Kinder-Conversations-Lexikon für die Wiss- und lernbegierige Jugend. Von Wilhelm Weios. Fünfte, umgearbeitete und vermehrte Allslage» DillillOßU a. tf. D. (Bayern). Verlag von Friedrich Manz. 1874.knalien und Mädchen, kommt Me Herker, Schauet, was Hiikschcs im Aesikon sei! Leset inr Auche verständig und fein, Cs wird gewißlich von Nutzen Euch seinVorwort. feße Amtier, cftnaßen und Haddien i Aas GonversntionK-Mexiston ist für Euch wieder neu auf gelegt^ d. i. wieder neu gedruckt worden. Zum fünften Male tritt dasselbe, umgearbeitet und vermehrt, seine Wanderung durch die Kinderwelt an und will derselben Belehrung und Unterhaltung bringen. Viele Hunderte von Kindern haben die Bekanntschaft dieses Lexikon schon gemacht und freuen sich im Besitze desselben zu sein. Ei, ein WnÜer- GonverMionö - Mxikon, was ist denn dies? werden wohl manche aus Euch neugierig fragen. — Nun, das ist nichts anderes, als ein Juck mit Woxtmx, die mehr oder weniger ausführlich in der Art und Weise wie Kinder mit einander reden und wie sie es am liebsten haben und am besten und leichtesten verstehen, — beschrieben und ausgearbeitet sind. Das Lexikon enthält eine Menge Namen von Dingen, von Sachen und Personen, Namen, von denen Euch viele stets umgeben und von denen Ihr gar oft habet sprechen hören. Auch werden Euch viele ganz fremde, unbekannte Namen begegnen.IV Ihr Schlauköpfchen achtet zwar wohl auf alle Dinge, die Euch umgeben und von denen Ihr reden höret, aber — nicht wahr? Ihr denket oft nicht weiter darüber nach; uub es ist doch so schön, und so gut, und so nützlich, etwas Mehreres und Näheres, als nur die bloßen Namen der Dinge und Gegenstände, von denen man erzählen hört, zu wissen und zu erfahren. Darum nehmet nur dieses Buch recht fleißig zur Hand; leset darin recht oft mit Verstand, mit Nachdenken, oder lasset Euch durch Andere vorlesen und höret dann recht aufmerksam zu: so werdet Ihr gewiß auch Manches vernehmen, das Euch neu ist und Euch mehr sagt, als nur die einfachen Namen der Dinge. Ihr werdet von vielen Sachen und Gegenständen, die Euch bisher gleichgültig oder gar unbekannt waren, ordentliche Belehrung und Aufklärung erlangen, und neben diesem Nützlichen werdet Ihr auch noch das Angenehme finden; es sind nämlich den Artikeln recht muntere Berschen, Gedichte, Erzählungen, Mährchen, Fabeln, Räthsel hinzugefügt. Solche Sachen, das ist allbekannt, die kommen Euch immer gelegen und machen Euch Freude, und Freude soll Euch durch das Lexikon bereitet werden. Herzlichen Gruß Euch Allen von Euerm Freunde Wilhelm Weiß, Lehrer.Aal. Man sollte ineinen du wärest eine Schlange; allein du bist etwas besseres, du bist ein Fisch, der sich in Flüssen häufig findet und oft 8 bis 10 Pfund schwer wird. Dein Fleisch wird als Speise sehr geschätzt. Auch sagt man dir nach, daß du dich gar nicht leicht tödten lassest. Sogar mit dem abgeschnittenen Kopfe, wer sollte es glauben, könnest du noch beißen, und ohne Kopf noch lange im Wasser herum schwimmen. — Von dir und von einer Schlange habe ich Fol gendes erzählen hören: „Betrachte mich einmal," Sprach eine Schlange zu dem Aal, „Bin ich nicht wunderschön? Ist jemals eine Haut so schön bemalt zu seh'n? Zwar dein' ist glatt; doch mein' ist glatt und schön". „So", fragt der Aal, „bin ich nicht schön, wie du? — Bin ich nur glatt? Wie geht's denn zu, Frau Nachbarin, Daß ich so wohl gelitten bin, Da Jedermann vor deiner Schönheit graut, Und wenn er deine bunte Haut Im Grase sieht, Erschrickt und flieht?" — Die wunderschöne Schlange spricht: „Man flieht? Warum? das weiß ich nicht!" — „Ich aber weiß es," sagt' der Aal, „Auch wissen es die Menschen alle! Auswendig gleißest du, Inwendig bist du Gift und Galle!" — Aas. Todte, faulende Thierleiber, ein in Fäulniß über gegangenes Fleisch, nennt man Aas. O, das fressen die großen Raubvögel gerne; die Adler und Geier sehen's und riechen's schon in weiter Ferne. Dieß ist aber auch gut, daß sie es so gerne anfzehren mögen, denn das Aas riecht sehr übel und verpestet nur die Luft. In Cairo, einer Stadt in Aegypten, Kinder-Conversations-Lexikon. 12 sieht man die Aasgeier selbst in den volkreichsten Straßen in großer Menge; und es gilt daselbst für ein großes Vergehen, einen dieser Vögel zu beleidigen, weil sie die Stadt von den Aesern gefallener Thiere reinigen, die anders gar nicht weg- geschafft würden. Abend. So wird die Zeit des Sonnenunterganges genannt. Wenn der Abend nahet, so schwindet der Tag mit seinen Freuden, aber auch mit seinen Mühen und Sorgen und, ist er endlich gekommen, der Abend, so ruhet die Erde mit ihren Angehörigen in feierlicher Stille. Die Straßen erblicken wir leer und die Arbeiter haben ihre Werkstätten geschlossen, um gemeinsam mit den Ihrigen beim freundlichen Scheine der Lampe der süßen Ruhe zu pflegen. Wenn es Abend wird, meine liebe Kinder, o dann sagt gewiß ein jedes von euch: Komm' stiller Abend nieder, Auf unsre stille Flur! Dir tönen unsre Lieder Wie schön bist du Natur! Schon steigt die Abendröthe Herab ins kühle Thal; Schon glänzt des Hirten Flöte Vom letzten Sonnenstrahl. Und überall herrscht Schweigen, Nur schwingt der Vögel Chor Noch ans den dunklen Zweigen Den Nachtgesang empor. Abenteuer. Ein sonderbares Wort, Kinder! das so viel bedeutet, als eine gefahrvolle, herzhafte That, eill Wagniß. Solche außerordentliche, ungewöhnliche Thaten kamen häufig im alten Ritterthume vor. Die Ritter gingen oft auf Aben teuer aus und wagten ihr Leben in Gefahren, die außerordent lich waren. Aber auch jetzt noch gibt es viele Menschen, die Außergewöhnliches wagen, auf Abenteuer ausgehen, oder Aben teuer zu bestehen haben, und merkwürdige Geschichten liefern. Wenn es euch angenehm ist, will ich euch hier ein paar Aben teuer erzählen. — ,,Ja, ja, ungewöhnliche Geschichten sind uns die liebsten!" — So, sind euch solche recht! Nun, so höret: 1. Ein Jäger fand, als er einen Berg besteigen wollte, zwei junge Bären, die sich, sobald sie seiner ansichtig wur den, auf eine Fichte flüchteten. Da er vermuthete, daß die alte Bärin auf Raub ausgegangen sei, und der Baum gut3 zu ersteigen war, so beschloß er ohne Zögern, die günstige Zeit zu benützen, und beide junge Bären zu sangen. Er hatte so eben die Fichte mit einiger Mühe erklettert, und ruhte ein wenig aus, als die alte Bärin angetrabt kam, auf den Baum zueilte und sich anschickte, ihn zu ersteigen, als sie den unge betenen Gast oben bei ihren Zungen sah und einen Augen blick stutzte. Der Jäger fand seine Lage gar nicht behaglich, allein er war ein beherzter Mann und sein Entschluß schnell gefaßt. Er stieg auf den untersten Ast hinab, um seinen Hirschfänger besser gebrauchen zu können. Sein geladenes Ge wehr hatte er leider an dem Baume stehen lassen, um leichter klettern zu können. Die Bärin kletterte jetzt in aller Eile zu ihm empor. Als sie mit der Braute (dem Fuße) nach ihn: langen wollte, hieb er ihr dieselbe mit einem kräftigen Hiebe ab. Die Bärin glitt am Stamm etwas hinunter, kam aber bald doppelt wüthend zurück und drohte, den Jäger mit dem Rachen zu fassen. Als sie diesen mit gräßlichem Zähnefletschen aufsperrte, stieß ihr der Jäger kaltblütig den Hirschfänger hinein; da siel sie vom Stamme hinunter und blieb am Fuße desselben mehrere Minuten bewußtlos liegen. Zum Schrecken des Jägers erholte sie sich aber bald wieder; und sie schickte sich an, von neuem hinauszuklettern, doch vermochte sie es nicht. Dagegen blieb sie ausgerichtet am Stamme stehen. In dieser Stellung verharrte sie mehrere Stunden, worauf sie sich am Baume niederlegte. — Der Abend kam, und das Thier unten wich und wankte nicht; der auf dem Aste reitende Bären fänger verwünschte seinen Einfall, denn seine Lage mitten zwischen Bären war nichts weniger als behaglich. Zwar war er da oben ziemlich sicher, da er - von den Jungen nicht viel zu fürchten hatte und die Alte außer Stand zu sein schien, ihn anzugreifen; aber die Aussicht, die Nacht in so unbequemer Stellung aus dem Baume verbringen zu müssen, war um so unangenehmer, als sich Hunger und Durst einstellten und der Himmel ansing, sich dicht zu umwölken. Es wurde bald so finster, daß der Jäger unten an der Erde nichts mehr unter scheiden konnte, aber einzelne brummende Töne, die er vernahm, verriethen ihm, daß seine grimmige Schildwache noch immer auf ihrem Posten war. — Mit jeder Minute wurde seine Lage unerträglicher, da nun auch die kleinen Bestien anfingen, beweglich zu werden; aber seine donnernde Stimme und der Hirschfänger brachten sie bald wieder zur Ruhe. Der Wind erhob sich nun, es fielen einzelne Tropfen, es wetterleuchtete i * i4 und in der Ferne rollte der Donner. Mit großer Aufmerk samkeit lauschte der Jäger nach unten, in der Hoffnung, keinen Laut mehr zu hören; aber beim Scheine eines Blitzes entdeckte er, daß die Bärin noch immer da war und unverwandt nach ihm aufsah. So verging die Nacht unter Seufzen und Stöh nen des armen Jägers, der sich auf seinem unbequemen Sitze drehte und wendete und dessen einziger Zeitvertreib in der langen Gewitternacht darin bestand, die jungen Bären im Zaume zu halten, denen das Nachtquartier auch keineswegs zu gefallen schien. Endlich nach einer endlos scheinenden Nacht dämmerte es im Osten und der Jäger faßte den Entschluß lieber mit der furchtbaren Schildwache den Kampf auf Leben und Tod zu wagen, als länger sitzen zu bleiben. Während er sich die Sache noch überlegte, hörte er in der Ferne menschliche Stimmen, aber sie zogen in ziemlicher Entfernung von ihm hin, und als er hinabblickte, saß die Bärin noch immer da und schaute mit grim migem Blicke nach oben. Nach einiger Zeit hörte der Unglück liche seinen Namen rufen; seine Freunde erschienen um ihn zu suchen. Die Bärin richtete sich alsbald mit ausgesperrtem Rachen gegen die Ankommenden auf, wurde aber sofort glücklich nie dergeschossen. Der befreite Jäger stieg nun herunter, vergaß aber nicht die beiden jungen Bären mit sich zu nehmen. 2. Während des spanischen Krieges hatte ein französischer Kommandant das Unglück, mit mehreren Soldaten, die er be fehligte, von den Spaniern umzingelt zu werden. Von allen Seiten umstellt, wurden die Franzosen gleich wilden Thieren niedergeschossen. Alle sielen, und die Spanier zogen mit der vollen Ueberzeugung weiter, daß von den verhaßten Franzosen nicht ein einziger seinem Schicksal entkommen sei. Aber kaum hatten die Sieger jubelnd das Schlachtfeld geräumt, als der Kommandant unter einem Haufen von Leichen hervorkroch und ohne die kleinste Wunde bekommen zu haben, sich auf und da von machte. Am Abend des unheilvollen Tages hatte er die französischen Vorposten erreicht und war gerettet. Bald daraus wollte das Schicksal, daß der schußfeste Kom mandant einem andern Hausen Spanier in die Hände fiel; er wurde gefangen genommen, bis auf das Hemd ausgeplündert und an einem Baum aufgehängt. Doch kaum hatte er die Schlinge am Halse, als einige französische Reiter heran sprengten, die Spanier verjagten und den Erhenkten abschnitten, der denn auch glücklich wieder ins Leben kam. Zum drittenmale von den Spaniern aufgegriff'en, fügte es5 sich so, daß es eben dieselben waren, die ihn vor einigen Tagen erschossen zu haben glaubten. Den Spaniern stand rein der Verstand still, als sie den Kommandanten an den Abzeichen seines Ranges, und an seiner Herkulesgestalt wieder erkannten; sie plünderten ihn also gewohntermassen und sannen dann auf eine Todesart, welche sie ihrer Meinung nach auf ewig von den scharfen Hieben des Franzosen, die mehr als einem Spanier das Leben gekostet hatten, befreien sollte. Nachdem sie ihn also nackt ausgezogen hatten, banden sie ihm Hände und Füße zu sammen und warfen ihn in einen Strom, der vorbei stoß. Der Kommandant tauchte durch den Schwung, den ihm die Spanier gegeben hatten, aus den Grund, fühlte, als er wieder zur Be sinnung kam, seine Füße von den Stricken frei und ließ sich, als wäre er eine Leiche, auf den Wellen hintreiben. Als er auf diese Weise als Scheintodter den Spaniern aus den Augen gekommen war, suchte er auch seine Hände von den Stricken frei zu machen; es war ein hartes Stück Arbeit, denn das Wasser hatte die Stricke nur desto fester gemacht. Jndeß, da er ein außerordentlich starker Mann war, so gelang ihm die Befreiung endlich, er gewann das Ufer, und war bald wieder unter seinen Kameraden, denen er nun lachend seine dritte wun derbare Rettung erzählte. — Also erschossen, erhängt, ersäuft, und doch noch am Leben. — Die Soldaten glaubten der Zeit, ihrem Kommandanten sei gar nicht ans Leben zu kommen. Adelsberger Höhle. Wie ihr wisset, ihr lieben Leser und Leserinen! besteht die österreichische Monarchie aus vielen, vielen Ländern. In keinem derselben aber trifft man so viele unterirdische Höhlen und Grotten und von so be deutendem Umfange, wie in K r a i n. (Dieses Land liegt weit süd-östlich von Tyrol.) Tausende von Tropfsteinhöhlen bilden durch das ganze Land hin eine Unterwelt seltener Art. Die merkwürdigsten und besuchtesten sind die Höhlen in der Umgegend von Adelsberg. Die Adelsberger Höhle zeichnet sich durch ihre Größe und die außerordentliche Menge von Tropfsteinen, welche in tausen derlei Gestalten von den Decken und Wänden herabhängen, vor züglich aus. Sie liegt eine kleine halbe Stunde nördlich von Adelsberg, in einem kleinen Thale, an einem Kalksteinhügel, hat ohne die Seitengrotten eine Länge von über eine halbe Stunde, und besteht aus zwei Hauptabtheilungen, der alten und neuen Höhle.6 Nachdem man eine Strecke die ältere Höhle durchwandert hat, steigt man viele Stufen abwärts zu einem Flusse, welcher in dieser Tiefe sich tosend und schäumend in ein undurchdring liches Dunkel hinab stürzt, über welchen Abgrund sich eine natür liche Felsenbrücke wölbt. Man steigt von dieser Natur brücke 86 Stufen eine steile Felsenwand hinan und gelangt in die neue 1818 entdeckte Höhle, Ferdinandsgrotte ge nannt, welche sich in mehreren Krümmungen und in einer weit beträchtlicheren Länge als die alte Höhle bis zu einem See sortzieht. Diese neue Höhle wird jetzt wegen ihrer herrlichen Tropfsteingebilde häufig besucht. Für die Erleichterung ihres Besuches ist in der neuesten Zeit alles Mögliche gethan worden, so daß jede Gefahr beseitigt ist. Eine Seitengrotte, die Magda lenen höhle, ist zwar kleiner, als die Ferdinandsgrotte, aber ihre kolossalen Säulen von Tropfstein, welche das unermeßliche Gewölbe tragen, die mannigfaltigen Tropfsteingebilde und der kleine See am äußersten Ende dieser Höhle, welcher den berühmten Olm oder Proteus*) nährt, machen sie gleich falls sehr sehenswerth. Diese berühmten Protheusthiere sind einen Fuß lang, von der Dicke eines Daumens, haben eine zarte, am Kopfe wie durchsichtige Haut, welche beinahe die Farbe der Menschenhaut hat, sehen im ganzen einer Eidechse ähnlich, haben keine sicht baren Augen, viele spitzige Zähne, an den Vorderfüßen 5 und an den Hinterfüßen 2 Zehen, und sind zwar mit Lungen ver sehen, athmen aber wie die Fische vermittels Kiemen, die hinter dem Kopfe sitzen. So hat also der gütige Schöpfer auch selbst die unter irdischen Klüfte, wo in Jahrtausenden kein Lichtstrahl hindringt, mit lebenden Geschöpfen bevölkert, und der wißbegierige Mensch findet in jedem Winkel der Erde Neues und Bewunderungs würdiges zu erforschen. Hier ist es freilich nur ein Amphi- bium, welches den Höhlen eigenthümlich ist, in Amerika gibt es aber auch Vögel, und noch obendrein eßbare, welche sich im Freien nirgends finden. Adler. Es ist mir lieb, daß du so weit von uns wohnst und zwar auf großen Bergen, welche aus vielen rauhen Stei nen bestehen, die man Felsen nennt. Du bist wohl so weit ! ) Proteus war bei den Heiden des Alterthums ein Meergott.7 fort, denn man erzählt, daß du gegen die kleinen, jungen Adler gar so grob und böse seiest, und sie aus dem Neste werfest, wenn du zornig bist, und sogar oft auch wenn die Kleinen krank sind. Du Böser, mit deinem gebogenen Schnabel und den scharfen Klauen. Die andern Vögel, die Hasen, Hirsch- und Rehkälber, Lämmer, die jungen Ziegen, wilden Gänse, Feld- und Waldmäuse fürchten dich sehr und heißen dich gar einen Räuber. — In Jrrland raubte einmal ein Adler ein vierjähriges Kind, das vor einem Hause spielte, und trug es seinen Jungen in sein Rest. Der Vater eilte nach, aber bis er das Felsennest erstieg, hatten die Adler dem Kinde schon die Augen ausgehackt, und es so zugerichtet, daß es in wenigen Stunden darauf starb. — Doch auch manchen schönen Zug, kennt man vom Adler; so gefällt mir namentlich der in folgendem Gedicht: „Ein Adler traf ans seiner Bahn Zur Sonn' einst eine Lerche an, Und hörte sie Die schönste Melodie Dem stillen Himmel singen. Die ausgebreiteten und eilgewohnten Schwingen Verweilten sich; langsamer ward der Flug Und still die Luft, die ihren König trug. „Sitz' auf!" spricht er zur Lerch', „ich werde Dich in den Himmel tragen, Mein Fittig sei dein Wagen." „Nein," sagte sie, „ich singe Dem Schöpfer aller Dinge, Hienieden an der Erde. Nach einer höhern Sphäre Flieg' du, zu seiner Ehre!" — Aegypter. Die Geschichte des israelitischen Volkes, des von Gott auserwählten Volkes, weist schon frühzeitig aus ein anderes Volk hin, das sich in der alten Welt außerordentlich hervorthat. Das waren die A e g y p t e r. In Aegypten führte die göttliche Vorsehung den wunderbaren Plan aus, den sie mit Joseph und dessen Brüdern gefaßt, und hier erfüllte sie die Verheißung, die sie dem Abraham gegeben, daß seine Nachkommen zahlreich werden sollten wie die Sterne des Him mels und der Sand am Meere.*) Die Aegypter zeichneten *) Die Geschichte dieses israel. Volkes ist euch Allen genau bekannt! —8 sich insbesondere durch riesenhafte Bauwerke aus. Bekanntlich gränzt Aegypten, das, vom Ml durchströmt, eine große frucht bare Ebene bildet, gegen Osten an den arabischen Meerbusen und das steinige oder felsige Arabien. In diesen östlichen Fel sengebirgen findet sich das vortrefflichste Baumaterial: Granit, Porphyr, Marmor, Alabaster; dieses benützten nun baulustige Könige, um Werke aufzuführen, deren Größe und Pracht uns wahrhaft in Erstaunen setzen muß. Zwar liegen die meisten dieser Ungeheuern Denkmäler des Alterthums in Trümmern, oder sind mit dem aus der Wüste hergewehten Sande bedeckt; viele jedoch stehen noch jetzt da als ehrwürdige Zeugen des Kunstsinnes oder des ausdauernden Fleißes der Aegypter. Unter ihren Werken verdienen vorzüglich genannt zu wer den: die Obelisken, die Pyramiden und das La byrinth. Das Labyrinth war bei weitem nicht so alt, als die Obelisken und Pyramiden, aber eben so berühmt. Dieses war ein großes Gebäude in Mittelägypten. Es bestand aus zwölf Palästen, sechs gegen Norden und sechs gegen Süden. In demselben waren dreitausend Zimmer, fünfzehnhundert über der Erde, und eben so viele unter der Erde. Sie waren mit künstlichen Bildwerken und mit edlen Steinen auf das Kost barste ausgeschmückt. Jetzt liegt es in Trümmer.*) Sonderbar war die Eintheilung der Aegypter in erb liche Stände, nämlich in Priester, Krieger, Acker leute, Handwerker und Hirten. War der Vater z. B. Priester oder Krieger oder Hirt, so mußte auch der Sohn wie der Priester, Krieger oder Hirt sein, wenn er auch gar keine Lust, gar kein Geschick dazu hatte. Sonderbar waren auch ihre Götter und deren Wohnung. Da gab es fast kein Thier, das sie nicht anbeteten, wenn es sich durch Nützlichkeit oder Schädlichkeit auszeichnete. Die nütz lichsten Thiere verehrten sie aus Dankbarkeit, die schädlichen hingegen aus Furcht und um Unglück von sich abzuwenden. Sie verehrten den storchenartigen Vogel Ibis, weil er die im Nilschlamm ausgekrochenen Schlangen wegfraß. Das Kro kodil verehrten sie aus Furcht. Der Feind dieses Thieres ist der Ichneumon, auch Pharao's-Katze genannt. Dieser sucht die Krokodileier im Sande und verzehrt sie; dazu ver tilgt er vieles Ungeziefer. Die Aegypter verehrten ihn deshalb *) Such' die Artikel Obelisken und Pyramiden in diesem Buche auf, und lies' dieselben mit Bedacht und Aufmerksamkeit durch!9 aus Dankbarkeit. Eine ganz vorzügliche Verehrung genossen die Katzen. Sie ruheten auf kostbaren Decken und Polstern und wur den mit den kostbarsten Speisen, die ihnen in golocuen und silber nen Gefäßen vorgesetzt wurden, ans das sorgfältigste gefüttert. Bei einer Feuersbruust wurden vor Kindern und Ge schwistern die Katzen zuerst gerettet. Starb in einem Hause die Katze, so waren alle Hausgenossen in tiefster Trauer und schoren sich die Augenbraunen ab. Der Leichnam des heiligen Thieres wurde eiubalsamirt, in köstliche Leinwand gewickelt und feierlich beigesetzt. Wer eine Katze auch nur aus Versehen um brachte, war des Todes. Einst hatte ein römischer Soldat zu fälliger Weise einen solchen Gott getödtet. Und sogleich ent stand ein Auslauf des Volkes um die Wohnung des Soldaten; und weder die Bitten der Priester, noch die Furcht vor den Römern konnten es zur Ruhe bringen. Der Unglückliche mußte sein Vergehen mit dem Leben büßen. Am meisten wurde jedoch von den Aegyptern der Ochs, Apis genannt, verehrt. Er war ihnen ein Sinnbild des Ackerbaues. Wie dieser in ganz Aegypten im höchsten Ansehen stand, so auch das Thier, welches ihnen dabei half. Er mußte am ganzen Leibe schwarz sein und vor der Stirne einen weißen viereckigen Fleck haben; dann war der Gott ächt. Sein Palast war in der Königsstadt Memphis; Priester bedienten ihn und reichten ihm kuiebeugend die heiligen Speisen. Der feierlichste Tag war sein Geburtstag, der Tag, an welchem man so glücklich war, ihn zu finden. Sieben Tage dauerte das Fest, und wurde durch die Anwesenheit des Gottes selbst verherrlicht. Bewaffnete zogen vor ihm her, um das von allen Seiten zuströmende Volk abzuwehren. Hinter ihnen ging er selbst, der gehörnte Gott in aller Pracht und Herrlichkeit, von Priestern in feierlichem Aufzuge geleitet. Zwei Reihen Knaben gingen ihnen zur Seite und sangen in Liedern sein Lob. Sein Tod dagegen versetzte ganz Aegypten in Trauer, als wenn das Ende der Welt vor der Thüre wäre. Diese Trauer währte, bis ein neuer Apis gefunden war. In diesen, glaubten sie, wäre die Seele des Verstorbenen hinübergewan dert und lebe in ihm wieder fort. Ganz Aegypten war dann voll Jubel. Aetna. Ich bin ein Ries' aus alten Tagen, Oft dient ein Nebel mir als Hut. Wohl muß ich Schnee au: Haupte tragen, Doch in dem Herzen berg' ich Gluth.10 Ich schaue ringsum in die Runde Und schaue weit hinaus in's Meer, Und rauch' dabei in früher Stunde, Bis wieder flieht das Sternenheer. Auf meinem Fuß sind Häuser, Hütten, Auch wohl Paläste groß und klein, Auf meinem Schooße Blum' und Blüthen Und edle Früchte, guter Wein. Oft wird's mir gar zu warm im Magen, Dann fang ich arg zu brummen an, Dann soll zu mir sich Niemand wagen, Es fliehe, wer nur fliehen kann. Ein Riese bist du? — Ja wohl ein Riese — es ist zu wenig, wenn ich sage: hoch wie ein Thurm. Dreißig Thürme auf einander gestellt, werden mich kaum erreichen. Ich sage es gerade heraus: ich bin ein Riese unter den Bergen, ich bin der Aetna. In Sicilien habe ich meinen festen Sitz, nahe am Meere. Auf meinem Gipfel liegt Schnee, den auch der heißeste Som mer nie ganz schmilzt. In meinem Innern brennt ein nicht erlöschendes Feuer, das beständig seinen Rauch hoch in die Lüste trägt, oft aber gar ausbricht und dann Verheerung aus viele Meilen in die Runde sendet. Da muß mich alles fliehen, was nur kann, wenn es nicht unter meiner glühenden Fluth oder unter meiner Asche vergraben und versengt sein will. Doch dauert meine Wuth nie gar zu lange. Habe ich ausgetobt, so kehren die Menschen, die auf meinem Fuße wohnten, wieder heim. Finden sie noch ihr Haus und ihre Gärten, ihre Wein berge und Wälder, dann ist's gut, wo nicht, so bauen sie sich neu an und pflanzen wieder ihre Reben und ihre edlen Früchte. Das ist's, meine Kinder, was der Aetna von sich selbst euch erzählet hat. Er hat aber gar Vieles verschwiegen, das sollt ihr auch von ihm wissen. Vom Aetna sind etwa 70 Ausbrüche in der Geschichte ausgezeichnet. Der schrecklichste aber war wohl der im Jahre 1669, welcher nicht weniger als 90,000 Menschen das Leben kostete. *) *) In der Stadt Catania allein blieben von 27,000 Einwohnern nur mehr 3000 am Leben.11 Die Ausbrüche haben wohl immer ihre Vorboten; aber oft geschieht es doch, daß die Leute ihre Flucht verzögern oder daß die Verheerung weiter reicht als man voraus meint, und daher verunglücken oft so viele Menschen. Ist ein Ausbruch nahe, so spüret man häustge Erderschütterungen, die Rauchsäule (von den Italienern fumarole genannt), wird stärker oder legt sich wie eine Gewitterwolke über den Gipfel des Berges. Im Innern hört man ein Getöse, wie weun Wasser auf glühende Kohlen geschüttet würde. Ein Knall endlich kündet den wirk lichen Ausbruch an. Nun stiegen glühende Körper empor aus dem Krater. Ueber den Rand desselben oder aus dessen Fugen und Sprüngen strömt eine glühende Masse, die Lava, den Berg herab und versengt und vergräbt Wälder und Häuser, füllt Thäler aus, verdrängt Seen und Flüsse aus ihren Ufern. Lang sam erkaltet die Lava und wird dann fest wie Stein. Fort während steigen Rauchwolken zum Himmel, sammeln sich und verdrängen die Tageshelle, Aschenregen und Staub bedecken meilenweit das Land umher und tobten alles, was darauf lebt. Donner aus Donner hallen durch die Luft und unterbrechen das Angstgeschrei der Unglücklichen, die aus der Ferne auf die Zerstörung ihrer Heimath zurückschauen. Die Wuth des Vul kans wächst so mehrere Wochen. Endlich wird es ruhiger. Der Rauch hebt sich und bildet die Form einer ungeheuren Pinie*). Die Rauchsäule bildet den Stamm, aus dem sich in der Höhe die Rauchwolke ausbreitet, als wenn sie von dem Stamme ge tragen würde. Diese Erscheinung ist aber nicht blos Rauch, sondern eine seine Asche, die sich allmählig senkt und zuletzt auf die Ebene niederfällt und diese wie mit einen: Bahrtuche überdeckt. So ein Vulkan und sein Ausbruch, meine Lieben, ist doch gewiß etwas sehr Großartiges und Merkwürdiges und zugleich etwas sehr Räthselhaftes. Da möchte wohl mancher hinein schauen in eine solche Werkstätte und sehen, wer denn das große immer thätige Feuer schürt; allein so ein Vorwitz könnte nicht wohl bekommen. Es hat's schon hie und da einer gewagt, oben in einen Schlund zu steigen, aus dem der beständige Rauch qualmt; allein nicht jeder ist wieder zurück herausge kommen, um uns zu sagen, was er gesehen.**) Wir wissen also gar nicht, woher dieses immerwährende Feuer kömmt und *)' Die Pinien sind Nadelbänme, ähnlich unfern Föhren. Die Aeste gehen oben in flach gewölbten Buschen auseinander. **) Viele Vulkane sind auch schon ausgebrannt.12 raarurn es nicht ganz erlischt. Die heidnischen Griechen und Römer, die einstens auf der italienischen Halbinsel gehauset haben, mußten sich das Räthsel bald zu lösen. Sie sagen, im Aetna haben die Cyklopen ihre Werkstätte. Die sind, was wir hier zu Lande Schmiedgesellen nennen würden, haben nur ein Auge in Mitte der Stirne und buschige Haare darüber und sind kolossal groß und stark. Ihr Herr Meister ist der Vulkan, der Gott des Feuers. Sie arbeiten hier im Aetna, haben auch hie und da noch ihre Werkstätten, und schmieden die Blitze für den Jupiter, der sich die Oberherrschaft über alle andern Götter errungen hat. Nun dies glaube wer mag, wir Christen werden es ge wiß nicht glauben. Wir glauben aber, daß der liebe Gott hier der Natur eine Werkstätte angewiesen hat, in die kein Mensch je schauen wird; und was die Gelehrten darüber zu wissen glauben, ist nur lauter Vermuthung. Es gibt viele Vulkane auf der Erde. Man trifft sie in allen Himmelsstrichen, aus eisigem Lande, im kalten Norden, ans festem Lande, auf Inseln und selbst als Meeresklippen aus dem Wasser ihr empörendes Feuer speiend. Der höchste Krater ist wohl der 18,000 Fuße hohe Coto paxi in Südamerika. Auch bei Neapel — nur 3 Stunden entfernt — liegt ein Vulkan, der Vesuv. Er ist zwar nur etwas über 3000 Fuß hoch, aber dennoch hat er schon sehr übel gehauset. Und als er zum ersten Male zu toben anfing, i. I. 79 nach Christi Geburt, glaubten die Bewohner der Städte und Dörfer, die auf seinem Fuße lagen, an nichts weniger als an eine Gefahr. Allein die Lava strömte in solchen Massen vom Berge herab, daß Herkulanum und Pompeji^) und andere Orte in der Nähe 68—100 Fuß tief von ihr bedeckt wurden. Da lagen sie nun begraben auf Jahrhunderte die schönen Häuser und Villen*) **) und ihre Bewohner. Aus erstere baute sich eine andere Stadt an, Portici, so daß nun da zwei Städte über einander stehen, eine vergrabene und eine mit lebenden Men schen. Im Jahre 1720 sing man an nachzugraben, und fand unten alles noch gut erhalten; die Zimmer, die Geräthschaften ganz unversehrt, selbst die Leichname lagen oder saßen da, wie die Ueberströmung der Lava sie überrascht hatte. Man setzte in der Folge die Nachgrabung mit Eifer fort, und fand Theater, *) Lies nach „Herkulanum und Pompeji" in diesem Lerikon. **) Villa, ein italienisches Landhaus.13 das Forum*), die Basilika**), Tempel und Häuser. Manch Werthvolles ist daraus zu Tage gefördert worden. Affe. „Du bist doch nur ein Affe und kein Mensch, wenn du auch in deiner körperlichen Ausstattung dem Menschen sehr- nahe kommst. Du kannst ja doch nicht sprechen, sondern nur schreien oder plärren; kannst nicht so schön aufrecht gehen. Freilich mit vier Händen kann man viel, sehr viel ausrichten; darum kann man auch vor dir nichts thun, ohne daß du es nachahmst." — Waldige Gegenden aller Welttheile dienen dem Affen zum Aufenthaltsorte; nur Europa scheint er nicht liebge wonnen zu haben. Es hat aber nichts Zu sagen; denn ich sage es öffentlich, die Affen sind gar nicht so brav, wie viele Kinder glauben. O nein, sie sind sogar zu fürchten, denn sie sind diebisch, neidisch, heimtückisch, sehr rachgierig und — das müssen sie manchen Kindern abgelernt haben — unverträglich. Ihr possierliches Wesen gefällt uns sehr; nicht weniger eine besondere Geschicklichkeit, menschliche Handlungen und Bewe gungen nachzuahmen. Das verstehen sie aber auch wirklich sehr gut. Das Obst aus den Bäumen ist aber gar nicht sicher vor ihnen. „He! ist's nicht wahr? Warum stellt ihr bei solchen Anlässen Wachen aus? Wozu braucht es das Pfeifen? — Nicht wahr, eure Nachahmungssucht hat euch schon oft Schaden gebracht! Wie oft fanget ihr euch selbst dadurch, oder werdet sonst unglücklich! Denkst du noch an das Eichhörnchen! Wenn du's vergessen haben solltest— hier will ich's dir vorsagen:" „Ein drollig Eichhorn tanzt' in bunten und grausen Sprüngen hin und her auf einer Eich' und war bald unten bald oben, hüpfte kreuz und quer und machte Männchen sein und zierlich. Das sah ein Ass'. Er sah das Spiel ein Weilchen an; schnell klettert er die Eich hinan, den Vorrang an Possierlichkeiten dem Eichhornnärrchen abzustreiten. Er that dem Eichhorn alles nach, und machte Männchen; sprang behende von Zweig zu Zweig; aber ach, *) Forum, der Marktplatz, Versammlungsort. **) Basilika war keine Kirche, sondern ein Amtsgebände.14 das Spiel nahm ein betrübtes Ende; (wie könnt' es auch wohl anders sein?) der Affe fiel und — brach ein Bein. Gereizt durch sein Gewinsel kamen die Affenbrüder allzumal und hörten, wie des Bruders Qual die weise Warnung anbefahl: „Nie fremde Thorheit nachzuahmen." — Ein Naturforscher, der im südlichen Afrika reifte, hatte einen zahmen Affen, den er Kees genannt hatte. Wenn es euch recht ist, so will ich euch hier mittheilen, was dieser Natur forscher von seinem Affen erzählt! — Ja, ja, es ist uns schon recht. — „Ich machte, sagt der Naturforscher, den Affen zu meinem Vorkoster. Wenn wir Früchte oder Wurzeln fanden, die meine Hottentotten nicht kannten, so rührten wir sie nie an, bis Kees sie gekostet hatte; warf er sie weg, so wußten wir, daß sie unangenehm schmeckten oder schädlich wären, und ließen sie unberührt. Kees hatte eine noch schätzbarere Eigenschaft: er war mein bester Wächter; bei Tag und bei Nacht sprang er bei dem geringsten Anschein von Gefahr augenblicklich aus. Durch sein Geschrei oder durch seine Zeichen von Furcht er- riethen wir immer, daß ein Feind nahe war, ohne daß selbst die Hunde etwas davon merkten. Diese verließen sich zuletzt auch so auf ihn, daß sie ganz ruhig schliefen. Ich nahm Kees oft mit auf die Jagd, und sobald er merkte, daß ich auf die Jagd gehen wollte, war er voller Freude. Unterwegs kletterte er dann gerne auf die Bäume, um Gummi zu suchen, das er sehr liebte. Zuweilen entdeckte er mir auch Honig im hintersten Winkel eines Felsen oder in einem hohlen Baume. Fand er aber weder Gummi noch Honig, und hatte er durch das Herum laufen starken Appetit bekommen, so hatte ich allemal einen sehr lustigen Auftritt. Er suchte sich dann Wurzeln, besonders eine gewisse Art, die auch ich zu seinem Nachtheile so erfrischend und wohlschmeckend fand, daß ich sie immer mit ihm theilen wollte. Allein Kees war listig. Sobald er eine solche Wurzel fand, und ich ihm nicht nahe genug war, um mir meinen Theil davon nehmen zu können, so fraß er sie in der größten Eile auf und sah mich dabei mit unverwandten Augen an. Er maß ordentlich den Weg ab, den ich bis zu ihm hatte, und ich kam alsdann sicher zu spät. Wenn er sich aber zuweilen in seiner Rechnung irrte, und ich eher bei ihm war, als er erwartet15 hatte, so suchte er die Wurzel geschwind zu verbergen; allein dann nöthigte ich ihn durch eine tüchtige Ohrfeige, mir meinen Antheil herauszugeben. Uebrigeus warf er deswegen keinen Groll auf mich, und wir waren wieder gute Freunde wie zuvor. Wenn Kees unterwegs müde ward, so stieg er aus einen meiner Hunde, der auch die Gefälligkeit hatte, ihn ganze Stunden lang zu tragen. Einer von den Hunden, der größer und stärker war, als die andern, wußte sich diesem Frohndienste auf eine vortreffliche Art zu entziehen. Sobald Kees ihm auf den Rücken sprang, blieb er stehen, und ließ uns vorbei, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Kees hingegen bestand auf sei nem Zwecke; allein wenn er uns beinahe aus dem Gesichte ver loren, so mußte er sich doch entschließen, wieder abzusteigen, und dann liefen der Affe und der Hund aus allen Kräften, um uns wieder einzuholen. Dieser aber ließ jenen voran und gab genau aus ihn Acht, um nicht wieder überrascht zu werden. Uebrigens hatte Kees ein gewisses Ansehen bei allen meinen Hunden. Wenn er fraß und ihm ein Hund zu nahe kam, so gab er ihm eine Ohrfeige, die denselben sogleich entfernte. Kees fürchtete — die Schlangen ausgenommen — sich vor keinem Thiere so sehr, wie vor Seinesgleichen. Zuweilen hörte er andere Assen in dem Gebirge schreien, und so er schrocken er war, so antwortete er doch darauf. Wenn sie aber näher kamen, so ergriff er mit einem erschrecklichen Ge schrei die Flucht, drängte sich uns zwischen die Beine und zit terte am ganzen Leibe. Man hatte viele Mühe, ihn zu be ruhigen, und er erholte sich nur nach und nach von seinem Schrecken wieder. Er verstand es vertrefslich, die Stricke an einem Korbe aufzuknüpfen, um Lebensmittel, besonders Milch, die er sehr gern trank, daraus hervorzuholen. Meine Leute züchtigten ihn, allein darum ward er nicht anders. Ich selbst peitschte ihn zuweilen; dann aber lief er weg und kam nicht eher zu meinem Zelte, bis die Nacht einbrach. Einstmalen wollte ich zu Mittag essen und legte die Bohnen, die ich mir gekocht hatte, auf einen Teller, als ich auf einmal die Stimme eines mir unbekannten Vogels hörte. Ich ließ das Essen stehen, griff nach der Flinte und war mit einem Sprunge zum Zelte hinaus. Nach einer Viertelstunde kam ich mit dem Vogel in der Hand zurück, fand aber auch nicht mehr eine einzige Bohne auf dem Teller. Kees hatte sie mir gestohlen und sich davon gemacht. Sonst pflegte er sich, wenn er so etwas begangen hatte, immer um die Zeit,16 wenn ich Thee trank, einzustellen und sich ganz unschuldig, als ob gar nichts vorgefallen wäre, an seinen gewöhnlichen Platz zu setzen; allein diesen Abend ließ er sich gar nicht Wiedersehen. Da ihn auch den folgenden Tag niemand zu Gesicht bekam, so sing ich an zu besorgen, daß er aus immer verloren sein möchte. Am dritten Tage aber sagte mir einer von meinen Leuten, der Wasser geholt hatte, Kees sei ihm in der Nähe zu Gesicht gekommen, habe sich aber sogleich versteckt. Augen blicklich machte ich mich auf und durchstrich mit meinen Hunden die ganze Gegend. Auf einmal hörte ich ein Geschrei, wie Kees es immer zu machen pflegte, wenn ich von der Jagd zurückkam und ihn nicht mitgenommen hatte. Ich blickte umher und sah endlich, wie er sich hinter den großen Zweigen eines Baumes zu verstecken suchte. Nun ries ich ihm freundlich zu und winkte ihm zu mir zu kommen. Allein er traute mir nicht, und ich mußte selbst auf den Baum klettern, um ihn zu holen. Er floh nicht und wir gingen zusammen nach meinem Lager zurück. Hier erwartete er nun sein Schicksal, allein ich that ihm nichts, weil es doch nichts geholfen hätte. Wenn ich von der Sonnenhitze verbrannt, von den Arbeiten des Tages ermüdet, mit Staub und Schweiß bedeckt mich nach dem schmutzigsten Pfützeuwasser sehnte, aber nach langem ver geblichen Suchen in dem ausgetrockneten Boden alle Hofsming verlor, so wich Kees keinen Schritt von meiner Seite. Wir entfernten uns bisweilen von dem Wagen, und dann führte ihn sein sicherer Geruch zu einer Pstanze. Ost war der Stengel weggedorrt; dann sing er an mit seinen Pfoten in die Erde zu kratzen; ich kam ihm dann mit einem Messer zu Hilfe, und wir theilten ehrlich die köstliche Wurzel, die er entdeckt hatte. Wenn in meinem Lager durch Nachlässigkeit oder Gefräßig keit gesündigt worden war, so wurde die Schuld immer zuerst aus Kees geschoben, und nur selten war die Anklage ohne Grund. Einmal wurden mir beständig die Eier gestohlen, die eine Henne legte. Ich wollte mich überzeugen, ob ich mich auch in diesem Falle an ihn zu halten hätte. Daher stellte ich mich eines Morgens auf die Lauer um zu warten, bis die Henne durch ihr Gackern verkündigte, daß sie gelegt habe. Kees saß gerade auf meinem Wagen; kaum aber hörte er das erste Gackern der Henne, so sprang er augenblicklich herunter, um nach dem Ei zu laufen. Als er mich sah, stand er mit einmal still, wiegte sich einige Zeit aus den Hinterbeinen hin und her und blinzte sehr einfältig mit den Augen, kurz er wandte alle17 List an, um mich zu täuschen. Sein heuchlerisches Treiben bestärkte mich aber noch mehr in meinem Argwohne. Um ihn zu täuschen, verstellte ich mich und kehrte dem Gesträuche, wo die Henne gackerte, den Rücken, und nun sprang er aus einmal schnell dahin. Ich lief ihm nach und kam gerade dazu, als er das Ei zerbrochen hatte und verschluckte. Ich prügelte den Spitzbuben auf der Stelle für seine That ab, allein das hin derte ihn nicht, wieder frische Eier zu stehlen. Der Affe ist wirklich ein Thier, das sich gar nicht an Zucht gewöhnt. Wenn er auch Dienste leistet, wie Kees mir oft that, fo hat er dabei nur immer sich und nicht seinen Herrn im Auge. Gewiß ist kein Thier so geschickt und listig wie er, allein wenn er etwas thun soll, so findet man ihn linkisch, dumm und ungeschickt. Nur durch öfteres Fasten und Schläge bringt man ihn dahin, ihn zu gewissen Künsten abzurichten. Hingegen ist es ganz unmöglich, ihm mehrere Natursehler abzugewöhnen. Er ist gefräßig, diebisch, jähzornig und rachsüchtig, und ein Lügner ist er nur deswegen nicht, sagen die Wilden, weil er nicht sprechen kann. Da ich nie ein Ei bekommen hätte, so richtete ich einen meiner Hunde ab, daß er, sobald eine Henne gackerte, nach dem Neste hinlies und mir das Ei unzerbrochen brachte. Allein Kees lief, wenn er das Gackern hörte, zugleich zu der Henne, und nun kam es darauf an, welcher zuerst am Platze war. Ost brachte es der Hund nicht. Trug er aber den Sieg davon, so kam er freudig aus mich zugelaufen und legte das Ei in meine Hände. Kees folgte ihm nach und hörte nicht auf zu brummen und ihm mit Grimassen zu drohen, bis ich das Ei in Empfang genommen hatte. Hatte Kees das Ei erhascht, so suchte er auf einen Baum zu springen, ver zehrte es da und warf die Schale ans seinen Nebenbuhler herab, als wenn er ihn necken wollte." Afrika. Weit gegen Mittag über dem Meere liegt ein großes Land, das heißt Afrika. Da möchtet ihr aber nicht wohnen, denn da gibt es gar gefährliche Thiere. Afrika ist die Heimath der Löwen, Tieger, Leoparden, Stephanien, Affen, der Krokodile und Schlangen, der Zebra's und Giraffen und anderer solcher böser Waare. Das Kameel, der Strauß, die Papa geien sind aber auch da zu Hause; mit diesen könnte man sich wohl besser unterhalten. Auch hört man gern, daß in Afrika das Gold in Menge vorhanden ist. Aber erst die Menschen in diesem Lande! die sehen gar schwarz aus und werden Mohren, Kinder-Convcrsations-Lcxikon. 218 Neger geheißen. Die Sonne scheint in diesem Lande brennend heiß, besonders ist dieß lästig in den großen Sandwüsten. Almosen. Die Güter des Glücks sind gar ungleich unter die Menschen vertheilt; einige Menschen leben im Ueber- flusse, aber unzählige leiden am Nothwendigsten. Viele sinken durch unverschuldete Ereignisse in Armuth, viele auch durch eigene Nachlässigkeit und Verschwendung. Der Reiche sollte nun einen kleinen Theil seines Ueberflusses in Almosen ver wandeln und dem Bettler, welcher in Lumpen gehüllt sich naht, mittheilen. Auch Kinder können diese schöne Tugend schon üben; o wie rührend ist es, wenn schon ein Kind mitleidig einem armen Manne von seinem Ersparten ein Almosen darbietet, oder einem arinen hungernden Kinde von seinem Brode mittheilt. Ich will euch hier ein Geschichtchen erzählen: Ein reicher Jüngling war sehr schwer krank. Als er wieder gesund wurde, ging er zum erstenmale in den Garten. Es war ein wunder schöner Frühlingstag. «Seine Seele war voll vom Lobe und Danke gegen Gott. Er wandte sein Angesicht zum Himmel und sprach: „O Gott, wie viel Dank bin ich dir schuldig? Was soll ich dir geben? Mit Freuden wollte ich dir ein Opfer des Dankes darbringen; allein du bedarfst keines Menschen; sondern du gibst allen Geschöpfen Alles, was sie bedürfen." Diese Worte des frommen Jünglings hörte ein ehrwür diger Greis. Er sprach zu demselben: „Von oben kommt jede Gabe. Dahin kannst du nichts senden; darum komm und folge mir!" Der Jüngling folgte dem alten Manne, und sie traten in eine dunkle Hütte. Welch großer Jammer und welches Elend war dort zu sehen. Der Vater, ein armer Holzhacker, lag krank darnieder, und acht kleine Kinder standen in ärmlichen Kleidern, mit blassen Gesichtern an seinem Bette und weinten. Die Mutter war vor einigen Tagen erst gestorben. Der Greis aber sprach: „Sieh', dieses ist der Altar für das Opfer deines Dankes." Der edle Jüngling that seine milde Hand aus und gab ihnen reichlich; er tröstete die Weinenden und speis'te die Hungrigen und bekleidete die Nackten. Die erquickten Armen segneten ihn und nannten ihn einen Engel des Herrn. Der fromme Greis aber sprach: „So handle inimer, mein Sohn! denn ein schöner Gottesdienst ist dieser: die Armen, Wittwen und Waisen zu besuchen, sie zu trösten, und ihnen Gutes zu thun."19 Recht hast du, liebes Kind! gethan, Nahmst gern du dich des Armen an; Es wird der Herr der Welten Dein Mitleid dir vergelten! Alpe. Lieber Otto! In dem Schweizer- und Tyroler- lande gibt es recht hohe Gebirge, man nennt sie Alpen. Ihre Spitzen reichen oft bis in die Wolken hinauf und sind mit ewigem Schnee und Eise bedeckt. Aber die Mitte des Gebirges ist reich an herrlichen, kräuterreichen Weiden und rings umher wohnen Hirten, die da auf der Alpe mit ihrer Viehheerde, seien es nun Kühe, Schafe oder Ziegen, ein gar heimliches Leben führen. Man nennt solche Hirten Sennen; die können gar gute Butter und Käse bereiten und so traulich singen und nüt dem Alphorne blasen. Gar oft bekommen die Hirten Besuch aus dem Thale. Man steigt gern zu ihnen hinauf und läßt sich frische Milch, Butter und Käse geben und ist in der ge sunden, reinen Gebirgsluft und bei der so weiten Fernsicht recht vergnügt und fröhlich. Einmal besuchte Jemand eine Alpe und wurde von der schönen Aussicht, von der großartigen Natur und der Allmacht und Güte und Liebe des Schöpfers so sehr begeistert, daß er folgendes Liedlein fang: Auf hoher Alp Wohnt auch der liebe Gott; Er färbt den Morgen roth, Die Blümlein weiß und blau, Und labet sie mit Thau. Auf hoher Alp ein lieber Vater wohnt. Auf hoher Alp Von kräuterreichen Höh'n Die Lüftlein lieblich weh'n, Gewürzig, frei und rein. - Mag's auch sein Odem sein? Auf hoher Alp ein lieber Vater wohnt. Auf hoher Alp Erquickt sein milder Strahl Das stille Wiesenthal; Des hohen Gletschers Eis Glänzt wie ein Blüthenreis. Ans hoher Alp ein lieber Vater wohnt. 2 "20 Auf hoher Alp Des Geisbachs Silber blinkt; Die kühne Gemse trinkt An jäher Felsen Rand Aus seiner hohlen Hand. Auf hoher Alp ein lieber Vater wohnt. Auf hoher Alp In Schaaren, weiß und schön Die Schaf und Zieglein gehn, Und finden 's Mahl bereit, Daß sich ihr Herze freut. Auf hoher Alp ein lieber Vater wohnt. Auf hoher Mp Der Hirt sein Heerdlein schaut; Sein Herze Gott vertraut, Der Geis und Lamm ernährt, Ihm auch wohl gern bescheert. Auf hoher Alp ein lieber Vater wohnt. Alpenleben. Herrlich ist das Leben des Aelplers bei schöner Witterung im Sommer, wenn die Gebirge im Glanze der Sonne strahlen und in den mannigfaltigen Farben spielen. Seine Brust athmet frei in der reinen erquickenden Luft; eine milde Wärme durchdringt feine Glieder und weckt ihn zu einer Munterkeit und fröhlichen Lust, welche ihn jeden bequemem Zustand vergessen läßt. Wer jemals einen schönen Tag aus den Alpen verlebt hat, begreift die Liebe, womit der Aelpler an seinen Bergen hängt. Aber freilich, wenn mitten im Som mer kalte dichte Nebel sich um das Gebirg lagern, wenn rauhe Winde Schneegestöber vor sich her jagen; dann verliert das Alpenleben seinen Zauber, und der Thalbewohuer steigt gern wieder in die Tiefe herab. Seit Jahrhunderten ist das Leben des Aelplers sich ziem lich gleich geblieben. Wie seit den frühesten Zeiten, so noch heut zu Tage, baut er seine Hütten aus rohen, übereinander- gelegten Baumstämmen, oder aus kunstlos zusammengefügten Steinen auf, und sorgt dabei so wenig für die Bequemlichkeit, daß er Wind und Regen kaum von seiner Schlafstelle abhält, und dem Rauch keinen andern Ausweg verschafft, als den er durch die zahlreichen Spalten und Oeffnungen von selbst findet. Eben so wenig hat der Aelpler in der Wirthschast und in seinem21 Hauptgeschäfte, der Käsebereitung, geändert. Ein Reisender entwirft uns solgende Schilderung der Alpenwirthschaft in Uri (Schweiz): Die einfache, gewöhnlich mit rothem Koth umgebene Hütte, welche oft mit dem Zufluchtsstalle für das Vieh unter einem Dache ist, bewohnen der Senn, der Zusenn und der Viehhüter oder Kuhgaumer. Der Senn führt die Oberaufsicht, macht den Käs, trägt ihn in den Speicher, und salzt ihn daselbst ein. Der Zusenn, auch Handknäbe genannt, bereitet den Zieger (eine magere, übrig gebliebene Käsmasse, die zur Nahrung dient), und reinigt die Geschirre. Er muß oft aus weiter Entfernung und mit großer Mühe das Holz herbeischaffen und dem Senn helfen, wo es nöthig ist. Der Viehhüter muß bei großer Hitze, wie bei stürmischem Unwetter das Vieh zusammeuhalten mtb achtgeben, daß keine Kuh an eine zu steile und gefährliche Stelle sich wage. Weiden diese am sichern Ort, so kann er stundenlang in schöner Aussicht daliegen, in's Land hinaus schauen, und nach Herzenslust jodeln. Alle haben außer ihrem Lohne noch freie Kost, die aus Milch, Käse, Zieger, Milchbrei und Milchreis besteht. . Die Tagesordnung dieser Aelpler ist fast für jeden Tag die gleiche. Morgens 4 Uhr erheben sie sich von ihrem Lager und schicken sich zum Melken an; dann wird gekäset, dem Vieh Salz gegeben, die Schweine mit Molken getränkt, und damit auch die Geschirre gereinigt, aufgeräumt u. s. f. Nun trägt der Senn, nachdem er gespeist, den Tags zuvor gemachten Käs in den Speicher, hilft dem Handknaben nach Bedürfniß Holz spalten, Heu sammeln, Gränzmauern ausbessern u. s. w. Der Abend bringt dieselben Beschäftigungen wie der Morgen. Bei einbrechender Nacht geht einer vor die Hütte hinaus und singt, nach allen vier Weltgegenden sich drehend, ein Gebet, während dessen die Hirten und die oft im Freien übernachtenden Wild schützen, so weit es gehört wird, im Stillen ein paar „Vater unser" beten. Dieser Ruf ersetzt in den Alpen die Alpenglocken, welche in den Thälern zum Dankgebet für den durchlebten Tag aufrufen, und dient auch, um von der Nacht überraschte Ver irrte zur gastfreundlichen Hütte hinzuleiten. Ist nun Alles beendigt, so besteigen die Hirten die Diele, wickeln sich in ein Leintuch oder eine Decke und werfen sich auf kurzes, borstiges Alpenheu, wo sich ein gesunder Schlaf bald ihrer Sinne bemächtigt und sie zur Arbeit des kommenden Tages stärkt. Der Kuhgaumer darf erst zu Bette, wenn die Kühe an sicherer Stelle versammelt sind.22 Alp enp äffe. Eine so ungeheure Gebirgskette, wie die Alpen, kann nicht nach Belieben überschritten oder gar mit Fuhrwerk passirt werden. Auch die niedrigsten Stellen des Gebirgskammes sind immer noch so hoch, als die höchsten Gipsel im Innern von Deutschland, dazu den größten Theil des Jahres mit Schnee bedeckt und von den aus den noch höheren Regionen herabstürzenden Lawinen bedroht. Deßhalb hat man von den ältesten Zeiten an sorgfältig diejenigen Gebirgspsade ausgesucht, welche am ersten eine gefahrlose Passage zuließen. Doch war kaum eine einzige Alpenstraße aus Deutschland oder der Schweiz nach Italien von Natur fahrbar, sondern nur für Fußgänger und Lastthiere zugänglich. Seit den Zeiten des Kaisers Napo leon I. hat man jedoch angefangen, durch Kunst möglich zu machen, was die Natur versagt hatte. Und die schönste und bewunderungswürdigste dieser Kunststraßen ist von der öster reichischen Regierung angelegt worden über das Stilsser Joch, aus Tprol nach Italien. Sie hat nur mit der ungeheuersten Anstrengung und den außerordentlichsten Kosten hergestellt wer den können, ist aber jetzt auch trotz der Höhe von mehr als 8000 Fuß über dem Meere so vollkommen fahrbar, daß leichtes Fuhrwerk sogar im Trabe gehen kann. Natürlich hat es dazu sehr vieler Krümmungen und Schlangenlinien bedurft. Gegen die Lawinen sind die Reisenden durch sogenannte Galerien geschützt, welche entweder aufgemauert oder in den Felsen ge sprengt sind, und worüber die Lawinen hinausrutschen. Auch fehlt es nicht an Häuschen, sowohl zum Aufenthalte der Leute, welche den Schnee wegzuräumen haben, als auch zum Schutze für Reisende, welche von einem Ungewitter überfallen werden. Denn da sich die Höhe bis über die Gränze des ewigen Schnees erhebt, so ist man davor auch im Sommer nicht sicher. Eine dieser Herbergen, welche zugleich Zoll- und Posthaus ist und 77OO Fuß hoch liegt, dürfte wohl der höchste bewohnte Punkt in Europa sein. Dicht neben dieser Straße erhebt sich der majestätische Orteles in die Wolken, von glänzenden Gletschern umgeben. Obgleich dieser Berg nach den neuesten Messungen nicht viel über 12,000 Fuß hoch ist, so bleibt er doch der höchste aller Berge aus deutschem Boden und feine Ersteigung ist fast schwieriger als die des um dritthalbtausend Fuß höheren Mont blanc. In neuester Zeit baut man auch die Eisenbahn über die Alpen, über die höchsten Gebirge. Die Bahnen über den Sem-23 mering, über den Brenner und über den Mont Cent sind schon länger dem Verkehr übergeben. An der St. Gotthardsbahn wird gegenwärtig gebaut. Alpenrose. Als Königin der Alpenpflanzen ist längst schon mit vollem Rechte die herrliche Alpenrose bezeichnet wor den, die oft besungene und gefeierte: „Ein Blümchen blüht in Lieblichkeit Auf hoher Alpen Rücken, Es weiß der Myrthe dunkles Kleid Mit Rosenroth zu schmücken." Sie, die Alpenrose (Alpenröschen) gewährt einen wahrhaft zau berhaften Anblick, wenn ihre Sträncher ganze Felsen- und Rasen partien mit ihren buchsartigen saftgrünen Blättern bekleiden, aus denen die zierlich gebildeten, karminroth leuchtenden Glocken- ftrüußchen und braunen Knospenzapfen sich so freundlich ab heben. Mit wahrer Wonne begrüßt der müde, keuchende Wanderer den ersten Alpenrosenstrauch, und eilt trotz aller Erschöpfung im Fluge zu dem Felsen empor, von dem die Röschen ihm die lächelnden Grüße der Alpennatur zuwinken. Wie oft begleitet sie mit ihrer ewigen Anmuth ihn mitleidig durch grause Felsenlabyrinthe und verkündet ihm Leben und volles Genüge in einer öden Welt von grausenhaften Stein trümmern! Ueberall gleich reizend dekorirt sie das tausend fältig wechselnde Land ihrer Heimath und glüht bald als einzelne Rosenflamme über dem polternden Sturz des Eisbaches, bald überzieht sie die ganze Fläche des Berges, der sich mit seinem Purpurteppich im Spiegel des Alpsees malt, oder streut ihre Blüthen gesellig in den vielfarbigen Flor der Alpen. Gleich freundlich wie dem Menschen, dem sie oft, wenn er unaufhalt sam dem Abgrunde zugleitet, ihre rettenden Stauden entgegen streckt, und ihm in bitterkalten Sommertagen willig zum Feuer herde folgt, bietet sie im harten Winter dem Volke 0er Alpen hühner ihre zarten Sprossen und Knospen, um es vor dem nagenden Hunger zu schützen. Die reizende Königin der Alpenblumen (das Alpenröslein) ist von einem glänzenden Hofstaate (d. i. von vielen andern Blumen) umgeben, von denen keine es wagt, mit ihr um die Gunst des Menschen zu werben, so bunt, so reich sie auch ge schmückt sind. Daher sagt der Dichter Matthison:Hier, wo die Heerde läutend Im Blumengrase geht, Und Wohlgeruch verbreitend, Die Bergluft milder weht; Wo von der Enziane Und Anemon' umblüht, Auf seidenem Rasenplane Die Alpenrose glüht. In einem andern Gedichte sagt derselbe Dichter: Die Alpenros' auf Bernhardts wilden Höh'n Glüht einsam oft an schwarzer Klüfte Moos, Und senkt der Schönheit Purpur nngeseh'n, Vom Sturm entwurzelt, in der Fluchen Schooß, Ein neuerer Dichter sagt vom Alpenröslein: Nicht alle Menschen rennen Das Alpenröselein: Es sproßt so gar hoch oben Auf hartem Felsenstein. Da mag's nicht Jeder holen, So schön und lieb's auch ist. Doch wahr ist, daß dem Finder Die Müh' es wohl versüßt. Mit seinen rochen Blümlein Lacht es ihn freundlich an, Und pflückt er's, so erfreut es Daheim noch lang ihn dann. Denn stark sind seine Blätter Und standhaft ist sein Roth; Erst nach geraumer Weile Wird seine Frische todt. Man trug auch mit den Wurzeln Dies Röslein schon herab, Und pflanzt' es in den Gärten, Daß man es näher Hab'. Jndeß dies war vergebens, Es wurzelte nie ein:2o Der Alpenrose Heimath Will nur auf Bergen sein. So auch die wahre Freude. O Mensch, du bist ein Thor, Suchst du sie dir hier unten, — Zum Himmel ring' empor! Ring' auf, ring' auf zum Himmel, Wenn's auch gar felsig ist! Dort blüht ein Alpenblümlein, Das alles Leid versüßt. Ja, ja, das schönste Röslein, Das wächst auf Himmelshöh'n. Die wird kein Fußtritt reuen, Die einst dies Röslein seh'n. Alp-Horn. In den Alpenbezirken der Schweiz, in denen die Bewohner zerstreut als Hirten wohnen, herrscht eine schöne, fromme Sitte, welche den Hirten einigen Ersatz für das gesellige Leben in ihrer Einsamkeit verschafft. Wenn die Sonne das Thal verlassen hat, und ihre letzten Strahlen nur noch schwach die schneeigen Gipfel der Berge vergolden, dann nimmt der Senne (Hirt), dessen Hütte auf dem höchsten Punkte des Gebirges liegt, sein Alphorn und ruft, wie durch ein Sprach rohr: Lobt Gott den Herrn! Alle benachbarten Hirten, an der Thüre ihrer Hütte stehend, wiederholen der Reihe nach den Schall, so wie sie ihn vernehmen, und so ertönt oft eine Vier telstunde lang von Fels zu Fels, von Tiefe zu Tiefe, sich in immer weitere Ferne verlierend, das Echo: Lobt Gott den Herrn! Eine feierliche Stille folgt den letzten Tönen des Horns, und dann fallen alle Hirten mit entblößtem Haupte und frommer Andacht auf die Knie nieder. Und wenn endlich die Finsterniß die Berge umhüllt, erschallt das Horn von Neuem mit einem traulichen: „Gute Nacht!" und in Frie den ziehen sich nun die Hirten in ihre einsamen Wohnungen zurück, um auszuruhen von den Mühen des Tages. Ambos. Du bist gewiß schon in eine Schmiede ge kommen und hast den Schmied, den schwarzen, bewundert, wie er mit einer großen Kraft und Stärke den schweren Hammer auf das glühende Eisen fallen läßt. Dieses glühende Eisen26 legt er auf einem großen, kalten Eisenstocke, der in einem Holzblocke befestigt ist, und Ambos genannt wird, auf, und schmiedet darauf Ackergeräthe, Pslugschaaren, Hanen, Beile, Aexte, Hufeisen, Hämmer, Schaufeln, Ketten, Radschienen und andere grobe Werkzeuge, die ihm alle theuer bezahlt werden. Ameise. Bewunderungswürdiges Thierchen! — Sie haben mit den Bienen große Aehnlichkeit, namenlich was Fleiß, Thätigkeit und Zusammenwirken betrifft. — Durch ein einzelnes Weibchen werden jährlich mehr als 6000 Eier, die man Amei seneier nennt, ausgebrütet. Diese Ameiseneier werden in den sogenannten Ameisenhaufen niedergelegt und da von den Ameisen mit großer Sorgfalt gepflegt, damit ihnen weder Sonnenhitze, noch Nässe oder Kälte schade. Ihre ganze Kraft und Thätig keit entwickeln sie, wenn muthwillige Kinder oder ein nicht zu beseitigender Umstand ihre Haufen zerstören. Die armen Eier werden zuerst in Sicherheit gebracht. Zu Tausenden finden sie sich augenblicklich ein und tragen die Eier nach allen Rich tungen fort, indem sie dieselben anbeißen. Bald kehren sie zurück, um wieder andere zu holen. — Das ist eine Geschäf tigkeit, eine Angst, eine Sorge! — Fremden oder vertriebenen Ameisen ist es nicht zu rathen in eine Ameisenwohnung eiuzu- dringen; denn ohne alle Nachsicht müßten sie solches Eindringen mit dem Leben büßen. Trifft es sich, daß in einem Hausen ihrer zu viele werden, so muß ein Theil der jüngern auswan dern und eine neue Wohnung anlegen. Noch könnet ihr merken, daß die Ameiseneier als Futter für die Vögel verwendet werden und manche Vögel dieselben als eine sehr delikate Speise lieben. — Die Ameisen sind also sehr emsige und unermüdliche Thiere. Auch können die Ameisen dem Menschen gefährlich werden und lassen sich nicht ungestraft von ihm beleidigen. Drum lasse sie im Frieden, und bedenke, daß es eben so garstig ist, wenn Knaben den wehrlosen Vögelein die Jungen wegnehmen, als wenn sie muthwillig ein Ameisennest zerstören. Es bleibt auch nicht ungestraft, wie du das aus dem schönen Gedicht, das ich dir hier beilege, lernen kannst. Der Knabe und die Ameisen. Ein Knabe, der gern müßig ging, doch manchen tollen Streich anfing, war einstens in den Wald gelaufen, und kam an einen Ameisenhaufen.27 Hei! wie's da durcheinander wuselt! wie jedes Thierchen eilig fußelt! Sie tragen ohne Rast und Ruh' Dem Hausen Sand und Nadeln zu. Wie sind die Thierchen so vergnügt! Ihr Bau ist hoch und wohlgesügt, Stock- über Stockwerk ausgeschichtet, und innen trefflich eingerichtet. Sie haben Nägel nicht, noch Klammern, doch steh'n die vielen hundert Kammern und Gänge fest und wohlverwahrt. Es war ein Ban der schönsten Art. Der Knabe schaute lang in Ruh' Dem Treiben dieser Thierchen zu. Was hat der Träge wohl empfunden bei diesem kleinen Volk da unten? Hat.ihn das Kunstwerk hingewiesen aus Gott, so daß er Den gepriesen? Trieb ihn der Thierchen reger Fleiß, fleißig zu werden gleicherweis? Nichts dachte er von allem dem, er war dazu viel zu bequem. An dem, was er daraus vollbrachte, mögt ihr ersehen, was er dachte. Was die gebaut mit großem Fleiße, hat er zerstört nach Bubenweise, zerstreut hat er mit einem Tritt den Haufen, Thier' und Eier mit. Doch sieh' der böse Bubenstreich bestrafte sich auch allsogleich. Die Kunst den Thierchen anerschasfen, gab ihnen auch Vertheid'gungswaffen. Im Augenblicke sind die Kleider, Kops, Hände, Nacken und so weiter, kurzum, der Knabe, wie er steht, ganz mit Ameisen übersä't.28 Da gab es manchen Biß und Stich. Der Knabe tobt' und wehrte sich, allein es war nicht loszukommen, gar übel ward er mitgenommen. Wie laut ist sein Geheul erschollen! Er kam nach Haus ganz aufgeschwollen, und klagt mit lautem Wehgeschrei was ihm im Wald begegnet sei. Da sprach die Mutter: „Sieh', mein Sohn, das ist der bösen Buben Lohn; kannst du so kleine Thierchen plagen, so magst du auch- die Strafe tragen!" Ameisenarten. Lieber Bernhard! Im vorhergehen den Artikel hast Du einiges über Ameisen, die es bei uns gibt, gelesen; in diesem Briefe will ich Dir aber einige Ameisen arten aufführen, die man nicht bei uns findet. In Südamerika lebt eine Ameise/welche man die Besuchs ameise nennt, weil sie alle zwei oder drei Jahre die Häuser eines Dorfes oder einer Stadt besucht. Sie ist fast so groß wie eine Wespe und lebt von Spinnen, Wanzen, Schaben und andern Insekten. In manchen Gegenden kommen jährlich ein mal unzählige Schwärme dieser Ameisen in die Häuser. Man öffnet diesen Gästen die Zimmer, ja sogar die Schränke und Kisten. Sie laufen dann hausenweise von einem Zimmer in das andere, tödten und verzehren alle großen und kleinen In sekten, ja sie greifen sogar Ratten und Mäuse an und saugen ihnen den Saft aus. Haben sie ein Haus gereinigt, so ziehen sie in das nächste und suchen es auch durch. Wenn ein Mensch so undankbar sein und sie ärgern würde, so würden sie über ihn herfallen und würden ihm Schuhe und Strümpfe in Stücke zerreißen. Ebenso kommt auch die fuchsrothe Hausameise hau fenweise in die Häuser. Findet sie eine Küchenschabe, eine Kellerassel, eine Spinne oder ein anderes Insekt aus dem Boden, so schleppt sie es unbarmherzig fort. Selbst große noch halb lebendige Eidechsen schleppen diese Ameisen mit vereinten Kräften davon. Dabei fressen sie aber auch alle Lebensmittel auf und besudeln sie. Kommen ihnen andere Ameisen in den Weg, so gibt es einen Kampf. Sie packen dieselben wüthend an, bäumen sich Brust gegen Brust gerichtet und kneipen mit den Kiefernso heftig, daß Beine und Fühlhörner überall herumliegen. Im mer mehr sechsbeinige Fußgänger nehmen an dem Kampf Theil, das Schlachtfeld wird mit Todten und Verwundeten bedeckt. Endlich kommen auch die geflügelten Männchen und Weibchen ihren Arbeitern zu Hilfe, und diese fliegende Reiterei fängt einen eben so wüthenden Kampf in der Luft an, der so lange dauert, bis eine Parthie die Flucht ergreift. Wirft man etwas heiße Asche auf das Schlachtfeld, so zerstreuen sich die Kämpfer augenblicklich. Noch ärger als die Hausameise ist die Zuckerameise, welche man so nennt, weil sie ihr Nest gewöhnlich unter die Wurzeln des Zuckerrohrs macht. Dadurch verwelken nicht bloß die Blätter des Zuckerrohrs, sondern ganze Stöcke verdorren und fallen um. Das ist aber nicht der einzige Schaden, den sie stiften. Die geflügelten München und Weibchen greifen zuweilen das Vieh in solcher Menge an, daß es von ihren Stichen umstürzt und stirbt. Ja, diest Ameisen haben sogar schon Negerkinder umgebracht, wenn die Mütter etwas Milch oder Honig an den Kleidern oder im Gesichte nicht abgewischt hatten. Sie sind so muthig, daß sie selbst das Feuer nicht fürchten. Wenn sich gleich die ersten verbrennen, so dringen doch immer neue Haufen nach, bis das Feuer endlich unter dem Haufen todter Ameisen auslöscht. Die andern ziehen dann über diesen Leichenhausen weg. Nun lieber Bernhard, Du siehst aus diesen Beispielen, daß es unter dem Volk der Ameisen zwar sehr emsige und un ermüdliche, aber auch sehr wüthende und grausame Stämme gibt, welche nicht bloß um der Nahrung willen, sondern auch aus andern Ursachen grausame Kriege führen. Ebenso siehst Du daraus, daß die Ameisen auch den Menschen gefährlich werden können, und sich nicht ungestraft von ihm beleidigen lassen. Darum lasse sie in Frieden und störe sie nicht! Lebe wohl! Ameisenlöwe. Lieber Franz! Unlängst war ich in einem Walde, und hatte die Freude, am Fuße eines Baumes ein Thierchen zu finden, welches die Naturforscher den Amei senlöwen nennen. Ich nahm mehrere solche Thierchen mit und schicke Dir hier eines in dieser Schachtel, damit Du es genau betrachten kannst. Einem Löwen sieht es nicht gleich, wohl aber einer Wanze. Bemerke besonders die mörderische Zunge, welche am Kopfe dieser Löwenwanze steht! Damit ergreift sie die Ameisen und saugt sie aus.30 Weil der Ameisenlöwe aber nicht laufen kann, sondern immer wie ein Krebs rückwärts unter den Sand kriecht, so würde er nie eine Ameise erhaschen, und der Hunger würde ihn tödten. Lieber Franz! Du kannst auch in diesem kleinen Thierchen lernen, wie der Schöpfer keines von seinen Geschöpfen vergißt. Hat der Ameisenlöwe auch keine schnellen Beine, so hat er doch eine Kunst gelernt, mit der er die schnellste Ameise sicher erhascht. Er macht nämlich in seinen Sand eine Grube, die einem kleinen Trichter gleich sieht. Diese Grube ist fast so rund, als hätte man sie mit einem Zirkel abgemessen. Nun mache aus freier Hand einen Kreis auf den Tisch, und sieh, ob er rund ist; mache zwanzig und dreißig solche Kreise, es wird keiner ganz rund sein. Und doch macht der Ameisenlöwe einen solchen runden Kreis in den Sand. Dieses Thierchen kann also eine Kunst, welche Du nicht kannst. Wie macht aber der Ameisenlöwe seine Grube? Er braucht dazu keine Hacke und keine Schaufel. Die Füße sind seine Hacke und der Kopf ist seine Schaufel. Er fängt an, im Kreis herum zukriechen, und macht auf diese Weise mehrere Kreise in den Sand. Zuletzt setzt er sich in den Mittelpunkt, und was thut er nun? Mit seinem Fuß schaufelt er Sand aus seinen platten Kopf, und schnellt ihn hinaus; schaufelt wieder Sand aus den Kopf und schnellt ihn wieder hinaus. Bisweilen stößt er bei dieser Arbeit auf einen Stein, den er nicht mit dem Kopf Hin ausschleudern kann, weil er zu schwer ist. Was thut er da? Er lädt den Stein auf den Rücken und steigt langsam zur Grube hinaus. Schon hat er ihn an den Rand gebracht, da fällt der Stein von seinem Rücken herab und rollt wieder in die Grube hinein. Doch der Ameisenlöwe läßt sich nicht irre machen. Er lädt den Stein wieder aus den Rücken und steigt wieder vorsichtig zur Grube hinaus. Allein der Stein fällt zum zweitenmale hinunter, und der Ameisenlöwe trügt ihn zum drittenmale hinauf. Und siehe da! er bringt ihn glücklich hin aus. Zuweilen muß er den Stein sechs bis siebenmal auf laden und bringt ihn doch nicht hinaus. Da muß er dann freilich eine neue Grube machen. Hat er aber den Stein glücklich hinausgebracht und hat er seine Grube fertig gemacht, so setzt er sich hinein, nicht auf den Sand, sondern unter den Sand. Rur seine Zunge reckt er hervor und sperrt sie weit aus. Kommt nun eine Ameise an den Rand der Grube, so rutscht sie auf dein seinen Sand, der die Wände bedeckt, hinuuter. Sogleich schließt der Ameisen-löwe seine Zange und saugt die Ameise aus. Doch geschieht es zuweilen, daß die Ameise seinen mörderischen Zangen ent wischt und wieder zur Grube hinaus will. Sogleich nimmt er eine Ladung Sand auf seinen Kopf und schleudert ihn auf die Ameise. Diese kann sich nicht erhalten, fällt in die Grube zurück und wird von ihm ergriffen. Hat er alle Säfte aus gesaugt, so nimmt er den Balg auf den Kops, wirft ihn hinaus und bessert seine Grube aus. So lebt der Ameisenlöwe zwei Jahre, kriecht dann unter den Sand, spinnt sich aus Sand körnlein ein rundes Häuslein, das so groß ist wie ein Klucker, verpuppt sich darin und bricht in wenigen Tagen als fliegendes Insekt hervor, das man die Ameisenjungfer nennt. Lebewohl! Amerika. Gingen wir immer gegen Abend, so kämen wir an das Meer, und würden wir auch da, zu Schiffe näm lich und immer in derselben Richtung unsere Wanderung sort- setzen, so sähen wir in 14 Tagen das große, große Land Amerika. Dieses Land hat die größten Seen, die stärksten Ströme und die höchsten Gebirge der Welt. Der durchaus fruchtbare Boden bringt die prächtigsten und nützlichsten Ge wächse hervor, als Reis, Kaffe, Indigo, viele Apothekerwaaren, besonders die nützliche Chinarinde. Alle Arten Thiere sind da zu treffen; ich will hier nur der wundernetten Kolibri's er wähnen. Was mir nicht so sehr gefällt, ist, daß die Euro päer, denen das ganze, große Land gehört, mit den eingebornen, rechtmäßigen Amerikanern, die man Indianer nennt, so gar- grob verfahren, und sie in das Innere des Landes, in die Gebirge und Wälder verdrängen oder wohl gar, was in vielen Gegenden schon geschehen ist, tödten. Laßt euch erzählen, wie Amerika entdeckt wurde, und wer es entdeckt hat! Reise und Entdeckung. Europa, Asien und Afrika sind drei zusammenhängende Erdtheile. Ein großes Land im östlichen Asien heißt Indien. Dieses Land zeichnet sich durch Fruchtbarkeit und die Vortreff lichkeit seiner Produkte aus. Man brachte indische Waaren über Konstantinopel oder Egypten nach Europa. Später fand man auch den Weg zu Wasser nach diesem gesegneten Lande, nämlich um die Südspitze Afrikas herum. Aber diese Reisen, mochte man sie zu Land oder zu Wasser machen, waren sehr langwierig, und die Waaren wurden dadurch sehr theuer.Da kam Christoph Columbus, ein geborener Genuese, aus den Gedanken: „Wie, ist die Erde nicht eine Kugel, und muß sie sich nicht von Westen nach Osten umschiffen lassen? Da Indien im Osten Asiens liegt, käme man nicht vielleicht in viel kürzerer Zeit dahin, wenn man über das westliche Meer führe?" Portugiesische Seefahrer hatten schon Pflanzen, bear beitetes Holz, ja sogar Leichname von nie gesehener Gestalt und Farbe aus dem Westen herschwimmen sehen. Zudem war es dem denkenden Columbus unglaublich, daß die ganze West seite der Erdkugel mit Wasser bedeckt sein sollte. „Gewiß", dachte er, „wenn man nur immer nach Westen hinführe, man würde bald Land entdecken." Er wandte sich mit der Bitte, ihm Schiffe zu einer Ent deckungsreise zu geben, an Genua, dann nach England. Aber man wollte von seinem Plane nichts wissen. Endlich nach acht zehnjährigem Harren bewilligte ihm die Königin Jsabella von Spanien drei Schiffe, mit denen er am 3. August 1492 seine Reise antrat. Bald war alles Land den Schiffenden ent schwunden. Entsetzlicher Zustand für Menschen, die sich zum ersten Male von der ganzen lebendigen Welt abgeschnitten auf einem Gezimmer von Balken und Brettern den wilden Wogen Preis gegeben sahen! Doch Columbus flößte ihnen durch seine eigene Ruhe Bewunderung und Vertrauen ein. Aber die Angst der. Verzagten wird mit jedem Tage größer. Hin und wieder stellte sich Anlaß zur Hoffnung ein. Man sah unbekannte Vögel, aber man wußte nicht, daß die Seevögel viele hundert Seemeilen weit fliegen. Einmal war die See mit grünem Meergrase so bewachsen, daß die Schiffe im Lauf fast aufge halten wurden. Aber Gras und Vögel verschwanden nach einigen Tagen wieder, und die armen verlassenen Menschen sahen sich von Neuem ans dem weiten öden Ocean allein. Jetzt drohte die Furcht der Verzagten ihrem Führer und seinem Un ternehmen die höchste Gefahr. Da verlangte er von ihnen noch drei Tage Frist; sähe man dann kein Land, so wolle er um kehren. Sie gehen dieß ein. Am folgenden Tage erreichte das Senkblei Grund; Rohr und ein Baumast mit rothen Beeren kommen angeschwommen, und Landvögel umflattern die Masten, aber die Sonne geht unter, und noch sieht man kein Land. Erwartungsvoll steht Columbus da, über das weite Meer hin schauend, ob sich dem freien Blick nicht aus der Ferne eine Küste zeigen werde. Endlich zwei Stunden vor Mitternacht sieht er in der Ferne ein Feuer und — Land! Land! erscholl33 es aus jeher Brust; man stürzte einander in die Arme, alle weinten vor Freude und baten knieend den Columbus um Ver zeihung. Ein neuer Erdtheil war aufgefunden! Landung. Es war am 12. Oktober des Jahres 1492, als Columbus die neue Welt zum ersten Male erblickte. Bei Tagesanbruch sah er eine Insel vor sich liegen, die an Schönheit einem Gar ten glich. Dörfer oder angebaute Felder konnte man zwar nicht bemerken, bald aber sah man Einwohner sich neugierig der Küste nähern. Da standen sie und sahen voll Erstaunen die drei Seeschiffe an. Mit Grauen beobachteten sie die Bewegung ihrer großen Segel. Columbus ließ nun die Anker auswerfen und die Boote ins Wasser setzen. Ganz in Scharlach gekleidet und mit der königlichen Fahne in der Hand bestieg er ein Boot und fuhr mit seinen Leuten ans Land. Alle bewunderten mit herzlicher Freude die prächtigen Wälder, die unbekannten Bäume und Früchte, welche über das Wasser herab hingen, lobten die reine und liebliche Lust, die ihnen entgegenwehte und sie nach einer so mühseligen Reise erquickte. Besonders war Columbus tief gerührt über den glücklichen Ausgang der Fahrt. Sobald er an's Land gestiegen war, siel er aus die Kniee nieder, küßte die Erde und dankte Gott unter heißen Thrünen für seinen Beistand. Als die Wilden den Columbus und seine Leute mit ihren Fahnen und Waffen an's Land fahren sahen, da flohen sie vor Schrecken alle in die Wälder zurück. Sobald sie indessen merk ten, daß sie Niemand verfolge, kamen sie langsam wieder zurück. Zum Zeichen der Ehrfurcht warfen sie sich häufig auf die Erde nieder. Endlich verschwand ihre Furcht ganz; sie gingen zu den Spaniern hin, berührten ihre Bärte, betasteten ihre Hände und Gesichter und bewunderten ihre weiße Haut. Niemand störte ihre Betrachtungen; sie glaubten, diese gütigen Wesen seien aus dem klaren Himmelsgewölbe herabgekommen und seien Bewohner der Lüfte. Mit demselben Erstaunen betrachteten die Spanier diese Wilden. Sie waren ganz nackt, von kupfer- brauner Farbe und hatten ihren Leib bemalt. Sie waren mit Lanzen bewaffnet, die eine Spitze von Steinen, Zähnen oder Fischgräten hatten. Columbus ließ bunte Tücher, Glasperlen, Schellen und andere Kleinigkeiten unter sie austheilen; sie hin gen die Perlen um den Hals und hörten mit Entzücken den Klang der Schellen. Die Spanier blieben den ganzen Tag Kinder-Conversations. Lexikon. Z34 am Lande und erquickten sich im Schatten der Bäume. Erst spät am Abend kehrten sie aus ihre Schiffe zurück. Am andern Morgen war eine große Menge Wilder zusam mengekommen. Einige schwammen aus die Schiffe zu, andere ruderten in Kähnen herbei, die sie von ausgehöhlten Baumstäm men gemacht hatten. Sie wollten mehr von dem Spielzeug haben, womit sie gestern von den Spaniern beschenkt worden waren. Dagegen brachten sie zahme Papageien, baumwollenes Garn und Kuchen, die sie aus der Juckawurzel bereitet hatten. Selbst das Gold, das einige zur Zierde an der Nase trugen, gaben sie für Glasperlen und Schellen hin. Strandung eines Schiffes. Am Abend des 20. Dezembers kam Columbus in einer Bai der Insel Hispanola an. Die Eingebornen schwammen zu den Schiffen herüber oder ruderten in ihren Kähnen heran. Sie brachten viele unbekannte Früchte von herrlichem Gerüche und gewürzhastem Geschmack. Dabei waren sie so einfältig und gutwillig, daß sie selbst ihren goldenen Schmuck umsonst hergaben. Auch mehrere benachbarten Kaziken oder Häuptlinge besuchten die Schiffe, brachten Geschenke und luden die Spanier zum Besuche eiu. Am 23. Dezember ruderte ein langes Fahrzeug auf das Schiff zu, das der Kazike Guacanagari gesandt hatte. Ein vornehmer Diener überreichte dem Columbus zum Geschenk einen breiten, mit farbigen Steinen und Knochen durchwirkten Gürtel. Zugleich ersuchte er denselben, der Stadt des Kaziken gegen über zu landen. Da Columbus diese Einladung nicht sogleich annehmen konnte, so schickte er mehrere seiner Leute an Gua canagari ab. Dieser empfing sie sehr ehrenvoll und schenkte jedem ein baumwollenes Kleid. Die Einwohner brachten Le bensmittel und Erfrischungen aller Art herbei und führten die Spanier in ihre Häuser. Der Kazike hätte sie wohl die ganze Nacht bei sich behalten, wenn sie nicht hätten wieder zu rückkehren müssen. Er gab ihnen Papageien und Goldstücke für Columbus mit. Viele von den Eingebornen begleiteten sie und trugen ihnen die Geschenke und leisteten ihnen alle mög lichen Dienste. Am 25. Dezember wollte Columbus nach der Stadt des Kaziken schiffen. Allein die Strömung trieb das Schiff auf eine Sandbank, daß man es nicht mehr flott machen konnte. Sogleich sandte Columbus Boten zu Guacanagari, welche ihn35 von dem Unfall benachrichtigten. Guacanagari mar darüber sehr betrübt und vergoß sogar Thränen. Er schickte den Spaniern sogleich eine Menge Kähne, vermittelst welcher alles, was das gestrandete Schiff enthielt, gerettet wurde. Guacanagari selbst, seine Brüder und Verwandten hielten strenge Aufsicht über die Sachen, welche an's Land gebracht worden waren. Von Zeit zu Zeit sandte er Leute an Columbus, die ihm sein Beileid bezeigen und ihn wegen des Unfalls trösten sollten, mit der Ver sicherung, daß ihm alles zu Gebote stehe, was sie besäßen. Die Sachen, welche man aus dem gestrandeten Schiffe rettete, ließ er in der Nähe seiner Wohnung niederlegen und die ganze Nacht bewachen, bis man für sie drei Häuser eingerichtet hatte. Niemand versuchte auch nur eine Kleinigkeit zu entwenden. Besuch von einem Kaziken. Am 26. Dezember kam Guacanagari selbst zu Columbus auf das Schiff. Die Traurigkeit, welche er letzterem ansah, bewegte den edlen Wilden so, daß er Thränen vergoß. Er gab dem Columbus noch einmal die Versicherung, daß er ihm alle erdenkliche Hülse leisten wolle. Unterdessen war ein Kahn mit Indianern angekommen, welche Goldstücke gegen kleine Schellen vertauschen wollten. Denn die Schellen liebten die Indianer über Alles. Die Nachricht erheiterte das Gesicht des Colum bus wieder. Guacanagari bemerkte das und fragte nach der Ursache seiner Erheiterung. Als er hörte, das Columbus nach Gold begierig sei, gab er ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er dort zwischen den Bergen eine Gegend kenne, wo man Gold im Uebersluß finde. Von dort wolle er ihm eine große Menge verschaffen. Guacanagari speiste auf dem Schiffe und lud den Columbus zu einem Gegenbesuche ein. Columbus aß also am folgenden Tag bei Guacanagari. Man trug Kaninchen, Fische, Wurzeln und verschiedene Früchte aus. Nach der Mahlzeit führte Guacanagari den Columbus in seine Gärten. Sie wur den von mehr als tausend nackten Indianern bedient, die im Schatten der Bäume verschiedene Tänze und Spiele aufführten. Nach diesen Ergötzlichkeiten ließ Columbus einen Bogen mit Köcher und Pfeilen vom Schiffe holen. Damit schoß ein geübter Spanier nach einem Ziele. Guacanagari war erstaunt über die Sicherheit, mit welcher der Mann das Ziel traf. Er er zählte dem Columbus, daß die Caraiben auch mit solchen Bogen 3*36 und Pfeilen kämen und ihm seine Unterthanen gefangen fort führten. Columbus gab ihm dagegen die Versicherung, daß er ihn und seine Unterthanen gegen diese milden Menschenfresser schützen könne; denn die Spanier hätten noch andere Waffen, denen sie nicht widerstehen würden. Er ließ daraus eine Ka none und eine Flinte losfeuern. Von ihrem Donner stürzten die Indianer zu Boden und die Kugeln, welche die Bäume zerrissen, erfüllten sie mit Schrecken. Als ihnen aber Colum bus sagte, daß er sie mit diesen Waffen gegen ihre blutgierigen Feinde verteidigen wolle, waren sie sehr erfreut und hielten die Spanier für Söhne des Himmels, welche zu ihrem Schutze mit Donner und Blitz aus der Lust herabgestogen seien. Nun beschenkte Guacanagari den Columbus mit einer Maske, deren Augen, Ohren und Nase von Gold waren; er hing ihm gol dene Platten um den Hals und setzte ihm eine goldene Krone auf's Haupt. Auch den übrigen Spaniern machte er verschie dene Geschenke. Dagegen theilte auch Columbus unter die In dianer Geschenke aus. Kleinigkeiten, selbst ein verrostetes Eisen, ein Stück von einem Riemen, ein Kops von einem Nagel waren ihnen kostbare Dinge. Am meisten begehrten sie jedoch Schellen. Einmal gab ein Indianer eine ganze Hand voll Goldkörner für eine einzige Schelle hin. Kaum hörten sie eine Schelle klingen, so fingen sie an wie wahnsinnig zu tanzen und zu springen. Erbauung einer Festung. Columbus faßte den Entschluß, auf Hispanola eine kleine Festung zu errichten. Er ließ deßhalb das gescheiterte Schiff zerlegen und an's Land bringen. Darauf suchte er einen Ort aus zur Errichtung eines Thurmes. Guacanagari war sehr erfreut, als er hörte, daß Columbus einen Theil seiner Leute auf der Insel zurücklaffen wolle. Auch seine Unterthanen hatten eine große Freude darüber, daß sie die wunderbaren Männer bei sich behalten würden und daß Columbus auf Schiffen, beladen mit Schellen und andern köstlichen Dingen zurückkehren werde. Sie leisteten daher bei Erbauung der Fe stung alle mögliche Hilfe. Guacanagari überhäufte den Columbus fortwährend mit Beweisen seiner Freundschaft. Einmal ging er ihm entgegen in der Begleitung von fünf Kaziken, deren jeder eine goldene Krone trug. Diese führten den Columbus in ein Haus, dessen Boden mit Palmblättern bestreut war. Ringsherum standen Stühle37 von einem schwarzen glänzenden Holze. Als Columbus sich niedergesetzt hatte, nahm Guacanagari seine eigene goldene Krone und setzte sie dem Columbus auf das Haupt. Dieser dagegen that sein Gehänge von seinen Glasperlen von seinem Halse und hing es dem Guacanagari um, legte ihm einen Mantel von seinem Tuche an, gab ihm ein Paar farbige Stiefel und steckte ihm einen dicken, silbernen Ring an den Finger. Unterdessen arbeiteten die Spanier emsig an der kleinen Festung. Sie machten ein großes Gewölbe, erbauten darüber einen hölzernen Thurm, und faßten das Ganze mit einem brei ten Graben ein. Als man die Kanonen aufgestellt hatte, ge währte die kleine Festung einen schreckhaften Anblick. Columbus wählte aus seinen Leuten neun und dreißig tüchtige Männer, die auf der Insel bleiben sollten. Unter ihnen war ein Arzt, ein Schiffszimmermann, ein Schreiner, ein Böttcher, ein Schnei der. Den Oberbefehl übertrug er dem Diego de Arana. Co lumbus ließ ihnen das Boot des Schiffes zum Fischfang zurück, dazu viele Sämereien und eine Menge Maaren, für welche sie von den Indianern Gold eintauschen sollten. Nun hatte Co lumbus Alles angeordnet. Am 2. Januar 1493 ging er an's Land, um von Guacanagari und seinen Unterthanen Abschied zu nehmen. Dieser war sehr betrübt und gab dem Columbus das Versprechen, daß er die zurückbleibenden Spanier mit Le bensmitteln versehen und ihnen treulich beistehen wolle. Zuletzt ließ Columbus noch kleine Gefechte von seinen Leuten aufführen. Die Spanier zeigten dabei den Gebrauch ihrer Schwerter, Schilde, Lanzen, Armbrüste, Flinten, Kanonen. Die Indianer erstaunten über die Schärfe der Schwerter und über die Gewalt der Armbrüste. Als man aber die Kanonen der Festung los feuerte und die Indianer den Donnerknall hörten und die Rauch wolken und die zersplitterten Bäume sahen, da wurden sie voll Schrecken und Bewunderung. Und nun nahm Columbus Abschied. Guacanagari vergoß Thränen; die zurückbleibenden Spanier zeigten einen festen Muth. Rückkehr und Zusammenkunft mit kriegerischen Wilden. Auf der Rückreise kam Columbus in einen großen Meer busen. Die Eingebornen, die sich der Küste näherten, hatten ein wildes Aussehen. Sie waren häßlich bemalt und trugen ein langes Haar, das mit buntfarbigen Federn von Papageien38 und andern Vögeln geschmückt war. Lange Bogen hielten sie in der Hand und Pfeile von dünnem Rohre, die eine Spitze vom hartem Holze und von Fischgräthen hatten. Dazu ttugen sie breite und dicke Schwerter von Palmenholz. Die Schwerter waren nicht scharf, aber so hart und schwer, daß sie mit einem Hiebe durch Helm und Schädel dringen konnten. Wiewohl diese Wilden ein schreckhaftes Aussehen hatten, so verhielten sie sich Anfangs doch friedlich. Einer von ihnen kam sogar auf das Schiff. Columbus bewirthete ihn, machte ihm einige Ge- fchenke und sandte ihn mit mehreren Spaniern wieder an's Land zurück. Als das Boot dem Lande nahe kam, sahen die Spanier fünfzig Wilde, welche mit Bogen und Pfeilen, mit Wurfspießen und Keulen bewaffnet waren, hinter den Bäumen lauern. Auf ein Wort des Indianers legten die Wilden ihre Waffen nieder und näherten sich den Spaniern. Die Spanier wollten ihnen einiges von diesem Kriegsgeräthe abkaufen; sie gaben auch zwei Bogen her, aber plötzlich sprangen sie nach dem Orte, wo sie ihre Waffen niedergelegt hatten, und kehrten bewaffnet und mit drohenden Geberden und mit Stricken ver sehen zurück. Die Spanier griffen sie sogleich an und verwun deten zwei. Die andern erschracken über den Blitz und die Schärfe der spanischen Waffen so sehr, daß sie schnell die Flucht ergriffen. Am andern Tage erschien der Kazike selbst mit vielen feiner Unterthanen. Columbus sandte eine bedeutende Anzahl Spa nier an's Land, welche alle bewaffnet waren. Doch kamen die Eingebornen freimüthig herzu und der Kazike übersandte zum Zeichen des Friedens Muschelschalen, die wie Perlen an eine Schnur gereiht waren. Er kam kurz darauf selbst auf das Schiff. Columbus empfing den Kaziken mit herzlicher Freund schaft und setzte ihm Zwieback und Honig vor. Nach dem Essen zeigte er ihm die Einrichtung des Schiffes, machte ihm und seinen Begleitern Geschenke und ließ ihn wieder an's Land bringen. Der Kazike sandte dagegen dem Columbus eine goldene Krone. Heftige Stürme. Aus der Rückreise war das Wetter anfangs so angenehm und das Meer so ruhig, daß die Indianer, welche Columbus mitgenommen hatte, oft ins Wasser sprangen und um die Schiffe herschwammen. Die Schiffsleute sahen viele Thunfische39 und fingen einen von ihnen, auch tödteten sie einen Haifisch. Alle nährten die frohe Hoffnung, daß sie bald und glücklich nach Spanien kommen würden. Allein am 12. Februar erhob sich ein stürmischer Wind, welcher das Wasser des Meeres auf regte. Mit großer Anstrengung erhielten sich die Schiffe in der rechten Bahn. Am folgenden Tag nach Sonnenuntergang wurde der Wind noch stürmischer. Man bemerkte Blitze, welche Columbus als Zeichen eines Sturmes betrachtete. Dieser Sturm brach auch bald los. Man mußte alle Segel einziehen, und der Wind warf die Schiffe gewaltig hin und her. Am 14. Februar Morgens ließ der Wind nach und man spannte einige Segel aus. Allein der Sturm brach nun von einer andern Seite herein, tobte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Die schäumenden Wellen drohten die kleinen Schisse jeden Augenblick zu zertrümmern oder ganz zu verschlingen. Drei Stunden konnte man noch vorwärts schiffen; dann mußte inan die Schiffe der Gewalt des Windes und der Wellen über lassen. In der finstern Nacht sah Columbus eines der Schiffe, die Pinta, nicht mehr. Er ließ daher von Zeit zu Zeit auf dem Mastbaum Feuer anmachen. Die Matrosen auf der Pinta thaten dasselbe; allein da sie der Wind immer weiter forttrieb, so sah man zuletzt ihre Feuerzeichen nicht mehr. Als der Tag graute, sahen die trostlosen Schiffsleute nichts als wüste Wellen, und als die Sonne aufging, regte der Sturmwind das Meer noch heftiger auf. Den ganzen Tag tobte der Sturm fort, und jede Welle war groß genug, um das Schifflein zu verschlingen. Ging aber das Schiff unter, so mußte Columbus mit feinen Leuten umkommen, und Niemand konnte der Welt sagen, daß er diese schönen Länder entdeckt habe. Dieser Gedanke ängstigte ihn sehr. Er nahm daher ein Stück Pergament, schrieb darauf eure kurze Erzählung von seiner Reise und feinen Entdeckungen, versiegelte und überschrieb es an den König und die Königin und be merkte dabei, daß derjenige 1000 Dukaten erhalten sollte, der das Paket versiegelt überbringen würde. Dann wickelte er das Pergament in ein Wachstuch, steckte dieses in einen Wachs tuchen und verschloß das Ganze in ein großes Faß; und die ses Faß warf er in das Meer. Wenn nun auch er und alle seine Leute umkämen, dachte Columbus, so würden die Wellen doch dieses Faß ans Land schwemmen und man könnte aus dem Pergament ersehen, daß er jene schönen Länder entdeckt habe. Ein anderes solches Faß setzte Columbus ans das Hintertheil40 des Schiffes. Nachdem er dieses gethan hatte, war er ruhiger. Noch mehr aber beruhigte ihn ein Strich blauen Himmels, den er gewahrte. Denn nun hoffte er, der Sturm werde sich legen. Das geschah auch. Aber die Wellen gingen immer noch so hoch, daß man kein Segel gebrauchen konnte. Am 15. Februar gab der Matrose, welcher aus dem Mastbaume die Wache hatte, das Zeichen: Land! Alle äußerten eine große Freude über die glückliche Errettung aus diesen Stür men. Es war eine Insel. Noch über zwei Tage trieb sie der Wind vor der Insel herum, bis sie den Anker aus- wersen konnten. Ankunft in Spanien. Palos war eine kleine Stadt am Meer. Hier waren die drei Schiffe des Columbus ausgerüstet worden, und die meisten Leute, welche ihn begleitet hatten, waren aus Palos. Die Einwohner des Städtchens hielten den Columbus für einen Waghals und hatten traurig von ihren Freunden und Ver wandten Abschied genommen. Als sie nun die schrecklichen Stürme sahen, da wurden sie noch trauriger und meinten, das tobende Meer habe ihre Freunde und Verwandte sammt dem Columbus verschlungen, und sie würden dieselben ewig nicht Wiedersehen. In dieser Betrübniß bringt man ihnen die Nachricht: eines von den drei Schiffen sei im Hafen und habe eine neue Welt entdeckt. Da bricht das ganze Städtchen auf einmal in einen lauten Jubel aus. Man läutet die Glocken und Alles rennt voll Ungeduld hinaus, um die betrauerten Freunde und Ver wandten zu begrüßen und zu hören, wie es mit einer so wun derbaren Entdeckung zugegangen sei. Columbus steigt ans Land. Eine große Menge drängt sich um ihn her. Man ehrt und begrüßt ihn wie einen König. Wo er geht und steht, wiederhallen die Straßen von Jubel und Freudengeschrei. Columbus zeigte nun dem Könige und der Königin die glückliche Vollendung seiner Reise an und ging dann mit sechs Indianern nach Sevilla. Kurz darauf bekam er von dem Königspaar ein Schreiben, daß er sogleich vor ihnen erscheinen solle. Er machte sich daher auf den Weg nach Barcelona, wo sich der König und die Königin aufhielt. Der Zug des Columbus glich dem Zuge eines Fürsten. Wenn er durch ein Dorf zog, strömten die41 Bewohner der Umgegend herzu und besetzten den Weg. In den Städten waren die Straßen, Fenster und Balkone voll von Zuschauern, die den Columbus mit Freudengeschrei em pfingen. Ja oft wurde er von der großen Menschenmenge aufgehalten, welche sich herzudrängte, und ihn und die sechs Indianer anstaunte. Wo er anhielt, hatte er tausend neu gierige Fragen zu beantworten. Als er endlich nahe an Bar celona kam, zogen ihm viele Adelige und vornehme Bürger entgegen; eine große Menge Volks begrüßte ihn mit Freuden geschrei. Voran gingen die Indianer, nach ihrer Sitte bemalt, und geziert mit ihrem goldenen Schmuck. HMer ihnen trug man buntfarbige Papageien, ausgestopfte Vögel und andere unbekannte Thiere; dann köstliche Holzarten und seltene Pflan zen; besonders die Kronen, Arnibänder und andere Zierrathen von Gold hatte man sorgfältig zur Schau gestellt. Nun folgte Columbus selbst zu Pferde; ihn umgab eine Schaar edler Ritter. Die Straßen waren so voll von Menschen, daß der Zug kaum durchkommen konnte. Fenster und Balkone, ja so gar Dächer waren mit Zuschauern besetzt. Der König und die Königin erwarteten den Columbus in einem großen glän zenden Saale, wo man ihren Thron aufgestellt hatte. Um sie her standen die Minister und Hofbeamten, sammt dem vor nehmsten Adel ihres Reiches, alle den Columbus zu sehen be gierig. Endlich trat er herein, in der Mitte einer glänzenden Schaar, über die sein graues Haupt Ehrfurcht gebietend her vorragte. Er nahte sich dem Throne. Die Herrscher standen auf zu seinem Empfange. Er kniete nieder und wollte ihre Hände küssen; sie aber hoben ihn auf und befahlen ihm, sich in ihrer Gegenwart niederzusetzen. Columbus erzählte daraus seine Reise und beschrieb die entdeckten Inseln. Er zeigte die Vögel, Thiere und Pflanzen vor, die er mitgebracht hatte; dann das Gold in Körnern, rohen und verarbeiteten Stücken; vor allem aber zeigte er die Eingebornen jener Länder, welche Alle mit großer Bewunderung anstaunten. Der Äoitig und die Königin hörten die Rede des Columbus mit tiefer Rührung an, fielen dann aus die Kniee nieder, erhoben die Hände gen Himmel und lobten Gott unter Thränen des Dankes und der Freude für seine Gnade. Dieses thaten auch alle Anwesenden, während die Kammersänger das , Herr Gott! dich loben wir!" feierlich anstimmten.42 Das Ei des Columbus. Es ging dem Columbus, wie es vielen Menschen geht, er erntete am Ende Undank. Einige suchten sogar seine Ent deckung herabzuwürdigen; denn sie kam ihnen nun, nachdem sie gemacht war, so natürlich und leicht vor, daß sie meinten, es hätte sie ein Jeder eben so gut machen können. Mit einer so unklugen Gesellschaft saß Columbus eines Tages bei Tische, als gekochte Eier ausgetragen wurden. Co lumbus nahm ein Ei und fragte: „Wer von den Herren kann wohl ein Ei auf die Spitze stellen, daß es frei stehen bleibt? — Mehrere versuchten es, aber vergeblich. Da nahm Colum bus das Ei, drückte es an einer Ecke ein, und das Ei stand. „Ja!" riefen jetzt Alle, „so hätten wir es auch machen können." — „Aber, meine Herren", sagte Columbus lächelnd, „warum haben Sie es denn nicht so gemacht?" Der Unterschied zwischen uns ist, daß Sie es so machen konnten, und daß ich es so gemacht habe." — Noch dreimal segelte Columbus in die neue Welt und entdeckte hier verschiedene Inseln und zuletzt das feste Land. Er war aber für seine Verdienste schlecht belohnt; man schil derte ihn aus boshaftem Neide als einen gefährlichen Mann und schleppte ihn, den Weltentdecker, in Ketten nach Spanien zurück. Hier wurde freilich seine Unschuld glänzend erwiesen, und Ferdinand und Jsabella ließen ihm beschämt die Ketten abnehmen und gaben ihm Gnadenversicherungen. Bei diesen blieb es aber auch. Endlich erlöste der Tod den Vielgeprüften aus seinem Kummer. Vom Gefühl des Undanks, von Krank heit und Armuth niedergeschlagen, schied der große Mann, 59 Jahre alt, zu Valladolid (1506) mit Ergebung in Gottes heiligen Willen aus diesem Leben. Seinem Willen gemäß wurde er mit seinen Ketten in's Grab gelegt. Nicht einmal die Ehre wurde ihm zu Theil, seiner neuen Welt seinen Namen zu hinterlassen. Diese wurde vielmehr nach dem Amerigo Vespucci, einem ftorentinischen Edelmanne, der einige weitere Entdeckungen machte, auch zuerst eine Beschreibung des Landes herausgab, Amerika benannt. Amphitheater, d. i. ein Gebäude in ovaler oder- runder Gestalt, in welchem die Kampfschauspiele der Römer ausgesührt wurden. Um den Mittelpunkt des Grundes herumwar ein großer Platz mit Sand belegt, und daher Arena genannt. Um -diesen Platz waren Gewölbe, worin die wilden Thiere eingesperrt wurden. Die Plätze der Zuschauer erhoben sich in Galerien stusenweise übereinander. Die untersten Reihen der Sitze nahmen die reichen nnd angesehenen Bürger, die ober sten nahm der Pöbel, d. i. das gemeine Volk, ein. Diese Ge bäude waren ohne Dach und so groß, daß 30 bis 80,000 Zuschauer darin Raum sanden. Das prächtigste Amphitheater war das des Kaiser Vespasian bei Rom (das Coliseum), wo von noch jetzt ein großer Th eil steht. Eine Geschichte, die sich einst in diesem Amphitheater (Coliseum) zu Rom zugetragen, will ich euch hier in einem Gedichte erzählen: Es wogte die Menge dem Thore zu, Der weiten Arena entgegen: „Der Löwe," so hieß es, „er wird im Nu „Den armen Androklus erlegen." Er sprengte die Ketten der Sklaverei, Geschmiedet von grausamer Tyrannei. Androklus, des tückischen Unglücks Sohn, Ward strenge als Sklave gehalten; Längst war er dem grausamen Herrn entfloh'n, Das köstliche Gut zu erhalten, Barg lange sich draußen im sinstern Wald, In Höhlen und Klüften gar schaurig kalt. Doch gestern, des Morgens, als kaum es tagt, Da drohet das Unglück ihm wieder; Der König gestaltet die Bärenjagd Am Hochgebirg auswärts und nieder; Und in der Höhle der Felsenwand Man auch den armen Androklus sand. Und heute nun soll er die Frevelthat: Vermessen nach Freiheit zu streben, Wie kühn er begonnen die rasche That, Versöhnen und büßen durchs Leben. In der weiten Arena der Aermste stand, Das blasse Gesicht nach dem Zwinger gewandt.44 Der öffnet sich raffelnd — und grimmig rennt Ein Lome mit Hungergebrülle Heraus, — und ein Schrei des Entsetzens trennt Vielstimmig die lautlose Stille. Doch siehe, — der Leu*) statt zu würgen ihn, Legt zahm zu des Sklaven Füßen sich hin. Und schnell springt er wieder hoch enlpor, Mit Schmeicheln Androklus umkreisend; So wie wenn ein Hündchen den Herrn verlor Und ffndet, ihm Freude beweisend. Verwundert und staunend blickt Mann für Mann Das niemals gesehene Wunder an. Und staunend sieht's gleichfalls der König an Und ruft vom Ballone**) herunter: „Geschenkt ist das Leben dir, armer Mann, „Wenn schnell du erklärest dies Wunder. „Der Leu, den man gestern gefangen nahm, „Warum ist er heute schon still und zahm?" Und d'rauf Androklus die Red' begann: „Herr, als ich der Knechtschaft entsprungen, „Da ich, ein ffüchtiger, armer Mann, „Nach Freiheit gestrebt und gerungen, „Da barg mich das Felsengeklüft' in dem Wald „Und die Höhle war drinnen mein Aufenthalt. „So manchen Tag ich gar traurig saß, „Verzweifelnd dem Schicksale fluchte, „Mit Kummer und Thränen die Wurzeln aß, „Die ängstlich, mit Zittern, ich suchte; „Da saß ich einst sinnend in dunkler Still', „Da weckte mich schreckhaft des Löwen Gebrüll. „Und herein das entsetzliche Unthier trat „Mit hinkendem Fuß in die Höhle, *) Leu, d. i. Löwe. **) Die Altane, Austritt vor einem Fenster, Erker, Söller, Vortritt, Vorbau.45 „Sich jammernd geberdend mich schmeichelnd bat, „Zu seh'n, wo dem blutenden fehle. „Und als ich des Schmeichelnden Fleh'n verstand, „Die Wunde ich prüfte mit schonender Hand. „Doch fürchtet ich immer des Löwen Zorn, „Allein er lag zahm mir zu Füßen; „Heraus ihm zu ziehen den schmerzenden Dorn „Mußt' ich mich nun endlich entschließen, „Und seit ich ihm so die Schmerzen nahm, „Er nimmer mir von der Seite kam. „Und täglich, wenn er sich Raub erspäht, „Auf seine ihm eigene Weise, „Nach dem er des Morgens und Abends geht, „Versorgt er mich reichlich mit Speise. „Und gestern nun, wie du, mein König, gesagt, „Da fing man uns beide getrennt auf der Jagd." Hoch auf jauchzt das Volk, und Androklus geht Nun frei und begnadigt von hinnen. Ihm folgte der Leu wo er geht und fteht, So zahm, wie ein Hündchen am Linnen. Und Alles sich männiglich hoch erfreut Am seltenen Beispiel der Dankbarkeit. Amsel. „Du freundlicher Sänger, ich weiß es schon, du bewohnst die Wälder aller Welttheile. Du liebst die Ein samkeit mehr, als das Leben in großer Gesellschaft. Grüne Bäume und warme Quellen hast du gern in deiner Nähe. Auch bist du, du schwarzer Vogel mit deinem gelben Schnabel, nicht ohne List. Der hat große Mühe, der dich lebendig san gen will. Hat man dich aber dennoch erwischt und sperrt man dich mit andern Vögeln in einen Käfig, so werden deine Mitgefangenen von dir unaufhörlich geneckt, was gerade kein schöner Zug deines Charakters ist. Dennoch hat man dich gern als Stubenvogel, denn du besitzest ein ganz vortreffliches Gedächtniß. Vermöge dieses schönen Besitzes ist es dir leicht, allerlei Lieder pfeifen zu lernen. Aber höre, die aus Pferd haar geflochtenen Schlingen, in denen man dich sängt, die solltest du mehr zu entdecken suchen; doch ich weiß es schon, die rothen Vogelbeeren sind dir zu lieb, als daß du auf die Schlingen achtest." Für Kinder hier ein Gedichtlein:46 Eine Amsel, schwarz wie Kohlen, mit dem Schnabel gelb wie Gold, wohnte dort, wo aus dem hohlen Fels das klare Brünnlein rollt; ihr lieblich Lied verhallte flötend rings im ganzen Walde. Sieh, da Zwischen grünem Laube, scharlachroth und schön und frisch, lacht der Vogelbeere Traube aus dem schattigen Gebüsch. Und die Amsel gleich dem Pfeile, fliegt d'rauf zu in wilder Eile. — Aber bei den schönen Beeren hängt das böse Schlingenpaar, sicherer sie zu bethören, fest gedreht aus seinem Haar. Ach, kaum guckt sie in die Traube, wird sie selbst dem Tod zum Raube. Jugend, Jugend, laß dich warnen! Schau' das arme Thierchen hier! Laß dich nicht von Lust umgarnen, trau' nicht blindlings der Begier! Manches Mädchen, mancher Knabe hörte nicht, und — ruht im Grabe. Anekdoten. O, ein fremdes Wort! werdet ihr sagen. — Liebe Kinder! gebet euch zufrieden; denn ich darf euch nur sagen, daß Anekdoten ganz kurze, nette, witzige Geschichtchen sind, so seid ihr gleich ausgesöhnt; und wenn ich euch erst noch verspreche, hier einige Anekdoten zu erzählen, dann rufet ihr gewiß alle: „Ja, ja, die Anekdoten sind uns schon recht!" — Nun, so merket auf: 1. Jemand besuchte des Morgens seinen Freund und fand ihn noch im Bette, und zwar in Stieseln. Er wun derte sich darüber, allein jener sagte ihm ganz ernsthaft: Es habe ihm schon ein paar Nächte geträumt, er sei in Glas scherben getreten, und das habe ihm so weh gethan, daß er diese Nacht Stiefel angezogen habe. 2. In einem Eisenbahnhos verlangte Jemand ein Glas47 Wasser, und als der Kellner solches brachte, fragte der Em pfänger, was er schuldig sei. „Vier Groschen", war die Ant wort. „Nun, hören Sie mal", sagte der Fremde, „was mag wohl bei Ihnen ein Wolkenbruch kosten?" 