Der kleine Raff, oder Vater Gotthold's Unterhaltungen mit seinen Kindern über die Reiche der Natur. Eine Naturgeschichte für die liebe Jugend, bearbeitet von P. 3. 33eumer, Lehrer. Sechste, vermehrte Anstage. Mit vielen colorirtcii Abbildungen. Wesel, Druck und Verlag von A. Bagel.HZ o r w o r t. |3on allen Naturgeschichten lesen die Kinder noch immer gern die von Nass. Das Warum liegt sehr nahe. Nass ließ die Thiere größtentheils redend auftreten, und überhaupt suchte er, statt eines trocke nen Aufzählens der Merkmale, den richtigen, gefälligen Erzählton zu treffen, durch den die Jugend so leicht zu fesseln ist. Ein Buch, welches der Jugend zur Selbstbeschäftigung in die Hand gegeben werden soll, muß auch dem jugendlichen Alter angemessen geschrieben sein. Daß Rafs's Naturgeschichte viel Unwahres und Schiefes enthält, ist längst bekannt. Auch werden manche Erzieher mit mir die Erfahrung gemacht ha ben, daß einige Kinder das Erzählte, was Nass ein Thier sprechen läßt, der Fabel gleich stellen und an der Wahrheit desselben zweifeln. Ich habe es deshalb vorgezogen, die Naturgeschichte in den Kreis der Unter haltung eines Vaters mit seinen Kindern zu ziehen, um aus dieje Weise Lebendigkeit der Darstellung zu gewinnen. Noch habe ich zu bemerken, daß ich bei der Beschreibung des Pflanzenreiches für zweckdienlich gefunden, das Linneische System bloß anzudeuten und mich mit der Beschreibung der vorzüglichsten ausländischen, so wie der einheimischen Arznei- und Giftpflanzen zu begnügen. In einem größern Werke, das mehr für den Unterricht bestimmt ist, werden wir hingegen das ganze Pflanzenreich syste matisch bearbeiten. Den Zweck, den wir durch gegen wärtige Schrift zu erfüllen strebten, glauben wir durch4 * A angegebene Weise erreicht zu haben. Das Büchlein enthält hin und wieder Aufgaben, welche von den Kindern leicht ausgeführt werden können. Eltern und Lehrer werden diese Andeutungen für die häusliche Selbstbeschästigung zu benutzen wissen. P. I. Be um er. Zur sechsten Auslage. Die sechste Auflage des kleinen Raff hat hin und wieder einige Berichtigungen erfahren; auch haben wir durch weise Benutzung des Raumes manche Zusätze beifügen können, welche für den Unterricht in der Naturkunde wichtig sind. Wenn ich es mir erlaube, auf die von mir herausgegebene „Populaire Natur geschichte der drei Reiche" zu verweisen, so be merke ich, daß dieselbe bereits 5 Auflagen erlebt hat. Wer seine Kinder durch recht große und schöne Thier zeichnungen erfreuen will, dem emsehlen wir unsere neueste Schrift: „Wanderungen durch den Zoologischen Garten. Dargestellt in naturgetreuen Abbildungen der. Thiergruppen des Zoologischen Gartens zu Berlin. Auf 20 Tafeln, gezeichnet von Maler Bernhard, und durch Tert erläutert von P. I. Be um er." Möge die Jugend auch an dieser neuen Auflage des kleinen Raff sich erfreuen und belehren. Im Frühlingsmonat 1869. P. I. Be um er.Erster Abend. Ahr wünscht also, meine lieben Kinder, daß ich euch von dem Thierreiche erzähle; gut, so setzt euch her zu mir! Ihr, Gustav und Ewald, setzt euch an meine Seite, und Alwina und Emma mögen sich neben die Mutter setzen. So sprach der Vater, und die.Kinderstatten schnell ihre Plätze eingenommen. Auf merksam und stille saßen sie da, voller Erwartung, was der Vater ihnen nun erzählen werde. Vater. Von allen lebendigen Geschöpfen der Erde stehen die Thiere dem Menschen am nächsten. Sie können sich, wie der Mensch, willkürlich bewegen, neh men ihre Nahrung durch eine einzige Oeffnung, den Mund, zu sich, bei den meisten bemerken wir äußere Sinneswerkzeuge, vermittelst welcher sie äußere Eindrücke wahrnehmen u. s. w. Aber ein Vermögen, dessen sich der Mensch allein rühmen kann, die Vernunft, ist den Thieren nicht gegeben. Das Thier folgt seinem 1 Naturtriebe, Instinkt, den es von Gott erhalten hat und nach dem es zweckmäßig handelt. Doch nachdem wir die Thiere genauer kennen gelernt haben, wollen wir ein Mehreres darüber sprechen. Ihr werdet solches dann auch besser verstehen. Die Zahl der Thiere ist unendlich groß; damit man daher eine bessere Uebersicht gewinne, hat man sie in sechs große Abtheilungen oder Klassen gebracht. Sage mir, Gustav, den Unterschied zwischen einer Kuh und einer Biene in Rücksicht —6 Gustav. (Schnell einfallend.) Die Biene kann fliegen, das kann die Kuh nicht. Vater. Es freut mich, daß du rasch bist, aber wenn man antworten soll, so muß man zuvor die Frage ganz hören, — ich meine, wie unterscheiden sie sich in Rücksicht ihres Blutes? Gustav. Die Kuh hat rothes Blut und die Biene — Vater. Nun? Gustav. Die Biene hat wohl kein Blut, lieber Vater? Alwina. Nicht solches Blut als die Kuh, aber unser Lehrer hat uns gesagt, sie hätten weißes Blut. Vater. Gut, mein Kind. Es gibt also Thiere, welche rothes, und Thiere, welche weißes Blut haben. Nennet Beispiele! Die Kinder. (Durch einander.) Katze, Hund, Fliege, Schmetterling, Ochs — — — Vater. Stille, stille! Das geht ja durcheinander, als wäre man in der Arche Noah's. Jedes Kind soll ein Thier nennen. Emma. Die Wespe hat weißes Blut. Ewald. Der Fisch hat rothes Blut. Alwina. Die Ameise gehört auch zu den weiß- blütigen Thieren. Gustav. Rothes Blut haben der Hund, die Katze, das Schaf. _ Vater. Schon genug. Ewald sagte, der Fisch habe auch rothes Blut; wie unterscheidet sich aber nun das Blut eines Fisches von dem Blute einer Kuh? Alwina. Die Kuh hat rothes warmes und ein Fisch hat rothes kaltes Blut. Vater. Sehr gut, meine Tochter. Gustav. (Heimlich.) Du sollst noch Professor werden. Vater. Was sagtest du da, Gustav?7 Gustav. (Bittend.) Es war nicht böse gemeint, yj lieber Vater. Vater. Wir wollen sehen, ob du Acht gegeben hast. Wiederhole! Gustav. Wir haben rothblütige und weißblütige Thiere. Die rothblütigen haben entweder warmes oder kaltes Blut. Vater. Die Kuh hat rothes warmes Blut und ein Sperling ebenfalls. Welcher Unterschied ist aber zwischen beiden Thieren? — Damit ihr mich besser versteht: wie vermehren sich diese Thiere? Alwina. Die Kuh bringt ein lebendiges Junges zur Welt, und der Sperling legt Eier, aus welchen er seine Jungen brütet. Vater. Nichtig. Alle diejenigen Thiere nun, welche rothes warmes Blut haben und lebendige Junge zur Welt bringen, die sie an ihren Brüsten säugen, nennt man Säugethiere. Gustav. Aber unsere Kuh säugt doch nichtihr Kalb? Vater. Nein, lieber Gustav, weil wir das Kalb von ihr wegnehmen. Geschähe dies nicht, so würde sie es gewiß säugen, aber dann bekämen wir keine Milch. — Wie werden wir nun die zweite Klasse der Thiere, die rothes warmes Blut haben und aus Eiern ihre Jungen brüten, nennen? Emma. Das sind die Vögel, nicht wahr, lieber Vater? Vater. Getroffen. Kann mir nun der kleine Ewald wohl sagen, was ein Vogel für ein Thier ist? Ewald. Ein Thier, welches stiegen kann. Gustav. Fehl geschoffen! Dann wäre die Fliege auch ein Vogel. Vater. Nun, Gustav, wie muß es denn heißen?8 Gustav. Ein Vogel ist ein Thier, welches rothes warmes Blut hat, Eier legt und mit Federn bedeckt ist. Vater. Wir gehen nun über zu den Thieren, welche rothes kaltes Blut haben. Ihr kennt alle wohl einen Hecht und auch einen Frosch. Wie unterscheidet sich nun ein Frosch von einem Hecht? Emma. Der Frosch hat Füße, der Hecht nicht. Vater. Das ist schon gut, aber es reicht noch nicht hin. Alwina, denke einmal an die Werkzeuge, mit welchen beide Thiere Athem holen. Alwina. Der Frosch athmet durch Lungen, wie die Säugethiere, und der Hecht athmet durch Kiemen. Gustav. Ja, ja, das ist recht, das habeich auch gelesen im deutschen Kinderfreunde. Vater. Und wie wurden denn die Thiere genannt, welche rothes kaltes Blut haben und durch Lungen athmen? Gustav. Amphibien, und die, welche durch Kiemen athmen, heißen Fische. Vater. Das geht ja prächtig. So müßt ihr immer lesen, daß ihr das Gelesene versteht und behaltet. Vier Klassen hätten wir schon, sie heißen, Emma? — Emma. 1. Säugethiere, 2. Vögel, 3. Fische, 4. Amphibien. Vater. Welche Thiere hätten wir nun noch? Gustav. Die weißblütigen Thiere. Vater. Richtig. Diese theilt man ein in solche, welche sich während ihrer Lebenszeit verwandeln, meistens Fühlhörner und hornartige Bewe gungswerkzeuge haben, und in solche, welche sich nicht verwandeln, statt der Fühlhörner nur Fühlfäden und keine eingelenkten Bewegungs glieder haben. Jene nennt man Insekten, diese Würmer.9 Die Kinder mußten nun die sechs Klassen des Thierreichs wiederholen und erklären, und der Vater schrieb an eine große Tafel folgende Uebersicht: Thiere. a. Rothbliitige. a. b. 1 . 2 . sHoth-warmblütige. Junge gebährende, Säugethier e. Eier legende, Vögel. Roth-kaltblütige. 3. Durch Lungen athmende, Amphibien. 4. Durch Kiemen athmende, Fische. B. Weißbliitige. 5. Mit hornartigen Bewegungsgliedern, Insekten. 6. Ohne eingelenkte Bewegungsglieder, Würmer. Der Vater nannte nun viele bekannte Thiere, und die Kinder gaben an, zu welcher Klasse jedes Thier gehöre. Darnach gab der Vater die Aufgabe, zu jeder Klasse sechs Thiere aufzusuchen. Wer von meinen Lesern macht diese Aufgabe schriftlich? — Die Kinder löseten die Aufgabe zur Zufriedenheit des Vaters, und dieser fuhr nun fort: die erste Klasse, Siiugethiere, hat man zur besseren Uebersicht wieder in gewisse Ord nungen eingetheilt und zwar nach ihren Bewegungs werkzeugen und nach ihrem Gebiß. Ich will sie euch nennen und erklären.10 Erste Ordnung. Säugethiere mit zwei Händen. Dazu der Mensch. Gustav. Was? das habe ich in meinem Leben nicht gehört, daß der Mensch ein Säugethier ist. Vater. Nach seiner Seele, seinen geistigen Kräften, steht der Mensch auch erhaben da über alle Thiere, mein Kind, aber nach seiner physischen Beschaffenheit, d. h. nach seinem sterblichen Leibe, kann man ihn aller dings zu den Thieren zählen. Aber auch dann steht er noch als das vollendetste Werk der Schöpfung da, wesentlich unterschieden von allen Thieren. Sein auf rechter Gang, die zwei Hände, die vollkommen und geschickt zu jedem Gebrauche sind, die edle Bildung des Angesichtes zeigen schon an, daß ihn der gütige Schöpfer bestimmt hat, zu herrschen auf Erden über die Thiere, über die Vögel unter dem Himmel bis zu dem Wurme, der zu seinen Füßen kriecht. Mutter. Nach solchem Nachsatze, lieber Vater, werden wir es uns schon gefallen lassen, mit zu den Thieren gezählt zu werden. Gustav. Nein, ich will nicht zu den Thieren zu gezählt werden. Ewald. Ich auch nicht. Vater. Nun, das müßt ihr mit den großen Na turforschern, welche die Ordnungen so bestimmt haben, ausmachen. Die zweite Ordnung enthält Säugethiere mit vier Händen, wozu alle Affen, Paviane, Meerkatzen und Makis gehören. Dritte Ordnung. Säugethiere, deren Vorder- und Hinterfüße durch Flughäute verbunden sind.11 Alwina. Dazu gehören gewiß die Fledermäuse, nicht wahr, lieber Vater? Vater. Ganz recht. Die vierte Ordnung umfaßt nun alle Thiere, welche an allen vier Füßen freie Zehen haben. Da diese Ordnung wieder eine große Anzahl Thiere be zeichnet, welche doch wesentlich von einander unter schieden sind, so hat man sie nach dem Gebiß in drei Unterabtheilungen gebracht: a) Säugethiere mit zwei zum Nagen bestimmten Vorderzähnen in jedem Kiefer, denen aber die Eckzähne fehlen. Man nennt sie auch Nager, nagende Säugethiere. Gustav. Dazu gehört jedenfalls das Mäuse- und Rattengeschmeiß. Alwina. Und nicht auch dieKaninchen und Hasen? Vater. Freilich. Eine zweite Unterabtheilung machen b) die reißenden Thiere aus, welche scharfe Vorderzähne und starke Eckzähne haben. Nun, Emma, kannst du mir wohl ein reißendes Thier nennen? Emma. Der Löwe. Ewald. Ich weiß auch eins, der Bär. Vater. Brav. Die dritte und letzte Unter abtheilung sind c) Thiere ohne Vorderzähne. Dazu gehört das Faulthier, der Ameisenbär und andere. Nun wären wir gekommen bis zur fünften Ordnung, zu welcher alle einhufigen Thiere gehören, z. B. — Gustav. Das Pferd, der Esel. Vater. Zur sechsten Ordnung gehören diejenigen, welche zwei Hufe, oder gespaltene Klauen haben, die wiederkäuenden Thiere.12 Ewald. Dazu gehört unsere Kuh. Gustav. Und der alten Liese ihre Ziege. Vater. Die siebente Ordnung umfaßt die plumpe.n Säugethiere, welche mehrere Klauen haben, mit dünnen Haaren oder mit starken Borsten bedeckt sind, z. B. der Elephant, das Flußpferd. Zu der achten Ordnung werden alle diejenigen Säugethiere gezählt, welche kurze Schwimmfüße haben. Diese Ordnung zerfällt, wie die vierte, in drei Unterabtheilungen, ebenfalls nach dem Gebiß einge- theilt: also, Gustav! — Gustan. a) In nagende, d) in reißende, 0) in solche, welche keine Vor der zähne haben. Vater. Gut. Zu a) gehört der Biber, zu d) gehören die Seehunde und zu o) das Walroß. Zur neunten und letzten Ordnung gehören die Wal fische. Alwina. Also der Walfisch ist kein Fisch? Vater. Nein, denn er hat rothes warmes Blut, gebiert lebendige Junge und sängt dieselben an seinen Brüsten. — So hätten wir eine Uebersicht über die erste Klasse des Thierreiches, über die Säugethiere, und könnten nun zur Beschreibung der einzelnen Thiere über gehen, was wir indeß aus morgen verschieben wollen. Nun aber beantwortet mir folgende Fragen schriftlich: 1) Was ist ein Thier? 2) In wie viele Klassen werden die Thiere eingetheilt? 3) Wie heißt die erste Klasse? 4) Was ist ein Säugethier? 5) In wie viele Ord nungen werden die Säugethiere eingetheilt? 6) Worauf hat man bei dieser Einteilung zu sehen? (Ein- theilungsgrund.)13 Zweiter Abend. Am zweiten Abend saß die kleine Gesellschaft wieder aus derselben Stelle und Gustav sprach: „Lieber Vater, nun wirst du uns heute wohl eiumal etwas recht Lustiges aus dem Thierreiche erzählen?" Vater. Lustiges? Vielleicht, — aber Belehrendes auf jeden Fall, und das ist dem Unterhaltenden doch wohl vorzuziehen. Da ihr gestern Abend so unwillig wurdet, daß man den Menschen mit zu den Thieren gezählt habe, so will ich von den Menschen, d. h. von den verschiedenen Racen, wie sie in den Naturgeschichten behandelt werden, jetzt nicht erzählen, sondern erst später; wir wollen hier sogleich mit der zweiten Ordnung, den Affen, beginnen. Die Assen haben nach ihrer äußerlichen Bildung viele Aehnlichkeit mit dem Menschen, und es ist ein großes Glück, daß den Affen die Vernunft und die Sprache gänzlich mangelt, weil man sonst leicht in Versuchung gerathen könnte, manchen Orangutang für einen Menschen, oder manchen schlecht gewachsenen Menschen für einen Affen anzusehen. Doch auch durch äußere Merkmale unterscheidet sich der Affe von dem Menschen. Der Affe hat eine lange platte Nase, der große Mund ist von den Augen weit entfernt, die Stirn behaart, der Vorderkops steht hervor und der Scheitel ist flach. Ferner zeigen die platten Lenden14 und schmalen Hüften deutlich an, daß er zu einer eige nen Gattung von Geschöpfen gehört. Er lebt in der heißen Zone. Wie weit geht diese, Alwina? Alwina. Die heiße Zone liegt zwischen den beiden Wendekreisen, also aus beideu Seiten des Aequators. Vater. Der Asse nährt sich von Baum- und Feldsrüchten. Die Reisfelder besucht er sehr fleißig, und wenn er Eier findet, so läßt er sich dieselben auch wohlschmecken. Er lebt in Wäldern aus Bäumen. Das Weibchen liebt ihr Junges mit übermäßiger Zärtlichkeit. Nun, Gustav, was ist der Asse für ein Thier? Gustav. Ei, ich meine, er ist ein gar lustiges und possirliches Thier. Er schneidet allerlei Gesichter und macht die tollsten Sprünge von der Welt. Ewald. Ja, so ein Asse sieht recht schnurrig aus, wenn er ein rothes Röcklein an hat. Vater. Du denkst an den gemeinen, der bei uns, in Gesellschaft von Bären und Kameelen, zur Schau geführt wird. Es gibt verschiedene Arten von Affen. Man theilt sie ein in geschwänzte und un ge schwänzte. Zu den ungeschwänzten gehört der Orangutang, auch Waldmensch genannt, der in Asien auf der Insel Borneo lebt. Er hat viele Ähnlichkeit mit dem Menschen und soll die mittlere Größe eines Mannes erreichen. Er läßt sich zu allerlei Arbeiten, zum Holztragen, zum Wasserschöpseu abrichten, behält aber sein tückisches Wesen bei. Auch ist er ein geschickter Seiltänzer und wird von Schiffern wohl zum Matrosendienste abgerichtet. Jesse erzählt von einem jungen Orangutang, den man von Indien nach England brachte, daß derselbe sich die äußeren Gewohnheiten der Menschen so angeeignet15 habe, daß ihm nur die Sprache gefehlt, um sich voll kommen menschlich zu geberden. Als das Schiff bei einer Insel anlegte, um Lebensmittel einzunehmen, be gleitete der Affe die Matrosen täglich an's Land, ging mit ihnen in die Buden, erhielt Kaffee, Thee oder andere Getränke und Eßwaaren. Da ihm solches sehr gefiel, so machte er bisweilen ohne Begleitung diese Spaziergänge in die Buden, wo man ihm auch immer, aus Artigkeit gegen einen solchen seltenen Gast, Etwas verabreichte. Er war mit der ganzen Schiffsmannschaft befreundet, nur gegen den Fleischer war er furchtsam und zurückhaltend. Denn er hatte oft gesehen, wie dieser Ochsen und Schafe schlachtete, und fürchtete deshalb wohl, daß er sich auch an ihm vergreifen würde. Näherte er sich ihm wohl einmal, so untersuchte er die Hände des Fleischers sehr sorg fältig, ob er auch ein schneidendes Werkzeug darin verborgen halte. Man nahm diesen Affen oft mit zu Tische, wo er sich sehr anständig zu benehmen wußte. Bald nach seiner Ankunft in England starb er. Der langarmige Asse oder Gibbon hat, wie der Orangutang, ein rundliches Gesicht, keinen Schwanz und keine Backentaschen. Seine Arme sind so lang, daß sie fast bis auf den Grund reichen. (Taf. I. Fig. 1.) Der gemeine Affe, den ihr schon oft gesehen habt, lebt auf der Küste von Nordafrika und in Ostindien. Uebrigens vermehrt er sich auch bei uns in Europa. Er ist ein sehr gelehriges Thier. Zu den geschwänzten Affen gehören die Paviane, Meerkatzen und Makis. Der gemeine Pavian ist grünbraun, hat eine lange, hervorragende Schnauze und neben der Nase grüne oder rothe Streifen, und ist einer der wildesten und16 bösesten Affen. Die Meerkatzen haben meistentheils sehr lange Schwänze, die sie als eine sünfte Hand ge brauchen können. Die gemeine Meerkatze ist nußbraun, und nur um die Augen und am Bauche ist die Farbe etwas heller. Sie leben haufenweise in Afrika zusammen. Der schwarze Brüllaffe, Beel zebub, hat eine schwarze Farbe und einen überaus langen Schwanz. Er fängt des Nachts im Walde ein fürchterliches Gebrüll an, und es dauert in der Regel nicht gar lange, so stimmt die ganze Gesellschaft ein. Man sagt, daß diese Art Asien sich mit den Schwänzen aneinander klammerten und es wagten, über große Flüsse zu schwimmen. Die Makis unterscheiden sich von den übrigen durch ihre spitzen Nasen. Dazu gehört der Mongus, der aus Madagascar lebt, und der schlanke Loris, den ihr hier (Taf. 1. Fig. 2) ab gebildet findet. Man nennt ihn auch wohl Eichhörn chenasse, weil er die Größe und Farbe eines Eich hörnchens hat. Er lebt aus Ceylon. Wo liegt die Insel Ceylon? Gustav. Im indischen Ocean. * Vater. Es freut mich, daß du das noch weißt. Nun will ich euch auch noch einige lustige Geschichtlein von Affen erzählen. In England, wo man viel auf Wetllämpfe hält, wurde im Jahre 1799 auch ein solcher Kampf zwischen einem Affen und einem Bullenbeißer veranstaltet. Der Eigentümer des Affen hatte sich Vorbehalten, dem Asien einen Knüppel von einem Fuß Länge als Waffe geben zu dürfen. Unzählige Menschen waren herbei geströmt, und man hielt es für gewiß, daß der Affe in wenigen Minuten eine Beute des wüthenden Hundes werden würde. Kurz vorher, ehe der Kamps17 begann, warf der Eigentümer des Affen diesem einen Knüppel zu und rief: „Jakob, sieh' dich vor!" Der Bullenbeißer sprang grimmig heran. Jakob that einen ungeheuren Seitensprung, und im Hui saß er feinem Feinde auf dem Rücken. Schnell biß er sich in den Hals des Hundes ein, faßte mit einer Hand des Hundes Ohr, und schlug nun so furchtbar auf den selben los, daß er laut heulend wie rasend umherlief und halbtodt, nachdem man ihm zu Hülfe eilte, aus den Händen des Affen gerettet wurde. Nun ein anderes Histörchen. Ein Handelsmann reifete auf der Küste von Bengalen. Als die Sonne am höchsten stand und er sehr ermüdet war, legte er sich in den Schatten eines Baumes, um auszuruhen. Er nahm aus einer seiner Kisten eine weiße Nacht mütze und setzte dieselbe auf. Kaum war er ein geschlafen, so machten sich mehrere Affen über die Kiste her, die mit lauter Mützen bepackt war. Als dieser erwachte, sah er zu seinem großen Verdruß über zwanzig Assen auf den Bäumen sitzen, alle mit weißen Nachtmützen bedeckt. Anfangs lachte er darüber, allein als er den großen Verlust bedachte, wurde es ihm nicht sonderlich zu Muthe. Ein hinzukommender Eingeborener wußte bald Rath. Der Kaufmann mußte ihn mit der Mütze werfen und er warf den Kaufmann wieder. Kaum sahen dies die Affen, als derselbe Spaß auf den Bäu men eben so anfing. Nun warf der Eingeborene schnell die Mütze gewaltig zur Erde, und im Augen blicke kamen alle Mützen herunter geflogen, als hätte es Nachtmützen geschneit. Der Kaufmann war schnell bei der Hand, um die Mützen wieder einzu sammeln. Der kl. Raff. 218 Gustav. Heisa! Das hätte ich sehen mögen. Ewald. Erzählst du noch mehr solche Geschichten, lieber Vater? Vater. Für diesmal nicht, wir kämen sonst nicht weiter. — Nun, Alwina, welche Sängethiere ge hören zur dritten Ordnung? Alwina. Sängethiere, deren Vorder- und Hinterfüße durch Flatterhäute verbunden s i nd. Vater. Richtig, es ist das Fledermaus-Ge schlecht, von welchem man bei zwanzig Gattungen kennt. Die Vordersüße sind durch eine florähnliche Haut mit deir Hinterfüßen verbunden, und vermittelst dieser Haut können sie flattern. Fast ans der ganzen Erde leben diese Thiere, wenn auch mehr in den heißen als in den kalten Ländern. Bei Tage sitzen sie in ihren Schlupfwinkeln, und nur in der Dämmerung flattern sie herum. Im Winter fallen sie in eine Art Erstarrung, ans der sie erst mit dem kommenden Früh- linge erwachen. Emma. Die hiesige Fledermaus ist ein gar- häßliches Thier, lieber Vater; sind die übrigen auch so häßlich? Vater. Sie haben alle viele Aehnlichkeit Mit einander. Gustav. Haben diese Thiere d^nn nichts Gutes an sich? Vater. Wohl, sie sangen viele lästige Insekten weg. Am bemerkenswerthesten sind: 1. Der Vampyr (Tas. I. Fig. 3). Er. lebt in Südamerika und nährt sich von kleinen Thierchen und Baumsrüchten; auch19 schleicht er sich zu größeren Thieren, ja selbst zu Men schen heran und saugt ihnen das Blut aus. Gustav. Es ist gut, daß wir nicht in Amerika wohnen. Wie groß ist denn dieser Blutsauger? Vater. Er hat die Größe eines Eichhörnchens. 2. Der fliegende Hund, der sich auf den Süd seeinseln aufhält, nährt sich meistens nur von Pflanzen. Er hat einen hundeähnlichen Kops und mißt ausge breitet bei drei Ellen. Sein Fleisch wird gegessen und sein Haar benutzt man zu Webereien. 3. Die Hufeisennase lebt im südlichen Europa, hat oben keine Vorderzähne und eine Nase — — Alwin a. Die einem Hufeisen ähnlich ist. 4. Die gemeine Fledermaus — nun, die soll Gustav beschreiben. Gustav. Ist ein häßliches Thier, welches in alten Mauern und sonstigen Schlupfwinkeln seine Wohnung hat, und als ein lästiger Gast die Speise kammer besucht. Jst's nicht wahr, Mutter? Mutter. Allerdings, mein Sohn, doch fressen die Fledermäuse keinen Speck, wie man bisher geglaubt hat, sondern jagen nur den Insekten nach. Und da sie so viele schädliche Insekten vertilgen, so wollen wir sie gar nicht verachten. Vater. Wir gehen jetzt über zur . vierten Ordnung. Emma. Das sind die Säugethiere, die an allen Füßen freie Zehen haben. Vater. Ei siehe, unsere Emma hat gut aus gepaßt. Die erste Unterabtheilung machen die Nage-20 thiere aus. Sie haben nur scharfe Vorderzähne und Backenzähne, und leben meistens von Pflanzen. Dazu gehört a. Das Eichhörnchengeschlecht. Das flie gende Eichhörnchen lebt in Rußland, Sibirien und in Liestand, hat zwischen den Vorder- und Hinter füßen ein schlappes Fell, welches ausgespannt zu einem Fallschirme dient. Das gemeine Eichhörnchen, welches bei uns lebt, kennt ihr ja alle. Ewald. Ei wohl, es ist ein hübsches, munteres Thierchen, welches gerne Nüsse und Zucker frißt. Gustav. Es hat einen langen, dichtbehaarten Schwanz, aus dessen Haaren man Malerpinsel macht. Vater. Es ist ein gar sorgsames Thierchen, denn mit Fleiß trägt es sich für den Winter einen großen Vorrath zusammen. In Nordamerika lebt ein gestreiftes Eichhörnchen, welches sich unter der Erde aufhält und Bsckentaschen hat. b. Das Mäusegeschlecht kommt nun an die Reihe. Es gibt Mäuse mit runden, dicken Schwänzen, wozu z. B. der Siebenschläfer gehört. Er hält sich im südlichen Europa auf und wohnt in hohlen Bäumen. An Größe gleicht er einer Ratte, ist oben grau und unten weiß und hat einen langen, zottigen Schwanz. Nüsse, Kastanien und Eicheln sind seine Lieblingsspeise. Die alten Römer mästeten ihn und verspeisten ihn dann als Leckerbissen. Ewald. Woher hat er den Namen Sieben schläfer? Vater. Im Winter erstarrt er und soll bisweilen sieben Monate in dieser Erstarrung zubringen. Man nennt ihn auch wohl Rollmaus. Die kleine Hasel maus hat ebenfalls einen behaarten Schwanz, nistet21 in Dornsträuchern und erstarrt im Winter. Es ist ein recht possirliches Thierchen, welches, auf seinen Hinterfüßen sitzend, geschickt Haselnüsse zu öffnen ver steht. Zu den Mäusen mit schwachen, säst nackten Schwänzen gehört die Wurzelmaus, auch ökono mische Maus genannt, welche in Sibirien und Kamt schatka zu Hause ist. Sie sammelt fleißig für den Winter ein, allein die Bewohner dortiger Gegend suchen die Vorrathskammern der armen Mäuslein auf und nehmen das Beste weg. Die Wurzelmaus hat ein braunes, wolliges Fell. Im Frühjahr treten diese Mäuse in großer Gesellschaft ihre Wanderungen an, und kehren gegen den Herbst mit großem Ver^ luste in ihre Heimath zurück. Die Waldmaus, welche einen weißen Bauch und eine gelbe Brust hat, wird der Holzsaat und den Feldfrüchten sehr schädlich. Auch diese wandern oft in großen Schaa- ren anderen Gegenden zu. Die Feldmaus, die Hausmaus und die Ratten sind euch bekannt, und ist nicht viel Rühmliches von diesen Thieren zu sagen. Emma. Sonst würde man sie nicht wegzufangen suchen. Gustav. Unser großer Hauskater macht übrigens gerne Bekanntschaft mit der ganzen Sippschaft dieser Thiere. Vater. Run gibt es noch Mäuse, die kurze oder gar keine Schwänze haben. Wißt ihr noch, wie das Thierchen heißt, mit dem der kleine Savoparde vor einiger Zeit herum zog, und das allerlei possirliche Kunststückchen machte? Gustav. Das war ein Murmelthier. Vater. Wer will es mir beschreiben?Emma. Ich! Das Murmelthierchen ist so groß wie ein kleines Kaninchen, ist brannroth, hat weiße Füßchen und ein schwarzes Schwänzchen. Mehr weiß ich nicht davon. Vater. Gut, das Murmelthier lebt in großen Gesellschaften auf den hohen Alpen, baut sich künstliche Wohnungen und wenn der Winter kommt, so fällt es in den Schlaf. Dieser Winterschlaf dauert bisweilen 10 Monate. Gustav. Na, das heißt geschlafen! Da wäre unser Hans gut bei, der schläft auch gerne lange. Vater. Es nützt übrigens den Menschen durch ^ein wohlschmeckendes Fleisch und durch sein Fell. — Der Hamster ist so groß als eine Ratte, hat einen kurzen, kahlen Schwanz und ist oben suchsroth und unten schwarz. Er lebt in Polen und auch bei uns in Deutschland, baut sich künstliche Wohnungen, in Kammern abgetheilt, welche er im Herbst mit Getreide aller Art zu füllen sucht. Recht als ein habsüchtiger Geizhals schleppt er in seinen Backentaschen, was er nur an Weizen, Roggen und dgl. finden kann, in seine Vorrathskammern. Und hätte er noch so viel, so ist er doch so hartherzig, daß er seinen eigenen Jungen nichts davon gönnt, sondern sie gewaltsam aus seinem Baue vertreibt. Arme Leute graben Hamstern wohl nach und nehmen ihnen weg, was sie gesammelt haben. Alwina. So geht's den Hamstern ja gerade so, wie es manchem Geizhalse geht, der nicht für sich, sondern für Andere sammelt. Vater. Der Lemming ist fast noch schädlicher als der Hamster. Er lebt in Schweden, Norwegen und Sibirien, ist so groß als eine Ratte, schwarz,23 weiß und gelb, und hat eine bellende Stimme. Bis meilen tritt er in großen Schaaren weite Wanderungen an. Merkwürdig ist dabei, daß diese Thiere stets geradeaus marschiren. Kommen sie an Flüsse, so schwimmen sie durch; kommen sie an ein Fahrzeug, so geht's schnurstracks darüber hinweg u. s. w. Noch ein merkwürdiges Thierchen gehört hierher, es ist die in Polen und Rußland lebende Blindmaus, deren Augäpfel mit einem Fellchen bewachsen sind. Sie hält sich meistens in Erdhöhlen aus. e. Das Geschlecht der Halb kan inchen lebt in Südamerika, hat kleine runde Ohren und kurze Schwänze. Das Meerschweinchen gehört dazu. * Gustav. Aber das lebt ja auch bei uns. Vater. Richtig, aber nicht wild, sondern nur in der warmen Stube. Wo Meerschweinchen in einem Hause sind, sollen sich Ratten und Wanzen davon machen. Wie groß wird es? Alwina. Wie ein kleines Kaninchen. Vater. Auch gehört das Ferkelkaninchen dazu. Dieses wohnt in Brasilien, wird so groß als ein Kaninchen uud kann sein steifes Haar wie ein Schwein sträuben. Die Brasilianer machen aus dieses Thier Jagd, weil sein Fleisch schmackhaft ist. Run kommen wir Zu einem Geschlecht, welches lange Ohren, kurze Schwänze und Vorderfüße, aber lange Hinterbeine hat und äußerst schnell laufen kann. Ewald. Das sind die Hasen und Kaninchen, nicht wahr, lieber Vater? Vater. Getroffen, mein Junge. Dieses Geschlecht zeichnet sich besonders dadurch aus, daß es sich außer ordentlich vermehrt. Mögen daher die Jäger, die Füchse und die großen Raubvögel fleißig diese Thiere24 verfolgen, sie rotten es doch nicht aus. Ihr kennt den Hasen sowohl wie das Kaninchen, und ich brauche euch solche nicht zu beschreiben. Aber seht einmal her (Tas. I. Fig. 4), wie gefallt euch dieses Thierchen? Emma. Hu, was hat das für lange Beine! Ewald. Und welch' einen Schwanz! Gustav. Nun, mit dem will ich's wohl ausneh men, das scheint nicht sonderlich gefährlich zu sein. Alwina. Mit dem.Kopse sieht es einem Hasen sehr ähnlich. Vater. Es ist der Springhase, der in Asien -und in Nord-Afrika in Erdhöhlen lebt. Mit seinen langen Hinterfüßen macht er so weite Sprünge, daß ihn ein Pferd kaum einholen kann. Alwina. Dann würde Bruder Gustav mit seiner Tapferkeit auch nicht viel ausrichten. Vater. Nun haben wir noch ein Geschlecht der Nagethiere; es sind solche, die oben und unten nur zwei Vorderzähne haben und deren Rücken mit Stacheln versehen ist. Dazu gehört das Stachelschwein, welches nicht nur in Asien und Afrika, sondern auch bei uns in Europa, namentlich in Italien lebt. Es. baut seine Wohnung in der Erde und lebt von Früchten und Baumrinden. Die langen Stacheln, welche es auf seinem Rücken hat, werden zu Zahn stochern und zu Stielen der Malerpinsel gebraucht. Das Fleisch ist eßbar. Das gewöhnliche Stachelschwein hat noch zwei Verwandte, die ich euch kurz beschreiben will. Der Coündu ist ein amerikanisches Stachelschwein mit Wickelschwanz von 15 Zoll Länge. Es ist ein faules, träges Thier, lebt in Brasilien und Mexiko. Beim25 Fressen setzt es sich aus die Hinterfüße, nach Art des Eichhörnchens. Seine Bewegungen sind sehr langsam und vorsichtig. Der Cuiy ist sehr nahe verwandt, lebt ebenfalls in Südamerika. Seine rothen und gelben Stacheln sind an der Spitze mit Widerhaken versehen. Er ist ebenfalls im höchsten Grade faul und träge, und wenn er angegriffen wird, kugelt er sich zusammen. Mutter. Ich denke, wir setzen uns jetzt zu un- serm Abendbrode. Gustav. Was folgt nun, lieber Vater? Vater. Das Abendbrod. Gustav. Nein, so meine ich das nicht. Ich möchte gerne wißen, von welchem Thiere du nun er zählen wirst. Vater. Siehe dich auf morgen Abend nur mit Waffen vor, denn wir werden es mit Löwen, Bären, Tigern und dergleichen zu thun haben.26 Dritter Abend. Nun, sprach der Vater am folgenden Abend, wo bleibt Gustav und Ewald? sie sind sonst die ersten. Kaum hatte der Vater dies gesagt, so erschienen die beiden Burschen in der Thür. Aber in welchem Auf zuge! Ewald hatte seinen kleinen Säbel umge schnallt, und in der Linken hielt er einen Schild von Pappendeckel. Gustav trug seinen Pfeilbogen auf der Schulter und in der rechten Hand eine Art Lanze, welche er sich selbst verfertigt hatte. Was gibt's, ihr Burschen? fragte der Vater. Wir wollen auf die Bärenjagd, entgegnete Gustav mit einem ernsten Gesichte. Und Löwen wollen wir erlegen, rief Ewald. Nun, nun, ihr Helden, legt die Waffen einstweilen bei Seite; es wird so gefährlich nicht fein hier in der Stube hinter dem warmen Ofen. Die Knaben ge horchten und nahmen dann ihre Plätze ein. Wir stehen also an der zweiten Unterabtheilung der vierten Ordnung, bei den sogenannten wilden und reißenden Thieren, welche scharfe Vorderzähne und große Eckzähne haben. Diese Thiere sind nun nicht so gefährlich wie Löwen und Tiger, denn es gehört sogar der Igel dazu, weil er sechs scharfe Vorder- Zähne, drei Eckzähne und vier Backenzähne hat. Er lebt überall, nur nicht in den sehr kalten Ländern. Er frißt außer Wurzeln und Früchten auch Schnecken und Würmer und ist obendrein ein geschickter Mäuse fänger. Im Winter würde er verhungern müssen,27 wenn er nicht in einen langen Winterschlaf verfiele. Merkt er Gefahr, so krümmt er sich rasch zu einer Kugel zusammen, und seine scharfen Stacheln schützen ihn vor jedem Angriffe. Die Spitzmäuse gehören ebenfalls dazu. Die merkwürdigste ist die Wasser spitzmaus, welche vermittelst der Haarbüschel, die sie an jeder Fußzehe hat, sehr geschickt schwimmen kann. Bevor sie in's Wasser geht, schließt sie die Ohren mit einer Klappe. Alwina. Die Katzen fressen keine Spitzmäuse, weil sie giftig sind. Vater. Dem ist nicht so, mein Kind. Diese Thiere geben einen moschusartigen Geruch von sich, welchen die Katzen nicht lieben. Schädlicher als die Mäuse ist das Maulwurfsgeschlecht, welches durch sein Wühlen in Gärten und Wiesen großen Schaden anrichtet. Doch bringt es auch seinen Nutzen dadurch, daß es eine Menge Schnecken, Regeuwürmer und Engerlinge vertilgt. Seine Hände sind zum Wühlen sehr geschickt. In Holland gibt es sogar marmorirte und in Amerika suchsrothe Arten dieses Geschlechts. — Das Beutelthiergeschlecht ist sehr zahl reich. Das eigentliche Beutelthier lebt in Ostindien und in dem warmen Amerika, wo sein Fleisch als Delikatesse betrachtet wird. Es ist weiß, mit schwarzen Beinen und erreicht die Größe eines Marders. Sein Schwanz ist schuppig. Das Weibchen hat am Bauche eine Tasche. Sobald das Weibchen nun Junge zur Welt bringt, die immer sehr unvollkommen sind, steckt es dieselben in die Tasche, wo sich die kleinen Thierchen dann an den darin befindlichen Brüsten ansaugen. Erst dann, wenn die Jungen vollkommen ausgebildet sind, verlassen sie ihren bisherigen Aufenthaltsort.28 Die Beutelratte lebt in Südamerika. Wenn sie ihren Schlupfwinkel verläßt, um Futter aufzusuchen, oder wenn sie verfolgt wird, so nimmt sie hübsch ihre Jungen mit. Da diese aber nicht so geschwinde laufen können, so klettern sie alle sammt und sonders der Mutter aus den Rücken und wickeln sich mit ihren Schwänzen an dem Wickelschwanz der Mutter fest. Und dann geht's aus und davon. Gustav. Ei, das ist ja lustig, die lernen also das Reiten schon frühe. Vater. In Neuholland lebt noch ein Thier dieser Art, welches sehr groß ist, das Känguruh. Dieses Thier hat kurze Vorder-, aber lange Hinterbeine, mit denen es gewaltige Sprünge machen kann. Wenn es sich aufrichtet, so hat es eine Höhe von vier bis fünf Fuß. Es wird bei 140 Pfund schwer. Das Weibchen trägt sein einziges Junges, das bei der Geburt kaum so groß als eine Maus ist, 3 Monate lang im Beutel mit herum. Das Thierchen wächst in der Zeit so heran, daß es zwölf bis fünfzehn Pfund wiegt. Einige Naturforscher wollen das Känguruh zu den Nagethieren rechnen. Zu dem Jltisgeschlechte, welches sich durch seinen suchsähnlichen Kopf, seine sechs Vorder zähne, seine spitzige Zunge und seine scharfen Krallen unterscheidet, gehört die Zibethkatze. Sie lebt in Ostindien und Afrika, hat in der Nähe des Afters ein Beutelchen, in welchem das Zibeth, welches in der Apotheke gebraucht wird, sich sammelt. Die Zibethkatze nährt sich von Vögeln und kleinen Thieren. Nicht so angenehm als die Zibethkatze ist das Stinkthier. Gustav. Das hört man schon am Namen. Vater. Dieses Thier hat ebenfalls ein solches Beutelchen, das aber mit einem Safte angefüllt ist, der29 sehr unangenehm riecht. Vermittelst dieses stinkenden Saftes weiß es sich gegen jede Verfolgung zu schützen. Der-Ichneumon lebt in Aegypten und Ostindien. In Aegypten erzeigt man diesem Thierchen göttliche Ehre, weil es die Eier und Jungen des Krokodils vertilgt und es wagt, sich mit giftigen Schlangen in einen Kampf einzulassen. Alwina. Ist dieses Thier denn groß und stark? Vater. Nein, es ist dem gemeinen Iltis ähnlich, ist von grauer Farbe und hat einen langen Schwanz, mit einem Haarbüschel versehen. In den Ländern, wo es lebt, hält man dasselbe als Hausthier, um sich gegen Schlangen zu sichern. Was noch mehr ist, dieses Thier soll sich auch auf die Kräuterkunde verstehen. Wenn es z. B. von einer giftigen Schlange gebissen wird, so sucht es sich alsobald heilsame Wurzeln auf. Gustav. Da hat es große Vortheile. Alwina. Welche denn? Gustav. Es braucht weder Doctor noch Apotheker zu bezahlen. Vater. Darin hast du Recht. — Nun kommen wir zu dem Wieselgeschlecht. Die Thiere dieser Gattung haben oben und unten sechs lange, spitzige Vorderzähne, sind blutdürstig und beißig und haben kurze Füße. Fast von den meisten dieses Geschlechts wird das Fell als Pelzwerk benutzt. Die bei uns bekannten sind eben nicht beliebt, weil sie die Hühner- ställe und Eiernester sieißig besuchen und auch anderm Federvieh nachstellen. Ihr kennt sa den Baummarder, den Haus- oder Steinmarder, das Frettchen, den gemeinen Iltis und das gemeine Wiesel. Das große Wiesel und den Zobel kennt ihr nicht, ich will sie euch deshalb beschreiben.0 Gustav. Wo der Zobel lebt, weiß ich schon. Vater. Nun, wo denn? Gustav. In Sibirien, wohin Rußland seine Verbannten schickt, welche dort auf die Zobeljagd gehen müssen. Vater. Richtig, der Zobel lebt in Sibirien. Er hat einen kastanienbraunen, mit gelblich-grauer Grund wolle versehenen Pelz, eine aschgraue Kehle und eine weißliche Stirne. Der Zobelpelz wird gesucht und deshalb theuer 'bezahlt. Ganze Gesellschaften vereinigen sich nun zu der Zeit, wenn die Bälge gut sind, ge meinschaftliche Jagd zu machen, welche nicht ohne Ge fahr ist, da sich die Jäger oft fünfzig deutsche Meilen, entfernt von allen Wohnungen, aus den Schneeseldern Sibiriens befinden. Sind die mitgenommenen Lebens mittel verzehrt, so müssen sie mit Waldbeeren und andern elenden Nahrungsmitteln ihren Hunger zu stillen suchen. Um den Rückweg nicht zu verfehlen, hauen die Jäger in die Bäume Zeichen. Diese Zobeljagd dauert bis Ende Februar. Die Bälge werden nach ihrer Güte mit 50 bis 70 Rubeln bezahlt. Alwina. Und wie groß ist ein solcher Zobel? Vater. Seine Länge beträgt bei 28 Zoll, wovon beinahe die Hälfte auf den buschigen Schwanz kommt. — Das große Wiesel, welches in Rußland, Lapp land und Norwegen lebt, nährt sich von Vögeln, Mäusen u. s. w. Im Sommer ist es braun, im Winter aber schneeweiß mit schwarzer Spitze am Schwanz. Sein Pelz wird theuer bezahlt. Es wird nur 10 Zoll lang. — Nun, Burschen, haltet euch tapfer, wir kommen jetzt an das Bärengeschlecht. G u st a v. Hallo, Ewald, heran! Ewald. Du bist der Größte, du mußt voraus.31 Mutter. Es- wird so schlimm nicht hergehen hier hinterm warmen Ösen. Vater. Die Thiere, welche zu diesem Geschlechts gehören, werden auch wohl Sohlengeher genannt, weil sie mit der ganzen Fußsohle auftreten. Sie können sich mit Leichtigkeit auf die Hinterfüße setzen, sind langsam und fallen in den Winterschlaf. Das größte Thier dieses Geschlechts ist der Bär. Er ist plump, hat einen kurzen Schwanz und Backenzähne mit Höckern. Sein Gebiß hat Aehnlichkeit mit dem Gebisse der pflanzenfressenden Thiere. Er lebt im nördlichen Europa und Asien, doch findet man ihn auch noch in Tyrol, in der Schweiz und ans den Pyrenäen. Wo sind diese, Gustav? Gustav. Die Pyrenäen sind das Grenzgebirge zwischen Frankreich und -Spanien. Vater. Bravo! kleiner Geograph. Nun, ihr habt sa schon oft einen Bären gesehen. Alwina. Schon oft, lieber Vater, er habt brau nes, zottiges Haar. Vater. Es gibt aber auch schwarze Bären, z. B. den Baribal, welcher im nördlichen Amerika häufig vorkommt; gelblich-weiße, aschgraue und andere Bären. Das Bärenfleisch wird gegessen, sein Fell als Pelzwerk benutzt und sein Fett zu verschiedenen Salben bereitet. .Er frißt Gras, Früchte und am liebsten Honig. Nur wenn ihn die größte Noth treibt, greift er Menschen und Thiere an. Alwina. Da fällt mir eine artige Geschichte ein. Vater. Laß hören, mein Kind! Alwina. Ein Bärenfiihrer kam eines Abends in ein Dorf, und da ihn keiner ansnehmen wollte, so erbarmte sich seiner ein gutherziger Landmann. Den32 Bären brachte man, da der Bauer gerade am Morgen sein Schwein verkauft hatte, in den Schweinestall. In der Nacht kommen nun zwei Diebe, um das Schwein zu stehlen. Nachdem sie die Thür geöffnet, schleicht der Eine hinein, tappt umher, greift aus etwas Rau hes und wird plötzlich von dem Bären so fest umarmt, daß er kaum zu schreien vermochte. Kaum hörte dies der Andere, als er auch schon davon läuft. Am Morgen fand man den armen Wicht, halb erdrückt, neben dem Bären, der ihm den Weg versperrt hatte. Der Dieb wurde darauf dem Gerichte übergeben. Vater. Gut gemacht! — Aber wisset ihr auch, wie man die Bären fängt? Hört zu! Zum Zähmen stellt man mehr den Jungen als den Alten nach. Man fängt sie in Schlingen, Fangeisen u. s. w. Doch hat man hin und wieder noch andere Mittel. In Sibirien macht man es aus folgende Art: Man legt aus die Fährte eines Bären Schlingen, an welchen schwere Klötze befestigt sind. Fängt sich nun ein Bär in einer solchen Schlinge, und sieht er sich dann von dem Klotz gehindert, so greift er wüthend den Klotz auf und schleudert ihn mit Gewalt von sich. Natür lich wird der Bär mit dem Klotze fortgerissen und oft sogleich erdrosselt. Der Eisbär, den ich euch abgebildet zeige (Taf. I. Fig. 5), hat einen weißen, schlichten Pelz. Er wohnt aus den Eisfeldern des Nordens und lebt von Fischen, Seehunden u. dgl. Er ist nicht nur größer, sondern auch gefährlicher als der Landbär. Die Bären überhaupt vertheidigen sich stehend und erdrücken den, den sie ergreifen. Der berühmte Welt- umsegler Cook befand sich 1788 in der Nähe von Spitzbergen und ging hier, in Gesellschaft des Schiffs-33 Wundarztes und des Steuermanns, an's Land. Wäh rend diese drei am Ufer hin und her wandern, wird Cook auf einmal von einem Eisbären im Rücken angefallen. Lange überlegen, was hier zu thun fei, war unnütz; deswegen rief Cook dem Wundarzte zu, auf das Thier zu schießen. Man denke sich diese schreckliche Lage! Aber der Arzt hatte Ruhe und Geistesgegenwart. Er .zielt, drückt ab, und — Cook — ist befreit. Die Kugel hatte das Gehirn des Bären zerschmettert. Gustaw. Ra, dieser Arzt war ein zweiter Tell. Vater. Er mußte ein guter Schütze sein; aber die Vorsehung war es, die hier schützend über dem Kapitän waltete. Roch eine Erzählung. Der Schiffs kapitän Havkins durchfuhr im Juli 1818 die Da visstraße. Er machte aus einem