeichen, daß man ihn wieder an Bord holen solle. Aber Kapitän Stradling achtete nicht des flatternden Notsignals; froh, den widerspenstigen Hochbootsmann los zu sein, drehte er den Kiel seines Schiffes seewärts, und bald sah der verlassene Selkirk das Segel der „Cinqueports" unter den Horizont versinken. Jetzt erst empfand Selkirk voll und ganz das Schreckliche seines Loses. Des sonst so eisenköpfigen Mannes bemächtigte sich ein Trübsinn, der ihm zu jedem ernsten Streben den Willen lähmte. Tagelang lag er, dumpf vor sich hinbrütend, am Strande. Mit dem Vorsatze, Hungers zu sterben, enthielt er sich jeglicher Nahrung; einen kurzen, unruhigen Schlaf fand er nur, wenn die äußerste Ermattung ihn betäubte. Dennoch aber regte sich wiederholt i» ihm die Lebenslust. Der entsetzliche Hunger zwang ihm die Krabben zur Nahrung auf, die der Strand bot, und endlich, aber nach monatelangem Trübsinn, söhnte er sich ein wenig mit seiner Lage aus. Kleine Streifzüge, die Selkirk durch die nächstgelegeuen Striche der Insel unternahm, verschafften ihm bald die Überzeugung, daß er nicht der erste Bewohner des Eilandes sei. In der That hatte schon dem Entdecker der Inselgruppe die größere Insel so wohl gefallen, daß er sich entschlossen hatte, sich mit seiner Familie auf derselben anzusiedeln. Inan Fernandez führte auch seinen Entschluß aus, blieb aber nur kurze Zeit und setzte, als die Spanier Chile zu besiedeln begannen, nach dem Festlande über, um in der Nachbarschaft seiner Landsleute sich ein Daheim zu gründen. Von diesem erste» Versuche, die Insel Juan Fernandez zu besiedeln, fand Selkirk keine Spuren mehr vor. Die einst errichteten Hütten waren ver- modert und ihre Neste von den Stürmen verstreut; die wenigen urbar296 gemachten Stücke des Bodens waren, wie früher, wieder von Wald und Busch überwachsen. Doch hatte der spanische Seefahrer ein Erbe eigen tümlicher Art zurückgelassen. Es waren nämlich von seinen mitgebrachten Ziegen eine Anzahl zurückgeblieben; diese hatten sich über die ganze Insel zerstreut, waren verwildert und wurden später Selkirk durch ihr Fleisch überaus nutzbar. Aber mit dem Schiffe des spanischen Kapitäns waren noch zwei andere Tiergattungen nach der Insel gekommen, Ratten und Katzen, letztere bereits stark verwildert. Bei den erwähnten Streifzügen fand Selkirk, etwa zwei Kilometer vom Strande entfernt, die elenden Reste einer kleinen Hütte, an denen noch Überbleibsel von Ziegenfellen die Bedachung sowie die Lagerstätte des ehemaligen Bewohners andeuteten. Spätere Nachforschungen haben es wahrscheinlich gemacht, daß dieser zweite Vorgänger Selkirks ein Moskito- Indianer gewesen sein mußte, der auf eigentümliche Weise von dem eng lischen Schiffe, auf welchem er Dienste genommen, auf die Insel Juan Fernandez versetzt worden war. Der englische Kauffahrer nämlich hatte an der Insel beigelegt, um frisches Wasser einzunehmen und sich zugleich zu einigen frischen Lebensmitteln zu verhelfen. Der Moskito-Indianer, der einzige Jagdkundige unter der Mannschaft, unternahm es, die Wälder nach eßbarem Wild zu durchstreifen. Die Jagd auf die verwilderten Ziegen führte ihn stundenweit in das Innere der Insel. Bei seiner Rück kehr zum Ankerplätze fand er sein Schiff nicht wieder; es hatte, in eine Segelwolke gehüllt, der Insel den Rücken gekehrt, verfolgt von drei spanischen Kapern, welche es auf den englischen Kauffahrer abgesehen hatten. In der That war dem hartbedrängten Kapitän nichts übrig geblieben, als unverzüglich die hohe See zu suchen, ohne die Rückkehr des indianischen Matrosen abwarten zu können. Diesem standen ungleich weniger Hilfsmittel zu Gebote als unserem Selkirk. Seine Munition war bald bis auf die letzte Kugel und das letzte Pulverkorn verbraucht. Es blieb ihm daher, wollte er sein Leben erhalten, nichts übrig, als den wilden Ziegen nachzustellen, von denen der Wald belebt war. Ob er dies, wie Robinson, mittels Schlingen oder Fallen gethan, ist nicht bekannt geworden. Ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Erlangung seines Lebensunterhalts lieferten dem Moskito-Indianer ferner die Angelhaken, die er mit Hilfe seines Messers mühsam aus dem nutzlos gewordenen Flintenlaufe fertigte und welche er an Riemen aus der Haut von Seekälbern band, die sich in großer Menge in der kleinen Hafen bucht anfhielten. Mehrmals legten spanische Fahrzeuge an der Insel an, und es wäre deshalb dem Indianer leicht geworden, wieder zu Menschen—- 297 zu kommen; aber die spanische Flagge setzte ihn, der durch frühere Er lebnisse gewitzigt sein mochte, so in Furcht, daß er sich vor den gelandeten Matrosen stets in die tiefsten Klüfte seiner Insel barg. Endlich landete ein französisches Schiff. Diesem beschloß der rothäutige Einsiedler sich anzuvertrauen, und der wohlwollende Empfang, den er bei dem fran zösischen Schiffsvolke fand, rechtfertigte sein Vertrauen. Der Aufenthalt des Moskito-Indianers auf Juan Fernande; wird in die Jahre 1681 —1684 gesetzt. Passen auf einen Schiffbrüchigen die Erlebnisse Robinsons, so ist er es, und er muß daher mit vollem Recht als das Urbild aller Robinsons gelten. Doch wieder zurück zu unserem Selkirk! Auf seinen Wanderungen durch die Insel gelang es ihm, deren Natur immer mehr zu erkunden. Um die Cumberlandsbai dehnte sich ein etwa eine Stunde ins Innere hineinziehender Strandsaum. Hier war der wellenförmige Boden fast überall fruchtbar. Aus dem dichten Rasenteppiche blickten da und dort Kräuter hervor, die Selkirk bereits von Schottland her kannte: Sauer ampfer, Kresse, Portulak; da und dort duftete die Minze und der purpurn blühende Thymian; in Dickichten fand er die Berberitze und den Sauer dorn. Weiter nach dem Innern schlossen Bergwälder den Gesichtskreis ab. Sie umkleideten damals wie noch heute mit ihrem dichten Grün eine An zahl schroff aufsteigender Felsgipfel, deren schroffe Formen neuere Rei sende an Vulkankegel erinnert haben. Der Hauptfelsstock der Insel ist neuerdings der Jung ne genannt worden; er hat eine Höhe von etwa 1000 Meter, gipfelt sich mit schroffen Abhängen empor und ist oben wie ein Tisch abgeplattet. Von seinem Gipfel schweift der Blick über die Berg rücken und Thalschluchten der ganzen Insel und weit hinaus in den blauen Ocean. Geradezu staunenswert aber ist die reiche Bewässerung, deren das Eiland sich rühmen darf. An den Felshängen in den engen Thalschluchten quellen zahlreiche wasserreiche Bäche, die über das zackige Gestein herab sprudeln und durch die bewaldeten Gründe ihren Weg zum Meere suchen. Hier und da sinden sich eigentümliche brunnenartige Wasserbecken, welche durch den dichten überhängenden Blumenschmuck dem Auge des Wanderers fast ganz verdeckt sind. Überall, wohin Selkirk auf seinen Wanderungen kam, fand er die Geschenke einer reichen Natur. Der Meeresstraud war von zahlreichen großen Krebsen und Krabben belebt, die zubereitet ein gutes Nahrungs mittel boten. Das Wasser der kleinen Bai wimmelte von Fischen, zwischen denen sich die unbehilslichen Seekälber tummelten, welche schon die Auf merksamkeit des Moskito-Indianers erregt hatten. Denselben Reichtum298 der Tierwelt fand er, wenn er die Bäche landeinwärts verfolgte. Unter dem Schatten der Uferwaldungen spielten silberschuppige Fische, und in den Höhlen der Ufer hausten Krebse von ziemlicher Große und besonderem Wohlgeschmack. Nicht minder erregte die Waldwanderung sein Erstaunen. Meist gestattete der von Unterholz freie Wald eine ziemlich weite Umschau; stellenweis aber verflocht sich in den Hochwald schönblütiges Unterholz, über dem zahlreiche Kolibris wie schimmernde Käfer schwirrten. Hier und da rankte zwischen den Gesträuchen eine Pflanze mit dunkelgrünen, leder artigen Blättern und rotbraunen Beeren, die Selkirk später als Pfeffer erkannte und benutzte. Sonst traf unser Einsiedler fast überall im Walde aus fremdartige Pflanzengestalten; darunter fanden sich oft Baumriesen von 30 Meter Höhe, die sich in schlanken Stämmen emporgipfelten. Und über diese hinaus erhoben sich noch die narbigen Schäfte einer Palmenart, die in ihren jungen Schößlingen den wohlschmeckenden Palmkohl lieferte. Als Selkirk seine Wanderung nach den höher gelegenen Bergwäldern fort setzte, fand er eine Baumart von gedrungenem Bau und festem Holze, die in ihrer Blatt- und Blütenbildung den bei uns krautartigen Sau disteln ähnelte; außerdem wuchs auf dem Bergrücken ein Baum, der eine Art schwarzer, wohlschmeckender Pflaumen trug, die aber etwas schwer zu erlangen waren. Diese Fülle der ihn umgebenden Natur machte einen tiefen Eindruck auf Selkirks Gemüt. Er erzählte später, daß er nie ein so guter Christ gewesen sei als in der Einsamkeit seiner Insel. So lebhaft war der reli giöse Zug seines Herzens geworden, daß er außer der Hütte, die er sich als eigentliche Wohnstätte erbaut hatte, noch eine zweite errichtete, die er seinen Tempel nannte. Hier verrichtete er sein Gebet, hier las er seine Bibel, hier sang er laut seine Psalmen. Zuweilen freilich ängstigte ihn die Gottlosigkeit seines vergangenen Lebens, und er zitterte vor dem Ge danken, daß ihn der Richter im Himmel, um ihn für seine Sünden zu strafen, zur ewigen Abgeschiedenheit von der Welt verdammt habe. In solchen Augenblicken der Reue und der Verzweiflung tröstete ihn aber wunderbar das Anschaueu von Gottes Wunderwerken, — der zierlichen Palmwedel und der Fruchtbäume, deren süßen Vlütengeruch er sich als ein Opfer vorstellte, das die Erde dem Schöpfer darbringe. Je länger aber Selkirk auf seiner Insel lebte, desto mehr machten sich die Qualen der Einsamkeit fühlbar. Er sehnte sich nach Gefährten, und es gewährte ihm nicht geringen Trost, als er bei der Unmöglich keit, menschliche Gesellschaft zu erlangen, sich Ziegen und Katzen zähmen konnte.—- 299 -— Anfangs hatte er auf die Ziegen nur soweit geachtet, als ihr Fleisch ihm Nahrung gewährte. Als aber sein Pulver und Blei verbraucht war, sah er sich im Gewinn der Nahrung auf seine eigene Kraft und Schlau heit angewiesen. Und er verzagte auch nicht; er hatte ja sein Beil, und seine Augen waren scharf, seine Sehnen kraftvoll und geschmeidig. Alles dies brauchte er auf der Ziegenjagd. Es war wahrlich nichts Leichtes, die scheuen Tiere einzuholen; aber so weit brachte es Selkirk durch Übung, daß er den schnellsten Hund an Behendigkeit übertraf, und dabei waren seine Fußsohlen mit einer so harten Hornhaut überzogen, daß er achtlos durch Dickicht und Dornen springen, oder über den rauhesten Felsgrund setzen konnte, ohne sich zu verletzen. Mit der Beschwerlichkeit der Ziegen jagd verband sich nicht selten die Gefahr. Selkirk erzählte darüber, daß er im Eifer der Verfolgung einmal in eine steile Felsenspalte stürzte und lange Zeit ohnmächtig dalag. Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß die Ziege, die er verfolgt und mit in seinen Sturz gerissen, ihm das Leben gerettet hatte, denn sie lag zerschmettert unter seinem Körper. Wie groß die Gefahr gewesen sein muß, in der Selkirk damals schwebte, erkennt man daraus, daß er drei bis vier Tage bewußtlos gelegen hatte, ein Umstand, auf den ihn erst das veränderte Aussehen des Mondes auf merksam machte, und daß er erst nach zehn Tagen wagen durfte, seine Hütte wieder zu verlassen. So gelang es Selkirk, manchmal leicht, manchmal unter schweren Gefahren, nach und nach an fünfhundert Ziegen einzufangen. Nur sehr selten wurde er bei dieser Beschäftigung von der Sorge um Nahrung ge trieben; meist scheint er nur um der Jagdfreude willen auf die Streife nach Ziegen ausgezogen zu sein; denn die meisten der erjagten Tiere ließ er, mit seinem Eigeutumszeichen im Ohr, wieder in die Berge springen. Eine kleine Anzahl ausgewählter Ziegen hielt er in einer Um- zäumung, zähmte sie ohne große Mühe und verwendete ihre Milch in seinem einfachen Haushalt. Nicht ebenso leicht wurde ihm die Zähmung der verwilderten Katzen. Und gerade diese sich zu Bundesgenossen zu machen, trieb ihn eine wirk liche Nattennot. Denn diese ekelhaften Nagetiere wurden Selkirk bald sehr lästig. Nichts unter seinen Vorräten war vor den scharfen Zähnen der häßlichen Tiere sicher. Sie zerstörten seine Kiste und gingen, während er schlief, sogar an seine Kleider; ja oft schreckte ihn selbst ein Biß in Hand oder Fuß aus dem Schlafe. Gegen diese unheimlichen Feinde gedachte Selkirk die Katzen ins Feld zu führen. Lange Zeit war jede Art des Lockens vergeblich; als er sie aber mit vorgeworfenen Fleisch-300 stücken köderte, gelang es ihm endlich doch, einige der scheuen Tiere dauernd zu zähmen. Wie der erdichtete Robinson, wurde auch Selkirk von der Angst vor dem Winter gequält; wie dieser, sah auch unser Held sich angenehm ent täuscht. Die eigentliche rauhe Jahreszeit siel auf die Monate Juni und Juli. Da fröstelte es wohl dann und wann, oder der heftige Regen wech selte mit einem Schloßenwetter ab. War der Winter nicht rauh, so war, wegen der Lage der Insel weit von der Küste des Festlandes, auch der Sommer gemäßigt. Selkirk konnte später diese Milde des Klimas, die auch noch die Winterzeit mit grünen Bäumen und Sträuchern prangen ließ, nicht genug loben. Die lauen Sommerabende, versicherte er, die er einst am Strande des ruhigen Meeres, inmitten seiner kleinen Herde ver lebt habe, gehörten zu den lieblichsten Erinnerungen seines Lebens. Als Selkirk auf seiner Insel ausgesetzt wurde, bestand sein Vorrat an Kleidungsstücken aus dem, was er gerade auf dem Leibe trug. Es war nur eine natürliche Folge seiner häufigen Streifereien durch die Insel, daß ihm Jacke und Hose bald in Fetzen vom Leibe fielen. Um den Ver lust zu ersetzen, sah er keinen anderen Weg, als zu versuchen, ob er sich nicht aus Ziegenfellen Kleider Herstellen könne. Wohl fehlte es ihm dabei an Nadel und Zwirn; indes die Not macht erfinderisch, und so bediente er sich mit vielem Geschick eines Nagels anstatt der Nadel. Durch die so gebohrten Löcher zog er dünne, mit seinem Messer aus Fellen geschnittene Riemen und hatte wirklich die Freude, sich auf diese Weise eine zwar wunderlich genug aussehcnde, aber doch schützende Kleidung herzustellcn. Am meisten wiirde er beim Gebrauch dieser rauhen Fellkleidung den Mangel an Hemden empfunden haben. Glücklicherweise aber fand sich in seiner Kiste ein kleiner Vorrat von Leiueuzeug. Aus diesem verfertigte er sich Hemden, indem er die Leinwand vermittelst eines Nagels mit Garufäden zusammennühte, welche er aus den Überresten seiner Strümpfe gezogen hatte. Auch Schuhe versuchte er auf diese Art zu machen. Indes waren die aus ungegerbtem Ziegenfell zusammengenähten Beutel, die er um seine Füße schnürte, so wenig haltbar, daß er den Versuch bald ganz aufgab. Wozu Hütte er, dessen Füße gegen Dorn und Stein abgehärtet waren, auch der Schuhe bedurft? So verlebte Selkirk auf der Insel Juan Feruandez vier Jahre und drei Monate. Da er den Tag seiner Ankunft auf der Insel in so manchen Baum gegraben hatte, so ergab sich, als er von einem englischen Schiffe wieder ausgenommen wurde, dieser Zeitraum. Während dieser Zeit hätte er mehr als einmal Gelegenheit gehabt, sein Einsiedlerleben zu be-301 enden. Verschiedenem«! kamen vorübersegelnde Schiffe in Sicht. Dann erwachte in dem armen Verlassenen wohl der glühende Wunsch, daß sie an der Insel vor Anker gehen möchten. Gleichwohl wagte er es nie, Signale zu geben. Er fürchtete nämlich, in die Hände der Spanier zu fallen, und dem Lose, als Sklave in ihre aiuerikanischen Bergwerke ge schleppt zu werden, zog er doch die Einsamkeit auf seiner Insel vor. Zwei mal sogar legten sich Schiffe in der Bai an der nördlichen Küste vor Anker. Wie da dem armen Selkirk das Herz klopfen mochte vor ungestümer Sehnsucht, endlich, endlich von seiner Felseninsel erlöst zu werden! Bei der letzten Landung konnte er sich nicht länger bemeistern, er mußte hinab zum Strande. Da krachen Flintenschüsse ihm entgegen, und Kugeln pfeifen an seinem Ohre vorüber: — die Gelandeten halten ihn für einen der wilden Eingeborenen, den man sich am besten mit Pulver und Blei vom Leibe hält. Halb verzweifelt kehrt Selkirk in die versteckten Klüfte seiner Insel zurück. Endlich, am 1. Februar 1709, kamen wieder zwei Fahrzeuge in Sicht. Es waren englische Kaperschiffe, die an der Küste von Chile kreuzten. Der Südostwind trieb sie langsam gegen die Insel Juan Fer- nandez heran. Der Befehlshaber des einen Schiffes, Kapitän Wood-Rogers, beschloß, an der Insel zu landen, um Wasser einzunehmen. Da aber be reits der Abend hereindunkelte, so legte er bei und verschob die Landung auf den kommenden Morgen. Da wurde vom Schiffsvolk bemerkt, daß bald nach Einbruch der Nacht einige Feuer am Strande emporloderten Man glaubte, daß entweder Fischer sich auf dem Eilande angesiedelt hätten oder daß vielleicht gar die Spanier eine bewaffnete Garnison auf der Insel halten könnten. Alles das mahnte zur Vorsicht. Am folgenden Morgen ließ Kapitän Wood-Rogers das größte Boot des Schiffes be mannen, um das Innere der Insel zu erkunden. Nach Verlauf einer Stunde bereits kehrte das Boot zurück. Wie erstaunte aber die zurück gebliebene Mannschaft, als sich mitten unter den zurückkehrenden Matrosen eine fremdartige, höchst abenteuerliche Gestalt befand, ein Mensch nämlich, der vom Kopf bis zum Fuß in Ziegenfelle gekleidet und der niemand anders war als unser Selkirk. Man mag sich vorstellen, mit welchem Erstaunen die Retter Selkirks der Erzählung seiner wunderbaren Abenteuer lauschten! Dazu machte es eigentümliche Schwierigkeiten, den seltsamen Mann zu verstehen. Ungeachtet er nämlich keinen Tag versäumt hatte, aus seiner Bibel einen Abschnitt laut zu seiner Erbauung zu lesen, so hatte er doch manche Worte seiner Muttersprache ganz vergessen, und manche sprach er nur unvollkommen—» 302 aus. So sehr er nach seinem eigenen Geständnis früher geistige Getränke geliebt hatte, so sehr hatte er sich bei seiner einfachen Lebensweise derselben entwöhnt. Ebenso verhielt es sich mit manchen Speisen, und es verging geraume Zeit, ehe er an den Mahlzeiten des Schiffsvolkes teilzunehmen vermochte. Eine ebenso große, aber dauernde Umwandlung war in Selkirks Innern vorgegangen. Ein englischer Schriftsteller, der später viel mit dem interessanten Manne verkehrte, versichert, daß er oft über den klaren Ver stand Selkirks erstaunt sei. In seinen Blicken habe sich heiterer Ernst aus gesprochen, und es sei ihm vorgekommen, als lege er wenig Wert auf äußere Dinge; ja zu Zeiten habe der ehemalige Einsiedler sogar geseufzt über seine Rückkehr in das Getümmel der Welt, weil sie mit allen ihren Genüssen die friedliche Stille seiner Einsamkeit ihm nicht zu ersetzen vermöge. * * * Was ich oben versprach, habe ich gehalten: ich habe den freundlichen Lesern von Robinsons Insel und ihren ersten Bewohnern erzählt. Nun haben aber die meisten sicher noch eine Frage auf den Lippen, die nämlich: wie denn nun eigentlich Selkirks Geschichte in die Robinsons umgewandelt worden sei? Daß Selkirk seine Geschichte selbst beschreiben sollte, war von ihm, als einem schlichten Matrosen, nicht zu erwarten. Wem also ver danken wir das köstliche Buch von Robinson? Als 1709 Selkirk nach Bristol zurückkehrte, hielt sich dort ein ernster Mann auf. Die Leute nannten ihn spöttisch den „Sonntags-Gentleman," in Wahrheit hieß er Daniel de Foe (sprich: Difu). Den Spottnamen trug er davon, daß er nur am Sonntage spazieren ging, und dann entweder am Meeresstrande oder in die Kirche. Man sah es dem Sonntags-Gentleman an, daß er ernste Schicksale durchlebt hatte. Seine Kleidung trug die Spuren der Dürftigkeit; sein Haar graute; über seine Stirn hatte die Sorge ihre Furchen gezogen; aber das Auge! — ja aus diesem Auge sprühte Geist und Leben, aber es leuchtete daraus auch Mut und Rechtschaffenheit. Daniel de Foe war aus London gebürtig und hatte eine gute Er ziehung erhalten, da ihn seine Eltern für den geistlichen Beruf bestimmt hatten. Doch wandte er sich, da seine Eltern später in bedrängte Um stände kamen, einem bürgerlichen Gewerbe zu und wurde Strumpfwaren händler. Bei alledem erhielt er sich auch in dem bewegten Treiben des Geschäftslebens ein offenes Auge für alle Bewegungen auf dem Gebiete303 des Geistes. Damals nun ging durch das Volk in England ein tiefer religiöser Zwiespalt. Die beiden Religionsparteien der Hochkirche und der Puritaner standen sich feindselig gegenüber; aber die Verfolgungswut war doch meist auf Seite der ersteren, hartnäckiger Widerstand meist auf Seite der letzteren Partei. Die Verfolgungen, denen die Puritaner sich ausgesetzt sahen, drückten Daniel de Foe, einem strenggläubigen Manne, die Feder in die Hand, und er hat sie zeitlebens geführt. Voll Mut und Energie, mit Scharf sinn und vernichtendem Witz, wo es sein mußte, griff er die Hochkirchler an. So wurde er bald ein gefürchteter Streiter für die Sache der Puri taner, und seine Schriften machten selbst in den höchsten Gesellschaftskreisen Aufsehen. Trafen diese Schriften aber die Hochkirchler mit wuchtigen Schlägen, so waren sie auch die Ursache, daß der unerschrockene Puritaner von dieser Seite ebenfalls heftig befeindet wurde. De Foes Feinde, wohl fühlend, daß sie auf geistigem Gebiete ihm nicht gewachsen waren, griffen zu einem niedrigen Mittel, ihm Schlag für Schlag heimzugeben: sie erschütterten den Kredit des Geschäftsmannes und brachten es endlich dahin, daß er für zahlungsunfähig erklärt wurde. Tiefen Kummer im Herzen verließ de Foe London und wandte sich nach Bristol. Was er hier durch seine Feder erwarb, verwandte er zum größten Teile auf die Bezahlung seiner Schulden, obgleich ihn das Gesetz von dieser Verpflich tung freisprach. So rastlos arbeitete de Foe, daß er sich nur des Sonntags wenige Erholungsstunden gönnte. Dann pflegte er in einer Taverne am Hafen zu speisen und mit ab- und zureisenden Fremden zu plaudern. Bei einer solchen Gelegenheit lernte er den von aller Welt an gestaunten Selkirk kennen. Die Erzählung der Abenteuer dieses Mannes erregte einen Plan in Daniel de Foe. Einige Zeit hindurch sah man die beiden Männer häufig vertraulich miteinander gehen, und der puri tanische Schriftsteller ging häufiger und sinnender als je am Meeresstrande spazieren. Zu Hause am Arbeitstische des fleißigen Schriftstellers wuchs unterdes der „Robinson" immer weiter und weiter aus seinem ersten Keime heraus. Endlich legte Daniel de Foe die Feder nieder — die Handschrift des „Robinson" war druckfertig! Damit aber eine Handschrift ein Buch werden könne, muß sich ein Buchhändler finden, der sie drucken läßt. Daniel de Foe wanderte des halb mit seiner Robinsonsgeschichte von einem zum anderen der Bristoler304 Buchhändler; aber jeder erklärte achselzuckend, daß kein Mensch ein solches Buch kaufen werde. Endlich fand sich ein Buchhändler, der aus Gefällig keit für einen Freund des Verfassers den „Robinson" zu drucke» unter nahm. Als Ehrensold für das unvergleichliche Buch erklärte er nicht mehr zahlen zu können als zehn Guineen!* So erschien der „Robinson" endlich im Druck. Mit siegreicher Gewalt eroberte er sich in kurzer Zeit die Herzen überall, wo man nur eine Zeile Gedrucktes zu lesen vermochte. Der Buchhändler, der unbewußt den glücklichen Griff gcthan, wurde ein reicher Mann, — der Urheber seines Reichtums, der mit zehn Guineen abgefundene Daniel de Foe, kämpfte nach wie vor mit Hunger und Elend. Seine Feder ward nicht müde, Neues zu schaffen; aber von den zweihun dert Schriften, die er nach und nach verfaßte, hat keine auch nur den tausendsten Teil des Erfolges seiner Robinsonsgeschichte gehabt. Solange diese aber gelesen werden wird — und wann wird dies einmal nicht sein? —, wird auch der Name ihres Verfassers unvergessen bleiben. Die Kokospalme. Kokospalme, eine der edelsten Baumgestalten, gedeiht im armen Erdgürtel überall in der Nähe der Meeresküsten, tan könnte einen vielen Meilen breiten Gürtel in der Rich tung des Äquators um die Erde herum legen und dürfte sicher darauf rechnen, in mäßiger Höhe über dem Spiegel des Meeres und in nicht zu weiter Entfernung von seinen Küsten diese Königin der Palmen überall anzutreffen. Freilich ist die Art ihres Anbaues je nach der Landesnatur verschieden. Auf den Korallen-Eilanden des Stillen Meeres, zu denen vielleicht Meeresströmungen die dickbastigen Nüsse zur Aussaat geführt haben, überläßt der träge Malaie den edeln Baum sich selbst oder widmet ihm wenigstens nicht besondere Pflege; der spärlichen Bevölkerung dieser * Eine englische Goldmünze im Werte von etwa 21 Mark.305 Inseln genügt der ohne besonderes Zuthun gewonnene Ertrag. Wo aber hier und da in dem Verbreitungsgebiete der Kokospalme die Bevölkerung in dichten Massen sitzt, da weiß man das kostbare Naturgeschenk aufs beste zu schätzen, da hegt man die edle Palme in Pflanzungen, pflegt und schützt sie und steigert dadurch ihren Ertrag auf den höchsten Grad. So ist es zum Beispiel auf der Insel Ceylon, jenem pflanzengrünen Eilande, auf dem Indiens Natur sich zur höchsten Formenentfaltung steigert. Dort bilden die Kokospflanzungen einen stetig wiederkehrenden Zug in der Land schaft; dort zeigt der Mensch, wozu warme, feuchte Luft und sorgliche Pflege den edeln Baum machen können; dort schüttet die Kokospalme ihren Segen dem Menschen im reichsten Maße in den Schoß. All diese Kokospflanzungen sehen sich ähnlich, und im Jahreslaufe wiederholen sich in ihnen dieselben Geschäfte. Keiner fehlt der schmale Streifen von Wald oder Gebüsch, um besser die umherschweifenden Trupps von Büffeln oder Elefanten abhalten zu können, welche trotz Gräben, Hecken und Wächtern eine junge Pflanzung bis in den Grund hinein zu verwüsten im stände sind. Im Innern sind die jungen Pflanzen geschieden von den tragbaren Palmen, die etwa mit dem siebenten Jahre Früchte zu bringen beginnen, aber erst mit dem elften Jahre ihre volle Tragfähigkeit erlangen. Überall finden sich regelmäßige Zwischenräume und gerade Reihen wie in einem sorgsam gepflegten deutschen Forste. Und zu dieser Regelmäßig keit bildet der Gedanke, unter Palmen zu wandeln, einen für den Sinn des Europäers bestrickenden Gegensatz. Wie wundersam anmutig heben sich die großen, saftiggrünen Wedel von dem tiefblauen Hinnnelsgewölbe ab! Und nun dazu dieser goldig-grüne Schmuck der Früchte, die sich auf jeder trag baren Palme in allen Stufen der Entwickelung finden! In traubenför migen Büscheln hängen sie rings um das obere Ende des Stammes, die ausgewachsenen großen goldgelben Nüsse unten, die kleineren grünen über ihnen, noch höher zahlreiche andere, von der halb ausgewachsenen bis zu der, welche eben die welke Blütenhülle abgestoßen hat. So dicht hängen sie, daß sie die Spitze des Stammes fast ganz verbergen. Und über die Fruchtbüschel drängen sich hervor einige federartige Blumen, weiß wie Schnee, glatt wie polierter Marmor und glänzend wie Seide: sie sind eben aus der Blütenscheide gequollen und gehören zu dem Zartesten, was die Natur an Blütengebildeu hervorbringt. In einem Klima freilich, dessen feuchte Wärme eine Kokospalme in wenigen Jahren zu einem mächtigen Baume entfaltet, entwickelt sich ebenso machtvoll auch das Tierleben. Und so ist es erklärlich, daß dem edeln Baume eine Menge von Feinden erstehen, die teils mit verwüstendem Zahn Hummel, Bilder a. d. Weltk. 20—- 306 räuberisch Stamm, Wedel, Frucht und Blüte anfallen, teils im Innern verborgen der Palme allmählich an das Leben gehen. Der Elefant, das Wildschwein, eine Rattenart, die weißen Ameisen, das Stachelschwein, das artenreiche Geschlecht der Affen beschädigen sie, wenn sie jung ist, oder machen sich an die Früchte, lind trotzdem sind sie noch die Feinde, welche sich am ehesten abhalten lassen. Die nächtlichen Angriffe der streifenden Elefantenherden werden durch Feuer und gelegentlich abgefeuerte Schüsse abgeschreckt; Wildschweine und Stachelschweine fängt man in Fallen, oder hetzt die letzteren mit Hunden; die Affen werden heruntergeschossen, und die weißen Ameisen, deren Bauten oft gerade unter den kräftigsten Bäumen den Boden lockern und die außerdem Rinde und Holz zernagen, werden vergiftet. Bei alledem aber leidet manche Pflanzung zuweilen arg, und ihr Ertrag wird durch diese Räuber bedeutend geschmälert. Aber die Angriffe all dieses feindlichen Getiers sind kaum so zer störend wie die des beharrlichsten Feindes, dessen Verwüstungen die Kokos palme vom dritten Jahre an ausgesetzt ist. Dieser Feind ist der Palm bohrer, ein etwa vier Centimeter langer Käser von schönem Körperbau mit rüsselförmigen Mundteilen und schwarzen, harten Flügeln. Seine verwü stende Thätigkeit treibt er meist des Nachts. Er sucht dann die weichsten und saftigsten Teile des Baumes in der Nähe der Krone auf, beginnt mit seinem kräftigen Rüssel zu bohren und ist am Morgen meist schon so weit in den Baum hineingedrungen, daß ein Absuchen der Palme nötig ist, um den gefährlichen Eindringling zu entdecken. Gelingt es nicht, ihn recht zeitig anfzufinden, so bleibt er einige Tage in dem selbstgegrabenen Versteck, legt seine Eier ab und verläßt dann die Palme wieder. In den gegra benen Höhlungen aber beginnt es sich allgemach zu regen. Ans den Eiern schlüpfen die Larven des Palmbohrers, häßliche, wurmartige Geschöpfe mit schwarzem Kopfe, ähnlich der Larve des Maikäfers, deni bekannten Enger linge; ihren hungrigen Bissen fallen die feinen Fasern zur Beute, aus denen sich der Palmstamm aufbaut; weiter und immer weiter greift im Innern des edeln Baumes die Verwüstung um sich. Da zeigen sich denn auch bald im Äußeren die untrüglichen Spuren der Krankheit des Baumes: die langen Wedel hängen schlaff herunter, und ihr sonst so frisches Grün geht nach und nach in fahles Gelb über; viele Nüsse fallen ab, und andere scheinen bald folgen zu wollen; die hervorbrcchenden Blüten treten halb welk an das Tageslicht, und ehe sie zur Entwickelung gelangen, fallen die Hüllen von den verkümmerten Staubgefäßen. Es ist die höchste Zeit, dem heimtückischen Feinde der Palme auf die Spur zu kommen, wenn der schöne Baum noch gerettet werden soll.20 * 307 Da sind es denn nun die gelenken Buben der Eingeborenen, welche sich in der Palmpflanzung in vielfacher Weise nutzbar machen. Mit einem scharfen Gartenmesser versehen, klettern sie die verdächtigen Stämme auf und ab. Treffen sie auf eine vom Palmbohrer befallene Stelle, dann schneiden sie tief hinein in die leicht nachgebende Fasermasse. Ist das Loch erst so groß, daß man die Hand hineinzwängen kann, so werden aus der Höhlung sorgsam alle Überbleibsel der zerstörten Fasern entfernt, welche das Ausschlüpfen etwa zurückgebliebener Eier begünstigen können, und dann wird die Höhlung dicht mit Lehm ausgefüllt. Noch wirksamer ist es, wenn der verderbliche Käfer vor dem Eierlegen überrascht werden kann. Daher spürt man auch mit Eifer den sich eben einbohrenden Käfern nach, und selten ist eine solche Jagd auf Palmbohrer ohne Erfolg. An einem einzigen Morgen findet ein fleißiger Junge oft gegen zwanzig der schwarzröckigen Gesellen, welche dann getötet und nach der Landessitte an kleinen Galgen überall in der Pflanzung aufgehängt werden, zur Warnung für ihre noch lebenden Genossen. Die Buben der Eingeborenen machen sich überhaupt den Pflanzungen in den verschiedensten Arten nützlich. Ohne ihre Hilfe würde das Nüsse pflücken eine zeitraubende und kostspielige Arbeit werden; für sie aber hat die Zeit wenig Wert, und an Geschicklichkeit im Klettern thun sie es bei nahe den Affen gleich. Man muß erstaunen über die Gewandtheit, welche die halbnackten Buben beim Ersteigen der narbigen Stämme zeigen. In wenigen Minuten sind sie oben, suchen geschickt die reifen Früchte aus, drehen sie kräftig vom Fruchtstiel und werfen sie herunter. Ihre Gefährten drunten besorgen den Transport. Sie haben dabei eine ganz praktische Art. Indem sie einen Streifen der zähen Basthülle Herausschlitzen, ohne ihn abzulösen, knüpfen sie an diese natürlichen Henkel ein Bastseil und hängen so die Nüsse über die Schulter; auf diese Weise tragen sie dieselben schnell nach dem abseits haltenden, mit Rindern bespannten Wagen, der die Ernte nach dem Speicher bringt. In diesem beginnt die erste Benutzung der Nüsse. Man schlitzt zu nächst die Basthülle auf und löst die Nuß heraus. Die Nüsse werden zu weiterer Verwendung fortgeschafft, die Basthüllen aber in die großen, mit Wasser gefüllten Gruben geworfen, welche in der Mitte eines umzäunten Platzes angelegt sind. Hier werden die Basthüllen etwa zwei Wochen lang der Einwirkung der Fäulnis überlassen. Nach Verlauf dieser Zeit werden sie wieder herausgenommen und auf Steinen geklopft, um die elastische Faser von allen Unreinigkeiten zu befreien. Sodann werden die Fasern aus sandigem Boden gut getrocknet und hauptsächlich nach der308 Farbe in drei Sorten geschieden. Die vollständig getrocknete Kokossaser liefert dann den Gespinststoff, aus welchem der Seiler grobes Garn oder Stricke dreht, die sich durch ungemeine Dauerhaftigkeit auszeichnen. In anderen Räumen der Pflanzung erfolgt gleichzeitig die weitere Verwertung der Nüsse. Da sitzt ein halb Dutzend kräftiger Burschen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, jeder mit einem Haufen von Nüssen neben sich. Jede Nuß wird mit einem schweren, scharfen Messer auf einen Hieb kunstgerecht in zwei Hälften gespalten, und dann werden die Hälften auf einen Haufen geworfen. Kleinere Knaben tragen die aufge schlagenen Früchte nach den Plätzen vor den Schuppen, wo andere, von Weibern unterstützt, sie nebeneinander in Reihen legen, das Fleisch aufwärts gekehrt, so daß es von den vollen Strahlen der Sonne getroffen werden kann. So bleiben sie zwei Tage liegen; dann lost sich der ausgetrocknete Kern von der Schale und wird herausgenommen. Wird der Kern bei trockenem Wetter noch zwei Tage länger der Sonne ausgesetzt, so ist er Dollkommen trocken, spröde und ölig. Um das Öl herauszupressen, wendet man vielfach eine sehr kunstlose, von Büffeln getriebene Mühle an; neuer dings aber beginnt man auch, sich die Maschinenwerke der Europäer zu nutze zu machen; dann legt man mächtige Preßwerke an, neben denen der Schlot der Dampfmaschine raucht. Selbst bei der Verarbeitung der Nüsse geht nichts von der edeln Frucht verloren. Der Abfall beim Pressen giebt eine Art Ölkuchen, welcher als treffliches Futter für Rinder und Federvieh verwendet wird; angefeuchtet und teilweis in Fäulnis übergegangen, wird er als kräftiger Dünger für die Plantage benutzt. Die Europäer machen beim Anbau der Kokospalme