3. Zu einem Taglöhner, der damit beschäftigt war, ein auf der Straße abgeladenes Ster Holz in das Haus zu tragen, trat ein Burger und fragte: „Wie hoch kommt heute das Holz?" „Drei Stiegen hoch!" antwortete der Ge fragte. 4. Bei einem Auflaufe in München, der durch eine Schlägerei zwischen einigen Schusterjungen veranlaßt wurde, versammelte sich eine Menge Neugieriger, wozu sich denn bald auch ein Gensdarm gesellte, um Ruhe zu stiften. Mit ge bieterischem Tone fuhr derselbe unter die Jungen und rief: „Was ist denn hier los?" „Eine Schuhsohle!" ant wortete einer von den Jungen. 5. „Warte nur, ich treffe dich schon ein andermal!" sagte ein vornehmer Herr zu einem Matrosen, der mit einem Scheit an ihn stieß. „Was willst du mir denn thun?" schrie der Seemann, mit geballter Faust auf ihn eindringend. „Dir aus weichen", erwiderte der Herr, indem er demüthig den Hut zog — und ging. 6. Dem Besitzer eines Paares lang- und eines Paares kurz geschäfteter Stiefel stellte sein neuer Bedienter des Mor gens einen langen und einen kurzen Stiefel vor das Bett. „Esel", fuhr ihn der Herr an, „was hast du mir da für ein Paar Stiefel hingestellt?" „Ach Gott", weinte der arme Mensch, „ich habe so viel darüber nachgedacht, aber ich weiß nicht, wie es kommt, draußen steht gerade noch so ein Paar!" 7. Ein Sänger wurde Nachts noch aus dem Bette ge rufen, um ein Ständchen mitzusingen. Er öffnete das Fenster und rief hinunter: „Nicht um eine Million!" — „Machen Sie keine Narrenpossen", — antworteten die Untenstehenden — „der Mann bekommt einen Kronenthaler!" — „Ja, dann läßt sickffs hören!" — und in wenigen Augenblicken war der Sänger da. 8. Es klingelte. Der Hausherr sah zum Fenster heraus und rief: „Ist Jemand da?" „Nein! Ich bi ns!" gab der Bescheidene, und dem Hauseigenthümer der Stimme nach Be kannte zur Antwort. 9. In einem Blatte war angefragt, warum der Fuß-48 Loden von der und der Kirche nicht reinlicher gehalten werde. Am andern Tage las man folgende Antwort: Weil du Gott im Staube anbeten sollst. 10. Jemand erzählte von einem Echo, das 99mal wie- derhallte. „Kleinigkeiten, sagte ein Anderer, aus meinem Land gute ist ein Wiederhall, wenn ich dem zurufe: Guten Tag, Frau Echo! — da antwortet es: Schön Dank, mein Herr!" 11. Zwei begegneten sich auf der Straße und ließen sich in ein Gespräch ein. Endlich bemerkte der Eine: „Hören Sie, Sie kommen mir so bekannt vor, ich muß Sie irgendwo schon gesehen haben." „Kann wohl sein", erwiderte der Andere, „denn da komme ich öfters hin." 12. Bei einem unlängst abgehaltenen Schulexamen über die sieben Bitten, stellte der Lehrer bei der vierten Bitte die Frage: „Warum bitten wir aber um's tägliche Brod, und nicht um's wöchentliche, nicht um's monatliche, oder gar um's ganze Jahr? — Ein kleines Mädchen antwortete schelmisch lächelnd: „Es würde sonst schimmelig werden." 13. Ein Student kam von der Universität in seine Hei- math. Als der Vater ihn fragte, wie sein Examen ausge fallen sei, antwortete er: „Sehr gut, so vortrefflich, daß ich dasselbe nächstens aus allgemeines Verlangen wiederholen muß." 14. Zwei Bekannte waren im Gespräch zu einem Hause gekommen. Da bleibt der Eine an der Thür stehen, und sagt zum Andern: „Warten Sie nur ein klein wenig, ich gehe geschwind hinaus, eine Stunde zu geben." 15. Ein kleines Mädchen wurde eines Morgens von der Mutter mit vieler Sorgfalt angezogen, wobei das Kind nach der Ursache des Putzes fragte: „Hast du schon vergessen", sagte die Mutter, „daß heute der Geburtstag deiner Groß mutter ist? Du sollst ihr Glück dazu wünschen und den lie ben Gott bitten, daß er sie noch lange erhält und recht alt werden läßt." — „Ach, liebe Mutter", erwiderte das Kind, „ich will lieber zu Gott beten, daß er sie wieder jung wer den läßt, denn alt genug ist sie ja schon!" 16. Ein Schusterjunge wurde sortgeschickt um ein Paar Würste zu holen. Aus dem Rückwege verzehrte er eine davon und legte dann, zu Hause angekommen, die andere auf den Tisch. „Ja, wo hast du denn die ander?" fragte die Meisterin. „Dies ist ja die ander!" entgegnete ernsthaft der Bube. 17. Kaiser Leopold I. von Oesterreich hatte zum Flöten spielen ein besonderes Talent. „Ewig Schade", sagte einmal49 sein Kapellmeister, „daß Euer Majestät kein Musikus ge worden sind." — „Laß Er's nur gut sein", antwortete Leo pold, „wir stehen uns so besser." 18. Zwei Mädchen begegneten aus der Straße einem Mohren. „Du — sagte das eine — das ist ein Mohr!" — „Ja, richtig! — entgegnete das andere — man siehlls ihm gleich an!" — 19. Ein Gymnasiast wurde auf einem Amte, wo er eine Urkunde erheben sollte, von dem Praktikanten barsch ge fragt: „Was ist Er?" — Beleidigt versetzte der junge Mann: „Er ist ein persönliches Fürwort." 20. Mehrere Knaben sprachen über den Mond, und ob derselbe von Menschen bewohnt sei oder nicht. Gründe dafür und dawider wurden angeführt. Endlich sagte Einer: „Was streitet ihr denn da? — Wie sollten wohl Bewohner im Monde sein? Wo kämen sie denn hin, wenn der Mond abnimmt?" 21. Bei der Probe einer Oper konnten die Hornisten dem Kapellmeister das Piano gar nicht recht machen. „Immer piano, piano, meine Herren!" ries er. Man gehorchte. „Noch mehr piano!" Es geschah. „Noch besser!" Man blies gar nicht. „So ist's schön", sagte er, „nur wenn möglich noch ein wenig mehr piano." 22. Es war von der Reinlichkeit die Rede. „Ach!" sagte Franz in Gegenwart seines Bruders Kaspar, „das ver gesst ich mein Lebtag nicht, was mir mein Vater gesagt hat — Kaspar, was hat er doch gesagt?" 23. Lehrer: Wie viel Stunden hat der Tag? — Schü ler: Fünf und zwanzig. Lehrer: Fünf und zwanzig? Wie so denn? — Schüler: Nun, Sie sagten ja erst vorhin, daß der Tag schon um eine Stunde zugenommen habe. 24. Wie zweckmäßig und wohlthätig ist der Wechsel der Jahreszeiten" — sagte ein Lehrer zu seinen Schülern. „Worin mag wohl der Vortheil dieses Wechsels bestehen? Warum freut sich z. B. dein Vater auf den Frühling?" — „Weil wir dann keine Schuhe mehr brauchen", — ant wortete der Kleine. 25. Mehrere Herren stritten sich über die Schreibart einiger Wörter; unter andern auch über „Brod" und „Brot." Um zur Gewißheit zu gelangten, fragten sie einen Professor um Rarh. Dieser sagte ganz ruhig: „Meine Herren! ist das Brod noch weich, so schreibe ich es mit „d"; ist es aber hart Kindcr-Convcrsations-LkxUon. 450 geworden, so schreibe ich es mit „t"; bin ich aber über Beides ungewiß, so schreibe ich „Brodt." 26. In seiner Jugend lernte Schiller (der große Dich ter) die Harfe spielen. Ein Nachbar, der ihn nicht recht lei den konnte, sprach einst zu ihm: „Ei, ei, Herr Schiller! Sie spielen wie David, nur nicht so schön!" — „Und Sie", er widerte Schiller schnell, „Sie sprechen wie Salomon, nur nicht so klug!" 27. Bei einer öffentlichen Schulprüfung wurde ein Schü ler gefragt: „Wie viele Inseln liegen im stillen Meere und wie heißen sie?" — worauf der Schüler antwortete: „Im stillen Meere liegen sehr viele Inseln, ich aber heiße Johann." 28. „Schämst du dich nicht", sagte ein Vater zu seinem Sohne, „in einer und derselben Klaffe 3 Jahre zu sitzen?" — „Warum denn?" antwortete dieser, „sitzt doch unser Professor schon 12 Jahre darin." 29. „Wie weit ist es von Augsburg nach München?" wurde Jemand von einem jungen Manne gefragt. „9 Meilen", antwortete der Gefragte; „man macht die Tour auf der Eisen bahn gewöhnlich in zwei Stunden." „Und von München nach Augsburg?" „Nun", erwiderte der Andere unwillig, „ich denke, daß der Weg von Augsburg nach München weder län ger noch kürzer als der von München nach Augsburg ist." „Bitte um Verzeihung", entgegnete der junge Witzling, „von Ostern bis Pfingsten sind nur sieben Wochen, und dennoch stad von Pfingsten bis Ostern 47 Wochen." 30. „Vater", schrieb ein Handwerksbursche nach Hause, „wenn du mir nicht bald Geld schickst, so bringt mich die Verzweiflung noch so weit, daß ich thu', was ich noch nie gethan!" — Der Vater schickte schnell Geld und fragte dabei: „Sohn, Sohn, wenn ich dir kein Geld geschickt, was hättest du gethan?" — „Gearbeitet, lieber Vater", war die Antwort. 31. Bei einer Schulprüfung auf dem Lande wurde ein Knabe gefragt: „Was sind die Engel?" Der Gefragte wußte nicht zu antworten. Eire anderer neben ihm sitzender Knabe flüsterte ihm in die Ohren: „Die Engel sind pure Geister." Der Gefragte, welcher dies nur halb richtig verstanden hatte, gab nun zur Antwort: »Die Engel find Burgemeister." 32. Ein Lehrer fragte einen kleinen Schüler bei Er klärung der bibl. Geschichte, was denn das heiße: „Du sollst im Schweiße deines Angesichtes dein Brod essen?"51 Schüler: „Man soll so lange fort essen, bis man schwitzt." 33. Saphir wurde bei seiner Durchreise iu Frankfurt in die angesehensten Familienkreise eingesührt. Unter andern hatte sich ein reicher Banquier an seinen Witzen dermaßen ergötzt, daß er im Freudenräusche Saphir einlud, am folgenden Mor den zu ihm zu kommen und ein Andenken von 200 fl. in Empfang zu nehmen. Saphir wurde bei seinem Erscheinen freundlich und mit dem Zurufe empfangen: „Nu, Sie komme gewiß um Ihre 200 Gulde?" — „Nein", sagte Saphir, in dem er das Geld einsteckte, „ich glaube, Sie kommen um Ihre 200 Gulden!" 34. „Mutter", sagte ein Junge, „ist es etwas Unrech tes, Eierschalen zu zerbrechen?" „Gewiß nicht, mein Kind", antwortete die Mutter, „aber warum fragst du mich?" „Weil ich soeben den Korb mit Eier fallen ließ", entgegnete der Hoffnungsvolle. 35. Ein Manu machte in Stuccatur den Namen Paul über eine Hausthür, schrieb aber ein B statt P. Der Haus- eigenthümer, aufgebracht darüber, rief den Mann an: „Wie können Sie doch um des Himmelswillen so fehlen? Es mich ein hartes P nicht ein weiches B sein!" — „Ach, das thut nichts!" erhielt er zur Antivort, „bis morgen früh wird es schon hart werden." 36. Ein Lehrer fragte einen Jungen: „Wo kommen die Pomeranzen her?" Mit vieler Sicherheit antwortete er: „Aus Pommern." 37. Ein Geiziger, der seine Kinder hungern ließ, fragte seinen zehnjährigen Sohn einst bei Tische: „Was willst du werden?" — „Satt", versetzte der Knabe. 38. „Wer war Paulus?" fragte ein Lehrer in der Schule einen Knaben. Um ihm einzuhelfen, sagte der Lehrer: „ein A. . ., ein Ap . . ., ein Apo . . .," „ein Apotheker", antwortete der Knabe. 39. In einer Schule wurde von dem Werthe der Kennt nisse und guten Eigenschaften im Vergleiche mit dem Reich- thum gesprochen. Der Sohn eines Eisenhändlers war bei dieser Erklärung zerstreut und unaufmerksam. Da stellte der Lehrer die Frage plötzlich an ihn: „Welche Güter im mensch lichen Leben sind die dauerhaftesten?" „Die Eisengitter" — antwortete der Knabe. 40. Ein Bauer trat in einen Kaufladen und verlangte 4*52 eine Guitarre, worauf ihm der Kaufmann bedeutete, daß er dieß nicht habe, aber daneben fein Nachbar links verfertige solche. Gut; der Bauer tritt bei einem Instrumentenmacher ein und fordert eine Guitarre. Der Guitarrenmacher langt eine von der Wand und reicht sie hin — allein der Bauer sagt: „Nein, i wollt' eine, die man in's Gesicht steckt und raucht." 41. Eine junge Dame zog in Gegenwart mehrerer Herren gegen das Rauchen los. „Besonders die Cigarren find schäd lich," sagte sie, „sie verkürzen das Leben!" — „Pah! ich habe einen Onkel, welcher den ganzen Tag raucht und sich wohl wie ein Fisch befindet, er ist schon 70 Jahre." — „Er wäre vielleicht schon achtzig, wenn er nicht rauchte," siel die Dame lebhaft ein. 42. Ein Wiener speiste an einer großen Tafel in Leipzig. Es wurden junge Hühner aufgetragen. Da nun sehr viele Personen zugegen, und er an der Ecke der Tafel saß, wo er übersehen konnte, daß die Hühner nicht zu ihm hinreichen wür den, nahm er Brod, brockte es auf seinen Teller und rief: Pik, Pik, Pik! Die ganze Gesellschaft lachte und die Hühner wurden ihm zuerst gereicht. 43. Um eine Stelle zu erhalten, erschienen gleichzeitig drei Bewerber bei Kaiser Joseph II. Der Kaiser fragte sie um ihre Verdienste. Der erste sagte: „Ich bin von Adel und habe meinen adeligen Sitz durch zwanzig Jahre inne gehabt, bin aber durch die Kriegsunruhen vertrieben worden." Der zweite fagte: „Ich bin Soldat, und habe viele Jahre in den Nieder landen gelegen." Der dritte erklärte: „Ich bin ein Lehrer und habe 24 Jahre der Schule zu N. vorgestanden." — Hieraus gab Joseph den Bescheid: „Da der Edelmann so lange ge sessen, der Soldat so lange gelegen, der Lehrer aber so lange gestanden, so gebe ich das Amt dem Letztem." 44. Ein Gerichtsdiener bezog jährlich, außer seinem Ge halte noch eine Zulage zur Haltung zweier Gehülfen, sowie ein Quantum Haber für sein Pferd. Am Schlüsse des Jah res brachte derselbe die vorgeschriebene Quittung über den rich tigen Empfang des Habers und der Zulage folgendermaßen zu Papier: „Daß ich dies Jahr wieder Roßhaber genossen und zwei Gehülfen wie ein Pferd gehalten habe, bescheint N. N. Gerichtsdiener." 45. Ein Richter fragte einen Menschen, der in Unter suchung war: „Was ist Er?" — Dieser antwortete: „Alles, Euer Gnaden, aber Speckknödel am liebsten."53 46. Ein Lehrer wiederholte neulich, was er seinen Schü lern über die Naturerscheinungen vorgetragen hatte. Als er auf das Gewitter zu sprechen kam, fragte er unter anderm auch einen Knaben: „Anton! an welchen Orten unseres Vater landeskommen wohl die meisten Donnerwetter vor?" — „Auf den Exerzierplätzen!" war des Knaben Antwort. 47. In einer Gesellschaft ging die Rede davon, daß die deutsche Sprache doch ganz gut bestehen könnte, wenn man auch den Buchstaben £ nicht hätte. „Aber," sagte ein junger Stutzer, „wie können Sie dies behaupten; wie wollens denn Wundheit schreiben, wenn's kei £ haben!" 48. In einem Gasthofe logirte ein vornehmer Herr. Die ser legte sich zur Ruhe. Aus einmal brach in dem Hause Feuer aus und der beängstigte Diener lief zu seinem Herrn, weckte denselben und schrie: „Herr! in Nro. 4 brennt es." „So!" antwortete der Herr, „in welcher Nummer bin denn ich?" „In Nro. 12," sagte der Bediente. „Nun, so komm wieder, wenn es einmal in Nro. 9 brennt," befahl der Herr, legte sich wieder auf die Seite und schlief ruhig fort. 49. Ein Bauer bemerkte öfters in der Kirche, daß die Leute Brillen trugen, durch welche sie in ihren Büchern lasen, und nur er hatte sein Buch immer umsonst bei sich, weil er nicht lesen konnte. Er ging daher in die Stadt zu einem Brillenmacher, wel cher ihm alle mögliche Sorten von Brillen vorlegte, die der Bauer durchgehends probirte, aber keine für tauglich fand. Der Brillenmacher bemerkte endlich, daß der Bauer das Buch, mit welchem er die Brillen erproben wollte, verkehrt in den Händen hatte, und sagte: „Mein lieber Freund! ich glaube, er kann gar nicht lesen." „Ja, meint ihr, „erwiederte der Bauer," ich würde mir eine Brille kaufen, wenn ich lesen könnte." 50. Der alte Fritz von Preußen besuchte öfters seine Soldaten in den Kasernen und war gewohnt, jedesmal drei Fragen an jeden zu richten: Wie alt bist du? Wie lange dienst du? — Bekommst du Gage und Menage richtig? — Bei dem Regimente war auch ein Franzose, der nicht deutsch verstand. Dem lernte man ein, auf die erste Frage zu ant worten: 26 Jahre, auf die zweite: 6 Jahre, und auf die dritte: Beide. — Nun kam der König wieder und fragte zu fällig den Franzosen, aber nicht in der gewöhnlichen Ordnung.54 König: Wie lange dienst du? Soldat: 26 Jahre. — König: Wie alt bist du? Soldat: 6 Jahre. — König: Hör^ ein mal Kerl, ich weiß nicht bist du ein Nar, oder ich? Soldat: Beide. Angel. „Du krummgebogener Hacken, du hast schon manchem Fischlein den Tod gebracht!" — Man bindet an die Angelruthe eine lange Schnur, woran die Angel befestiget ist. An diese steckt man einen Wurm, ein kleines Stückchen Fleisch oder Brod, oder eine andere Lockspeise und wirft die Schnur mit der Angel ins Wasser. Etwas über der Angel hängt an der Schnur ein Federkiel oder ein Stück Kork, welches ver hindert, daß nicht der obere Theil der Schnur unter das Wasser geht. Und die armen Fischlein, indem sie auch Leckermäuler sind, schnappen nach der Lockspeise und sind gefangen. Knaben, welche oft mit Angeln Fische sangen, sollen sich an das Sprich wort erinnern: Durch Fischfängen und Vogelstellen Verderben manche Junggesellen. Angesicht oder Antlitz. Der Vordertheil des Kopfes oder Hauptes ist das Angesicht. An ihm bemerkt man die Stirn, die Augenbraunen, die Augen, die Nase, die Backen oder Wangen, den Mund und das Kinn. Recht schön ist es und recht gesund, wenn Kinder ein reinlich gewaschenes An gesicht haben und wenn sie sich Mühe geben, immer eine freundliche Miene zu machen. Apelles. Zu der Zeit, als Alexander der Große die halbe Welt eroberte, lebte in Griechenland einer der größten Maler, Namens Apelles. In Aegyptens Hauptstadt legte er einmal einen außerordentlichen Beweis seiner Kunst ab. Er unternahm nämlich auf dem mitteländischen Meere eine Reise. Ein Sturm erhob sich und warf das Schiff an die ägyptische Küste. Auch damals gab es Kreaturen, die ihren Mitmenschen durch Verläumdung die Liebe und Achtung Anderer raubten. Apelles war aus Neid bei dem ägyptischen Könige verleum det worden und dieser wurde auf längere Zeit des großen Malers Feind. Ein Hosbeamte wollte den Künstler in Ver legenheit setzen, ging zu ihm und lud ihn im Namen des Königs ein, bei Hofe zu erscheinen. Apelles folgte der Einladung.55 Als ihn der König erblickte, fragte er ihn entrüstet, wer ihm die Erlaubniß, vor ihm zu erscheinen, ertheilt habe. Apelles wußte den Namen des Hofbeamten nicht, gerieth aber dessen ungeachtet in keine Verlegenheit. Er öffnete den Kamin, nahm eine Kohle heraus und zeichnete das Gesicht des Hosbeamten so genau an die Wand, daß ihn der König augenblicklich er kannte und ihn wegen seiner Bosheit hart bestrafen ließ. Von diesem berühmten Maler rührt auch ein bekanntes Sprichwort her. Er pflegte nämlich seine Gemälde zur Be- urtheilung öffentlich auszustellen. Einmal tadelte ein Schuh macher die Schuhe einer Figur. Apelles, der sich in der Nähe verborgen hielt, ließ sich dies gefallen; als der Schuh macher aber auch die andern Theile des Gemäldes meisterte, sprang der Künstler mit den Worten aus seinem Verstecke her vor: „Schuster bleib bei deinem Leisten!" Apfel. O, nach den Aepfeln strecken die Kinder freund lich und schnell die Hände aus, besonders wenn man ihnen Borsdorfer reicht. — Die so guten Aepfel wachsen aus dem Apfelbaume. O wie schön sieht der aus, besonders im Früh- linge, denn die röthlichen Blüthen verleihen ihm einen beson- dern Reiz. Sind diese aber nach und nach — bei dem freund lichen Scheine der Sonne, in reife Früchte verwandelt, dann schätzt man höher noch die saftige Frucht. Was mir an den Aepfeln besonders gefällt, ist: während andere Obstarten mit unter nur kurze Zeit aufbewahrt werden können, hält sich der Apfel am längsten. Aepfel kann man das ganze Jahr haben. Kind, lege einen Apfelkern in die Erde, daß auch für dich ein Baum, ein schöner Apfelbaum, wachse. Wie schön muß es sein, seine eigenen Aepfel zu haben und verspeisen zu können. Ueberhaupt, Kind, merk' und befolg' nachstehendes Berschen: Im kleinsten Raum Pflanz' einen Bamn, Und pflege sein Er bringt dir's ein! Apotheker. Dieser Mann weiß nach der Vorschrift des Arztes gar gute Sachen, mitunter aber auch bittere, zu bereiten, die manchen Kranken gesund machen. In der Natur lehre, in der Scheidekunst und in der Kräuterkunde ist er wohl erfahren. Seine Arzneien bewahrt er in Gläsern, Kapseln,56 Büchsen und Flaschen und gibt den Leuten auf Verlangen: Tränke, Pulver, Pillen, Säfte, Syrupe, Pflaster, abgezogene und geistige Wasser, Oele, Gifte. Aprikose. O, die schöne Aprikose mit den röthlichen Backen und dem zarten Flaum! wer sollte die nicht lieben und nicht gern essen; sie schmeckt ja so süß und man kann wohl Kindern kein angenehmeres Geschenk machen, als wenn man ihnen Aprikosen gibt. Der Aprikosenbaum, ein Fremdling aus einem wärmeren Lande, gedeiht nur unter dem mildern Klima Deutschlands, denn schon im April setzt er seine weißen Blü- then an. Den Aprikosenkern soll man bei leibe nicht weg werfen, denn er schmeckt wie süße Mandeln. April. Schönen Dank, Herr April, für die schönen, warmen Tage, sagen muntere Kinder und freuen sich, daß der Himmel, der liebe, immer blauer, immer heller, immer freund licher wird. Ha! denken sie, welch' schöne Tage werden kom men, wenn der April schon so angenehm ist. Und wenn er auch manchen warmen Regen über euch ausgießt, so werdet ihr ihm doch gewiß nicht böse und verzeihet ihm gern die sen Spaß. Arbeit. Wer lange und glücklich leben will, muß wacker arbeiten. Arbeit würzet die Mahlzeit, befördert den Schlaf, belohnt mit Gesundheit, schützet vor langer Weile, be wahrt vor Thorheit und gibt frohen Muth. Für den Müssig- gänger sind die Tage immer zu lang, für den Fleißigen zu kurz. Arbeit erhöhet und vermehret die irdischen Freuden; sie macht auch stark im Ertragen der Leiden. Arbeit gibt Brod und Ehre, erwirbt uns Achtung, Liebe und Zutrauen bei den Menschen und, was über alles geht, wenn wir dabei redlich gesinnt sind, den Beifall Gottes. — Arbeit macht das Leben süß, macht es nie zur Last; der nur hat Bekümmerniß, der die Arbeit haßt. Kräfte gab uns die Natur zu Berus und Pflicht: leere Müssiggänger nur klagen, leben nicht. Arbeit ist der Menschen Loos. — Ohne Müh' und Fleiß wird kein Mensch aus Erden groß; Ehre fordert Schweiß. Bei Gebet und Arbeit nur lebt man menschlich-schön; keinen Staub in der Natur sieht man stille steh'n.57 Arbeit und Betriebsamkeit geben Ehr' und Brod. Müssig- gang und Schläfrigkeit sind schon halber Tod. Bei Geschäften wird man alt; Jeder hat uns lieb/ doch den Faulen nennt man bald einen Tagedieb. Arbeit nur gibt frohen Muth und zufriedenen Sinn, schafft im Körper rasches Blut, lohnet mit Gewinn. O wer wollte nun wohl nicht gern geschäftig fein, nicht sein Leben seiner Pflicht gottgefällig weih'n? Arbeitsamkeit. Wie emsig im Grund sich die Ameise regt Und Körnchen bei Körnchen zum Vorrathe trägt? Sie schafft in dem Sommer, daß es ihr nicht Im Froste des Winters am Brode gebricht. Dort sammelt die Biene mit fleißigen: Sinn Von Blume zu Blume den süßen Gewinn. Das emsige Völkchen fliegt ein und fliegt aus, Und füllet mit Honig das zierliche Haus. Geh', siehe das kleine, das fleißige Thier, Du müssiger Fauler und lerne von ihr; Geh', sammle wie Bienen, es eilet die Zeit: Bald sind mit Gestöber die Fluren beschneit. Jeder Mensch soll nicht nur dasjenige, was er braucht, sondern auch die nöthigen Mittel zur Versorgung der Seini- gen oder einen Nothpfennig für die Tage der Krankheit und des Alters zu erwerben suchen. Können wir es durch Ar beitsamkeit dahin bringen, auch so viel zu erringen, daß wir auch Armen und Nothleidenden beistehen können, so wer den wir uns um so glücklicher fühlen, denn Wohlthun beseligt den Geber noch mehr als selbst den Beschenkten. Arbeitsamkeit ist die Neigung, immer etwas Nütz liches verrichten zu wollen. Dem Arbeitsamen ist die Ar beit Bedürsniß; er will jede Minute benützen, weil er weiß, daß jede unbenützte Zeit unwiederbringlich verloren ist. Man sagt zwar: „ich will Dies oder Jenes ein anderes Mal er bringen;" allein das ist nicht möglich; denn wenn du in dieser oder jener Stunde mehr thun kannst, um Etwas einzubringen, so sollst du es auch ohnehin thun; sonst hast du deine Zeit58 nicht wohl benützt. Jede Arbeit soll mit Eifer begonnen, fortgesetzt und vollendet werden. Wer ferner durch Arbeitsamkeit etwas Bedeutendes leisten oder erringen will, muß frühe beginnen und nicht denken: ich habe dazu schon noch Zeit. Wer nur thut, was höchst nothwendig ist und damit wartet, bis es höchste Zeit ist, — ist noch nicht im rechten Sinne arbeitsam. Auch weißt du nicht genau vorher, wie viele Zeit du zu einer Arbeit brauchst; denn es können auch Hindernisse eintreten, an die du nicht denkst. Ebenso fehlerhaft wäre es, wenn du denken würdest: „ich will einmal ein arbeitsamer Mensch werden, wenn ich groß bin!" Was eine Nessel werden will, brennt bei Zeiten, und wenn du Freude an der Arbeit hast, so kannst du es schon als Kind zeigen. Arbeitsamkeit ist unsere Pflicht, denn wir sollen da durch nicht nur erwerben, was wir selbst brauchen, wir müssen auch für unsere Eltern sorgen, die so lange für uns gearbei tet haben. Auch wäre es sündhaft, wenn wir die Kräfte, welche uns Gott gegeben hat, nicht benützen wollten; er hat ausdrücklich gesagt: „Bete und arbeite!" und schon zu dem ersten Menschen sprach er: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod verdienen!" Die Arbeitsamkeit bringt für die Anstrengung, die sie uns auferlegt, auch süße Früchte. Sie verschafft uns die Mittel, für uns und die Unsrigen zu sorgen und selbst Noth- leidende zu unterstützen. Im Besitz dieser Mittel fühlen wir uns beruhigt und zufrieden, besonders wenn wir auch einen Nothpfennig für die Zukunft, für etwaige Krankheitsfälle und für die Tage des Alters erworben haben. Die Arbeitsamkeit hat auch noch das Gute, daß sie uns vor vielem Bösen bewahrt; denn wer mit Ernst und Eifer beschäftigt ist, hat nicht Zeit, an das Böse zu denken, wie der Müssiggänger; daher sagt auch das Sprichwort: „Müssiggang ist aller Laster Anfang!" Der Arbeitsame ist nicht nur als sieißiger Arbeiter, sondern auch als guter Mensch bei Gott und den Menschen beliebt; er genießt Achtung und Vertrauen. Zu alldem schenkt ihm Gott auch noch Ge sundheit, weil Arbeit und Bewegung dem Körper zuträglich sind und ihn daher vor vielen Krankheiten bewahren. Und endlich — wie angenehm schmeckt die Ruhe, wenn man zuvor sieißig gearbeitet hat, und wie wohl ist demjenigen, der mit Befriedigung auf die vollbrachte Arbeit blicken kann!— Er genießt ein Vergnügen, von dem der Müssiggünger Nichts weiß; er ist daher auch stets munter und fröhlich, zu- stieden und ruhig — mit einem Worte, der Arbeitsame ist ein glücklicher Mensch! Arzneipflanzen. Liebe Emilie! Es gibt Gewächse, welche zwar nicht süß, sondern ganz bitter schmecken, die Dich aber, wenn Du krank bist, durch den Saft und die Kraft, welche der allmächtige Schöpfer in sie gelegt hat, gesund ma chen. Das sind die Arzneipflanzen. Ich will Dir nur eine solche Pflanze nennen, nämlich das isländische Moos, so genannt, weil es besonders häufig aus der Insel Island wächst. Es kriecht ganz niedrig am Boden wie ein verwelktes Blatt. Wenn man aber dieses Moos kocht, so bekommt man einen dicken braunen Saft, der schmeckt bitter wie Galle, aber er hat schon vielen Menschen geholfen, so daß sie wieder ge sund worden sind. Solche kräftige Arzneipflanzen gibt es noch gar viele, und es hat da der allmächtige Gott Vater für arme, kranke Menschen eine große Apotheke hergerichtet. Lebe wohl! Arzt oder Doktor. Die kranken Kinderchen, die armen, mögen diesen Mann gern um sich haben, er ver schreibt ihnen allerlei gute Sachen, damit sie wieder gesund werden. Auch die großen Leute, wenn sie sich nicht wohl be finden, schicken gleich nach dem Arzte. Kommt er zu dem Kranken, so erkundigt er sich genau nach den Ursachen der Krankheit, fühlt ihm den Puls und schreibt dann aus ein Zettelchen die Arznei vor, welche man in der Apotheke holt, wo die verschiedenen Arzneimittel bereitet werden. Der Arzt kennt gar genau die Natur des menschlichen Körpers und seiner Theile. Er hat lange, lange studiert, bis er gefunden hat, welchen verschiedenen Krankheiten der menschliche Körper unterworfen ist und wie diese Krankheiten geheilt werden können. Es gibt gar verschiedene Krankheiten: Kopfweh, Zahn weh, Halsweh, Schnuppen, Erbrechen, Seitenstechen, Hals entzündung , Lungenentzündung, Lungensucht, Auszehrung, Schwindsucht, Fieber, Ruhr, Friesel, Gelbsucht, Wassersucht, Blattern, Cholera, Pest. Asbest. Schüler. Daß man gar aus einer ge wissen Sorte von Steinen, die man Asbest oder Amianth nennt, sollte Leinwand machen können, und noch dazu, was60 das Lustigste ist, eine solche Leinwand, die im Feuer nicht verbrennt, wird ganz gewiß eine Fabel sein? Lehrer. O nein, dich ist wahr. Der Asbest ist wirklich ein Stein von grünlicher oder silberweißer Farbe, welcher gewöhnlich in langen, mehr oder minder Zarten, ent weder geraden oder krumm lausenden Fasern, in Sachsen, Böhmen, Schlesien und auf dem Harze sich findet. Den feinsten Asbest gibt es aus den Inseln Candia, Cypern und Corsika^ und auf den pyrenäischen Gebirgen. Man kann diesen Dtein in lange Fäden zertheilen und wie Flachs spinnen und weben. Es erfordert aber die Spinnerei sehr viele Mühe und Unkosten. Für unsere Wäscherinnen wäre es sehr vortheilhaft, wenn alles Weißzeug von Asbest wäre, weil sie alsdann die schmutzige Leinwand und schwarzen Hemden nur in's Feuer werfen dürsten, um allen Schmutz wegzuschaffeu; denn wenn sie glühend geworden wären, würde aller Schmutz weg sein. Allein so oft würde doch kein Hemd durch's Feuer gehen können, als oft es gewaschen werden kann. Die alten Römer haben aus diesem Stein- oder As- bestslachs ihre unverbrennliche Leinwand gemacht, und die Leichname ihrer Kaiser und anderer vornehmen Herren darein gewickelt, und sodann verbrannt, um die Asche der Verstorbe nen rein zu bekommen. Ihr könnt bei dieser Gelegenheit merken, liebe Kinder, daß es ehedem Mode war, die Todten nicht zu begraben, son dern zu verbrennen, und sodann die Asche in eigenen Töpfen oder Näpfen, die man Urnen nannte, aufzubewahren. Man macht noch jetzt aus Asbest Lampendochte und eine Art von Papier, aber gar viel Leinwand wird jetzt wohl nicht mehr daraus fabricirt werden. Asien, das bedeutungsvolle Morgenland, liegt von uns aus gegen Aufgang der Sonne. Es ist ein ungeheuer großes Land und von den verschiedensten Völkern bewohnt. Türken, Perser, Tartaren, Araber, Indier, Chinesen, Japaner, Kal- muken, Tungusen, Mongolen, Samojeden sind die wichtigsten dieser Völker. Räuber gibt es aber auch unter diesen rohen Völkern eine Menge, welche die Gegenden unsicher machen und deßhalb wird der Handel in solchen Gegenden durch Kara- vanen, d. i. große, bewaffnete Gesellschaften, betrieben. —61 AH. Einige Kinder, denen die Karten bekannt sind, wissen, daß die Aß in manchen Kartenspielen eine große Rolle spielt. Die großen Leute spielen gern mit den Spielkarten; die kleinen auch — diese bauen Häuschen daraus, welche aber bald wieder, vom leisesten Hauche, einstürzen. Das macht ihnen aber nichts, denn sie denken gleich an Fr. Rückert's Ge- dichtchen von den Kartenhäusern, welches heißt: Hat dir ein Stoß von ungefähr Dein Kartenhaus zerrüttet; Gott sei gedankt, es war nicht schwer, Es hat dich nicht verschüttet. Und steht dir nun zu bau'n der Sinn? Da sind die alten Karten; Es stecken noch viel Häuser drinn, Die nur des Bauers warten. Aue oder Wiese. Mein Kind, Blumen aller Art, schönes, grünes Gras, Futter für das Vieh findet man auf der Aue oder Wiese und wohl auch manches Nestlein, in das die Vögelein ihre Eilein gelegt haben und freilich recht innig bitten, daß man ihnen diese Eilein nicht nehmen und ihre Nestlein nicht zerstören möchte. Ist die Wiese abgemäht, dann machen die Kinder, die muntern, wohl manches fröhliche Spiel und freuen sich gar königlich. Denn es heißt: Im Frühling ist auch die Wiese schön; D'rauf kann ich spielen, laufen und geh'n. Rings um uns her ist grün die Au', Und d'rüber der weite Himmel so blau. Im grünen Grase weil' ich gern, Und Blumen such' ich nah und fern: Schneeglöckchen, Blauveilchen, Hederich, Bocksbart, Wachtelweizen und Meierich, Steinbrech, Kamillen und Gänserich; Maiblumen, Pechnelken, Enzian, Vogelmilch und Glöckchen und Baldrian, Die Katzenpfötchen, den Löwenzahn, Die pflück' ich mir und binde daraus Für Vater und Mutter den schönsten Strauß: Den trag' ich ganz still nnd sorglich nach Haus, Auch theil' ich an Schwestern und Brüder aus. D'rum sind mir Wiesen, Gebüsch und Wald Vor Allem mein liebster Aufenthalt.62 Auerhahn. Der Auerhahn lebt in Europa, ist so groß, wie eine Gans und zeichnet sich durch die Schönheit seiner Federn aus; sie sind glänzend blauschwarz, um den Hals aber weiß gesprengt. Man sagt von ihm, er, der Auer hahn sei so scheu, daß man ihn schwer zu schießen bekomme; nur im Monate März, wenn man sich's nicht verdrießen lasse, vor Tagesanbruch schon in den Wäldern zu sein, sei er so blind und Laub, daß man ganz nahe zu ihm hinschleichen und ihn leicht erlegen könne. Auge. Der liebe Gott gab uns nicht nur ein Auge, sondern sogar zwei; wahrscheinlich um uns das Schauen Zur Rechten und Linken bequemer zu machen. Auch gab er den Augen unter allen fünf Sinnen den höchsten Standpunkt, um von der Höbe herab alles desto besser übersehen zu können. Der liebe Gott hat aber auch gesorgt, daß die Sehwerkzeuge nicht beschädigt werden. Die Augen find in die Augenhöhlen gelegt, welche erhaben sind. Geschlossen werden die Augen durch die Augenlider. Am Rande der Augenlider sind die Wimpern angebracht, die den Staub und verschiedene Thierchen abwehren. Ueber der Augenhöhle, unten an der Stirn, sind die Augenbraunen, Zwei mit Haaren besetzte Bogen, die den von der Stirne herabträufeluden, beißenden Schweiß ableiten. Zum Auge gehört hauptsächlich der Augapfel, der Sehnerve, die Hornhaut, die Regenbogenhaut, der Augenstern und die Netzhaut. Der graue und der schwarze Staar sind Augen- Krankheiten und haben die Blindheit zur Folge. O, Kinder, die ihr sehet, wie elend ist der Blinde! Für ihn ist die schöne Welt ein weites, sinsteres Gefängniß. Gute Kinder danken recht herzlich dem lieben Gott für das so künstlich eingerichtete Auge und lernen gern folgendes Berschen auswendig: O hättest du mein Auge nicht So künstlich eingerichtet, Was nützte mir der Sonne Licht, Der Glanz, den sie verbreitet? Gesunde Augen gabst du mir, Väit Freudenthränen dank ich dir! AAKrrft» Gott sei tausendmal Dank, rufen jetzt die Landleute; denn jetzt ist die Zeit der Ernte gekommen. Unter fröhlichen Gesängen ziehen die Schnitter, die muntern, auf das Feld und schneiden mit ihren Sicheln das Getreide nieder63 und helfen es heim in dm Stadel oder die Scheune bringen, und wenn man es haben will, so dreschen sie es auch. ■— Auch recht viel Obst nimmt man schon von den Bäumen, und wenn man in die Stadt kommt, ist der ganze Obstmarkt voll Aepfel und Birnen. Und die Mutter, die gern ihre Kinder erfreuen möchte, holt im Stillen — heimlich — Erdäpfel vom Felde oder kauft sie aus dem Markte und siedet sie und stellt sie den Kindern auf den Tisch und ist gar freundlich und sagt: „Kinder, Erdäpfel, die ersten! Gott segn' es euch!" Auswtrndermrrg nach Amerika. Es wohnen jetzt schon fast vier Millionen Deutsche in den weitläufigen Ländern der vereinigten Staaten von Nordamerika und es verlassen noch jährlich viele Tausende in Deutschland Haus und Hof, Freunde und Verwandte, um in einer neuen Welt ein besseres Schick sal Zu suchen. Allein ein großer Theil von ihnen bereuet zu spät diesen gewagten Schritt. Denn Amerika ist zwar ein er giebiger Boden für den, welcher Etwas dort hat, aber eine traurige Wüste für den, welcher dort das Mitleid ansprechen muß. Wie viele werden schon unterwegs um ihre Habe betrogen! Wie Viele fallen dort Betrügern in die Hände! denn die großen Seestädte sind gar viel von gewissenlosen Menschen be wohnt, welche sich nicht scheuen, sich mit dem Schweiß und Blute ihrer Mitmenschen zu bereichern. Die deutschen Bauern sind aber den Kniffen solcher Menschen nicht gewachsen. Auch bilden sich manche thörichte Menschen ein, in Amerika liege das Gold auf den Straßen, so daß man es bloß auszulesen brauche. Sie mögen nur Hinreisen, da werden sie erfahren, daß es überall ist wie bei uns: den Fleißigen hat man lieb, den Fana len schilt man einen Tagedieb. Und ein anderes Sprüch- wort: Als der Faule schlief, pflügte der Fleißige tief und hatte Korn, als der Käufer rief. ^tufievu. Die Austern sind Muschelthierwürmer und den Engländern und Holländern, Dänen und Franzosen will kommene Thierchen; denn sie sangen alle Jahre viele hundert tausende, und verkaufen und essen sie. Guten Appetit! Aeu- ßertich ist ihre Farbe grau, schwärzlich oder bläulich, inwendig glänzend weiß. Die Austern selbst sind so groß wie eine Weinbergsschnecke. Sie liegen zum Theil auf dem Grunde des Meeres und werden daher durch die Fluth (siehe Ebbe und Fluth) auch an das Ufer geworfen; die meisten aber kleben64 auf den unter dem Wasser befindlichen Felsen, an manchen Orten zu vielen hundert Tausenden beisammen. Solche An häufungen nennt man A u st e r b ä n k e. Man reißt die Austern entweder mit Schleppnetzen, oder stößt' sie mit dem Austern schaber, an welchem ein Kästchen befindlich ist, in welches sie fallen, von den Klippen los. Da die meisten festsitzen und allen die Schwimmkunst mangelt, so können sie ihrer Nahrung nicht nachgehen, sondern müssen warten, bis ihnen das Wasser etwas zuführt. Sie öffnen zu dem End', wie alle Muschel- thiere ihre Schalen. Daß sie als Leckerbissen, theils in ihren Schalen, theils marinirt in den Handel kommen, habe ich oben gesagt. Australien. Das ist einer von den fünf Erdrheilen (wie heißen sie? — Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien) und besteht aus vielen großen und kleinen Inseln. Er wird auch Südindien genannt und ist erst in neuern Zeiten durch die Erdumsegler entdeckt worden. Australiens Einwohner sind an Farbe, Gesinnungen und Geschicklichkeiten sehr ver schieden. Einige sind schwarz und ungestaltet, andere schön und wohlgebildet; einige edelmüthig und freundschaftlich, andere wild, diebisch und feindselig; manche verständig und kunstreich, die meisten aber dumm, unverständig und ungeschickt, fast wie die Thiere. Viele widersetzen sich den Landungen der Europäer, und sind Menschenfresser. Die Produkte und die Fruchtbarkeit des Landes sind eben so sehr verschieden. Die Hunde werden gemästet und gegessen. Der Brodfruchtbaum und die Kokos palme gehören zu den nützlichsten Gewächsen. Edelsteine hat man hier noch nicht gefunden, wohl aber edle Metalle. Die Luft wimmelt von wildem Geflügel, und das Meer von Fischen und Schildkröten. Axt. Die Axt ist ein eisernes Werkzeug zum Spalten und Hauen, das vom Grobschmied verfertigt wird. Die Zim merleute und die Holzmacher brauchen sie nothwendig und wissen sie geschickt zu führen. Ueberhaupt ist die Axt das Haupt werkzeug aller Handwerker, die in Holz arbeiten. Die Axt wird oft auch Beil genannt, nur hat das Beil einen kürzern Stiel, als die Axt. Das Beil wird fast in jedem Hause an getroffen, weil es ein unentbehrliches Werkzeug ist, nur soll es nicht von der Hand eines Kindes geführt werden, denn es schneidet scharf, und kann gar tief verwunden.Bach. Ans dem Abfluß einer Quelle entsteht ein Bgch. Ist die Quelle recht ergiebig, so kann der Bach oft schon wenige Schritte von seinem Ursprünge eine Mühle treiben. Das habt ihr gewiß schon gesehen! Aus der Vereinigung mehrer Bäche entsteht ein Fluß. Mehre vereinigte Flüsse bilden einen Strom. Die Höhlung des Bodens, welche ein Fluß aus- süllt, nennt man sein Bett, und die Ränder aus beiden Sei ten, wo er an das trockene Land gränzt, seine Ufer. Wenn ihr euch vorstellet, ihr stehet mitten in einem Flusse und sehet nach der Richtung hin, in welcher das Wasser fortlünft (strom abwärts) so habt ihr rechter Hand das rechte und linker Hand das linke Ufer des Flusses. — Der Bach hat schon als klein genützt, je größer er wird, desto größer wächst sein Nutzen. Darum früh angefangen, und gut fortgefahren, ohne Unterlaß. Gerne wird ein stilles Bächlein, aber auch ein rauschender Bach gesehen. Zu Ersterem sagen wir: „Du Büchlein, silberhell und klar Du eilst vorüber immerdar. Am Ufer steh' ich, sinn' und sinn': Wo kommst du her? Wo willst du hin?" und hören dann gern die Antwort: „Ich komm' aus dunkler Felsen Schooß, mein Laus geht über Blum' und Moos, aus meinem Spiegel schwebt so mild des blauen Himmels freundlich Bild. Ich habe ächten Kindersinn: es treibt mich fort, weiß nicht wohin? — der mich gerufen aus dem Stein, der, denk ich, wird mein Führer sein." — Bäeker« Mädchen. Sagen Sie mir lieber braver Mann! aus was und wie backen Sie uns das so schmackhafte Brod? Kinder-Conversations'Lexikon. 5Bäcker. Ja, liebes Kind, dazu nehme ich Mehl von Maizen, Rogen oder Besen. Das Mehl thue ich in den Back trog, alsdann gieße ich lauwarmes Wasser (auch Milch) daran, mache einen Teig und knete ihn mit den Händen in der war men Stube. Auch knete ich etwas Sauerteig darunter; der macht, daß der Teig im Backtrog auseinandergeht und auf schwillt. Wenn der Teig auf diese Weise gehörig gegangen ist, dann forme ich aus demselben Brodlaibe, Semmeln oder Wecken, Bretzgen, Kränze und Milchbrode. Die lege ich auf die Backschaufel und schieße sie in den erhitzten Backofen durch das Ofenloch. Ich vergesse aber nicht, zuvor mit der Osen- krücke das Feuer und die Kohlen herauszuscharren. — So backe ich das Brod, das man mir recht gern abkaust. Mädchen. Sie müssen sich dabei aber recht viele Mühe geben, das habe ich schon erzählen hören. Wie früh gehen Sie denn an die Arbeit? Bäcker. Kind! da schläfst du und viele andere Leute noch recht fesr, wenn ich zum Backen aufstehe; zum Oestern geschieht dies gleich nach Mitternacht. Mädchen. Darum beneide ich Sie nicht; ich danke für die Aufklärung und für ihr gutes Brod. Bäcker. Mir, liebes Kind, -darfst du nicht so fast danken für das Brod, als vielmehr dem lieben Gott, dem all mächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, der das Korn wachsen läßt und es behütet. Bauer, Müller und Bäcker können nichts geben, wenn der liebe Gott nichts gibt; darum sollen wir bitten: Gib uns unser tägliches Brod! — Bär. „Man kennt dich schon, du brummiger Bär, an deinen: plumpen Körper und den starken Gliedmassen, sowie an deinem kurzen, dicken Schwänze!" — Der Bär lebt auf hohen Gebirgen und in großen Wäldern Europas, weit von uns. Er, der braune Bär, ist nicht gar so ungeschickt. O, nein! Er grübt sich Höhlen und legt sich im Winter, damit es ihn ja nicht friert, hinein und damit er sich nicht zu bemühen braucht, bei so kalter Witterung Nahrung zu suchen, schläft er bis Zum Eintritt des Frühlings. Der Bür ist zwar träge, doch zeigt er sich sehr gewandt, wenn es darauf ankommt, etwa ein Schaf aufzusuchen und zu holen was ihm, da er einen so feinen Geruch hat, ein leichtes ist. Wird er von Hunger ge quält, so beliebt er auch Pferde und Menschen anzufallen. Im Klettern kennt er sich auch gut aus. — Will man ihm eine67 große Freude machen, so braucht man ihm nur Honig Zu reichen, dem Leckermaul. Jung eingefaugen läßt sich der Bär zähmen und sogar zum Tanzen abrichten. — Was kann man nicht Alles lernen, wenn man sich Mühe gibt und tauge sich übt! — Christoph Schmid, hat unter anderm auch ein Kinderlied geschrieben, betitelt „der Tanzbär"; — hier habt ihr es: Ei, sehet doch, der Bär, der Bär, Mit schwerem Tritt trabt er daher! Der Mann dort mit dem Ranzen, Der lässet ihn hübsch tanzen; Die Trommel brummt, die Pfeife quickt, Wie sich's zu solchem Tanze schickt. Der Bär ist gar ein faules Thier, Verschläft sein halbes Leben schier, Darum bekommt der Träge Vom Treiber viele Schläge. Woll't ihr vor Strafen sicher sein, Arbeitet brav, und lernet sein. Der Bür, der ist ein Schleckermaul, Im Honigrauben gar nicht faul; Die Bienen sich zu rächen, Mit manchem Stich ihn stechen. Seht, solchen schmerzenvollen Lohn Trägt oft die Näscherei davon. Der Bär, der brummt ohn' Unterlaß Im zornigen, ergrimmten Baß, D'rum Kinder laßt euch wehren, Und brummt nicht wie die Bären — Sonst fügt man in das Näschen klein Euch hübsche Eisenriuglein ein. Der Bär, der Bär, der grobe Bär, Ist naschhaft, faul, und brummt gar sehr; Drum kann er wieder gehen, Wir haben genug gesehen. Wir sollen fleißig, mäßig, fein, Und keine Brummelbären sein. 5 *68 Der Bär selbst will euch noch etwas Weniges erzählen: Rudolph. Nun flink denn, Meister Petz, laß einmal hören, was du zu erzählen weißt! Bär. Ich, der braune Bär, habe einen zottigen Pelz, werde über 5 Fuß lang, bewohne die Gebirge und Wälder Europa's und Asiens, doch halte ich mich auch in den Gebirgen der Schweiz, in Tyrol, in den Pyrenäen und den Karpathen auf. Im Frühjahr fresse ich junges Gras, dann aber bekomme ich Appetit zu Fleisch und mache fleißig Jagd auf andere Thiere. Im Herbst verachte ich auch saftige Früchte nicht, und da ich ein geschickter Kletterer bin, so hole ich mir solche von den Bäumen herab. Am liebsten sresse ich Honig. — Rudolph. Ei, et, du Leckermaul! aber greifst du auch uns Menschen an? Bär. So leicht nicht, der Hunger aber ist ein scharfes Schwert, und wenn er mich quält, so rathe ich dir, mir nicht zu begegnen. Uebler aber verfahre ich mit dir, wenn du mich reizest, oder mir gar meine Jungen wegnimmst; dann umarme ich dich und liebkose dich, daß dir Hören und Sehen vergeht. Rudolph. Hu! Herr Braun, bange machen gilt nicht, ich werde mich schon hüten, mit dir in Streit zu gerathen. Aber nun erzähle mir doch auch, ob alle deine Verwandte einen braunen Pelz haben? Bär. Keineswegs! Meine Vettern in den Pyrenäen sind gelblich braun, haben einen gelben Kopf und weiße Ohren; mein Onkel, der H onigb är, ist gelblich, säst grau, und dann habe ich einen Gevatter in Nordamerika, der ist aschgrau, und der versteht keinen Spaß. Eben daselbst wohnt ein anderer Freund, der Baribal, der hat einen schwarzen, glänzenden Pelz. Auch der Eisbär, der sich in einen weißen Pelz kleidet, gehört zu meiner Verwandtschaft. Rudolph. Schon gut, lieber Brauit, aber nun habe die Güte und erzähle mir, wie man dich sängt oder erlegt! Bär. Daß ich ein Dummkops wäre! Nein, nein, so när risch werde ich nicht sein. Bttll. Diese aus buntem Leder geformte Kugel ist wohl den meisten Kindern ein gar liebes Ding und gar viele Freistunden widmen die Kinder dem Ballspiele. Mögen auch einige Knaben sich lieber mit dem Stecken- oder dem Wiegen- pserde, mit der Trommel, oder mit der Trompete oder gar mit kriegerischen Waffen unterhalten, holen andere lieber die69 Kegel oder den Reif, oder die Armbrust hervor, der Ball wird doch nicht in Vergessenheit gebracht und immer gewährt es heitern Kindern eine Freude, ihn, den Ball, hüpfend und springend in die Höhe zu schleudern. Diese Uebung ist aber auch sehr gut und nützlich. Man lernt geschickt den Ball aus der Hand und immer höher zu werfen, man muß genau nach ihm sehen, um ihn wieder mit den Händen aufzufangen; dieß schärst den Blick, das Augenmaß; es übt die Hand geschicklichkeit, die Haltung des Kopfes, des Leibes, der Arme, der Hände, und das ruhige Stehen, sanfte Gehen mit kleinen, leichten Bewegungen. Nach der Schule ist das Ballspiel eine gesunde Thätigkeit des Körpers; dann schläft sich's gut. Bambusrohr. Davon kennet ihr wenigstens die netten Spazierstöcklein mit den vielen Knotenabsätzen. Diese Stöcklein sind aber nur die jungen Schößlinge oder kleinen Zweiglein. Der Bambus wächst wie ein großer Baum und ist von der Wurzel aus ein ungeheures Rohr. Asien und Afrika ist seine Heimath. Man verfertigt aus dem Bambus sehr kunstvolle und dauerhafte Gefäße, man baut auch ganze Gebäude, Schisse, Brücken u. dgl. daraus. Gewöhnlich brauchen auch die Indianer das Bambusrohr zum Feueran- machen, indem sie zwei Stücke mit bewunderungswürdiger Ge schwindigkeit so lange an einander reiben, bis ein dazwischen gehaltenes trockenes Blatt von der Hitze des Bambus in Brand geräth. Mit eben dem Rohre wird dann das Feuer auch unterhalten. Bank. Der Tischler oder Schreiner macht Bänke aus gutem, dürrem Holz, das er mit seinem Hobel sauber ab hobelt. Jede Bank hat vier Beine, und wenn sie sehr lang ist, auch wohl noch ein fünftes in der Mitte, damit sie nicht abbreche, wenn sich viele Menschen darauf setzen. In Schu len, Kirchen, Schauspiel- und Bierhäusern und an andern Orten, wo sehr viele Menschen beisammen sitzen, würde man nicht genug Stühle und Sessel für Alle aufbringen können, darum setzt man sie auf Bänke; aber meistens haben diese Bänke eine Lehne. — Ruhe ist angenehm und thut dem Körper und der Seele wohl, aber nur die Ruhe nach der Arbeit. Burburossu d. i. Rothbart. Die deutschen Fürsten wählten im I. 1152 zu Frankfurt am Main, Friedrich den70 Rothbart oder Barbarossa, wie die Italiener ihn nann ten, aus dem Hause der Hohenstaufen*) zum deutschen Kaiser. Wer ihn sah in seiner männlichen, stolzen Haltung und blühenden Jugendkraft, mit den blauen, durchdringenden Augen und blonden Haaren, in seinem Ernste und den edlen mitten, der mußte sagen, daß er ein echter Deutscher sei. Aber er war auch ein gar gewaltiger Kaiser, dieser Barba rossa. Er ist sechsmal mit einem großen Heere über die Alpen gezogen, um in Italien Streitigkeiten zu schlichten, und noch am Abend des Lebens zog er als 70jähriger Greis in einem Kreuzzuge in's gelobte Land, um das heil. Grab aus der Gewalt der Türken zu befreien. In zwei Schlachten kämpfte er wie ein rüstiger Jüng ling; aber da kam das Heer an den Fluß Saleph, und drängte sich nur langsam aus schmaler Brücke hinüber. Das dünkt dem grauen Helden zu langsam, er sprengt mit dem Rosse hinein in den Fluß, ihn zu durchschwimmen. Der Strudel erfaßt ihn, reißt ihn fort und — ein Leichnam nur kommt an's User. (Dieß geschah i. I. 1190.) Unendlicher Schmerz, Jammer, Verzweiflung verbreitete sich unter den Kreuzfahrern über den Verlust des Kaisers — er wurde zu Tprus begraben. Aberlange glaubte man in Deutschland nicht, daß der Schirmherr des Reichs, der gefürchtete und geachtete Rothbart, wirklich gestorben sei, wie die noch jetzt in aller Munde lebende Sage bezeugt, daß er nicht gestorben, sondern im Kpffhäuserberge **) in der gol denen Aue, in Thüringen, sitze mit seinem silberweiß ge wordenen rothen Barte, der durch den marmornen Tisch ge wachsen sei, hier Hof halte mit seinen Helden und seiner hold seligen Tochter, und dereinst, wenn die Raben nicht mehr um den Berg stiegen, wieder hervorkommen werde aus diesem Kpffhäuser, um das deutsche Reich wieder glorreich und einig zu machen. — Tief im Schooße des Kpffhäusers bei der Ampel rothem Schein *) Es gab mehre deutsche Kaiser aus dem Hause der Hohenstau- fen. So nennt man diese Regenten von einer Burg, die Friedrich, der Stammvater dieses Geschlechtes, auf dem Hohenstaufen, einem Berg kegel der rauhen Alb, im jetzigen Königreiche Württemberg, er baut hatte. **) Siehe Kyfshäuser in diesem Lexikon!71 Sitzt der alte Kaiser Friedrich an dem Tisch von Mar morstein. _ Fhn umwallt der Prirpurmantel, ihn umfängt der Rüstung Pracht, Doch auf seinen Augenwimpern liegt des Schlafes tiefe Nacht. Vorgesunken ruht das Antlitz, d'rin sich Ernst und Milde paart, Durch den Marmortisch gewachsen ist sein langer, goldncr Bart. Rings wie ehr'ne Bilder stehen seine Ritter um ihn her, Harnischglänzend, schwertumgürtet, aber tief im Schlaf wie er. Alles schweigt, nur hin und wieder fällt ein Tropfen vom Gestein, Bis der große Morgen plötzlich bricht mit Feuersgluth* herein, Bis der Adler stolzen Fluges um des Berges Gipfel zieht, Daß vor seines Fittichs Rauschen dort der Rabenschwarm entflieht. Aber dann wie ferner Donner rollt es durch den Berg herauf, Und der Kaiser greift zu Schwerte und die Ritter wachen auf. Laut in seinen Angeln tönend, springet auf das ehr'ne Thor, Barbarossa mit den Seinen steigt im Wastenschmuck empor. Auf dem Helm trägt er die Krone und den Sieg in seiner Hand, Schwerter blitzen, Harfen klirren, wo er schreitet durch das Land. Und dem alten Kaiser beugen sich die Völker all' zugleich, Und auf's neu' zu Aachen gründet er das heil'ge deutsche Reich. Barometer. Das Barometer, meine Kinder! kennt ihr wohl alle. Ist doch fast in jedem Hause eines zu sehen! Wenn ihr es genau betrachtet, so werdet ihr finden, daß dieß eine gläserne Röhre, welche ungefähr drei Fuß hoch, oben geschlossen und unten gebogen ist. Am Ende der Biegung befindet sich eine Kugel, welche aber nicht ganz verschlosfen ist. Diese Röhre wird mit Quecksilber, jedoch nicht ganz, gefüllt. Die Luft drückt stärker, wenn sie rein und nüt keinen Dünsten angefüllt ist; dann steigt das Quecksilber höher und dies zeigt manchmal an, daß es nicht regnet, weil keine Dünste in der Luft sind. Die Luft drückt schwächer, wenn viele Dünste darin sind; dann fällt das Quecksilber- nieder und dies ist ein Zeichen, daß es der Dünste wegen vielleicht regnet. — Der kluge Mensch kann überall nützliche Dinge erfinden. —72 Baum. Er entsteht aus einem Samenkorn, das Wur zeln, einen Stamm, dann Aeste, Zweige, Blätter, Blüthen und Früchte treibt. Der Baum ist also eine Pflanze mit einem holzigen Stamme; sind mehrere Stämme vorhanden, so nennt man sie einen Strauch. — Bäume, welche im Walde wachsen und entweder Laub oder Nadeln als Blätter tragen, nennt man Waldbäume. Die Obsttragenden aber Garten bäume. Die vorzüglichsten Obstbäume sind: der Apfel-, Birn-, Pflaumen-, Zwetschgen-, Kirschen-, Aprikosen- und der Man delbaum. — Die Eiche, die Buche, die Linde, die Pappel, die Tanne, die Fichte und die Forche sind Wqldbäume. Es ist etwas, Schönes um einen Baum, ich sehe sie so gern, wenn sie groß'und stark sind, wenn sie grüne Blätter haben, blühen, Früchte tragen. Auch die Waldbüume sind nicht zu verachten, sie sind sehr nützlich. — Lieber Theodor! — Rathe, was ist das: Im Lenz erquick ich dich, im Sommer kühl ich dich, im Herbst ernähr ich dich, im Winter wärm ich dich. Das ist leicht errathen, wirst du sagen. Es ist ein Baum. Jst's nicht wahr? Im Frühling erfreut sich dein Auge und deine Nase an den Farben und dem Duft seiner Blüthen. Im Sommer legst du dich in seinen kühlen Schat ten auf den grünen Rasen. Im Herbst läßt du dir seine Früchte wohl schmecken. Im Winter läßt er sich endlich gar geduldig zerhauen und in den Ofen werfen. Ein Dichter, Namens L. Uhland, schildert uns in folgen dem Gedicht den Baum als eine liebliche Herberge: Bei einem Wirthe wundermild, da war ich jüngst zu Gaste; ein goldner Apfel war sein Schild an einem langen Aste. Es war der gute Apfelbaum, bei dem ich eingekehret; mit süßer Kost und frischen: Schaum hat er mich wohl genühret. Es kamen in sein grünes Haus viel leichtbeschwingte Gäste;73 sie sprangen frei und hielten Schmaus, und sangen auf das Beste. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh, auf weichen grünen Matten, der Wirth, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten. Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit, da schüttelt er die Wipfel. Gesegnet sei er allezeit von der Wurzel bis zum Gipfel. Beduinen. Was find denn die sogenannten Beduinen, von welchen die Pilger und die Reisenden im Orient so oft reden, für sonderbare Menschenkinder? — Lieber Albert! diese Frage will ich dir in Kürze beantworten. Die Beduinen sind: „die Sohne der Wüste", die no- madisirenden Araber des Gebirges und der Wüste, die wan dernden Hirtenvölker ohne feste Sitze, ohne Häuser, ohne Acker bau, ohne bestimmte begrenzte Heimath, welche mit ihren Heer- den von Pferden, Eseln, Schafen, Ziegen und Kameelen stets im Lande umherziehen, wo es eben gute Weide gibt, welche bald da, bald dort ihre Gezelte aufschlagen, und sie sogleich wieder abbrechen, sobald diese unsteten, heimatlosen Zugvögel der Wüste die Wandernngslust ergreift, oder die Gegend von ihren Heerden abgeweidet ist. — Sie find nebenbei auch krie gerische Hirten auf flüchtigen arabischen Rossen und privilegirte Raubritter ihres Bezirks; — sie sind die raublustigen und stets kampffertigen Nachkömmlinge Jsmael's, von welchem es in der Bibel mit Recht prophetisch heißt: Er wird ein wilder, unsteter Mensch sein, seine Hand gegen Alle, und Aller Hand gegen ihn. — Der Beduine ist wirklich jetzt noch unstet, halb wild, kriegerisch, raubsüchtig und in steter Fehde begriffen mit seines Gleichen, mit Nachbarstämmen und andern Horden, oder mit der herrschenden Landesregierung, auch mit Reisenden und Caravanen rc., wenn er nicht etwa durch Vertrag und reichliches Backschis (Trinkgeld) gewonnen und' als Schutzwache erkauft wird. — Von Sinai bis Palmyra hinab durchziehen die Be duinen das weite Weideland von Arabien, Syrien, .Palästina und Mesopotamien. Der Beduine hat in seiner Kleidung, in seinem Leben und seinem Charakter etwas Romantisches, Abenteuerliches, — et-74 was Ritterliches. Er hat die Sitten, das Leben des höchsten Alterthums beioehalten, ist die sortlebende Reliquie und Mu mie der grauesten Vorzeit. Wie die Erzväter leben auch die Beduinen in Gezelten, einfach in Kleidung und Speise, reich nur durch ihre Heerden, durch ihre Genügsamkeit und Frei heit im meiten Weidenland. Der Beduine ist mager, schlank, wohlgestaltet, oft von edler Gesichtsbildung und mit feurigen Augen, er ist nervig, behend und vielertragend. Er trägt ein Hemd mit einem Gürtel um die Lenden, in welchem seine Waffen, Pistole und Dolche stecken. Um das Haupt bindet er mit einem Stricke ein hellfarbiges Tuch, zum Schutze gegen den tödtlichen Sonnenstich. Bei einiger Kälte oder Regen wirft er noch als Mantel um sich eine wollene Decke, welche er auch als Bettdecke braucht Zum Schutze der Füße bedient er sich der Sandalen. Zum ferneren kriege rischen Apparat und ächt ismaelitischen Beduinenanzuge gehört eine Flinte und eine lange Lanze. Am stattlichsten nimmt sich der Beduine aus, wenn er auf seinem Rosse mit der Lanze daher fliegt, wenn sein Mantel im Winde flattert und er kampf lustig seine Waffen schwingt. Da ist er in seinem Elemente als der romantische Ritter der Wüste, — als der fliegende Freiherr vom großen Sandmeer. Der Beduine lebt von dem Erträgniß der Viehzucht und vom Stehlen und Rauben, — sowie von dem Bakschis, das er als Schutzgeld, als Zoll von den Reisenden eintreibt, welche in sein Gebiet kommen und denen er für gute Bezahlung sein Schutzgeleit anbietet. Auch der Verkauf ihrer herrlichen ara bischen Pferde trägt den Beduinen Geld ein. Den Ackerbau verachten sie als ein schimpfliches Gewerbe und nehmen den Fellahs (ackerbauenden Dorfbewohnern), was sie an Getreide eben brauchen, theils heimlich, theils mit Gewalt, wobei es oft blutige Fehden abgibt. Oft überfallen die Beduinen ganze Reisegesellschaften, plündern sie aus, oder erpressen sich wenig stens ein hohes Lösegeld, wofür sie die Gefangenen wieder frei geben. — Die schwache Regierung vermag nichts über diese freien Barbaren, welche nöthigen Falls in die weite Wüste sich zurückziehen, und dorthin als in ein sicheres Asyl, als in eine unüberwindliche Sandfestung, sich flüchten, wohin ihnen keine Armee zu folgen vermag. Durch Güte, durch Verträge, durch Bakschis sind diese Leute am besten zu gewinnen und alsdann in treue Schutzwächter zu verwandeln, denn sie sind treu in Haltung des gegebenen Wortes.75 Die Lichtseite im Charakter dieser arabischen Naturmen schen ist ein großer Zug von Ritterlichkeit, namentlich Math, Tapferkeit, Mäßigkeit, Kampflust und Treue im gegebenen Worte. Hltk man mit dem Häuptling (Scheikh) einer solchen Horde einen Contrakt geschlossen und gleichsam sein Freibillet gelöset, — dann ist man sicher und wohlbewacht, außerdem das Opfer einer Ränberhorde, welche Franken (so heißen alle Europäer) und Türken plündert, die ihr Gebiet eigenmächtig betreten, ohne gezollt und bezahlt zu haben. Ein Schattenzug im Charakter und Leben der Araber und der Beduinen ist noch immer die barbarische Unsitte der schreck lichen Blutrache, wechselseitig oft mit großer Erbitterung aus geführt. Bei diesen mohamedanischen Naturmenschen, welche von der erhabenen Milde und von der Fciudesliebe des Chri stenthums nichts wissen, heißt es noch immer: Aug um Aug, Zahn um Zahu, Blut für Blut, Leben für Leben. Ist ein Familienglied gelobtet worden, so halten sich dessen Verwandte für verpflichtet, den Gemordeten dadurch zu rächen, daß sie den Mörder oder ein Familienglied desselben wiederum morden. So muß oft der Unschuldigste als Opfer der Rache fallen und in steter Gefahr leben, bei nächster Gelegenheit als ein Opfer der fanatischen erbarmungslosen Blutrache zu fallen. Oft müssen Viele für Einen fallen und oft dauert die Blutrache viele Jahre und setzt nicht selten ganze Familien und Dorf- schaften, ja sogar Stämme in eine feindselige, kriegerische Stimmung gegen einander. Das freie, zügellose Leben der Wüste lieben sie als ihr höchstes Gut und Lebensparadies, — das städtische Leben un ter Beamtenherrschaft verabscheuen sie als erbärmliche Knecht schaft. Auch ihnen sind die Städte „die Wohnungen der Sklaven" und die Gräber der Lebendigen." Lieber opfert der Beduine Alles, als seine Wüste und sein freies, wild ritterliches und romantisches Leben in derselben. Die Religion dieser Halbwilden ist sehr einfach. Sie nen nen sich zwar Mohamedaner, ohne es vollständig zu sein, denn sie kennen den Koran nicht, haben keine Moscheen, wallfahrten nicht nach Mekka re. Ihre Religion ist noch die einfache, un entwickelte Religion der ältesten Zeit, — sie glauben an Einen Gott, „Allah", der Himmel und Erde gemacht hat, von dem jede gute Gabe kommt, von dem sie auch Unglück ergeben an nehmen, sprechend: „Allah hat es gesandt, also muß es gut sein." —76 Ganz getreu besingt ein Dichter in seinen Beduinenliedern der Beduinen ritterlichen Charakter, deren Freiheitsliebe und Kampfeslust, wie folgt: Die Wüste nenn ich ineine Welt! Dort schlag' ich auf das schwarze Zelt, Und weide meine Heerde dann, Ein freier Mann! Es schürt die Glut, und bringt darin Die bräunliche Araberin Mein Aschenbrod; und d'rüber heiß Dampft mir der Reis. Ich bind mein treues Roß Im Zelte von den Fesseln los, Und theil' mit ihm das Abendbrod In Freud' und Roth. Und wenn dann vor ein Fremdling spricht, Da laß' ich ihn vom Zelte nicht, Da denk' ich still: „Was du noch hast, Das theil' mit ihm, er sei dein Gast!" Keinem König Sind wir sröhnig; Doch den Barer ehren wir! Lieben ihn, wie treue Kinder, Und er sorget treu nicht minder, Für der Seinen Wohlergeh'n. Frag' ihn, und er wird gesteh'n, Daß ihm diese Zelte hier Lieblicher und schöner winken, Als der Mauern feste Zinken An den fränkischen Chausse'n! Biete ihm in Kümmernissen Deine Welt mit den Genüssen Aller Lebensfreuden an: Nimmer will er davon wissen, Soll er seine Kinder missen, — Nimmer wird er unterthan!77 Der Beduinen Begierde, die reisenden Franken zu be rauben oder für Geld schützend zu begleiten, schildert der näm liche Dichter in folgenden Zeilen: Wie so rasch mir das Blut in den Adern schwellt! Hervor Beduinen! aus dem Gezelt! Dort oben im zerfallenen Khan Halt die Carawane der Franken an. Wer kühn sich gewagt in unser Land, Der kämpfe mit uns, das Schwert in der Hand! Der träume nicht lang' vom fränkischen Recht, Besteige das Roß, und stürz' in's Gefecht! Doch will er entfliehen dem blutigen Streit, Wir bieten ihm gern das freie Geleit, Rur theil' er mit Euch das fränkische Gold, Und nehme den Scheikh in Ehrensold! — Bedürfnisse nnd Bequemlichkeiten des Men schen. Ueberall, wo Menschen wohnen, hat Gott dafür ge sorgt, daß sie, bei Fleiß und Sorgfalt, alles haben, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse gebrauchen. Denn wenn gleich nicht jedes Land so viel hervorbringt, als seine Bewoh ner zu ihrer Erhaltung bedürfen, so können sie sich doch durch den Handel das Fehlende leicht verschaffen. Aber welches sind denn die Bedürfnisse des Menschen? Wenn ich mir den Mund und die Nasenlöcher zustopfte, so würde ich sterben; denn ich würde ersticken. Unaufhörlich muß der Mensch durch den Mund und die Nase Luft ein ziehen oder einathmen, wenn er leben soll. Wenn ein Mensch das Unglück hätte, auf eine wüste Insel zu gerathen, wo er weder Speise noch Trank, also gar keine Nahrungsmittel fände, so müßte er vor Hunger und Durst sterben. Wer im harten Wmter weit über das Feld gehen muß, und zuletzt nicht mehr fort kann, der erstarrt endlich vor Frost, und muß sterben; denn ohne Wärme kann kein Mensch leben. Wenn man ein neugebornes Kind auf das freie Feld hinlegte, und weder für seine Ernährung, noch für seine Reinigung, Erwärmung und Bekleidung sorgte, so müßte es78 umkommen, oder es würde wenigstens nicht verständig werden, nicht aufrecht gehen und nicht sprechen lernen; denn die Kin der lernen vorzüglich dadurch gehen und sprechen, daß sie den Gang und die Sprache der Erwachsenen nachahmen, und wer den besonders durch die Anweisungen und Belehrungen der Erwachsenen verständig. Also Luft, Nahrung, Wärme, Kleidung, Wohnung und Beisammensein mit seines Gleichen ist dem Menschen zur Erhaltung seines Lebens nothwendig. Alles dieß bedarf jeder Mensch, um zu leben; es sind Bedürfnisse. Aber wir alle können leben, wenn wir auch keinen Wein zu trinken, keinen Kuchen zu essen, und keine seidenen Kleider anzuziehen hätten. Diese Dinge bedarf also der Mensch nicht; sie gehören nur zum Wohlsein Wer recht müde ist, der schläft auf der bloßen Erde sanft und ruhig; aber er schläft freilich lieber auf einem weichen Bette. Auf der harten Bank läßt sich's recht gut sitzen und ausruhen; aber freilich sitzt es sich aus dem weich gepolsterten Sessel bequemer und ange nehmer. Ein Rock von dem gröbsten Tuche thut recht gute Dienste, denn er schützt vor Kälte, Wind und Regen; aber es ist freilich angenehmer, einen Rock von seinem Tuche zu haben, der mit schönen Knöpfen besetzt ist. Also weiche Betten, ge polsterte Stühle und kostbare Kleidungsstücke gehören nicht zu den Bedürfnissen, sondern zu den Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens und zur Pracht oder zum Auf- wande. Aber wozu gehört der Spiegel, die Uhr und die Geige? Wenn mir hinreichende und gesunde Nahrung, brauchbare Kleider und eine gute Wohnung haben, so wollen wir zufrie den sein, wenn auch die Nahrung nicht ausgesucht und lecker, die Kleider nicht kostbar und glänzend, die Wohnung nicht prächtig, oder nicht ganz gemächlich ist. Beere. Wißt ihr, daß man die Beerchen, welche weiß blühen, an niedern Büschen wachsen, Erdbeeren, jene, welche schwarz sind, in Wäldern wachsen, und um sich, an den Sten geln runde Blättchen haben, Heidelbeeren nennt? Besser kennt ihr gewiß die Stachelbeeren, die im Garten gedeihen, entweder grün, roth oder gelb sind, an Büschen wachsen, die spitzige Stacheln an sich haben; dann die Himbeeren, welche roth sind, an hohen Stengeln hangen, und erst die Johannesbeerchen! Nicht wahr, das sind eure Trauben! — Sie wachsen aber79 auch so traubenartig und in welcher Menge! Gewöhnlich sind diese Beerchen roth. Doch gibt es auch welche, die weiß und sogar schwarz sind. Berg. Große Erhöhungen der Erde heißen Berge. Ist ein Berg nur sehr unbedeutend, so heißt er „Anhöhe". Et was mehr hervorragend heißt man ihn „Hügel". Ist von eineni Berge die Rede, so muß die Erhöhung wenigstens 1000 Meter betragen. Hängen mehrere Berge zusammen, so bilden sie ein G ebirg. Ein Vorgebirg erstreckt sich in das Meer hinaus. — Denket Kinder! Es gibt auch Berge, welche Fener ausspeien. Solche Berge nennt man senerspeiende Berge oder Vulkane. — Wie schön und weise hat es der gütige Schö pfer eingerichtet, daß es auf der Erde Berge und Anhöhen gibt! Diese verleihen dem menschlichen Auge nicht nur die angenehm sten Ruhe- und Anhaltspunkte, sondern gewähren uns auch noch den mannigfaltigsten Nutzen. Was liefern uns nicht alles die Berge? In ihnen sind die so nützlichen Metalle verborgen; an ihnen entstehen die silberreinen Quellen, viel Holz und fettes Gras für das Vieh. Die heilsamsten Pflanzen werden in Ge birgen gefunden und um die reiuste Luft einathmen zu können, steigt man auf hohe Berge, und befindet sich da sehr wohl. Preiset Gottes Allmacht, von der die Berge Zeugniß geben und danket ihm für die Wunderwerke seiner Schöpfung! — Ich bin vom Berg der Hirteuknab', Seh' auf die Schlösser all' herab; Die Sonne scheint zum ersten mir, Am längsten weilet sie bei mir. Ich bin der Knab' vom Berge! Hier ist des Stromes Mutterhaus, Ich trink' ihn frisch vom Stein heraus, Er braust vom Fels in wildem Laus, Ich fang ihn mit den Armen auf. Ich bin der Knab' vom Berge! Der Berg, der ist mein Eigenthmn, Da zieh'n die Stürme rings herum, Und heulen sie von Nord und Süd, So überschallt sie doch mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge!80 Sind Blitz und Donner unter mir, So steh' ich doch im Blauen hier; Ich kenne sie und ruse Zu: Laßt meines Vaters Haus in Ruh'! Ich bin der Knab' vom Berge! Und wenn die Sturmglock' einst erschallt, Manch Feuer auf den Bergen wallt, Dann steig' ich nieder, tret' ins Glied, Und schwing' mein Schwert und sing' mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge! Von Hans und Hof, von der grünen Wiese und dem lieblichen Garten steigen wir hinaus aus die Höhen. Die Lust wird reiner, sie weht kühler. Wir treffen andere Pflanzen, andere Thiere. Es stellt sich uns ein wundervoller Wechsel vor Augen, der seinen Grund in der steigenden Abnahme der Wärme hat. Während am Fuße des Berges die Rebe grünt, der Obst baum seine Pracht entfaltet, das Korn in weiten Fluren wallt, treten wir höher oben in den kräftigen Laubwald. Roch höher gedeiht nur die saftreiche Tanne. Weiter wird der Baumwuchs Zwerg- und krüppelhaft. Dafür decken den Boden wohlriechende, schmackhafte Kräuter aller Art. Endlich hört jeder Pflanzen- wuchs auf und es beginnt das unheimliche, langsame Wachs thum der Gletscher mit ihren Eiskristallen. Dicht unter ihnen aber erfreut den Wanderer noch der Anblick der Alpenrose, des Steinbrechs und Enzians. Da wiegt sich noch der schöne Apollo. Der Alpenvockkäfer sucht sein Lager. Stolz wandert die Gemse über den Felsgrat. Das Murmelthier macht seine possirlichen Sprünge, und auf den kahlen Felsen horstet der Steinadler und der Lämmergeier. Da hat der Mensch keine bleibende Stätte. Nur der Senn weidet den Sommer über seine Heerde und der Gemsjäger wagt sein Leben an die Beute der Alpen und der Wanderer steigt jeweils herauf. Weiter und weiter öffnet sich ihm der Gesichtskreis. Dunkler wölbt sich über ihm der Himmel. Frischere reinere Luft dehnt seine Brust und ein inniges Gefühl durchglüht ihn von der Erde Schönheit, von Gottes Allmacht, Weisheit und Güte. Bergslnrz von GoldKU. In der Schweiz, im Kan ton Schwyz liegen zwei große Berge einander gegenüber, von denen der eine Rigi (s. d.), der andere Roßberg heißt. Beide Berge sind ungefähr gleich hoch, kaum etwas über 5500 Fuß,81 aber von sehr großein Umfange. Sie laufen nicht in eine Spitze zu, sondern haben oben einen breiten Rucken, der aber sehr uneben ist, so daß man glauben könnte, auf den großen Berg seien wieder einige kleinere Berge gestellt. Die Seiten der Berge oder die Bergwände sind durch viele große Felsenrisse durchbrochen, welche in diesen Gebirgsgegenden Flühen genannt werden. Tiefe Schluchten ziehen sich an mehreren Stellen Dort der Höhe des Gebirges herab; oben sind sie enge Felsen spalten, gegen die Mitte des Berges hin werden sie allmälig weiter und endigen am Fuße des Berges als kleine Thäler. In ihnen rauschen kleine Bäche herunter, die oft über die Flühen Herabstürzen und hohe Wasserfälle bilden, welche man aber im Alpengebirge weniger beobachtet, weil es noch viele Fälle gibt, welche nicht weniger hoch sind und von wasserreichen Bächen gebildet werden. Der Wasserreichthum des Rigi- und Roßberges ist sichtbar nicht bloß in diesen Rinnsalen, welche ganz oben Herabkommen, sondern in allen Klüften und Höhlen des Gebirges; überall sind kleine Quellen, oder die Felswände schwitzen und tropfen, so daß ihre nächste Umgebung angefeuchtet wird. Deßwegen sind diese Berge mit einem herrlichen Grün bekleidet; an den steileren Abhängen stehen frische, kräftige Waldbäume mannigfaltiger Art, während die sanfteren Abhänge mit süßem Grase und kräftigen Alpkräutern bewachsen sind, wo das Vieh die herrlichste Weide findet. Die Felsenriffe durchbrechen aber das Grün der Wälder und Weiden an vielen Orten und schauen unheimlich und drohend herunter; die großen Felsstücke und Steinmassen, aus die man schon am Fuße des Gebirges stößt, und die überall zerstreut in Wäldern und Weiden herumliegen, bezeugen auch ganz deutlich, daß schon manches Stück sich losgerissen hat, und heruntergerollt ist. Denn das Felsgestein besteht nicht aus einer festen, derben Masse, sondern aus unzähligen Brocken von der Größe einer Baumnuß bis zu der eines Felsblockes von mehreren hundert Zentnern. Diese Steine sind alle rundlich wie die Rollsteine, welche man in den Flüssen und Bächen findet, und mit einem Kitte von Thon, Mergel, Kalk und Sand wie durch einen Mörtel verbunden. Wenn nun das Regenwasser durch Ritzen und Spalten in eine solche Felsenmasse eindringt, so durchweicht es jenen Kitt und wascht ihn nach und nach weg, so daß ein Felsstück herunter stürzen muß, wenn es nicht durch andere gestützt ist. Man hsißt^diese gefährliche Gebirgsart das Nagelsluhegebirge, weil die Steine aus den Felsenwänden wie große Nagelköpfe her- Kinder-Torrversations-Lexikon. 