Boote einen Angriff auf einen Eisbären. Zweimal hatte er dem Thiere die Lanze in die Brust gestoßen, und als er zum dritten Stoß ausholte, erhob sich das verwundete Thier, faßte den Kapitän am Schenkel und zog ihn in's Wasser. Wären die Andern der Schiffsmannschaft nicht schnell zur Hülfe herbeigekommen, so hätte Hav kins wahrscheinlich sein Leben eingebüßt. Havkins wurde gerettet, doch der Bär rettete sich selbst auch durch geschicktes Untertauchen und Weiterschwimmen. — Der Vielfraß gehört auch zu dem Bärengeschlechte. Er lebt in Sibirien, wird so groß als ein Dachshund, hat eine schwarzbraune Farbe und ist ein gieriges ge fräßiges Thier. Gustav. Darum heißt er auch wohl Vielfraß? Vater. Rein, mein Kind, so gefräßig ist er nicht, als man ihn verschrieen hat. Der Name Viel fraß kommt von dem Worte Fial-Fraß, d. i. Berg- Der n. Raff. Z84 bewohner. Sein schönes Fell wird theuer bezahlt. Er ist muthig und listig. Von einem Baume herunter springt er sogar Bären und Wölfen auf den Rücken und beißt sie todt. Der Dachs lebt auch bei uns in seinem Baue, den er in der Erde anlegt. Er er reicht die Größe eines mittelmäßigen Hundes, ist oben grau, unten schwarz. Er nährt sich von Hasen, Ka ninchen, Mäusen und von den Pflanzen. Pflaumen und Brombeeren sucht er sich gerne aus. Im Winter schläft er, die Schnauze in seinen Fettbeutel gesteckt. Das Fett wird als Arznei gebraucht, und *mit seinem Felle beschlägt man Reisekoffer und andere dergleichen Geräthschaften. Die Jäger stellen ihm mit Dachs hunden und Fangeisen nach. Der Waschbär ist graubraun, hat eine weiße Schnauze, quer über die Augen einen braunen Streifen und einen weiß und braun geringelten Schwanz. Man trifft ihn in Nord amerika. Alles, was er frißt, taucht er vorher in's Wasser und wäscht es gleichsam. Er erreicht die Größe eines Dachses und ist träge und gutmüthig. — Das Hundegeschlecht hat sechs Vorderzähne Und lange Seitenzähne, an den Vorderfüßen fünf und an den Hinterfüßen vier scharfe Zehen. Run nennt mir der Reihe nach einige Hundearten. Ewald. Jagdhunde. Emma. Schäferhunde. Gustav. Pudel, Spitze, Möpse, Doggen. Alwina. Windhunde, Bullenbeißer, Bologneser hündchen. Vater. Schon genug. Der Hund ist nicht nur ein sehr nützliches, sondern auch ein sehr treues Thier. Soll ich euch von seiner Treue ein Beispiel erzählen? Alle. Bitte! bitte! lieber Vater.3 * 35 Vater. Einem Metzger wurde sein großer Metzger hund gestohlen. Nach Verlauf von zwei Jahren macht der Metzger eine Reise, um Vieh zu kaufen. Gegen Abend gelangte er in ein Wirthshaus, das einsam am Ende eines Waldes lag. Gerne wäre er wei ter gegangen, denn es schien ihm sehr verdächtig zu sein, allein er konnte nicht. Er hatte sich nicht getäuscht. Um Mitternacht drangen zwei Kerle in seine Stube, um ihn zu plündern. Der Metzger hatte sich nicht zu Bette gelegt, sondern saß auf einem Stuhle. Er setzte sich gewaltsam zur Wehr, um Alles zu wagen. Da holten die Räuber einen großen Hund herbei, den sie auf den Metzger hetzten. Aber siehe, plötzlich verändert sich die Scene. Der Hund erkennt seinen alten Herrn wieder, denn es war der gestohlene Hund des Metzgers, und stürzt sich auf die Räuber, reißt den einen nieder, während der Metzger den andern mit seinem gewaltigen Stock zu Boden schlägt. Schnell entsprang der Metzger nun, und sein treues Thier folgte ihm, indem es immer liebkosend an ihm heraus sprang. Mutter. Auch ich will euch ein artiges Beispiel von der Treue eines Hundes erzählen. Ein Land mann vermißte eines Abends sein vier Jcchre altes Kind. Weinend und wehklagend suchten die betrübten Eltern überall nach, aber vergebens. Am andern Morgen kommt der Hofhund, den man auch vermißt hatte, wieder an. Man gibt ihm ein Stück Brod und achtet, vor Kummer und Angst über das verlorene Kindlein, nicht weiter auf den Hund. Den ganzen Tag über läßt sich dieser auch nicht sehen, bis zum nächsten Morgen, wo er wieder erscheint, um sein ge wohntes Morgenbrod zu empfangen. Kaum hat er36 solches erhalten, als er auch schon wieder davon läuft. Der Vater geht ihm nach und gelangt durch Hecken und Gebüsch zu einer abgelegenen Steingrube. Hier sah er — sein,verlorenes Kind sitzen, welches sich das Brod, das ihm der treue Hund gebracht hatte, wohl schmecken ließ. Alwina. Wie wird sich die Mutter gefreut haben ! Gustav. Nun bin ich den Hunden noch einmal so gut, da ich weiß, daß sie so treue Thiere sind. Vater. Nun wollen wir aber fortsahren. Der Fuchs gehört in die Reihe. Gustav. Von diesem Hühnerdiebe ist gewiß nicht so viel Gutes zu erzählen. Vater. Gewiß nicht, wohl listige Streiche, wie er Hasen und Hühner schlau zu erhaschen weiß und wie ein Küster seine Ostereier zusammenholt, ohne sich hübsch zu bedanken. Er hat einen buschigen, hän genden Schwanz, Ohren wie ein Spitzhund und wohnt in Gruben. Die Jäger stellen ihm fleißig nach, weil er der Jagd sehr schädlich ist und weil sein Pelz gut bezahlt wird. Der Brandfuchs und der Kreuzfuchs sind Spielarten des gemeinen Fuchses. Der schwarze Fuchs lebt in den Polargegenden, ebenso der weiße Fuchs. Beide liefern ein kostbares Pelzwerk. Der Zerda Fennek in Nubien ist der kleinste aller Füchse. — Für heute wollen wir schließen. Wenn ihr morgen Abend die Geschichte, welche die Mutter erzählt hat, hübsch ausgeschrieben habt, so werde ich fortfahren.37 Vierter Abend. Nun, das muß ich loben, sprach der Vater, ihr habt die Geschichte recht hübsch und schön ausgeschrieben. Zur Belohnung werde ich euch dafür eine recht drollige Geschichte von einem Wolfe und einem Violinspieler erzählen. Der Wolf gehört auch zu dem Hunde geschlecht. Er lebt in kälteren Gegenden; wird es aber im Winter recht grimmig kalt, so läßt er sich in unseren Gegenden auch wohl sehen. Sein Heißhunger ist bekannt, denn man spricht wohl: Er frißt wie ein Wolf. Es gibt schwarze und weiße Wölfe, doch die, meisten sind gelbbraun, weiß und grau. Er hat die Größe eines starken Hundes. Sein Blick ist tückisch und sein Gang schleichend mit niederhängendem Schwänze. Nun hört die Geschichte. Es ging einmal ein Geigersmann von einer Kirch- weihe nach Hause, auf welcher er den Leuten bis tief in die Nacht aufgegeigt hatte. Das Männlein ging ohnehin nicht gerne auf dem geraden Wege und kam daher auch in dem dichten Forste, durch den es mußte, bald so weit zur Seite ab, daß es am Ende in eine Grube fiel, welche der Jäger zum Wolfsfange ge graben hatte. Der Schreck war schon groß genug für den Geiger, da er so ohne Weiteres von der ebenen Erde hinunter in die Tiefe fuhr, wurde aber noch größer, da er unten auf etwas Lebendiges fiel, was wild aussprang, und da er bemerkte, daß es ein Wolf sei, der ihn da mit glühenden Augen ansehe.38 Der Mann hatte nichts in der Hand als seine Geige, und in der Angst fängt er an, da vor dem geöffneten Wolfsrachen alle feine Stücklein aufzugeigen, die ihm aber diesmal selber nicht lustig vorkamen. Dem Wolfe mußte aber diese Musik ganz besonders schön und rührend Vorkommen, denn das dumme Vieh fing an überlaut zu heulen, was wohl, wie bei unfern musikalischen Hunden, wenn sie Sang und Klang hören, gesungen heißen sollte. Die andern Wölfe draußen im Walde, da sie ihren Kameraden drinnen in der Grube so singen hörten, stimmten auch mit ein, und ihr Geheul kam manchmal so nahe, daß das Geigerlein, an welchem kaum ein einziger Wolf satt geworden wäre, geschweige zwei, jeden Augenblick fürchten mußte, es käme noch ein anderer, auch noch wvhl ein dritter und vierter Gast zu seinem bischen Fleisch in die Grube hinein. Unser Kapellmeister in der Wüste guckte indeß einmal über's andere in die Höhe, ob's noch nicht Tag werden wollte, denn das Geigen war ihm sein Lebtag noch nicht so lang ge worden, und so ganz sauer und niederttächtig vorge kommen, als da vor dem Wolfe, und er hätte lieber Holz dafür hacken wollen, zwanzig Jahre lang alle Wochentage. Ehe aber der Morgen kam, waren schon zwei Saiten an seiner Geige gerissen, und da es Tag wurde, riß die dritte und der Geiger spielte nun bloß noch auf der vierten und letzten, und wäre die auch noch gerissen, so hätte ihm der Wolf, der durch das viele Heulen, die ganze Nacht hindurch, nur noch hungriger gewor den war, keine Zeit mehr gelassen zum Wiederausziehen, sondern hätte ihn dabei aufgefressen. Da kam zum Glück der alte Jobst, der Jäger, der den Wolf schon von Weitem singen, den Geiger aber in der89 Nähe geigen hörte. Dieser zog den Kapellmeister- gerade noch zur rechten Zeit von dem hungrigen Wolfe heraus, und erlegte dann diesen. Der Kapellmeister ging aber ganz still seines Weges, und nahm sich vor, künftig lieber am Tage und aus geradem Wege nach Hause zu gehen. Das Geigen im Wirthshause war ihm auch ganz entleidet, daß er zu seinen Kameraden sagte, er wolle sich lieber mit der Nähnadel, denn er war ein Schneider, sein tägliches Brod verdienen, und wenn er einmal eins aus Saiten aufspielen wollte, so thäte er's lieber in der Kirche als im Wirthshause, denn von dort sei ein geraderer und sicherer Weg nach Hause, sei auch nicht so weit dahin, als vom Wirthshause. Gustav. Das war eine hübsche Geschichte. Alwina. Aber dem Schneider sollte sie wohl nicht hübsch Vorkommen. Im ersten Bändchen der Prämien-Bibliothek haben wir auch eine hübsche Ge schichte von dem deutschen Jägerburschen, der mit er- nem Wolfe kämpfte, gelesen. Vater. Es freut mich, daß ihr so etwas behaltet. Ein noch reißenderes Thier als der Wolf ist der Schakal, welcher sogar Leichen aus der Erde scharrt. Seine Farbe ist goldgelb und grau. Sein Vaterland ist Bengalen und Nordafrika. — Die Hyäne, welche vorzüglich in Afrika lebt, ist ein wildes, grimmiges Thier, welches, wie der Schakal, Leichen und Aas aussucht, ja, sogar in Dörfer kommt und Menschen ansällt. Sie hat ein widerliches Ansehen, und ihr Geschrei gleicht dem Lachen eines Menschen. Merk würdig ist es, daß gezähmte Hyänen zur Nachtzeit ihrer angebornen Raubgier folgen. So erzählt der Reisende Bruce, daß er eine gezähmte Hyäne besessen, die sich über Tag mit einer Ziege und einem Lamme40 in ein und demselben Behälter sehr wohl vertragen habe; während der Nacht aber habe dieselbe Hyäne einen Luchs, einen jungen Esel und eine Ziege bis auf wenige Knochen aufgefressen. Gustav. Na, so eine Hyäne ist aber von geseg netem Appetit, und wahrlich kein wohlfeiler Kostgänger. Vater. Darin hast du Recht, mein Junge. Diesem gefährlichen Thiere stellt man fleißig nach, indem man ihm Fallen in der Art der Mäusefallen legt, oder sie durch Selbstschüsse tobtet. Die gefleckte Hyäne befindet sich in der Nähe der Kapstadt in großer Menge, und merkwürdig ist es, daß dieses Thier bei Nachtzeit größer erscheint als am Tage, und daß seine Haare während der Nacht dem Beobachter fast weiß Vorkom men. Hier seht ihr eine abgebildet (Taf. I. Fig. 6). Es gibt eine gefleckte und eine gestreifte Hyäne. Gustav. Schon an der Abbildung kann anan sehen, daß der Hyäne nicht zu trauen ist. Wie sie schleichend dusteht mit gesträubtem Haare! Vat-er. Das Katzengeschlecht. Die Thiere dieser Gattung haben einen runden Kopf, rauhe Zunge, sechs spitzige Vorderzähne und Krallen, welche sie ein ziehen und ausstrecken können. Dazu gehört der Löwe (Taf. I. Fig. 7). Man trifft denselben nur noch in Afrika und in einigen Gegenden Asiens. Er hat ein majestätisches Ansehen, weshalb man ihn in der Fabel auch als König der Thiere auftreten läßt. Sein Körper ist über fünf Fuß lang, und braungelb sind seine Haare. Das Männchen hat eine starke Mähne und einen Büschel an seinem Schwänze. Die Stärke des Löwen ist unglaublich groß. Mit einem Schlage schlägt er einem Pferde das Rückgrat ein, und mit seinem zwei Fuß langen Schwänze kann er einen41 Menschen tobt schlagen. Des Nachts geht er auf Raub aus. Nur bei großem Hunger fällt er Menschen an. Der Löwe bleibt demungeachtet ein sehr gefähr liches Raubthier, und es darf uns nicht wundern, daß man fleißig Jagd auf dieses Thier macht. Alwina. Die Löwenjagd ist doch wohl die ge fährlichste aller Jagden. Vater. Darin hast du Recht. Ich will euch einige Beispiele erzählen. Ein gewisser Rendsburg ging mit seinem Vetter auf die Löwenjagd. Sie entdeckten in einem Gebüsche einen Löwen, trieben deshalb die Hunde hinein und besetzten die Ausgänge. Der Löwe brach hervor, stürzte auf Rendsburg los, erfaßte denselben von der Seite und ergriff ihn am linken Arme. Der Vetter, ein feiger Mensch, der, anstatt selbst zu helfen, ein paar Hottentotten, die man mitgenommen hatte und die am andern Ende aufge stellt waren, herbei rief, kam zu spät mit seiner Hülfe. Rendsburg hatte Alles versucht, was Muth und Geistesgegenwart ihm anrieth. Mit seiner Rechten ergriff er sein Jagdmesser, und durchbohrte damit die Brust des Löwen an mehreren Stellen. Doch wüthender wird dadurch der Kampf. Der Löwe reißt den kräftigen Jäger endlich vom Pferde, und Rendsburg wehrt sich mit Verzweiflung. Die Herbeieilenden finden den Löwen tobt und den tapfern Rendsburg in seinem Blute schwimmend. Nach einigen Minuten gab der muthige Kämpfer seinen Geist auf. Nun noch ein anderes Beispiel. Tjaard v_an der Wald hatte auch einen gefähr lichen Kampf mit einem Löwen zu bestehen. Es war während einer Jagd. Tjaard hatte den Löwen ver wundet, und dieser thut in seiner Wuth einige gewaltige42 Sätze, springt dem Pferde, welches Tsaard reitet, auf den Rücken, und schlägt feine Tatzen dem Jäger in den Schenkel. Das Pferd ist fast niedergedrückt von der Last des Löwen. In diesem entscheidenden Augen blick hört Tjaard seinen Bruder Johannes hinter sich her galoppiren und ruft ihm zu, um Gotteswillen zu schießen, er möge treffen, was er wolle. Johannes besinnt sich auch nicht lange, zielt und schießt dem Löwen durch den Kopf, und o Glück! die Kugel fährt durch den Sattel; Pferd und Reiter werden von ihr nicht berührt. Man führt auch wohl gezähmte Löwen bei uns zur Schau herum. Die Wärter sind nicht selten so mit ihnen vertraut, daß sie nicht nur die Hand, son dern sogar den Kopf in des Löwen Rachen zu stecken wagen. Es ist dies indessen immer sehr gewagt. Eine Wärterin bei einer Menagerie in Kassel erfuhr dies. Oft hatte sie den Zuschauern gezeigt, wie ver traut sie mit dem Löwen sei. Eines Tages aber, als sie auch ihren Kopf in des Löwen Rachen steckt, schnappt derselbe zu, und die Frau wurde ein Opfer. Man erzählt Mancherlei von seiner Großmuth, wovon aber wohl sehr Vieles erdichtet ist. So viel ist gewiß, daß er bei Weitem nicht so raubgierig ift, als der Tiger. Dieses blutdürstige Thier lebt im heißen Asien und ist größer und stärker als der Löwe. Da das Weibchen wohl vier Junge auf einmal wirft, so würde sich dieses schreckliche Thier außerordentlich vermehren, wenn es nicht so eingerichtet wäre, daß der blutdürstige Vater bisweilen seine eigenen Kinder auf frißt. Seine lange, blutrothe Zunge hat er häufig zum Halse heraushangen, und seine Lust zum Würgen ist überaus stark. Kein anderes Raubthier duldet er in43 seiner Nähe. — Der Panther (Taf. I. Fig. 8), welcher in Asien und Afrika lebt, wird so groß, als ein junger Metzgerhund. Sein schönes braungelbes Fell ist mit schwarzen Flecken versehen. Er ist raubgierig; doch weil er dabei furchtsam ist, so be lauert er seine Beute und fällt plötzlich über ste her. Wie schnell er ist, davon ein Beispiel. Ein Land mann kam einst in eine Menagerie, wo unter Anderm auch ein Panther zu sehen war. Ruhig und still lag er da in seinem Käsig. Ei, dachte der Landmann, du kannst doch wohl einmal aufstehen, ich will für mein Geld doch auch etwas sehen. Er wollte mit der Hand auf ein Brettchen, welches sich außerhalb des Käfigs befand, schlagen, damit der Panther ausspringen möchte. Kaum hatte er die Hand ausgehoben, als der Panther auch schon kampsgerüstet dastand und die Hand ergriffen hatte, die er gewaltig zerfleischte. — Der Leopard (Taf. 1. Fig. 9) scheint eine Abart des Panthers zu sein. Sein Fell ist mit kleinen runden Flecken versehen und wird sehr geschätzt. — In Arabien, Persien, Ost indien und China gibt es einen Panther, welcher so groß als ein Hofhund wird und der ein weißes Fell mit schwarzen Flecken hat, übrigens ein grausames Thier ist. Dem Panther sehr ähnlich ist der A^neri- kanische Tiger, der Jaguar. Der Luchs, der in Deutschland, Italien und Sibirien lebt und in Erd höhlen sich aushält, ist so groß als ein Fuchs, rost braun mit weißen und braunen Flecken. In der Dämmerung besteigt er einen Baum und lauert, als ein wahrer Straßenräuber, auf vorübergehende Beute. Naht sich ein Thier, so springt er ihm behende auf den Rücken, beißt ihm das Genick ein und saugt mit gierigen Zügen das Blut aus. Sein Fell gibt Pelzwerk.44 Gustav. Sagtest du nicht, daß der Luchs auch in Deutschland lebe? Vater. Freilich. In bewohnten Gegenden trifft man ihn selten. In den Böhmischen Gebirgen und auf den Tyroler Alpen aber ist er noch häufig. — Die Katze, nun, wer will mir etwas von ihr sagen? Alwina. Die Katze ist ein sehr nützliches Thier, welches Mäuse und Ratten vertilgt. Gustav. (Heimlich zu Alwina: Ich werde ihr keine Lobrede halten.) Die Katze ist ein falsches, listiges Thier, vor welchem man alle Schränke wohl verschließen muß. Auch habe ich gelesen, daß es sehr gefährlich ist, eine Katze bei kleinen Kindern allein zu lassen. Weil die Katze die Wärme liebt, so legt sie sich auf den Mund des Kindes, welches in der Wiege liegt, und das arme Kind muß ersticken. Vater. Ja, man hat auch Beispiele gehabt, wo eine Katze einem schlafenden Menschen die Kehle durch bissen hat, weil sie den sich bewegenden Kehlkopf für eine Maus gehalten hat. Die Katze ist nur anhäng lich an den Menschen, wenn er sie füttert. Sie geht aber nicht mit ihm, wenn er seine Wohnung ändert; sie bleibt da, wo sie alle Wege und Schliche kennt. Es gibt auch eine wilde Katze, welche sich durch ihre Größe von der Hauskatze unterscheidet. Die wilde Katze ist von Farbe dunkelgrau. Es gibt mehrere Racen von Katzen. In China gibt es sogar Katzen mit hängenden Ohren. — Nun gehen wir über zu der dritten Unterabtheilung der vierten Ordnung. Sie umfaßt die Thiere, welche keine Vorderzähne haben, die Faulthiere. Der Ai, oder das eigent liche Faulthier hat ein glattes, af^enähnliches Gesicht und an den Füßen drei lange Nägel. Es lebt auf45 Bäumen und nährt sich von Laub und Knospen. Da es sich auf dem Boden nicht gut fortbewegen kann, so hat man solches seiner Trägheit zugeschrieben. Merk- würdig ist es, daß die Haare nach oben borstenartig und nach der Wurzel hin so sein wie die Spinn gewebe werden. Sie haben die Farbe der Baum rinde. — Der Ameisenbär lebt in Südamerika. Es gibt zwei Arten, eine, welche so groß wie ein Eichhörnchen wird. Ihr Kopf ist rüsselförmig und ihre Zunge ist lang und rund. Kommt der Ameisenbär an einen Ameisenhaufen, so macht er seine Zunge klebrig und steckt sie in denselben hinein. Sobald er merkt, daß sich viele angesetzt haben, zieht er sie heraus und verspeist sie. Das Schuppenthier und das Armadill gehören ebenfalls hierher. Sie sind sanfte und unschädliche Thiere. — Weil wir bis zur fünften Ordnung gekommen sind, so wollen wir für heute Halt machen.46 Fünfter Abend. Vater. Munter, Gustav, was gibt's heute? Gustav. Wir sind gekommen bis zur sünften Ordnung: Säugethiere mit Hufen. Dazu gehört das Pferd. Soll ich fortfahren, lieber Vater? Vater. Gut, erzähle nur weiter. Gustav. Das Pferd ist ein schönes, edles Thier. Es ist ein nützliches Hausthier. Es kann ziehen, tragen, pflügen u. s. w. Es ist groß und stark. Die Farbe der Pferde ist verschieden. — Und — nun kommt das Beste — wenn ich groß bin, kauft mir der Vater ein schönes Pferd und dann zieh' ich in den Krieg. Ewald. Ich zieh' auch mit, und dann wollen wir singen: Frisch auf, Kameraden, auf's Pferd! auf's Pferd! — Vater. Da seht einmal die beiden Helden! Wie werden sie ihre Rosse tummeln, daß der Boden rauchen wird. Das Pferd kennen wir wohl Alle. Die vorzüg lichsten Racen der Pferde find die Arabischen, die Spanischen, die Englischen und die Polnischen Pferde. Viele Völker essen das Fleisch der Pferde und bereiten aus der Milch ein dem Branntwein ähnliches Getränk. Nun kommt die Reihe an den Esel,47 der in unseren Gegenden klein und träge ist, in wärmeren Gegenden hingegen ist er munter und be hende. Der Esel ist ebenfalls ein nützliches Thier. In Spanien und Italien werden die Esel zum Reiten gebraucht. Eselmilch soll sehr gesund sein. Seht euch einmal dieses Bildchen an! (Tas. II. Fig. 1). Gustav. Ei, das sieht einem Pferde sehr ähnlich. Alwina. Die schwarzen Querstreisen sehen auf dem weißen Grunde recht hübsch aus. Vater. Dieses Thier lebt in Afrika, ist wild und schnell. Sein Fleisch wird gegessen und aus- dem Felle macht man Pferdedecken. Es ist das Zebra. Ein dem Zebra ähnliches, aber nicht ganz so schönes Thier ist der im südlichen Afrika lebende Quagga. Er hat einen hellbraunen Rücken mit dunkelbraunen Streifen. Mit dieser Ordnung wären wir fertig und kämen nun an die sechste Ordnung: Thiere mit gespaltenen Klauen, Wiederkäuer. Diese Ordnung zählt wieder mehrere Geschlechter. Das Kamee lg e schlecht hat keine Hörner, eine ge spaltene Oberlippe und spaltensörmige Vorderzähne. Das Kamee l (Tas. II. Fig. 2) ist zwar kein sehr schönes, aber ein höchst nützliches Thier. Nun, Gustav, du hast ja schon ein Kameel gesehen, beschreibe es! Gustav. Das Kameel sieht röthlichgrau aus, hat einen sehr langen Hals und starke Schwielen unter den Füßen. Aus seinem Rücken trägt es beständig einen Höcker mit sich herum. Vater. Diese heißen auch Dromedare. Eine andere Art, welche zwei solcher Fetthöcker hat, machen die Trampelthiere aus. Das Kameel wird zum48 Reiten und Lasttragen gebraucht. Sein Fleisch wird gegessen, aus den Haaren Zeuge gewebt, aus seiner Milch wird Branntwein bereitet; folglich in jeder Hin sicht ein sehr nützliches Thier. Alwina. Ist es wahr, daß ein Kameel Wochen lang dursten kann? Vater. Freilich, allein wenn es säuft, so säuft es auf einmal erstaunlich viel; und was sonderbar ist, — das Wasser erhält sich sehr lange rein und frisch in seinem Magen, daß Reisende, wenn sie in den heißen Sandwüsten Wassermangel haben, nicht selten ein Kameel schlachten, um ihren brennenden Durst zu löschen. Gustav. Neulich las ich in einem Buche, da hieß es: „das Kameel, das Schiff der Wüste" — was heißt das, lieber Vater? Vater. Wie man auf Schiffen Güter trans- portirt, so transportirt man in Asien und Afrika durch die großen Wüsten die Waaren auf Kameelen, und zwar in großen Gesellschaften, welche man Kara wanen nennt. Ein Kameel trägt 7 bis 12 Centner, ladet man ihm aber zu viel auf, so wird es eigen sinnig und störrig. Musik hört es sehr gern, und wenn deshalb der Kameelführer pfeift oder singt, so trabt es lustig darauf los. — Die Kameelziege oder das Lama wird so groß als ein Esel und lebt im südlichen Amerika. Man macht das Lama zahm und gebraucht es dann zum Lasttragen. Gustav. So machte es Robinson auch, aber er benutzte auch das Fleisch zur Speise. Ewald. Hat das Lama auch einen Fetthöcker auf dem Rücken?49 Vater. Nein, es sieht der Ziege ähnlich und hat lange, grobe Wolle. Das Schaf kameel oder der Pakos hat sehr feine Wolle, welche fast so theuer als Seide ist. Dieses Thier ist dem Lama nahe verwandt und lebt in Peru. Das Ziegengeschlecht enthält ebenfalls viele nützliche Thiere. Sie haben unten acht und oben keine Vorderzähne. Dazu gehört das Schaf und die Ziege, die wir sa genau kennen. Ihr Knaben könnt mir bis morgen einmal das Schaf und ihr Mädchen die Ziege beschreiben, — ich werde dann zur Belohnung eine hübsche Geschichte erzählen. Gustav. Wie wäre es, Väterchen, wenn du die Geschichte sogleich erzähltest? Ich werde meine Be schreibung so gut als möglich machen. Vater. Es ist zwar nicht Regel, daß man den Lohn vor der Arbeit ertheile, aber ich will dieses Mal eine Ausnahme von der Regel machen. Ein Ziegen bock hätte einmal einen Prediger beinahe um sein Amt gebracht. Gustav zu Alwina. Merk' auf, das gibt etwas Lustiges. Vater. Ein Pfarrer predigt eines Sonntag Morgens. Es war gerade im Sommer, und man hatte die Kirchthür weit geöffnet. Ein Wanderer kam des Wegs und dachte-, daß er sich wohl etwas ausruhen und dabei zugleich die Predigt anhören könnte. Er setzte sich also auf einen Leichenstein. Er hörte die ersten fünf Minuten, wie mancher Zuhörer in der Kirche, andächtig zu und sank dann in einen tiefen Schlummer. Des Küsters Ziegenbock war los ge worden und weidete in dem schönen Grase des Fried hofes. Als dieser den Wanderer erblickte und ihn beständig nicken sah, glaubte er sich, zum Zweikampfe Der kl. Raff. 450 aufgefordert. Von Weitem machte er nun seine be kannten Komplimente. Der Pfarrer bemerkte dies Alles und konnte vermöge feiner Stellung feine Augen nicht wegwenden; er beschloß deshalb, seine Predigt zu schlie ßen. Während des Gebetes sah er, ohne zu wollen, zur Kirchthür hinaus und sieh'! — der Ziegenbock triumphirte als Sieger, denn er hatte den Wanderer in das Gras gestoßen. Wer hätte da nicht lachen sollen! Auch der Pfarrer lachte und wurde verklagt. Als er aber den ganzen Umstand seiner Behörde er zählte, entließ man ihn mit der Weisung, daß der Küster die Thür jedesmal schließen und seinen Bock hübsch festhalten sollte. Auch sahen nun sehr Viele in der Gemeinde ein, daß es nicht gut sei, während der Predigt zu schlafen. Gustav. Hab' ich's nicht gesagt, daß es ein lustiges Histörchen werden würde? Das werde ich mir aufschreiben, damit ich's nicht vergesse. Vater. Nun weiter. Das Muffelt hi er lebt in Italien und hat stark gewundene Hörner. Die angorische oder Kämelziege ist in Kleinasien zu Hause. Ihr feines weißes Haar wird jährlich zweimal geschoren und Kameelgarn davon gesponnen. Der Steinbock, der sehr selten geworden ist (Tas. II. Fig. 3), bewohnt die höchsten Spitzen der Alpen, ist kühn und verwegen und läßt sich nicht gut zähmen. Nur wo es kalt ist, gedeiht er. Seine Hörner wie gen bei 20 Pfund. — Zu dem Antilopengeschlecht gehören sehr schnelle und behende Thiere, z. B. die Gemse, welche auf den hohen Alpen lebt und voir kühnen Jägern verfolgt wird, die Gazelle im Orient, ein flinkes, schönes Thier mit geringelten Hörnern, der Springbock, der große blaue Bock,51 der Kudu und das Gnu. Letzteres lebt im südlichen Afrika, namentlich in der Gegend am Kap, und ist ein merkwürdig gestaltetes Thier. Der Körper hat Aehnlichkeit mit dem eines kleinen Pferdes; allein sein Kopf ist mit zwei Hörnern geziert. Das Gnu lebt in großen Heerden, ist scheu und sehr schnellfüßig. Wird es aber verwundet, so stürzt es wüthend auf seinen Verfolger. Das Rindergeschlecht zählt viele dem Menschen nützliche Thiere. Welchen Nutzen haben wir nicht von der Kuh und dem Ochsen? — Der vormals in Deutschland lebende Auerochse findet sich jetzt noch in Polen. Der Buckelochse, der wildeste unter dem Rindergeschlecht, hat einen Höcker, eine starke Brust und lange Mähnen. Sein Vater land ist Amerika. Der Büffel stammt aus Asien, ist aber nach Ungarn und Italien verpflanzt. In Hindostan und Tibet lebt der Grunzochse, der dem Büffel sehr ähnlich sieht, aber einen dem Pserdeschweis ähnlichen Schwanz hat. Der größte unter allen ist der Riesenbilfsel, 'welcher ebenfalls in Hindostair lebt und bei zwanzig Centner schwer wird. Ein Paar seiner Hörner wiegt wohl fünfzig Pfund. Seine Haut i't so stark, daß eine gewöhnliche Flintenkugel nicht durchdringt. Auch in der Gefangenschaft ist er un bändig und wild. Gustav. Ueberhaupt ist den Ochsen rricht viel zu trauen. Weißt du noch, Mutter, daß wir im vorigen Jahre einmal große Gefahr ausstanden? Mutter. Ei freilich, und wäre der Pächter uns nicht zu Hülse gekommen, so hätten wir leicht Schadeir nehmen können. Alwina. Der Ochse wurde ausgebracht, weil ich ein rothes Kleid anhatte. 4 *52 Vater. Ein wüthender Ochse ist fast nicht zn bändigen, darum sind die Stiergesechte in Spanien auch mit so großer Gefahr verbunden. Aber nun schaut dieses Thier einmal an! (Tas. II. Fig. 4.) Gustav. Ich weiß, wie es heißt, Giraffe, nicht wahr? Vater. Richtig. Dieses merkwürdige Thier lebt in Afrika. Es wird bei achtzehn Fuß hoch, hat, wie der Leopard, ein gestecktes Fell, nährt sich von Baum laub und ist ziemlich schnell. Sein Geweih ist behaart und fällt niemals ab. Da es sehr weichlich ist, so bedarf es in unserm Klima der besondern Pflege. In zoologischen Gärten hat man deshalb ein besonderes Haus für Giraffen, welches geheizt wird und wo man der Luft durch Wasserdämpfe die nöthige feuchte Wärme gibt. — Nun kommt das Hirsch g eschlech t an die Reihe. Alle diese Thiere haben vielendige Geweihe, welche jährlich abfallen und sich unglaublich schnell er neuern. Bei uns leben von diesem Geschlechte der Edelhirsch, der Damm Hirsch und das Reh. In früheren Zeiten lebte in Deutschland auch der Elenn- hirsch, den man jetzt nur noch im nördlichen Europa antrifft. Er ist der größte dieses Geschlechts, denn er wird bei acht Fuß lang und sieben Fuß hoch. Sein Geweih soll bei fünfzig Pfund wiegen. Das nützlichste dieser Thiere ist das Rennthier, welches den größten Reichthum der Lappländer ausmacht. Man benutzt sein Fleisch, seine Milch, seine Haut, seine Knochen und Sehnen. Zudem zieht es den Schlitten und läuft in einem Tage wohl 20 bis 30 Meilen weit. Reiche Lappländer haben wohl 400—600 Rennthiere. Die wilden Rennthiere sind noch unruhiger, als die zahmen und machen jährlich regelmäßige Wanderungen53 nach bestimmten Gegenden. Auf diesen Zügen aber werden sie von den Bewohnern verfolgst getödtet oder lebendig eingefangen. Alwina. Aber was frißt denn dieses nützliche Thier? Lappland ist ja so ein armes Land. Vater. Das ist es eben, mein Kind, wodurch es den armen Lappländern unentbehrlich wird, — es sucht sich sein Futter selbst und ist sogar mit Moos zufrieden. — Das Bisam- oder Moschusthier ist so groß wie ein Reh, hat aber kein Geweih. Es lebt in Mittel-Asien, ist scheu und flüchtig und hat am Nabel ein Beutelchen, in welchem sich der bekannte Moschus oder Bisam, der als Arznei gebraucht wird, bestndet. — Ein sehr niedliches Thier ist das guineische Rehchen oder Zwerghirschchen. Es wird kaum 9 Zoll lang, ist oben gelbbraun und unten weiß. Seine Füßchen sind kaum so stark, wie ein Menschensinger. Nun sind wir mit der sechsten Ordnung fertig und wollen für diesen Abend be schließen. Gustav, denke aber auch hübsch an dein Versprechen, sonst werde ich keine Geschichtchen mehr erzählen. Gustav. Ich will mir selber eine Strafe'auflegen, lieber Vater: wenn ich nicht zu deiner Zufriedenheit arbeite, so will ich morgen kein Abendbrod haben. Vater. Bravo! ich halte dich beim Worte.54 Sechster Abend. Ein fröhliches Treiben und Leben herrschte am Abende unter den Kindern; denn alle freuten sich, daß sie dem Vater die Ausarbeitung der Aufgabe übergeben konnten. So lohnt sich der Fleiß schon durch sich selbst, durch das freudige Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt zu haben. Und Gustav — nun? — Sein Abendbrod wird ihm gewiß schmecken, denn er - hat nicht nur das Schaf beschrieben, sondern sogar ein hübsches Schaf nebst einem Lämmlein abgezeichnet. Der Vater war sehr erfreut über den Fleiß seiner Kinder und sprach: „Ich sehe, daß die Naturgeschichte euch viele Freude macht, und deshalb fahre ich denn auch mit Vergnügen fort." Die siebente Ordnung mnsaßt diesenigen Thiere, welche mehrere Hufe haben, mit Borsten oder dünnen Haaren bewachsen und dabei unförmlich, plump sind. Man nennt sie auch Dickhäuter. Ewald. Soll ich dir einmal einige Thiere nennen, die in die siebente Ordnung gehören, lieber Vater? Vater. Der Tausend! das wolltest du? Nun, laß hören! Ewald. Das Schwein und der Elephant. Alwina. Das Rhinoceros gehört auch dazu. Vater. Ei, ich muß mich wundern über die kleinen Naturforscher. Doch nun wollen wir diese55 Thiere auch beschreiben. Das Schwein gehört zu den Haussieren und ist deshalb gut bekannt. Ob gleich es ein schmutziges, unreines Thier ist, welches gern im Kothe wühlt und im Moraste liegt, so ge währt es uns doch vielen Nutzen. Sein Fleisch und Fett dienen zur Nahrung, und die Borsten gebraucht der Bürstenbinder. Das wilde Schwein ist von dem gewöhnlichen Schweine unterschieden durch seine großen Fangzähne, durch die längere Schnauze und durch seine ausrechtstehenden Ohren. Da das wilde Schwein den Landleuten großen Schaden verursacht, so ist es größtentheils im nordwestlichen Deutschland ausgerottet. Die Schweinezucht ist ein vorteilhafter Nebentheil der Landwirthschaft, und sind in neuester Zeit Racen ein- gesührt, welche sehr fett und schwer werden. Juden und Türken dürfen nach ihrem Gesetz kein Schweine fleisch essen. In Südamerika lebt das Bisamschwein, welches Bisam bei sich trägt. Der Schwein Hirsch lebt aus den Molukken, hat fast zirkelrnnde Eckzähne, und hält sich, da er gut schwimmen kann, gerne am Wasser auf. — Der Tapir ist ein Thier, welches die Größe einer kleinen Kuh erreicht, einen langen .Rüssel hat und überhaupt in seinem Baue dem Schweine ziemlich ähnlich ist. Die Südamerikaner benutzen das Fleisch des Tapirs, wie wir das Fleisch des Schwei nes. — Das Nil- oder Flußpferd lebt in Afrika und gehört mit zu den größten Thieren. Seine Beine sind kurz, so daß es den Bauch bisweilen über die Erde schleppt. Seine Haut ist haarlos und seine großen Eckzähne werden wie Elfenbein verarbeitet. G u st a v. Warum nennt man dieses Thier Flußpferd ? Vater. Weil es sich eben so gut im Wasser als aus dem Lande aufhält.56 Emma. Ist es auch ein gefährliches Thier? Vater. Keineswegs, so lange man es nicht reizt. Wird es aber verwundet oder zum Jähzorn gereizt, so wird es wüthend und den Menschen gefährlich. Größer noch als das Flußpferd ist das Rhinoceros oder Nashorn. Es wird über 11 Fuß lang und 5 Fuß hoch, lebt in Ostindien und im südlichen Afrika. Seine Haut ist ungemein fest und stark, und es wer den Schilde, Spazierstöcke u. s. w. daraus verfertigt. Alwina. Hal dieses Thier denn ein Horn auf der Nase? Vater. Bisweilen sogar zwei Hörner, mit wel chen es gewaltig um sich hauen kann. Aus dem Horne werden Becher geformt, welche abergläubische Leute sehr hoch schätzen, indem sie glauben, diese Becher zeigten an, wenn im Tranke Gift enthalten sei. Aber nun will ich euch ein Thier zeigen, wogegen alle bisher angeführten noch klein sind. (Taf. II. Fig. 5.) Gustav. Das ist das Bild eines Elephanten. Alwina. Er lebt in Indien und in Afrika und wird über 12 Fuß lang und bei 13 Fuß hoch. Ewald. Sein Rüssel wird wohl 6 Fuß lang. Emma. Aus seinen langen Eckzähnen macht man Elfenbein. Vater. Was sagst du dazu, Mutter? Mutter. Ich muß mich wundern! Woher habt ihr das? Gustav. O, Alwina hat gestern Vorlesungen gehalten, und wir waren Schüler und hörten aufmerk sam zu. Vater. Schön, so ist's recht. Nun, so werdet ihr auch schon wissen, wovon er sich nährt —57 Ewald. Baumlaub, Gras und Reis, und will man von einem gezähmten Elephanten etwas verrichtet haben, so darf man ihm nur Obst oder Branntwein versprechen. Gustav. Mit dem Versprechen ist's nicht gut, man muß auch sein Versprechen halten, wenn man ihn nicht zur Wuth reizen will. Alwin a. In dem Buche stand auch, daß er ein sehr kluges Thier sei, welches großen Verstand mnd großes Nachdenken beweise. Vater. Der Elephant ist allerdings ein sehr ge lehriges Thier. In früheren Zeiten brauchte man ihn im Kriege und lud ihm einen Thurm mit Soldaten auf seinen breiten Rücken. Seine Haut sieht ungefähr wie Baumrinde und seine Beine wie vier Pfosten aus. Doch ihr kennt ihn ja schon, ich will euch lieber ein Geschichtleiu von diesem merkwürdigen Thiere erzählen. Der König von Neapel hatte einen Elephanten, der den Maurern, die im königlichen Schlosse arbeiteten, als Handlanger diente. Er holte das nöthige Wasser in einem großen kupfernen Gefäße herbei. Er hatte bemerkt, daß man diese Gesäße zum Kupferschmied schaffe, wenn sie einer Ausbesserung bedurften; als er daher eines Tages sah, daß sein Kessel das Wasser durchließ, lief er augenblicklich damit zum Kupfer schmied , und als dieser den Kessel ausgebessert hatte, ging der Elephant wieder hurtig an seine Arbeit. Dieses kluge Thier ging häufig auf den Straßen Neapels frei umher und spielte mit den Kindern, ohne irgend einem ein Leid zuzufügen. Emma. Hu! da hätte ich nicht mitgespielt. Gustav. So ein Elephant ist allerdings ein großer Spielkamerad, allein wenn er mir nichts Nebels58 gethan, so hätte ich wohl einmal auf seinem Rüssel oder seinem Rücken reiten mögen. Vater. Den Rüssel kann er als eine Hand ge brauchen. Er hebt damit Geld und andere Gegenstände von der Erde, zieht den Pfropfen damit von der Flasche, gebraucht ihn aber auch als Waffe gegen seine Feinde. — Ein Kornak (Elephantenführer) behandelte seinen Elephauten sehr schlecht, gab ihm schlechtes Futter und quälte und neckte ihn be ständig. Dem Thiere ging endlich die Geduld aus, es erhob seinen Rüssel und mit einem Schlage lag der Kornak tobt am Boden. — Einem Elephanten in London warf man ein kleines Geldstück zum Auf heben hin. Das Geldstück rollte aber nach der Wand und der Elephant konnte es mit seinem Rüssel nicht erreichen. Einige Augenblicke blieb er ruhig stehen, als überlege er. Da erhob er seinen Rüssel und blies gewaltig gegen die Wand hin, wo das Geldstück lag. Er hatte sich nicht getäuscht, der Wind brachte das Geldstück immer näher, bis er es erreichen konnte. Gustav. Erlaubst du, Vater, daß ich auch ein Stücklein erzähle? Vater. Recht gerne, laß hören! Gustav. Ein Bauer ging in eine Menagerie, um einen Elephanten zu sehen. Er ging und stand bald dicht an der Seite des Elephanten. Er sah das ungeheure Thier, wußte aber nicht, daß es der Elephant sei, sondern meinte, es sei ein großer Kasten, in wel chem sich der Elephant befinde. Hei da! ries er, so laßt's Thier doch sehen, Hab' meinen Groschen gezahlt. Der Herr nahm den Bauer beim Arm und führte ihn nach dem Kopfe des Thieres hin. Ein Wink vom Herrn, und der Elephant faßte mit seinem59 gewaltigen Rüssel mein Bäuerlein und setzte ihn sich ganz sanft auf den Rücken. Bald darauf setzte er ihn eben so sanft wieder ab. Hm, dachte mein Bäuerlein, nun hast'n Elephanten gesehen; kam nach Hause und erzählte es den Nachbarn. Das wäre! sprach Nachbar Tom, aber heutzutage wird Alles sür's Geld ge macht. — Vater und Mutter und auch die Geschwister lachten über Gustav's schöne Erzählung. Vater. Schließlich müßt ihr euch noch merken, daß man zwei Arten von Elephanten unterscheidet, nämlich den indischen und den afrikanischen. Der indische hat ein dunkelgraues Fell, und er wird bei 7000 Pfund schwer. Es gibt aber auch weiße Elephanten. Wer einen solchen seltenen Elephanten einfängt, der bekommt zur Belohnung eine silberne Krone und alles Land, so weit man im Umkreise die Stimme des Elephanten hört. Der afrikanische Elephant hat einen rundlichen Kopf und größere Stoßzähne, als der indische; auch erreicht er oft eine Höhe von 16 — 18 Fuß. Gezähmt findet man ihn jetzt nicht mehr. Die Kafsern jagen ihn namentlich des Elfen beins wegen.60 Siebenter Abend. Die Gesellschaft hatte sich schon zeitig versammelt und die alten Plätze eingenommen. „Nun," begann der Vater, „wollen wir sehen, wer noch weiß, welche Thiere.zu der achten Ordnung gehören, unb in welche drei Unterabtheilungen diese Ordnung zerfällt." Gustav. Zur achten Ordnung gehören diejenigen Säugethiere, welche Schwimmfüße haben. Alwina. Und werden eingetheilt in a) nagende, b) reißende und c) zahnlückige Thiere. Vater. Zu den nagenden Schwimmfüßlern gehört der Biber. Früher traf man ihn durch ganz Deutschland an, jetzt aber uur dann und wann in Alt- baiern, an der Donau, an der Mulde, Havel, Oder und Weichsel. Am häufigsten findet er sich im Norden von Europa, Asien und Amerika. Der Biber ist ein sehr geschickter Baumeister, denn er baut seine Burg in drei Stockwerken, fest und dauerhaft an's Wasser hin. Seine meißelartigen Zähne dienen ihm zur Säge, um die Balken und Pfähle zuzuschneiden, und sein schuppiger Schwanz dient zur Mauerkelle. An einem Baue arbeiten bisweilen zwölf bis zwanzig Biber gemeinschaftlich. Im Frühjahre verlassen sie ihre Wohnungen und eilen in die Wälder, um Knospen, junges Laub und Rinde aufzusuchen. Erst im Herbste kehren sie zurück.61 Gustav. Wie groß ist ein Biber? Vater. Er ist so groß als ein kleines Schaß hat einen spitzigen Rattenkopf, und die Zehen der Hinterfüße sind Lurch Schwimmhäute verbunden. Sein Fell ist braunschwärzlich und es werden aus den Haaren Hüte, Handschuhe u. dgl. verfertigt. Da der Biber auf lateinisch 6astor genannt wird, so nennt man die aus seinen Haaren verfertigten Hüte wohl Castor-Hüte. Alwina. Hat der Biber sonst keinen Nutzen? Vater. Sein langer Schuppenschwanz wird als Delicatesse verspeist, und am Hinterleibe trägt er in einem Beutel eine Feuchtigkeit mit sich herum, welche Bibergeil heißt und in den Apotheken gebraucht wird. Die Haare werden sehr theuer bezahlt. Auf dem Lande kann er nicht gut fortkommen, desto besser aber im Wasser. — Zu den Schwimmsüßlern mit dem Gebiß reißender Miere gehört das Robb enge schlecht und das Ottergeschlecht. Der Seehund, Robbe, hält sich im nördlichen Meere auf und nährt e sich von Fischen und andern Seethieren. Sein schwarz braunes Fell ist mit weißen Flecken versehen. Die Kamtschadalen und Grönländer machen fleißig Jagd aus diese Thiere, weil sie durch dieselben den größten Theil ihrer Bedürfnisse befriedigen. In das Fell klei den sie sich, sein Fleisch essen sie, sein Fett trinken sie oder brennen es statt des Oels u. s. w. Tas. II. Fig. 6 seht ihr einen Seehund abgebildet. Die Mönchsrobbe lebt im mittelländischen Meere. Sie ist sehr gelehrig und läßt sich, wie der Seehund, leicht zähmen. Der Seebär ist braun und der Seelöwe isi gelblich. Das Männchen der Seelöwen hat Mähnen und lebt in Gesellschaft von wohl dreißig Weibchen, über welche es ein strenges Regiment führt,62 wenn eins derselben ein Junges hat rauben lassen. Die jungen Männchen werden von den Alten gehörig in Kämpfen geübte und das ist von einem rauhhaarigen Hausvater alles Mögliche. Sie leben in: stillen Ocean, und ihr Fett liefert viel Thran. Die Länge eines Seelömen beträgt bisweilen fünfundzwanzig Fuß. Auf den südlichen Inseln des atlantischen und stillen Oceans lebt ein Seelöwe, dem die Mähnen fehlen und dessen Männchen ein rüsselförmiger Fleischlappen über die Nase hängt. Nun aber will ich auch wieder ein bekanntes Thier nennen: Gustav, kennst bu die Fischotter? Gustav. Als ich neulich bei dem Jäger Moritz war, habe ich eine gesehen. Er hatte sie in einem Fangeisen erwischt. Vater. Nun hurtig! löse mich ab! beschreibe! Gustav. Die Fischotter ist so groß als ein Dachs und hat ein hellbraunes, glänzendes Fell. Die Füße sind kurz und die Zehen durch feine Schwimm häute verbunden. Der Kopf ist platt, die Schnauze breit und mit einem gehörigen Barte versehen. Der alte Moritz sagte,- sie lebe von Fischen, Krebsen, Amphibien, und wenn es sein müßte, so begnüge sie sich auch mit Gras. Vater. Brav gemacht! Der Pelz der Fischotter wird gut bezahlt und ihr Fleisch wird gegessen. Die Fischotter läßt sich, wenn sie jung gefangen wird, leicht zähmen, und ist dann ein sehr williges und folgsames Thier. So erzählt ein gewisser Herr von Winkelt, daß er eine gezähmte Fischotter besessen, welche