in Plantagen hauptsächlich die Nuß des herrlichen Baumes nutzbar. Anders der Ein geborene der indischen Jnselflur. Ihm ist die Kokospalme, wie dem Araber die Dattelpalme, geradezu ein Baum des Lebens. Wenn er einen dieser Bäume, sobald er die Tragfähigkeit verloren, gefüllt hat, so baut er von dem festen Holze des stattlichen Stammes seine Hütte und benutzt die breiten, dauerhaften Wedel zur Bedachung. Streifen der Rinde werden als Bolzen und Riegel verwendet; sie tragen auch das kleine Gesims, auf dem sein Vorrat von selbstgesertigten Geräten und Gefäßen steht. Mit den Blattstielen hegt er sein Feld ein. Sein Kind wird in Schlaf gewiegt in einem aus rohen Schnüren gebildeten Netze, das er aus den Fasern der Nußhülle auf rohem Webstuhl selbst gewebt hat. Sein Mahl aus Reis und geschabter Kokosnuß wird über einem Feuer aus Nußhülsen gekocht und aus dem zum Teller zusammengefaltcten Stücke eines grünen Kokosblattes mit einem aus Kokosschale geschnitzten Löffel gegessen. Wenn—- 309 er bei Fackellicht fischt, so bedient er sich eines aus Kokosfasern geflochtenen Netzes, und auch seine Fackel ist ein Bündel ölhaltiger Pflanzenstiele; als Kanoc dient ein ansgchöhlter Stamm der Palme. Dürstet ihn, so labt er sich an dem frischen Safte der jungen Nuß; hat er Hunger, so verzehrt er den weichen Fruchtkern. Will er sich erheitern, so schlürft er ein Glas des aus gegorenem Palmensaft bereiteten Arraks und tanzt zu dem Schalle von Fingerklappern, die er aus der beinharten Schale der Nus; geschnitzt hat. Abgespannt vom wirbelnden Tanze erquickt er sich mit dem un- gegvrenen Safte, und seine gebackene Brotfrucht würzt er mit Essig, welcher aus dem gegorenen Safte gewonnen ist. Erkrankt er, so dient Kokosnußöl zum Einreiben des Körpers. Kokoszucker und Kokosmilch geben seinem Kaffee die nötige Süße und Milde; er trinkt ihn bei einer Lampe, welche aus der Nußschale bereitet ist und mit Nußöl gespeist wird. Über seiner Wiege wie über seinem Grabe hangt ein Strauß von Kokosblüten, um die bösen Geister fern zu halten. So giebt cs, außer der Dattelpalme und dem Brotfruchtbaum keine andere Pflanze, welche so vielseitig und tief in das Leben der Menschen cingreift wie die Königin der indischen Gewächse, die Kokospalme.111 . Eutüeckerfsffrten. Wie üie Kormsnner Amerika entdeckt haken. (Um 980.) * enn man in Geschichtsbüchern von der Entdeckung Amerikas liest, so knüpft sich diese herrliche Großthat kühnen Denkens und wagenden Mutes an den Namen des berühmten Genuesers Christoph Columbus. Wenige wissen, daß ein volles halbes Jahrtausend vor jenem 12. Oktober 1492, an welchem Tage der spanische Seekapitän glücklich den flachen Strand der Insel Guanahani betrat, bereits die Schiffe europäischer Seefahrer an der Küste eben dieses neuen Weltteils gelandet waren. Und das ist folgendermaßen zugegangen. In jenen alten Zeiten, als Karl der Große sein Weltreich gründete, galten die Normünner unbestritten als das kühnste Schiffervolk Europas. Die Natur ihres Landes hatte sie aber auch für dieses gefahrvolle Ge werbe recht eigentlich erzogen. Nur wenig fruchtbar war der fast überall nackte Felsboden ihres Landes und rauh die Witterung; deshalb zeigten sich nur karg die Gaben, welche die Natur sich erst nach hartem Kampfe abringen ließ. Daher kam die Lust am Schweifen in die Weite nach begünstigten Ländern, deren Schätze das kampfesfrohe Volk nach dem Rechte des Stärkeren als sein Eigen ansah. Die Stammeshäuptlinge hegten wenig Neigung, sich auf dem väterlichen Erbe am Herdenbesitz zu erfreuen; sie fanden es eines Mannes würdiger, im fremden Lande zu erobern, was die Natur der Heimat ihnen versagt hatte. Oft auch fanden sie sich von den Reizen der Fremde so gefesselt, daß sie darüber die Heim kehr nach Norwegen vergaßen, und daß sie sich da zu Herrschern auf-311 warfen, wo man sie noch vor kurzer Zeit als fremde Eindringlinge be kämpft hatte. Die Schwäche und Zerrissenheit der damaligen Völker be günstigte diese kühnen Eroberungszüge, und so war es durchaus nichts Ungewöhnliches, irgend einen dieser nordischen Scehelden mit wenigen kleinen Schiffen und geringen: Gefolge in See gehen zu sehen in der Ab sicht, sich irgendwo ei» Reich zu erkämpfen. Diese häufigen Unternehmungen zur See haben den Kreis des da mals bekannten Teils der Erde mächtig erweitert. So hatten norwegische Seefahrer schon um das Jahr 860 Island entdeckt, jene sagenhafte Insel im Nordmeer, an deren feuerspeiende Berge und heiße Sprudel sich später die wunderbarsten Sagen knüpften. Waren es nun auch zunächst jene großartigen Naturwunder, welche die Einbildungskraft der Normänner mächtig erregten, so gewann das „Eisland" — denn nichts anderes be deutet der Name — doch bald eine noch höhere Bedeutung. In die Zeit der Entdeckung Islands nämlich fallen die ersten Ver suche christlicher Glaubensboten, den nordischen Ländern Europas das Evangelium zu bringen. Es gelang ihnen hier und da, die Fürsten dieser Länder für den neuen Glauben zu gewinnen, und unter deren Schutze wurde es ihnen leicht, ihr segensvolles Werk zu treiben. Die heiligen Haine des nordischen Gottes Odin fielen unter den Äxten bekehrungs eifriger Priester, und in den Lichtungen der Wälder erhoben sich christliche Gotteshäuser, von deren Zinnen das Kreuz siegverkündend weit hinein in das Land leuchtete. Die Anhänger der alten Götter aber wurden immer weiter zurückgedrängt, und Unterwerfung oder Auswanderung blieben end lich die einzigen Wege, welche ihnen noch offen standen. Viele der starrsinnigen Normannen wählten den letzteren Weg. In treuer Anhänglichkeit an ihre alten Götter rissen sie sich los von dem heimatlichen Boden, an dem sie mit allen Fasern ihres Herzens hingen, und segelten hinaus ins Meer, einem ungewissen Schicksal entgegen. Rührend ist die Erzählung von dem Vertrauen auf den Schutz der alten Götter, das auf diesen gefahrvollen Seefahrten das Herz der ausgewan- derten Männer stärkte. Meistens war es ein angesehener Held, der sich an die Spitze eines solchen Unternehmens stellte. Ehe er aber die Heimat verließ, brach er die hölzernen Pfeiler seines Hochsitzes in der Halle des väterlichen Hofes ab, um sie mit sich zu Schiffe fortzuführen. In dem engen Raume des lang- geschnäbelten Fahrzeuges bargen sich seine Familienglieder und die Knechte des Hauses, welche ebenfalls nicht Zurückbleiben durften, sowie vielleicht auch noch eine Anzahl geringer Leute, die sich der Leitung des bewährten312 Führers anvertrauen wollten. Nie vergaß man, einige Raben, die heiligen Vögel Odins, mitzunehmen, und auf ihre Führung baute man vertrauens voll. Schlug auf offener See der Rabe, welchen man fliegen ließ, die Richtung nach dem eben verlasfenen Lande ein, so glaubte man, daß der Vogel scharfen Auges dasselbe noch sehe, und richtete den Lauf des Schiffes weiter gegen die offene See; klammerte der Vogel sich ängstlich an den Mast, so wußte man, daß rings in der weiten See nirgend Land zu er blicken sei; verließ der Rabe aber das Schiff seewärts, so folgte man der Richtung seines Fluges, überzeugt, daß man in kurzer Zeit auf Land treffen werde. War endlich Land in Sicht gekommen, so warf man die mitgenommenen Pfeiler ins Wasser, und an der Stelle, wo sie die Flut an das Land trieb, gründete der Anführer die neue Ansiedelung. Ja so fest glaubten diese treuen Männer an die besondere Führung Odins, daß ein sterbender Anführer befahl, man solle, sobald man Land erblicke, seinen Sarg samt den: Leichnam dem Meere überlassen, und wo der Sarg an treiben würde, möge man sich anbauen. So erhielt Island, das öde Felseneiland im Nordmeer, seine ersten Ansiedler. Hier fanden die ansgewanderten Normänner, was ihnen die Heimat versagte: eine Freistatt für ihren alten Glauben, wo sie nach uraltem Gesetz und Recht sich selbst regieren durften. Darum siedelten sich auf dem unfruchtbaren Eilande bald eine ganze Anzahl von Nor- mannen-Häuptlingen an, die ihre Schiffe zum Mutterlande und selbst bis in die deutschen Häfen sandten und nach beiden Richtungen hin einen leb haften Verkehr unterhielten. Es war ums Jahr 980, als Erik Rande (d. i. Erich Rotbart), aus einem der edeln Geschlechter der isländischen Normänner, eines begangenen Mordes wegen auf drei Jahre von der Insel verbannt wurde. Gleich mütigen Herzens bestieg der kühne Seeheld sein Schiff, auf das nur wenig Getreue ihm folgten, und segelte kühn hinein ins offene Nord meer. Vielleicht leitete ihn hierbei ein dunkles Gerücht von einem islän dischen Schiffer, der wenige Jahre früher in nordwestlicher Richtung ein unbekanntes Land gesehen haben sollte. Nach einer mühseligen Fahrt tauchte vor seinem erstaunten Auge plötzlich eine weite Küste auf, und er überzeugte sich immer mehr, daß er das im Westen vermutete Land vor sich habe. Gegen Norden hin vorzudringen war dem mutigen Schiffer nicht möglich, da Wind und Wetter immer rauher und die Küste immer unwirt licher wurde. So lenkte er denn den Lauf seines Fahrzeuges nach Süd westen und segelte langsam längs der Küste dahin. Da indes der Winter313 bald hereinbrach, so legte Erik sein Schiff bei einer kleinen Insel vor Anker und überstand hier mit seinem Gefolge die Zeit, während welcher die Strenge der rauhen Witterung ihn an der Fortsetzung der Fahrt hinderte. Das ganze folgende Jahr verwendete er dazu, das Innere des neuentdeckten Landes zu erforschen, und da er dasselbe für eine Ansiedelung wohlgeeignet hielt, so kehrte er mit der wichtigen Nachricht von seiner Entdeckung im dritten Jahre nach Island zurück. Fabelhaft und seltsam war der Bericht, den er von dem Lande im Nordwesten gab, und vielleicht mag der Wunsch, eine Anzahl von Isländern zur Auswanderung nach dem neuentdeckten Lande zu bewegen, ihn zu übertriebenen Schilderungen desselben bewogen haben. Nach Eriks Aussage sollte in dem nenentdeckten Lande milde Luft herrschen, so daß Berg und Thal in das üppigste Grün gekleidet seien, weshalb er auch dem Lande den Namen Grönland (d. i. grünes Land) beilegte. Seine lebhaften Schilderungen bewogen eine Anzahl isländischer Familien, sich ihm anzuschließen, um jenes herrliche Land in Besitz zu nehmen, auf dem sie sich eine wohnlichere Heimstätte zu gründen hofften als auf dem unfruchtbaren Island. So war es denn ein ansehnliches und stattliches Gefolge, das sich um Erik Räude sammelte und mit dem er im Jahre 985 sich auf fünfundzwanzig mit allen Bedürfnissen wohl versehenen Fahrzeugen nach Grönland einschiffte. Mühsam und gefahrvoll war auch diesmal die Reise, und der kühne Seefahrer erreichte das Land seiner Hoffnung erst nach monatelanger Fahrt und nachdem elf seiner Schiffe durch Stürme zu Grunde gegangen waren. Diesen ersten Ansiedlern folgten bald andere Abenteurer, und in wenigen Jahren war die Küste von Grönland mit einem Saume von Kolonieen eingewanderter Isländer und Grönländer umzogen. Die kleinen Ansiedelungen begannen frisch emporzublühen und standen in regem Ver kehr mit Island und Norwegen. So war dem normännischen Unter nehmungsgeiste ein weites Feld geboten, und die Reihe der Entdeckungen, welche sich an die Auffindung Grönlands knüpfen konnten, war kaum abzusehen. In der That währte es nur kurze Zeit, bis sich der Kreis der islän dischen Entdeckungen von neuem erweiterte. Diesmal hatte der Zufall seine Hand im Spiele. Als nämlich Erik Räude zum zweitenmal nach Grönland aufbrach, befand sich in seinem Gefolge ein isländischer Mann, Namens Herjulf, dessen Sohn, ein kühner Seeheld und Besitzer eines eigenen Fahrzeugs, gerade auf einer Seefahrt nach Norwegen begriffen war. Den Sommer darauf kam Björn Herjulfson, so hieß der Sohn,—» 314 »— nach Island zurück und erfuhr hier, daß sein Vater nach dem neuentdeckten Grönland ansgewandert sei. Er bedachte sich nicht lange, die Fahrt zu unternehmen, um sich mit seinen Gefährten ebenfalls in dem neuen Lande anzusiedeln. Freilich wußte er von der Lage Grönlands weiter nichts, als daß er es in westlicher Richtung zu suchen habe; dennoch brach er im Vertrauen auf sein gutes Glück auf, obwohl weder er, noch einer seines Gefolges jemals das Nordmeer befahren hatte. Ein frischer Wind füllte die Segel der kühnen Abenteurer, als sie Island verließen. Doch hielt dies günstige Wetter nur bis zum dritten Tage an. Da lagerte sich plötzlich dichter Nebel über das Meer; ein wütender Sturm erhob sich aus Norden und schleuderte das Fahrzeug mehrere Tage so hin und her, daß die geängstigten Schiffer nicht mehr wußten, wo sie sich befanden. Endlich aber legte sich der Sturm, und der Himmel klärte sich auf; von neuem gehorchte das Schiff dem Steuer, und die kühnen Seefahrer vermochten wieder das Segel zu gebrauchen. Aber niemand unter dem Schiffsvolke konnte Antwort ans die Frage geben: „Wohin ist nun der Lauf des Schiffes zu lenken?" Aus dieser Bedrängnis riß sie der Ruf „Land!" den sie vom Maste aus hörten, und wirklich stieg im Westen eine langgestreckte Küste aus den Fluten. Aber wie große Hoffnung auch der Anblick des Landes Björn Herjulfson einslößte, so zweifelte er doch sehr daran, ob dasselbe auch wirklich das von ihm gesuchte Grönland sei. Hatte man ihm nicht auf Island als das sicherste Kennzeichen dieses Landes hohe Schneeberge bezeichnet, welche weit in das Meer hineinleuchten sollten, — und das vor ihm liegende Land war stach oder höchstens von kleinen Hügeln sanft gewellt. Hier und da zeigten sich ausgedehnte Wälder von hohen Bäumen, wie Björn sie in Island gar nicht und in Norwegen nur sehr selten an- getroffen hatte. So sehr nun auch der glückliche Entdecker Verlangen trug, die Be schaffenheit des vor ihm liegenden Landes zu erkunden, aus Furcht vor den Bewohnern desselben, von denen freilich vom Schiffe aus nichts zu sehen war, wagte er es doch nicht, an das Land zu gehen, sondern fuhr längs der Küste in nördlicher Richtung dahin. Bei weiterer Fortsetzung der nördlichen Fahrt aber trat das Land wieder zurück, und zwei Tage lang glaubten sich die normännischen Schiffer auf offener See zu befinden, bis ihnen von neuem flaches, dicht bewaldetes Land in Sicht kam. Jetzt trat plötzlich Windstille ein, und das Schiff blieb liegen. Björns Ge fährten verlangten, ans Land gehen zu dürfen, um Wasser und andere Bedürfnisse einzunehmen; aber der vorsichtige Führer gestattete dies nicht315 «— und war froh, daß er mit einem sich erhebenden Südwestwinde seine Fahrt sortsetzen konnte. Der Wind blies fortwährend gut, und Björn steuerte jetzt gerade gegen Norden kühn in das offene Meer hinaus. Vier Tage hatte die Fahrt gedauert, da lief das Schiff die bewohnte Spitze einer Insel an, und Björn erfuhr auf seine Frage, daß diese Insel das von ihm gesuchte Grönland sei. Hier fand der mutige Seefahrer denn auch nach langer Irrfahrt seinen Vater wieder. Das Land aber, welches er gesehen hatte, ohne es zu betreten, war ohne allen Zweifel ein Teil der westlichen Küste von Nordamerika; Björn Herjulfson ist also der erste Europäer gewesen, welcher das Festland des Westens entdeckt hat. Die Nachricht von Björns abenteuerlicher Seefahrt verbreitete sich bald über Island und Grönland, und die Einbildungskraft aller unter nehmungslustigen Köpfe wurde von der seltsamen Kunde entzündet. Was bedurfte es auch für die jüngeren, zu mutigen Unternehmungen stets ge neigten Normänner und Isländer mehr, um sie zur weiteren Erforschung und Besitzergreifung des von Björn neu entdeckten Landes anzuspornen? Während also der Entdecker selbst ruhig bei seinem Vater lebte, stellte sich Leis Erikson, Erik Randes mutiger Sohn, an die Spitze einer neuen Unternehmung. Er kaufte Björn Herjulfsons Schiff und verband sich mit fünfunddreißig mutigen Leuten zu einer Mcerfahrt nach dem un bekannten Lande im Südwesten. Wirklich fand er auch auf dieser Reise, welche etwa in das Jahr 1000 fällt, das Land, welches Björn zuerst gesehen hatte. Es war bergig, vom Schmuck der Bäume und Sträucher entblößt und nicht einmal Gras darauf zu finden. Aus dem Innern leuchteten hohe Schneebergc herüber, und nackte Felsklippen umlagerten die unwirtliche Küste. Es war in der That ein überaus armes, unfruchtbares Gestade, und der Name Helluland (d. i. Land der Nacht), welchen Leis ihm beilegte, spricht dies ganz bezeichnend aus. Die Küste, an welcher Leis hinsegelte, war zu wenig einladend, als daß er ans Land gegangen wäre. Bald aber kam ein anderer Küstenstrich in Sicht, der bei weitem nicht so kahl und abschreckend war; ja die Waldung, welche in der Ferne die Strandebene einschloß, ließ sogar eine gewisse Fruchtbarkeit des Landes vermuten. Die isländischen Schiffsleute betraten diese Küste jedoch ebenfalls nicht, sondern Leis wandte den Kiel seines Schiffes weiter nach Süden und fand zwei Tage später von neuem Land. Diesem war eine Insel vorgelagert, auf welcher die Seefahrer Buschwerk und süße Beeren fanden. Aus dem Festlande heraus aber ergoß sich mit gewaltiger Flut ein Strom, den Leis hinaufsegelte, bis er einen See er reichte, in welchem das Schiff vor allem Ungestüm der Witterung gesichert316 lag. An dieser Stelle beschloß Leis die erste Ansiedelung zu gründen. Die Schiffer landeten die Vorräte und schlugen am Ufer Hütten auf, zu denen später ein festes Blockhaus hinzukam, in welchem sie zu überwintern gedachten. Während eines längeren Aufenthalts hatten Leis und seine Gefährten Gelegenheit, das Land genauer kennen zu lernen. Es gefiel ihnen ganz gut. Das Wetter war fast immer mild und angenehm, und während des ganzen Winters fror es nur sehr wenig; daher blieb das Gras immer grün, und sie hatten nicht nötig, sich mit Futter für die mitgebrachten Rinder zu versehen. Überall wuchsen Früchte, welche die Isländer bisher nicht kannten, die sie aber sehr schmackhaft fanden. Eines Tages vermißte man beim Bau der Hütten den Schmied Tyrker, einen Niedersachsen, und Leis, darüber beunruhigt, gab Befehl, den Verlorenen zu suchen. Nach langem, beschwerlichem Suchen fand man ihn im Walde, hüpfend und jubelnd vor Freude, und er erzählte seinen erstaunten Gefährten, daß er hier Beeren gefunden habe, aus denen man in seinem Vaterlande Wein bereite. Auch Leis kostete die Früchte, fand Tyrkers Erzählung bestätigt, und deshalb legte er dem neuen Lande den Namen Winland (d. i. Wein land) bei. Nach längerem Aufenthalt in den Wald- und Grasgründen Winlands lichtete Leis von neuem die Anker und segelte gegen Norden, um Grönland zu erreichen, wo die Kunde von seiner abenteuerlichen Fahrt bald von Mund zu Mund ging. Besonderes Erstaunen erregte die Angabe der Seefahrer, daß in dem neuentdeckten Lande der Tag nicht von so un gleicher Länge sei wie in Grönland und auch in Island und Norwegen; vielmehr stehe am kürzesten Tage die Sonne immer noch ungefähr neun Stunden am Himmel. Auf Leifs Entdeckung folgten zahlreiche Versuche, sich von Grönland aus in Winland niederzulassen. Es verging selten ein Jahr, daß nicht dieses und jenes Schiff sich nach Süden gewandt hätte, um Ansiedler nach dem neuen Lande zu führen, und so stark war der Zug nach demselben, daß an einem einzigen solchen Unternehmen sich nicht weniger als hundcrt- undvierzig Personen beteiligten. Daß die in Winland gegründeten Kolo- nieen ziemlich stark bewohnt gewesen sein müssen, geht aus einer Erzählung hervor, welcher man wohl Glauben schenken darf. Während die Isländer von Grönland ans Entdeckungen machten, hatte nämlich das Christentum auf Island immer mehr Boden gewonnen; die meisten Isländer und selbst die isländischen Bewohner von Grönland hatten sich zu dem neuen Glauben bekehrt, und über Grönland waren eigene Bischöfe gesetzt worden. Einer317 derselben, der Bischof Erik, machte sich im Jahre 1121 zu einer Reise nach Winland auf, um seine dort angesiedelten Landsleute zu bekehren, da diese größtenteils noch Heiden waren. Die Verbindungen, welche so zwischen Winland, Grönland, Island und Norwegen bestanden, erhielten sich bis in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Von da an hörten sie auf. Man vermutet, daß dies in folge jener furchtbaren Seuche geschehen sei, welche um diese Zeit unter dem Namen des „schwarzen Todes" durch die Länder zog und den vierten Teil aller Einwohner dahinraffte; vielleicht auch hatten die Kolonieen in Grönland und Winland von den Angriffen der Eskimos viel zu leiden, die aus dem nördlichen Amerika herüberkamen und welche die fremden Ansiedler jedenfalls nicht mit günstigen Augen ansahen. Sei dem indes, wie ihm wolle: — um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts schwindet jede Kunde von den Kolonieen in Grönland und Winland, und damit verlor sich auch die Kenntnis von dem Dasein dieser Länder überhaupt. Es war, als ob die Erinnerung an diese glänzendste That ihrer großen Vergangenheit gänzlich aus dem Gedächtnisse der nordischen Völker ver wischt sei; mehrere Jahrhunderte später erst hörten sie mit Staunen wieder von der Entdeckung eines westlichen Erdteils durch den kühnen Genueser Christoph Cvlumbus. Aber die Menschheit hält das Andenken ihrer großen Männer in Ehren. Fast vier Jahrhunderte nach des Columbus glücklicher Ent deckungsfahrt haben sich patriotische Männer in Nordamerika vereinigt, um die Erinnerung an den nordischen Seehelden auch den kommenden Geschlechtern lebendig zu erhalten. Sie haben im Herbst 1887 dem kühnen Leis Erikson in Boston ein Denkmal errichtet, das stolz hinausschaut auf jenen Teil der amerikanischen Küste, welchen Leis als der erste unter allen Europäern vor achthundert Jahren erblickt hat.318 Christoph £ n I n m 1t u s. ( 1492 .) 1. Von des Colnmbus Jugend. hristoph Colnmbus wurde im Jahre 1436 in der italienischen Seestadt Genna ge- boren. Seine Eltern waren schlichte Bürgersleute, und das Gewerbe eines Woll kämmers, das der Vater betrieb, mochte wohl anfangs auch für den jungen Columbus be stimmt sein. Indes entwickelte sich schon frühzeitig in dem Knaben eine Eigentüm lichkeit seines Wesens, der es an einer so einförmigen Beschäftigung nicht ge nügen konnte. Das hing vielleicht damit zusammen, P J[ daß dem Knaben von seiner frühesten Jugend an der Anblick des Meeres ein f\. ■ igSr^ gewohnter und unentbehrlicher war. Ob draußen der Sturm brauste, oder ob das Meer ruhig und still war wie ein glänzender Spiegel — stets machte es auf seinen lebhaften Geist einen mächtigen Eindruck. Mit jedem Schiffe, das den Hafen von Genua ver ließ, schweifte sein Blick in die geheimnisvolle Ferne, und sein Geist weilte in Gedanken in den fremden Ländern, die es besuchen wollte, und mit staunender Andacht lauschte er den Erzählungen weitgereister Schiffer, die von de» Wundern ferner Gegenden berichteten. Überaus bunt und wechselvoll war damals das Leben des Seemannes. Nicht allein, daß die kleinen, gebrechlichen Schiffe, mit denen man das Meer befuhr, die Gefahr des Seehandwerks steigerten, — auch auf Streit und Kampf mußten sich die Schiffer stets gefaßt halten. Denn von den Südküsten des Mittelländischen Meeres drohte der Muselmann, und seine Raubschiffe schwärmten selbst bis vor Venedig und Genua. Da galt es, auf der Hut zu sein gegen den grausamen Feind. So kam es, daß die Bemannung eines jeden Kauffahrteischiffes, welches damals einen italienischen Hafen verließ, bis an die Zähne bewaffnet war. Dies waren die ersten Indianer-Häuptling.319 Eindrücke, welche der junge Columbus empfing; so war die rauhe Schule beschaffen, aus der er als ein geschickter und mutiger Seemann hervor gehen sollte. Frühzeitig schon zog es ihn hinaus auf die blaue Flut. Er erzählt selbst, das; er bereits in seinem vierzehnten Jahre eine Seereise als Schiffs junge mitgemacht habe. Indes stand sein Sinn nach höheren Dingen, als Zeit seines Lebens ein tüchtiger Matrose oder der Führer eines kleinen Küstenschiffes zu sein. Die weite, damals nur erst zum kleinsten Teile befahrene Wasserfläche des Weltmeeres schien ihn einzuladen, sich der Herrschaft über das Meer zu bemächtigen, und jede Kunde von irgend einer neuen Entdeckung schwellte sein Herz mit der Sehnsucht nach einer ähnlichen Ruhmesthat. Wenn aber der junge Columbus das hohe Ziel, das er sich gesteckt hatte, mit seiner geistigen Tüchtigkeit verglich, so mag er damals wohl mehr als einmal bange geseufzt haben. Denn von den vielerlei Kennt nissen, die einem tüchtigen Seemann eigen sein müssen, besaß er so gut wie gar keine. Er war eben, wie der weitaus größte Teil der damaligen Jugend, in völliger Unwissenheit ausgewachsen und empfand diesen Mangel um so bitterer, je reifer sein Verstand wurde. Glücklicherweise war er noch jung, und der rastlose Fleiß, mit dem sich der Jüngling nun auf die Erlernung der Wissenschaften warf, förderte ihn mächtig. Er lernte Lesen und Schreiben, dann Rechnen, Zeichnen und Malen und erlangte in den letzteren Künsten eine solche Fertigkeit, daß er sich damit wohl hätte sein Brot verdienen können. Sodann ging er auf kurze Zeit nach Pavia, wo sich damals eine berühmte Hochschule befand, und vollendete hier seine Ausbildung in der Meßkunst, der Erdbeschreibung, der Stern kunde und allen den Wissensfächern, die einem tüchtigen Seemanne un entbehrlich sind. Bald fand nun Columbus auch Gelegenheit, seine Tüchtigkeit im Seedienst zu beweisen. Er befuhr verschiedenemal das Mittelländische Meer, besuchte das griechische Jnselmeer, beteiligte sich dann an einer Fahrt im nördlichen Teile des Atlantischen Occans und trat endlich in die Dienste des damals berühmten Seehelden Colombo, der, wie man ver mutet, ein Verwandter von ihm war. Obgleich dieser Mann den stolzen Titel eines Admirals der Republik Genua führte, war er doch nichts anderes als ein kühner Seeräuber, der mit seinen Schiffen gegen die Türken kreuzte und unter dessen Führung Christoph Columbus mehr als einmal Gelegenheit fand, seinen persönlichen Mut im heißen Kampfe auf offener See zu bewähren. Man darf daraus dem jungen Seemann320 -— keinen Vorwurf machen; denn die Seeräuberei galt zu jener Zeit nicht für entehrend, sondern sie gereichte sogar zum Ruhm, wenn sie mit Er laubnis und unter der Flagge einer Seemacht gegen die Schiffe eines feindlichen Volkes unternommen wurde. So kam es, das; das Geschwader, auf dem Columbus Dienst ge nommen hatte, einst in den portugiesischen Gewässern im Streit gegen vier venetianische Galeeren lag, die reich befrachtet von Flandern zurückkehrten. Der Kampf war ein überaus blutiger. Auf den geenterten Schiffen wurde in heftigster Erbitterung, Mann gegen Mann, gekämpft. Plötzlich brach in der von dem Schiffe des Columbus geenterten Galeere Feuer aus, und da die beiden Fahrzeuge mit Ketten und eisernen Haken aneinander ge fesselt waren, so gelang es im Gewühl des Kampfes nicht, dieselben aus einander zu bringen. Der Genueser wurde daher ebenfalls vom Feuer ergriffen, und beide Schiffe waren bald ein einziger Brandherd. Kopf über stürzte sich da die Mannschaft ins Meer, um den Tod in den Flammen gegen den in den Fluten zu vertauschen. Unfern Helden be günstigte dabei das Glück; denn es gelang ihm, ein Ruder zu ergreifen, mit dessen Hilfe es ihm, einem geschickten Schwimmer, möglich wurde, den zwei Seemeilen entfernten Strand zu erreichen. So wurde deun Colum bus arm und obdachlos an eine fremde Küste geworfen, und es bedurfte der ganzen geistigen Spannkraft des unterdes zum Manne Gereiften, um in dieser trostlosen Lage den Kopf oben zu behalten. Und er behielt ihn oben, so lange Zeit er auch noch gegen den Sturm des Mißgeschickes zu kämpfen hatte. 2. Wie es Columbus in Portugal erging. Was Columbus damals als der Schlag eines widrigen Geschickes erschienen sein mag, haben wir jetzt, da die hohe Bedeutung dieser That- sache klar vor unfern Augen liegt, mit Recht als die weise Fügung der Vorsehung anzusehen. Denn kein Land Europas war so geeignet, die Keime zu den großen Entwürfen, die schon zu dieser Zeit in dem Kopfe des Columbus schlummerten, zu entwickeln und zu reifen als gerade Por tugal; in keinem Lande auch wäre damals mehr Bereitwilligkeit, auf diese Entwürfe einzugehen, zu finden gewesen als gerade hier. Denn noch lebte in seinem Schloß zu Sagres am Kap St. Vincent, im Angesicht des von ihm so sehr geliebten Meeres, der berühmte Prinz Heinrich, den seine Zeitgenossen bewundernd „den Seefahrer" nannten. Der machte noch immer, trotzdem er schon in hohem Alter stand,321 begeisterungsvoll Entwürfe zur Vollendung der Umschiffung von Afrika, deren Ausführung schon viele Jahre zuvor begonnen hatte, und jeder kühne Seefahrer, der in dem unbekannten Teile des Atlantischen Oceans auf Ent deckungen auszusegeln den Mut hatte, genoß bei ihm thätigste Unterstützung. Dieselbe Stimmung fand Columbus auch im portugiesischen Volke, als er im Jahre 1473 in Lissabon ankam. Kein Geschwader ging damals in See, von dem man nicht irgend eine wundersame Entdeckung erhoffte; keine noch so unbedeutende Entdeckung wurde gemacht, die man nicht zu einem wichtigen Ereignisse gestempelt hätte. Columbus selbst mußte durch diese Stimmung des Volkes mächtig angeregt werden, und oft mag er sich schon damals im Geiste an der Spitze eines Entdecknngsgeschwaders erblickt haben. Welch lange Reihe von Jahren aber mußte er noch harren, ehe sich diese Hoffnung verwirklichte! In Lissabon trat ein Ereignis in dem Leben des Columbus ein, das ihn seiner großen Bestimmung wesentlich näher brachte. Er verheiratete sich nämlich mit der Tochter eines berühmten Seefahrers, welcher unter Prinz Heinrich verschiedenemal die Insel Porto Santo besucht und eine Kolonie daselbst angelegt hatte. Alle Papiere, Karten und Schiffstage bücher seines Schwiegervaters, welche in der Familie seiner Gattin auf bewahrt wurden, bekam Columbus auf diese Weise in die Hände. Mit brennendem Eifer forschte er Tag und Nacht in den Papieren, und mit seiner Einsicht in die Sache wuchs seine Begierde, den Kreis der bis dahin bekannten Welt zu erweitern. Da seine Frau eine kleine Besitzung ans Porto Santo geerbt hatte, so besuchte Columbus diese Insel und wohnte dort eine Zeitlang. Daneben aber versäumte er nicht, sich auch Kenntnis von den neu entdeckten Küsten strichen Afrikas zu verschaffen. So nahm er teil an einer Reise nach Guinea, auf welcher der Kapitän mit den Negerstämmen an der Küste in Handelsverkehr trat. Alle diese Unternehmungen aber waren für ihn, der nur auf Erweiterung seiner Kenntnisse bedacht war, nicht sehr einträglich, und so mußte Columbus, so oft er an Land war, für den Unterhalt seiner Familie dadurch sorgen, daß er Land- und Seekarten zeichnete. Diese fortwährende Beschäftigung mit der Erdkunde war es nun, welche einen großen Gedanken in seiner Seele wachrief. Columbus hatte die feste Überzeugung gewonnen, daß die Erde eine Kugel sei. Die Karten, welche man bis dahin von den bekannten Teilen der Erde angefertigt hatte, wiesen aber nach, daß auch nicht die Hälfte der Erdkugel bewohnt sei. Sollte sich — überlegte nun Columbus — nicht auch auf der andern Hälfte der Erdkugel ein Land befinden, wo Menschen und andere 21 Hummel, Bilder a. d. Weltk.322 Geschöpfe leben können? Ohne Zweifel! Dies war der Gedanke, der in seiner Seele aufdümmerte und welcher, je länger er über demselben brütete, immer größere Bestimmtheit annahm. Zu dieser Sicherheit in seiner Überzeugung gelangte Columbus noch besonders durch verschiedene Beobachtungen, die eben damals gemacht worden waren. So war ein portugiesischer Schiffer einmal ungewöhn lich weit nach Westen gesegelt, und auf dieser Fahrt hatte ihm die See ein künstlich geschnitztes Holz zugeführt, von dem er behauptete, daß es nicht durch Eisen bearbeitet sein könne. Einen ähnlichen Fund hatte Columbus' eigener Schwager auf einer westwärts gerichteten Fahrt gemacht und dabei be merkt, daß ihm das Holz durch einen West wind zugeführt worden war. Außerdem hatte man an den Küsten der Azoren, welche damals schon etwa fünfzig Jahre bekannt waren, mäch tige Rohrpflanzen und Fichtenstämme ange schwemmt gefunden, von denen die Bewohner versicherten, daß sie nicht in ihrem Lande ge wachsen seien. End lich — und dies war die überzeugendste Thatsachc — wurden an eben diesen Küsten einmal die Leichname zweier Menschen vom Meere ausgeworfen, die eine ganz besondere Bildung hatten, so daß sie weder den Europäern, noch den Bewohnern Asiens oder Afrikas ähnlich sahen. Alle diese Beob achtungen bestärkten Columbus in seiner Ansicht, daß im fernen Westen noch unentdeckte Länder liegen müßten, sowie daß diese Länder auch be wohnt seien. Bei aller Zuversicht seiner Meinung setzte aber Columbus doch ein bescheidenes Mißtrauen in seine eigene Einsicht. Daher wünschte er, seine Ansichten von anderen bestätigt zu sehen, ehe er an die Ausführung seines kühnen Planes ging. Deshalb wandte er sich an einen der berühmtesten Erdkundigen der dainaligen Zeit, den gelehrten Paulo Toscanelli zu Florenz, legte ihm seinen Plan und die Gründe desselben vor und bat ihn um seine PortugicsischeS Schiff dcs 15. Jahrhunderts.21 * 323 Meinung darüber. Zu seiner größten Freude war die Antwort Toscanellis eine durchaus zustimmendc. Der berühmte Gelehrte erkannte nicht nur die Gründe des Columbus für richtig an, sondern teilte ihm auch noch die eine und die andere Nachricht mit, wodurch Columbus' Vermutungen noch mehr bestätigt wurden; ja er entwarf sogar zum Gebrauch in den zu durchsegelnden Meeren eine Weltkarte, auf der alle damals bekannten Länder und Meere eingetragen waren. Schließlich riet er dringend, die große Idee, eine noch unbekannte Welt zu erschließen, mit allem Eifer zur Ausführung zu bringen. Columbus zögerte nun nicht länger, die hierzu erforderlichen Schritte zu thun. Er suchte bei dem damaligen Könige Johann II. von Portugal um eine Audienz nach und schilderte dabei die großen Vorteile, welche die Entdeckung der reichen Länder Indiens für Portugal haben müsse. Der König hörte Columbus auch überaus gnädig an und schien für den Plan des kühnen Mannes sehr eingenommen zu sein. Aber er traf nicht selbst eine Entscheidung, sondern legte die Sache seinen Räten vor. Diese jedoch erklärten die Ansicht des Columbus für ein Hirngespinst und seinen Plan für tollkühn und nicht der mindesten Unterstützung würdig. Als aber der König dennoch schwankte, riet ihm einer dieser Räte, ein ehr- und gewissen loser Mensch, man könne ja prüfen, was Wahres an dem Plane sei, und brauche Columbus trotzdem nicht die Vorteile des Entdeckers zu überlassen. Man möge nur heimlich ein Schiff in der von ihm bezeichneten Richtung aus senden; bis dieses zurückkäme, würde es leicht sein, Columbus hinzuhalten. Der sonst so hochsinnige König war schwach genug, auf diesen Rat einzu gehen. Man trug Columbus auf, seinen Plan ausführlich darzulegen und mit Karten zu veranschaulichen. Columbus, hocherfreut, seinem Ziele nahe gekom men zu sein, that dies, — und mit diesen Papieren versehen, segelte sofort ein portugiesisches Schiff ab, ohne daß er die geringste Ahnung davon hatte. Aber diese Hinterlist und Treulosigkeit rächte sich schwer. Der Führer des Schiffes, dem der Geist und die Entschlossenheit des großen Entdeckers fehlten, verlor auf seiner Fahrt ins unbekannte Weltmeer bald den Mut, gab den westlichen Kurs auf und kehrte verzagt nach Lissabon zurück. Hier hatte indes Columbus von der gegen ihn begangenen Treulosigkeit Kunde erhalten, und so sehr empörte sich sein edles Gemüt gegen eine derartige Handlungsweise, daß er augenblicklich Portugal verließ, obgleich König Johann die Unterhandlungen mit ihm wieder anzuknüpfen wünschte. So hatte unser Held denn den Weg zum Ruhme allerdings eingefc£)Iagen j aber lang und beschwerlich lag diese Bahn noch vor ihm, und sein hohes Ziel strahlte ihm nur noch undeutlich und wolkeuverhüllt aus weiter Ferne.