682 Vorschauen. Sie gleichen aber noch mehr einem Straßenpflaster, das ans ungleich großen Steinen gemacht ist und recht uneben aussieht. Aus solcher Nagelfluhe bestehen auch die Uferwände des Zugersees, der den Fuß des Gebirges auf der nordwest lichen Seite bespühlt und über 900 Fuß tief ist; und diese Tiefe ist nicht etwa in der Mitte des Sees, sondern sie beginnt schon einige Schritte vom Uferrande. Im 15. Jahrhundert brach ein Stück des Ufers, auf welchem die Stadt Zug steht, ein und stürzte in den See und mit demselben nicht weniger als 40 Häuser der Stadt. Alle Bewohner wurden von dem See verschlungen, nur ein Kind wurde gerettet, das in seiner Wiege auf dem See wie in einem Kahne schwamm; dieses Kind wurde später ein tapferer Offizier. Mehr als hundert Jahre später stürzten abermals sechs Häuser in den Schlund des Sees, und noch heute sind die Bewohner der Stadt nicht ganz be ruhigt und halten jedes Jahr einen Bettag. Diese Uferbrüche waren nichts anderes, als was man sonst Bergstürze nennt; das losgerissene Stück der Bergwand rollte in die Tiefe des Thales, das aber mit Wasser ausgefüllt ist und deßwegen See heißt. Der fürchterlichste Bergsturz ist aber der, welcher am 2. Sept. 1806 die Dörfer Goldau, Pusingen und Röthi ver schüttete. Diese Dörfer breiteten sich mit ihren Häusern, Gärten und Matten in dem Thale zwischen dem Rigi und Roßberge aus, der auch Ruffiberg heißt, und waren sehr wohlhabend. Unterhalb nahm der Lowerzersee den größten Theil des Thales ein, ungefähr in der Länge von einer Stunde und einer halben in der Breite. Der Sommer des Jahres 1806 war sehr reg nerisch gewesen, und der Roßberg hatte schon manchmal Fels stücke Herunterrollen lassen, die sich zu denen gesellten, welche schon seit undenklichen Zeiten heruntergekommen waren. Dies erschreckte daher niemanden, weil die Leute daran gewöhnt waren. Es gab jedoch andere Zeichen, welche darauf hindeuteten, daß nicht mehr einzelne Felsstücke, sondern ganze Bergmassen los zubrechen drohten. Beinahe aus der Höhe des Berges zeigte sich seit mehreren Tagen eine Spalte, welche mit jedem Tage zunahm, so daß sie nicht mehr übersprungen werden konnte. An andern Stellen war der Rasen übereinander geschoben, ein deutlicher Beweis, daß der feste Grund unter demselben gerückt war. In dem Walde, der einen Theil des Bergabhanges be deckte, waren viele Tannenwurzeln abgebrochen, die Erde auf gerissen, die Bäume selbst standen schief. Ein Familienvater,83 der in einem einzeln stehenden Hanse ziemlich hoch am Berge wohnte, ein unwissender aber braver Mann, lief noch am 2. September zu dem Pfarrer von Arth und bat ihn, daß er zu ihm kommen und sein Haus segnen möchte; seit einiger Zeit höre er Tag und Nacht, besonders aber sei es in der letzten der Fall gewesen, so schauerliche Töne aus dem Berge, daß er nicht anders glaube, als der böse Geist gebe sich auf diese Weise kund. Au diesem Tage rollten mehr Steine als bisher herunter; sie rissen sich zum Theil so weit unterhalb an dem Berge los, daß sie bis in die Nähe der Häuser im Thale kamen und die Bewohner aufmerksam werden mußten. Ein schon bejahrter Mann, der in einem Hause auf Besuch war, trat heraus, schaute gegen den Berg und sagte: „Der Berg da wird noch Unheil bringen," begab sich aber doch wieder in das Hans zurück. Unter solchen Zeichen wurde es am 2. Sep tember Abend, und die Uhr zeigte bereits gegen 5 Uhr. Meh rere Reisende kamen von Arth her und sahen dem Herunterrollen der Felsstücke zu; zwei Zöglinge eines Lehrers gingen ihm voran Goldau zu, ebenso eilte eine junge Frau ihrem Manne einige Schritte voraus. Plötzlich fingen die Tannen des Waldes an zu schwanken, wie wenn sie von einem Sturm bewegt wür den; eine ganze Wolke von Krähen und andern Vögeln erhob sich und flog gräßlich schreiend dem Rigi zu; das Vieh auf den Weiden im Thale rannte im schnellsten Lause in der gleichen Richtung fort. Auch die Einwohner von Goldau wollten fliehen; ein Hirte auf dem Rigi sah, wie eine ganze Schaar der Brücke über den Bach zueilte, aber es war schon zu spät. Die wan kende Berghalde rutschte zuerst am Fuße langsam vorwärts, und als die oberen Massen so ihre feste Unterlage verloren hatten, stürzten sie mit ungeheurer Schnelligkeit herunter tu das Thal. In wenigen Augenblicken war das Thal mit den Trümmern des geborsteten Berges überschüttet; etwa 3000 Fuß über Goldau begann der Bergbruch, zuerst schmal, daun immer breiter und breiter werdend. Nicht nur Felsentrümmer, oft in Stücken so groß als ein kleines Haus, stürzten hinunter, son dern auch ungeheure Schlammströme, welche das in die Höh lungen und Fugen des Berges eingedrungene Regenwasser durch du Erweichung der Thon- und Mergelschichteu gebildet hatte, die Ursache des Bergsturzes. Jene vorausgeeilten Fremden murfoeit vor den Augen ihrer etwas zurückgebliebenen Begleiter begraben, an dem Rande des Ungeheuern Leicheuhügels, mit welchem der Berg die Bewohner Goldau's, Büsingens und 6 *84 Röthis, über 400 an der Zahl, überdeckte. Aber nicht allein der Schutt des stürzenden Berges brachte den Gräuel der Verwü stung dahin, soweit Felsentrümmer und Schlammströme reich ten; eine ungeheure Masse desselben hatte sich in den Lower- zersee gestürzt und zwei Dritttheile desselben ausgefüllt. Das plötzlich verdrängte Wasser erhob sich zu einer Höhe von mehr als 30 Fuß, überschwemmte alle User, brachte Tod und Ver derben in die Dörfer Lowerz und Seewen und verheerte das Land noch abwärts, wo das Wasser des Sees als Seebach in die Muotta und mit dieser in den Vierwaldstätter-See stießt. Mehrere Menschen wurden auf wunderbare Weise gerettet; ein Beispiel davon will ich euch erzählen. Von einer Familie, die in einem einzelnstehenden Hause wohnte, befanden sich nur die Magd und ein Töchterlein von drei Jahren zu Hause, als dasselbe zusammengedrückt und überschüttet wurde. Die Magd fand, als sie von ihrem Schrecken wieder zu sich kam, daß einige Balken über ihr eine Art Brücke bildeten, welche das Nachstürzen der andern Theile des Hauses verhinderten; aber sie war doch so eingepreßt, daß sie sich nicht regen konnte, und ein Fuß war ihr gebrochen. Sie glaubte nicht anders, als der jüngste Tag sei vorhanden uud das Weltende gekommen. Das kleine Mädchen klagte und verlangte endlich im kindlichen Unverstände zu essen; die Magd ermahnte es zu beten und betete laut mit demselben. Da hörte sie die Abendglocke von dem benachbarten Steinen läuten und überzeugte sich, daß der Tag des jüngsten Gerichts noch nicht gekommen sei. Sie mußten die ganze Nacht und noch einen Theil des folgenden Tages in ihrer schrecklichen Lage ausharren. Da erlös'te sie der Vater, der endlich den Platz gefunden hatte, in dessen Nähe sein Haus gestanden haben mußte. Sie hörten sein Klagen und Jammern und er ihren Hilferuf; denn zum Glücke war das Haus an der Grenze des Bergsturzes gelegen, und wurde nur zusammen gedrückt und theilweise mit Schlamm überdeckt. Bergwerk. Man findet die Metalle nicht auf der Erde, sondern in der Erde. Die Leute schlagen deßwegen tiefe Gruben in die Erde ein und machen dort Gänge; sie stützen diese Gruben öfters mit Holz, daß der obere Theil nicht so leicht herein sallen soll, Hlber dennoch stürzt er öfters herein, daß die Leute nicht mehr heraus können. Das Erz, welches man findet, wird in Schüsseln und andern Gefäßen an langen Seilen durch Walzen heraufgezogen. Die Leute, welche das Erz aus der Erde graben,85 heißen Bergleute. Diese Bergleute treiben ein sehr gefährliches Geschäft; denn oft stürzen die Gruben unten ein und die Berg leute werden lebendig begraben. Oesters dringt auch Wasser in ihre Gänge und ersäuft sie; oder es kommt ihnen eine tödt- liche Luft entgegen, welche sie erstickt. Wenn der Bergmann in den Schacht fährt, so betet er zuvor und steckt bisweilen ein Licht auf den Kopf, das seinen stillen schauerlichen Weg unter der Erde erleuchtet. Die Bergleute, die sich dort begegnen, rufen einander zu: Glück auf! Wenn sie unten an dem Orte angelangt sind, wo sie ihre Arbeit sortsetzen wollen, so rufen sie Gott, den Allmächtigen, wieder um Beistand an; denn hier unten sind sie von aller menschlichen Hilfe fern. Hoch über ihnen sind die Wohnungen der Menschen und kein Sonnenstrahl fällt in die Tiefe, wo sie arbeiten. Den Bergmann ergötzt bei seinen Arbeiten oft der Gesang der Lerche; aber um den Berg mann ist es bei seiner Arbeit fürchterlich still. Nur den Schlag des Hammers hört man, den der Bergmann gegen die Felsen führt. Ueber ihm hängen furchtbare Felsenstücke, die jeden Augenblick heruntersallen können. Kein Wunder, wenn sich die Bergleute nach überstandenener Arbeit ans der Erde oben wieder freuen und sich durch Gesang und Lieder erheitern. Berlin. Schon in der Ferne bietet Deutschlands und Preußens Haupt- und Residenzstadt mit ihren Thürmen, Pa lästen und andern Denkmälern der Größe und Kunst einen herrlichen Anblick dar. Sie breitet sich zu beiden Seiten der schiffbaren Spree in einer sandigen Ebene aus. In und um Berlin führen gegen 40 Brücken über den Fluß, unter denen sich die Kurfürstenbrücke, welche durch die in Erz gegossene Reiterstatue, des großen Kurfüsten geschnnückt ist, die Schloß brücke und die 230 Fuß lange Friedrichsbrücke auszeichnen. Durch die Spree steht Berlin mit der Elbe und Oder in fahr barer Verbindung. Dazu kommen die Eisenbahnen nach Ham burg, Stettin, Breslau, Leipzig, Magdeburg und Danzig, wo durch sie der Nord- und Ostsee, so wie dem Innern von Deutsch land nahe gerückt ist. Sie hat jetzt beinahe 11,000 Häuser, die einen Flächenraum von Meile einnehmen und nach der Volkszählung von 1871 — 828,413 Einwohner. Der Umfang der Stadt beträgt über drei deutsche Meilen. Durch die 4'/^ Meter hohe und l'/ 2 Meter dicke Ringmauer führen 3 Wasser- und 21 Landthore. Berlin ist unstreitig eine der schönsten Städte, und der86 Reisende, der durch das Brandenburger- oder Potsdamer Thor in die Stadt tritt, wird von der Regelmäßigkeit der Straßen außerordentlich überrascht. Die schönste unter den 335 Straßen ist die Straße unter den Linden, welche 67 Meter breit und mit Linden in vier Reihen bepflanzt ist. In der Mitte befindet sich ein breiter, ungepflasterter Spaziergang, der ans beiden Seiten Ruhebänke hat, und den kein Wagen und Reiter be treten darf. Die beinahe eine halbe Meile lange Friedrichstraße gewährt besonders bei nächtlicher Erleuchtung einen herrlichen Anblick. Wer von dem lebhaften Verkehr in der Residenz einen recht anschaulichen Begriff bekommen will, muß die Königs straße besuchen, denn fast in keiner Gegend der Stadt ist das Gedränge der Menschen und das Geraffel der Wagen so groß und anhaltend, als hier. In den untern Stockwerken der Häuser sieht man fast nichts als Läden, von welchen einer immer den andern an geschmackvoller Einrichtung und zierlicher Aufstellung der einzelnen Gegenstände übertrifft. — Auch an öffentlichen Plätzen hat Berlin vor vielen anderen großen Städten bedeutende Vorzüge. Sie sind meistens mit prächtigen Gebäuden umgeben, zum Theil mit Bildsäulen ge schmückt und mit Bäumen und Blumen bepflanzt. Schönere Gebäude hat vielleicht keine Stadt Europas in solcher Anzahl auszuweisen, als die Hauptstadt des Deutschen Reiches (des preußischen Staates). Die meisten sind von neuer Bauart; ihre Höhe beträgt drei, vier bis fünf Stockwerke. Viele von ihnen haben ansehnliche Hintergebäude, welche von den weniger bemit telten und armen Familien oft Zu Hunderten bewohnt werden. Wunderbar fühlt man sich ergriffen, wenn vom neuen Museum das Auge auf den Lustgarten und seine Umgebung fällt. Näher heran erblickt es die riesenförmige Granitschale, den silberhell emporsprudelnden Springbrunnen und geschmack volle Gartenanlagen; dann die einfache Börse und die freund liche Domkirche; weiterhin das majestätische Schloß, 1451 -- 1716 erbaut und 1846—1852 mit einer Kapelle und Kuppel ver sehen; es ist ein kolossales Viereck von 30 Meter Höhe, 129 Meter Breite und 138 Meter Länge, mit 5 Portalen, 19 Sälen und 500 Zimmern. Neben dem Schlosse erscheinen einige nicht unbedeutende Privatwohnungen wie kleine und unansehnliche Häuser einer Provinzialstadt. Nicht weit vom Schlosse befinden sich die großartige Schloßbrücke und das in neuem Glanze prangende Zeughaus. Unmittelbar hinter der Schloßbrücke, welche sieben87 Ausziehklappen hat und daher beim Durchlässen der Schiffe nie ganz gesperrt wird, betritt man den Zeughausplatz, welcher mit dem Opernplatz ein Ganzes bildet. Beide Plätze sind gleichfalls mit den erhabensten Werken der Bau- und Bildhauerkunst ge schmückt. Auf der einen Seite erheben sich das eben genannte Zeughaus, das kleine, aber geschmackvolle Wachgebäude, mit den Bildsäulen der Helden Scharnhorst und Bülow zur Seite, und das große Universitätsgebäude; auf der andern Seite das Palais des Kronprinzen, das aus eroberten Kanonen gegossene Standbild des gefeierten Helden Blücher, ihm zur Seite Gnei- senau und v. Jork, das stattliche Opernhaus und das Palais des Kaisers von Deutschland und Königs von Preußen, neben welchem am Opernplatze sich das kgl. Bibliothekgebäude befindet. Vor dem Eingänge zu den Linden steht die prächtige Rei- terstatue Friedrichs des Großen, und im Hintergründe der Lin denreihen sieht man das herrliche Brandenburger Thor, welches der von vier Riesenpferden gezogene, 1807 von den Franzosen nach Paris geführte, 1814 aber zurückeroberte Triumphwagen mit der Siegesgöttin schmückt. Der Weg zu dem Prachtthore, die Straße unter den Linden genannt, gleicht einer Kunststraße im eigentlichen Sinne des Wortes; zu beiden Seiten Pracht- gebände, bald ein Tempel der Wissenschaft und Kunst, *) bald ein fürstlicher Palast, bald eine Bürgerwohnnng, deren äußerer Glanz schon die Wohlhabenheit verräth, welche in den Mauern der Kaiser- und Königsstadt wohnt. Unter den zahlreichen Pa lästen und anderweitigen Gebäuden sind noch sehenswürdig: das neue Rathhaus, die Sternwarte, die Bauakademie, das Kadettenhaus, das Jnvalidenhaus, die schönen Kasernen vor dem Oranienburger und dem Hallischen Thore, in der Karls straße und bei Moabit, die Borsig'sche Maschinen-Bau-Anstalt, die kgl. Eisengießerei, die Porzellanfabrik und die berühmten Krankenhäuser Charite und Bethanien u. a. m. Berlin hat außer einer großen Anzahl wissenschaftlicher, Kunst- und Gewerbe-Institute, Akademien und Gesellschaften, namentlich eine Universität, 7. Gymnasien, 6 höhere Bürger und Realschulen, 22 höhere Töchterschulen, 59 Mittel- (oder Stadt-) schulen und 150 Elementarschulen. Die Universität zählt unter allen Anstalten der Art die meisten Studenten und hat die größte Anzahl von Lehrern, unter welchen die ausge zeichnetsten Namen in ganz Deutschland glänzen. Eine Biblio- *) Besonders beachtenswerth ist das Aquarium.thek von 500,000 Bänden unterstützt die Bestrebungen der Gelehrten; und wer etwas Tüchtiges lernen will, sindet säst nirgends mehr Gelegenheit dazu als in Berlin. An Fabriken zählt es 800, worunter gegen 250 Wollen- und Baumwollen-, über 100 Seidenwaaren-, 36 Kattun- und 46 Tabakfabriken sind. Berlins Wollhandel ist der bedeutendste in Europa; jährlich werden ungefähr 250,000 Ctr. verkauft, die einen Kapitalwerth von mehr als 45 Millionen Mark haben. Der Handelsverkehr ist aber auch in jeder andern Beziehung höchst bedeutend. Großartige Gas- und Wasserleitungen durchziehen fast sämmtliche Straßen Berlins und versorgen die Einwohner mit brennbarem Gas und reinem Wasser. Bernhcrrdsberg. Lieber August! Der Bernhards berg ist ein hoher mit ewigem Schnee und Eis bedeckter Berg in der Schweiz, über den eine gute Straße nach Italien führt. Auf diesem großen Bernhardsberg ist ein Kloster, wo selbst zehn bis zwölf Mönche wohnen, welche den Reisenden alle mögliche Hilfe leisten. Denn wenn auf diesem Berge ein dicker Nebel oder ein Schneegestöber kommt, so wird es den Reisenden sehr schwer, den Weg zu finden und weiter fort zukommen. Die einen sinken vor Ermattung nieder, andere werden vom Schnee begraben, noch andere fallen in Abgründe. Da haben nun die Mönche Hunde, welche sie dann mit nehmen oder allein sortschicken. Sobald der Hund einen unglücklichen Reisenden findet, so springt er zurück und gibt den Mönchen durch Sprüngen und Bellen zu verstehen, daß sie mitgehen sollen. So führt er sie zu den Reisenden hin. Bisweilen hängen sie einem Hunde ein Fläschchen mit Brannt wein oder ein Körbchen mit Brod um den Hals. Er läuft dann fort und bringt diese Erquickung einem ermatteten Wan derer, den sie aufgespürt haben. Ein solcher Hund, Namens Barry, ließ sich nie an sein Geschäft mahnen. Sobald ein Nebel oder ein Schneegestöber kam, sprang er fort, rannte bellend nach den gefährlichen Stellen der Straße, und sah, ob er nicht einen Versinkenden halten oder einen Vergrabenen hervorscharren könne. Konnte er nicht Helsen, so eilte er in großen Sätzen nach dem Kloster zurück und holte die Mönche herbei. So rettete er in zwölf Jahren vierzig Menschen. Als er alt und kraftlos wurde, sandte man ihn in die Stadt Bern, wo er starb. Lebe wohl! Bernstein. Zu den brennbaren Materialien gehört auch der Bernstein, der an der preußischen Ostküste von der89 Größe einer Linse bis zur Faustdicke gesunden wird. Aus nahmsweise sand 1803 ein Taglöhner, zwischen mehreren Stei nen Wrvorstehend, ein Stück Bernstein von 13 Pfund. Dieses seltene Stück befindet sich zu Berlin in der Mineraliensammlung und soll 24,000 Mark werth sein. Die Farbe des Bernsteins ist entweder weiß oder wachsgelb bis rothgelb. Er läßt sich mit einem Messer bröckeln, schmilzt in der Hitze und verbreitet einen angenehmen Geruch; an der Flamme verbrennt er. Der Bernstein hat die merkwürdige Eigenschaft, daß er gerieben, elektrisch wird, denn er zieht alsdann kleine Papierstückchen, Wolle re. an sich. Er heißt lateinisch eleokruin, und daher kommt das Wort Eleetrieität. Besonders merkwürdig ist der Bernstein aber durch die von ihm eingeschlossenen Naturkörper. Außer Sand, Erde, Holz und Wassertropfen findet mail eine Menge Insekten in ihm vergraben, besonders Schlupf wespen, Ameisen, Fliegen, Mücken, Spinnen rc. Es ist dies ein Beweis, daß der Bernstein aus einem flüssigen Zustande tu einen verhärteten übergegangen ist. Man vermuthet daher, daß der Bernstein aus einem Baumharz einer untergegangenen Pflanzenwelt entstanden ist. Der Bernstein läßt sich drechseln und schleifen und so wird er zu allerlei Kunst- unb Schmuck sachen verarbeitet. Auch gibt er ein angenehmes Räucherpulver. Beschäftigung der Menschen. Jeder Mensch soll ein brauchbarer und nützlicher Mensch in der Welt zu werden suchen. Jeder Mensch soll und muß daher etwas Nützliches lernen und treiben. Der eine Mensch treibt dieses Geschäft, der andere ein anderes, und so dient einer dem andern. Sehr verschieden sind daher die Beschäftigungen der Menschen. Der Bauer oder Ackersmann baut das Feld. Er pflanzt Getreide zu Brod; er pflanzt Obstbüume, Kartoffeln und noch viele andere Gewächse zur Nahrung für Menschen und Vieh; er pflanzt Hanf und Flachs zu Leinwand oder andere Dinge. Durch die Viehzucht verschafft er uns Fleisch, Milch, Butter und Käse zur Speise, Wolle und Leder zur Kleidung. Der Bauernstand ist daher gewiß der nützlichste und unentbehrlichste unter allen Ständen. Auch der Hand werks st and ist unent behrlich. Einige Handwerker arbeiten für lmj’ere Nahrung, andere für unsere Kleidung; einige machen uns andere nöthige Dinge. Für die N ahr un g der Menschen arbeiten: der Müller, der Bäcker, der Metzger oder Fleischer, der Bierbräuerund noch andere. Für unsere Kleidung arbeiten: der Leinweber, der Tuch-90 macher, der Wollweber, der Seidenweber, der Gerber, der Schuhmacher, der Schneider, der Hutmacher, der Strumpfwe ber, der Färber. Für unsere Wo hnun g und Bequemlichkeit arbeiten folgende Handwerker: der Zimmermann, der Maurer, der Schrei ner, der Steinhauer, der Ziegler, der Schlosser, der Nagelschmied, der Glaser, der Töpfer oder Hafner, der Zinngießer, der Zeug schmied, der Hufschmied oder Grobschmied, der Messerschmied, Kupferschmied, der Blechschmied oder Spengler, der Nadler, der Wagner, der Drechsler, der Seifensieder, der Seiler, der Sattler. — Weißt du, was jeder dieser Arbeiter verfertigt? Der Handwerker braucht Werkzeuge zum Arbeiten.— Der Schneider braucht die Nadel, Scheere, den Meter und das Bügel eisen.— Der Schreiner hat nöthig : Hobelbank, Hobel, Säge,Mei ßel, Maßstab, Winkelmaß, Zirkel, Hammer, Beil, Bleistift, Feile. Kannst du auch sagen, welches Handwerkzeug der Wag ner, der Zimmermann, der Maurer, der Schuhmacher braucht? Einige Handwerker verarbeiten Holz, andere Eisen, andere Wolle, andere Leder, andere Baumwolle, Holz verarbeiten: der Zimmermann, der Schreiner, der Küfer, der Dreher, der Wagner. — Der Hufschmied, Messerschmied und Zeugschmied, der Schlosser und Büchsenmacher verarbeiten Eisen und Stahl. — Welche Handwerker verarbeiten Flachs und Hanf? — welche Stein? — welcher Handwerker verarbeitet Wolle? — welcher Zinn? — welcher Kupfer? — welcher Gold? — Silber? — welcher Baumwolle? — welcher Seide? — Welche Handwerker arbeiten meistens sitzend? — welche stehend? — welche im Freien? — welche in Zimmern und Werkstätten? — Der Kaufmann kaust und verkauft allerhand Maaren. Kannst du manche nennen? •— Der Förster sorgt für die Anpflanzung und den Schutz des Waldes. — Der Soldat vertheidigtdas Vaterland gegen den Feind. — Der Arzt rathet uns in Krankheiten, und verordnet Arzneien. — Der Apo- th eker bereitet Arzneien. — Der Lehrer unterrichtet die Kinder in nützlichen Kenntnissen, und weiset sie zum Guten an. — Der Geistliche belehrt die Jugend und Erwachsene über Gott und Religion; er ermuntert die Menschen zum Guten und warnt sie vor dem Bösen. — Die Obrigkeit spricht Recht und bestraft diejenigen, die Böses oder Unrecht begangen haben. Die Obrigkeit sorgt, daß Jeder im Lande ruhig und sicher wohnen kann; sie sorgt für Schulen und andere nützliche Anstalten. Die höchste Obrigkeit im Lande ist der Fürst91 (Kaiser — König — Herzog), in Republiken der Präsident. Der Landesfürst hat für das Wohl seines ganzen Landes zu sorgen, hat das Volk oder seine Unlerthanen nach weisen Ge setzen zu regieren. Der Fürst hat also einen wichtigen Stand. — Gute Fürsten sorgen sür das Wohl ihrer Unterthanen, sowie ein Vater für seine Kinder sorgt. Gute Unterthanen gehorchen aber auch ihren guten und weisen Regenten, und er füllen gern die Gesetze des Landes. Jeder Stand oder Beruf ist in der menschlichen Gesell schaft nöthig; er mag hoch oder niedrig sein. Keine Berufs art, kein Stand darf daher verachtet werden. — Derjenige Mensch, der überall, und besonders in seinem Berufe, so viel Gutes zu wirken sucht, als ihm möglich ist, ist sehr achtbar, er mag in einem hohen oder niedern Stande leben. Wer seine Pflicht erfüllt, wer thätig und rechtschaffen ist: der verdient Achtung und Liebe, er mag Fürst oder Unterthan, Herr oder Knecht sein. — Wer aber nichts Nützliches zu wirken sucht; wer seine Schuldigkeit in seinem Berufe nicht thut; der ist nichts werth, er mag sein, wer er wolle, Bauer oder Gelehr ter, Handwerker oder Künstler. Es kommt nicht darauf an, was man in der Welt ist, sondern wie man es ist. Wer in der Welt ein guter und nützlicher Mensch werden will, muß schon in der Jugend der Grund dazu legen. Ich muß gern und fleißig lernen; muß mich an Thätigkeit und Ord nung gewöhnen; muß schon früh Gutes zu wirken suchen. Betten. Wozu die Betten dienen, wisset ihr alle; auch ist euch nicht unbekannt, wie gut man darauf liegt, wenn sie recht weich sind, und gut aufgeschüttelt werden. Aus was die Betten gemacht werden, das laßt euch nur von eurer lieben Mutter erzählen, denn jede wirthschastliche Hausfrau weiß ihre und ihrer Kinder Betten, mit ihrem Gesinde und ihren Töch tern, selbst Zu machen. Sie sagt gewiß zuerst von den Fe dern und hernach von einem guten dicken Zeuge, gemeiniglich Barchent, bte- gu einem guten Bette erfordert werden. Die Gans- und Entenfedern wird sie loben; die Hühner- und Tau benfedern aber verwerfen, denn die taugen nichts, weil sie sich ballen. Am liebsten sind der Frau Mutter die Schwanenfedern und die Eiderdunen, d. h. der Flaum oder das Bauchgefieder der Eidergänse, die es aber in unfern Gegenden gar nicht gibt. Den Barchent kauft sie beim Weber. Hat man nun Strohsack und Matratze, Unter- und Oberbett, und Kissen für das Haupt, so92 ist man ausgestattct für die Ruhe; und hat man noch dazu das beste Ruhemittel, Ermüdung durch Arbeit, Gesundheit des Körpers, und ein Herz, das nichts betrübt und kümmert, dann schlaft sichs gewiß gut. Gute Nacht! Doch zuvor noch ein Dankgebet zu Gott, und eine fromme Bitte um gute Nacht für sich, für die Seinen und — für alle Menschen. Bewegungsorgane der Thiere. Lieber Max! Keine Pflanze kann sich von einem Ort zum andern bewegen, sie ist mit der Wurzel im Boden festgewachsen. Hast Du je einen Baum aus zwei Füßen herumgehen, oder eine Blume im Gar ten herumsliegen sehen? Es gibt zwar Blumen, welche wie ein Schmetterling aussehen, aber ein solcher Blumenschmetter ling kann seine Flügel nicht schwingen; er bleibt da sitzen, wo er gewachsen ist. Bei der Mückenpslanze meint man Zwar, es säßen vier oder fünf braune Mücklein auf einem Stil. Aber sie sind fest angewachsen und regen sich nicht. Dagegen können sich die Thiere von einem Orte zum andern bewegen, sobald sie es wollen. Wir wollen nun die Glieder, mit denen sie dieses thun, näher betrachten. Die viersüßigen Thiere heißen darum so, weil sie vier Füße haben, mit denen sie stehen, gehen, laufen, springen und klettern, nämlich zwei Vorder- und zwei Hinterfüße. Die Affen stehen und gehen manchmal aus den Hinterfüßen, als wollten sie den Gang der Menschen nachäffen. Besonders thut dieses der Orangutang, welchen man auch den Waldmenschen nennt. Allein er geht und steht dann wie ein rechter Tölpel, und fällt bald wieder aus die Vorderfüße nieder. Dagegen springen und klettern die Affen vortrefflich, und es ist ihnen kein Baum zu hoch. Viele von ihnen haben einen Wickel- schwanz, den sie beim Klettern wie eine Hand gebrauchen. Sie wickeln ihn nämlich um die Aeste, und halten sich damit fest. Manche, wenn sie recht behaglich ruhen wollen, hängen sich mit dem Wickelschwanz an einen Ast auf, und bleiben so stundenlang hängen. Der Belzebuth hat in der Spitze seines Schwanzes ein so feines Gefühl, daß er damit in die kleinsten Löcher gelangen, und alles herausholen kann, wie wir mit der Hand. Bei allen viersüßigen Thieren sind die Zehen mit einem Nagel oder mit einer Kralle versehen. Bei denen, welche auf Bäume klettern, sind die Krallen länger und spitziger und können heraus- und zurückgeschoben werden, wie bei den Katzen.93 Kannst Du mir ein niedliches, bei den Kindern sehr beliebtes Thierchen nennen, das mit großer Behendigkeit auf die höchsten Bäume klettert, ja, das auf den Bäumen geboren wird, sein Haus auf die Bäume baut, und doch kein Vogel ist? — Auch der Bär, ob er gleich so groß und plump ist, kann sehr ge schickt auf Bäume klettern, wobei er sich die Aepfel und Birnen, sowie den Honig der wilden Bienen wohl schmecken läßt. Be trachtest Du nun aber den Fuß eines Pferdes, so wirst du finden, daß die Zehen alle zusammengewachsen sind, damit sich die Füße nicht so leicht wund laufen. Wie nennt man diese Hornschuhe?—Wenn sie zugeschnitten werden, so wachsen sie immer wieder nach. Pferde, Esel, Zebra haben solche, die nicht gespalten sind, und man nennt sie deßhalb Einhufer. Dagegen sind die Hufe der Ochsen, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Hirsche u. a. gespalten, und man nennt sie deßhalb Zweihufer. Bei dem Elephanten und dem Nilpferd ist der Huf dreimal oder viermal gespalten. Aber, lieber Max, gehen denn auch die Vögel auf vier Füßen? Nein, die Vögel hüpfen und gehen nur aus zwei Füßen. Wo sind denn die andern zwei Füße hingekommen? Aus diesen hat der allmächtige Schöpfer Flügel gemacht. Denn die Vögel können, was kein vierfüßiges Thier kann: sie können fliegen, und deswegen sind die Vorderfüße bei ihnen in zwei Flügel verwandelt worden. Die Federn, welche an der Spitze der Flügel stehen, sind die längsten und stärksten. Weil sich der Vogel damit in die Lüfte schwingt, nennt man sie Schwung- se d ern. Sobald der Vogel fliegen will, breitet er die Schwung federn aus; wenn er sich setzt, legt er sie zusammen. Nun betrachte aber den Fuß einer Henne und einer Gans, was findest Du für einen Unterschied? Bei der Gans sind die Zehen mit einer Haut verbunden. Warum das? Weil die Gans ein Schwimmvogel ist und daher ihre Füße zum Rudern braucht. Solche Schwimmfüße haben die Enten, Schwäne, Pelikane, Möven u. a. Es sind aber diese Vögel nicht blos vortreffliche Schwimmer, sondern auch geschickte Tau cher. Sie fahren mit einem Stoß tief unter das Wasser hinunter. Dabei schreien sie vor Vergnügen, und schlagen mit den Flügeln. Es gibt sogar auch einen Schwimmer, der zwar auch Flügel hat, aber nicht fliegen kann, weil keine Schwung federn daran sind. Das ist die Fettgans. Sie braucht ihre Flügelein blos zum Rudern. Daß sich ein Vogel in die Lüste schwingt, ist natürlich,94 beim dazu ist er ein Vogel; baß bas aber eine Maus wagen sollte, ist unerhört. Und doch ist es so. Sie fliegt aber nur in der Dämmerung und bei Nacht, als wenn sie sich vor den Vögeln schämte. Wie die Vögel in der Lust, so schwimmen die Fische im Wasser. Daher sind auch beide an einem Tage geschaffen wor den. Aber haben denn die Fische auch zwei Füße und zwei Flügel wie eine Gans? Warum nicht gar! wirst Du sagen; sie haben statt der Füße und Flügel Flossen. Ganz recht. Ihnen hat der allmächtige Schöpfer die zwei Füße zu zwei Bauchflossen und die zwei Flügel zu zwei Brustflossen umgeschaffen. Mit diesen Flossen bewegen sich die Fische im Wasser eben so schnell, als die Vögel in der Luft. Die Schwanz flosse dient ihnen als Steuerruder. Aber, lieber Max, was sind das für Fische, bei denen die Brustflossen so lang und breit sind, daß sie sich mit denselben über das Wasser emporschwingen, und einige Zeit in der Luft sortschießen können? Ost machen ganze Hausen mit einander eine solche Luftreise. Die Fische schwimmen nicht blos, sondern sie schnalzen, d. i. sie schnellen sich mit dem Schwanz über das Wasser empor. Ja, der Pf eil st sch fährt bisweilen wie ein Pfeil aus dem Wasser heraus. Aber ein Fisch ist schwer. Man sollte denken, er müßte immer zu Boden sinken, wie ein Stein. Das geschieht aber nicht, vielmehr steigt der Fisch lustig im Wasser auf und nieder. Wie kommt das? Das kommt daher, daß die Fische eine Schwimmblase in ihrem Leibe haben, welche sie nach Belieben mit Luft füllen können. Wollen sie aufsteigen, so lassen sie Luft hinein, und machen sich dadurch leichter; wollen sie auf den Grund, so drücken sie die Luft heraus, und werden so schwerer. Die größte Schwimmblase haben die fliegenden Fische. Die Säugethiere haben Füße, die Vögel haben Flügel, und die Fische Flossen. Es gibt aber ein Thier, das weder Füße, noch Flügel, noch Flossen hat, und sich nicht bloß auf der Erde, sondern auch im Wasser herumbewegt. Auf dem Bauche kriecht und schlüpft es durch Alles hindurch, so leise und heimlich, daß man es kaum hört, gleich als führte es was Böses im Schilde. Ja, es schlingt sich auf Bäume, und macht sogar im Zorn gewaltige Sätze. Was ist das für ein unheimliches Thier? Die Flügel jener kleinen Thierchen, welche man Insek- t e n nennt, bestehen nicht aus Federn, wie die der Vögel, son dern aus einer durchsichtigen Haut, welche bei vielen mit einer95 Menge Adern durchzogen ist, so daß sie einem Netze gleich sieht. Bei den Käsern liegen diese Flügel wohl verwahrt unter den harten Flügeldecken, wie in einem Futteral. Wie sein und zierlich sie oft Zusammengefaltet sind, kannst Du an dem Ohrwurm sehen. Die prächtigsten Flügel unter den Insekten haben die Schmetterlinge. Fährt man mit dem Finger über einen Schmetterlingsslügel, so bleibt ein farbiger Staub daran hän gen. Betrachtet man diesen Staub mit einem Vergrößerungs glas, so sieht man zu seinem Erstaunen lauter durchsichtige Schüppchen von rother, blauer, gelber, grüner, weißer und schwarzer Farbe. Daraus hat der Schöpfer die herrlichen Zeichnungen auf den Flügeln der Schmetterlinge zusammenge setzt. Und wie wunderbar! Auf jedem Flügel ist ein Stäub lein genau wie auf dem andern' Welcher Künstler vermöchte so etwas zu machen! Alle Käfer haben außer den Flügeln sechs Füße. Es gibt einen Käser, der sehr kurze Füße hat, und wenn er von einer Pflanze herab gerade auf den Rücken fällt, so kann er sich nicht mehr umwenden, weil seine Füße zu kurz sind. Was thut er nun? Er schnellt sich auf eine künstliche Weise in die Luft, und fällt dann gewöhnlich auf den Bauch nieder. Man nennt ihn deßhalb den Schnellkäfer. Nicht alle Käfer leben auf der Erde; viele treiben sich im Wasser herunn Es sind das die Wasserkäfer. Sie haben zwei starke mit Haa ren besetzte Schwimmfüße. Womit macht der Floh seine Luftsprünge? Mit den Springfüßen. Sehr lange Spring füße haben die Heuschrecken, welche Du auch die Gras hüpfer zu nennen pflegst. Lebe wohl! Biber. Welche wunderbare Triebe und Anlagen hat doch der Schöpfer diesem Thiere verliehen! Er, der Biber, ist eilt ordentlicher Baumeister; denn eine Wohnung weiß er sich an einem Flusse zu erbauen, die aus zwei niedlichen Stock werken besteht. Im untern Stock befindet sich die Vorraths kammer unb der obere Stock wird von ihm und seinen Ka meraden, etwa auch von einem angekommenen Gaste bewohnt. Für alle Fälle des Lebens ist der Bau des Bibers eingerichtet. Sein künstliches Haus hat nur einen Ausgang, der aber unter das Wasser führt. Durch ihn entflieht die Biberfamilie in der Stunde der Gefahr, durch ihn ziehet sie, wenn sie den Nach barn Besuche abstattet — denn oft trifft man 20 bis 30 solche96 Biber-Residenzen beisammen. — Dieses alles thun die Biber, diese ziemlich unbehilflichen Thiere, kaum so groß, als ein Flei scherhund, mit ihren scharfen Zähnen und dem mit Schuppen bedeckten, abgeplatteten Schwänze, der ihnen beim Bauen und Schwimmen treffliche Dienste leistet. Ein fleißiges Thier, der Biber, ein noch fleißigeres aber ist die Bienen. „Wenn man wissen will, woher denn 4 ) 61 ^ und Wachs komme, so denkt man an dich, liebes, munteres, immer fleißiges Thierchen! Ja, du lieferst Honig und Wachs; daher verzeiht man es dir auch gerne, daß du auf den Blumen Saft und — Blumenstaub holest und freut sich sehr, daß du so schöne Zellen bauest. Ja, ja, Biene, du bist ein allerliebstes Thierchen, nur weiß ich nicht recht, warum du hinten einen Stachel hast, mit dem du so wehe thuu kannst!" — Von den Bienen, diesen fleißigen Thierchen, möchte ich euch gern recht viel erzählen, wenn nur der Raum es zuließe. An ihrer Ar beitsamkeit, ihrer Ordnungsliebe und Reinlichkeit, an ihrem Zusammenwirken in dem von ihnen gebildeten Staate, und ihrem Gehorsam gegen die Königin, kann sich der Mensch ein hüb sches Beispiel nehmen. — Ein vollkommener Bienenschwarm besteht aus der Königin, aus Drohnen und Arbeitsbienen. Die Königin ist die Seele des ganzen Schwarms, und zugleich die wahre Mutter ihres Volkes, indem von ihr alle andern Bienen abstammen. Die andern Bienen behandeln sie mit großer Liebe und Ehrfurcht. Wenn sie, die Königin, langsam in ihrem Stocke umhergeht, so ist sie stets von einem ansehnlichen Gefolge begleitet. Einige reichen ihr von Zeit zu Zeit Honig dar, andere putzen und streicheln sie mit ihren Rüsseln. Stirbt sie, so geräth alles in Verwirrung, Unordnung und Unthatig- keit, und verfliegt sich, wenn nicht Hoffnung da ist, in Bälde eine neue Königin zu bekommen. Sind in einem Bienenstöcke ihrer zu viele, so stellt sich eine junge Königin an die Spitze und viele, viele jungen Bienen folgen ihr. Das heißt man schwärmen. Die Drohnen oder männlichen Bienen arbeiten nichts und werden vor dem Eintritte des Winters als Tagediebe von den Arbeitsbienen getödtet und hinausgeworfen. Die Arbeits bienen, ganz zur Arbeit geschaffen, sind die kleinsten im Stocke und oft gegen 20,000 beisammen. Ein freundlicher Dichter sagt: Kinder, geht zur Biene hin! Seht die kleine Künstlerinn,97 Wie sie emsig sich bemüht, Und aus allem Honig zieht, Unverdrossen duldet sie Ihres kurzen Lebens Müh', Ist geschäftig spät und früh. Und ich sollte müßig sein? Nein, ich will schon jung und klein, Arbeitsamer sein als sie, Da mir Gott Verstand verlieh, Meines Lebens schönste Zeit Sei in froher Thätigkeit Gott und meinem Glück geweiht. Nicht zur trägen Weichlichkeit Gab mein Schöpfer mir die Zeit; Ich empfing aus seiner Hand Leben, Kräfte und Verstand. Nützlich brauchen will ich sie Immer thätig spät und früh; Reicher Segen lohnt der Müh. Wieder ein anderer Dichter schreibt ein Gedichtchen für böse, unfolgsame Buben, die gern die Bienen stören und plagen möchten; hier habt ihrs! „Was doch nur die Mutter spricht: Störe mir die Bienchen nicht!" „Ich bin groß und sie sind klein, Wie sollt' ich wohl furchtsam sein? Räuber! warum sauget ihr Alles Süß' aus meinen Blumen mir? Zürnend schlägt er auf sie ein. Weh' thut's, ob sie auch nicht schrei'n. — Aber plötzlich, wuthentbrannt, Sticht ein Bienchen seine Hand; Ach, da läuft er weinend fort. — Folgte willig nun der Mutter Wort. — Lieber Wilhelm! Du kennst also jene Vögelein, welche sich Zellen von Wachs bauen, und während des ganzen Sommers den goldgelben, durchsichtigen Seim eintragen, der so süß und Kinder-Conversations-Lexikon. 798 und würzig schmeckt, wie nichts in der Welt? Von diesen Vögelein, die man Bienen oder Immen nennt, habe ich oben so Manches erzählt, aber auch in diesem Briese will ich Dir noch Einiges von ihnen mittheilen, denn es gibt gar viel Merk würdiges und Wunderbares von dem Haushalt des Bienen volkes zu schreiben. Merke auf! — Gar wohl weißt Du, daß man diesen süßen Vögelein Körbe von Stroh gibt, welche die Gestalt einer Glocke haben. Man stellt diese Strohkörbe auf ein viereckiges Brett und läßt unten ein kleines Loch zum Aus- und Einfliegen offen. Da macht sich danli das kleine Bienenvolk an die Arbeit und baut eine ganze Stadt von Wachs hinein. Eine solche Stadt be steht aber aus lauter Waben, und eine Wabe wiederum aus lauter kleinen sechseckigen Zellen, die mit ihrem Boden anein- der stoßen. Eine Zelle ist genau so groß lvie die andere, als hätte man sie mit einem Zirkel abgelnessen. Und wie dünn und sein sind die Wände unh der Boden dieser Zelle! Warum aber, fragen wir verwundert, niachen die Bienlein ihre Zellen gerade sechseckig und so, daß immer zwei einen Boden haben? Das machen sie deshalb so, weil sie auf diese Art am wenig sten Wachs brauchen. Bedenke also, was diese Thierlein für künstliche Arbeiter sind! Bedenke ferner, daß niemand aus der ganzen Welt Wachs machen kann; diese Kunst verstehen allein die Bienen. Wie es aber dabei zugeht, weiß man nicht, nur so viel weiß man, daß es aus ihrem Magen kommt, wo es auf eine unbegreifliche Weise bereitet wird. Und nun, fragen wir weiter, wozu baut das emsige Bie- neuvolk diese künstlichen Zellen und Waben? Was ist darin enthalten? In diesen Zellen, lieber Wilhelm, ist dreierlei ent halten: 1) die junge Brut, 2) das Bienenbrod und 3) der Honig. Nun merke Dir zunächst, daß in einem Bienenstock nur ein einziges Weibchen ist, welches man die Königin oder den Weisel nennt. Sie ist größer als die andern Bienen und legt in einem Sommer zum wenigsten vierzigtansend Eier in die leeren Zellen. Nach zwei bis 3 Tagen kommen aus den Ei lein kleine, weiße Würmlein, die von den Bienen acht Tage lang sorgfältig gefüttert werden, bis sie ausgewachsen sind. Sodann verschließen die Bienen die Zelle mit einem Deckel von Wachs, unter welchem sich der Wurm verpuppt, und sich nach 21 Tagen als eine junge Biene durch den Deckel herausnagt. Die junge Biene sängt sogleich an, mit den alten aus- und einzustiegen und zu arbeiten. Sie braucht nichts zu lernen,99 . sie bringt alle ihre Künste mit auf die Welt; auch braucht ihr niemand bei ihrem ersten Ausflug den Weg nach Haufe zu zeigen, fie findet ihn gleich das erstemal eben fo sicher, als Du einen Weg, den Du oft gegangen bist. In die Zellen legt aber die Königin nicht bloß die Eier, sondern die Bienen tragen Biencnbrod und Honig hinein. Das geht aber so zu. Wenn im Sommer die Sonne wärmer zu scheinen anfängt, fo stiegen die emsigen Honigvögelein sogleich aus, und suchen nach blühenden Bäumen und Blumen. Sie summen in den Wäldern, und hummen auf den Feldern, auch fliegen auf die Aeckerlein die winzig kleinen Leckerlein. Haben fie ein Blümlein gefunden, so kriechen sie hinein in das Blumenbecherlein fo tief sie können, saugen den süßen Saft heraus und schlucken ihn in die Honigblase, welche sie in ihrem Leibe haben. Es ist gar etwas Wunderbares, wie diese kleinen Leckerlein jede Blume zu finden wissen, daß man es oft kaum begreift, wie cs zugeht, und wiewohl sie dabei stun denweit fliegen, so verirren sie sich doch niemals, sondern kom- men richtig bei ihrem Stocke wieder an. Darum sagt der Dichter Hey gar schön: Das kleine Bienelein fliegt immer fleißig hin und her, als ob es niemals müde wärst und trägt den Honig ein. Wer hat's ihm denn gesagt, wo's überall ihn finden kann für sich und dich und jedermann, Daß es gar niemals fragt? Das hat ja Gott allein; der legt ihn in die Blumen hin, da findet ihn das Bienchen drin, und trägt ihn fröhlich ein. Nicht bloß aber den süßen Saft der Blumen saugen die Bienen in die Houigblase, sondern sie beladen sich zugleich mit dem Blüthenstaub. Wtznn du den Bienen zusiehst, so wirst Tu bemerken, daß viele von ihnen, besonders im Frühjahr, 7 *100 weiß, gelb oder roth nach Hause kommen, und an den hintern Füßen kleine weiße und röthliche Klümpchen haben. Sie sehen dann aus, als hätten sie Höschen an. Du hast vielleicht diese Klümpchen für Wachs angesehen? Darin hast du Dich aber geirrt. Das ist nicht Wachs, sondern Blüthenstaub, den die Bienen sorgfältig sammeln, und in ein winzig kleines Körbchen von Haaren thun, das sie an ihren hintern Füßen haben. Wenn sich nun eine Biene mit Nektar und Blüthenstaub beladen hat, so fliegt sie heim, steckt zuerst den Kopf in eine Zelle und drückt aus der Honigblase den mitgebrachten Honig hinein. Den Blüthenstaub aber beißt sie mit ihren Kiefern von den Beinen herunter und verschluckt ihn. Ist sie aber schon satt, so macht sie mit den Flügeln ein Gesumme. Sogleich kommen drei oder vier hungrige Arbeiter herbei, und verzehren die Höschen ihres Kameraden mit gutem Appetit. Ist aber von dem Bienenvolk niemand hungrig, so befeuchtet die Biene den Blüthenstaub mit etwas Honig, und hebt ihn in einer Zelle auf. So füllen die emsigen Honigvögelein die Waben mit Honig und Bienenbrod für sich und für andere und geben uns damit ein schönes Beispiel. Etwas ganz Wunderbares ist es, daß die Bienen nur arbeiten, so lange die Königin im Stocke ist. Sie holen dann unverdrossen Nektar und Blüthenstaub, machen die Waben und Zellen, füttern die Larven und verrichten alles mit großem Fleiß. Sobald sie aber keine Königin mehr haben, da hören sie auf zu arbeiten, und es ist dann gerade, als hätten sie alle ihre Künste vergessen. Die eine stiegt dahin, die andere dorthin, und der ganze Stock geht endlich zu Grunde. Daher erzeigen die Bienen ihrer Königin auch alle Liebe und Ehre, bieten ihr beständig Honig an, lecken sie mit dem Rüssel ab, und begleiten sie auf allen ihren Wegen. Wenn aber nun die Königin in einem Sommer so viele tausend Eier legt, wo sollen alle diese in dem Stocke Platz finden? Dafür weiß dieses kluge Volk guten Rath. Sobald im Stocke kein Platz mehr da ist, so zieht die Königin im Mai oder Juni mit einem ganzen Schwarm aus, und sucht eine neue Heimath. Wenn dies geschieht, so sagt man, die Bienen schwärmen. Der ganze Schwarm stiegt der Königin nach, und wenn sie sich auf den Ast eines Baumes setzt, so setzt sich der ganze Haufe um sie herum. Eine Biene setzt sich mit den Füßen an die andere, bis endlich ein großer, schwarzer Bie nenbart am Ast hängt. Man hält dann einen Strohkorb101 darunter, kehrt den ganzen Schwarm mit einem Flederwisch hinein, und stellt ihn auf den Bienenstand. Sogleich machen sich die Bienen an ihre Arbeit und verfertigen, ohne daß sie ausfliegen, eine große Wabe. Erst am folgenden Tag sam meln sich Nektar und Blüthenstaub ein und gründen so eine neue Stadt. Lebe wohl! Bier. Wer das Bier erfunden hat? Niemand weiß es gewiß, wenn auch der ziemlich fabelhafte Köuig Gambriuus als Erfinder des Gerstentrankes jetzt auf manchem Wirthshaus- schilde prangt. So viel ist aber gewiß, daß die Deutschen von Alters her tüchtige Biertrinker waren. Das Bier, noch immer das Nationalgetränk des größten Theils von Deutschland, hat im Norden nur einen gewaltigeil Nebenbuhler, den Brannt wein, diesen luftigen, giftigen Patron; hoffentlich aber wird das nahrhafte, erfrischende, geistige Bier, je besser und billiger es wird, allmählich jenen schlimmsten Feind der Armen, den Brannt wein, aus dem Felde schlagen! Das bayerische Lagerbier wird jetzt fast durch die halbe Welt versendet und bestätigt den Ruf, daß kein Volk, die Engländer ausgenommen, die Deutschen je im Bierbrauen und Biertrinken übertroffen hat. Es ist wirk lich keine kleine Kunst das Bierbrauen! Da darf die Gerste, der Grundstoff des braunen, und der Waizen des Weißbieres Hauptmaterial nicht zu viel aber auch nicht zu wenig im Wasser quellen und keimen, nicht zu viel und nicht zu wenig auf der Malzdarre am Feuer oder in der Luft gedörrt werden, je nach dem das Bier eine braunere oder lichtere Farbe erhalten soll; da darf das Malz nicht zu grob, aber auch nicht zu fein ge- schroten werden, wenn beim Kochen in der Braupfanne eine starke und klare Würze entstehen soll, wobei abermals noch Alles auf Güte und eigenthümliche Beschaffenheit des Wassers ankömmt. Da muß dann die erste Würze abermals mit bem Extrakt von gekochten: Hopfen vermischt, in großen flachen Kühl fässern so schnell wie möglich abgekühlt und im Gährbottich durch Vermischung mit Oberhefe in Gährung versetzt werden, woraus erst das Bier in ausgepichte Fässer gefüllt wird, in welchen es aus dem offenen Spunde die Hefe vollends abstößt. Dann erst wird es vom Fasse verschenkt, oder in Flaschen ge füllt in guten Kellern aufbewahrt, und getrunken — bis die geistige Gährung sich in sauere verwandelt — und das sauere Bier höchstens noch zu Essig verwendet werden kann! Das ist das Bier, der deutsche Trank, der aus deu Körnern der Gersteund des Waizens, vermischt mit dem Safte der duftigen Trau- benblüthe des Hopfens quillt. Hier soll dem geneigten Leser nicht verschwiegen werden, daß allerdings schon die alten Aegppter 1200 Jahre vor Ehr. Gebnrt in der Stadt Pelusium an den durstigen Ufern des Nils eine Art Bier gebraut haben sollen, das sie „Pelusischen Trank" nannten; daß ferner die Griechen schon 700 Jahre vor Christi Geburt eine Art Gerstenwein kochten; indeß bleibt doch so viel gewiß, daß man in Deutschland zuerst im neunten Jahrhundert nach Christus dem Trank durch Zusatz von Hopfen Dauer und Aroma gegeben hat. Das eigentliche Bier bleibt also eine deutsche Erfindung, und die Deutschen, die leider auch das Schießpulver erfunden haben, können wenigstens aus ihr Bier sich etwas zu gute thun und es neben dem englischen Ale und Porter mit Ehren nennen. Bilder. Die Menschen haben es gelernt, mit Strichen Gegenstände, seien es Personen oder Sachen, so zu zeichnen, als ob man sie lebendig und in Wahrheit vor sich sehe, als sei was aus dem Papiere rund aussieht, auch rund, das Eckige auch eckig, als gehe, stehe, sitze, liege, was zu stehen, gehen, sitzen, liegen scheint — als wäre der Baum ein Baum, das Haus ein Haus, der Berg ein Berg, der Fluß ein Fluß, das Thier ein Thier, der Mensch ein Mensch. Und daß Alles noch mehr so scheinen möge, so lernten die Menschen die Farben mit dem Pinsel so auftragen, daß Alles wie lebendig vor dem Auge steht. So macht man Bilder von Blumen, Früchten, Pflanzen, Bildnisse der Menschen, Abbildungen von Thieren, und Gemälde, aus welchen Geschichten oder Landschaften in kleinen Gestalten sich zu schauen geben. Solche Bilder sind dem Auge wohlge fällig und angenehm und gewähren, so oft man den Blick darauf richtet, neue Lust und Unterhaltung und zweifachen Werth, weil sie ein Werk sind — der Menschenkunst und des Ver standes und der Geschicklichkeit. Birne. Ach, wenn wir Birnen in Natura vor uns da liegen hätten, wie wollten wir da schmausen! Hineinbeißen wollten wir, daß es eine Freude wäre! Wenn ihr aber wirk lich Birnen zu essen bekommt, so denket auch an den lieben Gott, der sie so freundlich wachsen ließ, und an den Mann, von dem man die Birnen erhält. Es gibt vielerlei Birnen, z. B. große, kleine, runde, gelbe, grüne rc. Die Bergamotten103 und die Butterbirnen sind die beliebtesten. Die letzten: hält man für das beste Tafelobst. Viele Birnen werden gekocht, viele gedörrt; denkt nur an das Birnbrod! Aus den Birnen wird auch der angenehme Birnmost bereitet. Blasebalg. Der Blasebalg leistet gar herrliche Dienste um das Feuer anzublasen, darum haben nicht nur die Kö chinnen kleine Blasebälge in der Küche, sondern auch die Schmiede und Schlosser sehr große an ihrer Esse (so nennt man ihren Feuerheerd). Auch an den Orgeln sind 3 oder 4 große Bla sebälge, welche Wind in die Orgelpfeifen blasen, während der Organist spielt. An jedem Blasebalg ist ein eisernes Rohn, und zwei Bretter, die in einer gewissen Entfernung mit Leder verbunden sind. Das obere von beiden Brettern hat ein Loch, damit der Blasebalg sich mit Luft anfülle; drückt man ihn aber zusammen, so wird das Loch von innen mit einer Klappe verschlossen, und die gepreßte Luft hat keinen andern Ausweg, als durch das Rohr, aus welchem sie als ein heftiger Wind herausfährt. Blätter. Lieber Emil! Wenn es im Sommer recht heiß ist, so setzest Du einen Hut aus, damit dir die Sonne nicht auf den Kopf brennt. Auch die Bäume haben im Som mer einen Hur auf, aber keinen gelben Strohhut, sondern einen grünen Blätterhut, der aus viel tausend Blättlein gervebt ist. Damit machen sie sich und uns einen gar lieblichen, kühlen Schatten, und wer möchte im heißen Sommer nicht gern unter dem frischgrünen Hute eines Baumes sitzen und ruhen? Dieser Hut ist im Sommer schön grün, aber im Herbst wird er gelb und roth, und zuletzt fällt er den Bäumen vom Kopf herab und verwes't. Das ist das Schicksal aller der tausendmaltau- send Blättlein, die ein großer Dichter, Fr. Rückert, mit grünen Vögelein vergleicht, welche sich im Frühling an die Aeste und Zweige des Baumes setzen, und dann beschreibt, wie es ihnen im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter geht. Hier hast du sein Gedicht: Es kommen grüne Vögelein geflogen her vom Himmel, und setzten sich im Sonnenschein in fröhlichem Gewinmiel104 all an des Baumes Aeste, und saßen da so feste, als ob sie angewachsen sei'n. Sie schaukelten in Lüften lau aus ihren schwanken Zweigen, sie aßen Licht und tranken Thau und wollten auch nicht schweigen. Sie sangen leise, leise, auf ihre stille Weise, von Sonnenschein und Himmelsblau. Wenn Wetternacht aus Wolken saß, so schwirrten sie erschrocken; sie wurden von dem Regen naß, und wurden wieder trocken; die Tropfen rannen nieoer, vom grünenden Gefieder, und desto grüner wurde das. Da kam am Tag der scharfe Strahl, ihr grünes Kleid zu sengen, und nächtlich kam der Frost einmal, mit Reif es zu besprengen. Die armen Vöglein froren, ihr Frohsinn war verloren, ihr grünes Kleid war bunt und fahl. Da trat ein starker Mann zum Baum, Hub stark ihn an zu schütteln, vom obern bis zum untern Raum mit Schauer zu durchrütteln. Die bunten Vöglein girrten, und ihrem Baum entschwirrten; wohin sie kamen, weiß man kaum. Blattläuse. Lieber Alfred! Du weißt doch, daß wir uns deßwegen Kühe halten, und sie sorgfältig pstegen und füt tern, weil sie uns Milch geben. Wie wirst du dich aber wundern, wenn ich dir sage, daß auch die Ameisen ihre Milch kühe haben. Sie sind ganz klein und sitzen oft in großer Menge um die Zweige des Hollunders, der Rosen und anderer Ge wächse, ja, eine Art lebt sogar unter der Erde an den Wur-105 gellt des Grases. Wir nennen sie Blattläuse. Sie stecken ihren feinen Saugstachel in die jungen Triebe der Pflangen, und saugen ihnen den Saft aus. Auf ihrem Rücken stehen gwei Röhrchen, durch welche sie von Zeit gu Zeit ein süßes Tröpfchen herauslassen. Dieses Tröpfchen ist die Milch, welche die Ameisen begierig einsaugen. Sie streifen daher überall herum, um eine Blatthausheerde aufgusuchen. Haben sie eine solche Heerde gefunden, so hüten sie dieselbe sorgfältig, und vertheidigen sie tapfer gegen fremde Ameisen. Wenn sie hungrig sind, gehen sie gu einer Blattlaus, und berühren sie mit den Fühlhörnern. Sogleich läßt die Blattlaus ein süßes Tröpfchen heraus, welches die Ameise wegnimmt und verschluckt. Dieses alles kannst du selbst sehen, wenn du Blattläuse aufsuchst, die auf einem Rosengweig sitzen. Da wirst du sehen, wie die Ameisen auf ihren Milchkühen herumgehen und sie hüten. Aber sie thun noch mehr. Wenn ein Zweig, an dem die Blattläuse sitzen, nicht gar hoch ist, so bauen sie sogar eine Mauer von Erde herum. Unter dieser Mauer fitzt die gange Blattlausheerde sicher. Es gibt gelbe Ameisen, welche ihre Rester auf Wiesen und in Grasgärten anlegen. Diese holen die Blattläuse, welche an den Wurgeln des Grases leben, her bei, tmd halten sie in ihren Restern wie wir unsere Kühe in den Ställen halten. Sind sie hungrig, so lassen sie sich von ihren Kühen ein Tröpfchen Zuckersaft geben. Auch mehrere andere Ameisen halten die Blattläuse in ihren Restern und stehlen sie sogar einander. Die Blattläuse legen im Herbste schwarge Eier, diese Eier tragen die Ameisen in die Höhle und warten sie sorgfältig, bis sie auskriechen. Siehe, so ist in der weiten Schöpfung kein Geschöpf für sich da; eines soll dem andern helfen und beistehen, wo und wie es kann. Lebewohl! Blei. Blei ist das reichste und nach dem Golde und Quecksilber das schwerste unter allen Metallen. Das Blei findet eine vielfältige Verwendung. Freilich denkt ihr gewiß nur an die bleiernen Soldaten, die namentlich in der Stadt Nürnberg verfertigt werden. Man braucht es aber auch, um daraus Röhren gu Wasserleitungen, Kugeln, Buchstaben für die Buch drucker und vieles andere gu gießen. Blitz und Donner. *) Meine Lieben! Wir wollen *) Lieber Leser! Bevor du über „Blitz und Donner" liesest, solltest du den Artikel „Elektricität" lesen; du würdest das Obige daun besser nnd leichter verstehen.106 hier einer Erscheinung gedenken, die uns den größten elek trischen Funken zeigt und zwar durch den Blitz im Gewitter. — Nicht wahr, das ist freilich ein Funken, von dem man reden muß. Was war es, das so feurig und fo plötzlich an unfern Augen vorbeifuhr? fragen wir uns selbst. War es noch ein blendender Sonnenstrahl? War es ein Stern, der etwa herniederfiel? War es das Blinken eines feurigen Schwertes? Das alles nicht. — Es war ein feuriger Wet terstrahl, der elektrische Funken des Blitzes, der mit Flü gelschnelle, wie eine Feuerschlange den Luftkreis durcheilte; der vielleich zündete, zerschmetterte, manches lebende Wesen betäubte oder gar tödtete; der vielleicht aber auch nur kam, um die Schwüle der Sommerluft, gleich einer läuternden Flamme, abzukühlen. Aber, was ist denn der Blitz? so möchtet ihr doch sicher gerne fragen. Kinder, die Wolken, die oft in unermeßlichen Fernen über uns schweben, sind beständig mit Elektrieität angesüllt. Wird nun die elektrische Spannung in den Wolken zu groß, fo suchen sich diese zu entladen; daher sagt man: der Blitz ist nichts anderes, als die Entladung einer elektrischen Wolke gegen die Erde oder gegen eine andere Wolke, um unter sich ein Gleichgewicht herzustellen. — Gehen solche Wolken sehr tief und es befindet sich in ihrer Nähe etwa eine Thurmspitze, ein Baum re., so erfolgt die Entladung, der Funken fährt alsdann nach dem gedachten Gegenstände hin, eilt den besten Leitern nach und wirkt sodann meistens zerstörend, zündend. Wir sagen alsdann: es habe eingeschlagen. Ist das wirklich der Fall, so bemerkt man bald einen schwefelartigen, vielmehr aber bran digen Geruch. Fährt der Blitz in der Erde re., so wird er ein Wetter strahl genannt. — Zündet er nicht, so heißt er ein kalter Schlag. — Feuersbrünste durch den Blitz, durch Gewitter ver anlaßt, sind dann schwerer zu löschen, als andere, weil die Entzündung oft an mehreren Orten zugleich erfolgt und nicht selten heftige Stürme die Feuerflammen schnell fortpslanzen, — Vom Blitze kommen wir nun aus den Donner. Man versteht darunter das Getöse, welches entweder den Blitz begleitet oder ihm nachfolgt. Wenn man sich in der Nähe eines Ortes befindet, in dem der Blitz einschlägt, so vernimmt man den Donner in demselben Augenblicke, als das geschieht. Je weiter man sich demnach von dem Orte befindet, über dem107 sich das Gewitter entladet, desto mehr Zeit vergeht zwischen dem Erscheinen des Blitzes und dem Vernehmbarwerden des Donners, welcher sodann nicht wie ein Knall erscheint, son dern mehr einem Rollen gleichet. Dem geschlängelten Erscheinen des Blitzes soll immer ein rollender Donner folgen und zwar aus folgendem Grunde: Trifft nämlich der Blitz, dieß behaupten Viele, auf seinem Wege schlechte Elek- tri cität sleiter, so macht er, auf bessere Leiter zu kommen, wahrscheinlich von ihnen angezogen, Sprünge; daher seine ge schlängelte Form. Bei der Ergreifung eines neuen Leiters entsteht dann immer auch wieder ein Donner. Mehrere solche Donnerschläge zusammen bilden ein rollendes Donnern. Dem Donnern, das wir von den Wolkenschichten aus hören — welchen Erschütterungen Blitze voranleuchten — werden Verschiedenartige Gründe unterstellt. Viele geben als Grund die Schnelligkeit an, mit der der Blitz die Luft durchschneidet. — Das Erscheinen des Blitzes und des Donners bildet zu sammen ein Gewitter. Die Gewitter werden stets durch Wolkenbildung eingeleitet. Die Wetterwolken bilden sich oft sehr schnell, oft auch an verschiedenen Orten zugleich. — Das Erscheinen eines Gewitters macht immer einen beson- dern Eindruck auf uns Menschen. Herrlich und hoch erhaben nahet uns Gott, der Allgewaltige, im Sturme des Gewitters, wenn er aus allen Gegenden der Erde den Winden befiehlt und von allen Enden her die Wolken herbei rufet und diese dann, die wogenden Berge — aus uns herab zu sinken scheinen. — Ja, einen sonderbaren Eindruck macht das Gewitter aus uns. Schneller pocht uns das Herz, wenn Blitze die Lust durchkreuzen und mächtig der Donner rollt. Auch die Z Hier welt scheint eine Angst zu erfüllen. Dem Wilde zagt das Ge bein und erst der Vogel in der Luft! Ihm versagen seine Flügel. Doch wenn auch die schwarzen Wetterwolken ihre gewal tigen Flügel immer weiter ausbreiten, wir fürchten uns darum nicht! Ob sich auch der Tannen Kronen neigen und der Eichen Wipfel schütteln, ob auch Stürme um uns her mächtig brausen und die Grundvesten der Erde erschüttert werden; wir fürchten uns nicht! Denn wir wissen, daß Gott gnädig und barm herzig ist, daß er das Land heimsucht mit Vatergüte, daß er es bewässert und befruchtet von oben her, daß er mit Vater- Hand die Brunnen in den Wolken ausschließet, gleich der freund lichen Quelle, die uns zur Labung dienet, daß er die Donncr- wolken verschwinden heißet unb liebend ein wolkenloses Blau108 über uns setzet, auf daß wir lebensfrisch aihmen, gleich der erquickten Natur. Blitzableiter. Der Blitz fährt gern in hohe und ein zelne Gegenstände, nimmt am liebsten seinen Weg durch Metalle und nasses Holz, und vermeidet dagegen Glas und alle harzigen Körper. Darauf gründet sich die Erfindung der Blitzablei ter, durch welche man ein Gebäude vor den Wirkungen des Blitzes zu sichern sucht. Die über das Haus emporragenden eisernen Stangen mit vergoldeten Spitzen stehen in Verbindung mit andern Metallstangen, die quer über das Dach und an den Mauern des Hauses bis in den Erdboden gehen. Trifft nun der Blitz ein solches Haus, so folgt er der Leitung der Metallstangen und fährt ohne Beschädigung des Hauses in die Erde hinab. — Wer von einem Gewitter im Freien überrascht wird, lasse, wenn er fährt, halten oder fahre nur Schritt vor Schritt; geht er, so lause er nicht, suche auch nicht unter frei stehenden Bäumen Schutz und halte sich von Gewässern ent fernt; befindet er sich im Zimmer, so bleibe er von den Fen stern entfernt, wehre jedem Zugwind, öffne aber ein Fenster, damit wenn der Blitz je in die Stube schlüge, er nicht durch den Schwelfelqualm erstickt werde. Unter allen Schlangen ist eine Auf Erden nicht gezeugt, Mit der an Schnelle keine, An Wuth sich keine vergleicht. Sie stürzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub sich los Vertilgt in ihrem Grimme Den Reiter und das Roß. Sie liebt die höchsten Spitzen Nicht Schloß nicht Riegel kann Vor ihrem Anfall schützen; Der Harnisch lockt sie an. Sie bricht, wie dünne Halmen, Den stärksten Baum entzwei; Sie kann das Erz zermalmen, Wie dicht und fest es fei.109 Und dieses Ungeheuer Hat zweimal nie gedroht, Es stirbt im eignen Feuer; Wie's tödtet ist es todt! Blumen. Die Blumen sind die Freude der Menschen, besonders der Kinder, und entstehen aus einem Körnchen, das man Samen oder Samenkorn nennt. — Sie sind eine Zierde des Gartens und des Zimmers, ja der Fenster und Häuser. Auch verbreiten viele von ihnen einen angenehmen Geruch. — Man unterscheidet an ihnen, nach ihrem ganzen Gewächse: Keim, er geht aus dem Samenkorn hervor; Wurzeln, durch welche die Pflanze Nahrung aus der Erde zieht; Sten gel, der Theil, welcher vom Samen aus in die Höhe geht. Blätter findet man am Stengel; Blätter sind aber auch Theile der Blumen, vielmehr der Blüthen; endlich gibt es noch Kelche, Staubfäden rc. Mein Kind, welche Blumen sind dir denn die liebsten? Vielleicht jene des Gartens? der Wiese? des Waldes? des Feldes? — Siehe, alle sind schön! — Und wer macht denn die lieben Blumen gar so schön: — das sagt der freundliche Dichter Hey in folgendem Berschen: Wer hat die Blumen nur erdacht, Wer hat sie so schön gemacht, Gelb und roth und weiß und blau, Daß ich meine Lust d'ran schau? Wer hat im Garten und im Feld Sie so auf einmal hingestellt? Erst war's doch so hart und kahl, Blüth nun alles auf einmal. Wer ist's, der ihnen allen schafft In die Wurzeln frischen Saft, Gießt den Morgenthau hinein, Schickt den Hellen Sonnenschein? Wer ist's, der sie alle ließ Duften noch so schön und süß, Daß die Menschen groß und klein Sich in ihrem Herzen freu'n?110 Wer das ist und wer das kann Und nicht müde wird daran? Das ist Gott in seiner Kraft, Der die lieben Blumen schasst. BLumens-chneider und BlattfAneider. Lieber Otto! Es gibt unter den Bienen auch solche, welche nicht in Gesellschaft, sondern einsam leben. Von diesen will ich Dich mit zwei sehr merkwürdigen Arten bekannt machen, nämlich mit den Blumenschneidern und Blattschneidern. Es gibt bei uns überall, besonders auf den Wegen, welche durch das Korn gehen, eine einsam lebende Biene, welche ein drei Zoll langes rundes Löchlein in die Erde gräbt und dasselbe gar prächtig austapezirt. Und woher nimmt sie die Tapeten? Von der prächtig rothen Kornblume, welche die Naturforscher den wilden Mohn nennen. Sobald sie ihr Loch gegraben hat fliegt sie in das Korn, schneidet mit ihren Kiefern ein eirundes Stück aus einer rothen Kornblume, nimmt es zusammengefaltet zwischen die Beine, und trägt es so zu dem gegrabenen Loch. Wenn sie da angekommen ist, zieht sie es in das Loch hinein, und belegt damit den Boden, fliegt sodann wieder fort, holt noch ein Stück von der rothsammtenen Blumentapete herbei, und tapeziert so das ganze Loch gar zierlich aus. Man nennt deßhalb dieses Thierchen auch den Tapezierer oder die Mohn biene. Ist sie mit dieser Arbeit fertig, so sammelt sie Blüthen- staub, vermischt ihn mit etwas Honig, und füllt das aus tapezierte Löchlein mit einem röthlichen Honigbrei. Auf den Honigbrei legt sie ein Eilein, deckt es sorgfältig zu, und ver schließt das Ganze mit etwas Erde. Aus dem Eilein schlüpft in kurzer Zeit ein Würmlein, welches den Honigbrei verzehrt, sich dann verpuppt, und in wenig Wochen als ein junger Ta pezierer zum Löchlein herausschlüpft. Eine andere solche einsam lebende Biene gräbt eine zehn Zoll lange Röhre in die Erde oder auch in ein mürbes Holz. Dahinein macht sie sieben Zellen, die gerade so anssehen, wie wenn man sechs Fingerhüte in einander steckt. Sie fliegt näm lich, wenn sie ihre Röhre gegraben hat, auf einen Rosenstock, setzt sich auf ein grünes Blatt, schneidet mit den Kiefern ein Stück herunter, nimmt es zwischen die Beine, und reitet so zu ihrem Loch. Aus diese Weise bringt sie acht Blattstücke her bei, und setzt aus ihnen eine grüne Zelle zusammen, die einem Fingerhut gleich sieht. Darauf fliegt sie auf eine Distel, sam-11 i melt Blüthenstaub, befeuchtet ihn mit etmas Honig, füllt den grünen Fingerhut mit einem rosenfarbenen Honigbrei, legt ein Eilein darauf, und schließt die Zelle mit drei runden Blatt stücken zu, welche auf das Genaueste in die Oefsnung passen. Aus dem Ei schlüpft ein Räuplein, das sich den Brei wohl schmecken läßt, und sich dann in der Zelle verpuppt. Wie wunderbar! Die Mutter weiß genau, wie viel Brei das Würmlein braucht, bis es groß gewachsen ist. Sie trägt nicht mehr und nicht weniger in die Zelle. Aus der Puppe schlüpft nach wenig Wochen ein junger Blattschneider, der das Hand werk sehr wohl gelernt hat. Lebe wohl! Blutegel. Dieses nützliche Thierchen, dessen Körper etwas flach und gedrückt ist, das vorn ein dreispitziges Maul hat, über welchem viele Augen stehen, lebt sowohl im Meere, als im Süßwasser. Zn Ungarn werden sie in Teichen sorg fältig gezogen. In vielen Krankheitsfällen, namentlich bei Ent zündungen, leisten die Blutegel, durchs Bluteinsaugen, womit sie gar gut umgehen können, wichtige Dienste. — Bodeufee. Es gibt viele Seen in Deutschland, große und kleine; der größte von allen ist der Bodensee. Er ist 14 Stunden lang und an seiner breitesten Stelle vier Stunden breit; seine größte Tiefe beträgt mehr als 400 Meter. Könnte man das Wasser des See's ablassen, so würde man in ein 14 Stunden langes und 1 bis 4 Stunden breites Thal hineinsehen, das an den meisten Stellen einige 40Mtr., an einer aber über 400 Mtr. tief wäre. An vielen Orten ginge die Halde des Thales sehr steil abwärts, an andern sehr langsam, und an mehreren Stellen würden wir den Rand mit großen Sandsteinfelsen ein gefaßt sehen. In dieses Thal fließt der Rhein, seitdem Gott Berg und Thal erschaffen hat, und füllt es mit seinem Wasser aus. Viele Bäche, z. B. Schüssen, Argen, Bregenzer Ach und einige 100 kleinere laufen ebenfalls in dieses Thal und ver mischen ihr Wasser mit dem Wasser des Rheins. Das Wasser des Sees ist also kein anderes als das Wasser des Rheins und der vielen andern Bäche; es ist daher auch nicht richtig, daß der Rhein durch den See fließe, und sein Wasser nicht mit dem ^eewasser vermische. Wenn der Schnee in den Alpen des Graubündner Landes schmilzt, woher der Rhein kommt, so wird der Fluß sehr groß und dann schwillt auch der See und tritt öfters über seine Ufer. Bei Constanz wird der See wieder112 Rhein, ober rate man sagt, der Rhein fließt ans dem See; nach einem kurzen Laufe aber macht er wieder einen kleinen See, welcher Untersee genannt wird. Bei dem alten Städtchen Stein wird der See nun wieder zum Flusse, der nun niehr als hundert Stunden weit fließt, bis er in Holland das'Meer erreicht, welches sein Wasser aufnimmt. An dem Bodensee liegen 10 Städte: Lindau, Fridrichshafen, Meeresbnrg, Ueberlingen, Radolfszell, Stein, Steckborn, Constanz, Arbon und Bregenz; viele schöne Schlösser und mehrere hundert Dörfer. An seinen Ufern steigen Rebenhügel empor, oder es breiten sich Aecker und Wiesen aus, die mit unzähligen Obstbäumen besetzt sind, und die Schneeberge der Schweiz, des Vorarlbergs und des Allgäus schauen wie aus den Wolken herunter. Es gibt auch sehr viele Fische in dem See: Hechte bis 40 Pfund schwer, Lachsforellen bis zu 30 Pfunden, Forellen, Fellchen, Gangfische, Barsche, Trüschen, Weißfische, Alande, Brachsmeir u. s. ra. Bei starkem Winde wirft der See hohe Wellen, und bei Stürmen ist er gefährlich; es vergeht kein Jahr, daß nicht bei Sturm ein Schiff umschlägt und Menschenleben verloren gehen. Jetzt fahren auf dem Bodensee Dampfschiffe, welche so groß und so stark gebaut sind, daß sie immer noch in einen Seehafen kommeit, wenn sie der Sturm auch mitten auf dem See überrascht. Bei sehr starkem Sturm fährt aber auch kein Dampfschiff. Wegen seiner Größe wird der Bodensee auch das schwäbische Meer genant; er ist aber kein Meer, weil er ringsum von Land umgeben ist. Branntwein. Den Branntwein macht man aus Korn, aus Kirschen, Zwetschgen u. s. w. Der Branntwein ist für erwachsene Leute, mäßig genossen, nicht schäolich, und wird sogar, besonders wenn man manche bittere oder gewürz- hafte Sachen dazu nimmt, manchmal zu einem wohlthätigen Arzneimittel. Aber gar viele Menschen trinken den Brannt wein, weil sie glauben sich dadurch ein sehr fröhliches Herz machen zu können. Es gibt aber nur ein einziges Mittel sich ein recht fröhliches Herz und Muth zu machen, wenn man sich vor Gott und Menschen ein gutes Gewissen erhält, gegen keinen Menschen in der Welt einen Groll im Herzen leidet und den lieben Gott recht von Herzen lieb hat. Dann ist man vom Morgen bis zum Abend und immerfort fröhlich, und das ist eine wahrhaftige und selige Fröhlichkeit des Herzens; dann hat man dabei alle Menschen, auch, welche feindselig gegen Einen sind, lieb und ist mit Allen friedfertig.113 Bel den Leuten aber, die Br an ntrv ei n getrunken haben, ist eigentlich nicht das Herz, sondern nur der Bauch (den frei lich solche Leute für ihr Herz halten) und die Glieder fröhlich. Und sehet nur einmal hin, wie garstig sich solche Menschen geberden, bei denen der Bauch so lustig geworden ist und nicht das Herz. Wie sie schreien und sich zanken und gar schlagen, und wie es ihnen nachher schlimmer ergeht, als den Hundeil und den Schweinen. Es gibt wohl Vieles in der Welt, um das ein frommes Herz den lieben Gott bitten soll; aber darum sollte es ihn auch täglich bitten, daß er es doch lieber bald von der Welt nehmen, als zu einem solchen viehischeil Trunkenbolde sollte werden lassen. Braten. Die Köchin versteht es recht gut den Braterl zu bereiten. Entweder nimmt sie dazu Kalbs-, Schweine- oder Schöpsenfleisch, oder auch Hirsch-, Hasen- und Rehfleisch, das man aber Wildpret nennt. Entweder steckt sie das Fleisch an einen Bratspieß, dann muß man es steißig umdrehen und mit Fett begießen; oder sie laßt es in der Bratpfanne braten und legt Butter dazu, damit man Brühe bekommt. Das Wildpret und die Rindsbraten legt man vorher einige Tage in Essig. Daß man die gewöhnlichen Braten von dem Fleischer nach dein Pfunde kauft, wißt ihr schon; das Wildpret aber bekommt man bei den Jägern oder Wildprethändlern. Brennnessel. Was ist das?: — Ich bin ein Pflänzchen, habe Blüthchen Und brenne Dich, kommst Du mir nah', Obwohl Dein Auge nie ein Glüthchen An mir und nleinen Schwestern sah. Nicht nur Feuer und Gluth sind Dinge, die uns brennen — es gibt noch gar viele andere. Die Sonnenstrahlen, im Brennglase oder Brennspiegel gesammelt, brennen noch weit ärger. Der Höllenstein, der zwar nicht ein Stein aus der Hölle ist, sondern von Chemikern (Scheidekünstlern) aus Silber bereitet wird , brennt, wenn er auf das Fleisch kömmt, wie glühendes Eisen. Die spanischen Fliegen*) brennen auf der *) Schöne, goldgrüne, glänzende Käfer in Spanien und Dicilieu. Sie werden in Pulver zerstoßen, aus dem eine Salbe bereitet wird, die in Krankheiten als Zugpflaster benützt wird. Kinder-Conversations-Lexikorr. 8114 Haut, daß sie Blasen ziehen, — der spanische Pfeffer*) brennt im Mund als wären Flammen darin, — auch das böse Ge wissen brennt den Menschen oft, als wäre er schon nahe bei der Hölle; — aber all diese Dinge sind nicht das, was ich meine, sondern — die Brennnessel. Sie ist ein gar gewöhnliches Kraut, wächfft überall im Lande als Unkraut, und die Kinder kennen sie gar wohl, weil sie oft schon sich daran gebrannt haben. Sie ist an Blättern und Stengeln mit feinen Härchen besetzt. Kommt man diesen nahe, so dringm sie in die Haut ein, brechen ab und lassen einen ätzenden ^oaft zurück, der die Empfindung des Brennens verursacht und eine kleine Beule macht. Sie siud wahrhaftig wie die bösen, verleumderischen oder streitsüchtigen Menschen, mit denen man nicht in Berührung kommen kann, ohne belei digt oder an seiner Ehre gekränkt zu werden. Wenn man's aber versteht, kann man die Nesseln be rühren, ohne daß man sich dabei brennt. Man darf nur nicht gegen die Härchen sie anrühren, sondern in derselben Richtung, wie diese stehen. Auf diese Weise kann man ihre Blätter zwi schen die Finger nehmen, ohne sich im geringsten dabei zu verletzen. Die Brennnesseln wachsen überall gerne. Es ist ihnen kein Platz zu gut und kein Platz zu schlecht; auch wachsen sie weit üppiger, als alle andern Pflanzen, die mit und unter ihnen aufsprossen. Sie haben so ganz die Eigenschaft des Unkrautes und gleichen hierin den bösen Neigungen in uns und den Sünden, die weit lieber und besser in unfern Herzen gedeihen als das Gute und Edle. Da dürfen wir es ja nicht übersehen, sondern wohl aus der Hut sein, und alles Böse anfangs ausjäten, damit es ja nicht auskomme und das Gute überwuchere. Doch sind die Nesseln nicht ganz ohne Nutzen. Sie geben gedeihliches Futter für Kühe und Schafe. Mit jungen, klein gehackten Nesseln füttert man die Küchelchen der Trut hühner; man gibt sie auch den Hennen im Winter getrocknet, damit diese eher zu legen anfangen. Auch die Menschen ver schmähen die Nesseln nicht ganz, sie essen die ersten zarten Blättchen als Salat. In manchen Ländern benützt man die N e s s e l n wie Flachs *) Er wächst in Amerika. Noch schärfer ist der Vogelpfeffer, der auf der Insel Cayenne wächst, wo die Franzosen leben, die dorthin verbannt werden.115 und macht das sogenannte Nesseltuch daraus, einen Zeug, der wie feine Leinwand, schön und dauerhaft ist. Alles, was der liebe Gott erschaffen hat, hat seinen Nutzen, und wenn es auch ein Unkraut ist, über das die meisten Menschen gedankenlos hintreten. Brillen. Die Brillen, aus geschliffenen Gläsern bestehend, werden mittelst eines Gestelles vor die Augen gebracht, um bei einer fehlerhaften Beschaffenheit der Augen, welche das deutliche Sehen verhindert, Dienste und Hilfe zu leisten. Die Benützung der Brillen, deren Gläser nach der Beschaffenheit und nach dem Alter desjenigen, der ihrer bedarf, zugerichtet werden, ist für die Menschheit von dem größten Nutzen und dankenswerth, sehr dankenswerth sind die Bemühungen für ihre Einrichtung. Brod. Das Brod ist eine Lieblingsspeise der Kinder, aber auch der ältern Leute, der Reichen und der Armen. Viel mal im Tage bitten die Kinder, wenn sie Hunger haben, um Brod. Und die großen Leuten beten auch alle Tage zu Gott: „Gib uns heute unser tägliches Brod!" — Das Brod bäckt man aus Teig. Den Teig knetet man aus Mehl und Wasser oder Milch. Das Mehl mahlt man aus Korn und dieses wächst auf dem Felde. Der Landmann säet das Korn, aber Gott sendet Sonnenschein und Regen, damit das Getreide wachsen und reifen kann. — Danke darum Gott und deinen Eltern, wenn dich das Brod labt und erfreut! — Ein Bruder und eine Schwester unterhielten sich über das Brod auf folgende Weise: Bruder. Schmeckt dir dein Brod, liebe Schwester? Schwester. Ja, lieber Bruder! wie du siehst. Br. Da dir das Brod so gut schmeckt, weißt du aber auch, wo es herkommt? Schw. Die Mutter hat es mir gegeben. Br. Und wo hat denn die Mutter das Brod herge nommen ? Schw. Von dem Bäcker; ich habe es selbst geholt. Br. Aus was hat denn der Bäcker das Brod gemacht? Dchw. Aus Teig; ich habe ihm zugesehen, wie er ihn verarbeitet hat. B r. Hast du auch den Bäcker gefragt, aus was er den Teig mache? Schw. Nein, denn ich habe selbst gesehen, daß er Mehl 8 *116 und Wasser mit einander vermischte, und daraus den Teig machte. B r. Das ist schön von dir, daß du auf dieses Acht gabst; aber sage mir doch, woher der Bäcker das Mehl bekommt? Schw. Von dein Müller. In der Mühle werden die Fruchtkörner zu Mehl gemahlen. Br. Wo kommen denn die Früchte her? S ch w. Sie wachsen aus der Erde. Br. Wachsen sie von selbst aus der Erde, ohne daß der Mensch Etwas dabei thut? Schw. Nein, die Erde muß gepflügt und geeggt, und der Samen zur künftigen Frucht muß gesäet werden, alsdann kommt die Frucht hervor. — Br. Gehört sonst Nichts zum Wachsthum der Früchte, als pflügen, eggen und säen? S ch w. Ja, gute Witterung. Br. Es würde also am besten sein, wenn die Sonne immer schiene? S ch w. Nein, die Erde muß auch dabei Feuchtigkeit haben. Br. Wodurch bekommt denn die Erde Feuchtigkeit? S ch w. Durch Regen und Thau. Br. Gut; der Landmann muß also Regen und Thau fallen lassen? S ch w. Kein Mensch kann machen, daß die Sonne scheint, daß zur rechten Zeit Regen und Thau fällt. Br, Wer macht denn, daß zur rechten Zeit die Sonne scheint, daß zur rechten Zeit Regen und Thau fällt? Schw. Niemand, als Gott. Br. Recht, Schwesterchen! Könnten aber die Früchte ohne Sonnenschein, Regen und Thau gar nicht wachsen? Schw. Nein, die Hitze der Sonne bringt die Früchte zur Reife, der Regen und der Thau erfrischen das Erdreich und geben ihm Nahrung. Wenn immer die Sonne scheinen würde, so würden die Pflanzen verdorren, weil sie keine Nah rungssäfte hätten; wenn es immer regnen würde, so würden sie verfaulen. Br. Recht, meine gute Schwester! du siehst also, daß es Gott zunächst ist, dem wir unsere Nahrung zu verdanken haben. Pflügen und Säen würden vergebens sein, wenn Gott nicht zur rechten Zeit regnen und die Sonne scheinen ließe. Ver ehren wir also Gott als unfern größten Wohlthäter, und lieben wir ihn von ganzem Herzen.117 Schwester. Ja, das wollen wir! Bruder. Vor einigen Tagen habe ich ein Gedicht ge lesen, das mir sehr gut gefiel; ich schrieb es ab und übergebe es hiemit dir als Belohnung für deine sehr richtigen, treffen den Antworten. Lies es mir vor, ich bitte dich! S ch w e ft er : O wundervolle Himmelsgabe Auf Menschentischen, täglich Brod! Die Hoffnung trug ein Korn zu Grabe, O wundervolle Himmelsgabe! Ein Halm erstand, des Auges Labe, Mit hellem Grün im Morgenroth. O wundervolle Himmelsgabe Auf Menschentischen, täglich Brod! Von Liedern war der Halm umklungen, Gott hat den schönen Halm bewacht. Die Lerche hat sich aufgeschwungen, Von Liedern war der Halm umklungen; Auch Heimchen haben ihm gesungen, Und Lüfte wiegten ihn bei Nacht. Von Liedern war der Halm umklungen, Gott hat den schönen Halm bewacht. Und von geschnittenen, gold'nen Aehren Kommt Segen nun in jedes Haus. Die Mühle klappt, den Kern zu klären! Und von geschnitt'nen, gold'nen Aehren Muß weiter sich der Kern bewähren In Fluth und Ofenflammen. Und von geschnitt'nen, gold'nen Aehren Kommt Segen nun in.jedes Haus. Du Vater in der Sternenhalle, Gepriesen seist du früh und spät! Mit täglich Brod' versorg' uns alle, Erfreu' mit Aerntejubelschalle Auch den, der oft in Thränen säet! Du Vater in der Sternenhalle, Gepriesen seist du früh und spät! Brodfimchtbaum. Er erreicht eine Höhe von 12 Meter, steht also in dieser Hinsicht unfern Waldbänmen bedeutend nach ;118 aber seine schöne, dichte Krone ist mit dem schönsten, grünen Laube geschmückt. Die einzelnen Blätter sind säst 40 Centmtr. lang, und 2h Centmtr. breit. Die vorzüglichste Zierde und Gabe des Baumes ist eine große, runde und markige Furcht, welche ge schält und geröstet wird und dann säst wie Waizenbrod schmeckt. Die gewöhnliche Weise, wie die Frucht eßbar gemacht wird, ist nach der Beschreibung eines Weltumseglers folgende: Man legt die Früchte, ehe sie ganz zur Reife gekommen sind, nachdem man die Rinde abgeschält hat, in eine gepflasterte Grube, bedeckt sie mit einem Hansen Blätter und beschwert diese mit Steinen. Die teigartige Masse geht nun in saure Gährung über, wie unser Brodteig durch den beigesetzten Hesel. Aus dem gegohrenen Vorrathe nimmt man nun täglich so viel heraus, als man bedarf, macht daraus faustgroße Klumpen, wickelt sie in Blätter und backt sie zwischen erhitzten Steinen. Diese Brodmassen erhalten sich wochenlang und sind selbst auf Reisen ein sehr gesundes Nahrungsmittel. Dieser Baum bringt so reichliche Früchte, daß sechs Bäume hinlänglich sind, einen Menschen ein ganzes Jahr lang hin reichend zu ernähren. Rechnet man noch hinzu, daß das Holz des Baumes zum Bauen leichter Kähne dient, der Bast aber zu Matten verwoben oder gestochten werden kann, daß die In sulaner der Südsee sein Laub zum Decken ihrer Hütten ge brauchen, so darf er wohl für den allernützlichsten Baum an gesehen werden, den Gott den Menschen gegeben hat. Er gedeiht aber nur in der heißen Zone, in jenen Erdgegenden, wo gar kein Winter ist. Aus dem Samen kommen, wie bei unfern Obstbäumen, keine edlen Pflanzen, sondern halbe Wild linge, die durch Pfropfen veredelt werden. Das ist fast die einzige Mühe, welche die Leute mit ihm haben; wenn also dort ein Vater einige Dutzend Brodfruchtbäume pflanzt, so hinter- läßt er seinen Kindern fast eben so viel, als wer ihnen bei uns ein kleines Bauerngut erwirbt. Doch ist dies nur schein bar; denn zu einem Bauerngut gehört Haus und Scheuer, Stall und Vieh, verschiedene Werkzeuge, so daß also darin ein viel größerer Werth liegt. Ueberdieß können die Bäume durch den Feind umgehauen oder verbrannt werden und der Sturm kann sie entwurzeln; Acker und Wiese aber können wohl durch Hagelschlag und Ueberschwemmung verwüstet, sie können durch Kriegsheere zertreten, aber nicht fortgetragen werden, sie sind also ein viel sicheres Gut, als die Brodfruchtbäume. Außer dem gibt Acker und Wiese zu arbeiten; die Arbeit aber stärkt119 den Körper, sie schärft den Verstand, bewahrt vor den Thor- heiten und Lastern des Müssigganges und wird dem Christen zu einem wahren Segen Gottes. Wir wollen also jene In sulaner, welchen der Brodfruchtbaum wächst, nicht beneiden, sie sind auch nicht so glücklich als wir; denn sie sind träge, un wissend und mancherlei Lastern unterworfen. Brücken. Von großer Wichtigkeit für den Verkehr und Handel zu Lande sind gut angelegte Brücken. Es gibt deren verschiedene Arten. Am dauerhaftesten sind wohl die steinernen Brücken, welche auf starken gemauerten Pfeilern und Bögen ruhen. Weil aber ihr Bau sehr große Kosten verursacht, so bedient man sich an manchen Orten auch hölzerner Brücken, die über eingerammte Pfähle gelegt sind und deßhalb Pfahlbrücken heißen. Verschieden von diesen sind die Schiffbrücken, welche nicht auf dem festen Grunde des Flusses, sondern auf flachen Schiffen ruhen und sich nach Belieben auf- und wieder ab- schlagen lassen; sie werden besonders im Kriege häufig ange wendet. In neuerer Zeit baut man auch Ketten- und Draht brücken. — Rathe, was ist das? Es ist die wunderschönste Brück', Darüber noch kein Mensch gegangen. Doch ist daran ein seltsam Stück, Daß über ihr die Wasser hangen, Und unter ihr die Leute geh'n Ganz trocken und sich froh anseh'n. Die Schiffe segelnd durch sie zieh'n, Die Vögel sie duchfliegen kühn; Doch stehen sie im Sturme fest, Kein Zoll noch Weggeld zahlen läßt. Brunnen. In allen Städten und Dörfern treffen wir Brunnen an, aus welchen Knechte und Mägde Wasser holen. Gut ist es, wenn der Brunnen mit einem Zaune umgeben ist, daß kein Kind hineinfalle. Es gibt Schöpf-, Pump- und Röhrenbrunnen, in Gartenanlagen wohl auch Springbrunnen. Aus den Schöpfbrunnen schöpft man das Wasser mit Eimern, die an einer Stange oder an einer Kette, oder an einem Seile hangen. In großen Städten sind Röhrenbrunnen, die oft pracht voll gebaut und eine Zierde der Straße sind. Der Brunnen meister muß nach der Brunnenstube und nach den Teicheln120 sehen, wenn das Wasser aufhört herauszufließen; das kann er schon thun, denn dafür ist er auch gut bezahlt. Buchdruckerkunfk. Ehe die Buchdruckerkunst erfunden wurde, mußten alle Bücher abgeschrieben werden. Wie langsam ging das! Darum waren auch die Bücher sehr selten und sehr theuer. Nur reiche Leute konnten sich einige anschaffen, und und wer drei bis vier Bücher hatte, besaß schon ein hübsches Vermögen. Man legte theuere Bücher an Ketten, damit sie nicht gestohlen oder verdorben werden konnten, und eine Bibel kostete wohl dreihundert Thaler. — Es ist nun etwa vierhundert Jahre her, als ein angesehener Bürger zu Mainz, Johann Gutenberg, auf den Gedanken kam, die Buchstabenschrift auf eine Holzplatte, so groß wie eine Buchseite auszuschneiden, zu schwärzen und auf Papier abzudrucken, so wie man setzt ein Bild mit einem scharfen Griffel aus eiue Kupferplatte eingräbt, und dann auf Papier abdruckt. Dadurch konnte man allerdings sogleich ganze Seiten Schrift mit einem einzigen Drucke hervor bringen, anstatt daß man hätte müssen eine Stunde oder viel leicht länger daran schreiben. Auch konnte man diese Platten brauchen, um recht viele gleiche Bücher anzufertigen. Aber doch hatte dieses Verfahren noch manche Schwierigkeiten. Denn wie viele Holzplatten gebrauchte man zu einem einzigen Buche, und wie mühsam war es, auf eine einzige solcher Holzplatten viel leicht über 1000 Buchstaben auszuschneiden. Der unermüdliche Gutenberg überlegte, wie wohl abzuhelfen sei, und war wirk lich so glücklich, etwas Besseres zu finden. Er schnitt nämlich alle Schriftzeichen einzeln auf buchene Stäbchen — woher ihr Name Buchstaben — reihte sie mit Fäden zu Zeilen aneinander, schwärzte sie mit Dinte und Lampenruß und druckte sie ab, und nahm sie nachher wieder auseinander und so konnte man sie zu jedem Drucke wieder gebrauchen. Noch mehr vervoll kommnet wurde diese Kunst durch Peter Schösser. Er verfer tigte von jedem Buchstaben eine Form, in welche derselbe viele hundertmal in Blei abgegossen werden konnte. Jetzt goß man in einer Stunde mehr Buchstaben, als man sonst in einem Monat ausschnitt. Mit diesen Buchstaben wurden zuerst im Jahre 1447 die Psalmen, und bald daraus die ganze Bibel abgedruckt. Bücher. Kinder! früher hat man die Bücher geschrie ben. Man mußte lange, lange Alles schreiben, abschreiben und121 wieder schreiben. Das kostet doch viel Zeit und Mühe und Geld. Nicht gar viele Menschen konnten schreiben, und wenn man alles schreiben mußte, wie lange stand es an, bis ein einziges Buch geschrieben und abgeschrieben war. Da erfand man vor ungefähr 400 Jahren eine große Kunst, die Kunst Bücher zu drucken. (Der Erfinder dieser Kunst ist ein Deutscher und heißt: „Johann Gutenberg.") Man hat die Buchstaben von Blei, setzt sie nebeneinander ein, schwärzt sie mit schwarzer Farbe und legt sie unter die Presse. In einer Stunde kann man viele hundert Bogen abdrucken, und wenn das ganze Buch so gesetzt und durch die Presse gegangen ist, so hat man mehrere tausend Bücher fertig, in einer kürzern Zeit, als sonst zu Einem Buche nöthig war. Solch ein gedrucktes Buch kostet einen oder einige Gulden, das sonst wohl Hunderte von Gulden hätte kosten müssen. Wie weit leichter ist es jetzt, da man gedruckte Bücher hat, für Kinder, viel Nützliches zu lernen. Die Bücher sprechen mit denen, die sie lesen, wie ein Freund oder Lehrer, und wenn man etwas vergessen hat, im Buche kann man es wieder finden. In alten Zeiten schrieb man nicht leicht ein Buch für Kinder, nur für erwachsene Leute, ja oft und meistens nur für Gelehrte. Jetzt wird für Kinder unaus sprechlich viel geschrieben, damit die Kinder frühe Vieles lernen, verständig und gut werden und sich angenehm und nützlich unterhalten. Komm' mein Kind, und rath' einmal', Blätter hat's in großer Zahl; Alle sind von gleicher Größe, Und es decket seine Blöße Meist ein Röcklein, steif und bunt. Auf dem Rücken ist es rund. Trägt auch wohl ein buntes Schild, Das sein Name prunkend füllt. Beine hat's nicht doch kann's stehen, Aber nicht vom Flecke gehen; Und liegts einmal auf der Seite, Muß es warten, bis die Leute Ihm aufhelfen. Nun, geschwind, Sage, was ist das, mein Kind? Buche. Dieser Waldbaum mit seinen eirunden Blättern sieht sehr stattlich aus. Die Buche ist aber auch sehr geschätzt122 und besonders willkommen ist das Holz dem Wagner, Drechs ler und Schreiner; und wie froh ist erst der Seifensieder urn die Asche vom Buchenholze! — Ihre Frucht nennt man Buch eckern oder Büche ln, aus denen man Oel bereiten läßt, oder wenn man es vorzieht, so kann man damit Schweine mästen oder das Federvieh füttern. Bürste. Der Bürstenbinder macht Bürsten, Kehrbesen und Pinsel, welche Waare keine Haushaltung entbehren kann. Grobe Pinsel und Bürsten macht er aus Schweinsborsten, fei nere aber aus Roß-, Ziegen- und Dachshaaren und auch welche von dem Schweife der Eichhörnchen. Aus den weichen Borsten macht er Pinsel, ans den mittelmäßig starken Kleiderbürsten, und aus den stärksten Schuhbürsten. Das Holz zu den Bürsten wird theils von den Drechslern, theils von Tischlern, die ge ringeren aber von den Bürstenmachern selbst verfertiget. Feine Bürsten, wie die Zahnbürsten, erfordern mehr Fleiß und Ge schicklichkeit. Burg, Ritterburg. Von vielen Bergen Deutschlands schauen die finstern Trümmer, ehemaliger fester Häuser, mit großen, hohen, dicken Mauern, man nannte sie Burgen, Ritterburgen, in die Ebene, mahnend an längst vergan gene kräftigere Zeiten. — Es gießt jetzt noch viele solcher Burgen und einige sind gerade so, wie die frühern waren, wieder aus gebaut worden und geben in ihrem Aeußern und Innern ein treues Bild der Zeit vor drei oder vierhundert Jahren, welche Zeit man Mittelalter heißt. — Die Ritterburgen wurden nicht so sehr bequem, als sicher und fest gebaut. Tiefe Gräben, Mauern, Wälle, ungeheure Thürme, Zugbrücken, durften nicht fehlen und war die Burg auf der Spitze eines hohen Felsens, dann galt sie für die Beste. In der Burg waren große und kleine Stuben zum Wohnen und zur Lustbarkeit und tiefe Keller für den Wein. Die Wasfenhalle war mit Schwertern und Schildern ausgeschmückt, so wie die Rüstkammer mit Rüstungen angefüllt. Auch fehlte nicht die Kapelle und darunter die Gruft der Familie. Finstere Gefängnisse mußte jede Burg haben; denkt nur an das Burgverließ. Wie mancherlei ging in alten Zeiten in solchen Ritterbur gen vor! Was hat man nicht alles im Krieg und Frieden da getrieben! Wie verfällt doch alles mit der Zeit, wenn man nicht dafür sorgt, daß es wohl bestehen möge! Aber auch was gut und mit Fleiß angelegt ist, das dauert lange, lange fort.123 Butter. Ich weiß es schon, da denket ihr gleich an das Butterbrod, das so gut schmeckt. Butter wird aus der Milch bereitet. Nachdem man sie gemolken und durch ein Tuch geseiht hat, wird sie in Töpfe oder Schüsseln gegossen, welche man an kühle Orte stellt. Die fetten Theile, der Rahm oder die Sahne, welche sich oben sammelt, wird in das Butterfaß gethan und mit dem Butterstößel so lange gestoßen, bis sich alles Fett zusammengesetzt hat und zu Butter wird. Der wässrige Theil wird davon abgegossen und heißt Buttermilch, die ihr wahrscheinlich nicht nur kennt, sondern wohl schon gekostet habt. Die ausgelassene Butter wird Schmalz genannt. Kinder! hier gibt's etwas zu ratheu! nach dem oben Er wähnten ist's nicht schwer: Zwei Silben hat das Erste, Mein Kindchen rathe Du. Im Winter weiß und gelb im Sommer, Kömmt's immer von der Kuh. Doch giebt es auch die Ziege, Das Schaf Dir's manchesmal, Gestoßen und getrieben, Gebraten zu dem Mahl, Und immer schmeckt es herrlich; Nun, Kindchen rathe Du. Das Zweite ein Silbe, Vom Bäcker holt man's her. O wenn es doch nur immer Umsonst zu haben wär'! Dem Armen fehlt das Erste, Oft hat er's Zweite kaum! Doch hat er es zusammen, Dann ist's ihm wie ein Traum, In dem er reich geworden; Doch ach, bald ist's vorbei, Der schöne Traum verschwunden. Nun rathet, was es sei! Drei Silben hat das Ganze, Ihr Kinder kennt es schon. Wenn fleißig ihr gewesen, Bekommt ihr es zum Lohn.124 Recht dicht, recht fett, recht lange, Habt ihr's dann in der Hand. Das Erste auf dem Zweiten, Danach wird es genannt, Nun rathet, Kinder, rathet Schnell euren schönen Schmaus. O, ganz gewiß, ich wette, Ihr habt ihn schon heraus. Butterbaurn. Liebe Marie! Daß uns die Kühe mit Butter versorgen, weißt Du. Daß aber in Afrika ein Baum wächst, der die Neger mit Butter versorgt, weißt Du nicht. Man nennt ihn den Butterbaum. Er trägt Steinfrüchte, deren weißes Fleisch einen dünnschaligen Kern einschließt. Diese Früchte sieden die Neger im Wasser und bekommen dadurch eine feste, weiße Butter, welche einen eben so frischen Geschmack wie unsere Butter hat. So ist überall reichlich dafür gesorgt, daß die Menschen alles haben, was sie zu des Lebens Unterhalt brauchen. Lebe wohl! Cairo ist die Hauptstadt von Aegypten, die vornehmste arabische Stadt unserer Zeit. Gelbgrau erhebt sich die Sara- cenenstadt auf den Ausläufern des Mokattamgebirges. Ihr gegenüber thronen die königl. Pyramiden der Pharaonen, die ewigen Wachehalter des zauberischen Nilthales. Zwischen Ge- birg und Strom, zwischen Wüste und Wüste gebaut, ist sie würdig, die Nachfolgerin von Theben und Memphis, den älte sten und größten Königsstädten der Welt, zu sein. Von dem Gedränge in den Straßen Cairos kann man sich kaum einen rechten Begriff machen. Die Straßen sind sehr schmal, und der Lärm durch die unglaubliche Lebhaftigkeit der arabischen Bevölkerung mit keiner andern Stadt der Welt zu vergleichen. Der Europäer bringt in der ersten Zeit stets Kopfschmerz von den Straßen nach Hause. Es ist, wie wenn Alles im Zustand von Ausruhr und Kampf sich befände. Ka-125 meelzüge mit schweren Lasten; flüchtige Reiter auf arabischen Pferden; Packträger ohne Barmherzigkeit; Heerden von Büffeln und Ochsen; ägyptische Gaukler mit den monotonen Pauken und gellenden Pfeifen; Tausende dieser leisetretenden Esel, die einem aus der Ferse sind, ehe man sie auf den ungepflasterten Straßen hört. — Alles das kreuzt sich im unentwirrbaren Knäuel und unter Ohren zerreißendem Geschrei und Gesang durch die schmalen Gassen, und es wäre Roth, Augen hinten wie vorn zu haben, um nicht ewig umgerannt und gestoßen zu werden. Das unwissende, Kindern gleiche Volk vergnügt sich an den albernsten Vorstellungen, und jeden Augenblick stößt man auf Springer, Seiltänzer und Ringkämpfer, die eine er staunliche Körperkraft entwickeln. Die rohen Spässe und schlech ten Witze der Possenreißer bringen Alle zu heftigem Lachen. Derwische, die durch mysteriöse Künste Schlangen aus den Häusern locken; Magier, die den Dieb mittelst des berühmten Zauberspiegels entdecken; die sinnreichsten Taschenspieler, von deren Geschwindigkeit man sich bei uns keinen Begriff machen kann; das Geschrei der Kameeltreiber, die den Fußgängern zurufen; das Gebrüll und die Beschwörungen der-Gaukler; die malerisch gekleideten und ernst einherschreitenden Beduinen gestalten; die glänzenden rothen Uniformen der durch die Straßen sprengenden ägyptischen Offiziere, die Unzahl schwarzer Sklaven; das Geheul der Klageweiber, welche die Todten zu Grabe führen, indem sie sich die Haare ausreißen und sich mit Fäusten schlagen; das traurig tönende Rufen der Muezzins von 400 Minarets; der nie endende Tumult der Fantasias in 1100 Kaffeebuden; nackte Menschen und Kinder; halbverhungerte, herrenlose Hunde in großen Banden herumschweifend und Alles angreisend; all dieser heillose Spektakel windet sich den ganzen Tag durch die Straßen, die oft so schmal sind, daß man beide Häuserreihen mit ausgespreizten Händen erreichen kann. Grau in Grau getaucht, erheben sich die Saracenenschlösser des alten Cairo längs den Höhen des Gebirges, welche das Castell krönt. Feindlich ist aber alles unter sich abgeschlossen; jedes Haus gleichsam verschanzt, ist die Kaliscnstadt in hundert Festungen gespalten, durch mächtige Thore und dicke Mauern verwahrt und nur durch enge Gänge unter sich verbunden. Alle diese Burgen sind nach jeder Richtung sorgfältig geschützt, feste Quadermauern, eisenbeschlagene Thore, große Vorhöfe. Eine Stadt ohne Fenster ist gewiß eine eigenthümliche Erschei nung. Alle Häuser empfangen das Licht von bent oben offenen126 Hofraum, in dessen Innern sich das ganze Leben der Wohnung bewegt. So sind in Cairo 30,000 meist zwei- und dreistöckige Hauser, in welchen über 270,000 Einwohner leben. Cairo hat jetzt auch Gasthöfe nach europäischer Art und zum Theil auf das Glänzendste eingerichtet, 36 öffentliche Plätze, 11 Ba zars, 1200 Kaffeehäuser, 70 öffentliche Bäder und gegen 1300 Fremdenherbergen. Canarienvögel. Dieser freundliche Sänger ist bei uns heimisch geworden. Man denkt gar nicht mehr daran, daß er erst vor mehr als 200 Jahren zu uns gebracht wurde. — Früher lebte er auf den Carrarischen Inseln (das sind zwölf Inseln im atlantischen Meere, gehören zu Afrika und wurden früher die glücklichen Inseln genannt). Bon diesen Inseln aus wurden verschiedene Arten von Cauarienvögeln nach Deutsch land gebracht. Jetzt ist er, er mag weiß, gelb oder braun aussehen, ein geschätzter, beliebter Stubenvogel, denn er weiß die Menschen durch seinen bald flötenden, bald nachtigallenar tigen Gesang zu erfreuen. — Einige wenige Canarienvögel äußern aber auch eine gellende, unangenehme Stimme. Kommt ein Canarienvögel mit andern Vögeln - im Käfig—zusammen, so zeigt er sich, was, im Vorbeigehen ge sagt, manchen Kindern fehlt, sehr verträglich. Würde es ihm überlassen, und könnte er sprechen, so würde er zu seiner Gesellschaft einladen: Zeisige, Stieglitze und alle Arten Finken. Sogar mit Gimpeln hält er Freundschaft. — Man füttert die Canarienvögel mit Rübsamen, Hanfsamen, Hafergrütze, etwas Zwieback und Zucker, harten Eiern, und im Sommer gibt man ihnen zuweilen ein paar Salatblätter, oder s. g. Hühnerdärme. Bisweilen orgelt man den jungen Canarienvögeln Stücke vor, die sie auch ganz gut lernen; aber ich höre das lieber, was sie von der Mutter Natur gelernt haben, denn diese versteht es besser, als die Vogelorgel, und ist die beste Jnstrumentenmacherin in der Welt. Die Canarienvögel machen bisweilen große Rei sen — aber nur auf dem Rücken der Vogelhändler, und zwar immer in großen Gesellschaften. — Oesters müssen sie auch Kunststückchen lernen, aber dann sind sie zu bedauern; denn da müssen sie hungern, wie manche Künstler, und werden noch dazu mißhandelt. Ein alter Mann hatte einen Canarienvögel so abgerichtet, daß derselbe jedes beliebige Wort aus abgedruckten Buchstaben zusammen legte. Und als ihm einmal ein Wort vorgeschrieben127 wurde, in welchem ein gewisser Buchstabe öfter vorkam, als er in dem Schächtelchen enthalten war, so hob er einen schon ge brauchten Buchstaben aus der Reihe und legte ihn an die Stelle, wo er desselben abermals bedurfte. Auch hatte der Mann dem Canarienvogel eingelernt, aus einer Schachtel voll kleiner Müsterchen alle Farben, welche die Gesellschaft trug, herauszusuchen und vor jede Person die Farbe hinzulegen, von welcher ihr Kleid war. — Ein braver, denkender Knabe redete einst ein Canarieu- vögelein in seinem Käfig so an: Du bist zu beneiden, Munt'res kleines Thier; Alle deine Freuden Schöpfest du aus dir! In der engen Klause Ist dir herzlich wohl, Findest du zum Schmause Nur dein Näpfchen voll. Dann bist du geschieden Bon der ganzen Welt, Gönnst ihr Krieg und Frieden Wie es ihr gefällt. Hüpfest hin und wieder, Neidest keinen Thor, Singest deine Lieder Nur dir selber vor. Lieber Vogel, höre! Vogel auch zu sein, Solch ein Vorschlag wäre Mir nun wohl zu klein. Gar zu kurzes Leben Schenkt der Himmel euch! Seid uns auch daneben Nicht im Köpfchen gleich! Cederbaum. Der Cederbaum ist ein naher Verwandter zur Tanne und Fichte, ist aber in dem von uns entfernten Asien zu Hause. Im Alterthum waren besonders die Cedern auf dem Libanon berühmt. Sie dienten als Bauholz. Der128 prächtige Tempel Salomons in Jerusalem war aus Cedern- holz erbaut. Heut zu Tage hat die Zahl der Cedern sehr abgenommen und auf dem Libanon, der einst ganze Wälder dieses majestätischen Baumes trug, sollen jetzt kaum noch dreißig anzutreffen sein. Chüwsln, d. i. Glutwind. Der innere Verkehr Afrika's wird durch Karavanen (d. s. bewaffnete Gesellschaften) geführt, die mit Salz, Datteln, Goldstaub und andern Maaren, auch vorzüglich mit Sklaven handeln. Ans ihren Reisen durch die großen Sandwüsten wird diesen Karavanen nicht selten ein zum Ersticken heißer Wind, der Cham sin auch Samum genannt, verderblich. Ueber dem lockern Sandboden der Wüste erhitzt sich die Luft; die sich erhebenden Winde führen Sand und Staub mit sich, welche die Atmosphäre verdunkeln. Die Heiterkeit des Himmels verschwindet; die Sonne verliert ihren Glanz, blasser als der Mond wirst sie keine Schatten mehr; das Grün der Bäume erscheint als schmutziges Blau; die Vögel werden un ruhig; die Thiere irren rastlos umher; der Schweiß verschwindet schnell an der Oberfläche des Körpers; der Gaumen wird trocken, das Athmen beschwerlich, das Bedürfniß zu trinken groß. Schnell verdunstet das Wasser aus den porösen ledernen Schläuchen. Leicht kann daher eine Karavane aus Wassermangel zu Grunde gehen. Die Reisenden bedecken ihr Gesicht mit Tüchern, damit ihnen der Sand nicht in Mund, Rase und Auge komme; sie knieen, so lange der Glutwind andauert, hinter den Kameelen nieder, und diese wenden ihre Köpfe vom Winde ab, um ihre Augen gegen den heranwehenden Sand zu sichern. Bleifarben wird die Luft und schwer; so sieht Das Antlitz eines Menschen, welcher stirbt; Der Sturm bricht los, von Feuer roth die Schlucht, Auf seinem Wege, was er trifft, verdirbt. Der Araber betet dann: Allah, Erbarmen unsrer Roth; Allah, des Todes Engel droht. Himmel, du weichst; Hölle will siegen; Rettung send' uns, die wir im Staub vor Dir liegen. Erzürnt in der Höh' Schwebt noch der Verderber;129 Ach, kein Ort des Schirmes, Wohin man entfloh'! Bist Du es, der strafend Des Kindes vergißt? Das Grab nur ist Zuflucht, Wenn Du es nicht bist. Charaden. O weh! Das ist ein schweres, fremdes Wort. — Seid nicht ängstlich, liebe Kinder! Durch eine Menge von Räthseln und Logogrpphen in diesem Lexikon werdet ihr im Denken und im Auflösen der Rüthsel gewandt werden. Und die Charaden sind ja auch nichts anders, als eine Art Räthsel. Es sind Silbenräthsel, bestehend aus Wörtern, in denen zuerst die einzelnen Silben des Wortes, und dann das Ganze selbst nach den ihm eigenthümlichen Merkmalen in der ästhetischen (d. i. schönen) Form versinnlicht werden, damit man den verborgenen Gegenstand errathe. Also Silben räthsel werdet ihr nun auch gern näher kennen lernen wollen; ich will euch hier mehre solche aufzeichnen: (2 Wörter 4 Silben.) 