ihm allenthalben nachgefolgt sei und mit eurem Dachs hunde in der größten Freundschaft gelebt habe; ja, als sie noch jung gewesen, habe sie sich oft auf den63 Hund gesetzt und sei gleichsam aus ihm spazieren ge ritten. Bisweilen zerrten sich diese beiden Thiere — die doch von Natur einander feindselig gesinnt sind —, so lustig und muthwillig, daß bald der Hund, bald die Otter oben lag, aber nie that Eins dem Andern etwas zu Leide. — Auch läßt sich die Fischotter zum Fischfänge abrichten, und apportirt den gefangenen Fisch, wie ein Hund einen geschossenen Hasen. In Brasilien gibt es eine braune Otter, welche man Seewolsi nennt, welche aber von der eigentlichen Seeotter, die in Kamtschatka lebt, zu unterscheiden ist. — Die dritte Unterabtheilung, Schwimmfüßler ohne Vor der zäh ne, käme nun an die Reihe. Ein merkwürdiges Thier ist das hierzu gehörige Schnabel thier, welches man bei Botanpbay in einem Landsee findet. Auch soll es sich an den Ufern einiger Flüsse aufhalten. Sein Maul ist einem Entenschnabel voll kommen ähnlich. Es ist oben rothbraun oder braun schwarz, und unten weiß behaart. Da es keine Brüste hat, so ist man über die Fortpflanzung dieses Thieres noch in Zweifel. Die Seekuh lebt in Flüssen warmer Gegenden. Sie wird zehn bis zwanzig Fuß lang und ihr Kopf gleicht einem Rindskopfe. Im Uebrigen ist sie einem Seehunde lehr ähnlich. Die Haut wird zu Leder verarbeitet. Das Wallroß, welches ihr hier (Taf. II. Fig. 7) abgebildet findet, lebt in großen Gesellschaften im nördlichen Eismeere. Es wird so groß als ein Ochse und nährt sich von Seegras und Schaalthieren. Seine Hauzähne, die zwanzig Zoll lang und acht Zoll dick werden, dienen ihm theils dazu, seine Nahrung loszuarbeiten, theils um sich aus dem Eise sortzubewegen. Unter dem Wasser sieht es eben so gut, als über demselben. Es wiehert wie ein Pferd.Seine Haut wird ebenfalls zu Leder verarbeitet, wel ches sehr dauerhaft ist, und seine Hauzähne liefern ein vortreffliches Elfenbein. So wären wir bis zur neunten Ordnung, an die walfischartigen Säugethiere gekommen. Lange hat man diese Thiere zu den Fischen gezählt, indem sie nach ihrem äußern Baue den Fischen sehr ähnlich sehen, nach ihrem innern Baue aber muß man sie nothwendig zu den Säugethieren zählen. Sie ath- men durch Lungen, haben rothes warmes Blut und säugen ihre Jungen an Brüsten. Sie haben vielen Speck an sich, welcher den Thran liefert, und weshalb man ihnen nachstellt. Es gehört dazu das See-Ein horn, Narwal, im nördlichen Ocean. Der Narwal hat meist nur an der einen Kinnlade eineit achtzehn Fuß langen, weißen, gewundenen Zahn, der wie Elfen bein verarbeitet wird und unter dem Namen Einhorns zahn bekannt ist. Das Delphingeschlecht hat scharfe Zähne. Der Braunfisch, Meerschwein, hält sich in europäischen Meeren auf, wird bei fünf Ellen lang, hat einen kegelförmigen Körper und einen Rüssel in der Form eines Gänseschnabels. Er umschwärmt gerne die Schiffe. Der Delphin, Tümmler, hat ebenfalls einen schnabelförmigen Rüssel, aber einen festen, runden Körper. Der Nordkaper erreicht die Größe eines Walfisches. Er lebt im nördlichen Ocean, namentlich an der nördlichen Küste Norwegens. In seinem Rachen können wohl vierzehn bis fünfzehn Menschen stehen. Seine- Zunge ist fünfzehn Fuß lang, uub mit seinen fünf bis sechs Fuß langen Stacheln, die er auf dem65 Rücken hat, tobtet er Fische und andere Thiere, welche er frißt. Ganze Schaaren Häringe treibt er mit seinem Schwänze zusammen und verzehrt sie dann. Die eigent lichen Walfische haben keine Zähne, sondern Barten am Gaumen, welche das bekannte Fischbein liefern. Der Walfisch (Taf. II. Fig. 8) lebt am Nordpol und im südlichen Oeean. Er ist sechszig bis siebenzig Fuß lang und vierzig bis sechszig Fuß dick; ja, früher, als man die Walfische weniger wegfing und sie älter wurden, soll es Walfische von zweihundert Fuß Länge gegeben haben. Ein gewöhnlicher Walfisch wiegt achtzig- bis hunderttausend Pfund, und ihr könnt leicht daraus schließen, daß ein Fisch, eine große Menge Thran lie fert, weshalb man ihm auch so nachstellt. Wir benutzen den Thran und das Fischbein; die Eskimo's hingegen wissen selbst von den geringsten Theilen des Walfisches Gebrauch zu machen. Sie trinken mit größtem Wohl behagen den Thran, essen das Fleisch, kleiden sich mit der Bauchhaut, zerspalten die Rippen und gebrauchen solche zu Pfosten in ihren Zelten, zerspleißen die Sehnen und Gedärme und gebrauchen solche als Zwirn. Ihr seht also, meine Kinder, wie wichtig dieses Thier für jene, uns so arm erscheinende Gegend ist. Gustav. Wie sängt man denn dieses ungeheure Thier? Vater. Wenn ihr das genau wissen wollt, so müsien wir mit einander eine Fahrt nach Grönland machen. Alwina. Ich fahre nicht mit, weil es mir dort zu kalt ist. Gustav. Ei, was, kalt! man muß nicht so weichlich sein. Ewald. Du kannst ja deinen Mantel umhängen und Pelzhandschuhe anziehen. Dcr It. Raff. 566 Mutter. Da ich nie gehört habe, daß Mädchen oder Frauen mit auf den Walfischfang ziehen, so wollen wir auch zu Hause bleiben. Ihr Knaben mögt immer hin mit dem Vater die Fahrt unternehmen. Gustav. Wohl! liebe Mutter. Geht's morgen sogleich ab, lieber Vater? Vater. Mit dem Reisen hat's noch Zeit, lieber Gustav, denn wir brauchen erst im Monat Juni an Ort und Stelle zu sein. Indessen will ich euch erzäh len, wie es bei einem solchen Walfischfange hergeht. Ein ziemlich großes Schiff wird mit achtzig bis hundert Menschen ausgerüstet. Bei dem Schiffe befinden sich acht, neun oder zehn große Kähne. Im Monat Mai pflegt man abznfahren und siehe, von allen Ecken und Enden strömen die Walfifchfänger herbei, so daß zwei- bis dreihundert Schiffe sich im nördlichen Ocean ver sammeln. Alwina. Und die wollen alle Walfische fangen? Vater. Ei freilich. Einige müssen sich allerdings mit Robben und Seehunden begnügen. Wird man einen Walfisch gewahr, so werden die Boote ausgesetzt, und man verfolgt ihn so lange, bis man ihm eine Harpune in den Nacken geworfen hat. Emma. Erlaube, Vater, was ist das für ein Ding? Vater. Eine Harpune ist eine pfeilförmige Waffe mit Widerhaken; diese Harpune ist an einem sehr langen Seile befestigt: denn sobald sich der Walfisch getroffen fühlt, fährt er in die Tiefe. Schnell läßt man das Seil nachschießen und folgt ihm in der Ferne. Höch stens zwei Minuten, und er kommt wieder nach oben, um Lust zu schöpfen. Eine zweite und eine dritte Har pune wird nachgesandt, und nachdem er noch eine Weile5 * 67 umher getobt hat, schwimmt er todt auf der Oberfläche des Meeres. In der Regel ist große Gefahr damit verbunden. Emma. Ich rathe euch, bleibt nur hier, denn kann der Walfisch euer habhaft werden, er wird euch mit Haut und Haar verschlingen. Vater. Das nun eben nicht, mein Töchterchen, denn der Walfisch hat einen so engen Schlund, daß er nur Häringe und Meerwürmer, das sogenannte Walfisch-Aas, verschlingt. Hat man das Glück gehabt, einen Walfisch zu bekommen, so sind bald Aller Hände in Thätigkeit. 30—40 Mann springen ihm auf den Rücken (damit sie nicht abgleiten, haben sie Stacheln in den Schuhen) und fangen an, ihn in Stücke zu zerhauen und Fischbein, Speck u. s. w. in das Schiss zu transportiren. Gustav. Wie viele Walfische werden wohl jähr- lich gefangen? Vater. Das ist nicht genau zu bestimmen, aber 1500 bis 2000 Stück werden wohl jährlich ihr Leben einbüßen. Ewald. Wann kommen wir aber wieder, lieber Vater? Vater. Im September gelangen die Walfisch fänger in der Regel wieder an. Alwin a. Vermehrt sich der Walfisch sehr stark? Vater. Rein, er bringt ein Junges zur Welt, welches die Größe eines Ochsen hat, und das er wohl 2 Jahre lang säugt. — Der Finnfisch ist wohl so lang als der Walfisch, aber nicht so dick und breit. — Der Caschelot ist merkwürdig durch seinen ungeheuren Kopf, der fast die Hälfte des Körpers einnimmt. Man nennt ihn auch Pottfisch. Er erreicht eine Länge von68 70 — 80 Fuß und findet sich fast in allen Meeren. Er ist für den Handel fehr wichtig, denn er liefert Wal rath und Ambra. Walrath ist eine wohlriechende, wachsartige Masfe, aus welcher Lichte gemacht werden. Auch wird es in der Medicin gebraucht. Ambra ist ein fehr wohlriechender Stoff, der seinen Geruch Jahr hunderte hindurch behält. Der Cafchelot ist der Schrecken aller Meerbewohner, denn er lebt in großer Gesellschaft und verschlingt, was ihm nur nahe kommt. Auch der Butskopf gehört noch hierher. But kommt her von Boot, und trägt dieser Fisch, der der größte unter den Delphinen ist, seinen Namen daher, weil sein Kops in der Ferne einem Boote ähnlich sieht. So hätten wir die erste Klasse des Thierreichs, die Säugethiere, kennen gelernt, und werde ich die nächsten acht Tage wohl nichts erzählen. Alle. O, warum nicht, lieber Vater? Vater. Morgen früh werde ich eine kleine Reise antreten, hoffe aber in einigen Tagen wieder bei euch zu sein. Hier aber habt ihr ein Schema, welches ihr mit möglichst vielen Beispielen ausfüllen könnt. Ich werde mich dann überzeugen, ob ihr viel behalten habt.69 "Z Walfischartige Säugethiere. d Schwimmfüßler ohne Vorderzähne. 1 £ Q 1 rä _ Reißende Schwimmfüßler. s cd 'S" G cs Nagende Schwimmfüßler. u ^ Q Vielhufige, plumpe Thiere. o M-» ^ Q Zweihufige Thiere (Wiederkäuer). lÖ § Q Einhufige Thiere. tS5 u d Thiere ohne Vorderzähne. (S) n *£- Q § Reißende Thiere. oä Nagende Thiere. 3. Orb. Flatterhäute. Fledermäuse. cd 'S Q Vierhändige. Assen. ^ Q Zweihändige. Der Mensch. „Wir wollen recht fleißig sein, lieber Vater," sprachen die Kinder, „komme aber ja recht bald wieder!" .70 Achter Abend. Acht Tage waren längst verstrichen, und noch immer war der Vater nicht zurückgekehrt. Zwanzig und meh rere Male liefen die Kinder täglich auf die Heerstraße, aber immer kehrten sie, ohne den Vater gesehen zu haben, zurück. Die ausgegebene Arbeit war längst fertig, und die Mutter hatte sie schon mit Zufriedenheit durchgesehen. Eines Abends saßen die Kinder neben der Mutter, und Gustav rief: „Ach, wenn doch endlich der Vater käme!" — „Da bin ich," antwortete dieser, indem er zur Stube hereintrat, und alle Kinder flogen gleichsam aus ihn zu, um ihn zu umarmen. Das war ein Leben! Das war eine Lust! Jedes Kind suchte durch Gefälligkeit dem Vater Liebe zu beweisen. Eins hatte noch mehr zu erzählen, als das andere. Nachdem der erste Sturm etwas vorüber war, holte der Vater eine große Schachtel herbei, in welcher er allerhand Geschenke für die Kinder mitgebracht. Da hättet ihr bei sein mögen, nicht wahr? — Nun ja, ich auch, denn ich bin immer da gerne, wo fröhliche Kinder sind. Meint ihr aber, daß der Vater an diesem Abende weiter erzählt habe, so irrt ihr euch. Erst soll er sich gehörig ausruhen von seiner Reise, und dann mag er bei der zweiten Klasse des Thierreichs sortsahren. Die Kinder hatten ihre Aufgaben zur Zufriedenheit des Vaters ausgeführt. Wie sieht's mit dir aus, junger Leser?71 Neunter Abend. Gustav. Alwina! Ewald! Emma! herbei! der Vater will wieder erzählen. So macht doch rasch. Bald saß die Gesellschaft auf den wohlbekannten Plätzen, und der Vater begann: Wir sind gekommen bis zur zweiten Klasse, den Vögeln. Die Vögel haben, wie die Säugethiere, rothes warmes Blut, ein Herz mit zwei Herzkammern und schließen sich dadurch an dieselben an, obgleich sie in ihrer äußern Gestalt so wesentlich verschieden sind. Denn die Vögel haben nur zwei Füße, sind mit Federn bedeckt, haben statt des Maules einen hornartigen Schnabel und haben zwei Flügel, mit denen sie fliegen können. Die Vögel pflanzen sich fort, indem sie ihre Jungen aus 'Eiern brüten. Die Eier legt das Weibchen in ein künstlich gebautes Nest. Der Strauß hingegen legt seine Eier in den Sand und läßt die Sonne für sich brüten. Er macht es sich also bequem. Einige Junge kommen ganz nackt und blind aus den Eiern, andere, wie die Küchlein, lausen bald darnach schon umher und picken ihr Futter auf. Obschon einige Vögel den Gärten und Saatfeldern schädlich werden, so ist doch der Nutzen, den die Vögel uns durch ihre Eier, ihr Fleisch und ihre Federn geben und dadurch, daß sie unzählige In sekten vertilgen, sehr groß, ohne noch das Vergnügen zu berechnen, welches sie uns durch ihren angenehmen72 Gesang gewähren. Bevor wir nun die einzelnen Vögel beschreiben, müssen wir uns das ganze Geschlecht wieder in einzelne Ordnungen eintheilen, damit wir eine bessere Uebersicht gewinnen. Wir haben dabei auf die Form der Füße und des Schnabels zu sehen. Alwina. Also gerade so, wie bei der Eintheilung der Säugethiere. Vater. Nichtig. Zuvörderst theilt man ste ein A. in Landvögel und B. in Wasservögel. Die Landvögel zerfallen in sieben Ordnungen und die Wasservögel in zwei Ordnungen. Folgende Uebersicht wird es deutlich machen. A. Landvögel. Erste Ordnung. Vögel mit starken, krummen Schnä beln, kurzen, starken Füßen und großen, scharfen, gebogenen Klauen: Raubvögel. Zweite Ordnung. Vögel mit unförmlich großen, aber leichten Schnäbeln und kurzen Füßen: Leicht- schniibler. Dritte Ordnung. Vögel mit geraden, eckigen Schnä beln und kurzen Füßen, an denen meist zwei Zehen vorwärts und zwei Zehen rückwärts stehen: S^kchtr artige Vögel. Vierte Ordnung. Vögel mit mittelmäßig großen, starken, oben erhabenen Schnäbeln und kurzen Füßen: Rabenartige Vögel. Fünfte Ordnung. Vögel mit kegelförmig zugespitzten, kurzen Schnäbeln: Singvögel.Sechste Ordnung. Vögel mit kurzen Füßen und erhabenen Schnäbeln, welche mit einer Fleischhaut an der Wurzel bewachsen sind: HÜHnevavtige Vögel. Siebente Ordnung. Vögel, welche ihre Flügel nicht zum Fliegen gebrauchen können: artige Vögel. B. Wasservögel. Achte Ordnung. Vögel mit langem Halse, langen Füßen und langem Schnabel: Sumpfvögel. Neunte Ordnung. Vögel, deren Füße mit Schwimm häuten versehen sind und deren Schnabel mit einer Haut überzogen ist: Schwimmvögel. Gustav. Es würde nicht übel sein, wenn man diese Uebersicht auswendig lernte, man würde dann die unterscheidenden Merkmale nicht so leicht vergessen. Vater. Dein Vorschlag ist so übel nicht, und ich werde mich freuen, wenn ihr denselben alle befolgt. Nun wollen wir aber übergehen zur Beschreibung der einzelnen Ordnungen. Erste Ordnung. Raubvögel. Gustav. Haha! Diese Straßenräuber und Diebs gesellen kommen zuerst an die Reihe. Alwin«. Sie sind zum Rauben und Würgen recht geschaffen, denn mit ihren scharfen Klauen können74 sie ihre Beute festhalten und mit dem starken, krummen Schnabel zerhacken. Vater. Kennst du vielleicht schon einige dieser Vögel? Alwina. Ich kenne ja den Habicht und die lichtscheue Eule. Vater. Gut, ich werde euch einige nennen, welche diese an Größe wie an Raublust übertresfen. Die Geier haben am Halse oder am Kopfe kahle Stellen, unten am Halse hingegen tragen sehr viele einen Feder kragen. Die meisten Geier fressen lieber Aas als leben dige Thiere, weswegen sie auch an sich schon einen Übeln Geruch haben. Der Condor oder Greifgeier lebt in Südamerika und wird größer als ein Schaf. Er ist schwarz befiedert, mit weißem Halskragen, und trägt einen braungelben Fleischkamm. Er raubt Schafe und Kälber. — Der Geierkönig, mit schönem Ge fieder, lebt in Westindien/ und der Lämmer- oder Bartgeier horstet auf den Alpen. Er mißt ausge breitet acht bis neun Fuß. — Der Aasgeier gehört zu den kleinsten, denn er wird nur so groß als ein Rabe. Er lebt in Arabien und in Aegypten. Das Männchen ist grau und das Weibchen ist weiß. Gustav. Ich habe einmal gelesen, daß diese Geier sogar kleine Kinder raubten; ist dem so, lieber Vater? Vater. Allerdings! In der Schweiz hat man oft Beispiele gehabt, daß ein Geier plötzlich auf ein Kind niedergeschossen ist und es in seinen Horst entführt hat. Ich will euch davon ein Geschichtlein erzählen, welches ich einmal in des „Mägdleins Lustgarten" gelesen habe. „Anna Zürbuchen von Habichen, im bernischen Oberlande, gebo-ren 1760 , wurde als fast dreijähriges Kind von ihren Eltern, welche zur Arbeit in's Feldgingen, mitgenommen. Da setzte der Vater das Kind nahe bei einer Scheune nieder, und da es bald darauf einschlummerte, bedeckte er ihr das Gesicht mit einem Strohhut und ging seiner Arbeit nach. Als er kurz nachher mit einem Heubunde beladen zurückkehrte, war das Kind fort, und Eltern und alle Thalbewohner suchten es überall vergebens. Unterdessen ging Heinrich Michel, von Unterseen, auf einem wilden Pfade dem Wäppes- bach nach, wo er zu seinem Erstaunen ein Kind schreien hörte. Mit schnellen Schritten eilte er dem Schalle nach; da erhob sich, durch ihn aufgeschreckt, von einer kleinen Anhöhe ein Geieradler und schwebte über den tiefen Abgrund hin. Am Rande dieses Abgrundes, in dessen Tiefe der Bach wild dahin braust, und in den durch jede Bewegung das Kind hätte hinabstürzen können, fand nun Michel das Kind, welches keine andere Ver wundung hatte, als am linken Arm und an der Hand, woran es wahrscheinlich gepackt worden war. Schuhe, Strümpfe und Käppchen waren verloren. Dies geschah am 12. Juli 1763. Die Anhöhe, wo das Kind ge funden wurde, ist von der Scheune, wo es schlummerte, etwa 1400 Schritt entfernt. Das Kind hieß nun hin fort das Lämmergeier-Anni und heirathete später den Schneider Peter Frutiger in Gewaldwil, wo sie im Jahre 1814 noch lebte." Emma. Warum hat der liebe Gott doch diese garstigen Thiere geschaffen? Vater. Liebes Kind, so wollen wir nie fragen. Diese Thiere haben auch ihr Gutes, denn sie vertilgen viele schädliche Thiere und sorgen dafür, daß die Luft nicht durch den üblen Geruch, den das Aas verbreitet, verpestet wird. Damit aber diese Thiere nicht überhand nehmen, hat der liebe Gott dafür gesorgt, daß dieselbenjährlich nur wenige Junge ausbrüten. — Wir gehen nun über zu dem Falkengeschlecht, welches stets einen befiederten Kopf und eine Wachshaut an der Wurzel des Schnabels hat. Dazu gehört der schwarze Adler, welcher die Größe eines Puter erreicht, bei uns in Europa lebt und Hasen, Gänse u. dgl. raubt. Seines majestätischen Aussehens wegen haben einige Könige ihn zu ihrem Siegeszeichen gewählt. Alwina. In der Fabel tritt der Adler auch wohl als König aller Vögel auf. Vater. Darin hast du Recht. Der Gold- oder Steinadler ist fast so groß als der Lämmergeier. Mau findet ihn in der Schweiz und Tprol. Er lebt einsam, ja, wenn seine Jungen kaum ausgewachsen sind, so treibt er sie schon in die Fremde. Kein anderes Thier duldet er in seiner Nähe. Sein Gefieder ist schwarzbraun, und um die Augen hat er einen gelben Ring. Fast so groß als dieser ist der Fisch- oder Seeadler, auch Beinbrecher genannt, welcher sich an den europäischen Küsten aufhält. Schaut her! (Taf. III. Fig 1) dies ist der Seeadler.' Gustav. Nun, der schaut eben auch nicht f freundlich aus. Vater. Er ist auch sehr wild, zerbeißt Knochen und ist ein geschickter Fischer. Emma. Welche Farbe hat er denn? Vater. Er sieht bräunlich aus und hat einen weißen Schwanz. Hier seht ihr noch einen Falken (Taf. III. Fig. 2). Es ist der Edelfalke, den man zähmt und zur Jagd abrichtet', deshalb auch Jagdfalke genannt. Sein Rücken ist aschgrau, sein Bauch weiß, der Hals dunkelbraun gefleckt und die Füße gelb.77 Erv ald. Wo lebt dieser schöne Falke? Vater. In den nördlichen Ländern der Erde. In srüherer Zeit, als man noch große Reiherbeizen veranstaltete, wurden diese Falken theuer bezahlt. Baum-, Thurm- und Rohrfalken sind Spiel arten des vorigen. Ferner gehören zu den Raub vögeln die Milane, deren man acht Arten kennt. Sie können ihren Raub nicht im Fluge erreichen, son dern stoßen auf sitzende und kriechende Thiere. Der rothe Milan, auch Gabelreihe genannt, und der schwarz braune Milan sind europäische Arten. Noch muß ich euch die Bussarde nennen. Diese Raubvögel haben lange Schwingen und gleichförmige Schwänze. Die starken Füße sind kurz und nicht besonders bewaffnet. In Europa kommen drei Arten vor: der weißsüßige Bussard, auch Schneefalke genannt, der Mäusebussard und der Wespenbussard. Man sollte diese Vögel nicht vertilgen, denn sie verzehren Mäuse und eine Menge schädlicher Insekten. Wer von euch hat schon einen Habicht gesehen? Gustav. Ich, lieber Vater. Der Habicht ist '2un, weiß und gelb. Er ist ausgebreitet wohl drei ouß breit. Die Leute nennen ihn immer den großen Stößer. Alwina. So? so ist's der, der Tauben und Hühner stiehlt? Vater. Derselbe, vor dem auch das kleinste Vöglein nicht sicher ist. - Ewald. Darum verfolgen ihn auch die Jäger. .Vater. Der kleine Stoßvogel, der Sperber, so groß als eine Elster, hat einen braunen Rücken, weiße Brust und schwarze Querlinien am Schwänze. Er ist ebenfalls ein Feind der Rebhühner, Wachteln,78 Lerchen und Tauben. Von allen Falken ist noch zu bemerken, daß das Weibchen in der Regel größer ist als das Männchen. Das Eulengeschlecht gehört ebenfalls zu den Raubvögeln. Gustav. Soll ich die Eule einmal beschreiben? Vater. Laß hören, mas du weißt! Gustav. Die Eulen haben einen kurzen, gebogenen Schnabel, kurze, befiederte Beine und einen katzenförmi- gen Kopf. Alwina. Und große, nach vorne stehende Augen. Vater. Richtig. Es gibt verschiedene Arten. Die größte ist die große Ohreule, der Schuhu, den ihr hier abgebildet findet (Tas. III. Fig. 3). Sie ist so groß als eine Gans, am Kopfe rothbraun, gelb am Bauche und hat schwarze Flügel. Rur des Nachts geht diese Eule aus Raub aus und tödtet Hasen und Schlangen. Bei Tage darf sich der Schuhu nicht sehen lassen. Der Flug der Eulen ist sehr leise, weil sie ein so weiches Gefieder haben. Ein Mann, der, dabei gesagt, sehr abergläubisch war, mußte Nachts über einen Kirchhof gehen. Voller Angst nahm er seinen Hut ab und plapperte ein auswendig gelerntes Gebetlein her. Aber — hu! — auf einmal nahm ihm Jemand seine Perrücke vom Kopse. Er lies, was er laufen konnte, und glaubte, es sei ein Geist gewesen, der seine Perrücke genommen und dem eben eine solche Bedeckung gefehlt habe. Nach einiger Zeit waren die Maurer am Thurme beschäftigt und fanden in einem Eulenneste die — Alle. Die Perrücke! ha, ha, ha! Vater. Die Sturmeule, das Käuzlein, die Nachteule und die Schneeeule werden dem Menschen nützlich dadurch, daß sie viele schädliche Thiere wegfangen.79 Emma. Warum nennt man das Käuzlein auch wohl Todtenvogel? Vater. Das Käuzlein fliegt Abends herum, und wo es Licht sieht, da fliegt es gerne hin und erhebt da sein Geschrei. Nun haben abergläubische Leute ge sagt, wo das Käuzlein ruse, müsse bald einer sterben. Dieser Aberglaube ist dadurch entstanden, daß das Käuzlein Nachts, wenn nur irgend wo in einer Krankenstube Licht war, in der Nähe sein Geschrei er hob und bisweilen der Kranke gestorben, aber nicht, weil das Käuzlein geschrieen, sondern weil seine Krank heit unheilbar war. — Nun folgt noch das Würger geschlecht, wozu der Würger, der Finkenbeißer und der Neuntödter gehört. Letzterer nährt sich von Insekten, die er fleißig auffängt und rund um sein Nest an Dornen ausspießt. Man nennt ihn des halb auch Dornendreh er. Er ist so groß als eine Lerche und hat einen rothbraunen Rücken und einen schwarzen Streifen über das Gesicht. Weil wir eben mit den Raubvögeln zu Ende sind, so wollen wir für diesen Abend schließen.Zehnter Abend. Vater. Diesen Abend haben wir es mit gar- komischen Vögeln zu thun; es gehören nämlich zu der zweiten Ordnung, den Leichtschniiblern, die lustigen Papageien. Ewald. O, ich habe neulich einen Papagei ge sehen, der war weiß, hatte einen langen Schwanz unb einen Federbnsch auf dem Kopse. Vater. Das war der Kakadu, der auf den Molukken zu Hause ist. Emma. Den habe ich auch gesehen. Er plapperte allerlei, was man ihm vorsprach und machte die toll sten Dinge von der Welt. Vater. Die Papageien sind alle sehr gelehrig, zeich nen sich durch einen prachtvollen Federschmuck besonders ans, und es gibt deren in heißen Ländern gar viele Arten. Nur der Erdpapagei (Taf. III. Fig. 4) ist ein geschickter Läufer, die übrigen hingegen sind nur geschickt im Klettern, hängen sich an die dünnen Zweige und machen allerlei Kunststückchen, wie geschickte Seiltänzer. Sie sind ungemein plapperhaft, und ihr Geschrei ist bisweilen unausstehlich. Gustav. Dann sollen sie lieber den Mund oder vielmehr den Schnabel halten. Aber was fressen die Papageien?81 Vater. Allerlei Früchte und wissen sogar sehr harte Fruchtsteine aufzuknackeu. In der Gefangenschaft fressen sie Gekochtes und Gebackenes. Männchen und Weibchen sind sich so zärtlich zugethan, daß, wenn eins stirbt, das andere bald nachsolgt. Auch an den Men schen schließen sie sich gerne an. Nur muß man glän zende Sachen vor ihnen bewahren, weil sie einen Hang zum Stehlen haben. Der indianische Rabe, welcher in Südamerika lebt, ist groß und prachtvoll, hat ein rothes Gefieder mit himmelblauen Schwung federn. Der blaue Ara ist derjenige, welcher am häufigsten zu uns nach Europa gebracht wird. Der Goliath hat die Größe des Ara, ist im Leben asch grau und im Tode schwarz. Der indianische Staar sieht violett, schwarz und weiß aus und lernt am deutlichsten sprechen. Ewald. Vater, weißt du nicht eine hübsche Ge schichte von den Papageien? Vater. Eben fällt mir eine bei. Ein Kaufmann hatte einen Barbier, der Markus hieß. So oft derselbe nach dem Rasiren von ihm ging, pflegte der Kaufmann „Adieu, Meister Markus" zu sagen. Der Kaufmann hatte auch einen Papagei, der un glücklicher Weise einmal von der Katze beim Flügel erwischt wurde, die schnell mit ihm zur Thür hinaus lief. Eben kam Meister Markus daher. „Adieu, Meister Markus," rief der Papagei, und Meister Markus war so artig, für den schönen Gruß ihn aus den Klauen der Katze zu befreien. — Noch zwei Vögel will ich euch nennen, welche zu dieser Ordnung gehören, aber keine Papageien sind. Der Pfeffer fraß gehört zum Tukangeschlechte und lebt in Brasilien. Obgleich er nur so groß als eine Taube Der kl. Raff. 682 ist, so hat sein Schnabel doch eine Länge von 5 Zoll und ist so dick als ein Daumen. Manche dieser Vögel haben, wie die Papageien, schönes Gefieder. Der Nashornvogel ist in Ostindien zu Hause. Er nährt sich von Aas und verbreitet einen häßlichen Geruch. Er erreicht die Größe eines Haushahns und hat auf seinem Schnabel ein 6 Zoll langes Horn. Das wären die Hauptarten der Leichtschnäbler. Nun kämen wir zur dritten Ordnung, welche die spechlartigen Vögel enthält. Gustav. Dazu gehört gewiß der Grünspecht, welcher bei uns lebt, der ein gelbgrünes Gesieder und einen rothen Fleck aus dem Kopfe hat. Vater. Richtig, weißt du nichts mehr von ihm zu erzählen? Gustav. Der Grünspecht läuft an Bäumen hinauf, und wo er unter der Rinde ein Würmchen wittert, fängt er an zu klopfen und zu bohren, daß man es weit hören kann. Alwina. Noch weiter kann man sein Geschrei, welches dem Lachen gleicht, hören. Alte Leute sagen, er sei ein guter Wetterprophet. Wenn der Specht lacht, so gibt's Regen. Vater. Im mildern Europa und in Asien lebt der Schwarzspecht, auch Hohlkrähe genannt, ist so groß als eine Krähe und schwarz mit rothem Kopfe. Der große und kleine Buntspecht ge hören auch hierher. Die Spechte können ihre lange, kleberichte Zunge weit hervorschnellen und sind dadurch6 * 83 geschickt, selbst aus tiefen Löchern ihren Fang hervor zuholen. — Der Wendehals ist ein kleines, braun und grau gefiedertes Vögelchen. Es kann seinen Hals geschickt nach allen Seiten hin drehen, und man sollte bisweilen glauben, er hätte den Kopf verkehrt sitzen. Sein Schwänzlein breitet er bisweilen aus, wie ein Pfau. Ewald. Lebt dieser Vogel auch bei uns? Vater. Zuweilen kommt er aus den nördlichen Gegenden zu uns. Ein sehr schöner Vogel ist der Eisvogel. Er hat einen breiten Kopf, wird größer als ein Sperling und sieht auf dem Rücken himmel blau aus. Sein Nest baut er an Ufern, und seine Eier brütet er im Sommer und nicht im Winter, wie es in einigen Büchern heißt. Er ist ein sehr geschickter Fischsänger. Der Wiedehopf ist bekannt und steht, weil er sein Nest aus Koth zusammen schmiert, in einem Übeln Ruf. Alwina. Und doch trägt er gar hochmüthig ein Krönlein auf dem Kopfe. Vater. Die Baumläufer kennt ihr wohl? Gustav. Dazu gehört wohl der Grauspecht, der weiß und grau aussieht und an den Bäumen herumklettert. Vater. Und der Mauerspecht. Der rothe Specht lebt aus den Sandwichs-Jnseln, ist karmoisin- roth und hat schwarze Flügel und einen weißen Schwanz. Der Kolibri ist der kleinste Vogel auf der Welt. Sein Nestchen ist so groß als eine Wallnuß. Er hat meistens ein wunderschönes Gefieder, das, wie Edelsteine, alle Farben spielt. Und sollte man glau ben, daß dieses kleine Ding so jähzornig sei? Es lebt fast in beständigen Händeln mit seines Gleichen,84 und das nicht allein, nein, es wagt sich sogar an größere Vögel, fliegt ihnen unter die Flügel und durch bohrt sie mit seinem spitzigen, röhrenförmigen Schnabel. Gustav. Was frißt dieser kleine Hitzkopf? Vater. Wie eine Hummel umschwärmt er die Blumen und saugt deren Saft. Doch wollen einige Naturforscher auch bemerkt haben, daß er nur kleine Insekten fresse, welche er in den Blumen aufsuche. Alwina. Und wo lebt der Kolibri? Vater. Nur in Amerika. Man kennt bereits 70 — 80 Gattungen von Kolibris. Der gemeine Kolibri ist 3 Zoll lang. Sein Gesieder ist oben goldgrün, an der Kehle rubinroth, an Brust und Bauch weiß, an den mittleren Schwanzfedern grün und an den äußeren seuerroth. Der Topas-Kolibri erreicht die Größe eines Zaunkönigs, und glänzt in goldgrüner Farbe. Der Rubin - Kolibri in Brasilien hat das herrlichste Gefieder, welches in den Farben eines Rubins schillert. Der Juwelen-Kolibri, ebenfalls in Brasilien, ist am Oberhalse dunkel olivengrün, die Brust olivenbraun und der Kopf rubinroth. Der Zwerg-Kolibri ist der kleinste seines Geschlechts und zugleich der kleinste aller Vögel. Sein Gefieder ist oben goldgrün und unten gräulich. Da er nur 1 Zoll lang wird, so ist er nicht viel größer als eine Hummel. Sein Nestchen sieht einer Wallnußschale ähnlich, und seine Eierchen gleichen kleinen Zuckererbsen. Die Frauen und Mädchen in Südamerika tragen aufgestopste Kolibris als Schmuck in den Ohren und in den Haaren.85 Elster Abend. Vierte Ordnung, rabenartige Vögel. Vater. Lustig, Gustav, woran kennt man die Vögel dieser Ordnung? Gustav. Die rabenartigen Vögel haben einen starken, oben erhabenen Schnabel und kurze Füße. Vater. Richtig, und mm wollen wir noch hin zusetzen, daß diese Vögel von Getreide und Pflanzen, von Insekten und Aas leben. Gustav. Das sind also rechte Allesfresser. Vater. O ja, man könnte sie auch so nennen. Nun, Alwina, nenne mir einige Vögel, welche hierher gehören! Alwina. Der Rabe, die Krähe, die Dohle, die Elster — — Vater. Schon genug. Der gemeine Rabe, auch Kolkrabe genannt, nistet bei uns hie und da in Gebirgsgegenden. Er hat ein glänzend schwarzes Gefieder und wird so groß a[§ ein junger Hahn. Gustav. Man sagt ihm nicht viel Gutes nach. Ich denke an das Sprüchwort: „Er stiehlt wie ein Rabe!" Vater. Fische, Enten, ja selbst Hasen sind nicht vor ihm sicher. Die Rabenkrähe ist ihm nahe verwandt und findet sich bei uns überall, so wie auch die Saatkrähe. Diese beiden letztern werden uns86 dadurch sehr nützlich, daß sie eine Menge Maikäferlaroen, Engerlinge, wegfressen. Ewald. O, das habe ich schon gesehen. Sie marschiren oft in ganzen Reihen hinter dem Pflüger her. Vater. Der Rabe soll sehr alt werden. Gustav. Man sagt über hundert Jahre. Jener Bauer wollte sich davon überzeugen und kaufte sich einen zweijährigen. Der dachte gewiß lange zn leben. Vater. Man- hält solche Vögel auch wohl im Hause und richtet sie zum Nachsprechen ab. Der Rabe verräth nicht selten durch sein Thun, daß er Nachdenken und überlegen kann. So habe ich einen Raben ge kannt, der als ein altes Familienstück bei einer Familie in Mülheim an der Ruhr lebte, und von dem ich euch folgende Beispiele seiner Ueberlegungskraft als Wahrheit mittheilen kann. Wenn die Hühner gefüttert wurden, so mischte er sich unter sie. Auch mancher Sperling gesellte sich herbei, um ein Bröcklein mit zu erhaschen. Unser Rabe paßte nun genau auf, und — husch! so hatte er ein Spätzlein beim Flügel gefaßt, lief mit ihm davon und verzehrte es. Durch das Geschrei des Erwürgten wurden seine Gesellen ver scheucht. Tage vergingen, ehe der Rabe wieder einen Sperling erhaschte, und was that er nun? — Er tauchte den Spatz rasch in ein Gefäß mit Wasser, welches in der Nähe stand, und verhinderte ihn so, zu schreien. Warf man ihm eine harte Kruste hin, so tauchte er sie regelmäßig in's Wasser, bis sie er weicht war. — Es gibt der Krähen noch mehrere Arten, als: die Haubenkrähe, die Nebelkrähe und die Mandelkrähe. Letztere lebt im milden Europa und in Nordafrika. Hals, Kopf, Brust und87 Bauch fmb alaungrün, bie Flügel haben schwarze Flecken. Die Elster kennt ihr ja alle? Alwin a. Wer kennt den schwarz und weiß ge fiederten Schwätzer nicht! Er ist auch seines Stehlens wegen recht beriichtigt. Vater. Ein sehr lustiger Vogel ist die Dohle, fie nistet auf Thürmen und lebt von Insekten und Samen. Sie läßt sich leicht zähmen. Glänzende Sachen sind auch nicht sicher vor ihr. Gustav. Ich merke, alle diese Vögel haben etwas von der Spitzbubennatur an sich. Vater. Die Heher gehören ebenfalls hierher. Es gibt bei uns 3 Arten davon: der Nuß-, der Birk- und der Tannenheher. Sie sind beinahe so groß als eine Elster, haben aber ein schönes bun tes Gefieder. Gustav. Man nennt sie auch Holzschreier. Vater. Das Kuckuksgeschlecht — Alle. O der Kuckuk! der Kuckuk! Vater. Holla, man sollte ja glauben, man sei zur schönen Sommerzeit im Walde. Ewald. Das ist der lustigste Vogel von der Welt, der Kuckuk. Wenn ich doch einmal einen sehen könnte! Die Uebrigen. Das wünschte ich auch! ich auch! Vater. Also den Kuckuk kennt ihr noch nicht? Gebt Acht! ich will ihn beschreiben. Er wird so groß als eine Holztaube und hat aschgraue Federn. Sein ziemlich langer Schwanz ist schwarz und weiß gefleckt. Der Schnabel ist mäßig gebogen. Er lebt von In sekten und Würmern, soll sich aber auch kleine Vögel, wenn er sie erhaschen kann, wohlschmecken lassen. Sobald es warm wird, kommt er in unsere Wälder88 und läßt sein „Kuckuk", auch wohl „Kukukuk" hören. Er lebt nur mit seinem Weibchen in Gemeinschaft und hat sonst mit seines Gleichen keinen Umgang. Merk würdig ist es, daß sich der Kuckuk gar kein Nest baut, sondern seine Eier in die Nester kleiner Vogel, wie das der Grasmücke und der Bachstelze, legt und von diesen ausbrüten läßt. Obgleich der Kuckuk ein ziem lich großer Vogel ist, so ist sein Ei doch nicht größer, als das Ei eines Sperlings. Der .junge Kuckuk, welcher sehr klein aus dem Ei kommt, wächst schnell heran; daß er aber die Jungen seiner Pflegeeltern auf fresse, ist eine Fabel. Der Straußkuckuk kommtauch zuweilen nach Europa, lebt am Senegal und in Syrien, ist oben braun, unten weißlich, die Kehle gelb und der Kopf mit einer aschgrauen Federkrone geschmückt. Aber wißt ihr, warum der Kuckuk immer seinen Namen schreit? Hört ein Fabelchen. Der Kuckuk sprach mit einem Staar, Der aus der Stadt entflohen war. „Was-spricht man," fing er an zu schrei'n, „Was spricht man in der Stadt von unfern Melodei'n? Was spricht man von der Nachtigall?" „„Die ganze Stadt lobt ihre Lieder."" „Und von der Lerche?" rief er wieder. „„Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall."" „Und von der Amsel?" fuhr er fort. „„Auch diese lobt man hier und dort."" „Ich muß dich doch noch etwas fragen: Was spricht man denn von mir?" — „„Das,"" sprach der Staar, „„das weiß ich nichtzusagen; Denn keine Seele spricht von dir."" „So will ich," ries er aus, „mich an dem Undank rächen Und ewig von mir selber sprechen."89 Alle. Das ist sehr schön. Vater. Nun, wenn es euch so gefällt, so lernt es auswendig und sagt es mir morgen Abend einmal schön her. Alle. Das wollen wir thun. Pater. Höchst merkwürdige Vögel, welche noch hierher gehören, sind die Paradiesvögel. Sie sind in Neuguinea zu Hause und zeichnen sich durch ihr prachtvolles Gefieder, namentlich durch die schönen langen Schwanzfedern aus. Der eigentliche Paradies vogel hat einen Schwanz von zwei bis zwei und ei nem halben Fuß Länge. Die Paradiesvögel werden so groß als ein Staar, und früher glaubte man, diese Vögel hätten gar keine Füße. Dieser Aberglaube ist daher entstanden, daß die Papus, welche Handel mit biefen Vögeln treiben, diesen die Füße abschneiden, um sie besser einpacken zu können. Der Kirschvogel oder die Golddrossel soll den Beschluß dieser Ord nung machen. f Gustav. O, das ist gewiß der bekannte Bülov, der immer Bülov, Bülov schreit. Vater. Ebenderselbe. Das Männchen ist gold gelb und schwarz, das Weibchen zeisiggrün. Insekten, Beeren und Kirschen sind ihre Nahrung. Sie hängen ihr Nest künstlich an den äußersten Enden der Zweige der höchsten Waldbäume auf. Man nennt diesen Vogel auch Pirol. Man kennt gegenwärtig über 50 Arten, die sich alle durch schönes Gefieder aus zeichnen. Man hat es versucht, unfern Pirol, die Gold drossel , zu zähmen, und es ist gelungen. Man muß ste aber mit Mehlwürmern, Insekten und kleinen Fleisch stückchen versorgen, und zur Zeit der Kirschen diese, ihre Lieblingsfrucht, nicht vergessen. Der Pirol lernt90 sprechen und singt mit seiner vollen Stimme die vor- gepsiffenen Melodien nach. Der Prinzen-Pirol lebt in Neuholland und der Paradies-Pirol am Senegal. Nun nennet mir einmal alle Vögel, welche wir diesen Abend kennen gelernt haben! Die Kinder hatten wohl ausgepaßt und wußten all»Vögel zu nen nen. Wer beschreibt die Krähe, die Elster, den Kuckuk?91 Zwölfter Abend. Vater. Heute gibt's lustigen Gesang, denn wir sind bis zur fünften Ordnung, zu den Singvögeln, gekommen. Diese haben mehr oder minder keilför mige, spitzige Schnäbel, nähren sich von Insekten und Gesäme und ergötzen uns durch ihren schönen Gesang. Auch ist ihr schmackhaftes Fleisch nicht zu verachten. Die meisten dieser Vögel sind klein und der eine mehr, der andere minder durch seinen Ge sang bei den Menschenkindern beliebt, denn auch der Sperling gehört zu dieser Ordnung. Gustav. Was, dieser unverschämte Schreihals ein Singvogel? Vater. Halt ein, junger Naturforscher, bis wir an diesen Vogel kommen, dann kannst du ihn nach Herzenslust schlecht machen. — Kaum begrüßt die Frühlingssonne die verjüngte Flur, so ergötzt die Lerche mit ihrem Gesang unser Ohr. Hast du schon die Lerche gehört? Die Lerche ist wieder da, so rufen sich die Kinder in den ersten Frühlingstagen einander zu. Ob das Singen der Lerche, oder das Nahen des Frtihlings diese Freude hervorbringt? Die Hauben lerche unterscheidet sich von der Feldlerche haupt sächlich dadurch, daß sie einen Federbusch trägt und92 größer ist, als diese. Man unterscheidet auch wohl Haide- und Wieseulercheu. Weil ihr Fleisch sehr wohlschmeckend ist, so fängt man sie mit Netzen. Man stellt nämlich eine Anzahl großer Netze, gleich Wänden, auf dem Felde ans und treibt die Lerchen in der Abenddämmerung hinein. Diese Art Netze nennt man Taggarne. Die Nachtgarne hingegen sind viereckige Netze, welche man auf dem nächtlichen Fange über die aufflatternden Lerchen wirft. Am bedeutendsten ist der Lerchenfang bei Leipzig, wo in einem Monat oft über eine halbe Million Lerchen gefangen werden. Außer oben genannten sind noch die Ringel- oder Kalanderlerchen, mit schwarzen Querstrichen auf den Flügeln und einem sinkenartigen Schnabel, und die tatarische Lerche, die ein schwarzes Gefieder mit weißlichen Flecken hat, merkwürdig. Die Ningellerche lebt in dem mittleren Asien, Nordafrika und dem Süden von Europa. Wo die tatarische Lerche ihre Lieder anstimmt, das könnt ihr aus ihrem Namen errathen. Der Staar ist nicht nur ein sehr gut- müthiger Vogel, sondern auch sehr nützlich dadurch, daß er viele schädliche Insekten vertilgt. Die Staare leben gerne in Gesellschaft und besuchen fleißig die Kirschbäume. Der gemeine Staar oder Staar- matz ist schwarz mit grünem, violettem Schimmer. Er lernt singen und sprechen. Die Drosseln sind nahe verwandt mit dem Staar. Sie haben einen messerförmigen Schnabel, dessen Oberspitze etwas niedergebogen und an den Seiten ausgeschnitten ist. Die Drosseln sind auch sehr gelehrig, denn sie lernen nicht nur singen, sondern auch tanzen. Vor allen berühmt oder vielmehr berüchtigt ist die Spottdrossel. Diese ist ein wahrer Sprachmeister, denn sie macht,93 auf ihrem Baume sitzend, die Stimmen aller Vögel nach und fängt dann auf eigene Faust zu singen an, daß es weithin durch die Wälder schallt. Bald schlägt sie mit den Flügeln den Tact zu ihrem Gesang, bald dreht sie sich tanzend in der Luft herum. Sie sieht aschgrau, an den Flügeln und dem Schwänze aber weiß aus. — Die Weißdrofsel, auch Sangdrossel genannt, hat einen grünbraunen Rücken und eine weiße Brust. Sie singt sehr schön, und ich möchte wohl einmal in Norwegen sein, wo während des kurzen Sommers Tausende dieser Musikanten ihr Concert anstimmen. Alwina. Gehört die Amsel nicht auch zu den Drosseln? Vater. Freilich, man nennt sie — Gustav. Schwarzdrossel. O, das ist ein gar schöner Vogel, schwarz wie Kohlen mit goldgelben! Schnabel. Ewald. Schon im März läßt er seinen kräftigen Schlag hören. Vater. Man zähmt ihn auch, und da er sein Futter nicht umsonst fressen will, so pfeift er hübsch nach, was ihm vorgepsiffen wird. Nun nenne ich euch noch eine Drossel. Sie hat eine rostgelbe, schwarzgesleckte Brust und kommt im Herbste in großen Schaaren zu uns, besucht die Wachholderbeeren und wird dann gefangen, verkauft und verspeist. Nun, wie heißt sie? Alle. Das ist der Krammetsvogel. Gustav. O, da fällt mir ein hübsches Stückchen ein. Ein Vogelfänger, der, das muß ich dabei sagen, sehr abergläubisch war, that eines Morgens einen guten Schlag. Unter den Krammetsvögeln befand sich auch ein Heher, der aus der Gefangenschaft entflohen war.94 In dieser hatte er einige Wörter sprechen gelernt. Als der Vogelfänger nach gewohnter Weise den Vögeln den Kopf eindrückte, rief der Heher: O weh! o weh! — Der Vogelfänger erschrak so, daß er Alles im Stich ließ und davon lief. Mutter. Ich möchte nur wissen, wo du an all' diese Schnurren kommst? Ewald. O, das weiß ich. Er sitzt stundenlang bei dem Leinweber Johannes, und der erzählt ihm solche Geschichtchen. Vater. Dahin magst du immer gehen und dir etwas erzählen lassen, der Mann ist wohl arm, aber brav. Doch nun weiter. Der Seidenschwanz kommt nur im Winter auf seiner Wanderung zu uns. Er sieht braun und grau aus, und an den Flügel- sedern hat er scharlachrothe Fleckchen. Er wird auch gefangen, allein in der Gefangenschaft erwirbt er sich nacht sonderlich vielen Ruhm, denn er ist ein unver schämter Vielfresser. Zu den Kernbeißern gehört der Kreuzschnabel, dessen Schnabel kreuzweis über einander liegt, und der viel Aehnliches mit den Papageien hat, — der Kernbeißer, welcher die härtesten Kerne zerbeißen kann und ein rechter Kirscheudieb ist, — der Dompfaff oder Gimpel, mit schöner rother Brust, schwarzem Kopf und schwarzen Flügeln. Er lernt die schönsten und schwersten Melodien pfeifen, obgleich sein Naturgesang ungemein eintönig ist. In Thüringen wer den viele Dompfaffen abgerichtet und dann zu hohen Preisen verkauft. Ja denkt nur, viele dieser Sänger iverden nach England geschickt, um da ihre Kunst zu produciren. So gelehrig der Dompfaff auf der einen Seite ist, so eigensinnig ist er auf der andern. Ein Landmann, der einen Dompfaffen abgerichtet hatte,95 verkaufte diesen an einen reichen Städter. Nun hätte man glauben sollen, daß