—- 324 -— 3. Wie des Columbus großer Plan zur Reife gelangte. Seit den eben erzählten Begebenheiten mochte etwa ein Jahr ver flossen sein, als eines Tages vor dem Kloster La Nabida in der Nähe des spanischen Hafenstädtchens Palos ein Reisender anlangte. Ärmlich und abgetragen war seine Kleidung, und der Knabe, der ihm folgte, schien durch die Mühsale eines weiten Weges erschöpft zu sein. Der Reisende klopfte an die Thür des Klosters und bat den öffnenden Klosterbruder um ein Stück Brot und Wasser für sein Kind. Mitleidig reichte dieser ihm das Verlangte, und schon wollte er sich dankend wieder entfernen, als zufällig der Prior des Klosters vorüberging. Aussehen und Sprech weise des Reisenden verrieten in ihm einen Fremden, und der Prior ließ sich deshalb mit ihm in ein Gespräch ein. Er fragte nach Herkommen und Geschäft des Mannes, und bald stand vor seiner Seele ein Bild der Mühsale und Täuschungen, welche diesen bisher unablässig verfolgt hatten. Der Reisende aber war Columbus und der Knabe sein ältester Sohn Diego. Eine merkwürdige Gunst des Schicksals hatte Columbus zu dem rechten Manne geführt. Juan Perez — so hieß der würdige Mänch — verfolgte nämlich mit reger Teilnahme alles, was irgendwie mit der Er weiterung der erdkundlichen Kenntnisse zusammenhing. Lag doch sein Kloster in unmittelbarer Nähe einer Hafenstadt, und alle Nachrichten, welche durch die dort ansässigen Seefahrer nach Spanien gelangten, hallten zuerst in den Mauern seines Klosters wieder. Daher seine Aufmerksam keit auf die Erzählung des Columbus. Es konnte nicht fehlen, daß die Gründe, welche dieser mit vollster Überzeugung und hinreißender Bered samkeit für seine Meinung aufstellte, bei dem vorurteilsfreien Manne durchdrangen und daß er daher mit wachsender Teilnahme den glänzenden Entwürfen des Seefahrers lauschte. Dabei kam ihm ein Gedanke. Es schien ihm eine Fügung des Himmels zu sein, daß ein Mann, der mit so außerordentlichen Plänen sich trug und der allem Anscheine nach auch Mut und Entschlossenheit zu ihrer Ausführung besaß, — daß ein solcher Manu sich hilfesuchend gerade an die Pforte seines Klosters gewendet hatte. Er erwog bei sich, wie wichtig es für Spanien werden könne, wenn dieser Manu unter der Flagge seines Vaterlandes auf seine kühne Entdeckungsreise nussegele; er begeisterte sich an dem Gedanken, daß auch den Völkern der neu zu entdeckenden Länder die Segnungen des Christen tums gebracht werden könnten. So beschloß er denn, das Seine zu thun, um den kühnen Plan des Fremdlings zu unterstützen.325 Während der wenigen Tage, welche Columbus als Gast des Priors im Kloster La Rabida weilte, schrieb der letztere einen Brief an den Beichtvater der spanischen Königin Jsabella, in welchem er Columbus dessen Schutz empfahl und ihn um seine Verwendung bei dem König und der Königin ersuchte. Zu jener Zeit war der Einfluß der Priester bei den Herrschern Spaniens ein sehr großer, und daher war von der Für sprache des Beichtvaters der Königin gewiß ein günstiger Erfolg zu er warten, wenn nur dieser selbst für die Sache gewonnen werden konnte. Mit den besten Segenswünschen entließ endlich der Prior unfern Helden, und dieser langte im Jahre 1486 in Cordova an, wo damals der König von Spanien Hof hielt. Columbus übergab seinen Empfehlungs brief auch sofort dem Beichtvater der Königin; aber dieser, ein kleinlich denkender und mißtrauischer Mann, wollte sich mit den neuen Ent deckungsplänen nicht befreunden. Dazu kam noch, daß diese Pläne im Gegensatz zu den Angaben der heiligen Schrift zu stehen schienen, so daß der glaubenseifrige Priester Columbus wohl lieber in die Kerker der Inquisition geschickt hätte, als daß er ihm die königlichen Zimmer öffnete. Noch schlimmer als mit dem mißtrauischen Priester erging es Colum bus in den Kreisen der Höflinge. Hier fand er geradezu Spott und Hohn. Es erschien diesen Menschen gar zu sonderbar, daß ein Mann, der von den Wundern und Schätzen einer von ihm zu entdeckenden neuen Welt mit solcher Überzeugung redete, — daß ein solcher Mann in ärm licher Kleidung sich bei Hofe cinführen wollte und es nicht einmal ver stand, wenigstens seine Armut unter dem Glanze erborgten Flitters zu verbergen. Columbus war ein Fremder ohne Rang und Ansehen, von niemand empfohlen als von einem armen Klosterbruder: — was Wunder, daß die stolzen Hosleute ihn ungläubig lächelnd anhörten und sich dann achselzuckend abwendeten. Vielleicht wäre es unter solchen Umständen Columbus nie gelungen, sich Gehör bei dem Könige zu verschaffen, wenn nicht ein günstiges Ge schick ihm drei Gönner zugcführt hätte, die sich wirklich aufrichtig seiner annahmen. Der einflußreichste unter diesen war der Erzbischof von Toledo, Gonzalez de Mendoza, der an dem bescheidenen und doch zuversichtlichen Benehmen unseres Helden Gefallen fand und seinen Plänen eine größere Beachtung schenkte als alle Herren vom Hofe zusammengenomnwn. So dann erwarb sich Columbus einen treuen Freund in Alonso de Quinta- nilla, der ihn später noch mit Saut Angelo bekannt machte. Die beiden letzteren bekleideten einflußreiche Staatsämter, und ihrer freundschaftlichen326 Fürsprache hatte Columbus es zu danken, daß er nach langem Harren nicht nochmals zum Wanderstabe greifen mußte. Zunächst verschaffte der Erzbischof von Toledo ihm eine Audienz beim König Ferdinand. Bescheiden und doch voll edeln Selbstvertrauens trat Columbus vor den mächtigen Herrscher, in dessen Hand das Schicksal seines Planes lag. Ferdinand hörte seine Entwürfe mit Wohlwollen an, und sein Ehrgeiz erwachte, als er von den Entdeckungen vernahm, welche Columbus ihm in Aussicht stellte. Doch war er zu vorsichtig, um ohne weiteres auf das Unternehmen einzugehen. Deshalb versprach er, die Pläne des Columbus von einem Rate prüfen zu lassen, der aus den ge lehrtesten Männern des Königreichs zusammengesetzt werden sollte. Die Leitung der hochwichtigen Angelegenheit aber übertrug König Ferdinand — dem Beichtvater der Königin! Äußerst gering waren sonach die Hoffnungen, welche Columbus blieben, — sie sinken noch mehr, wenn man hört, aus was für Männern der gelehrte Rat zusammengesetzt war. Zuerst saßen darin Männer der Wissenschaft, die man von einer kürzlich errichteten Hochschule herberufen hatte, sodann aber — und zwar der größeren Anzahl nach — Priester und Mönche, die über die Angelegenheit nichts weiter zu sagen wußten, als was in der Bibel und den Schriften der Kirchenväter stand. Vor diese ansgewählte Gesellschaft von gelehrten Leuten trat nun der einfache, schlichte Seemann. Viele von ihnen waren von vornherein gegen seine Sache eingenommen, die meisten waren gleichgültig. Es wird be richtet, daß nur die im Rufe großer Gelehrsamkeit stehenden Brüder des Klosters, in welchem der Rat abgehalten wurde, ihm mit Aufmerksamkeit zuhörten. Viele der Gegner seines Planes glaubten diesen sogleich mit dem Einwnnde widerlegen zu können: ob er denn glaube, daß ein Land auf der anderen Seite der Erde wirklich so lange habe verborgen bleiben können, nachdem die weisesten Männer des Altertums die Gestalt der Erde zum Gegenstände ihrer Untersuchung gemacht hätten und nachdem so mancher tüchtige Seemann das Weltmeer durchschifft habe. Es sei deshalb eine starke Anmaßung von ihm, einem ungelehrten Manne, zu glauben, daß noch große Entdeckungen zu machen seien. Andere, die wohl die Möglichkeit seiner Annahmen zugaben, hielten es doch für unausführbar, diese etwa vorhandenen Länder von Spanien ans zu erreichen. Zum Beweis beriefen sie sich auf die Angaben der Alten, welche diese Länder von Europa durch eine unerträglich heiße Zone geschieden glaubten. Bewies Columbus, daß die Schrecken dieser heißen Zone nur Ein bildung seien, da er ja selbst in Guinea, das schon in dieser Zone liegt,327 gewesen sei, so wurde ihm entgegengehalten, daß trotzdem eine Seefahrt nach den Ländern des Ostens in westlicher Richtung unmöglich sei, da man wegen der Größe der Erdkugel mindestens drei Jahre zu einer solchen Reise gebrauche und es unmöglich sei, auf so lange Zeit die Schiffe mit Lebensmitteln zu versehen. Andere, die selbst noch diese Möglichkeit zugaben, meinten wieder, daß eine Rückkehr der Schiffe von Indien nach Spanien nicht ausführbar sein würde; denn da die Erde eine Kugel sei, so müsse man, um nach Spanien zu gelangen, bergan segeln, und dies würde selbst bei dem besten Winde unmöglich sein. So waren die Einwürfe beschaffen, die in dem von dem Könige ein gesetzten Rate den Plänen des Columbus entgegengesetzt wurden. Unver zagt und freimütig vertrat dieser seine Sache. In seiner Rede paarte sich Bescheidenheit mit Überzeugung; aus seinem Auge leuchtete die Flamme der Begeisterung; seine Miene nahm etwas Gebietendes an, und seine vornehme Haltung sowie seine hohe Herrschergestalt erzwangen sich selbst die Achtung der Gegner. So erreichte er wenigstens, daß man ihn ruhig anhörte. Dieser persönliche Eindruck vermochte aber das bei vielen vorhandene Vorurteil doch nicht zu besiegen. Seine Gegner blieben nur um so fester bei ihrer Meinung, da sie es für eine Schande hielten, sich von einem ungelehrten Seemann zurechtweisen zu lassen; seine Freunde dagegen be trachteten seine Pläne für nicht viel mehr als einen schönen Traum, dem leider die Verwirklichung fehlen müsse. So hatte der Beichtvater der Königin die Befriedigung, dem König Ferdinand als die Meinung des niedergesetzten Rates mitteilen zu können: es sei eines erleuchteten Monarchen nicht würdig, auf ein Unternehmen einzngehen, das wider Wissenschaft und Religion laufe und von dein Spanien, statt Ehre und Nutzen, nur Schande und Schaden haben könne. Obwohl nun der Bericht des königlichen Rates dem Plane des Columbus so ungünstig wie möglich war, so zögerte Ferdinand doch, die Sache geradezu von der Hand zu weisen. Es scheint, daß er für seine Person den Gründen des Columbus mehr Bedeutung beilegte als die Mitglieder des königlichen Rates, und daß er sich nicht jede Möglichkeit abschneiden wollte, seiner Krone durch kühne Entdeckungen neuen Glanz zu verleihen. Dazu kam noch, daß Columbus durch sein einfaches, tüchtiges Wesen sich unter den Mitgliedern des Rates doch diesen und jenen Freund erworben hatte, der nun im stillen für ihn wirkte. Einen solchen Freund hatte er ganz bestimmt in einem gelehrten Mönche gefunden, der als Er-—- 328 -— zieher der königlichen Prinzen von großem Einfluß war. Besonders aber war es ihm schon jetzt gelungen, die Gunst der Königin Jsabella zu er werben, die ihm auch sein ganzes Leben hindurch eine gnädige Beschützerin blieb. Für jetzt freilich hatte sie nur geringen Einfluß auf den Gang der Sache, da die Zeitumstünde ohnehin nicht dazu augethan waren, daß sich der König in ein kostspieliges Unternehmen hätte einlassen können. Spanien war nämlich zu dieser Zeit der Schauplatz des lautesten Kriegsgetümmels. Denn gerade in diesen Jahren entschied sich der heiße Kampf, der zwischen den christlichen Spaniern und den mohammedanischen Mauren um den Besitz der pyrenäischen Halbinsel geführt wurde. Die Mauren waren damals bereits jahrhundertelang bis in die heutige Provinz Granada zurückgedrängt, und der Kampf entbrannte nun von neuem um den Besitz der schwer zugänglichen Gebirgsgegenden, welche die Mauren als ihr letztes Bollwerk in Europa mit größter Tapferkeit vertei digten. So kam es, daß nicht nur durch einen langwierigen und kost spieligen Krieg das Land ausgesogen war, sondern daß auch König Ferdinand und seine Gemahlin sich fast immer auf dem Schauplatz des Krieges befanden. Ihr Hof glich einem Feldlager, das man heute da, morgen dort aufschlägt. Es war deshalb keine bloße Ausrede, wenn König Ferdinand Columbus eröffnen ließ: er wäre geneigt, sein Anerbieten später nochmals in reifliche Erwägung zu ziehen; für jetzt aber mache der Krieg mit den Mauren es unmöglich, ihn zu unterstützen. Dieses Hinausschiebeu der Ausführung seines Planes war aber für Columbus gleichbedeutend mit einer Ablehnung desselben. Der Kummer über dieses Mißgeschick beugte wohl unfern Helden danieder; aber so groß auch dieser Kummer war, seine Standhaftigkeit war doch noch größer. Weit entfernt, von seinem kühnen Unternehmen abzustehcn, wandte er sich vielmehr an zwei spanische Herzöge, welche sich für Unternehmungen zur See lebhaft interessierten und auch reich genug waren, um ein kleines Geschwader zu einer Entdeckungsreise ausrüsten zu können. Aber auch bei diesen fand er entweder nicht Glauben, oder nicht Unternehmungsgeist genug; doch versprach ihm der eine dieser Männer, daß er persönlich seinen Plan der Königin Jsabella nochmals empfehlen wolle. Er riet deshalb dem Columbus, wieder an den Hof zu gehen. Die schmachvolle Behandlung jedoch, welche unser Held am spanischen Hose bisher erfahren, hielt ihn ab, sich wieder dahin zu wenden, wo mau bisher nur Spott und Verachtung für ihn gehabt hatte. Er faßte vielmehr den Entschluß, die Bitte um Unterstützung seines Planes dem König von England vorzulegen. Ehe er aber abreiste, besuchte er329 nochmals das gastliche Kloster La Rabida, wo er bei seiner Abreise an den königlichen Hof seinen Sohn Diego untergebracht hatte. Als der edle Prior von der unglücklichen Wendung hörte, welche die Angelegenheit seines Schützlings genommen hatte, wurde er von tiefem Schmerz ergriffen. Er beschwor ihn, seine Abreise einige Zeit zu verschieben, und reiste noch in derselben Nacht an den Hof, um der Königin, deren Beichtvater er war, die große Sache warm ans Herz zu legen. In diese Zeit des Mißgeschickes fiel für Columbus endlich der erste Sonnenstrahl — ein Brief der Königin Jsabella, die ihn in herzgewinnender Weise bat, doch wieder an den Hof zu kommen, wo man seiner Sache größere Aufmerksamkeit schenken werde als bisher. Das Herz von frohen Hoffnungen geschwellt, machte sich Columbus sofort wieder auf den Weg zum Hoflager des Königs. Er kam zur glücklichen Stunde. Granada, die starke maurische Festung, war eben erobert, und die Mauren waren nach Afrika zurückgetrieben. Darüber herrschte Freude und Siegesjubel im ganzen Lande. Der Hof berauschte sich in glänzenden Festlichkeiten zu Ehren des endlichen Sieges, und auch für den hartgeprüften Columbus, sollte man meinen, würde nun endlich die Stunde schlagen, in der sein heißester Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Dazu aber war vorerst noch wenig Aussicht. Columbus folgte zwar dem königlichen Hofe und wurde als zu demselben gehörig betrachtet; aber noch immer machte man keine Anstalten, seine Sache zu entscheiden. Seine hohe, edle Gestalt verlor sich unter dem Haufen zudringlicher Bittsteller, welche die Pforten des königlichen Palastes belagerten; unbeachtet saß er in den Winkeln der Vorzimmer, trübsinnig und niedergeschlagen inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit. Der Schmerz über das Scheitern seiner kühnen Hoffnungen drückte sich auch in seinem Äußeren aus. Es wird erzählt, daß die Kinder in den Gassen sich bedeutsam auf die Stirn wiesen, wenn der hohe, ernste Mann mit den gramdurchfurchten Zügen und den Fcueraugen an ihnen vorüberschritt. So weit war es gekommen mit einem der edelsten Geister, die je gelebt haben! Endlich, endlich dämmerte ihm wieder einige Hoffnung. Ferdinand gab Befehl, mit Columbus über die Bedingungen zu unterhandeln, unter denen er sein Unternehmen anszuführen gedenke. Die Ansprüche, welche Columbus hierbei machte, bewiesen, welch hohe Vorstellung von der Bedeutung seines Unternehmens er selbst hatte. Er verlangte, daß man ihn mit der Würde und der Gewalt eines Admirals bekleiden müsse; ferner bedang er sich aus, daß er in allen von ihm zu entdeckenden Ländern die Stellung eines Vice- königs einnehme; endlich beanspruchte er den zehnten Teil alles Ertrages,330 sei er nun durch Handel oder Eroberung gewonnen. Das waren fürstliche Bedingungen, gewiß: — aber der Mann, welcher sie stellte, war Columbns! Die Hoflente, welche im Aufträge des Königs mit ihm unterhandelten, trauten ihren Ohren kaum, als sie solche Forderungen vernahmen, noch dazu aus dem Munde eines Mannes, über den sie bisher spöttisch die Christo pH Columbns. einem dem Antonio dcl Rtncon zngeschrtcbenen Porträt. Nach Achseln gezuckt hatten. Wiederum war es der Columbus feindliche Beicht vater der Königin, der seine jetzigen Forderungen dem König in einem so gehässigen Lichte darstellte, daß dieser sich mit Unwillen von einem scheinbar so anmaßenden und hochfahrenden Manne abwandte. Doch ließ er Columbus mäßigere Bedingungen anbieten, die immer noch ehrenvoll für ihn waren; allein dieser war fest entschlossen, nicht einen Punkt331 seiner Forderungen fallen zu lassen, und so wurden denn die Unterhand lungen kurz abgebrochen. Von tiefstem Unwillen erfüllt über die wiederholte Zurücksetzung, die ihm in Spanien widerfuhr, beschloß Columbus, nunmehr dieses Land ganz zu verlassen und sich nach Frankreich zu wenden. Er verabschiedete sich deshalb von seinen Freunden, bestieg sein Maultier und kehrte Granada den Rücken. Zwei Stunden war er bereits unterwegs, als ihn ein Eilbote einholte, der ihm eine königliche Botschaft überbrachte. Es war eine Auf forderung der Königin, zum Hofe zurückzukommen, da der König auf alle seine Bedingungen eingehen wolle. Columbus, schon so vielfach getäuscht, schwankte einen Augenblick in seinem Entschlüsse; da ihn aber das Schreiben überzeugte, daß der Entschluß des Königs ohne Rückhalt gefaßt war, so kehrte er freudig wieder um, und der Eilbote brachte ihn wie im Triumph wieder an den Hof zurück. Wer aber hatte diesen schnellen Umschlag in der Gesinnung des Königs bewirkt? Niemand anders als die beiden langjährigen Freunde des Colum bus, Quintanilla und Sant Angelo. Da sie die Abreise ihres Freundes als einen unersetzlichen Verlust für Spanien betrachteten, so beschlossen sie, einen letzten Versuch zu machen, das Königspaar für Columbus zu gewinnen. Sie baten sofort um eine Audienz, und als diese ihnen bewilligt wurde, führten sie die Sache ihres Freundes mit so warmem Eifer, daß endlich auch der König nicht länger widerstehen konnte. Doch wäre ihre Hoffnung bei nahe noch an einem Punkte gescheitert. König Ferdinand, ein berechnender, argwöhnischer Mann, hielt die Sache augenblicklich für unausführbar, da der Staatsschatz durch die langwierigen Kriege erschöpft sei. Das Schicksal unseres Helden stand auf der Spitze der Entscheidung, und bangen Herzens erwarteten die beiden Freunde den Entschluß Jsabellas. Diese aber, be geistert von dem Gedanken an die Entdeckung einer neuen Welt, kannte so kleinliche Bedenken nicht. „Ich unternehme das Werk für meine eigene kastilische Krone* und will meine Juwelen verpfänden, um die nötigen Gelder herbeizuschaffen!" rief sie großherzig. Sant Angelo erwiderte hocherfreut, daß es dessen nicht bedürfe, daß er vielmehr bereit sei, die erforderliche Summe aus den von ihm verwalteten Kassen vorzuschießen. Unmittelbar nach dem großherzigen Entschlüsse der Königin eilte ein rei- * Ferdinand und Jsabella standen, trotzdem sie Ehegatten Ivaren, zu einander in dem Verhältnisse zweier verbündeten Fürsten. Jsabella war vor ihrer Vermählung mit Ferdinand, dem Könige von Aragonien, Königin von Kastilien gewesen und blieb dies auch nach derselben. Sie konnte daher auch das Werk des Columbus für ihre eigene Krone unternehmen, da Kastilien eine gesonderte Verwaltung besaß.332 tender Bote Columbus nach, um den Mann, auf den jetzt Spaniens Herr scher glänzende Hoffnungen setzten, dem Lande zu erhalten. Die Königin Jsabella nahm Columbus überaus gnädig auf, und sein edles Gemüt vergaß in diesem Augenblick all die Kränkungen, die er bis dahin erduldet hatte. Nochmals legte er dann dem Könige die Bedingungen vor, unter denen er seine kühne Entdeckungsreise unternehmen wolle, und da diese genehmigt wurden, sah er sich endlich mit Entzücken am Ziele seiner sehnlichsten Wünsche. Mit Eifer wurde nun an der Ausrüstung der drei Schiffe gearbeitet, welche Columbus für sein Unternehmen forderte. Sofort nach Unterzeich nung des Vertrages wurde ein königlicher Befehl an den Hafenort Palos erlassen, welcher dieser Stadt die Aufbringung zweier Schisse binnen einer bestimmten Zeit auferlegte. Aber hier zeigten sich plötzlich unerwartete Schwierigkeiten. Kaum wurde nämlich in Palos der Zweck bekannt, zu dem diese Schiffe bestimmt waren, als Schrecken die Einwohner des Städt chens ergriff. Sie betrachteten die von ihnen geforderten Schiffe samt deren Mannschaft als ein Opfer, das der König dem Wahnsinn eines Fremden bringe. Die Schiffseigentümer weigerten sich entschieden, ihre Fahrzeuge zu diesem Zwecke herzugeben; die kühnsten Seeleute bebten vor dem Unternehmen zurück; die Schrecken des unbekannten Oceans wurden tausendfach übertrieben vor der Phantasie derer herausbeschworcn, die etwa Lust zu dem kühnen lluternehmen zeigten — mit einem Wort: Furcht und Abneigung herrschten überall, wo von dem Plane des Columbus die Rede war. Unser Held aber ließ sich durch solche verhältnismäßig kleinen Hinder nisse nicht abschrecken. Unterstützt von dem königlichen Befehl, trug er nicht das mindeste Bedenken, im Hafen zwei Schiffe in Beschlag nehmen zu lassen, und die Bemannung dieser Fahrzeuge wurde aus den Schifferfamilien von Palos mit Gewalt gepreßt. Freilich war dies ein Übelstand, der sich Colum bus später vielfach hinderlich zeigte. Schon vor der Abreise zeigten diese Matrosen, die nur gezwungen dienten, bei jeder Gelegenheit Widersetzlichkeit und llngchorsam. Die mit Ausbesserung der Schiffe beauftragten Arbeiter verrichteten ihr Tagewerk nachlässig und mangelhaft; viele von den ge preßten Matrosen ergriffen die Flucht; manchen von denen, welche sich der Fahrt freiwillig anschließen wollten, wurde ihr Entschluß leid, und sie suchten ihre Zusage unter allerlei Vorwänden rückgängig zu machen. Aber das Auge des Columbus wachte überall; für diesen hatte er ein ermun terndes, für jenen ein strafendes Wort. Von großer Bedeutung wurde es für ihn, daß sich zwei mutige Schiffsführer aus Palos, die Gebrüder333 Pinzon, ihm anschlossen und das dritte der erforderlichen Schisse stellten. So lag denn endlich gegen Ende des Monats Juli 1482 das Ent deckungsgeschwader segelfertig im Hafen von Palos. 4. Die Überfahrt nach der neuen Welt. Wer damals im Hafen von Palos das kleine Geschwader gesehen und es mit dem kühnen Unternehmen verglichen hätte, zu dessen Ausführung es dienen sollte, der würde bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Von den drei Schiffen, über welche Columbus verfügte, war nur eins nach Art unserer jetzigen Seeschiffe gebaut, d. h. mit einem Verdeck versehen; die beiden anderen Fahrzeuge waren nichts weiter als große Barken, wie man sie zur Schiffahrt in Flüssen oder höchstens an den Küsten gebraucht. An Bord des größten, das er „Santa Maria" nannte, hißte Columbus die Admiralsflagge auf; den Befehl über die beiden anderen, „Pinta" und „Ninja" geheißen, übertrug er seinen treuen Verbündeten, Alonso und Meente Pinzon. Jedes der Schiffe war mit etwa dreißig Matrosen be mannt, und da sich in den letzten Tagen noch eine Anzahl unternehmungs lustiger Abenteurer und einige Negiernngsbeamte eingeschifft hatten, so führte er über etwa hundertundzwanzig Personen den Oberbefehl. Es war des Entdeckers eifrigstes Bestreben, in diese bunt zusammen gewürfelte Menschenmasse den Geist der Zucht und der Ordnung zu bringen, und wie er selbst sehr religiös war, so suchte er auch in seine Untergebenen das Vertrauen auf den Beistand Gottes einzupflanzen. So ging er mit der ganzen Schiffsmannschaft kurz vor Beginn der Fahrt im Kloster La Rabida zur Beichte und empfing aus den Händen des Priors das heilige Abendmahl. llnter diesen Vorbereitungen brach der Morgen des 3. August an. Schon lange vor Sonnenaufgang war ein reges Leben auf den Schissen, das der am Strande harrenden Menschenmenge die nahe bevorstehende Ab fahrt verkündete. Bald hoben sich die Anker aus dem Grunde, und eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang steuerte Columbus hinaus in die offene See. Die ausgehende Sonne beleuchtete die Segel des kleinen Geschwaders, die sich lustig im Morgenwinde blähten. Aber die Matrosen, obwohl sie viel auf Vorbedeutungen geben, waren trotz dieses sonst für günstig gehal tenen Zeichens voll trüber Ahnungen; denn unter Weinen und Schluchzen hatten ihre Frauen und Kinder, ihre Verwandten und Freunde von ihnen Abschied genommen, und manchem mochte scheinen, auf Nimmerwiedersehen. Columbus hatte anfangs einen südwestlichen Kurs eingeschlagen, da er334 zuerst die kanarischen Inseln berühren und dann Non hier aus in gerader westlicher Richtung in den Ocean Hineinsteuern wollte. Allein schon am dritten Tage gab die „Pinta" das Signal, welches einen stattgehabten Unfall bedeutete. Columbus erfuhr, daß durch einen unaufgeklärten Zufall das Steuerruder gebrochen sei. Der Schiffssührer der „Pinta," Alonso Pinzon, hatte den Steuermann in Verdacht, den Unfall absichtlich herbei geführt zu haben. Diesem war es nämlich schon früher leid geworden, sich in eine so gefährliche Unternehmung eingelassen zu haben, und wahrschein- Die Karavellen des Columbus. lich hoffte er, daß Columbus wegen des in der That schweren Schadens wieder umkehren werde. Das Schiffsvolk teilte des Steuermanns Gedanken und wohl auch seine geheimen Wünsche. Zu aller Erstaunen und manchem auch zum geheimen Schrecken gab indessen Columbus den erwarteten Befehl zur Umkehr nicht, sondern ordnete an, das zerbrochene Steuerruder einst weilen mit Tauen zu befestigen, bis man es durch ein neues zu ersetzen im ftandc sei. Ohne weiteren Unfall gelangte das Geschwader bald in die Nähe der kanarischen Inseln, und Columbus teilte dies dem Schiffs volke mit. Die Eilande waren indes noch nicht in Sicht gekommen, und die Lotsen, mit deren Berechnungen die Behauptung des Admirals nicht übereinstimmte, widersprachen ihm. Columbus aber hatte sich nicht getäuscht/335 denn wenige Stunden nachher kam der hohe Spitzberg der Insel Tenerifa in Sicht. Dieser Vorfall gab einen Beweis seiner großen seemännischen Erfahrung und diente dazu, das Vertrauen des Schiffsvolkes auf den Anführer einigermaßen zu heben. Drei Wochen lang hielt sich Columbus bei den Canarischen Inseln auf. Während dieser Zeit ließ er die Schiffe noch vollständig mit Holz, Lebensmitteln und vor allem mit frischem Wasser versehen; auch war er bemüht, für die arg beschädigte Pinta ein anderes Schiff zu erlangen. Da dies jedoch nicht möglich war, so ließ er das zerbrochene Steuerruder durch ein neues ersetzen und das leck gewordene Schiff kalfatern, so daß es wieder einigermaßen seetüchtig wurde. Endlich, am 6. September frühmorgens, ließ Columbus aufs neue die Anker lichten und steuerte in das den damaligen Schiffern völlig un bekannte westliche Meer hinaus. Eine eingetretene Windstille aber hielt die Schiffe in der Nähe der Canarischen Inseln fest, und mit hängenden Segeln lagen sie noch drei volle Tage in der Nähe des Landes. Das waren Stunden der qualvollsten Ungeduld für unfern Helden. Glücklicher weise erhob sich am 9. September mit Sonnenaufgang ein günstiger Wind, der sie bei westlichem Kurs schnell vorwärts trieb, so daß noch im Laufe des Tages die letzten Anzeichen von Land am Horizont verschwanden. Dies war der Augenblick, wo dem Schiffsvolke das überaus Gefahr volle der Entdeckungsfahrt in höchster Lebhaftigkeit vor die Seele trat. Hinter ihnen lag alles, woran ihr Herz hing: Vaterland und Heimat, Weib und Kind, Verwandte und Freunde, vor ihnen die Gefahren des Oeeans, Elend und Entbehrungen, vielleicht der Tod! Das erschien ihnen allzu furchtbar, und da in ihnen nichts war von der Geisteskraft, die Columbus selbst in den gefahrvollsten Lebenslagen aufrecht erhielt, so zerdrückte mancher rauhe, wetterharte Seemann eine Thräne, und nicht wenige brachen in lautes Wehklagen aus. Columbus allein stand unerschüttert in diesem Sturme. Hier versuchte er, die Kleinmütigen zu ermuntern; die Zweifelnden ließ er einen Blick in seine großen Pläne thun; mit lebendigen Schilderungen der gold- und gewürzreichen Gegenden, nach denen sie schiffen würden, suchte er die Aben teurer zu ermutigen. Er beschrieb die Eilande der indischen Gewässer, auf denen sich Gold und Edelsteine finden mußten; er malte mit glänzenden Farben den Ungeheuern Reichtum der indischen Städte, von denen er in alten Reisebeschreibungen gelesen hatte. Auch nicht der leiseste Schatten einer beabsichtigten Täuschung darf hier auf Columbus fallen. Seiner Meinung nach war das Land, das er auf seiner westlichen Fahrt suchen336 wollte, wirklich das Wunderland Indien, und bis an seinen Tod lebte er des Glaubens, daß er es auch wirklich entdeckt habe. Nachdem die letzten Höhen des Landes unter dem Horizont versunken waren, trug Columbus Sorge, daß die Schiffe, wenn sie durch irgend einen Zufall etwa voneinander getrennt würden, doch nach seinem Plane ihre Reise fortsetzen sollten. Er befahl deshalb, daß man in diesem Falle immer gerade westlich zu segeln habe; sei man dabei bis zu einer Ent fernung von 700 Seemeilen von den Canarischen Inseln gekommen, so solle der Schiffsführer beilegen und die andern Schiffe erwarten, da er in dieser Gegend sicher Land zu finden hoffe. Da aber Columbus ahnte, wie sehr die wachsende Entfernung von bekanntem Land die Blutlosigkeit des Schiffsvolkes vergrößern würde, so kam er auf den Gedanken, die Zahl der zurückgelegten Seemeilen stets etwas kleiner anzugeben, als sie in Wirklichkeit war. Er führte deshalb zwei Schiffsbücher, von denen das eine zur Einsicht des Schiffsvolkes offen auslag, während er das zweite mit den richtigen Angaben für sich ver wahrte. Die geringen Kenntnisse der Schiffsführer in der Steuermanns kunde erleichterten ihm diese Täuschung, und die Folge bewies, wie weise er gehandelt hatte. Hundertundfünfzig Seemeilen war das Geschwader von den Canarischen Inseln entfernt, als die Matrosen einen schwimmenden Stamm ausfischten, der allem Anscheine nach das Bruchstück eines Schiffsmastbaumes und jedenfalls schon lange im Wasser getrieben war. Das abergläubische Schiffsvolk deutete dies sofort als ein Zeichen, welches Schicksal seiner warte, und die Matrosen sahen schon im Geiste ihre zertrümmerten Schiffe ein Spiel der Wellen werden. Eine Woche nach der Abfahrt von den Canarien machte Columbus selbst eine Wahrnehmung, die ihn in nicht geringe Bestürzung versetzte. Gegen die Dämmerung hin stand er am Kompaßhäuschen und prüfte den Kurs des Schiffes. Da bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß die Magnet nadel nicht mehr gerade nach Norden zeigte, sondern ein wenig nach Westen abwich. Er traute kaum seinen Augen, beobachtete am folgenden Morgen von neuem und fand die Abweichung jetzt noch größer geworden. Drei Tage lang war der Kompaß der Gegenstand seiner angestrengtesten Be obachtung; aber die Thatsache blieb: die Magnetnadel zeigte eine westliche Abweichung, die immer mehr zunahm. Anfangs verschwieg Columbus diesen Umstand, der ihn aufs äußerste beunruhigte; als die seltsame Erscheinung aber auch den Steuerleuten auffiel, war er bestrebt, sie des Wunderbaren und Geheimnisvollen zu entkleiden. Er gab daher seinen Steuerleuten337 eine erdichtete Erklärung dieser Erscheinung, die sie einigermaßen be ruhigte.* Nicht so schnell aber war das Vertrauen des Schiffsvolkes wieder her gestellt. Die Furchtsamkeit der Matrosen spiegelte diesen vor, daß sie jetzt in eine Meeresgegend gekommen seien, in der sogar die ewigen Gesetze der Natur sich verkehrte». Wenn sie nicht einmal auf den sonst untrüglichen Wegweiser, die Magnetnadel, sich verlassen durften, wie sollten sie dann den richtigen Weg aus dieser Wasserwüste wieder zurückfinden? Diese Be fürchtung spukte noch lange in den Köpfen der Matrosen, und Columbus hatte all seine geistige Überlegenheit nötig, um sie nicht unter der Be mannung zur Herrschaft gelangen zu lassen. Das Geschwader hatte jetzt die Gegend des Oceans erreicht, in welcher der Nordostpassat weht. Nichts hätte ihnen günstiger sein können. Ein sanfter Wind trieb sie ihrem Ziele entgegen; dabei war die See ruhig und glatt wie ein Spiegel, und das Wetter war beständig und von einer solchen Heiterkeit, daß Columbus in seinem Tagebuche immer und immer wieder zurückkommt auf die liebliche Milde der Luft, welche dabei so erfrischend und labend war. Wenn der sonnenklare Morgen über das Meer herauf kam, so schien es seinem hochentzückten Herzen, als wäre es ein Frühlings morgen in dem lieblichen Andalusien, und nur die Gesänge der Nachtigall fehlten, um die Täuschung zu vollenden. Selbst aus diesen günstigen Umständen aber nahmen die furchtsamen Matrosen den Grund zu neuen Befürchtungen. Sie stellten sich vor, der Nordostwind, der sie so beständig vorwärts trieb, könne vielleicht das ganze Jahr hindurch wehen, und so sahen sie keine Möglichkeit, je wieder nach Spanien zurückzukehren. Selbst die beständige Heiterkeit des Wetters war für sie ein Gegenstand banger Sorge. Alle Winde, die Kraft genug hätten, ein Schiff zu treiben, meinten sie, seien bisher stets aus Nordosten ge kommen, und noch habe man keinen einzigen widrigen Wind aus einer andern Himmelsgegend gehabt. Alles dies wich so sehr von ihren bisherigen Erfahrungen ab, daß sie immer wieder auf den alten Einwand zurückkamen, daß in diesen Gegenden die Ordnung der Natur sich verkehrt haben müsse. Ja es schien, als ob sich die eingebildeten Hindernisse und Gefahren von Tag zu Tag mehren sollten. Als die Schiffe nach der Berechnung des Admirals etwa 350 Seemeilen von den Kanarischen Inseln entfernt waren, nahm das Meer auf einmal ein seltsames Aussehen an. Ungeheure * Heute ist die Erscheinung, welche damals Columbus so sehr beunruhigte, eine wohl- bekannte, und sie stimmt mit den für die Magnetnadel geltenden Naturgesetzen überein. Hummel, Bilder a. d. Weltk. 