1. Den Ersten (2 Silben) dienen große Nationen, Die Letzten (2 Silben) leuchten nur aus Thronen; Das ganze (alle 4 Silben oder 2 Wörter) ist des Gar tens Frühlingszier, Jedoch geruchlos prangt es hier. (2 Wörter 4 Silben.) 2. Die beiden ersten Silben netzen Flur und Wiesen, Erquicken dürres Feld und Land. Die beiden letzten dienten sonst zum Schießen, Eh' man das Pulver noch erfand. Das Ganze ist des Himmels schönste Pracht, Wenn heller Sonnenschein durch feuchte Wolken lacht. (2 Wörter 3 Silben.) 3. Des Landmanns saure Arbeit, Müh' und Sorgen Belohnt mein erstes Silbenpaar; Nicht oft hat er das Dritte; jeder Morgen Rust ihn zur Arbeit auf. Doch jedes Jahr Sieht er das Ganze wiederkehren; Es mahnet, Gottes Güte zu verehren. Kinder-Conve-rsations-Lexikou. 9130 (2 Wörter 2 Silben.) 4. Mein Erstes Niemand sieht, und dennoch hat's Gewicht; Es drückt Dich überall, und dennoch fühlst Du's nicht. Mein Zweites sieht man wohl, es lächelt dem Beschauer; Doch ward's zur Plage oft dem Bürger und dem Bauer. Mein Ganzes ist ein Ding, das man nicht sieht, nicht hört, Nicht riecht, nicht schmeckt, nicht fühlt, und Viele doch bethört, Der Jüngling tändelt gern mit solchen Wunderdingen; Doch wenn der Mann es thut, so wird ihm nichts ge lingen. (2 Wörter 2 Silben.) 5. Der Ersten Druck hast Du meist gern, Hieltst gern den Druck der Zweiten fern; Die Erste, ist sie weiß, heißt schön; Schwarz mag der Andern besser steh'n; Die Erste, daß sie bleibe sein, Hüllt in das Ganze gern sich ein; Die Andere braucht nicht solchen Schutz, Weil selbst als Hülle dient ihr Putz. (2 Wörter 2 Silben.) 6. Mit der Ersten pflückt man Rosen, Aus der Andern macht man Hosen; Das Ganze ist ein Plunder, Der lang hängt herunter. (2 Wörter 4 Silben.) 7. Es stellt als Frucht das erste Paar, Als Pflanze sich das and're dar; Wenn Beides fügt zusammen ihr. So wird alsbald daraus ein Thier. (2 Wörter 2 Silben.) 8. Die Erste ist ein Wort zum Fragen, Die And're gut, um viel zu wagen. Das Ganze heilsam für den Magen. (2 Wörter 4 Silben) 9. Eins und Zwei gebraucht zum Schreiben ihr, Drei und Vier braucht man zum Schießen;131 Aber auch bient Eins, Zwei, Drei und Vier Eins und Zwei d'rin zu verschließen. (2 Wörter 2 Silben.) 10. Von einem viergetheilten Wesen Von jeher die Erste ist's Viertel gewesen; Darinnen geht zu Bett zur Nacht Der andern Mutter, legt ab die Pracht; Und manchmal ersteht, wenn sie gegangen, Das Ganze daraus mit lichtem Prangen. (2 Wörter 3 Silben.) 11. Wer gleichen will den ersten beiden, Der soll die dritte lieber leiden, Als daß er selbst sie thäte an; Ich nehm' den Fall aus, daß die Katze Jn's Ganze langte mit der Tatze, Da sei sie schnell darauf gethan! (2 Wörter 2 Silben.) 12. Die Erste ist das in trock'nem Zustande, Was frisch als And're wächst in dem Lande. Weh l wem das Ganze nur steht zu Gebot, Sich d'ran zu halten, kommt er in Noth. (2 Wörter 3 Silben.) 13. Wer aus den ersten Beiden Sehr oft die Dritte thut, Den könnt' ihr unterscheiden An seiner Nase Glut. Sonst geht stets aus den Höhen Herab des Steines Lauf; Das Ganze läßt ihn gehen Hoch in die Luft hinauf. (1 Wort 3 Silben.) 14. - Die erste spricht: „Die Zähne brauche!" Ich füg' hinzu: „Bekomm's dem Bauche!" Die And're zeigt dir deutlich an: Jetzt wird ein männlich Wesen nah'n. Was wird bezeichnet mit der dritten, Ist schlecht vom deutschen Sinn gelitten. 9 *132 Das Ganze mancher schreibt und spricht, Allein verstehen kann man's nicht. (2 Wörter 3 Silben.) 15. Die beiden ersten beschmutzen die Sachen, Die dritte dient, sie rein machen; Das Ganze ist schön weiß und roth, Und trägt doch in sich Gift und Tod. (2 Wörter 2 Silben.) 16. Die Erste für den, der hoch hinaus will, Der höher hinauf als das höchste Haus will. Die And're für den, der fleißig sein will. Das Ganze für den, der tief hinein will. (2 Wörter 3 Silben.) 17. Nummer zwei und dreie sind Spiele für des Knaben Hand, auch der Kriegersmann gewinnt sie im Kampf für's Vaterland. Wo das Erste lieblich rinnt, hüpft das Ganze froh am Rand. (2 Wörter 4 Silben.) 18. Das Erste schließet Thüren auf; Das Zweite hält der Gärtner zu Kauf; Das Ganze sprießt im Frühling auf. (2 Wörter 3 Silben.) 19. Mein Erstes ist das Eingangsthor Der Töne und kommt doppelt vor. Mein Zweites schmeckt gar sein und süß Und fand sich schon im Paradies. Mein Ganzes kommt wie Ungewitter, Und schmeckt dem, der's bekommt, sehr bitter. (2 Wörter 2 Silben.) 20. Mein erstes ist ein Hund, auch eine Ente; mein Zweites rund, und 's Ganz' am Firmamente.133 (2 Wörter 3 Silben.) 21. Mein Erstes ist ein Hund; Mein Zweites ist ein Junge; Mein Ganzes doch kein Hundejunge. Das Erste beißt das Zweite oft; Das Ganze kommt ganz unverhofft. (2 Wörter 2 Silben.) 22. Mein Zweites frißt mein Erstes oft; Als Ganzes spring' ich unverhofft Dem Zweiten manchmal bei dem Schmaus - Mit einem Satz aus dem Ersten heraus. (2 Wörter 3 Silben.) 23. Mein Erstes deckt dich Und dient als Zier; Mein Zweites schreckt dich Als häßlich Thier. Das Ganze legt Eier Am Meeresstrand; Die Eier sind theuer In Engeland. (2 Wörter 3 Silben.) 24. Das Erste ruht im Haupte, Die Letzten schafft die Hand; Doch ach, das Ganze raubte Schon Manchem den Verstand. (2 Wörter 4 Silben.) 25. Unter den Münzen gibt's eine Geprägt in der Erde Schooß, Die schmückt Wiesen und Raine; Gehalt und Werth sind groß. Willst du die Münze errathen, Nimm noch was Scharfes hinzu, Das Ganze nützt mehr als Dukaten, Es schafft dem Kranken Ruh'. Chinese. Der Chinese ist ein Bewohner von China oder Sina in Asien, das eines der größten und gesegnetsten134 Länder der Welt ist. Der Chinese ist von mittlerer Größe und hat eine gelbe Farbe; doch ist diese bei solchen, die weniger in die Sonne kommen, mehr weiß. Ihr länglicht runder Kopf ist oben zugespitzt, das Gesicht breit, die Stirne platt. Sie haben kleine Augen, eine stumpfe Nase, schwarze kurze Augen- braunen, große Ohren, schwarze und schlichte Haare, dicken Bart und einen sehr dicken Bauch. Die Frauenzimmer haben wegen der engen Schuhe, die sie tragen, einen sehr kurzen Fuß, worein sie besondern Werth legen. Ihre Schuhe haben keine Absätze, sehr dicke Sohlen und gehen vorn in eine Spitze aus. Mitten auf dem Scheitel haben sie einen geflochtenen Büschel Haare; die übrigen sind geschoren. Dieses ist jedoch nur-bei den Männern der Fall; die Frauenzimmer behalten ihre Haare, die, wie bei uns, eine Zierde dieses Geschlechtes sind. Ihre Hüte, deren Rand dachförmig herabgeht, sind einem umge kehrten Trichter ähnlich. Der Tabaks- und Geldbeutel hängen am Gürtel an langen Schnüren herab. -— Die Reichen lassen Nägel, wenigstens an einem Finger, sehr lange wachsen, um zu zeigen, daß sie Leute seien, die nicht nöthig haben, etwas zu arbeiten. Die chinesischen höheren Beamten, welche Man darinen heißen, unterscheiden sich durch eine Pfauenfeder und andere Auszeichnungen. Der Gebrauch des Tabaks ist allge mein, und selbst in dem Mund der Mädchen von 10 Jahren sieht man die Tabakspfeife. — Wer fett ist, gilt für schön. Eine grobe Stimme gibt einen großen Vorzug, besonders bei den Ofstcieren und Beamten. Ihre Nahrungsmittel sind ein fach: der Genuß des Reises ist am häufigsten. Die gemeinen Leute essen das Fleisch auch von solchen Thieren, welche bei uns Eckel erregen würden, besonders auch von allem gefallenen Vieh. Ein grausames Gesetz erlaubt ihnen, neugeborne Kinder zu tödten, und so geschieht es öfters, daß Kinder mit einem hohlen Kürbis am Halse, in den Fluß geworfen, oder, wie sie sich ausdrücken, dem Flußgott geopfert werden. Viele werden gleich nach der Geburt erstickt. -—- Außer Reis und andern Ge treidearten sind Schweinefleisch und Gartengewächse ihre Haupt gerichte, Thee und Milch ihr Hauptgetränk. — Gelb ist die Farbe des Kaisers, und niemand Anderer darf sich derselben bedienen. Die Reichen tragen große Schirme und lassen sich auch in Palankinen tragen. Die Art, wie die Chinesen essen, wird euch gewiß Dpaß machen. Sie bedienen sich beim Essen zweier Stäbchen, mittelst welcher sie die Speisen ganz außerordentlich geschickt und zierlichin den Mund führen. Nur mit dem Reis geht es nicht so gut, weil dieser nicht in Stücken zusammenhält. Sie nehmen daher das mit Reis gefüllte Gesäß ganz nahe an den weit geöffneten Mund und schieben große Portionen mit dem Stäbchen hinein, wobei aber gewöhnlich ein Theil aus sehr unappetitliche Weise wieder in das Gefäß zurücksällt. Ghocolctde. Lehrerin. Wer eine Tasse Thee, Kaffee oder Chocolade (Schokolade) trinken will, mag es thun, denn alle drei Sorten stehen für euch bereit, ihr dürfet nur wählen; nach eingenommenem Frühstück machen wir einen kleinen Spa ziergang in unfern großen Baumgarten vor der Stadt. Mädchen. Wir bitten uns Thee oder Kaffee aus. Und Sie, liebe Frau Lehrerin, wollen wir Chocolade trinken sehen! Lehrerin. Ei, wie listig! Ihr möchtet vermuthlich gern wissen, wie die Chocolade gemacht wird, oder gar wie ste schmeckt. Wohlan, ihr sollt beides erfahren. Ihr habt doch schon Cacaobohnen gesehen? Nicht wahr, es sind längliche, dunkelrothe Kerne, diesen Mandeln oder den großen Bohnen ähnlich sehen? Sie wachsen im süd lichen Amerika und den antillischen Inseln aus großen Bäumen, und in großen Kapseln, worin gewöhnlich fünfzig bis sechzig Stück beisammen stecken Wenn man nun die Cacaobohnen röstet und klein stößt, und mit Zucker vermischt, so hat man Chocolade, aber freilich noch keine starke; denn soll sie recht gut und stark werden, so mischt man Cacaobohnen, Zucker, Gewürznägelein und Vanille zusammen, läßt es am Feuer zergehen, und gießt daraus viereckige Tafeln. Will man nun Chocolade trinken, so muß sie gerieben, mit etwas Eierdotter vermischt, und in Wasser oder Milch gekocht werden. Die Spanier machten die erste Chocolade in Amerika. Im Jahre 1520 brachten sie Chocolade nach Europa, wo man den Nutzen derselben bald einsah. Chocolade macht man daher schon seit langer Zeit fast allenthalben, und auch in Deutschland sehr häufig. Sie ist für diejenigen, welche eine sitzende Lebensart führen müssen und eine schlechte Verdauung haben, gesünder als Kaffee. *) *) Leset gleich auf Obiges den Artikel: „Schnecken."136 Cirknitzer - See. An den Alpen in Krain liegt dieser berühmte See. Er ist drei Geviertmeilen groß; es liegen fünf Inseln in ihm, und eine trägt selbst ein Dörfchen, Ottok ge heißen. In den See ergießen sich mehrere Bäche. Er ist sehr reich an Fischen und Wasservögeln, und seine Umgebung ist schön. Nenn Dörfer, zwanzig Kirchen und zwei Schlösser reihen sich um den See. Bei vielem Regen wird er größer, aber bei lang anhaltendem trockenen Wetter verschwindet sein Gewässer und zieht in Erdklüste zurück, begleitet von allen Fischen. Tritt diese wunderbare Erscheinung ein, dann läutet es in den Dörfern umher, zum Zeichen, daß, wer noch fischen will, sich beeilen muß. Von Stunde zu Stunde sinkt der Wasserspiegel des Sees tiefer; denn es sind eine Menge Löcher im Grunde des Sees, die sein Wasser verschlucken, und unter irdische Höhlen von unermeßlichem Umfange, die noch kein mensch liches Auge geschaut hat, nehmen es aus. Jetzt liegt der Grund des Sees bloß, er trocknet auf, und bald mäht der Mensch Gras, wo er sonst fischte; er wagt Getreide anzusäen und ürntet Hirse und Buchweizen. Er nimmt statt des Netzes das Feuer rohr und erlegt Hasen, Rebhühner, Wachteln. So ist der wunderbare See mit Recht in dem Ruse, daß man in ihm fischen, jagen und ärnten kann. Es kommt aber wieder eine andere Zeit; es stellen sich häufige Regengüsse und starke Ge witter ein, und das Wasser strömt aus den Grundlöchern wieder gewaltig heraus, so daß binnen 24 Stunden der See gleichsam wieder neu geschaffen ist. Citronen. Diese Früchte, deren kleine Sorten man Limonien zu nennen pflegt, kennet ihr Alle. Ihr wißt, daß man aus Citronensast, Zucker und Wasser die bekannte Li monade bereitet, und aus Citronen, Zucker und Wein oder Thee man den beliebten Punsch macht. Und erst die Köchin weiß die Citronen zu gar verschiedenen Speisen und Backwerken zu verwenden. Könnte die Citrone reden, so würde sie italienisch und spanisch sprechen und euch nicht verstehen; denn Italien und Spanien ist ihre Heimath, wo ganze Wälder von Citro- nenbänmen gepflanzt werden, auf denen die herrlich gelbe Ci trone wächst. Die meisten kaufen wir den Tirolerinnen ab, und diese erhalten sie aus Italien. CoeosnuO. Lieber Rudolph! Du hast von deinen Eltern an Weihnachten unter anderm auch einen Nußknacker137 zum Geschenke bekommen. Ich wünsche nur, daß Dir die Nüsse zuiu Aufknacken nie fehlen mögen. — Nun, eine welsche Nuß geht recht wohl in deinen Nußknacker; aber ich weiß eine Nuß, die ist so groß, daß dein Knacker wie ein Kopf und von Eisen sein müßte, wenn du sie aufknacken wolltest, und dann würden deine Hände noch zu schwach dazu sein. Den Baum, der diese Nuß trägt, nennt man die Cocospalme. Sie wächst nur in ganz heißen Ländern, am liebsten aus Inseln an den sandigen Ufern des Meeres. Sie sieht aber gar nicht so aus, wie ein Birn- oder Apfelbaum, denn sie hat zwar einen schlanken, hohen Stamm, aber keine Aeste. Merke wohl, lieber Rudolph, statt der Aeste haben alle Palmen zu oberst eine prächtige Krone von großen Blättern. Da ist denn der Blattstiel bis weilen dicker als ein Arm, und so lang wie ein Mann, und vorn an dem Stiel steht ein rundes Blatt, das so groß ist, daß unter demselben, wie unter einem gewaltigen Sonnen schirm 6—8 Menschen im Schatten stehen können. Das mag ein Blatt sein! So trägt denn auch die Cocospalme auf ihrem Haupte eine Krone von 20 bis 28 langen Blättern, mit der sie den Schiffern schon in weiter Ferne entgegenwinkt. Jeden Monat wächst ein neues Blatt, während ein altes absällt. Drei Monate braucht ein Blatt, bis es ganz ausgewachsen ist. Schon daraus kannst du abnehmen, was das für ungeheure Blätter sein müssen. Zwischen den Stielen der Blätter brechen am Stamm die großen Fruchtstiele hervor, an denen sich die Blüthen und Früchte ansetzen. Die Früchte sind Nüsse, so groß wie dein Kopf. Auf einem Baum hängen gewöhnlich zwölf Büschel solcher Nüsse, die einen noch unreif, andere halb reif, noch andere ganz reis. Denn mit der Cocospalme ist es nicht, wie mit unfern Obstbäumen, welche im Jahre nur einmal blühen und Früchte tragen, sondern sie blüht zu ieder 3 eit und trägt das ganze Jahr Früchte. Nun laß dir eine Cocosnuß beschreiben. Wie die Wall nüsse, so lange sie auf dem Baume hängen, in einer grünen Hülle eingeschlossen sind, so liegt auch die Cocosnuß in einer solchen Hülle, die drei Finger dick und aus lauter Fäden zu sammengesetzt ist. Hat man diese Hülle weggethan, dann kommt erst die eigentliche Nußschale, welche sehr hart und dick ist, und unten drei kleine runde Löcher hat, aus denen beim Keimen das Würzelchen herauswächst. Ist die Cocosnuß sechs Mo nate alt, so ist sie voll Wasser, das angenehm süßlich schmeckt, in den nächsten drei Monaten wird dieses Wasser zu einem138 Mark, in dessen Mitte der Kern liegt; und wieder in drei Monaten wird das Mark ganz hart, der Kern ist dann aus gewachsen, und die Nuß fällt ab. Nun laß dir noch sagen, zu was alles man die Cocos- palme brauchen kann. Die Blätter, so lange sie noch jung und zart sind, kocht und ißt man, wie bei uns den Kohl; aus den ausgewachsenen Blättern und Blattstielen macht man Hüte, Fächer, Sonnenschirme, Siebe, Körbe, Besen u. vergl., auch decken die Indianer ihre Hütten damit; aus den Blüthenstielen fließt, wenn man hineinschneidet, ein süßer Säst, aus dem man ein liebliches Getränk bereitet, das man Palmwein nennt; aus der faserigen Hülle der Nuß, die sich wie Flachs bearbeiten läßt, macht man Garn, Bindfaden, Stricke, Fischnetze u. dergl. Dinge; das süßliche Wasser, das in der sechs Monat alten Nuß ist, gibt ein kühlendes Getränk; den großen Kern der Nuß, der wie süße Mandeln schmeckt, ißt man entweder roh, oder mit Essig und Salz als Salat, auch kocht man daraus ein Oel, das man wie Butter an die Speisen thut; aus der harten Nußschale verfertigt man Schüsseln, Büchsen und Becher, die sehr zierlich geschnitzt und oft mit Silber eingelegt sind. So ist denn die Cocospatme nicht bloß ein prachtvoller, sondern ein gar segensreicher Baum. Lebe wohl! Colibri. „O du winzig kleines, nettes Vögelein, du bist ja kaum so groß, als eine Hummel (Bremse), und hast ein langes Schnäbelein, das nicht dicker ist als eine Nähnadel. Man sagt dir nach, daß dein rund zugewölbtes Nestchen die Größe einer Wallnuß habe, und die zwei Eierchen, die du hin einlegest, seien kaum so groß, wie kleine Erbsen. Ein wunder schönes Gefieder zeichnet dich vor Allen deines Geschlechtes aus, weßwegen die Indianer, denn du bist in Amerika zu Hause, dich getödtet als Ohrengehänge tragen. Das gefällt mir aber an dir gar nicht, daß du, so klein, dennoch so leicht Zum Zorne gereizt werden könnest, und da mit deines Gleichen in wüthende Kämpfe dich einlassest. Das sollen dir aber die Kinder nicht nachmachen, die sind friedlicher und verträglicher miteinander. CompHß. Lieber Max! Du bist zwar noch nie auf einem Seeschiffe gefahren, und es mag vielleicht noch lange an stehen, bis du eine Reise über das Meer machen wirst; allein es wird dir dennoch lieb sein, von etwas erzählen zu hören, was aus dern Schiffe eine so große Rolle spielt. Ich meine13'9 beit Comp aß. Also höre: Der Compaß ist ein Instrument, welches die Seefahrer sehr nothwendig haben, weil sie mit dessen Hilfe den Weg auf dem Meere und über dasselbe sicher finden. " Der Comp aß enthält in einem hölzernen oder kupfernen Kästchen, in welchem die Himmelsgegenden ausgezeichnet sind, die auf einem Stifte ruhende, bewegliche Magnetnadel. Da nun die Magnetnadel sich beständig nach Norden richtet, so können die Schiffer, wohin sie auch wollen, den Lauf des Schiffes darnach richten und haben nicht zu fürchten, daß sie von der rechten Bahn abirren. Der Magnet zeigt immer nach Norden, wie auch die Lage des Schiffes verändert wird, und der Kreis im Kästchen zeigt die Weltgegenden an. Will nun der Schiffer gegen Süden fahren, so darf er nur nach der entgegengesetzten Richtung steuern, welche die Nadel anzeigt. — Wie bewunder ungswürdig sind die Erfindungen des menschlichen Geistes! Lebe wohl! Ein gar freundlicher Mann läßt das Schiff und den Comp aß auf folgende Weise reden: - Eine glänzende Fregatte Lief von Stapel in das Meer, Schwang voll Stolz die neuen Segel Und der Wimpel flatternd Heer. Sah voll Lust das Spiel der Wellen, Rief entzückt: „Ihr traget mich! „Fröhlich will ich auf euch tanzen, „Wenn die Segel blähen sich." „Fremde Länder will ich suchen, „Kühn durchschneiden eu're Bahn; „Schätze holen, Schätze bringen, „Ehre, Ruhm und Dank empfah'n!" „Du willst suchen?" rief der Compaß, „Freund! was bist du ohne mich? „Ich nur zeige dir die Wege, „Ich nur leite sicher dich. „Wie Vernunft den Menschen leitet, „Und ihn führet an das Ziel, „Ihn beschützet, daß er werde „Me der Leidenschaften Spiel.140 „So kann ich allein dich leiten, ...Folgst du mir, bist glücklich du: „Trauest du dem Spiel der Wellen, „Eilest du dem Abgrund zu!" CrocodrL. Ein fürchterliches, selbst Menschen gefähr liches Thier, hält sich im heißen Asien und Afrika in Flüssen und Meeren aus, und ist schon von alten Zeiten her, vorzüg lich im Nilfluß in Aegypten, als ein sehr gefährliches Thier bekannt gewesen. Es kann schwimmen und untertauchen, und auch auf dem Lande herumgehen. Das Crocodil sieht wie eine Eidechse aus, nur ist es sechs bis zehn Meter lang und entsetzlich wild und grausam, hat einen weißlichen Bauch und einen schwarzen gefleckten, oder braunen, oder schwarzen Rücken. Es legt alle Jahre in den Sand gegen hundert Eier, die so groß als Gänseeier sind und die von der Sonnenhitze ausgebrütet werden. Sein Fraß sind Fische, Schlangen und Eidechsen, und wenn es Menschen erwischen kann, auch Menschen. Aber auch Ochsen und Kühe, Schafe und noch viele andere Thiere fällt es mörderisch an, reißt sie nieder und zerfleischt und frißt sie. Die Menschen erwürgt es aus folgende Weise. Es legt sich ganze Stunden und Tage lang in das Schilf oder aus den Schlamm, ohne alle Bewegung, so daß man es für einen Holzstamm, Balken oder dicken Ast ansehen konnte, und lauert auf die Menschen, die am Ufer schlafen oder baden. Sobald es einen Menschen sieht, schleicht es langsam näher, und wenn es so nahe bei ihm ist, daß es ihn mit einem Sprunge errei chen kann, so springt es plötzlich aus ihn los, und erdrosselt und frißt ihn. Man hat Beispiele, daß dieses abscheuliche Thier einen Menschen aus dem Kahne gerissen und ihn im Beisein der andern gefressen hat, ohne daß man ihm hat helfen können. Den stärksten Ochsen kann es mit seinem Schwänze Niederschlagen und tödten. Es würden also dieser schrecklichen Thiere, da sie 40 bis 50 Jahre alt werden, und alle Jahre gegen 100 Eier legen, bald so viele werden, daß sie in kurzer Zeit alle Menschen in Aegypten erwürgen könnten, wenn alle diese Eier auskämen, und ihnen nicht manches davon von den Aegyptern wegge nommen, und von einem gewissen vierfüßigen Thier, das Ich neumon heißt (s. d.) ausgesaugt würde.— Auch fressen sich die Crocodile unier einander selbst aus.141 Im Mittlern Amerika halten sich auch Crocodile auf; sie sind aber kleiner, legen auch kleinere Eier. Dieser Gattung hat man den Namen Alligator oder Kaiman gegeben. — Daß das Crocodil weinen könne wie ein Kind und Thränen vergieße (Crocodilsthränen) ist eine Fabel. Cuntur oder Greif-Geier. Oskar. Was für Gäste seid denn ihr? ihr kühnen Geier? Etwa auch so un barmherzige Würger, wie die Adler und Falken? Cuntur. Ja, Fleisch müssen wir haben, es sei nun frisches oder altes. Doch fressen einige von uns am liebsten Aas, das ihnen desto besser schmeckt, je mehr es riecht. Wenn ihnen aber das Aas fehlt, so erwürgen sie freilich auch alles, was ihnen vorkommt, und sie bezwingen können. Er ne st. Nun, und was erwürgt ihr denn? Cuntur. Kaninchen und Hasen, Füchse und Schafe, Kälber und Ziegen, Gemsen und Katzen; ja wir großen machen sogar, wenn unser zwei oder drei beisammen sind, einen Ochsen todt, und zehren ihn bis ans die Knochen und die Haut ganz aus. Im Nothsalle können wir auch zehn bis zwanzig Tage hungern. Ehe wir aber dieß thun, fressen wir lieber Schlangen und Eidechsen, Frösche und Kröten, und überhaupt alles, was fleischig ist, weg. Anton. Wie seht ihr denn aus? Cuntur. Grau, braun und scheckig. Wir haben einen kahlen Kopf, und einen fast ganz kahlen Hals. Unsere Federn unter der Kehle und unter den Flügeln sind so zart, wie Flaumfedern. Unser Schnabel und unsere Klauen sind kürzer, und nicht so krumm, als die der Adler. An Größe kommen wir fast alle den Falken gleich; ja unsere größten Geier übertreffen sogar die Goldadler an Größe, und sind mit ausgebreiteten Flügeln acht bis neun Fuß breit. Eugen. Wo wohnet ihr denn? Cuntur. Wir wohnen und horsten mehrentheils aus hohen Bäumen und Felsen, wie die Adler, aber mehr in war men Ländern, als in kältern. In Aegypten und Arabien sind wir gern — und ziehen jährlich nur zwei Junge auf. Und das ist für die Menschen ein Glück; denn wenn wir mehre aufzögen, würden unserer bald so viele werden, daß wir in kurzer Zeit alles nutzbare Vieh aufzehren würden. Karl. Gibt es denn mehre Arten so böser Geier? Cuntur. O, ja! — Es gibt unter uns große, mitt-142 lere und kleine Geier. Wir großen, grauen Greifgeier oder Cuntur sind im Stande, ein Schaf in die Luft wegzu führen. Ja, wir sind sogar so frech, wenn unser mehr, oder auch nur unser zwei beisammen sind, einen Ochsen anzufallen und todt zu machen. Einer hackt ihm die Augen aus, und der andere reißt ihm den Bauch auf, und zieht das ganze Einge weide heraus. Und so ist der größte Ochse verloren. Denn, was für Sprünge will er noch machen? Da er nicht mehr sieht, ihm das Eingeweide zum Leibe heraus hängt, und wir ihm auch schon sein bestes Blut abgezapft haben? — Jakob. Und was macht ihr nun mit dem todten Ochsen? Cuntur. Erst fressen wirsein Eingeweide sammt allem, was darin steckt, auf; dann gehen wir in seinen Bauch, und fressen und hacken sein Fleisch so gut ab, daß nichts als die Haut und die Knochen übrig bleiben. Und bei einem solchen Fraß sind wir gar nicht furchtsam, sondern sehr dreist, daß man uns ganz nahe kommen und bei unserm Scelettiren Zu sehen darf. Der Geierkönig oder Kahlhals ist der schönste unter allen Geiern. Er hält sich im wärmern Amerika aus, ist so groß, wie ein Puterhahn, hat einen kahlen Kops, einen kahlen Hals, und unter diesem einen Kragen von langen, aschgrauen Federn; seine Brust ist schmutzig-weiß und sein Rücken nebst den Flügeln röthlich - weiß. Sein Schnabel, sein Hals, seine Füße und Zehen sind roth. Der H asengeier, Lämmergeier, Bartgeier, Gold geier oder mittlere Geier sieht schrecklich aus, ist so groß wie ein Schwan, und stößt aus Hasen, Lämmer, Gemsen und Murmelthiere, und wird sehr häufig in der Schweiz, Tyrol, auch in Sibirien und Abessinien angetrofien. Auch hat man Beispiele, daß er kleine Kinder angesallen und mit sich in die Luft sortgeführt hat. In der Schweiz binden deßwegen die Hirten ihre Kinder aus der Weide an Bäumen an, damit sie ihnen von diesen Lämmergeiern nicht so leicht weggeschleppt werden können. Er har die Gestalt eines Geiers, aber keinen nackten Kops und Hals wie die übrigen Geier; unter dem Schnabel hat er einen Bart von starken Haaren. Seine aus gespannten Flügel messen 10 Fuß. Er ist so muthig, daß er im Beisein der Hirten Schafe raubt. Der kleine Aasgeier oder E rd g eie r ist weiß und schwarz gefleckt, und nur so groß, als eine Gans; hält sich in Aegypten heerdenweise aus und frißt Aas und allerlei ver-143 dorbenes Fleisch lieber, als frisches Fleisch, und dann am lieb sten, wenn es recht übel riecht, und bringt daher seine meiste Zeit auf der stachen Erde zu. August. O ihr häßlichen Geier! Pfui, ja wohl Ein geweide sammt dem Mist, Aas und Luder gern fressen! Cuntur. Ei, ei, nur nicht geschimpft. Ist das für euch Menschen nicht eine Wohlthat, daß wir das Aas weg fressen, das die Luft verpesten, und euch krank machen würde! Ach, wie würde es wohl den einfältigen Aegyptern ergehen, die keine Wasenknechte haben, welche das verreckte Vieh irgendwo eingraben, oder an abgesonderte Plätze bringen? Denn wo in Aegypten ein Kameel oder ein Ochse oder ein Esel fällt oder hin wird, da bleibt er liegen, und wenn es auch gleich mitten auf einer Gasse wäre. In Cairo,*) der Hauptstadt von Aegypten, ist es we nigstens so. Fräßen da die Hunde und die Aasgeier das Aas nicht weg, so müßten die Einwohner vor üblem Geruch ersticken, und könnten oft manche Straße gar nicht mehr passiren, weil es da viel wärmer ist, als bei euch, uud also die Aase und Leichname auch eher in Fäulniß übergehen. Noch eines von Cairo. In Cairo sind alle Gassen mit Hunden angefüllt, die ungefähr so groß, als eure Windspiele, fast ganz nackt, und schwarz und weiß gesteckt sind, wild herum laufen, und nicht in den Häusern wohnen, wie bei euch. Man gebraucht sie daselbst weder zur Wache, noch zur Jagd, weil sie nach Mohameds Gesetzen unrein sind, und nicht bei ihnen in den Häusern wohnen dürfen. Sobald sie also einen auf der Straße antresfen, so weichen sie ihm aus, wie ihr einem tollen Hunde ausweichen würdet oder einem rasenden Pferde. Sie sind ihnen aber doch heilige und werthe Thiere, wie die Geier, weil sie das Aas auf den Straßen wegfressen. Sie tobten sie nicht nur nicht, sondern füttern sie sogar mit frischeur Fleisch, wenn es ihnen an Aas mangelt, geben ihnen Stroh zu einem bequemeren Lager, und bauen ihnen bei rauher Wit terung besondere Hütten. Es werden deßwegen auch fast alle Tage^ etliche Ochsen geschlachtet, und das Fleisch Morgens und Abends auf einen gewissen Platz hingeworfen, wo sich die Hunde und Geier jedesmals ordentlich einfinden. *) Siehe: Cairo.144 Und damit es in Cairo und in anderen türkischen Släd- ten nie an Fleisch zur Hundefütterung mangle, ist es schon lange Mode geworden, daß selten ein reicher Mohamedaner stirbt, der nicht eine gewisse Summe Geld dazu nach seinem Tode bestimmt hätte. Ungeachtet in. Cairo säst alle Jahre wenigstens tausend Esel, Kameele und Pferde fallen, und alle diesen Hunden und Geiern zur leckern Mahlzeit werden, so sind sie doch lange nicht zureichend, alle zu sättigen. Nun kennt ihr euch denken, wie viel es solche Hunde und Geier in und um Cairo geben möge! % Die Aasgeier sind den Aegyptern auch schon deswegen sehr lieb und werth, weil sie die Fische, Schlangen und Eidechsen ausiressen, die bei der jährlichen Überschwemmung des Nils aus den Feldern liegen bleiben, und einen abscheulichen Geruch ver ursachen würden. Die Geierhäute sind sehr stark und werden in Aegypten als Pelzwerk gebraucht; auch füttert man seidene Kleider damit. Dachs. Knabe. Du, mit deinen kurzen Füßen und dem dicken Bauche, wie heißt denn du? Dachs. Ich heiße Dachs und habe gar gestrenge Herren Vettern, denn ich gehöre zum Bärengeschlcchte, obgleich ich nicht so groß und stark als diese bin. K. Du scheinst mir gar so träg uno schläfrig zu sein, be kommst du auch genug zu speisen bei deiner Gemächlichkeit, und was ist dein Leibessen? D. Ich bin freilich ein großer Freund der Ruhe und des Schlafes. Erst am späten Abende beliebe ich aus meinem Bette aufzustehen und Nahrung zu suchen, und ganz vergnügt bin ich, wenn ich Mäuse, Schlangen oder Schnecken finde. Obst verschmähe ich auch nicht. K. Bei letzterem möchte ich schon mithalten; aber höre einmal, wo wohnst du? D. Meine Wohnung baue ich mir unter die Erde und lebe da ganz vergnügt und zufrieden in meiner Höhle, bis der unverschämte Hund, mit dem ich durchaus gar nichts zu thuw145 haben mag, dem vornehmen Jäger seine Dienste anbietet, mich in meiner Ruhe stört, mich jämmerlich aus meinem unterirdi schen Palaste treibt, und ich entweder in der Schlinge gefangen oder erschossen werde. K. Ich muß jetzt gehen, denn ich habe noch gar viel für die Schule zu lernen. Großes Mitleid habe ich nicht mit dir, du Träger; denn du lässest dich sogar von den kleinsten Thie- ren beschämen. Höre, was ich unlängst von einem Dachse und einem muntern Eichhörnchen gelesen habe: Dachs. Wohin so eilig, kleines Thier? Komm doch zu mir herein. Kann ich worin gefällig sein? Sprich was beliebet dir? Ich seh' dir oft aus meiner Wohnung zu, und wund're mich, wie unermüdet du, von einem Zweig zum andern hüpfest, und durch die Nußgesträuche schlüpfest, und wie du keine Ruh' und Rast vom Morgen bis zum Abend hast. Wie kannst du das in llller Welt ertragen, und doch so munter sein und so geschwind, als wenig and're Thierchen sind? Und ich muß mich mit meiner Trägheit plagen. Eichhörnchen. Mein lieber Dachs, das ist nicht schwer zu sagen. Wenn ihr so stets in euern Lochern lauert, als wäret ihr lebendig eingemauert; da ist es wohl des Fragens werth, warum sogar das Gehen euch beschwert. Ei, bei der übertriebnen Ruh, Da nimmt die Trägheit immer zu; wer aber Fleiß und Arbeit liebt, wird immer mehr darin geübt. .Dädalrrs und Viele Jahrhunderte v. Ehr. Geb. lebte in Athen ein berühmter Künstler, welcher Dädalus hieß. Dieser Mann soll viele nützliche Werkzeuge z. B. die Axt, die Richtwage, den Mastbaum, den Segel u. s. w. erfunden haben. Auch konnte er mit dem Ktnder-Conversations-Lexikon. 10146 Meißel geschickt umgehen und aus Stein die schönsten Bild säulen (Statuen) fertigen. Von diesem geschickten Manne er zählt die Sage mancherlei. Einst kam er auf die Insel Kreta, die im mittelländischen Meere liegt. Hier mußte er ein unter irdisches Gebäude mit vielen Zimmern errichten, die mit ein ander durch verschlungene Gänge in Verbindung standen, daß ein Fremder den Ausgang nicht wieder finden konnte. (Man nannte dieses Gebäude auch Labyrinth.) Alle Welt rühmte die Geschicklichkeit dieses großen Baumeisters, aber auch damals war sehr- oft Undank der Welt Lohn. Däd alus wurde später selbst mit seinem Sohne Ikarus in das La byrinth gesperrt. Um als Baumeister nicht etwa den Ausgang finden zu können, wurden die Zimmer fest verschlossen. Alle Hoffnung, zu entkommen, war geschwunden; nur ein Ausgang büeb noch offen. Des Himmels Wolken schauten nämlich hoch über seinem Haupte zu einer Oessnung herein. „Wie", dachte Dädalus, „wenn du dir und deinem Sohne Flügel machtest und, dem Vogel in der Luft gleich, davon flögest?" Er legte Hand ans Werk und in kurzer Zeit waren große Flügel von Wachs fertig. Diese wurden unter den Armen befestigt und die Reise ging fort. Vorher aber gab er seinem Sohne einige Lehren mit auf den Weg. „Fliege nicht zu tief," sagte er, „sonst werden die Flügel von dem Meerwasser naß und schwer und ziehen dich hinunter. Fliege aber auch nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs von der Hitze der Sonnenstrahlen. (?) Du thust am besten, gerade hinter mir herzufliegen. Anfangs richtete sich der Sohn genau nach seinem Vater und die Reise ging gut von Statten; aber bald wollte er klüger sein. Ikarus flog immer höher und kam der Sonne näher. Die -Flügel schmolzen, der überkluge Sohn stürzte ins Meer und fand hier seinen Tod. Der Vater kam glücklich auf der Insel Sicilien an, wo er freundliche Aufnahme fand und eine große Anzahl prachtvoller Bauwerke ausführte. Dampfschiff. In der.ueuWN Zeit werden sehr häufig Dampfmaschinen zum Treiben der Schiffe, sogar gegen gewalt same Strömungen angewendet. Das Dampfschiff wird durch zwei Räder mit Schaufeln, den unterschlächtigen Mühlrädern ähnlich, welche au bat Seiten des Schiffes angebracht sind und durch die Dampfmaschine Herumgetrieben werden, in Bewegung gesetzt. (In neuester Zeit baute man auch Dampfschif« ohne Räder an den Seiten, sondern mit Schrauben, welche unten147 am Schiffe angebracht sind und Schrauben-Dampfboote heißen.) Durch die Dampfmafchine wird vermöge eines vom Wasser dampfe in einem eisernen Cplinder auf- und abgetriebenen Stengels ein Mechanismus zu Stande gebracht, welcher mittelst Kurbel, Sternrüder und Getriebe die Schaufelräder herumtreibt, so daß diese nun ruderartig auf das Wasser wirken und das Schiff forttreiben. Das Feuer muß aber beständig unter dem Dampfkessel unterhalten werden. Datteln. O Kinder! gönnt doch den Bewohnern der Wüsten (denn in Asien und Afrika ist der Dattelbaum zu Hause) die Datteln und beneidet sie deßwegen nicht, hat sie ihnen ja jene Hand gegeben, die euch dafür viel, sehr viel An deres gab. Die Datteln, welche länglich rund und von der Größe einer Zwetschge sind, sollen sehr gern gegessen werden. Sie wachsen auf dem Dattelbaume, der oft über hundert Fuß hoch wird und den Bewohnern jener heißen Länder auch durch seine breiten Blätter ungemein werth ist. Ein Schüler aß, wie viele Knaben, Die Datteln um sein Leben gern; Und um des Guten viel zu haben, So pflanzt' er einen Dattelkern In seilles Vaters Blumengarten. Der Vater sah ihm lächelnd zu Und sagte: „Datteln pflanzest du? O Kind, da mußt du lange warten; Wenn wisse, dieser edle Bauin, Trägt oft in L0 Jahren kaum Die ersten seiner süßen Früchte." Karl, der sich dessen nicht versah, Hielt ein und rümpfte das Gesichte. „Das Warten soll mich nicht verdrießen, BeUhnt die Zeit nur meinen Fleiß; So kann ich ja dereinst als Greis, Was jetzt der Knabe psianzt, genießen! — DeMsW'erreH» Durch oftmals wiederholte Streiche Fällt auch zuletzt die stärkste Eiche. Dernosthenes war der größte Redner unter den Griechen. Er hatte seinen Vater verloren als er kaum sieben Jahre alt 10 *148 war. Als Knabe hörte er einst einen Redner und war ganz entzückt von der schönen Rede. Er faßte sogleich den Entschluß, auch einmal ein solcher Redner zu werden. Von der Zeit am nahm er an keinem Spiele mehr Theil, sondern alle Zeit ver wandte er aus Lesen, Schreiben und Sprechen. Als er nun erwachsen war und eine schöne Rede ausgearbeitet hatte, hielt er diese vor dem versammelten Volke. Aber er wurde aus gepfiffen, und alle Mühe schien vergeblich gewesen zu sein. Betrübt schlich er nach Hause. Ein Freund aber ermunterte ihn zu einem zweiten Versuche. Diesmal arbeitete er viel sorg fältiger und übte die Rede geläusiger ein. Aber ach, er wurde wieder ausgelacht; das Gesicht in seinen Mantel hüllend, ging er wie vernichtet nach Hause. Darauf besuchte ihn ein anderer Freund und inachte ihn aufmerksam auf seine Fehler beim Re den. Demosthenes hatte aber als Redner drei Hauptfehler: erstlich sprach er zu leise, weil er eine schwache Brust hatte; dann sprach er undeutlich, denn einige Laute konnte er gar nicht hervorbringen, z. B. das R; endlich hatte er die üble Gewohnheit, daß er mit der Achsel zuckte, so oft er einen Satz ausgesprochen hatte, wie sollte er aber diesen Gebrechen abhel fen? Demosthenes aber verzweifelte nicht. Was der Mensch will, das kann er. Um seine Brust zu stärken, ging er täg lich die steilsten Berge hinan; oder er trat an das Ufer des Meeres, wo die Wogen ein großes Gebrause machten, und suchte mit seiner Stimme das Getöse zu übertönen. Um das R und einige andere Laute hervorzubringen und der Zunge die rechte Lage zu geben, legte er kleine Steine unter die Zunge, und so sprach er. Das häßliche Achselzucken sich abzugewöhnen, hängte er ein Schwert über der zuckenden Achsel auf, welches ihu jedesmal verwundete, wenn er in die Höhe fuhr. Dann ließ er sich die Haare kurz abscheeren, damit er eine Zeitlang gar nicht ausgehen durfte, sondern alle Zeit auf seine Kunst verwenden mußte. Nach solchen Vorbereitungen trat er endlich wieder auf und hielt eine so schöne Rede, daß das griechische Volk ganz entzückt war und seinen Ohren nicht trauen wollte. Demosthenes wurde nun mit Lob und Beifallsbezeugungen überschüttet, und dadurch ausgemuntert, fuhr er noch emsiger fort. - Oft hat er mehr gewirkt, als der beste Feldherr! — Steter Tropfen höhlt den Stein. — Deutschen, die alten« Möchtet ihr nicht gern erfah ren, wie es in uralten Zeiten um unser Vaterland gestanden149 und unsere Ur - Ahnen, die alten Deutschen, gelebt haben? — Merket auf! ich will Euch Einiges davon erzählen. Vor 2000 Jahren sah es in unserm Vaterland ganz an ders aus, wie jetzt. Ueberall war nichts als Wald, und dar unter Sumpf. Und zwischen den Bäumen herum brummte der Bär und der Auerochs. Ueberall heulte der Wolf, und über den tiefen Morast schob sich das Elendthier. Die Menschen in diesem großen Walde waren stark und kräftig und giengen beinahe ganz nackt. Nur eine Bären- und Ochsenhaut hatten sie über die Schulter geworfen. Das war ihre einzige Kleid ung. Und des Thieres Kopf mit offenem Rachen, und feine Hörner, blieben gewöhnlich daran sitzen. Es sah erschrecklich aus! Ackerbau fand man wenig unter Len alten Deutschen. Viehzucht war fast ihr einziges Geschäft, oder richtiger: das Geschäft der Weiber und Sklaven. Der freie Mann jagte, trank, spielte und schlief. Das Alter und das Weib ehrte der Deutsche hoch. Was die Deutschen versprachen, hielten sie treu lich! Hier hast du meine Hand darauf! sagten sie bieder und reichten die Rechte dar. Und das galt so viel wie ein Eid schwur. Von dem lebendigen Gotte wußten sie nichts. Sie beteten Götzen an: die Sonne, den Mond, ihren Stamm vater Teut, den Wodan, den Donnergott Thor, die Ehe göttin Freia, den Saturn und noch mehr andere. Von den genannten sieben haben unsere Wochentage ihren Namen. — In den Hainen opferten die Priester. Um die Zukunft zu erfor schen, bedienten sie sich allerlei Wahrsagerkünften; hatten Wahr sagerinnen, Alrunen genannt; prophezeiten aus dem Fluge der Vögel u. dergl. mehr. Das ist nun gottlob! anders ge worden; aber meine lieben Leser, es ist auch Manches anders geworden, was wohl besser geblieben wäre, wie es vordem war. Treue, Redlichkeit und Gastfreundschaft waren allgemeine Tugenden, und so tief begründet, daß sie noch lange Zeit zum Ruhme des deutschen Stammes fortoauerten. Erinnert ihr euch nicht einiger kräftiger Sprichwörter: Ein Mann ein Wort!" — „Treue Hand geht durch's ganze Land!" — Diese herrlichen Lebensregeln stammen aus jenen Zeiten, wo noch Treu' und Glauben galt; wo ein Handschlag eben so heilig war, wie ein Eidschwur. Sind aber jene Tugenden nicht selten geworden in unserem Vaterlande? Wo findet man noch deutsche Treue und Redlichkeit? Die Meisten suchen heut zutage das Ihrige, unbekümmert um des Nächsten Wohl. Wir aber, lieben jungen Freunde, wollen den Namen „Deutsche"150 nicht umsonst tragen, sondern uns in allem Ernste bestreben, durch Redlichkeit und Treue, durch Offenheit und Biedersinn dieses Namens würdig zu werden. Das gebe Gott! — Der deutsche Knabe. Ich bin ein deutscher Knabe und kann mich dessen freu'n! Ein deutscher Mann ist redlich; auch ich will redlich sein. Mein Wort sei stets der Wahrheit treu, auf daß ich zu erkennen sei! Ich bin ein deutscher Knabe und hasse Heuchelei. Ich bin ein deutscher Knabe und kann mich dessen freu'n. Ein deutscher Mann ist ehrlich; auch ich will ehrlich sein. Gerechtigkeit nur sei mein Ruhm, zu ehren fremdes Eigenthum! Ich bin ein deutscher Knabe, Recht ist mein Heiligthum! Ich bin ein deutscher Knabe und will mich dessen freu'n. Mich dabei zu erhalten, das wolle Gott verleih'n! Und werd' ich größer, soll mein Muth auch zeugen frei von deutschem Blut; Von deutscher Ehr' und Treue und bleibend innerm Gut. Deutschen, die jetzigen. Die Deutschen sind ein ernsthaftes, verständiges, arbeitsames, ausdauerndes, ehrliches, aufrichtiges, gelehriges und erfinderisches Volk. Sie sind sehr wißbegierig, und suchen daher fremde Sprachen, ältere und neuere, kennen zu lernen. Auch reisen sie gern in andere Län der, um sich Kenntnisse zu sammeln. Sie sind treu in der Freundschaft; ihren Fürsten, deren sie mehrere haben, weil das Land Deutschland in viele Staaten getheilt ist, sehr ergeben und stolz aus ihr Vaterland. Die deutsche Eiche ist ein Bild ihres Vorzugs. Sie schätzen alles Gute an andern Nationen, und sind nicht der Meinung, daß sie allein Alles oder doch Alles besser wissen, als andere. Diese Bescheidenheit aber geht bei ihnen so weit, daß sie ihre eigenen Vorzüge übersehen, und Fremdes, das schlechter ist, als das Eigne, annehmen. Schon die alten Deutschen waren wackere Streiter, und auch die jetzigen haben bewiesen, daß sie mit dem Schwerte umzugehen wissen. (Denket an die Jahre 1809—1815 und an den letzten Krieg mit Frankreich i. I. 1870 und 1871). Da sie in ihren Unternehmungen viele Thätigkeit und Ausdauer Zeigen, so sind sie besonders zu solchen Geschäften geeignet, welche viel Zeit und Nachdenken erfordern. Die Ersindung der Buchdrucker kunst, des Schießpulvers, der Taschenuhren, der Luftpumpe, des ektrischen Telegraphen und vieler anderer haben wir Deut-151 s ch e rt zu danken. Deutschland ist reich an ausgezeichneten Ge lehrten, Dichtern, Musikern und andern Künstlern, und es kann mit Recht auf die großen Männer, welche sich in allen Zweigen der Wissenschaft hervorgethan haben, stolz sein. Die Nord deutschen, besonders die Sachsen und Preußen, zeichnen sich durch äußere Bildung, die Süddeutschen durch Natürlichkeit, Herzlichkeit und Anspruchslosigkeit aus. Außerdem sind alle Deutschen sehr arbeitsam; Ackerbau, Künste und Gewerbe blühen und auch der Handel wird stark betrieben. Zum deutschen Volke gehören: die Preußen, die Sachsen, die Ham burger, die Hannoveraner, die Oldenburger, die Mecklenburger, die Hessen, die Frankfurter, die Badenser oder Badener, die Württemberger, die Bayern, die Schlesier, die Pommern, die Rhein preußen, die Schleswig-Holsteiner und die Wsaß-Lothringer. *) In Süddeutschland ist der Ackerbau, in Norddeutschlaud der Handel vorherrschend. Ersteres hat ein viel milderes Clima, 'und bringt schöneres Obst und köstlichere Weine hervor; auch lebt man in Süddeutschland wohlfeil. Die wichtigsten Städte in Deutschland sind: Berlin, Hamburg, Dresden, Leipzig, Bremen, Aachen, Frankfurt, Brauuschweig, Köln, Breslau, München, Augsburg, Nürnberg, Carlsruhc, Mannheim, Stutt gart, Straßburg, Metz u. a. Hier vernehmet noch: „Des Deutschen Gruß." Ein deutscher Gruß ist Goldes werth Und süß ein Druck der Hand. Es knüpfet, wie Natur es lehrt, Der deutschen Treue Band. Willkommen! sagt nicht nur der Mund, Wenn es der Deutsche spricht. Im Blicke thut sein Herz sich kund Und zeichnet sein Gesicht. Das oss'ne Lächeln ohne Trug Die Stimme rein und frei Verkünden schweigend schon genug Die deutsche Biedertreu. Wie Harfenton erfreulich klingt Ein deutsches: Guten Tag! Ein Du, das zu dem Herzen dringt Wie Nachtigallenschlag. *) Früher haben auch die Oesterreicher, die Tiroler, die Böhmen und die Mähren zum deutschen Lolke gehört.152 Ein deutscher Gruß ist Goldes werth Und süß ein Druck der Hand. Er knüpfet, wie Natur es lehrt, Der deutschen Treue. Band. Dezember. Nun ja, wie es schneit! Wo sind denn meine Handschuhe, ruft das Kind, es ja ist gar so kalt. Wie, kommt denn schon die Nacht? Es wird so dunkel und ist doch erst 4 Uhr. Freilich, im Dezember wird es früher Nacht. Die Kinder Habens besser. Sind die Schulaufgaben fertig, dann beginnt die Zeit der Ruhe für sie. Sie ruhen, aber auch nicht gleich. O nein! Sie wissen, daß im Dezember ein gro ßes Fest kommt und streuen sich darauf. O schöne Zeit, o Weihnachtsfest, wärest du schon da! Endlich kommt es, und die Freude der Kinder ist gränzenlos. Nur noch wenige Tage, und der ganze Monat ist vorüber. Die großen Leute sagen, es ist ein Jahr vorbei. Sie danken dem lieben Gott für alles Gute, das sie in einem Jahre genossen haben, und wünschen einander Glück zum neuen Jahr. Die Kleinen sehen es und es kommt ihnen auch eine Thrüne des Dankes in die Augen. Sie wünschen ihren Eltern, Geschwistern, Verwandten und Be kannten Glück und Segen, nachdem sie sich vorher für alles Gute bedankt haben und bitten recht schön, daß man ihnen auch ferner recht vom Herzen gut sein möchte. Dien^fertrgkeit ist zunächst mit der Höflichkeit ver wandt, und steht solche Kindern und jungen Leuten gar wohl an. Man braucht dieselbe nicht gerade soweit zu treiben, wie der Bär des Einsiedlers, von welchem die Fabel erzählt: Ein Bär und ein Einsiedler hielten sich nämlich in einem Walde auf, wohnten nicht weit von einander, und hielten gute Nach barschaft; beide lebten am liebsten für sich, und diese Aehnlich- keit der Neigungen machten sie zu guten Freunden; der Einsied ler liebkoste oft den Bären, der Bür that alles, was seinem Nachbarn angenehm sein konnte. Einstmals, an einem schälen Sommertage, war der Ein siedler eingeschlafen, aber die Fliegen beunruhigten ihn sehr. Der Bär, welcher dieß bemerkte, verscheuchte die Fliegen mehr mals; allein eine darunter kam immer wieder und setzte sich auf das Gesicht des Schlafenden. Da dachte der Bär: „Wart', ich will dich kriegen!" holte einen schweren Stein herbei und paßte der unverschämten Fliege auf. Eben kam dieselbe wieder153 geflogen und setzte sich auf die Stirne des Einsiedlers; Plums! warf der Bär mit aller Kraft den Stein auf sie — die Fliege war tobt, aber auch dem Freunde hatte er die Stirne zer schmettert. Das ist eine spassige Fabel, werdet ihr denken. Nun, sie lehrt uns, daß wir nicht bloß dienstfertig sein, sondern dieß auch auf die rechte Weise sein sollen, etwa wie der Franz Renz, von dem Folgendes wahrheitsgetreu erzählt wird: Am sechsten April des Jahres 1811, früh Morgens, brach in dem Wagenschoppen des Gasthauses zum schwarzen Adler in der Leopoldstadt in Wien Feuer aus. Der Boden des Schop pens war mit Heu, Stroh, Hafer und andern leicht zündbaren Sachen angefüllt, daher loderte er augenblicklich in fürchterlichen Flammen empor. Unter dem Schoppen lagen Ballen mit Schaf- und Baumwolle, Seide, Fässer mit Branntwein u. dergl., wo durch das Feuer, wenn es dieselben ergriffen hätte, sich schnell und weit würde verbreitet haben. Im Hofe standen sehr viele Frachtwägen, auf welchen Kaufmannsgüter von sehr hohem Werthe geladen waren. Es handelte sich hier um den Verlust oder die Erhaltung einer halben Million Gulden. Schnell eilten die Spritzen herbei, und suchten dem Feuer- Einhalt zu thun. Auch Seine Majestät der Kaiser, der edle Menschenfreund, kam an den Ort der Gefahr und ermunterte durch seine Gegenwart und freundlichen Worte die Arbeiter. Alles, was Hände hatte, griff zu, die Wagen wurden aus dem Hofe, die Ballen und Fässer aus dem Schoppen geschafft, und das Feuer wurde, ohne daß es bedeutenden Schaden angerichtet hatte, glücklich gelöscht. Unter den Arbeitenden befand sich auch ein Knabe von elf Jahren, unser Franz Renz. So wie er an Alter der jüngste, so war er an Muth und Thätigkeit einer der ersten unter den Rettenden. Er scheute keine Gefahr, war überall voran, griff überall zu, und unternahm Arbeiten, die seine Kräfte weit zu übersteigen schienen. Mit der Abnahme des Feuers wuchs sein Vergnügen über die verminderte Gefahr, und gab ihm neue Kräfte, mitzuwirken, daß es ganz unterdrückt wurde. Endlich, als alle Gefahr entfernt war, sank er, von der außerordentlichen Anstrengung ganz ermattet, auf einen Wollensack hin. Der Kaiser bemerkte den Muth imb Eifer dieses braven Knaben. Er wurde gerührt, als er vernahm, daß Franz Renz, der so schön in diesem Alter sich auszeichnete, ein vater- und mutterloser Waise, ohne Hilfe, ohne alle Unterstützung von Ver154 wandten sei. Er beschloß, des guten Kindes sich anzunehmen und er hielt selbstverständlich Wort; er ließ den Knaben auf eigene Kosten erziehen und stellte ihm frei, ob er zu einem bra ven Offizier oder zu einen: tüchtigen Staatsdiener sich bilden, oder ob er lieber bei einem Meister ein tüchtiges Handwerk erlernen wolle. Kurz, für Franz war gesorgt, und dieß verdankte er zunächst seiner Dieustsertigkeit. In diesem Falle folgte der Lohn den geleisteten Diensten auf dem Fuße nach. Allein, wenn dieß auch nicht immer ge schieht, so dürft ihr doch sicher sein, daß eure Dienste nicht unbemerkt bleiben; ihr gewinnt dadurch die Liebe eurer Mit menschen und das Bewußtsein, Gutes gethan zu haben, welches allein schon reichlich lohnet. Im Himmel aber, wo keine gute That unbemerkt bleibt, wird auch der Lohn für dieselbe nicht ausbleiben! Dietrich. Wenn wir leichtfertig mit unfern Schlüsseln umgehen, wenn wir damit spielen, sie verlegen oder verlieren, dann können wir selbst nicht mehr in unsere Zimmer und Schränke (Kästen) kommen; wir müssen von dem Schlosser mit einen: Dietrich aufschließen und einen andern Schlüssel machen lassen. Mit einem Dietrich? was ist doch das, ein Dietrich? Ein Dietrich ist ein Haken aus starkem Eisendraht, womit man mehrere Schlösser öffnen kann. Die Schlosser sind immer mit einer großen Menge solcher Nachschlüsseln versehen, von denen sie einen nach den: andern probiren, bis sich endlich einer findet, der das Schloß aussperrt. Diogenes. In Griechenland lebte vor langer langer Zeit ein weiser Mann, Namens Diogenes, der sich aber allerlei Sonderbarkeiten angewöhnt hatte. Da er glaubte, der Mensch sei desto glücklicher, je weniger er zum Leben noth- wendig habe, so wohnte er auch nicht in einem Hause, sondern in einem Fasse. Der König Alexander der Große, der schon viel von ihm gehört hatte und wohl sah, daß Diogenes nicht zu ihm kommen würde, hielt es der Mühe werth, selbst hinzugehen und den Weisen zu besuchen. Als Diogenes den König mit seinem prächtigen Gefolge kommen sah, lag er gerade in seinem Faß, u:n sich an der Sonne zu wärmen. Der König dachte: „Jetzt wird er doch aufstehen und mir ent gegen kommen " Aber Diogenes blieb liegen, als wenn ihm die Ankunft des Königs gar nichts Besonderes schiene. Nach dem ihn der König eine Weile betrachtet hatte, sprach er:155 „Diogenes, ich sehe, du wohnst schlecht und bist schlecht geklei det, du darfst Dir Etwas von mir ausbitten. Wenn es mir möglich ist, soll es dir gewährt werden." „Ich habe nichts nöthig," antwortete der Weise. „Willst du mir aber einen Gefallen thun, König Alexander, so gehe mir ein wenig aus der Sonne." Da erkannte der König, daß er einen Mann gefunden hatte, welcher weder Geld, noch schöne Kleider, noch sonstige Herrlichkeiten begehrte, sondern mit Wenigem zufrieden war; und er rief aus: „Wenn ich nicht Alexander wäre, so wünschte ich Diogenes zu sein!" •— Diogenes hatte in seinem Fasse keine andern Geräthschaf- ten, als einen hölzernen Becher, womit er sich aus Bächen oder Brunnen seinen Trunk schöpfte. Als er aber eines Tages einen Hirtenknaben aus der hohlen Hand trinken sah, warf er seinen Becher weg und ries: „Dieser Knabe beschämt mich; ich habe immer noch unnöthige Dinge bei mir." Von dieser Zeit an trank er nur noch aus der Hand. Distelfink. Lehrer. Die Finken sind fast so groß, wie die Ammern, haben meist graue, aber auch gelbe, rothe, grüne und schwarze Federn, nisten auf Bäumen und in Ge büschen, fressen allerlei kleines Gesäme, und schreien gewöhnlich immer bink, bink' oder sink, fink, auch gize gize heizia, und können zum Theil auch sehr schön singen. Wie schön singt nicht der Distel finke, und der Kanarienvogel? Rudolph. Ist denn der Kanarienvogel ein Fink? Lehrer. Ja, mein Kind! Man zählt den Kanarien vogel, den Sperling, den Zeisig und den Hänfling zu den Finken, weil sie mit ihnen an Bildung uno Nahrung viel Aehnliches haben. Und unter den Finken selbst gibt es: Buch finken, Bergfinken, Grünfinken, Blutsinken, Goldfinken und Distelfinken. Der Distelfinke oder Stigelitz frißt gern Distelsamen, und hält sich auch nur da auf, wo viele Disteln wachsen. Er heckt in Gebüschen und hat gelbe, rothe, weiße, blaue, schwarze, grüne und braune Federn, und singt unter allen Finken am besten. Man sperrt ihn auch in Vogelhänschen, und läßt ihn sein Brod mit Singen verdienen. Oft muß er sich es gefallen lassen, sein Getränk stlbst zu schöpfen, und feine Speise in einem kleinen Karren auf einer Brücke heraufzuziehen. Rudolph. Das muß allerliebst anznsehen sein, wenn er sein Wasser schöpft und seine Speise anfährt.156 Lehrer. Freilich gefällt das euch Kindern. — Hast du auch schon gehört, wie der Distelfink zu seinem bunten Federkleide gekommen ist? Rudolph. Nein, bester Herr Lehrer, haben Sie die Güte, es mir zu erzählen. Lehrer. Als der liebe Gott die Vögelein machte, da gab er ihnen Beine zum Hüpfen und Flügel zum Fliegen und Schnäbel zum Fressen, aber auch zum Singen. Und als sie alle fertig waren, und um ihn herstanden, da nahm er einen großen Farbenkasten, und malte ihnen bunte Federn. Da kam die Taube an die Reihe, und erhielt einen blauen Hals und röthliche Flügels und der Canarienvogel wurde so gelb wie eine Citrone, und die Bachstelze wurde grau, und bekam einen schwarzen Strich und einen weißen Fleck daneben und alle Vögel wurden prächtig gefärbt, wie es sich für jeden schickt. Nur einer war übrig geblieben, weil er hinter den andern stand, und sich nicht vordrängen wollte; das war der Distelfink. Als er endlich auch herbeikam, da hatte der liebe Gott alle Farben verbraucht, und es war nichts mehr übrig, als die leeren Schälchen. Da weinte das-arme Vögelchen, daß es nicht auch ein so buntes Federkleio haben sollte, wie die andern. Der liebe Gott aber redete up zu, und sprach: „Sei ruhig! es ist noch in icbent Schälchen ein klein wenig Farbe zurück geblieben; das will ich mit dem Pinsel austupfen, und auf deine Federn streichen." Und er that es und malte den Distelfink ein bischen roth und ein bischen blau und ein bischen schwarz und ein bischen grün; aus allen Schälchen ein wenig, so daß er der bunteste unter allen Vögeln wurde, und dem lieben Gott dankte, daß er ihn so schön gemacht hatte. Donau. Die Donau ist der größte aller deutschen Flüsse, entspringt auf dem Schwarzwalde und richtet ihren Lauf östlich; sie wird bei Ulm schiffbar und läuft durch die bayerische Hoch ebene, wo die Städte Günzburg, Lauingen, Dillingen, Donau wörth, Ingolstadt, Regensburg, Straubing und Passau an ihr liegen. Nachdem sie in Bapen durch eine Menge Flüsse, die von Süden her in sie laufen, z. B. Iller, Lech, Isar und Inn, und auch von Norden her, z. B. durch die Altmühl, die Nab und den Regen vergrößert worden ist, nimmt sie ihren Lauf durch Oesterreich und Ungarn in die Türkei bis zum schwarzen Meere. Da in dieser Richtung Europa viel aus gedehnter ist als in der andern von Süden nach Norden, so157 kann auch der Lauf der Donau viel länger, ja noch einmal so lang sein, als der der übrigen deutschen Ströme; er beträgt über 400 Meilen. Auf einem so langen Laufe wird natürlich auch ihre Wassermasse durch Zuflüsse von beiden Seiten sehr verstärkt, daß sie schon in Ungarn eine Breite von einer Viertel stunde und eine beträchtliche Tiefe erreicht. Allein die Schiff fahrt auf derselben ist dennoch nicht so lebhaft als z. B. aus dem Rhein, theils weil der untere Theil ihres Laufes in der dem Handel unfreundlichen Türkei liegt, theils weil sie eine reißende Strömung und manche gefährlichen Stellen hat. Doch ist in der letzten Zeit durch künstliche Sprengung 'der Felsen daran Vieles gebessert worden und durch den hergestellten Lud wigskanal, welcher die Donau mit*dem Main verbindet, ist die Schifffahrt auf der Donau auch schon lebhafter geworden. Außer den schon genannten Städten liegen noch folgende an der Donau; in Oesterreich: Linz, Wien; in Ungarn: Preßburg, Pest und Ofen, Peterwardein; in der Türkei: Stürza, Brailow, Ismail, Galacz, Hirsowa a. l. Ufer, Belgrad, Orsawa, Wid- din, Nikopoli, Silistria a. r. User. Gestiegen aus verborg'nen Quellen, Im grünen, lustigen Gewand, Um welches tausend Falten schwellen, Strömt weit die Donau durch das Land; Die Städte, die sich d'rin erblicken, Erzählen von vergang'ner Zeit, Und fragen dann mit stillem Nicken: „Wann wird die alte Pracht erneu't?" — Dorf» Ein Dorf ist ein Ort, welcher aus nicht sehr vielen Häusern besteht, nicht mit Mauern umgeben ist und auch keine Stadtrechte genießt. Die Einwohner eines Dorfes heißen Bauern und beschäftigen sich besonders mit dem Ackerbau und mit der Viehzucht. In vielen Dörfern sind die Häuser der Bauern mit Stroh gedeckt. In jedem Dorf muß eine Kirche sich befinden; ist keine Kirche da, so heißt der Ort Weiler. Drossel. Kind. Getraust du dir, deine Geschichte selbst zu erzählen, Drossel! oder soll ich dir helfen? Drossel. Nein, du sollst mir nicht helfen; ich will es allein versuchen. Es gibt unser viel und mancherlei. Wir sehen meist alle braun und weiß und rothgefleckt aus, fressen allerlei158 v Waldbeeren und Würmer, und ziehen von einem Land irüs andere. Einige von meinen Kameraden kommen im Frühlinge nach Deutschland, ziehen vier bis fünf Junge auf, und wandern im Herbst wieder fort. «Andere hingegen, und dieß thun die meisten Drosseln, kommen erst im Herbst, und nisten nicht mehr, weil sie gewöhnlich nur etliche Wochen lang da bleiben. Und auf diesem Striche fangen uns die Jäger und die Vogelsteller mit ihren härenen Schlingen oder Donen zu vielen Tausenden weg. Wir armen Schelmen erwürgen uns in diesen gefährlichen Schlingen selbst, wenn wir allzusehr nach den schönen Mistel beeren lüstern sind. Du weist doch, daß man uns Drosseln allerhand Namen gibt? Es gibt unter uns Misteldrosseln oder Schnarren, Wach holderdrosseln oder Krammetsvögel, Zippdrosseln, Singdrosseln, Weindrosseln, Ringdrosseln, Weißdrosseln und Schwarzdrosseln oder Amseln. Ebbe tmb Flrrth. Lieber Hugo! Laß Dir von einer großartigen Naturerscheinung einiges erzählen. Man hat beobachtet, daß das Meer bald steige, bald sinke. Alle sechs Stunden zieht sich das Seewasser von den Usern weg nach der Mitte und strömt nach sechs Stunden wieder nach den Ufern hin. Das Sinken nennt man Ebbe, das Steigen Fluth. Und dieses Steigen und Fallen wiederkehrt regelmäßig alle Tage. Ist eine Fluth und Ebbe vollendet, so fängt eine zweire Fluth an, der sofort wieder eine Ebbe folgt lt. s. w. Ist dies nicht merkwürdig, lieber Hugo! — Wer sollte es glauben, daß der Mond es ist, welcher durch seine Anziehungskraft dieses -Sinken und Steigen des Meeres verursacht? Aber gelehrte Leute haben es gründlich nachgewiesen und wir wollen es ihnen so lange auf ihr bloßes Wort hin glauben, bis wir uns Kennt- nifse genug gesammelt haben, die Gründe, welche sie dafür an führen-, zu verstehen und zu prüfen. — Lebe wohl! Eebo« Ihr habt gewiß schon etwas von dem Wider- Halle gehört, meine lieben Kleinen! •— Ruft man z. B. irgend159 in einen Wald, in Höhlen ober Gebunden, so hallt das, was man gerufen hat, euch wieder entgegen und dieß ist das Echo oder der Widerhall. Harte Körper lassen nämlich den Schall nicht hindurchdringen oder nehmen ihn nicht auf, sondern senden ihn wieder zurück. Von ihm, dem Widerhall, -kommt die Sage her : „Wie man in den Wald ruft, so hallt es wieder heraus." Edelstein heißt jedes seltenere Mineral, welches sich durch Härte, Glanz und Durchsichtigkeit, durch angenehme Fär bung oder Farbenspiel, oder wenigstens durch einige dieser Eigen schaften auszeichnet, und deßhalb als Schmuck dient. Die Edelsteine werden deßhalb und wegen ihrer Seltenheit sehr ge schätzt. Sie erhalten durch Schleifen Glanz und Politur und wurden schon von den Alten, welche die Kunst, sie zu schleifen und zu schneiden gut verstanden, sehr geachtet. Gewöhnlich findet man sie in den Bergen, Felsen und Flüssen. Die meisten und vorzüglichsten Edelsteine kommen aus heißen Ländern, be sonders aus Ostindien und Brasilien; jedoch finden sich in Deutschland viele Arten der Edelsteine. Der Diamant, wel cher wie das reinste Wasser ohne Farbe ist, und der Rubin, welcher hochroth ist, sind die vornehmsten Edelsteine. Nachge machte Edelsteine von Glas heißen unächte. Diamanten heißen, wenn sie auf gewisse Art geschlissen sind, Brillanten (sp. Brillanten). Noch andere Edelsteine sind: der blaue Saphir, der grüne Smaragd, der braunrothe Hyazint, der Citrongelbe Topas, der veilchenblaue Amethyst, der röche Caruiol, der blaß- grüne Chrysolith, der milchblaue Opal, der rothe Granat und der fleischfarbige Onyx. Egge. Ein nothwendiges Ackergeräth. Ist das Feld durch den Pflug aufgewühlt und der Samen in die Furchen eingestreut worden, dann spannt der Landmann sein Pferd ober em Ochsenpaar an die Egge, womit er die Erschollen zu zer- theilen und das Feld etwas eben zu machen sucht. Der Wagner macht die Egge aus Holz; an ihr sieht man mehrere Reihen Zahne, die manchesmal auch aus Eisen verfertigt sind. Eiche. Eine herrliche Zierde unserer Wälder ist die Eiche, ja, sie steht unter andern Bäumen so schön und majestätisch da, daß man sie sogar die Königin der Wälder nennt. Die Frucht der Eiche nennt man Eicheln. Aus den Eicheln bereitet man einen guten, gesunden Kaffee und aus dem Holze macht man160 die dauerhaftesten Sachen, z. B. Schiffe, Mühl- und andere Räder, Wellbäume; und als Pfahlwerk beim Wasserbau trotzt es ein Jahrtausend lang dem Zahne der Zeit. Die Rinde gibt Gerberlohe. Eichhörnchen. Das Klettern und Springen kann man doch beim Eichhörnchen gewiß am Besten lernen. Will man bei ihm einen Besuch machen, so darf man seine Wohnung nur in hohlen Baumstämmen suchen. — Es ist gar ein drolliges Thierchen — ein halbes Aeffchen. Sein Aeußeres ist interessant. Welche Heiterkeit spricht aus seinem Auge? Welche Zierde ist sein buschiger Schwanz? Welche Geschwindigkeit zeigt es in seinem Benehmen? Damit der Hunger sich nicht einstelle, legen sie Magazine aus Nüssen, Eicheln und Bucheckern bestehend an. Gezähmte Eichhörnchen sind sehr unterhaltende Gesellschafter der Menschen; nur muß man ihnen Gegenstände, die nicht zernagt werden sollen, ferne halten und sich sehr hüten, von ihnen gebissen zu werden. Ihren Namen erhielten sie von den Ohren, die in der Ferne wie Hörnchen aussehen und von den Bäumen, auf welchen sie sich gern aufhalten, von den Eichen. Jemand läßt ein lustiges Eichhörnchen so reden: Heisa, wer tanzt mit mir? Lustig und munter! Kopfüber, Kopfunter Mit Manier! Immerfort, Von Ort zu Ort, Jetzo hier, Jetzo dort! Hopp! Ohne Ruh' ohne Rast Von Zweig auf den Ast, Vom Ast auf den Wipfel hoch in die Lust, Im Blättersäusel und Blüthenduft! Immerzu Ohne Rast, ohne Ruh! Heut' ist Kirms und heut' ist Ball! Spielet, Drossel, Nachtigall, Stieglitz, Amsel, Fink und Specht, Pfeipft und geigt und macht es recht! Ich bin ein Mann, Der tanzen kann!161 Hänschen Eichhorn heiß' ich, Was ich gelernt Hab', weiß ich, Kommt der Jäger in Wald hinein, Will mir kein Vogel singen; Hänschen laßt das Tanzen sein, Tanzen, Hüpfen und Springen; Hänschen schlüpft hinein zum Haus, Hänschen schaut zum Haus heraus; Hänschen lacht den Jäger aus! — Eidechse. Dieses Thierchen habt ihr schon oft gesehen, denn es ist sehr gemein bei uns. Es sind sehr zierlich gestal tete, schönfarbige Thierchen, die durch ihre pfeilschnellen Bewe gungen sich auszeichnen. Liebhaber dieses Thierchens halten es in einem Zuckerglase, dessen Boden mit Moos und Rasen be deckt ist, und nähren es mit Fliegen und großen Insekten. Daß viele Menschen sich vor den Schlangen fürchten, davon springen oder sie des Lebens berauben, das ist wohl noch begreisiich, weil man sie für gefährlich hält und im zwei felhaften Falle lieber eine ungiftige todt schlägt, als von einer giftigen sich beißen läßt. Aber warum sind viele Leute sogar den Eidechsen feind, diesen unschuldigen Thieren, die Nieman den beleidigen, Niemandem schaden, vielmehr dem Landmanne nützlich werden, indem sie von allerlei kleinen Jnsekren oder- sogenanntem Ungeziefer sich nähren? Höchstens können sie euch ein wenig erschrecken, wenn ihr so in euren stillen Gedanken dahin geht und auf einmal etwas im Laube rauscht. Aber wer ein gutes Gewissen hat, muß sich gewöhnen, nicht vor Allem zu erschrecken. Wer ein böses Gewissen hat, dem ist freilich in diesem Punkte übel rathen. „Der Wind im Wald, das Laub am Baum Saus't ihm Entsetzen zu." Nun, Alle sind so furchtsam freilich auch nicht, und im Frühjahre, wenn man wieder in's Feld und in's Grüne geht, und überall in der mannigfaltigsten Gestalt frohes Leben her vorwimmelt und laut wird, bleibt auch wohl ein verständiger Mensch einen Augenblick vor einer Eidechse stehen, betrachtet ihr grünes Gewand, wenn es schöner als Smaragd an der Sonne schimmert, bewundert ihre unnachahmliche Geschwindig keit und sieht mit Vergnügen ihren unschuldigen Spielen zu. Dann geht er mit guten Gedanken seines Weges weiter, riecht Kmder-Conversations-Lexikon. 