der Sänger in dem schön tapezirten Saale des Reichen lustig und fröhlich sein Lied angestimmt habe, allein seine volle, runde Stimme ließ sich nicht vernehmen. Der Städter beklagte sich darüber bei dem Landmann, und dieser kommt zur Stadt, um zu sehen, ob dem wirklich so sei. Kaum erblickt der Dompfaff seinen ehemaligen Herrn und Meister, als er auch gar lustig seine Stimme erschallen läßt. Der Grünfink sieht gelblichgrün aus, singt zwar nicht sehr schön, aber sehr thätig. Der Kardinal- Kernbeißer (Taf. III. Fig. 5) lebt in Nordamerika. Er ist scharlachroth und hat einen hohen, zugespitzten Federbusch auf dem Kopse. Zu dem Ammergeschlecht gehören der Schneeammer, der graue Ammer, der Ortolan, der Emmerling, der Goldammer und der Rohrsperling. Die gemeinste Art sieht gelb aus und nistet an der Erde. Der Ortolan wurde schon in alter Zeit als Leckerbissen betrachtet. Alwina. Der Rohrsperling hält sich wohl im Schilfe auf? Vater. Freilich. Er ist grau und schwarz mit weißen Schwanzfpitzen. Gustav. Er singt gar nicht übel, aber wenn man sich naht, so schreit und lärmt, er gewaltig. Mutter. Daher das Sprüchwort: „Er schimpft wie ein Rohrsperling!" Vater. Die Finken gleichen den vorigen an Größe, 'haben aber einen kegelförmig zugespitzten Schnabel. Die meisten singen sehr hell und schön. Ihr kennt ja den Buchfinken, den Stieglitz oder Distel finken, den Zeisig oder Erlensinken und den Hänfling.96 Gustav. Der Distelfink ist ein lustiges Thier- chen; es lernt nicht nur schön singen, sondern nebenbei noch allerlei Kunststückchen. Ewald. Der Zeisig ebenfalls. Vater. Auch gehört der Kanarienvogel, der im sechszehnten Jahrhundert von den kanarischen Inseln zu uns gebracht wurde, hierher. Die Kana rienvögel sind sehr gelehrige Thierchen. Ihr Gesang ist klar, ja schmetternd. Auf den Kanarienvogel folgt nun der Sperling. Gustav. Das ist Unrecht, diesen gemeinen, un verschämten Spitzbuben hierher zu stellen. Ewald. Den ganzen Tag ruft er sein einfältiges sperk, sperk, und soll darum ein Singvogel sein? Alwina. Ich bin auch nicht zufrieden mit ihm, denn er zerhackt und verdirbt Vieles im Garten. Emma. Und ich mag ihn darum nicht leiden, weil er die stillen Schwalben aus ihrem Neste ver trieben hat. Vater. Man muß sich der Bedrängten annehmen, und darum will ich auch etwas zu seinem Lobe sagen: die Sperlinge vertilgen eine Menge Raupen, Käser und andere schädliche Insekten und werden uns dadurch sehr nützlich. Wie heißt das muntere Vögelchen, welches weißlich-blau und mit schwarzen Federn geschmückt ist, einen langen Schwanz hat, mit seinen langen Beinen schnell laufen kann und Insekten fängt? Emma. Ist das nicht die Bachstelze? Vater. Richtig. Es gibt auch eine gelbe Bach^ stelze, Ackermännchen genannt, welches gerne an Bächen und an feuchten Orten nistet. Welcher Vogel entzückt vor allen andern unser Ohr durch seinen lieb lichen Gesang?97 Gustav. Wer wüßte das nicht! Das ist die Nachtigall. Vater. Die Nachtigall, welche mit kommendem Frühlings unsere Gegend besucht und als ein angeneh mer Gast bis zum Herbste verweilt, hat zwar kein sehr- schönes Gefieder, denn sie ist oben röthlich, unten hell grau mit braunröthlichem Schwänze, ist aber dessenun- geachtet eine ausgezeichnete Sängerin. Mutter. Da sieht man recht, daß das Sprüch- wort: „Das Kleid macht den Mann," nicht immer wahr ist. Was ist ein Papagei rp.it seinem bunten Gefieder gegen eine Nachtigall! Vater. Da hast du ganz Recht, liebe Mutter, innere Vorzüge haben nicht nur bei den Vögeln, son dern auch bei den Menschen am meisten Werth. Wie lieblich ist der Gesang dieses kleinen Vögelchens ! Des wegen fängt man sie auch weg und sperrt sie in Käfige ein, was immer sehr grausam ist. In Preußen ist jedoch das Wegfangen der Nachtigallen strenge untersagt. Gustav. Sage einmal, Schwester Alwina, weißt du auch, warum die Nachtigall die geschickteste Sängerin ist? Alwina. Weil kein Vogel so schön singt, als sie.. Gustav. Bewahre! Weil sie Alles sogleich vom Blatt singt. Vater. Du kleiner Schelm, daran hätte ich selbst nicht gedacht, doch kommt dieses unverdiente Lob allen Singvögeln zu. Der Sprahler oder die Wiener- Nachtigall ist größer als die vorige und lebt meistens in Ungarn, Polen und Oesterreich. Die Schwarz platte oder der Mönch singt fast eben so schön als die Nachtigall. Die Grasmücke, das Blau- und Rothkehlchen sind uns ebenfalls als gute Sänger Der kl. Raff. 7 .98 bekannt. Der Zaunkönig, braun und schwarz mit aufrechtstehendem Schwänzlein, läßt auch bei uns sein Sümmchen hören. Das kleinste Vögelchen bei uns ist das Goldhähnchen. Es ist ein gar schönes Vögel chen, oben olivenfarbig, unten röthlich-weiß und trägt eine dreifarbige Krone von gelben, rothen und schwarzen Federn auf seinem Kopfe. — Der Schneidervogel lebt in Indien und hängt sein Nestchen gar künstlich an dem Ende eines Zweiges auf, indem er an ein dürres Blatt ein grünes befestigt und wie eine Düte gestaltet. — Der Manakin (Taf. III. Fig. 6) hat einen kurzen Schwanz, ist kohlschwarz, der Rücken him melblau und der Kopf fast feuerroth. Es gibt mehrere Arten dieser Vögel, welche alle in Südamerika zu Hause sind. Das Mei senge schlecht ist sehr bekannt. Ewald. Ich kenne die Blaumeise, auch Blau müller und Pimpelmeise genannt. Gustav. Ich kenne die Schwarzmeise und .die Kohlmeise. Alwina. Auch die Bartmeise lebt bei uns. Vater. In Sibirien und in Italien lebt die Beutelmeise, deren sackförmiges Nest ein Mittel wider Röse Hälse ist. Auch gibt es eine Hauben meise, welche einen Federbusch auf dem Kopse trägt. Diese Vögel vermehren sich sehr stark, und das hat der liebe Gott sehr weise eingerichtet, weil die Raupen sonst großen Schaden verursachen würden. Kein Gärt ner ist so geschickt im Wegmachen der Raupeneier, als es die Meisen sind. Ewald. Wir fanden im verflossenen Sommer ein Meisennest, in welchem 22 Eier waren. Vater. Das Schwalbengeschlecht unterscheidet sich von den übrigen Singvögeln durch die langen Flügel,7 99 den getheilten Schwanz und durch den weit zu öffnenden Schnabel. Die meisten sind weiß und schwarz und gar friedliche Vögel. Es gibt Hausschwalben, Rauchschwalben, Uferschwalben und Mauer- schwalben. Es gibt noch eine kleine Art Schwalben auf den Inseln des Indischen Archipels, die Salangane, welche so groß wie Zaunkönige werden und die berühmten eßbaren Nester bauen. Das Ein sammeln dieser Nester ist eine sehr gefährliche Arbeit, denn diese Schwalben nisten meistens in stnstern Grotten oder schroffen Felswänden in der Nähe des Meeres. Die Sammler lassen sich an Stricken her nieder und beginnen dann ihr Geschäft. Eier und Junge, die sich etwa im Neste befinden, werden ohne Barmherzigkeit in's Meer geworfen, die Nester aber in einen Sack gesteckt. Diese Nester bestehen zum größten Theil aus mehl- und schleimhaltigem Seetang. Und wozu geschieht diese mühe- und gefahrvolle Ar beit? Die reichen Feinschmecker sind mit gewöhnlichen Nudeln nicht zufrieden, kaufen deshalb Vogelnester, bezahlen das Pfund mit 40 bis 45 Thlrn. und glau ben Wunders, welche Delicatesse sie verspeisten. So muß der Arme oft mit Gefahr seines Lebens der Genußsucht des Reichen dienen. Die Nachtschwalbe, oder der Ziegenmelker, sieht den Schwalben nur ähnlich durch seinen Schnabel. Daß dieser Vogel den Ziegen die Milch aussauge, ist eine Fabel.100 Dreizehnter Abend. Die Kinder. Der Vater! der Vater! Gustav. Nun, lieber Vater, heute geht's über unsere Lieblingsvögel her, über die Tauben und Hühner. Vater. Richtig, denn wir stehen bei der sechsten Ordnung, welche die tauben- und hnhnerartigen Vögel enthält. Welche Tauben kennst du schon? Gustav. Me, die in unserm Orte sind. Vater. So meine ich das nicht; welche Arten kennst du? Gustav. Feldtauben, Kropftauben, Trom meltauben, Tümmler, den Pfauenschwanz, die Schleiertaube und die Posttaube. Alwina. Die Lachtaube gehört auch dazu und das Mövchen. Ewald. Und die Ringeltaube. Emma. Und die Turteltaube. Vater. Das ist zu loben. Die Lachtaube ist nur als Stubenvogel bei uns bekannt, sie ist in wär- mern Ländern zu Hause. In Amerika ist die Wand er taube, welche in einer Ungeheuern Anzahl von einem Orte zum andern zieht. Man fängt sie zu vielen Tau senden. Die größte Taube ist die Kronentaube, welche in heißen Ländern lebt und die Größe eines Truthahns erreicht. In Amerika aber ist ein Täubchen, welches nur so groß als ein Sperling wird und des halb Sperlingstaube genannt wird.101 Emma. So ein Täubchen möchte ich wohl haben. Gustav. Ich nicht. Emma. Eh warum nicht? Gustav. Ich wünschte mir ein Paar, dann würde ich schon in die Art kommen. Alwina. O, das Wünschen habt ihr umsonst, und Keines Wunsch wird erfüllt werden. Vater. Zu den Hühnern gehört zuerst das ge meine Haushuhn, welches aus Hindostan stammt. Es ist ein bekanntes nützliches Hausthier, seiner Eier und seines Fleisches wegen beliebt. Es gibt mehrere Abarten davon, als: das große Paduanerhuhn, das Zwerghuhn, das Wollhuhn in China und das Neger Huhn mit schwarzer Haut, am grünen Vorgebirge. Das Rebhuhn, die Wachtel und das Haselhuhn sind in Deutschland überall bekannt, und die Jäger machen fleißig Jagd auf dieselben. Das Schneehuhü hält sich besonders in Grönland und auf den Alpen auf. Der Birkhahn lebt in Birken wäldern bergichter Gegenden, hat einen blauen Schwanz, gelbe Flügel und wird größer als ein Haushahn. Der Auerhahn hält sich im nördlichen Europa auf und ist aschgrau und schwarz gefleckt. Das Perlhuhn ist fetzt auch bei uns heimisch. Sein Gefieder ist wie mit Perlen übersäet. Schöner noch als dieses ist der Fasan. Der Goldfasan hat eine rothe Brust, grünen Hals, blaue Flügel und goldgelben Rücken und auf dem Kopse einen hübschen Federbusch. Der Sil- bersasan ist oben weiß und unten violett. Reiche Leute legen wohl Gehege für die Fasanen an, die man Fasanerieen nennt. Wir nennen hier auch den Leierschwanz (Taf. III. Fig. 7), den man auch wohl zu dem Drosselgeschlecht zählt, der aber102 seiner Gestalt, wie seines schönen Gefieders wegen neben den Fasanen zu stehen verdient. Der Leier schwanz wird so groß als ein Goldfasan und ist braun grauschwärzlich. Die Schwanzfedern sind vielfarbig. Er lebt in Neuholland auf den blauen Bergen. Seine Lebensart ist noch nicht bekannt. Den Truthahn, Puter, Kalekuter kennt ihr wohl? Gustav. Ei freilich, der Kopf ist mit rothen Fleischlappen bedeckt. Er ist ein rechter Hitzkopf, zumal wenn man ihm Rothes vorhält, so schlägt er gleich mit seinem Schwanz ein Rad. Vater. Er ist aus Amerika zu uns gekommen. Der Pfau — Alwina. Ist ein prachtvolles Thier mit sehr- schönem Gefieder, besonders wenn er seinen langen Schwanz entfaltet. Emma. Er trägt ein zierliches Krönchen auf dem Kopfe. Gustav. Und da er wenig oder gar keinen Nutzen hat, so ist er, trotz seiner Federpracht, ein passendes Bild der Eitelkeit. Vater. Der größte Vogel unserer Gegend ist der Trappe. Er wird bei 30 Pfund schwer, ist am Bauche weiß, an Kopf und Hals grau, am Rücken gelb. Auch trägt er einen weißen Bart und eine be wegliche Federkrone. Er nützt durch sein Fleisch und seine Federn. Merkwürdig ist es, daß er am Halse einen drüsigen Sack hat, in welchen bei zwei Maß Wasser gehen sollen. — Nun kommen wir zu der siebenten Ordnung, den großen Landvögel«, welche nicht stiegen, sondern nur laufen können. Der größte soll den Anfang machen, es ist —103 Gustav. Der Strauß. (Taf. III. Fig. 8.) Vater. Er lebt in Afrika und Arabien und ist der größte unter den bekannten Vögeln; denn wenn er gerade steht, mißt er wohl acht Fuß in der Höhe. Er ist meist schwarz, mit weißen Schwanz- und Schwung federn. Die Füße sind fast wie Kameelsfüße gestaltet, denn er hat nur zwei Klauen. Alwina. Kann der Strauß so schnell laufen? Vater. Freilich. Wenn er nur immer gerade aus liefe, so würden seine Feinde ihn nicht einholen, er läuft aber immer im Kreise. Gustav. Und trotz Größe und Schnelligkeit soll er immer noch ein dummer Vogel sein, denn wenn man ihn eine Zeit lang verfolgt hat, so steckt er seinen Kopf in den Sand und läßt sich so fangen. Vater. Er legt 30 bis 40 Eier, von welchen er einige selbst ausbrütet, andere brütet die Sonne aus, und eine große Menge wird von den Negern ausgesucht und gegessen. Emma. Wie groß ist ein Straußenei? Vater. So groß als ein Kinderkopf. Es wiegt ein Straußenei etwa 3 Pfund und enthält so viel Nah rung als 24 Hühnereier. Einer, der 6 Hühnereier verspeisen kann, muß schon von gutem Appetit sein; demnach können vier Menschen sich an einem Straußenei sättigen. Nicht alle Eier bestimmt der Strauß zum Ausbrüten; denn rund um das Nest her werden über zählige Eier gelegt, welche von den Alten beim Aus kriechen der Jungen zerschlagen und diesen als Speise gereicht werden. Die krausen Schwanzfedern des Straußes werden von Damen als Putz getragen, und aus seiner Haut bereitet man Leder. Gustav. Was frißt der Strauß?104 Vater. Pflanzen und Früchte; doch verschluckt er auch Steine, Eisen und, wie man sagt, glühende Kohlen. Letzteres ist aber sehr unwahrscheinlich. Ewald. Ist dieser Eisenfreffer denn nicht böse? Vater. Freilich, und sehr wild dabei. Bisweilen schlägt er mit seinen Flügeln so aus, daß er seinen Verfolgern den Leib aufreißt. In der Gefangenschaft wird der Strauß wohl zum Reiten gebraucht, nament lich im Circus; allein es hält schwer, ihn zu lenken. Die alten Römer liebten namentlich das Gehirn des Straußes, und so erzählt man, daß der römische Kaiser Heliogabalus bei einem Gastmahle ein Gericht auftragen ließ, welches aus dem Gehirn von 600 Straußen be reitet war. — Der Casuar ist ebenfalls ein sehr großer Vogel, an Stärke und Umfang dem Strauße gleich, nur nicht so hoch. Er lebt im südöstlichen Asien, ist wild und jähzornig und grunzt wie ein Schwein. Auf dem Kopfe trägt er ein helmartiges Horn, und seine Federn sehen den Pferdehaaren nicht unähnlich. Der Strauß- casuar, 6 Fuß hoch, lebt in Amerika. Man nennt ihn auch amerikanischer Strauß, Nandu oder Churi. Er wird 5 Fuß hoch und ist ein sehr gewandter Läufer. Man fängt ihn nur zu Pferde, mit Wurfriemen, und wer keinen guten Renner reitet, dem wird es selten ge lingen, eines Straußes habhaft zu werden. Dieser Vogel läßt sich leicht zähmen. Ein gewisser Herr Linco ck in Brasilien besaß einen Nandu, auf welchem sein zwölf jähriger Knabe reiten konnte, und der ihn dadurch leitete, daß er ihm den Kopf wandte. Die Dronde, Dudu, ein plumper Vogel, von der Größe eines Schwanes, soll nicht mehr vorhanden sein, und wollen wir ihn deshalb nicht beschreiben, bis irgend ein rei sender Naturforscher ihn wieder ausfindet.105 Vierzehnter Abend. Vater. Wir sind gekommen bis zu den Wasser vögeln. Die achte Ordnung enthält die Sumpfvögel. Es sind solche Vögel, welche lange Füße, lange Hälse und kurze Schwänze haben. Sie nähren sich von Amphibien, Fischen, Insekten und von Wasser pflanzen. Kennt ihr einige? Gustav. Der Reiher und der Storch gehö ren hierher. Alwina. Auch der Kranich, die Schnepfe und das Wasserhuhn. Vater. Ich werde euch auch einige nennen. Der Flamingo, seuerroth, lebt in Seegegenden, ist so groß als ein Reiher, wenn er sich aber gehörig streckt, ist er wohl mannshoch. Seine Federn und sein Fleisch sind nutzbar. Die Löffelgans ist leicht an ihrem löffelförmigen Schnabel zu erkennen. Den grauen Reiher kennt ihr; es gibt aber in Afrika einen Pfauen- reiher, welcher einen schönen rothen Federbusch trägt, und in Ostindien einen weißen Reiher, mit weißem Federbusche. Die Kraniche sind als Zugvögel bei uns bekannt. Im Frühjahre kommen sie aus Afrika zu uns und ziehen im Herbste wieder weg.106 Emma. Wir Kinder freuen uns immer sehr, die Kraniche in ihren langen, regelmäßigen Zügen ankommen und wegziehen zu sehen. Vater. Merkwürdig ist der Kranich in Afrika, welcher eine gewundene Krone trägt. Die Rohrdom mel, so groß als eine Ente, ist ein einsamer Vogel, welcher sich im Schilf und auf sumpfigen Wiesen auf hält. Sie ist blaßgrau, unten weißlich mit braunen Sternchen gefleckt. Der Ibis, welcher von den Alten sehr geachtet wurde, hält sich in Aegypten auf und sieht dem Storche sehr ähnlich. In Amerika gibt es eine Art, welche einen Sack ohne Federn unter der Kehle trägt. Die Waldschnepfe und die Heerschnepfe, Becassine, sind ihres schmackhaften Fleisches wegen sehr beliebt. Kennt ihr den Kibitz? Gustav. O ja, er sieht schwarz und weiß aus, wird so groß als eine Taube und schreit: Kiwitt! kiwitt! Alwina. Seine Eier sind beliebt. Vater. Ihm ähnlich ist der Kampfhahn, in nördlichen Ländern, ein gar großer Zänker. Er trägt einen langen Federkragen, welcher sich sträubt, wenn er zornig wird. Merkwürdig ist der Säbelschnäbler seines aufwärts gebogenen, säbelförmigen Schnabels wegen. Der Wachtelkönig, Schnerz, ist so groß als eine Wachtel und unterscheidet sich nur durch seine längeren Beine. In Deutschland ist er selten. Der Trompetenvogel, in Südamerika, bringt einen trompetenartigen Ton hervor, und ist den Menschen sehr zugethan. Er ist so groß als eine Ente. Das wären die merkwürdigsten Sumpfvögel, und nun kämen wir zur letzten, zu der107 neunten Ordnung, Vögel mit Schwimmsützen. Ewald. Da werde ich gleich einige nennen: der Schwan, die Gans, die Ente. Alwina. Alle drei sind als sehr nützliche Vögel bekannt, welche uns mit Fleisch, Federn und Eiern versorgen. Vater. Die Eidergans verdient vor allen den Vorzug, weil sie-uns die schönen, weichen Eiderdunen liefert. Gustav. Wo lebt die Gans? Vater. Eben dort, wo es recht kalt ist und die Leute warmer Decken bedürfen, in Norwegen, Island rc. Unter den Enten ist die Kriechente die kleinste und der Seerachen die größte. Die Löffelente hat einen löffelförmigen Schnabel. Die türkische Ente gehört mit zu den größten. Sie riecht wie Bisam. Die Fettgans, Pinguin, lebt in der Südsee. Sie hat statt der Flügel flossenartige Lappen, deren sie sich beim Schwimmen bedient. Ihr Fleisch schmeckt thranig und wird deshalb wenig genossen; doch ihre Eier sind den Schiffern sehr willkommen. Aus jeder kleinen Insel der Südsee sindet man sie in großer Menge. Zu dem Tauch er geschlecht gehört der Seepapagei, in Grön- und Island. Er ist schwarz mit weißem Bauche und so groß als eine Taube. Merk würdig ist es, daß er sich auf den Rücken legt, wenn er schlafen will. Sein Fleisch und seine Federn sind beliebt. Die Grebe lebt in der Schweiz und hat die Größe einer Gans. Sie ist graubraun, unten weiß, ohne Schwanz, und die Füße sitzen ganz am Ende des Leibes. Aus der Bauchhaut werden Müsse gemacht. Die108 Möven leben größtenteils an der Nord- und Ostsee. Sie haben einen messerförmigen, gebogenen, an dem Untertheile eckigen Schnabel. Das Gefieder ist schwarz, weiß und grau. Ihr Flug ist äußerst schnell. Ihre Eier werden von den Küstenbewohnern eingesammelt. Die Seeschwalbe ist euch wohl bekannt. Gustav. Lebt auch nicht bei uns eine Art an den Flüssen? Alwin a. Sie haben sehr lange Flügel, einen getheilten Schwanz und fliegen sehr schnell. Vater. Richtig. Habt ihr schon vom Sturmvogel gehört? — Dieser Vogel lebt im nördlichen und süd lichen Ocean und ist ein beständiger Begleiter der Schiffe. Er läuft sehr geschickt und schnell über das Wasser, ohne unterzusinken. Bei den Färöer-Inseln gibt es eine kleine, aber fette Art dieser Vögel, und man sagt, daß die Bewohner jener Inseln diesen Vogel als Lampe gebrauchen, indem ste ihm einen Docht durch den Leib ziehen und ihn so anzünden. Gustav. Doch wohl uicht bei lebendigem Leibe? Vater. So grausam werden sie doch wohl nicht sein. Nun zum Schluß noch ein merkwürdiges Ge schlecht, es sind die Pelikane. Alwina. Davon habe ich schon gehört. Der Pelikan soll ja seinen Jungen zu Liebe sich den Bauch ausreißen und diese mit seinem Blute nähren. Vater. Das ist wohl eine Fabel, welche daher rührt, daß dieser Vogel einen beutelförmigen Kropf am Untertheil des Schnabels hat, in welchem er Fische u. dgl. für seine Jungen herbei holt. Der Pelikan ist in allen heißen Ländern zu Hause; besonders häufig findet er sich in den Gegenden am schwarzen oder kaspischen Meere, von wo er sich bis nach Griechenland und109 Ungarn ausbreitet; manchmal verfliegt er sich sogar bis in's südliche Deutschland. Im Jahre 1768 erschien eine ganze Schaar dieser Vögel am Bodensee und ließ sich bei der Stadt Lindau nieder. Ihre Nahrung besteht in Fischen. Man hat schon bemerkt, daß sie gemein schaftlich aus den Fang derselben ausgehen: mehrere versammeln sich, besonders Morgens, in einer Bucht, mo sie schwimmend einen Kreis bilden, mit ausgespann ten Flügeln auf das Wasser schlagen und die an das sumpfige Gestade getriebenen Fische in ihren weiten Sack schöpfen. Erst auf dem Lande lassen sie dann einer: Fisch nach dem andern durch die Speiseröhre gleiten. Ferner gehört dazu die K r o p f g a n s, in der warmen Zone; die Fregatte, so groß als eiu Huhn, hat aber sehr lange Flügel und kann ungemein schnell fliegen; der Albatros, so groß als ein Schwan, fliegt noch schneller; der Seerabe und die Rothgans. — So hätten wir die Vögel kennen gelernt, und nun muß ich mich überzeugen, was ihr davon behalten habt. Die Kinder wußten die Ordnungen zu nennen und eine Menge Beispiele arrzuführen. Wozu gehört der Adler, der Kakadu, der Strauß, die Nachtigall, die Ente, die Meise, der Fasan und der Staar?110 Fünftehnter Abend. Vater. So wären wir bis zur dritten Klasse des Thierreichs, bis zu den Amphibien gekommen. Wisset ihr noch, wodurch sich die Amphibien unter scheiden ? Gustav. Amphibien sind Thiere, welche rothes kaltes Blut haben und durch Lungen Athem holen. Vater. Merkwürdig ist es, daß diese Thiere ohne Athemholen einige Zeit am Leben bleiben können. Alwina. Ich habe wohl gehört, alle Amphibien hätten ein sehr zähes Leben. Vater. Allerdings. Man hat Beispiele, daß einige dieser Thiere mehrere Jahre lang in Eisschollen der Gletscher eingefroren waren, ohne zu sterben, daß man chem sogar abgeschnittene Glieder wieder wachsen. Von allen Thieren können die Amphibien am längsten ohne Speise leben. Im Winter erstarren sie alle. Gustav. Wie pflanzen sich die Amphibien fort? Vater. Einige legen Eier, wie Frösche, Kröten rc., andere bringen lebendige Junge zur Welt, wie die Klapperschlangen. Alwina. Ich kenne kein einziges Thier dieser Art, welches sich durch eine schöne Gestalt auszeichnete. Vater. Die meisten, vielleicht alle, haben ein häßliches Aussehen. Ewald. Welchen Nutzen bringen diese Thiere den Menschen?111 Vater. Die Schildkröten werden gegessen und ihre Schalen zu allerhand Kunstsachen verarbeitet. Der Laich der Frösche dient zur Arznei. Das Krokodil und die Schlangen schaden hingegen durch ihre Raubgier und ihr Gift. Doch wir werden bald jedes einzelne Thier kennen lernen. Man theilt die Klasse der Am phibien in zwei Ordnungen. Erste Ordnung. Kriechende Amphibien. Zweite Ordnung. Schleichende Amphibien. Erste Ordnung. Kriechende Amphibien. Alle Amphibien, welche zu dieser Ordnung gehören, haben 4 Füße. Bei einigen sind die Zehen frei, bei andern sind sie durch eine Schwimmhaut verbunden, bei noch andern sind die Zehen in Flossen verwachsen. Nun, lustig, Amphibien genannt, die zu dieser Ordnung gehören! Ewald. Frösche und Kröten. Emma. Die Unke und der Wassermolch. Gustav. Die Schildkröten. Alwina. Das Krokodil. Vater. Gut. Mit den Schildkröten wollen wir anfangen. Es gibt Schildkröten, welche nur so groß wie eine Hand, andere aber, welche so groß als ein Rind werden. Man theilt sie ein in Land- und See schildkröten. Rücken und Brust sind durch starke Schildpadden geschützt, und es kann wohl ein schwer beladener Wagen über ein solches Thier hergehen, ohne demselben zu schaden. Aus den Schildpadden werden schöne Sachen gemacht. Z. B. ? Emma. Schöne Haarkämme.112 Gustav. Uhrgehäuse, Tabaksdosen u. dgl. Vater. Die Riesenschildkröte (Taf. IV. Fig. 1) lebt im Ocean zwischen den Wendekreisen. Sie wird oft bis achthundert Pfund schwer, sieht olioengrün aus und kann sieben bis acht Menschen tragen. Gustav. O, von der habe ich neulich auch ge lesen. Sie legt ja bei 1000 Stück Eier, alle von der Größe eines Gänseeies. Ewald. Das muß ein großes Nest sein! Gustav. Ei, wo denkst du hin, die macht kein Nest, sondern legt ihre Eier frischweg in den Sand, ohne sich weiter darum zu bekümmern. Darum erbarmt sich die Sonne darüber und brütet sie aus, wenn die dortigen Einwohner sie nicht wegholen. Emma. Ißt man denn diese Eier? Vater. Freilich, und die Schildkröte selbst dazu, wenn man ihrer habhaft werden kann. Ihr Fleisch sieht grünlich aus und schmeckt wie Kalbfleisch.. Aus den Schalen machen die Indianer Kähne, Tröge u. dgl. Das beste Schildpad gibt die Schuppen- Schildkröte, die Ca rette, welche in Ost- und Westindien zu Hause ist. Sie wird nur drei Fuß lang. Die gemeine Flußschildkröte findet man sogar in Italien, wie überhaupt im mildern Europa. Alwina. Ich habe schon eine solche gesehen. Sie war ungefähr einen Fuß lang und hatte ein schwärzliches Schild. Vater. Richtig. Ihre Fleischbrühe soll schwind süchtigen Menschen sehr heilsam sein. Auch merkt euch noch die musaische und die geometrische Schildkröte. Letztere ist schön mit regelmäßigen Figuren gezeichnet. Nun kämen wir zum Fro schg eschl ech te.113 Gustav. Diese lustigen Säuger stnd uns wohl bekannt. Vater. So erzähle mir einmal die Geschichte des Frosches. Gustav. Der Frosch entsteht aus dem Frosch laich. Ansangs ist er ein kleines schwarzes Thierchen, ohne Füße mit breitem Schwänze, und dann heißt er Kaulquappe. Später verliert er den Schwanz und bekommt Füße und läßt dann als Frosch seine nicht liebliche Stimme „Quack, quack" hören. Vater. Man unterscheidet den braunen Gras frosch von dem grünen Wasserfrosch. Der Laub frosch ist der bekannte Wetterprophet. Er sieht grün aus und hat an den Zehen kleine runde Ballen, mit welchen er sich an die Blätter festklebt. Habt ihr schon vom Ochsenfrosch gehört? Gustav. Holla! Soll der am Ende so groß als ein Ochse werden? Vater. Das eben nicht, aber die Größe eines Kaninchens erreicht er und hat eine sehr starke Stimme. Er lebt in Amerika. Auch der Fisch frösch ist dort zu Hause. Die Kröten haben ein widerliches Aus sehen. Es gibt eine gehörnte, eine Feuer- und eine schwarzbraune Kröte. Sehr giftig sind diese Thiere nicht, wohl aber ist der Saft, den sie von sich spritzen, ätzend. Am merkwürdigsten ist die Pipa- oder Surinamische Kröte, weil sie ihre Eier auf ihrem eigenen Rücken ausbrütet. Sie wird noch einmal so groß als unser Frosch. Emma. Wo lebt diese Kröte? Vater. Alwina soll es dir sagen. Alwina. In Surinam, und Surinam ist in Südamerika. Der kl. Raff. o114 Vater. Die Unke lebt in einsamen Gewässern und gibt ein dumpfes, trauriges Geschrei vou sich. Von dem Eidechsengeschlechte sind bei uns bekannt die kleine Landeidechse, die grüne Eidechse, der Salamander und der Wassermolch. Das größte Thier dieser Art und das furchtbarste zugleich ist das Krokodil (Taf. IV. Fig. 2). Gustav. Dieses fürchterliche Thier lebt in Aegypten. Vater. Auch in Hinterindien trifft man dasselbe an. Das Krokodil wird dreißig bis fünfzig Fuß lang, statt der Zunge hat es eine häutige Klappe, und in seinem langen Rachen sind bei hundert scharfe Zähne. Die Rückenhaut ist fest und unverletzbar und sieht aschgrau aus, der Bauch hingegen ist weiß lich. An seinen vier Beinen sind starke Klauen, und in seinem langen Schwänze hat es unglaubliche Stärke. Aus dem Lande kann es ziemlich schnell laufen. Seine Eier, welche so groß als Gänseeier werden, legt es in den Sand. Der Kaiman ist runder und glätter und erreicht nur eiue Größe von dreiundzwanzig Fnß. Er findet sich iit Amerika in sehr vielen Flüssen, und es ist gefährlich, mit kleinen Fahrzeugen sich ihm zu nähern. Seine harte Haut ist nur an einigen Stellen für Flintenkugeln durch dringlich. In Gesellschaft der Krokodile in Indien lebt fast beständig der Wach Halter, der bei drei Ellen lang wird und durch sein Pfeifen verräth, daß Krokodile in der Nähe sind. In Mittel-Aegypten wurden vor Zeiten die Krokodile für heilig gehalten; man zähmte daselbst ein solches Thier, hängte ihm goldene Ringe in die Ohren, zierte seine Vorder süße mit goldenen Armbändern, fütterte es mit115 Mehlspeisen und Ochsenfleisch, und nach dem Tode wurde es einbalsamirt und in ein geweihtes Grab gesetzt. Gustav. Aber warum mochten doch die Aegppter, die doch sonst als ein gebildetes Volk des Alterthums gerühmt werden, einem so furchtbaren Unthiere solche Verehrung erweisen? Vater. Manche glauben deswegen, weil das Krokodil die Räuber aus Arabien und Libien ab gehalten habe, indem diese aus Furcht vor ihm nicht über den Nilfluß zu setzen wagten. Ein alter griechischer Schriftsteller berichtet auch, es sei einst der König Minas mit seinem Pserde in den See Möris gefallen und stecken geblieben. Da habe ihn, wie durch ein Wunder, ein Krokodil auf den Rücken ge nommen und an's Land getragen. Aus Dankbarkeit habe er darauf die Krokodilenstadt (Krokodilopolis) gebaut und den Einwohnern befohlen, diese Thiere göttlich zu verehren und ihnen den See zum ruhigen Aufenthalte zu überlassen. Der Leguan ist ebenfalls eine Art Eidechse. Er lebt in Westindien und gibt schmackhaftes Fleisch und Eier. Das Chamäleon ist ein sonderbares Thier. Es wird 6 Zoll lang und kann mit seinen Augen vor- und rückwärts sehen. Im Zorne wechselt es die Farbe. Auch gehören noch Hierherder Gekko, der Basilisk und der fliegende Drache. In alten Zeiten hielt man den Basilisk für ein höchst gefährliches Thier, welches schon mit seinem Blicke Menschen vergiften könne. Auch seine Entstehungsart gehört in das Reich der Fabel, denn man erzählte, der Haushahn lege bisweilen ein Ei, und brüte daraus einen Basilisk. Dieses ganz un schuldige Thier, welches sich von Sämereien nährt, 8 *116 lebt in Guinea. Der Drache, welcher ebenfalls in diese Klasse gehört, hat auch mancherlei Fabelhaftes von sich müssen erzähl n lassen. Er speit weder Feuer, noch frißt er Menschen, noch raubt er Jungfrauen; sondern ist eine geflügelte Eidechse, welche in den dichten Wäldern des heißen Asiens lebt. Gustav. Also hat es auch nie Ritter gegeben, welche den Drachen mit Gefahr ihres Lebens be kämpft haben? Vater. Nein, mein Sohn. Alle diese Ge schichten von Drachen re. re. sind nichts, als ersonnene Mährchen.117 Sechzehnter Abend. Gustav. Freue dich, Alwina, diesen Abend werden wir von sehr lieblichen Thierchen hören. Du hältst ja viel auf große Schlangen. Alwina. Psui, Gustav, das ist recht unartig von dir! Du weißt ja, daß ich einen Abscheu gegen das Schlangengeschmeiß habe. Gustav. Ho, ho! Schwesterchen, nur nicht sogleich so böse! Siehe, ich meine es gut mit dir. Vater sagt oft, man müsse sich an Alles gewöhnen; und so wollte ich schon eine kleine Vorbereitung treffen. Doch stille, da kommt der Vater. Vater. Nun, meine Kinder, wollen wir fort- fahren in unserer Beschreibung der Thiere. Die zweite Ordnung umfaßt die schleichenden Amphibien, die Schlangen. Diese Thiere haben alle etwas Widriges für uns Menschen, obgleich sie nicht alle giftig sind. Dies liegt wohl theils in ihrem Bau, theils in ihrer schleichenden Bewegung; am meisten aber darin, daß sie gar gefährliche Feinde des Men schen stnd. Es gibt Schlangen, welche einen Stier verschlingen können; Schlangen, die durch ihren Biß in wenigen Minuten tödten. Manche dieser Thiere118 leben im Wasser, einige auf dem Lande und einige sogar auf den Bäumen. Gustav. Wie bringen aber die Schlangen den Menschen das Gift bei? Vater. Es gibt Schlangen, welche Giftzähne haben. Diese sind beweglich, und es befindet sich unter diesen Zähnen ein Bläschen mit Gift. Sobald mm eine Schlange gebissen hat, läßt sie das Gift in die Wunde lausen und zieht die Zähne zurück. Wir wollen nun die merkwürdigsten beschreiben. Die Klapperschlange gehört zu den gefährlichsten. Sie lebt im warmen Theile von Nordamerika, wird sechs Fuß lang und wohl so dick, wie ein Arm. Sie legt keine Eier, sondern gebiert lebendige Junge. Es gibt mehrere Arten dieser Schlangen, und man kann sie von allen andern dadurch- unterscheiden, daß sie am Schwanz hornartige Klappern haben, mit welchen sie ein starkes Geräusch machen können. Jedes Jahr wächst ein neues Klapperstück hinzu. Alte Kolonisten wollen schon Schlangen gesehen haben, welche bei vierzig solcher Klapperschilder hatten. Die man setzt findet, haben höchstens deren zwölf. Alwina. Dann sucht man wohl sie zu vertilgen? Vater. Ei freilich; und die Sumpfvögel und andere Thiere machen auch fleißig Jagd auf die Klapperschlangen, und ihr werdet einsehen, wie weise dies Gott eingerichtet hat, wenn ich euch sage, daß man bei einem Weibchen schon siebeuzig lebendige Junge gefunden hat. Die größte Schlange ist die Riesenschlange (Taf. IV. Fig. 3). Sie lebt in Ostindien, Brasilien und Afrika, erreicht eine Länge von zwanzig bis dreißig Fuß und wird mannsdick. Ihre Farbe ist meistens braun und gelb. Sie hat119 ungemeine Stärke und wagt es, selbst mit dem grau- samen Tiger zu kämpfen. Rasch schlingt sie sich um ihren Feind und zerdrückt ihm alle Knochen im Leibe. Dann bereitet sie sich den Fang zu, überzieht denselben mit einem Schleime und verschlingt ihn. In ihrer Gefräßigkeit frißt sie aber so viel, daß sie sich nicht bewegen kann. In diesem Zustande werden viele dieser Schlangen getödtet. Man zieht ihnen ihre buntfarbige Haut ab, und genießt ihr Fleisch. Ich kann euch dies am besten klar machen, wenn ich euch eine Geschichte von einem Augenzeugen erzähle. „Der Engländer Robert Edwyn bewohnte ein Landhaus auf Ceylon, nicht weit von einem Hügel, aus welchem einige Palmen standen. Eines Tages machte ein Palmblatt wunderliche Bewegungen, drehte sich von einer Seite zur andern, bog sich zur Erde, zog sich zurück und nahm seine alte Lage wieder an. Ein Eingeborner erschrak -darüber und bat Edwyn, stracks Thürcn und Fenster zu verschließen, denn es sei eine große Schlange, die der Hunger aus dem Walde ge trieben, welche diese Bewegungen des Blattes verursache. So war es wirklich, denn bald kam die Schlange, * ergriff ein kleines Thier und nahm es mit sich unter die Zweige. Mit elf andern Männern ritt Edwyn hin, um das Thier zu erlegen, wozu ihm aber die Lust verging, als er die Größe des Thieres sah, das sich mit dem Schwänze oben um den Baum gewunden hatte, mit dem Kopfe die Erde berührte, schnelle und behende Bewegungen machte, wieder mit dem Schwanz eine andere Stelle des Baumes umschlaug, sich in seiner ganzen Länge auf die Erde niederlegte, sich wieder in den Zweigen verlor und auf einmal mitten in den lebhaftesten Bewegungen sich ganz stille verhielt.120 Es kam nämlich ein kleiner Fuchs vor dem Baume vorbei, auf den es herabschoß, und den es in wenigen Minuten aussog, oder vielmehr mit seiner breiten, schwärzlichen Zunge das Fleisch ableckte, wobei es sich gemächlich auf die Erde legte, indessen der Schwanz immer um den Stamm gewickelt blieb. Am andern Tage fand man die Schlange wieder. In kurzer Zeit ging ein Tiger vorbei, nicht viel kleiner als eine junge Kuh. Sogleich hörte man ein starkes Geräusch in den Blättern des Baumes. Die Schlange schoß auf den Tiger herab, in die Gegend hinter den Schultern und packte mit ihrem Maule ein großes Stück des Rückens. Der Tiger brüllte fürchterlich und wollte mit seinem überlegenen Feinde davon laufen; dieser aber umwickelte ihn drei- oder viermal so fest, daß er in Todesängsten niedersank. Nachdem nun die Schlange ihren Raub gefällt hatte, ließ sie vom Rücken ab und wandte sich nach dem Kopfe hin, öffnete ihren ungeheuren Rachen, so weit sie nur konnte, und packte das Gesicht des Tigers, welches sie zerfleischte. Der Tiger erholte sich einigermaßen wieder, erhob sich und wandte sich hin und her, um sich loszumachen, und brüllte schrecklich kläglich dazu in dem Rachen des Ungeheuers. Obwohl er der Schlange viel zu schaffen machte, sich einigemal auf richtete, auch einige Schritte fortlief, half es ihm doch nichts, denn das Gewicht der Schlange uub ihre Um windungen warfen ihn wieder nieder. Nach Verlauf einer Stunde schien der Tiger todt zu sein, und die Schlange versuchte nun, ihm die Rippen dadurch zu zerbrechen, daß sie sich fest um ihn herumwand, aber es ging nicht. Sie wickelte sich daher wieder los, umwand mit ihrem Schwänze den Hals und schleppte121 den Tiger an den Baum, welches ihr sehr sauer wurde. Man sah jetzt, was ihr der Baum für Dienste leisten sollte. Sie faßte den Tiger und stellte ihn aufrecht an den Stamm des Baumes, umschlang hieraus Baum und Tiger, und zog sich so fest zusammen, daß die Rippen und Knochen nach einander mit lautem Krachen zerbrachen. Als sie mit dem Leibe fertig war, zerbrach sie die Beine an drei oder vier Stellen, versuchte hieraus ihre Kräfte am Hirnschädel, wo aber alle ihre Anstrengungen vergeblich waren. Es waren hierüber einige Stunden vergangen. Da ihr der Tiger nun nicht mehr entlaufen konnte und sie sehr erschöpft sein mochte, zog sie sich unter die Blätter zurück. Die Beobachtungen wurden, leider! am zweiten Tage nicht fortgesetzt. Am dritten Morgen aber sah man keinen Tiger mehr, sondern ein rothes Aas ohne bestimmte Gestalt, mit dem gelben Kleister überzogen, der nicht nur den Raub zum Verschlingen schlüpfrig macht, sondern auch die Fäulniß befördert und das Muskel fleisch gallertartig erweicht. Sie verschlang erst den Hirnschädel, dann nach und nach den übrigen Körper. Dies machte ihr so viel Mühe, daß sie erst am Abend damit fertig wurde. Am vierten Morgen gingen Männer, Weiber und Kinder zu der Schlange, weil sie wußten, daß sie in ihrem jetzigen Zustande unbe- hülflich, also völlig unschädlich sei. Sie war so dick, daß sie sich weder zur Wehr setzen, noch hätte ent fliehen können. Selbst der Versuch, sich auf den Baum zu begeben, war ihr zu schwer, und die Cinga- lesen, einer der beiden Stämme der Eingebornen auf Ceylon, die sich gleich anfangs auf ihr Fleisch gefreut hatten, schlugen sie ohne Widerstand todt. Das Fleisch sah weißer aus, als Kalbfleisch, und die Cingalesen122 rühmten es als einen zarten Leckerbissen. Das erlegte Thier hielt eine Länge von 33 Fuß 4 Zoll." Alwina. Mag das Fleisch auch noch so delikat schmecken, ich würde mich für einen Schlangenbraten höflichst bedanken. Gustav. Und ich nicht weniger. Vater. Man kennt zehn Arten der Riesenschlangen. In Südamerika gibt es eine solche Schlange, welche Aboma- oder Amaruschlange heißt. Die Natter- Hat am Rücken kleine, am Bauche größere und breitere Schuppen, die bis zum After ungetheilt, von da an aber immer in zwei getheilt sind. Es gibt unter den Nattern sehr giftige, namentlich in heißen Gegenden. Sie werden auch Vipern genannt. Die gehörnte Schlange findet man in Aegypten. Sie hat zwei Hörner aus dem Kopfe und ist giftig. In Deutschland und in der Schweiz trifft man wohl die Otter, deren Biß ebenfalls gefährlich ist. Sie ist glänzend röthlich, und auch wohl mit schwarzbraunen Flecken versehen. Die Aegyptische Viper ist nicht giftig, liefert aber das Vipern-Salz, welches ein Gegengift wider den Otter biß ist. Sehr bekannt ist auch bei uns die Ringel natter, welche eine bis zwei Ellen lang wird, und meistens blau, weiß uud gelb gefleckt ist. Sie ist gar nicht giftig, muß aber dessenungeachtet von den Menschen viel ausstehen, weil sie oft für eine giftige Natter ge halten wird. Die Karminschlange lebt in Oltin dien und ist ein schönes und dabei ein unschädliches Thier. Auf ihrem Rücken hat sie viele schöne karmin farbige Flecken und gelbe Querstreifen. Die Mädchen in Florida flechten sie als Schmuck in ihre Haare. Alwina. Nein, und wenn die Schlange noch so schön wäre, ich würde kein Haarband davon machen.123 Vater. Wenn du in Florida wärest, würdest du wahrscheinlich es eben so machen, wie alle übrigen Mäd chen dort. Eine der giftigsten Schlangen ist die in West- und Ostindien sich findende Brillenschlange. Sie wird drei bis vier Fuß lang und ist roth und gelb mit brillenähnlicher Zeichnung aus dem Rücken. Die indischen Gaukler ziehen ihr die Zähne aus und richten sie dann zu allerlei Kunststücken ab. Die Blindschleiche oder der Haselwurm gehört zu den Schuppen schlangen, deren es bei sechszehn Arten gibt. Sie findet sich auch sehr häufig bei uns. Sie sieht grau oder braun aus, spielt aber stets etwas in's Kupferrothe hinein. Sie hält sich an dumpfigen Orten aus, macht sich steif und bricht entzwei, wenn man darauf schlägt. Sie ist nicht giftig. Man muß sie übrigens nicht mit der Kupfernatter verwech seln. — Damit wollen wir diesen Abend schließen und morgen mit den Fischen beginnen. Nun soll mir aber jedes Kind noch Einiges erzählen von dem, was wir bisher gehabt haben. — Alwina beschrieb den Löwen, Emma den Kuckuk, Gustav den Elephanten und Ewald den Walfisch. Was beschreibst du mir, junger Leser?124 Sicbenzehnter Abend« Gustav. Diesen Abend wird's auf den Fischfang gehen, denn wir stehen bei -er vierten Klaffe, den Fischen. Vater. Richtig, bis zu den Fischen sind wir gekommen. Bevor ich aber erzähle, soll mir jedes Kind etwas von den Fischen sagen. Emma. Die Fische haben rothes, kaltes Blut und athmen durch Kiemen. Ewald. Sie leben im Wasser und haben Floß- sedern, mit denen sie schwimmen können. Gustav. Die Fische sind mit Schuppen bedeckt. Ihre Flossen sind entweder Rückenflossen, Brustflossen, Bauchflossen, Steiß- oder Schwanzflossen. Alwin a. Das Fleisch der meisten Fische liefert eine gesunde Speise, und deshalb legen sich einige Leute besonders aus die Fischzucht und auf die Fischerei. Vater. Gut. Da jährlich so viele Fische ge fangen werden, so müssen sich dieselben erstaunlich ver mehren. Ein Karpsenweibchen hat wohl bei 200,000 Eier bei sich, und es gibt Fische, welche über eine Million Eier von sich geben. Wenn die Laichzeit herankommt, so machen die Fische große Reisen, z. B. der Lachs, und laichen ihre Eier dahin, wo es dem jungen Fischlein am zuträglichsten ist. Die Fische haben, wie die Säugethiere, alle fünf Sinne, aber einen Laut von sich geben können sie nicht.125 Gustav. Darum sagt auch das Sprüchwort: „So stumm, wie ein Fisch." Vater. Richtig bemerkt. Zum Schwimmen die nen den Fischen die Flossen und die mit Lust ange füllte Schwimmblase. Die Nahrung der Fische besteht in größeren und kleineren Dhieren. Ja, sie führen sogar Krieg unter einander. Denkt nur an den Hecht! Bevor wir zur Beschreibung der einzelnen Arten über gehen, müssen wir das ganze Geschlecht wieder suchen in Ordnungen einzutheilen. Man sieht dabei auf die festen Theile des Körpers; entweder hat der Fisch statt der Gräten Knorpel, oder er hat wirkliche Gräten. Die erste Ordnung machen demnach die Knorpel fische aus, und zur zweiten Ordnung gehören die Gräten fische. Erste Ordnung: Knorpelfische. Die Knorpelfische sind meistens sonderbar gestaltete und große Thiere. Es gibt eine Art, welche keine Kiemendeckel und das Maul meistens an der Unterseite des Kopfes haben. Dazu gehört das Geschlecht der Steinbeißer. Die Pricke habt ihr ja schon gesehen! Gustav. Freilich, man nennt sie auch Neunauge. Sie sieht einem Aale ziemlich ähnlich und hat sieben Luftlöcher und eine Oefsnung im Genick. Vater. Die Lamprete lebt in der Nordsee, kommt aber zur Laichzeit, im Frühjahr, in die Flüsse. Der Rücken ist grün und schwarz gefleckt. Ewald. Aber warum nennt man diese Fische Steinbeißer?126 Vater. Weil |te sich an Steine, Sträucher und dergleichen