22338 Massen von Seepflanzen und sonderbar gestalteten Kräutern schwammen auf der Oberfläche, so dicht, daß man meinen konnte, die Schiffe segelten auf dem Grunde einer Wiese dahin. Das Aussehen dieser Pflanzen war sehr verschieden. Einige waren ähnlich den Gewächsen, die man in Flüssen antrifft, andere waren entschieden Meerespflanzen, von der Art, die man Tange nennt. Ihre langen, seltsam gestalteten Stiele konnte man oft auf weithin verfolgen, und einer lebhaften Einbildungskraft konnte es scheinen, als streckten diese Tange ihre langen Arme nach den Schiffen aus, um die tollkühnen Seefahrer ins Verderben zu ziehen.* Neues Erstaunen des Schiffsvolkes, verbunden mit neuen Klagen! Diese Kräutermassen, so sagten sie, verbürgen jedenfalls Klippen und Untiefen. Die Schiffe schwebten daher in höchster Gefahr, hier zu scheitern, und nirgend zeige sich in den weiten Gewässern ein Rettungshafen. Columbus aber suchte auch hieraus für sein Unternehmen Vorteil zu ziehen. Er wies die Matrosen darauf hin, daß diese Pflanzen jedenfalls l die Nähe von Land andeuteten. Er zeigte ihnen die Delphine, welche lustig um die Schiffe her spielten, und meinte, daß diese Tiere sich nie all zuweit vom Lande entfernten. Endlich sah man in diesen Tagen einen großen weißen Vogel,** von dem einige behaupten wollten, er schlafe nie Über deni Meere. Alle diese Gründe beruhigten das leichtgläubische Schiffsvolk auf einige Tage. Eine gespannte Erwartung bemächtigte sich der Matrosen, und jedes der Schiffe war bestrebt, dem andern zuvorzukommen, um womöglich das Land zuerst in Sicht zu erhalten. Allein Columbus teilte diese Hoffnung nicht, da seiner Ansicht nach die Ostküste von Indien mindestens noch ein mal so weit gegen Westen liegen mußte. Als daher der Befehlshaber der „Pinta" ihm jauchzend mitteilte, er habe soeben einen langen Zug von Vögeln in nördlicher Richtung fliegen sehen und glaube, daß man in dieser Richtung sicher auf Land treffen werde, verweigerte Columbus wider Er warten die Erlaubnis, einen nördlichen Kurs zu nehmen. Das schlug die hochgespannte Hoffnung des Schiffsvolkes mit einem Schlage danieder. Doch Columbus durfte nicht anders handeln. Denn hätte er nachgegebe», so wäre dies für seine Gefährten ein Zeichen gewesen, daß er seiner Sache nicht ganz gewiß sei, und er sah voraus, daß sie, wenn er einmal nach gäbe, bei jeder andern Gelegenheit ihn unablässig mit Bitten bestürmen * Auch diese Erscheinung ist heute eine wohlbekannte, das Sargassomeer näm lich, ein Meeresteil zwischen Europa und Amerika, der am besten mit dem von Columbus zuerst gebrauchten Namen einer „Kräuterwiese" beschrieben ist. ** Vermutlich ein Albatros;.,22 * —- 339 würden. Dies aber hätte ihn notwendig von seinem Ziele ablenken müssen. Später zeigte sich denn auch, wie recht er mit diesem Grundsatz hatte. Am folgenden Tage ließen sich zwei Pelikane auf dem Admiralschiffe nieder, und Columbus war selbst der Meinung, daß diese Vögel sich nie über zwanzig Stunden weit vom Lande entfernten. Deshalb hielt er es nicht für unmöglich, daß Land nahe sei, wenn auch nicht das Festland von Indien, so doch vielleicht eine größere Insel. Er ließ daher das Senk blei auswerfen, fand aber bei einer Tiefe von zweihundert Faden* noch keinen Grund. Dies belehrte ihn, daß seine Ansicht eine irrige sei und daß sein Ziel noch fern im Westen liege. Columbus war jedoch weit entfernt, dem Schiffsvolke die Hoffnung absichtlich zu nehmen; vielmehr benutzte er jede Gelegenheit, die Matrosen zu beruhigen und durch neue Anzeichen von der Nähe des Landes zu er mutigen. Als sich am 20. September ein Südwestwind erhob, ver säumte er nicht, trotzdem dadurch die Schiffe zum Kreuzen genötigt wurden, die Matrosen darauf aufmerksam zu machen, daß der gefürchtete Nordostwind doch nicht beständig wehe. An demselben Tage ließen sich wiederum verschiedene Vögel auf dem Schiffe nieder. Das Schiffsvolk be merkte, daß der eine derselben sehr lange Schwingen hatte und also zu weitem Flug recht wohl im stände war; die andern dagegen waren klein und zierlich, von der Art, wie die Matrosen sie daheim in Wald und Busch gesehen hatten. Ihr fröhliches Zwitschern senkte wiederum auf einige Tage Trost in die furchtsamen Herzen, und sie erwarteten ganz be stimmt, in den nächsten Tagen auf Land zu treffen, da ihrer Meinung nach die kleinen Vögel unmöglich weit fliegen und auch jedenfalls, ihrem lustigen Gesänge nach zu schließen, nicht sehr ermüdet sein konnten. Alle diese Anzeichen des nahen Landes aber waren für das allzu ängstliche Schiffsvolk nur ein vorübergehender Trost. Die Matrosen waren von solchen Anzeichen nun schon so häufig getäuscht, daß sie die Hoffnungen, welche der Admiral darauf baute, endlich als trügerisch ver lachten. Denn immer weiter und weiter drangen sie vor in den pfadlosen Ocean, und von Tag zu Tag vergrößerte sich die Wasserwüste, die zwischen ihnen und der Heimat lag. Werden die gebrechlichen Schiffe eine so weite Rückreise aushalten? so fragten sie sich. Werden die Schiffsvorräte so lange ausreichen, und wird das Wasser, dies unentbehrlichste Lebensbedürfnis in mitten der salzigen Fluten des Oceans, während dieser Zeit nicht ver- * Faden ist ein Längenmaß, tvelches die Schiffer gebrauchen. Es beträgt et>va zlvei Meter.340 derben? Was für Verpflichtungen hatten sie überhaupt einem ehrgeizigen Abenteurer gegenüber, der bloß darauf ausging, sich Ruhm zu erwerben, unbekümmert, ob das ihm anvertraute Schiffsvolk dabei zu Grunde ging? So murmelte und murrte das Schiffsvolk, zuerst heimlich und in den verborgenen Winkeln der Schiffe, bald aber auch in größeren Gruppen, die sich nicht scheuten, ihre Unzufriedenheit über den Admiral laut zu äußern. Die rohen, furchtsamen Matrosen fragten sich immer und immer wieder, wer sie zwingen könne, den Befehlen eines Mannes zu gehorchen, dessen Unternehmen den Himmel versuche; wer sie zur Rechenschaft ziehen könne, wenn sie diesen Mann zwängen, von seinem wahnsinnigen Vorhaben ab- zustehen und umzukehren, solange es noch Zeit sei. tlnd wenn auch der Admiral nach seiner Zurückkunft sich über ihren Ungehorsam beschweren würde, so sei dies nicht zu fürchten; denn er sei ja ein macht- und ein flußloser Fremdling, der bei den Herrschern so gut wie nichts gelte. Von diesen Gründen, mit welchen das kleinmütige Schiffsvolk seine Widersetzlichkeit gegen Columbus zu beschönigen suchte, war es nicht weit bis zu einem förmlichen Anschläge zu offener Meuterei. Die verwegensten unter den Matrosen hatten den entschlossenen Charakter des Admirals zu gut kennen gelernt, um ein gutwilliges Nachgeben von ihm zu hoffen; sie glaubten daher, ihre Absicht nicht anders erreichen zu können, als indem sie den Verhaßten beseitigten. Sic schlugen daher vor, von Columbus die sofortige Rückkehr nach Spanien zu verlangen, und wenn er sich weigere, auf dies Verlangen einzugehen, ihn ohne Umstände über Bord zu werfen. In Spanien könne man dann die Sache so darstellen, als sei der Admiral, während er mit seinen Instrumenten die Sterne beobachtet habe, aus Ver sehen über Bord gefallen und ertrunken. Keiner unter dem Schiffsvolke werde dann nachträglich auftreten und den wahren Sachverhalt kund thun, da sonst alle die gleiche Strafe treffen würde. Der Admiral, den das heimliche Geflüster und die drohenden Blicke des Schiffsvolkes über das Gefährliche seiner Lage belehrten, blieb sich immer gleich: hier ermunterte er durch ein kurzes ermutigendes Wort, dort fachte er die Begierde nach den Schätzen des zu entdeckenden Landes von neuem an; mit den schwersten Strafen aber bedrohte er diejenigen, die es etwa wagen würden, sich seinen Anordnungen zu widersetzen. So war der 25. September herangekommen. Wind und Wetter waren, wie fast immer, günstig, und die Schiffe machten gute Fahrt. Alonso Pinzon legte sich mit der „Pinta" nahe an das Admiralschiff und unterhielt sich mit Columbus über eine Seekarte, die dieser einige Tage vorher an Bord der „Pinta" gesandt hatte. Nach Pinzons Meinung341 konnte das Geschwader nicht mehr weit von einer Insel entfernt sein, die auf dieser Karte dem Festlande von Indien vorgelagert war. Columbus war nicht abgeneigt, auf diese Ansicht einzugehen, und bat Pinzon um Zurückgabe der Karte. Dieser band sie daher an das Ende eines Taues und warf sie hinüber auf das Admiralschiff. Emsig beugten Columbus und die Steuerleute sich über die Karte, um deren Angaben zu studieren, als sie plötzlich durch einen Schuß von der „Pinta" aufgeschreckt wurden und gleichzeitig ein lautes Geschrei vernahmen. Verwundert schaute der Admiral auf und erblickte Alonso Pinzon auf dem Hinterteil seines Schiffes, der ihm jubelnd entgegenjauchzte: „Land, Land, Land, Sennor; ich bitte um den Preis!" Dabei deutete er nach Südwest, und wirklich zeigte sich am Horizont ein Schimmer wie von auftauchendem Land. Da warf sich Columbus, der sein großes Ziel erreicht zu haben glaubte, auf die Kniee und dankte inbrünstig dem Himmel für die erwiesene Gnade, und Pinzon nebst dem Schiffsvolke stimmten laute Dankgesänge an. Leichtfüßig flogen jetzt die Matrosen zu den Mastkörben hinauf, um scharfen Ausguck zu halten, und alle bestätigten das Dasein von Land. Columbus selbst gab sich diesem Glauben so ernst hin, daß er sofort den Kurs zu ändern befahl und die ganze Nacht hindurch nach Südwesten steuern ließ. Aber das klare Morgenlicht brachte bittere Enttäuschung. Eine duftige Abendwolke war es gewesen, welche Pinzon für Land an gesehen hatte, und am andern Morgen erschien der südwestliche Horizont so klar wie immer. Die Täuschung war schwer; aber sie beugte den Admiral nicht nieder. Sofort befahl er, den westlichen Kurs wieder aufzunehmen, und die Schiffe strebten nun wieder gerade der untergehenden Sonne zu. Fast zwei volle Wochen hielten die Schiffe nun diesen Kurs. Die Stimmung des Schiffsvolkes schlug während dieser Zeit häufig von der trübsten Befürchtung zur ungeduldigsten Erwartung um. Denn es war nicht zu verkennen, daß die Anzeichen von Land sich in der That mehrten. Die Schiffe wurden wiederum von Vogelschwärmen ausgesucht, und trei bende Pflanzen verstärkten die Hoffnung. Aller Augen hingen gespannt am westlichen Horizont; denn mit der Hoffnung, daß die gefahrvolle Meerfahrt zu Ende gehe, paarte sich die Gewinnsucht. Die spanische Re gierung hatte nämlich für denjenigen, welcher zuerst das neue Land er blicken würde, ein Jahrgeld von dreißig Kronen ausgesetzt, und Columbus fügte noch seinerseits das Versprechen eines sammetnen Wamses hinzu. Da aber die Matrosen, um sich nicht den versprochenen Preis entgehen zu lassen, selbst bei der geringsten Veranlassung „Land!" schrieen und durch so falschen Lärm das Schiffsvolk nur in Aufregung versetzt wurde, so be-stimmte der Admiral, daß, wenn irgend einer so rufen und dann bis zum dritten Tage kein Land sich zeigen würde, er alle ferneren Ansprüche an die ausgesetzten Belohnungen verlieren solle. Die Matrosen der „Ninja" waren die ersten, auf welche diese Be stimmung Anwendung fand. Am Morgen des 7. Oktober nämlich glaubten mehrere unter dem Schiffsvolke, in westlicher Richtung Land zu erblicken. Dennoch waren sie der Sache noch nicht so gewiß, daß sie laut zu rufen wagten, weil ein jeder an die Bestimmung des Admirals dachte. Da aber die „Ninja" ein tüchtiger Segler war, so beschloß der Führer, Vicente Pinzon, vorauszueilen, um sich Gewißheit zu verschaffen. Wirklich stieg bald darauf an dem Maste des Schiffes eine Flagge empor, und ein Schuß tönte über das Meer — das von dem Admiral angeordnete Zeichen für die Entdeckung von Land. Aber die Hoffnung schwand dahin mit dem Rauche des Schusses. Wolken waren es, wie schon so oft, gewesen, welche Pinzon das trügerische Gebilde des Landes vorgespiegelt hatten, das ebenso schnell zerrann, als die Wolken sich gegen Abend zerteilten. Es lag in der Natur dieser Männer, daß den so hoch gespannten Erwartungen stets um so tiefere Entmutigung und Niedergeschlagenheit folgte und daß die Blicke, mit denen sie den Admiral betrachteten, immer unheildrohender wurden. Ja am Abend des 10. Oktober brach auf dem Admiralschiffe geradezu ein offener Aufstand aus. Als auch diesmal die Sonne an dem klaren ungetrübten Horizont unterging und auch nicht der leiseste Schimmer von Land sich zeigen wollte, rottete das Schiffsvolk sich zusammen und schrie laut gegen den Frevel, den Himmel noch weiter zu versuchen. Stürmisch verlangten sie von dem Admiral, daß er nunmehr sein erfolgloses Unternehmen aufgeben und sie nach Spanien zurückführen solle. Columbus versuchte es, bei der aufgeregten Schar die Mittel an zuwenden, die sich schon so oft als erfolgreich bewährt hatten: er machte ihnen in seiner gütigen Weise Vorstellungen und versuchte aufs neue, ihre Begierde nach den Schätzen Indiens zu entflammen — umsonst, die aufs höchste aufgeregten Männer sahen seine Freundlichkeit für Unsicherheit an, und der Tumult wuchs von Minute zu Minute. In diesem gefahrvollen Augenblick zeigte sich der Heldenmut des Columbus in seiner ganzen Größe. Fest und entschieden trat er den Meuterern entgegen. Mit Ruhe und Hoheit erklärte er ihnen, ihr Murren sei umsonst; der König habe ihn ausgesandt, Indien aufzusuchen, und komme auch, was da wolle, er werde fest auf seinem Vorsatz beharren, bis er durch den Beistand Gottes das Unternehmen vollbracht habe. Columbus war sich der gefahrvollen Lage, in die er durch das ent-343 schiedene Auftreten gegen die Schiffsmannschaft gekommen war, sehr wohl bewußt. Er fühlte, daß diese Lage verzweifelt werden konnte, wenn nicht sehr bald das von ihm mit so großer Bestimmtheit erwartete Land entdeckt würde. Glücklicherweise hatten sich die Anzeichen desselben in den letzten Tagen so vermehrt, daß an seinem Dasein vernünftigerweise nicht mehr zu zweifeln war. Wiederum wurden die Schiffe von Zügen kleiner Vögel umschwärmt, die nach Südwest weiterflogen; Delphine spielten in dem ruhigen Meer, und die Matrosen erblickten einen Reiher, einen Pelikan, sowie eine Ente, welch letztere Vögel ebenfalls nach Südwest schwammen. Dann und wann wurden Gewächse aufgefischt, die noch grün waren; darunter erregte ein Dornenzweig mit Beeren ganz besondere Hoffnung, da er erst frisch vom Strauche getrennt zu sein schien. Ebenso wurde ein Rohr und ein kleines Brett anfgefischt und, was am meisten überzeugte, ein künstlich geschnitzter Stab. Alle diese Anzeichen dienten dazu, die ge schwundene Hoffnung aufs neue zu beleben, und voll gespanntester Er wartung hingen aller Blicke wiederum am westlichen Horizont. 5. Land! Es war am Abend des 11. Oktober. Auf dem Admiralschiffe war das 8alvo Regina, (Gegrüßt seist du, o Himmelskönigin!) verklungen, das einer Vorschrift des Admirals zufolge dort jeden Abend gesungen ward. Da ließ Columbns das Schiffsvolk zusammentreten und hielt eine eindring liche Ansprache. Er erinnerte sie an die große Güte Gottes, der sie bis her geleitet und beschützt, der die Wasser des Oceans vor ihnen geebnet und sie mit günstigen Winden über die weite Wasserfläche geführt habe. Er wies hin auf die vielen Anzeichen vom Dasein des Landes, durch welche die Vorsehung ihren gesunkenen Mut aufs neue belebt habe, und die sich gemehrt hätten in dem Maße, als ihre Furcht gewachsen sei. Sodann sprach er seine bestimmte Hoffnung aus, daß sie noch in dieser Nacht Land entdecken würden, und empfahl ihnen daher, sorgsam Wache zu halten. Dann entließ er sie und stieg selbst hinauf auf das Hinterkastell. Zwei Stunden vor Mitternacht glaubte Columbus in einiger Ent fernung ein Licht schimmern zu sehen. Sein Auge suchte die Finsternis zu durchdringeu; aber er vermochte über den rätselhaften Schein nicht ins klare zu kommen. Aus Besorgnis, seine überreizte Einbildungskraft möge ihn getäuscht haben, rief er einen Edelknaben der Königin zu sich und machte ihn auf die Erscheinung aufmerksam. Dieser glaubte dasselbe zu344 bemerken wie der Admiral. Es war ein Licht, das bald aufglimmte, bald wieder erlosch, als befände es sich in einer mit den Wellen steigenden und fallenden Barke. Columbus, ungeduldig, seine Wahrnehmung bestätigt zu sehen, rief einen dritten; als dieser aber auf das Hinterkastell kam, war das Licht verschwunden. Langsam schlichen dem Admiral, der nicht vom Verdeck wich, die Stunden der Nacht dahin. Da donnerte gegen zwei Uhr morgens ein Kanonenschuß von der „Pinta" herüber, der allen noch Zweifelnden die Entdeckung von Land verkündete, und „Land, Land!" hallte es jauchzend von den übrigen Schiffen zurück. Diesmal war es keine Täuschung: in festen und bestimmten Umrissen lag die Küste vor ihnen, die nur noch etwa zwei Seemeilen entfernt war. So befahl denn der Admiral, die Segel einzuziehen und die Schiffe langsam gegen das Land treiben zu lassen. Welches mögen wohl die Gedanken gewesen sein, die zwischen jenem großen Augenblick und dem Anbruche der Morgendämmerung das Herz des glücklichen Entdeckers bewegten? Wie mochte in ihm das innigste Dankgefühl gegen Gott wechseln mit der ungestümen Erwartung, die Be schaffenheit des ueuentdeckten Landes zu erkunden! War er zu jenem asiatischen Wunderlande gelangt, von dem Reisende früherer Zeiten so glänzende Schilderungen entworfen hatten, oder hatte er erst die Inseln erreicht, welche dieses Land gegen Osten hin umgeben sollten? Daß diese Länder bewohnt seien, erkannte er aus dem geheimnisvollen Licht; aber von welcher Art waren diese Bewohner? Und wie würde er selbst und seine Begleiter von ihnen ausgenommen werden? Daß das Land frucht bar sein mußte, sah er aus den Pflanzen und Tieren, welche das Schiffs volk während der letzten Tage beobachtet hatte; aber war es eine unzu gängliche Waldwildnis, oder waren es herrliche Gewürzhaine in lieb lichem Wechsel mit den glänzenden Städten und schimmernden Tempeln des wunderreichen Indiens? Über das alles sollte ihn die Morgen sonne aufklären, die endlich in farbiger Pracht am östlichen Himmel emporstieg Als sich nun die Aussicht lichtete und das Morgenlicht auf den in der Brise leicht hüpfenden Wellchen schimmerte, beleuchtete es ein Land- schastsbild, welches Columbus und seine Gefährten aufs höchste entzückte. Aus der spiegelglatten See hob sich ein liebliches Eiland. Überall, wo das Auge weilte, wurde es erfreut von den Massen dichten Grüns, das die Insel fast über und über bedeckte. Dazu schien das Eiland dicht be völkert zu sein; denn überall sah man die Eingeborenen aus den Wäldern an die Küste eilen, wohin die Ankunft der fremden Fahrzeuge sie rief.—- 345 -— Als die Schiffe bis fast ganz an den Strand der Insel herangekommen waren, befahl der Admiral, die Anker auszuwerfen und die Boote mit bewaffneten Seeleuten zu bemannen. Hierauf bestieg er das erste derselben und ließ nun dem Lande zusteuern. In prächtiger Kleidung, wie es seinem Range ziemte, stand Columbus im Vorderteil des Bootes; ein purpurner Nittermautel umhüllte seine Schultern, und in seiner Hand flatterte das Banner von Spanien. Immer näher kam man der so lange ersehnten Küste. Reichtum und Glück verheißend lag sie da vor den Augen der ent zückten Seefahrer. Das Wasser, das die Küste der Insel umspülte, war von so wunderbarer Krystallhelle, daß man fast bis auf den Grund sehen konnte, und hinter dem flachen Strandsaume erhoben sich fremdländische Bäume, an denen Früchte von unbekannter Art hingen und zum Genuß einluden. Als die Boote den Strand berührten, war Columbus der Erste, der den Boden der neuen Welt betrat. Freudetrunken warf er sich aus die Kniee und küßte die Erde; ein inbrünstiges Gebet entströmte seinen Lippen, und in seinen Augen glänzten Thränen der Rührung. Die hohe Bedeu tung des Augenblicks zog jeden seines Gefolges nieder auf die Kniee, und aller Herzen strömten über von den Gefühlen des wärmsten Dankes. Hierauf erhob sich Columbus, zog das Schwert, entfaltete das königliche Banner, nahm dann im Namen der spanischen Herrscher feierlich Besitz von der Insel und legte ihr den Namen San Salvador bei.* Endlich forderte er noch alle llmstehenden auf, nunmehr ihm selbst den Eid der Treue zu leisten, da er als Vicekönig an Stelle ihrer königlichen Gebieter stehe. In freudiger Aufregung drängte sich nun das Schiffsvolk um Co lumbus. Vielleicht mochte es das Gefühl der Beschämung sein, daß sie bisher den großen Mann so sehr verkannt hatten; vielleicht auch sahen sie jetzt in ihm denjenigen, der nun Belohnungen und Auszeichnungen mit verschwenderischen Händen austeilen konnte — genug, ihr ganzes Verhalten gegen den Admiral war der gerade Gegensatz ihres bisherigen Benehmens. Manche fielen ihm zu Füßen und baten in den demütigsten Ausdrücken, das Vorgefallene zu vergessen; viele bedeckten seine Hände mit Küssen; alle aber versicherten ihn von nun an ihres willigsten Gehorsams. Colum bus blieb auch bei dieser Gelegenheit sich selbst gleich. So groß und be wundernswert die Standhaftigkeit gewesen war, die er der Unzufriedenheit und Widerspenstigkeit des murrenden Schiffsvolkes entgegengesetzt hatte, * Welches die Insel war, an der Columbus zuerst landete und die er San Sal vador nannte, weiß man nicht bestimmt; denn der Name Guanahani, den sie bei den Eingeborenen führte, ist mit diesen selbst verschwunden. Die gelehrten Geographen vermuten, daß es die Watlings-Jnsel in der Gruppe der Bahama-Jnseln gewesen ist.—- 346 ebenso groß und liebenswürdig war nun die Sanftmut, mit der er ihnen Verzeihung zusicherte und ihr strafbares Verhalten vergessen zu wollen versprach. Dieser weltgeschichtliche Augenblick war auch der Höhepunkt in dem Leben unseres Helden. Der Entdeckung der neuen Welt selbst folgte die Nutzbarmachung der bewundernswürdigen Geistesthat. Da galt es, die Zeit auszunutzen. Wohl mochte es Columbus reizen, die von ihm entdeckte Insel in Hinsicht auf ihre Pflanzen- und Tierwelt näher kennen zu lernen und mit den Eingeborenen in Verkehr zu treten, — er aber überwand mannhaft diesen so natürlichen Reiz in Hinsicht auf sein hohes Ziel. Schon am Abend des nächsten Tages, nachdem die Schiffe neue Vorräte von Holz und Wasser eingenommen hatten, gab er Befehl, die Anker zu lichten, und bald verkündeten die flatternden Segel den erstaunten Ein geborenen, daß die Schiffe der weißen Männer ihre weitere Entdeckungs fahrt rastlos verfolgten. für einen abenteuerlichen Zug nach dem noch unerforschten Festlande von Amerika. Angelockt von den glänzenden Versprechungen, strömten Abenteurer aller Art zu der Fahne des spanischen Werbeoffiziers. Bald war die zu werbende Schar vollzählig, und das Schiff lichtete die Anker zur westlichen Fahrt. Etwa hundert Seemeilen mochte das Schiff von Haiti entfernt sein, als ein bis dahin unbemerkter Passagier entdeckt wurde. Beim Reinigen des Schiffsraumes hatten die Matrosen einen Mann in einer Tonne versteckt gefunden, den sie alsbald vor den Kapitän führten. Die Geschichte des Mannes klang sonderbar genug. Er naunte sich Vasco Balboa. Von der Sucht nach Abenteuern und dem Ver langen nach Reichtum aus seinem Heimatlande Spanien in die neue Welt Vssco Balltna, der Entdecker der Süds e e. ( 1510 .) an schrieb 1510. Auf Haiti, jener am 3. Dezember 1492 von Columbus entdeckten Insel war es, wo man Freiwillige warbgetrieben, war er unschuldig, wie er behauptete, auf Haiti schwerer Ver brechen beschuldigt worden. In jener Zeit war man mit dem Stricke gar schnell bei der Hand. Vasco Balboa wußte das und sah aus seiner drangvollen Lage keinen anderen Ausweg als die Flucht. Die Expedition nach dem amerikanischen Festlande erweckte in ihm einen Hoffnungs schimmer. Da vernahm er, daß bescholtene Leute von dem Werber zurück gewiesen würden. Seinen anschlägigen Kopf brachte dies einen Augenblick in Verlegenheit; — aber er wußte sich zu helfen. Kurz entschlossen ver barg er sich in einer Tonne und wurde in dieser an Bord des Schiffes gebracht. Daß ihn die Matrosen entdeckten, wurde von ihm mit Absicht herbeigeführt, da die Qualen des Durstes ihn nicht länger in seinem Ver steck duldeten. Das Wahre an dieser Erzählung war von den Entstellungen, die Balboa dazugethan hatte, schwer zu trennen. Sicher war nur das eine, daß der Kapitän, der den Befehl hatte, keinen Verbrecher von der Insel Haiti mitznnehmen, dadurch in arge Verlegenheit geriet. Er wetterte und befahl, den Flüchtling auf der ersten wüsten Insel, die sie anlaufen wür den, auszusetzen. Indes führte Balboa seine Sache so gut, daß bald das ganze Schiffsvolk für ihn bat. So ließ der Kapitän sich endlich bewegen, ihn mitzunehmen. Balboa war ja ein kühner, unternehmender Mann und wie geschaffen für den zu erobernden amerikanischen Boden. Die Folge lehrte, wie richtig der Kapitän Balboa beurteilt hatte. Sein Mut und seine Klugheit machten bald den Anführer der Expedition, den spanischen Ritter Ojeda, auf ihn aufmerksam. Dieser übertrug ihm sogar den Befehl über eine an der Westküste von Mittelamerika gegründete Ansiedelung, die den Namen Santa Maria führt. Hier befand sich Balboa gewissermaßen auf einem in die Wildnis vorgeschobenen Posten und fand Gelegenheit, all seinen verwegenen Mut und seine Umsicht zu bewähren. Keine Gefahr konnte ihn zurückschreckcn, wenn es galt, das Innere des Landes zu erkunden. Er drang durch die dichtesten Wälder, er überschritt reißende Ströme und weite Sümpfe. Dabei wußte er auch nach und nach das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, so daß seit seiner Anwesenheit in der Ansiedelung die erbitterten Kämpfe allmählich aufhvrteu, ja daß mancher mächtige Häuptling das gefällige Bleichgesicht von Herzen liebgewann. Unter diesen Freunden Balboas befand sich einer, Namens Komagre, bei dem der Abenteurer oft verweilte und der ihn nebst seinen Gefährten stets gastfrei aufnahm. Einst hatten Balboas Leute von Komagres Kriegern durch Tausch eine Anzahl Goldbleche erworben und gerieten bei der Teilung in heftigen348 Streit. Komagres Sohn, ein kühner, scharfblickender Jüngling, bemerkte dies.Mit Erstaunen. Er schlug mit der Faust auf die Wagschale und rief, indem er das glänzende Metall umherstreute: „Wenn es dieser Tand ist, wegen dessen ihr eure ferne Heimat verlassen habt, und an den ihr selbst das Leben wagt, so kann ich euch in ein Land führen, wo man aus goldenen Schüsseln ißt und wo das Gold so wohlfeil ist, wie bei euch das Eisen!" Dies Wort des jungen Häuptlings war der Funke, der die Habsucht der Spanier in lichte Flammen setzte. Begierig fragten sie, wo dies Wunderland zu finden sei. Da wies der junge Indianer nach Süden und sagte, daß es an der Küste des großen Wassers, etwa sechs Sonnen (Tagereisen) entfernt, liege. Alles das versetzte die Spanier in einen wahren Rausch des Ent zückens. Viele wären am liebsten sofort nach dem Lande der Verheißung aufgebrochen, um als die ersten die Hand auf seine unermeßlichen Reich- tümer zu legen; aber Komagre dämpfte ihren Ungestüm. Er versicherte, daß sie in so kleiner Anzahl nicht nach dem Goldlande aufbrechen dürften, da es von einem streitbaren Volke bewohnt sei, das ein mächtiger Häupt ling beherrsche. Nur ungern schob Balboa den Zug nach dem goldreichen Lande auf. Ebenso vorsichtig als mutig beschloß unser Held, vorerst wieder nach Santa Maria zurückzukehren und von Haiti aus Verstärkungen an sich zu ziehen. Dann aber wollte er dem Winke, den, wie er meinte, die Vorsehung selbst ihm gegeben, kühn und beherzt folgen und das heißersehnte Goldland ent decken, koste es, was es wolle. Er sandte daher einen Botschafter nach der Insel Haiti. Dieser sollte dort erst eine Anzahl Abenteurer zur Unter stützung seines Unternehmens anwerben, dann nach Spanien an den Hof gehen und hier für Balboa die Erlaubnis erwirken, auf Entdeckungen aus gehen zu dürfen. Über ein Jahr lang wartete Balboa auf Nachricht über den Erfolg der Bemühungen seines Botschafters. Endlich erhielt er sie. Aber sie war derart, daß sie den Mut eines minder festen Mannes gebeugt haben würde. Es war seinem Abgesandten nicht schwer geworden, eine Anzahl Abenteurer anzuwerben; denn die Nachricht von einem noch unerforschten Goldlande entflammte die Köpfe. Bald stand ein Schiff segelfertig, und mit von Hoffnung geschwellten Herzen lichtete die Abenteurerschar die Anker. Sie erreichten zwar die amerikanische Küste an der Halbinsel Iukatan — aber als hilflose, vom Sturm verschlagene Schiffbrüchige, die der Kampf mit Hunger und Elend sowie mit den Schwärmen der feindlichen Eingeborenen bald aufrieb.—- 349 Ebenso war Balboas Hoffnung auf Anerkennung durch den spanischen Herrscher gescheitert. Sein Abgesandter teilte ihm mit, daß aller seiner Bemühungen ungeachtet es der am Hofe herrschenden Partei gelungen sei, den König gegen ihn einzunehmen. Er dürfe daher nicht auf die geringste Unterstützung von Spanien aus rechnen; ja er müsse sich gefaßt machen, für sein eigenmächtiges Vorgehen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das waren schwere Schläge für Balboas Hoffnungen; aber seine Mann haftigkeit war ihnen gewachsen. Balboa wußte, daß es eine Art Beweisführung gebe, der man am spanischen Hofe nicht widerstehen könne. Diese Beweisführung mußte sich aber goldener Gründe bedienen. War nun das von dem jungen Häupt linge gerühmte Wunderland wirklich so unermeßlich reich an Gold, so war Balboa sicher, daß die Entdeckung desselben ihn in den Augen des Königs aufs glänzendste rechtfertigen werde. So wurde für ihn das Unternehmen zur Notwendigkeit, und von nun an gab es kein Bedenken mehr. Als der kühne Abenteurer sein Heer musterte, fand es sich, daß nur hundertundsechzig Mann seiner Fahne folgten. Das war eine winzige Kriegsmacht im Vergleich mit den großen Dingen, welche Balboa damit zu unternehmen die Verwegenheit hatte. Der junge Häuptling, Komagres Sohn, den unser Held durch freundschaftliches Benehmen an sich zu fesseln gewußt hatte, erfüllte sein Versprechen, dem Zuge als Führer zu dienen. So brach das Häuflein der Spanier kühnen Mutes nach dem Innern des Landes auf. Freilich war das eigentliche Ziel der Expedition das Goldland im Süden; daneben aber hatte Balboa noch ein anderes, nicht minder wich tiges Ziel im Auge. Nach der Versicherung seines jungen indianischen Freundes sollte gen Mittag hin ein anderes Weltmeer das Land begrenzen. Balboa vermutete mit Recht, daß dies das Meer sei, welches schon Co- lumbus in dieser Gegend gesucht, aber nicht gefunden hatte. Die Hoff nung, eine Entdeckung zu machen, die selbst dem großen Weltentdecker fehl geschlagen war, schien ihm allein schon der Mühseligkeiten und Gefahren wert, denen er sich jetzt aussetzen mußte. Glücklicherweise hatte Balboa, ebenso wie seine Gefährten, nur eine sehr unbestimmte Ahnung von der Beschaffenheit der Gegenden, die sie durchziehen wollten. Hätten sie diese Beschaffenheit gekannt, — wer weiß, ob einer dieser Männer den Mut besessen hätte, einer so wilden Natur Trotz zu bieten. Ihr Weg führte sie über Bergrücken und durch tiefe Thäler. Diese Bergrücken überdeckt der Urwald in all seiner wunderbaren Pracht; dagegen bilden die Thäler entweder undurchdringliche Moräste350 oder stehen ganz unter Wasser, weil es unter diesem Himmelsstriche zwei Dritteile des Jahres fast unaufhörlich zu regnen Pflegt. Die feuchte, schwüle Luft, welche über diesen sumpfigen Niederungen lagert, brütet allerhand lästiges Ungeziefer aus. Unaufhörlich summt und zirpt es da. Wolken von Moskitos erfüllen die Luft, die blutdürstig über jedes warm blütige Geschöpf herfallen. Dazu kommen die giftigen Fieberdünste, welche der heiße Sonnenstrahl in den Sümpfen ausbrütet, — alles Schwierig keiten, zu deren Überwindung ein ungewöhnlicher Akut gehört. Balboa besaß diesen Mut und machte sich getrost auf den Weg. Aber je weiter die Spanier vordrangen, desto feindseliger zeigten sich die Ein geborenen gegen sie. Ja mitten in den unzugänglichsten Gegenden stießen sie aus einen so kriegerischen Stamm, daß unser Held sich geradezu vor die Frage gestellt sah: ob umkehren oder kämpfen. Balboa wählte das letztere. Kaltblütig erwartete er den Angriff der Indianer. Kaum waren diese auf Flintenschußweite herangekommen, als er das Zeichen zum Feuern gab. Der Blitz und Donner der spanische» Hakenbüchsen, noch mehr die ihnen unerklärliche Verwundung einiger ihrer Krieger erfüllte die an greifenden Indianer mit einem so furchtbaren Schrecken, daß sie be stürzt die Flucht ergriffen, in dem Wahne, daß sie es mit Wesen zu thun hätten, denen der Blitz und Donner des Himmels zu Gebote stehe. Das Dorf des geschlagenen Stammes wurde von den Siegern ohne Widerstand erobert, und die Spanier zerstreuten sich plündernd in die Hütten. Das Gold, das hierbei den Abenteurern in die Hände fiel, er schien ihnen nur als eine Abschlagszahlung auf die unermeßlichen Schätze, die sie in dem von ihnen erstrebten Goldlande zu erwerben hoffte». Das erhöhte ihren Mut, alle Beschwerden des Zuges als Männer zu überwinden. Und diese Schwierigkeiten stiegen von Tag zu Tag. Ein Teil der Mannschaft war unter dem Einflüsse des mörderischen Klimas erkrankt. Balboa ließ diese an dem eroberten Orte zurück, während er selbst mit dem Neste seines kleinen Heeres weiter vordrang. Unbeschreibliche Hinder nisse und Gefahren erschwerten den Zug — unser Held achtete ihrer nicht. Es schien, als wäre sein und seiner Gefährten Körper von Eisen, belebt von einer nicht zu beugenden Feuerseele. Mit unendlicher Geduld und Standhaftigkeit räumten sie jede Schierigkeit aus dem Wege, ertrugen sie Hunger und Durst, die Hitze und die furchtbaren Gewitter der Tropen, sowie alle Mühseligkeiten eines Weges, der oft kaum für die Tiere des Waldes gangbar war. Überall, wo Gefahren drohten, war Balboa voran. Mangel und Ungemach ertrug er wie der letzte—» 351 seiner Krieger. Aber sein Beispiel übte auch einen so mächtigen Einfluß auf seine Gefährten, daß