11162 an seinem Frühlingsstrauß und kann sich nicht genug erschauen an den blühenden Bäumen und farbigen Matten umher. Gott sorgt auch für diese Thiere. Sie haben nicht genug Wärme in sich, um den Winter über dem Boden auszuhalten; auch würde es ihnen an Nahrung und Gebüsch zum verbor genen Aufenthalte fehlen. Sie verkriechen sich daher und bringen den Winter im Schlafe zu. Ohne Kalender wissen sie ihren .. Monat. Aber wie im Frühjahre das Volk der kleinen Mücken lebendig wird und alle Keime in Gras und Knospen in Laub aufgehen, ruft die tiefer dringende Frühlingssonne auch dieses Geschöpf aus seinem Schlafe und Winterquartier, und wenn es erwacht, ist schon für alles gesorgt, was zu seines Lebens Nahrung und Nothdurft gehört. — Bekanntlich haben diese Thiere nicht alle einerlei Farbe; aber eine Art derselben muß um ihrer Nahrung willen sich am meisten aus diesem dunklen Gebüsche heraus in's Grüne wagen. Darum ist auch ihre Farbe grün. In dieser Farbe wird sie im Grase weder von den Thieren, welchen sie nachstellt, so leicht entdeckt, noch von dem Storche, der ihr selber auf's Leben geht. Eidergans Lehrer. Die merkwürdigste wilde Gans ist unstreitig die Eidergans, von welcher die sehr leichten und weichen grauen Flaumfedern kommen, die man Eider dunen nennt. Schüler. Und wo wohnt dieser Vogel? L. Aus der Insel Island, und auf den um Island her- liegenden Inseln und Klippen, und frißt Schnecken, Fische und allerhand Gewürm, das er im Meer findet. Aber auch in Norwegen und Schweden, und beim Eiderstuß im Holsteinischen gibt es viele Eidergänse. Die Eidergans baut ihr Nest von Moos, und macht es mit einigen Federn, die sie sich ausrupft, weich und sanft. Sie legt fünf bis acht Eier und brütet sie nun aus. Wenn sie aber aus Hunger genöthigt wird, das Nest zu verlassen, und nach Futter auszusliegen, so deckt sie erst ihre Eier 'mit Federn zu, und stellt das Männchen als Schildwache auf, damit kein Räuber komme, und die Eier zerstöre. Allein die Raben, Krähen und Möven saufen ihr doch manches Ei aus. And wenn auch diese gleich nicht kommen, so kommen doch ganz gewiß die gierigen Isländer und klettern mit Lebensgefahr die steilsten Felsen und Klippen hinaus, und nehmen ihr, das Männchen mag Schildwache stehen und das163 Weibchen im Neste sitzen oder nicht, die Eier sammt den Federn weg. Die armen Thiere schreien und wehren sich gewaltig um ihre Eier. Aber es hilft alles nichts. Das traurige Weibchen macht das Nest gleich wieder zurecht, rauft sich wieder Federn aus, und legt noch einmal Eier. Und siehe, der geizige Isländer kommt auch dießmal wieder, und holt Federn und Eier weg. Sch. O, das ist verzweifelt grob! Nimmt er ihnen nicht auch noch zum dritten Mal ihre Eier und Federn weg? L. Ja, die Federn wohl, aber die Eier nicht. Er nimmt überhaupt nicht allemal die Eier, aber die Federn gewiß jedes mal. Denn dies sind eben die Flaumfedern oder Eiderdunen, die man zu uns bringt, und sehr theuer verkauft. Sch. Und die Gänse selbst fängt der Isländer nicht? L. Nein, er darf nicht, es ist verboten, damit der Gänse nicht weniger werden und das Federnsammeln nicht ausgeht. Sch. Aber wegen einer Hand voll Federn fein Leben wagen, ist doch sehr tollkühn! L. Ja, für uns und viele andere Leute wäre es eine halsbrechende Arbeit, aber für den starken Isländer, der das Klettern von Jugend auf gewohnt ist, ist es nur ein Spaß. Und dann läßt sich etwas Ansehnliches dabei verdienen. Die Isländer lösen alle Jahre aus ihren Eiderdunen 9 bis 12,000 Mark. Es muß also bei ihnen ein ungeheure Menge Eider gänse geben. Die Schweden geben sich schon nicht so viel Mühe, Eider dunen zu bekommen. Sie schießen die Vögel todt, und bringen sie ungeputzt sammt den Federn zu Markte. Allein diese Federn taugen nicht viel, und der Braten schmeckt auch nicht sonderlich. Und die Norweger steigen Zu den Nestern, und brechen allen Jungen, bis auf zwei, das äußerste Glied am Flügelknocheu entzwei, damit sie nicht fliegen sondern nur flattern können, und ihnen also in die Hände gerathen müssen. Eisbär. Dieses Thier mit seinen laugen weißen Haa ren lebt an den Küsten des Eismeeres. Es kommt ihn gar nicht hart an, in das Eis die größten Höhlen zu graben, denn er wird es schon wissen, warum er es thut. Man glaube ja nicht, daß er ungeschickt sei, weil sein Körper solche Plump heit zeigt. O, er handelt mit Ueberlegung, davon zeigt schon sein bedächtlicher Gang. Ist er hungrig, so sucht er ein Aas aus, das etwa das Meer ausgeworfen hat. Findet er keines, so möchte man den Füchsen und Seehunden, aber auch den 11 *164 Rennthieren und selbst den Menschen zurufen: Fliehet! denn es kommt der Eisbär, der euch anfallen will. — Nicht gar so bös ist die Eisbärin. Ja, etwas gefällt mir an ihr ganz besonders. Was wird das wohl sein? werdet ihr im Stillen fragen. Ich will es euch sagen: sie liebt ihre Jungen, die kleinen Eisbären, gerade so, wie eine gute Mutter ihre Kinder. Hier will ich euch eine Geschichte erzählen, aus welcher ihr ersehen könnet, wie die Eisbärin für ihre Jungen sorgt: Es machten einmal Soldaten auf dem Meere eine große Reise, um Verschiedenes kennen zu lernen rc. Auf dieser Reise kamen sie in den Winter hinein, das Meer fror zu und das Reiseschiff blieb stehen. Das war für sie sehr unangenehm. Doch, sie hatten Lebensmittel bei sich. — Als sie einmal Fleisch, in großen Stücken, am Feuer hatten, um solches Zu braten, wohl auch um Thran daraus zu ziehen, kam eine Eisbärin mit zwei schon ziemlich großen Jungen herbei und nahm von Hunger getrieben — ohne anzufragen — von dem Fleische und gab auch reichlich ihren Jungen davon. Nach einiger Zeit schossen die Soldaten die beiden Jungen nieder und verwun deten auch die Eisbärin, doch nicht tödtlich. — Rührend war es anzusehen, wie kläglich die Mutter um die sterbenden Jun gen that. Noch einmal holte sie Fleisch und legte es ihnen hin. Sie fraßen aber nicht davon, denn sie waren schon todt. Noch manche Mühe gab sich die Eisbärin umsonst. Endlich als sie merkte, wie es mit ihren Jungen stehe, richtete sie ihren Kopf nach dem Schiffe und brüllte fürchterlich, bis sie endlich, von neuen Schüssen getroffen, zwischen ihre Jungen niederstürzte, deren Wunden sie sterbend noch leckte. — Eismeer. Lieber Friedrich! Es gibt ein Meer, welches man das Eismeer nennt, weil es da so furchtbar kalt ist, daß man nicht bloß im Winter, sondern auch im Sommer viel Eis antrifft, ja oft ist das ganze Meer so voll von Eisstücken, daß man kaum mit einem Schiffe durchkommen kann, Aiese Eis- ftücke liegen entweder fest, oder sie treiben und schwimmen im Meere herum, dann nennt man sie Treibeis. Bisweilen sind diese Eisstücke so ungeheuer groß wie die Häuser, und haben allerlei Spitzen und Zacken, so daß man auf ihnen herumsteigen kann. Solche nennt man (Stgkrge. Kommt ein Schiff zwi schen solche Eisberge hinein, so wird es zerknickt und zertrüm mert wie eine Nußschale. Bisweilen gefrieren die Schiffe ganz ein, und können dann nicht mehr weiter.165 Auch in diesem furchtbar kalten Eismeere gibt es Inseln, auf denen aber keine Menschen, sondern nur Eisbären, Füchse, Wallrosse, Seehunde und allerlei Schwimmvögel leben. Das Sonderbarste aber ist, daß es daselbst nicht in zwölf Stunden Nacht und dann wieder Tag wird, sondern da geschieht es wohl, daß die Sonne vier Monate nicht unter und vier Mo nate nicht aufgeht. Da dauert also der längste Tag vier Mo nate und die längste Nacht dauert auch vier Monate. Das mag eine Nacht sein ! Dabei ist es so entsetzlich kalt, daß man sich an einem großen Feuer nicht mehr erwärmen kann. Den noch kommen in dieses entsetzliche Meer jährlich viele Schisse, um daselbst Wallfische, Seehunde, Wallrosse und Eisbären zu fangen. Wenn du einmal größer bist, wirst du in Campe s Reisebeschreibungen lesen, wie schrecklich es den Schiffern und Matrosen ergeht, wenn ein Schiff das Unglück hat, in dem Eismeere stecken zu bleiben und einzufrieren. Lebe wohl! Hier noch eine merkwürdige Geschichte, welche sich auf Nowaja Semlja, einer Insel im Eismeer, zngetragen hat. Ein Schiff, das im Jahre 1596 von der Stadt Amster dam aus nach dem Eismeer segelte, hatte das Unglück, am 26. August, wo bei uns die größte Hitze ist, in den Eisschollen stecken Zu bleiben. Die Schiffsleute wollten zwar die Eis schollen mit Brechstangen und andern eisernen Werkzeugen aus einander brechen, allein das half nichts. Die Eisstücke hoben das Schiff am 2. September von allen Seiten in die Höhe; es fing an zu krachen und bekam sogar Löcher. In dieser Noth gab der Kapitän des Schiffes den Befehl, das Boot mit dreizehn Fässern Zwieback und zwei kleinen Fäs sern Wein an's Land zu ziehen. Am 5. September legte sich das Schiff auf die Seite, und da der Kapitän befürchtete, es möchte von den fürchterlichen Eismaffen ganz zertrümmert werden, so brachten die Matrosen auf seinen Befehl Pulver und Blei, Feuerzeug, Flinten, Spiese und andere Waffen an's Land, auch ein großes Segel, um bei dem Boot ein Zelt auf zuschlagen. Ferner schickte der Kapitän drei Matrosen ab, welche die Gegend näher untersuchen sollten. Diese fanden einen Fluß mit süßem Wasser, und viele Holzstämme, welche das Meer an's Ufer geschwemmt hatte. Auch bemerkten sie im Schnee Fußstapfen von Rennthieren. Da es keinen Anschein hatte, daß das Schiff aus dem Eise wieder loskommen würde,166 so beschloß man, vor allen Dingen eine Bretterhütte zum Schutz gegen die Kälte und die wilden Thiere zu erbauen. Am 15. September bemerkte der Matrose, welcher auf dem Schiffe die Wache hatte, drei Eisbären und machte sogleich Lärm. Einer von den ungebetenen Gästen schlich zu einer Fleischkufe, die nicht weit von dem Schiffe auf dem Eise stand. In dem Augenblick aber, als er den Kops hineinsteckte, gaben die Matrosen Feuer und erschossen ihn. Der andere Bär stand darauf stille, und schien sich zu wundern. Er betrachtete seinen tobten Kameraden genau, und als er sah, daß er sich nicht mehr rührte, beroch er ihn und trabte fort. Gleich darauf aber kam die Bestie wieder, und stellte sich ganz grimmig aus die Hintertatzeu. Die Matrosen gaben auf ihn Feuer, und eine Kugel fuhr ihm durch sein zottiges Fell. Das war ihm doch zu grob. Gräulich brummend fiel er wieder auf seine Vor dertatzen nieder und machte sich eilig davon. Dem todten Bären schnitten die Matrosen den Leib auf, weideten ihn aus, stellten ihn dann auf die Beine, und ließen ihn so gefrieren. Man machte nun einen Schlitten, auf welchem zehn Ma trosen das Holz zur Errichtung der Hütte herbeiführten, wäh rend es drei andere zurichteten. Unter dieser Arbeit starb der Schiffzimmermann. Es war die erste Leiche, die sie in diesem kalten Schneeland zu begraben hatten. Aber wohin ein Grab machen, da die Erde so fest wie Stein gefroren war? Nicht weit weg von einem Wasserfall war eine Felsenspalte; in diese Gruft senkten sie die Leiche ihres entseelten Kameraden. Mit großem Eifer arbeiteten die Matrosen an der Hütte, wiewohl es ganz grimmig kalt war. Wenn man z. B. einen Nagel in den Mund steckte, so fror die Haut an ihm fest, und wenn man ihn herauszog, riß er die Lippen blutig. Dazu fiel am 30. September, wo es bei uns noch so schöne, liebliche Tage gibt, ein so tiefer Schnee, daß man von den am Ufer des Meeres liegenden Holzstämmen keinen mehr haben konnte. Um die Hütte herum sollte auf Befehl kes Kapitäns Graben und Wall gemacht werden, zum Schutz gegen die wilden Thiere. Da aber der Erdboden so fest gefroren war, daß man mit Hacke und Schaufel nichts ausrichten konnte, so zündeten die Matrosen längs der Hütte ein großes Feuer an, um die Erde aufzuthauen. Es war aber umsonst. Als am 3. Oktober das Balkenwerk der Hütte fertig war, so beschlug man sie mit Brettern, und machte das Dach darauf. Auch brachte man von dem Schiffe noch mehr Wein und Le-167 bensmittel an's Land, und am 12. Oktober zogen acht Ma trosen in die Hütte ein. Drei von ihnen fuhren am andern Tag mit dem Schlitten nach dem Schiffe und holten etliche Fässer Bier. Als sie zur Abendszeit auf dem Rückweg waren, kam ein solcher Schneesturm und eine so grimmige Kälte, daß sie nicht mehr weiter konnten, sondern den Schlitten stehen lassen, und sich Ms Schiss flüchten mußten. So blieb der Schlitten mit den Fässern über Nacht im Freien. Am andern Tag hatte die Külte den Boden eines Bierfasses zersprengt, das Bier aber war im Herauslaufen zu einem Klumpen Eis gefroren. Sie suchten zwar den braunen Eisklumpen am Feuer wieder zu schmelzen; allein das Geschmolzene hatte weder die Kraft nach den Geschmack des Bieres. Als man das übrige Bier vom Schisse holte, so hatte die Kälte sogar die eisernen Reifen einiger Fässer zersprengt. Am 24. Oktober zogen auch die andern acht ^chisssleute in die Hütte. Einen Kranken mußte man auf dem Schlitten fahren. Das Boot zog man bis zur Hütte, und stürzte es um. Da die Sonne immer tiefer sank, und man fürchtete, sie möchte bald nicht mehr aufgehen, so holten die Matrosen noch mehr Lebensmittel und andere Geräthschaften vom Schisse. Während dieser Arbeit sah der Kapitän drei Bären auf die Matrosen, welche den Schlitten zogen, zuschleichen. Da sie noch nicht weit vom Schiffe weg waren, so erhob er ein Ge schrei, um sie vor der zottigen Gesellschaft zu warnen. Sogleich ließen sie die Stricke, an denen sie den Schlitten zogen, fahren; Barentz und von Beer ergriffen zwei Hellebarden, die auf dem Schlitten lagen, und liefen mit den andern nach dem Schisse. Einer von ihnen fiel in einer Eisspalte, allein die Bären be merkten ihn nicht, und so kam er glücklich mit den andern auf das Schiff. Als auch die drei Bestien herbeikamen und Miene machten auf das Schiff zu klettern, so warf man ihnen Holz und andere Dinge an den Kopf, und der Kapitän schickte schnell einen Matrosen in die Küche, um Feuer zu schlagen, und eine brennende Lunte zu bringen. Denn dazumal hatte man an den Flinten noch keine Feuersteine. Allein das Feuer wollte in der Eile nicht fangen und so konnte man auf die Bären auch nicht schießen. Endlich warf ein Matrose der größten Bestie eine Hellebarde in die Schnauze, so daß sie sich mit den zwei kleinen aus die Hinterbeine machte. Da das große Licht des Tages immer tiefer sank, und es aussah, als wollte es bald immer Nacht bleiben, so richtete168 man eine Uhr her, und zog sie auf, füllte auch eine Lampe mit Bärenfett. Ferner holten die Matrosen vom Ufer des Meeres ausgeworfenes Seegras und verstopften damit die Fugen der Bretterhütte, auch überzogen sie die Wände auswendig und in wendig mit Segeltuch. Am 3. November ging die Sonne nicht mehr ganz und am 4. ging sie gar nicht mehr auf, und damit war die lange Nacht angegangen, die bis zum 24. Januar dauerte. Statt der Sonne stand nun der Mond an dem gestirnten Himmel und erleuchtete mit seinem Silberlicht die. wüsten schauerlichen Eis- und Schneefelder. Zu einigem Trost für die Schiffsleute nahmen mit der Sonne die grimmigen Bären Abschied, während sich die schlauen Eisfüchse einstellten. Da am 6. November die Uhr stehen geblieben war, so blieben die Schiffsleute im Bette liegen und stritten darüber, ob es Tag oder Nacht sei. Sie wußte nicht, sollten sie länger schlafen oder aufstehen; end lich brachten sie doch heraus, daß es bereits Mittag sein müsse, und standen auf. Als sie aber vor die Hütte hinauskamen, stand nicht die helle Sonne, sondern der silberne Mono und die flimmernden Sterne am Himmel. In den folgenden Tagen machten sie eine Fuchsfalle, und theilten ihre Lebensmittel ein. Da sie kein Wasser hatten, so mußten jte' Schnee am Feuer schmelzen, um damit ihren Durst zu löschen. Damit sie sich besser erwärmen könnten, gab der Kapitän jedem Matrosen ein Stück grobes Tuch und einige Hemden. Denn selbst in der Hütte, wo doch immer ein Feuer brannte, war die Kälte sehr groß. Wenn sie z. B. ihr Lein zeug in siedendem Wasser gewaschen hatten, und sie zogen es heraus, so sing es sogleich an zu gefrieren. Wenn sie es dann an's Feuer gehängt hatten, um es zu trocknen, so war die vom Feuer abgekehrte Seite gefroren. Dazu fiel ein so tiefer Schnee, daß sie sich unter demselben wie die Maulwürfe einen Gang graben mußten. Am 1. Dezember schneite es so arg, daß die ganze Hütte bedeckt wurde, und somit die armen Leute ganz unter dem Schnee begraben waren. So kam denn zu der grimmigen Kälte, die sie auszustehen hatten, auch noch das, daß sie in der Hütte fast ersticken mußten, wenn sie ein Feuer anzündeten, weil der Rauch nicht mehr zu dem Kamin hinauskonnte. Sie blieben daher im Bett liegen, bis die Zeit zum Essen herbei kam. Da schürte der Koch ein kleines Feuer an, um die Suppe zu kochen; zugleich legte er in das Feuer große Steine, und169 ivenn sie heiß waren, langte er sie den im Bette liegenden Matrosen zu, damit sie sich erwärmen könnten. Die Kälte wurde von Tag zu Tag grimmiger, so daß endlich an den Bretterwänden der Hütte ein zwei Fuß dickes Eis entstand. So lebten, lagen und schliefen diese armen Menschen, von lauter Eis und Schnee umgeben, und von schrecklicher Kälte gepeinigt. Mit bekümmertem Herzen sahen sie einander an, denn die Kälte wurde in der Hütte endlich so arg, daß sie sich auch an einem großen Feuer nicht mehr erwärmen konnten. Am 7. Dezember holten sie auf dem Schlitten die Stein kohlen aus dem Schiffe und machten von ihnen des Abends ein großes Feuer an. Es wurde auch wirklich einmal warm in der Hütte, und diese wohlthätige Wärme machte den elenden, erfrornen Leuten so großes Vergnügen, daß es nicht zu sagen ist. Als daher das Feuer ganz abgebrannt war, stopften sie die Fensterlein und den Kamin fest zu, und schwatzten im Bett noch lange miteinander. Auf einmal wurde es ihnen schwind- lich im Kops, so daß sie sich nicht mehr aufrichten konnten. Doch hatten einige von ihnen noch so viel Besinnung und Kraft, daß sie schnell auf Händen und Füßen zur Thüre und zum Rauchfang hinkrochen und sie aufmachten. Derjenige, welcher die Thüre aufgemacht hatte, siel sogleich ohnmächtig hinaus in den Schnee. Van Veer, ein Matrose, dessen Bett ganz nahe an der Thür war, spritzte ihm Weinessig in's Gesicht, wodurch der arme Mensch wieder zu sich kam. Die frische kalte Luft, welche zu der offenen Thür hereindraug, rettete sie alle vom Tode. Sie erholten sich allmählich wieder; der Kapitän Heems- kerk schenkte jedem Matrosen aus einem Faßlein ein Glas Wein ein, und so ging auch die Gefahr glücklich vorüber. In den folgenden Tagen hatten sie schönes helles Wetter, und der Himmel mar voll flimmernder Sterne. Dabei war aber die Kälte so groß, daß ihnen die Schuhe wie Horn zu sammenfroren. Da sie ihre Füße gar nicht erwärmen konnten, so machten sie sich Stiefel von Schafsfellen und legten darunter noch drei bis vier Paar Strümpfe an; das wollte aber Alles nichts helfen, und wenn sie in der Hütte saßen, so waren ihre Kleider und Haare ganz weiß vom dickem Reis. An Weih nachten, wo man bei uns so fröhlich in der warmen Stube ist, wurde die Kälte in der Hütte so arg, daß die armen Matrosen erst dann Wärme an den Füßen spürten, wenn die Strümpfe durchgebrannt waren; und ihre Füße waren von der fort dauernden Kälte so steif und unempfindlich geworden, daß sie170 es gar nicht fühlten, wenn die Strümpfe anfingen zu brennen,, fondern es nur an dem Gestank merkten. Das neue Jahr linderte aber das Elend dieser armen Leute nicht. Die fürchterliche Kälte ließ nicht im geringsten nach. Am 4. Januar machten sie eine Stange mit einem Tuch lappen auf den Kamin, um an dieser Fahne zu sehen, woher der Wind komme. Allein der Tuchlappen gefror gleich so hart wie ein Brett und bewegte sich nicht von der Stelle. Doch- war am andern Tag die Luft etwas gelinder. Sie schaufelten daher den Schnee von der Hütte weg, spalteten Holz, und trugen es in die Hütte. Er war auch nicht mehr so finfter; zum Tröste der armen Matrosen fing es an nach dieser langen grimmig kalten Nacht zu däinmern. Eine Kugel, welche man über den Schnee hin rollte, konnte man laufen sehen. Die Sterne flimmerten zwar immer noch hell und klar, aber sie bemerkten zu ihrer großen Freude zugleich eine schwache Morgenröthe am Himmel. Große Stücke Eis fielen von den Wänden der Hütte herab, was vor her auch bei dem größten Fener nicht geschehen war, ein Zei chen, daß die Kälte bedeutend nachgelassen hatte. Der 24. Ja nuar war hell und schön. Heemskerk, van Veer und noch ein Matrose gingen zusammen am Ufer des Meeres spazieren. O Freude! ans einmal erblickten sie einen Theil der Sonne. Fröh lichen Herzens liefen sie in die Hütte zurück und riefen: Die Sonne, die Sonne, wir haben die Sonne gesehen! Aller Herzen waren bei diesem fröhlichen Nus tief bewegt. Nur Barentz, der Steuermann behauptete, das könne nicht fein; sie müßten sich getäuscht haben, denn er habe ausgerechnet, daß die Sonne erst in 14 Tagen aufgehe. Sie wetteten miteinander, und konnten den folgenden Tag gar nicht erwarten. Es war aber zu ihrem Leidwesen zwei Tage hinter einander ein solcher Nebel, daß- man gar nichts sehen konnte. Erst ani dritten Tage wurde es wieder hell, und siehe da, mit vor Freude klopfendem Herzen sahen sie die ganze Sonne am Himmel stehen. Um Mitternacht folgte auf diese Freude wieder- ein Leid. Es starb ein Matrose, der schon längere Zeit krank gewesen war. Die andern machten ihrem todten Kameraden ein Grab in den Schnee; sie waren aber so schwach und elend, daß sie einander bei dieser traurigen Arbeit ablösen mußten. Endlich hatten sie doch ein sieben Fuß tiefes Loch in den Schnee gegraben. Mit wehmüthigem Herzen trugen sie ihren Leidensgefährten zur Hütte hinaus, und senkten ihn hinab in sein kaltes Grab.171 Der letzte Januar war ein schöner Tag, und die Sonne stand zwar niedrig, jedoch hell und klar am Himmel. Wie sie sich nach einer drei Monate langen grimmigen kalten Nacht am Scheine dieses wohlthätigen Himmelslichtes erfreut haben mögen, das läßt sich nicht beschreiben. Die ersten Tage des Februars waren abermals sehr kalt und stürmisch. Ein dichter Nebel verhüllte die Sonne und dazu schneite es so entsetzlich, daß fast die ganze Hütte wieder von Schnee bedeckt wurde. Die Matrosen waren so entkräftet, daß sie den Schnee nicht von der Thüre wegschaufeln konnten. Sie krochen daher durch den Kamin zur Hütte hinaus und wieder hinein; und was noch schlimmer war, sie hatten in dieser strengen Kälte kein Brennholz mehr und konnten deshalb kein gehöriges Feuer anmachen. Als daher am 22. Februar schönes Wetter wurde, suchten sie den Schlitten hervor, um Holz zu holen. Es war aber leider so verschneit, daß sie es tief aus dem Schnee herausgraben und noch dazu weit her- fahren mußten. Wie sauer wurde den entkräfteten Matrosen diese Arbeit! Doch mußten am 28. Februar wieder zehn von ihnen Holz holen. Auch im März ließ die Kälte und der Nebel noch nicht nach. Dazu stellten sich jetzt wieder die Bären ein. Am 6. April kam ein solches zottiges Ungethüm auf die Hütte zu. Da die Luft sehr feucht und neblig war, so gingen entweder die Flinten nicht los, oder man schoß neben hin, weil man den Bären nicht recht sehen konnte. Das Ungethüm stieg also über die Stufen herab, welche die Matrosen in den Schnee gemacht hatten, und wollte zur Thüre herein. Der Kapitän aber hielt die Thüre so fest zu, daß der zottige Gast wieder davon trollte. Nach zwei Stunden jedoch kam er wieder, stieg auf das Dach der Hütte hinauf und suchte den Kamin einzuwcrfen. Dabei brummte das Ungethüm so entsetzlich, daß den Matrosen die Haare zu Berge standen. Als er aber den Kamin nicht ein werfen konnte, machte er sich wieder davon. Weil nun allmählich der Mai herbeikam, und wärmer zu werden anfing, so dachten die armen Leute immer ernstlicher daran, dieses Land der Bären und Füchse zu verlassen, und die theure Heimath wieder aufzusuchen. Sie sahen sich daher vor Allem zuerst nach dem Schiffe um. Es war aber noch ganz vom Eise eingeschlojsen; große, hohe und spitzige Eisberge standen um dasselbe herum, so daß es aussah, als habe man da eine ^tadt mit Häusern und Thürmen aus Eis bauen172 wollen. Da die Matrosen nun keine Hoffnung hatten, daß das Schiff wieder ffott werden würde, so baten sie den Kapitän, er möchte ihnen das Boot ausbessern und zur Heimreise Her richten lassen. Das Boot aber lag. tief unter Schnee und Eis begraben; da strengten die Matrosen alle, ihre noch übrigen Kräfte an, aber sie brachten es nicht aus dem hartgefrornen Schnee heraus. Da sagte der Kapitän: Wenn ihr nicht auf Nowaja Semlja bleiben und daselbst begraben werden wollt, so müßt ihr das Boot herausziehen und ausbessern. So machten sie sich denn am Nachmittag noch einmal an die Arbeit, und zogen endlich das Boot glücklich aus dem hartgefrornen Schnee heraus. Unter dieser Arbeit griff sie ein Eisbär an; eilig liefen sie nach der Hütte, und griffen nach ihren Flinten. Drei von ihnen erwarteten das zottige Ungethüm an der Thüre, und einer stieg auf den Kamin. Unterdessen rückte der Bär heran und trabte auf eine kleine Hinterthür zu, wo ein Matrose Wache hielt. Weil dieser aber nach der vordern Thüre sah, so bemerkte er den Bären nicht eher, als bis die Matrosen, welche in der Hütte waren, ihm zuschrieen, daß der Bär hinter ihm sei. Auf dieses Geschrei drehte er sich um, und sah zu seinem nicht geringen Schrecken das grimmige Thier schon ganz nahe. Er legte an, und gab Feuer; die Kugel fuhr dem Meister Weißfell, der vielleicht nie den Knall einer Flinte ge hört hatte, so derb auf den Leib, daß er brummend zurückwich und stehen blieb. Da liefen ihm die andern mit ihren ge ladenen Flinten nach, und machten dem Ungethüm vollends den Garaus. Nun arbeiteten sie täglich an dem Boote. Am letzten Mai erschoßen sie wieder einen Bären, der sie in ihrer Arbeit störte. Sie zerhieben ihn, kochten seine Leber und aßen sie, da sie schon lange kein frisches Fleisch gegessen hatten. Allein diese Malzeit bekam ihnen sehr übel. Sie wurden Alle davon krank, und drei kamen sogar dem Tode nahe, doch erholten sie sich wieder, nachdem ihnen die Haut vom ganzen Leibe abgegangen war. Endlich war das Boot und noch ein anderes kleineres Fahrzeug zur bevorstehenden Reise hergerichtet. Die einen zogen diese beiden Fahrzeuge an Seilen zu dem Schiffe, wäh rend die andern auf mehreren Schlitten Lebensmittel und an dere unentbehrliche Dinge eben dahin brachten. Unter dieser Arbeit kam ein solcher Sturm mit Schnee und Hagel, daß sie sich Alle in die Hütte ffüchten mußten. Weil sie aber schon173 alle Bretter vom Dache und von den Wänden heruntergebrochen hatten, so fanden sie auch hier keinen Schutz gegen das gräu liche Unwetter, und wurden durch und durch naß. Dazu sing der Schnee an zu schmelzen, so daß sie in dem eiskalten Schnee wasser hin- und herwaten mußten. Als sie nun alle Sachen zum Schiffe gebracht hatten, blieb ihnen noch eine saure Arbeit übrig. Weil nämlich das Meer am Lande mit dickem Eis überfroren war, so konnten sie die beiden Fahrzeuge nicht in das Wasser lassen; sie mußten erst eine Wasserstraße in das Eis hauen. Einen Bären, der ihnen bei dieser Arbeit in den Weg kam, erschossen sie, und so sahen sie sich denn endlich nach langer mühevoller Anstrengung an dem Ziele ihrer sehn lichen Wünsche. Sie ließen die zwei Fahrzeuge in's Wasser, und luden hinein sechs Ballen feine Tücher, eine Kiste mit Leinzeug, zwei Ballen Sammt, zwei kleine Kisten voll Geld, dreizehn Fässer Zwieback, ein Faß Käse, ein kleines Faß Speck, zwei Fässer Oel, sechs Fässer Wein, zwei Fässer Weinessig, und die Kleider des Schiffsvolks. Zuletzt hatten sie noch das traurige Geschäft, den kranken Barentz und Andriß hineinzu tragen. Am 2. September 1596 war ihr Schiff von den Eisschollen eingeschlossen worden, und am 14. Juni 1597 schifften sie in den zwei kleinen offenen Fahrzeugei: wieder fort. Acht Monate hatten sie in der schrecklichen Schnee wüste von Nowaja Semlsa Zugebracht, von einer Kälte gepei nigt, welche nur Bären und Füchse in ihrem dicken Pelzrock aushalten können. - Auf der Heimreise hatten sie unzählige Gefahren zu be stehen, von denen ich nur einige anführen will. Am 17. Juni stießen die Eisschollen, welche zu Tausenden im Meere herum schwammen, so arg gegen die schwachen Fahrzeuge, daß die selben Löcher bekamen, und zu sinken ansingen. Ja, sie wur den endlich vom Eise eingeschlossen, so daß sie nichts anderes als den Tod vor Augen sahen, und in der Verzweiflung von einander Abschied nahmen. Doch machte es ihnen wieder eini gen Muth, als sie nicht gar weit weg sestliegendes Eis be merkter:. Dahin wollten sie, und ihre Fahrzeuge daran fest machen. Wie aber sollten sie durch alle schwimmenden Eis schollen an dieses feste Eis kommen? Da besann sich der muthige van Veer nicht lange, nahm das Thau, an welchem man das Boot befestigt hatte, in die Hand, sprang hinaus auf eine schwimmende Eisscholle, sprang kühn von einer Scholle zur andern, bis er glücklich auf dem sestliegenden Eis ankam.174 Und nun zog er die beiden Fahrzeuge nach, und machte das Thau an einer Eisspitze fest. Wie mag dem kranken Barentz und Andriß zn Mnthe gewesen sein, als sie sich in Tüchern wieder aus das feuchtkalte Eis schleppen lassen mußten. Alle Waaren und Lebensmittel mußten ausgeladen werden, und zuletzt zog man die Fahrzeuge selbst ans das Eis und besserte sie aus, denn die Eisschollen hatten manches Loch hineingestoßen. Am 20. Juni sagte Barentz, der kranke Steuermann: Mir ist so wehe, daß ich den Tod jeden Augenblick erwarte. Weil er aber eine Karte, die Heemskerk gezeichnet hatte, auf merksam betrachtete, so glaubte man nicht, daß es so arg mit ihm sei. Allein nicht lange darauf legte er die Karte weg, und verlangte zu trinken. Nachdem man ihm Wasser gereicht hatte, that er seinen letzten Trunk, verdrehte die Augen,' und gab zur tiefen Betrübniß aller seiner Leidensgefährten den Geist ans, denn er war ein sehr geschickter Steuermann gewesen. Auch der todtkranke Andriß starb kurz darauf. Nachdem sie sechs Tage auf dem Eis zugebracht hatten, ließen sie am 22. Juni die Fahrzeuge wieder in's Wasser, und schifften langsam und vorsichtig an dem festen Eis weiter. Bald aber rieß sie ein heftiger Windstoß in die offene See hinaus. Als sie wieder sechs Tage herumgefahren waren, mußten sie am 28. Juni wegen der vielen Eisschollen wieder ausladen, und die Fahrzeuge an's Land ziehen. Sie machten von Segeltuch Zelte aus das Eis, krochen hinunter, und ruhten von ihren Mühseligkeiten aus, während ein Matrose Wache hielt. Um Mitternacht fing der wachhaltende Matrose zu schreien an: Drei Bären, drei Bären! Auf dieses Geschrei krochen die andern mit ihren Flinten unter den Zelten hervor, und gaben auf die zottige Gesellschaft Feuer. Obgleich die Flinten nur mit Vogelschrot geladen waren, so sauste der eiserne Hagel den Bären doch so in's Gesicht, daß sie zurückwichen. Bis sie wieder kamen, hatten die Matrosen mit Kugeln geladen, gaben wieder Feuer, und erschoßen einen davon; die zwei andern machten sich aus die Hinterbeine. Am andern Tage kamen die zwei Bestien jedoch wieder, schleppten ihren tobten Kameraden auf eine Eisspitze und fraßen ihn an. Nachdem man sie mit einigen Flintenschüssen fortgejagt hatte, gingen vier Matrosen hin und fanden nur noch eine Hälfte des tobten Bären, die andere Hälfte hatten die wilden Bestien schon verzehrt. Leider wurde das sestliegende Eis, aus dem die armen Leute ihr Zelt aufgeschlagen hatten, von dem Treibeis zer-175 stoßen. Ballen, Fässer und alle andere Geräthschaften fielen iills Wasser und schwammen herum. Die Matrosen zogen zuerst das Boot ans Land und holten dann die Ballen und Fässer aus dein Wasser heraus. Dabei kamen sie mehr als einmal in Gefahr zu ertrinken; denn das Eis, über das sie hin- und hergingen, brach unter ihren Füßen ein. Das kleinere Fahrzeug, in welchem ein kranker Matrose lag, wurde trotz aller Anstrengung von den Eisschollen fortgerissen und fast zer schmettert. Mit eigener Lebensgefahr retteten sie den armen Kranken und trugen ihn ans Land. Eine gefährliche Arbeit! Denn die Eisstücke, über welche sie ihn tragen mußten, wurden non Wind und Wellen so häufig gegen einander getrieben und gestoßen, daß ihnen oder dem Kranken leicht ein Arm oder ein Bein abgeschlagen werden konnte. Doch brachten sie mit Gottes Hülfe den Kranken ohne Schaden ans Land, und zogen darauf den Kahn nach. Diese anstrengende und überaus gefährliche Arbeit dauerte zwölf volle Stunden, von sechs Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends. Die armen Matrosen waren vor Nässe und Kälte halb tobt. Nun besserten sie den zerstossenen Kahn aus, holten sodann Holz und Steine herbei, machten sich von den Steinen einen Heerd und zündeten ein Feuer an, um sich zu wärmen, und einige Vögel zu braten, die sie geschossen hatten. Die weitern Gefahren will ich übergehen und nur noch sagen, daß sie nach einer langen Fahrt ihre Heimath glücklich erreichten. Eisen. Das Eisen wird aus der Erde gegraben und ist mit verschiedenen Theilen vermischt, und noch nicht tauglich zur Verarbeitung. Damit es jene Eigenschaft, erhalte, muß es erst durch Feuersgluthen und gewaltige Hammerschläge geläutert und schmiegsam gemacht werden. Dann ist es aber auch das nützlichste Metall. Dem Eisen dankt der Landmann seine Pslug- schaar, der Krieger seine Waffe, der Mensch überhaupt die Be quemlichkeit, den Vortheil auf Schienenwegen (Eisenbahnen) Länder zu durcheilen, gleich dem Adler. — Riegel und Schlösser, diese eben so nothwendigen als nützlichen Dinge sehen wir aus Eisen entstehen, und wie viel, wie unendlich viel noch mehr! — Das Eisen ist das nützlichste unter allen Metallen; deß- wegen hat es der Schöpfer in ungeheurer Masse in die Berge gelegt. Dort wird es herausgegraben; es ist aber nicht reines Eisen, sondern Eisenrost, und mit Kcklk, Thon oder Schwefel176 vermischt, und heißt Eisenerz. In dem großen Hochofen wird- es durch Feuer geschmolzen und von den andern Stoffen größ- tentheils gereiniget. Dann heißt man es Gußeisen. Das Guß eisen wird nun wieder in das Feuer gebracht und geglüht; dann wird es unter den Hammer gebracht und geschmiedet; setzt heißt es Schmiedeisen. Aus dem Eisen machen wir die Bestandtheile unserer Ackergeräthe: des Pffuges, des Spaten, den Hacke u. s. w. Aus Eisen ist die Sense und Sichel, mit denen wir Getreide und Gras abmähen oder abschneiden; die Schärfe der eisernen Holzaxt fällt die starke Eiche und Tanne. Hobel, Säge, Feile, Hammer, Bohrer u. s. w. sind aus Eisen. Aus Eisen ist der Nagel; aus Eisen besteht die Kanonenkugel; aus eisernen Röhren treibt das Pulver die Bleikugel; ohne Eisen, hätten wir nicht Schwert und Speer. In neuester Zeit baut man Brücken, Häuser und Kirchen aus Eisen. Die Dampf schiffe werden meistens aus eisernen Platten und Stangen ge macht. Man belegt Straßen mit eisernen Geleisen und heißt sie dann Eisenbahnen. Der Eisenbahn entlang stiegt nun der Dampfwagen, der wieder fast ganz aus Eisen besteht, mit der Eile des Sturms. Aus Eisen sind endlich die meisten Ma- . schinen gemacht, durch welche Arbeiten zu Stande kommen, zu welchen Menschenhände zu schwach wären. Eisenhändler. Der Eisenhändler bezieht das Eisen aus den Eisenhütten und aus den Eisenwerken (Eisenhämmern). In den Eisenhütten wird es aus Eisensteinen geschmelzt, die man aus den Eisengruben gräbt, zerstampft und in hohe Oefen bringt, unter denen man ein entsetzliches Feuer anschürt, das man so lange unterhält, bis die Eisentheilchen ansangen zu stießen. Man läßt dann das stüssige Eisen durch ein Loch unten im Ofen ablaufen und erkalten; dann wird es in die Hammerschmiede gebracht und so lange ausgeglüht und geschmiedet, bis es geschmeidig genug ist. Endlich gibt man ihm die Ge stalt von Stäben, Stangen, Blechen, Pstugschaaren, und so kommt es zum Eisenhändler, der es an die Handwerker, die Schmiede und Schlosser, verkauft. Eisenbahn. Unter Eisenbahnen versteht man wohlge- ebnete Verbindungsstraßen, aus welchen eiserne, um die ^>pur der Wagenräder entfernte Geleise oder Schienen parallel mit einander sortlaufen. Die Wagen, welche zur Fahrt auf solchen Straßen bestimmt sind', haben gußeiserne Räder mit einem177 vorspringenden Rande oder Spurkranz, durch welchen sie stets auf jenen Geleisen gehalten werden. Der Dampfwagen, auf welchem die Dampfmaschine sich befindet, fährt voraus; an ihm hängt der Mnnitionswagen, welcher das Brennmaterial, die Steinkohlen, Holz oder Torf, enthält; auf diesen folgt der erste Personenwagen, dann der zweite, der dritte u. s. w. und so hängen oft in einer Reihe 12 und mehrere Reifewagen an einander, auf denen sich 400 und mehr Personen mit Gepäck und Kaufmannsgütern befinden. Und alle diese Wagen, von der einzigen Dampfmaschine gezogen, fliegen so schnell auf der Eisenbahn dahin, daß sie in einer Stunde oft 5 bis 6 deutsche Meilen zurücklegen. Berge und steile Anhöhen werden bei An legung einer Eisenbahn entweder umgangen oder wenn dieses nicht möglich ist, durchbrochen. Auch in unserm deutschen Va terlande sind Eisenbahnen angelegt, und wir können mit geringen Kosten und in wenigen Tagen eine Rundreise durch ganz Deutschland und feine Hauptstädte machen. Clektricität. Liebe Kinder! wie die Möglichkeit vor handen ist, durch Reibungen Wärme zu erzeugen, so ist es auch möglich, an gewissen Dingen bemerken zu können, wie leichtste andere Körper an sich ziehen, von sich ab stoßen und nach vorangegangener Reibung, selbst bei einer leichten Berührung, Funken von sich geben. Wenn von dieser Eigenthümlichkeit einzelner Körper die Rede ist, so spricht man von der Elektricität! — Nicht wahr, meine Kinder! das ist ein künstlicher Ausoruck? — Das wohl; aber wir müssen ihn doch beibehal ten, weil rvir kein passenderes, einfacheres Wort besitzen. Die elektrischen Erscheinungen näher zu betrachten, kommen wir dazu, erst der sogenannten elektrischen An ziehung, dann der Abstoßung zu gedenken. — Wenn man ein Stückchen Siegellack an irgend einem Körper, vorzüglich an einem Tuchlappen, reibt und legt es dann, nachdem man vorher ein Stückchen Papier zurecht ge richtet hat, bei Seite, so wird, durch die erregte Elektricität, das Siegellack das Papierchen — wenn dieses nicht zu weit davon entfernt ist, an sich ziehen, mit andern Worten, nach diesen Vorausgehungen wird das Papierchen an das Siegellack fliegen und an ihm haften bleiben. Bedient man sich anstatt der Papierstreischen kleiner Strohhalme, leinener oder baumwollener Fäden, wohl auch sogenannter Kork- und Kin^-C-onversatrvns'Lexikon. J 2178 Hollundermark-Kügelchen, so kann man dieselbe Erscheinung wahrnehmen. Weit ausfallender zeigt sich diese Erscheinung, wenn man, zum Versuche, anstatt Siegellack — ein Stückchen Bernst ei n *) wählt. Nicht minder eignet sich der Gebrauch einer Glasröhre. Erst wenn sich nach einiger Zeit bei der Stange von Siegellack die erzeugte Elektricität verloren hat, läßt dieselbe das Papierchen re. wieder los. So bemerkt man also an derartigen Körpern ein sich von Zeit zu Zeit wiederholendes Anziehen und Ab stoßen leich terer Körper. Noch einmal auf die Glasröhre zu kommen, muß ich euch sagen, daß man durch's Reiben derselben — besonders, wenn die Röhre von gutem, grünen Glase angefertigt ist und eine glatte, gleichmäßige Oberfläche auszuweisen hat, — mit einem wollenen Lappen einen weit höhern Grad von Elektricität gewinnt, wovon man sich leicht überzeugen kann, sobald man sich mit dem Knöchel eines Fin gers der so znbereiteten Röhre nähert. Bald wird, indem man ein mehr oder weniger starkes Knistern vernimmt, nach dem Knöchel, von der Glasröhre aus, ein Funken springen. Sich recht genaue Kenntnisse von einem solchen Versuche zu machen, muß man Letztern im Finstern vornehmen, bei welcher Gele genheit der erzeugt werdende Funken einen blauen Licht schein über die geriebene Röhre verbreitet. — In einem weit größern Grade Elektricität erzeugen zu können, hat man einen eigenen Apparat eingerichtet. Der selbe ist sehr künstlich zusammengesetzt und wird „Elektri- sirmaschine" genannt.**) Manche Gegenstände leiten die Elektricität gerne fort, manche gar nicht. Man heißt daher erstere Leiter und die letzteren Nichtleiter. Solche Körper dagegen, welche die Elektricität weder vollkommen ableiten, noch vollkommen zu rückhalten, heißen Halbleiter. Es lassen sich auch, durch besondere Vorkehrungen, Glas flaschen mit Elektricität, die man an der Elektrisirmaschine *) Den „Bernstein" findet man sehr häufig an den Küsten der Ostsee. **) Diejenigen, welche sich der Elektrisirmaschinen am frühesten bedien ten, wie Hausen, Gordon r«, waren Deutsche. Der Bürgermeister von Magdeburg, Otto von Guericke, hat auch besonders viel geleistet in Absicht auf die Einrichtung der Elektrisirmaschinen. —179 entwickelt, füllen, welche Einrichtung zu interessanten Erschei nungen Veranlassung gibt. Wenn sich z. B. 40, 50 oder mehr Menschen die Hände reichen und der Erste davon saßt den Drath der geladenen (gefüllten) Flasche und der Letzte (in der Reihe) den äußern Metallüberzug derselben, so erhalten alle den elektrischen Schlag zugleich. Ein solcher Funken ist auch im Stande, daß er geistige Flüssigkeiten — Wein geist — entzündet, sogar auf mancherlei sonstige Sachen zer störend wirkt. Noch mancherlei ließe sich von der Elektricitckt, ihrer Er- scheinung und Erzeugung, sowie von ihrer Wirkung erzählen. Doch, es sei genug, nur von dem Wesentlichsten gesprochen zu haben; nur von einer Erscheinung sollet ihr noch in diesem Lexikon lesen, die euch den größten elek trischen Funken zeigt, vom Blitz im Gewitter. Mephant. „Das muß man dir doch lassen, daß du das größte unter allen Landthieren bist, dich oft recht ver ständig mild und dankbar zeigst! Auch hebt man immer eine Ehre aus, wenn man dir mit Wein oder Branntwein auswartet, nicht wahr? — Du kannst deinen Rüssel, den langem, vorn mit dem beweglichen Finger, gar so geschickt gebrauchen. Für deine Zähne, nämlich für die^Stoßzähne, ist man sehr dankbar, weil man durch sie dack.Elfenbein erhält. Mau gebraucht dich aber auch im Kriege.' Zu diesem Zwecke wird ein Thurm aus deinen Rücken gebaut — für die Soldaten! und an deinen Rüssel bindet man Sicheln und Schwerter. So ausgerüstet wirst du unter die Feinde gelenkt, um deu im Thurme ver schlossenen Soldaten Gelegenheit zu geben, ihr tödtliches Ge schoß aus den Feind zu richten. Besondere Eigenschaften, die du mit dem Menschen gemein hast, wie große Klugheit, seltene Gelehrigkeit, sorgsame Ueberlegung, stellen dich in große Ach tung." — Von einem jungen Elephanten wird Folgendes erzählt: „Ein junger Elephant sollt' einst zum Tanz Geschickt gemacht und unterrichtet werden. Wie mochte der sich wohl gebehrden! Man denke sich nur seine Lage ganz. Ein ungeheures Thier mit säulenförmigen Füßen, Schwerfällig schgn zum Geh'n soll nun Sich dreh'n und wenden müssen, 12 *180 Sich dabei zu benehmen wissen. — Und nach Musik und Takt dieß Alles thun! Ich möchte wohl dies Kunststück seh'n, Und würde gern, des seltnen Schauspiels wegen, Das Eintrittsgeld dafür erlegen. Doch lasset uns zurück zu unserm Schüler geh'n. Er horchet aufmerksam auf alle Lehren, Die man ihm gibt und merkt sich jeden Schritt; Allein er macht doch manchen falschen Tritt, Und muß sich droh'n und schelten hören. Der erste Tag des Unterrichts War endlich glücklich überstanden, Der Abend naht, — die Nacht ist schon vorhanden, In seiner Ruhe stört ihn nichts. Doch unser Elephant denkt jetzt an keinen Schlummer; Der Ehrtrieb, der ihn ganz beherrscht, hält ihn noch wach, Und Ungelehrigkeit und Schande macht ihm Kummer. Er wiederholt daher von dem verstoss'nen Tag Den Unterricht, den man ihm gab; Geht sinnend auf und ab, Und übt sich, bis es der Wächter höret, Den sein Geräusch im Schlafe störet. Der kommt mit vieler Angst herbei, Zu wissen, was da geschehen sei. Und welch ein Schauspiel muß er sehen! Erstaunt bleibt er bei seinem Zögling stehen, Bewundert dessen Fleiß, und mit gerührtem Blick Kehrt er ins Kämmerlein zurück." -- — „Wer sieht das Rühmliche der Ehr- und Wißbegierde Nicht hier beim Elephanten ein? O möchte sie doch auch die Zierde Der Buben und der Mädlein sein!" — Noch andere Geschichtchen vom Elephanten weiß ich; hier habt ihr einige, aus denen ihr ersehen könnet, daß der Elephant ein kluges, dankbares, aber auch ein jähzorniges und rachsüch tiges Thier ist: 1. Der König von Neapel hatte einen Elephanten, wel cher frei in der Stadt herumging. Keinem Menschen that er etwas zu Leide. Er spielte besonders gern mit den Kin dern, hob sie mit dem Rüssel aus seinen Rücken, und setzte sie langsam wieder auf die Erde nieder. Es wurde einmal am181 königlichen Schlosse etwas gebaut, und da diente denn unser Rüsselträger den Bauleuten als Handlanger. Er hatte näm lich das Geschäft, aus einem Brunnen mit kupfernen Kesseln Wasser zu schöpfen, und es den Maurern hinzutragen. Das that er sehr geschickt und fleißig. Nun bekam aber einmal ein Kessel ein Loch; man schickte ihn deßhalb zum Kupferschmied und ließ ihn ausbessern. Dieses hatte sich der Elephant wohl gemerkt. Als nun wieder einmal ein Kessel auslies, trug er ihn selbst zum Kupferschmied. Welches andere Thier wäre so klug gewesen, dieses zu thun. 2. In der Menagerie (sp. Menascherie d. i. Thierhaus) zu Paris waren unter andern Thieren auch mehrere Elephan ten. Ein Soldat, der dabei Schildwache stand, hatte den Auf trag, den Leuten zu sagen, daß sie den Elephanten nichts zu fressen geben möchten. Als eines Tages wieder mehrere Men schen da waren, reichte einer davon dem Weibchen ein Stück Brod hin. Der Soldat bemerkte es, und wollte eben den Mund aufmachen, um es zu verbieten, als ihm die ausgebrachte Dickhant eine große Menge Wasser ins Gesicht spritzte. Der Soldat wurde tüchtig ausgelacht, wischte sich aber ganz ruhig das Gesicht ab, und ging ein wenig auf die Seite. Nicht lange darauf war er genöthigt, das Verbot zu wiederholen. Das Weibchen aber erwischte mit dem Rüssel seine Flinte, trat mit den Füßen darauf, und drehte- sie aus Zorn ganz zusammen. 3. Ein Maler wollte einmal einen afrikanischen Elephan ten so zeichnen, daß er den Rüssel in die Höhe hielt und den Rachen aufsperrte. Wie fing er das an? Ein Bedienter mußte der Dickhaut Nüsse in das Maul werfen; oft aber that der Bediente nur so, und wenn der Rüsselträger das Maul auf sperrte, so kam nichts geflogen. Das verdroß den Elephanten. Und was that er? Er lief an sein Trinkfaß, sog den Rüssel voll Wasser und spritzte dieses — „ach gewiß dem Bedienten ins Gesicht?" — Nichtsweniger! Nein! dem Maler über sein ausgespanntes Zeichen-Papier; denn er hatte wohl gemerkt, daß eigentlich der Maler es war, um dessen willen er geneckt wurde. 4. Eine Gärtnersfrau gab einem Elephanten jedesmal, wenn er über den Markt zur Tränke getrieben wurde, eine Hand voll Kräuter. Einmal gerieth derselbe in Wuth, und jagte alle Leute vom Markte weg. Auch die Gärtnersfrau er griff die Flucht, ließ aber in der Angst ihr Kind zurück. Als die wüthende Dickhaut an diesen Platz kam, erinnerte sie sich an die von der Frau empfangenen Wohlthaten, und um sich182 dankbar zu erzeigen, hob sie das Kind mit dem Rüssel sanft auf das Dach eines Kramladen und lief weiter. 5. In einer Stadt war ein Elephant, welcher bisweilen durch die Straßen ging, und seinen Rüssel nach den Fenstern ausstreckte, um von den Leuten etwas zum Fressen zu erhalten. Einmal langte er auch nach dem Fenster eines Schneiders. Der aber stach ihn mit seiner Nadel in den Rüssel. Der Elephant zog den Rüssel geduldig zurück, und ging zum Flusse. Nachdem er sich gebadet hatte, rührte er mit den Füßen den Schlamm aus, füllte seinen Rüssel damit an und bespritzte den Schnei der auf dem Heimwege über und über mit dem kothigen Wasser. 6. Ein Bauer gab einem Rüsselträger, wenn er zur Schwemme in den nahen Fluß getrieben wurde, von Zeit zu Zeit einige Feigenblätter. Einmal jedoch wickelte der Bauer aus Muthwillen einen Stein in die Blätter, und reichte ihn so dem Elephanten hin. Dieser aber ließ den Stein wieder aus dem Maule fallen, und ging mit den andern Elephanten zur Schwemme. Als er darauf zurückkehrte, und den Bauer vor seiner Hausthüre sah, ging er von der Seite auf ihn zu, packte ihn mit dem Rüssel, warf ihn zu Boden, und trat ihn so, daß er seinen Geist aufgab. 7. Eine Dickhaut tödtete einmal aus Rachsucht seinen Führer, vermuthlich weil er ein ihm gegebenes Versprechen nicht gehalten hatte. Die Frau Ms ermordeten Führers warf nun in der Verzweiflung dem wüthenden Thiere ihre Kinder vor die Füße, mit dem Bedeuten, es möchte diese armen vaterlosen Waisen mm auch umbringen. Das brachte den Elephanten zur Besinnung. Von Reue über seine That ergriffen, faßte er den ältesten Knaben sanft mit den Rüssel, hob ihn auf seinen Hals und wollte Niemand gehorchen als ihm. Der Elephant ist das größte Laudthier und wird 100—200 Jahre alt. Sechs Ochsen sind erst so schwer als ein Elephant, denn er wiegt 6000-7000 Pfund. Seine Haut ist so dick wie ein Daumen, hat aber keine Haare, son dern nur einzelne Borsten. Der Kopf des Elephanten ist sehr groß, die Augen sind klein, die Ohren haben große herabhängende Ohrlappen. Aus dem Maule ragen zwei gewaltige Stoßzähne hervor, mit welchen er sich gegen Menschen und Thiere vertheidigt. Ein einziger Stoßzahn eines alten Elephanten ist über hundert Pfund schwer, also schwerer als ein Mensch. Was gehört für183 eine Stärke dazu, zwei solche Zähne in seinem Maul herum zutragen ! Was wir aber am Kopse des Elephanten am meisten bewundern müssen, ist seine lange Nase, welche man gewöhn lich den Rüssel nennt. Alles das, was wir mit dem Arm und der Hand thun, thut der Elephant mit der Nase. An dieser künstlichen Nase ist vorn ein Finger, mit dem er die kleinsten Sachen, z. B. eine Nadel ansassen und ansheben kann. In der Wildniß langt er mit der Nase auf die Bäume, bricht die Früchte ab und biegt die Aeste herunter, um das Laub abzu- sresseu. Ein zahmer Elephant macht mit dem Nasensinger Knoten auf, dreht damit Schlüssel herum, unb sperrt Thüren auf, zieht den Pfropf ans einer Flasche heraus, pflückt Blumen ab, und riecht daran, ja er langt mit seiner Nase den Leuten in die Tasche und holt die Aepfel und Birnen heraus. Und was hat der Elephant in seiner Nase für eine Stärke! Schenkeldicke Bäume reißt er damit aus dem Erdboden, zieht Balken fort, wirst Mauern ein, schlägt Menschen, Ochsen und Tiger damit zu Boden. Die Füße des Elephanten, die seinen schweren Leib tragen, sind wie kleine Säulen so dick. Und doch, wenn er im Schritte geht, so geht er so schnell als ein Pferd im Trab. Seine Stimme ist ein fürchterliches Geschrei, besonders wenn er erschrickt; außerdem kann er auch mit seiner Nase trompeten. Daß sich dieses mit so gewaltigen Stoßzähnen und einem so starken Püssel ausgerüstete Thier nicht vor einem Tiger fürchtet, ist wohl begreiflich; und doch — wer sollte es glau ben — fürchtet sich dieser Riese vor einem winzigen Zwerg, nemlich vor einer Maus. Das Vaterland der Elephanten ist das heiße Asien und Afrika. Daselbst leben sie heerdenweise beisammen in großen Wäldern und tiefen Thälern, wo es viel Wasser gibt; denn ein Elephant sauft alle Tage 18 Hektoliter Wasser und frißt eine unglaubliche Menge Gras, Baumblätter und Früchte. Dazu wird er trotz seines dicken Felles von Stechmücken und Bremsen sehr geplagt, auch wird seine Haut von der großen Hitze leicht spröde, und bekommt Risse, darum hält er sich am liebsten an schattigen und feuchten Orten auf, geht gerne in das Wasser und badet sich oft. Je tiefer das Wasser ist, desto lieber ist es ihm, denn so plump er auch aussieht, so schwimmt er doch vortrefflich uud streckt dabei nur seine Nase aus dem Wasser heraus. Ist das Wasser nicht so tief, daß er ganz184 hineingehen kann, so macht er den Rüssel voll und bespritzt seinen ganzen Leib wie mit einer Spritze. Der Elephant frißt Gras, Baumblätter, Früchte, Ge treide, Reis u. s. w. Alles, was er fressen will, ergreift er erst mit dem Rüssel, auch das Wasser zieht er erst in die Nase, und spritzt es dann in das Maul. Bisweilen kommen die Elephanten aus den Wäldern heraus aus die Felder und verwüsten den Reis, das türkische Korn, und besonders das Zuckerrohr. Was sie nicht fressen, zertreten sie mit ihren dicken Füßen; ja sie zerstören dann auch die Hütten in den Dörfern und bringen die Menschen um, welche nicht ftiehen. Und das ist für die Bauern dort zu Lande eine große Plage. Die Elephanten, welche in Asien und Afrika wild leben, werden gefangen und zahm gemacht. Ein Elephant ist leichter zu zähmen, als irgend ein anderes wildes Thier und lernt die Worte seines Wärters und Führers noch schneller und besser verstehen als der Hund. Dabei zeigt er so viel Verstand und Klugheit, daß man sich wundern muß. In alter Zeit, wo es noch keine Kanonen gab, brauchte man die Ele phanten im Kriege, band ihnen scharfe Schwerter an den Rüssel und den Leib, und setzte hölzerne Thürme mit Soldaten ans ihren Rücken. So ließ man sie dann unter die Feinde hinein. Wen sie nicht mit dem Rüssel niedermachten, den zertraten sie mit den Füßen, und die Soldaten schossen von ihrem Rücken herab mit Pfeilen und Wurfspießen. Wurde aber einem solchen Elephanten der Rüssel abgehauen, so ergriff er die Flucht. Die heidnischen Könige in Asien halten sich viele tausend zahme Elephanten und reiten auf denselben. Jeder hat einen eigenen Führer, welcher auf dem Halse sitzt und einen Stock mit einer eisernen Spitze in der Hand hält. Will der Elephant nicht folgen, so sticht ihn der Führer mit der Spitze oder schlägt ihn mit dem Stock. Nun kann man aber auf einem Elephanten nicht reiten wie auf einem Pferd, weil der Rücken desselben zu groß und breit ist. Daher schnallt man auf seinen Rücken auch keinen Sattel, sondern ein kleines Zelt, in welchem zwei Menschen sitzen können. Außerdem ist ein solcher Elephant mit prächtigen Decken und andern kost baren Zierrathen reich geschmückt. Diese asiatischen Könige haben auch weiße Elephanten, welchen ihre Unterthanen göttliche Ehre erweisen, weil sie glauben, daß die Seelen der verstorbenen Könige in dieselbigen185 gefahren seien. Daher hat auch jeder dieser weißen El ep ha nten einen eigenen Palast, und eine Anzahl Bediente. Man setzt ihnen das Fressen und Saufen in goldenen und silbernen Ge säßen vor. Sie tragen köstliche gestickte Decken, und ihre Stoß zähne sind mit Ringen von Gold und Silber geziert, welche mit Edelsteinen besetzt sind. Außerdem aber werden die zahmen Elephanten auch zu allerlei Arbeiten, besonders zum Tragen großer Lasten ge braucht. Ein Elephant arbeitet mehr als sechs Pferde, frißt aber auch täglich eine ungeheure Portion Reis, Brod, Gras und Heu. Will man ihn zur Arbeit anfeuern, so ver spricht man ihm eine oder mehrere Flaschen Reisbranntwein, welchen er sehr gern säuft. Da strengt er denn alle seine Kräfte an, und arbeitet so viel er kann, will aber dann auch, daß man sein Versprechen halte, und wird wüthend, wenn man es nicht halt. Elsaß und Lothringen. Im Südwesien von Deutsch land, östlich durch den Rhein von Baden geschieden, südlich von der Schweiz, westlich von Frankreich und nördlich von Luxemburg, der Rheinprovinz und Rheinbapern begrenzt, findet ihr das deutsche Reichsland Elsaß und Lothringen. Es enthält einen Flächenraum von etwa 200 □ Meilen mit 1V 2 Mllionen (meist katholischen) Einwohnern und ist eingetheilt in drei Regierungsbezirke (Departements): Ober-Elsaß, N i e- der-Elsaß und Deutsch-Lothringen. Als deutsches Reichsland steht es unter der Regierung des Kaisers und unter dem Schutze des ganzen deutschen Reiches. Ein von Süden nach Norden gestrecktes Gebirge, die Vogesen, auch der Wasgau genannt, trennt Elsaß von Frank reich, verzweigt und verflacht sich im Norden und bildet hier die Grenze zwischen Elsaß und Lothringen. Die Breite dieses Gebirgszuges wechselt zwischen vier bis sechs Meilen, und seine mittlere Höhe beträgt 2 bis 3000 Fuß. Der höchste Punkt, der Belchen im Ober-Elsaß, erhebt sich über 4000Fuß und gewährt eine herrliche Aussicht über Elsaß und Baden mit dem zwischen beiden sich hinschlängelnden Silberbande des Rheines; östlich reicht der Blick bis zum Schwarzwald, südlich bis auf die Alpen der Schweiz. Wer von Euch einmal eine Fahrt auf der Eisenbahn durch das Elsaß nach der Schweiz macht, der kann sich überzeugen, wie malerisch schön die Vogesen in her vorragenden Felsenklippen und gestreckten Bergrücken längs der186 ganzen Westgrenze sich hinziehen, wie sie mit Wäldern und Burgruinen geschmückt sind und an Großartigkeit dem gegen überliegenden Schwarzwald nicht nachstehen. Elsaß ist ein gesegnetes Land, ebenso fruchtbar am Rheine, als schön und blühend nach den Vogesen hin. Acker-, Wiesen-, Gemüse-, Wein-, Obst-, Hopsen-, Hans-, Tabakbau und Vieh zucht gedeihen hier vortrefflich. Eine bedeutende Fläche nimmt aber der Wald ein, der säst den dritten Theil des Landes be deckt. Die Forsten im Elsaß sind sehr schön und einträglich. Noch auf den höchsten Gipfeln der Vogesen bildet die Buche dichte Wälder; weiter unten folgen Fichten und Tannen, dann Buchen und Nadelholz gemischt, endlich am Fuße des Gebirges die verschiedensten Laubhölzer: Eichen, Buchen, Ulmen und Kastanien durch einander. — Der Hauptfluß des Elsaß ist der Rhein, über welchen bei Kehl eine prachtvolle Eisenbahn brücke nach Baden führt. Die Lauter, ein Nebenfluß des Rheins, bildet die Grenze zwischen Elsaß und Rheinbayern. Lothringen, nordwestlich vom Elsaß bis in das Mo- selgebirg sich erstreckend, ist ein von tiefen Thälern durchschnit tenes, fruchtbares Berg- und Hügelland. Es liefert reichlich Getreide, Hanf und Flachs, Wein Gemüse und Obst, Stein kohlen und Eisen und besitzt ausgezeichnete Salz- und Mineral quellen. Die Mosel und die Saar sind die Hauptwasser straßen Lothringens. Die Hauptstadt von Elsaß ist Straß bürg, „die wun derschöne Stadt", wie sie im Volksliede genannt wird. Bis zum Jahre 1681 freie deutsche Reichsstadt, ist Straßburg jetzt eine starke Festung und bedeutende Handelsstadt mit 80,000 Einwohnern, Sitz der kaiserlichen Regierung, eines katholischen Bischofs und einer Universität. Straßburg liegt an der Jll, etwa eine halbe Stunde vom Rhein, mit welchem es durch einen schiffbaren Kanal verbunden ist. Außerdem ist die Stadt durch eine die ganze Länge des Landes durchziehende Eisenbahn mit den bedeutendsten Städten in der Nähe und Ferne in Verbindung gesetzt. Die größte Merkwürdigkeit Straßburgs ist das welt berühmte Münster, nächst dem Dom zu Köln das herrlichste Denkmal deutscher Baukunst, mit einem 490 Fuß hohen Thurm. Im Innern des Münsters befindet sich eine berühmte, kunst voll gearbeitete Uhr, welche beim Schlage der Stunden eine Menge Figuren in Bewegung setzt und um 12 Uhr Mittags und Nachts einen künstlichen Hahn krähen laßt. Der Bau des Straßburger Münster begann unter dem Meister Erwin187 von Steinbach im Jahre 1276 und wurde vollendet durch den Meister Johann Hülz von Köln im Jahre 1439. — Die bedeutendste Fabrikstadt des Elsaß ist Mühlhau sen, an der Jll, mit 60,000 Einwohnern. Es liefert Seiden-, Baumwollen- und Wollenzeuge und besitzt großartige Zeug druckereien, Färbereien und Bleichen. Auch die Fabrikation in Metallwaaren und Lederarbeiten ist sehr bedeutend. — Fast in der Mitte zwischen Straßburg und Mühlhausen liegt in einer sehr schönen Gegend Colmar, früher freie deutsche Reichs stadt, jetzt Hauptstadt des Regierungsbezirkes Ober-Elsaß, mit 24,000 Einwohnern. — Nordwestlich von Straßburg, am Fuße der Vogesen, liegt in schöner Gegend die Stadt Z ab ern, mit 6000 Einwohnern. Von hier sührt ein schlangensörmig angelegter Weg, die „Zaberner Stiege", mit 17 verdeckten, ge mauerten Brücken über die Vogesen - nach Lothringen. Auch die Eisenbahn, welche, von Straßburg kommend, hier die Vo gesen überschreitet, hat bedeutende Brücken, Dämme, Tunnels und Viadukte. Außer diesen Städten können hier nur noch genannt werden: Hagenau, durch seinen herrlichen Wald, „Hagenauer Forst", die reichste Stadt im Elsaß, mit 11,000 Einwohnern.— Bi schofsweiler, mit einträglichem Hopfen bau, bedeutenden Tuchfabriken und 10,000 Einwohnern — und die Festungen Schlettstadt, mit 11,000, und Reubrei- sach, mit 2000 Einwohnern. — Bei den Städtchen Wei ßenburg und Wörth erfochten die deutschen Heere am 4. und 6. August 1870 die ersten Siege über die Franzosen, wovon ihr in der vaterländischen Geschichte mehr erfahren könnet. — Die Hauptstadt von Lothringen, Sitz eines katholischen Bischofs, ist die alterthümliche Stadt und Festung Metz, an der Mosel, über welche hier 14 Brücken führen. Unter den Kirchen der Stadt zeichnet sich der großartige Dom aus. Als freie deutsche Reichsstadt war Metz vom 11. Jahrhundert an von der größesten Bedeutung und konnte sich an Macht, Reich thum und Glanz mit Frankfurt, Augsburg und Aachen ver gleichen. Die glänzendsten Tage feierte die Stadt und Bür gerschaft um Weihnachten des Jahres 1356, als der deutsche Kaiser Karl IV. hier den großen und berühmten Reichstag ab hielt, auf welchem die „goldene Bulle", ein Reichsgrundgesetz über die Kaiserwahl und die Rechte der Kurfürsten, verkündigt wurde. Jetzt hat die Stadt über 50,000 Einwohner und be sitzt bedeutende gewerbliche Anstalten: zahlreiche Gerbereien,188 Glasmalereien, Waffen-, Leinwand-, Flanell-, Seidenplüsch-, Hut- und Blumenfabriken. Daß nach drei siegreichen Schlach ten, am 14., 16. und 18. August 1870, die deutschen Heere, eine französische Armee in Metz eingeschlossen und am 27. Okto ber gefangen genommen haben, findet ihr in der deutschen Ge schichte ausführlich erzählt. — Nördlich von Metz liegt an der Mosel die Festung D i e- denhofen*), mit 7000 Einwohnern und bedeutenden Brau ereien und Gerbereien. Unter den übrigen Städten Lothringens sind die bedeutendsten: Saargemünd, mit 7000 Einwoh nern -r- Fohrbach, mit 5000 Einwohnern— Salzburg, mit ergiebigen Salzquellen, Gyps- und Steinbrüchen — und die Festungen Pfalz bürg und Bitsch. Seit 1552 hatten die Franzosen im Lause zweier Jahr hunderte Elsaß und Lothringen, — nicht auf einmal, sondern ein Stück nach dem andern —, vom deutschen Reichsverbande losgerissen und mit Frankreich vereinigt. Aber in dem sieg reichen Kriege 1870 — 71 sind dieselben von den Deutschen zu rückerobert und durch ein Reichsgesetz für immer mit dem deut schen Reiche vereinigt worden. Trotz all der Mittel, welche die französische Regierung angewendet hatte, die Bewohner von Elsaß-Lothringen zu fran- zösiren, haben das deutsche Haus und das deutsche Gemüth sich deutsche Sprache und deutsche Sitte zum größten Theil erhalten und werden im Bunde mit deutscher Schulbildung wieder beleben, was während einer jahrhundertlangen Ent fremdung vom Mutterlande zu verkümmern versucht worden ist; Liebe zum gemeinsamen deutschen Vaterlande. An Deutschland. Und es geschah, wie du geglaubt: Was Lug und Trug dir einst geraubt, Das hat dein Schwert nach mancher Schlacht, Mein Deutschland, dir zurückgebracht. Es war ein kühnes, mächtiges Thun, Doch hals dein Gott es dir vollbringen, Und wieder dir am Herzen ruh'n Dein Elsaß und dein Lotharingen. *) Von den Franzosen Thionville, sprich Thiongwil, genannt.189 Elfter. Die Elster ist ein hübscher Vogel, schwarz und weiß, mit kurzen Flügeln und schwarzem Schwänze, den sie erhaben tragen kann, wie die Bachstelzen. Besonders gefällt an ihm seine Geschäftigkeit und Umsicht in Bereitung eines kunstvollen Nestes. — So, kunstvoll ist sein Nest? Freilich! Es wird auf hohe Bäume gebaut und mit einer Decke über wölbt. Damit die künftig darin zu verpflegenden Jungen sich eines weichen Lagers erfreuen, wird das Nest mit Erde aus geklebt und mit allerlei weichen Sachen ausgefüttert. — Ohne daß man sich besondere Mühe gibt, kann man die Elster zäh men und sie befähigen, einzelne Wörter auszusprechen. — Gar zu viel darf man der Elster nicht anvertrauen, denn, warum sollte ich es nicht sagen, sie ist diebisch, wie ihre Kamerädin, die Dohle und — die Dohle kennt man schon! Eltern. Vater und Mutter nennt man so. Sie sind viel älter, als die Kinder, arbeiten fleißig, sorgen für das Wohl der Kinder, weil sie dieselben so sehr lieben. Die Eltern freuen sich, wenn die Kinder brav und folgsam sind und fried lich mit einander leben. Die Eltern muß man recht von Herzen lieb haben, ihnen Freude zu machen suchen. Man muß sie ehren, auf daß man lange lebe, und es einem wohl gehe auf Erden. Recht gute Kinder beten täglich zu dem lieben Gott für ihre Eltern; sie sagen ungefähr so: Für meine Eltern dank' ich dir, Die mich so zärtlich lieben; Ja für die Eltern dank' ich dir, Die mich im Guten üben. O laß mir diese Eltern noch, Du lieber Gott, o thu' es doch, Laß sie noch lange leben! Oder: So lang ich lebe, will ich sie, Die guten Eltern lieben, Gern ihnen folgen, und sie nie Erzürnen und betrüben. Erwachsen einst, wie jetzt noch klein, Will ich der Eltern Freude sein! Engländer. Die Engländer sind ernsthaft, stolz auf ihre Nation, thätig, arbeitsam und sehr erfinderisch. Sie190 treiben sehr starken Handel und haben Fabriken aller Art. Im Seewesen sind sie außerordentlich ersahren und nehmen in dieser Beziehung unter allen Mächten den ersten Rang ein. Auch die Landwirthschast treiben sie mit solchen Erfolg, daß sie von keinem Volke hierin übertrofsen werden. In England gibt es außerordentlich viel reiche Leute, aber dagegen, weil das Vermögen ungleich vertheilt ist, auch wieder viele Arme, und die Erfindung und Anwendung der Maschinen hat viele Leute außer Brod gesetzt. Die Eng länder genießen als Bürger gewisse Freiheiten, welche sie eifrig zu wahren suchen. Die vornehmen und wohlhabenden Engländer sind sehr gebildet; aber unter dem gemeinen Volke gibt es viele rohe Menschen, weil viele gar keine Erziehung genießen, sondern von Jugend auf, ohne nur eine Schule zu besuchen, in den Fabriken arbeiten müssen. Auch ist es natürlich, daß unter einer so großen Merffchenmasse, wie z. B. in der Hauptstadt London?), wo über 3 Millionen Men schen beisammenleben-, viele Taugenichtse sich befinden. Die Engländer sind als starke Esser und Trinker bekannt; eben dieses und die dort herrschende dicke Luft mag Ursache sein, daß sie häufig von Tiefsinn oder von der Schwermuth heimgesucht werden. Ihr Benehmen gegen Fremde-ist kalt, was theils Sache des Temperaments sein, theils von dem hohen Begriff, den' sie von ihrer Nation haben^ theils vom Stolz auf ihren Reichthum herrühren mag. Sie haben mehrereMolksspiele, -be sonders die Pferderennen, das Hahnengefecht und das Boxen, wobei oft große Wetten gemacht werden. Die Boxer schlagen sich oft mit den Fäusten bis auf den Tod, und nicht selten ist es, daß einer eirw'Auge verliert. Die Engländer sehen sehr auf Reinlichkeit. Kleidung, Zimmer, Alles ist einfach, aber ordentlich und reinlich. Man schläft nicht auf Federbetten. Nirgends wird der Sonntag so still gefeiert, als in England. Es darf keine Musik gemacht werden, sogar nicht auf dem eignen Zimmer. Der Punsch, der Portowein aus Portugal, das Ale, (d. i. ein süßes Bier ohne Hopfen) und Thee sind bekannte Getränke der Engländer; der Kaffee ist wenig beliebt. Das Fleisch lieben sie nur halb geröstet und noch blutig. Butter brot) und Käse machen immer das Ende der Mahlzeit aus. *) L-iehe „Lo irt>on".191 Es ist bekannt, daß die Engländer oft auf das feste Land, nach Frankreich, Deutschland, Italien oder in die Schweiz reisen und sich oft mehre Jahre da aufhalten; manche wegen des Vergnügens, weil ihnen die Natur mehr Angenehmes hier bietet, als in ihrem Lande, wo feuchte Luft und Nebel zu Hause sind, theils um ihre Vermögensumstände zu ordnen, weil man in England viel theurer lebt. Die Engländer stehen sehr spät auf; nicht selten reiben sich die Mägde Morgens um neun Uhr noch die Augen. Man ißt gewöhnlich um vier Uhr erst zu Mittag. Grdäpfel oder Kartoffel. Dieses nützliche Gewächs, das ihr Alle wohl kennet, kam erst vor etlichen hundert Jahren aus Amerika zu uns. Und fast hätte sie der Freund von Franz Dracke, dem dieser aus Amerika Kartoffeln zur Aussaat schickte und dazu schrieb: „Die Frucht dieses Gewächses sei so vortrefflich und nahrhaft, daß er ihren Anbau für sein Vater land für höchst nützlich halte," aus seinem Garten wieder Her ausreißen und wegwerfen lassen. Denn er dachte, Franz Dracke habe mit dem Worte „Frucht" die Samenknollen gemeint, die oben an den Kräutern hängen. Da cks nun Herbst war, und die Samenknollen gelb waren, lud er eine Menge vornehmer Herren zu einem Gast mahle ein, wobei es hoch zuging. Am Ende kam eine zugedeckte Schüssel, und der Hausherr stand auf und hielt eine schöne Rede an die Gäste, worin er diesen sagte: er habe hier die Ehre, ihnen eine Frucht mitzutheilen, wozu er den Samen von feinem Freunde, dem berühmten Dracke, mit der Versicherung erhalten habe, daß ihr Anbau für England höchst wichtig werden könne. Die Gäste kosteten nun die Frucht, die in Butter gebacken und mit Zucker und Zimmt bestreut/war, aber sie schmeckte ab scheulich, und es war schade um den Zucker. Darauf urtheil- ten sie alle, die Frucht könne wohl für Amerika gut sein, in England aber werde sie nicht reif. Da ließ denn der Gutsherr einige Zeit nachher die Kartof- felsträucher Herausreißen, und wollte sie wegwerfen lasten. Aber eines Morgens, im Herbste, ging er auch durch feinen" Garten, und sah in der Asche eines Feuers, das sich der Gärtner augemacht hatte, schwarze runde Knollen liegen. Er zertrat einen und siehe, der duftete so lieblich, wie eine ge bratene Kartoffel. Er fragte den Gärtner, was das für192 Knollen wären? und der sagte ihm, daß sie unten an der Wurzel des amerikanischen Gewächses gehangen hätten. Nun ging dem Herrn erst das rechte Licht auf. Er ließ die Knollen sammeln und zubereiten und lud dann die Herren wieder zu Gaste, wobei er wohl wieder eine Rede gehalten ha ben mag, von welcher der Inhalt der gewesen sein wird: daß der Mensch, wenn er blos nach dem urtheilt, was oben an der Oberfläche ist, und nicht auch tiefer gräbt, manchmal gar sehr irren könne. Grdbeben. Kinder, etwas Schaudererregendes, die Erdbeben! Doch fürchtet euch nicht, denn bei uns gibt's keine Erdbeben; sie kommen meistens nur in der Nähe der Meere und in der Nähe feuerspeiender Berge vor. Sie entstehen, wenn sich brennbare Dinge, Schwefel und Eisen enthaltende Steine durch Zutritt des Wassers unter der Erde entzünden und die daraus entwickelten Dämpfe sich gewaltsam einen Aus weg suchen. Es werden dann oft große Landstrecken erschüttert -und ganze Städte, Ortschaften und Straßen umgestürzt. Die leichten Erdstöße erzeugen meistens ein Krachen in den Häusern, ein Klirren der Gläser und Fenster, selbst ein Läuten der Glocken. Bei heftigen Erschütterungen stürzen die Schornsteine herab, die Gebäude werden zertrümmert und begraben die Be wohner unter ihren Ruinen (Trümmern). Die Erde spaltet sich, Rauch, Schwefeldampf und Feuer fahren heraus, der feste Boden versinkt, und da, wo trockenes Land war, entstehen zu weilen tiefe Seen. Dagegen steigen auch neue Klippen und Inseln aus der Tiefe des Meeres empor. — Ein großes Erdbeben wüthete zu Lissabon im November 1755. (In welchem Lande liegt Lissabon?) — Hierbei ver sank ein Theil der Stadt im Meere, ein anderer wurde von den Fluthen des Tajo überschwemmt und 40,000 Menschen verloren dabei ihr Leben. — In 10 Minuten stürzten die schönsten Paläste, die herrlichsten Kirchen und Privatgebäude in Trümmer, unter denen Tausende ihren Tod fanden. Auf einem großen, großen Platze am Meere hatten die reichbela denen Schiffe von Brasilien, Ostindien und Afrika Ballen und Kisten und Säcke voll seltener Erzeugnisse für den Gebrauch der nördlichen Welt aufgethürmt. Hier lagen Millionen in Maaren, Zucker, Indigo, Elfenbein, Golostaub, Baumwolle. Seide, Kaffee, Zimmt, Muskaten, chinesisches und sapanesisches Porzellan, feine Hölzer, Juwelen, Frücbte, köstliche Farben sah193 man hier, wozu sich gleich große Lasten von Erzeugnissen des europäischen Kunststeißes aus Lyon, Birmingham, Nürnberg, Breslau, Chemnitz, Solingen, Elberfeld und andern Fabrik städten gesellten. Um diese Güter schwärmten von Tagesanbruch bis in die Nacht Kaufleute, Schiffer, Diener, Beamte. Matro sen, Träger, Packer; Mohren, Türken, Armenier, Juden und Christen aus allen Ländern. Die Erde bebt, und binnen einer Minute versinkt dieser ganze große Platz, ohne daß eine Seele entkommt; Wasser tritt an die Stelle und jede Spur des gro ßen Platzes ist verschwunden. Der Schrecken, das Jammern und Wehklagen, das von allen Seiten ertönte, geht über alle Beschreibung. Die Leute liefen in den Straßen und streckten ihre Arme gen Himmel, um Gnade stehend. Greise, Frauen, Kinder, Kranke, die noch in ihren Betten lagen, wurden erstickt, ohne daß man ihnen Hilfe leisten konnte; oder wurden zerschmettert, verschüttet. Thiere und Menschen suchten das Weite. Ganze Gruppen, die sich auf der Flucht befanden, wurden vom Hagel der Ziegel steine und Werkstücke erreicht, oder von dem Falle erschütterter Gebäude zermalmt. In der Stadt stiegen ungeheure Staub säulen neben den fallenden Gebäuden auf, die den Tag zur finstern Nacht umwandelten und das Uebel noch schauerlicher machten. Nach wenigen Minuten folgte ein zweiter Erdstoß. Die wenigen Häuser, welche etwa noch standen, wankten gräßlich hin und her, wie der Mast eines Schiffes im Sturme. Die jenigen, welche sich ihrer Rettung gefreut hatten, schrien nun wieder zum Himmel um Gnade und suchten so schnell als mög lich über die Trümmer zu kommen. Nicht lange, so fühlte man einen dritten gewaltigen Stoß. Die Fliehenden konnten sich nicht auf den Beinen halten; sie mußten sich niederlegen oder niederknieen. Schrecken, Verwirr ung, Angstgeschrei, Flehen um Hilfe und Rettung vermehrte abermals das Grausenvolle dieser Scene und die Größe des Jammers. Das Trauerspiel war aber noch lange nicht zu Ende; denn gegen Abend entstand Feuer in den zertrümmerten Ge bäuden, und ganz Lissabon stand bald in Flammen. Da Nie mand da war zu löschen, so breitete sich die Wuth des Feuers aus, so weit es Nahrung fand, vollendete die Vernichtung und machte die übrigen Einwohner vollends zu Bettlern; denn das Entsetzen ergriff alle Personen so sehr, daß Niemand etwas zu Kiuder-Tsrivcrsations-Lexikon. 13194 retten suchte. Der Wind wehte sehr stark und trieb das Feuer von einer Straße in die andere. Acht Tage wüthete die Flamme. Die Leute mußten halb entblößt auf die benachbarten Felder fliehen. Auf diese Weise war eine große blühende Stadt in weni gen Stunden in einen Schutthaufen verwandelt. Unzählige reiche und wohlhabende Familien waren in Armuth und'Elend gestürzt; Kinder ihrer Eltern, Eltern ihrer Kinder beraubt; die schönsten Verhältnisse zerrissen, die süßesten Hoffnungen vernich tet, die reinsten Freuden in Jammer und Klage verwandelt. Erde. Die Erde, deren Bewohner die Menschen sind, ist ein Stern, der kein eigenes Licht hat, sondern dasselbe von der Sonne erhält und sich um dieselbe bewegt. Die Erde ist rund, beinahe wie eine Kugel und bewegt sich um sich selbst und um die Soune. Dadurch entstehen Tag und Nacht und Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Erdoberfläche besteht aus Land und Wasser; zwei Theile nimmt das Wasser ein, der dritte Theil ist festes Land und dieses wird in fünf Erdtheile getheilt, nämlich: Europa, Asien, Afrika, welche die alte Welt, und Amerika und Australien, welche die neue Welt ausmachen. — Wenn du heut von Vater und Mutter Abschied nimmst, und von deiner Hausthür an dem Wege zur Rechten nachgehst, und immer weiter wanderst, so wirst du nach 2 oder 3 Jahren, wenn Gott deine Reise behütet, wieder heimkommen, aber dieß- mal von der linken Seite her. Du wirst diese Spazierfahrt wohl nicht machen; doch haben's schon Manche versucht, und daher wissen wir, daß die Erde rund ist. — Die Erde chreht sich auch, wie die Kugel, wenn sie nach den Kegeln rollt; durch dieses Umdrehen eben kommt sie von der Stelle. Während sie sich dreht, scheint die Sonne bald auf die eine, bald auf die andere Seite der Erde; darum haben wir jetzt Tag und nach etlichen Stunden Nacht. Unsere Erde, diese große Kugel, 5400 Meilen im Umfange, wandert also um die Sonne. Da ist nun die Erde wie ein Kind, das um die Mutter herumhüpft, und nicht von ihr fort kann; so treibt sie es Tag und Nacht, bis sie einmal um die Sonne herum ist, wozu sie 365 Tage und etwas darüber braucht; dann fängt sie's wieder von vorn an, und wir sprechen nun: Ein neues Jahr geht an. So wird sie's forttreiben, bis der jüngste Tag konrmt. Wir merken nichts wie schnell unsere Erde davon eilt, und meinen, die195 Sonne wandle am Himmel, weil es so aussieht. Aber der Schein trügt. Bist du schon einmal aus der Eisenbahn ge fahren? Kam es dir nicht vor, als ob Felder und Gärten, Bäume und Häuser, um dich her aus einmal Füße bekommen hätten und davon liefen? — Siehe, so ist's mit der Sonne; sie stehet fest, aber die Erde geht. Der Himmel ist ein großes Buch, das da redet von Gottes Allmacht und Güte; auch stehen viele bewährte Mittel darin, gegen den Aberglauben und die Sünde; und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buche. Wer in diesem Buche lesen kann, in oiesem Psalter, und lies't darin, dem wird die Zeit nimmer lang, wenn er schon bei Nacht allein auf der Straße ist; und wenn ihn die Finsterniß verführen will, etwas Böses zu thun, er kann nimmer. In diesem herr lichen Buche wollen wir jetzt einiges lesen, wollen mit einander von der Erde reden. Nach dem Augenscheine wäre die Erde mit allen ihren Bergen und Thälern eine große runde Fläche, gleich einer un geheuer großen Scheibe. Am Rande derselben weiter hinaus kommt nichts mehr; dort ist gleichsam der Himmel an sie an gefügt, der wie eine große, hohle Halbkugel über ihr steht und sie bedeckt. Dort geht am Tage die Sonne auf und unter, bald früher, bald später, bald links an einem gewissen, bekannten Berg oder Haus, bald rechts, und bringt Tag und Nacht, Sommer und Winter, und bei Nacht den Mond und die Sterne; und sie scheinen nicht gar entsetzlich hoch über unfern Häupter zu stehen. Das wäre nun alles gut, wenn's niemand besser wüßte; aber die Sternseher wissen es besser. Gib Acht! Wenn einer daheim weggeht, und will reisen bis an's Ende der Erde, an den Rand, wo man einen ausgehenden Stern mit der Hand weghaschen und in die Tasche stecken kann, und er geht am 1. April vom Hause ab, so hat er den rechten Tag gewählt. Denn er kann reisen, wenn er will durch Deutschland, durch Polen, durch Rußland, nach Asien hinein, zu Muhamedanern und Heiden, vom Land auf's Wasser, und vom Wasser wieder auf's Land, und immer weiter. Aber endlich, wenn er ein Pfeiflein einfüllt, und will daran denken, wie lang er schon von den Seinigen weg ist, und wie weit er noch zu reisen hat an's Ende der Erde und wieder zurück, — auf einmal wird's ihm heimlich in seinem Gemüth; es wird nach und nach alles, wie es daheim war; er hört seine Landessprache wieder 13 *sprechen; zuletzt erblickt er von weitem einen Kirchthurm, den er auch schon gesehen hat; und wenn er auf ihn zugeht, kommt er in ein wohlbekanntes Dorf, und hat nur noch zwei Stun den -oder drei, so ist er wieder daheim, und hat das Ende der Erde nicht gesehen. Nämlich er reiset um die Erde, wie man einen Strich mit der Kreide um eine Kugel herumzieht, und kommt zuletzt wieder aus den alten Fleck, von dem er ausging. Es sind schon mehr als zwanzig solcher Reisen um die Erde nach verschiedenen Richtungen gemacht worden. In zwei bis vier Jahren, je nach dem, ist alles geschehen. Ein eng lischer Seekapitän ist zweimal um die ganze Erde herumgereist, und von der andern Seite her wieder heimgekommen. Aber das dritte Mal haben ihn die Wilden auf der Insel Owaihi todtgeschlagen und gegessen. Daraus und aus anderen sicheren Anzeigen erkennen die Gelehrten Folgendes: Die Erde ist nicht blos eine ausgebreitete, rund abge schnittene Fläche; nein, sie ist eine ungeheuer große Kugel. Ferner: sie hängt und schwebt frei und ohne Unterstützung, wie an ihrem Orte die Sonne und der Mond, in dem uner meßlichen Raume des Weltalls, unten und oben zwischen lauter himmlischen Sternen. Weiter: sie ist allenthalben, wo sie Land hat, und wo die Hitze oder der bittere Frost es erlaubt, mit Pflanzen ohne Zahl besetzt, und von Thieren und vernünftigen Menschen be lebt. Man muß nicht glauben, daß auf diese Art ein Theil der Geschöpfe mit den Kopf abwärts hänge, und in Gefahr stehe, von der Erde weg und in die Luft herab zu fallen. Dieß ist lächerlich. Ueberall werden die Körper durch ihre Schwere an die Erde angezogen, und können ihr nicht ent laufen. Ueberall nennt man unten, was man unter den Füßen hat, und oben, was über dem Haupte ist. Niemand merkt oder kann sagen, daß er unten sei. Alle sind oben, so lange sie die Erde unter den Füßen, und den Himmel voll Licht oder Sterne über dem Haupte haben. Aber du wirst nicht wenig erstaunnen, wenn du's zum ersten Mal hören solltest, wie groß diese Kugel sei. Denn der Durchmesser der Erde beträgt in gerader Linie von einem Punkte der Oberfläche durch das Centrum hindurch zum an dern Punkt 1720 deutsche Meilen. Der Umkreis der Kugel beträgt 5400 deutsche Meilen, ihre Oberfläche über 9,000,000197 Quadratmeilen; und davon sind zwei Dritttheile Wasser, und ein Dritttheil Land. Ihre ganze Masse aber beträgt mehr als 2,662^000,000 Meilen im Klaftermaß. Das haben die Ge lehrten mit großer Genauigkeit ausgemessen und ausgerechnet, und sprechen davon, wie von einer gemeinen Sache. Aber Niemand kann die göttliche Allmacht begreifen, welche diese große Kugel schwebend in der unsichtbaren Hand trägt, und jedem Pflänzlein daraus seinen Thau und sein Gedeihen gibt, und jedem Kindlein, das geboren wird, einen lebendigen Odem in die Nase. Man rechnet, daß 1,000^000,000 Menschen zu gleicher Zeit auf der Erde leben,. und bei dem lieben Gott in die Kost gehen, ohne das Gethier. Erfindungen. Im Anfänge waren die Menschen Jäger und Hirten. Ihr könnt euch nun wohl denken, liebe Kinder, daß der Mensch weder bei der wilden Lebensart des Jägers, noch bei dem steten Umherziehen des Hirten Ruhe hatte, seine ihm von Gott gegebenen mannigfaltigen großen und schönen Anlagen zu entwickeln. Erst mit der Erfindung des Ackerbaues fängt die Ausbildung des Menschengeschlechtes an. Man sah, wie der reife Same, wenn er in lockere Erde fällt, aufgeht; man sammelte also von dem Roggen, der Gerste, dem Weizen u. s. w. den Samen und versuchte die Erde zu lockern, um ihn einstreuen zu können. Jndeß war der erste Anfang des Ackerbaues sehr unvollkommen. Psiug, Egge, Sichel und die übrigen Werkzeuge, die wir jetzt gebrauchen, wurden nicht sogleich erfunden, so wie auch noch jetzt viele Völker sie nicht haben, sondern mit geschärften Steinen, zugespitzten Stöcken u. s.w. graben. Aber auch selbst unsere Ackergeräthe könnten wohl noch besser sein, als sie sind. Anfangs aß man die Getreide körner roh, dann erweichte man sie in Wasser und kochte sie zu Brei, oder aß sie geröstet. Dann zerstieß man sie in hohlen Steinen. Eine sehr wichtige Erfindung war die Er findung der Mühlen, um Mehl zu bekommen. Zuerst hatte man Handmühlen, wie die jetzigen Kaffeemühlen; die Wasser mühlen waren vor 1800 Jahren kaum erfunden; Windmühlen hat man erst seit 500 Jahren. Durch die Entdeckung, sich Feuer machen zu können, kam man zum Kochen und Braten der Speisen, zum Schmelzen und Bearbeiten der Metalle, zum Brennen der Ziegelsteine. — Ein schwimmender Baumstamm brachte die Menschen auf den Gedanken, auf dem Wasser erst auf zusammengebundenen Baumstämmen, dann in ausgehöhlten198 Bäumen zu fahren, bis man endlich Kähne und Schiffe nach und nach zusammensctzte. Auf dem Meere, wo man nichts als Himmel und Master sieht, richteten sich die Leute nach den Sternen, bis man vor 500 Jahren die Magnetnadel kennen lernte, und nun auch bei bedecktem Himmel den Weg findet. Zuerst tauschte man unter einander mit dem, was man hatte, gegen das, was man haben wollte; daraus entstand der Handel, und uni diesen bequemer führen zu können, kam das Geld auf. Dazu benutzte man Anfangs Leder, Muscheln und stpäter Gold, Silber, Kupfer, Eisen, das man zuerst zuwog, bis man es in bestimmte Stücke ausprägte. In Deutschland kennt man erst seit 1000 Jahren Geld. Man rechnete nach Groschen, entweder Silbergroschen oder Goldgroschen. Letztere wurden viel in Joachimsthal in Böhmen geprägt, daher hießen sie Joachims- thaler, woraus abgekürzt das Wort Thaler entstand. (Lies die Artikel: Glas, Schrift und Druck, Telegraph und Wasser dampf.) Esel. Der Esel ist ein naher Verwandter des Pferdes und das ist sein Unglück. Denn weil wir ihn immer nnt seinem vornehmen Herrn Vetter vergleichen, und finden, daß er diesem weder an Schönheit noch an Geistesgaben gleichkommt, so verachten wir ihn und nennen ihn dumm. Damit thun wir ihm aber unrecht. Er ist kein Pferd und soll auch keines sein, sondern ein Esel, und wenn wir ihn als solchen betrachten, so werden wir gestehen müssen, daß er trotz der langen Ohren und trotz des kahlen Schwanzes mit dem Haarbüschel unten, doch ein recht wohlgebildetes und nützliches Thier ist. Zum Reiten, besonders auf Reisen im Gebirge, ist er sehr gut zu brauchen. Nennt man aber einen Menschen, — vergleichungs weise, — einen Esel so nimmt er's gar sehr übel. Wäs ist das?: — Ich steck' verborgen dir in Nesseln Und bin ein gar geduldig Thier, Ich zieh' das Wäglein trotz ven Rösteln; ' Du gibst mir schlechten Lohn dafür. — Das ist der Mosjö (Monsieur) Langohr, auf gut deutsch Esel, auf lateinisch asinus genannt. Damit ihr aber unstet, wie der Esel in den Nesseln steckt, so muß ich euch sagen: Schreibt Nesseln ans euer Täfelchen und streicht oder wischt199 Laim den ersten, Mittlern und letzten der sieben Buchstaben weg, und was übrig bleibt heißt Esel. Von deni gibt es aber doch nicht viel zu sagen, werdet ihr meinen, als höchstens, daß er aussieht wie ein schlechtes, kleines, trauriges Rößlein und sich nur durch sein dummes Gesicht, seine langen Ohren, seine Farbe und seinen Eselsschweif davon unterscheidet. Aber haltet ein, denkt mir nicht so übel von unserni guten Esel! Er ist nicht gar so zu verachten, wie ihr meinet. Bei uns, wo er sogar schlecht gehalten und behandelt wird, ist er freilich sehr unansehnlich und hat viele Eigenschaften, die ihm nicht zum Ruhme dienen; aber im Mor genlande ist er viel schöner und ansehnlicher, dort ist er hurtig — bei uns langsam, dort ist er lebhaft — bei uns trag, dort ist er klug — bei uns dumm und eigensinnig, dort ist er muthig — bei uns widerspenstig und dabei auch geduldig bei Prügeln und Hieben. Im Morgenlande ist er wirklich ein historisches Thier, das heißt, es wird in der Geschichte der ältesten Zeit schon seiner erwähnet und er wurde auch im Kriege gebraucht. Ihr werdet z. B. selbst schon gelesen haben, wie der böse Königs sohn Absolon auf einem Maulthiere, das auch ,so ein Herr Veter vom Esel ist, geritten ist, als er mit seinem schönen Haarschopf an der Eiche hängen blieb. Aber auch unser Esel, wenn er gleich nicht so schön und vornehm ist, wie sein Mit esel im Morgenlande, ist dennoch nicht zu verachten. Er ist nicht gar so dumm als er aussieht. Hat er einen Weg nur ein einziges Mal gemacht, so findet er ihn sicher wieder, ohne daß man ihn führt. Till Eulenspiegel hat, wie scherzweise er zählt wird, seinem Es el sogar lesen gelehrt. Er machte es so: Zn ein großes Buch streute er Haberkörner zwischen die Blätter und legte es dem Esel vor. Der sing an, bedächtig herum- zublüttern und wenn er lange kein Körnlein darin fand, schrie er ia ia. Als dieses Kunststück eingeübt war, legte er die Probe davon vor mehreren Professoren ab. Nun, wenn dieß auch nur Spaß ist, so meine ich doch, man thut dem Esel sehr unrecht, wenn man ihn dumm heißt; denn so dumm als der Ochs und das Schaf ist er ja doch nicht. *Aber eigensinnig ist er, und es kostet Mühe und harte Prügel, ihn davon ab zubringen, wenn er etwas will oder nicht will. Hierin meine Kinder, dürft ihr ihm ja nicht nachahmen. Aber in manchen andern Eigenschaften dürft ihr von ihm lernen. Er schickt sich mit Geduld in alle liebet und Unannehmlichkeiten. Wenn die200 Last ihn beinahe erdrückt, trägt er sie doch unverdrossen fort. Seine Langsamkeit kömmt oft nur, wenn man so sagen darf, von seiner Bedächtigkeit her. Es ist, als wollte er bei jedem Schritte sicher sein. Man darf sich seinem Rücken auch unbe sorgt auf den gefährlichsten Wegen anvertrauen; denn er strauchelt nicht leicht. Doch will er dabei immer gescheidter sein als sein Reiter und geht seine eigenen Wege. Der Esel muß sich auch gar zw- vielen Sprichwörtern hergeben. (Lo z. B. sagt man: „Wenn dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis und tanzt und bricht sich ein Bein." „Man führt den Esel nur einmal über's Eis." Von einem Menschen, der wenig Verstand, aber desto mehr Hoffart hat, sagt man auch: „Er ist ein hoffärtiger Esel." Dieß kommt vielleicht von dieser Anekdote: Ein Esel trug Heiligthümer, und als er sah, daß die Leute sich vor ihm ehr fürchtig neigten, war er stolz darauf, denn er meinte, diese Ehre gelte ihm. Er hob daher den Kopf höher auf und machte eine vornehme Miene. Als ihm die Last aber wieder abge nommen war, war's auch aus mit der Ehrfurcht der Leute und er war seiner Hoffart wegen zum Gespötte. Ueber den Esel wurde ebenso auch viel gedichtet und manche Fabel von ihm erzählt. Eine soll hier folgen: Ein Esel merkte, daß sein Herr von einem Hündlein gar sehr geschmeichelt und liebkoset wurde und wie dann das kleine Thier immer gute Bissen dafür bekam. Da dachte er, das kann ich auch. Alsbald fing er an, es dem Hündlein nachzu machen, an dem Herrn aufzuspringen, ihn abzulecken, mit dem Schweife zu wedeln u. dgl. Der Herr aber nannte dieß, so zart es der Esel auch machen wollte, einen groben Spaß, und rief seinen Knechten, die den liebkosenden Esel mit Prügeln wegtrieben. Aus dieser Fabel lernen wir, daß wir hübsch bei unserm Stande bleiben und nicht mehr uns einbilden sollen, als wir wirklich sind. Esel hat es in Europa schon etliche gegeben, die sehr berühmt geworden und zu großem Ansehen gekommen sind. Und dieses hat der Esel eines Hauptmanns in Malta wirklich verdient;. denn dieser Esel gehört zu den merkwürdigsten rei senden Eseln unsers Zeitalters und lebt vielleicht noch heute in großen Ehren. Derselbe war nämlich einmal an Bord einer Fregatte in Gibraltar eingeschifft worden, um zu seinem201 Herrn nach Malta gebracht zu werden. Aber das Schiff stieß auf eine Sandbank, und der Esel wurde, weil er wohlbeleibt und schwer war, in's Meer geworfen, daß er, wo möglich, sein Heil mit Schwimmen versuchen möchte. Und siehe da, nach etlichen Tagen, als man die Thore in Gibraltar aufthat, kam unser Esel herein, und stellte sich vor seinen bekannten Stall hin, in welchem er einige Zeit in Kost und Logis*) gewesen. Der scharfsinnige Langohr hatte in wenigen Tagen einen ihm vorher ganz unbekannten Weg von mehr als 50 Stunden über Berg und Thal und manchen Gebirgsstrom hinüber ge macht, um seinen alten Stall, in dem es ihm wohlgegangen, wieder aufzusuchen, — und zwar in einem Lande, wo man nicht einmal sein ehrliches deutsches „Ja" verstand, und er also keinen Menschen um den Weg fragen konnte. Ueberhaupt sind die Esel schon in Frankreich und Italien und durchgängig in den wärmeren Ländern viel feinere Thiere als bei uns. Denn sie können die Kälte'nicht ertragen, und scheinen daher bei uns, wo es kalt ist, so trag und dumm, während sie in warmen Ländern gar munter und klug sind. Auch werden sie dort besser gepflegt. Bei uns wendet man große Sorgfalt und vielen Unterricht auf die Pferde; der Esel dagegen wird den Knitteln ungeschliffener Knechte und dem ge schäftigen Muthwillen der Kinder überlassen. Er frißt die schlechtesten Pflanzen, die das stolze Pferd nicht anrührt; im Trinken aber nimmt er es etwas genauer; denn er säuft nur klares Wasser. Auch verlangt er einen trockenen, reinlichen Stall. Weil man sich selten Zeit läßt, ihn ZU striegeln, so wälzt er sich oft in Disteln und Farrenkräutern, um sich selber diesen Dienst zu leisten. Dieß thut er auch dann, wenn er beladen ist, wodurch er sich freilich manche Züchtigung zuzieht. In seiner ersten Jugend ist der Esel ungemein lustig und drollig; aber es dauert nicht lange, so stellt sich seine traurige Schwerfälligkeit ein. Ueber seinen Rücken und die Schultern läuft ein schwarzer Strich in Form eines Kreuzes. Sein Ge sicht ist scharf, noch schärfer sein Geruch und Gehör. Legt man ihm zu viel auf, so hängt er den schweren Kopf und die langen, schlaffen Ohren. Quält man ihn, so zieht er seine Lippen auf eine höchst widrige Weise einwärts. Hält man ihm die Augen zu, so bleibt er unbeweglich. Wenn er daher so liegt, daß das eine Auge die Erde berührt, und man bedeckt : ) Sprich: Löschte (d. i. Wohnung).202 ihm das aridere mit einem Holz oder Stein, so regt er sich nicht. Unter allen haarigen Thieren hat keines weniger von Ungezieser auszustehen; die harte, trockene Hant scheint ihm gegen dasselbe eben so nützlich als gegen Schläge zu sein. Sein Schlaf ist noch kürzer als der Schlaf des Pferdes; und er muß sehr müde sein, wenn er sich dazu niederlegt. Die schönsten und kostbarsten Esel findet man in Arabien. Der Gang des Esels ist langsam, aber sicher; daher nimmt man ihn gern zu Gebirgsreisen. Die Milch wird als Heilmittel für die Schwindsucht empfohlen. Doch muß man dazu eine junge, gesunde Eselin wählen, sie reinlich halten, und mit Heu, Haber, Gerste und Kräutern gut füttern, das Junge von ihr entfernen, auch die Milch weder kalt werden lassen, noch der Luft aus setzen. — Die Dicke und Spannkraft der Eselshant macht dieselbe sehr brauchbar. Man verfertigt daraus Siebe, Trom meln, Schuhe, Pergament re. Die Türken machen aus der selben den sogenannten Chagrin, mit welchem man Sacknhren, Degenscheiden, Schreibtafeln, Futterale u. dgl. überzieht. Der wilde Esel (Kulan genannt) ist schlank und hurtig und läßt sich schwer zähmen. Die Jagd dieser Thiere hat der jüdische König Her ödes jeder andern vorgezogen und, wie Josephus erzählt) etnmaT an einem einzigen Tage 40 erlegt. — * * * Esel, ein Räthsel, rath einmal: Es ist ein Thier gar grau und fahl, Hat kurzen Verstand und Ohren lang, Schreit Pa und schleicht mit trägem Gang. — Nein, Knabe, das ist mir zu schwer und fein. Was mag das für ein Thierchen sein? Da rief ihm der Knabe mir Lachen zu: Ei schäme dich, Esel, das bist du. Er hört es; doch könnt' er's noch nicht fassen. Da hat ihn der Knabe im Zorn verlassen. Warum auch hat er nicht d'ran gedacht? Der Esel ist nicht zum Rathen gemacht. Des Esels Klage und Troß. Hab nichts, mich d'ran zu freuen, Bin dumm und ungestalt, Ohne Muth und ohne Gewalt.203 Mein spotten und mich scheuen, Die Menschen jung und alt; Bin weder warm noch kalt Hab nicht's, mich d'ran zu freuen, Bin dumm und ungestalt Muß Stroh und Disteln kauen, Werk? unter Säcken alt. Ach die Natur schuf mich im Grimme! Sie gab mir nichts — als eine schöne Stimme. Cirle. Kind. O du sonderbares Thier, warum gebehr- dest du dich so albern? Ich glaube gar, du willst mir ein Kompliment machen. Fast möchte ich lachen, wenn ich mich nicht vor dir fürchtete. Eule. Tu hast mich in meiner Tagesruhe gestört, darum bin ich unwillig und verdrießlich, lüpfe meine Flügel, nicke mit dem Kopf, knacke mit dem Schnabel, sträube die Federn, blase, schnaube und zische. Das thut mein ganzes Geschlecht eben so, wie ich, wenn uns am Tage ein Mensch nahe kommt; dannt wollen wir euch erschrecken und forttreiben. K. Du schläfst also wohl am Tage, und wachst bei der Nacht? E. Ei freilich. Meine Augen können das Licht der Sonne nicht vertragen; nur im Finstern ist mir wohl, die Tageshelle ist mir verdrießlich, auch schon darum, weil mich alle Vögel verfolgen und necken, wenn ich mich am Tage sehen lasse. Erst wenn es finster wird, dann wache ich auf aus meinem Schlummer, und gehe auf Raub aus. Darum nennt mich dein Geschlecht einen Nachtraubvogel. K. Wenn dir aber die Finsternis; so lieb ist, wo hältst du dich denn am Tage ans? E. Wo ich mich aufhalte? Am liebsten in alten, verfal lenen Schlössern, auf den Böden und Thürmen der Kirchen, in Kirchhöfen und gemauerten Grüften, da bin ich gerne; da gefällt es mir. K. Du bist ein unheimliches Thier! Magst nur hu Fin stern sein, und wohnst gar auf Kirchhöfen und in Gräbern. Ich glaube es wohl, daß dich die andern Vögel verfolgen, und dir allen Schabernack anthun. Aber sprich, wie nennt man dich? E. Ich habe zwei Namen. Man nennt mich die Perl- enle von den weißen Flecken, die du aus meinen Federn siehst.204 Andere nennen mich die Schleiereule, weil die Federn um meine Augen so anssehen, als hätte ich einen Schleier vor dem Gesicht. K. Hast du denn auch eine Stimme, wie ein' anderer Vogel? E. Kind, ich habe eine klägliche Stimme und schnarche, wie die Menschen schnarchen, wenn sie im tiefen Schlaf liegen. Wenn man mich dann auf einem Kirchhof so schnarchen und kläglich thun hört, so meinen furchtsame und abergläubige Leute, es wolle ein Todter aufwachen, oder gar es gehe ein Gespenst um. Das ist aber nur Einbildung. K. Hört man dich aber denn nicht herumstiegen, da wüßte man ja gleich, daß du ein Vogel und kein Gespenst bist? E. Nein, mein Kind, meine Federn sind so weich wie Seide, und daher ist mein Flug so leise, daß man mich nicht hört. Laß dir erzählen. Einmal ging ein Mann über den Kirchhof, der hatte eine Perücke auf dem Kopf. Ich stiege ge rade herum, erwische die Perücke mit meinem krummen Schna bel, und trage sie in mein Nest auf den Kirchenthurm, damit meine Eier und Jungen warm liegen möchten. Der Mann aber, der mich nicht stiegen hörte, meinte, ein Gespenst habe ihm seine Perücke genommen. Aber was thut ein Gespenst mit einer Perücke? Nicht lange daraus machten Maurer etwas am Thurme, fanden mein Nest und zogen die Perücke heraus. Da wurde der Mann recht ausgelacht, daß er mich für ein Ge spenst gehalten hatte. K. Es ist wahr, ein Gespenst bist du nicht, aber ein unheimliches Thier bist du doch. Gibt es denn noch mehr solche Kauze auf der Welt, wie du bist? E. Ei ja wohl. Ich habe allerlei Verwandte. Einen recht großen habe ich, den man von seiner schauerlichen Stimme den Uhu nennt. Der ist so groß wie ein Adler, hat große Feueraugen, einen krummen Schnabel und gewaltige Krallen. Er wohnt in großen, dicken Wäldern, wo es recht alte Bäume, verfallene Schlösser und Felsen gibt, und schreit: hu hu puhu puhu; das lautet in der finstern, stillen Nacht gar schauerlich. Dazwischen jauchzt er wie ein gemeiner Mensch und bellt wie ein Hund. Er ist ein gewaltiger Nachträuber, der nicht bloß Mäuse und Ratten, sondern auch Igel, Hasen und junge Rehe umbringt, und mit Haut und Haaren und Stacheln verschlingt. K. Jetzt höre auf, fonst halte ich meine Ohren zu. Du kannst mir mit deinem ganzen Geschlechte vom Halse bleiben.205 Europa. Einer von den fünf Theilen der Erde, der sehr viele Länder in sich begreift. Auch unser Vaterland Deutsch land (Bayern) ist ein kleiner Theil Europas. Wir sind also Europäer. Europa ist zwar der kleinste, aber doch der wichtigste Erd theil, denn er ist am besten angebaut, und f eine Bewohner sind durch Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu Herren über den größten Theil der übrigen Erde geworden. In Europa sind 4 Kaiserthümer, 16 Königreiche, mehre Freistaaten, und eine Menge Herzog- und Fürstenthümer. Man schätzt die Zahl der Einwohner auf 266 Millionen, von denen sich 255 Millionen zur christlichen Religion bekennen. Reise durch Europa. Albin, Beda, Hugo und Emil, junge Reisende. Franz, Karl, Max und Paul, Schulknaben. Albin. Wohl kann der Mann, der Land und Meer Durchzogen, viel erzählen! Wir reisten hin, wir reis'ten her, Und wollen's nicht verhehlen. Franz. Ei, das ist schön, erzählt uns denn Von Portugal und Spanien! Hugo. Mit Staunen sah'n wir Lissabon An Tajos Ufern prangen, Und von der Berge Himmelskroiü Madrid so stolz umfangen. Paul. Ist von dem schönen, warmen Land Euch Reisenden sonst nichts bekannt? Beda. Das warme Land prangt immerfort Im bunten Blumenkleide, Und Schafe gibt's im Norden dort Mit Wolle, fein, wie Seide. Karl. Was habt in Frankreich ihr geseh'n, Als ihr kam't von den Pyrenä'n? Emil. Die große Hauptstadt heißt Paris, Das Land gleicht einem Paradies; Reich ist's an Korn, an Oel und Wein; Es könnte gar nicht schöner sein.206 Max. Nun woll'n wir uns von dort entfernen, Und von Britanien etwas lernen. Albin. Durch den Kanal von Calais bin Zur Themse ich gekommen, Hab' London, Edinburg, Dublin — In Augenschein genommen. Franz. Erzähle uns, du junger Mann, Was man da Alles sehen kann! Beda. Sehr große Schiffe ohne Zahl, Mit Schätzen dieser Erde, Viel Kunstprodukte, Zinn und Stahl, Die allerschönsten Pferde. Karl. Mein guter Freund, w s weißt du denn Von Holland und von Belgien? Emil. Die schönste Leinw nd kommt daher, Und Käs' für nns're Tische, Auch bringt der Schiffer aus dem Meer, Viel Häring' und 'Stockfische. Max. Vom Schweizerland hör'n wir auch geru, Von Zürich, Bern und von Luzern! Hugo. Dort, nah bei ew'gem Eis und Schnee, Erblicket man mit Freuden Die schönsten Thäler, reich an Klee, Und hohe Alpeuweiden. Karl. Kennst auch Italien, das Land Am Arno- und am Tiberstrand? Albin. Kein schön'res, reich'res Land bescheint Der Sonne gold'ner Schimmer; Des Sommers Fülle glänzt vereint Mit Frühlingspracht dort immer. Karl. Sag', was dort blühet und gedeiht, Wo der Vesuv sein Feuer speit!Albin. Oliven, Feigen blühen hier In schönem, bunten Glanze, Und in den Wäldern sehen wir Zitron' und Pommeranze. Paul. Wollt ihr nun nicht auch was von Schweden Und von Norwegen mit uns reden? Hugo. Dort sieht es freilich anders aus, Im Land der Seen und Wälder; Zehn Monat lang, es ist ein Graus, Deckt Schnee die magern Felder! Max. Da friert uns Alle gar zu stark; Nach Preußen fort, und Dänemark! Emil. Die Bienenzucht treibt Preußen stark, Auch Bernstein wird gefunden; Recht gute Pferd hat Dänemark Nebst ungeheuren Hunden. Albin. Auch könnte man von Kopenhagen Und Königsberg noch manches sagen. Beda. Dann ging's in's Ungarnland hinein; Da gibt es schnelle Pferde, Bei Kremnitz Gold, bei Tokai Wein Und rings fruchtbare Erde. ■ Paul. Wohin ging dann die Reis' von dort, Kam't ihr nicht weiter gegen Nord? Hugo. O ja, in's kalte, rauhe Land Der Russen oder Reußen, Wo sich das schönste Pelzwerk fand, Viel Holz und vieles Eisen. Karl. Die Russen sind uns schon bekannt; Fort in das Ottomanenland! Beda. Dort traf ich Leute eig'ner Art, Mit langem, breitem Kleide, Mit großem Turban, langem Bart Und Säbel an der Seite.208 Franz. Ja, das war'n Türken, kleiner Mann, Gib nun auch ihre Hauptstadt an! Beda. Constantinopel heißt die Stadt, Die Constantin gegründet; Den Halbmond man an Kreuzes Statt Auf den Moscheen findet. Max. War eure Reise nun vorbei, Als ihr gesehen die Türkei? Emil. O nein, dann ging's nach Griechenland, (Regiert durch weise Güte) ; Athen, als Hauptstadt euch bekannt, Entfaltet neue Blüthe. Karl. Gottlob, die Griechen sind jetzt doch Befreiet von der Türken Joch! Alb in. Wir fuhren dann von Griechenland Durch's mittelländ'sche Meer, Wo unser Blick mit Freuden fand Manch schönes Jnfelheer. Beda. Morea, Rhodus, Candia, Zant', Korfu, Cephalonia. Hugo. Und Malta und Sicilien, Das Königreich Mallorca, Corsika und Sardinien, Das Jnselein Minorca. Paul. Das kalte Island ließt ihr aus, Und kehrtet dann zu uns nach Haus? Alb in. Ja wohl! in's theure Vaterland, Nach Deutschland, liebe Leute, Doch dieß ist euch ja schon bekannt, D'rum schließen wir's für heute Mit dem, wenn ihr es noch nicht wiß't, Daß es gar nirgends besser ist.209 Fabel. Lieber Eduard! Du hast gewiß schon etwas von solchen Erzählungen gehört, die man — um Kindern irgend eine gute Lehre klar und anschaulich zu machen — nur so er dichtet und deßwegen Fabel nennt. Denk' Dir, in der Fabel werden Thiere, Bäume rc., die nicht wie Menschen denken, fühlen, reden und handeln können, so vorgestellt, als konnten sie es. Die Fabeln, worin die Thiere reden und handeln, als wenn sie Menschen wären, sind keine unnützen Erzählungen. Man lernt da von den unvernünftigen Thieren, was man eigentlich von vernünftigen Menschen lernen sollte. Es gibt aber auch Fabeln , welche von Menschen handelt:. Man sieht es ihnen aber gleich an, daß sich die Begebenheit nicht so zu getragen hat, wie sie dasteht, sondern nur zur Belehrung er funden ist. Hier hast du ein paar Fabeln: 1. Die alte und die junge Ziege. „Kind", sprach die alte Mutter Geiß, „Ach, liebes Kind, geh nicht auf's Eis, Du könntest sonst ein Beinchen brechen." „Wie könnt ihr doch so albern sprechen? Bin alt genug, werd' schon behutsam sein; Man ist jetzt klüger, als vor Zeiten!" — „Nun, nun, ich will nicht mit dir streiten; So geh' denn, liebes Geißelein." Es ging — und fiel und — brach ein Bein! — Ungehorsam bestraft sich selbst. — 2. Der Stösser und der Landmann. Während der Stösser eine Taube verfolgte, gerieth er in's Netz. „Schonung!" rief er, als ihn der Landmann würgen wollte; „denn ich habe dir nichts zu Leide gethan." „Es hatte aber auch diese dir nichts zu Leide gethan," war die Antwort. Wer Schuldlosen das Leben zu nehmen sucht, kommt billig selbst darum. KUider-Conversations-Lexikon. 