anhängen. Man fängt sie und ißt sie frisch oder marinirt. Gustav. Was heißt das, lieber Vater? Vater. Das wird dir Alwina wohl sagen können. Alwina. Mariniren heißt: Fische in Salz und Essig einlegen oder einmachen. Vgiter. Das Geschlecht der Rochen enthält Raubfische, welche fünf Luftlöcher an der Seite, einen stachlichten Schwanz und halbverdeckte Augen haben. Dieses Geschlecht lebt in den europäischen Meeren. Es gebiert seine Jungen in viereckigen Eiern, welche die Größe eines Hühnereies haben und die mit vier Spitzen versehen sind. So ein Ei nennt man eine See maus. Zu den Rochen gehört der Meeradler, der Stachelrochen und der Zitterrochen oder Krampf fisch. Letzterer hat einen tellerförmigen Körper, ist oben braun, unten weiß und wird bei 20 Pfund schwer (Taf. IV. Fig. 4). Wer ihn berührt, erhält einen electrischen Schlag. Sein Fleisch wird gegessen. Die größten Fische dieser Gattung sind die Haifische. Sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch ihre Raubgier aus. Ihr Körper ist länglich. Hinter den Augen befinden sich zwei und an beiden Seiten des Kopfes fünf Oeffnungen. Sie bringen lebendige Junge zur Welt. Der schrecklichste dieser Art ist der Menschenfresser (Taf. IV. Fig. 5). Gustav. Run, das hört man schon an seinem Namen. Vater. Er wird bei dreißig Fuß lang und wiegt bisweilen an zehntausend Pfund. Man hat ganze Pferde in seinem Magen gesunden.127 Gustav. Der verschluckt also Alles ganz? Vater. Ja wohl, obgleich in feinem Rachen sechs Reihen schrecklicher Zähne sich befinden. Hier seht ihr ihn abgebildet. Ein Matrose hatte das Un glück, in's Wasser zu fallen und von einem Haifische verschlungen zu werden. Vom Schiffe aus gewahrte man das schreckliche Schauspiel und schoß auf den Hai eine Kanone ab. Der Hai wurde richtig getödtet und der Matrose, wenn auch verwundet, doch wieder lebendig an Bord gebracht. Später zog dieser Ma trose mit dem ausgestopsten Fische umher und ließ ihn für Geld besehen. — Um den Hai zu sangen, bindet man einen Sack mit faulem Fleisch oder eine verdorbene Speckseite an einen großen eisernen Haken, der an einer zwei Ellen langen Kette befestigt ist. Der Hai nähert sich vorsichtig, umschwimmt den eisernen Köder, kostet ihn, läßt ihn aber wieder fahren. Run ziehen die Matrosen an dem mit der Kette verbundenen Tau, als wollten sie ihm den Bissen entreißen; dadurch erwacht seine Begierde so, daß er plötzlich daraus los- sährt und ihn sammt dem Haken verschlingt. Wüthend schlägt er jetzt mit dem Schwänze um sich, sucht die Kette zu zerreißen und den mörderischen Haken heraus zu würgen; aber umsonst, seine Kraft erschöpft sich. Die Matrosen ziehen ihn in die Höhe, werfen ihm einen Strick um den Leib und hauen ihm, ehe er auf's Verdeck gebracht wird, den Kopf ab, und sobald als möglich den Schwanz, weil er auch geköpft noch gefährlich um sich schlägt. Aus der Haut dieser Fische wird Leder, Chagrin, gemacht, das Fleisch wird gegessen und liefert Thran. Roch zwei merkwürdige Fische gehören hierher: der Hammersisch und der Säge fisch. Den Hammerfisch seht ihr hier abgebildet128 (Taf. IV. Fig. 6). Er wird bisweilen fünfhundert Pfund schwer. Der Sägefisch hat eine breite, säge förmige Schnauze, mit welcher er sich geschickt zu ver- theidigen versteht und auch Seepflanzen zur Nahrung abmähen kann. Nun gibt's auch noch Knorpelfische mit Kiemendeckeln. Dazu gehört der Stör, welcher in Meeren und auch in Flüssen lebt. Er wird bisweilen achtzehn Fuß lang und wiegt dann wohl achthundert Pfund. Er hat einen rüsselförmigen Kops, und um sein zahnloses Maul stehen vier Bart fasern. Der Körper ist fünfeckig und mit Hornschildern bedeckt. Am schwarzen Meere wird besonders sein Fang eifrig betrieben, denn sein Fleisch schmeckt frisch und eingesalzen sehr gut. Aus seinen Eiern wird Caviar bereitet. Große Aehnlichkeit mit dem Stör hat der Nerlet, der sich im kaspischen Meere und in der Wolga aufhält. Sein Fleisch ist sehr kostbar, und aus der Wolga schickt man jährlich gegen 15,000 Stück lebendig nach Petersburg. Der Caviar, welcher vom Nerlet gewonnen wird, gilt für den besten. Der Sterle und der Hausen gehören auch zu dem Störgeschlechte. Emma. Von dem Hausen bekommt man wohl die Hausenblase, oder den sogenannten Fischleim? Vater. Freilich. Der Hausen wird oft tausend Pfund schwer. Ein merkwürdiger Fisch ist der Stachelbauch, welcher ganz mit Stacheln besetzt ist. Man hält ihn ftir giftig, auch soll er electrisch sein und bei Nacht leuchten. Merkwürdig durch seine un gewöhnliche Gestalt ist der Mondfisch, auch Klump st sch genannt, der im atlantischen Meere häufig ge funden wird. Dieser hat nämlich einen scheibenförmigen Körper und gleicht der Gestalt nach einem schwimmenden129 abgehauenen Fischkopfe. Auf dem Rücken ist er schwarz, an den Seiten silberweiß, unter dem Bauche weiß, mit langen krummen Stacheln bewachsen. Er ist sehr electrisch und soll ein Gewicht von 400 Pfund er reichen. Und nun noch ein sonderbares Thier, dann wollen wir für heute schließen. Der Nadelfisch oder die Meernadel, welcher sich auf dem Meeresgründe aufhält, wird oft wie ein Federkiel, oft wie ein Finger dick und hat am Maule einen Haken. Sein dünner Körper ist mit eckigen Schildern bedeckt, und im Genick hat er ein Luftloch. Was aber das Merkwürdigste ist, ist dieses, daß dem Weibchen im Frühjahre der Leib aufspringt und die Eier in einer dünnen Blase sichtbar werden, aus welcher sich nach und nach Junge bilden und absallen. Dann heilt der Riß wieder zu. — Morgen Abend will ich einmal sehen, wer sich die Namen der Fische, die ich beschrieben habe, aus geschrieben hat. Der kl. Rnff. 9130 Achtzehnter Abend. Zweite Ordnung: G r ä t e n f i s ch e. Vater. Die Grätenfische, welche meistens mit Schuppen bedeckt sind, theilt man nach beit Flossen wieder in verschiedene Unterordnungen. So unter scheidet man A. Kahlbäuche. Dazu gehören alle diejenigen, denen die Bauchflossen fehlen. Gustav. So gehört der Aal zu den Kahl bäuchen, denn ihm fehlen die Bauchflossen. Vater. Richtig bemerkt. Wie sieht dieser Fisch aus? Alwina. Er hat ein häßliches, schlangenartiges Aussehen. Gustav. Darum magst du auch keinen Aal essen, ich esse ihn aber desto lieber, denn er ist ein schmack hafter Fisch. Vater. Darin hast du Recht, und er ist gar nicht gefährlich, wie sein Namensvetter, der Zitter- Aal. Dieser findet sich in Südamerika. Wenn Menschen oder Pferde ihm zu nahe kommen, so versetzt er ihnen solche electrische Schläge, daß sie bisweilen gelähmt werden. Der Seewols lebt in der Nord- und Ostsee und ist ein raubsüchtiges, gefräßiges Thier. Er wird sehr groß, und man ißt sein Fleisch frisch und eingesalzen. Der Schwertfisch (Tas. IV. Fig. 7), dessen obere Kinnlade sich schwertförmig verlängert,131 wird sieben bis acht Ellen lang und wohl fünf Centner schwer. Sein Fleisch wird sehr geschätzt, und seine eingemachten Flossen sind unter dem Namen Cadlo bekannt. Sein Schwert gebraucht er selten zum Kämpfen, sondern nur zum Schneiden seiner Nahrung, welche größtentheils aus Seegewächsen be sieht. B. Kehlflosser nennt man alle diejenigen Fische, die, statt am Bauche, die Flossen am Halse oder an der Kehle sitzen haben. Nun, wißt ihr ein Beispiel? Alwina. An den Schellfischen, welche du neulich gekauft hast, glaube ich dies bemerkt zu haben. Gustav. Und hat nicht der Stockfisch auch au der Kehle Flossen sitzen? Vater. Ihr habt Beide recht gesehen. Es gibt verschiedene Arten von Stockfischen. Der Kabeljau, der große Stockfisch, lebt in den nördlichen Meeren und wird in großer Menge gefangen. Eingesalzen nennt man ihn Laberdan, getrocknet Stockfisch. Der kleine Stockfisch wird im mittelländischen Meere häufig gefangen. Der Leng ist auch im Handel bekannt. Er wird sieben Fuß lang. Aus der Leber wird vorzüglicher Thran bereitet. Der Dorsch sieht schwarzgrün aus, lebt in der Ostsee und ist gleichsam der Vorbote der Stock- und Schell fische. . Auch sein Fleisch ist schmackhaft. In den Schweizer-Seen findet man einen sonderbar gestatteten Fisch. Der Kopf gleicht dem Frosche und der Leib dem Aal. Gustav. O, den kenne ich, das ist die Quappe, die auch bei uns zu Hause ist. Vater. Richtig, Quappe oder Aalraupe heißt dieser Fisch. Die Aalmutter gehört zu den132 Schleimfischen. Sie lebt in unfern Meeren, wird oft eine halbe Elle lang und gleicht am Kopfe einer Kröte. Ihr Fleisch ist schlecht. Kocht man sie, so werden die Gräten grün und leuchten im Dunkeln. Nun kommen wir zu 0. den Brust f los fern. Diese haben die Bauchflossen gerade unter den Brustflossen sitzen. Dazu gehört der Saugesisch, der einen keilförmigen, runden Körper hat und sich an andere Fische und Gegenstände fest anzusaugen versteht. Ebenso macht es der Schiffs h alter, der sich sogar an Schiffe ansaugt. Sehr nützlich ist der Thunfisch oder die Riesenmakrele, welche oft die Größe eines Mannes erreicht. Sie lebt in. europäischen Meeren, folgt oft schaarenweise den Schissen und ge hört zu den Raubfischen. Sie wird frisch und ein gesalzen gegessen. Ebenso ist die eigentliche Makrele ein gar arger Raubfisch, der besonders den Häringen nachstellt. Den Stichling und den Kaulkopf kennt ihr, aber habt ihr schon vom Kletterfisch gehört? Alle. Nein, lieber Vater. Vater. So werde ich euch wohl davon erzählen müssen. Dieser Fisch lebt in Vorderindien. Er kriecht nicht nur mit seinen Flossen und Kopfstacheln über den Sand weg, nein, er wagt sich sogar aus die hohen Palmbäume, sucht dort das Wasser aus, welches theils aus der Palme schwitzt und theils sich zwischen den Blättern sammelt und läßt sich das Gewürm ebenfalls gut schmecken. Ewald. Willst du uns nicht auch vom fliegen den Fische erzählen? Vater. Allerdings, und das kann sogleich ge schehen, denn der Seechahn gehört eben hierher. Er138 lebt im Mittelmeere und in Brasilien und hat schön gefärbte Brustflossen. Wenn er von Raubfischen ver folgt wird, so fliegt er wohl etliche hundert Schritte weit. Sein Kamerad, der Knurrhahn, lebt in der Nord- und Ostsee. Wenn er gefangen wird, gibt er einen knurrenden Laut von sich, und das ist ihm gar nicht übel zu nehmen. Ein sehr wohlschmeckendes Fleisch geben die Schollen oder Butten, von denen es mehrere Arten in der Nord - und Ostsee gibt. Der Leib ist ganz glatt und der Kopf so verdreht, daß die Augen schief nach einer Seite stehen. Den Barsch brauche ich nicht zu beschreiben, denn er ist euch bekannt. Aber die Seebarbe kennt ihr noch nicht. Man nennt sie auch Nothbart, weil sie an der untern Kinnlade zwei lange rothe Bart fäden hat. Der Nothbart hat eine Gestalt wie der Häring, aber seine Farbe ist schön morgenroth. Der Meerjunker, ein fingerlanges Fischlein, lebt im Mittelmeere. Er ist gar schön geschmückt mit einem orangefarbenen Zickzackbande auf bläulichem Grunde. Nun kommen mir zur letzten Unterabtheilung, nämlich zu U. den Bauchflossern. Dazu gehören viele uns bekannte Fische, z. B. der Karpfen, die Schleie, der Blei, der Hecht, die Schmerle, der Häring, der Lachs oder Salm, die Forelle u. a. m. Auch die Meerwachtel gehört zu den Bauchstossern. Sie wird so groß wie ein Häring und kann mit ihren sehr langen Brustflossen eine Zeit lang über dem Wasser stiegen, und fällt dann bisweilen wohl auf ein Schiff, wo ihr Besuch alle Mal angenehm ist, weil sie ein schmackhaftes Fleisch hat. Die Häringe müssen sich erstaunlich vermehren, denn es werden jährlich eine Unmasse gefangen. Zur Zeit des Fanges, vom August134 bis November, wimmelt das Meer bisweilen so von Häringen, daß die Schiffe in ihrem Laufe aufgehalten werden. In manchen Gegenden schöpfen die Küsten bewohner sie mit Kübeln aus dem Wasser. Die Maschen in den Netzen der Häringsfänger sind gesetzlich vorgeschrieben, damit die junge Brut nicht zu sehr weg- gefangen werde. Die Holländer liefern die besten Häringe, weil sie das Einsätzen am besten verstehen. An dem berühmten Stadthanse zu Amsterdam be findet sich auf der Spitze eines hohen, grauen Thnrmes ein mächtig großer, vergoldeter Häring, zum Zeichen, daß die gefangenen Häringe hier ihre erste Wohnung erhalten, sobald sie von der See angelangt sind. Da entsteht dann immer ein großes Gewimmel von Men schen. Die ersten drei frischen Häringe erhält der König, und nun streiten sich vornehme Personen um die Ehre, gleich nach dem König welche essen zu können, und zahlen wohl 100 Gulden für einen guten Milcher, den sie später für einen Groschen haben können. Leute, die Geld haben, mögen solchen Liebhabereien nach hängen, sind aber darum nichts besser, als andere brave Leute, welche ihren Häring später essen. Gustav. Warum nennt man getrocknete Häringe auch wohl Bücklinge? Vater. Vor mehreren hundert Jahren hat ein gewisser Bückling das Einsalzen und Aufbewahren der Häringe erfunden, und nach ihm führen ste nun den Namen. Seit jener Zeit ist der Häringsfang bedeutender geworden. Die Sardelle ist eine kleine Häringsart, besser aber und auch seltener als der gewöhnliche Häring. Die Forelle gehört mit zu den schönsten und schmackhaftesten Fischen. Es gibt135 mehrere Arten. Die Lachsforelle ist auf dem Rücken schwarzblau, an den Seiten grünlich, am Unter leibe weißlich, und wird 8 bis 10 Pfund schwer. Sie hat in ihrer Lebensart sehr Vieles mit dem Lachse gemein und geht auch wie dieser aus dem Meere in die Flüsse hinauf, um zu laichen, aber erst im Monat Mai, wenn die Lachszüge schon vorausgegangen sind. Auch kehrt sie mit dem Herbste nicht in das Meer zurück, sondern bleibt den Winter hindurch in den Flüssen. Des Nachts strahlt sie ein phosphorartiges Licht aus, das sich auch den Fingern mittheilt, von denen die Augen oder Kiemen berührt worden sind. Ihr Fleisch hat eine röthliche Farbe, ist aber noch weit schmackhafter als das des Lachses. Die gemeine Forelle hat einen schmalen, gestreckten Körper, wird 1—2 Fuß lang und kann bei 3 Pfund schwer werden, wenn sie das Alter erreicht. Der Rücken ist dunkel olivengrün und hat braune, an den Seiten rothe Flecken. Sie geht nie in's Meer, sondern hält sich in klaren und kalten Kieselbächen, in Wald- und Ge birgsgegenden auf. Ihr Fleisch ist vorzüglich, jedoch im Sommer besser, 'als im Winter. Die Wald- sorelle ist größer als die gemeine Forelle und hat ein noch feineres Fleisch. Man trifft sie ebenfalls in kiesigen Waldbächen. Gustav. Der Hecht liefert auch ein schmack haftes Fleisch, obgleich er ein großer Räuber ist. Vater. Allerdings; er gehört zu den gefräßigsten Raubfischen, und deshalb hält man ihn auch weniger in Teichen., Er lebt theils in süßen Gewässern, theils im Meere, von wo er in die Flüsse hinaufsteigt. Er siellt allen Fischen, selbst seines Gleichen nach, nur den Barsch greift er selten an, und den Stichling läßt\ 136 er gänzlich in Ruhe. Seine rüffelartige Schnauze, welche mit scharfen Zähnen besetzt ist, gibt ihn schon als den Räuber zu erkennen. Er soll sehr alt wer den. Man erzählt von einem Hechte, der 1497 in Heilbronn gefangen worden, daß derselbe einen Ring des Kaisers Friedrich II. mit der Jahreszahl 1230 getragen haben soll. Dieser Mörder hatte also über 200 Jahre sein Handwerk getrieben. Alwina. Wozu gehört aber der Goldfisch? Vater. Der Goldfisch gehört zu den Karpfen. Diejenigen, welche man bei uns in Glasglocken hält, sterben bald, weil — man sie verhungern läßt. Wer seine Goldfischchen fleißig mit Brod und Regenwürmern füttert, der kann sie Jahre lang am Leben erhalten, wenn er nicht versäumt, ihnen auch oft frisches Wasser zu geben.Neunzehnter Abend. Vater. Wir stehen beiden Insekten, welche die fünfte Klaffe ausmachen. Wisset ihr noch, wodurch sich diese Klaffe der Thiere von den vorhergehenden unterscheidet? Gustav. Die Insekten haben statt des rothen Blutes einen weißen Saft und eingelenkte hornartige Bewegungswerkzeuge. Vater. Die Insekten, welche man ihrer Ein schnitte wegen auch Kerbthiere nennt, sind höchst merkwürdige Thierlein. In ihrer Gestalt sind sie sehr von einander unterschieden. Einige können fliegen, andere nicht; diese sind wie die kleinen Ritter gepan zert, jene sind mit Haaren oder seinen Federchen be deckt. Die Augen sind besonders merkwürdig , denn sie bestehen aus vielen sechseckigen Flächen oder kegel förmigen Spitzen. So hat z. B. das Auge einer Fliege 8000 solcher Flächen. Viele Insekten sind der Verwandlung unterworfen. Alwina. Dazu gehören die Raupen und Schmetterlinge. Vater. Kannst dn mir beschreiben, wie sich sol ches zuträgt? Alwina. Nachdem die häßliche Raupe eine Zeit lang viele Blätter und Knospen gesreffen hat, wird sie krank. Dann muß sie -wohl merken, daß es mit ihrem Leben zu Ende geht, und spinnt sich deshalb138 ein Sterberöcklein. In dieses hüllt sie sich ein, und man nennt sie dann eine Puppe. Endlich schwindet die häßliche Hülle, und ein wunderschöner Schmetterling kommt hervor, der freudig von Blume zu Blume flattert. Vater. Gut gemacht. Diejenigen Insekten, welche sich nicht verwandeln, verlieren zu gewissen Zeiten ihre Haut, sie häuten sich und ändern in der Regel auch dabei die Farbe. Der Kunstsieiß einiger Insekten ist wunderbar. Denkt nur an die Bienen, die Ameisen, an das zart gebaute Netz der Spinne. Obgleich die Insekten vielen Schaden verursachen, so ist ihr Nutzen auch sehr groß. Seide, Honig, Wachs, Scharlachfarbe und Karmoisin erhalten wir von den Insekten. Bei der näheren Beschreibung werden wir ein Mehreres darüber hören. Jetzt wollen wir diese Klasse wieder in ihre Ordnungen eintheilen. Man nimmt deren sieben an. Erste Ordnung. Käfer, meist mit hornartigem Körper und mit eben solchen Flügeldecken. Zweite Ordnung. Halbkäfer, mit kreuzweise gelegten, halbharte'n Flügeln. Dritte Ordnung. Schmetterlinge, mit weichem, behaartem Körper und mit vier Flügeln, die ans feinen, bunten Schüppchen bestehen. Vierte Ordnung. FlorfliegM, mit vier durch sichtigen, netzförmigen Flügeln. Fünfte Ordnung. WesflLUKrteN, mit vier durchsichtigen, geaderten Flügeln. Sechste Ordnung. Fliegen, mit zwei Flügeln. Siebente Ordnung. Ungeflügelte Insekten.139 Nun lustig, Gustav, welche gehören zur ersten Ordnung? Gustav. Dazu gehören die Käfer, mit horn artigem Körper und harten Flügeldecken. Vater. Richtig. Nennt mir bekannte Käfer! Emma. Der Maikäfer und der Roßkäfer. Ewald. Ich kenne'den Hirschkäfer. Alwina. Der Goldkäfer, der Johannis käfer und der Nashornkäfer gehören auch hierher. Vater. Nun wollen wir einige beschreiben. Der Herkules findet sich in Brasilien und wird bei vier Zoll lang. Er steht meist schmutzig-grün aus und hat am Kopfe ein abwärts und an der Brust ein aufwärts gebogenes Horn. Der Nashornkäfer sieht kasta nienbraun aus und hat ein zurückgebogenes Horn auf dem Kopffchilde. Seine Larve trifft man häufig in der Gerberlohe. Der bläulich-schwarze Roßkäfer, der grünlich-violette Mistkäfer und der röthlich- braune Maikäfer sind uns wohl bekannt. Gustav. Der Maikäfer ist eben nicht sehr beliebt. Alwina. Und feine Larven, die Engerlinge, stehen in einem noch schlechteren Rufe. Vater. Der Goldkäfer hält sich im Juli meist bei Lilien und Rosen auf. Seine Flügeldecken sind gold-grünlich. Gustav. Ich kenne ihn, es ist ein Pfiffikus. Wenn man ihn berührt, so stellt er sich gleich todt und gibt einen übelriechenden Saft von sich. Vater. Der Hirschkäfer mit seinen, Geweihen ähnlichen Kneipzangen am Kopfe ist uns ebenfalls be kannt. Deni Weibchen fehlen die Kneipzangen. Zu den Schabkäfern gehört der Speckkäfer, der140 Pelzkäser, der Borkenkäfer, der Tannenkäser, auch der fliegende Wurm genannt, der Brod- käfer, der Bohrkäfer, der Schwimmkäfer, der Grabkäser und die Todtenuhr. Alle diese In sekten sind mehr oder minder schädlich, indem sie Pelz- iverke, Bücher, sogar große Bäume verderben. Alwina. Warum hat man den letztgenannten Käser wohl Todtenuhr genannt? Vater. Dieses Käserlein, es wird so groß wie ein Floh, hält sich in Wänden auf und pickt mit sei nem Rüsselchen an das Holz. Dieses Picken gleicht dem Schlage einer Taschenuhr. Nun hat der Aber glaube die Meinung verbreitet, daß derjenige sterben müsse, welcher dieses Käserlein picken höre. Gustav. Wie sollte so ein Würmlein wissen, welcher Mensch bald sterben müsse! Vater. Das meine ich auch. Unsere Lebenstage sind gezählt, aber nur Gott bekannt. Der Todten- gräber, den ich vorhin Grabkäfer nannte, ist ebenfalls ein merkwürdiges Thier. Wenn ihr ihn gerne sehen wollt, so legt im Frühlinge oder Sommer eine todte Maus oder einen todten Maulwurf in's Freie. Bald kommen drei bis fünf Todtengräber, unterwühlen das Erdreich und begraben die Leiche. Darauf legt das Weibchen ihre Eier in das todte Thier. Aus diesen Eiern entstehen dann schöne bunte Engerlinge, welche sich nach sechs Wochen wieder in Käser verwandeln und wie ihre Eltern und Ureltern darauf ausgehen, die Todten zu begraben. So dient das Todte zur Fortpflanzung des Lebendigen. Das Gotteslämmchen oder der Sonnenkäfer soll ein Mittel wider Zahnweh sein. Es ist ein kleines,141 rundes, gelb-rothes Thierchen mit sieben schwarzen Punkten auf den Flügeldecken. Emma. O dieses artige Käferlein sindet man viel in Gärten an den Gewächsen. Du sagtest uns ja im vorigen Sommer, daß dieses Thierchen nützlich sei, weil es die Larven der Blattläuse vertilge. Vater. Es freut mich, daß du das behalten hast. Der Erdsloh gehört zu den Blattkäfern und thut großen Schaden. Der Erbsenkäfer legt seine Eier in die Blüthen der Erbsen, und die Larve nährt sich dann von diesen. Alwina. Darum sind auch so viele Erbsen wurmstichig. Vater. Der schwarze und r o t h e Kor n- wurm, der Nebenstichler, der Apfelbohrer und der Haselnußkäfer sind auch nicht sehr beliebt. Alle diese gehören zu den Rüsselkäfern, wozu auch der Juwelenkäfer in Brasilien gehört. Dieser hat aus seinen Flügeldecken reihenweis stehende, goldglänzende Grübchen, welche in der Sonne prachtvoll glänzen. Der H o l z b o ck lebt im Holze. Gustav. Schon am Namen kann man hören, was das für ein Held ist. Vater. Das Johanniswürmchen — Emma. Das ist ein lustiges Thierlein, welches Abends herumschwärmt und wie ein kleines Lichtlein leuchtet. Wir Kinder suchen es wohl zu haschen. Vater. Der Springkäfer oder Schmied hat sehr borstenartige Fühlhörner. In Amerika gibt es eine Art, welche stark leuchtet. Sehr schön ist der Prachtkäfer, welcher roth mit Gold punktirt oder auch goldgrün aussieht. Einige davon werden wohl zwei Zoll lang. Der Wasserkäser saugt sich wohl an142 Fische an und wird diesen gesährlich. Aber was sagt ihr dazu, daß es auch einen Bombardier käfer gibt? Gustav. Das ist ja lustig. Zum Kriege soll er wohl nicht zu gebrauchen sein! Vater. Der Bombardierkäfer hat schwarzgrüne Flügeldecken, rothe Füße, rothen Hals und Kopf. Er schießt auf seine Verfolger einen bläulichen Dunst mit ziemlich starkem Knalle. Ebenso macht er es, wenn man ihn anrührt. Die spanische Fliege (Taf. Y. Fig. 1), welche ebenfalls zu den Käfern gehört, findet man auf Edeleschen. Der Käfer hat eine große Schärfe in sich und dient zu dem bekannten spanischen Fliegen pflaster. Der Maiwurm (Tas. Y. Fig. 2) und der Ohrwurm sind bekannte Thiere. Daß letzterer dem Menschen gern in's Ohr krieche, ist wohl nicht wahr. Doch für diesen Abend haben wir genug er zählt, morgen Abend mehr.143 Zwanzigster Abend. Zweite Ordnung: Halbkäfer. Vater. Man kennt diese Insekten daran, daß sie meistens vier Flügel haben, von denen die obern an der Wurzel hornartig, am Ende aber weich und biegsam sind. Der Kopf dieser Thiere ist meistens nach der Brust gebogen und entweder mit Kinnladen, oder mit Säugrüsseln versehen. Auch sehen die Larven dem Insekt sehr ähnlich. Es gehört dazu die Schabe, Brod- oder Küchenschabe, welche an Eßwaaren, Kleidern, Schuhen u. dgl. vielen Schaden verursacht. Gustav. Ich habe schon solche Thiere gesehen. Sie sind ungefähr einen halben Zoll lang, haben zwei gebogene Fühlhörner und am Schwänze zwei Spitzen. Vater. Richtig. Unter den Heuschrecken gibt es viele Arten, aber keine, die dem Menschen besonders nützlich wäre. Das wandelnde Blatt oder die Gottesanbeterin stellt sich zwar sehr fromm, denn ße geht gar demüthig aus ihren Hinterfüßen und faltet ihre Vorderfüße beständig, ist aber dessenungeachtet ein mörderisches Thier, das sogar seines Gleichen nicht verschont. Die Zugheuschrecken haben starke Hinterfüße zum Springen. Sie werden Wiesen und Feldern gefährlich. Denkt nur an die Maulwurfs grille, welche mit ihren ausgezackten Vorderfüßen Löcher scharrt und die Wurzeln abnagt.144 Gusta v. Nennt man diese Grille nicht auch Gartenkrebse? Vater. Freilich. Das Heimchen, Grille, welches einen schrillenden Ton von sich gibt und die Schaben vertilgt, ist euch bekannt. Alwina. Gehört nicht das Heupferd, welches so weit springen kann, auch zu den Heuschrecken? Vater. Ganz recht. Die schädlichste ist die Zugheuschrecke. Sie hat einen dicken, blauen Kopf, gelbliche Ober- und grüne Unterflügel und rothe Füße. Sie lebt in der Tatarei und überzieht oft heerdenweise andere Länder. So z. B. in den Jahren 1747 und 1748 kamen diese lästigen Gäste sogar nach Deutschland; es war aber, zum Glück, für sie zu kalt bei uns und sie starben. Die Heuschrecke wird in manchen Ländern gegessen. Nun schaut euch dieses Insekt einmal recht an! (Taf. V. Fig. 3.) Seine wirkliche Größe beträgt fünf Zoll. Seine Flügel und der Hinterleib sind gelb und gefleckt. Gustav. Aber was hat das Thier am Kopfe? Vater. Das ist eine hornige Blase, die einen hellen Schein von sich gibt. Alwina. O, nun weiß ich's, das ist der Laternen träger, der in Indien zu Hause ist. Die Indianer binden sich solche Thiere an die Füße, wenn sie bei Nacht reisen. Vater. Ganz recht. Der chinesische Later nenträger ist kleiner als der vorige. Die häßlichen, stinkenden Wanzen und die schädlichen Blatt- und Schildläuse gehören ebenfalls zu den Halbkäfern. Schöne Farbstoffe liefern der Kermes, welcher sich im südlichen Europa aus der Stechpalme aufhält, die indische Cochenille, welche in Meriko lebt, und145 die Gummilack schildlaus, welche auf beiden Seiten des Ganges gefunden wird. Emma. Des Ganges? Alwina. Der Ganges ist ein Fluß in Ostindien. Vater. Nun gehen wir über zur dritten Ordnung, zu den Schmetterlingen. Gustav. Es gibt sehr schöne Schmetterlinge mit bunt gefärbten Flügeln. Vater. Die Flügel der Schmetterlinge sind mit ganz feinen, bunten Federchen besetzt. Zuerst sind sie Raupen, welche sich häuten, zu Puppen sich einspinnen, aus denen dann die Schmetterlinge entstehen. Die Raupen haben Freßwerkzeuge. Ihr Leib besteht aus zwölf Abschnitten. An jeder Seite befinden sich zwölf Augen und neun Luftlöcher; an der Brust drei Paar- Klauen mit Haken und am Hintern fünf Paar Füße. Der Schmetterling hat einen Säugrüssel, Fühlhörner, sechs Füße, zwei große und drei kleine Augen. Man theilt sie in A. Tagvögel, B. Abendvögel und C. Nachtvögel ein. Diese Namen haben sie von der Zeit ihres Umherfliegens erhalten. Gustav. Also Schmetterlinge, welche man bei Tage sieht, heißen Tagvögel. Vater. Diese Erklärung ist nicht ganz richtig. A. Die Tagvögel sind daran zu erkennen, daß sie als Raupen stark mit Haaren bewachsen sind, als Puppen goldfarbig aussehen, als Schmetterlinge sitzend die Flügel aufrecht halten. Zu den Tagvögeln gehören Der n. Siüff. xo146 folgende: der Baumweißling, der Kohlweißling, der Zitronenfalter, der Schwalbenschwanz, das Pfauenauge, der Trauermantel, der Neun hundertachtzig: Vogel u. a. m. Gustav. Den letzteren kenne ich noch nicht. Vater. Er findet sich auf Disteln. Seine Flügel sind schwarz und weiß gefleckt, mit purpurner Binde, auf deren Nebenseite 980 steht. Die beiden erstge nannten verderben als Raupen sehr viel an den Bäumen und am Kohl. B. Abendvögel fliegen nur in der Abend- und Morgendämmerung. Ihre Raupen sind meistens schön gefärbt und haben am Rücken ein Horn. Sie heißen auch Schwärmer. Es gehören dazu: der Lindenschwärmer, der Todten- kopf, der Wolfsmilchvogel, das schöne Abend pfauenauge, der Phönix und der Fichten schwärmer, der in Kiefernwäldern großen Schaden anrichtet. 6. Nachtvögel, meist schädliche Arten. Sie sind alle sehr matt gefärbt, und die Weibchen können mit ihren stumpfen Flügeln nicht fliegen. Der Atlas sieht gelblich aus und erreicht die Größe einer Fledermaus. Er lebt in Ost- und Westindien. Aus feinem Gespinnste machen die Indianer die wilde Seide. Das Nachtpfauenauge ist euch bekannt. Der Kiefern- und der Fichtenspinner sind den Nadelhölzern sehr schädlich. Noch schädlicher sind die Ringel- und die Prozessions raup en. Die Kleidermotte, die Pelzmotte und der weiße Kornwurm stehen auch nicht im besten Ruse. Von allen genannten Arten ist nur dem Menschen besonders nützlich der Seidenwurm, der aus China ^im sechsten Jahrhundert zu uns gebracht wurde. Die Seidenzucht hat sich seit einigen Jahren auch bei uns bedeutend10 * 147 vermehrt. Eine Raupe liefert einen 900 Fuß langen Faden. Man füttert sie mit Maulbeerlaub. Nachdem die Raupe sechs bis sieben Wochen lang fleißig ge fressen, häutet sie sich vier Mal und spinnt sich dann in einen gelben Cocon ein. Diejenigen, welche man abspinnen will, tobtet man durch Hitze in Backofen. Zur Fortpflanzung läßt man einige auskriechen, welches drei Wochen später geschieht, wo dann jeder Schmetterling bei fünfhundert Eier legt. Hier seht ihr eine Seiden-Raupe, einen Schmetterling und einen Cocon abgebildet (Taf. V. Fig. 4). Sieht eine Schmetterlingssammlung von einheimischen Schmetter lingen schon hübsch aus, wie prächtig muß sich dann eine Sammlung ausnehmen, in welcher auch die Schmetterlinge aus den tropischen Gegenden vertreten sind. Ich will euch nur einige nennen. Der Königs segler, der eine Flugweite von 8^ Zoll hat, ist aus Amboina zu Hause. Sein Vorderleib ist schwarz, mit grüngelbem Längenstreif; die Hinterflügel sind rund ausgeschnitten, fächerartig durch ein glänzendes Grün mit rothen Punkten gezeichnet, während die Oberflügel schwarzbraun mit martglänzendem Grün erscheinen. Dieser Schmetterling ist selten zu haben und wird von Sammlern theuer bezahlt. Nicht weniger schön find die indischen Segelsalter, welche durch Größe und glänzende Farben sich auszeichnen. Da ist der Autenor, ein Afrikaner von 6^ Zoll Länge, schwarz mit weißen und rothen Flecken, die Hinterslügel schwalbenschwanzartig ausgeschweift; der Antiphus, welcher die Philippinen durchsegelt; der Lacedemon, ein Bewohner der Küste von Malabar, und viele andere. Der Spiegelträger und der Eulen spinner, Schmetterlinge, welche über 8 Zoll messen,148 zeichnen sich ebenfalls durch schöne Zeichnung ihrer Flügeldecken aus. Beide werden in den Tropenländern Amerika's gefunden. Die vierte Ordnung, Florfliegen, soll für heute Abend den Beschluß machen. Es ge hören dazu: Die Libelle, Wasserjungfer, welche einen langen Leib, blaue Flügel, runden Kopf und zwei Freßspitzen hat. Sie macht fleißig Jagd auf Fliegen und kleine Schmetterlinge. Die Eintagsfliege lebt als Larve mehrere Jahre im Wasser, und kommt endlich als fliegendes Insekt hervor, flattert umher und ehe die Sonne untergeht, ist sie todt. Die Frühlings fliege lebt im Wasser. Die Florsliege oder Land libelle sieht der Wasserjungfer sehr ähnlich, nur daß sie kleiner ist. Die Afterjungfer legt ihre Eier in den Sand oder wo Ameisen sind. Aus den Eiern entstehen Ameisenlöwen. Der Ameisenlöwe ist ein gar geschickter Jäger. Er macht sich eine trichterförmige Fanggrube in den Sand, in deren Tiefe er sitzt, auf seinen Raub lauernd. Will ein Insekt entfliehen, so weiß er ihm sogleich einen Sandregen nachzuschicken, daß es in die Grube zurücktaumelt. Nachdem er es ausgesogen hat, wirft er den todten Körper wieder hinaus. So muß ein Thier zur Erhaltung des andern dienen.149 Einundzwsnzigslkr Abend. 23ater. Diesen Abend haben wir es mit gar schlimmen Thierlein zu thun, denn wir stehen bei der sünften Ordnung, den wespenartigen Insekten. Diese Thiere leben meistens in großen Familien zusammen, bestehen aus Männchen, Weibchen und Ge schlechtslosen. Die vier häutigen Flügel sind stark geadert. Die Weibchen und Geschlechtslosen sind in der Regel mit einem Stachel versehen, vermittelst desten sie Gift in die Stichwunde bringen und wodurch das starke Aufschwellen und der Schmerz entsteht. Gustav. Davon kann ich mitsprechen, denn ich habe es leider im vorigen Sommer erfahren. Vater. Die alte Lehre: Wer nicht hören will, muß fühlen. Wir merken uns die Gallwespe, welche der Fliege ähnlich sieht und ihre Eier in be sondere Gewächse legt, wodurch dann Geschwülste ent stehen. So z. B. verursacht die schwarze Gallwespe an wilden Rosenstöcken solche Auswüchse; die Eich wespe an den Eichblättern. Alwina. Entstehen dadurch nicht die Galläpfel? Gustav. Welche zum Färben und zur Bereitung der Dinte dienen?150 Vate r. Freilich. Doch bei uns werden diese Galläpfel nicht reif; wir beziehen sie aus der Gegend non Aleppo und Smyrna. Auch gehört noch die Blattwespe, die Holzwespe, die Schlupfwespe, die After- und die Goldwespe hierher. Die beiden letzteren werden dadurch nützlich, daß sie viele Raupen vertilgen. Zn den eigentlichen Wespen gehört die gewöhnliche Wespe und die Hornisse, welche ihres furchtbaren Stachels wegen zu fürchten ist. Sehr nützlich aber sind — Nun? Alle. Die Bienen. Vater. Deshalb wird auch in einigen Gegenden die Bienenzucht fleißig betrieben. Mehrere Tausende dieser kleinen, fleißigen Thierlein leben in einem Stocke beisammen und zwar in der größten Ordnung, denn jedes weiß, was es zu thun und zu lassen hat. Sie bilden einen vollkommenen Staat, an dessen Spitze eine Königin das Ruder führt. Diese ist größer als die übrigen Bienen und sorgt für die Fort pflanzung, denn sie allein legt 50 bis 60,000 Eier. Aus diesen entstehen zuerst Maden, dann Nymphen und endlich Bienen. Als Seele des ganzen Stocks wird die Königin aber auch von allen Bienen desselben mit größter Liebe und Ehrfurcht behandelt. Wenn sie langsam in ihrem Stocke umhergeht, so wird sie immer von einem ansehnlichen Gefolge begleitet. Einige reichen ihr von Zeit zu Zeit Honig dar, andere putzen und streicheln sie mit ihrem Rüsselchen. Stirbt sie, so geräth der ganze Stock in Unthätigkeit und verfliegt sich, wenn nicht Hoffnung da ist, in Bälde eine neue Königin zu bekommen. Eine solche aber können die Arbeitsbienen aus jeder drei Tage alten Made ziehen, indem sie ihr königliches Futter bringen und ihre Zelle151 erweitern. Die Drohnen, männliche Bienen, haben große Augen, kurze Flügel und keinen Stachel. Sobald die Königin befruchtet ist, werden die Drohnen, als unnütze Tagediebe, von den andern Bienen getödtet und hinausgeworfen. Man nennt diese Vertilgung die Drohnenschlacht. In der Regel wird die Mord- fcene zu Anfang des Monats August vorgenommen. Die Arbeitsbienen bauen die Zellen, sammeln Honig und Wachs und sorgen dafür, daß ihre Wohnung stets rein und ordentlich aussieht. Wenn ein Stock über völkert ist, so zieht eine Königin mit einem Theile der Mannschaft aus, welches man schwärmen nennt. Wo die Königin sich niederläßt, dahin begeben stch alle übrigen. Im Mutterstock kommt jetzt eine junge Königin zur Regierung, die wiederum, weun die Zahl der Bewohner groß genug geworden ist, einer jüngern Schwester Platz macht. Die Schwärmzeit fällt ge wöhnlich in den Mai und Juni, und setzt ein gesunder Stock oft jährlich vier Schwärme ab. Merkwürdig ist es, daß diese kleinen Thierchen sich oft stundenweit von ihrem Stocke entfernen, um Honig zu sammeln, und doch immer den Weg wieder stnden, ohne je in einen andern Stock zu gerathen. Die Rosen biene baut ihre Zelle in Erdhöhlen und die Mauerbiene in alten Mauern. Eben so gesellig als die Bienen leben die Ameisen. Gustav. Aber sie nützen dem Menschen nicht so viel. Vater. Rein, sie schaden sogar. Auch bei ihnen unterscheidet man Männchen, Weibchen und Geschlechts lose. Letztere haben keine Flügel. Alwina. Die Ameisen sind immer sehr besorgt für ihre Eier.152 Vater. Die Eier der Ameisen sind sehr klein und kaum sichtbar; was du meinst, sind die jungen Puppen, welche man auch zu Nachtigallensutter benutzt. Es gibt verschiedene Arten Ameisen. Die Visiten ameise in Amerika, so groß als eine Wespe, besucht alle drei bis vier Jahre die Wohnungen der Menschen und tödtet dort alles schädliche Ungeziefer. Die merk würdigsten sind die Termiten, welche sich in Guinea aufhalten und ganze Kolonien anlegen. Ihre Woh nungen sind zehn bis zwölf Fuß hoch und regelmäßig eingetheilt. Die Geschlechtslosen müssen arbeiten oder als Soldaten Wache halten und über jeden Feind herfallen. Diese Termiten verzehren in kurzer Zeit erstaunlich viel Aas und werden dadurch den heißen Gegenden sehr nützlich. Nun kommen mir zu der sechsten Ordnung, welche die Fliegen ausmachen. Sie haben nur zwei Flügel. Einige von dieser Gattung gebären sogar lebendige Junge. Kennt ihr die Bremse? Gustav. Ich kenne sie, und manches Pferd kennt sie noch besser. Sie ist für diese Thiere eine große Plage. Vater. Allerdings, denn sie legt bisweilen ihre Eier in die Haut des Thieres, welches davon Beulen bekommt. Man unterscheidet Ochsen-, Pferde-, Rennthicr- und Schafbremsen, je nachdem sie ihre Eier auf das eine oder andere Thier legen. Die Schnaken oder langbeinigen Erdmücken legen ihre153 Eier an die Wurzeln mancher Pflanzen. Welche Fliegen kennt ihr? Gustav. Die Schmeißfliege, mit ihreu röth- lichen Augen. Alwina. Die Aasfliege und die sogenannte blinde Fliege. Vater. Das ist eine lästige Fliege für Menschen und Thiere. Ewald. Und ich kenne die Stubenfliege. Alle. Ha, ha, ha! die kennen mir auch. Vater. Gut; aber beschreibt sie mir ganz genau! — Wisset ihr denn auch, daß diese Fliege etliche tausend Augen hat? Alwina. Lieber Vater, nun wollen wir aber nicht mehr lachen, denn ich sehe, daß wir noch lange nicht Alles wissen. Vater. Auch das Bekannteste bietet bisweilen noch Manches zum Nachdenken dar. — Die Mücken kommen nun an die Reihe. Die Moskiten leben nur in Amerika. Das müssen sehr lästige Gäste sein, ihr habt ja davon in Robinson's Geschichte gelesen. Gustav. Es ist gut, daß solche Mücken bei uns nicht sind, denn die hiesigen können einen schon genug plagen. Vater. Die siebente Ordnung, zu welcher alle ««geflügelten Insekten gehören, soll den Beschluß machen. Es gehören dazu sehr lästige Gäste. Oder habt ihr gern Läuse, Flöhe und dgl.?154 Alwina. Hu, bleibe uns nur mit diesem Ge schmeiß weg. Vater. Nun, so will ich euch eine Portion Spinnen bestellen. Emma. Nein, lieber Vater, auch diese können wir nicht leiden. Vater. Was soll ich denn bestellen? Gustav. Ich weiß es, lieber Vater, eine gute Portion Krebse, aber ja nicht so wenige, denn wir sind gegen solche gar nicht abgeneigt. Ewald. Aber ist denn der Krebs auch ein Insekt? Gustav. Freilich, mein Brüderlein, und ein sehr schmackhaftes. Vater. Gut, so will ich euch Krebse bestellen; nun aber hört zu, welche Thiere zu den ungeflügelten Insekten gehören: das Zuckerthierchen, die Kopf- und die Filzlaus, der Floh, die Milbe, die Spinne, wovon es viele Arten gibt, z. B.: Kreuz spinnen, Hausspinnen, Vogelspinnen, Faust spinnen, — der Scorpion, der Krebs, der Schildfloh, die Asseln, der Skolopender und der Vielfuß. Die Vogelspinne ist in Amerika zu Hause, ist so groß als eine Kinderfaust, und in ihrem Netze fängt sie sogar kleine Vögel. Noch größer ist die Faustspinne in Ostindien, welche aber in der Erde hauset. Die Afrikanischen und Ostindischen Scorpione sind bisweilen sehr giftig. Der Krebse gibt es iiber achtzig Arten. Den gewöhnlichen Fluß krebs kennt ihr, aber denkt nur, in der Nordsee lebt ein Krebs, der Hummer, welcher bei 12 Pfund schwer wird. Der molukkische Krebs gehört zu den Schild flöhen. Er wird 5 Fuß lang und 1 Fuß breit und hat über 2000 Augen.155 Gustav. Der wird wohl ohne Brille gut lesen können. Vater. Der Skolopender hat über sechszig Füße und sein Biß ist sehr gefährlich. Die meisten Füße hat der Vielfuß, denn er hat deren bei zweihundert. Nun sollte man glauben, er könne sich sehr schnell bewegen,' aber dem ist nicht so. Er ist sehr langsam, und sein Körper ist sehr zerbrechlich. Er wird dem Kohl und den Blumen sehr schädlich. Nun fing der Vater an zu wiederholen. Die Kinder nannten die sieben Ordnungen nach der Reihe her und wußten Manches zu erzählen. Welches Insekt will mir mein kleiner Leser genau beschreiben?156 Zweiundzwanzigster Abend. Alwins. Nun werden die Erzählungen des Va ters über das Thierreich bald zu Ende gehen. Gustav. Es ist recht schade! Ich hörte gar zu gerne noch einmal von Löwen, Tigern und andern Thieren erzählen. Da kommt der Vater. Vater. Guten Abend, meine Kinder! Ihr habt wohl schon lange aus mich gewartet, darum wollen wir ' auch sogleich ansangen. Wir stehen bei der letzten oder ' sechsten Klaffe, den Würmern. Die Würmer unterscheiden sich von den ersten vier : Klaffen durch das Blut und von den Insekten dadurch, , daß sie keine Füße haben. Sie bewegen sich durch ( Ausdehnen und Zusammenziehen oder durch Schwimmen. . Der Nutzen der Würmer ist nicht unbedeutend, doch { davon werdet ihr bei der Beschreibung der einzelnen j Thiere hören. Zur bessern Uebersicht folgende Einteilung. . A. Nackte Würmer. Erste Ordnung. Eingeweidewürmer. Zweite Ordnung. Schnecken-und Schleimwürmer. . Dritte Ordnung. Pflanzen-undJnfusionsthierchen. .157 B. Bedeckte Würmer. Vierte Ordnung. Schalwürmer. Fünfte Ordnung. Krustenwürmer. Sechste Ordnung. Pflanzenthiere. Erste Or-dnung. Die Würmer dieser Ordnung sind theils faden-, theils bandförmig gestaltet und leben größtenteils in den Eingeweiden der Menschen und Thiere, z. B. der Madenwurm und der Spulwurm. Der Haut wurm kommt in Indien häufig vor. Er ist faden förmig, wird etliche Ellen lang und kriecht den Men schen, die mit bloßen Füßen gehen, an den Knöcheln unter die Haut, wodurch gefährliche Entzündungen ent stehen. Der Regenwurm ist bekannt. Die Egel schnecke lebt nur in der Leber der Rinder und Schafe und sieht einem Weidenblatt ähnlich. Bei Fischen und Vögeln trifft man den Riemenwurm, der einem platten Strohhalme ähnlich sieht. Dieser Wurm hat >ein so zähes Leben, daß er bisweilen in einem gesotte- men Fische noch lebendig ist. Habt ihr schon vom -Bandwurme gehört? Alwina. O dieser häßliche Wurm wird ja oft lsechszig Ellen lang und macht die Menschen recht elend. Vater. Er ist wie ein Band, platt gedrückt und lbesteht aus unzähligen Gliedern. Wenn man ihn cnicht mit Stumpf und Stiel ausrottet, so wächst er iimmer wieder von Neuem. Die Finne findet sich iim Schweinefleisch und die Quense verursacht bei rden Schafen die Drehkrankheit. Ein sehr nützlicher Wurm ist der Blutigel. Er lebt im Wasser und rwird in Apotheken verkauft.158 Emma. Ist das nicht der schwarzbraune Wurm, den man zum Aussaugen des Blutes gebraucht? Vater. Freilich, aber nur eine Art ist tauglich dazu. Die besten kommen aus Ungarn, wo sie in Teichen sorgfältig gezogen werden. Ist man genöthigt, Blutigel anzusetzen, so muß man solche so lange saugen lassen, bis sie von selbst abfallen; weil im entgegen gesetzten Falle die Bißwunde in ein Geschwür übergehen würde. Wenn man den abgefallenen Blutigeln Salz auf den Leib streut, so gebeu sie alles Blut sogleich wieder von sich und können dann im Flußwasser er halten werden. Merkwürdig ist es, daß ein solches Thier, wenn es öfter gebraucht wird, tiefere Wunden beißt und mehr Blut saugt, als zum ersten Mal. Zweite Ordnung. Unter Schnecken und S ch