sie ihm ohne Murren folgten, obschon das er sehnte Ende ihrer Mühsale von Tag zu Tag in immer weitere Ferne zu rücken schien. Schon war die kleine Schar fünfundzwanzig Tage unterwegs, und noch immer wollte sich der ersehnte Anblick des Meeres nicht zeigen. Freilich waren sie in dieser Zeit auch nicht weiter vorwärts gekommen, als ein Fußgänger auf gebahnten Wegen in etwa sechs Tagen zurückzu legen vermag. Doch verhieß jetzt der junge Häuptling den Spaniern, daß sie bald am Ziele ihres beschwerlichen Marsches sein würden. Er zeigte ihnen einen Berg, von dem aus sich der Anblick aus das gesuchte Meer eröffnen sollte. Als man den Fuß des Berges erreicht hatte, be fahl Balboa, Halt zu machen. Hierauf bestieg er selbst den Gipfel, damit die Ehre einer so wichtigen Entdeckung ihm von keinem der Geführten entrissen werden könne. Die Blicke der Spanier hingen unterdes erwar tungsvoll an der Gestalt ihres Befehlshabers. Plötzlich sahen sie, wie er auf die Kniee sank und die Arme in der Gestalt eines Entzückten zum Himmel erhob. Alle verstanden dies Zeichen, und jeder eilte nun den Berg hinan, um die Freude über eine so wichtige Entdeckung mit Balboa zu teilen. In unabsehbarer Ferne verlor sich vor den entzückten Blicken der spanischen Krieger der weite Wasserspiegel des Oceans. Feurig schlug da das Herz in der Brust dieser Männer. An der endlosen Wasserfläche hafteten ja ihre kühnsten Wünsche, ihre überschwenglichsten Hoffnungen. Vor dem Auge ihres Geistes stiegen die gold- und gewürzreichen Inseln Indiens aus den Fluten empor; nach Süden hinaus lagen unermeßliche Schätze, auf die auch der Ärmste und Niedrigste unter ihnen die Hand legen durfte. So überwältigend war die Bedeutung dieses Augenblicks, daß sich unwillkürlich die Kniee dieser harten Männer beugten und ihre Hände sich falteten zum inbrünstigen Dankgebet. Dann eilte Balboa, und seine entzückten Gefährten mit ihm, hinunter zum Strande. Der Anführer watete hinein in die blaue Flut. Hoch über ihm flatterte das Banner von Kastilien, und sein gehobenes Schwert deutete an, daß das weite Meer von jetzt an unter der Herrschaft seines Königs stehe. „Ich rufe euch alle zu Zeugen auf/' rief er, „daß ich dies unbekannte Meer mit all seinen Inseln und Ländern für den König von Kastilien in Besitz nehme, und daß ich es gegen jeden verfechten werde, der sich zu widersetzen wagt, er sei Christ oder Ungläubiger!" Das ganze aus gedehnte Festland und die sonnigen Inseln, die das Wasser der Südsee—- 352 bespült! Der kühne Abenteurer ahnte selbst nicht den ganzen Inhalt dieser großartigen Anmaßung. Die Stelle der Küste, an welcher Balboa am 25. September 1513 die Südsee erblickte, ist heute noch bekannt. Es ist die Meeresbucht, die den Namen des Golss von San Miguel führt, denselben Namen, den der glückliche Entdecker ihr damals beilegte. Es gelang Balboa durch die Vermittelung seines indianischen Führers, einige umwohnende Häuptlinge zu bewegen, sein kleines Heer mit Lebens mitteln zu versorgen. Mit derselben Bereitwilligkeit machten sie ihm Geschenke von nicht unbedeutenden Akengen Goldes, deren Verteilung unter die spanischen Krieger die Unternehmungslust derselben nur noch steigerte. Auch Balboas feuriger, ungeduldiger Sinn strebte weiter. So oft er die dunkle Küstenlinie betrachtete, die sich unabsehbar nach Süden hin zog, und so oft er die unbestimmten Gerüchte von dem wunderbaren ; Goldlande vernahm, das nach dieser Richtung hin liegen sollte, so oft schwellte heiße Sehnsucht seine Brust, die spanischen Waffen auch nach jenem geheimnisvollen Südlande zu tragen. Aber die Schwierigkeiten, die diesem Unternehmen entgegenstanden, schienen unbesiegbar. Was hätte Balboa jetzt nicht darum gegeben, wäre er im Besitz eines kleinen Fahr zeuges gewesen, in dem er sich mit seiner Mannschaft hätte einschiffen können! Leicht und angenehm hätten freundliche Winde sie dahingeführt nach dem Lande ihrer Sehnsucht. Aber wie in diesen öden Wäldern zu einem Schiffe gelangen? Da kam unser Held auf den Gedanken, die Küste in einer Anzahl kleiner Kanoes zu befahren, wie die Eingeborenen sie so geschickt anzu fertigen verstehen. Vergebens rieten die Indianer von dem gefahrvollen Unternehmen ab. Sie machten ihn aufmerksam, daß der Beginn der Regenzeit bevorstehe und daß alsdann die sonst so ruhige Oberfläche des Meeres von Stürmen durchwühlt sein würde, — der kühne Aben teurer kehrte sich nicht an diese Warnung, sondern bestieg mit achtzig Spaniern und einer Anzahl seiner indianischen Bundesgenossen neun jener zerbrechlichen Fahrzeuge, um die Küsten des neuentdeckten Weltmeeres zu erforschen. Indes hätte Balboas Verwegenheit beinahe das ganze Unternehmen zum Scheitern gebracht. Die Indianer kannten die Eigentümlichkeiten des Stillen Meeres besser als der ungeduldige Entdecker, und ihre War nungen erwiesen sich als nur zu gut begründet. Als die Kanoes mehrere Meilen von der Küste entfernt waren, wurden sie von einem heftigen—- 353 - Gewittersturm überfallen. Die bis dahin spiegelglatte Oberfläche des Meeres schwoll plötzlich mit unheimlichem Brausen zu Wellenbergen an, welche die Spanier in die höchste Angst versetzten. Wie leichte Nußschalen wurden die Kanoes hin und her geworfen, und wer weiß, was geschehen sein würde, waren nicht die Indianer schnell entschlossen ins Meer ge sprungen, um die Fahrzeuge paarweise aneinander zu befestigen und da durch vor dem Umschlagen einigermaßen zu sichern. So gelang es end lich den Spaniern unter furchtbaren Anstrengungen, eine felsige Insel in der Nähe der Küste zu erreichen. Aber bald stellten sich weitere Bedrängnisse ein. Die Insel erhob sich nur wenig über die Meeresfläche und stand darum zur Flutzeit unter Wasser. Neuer Schrecken für die Spanier! Die salzige Flut stieg immer höher und höher, gierig leckte sie zu ihren Füßen. Die Aben teurer drängten sich auf dem höchsten Punkte der Insel um einige Bäume zusammen; aber das Wasser stieg und stieg, bis jeder Fußbreit trockenen Landes verschwunden war. Bald standen die wetterharten Männer bis an die Hüften im Wasser; aber fest klammerten sie sich aneinander, um nicht von der wachsenden Flut dahingerissen zu werden. Endlich däm merte der Morgen. Die Flut hatte ihren höchsten Stand erreicht. Bald schwanden die rauschenden Wogen dahin, und die höhersteigende Sonne beleuchtete den ebbetrockenen Raum des kleinen Felseneilandes. Aber es schien, als solle die Hoffnung auf Rettung vor den Verschlagenen wie ein Trugbild verschwinden. Als man daranging, auf den Kanoes von dem Felseneilande nach der Küste des Festlandes überzusetzen, fand es sich, daß mehrere der leichten Fahrzeuge gänzlich zertrümmert, andere so stark beschädigt waren, daß es unmöglich schien, auf ihnen die See zu halten. Die übrigen waren mit Sand und Wasser angefüllt und bedurften einer gründlichen Reinigung. Alle in den Kanoes befindlichen Gegenstände, Lebensmittel u. s. w. aber waren von den Wellen hinweg geführt worden. In diesem Augenblicke der höchsten Gefahr verfiel Balboa auf ein sinnreiches Nettungsmittel. Er ließ die Rinde der auf der Insel wach senden jungen Bäume abreißen, sowie die Blätter der Strandpflanzen sammeln. Alles dies wurde von den Spaniern zu einer dicken, zähen Masse zerkaut, und mit dieser wurden die Risse der am wenigsten beschä digten Kanoes gedichtet. Es war ein halsbrechendes Unternehmen, auf so mangelhaft hergestellten und noch dazu überladenen Fahrzeugen sich der See anzuvertrauen. Aber es blieb den Spaniern keine andere Wahl, und sie waren zu sehr gewohnt, dem Tode ins Auge zu sehen, als Hummel, Silber o. b. Weltk. 23354 daß sie zurückgebebt wären. Die Indianer, im Wasser so gut zu Hause wie auf dem Lande, schwammen nebenher, hier und da die Kanoes unterstützend, und so erreichten endlich alle wohlbehalten den Strand. Indes hatte hiermit die Not noch nicht ihr Ende erreicht. Die Spanier irrten einen vollen Tag lang in den Wäldern umher, ohne jede andere Nahrung als zähe Wurzeln und die Früchte, welche der Wald ihnen bot. Am zweiten Tage gelangte die Abenteurerschar in das Gebiet eines Häuptlings, von dem die Indianer versicherten, daß er Lebensmittel im Überfluß besitze. Kaum hatte dieser die Ankunft der Spanier er fahren, so sandte er seinen Sohn nach dem Lager der Abenteurer und ließ durch dessen Gefolge nicht nur den Hungernden einen großen Vorrat von Lebensmitteln überreichen, sondern übersandte Balboa außerdem noch ein reiches Geschenk von Perlen und Gold, dessen Anblick die Spanier alle überstandenen Leiden und Mühseligkeiten vergessen ließ. Da der junge Häuptling eine so freundliche Aufnahme gefunden hatte, so kam bald auch der Häuptling selbst ins Lager und suchte sich durch ähnliche Geschenke das Wohlwollen der weißen Männer zu erwerben. Als er sah, welch hohen Wert die Abenteurer dem glänzenden Metall und den silberweißen Perlen beilegten, ließ er ihnen durch ihren indianischen Dolmetscher sagen, daß sie Perlen bei einer benachbarten Insel finden würden; das Gold dagegen müßten sie in den reichen Ländern des Südens suchen. Die Spanier, angestachelt von Habsucht, wären am lieb sten sofort nach dem Goldlande aufgebrochen, das ja von Anfang an das Ziel ihres llnternehmens gewesen war. Aber die Gefahren, welche sie in der letzten Zeit bestanden hatten, standen so lebhaft vor ihrer Seele, daß sie Balboa baten, den Zug bis zum Ende der Regenzeit zu verschieben, sie aber bis dahin nach der Ansiedelung Santa Maria zurückzuführen. So sehr es nun unseren Helden auch nach Süden zog, so sah er doch die Unmöglichkeit ein, jetzt weiter vorzudringen, und so ging er, obwohl ungern, auf das Verlangen seiner Mannschaft ein. Um indes das Land, durch welches er gekommen, noch genauer kennen zu lernen, nahm er einen anderen Rückweg. Die Gegenden, welche die Abenteurerschar durchzog, waren nicht minder wild und unwegsam, die Jndianerstämme, mit denen unser Held in Berührung kam, nicht minder feindselig und kriegerisch als in den Gegenden, durch die sein erster Zug ihn geführt hatte. So kam es, daß er mit seinen Begleitern nach langem, beschwerlichem Marsche auf das äußerste entkräftet in Santa Maria ankam.355 Nunmehr galt es, den spanischen Hof wegen der ohne Ermächtigung unternommenen Entdeckungsfahrt zu beruhigen. Balboa sandte daher aber mals einen Botschafter nach Spanien an den König Ferdinand, der mit der Nachricht von der wichtigen Entdeckung eines neuen Meeres den der Krone zufallenden Anteil an der Beute überbringen sollte. Ec hoffte da durch den König Ferdinand zu bewegen, ihn nicht nur in der Statthalter- wüxde über die von ihm entdeckten Länder zu bestätigen, sondern ihm auch Verstärkung zuzusenden, deren er dringend bedurfte, wollte er die Eroberung des Goldlandes im Süden unternehmen. Aber König Ferdinand zeigte sich als ein undankbarer Herrscher. Zwar erfüllte es ihn mit stolzer Freude, als er von der neuen Erwei terung der Grenzen seines Ungeheuern Reiches hörte; als es aber darauf ankam, den Mann zu belohnen, dem er diese neue Machterweiternng verdankte, bewies er sich engherzig und mißtrauisch. Balboa erschien ihm als ein viel zu unternehmender Kopf, als daß er es gewagt hätte, ihm die Regierung der von ihm entdeckten Länder anzuvertrauen. Es wurde daher im Rate des Königs beschlossen, die begonnene Unter nehmung eifrig fortzusetzen, aber auch zugleich einen Bevollmächtigten nach Santa Maria zu senden, um an Balboas Stelle die Statthalterschaft zu übernehmen. Pedrarias d'Avila hieß der Mann, den die Räte des Königs für diese wichtige Sendung ausersehen hatten. Er war ein Mann von Kriegs erfahrung und großer Charakterstärke; aber sein Herz war unedel und voll niedriger Tücke. Fünfzehn der größten Schiffe trugen ein Heer von 1200 spanischen Kriegern nach der neuen Welt, und 1500 thatenlustige Abenteurer aller Art schifften sich mit ein, um an dem so verheißungs vollen Zuge teilzuuehmen. Kaum hatte die Flotte im Meerbusen von Darien an der Ostküste Mittelamerikas Anker geworfen, so sandte d'Avila einen seiner Offiziere an Balboa, um diesem die Ankunft des neuen Statthalters zu melden und ihn zugleich von seiner eigenen Amtsentsetzung zu benachrichtigen. Vielleicht erwartete dieser Abgesandte, den berühmten Entdecker umgeben von dem wilden Luxus zu finden, den ein neu entdecktes, von der Natur so reich gesegnetes Land darbietet; vielleicht auch machte er sich darauf gefaßt, daß der kühne Mann die durch eigene Kraft errungene Stellung aufs äußerste verteidigen werde. Aber nichts von alledem. Er fand den hochberühmten Entdecker der Südsee in einem groben, baumwollenen Wamse, in ebenso schlechten Beinkleidern und roh aus Bast geflochtenen Schuhen, wie er eben beschäftigt war, mit Hilfe einiger Indianer seine 23 *356 armselige Hütte mit Rohr zu decken! Der erstaunte Offizier wollte kaum glauben, daß dieser schlichte Mann wirklich der weltberühmte Balboa selbst sei. Doch er konnte sich bald davon überzeugen, als er die Geistesgröße sah, mit welcher unser Held den Undank seines Königs er trug. Denn so groß auch Balboas Erstaunen über den Undank des Königs Ferdinand war, und so sehr auch seine Gefährten in ihn drangen, sein Recht durch die Waffen geltend zu machen — Balboa war weit ent fernt, Unrecht durch Untreue zu vergelten. Er erklärte vielmehr ohne Rückhalt, daß er und die ganze Kolonie sich ehrerbietig den Befehlen des Königs unterwerfe. Bald hatte er Gelegenheit, den Ernst dieses Vorsatzes zu beweisen. Kaum betrat nämlich d'Avila die Kolonie, so bemächtigte er sich aller Schätze, welche Balboa als seinen Anteil an der Beute des Entdeckungs zuges angesammelt hatte. Auf das Ungerechte dieser Handlungsweise aufmerksam gemacht, erwiderte er, daß Balboa sich widerrechtlich die Statthalterwürde angemaßt und also auch kein Anrecht an die Beute des Zuges habe. Balboa knirschte vor Unwillen, als er den Lohn seines Mutes von einem Unwürdigen sich geraubt sah, der an Verdienst so tief unter ihm stand; dennoch schwieg er und hoffte im stillen, doch noch zu seinem Rechte zu kommen. Er hat es nie gefunden. In Armut und Elend verbrachte er den Rest seines Lebens. Stets von d'Avila ange feindet, mußte endlich der Mann, welcher unter allen Entdeckern zuerst die Gewässer der Südsee geschaut hatte, gleich einem gemeinen Verbrecher sein Haupt dem Schwerte des Henkers darbieten. Jenes Goldland im Süden aber, nach dem etwa zehn Jahre später der kühne, aber grausame Francisco Pizarro seinen abenteuerlichen Zug unternahm, war das an Naturgaben reiche Peru.357 -— Die Entdeckung des NtrmIonenstromes. ( 1540 .) u Anfang des 15. Jahrhunderts mochte es manchem zu Mute sein, als würde die Welt noch einmal verteilt. Columbus hatte eine neue Welt erschlossen, und wo es in dieser neuen Welt einen goldreichen Erdstrich gab, dahin zogen spanische Abenteurer, um Hand auf die reichen Schätze zu legen. Ein solcher Abenteurer war Francisco Pizarro, der im Jahre 1532 durch einen unerhört kühnen Zug sich des goldreichen Landes Peru bemächtigt hatte. Aber der golddurstige Aben teurer ließ sich nicht genügen an dem bereits errungenen Ruhme; fein Dichten und Trachten war darauf gerichtet, diesen Ruhm auch in die noch nicht unterworfenen östlichen Grenzländer des peruanischen Reiches zu tragen. Da er selbst aber das kaum eroberte Land nicht zu verlassen wagte, so sah er sich in der Schar der Abenteurer, die seiner Fahne ge folgt waren, nach einem Anführer um, der aus seinem eigenen Holze ge schnitzt war. Konnte da seine Wahl auf einen besseren Mann fallen als auf seinen jüngeren Bruder Gonzalo? Dieser galt im Heere als der mutigste Reiter und als der kühnste Fechter. Sein angenehmes Äußere, seine offenen, einnehmenden Züge, sein freier soldatischer Anstand hatten ihm bald die Anhänglichkeit der Abenteurer erworben. Meisterhaft verstand er es, den hohen Blut und die Lust an gewagten Unternehmungen, die ihn selbst beseelten, seinen Untergebenen einzupflanzen. Alle diese Eigenschaften machten ihn zum Führer einer Expedition, wie sie Pizarro auszusenden beabsichtigte, wie geschaffen. Gonzalo Pizarro selbst zauberte der Plan seines Bruders ein glän zendes Traumbild vor die Seele. Es ging unter den Indianern in Peru die Sage, daß sich in den Wäldern, welche gegen Sonnenaufgang von Peru das Land bedeckten, der Zimmetbaum sinde. Wenn diese Sage sich als Wahrheit erwies, so hoffte Gonzalo auf dem Zuge durch die östlichen Wälder geradeswegs in die Gewürzhaine Indiens zu gelangen, die ja schon der kühne Weltentdecker Columbus ausgesucht hatte. Indien aber war damals noch das Zauberwort, um das alle Gedanken jedes Aben teurers sich drehten, und Gonzalo machte hiervon keine Ausnahme. Mit Sorgsamkeit und Umsicht rüstete er seinen Zug. Das Heer, das er zusammenbrachte, bestand aus 350 Spaniern und etwa 4000 Indianern.358 Die letzteren sollten hauptsächlich als leichte Truppen, aber auch als Last träger dienen, welche der Abenteurerschar große Vorräte an gedörrtem Mais nachzutrageu bestimmt waren. Auch große Herden Schweine wurden dem Heere nachgetrieben, die den Spaniern eine kräftige Nahrung ge währen sollten. So war gegen Anfang des Jahres 1540 das Heer marsch fertig, und Gonzalv säumte nun nicht länger, nach dem Ziele seiner goldenen Hoffnungen auszubrechen. Auf diesem Zuge hatten die Spanier die gewaltigen Felswände zu überschreiten, mit denen die vielfach verzweigten Gebirgsketten der Anden die Landschaft Quito erfüllen, von der aus Gonzalo ausbrach. Da stiegen die Beschwerlichkeiten des Marsches von Tag zu Tag, je mehr das kleine Heer sich in den engen Pässen des Gebirges in einzelnen Trupps auflöste. Die eisige Luft, welche von den Schneegipfeln der Anden in die engen Thäler hinabfegte, erstarrte den an solches Klima seit langem nicht mehr gewöhnten Spaniern die Glieder, und viele der armen Indianer sanken erfroren dahin. Eine Schneewehe mitten in der öden Bergwildnis zeigte vielleicht den Ort an, wo diese Unglücklichen sich zusammengekauert hatten, um sich aneinander zu erwärmen; dann war der Tod über sie gekommen, und ihr Ruhebett ward ihr Grabhügel. Aber das „Vorwärts!" des un erschrockenen Anführers trieb die Abenteurer weiter, hinweg von solchen Scenen, bei denen das Herz weich wird. Endlich aber hatte der Zug der Abenteurer die Höhen der Anden hinter sich, und sie begannen nun frischen Mutes ins Flachland hinunter zu steigen. Vor ihnen breitete sich jetzt der Urwald in seiner ganzen Pracht aus. Aber das Auge der Spanier hing nicht mehr voll Entzücken, wie sonst wohl, an den herrlichen Pflauzeugestaltcn, die sich ihnen auf Schritt und Tritt boten. Die zierlichen Laubgcwiudc, geflochten aus grünenden Lianen und üppig geschmückt mit Blüten voll berauschenden Duftes, tvarcn ihnen jetzt ebensoviele Hindernisse, an denen ihre Beile und Messer stumpften. Das Vordringen von einigen tausend Schritten war oft die Arbeit eines Tages, an dessen Ende die Abenteurer ermüdet sich zwischen die mannshohen Farnkräuter streckten. Hätte Gonzalo jetzt wählen lassen, so würden sicher die meisten die sofortige Rückkehr dem ferneren Umher irren in den blühenden Wildnissen vorgezogen haben. Für den Anführer gab es indes kein Rückwärts; er tvar entschlossen, den Kampf mit dieser wilden Natur siegreich zu bestehen. Sein Entschluß wurde auch nicht erschüttert, als sechs Wochen hindurch unaufhörliche Regengüsse die Abenteurer überschütteten. Er trieb sie vorwärts, obgleich sie kaum im stände waren,. ihre ermatteten Glieder auf dem durchweichten359 Boden fortzuschleppen. Meilenlange Moräste wurden umgangen, reißende Ströme roh mit Baumstämmen überbrückt, wenn sie den Weg nach Osten versperrten. Vorwärts, immer vorwärts! Mehrere Monate hatten so die Abenteurer im beständigen Kampfe mit der Natur gelegen, da winkte ihnen der Sieg. Sie hatten wirklich das so sehnlich gesuchte Zimmetland erreicht. Ganze Wälder des edeln Baumes fanden sie hier, durchduftct von den lieblichsten Wohlgerüchen. Freilich schlug es Gonzalvs Hoffnungen etwas danieder, als er daran dachte, daß das kostbare Gewürz inmitten unzugänglicher Wälder so gut wie gar keinen Wert habe; aber er tröstete sich mit der Hoffnung, daß einer es sein müsse, der die Entdeckung mache, ein anderer, der sie aus- beute. Er selbst wollte sich gern mit dem Ruhme des Entdeckers begnügen. Übrigens waren diese Wildnisse nicht gänzlich unbewohnt. Horden von wilden Indianern durchstreiften dieselben und führten in diesen end losen Wäldern ein unstetes Wanderleben. So gut es anging, suchte Gonzalo sich mit ihnen zu verständigen und erfuhr auf diese Weise, daß zehn Tagereisen gegen Osten ein reiches, fruchtbares Land liege, das Über fluß an Gold und eine zahlreiche Bevölkerung habe. Welche Hoffnungen erweckte nicht diese Nachricht in der Brust der Abenteurer! Vergessen waren die Beschwerden, die dahinten lagen; denn im Osten winkten ja die Gold schätze Indiens. Darum auf nach Osten! Der Marsch ging jetzt zuweilen etwas schneller vorwärts; denn die Wälder wechselten stellenweis mit weiten Savannen ab, in deren dichtes, blumenreiches Grasmeer die spanischen Reiter, welche den Zug anführten, oft so tief eintauchten, daß sie mit ihren Nossen zu versinken schienen. Dann begrenzten wieder Wälder jene offenen Savannen, gebildet von den riesenhaftesten Bäumen. Aber nirgends in dieser Waldwildnis ließ sich ein jagdbares Tier sehen; es war, als dulde diese urkräftige Pflanzenwelt nichts Lebendes neben sich, als müßten diese unendlichen Schlingpflanzen jedes vierfüßige Tier umstricken und ersticken. So gerieten die Abenteurer nach und nach in die äußerste Not. Die mitgenommenen Herden von Schweinen waren zum größten Teil in den Wildnissen des Gebirges versprengt, zum Teil verzehrt, und nichts blieb zur Stillung des Hungers als die Kräuter und Wurzeln, welche die Abenteurer in den Wäldern aus gruben. Die faulenden, stets durchnäßten Kleider fielen ihnen in Fetzen vom Leibe, oder sie blieben an den Dornen der Schlingpflanzen hängen, die mit ihren zähen Ranken die Abenteurerschar aufhalten zu wollen schienen. Endlich dämmerte den Verzagenden ein Hoffnungsstrahl. Eine breite Wasserlinie schimmerte ihnen durch das ewige Grün entgegen. Jauchzend360 -— eilten sie vorwärts, so schnell die Füße sie tragen mochten, und wirklich sahen sie sich an dem Ufer eines stattlichen Stromes. Es war der Napo, den sie erreicht hatten, ein Ititfer Nebenfluß des Riesenstromes, der durch die unermeßlichen Wälder Südamerikas seine Wogen zum Atlantischen Ocean wälzt — des Amazonenstromes. Obschon er ein Nebenfluß ist, so hatten die Spanier doch noch nie einen größeren Strom gesehen, und sie gaben sich des halb der freudigen Hoffnung hin, daß sie nur dem Laufe des Flusses zu folgen hätten, um bald die östliche Meeresküste des Festlandes zu erreichen. So zogen sie denn immer weiter am westlichen bewaldeten Ufer des Napo hin. Aber Tage vergingen und Wochen, und die Lage der Aben teurer blieb dieselbe. Nicht ein Kahn der Eingeborenen kräuselte das Wasser. Außer den Bewohnern der Wildnis, der schöngeflcckten Riesen schlange und dem häßlichen Kaiman, die sich an den Ufern des Stromes sonnten, war kein lebendes Wesen zu sehen. Die Abenteurer glaubten eine Verbesserung ihres Zustandes herbei zuführen, wenn sie auf das rechte Ufer des Napoflusses übersetzten, da sie hofften, von hier aus eher zu bewohnten Gegenden gelangen zu können. Da die breite Wasserfläche des Stromes aber ein Übersetzen ohne Fahr zeuge unmöglich machte, so versuchten sie eine der Stromengen zu benutzen, zu denen sich das Bett des Flusses zuweilen verschmälerte. Glücklicher weise fanden sie eine solche Enge, wo die Breite des Stromes nicht viel über zehn Schritt betrug. Der Napo durchbrach an dieser Stelle einen Höhenzug, und es schien, als habe der Fluß eine jener Ungeheuern Spalten im Gebirge, die zuweilen durch gewaltige Naturkräfte gebildet werden, zu seinem Bette benutzt, — so brodelte in der Tiefe von etwa dreißig Meter unter den Füßen der Abenteurer das pfeilschnell dahinschießende Wasser. Und doch mußte hier der Übergang versucht werden. Aus nebeneinander gelegten Baumstämmen wurde eine haltbare Brücke hergestellt. Auf diesem luftigen Pfade gelang Menschen und Pferden der Übergang, mit Ausnahme eines einzigen Spaniers, der, weil er unvorsichtigerweise hinabgeblickt hatte, schwindelig wurde, ausglitt und in die schäumenden Wellen hinabstürzte. Indes hatten die Spanier durch diesen Wechsel ihre Lage nur wenig verbessert. Sie kamen nicht heraus aus der pfadlosen Wildnis, und der folgende Tag wies ihnen stets die einförmigen Landschaftsbilder des vor hergehenden. Nicht selten kam es mit den wilden Jndianerstämmen, die dann und wann ihren Weg kreuzten, zu feindlichem Zusammenstoß; aber was half ihnen alle Tapferkeit, da sie nichts anderes erkämpften als die öde Walstatt? Da stieg in Gonzalo ein Gedanke auf. Die breite Wasser ader des Napo erschien ihm als eine bequeme Heerstraße, auf der es sichin einem Fahrzeuge leicht und bequem nach Osten schiffen lassen müsse. Freilich war es unmöglich, ein Fahrzeug von solcher Größe herzustellen, daß es die ganze Abenteurerschar und die Indianer dazu aufnehmen konnte; dennoch beschloß Gonzalo, den Bau eines kleineren zu versuchen, damit er wenigstens die Kranken und Schwachen fortschaffen könne. Zwei volle Monate nahm der Bau dieses Fahrzeuges in Anspruch. Die Riesenbnume des Waldes mußten mit den stumpfgewordenen Äxten gefällt werden; zu den nötigen Nägeln und Klammern mußten die Pferde ihre Hufeisen her geben; zu Teer dienten verschiedene Harzarten, die aus einigen Bäumen qnollen; Werg zum Dichten der Fugen bereitete man aus den in Fetzen zerrissenen Kleidern der Spanier. Endlich, nach unsäglichen Mühen, stand das Fahrzeug fertig, roh und plump freilich, aber doch wenigstens sicher und so geräumig, daß es bequem fünfzig Mann und das sämtliche Gepäck des Heeres aufnehmen konnte; das letztere war freilich schon sehr zusammen geschmolzen und nahm daher nicht viel Raum weg. Die Leitung der rohen Barke übertrug Gonzalo einem spanischen Ritter, Namens Orellana, auf dessen Zuverlässigkeit er große Stücke hielt. Die Abenteurerschar setzte nun ihren Weg längs dem Ufer des Napo weiter fort, und manche schwere Woche noch irrten sie durch die traurigen Wildnisse, immer weiter nach Osten. Die Barke blieb ihnen dabei stets zur Seite, um, wenn eine gar zu unwegsame Gegend den Weitermarsch zu beschwerlich machte, durch Fortschaffung der Schwächeren ihre Dienste zu leisten. Trotzdem wurde es aber jetzt die höchste Zeit, daß die Müh seligkeiten sich ihrem Ende nahten; denn die letzten Brocken der Lebens mittel waren von den Abenteurern seit langem verzehrt, das letzte ihrer Pferde verschlungen. Um ihren nagenden Hunger zu stillen, verschmähten sie selbst das Leder ihrer Gürtel und Sättel nicht; sie überwanden sogar ihren Ekel und verzehrten gierig Schlangen, Kröten und andere kriechende Tiere, die sie gelegentlich in den Sümpfen singen. Als so die Not zu einer furchtbaren Höhe gestiegen war, erfuhr Gon zalo von umherstreifenden Indianern, daß einige Tagereisen von dem Orte, wo er sich eben befand, der Napo in einen anderen großen Strom sich ergieße, und daß das Land an den Ufern desselben gut angebaut sei. Keine Nachricht konnte ihm bei dem elenden Zustande seines Heeres er wünschter kommen, und er klammerte sich an dieselbe, als an seine letzte Hoffnung. Um aber schneller Nachricht von dem heißersehnten Lande zu erhalten, erteilte er Orellana den Befehl, mit der Barke den Napo hinab zugehen bis zu der Stelle, wo der Fluß sich in seinen Hauptstrom ergieße. Dort solle er sich bemühen, einen Vorrat von Lebensmitteln zu erlangen362 und dann so schnell wie möglich zurückkehren, damit die Abentcurerschar ihren Marsch nach dem bewohnten Lande antreten könne. Orellana ver sprach, Gonzalos Befehl auf das strengste auszuführen. Er brachte die Barke in die Mitte der Strömung, und bald war dieselbe dem Auge der Abenteurer unter der grünen Einfassung der Stromufer entschwunden. Es verging Woche auf Woche. Voll Ungeduld hingen die Augen der Hungernden an den Wassern des Flusses, ob diese ihnen nicht die wohl- bekannte Barke ihrer Gefährten zurückbringen würden, llnterdes sandte Gonzalo einzelne Abteilungen zu Streifzügen durch die umliegenden Ge genden aus; mehrere davon blieben einige Tage aus, aber alle kehrten zurück, ohne die geringste Nachricht von Orellana mitzubringen. Jetzt war es Gonzalo unmöglich, sich länger an diesem Orte zu halten, da im Um kreise mehrerer Meilen alle eßbaren Wurzeln und Kräuter vollständig auf gezehrt waren. Er beschloß daher, den Napo noch weiter hinabzugehen, bis zu der Stelle, die das Ziel von Orellanas Fahrt sein sollte. Zwei Monate der entsetzlichsten Anstrengungen kostete es wiederum, ehe der mutige Führer mit seiner sehr zusammengeschmolzenen Schar den Ort erreichte, wo der Napo sein Wasser mit dem des Amazonenstromcs mischt. Was die Spa nier hier mit aller Bestimmtheit erhofft hatten, fanden sie nicht, nämlich Nahrungsmittel zur Abhilfe ihres aufs höchste gestiegenen Mangels; da gegen erhielten sie Nachricht von dem Schicksale Orellanas und seiner Ge fährten. Unvermutet nämlich fand sich ein im Walde halbnackt umher ziehender Weißer zu ihnen, in dem die Abenteurer alsbald einen der Männer erkannten, die mit Orellana an Bord der Barke gewesen waren. Dieser hatte eine traurige Geschichte zu erzählen. Orellana hatte die Fahrt von dem früheren Lagerplatze bis zur Mün dung des Napo in drei Tagen zurückgelegt. Aber das Land umher ent sprach den erhaltenen Beschreibungen sehr wenig. Orellana sah ein, das; er, anstatt seinem Befehlshaber Lebensmittel zuführen zu können, kaum im stände sein würde, sich und die Seinigen notdürftig zu ernähren. Über dies war es unmöglich, mit der schwerfälligen Barke gegen den Strom anzukämpfen, und es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als Gonzalo an der Mündung des Napo zu erwarten. Bei diesem Schwanken zwischen Bleiben und Zurückkehren blitzte Orellana ein Gedanke durch den Kopf. Wie, dachte er, wenn du den Lauf dieses Riesenstromes weiter nach Osten verfolgtest, so müßte er dich sicher zu dem östlichen Gestade des Festlandes führen, und du gewännest das freie Meer. Not und Entbehrung hätten dann ein Ende, und überdies wäre dir vielleicht der Ruhm beschieden, die reichen Länder im Innern des Landes zuerst zu entdecken, und das Glück,363 sie auszubeutcn! Orellana entschloß sich denn auch zu dem Wagestück. Es wurde ihm leicht, seine Gefährten für seinen tollkühnen Plan zu ge winnen; nur einer erklärte sich dagegen, da er die Treue nicht brechen wollte, die er Gonzalo geschworen. Der rücksichtslose Orellana rächte sich dadurch, daß er den treuen Mann in der öden Gegend, wo seine Lands leute ihn fanden, seinem Schicksale überließ. Das war eine furchtbare Nachricht für Gonzalo und seine Gefährten. Nun sic am Ziele übermenschlicher Anstrengungen waren, sahen sie sich mitten in der einsamen Wildnis dem Hungertode preisgegeben! Da warf sich mancher der Spanier verzweifelnd zu Boden, um wenigstens ruhig zu sterben, so sehr hatte die Unglücksbotschaft ihren Mut daniedergebeugt. Aber wenn irgendwo, so bewährte sich jetzt Gonzalos Geistesgröße. Er erklärte bestimmt, daß ihnen nun kein anderer Ausweg bleibe, als zurück zukehren, und daß er von ihnen als wackeren Kastilianern erwarte, daß sie ihrem Anführer folgen würden. Und da sie mit jedem Schritte einem be freundeten Lande näher kämen, so würde die Hoffnung sie stärken, der Geist werde den Körper aufrecht erhalten, und cs würde ihnen sicher ge lingen, auch die größten Schwierigkeiten zu überwinden. Da entzündete sich aufs neue der Mut und das Selbstvertrauen der Abenteurer an der edeln Begeisterung ihres Führers. Die kleine Schar kehrte ihr Gesicht der untergehenden Sonne zu und trat den langen, un endlich mühsamen Rückmarsch an. Ohne einen anderen Wegweiser als die Sonne, bahnten sie sich langsam ihren Weg durch die dichten Wälder. Der Hunger zwang sie zum Genüsse der widernatürlichsten Nahrungs mittel. Sie kauten Blätter, verschlangen das ekelhafteste Ungeziefer und mußten immer von neuem ihre Zuflucht zu dem Leder ihrer Gürtel und Schuhe nehmen. So schleppten sie sich unter unendlichen Mühseligkeiten fast tviedcr ein volles Jahr fort, bis sie endlich den Ausgangspunkt ihres unglücklichen Zuges, die Stadt Quito, erreichten. Als sie so mit unsicheren Schritten daherwanktcn, mit zerbrochenen und verrosteten Waffen, Tierhäute anstatt der Kleider um die Schultern hängend, die Gesichter durch die Glut der Tropensonne ganz verbrannt und geschwärzt, die Körper durch Hunger herabgekommen und von Narben entstellt: — da hätte man in diesen Männern nimmer jene hoffnungsvolle Kricgerschar erkannt, die vor zwei Jahren auszog, um im unbekannten Osten ihr Glück zu suchen. Uber die Hälfte der viertausend Indianer, die sich dem Zuge angeschlossen hatten, waren umgckommen, und von den Spaniern kehrten gar nur achtzig, und viele von diesen überdies mit völlig zerrütteter Gesundheit, nach Quito zurück.364 Unterdes war Orellanas verwegene Fahrt vollständig geglückt. Aber die Mühseligkeiten und Gefahren, denen er und seine Geführten während der langen Reise ausgesetzt waren, sind unbeschreiblich. Bald trug ihn seine Barke durch unfruchtbare Gegenden, welche den Spanier» nicht die mindeste Nahrung boten; bald mußte er mit kriegerischen Jndianerstämmen auf dem Lande kämpfen, um sich mit Gewalt einige Nahrungsmittel zu verschaffen; bald hatte er den Angriff dieser Indianer abzuschlagen, die in ihren leichten Kanoes oft tagelang seinem Kielwasser folgten. Endlich, nach einer Fahrt von sieben Monaten erreichte Orellana die Mündung des Amazonenstromes. Hiermit aber war das verwegene Unternehmen noch nicht beendet. Orellana, der die Küste unbewohnt fand, mußte sich in seinem elenden Fahrzeuge noch dem Meere anvertrauen und erreichte end lich mit Mühe und Not die Insel Cubagua, von wo aus er sich in einem vorübersegelnden spanischen Fahrzeuge nach Spanien einschiffte, nm die Welt mit dem Berichte von seinen Abenteuern und Entdeckungen in Staunen zu setzen. Die erste deutsche Kolonie in Afrika. (1G 8 2.) n unseren Tagen,* in denen das Herz jedes Deutschen höher schlügt bei dem Gedanken, daß am Strande des „schwarzen Erdteils" und auf den Eilanden der australischen Jnselflur die deutsche Secflagge weht als ein weithin sichtbares Zeichen der Achtung, welche das deutsche Volk bei den übrigen Nationen der Erde genießt, richtet sich der Blick gern einmal zurück in eine längst vergangene Zeit, da ähnliche Hoffnungen wie heute die Herzen der Edelsten unseres Volkes bewegten, und ein ebenso kühner und kraftvoller Mann,* tvie heute der Kanzler des Deutschen Reiches, die Hand ans Werk legte mit demselben weitschauenden Blick, wenn auch mit minderem Glück. Der Mann, welcher zum erstenmal eine deutsche Seeflagge an der Geschrieben 1885.