14210 3. Der Hirsch und die Fliege. " Jüngst lagerte sich eine Fliege auf eines Hirsch's Geweih; „Wenn ich zu lästig auf dir liege," Sprach sie, „so rede frei!" — „Ei, sieh doch!" rief der Hirsch, „mein Liebchen, Bist du auch in der Welt?" — So geht es manchem stolzen Bübchen, Das sich für wichtig hält. — 4. Der Wind und die Sonne. Wind und Sonne stritten sich, wer von ihnen am mächtig sten sei. Ein Wanderer, in seinen Mantel gehüllt, ging eben des Weges/ — „Wer von uns vermag diesem am schnellsten den Mantel vom Leibe zu bringen?" rief der Wind der Sonne zu. — „Es gilt den Versuch!" versetzte diese; und sogleich blies der Wind mit vollen Backen auf den Wanderer los;' aber nur desto fester wickelte sich dieser in seinen Mantel. Nun machte die Sonne einen Versuch mit ihren warmen und wohlthuenden Strahlen. Nicht lange, so nahm der Wanderer von selbst den Mantel ab und trug ihn unter dem Arme. Die menschliche Milde und Wohlthätigkeit richtet gewöhn lich mehr aus, als der Zorn. Fackel. Die Fackeln werden bei der Nacht von Fuhr leuten, Boten, bei Leichenzügen, Nachtmusiken und andern sol chen Gelegenheiten gebraucht. Es gibt Pechfackeln, die der Seilermeister, und Wachsfackeln, die der Kerzengießer oder Wachsarbeiter verfertiget. Der Seiler umwindet einen Bund dünner, schmaler Holzschleißen mit Werg und übergießt es mit siedendem Pech, das er in einem Kessel über Kohlen stehen hat. Da das Wachs viel theurer ist, als das Pech, so kommen auch die Wachssackeln viel höher als die Pechfackeln. FaH. Dieß macht der Küfer oder Büttner. Es mag nun ein Wein- oder Bierfaß, ein Essig- oder Branntweinfaß sein, auf jeden Fall hat es ein Spund - und ein Zapfen loch. Warum wohl dieß? Ihr werdet wohl gleich mit euern schlauen Köpfchen errathen, daß durch das Zapfenloch der Wein, das Bier, der Essig, der Branntwein abgelassen wird, das aber nur läuft, wenn das Spundloch geöffnet ist. Wirk-211 lich ist es so! Die Brettchen, aus denen das Faß zusammen gesetzt ist, heißen Dauben. Faulthier, auch A i genannt, sieht dem Affen am ähn lichsten und hat, wie der Kukuk, seinen Namen von seinem Ge schrei; er schreit: ai — ai. — Das Faulthier ist wegen seiner Faulheit aus der ganzen Welt berühmt. In einer Viertelstunde geht ein Mensch mit Gemächlichkeit weiter, als der Ai in einem ganzen Tage. Er kommt aber auch wenig ans den Boden, sondern bringt sein Leben größtentheils auf den Bäumen zu, deren Laub er abfrißt. Hat er eineu Ast kahk gemacht, so kehrt er so langsam rückwärts, um wieder auf eiueu andern zu kommen, daß er darüber verhungern würde, wenn ihm nicht die Natur die Gabe des Hungerleidens in einem sehr hohen Grade verliehen hätte. Vom Baume herabzukommen macht er kürzern Prozeß. Er rollt sich zusammen und purzelt herab. — Du abscheulicher Fauler! Auch unter den Büblein, welche in die Schule gehen, gibt es gar manchen solchen Faulpelz, der durch seine Faulheit auf der Welt berühmt werden will. Es ist aber ein schlechter Ruhm, und das Faulthier ist dazu da, daß du sehen könntest, was ein fauler Mensch für ein häßliches Ding ist. Dagegen gibt es in der weiten Schöpfung gar mancherlei Thierchen, an welchen du hinwiederum sehen kannst, was es um den Fleiß Schönes ist. Lies in diesem Buche nach: die Ameise und die Biene. Februsr. Habt ihrs schon bemerkt, daß die Tage länger und — die Nächte kürzer werden? Habt ihr schon beobachtet, wie die Winde mit dem Schneegestöber ihren Spaß treiben und den Schnee hin und her sagen? Und wie groß das Wasser überall wird? Das Eis macht sich los und schwimmt fort; daher die vielen Eisschollen. Federn. Lieber Philipp! Die Vögel sind nicht in Haare, sondern in Federn gekleidet. Warum? Weil ein Kleid von Federn noch leichter ist, als ein Kleid von Haaren. Die Vögel brauchen aber darum eine Kleidung, an der sie nicht schwer zu tragen haben, weil sie ihre meiste Zeit in der Lust zubringen. Betrachtest Du irgend einen Vogel, so wirst Du sindeu, daß nicht eine Feder so lang und stark ist, wie die andere. Und nun sage mir, wo hat z. B. die Gans die längsten und stärksten Federn? Wie nennt man sie? Und warum nennt man 14 *212 sie Schwungfedern? Alle anderen Federn, mit denen der Leib des Vogels wie mit einem Ueberrock bedeckt ist, sind kürzer und schwächer. Aber wie überaus zierlich und schön liegen diese Federn übereinander! Die Vögel sind auch sehr sorgfältig, ihren Uoberrock rein und zierlich zu erhalten, und wenn er unordent lich ist, so bringen sie ihn sogleich mit ihrem Schnabel in Ord nung. Daran kannst Du Dir schon ein Beispiel nehmen. Rupft man nun aber einem tobten Vogel die größern Federn aus, so bleiben noch eine Menge ganz kurze und zarte Federn stehen, welche einer weißen Wolle gleich sehen, und dem Vogel zu einem warmen Unterrock dienen. Man nennt sie die Flaumfedern. Eine Flaumfeder ist so zart und leicht, daß man sie mit einem leichten Hauch wegblasen kann, und daß sie lange in der Luft herumfliegt, bis sie aus die Erde fällt. Ohne das warme Unterkleid der Flaumfedern würde ein kleines Vögelein im Winter erfrieren. Je kälter das Land ist, in welchem ein Vogel lebt, desto weicher und dichter sind seine Flaumfedern. Die weichsten und wärmsten hat die Eiderente. Man nennt sie Eiderdunen. Nun nimm eine Feder in die Hand und betrachte sie. Sie besteht aus dem Kiel, dem Schaft und den Bärten; der Kiel ist hohl und daher sehr leicht; der Schaft ist zwar nicht hohl, aber mit einem trockenen Mark angefüllt. Zu beiden Seiten des Schaftes stehen die Bärte, welche aus Haaren be stehen, die so künstlich an einander gehäckelt sind, daß man meint, sie seien zusammengewachsen. Jede Feder ist etwas ein wärts gebogen, damit sie fest an den Leib anschließt. Wie schon gesagt, reinigen und ordnen die Vögel ihr Kleid mit dem Schnabel sorgfältig, so daß alle Federn immer zierlich über einander liegen, wie Du das an einem Canarienvogel oder einer Gans leicht sehen kannst. Wenn nun aber ein starker Regen kommt, so wird ja das Kleid der Vögel naß und schwer, so daß sie nicht mehr fliegen können! Dem ist aber nicht so. Du wirst die Schwalben auch bei einem Regen hoch in der Luft fliegen sehen, haben keinen Regenschirm und werden doch nicht naß. Woher kommt das? Das kommt daher, daß die Regentropfen nicht an ihren Federn hängen bleiben, sondern von ihnen Herunterrollen, wie von einem Wachstuch. Das geht aber so zu. Die Vögel haben am Schwanz zwei Bläschen, die mit einem fetten Saft, mit einem Oel gefüllt sind. Dieses Oel drücken sie mit ihrem Schnabel heraus, und reiben damit ihre Federn ein, so daß dieselben keinen Tropfen Wasser an-213 nehmen. Besonders große Oelbläschen haben die Schwimm vögel, also die Gänse, Enten n. a., weil sie ihre meiste Zeit im Wasser zubringen. Sie können sich baden und untertauchen, ohne daß sie naß werden. Schüttet man über eine Gans einen Eimer Wasser, so bleibt kein Tropfen an ihren Federn hängen. Das Federkleid der Vögel prangt oft in den prächtigsten Farben. Zwar hat der Rabe nur einen schwarzen, und die Gans nur einen weißen Rock an. Aber betrachte einmal den Schweif eines Pfaues, wenn er sein Rad schlägt, wie prachtvoll sind die Augen des Schweifes gezeichnet und gemalt! Betrachte die glänzende, mit Gold und Purpur reich gestickte Uniform des Goldfasans, die brennenden Farben der Papageien, das wundervoll schillernde Gelb, Roth, Grün und Blau der Kolibri, so wirst Du die Pracht und die Schönheit dieses Feder kleides nicht genug bewundern können. Dazu kommt noch, daß manche Vögel in der Jugend ein anderes Kleid haben als im Alter. Der Flamingo z. B. trägt in der Jugend ein weißes und im Alter ein rothes Kleid. Der Kampfhahn legt manches mal einen Halskragen an und setzt einen sonderbaren Feder busch auf. Den sonderbarsten Staat aber unter allen Vögeln machen die Paradiesvögel. Aber, sagst Du, wird denn das Kleid der Vögel nicht alt? Wenn ich meinen Rock einige Jahre trage, so wird er alt und garstig. Wie kommt es, daß die Vögel immer ein schönes Kleid anhaben? — Die Vögel, lieber Philipp, werden von dem Schöpfer jedes Jahr neu gekleidet. Ohne daß sie sich im Geringsten darum bekümmern, fallen ihnen während des Sommers die alten Federn aus, und neue wachsen ihnen dafür. Man sagt alsdann: die Vögel mausern sich. Während der Mauser zeit hören sie auf zu singen, und verbergen sich in den dicksten Gebüschen, bis ihnen ihr neuer Federrock ganz gewachsen ist. Wenn Du alles dieses, was ich Dir jetzt geschrieben habe, aufmerksam betrachtest, so wirst Du Dich nicht genug wundern können über die Sorgfalt, mit welcher der große Gott die kleinsten Geschöpfe bedenkt, so daß ihnen nichts fehlt, was sie zur Leibes- und Lebens-Rothdurft brauchen. Thut Er das den Vögeln, warum sollte Er es uns nicht thun, die wir besser sind, denn viel Sperlinge. Darum höre noch die Worte eines alten Dichters, der spricht: O sagt, ihr lieben Vögelein, wer ist's, der euch erhält?Wo fliegt ihr hin, wo kehrt ihr'ein, wenn Schnee im Winter fällt? Wo nehmt ihr eure Nahrung, so viel als ihr begehrt? Es zeigt ja die Erfahrung, daß Gott euch alle nährt. Ihr habt kein Feld, ihr habt kein Geld, nichts, was die Tasche füllt. Der Tannenbaum ist euer Zelt, trotz dems der euch was stiehlt. All euer Thun ist singen, stets lobt ihr Gott den Herrn, daß laut die Töne klingen, bis spät zum Abendstern. Ihr habt nicht Koch, nicht Keller, und seid so wohlgemuth! ihr trinkt nicht Muskateller, und habt so freudig Blut. Nichts haben, nichts begehren ist eure Liverei; ihr habt ein' guten Herren, der hält euch alle frei. — Gott sei mein Herz auch heimgestellt, was Er thut ist gethan. Wenn Sonn' und Mond vom Himmel fällt, Er ist's, der helfen kann. Was lebt auf Erd', in Lüften schwebt, was sich im Wasser rührt, Gott all mit einem Finger hebt, ohn' alle Müh' regiert. Kein Sperling von dem Dache fällt, von meinem Haupt kein Haar es sei denn, daß es ihn: gefällt, der ewig ist und war. Er ruft den Storch zu seiner Zeit, der Lerch' der Nachtigall, Er führ' uns all' zur Seligkeit, bewahr uns vor dem Fall. Feigen. Feigen, Kinder! — nicht wahr, sie sollten in großer Menge auch bei uns wachsen, damit ihr nicht so selten215 Feigen bekämet. Es kann aber nicht sein; denn der Feigen baum verlangt eine marme Gegend und sichern Schutz vor der Kälte des Winters. Italien ist das Land, das ich so gerne das wahre Feigenland nennen möchte. Es gewinnt jährlich so viel Feigen, daß es damit einen bedeutenden Handel treiben kann. Und wenn sich keine Gelegenheit zum Verkaufe -der Feigen dar bietet, — so mästet man die Schweine damit. Das werdet ihr gewiß bedauern. Feigenbaum und Pisang. Lehrer. Der Feigen baum muß ebenso gepflegt werden wie die Pomeranzen- und Citronenbäume, wenn er nicht erfrieren, sondern Früchte tragen soll. In Italien und in vielen Ländern am mittelländischen M^ere, auch in Spanien und Portugal und an einigen Orten in Frankreich und der Schweiz, wachsen die Feigenbäume auf freiem Felde, und werden daselbst auch viel größer als sie bei uns sind. Kinder. Sehen ihre Früchte auch so aus, wie bei uns, länglicht rund, erst grün, und dann violett? Lehrer. Ja, einige wohl, aber nicht alle; denn es gibt violette und weiße, runde und längliche, kleine und große Feigen. Kinder. Kann man alle essen? Lehrer. Ja, meine Lieben, sie sind alle gut und ge sund, ob sie gleich auf Bäumen wachsen, deren Milch oder Saft giftig ist. — Sie werden getrocknet hundert und tausend weise in Kisten gelegt, und darin fast durch die ganze Welt verschickt. — Es gibt auch in Deutschland Feigenbäume, die Sommer und Winter in der freien Luft im Garten stehen, und recht sehr schöne Früchte tragen. —' In Aegypten und in Palästina gibt es gewisse Arten von Feigenbäumen, die so dick und hoch wie große Apfelbäume sind, und auch sehr große Früchte tragen. — Die sonderbarste Art von Feigen bäumen aber gibt es wohl in Amerika. Stellt euch einmal vor, Kinder! Diese Feigenbäume haben fingerdicke grüne Blätter, die rings um den Stamm her sitzen, und daher immer eins aus dem andern, und die Feigen selbst aus den Blättern herauswachsen. Merkwürdig ist noch dieß, daß auf diesem sonderbaren Feigenbaum die sogenannten Cochenillwurmchen, von denen man die schönste rothe Farbe macht, leben und wohnen. — In Asien giht es eine gewisse Art BäuMe, die mehr einer216 reichen schilfigen Pflanze, als einem Baum ähnlich sind, und deren Stämme dicker als ein Mannsarm und zehn bis zwölf Ellen hoch, und krumm gebogen sind. Ihre Blätter sind fast eine Elle breit, und drei bis vier Ellen lang, hellgrün und dünn, und dienen den -Indianern zu Schüsseln und Tellern. Und weil es bei ihnen solche Blätter immer genug gibt, so nehmen sie zu jeder Mahlzeit wieder frische, und ersparen sich dadurch das Spülen und Reinigen. Sie bedienen sich dieser Blätter auch statt des Papiers und schreiben darauf. — Ihre reife Frucht ist fast eine Viertelelle lang, zwei bis drei Finger dick, dreieckig, gelbgrün, und schmeckt wie die beste italienische Feige. Man nennt diesen wunderbaren Baum Pi sang. Feld. O du schönes Erdenfleckchen, wo der reiche Segen des Himmels in hohen, goldenen, reifen Aehren wallt! Unter Sang und Klang wird das reife Korn, das alle nährt, ab gesichelt, eingesammelt, in Garben zusammengebunden, auf den Wagen geladen und eingeführt in die hohe Scheune. Das gibt ein wahres Jubelfest für die fleißigen Landleute. Ein Dichter sagt von den Feldern: Auf unfern Feldern ist's gar schön; Grün sieht man im Lenze die Aussaat steh'n. Wie munter sie wächst und schoss't und blüht, So, daß man nur Lust und Freude sieht! Da geh' ich schauend oft hin und her, Das Feld durchstreif' ich kreuz und quer. Hoch über mir die Lerchen sich schwingen; Ich sehe sie kaum, und hör sie doch singen. Oft ruft der Kukuk vom Baume mir zu; Ich rufe dann: Kukuk wo steckst denn du? Vom Gebüsche locket die Nachtigall; Bald lustig, bald traurig verklinget der Schall. Die Wachtel im Grase ruft: Wack wack bawack;. Vom Sumpfe her tönet der Frösche Quaquack. Im Busche locken die Finken: Pink, pink; Die Goldamern rufen: Trink, trink, trink.. Wie können mich Auen und-Felder erfreu'n; Wie mag ich so gerne im Freien doch sein. — Festung. So werden jene Städte und Bergschlösser genannt, welche mit festen Mauern und Wällen und sonstigen217 Befestigungswerken umschirmt, daher gegen beit Andrang eines feindlichen Kriegsheeres fest gemacht worden find, daß sie nur nach langer Zeit und mit vieler Anstrengung und Aufopferung von den Soldaten, die sie belagern eingenommen, d. i. erobert werden können. Was die Lage einer Festung betrifft, so ist es nöthig, daß sie von keinem Orte aus durch Kanonen be herrscht, d. i. beschossen werden kann. Wälle und Gräben, Bollwerke, Schießscharten, Brustwehren, Palisaden sind die Hauptsachen bei einer Festung. Feuer. Gelehrte Leute nennen Feuer, Luft, Erde und Wasser die vier Elemente und sagen, diese vier Dinge seien die Urbestandtheile aller Körper; und wir glaubens ihnen gern. Das Feuer, mit dem man vorsichtig umgehen muß, erleuchtet, erwärmt, brennt und verbrennt, kocht die Speisen und schmelzt die Metalle. Die Wilden bringen Feuer zu Stande, indem sie zwei Hölzer, ein weiches und ein hartes, anhaltend an ein ander reiben. Wir kriegen Feuer, wenn wir durch ein Brenn glas die Sonnenstrahlen auffangen. Gemeiniglich aber werden mit Hilfe des Stahls aus dem Feuerstein Funken hervorgelockt und mit dem Zunder in dem Feuerzeug aufgefangen. Hierauf wird ein Schweselholz hingehalten, womit nachher ein Licht an- gezündet wird. In neuester Zeit hat man erfunden auf ganz schnelle Weise Feuer zu erhalten. Was meine ich wohl, ihr Schlauköpfchen? Nicht wahr, die Zündhölzchen! — Ja aber, Kinder, vorsichtig muß man mit Zündhölzchen umgehen, da schon gar viel Unglück durch sie entstanden ist. — Leset recht aufmerksam folgendes Geschichtchen: Anton spielte eines Abends in der Küche, während seine Mutter das Nachtessen bereitete, mit Zündhölzchen. Er ent zündete die Hölzchen durch Reiben, und fand ein Vergnügen daran, sie brennend hin und her zu bewegen. Die Mutter verbot es ihm, weil leicht Funken davon irgendwohin fallen und zünden könnten. — Anton hörte auf. Aber kaum war die Mutter einen Augenblick aus der Küche gegangen, um etwas in dem Keller zu holen, so fing er sein gefährliches Spiel von Neuem an, und trieb es so lauge, bis er die Mutter wieder kommen hörte. Man aß nun zu Nacht, und ging dann schla fen. Aber von den brennenden Hölzchen, mit denen Anton ge spielt hatte, waren einige Funken auf die Seite neben den Herd gefallen, wo dürres Holz und Stroh lag. Dieses wurde da durch entzündet. Es gab eine kleine Gluth, dann ein kleines218 Flämmchen, und nach und nach ein so großes Feuer, daß in einigen Stunden schon das Haus brannte. Als der Nacht wächter gerade „Elf" rufen wollte, sah er die großen Flammen aus dem Hause schlagen. Er machte sogleich Lärm und weckte die Leute im Dorfe. Sehr bald kamen auch viele Leute zu sammen, um das Feuer zu löschen; aber es hatte schon so weit um sich gegriffen, daß man es nicht mehr löschen konnte. — Das Haus brannte ab, mit Allem, was es enthielt; kaum ret teten die Bewohner das Leben. — Feuersbrnnst. Meine Kinder! Das Feuer ist ein fürchterliches Element, welches Häuser, Dörfer und Städte in Asche legt. Darum sagt auch der weltberühmte Dichter Fr. Schiller in seinem Lied von der Glocke: Wohlthätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, Und was er bildet, was er schafft, Das dankt er dieser Himmelskraft; Doch furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft, ^ Einhertritt auf der eigenen Spur, Die freie Tochter der Natur. Wehe, wenn sie losgelassen, Wachsend ohne Widerstand, Durch die volkbelebten Gassen Wälzt den ungeheuren Brand! Denn die Elemente hassen Das Gebild der Menschenhand. Eine Feuersbrunst entsteht, wenn man mit Lichtern un vorsichtig umgeht; wenn der Blitz zündet; wenn der Krieg seine Flammen austheilt, oder wenn boshafte Menschen Feuer ein- legen. Wenn die Flamme in einem Hause ausgebrochen ist, so ertönt die Feuerglocke und Alles strömt zusammen, um den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen und das Feuer zu löschen. Die Feuer-Eimer oder Feuerkübel gehen von Hand zu Hand, die Spritzen werden mit Wasser ' gefüllt und die Feuerleitern angelegt, um die Habseligkeiten der Familie zu retten. Wenn das Haus nicht gerettet werden kann, so wird es mit Feuer hacken eingerissen. — Eine nächtliche Feuersbrunst schildert der obige Dichter so:Hört ihcks wimmern hoch vom Thurm Das ist Sturm! Roth, wie Blut, Ist der Himmel, Das ist nicht des Tages Glut! Welch Getümmel Straßen auf! Dgmpf wallt auf! Flackernd steigt die Feuerfäule, Durch der Straßen lauge Zeile, Wächst es fort mit Windeseile. Kochend, wie aus Ofens Rachen, Glüh'n die Lüfte, Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren, Thiere wimmern Unter Trümmern; Allet rennet, rettet, stüchtet, Taghell ist die Nacht gelichtet, Durch der Hände lange Kette Um die Wette Fliegt der Eimer, hoch im Bogen Spritzen Quellen Wasferwogen. Heulend kommt der Sturm geflogen, Der die Flamme brausend sucht. Prasselnd in die dürre Frucht Fällt sie in des Speichers Räume, In der Sparren dürre Bäume, Und, als wollte sie im Wehen Mit sich fort der -Erde Wucht Reißen in gewalt'ger Flucht, Wächst sie in des Himmels Höhen Riesengroß! Hoffnungslos Weicht der Mensch der Götterstärke, Müssig sieht er feine Werke Und bewundernd untergehen. Leergebrannt Ist die Stätte, Wilder Stürme rauhes Bette, In den öden Fensterhöhlen220 Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken schauen Hoch hinein. Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Sendet noch der Mensch zurück — Greift fröhlich dann zum Wanderstabe: Was Feuers Wuth ihm auch geraubt, Ein'süßer Trost ist ihm geblieben, Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und, sieh! ihm fehlt kein theures Haupt. Feuerberge. *) Ihr werdet begierig sein, von Bergen, aus welchen Feuer kommt, erzählen zu hören. Ich will eure Wißbegierde, so gut ich kann, befriedigen. Berge, die Feuer und Rauch ausspeien, gibt es aus unse rer Erde viele. In Europa merket euch den Aetna, den Vesuv und den Hekla, deren Namen ihr schon öfter gehört haben werdet. Diese Feuerspeier sind entweder spitzig wie ein Zucker- Hut oder rund wie eine Kuppel, und dabei so hoch, daß sie bis über die Wolken hinausreichen, und auf dem Gipfel mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind. Steigt man auf einen solchen Berg hinaus, so kommt man an ein rundes Loch, aus dem beständig ein heißer Dampf herausgeht. Rings um die ses Loch ist alles öde und schauerlich. Da sieht man nichts als schwarze Schlacken und dazwischen ganze Haufen von Sand und Asche. Denn diese merkwürdigen Berge werfen nicht bloß Feuer und Ranch, sondern auch ausgebrannten Sand, Asche und glühende Steine aus, ja es bricht zu Zeiten eine geschmol zene Feuermasse heraus, die wie ein feuriger Strom über den Berg herabfließt, und die Häuser, Gärten, Felder und Wiesen anzündet und gräulich verwüstet. Wenn diese geschmolzene Feuermasse, welche man Lava nennt, kalt und fest wird, dann sieht sie wie ein schwarzer Stein aus. Ehe aber der Berg den Lavastrom ausspeit, fängt bisweilen die Erde so arg zu zittern und zu beben an-, daß Städte und Dörfer Zusammen stürzen und viele tausetid Menschen ums Leben kommen. Da ist es schon geschehen, daß bei einem solchen Erdbeben eine ganze Stadt in einer Minute in Trümmer gefallen ist. Der ') Schlaget auf in diesem Buche: Vulkan.221 Erdboden bekommt große Risse, und verschlingt Menschen und Thiere bei lebendigem Leibe. Aus dem Berge aber steigt Feuer und Rauch hoch in die Luft, heiße Asche und heißer Sand fährt heraus, vermischt mit glühenden Steinen. Alles dieses geschieht unter beständigem Brüllen und Krachen, gleich, als wäre ein fürchterliches Donnerwetter im Berge. Dazu ziehen sich um den Berg dunkle Wetterwolken zusammen, und selbst am Tage wird es bisweilen so finster, daß man Licht anzünden muß. Der Sturmwind braus't und die Regengüsse rauschen. Blitze fahren aus den Wolken, daß man den Donner der Blitze und das Krachen des Berges gar nicht unterscheiden kann. Endlich unter dem Donner der Blitze, unter dem Krachen des Berges, unter dem Heulen des Sturmwindes, unter dem Rauschen der Regengüsse, unter Feuer, Rauch und Asche bricht die glühende Lava entweder oben, oder auch neben dem Berge heraus, prächtig anzusehen, wie ein Strom glühendes Eisen. Wehe der Stadt, auf welche sich der feurige Strom zuwälzt. Sie ist verloren. Hat der Berg diese glühende Lava von sich gegeben, so wird er ruhiger. Das Krachen wird von Tag zu Tag schwächer, die Wetterwolken zertheilen sich, und man sieht nun die gräuliche Verwüstung, welche das Erdbeben, die heiße Asche, der Platzregen und die glühende Lava angerichtet hat. Leset hierüber auch: Her- kulanum und Pompeji! Feuerstein. Man gebraucht jetzt gewöhnlich die so genannten Zündhölzchen, wenn man Feuer oder Licht machen will. Man streicht oder reibt die Hölzchen an einer trockenen, etwas rauhen Fläche, und dann entzündet sich der Stofs, der vornen an den Hölzchen angebracht ist. Hier entsteht also das Feuer durch Reibung, oder das Zündhölzchen brennt, wenn wir dasselbe reiben. Diese Manier Feuer zu machen, ist aller dings eine sehr bequeme, doch sind die Zündhölzchen auch sehr gefährlich. Wenn sie von der Sonne längere Zeit beschienen werden, oder wenn sie einige Zeit auf dem warmen Ofen lie gen, so entzünden sie sich von selbst und setzen andere brenn bare Gegenstände in ihrer Nähe, zum Beispiel Vorhänge, Klei dungsstücke, Papier u. s. w. in Brand, und veranlassen Feuers brünste. Oft haben auch schon Kinder durch Unvorsichtigkeit oder Muthwillen mit Zündhölzchen Scheuern und Häuser an- gezündet. — Bevor man Zündhölzchen hatte, bediente man sich fast durchgängig des Feuersteins und Schwammes zum Feueranmachen. Der Feuerstein ist eine Art Kieselstein, von222 Farbe ist er meistens braun und graugelb; er wird in größeren Massen gefunden und läßt sich mit dem Hammer leicht in klei nere Stücke zerklopfen, wie sie zum Feuerschlagen im Gebrauche sind. Der Feuerstein ist sehr hart und scharflantig, und diese Eigenschaften sind Ursache, daß er mit dem Stahle Feuer gibt. Auch die Feuerfunken dieser Art entstehen durch' Reibung, wie bei den Zündhölzchen. Der Stahl ist nämlich Eisen mit etwas Kohle; schlägt man nun mit dem Stahle an den harten, scharf kantigen Feuerstein, so entsteht dadurch eine sehr starke Reibung. Dadurch werden ganz kleine Theilchen des Stahles abgerieben und sortgesprüht; diese abgeriebenen, sprühenden Theilchen sind durch heftige Reibung glühend geworden, und das sind nun die Feuerfunken. Wenn einer über einem Blatte weißen Pa piers Feuer schlägt, so daß die Funken auf das Papier fallen, so findet er dann ganz kleine schwarze Körnlein aus dem Papier liegen. Das sind die erloschenen Feuerfunken; sie er löschen deßwegen so bald, weil sie so gar klein sind. Wir sagen freilich der Feuerfunke liege in dem Feuersteine, aber eigentlich ist es doch nicht so, sondern die Stahltheilchen werden durch das starke Anschlägen und Reiben an dem Feuer steine glühend gemacht. Gott hat es so eingerichtet, daß durch starke Reibung fester Körper Hitze, und wenn sie brennbar sind, Feuer entstehe. So gibt auch der Radschuh Feuer, wenn er über einen harten, rauhen Stein geschleppt wird; die Pferde schlagen mit ihren Eisen aus den Straßensteinen Feuersunken, und zwei Kieselsteine, wie man sie gewöhnlich in den Bächen findet, geben ebenfalls Funken, wenn man sie stark an einan der schlagend reibt. Die Wilden verstehen es, zwei trockene und harte Stücke Holz so aneinander zu reiben, daß sie sich erhitzen und in Flamme gerathen. So machen sie ihr Feuer; wir können es nicht, weil wir nicht so gewandt sind;. wenn aber in einer Maschine zwei Stücke Holz sich aneinander reiben, so gerathen sie auch in Brand, und in einigen Gegenden machen die Knaben ein Spiel, indem sie einen hölzernen Pstock auf einem Stücke Holz vermittelst eines Strickes so lange drehen, bis es Rauch und Feuer gibt. Fichte. Was ist das für ein gewaltiger Riese! Ker zengerade wie eine ungeheure Nadel steigt der Stamm in die Luft, als wollte er Wolken und Stürmen Trotz bieten. Nun betrachte aber die Blätter dieses Baumriesen, wie dünn, schmal und spitzig sind sie! Wie breit und lang sind dagegen die223 Blätter der Eiche. Und doch sind das die größten Blätter noch nicht. Ich weiß ein Blatt von einer Palme, das man gemessen hat, dessen Stiel ist elf Fuß hoch, also zweimal so hoch als ein Mensch, und das Blatt selbst ist sechszehn Fuß breit, so daß eine Tafel von sechs Menschen unter dem Schat ten dieses einzigen Blattes sitzen kann. Was ist das für ein Riesenblatt gegen eine kleine Fichtennadel. Und doch sind beide ein Wunder vor unfern Augen, und es wäre ganz thövicht,' wenn die Fichte nicht mit ihren Nadeln zufrieden sein wollte, wie uns das ein berühmter Dichter, mit Namen Fr. Rückert, lehrt in einem Gedicht, welches ich hier anhänge. Vom Bänmlein, das andere Blätter hat gewollt. Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald, in gutem und schlechtem Wetter, das hat von unten bis oben nur Nadeln gehabt statt Blätter. Die Nadeln, die haben gestochen, ■ das Bänmlein, das hat gesprochen: Alle meine Kameraden haben schöne Blätter an, und ich habe nur Nadeln, niemand rührt mich an, Dürft' ich wünschen, wie ich wollt', wünscht' ich mir Blätter von lauter Gold. Wie's Nacht ist, schläft das Bänmlein ein, und früh ist's aufgewacht, da hat' es goldene Blätter fein, das war eine Pracht! Das Bänmlein spricht: Nun bin ich stolz, Gold'ne Blätter hat rein Baum im Holz. Aber wie es Abend ward, Ging der Jude durch den Wald, mit großem Sack und großem Bart, der sieht die goldnen Blätter bald. Er steckt sie ein, geht eilend fort, und läßt das leere Bänmlein dort. Das Bänmlein spricht mit Grämen: Die gold'nen Blättlein dauern mich, ich muß vor andern mich schämen, sie tragen so schönes Laub an sich.22 4 Dürft' ich mir wünschen noch etwas, so wünscht ich mir Blätter vom Hellem Glas^ Da schlief das Bäumlein wieder ein, und früh ist's wieder aufgewacht, da hatt' es glasene Blättlein fein, das war eine Pracht! Das Bäumlein spricht: Nun bin ich froh, kein Baum im Walde glitzert so. Da kam ein großer Wirbelwind mit einem argen Wetter, der fährt durch alle Bäume geschwind, und kommt an die glasenen Blätter; da lagen die Blätter von Glase zerbrochen in dem Grase. Das Bäumlein spricht mit Trauern: Mein Glas liegt in dem Staub, die andern Bäume dauern mit ihrem grünen Laub. Wenn ich mir noch was wünschen soll, wünsch ich mir grüne Blätter wohl. Da schlief das Bäumlein wieder ein, und früh ist's aufgewacht, da hat es grüne Blätter fein; das Bäumlein lacht und spricht: Nun Hab' ich doch Blätter auch daß ich mich nicht zu schämen brauch'. Da kommt mit vollem Euter Die alte Geis gesprungen; sie sucht sich Gras und Kräuter für ihre Jungen. Sie sieht das Laub und fragt nicht viel, sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel. Da war das Bäumlein wieder leer. Es sprach nun zu sich selber: Ich begehre nun keine Blätter mehr, weder grüner, noch rother, noch gelber. Hätt' ich nur meine Nadeln, ich wollte sie nicht tadeln. Und traurig schlief das Bäumlein ein, und traurig ist es ausgewacht. Da besieht es sich im Sonnenschein, und lacht und lacht.22 5 Alle Bäume lachen's aus, das Bäumleiu macht sich aber nichts draus. Warum hat's Bäumlein denn gelacht? und warum denn seine Kameraden? Es hat bekommen in einer Nacht wieder alle seine Nadeln, daß Jedermann es sehen kann. Geh' 'naus, sieh's selbst, doch rühr's nicht an! Warum denn nicht? Weil's sticht. Fieberrirrderrhirum. Anna. Ei, liebe Frau Leh rerin, ist es denn wirklich wahr, daß es in China, oder sonstwo einen Baum gibt, der F i e b e r r i n d e n b a u m heißt, dessen Rinde man zu Pulver stößt, und als eine Arznei gegen das Fieber einnimmt? Lehrerin. Ja, Kind, es gibt wirklich einen solchen «Baum in der Welt; aber nicht in China in Asien, sondern in Süd-Amerika, in Peru. Er ist nicht sehr hoch und hat einen mittelmäßig dicken Stamm mit vielen Aesten. Die Rinde sieht außen graugelb und innen dunkelroth aus, und schmeckt bitter und scharf. Anna. Warum nennt man sie denn China- und nicht Perurinde? Wuchs der Baum ehemals in China? Lehrerin. Nein, eine spanische Frau in Amerika gab ihr den Namen. Man erzählt: eine spanische Gräfin, mit Namen Cinchon, deren Gemahl Vicekönig im spanisch-ameri kanischen Königreich Peru war, habe im Jahre 1638 ein hef tiges Fieber mit dieser Rinde vertrieben. Und da sie ihre glückliche Kur allenthalben bekannt gemacht, und die Rinde auch andern Kranken vom Fieber geholfen, habe man sie, ihr zu Ehren, anfangs Gräfinrinde und dann Cinchonrinde auch Chinarinde genannt. Liebes Kind, es gibt in der Welt noch eine Menge merk würdiger Bäume und Gewächse, die du in deinem künftigen Leben noch wohl wirst kennen lernen müssen. Bedenke ein mal, es gibt mehr als fünfzehntausenderlei Arten von Pflan zen. Rechne nun nach, wie viel dir davon schon bekannt sind! Fisehe. Ha! die kennt ihr schon. — Allerdings sind es sehr nützliche Thiere, wenn sie gleich mit Schuppen bedeckt sind und im Wasser leben. O, die Fische sind schon recht. Kinder-ConvcrsaNons-Lexikon. 15226 Sie sehen, hören und riechen auch recht gut, was den Fischern gewiß nicht ganz lieb ist; denn so lassen sie sich nicht gar so leicht einsangen. Sie weichen aus, so gut sie können, es mögen: Hai-, Hammer-, Stör-, Stock-, Schell-Fische, dann Forellen, Karpfen, Hechte, Häringe re. sein. — Die kleinen Fischlein, die gar viele Feinde haben, welche ihnen nach dem Leben stellen, sollen folgendes Gedichtchen recht merken: Fischchen, nimm dich wohl in Acht! Such' die Nahrung mit Bedacht, Daß du selbst wirst nicht zur Speise. Fischchen, Fischchen, sei hübsch weise! Feinde sitzen dort im Kahn; Wirst doch nicht den Feinden nah'n? Fischchen hört nicht, was man spricht, Achtet Netz und Angel nicht; Hält für Speis' und Spiel den Köder, Wird nur dreister noch, nicht blöder, » Und so schwimmt's auf g'raden Wegen Unbewußt dem Tod entgegen. Fische, sliegenöe. Im Meere gibt es Fische, welche aus dem Wasser gehen und in der Luft fliegen können. Man sollte meinen, es fei erdichtet, weil bei uns so etwas nicht ge schieht. Aber wenn ein Mensch auf einer Insel wohnt, wo er keine andern Vögel als Lerchen, Nachtigallen, Distelfinken - und andere dergleichen lustige Musikanten könnte kennen ler nen, so würde er es eben so unglaublich finden, wenn er hört, daß es irgendwo ein Land gäbe, wo Vögel auf dem Wasser schwimmen und darin untertauchen. Und doch können wir die ses auf unfern Gewässern alle Tage sehen, und wir müssen daher auch nicht glauben, daß alle Wunder der Natur nur in andern Welttheilen seien. Sie sind überall. Aber diejenigen, die uns umgeben, achten wir nicht, weil wir sie von Kind heit an und täglich sehen. — Mit den fliegenden Fischen hat es aber folgende Bewandtniß: Die Floßfedern an der Brust dieser Thiere sind sehr lang und mit einer weichen Haut über zogen. Durch Hilfe derselben kann sich der Fisch eine Zeit lang in der Luft erhalten. Dies kann er aber nur so lange als die Haut naß ist; denn sobald sie trocknet, fällt der Fisch ins Wasser zurück. Er geht auch nicht ohne Noch aus dem Wasser, fliegt nicht spazieren zur Kurzweil oder um seine227 Kunst zu zeigen, sondern wenn ihn ein Raubfisch verfolgt, dem er nicht anders mehr entrinnen kann. Solche fiiegende Fische geben den Seefahrern, die viel Wochen lang nichts als Him mel und Wasser um sich haben, auf ihrer langweiligen Reise manche Kurzweil, besonders wenn der Raubfisch, welcher sie verfolgt, ebenfalls fliegen kann, und ihnen nacheilt. Da sieht man eine seltsame Fischjagd in der Luft. Oft erhascht der Raubfisch seine Beute und zieht sie wieder in das Wasser hinab. Ost entgeht sie durch Geschwindigkeit und Glück. Manch mal ist noch ein anderer Spaß Zu sehen. Denn gewisse Vögel fliegen über dem Wasser hin und her und stellen den Fischen nach, können ihnen aber nichts anhaben, so lange diese daheim im Wasser bleiben, wohin sie gehören. Wenn aber ein solcher Luftkrieg Zwischen ihnen angeht, so wird bald der Fliehende, bald der Feind, bald beide von dem Vogel, der das Fliegen besser versteht, erhascht und kommen ihr Lebenlang nimmer in das Wasser. Und dazu lachen die Schiffer. Fischfang. Ihr habt wohl schon zugesehen, meine lieben Kinder! wenn man draußen im Flusse gefischt hat. Der Fischer nahm bazu entweder eine Angel, woran eine Lockspeise befestiget war; oder er stellte Netze und Garne im Flusse auf und fängt so: Hechte, Karpfen, Forellen, Aale, Schmerle, Welse u. s. w. — In Teichen fängt man die Fische anders, da läßt man zur Herbfizeit das Wasser ab, und fängt die Fische, welche auf dem Boden liegen bleiben, mit der Hand. FifcHvLLer. Ich Fischotter bin nicht so groß wie ein Pudel, habe einen runden, bärtigen Katzenkopf, kleine Ohren, große Augen, einen langen, zottigen Schwanz, kurze Füße, und daran fünf mit einer Schwimmhaut verbundene Zehen und über den ganzen Leib zarte, graubraune Haare, lebe und wohne eben da, wo der Biber lebt und wohnt, fresse Fische, Krebse und Frösche, und im Nothfall auch Wasserratten, Baum rinden, Laub und Gras, werfe alle Jahre drei bis fünf Junge, und werde zwölf bis fünfzehn Jahre alt. Aber ich baue kein Haus, wie die Biber, sondern wohne nur im nächsten besten Loch am User oder unter den Wurzeln eines Baumes. Und damit man-nicht sieht, wo ich wohne, gehe ich unter dem Wasser hinein, und lasse nur ein kleines Luftloch oben auf der Erde offen. Mein Fleisch schmeckt nicht sonderlich, weil es stark nach Fischen riecht; aber meine ödaare 15 *228 sind sehr fein und fast eben so gut zu Hüten zu gebrauchen, wie die Haare der Biber. Wenn ich gern einen guten Fraß thun möchte, so schlage ich mit meinem Schwänze ins Wasser, und jage die Fische zusammen und tauche nun plötzlich unter, fange einen oder zwei davon, gehe mit ihnen heraus auf's Tr-ckene, und verzehre sie da. Ist es nicht so? Fischer. Ja, verhaßter Fischdieb; freilich ist es leider so. Immer, und vorzüglich des Nachts, schleichst du bei den Teichen umher, und lauerst und guckst nach den Fischen, und wenn du einen siehst, so fährst du auf ihn los, und sängst und fristet ihn. Du hast schon oft in kurzer Zeit einen ganzen Teich ausgesischt, und sodann, da es keine Fische mehr darin gab, auch die Krebse darin aufgefressen. Fischotter. Ich kann besser schwimmen, länger unter dem Wasser bleiben, und auch flinker auf dem Lande laufen, als der Biber. Auch zahm lasse ich mich machen, und zum Fischfang abrichten, daß ich Fische aus den Teichen und Flüssen heraushole, und sie meinem Herrn zutrage. Fixsterne. Meine Kinder! Am Himmel gehen unzähl bar viele Sterne, ungeheuer große Weltkörper, hin und her. — 0, werdet ihr vielleicht denken, so gar groß können sie doch nicht sein; denn sie sehen ja oft nur aus, wie kleine Punkte. Freilich, so denken die Kinder! — Sie s chei- nen uns aber nur so klein zu sein, weil sie so weit von uns entfernt sind. Es geht bei ihnen, wie bei andern Gegenstän den: je w eiter dieselben entfernt sind, desto kleiner kommen sie uns vor. — Davon hat sich einmal ein Knabe recht genau überzeugt. Er wollte nämlich sehen, ob der Vater, welcher in die nächste Stadt gegangen war, noch nicht heim kehre. Auf die nach der Stadt führende Landstraße gekommen, bemerkte er ein kleines, schwarzes Ding, das sich bewegte, in der Ferne. Er wußte nicht, was es war. Als ihm das Ding etwas näher kam, hielt er's für einen Knaben. Immer näher gekommen, schien es ein kleiner Mann zu sein. Auch der kleine Mann schien, je näher er dem Knaben kam, immer grö ßer zu werden. Sich ganz nahe gekommen, erblickte der Knabe in dem Manne seinen (großen) Vater! — So kam der Knabe zu der Ueberzeugung, daß in der Ferne liegende Gegenstände immer viel kleiner aussehen, als sie wirklich sind. Nun wieder zu den Sternen zurück. Man theilt sie ein229 in Fixsterne, Planeten, Nebenplaneten und Ko meten. Die Fixsterne (das sind unbewegliche Sterne, Sonnen sterne, Sonnen) verändern ihre Stellung zu einander nicht und haben ein eigenes Licht, so, daß sie nicht erst von andern Körpern beleuchtet werden müssen, wie z. B. die Planeten von der Sonne. Ihre Entfernung von der Erde ist ungeheuer zu nennen. — Der wichtigste Fixstern für uns, meine Kinder, ist die Sonne. Leset in diesem Lexikon ein Mehreres von der Sonne unter dem Artikel „Sonne"' Flachs. Ich wachse aus der Erde Und kleide Jedermann, Vom Kaiser und vom König Bis auf den Bettelmann. Da ist wohl nichts anderes gemeint, als der Flachs. Der Flachs ist ein dem Menschen unbeschreiblich nützliches Gewächs. Es wird grobes, mittleres, feines und sehr feines Garn daraus gesponnen und dann vom Weber zu Leinwand gewebt. Denket nur an die Hemden, wie nützlich und nothwendig sind diese! unb an die Bettwäsche! — Aus den abgenutzten und zerrisse nen Stücken der Leinwand, welche man Lumpen oder Hadern nennt, wird Papier von mancherlei Art verfertigt. Aus dem Samen des Flachses, der Leinsamen heißt, wird ein Oel ge preßt, das Leinöl, welches man sowohl zu Malereien, als auch zum Brennen in Lampen braucht. — Braven, fleißigen Mädchen füge ich hier ein gar nettes Gedichtchen an: Frisch an's Rädchen, lieben Mädchen; tummelt euch und spinnt! Weg mit Murren! laßt das Rädchen schnurren, seid noch flinker, als der Wind! Feine Fädchen spinnt, o Mädchen! webt euch d'raus ein Kleid! seid stets rege, niemals schlaff und träge, spinnt mit Lust und Munterkeit!230 Flamingo. Ein besonders prächtiger Sumpfvogel, dem es aber bei uns zu kalt ist, ist der Flamingo. Die Fla mingos haben im Alter einen dunkelrosenrothen Federrock an, und kommen in großer Menge aus dem heißen Afrika nach der Insel Sardinien (zu Italien gehörig), wo sie vom September bis März bleiben. Sie stiegen wie die Kraniche in zwei Reihen, welche vorn in eine Spitze zusammenlaufen, und sehen von fern am Himmel wie ein Feuerstreifen aus. Sobald sie bis zu den Sümpfen gekommen sind, in denen sie sich aufhalten und nisten, so lassen sie sich nieder und stellen sich alle neben einander, so daß man von weitem ein Regiment Soldaten in rother Uniform zu sehen glaubt. In den Sümpfen scharren sie Schlamm auf einen Haufen, machen oben eine Vertiefung und füttern sie mit trockenen Wurzeln und Kräutern aus. Da hinein legt das Weibchen zwei weiße Eier. Wenn es brütet, sitzt es nur mit dem Leibe auf den Eiern, und läßt die langen Beine zu beiden Seiten des Nestes herabhängen, wie ein Reiter, der auf dem Pferde fitzt. Außer dem europäischen Flamingo gibt es noch den rothen, feuerfarbigen und kleinen purpurrothen; lauter wahrhaft prächtige Sumpfvögel. Fledermaus. Fledermaus. Warum fürchtest du dich vor mir? Hältst du mich für so böse? Ich thue Niemand etwas zu Leide. Eine stiegende Maus ist freilich ein sonder bares Ding, aber was kann ich dafür, daß ich eine halbe Maus und ein halber Vogel bin? Es gibt eben allerhand sonderbare Creaturen in der Welt; du hast doch ganz gewiß schon von einem Thier gehört, das einen Leib hat wie eine Katze mit schönen schwarzen Haaren und statt des Maules einen Entenschnabel. Darum laß dir nicht vor mir grauen, sondern betrachte mich nur! Knabe. Ich will es wagen, weil du so artig zwitschern kannst. Aber was hast du denn für einen braunen Mantel an? Friert es dich etwa? F l. Ich bin allerdings frostig, aber diesen braunen Mantel habe ich nicht zum Wärmen, sondern zum Fliegen. Es sind das meine Hautflügel, welche ich mit meinen Füßen und Zehen ausspannen und schwingen kann, wie die Vögel ihre Federstügel. Kn. Warum läufst du aber nicht wie die Mäuse in ein Loch, sondern hängst dich an diesen Balken? Du wirst herun terfallen.Fl. Kind, gehen und laufen kann ich nicht, und wenn ich auf dem Boden liege, kann ich mir gar nicht helfen, darum hänge ich mich an einen Balken. Vor dem Herunterfallen fürchte ich mich nicht, denn sieh nur einmal die scharfe Kralle auf meinem Vorderfuße; mit ihr häckle ich mich fest an. So ruhe und schlafe ich den ganzen Tag auf den Böden der Häu ser, in den Kirchen, Thürmen, hohlen Bäumen, Schloten und an andern dunkeln und warmen Orten. Am liebsten ruhe ich mit meines Gleichen in Gesellschaft, weil wir dann einander wärmen. In Ostindien, wo es immer schön warm ist, habe ich große Vettern, man nennt sie dort fliegende Hunde, die hängen sich in ganzen Klumpen an die Aeste dichtbelaubter Bäume, da ist's freilich schöner, als in einem rauchigen Schlot. (Kamin.) Kn. Wirft du denn nicht hungrig, wenn du immer so an deinem Balken hängen bleibst und schläfst? Fl. Warum sollte ich nicht hungrig werden? Ich halte aber meine Mahlzeit nicht am Mittag, sondern in der Däm merung von 9 —10 Uhr, da ist mir der Tisch gedeckt. Sobald es dunkel zu werden anfängt, spanne ich meine Hautslügel aus, schaukle und gaukle in der Luft herum und fange mir Käfer, Nachtschmetterlinge und Mücken, welche ich sogleich verzehre oder in meinen Backentaschen mit heimtrage, damit ich auch in der Ruhe etwas zu nagen habe. Du siehst also, ich bin ein sehr nützliches Thier, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht. Kn. Ich will mich auch nicht mehr vor dir fürchten. Aber hast du denn keine Verwandte als die fliegenden Hunde? Fl. O gewiß. In Amerika habe ich zu Vettern die Herrn Blattnasen, so genannt, weil sie ein Blatt von Haut auf der Nase haben. Unter ihnen gibt es Kammnasen, Brillen nasen, Langnasen, Herznasen, Kleeblattnasen, Hufeisennasen u. s. w. Das sind lauter wilde Raubritter mit gewaltigen Flügeln und langen Schwänzen, die sich des Nachts auf Kühe, Pferde, und sogar auf schlafende Menschen setzen und ihnen das Blut aussaugen. Solltest du noch nichts von meinem be rühmten Vetter, dem Vampyr gehört Habs»:? Der gehört auch zu dem edlen Geschlechts der Blattnasen. Kn. Vor deiner Verwandtschaft grausit mir. Ich wünsche dir zu Abend einen guten Fang, und fahre nur Niemand in die Haare, und komme mir nicht in meine Kammer, außerdem wünsche ich dir alles Gute.232 Fleiß. Man sieht es sehr gerne, wenn die Kinder schon fleißig sind. Und warum sollten sie auch nicht fleißig sein? Kinder, seht die Spinnen an, wie sie weben, die Ameisen, wie sie sammeln, die Vög l, wie sie bauen, die Bienen, wie sie arbeiten! Nicht wahr, liebe Kinder, Thiere sollen euch im Fleiße nicht beschämen? — Leset folgende Verse von dem großen Kin- dersreunde Fr. Pocci recht aufmerksam durch und beherziget sie: Die Kinder im Walde. Es blieben einst drei Kinder steh'n, Die g'rad zur Schule sollten geh'n. Sie dachten dieß und dachten das, Das Lernen sei ein schlechter Spaß. Und sprachen dann mit leichtem Sinn: Ei' laßt uns doch zum Walde hin, Das Spielen ist der Thierlein Brauch, Laßt spielen uns mit ihnen auch. Sie luden dann im Walde ein Zum Spiel die Thiere groß und klein; Doch sprachen die: Es ist uns leid, Wir haben jetzo keine Zeit. Der Käfer brummte: das wär schön, Wollt ich mit euch jetzt müssig gehn, Ich muß aus Gras ein Brücklein bau'n, Dem alten ist nicht mehr zu trau'n. Am Ameishaufen schlichen sie Ganz leis vorbei, ich weiß nicht wie, Und liefen vor dem Bienlein schier, Als wär es gar ein giftig Thier. Das Mäuslein sprach zu ihnen fein: Ich sammle für den Winter ein. Und ich, das weiße Täubchen sprach: Zum Neste dürre Reiser trag'. Das Häschen winkte freundlich blos: Ich könnte um die Welt nicht los;'233 Ihr seht, mein (Schwänzchen ist nicht rein, Das mnß im Fluß gewaschen sein. Auch Erdbeerblüthchen sprach: Ich nütze diesen schönen Tag, Zu reifen meine süße Frucht, Die dann der arme Bettler sucht. Da kam ein junger Hahn daher, Sie riefen: liebster Monsieur Er, Er hat doch wahrlich nichts zu thuu, Und kann ein Bischen bei uns ruh'n. Pardon! ich Hab von Adel Gäst Und arrangiere heut ein Fest. So spricht der Hahn voll Gravität, Verneigt sich steif und kalt, und geht. Darauf dachten sie in ihrem Sinn, Du Bächlein plätscherst doch so hin, Komm, spiel mit uns, sei mit uns froh! Das Bächlein sprach erstaunt: wie so? Ei seht die faulen Kinder seht; Ich weiß nicht, wo der Kopf mir steht; Sie meinen, ich hätll nichts zu thuu, Und kann doch Tag und Nacht nicht ruh'n. Menschen, Thiere, Gärten, Wälder, Wiesen, Thal und Berg und Felder, Alle muß das Bächlein tränken, Und die Töpfe anch noch schwenken. Kinder wiegen, Mühlen treiben, Bretter schneiden, Erz zerreiben, Wolle spinnen, Schiffe tragen, Feuer löschen, Hämmer schlagen. Ich kann euch alles sagen nicht, Weil mir dazu die Zeit gebricht; So sprachs und sprang von Ort zu Ort, Und husch war gleich das Bächlein fort. Da war ihr Math dem Sinken nah, Als eines einen Finken sah,234 Der auf dem Aste saß in Ruh, Und pfiff fein Lied und fraß dazu. Sie riefen: ach Herr Biedermann! Der all die schönen Lieder kann, Du hast gewiß recht viele Zeit, Und bist mit uns zum Spiel bereit. Potz tausend, Hab ich schlecht gehört, Ihr Kinder scheint mir recht bethört; Ich Hab' gejagt den ganzen Tag Den Mücken sie zu fangen nach. Nun wollen noch die Jungen mein Im Schlafe eingesungen sein; Drum pfeif' ich mit dem Brüderchor, Den Kleinen meine Lieder vor. Ich sing' dem Wald zur hohen Luft, Ein müder Mann aus froher Brust, Dem Herren gibt mein Mund den Preis, Und lobt die Arbeit und den Schweiß. Doch sprecht, was habt denn ihr gemacht, Die also schlecht von mir gedacht, Kehrt um, ihr Müssiggänger ihr, Und stört die Leut nicht länger hier. Von allen Thierlein so belehrt, Sind d'rauf die Kinder heimgekehrt, Und wußten, daß dem Fleiß allein Des Spieles Lust ein Preis kann sein. Fliege. Ihr Kinderchen kennt zwar die Fliege so im Allgemeinen; wißt ihr aber auch, daß sie zwei Flügel und sechs Füße besitzt? Ist es euch bekannt, daß sie am Maule einen kleinen Rüssel hat, den sie ausstrecken und wieder ein- oder zurückziehen kann? Ist dieser Rüssel spitzig, wie bei Stechstiegen, dann, — o dann nehmt euch in Acht; denn da mit stechen sie gerne durch die Haut und saugen Blut aus. Süße Sachen würde ich den Fliegen nie hinstellen, weil ich weiß, daß sie gern daran saugen und so sich nähren. Auch235 weiß ich von den Fliegen, daß sie sehr unvorsichtig sind, gern in's Licht stiegen und sich dann elendiglich verbrennen. Und die Spinnengewebe bemerken sie auch nicht immer und gehen so ins Garn und finden den Tod. Drum will ich hier noch erzählen: Vom Spinnlein und Mücklein ein trauriges Stü cklein. Die Spinne hat gesponnen den Silberfaden zart und sein. Du Mücklein in der Sonnen, nimm wohl in Acht die' Flügelein! Die Spinne hat gewebet ihr seid'nes Netz mit kluger Hand; wer weiß wie lang noch lebet sein Mücklein, das die Flügel spannt. Fein Mücklein, horcht, wie denkt es? „Durch's Netz zu fliegen sei ein Spiel." Frau Spinne aber fängt es und speis't es auf mit Stumpf und Stiel. Floh. Ein gar zu bekanntes Thierlein, das Jedermann ungestraft tödten darf, und zu dessen Jagd man keine Mann schaft ausbietet. Wer aber springen könnte wie ein Floh, den würden hundert Regimenter nicht einholen, denn der Floh springt zweihundertmal höher, als er selber ist. Abgerichtete Flöhe kann man hie und da um Geld sehen; aber ihre un gebildeten Naturbrüder kann man nach Herzenslust umsonst beschauen. Lehrer. Lieber Clemens! Hast du schon je einmal den lustigen Sprüngen eines Flohes zugesehen? Clemens. Ei, das ist mir noch nie eingefallen; denn wenn ich einen solchen Menschenquäler hüpfen sah, so Hab' ich ihn nicht leben lassen. Lehrer. Du hast Recht. Dieser kleine Luftspringer ist nicht blos ein Menschen-, sondern auch ein unersätt licher Thierquäler. Wir dürfen noch zufrieden sein mit unserer Qual. Denn uns quälen zwei oder drei solche Springer, welchen wir leicht den Garaus machen können.236 Aber ich weiß Gegenden, wo die Flöhe in solcher Anzahl Hausen, daß sie in großen Gesellschaften auf dem Boden der Zimmer Herumhüpfen und jeden Menschen heißhungrig anfallen. Ehe die Leute in ein solches Haus hineingehen, belegen sie den steinernen Boden der Zimmer mit Stroh und zünden es an. Allein auch das hilft nicht viel. Die ungarischen Schäfer be schmieren ihre Leinwand mit Speck, damit die Flöhe vor ihnen einen Eckel haben sollen, und Christine, eine Königin von Schweden, wollte sie gar mit einer Kanone erschießen lassen. Clemens. Darüber muß ich beinahe lachen. Lehrer. Höre auf zu lachen, und sage mir, woher kommen denn die Flöhe? Wachsen sie im Mist oder in den Sägespähnen? Clemens. Warum nicht gar! Der alte Floh legt Eier und aus diesen Eiern kommen junge Flöhe. Lehrer. Der erste Satz, lieber Clemens, ist richtig; der zweite ist falsch; denn aus den Eiern kommen keine jungen Flöhe, sondern .... was meinst du? Darüber besinne dich! Clemens. Vielleicht kleine Würmchen? Lehrer. Ja, du hast es errathen, kleine Würmer oder Larven kommen aus den Eiern und diese Larven leben von allerlei Unrath. Endlich wird eine weiße Puppe aus ihnen, die schon wie ein Floh aussieht. Und erst aus der Puppe schlüpft der junge Floh. Wo also viel Unrath ist, da werden auch viele Flöhe sein, weil der Floh seine Eier in den Un rath legt. Wie klein ist der Floh und wie große Sprünge macht er! Wenn du nach deiner Größe solche Sprünge machen solltest, wie der Floh, so müßtest du so hoch springen, als ein Kirchthurm ist. Dieses winzige Thierchen hat aber auch sonst in seinen Gliedern eine große Kraft. Ein englischer Künstler machte ein mal eine elfenbeinerne Kutsche mit sechs Pferden. Auf dem Bock saß ein Kutscher, der seinen Hund zwischen den Beinen hatte; in der Kutsche waren vier Personen und vier Bediente standen hinten darauf. Dieses alles zog ein einziger Floh. Ein anderer Floh zog eine silberne Kanone aus Rädern, die 24mal schwerer war, als er selbst. Diese Kanone feuerte man sogar los, ohne daß der Floh besonders erschrocken wäre. Nun habe ich dir genug von unserm Luftspringer erzählt. Seine übrigen Eigenschaften magst du selber beobachten!237 Forelle. Ein Zartes, schlankes Fischtein! Im klaren Bächlein hält sie sich gar gern aus, die Forelle mit ihren schwar zen, gelben und rothen Pünktchen und dem dunkelgrünen Rücken. Das Fleisch von ihr ist sehr schmackhaft und man ißt es äußerst gerne. Eine weniger interessante Forelle ist die Rothsorelle, die man auch kurz — „Röthele" — nennt. Frankfurt am Main ist wohl zu unterscheiden von der gleichnamigen Stadt an der Over, welche ebenfalls jähr lich Messen hält und vormals eine Universität besaß, aber noch nicht halb so groß ist, als die Stadt Frankfurt a. M. (90,748 Einw.) Diese liegt in dem sehr freundlichen Mainthale, nur vier Meilen oberhalb der Mündung des Mains in den Rhein, welche in vier Meilen, aber jetzt auf der Taunus - Eisenbahn in einer Stunde zurückgelegt werden. Die Umgegend ist von der größ ten Fruchtbarkeit und gleicht einem großen Wein-, Gemüse- unv Obstgarten, woraus die schönsten Landhäuser hervorblicken. Der benachbarte Taunus und der nicht sehr ferne Spessart und Ovenwald geben der Gegend zugleich einen interessanten Hintergrund, weßhalb sie selbst von den aus den berühmten Rheingegenden kommenden Reisenden noch innner schön gefunden wird. Dazu enthält Frankfurt, die alte Krönungsstadt der deutschen Kaiser (von 1815 bis 1866 der Sitz der deutschen Bundesversammlung), der Wohnort der reichsten Kaufleute und Bankiers, Merkwürdigkeiten genng, um sich Tage lang darin umzusehen. Zwar hat nur ein kleiner Theil der Stadt gerave und breite Straßen, allenthalben aber sieht man prächtige Häuser, reiche Läden und vortreffliche Sannnlungen von Kunst- und Naturseltenheiten. Zur Meßzeit sind die Kai's^) an dem Main und andere öffentliche Plätze mit Buden besetzt, wo zwischen sich ganze Wogen von Fußgängern drängen, während die Straßen mit Fuhrwerk bedeckt sind. An Gegenständen zum Beschauen, z. B. Menagerien, Kunstreiter-Vorstellungen u. s. w. ist dann natürlich auch kein Mangel. Der Fremde wird in dessen vielleicht lieber das Monument der bei der Erstürmung von Frankfurt gefallenen hessischen Krieger, oder des aus Frank furt gebürtigen großen Dichters Göthe betrachten. Auch die große Orgel in der Hanptkirche, sowie das Grabmal des deut schen Königs Günther in dem Dome, ivo vormals die Kaiser ') Kai, der Ufergang, der gemauerte, gepflasterte Strand238 gekrönt wurden, wird Viele interessieren. Nicht minder das Rathhaus, der Römer genannt, wo die Kaiser gewählt wur den. Hier ist auch der berühmte Kaisersaal, wo der neugekrönte Kaiser, von Reichsgrasen bedient, speiste, während die Reichs- Erzbeamten ihre Dienste verrichteten. So ritt z. B. der Reichs- Erzmarschall (der Kursürst von Sachsen) zu einem aus dem Platze vor dem Römer ausgeschütteten Hausen Hafer, füllte ein kleines silbernes Maß und überreichte es dem Kaiser, worauf der übrige Hafer dem Volke preisgegeben wurde. Der Erz kämmerer (Kurbrandenburg) schöpfte einen Becher mit Wasser zum Waschen von dem mitten auf dem Platze stehenden Spring brunnen. Der Erztruchseß (Kurpfalz) ging nach der auf dem Markte erbauten Küche, wo ein großer Ochse gebraten wurde, schnitt davon ein Stück ab und trug es auf die kaiserliche Tafel, worauf der gebratene Ochse mit dem ganzen Gebäude dem Volke preisgegeben ward. Der Erzschatzmeister (Kurbraun schweig) warf Krönungsmünzen unter das Volk, und der Erz schenk (Böhmen) verrichtete erst bei Tafel fein Amt, indem er dem Kaiser den ersten Trunk reichte. Dieser speiste allein; und während der Mahlzeit slpß aus einem neu erbauten Spring brunnen für das Volk rother und weißer Wein. Dieser Saal ist jetzt wieder auf's neue mit den Bildnissen der deutschen Kaiser geziert, sowie auch in einem andern Gemache die sogenannte goldene Bulle, ein Grundgesetz über die Kaiserwahl und die Rechte der Fürsten, aufbewahrt wird. Der Name Bulle heißt so viel als Kapsel, weil das Siegel dieses auf Pergament ge schriebenen Gesetzes in eine goldene Kapsel eingeschlossen ist. Daß Frankfurt die alte deutsche Kaiserstadt ist, soll auch da durch ausgedrückt werden, daß auf der Mainbrücke ein Stand bild Karls des Großen errichtet worden ist. Denn dieser Kaiser soll an dem Orte, wo er mit seinen Franken durch eine Furt des Maines zog, die Stadt gegründet, und den aus dem linken Ufer gelegeneil Stadttheil Sachsenhausen mit besiegten Sachsen bevölkert haben Gewiß ist wenigstens, daß Karl der Große in Frankfurt eine große Versammlung von Bischöfen hielt, was an einem kleinen Orte nicht wohl geschehen konnte. Franklin, Benjamin, übte aus das afrikanische Volk und seine Schicksale einen besonders großen Einfluß. Er war der Sohn eines Seifensieders. Da sein Vater 17 Kinder hatte so konnte er auf ihn, den jüngsten, nicht viel verwenden, und bestimmte ihn auch zu seinem Handwerke. Allein dieses gefiel239 ihm nicht, und er lernte bei einem Bruder die Buchdruckerkunst. Nach mancherlei Widerwärtigkeiten legte er eine eigene Bnch- druckerei an und war unermüdet thätig, dabei heiter und streng rechtlich. Dies verschaffte ihm das Zutrauen seiner Landsleute, die gern bei ihm Bestellungen machten und ihn unterstützten. In seinen Feierstunden las er nützliche Bücher, und bald ver faßte er selbst kleine Schriften für das Volk, welche gern ge lesen wurden; dann gab er eine Zeitung heraus, die große Ab nahme fand. Durch tiefes Nachdenken und gründliches Forschen erfand Franklin den Blitzableiter, wodurch sein Name in ganz Europa bekannt wurde. England wollte diesen Mann für sich gewinnen, und ernannte ihn zum Oknrpostmeister der amerikanischen Besitzungen; allein er blieb dennoch der Sache seines Vaterlandes ergeben. Bei dem Ausbruche der Mißhel ligkeiten zwischen England und Amerika reiste er nach London und vertheidigte hier die Rechte seiner Landsleute mit eben so. großer Weisheit als Freimütigkeit. Als er im Jahre 1778 wegen Abschließung eines Bündnisses mit Frankreich nach Paris kam, gerieth die ganze Stadt in freudige Bewegung; jeder wollte den ausgezeichneten Amerikaner sehen. Nicht selten saß der ehemalige Buchdrucker mit dem Könige zu Tische. Bei seiner Aufnahme in die Gelehrtenverfamnllung Frankreichs ward er, als Erfinder des Blitzableiters und Befreier des Vaterlandes, mit dem eben so schönen als wahren Verse bewillkommnet: „dem Himmel entriß er den Blitz, den Tyrannen das Scepter!" Franklin starb, allgemein verehrt und bewundert, in seinem 81. Jahre. Merkwürdig ist noch die Grabschrift, die er sich selbst setzte: „Hier liegt der Leib Benjamin Franklins, eines Buchdruckers, als Speise für die Würmer, gleich dem Deckel eines alten Buches, aus welchem der Inhalt herausgenommen und der seiner Inschrift und Vergoldung beraubt ist. Doch wird das Werk selbst nicht verloren sein, sondern einst wieder erscheinen in einer neuen, schönern Ausgabe, durchgesehen und verbessert von dem Verfasser." Franzosen. Die Franzosen, an feiner Bildung und Gewandtheit allen Nationen Europas überlegen, sind leb haft, niunter und lustig, schnell besonnen und rasch im Handeln, gesprächig, tapfer, scharfsinnig, witzig und erfinderisch, aber auch unvorsichtig und leichtsinnig, unbeständig und veränderlich. Sie haben von ihrer Nation einen so hohen Begriff, daß sie die240 Vorzüge anderer Völker ungern anerkennen, und sind ganz von sich selbst eingenommen. Sie gehen leicht von einem Ge- gentheil zum andern über, heute weich bis zu Thränen, morgen hart bis zur Grausamkeit. Sie lieben immer wieder etwas Neues und zeigen dieses besonders in der Kleidung. Paris gab säst sür ganz Europa den Ton in der Mode an. Sie zeigen aber auch in Allem, was sie verfertigen, sehr viel Ge schmack. Daß die Franzosen tapfer sind, haben sie unter Napoleon I. Ansührung hinlänglich bewiesen. Ein besonderer Vorzug an ihnen ist der Gleichmuth, mit dem sie sich in alle Lagen des Lebens zu finden wissen, ohne verlegen zu werden. — Mäßigkeit im Trinken ist dem Franzosen eigen; Gesellschaft ist ihm mehr, als irgend einem andern Volk, Bedürfniß. Die Hauptstadt des Landes, Paris, ist die zweite Stadt von ganz Europa. Sie ist sehr groß und hat neben vielen alten auch sehr viele neue und prächtige Gebäude. Die Tuilerien, wo der Kaiser residirte, sind ein prächtiger Palast. Den Namen haben sie daher, weil ehemals eine Ziegelfabrik an der Stelle war, was jenes Wort bezeichnet. Auf der einen Seite kommt man von dem Palast auf eine Terasse oder einen er höhten Platz, der zierlich mit einer Menge von Bildsäulen aus Marmor und Erz, sowie auch mit Pomeranzenbäumen (Orange bäumen) besetzt ist. Diese Terasse führt in den Garten, in dessen Alleen eine Menge von Spaziergängern im dichtesten Gewühl hin- und herwogt. Dieses Schloß steht durch eine Gallerie mit einem andern Palast, dem Louvre (Luwer) in Verbindung, welcher ein prächtiges Gebände ist, das besonders durch seine herrlichen Säulen sich auszeichnet. Außerdem ist zu bemerken: das Palais Ropal (l. Palä Royal), ein Ge bäude mit sieben Flügeln und zwei ganz großen, viereckigen Höfen. Hier bewegt sich eine ungeheure Menschenmenge; überall sind Buden, wo die verschiedenartigsten Gegenstände verkauft werden. Früh um acht Uhr wird es lebhaft. Zuerst füllen sich die Kaffeehäuser an, und dann öffnen die Kaufleute ihre Läden. Das Schreien der Ausrufer, welche Eßwaaren und Erfrischungen feil bieten, übertäubt die Ohren. Das Getümmel und der Lärm in der großen Stadt ist überhaupt unglaublich. — Sonntags strömt Alles nach den benachbarten Gegenden, wo man wohlfeiler trinkt und tausend Belustigungen hat. Freie Städte. Von den vielen freien Städten des alten deutschen Reiches sind nur 3 übrig geblieben, die großen241 Handelsstädte Hamburg, Bremen und Lübeck*). Diese liegen in Norddeutschland, zwar nicht unmittelbar an dem Meere, aber doch nahe genug, um vermittelst der in ihrer Nähe mündenden Flüsse Seehandel treiben zu können. Die unbedeutendste der drei Städte ist jetzt Lübeck. Vor Zeiten dagegen war sie die mächtigste Stadt in ganz Deutsch land, sie stand damals an der Spitze des großen Städtebundes (der Hansa) und konnte es mit manchem Königreiche aus nehmen. Als man aber einen Weg zur See nach Ostindien entdeckt, als England und Holland sich des Handels auf dem großen Weltmeer bemächtigt hatten, und auch Rußland die Deutschen immer mehr von der Ostsee zurückdrängte, da kam Lübeck in Verfall und hat nur noch Spuren seiner ehemaligen Größe. Seine 50,000 Einwohner machen beinahe die Hälfte der Bevölkerung Bremens ans, und Hamburg hat sich gar zu einer fast sechsmal stärkeren Einwohnerzahl erhoben. Mit dem Hasen Lübecks hat es dieselbe Bewandtniß, wie mit dem Ham burgs und Bremens, er ist nur für die kleinern Schiffe zu gänglich, die größern müssen bei Travemünde liegen bleiben, wo der Travefluß sich in die Ostsee ergießt. Doch steht dieser an sich nicht sehr große Fluß mit andern so in Verbindung, daß aus dieser eiu Kanal bis in die Elbe führt, und wo man wohl auch zu Wasser nach Hamburg kommen kann. Von Lübeck geht eine regelmäßige Dampfschissfahrt nach Petersburg, der Hauptstadt des russischen Reiches, es fehlen aber noch Eisen bahnen, um Lübeck an allen Vortheilen des jetzigen Verkehres Theil nehmen zu lassen. Unter seinen alten Gebäuden sind viele sehr ansehnlich und hoch, wodurch die Stadt ein gar stattliches Ansehen erhält. Es sind sogar zwei Kirchen da, deren jede zwei gleiche Thürme besitzt, die zu den höchsten in Deutschland gehören. Zn einer dieser Kirchen befindet sich nicht nur eine äußerst große Orgel, sondern auch eine Uhr, welche nicht blos die Stunden, Tage und Jahre, sondern auch den Aufgang der Sonne, die Finsternisse an Sonne und Mond und Aehnliches angibt. Hamburg ist nach Wien und Berlin die größte Stadt in Deutschland überhaupt und trotz der Verluste, die es durch den großen Brand im Jahre 1842 erlitten hat, eine der reich- *J Frankfurt ist i. I. 1866 dem preußischen Staate (eigentlich Nord deutschland) einverleibt worden, und also jetzt keine Freistadt mehr«' Kinder-Convcrsatious-Lexikon. 16242 sten Handelsstätte in ganz Europa. Ihre 235,365 Einwohner leben fast alle von dem Handel und der Schifffahrt und die ganze Stadt ist für solche Zwecke eingerichtet. Deßhalb ist sie großenteils von Kanälen durchschnitten, worauf man die Waaren in die Magazine und heraus transportirt, wodurch freilich der niedrig liegende Theil der Stadt noch leichter als schon feiner niedrigen Lage nach überschwemmt wird. Zu den Schönheiten von Hamburg gehört ein rings mit Alleen umgebener Weiher, worauf man im Sommer in Nachen, im Winter in Schlitten fährt oder Schlittschuhe läuft, und wo sich zu allen Zeiten wenigstens Spaziergänger sammeln. Das Innere der Stadt war früher sehr unfreundlich, wegen der engen Straßen und hohen Häuser und vorzüglich wegen der sogenannten Gänge, welche eng überbaute Gäßchen sind, wo in einem einzigen Ge bäude oft 20 bis 30 arme Familien wohnen. Denn auch hier stndet sich die traurigste Armuth neben dem glänzendsten Reich thum. Durch den großen Brand hat sich darin manches ge ändert, denn man baute wenigstens hellere und gesündere Wohnungen statt der alten wieder auf. Daß der Michaels thurm zu Hamburg der höchste in Deutschland sein soll, indem er sich 456 Fuß erhebt, ist für den Fremden nicht so wichtig als der Anblick des Hafens mit seinen Hunderten von Masten und Wimpeln, mit den Matrosen und Schistskapitänen aller Nationen, mit den ankommenden und abgehenden Fremden und den ausgethürmten Waarenballen. Wer dergleichen noch nicht gesehen hat, kann sich kaum eine Vorstellung davon machen. Aehnlich, nur minder groß ist Bremen an der Weser ' (82,990). Für den Verkehr mit Amerika ist Bremen noch bedeutender als Hamburg. Zahllose Auswanderer aus Deutsch land nahmen und nehmen dorthin ihren Weg, um auf dem Verdeck eines vollgepfropften Schiffs ihr schönes Vaterland zu verlassen und einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen. Auch in Kaffee und Zucker, besonders aber in Tabaksblättern machen die Bremer Kausleute große Geschäfte. An Cigarren- sabriken, wo die Tabaksblätter zusammengerollt werden, fehlt es ebenfalls nicht. Als Merkwürdigkeit gilt der Rathskeller in Bremen mit seinen 12 Stückfässern 200jährigen Rheinweins, wovon natürlich nur selten Gebrauch gemacht wird. Daß sich in Bremen aber auch andere Dinge gut aufbewahren, beweist der Bleikeller unter der Hauptkirche. In diesem haben sich ohne besonderes Zuthun eine Anzahl Leichnahme unverwestt und ganz frisch erhalten.243 Freiheit. Unter Freiheit, die ich meine, nämlich Frei heit in der Kinderwelt denken wir uns denjenigen Zustand, in welchem der Wille des Kindes sowohl im Reden als Handeln von dem Willen der Eltern und Lehrer bestimmt wird. Daß dieß naturgemäß und ganz gut und nothwendig bei der Er ziehung der Kinder sei, werdet ihr am besten aus Folgendem ableiten und einsehen können: Die Kinder wollten einmal Freiheit haben und leben, wie die großen Leute^ und die Eltern erlaubten es ihnen sür einen Tag und reifsten sort. Was geschah? Des Morgens, als es Zeit zum Aufstehen war, verschliefen sich die meisten Kinder, weil sie gewohnt waren, sich wecken zu lassen. Da waren sie übler Laune und murrten schon, ehe sie noch den Tag angefangen hatten. Als es an das Frühstück ging, zankten sie sich schon, denn jedes wollte den Rahm von der Milch haben. Auch mit dem Brode ging es nicht in Einigkeit her, denn ein jedes schnitt sich selbst sein Stück ab, aber das eine schnitt das Stück zu dünn, das andere zu dick, das dritte wollte das Krustenstück haben, und das vierte wollte es ihm nicht lassen. Das jüngste Kind schnitt sich sogar in die Hand, und es mußte Zunder gesucht werden, um das Blut zu stillen. Als dies vorüber war, sollte es in den Garten gehen. Doch man war schon wieder nicht einig, denn die Knaben wollten lieber auf die Straße laufen. Allein weder zum Gehen in den Garten, noch auf die Straße war der Anzug geordnet. Das eine der Kinder konnte die Schuhe nicht anziehen, das andere die Strümpfe nicht binden, wieder eines fein Kleid nicht zustecken, und wen es darum ansprach, der wollte ihm nicht helfen. Da war wieder Roth in allen Ecken. Zuletzt liefen die meisten ungewaschen und ungekämmt und in verkehr tem Anzuge sort. Doch in dem Garten ging es nicht lange gut. Sie glaubten, sie dürften auch unreifes Obst essen, so bald es ihnen gefiele. So geschah es denn, daß einige nasch hafte Kinder sich den Magen mit halbreifen Pflaumen über füllten und noch vor Mittag heftige Leibschmerzen fühlten und sich in's Bett legen mußten. Die auf der Gasse singen zwar an zu spielen, aber das Spiel artete in Unfug aus; sie warfen sich mit Steinen und trafen in ein Fenster, ja einer wurde sogar am Kopfe verwundet. Da hatte das Spiel auch ein betrübtes Ende. Noch schlimmer ging es dem größesten unter allen Knaben. Dieser nahm seines Vaters Tabakspfeife, stopfte sie sich und fing an zu rauchen. Anfangs bewunderten 16 *244 ihn die übrigen Knaben, und er dünkte sich etwas Rechtes zu sein. Aber bald schnitt er traurige Gesichter, denn ihm wurde so übel, daß er sich erbrechen mußte. Da warf er die Pfeife weg und legte sich auf die Bank und mochte die Augen nicht mehr aufthun. Als es Mittag war, waren nur wenige Kinder übrig, die sich an den Tisch setzen konnten, den meisten war der Appetit schon zum Voraus vergangen. Die wenigen aber wollten es sich einmal besonders gut schmecken lassen, denn sie durften ja essen, was und wie viel sie wollten. Suppe wollte keines, Gemüse auch nicht, sondern Fleisch und Pfannenkuchen. Aber es war niemand da, der vorschneiden konnte. Da jedes zuerst und am meisten haben wollte, so rissen sie sich um das Fleisch, wie die Hunde, und die Pfannenkuchen sielen sammt der Schüssel auf die Erde. Zuletzt war jedes froh, wenn es nur satt wurde, und die zerbrochene Schüssel und das beschmutzte Tischtuch waren ihnen so ärgerlich, daß sie lieber trockenes Brod gegessen hätten. Ach, sagten endlich alle, wenn doch unsere Eltern wieder da wären. Es ist doch gar keine Freude, wenn sie abwesend sind. Zum Glücke kamen die Eltern bald wieder, denn es hatte ihnen geahnt, daß es zu Hause schlimm gehen würde. Die Kinder haben seitdem nicht wieder begehrt, wie die großen Leute zu leben. Frosch. Die Frösche Habens recht gut; denn sie können im Wasser und auf dem Lande leben. An Sommerabenden lassen sie gerne ihr quack — quack — quack hören. — Das ist alles, was das gelbliche, braungefleckte Thierchen kann. — Dabei versteht es noch zu schwimmen und zu Hüpfen. — Auch seine Nahrung ist sehr einfach. — Gibt man dem Frosche, was er gewöhnlich sucht, — Mücken, Würmer, Fliegen, so ist er wohl zufrieden. Viele Leute essen die Frösche, d. h. Frosch schenkel, außerordentlich gerne. Der Frosch ist ein merk würdiges Thier. Laßt euch erzählen, wie es mit seiner Ver wandlung zugeht. Die Frösche legen im Frühjahr schwärzliche Eier, die von einem gelben Schleim umgeben sind. Leicht kannst du einen Klumpen solcher in Teichen, Gräben und Pfützen finden, denn da werden sie von der Sonnenwärme ausgebrütet. Aus den Eiern kommen aber nicht sogleich Junge, die den alten Fröschen gleich sehen, sondern schwarze Fischlein, welche die Naturforscher'245 Kaulquappen nennen. Sie bleiben im Wasser, nagen an den Blättern und Wurzeln, und bekommen dann zuerst die zwei Hinterfüße, während der Schwanz immer mehr einschrumpft, bekommt der junge Frosch nun auch die zwei Vorderfüße und hüpft fröhlich davon. Alles dieses kannst du selbst beobachten, wenn du einige Kaulquappen, die du gefunden hast, in ein Glas mit Schlamm und Wasser setzest, und ihnen von Zeit zu Zeit etwas geriebenes Brod hineinwirfst. — Knaben und Frösche unterhielten sich einmal so: Knaben: Ruhig, ihr Frösche, laßt euer Schrelln, sonst fliegt auf den Kopf euch Stein auf Stein! Könnt ihr denn in euern Pfützen, mit Schilf bedeckt, nicht schweigend sitzen? Frösche: Nein, Kinder, keiner von uns dies kann, denn wir preisen den Schöpfer und beten ihn an! Die Kinder sagen nicht mehr ein Wort, die Frösche lärmen fröhlich fort, den Leib im Wasser, und drüber den Kopf. Das ist der Herr Kantor, wie jeder sieht, der führt den Takt, stimmt an das Lied. Lieber Franz! Vom Frosch hast Du soeben gelesen; vom Laubfrosch findest Du viel erzählt in diesem Lexikon; vom Wassersrosch und vom Grasfrosch will ich Dir in die sem Briefe etwas mittheilen. Der Wasserfrosch heißt auch der eßbare Frosch, lana esculenta, weil die Schenkel seiner Hinterbeine von vielen Leuten gebraten und gegessen werden. Sie verlassen im April tfjr Schlammbett, und quacken an warmen Abenden. Ihre Stimme ist aber bei weitem nicht so hell und laut, als die der Laubfrösche. Quoak, quoak mit einem schnellen Gäckgäckgäckgäck ist ihre ganze Kunst, von der sie in manchen Gegenden Quoak- gäcker heißen. Die Weibchen legen ihre Eier erst im Juni. Schon nach sechs Tagen schlüpft das kleine Ouäppchen aus, und schwimmt herum. Nach zwei Monaten zieht der junge Frosch die Quappenhaut wie ein Hemd aus, bäutet sich falle acht Tage, und wächst zehn Jahre lang. Er frißt Insekten,246 Schnecken und Würmer, und hat besonders im Juni eine gras grüne Farbe. Seine Augen sind mit einem goldenen Ring eingefaßt. Weil er ein Freund der Wärme ist, so kriecht er an heißen Tagen aus dem Wasser, und setzt sich in den Son nenschein. sobald man ihm aber nahe kommt, macht er einen gewaltigen Satz in's Wasser, um sich zu verstecken. Der Grasfrosch, rana temporaria, sieht zwar dem Wasserfrosch sehr ähnlich, allein er hat eine grünlichbraune Farbe mit schwärzlichen Flecken, und hält sich nur so lange im Wasser auf, bis er seine Eier gelegt hat. Männchen und Weibchen gehen dann auf's Land und bringen den ganzen Sommer in Kornfeldern zu. Anfangs Juli verlassen die jungen Fröschlein das Wasser, und halten sich bei trockener Witterung in Feldern und Wäldern verborgen. Kommt dann ein Regen und befeuchtet die dürre Erde, so Hüpfen sie bisweilen in solcher Menge herum, daß unwissende Leute sonst meinten, es habe Frösche geregnet. Lebe wohl! Frühling. *) Der Schnee zerrinnt, der Mai beginnt: die Blüthen keimen auf unfern Bäumen, und Vogelschall tönt überall. Alles tanzet vor Freude, dort das Reh in der Haide, hier das Lämmchen im Thal. Vögel hier im Gebüsche, dort im Teiche die Fische, tausend Mücken im Sonnenstrahl. Immer wärmer schien die Sonne, Schnee und Eis war fast ganz verschwunden, die grünen Spitzen des Grases stachen schon aus dem Boden hervor, da wurde es in Gärten uno Feldern lebendig. Hacke, Schaufel und Rechen mußten aus ihrem Winkel heraus an die Arbeit. Der Pflug zog lange Furchen durch das Feld; überall wurde geackert und gesäet, daß es eine Freude war. Im Garten fingen die Stachelbeerhecken an zu grünen und zu blühen, und unter ihnen krochen die Veilchen hervor an den Son nenschein. Auch die Knospen der Bäume fingen an zu schwellen, Blüthen und Blättlein schlüpfen heraus, und als die Sonne den schlafenden Früh ling in seiner vollen Schönheit aufgeweckt hatte, da sagte der Vater: *) Ehe du über den „Frühling" liesest, solltest du, lieber junger Freund, in diesem Lexikon die Artikel: „Winter" und „Vorboten des Frühlings" ausschlagen und überlesen!247 Vater. Kinder, wir wollen denFrühling betrachten. Haltet euch auf Morgen bereit! Kaum graute der Tag, so waren schon alle Kinder aus den Federn, um sich auzukleiden. Nachdem das Frühstück eingenommen war, ging es hinaus in den kühlen Maimorgen. Die Thautropsen, welche am Grase hingen, glänzten in der Sonne wie die Edelsteine, und die Luft ertönte vom Gesang der Lercben. Wie Feld und Au so blinkend im Thau! Wie Perlen schwer die Pflanzen umher! Wie durch's Gebüsch die Winde so frisch! Wie laut im Hellen Sonnenstrahl die süßen Vöglein allzumal. Auf den Feldern waren schon die Landleute beschäftigt. Voran ging der Pflug mit Pferden oder Ochsen bespannt, und hintendrein wackelte ein Schwarm Krähen, welche die Würmer verschlangen. Hugo. Das ist ein leckeres Frühstück, mit denen möchte ich nicht speisen! Hinter den Krähen ging der Säemann, und streute den Samen in die lockere Erde. Der aber, welcher den Pflug lenkte, sang: Den ganzen Tag wohl durch und durch, wenn ich am Acker mach' die Furch', geht alles wohl von Händen. Die Lerchen und so mancherlei, sie singen schöne Melodei, find meine Musikanten. Nun ging es einen Hügel hinauf und in einen schönen Wald von Buchen und Eichen. Der Vater that einen tiefen Athemzug und sagte: Vater. Welch eine herrliche Lust, und wie lieblich die Sonne durch die srischgrünen Blätter scheint! Da blühten zur linken und rechten Seite des Weges viele Maiblüm chen und andere Blumen zwischen den Bäumen, nach denen Lina hin- und hersprang. Auf den Zweigen aber, und zwischen den Büschen versteckt stimmten die Vögel ihren Gesang an. Da antworteten sich Finken und Nachtigallen, da pfiffen Grasmücken und Schwarzblatten, da zwitscherten Stieglitz und Zeisig. Mit ihnen sangen alle andern Vögel im vollen Chor: „Im Maien, im Maien, da freut man sich, da singt man, da springt man, da ist man fröhlich! Aus Wiesen und Feldern, in Büschen und Wäldern ist alles voll Leben und Lust."248 Theodor (singend.) Ich geh' mit Lust durch diesen grünen Wald, ich hör' die Vöglein singen; sie singen so jung, sie singen so alt, die kleinen Waldvögelein in dem Wald; wie gern hör ich sie singen! Kuckuck! Kuckuck! Das war eine Freude, als die Kinder den ersten Kuckuck schreien hörten! Aber der Vater blieb stehen, legte den Finger aus den Mund und gebot Stille. Anch die Mutter und die Kinder blieben stehen und hörten den Kuckuck, der sich auf eine nahe Buche gesetzt hatte. Mutter Der Kuckuck wäre schon ein artiger Vogel, wenn er nur nicht so wild wäre und seine Eier nicht in die Nester anderer Vögel legte! Vater. Dafür wird er auch von den andern Vögeln verfolgt, gerupft und geneckt. Hugo. Das geschieht ihm eben recht. (Nun ging der Wald zu Ende und Lina rief:) Lina. Aber Mutter, die prächtige Wiese! Durch diese Wiese ging der Weg. Unzählige Blumen drängten sich aus dem grünen Grase hervor, die weißen Bettelmänner, die gelben Hahnenfüße, die rothen Pechnelken, die blauen Glockenblumen nickten den Kindern freundlich zu. Auf den Blumen aber w egten sich bunte Schmetter linge, hier schaukelte sich ein Citronenvogel ans dem Klee, dort gauckelte ein Schwalbenschwanz herum, dort sog ein Tagpfauenauge den süßen Saft aus emer Zuckerblume. Sie waren nun bis zu einem Bach gekommen, der rauschte bald lang samer bald schneller durch die Wiese dahin. Theodor. Nun Bächlein, was suchst denn du, und wohin läufst denn du so schnell? Jn's Meer, in's Meer, m's weite Meer! rauschte der Bach. Vater. Sieh Theodor, wie dieser