l e i m w ü r m e r n ver steht man alle diejenigen, welche einen schleimigen Körper und deutliche Gliedmaßen haben. Gustav. Dazu gehört wohl die braune Weg oder Waldschnecke? Vater. Richtig, und die graue Ackerschnecke. Ewald. Und die andern Schnecken mit bunten Häuschen ans dem Rücken. Vater. Rein, mein Söhnchen, diese gehören zu den bedeckten Würmern. Die Nereiden leben in der See und leuchten sehr stark. Das Wasserschlän- gelchen trifft man wohl schon bei uns in stehenden Gewässern. Das letzte Glied dieses Würmchens wächst zu einem neuen heran und reißt sich dann los. Die Meernessel und der Dintenfisch gehören auch zu dieser Ordnung. Letzteren seht ihr hier abgebildet (Taf. V. Fig. 5).159 Gustav. Ist das ein Thier? Nein, das ist zu sonderbar gestaltet. Vater. Er hat zehn Arme am Kopf, mit denen er sich ansaugen und anklammern kann. Sein Fleisch ist eßbar. Es gibt eine Art, Calmar genannt, welche Arme von zwölf bis fünfzehn Fuß Länge hat. Alwina. Warum heißt dieser Wurm Dintenfisch? Vater. Inwendig befindet sich eine Blase mit einem dintenartigen Safte, den man zum Schreiben gebrauchen kann. Dritte Ordnung. Es gehören dazu die Pflanzenthiere, Poly pen, und die Jnfusions- und Samenthierchen. Die Seefedern schwimmen frei auf der Oberfläche des Meeres umher. Sie sehen einer Feder ähnlich. Die Fahne besteht aus 40 bis 60 Armen, an jedem Arme stehen 10 bis 12 kleine Hülsen, und in jeder Hülse sitzt ein zarter, achtarmiger Polyp. Die meisten Polypen sind an Wasserpflanzen festgewachsen. So der Armpolyp und der Blumenpolyp. Den After polyp findet man auf Wasserthieren. Der Essig aal lebt im Essig und ist den bloßen Augen nicht sichtbar, ebenso ist es mit den Kugel- und Infusions tierchen, welche man nur durch Vergrößerungs gläser erkennen kann, und die merkwürdig gestaltet sind. Wir gehen über zur zweiten Hauptabtheilung, zu den bedeckten Würmern. Vierte Ordnung. Die Schalthiere werden wieder abgetheilt in ahvielschalige, Conchilien, dh zweischalige, Muscheln, o) einschalige, mit regelmäßigenWindungen, Schnecken, d) einschalige ohne Windungen. — £>ier (Taf. Y. Fig. 6) seht ihr die Bohrmuschel, welche zu den Conchilien gehört und die sich in harte Felsen und andere Gegenstände im Meere einzubohren versteht. Ferner gehört zu den Conchilien die Käsermuschel, der Meerigel und andere. Zu den zweischaligen gehören die ge wöhnliche Flußmuschel, die beliebten Austern u. a. m. Gustav. Was ist das aber für eine Muschel, Taf. Y. Fig. 7? Vater. Das ist die Perlmutterauster, welche von den Tauchern mit Lebensgefahr vom Grunde des Meeres heraufgeholt wird. Sie liefert die kostbaren Perlen. Es gibt auch in einigen europäischen Flüssen eine Perlenmuschel, welche schöne Perlen liefert. Gustav. Lieber Vater, willst du uns nicht von der Perlenfischerei Einiges mittheilen? Ich möchte gar zu gerne wissen, wie die Leute es anfangen, diese kost baren Muscheln vom Grunde des Meeres zu holen. Vater. Recht gerne. Die Perlenfischerei wird schon seit Jahrtausenden betrieben. Wie noch jetzt, so gab es schon in früheren Zeiten Menschen, welche um geringen Lohn sich zu dieser lebensgefährlichen Arbeit hergaben. Man nennt sie Taucher. Schon von frühester Jugend werden sie zu diesem Gewerbe ab gerichtet und gewöhnt. Ihre größte Fertigkeit besieht darin, den Athen: unter dem Wasser lauge aufzuhalten. Und nun von der Perlenfischerei, wie solche an der Küste von Ceylon betrieben wird. Anfangs Februar beginnt diese Fischerei. Um Mitternacht verlassen die Fischer die Küste und segeln der Bank zu, wo die Fischerei stattfinden soll. Ein hier aus der Masispitze161 eines Schiffes aufgestecktes Licht bezeichnet ihnen die Richtung, welche sie zu nehmen haben. Die Mann schaft eines Taucherbootes besteht aus einem Schiffs meister, zwölf Ruderern und zehn Tauchern. Jeder Taucher ist mit einem netzartigen Sacke versehen, in welchen er die Muscheln sammelt; ein Stein, den er sich am rechten Fuße befestigt, befördert das Hinab sinken in die Tiefe; in der rechten Hand hält er einen Strick, der an dem Boote befestigt ist, und an welchem er sich wieder Heraufziehen läßt. Ist er nun auf dem Grunde angekommen, so füllt er schnell so viele Muscheln in seinen Sack, als ihm nur mög lich ist. Nach zwei, selten vier bis sechs Minuten, bindet er den Stein los und gibt an dem Seile ein Zeichen, daß man ihn herauf ziehen soll. Man läßt ihn natürlich nicht lange warten, und in einem Hui fährt er mit seiner Beute in die Höhe. Jetzt wird ein zweiter Taucher hinabgelassen, nach diesem ein dritter u. s. w. bis zum Abend, wo ein Kanonenschuß vom Schiffe das Ende des mühsamen Tagewerkes verkündet. Unter großem Jubel werden nun die Muscheln nach dem Strande gebracht und an einem wohlbewachten Orte ausgebreitet. Die Fangzeit dauert bis Ende April, und so groß ist die Menge dieser Muscheln, daß jedes Boot täglich 20 bis 30,000 Stück an's Land bringt. Nach etwa zehn Tagen fangen die Muscheln an zu faulen, und nun erst kann man sie öffnen. Unerträglich ist der Gestank bei dieser Arbeit, aber Gewohnheit macht dem Menschen Alles möglich. In den wenigsten Schalen finden sich nun Perlen, denn eben die Seltenheit macht sie so kostbar und theuer. Man bestimmt den Werth nach dem Gewicht. Man rechnet das Karat zu fünf Thalern. Der II. 5Haff. n162 Wiegt eine Perle 2 Karat, so ist sie 2 mal 2 mal 5 Thaler — 20 Thaler werth; wiegt sie vier Karat, so ist sie 4 mal 4 mal 5 Thaler — 80 Thaler werth. Eine Perle von der Größe eines Taubeneies kann eine Million werth sein. — Die innere Substanz der Muschel liefert die bekannte Perlenmutter, wovon Dosen, Knöpfe, Messerhefte rc. verfertigt werden. Von den einschaligen kennt ihr die bei uns vorkommenden Schnecken. Aber seht einmal her (Taf. V. Fig. 8), das soll wohl eine Schnecke sein! Emma. Wie heißt die, lieber Vater? Vater. Das ist der Papiernautilus. Er wohnt auf dem Grunde des Meeres, steigt aber nicht selten in die Höhe, kehrt sich dann auf dem Wasser um, breitet seine Arme, die mit einer seinen Haut verbunden sind, weit aus und segelt lustig einher. Im indischen Meere sieht man diese Segler in Menge. Die Purpurschnecke im mittelländischen und at lantischen Meere liefert Purpurfarbe. Sie war bei den Alten sehr berühmt, weil man damals die Purpurfarbe durch andere Stoffe noch nicht darstellen konnte. Da jede Schnecke nur einige Tröpfchen dieser Farbe enthält, so gehört eine ungeheure Menge dazu, um nur ein einziges Kleid zu färben. Deshalb war auch der Purpur eine so theure Farbe, daß nur reiche Leute sich darin kleiden konnten. Wenn uns in der heiligen Schrift vom reichen Manne erzählt wird, daß er sich in Purpur kleidete, so soll dies seinen großen Reichthum beweisen. — Die einschaligen Würmer ohne besondere Windungen leben im See wasser, z. B. die Napsschnecke und der Schifs- w urm. Letzterer thut den Schiffen durch sein Bohren großen Schaden.II* 163 Fünfte Ordnung. Die Krustenwürmer leben sämmtlich im Meere und sind merkwürdig gestaltet. Seht euch z. B. (Taf. V. Fig. 9) den Seestern einmal an. Er bewegt sich drehend und hat oft nach unten ein Maul mit fünf Zähnen. Der Seeigel gehört auch dazu. Sechste Ordnung. Man wußte lange nicht, ob man diefe Thiere zu den Pflanzen oder zu den Thieren zählen füllte. Sie fehen den Pflanzen an Gestalt ähnlich, haben aber dabei willkürliche Bewegung. Es gehören dazu die Stau denkorallen, der Saugfchwamm und der Feder- bufchpolyp. — So hätte ich euch mit dem Wichtigsten aus dem Thierreiche bekannt gemacht. Gustav. Aber du wolltest uns ja noch Allgemei nes von den Thieren mittheilen. Vater. Gut, wenn ihr es wünschet. Dazu haben wir aber einen besonderen Abend nöthig.164 Dreiund)wan)igster Abend. An diesem Abende hatte sich der Vater schon frü her eingefunden und die Unterhaltung damit begonnen, daß er durch Fragen sich überzeugte, ob die Kinder das Wesentlichste aufgefaßt hätten. So mußten sie angeben, wodurch die einzelnen Klassen von einander unterschieden seien und in welche Ordnungen jede Klasse eingetheilt werde. Dann nannte der Vater eine Menge Thiere, und die Kinder gaben an, zu welcher Klasse und in welche Ordnung ein jedes gehöre. Soll ich euch auch eine Anzahl nennen? „O, warum nicht! Meinen Sie etwa, daß wir nicht auch fleißig sein könnten?" So ist's Recht! Nun gebt Achtung! Wozu gehört die Aalraupe, der Adler, die Amsel, der Barsch, der Bär, die Cochenille, der Dachs, der Elephant, der Eisvogel, der Frosch, die Giraffe, der Habicht, das Ichneumon, der Kakadu, der Lachs, die Meerkatze, das Nashorn, der Orangutang, die Pipa, der Quappe, die Ratte, der Schakal, der Todtengräber, die Unke, der Vampyr, die Wachtel und der Zobel? — Wenn ihr ein beson deres Lob verdienen wollt, so könnt ihr diese Aufgabe schriftlich lösen und zwar auf folgende Weise:166 Der Vater war mit den Antworten seiner Kinder gut zufrieden und fuhr deshalb zu erzählen fort. Vater. Die h. Schrift erzählt uns, daß, nach dem Gott die Schöpfung vollendet, habe er Alles an gesehen und es fei gut gewesen. Von Gottes Weisheit und Liebe gibt die ganze Schöpfung ein herrliches Zeugniß. Und wenden wir unfern Blick auf die Thier welt, wie vollkommen ist ein jegliches nach feiner Art, und wie nothwendig gehört jedes mit hinein in die große Kette der Natur. Vom kleinsten Jnsusions- thierchen, das uns als gallertartiges Pünktchen erscheint, geht es allmälig hinauf bis zu dem ausgebildetsten Säugethiere. Immer deutlicher werden die Organe und immer mehr ausgebildet erscheinen sie. Und am Ende dieser großen Kette steht der Mensch da, als Herr der Erde. Für uns Sterbliche ist es das sichtbare Ende, ob es aber das wirkliche Ende ist, wer vermag das zu entscheiden! Obgleich der Mensch durch seine Vernunft über das Thier erhaben da steht, so haben einzelne Thiere doch weit ausgebildetere Organe als der Mensch. Wie fein ist z. B. der Geruch des Hundes! Stunden, ja Tage lawg kann man ihn eingesperrt halten, er findet den Weg, den sein Herr gegangen ist, er findet seine Heimath wieder. Welch' ein scharfes Gesicht haben die meisten Raubvögel! Aus einer ungemeinen Höhe schießen sie plötzlich auf ihren Raub herab. G u st a v. Auch die Tauben müssen ein sehr scharfes Gesicht haben. Wenn man sie Stunden weit in einem verschlossenen Korb oder in einem dunkeln Sack an einen fremden Ort trägt, sie dort auf einige Tage festhält, kommen sie los, so fliegen sie schnurstracks ihrer Hei math wieder zu.167 Vater. Ganz recht. Alwina. Der Geschmack muß bei einigen Thie- ren auch besonders fein sein. ' Z. B. eine Ziege, wenn sie gesund ist, geht sie hundert Mal beim Schierling vorüber und frißt Gras; ist sie aber krank, so sucht sie sich den Schierling auf. Vater. Dazu leitet sie der Instinkt; daß der Schierling Arznei für sie ist, weiß sie nicht. Emma. Und die Bienen fliegen auf so manche giftige Blume, saugen den Honig heraus und lassen das Gift darin. Vater. Die Art und Weise, wie sich die Thiere gegen ihre Feinde vertheidigen, ist auch sehr verschieden. Könnt ihr mir Beispiele nennen? Ewald. Der Hund beißt und die Katze kratzt. Gustav. Wenn Kühe auf einer Weide angegriffen werden, so stellen sie sich mit den Hintern zusammen und vertheidigen sich mit den Hörnern. Die Pferde machen es umgekehrt, sie stellen sich mit den Köpfen zusammen und schlagen mit den Hinterfüßen. Alwina. Einige Wasserthiere machen das Wasser unklar, wenn sie verfolgt werden. Emma. Die Bienen und Wespen stechen. Vater. Der Kunsttrieb mancher Thiere erregt unsere Bewunderung. Wie künstlich ist z. B. das Nestchen eines Zaunkönigs! Wie sein weiß die Spinne ihr Netz zu weben! Wie regelmäßig sind die Zellen der Bienen gebaut! Gustav. Und was das Merkwürdigste bei der Sache ist, die Thiere verstehen dies, ohne in die Lehre gegangen zu sein, und ohne besondere Werkzeuge zu gebrauchen!168 Vater. Darin hast du vollkommen Recht. Durch den Instinkt wissen die Zugvögel, wann es Zeit zum Wandern ist. Wenn die Zeit kommt, so gehen sie auf Reise und lassen sich durch einzelne schöne Herbsttage nicht irre machen. Mit dem kommenden Frühjahre erscheinen sie wieder in der alten Heimath, suchen ihre Lieblingsplätzchen und wohl gar ihre alten Nester wieder auf. Ist das nicht merkwürdig ? Manche Thiere erregen durch ihre Gelehrigkeit unsere Bewunderung. Wozu kann man z. B. einen Hund nicht abrichten? Wie gehorsam folgt er und freut sich über Lob! Ferner muß man Gottes Vorsehung preisen, wenn man wahr nimmt, mit welcher Liebe ein Thier sich seinen Jungen hingibt, wie es sie sucht zu erhalten und gegen jeden Feind zu schützen. Rur ein Beispiel will ich euch nennen. Ein Huhn ist ein sehr furchtsames Thier, aber hat es Küchlein und der größte Hund nähert sich ihm, so setzt es sich zur Wehre. Ferner: wie ge fräßig ein Huhn ist, habt ihr oft gesehen; sobald es aber Küchlein hat und ein Bröcklein oder Würmlein findet, hört es nicht auf zu locken, bis seine Brut da ist. So sieht man auch in der Thierwelt Gottes Größe und Güte, wenn man es nur aufmerksam beobachtet; und daß wir dies beobachten und den Zusammenhang in der Schöpfung auffassen können, beweiset, daß uns Gott höher gestellt hat, als das Thier. Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, so sagt die Schrift. Lasset uns dafür sorgen, daß wir das Bild Gottes an und in uns erhalten.169 Erste Unterhaltung. II. Das Aftanzenreich. Lieber Vater, sprach eines Tages Alwina, die Erzählungen über das Thierreich haben uns so gefallen, daß wir dich bitten, uns auch mit dem Pflanzenreiche bekannt zu machen. Ja, das thue doch, lieber Vater, baten die übrigen Kinder. Wohl, sprach der Vater, ich willfahre um so lieber eurer Bitte, da ich sehe, daß ihr gerne etwas lernen möget. Es ist eben so nützlich als angenehm, sich mit der Pflanzenwelt be kannt zu machen, und wenn uns die Thierwelt schon mit Bewunderung erfüllte, so ist es die Pflanzenwelt vorzüglich, welche uns in ein stilles Erstaunen versetzt und Gottes Größe und Güte reiner und lauter ver kündigt, als Menschen es bisweilen vermögen. Treten wir an einem schönen Frühlingsmorgen auf eine blumige Aue, wie angenehm wird man da überrascht! Blumen, mannigfaltig, duften zu unfern Füßen, eben so ver schieden an Gestalt wie an Farbe, nützlich an Heilkraft, pder schädlich durch ihre Giftstoffe, die ste enthalten. Auf ein und demselben Boden steht der Kirschbaum neben dem Apfelbaume, und sie tragen verschiedenartige170 Früchte. Wie dies zugeht, vermag der Mensch nicht zu entscheiden; kann ja der weiseste Professor nicht Nachweisen, wie das kleinste Grashälmchen wächst! Die Pflanzen gehören, wie die Thiere, zu den or ganischen Wesen, denn sie leben, pflanzen sich fort und sterben ab. Sie unterscheiden sich von den Thieren dadurch, daß sie sich nicht willkürlich bewegen können, daß sie ihre Nahrung nicht durch eine einzige Oeff- nung, sondern durch Wurzeln und Blätter zu sich nehmen. Wenn man die Pflanzen genau kennen lernen will, so muß man ihre einzelnen Theile aufmerksani betrachten. Welches sind nun wohl die Haupttheile einer Pflanze? Gustav. Die Wurzeln, der Stamm, die Aeste, die Zweige, die Blätter, die Blüthen und die Früchte. Vater. Gut gemacht. Wir wollen diese Haupt theile sogleich vornehmen. Die Wurzeln dienen wozu? Alwina. Sie führen der Pflanze den nöthigen Nahrungsstoss zu. Vater. Richtig, doch hat man auch bemerkt, daß sie unnöthige und schädliche Stoffe aus den Pflanzen entfernen. Und dann dient die Wurzel auch dazu, der Pflanze einen festen Standort zu geben. Die Wurzeln sind in Ansehung ihrer Form sehr verschieden. Welche Pflanzen haben knollige Wurzeln? Emma. Die Kartoffeln und die Georginen. Vater. Und kann mir Ewald wohl sagen, welche Pflanzen zwiebelförmige Wurzeln haben? Ewald. Die Zwiebeln, die Hpacinthen und die Tulpen. Vater. Und welche Wurzeln sind rübenförmig? Gustav. Die Wurzeln der Mohrrüben, der Rettige und der Rüben.171 Vater. In sehr vielen Fällen ist die Wurzel faserig, d. h. sie besteht aus vielen Aesten und Fa sern. Wenn der Hauptstamm der Wurzel aber von be trächtlicher Dicke ist, so nennt man die Wurzel stockig. Aus der Wurzel erhebt stch über der Erde der Stamm. Derselbe heißt bisweilen Stengel, Halm, Ranke oder Strunk. Könnt ihr Beispiele nennen? Ewald. Die Bäume haben Stämme. Emma. Rüben haben Stengel. Alwina. Roggen, Weizen und Hafer treiben Halme. Gustav. Der Hopfen hat Ranken und der Kohl hat einen Strunk. Vater. Die Pflanzenblätter unterscheidet man nach ihrer Form. Da gibt es herzförmige, nieren förmige, pfeilförmige, liniensörmige und lanzettförmige Blätter; Blätter, welche gestielt und welche stiellos, — Blätter, welche gekerbt, gezahnt, gesägt, gerissen oder ganzrandig sind. Und welches ist der schönste und kunstvollste Theil einer Pstanze? Alle. Die Blume. Vater. Ganz recht. Zur Blume gehört die eigentliche Blume, der Kelch und die Befruch- tungstheile, die Staubfäden, Stempel und Fruchtknoten. Die eigentliche Blume, Blumen krone genannt, besteht entweder aus m ech r e r e n Blättchen oder aus einem Stück, sie ist entweder regelmäßig, d. h. die einzelnen Theile sind in Form und Größe einander gleich, oder ste ist un regelmäßig. Regelmäßige Blumenkronen sind ent weder glockenförmig, radsörmig, trichter förmig oder röhrenförmig u. s. w. Unregel-172 mäßige Blumen sind rachenförmig, lippenförmig, fchmetterlingsförmig, gespornt oder unge spornt. Auch hat man beim Kelche darauf zu sehen, ob er regelmäßig oder unregelmäßig ist. Wir werden später, wenn wir einmal einen Spaziergang machen, schon Beispiele zu diesen verschiedenen Formen finden, wo ich euch überhaupt noch aus Manches, z. B. auf die Bildung der Staubfäden und Stempel, so wie auf die Samenbehältnisse und auf die Frucht aufmerk sam machen werde. Wie vielerlei Arten von Pflanzen gibt es nun wohl auf der Erde? Gustav. O, wer wollte das wissen! Es gibt ja unzählbar viele Pflanzen aus der Erde. Vater. Zur bessern Uebersicht hat man deswegen Unterschiede zwischen den Pflanzen ausgesucht und sie nach gewissen Klassen geordnet. Bei dieser Einteilung sieht man auf die Zahl der Staubfäden und Stempel, auf den Standpunkt derselben und daraus, ob und wie sie verwachsen sind. So entstanden 24 Klassen. Es gehören alle diejenigen Pflanzen, welche einen Staub faden haben, in die erste Klasse, die zwei Staubfäden haben, in die zweite Klasse, u. s. w. bis Pflanzen mit zehn Staubfäden gehören in die zehnte Klasse. Zur elften Klasse gehören diejenigen, welche elf bis neunzehn Staubgefäße haben. Pflanzen mit zwanzig oder mehr dem Kelch eingefügten Staubgefäßen machen die zwölfte Klaffe aus; hängen aber die Staub gefäße nicht mit dem Kelche zusammen, so bilden sie die dreizehnte Klasse. Die Pflanzen der vier zehnten Klaffe haben zwei lange und zwei kurze Staubfäden. Pflanzen mit vier langen und zwei kurzen Staubfäden machen die fünfzehnte Klasse aus. Nun sieht man darauf, ob die Staubfäden173 verwachsen sind. Sind sie in eine Röhre verwachsen, so gehören die Pflanzen in die sechszehnte Klasse, in zwei Partien — in die siebenzehnte Klasse, in drei und mehrere Partien — in die achtzehnte Klasse. Pflanzen, deren Staubbeutel verwachsen sind, gehören zur neunzehnten Klasse, und Pflanzen, deren Staubsäden mit den Griffeln verwachsen sind, zur zwanzigsten Klasse. Die getrennten Geschlechter folgen darauf. Pflanzen mit männlichen und weiblichen Blumen bilden die einundzwanzigste Klasse. Sind die männlichen und weiblichen Blüthen auf verschie denen Pflanzen, so gehören diese in die zweiund zwanzigste Klasse. Die dreiundzwanzigste Klasse wird gebildet von solchen Pflanzen, auf welchen sich männliche, weibliche und Zwitterblumen zugleich finden. Pflanzen ohne wahrnehmbare Staubgefäße und Stempel machen die letzte oder vierundzwanzigste Klasse aus. Wenn ihr nun eine Pflanze findet, so sucht die Merkmale auf und seht zu, zu welcher Klasse dieselbe gehört. Wollten wir aber die Pflanzen ganz streng nach obiger Eintheilung durchnehmen, so würde das zu weit führen; wir wollen deshalb eine andere Ein theilung annehmen und unterscheiden: 1. Palmen, 2. Bäume, 3. Sträucher, 4. Kräuter, 5. Gräser, 6. Moose, 7. Schwämme. Diese Eintheilung mag vorläufig genügen; wenn ihr aber mehr herangewachsen sein werdet und fähig seid, eine schwerere Eintheilung auszufassen, so werden wir schon die Pflanzenwelt auf eine andere Weise betrachten. Also soll ich morgen ansangen? Alle. Bitte, lieber Vater, wir wollen recht auf merksam sein.174 Junger Leser! Bevor wir weiter gehen, mußt du diese Einleitung noch ein Mal aufmerksam durchlesen, und wenn du sie zwei Mal durchlesen willst, so habe ich auch nichts dagegen.175 Zweite Unterhaltung. 1. Die Palmen. Die Palmen, meine Kinder, sind Bäume, welche meistens sehr hach werden, deren Stamm aber ohne alle Zweige und Aeste ist und die nur im Gipfel große Blätter hervortreiben. Gustav. Ich habe schon von der Dattelpalme und der Kokospalme gehört, aber noch keine gesehen. Vater. Dazu würdest du große Reisen machen müssen, denn diesePalmen wachsen nur in heißen Ländern. Die Dattelpalmen wachsen in Syrien, in Afrika und in Ost- und West indien. Der Baum wird sehr hoch und erreicht ein Alter von 200 Jahren, auch ist er mit Recht zu den edelsten Bäumen der Erde zu zählen. Seine Frucht gleicht den Pflaumen, wird roth-gelblich, hat einen lieblichen, süßen Geschmack und ist dabei sehr nahrhaft. Er bringt die Früchte in solcher Menge hervor, daß eine ganze Familie von wenig Bäumen das ganze Jahr hindurch zu leben hat. Man ißt sie frisch, trocknet ste wie Feigen, macht Syrup, Butter und Wein davon. Die jungen Palmblätter geben den Palmkohl und Palmkäs. Auch weiß der Indianer die großen, schwert förmigen Blätter noch anders zu benutzen: er macht176 Sonnenschirme, Flechtwerke, Körbe u. dgl. davon und bedeckt damit das Dach seiner Hütte. Alwina. Ich habe neulich noch gelesen, daß man sich auch der Blätter statt des Papiers bediene und mit einem Griffel darauf schreibe. Vater. Allerdings. Die Kokospalme ist noch nützlicher. als die vorige und wird von den Hindus in Ostindien fleißig angebaut. Ihr Stamm wird bei 60 Fuß hoch und sehr dick. Das Holz wird verarbeitet, und die 10 Fuß langen Blätter werden zum Decken der Dächer gebraucht und zu Matten und dergl. verarbeitet. Was aber das Beste an der schönen Palme ist, weiß Gustav. Gustav. Ei, das ist die schöne Kokosnuß, die so groß als ein Kinderkops wird. Alwina. Und die einen herrlichen Kern und einen erquickenden Saft, die Kokosmilch, enthält. Vater. Der Nutzen des Kokosbaumes ist sehr groß. Aus den jungen Blättern wird Palmöl gemacht, die Blüthenstiele und Blüthentrauben geben beim Hinein schneiden einen süßen Saft, aus dem Palmwein bereitet wird; aus der faserigen Hülle der Nüsse werden Stricke und aus den Schalen allerlei Gefäße bereitet. Die Sagopalme ist ebenfalls in Ostindien und auf den Molukken zu Hause. Sie liefert in ihrem Marke das herrliche Sagomehl, welches gebacken und auch in Körnchen verspeist wird. Sie hat gar schöne Blätter und kamm förmige, einen Zirkel bildende Zweige.177 Alwina. Wie viel Mehl gewinnt man wohl von einem Baume? Vater. Ein Baum gibt gegen 200 Pfund. Der beste Sago sieht weiß aus. Die Weinpalme hat 4 Fuß lange Blätter, die wie Fächer sich falten. Die Früchte, büschelweife aneinanderhängende Stiele, haben ein saftiges Fleisch und werden zu Backwerk be nutzt. Aus den weiblichen Blüthen zieht man Palm wein, und die Blätter werden zu Hüten, Sonnenschir men und Schreibtafeln verarbeitet. Nun kommen wir zu den Bäumen. 2. Die Biiurne. Doch die Frühlingsluft ist schon recht mild,^und wir wollen deshalb in den Garten gehen, wo wir einige Bäume an Ort und Stelle betrachten können. — Was sind das sür Bäume, welche wir in unserm Garten haben? Gustav. Obst- oder Gartenbäume. Vater. Und wie heißen die Bäume, welche im Walde stehen? Ewald. Waldbäume. Vater. Richtig, man nennt sie aber in der Regel Forstbäume. Wenn wir bei den Obstbäumen auf die Frucht und namentlich auf den Samen sehen, so wer den wir unterscheiden — Alwina. Kernobstbäume und Steinobstbäume. Der kl. Raff. 1 2178 Vater. Gut. Emma soll mir Kernobstbäume nennen! Emma. Apfel-, Birn- und Quittenbäume. Vater. Und Ewald nennt mir wohl die Steiu- obstbäume! Ewald. Zwetschen-, Kirschen-, Pfirsich- und Aprikosenbäume. Vater. Diese Bäume, so wie die Nußbäume sind uns alle sehr wohl bekannt und brauchen wir sie deshalb nicht zu beschreiben. Aber wo werden diese Bäume gezogen? Gustav. In Baumschulen, wo man die jungen Stämmchen durch Pfropfen, Kopuliren und Okuliren veredelt. Ich habe dir ja schon oft geholfen, lieber Vater. Vater. Daran hast du wohl gethan, denn jeder, der Landwirthschast treiben will oder treibt, sollte das Veredeln der Bäume verstehen, weil die Obstbaumzucht und Obstpflanzungen viel eintragen. Die Forstbäume theilt man nach ihren Blättern ein: in Laub- und in Nadelholz. Ewald. Zum Laubholz gehört die Eiche, Buche, Erle, Birke, Linde, Weide, Pappel, der Ahorn und der Platanenbaum. Vater. Und noch einige andere Bäume. Emma. Nadelhölzer sind: die Tanne, Fichte, Zeder, der Lärchen- und der Taxusbaum. Vater. Auch diese Bäume kennen wir. Ich will euch nun aber einige Bäume beschreiben, welche ihr noch nicht kennt.12 * 179 ' Der Zitronenbaum wächst im Morgenlande und in Italien wild. Er grünt das ganze Jahr hindurch und hat Blumen und Früchte neben einander. Die Frucht, Zitrone, ist euch ja bekannt. Sie wird als Gewürz zu manchen Speisen gebraucht. Das Zitronenöl wird aus den Schalen gepreßt. Der Pomeranzenbaum, oder die Orange, ist fast edler als der Zitronenbaum. Die Frucht ist kugelrund und wird auf mancherlei Weife benutzt. Die Apfelsine und die Bergamotte ge hören ebenfalls hierher. Alwina. Letztere liefert wohl das Bergamottöl? Gustav. Und eine reife Apfelsine ist mir lieber, als wohlriechendes Bergamottöl fammt dem Niechfläfchchen. Der Oel- oder Olivenbaum wächst im südlichen Europa. Seine Blätter sehen den Weidenblättern ähnlich, die Blüthen sind weiß und stehen büschelweise zwischen den Blättern. Die Früchte werden eingemacht gespeist oder zu Oel gepreßt. Gustav. Nun weiß ich auch, wo das Baum und Provenceröl her kommt. Vater. Das schöne, gelb- und schwarzgeaderte Holz, welches angenehm riecht, so wie die marmorirten Wurzeln werden zu allerlei kunstvollen Arbeiten benutzt..180 Der Kaffe ebaum (Taf. VI. Fig. 1) ist wohl von allen Bäumen der einträglichste. Dieser Baum stammt aus Arabien, wird aber jetzt besonders in Ostindien und auf Java eifrig angebaut. Die Blätter sehen fast wie Pomeranzenblätter aus, und die Frucht ist einer Kirsche ähnlich, in der zwei Kaffeeboh nen zugleich sitzen. Er blüht jährlich zwei Mal und hat reife und unreife Früchte immer zugleich. Der beste Kaffee ist der Levantische. Auch in Amerika treibt man jetzt den Kaffeebau sehr eifrig. Alwina. Wo der Kaffee gebaut wird, können die Leute sehr fleißig und sehr guten Kaffee trinken. Gustav. Und jedes Haus ist am Ende ein Kaffeehaus. Vater. Wie man bei Winzern den schlechtesten Wein trinkt, so trinkt man in dortiger Gegend den schlechtesten Kaffee. Dies kommt theils daher, weil die Leute die guten Bohnen verkaufen, und theils den Kaffee wenig achten. Unsere Ureltern, die den Kaffee nicht kannten, lebten bei ihrer nährenden Suppe eben so gut, wenn nicht besser. Nun könnte ich euch noch von dem Chinabaume, dem Eb enh o lz-, Brasilien- Holz-, Terpentin- und Mahagonibaume erzäh len, aber ihr hört wohl lieber etwas vom Brodbaume. Dieser Baum ist eine große Wohlthat für die Südsee- Jnseln, wo wegen der großen Hitze kein Getreide wächst. Er wird so groß als eine mittelmäßige Eiche und seine Frucht, die einer Melone ähnlich sieht, wird geröstet181 als Brod gegessen. Aus dem Splinte dieses Baumes webt man Zeuge. Die großen Blätter werden zu Tischtüchern und Servietten gebraucht, und aus dem weichen gelblichen Holz macht man allerlei Kunstsachen. Die Fruchtbarkeit dieses Baumes ist so groß, daß drei derselben einem Menschen allen Unterhalt für ein Jahr gewähren. Der Affenbrodbaum, oder der Bo ab ab, ist der dickste aller bekannten Bäume. Er wächst in Afrika. Seine Blätter geben ein Pulver gegen den Durchlauf und das Faulfieber, und das Mark wird mit Zucker in hitzigen Krankheiten als ein kühlendes Mittel verordnet. — Seht, dort geht die Sonne schon unter! Wir wollen schließen und in's Haus gehen.182 Dritte Unterhaltung. 8. Die Sträucher. Die Sträucher treiben mehrere dünne Stämme zu gleich aus der Wurzel hervor. Wenn sich diese Stämm- chen jährlich durch junge Triebe erneuen, so nennt man sie auch wohl Stauden. Welche Sträucher kennt ihr schon? Ewald. Den Johannisbeer- und den Stachel beerstrauch. Emma. Den Haselnuß- und den Rosenstrauch. Alwina. Die Himbeer- und die Brombeerstaude. Gustav. Der Kreuzdorn, der Weißdorn und der Schlehdorn sind auch Sträucher. Vater. Einen Strauch habt ihr noch vergessen; einen Strauch, vor dem Jeder den Hut abnehmen sollte, weil er den Menschen sehr nützlich wird. Alwina. O, das ist gewiß der Flieder- oder Hollunderstrauch. Vater. Richtig. Diesen herrlichen Strauch sollte man bei jedem Hause antreffen, denn seine Blüthen geben gesunden, schweißtreibenden Thee, und auch die Beeren werden benutzt. Man trifft in Gartenanlagen noch andere Sträucher, z. B. den Spierstrauch, den Blasen- und den Pfeisenstrauch. Run möchtet ihr noch wohl gern vom Pfeffer-, Thee-, Kapern- und Baum wollenstrauche etwas hören?183 Der Pfefferstrauch wächst in Ostindien. Sein Stengel ist rebenartig, und feine eirunden Blätter haben einen starken Geruch. Er blüht jährlich ein bis zwei Mal, und feine Beeren, welche in Aehren stehen, werden theils reif, theils un reif abgepflückt, an der Sonne getrocknet und dann als Pfeffer verkauft. Die unreifen Beeren liefern den fchwarzen und die reifen den weißen Pfeffer. Für Schweine ist der Pfefferstrauch ein tödtliches Gift. Der lange Pfeffer, der ebenfalls in Ostindien gebaut wird, rankt wie Hopfen um die Bäume. Im klebrigen ist er dem vorigen gleich. Der Betelpfeffer wächst auch rebenartig. Sein Laub gleicht Pomeranzenblättern; er schmeckt bitter und färbt roth. Die Früchte sind länglich und schuppig. Die Blätter dieser Pflanzen werden von den Indianern gekaut, und Alt und Jung führen immer dergleichen bei sich. Jeder Gast erhält Betel zuerst vorgeseht, und der Geringere darf nicht eher den Vornehmen anreden, bis er Betel ge kaut hat. Wie aber bei uns das schädliche Tabak kauen die Zähne verdirbt, so auch frißt der Mißbrauch des Betels die Zähne an. Der Thee st rauch (Tas. VI.Fig. 2) wächst vorzüglich in China. Man unterscheidet zwei Arten. Der braune Thee, einem Rosenstrauche ohne Dornen bald ähnlich, hat eirunde, glatte Blätter und weiße Blüthen. Der grüne Thee kommt von einem Staudengewächse, welches gewöhnlich innerhalb sieben Jahre Manneslänge und Armsdicke erreicht. Es hat184 immer grüne Blätter, welche einzeln abgepflückt und auf eisernen Platten geröstet werden. Die ersten Blät ter, welche kaum drei bis vier Tage alt sind, geben den besten, den sogenannten Kaiserthee, der außerordent lich theuer ist und selten zu uns kommt. Die Blätter werden zwei bis drei Mal des Jahres eingesammelt, geröstet, luftdicht verpackt und nach Europa gesandt, wohingegen aus Europa viele harte Thaler und man ches Goldstücklein nach China wandern. Alwina. Trägt der Theestrauch keine Früchte? Vater. Allerdings. Sie sehen den Haselnüssen nicht unähnlich, und aus dem Kerne wird Oel gepreßt. Der Kapernstrauch wächst im südlichen Europa und im Morgenlande an steinigen, aber sonnigen Plätzen. Er hat stachelige Zweige, welche sich wie die Brombeerzweige ausbreiten. Die Blüthenknospen werden eingemacht und unter dem Namen Kapern als Gewürz zu verschiedenen Speisen gebraucht. Da, wo die Kapern wachsen, achtet man ihrer wenig, und wir können sie auch sehr gut entbehren. Die Blüthen dieses Strauches sehen hübsch roth und weiß aus, und die Früchte sehen den Oliven ähnlich. Die Rinde der Wurzel wird in den Apotheken gebraucht. Nützlicher ist die Baumwollen st aude (Tas. VI. Fig. 3). Gustav. Wie, wächst die Baumwolle aus einer Pflanze? Vater. Allerdings. Die krautartige Baumwollen pflanze muß jährlich gesäet werden, hat gelbe Blumen,185 in denen sich längliche Nüsse ansehen, die bei ihrer Reise aufspringen und in denen die Baumwolle enthal ten ist. In Ostindien und Arabien wächst der Baum wollenstrauch, der drei bis vier Ellen hoch wird und dessen Samenkapseln dreieckig sind. Jede Staude hat zwanzig bis dreißig solcher Samenkapseln. Die kraut artige Staude liefert aber feinere und bessere Wolle. Man unterscheidet die Baumwolle nach den Ländern, in denen sie gewachsen ist. Die Cchpersche ist sehr weiß, zart und lang, die Korsikanische feiner und länger und die Maltesische ist die feinste und beste. Die Cascarilla hat langes Laub und einfache Blumentrauben mit wei ßen Blüthen. Sie wächst in Carolina und inVirgi- nien und gibt einen angenehmen Duft von sich. Die Rinde wird wider den Husten u. dgl. gebraucht. Die Cascarilla gehört zu den Croton-Arten, wozu auch der Lackmus-Croton gehört, der im südlichen Frankreich und auf Java wächst und aus dessen rautenförmigen Blät tern das Lackmus gekocht wird. Der Talg-Croton, in China, trägt eine holzige Frucht, in welcher der Sa men mit einer Talghaut umgeben ist. Diese kocht man aus und macht Lichte davon. Der Weinstock ist bekannt. Aus seiner Beere wird bei uns Wein gekeltert, man trocknet sie aber auch und nennt sie dann Rosine. Die besten Rosinen kommen aus Smyrna und aus den Gegenden um Damaskus. Eine kleinere Sorte liefert die Korinthen.186 SU rat na. Es gibt auch bei uns verschiedene Sorten Weintrauben. Gustav. Die Weine führen aber in der Regel ihren Namen von dem Orte, rao die Trauben ge wachsen sind. Der Balsamstrauch. Vater. Es gibt davon drei Arten, welche heil samen Balsam liefern, der in mancherlei Krankheiten gebraucht wird. Man gewinnt den Balsam, indem man Einschnitte in die Pflanze macht, wo dann ein Heller, wohlriechender Saft, der Balsam, herausfließt. Der gileadsche Balsamstrauch und der Opobalsam- strauch sind in Palästina und in Arabien zu Hause. Der Elemistrauch, in Carolina, liefert das Eummi elemi, welches zu Pflastern und Salben bei gefähr lichen äußerlichen Wunden, z. B. beim Schlangenbiß, gebraucht wird. Alwina. Ich weiß auch noch einen Strauch: der Pfeifenstrauch oder wilde Jasmin, den man in so vielen Gärten findet. Emma. Und das lieblich duftende Geisblatt. Gustav. Und den schönen türkischen Hollunder strauch, der die wohlriechenden Nagelblümchen trägt. Ewald. Und der Kellerhals oder Seidel bast, der in unserm Garten wächst und gar giftige Beeren trägt. Vater. Nun, ich sehe, daß ihr die Dinge um euch her doch nicht ohne Aufmerksamkeit betrachtet, und das gefällt mir sehr. Fahrt so fort! Für den auf merksamen Menschen gibt es überall etwas, von dem er lernen kann.187 Vierte Unterhaltung. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, die Sonne stand so klar am blauen Himmel, und aus tausend Kehlen schallte froher Gesang, da sprach der Vater zu seinen Kindern: Kommt, wir wollen hinaus in's Freie gehen. Die Mädchen legten eilend ihr Strickzeug bei Seite, und Gustav und Ewald warfen fast allzu rasch ihr Buch in die Schublade, um dem Vater zu folgen. Im Garten anaekommen, fing der Vater an: Wir sind gekommen bis zu 4. Den Kräutern. Die Kräuter haben einen weichen, saftigen Stengel und dauern in der Regel nur ein Jahr. Hier im Garten werdet ihr schon manche bemerken. Ewald. Da steht Salat und Kresse. Emma. Dort Bohnen und Spinat. Alwina. Hier Spargel und Erbsen. Gustav. Und aus senem Beete Radieschen und gelbe Rüben. Vater. Alle diese Pflanzen wandern zur Zeit in die Küche und werden deshalb Küchenkräuter ge nannt. Es gehören dazu: Salat, Spinnt, Wirsing, Kohl, Rüben, Kartoffeln, Endivie, Spargel, Rettig, Sellerie, Petersilie, Erbsen, Linsen, Bohnen u. a. m. Aber was wächst hier?188 Emma. Das ist Kümmel. Vater. Und das ist hier? Ewald. Das ist Dill. Vater. Diese Pflanzen werden nur als Würze an andere Speisen gebraucht und heißen deshalb Gewürz kräuter. Man rechnet dazu — Gustav. Halt, ich weiß einige. Man rechnet dazu: den Majoran, den Thymian, den Salbei, den Sauerampfer, den — nun weiß ich nichts mehr. . Alwina. Den Anis, den Fenchel, den Senf, den Körbel und das Pfesserkraut. Vater. Es gehören noch mancherlei Kräuter dazu, z. B. die Zwiebel, der Knoblauch, der Dragon, der Portulack u. a. Aber was ist das dort, auf jenem Felde, für eine Pflanze, mit der gelben Blume? Alle. Das ist Raps, Rübsamcn. Ewald. Daraus presset man Oel. Vater. Und diese Pflanze mit den feinen Sten- gelchen? Emma. Ei, das ist Flachs. Vater. Weil mit diesen Pflanzen vorzugsweise Handel getrieben wird, so nennt man sie Handels kräuter. Man rechnet dazu: Flachs, Hanf, Mag- samen (Mohn), Rübsamen und Tabak. Das Vater land des Tabaks ist Amerika, wo er in solcher Menge gebaut wird, daß jährlich einige hundert Schiffe mit Tabak nach Europa kommen. Er führt seinen Namen von der Insel Tabago, wo ihn die Spanier im Jahre 1520 zuerst fanden. Durch Johann Nicot wurde im Jahre 1560 der Tabak in Europa bekannt und erhielt deshalb in der Pflanzenkunde den Namen Nicotiana. Die Blätter werden, wenn sie reis sind, abgenommen und geschnitten und dann als Rauchtabak189 verkauft. Wieder andere werden gerieben und zu Schnupftabak bereitet. Die 'Tabakspflanze gehört zu den Giftpflanzen, denn sie hat betäubende Kräfte an sich, wirkt Erbrechen und Durchfall. Gustav. Und doch raucht, schnupft und kaut man ihn. Vater. Du siehst, der Menfch kann sich an Alles gewöhnen. So trinkt der Türke sein starkes Opium. Was fressen dort jene Kühe? Ewald. Klee. » > Vater. Welche Pflanzen werden noch mehr als Viehfutter benutzt? Alwina. Die Esparsette, der Luzernerklee und die Wicke. Vater. Man nennt diese Futterkräuter. Auch rechnet man wohl die Nesseln dazu. Sehr wichtig sind die Arznei- oder Apothekerkräuter. Von diesen Kräutern wachsen bei uns sehr viele wild und Mancher könnte sich eine Ausgabe ersparen, wenn er sich die Mühe gäbe, selbst diese Kräuter einzusammeln und zu trocknen. Oder Kinder könnten sich dadurch manchen Groschen verdienen, wenn sie für die Apotheker Pftanzen einsammeln wollten. Wer kennt nicht die Kamille, den Löwenzahn, das Tausendgüldenkraut, die Schafgarbe, das Schlüsselblümchen? Alwina. Und alle diese Pflanzen werden in den Apotheken gebraucht? Vater. Freilich, und noch viele andere. Was ist das hier an der Hecke für eine Blume? Gustav. Eine weiße Taubnessel. Vater. Auch diese gemeine Blume wird in der Apotheke als Thee verkauft. Seht sie euch einmal ge nau an. Diese Blume gehört zu den Lippenblumen.190 Sie hat zwei lange und zwei kurze Staubfäden. Im Grunde des Kelches stehen vier Fruchtknötchen und darauf ein Stempel. Der Kelch ist fünfzähnig, der Stengel vierkantig und die Blätter stehen einander gegenüber. Letztere sind herzförmig und gezahnt. Wenn man so die Merkmale einer Pflanze angibt, fo hat man die selbe beschrieben. Nehmt euch diese Schlüsselblumen und diese Gänseblümchen mit nach Hause und beschreibt sie mir ganz genau. Aus unseren spätern Spazier gängen werden wir noch viele Apothekerkräuter finden, und ich will euch dann aufmerksam darauf machen. Wir wollen uns hier auf diesen Rasen setzen, und dann werde ich euch noch einige Färberkräuter nennen. Der Krapp oder die Färberröthe hat viereckige Stengel, weiße Blüthen und ausdauernde Wurzeln. Der Krapp wird seines Nutzens wegen hier und da steißig angebaut. Das Kraut dient als Viehsutter und mit der Wurzel wird roth gefärbt. Der beste Krapp wächst um Smyrna, daher das Türkisch-Roth. Die Wurzeln werden getrocknet, dann gemahlen und verkauft. Der Waid hat eine rübenförmige Wurzel, dreieckige Pflanzenblätter und treibt Schoten, wie alle rübenartigen Pstanzen. Die Blätter geben den Färbestofs, und die Pflanze wird von dem emsigen Bienlein fleißig besucht. Der Saflor, auch wilder Safran genannt, hat eirunde, gezahnte, stachlichte Blätter, aufrechten Stengel und gelblich-rothe Blumen, welche Färbestoffe enthalten. Der Saft töd- tet Läuse und anderes Ungeziefer.191 Der Wau oder das Gilbkraut, eine Art Reseda, wächst bei uns häufig wild und dient dazu, um zitronengelb zu färben. Zum Gelb- und Grün-Färben dient auch die Scharte. Der Indigo (Taf. VI. Fig. 4) liefert ein schönes, aber theures Blau. Er wächst in Ost indien wild, hat eirunde Blätter, kurze Blüthentrauben und einen staudenartigen Stengel. Alle sechs bis acht Wochen wird er beschnitten, die abgeschnittenen Zweige werden mit Wasser übergossen, in Gährung gebracht und durch scharfes Umrühren zu Indigo bereitet. Ihr werdet bereits eingesehen haben, welchen großen Nutzen der Mensch aus dem Pfianzenreiche zieht. Uns, die wir damit bekannt sind, kommt solches nicht mehr auf fallend vor; wenn wir aber bedenken, wie durch Ver suche und Nachdenken der Mensch die Kräfte der Pflan zen nach und nach hat kennen gelernt, so müssen wir staunen. Wie viele geheime Kräfte aber mögen noch in der Natur verborgen liegen!192 Fünfte Unterhaltung. Die Giftkräuter. Vater. Es gibt Pflanzen, welche für den Men schen schädliche Stoffe enthalten, man nennt sie Gift pflanzen. Ihr müsset aber nicht glauben, daß diese Pflanzen nur schädliche Pflanzen wären, nein, recht ge braucht sind die meisten von großem Nutzen, weil sie in den Apotheken zu Arzneien bereitet werden. Es ist daher von größter Wichtigkeit, daß ihr diese Pflanzen kennen lernt. Kommt, wir wollen sehen, ob wir nicht einige Pflanzen dieser Art finden. Die Gesellschaft ging, ein fröhliches Frühlingsliedchen singend, einer Wiese zu. Hier, rief der Vater, habe ich schon eine Giftpflanze. Es ist der Gisthahnenfuß, der zu den Ranunkeln gehört. Nun, Gustav, beschreibe sie uns! Gustav. Der Stengel ist ein bis zwei Fuß hoch, grün und hohl. Die Wurzelblätter sind nierenförmig und dreilappig. Die Lappen sind wieder eingeschnitten. Die Blume besteht aus fünf Blättchen und ist gelb. Es sind zahlreiche Staubfäden vorhanden. Die Frucht ähre ist walzenförmig und dunkelgrün. Vater. Gut. Die Blätter und die Aehren sind vorzugsweise giftig und erregen, wenn man sie genießt, Krämpfe und Lachen, ja oft den Tod. Legt man ein Blatt auf die Haut, so entstehen Geschwüre. Alwina. Aber diese Zeitlose, mit ihren röth-» lichen, wohlriechenden Blumen, ist wohl nicht giftig?193 Vater. Auch dieses Zwiebelgewächs ist giftig, namentlich die Zwiebel und der Same. Der Genuß erregt Brennen und Speichelfluß, Magenentzündung und Krämpfe. Emma. Ist das glicht Wolfsmilch? Vater. Richtig, mein Kind, auch eine Giftpflanze. Man findet dieses Gewächs auch auf Feldern, an den Wegen und an sandigen Plätzen. Dieses ist die kreuz blättrige Wolfsmilch. Seht, die gestielten Blüm chen kommen aus einem Punkte hervor. Dies nennt man in der Pflanzenkunde eine Dolde. Die Dolde ist erst vier-, dann zweitheilig. Brecht eine Pflanze ab! Gustav. Ei, da stießt ein milchartiger Saft heraus. Vater. Dieser Saft ist, wie der Same, giftig, verursacht Leibschmerzen, Brechen und Durchfall. Gustav. Diese Wolfsmilch hat aber eine Dolde von acht bis zwölf Stielchen. Vater. Richtig bemerkt. Es ist die gemeine oder Tannen-Wolfsmilch, welche ebenfalls giftig ist. — Als sie an einer Hecke vorbeigingen, fand der Vater die Einbeere, auch Vierblatt geuannt. Auf dem Stengel erscheinen gewöhnlich vier, selten sechs eirunde, kahle Blätter, in deren Mitte eine gestielte, blaßgrüne Blume steht, welche zu einer blauen Beere wird. Diese Beere, so wie die Wurzel sind giftig. Die Pstanzenblätter werden von den Apothekern eingesammelt. Darauf fanden sie auch noch zwei Ranunkelarten, die Butterblume und den Sumpfhahnenfuß. Ewald. Sieh', Vater, dort in jener Hecke blüht schon der rothe Fingerhut. Vater. Auch diese Pflanze gehört, trotz ihrer großen, schönen Blumen, zu den Giftpflanzen. — Ferner fanden sie Gott es g n ad enkr aut und Pfaffen- Dcr II. Raff. 13194 Hütlein, welches die Kinder mit nach Hause nahmen, 'um es zu beschreiben. Darauf wanderten sie einem schönen Buchenwäldchen zu, um im Schatten der jungen Buchen etwas auszuruhen. Als sie sich gelagert hatten, begann der Vater: Es gibt n-ch Giftpflanzen, welche weit schädlicher sind als diejenigen, welche wir vorhin genannt haben. Da sie aber sehr selten sind, so will ich sie euch jetzt schon beschreiben. -Der Stechapfel (Taf. VII. Fig. 3). Diese Pflanze stammt aus Amerika, wird aber jetzt nicht nur bei uns in Gärten gezogen, sondern wächst auch in Deutschland hier und dort ans wüsten Plätzen wild. Die Wurzel ist spindelförmig, holzig und weiß. Der hohle, glatte, krautartige Stengel theilt sich in gabelförmige Zweige. Die Blätter sind eirund, gezahnt, ausgeschweift und von dunkelgrüner Farbe. Die weißen, trichterförmigen Blumen stehen einzeln in den Blatt winkeln und sind kurzgestielt. Die Krone endigt sich in fünf feine gefaltete Lappen. Der sünfspaltige Kelch ist ebenfalls trichterförmig. Die Samenkapsel ist sehr stach- licht und mit vielen Klappen versehen, und es befindet sich in ihr der schwarzbraune Same, der mit dem Schwarzkümmel einige Aehnlichkeit hat. Apotheker sammeln die Blätter vor der Blüthe und den reichen Samen ein. Eben diese beiden sind es vorzugsweise, welche durch den Genuß schädlich werden. Schwindel, Schlaf, Lähmung der Glieder, Verlust der Sprache, Raserei, der schwarze Staar und Schlagsluß sind in der Regel die Folgen des Genusses. Hat ein Mensch das Unglück, von einer solchen Pflanze genossen zu195 haben, so muß mail sogleich den Arzt herbeiholen, in dessen aber Oel, Milch, laues Wasser mit Butter oder auch Seisenwasser zu trinken geben. Die Pflanze ist so giftig, daß zwei Quentchen Samen schon hinreichen, einen Menschen zu tödten. Das schwarze Bilsenkraut (Tas. VII. Fig. 1). Dieses Kräutlein sagt schon durch sein schmutziges Aeußere, daß man sich vor ihm in Acht zu nehmen hat, und kommt man in seine Nähe, so merkt man dies ebenfalls an dem stinkellden, betäubenden Dufte, den es verbreitet. Fast alle Theile, besonders aber die Wurzeln und der Same sind sehr giftig. Es hat einen haari gen, weichen Stengel, ungestielte, tiesgezahnte Blätter, blaßgelbe, violett-geäderte Blumen und eine Samenkapsel, welche den Haselnüssen nicht unähnlich sieht, zumal da der Kelch selbst nach dem Verblühen stehen bleibt. Menschen, die Bilsenkraut genossen haben, gebe man viel Obst- oder Weinessig; Kühen und Schafen aber eine Tasse Lein- oder Rüböl mit Milch vermischt. Aerztliche Hülse ist dessenungeachtet nöthig. In Rußland thun stch die Leute aus Schabernack manchmal eine solche Pflanze in die Badestube oder aus den Ofen. Dann werden die Menschen, die in solchen Zimmern sind, wie toll. Gustav. Das ist aber gar kein seiner Spaß! Vater. Gewiß nicht. Es hat wohl Betrüger ge geben, welche eine Salbe von dieser Pflanze machten, die sie an einfältige Leute verkauften. Eine Person, welche stch mit solcher Salbe schmierte, verfiel in aller lei sonderbare Träume und glaubte nachher, das Ge träumte wirklich erlebt zu haben. 