—- 365 Küste von Afrika wehen ließ, war Brandenburgs Großer Kurfürst, Friedrich Wilhelm. Dieser hatte als Kurprinz, während die Stürme des Dreißig jährigen Krieges Norddeutschland verwüsteten, einige Jahre in den Nieder landen verlebt und hier tiefgehende Eindrücke empfangen von der Macht und dem Reichtum, den blühender Seehandcl einem Volke bringt. Im großen Hafen zu Amsterdam hatte er die Flaggen aller seefahrenden Völker flattern gesehen, und er hatte staunend wahrgenommen, welche gewaltigen Mengen von Gütern sich in den Speichern der reichen Kaufleute dieser blühenden Handelsstadt anhäuften; — und dann hatte er mit verständigem Blick herausgefunden, wie dieser angesammelte Reichtum sich als ein Segensstrom durch das Land ergoß und sich in immer kleinere Bäche zer teilte, so daß auch noch die Arbeiter, die sich tagaus, tagein im Schweiße ihres Angesichts abmühten, ihrer Hände Werk dadurch gefördert fanden. Wenn der junge Prinz im Anschauen dieses regen, segenspendenden Ver kehrs an sein eigenes Vaterland dachte, das ausgesogen und bis in den Grund hinein verwüstet war, dann wurden in seinem Herzen Hoffnungen und Pläne lebendig. Sein Blick richtete sich immer und immer wieder hinaus auf das Meer; denn die blaue Flut erschien ihm als das Ackerfeld, dem er den Samen für eine bessere Zukunft seines Volkes anvertrauen müsse. Aber was Brandenburg damals an Küstenländern besaß, war wenig; es beschränkte sich auf die sandigen Landstriche längs des Frischen und Kurischen Haffs in Ostpreußen. Da gab es wohl einen Hafenplatz, das alte treue Königsberg; der war jedoch wegen der alljährlich wiederkehrenden langen Unterbrechung durch das Eis des Frischen Haffs kein zukunftsreicher Verkehrsplatz. Die Odermündungen aber, denen alles zustrebte, was von Gütern aus der Mark Brandenburg ausgeführt werden konnte, waren in der Hand der Schweden, welche jeden Handelsverkehr nach der Mark mit hohen Zöllen belasteten. Dieser Zustand erschien dem jungen, hochstrebenden Fürsten, der im Jahre 1640 den Thron seiner Väter bestiegen hatte, drückend genug. Doch fand er während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges und solange die Nachwehen der schrecklichen Kriegszeit noch nicht überwunden waren, keinen Weg zur Besserung. Kaum aber war sein Land innerlich soweit erstarkt, daß die Mark eine achtunggebietende Stellung unter den deutschen Landen einnahm, als der Große Kurfürst mit Begeisterung seine Jugendpläne wieder ausnahm. Zuerst galt es, die Odermüudungen von den fremden Zwingherren zu befreien. Das geschah durch die Kriegszüge gegen die Schweden im Jahre 1676, die dem Kurfürsten fast ganz Vorpommern, Stettin, Greifs-366 Wald und das mit außerordentlicher Tapferkeit verteidigte Stralsund als Siegespreis in den Schoß warfen. Leider wurden die Anstrengungen des Kurfürsten und die Opfer des Krieges nicht von dauerndem Erfolg belohnt. Als der damalige deutsche Kaiser Leopold mit dem Könige Ludwig XIV. von Frankreich zu Nym- wegen wegen des Friedens unterhandelte, forderte der übermütige Fran zosenkönig die Wiederabtretung der eben erst mit brandenburgischem Blute erkämpften pommerschen Landstriche an seinen schwedischen Bundesgenossen. Friedrich Wilhelm bot alle Mittel aus, den Verlust abzuwenden. „Von der Odermündung will und kann ich in Ewigkeit ohne den Ruin meines Hauses nicht abstehcn," schrieb er an den österreichischen Gesandten in demselben Schreiben, in dem er diesem die Summe von 100000 Thalern anbvt, wenn er ihm jene Mündungen verschaffe, — vergebens: der Friedensschlnß von St. Germain entriß ihm die kaum erworbenen Ausgangspforten aus seinem Lande zur Ostsee von neuem. Der Kurfürst fühlte die ganze Schwere des Schlages, der mit dem Verlust der Odermündungen sein Land traf. Waren doch erst wenige Jahre ins Land gegangen, seitdem sich auch dem blödesten Auge gezeigt hatte, von welcher Wichtigkeit für die Mark Brandenburg der Besitz des Ostseehafens Stettin gewesen war. Als nämlich, während der Kurfürst am Rhein gegen die Franzosen zu Felde lag, die Schweden verheerend in die Mark einbrachen und Friedrich Wilhelm zu dem berühmten Eilmärsche „vom Rhein zum Rhin"* zwangen, tauchte unter den Plänen zur Ver teidigung des Landes auch der auf, daß die Schweden auf ihrem eigenen Gebiete, dem Meere, anzugreifen seien; durch Kaperschiffe müsse dem nor dischen Reiche die ihm unentbehrliche Zufuhr von Getreide und Salz ab geschnitten werden, wenn man den Feind wirksam ins Herz treffen wolle. Dieser merkwürdige Plan war in dem Kopfe eines holländischen Kaufmanns Namens Benjamin Raule entsprungen und wurde dem Kurfürsten aus dem Schuldgefängnisse der Stadt Middelsart zugesendet, in dem Raule wegen einer starken Schuldenlast in Haft saß. Die Ausführung dachte sich der unternehmungslustige Holländer so, daß der Kurfürst die Kosten für die kriegsmäßige Ausrüstung mehrerer Schiffe hergeben und ihm Kaper briefe gegen die Schweden ausfertigen solle, wogegen er versprach, die weg genommenen schwedischen Schiffe einem von dem Kurfürsten zu ernennen den „Direktor der Kaperei" zuzuführen. * Der Rhin ist das Flüßchen, an welchem Fehrbellin liegt, bei welchem Orte der Große Kurfürst im Jahre 1675 seinen glänzenden Sieg über die Schweden erfocht.367 Dieser Plan, so verwerslich er uns heute erscheinen mag, entsprach dein damals allgemeinen Brauche, im Fall eines Krieges dem Gegner durch Kaperschiffe so viel Schaden wie möglich zufügen zu lassen. Kurfürst Friedrich Wilhelm ging auch wirklich darauf ein. Er bewilligte die Summe von 25000 Gulden und setzte in der holländischen Stadt Vlissingen an der Scheldemündung in der Person eines adeligen Herrn, Leonhard von Grinswalds, den von Raule vorgeschlagenen „Direktor der brandenbur- gischen Kaperei" ein. Dieser hatte denn auch bald in seinem neuen Amte zu thun. Raule begann ungesäumt die kriegsmäßige Ausrüstung von drei Fregatten und zwei kleineren Fahrzeugen. Die Fregatten seines kleinen Geschwaders taufte er „Kurprinz," „Berlin," und „Potsdam," die kleinen Fahrzeuge „Bielefeld" und „Bulle." Mit diesem Geschwader trieb er in der Ostsee offen sein Gewerbe als Kaperkapitün. Wo sich ein mit russischem Getreide oder französischem Seesalz beladener schwedischer Kauffahrer blicken ließ, da machten die unter brandenburgischer Flagge segelnden Kaperschiffe sich auf zur Jagd. Sie gingen dabei den unbehilflichen schwedischen Kriegs fahrzeugen behutsam aus dem Wege, scheuten aber auch nicht den Kampf, wenn irgendwie ein Erfolg zu hoffen war. So kam es, daß Raule sogar die Wegnahme einer schwedischen Fregatte und eines Branders gelang. Die Nachricht von dem letzteren Erfolge versetzte den Kurfürsten in Entzücken, und er schlug sie so hoch an, daß sein Gesandter sie dem befreundeten Hofe der Niederlande ausdrücklich melden mußte. Die eroberte Fregatte, der „Leopold," wurde sofort in Kolberg in eine branden burgische Kriegsfregatte umgewandelt, und sie ist somit das erste eigentliche Kriegsschiff gewesen, das Brandenburg zugehört hat. Sie bildete denn auch den Stamm zu einer in der Eile aus gemieteten Schiffen zusammengesetzten „branden- burgischen Flotte," die außer den Kaperschiffen Raules mit 26 Kanonen und 274 Mann noch drei Kriegsfahrzeuge mit 57 Kanonen und 300 Mann zählte und in dem Kriege von 1676 auf 1677 gute Dienste leistete. Ebenso gut bewährte die junge Flotte ihre Kriegstüchtigkeit gegen eine damals ansehnliche Seemacht, gegen Spanien. An den König von Spanien hatte nämlich der Kurfürst aus dem Jahre 1674 eine Geldforderung von zwei Millionen Thalern Unterstützungsgelder zum Kriege gegen Frankreich. Da alle Mahnungen zur Zahlung nichts fruchteten, so beschloß der Kur fürst, sich auf seine Weise zu seinem Rechte zu verhelfen. Raule erhielt Befehl, die vorhandenen Schiffe in Dienst zu stellen. In Pillau, dem Außenhafen von Königsberg, sammelte sich die kleine Flotte, die aus sechs Schiffen mit zusammen 170 Kanonen bestand; die Bemannung erfolgte368 durch 900 Matrosen und Seesoldaten. Zum Oberbefehlshaber wurde Klaus von Bevern ernannt. Die für jene Zeit stattliche Seemacht erhielt die Weisung, vor Dünkirchen auf spanische Schiffe Jagd zu machen, die gekaperten Fahrzeuge nach Pillau zu schicken, dann mit dem Geschwader nach Cadiz, und wenn sich da keine gute Jagdgelegenheit fände, weiter bis nach Westindien zu segeln. Als die Spanier von dem Unternehmen Kunde erhielten, spöttelten sie nicht wenig über die „brandenburgischen Gras teufel." Aber die „Grasteufel" bewiesen bald, daß sie auch zur See tüchtig zu schlagen verstanden. Sie enterten im Kanal ein spanisches Kriegsschiff von 50 Kanonen, das in Pillau sofort in eine branden- burgische Kriegsfregatte umgewandelt und der Flotte nachgesandt wurde. Der weitere Verlauf der Expedition entsprach allerdings dem glänzenden Anfänge nicht ganz. Man nahm wohl einige spanische Fahrzeuge weg, aus deren Verkauf 150000 Thaler in die kurfürstliche Kasse flössen; aber der Hauptfang, auf den es abgesehen war, die von Peru alljährlich ab gehende Silberflotte, hatte sich diesmal mit schweren Kriegsschiffen so sicher umfriedigt, daß die brandenburgischen „Grasteufel" sie nicht anzugreifcn wagten. Mit der Expedition nach den spanischen Gewässern fand der branden- burgische Kriegsruhm zur See seinen Abschluß, und der alternde Kurfürst gab endlich den Plan, seine Geldforderung an Spanien durch Waffen gewalt geltend zu machen, ganz auf. Seiner Seemacht aber stellte er von da an eine andere Aufgabe. Sie sollte sich ganz dem Dienste des Han dels widmen, von dem Friedrich Wilhelm hoffte, daß er die natürlichen Wohlstandsquellen seines Landes erschließen helfen solle. Der Kurfürst ging dabei mit weiser Vorsicht ans Werk. Er be vollmächtigte den unternehmungslustigen Raule, mit einer holländischen Handelsgesellschaft in Verbindung zu treten, welche Verbindung die An knüpfung und Betreibung von Handelsgeschäften an der Westküste von Afrika unter brandenburgischer Flagge zum Zweck haben sollte. Es war im Jahre 1680, als die erste Unternehmung der neuen Handelskompanie ins Leben trat. Zwei kriegsmäßig ausgerüstete Kauffahrteischiffe, das „Brandenburger Wappen" und der „Mohrian," welche außer dem nötigen Schiffsvolke zwanzig brandenburgische Musketiere unter dem Befehl eines Kapitäns Blanc führten, gingen im Juli desselben Jahres nach der Küste von Afrika in See. Nach langsamer Küstenfahrt landeten die Fahrzeuge am 16. Mai 1681 bei dem Negerdorfe Acoda an der Goldküste. Es entwickelte sich alsbald der bei solchen Unternehmungen gewöhnliche Handelsverkehr; zugleich aber beabsichtigte der Führer der Expedition eine dauernde Besitz-—- 369 ergreifung der Küste. Er schloß deshalb mit drei durch Geschenke ge wonnenen Negerhäuptlingen einen Vertrag, wonach diese sich verpflich teten, dem Kurfürsten von Brandenburg einen Platz zur Erbauung eines Forts abzntreten, wogegen ihnen der Schutz der brandenburgischen Flagge zugesagt wurde. Der daneben eingeleitete Handel mit afrikanischen Landesprodukten schaffte den beiden Handelsschiffen wertvolle Fracht. Es befand sich darunter auch eine geringe Menge von Goldkörnern. Aus diesen ließ der Kurfürst, der sie als die ersten Tropfen des durch den afrikanischen Handel in sein Land zu leitenden Goldbächleins freudig be grüßte, zwei große Medaillen und eine Anzahl sogenannter „Schiffs dukaten" schlagen, die noch heute als große Seltenheiten in Münzsamm lungen zu finden sind. Ermuntert durch den glücklichen Erfolg der ersten Unternehmung, dachte der unternehmungslustige Raule sofort an einen verstärkten Handels betrieb. Noch in demselben Jahre sandte er die beiden Schiffe zum zweitenmal nach der Küste von Afrika, dazu noch den „Kurprinz" und die „Brandenburgische Dragane," zwei Kriegsschiffe von etwa dreißig Kanonen. Da aber kreuzte die erwachte Eifersucht der Holländer seinen Plan. Ihre Kaper nahmen das „Brandenburger Wappen" weg, und der Führer der Expedition vermutete wohl nicht mit Unrecht, daß diesem Vorspiele bald ein blutiger Hauptschlag folgen werde, weshalb er es vorzog, statt die Küste anzulaufen, den Kiel seiner Schiffe heimwärts zu richten. Bei dieser Unsicherheit des Erfolges würde das ganze Unternehmen vielleicht ins Stocken geraten sein, wenn nicht Kurfürst Friedrich Wilhelm seine starke Hand darüber gehalten hätte. Er nahm zunächst in aller Form die holländische Handelsgesellschaft unter brandenburgischen Schutz; sodann erteilte er ihr ein auf dreißig Jahre gültiges Privilegium des ausschließ lichen Handelsbetriebes von brandeuburgischer Seite aus auf der Küsten strecke zwischen dem Grünen Vorgebirge und der portugiesischen Handels niederlassung Angola in Niederguinea; endlich versprach der Kurfürst zum Schutze des Handels in Oberguinea eine Festung anlegen und in Friedens zeiten den Dienst in derselben durch brandenburgisches Kriegsvolk versehen zu lassen, während im Kriegsfälle jeder Kolonist waffenfähig sein sollte. Infolge dieser Zugeständnisse befanden sich bereits im Jahre 1682 zwei Fahrzeuge unterwegs auf der Fahrt nach der Küste von Guinea. Es waren der „Kurfürst," unter Führung des Kapitäns Voß, und der „Mohrian," geführt vom Kapitän Blanc, welcher den Auftrag hatte, die von ihm früher mit mehreren Negerhäuptlingen getroffenen Vereinbarungen in einen schriftlichen Vertrag zu fassen. Diesen beiden Fahrzeugen folgte Hummel, Bilder a. d. Weltk. 24370 bald darauf ein drittes Schiff, welches den für die zu gründende Kolonie bestimmten Gouverneur, den Major Otto Friedrich von der Grüben, an Bord hatte. Grüben, der einem märkischen Adelsgeschlechte entsprossen war, muß nach seiner Handlungsweise ein Mann von Scharfblick und großer That- kraft gewesen sein. Daß er in jungen Jahren aus Neigung größere See reisen unternommen und sich mit den Gebräuchen und Sitten uncivili- sierter Völker vertraut gemacht hatte, scheint vorzugsweise die Wahl des Kurfürsten auf ihn gelenkt zu haben. Bei seiner Ankunft an der Küste von Guinea trat Grüben mehrfach in Handelsverbindungen mit Ncgerstämmen; es gelang ihm sogar, durch Tauschhandel eine ansehnliche Menge von Gold körnern zu erwerben. Die Fortsetzung dieses Handels scheiterte aber an der Eifersucht der Holländer. Der holländische Gouverneur verbot nämlich Grüben allen Ernstes jeden weiteren Handel, indem er für den Fall der Umgehung dieses Verbotes drohte, „sich seiner natürlichen Mittel" zur Vertreibung der brandenburgischen Schiffe zu bedienen. Grüben empfing die holländischen Beamten, welche ihm diese Botschaft des Gouverneurs überbrachten, aufs höflichste, erklärte aber sehr entschieden, daß der Herr, dem er zu gehorchen habe, der Kurfürst von Brandenburg sei, und daß er, wenn man Gewalt gegen ihn brauchen würde, sich ebenfalls „seiner natürlichen Mittel" bedienen werde. Grüben war nun vor allem auf die Ausführung seines Hauptauf trages bedacht, auf die Anlegung eines Forts zum Schutze der zu grün denden Handelsniederlassungen. Nach einer genauen Untersuchung des Küstenstriches von Guinea, den man jetzt die Goldküste nennt, fand er in der Nähe des Kaps der drei Spitzen, nahe der noch gegenwärtig dort be stehenden holländischen Niederlassung Axim, einen für seine Zwecke ge eigneten Platz. Ein Berg, welcher das hier überall hügelige Land beherrscht, erschien Gröbens kundigem Auge als trefflich zur Anlegung eines Forts geeignet, und er entschloß sich deshalb, hier die brandenburgische Flagge aufzupflanzen. Es war am Neujahrstage des Jahres 1683. Drei volle Geschütz salven donnerten am Morgen über das Meer. Die Boote des Schiffes füllten sich mit Matrosen und brandenburgischen Soldaten in ihrer malerischen Tracht, und unter Paukenwirbel und Trompetengeschmetter fuhren die Boote zu Lande. Erstaunt ob des seltenen Vorganges, strömten die Neger aus der Umgegend herbei. Grüben ließ nun den Häuptlingen durch einen Dolmetscher mitteilen, daß er im Austrage eines mächtigen Fürsten eine Niederlassung in ihrem Lande gründen wolle, die ihnen selbst24 * —- 371 zum Schutze gereichen und mancherlei Nutzen bringen werde, zu welchem Zwecke sic ihm gegen Geschenke den benachbarten Berg abtreten sollten. Die Eingeborenen schienen diese Kunde mit Vergnügen zu vernehmen, ja sie sprangen hilfreich hinzu, als Grüben befahl, sechs Schiffskanonen ans den Gipfel des Berges zu transportieren. Dann schritt er zur feier lichen Aufhissung der brandenburgischen Flagge. Unter klingendem Spiel wurde die Weiße Flagge mit dem schwarzen Adler vom Schiffe geholt, am Strande von der gesamten Mannschaft militärisch begrüßt und dann auf hohem Flaggenstocke auf dem Gipfel des Berges aufgezogen, während vom Lande und von den Schiffen her die Kanonen donnerten. Am folgenden Tage erfolgten dann in einem auf dem Berge ausgeschlagenen Zelte die Verhandlungen mit den Häuptlingen der umwohnenden Neger stämme. Diese gelobten dem Kurfürsten von Brandenburg durch Hand zeichen schriftlich Treue und Gehorsam, wogegen Grüben sie des kurfürst lichen Schutzes versicherte. Geschenke an die Häuptlinge besiegelten den geschlossenen Vertrag. Zum würdigen Abschluß desselben mußte Grüben mit ihnen noch „Fetesie trinken;" es wurde nämlich Branntwein mit Schießpulver gemischt, in welcher Mischung der brandenburgische Edel- mann den schwarzen Häuptlingen Bescheid thun mußte, während mit dem Bodensatz den geringeren Negern die Zunge beschmiert wurde. Darauf wurde ohne Verzug mit dem Bau des Forts begonnen. Hierbei erwiesen sich die befreundeten Neger durch Herbeischleppen von Baumstämmen und Einrammen der Palissaden so nützlich, daß in wenigen Tagen der Berg mit einem Befestigungswerke gekrönt war, das den Sturm eines ganzen Negerstammes abzuhalten vermochte. Grüben legte dem Fort den Namen „Großer Friedrichsberg" bei, um, wie er sagte, damit anzn- deuten, „daß Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht Name vor aller Welt groß sei." Die Kunde von der Entstehung des neuen Forts drang selbstverständ lich bald nach Axim zu den Holländern. Der dortige „Oberkaufmann" (d. i. der Vorsteher der Kolonie) glaubte nun die Zeit gekommen, daß er die Rechte seiner Regierung wahren müsse. Im stattlichen Zuge, an der Spitze zwei holländische Fahnen, machte er sich nach dem „Großen Frie drichsberge" auf den Weg. Alles war darauf berechnet, dem Brandenburger zu imponieren. „Der Vorsteher trug" — so erzählt Grüben in einem von ihm herausgegebenen Buche selbst — „einen roten scharlachnen Rock mit durchbrochenen silbernen Knöpffen, auf der Schulter habend einen großen Pusch Band, wie auch den Hut und Degen, wie die alten Feder-Fechter zu tragen pflegen. Unten hatte er ein lederfarbenes Kammisol, nachmals ein blau paar Tafftene Hosen, ein grün langes Degen-Gehenk mit einem372 Leisfarbenen (lilienfarbenen) gewirkten Gürtel umbgürtet. Die Schue waren gestickt und die Strümpffe von weißer Seide. Hinter ihm gingen seine zwei Assistenten fast in gleicher Liberey (Kleidung). Darauff folgten acht Schwartzen, so aus ausgehöleten kleinen Elephanteu-Zühnen eine selt same Music machten, in welche Harmonie ein Kerl auf einer kleinen Drommel mit einem krummen Haken darein schlug. Da ich ihn in das Fort genöthiget, ließ er sich durch einen Schwartzen entkleiden, damit wir die güldenen Knöpffe, so er in Hemde und Hosen trug, auch zu sehen be kämen." Diese Entfaltung seiner Würde machte aber auf den branden- burgischen Edelmann nicht den mindesten Eindruck. Grüben ließ dem „Oberkaufmann" zur Begrüßung Wein vorsetzen, dem dieser mit großem Behagen zusprach. Hierauf erhob dieser förmlichen Widerspruch gegen die Absicht der Brandenburger, sich hier niederzulassen. Grüben erwiderte kurz: daß, wenn Widerspruch erhoben werden solle, dies in Berlin ge schehen müsse; er selbst sei nur der Beauftragte und werde der Gewalt Gewalt entgegensetzen. Darauf abermaliges Zechen von beiden Seiten, dann Austausch von Höflichkeitsbezeigungen und endlich feierlicher Ab marsch des holländischen Oberkaufmanns. Trotz der gewechselten Höflichkeitsbezeigungen aber zeigte es sich schon nach einer Woche, daß die Holländer sich nicht damit begnügten, die Faust in der Tasche zu ballen. Befreundete Neger kamen zum Fort mit der Nachricht, daß, von den Holländern angestiftet, ein feindlicher Angriff auf den „Großen Friedrichsberg" im Werke sei. Grüben empsing diese Nach richt auf dem Krankenlager, auf das ihn, wie den größten Teil seiner Truppen, der Einfluß des heißen Klimas geworfen hatte. Gewaltsam rafft er sich empor. Als er seine kleine Schar mustert, zeigt sie kaum fünfzig waffentüchtige Männer; zu diesen gesellen sich etwa zweihundert befreundete Neger, die aber nach Landcsart nur mit Bogen und Pfeil bewaffnet sind. Das Häuflein schlägt aber glücklich den Angriff von etwa zweitausend Negern ab, zumeist allerdings mit Hilfe der branden- burgischen Sechspfünder, weshalb denn auch Grüben in seinen Aufzeich nungen naiv bemerkt: „Die Mohren können das grobe Geschütz nicht vertragen." Bald darauf aber machte sich wieder eine freundliche Annäherung der Neger an die neuen Kolonisten bemerkbar. Es verging fast kein Tag, an dem Grüben nicht den Besuch eines der benachbarten Häuptlinge em pfing; ja manche der bisher feindlichen Neger siedelten sich in der Nähe des Friedrichsberges an, indem sie Hütten für sich und ihre Familien er bauten. In dieser Zeit des ersten glücklichen Emporblühens der Nieder-373 lassung war es ein Ehrentag in dem einförmigen Leben, das die bran- denburgische Besatzung des Forts führte, als ein vorüberscgelndes englisches Schiff die brandenburgische Flagge durch die auf See üblichen Kanonen schüsse begrüßte, — bedeuteten doch die weithin über das Meer hallenden Kanonenschüsse die erste förmliche Anerkennung des brandenburgischen Kolonialbesitzes durch eine europäische Seemacht! Mit der Anlegung des Forts auf der Goldküste war Gröbens Auf trag erledigt. Er rüstete sich deshalb zur Rückkehr nach Brandenburg, nachdem er die Besatzung unter den Befehl des Kapitäns Blanc gestellt hatte. Mit wie großer Befriedigung Kurfürst Friedrich Wilhelm seine Berichte vernommen haben muß, geht daraus hervor, daß er Grüben für seine geleisteten Dienste zum Amtshauptmann von Marienwerder ernannte. Das Schiff, welches Grüben nach Europa zurückführte, hatte auch einen der Negerhäuptlingc an Bord. Dieser sollte nach Gröbens Absicht alle von ihm abgeschlossenen Erwcrbungsverträge feierlich erneuern, dem Kurfürsten als seinem Oberherrn huldigen und sich namentlich verpflichten, den unter brandenburgischer Flagge segelnden Schiffen das alleinige Recht des Handels in dem besetzten Gebiete einzuräumen. Dem Kurfürsten er schienen die hierdurch eröffneten Aussichten so wertvoll, daß er dem schwarzen „Gesandten" einen schmeichelhaften Empfang bereitete und ihm alle Sehenswürdigkeiten von Berlin zeigen ließ, um einen möglichst tiefen Eindruck brandenburgischer Macht und Größe bei ihm hervorzubringen. Sodann aber, schnell entschlossen und thatkräftig, wie er alles angriff, befahl der Kurfürst, auf dem von Grüben gelegten Grunde rüstig weiter zubauen. Es wurde nicht nur die Besatzung des angelegten Forts, dessen Name in „Groß-Fricdrichsburg" umgeändert wurde, verstärkt, sondern auch die Zahl der Kanonen von sechs auf vierzig vermehrt. Zugleich wurde die Vermehrung der brandenburgischen Kolonieen kräftig in die Hand gcnomnien. Auf dem benachbarten Vorgebirge der drei Spitzen wurde ein kleines befestigtes Werk, die Dorotheenschanze,* angelegt. Dazu kam noch etwas später bei dem Negerdorfe Tracame ein mit mehreren Geschützen armiertes Blockhaus, worauf der Kurfürst die Oberherrschaft über den ganzen Küstenstrich übernahm, ein Gebiet, dessen Ausdehnung sich heute nicht mehr feststellen läßt. Nun wollte aber der geniale Herrscher auch einen praktischen Erfolg seiner überseeischen Unternehmungen sehen, nämlich einen lebhaften Handel zwischen seinen Landen und den afrikanischen Kolonieen. Leider fehlten Benannt nach Dorothea, der Gemahlin des Kurfürsten.374 dazumal in der Mark Brandenburg die Kaufleute, welche Mut genug hatten, ihr gutes Geld in so unsichere Unternehmungen zu stecken. Da mußte es der Kurfürst als eine besondere Gunst des Schicksals ausehen, daß er gerade damals das Recht erhielt, eine Besatzung zu Emden in Ost friesland zu halten. Dort war mit einem Male, was Brandenburg fehlte: ein günstig gelegener sicherer Hafen und eine unternehmende Kaufmann schaft. Friedrich Wilhelm suchte beides zu benutzen. Unter der Mitwir kung seines getreuen Raule wurde der Sitz der afrikanischen Handelsgesell schaft Non Pillau nach Emden verlegt, und die Emdener Kaufmannschaft trat mit einem Anteile in das Geschäft ein. Dem glücklichen Beginn folgte aber bald eine starke Ernüchterung. Der erwartete Handelsverkehr blieb aus, und die Kolonie selbst geriet in eine gefährliche Lage. Wahrscheinlich nicht ohne geheimes Nachsehen der eigenen Negierung hatte die holländische Handelsgesellschaft sich mit Waffen gewalt einiger brandenburgischen Warenlager bemächtigt; sie hatte ferner das brandenburgische Schiff „Berlin" kapern lassen und sogar einen Ver such gemacht, das Fort Groß-Friedrichsburg feindlichen Negerstämmen in die Hände zu spielen — ohne allerdings auf die Tapferkeit zu rechnen, mit welcher der wackere brandenburgische Kapitän den Sturm abschlug. Das waren die letzten Nachrichten, welche über den Stand der Dinge in Berlin einliefen. Sie erregten den bereits dem Tode nahen Kurfürsten auf das tiefste. Schon plante er mit allem Eifer seiner energischen Natur vollwichtige Wiedervergeltung, — da rief ihn der Tod ab; aber das letzte Wort, welches er als Parole dem Offizier der Leibgarde zuflüsterte, war — „Amsterdam!" Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm war tot — und man darf sagen, mit ihm der Gedanke, daß Brandenburg und das damals schon erstrebte Königreich Preußen je ein Staat werden könne, dessen Scepter sich auch über Kolonieen in fremden Erdteilen erstrecke. Sein Nachfolger, Kurfürst Friedrich III., der nachmalige erste König von Preußen, hielt wenigstens um des Ehrenpunktes willen den Besitz der Kolonieen noch notdürftig aufrecht. Aber Friedrichs Sohn, der haushälterische Soldaten könig Friedrich Wilhelm I., erklärte kurz und rund, daß er zur Unterhal tung des Forts auch nicht einen Groschen mehr hergebe, und ließ endlich im Jahre 1720, müde des unfruchtbaren Besitzes, alles, was er an Grund stücken, Gebäuden u. s. w. in der Stadt Emden noch besaß, in öffentlicher Auktion verkaufen. Der Erlös betrug nur 5982 Thaler, — ein kläglicher Ausgang des von seinem hochstrebenden Großvater mit so weitschauendem Blicke geplanten Unternehmens.375 Aber noch schien ein letzter Schimmer von dem Kriegsruhme des Großen Kurfürsten über dem verfallenen Fort auf der afrikanischen Gold küste zu schweben. Holländische Berichte erzählen, daß, als die Niederländer darangingen, die von der brandenburgischen Besatzung verlassenen Werke des Forts Groß-Friedrichsburg in Besitz zu nehmen, ein Negerhäuptling, treu seinem geleisteten Eide, sich zum Verteidiger der brandenburgischen Flagge aufgeworfen habe. Sturm nach Sturm hielt der Wackere mit seinen Gefährten aus. Endlich, als seine Lage zu einer hoffnungslosen wurde, brach er in einem wütenden Ausfall durch die Reihen der Belagerer hin durch und verschwand in den Wäldern des höhergelegenen Innern. Das nun von den Holländern eingenommene Fort wurde aber auch von diesen bald wieder aufgegeben. Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts besuchte ein deutscher Rei sender, des brandenburgischen Ruhmes gedenkend, die Stätte des Forts Groß-Friedrichsburg. Er fand die Wälle fast dem Erdboden gleich ge worden und halb im Sande vergrabene Kanonenrohre mit dem Adler von Brandenburg. Noch lange Jahre hindurch waren diese die letzten Spuren des brandenburgischen Ruhmes zur See an dieser Küste, — und es ist gewiß als ein bedeutungsvolles Ereignis anzusehen, daß es späterhin mög lich geworden ist, von diesen Zeugen altbrandenburgischer Seeherrlichkeit einige zu retten, die jetzt in der Ruhmeshalle zu Berlin aufgestellt sind. , Eine gefahrvolle Eismanderung. ( 1862 .) m 1. September 1862 feierte man überall in Rußland ein Fest der Erinnerung an das tausendjährige Bestehen des Reiches. Dieses Fest ist wohl nirgends in dem Riesenreiche unter so eigentümlichen Umständen begangen worden als auf dem Schiffe „Jermak," das an diesem Tage in den Eisfeldern des Karischen Meeres sestsaß. Während in der festgezimmerten ersten Kajüte die Offiziere des Schiffes in unförmlicher Pelzkleidung bei einander hockten und die Gesundheit des Zaren in dampfendem Punsch tranken, ging es drunten unter Deck lustig genug zu. Die doppelte Branntweinration, welche die Mannschaft zur376 Feier des Tages erhalten hatte, verbreitete selbst unter den griesgrämigsten Matrosen die heiterste Stimmung: patriotische Gesänge erklangen durch den Raum, man trank ebenfalls auf die Gesundheit des „Väterchens" Zar, und dazwischen wieder stampften tanzlustige Matrosen ihre sonderbaren Kosakentänze. Überall herrschte Freude und Lustigkeit; nur über das Ge sicht des Befehlshabers glitt dann und wann ein Schatten schwerer Sorge. Denn die Lage, in welcher sich der „Jermak" befand, bot zu nichts weniger Veranlassung als zur Feier von Lustbarkeiten. Vor etwa vier Wochen nämlich hatte der „Jermak" in Begleitung des kleinen Schiffes „Embryo" unter Führung des Schiffslieutenants von Krusenstern die Mündung der Petschora verlassen, um die Mündungen und Gestade des sibirischen Riesenstromes Jenissei zu durchforschen. Die Bemannung des „Jermak" bestand aus dreißig Leuten, während dem „Embryo" nur einige Matrosen zugewiesen waren, da dieses kleine Fahr zeug sich dicht am „Jermak" halte« und nur zur Befahrung flacher Buchten verwendet werden sollte. Bereits als die beiden Fahrzeuge die Mündung der Petschora erreicht hatten und hier mit den letzten Hütten, von deren Dächern arme Samojeden mit ausgestrecktcn Armen ihre Ver wunderung über den ungewohnten Besuch kundgaben, vom Lande Abschied nahmen, ging das Meer hier und da mit Eis. Da sich aber auf weite Strecken freies Wasser zeigte, so legte Krusenstern auf diese Vorboten eines frühen Winters wenig Gewicht und beschloß, die Fahrt fortzusetzen. Winterten an den Gestaden des Jenissei dann auch die Schiffe ein, so hatte er für sechs Monate Proviant an Bord, das würde selbst für einen russischen Winter ausgereicht haben. Gegen alle Erwartungen aber brach dieser Winter plötzlich mit einer selbst in diesen Gegenden ungewohnten Strenge ein. Am 14. und 15. August hatten die beiden Fahrzeuge einen mit Regen und Schnee gestöber verbundenen Sturm zu überstehen, in dem der „Embryo" seine Masten verlor, während dem „Jermak" von vorbeitreibenden Eisfeldern ein Teil der Verkleidung von Lärchenholz abgestreift wurde, mit welcher sein Rippcnwerk geschützt war. Dieser Sturm trennte zugleich die beiden Schiffe. Am 16. August sah Krusenstern den „Embryo" zum letztenmal, während sein eigenes Schiff, das über Nacht zwischen Eisfeldern geradezu eingeklemmt war, stetig in nordöstlicher Richtung forttrieb. In den fol genden beiden Wochen verdichteten sich die Eismassen um den „Jermak" immer mehr, so daß ein Überwintern im Eise fast zur Wahrscheinlichkeit wurde. Zu dieser Sorge gesellte sich dann noch eine andere. Das Schiff hatte durch den Anprall schwimmender Eisblöcke so schwer gelitten, daß377 an eine Reparatur der Schäden nicht zu denken war, und in der That wurde es nur durch die Eisfelder, in denen es festsaß, vor dem Versinken bewahrt. Da mußte das Aufgehen des Eises im Frühjahr dem Fahrzeuge sicheres Verderben bringen. Freilich waren zwei seetüchtige Boote da; aber die erfahrenen Seeoffiziere schüttelten bedenklich den Kopf, wenn da von die Rede war, daß man versuchen solle, auf diesen festes Land zu erreichen. Da faßte Krusenstern den verzweifelten Entschluß, die Küste durch eine Wanderung über das Eis des Karischen Meeres zu erreichen. Noch einige Tage hielten sie das Schiff, um das Eis tragfähiger werden zu lassen; das vaterländische Erinnerungsfest mit seinem Jubel feierten sie noch an Bord, — aber schon der folgende Tag war zum Antritt der gefahrvollen Eiswanderung bestimmt. Die Vorbereitungen zu derselben waren schon am Tage vorher ge troffen worden. Aus der großen Schiffsschaluppe war durch Anschrau ben von langen, starken Schlittenkufen eine Art von Bootschlitten her gestellt, und außerdem waren die im Zwischendeck vorhandenen beiden Rennschlitten reisefertig gemacht. Der Bootschlitten sollte als Vorrats magazin dienen; man hatte darin außer drei Centncrn Schiffszwieback eine Anzahl von Schinken untergebracht, dazu noch einige Vorräte an Rum in Flaschen, besonders aber alle Seekarten und mathematischen In strumente, welche der „Jermak" führte. Die beiden Rennschlitten waren ebenfalls mit etwas Proviant, besonders aber auch mit Holz beladen. Außerdem aber lag für jeden der Mannschaft ein Bündel aus Segeltuch bereit, welches außer fünfunddreißig Pfund Schiffszwieback ein Paar tüchtiger Stiefel enthielt. Am folgenden Morgen, als die letzten Farbentöne eines verglimmen- den Nordlichts über die weite Eisfläche um das Schiff einen wunderbaren Lichtschimmer warfen, wurde die Mannschaft sehr früh durch die Pfeife des Bootsmannes auf Deck gerufen. Bald saßen alle um das dampfende Frühstück, das der Schiffskoch heute ausnahmsweise so gut wie möglich zubereitet hatte. Als alles zum Aufbruch bereit war, legte Krusenstern auf dem Tisch in der Kajüte eine von ihm entworfene Urkunde nieder, in welcher kurz angegeben war, auf welchem Punkte des Karischen Meeres sich der „Jermak" eben befand, aus welchen Ursachen die Mannschaft das Schiff verlassen habe und gegen welchen Punkt der Küste der Anführer seinen Weg zu nehmen gedenke. Dann vereinigte sich die gesamte Beman nung auf dem Schiffsverdeck zur Morgenandacht, in welcher