Bach das Meer sucht, und nicht ruht, bis er es gefunden hat, so soll deine Seele den großen Gott suchen, der Himmel und Erde erschaffen hat, und nicht ruht, bis sie ihn findet. Siehe um dich, alle diese Herrlichkeit ist nur der Schemel seiner stütze und der Saum seines Kleides. Wie der Blitz fuhr eine Forelle durch das klare Wasser dahin, und eine ganze Brut von Fstchlein schwamm am User herum. Die Mutter warf einige Brodkrümchen ins Wasser, wornach sie begierig schnappten. Hugo wollte eins mit der Hand fangen und fiel in den Bach. Sogleich nahm ihn der Vater am Arm und zog ihn wieder heraus. Mutter. Du unvorsichtiger Hugo, jetzt bist du ganz249 naß, und das Wasser ist dir zu den Stiefeln hineingelaufen. Theodor, zieh ihm die Stiefel aus! Da setzte sich Hugo auf's Gras, und Theodor zog ihm die Stiesel aus uud die Mutter legte ihm trockene Strümpfe au. Hugo machte ein krummes Gesicht, aber weinen möchte er doch nicht. Darauf gingen sie am Bache weiter. Während Lina die Vergißmein- nicht abpflückte, sagte Hugo zum Vater: Hugo. Aber sieh, Vater, was macht denn der Mann, der dort hinter dem Erlenbusch fitzt? Er hält eine lange, dünne Stange in der Hand, an welcher eine Schnur ins Wasser hängt. Vater. Er angelt. Hugo. Wie, bleiben denn die Fische an der Schnur hängen? Vater. An der Schnur ist die Angel befestigt. Das ist eine gebogene Nadel von Stahl mit einem Widerhacken an der Spitze. An die Nadel steckt man einem Regenwurm, und laßt sie nun in das Wasser. Die arglose Forelle meint, es schwimme da für sie ein fetter Bissen und schnappt darnach; sogleich geht die Nadel durch das Maul, sie ist betrogen und gefangen. Lina. Ach, die arme Forelle. Da zuckte die Schnur, der Manu schnellte die Angel heraus — da schnalzte im grünen Gras eine Forelle, Der Mann nahm sie und that sie in ein Fäßchen mit Wasser. Hugo. Aber daß sich die Fische so bethören lassen; wenn ich eine Forelle wäre, lvollte ich wohl klüger sein. Theodor. Das meinst du nur; du wärest eben so einfältig. Nun waren sie nicht mehr weit von dem Dorfe entfernt, in dem sic über Mittag bleiben wollten. Alle waren hungrig geworden Der Vater ließ das Essen unter einem blühenden Apfelbaum auftragen. Daö war ein vrächtiges Zelt! Sie hatten dabei auch eine Tafelmusik. Ju den röthlichen Blüthen des Apfelbaumes summten unzählige Bienen, uud die Hummeln brummten den Baß; Schwarzblatte blies die Flöte, und Gras mücke das Klarinett. Es war eine Lust zuzuhöreu, und dabei Milchsuppe und goldgelbe Pfannenkuchen! Da hatten die Augen, Ohren und Zähne genug zu thuu. Nach dem Essen sprach der Vater: Vater. Nun Lina, ehe du mit deinen Geschwistern hin aus gehst auf die grüne Wiese, sage uns noch den „Willkomm im Grünen" von Voß, welchen du auswendig gelernt hast!250 Lina. Willkommen im Grünen! Der Himmel ist blau und blumig die AuH der Lenz ist erschienen. Er spiegelt sich hell am luftigen Quell im Grünen. Willkommen im Grünen! Das Vögelein springt durch Blätter und singt: Der Lenz ist erschienen. Ihm säuselt der West um's heimliche Nest im Grünen. Willkommen im Grünen! Aus blühendem Wald der Linden erschallt das Summen der Bienen. Flink tragen sie ein den würzigen Seim im Grünen. Willkommen im Grünen! Es blöcket im Thal das Lämmchen, llom Strahl der Sonne beschienen; das steckige Reh durchhüpfet den Klee im Grünen. Nach dem Essen gingen die Kinder auf die Wiese und trieben aller lei Kurzweil. Hugo sog aus der Zuckerblume den süßen Honigsast, Theodor verfolgte eine braunhaarige Hummel und einen Admiral und Lina machte aus den hohlen Stühlen des Löwenzahns eine Kette, hing sie dem Hugo um den Hals und sagte: Lina. Nun bist du unser Bürgermeister. Als sie zurückkamen, war da eine Henne mit einer Schaar junger Entchen, die sie ausgebrütet hatte. Die Entchen liefen zum Bach, platsch waren sie im Wasser und Ichwammerr lustig herum. Die Henne^ aber schrie ängstlich, und lief mit ausgebreiteten Flügeln am Bache aui und nieder, denn sie meinte nicht anders, als ihre unverständigen Kinder würden jetzt alle ersaufen.251 Theodor. Die können besser schwimmen als unser Hugo! Es war nun aber Zeit geworden zum Ausbruch; denn der Vater wollte auf einem andern etwas weitern Wege nach Hause zurückkehren. Theodor. Es wäre doch auch schön, wenn es immer Frühling bliebe! Vater. Liebes Kind, das kann jetzt nicht sein; auf Erden gibt es keinen ewigen Frühling mehr. Lina. Hat es denn je auf Erden einen ewigen Früh ling gegeben? Vater. Es war einmal eine Zeit, da war es auf Er den noch viel taufendmal schöner und lieblicher, als es jetzt im schönsten Frühling ist. Von dieser Zeit wisset ihr alle, und in dem Herzen eines jeden Menschen ist eine Sehnsucht nach dieser goldenen Zeit. Aber die Zeit dieses schönen und lieblichen Frühlings ist vorbei. Was mag das für eine Zeit gewesen sein? Da riechen die Kinder dieß und das, aber sie trafen das Rechte nicht. Mutter. Ich will euch helfen; in dieser goldenen Zeit haben nur zwei Menschen auf Erden gelebt. Alle. Das Paradies, das Paradies! Vater. Getroffen! Diese Zeit des ersten lieblichen Früh lings nennt man Paradies. Damals war nicht blos bei uns, sondern auch in den Gegenden, wo es jetzt fast das ganze Jahr Winter ist, ein lieblicher Frühling. Theodor. Aber wie kann man das wissen? Vater. Das weißt man daher, weil man in den Ge genden, wo es jetzt fast das ganze Jahr schneit und friert, beim Anfgraben der Erde versteinerte Palmbäume gefunden hat. Nun wachsen die Palmbäume nur wo es keinen Winter gibt; also muß einmal eine Zeit gewesen sein, wo es auf der ganzen Erde keinen Winter gegeben hat, sonst hätten ja keine Palm bäume wachsen können. Und die Zeit dieses Frühlings ist das Paradies gewesen. Wer von euch sagt mir aber, was ist die Ursache, daß dieser Paradiesessrühling nicht mehr ist? Theodor. Das ist die Sünde. Vater. Recht, mein Sohn, die Sünde ist es gewesen, welche den Frühling des Paradieses von der Erde vertrieben hat. Seitdem die ersten Menschen gesündiget haben, gibt es kein Paradies mehr auf Erden: Man hat es an allen Orten gesucht, und noch jetzt suchen es die Menschen überall, aber sie haben es nirgends mehr gefunden, es gibt kein Paradies252 mehr auf Erden. Der Frühling, den ihr heute in seiner- ganzen Lieblichkeit gesehen habt, und noch um euch seht, ist nur ein schwacher Nachklang jenes ersten Frühlings, der zur Zeit des Paradieses gewesen ist. Das Paradies mit seinem Frühling ist deshalb nicht verloren, nur ist es jetzt nicht mehr auf Erden. Und wo mag es sein? Hugo. Es ist im Himmel. Vater. Gewiß, liebes Kind. Nach diesem Paradiese sehnen wir uns alle, und mit uns die ganze Menschheit, denn da wird keine Sünde und kein Tod mehr sein. Wir können auch recht wohl aus der Lieblichkeit des Frühlings, den wir heute gesehen haben, schließen, daß das Himmelsparadies mit dem zukünftigen ewigen Frühling noch viel tausendmal herr licher sein müsse. Theodor, sage uns nun noch einige Verse aus dem „Sommerlied!" Theodor. Ich selbsten kann und mag nicht ruh'n, des großen Gottes großes Thun erweckt mir alle Sinnen: Ich singe mH, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen. Ach, denk' ich, bist du hier so schön, und läßt du's uns so lieblich geh'n auf dieser armen Erden, was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güld'nem Schlosse werden? Welch hohe Lust, welch güld'ner Schein wird wohl im Himmels - Garten sein? Wie muß es da wohl klingen, da so viel tausend Seraphim mit ein gestimmten Mund und Stimm' ihr Alleluja singen? Unter solchen Gesprächen kam die Familie der Heimath immer näher. Still gingen sie jetzt weiter, anch die Fcühlmgsherrlichkeit w. /stille ge worden, und wie sich die Sonne zum Untergang neigte, so ^.neigten die Blümlein ihre Häupter zum Schlaf. Auch die Kinder schliefen bald fanft in der Obhut ihres himmlischen Vaters.253 Dich kennt man schon; du sinnbildest uns die Verschlagenheit; die Jäger heißen dich gar gern einen Schlau- kops! Die Hasen, jungen Rehe, Igel, Mäuse, Ratten, Maul würfe, Rebhühner, Gänse und anderes Hausgeflügel sind über dich nicht gut zu sprechen; denn solche Waare ist deine vorzüg lichste Nahrung. Das muß man dir lassen, daß bu ein treff licher Baumeister bist. Deine Wohnung, die du unter die Erde baust, hat mehrere Ein- und Ausgänge, welche in ver schiedene Krümmungen auslausen. Ich weiß aber auch, wen du mehr fürchtest als den Jäger ? Nicht wahr, den Hund l gesteh's nur ein. Zahm kann man dich auch nicht ganz machen; denn bleibst du auch das ganze Jahr deinem Herrn und Hause treu, so entfliehst du doch zur Herbstzeit und läßt dich des diebischen Wesens schlechterdings nicht entwöhnen. Auch legst du niemals deine Falschheit ganz ab. sie gar grell ins Licht gestellt: In folgender Fabel ist Fuchs. „Hab' nie mein Lebenlang geseh'n ein Fledermäuschen, das so wunderschön als du, mein süßes Püppchen wäre! O, komm' herab! ich muß dich näher seh'n." Flederm. „Gewiß, Herr Fuchs, Sie thun mir sehr viel Ehre. Ach, wenn's nur Ernst, nicht Falschheit wäre!" Fuchs. „Wie? Falschheit?" Flederm. „Ja, die Mutter spricht: „Trau', liebes Kind, den Schmeichlern nicht, die lauter glatte Worte sagen; ihr Herz ist falsch. — Trau' ihnen nicht!" Fuchs. „O, sieh mir nur in's Angesicht; ich bin gewiß kein Bösewicht! Komm', Liebchen, komm'!" Flederm. „Nun, dießmal will ich's wagen; der Mutter wird's ja Niemand wieder sagen." Da kam sie aus der Lust herab zum falschen Fuchs, und fand ihr Grab in seinem Magen. —254 Folgende Erzählung zeugt auch von einer Schlauheit: Ein vornehmer Herr hatte einen Fuchs. Dieser war so zahm, daß er am Tage frei herumging und nur des Abends angelegt wurde. — Da der schlaue Fuchs merkte, daß sein Halsband über den Kopf gestreift werden könne, so zog er es ab und gab in der Nachbarschaft auf den Hühnerhäusern nächt liche Visiten, kam aber vor Tagesanbruch wieder, steckte den Kopf durch sein Halsband und war von allem Verdachte frei. Alle Morgen kamen Klagen über die erwürgten Hühner. Man erstaunte, den Fuchs immer an seiner Kette zu sehen. Dabei war er so schlau, daß er den Hühnerstall seines Herrn mit Besuchen verschonte. Endlich aber ertappte man den listigen Fuchs auf der That. Das hatte eine üble Folge für ihn; denn man zog ihm feinen Winterpelz aus und verkaufte ihn dem Kürschner, um ihn zu verarbeiten. — Oskar. Fuchs, rede! Sage deine ganze Geschichte nebst allen deinen listigen Streichen selbst her. Doch lüge nicht mit unter! Mährchen darfst du allenfalls wohl mit anbringen. Wie gern hört man nicht das Mährchen, daß du mit deinem Schwänze Krebse fangest? Fuchs. Was? dieß soll ein Mährchen sein? Ho, ho! es ist reine Wahrheit. Ich will es euch nachher schon sagen, wie ich's mache, wenn ich Krebse fange! Ich Meister Fuchs gleiche noch am ehesten einem mittel mäßigen Schäferhunde. Mein schlanker Körper erreicht eine Länge von zwei und eine Höhe von anderthalb Fuß, trägt einen langen, geraden, dicht behaarten Schwanz, und ist, Dessen Spitze und die Kehle, welche beide weiß sind, ausgenommen, gleb- und bräunlichroth gefärbt. Wir Füchse vertheilen uns in Weiß-, Schwarz-, Kreuz- und Brandfüchse. Ich wohne in allen nördlichen Gegenden der Welt in Höhlen unter der Erde, fresse Hühner und Tauben, Gänse und Enten, und was ich sonst noch von Geflügel erwischen kann; auch Hasen und Kaninchen, und Eier und Käse und Milch und Butter. Habe ich aber alle diese guten Bissen nicht, so nehme ich auch mit Ratten und Mäusen, Schlangen und Eidechsen und Kröten fürlieb. Ach, wie gern fresse ich nicht Honig und Weintrau ben! Den Honig raube ich den Bienen eben so wohl, als den Wespen und Hummeln, und achte gar nicht darauf, wenn sie mich auch gleich ganz jämmerlich zerstechen. Denn was thut man nicht um eines guten Bissen willen? Jakob. Fuchs, Fuchs, das ist ein Mährchen!255 Fuchs. O, nein, das ist es nicht. Ihr sollet es unten bei meiner Krebsfängerei erfahren, wie ich die schelmischen Stecher abschlachte. Ich kann mir zwar, wenn ich will, meine Wohnung an der Grenze eines Waldes oder Gehölzes, und nahe bei den Bauernhöfen selbst graben, allein ich thue es nicht gern, weil ich darüber zu viel Zeit verliere, die ich doch zur Durch- streichuug meiner Gegend viel besser anwenden kann. Ich jage daher lieber die Dachse oder die Kaninchen aus ihrem Loche heraus, unb mache dasselbe sodann für mich und mein Weibchen und meine Jungen zurecht. Mein Weibchen bringt alle Jahre vier bis sechs Junge, die sie ein paar Wochen saufen läßt, und die ich nachher mit Tauben, Hühnern und Käse, und was ich sonst Weiches den Bauern abzwacken kann, so lange füttere, bis sie groß und stark genug sind, mit uns gemeinschaftlich auf das Rauben auszugehen. Ich schlage meine Wohnung deßwegen gern nahe bei Dörfern und Bauernhöfen auf, damit ich schon von Ferne die Hühner gackern, die Hähne krähen, die Gänse schnattern, und das übrige Geflügel schreien hören kann. Nur des Nachts gehe ich gewöhnlich aus das Rauben und Morden aus. Und dieß mache ich so : erst mache ich mir die nahen Dörfer, Maier- höse und abgelegenen Häuser genau bekannt. Sodann spüre ich das Federvieh darin aus. Hieraus merke ich mir diejeni gen Höfe, worin ich Hunde und andere Bewegungen höre. Nun untersuche ich die Mauern und Hecken, und andere be deckte Stellen, wo ich am leichtesten durchkriechen oder darüber wegspringen kann. Dann schleiche ich ganz langsam an den Ort meiner Bestimmung, setze über Zäune und Mauern, oder krieche und grabe mich unter denselben durch. Und endlich breche ich in die Bauernhöfe ein, und erwürge alles, was mir zwischen die Zähne kommt. Ach, wie geht es da nicht über die dummen Gänse und die armen Hühner her? Werde ich nun in meinem Berufe nicht gestört, so würge und schleppe ich so lauge fort, bis mir entweder der Anbruch des Tages oder ein Geräusch im Hause eine Warnung gibt, mich davon zu machen. Und so trage ich oft in einer einzigen Nacht auf drei bis vier Tage Fraß ge nug zusammen. Ebenso mache ich es auch auf den Vogelheerden und Dorustrichen. Hat sich da ein Krametsvogel, oder eine Schnepfe,256 oder sonst ein Vogel in einer Schlinge ober Leimruthe gefangen, so komme ich den Vogelstellern zuvor, und nehme sie weg. Ans dem freien Felde aber überfalle ich die Hasen in ihrem Laaer, und jage ihnen auch zuweiten ein wenig nach. Die Kaninchen suche ich in ihren unterirdischen Wohnungen auf. Und die Rebhühner und Wachteln spüre ich auch mit leichter Mühe auf, und fresse die Mütter nebst ihren Eiern und Kin dern weg. Clemens. Und das geht dir alles so ungestraft hin? Fuchs. O nein, man verfolgt und quält mich entsetz lich. Hmwe und Jäger und Bauern sind fast immer hinter mir her, und jagen und verfolgen mich oft ganze Tage lang in Einem fort. Man legt mir Schlingen und Fallen und schießt und prügelt mich zu Tode. So lange ich aber noch Kräfte und Athem habe zu lausen, lasse ich mich nicht so leicht gefangen nehmen. Uebersüllt man mich in meinem Bau, so grabe ich geschwind einen andern Ausgang, und stiehe mit Weib und Kind davon, und betrüge den Jäger, der nun ver gebens ans meiner Pelz lauert. Ist auch gleich meine Höhle mit Fallen umgeben, und mir zur Flucht fast gar keine Hoffnung mehr übrig, so leide ich doch lieber den grausamsten Hunger, ehe ich mich in den ersten vierzehn Tagen zum Gefangenen ergebe, und versuche alles Mögliche, noch Zu entkommen. Hilft aber alles nicht, je nun, so ist es endlich einerlei, ob ich in meiner Höhle ver hungere, oder in der Falle eines gewaltsamen Todes sterbe. Ich klaffe und seufze eher nicht, als wenn man mich lebendig ergreift, und zu Tode prügelt. Ich lebe ungefähr zwanzig Jahre, und lasse mich nicht leicht zähmen. Schlägt man mich des Winters tobt, so gibt mein Balg treffliche Pelzkleider, und auch mein Schwanz thut dann allerhand Dienste. Ermordet man mich aber des Som mers, so kann nur der Hutmacher meine Haare gebrauchen. In vielen Gegenden ißt man auch mein Fleisch. August. Du hast ganz recht, schlauer Fuchs; dein Sommerbalg ist viel schlechter, als dein Winterbalg. Est weißt du auch wohl, was der Winterbalg eines deiner schön sten schwarzen Kameraden in Norwegen, Lappland und Si birien kostet? Fuchs. Nein. Wie viel denn? Joseph. Dreißig bis vierzig Gulden; ja, die großen Leute sagen sogar: sechshundert bis tausend Gulden.257 Fuchs. Ei, das wäre sehr viel! Anton. Jetzt soll in Rußland ein solcher Balg bei Zweitausend Rubel*) kosten. Fuchs. Soll ich nun meine Krebsfängerei erzählen, und euch sagen, wie ich auf einmal zwei bis dreihundert Wespen oder Bienen tobt mache, und mich von allen meinen Flöhen reinige, ohne Schnauze noch Füße dazu nöthig zu haben? Georg. Fuchs, sei kein Narr! Wie soll denn das zu gehen ? Du wirst es doch wohl nicht mit dem Schwänze thun wollen? Fuchs. Doch, es könnte sein. Höret einmal: Wenn mich die Flöhe allzusehr plagen, und ich sie gern alle auf Ein mal los sein will, so nehme ich ein Büschelchen Moos oder Heu, oder sonst so etwas in die Schnauze, gehe sodann rück wärts, doch sehr langsam, und allmählig immer tiefer in's Wasser, damit meine Flöhe Zeit haben, nach und nach an den Hals, und vom Hals auf den Kopf, und vom Kopf an die Schnauze, und von dieser endlich in das Büschelchen Moos oder Heu zu fliehen. Sind sie nun alle im Moos drin, so tauche ich plötzlich unter, und lasse es fallen. Und sieh, so bin ich auf einmal all dieser häßlichen Peiniger los. Während dieser Entslöhung nun geschieht es zuweilen, daß sich Krebse an meinen wollichten Schwanz so fest an klammern, daß ich sie daran Hinschleppen kann, wohin ich will. Isis das nicht lustig? Oft krebse ich aber auch im Ernst, und stecke meinen Schwanz bloß deßwegen in's Wasser, damit sich die einfältigen Krebse, welche alles, was ihnen nahe kömmt, mit ihren Scheeren ansassen, und nicht wieder loslassen, es koste sie auch gleich ihre Scheeren, oder gar ihr Leben, daran anhängen. Hängt nun eine Partie daran, so gehe ich aus dem Wasser heraus, und fresse einen um den andern auf. — Franz. Und das soll man dir so auf dein Wort hin glauben? F u ch s. Ja, sicher. Ihr dürfet ja nur die Leute fragen, die mir schon oft zugesehen haben, wie die Jäger und Fischer. Map. Nun Fuchs, lüge weiter! Fuchs. Bis ich ein Wespen- oder Bienennest erobern, und mich im Honig satt fressen kann, muß ich erst alle Wespen und Bienen, die darin sind, tobt machen, und das mache ich : ) 1 Rubel = 3 Mark. Kinder-Convcrsations-Lexikon. 17258 so: ich stecke meinen Schwanz in das Nest hinein, oder lege ihn wenigstens so lange vor das Loch, bis er voll Wespen und Bienen ist. Nun gehe ich geschwind fort und schlage ihn sammt den Wespen gegen einen Baum oder Stein, und fresse alle, die todt zur Erde fallen, auf. Dieß mache ich nun zwei-, drei- bis viermal, und überhaupt so lange, bis das Nest dou den Einwohnern völlig leer ist, und ich ohne Gefahr den Honig sammt den Zellen aufschmausen kann. Zuweilen lege ich mich auch auf die Erde, strecke alle Viere von mir, halte den Athem zurück, und stelle mich todt. Wenn mich nun ein Raubvogel für ein Aas hält, und kommt, und mich anhacken will, so er hasche und erwürge ich ihn. Verfolgt mich ein Hund allzu lange, so pisse ich aus meinen Schwanz, und schleudere ihm den Piß in die Augen, daß er nicht gut sehen kann, und nun Zurückbleiben muß. Fuggers. Eine der merkwürdigsten Erinnerungen an Augsburgs vormaligen Reichthum ist die Fuggerei, d. i. eine Straße mit 50 Häusern, worin arme Bürgerfamilien gegen den geringen Miethzins von jährlich zwei Gulden Unter kunft stnden. Diese Stiftung ist von zwei Grafen von Fug- ger gemacht, die von dem armen Leinweber Johannes Fugger abstammten, welcher 1370 nach Augsburg zog und Leinwandhandel zu treiben anfing. Seine Nachkommen erwei terten durch seltenen Fleiß, große Geschicklichkeit und Redlichkeit ihre Handelsgeschäfte so sehr, daß sie sich unermeßliche Reich- thümer und ausgebreiteten Ruhm erwarben. Unter Kaiser Karl V. wurden zwei Brüder aus dieser Familie in den Grafenstand erhoben*), und in ihrem Hause wohnte der Kaiser während des Reichstages. Als er später noch einmal bei einem Grafen Fugger zu Besuche war, ließ dieser das Kaminfeuer durch Zim- metholz, damals noch ungeheuer theuer, unterhalten, und als der Kaiser sich entschuldigte, daß er die von Fugger geliehenen Summen jetzt nicht zurückbezahlen könne, warf dieser die Schuld verschreibungen über Hunderttausende in das Feuer. Er wurde dadurch doch nicht arm. Dieß sieht man daraus, daß seine *) Königs Ludwig T. ließ i I. 1857 einem dieser Fugger, dem Hans Jakob Fugger, ein großes Standbild aus Erz errichten, und schenkte die ses Monument der Stadt Augsburg, die es auf dem Museumsplatze auf stellen ließ.259 Nachkommen noch jetzt ansehnliche Grafschaften und sogar Für- stenthümer besitzen. *) Das folgende Gedicht erzählt die Entstehung und Grün dung der F u g g e r e i; leset es mit Bedacht! Das Glück dreht sich im Kreise, Es schwindet wie die Zeit! Nur was in Gott gegründet, Besteht in Ewigkeit. Es war im Haus der Fugger Das Weben einst im Brauch, Hans Fugger war ein Weber, Die Söhne woben auch. Sie woben unverdrossen Am Stuhle Tag und Nacht, Das reinste, feinste Linnen Hat still ihr Fleiß gemacht. Da kaufte jeder gerne Von ihrem Tuch so rein, Sie woben goldene Sterne Der Treue ja hinein. Die Treue und der Glaube, Der fromme Bürgersinn, Barmherzigkeit und Liebe, Die mehrten den Gewinn. Da ward an Geld und Ehren Gar reich und groß ihr Haus, Es gingen mit dem Kaiser Dort Fürsten ein und aus. *) Der jetzige Fürst Leopold v. Fugger-Babenhausen wohnt größtentheils in Augsburg. In der großen und schönen Marimiliansstraße hat er sein Fugger Haus, das der kunstsinnige Fürst von außen mit großen schönen Fresko-Malereien schmücken ließ, und welche die ganze Ge schichte der Fugger und die der Anwesenheit des deutschen Kaisers Maxi milian in Augsburg darstellen. Wenn ihr einmal nach Augsburg kommet, so vergesset ja nicht, das Fuggerhaus aufzusuchen und es euch zu besehen! 17 *260 Die Weber wurden Grafen, Ihr Wort galt weit und breit, Sie woben mit dem Kaiser Am Webestuhl der Zeit. Bei Ehren und bei Schätzen, Die ihnen Gott verlieh, Vergaßen auch die Grafen Der armen Weber nie. Was hilft uns alles Weben? So dachte stets ihr Sinn, Der Himmel nur ist einig, Sein Segen nur Gewinn. Drei Brüder waren ihrer, Die reichten sich die Hand, Ulrich, Georg und Jakob So waren sie genannt. Sie sprachen zu einander: Die Güter dieser Zeit Vorrechnen muß sie jeder Einst Gott in Ewigkeit. So laß uns freudig gründe:: Ein Werk vereinter Kraft, Womit wir mögen geben Ihm einstens Rechenschaft. Zu Augsburg bei St. Jakob Da Hub ein Graben- an, Ein Zimmern und ein Mauern Von manchem Handwerksmann. Mit hundert kleinen Häusern Ein Städtlein stieg empor, Mit Brunnen und mit Straßen Und feinem eignen Thor. Und als das Werk vollendet, Da weihten es die drei, Daß armen, frommen Bürgern Es eine Wohnung sei.261 Und was die drei gesprochen, Das schrieben sie auf Stein, Es sollte Sohn und Enkel Ein stetes Vorbild sein. Sie bauten für sich selber Ein Häuslein auch dazu, Im Kirchlein bei St. Anna, Dort ist der Fugger Ruh. Wohl kamen arge Zeiten, St. Anna ward zerstört, Die Messe wird nicht fürder Auf ihrem Grab gehört: Doch in der Armen Herzen Wird ihrer noch gedacht, Im Städtlein, das sie milde Dem Herrn dargebracht. Das Glück dreht sich im Kreise, Es schwindet wie die Zeit, Der Fugger Namen preiset Noch heut' die Fugger ei. FÜHe. Alle äußerlich sichtbaren Theile des menschlichen Körpers sind doppelt vorhanden, einige wenige ausgenommen. Das gibt dem Körper Ebenmaß, Schönheit und Gleichgewicht. Auch die Füße (Beine) sind doppelt da. Wie traurig wäre es, wenn wir einen verlieren würden, oder wenn wir ihn durch einen hölzernen ersetzen müßten. Am Fuße bemerken wir zu beiden Seiten die Fußknöchel; oben den Fußrücken; unten die Fußsohle mit dem Fußballen; hinten die Ferse; vorne die fünf Zehen mit den Nägeln. Ober dem Fuße ist das Bein, an welchem man wahrnimmt: Oberschenkel, Unterschenkel, Knie scheibe, Kniekehle, Schienbein, Wade. Noch etwas für euch Kinder! ein wohlzubeherzigendes Berschen: Ihr klettert gern; bedenkt den Werth gerader Glieder! Man bricht sie gar zu leicht, und heilt sie oft nicht wieder. —262 Gans und Gnte. Seid mir willkommen, spricht die Hausfrau; denn ihr bringt mir so schöne Federn zum Schrei ben für meine Kindlein und auch Federn in Menge, daß ich die Bettlein für sie füllen kann. Auch legt ihr mir recht große Eier, Eier, die recht ausgeben. Schönen Dank dafür. — Noch Eins. Mit Vergnügen reden auch die Leute von euern Vier teln — nämlich von den gebratenen Gans- und Entenvierteln. — Gans und Ente sind übrigens nicht so fast belobt. Die Gans zeigt in ihrem Benehmen etwas Dummheit! daher nimmt man's gar sehr übel, wenn man eine „Gans" ge heißen wird. Von sich selbst sagt die Gans: Ich bin ein sehr verachtetes Thier; Doch welchen Vortheil bring' ich dir! Die Ruh' befördert dir mein Kleid. An einem deiner größten Feste Bin ich die liebste Kost der Gäste. Ein schlechter Theil von mir gibt oft Unsterblichkeit. — Die Ente, die man häufig auf der Gasse umherwackeln sieht, sucht mit größtem Appetit ihre Speise aus dem Schlamm und Unrath hervor und gleicht hierin dem gefräßigen Schweine. — Hey sagt von einer Ente etwas Besseres, in dem Gedicht- chen vom Kuaben und der Ente. Hier ist es: Knabe. Ente, du gute, nun sag' einmal, Wie groß ist deiner Jungen Zahl? Ente. Hab' leider nicht recht gelernt zu zählen, Doch denke nur nicht, du willst mir eins stehlen. Gar sorgsam geb' ich auf alle Acht, Weil jedes mir große Freude macht. Und sie ruft sie herbei geschwind, Da kommen sie alle, so viel ihrer sind. Sie schauet recht mit frohem Sinn Auf die lieben kleinen Dinger hin; Ins tiefe Wasser schwammen sie fort, Der Knabe saß lange am Ufer dort.263 Als der kleine Wilhelm einst mit seinem Vater vor das Thor gegangen war, sah er eine Reihe großer Vögel hoch durch die Lüfte fliegen und fragte den Vater, was das für Vögel wären. Vater. Das sind wilde Gänse. Wilhelm. Können die zahmen Gänse auch so fliegen? V. Nein, mein Sohn, dazu sind sie nicht so geschickt. - W. Wer füttert nun aber die wilden Gänse? V. Niemand. W. Niemand? Wie können sie denn leben? V. Sie suchen sich ihre Nahrung selbst. W. Aber im Winter? V. Da ziehen sic in wärmere Länder, und im Frühjahre kommen sie wieder zurück. W. Warum können denn die zahmen Gänse nicht eben so gut fliegen? V. Weil sie verwöhnte Weichlinge sind, die den Gebrauch ihrer Glieder zum Theil verlernt haben. W. Wer hat denn die zahmen Gänse so verwöhnt? V. Das hat der Mensch gethan, der ihnen die Freiheit nicht ließ, selbst für sich zu sorgen. Wartung und Pflege haben sie so verwöhnt. Merke dir das, lieber Wilhelm, wie es den Thieren geht, wenn sie nicht mehr für sich selbst zu sorgen haben, so geht es auch den Kindern, denen die erwach senen Leute immer aufwarten und ihnen Alles gar zu gemäch lich machen. Solche Kinder lernen niemals ihre Glieder und Kräfte recht gebrauchen und bleiben ungeschickt und unbehilflich ihr Leben lang. — Siehst du nun, warum ich's nicht gerne sehe, wenn Andere für dich etwas thun, was du selbst verrich ten kannst? W. Ja, Vater, nun will ich mir auch gar nicht mehr helfen lassen, damit es mir nicht so gehe, wie den verwöhn ten Gänsen. Garten. Hier findet man die schönsten Rosen, Veil chen, Tulpen, Nelken, Sonnen- und viele andere Blumen; darum spricht ja das Kind: Mütterchen, wie schön, wie schön! Tausend bunte Blumen steh'n Hier auf allen Gartenbeeten Und — die Nachtigallen flöten! —264 Im Garten gibt es auch: Aepfel-, Birn-, Zwetschgen-^ Kirschen-, Aprikosen-, Pflaumen - Bäume; dann die besten Ge müse, wie Kohl, Spinat, Kohlraben, Karviol rc., ferner Kopf-, Stech-, Bohnen-, Gurken-, Spargel-, Sellerie-Salat, — Rettige. Es gibt Blumen-, Gras-, Gemüse-, Baum- oder Obst-, Hopfen- und Wein - Gärten. — In manchen Gärten befinden sich Gartenhäuser, Springbrunnen, Weiher rc. Im Garten arbeiten und spielen wir viel; Da schmeckt uns die Arbeit so gut wie das Spiel, Am liebsten jedoch es allen uns scheint, Wenn Beides sich mit einander vereint. So hat es der Vater vor Kurzem gemacht Und uns ein Spiel mit Arbeit erdacht. Er kam aus dem Garten herein ins Haus Und rief: „Ein Feind ist da, kommt heraus! Er wüthet im Garten gar schrecklich herum; Krieg müssen wir führen; kommt, bringt ihn um!" Mit Stöcken zum Kampfe bewaffnet gut, Lief Alles hinaus voll Feuer und Muth. Da standen wir aber und lachten schön: Weder Mann noch Maus war da zu selfin. Da sprach der Vater: „Ihr seht es nur nicht, Euch lacht ja der Feind ins Angesicht. Steh'n da nicht Nesseln und Gundermann, Giersch, Wolfsmilch und Quecken? Nur frisch daran! Wo Unkraut wächst, wird, wie sich's gebührt, Durch Raufen und Jäten Krieg geführt". Seitdem ist der Garten von Unkraut leer, Die andern Gewächse gedeihen viel mehr. Viel gibts da zu naschen, zu sehen auch, Da steht ein großer Johannisbeerstrauch; D'ran hangen die Beeren, so roth wie Blut, Die schmecken im Sommer uns allen recht gut. Auch Stachelbeere und Himbeer' am Zaun, Sind neben den Rosenbüschen zu schau'n, Päonien, rother Hollunder, Jasmin Steh'n neben der Laube von Geisblatt und blüPn. Am Rande der Beete steht Majoran, Melisse, Narcisse und Thymian. Nachtschatten duftet, und Tausendschön Sind neben den Federnelken zu seksn.265 Auch wir haben Gärtchen, da wüchset kein Gras, Die gab uns der gute Vater zum Spaß. Wie Vater und Mutter dort pflanzet und sä't, So machen wir Kinder es hier auf dem Beet; Da steh'n Petersilie und Gurken und Mohn, lind Zuckerfchoten, die essen wir schon. Drum sind wir im Garten so gern, als im Feld, Denn was wir da finden, uns alles gefällt. Gcrrtenfchnecke. Die Gärtner kennen sie schon; denn sie hält sich gerne in Gärten auf und nährt sich, — wenn sie's gerade nicht sehen, — von Gemüsepflanzen und Blättern. Sonst richten sie ihm aber keinen Schaden an. — Auch an Hecken und Bäumen hält sie sich gerne auf, was man ihr auch gar nicht verwehrt; sie braucht ja doch nicht viel zu ihrer Nahrung. — Kinder, ihr kennet die Gartenschnecke, die hilflose! Treibet ja nicht euer Spiel mit ihr, beleidiget sie nicht; denn sie ist auch ein Geschöpf Gottes. Der Dichter Corrodi sagt's, wie das Kind mit der Schnecke umgehen soll, in dem Gedicht vom Schneckenhäuslein. Kind. Schnecke, Schnecke, komm' heraus Bleib nicht immer nur im Haus, Zeig' mir deine Hörnlein schön, Die möcht' ich so gerne seh'n! Schnecke. Kindlein, sieh', ich folge dir, Denn du scheinst nicht böse mir, Rührst so sanft und weich mich an, Daß ich dich nicht fürchten kann. Kind. Keinem Thierchen thu' ich weh, Weil ich sie so gerne seh'. Schau mir frisch nur in's Gesicht, Schnecklein, denn ich plag' dich nicht. Kinder, jetzt kommt ein großes Räthsel; leset es recht aufmerksam! Vater. Es waren einmal zwei Schwestern; bie eine besaß ein Haus, die andere aber hatte keins. Eines Tages kam die arme Schwester, die ohne Haus war, zu der reichen und sagte: Liebe Schwester, du siehst, wie es regnet und wie der Wind scharf bläsit; laß mich ein wenig in deinem Hause266 trocken werden und warten, bis sich der Wind gelegt hat; ich will dir ein andermal wieder eine Gefälligkeit erzeigen. Thu es, liebe Schwester! Anna. Ach, das arme Mädchen, wie muß das in Wind und Wetter erfroren sein! Ich hätte sie gleich ausgenommen. Vater. Das that aber die reiche Schwester nicht, son dern sagte: wie kannst du nur so einfältig sein und in mein Haus wollen, worin ich kaum selbst Platz habe! Suche dir einen Winkel oder ein Loch, wo du dich vor dem Regen und dem Winde schützen kannst. I d a. O pfui, das häßliche Mädchen, wie abscheulich ! von dem will ich gar nichrs wissen! Vater. Höret nur doch ein Weilchen zu; vielleicht werdet ihr dem Mädchen wieder gut. I d a. Nein, Vater, gewiß nicht! So ein böses Mädchen, das seine Schwester nicht einmal ins Haus aufnimmt, wie grausam muß das gegen andere arme Leute sein! Das gibt gewiß Keinem ein Stückchen Brod. Vater. Nein, das thut es auch nicht; es gibt keinem Menschen etwas, nicht einen Heller. I d a. Und du willst, wir sollen diesem Mädchen gut sein? Vater, es ist ja schlimmer, als ein Tiger. Vater. Nun, so arg ist's nicht. Zwar steigt es den Landleuten in die Gärten und geht auf die Felder und maustt da, was ihm gefällt Frida. Es maus't auch? Das hat ja alle Laster! Dem kann man unmöglich gut sein! Ernst. Da geht es gewiß des Nachts aus und trägt das gestohlene Gut nach Hause? denn am Tage wird es sich doch vor den Leuten schämen? Vater. Schämen? Es weiß gar nicht einmal, wie es das machen soll; das fällt ihm nicht ein. Es geht viel mehr am hellen, lichten Tage aus und bestiehlt die Felder und Gärten; ja es ist so unverschämt, sich hinein zu schleichen und zu mausen, während die Leute auf dem Felde sind. Traugott. Das ist doch zu arg! Wird es denn nicht ertappt über seinen Diebereien? Vater. O ja, zuweilen; doch sehr oft entwischt es. Beda. Da muß es recht geschwind laufen können! Vater. Ach nein, das kann es nicht; es geht sehr lang sam, denn sein Fußwerk ist nicht gut beschaffen. Es schleicht sich gewöhnlich so fein um die Leute herum, daß es nicht be-267 merkt wird. Und weil es sich so leise fortbewegt und eben nicht groß ist, so gelingt es ihm oft, zu entwischen. Emma. Aber wenn man es ertappt, Vater, wie gehts ihm dann? Vater. Gewöhnlich sehr schlimm. Man wirft es in einen Graben oder Bach und überläßt es seinem Schicksale. Ern st. Da vergeht ihm gewiß das Stehlen. Vater. Nein, da irrst du dich, dies hat es schon so angewöhnt, daß es nicht davon lassen kann. Es hilft kein anderes Mittel, um sich von ihm zu befreien, als der Tod. Jda. Da lobe ich mir die arme Schwester, die ist ge wiß besser! Vater. Nun was das Stehlen anbetrifft, da gibt sie ihrer Schwester nichts nach. Beide gehen gemeinschaftlich auf Spitzbübereien aus und lassen sichs wohl schmecken in den Kohlgärten. Jda. Das sollte sie nicht thun; denn nun bin ich ihr schon nicht mehr so gut. Aber die reiche Schwester ist wohl daran schuld? Vater. Das kann man nun eben nicht sagen; sondern sie thut es aus freien Stücken. Jda. Aber diese ist ja arm und jene reich; da ist ihr wohl eher nachzusehen. Anna. Es ist doch unrecht und sie sollte arbeiten, daß sie etwas verdiente. Vater. Wenn sie nur etwas gelernt hätte und nicht so faul wäre, dann niöchte es wohl angehen. Aber die eine ist so langsam und träge, wie die andere. Frida. Die andere, reiche Schwester sollte ihr doch helfen und ihr Vermögen mit ihr theilen! Vater. Helfen? Womit sollte sie ihr denn helfen? Sie hat ja kein Vermögen und ist blutarm. Ernst. Du sagst ja, sie hätte ein Haus. D'rinn wohnen doch gewiß Leute zur Miethe, wie bei uns, und diese müssen dafür Geld bezahlen. Vater. Das ist nicht so, mein Sohn; das Haus, welches sie besitzt, ist so klein, daß sie kaum selbst Platz darin hat. T r a u g o t t. So klein wie ein Taglöhnerhäuschen? Vater. Noch viel kleiner und enger. Beda. Dann hat es wohl nur ein Fenster? Vater. Es hat gar kein Fenster und nur eine Thüre.268 Id a. Kein Fenster? — Ja, dann kann sie auch nicht darin sehen, wenn sie arbeiten wollte. Im Dunkeln kann man doch keine Nähnadel einfädeln! Vater. Um das Arbeiten bekümmert sie sich auch nicht und nähen kann sie auch nicht, von einer Nähnadel u. dergl. weiß sie nichts. Anna. Nun! Die ist doch recht dumm! Was macht sie aber den ganzen Tag? Vater. Sie genießt die sreie Lust während eines lang samen Spazierganges und steht immer zu, ob sie nicht etwas für ihren Magen findet. Kreszentia. Da muß sie doch erst kochen? Vater. Wo denkst du hin? Vom Kochen hat sie in ihrem Leben nichts gesehen, noch gehört: sie ißt Alles, wie sie es findet, und übrigens hat sie weder Küche noch Ofen, weder Topf noch Löffel, und was sonst dazu gehört, um kochen zu können; denn das Häuschen ist viel zu klein. Er n st. Das muß ein sonderbares Häuschen sein! Es wird doch wohl größer sein, als eine Hundehütte? Vater. Weit gefehlt! Es ist noch lange nicht so groß. Frida. Wie kann denn darin ein Mädchen wohnen? Vater. Und doch wohnt das kleine Mädchen darin und trägt es überall mit sich herum. Anna. Es trägt das Haus, das ganze Haus mit sich fort, Vater, das ist nicht möglich. Vater. Ja, es ist oft kaum so groß, wie ein Finger hut, und verlassen kann es die Kleine nicht, denn es ist ihr angewachsen. E r n st. Es ist — es ist — soll ich es sagen, Vater? I d a. O, nun weiß ichs auch ! Es ist die Schnecke mit ihrem Hause und die arme Schwester ist die schwarze Schnecke, die kein Haus hat. Vater. Hab ichs euch nicht gesagt, daß die reiche Schwester nicht so häßlich ist, als ihr dachtet? I d a. Ja, wenn wir nur nicht immer an Mädchen, — ich meine, wie wir sind — gedacht hätten, wir hätten es eher errathen. (Fröhlich sprangen die Kinder fort, um der Mutter das neue Räthsel mitzutheilen.) Gast. So heißt jener, den man freundlichst aufnimntt und an dem Frühstück, Mittags-, Abendessen oder auch an der269 Wohnung Antheil nehmen läßt. Eine solche mildthätige Be handlung ist unter dem Namen Gastfreundschaft bekannt. Diese schöne häusliche Tugend ist' seit Jahrhunderten eine Eigenschaft des biedern deutschen Volkes und verdient alle Beachtung. G^sibeleuchtrrn^. Es gab eine Zeit, wo es Nachts ans den Straßen der Städte stockfinster war. Niemand be kümmerte sich darum, ob man den Hals brach oder ob Roß und Mann in den ungepflasterten, bodenlosen Wegen stecken blieben. Da ward Licht; die Straßenlaternen und Oel- lampen kamen auf und wurden mit Jubel begrüßt. Jahr hunderte lang war man zufrieden mit ihrem trüben Lichte hinter den schwarz beräucherten Scheiben, und als man vollends bli tzende Metallblenden hinter der Flamme anbrachte, da waren die öligen Lampenputzer in mondlosen Nächten der civilisirten Welt beste Freunde und geschworene Feinde aller Diebe und andern liederlichen Gesindels. Die armen Oellampen, wie verachtet sind sie setzt! In die kleinen Städte, in die Vorstädte der größern haben sie sich zurückziehen müssen! Und vor wem! Vor der schwarzen rußigen Steinkohle und ihrem reinen, weißen Lichte, das die Nacht in Tag verwandelt! Niemand freut sich mehr, als der Lam penputzer. Längst hat er sein fettes Röckchen ausgezogen und die Scheere, die den Docht putzt, in den Winkel geworfen. Er dreht den Hahn in der eisernen Röhre auf, hält das Licht daran, und husch — brennt die weiße, helle Flamme, — ein Licht ohne Del und Talg, ohne Wachs und Docht, die kein Wind verlöscht — eine G a ssl amme, ein Leuchte von bren nender Lust! — Was doch alles in einer schwarzen, rußigen Steinkohle, diesem aus Pflanzen und Bäumen der Urwelt zu sammengebackenen Stoffe stecken kann, und — was der Mensch nicht alles erfindet I Da ist eine der vielen Gasbeleuchtungsanstalten, wie sie bei großen Städten gar häufig sich finden. Tritt näher; aber halte die Nase zu, denn das Gas stinkt gewaltig. Hier sind rohe Steinkohlen; sie werden in ein von allen Seiten zu ver schließendes, eisernes Behältniß gebracht, in das nur eine eiserne Röhre hineingeht, worauf man außerhalb ein recht gehöriges Feuer rings um das eiserne Behältniß anbrennt. Sobald die Kohlen in dein erhitzten Eisenkasten zu glühen anfangen, ent wickelt sich aus ihnen das Leuchtgas (brennbare Luft), welches sogleich in der angebrachten eisernen Röhre in die Höhe270 steigt. Da dasselbe aber noch eine große Menge schmutziger Bestandtheile bei sich hat, wird es in den Röhren durch ein großes, mit kaltem Wasser angefülltes Faß Hindurchgetrieben. Sobald es kalt wird, setzt es dort den bekannten Steinkoh- lent Heer ab, der durch eine andere Röhre abfließt. Es ist das der schwarze, zur Sommerszeit stark riechende Theer, mit welchem man Balken und Brücken re. anstreicht. Das Gas aber steigt wieder in die Höhe in ein großes, mit Wasser ge fülltes Gefäß. In diesem Gefäße steht im Wasser, wie ein umgekehrt hineingestelltes Bierglas, der eiserne, ungeheuer große Gasbehälter, so daß das Wasser den ganzen innern Raum desselben ausfüllt. Da die leichte Luft nämlich im Wasser stets in die Höhe steigt, so würde das Gas aus dem Wasser in die freie Lust entweichen, wenn es nicht der umgekehrt hin eingestellte Gasometer auffinge und zurückhielte. Je mehr sich Gas entwickelt, desto höher hebt es den Gasbehälter, der immer leerer vom Wasser wird. Zuletzt ist das ganze Gefäß mit Gas gefüllt und steht nur mit dem Rande unten noch im Wasser, damit das Gas auch nicht von unten entweichen könne. Aus diesem Gasbehälter, der gewöhnlich 30,000 Knbikfuß faßt und 11 Ellen hoch und 20 Ellen weit ist, führen nun eiserne, unter der Erde fortgeleitete Röhren das Gas in die Straßen und Häuser der Städte. Sobald man an den Röhren den Hahn aufdreht, ist es da! — Nun kommt's freilich vor, daß der Gasbehälter springt; nun, dann brennt keine Lampe in der ganzen Stadt, und die Herrschaften in dem mit Gas er leuchteten Theater sitzen mit einem Male im Finstern! Das konnte allerdings in der guten alten Zeit nicht Vorkommen! Manchmal bekommen sogar die Röhren Risse, es strömt äußere Luft hinein und bildet, mit dem Leuchtgase vermischt, das furcht bare Knallgas, das angezündet, wie Pulver Explosionen erzeugt und Röhren und alles um sich her zerschmettert. Aber wer denkt daran, wenn man beim blendenden Gaslichte die Nacht in Tag verwandelt sieht? Wer denkt daran, daß aus , denselben Kohlen sich auch jenes furchtbar tödtliche Gas ent wickelt, das, wenn man mit glühenden Kohlen gefüllte Oefen schließt, oder Kohlenbecken in verschlossene Stuben stellt, bei dem Unvorsichtigen unbemerkbar den Todesschlummer herbeiführt! Da lobe ich mir meine alten Oellampen, spricht der Träge. Der Denker aber bewundert in der wunderbaren, herrlichen Natur kraft, die hier tödtet, dort erfreut und erleuchtet, die Größe Gottes, der nur von denkenden Menschen seine Gaben benutzt wissen will.271 Gehorsam ist eine der schönsten Tugenden, welche der Jugend zur besondern Zierde gereicht. Es ist aber ein Unter schied im Gehorsam, ein großer! So weiß ich euch von einem Vater zu erzählen, der hatte vier Kinder, alle vier folgten und gehorchten ihm, ein jedes nach seiner Weise. Der Vater war etwas strenge mit seinen Kindern, oder vielmehr, er meinte es recht gut mit ihnen, deßwegen mußten auch die Kinder in Allem seinen Willen thun. Aber es war ein großer Unterschied unter den vier Kindern. Das jüngste davon, das doch schon acht Jahre alt war, begehrte von dem Vater bald dieß, bald das, und wenn es was brauchte, so folgte es dem Vater fleißig, um sich bei ihm einzuschmeicheln; es war also nur aus Eigennutz gehorsam, um dann etwas zu erhalten. — Der ältere Sohn war schon etwas kecker, und der Vater mußte also schärfer gegen ihn verfahren. Dann ging es freilich, denn er fürchtete sich vor dem Vater, oder vielmehr vor der Strafe, nur deßwegen gehorchte er. — Seine Schwester war auch nicht viel besser. Denn oft murrte sie in der Stille, wenn ihr Vater etwas be fahl, und nur dann that sie es ohne Widerwillen, wenn das, was sie thun sollte, ohnehin etwas Leichtes oder Angenehmes war. — Alle diese drei Kinder folgten endlich nur auf den Schein und so lange der Vater zusah. Wenn er weg war, thaten sie meist nur, was sie wollten. Gottlieb aber, ihr dritter Bruder, war ein ganz anderes Kind, er that Alles mit Freuden, was er dem Vater in den Augen ansah, wenn es ihn auch schon etwas schwer ankam. Er that es nicht, um dafür gelobt oder belohnt zu werden; er gab nicht Acht, ob der Vater zu gegen war oder nicht. Ihm war dieß allein genug: „Der Vater will es," und er thalls; „der Vater hat es verboten," und er that es nicht. Nun saget mir, was haltet ihr von diesen vier Geschwi stern? waren sie alle gute, gehorsame Kinder? Gewiß nicht! nur Gottlieb war ein gutes, braves Kind. — Seht! Gott ist unser Vater, wir sollen seinen Willen thun, das heißt: das thun, was recht ist, und was Unrecht ist, meiden. Dieß thun freilich manche Menschen, aber nicht alle Menschen sind deß wegen gut und fromm. Einige thun nur Gutes, damit es ihnen dann wohlergehe, oder daß sie dafür belohnt werden; sie thun es nur zu ihrem eigenen Vortheile, aus Eigennutz. Einige enthalten sich vom Bösen; aber nur aus ängstlicher Furcht vor Gott oder vielmehr vor der Strafe und also nur aus Zwang. Wieder einige erfüllen den Willen Gottes nur272 trt solchen Stücken, die sie ohnehin gerne thun, oder die sie leicht ankommen, und dieß ist auch nichts Großes. Nur derjenige ist wahrhaft gut und gehorsam, der allezeit, auch wenn es ihn schwer ankommt, aus Liebe zu Gott bereit ist, zu thun, was er will. Geieradler oder Lämmergeier ist unter den euro päischen Vögeln der größte; denn er mißt von einer Flügel spitze bis zur andern 8—10 Fuß, und bewohnt vorzüglich die Tchroler- und Schweizer-Alpen. Er stößt auf Schafe, Ziegen, Rehe, Hasen, die er durch die Luft davon führt, und in sein Felsen nest trägt; zuweilen ist er auch kühn genug, Kinder anzufallen. Einst war eine Schweizerin im Lauterbrunnen -Thale, am Fuße der Jungfrau (ein Berg) beschäftigt, ihren Kindern auf der Wiese vor ihrem Hause die Haare zu flechten. Wäh rend sie sich mit dem ältern abgibt, läuft das jüngste, ein Mädchen von etwa 3 Jahren, mit aufgelösten Haaren auf der Wiese herum. In diesem Augenblicke zeigt sich ein Lämmer geier, der sich in weiten Kreisen in hoher Luft herumschwingt, bald aber sich tiefer senkt, einen kleineren Kreis beschreibt und plötzlich auf das Kind herabstürzt, es bei den fliegenden Haaren faßt und mit ihm in die Luft steigt. Als er sich schon tau send Fuß über das Thal erhoben hatte, hörten die Leute das Jammergeschrei des Kindes und eilten den genannten Berg hinan, wohin der Vogel sich gewandt hatte. Diesen verließen indeß die Kräfte; das Kind flel aus seinen Klauen und stürzte glücklicher Weise auf einen freien Platz, wo eine Bleiche war. Erschreckt von dem Geschrei der Leute, wagte der Geier es nicht, das Kind noch einmal zu fassen, und so wurde es nur wenig beschädigt, der trostlosen Mutter lebend wieder gebracht. Gesicht. Ich kann sehen, - denn ich habe zwei gesunde Augen. Ich sehe den Mond, die Sonne und die Sterne am Himmel; und auf der Erde sehe ich Menschen, Thiere, Bäume, Pflanzen, Kräuter, Steine, Berge, Hügel, Felder, Flüsse, Seen, Teiche, Bäche, Quellen, Städte und Dörfer. In der Luft sehe ich Vögel, Fliegen, Mücken, Schmetterlinge; in der Erde erblicke ich Würmer; im Wasser sehe ich Fische, Frösche, Schnecken und Würmer. Gehör. Ich kann hören, denn ich habe zwei Ohren. Ich höre den Gesang der Vögel, das Rollen des Donners,273 den Schall der Glocken, das Knallen einer Peitsche, das Wiehern eines Pferdes, das Rieseln eines Baches, die Töne der Musik und den leisen Schlag einer Taschenuhr. Ich kann in weiter Ferne das Bellen eines Hundes, das Krähen eines Hahnes, den Schall einer Glocke und den Knall einer Flinte und Ka none hören. Geruch. Ich kann riechen, denn ich habe eine Nase. Ich rieche mit Wohlgefallen den Duft der Rose, des Veilchens, der Hyacinthe und der Aurikel. Ich rieche mit Mißfallen den Duft einiger Blumen, und empfinde den üblen Geruch des frischen Mistes. Geschmack. Ich kann schmecken, denn ich habe eine gesunde Zunge und einen Gaumen. Ich schmecke die Süßig keit des Zuckers, die Säure des Essigs, und die Bitterkeit der Mandel. Gefühl. An meinem ganzen Körper kann ich fühlen; ein besonders zartes Gefühl habe ich in den Fingern. Ich fühle, daß das Feuer brennt und das frische Quellwasser kühlt; daß die Sonnenstrahlen mich erwärmen, daß der Stein hart, die Wolle weich, das Eis kalt, der Spiegel glatt und der Zwillich rauh ist. Gehirn. Ihr wißt schon, liebe Kinder, daß man den länglichtrunden (ovalen) Knochen, welcher den obern und hin tern Theil des Kopfes ausmacht, die Hirnschale oder den Hirnschädel nennt. Eigentlich müßte man ihn den Gehirn schädel nennen, denn er hat von dem Gehirn, welches in der Höhlung des Schädels liegt, seinen Namen erhalten. Das Gehirn ist der wichtigste Theil des Kopfes und der wichtigste und zarteste Theil des ganzen menschlichen Körpers; denn die geringste Verletzung desselben zieht sehr oft augenblicklichen Tod nach sich. Bewundert daher die Weisheit des Schöpfers, der diesen zarten Theil mit einem Knochen umgeben hat, welcher ihm gleichsam zu einem festen und schwerdurchdring- lichen Schilde dient. Merket euch hierbei, daß das Gehirn bei einem Erwachsenen kaum drei Pfund schwer ist, und daß es beinahe den sechsten Theil alles des Blutes in sich faßt, welches der Mensch in seinem Körper hat. Gewfe. Die Gemse, ein zierliches Thierchen, bewohnt die höchsten Gebirge Europas. Sie ist schlanker Statur, hat Krndn--<L«ndersati»ns-Lexikon. 18274 die Größe einer Ziege, mit Hörnern versehen, welche 6 bis 10 Zoll lang werden, gerade aufstehen, und nur an der Spitze in Haken gebogen sind. Lebhafte Augen, braune Farbe, mit Ausnahme des Bauches und der Kehle, welche Theile weiß sind, ein vorzügliches Gehör, seltene Aufmerksamkeit auf Ge fahren und deren seltenes Entdecken, zeichnen das Thier be sonders aus. Steht ihr Leben in Gefahr oder sieht sie den Genuß ihrer Freiheit bedroht, dann gibt sie einen durch dringenden pfeifenden Schrei zu erkennen, und im Nu sind alle auf der Flucht, und zwar immer nach den höchsten, gefährlich sten Berggipfeln; der Gemsenjäger aber, mit der Flinte und dem mit Lebensmitteln gefüllten Waidsacke, mit einem Stachel stabe, und mit Fußeisen versehen, verfolgt sie mit Lebensge fahr über Felsenspitzen und Eisfelder. Gelingt es ihm, einige in eine Schlucht hineinzutreiben, so feuert er unter sie; in dem Augenblicke aber setzen die nicht hart getroffenen ihm ge rade über den Kopf weg und rennen zuweilen den verwegenen Schützen in den Abgrund. Lebendig werden die Gemsen mei stens als Junge gefangen. Wenn die Mutter geschossen wird, so bleibt das Junge bei dem todten Körper stehen und läßt sich ganz geduldig greifen und so gefangen nehmen. — Als einst der Herr eines Hauses mit seinen Knechten auf die Gem senjagd ging, sagte die bekümmerte Hausfrau: „Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht, Die sich indessen, deiner wartend, härmt. Denn mich erfüllt mit Grausen, was die Knechte Von solchen Wagefahrten sich erzählen. Bei jedem Abschied zittert mir das Herz, Daß du mir nimmer werdest wiederkehren. Ich sehe dich im wilden Eisgebirg, Verirrt von einer Klippe zu der andern Den Fehlsprung thun, seh, wie die Gemse dich Rückspringend mit sich in den Abgrund reißt, Wie die Windlawine dich verschüttet, Wie unter dir der trügerische Firn (Gletscher) Einbricht und hinabsinkst, ein lebendig Begrabener in die schauerliche Gruft. — Ach, den verwegenen Alpenjäger hascht Der Tod in hundert wechselnden Gestalten. Däs ist ein unglückseliges Gewerb', Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!"275 Der Herr antwortete: „Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth; Den schreckt der Berg nicht — der darauf geboren." — Noch Etwas von den Gemsen: Es donnern die Höhen, es zittert der Steg, Nicht grauet dem Schützen auf schwindligem Weg, Er schreitet verwegen Auf Feldern von Eis; Da pranget kein Frühling, Da grünet kein Reis. Und unter den Füßen ein nebliges Meer, Erkennt er die Statte der Menschen nicht mehr; Durch den Riß nur der Woicken Erblickt er die Welt, Tief unter den Wassern Das grünende Feld. Die Gemse gehört zu den Antilopen oder Gazellen und bewohnt die höchsten Gebirge der Schweiz und Tyrols. Man trifft sie da oft in ganzen Rudeln an. Jedes Rudel hat eine Vorgeis, welche die andern anführt. Die Vorgeis ist sehr wachsam; bemerkt sie etwas Verdächtiges, so pfeift sie durch die Nase; und sogleich ergreift das ganze Rudel die Flucht. Die Gemsen leben im Sommer von Alpenpflanzen und von frischen Trieben der Alpenrosen, Erlen, Weiden, Tannen und Fichten; im Herbst und Winter fressen sie Laub, dürres Gras und mancherlei Moose. Die Gemse hat eine schlanke Ge stalt; und ihre Füße sind mehr zum Springen als zum Laufen eingerichtet. Sie springt daher auch mit großer Leichtigkeit und Geschwindigkeit über die steilsten Felsen weg. Da die Gem sen ein sehr scharfes Gesicht, einen feinen Geruch und ein leises Gehör haben, so sind sie schwer zu jagen. Sobald sie das Geringste merken, eilen sie wie der Blitz davon. Wenn daher ein Jäger Gemsen jagen will, so muß er sie abschleichen. Er schleicht vorsichtig ans sie zu, kriecht auf Händen und Füßen über Schnee und spitzige Steine, damit sie ihn nicht sehen sollen. Bemerken sie ihn aber doch, so muß er wie tobt auf dem Bauche liegen bleiben. Endlich kriecht er auf glattem Eise weiter, zieht sein Hemd über den Rock, thut die Schuhe herunter,. 18 *276 läßt Bergstock, Kappe und Pulverhorn zurück, und kommt end lich den Gemsen so nahe, daß er die Krümmung des Geweihes unterscheiden kann. Nun schleicht er hinter einen Felsen, und reckt den Kopf hervor. Merken die Gemsen etwas, so darf er den Kopf nicht zurückziehen, sondern muß ihn stille halten. Endlich wählt er das fetteste und nächste Thier, legt an, schießt, trifft. Die Gemse stürzt nieder, während alle andern davon eilen. Der Jäger wirst nun die Eingeweide weg, bindet die Beine zusammen, und nimmt die Gemse wie einen Tragkorb auf den Rücken. Das Fleisch der Gemse hat einen gewürz haften Geschmack; aus dem Fett bereitet man allerlei Haus- Arzneien, und das Fell liefert ein sehr geschmeidiges Leder zu Beinkleidern und Handschuhen. Geruch des Hundes. Lieber Eduard! Kannst Du mir den schärfsten Sinn des Hundes nennen? Du wirst wohl errathen, daß ich seinen Geruch meine, und gewiß hat kein Thier einen so seinen Geruch, wie der Hund. Du wirst Dich in der That schon oft darüber gewundert haben, mit welcher Sicherheit der Jagdhund die Spur eines Hasen stundenweit verfolgt, bis er ihn aufjagt. Noch viel erstaunenswürdiger ist es, daß der Hund die Fußtritte seines Herrn unter den Fußtritten aller andern Menschen durch den Geruch heraus- sindet, und demselbigen viele Stunden weit nachläuft. Der Hund riecht also Dinge, welche wir nicht riechen. Seine Nase ist daher auch immer in Bewegung, immer schnuppert er in der Luft oder auf dem Erdboden herum. Ich will Dir nun ein Beispiel mittheilen, aus dem Du die Schärfe und Feinheit seines Geruches besonders sehen kannst. Ein Bauer ging einmal mit seinem Hunde in die Haupt stadt, wo eben Markt war. Als ihm die Schildwache sagte, daß er seinen Hund nicht mitnehmen dürfe, ließ er denselben im Wachthause zurück und ging fort. Als er zurückkam, be merkte er zu seinem Schrecken, daß er keine Uhr mehr in der Tasche habe. Er bat daher die Wache um die Erlaubniß, seinen Hund mitnehmen zu dürfen, damit er ihm seine Uhr wieder suchen helfe. Dieses wurde ihm erlaubt. Der Bauer gab alW dem Hunde zu verstehen, daß er etwas verloren habe, und ließ ihn so unter die Leute hinein. Nach einiger Zeit kam der Hund zurück, zupfte seinen Herrn am Rocke, bellte leicht, und lief einige Schritte vorwärts, als wollte er seinen Herrn auffordern, mit ihm zu gehen. Der Bauer ging also277 mit, und der Hund führte ihn zu einem vornehmen Herrn, von dem er nicht leicht wegzubringen war. Sogleich schöpfte der Bauer den Verdacht, es möchte ihm dieser Herr seine Uhr gestohlen haben. Er sagte düs der Schildwache, diese machte Anzeige davon, und es wurde ein Polizeidiener abgeschickt, den Herrn zu verhaften. Es geschah, und siehe da, als man die Taschen desselben untersuchte, so fand man nicht weniger als acht Uhren und zwölf Dosen, die er den Leuten im Gedränge aus der Tasche gestohlen hatte. Der Bauer wurde nun herein gerufen, und mußte seine Uhr genau beschreiben. Er bat aber den Polizeibeamten, man möchte die Uhren in ein nahes Zim mer legen. Nachdem dieses geschehen war, befahl er dem Hunde, seine Uhr herzubringen. Man ließ den Hund in das Zimmer, er schnupperte an den Uhren, erkannte diejenige, welche seinem Herrn gehörte am Geruch, und brachte sie. Dazu gehört eine feine Nase! Lebe wohl! Gefundheitsregelrr für Kinder. Kinder denken wohl selten daran, was für ein schätzbares Gut die Gesund heit ist. Wie viele verderben sich nicht selbst in ihrer ersten Jugend! Wie viele machen sich selbst zu krüppelhaften, elenden Menschen, oder müssen wohl gar frühzeitig sterben, weil sie so unachtsam und leichtsinnig sind. Gott selbst befiehlt uns, daß wir Gesundheit und Leben nach Möglichkeit schonen und be wahren sollen. Ein kranker Mensch kann nicht so viel Gutes, Nützliches ausrichten, als ein gesunder; und sich selbst aus Leichtsinn oder Vorsatz das Leben abkürzen, ist eine große Sünde. — Willst du, mein Kind! dich selbst vor Schaden bewahren, und thun, was du vor Gott schuldig bist, so beobachte Folgendes: 1. Wenn dir etwas fehlt, so sage^es sogleich dem Vater oder der Mutter. Anfangs ist oft leicht zu helfen. Aber wenn du lange wartest, so nimmt das Uebel zu; und oft ist dann nicht mehr zu Helsen. 2. Schlucke die Speisen nicht gierig in dich hinein! iß nicht zu viel; zu viel ist ungesund. Iß kein unreifes Obst; es verursacht schmerzhafte Krankheiten. Iß nichts von Beeren, Kräutern oder andern Gewächsen, die du nicht kennst; viele davon sind giftig. 3. Trink nie, wenn du stark erhitzt bist, sonst trinkst du dir den Tod hinein. Trink nie sogleich auf beiße oder fette Speisen. Alle hitzigen Getränke sind für Kinder schädlich; Branntwein ist für sie Gift.2 78 4. Leg' die Kleider nicht sogleich weg, wenn du s ch w i tz e st; kühle dich allemal vorher ab. Im Frühlinge und im Herbste, wo warme Tage und kühle Nächte sind, hüte dich, daß du dich nicht in der Frühe oder am Abend erkältest, sonst bekommst du die Ruhr, eine Krankheit, an welcher schon viele hundert Kinder elendiglich haben sterben müssen. 5. Geh' nicht von der Kälte sogleich zum heißen Ofen; bleib' nie zu lang oder zu nahe bei demselben. Die starke Ofenhitze ist ungesund und macht Kopfweh. 6. Fahr' nicht mit dem Messer oder mit der Gabel unvorsichtig hin und her; du konntest dich und Andere verletzen, und ihnen wohl gar ein Auge ausstechen. Rühre keine S chieß- g e w e h r e an! 7. Sei nicht unvorsichtig im Springen; steig' nirgends hinauf, von wo aus du leicht herabfallen könntest; wage dich in kein Wasser; geh' keinem Pferde zu nahe; nimm dich in Acht, daß du nicht unter die Räder eines laufenden Wagens geräthst. 8. Gib Acht, daß du dir die Zähne und die Augen nicht verdirbst. Zahn- und Augenschmerzen sind ein schreckliches Uebel. Sind Zähne und Augen einmal verdorben, daun sind sie nicht mehr herzustellen. 9. Die Zähne werden verdorben mit scharfen Speisen und mit süßen Näschereien; wenn man harte Sachen auf- und abbeißt, mit denselben einen Knopf oder eine Masche anfreißt, wenn man den Mund nicht rein hält, und nicht fleißig mit frischem Wasser auswäscht; wenn man endlich auf heiße Speisen zu bald trinkt. 10. Den Augen schadet es, wenn man frei in die Sonne schaut, wenn man so liest oder näht, daß die Sonne, das Licht oder der blendende Schnee in die Augen fällt, oder wenn man liest und näht, wenn es schon dunkel ist. Manche Schmerzen könntest du wohl leicht vermeiden ; Willst du aber nicht, so mußt du sie halt leiden. Getreid. Mein Kind! der liebe Gott läßt auch auf dem Felde Getreid oder Korn aller Art wachsen, daß Menschen und Thiere sich nähren können, z. B. Besen, Weizen, Roggen, Gerste, Haber. Auch Erbsen, Linsen, Kartoffel, Rüben, Reps, Klee baut man auf dem Felde, so wie Tabakspflanzen, dann Hopsen rc.279 Gewitter. Unter die erhabensten Erscheinungen in der Athmosphäre gehört das G ew itter. Man hat bei demselben zu berücksichtigen: die Wolken, wodurch es veranlaßt wird, den Blitz und den Donner. Ihr wisset aus eigener Er fahrung, daß Gewitter besonders gern an schwülen Sommer tagen entstehen, und es ist keines unter euch, daß die drohenden, schwarzen Wolken nicht kennt, ans denen sich der baldige Aus bruch Vorhersagen läßt. In diesen Wolken hat sich viele elek trische Materie angehäuft, und wenn es derselben nun gelingt, sich ans einer Wolke frei zu machen, so erscheint der zickzackige Blitz, welcher nichts anderes ist, als ein elektrischer Funke im Großen, ganz ähnlich denen, welche man aus einer Elektrisir- maschine Ziehen kann, oder welche man erhält, wenn man im Finstern einer Katze das Fell streicht. Das Getöse, welches durch das schnelle Durchbrechen des Blitzes durch die Lust em- steht, heißt Donner. Ist die Wolke, aus welcher der Blitz sich entlud, sehr nahe bei uns, so hört man den Donner ent weder mit oder gleich nach erfolgtem Blitze; ist sie aber weiter entfernt, so verstreicht zwischen dem Blitz und Donner einige Zeit. Wenn der Blitz zur Erde herabfährt und irgend einen Thurm, ein Hans, einen Baum u. s. w. trifft, so sagt man, es habe eingeschlagen. Daß der Blitz auch Menschen und Thiere nicht verschone, lehrt uns manche traurige Erfahrung. Dieß soll uns aber nicht zu thörichter Gewitterfurcht ver leiten, denn im Ganzen genommen sind doch die Fälle selten, daß Menschen vom Blitze gelobtet werden, und wo es geschieht, da geschieht es nach dem Rathschlusse Gottes, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm Haupte fällt. Noch muß man Kinder auf Folgendes aufmerksam machen: beim Eintritt eines Gewitters muß man sich vorsichtig benehmen, besonders wenn man sich im Freien aufhält. Gefährlich ist es, sich in der Nähe der Metalle, Bäume, Thürme re. aufzu halten, weil diese den Blitz an sich ziehen. Sich von letztern Gegenständen gar zu weit entfernen, kann man aber auch nicht rathen, sonst bildet man . gleichsam selbst einen Blitzarbeiter.— Einen künstlichen Blitzableiter, den man auf hohe Gebäude setzt, erfand Benjamin Franklin (ein Amerikaner). Das Er scheinen eines Gewitters macht immer einen besondern Eindruck auf uns Menschen, nur müssen sie von uns so angesehen wer den, wie sie uns ein braver Herr mit folgenden Worten be zeichnet, indem er sagt:280 Zürnen mit dem Erdenvolke, Zürnen will der Himmel nicht, Wenn aus jenen grauen Wolken Gott mit seinen Kindern spricht. Bei der Sonne sanftem Licht Schweigen seine Donner wieder, Und er blicket sreundlich nieder, Wo sein Strahlenbogen hängt. Jeder Busch von ihm getränkt, Lispelt es; der Vögel Schaar Singt es freudig uns entgegen, Daß des Vaters milder Regen In der dunklen Wolke war. Gießbach. „Wohl hat gelockt ihn nach der Schweiz Ihr stolzer, unbeugsamer Reiz; Die Alpen mit den weißen Stirnen Und mit den gluthgetränkten Firnen, Der Runsen wildes, wall'ndes Sprüh'n, Der Matten nie verwelkend Grün, Die Seckn mit ihrem erz'nen Glanz; Die Menschen, die so frei und ganz." Und wahrlich, meine freundlichen lieben Leser und Lese rinen! es ist eines der schönsten Stückchen der Erde, die Schweiz und auf diesem Stückchen ist der Gießbach einer der schönsten, anmuthvollsten Punkte. Ganze Schaareu von Reisenden werden durch die Gieß b ach fälle an den Brienzer See geführt. Sie bestehen aus einer Reihenfolge von Fels zu Fels aus großer Höhe herab stürzender Wasserfälle, nicht so mächtig zwar als die Reichenbachfälle (siehe Wasserfälle „Rei chenbachfall"), prachtvoll aber durch die üppige Waldung und das frische Grün der Matten, welches ihnen als Rahmen dient, so daß man sich fast in einen Park versetzt glauben könnte. Der Gießbach ist erst seit 1818 bekannter geworden. Er war früher fast ganz unzugänglich. Damals bahnte der Schul lehrer Kehrli einen Weg, und ließ sich dafür eine kleine Ver gütung von den Reisenden zahlen, die ihn in den Stand setzte, in der Nähe der zwei ersten Fälle ein Wirthshaus zu gründen.281 Kehrli starb 1854 und seine Erben verkauften die Besitzung an die Gebrüder v. Rappard in Wabern bei Bern. Diese haben dem Gießbach seine jetzige Gestalt gegeben, das große, elegante Hotel (Gasthaus) erbaut und Tausenden Gelegenheit geboten, das herrliche Naturschauspiel der sieben schäumenden Fälle von allen Seiten zu betrachten und bis zum Ursprung zu verfolgen. Aus einer engen, 400 Fuß hohen Felsenkluft hervor dampfend, stürzt der Gießb ach 1100 Fuß hoch herab, in sieben Fällen, aus einem Felsenkessel in den andern, zwischen glänzend grünen Matten, saftig glitzernden Gebüschen und Baum gruppen und keck aufgeworfenen, mit sammtenem Moos über zogenen Felsblöcken. Wenn die Sonne ihn bescheint, sieht man den sprühenden Wasserstaub in allen Farben des Regenbogens umherftimmern. Ein majestätisches Schauspiel gewährt auch die nächtliche Beleuchtung des Gießbaches durch Tausende von Lichtern und Fackeln und Pechpfannen und viel farbigen Feuern, was jeden Sonnabend geschieht. Wollet ihr einmal dem G i e ß b a ch in der Schweiz einen Besuch machen, so dürftet ihr folgende Anweisung beachten, sie wäre euch gewiß ein guter „Führer". Bon Jnterlaken aus reiset man zum G i e ß b a ch in 50 Minuten, von Brienz aus in 15 Minuten mit dem Damps- schisf. Gleich beim Aussteigen empfängt den Reisenden eine geräumige Landungshalle. Vom Landungsplätze aus führt der breite Weg bei seiner ersten Windung zu einer Brücke, welche über den untersten Fall hinausragt, und von der man den Gießbach in den Brienzersee Hinabstürzen sieht. Man kehre von der Brücke zur Straße zurück, denn die schmalen Fußsteige sind gewaltig erymdend und häufig voll Gerolle oder Morast. Wo die breite Straße die sechste Windung macht, hat man einen schönen Blick auf den obersten Fall. Auf dem sogenannten Wurfe, bei den Silberpappeln angelangt, betrachte man die weite Aussicht über den Brienzer- und Thunersee; von der Kanzel aus, bevor man sich auf die nahe gelegene Plateforme begibt, auf den Punkt, von wel chem aus der Gießbach in seiner vollen Schönheit überblickt werden kann, wie er aus einer Felsschlucht, 1100 Fuß über dem See, hervorschäumt und in sieben Fällen über waldbe kränzte Felsen herabstürzt. Will man die einzelnen Fälle besuchen, zu welchen überall282 bequeme und ganz gefahrlose Fußwege und Brücken führen, so nehme man immer einen Shawl (Schal) oder einen leichten Mantel zum Schutze gegen den kalten Wasferftaub mit. Einen schönen, leicht zugänglichen Punkt bieten schon die Bäume am ersten Falle. Dann überschreite man die erste (untere) Brücke, verfolge den links durch den Tannenwald sich hinschlängelnden Weg bis zum zweiten Falle, der über eine Grotte hinwegstürzt, in welche man auf diesem Wege trocken und ungefährdet gelangt und wo man nun den wild schäumenden Bach über sich wegstürzen sieht. Von der Grotte aus führt an beiden Ufern ein Weg bis zur nächsten Brücke hinauf, von dieser aus aber nur am rech ten Ufer weiter bis zur obersten Brücke. Hier stürzt der Gießbach aus einer engen dunkeln Felsschlucht mit 400 Fuß hoheu Wänden unter der Brücke weg in einen Felskessel von 180 Fuß Tiefe; — eine wild romantische Scene, welche ihresgleichen sucht. Am großartig sten erscheint diese rechts von der Brücke auf einem Felsvor sprunge, zu dem man die Brücke überschreitend, ohne Gefahr gelangt. Der Rückweg aus denselben Fußpfaden. Giftpflanzen. Kluge Kinder essen keine Frucht, die sie nicht kennen, da es auch giftige Pflanzen gibt, durch welche viele Unvorsichtige sich schon den Tod zugezogen haben. Ge wöhnlich ist das Aussehen der Giftpflanzen nichts weniger als abschreckend, und manche locken durch ihre schönen, glänzenden Früchte fast unwiderstehlich zum Genuß, gerade wie die Sünde, durch welche die unschuldige, freundliche Miene, welche sie an nimmt, und durch die reizende Hülle, in welche sie ihre Häß lichkeit zu verbergen weiß, den Menschen zu locken und zu verführen sucht; aber wer klug ist und das Wahre vom Fal schen zu unterscheiden weiß, der läßt sich nicht täuschen. — Ich will euch die Namen der in Deutschland am häufigsten vorkommenden Giftpflanzen hier aufzählen; eine ausführliche Beschreibung werdet ihr später erhalten. Der Stechapfel, die Tollkirsche, das Bilsenkraut, die Einbeere, der blaue Eisenhut, die Herbstzeitlose, der Lolch, der schwarze Nachtschatten, der Schierling, die Wolfsmilch. — Das allersicherste Mittel gegen alle diese Giftpflanzen ist in den alten Verslein enthalten: Iß nichts, das du nicht kennst, wenills noch so süß auch schmeckt, Weil oft der bitt're Tod in süßen Sachen steckt.283 Roth' Beerchen sei du noch so schön, Kenn' ich dich nicht, laß ich dich steh'n! Hier habt ihr ein Geschichtchen von solchen Kindern, welche obige Berschen nicht beachteten: Zwei Kinder einer armen Frau gingen, während ihre Mutter Futter für die Kuh holte, in den nahen Wald und fanden dort einen Strauch mit herrlichen rothen Beeren. Lieschen, das älteste von den Kindern, brach eine ganze Hand voll Beeren ab und theilte sie mit dem kleinen Hans, seinem Brüder chen; dann setzten sie sich zusammen auf das Gras, und ließen sich die Beeren wohl schmecken. Allein schon während des Essens fing der Hals an, ihnen wehe zu thuu; und Hänschen warf die übrigen Beeren weg; Lieschen aber, weil es größer war, ließ sich nicht irre machen, und schluckte noch mehrere Beeren hinunter. Doch fühlte auch sie jetzt heftigen Schmerz; darum nahm sie ihr Brüderchen an die Hand, und fing an nach Hause zu laufen. Je weiter sie kamen, desto ärger wurde das Brennen im Halse und im Leibe. Da brachen sie in Weinen aus und schrien, so laut sie konnten. Das hörte die Nachbarsfrau, und es ahnte ihr, daß ein Unglück geschehen sei. Sie lief hinzu, und fragte die Kinder, was ihnen sei. Diese aber schrien immer heftiger: „Mein Leib! mein Leib!" aber was eigentlich geschehen war, war nicht aus ihnen heraus zubringen. Die Frau brachte also die Kinder nach Hause und schickte nach der Mutter. Bis diese aber kam, sah es schon recht Wimm mit den Kindern aus; und da auch kein Arzt im Dorfe war, so blieben die Giftbeeren in dem Magen der selben, und am andern Morgen war alle Hilfe zu spät. Als der Arzt endlich kam, fand er die Kinder bereits todt. Da öffnete er ihnen den Leib, und fand, daß Hans sechs, Lieschen aber zehn Beeren gegessen hatte. Der Hals und der Magen waren fürchterlich geschwollen, und man konnte wohl schließen, welche Schmerzen die armen Kinder gelitten hatten, bis der Tod sie erlöste. Gimpel. Ter Gimpel mit seinem karminrothen Bauche ist euch allen bekannt. Sein natürlicher Gesang lautet wie das Knirschen einer ungeschmierten Schiebkarre; gleichwohl lernt er, trotz dem geschicktesten Singvogel, allerlei Liedchen pfeifen und wird häufig abgerichtet. Das Leben im Zimmer gewöhnt er gar bald an und ist er einmal hier ängewöhnt, so zieht er284 nicht leicht wieder die Freiheit vor. Lebt er frei in Wäldem, so unternimmt er auch Peisen. Giraffe. Spricht man von einem Thiere, das oft gleich dreimal so hoch ist, als ein Mensch, das einen Hals hat, der beiläufig zwei Meter lang ist, von einem Thiere, das nicht bei uns, sondern weit, weit von uns weg, in heißen Gegenden lebt, sich von Blumenblättern nährt, dann denkt man an dich, Giraffe! — Glas. Wie gut ist es doch, daß wir ein Glas haben! Ach, was wären unsere Häuser ohne Fenster, ohne das Ding, durch das man andere Dinge sehen kann, ohne das Glas! — Wie freut es die Kinder, wenn sie sich ein gefärbtes Glas vor die Augen halten und so dann die Gegenstände alle entweder grün, oder roth, oder blau, oder gelb rc. sehen können. Wie stände es mit unseren Trinkgeschirren, wenn wir kein Glas hätten. Ach, nicht einmal einen Spiegel besäßen wir und die schönsten Bilder, die wir jetzt in Glas und Rahmen machen lassen können, müßten wir dem Staube aussetzen oder dem Auge ganz entziehen. Wie gut ist es, daß man im Glase Wein, Bier, Essig aufbewahren kann! — Hier will ich euch noch kurz erzählen, wie man das Glas erfunden hat. Ungefähr vor 2000 Jahren landeten einst phönicische Kaufleute, welche Salpeter auf ihren Schiffen führten, nicht weit von der Stadt Sidon, an den sandigen Ufern des Flusses Belus, waren hungrig und wollten sich eine Suppe kochen. Sogleich wurde ein Kessel aus dem Schisse alüs Ufer getragen und angefüllt. Da keine Steine in der Nähe waren, holte man ebenfalls vom Schiffe her etliche Salpeterstücke, setzte den Kessel darauf und machte ein tüchtiges Feuer darunter. Bald war die Suppe fertig und von den hungrigen Schiffern ver zehrt. Nach dem Essen rührte einer von ihnen, vielleicht zum Zeitvertreib, in der noch warmen Asche umher. Da sieht er ein durchsichtiges, glänzendes Stückchen Stein, so glatt und schön, wie er es noch nie gesehen. Was ist das? fragte er die Andern. Sie wußten es auch nicht, merkten aber bald, daß das neue, schöne Gestein wohl aus der Asche, dem Sal petersalz und dem Sande zusammengeschmolzen sein müsse, und hatten Recht. Sie versuchten es noch öfter, und — das Glas war erfunden. Anfangs wurde dasselbe aber so kostbar ge halten, wie Gold und Bernstein, und wer ein Stückchen hatte,285 vielleicht wie eine Erbse groß, freute sich und that es in einen Fingerring. Zu Fensterscheiben brauchte man es damals noch nicht. Jetzt wird das Glas in sogenannten Glashütten ver fertigt und ist diese Kunst, namentlich in England und Deutsch land, durch Schleifen des Glases zu einer hohen Vollkommen heit gebracht. Glasfabrik. Wie das Glas aus den Glashütten aus Kies und Pottasche und Salz bereitet wird, habe ich euch schon gesagt. Wie es aber geblasen und behandelt wird, das müßt ihr einmal in einer solchen Glasfabrik zu sehen suchen, denn nach der bloßen Beschreibung würdet ihr es doch nicht begreifen. Nur so viel kann ich euch sagen, daß es unge fähr ebenso dabei gehalten wird, wie bei den Seifenblasen, welche die Kinder mit einem Strohhälmchen blasen. Das eiserne Rohr der Glasmacher wird in die flüssige, glühende Glasmasse, wie das Strohhälmchen der Knaben in das Seifen wasser, getaucht, und ebenso geblasen; so lange die Kugel aber noch weich ist, reißt man sie auf und gibt ihr mit eiser nen Instrumenten die gewünschte Form. Gletscher. Auf hohen Bergen sind große Eismassen, welche man Gletscher nennt. Du kannst dir gar nichts Schöneres denken, als wenn du im Thal unten stehst, und hoch oben glänzen diese Gletscher im Sonnenschein. Ist man auf einen Gletscher hinaufgestiegen, so sieht man um und um nichts als Schnee und Eis, das voller Löcher und Zacken ist. Diese Gletscher gehen zuweilen bis in's Thal hinunter wie z. B. der große Grindelwald-Gletscher in der Schweiz. Da ist dann der Winter und Sommer neben einander. Hier blühen und grünen die Wiesen und dort ist Schnee und Eis. Nun denke dir, wenn in der Schweiz so gar im Sommer der Schnee und das Eis nicht schmilzt, was muß da im Winter für Schnee und Eis sein, das magst du aus folgender Geschichte sehen. In einem sehr strengen Winter schneite und wehte es so, daß der Schnee ein einsam gelegenes Haus bald ganz bedeckte. Selbst zum Kamin konnte man zuletzt nicht mehr hinaussehen. In dem Hause war ein Mann mit seinem Weibe und seinen Kindern. Sie hatten nichts als etwas Käse und Brod; denn der Weg zum Felsenkeller, in dem einige Feldfrüchte lagen, war auch verschneit. So saßen die armen Leute in beständi-286 ger Dunkelheit, und hörten nichts als das Brausen des Sturmes. Tag und Nacht mußten sie ihr Lämpchen brennen, und sich von Käse und Brod nähren. Der Vater wollte Zwar die Hausthüre aufdrücken; allein es ging nicht. Und durch das Fenster und den Kamin konnten sie nicht hinaus. So vergingen drei Tage. Die Kinder weinten, und den Eltern wollte das Herz brechen. Um sich in ihrem Elende zu trösten, beteten sie und sangen geistliche Lieder. Bald war Schnee wasser ihre einzige Nahrung. Der sechste Tag kam herbei, und noch war keine Hilfe da. Die armen Leute umarmten einander, schluchzten und weinten; denn sie konnten vor Schwach heit nicht mehr reden. In dieser äußersten Noth wollte sich der älteste Knabe für seine Geschwister schlachten lassen. Dieser schreckliche Gedanke betrübte die Eltern so, daß sie mit ihren Kindern auf die Knie niederstelen und inbrünstig beteten, der Herr wolle diese Noth in Gnaden vorübergehen lassen. Darauf legten sie sich schlafen. Als sie wieder aufgestanden waren, ging der Vater zum Kamin, und kratzte etwas Schnee herunter; allein man sah noch immer keine Helle. Darüber brach die Mutter in lautes Jammergeschrei aus, der verzweifelte Vater .ergriff das Beil. Während der Knabe getrost sein Röcklein auszog und den Hals entblößte, während Mutter und Kinder zusammenschrien, da erschreckte sie ein Lärm in der Küche. Es war, als wenn der Kamin zusammenbräche und herunterstürzte. Aber sogleich war wieder alles still. Da nahm der Vater die Kienfackel in die rechte und das Beil in die linke Hand, und ging hinaus. Die Mutter folgte ihm mit zwei Kindern furcht sam uach. Da sahen sie beim Scheine der Fackel eine Gemse auf dem Heerde liegen, welche das Bein gebrochen hatte. So gleich griff der Vater zu, während die Mutter betete und Freudeuthränen weinte. Da lag die Gemse geschlachtet. Vater, ' Mutter und Kinder erquickteil sich an der Speise, die ihnen der Herr in der äußersten Noth gesandt hatte. Zugleich sahen sie durch den Kaniin den blauen Himmel. Noch zwei Tage mußten sie harren, und warell gerettet. Siehe, so ist die Hilfe am nächsten, wenn die Noth am größten ist. Glocken, Es gibt große und kleine Glocken. Die kleinen Glocken hängt man den Kühen an oder man macht sie an Thüren fest, damit man es hört, wenn Jemand kommt oder geht. Die großen Glocken sind auf Kirchthürmen. Man läutet, wenn man in die Kirche kommen soll, oft wenn man287 beten soll, oft unter Tags, bann, wenn ein Kindlein getauft, wenn eine Hochzeit gehalten, wenn Jemand begraben wird, aber auch wenn Feuer auskommt re. — Gar schön tönen die Glocken an hellen, freundlichen Aben den und ihr saget dann gewiß mit innigem Gemüthe: Glöcklein, Abendglöcklein, läute Frieden, Freude Allen Menschen zu. Helle laß dein Lied erschallen Und bring' Allen Eine sanfte Ruh'! Ruhe dem, der sorgt und weint, Ruh' dem Freunde und dem Feind. Allen Lieben bringe du Ruhe, und mir auch dazu. Glockengießer, der, macht die Glocke. Die Glocken gießerei ist aber eine mühevolle Arbeit. Man macht erst eine Form aus Lehm, und setzt diese in sestgestampfte Erde nahe vor den Gußofen. Ist das Metall, (die Glockenspeise, eine Mischung von Kupfer und Zinn) geschmolzen, so gießt man es in die Form, welche zerschlagen wird, sobald das Metall erkaltet ist. — Wenn ihr einmal größer seid, dann leset das „Lied von der Glocke" — von Friede. Schiller. Gluckhenne. Von der Gluckhenne kann der Mensch viel, sehr viel lernen; Sorgfalt und Treue, die Kleinen zu pflegen! — Wie emsig und freundlich beschäftigt sie sich mit ihren Kleinen. Wie bereitwillig versagt sie sich jeden Bissen, unl ihn ihren Kindern zu reichen! Wie muthig und wie be sorgt breitet sie ihre Flügel aus: droht ihren Lieblingen eine Gefahr! Wie bekümmert ist sie, wenn eines ihrer Innigen in's Wasser fällt! Scheint sie nicht, unruhig hin- und her eilend, mit der Verzweisiung zu ringen? — Gold. Das kostbarste aller Metalle findet man als kleine Körner entweder in Bergwerken oder in dem Sande einiger Flüsse. Liebe Kinder! das Gold hat viel Anziehendes. — Es hat schon Kriege veranlaßt und Friedensverträge ge schlossen, es hat Staaten zerrissen und Länder bereichert und verschönert. Vieles, Erfreuliches und Schreckliches, ist um288 den Besitz eines Goldstückes geschehen. — Gold war es, von dem beschwichtiget der Freund den Freund und der Bruder den Bruder verließ. Gold war es, das schon oft Veranlassung zum Betrüge, zum blutigen Mordanschlage gab.— Doch, auch Segenskörner hat dieses edle Metall unter die Menschen ge streut, reiche Hilfe in die Hütte der Armuth gebracht. „Als gut und edel bewährt sich das Gold im Besitze und Gebrauche der Edlen und Guten." — O Kinder! denket doch über diese Bemerkung nach! — Das Gold hat Mancher freilich auch noch nicht viel an ders gesehen, als an den vergoldeten Bildern in den Kirchen; er weiß aber darum doch so gut wie ein Anderer, daß es gelb aussieht. Es ist sehr schwer, läßt sich mit dem Messer schnei den und biegen, sowie auch hämmern. Und zwar das Letztere so sein, daß man ein Goldstück, das nur so groß ist, wie ein 20 Pfennigstück, so viel ausdehnen kann, daß sich ein Reiter mitsammt dem Pferd damit übergolden ließe. In unserm deut schen Vaterlande hat man sonst auch Gold aus dem Flußsande gewaschen. Es war aber niemals sehr viel darinnen, und in manchen Gegenden gehörte schon viel dazu, wenn Einer den ganzen Tag über für 10 Pfennig Gold herauswaschen wollte. Damals war aber Alles noch so wohlseil, daß von 10 Pfennig eine ganze Familie einen ganzen Tag über gar herr lich leben konnte. Jetzt aber ist das anders, und da ist es sicherer, sein Brod auf eine andere Art im Schweiße seines Angesichts zu essen. In Südamerika und auch in manchen Gegenden von Afrika steht es freilich noch günstiger. Dort findet man noch jetzt, wie ehemals, ehe die Europäer Alles so ausgesucht hatten, noch viel häufiger ganze Klumpen und Klümpchen oder doch Körnlein Goldes unter dem Sande. Ich möchte aber deßwegen doch nicht dort sein, wo so viel Gold und Silber gegraben wird. Denn wenn ich mich auch gerade vor den Menschen nicht fürchte, so ist es doch da, wo die allerreichsten spanischen Bergwerke sind, öfters so theuer, daß man für ein solches Stück Brod, das bei uns 5 Pfennig kostet, wohl 100 be zahlen muß. Das haben auch die armen Bergleute erfahren, di-e eiumal vor etlichen Jahren wegen des groß.en Taglohnes, den sie dort haben sollten, hinein nach Südamerika zu den Silberbergwerken gingen. ■ Sie konnten ihren Frauen und Kin dern gar kein Geld herausschicken, wie sie gehofft hatten, und konnten sich für das viele Geld, das sie dort bekamen, kaum289 satt an Brod essen. Auch sind die Leute dort sehr faul und verschwenderisch und sonst schlimm, so daß sie bei allem ihrem Gold meist viel weniger glücklicher sind, als wir, und öfters auch ärmer. Wurde doch auch der reiche König von Spanien, Philipp II., der jährlich ganze Schiffe mit Gold und Silber beladen aus Südamerika bekommen hatte, am Ende so arm, daß er in den Kirchen für sich eine Kollekte veranstal ten ließ. Da das Gold so vielen Menschen das Wünschenswertheste auf der ganzen Erde schien, und oft höher als Gesundheit und Gottseligkeit geschätzt wurde, so fehlte es nicht an Versuchen, sich dasselbe auf thörichten oder gottlosen Wegen zu verschaffen. Die Einen glaubten, wenn man nur die rechten Erdarten in einem Tiegel zusammenschmelze und allerlei Zauberformeln dabei ausspreche, so werde Gold in dem Tiegel entstehen. Allein diese Thoren verloren Zeit, Geld und Frömmigkeit; ihr Hab und Gut flog oft als Rauch zum Schornstein hinaus. Andere wollten gemünztes Gold in Töpfen aus der Erde graben. Mit Hilfe eines Schatzgräbers und einer Wünschelruthe hoffte man den Geistern unter der Erde ihre verborgenen Schätze abzuge winnen. Doch Mühe, Kosten, selbst die Beschwörung der Gei ster sind allemal vergeblich gewesen. Weder durch Hexerei, noch durch Zauberei werden die Menschen reich, auch der Be trug führt selten zu einem guten Ende. Arbeit und Sparsam keit füllen das Haus, und Morgenstund hat Gold im Mund. Was ist das? — Es kommet vom Gebirge her, Ist gar schön gelb und sein und schön Die Menschen sind ihm viel zu hold, Sie lieben es, und nennen's — Nun so wartet nur! — Ihr errathet mir ja das Räth- selchen, ehe ich es fertig mache. Ja, ja, ihr habt es — es ist Gold; und mancher wünscht vielleicht, er hätte es — in der Sparbüchse. Nun, ich habe eben auch nichts dagegen, aber für jetzt wollen wir uns etwas vom Gold erzählen: Das Gold ist gar ein edles, vornehmes Metall, das nicht überall zu Hause ist und wohl gesucht sein will. Ja, man findet es so selten wie ganz gute brave Kinder. Es hat auch viele herrliche Eigenschaften, die wohl werth sind, daß sie von den Kindern allen nachgeahmt werden. Kiiider-Coirversanmrs-LexUoir 19290 Für's Erste ist es sehr biegsam, so daß man mit Leich tigkeit die schönsten, gefälligsten Dinge daraus machen kann. Ein Kind, das diese Eigenschaft hat, wird sich zu einem schönen, wohlgefälligen Menschen bilden lassen. Für's Zweite ist es sehr weich und nimmt unter dem Prägstöcke ganz leicht das mackelloseste Bild und die deutlichste Schrift an, wie wir es auf manchen Goldstücken schauen können. Also nimmt auch ein. gutes Kind — ein Kind mit weichem Gemüthe — bereitwilligst das Bild des lieben Gottes in sich auf und prägt sich tief und deutlich die göttlichen Worte ein. Für's Dritte ist es rein wie kein anderes Metall, so daß man im Sprichwort oft sagt: „rein wie Gold." So sollte auch des Kindes Herz sein — ohne bösen Willen und unsitt liche Neigung. Für's Vierte ist es dehnbar, wird unter dem Hammer des Goldschlägers so fein und dünn — ja noch dünner als das feinste Seidenpapier und läßt sich zu einem Drahte ziehen, der an Feinheit den zartesten Seidenfaden übertrifft, und zer reißt dabei nicht leicht. So soll auch dem Kinde die Geduld nicht zerreißen, wenn der liebe Gott es ein wenig schlägt, etwa durch Krankheit oder andere Mißgeschicke. Auch soll es sich geduldig ziehen lassen von den Eltern, selbst wenn es ihm oft streng und hart schiene. Endlich ist das Gold auch sehr gesellig, mischet sich leicht mit andern Metallen und löset sich sogar im Quecksilber auf, als wäre es selber nicht mehr als Quecksilber. Hierin dürften Kinder aus reichen und vornehmen Familien auch dem Golde gleichen: sie sollten sich nicht für zu hoch halten, mit Leuten geringen Standes umzugehen. Wo sindet man das Gold? Nicht an gar vielen Orten, wie oben schon angedeutet wurde. Das meiste läßt sich treffen in Brasilien, Mexiko, Peru, Chili, im Ural, in Ungarn und Siebenbürgen. Das sind aber keine Dörfer bei Dillingen, wie ihr schon an den deutschen Namen merken werdet. Im südlichen Afrika liegt dem Meere entlang ein Streifen Landes, den man die Gold küste nennt. Da mag es allerdings viel Gold geben, aber doch möchten wir nicht dort unsere Heimath haben, weil sich's hier zu Land besser leben läßt. — So ist im nordwestlichen Amerika ein Land, Kalifornien genannt, das Gold hat, daß man's schier mit Schaufeln auffassen kann, aber seine Einwoh ner sind wild und ungebildet — ein Beweis, daß das Gold291 die Sitten nicht veredelt und verfeinert. Die Kalifornier haben aber auch selbst gar nicht gewußt, daß sie so goldreiche Leute sind. Da ließ einst (i. I. 1848) ein Schweizer, der sich am Fluße Sakramento angesiedelt hatte, an seinem Mühlbache arbeiten und entdeckte, daß es hier Gold wie Sand gebe. Das blieb nicht lange geheim, und bald kamen goldgierige Leute aus allen Ländern und Welttheilen herbei, sich hier einen Sack Gold zu holen. Manchem ging es wohl schlecht; denn es gibt an diesem Flusse eine Art kleiner Krokodille, die sehr lüstern nach Menschenfleisch sind und vielen Goldsuchern ein Glied vom Leibe oder gar den Kopf als besondere Leckerbissen ab schnappten. Nicht weniger sind auch sammt ihrem Golde unterwegs verhungert oder im Meer versunken. Gar Wenige aber werden durch ihren Fund glücklich geworden sein. In unserm Lande findet man wenig Gold. Einiges führt die Isar mit sich, aber wer mag die kleinen Goldkörnlein aus dem Sande heraussuchen! Es gibt wohl Goldwäscher, die den Sand so lange schlemmen und waschen, bis sie einige Gulden Werth herausgebracht haben, aber ein fleißiges Mäd chen, das Linnenzeug wäscht, kann sich eher einen Dukaten herauswaschen als ein Goldwäscher aus dem Flußsand. Und nun, meine Lieben, wenn ich euch frage, ob ihr das Gold auch kennet, werdet ihr mit der Antwort schnell fertig sein und sagen: „O ja, das Gold kennen wir an seiner eigentümlichen gelbenFarbe, seinem Glanze und seiner Schwere." Aber, aber — hübsch behutsam. „Es ist nicht Alles Gold, was glänzt," sagt ein Sprichwort. Manches Ringlein sieht so schön aus, als wäre es reines Gold, ist aber nur reines Metall, das die Leute aus andern unedlen Metallen zusammen geschmolzen haben, und ist weiter nichts werth als die Metalle, aus denen es gemacht ist: Kupfer, Zinn, Zink und dergleichen. So ein Gold nennt man dann Tomback, Semilor (zu deutsch Halbgold) oder am besten falsches Gold. Diesem falschen Golde, meine Kinder, gleichen alle Menschen, welche äußerlich gut und edel zu sein scheinen, aber außer diesem Scheine nichts Gutes an sich tragen. Solche Menschen können wohl in den Augen der Welt etwas gelten, aber vor Gott sind sie nichts werth. Diesem faschen Golde müßt ihr nicht gleichen. Euere Herzen sollen durch und durch lauter und rein sein wie ächte s Gold. Dann wird das Christkindlein auch eine Freude daran haben und sie wohlgefällig annehmen wie das Gold, das die heiligen drei Könige ihm in Bethlehem geopfert haben. 