13 *196 Alwina. Das ist vielleicht oft die Ursache ge wesen, daß einfältige Leute sich behext glaubten. Vater. Sehr wahrscheinlich. Schon der Geruch der Wurzel verjagt Ratten und Mäuse. Dessenungeachtet hat die Pflanze für gewisse Krankheiten sehr heilsame Kräfte, und die Apotheker suchen sie deshalb fleißig auf. Die Tollkirsche (UeUaäouua) (Taf. VII. Fig. 2) wächst in Wäldern und Gebüschen, und es ist schon manches Kind, das sie im Walde stehen fand und aus Unwissenheit die kirschenähnliche Frucht aß, getödtet worden. Der Stengel wird wohl 6 Fuß hoch und sieht röthlich aus. Die Blumen sind glockig, dunkel-violett- roth, nach dem Grunde hin etwas gelb und sind von fünf grünen spitzigen Blättchen umgeben. Die Beere sieht, wie gesagt, einer Kirsche ähnlich, und hat einen ekelhaft süßlichen Geschmack. Wurzeln und Beeren sind besonders schädlich. Zehn Beeren tödten schon einen Mann. Wer solche Beeren genossen hat, muß augen blicklich Essig oder ein Brechmittel einuehmen und ärzt liche Hülfe suchen. Dem Arzte liefert diese Pflanze eine vorzügliche Arznei gegen Hundswuth, Krebs u. dgl. Wisset ihr auch, was das Wort Uollaäouua bedeutet? Dieses Wort ist ein italienisches und heißt so viel als „schöne Frau." Gustav. Nun, das ist doch nicht recht, daß man dieser Pflanze einen hübschen Namen beigelegt hat. Vater. Merke auf! Die Frauen in Italien schminkten sich früher mit dem Safte der Blätter dieser Pflanze, und daher hat sie den Namen bekommen.197 Alwina. War denn solches Schmucken nicht schädlich? Vater. Freilich, wie jedes Schminken schädlich ist. Aber was thut die Eitelkeit eines Menschen nicht! Nun aber wollen wir zurück gehen. Die drei letzten Pflanzen könntet ihr mir nun wohl beschreiben!—Junger Leser, überlies es nochmals, lege das Buch bei Seite und dann schreibe mir auf, was du behalten hast!198 Sechste Unterhaltung. Gustav. Werden wir nicht wieder hinaus gehen und Giftpflanzen aufsuchen, lieber Vater? Vater. Wenn ihr Gefallen daran habt, so macht euch nur reisefertig! — Als sie an einem Teiche vor bei kamen, bemerkte der Vater den Wasserschierling, der zu den schädlichsten Pflanzen gehört. Die Wurzel ist laug, knollig, fast wie eine Sellerie- und Pastinak- Wurzel. Diese Wurzel enthält einen milchartigen Saft, der sogar das Wasser vergiftet, wo die Pflanze steht. Aus der Wurzel geht der Stengel hervor, und an diesem stehen die Aeste buschweise. Eine Pflanze hat zwölf bis fünfzehn große weiße Blumendolden. Der gefleckte Schierling, der an Wegen, Gräben und Dämmen wächst und der auch großer Schierling genannt wird, hat eine rübenartige Wurzel, einen ästigen, roth- gefleckten, hohlen Stengel, drei Mal gefiederte Blätter, welche oben dunkelgrün, unten aber glänzeudgrün sind. Alle Theile -der Pflanze sind für Menschen und Thiere gefährlich, ausgenommen für Ziegen und Rebhühner. Gustav. Gibt es nicht noch eine kleine Art Schierling? Vater. Kommt, wir wollen dort nach jenem Gar ten gehen, wo wir ihn vielleicht als Unkraut finden werden. — Seht, hier steht der kleine Schierling, auch Hundspetersilie und Gleiße genannt. Alwina. Diese Pflanze hat viele Aehnlichkeit mit der Petersilie.199 Vater. Allerdings, und es ist daher rathsam, daß ihr sie genau kennen lernt. Seht, die Blätter sind spitzer, als die der Petersilie, und der Geruch der Pflanze ist mehr knoblauchartig. Auch ist die Hundspetersilie daran zu erkennen, daß an jeder der langgestielten, viel- strahligen Blumendolden drei lange spitzige Blättchen herabhängen. Die Blumen der echten Petersilie sind grünlich. Gustav. Awch diese hier sind weiß. Vater. Richtig. Diese Pflanze hat dieselben Ei genschaften, welche die übrigen Schierlingsarten haben. Als sie den Garten verließen, fanden sie an der Hecke ein Rankengewächs mit behaarten Blättern, die unten fünf- und oben dreilappig waren. Die Blüthen waren langgestielt und traubenförmig, die Blumenblätt- chen oval und blaßgelb. Vater. Das ist schon wieder eine Giftpflanze, meine Kinder, es ist die Zaunrübe. Es gibt zwei Arten, die eine bringt rothe, die andere schwarze, dreifächerige Beeren hervor, welche schleimig sind. — Mit vieler Mühe brachte Gustav die Pflanze sammt der Wurzel heraus und fand, daß letztere armsdick war. — Diese Wurzel, sprach der Vater, ist besonders giftig, sie erregt Erbrechen, Durchfall und Leibschmerzen, doch wird sie bei Pferdekrankheiten gebraucht. Hier wächst auch das große und das kleine Schöllkraut, welches einen ätzenden, gelben Saft enthält. Gustav. Aber was steht dort in der Hecke? Das ist ja eine merkwürdige Pflanze, mit einer langen Scheide versehen. Alwina. Die Scheide umhüllt einen violetten Kolben. Ewald. Und die Pflanzenblätter sind pfeilsörmig.200 Emma. Sie hat einige Aehnlichkeitmit unserer Kalla. Vater. Ihr habt die wesentlichsten Merkmale schon angegeben, und nun will ich euch auch sagen, wie sie heißt: Aronwurz, auch deutscher Ingwer, Kalbsfuß und Pfasfenpint. Die knollige Wurzel ist giftig, zieht aus der Haut Blasen, erregt Brechen, Magenkrampf und Magenentzündungen. Darnach fanden die Kinder Nachtschatten. Der Vater bemerkte darüber Folgendes: Der Nachtschatten gehört zu demselben Geschlechte, wozu die Kartoffeln gehören, was ihr auch schon an der Form der Blume wahrnehmeu könnt. Es gibt bei uns zwei Arten, die eine hat violette Blumen und die andere weiße. Jene heißt Bittersüß und diese ist unter dem Namen schwarzer Nachtschatten bekannt. Ferner gehört zu dieser Gattung der sogenannte Liebesapfel, den nvm bei uns wohl als Topfpflanze antrifft. Man kann sie leicht kennen an den kleinen, rothen Früchtchen, die in einigen Ländern roh oder an Saucen gegessen wer den. So z. B. werden in Frankreich ganze Beete in den Gärten gezogen. Kennt ihr auch den E i f e n h u t? Alw in a. Ei, freilich! er wächstja in unserm Garten. Vater. Nun, so beschreibe mir die Pflanze. Alwina. Der Stengel wird einige Fuß hoch. Die Blätter haben fünf herzförmige Abteilungen. Gustav. Halt, liebe Schwester, ich möchte auch etwas sagen. Die Blumen sitzen traubenartig und sind helmförmig. Emma. In jeder sitzen zwei— nun, wie nennt man sie? — wir nennen sie Täubchen.201 Vater. Man nennt diese Täubchen in der Pflan zenkunde Honiggefäße. Diese Pflanze ist sehr giftig, so daß man in Rußland Wölfe damit tobtet, indem sie sich zu Tode speien. Besonders gefährlich sind die Wurzel und die Blätter für Schafe, Ziegen und Kühe. Bei Vergiftungen wende man lauwarmes Wasser mit Butter und dann auch Milch an. Es gibt noch eine Art, welche sich nur dadurch unterscheidet, daß sie gelbe Blumen hat. Sie wird Wolfsgift genannt. Obgleich diese Pflanze sehr giftig ist, so wird doch für gewisse Krankheiten heilsame Arznei daraus bereitet. Die Reben dolde, der Giftlattig, der Christ- oder Nieß- wurz, die Narzisse, der Lolch gehören auch zu den Giftpflanzen. Gustav. Da fällt mir etwas bei; ich habe schon oft gehört, daß das Mutterkorn auch giftig wäre, ist dem so? Vater. Allerdings, mein Junge. Hast du denn nicht gesehen, wie ich im vorigen Sommer die Fliegen damit vergiftet habe? — Wie das Mutterkorn entsteht und was es eigentlich ist, darüber sind die Gelehrten, wie man zu sagen pflegt, noch nicht einig. Nach Einigen entsteht das Mutterkorn in Folge des Stichs einer Fliege; Andere halten es für eine Art Schwamm. In nassen Jahren trifft man das Mutterkorn häufig an. Das Jahr 1831 war besonders reich an Mutterkorn. Der Genuß dieses Kornes, das übel riecht und scharf bitter schmeckt, ist sehr schädlich. Man soll sogar die fürchterliche Kribbelkrankheit darnach bekommen. Alwina. Was ist das für eine Krankheit? Vater. Im Anfänge derselben spürt man unter der Haut und in den Gliedern ein unausstehliches Kribbeln, welches aber in krampfartiges Zusammenziehen202 ausartet und nicht selten den Tod zur Folge hat. Man sollte deshalb das Mutterkorn rein auslesen, um solches Unglück zu verhüten. Ewald. Siehe, Vater, ist das dort nicht der giftige Fliegen schwamm? Vater. Richtig; doch davon wollen wir sprechen, wenn wir zu den Schwämmen kommen. Ich denke, wir gehen nach Hause, denn dem Anscheine nach haben wir ein Gewitter zu erwarten. Gustav. O, ich fürchte mich gar nicht vor einem Gewitter. Vater. Daran thust du sehr wohl; jedoch ist es unsere Pflicht, der möglichen Gefahr vorzubeugen.203 Aebentc Unterhaltung. Ein schöner Gewitterregen hatte die Pflanzen nach langer Dürre erquickt. Die Luft war wieder so rein, und Alles in der Natur fühlte sich neu erfrischt. Unsere Gesellschaft hatte sich schon frühe ausgemacht, um den schönen Morgen zu genießen. Vater. Es gibt eine Menge Pflanzen, die uns durch ihre schönen Blüthen erfreuen, man nennt sie Blumen. So in den ersten Tagen des Frühlings das Schneeglöcklein, bald darauf das bescheidene, lieblich duftende Veilchen. In den Gärten fangen dann an, ihre liebliche Blüthe zu entfalten der Krokus, die schönen Aurikelchen, das Leberblümchen und viele andere. Nun, ihr kennt ja auch wohl Blumen, die uns durch ihren angenehmen Duft und durch ihre schönen Farben ergötzen? Gustav. Nelken, Reseda, Balsaminen. Alwina. Die Königin der Blumen, die Rose. Es gibt Monatsröschen, Moosrosen, Hebriden und bengalische Rosen und noch viele andere Arten. Emma. Levkojen sind auch sehr hübsche Blumen. Ewald. Päonien, Tulpen, Jasminen sind auch nicht zu verachten. Vater. Reiche Leute legen sich wohl Treibhäuser an und halten sich einen geschickten Gärtner, der den Blumen aufzuwarten versteht. In solchen Treibhäusern trifft man denn allerlei Arten einheimischer und ausländischer204 Pflanzen, z. B. Geranien, Oleander, Hyacin- then, Camellien, Cactus-Arten und hundert andere. Für uns und auch für den Aermsten hat der große Kunstgärtner über uns< sein Treibhaus aufgeschla gen auf Feld und Flur, auf Berg und im Thale. Und so ein wildwachsendes Blümchen ist immer ein lieblicher Beweis der Güte unseres Gottes, der seinen Menschenkindern überall Freude bereitet. Ihr kennt doch wohl einige solcher wildwachsenden Blumen? Ewald. Das schöne, wohlriechende Maiblüm chen gar gut. Emma. Und wenn die schöne, blaue Kornblume blüht, so winde ich mir daraus ein Kränzlein. Alwina. Die Glockenblumen, der milde Schneeball, das duftende Geisblatt gehören mit zu den schönsten Blumen. Gustav. Sogar das Haideblümchen, welches auf dürrer Haide wächst, ist gar schön. Vater. Wir könnten noch viele Blumen aufzählen, allein da ihr die meisten kennt, so will ich euch noch einige ausländische Kräuter beschreiben. Der Ingwer. Diese Pflanze wird auf der Insel Java besonders viel gezogen. Sie hat eine knotige, kriechende Wurzel und einen schilfartigen Stengel mit schmalen Blättern. Die Blumen stehen in Aehren. Die Wurzeln machen einen Handelsartikel aus, denn sie werden zu Speisen als Gewürz gethan oder auch als magenstärkendes Mit tel gebraucht. Reiche Leute essen sie mit Zucker einge macht, damit sie gehörig verdauen können und immer den nöthigen Appetit haben.205 Gustav. Da brauche ich keine Jngwerwurzeln zu essen, ich habe so immer den nöthigen Appetit. Vater. Dafür danke du Gott, und auch dafür, daß er dir Speise gibt; denn es gibt, leider! Leute, welche mehr Appetit haben, als sie brauchen können. Der P i s a n g ist eine merkwürdige und sehr nützliche Pflanze, die in Afrika, Asien und im warmen Amerika wächst. Obgleich diese Pflanze baumartig aussieht, so hat sie doch nichts Holziges an sich, sondern ist faserig und stirbt ab. Die Wurzel treibt neue Sprößlinge. Der spitz zulausende Stamm hat, wie die Palme, eine Krone von breiten Blättern, die oft sechs Ellen lang und eine Elle breit werden. Mitten aus diesen Blättern kommen die Blü- thenkolben, welche mehrere Blumen und Früchte tragen. Letztere sehen fast wie Gurken aus, werden Paradies feigen genannt und haben ein angenehmes Fleisch, wel ches man reif und unreif, roh, gekocht und eingemacht genießen kann. Die Pflanzenblätter benutzen die Indier zu Tischtüchern, Bettdecken, zum Verpacken der Maaren und dergl. Die Ananas, welche bei uns in Treibhäusern gezogen wird, ist in Südamerika und in Ostindien zu Hause. Die Frucht wird so groß als ein Apfel oder eine Melone, wird mit Zucker gegessen, schmeckt angenehm und verbreitet einen köstlichen Dust.206 D i e Aloe, mit ihren fleischigen Blättern, habt ihr wohl schon in Treibhäusern gesehen? Es gibt mehrere Arten, welche alle in Afrika einheimisch sind. Die wahre Aloe hat dicht aneinander sitzende, sich umfassende, gezackte, lange, spitzige Blätter, die oft 2 Ellen lang und 6 bis 8 Zoll dick werden. Sie hat gelbe Blumen. Vermittelst Ein schnitten gewinnt man ein Harz, welches in Apotheken als Larirmittel gebraucht wird. Die amerikanische Aloe, Agave, wird oft 20 Fuß hoch, kommt aber bei uns selten zur Blüthe, welches zu der veranlaßt hat, als blühe diese Pflanze nur alle 100 Jahre, und der Aberglaube hat noch hinzu gesetzt, daß sich die Blume mit eurem Knall öffne. In Mexico benutzt man das Mark und bereitet daraus eine angenehme Speise. Auch bereitet man aus dem Safte den Aloewein. Die Vanille ist ein Nankengewächs und liefert die wohlriechende, gewürzhafte Vanille. Ihre Heimath ist das südliche Amerika, wo diese wohlriechende Pstanze an den höchsten Bäumen hinauf rankt. Sehr merkwürdig ist die Lustblume, die man in China aus den höchsten Bäumen antrifft. Diese Pflanze scheint ihre Nahrung fast einzig aus der Lust zu nehmen. Denn wenn man sie in einem Zim- mer aufhängt, so wächst sie Mehrere Jahre fort, ohne daß man nöthig hätte, sie zu begießen, und erfüllt mit ihrem lieblichen Duft das Zimmer.207 Der Rhabarber wird auch schon häufig bei uns in Gärten angetroffen. Er hat einen 4 bis 8 Fuß hohen Stengel und fleisch farbige Blumentrauben. Die Wurzel ist von außen bräunlich, inwendig aber safrangelb, und wird oft 20 Pfund schwer. Diese Pflanze ist aus China zu uns gekommen und wird in den Apotheken häufig gebraucht. Und nun zum Schluß für heute noch eine merkwürdige Pflanze, die Fliegenfalle. Diese Pflanze wächst in Carolina in feuchten Ge genden, hat dicke Blätter, die auf der Erde liegen und stiellos sind. Auf ihrer Oberfläche haben sie Stacheln und-rothe, klebrige Dräschen. Der Rand ist mit Bor sten beseht. Der Stengel treibt schöne weiße Blumen, welche sehr reizbar sind; denn sobald sich ein Insekt aus diese Blumen setzt, schließen sich die Blumenblätt chen zusammen und halten es fest, bis es todt ist. Gustav. Das ist ja lustig. Alwina. Als ich im vorigen Sommer bei meiner Freundin Karo lina war, zeigte mir der dortige Gärtner eine Pflanze, die bei der leisesten Berührung die Blätter hängen ließ. Vater. Das war eine Sinnpflanze. Die Sinnpflanzen, Mimosen, sind in Brasilien zu Hause und es gibt deren bei vierzig Arten. Nun aber wollen wir zurück und an unser Tagewerk gehen. Die Mutter wird auch mit dem Frühstück warten.208 Ewald. Das wird nach solch' einem Spaziergang wohl schmecken. Gustav. Du brauchst also auch keine Jngwer- wurzeln, mein Brüderlein?209 Achte Unterhaltung Vater. Die Gräser machen eine eigene Gat tung von Pflanzen aus. Sie haben einen dünnen, hohlen und mit Gelenken und Knoten versehenen Halm, und die Blüthen stehen meistens in Aehren oder Rispen. Gustav. Es gibt wohl verschiedene Arten Gräser? Ich kenne z. B. das Straußgras oder die große Ackerschmeele und das Ruchgras. Alwina. Das Fingergras und das schöne Zittergras sind bekannt, so wie auch das Wol,l- gras, welches in schlechten Wiesen häufig angetroffen wird. Vater. Allerdings gibt es verschiedene Gräser arten, denn nicht allein das Gras, das zum Viehfutter dient, gehört dazu, sondern auch Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Hirse, Mais und außerdem noch viele Rohrarten, wie das Zuckerrohr, das Bambusrohr, der Reis u. s. w. Die genannten Getreidearten sind euch bekannt, ich will ench das Zuckerrohr (Taf. VI. Fig. 5) beschreiben. Dieses Gewächs ist in Ostindien zu Hause, wird aber in vielen warmen Ländern steißig angebaut. Es zeichnet sich durch seine lange, außer dem Kelch stehende Wolle und seine zweispelzige Krone vor andern Der kl. Raff. i a210 Grasarten aus. Das Zuckerrohr treibt einen 8 bis 12 Fuß hohen, knotigen Halm, der sehr viel Mark enthält. Aus diesem Marke wird vermittelst einer be- sondern Mühle der Zuckerstoff gepreßt. Der Zucker ist, meine lieben Kinder, seiner angenehmen Süßigkeit wegen sehr beliebt, und viele tausend Menschen genießen ihn, ohne zu wissen, wie viel saurer Schweiß armer Neger- sclaven daran hängt. Das Zuckerrohr läßt sich nicht lange aufbewahren; wenn deshalb die Ernte eintritt, so müssen die armen Sclaven Tag und Nacht arbeiten, damit von dem reichen Gewinne für die Pflanzer nichts verloren geht. Das Ausgepreßte wird eingesotten und unter dem Namen Moskowade nach Europa gesandt, wo dieses dann in den Zuckersiedereien zubereitet wird. Das Spanische Rohr ist dem zahmen Schilf sehr ähnlich. Es wächst in Ostindien, besonders aus Java und auf Sumatra, und wird zu Stöcken und zu Nohrstühlen verarbeitet. Dieses Rohr liefert auch ein blutstillendes Harz, welches unter dem Namen Drachenblut bekannt ist. Das Bambusrohr wächst in Indien, an den Ufern der Gewässer, wird sehr hoch und ist an den knotigen Absätzen mit Stacheln besetzt, aus welchen lange und schmale Blät ter hervorkommen. Gustav. Dein Stock, lieber Vater, ist ja auch ein Bambusrohr. Vater. Freilich. In der Jugend enthält diese Pflanze einen milchartigen Saft, der sich an der Sonne14 * 211 erhärtet und unter dem Namen Bambuszucker be kannt ist. Erst im sechszigsten Jahre blüht dieses Rohr und dann stirbt es bald ab. Alwina. Es muß ein sehr nützliches Rohr sein, denn ich habe neulich gelesen, daß die Indier ihre Häuser davon bauen und aus der innern Rinde sogar Papier bereiten. Vater. Das hat seine Richtigkeit. Der Reis, der in Indien gezogen wird, wie wir unsere Getreide ziehen, kommt auch in den südlichen Ländern von Eu ropa schon fort. Der Stengel wird bei 4 Fuß hoch und treibt dem Hafer ähnliche Rispen. — Nun wären wir gekommen bis zu der letzten Gattung von Pflanzen, den Moosen und den Schwämmen. Diese Pflan zen stehen wohl auf der untersten Stufe der Gewächse, denn man bemerkt an ihnen weder deutliche Blüthe, noch Staubfäden und Stempel. Von den Moosen merken wir uns das Isländische Moos, welches gegen Auszehrung und Brustkrankheiten ein herrliches Mittel ist. Bei den Isländern steht dieses Moos in hohem Ansehen, denn sie backen nicht allein Brod davon, sondern sie essen es auch in Milch gekocht. Alwina. Das muß übrigens bitteres Brod werden. Vater. Wahrscheinlich, denn das Moos läßt sich leicht an seinem Bittern Geschmacke erkennen. Doch glaube ich auch, daß die Isländer eben keine Fein schmecker sein werden. Gustav. Das glaube ich auch, denn ich weiß noch wohl, wie du uns von dieser Insel erzähltest, daß auf ihr Obstbäume und dergleichen gar nicht sortkämen. Vater. Es freut mich, daß du so etwas behältst. Das Rennthiermoos — nun, wo wird das wachsen? Ewald. Ei, wo das Rennthier lebt, in Lappland.212 Vater. Dieses Moos ist das beste Futter für die Rennthiere. Das Bärlappmoos oder Herenmehl, das Steinmoos und das bekannte Laubmoos ge hören ebenfalls hierher. Auch rechnet man zu diesen Pflanzen die Farrenkräuter. Dazu gehört das Kannenkraut, die Natterznnge, der Flügel- farren, das Engelsüß u. m. a. Nun noch Einiges über die Schwämme. Man unterscheidet genieß bare und giftige Schwämme. Zu den ersteren gehören: die Trüffeln, Morcheln und Cham pignons. Gustav. Also es gibt wirklich Leute, welche solche Pilze essen? Vater. Allerdings, und warum nicht, wenn sie Geschmack daran finden und das Giftige von dem Nichtgistigen zu unterscheiden verstehen? G u st a v. Ich esse lieber eine trockene Schnitte Brod. Alwina. Ich halte es mit dir. Vater. Dann lauft ihr freilich nicht Gefahr, euch selbst zu vergiften. Nun, da ihr keine Luft zu solcher Speise zeigt, so will ich sie euch auch nicht beschreiben, sondern euch einige giftige Schwämme nennen. Der giftige Fliegen sch w a m m (Taf. VII. Fig. 4), den ihr mir schon einmal gezeigt, ist leicht an seiner schönen, rotheu Farbe zu erkennen. Der rothe Hut ist mit weißen Warzen besetzt und der Strunk ist weiß. Man gebraucht diesen Pilz, um Fliegen damit zu tödten. Hat ein Mensch davon genossen, so ist Estig das beste Gegengift. Man sagt, daß Russen und Sibirier oft diesen Schwamm genießen, um sich zu berauschen.218 Der giftige Hirschling (Taf. VII. Fig. 5) gehört zu den Blätterschwämmen. Man findet diesen Schwamm in Wäldern, besonders da, wo Birken stehen. Der glatte, nackte Strunk sieht röthlich aus, und der fleischfarbige, filzige Hut ist anfangs gewölbt, nachher trichterförmig. Dieser Schwamm ist sehr giftig, und der Genuß erregt Brennen, Erbrechen und Durchfall. Sehr giftig ist auch der Satanspilz. Der Strunk ist kugelig und wird 2 bis 3 Zoll hoch, ist glatt und bräunlich. Der gewölbte Hut wird wohl 6 Zoll breit und hat eine gelbe, in's Grünliche spielende Farbe. Die st inkende Giftmorchel (Das. VII. Fig. 6) wird wohl 6 bis 8 Zoll hoch und wird besonders in Gebüschen bei Haselstauden gesunden. Dieser Pilz ent wickelt sich in einem Wulste, worin er anfänglich mit dem Weißen im Ei zu vergleichen ist. Aus diesem Wulste entsteht ein rühriger Strunk, und auf diesem sitzt ein eiförmiger Hut, der am Rande frei und offen ist. Die Oberfläche ist mit einem grünen Schleime überzogen. — Zu den strunklosen Schwämmen gehört auch der Feuerschwamm, der an den Bäumen wächst. Mit aus der tiefsten Stufe des Pflanzenreichs steht der Schimmel, den ihr wohl schon am alten Brod bemerkt habt. Durch gute Vergrößerungsgläser bemerkt mau auf jedem feinen Faden eine Kapsel mit214 Samenstaub. — Möchte dieses, was ich euch über das Pflanzenreich mitgetheilt habe, meine lieben Kinder, dazu dienen, daß ihr stets die Dinge in der Natur mit Aufmerksamkeit betrachtet und darin den Beweis findet, daß Gottes Macht, Weisheit und Güte uner gründlich und unerforschlich ist. Für heute wollen wir schließen, aber da ihr stets lernbegierig gewesen seid, so will ich euch noch in einigen Stunden das Nöthigste über das Mineralreich mittheilen. Alle. Wir wollen recht aufmerksam sein, lieber Vater!215 Nennte Unterhaltung, ui. Aas Mineralreich. Vater. Die Mineralien unterscheiden sich dadurch von denThieren und Pflanzen, daß siekeine organischen, sondern unorganischen Körper sind. Es fehlt ihnen jede Lebensthätigkeit, sie wachsen nur dadurch, daß fich gleichartige Stoffe von außen ansetzen, und auch dann nur so lange, als sie in ihren Lagerstätten liegen bleiben. Des Menschen Hand mag alle Kunst auf bieten, sie kann weder ein Mineral wachsen machen, noch eins hervorbringen. Doch der unermüdliche Geist des Menschen hat Mittel und Wege gefunden, auch Herr des Mineralreichs zu werden. Künstliche Berg werke werden angelegt, um aus der Tiefe die Metalle herauf zu fördern. Zwar wenn wir bedenken, daß der Mensch nur höchstens 6000 Fuß tief, also eine Viertel-Meile in die Erde eindringen kann, und daß der Halbmesser der Erde 860 Meilen beträgt, so finden wir, daß wir kaum die Schale unseres Erdballs kennen, und daß unser Wissen auch hierin Stückwerk ist und bleibt. Man hat die Mineralien, indem man aus die Zeit ihrer Bildung sah, in solche eingetheilt, welche vor den organistrten Wesen da waren, und in solche, welche sich erst in der Zeitsolge gebildet haben. Zu ersteren gehören die Granit- und Ganggebirge216 (Urgebirge), denn man findet in ihnen nicht die ge ringste Spur von versteinerten Pstanzen oder Thieren, wo hingegen man bei der zweiten Art, bei denFlötz- gebirgen und den angeschwemmten Erdlagen, viele solcher Versteinerungen, Petrefacten genannt, vor- stndet. Habt ihr wohl verstanden, was ich da gesagt habe? Alwina. Ich merke, daß man sehr aufmerksam sein muß, doch glaube ich, dich verstanden zu haben. Weil man nämlich in den Granitgebirgen keine ver steinerten Pflanzen noch Thiere vorgefunden hat, so, hat man daraus geschlossen, daß zur Zeit, als sich diese Gebirge bildeten, noch keine Pflanzen und Thiere vor handen waren. Vater. Gut gemacht! Und weil diese Bildung der Gebirge in die Urzeit fällt, so nennt man solche Gebirge — Gustav. Urgebirge. Vater. Die Flötzgebirge machen gewöhnlich nur die niederen Berge und Vorgebirge aus, und weil von den Bergleuten die mannigfaltigen Erdlagen in den Bergen Flötze genannt werden, so hat man die ganze Klasse dieser Gebirge Flötzgebirge genannt. Doch nun wollen wir übergehen zu den einzelnen Arten von Mineralien. Man theilt nämlich dieselben in vier Klassen ein: 1. Erden und Steine, 2. Salze, 3. brenn bare Mineralien und 4. Metalle. Erden und Steine. Diese unterscheiden sich von den übrigen Minera lien dadurch, daß sie sich weder im Wasser noch in einer andern Flüssigkeit auflösen, noch im Feuer zer-217 fließen und sich auch nicht hämmern lassen. Sie bildeir also den festen Theil unseres Erdkörpers und man findet sie überall, wo hingegen die übrigen Mineralien an einzelnen Orten zerstreut gefunden werden. Wir wolleu die Erden und Steine in vier Abtheilungen bringen, nämlich: a. Kieselerde, b. Thonerde, c. Kalk erde und d. Bitter erde. a. Kieselerde. Gustav. Dazu gehört wohl der allbekannte Kiesel und Sandstein? Alwina. Und der Feuerstein? Vater. Richtig. Doch gehören auch sehr edle Steine dazu, z. B. die Krystalle und die Edelsteine: Diamanten, Rubinen, Sapphiren, Achate, Smaragde, Granaten u. a. m. Gustav. Der Diamant ist wohl sehr kostbar? Vater. Er gehört zu den merkwürdigsten und kostbarsten Naturprodukten. Die besten und größtem Diamanten kommen aus Ostindien und Brasilien, wo sie im Felsen und im Flußsande gesunden werden. Der Diamant ist sehr hart und kann nur mit seinem eigenen Pulver geschlissen werden. Gustav. Eben weil er so hart ist, kann man mit ihm Glas schneiden. Vater. Nicht nur Glas, sondern auch andere Steine. Ein Diamant, der oben und unten eckig ge schlissen ist, wird Brillant genannt. In einer Hitze, welche stärker ist, als die, welche Eisen schmilzt, ver fliegt er mit einer kleinen Flamme, weshalb man ihn auch wohl zu den brennbaren Mineralien gezählt; allein mit Kohlen vor Luft bewahrt, bleibt er, wie er ist.218 b. Thonerde. Diese Gattung von Mineralien wird dem Menschen sehr nützlich. Aus dem Töpferthon und der Por zellanerde werden mancherlei Geschirre gesonnt. Gustav. Die Porzellanerde muß wohl nicht überall gleich gut fein, denn unter dem Porzellan macht man ja großen Unterschied. Vater. Richtig. Das französische Porzellan ist z. B. sehr fein. Die Chinesen sind die Erfinder des Porzellans, und ihre Arbeit wird noch immer sehr theuer bezahlt. In Berlin und Meißen sind auch bedeutende Porzellanfabriken. Unter den gemeinen Thonerden ist die Porzellanerde die feinste und reinste. — Der Lehm ist ein Thon, mit Sand, Kalk und Eisentheilen ver mischt, der zu verschiedenen Zwecken gebraucht wird, z. B. ? Gustav. Zum Bauen, zu Backsteinen und Dach- ziegeln. Vater. Und zum Schweißen des Eisens u. dgl. m. Der Pseifenthon, der Mergel, der Trippel, der Schiefer und der Bolus gehören auch zu der Thonerde. e. K a l k e r d e. Diese Gattung Erden ist sehr reichhaltig. Es ge hören dazu: der Kalkstein, der Marmor, die Kreide, der Gyps, der Alabaster, der Tropfstein und viele andere. Alwina. Hat die Kreide nicht ihren Namen von der Insel Kreta? Vater. Freilich; denn dort wird besonders viel Kreide gesunden. Auch an Englands Küsten, in Däne mark und auf Rügen bricht man Kreide. Gustav. Die kleinen Marmorkugeln gehören also auch zu dem Kalkgeschlechte?219 Vater. Allerdings. Diese Kugeln, welche in Deutschland aus besondern Mühlen verfertigt werden, werden in Ostindien theuer bezahlt. Der Marmor wird zur Bildhauerei, zu Tischplatten und überhaupt in der Baukunst benutzt. Der beste ist der Parische und der der Cararische. Von den unbrauchbaren Stücken wird, wie von dem gewöhnlichen Kalksteine, Kalk gebrannt. ä. Bitte rer de. Zu der Bittererde gehört der gemeine Kalk, der Serpentinstein, der Meerschaum, der Seifenstein, der Asbest und der Amianth. Gustav. Von dem Meerschaum verfertigt man Pfeisenköpfe. Ewald. Ist das Schaum des Meeres? Vater. Das nicht, mein Kind, es ist ein Mine ral, welches in Anatolien bei Kilsschick gesunden wird. So wie es an der Luft hart geworden ist, schneidet man Pfeisenköpfe daraus. Den Abfall vermengt man häufig mit Gpps und formt ähnliche Pfeisenköpfe daraus. Merkwürdig ist der Amianth, der weich und faserig ist und sogar gesponnen werden kann. Die Alten benutz ten dies Gewebe bei der Verbrennung ihrer Todten, zu Dochten und Papier. Für heute wollen wir aber schließen, damit ihr gehörig behalten könnt, was ich euch erzählt habe.220 Zehnte Unterhaltung. Vater. Wisset ihr noch, welche Mineralien die zweite Hauptgattung ausmachen? Alwina. Das sind die Salze. Vater.. Richtig. Die Salze sind daran leicht zu erkennen, daß sie sich im Wasser, aber nicht im Oele auslösen und die Geschmacksnerven mehr oder weniger reizen. Die salzsauren Salze (alle Mineralsalze be stehen aus einer Säure, die entweder mit Laugensalz, oder mit alkalischen Erden oder mit metallischen Kalken vermischt ist) färben blaue Pflanzensäfte roth. Man unterscheidet: a. salzsaure, b. sch wefel saure, c. salpetersaure, d. borarsaure und e. kohlen saure Salze. Wir wollen jede Art etwas näher beschreiben. a. Salzsaure Salze. Dazu gehört das Steinsalz, welches man bei Krakau und in Salzburg und Tchrol in mächtigen Flöhen an trifft. Man findet wasserklares, graues, gelbes, rothes und grünes Steinsalz. Die farbigen Salze müssen vor dem Gebrauche gereinigt werden. Das größte Salzbergwerk ist zu Wieliczka, und wenn ihr einmal da wäret und sähet, wie sich die vielen Lampen an den Salzwänden abspiegeln, so würdet ihr wohl ausrufen:221 Wie schön ist's hier in der Erde! Den Bergleuten gefällt es aber auch sehr dort, denn die meisten sind drunten im Bergwerke geboren und sterben auch wieder drunten. Das beste Salz von Geschmack ist das Quellsalz. Man hat Salzwerke eingerichtet, wo man in großen Pfannen das Wasser abdampft und wo sich dann das Salz krystallifirt. Das natürliche Salmiak findet man in vulkanischen Gegenden. Gustav. Wir waren sa erst neulich in einer Salmiakfabrik, wo Salmiak zubereitet wurde. Vater. Das war künstliches, durch die Kunst der Menschen hervorgebrachtes Salmiak. Man findet aber dieses Mittel auch gediegen. Es wird in den Apotheken, auch zum Schmelzen des Goldes, zum Ver zinnen des Eisens und Kupfers uud in Färbereien gebraucht. b. Schwefelsäure Salze. Sehr viele Salze dieser Art werden durch Kunst hervorgebracht, z. B. Glaubersalz, Bittersalz, Alaun, Vitriol und Salpeter. Alwina. Das sind sa lauter nützliche Salze, denn so viel ich weiß, werden sie alle in den Apotheken gebraucht. Vater. Darin hast du Recht. Auch in Färbe reien und noch zu andern Zwecken gebraucht man diese Salze. Am verschiedenartigsten erscheint der Vitriol. Der Kupfervitriol ist blau, der Eisenvitriol, den man zur Dinte braucht, grün. Der Zinkvitriol ist weiß und der Kobaltvitriol, den man auch schwefelsauern Kobalt nennt, sieht blaßroth aus. Die Vitriole haben einen großen Nutzen. Sie dienen nicht nur zur Bereitung222 mancher Farben, sondern auch als Heilmittel und zur Bereitung farbiger Gläser. e. Salpetersaure Salze. Den natürlichen Salpeter findet man bei uns sehr selten, aber desto häufiger in Ostindien, in China und in Spanien. Er ist weißlich, durchsichtig und nadelsörmig krystallisirt. Gustav. Gebraucht man ihn nicht zur Bereitung des Schießpulvers? Vater. Allerdings, auch zur Bereitung des Scheidewassers, und in der Medizin wird er ebenfalls angewandt. d. Boraxsaure Salze, wozu der rothe Borax, Tinkal, gehört, findet man ebenfalls bei uns nicht. Es ist ein klares, durchsichtiges Salz, welches sich sechs- bis achtseitig krystallisirt. Bei Metallarbeiten wird der Borax häufig gebraucht, weil durch ihn die Metalle leichter in Fluß gerathen. Auch gebraucht man ihn, um Porzellan und Steingut zu glasiren. Da alle unedlen Theile in den Metallen durch den Borax verkalken, so bedient man sich seiner auch zum Reinigen des Goldes und des Silbers. Ostindien und Tibet liefern sehr viel dieses Salzes. e. Kohlensäure Salze. Dazu gehört das mineralische Laugensalz, na türlich Soda, welches sich im Wasser leicht austöset und einen laugenartigen Geschmack hat. Man findet es in Aegypten. Die Alten beizten ihre Leichen vier Wochen lang in diesem Salze, und dann balsamirten223 sie dieselben ein. Man benutzt es noch im Morgen lande zur Glasbereitung, zur Seife, zum Bleichen und Färben. Nun kämen wir zur dritten Hauptgattung, zu den brennbaren Mineralien. Gustav. Dazu gehört der Schwefel. Alwina. Und die Steinkohlen. Ewald. Auch wohl der Torf. Vater. Die Erdharze, das Bergöl, das Erdpech, das Neisblei und viele andere. Ich werde euch einige dieser Mineralien beschreiben. Der Schwefel ist euch bekannt. Man findet ihn besonders in der Nähe der Vulkane, wo es ganze Schwefellagen gibt. Man gebraucht ihn zur Bereitung des Schießpulvers, zum Auflösen der Metalle und in der Medizin. Zu den Erdharzen gehört der Bernstein, den man besonders an der Ostseeküste findet. Alwina. Es ist ein schöner Stein. Gustav. Nun, das sagst du deiner Halskette zu gefallen, denn die ist sa von Bernstein. Vater. Gut, daß du mich daran erinnerst. Du könntest uns wohl, Alwina, eine Perle schenken, die Kette wird doch noch lang genug sein. Alwina. Recht gern, lieber Vater. Der Vater nahm die Bernsteinperle und zündete sie an. Da wunderten sich die Kinder über die schöne,224 reine Flamme und über den angenehmen Geruch, den der brennende Bernstein verbreitete. Der Bernstein hat, fuhr der Vater fort, ohne Zweifel seinen Ursprung aus dem Gewächsreiche, vermuthlich aus dem Baumharze, denn er ist harzig und elektrisch. Die alten Griechen kannten ihn schon. Von ihnen hat er den Namen Elektron bekommen, und von diesem Namen kommt das Wort Elektricität her. Dieser Bernstein hier ist gelb. Man findet auch bisweilen weißen, grünen, blauen und schwarzen Bernstein. Mair benutzt ihn zu allerlei Kunstarbeiten, zur Bereitung der Firnisse und der Lacke. Das Erdöl ist ein flüssiges Produkt des Mineralreichs. Vorzüglich nützlich ist die Naphta, welche am Kaukasus gefunden wird. Das Erd- oder Judenpech, Asphalt, findet man vorzugsweise am todten Meere. Die Steinkohle ist euch bekannt. Sie liefert das beste Feuerungsmittel. Man theilt sie ein in: Braunkohlen, Pechkohlen, Gogatkohlen, Schie- serkohlen u. s. w. Das Neisblei, von dem man das beste in England findet, wird zur Bereitung der Bleistifte, zu Schmelztiegeln und Ofen- schwärze gebraucht. Das wären die wichtigsten brenn baren Mineralien. Nun gehen wir über zur letzten Hauptabtheilung, zu den Metallen. Man findet die meisten Metalle in Gebirgen, und der Bergbau beschäftigt stch damit, dieselben zu Tage zu fördern, der Hüttenbau aber, sie von fremdartigen Stoffen zu reinigen. Es gibt nämlich Metalle, welche225 rein und gediegen gefunden werden, und wieder andere, welche mit anderen Mineralien verbunden sind. Letztere nennt man Erze. Die Metalle gehören zu den schwer sten Mineralien, und die meisten sind äußerst dehnbar und zähe und zeichnen sich durch einen eigenthümlichen Glanz aus. Alle schmelzen undurchsichtig und mit kugelförmiger Oberfläche. Gereinigtes Metall, welches von allen fremdartigen Stoffen befreit ist, nennt man König. Man hat die Metalle in edle und unedle eingetheilt. Zu den edeln rechnet man Gold, Silber und Platina; zu den unedeln aber Eisen, Kupfer, Zinn u. s. w. Auch hat man sie wohl in Ganz- und Halb metalle eingetheilt. Zu den Ganzmetallen rechnet man alle, welche sich schmieden und schmelzen lassen, und diejenigen, welche im Feuer verflüchtigen, rechnet man zu den Halbmetallen. Soll ich von den Metallen noch weiter erzählen? Alle. Bitte, bitte, lieber Vater! Vater. Die Platina ist erst seit 1736 bekannt, wo che aus Amerika zu uns nach Europa gebracht wurde. Die gereinigte Platina ist silberweiß, hat weit größere Festigkeit als Gold und Silber und ist von allen Metallen das schwerste. Das Gold hat vor allen Metallen, seiner Schönheit und seiner Dauer wegen, den Vorzug. Amerika und Afrika haben das meiste Gold. Gustav. Was heißt das: dieses Gold, z. B. eines Ringes, ist zwanzigkaratig? Vater. Die Mark seines Gold hat 24 Karat. Um aber das Gold verarbeiten zu können, muß es mit Kupfer oder Silber vermischt werden. Wenn nun zu einer Mark 4 Karat Kupfer oder Silber kommen, so sind zwanzig Karat Gold vorhanden, oder das Gold Der kl. Raff. 1 15226 ist 20 karatig. Beim Silber ist es eben so, man zählt aber nach Lothen. Die Mark feines Silber hält 16 Loth. Was wird man nun unter vierzehnlöthigem Silber oerstehen? Gustav. Silber, welches in der Mark 2 Loth Kupfer enthält. Vater. Richtig. Das Silber ist härter als das Gold, schmilzt aber leichter als dieses. Man findet es gediegen und vererzt. Das Quecksilber ist ein sonderbares, flüssiges Metall, welches wie Silber glänzt. Es wird in den Apotheken gebraucht und auch zur Bereitung der Wettergläser. Das Kupfer ist nicht im Feuer beständig und deshalb auch kein edles Metall, obgleich es großen Nutzen hat. Mit Gold verbunden liefert es Semilor; mit Zink das Messing und mit Zinn das Glocken gut. Kupfer aufgelöst in Säuern gibt Grünspan, ein Gift, das zum Malen und Anstreichen benutzt wird. Alwina. Deshalb ist es so schädlich, daß einige Leute, um eingemachte Bohnen recht grün auf den Tisch zu bringen, beim Kochen ein Stück Kupfer hineinlegen. Vater. Die Bohnen werden schön grün, aber zugleich auch giftig. Das nützlichste Metall ist das Eisen. Denket nur einmal nach, wie vielerlei Geräthe werden von Eisen gemacht! Gewöhnlich wird es vererzt gesunden und in Hochöfen durch starkes Feuer geschmolzen. Wie nennt man gehärtetes Eisen? Gustav. Stahl. Vater. Der Magnet, der auch zum Eisen geschlecht gehört, sieht schwarz aus und hat die Eigen schaft, daß er Eisen anzieht. Alw in a. Und eine Magnetnadel zeigt immer nach Norden.1 227 Vater. Richtig. Das Blei ist auch wohl ein gemeines, doch ebenfalls ein sehr nützliches Metall und wird auch meistens nur vererzt gefunden. Die ergiebig sten Bleigruben finden sich in England. Eben so nützlich wie das Blei ist das Zinn, welches eine schöne weiße Farbe hat, die sich aber an der Luft ändert. Man findet es fast nur vererzt. Zink, Wismuth, Spießglanz, Kobalt, Nickel, Braunstein, Arsenik, Titan, Uran u. m. a. gehören zu den Halbmetallen. Das Arsenik ist das gefährlichste Gift, das aber zu verschiedenen Malerfarben gebraucht wird, wie auch zum Vertilgen schädlicher Thiere. — Vielleicht habe ich Gelegenheit, euch einige Metalle zu zeigen, dann wollen wir noch ein Mehreres darüber sprechen. Für jetzt aber wollen wir auf eine Zeit lang unsere Unterhaltung über die Natur und ihre Produkte schließen. Gustav. Wir danken dir sehr, lieber Vater, für deine Mühe. Wir haben viele Thiere, viele Pflanzen und Mineralien kennen gelernt. Alwina. Und wir Kinder haben erkannt, wie fich Gottes Liebe und Weisheit in der Natur offenbart. Hast du, junger Leser, in der Werkstatt Gottes, die ich in schwachen Zügen dir gezeichnet habe, deinen Schöpfer erkannt und ihn lieben gelernt, so werde ich mich sehr freuen. Zwei Bücher find dir aufgethan, Die zeigen Gottes Liebe an; Sie heißen Bibel und Natur. In beiden siehst du ihre Spur, In Wort und That, mit Geist und Sinn: So geh' und lies recht fleißig drin.228 Anhang. Der Mensch und die Menschen. Der kleine Leser wird sich gewiß noch erinnern, wie bei der ersten Unterhaltung Gustav durchaus nicht zu den Thieren gerechnet werden wollte, und hatte darin nicht ganz Unrecht. In den meisten Naturgeschichten aber wird der Mensch seinem Leibe nach zu den Säuge- thieren gezählt und als das vollkommenste Wesen der sichtbaren Schöpfung in die erste Ordnung gestellt und beschrieben. Da wir nun bei der neuen Auflage „des kleinen Raff" Raum gewonnen haben, so wollen wir in einem Anhänge uns noch näher über den Menschen und die Menschen belehren. Ich sehe schon, der kleine Leser versteht mich nicht recht; muß mich also etwas bestimmter ausdrücken. Wir wol len uns über den Menschen belehren, damit will ich sagen, daß wir den Menschen seinem Leibe nach genauer kennen lernen, die einzelnen Theile desselben näher beschreiben wollen, und wenn wir über die Menschen näher sprechen werden, so soll von den verschiedenen Menschen-Racen, den schwarzen, rothen, braunen Menschen u. s. w. die Rede sein. Ei, das wird gewiß recht schön werden! Denk's auch; also fleißig aufgepaßt!229 Gewöhnlich theilt man den menschlichen Körper ein in Kopf, Rumpf und Glieder; sieht man aber auf die Beschaffenheit und den Zweck der einzelnen Theile, so macht man eine andere Eintheilung. Der Körper ist nämlich zusammengesetzt aus Knochen, Muskeln, Nerven, Ernährungswerkzeugen und aus einigen andern Werk zeugen, die wir jetzt näher beschreiben wollen. 