der Führer mit bewegten Worten Gottes Schutz und Beistand erflehte, und hierauf wurde um sieben Uhr die gefahrvolle Wanderung angetreten.378 Krusenstern hatte aus seinen dreißig Leuten mehrere Trupps gebildet. Er selbst befand sich bei den: ersten derselben. Mit dem Kompaß in der Hand schritt er langsam voraus; ihm folgte der Schiffslieutenant Maticen mit sechs Matrosen, welche den Bootschlitten zogen. Einen zweiten Trupp führte der Schiffswundarzt; diese Schar hatte sich um einen der Renn schlitten gesellt. Bei dem dritten Trupp befand sich der andere Schlitten, welcher von Hunden gezogen wurde; hier führte ein junger Russe, Baron Budberg, welcher sich der Expedition als Freiwilliger angeschlossen hatte, die Aufsicht. Alle Matrosen waren gegen die Kälte aufs beste verwahrt; sie trugen sämtlich die „Melitzka," ein bei den Samojeden gebräuchliches Pelzgewand, welches den Körper so umhüllt, daß nur das Gesicht frei bleibt. Sechs Stunden hatte die Wanderung gedauert, als Krusenstern seine Offiziere zu einer Beratung zusammenberief. Während dieser Zeit nämlich war es allen klar geworden, daß an eine Fortsetzung der Reise mit den Schlitten nicht zu denken sei; durch das Überschreiten von förmlichen Wällen scharfkantiger Eisschollen war namentlich der Bootschlitten beinahe zu Grunde gerichtet. Wollte man überhaupt schneller vorwärts kommen, so blieb nichts übrig, als die Schlitten zurückzulassen. Dieser Entschluß, obgleich mit schwerem Herzen gefaßt, wurde mutig ausgeführt. Die für die Expedition wichtigen Gegenstände wurden unter die Mannschaft ver teilt: — den zuverlässigsten Matrosen übergab Krusenstern die Seekarten, die Instrumente und die Schiffsbücher, andere bewaffneten sich auf sein Geheiß mit Schiffsbeilen oder mit Pistolen und Schießbedarf, letzteres wegen der Eisbären, denen man weiter gegen die Küste hin zu begegnen erwarten mußte. Außerdem aber hatte jeder der Leute noch für zwanzig Tage Proviant mitzunehmen, wodurch die Last, welche sie bereits trugen, für den unebenen, spiegelglatten Boden zu einer sehr schweren wurde. Ehe sie die Schlitten verließen, aßen sie von den Vorräten noch soviel sie konnten, und der Anführer ließ jedem der Männer ein Glas Rum reichen. Von dem „Jermak" sahen sie durch die reine, klare Luft nur noch die Masten. Vor ihneu lag eine unübersehbare Fläche schimmernden Eises: — eine dringende Veranlassung, beim Antritt des Weitermarsches in einem gemeinsamen Gebete sich nochmals dem Schutze Gottes zu befehlen. Wieder marschierte Krusenstern an der Spitze, in der Hand den weg weisenden Kompaß. Da hieß es nach kaum halbstündiger Wanderung: Sitnakow, der Schmied, vermag nicht zu folgen. Das nötigte den Befehls haber, der für jeden seiner Leute wie ein Vater sorgte, zur Umkehr. Er fand es, wie man ihm berichtet hatte: der Schiffsschmied, welcher sich statt des einen Glases Rum deren drei zu verschaffen gewußt hatte, war voll-379 ständig betrunken und nicht von der Stelle zu bringen. Krusenstern er mahnte die übrige Mannschaft, ihren Kameraden nicht zu verlassen; aber die Antwort war ein Achselzucken. So sehr man auf das Geheiß des Kommandanten den trunkenen Matrosen auch rüttelte und schüttelte, er hatte nur eine Antwort: „Laßt mich, Euer Ehren! Es steht geschrieben, daß ich hier sterbe." Krusenstern befahl, daß man dem Schlaftrunkenen die Me- litzka vom Leibe ziehen solle, damit die Kälte ihn wieder zu sich bringen möge, — aber auch dies Mittel blieb vergeblich. Unterdes wurden die Leute ungeduldig; sie fürchteten, daß jeder Zeitverlust ihren Untergang bedeuten könne, und drängten deshalb zum Aufbruch. Da blieb dem Kom mandanten, der auch einsehen mochte, daß er den Geist der Widersetzlich keit in der Mannschaft nicht wachsen lassen dürfe, nichts übrig, als den Befehl zum Weitermarsch zu geben. Sitnakow, der Schmied, aber mußte auf seinem kalten Schlafplatze sich selbst überlassen bleiben, und wohl keiner von der Mannschaft erwartete, ihn jemals wiederzuseheu. Bald darauf fing es au zu schneien, und ein scharfer Wind wehte den Wanderern die wirbelnden Flocken in das Gesicht. Bei der immer mehr eintretenden Dunkelheit wurde es unmöglich, weit vor sich zu sehen. So kam es, daß die kleine Karawane dem Versinken in klaffende Eisspalten mehrmals nur mit genauer Not entging. In einer dieser Eisspalten ver sank ein Matrose und konnte nur mit Lebensgefahr wieder gerettet wer den, bei welcher Gelegenheit das Aneroidbarometer verloren ging, welches der Mann trug. Gegen Abend betraf den Baron Budberg fast dasselbe Schicksal; er stürzte in eine Eiskluft und zerbrach dabei das Thermometer, welches ihm anvertraut war. Als es wegen der großen Ermüdung aller Leute unmöglich wurde, den Marsch weiter fortzusetzen, wählte Krusenstern den vor dem schneidenden Nordwinde geschützten Abhang eines Eisberges zum Lagerplatz, die Leute nahmen zu der aus Schiffszwieback bestehenden Abendkost einen Schluck Rum, dann zog jeder die Melitzka fest um sich und versuchte zu schlafen. Die meisten sanken auch nach den Ungeheuern Anstrengungen des Tages in einen todähnlichen Schlummer und erwachten am Morgen neu gestärkt, freilich in Wasserlachen, da die Wärme der eng aneinander geschmiegten Körper das Eislager teilweis geschmolzen hatte. Als sie dann beim Frühstück saßen, wurden sie durch die Ankunft des verloren geglaubten Sitnakow überrascht; dieser hatte, durch die eisige Luft von seinem Rausche ernüchtert, den Spuren seiner Gefährten während der Nacht nachgeforscht, und alle deuteten es als ein Zeichen guter Vorbedeutung, daß er glücklich wieder mit ihnen zusammengetroffen war. An diesem Tage der Wanderung stieß die Karawane zum erstenmal380 auf ein Hindernis, welches Krusenstern schon beim Verlassen des Schiffes gefürchtet hatte, auf einen Kanal eisfreien Wassers, der sich nicht umgehen ließ. Glücklicherweise fand sich ein Ausknnftsmittel. Einer der Leute riet, daß man eine der im Kanal umhertreibenden Eisschollen zum Über setzen benutzen solle. Er selbst bestieg nebst noch einem Gefährten die schwankende Scholle, und beide ruderten sich nun mit ihren Bootshaken mühsam genug hinüber, wobei sie, für den Fall eines Unglückes, sich die Lotleine des „Jcrmak" um den Leib gebunden hatten, während das andere Ende derselben von den Gefährten auf dem festen Eise gehalten wurde. Das Wagnis gelang, und nun wurde zum Übersetzen der zurückgelassenen Gefährten geschritten. Zu diesem Zwecke wurden die beiden Enden der Lotleine um schwere Eisblöcke geschlungen und daran sestgebunden, so daß die Leine nun eine Art Fahrseil bildete. An diesem Seile sich fest haltend, zog nun der eine der Matrosen die Eisscholle nach der anderen Seite zurück, um einen zweiten Gefährten mit sich überzusetzen, und so wurde der Weg so oft gemacht, bis alle wieder bei einander waren. Aber die gefahrvolle Fahrt hatte ihnen Stunden gekostet und die Kräfte der Matrosen aufs äußerste angespannt. Überhaupt war die Wanderung auf dem glatten, zerrissenen Eise eine so anstrengende, daß sich die Folgen auch bei den stärksten Männern fühlbar machten. Hier und da versuchte einer und der andere, durch Wegwerfen eines Gepäckstückes sich seine Last zu erleichtern; ja es kam nicht selten vor, daß man ganze Säcke voll Zwieback fallen ließ — ein verzweifeltes Mittel, das die ganze Gesellschaft zu Grunde richten konnte. So verstrichen in einförmiger Weise drei Tage. Mehrmals hatte die kleine Karawane während dieser Zeit über eisfreies Wasser setzen müssen. Manchmal war dies auf einer größeren Eisscholle geschehen, welche die ganze Gesellschaft trug; dann hatten sie so gut als möglich mit den breiten Bootshaken gerudert und wohl auch die ausgebreiteten und von mehreren festgehaltenen Kleider als Segel benutzt. Aber der Fortschritt der Reise war doch ein so langsamer, daß zu der Erschöpfung, an welcher alle litten, sich auch noch bei vielen die Mutlosigkeit gesellte. Der Schiffs arzt und selbst der Schiffslieutenant Maticen fühlten sich ernstlich un wohl und schleppten sich unter Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft nur mühsam fort, und unter den Matrosen war eine solche Stumpfsinnigkeit eingerissen, daß sie sich, als am Abend Krusenstern den Lagerplatz be stimmte, ohne ein Wort zu sprechen auf das Eis niederwarfen und in tiefen Schlaf versanken. Nur der Anführer behielt seine ganze Kaltblütigkeit. Am nächsten381 Morgen, als das sich aufklärende Wetter eine weitere Ausschau gestattete, erkletterte er einen Eisberg und hatte die Freude, gegen Ostnordost hin die flachen Bergwellen der Küste deutlich zu erblicken. Diese freudige Kunde belebte den gesunkenen Mut der erschöpften Leute aufs neue. Sie erklärten, daß sie jetzt nicht mehr müde seien; — nur vorwärts, so schnell wie möglich vorwärts war jetzt die Losung. Krnsenstern benutzte die freudige Stim mung seiner Mannschaft zu möglichster Beschleunigung der Wanderung, — hatte er doch zwischen ihrem Standpunkt und der Küste viel freies Wasser wahrgenommen, und für Überwindung dieses Hindernisses mußte er den Rest von Energie aufsparen, der noch in der Brust seiner Leute lebte. Der erste dieser offenen Kanäle, an dem sie nach beschwerlicher Wan derung über zerklüftetes Eis ankamen, war wohl gegen fünfhundert Schritt breit, und es blieb nichts übrig, als sich zum Übersetzen einer großen Eis scholle zu bedienen. Das Schwanken derselben wäre dem Baron Budberg beinahe verderblich geworden; denn da er keine „Seebeine" hatte, d. h. nicht wie die Matrosen auf dem schwankenden Verdeck mit gespreizten Beinen zu gehen vermochte, so fiel er häufig und kam wiederholt in Gefahr, in das Wasser hinabzugleiten. Dazu gesellte sich noch eine andere Gefahr. Sechs riesige Walrosse folgten der treibenden Eisscholle. Krusenstern ver suchte das nächste derselben mit seiner Pike zu erreichen, verwundete aber das Tier nur leicht, und da dieses nun, in Wut versetzt, seine Klauen und die großen Hauzähne in den Rand der Eisscholle einhieb, so kam diese in bedenkliches Schwanken und drohte, sich seitlich zu senken. Glück licherweise verwundete ein Pistolenschuß das Walroß in der Nähe des Auges, was zur Folge hatte, daß es die Scholle fahren ließ und schnell unter dem Wasser verschwand, wohin die übrigen Tiere ihm schleunigst folgten. Nachdem Krusenstern mit seinen Gefährten glücklich wieder festes Eis unter den Füßen hatte, arbeitete sich die Karawane an diesem Tage noch bis abends acht Uhr vorwärts, dann zwang sie die Dunkelheit zum Haltmachen. Diesmal mußten sie auf einem großen Eisfelde ohne allen Schutz gegen den Wind übernachten und rückten daher eng zusammen, aber die Kälte verhinderte sie am Schlafen, so daß ihnen die Nacht keine Stärkung ihrer gesunkenen Kräfte brachte. Als am folgenden Morgen Krusenstern die Lage des Eisfeldes, das ihnen zur Nachtrast gedient hatte, untersuchte, erfüllte es ihn mit wahrem Entsetzen, als er bemerkte, daß dieses zwar langsam, aber doch bemerkbar von der Küste hinwegtrieb. Es hatte sich nämlich über Nacht ein starker Ostwind erhoben, durch welchen einige Bewegung in die Eisfelder kam. Da blieb nichts übrig, als wiederum einen schmalen Kanal zu passieren,382 -— um ein der Küste näheres Eisfeld zu erreichen, auf welchem Krusenstern mit eintretender Flut sich der Küste zu nähern hoffte. Der Übergang wurde wieder unter schweren Gefahren bewirkt, — aber der Zweck wurde nicht erreicht; denn auch diese Scholle wich langsam von der Küste zurück. Nur noch eine Wegstunde etwa trennte die Hartgeprüften von dem retten- den Lande; aber zwischen diesem und ihrem Eisfelde lag ein breiter Arm eis freien Wassers, und von Stunde zu Stunde vergrößerte sich der Zwischen raum zwischen ihnen und dem Lande. Hielt der Ostwind an, dann trieben sie unfehlbar wieder hinaus ins Karische Meer, dann wurde die Eisscholle ihr letzter Ruheplatz. Als den Matrosen ihre entsetzliche Lage klar wurde, gaben sie sich einer dumpfen Verzweiflung hin und warfen sich, in ihre Melitzkas eingehüllt, stumpfsinnig auf das Eis nieder. Gegen Mitternacht erhob sich ein Sturm. Sein Heulen wurde dann und wann übertönt von dem dumpfen Krachen, mit welchem sich Stücke des Eisfeldes von diesem ablösten. Nach Hereinbruch des Tageslichts barst das Eisfeld so nahe bei dem Lagerplatze der kleinen schiffbrüchigen Schar, daß der in die Höhe spritzende Gischt sie mit einem Sprühregen über schüttete. Da gaben wohl die meisten die letzte Lebenshoffnung auf. Matieen, der Schisfslieutenant, der vor Erschöpfung seit zwei Tagen keinen Bissen Nahrung mehr genommen hatte, glaubte sein Ende so nahe, daß er dem Befehlshaber die letzten Grüße an seine Freunde auftrug; er wolle nur noch ruhig sterben. Krusenstern allein verlor den Kopf nicht. Er ordnete an, daß die Leute frühstücken sollten; er suchte ihre Hoffnung zu beleben durch den Hinweis auf wunderbare Rettungen schiffbrüchiger See leute. All sein Reden aber wäre wohl vergeblich gewesen, wenn nicht gegen Mittag eine glückliche Wendung herbeigeführt worden wäre durch — eilt neues Umschlagen des Windes. Dieser begann nämlich jetzt aus Südsüdwest zu wehen und trieb daher das Eisfeld wieder nach dem Lande hin. Dazu war heller Sonnenschein, so daß die Matrosen ihre durchnäßten Melitzkas einigermaßen zu trocknen vermochten. Nachts lagerten sie dann wieder auf der ebenen Eisfläche, welche nirgend einen Unterschlupf gegen den schneidenden Wind bot. Als am folgenden Tage der Wind stetig blieb, näherten sie sich dem Lande immer mehr, und selbst diejenigen unter ihnen, welche sich bisher am meisten niedergeschlagen gezeigt hatten, begannen neue Hoffnung zu schöpfen. Aber noch eine Nacht mußten sie, eng aneinandergeschmiegt, auf dem Eis- selde zubringen. Am folgenden Tage, am 7. September, der ein Sonntag war, hielt Krusenstern von einer hervorragenden Eisspitze abermals Umschau. Die—- 383 -— Nachricht, die er brachte, war eine freudige. Nicht viel über eine Weg stunde lag das heißersehnte Land deutlich vor ihnen, und, was das er freulichste war, es zeigte sich bis zum Lande hin geschlossenes Eis. Diese frohe Botschaft brachte bald alle auf die Beine. Aber die Mühseligkeiten der Eiswanderung, welche die erschöpften Männer zu ertragen hatten, er reichten an diesem letzten Tage ihren Gipfel. Bis Mittag ging der Weg über zerklüftetes Eis, wo jedem unsichern Tritte ein schwerer Fall folgte. So sehr der Kommandant vorwärts drängte, so mußte er den Leuten doch um Mittag eine halbe Stunde Rast gewähren. Er ließ, um sie für die letzte Anstrengung zu kräftigen, doppelte Rationen Zwieback austeilen — dann ging's wieder vorwärts. Um sieben Uhr waren sie der Küste so nahe, daß man die Entfernung nur noch auf zweihundert Schritte schätzte. Aber nun war es auch so dunkel geworden, daß man die Risse im Eis sowie die gebrochenen Schollen schwer zu unterscheiden vermochte. Trotz dieser Gefahren erlaubte Krusenstern, um nicht die Nacht aus dem Eise zubringen zu müssen, den Matrosen, sich zum Lande zu helfen, so gut ein jeder im stände sei; doch riet er, wenigstens zu dreien zu gehen, damit keiner hilflos umkäme. Aber noch eine volle Stunde dauerte es, ehe ein vom Lande herüberschallendes „Hurra" verkündete, daß die ersten drei der Mannschaft festen Boden unter den Füßen hatten. Nach und nach er reichten dann alle das Land und sammelten sich um den Anführer. Es war ein rührender Augenblick. Die aufs äußerste erschöpften, durchnäßten und hungernden Seeleute sanken unter Freudenthränen einander in die Arme, und alle überstandenen Leiden waren vergessen in der frohen Sicherheit, daß ihr Leben nicht mehr einer unsicheren Eisscholle anver traut war. Da die Küste tief unter Schnee lag, so schlugen sie für diese Nacht ihr Lager auf dem Gipfel eines kleinen Hügels auf. Die Kälte war zwar streng; aber die Leute versanken trotzdem in tiefen Schlaf. Als dann am Morgen Maticen mit dem Schiffsfernrohr die Gegend durchspähte, erblickte er in nicht gar großer Entfernung die spitzen Hütten eines Samojeden lagers. Sie setzten nun guten Mutes ihre letzten Kräfte daran, um das Lager zu erreichen. Mit dem größten Erstaunen, aber auch mit un begrenzter Gastfreundschaft wurden sie hier empfangen. Als sie sich in den Hütten am qualmenden Feuer aus Treibholz etwas erholt hatten und ihnen der Samojeden-Häuptliug ein kräftiges Mahl aus Fleisch, Zunge und Gehirn von Renntieren vorsetzen ließ, dem sie aus ihren eigenen Vorräten noch Thee und Zucker beifügten, steigerte sich der wieder gehobene Lebens mut zur fröhlichen Lust. Aber erst einige Tage Schlafs in den weichen384 Fellen und Pelzen des Samojedenlagers gaben den entsetzlich abgematteten Leuten die alte Spannkraft des Körpers und Geistes zurück. Auf der weiteren Wanderung der Schiffbrüchigen durch die Steppen des nördlichen Sibiriens über den Ural nach Rußland hatten sie zwar noch manche Strapazen zu erdulden; diese wurden aber von den aus geruhten und mit neuem Mundvorrat versehenen Leuten leicht überwunden, so daß sie zu Anfang des Novembers die ersten russischen Ansiedelungen an der Petschora glücklich erreichten. Fridtjof Nansen, der Norüpolfahrer. st 89 3.) 1. Das große Fragezeichen der Erdkunde. man von einem ruhelosen Geschlecht der Menschen reden :f, so verdienen besonders die Seefahrer diesen Namen. Zu :n Zeiten hat es unter diesem wagelustigen, wetterharten Völklein Männer gegeben, deren Weg seitab führte von den befahrenen Handelsstraßen des Meeres in unbekannte Erdenwinkel, wo noch Rätsel der Erdkunde ihre Lösung hoffen ließen. Richteten diese mutigen Männer den Kiel ihres Schiffes nach unbekannten Erdstrichen warmer Länder, so ließ sich der Grund ihres Wagemuts verstehen: reicher Handelsgewinn lockte sie, vielleicht auch die Lust an Abenteuern in den zu entdeckenden Ländern. Aber durch drei Jahrhunderte hindurch reizte kühne Seehelden auch der Gedanke, den Kampf zu bestehen mit der rauhen Natur der Eismeere. Tüchtige Männer haben sich begeistert in dem Vorsatze, mit menschlicher Kraft und Erfahrung die Schrecknisse der Eismeergegenden zu überwinden, und manchem ist dies in hohem Maße gelungen. Da fragt man dann wohl: Was ist es denn eigentlich, was den Menschen immer von neuem anspornt zur Lösung des Rätsels, das wie ein großes Fragezeichen für die Erdkunde in jenen Gegenden noch immer hingestellt ist? Von Anfang an und fast zweihundert Jahre hindurch war es freilich auch nur die Hoffnung auf gewinnbringenden Handel, welche kühne385 Schiffer zu Entdeckungsfahrten in den Eismeeren bewog. Weit und gefahr voll war der Seeweg von den europäischen Ländern um Afrika und Indien herum nach dem Lande Kathay, dem heutigen China und nach Zipangu, dem heutigen Japan, wo nach den Berichten der Weltfahrer ungeheure Schütze an Gold und edeln Gewürzen zu holen sein sollten. Da lag der Gedanke nahe, etwa von Holland aus durch eine nordöstliche Meerfahrt an der Nordküste Asiens entlang jene produktenreichen Länder auf kürzerem Wege zu er reichen. Ein hoher Preis, den die holländische Negierung dem glücklichen Entdecker der nordöstlichen Durchfahrt aussetzte, reizte unternehmende Schiffer. Und so sehen wir, wie der holländische Schiffskapitän Willem Bare nt die Reihe der kühnen Polarfahrer eröffnet. Gerade vor drei hundert Jahren (1596*) war es, als er auf seiner Fahrt zwischen Sibirien und der Insel Nowaja Semlja hindurch mit seinem Schiffe im Eise stecken blieb. Glücklicherweise gelang es ihm, mit seinen siebzehn Gefährten die letztere Insel zu erreichen. Aber in dem Bretterhause, das die vom Eise eingeschlossenen Männer zimmerten, schlug sie der Winter in harte Fesseln; von Ende August bis Mitte Juli des folgenden Jahres fristeten sie das Leben unter unsäglichen Qualen, denen fünf der Gefährten erlagen, unter ihnen Barent selbst. Endlich, als keine Aussicht da war, daß das Schiff wieder vom Eise loskam, wagte sich die Mannschaft in zwei Barken ins Meer und gelangte unter vielen Gefahren auf das Festland von Asien, von wo sie zu Fuß die Heimkehr antraten.** Dem kühnen Holländer Willem Barent sind auf seinem Entdeckungs pfade keine Nachfolger erstanden. Denn als man später die Gestalt der nördlichen Küsten von Asien und Amerika genauer kennen lernte, lenkte sich der Blick der Seefahrer von der asiatischen zur amerikanischen Küste. Hier, meinte man, müsse sich in dem Durcheinander von Meer und Land, das in südlichere Breiten hineingreift als an der Küste von Asien, der gesuchte Handelsweg sinden lassen. Damit trat von der Mitte des acht zehnten Jahrhunderts an die Frage nach der nordwestlichen Durch fahrt hervor. Dieser widmeten besonders die Engländer großes Interesse. Das Parlament von England setzte einen hohen Preis auf die Auffindung dieses Seeweges, und besonders englische Seeleute waren es, die kühnen Mutes sich immer und immer wieder an die Durchbrechung der Eis- * Geschrieben 1886. ** Fast dreihundert Jahre später (1871) wurde der Teil Nun Nowaja Semlja, wo Barent überwintert hatte, von dem norwegischen Reisenden Karlsen durchforscht. Der fand das noch wohlerhaltene Winterhaus Barents mit vielen Geräten, Büchern re., die er als ehrwürdige Erinnerungsstücke an den wackern Polarfahrer zurückbrachte. 25 Hummel, Bilder a. d. Welt!.386 Karrieren machten, welche die Meeresteile zwischen der Baffin-Bai und der Bering-Straße Jahr für Jahr versperren. Die Zähigkeit, mit der diese Seehelden in die unbekannten Meeresteile vordrangen, wurde endlich auch von Erfolg gekrönt. Im Jahre 1819 gelang es Kapitän John Parry, die Hälfte des Weges nach der Bering-Straße zu befahren; aber der Winter trat dann mit solcher Strenge ein, daß die beiden Schiffe Parrhs, „Hekla" und „Griper," an der Südküste der Melville-Insel im Eise fest froren, so daß Parry mit 94 Gefährten in diesem schauerlich-öden Erden winkel eine 84 Tage lange Nacht durchwintern mußte. Erst 30 Jahre später, als der Engländer Mac Clure seinem Pfadfinder Parry folgte, gelang es diesem, von Banks-Land, der westlichsten Insel dieses Jnsel- und Meergewirres, offenes Wasser im Südwesten zu entdecken. Damit hatte er nun freilich die so lange gesuchte „Nordwest-Passage" ge funden; aber diese entsprach in keiner Weise den Hoffnungen, welche die englischen Kaufleute bewogen hatten, zur Förderung der Entdeckerfahrten Geld herzugeben, denn eine Straße, die den größten Teil des Jahres durch Eis versperrt ist, ist für den Handel wertlos. Und trotz alledem haben die Polarfahrten nicht aufgehört; ja sie sind häusiger geworden. Manchen kühnen Seemann hat das eisstarrende Polarland in seinen Bann gezogen — manchen auch hat es nicht wieder herausgegeben, so den englischen Kapitän John Franklin, der im Jahre 1845 mit zwei Schiffen eine Polarfahrt unternahm und mit seinen sämtlichen Gefährten auf derselben umgekommen ist. Da muß es schon ein starkes Interesse sein, das kühne Männer immer und immer wieder wie mit magischer Gewalt in diese Eiswüsten zieht. Dieses Interesse ist ein reines; denn Handelsgüter sind in den Eismeeren nicht zu holen. Aber mancherlei Kenntnis von dem Erdkörper läßt sich noch gewinnen, man cherlei für die Erdkunde Wichtiges erforschen. Ein solcher Forscher im Dienst der Erdkunde ist der letzte der Polarfahrer, Fridtjof Nansen. 2. Fridtjof Nansens Jugend. Fridtjof Nansen ist am 10. Oktober 1861 zu Christiania geboren; er stand also, als er von seiner kühnen Polarfahrt zurückkehrte, in seinem 35. Lebensjahre. Er stammt aus einer in Norwegen hochangeseheuen Familie: der Vater ist Obergerichtsanwnlt und die Mutter adeliger Ab kunft, eine geborene Wedel Jarlsberg zu Bachstad bei Christiania. In „Lille Fröen," dem Landgute des Vaters, das eine ziemliche Strecke von25 * 887 Christiania entfernt liegt und wo Fridtjof unter der Obhut der Mutter seine Jugendjahre in glücklichster Weise verlebte, erinnerte vieles an den Ruhm der Altvorderen und weckte in dem lebendigen Knaben den Vorsatz zur Nacheiferung. Da schaute auf den Knaben herab aus dunkelm Rahmen der würdige Bürgermeister Hans Nansen, ein kluges Gesicht unter statt licher Perücke; daneben hing das Bild des „wirklichen Geheimrats" Hans Nansen, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts seinem Könige mit solcher Auszeichnung diente, daß er in den Adelstand erhoben wurde. Ja, die Familienerinnerungen reichten noch weiter zurück. Das wag lustige Schifferblut war in der Familie erblich. Schon der Stammvater des Geschlechts, der wohlangesehene Schiffsreeder und Kaufmann Evert Nansen zu Flensburg, im heutigen Schleswig, war ein seebefahrener Mann, mehr aber noch sein Sohn Hans Nansen, der für seine Zeit (Anfang des 17. Jahrhunderts) dasselbe war, was sein Nachkomme im sechsten Gliede für die unsere geworden ist — ein unerschrockener Entschleiere! der Polarlnnder. Natürlich in einem der Zeit angemessenen, bescheideneren Maßstabe. In einem kleinen Fahrzeuge, nur begleitet von wenigen mutigen Matrosen, unternahm er im Aufträge des Dänenkönigs Christian IV. eine Reise längs der Küste nach der Mündung der Petschora, um dort Handels verbindungen anzuknüpfen. So vielerlei Kenntnisse hatte der mutige Schiffer auf dieser Reise gesammelt, daß er diese später in einem gedruckten Buche uiederlegte, welches lange Jahre den Seefahrern in diesen Meeren als Wegweiser gedient hat. Darf es da wunder nehmen, wenn auch in dem jungen Fridtjof Nansen, der in solchen Erinnerungen lebte, sich mächtig der Drang nach der Ferne regte? Diesem Drange entsprach des frischen Knaben ganzes Wesen. Schon früh wuchs er körperlich über seine Altersgenossen hinaus. Wenn es, wie bei Knaben natürlich, zu lustigem Ningkampfe kam, lagen seine Gegner stets auf dem Rasen, so daß Fridtjof bald als der mutigste und stärkste Knabe der ganzen Gegend galt. Aber auch als der entschlossenste und thatkräftigste. Die Schule, in der er den ersten Unterricht genoß, lag stundenweit von dem elterlichen Landgute. Obgleich Gelegenheit genug war, den Knaben nach der Schule fahren und von dort zurückholen zu lassen, wollte doch der Vater davon nichts wissen. „Vor allen gilt der Mann," war eins seiner Sprichwörter, danach erzog er seinen Fridtjof. Der sollte und wollte vorwärts, und das zeigte er in männlichem Sinn, wenn es im harten Winter galt, sich durch hohe Schneewehen nach der Schule hin „durchzugraben." Zu dem unbeugsamen Mute kam bei Fridtjof Nansen die Stahlkraft388 eines gewandten Körpers, um ihn zum Besieger des Polareises zu erziehen. Schon als Knabe war es für ihn eine Lust, mit berühmten „Schlittschuh königen" um den Preis zu ringen, und als er dann mehr heranwuchs, galt er bald als der hurtigste Skieläufer (d. i. Schneeschuhläufer) der ganzen Gegend. Sein Eifer, überall der Beste zu sein, machte ihn mit unter wohl allzu tollkühn. So, als es sich einst darum handelte, einen zwei Meter hohen Damm zu überspringen, was alle Genossen für eine Unmöglichkeit erklärten. Nur Fridtjof behaup tete, daß er hinüber kommen werde. Der Sprung wurde einige mal mit dem Aufgebot aller Kräfte versucht. Da lachten die Schelme, nicht darüber, daß Fridt jof mit dem Bauche mitten auf dem Damme hängen blieb, sondern daß er, wenn es galt, der Erste zu werden, nie Vernunft annehmen wollte. Die selbständige Weise, die Fridtjof Nan sen unter seinen Ka- '(A/liss ^ meraden zeigte, erwies er auch in manchen Stücken der Mutter gegenüber. Auch in Norwegen steckt die Mutter ihrem Liebling wohl gern einmal eine Leckerei zu, — das war bei Fridtjof selten angebracht. Milch und belegtes Brot war morgens und abends seine Kost; galt es einen weiten Ausflug, dann machte er wohl einen Besuch in der Küche, erhaschte ungesehen ein tüchtiges Stück Fleisch, das, in Zeitungspapier eingewickelt, zwischen seinem wollenen Hemd und seinem Kittel verschwand, und war damit genügend verproviantiert; das notwendige Brot fand sich unterwegs in jeder Bauernhütte.389 „Vor allen gilt der Mann!" Nach diesem Worte hat sich der junge Fridtjof schon damals gehalten. Unverdrossen und geschickt legte er Hand an, wenn es im Sommer galt, Fischangeln zu fertigen und Netze zu stricken, oder im Herbst die Schneeschuhe für den Winter zu rüsten. Das Gefühl wachsender Kraft weckte in ihm wohl etwas den recht haberischen Sinn. Kamen dann zum Widerspruch noch Beleidigungen, so konnte er in unbändigen Zorn geraten; dann hat er wohl selbst mit dem eigenen Bruder gerungen, bis dieser ächzend am Boden lag. Aber ebenso rührend zärtlich und gut konnte er wieder sein. Die Mädchen schwärmten für ihn, nicht seiner Schönheit, sondern seiner Männlichkeit wegen, und weil er sich stets in ritterlicher Weise ihrer annahm. Gegen seine Altersgenossen erwies er sich stets als treuer Kamerad. Einst sollte er, erzählt man, mit einigen Kameraden auf einem Holzflosse über ein breites Felsenwasser gehen. Mitten auf dem Wasser lösen sich die Weiden, die das Floß zusammenhalten. Die Gefahr ist groß. Da wirft der schnell entschlossene Fridtjof sich nieder, um mit Händen und Füßen die Außenbalken des Flosses zusammenzuhalten. Die Wellen setzen dem morschen Fahrzeug hart zu — aber endlich gelangen die Gefährten doch glücklich ans Ufer. Sie wandern unerschrocken in den sinkenden Abend hinein; Finsternis und Kälte machen den Weg schauerlich; hier und da hemmt ein Sumpf den Marsch: — aber Fridtjof setzt mutig den Weg fort und geht an diesem stockfinstern Herbstabend über die moos- und slechtenbedeckten Hochfelder, bis er und seine Geführten eine vereinzelte Hütte finden, welche ein Nachtquartier bietet. In solcher Schule erwuchs Fridtjof Nansen zu dem kühnen, pflicht getreuen Manne, als den er sich späterhin erwiesen hat. 3. Wie Fridtjof Nansen seine Nordpolsahrt vorbereitete. Mut und Thatkraft hat die Natur in Fridtjof Nansen gelegt; die nötigen wissenschaftlichen Kenntnisse, um diese Naturgaben recht nutzbar zu machen, hat er selbst sich mit größtem Eifer erworben. Er hat an der Universität zu Christiania fleißig alle Zweige der Naturkunde studiert; dann ist er am schönen Golf von Neapel mit der Erforschung des Lebens der Meerestiere beschäftigt gewesen, und endlich wurde er am natur historischen Museum zu Bergen mit der Ordnung und Erhaltung der darin untergebrachten Naturkörper betraut.390 - Aber aus dem stillen Gelehrtenheim zog es seinen Blick immer wieder wie mit magischer Gewalt nach dem Eismeere, das einer seiner Väter einst so kühnen Mutes durchschifft hatte. Zuerst war es Grönland, jene bis dahin unerforschte Eiswüste, auf welche sich seine Entdeckerthätigkeit richtete. Von dem „grünen Lande" der alten norwegischen Seehelden war bis dahin nur der westliche Küstensaum bekannt, da hier unerschrockene christliche Glaubens boten in einigen Missionsstationcn die wenigen Eskimos gesammelt hatten, die in dem unwirtlichen Lande ein kümmerliches Dasein fristen; weit ins Innere war noch kein europäischer Reisender vorgedrungen. Fridtjof Nansen entschloß sich zur Durchquerung des noch unbekannten Landes. Im Juli des Jahres 1888 segelte er nach der Ostküste von Grönland. Mit seiner kleinen Reisegesellschaft von drei Europäern und zwei Lapp ländern verließ er das Schiff, um das feste Land zu erreichen. Aber erst zwölf Tage später gewannen sie dies unter den größten Mühsalen, die ihnen die Durchbrechung des zusammengeschobenen Küsteneises bereiteten. Dann ging's an die Landwanderung. Die kühnen Reisenden hatten eine Wegstrecke von etwa 90 Meilen vor sich. Wie groß aber die Beschwerlich keiten der Wanderung waren, sieht man daraus, daß diese Männer, die auf dem Schneeschuh wie zu Hause waren, volle 46 Tage brauchten, um diese Strecke zurückzulegen. Auch da schon zog es Fridtjof Nansen pol- wärts. Aber ein heftiger Schnecsturm, der tagelang anhielt, zwang ihn schließlich, die Richtung auf die Missionsstation Godthaab zu nehmen. Zu Lande freilich ließ sich das ersehnte Reiseziel nicht erreichen; so blieb nichts übrig, als nach dem Erreichen der Westküste aus dem Bretterboden des mitgeführten Zeltes und aus Segelleinwand ein Boot zu fertigen, in dem Nansen und seine Begleiter nach viertägigem Rudern endlich Godthaab glücklich erreichten. Diese kühne Durchquerung Grönlands war Fridtjof Nansens Vorübung zu seiner späteren Nordpolfahrt. Es konnte nicht fehlen, daß die Norweger mit Stolz aus ihren jungen Landsmann blickten und von dessen Mut noch Größeres erwarteten. Als daher Nansen ein paar Jahre später einen ausführlichen Plan zu einer Nordpolfahrt veröffentlichte, fanden sich ohne Mühe die dazu erforderlichen Mittel: die Landesvertretung von Norwegen bewilligte für diesen Zweck 200000 Kronen und später, als diese Summe sich als nicht ausreichend erwies, noch 80000 Kronen. Damit glaubte der mutige Mann sein Ziel erreichen zu können. Der Reiseweg, den Nansen geplant hatte, sollte den Spuren seines Ahnherrn Hans Nansen nachgehen. Freilich nicht aus einer Weichheit des Gemüts, die, wo es sich um Tod oder Leben der ihm anvertrauten391 Schiffsgenossen handelte, unverzeihlich gewesen sein würde, — sondern aus guten wissenschaftlichen Gründen. Diese Gründe stützten sich, so seltsam das klingen mag, auf eine — Lederhose. Im Jahre 1884 nämlich strandete eines Tages im südwestlichen Grönland bei der Missionsstation Juline- haab eine Eisscholle, in der eine gut geölte Lederhose eingefroren war, in der sich der Name „Noros" eingenäht fand. Es wurde ermittelt, daß Noros, der einstige Besitzer dieser Lederhose, ein nordamerikanischer Matrose gewesen sei, der drei Jahre vorher auf der „Jeanette" unter Kapitän de Lang zu einer Nordpolfahrt mit ausgesegelt war, die aber bei den Neusibirischen Inseln ein unglückliches Ende gefunden hatte. Von dieser Stätte des Unglücks hatte nun die Lederhvse des Matrosen Noros in drei Jahren ihren Weg nach dem südwestlichen Grönland gemacht. Längs der asiatisch-europäischen Küsten konnte die Eisscholle nicht geschwommen sein; denn in diesen Meeren führt keine Strömung nach Grönland; nur quer durch das innere Polarmeer konnte die Eisscholle mit der Lederhose also ihren Weg genommen haben. Nansen folgerte hieraus, daß mithin auch ein Schiff in gleich langer oder kürzerer Frist von den Neusibirischen Inseln über die Gegend des Nordpols nach Grönland kommen könne, wenn es sich dem zu erwartenden Eise, gegen vernichtende Eispressung möglichst geschützt, anvertraue, zumal wenn es Schlitten und zugkräftige Hunde mit an Bord nehme, um im Notfall über das einschließende Eis hinweg Land zu erreichen. Also mußte zunächst ein Schiff gebaut werden, das gegen Eispressung einen ungewöhnlich hohen Grad von Widerstandsfähigkeit besaß. Einer der berühmtesten norwegischen Schiffsbaumeister führte das Werk nach Nansens Angaben trefflich aus. Ein Schiff von solcher Gestalt ist früher wohl kaum gesehen worden. Es hatte Längelinien wie die eines Lotsen bootes und Querschnitte wie die einer Waschschale, d. h. es war unver hältnismäßig breit und flach gebaut. Zwei mächtige Balkenlagen aus bestem Eichenholz bildeten den Rumpf, darüber lag eine aalglatte Eis schutzhaut von Greenhartholz, so daß die Schiffswände 70 bis 80 Centi- meter Dicke besaßen. Außerdem war das ganze Fahrzeug innen derart mit Stützen und Balken versteift, daß sein Baumeister meinte, es gliche im Innern einem Spinnengewebe. Für seine Fortbewegung glaubte Nansen auf Wind und Dampf rechnen zu müssen. Daher war es mit ungeheuer hohen Masten, wahren „Wolkenkratzern" versehen und außerdem mit einer kräftigen Dampfmaschine, deren Futter, eine beträchtliche Menge Steinkohle, als Ballast diente. Mit dem Namen „Fram" (d. i. Durch), mit dem Nansen das Schiff taufte, deutete er an, was er von ihm erwartete.Bei der Einrichtung der inneren Räume des Schiffes wurde alles aufgeboten, was über die Nöte einer langen Polarfahrt glücklich hinweg helfen kann. Im „Salon," der bei großer Kälte als gemeinsamer Schlaf raum dienen sollte, stand ein Harmonium und hingen andere musikalische Instrumente. Es war die Einrichtung getroffen, daß während der Polar nacht an Bord elektrisches Licht strahlte, wodurch Nansen dem ungünstigen Einfluß begegnen wollte, den sonst die Polarnacht auf den Menschen äußert. Und dies erfreuliche Licht sollten an der dazu bestimmten Maschine die Seeleute durch Handbetrieb selbst erzeugen, damit es diesen nie an Bewegung fehle, die ein vorzügliches Mittel gegen den Skorbut, den ge fährlichsten Feind des Seefahrers, ist. Nicht geringere Sorgfalt wie auf den Bau seines Schiffes verwendete Nansen auf die Auswahl der Männer, die sich ihm bei seiner abenteuer lichen Fahrt zu Gefährten anboten. Er beschränkte ihre Zahl ans zwölf; aber jeder dieser Männer war ihm als wagmutig und seetüchtig bekannt, und einige hatten schon ans früheren Eismeerfahrten Erfahrung gesammelt.* So vorbereitet, durste Fridtjof Nansen mit frohen Erwartungen an die Ausführung seines Planes gehen. 4. Gefahr und Not im Polarcisc. Mit frohen Erwartungen, aber nicht leichten Herzens, rüstete sich im Juli 1893 Fridtjof Nansen zur Abreise — denn er hatte sich mittlerweile vermählt. Seine treue Gattin Eva Nansen hätte gern Not und Gefahr mit ihm geteilt; denn sie hatte ein mutiges Herz und glaubte sich an Bord des „Fram" an ihrem richtigen Platze. Aber der zärtliche Gatte, der für sich keine Gefahr fürchtete, zitterte bei dem Gedanken, sein geliebtes Weib den Gefahren des Polareises auszusetzen. So schlug denn im Juli die Scheidestunde — auf drei lange, lange Jahre. * Nansens Gefährten waren: 1. Kapitän Otto Neumann Sverdrup, Nansens Gefährte auf seiner Grönlandreise, 2. Steuermann Theodor Claudius Jacobsen, 3. Adolf Juell, der Proviantmeister, 4. Dr. Henrik Greve Blessing, der Schisfs- arzt, 5. Bernhard Nordahl, der Gehilfe für die elektrischen Beobachtungen, 6. Jver Jrgens Mogstad, ein junger Forstmanu, 7. Lieutenant Sigurd Scott Hansen, der Gehilfe für die astronomischen, magnetischen und Witterungsbeobachtungen, 8. Anton Amundsen, „Frams" Obermaschinist, 9. Lars Petersen, der zweite Maschinist, 10. Lieutenant Frederik Hjalmar Johansen, 11. Peter Leonhard Hendriksen und 12. Bernt Berntsen, Matrosen.393 Von dem kleinen Hafenstädtchen Vardö, schon östlich vom Nordkap, steuerte der „Fram" in östlicher Richtung durch die Barentssee und lief die Insel Waigatsch an der sibirischen Küste an, um hier noch eine Meute sibirischer Hunde an Bord zu nehmen, von deren Dienst sich Nansen viel Hilfe versprach. Am 4. August brach er dann wieder auf und erreichte auf östlicher Küstenfahrt am 15. September die Mündung der Lena, wo die letzte Partie Hunde geliefert und mitgenommen wer den sollte. Dazu kam es jedoch nicht. Denn Nansen meinte, daß es Nansen? „Fram." zu spät sei, noch einmal an Land zu gehen, und daß, wenn nicht sofort die Fahrt polwärts angetreten werde, das Verweilen an der Lenamündung ihm ein ganzes Jahr Zeitverlust kosten könne. So gab er denn Befehl, nördlichen Kurs einzuschlagen. Der „Fram" kam dabei dicht an die Neusibirischen Inseln heran, in jenen Meeresteil, wo vor wenigen Jahren die „Jeanette" ein so trauriges Ende gefunden hatte. Aber diese Erinnerung vermochte den guten Mut des Schiffsvolkes nicht zu beeinträchtigen. Nur als am 22. September sich die Eisschollen immer dichter um den „Fram" zusammendrängten und das Schiff bald keinen Fortschritt mehr machte, mußte sich auch der hoffnungs vollste unter diesen mutigen Männern sagen, daß für dies Jahr das erstrebte Ziel nicht erreicht werden könne. Das hatte aber Nansen auch nicht anders erwartet. Er traf deshalb394 seine Maßregeln für den bevorstehenden Winter, indem das Schiff an einem mächtigen Eisblocke fest verankert wurde. Mit diesem sollte, so war seine Absicht, durch die Meeresströmungen der „Fram" entweder geradezu nach dem Pole oder doch so weit an diesen Herangetrieben werden, daß er durch eine Schlittenreise zu erreichen sei. Einförmig genug war das Leben an Bord des „Fram" während der langen Polarnacht. Aber nicht unthätig. Da alle von dem Segen einer geregelten Thätigkeit überzeugt waren, so wurde der Schiffsdienst aufs strengste innegehalten. Die Wachen wurden so regelmäßig bezogen, als ob das Schiff im tropischen Ocean schwämme. Der Schiffsarbeit gab es genug. Die Beobachter machten Tag für Tag mit größter Genauigkeit ihre Beobachtungen, nahmen Messungen der Meerestiefen vor, bestimmten den Salzgehalt oder die Wärme des Meerwassers, führten Buch über die Veränderungen der Formen des Eises und dessen Bewegungen u. s. w. Brach dann nach dem kalten Wintertage, an dem man oft genug das Quecksilber des Thermometers erstarrt gesehen hatte, der Abend herein, so war es, als ob die Nacht für das fehlende Tageslicht entschädigen wollte. In der reinen, klaren Luft erschien dann der Mond so merkwürdig nahe, die Sterne so ungewöhnlich groß und strahlend, wie sie daheim es nie gesehen; strahlte nun gar eins der farbigen Himmelslichter über die Eiswüste, dann konnte, wer rege Einbildungskraft hatte, sich wohl in eine nordische Sommernacht versetzt glauben. Dazu war das Leben an Bord des „Fram" in jeder Hinsicht kameradschaftlich. Wenn aus dem taghell erleuchteten „Salon" das elektrische Licht hinnusstrahlte in die Nacht des Polarwinters, oder norwegische Volkslieder und Schifferweisen zum Klange der Musikinstrumente ertönten, dann verscheuchten diese Zeichen fröhlichen Lebens schnell die trübe Stimmung, die den einen oder andern der Schiffs- genossen etwa beschleichen wollte. Von da an bewegte sich der „Fram" nur langsam mit den treibenden Eismassen, und zwar schneller im Winter und Frühjahr, langsamer im Sommer und Herbst. Den Weihnachtsabend 1894 feierten die Polarfahrer unter dem 83. Grade nördlicher Breite, und einige Tage später kam das Schiff dem Pole noch etwas näher, bis auf 83 1 / s Grad nördlicher Breite. Aber die ersten Tage des neuen Jahres (1895) brachten so furchtbare Eisgefahr, daß auch den mutigsten dieser kühnen Männer das Ende der verwegenen Fahrt gekommen schien. In den Eismassen entstand eine be ängstigende Bewegung, trotzdem die Scholle, auf welcher der „Fram" ein gefroren war, wohl eine Dicke von zehn Metern hatte. Aber diese gewaltige Dicke der Eiskruste schützte nicht gegen die unheimlichen Mächte der Tiefe.395 Wie wandernde Eisberge drängten von allen Seiten langsam, aber mit unwiderstehlicher Gewalt übereinandergeschobene Riesenschollen gegen das Schiff heran. Jeder fürchtete, daß dies zerdrückt oder wenigstens im Eise begraben werden würde. Aber auch in dieser fast verzweifelten Lage erwies Nansen sich als unerschrockenen Führer. Er traf in Ruhe alle Maßregeln, die Reise treibend auf einer Eisscholle fortzusetzen. Daher wurden die für diesen Zweck vorhandenen Boote von Segeltuch auf dem Eise in Sicherheit gebracht, mit dem notigen Proviant und den für die Seefahrt erforderlichen Schiffsinstrumenten versehen, und jeder war bereit, das scheinbar dem Ver derben geweihte Schiff zu verlassen. Aber der „ Fram" erwies sich stärker als irgend einer geglaubt hätte. Als das Eis sich zur höchsten Höhe aufgetürmt hatte und die heran drängenden Schollen alles zu zerschneiden drohten, wurde durch die Ge walt der Eispressung das Schiff langsam aus seinem Lager emporgehoben. Die Kunst seines Baumeisters hatte sich glänzend bewährt; denn kein Splitter war gebrochen. Das hob den Mut der kühnen Männer von neuem; sie meinten, mit dem „Fram" auch ferner alle Schrecknisse des Eismeeres besiegen zu können. Nie ist wohl eifriger und freudiger ge arbeitet worden, als es galt, alles, was soeben gelöscht worden war, wieder an Bord zu bringen. Und so waren es denn frohe Hoffnungen, mit denen unsere Polarfahrer in das neue Jahr 1895 hineingingen. 5. Nansens Eiswanderung. Wieder vergingen ein paar Monate. Nansen und seine Genossen mochten mit Sehnsucht daran denken, daß daheim in Norwegen, wo die Sonne recht warm gegen die Felsenwände scheinen kann, nun die ersten grünen Halme hervorzukeimen begannen. Über der Eiswüste um den „Fram" aber herrschte traurige Öde. Und doch nicht so ganz spurlos ging die wärmer werdende Jahreszeit an dem Eisgeklüft vorüber. Genaue Beobachtungen zeigten, daß die Eisfelder, welche den „Fram" trugen, sich langsam nach Süden hin in Bewegung zu setzen begannen. Das war für Nansen eine unwillkommene Entdeckung; denn das südlich treibende Schiff führte ihn auch von seinem großen Ziele zurück. Hier aber zeigte sich nun die Unerschrockenheit des Mannes in ihrer ganzen Größe. Als es für ihn feststand, daß der „Fram" ihn nicht weiter dem Pole zu tragen würde, entschloß er sich kurz, das Schiff zu verlassen, das Meer weiter nordwärts zu durchforschen und womöglich den Nordpol zu erreichen. Nur396 einen Gefährten wählte er für die verwegene Unternehmung, den Lieute nant Johansen; die übrigen sollten unter Führung des wackeren Kapitäns Sverdrup den „Fram" nach Norwegen zurückbringen. Am 14. März 1895 schlug die Scheidestunde. Ein letzter Händedruck den wackern Männern, die zwei Jahre in Not und Gefahr treulich mit ihm ausgehalten hatten, — dann wandten sich die beiden kühnen Männer nordwärts und hatten den „Fram" bald aus dem Gesicht verloren. Ihre Ausrüstung entsprach ihrem gewaltigen Vorhaben. Auf drei Schlitten, zu deren Dienst 28 Hunde bestimmt waren, führten sie mit sich, was in dieser Eiswüste unentbehrlich war: Lebensmittel für sich auf die Zeit von 100 Tagen, Futter für die Hunde ans 30 Tage und zwei Boote, dauerhaft aus geöltem Segeltuch gefertigt, um auch über offene Stellen im Eise fahren zu können. Auch über den einzuschlagenden Weg hatte Nansen sich einen be stimmten Plan gemacht. Nach dein Vorstoß gegen den Nordpol wollte er, zurückkehrend, südwestliche Richtung einschlagen. In dieser Richtung liegen zwei Landmassen, Kaiser Franz Joseph-Land und Spitz bergen, freilich öde und in der Regel menschenleere Inseln, aber doch immerhin noch annehmbare Rastplätze nach monatelanger Eiswanderung. Diese beiden Inselgruppen gedachte Nansen zu Hauptstationen seiner Rück reise zu machen. In den ersten Tagen machten Nansen und seine Begleiter tüchtige Tagemärsche; denn das Eis war nicht allzu uneben, und die Hunde trabten lustig dahin. So ging es, bis die beiden Genossen im letzten Drittel des März bis zum 85. Grade nördlicher Breite gekommen waren. Schon gaben sie sich froher Hoffnung hin, bis zum Pol etwa in derselben Weise Vordringen zu können. Wenn sie dann das beschwerliche Tage werk hinter sich hatten und am Abend — natürlich nur nach ihren Uhren, denn in der beständigen Dämmerung verschwammen Nacht und Nacht ineinander — in den Schlitten dicht aneinandergedrängt Schutz vor der grimmen Kälte suchten, dann erwärmte sie wohl die Hoffnung, zu vollbringen, was bisher niemandem gelungen war. Für Menschen ge wöhnlicher Art würde dies freilich bei einem Thermometerstand von mindestens 20 Grad unter Null ein schwacher Trost gewesen sein; — aber Nansen und sein Begleiter kamen mit diesem inneren Feuer der Be geisterung noch manchen Tag aus. Und dies Feuer der Begeisterung hatten sie auch in anderer Hinsicht nötig. Immer höckeriger wurde das Eis und damit immer schwieriger das Fortkommen mit den Schlitten. Und was das schlimmste — wenn397 Nansen durch Beobachtung der Sterne den Weg feststellen wollte, den er und sein Begleiter nach langer, mühsamer Tagesfahrt zurückgelegt hatte, so entsprach der Erfolg nie den großen Mühen. Nansen sah nur zu gut ein, daß, je eifriger er und Johansen nach Norden vordrangen, desto stärker eine Strömung die Eisfelder, über die sie dahinfuhren, nach Süden trieb. Dazu kam auch das Eis in immer stärkere Bewegung; es gab Eisschraubungen, denen man nur mit Mühe und auf weiten Umwegen entging. Dabei wurde es immer schwieriger, sich den Weg durchs Eis zu bahnen; denn turmhohe Eisberge ließen oft kaum so viel Zwischenraum, daß die Schlitten hindurch konnten. So war der 7. April herangekommen. Während sich ihre Lieben in der Heimat zur fröhlichen Feier des Osterfestes rüsteten, mühten sich im fernen Norden die zwei einsamen Männer mit unermüdlicher Geduld, das Südwärtstreiben ihres Eisbodens durch um so größere Anstrengungen zu besiegen. Vergebens. Als sie an diesem Tage den Horizont durch das Fernrohr überschauten, sahen sie nirgends einen passierbaren Weg: überall starrten Eisberge, eine nicht zu durchbrechende Schranke auch dem kühnsten Mute, der je eine Menschenbrust beseelt hat. Drei Wochen lang waren Nansen und sein Begleiter ans ihrer kühnen Eiswanderung; sie hatten dabei, in gerader Linie gerechnet, etwa 250 Kilometer (die Entfernung von Berlin bis Danzig) zurückgelegt; das aber war auch das Höchste, was sie dem Geheimnis der Polarzone abzuringen vermochten. Da auch ein Ver such, auf dem heimischen Schneeschuh weiter nach Norden vorzudringen, bald aufgegeben werden mußte, so entschloß sich Fridtjof Nansen schweren Herzens zum Rückmarsch. Am 8. April 1895 ging es südwärts. Wohl beflügelte die Sehn sucht nach der Heimat die Schritte; aber die Fahrt ging doch nur lang sam. Denn das Futter für die Hunde wurde knapp. Einer nach dem andern wurde totgeschossen und den übrigen zum Fraß überlassen; aber das half doch nur wenig, und die Tiere befanden sich bald in einem so elenden Zustande, daß sie ihren Herren nur wenig Hilfe leisten konnten. Dazu wurde der Weg auf dem Eise mit dem vorrückenden Sommer immer schlechter; denn nicht nur die Schlitten, sondern selbst Nansen und sein Begleiter sanken auf ihren Schneeschuhen tief in den oberflächlich auf tauenden Schnee. Schon in der Mitte des Juni waren von der stattlichen Hunde meute, die sie mitgenommen hatten, nur noch zwei übrig. Glücklicherweise brachte die wärmere Jahreszeit Gelegenheit zur Jagd. Wenn es dann gelang, eine der großen aus dem Wasser auf das Eis herausgekrochenen398 - Robben zu erlegen, dann gab es wieder auf eine Zeit Fleisch die Fülle. Auch an Eisbären, die hier und da sich zeigten, machten sich unsere Polarwanderer. Aber es gelang nur schwer, dann und wann eins dieser riesenhaften Tiere zu erlegen; denn verwundet suchten sie schleunigst eine „Wake" (d. i. einen engen Kanal) im Eise, oder der schwerverwundete Bär wurde dem herankommenden Jäger noch so gefährlich, daß die Not ums Leben auf dessen Seite war. So vermochte einst nur die sichere Kugel Nansens seinen Geführten von den Angriffen eines verwundeten Eisbären zu retten, den dieser glücklich erlegt zu haben glaubte. Vom 23. Juli, an welchem Tage die beiden letzten Hunde totgeschossen werden mußten, waren die beiden treuen Gefährten allein auf ihre Kräfte an* gewiesen. Sie hatten Mühe genug, den einzigen noch übrigen Schlitten vorwärts zu ziehen; denn dieser war schwer beladen — trug er doch die beiden Boote aus Segeltuch, ihr letztes Rettungsmittel in der unwirt lichen Ode des Eismeeres. Zwei Wochen lang hatten nun Nansen und sein Geführte wegen der 'steigenden Sommersonne mit tauendem Eis zu kämpfen. Die Eisfelder lösten sich zu Schollen, und zwischen diesen zeigten sich immer häufiger „Waken," deren offenes Wasser mit Eisklumpen und Schneebrei erfüllt war, so daß das Übersetzen mittels der Segeltuchboote nötig wurde. Das lief nicht immer ohne Gefahr ab; ja, es kam vor, daß das Boot, welches Nansen trug, umschlug, so daß Eis und Wasser über ihm zusammen schlugen und er sich nur dadurch zu retten vermochte, daß er auf dem noch festen Bodeneise Grund fand. So schleppten sich die beiden Genossen unter unsäglichen Mühsalen fort bis zum 6. August. Da begrüßten sie das erste Anzeichen glücklicher Heimkehr — drei kleine, schneebedeckte Inseln, welche zu jener Gruppe größerer und kleinerer Eilande gehören, die man auf den Karten als Franz Josephs-Land bezeichnet findet. Nansen legte diesen, auf seinen Landkarten noch nicht vorhandenen Inseln nach einem norwegischen Märchen den Namen „Hvittenland" bei. Nun ging die Reise mit frischem Mute westwärts im offenen Wasser. Bald tauchten Küstenlinien auf, und Nansen vermutete, daß er Franz Josephs-Land, sein von Anfang an ins Auge gefaßtes Reiseziel, glück lich erreicht habe. Bon hier aus wollte er dann im offenen Boote die gefahrvolle Fahrt nach Spitzbergen hinüber wagen. Aber so schnell sollte es den schwergeprüften Männern nicht gelingen, die Heimat wieder zusehen. Schon Mitte August meldete sich der nordische Winter mit Frost und grimmem Schneegestöber. Ein paar Tage darauf waren sie sogar mit ihrem Boot eine volle Woche lang von Eis eingeschlosseu.399 Noch einmal kamen sie los; aber die Mahnung war doch so eindringlich gewesen, daß Nansen, als er am 26. August abermals auf Land traf, dies für einen Wink des Himmels hielt, hier für dieses Jahr das Winter quartier zu rüsten, das dritte Mal, seitdem er Gattin und Vaterland verlassen. Nansen und sein Begleiter machten sich nun an den Bau einer Winterhütte. Aus Steinblöcken, die sie vorfanden, schichteten sie nach Art der Hütten der Eskimos einen hohlen Raum, nicht viel über einen Meter breit und zwei Meter lang. Das Fell eines erlegten Walrosses diente zur äußeren Bedeckung; innen wurden die Fugen sorgsam mit Moos ge dichtet und, um die Wärme besser zusammenzuhalten, eine dicke Schicht Schnee auf die Dachwölbung gebracht. Die Felle erlegter Eisbären dienten zur Lagerstatt. Am einfachsten war die Lösung der Frage nach Speise und Trank. Da auch die Vorräte ihrer letzten Konservenbüchse nunmehr verbraucht waren, blieb keine andere Auswahl als das Fleisch des Eisbären; der Speck der erlegten Tiere mußte dann zugleich das Feuerungsmaterial für das Kochen hergeben. In diesem Winterlager brachten die beiden kühnen Männer vom August 1895 bis Mitte Mai 1896 zu. Endlich kam der Frühling. Gegen Westen hin gingen die Eisfelder allmählich in offenes Wasser über, und damit kam die Hoffnung in ihr Herz, endlich einmal aus der Eiswüste herauszukommen. Ihr Plan war, sich über das offene Wasser und, wenn es sein müßte, über treibende Eisfelder den Weg nach Spitzbergen zu bahnen. Zu dieser gefahrvollen Fahrt rüsteten sie sich, so gut sie konnten: sie verfertigten sich Kleider aus ihren wollenen Decken und sorgten für einen Vorrat von Bärenfleisch und Speck. Am 19. Mai verließen Nansen und sein Genosse ihre Winterhütte und nahmen ihren Weg südwestwürts. Unter größter Anstrengung nur gelang es ihnen, mit dem Schlitten, der ihre ganze Habe trug, über das teils höckerige, teils löcherige Eis vorwärts zu kommen. Aber schon nach viertägiger Wanderung sahen sie ihren Marsch gehemmt. Sic erreichten offenes Meer und sahen also einen, wenn auch lebensgefährlichen Weg nach Spitzbergen vor sich liegen. Aber das Wetter wurde so stürmisch, daß die mutigen Männer es unmöglich fanden, sich in einem leichten Segelboote dem Meere anzuvertrauen. So blieb ihnen nur übrig zu lagern bis zum Eintritt ruhigerer Witterung. Zehn volle Tage brachten sie so wieder in ihrem Schlittenlager zu — in Sicht des Meeres, das an den Eisfeldern brandete wie an dem Strande einer Insel und unter dumpfem Krachen den Eisrand in Schollen zerriß. Dazu wurde die400 Nahrung knapp; denn es zeigte sich weder Robbe noch Eisbär. So währ ten ihre Leiden bis zum 3. Juni. Da trat ruhigeres Wetter ein, und sie setzten ihre abenteuerliche Fahrt fort. Bald bekamen sie im Westen wieder Land in Sicht, sahen sich aber von diesem durch eineu breiten Meeressund getrennt, der noch fest zu gefroren war. Da es jetzt Nansen darauf ankam, so schnell wie möglich südwärts zu gelangen, so nahmen sie ihren Weg über das Eis des Sundes und erreichten so die Südspitze des unbekannten Landes. Von hier zeigte sich wieder gegen Westen offenes Wasser. Das benutzten sie nun, mit dem mit einem kleinen Segel versehenen Boote vorwärts zu kommen. Doch hielten sie sich, soviel als möglich, in der Nähe der Küste. Nach mehrtägiger Fahrt, am 18. Juni, als Nansen gerade die Wache hatte, während sein Geführte im Grunde des Bootes einige Stunden schlief, horchte der erstere hoch auf; er lauschte wieder und wieder, aber da war kein Zweifel: vom Lande her tönte das Gebell eines Hundes — und „Menschen! Menschen!" jubelte der Entzückte seinem aus tiefem Schlaf erwachenden Genossen zu. 6. Wie Nansen und sein Gefährte wieder zu Menschen kamen. An demselben 18. Juni saßen auf einer der Inseln von Franz Josephs- Land ein kleines Häuflein englischer Reisenden bei einander. Sie waren mit dem Schiffe „Windward" mit Beginn der warmen Jahreszeit von England abgefahren und hatten auf Franz Josephs-Land ein bequemes Lager aufgeschlagen, um von hier aus naturwissenschaftliche Untersuchungen zu unternehmen. Einer dieser Reisenden, der Botaniker Fischer, erzählt: „Den 18. Juni waren wir gerade mit unserm Mittagessen fertig und saßen noch alle zusammen um den Tisch, welcher in der Mitte des gemüt lichen Speisezimmers unseres Balkenhauses stand. Es war ein trüber, nebliger Tag, aber nicht sonderlich kalt, und wir vertrieben uns die Zeit mit Tabakrauchen und lustigem Gespräch. Plötzlich steckte unser Astronom, der im Observatorium gewesen war, den Kopf durch die Thür und rief: «Wie viele von Ihnen sind zur Stelle? Ich sehe einen Mann draußen auf den Eisschollen!» „Da wir alle anwesend waren, wurden wir unruhig, und es erhob sich die Frage, wer in aller Welt der Fremde wohl sein könne. Mr. Jack son (der Leiter der Expedition) sprang auf und rief: «Wer es auch sein mag, ich will zu ihm!» Während sich Jackson ohne Verzug auf den Weg401 Mittlerweile hatte sich Mr. Jackson dem Fremden genähert. Wir sahen durch unsere Fernrohre, wie sie sich mit hocherhobenen Armen Zeichen machten und wie sie, einander näher gekommen, in lebhaftes Gespräch ge rieten. Der Fremde trug ein Gewehr in der einen Hand, die andere 26 machte, griffen wir nach unfern Fernröhren; einige kletterten auf den Gipfel des Felsens, um ausfindig zu machen, wer der Fremde wohl wäre. Erst nach längerer Zeit kam einer von uns auf den Gedanken, daß es wohl Nansen sein könne. Hummel, Bilder a. d. Wcllk.402 stützte sich auf einen Bambnsstock; auf seinen langen Schneeschuhen sprang er geschickt von einer Eisscholle zur andern. Unterdes eilten wir alle dahin, wo Mr. Jackson und der Fremde standen, und als wir herankamen, rief Mr. Jackson: «Das ist Nansen!» worauf wir andern so lange Hurra riefen, bis wir heiser waren. Nansen vermochte nur zu sagen: «Dies ist mir ein großes Vergnügen!» Dann berichtete er kurz, wie weit nördlich er gewesen sei, worauf wir nochmals dreimal Hurra riefen. Erst dann fanden wir Zeit, den berühmten Polar- fahrer anzusehen. Freilich würde nicht einmal sein bester Freund ihn wiedcrerkannt haben. Er war ganz und gar schwarz vom Kopf bis zu Fuß. Der Rauch von Walroßspeck hatte sein blondes Haar und seinen blonden Bart kohlschwarz gefärbt, und hatten nicht seine hellen, klaren Augen sich auffallend ans dem dunkeln Gesicht abgehoben, so hätte man ihn für einen Neger halten können. Sein Anzug, den er seit fünfzehn Monaten getragen, war ganz steif von Blut und Thran; auch Gesicht und Hände waren mit Blut und Thran bedeckt. „Nachdem wir einige Augenblicke mit Nansen gesprochen hatten, hörten wir, daß sein Begleiter in der Nähe sei, und während Jackson und Nansen nach unserem Balkenhause hingingen, machten Mr. Chield und ich uns auf, um Lieutenant Johansen anfzufindcn. Wir fanden ihn bald genug hinter einem mächtigen Eisblocke mit dem Segeltnchbvotc. Er war, wie Nansen, vom Rauch des Walroßspeckes kohlschwarz geräuchert; nur war sein Aussehen, wegen zwei weißer Flecke unter den Augen, noch merk würdiger. Ein Hemd, das von monatelanger Thranrüuchernng ebenfalls pechschwarz war, war von ihm auf dem Eise zurückgelassen worden. „Es kostete uns viele Mühe, uns Johansen, welcher nicht Englisch sprach, verständlich zu machen; cs mußte genügen, daß wir unsere Mützen schwenkten und einander herzlich die Hände schüttelten. Der mutige Reisende war hocherfreut, als wir ihm eine Pfeife und etwas Tabak an- boten; war cs doch das erste Mal seit dem Verlassen des „gram," daß er sich den Genuß des Tabakrauchens wieder verschaffen konnte. Wir nahmen uns nun gleich des Bootes und der übrigen Sachen an, ver weigerten Johansen auf das bestimmteste, etwas tragen zu dürfen, und hatten so bald unser Balkenhaus erreicht." So kamen Nansen und sein treuer Gefährte wieder zu Menschen. Alle waren voll Bewunderung für die kühnen Polarfahrer, jeder suchte ihnen die ausgestandenen Leiden vergessen zu machen. Wie mochten die beiden Männer sich glücklich fühlen in dem fröhlichen Kreise der englischen Forscher, als sie ein warmes Bad genommen hatten, als ihnen Bart und•lupäjuaj® 111 „lttu.ig" gitjluojc404 ■■ Haar menschlich geschnitten war und sie mit dem Bilde, das der Photograph der Expedition dann aufnahm, das verglichen, das bei ihrer Ankunft ge nommen war und das sie in einer schmutzstarrenden, steifen Thrankrustc zeigte. Und als dann bei dem festlich hergerichteten Mittagsmahle, das zu Nansens freudiger Überraschung außer aus gebratenem Geflügel aus lange entbehrten grünen Erbsen und sonstigen Gemüsen bestand, ihre Gesundheit in perlendem Schaumwein ausgebracht wurde, — da lag die Erinnerung an alle ausgestandenen Leiden hinter ihnen und vor ihnen die Helle, sonnige Zukunft mit der Freude des Wiedersehens all ihrer Lieben. 7. Nansen zurück! „Nansen zurück!" so ging schon zu Anfang des Jahres 1896 die Kunde durch die Zeitungen. Von der Nordküstc Sibiriens her sollte, diesen Mitteilungen zufolge, ein eingeborener Bote die Nachricht zu einem der benachbarten russischen Ortsvorsteher gebracht haben; von dort aus sollte sie eine Telegraphenstation erreicht und so ihren Weg in die Welt gefunden haben. Erregte diese Nachricht auch freudige Teilnahme, da sie wenigstens den kühnen Polarfahrer gerettet zeigte, so verkündete sie doch auch mit trockenen Worten: seine Unternehmung ist mißglückt; denn nach seinem Plane darf er nicht über Sibirien zurückkehren. Auch die Gattin des mutigen Reisenden wollte der Kunde nicht trauen. Frau Eva Nansen, die ihren Gatten besser kannte als irgend einer, sprach voll guter Hoffnung aus: so leicht lasse sich ihr Fridtjof von seinem Vorsatze nicht abbringen; sie sei überzeugt, daß er von anderer Seite her zurückkchren werde als ruhmvoller Sieger über die Gefahren des Polareises. „Nansen zurück!" blitzte am 13. August 1896 der Telegraph zum zweitenmal überall hin, wo gebildete Menschen an dem Schicksale des be rühmten Forschers Anteil nahmen. Und diesmal meldete er die Wahrheit. Nansen, der sich bis zum 7. August bei der Jacksonschen Expedition auf Franz Josephs-Land aufgehaltcn hatte, machte mit dem nach Europa zurück kehrenden Dampfer derselben, dem „Windward," die Überfahrt nach Vardo, demselben Küstenorte, von dem er vor drei Jahren auf seine abenteuerliche Fahrt ausgelaufen war. Die Landung auf norwegischem Boden wurde für den mutigen Polar fahrer und seinen Genossen Johansen der Anfang zu einer ununter brochenen Reihe von Huldigungen, bei denen arm und reich wetteiferten.405 Überall, wohin die beiden Leidensgenossen auf der Reise nach der Haupt stadt kamen, empfingen sie bekränzte Straßen, begeisterte Ansprachen und fröhliche Ehrenschmäuse. Das norwegische Volk, das seiner alten See herrlichkeit gedachte, konnte sich gar nicht genugthun in der Ehrung der Heldenthaten seines großen Landsmannes. Und von überall her, wo den Fortschritten der Erdkunde Teilnahme gezollt wird — nicht am wenigsten von Deutschland aus —, trug der Telegraph Glückwünsche und Ehren bezeugungen nach dem tannennmrauschten Landhause zu Lysaker bei Christiania, wohin Nansen sich nach den Ehrentagen von Christiania zurückgezogen hat, um im Schoße seiner Familie wieder seinen gewohnten wissenschaftlichen Arbeiten zu leben. Denn bei allem seinem Ruhme ist er ein einfacher, schlichter Mann. Und mehr als all die Ehrungen, die ihm zu teil geworden, hat ihn die Kunde erfreut, daß auch der „Fram," sein gutes Schiff, mit den treuen Gefährten seiner Heldenthat, unter der treff lichen Führung des wackeren Kapitäns Svertrup, wenige Tage nach seinem Eintreffen in Bardo ebenfalls in Skarvö, einem kleinen Hafenorte im nördlichen Norwegen, glücklich gelandet ist.In demselben Verlage sind ferner erschienen und durch alle Buchhand lungen zu beziehen: HWIlltltflt HUM WlnltllP Lebensbild für das deutsche Volk, insbesondere DUMUtts UvU -.UvUM. bie beutjc[)e g ugen b öon Fxpor von KöPPcn. Mit einem Porträt von Professor H. Bürkner und zahlreichen Abbildungen im Tert. Zweite vermehrte Auflage. Preis in elegantem Kalikoband 4 Mb Das Lebensbild Hel mul h von Mo likes aus der bewährten Feder des bekannten Bolksschrift- stcllers Fedor von Koppen wendet sich lvie kaum eine andere Moltke« Biographie an das patriotische Gefühl unseres Volkes und insbesondere unserer Jugend. Gerade in diesem Buche tritt die Gestalt des genialen Heerführers in seiner ganzen sittlichen Reinheit und Größe als Vorbild männlicher Tugend plastisch hervor. Die Sprache des Verfassers ist schlicht, klar, einfach und immer für die jugendlichen Leser verständlich. fckiiiiliiliOT dciiWr Wim« «ni> Fkliilk». «71 L. Richter, W. Friedrich, E. Klinisch, P. Thumann u. a. 2. Auflage. Elegant gebunden 4 Mk. 50 Pf. In grossen markanten Zügen führt der Autor vor: Goethe, Schiller, Geliert, Pestalozzi, die Gebrüder Grimm, Claudius, Robert Reillick, Ernst Rietfchcl, Scncfclder, Alexander von Hilmboldt, die Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar und die „Frau Rat," Goethes Mutter. Diese mit zahlreichen Illustrationen geschmückten biographischen Skizzen sind In warmem Tone gchaltcll und vorzüglich geeignet, der Jugend ein richtiges Bild von dem Wesen und Wirken der bedeu tenden Persönlichkeiten zu geben. Ein Lebensbild von Ferdinand Schmidt. Mit drei Bildern in Farbendruck von Julius Scholtz. Dritte Auflage. Preis gebunden 1 Mk. 80 Pf. Ittlh 1871 Zwei Jahre deutschen Heldentums von Gustav Höcker. ( * Vierte Auflage. Mit 152 Illustrationen von W. Camp hansen, C. Horn, Richard Knvtel, Th. Rocholl, Ehr. Sell, Ehr. Speyer, A. v. Werner nebst 4 Karten. Jubiläums-Ausgabe. Elegant in Kaliko gebunden 5 Mk. Mtcr fünf üönip null dm Kaiser,>. ®““ 9 " Thekla von Schober geb. von Gnmpert. Ihrer Majestät der Kaiserin Auguste Victoria gewidmet. Zweite Auflage. Preis in elegantem Kaliko-Ein band 6 Mark. Im Jmitirtliann to fiatwcliitaci groß Lexikon-Oktav in feinster Ausstattung. Mit 8 Farbendruckbildern uitd 32 Holzschnitten von Th. Kntschmann. Preis in elegantem Originalprachiband 6 Mark.(Larl jlemmings VsterlZnüifche Jugenüschrlfterr. Preis prv Band in rot Kaliko gebunden 1 Mark. 1. 93b. Chlodwig von Fr. Kühn. 2. 93b. Der Burggraf von Nürnberg von Fr. Kühn. 3. 93b. Das alteOrdensland von Febor v. Koppen. 4/5.93b. Blücher von F. v. Koppen. 6. Bb. Die Brüder von L. Würdig. 7. Bb. Dragoner und Kurfürst von L. Würdig. 8. Bb. Gustav Adolf in Deutschland von L. Würdig. 9. Bb. Friedrich der Große von F. Schräder. 10. 93b. Hans Sachs von L Ziemssen. 11. Bb. Sebastian Bach V.L. Ziemssen. 12. Bd. Gncisciian von G. Höcker. 13. Bd. Theodor Körner von G. Höcker. 14. Bd. Graf Heinrich von Schwerin von Ferd. Sonnenburg. 15. Bd. Unter dem Schwerte der Weiß- mäntel von F. Sonnen bürg. 16. Bd. Prinz Engen von L. Würdig. 17. Bd. Zielen von L. Würdig. 18. Bd. Graf Jork von Wartenbnrg von L. Würdig. 19. Bd. Albrecht Dürer v. H. Berger. 20. Bd. Franz von Sickingc» von Lud wig Ziemssen. 21. Bd. Der »cnc Prophet von Ernst Kornru mpf. 22. Bd. Lenthe» von Fr. Kühn. 23. Bd. Scydlitz von Fr. Kühn. 24. Bd. Barbarossa von Fr. Kühn. 25. Bd. Das Türkcninal von Ferd. Sonnenbnrg. 26. Bd. Die Kinder des Wendcnfürstc» von C. Spiclmann. 27. Bd. König Bcrthari von Ferd. Sonnen b u r g. 28. Bd. ErnstRictschcl v.L.Ziemssen. 29. Bd. Der schwarze Herzog von Ferd. Sonnenbnrg. 30. Bd. Georg Wcnzcslaus von Kno belsdorff von L. Ziemssen. 31. Bd. Hohenzollern und Brandenburg von Fedor v. Koppen. 32. Bd. Deutsche Treue v. Fr. Kühn. 33. Bd. Dcrfflingcr von Fr. Kühn. 34. Bd. Admiral Karpfangcr von Ferd. Sonnenbnrg. 35. Bd. Nettelbcck von Fr. Kühn. 36. Bd. Schill von Fr. Kühn. 37. Bd. Scharnhorst von Fr. Kühn. 38. Bd. Hans Kohlhasc v. H. Jahnke. 39. Bd. Ulrich von Hutten von M. E. Plehn. 40. Bd. Einin Pascha v. M. E. Plehn. 41. Bd. Der Hirtenknabe vom Spessart von Ferd Sonnenburg. 42. Bd. 9ldam Niese und seine Zeit von P. Oskar Höcker. 43. Bd. Der letzte Stanfe v. A. Ohorn. 44. Bd. Heinrich d. Eiserne ». sein Sohn Otto d. Schütz v. F. Soldau. 45. Bd. Friedrich Wilhelm I. von L. Würdig. 46. Bd. Hieronymus Nhode von I. Grundmann. 47. Bd. Die Grasenfchde v. J.Grund- mann. 48. Bd. Der Freiherr vom Stein von Alfred Oehlkc. 49. Bd. Albrecht von Rvon und die deutsche Hccrcsschöpfung von Fedor v. Köppen. 50. Bd. Die Sohne der roten Erde von Ferd. Sonnenbnrg. 51. Bd. Kaiser Wilhelms!. Jugendjahre von F. v. Köppen. 52. Bd. ArndtnndJahnv.F.v.KöPPe». 53. Bd. Johann Gntcnbcrg von C. Spiclmann. 54. Bd. Der Kyffhäuscrkaiser /Fried rich II.) von C. Spielmann. 55. Bd. Der Kapitän von Westerland von Ferd. Sonnenbnrg. 56. Bd. Karlsschülcr und Dichter von 9l. Ohorn. Weitere Bände in Vorbereitung.