1. Die Knochen. Was bei einem Haufe die Balken und Pfosten sind, das sind im menschlichen Körper die Knochen; sie dienen ihm zur Stütze und zum Schutz der zarteren Theile. Die Knochen sind in ihrer Form sehr verschieden. Schenkel- und Armknochen sind röhrenförmig, die Schulterblätter, Kniescheiben und Rippen sind platt, die Wirbelbeine sind zackig. Die Knochen sind von außen mit einer sehr zarten Haut, Beinhaut genannt, umgeben, llnd wenn sie hohl sind, so sind sie mit Mark angefüllt. Diejenigen Knochen, welche zur Be wegung des Körpers dienen, sind mit einander verbunden durch die Gelenkbänder. Damit sich aber die Kno chen an diesen Stellen nicht reiben und keine Verletzung entstehe, so sind sie an dem Ende mit Knorpeln versehen, und eine fettartige Flüssigkeit befördert die Biegsamkeit der Gelenke. Run, was meint ihr, wie viele Knochen, große und kleine zusammen gerechnet, der menschliche Körper besitzt? Es mögen wohl einige Dutzend herauskommen! Beinahe getroffen; nein, über 200 Knochen befinden sich an deinem Körper. Ei, das hätte ich doch nicht gedacht. Am Kopfe befinden sich das Stirnbein, die Scheitelbeine, die Schlasbeine, das Nasenbein, die Zähne (deren ein erwachsener Mensch 32 zählt) und einige andere. Am Rumpfe ist der Rück-230 grat, der aus 24 Wirbeln besteht, das Brustbein, die Rippen. Nun kommen noch die Hüft- oder Backen knochen, die Knochen in den Beinen und Armen. Ja, ja, sie machen zusammen eine schöne Zahl, und dennoch ist keiner überflüssig an seinem Platze. Durch das Knochengerüsts) werden 4 Haupthöhlen im menschlichen Körper gebildet: die Kopshöhle, Bauchhöhle, Brusthöhle und Beckenhöhle. Die Brusthöhle ist durch das Zwerch fell (eine netzartige Haut) von der Bauchhöhle getrennt. Welche Knochen mögen nun wohl dem Menschen die meisten Sorgen verursachen? Sind das nicht die Zähne? Getroffen. Ehe sie da sind, haben die Eltern schon viele Sorge um sie, denn das Zahnen der Kinder ist oft mit vielen Schmerzen verbunden, ja man hat Beispiele, daß Kinder wahrend des Zahnens so heftige Krämpfe bekommen, daß sie davon gestorben sind. Sind nun erst die Zähne da, so wollen sie auch etwas zum Beißen haben, und da ist nun gleich wieder die Sorge da. Es muß für die 32 Müllerknechte gesorgt werden. Das fällt manchem Vater und mancher Mutter sehr schwer. Ei, was macht mein lieber Freund für ein schief Gesicht? Au! Au! ich habe gräßliche Zahn schmerzen. Da haben wir's wieder. Die Zähne machen dem Menschen viel Sorgen. Aber mit den Zahn schmerzen ist's wirklich recht fatal, Hab' sie auch schon gehabt, so recht ails dem sf. Damit aber der kleine Leser diesem Uebel Vorbeugen lernet, will ich ihm einige gute Rathschläge geben. 1. Spüle jeden Morgen den Mund mit reinem Wasser aus, damit sich keine Un reinigkeit in die Zähne setze; 2. den schnellen Wechsel *) Das Knochengerüst eines todten Menschen, wenn es von allem Fleisch entblößt ist, wird Skelett genannt.231 von kalten und heißen Speisen mußt du vermeiden; 3 .. Süßigkeiten sind für die Zähne sehr nachtheilig, und 4. du mußt nicht mit Messern, Gabeln, Nadeln oder dergl. an den Zähnen herumstochern, weil dadurch die Glasur der Zähne leidet, und sie krank werden. 2. Die Muskeln. Nun kommen wir zu den Muskeln. Weiß der kleine Freund, was man unter Muskeln versteht? Nein! So' ist's recht, nur flott geantwortet. Du weißt doch, daß die Knochen mit Fleisch umgeben sind. Ei freilich, das kann man ja mit 'nem halben Auge sehen. Nun, dies Fleisch besteht aus einzelnen Bündeln, was man freilich nicht mit 'nem halben Auge sehen kann, und diese Fleischbündel werden Muskeln genannt. Solcher Fleischbündel befinden sich über 500 am menschlichen Körper. Die Muskeln sind gewöhnlich mit ihrem Ende an den Knochen angewachsen und sind meistens paar weise vorhanden, vertheilt auf der rechten und linken Seite des Körpers. Jeder Muskel besitzt eine innere Kraft der Thätigkeit, denn er kann sich zusammenziehen und ausdehnen. Die Thätigkeit des menschlichen Kör pers gibt sich nur durch die Thätigkeit der Muskeln kund. Es geben jedoch die Muskeln auch bisweilen die geistige Thätigkeit kund; denn man denke nur an das sogenannte Mienenspiel und die Sprache. Sollen die Muskeln stark und fest werden, so ist durchaus große Uebung nothwendig. Ein steifer, un beholfener Mensch hat seine Muskeln nicht in der Gewalt. Es ist von großem Vortheil, die Muskeln recht zu üben. Einige Menschen besitzen große Muskel kraft nur durch Uebung. Die Geschichte hat uns auch232 merkwürdige Beispiele von außergewöhnlicher Muskelkraft ausbewahrt. Soll ich euch einige aufzählen? O bitte! bitte! Friedrich August, König von Polen und Kur fürst von Sachsen, konnte einen Trompeter auf seine flache Hand treten und ihn dann einen Marsch blasen lassen. — Zu dem preußischen General von Favrat sprach der Arzt, als er auf dem Sterbebette lag: ,,Ew. Ercellenz fühlen sich wohl sehr schwach?" Da faßte der Kranke den Stuhl, aus welchem der Arzt saß, hob ihn aus, und hielt ihn eine Zeit lang mit steifem Arme in die Höhe. Friedrich Wilhelm I., König von Preußen, lag auf seinem Sterbebette. Der Arzt bemerkte: „Der Puls stockt!" und der sterbende König streckte seine Rechte in die Höhe! — Radamas aus Mantua zerriß Schisfstaue wie Zwirnsfäden.—Der Major Barsabas, im französischen Dienste, besaß in den Schenkeln solche Stärke, daß er durch Anschließen derselben einem Pferde die Knochen zu zerbrechen ver mochte. Habe selbst einmal einen Menschen gesehen, der Glas zerbeißen konnte, und wiederum einen andern, der mit 24 pfündigen Kanonenkugeln Ball spielte, llebung macht den Meister! — 3. Die Nerven. Wenn man die Nervenmasse mit bloßen Augen, d. h. ohne Vergrößerungsglas, betrachtet, so scheint ste eine breiartige, kräftige Materie zu sein. Betrachtet man sie aber genauer, so unterscheidet man davon das weißere, etwas festere, aus lauter sehr feinen Fasern bestehende Mark, und die röthlich-graue, etwas weichere, blutreiche, aus lauter kleinen Kugeln bestehende Rinde,233 welche jene überall umgibt. Die Nerven sind durch den ganzen Körper verbreitet, ihr Hauptstamm aber ist das Gehirn und das damit in Verbindung stehende Rückenmark. Die Nerven sind die allgemeinen Werk zeuge der fünf Sinne, denn die Nerven leiten die Empfindung zum Gehirn, und durch dieses gelangt die Empfindung zu unferm Bewußtsein. Wie heißen die fünf Sinne? Gesicht, Geruch, Geschmack, Gehör und Gefühl. Nichtig geantwortet! Wir wollen über jeden Sinn noch besonders sprechen. 4. Das Gesicht. Der Sinn des Gesichts ist einer der edelsten Sinne, und deshalb hat auch der Schöpfer die Werkzeuge des Gesichts, die Augen, so eingerichtet, daß sie nicht leicht Schaden nehmen können. Die Augen liegen in einer Höhle, welche von Knochen gebildet wird. Die Augen lider mit den Augenwimpern und die Augenbrauen dienen zum Schutze der Augen. Der Augapfel hat, wie wir sehen können, eine verschiedenartige Farbe, er besteht aus verschiedenen Theilen. Eine weiße, un durchsichtige Haut umschließt fast den ganzen Augapfel. Unter dieser weißen Haut liegt im Innern des Augapfels die schwarze Adernhaut. Die Regenbogen haut bildet den sogenannten Augenstern und ist nicht bei allen Menschen gleich gefärbt. Einige Menschen haben schwarze, andere haben blaue Augen, je nachdem die Regenbogenhaut gefärbt ist. Ueber dem Augenstern befindet sich eine seine Haut, welche die durchsichtige Hornhaut genannt wird. Der schwarze Punkt im Augenstern ist die Pupille oder die Sehöffnung und scheint-darumschwarz, weil hinter ihr die schwarze Adern haut liegt. Hinter der Pupille befindet sich234 die Krr> stall - Lins e, ein gallertartiger Körper, der durchsichtig wie Krystall ist und die Form einer Linse hat. Darauf folgt die wässerige Feuchtigkeit, und nach ihr die gläserne Feuchtigkeit, welche den ganzen Augapfel füllt. Wollen meine kleinen Freunde dies einmal recht deutlich anschanen, so mögen sie zum Metzger gehen, wenn er eine Kuh oder ein Kalb geschlachtet, sich ein Auge davon ausbitten und es vorsichtig mit einem klei nen Messer zergliedern. In der schwarzen Adern haut befinden sich nun die Augennerven in unzählige seine Fäserchen zertheilt, und sobald von außen nun das Bild eines Gegenstandes durch die Krystall-Linse auf die schwarze Adernhaut fällt, so theilen die Nerven dem Gehirn, dem Sitz der Empfindungen, diese Wahr nehmung mit, mit andern Worten: der Gegenstand kommt uns durch das Gesicht zum Bewußtsein, wir sehen ihn. Der Sinn des Gesichts ist der edelste. Wie unglücklich ist der Blinde, dem dieser Sinn fehlt! Darum, liebe Freunde, schont eure Augen und hütet euch, denselben einen Schaden zuzufügen. Aber sagen Sie uns doch, was unfern Augen besonders schädlich ist. Gerne! wenn ihr eure Augen nicht reinlich haltet, so entstehen leicht Entzündungen; auch ist es schädlich, sich Morgens mit warmem (hört!) Wasser zu waschen. Plötzliche Abwechselung von Licht und Finsterniß ist sehr schädlich. Das Lesen, Stricken, Nähen in der Däm merung greift die Augen zu stark an und muß deshalb vermieden werden. Und noch Eins! meine lieben Leser! Wenn ihr größer werdet, so hütet euch vor dem Genüsse starker Getränke, sie haben einen Übeln Einfluß auf die Augen. Solltet ihr aber einmal das Unglück erleben, Fehler an den Augen zu bekommen, so vertraut euch nur235 einem ausgezeichneten Arzte an, hört nie auf die Rathschläge solcher Personen, die keine Kenntniß von dem künstlichsten Theile des menschlichen Körpers haben. 5. Der Geruch. Du sagst: Ein Veilchen duftet angenehm und-die Goldblume duftet angenehm. — Ganz recht. Der Geruch ist derjenige Sinn, durch welchen du dies empfindest. Das Werkzeug des Geruchs ist die Nase. Dieselbe ist durch eine Scheidewand in zwei Halsten getheilt, und so entstehen die Nasenlöcher. Das Innere der Nase ist mit Schleimhäuten überzogen, in denen sich unendlich viele Nerven endigen. Diese empfinden die Ausdün stungen der Gegenstände, führen solche dem Gehirn zu und bringen sie so der Seele zum Bewußtsein. Der Schöpfer hat nicht umsonst die Einrichtung getroffen, daß sich die Nase über dem Munde befindet; denn fast alle übelriechenden Speisen sind dem Körper auch sehr nachtheilig. Starke Gerüche üben einen gro ßen Einfluß auf das Gehirn und können sogar eine Ohnmacht herbeiführen. Wird das Gehirn durch den Geruch zu sehr gereizt, so erfolgt in der Regel heftiges Kopsweh. Aber, wollen Sie uns nicht sagen, woher es kommt, daß wir einen schlechten Geruch haben, wenn wir mit dem Schnupfen behaftet sind? O ja! Der Schnupfen entsteht gewöhnlich aus der zu schnellen Abwechselung von Wärme und Kälte und ist weiter nichts, als eine Entzündung in der Nase. Sind diese Schleimhäute aber entzündet, also krank, so werden die Nerven auch davon berührt und verlieren ihre Reizbar keit. Einen Schnupfen kann nun Jeder wohl einmal bekommen; was sagt ihr aber dazu, daß einige Leute sich selbst um den Geruch bringen? Ei, das wäre!236 Ganz sicher, es sind diejenigen, die sich das Tabak- fchnupfen so stark angewöhnt haben. Das ist eine schlechte Mode, liebe Kinder, denn es sieht nicht nur häßlich aus, sondern es können auch mancherlei böse Folgen daraus entstehen, weil der Tabak oft scharfe' Beizen enthält. Einige Menschen haben einen sehr scharfen Geruch; ja, ich habe einmal von einem Arzte gehört, der die Kranken durch seinen Geruch erkennen konnte. 6. Der Geschmack steht sehr genau mit dem Geruch in Verbindung. Das vorzüglichste Werkzeug des Geschmacks ist die Zunge. Du siehst und fühlst aus der Zunge kleine Nerven- wärzchen, die man auch Geschmacksnerven nennt, und denen es zuzuschreiben ist, daß wir schmecken können. Durch scharfe Gewürze und Getränke werden die Nerven abgestumpft, und der Mensch verliert zuleht den Ge schmack. Ehe der Mensch einen Geschmack von einer Sache empfindet, muß der Speichel entweder den Gegen stand aufgelöst haben, oder er muß im flüssigen Zu stande in den Mund gebracht werden. 7. Das Gehör. Nächst dem Gesichte ist das Gehör der wichtigste Sinn. Wer nicht hören kann, den nennt man taub. Verlieren Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens das Gehör, so lernen sie auch nicht sprechen und sind also taubstumm. Warum? — — Zum großen Segen für solche Unglückliche gibt es aber jetzt auch Schulen, wo solche Taubstumme unterrichtet werden. Das Werk zeug des Gehörs ist das Ohr. Man unterscheidet das äußere und das innere Ohr. Das äußere Ohr237 wird von dem muschelförmigen Knorpel am Kopfe und von dem Gehörgange gebildet. Am Ende des Gehör ganges befindet sich das Trommelfell, ein zartes Häut chen, welches das äußere Ohr von dem innern scheidet. In der Trommelhöhle befinden sich vier Knöchelchen, welche sich beim geringsten Schall bewegen, denselben fortpflanzen und zu den Gehörsnerven weiter tragen. 8. Das Gefühl, auch Tastungsvermögen genannt, ist über den ganzen Körper ausgebreitet. Mit den Fingerspitzen aber fühlt man am besten. Einige Blinde haben in den Fingerspitzen ein so feines Gefühl, daß sie Münzen und andere Gegenstände damit unterscheiden können. Die Haut hüllt den ganzen Körper ein und bedeckt so auch die Nerven, welche sonst leicht von der äußern Luft abgestumpft werden könnten. Will man nun ein recht gutes Gefühl erhalten, so sorge man vor allen Dingen dafür, daß die Haut stets sauber und rein sei. Durch recht häufiges Waschen mit kaltem Wasser wird die Haut abgehärtet und die Nerven gestärkt. — 9. Der Oberleib. Der Oberleib enthält zwei der wichtigsten innern Theile des menschlichen Körpers, nämlich: die Lungen und das Herz. Die Lunge besteht aus zwei Flügeln, Lungenflügeln, und dient zum Athemholen; deshalb hat sie der Schöpfer auch so eingerichtet, daß sie als ein lockeres, schwammiges Wesen viel Lust in sich aufnehmen kann. Die Lunge steht durch die Luftröhre näher mit dem Munde in Verbindung. Die Luftröhre theilt sich im Oberleibe zunächst in zwei Aeste, und jeder Ast238 theilt sich wieder in unzählige Röhrchen, die in Lungen führen. Neben der Luftröhre befindet sich die Speise röhre; damit aber keine Speisen oder Getränke in die Luftröhre dringen können, so ist dieselbe mit einem Deckel, Kehldeckel, verschlossen. Beim Sprechen re. öffnet sich der Deckel, und darum ist es so gefährlich, während des Essens zu sprechen, weil dann leicht etwas in die Luftröhre gerathen kann und einen krampfhaften Husten zur Folge hat. Das Herz liegt auf der linken Seite; es ist ein birnförmiger, starker Fleischmuskel, der durch Scheide wände in zwei Herzkammern und zwei Vorkammern geschieden ist. Alle Adern stehen mit dem Herzen in Verbindung, denn das Blut geht vom Herzen und kehrt wieder dahin zurück. Das Herz ist in eine eigene Haut, den Herzbeutel, eingeschlossen. Die Adern theilt man ein in Pulsadern und Blutadern. Die Pulsadern gehen aus dem Herzen durch den ganzen Körper, und weil das Blut wellenförmig durch sie hindnrchströmt, so bemerkt man an ihnen ein Schlagen oder Klopsen. Die Blutadern hängen mit den feinsten Aestchen der Pulsadern zusammen und empfangen von diesen das durch den Körper geleitete Blut, um es wieder dem Herzen znzuführen. 10. Der Unterleib. Der Unterleib ist durch das Zwerchfell vom Ober leibe getrennt. Die Speiseröhre führt durch das Zwerch fell in den Magen, der unter dem Herzen liegt. Der Magen steht mit den Gedärmen in Verbindung, und nachdem er die Speisen verarbeitet hat, führt er solche in dieselben. Ferner befinden sich im Unterleibe die Gallenblase, deren Saft zur bessern Verdauung der239 Speisen mitwirkt; die Milz und Leber, in welchen das Blut zur Absonderung der Galle zubereitet wird; die Nieren, die aus dem Blute den Urin absondern, der sich in der Urinblase sammelt. Damit sich die Eingeweide und andere innere Theile nicht an einander reiben und sich beschädigen, so besindet sich viel Fett und Wasser im Ober- und Unterleibe, um solches zu verhüten. Die Menschen. Der kleine Leser hat gewiß schon gehört, daß es schwarze, kupferrothe, gelbe re. Menschen gibt. Nun haben einige gelehrte Leute behaupten wollen, weil die Menschen an Farbe so verschieden seien, so konnten sie unmöglich von einem Menschenpaare abstammen. Dies streitet aber wider die heilige Schrift, wo ausdrücklich geschrieben steht, daß Gott nur einen Mann und eine Frau geschasfen habe. Woher aber nun diese Verschie denheit in der Körperbildung und in der Hautfarbe? Der Leser weiß aus eigener Erfahrung, daß es nicht zwei Menschen gibt, die sich in allen Stücken ganz vollkommen gleich sind, wie etwa zwei Eier oder zwei Kirschen; sondern daß unter den Menschen eine große Verschiedenheit sich findet. Die Lebensart der Menschen hat auf ihr äußeres Aussehen einen großen Einfluß; z. B. ein Bauernbursche sieht mit seinen bräunlichen Backen ganz anders aus, als ein verweichlichtes Söhn- chen aus der Stadt mit seinen blassen Wangen und matten Augen. Wärme und Kälte üben ebenfalls einen großen Einfluß auf den Menschen aus, wie jeder aus eigener Erfahrung wissen wird. Wenn man nun bedenkt,240 daß sich die Menschen über den ganzen Erdboden, in heiße, kalte und gemäßigte Gegenden verbreitet haben; daß sie in Lebensart, Nahrung und Beschäftigung sehr von einander abweichen; daß Jahrtausende seit Erschaf fung des ersten Menschenpaares verstrichen sind: so wird man es erklärlich finden, daß die Menschen in ihrer Körperbildung und Hautfarbe so sehr von ein ander abweichen. Ein gelehrter und berühmter Naturforscher, er hieß Blumenbach, hat das ganze Menschengeschlecht in fünf Abtheilungen (Racen) eingetheilt. Wir wollen die selben näher bezeichnen. 1. Die kaukasische Race. Zu der kaukasischen Race gehören alle Bewohner Europa's, mit Ausnahme der Lappländer und Fin nen; die Bewohner des westlichen Asiens und die Nord- Afrikaner. Und woran erkennt man diese Race? Ihre Gesichtssorm ist oval, die Hautfarbe weiß mit sanftem Roth gemischt, die Nase ist meist leicht gebogen, der Mund ist mittelgroß, die Stirn gewölbt und die Zähne stehen senkrecht. Natiirlich finden viele Ausnahmen statt. 2. Die mongolische Race. Die zur mongolischen Race gehörenden Menschen haben in der Regel ein plattes, breites Gesicht mit hinterwärts hervorragenden Backenknochen und eingefal lenen Wangen; diese Nase ist kurz, breit und an der Wurzel eingedrückt, das Kinn kurz, die Ohren dick und groß und die Lippen fleischig. Die Farbe der Haut ist weizengelb, das Haar dünn, der Wuchs klein, aber241 kräftig. Zu dieser Abtheilung gehören die übrigen Asiaten, mit Ausnahme der Malaien, die Finnen in Europa und die Eskimos im nördlichen Amerika. 3. Die amerikanische Race. Mit Ausnahme der Eskimos gehören alle ur- sprün'glichen Bewohner Amerika's zu dieser Race. Die Form des Gesichtes hat einige Ähnlichkeit mit der mon golischen, die Stirn ist im Allgemeinen niedrig und ab geplattet, die braunen Augen liegen tief, die Nase ist stumpf, das schlichte Haar schwarz, das Gesicht rund und vollwangig, breit, aber nicht platt. Die Hautfarbe ist nicht bei Allen dieselbe. Die Bewohner der Gebirge sind weniger farbig, als die Bewohner der Thäler. Die Urbewohner Nord-Amerika's sind kupserröthlich, und die in Süd-Amerika meist olivenfarbig. Ihre Statur ist groß und kräftig. Das Bemalen des Körpers ist bei ihnen sehr gebräuchlich. 4. Die äthiopische Race. Zu dieser Race gehören alle Bewohner Afrika's, ausgenommen die Bewohner der Nordküste. Die Farbe ihrer Haut ist schwarz, das Haar wollig, die Augen stehen hervor, die Lippen sind aufgeworfen, die Nase ist zurückgestülpt, die Zähne sind weiß wie Elfenbein. Diese Race wird in zwei große Abtheilungen gebracht, in Neger und Kaffern. Die Neger bewohnen die Westküste Afrika's, haben eine glänzend schwarze Farbe, sind friedlich und zur Faulheit geneigt. Die Kaffern sind minder schwarz, muthiger, lebendiger und aufge weckter. Sie bewohnen die Ostküste Afrika's. Der kl. Raff. i242 5. Die malapische Race. Dazu gehören die Bewohner der Inseln des stillen Weltmeeres, Neuhollands und der Halbinsel Malakka. Ihre Hautfarbe ist braun, die Nase breit, der Mund groß, die Gesichtszüge sehr ausgeprägt, die Miene wild und finster und das schwarze Haar dicht gelockt. Die malapische Race scheint eigentlich eine Mittelrace zu sein, denn einige Bewohner nähern sich der mongolischen, andere der Neger-Race. So viel über die fünf Racen im Allgemeinen. Nun aber wollen wir noch von einzelnen Völkerstämmen erzählen, und zwar wieder bei der kaukasischen Race anfangen. 1. Völker der kaukasischen Race. Obgleich die Europäer zu einer Nace gehören, so findet doch bei ihnen eine große Verschiedenheit statt. Die Bewohner des Südens, die Spanier, Italiener, Franzosen und Griechen, haben meist schwarze, lockige Haare, feurige Augen, sind lebhaft und munter und sind mehr Ge fühls- als Verstandesmenschen. Im Mittlern Europa sind die Bewohner schon mehr ruhiger Natur, der Ver stand übt über die andern Vermögen die Oberhand. Auch im Aeußeren zeigt sich eine Verschiedenheit: die Augen sind weniger stechend schwarz und das Haar häufig kastanienbraun. Die Bewohner des nördlichen Europa haben meist blonde oder sogar röthliche Haare und blaue Augen. Sie sind von Temperament ruhig und besonnen und erreichen meist ein hohes Alter. Das schönste Volk der kaukasischen Race sind die Tscherkessen, welche am Kaukasus und am nord östlichen Gestade des schwarzen Meeres wohnen; allein sie sind auch die rohesten und wildesten Völker. Ihre243 liebste Beschäftigung ist der Krieg; Jagd und Raub ihre Nahruugsquelle. Trotzdem aber ist ihnen das Gastrecht heilig, und wer sich unter ihren Schutz begibt, der reiset am sichersten. Die Mädchen und Frauen der Tscherkessen sind wahre Muster der Schönheit. — Von den Bewohnern des nördlichen Afrika wollen wir der Kopten erwähnen, welche Nachkommen der Ureinwohner Aegpptens sind. Ihre Hautfarbe ist bräunlich, und ihre ganze Gesichtsbildung zeigt einige Verwandtschaft mit den Negern. Sie sind fleißig, gewandt, aber dabei schlau und listig und wissen als Kaufleute und Handwerker ihre Vortheile unter den Türken wahrzunehmen. Die Kopten nennen sich Christen, allein vom Wesen des Christenthums haben sie sehr mangelhafte Begriffe, welches der kleine Leser sogleich einsehen wird, wenn ich einige ihrer religiösen Gebräuche näher beschreibe. Sie halten ihren Gottes dienst des Nachts, und besteht derselbe in Gesang, Gebet und Vorlesen der Schrift. Dieselbe ist aber in altkoptischer Sprache abgefaßt, welche die größte Mehrzahl nicht versteht. Die Messe beginnt nach Mitter nacht und dauert bis zum Morgen. Sie thun sich aber bei diesen religiösen Versammlungen wenig Zwang an, denn sie plaudern und rauchen während des Gottesdienstes. Das heilige Abendmahl feiern sie mit frisch gebackenem, ungesäuertem Brode und Wein. Der Wein wird aber nicht aus einem Kelch getrunken, sondern mit Löffeln genossen. Die Kinder werden bei der Taufe dreimal unter das Wasser getaucht und mit heiligem Oele gesalbt. Man braucht sich nicht zu wundern, daß diese Leute so unwissend sind, denn die meisten Geistlichen sind höchst unwissende Leute, welche kaum lesen können. 16 *244 2. Völker der mongolischen Race. Es ge hören dazu die Ostjaken, Jakuten, Tungusen, Korjäken, Tschuktschen, Burjären u. f. w.; ferner die Mongolen, Chinesen, Japanesen und die Eskimos. Natürlich kann ich dem kleinen Leser hier nicht von allen diesen Völ kerschaften erzählen; darum wollen wir nur von den gebildetsten und den ungebildetsten, von den Chinesen und Eskimos, erzählen. Die Chinesen gehören zu den gebildetsten Völkern Asiens, und wären sie im Lause der Jahrhunderte fort geschritten, so würden sie jetzt die Europäer weit über- trefsen. Die Erfindung des Pulvers, die Kunst, Bücher zu drucken, der Kompaß und andere Erfindungen waren bei ihnen weit früher bekannt, als bei uns. Seit Jahr hunderten aber haben sich die Chinesen von allem Ver kehr mit andern Völkern abgeschlossen; sie sind nicht weiter geschritten, sondern in Kunst und Wissenschaft zurückgegangen. Doch laßt uns vorab von der äußern Gestalt der Chinesen reden. Die Gesichtsfarbe ist schmutzig gelb; Lease und Lippen haben etwas Neger artiges; die Augen liegen schief und sind klein; das Kopfhaar wird, bis auf den Scheitel, rein abgeschoren. Dieser Büschel wird geflochten und als große Zierde betrachtet. Wer ein Verbrechen begangen, dem wird dieser Zopf abgeschnitten. Das weibliche Geschlecht schmückt sich von frühester Jugend an. Kleine Füße gelten für eine besondere Zierde; deshalb werden den Kindern vornehmer Stände gleich bei der Geburt die Zehen inwendig gedrückt und durch Blechschuhe das Wachsen der Füße gehindert. Manche haben so kleine Füße, daß sie gar nicht gehen können, sondern sich müssen tragen lassen. Und das nennt man schön? Ja, ja, lieber Freund, das nennt man in China schön.245 O dann möcht' ich gar nicht dort sein! Daran hast du Recht, und um so mehr, weil der Jugend das Ler nen dort sehr erschwert wird. Wie so? Gib Acht! ich will's dir erklären. Um lesen zu lernen, hast du die 25 Buchstaben des Alphabets lernen müssen. Die kleinen Chinesen aber kommen nicht so leicht davon, denn sie haben wenigstens 214 Grundzeichen zu lernen. Die Sprache ist eine einsilbige, indessen erhalten diese einsilbigen Wörter eine verschiedene Bedeutung durch die Betonung. Jedes Wort wird in der Schriftsprache durch ein eigenes willkürliches Zeichen angedeutet, wes halb auch diese Schrift eine Räthselschrift ist. Der Gebildete muß wenigstens 80,000 solcher Zeichen kennen. Die Chinesen schreiben weder von der Linken zur Rech ten, wie die Christen, noch von der Rechten zur Linken, wie die Juden, sondern von oben nach unten. Der größte Theil des Volkes lebt noch in der blindesten Abgötterei. Der Vater hat über seine Kinder vollkom mene Gewalt, er kann sie als Sclaven verkaufen, oder auch gar dem Hungertode aussetzen. Dies geschieht mit den Mädchen auch sehr häufig, und Reisende er zählen, daß jährlich Tausende Kinder gleich nach der Geburt ausgesetzt werden. Die unglücklichen Menschen! Run aber wollen wir auch von den Eskimos erzählen. Die Eskimos, welche auch zu der mongolischen Race gehören, bewohnen die Nord-Polarländer von Amerika. Sie werden nur etwas über 4 Fuß hoch und lind sehr gutmüthig von Natur. Ihr Vaterland ist höchst traurig, denn es fehlt ihnen in demselben fast an Allem, und dennoch hängen sie mit unbegrenzter Liebe am heimathlichen Boden. Die meisten Eskimos, welche ihr Vaterland verlassen haben, sind am Heimweh gestorben. Einige Moose und Zwergbirken sind fast246 die einzigen Pflanzen; deshalb leben die Eskimos allein von der Fischerei, welche hier an Walfischen, Robben und Fischen aller Art sehr freigebig ist. Im Winter leben sie in geräumigen Erdhütten, 30 bis 40 beisam men, und im Sommer wohnen sie unter Zelten von Robbenfellen. Von diesen Fellen machen sie auch sehr geschickt kleine Kähne, die so leicht sind, daß der Eskimo sein Schiffchen unter'm Arm tragen kann und dennoch zum Fahren sehr zweckmäßig sind. Die Eskimos stehen noch auf einer sehr tiefen Stufe der Kultur, denn von Religion und Gesetzen haben sie kaum einen Begriff. Sie können auch nur bis 21 zählen, was darüber ist, ist eine unbestimmte Menge. Ihr einziges Hausthier ist der Hund, der ihnen als Zugthier gute Dienste leistet. 3. Völker der amerikanischen Race. Wie die Völker Europa's, obgleich sie zu einer Race ge hören, unter sich sehr verschieden sind, so sind auch die verschiedenen Stämme der Indianer — mit diesem Namen bezeichnet man die Ureinwohner Amerika's — voneinander unterschieden. Der Raum erlaubt es hier nicht, dem lieben Leser von allen Stämmen zu erzählen, darum wollen wir einige der wichtigsten auswählen. Die Indianer Nord-Amerika's sind durch die vielen Eingewanderten immer weiter nach Westen getrieben. Ihre Stämme sind bei Weitem nicht mehr so zahlreich, als in früheren Zeiten. Viele hat der Krieg hingerafft; und dann haben die Europäer auch noch die Pocken und den Branntwein hingebracht, welche, als ein paar schlimme Feinde, ebenfalls die Zahl der Indianer ver mindert haben. Die Indianer beschäftigen sich meistens mit der Jagd und besitzen nicht nur außergewöhnlichen Muth und Tapferkeit, sondern auch große Gewandtheit, um den wilden Büffel und den Bären zu jagen. Je247 weniger ein Stamm der Indianer mit den Europäern in Verbindung gekommen ist, desto reiner und edler ist der Charakter. Sie haben auch eine gewisse Religion, verehren den Manitou, den großen Geist, und manche ihrer Sagen haben eine Aehnlichkeit mit den Geschichten der heiligen Schrift. Es mögen hier einige solcher Sagen folgen. Die Sage von den ersten Menschen. Vor der Erschaffung des Menschen pflegte der große Geist die von ihm getödteten Büffel an dem Rande des rothen Felsens zu verzehren, und ihr Blut rann auf die Felsen und färbte sie roth. Eines Morgens, als eine große Schlange über das Nest des Vogels gekrochen war, um die Eier zu verzehren, kroch das eine Junge mit einem Donnerschlage aus und der große Geist, welcher ein Stück des Pfeifenthons in der Hand hielt, um es nach der Schlange zu werfen, formte es zu einem Menschen. Die Füße dieses Menschen wuchsen in den Boden fest, und er stand hier viele Menschen alter gleich einem großen Baume, und wurde daher sehr alt. Er war älter, als heut zu Tage hundert Menschen zusammen genommen. Endlich wuchs noch ein anderer Baum neben ihm hervor, und es kam eine große Schlange, welche beide an den Wurzeln abnagte, worauf sie zu sammen weggingen. Von diesen stammen alle Menschen ab, die die Erde bewohnen. Von der großen Ueverschwemmung. Zur Zeit der großen Ueberschwemmung, die vor vielen Jahrhunderten stattfand und alle Völker der248 Erde vertilgte, versammelten sich alle Stämme der rothen Männer auf dem Gipfel des Prairies, um sich aus dem Wasser zu retten. Nachdem sie hier von, allen Seiten zusammen gekommen waren, stieg das Wasser immer mehr, bis es endlich sie Alle bedeckte, worauf ihr Fleisch in den rothen Pfeifenthon verwandelt wurde. Daher ist jene Gegend stets als ein neutrales Land betrachtet worden — es gehört allen Stämmen zugleich, und es war Allen erlaubt, dorthin zu gehen und zu rauchen. Als Alle zusammen ertranken, ergriff eine junge Frau Kwaptahw (Jungfrau) den Fuß eines vorüber- sliegenden sehr großen Vogels und wurde nicht weit von da auf die Spitze einer hohen Klippe geführt, die sich über dem Wasser befand. Hier gebar sie Zwillinge, deren Vater der Kriegs-Adler war, und ihre Kinder haben seitdem die Erde bevölkert. Aus dem Pseifenstein, welcher das Fleisch ihrer Vor fahren ist, rauchen sie zum Zeichen des Friedens, und die Adler-Federn schmücken das Haupt des Tapfern. — Die Sage vom Zustande nach dem Tode. Unser ganzes Volk glaubt, daß der Geist in einem künftigen Zustande fortlebt — daß er nach dem Tode weit nach Westen wandern und über einen furchtbar tiefen und reißenden Strom setzen muß, der aus beiden Ufern von hohen und steilen Bergen eingefaßt ist. Ueber diesen Strom liegt von einem Berge zum andern ein langer, schlüpfriger Tannenbaum, ohne Rinde, über den die Verstorbenen gehen müsien, um in die schönen Jagd gefilde zu gelangen. Auf der andern Seite des Stromes249 stehen sechs Personen aus dem schonen Jagdgefilde, welche auf die den Strom Überschreitenden, wenn sie sich auf der Mitte des Tannenbaumes befinden, große Felsstücke schleudern. Die Guten kommen glücklich hinüber in die schönen Jagdgefilde, wo ein ewiger Tag herrscht, wo die Bäume stets griinen, wo der Himmel wolkenlos ist, wo stets ein sanfter kühler Wind weht, wo ununterbrochen Festlichkeiten und Tänze herr schen, wo man keine Mühe und Arbeit kennt, das Volk nie alt wird, sondern ewig jung bleibt und der Freude der Jugend genießt. Die Schlechten dagegen, welche die geschleuderten Felsstücke ankommen sehen, suchen denselben auszuwei chen, gleiten aus und stürzen viele tausend Fuß tief hinab in das Wasser, welches von todten Fischen und anderen Thieren übel riecht, wo sie durch,Wirbel stets wieder auf dieselbe Stelle zurückgebracht werden, wo die Bäume alle abgestorben, die Gemäßer mit Kröten, Eidechsen und Schlangen angefüllt sind, wo die Unglück lichen stets hungrig sind und nichts zu essen haben, wo sie stets krank sind und niemals sterben, wo die Sonne niemals scheint, und wo die Bösen zu Tausen den beständig einen hohen Felsen hinanklettern, von wo sie die schönen Jagdgefilde, das Land der Seligkeit, erblicken, aber niemals erreichen.' können. Im Innern von Süd-Amerika gibt es noch sehr milde Stämme. Einer der merkwürdigsten ist der Stamm der Botokud en. Diese haben die seltsame Gewohn heit, runde Scheiben von leichtem Holz in den Lippen und Ohrlappen zu tragen, wodurch diese auf eine fürch terliche Art ausgedehnt und verzogen werden. Augen wimpern und Augenbrauen reißen die Botokuden sorg fältig aus, und das Haupthaar scheren sie so, daß es250 auf dem Scheitel eine Art Mütze bildet. Sie gewähren einen recht häßlichen Anblick. Sie gehen fast ganz nackt, und eine Schnur trockener Beeren, mit einigen Zähnen daran, bilden ihren ganzen Schmuck. Sie leben beständig in den Wäldern unter elenden, von Strauchwerk zusammengeflochtenen Hütten, aus welchen sie nicht eher herausgehen, bis sie der Hunger zur Jagd treibt. Im Kriege zeigen sie sich sehr muthig und kämpfen mit größter Erbitterung gegen einander; als Waffe bedienen sie sich langer Pfeile mit im Feuer- gehärteten Spitzen, welche sie mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit vom Bogen zu schleudern wissen. Einige Reisende erzählen, daß es noch jetzt unter den Boto- kuden Sitte ist, die Kriegsgefangenen zu schlachten und aufzuessen. Ein recht trauriges Völklein sind die Pescheräh, welche Feuerland, eine Insel an der Südspitze Amerika's, bewohnen. Halb nackt irren sie in der strengsten Kälte aus den unwirthbaren Felsen ihrer wüsten Insel umher, und nähren sich von verfaulten Seehunden und von den-^Fischen, von welchen es an der Küste wimmelt. Früchte 'und vierfüßige Thiere sieht man nirgends in dieser schrecklichen Wildniß. Ihre Hütten sind sehr ärmlich, denn sie bestehen aus Robbenfellen, die sie über zusammengelegte Baum stämme ausbreiten. Sie sind überaus häßlich und machen sich noch häßlicher dadurch, daß sie ihren Leib mit rother Farbe beschmieren. Aber können Sie uns nicht sagen, warum man sie Pescheräh nennt? O ja, die ersten Europäer, welche auf diese Insel kamen, hörten keinen andern Laut von ihnen als „Pescheräh! Pescheräh!" und darum hat man sie so geheißen. Ein bekannter Seefahrer, Weddell, hat einige Monate unter251 den Feuerländern zugebracht und erzählt unter Andern: Folgendes von ihnen: Die gewöhnlichste Wurfwaffe dieser Feuerländer ist die Schleuder, welche sie aus Robben- oder Ottern sellen machen. Sie ist 3 Fuß lang und von gewöhn licher Form. Die Riemen sind nett aus kleinen Därmen geflochten und haben am Ende sehr geschickt gemachte Knoten. Die Spitzen ihrer Lanzen sind von harten Knochen und etwa 7 Zoll lang, scharf und mit einem Widerhaken versehen. Der hölzerne Schaft ist gerade und ^etwa 10 Fuß lang. Sie werfen damit sehr sicher und schnell. Weddell stellte mehrere Versuche an, um zu erfahren, ob diese armen Menschen auch irgend eine Art Gottesverehrung kannten, allein er konnte nichts davon entdecken. Welch' ein trauriges Loos für Geschöpfe, die zur Uusterblichkeit bestimmt sind! Auch von einem Oberhaupte war keine Spur, sie schienen vielmehr vollständige Gütergemeinschaft zu besitzen: denn wurde Einem von ihnen etwas geschenkt, so theilten sic sich Alle darin. So schenkte Weddell einst einem Wil den ein weißes Flanellhemd, welches dieser schnell anzog und damit vor Freuden unter seinen Gefährten herum sprang. Rach etwa 10 Minuten zog es ein Anderer an und sprang auf dieselbe Weise herum. Dies ging so fort, bis alle Feuerländer das Hemd angehabt; dann zerrissen sie solches in Streifen und vertheilten diese unter sich in gleiche Theile. Weddell benutzte die Feuer- länder. einige Mal zu verschiedenen Arbeiten, und sie zeigten dazu viel Geschick. Als sie einst beim Hinauf ziehen der Fässer mit thätig waren und einen Matrosen singen hörten, so glaubten sie, das Singen gehöre dazu und singen nun übermäßig laut zu brüllen an. Musik machte auf die Wilden einen höchst angenehmen Eindruck;252 auch zeigte man ihnen Bilder, die aber nur für einige Augenblicke ihre Aufmerksamkeit fesselten, am längsten verweilten sie noch bei solchen, die die glänzendsten Farben hatten. Für allerhand kleine Geschenke, die Weddell den Wilden von Zeit zu Zeit machte, erhielt er eine Menge Gegenstände von ihrer eigenen Arbeit, als Halsbänder, Körbe, Bogen und Pfeile. Die Halsbänder waren sehr geschickt aus kleinen kegelförmigen, mit dem schönsten Schmelz überzogenen Muscheln gemacht., Bei der Oeff- nung waren sie durchbohrt und so eine neben der andern an eine aus Därmen gemachte Schnur gereiht, welche, obschon nicht stärker als eine dünne Peitschen schnur, dennoch aus fünf Riemchen zusammengeflochten war, und zwar so zierlich, daß es Verwunderung erregte. Die Körbe waren aus starkem Grase und ebenfalls sehr geschickt geflochten. Die Bogen waren aus hartem Holz, und die Sehnen an denselben ebenfalls aus geflochtenen Därmen oder aus Seehunds haut. Die Pfeile sind aus hartem Holz und schön geglättet. Sie haben etwa 25 Zoll Länge und eine scharfe dreieckige Spitze von Kieselstein, welche oben in einer Spalte befestigt wird. Hat der Pfeil getroffen, so kann zwar der Schaft aus der Wunde gezogen werden, aber die steinerne Spitze bleibt stecken. 4. Völker der äthiopischen oder schwarzen Race. Diese Race theilt man in die Neger und Kaff er n ein; jedoch zertheilen sich auch diese Völker wieder in unzählige Stämme. Die Neger bewohnen meistens die Westküste, sind noch sehr unwissend und, obgleich der Sklavenhandel abgeschasst ist, so werden noch jährlich Tausende dieser unglücklichen Menschen nach Süd-Amerika geschleppt. Die Neger wohnen meistens253 in elenden Lehmhütten, und selbst die Paläste ihrer Fürsten sind nicht viel besser und bestehen nur aus mehreren Hütten mit einer Mauer umschlossen. Ihre Tänze und Lustbarkeiten pstegeu sie des Nachts zu halten. Die Kaffern sind ein schöner Menschenschlag, haben nur negerartiges Haar und bewohnen meistens die Ostküste. Die Hottentotten und Buschmänner sind Volksstämme, welche den Negern nahe verwandt sind, und bewohnen mehr den südlichen Theil Asrika's. Die Haut der Hottentotten ist gelblich-braun, sie schmieren sich gern mit Fett ein und bestreuen sich mit Staub, wodurch sie ganz schwarz erscheinen. Ihre Haare sind dünn und äußerst hart. Im Ganzen sind sie schwach. Ihre ganze Bekleidung besteht aus einem Gürtel und aus einem Schaffell wider die Kälte. Ihre Waffen bestehen in einem Wurfspieß, Hassagai genannt, einem Bogen und Pfeilen, die nicht selten vergiftet sind. Sie können lange hungern, sobald sie aber Speise bekommen können, kennen sie auch keine Mäßigkeit mehr. Man hat sie stets für sehr stumpfsinnig gehalten, allein unter den Missionaren haben sich schon einzelne Ge meinden gebildet, welche sich durch Fleiß, Reinlichkeit und Sittsamkeit auszeichnen. Von den Holländern sind diese armen Menschen ans eine unverschämte Weise geknechtet und unterdrückt worden, und nur die Buschmänner haben sich diesem Drucke dadurch zu entziehen gewußt, daß sie sich in die Wälder zurück gezogen haben. Sie sind klein von Gestalt, haben weder Ackerbau noch Viehzucht, und leben, außer vom Raube und der Jagd, von Ameisen, von Heuschrecken und von einigen Zwiebelarten. Sie leben oft in kleinen Dörfern oder Kraals vereinigt, ihre Hütten lind 3 Fuß hoch und rund. Gereizt durch die Grau-254 samkeit der Colonisten gegen sie, sind sie selbst äußerst blutdürstig und raubsüchtig geworden, und da sie unglaublich schnell sind und sich stets vergifteter Waffen bedienen, so sind es gefährliche Feinde. — Die Gaffern sind fast schwarz, aber durchaus nicht negerartig, schlank und kräftig gebaut; die Weiber lind dabei schön und sittsam. Die Kaffern sind ehrlich, wahr und tapfer und haben sich vor den europäischen Lastern bewahrt. Sie gehen fast ganz nackt, nur die Weiber hüllen sich in Thierhäute. Die Colonisten wurden durch die Einfälle der Kaffern oft beunruhigt, ihre Heerden zerstört oder weggeführt und viele An siedelungen vernichtet. Erst nach blutigen Kämpfen ist 1835 der Friede wieder hergestellt. 5. Völker der malayischen Race. Wir wollen nur noch von den Bewohnern Neuhollands und Neuseelands erzählen. Diese Völker stehen noch auf einer sehr niedrigen Stufe der Kultur, was sich beson ders daraus abnehmen läßt, daß sie ihre erschlagenen Feinde braten und aufessen. Ihre Lebensart und ihre Sitten sind wild und roh. Manche leben sogar in den Wäldern, wo sie sich Nachts in hohlen Bäumen verbergen. Sie leben von Fischen und andern Thieren, ja, Würmer und Ungeziefer verschmähen sie nicht als Nahrungsmittel. Sie tütowiren ihr Gesicht, die Arme re., d. h. sie ritzen die Haut auf und reiben in die Wunde eine Farbe, wodurch bunte Narben entstehen. Ist ein Knabe zwölf Jahre alt geworden, so wird ihm die Scheidewand der Nase durchbohrt und ein Knochen durchgesteckt und ein Vorderzahn ausgerissen. Ei, wozu das? Es geschieht dies zum Zeichen, daß der Knabe nun in den Rang der Männer eingetreten ist, daß er das Recht hat, Lanze und Keule zu führen und zuthun, wie die übrigen Erwachsenen. Die Weiber haben es bei diesen wilden Völkern sehr schlimm. Jede Be leidigung bestraft der Mann mit einem Keulenschlag. Ihre Hütten sind elende Wohnungen, und die Thür ist so niedrig, daß man hineinkriechen muß. Auf Haus- geräthe legen sie keinen sonderlichen Werth, wohl aber verwenden sie viele Mühe auf die Verfertigung ihrer Waffen. Vom lieben Gott wissen sie gar nichts. Sind diese armen Menschen nicht sehr zu bedauern? Freue dich, liebes Kind, daß du in einem bessern Lande ge boren, von liebenden Eltern zum Guten erzogen und schon früh zu deinem himmlischen Vater hingewiesen wirst..ZW/T&fM.7h/7/.Trr//—7W//7/Dater Gotthotd's Unterhaltungen