19 *Göthe, Johann Wolfgang. Dieser berühmte Mann war zu Frankfurt a. M., wo 'auch sein Monument steht, geboren und starb zu Weimar, wo er Minister war, 1832 im 83. Jahre seines Lebens. Sein Name ist nicht nur in Deutschland, sondern allenthalben bekannt, wo man Bücher liest und Schauspiele aufführt; für das Volk und die Jugend hat er jedoch nur Wenige geschrieben. Als er noch jung war, da mischte sich zwar Göthe gern unter das Volk und hat manches schöne Lied gedichtet, welches er auf dem Lande und unter den Landleuten ausgedacht hatte, später wurde er aber in die vor nehme Welt gezogen, die vielen Schmeicheleien hatten ihn viel leicht auch ein wenig stolz gemacht. Doch vergaß er seine alten Freunde nicht und war Ursache, daß sich in Weimar so viele Dichter und andere ausgezeichnete Männer versammelten. In Frankfurt zeigt man noch das Haus, worin Göthe geboren, und worin er, obgleich ein einziger Sohn reicher Eltern, doch ziemlich streng erzogen wurde. Seine Mutter war eine gar- verständige Frau, und dies half wie immer gar viel zu dem Gerathen des Sohnes. Hier ein Gedicht von Göthe! Die wandelnde Glocke. Es war ein Kind, das wollte nie Zur Kirche sich bequemen, Und Sonntags fand es stets ein Wie, Den Weg in's Feld zu nehmen. Die Mutter sprach: Die Glocke tönt, Und so ist dir's befohlen, Und hast du dich nicht hingewöhnt, Sie kömmt und wird dich holen. Das Kind, es denkt: die Glocke hängt Da droben auf dem Stuhle. Schon hat's den Weg in's Feld gelenkt, Als lief' es aus der Schule. Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, Die Mutter hat gefackelt. Doch welch ein Schrecken hintenher! Die Glocke kommt gewackelt.293 Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; Das arme Kind im Schrecken Es lauft, es kommt, als wie ein Traum; Die Glocke wird es decken. Doch nimmt es richtig seinen Husch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Busch Zur Kirche, zur Kapelle. Und jeden Sonn- und Feiertag Gedenkt es an den Schaden, Läßt durch den ersten Glockenschlag Nicht in Person sich laden. — Gottesanbeterin. Sonderbarer Name! Warum wird wohl diese Fliege so genannt? — Weil sie ihre Vordersüße in die Höhe hebt, gleich dem zur Andacht gestimmten Menschen. Mit ihrer Gottesverehrung steht es aber nicht am Besten; denn ich sage es laut, sie ist ein gefräßiges Raubthier, das mit seinen aufgehobenen Fangarmen Fliegen und viele andere Insekten zu erhaschen sucht. Das geschieht zugleich mit einer solchen List, ja mit einer Schlauheit, welche man nicht gering nennen kann. Wie geht das zu? — Wenn sie ein Insekt gewahr wiro, nach dem sie ein Verlangen trägt, so verhält sie sich so lange ruhig, bis ihr das Thierchen nahe genug ist. So weit vorbereitet, streckt sie sich so viel als möglich, heimlich, bis der rechte Augenblick kommt, ihre Beute zu erhaschen. — Kinder, möchtet ihr der Gottesanbeterin nicht gleichen, sondern mit redlichem Herzen und Sinne eure Hände falten und zu dem beten, der so gerne der Kinder Flehen vernimmt. — Grasmücke. Die Grasmücke ist ein immer munteres, fröhliches Vögelein, das in Gärten und an Hecken unzählige Insektenlarven und kleine Räupchen aufliest und verzehrt. Es geht vorzüglich den Insekten nach, die sich tief unten im nied rigen Gesträuch und Gras verbergen und den grünen Raupen, die an Dornhecken sitzen, sowie den Räupchen der Blüthen- knospen. Zu diesem Geschäft ist dann nur ein so kleiner, ge wandter Vogel geschickt, wie das Grasmückchen. Außer diesem Nutzen, schafft jener kleine Bewohner der Gärten und Hecken dem Menschen auch viel Vergnügen durch seinen Gesang, den er oft spät Abends, auf einem Zweige sitzend, hören läßt.294 Sein Liedchen tönt erst lange ganz leise, auf einmal aber redet es mit einigen lauten, schnell auf einander folgenden Tönen, während denen der kleine Vogel sich tanzend in die Luft hebt, zuletzt eine Schwenkung im Kreise herum macht und dann sich auf sein Gesträuch setzt. Sein Lockton ist ein lautes Tzä, Tzä; die Töne der Furcht oder des Unwillens, die er oft hören läßt, wenn sich ein Mensch oder Thier seinem Neste nährt, lauten wie ein oft wiederholtes Gä, Gä, Gä. Der arme Vogel hat auch gute Ursache, so ängstlich zu sein. Denn sein aus Gras halmen, Moos und etwas Pferdehaar gebautes Nestchen ist so nahe an der Erde, daß, wenn es nicht die Dornhecken schütz ten, in denen er deßhalb am liebsten nistet, feindselige Thiere, sogar Ratten, es gar oft berauben. — Die gemeine Gras mücke ist oben aschgrau, am Unterleib weißlich, hat an den äußern Schwanzfedern weiße Flecken und bräunliche Füße. Vom listigen Grasmücklein ein lustiges Stücklein. Klaus ist in den Wald gegangen, Weil er will die Vögel fangen. Aus den Busch ist er gestiegen, Weil er will die Vöglein kriegen. Aber's Vögelein, das alte, Schaut vom Nestlein durch die Spalte. Schaut und zwitschert: Ei der Daus! Kinderlein, es kommt der Klaus! — Prr! da flattert's: husch, husch, husch, Leer ist Nest und leer ist Busch. Und die Vögel lachen Klans Mit dem großen Prügel aus, Daß er wieder heimgegangen, Zornig, weil er nichts gefangen. Daß er wieder heimgestiegen, Weil er konnll kein Vöglein kriegen.295 In meiner Ersten ruh'st du gern, Wenn du einmal hinaus in's Freie gehst. Die beiden Letzten treibst du von dir fern, Du liegest, sitzest oder steh'st. Das Ganze schwebt nicht hoch empor, Doch es ergötzt durch seinen Ton dein Ohr. Grille. Die werdet ihr alle schon gehört, vielleicht aber noch nie gesehen haben! Das thut aber nichts; denn die Grille sieht eben nicht gar sehr interessant aus. Sie halt sich in den Wohnungen der Menschen, am liebsten in der Nähe des Ofens und Heerdes auf und läßt, besonders Abends, ihren schwirren den Gesang hören, den sie, wie die Heuschrecken, durch starkes Aneinanderreiben der Obersiügel hervorbringt. Guano. Es ist merkwürdig, auf was die Leute alles fallen; da schafft man jetzt sogar den Auswurf der Seevögel von den Inseln bei Afrika wie bei Peru nach Europa, um unsere Felder damit zu düngen! — Der menschlichen Betrieb samkeit ist nichts zu klein und zu schlecht, als daß sie es nicht nutzen sollte, und seit dem Jahre 1841, wo man dieses Düngungsmittel zuerst in England anwendete, hat sich der Ver brauch von Jahr zu Jahr so sehr gesteigert, daß jetzt ungefähr 100,000 Ztr. jährlich allein aus Peru ausgeführt werden sollen. Und wenn man berechnet, daß der Zentner bei uns 12 Mark kostet, so läßt sich leicht abnehmen, welcher wichtige Handels artikel der Vogeldünger geworden ist. In Peru an der Meeres küste kennt man schon gar lang die trefflichen Eigenschaften des Guano. Dort nämlich leben seit Jahrtausenden auf unbe wohnten Eilanden im Meere Millionen von Wasservögeln, Pelikane, Corarane und Möven. Wenn sie am frühen Mor gen in meilenlangen Schaaren von ihren Aufenthaltsorten sich erheben, dann verfinstern sie im eigentlichsten Sinne des Wortes die Sonne. Seit Jahrtausenden hat sich nun ihr Auswurf auf den Felsen angesammelt und bildet mehr als 40 Fuß hohe Schichten von Dünger, und bedeckt eine große Anzahl von In seln und Eilanden. Der vorüberfahrende Schiffer hält den weißen Ueberzug von den Gipfeln der Felsen und Hügel für die Farbe des Gesteins, oder meint, sie seien mit Schnee be deckt; aber die weiße Farbe rührt von nichts anders, als von einem dünnen Ueberzuge des Auswurfs jener Seevögel her, die dort nisten. Hat man nun nach den jetzigen Erfahrungen296 berechnet, daß die Unzahl der gegenwärtigen noch vorhandenen Vögel jährlich nicht einmal ein Paar Schiffsladungen Dünger hervorzubringen im Stande sind, so läßt sich daraus wenigstens einigermaßen schließen, wie viel Jahrtausende dazu gehört haben mögen, um diese bis jetzt unerschöpflichen Düngerstätten zu füllen und die Schichten nach und nach zu solchen Massen an- wachsen zu lassen. Dessenungeachtet greifen die Europäer ziem lich unbescheiden zu; und als man auch an der Südseite Afrikas ein neues, unermeßliches Guanolager auf der Insel Jchaboe entdeckte, da gingen in der ersten Woche nach der Entdeckung mehr als hundert Schiffe dahin ab, die, mit Ausnahme einiger, welche an den zahlreichen Klippen der Insel scheiterten, alle mit voller Ladung zurückkehrten. So einträglich nun auch der Guanohandel bisher war, so ist doch die Beschäftigung damit keineswegs einladend. Die Insel Guano verbreitet bei der kleinen peruanischen Stadt Arica einen solchen Gestank, daß die Schiffer sich derselben gar nicht zu nahen wagen; selbst wenn man auf dem Meere einem solchen Guanofahrzeuge begegnet, so hat der fürchterliche Geruch etwas wirklich Beängstigendes und erregt heftiges Niesen. In Liverpol, wo man in einem Waarenmagazine einige Ladungen Guano auf bewahrte, wollten die Arbeiter wegen der pestilenziali- schen Ausdünstung sogar nicht mehr arbeiten. Der Guano selbst hat eine dunkelochergelbe Farbe und verliert auch auf der langen Reise nicht den scharfen ätzenden Geruch, ja, er zerstört sogar feine, junge Pflanzen durch Zer- freffung augenblicklich, wenn man ihn darauf streut. Recht angewandt aber ist er ein treffliches Düngungsmittel und soll namentlich auf Kartoffelfeldern einen vierundfünfzigfachen Ernte ertrag Hervorbringen. Gummi elasticum. Ah, das kenn' ich schon, damit löschen die Zeichnungsschüler die übelgerathenen Striche wieder aus. — Ja, das ist wahr; aber weißt du auch, woher das Gummi elasticum kommt und wie es gewonnen wird? — Merke auf! Ich will es dir erzählen. Das Gummi elasticum kommt aus Südamerika und wird von dem Federharzbaum, Kaschuk- oder Kautschukbaum gewonnen. Der Baum wird 60 Fuß hoch, trägt kleine, gelbe Blüthen und Früchte, deren Kerne sehr gut schmecken. Aus den Ein schnitten, die man in die schuppige Rinde des Baumes macht, fließt ein zäher, milchiger Saft. Diesen Saft fängt man auf,297 streicht ihn über besonders zu diesem Zweck bereitete flaschen- ähnliche Gefäße von Thon, und setzt ihn einem starken Rauch aus, in welchem er trocknet und eine schwärzliche Farbe an nimmt. Sobald die erste Lage trocken ist und nicht mehr klebt, streicht man eine zweite darauf und so fort. Man drückt so dann der Zierde wegen von außen verschiedene Figuren ein, zerdrückt die Thonform, nimmt endlich aus der obengelasfenen Oeffnung die Scherben heraus, und gibt die nun fertigen Feder harzflaschen in den Handel. — Das Federharz hat seinen Namen von der großen Elasticität oder Federkraft, die es be sitzt. Zieht man ein Stückchen auch noch so weit auseinander, so schnurrt es doch immer wieder zu feiner vorigen Größe zu sammen. Außer dem Gebrauche oes Gummi elasticum zum Auswischen der Bleistiftstriche benützt man es auch zu Bällen, Schuhen, Stiefeln, Gürteln u. s. w. Gutta Percha. Der Baum, welcher die jetzt schon so vielfach angewendete, aber gewiß auch nach vielen andern Seiten hin noch nutzbare Gutta Percha liefert und da, wo er zu Haufe ist, Gutta Tuban genannt wird, gehört zu der Familie der Sapoteen. Der Baum erreicht bei einem Umfange von 2—3 Fuß eine Höhe von 30 — 70 Fuß. Er hatBlätter, die bis zu 4 Fuß lang werden; sie sind lederartig, verkehrt eirund, auf der obern Fläche blaßgrün, die untere mit dichten, kurzen, röthlichbraunen Haaren bedeckt. Die Blunien sind winkelständig und stehen auf kurzen, gekrümmten Blüthenstielen längs den Enden der Zweige. Der Gutta-Tuban-Banm ist auf der Insel Singapur, auf der ganzen malaischen Halbinsel, in Birma, auf Borneo und wahrscheinlich auf allen Insel in Borneo's Nachbarschaft zu Hause, liebt vorzugsweise ange schwemmten Boden am Fuße der Berge, gedeiht sehr üppig und bildet in vielen Gegenden den Hauptbestandtheil des Wald dickichts. Die Malaien und Chinesen fällen die Bäume, um den bald sich verdickenden Saft zu erhalten; die Birmanen aber bohren ihn bloß an. Die Gutta Percha, welche als Rohpro dukt in länglichviereckigen Stücken von 10—40 Pfund vorkommt, ist völlig wasserdicht, wird in heißem Wasser weich und dehnbar und läßt sich in diesem Zustande in jede beliebige Forni brin gen, welche sie nach dem Erkalten behält. Güll, Friedrich. Dieser freundliche Mann ist ein Lehrer an einer Pfarrschule in München und allen Kindern298 wohlbekannt, und gewiß auch von allen geliebt, denn er schreibt für Kinder gar so liebe, artige, nette Sachen. Folgende Ge dichte und Geschichtlein sind alle von ihm: „Wie die Lerche über Berge sich schwingt und singt. — Will sehen, was ich weiß vom Büblein auf dem Eis. — Merk einmal, was ich vom Hahn alles dir erzählen kann. — Horch, mein Schätzchen, wie das Spätzchen vor dem Fenster bittelt und bettelt. — Wie die Kinder über's Böcklein schelmisch lachen, und sich über's Aottelröcklein lustig machen. —- Vom Fröschlein. — Vom Mäuslein. — Merk auf, mein Schätzchen, was ich weiß vom Schmunzelkätzchen und Bullenbeiß. — Vom Spinnlein und Mücklein ein trauriges Stücklein." — In diesem Lexikon sindet ihr diese netten Geschichtchen alle niedergelegt. Hier hänge ich aber noch eins an, das auch von Friedrich Güll gedichtet ist: Nun hört einmal, doch fürchtet euch nicht, vom Pelzemärtel die ganze Geschicht'. Es wird schon finster um und um. — Der Pelzemärtel geht herum und sucht nun auf die Kinder. Da will ich sehen, wie's euch geht, wenn er vor unserer Thüre steht und schaut in's Eck so hinter! Doch seid nicht bang und nicht besorgt, ihr habt ja immer gern gehorcht, das soll euch nicht gereuen Stellt euch nur um den Vater her: und brummt er wie ein alter Bär, er wird euch doch erfreuen. Doch horcht, was schlürft denn vor dem Haus? Ich meine gar, jetzt ist er d'raus, Und streift sich ab die Füße. Da hör' ich so ein Knick und Knack, das ist gewiß der weite Sack voll großer, welscher Nüsse. Es schellt und gellt, das Haus geht auf; er geht die Stiege schon herauf mit seinen großen Socken. Das kollert, und bollert,299 das holpert und stolpert. Doch seid nur nicht erschrocken. Die Kinder schauen voll Angst und Grauen, und wagen keinen Schnauf. Pelzmärtel trappt, die Klinge klappt, die Stubenthür geht auf. Da steht er denn im Zottelrock mit einem ungeheuren Stock, und hat von fürchterlicher Art gar einen langen, langen Bart; schleppt auch zwei Säcke mit sich her, denn einen voll, den andern leer, der ist geschnallt in seinen Gurt; jetzt aber murmelt er und schnurrt: Weil in die Stuben ich zu dir komm', sag', sind die Buben auch brav und fromm? „Kann sie loben!" Sitzen sie am Schreibetisch immer fleißig, immer frisch? Sitzen sie in ihrer Schul' oben auf dem . ersten Stuhl? „Alle droben!" Führen die Mädchen Nadel und Fädchen? Stricken sie? flicken sie? Sind sie zu der Arbeit flink auf der Mutter ersten Wink? Hören sie in Einem fort Auf des Vaters erstes Wort? „Sie hören gern und gehorchen, sie machen uns wenig Sorgen!" Plumps, da thut's einen Fall, plumps da thut's einen Knall; offen ist der große Sack300 und La geht es: knack, knack, knack, und die Nüsse kriegen Füsse, rudeln und hudeln da hinaus und dort hinaus, und wackeln die ganze Stuben aus. Und die Kinder springen hinter und packen und sacken und Haschen und klauben in Taschen und Hauben. Das freut den Pelzemärtel sehr Und sagt: Nun geb ich euch noch mehr, und wirst auch noch in jedes Eck einen großen, großen Märtelsweck, bestreut mit Zucker und Mohn, und spricht mit freundlichem Ton: Fürchtet euch nicht vor meinem Gesicht bin jedem Kinde gut. Gebt mir eine Patsch ! Platsch! Das freut mich heut', ihr kleinen Leut'! Nun Kinder, seid mir ja recht fromm, dann bring' ich, wenn ich wieder komm', daß ihr euch verwundert, Nüsse, mehr als hundert, und einen Weck, so groß wie ich, acko, ihr Kinder denkt an mich." Nun rollt es und trollt es die Stiegen hinunter, wollt einer erschrecken > und sich verstecken, es wäre kein Wunder. Wer brav ist ohn' Unterlaß,301 dem ist das alles nur ein Spaß; der fürchtet nicht den Zottelrock, und nicht den ungeheuren Stock; der zappelt nicht, als wie ein Fisch und trappelt nicht gleich unter den Tisch; der kann sich auf den Märtel freuen, den alle bösen Kinder scheuen. Gyps. Ihr kennt doch alle die Figuren, die von den Italienern auf dem Kopfe zum Verkaufe herumgetragen werden! Nicht wahr? — Kinder, diese werden aus Gyps verfertigt, welcher nichts anders als eine Art Kalk ist, der Vitriolsäure enthält. Man gebraucht den Gyps, wenn ihm ein wenig Sand und Kalk beigemischt worden ist, zu Stuckaturarbeiten und allerlei erhabenen Verzierungen an Decken und Wänden. Als Gypsmehl auf die Aecker gestreut, gibt der Gyps einen vor trefflichen Dünger, weil er die Fettigkeit in der Erde aufföset und fruchtbare Dünste einsaugt. Kaum werdet ihr es glauben, liebe Kinder, daß jedes, auch das feinste Haar, eine hohle, harte und elastische Röhre ist, und mit einem Saft angefüllt, bei dessen Vertrock nung das Haar abstirbt und ausfällt. Die Haare entstehen aus Kügelchen, welche in dem Zellengewebe und unter der Haut liegen und Wurzeln heißen. Die Wurzeln führen dem Haar seine Nahrung zu, und daher kommt es, daß es nicht wieder wächst, wenn es mit der Wurzel ausgerissen ist, wohl aber, wenn man es nur an der Wurzel abgeschnitten hat. Aber wozu, werdet ihr fragen, nützen denn die vielen Haare dem Menschen? — Ihr Nutzen besteht hauptsächlich darin, daß sie zähe, fette Feuchtigkeit absondern, und daß sie die unter ihnen liegenden Theile bedecken, erwärmen und beschützen. Dieß erfahren diejenigen, welche die Kopfhaare größtentheils oder ganz verloren haben, sie müssen, um sich vor Schmerzen und Unannehmlichkeiten, welche daraus entstehen, zu schützen, allerlei302 künstliche Kopfbedeckungen gebrauchen. Wer aber Haare hat, der muß sie auch recht reinlich halten, täglich waschen und kämmen, sonst stellen sich Ungeziefer und Krankheiten ein. Haber. Den fressen die Pferde gar gern, sei es nun gemeiner, ungarischer oder tartarischer (nackter) Haber; man kann sie wohl nicht besser bewirthen, als wenn man ihnen genug Haber gibt. Die armen Leute lassen aus Haber Mehl machen, das wohl etwas schwarz und rauh wird, und bereiten Brod und Muß daraus, aber ich weiß es schon, ihr möget kein Habermuß! Habicht oder Falke. Der Habicht ist ein sehr ge fährlicher Feind der Tauben, Hühner und aller kleineren Vögel. Seine Beute kann er in jeder Art von Flucht, d. h. fliegend oder laufend erhaschen. Der Habicht oder Falke wurde in frü- hern Zeiten auch zur Jagd abgerichtet, erhielt dann den Namen Edelfalke, und war ein Lieblingsvogel der Edelfrauen und der Burgfräulein. Der ausgewachsene Habicht oder Falke ist von der Größe einer Haushenne. Falkenaug ist zum Sprüch- wort geworden, weil sein Auge das schärfste ist. — Um eine Vorstellung von einer Falkenjagd zu geben, will ich die Beschreibung hersetzen, die ein Reisender von einer sol chem Jagd machte, der er in Aleppo (Asien) beiwohnte. „Ich ritt" — schreibt er „mit einigen Franken auf die Jagd. Der Falkenier, ein Muhameoaner, ritt voran, den Falken auf der Hand, von etlichen Windhunden begleitet; wir in einer Reihe neben einander folgten ihm. Auf einmal er blickten wir in einer Entfernung von etwa hundert Schritten eine Heerde fliehender Gazellen (eine Art Reh). Der Falkenier nimmt seinem Vogel die Haube, mit der ihm die Augen verdeckt find, und ruft ihm zu: „Haun!" Da geht der Falke in die Höhe, fliegt im Bogen über die Gazellen weg, kehrt dann um, und fährt einer mit seinen Klauen hinter die Ohren, und haut ihr mit dem Schnabel in die Stirne, bis sie umfällt. Der Falkenier eilte hinzu, schlachtete das Wild ab, und gab dem Falken etwas von dem Blut zu trinken. Darnach verdeckte er ihn wieder mit seiner Kappe. Wir streiften hierauf weiter, fingen auf dieselbe Weise noch eine ziemliche Anzahl Hasen und kehrten gegen Abend in die Stadt zurück. Beim Heimritt hatte jeder zwei Hasen auf seinem Pferd, mir aber gaben sie die Gazelle. Bei der Hasenjagd fuhr der Falke einmal mit einem303 ziemlich großen Hasen über hundert Fuß hoch in die Luft, und wartete so, bis die Hunde nachkamen, daun ließ er sich sanft herunter, und überlieferte seine Beute den Hunden, die den Hasen so lange hielten, bis der Falkenier kam, um ihn ab- zuthun. Häring. Lebend habt ihr noch keinen gesehen, denn sie sterben gleich, nachdem man sie aus dem Wasser genommen hat; eingesalzen findet ihr in fast bei jedem Kaufmann. Der Hauptaufenthaltsort der Häringe ist in dem nördlichen Eis meere; da ist er aber in so großer Menge beisammen, daß auf einem Striche von 200 Meilen oft das ganze Meer so von Häringen bedeckt ist, daß die Schiffe in ihrem Laufe gehemmt werden. Bei hellem Wetter spielen sie in den glänzendsten Farben. Ihre Bewegungen verursachen, besonders wenn sie von der Küste ins Meer zurückkehren, das Geräusch eines Guß regens. Ganze Flotten beschäftiget ihr Fang und viele tausend Menschen ernähren sich dadurch. Häringsfang. Kaum gibt es ein wunderbareres Ge schöpf, als den Häring, dessen Geschichte in den tiefsten Tiefen .des großen Salzwassers noch gar nicht so genau erforscht ist, als man meinen mag. Unter allen den kaltblütigen Geschlech tern in beschuppter Haut ist das wahrscheinlich das zahlreichste; denn wer zählte die ungeheuren Schwärme, welche jährlich aus den Meerestiefen aufsteigen, an allen Küsten des nördlichen Europa's erscheinen, zu Milliarden gefangen werden, zu Mil liarden als Beute der Raubfische erliegen, und noch immer wieder in der gleichen zahllosen Fülle zum Vorschein kommen! Der Häring erscheint und verschwindet mit bewunderungswür diger Regelmäßigkeit. Im Frühjahr schwimmt er an die nor wegische Küste, um zu laichen, und zieht wieder ab, sobald dieses Geschäft verrichtet ist; aber es erscheinen im Sommer und Herbste auch andere Schaaren von solchen, die nicht Milch noch Rogen enthalten, und so ziehen zu allen Zeiten einzelne, unermeßliche Heere aus, bald von Schottland herüber, bald in die Ostsee, bald nach Hollands Küsten, bald tief hinab an die norwegische oder schwedische Küste, durch den Kattegat und Sund, und so genau ist der Mensch von ihrem Kommen und Gehen unterrichtet, daß er alles vorher zu ihrem Empfange vorbereiten kann. Woher sie kommen, wohin sie gehen, das weiß er freilich nicht; aber den Fischern und Kaufleuten ist es304 genug: Sie sind da! und er eilt, diesen Besuch zu benützen. Der Hauptfang geschieht im Februar. Es ist die Frühlings fischerei ; sie liefert die größte Menge und fetteste, größte Art des Fisches. Die Fischer begeben sich Ende Januars auf die Insel hinaus, miethen Hütten und Plätze und empfangen Vor schüsse für ihren Fang von den Kaufleuten, die sie mit dem, was sie nöthig haben, versorgen. Sie thun sich nun in Ge sellschaften zusammen, lassen sich die Fischplätze amveisen, wo sie ihre Netze auswerfen sollen, und erwarten dann die Härings- schwärme, denen sie ungeduldig täglich bis in's Meer entge genfahren, um den langersehnten silberblauen Schein zu ent decken, welcher das Nahen der Beute anzeigt. Noch ehe jedoch diese Stunde schlägt, verkündigen schnelle und fürchterliche Wäch ter den Heranzug des Thieres. Einzelne Wallfische streichen an der Küste hin und werden mit lautem Jubel begrüßt; denn der Wallfisch ist der sichere Verkünder des Härings. Es ist, als habe er den Auftrag erhalten, den Menschen die Botschaft zu bringen, sich zum Angriffe bereit zu machen. Sein Schnau ben in der ungeheuren Wasserwüste, seine Fontainen, die aus den Wogen steigen, wunderbare Springbrunnen, die in den Lüften funkeln, sind seine Sprache: Gebt Acht! wir liefern sie euch; seit bereit und fertig! Hat der Wallfisch seine Sen dung vollbracht, so jagt er zurück zu seinen Gefährten und hilft ihnen den geängstigten Häring rascher gegen die Küste treiben, wo sich dieser zwischen die Inseln und Klippen drängt und, um grimmigen Feinden draußen zu entkommen, andern noch schrecklichen in die Hände fällt. Denn hier erwarten ihn die Fischer mit ihren Netzen. Ist der Fang gut, so steckt in jeder Masche des Netzes auch ein Fisch. Dabei ist seine Menge so ungeheuer, daß er zuweilen eine Wand bildet, welche bis auf den Grund hinabreicht, und von deren Druck nach oben die Boote dann mehrere Zoll aus dem Wasser gehoben werden. Sobald die Fahrzeuge gefüllt sind, eilen die Fischer an's Land. Da nun eröffnet sich ein neues Schauspiel. Arbeiter karren den Häring aus den Schiffen unter die weiten Durchgänge der Häuser. Hier sitzen, von Tonnen umringt, eine gehörige An zahl von Menschen, die mit dem Messer in der Hand das Werk des Auskehlens verrichten. Die Karren werden bei den Plätzen der Arbeiter umgestürzt, so daß diese Halb in Fischbergen be graben sind, und sie ergreifen den einen nach dem andern, schneiden ihm die Kehle auf, und reißen mit einem kunstge mäßen Zug Gedärme und Eingeweide heraus. Dann werfen305 sie ihn in die bereitstehenden Zuber, und sie haben in die ser Arbeit eine solche Virtuosität, daß viele tausend Fische täglich abgethan werden. Sobald die Zuber gefüllt sind, werden sie von andern Arbeitern an den Platz des Einsalzens gefahren, dort in die Fässer gepackt, mit der Salzlacke be gossen, vom Böttcher geschlossen, und nun, in dem Magazine ausgestapelt, sind sie zur Ausfuhr fertig und bereit. Wenn man bedenkt, daß in guten Zeiten von einem einzelnen Orte jährlich 30,000 Tonnen Häringe ausgeführt werden, könnet ihr euch, meine lieben Kinder! wohl einen Begriff von der Größe und Lebendigkeit dieses Handels machen. Ein beson ders glückliches Ereigniß ist es für die Fischer, wenn der Häring gejagt von seinen Feinden, dicht an die Küste geht und in die Buchten tritt. Ist dies der Fall, so wird die Bucht, wenn es irgend angeht, durch große Netze sogleich abgesperrt, und dann sind alle armen Eindringlinge ver loren; sie werden mit Gemächlichkeit abgefischt. Auf diese Weise wird ein Fang oft ungeheuer reich. Man hat acht- bis zehntausend Tonnen schon aus einer Bucht gezogen, und eben so viele waren durch das gewaltige Zusammendrängen des Thiers erstickt. Ohne Zweifel kann man annehmen, daß jähr lich an den Küsten Norwegens, Englands, Hollands und in der Ostsee weit über tausend Millionen Häringe gefangen und wohl eine noch größere Zahl von Raubthieren verschlungen werden. Endlich im Mürz senken sich die Schaaren in die Tiefen, und mit dem Ende des Monats verschwinden sie ge wöhnlich ganz. Der Fang ist beendet, und die Fischer empfangen nun von den Kaufleuten, was sie zu fordern haben. Doch bleibt ihnen meist nur eine geringe Summe. Man hat vorher geborgt, das Leben ist theuer, der Fisch wohlfeil, und bald pocht die alte Noth wieder an die Hütte des armen Fischers, dessen Hoffnung sich nun wieder auf den nächsten Fang richtet. Wie viel Gefahren, Mühen und fast übermenschliche Anstreng ungen erfordert das Gewerbe, wie viel Leiden und Noth bringt es mit sich, und doch ist es bei diesen Menschen eine Leiden schaft, von der sie nicht lassen können. Eine Art Raserei be mächtigt sich seiner: „die Fische sind da!" erschallt es, und er muß sie fangen und mit Wallen und Adlern in die Wette Beute machen. Von dem Frieden des Hauses bei einem Hand werker, von dem Rauschen der Aehrenfelder weiß er nichts; auf den Wellen zu fahren dünkt ihm, der dazu geboren ist, viel schöner. Kinder-ConversaUons-Lexikon. 20306 Hagel. Von allen wässerigen Lufterscheinungen ist keine so zu fürchten, als der Hagel. Dieser ist nichts anders, als ein Regen von rundlichen Eisstücken, die bald von der Größe einer Erbse, bald von der eines Hühnereies sind, und überall, wo sie hinfallen, die größten Verheerungen anrichten. Wird irgend einmal die untere Luft kalter als die obere, und es fällt zu einer solchen Zeit ein Regen, so gefrieren die Regentropfen, während sie durch die kältere Luft hindurchdringen und fallen dann als Hagel, Schloffen re. nieder. Schmetternd stürzen die Schloffen hernieder auf Baum und Flur, auf reiche Gefilde, und der Landmann blickt alsdann mit wehmüthigem Herzen auf seine zernichteten Felder und auf getäuschte Hoffnungen hin. Doch aus derselben Höhe, aus welcher der Hagel stürzt, aus derselben kommt auch der Sonnenstrahl, welcher die Erde segnet! — Haifisch Vor dir muß man sich fürchten, denn man sagt dir nach, daß du der gefräßigste unter allen Fischen, ja sogar ein Menschenfresser seiest, der in der Tiefe des Meeres lebe und nur zum Rauben in die Höhe steige. Nicht selten beißest du mit deinen scharfen Zähnen den Badenden, den Ma trosen oder Tauchern einen Arm oder ein Bein ab oder ver schlingest sie auch ganz. Deßwegen bist du auch der Schrecken aller Seeleute und wirst verfolgt, wo man deiner nur an sichtig wird. Man thut recht, daß man dir eiserne Hacken zu wirft, an denen Fleisch steckt, die du verschlingst und so ge fangen wirst; denn an dem Hacken ist ein. Seil befestiget, das man anzieht und so dich auf das Schiff bringt, wo man dir sogleich den Kopf abhaut und sobald als möglich auch den Schwanz, weil du auch geköpft noch gefährlich um dich schlägst. „Ein Haifisch!" ist das schrecklichste Wort, das einem im Meere Badenden zugerufen werden kann. Wenn der Mann dann noch Geistesgegenwart behält und ein Fahrzeug oder das Land erreicht, so muß er fast übermenschliche Kräfte besitzen. Tausende haben schon auf diese Weise ihr Leben eingebüßt, und der gefräßige Hai ist in allen Welttheilen der Schrecken der User bewohner und Matrosen geworden. Der Haifisch ist unter allen Fischen der größte, und athmet wie sie durch Kiemen, nur daß sich seine Kiemen nicht öffnen und schließen. Es gibt mehrere Arten Haifische; der größte ist der Riesenhai oder Menschenhai. Er ist äußerst gefräßig und verschlingt alles, was ihm vorkommt; be sonders geht er im mittelländischen Meer den Thunfischen nach,30 mit denen er manchmal bei Sardinien in die großen Netze ge- räth und gefangen wird; man hat daselbst in einem 3—4 Zent ner schweren, gegen ein Dutzend unversehrter Thunfische ge funden^ Er fällt Menschen an, wenn er ihrer habhaft werden kann, und man hat hievon traurige Geschichten. Einem baden den Matrosen hat einer ein Bein abgebissen, desgleichen einer einem jungen Menschen in einem Seehasen, der voll Schiffe lag; ein Mädchen hat einer ganz verschlucke Im Weltmeer folgt er gewöhulich den Schiffen Tage, ja Wochen lang nach, um die ausgeworfenen Eingeweide der geschlachteten Thiere zu ver schlingen und gestorbene Menschen, die in's Meer geworfen werden. Er schnellt nach ihnen viele Fuß hoch aus dem Wasser. Er hat einen äußerst seinen Geruch und wittert faules Fleisch Stunden weit. Die Matrosen fangen den Hai aus Haß, weil er ihr ärgster Feind ist. Der Angelhacken, der natürlich stark sein muß, wird an eine Kette befestiget (weil der Hai ein Tau durchbeißen würde) und dann erst die Kette an ein starkes Schiffseil oder Tau. Als Köder wird gewöhnlich ein Stück Speck ausgesteckt. Der Hai ist dumm und beißt zu; dann erhält das Tau von den Matrosen noch einige Rucke, damit der Hacken tüchtig eingreift und so wird der Hai, der vor Schmerz und Wuth furchtbar um sich schlägt, durch die Schiffs winden auf das Verdeck des Schiffes heraufgehoben. Auch auf dem Verdeck schlägt er mit dem Schwänze noch so stark um sich, daß er jeden niederwirft, den er trifft; darum wird ihm dieser zuerst abgehauen, und dann das Ungeheuer durch Axthiebe in den Rückgrath getödtet. Man braucht von ihm jedoch auch Haut und Leber; jene gibt Leder, aus Letzterer wird Thran gesotten, wovon ein zwanzig Schuh langer über zwei Tonnen liefert; eine Tonne Leber gibt eine halbe Tonne Thran. Er soll manchmal über zwanzig Zentner wiegen und einen ganzen Mann verschlucken können. Wenn er aber solche Bissen zu sich nehmen kann, so versteht es sich von selbst, daß er auch ein tüchtiges Gebiß hat, und dies ist in der That der Fall. Sein Rachen öffnet sich zu entsetzlicher Weite, und sechs Reihen haarscharfer, dreieckiger Zähne, im Ganzen 144, packen das arme Schlachtopfer und lassen es nicht mehr los. Die Zähne stehen aber nicht sest, sondern können auf- und nieder gelegt werden; die Spitzen der Zähne sind alle nach innen ge richtet, wie bei den Schlangenzähnen. Seine Augen sind groß. Im Schwänze und in den Floßsedern besitzt er große Kraft; er kann einem schnellsegelnden Schiffe über eine Woche lang 20 *308 uachschwimmen, ja er umkreis't dasselbe jed.n Tag viermal und macht also einen noch größern Weg. Uebrigens sind Haifische von der Größe, daß sie einen Menschen verschlingen können, sehr selten; aber die kleinern sind nicht viel besser; denn sie beißen den Menschen Glieder weg, oder ziehen sie unter das Wasser, daß sie ertrinken müssen. Sein Todfeind ist der Pott- sisch, eine Art Wallfisch, der einen größern Rachen und noch fürchterlichere Zähne hat. Der Haifisch fürchtet ihn so, daß er oft auf's Land schnellt und dort zu Grunde geht. Im Jahre 1758 zog ein Matrose mit einem ausgestopften Hai in Deutschland umher, von dem er im Mittelmeere ver schlungen und wieder ausgespieen worden war, als man den Hai mit einer Kanonenkugel getroffen hatte. Hamster. Was ist das für ein Diebsgesell? Er geht auf's Nachbars Acker aus, Stopft voll sich beide Taschen schnell Und trägt's ganz wohlgemuth nach Haus. Da packt er's aus, als wär's das Seine, Legt eins zum andern in die Scheune, Die Scheune liegt in Ackers Grund, Die Taschen hat er in dem Mund. Das ist der verwegene Hamster. Diese Mausart richtet auf den Getreide-Feldern oft großen Schaden an; denn der Hamster sammelt in seine unterirdische Wohnung für den Herbst und Frühling große Getreidevorräthe. Ost findet man in einer Höhle mehr als I Hktltr. Getreide. Beim Sammeln kommen ihm die Backentaschen sehr zu statten; er kann in jede eine Hand voll Körner verbergen. Gar so zahm und friedlich ist der Hamster nicht, ich sag' es unverholen, sie springen auf Hunde und selbst Menschen nach dem Gesichte, wenn sie ver folgt werden. Hand. Jede Hand hat fünf Finger, die mit Nägeln versehen sind, nämlich: den Daumen, den Zeigsinger, den Mit telfinger, den Goldfinger und den kleinen Finger. An der Hand ist der Vorderarm, der Ellbogen, der Oberarm und die Schulter. — Denke dir, Kind! der Mensch hat nicht nur eine Hand, sondern sogar zwei, die rechte nämlich und die Linke. O, wie gut ist das! Was wären wir, wenn wir keine Hände hätten? Wir müßten mit den Füßen arbeiten, und das möchte309 uns so ziemlich hart Vorkommen. Menschenhände, was haben sie nicht schon mit Gottes Beihilfe verfertigt, hervorgebracht, in Wirklichkeit versetzt. Blicket um euch, ihr Kinder! Hohe Kirchen mit stattlichen Thürmen, von dessen Höhen feierliches Glockengeläute herabschallt; niedliche Kapellen mit dem freund lichen, zur Andacht einladenden Glöckchen; thurmhohe Paläste und bescheidene Bauernhütten; das riesige Schiff, wie der kleine Kahn; die lange, hohe Strombrücke aus Quadersteinen mit breiten Jochen, wie der geländerte Steg, der auf hölzernen Pflöcken ruhend, über das anmuthig rieselnde Bächlein führt; die großartige Maschine wie das niedliche Spinnrädchen, welches von dem fünfjährigen Mädchen getrieben wird. Das alles ist aus den arbeitsamen Menschenhänden hervorgegangen. Und wer sieht das alles und staunt nicht hierüber, und hebt wohl selbst die schönen nützlichen Hände, die ihm Gott zur Fertigung aller dieser schönen Gegenstände verliehen hat, zu dem guten, göttlichen Geber im Himmel auf! — Ich kann nicht unter lassen, hier ein gar nettes Gedichtchen anzuhängen, das alle Kinder recht merken sollten, betitelt: „Drei Paar und Einer." Du hast zwei Ohren und einen Mund: Willst du's beklagen? Gar vieles sollst du hören und Wenig d'rauf sagen. Du hast zwei Augen und Einen Mund: Mach dir's zu eigen! Gar manches mußt du sehen und Manches verschweigen. Du hast zwei Hände und Einen Mund: Lern' es ermessen: Zweie sind da zur Arbeit und Einer zum Essen. Hanf. Der Hanf ist eben so nützlich, als der Flachs; denn man spinnt ihn zu Garn und daraus verfertigt man grobe Leinwand, besonders zu Pack- und Segeltüchern. Ge wöhnlich nimmt man Hanf zu Bindfaden, Stricken und Tauen. Aus dem Hanfsamen wird ein Oel gepreßt; auch fressen ihn manche Vögel gern.310 Hase. Rath et, was ist das? Ohren hat's lang, ein Schwänzchen hat's klein, Wie Wind läuft's in den Wald hinein, Der Jäger mit Flinte und Hund hintendrein. In seiner Tasche bringt er's nach Haus, Die Köchin zieht ihm das Pelzchen aus Und macht einen köstlichen Braten draus. — O, das ist der Hase; gewiß seht ihr ihn schon springen, den Leichtfüßler, den Furchtsamen. Er thut aber recht, daß er sich in Acht nimmt; denn der Jäger, der schlimme, setzt ihm gewaltig nach und erst seine Hunde! Man weiß zwar schon, warum er's thut. — Der Hase begnügt sich nämlich nicht mit dem Grase und mit den Kräutern, die ihm zur Nahrung an gewiesen sind, sondern er geht auf die junge Saat los, und macht dadurch den Landmann, dem die Saat gehört, sehr böse, so böse, daß er sagt: „Jäger, schieße mir den Hasen!" — Der Hase wird aber auch oft deswegen geschossen, weil man sein Fleisch gern ißt, und — weil seine Haare der Hutmacher und seinen Balg der Kürschner braucht. Sonderbar ist es, daß der Hase keine Ohren und keine Füße hat. — Keine Ohren und keine Füße, werdet ihr denken, nicht möglich! Wie geht das zu? — Der Jäger heißt seine Ohren Löffel und seine Füße Läufe. — Möchte jedes Häschen folgendes Berschen recht beherzigen: Horch, Häschen, merkst du was? Hinterm Busch dort, was ist das? Spitze ja die Ohren recht, Häschen, sonst bekommt dir's schlecht, Jäger ist es; laus nur, lauf! Schießt sonst mit der Flinte d'rauf. Das Häschen legt die Ohren an Und läuft davon, so geschwind es kann; Und ehe der Jäger noch recht gezielt, Da hat er für dießmal schon verspielt, Er schoß die Flinte vergeblich los; Es kostete ihn das Pulver blos. Vom Hasen habe ich euch nun so viel erzählt, daß es mir nicht mehr möglich ist, euch noch mehr von diesem muthigen Springinsfeld mitzutheilen. Er mag selbst reden; wir311 wollen ihn recht gern anhören und wenn er uns auch nur mit „Klagen" bedienen könnte. Rede also Hase! Ich armer versolgter Hase, was soll ich sagen? was soll ich anfangen? wohin mich flüchten? Allenthalben droht mir der Tod. Nicht blos der Jäger und sein Hund stellen mir nach, Raubvögel aus der Luft stürzen auf mich herab, Füchse aus den Höhlen schleichen mir nach, selbst Katzen und Raben wagen sich an meine Jungen. Und Nichts gewährt mir Schutz vor all diesen Verfolgern. Ich kann nicht auf Bäume klettern, wie das Eichhorn, nicht in Höhlen schlüpfen, wie meine Gebrüder, die Kaninchen. Ich habe wohl Zähne zum Nagen, und mancher Baum kann von der Schärfe der selben reden, aber zum Beißen, zur Verteidigung fehlt mir der Muth. Höre ich ein Geräusch, sogleich muß ich meine langen Ohren in die Höhe recken und horchen, wer kommt, und kann ich mich nicht in eine Hecke oder Furche ducken, so laufe ich lieber so weit mich meine Beine tragen. Es ist wahr, im Laufe holt mich so leicht Keiner ein, es müßte gerade ein Windspiel sein, auch an Kreuz- und Quersprüngen lasse ich es nicht fehlen, um meine Feinde irre zu führen, aber was hilft es mich? Ehe ein Jahr vergeht, bin ich doch ein Kind des Todes. Entweder paßt mir der Jäger auf, wenn ich des Abends aus dem Walde komme und meinen Hunger an dem fetten Grase stillen will. Da sitzt er in der Dämmerung hinter einer Mauer oder einer Hecke, und ehe ich mich's versehe, knallt sein Gewehr und ich habe das tödtliche Schrot im Leibe. Habe ich noch Leben genug, um dem Walde zuzufliehen, flugs kommt auch noch der Hühnerhund, packt mich unbarmherzig und trägt mich seinem grausamen Herrn zu; quicke ich dann in der Todesangst vielleicht ein wenig, so werde ich noch aus gelacht. Im Winter verfolgen sie meine Spuren im Schnee, oder füllen den Wald und das Feld mit häßlichen Treibern, welche klappern und schreien, bis wir armen Hasen unfern Zufluchtsort verlassen und vor die offenen Gewehre der Jäger laufen. Und wäre unser Tod noch ehrenvoll und würden wir ehrlich begraben wie ein Hund oder ein Pferd! Allein unser Loos ist in die Küche zu wandern. Da streift uns die blutige Hand einer Köchin den Balg ab und stopft ihn aus, bis er verhandelt wird. Unser Kopf, unsere Beine und Eingeweide werden in einem braunen Pfeffer zerkocht, und der Rest, das Beste an uns, wird mit Specknadeln zerfleischt, und dann erst gebraten. Nachdem die Menschen unser Fleisch abgeschält und312 verzehrt haben, werfen sie die Knochen ihren Hunden vor. Nein, es ist ein jämmerliches Schicksal, ein Hase zu sein! Ein anderer Hase beliebte gar seine Klagen in Verse zu bringen. Höret auch diesen mit Geduld und Aufmerksam keit an! Gestern Abend ging ich aus, Ging wohl in den Wald hinaus, Kömmt ein Häschen her zu mir In dem grünen Waldrevier. Kommt das Häschen dicht heran, Daß mir's was erzählen kann. Bist du nicht der Jägersmann? Hetz'st die Hunde auf mich an? Wenn dein Windspiel mich ertappt, Hast du Jäger mich erschnappt. Wenn ich an mein Schicksal denk', Ich mich recht von Herzen kränk'. Wenn ich dann geschossen bin, Trägt man mich zur Küche hin, Legt man mich auf's Küchenbrett, Spickt den Buckel wohl mit Fett, Steckt den Spieß mir durch den Leib, S'ist ein grober Zeitvertreib! Wenn ich dann gebraten bin, Trägt man mich zur Tafel hin, Der eine bricht mir's Bein entzwei, Der and're schneid't sich ab ein Theil, Der dritte nimmt sich's Allerbest' — Laßt's euch schmecken, ihr werthen Gäst'! Ich armer Has', wie bin ich blaß, Geh Dem Bauer nicht mehr in's Gras, Geh dem Bauer nicht mehr in's Kraut, Hab's bezahlt mit meiner Haut. Wenn es aber so soll sein, Mag der Teufel ein Häslein sein!313 Ich armer Has'! das Maul ist weit Und der Kopf sehr ungescheit, Lange Ohren, langer Bart, Als war' ich von Kotzen art. Wenn ich an mein Schicksal denk', Ich mich recht von Herzen kränk'. Ein Schwanzlein Hab' ich, das ist klein, Wünscht' wohl, es möchte größer sein, So klagt das Häslein fort und spricht: Weh' mir, ach! ich armer Wicht! Wenn ich an mein Schicksal denk', Ich mich recht von Herzen kränk'. Haseln uW-rEch. Der Haselnußstrauch hat sehr lange und starke Wurzeln. Zuerst treiben die Wurzeln nur einen Stengel, dann aber noch einen und vielleicht noch fünf andere. Darum heißt er Haselnußstrauch und nicht Haselnußbaum. Laßt man aber nur einen Stengel stehen und haut alle nachschießen den weg, so kann man den Haselnußstrauch zu einem kleinen Baume ziehen, wie man es auch bei dem Hollunderstrauche und selbst dem Wachholder da. und dort sehen kann. Der Hasel nußstrauch liebt trockenen Boden und kommt selbst noch an steinigen Halden fort, weil er seine Wurzeln sehr weit aus breitet. Er blüht im Frühsinge schon Ende Februars oder in der ersten Hälfte des März; man sicht dann Blüthenbündel an ihm hängen, die wie ganz kleine Würstchen aussehen; schüttelt man sie, so fliegt gelber Staub von ihnen. Aus diesen Blü- then werden jedoch keine Nüsse; will man die Blüthen sehen, aus welchen die Nüsse werden, so muß man genauer nachsehen. Man findet dann Knospen, aus denen schönrothe Fäserchen heraussehen; dieses sind die rechten Nußblüthen. Gegen den Herbst hin werden die Nüsse reif; ihre harte Schale wird gelb und zuletzt braun, und man kann sie leicht aus ihren Schüssel- chen lösen. Sind sie ganz reif, so fallen sie selbst aus. Die Kernen schmecken sehr gut und geben ein vortreffliches Oel. Das Eichhörnlein liebt die Haselnüsse noch mehr als die Knaben und verderbt den Strauch nicht, wenn es sich Nüsse holt; aber rohe Knaben brechen zum Danke oft noch den Strauch halb zusammen. Das Holz gibt ein gutes Brennholz; aus den dicken Stengeln macht der Kiefer Reife. Die kleinern, schlanken Stengel dreht man und benützt sie als Bänder, besonders um314 Reisbüschel zu binden. Eine sülche Gerte vom Haselnußstrauche ist aber auch ein gutes Mittel, mit dem man bösen Buben den Muthwillen austreibt. Haspel. Das gesponnene Garn kommt auf den Haspel, auf welchem es in Fäden von einer bestimmten Länge abge- theilt wird. Wie ein Haspel aussieht, wisset ihr längst aus eigener Anschauung. Nur das will ich noch sagen, daß der Umfang desselben gewöhnlich 2 Meter des im Lande üblichen Maßes beträgt. Knüpft man daher das Ende eines Fadens an einen Haspelflügel und dreht den Haspel mittelst der an ihm befindlichen Kurbel um, so kommen bei jeder Umdrehung 2 Meter Garn auf denselben, und mithin bei 1000 aufein ander folgenden Umdrehungen 2O0O Meter oder ein Schneller. Damit man aber die Umdrehungen nicht zählen darf, ist eine Art Uhrwerk an dem Haspel angebracht, das durch einen Zei ger die Zahl der Umdrehungen von 100 zu 100 und durch den Schnapp einer Feder die lOOOste Umdrehung angibt. Haushahn. He, warum streckst du denn deinen Kopf so in die Höhe, du stolzes Thier? Vielleicht, weil du so hübsche Federn besitzest oder einen so schönen Schwanz hast? Oder, weil du am frühen Morgen, sobald das Morgenroth erscheint, — wenn noch alles schläft und schlummert, — zu krähen dir die Freiheit nimmst ? Oder, weil du so geschickt bist im Beißen, im Raufen, im Kämpfen? Oder, weil du so wachsam bist? Höret, was der Dichter „Güll" von dem Hahn weiß: Der Hahn vor seiner Tennen, Thut herzhaft einen Schrei, Da kommen alle Hennen Geschwind, geschwind herbei. Da nennt er sie bei ihren Zunamen allzumal Und führet sie spazieren Hinunter in das Thal. Führt sie zu einem frischen Labetrunk am Wiesenborn, Gibt ihnen aufzutischen Gar manches Gerstenkorn.315 Und daß auch nicht der Braten Abgehe bei dem Schmaus, So ist er gleich berathen Und geht auf's Jagen aus. Ein Käfer kommt gewackelt, Schön dunkelgrün und roth, Da wird nicht lang gefackelt, Der Hahn der spießt ihn todt. Und schlachtet mit dem Schnabel Den Käfer wie ein Kalb, Und theilt ihn ohne Gabel, In Stücke halb und halb. Dann ruft er alle Hennen Mit gluck, gluck, gluck! zu Häuf, Die wackeln und die rennen Daher im schnellsten Lauf. Und nach dem Braten recken Sie den gestreckten Hals, Und lecken ihn und schmecken Ihn ohne Salz und Schmalz. Und wenn das Schnabuliren Hierauf ein Ende hat, Dann führt er sie mit ihren Küchlein zur Ruhestatt. Er aber vor dem Stalle Singt noch ein Kickricki! Und rastet nicht bis alle Auch eingeschlafen hie. Dann legt er auf die Seiten Den zunderrothen Kamm, Daß morgen er bei Zeiten Den Bauer wecken kann. Und der stolze Hahn sagt von sich selbst: Kickericki! Bin ein munteres Vieh!316 Wenn Alles liegt Noch in guter Ruh, Bin ich schon vergnügt, Schrei' immer zu. Ich kann stolziren, Die Hühner regieren. Kömmt ein anderer Hahn, Den greif ich an, Hab' manche Schlacht Schon mitgemacht! Hei Kickericki! Bin ein munteres Vieh! HtrrrssehrVttlbe. Wir kennen alle den treuen Bekann ten, der mit jedem Frühlinge wiederkehrt, so gern an unfern Fenstern wohnt und dort sein Nest baut; wir kennen es alle, das muntere, zutrauliche und flüchtige Thierchen, mit seinem bläulich schwarzen, glänzenden Rücken, dem weißen Bauche, den großen Flügeln und dem breiten Schwänze. Es ist unge mein schnell und unermüdlich im Fluge. Die Schwalbe schießt blitzschnell aus der Luft herab, dreht im Nu sich um und fliegt eben so schnell wieder empor. Auf dem Fluge sammelt sie ihre Nahrung, die aus Mücken, Fliegen u. s. w. besteht. Deß- wegen schwebt sie auch so oft über dem Spiegel des Wassers hin und sängt selbst von der Oberfläche desselben die Insekten weg. Wie scharf muß ihr Auge, wie geschickt müssen ihre Bewe gungen sein, um die kleine Beute im Fluge zu erspähen und zu er haschen ! Durch diese Jnsektenjagd wird die Schwalbe ein sehr nütz liches Thierchen. Darum beunruhigt sie auch Niemand, und sie baut ihr Nest ungestört unter den Menschen, wie ein Hausvogel. Im Herbste verläßt die Schwalbe unsere Gegenden und zieht in wär mere Himmelsstriche. Dort lebt sie als Gast, bis die Frühlings wärme sie wieder zu uns ruft. Sie muß ein treues Gedächt- niß haben, denn dieselbe Schwalbe kommt wieder an denselben Ort und sucht dasselbe Nest, das sie im Herbste verlassen hat. Oft haben dann Sperlinge sich des kleinen Hauses bemächtigt, und es entsteht ein Kampf um dasselbe, wozu die Bedrängte ihre Genossen ruft. Man will bemerkt haben, daß einst eine Schwalbe, die den ungebetenen Gast aus ihrem Neste nicht entfernen konnte, ihre Schwestern gerufen, mit deren Hilfe den Eingang des Nestes verbaut und so bewirkt habe, daß der Gewaltthäter sein Leben verloren.317 In eines armen Mannes Haus Kam lange Zeit, von Jahr zu Jahr, Im Lenzbeginn ein Schwalbenpaar. Mit Freuden nahm der arme Mann Sie auf und schlug ein Brettchen an, Worauf sie sich ihr Nest erbauten Und frohen Muth's hernieder schauten. Sie zogen fort. — Der arme Mann Ward unverhofft durch Erbschaft reich. Nun ward das alte Haus sogleich Zerstöret und neu aufgeführt, Mit Marmorsäulen ausgeziert; Das Schwalbenbrettchen riß man nieder, Indessen kam das Pärchen wieder. Sie zwitscherten ihr Morgeulied. „Fort!" rief der Mann voll Wuth, „Vertilget mir die schnöde Brut!" Die Schwalben flogen rasch davon Und sangen noch in frohem Ton: Wir gehR! wo Lieb und Frohsinn weilen, Bedarf es keiner Marmorsäulen. Harrt. Die Haut, welche unfern Körper bedeckt, ist ein feines Leder, und hat unzählbare Oeffnungen und Löcherchen, aus welchen beständig ein feiner Dunst steigt. Wenn sich bei heftiger Bewegung dieser Dunst auf die Haut in Tropfen setzt, so heißt er Schweiß. Denket Kinder! ein erwachsener Mensch soll täglich über zwei Pfund ausdünsten, wenn er ge sund ist. Hieraus geht hervor, daß es schädlich sein müsse, wenn man durch Unreinlichkeit diese Ausdünstung unterbricht und zurückhält und Flußfieber, Husten, Schnupfen, Zahn schmerzen und Ausschlag entstehen. Man muß also reinlich sein und namentlich sich öfters baden. Haydn, Joseph. Einerder größten deutschen Tondichter ist Joseph Hapdn und sein Name wird sortleben, so lange es Töne und fühlende Herzen gibt. Er war am 31. März 1732 in dem Dorfe Rohrau an der österreichisch-ungarischen Grenze geboren, wo sein Vater, ein Wagner seinem Handwerke nach, zugleich den Dienst eines Meßners versah, in der Kirche den Vorsänger machte und die318 Harfe mit Geschicklichkeit zu spielen verstand, was er auf der Wanderschaft zu Frankfurt a. M. gelernt hatte. Sonntag Nach mittags spielte er feinen Liederkranz ab und Haydn's Mutter, eine muntere, aufgeweckte Frau, sang dazu. Schon in seinem dritten Jahre sang der kleine „Sepperle" diese Lieder mit seinem feinen Sümmchen hell und richtig mit, und noch in seinem höchsten Alter wußte er sie alle auswendig und summte sie, wenn er vergnügt war, vor sich hin. Wenn der Gesang zu Ende war und Vater Haydn noch einen Marsch oder einen Walzer auf der Harfe spielte, dann nahm „Sepperle" ein Stückchen Holz in die rechte Hand und schabte damit auf dem linken Arme, als ob er Violine spielte und sein ganzes munteres Gesichtchen hatte dabei den freudigsten Ausdruck. Eines Sonntags Nachmittag kam ein Vetter, der Schul meister Frank aus dem nahen Städtchen Haimburg, zu einem solchen Concerte. Er bemerkte, daß „Sepperle" den Takt ganz genau beobachtete, und daß sich die ganze Musik gleichsam in seinem Gesichte wiederspiegelte. Er freute sich herzlich über den kleinen Joseph, von dem er sich noch eins auf seiner einge bildeten Geige Vorspielen ließ. Er gab dem Vater den Rath, dem Knaben die Musik lernen zu lassen und versprach, das Bürschchen, wenn er noch einige Jahre hinhaben würde, zu sich nach Haimburg zu nehmen. Die Eltern nahmen dieß Versprechen an und als Joseph sechs Jahre alt war, brachten sie ihn zu dem Herrn Vetter Frank. Hier lernte Haydn lesen und schreiben, erhielt Religions unterricht, und wurde zum Singen, Geigen, Paukenschlagen und zu andern Instrumenten angehalten. „Ich danke es oft dem Schulmeister noch im Grabe," sagte er später, „daß er mich so Vielerlei anfangen ließ, wenn ich auch von ihm oft mehr Prügel, als zu essen bekam." Zwei Jahre etwa war Haydn in Haimburg gewesen, als der Hofkapellmeister Georg v. Reuter den Dechanten in Haim burg, seinen Freund, besuchte. Der Kapellmeister ließ einmal fallen, daß er einige gute Chorknaben zum Ersatz für Austre tende brauche, und der Dechant, dem der muntere und fleißige Haydn mit seiner glockenreinen Stimme nicht entgangen war, schlug ihn seinem Freunde vor. Man läßt sofort den Schul meister mit dem kleinen Haydn kommen. Der Aufzug, in dem dies geschah, mochte sonderbar genug sein. Der achtjährige Knabe trug nach damaliger Sitte eine Stutzperücke; aber seine319 übrige Kleidung war abgetragen und dürftig. „Ich war ein kleiner Igel", sagte Haydn, wenn er seinen Freunden später von dieser Vorstellung bei dem Kapellmeister, dem ersten großen Ereignisse in seinem Leben, erzählte. Auf dem Tische des Dechanten stand ein ganzer Korb voll Kirschen und nach der ersten Umschau durch das Zimmer hafteten die Augen des Knaben fest auf den lockenden Früchten. Reuter bemerkte es und gab ihm lächelnd einige Hände voll in sein abgeschabtes Hütchen. Hierauf setzte sich Reuter an ein Klavier und ließ den Burschen einige lateinische und italienische Strophen singen. Haydn verstand zwar von dem Inhalte wenig oder gar nichts, trug aber seine Strophen mit Kraft und Sicherheit vor. Der Kapellmeister war mit dieser Probe vollkommen zufrieden. „Kannst Du auch einen Triller schlagen?" fragte Reuter den Knaben. „Nein," antwortete dieser sogleich, „aber das kann mein Herr Vetter auch nicht." Der Kapellmeister lachte und der Schulmeister stand ganz verlegen dabei; der kleine Haydn blieb ganz unbefangen. Reuter zeigte ihm nun, wie er die Zunge an die Zähne halten müsse und noch manche andere Vortheile. Haydn machte es nach, und schon der dritte Versuch gelang zu voller Befriedigung. „Ich nehme dich mit," sagte der Kapellmeister. „Mache es mit deinen Eltern ab; sie haben für nichts weiter zu sorgen." So kam der achtjährige Haydn aus der Pflege seines Vetters in die Schule des Chors zu St. Stephan in Wien. Hier wurde er, außer sonstigem Schulunterrichte, von Reuter selbst und von andern tüchtigen Lehrern im Singen, in verschie denen Instrumenten und im theoretischen Theile der Musik un terrichtet. Haydn war ungemein fleißig; er arbeitete fast Tag und Nacht und die Gelegenheit, in der Kaiserstadt trefflichen Musikaufführungen selbst beizuwohnen oder sie doch anzuhören, war ihm von dem größten Nutzen. Acht Jahre lebte er so, wenn auch nicht glänzend, doch vor Noth und Mangel geschützt. Aber nun sollte auch seine Kraft erprobt werden. Er verlor seine schöne Diskantstimme und bekam seine Entlassung aus dem Chore. Wien mochte er um keinen Preis verlassen und doch konnten ihn seine Eltern nicht sonderlich unterstützen. Er mie- thete sich ein armseliges Dachstübchen im sechsten Stockwerke, worin er kaum gegen Sturm und Regen geschützt war. Der Hauch fror des Winters auf seiner Bettdecke und das Wasser,320 welches er zum Waschen in seinem Kruge sich geholt hatte, war oft in Eis verwandelt. Ueberall suchte er sich etwas zu verdienen, um sich das Leben zu fristen. Er gab Musik- stunden, er geigte manchmal in Orchestern mit, er spielte Sonn- und Feiertags die Orgel in Kirchen und Kapellen und wußte auf diese Art für seine Bedürfnisse immer Rath zu schaffen, und noch in spätern Jahren, wo er vom Wohlstand aller Art umgeben war, rief er freudig aus: „Wenn ich an meinem alten, von Würmern Zerfressenen Klavier saß, beneidete ich keinen König!" Aus einer solchen Jugend ging der Mann hervor, der durch unzählige, treffliche und staunenswerthe Werke seines Geistes Europa mit seinem Namen erfüllte, dabei doch stets der fromme und bescheidene, der heitere und mäßige, der in seinem Aeußern anspruchslose und stets nettgekleidete Mann, der Jedem in dem Grade lieber ward, in welchem er ihn näher kennen lernte. Er selbst lernte erst Alles, was in ihm war, kennen, als das Ausland ihn mit Ehrenbezeugungen aller Art überschüttete, z. B. England, in welchem er zweimal längere Zeit sich auf-- hielt und wo man ihn aus alle mögliche Weise feierte. Um sich eine Idee von seinem unglaublichen Fleiße zu machen, brauche ich euch nur zu sagen, daß * er gegen 30 Com- positionen (d. s. Musikwerke) füUs Theater geliefert, über 130 Sinfonien, 83 Quartetten, viele Oratorien (hier sei nur ge nannte die Schöpfung, die Jahreszeiten, die sieben Worte des sterbenden Erlösers) Messen, Eoncertsachen und Gesangskompo- sttionen geschrieben hat, aus denen seine Originalität immer hervorglänzt. Versäumet es doch ja nicht, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet, Hapdn's großartiges Oratorium „Die Schöpfung" zu hören, von der Wieland sang: Wie strömt dein wogender Gesang In unsre Herzen ein! Wir sehen Der Schöpfung mächtigen Gang, Den Hauch des Herrn auf dem Gewässer wehen; Jetzt durch ein blitzend Wort das erste Licht entstehen, Und die Gestirne sich durch ihre Bahnen drehen; Wie Baum und Pftanze wird, wie sich der Berg erhebt Und froh des Lebens sich die jungen Thiere regen. Der Donner rollet uns entgegen,321 Der Regen säuselt, jedes Wesen strebt Jn's Dasein, und bestimmt des Schöpfers Werk zu krönen, Seh'n wir das erste Paar geführt von deinen Tönen. Joseph Haydn starb in Wien am 31. Mai 1809. Hebel, Johann Peter. Dieser anmuthige Dichter, dessen Schriften man in ganz Deutschland so gerne liest, stamnite von ganz armen Bauersleuten in einem Dorfe des Schwarz waldes. Und gerade, weil er unter dem Volke heranwuchs und seine Jugend in Feld und Wald und auf Bergen zubrachte, war er später im Stande, die Sprache des Volkes so gut nachzuahmen und die Schöhnheiten der Gebirgsgegenden so treff lich zu schildern. Denn Hebel hat seine meisten Gedichte in der allemannischen Sprache, das ist in der Mundart, welche an dem Schwarzwalde gegen den Rhein hin gesprochen wird, geschrieben. Wer nicht dorther ist, versteht es nicht gut. (Es soll nachher eine Probe folgen und eine Uebersetzung dazu.) — Hebel hatte es übrigens für einen armen Banernknaben weit genug in der Welt gebracht; denn er war zuletzt Prälat und Consistorialrath in Karlsruhe, und erreichte ein ziemlich hohes Alter. Er starb in seinem Berufe, auf einer Dienstreise im Jahre 1826. Der Knabe im Erdbeerschlag. E Bübli lauft, es goht in Wald, Am Sunnti Nomittag; 's chunnt in d'Hürst und findet balv Erdbeeri Schlag an Schlag; es gönnt und ißt sie halber Z'Tod, und denkt: „Das isch mi Obed- brod." Und wie nes ißt, so ruuschts im Laub; es chunnt e schöne Chnab. Er het e Rock, wie Silber staub, und treit e goldne Stab. Kindcr-Conversations-Lexlkon. Ein muntrer Bub' lauft in den Wald, Am Sonntag Nachmittag. Er sucht nicht lang; es zeigt sich bald Blutroth ein Erdbeerschlag; Er pflückt und ißt sich halb zu Tod, Er denkt: „Das ist mein Abend- brod." Und wie's ihm schmeckt, da rauschts im Laub, Es kommt ein schöner Knab'. Sein Röcklein glänzt wie Sil berstaub, Wie pures Gold sein Stab. 21322 Er glänzt wie d' Sunn am Schwizer-Schnee. Si lebelang hets nüt so gseh. Druf redt die Chnab mi Büb- li a: „Was ißisch? i Halts mit!" — „He, nüt!" seit's Bübli, luegt en a, und lüpft sie Chäppli nit. Druf seit der Chnab: „He, ißisch nüt, du grobe Burscht, se battet's nüt!" Verschwunden isch mi Chnab, unds stöhn die nächste Hürst im Dust; drus stiegt en Engeli wunder schön uf in die blaue Luft, und's Büebli stoht und luegt em no, und chratzt im Hoor, und lauft dervo. Und sieder isch kei Sege meh im Beeri-Esse gsi. I ha mi lebtig nüt so gseh, sie bschießen ebe nie. Iß hampstevoll, so viel de witt, sie stillen eim der Hunger nit. Was gibt der für Lehre dri? Was seisch derzu? Mer mueß vor fremde Sitte sründli si mit Wort und Red und Grueß; und's Chäppli lüpfe z'rechter Zit, sust het me Schimpf, und chunnt nit wit. — Er strahlt' wie Schnee im Mor genlicht; Dein Lebtag sahst du Schöneres nicht. Er spricht: „Da komm ich glück lich an! „Was ißt du da, so gut ?" — „Ei, gar Nichts!" brummt der Bub ihn an, Rückt nicht einmal den Hut. Da spricht der Knab: „Ei, ißt du Nichts, Du Bürschlein, so gedeih auch Nichts." Verschwunden ist der Knab. Es steh'n Die Büsch umher im Dust. Draus stiegt ein Engel wun derschön Auf in die blaue Lust. Der Bub' siebt da, guckt hin terdrein, Im Wald macht er nicht länger sein. Seitdem nun ruht kein Segen mehr In Beeren groß und klein; 's ist wunderbar; doch Gott der Herr Schenkt eben kein Gedeihn. Iß handvollweis, so viel du willst, Denk nicht, daß du den Hunger stillst. Die gute Lehre merket fein, Des Engels Wort: „Man muß Vor fremden Leuten freundlich sein Mit Wort und Blick und Gruß, Das Käpplein zieh'n zur rechter Zeit, Sonst hat man Schimpf und^ kommt nicht weit.21 * 323 Der Winter. Isch echt do obe Bauwele feil? Sie schütten eim e redli Theil in d' Gärten aben und ufs Hus; es schneit doch au, es isch e Gruus; und 's hangt no menge Wage voll am Himmel obe, merk i wohl. Und wo ne Ma vo witem lauft, so het er vo der Bauwele gchauft; er treit sie uf der Achsle no, und uffem Hut, und lauft dervo. Was laufsch denn so, du närnsche Ma? De wirsch sie doch nit gstohle ha? Und Gärten ab, und Gärten us, ^en alli Scheie Chäpli uf. Sie stöhn wie großi Here do; sie meine, 's heigs sust niemes so. Der Nußbaum het doch au sie Sach, und's Here Hus und 's Chilche Dach. Und wo me luegt, isch Schnee und Schnee, me sieht ke Stroß und Fueß-Weg meh. Meng Some-Chörnli, chlei und zart, lit unterm Bode wohl verwahrt, und schnei's so lang es schneie mag, es wartet uf st Ostertag. Meng Summer-Bögli schöner Art lit unterm Bode wohl verwahrt; es het kei Chummer und kei Chlag, und wartet uf st Ostertag; und gangs au lang, es chunnt emol, und sieder schlosts, und 's isch em wohl. Jscht-ist, echt-etwa, Bauwele-Baumwolle, aben-herab, Hus-Haus, Gruus- Graus, menge-maucher, ne-nein, Ma-Maun, witem-weitem, het-hat, vo- von, gchauft-gekauft, treit-trägt, uf-auf, Achsle-Achsel, no-nach, uffem-auf- dem, drrvo-davon, wirsch-wtrst, ha-haben, Scheie-Pallisadeu um den Gar ten, Cäppli-Kappen-Hauben, Here-Herren, heigs-habs's, suu-sonst, niemes- Niemand, Chilche-D ach-Kirchendach, luegt-fieht, ke-keine, Stroß-Straße, meh- mehr, meng-manches, Some-Chörnli-Samen-Körulein, chlei-klein, lit-liegt, si- sein,Summer-Vögli-Schmetterling, Chummer-Kummer, Chlag-Klage, gangs ging es, au-a uch, chunnt-kommt, emol-einmal, sieder-unterdessen, em-ihm.324 Doch wenn im Frühling 's Schwälmi singt und d' Sunni-Wärmi abedringt, Potz tausig, wacht's in jedem Grab, und streift sie Todte-Hemdli ab. Wo nummen au ne Löchli isch, schlieft's Leben use iung und frisch. — Da fliegt e hungrig Späßle her! e Brösli Brod war sie Begehr. Es luegt ein so erbärmli a; 's hat sieder nechte nüt meh gha. Gell Bürstli, fel isch andri Zit, wenn's Chorn in alle Fuhre lit? Do hesch! Loß andern au dervo! Bisch hungerig, chasch wieder cho! — 's muß wohr sr>, wie's e Sprüchli git: „Sie seihe nit, und ernde ntt; „sie Heu fei Pflug, und hen fei Joch, „und Gott im Himmel nährt sie doch." Hechel Die Hand-Hechel ist ein Brett mit zwei freis- sörmigen Erhöhungen, aus welchem die Hechelzähne, runde, eiserne, oben sehr scharfe und platte Stifte, senfrecht stehen. Aus der einen Erhöhung sind diese Zähne dünner und stehen dich ter, als aus der andern, weil die Zubereitung des Flachses ein zweimaliges Hecheln, zuerst aus der groben, dann aus der fei neren Hechel, erfordert. Man zieht den Flachs büschelweise über die Hechelzühne hin, damit sich so das Werg vom Flachse scheide. Hecht. Lieber Georg! Der Hecht ist ein Fisch, das weißt Du! Sein Leib ist lang; seine Haut ist mit Schuppen besetzt und sehr schlüpfrig. Wie alle Fische hat auch er feine Füße, sondern Schwimmflossen, oberhalb und unterhalb an seinem Leibe. Die stärfste Flosse ist die Schwanzflosse; durch die Schwimmstossen ist der Hecht im Stande, langsam dahin zuschwimmen oder wie ein Pfeil durch das Wasser zu schießen. Schwälmli-Schwalben, abe-herab, Hemdli-Hemdlein, ranrurte n-nuv, use-heraus, Do-da, Späßli-Spatz (Sperling), Brösli-Bröcklein, sieder nechte-seit gestern, nüt-nichts, meh-mehr, gha-gehabt, gell-nicht wahr? sell- dasselbe, Zit-Zeit, Chorn-Korn, do hesch-da hast etwas, chasch-kannst, cho- kommen, wohr-wahr, sy-sein, git-gibt, seihe-säeen, ernde-ernte, hen-haben.325 Ohren hat kein Fisch, also der Hecht auch nicht; was man bei den Fischen gewöhnlich Ohren nennt, sind keine, und heißen eigentlich Kiemen. Der Fisch macht sie regelmäßig aus und zu und nimmt mit ihnen die Luft zu sich, welche sich in dem Wasser befindet. Er athmet also durch die Kiemen und das Auf- und Zumachen der Kiemendeckel sind seine Athemzüge. Sehr frühe im Jahre, schon im Februar, legt der Hecht seine Eier, welche man bei allen Fischen Laich heißt, an Wasser pflanzen. Er sucht dazu Gräben und Untiefen auf. Durch die Frühlingswärme werden die Eier ausgebrütet, und die jungen Hechtlein schwimmen schnell und munter davon und sehen sich nach Fraß um. Der Hecht ist im Wasser der Flüsse und See'n, was der Wolf auf dem Lande, ein kecker Räuber^ und beinahe un ersättlicher Fresser. Er hat eine breite Schnauze und ein weites Maul; Zunge und Rachen sind mit vielen und schar fen Zähnen besetzt. Er verschlingt alles, was er bemustern kann: Frösche, Mäuse, junge Enten, Ringelnattern, Würmer, Käfer, Stücke Fleisch, Fische, die fast so groß sind als er selbst, ja er verschlingt sogar andere Hechte, und keiner ist vor dem andern sicher. Man erzählt von Hechten, die jung ge fangen wurden, und denen man einen Ring mit der Jahres zahl umlegte, daß sie nach mehren Jahrhunderten wieder gefangen wurden. Das sind dann alte und große Fische ge worden. Nicht wahr? —• So viel ist gewiß, man hat im Bodensee schon Hechte gefangen, die über 40 Pfund schwer waren und über 7 Fuß lang. Solche alte Hechte möchtest Du nicht verspeisen helfen, denn die haben kein gutes Fleisch mehr; von jüngern aber ist es sehr schmackhaft und gesund. Lebe wohl! Heerde. Ha! wie lieblich und schön! Herbei! herbei! Da gibt sts für Kinder was zu sehen. Die Schäfchen, die netten, ziehen in großer Anzahl, zu mehrern Hunderten, an uns vorüber. Wie friedlich sie gehen, die Schafe und Lämmer, die geliebten Hausthiere, mit den Menschen nun so traulich verbunden, daß sie nicht mehr von seiner Gemeinschaft sich trennen. Der Mensch nährt und beschützt sie, bei Tag und bei Nacht ist er ihnen nahe, führt sie auf die Weide, auf die Wiese, auf Aecker, im und am Walde umher und zurück unter sein Obdach, — und liegen sie bei Nacht draußen im Freien, so umgibt er die Heerde mit einer Umzäunung (Hürde genannt),326 läßt sein kleines Schlafgemach, sein rothgefärbtes Häuschen auf Rädern und Wagengestell hinaus zur Heerde führen, schläft dicht neben ihnen zu Schutz und Bewachung und sein Hund liegt ihm zur Seite und wacht, wenn der Hirt und die Schafe schlummern, und bricht gewaltig hervor, wenn auch nur die kleinste Gefahr droht, und ist's nöthig, trotzt Hirte und Hund der schwersten Gefahr, um die geliebten Schafe und Lämmer zu retten. Aber das Schaf ist auch feinem Pfleger dankbar und zugethan, es folgt seiner Stimme, feinem Wink und Ruf, und blockt ihn freundlich und zutraulich an; fein Blöcken ist Gruß und Gegengruß, Bitte und Dank. Es ist ihm wohl; munter hüpft es auf Wiese und Au, am Berg und im Thale und rauft mit scharfen Zähnen auch das sparsame Gräschen aus dem Acker. — Ach — wie lieblich die netten Schäfchen vor meinen Augen! Heide. In Afrika und Asien gibt es Wüsten oder große Landstriche, die ohne Quellen und Bäche sind, und wegen ihrer Dürre keine Pflanzen hervorbringen; sie sind meistens mit fei nem oder grobem Sand, aber auch mit groben Steinen bedeckt. Solche Wüsten haben wir in Deutschland keine, aber einige Landstriche, die man Heiden nennt. Die bedeutendste ist die Lüneburger Heide in Hannover. Sie ist zwanzig Stunden lang, an einigen Stellen halb so breit und erstreckt sich von der Stadt Lüneburg bis Celle; die Lüneburger Heide nimmt also einen größern Flächenraum ein als der Bodensee. So weit wir uns auf dieser Heide umsehen mögen, sehen wir nirgends Höhen und Thäler, keinen See, nur kleine langsame, fast träge fließende Bäche und einzelne Sumpfstrecken. Auf der großen Sandstrecke wächst nur Heidekraut, da und dort mageres Gras, krüppelhaftes Gebüsch, auch etwa magere Foh ren und Tannen. Oft sieht man weithin kein Wasser, kein Haus, keinen Menschen, ja selbst kein Thier, außer hungrigen Krähen. Wenn man durch die Heide reisen will, muß man sich mit Lebensmitteln gut versehen; auch muß man sehr Acht geben, daß man nicht verirrt; denn man trifft nicht immer einen Menschen, der einen zurechtweisen könnte. Die Heide ist da noch am schönsten, wo sie mit rothblühendem Heide kraut bedeckt ist. Millionen Bienen schwärmen umher und suchen ihre süße Nahrung. Man kommt auch an Sümpfen vor über, deren braunes Wasser mit Binsen durchwachsen ist. Da schreien die Kibitze, welche im Riedgrase ihre Nester haben.327 Die Kibitzeneier werden in großer Menge gesammelt und ver kauft. Im Heidekraute und auf den magern Grasplätzen trifft man viele kleine, schwarze Schafe, welche man Heideschnucken nennt. An den langsam fließenden Bächlein wachsen einzelne Eichen, Buchen, Erlen und Birken. An diesen Bächen liegen auch die ärmlichen Dörfer, umgeben von mageren Haber-, Gerste-, Flachs- und Rübenfeldern; auch wird viel Heide korn (Buchweizen) gebaut und starke Bienenzucht getrieben; die Blüthen des Heidekrauts und Heidekorns sind nämlich außer ordentlich honigreich. Man schätzt den Ertrag an Honig und Wachs, welchen die Heidebauern jährlich gewinnen, auf 600,000 Mark. Die Heidebauern sind also doch nicht so ganz arm, als man glauben möchte. Heidelberg. Unter den verfallenen Schlössern Deutsch lands nimmt das zu Heidelberg, die ehemalige Residenz der Kurfürsten von der Pfalz, eine der ersten Stellen ein. Die herrliche Lage über der Stadt, in deren Straßen man hinabsieht, und der Blick über den zu Füßen fließenden Neckar würde den Schloßberg an sich zu einem ausgezeichnet schönen Punkte machen. Allein die Ueberreste der alten Ge bäude sind noch großartig genug, um dem Fremden Achtung vor dem Reichthume und der Macht der hier wohnenden Fürsten einzuflößen. Waren sie es ja auch, welche die reichbegabte Uni versität stifteten und mit Sammlungen ausstatteten, so daß lange Zeit Heidelberg von allen deutschen Universitäten fast am meisten von Fremden besucht wurde. Die Universität blüht noch, aber das Schloß haben die Franzosen damals, als sie schändlicher Weise alle Städte in der Pfalz und am Rhein niederbrannten und zerstörten, zu einer Ruine gemacht. Leider konnten ihnen die Deutschen damals nicht vergelten, wie der Kurfürst Friedrich der Sieghafte, den seine Feinde gewöhnlich den bösen Fritz nannten, einst den Verwüstern der Pfalz ver galt. Mehrere Fürsten hatten nämlich fein Land mit Krieg überzogen und barbarischer Weise Alles vor sich niedergesengt und gebrannt. Während dieser grausamen Verheerung fiel der böse Fritz über sie her, schlug das Heer gänzlich und nahm die Fürsten gefangen. Doch schien er sie gut zu behandeln, denn er ließ ihnen auf dem Schloß zu Heidelberg ein herrliches Mahl auftragen, wobei Nichts fehlte als B r o d. Als endlich Einer darnach fragte, führte der Kurfürst die Herren an's Fenster, zeigte ihnen die verbrannten Dörfer und die zer-328 stampften Saaten und sprach: „Hättet ihr Herren meinen Bauern etwas Korn übriggelassen, so hätte ich euch heute Brod vor setzen können. So aber ist es mir unmöglich." Und die Ge fangenen mußten ihre Freiheit mit theuerem Lösegeld erkaufen. Heidelbeerfkaude. Bescheiden hat sie sich in unfern Wäldern niedergelassen. Mit dem Eintritte Monats Mai zeigt sie uns ihre röthlicht weißen Blüthen und will der Juli von uns scheiden und der August uns ereilen, so bietet sie uns ihre wohlschmeckenden, blauschwarzen Beerchen, die Gute! — Vor beigehend gesagt, die Heidelbeerstaude ist es nicht allein, welche uns durch ihre Beerchen erfreut; o nein! Wir singen zwar: „Heidelbeeren, Heidelbeeren, Gibt's in unserm Garten. Mutter, gib mir auch ein Paar, Kann fast nicht länger warten!" lassen uns aber dabei die lieblichen Himbeeren, Brombeeren, vorzüglich aber die Johannis- und Stachelbeeren re. recht wohl schmecken. — Henne. Wenn ich eine Henne sehe, so denke ich gleich immer an die Eier, die man von ihr bekommt, gleichviel ob die Henne eine weiße, schwarze oder bunte Farbe habe. Ebenso (daß ich's aber nicht vergesse, man nennt die Henne auch Huhn), freut mich immer die Treue und Sorgfalt, die Wach samkeit, welche die Henne auf ihre Jungen, die man auch Küchlein nennt, verwendet. Wahrhaftig eine Henne würde eher sich in den größten Kampf wagen, ehe sie ihre Küchlein verlassen würde. Ruhig schlafen sie unter ihren Flügeln. Auch dürfen die Küchlein nicht hungern; denn die Henne sammelt Futter für sie und lockt sie herbei. Dich sagt auch der Dichter „Hey" von den Küchlein: Küchlein, was lauft ihr so, Alle zur Mutter froh? That sie dort einen Fund, Würmchen aus tiefem Grund, Ruft nun und locket gleich, Gibt es zum Futter euch?329 Und die Henne freute sich sehr, Wie sie da pickten um sie her, Sah auf die muntern Dinger nieder, Scharrte dann, rief und lockte wieder, Bis sie alle zufrieden sah; Selbst erst das letzte nahm sie da. Herbst. Es ist gerade schon wahr, vom September bis Dezember d. h. im Herbste gibt es recht angenehme Tage. Die Früchte des Feldes, des Gartens werden eingesammelt, selbst Kartoffel, Rüben, dann aber auch Weintrauben re. holt man nach Hause. Man gewöhnt sich so nach und nach an die warme Stube; denn draußen wird es nach und nach kälter und die Tage werden immer kürzer und die Nächte immer länger. — Ja, es ist wahr, was der Dichter „Salis" sagt: Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder Und der Herbst beginnt. Rothe Blätter fallen, Graue Nebel wallen, Kühler weht der Wind. Wie die volle Traube Aus dem Rebenlaube Purpurfarbig strahlt! Am Geländer reifen Pfirsiche mit Streifen Roth und weiß bemalt. Sieh, wie hier die Dirne Emsig Psiaum und Birne In ihr Körbchen legt; Dort mit leichten Schritten Jene goldnen Quitten In den Landhof trägt! Hereulanurn und Pompeji. Das sind zwei Städte in Italien, nicht weit entfernt von dem Feuerberge Vesuv, welche im Jahre 79 nach Christi Geburt bei einem gewaltigen Ausbruch des Feuerspeiers von der glühenden Asche überdeckt und mit Allem verschwunden sind, jetzt aber wieder ausgegraben werden. Es ist dieß ein so merkwürdiges Ereigniß, daß ich es euch etwas ausführlicher darstellen will.330 An dem obenerwähnten Tage erhob sich plötzlich, nachdem der Vesuv seit Menschengedenken nicht mehr Lava ausgeworfen hatte, eine ungeheure Rauchwolke aus dem Berge; bald schossen Feuerstrahlen daraus hervor, glühende Steine flogen umher und glühende Asche fiel dicht und immer dichter mehrere Stunden weit nieder. Die Sonne verlor ihren Schein, bis endlich dunkle Finsterniß über der ganzen Gegend lag. Die Erde erbebte und unter den Tritten der Fliehenden schwankte der Boden, so daß sie niederstürzten; unterirdischer Donner rollte dumpf, und in jedem Augenblicke fürchteten die Bewohner den Einsturz ihrer Städte. Alles floh. Um sich gegen die unerträgliche Hitze der glühenden Asche zu sichern, band man Kissen auf den Kopf. Nichts war zu erkennen. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der Armen, die aus dem Felde herumtappend, sich nirgends zurecht zu finden wußten und die Ihrigen ver gebens suchten, war herzzerreißend. Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ und am andern Tage die Sonne, wiewohl mit bleichem Scheine, wieder hervortrat, bot die ganze Gegend den traurigsten Anblick dar. Alles war mit Asche be deckt. Von den schönen Städten aber, Herculanum und Pompeji, fand sich keine Spur mehr. Niemand wußte, wo sie geblieben; man glaubte, die Erde habe sie verschlungen. Ein schauerliches Schweigen ruhte über ihrem Grabe. Da geschah es, daß vor etwa anderthalbhundert Jahren ein Bauer in jener Gegend einen Brunnen graben wollte; und siehe, er grub drei schöne weibliche Statuen (Bildsäulen) heraus. Später forschte man weiter, und wer malt das Erstaunen! — man grub ein Theater, eine Straße mit ihren Häusern heraus; kurz man überzeugte sich, daß man in dem einst durch Asche und glühende Lava verschütteten Herculanum sich befinde. Später grub man auch nach dem alten Pompeji, und auch dies wurde gefunden; und wohl der vierte Theil desselben ist schon an's Licht gebracht. Das ist nun höchst merkwürdig; in einer unterirdischen Stadt kann man da umhergehen. Alles liegt noch so da, wie es vor beinahe 1800 Jahren gewesen; und eine recht anschauliche Vorstellung von dem Leben der alten heidnischen Römer läßt sich hier gewinnen. Da sieht man noch Stühle und Tische, Lampen, Messer, Flaschen, Ringe, Schüsseln und dergl., umher liegen. Die höchst geschmackvolle Malerei an den Zimmerwänden ist noch frisch, als wenn der Maler eben erst davon gegangen wäre. Im Theater und auf der Villa (Landgut) fand man einen außerordentlichen Schatz von331 kostbaren Statuen von Marmor und Bronze. In einem Zim mer fand man eine Bibliothek von 2700 Papyrusrollen (gedruckte Bücher hatte man damals noch nicht); sie waren aber alle verkohlt. Ueber den Hausthüren stehen noch hie und da Inschriften, und in den Buden der Oelverküufer die Laden tische. Die Straßen sind enge, die Hauser niedrig. Ihr Aeußeres ist sehr einfach, das Innere desto prachtvoller. Die Fußböden sind mehr oder weniger mit künstlicher Mosaik (aus farbigen Steinen zusammengesetzte, unfern Stickereien ähn liche Gemälde) ausgelegt; die Wände sind mit prachtvollen Ge mälden verziert, Tische und Schränke mit dem schönsten Hausgeräthe. Vor den Häusern sind noch die Bänke, auf denen sich die Nachbarsleute zu versammeln pflegten. Ein weib liches Skelett saß an einem Arbeitstische und hatte einen Knäuel vor sich liegen, ein anderes wurde mit einem Schlüssel bunde in der Hand, ein drittes aus einer Hühnerleiter stehend gefunden, und in den Buden lagen noch allerhand Eßwaaren: Nüsse, Weinbeeren, Oliven, eine große Pastete; aber natürlich Alles verkohlt von der Hitze der Lava. Hermann, Deutschlands Befreier, Um das Jahr 9 nach Christi Geburt waren die Römer vom Rheine her in unser Vaterland Deutschland schon bis an die Weser vorgedrungen, und der römische Statthalter Varus wollte unsere Vorältern zwingen . lateinisch zu sprechen und die römi schen Götter anzubeten. Auch ließ er sie oft, wenn sie sich vergingen, mit Ruthen peitschen. Das alles wollte den Deut schen gar nicht gefallen. Ein junger Fürst der Cherusker, d. h. H ärzer, Hermann mit Namen, der in Rom erzogen murde, sandte im Jahre 9 nach Christo zu Varus und ließ ihm sagen: „Komm nach der Elbe, da gibr's Streit. Mache dort Frieden!" — Sogleich kam Varus mit den drei besten römischen Legionen und zog durch den finstern Tentoburgerwald. Da gibts wieder was zu erobern! dachte er. Es ging ihm aber sehr schlimm. In jenem Walde standen die Cherusker schon oben auf den Bergen und warteten aus die Römer und warfen große Felsblöcke und Bäume und einen Regen von Pfeilen auf sie herab. Die armen Römer mußten sich auf sumpfigem Wege zurückziehen, und die Deutschen jagten, immer schießend und werfend, hinter ihnen her, — 3 Tage lang, da waren die meisten Römer erschlagen, und Varus erstach sich in der Verzweiflung selbst, Nur wenige Römer sahen Rom332 wieder und brachten die schreckliche Botschaft mit. Die ganze Stadt erbebte. Kaiser Augustus rannte öfters mit dem Kopfe gegen die Wand und schrie, wie ein Rasender: „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder! — Er fürchtete, die Sieger würden nun gleich auf Rom losgehen. Die waren aber schon zufrieden, daß sie die Römer aus ihrem Lande gejagt hatten und blieben ruhig zu Hause. Diesem großen Siege dankt Deutschland seine Freiheit und wir, daß wir Deutsche sind, und daß noch deutsch auf der Erde gesprochen wird. Ehret daher das Andenken an Hermann, den tapfern Befreier Deutschlands! Heu. Ist das Gras auf der Wiese vom fröhlichen Mäher mit der Sense abgemäht und mit dem Rechen zusammen gezogen wordm, dann wird es von den brennenden Sonnen strahlen bald dürr und wird nun Heu genannt, das dann mit der Heugabel aufgeladen und heim in die Scheune gefahren wird, wo man es auf dem Heuboden aufbewahrt, um das Vieh den Winter über damit zu füttern. Was nun an Gras auf der Wiese nachwächst, wird später wieder abgemäht und heißt gedörrt: Grummet oder Ohmed. Heuschrecken. Lieber Robert! Wenn Du im September oder Oktober an einem warmen sonnigen Tage am Saum eines Waldes spazieren gehst, so kann es geschehen, daß plötzlich vor Dir ein Vögelein auffliegt, im Fliegen ein Geklapper macht, und sich nicht weit von Dir wieder niederläßt. Gehst Du hinzu, um das artige Klappervögelein Zu fangen, so fliegt es unver sehens wieder auf. Fängst Du es endlich doch und besiehst es, so hast Du eine Heuschrecke mit rothen Flügeln, welche man von ihrem schnarrenden Flug, die Schnarrheuschrecke nennt. Du siehst also, daß die Heuschrecken nicht blos Springfüße, sondern auch schön gefärbte Flügel haben, welche sie im Sitzen künstlich zusammenfalten. Heuschrecken gibt es bei uns und in andern Ländern eine große Zahl. Die große grüne Säbel heuschrecke, welche man auch das Heupferd nennt, wirst Du schon oft gesehen haben. Sie trägt am Hinterleib einen langen grünen Säbel, womit sie indessen nicht haut und nicht sticht, sondern Löcher in die Erde bohrt, und ihre Eier hineinlegt. Diese Heuschrecken können auch Musik machen und singen. Sie singen aber nicht mit dem Maul, sondern mit den Füßen. Viele hundert sitzen oft in einem Haberfeld und musiziren im333 Herbst an schönen Abenden, daß es eine Freude ist. Alle diese Heuschrecken, von denen ich Dir jetzt geschrieben habe, sind harm lose Thiere, die uns keinen Schaden thun. Es gibt aber schon eine, die furchtbarer ist, als ein blutgieriger Tiger. Lebe wohl! — Himmel. Da meint ihr das schöne, blaue Gewölbe, das über unsere Gegend ausgespannt zu sein scheint. Es ist aber nicht so; es kommt uns nur so vor. Der Himmel mit seinen hochgewölbten Hallen, ist der unendliche Raum, der un sere Erde umgibt, jener Raum vorzüglich, der über uns ist. Zn ihm und an ihm, dem Himmel, sammeln sich Wolken, an ihm gehen Millionen von Sternen hin und her, an dem Himmel, der so freundlich, so blau über uns sich wölbt. Oft denken wir uns aber, meine lieben Kinder, unter dem Himmel jenes große Vaterhaus des unsichtbaren Gottes, die Wohnung seliger Geister; die Wohnung zu der wir mit unfern Augen mit stiller Sehnsucht, aber mit Demuth und Vertrauen aufschauen; die Wohnung, nach der unser Herz mit Hoffnung, mit Dankbarkeit und inniger Liebe blicket, die Wohnung, zu der die trauernde Seele zuweilen aufjammert, zu der aber auch das Herz, wenn es von zärtlicher Wonne erfüllt ist, aufjauchzet; die Wohnung, die der Mensch seine wahre Heimath nennt, die ihm auf Erden eine Quelle des süßesten Trostes ist — die Wohnung ist der Himmel. — Hier ein nettes Gedichtchen für Kinder: Wie hoch mag wohl der Himmel sein? Das will ich gleich dir sagen: Wenn du schnell wie ein Vögelein, Die Flügel könntest schlagen, und flögest auf und immer auf in jene blaue Ferne, und kämest endlich gar hinauf zu einem schönen Sterne, und fragtest dort ein Engelein: Wie hoch mag wohl der Himmel sein? dann sei gewiß: das Eng'lein spricht: Mein Kind, das weiß ich selber nicht; doch frag' einmal dort drüben an, ob jener Stern dir's sagen kann! Du brauchst indeß nicht sehr zu eilen, es sind nur hunderttausend Meilen. Und flögst du nun zum Sternlein dort,334 man sagt' dir doch dasselbe Wort, und flögst du weiter fort und fort, von Stern Zu Stern, von Ort zu Ort: — es weiß doch niemand dir zu sagen, du wirst doch stets vergeblich fragen: Wie hoch mag wohl der Himmel sein? Denn, Kind, das weiß nur Gott allein! Nun kommt ein großes, großes RLthfest merket recht auf: Vater. Ich kenne eine große dunkelblaue Wiese. — Eduard. Vater, das ist Spaß; eine solche gibt's ja nicht; die Wiesen sehen grün aus, aber nicht blau. Vater. Meine Wiese sieht aber doch blau aus und ist größer, als alle Wiesen auf der Welt. Rosa. Hab' ich sie auch schon gesehen, Vater? Vater. Du und ihr alle habt sie schon gesehen und be kommt sie alle Tage zu sehen. Auf meiner Wiese gehen Jahr aus Jahr ein, einen Tag wie den andern, eine unzählbare Menge großer und kleiner Schase auf die Weide, obwol nichts dort wächst. Anna. Aber, Vater, was machen sie denn dort, wenn sie nichts zu fressen finden? Die Schafe können doch nicht hungern? Vater. Meine Schafe und Lämmer fressen nicht und hungern auch nicht. Mi na. Dahinter steckt etwas; das sind gewiß keine lebendigen Schafe, denn die müssen doch fressen, sonst ver hungern sie. Vater. Lebendig sind meine Schafe; sie leben schon über tausend Jahre, und immer sind sie noch so, wie ehemals, ob sie gleich weder hungern noch dursten. Anna. Ueber tausend Jahre werden deine Schafe alt, Vater? das kommt mir wunderbar vor. Die Schafe, hat unser Lehrer gesagt, werden höchstens nur vierzehn Jahre alt. Vater. Aber es ist doch so, wie ich gesagt habe, liebes Kind. Und schön sind meine Schafe, so schön und glänzend und golden, daß die Schafe in — in — wie heißt doch das Land, wo die besten Schafe sind? Anna. In Spanien! in Spanien! Sieh, Vater, ich hab's gemerkt! Vater. — daß die Schafe in Spanien gar nicht mit335 ihnen können verglichen werden; denn die ganze Heerde hat goldene Pelze. (Die Kinder sahen sich einander verwundert an, brachen aber plötzlich in ein lautes Gelächter aus und riefen:) Alle. Nein, solche gibt es nicht. Schafe mit goldenen Fellen! — Wie könnten die schwachen Thiere so eine Last tra gen! — Vater, du willst nur sehen, ob wir es glauben. Vater. Es ist mein Ernst, Kinder. Die Felle schimmern wirklich, wie Gold, so hell und leuchtend, und ihr habt euch schon oft darüber gefreut. Eduard. Vater, sind sie den ganzen Tag auf der Weide, hört man sie nicht schreien? Vater. Sie sind zwar den ganzen Tag auf der Weide, aber man sieht sie nicht; auch hat sie noch niemand schreien hören. Alphons. Wenn aber der böse Wolf kommt, da schreien sie doch und laufen davon? Vater. Auf die Weide kann niemals ein Wolf kommen, und dann haben sie auch einen Hirten, der über sie wacht. Anna. Einen Hirten? Kann denn der auf so viele Schafe Acht geben? Wie sieht er denn aus? Vater. Der trägt ein schönes, helles, weißes Kleid, das wie Silber glänzt und niemals schwarz wird. Und ob er wohl weit länger, als tausend Jahre die Heerde bewacht hat, so ist er doch nie eingeschlafen und hat sein Kleid nie ausgezogen. Er bleibt stets hell und munter und sein Kleid immer neu. Eduard. Nein, daraus kann ich nicht klug werden; das muß ein närrischer Mann sein. Rosa. Der muß ja weder stehen noch gehen können, und blind sein, wie der alte Tobias, der doch erst achtzig Jahre alt war. Vater. Er steht nie still, sondern geht immer unter seinen Schafen umher; auch ist er nicht blind, sondern sieht sehr hell. Mina. Vater, er schläft gewiß, und du sagst nur so, damit wir nicht solange schlafen sollen. Er kann auch schlafen, denn seine Hunde werden schon die Heerde bewachen. Vater. Seine Hunde? — Hunde hat er gar nicht und braucht auch keine. Eduard. Aber eine Schalmei hat er doch und bläsit darauf?336 Vater. Eine Schalmei zwar nicht, aber ein schönes silbernes H^xn; blasen kann er aber nicht, und das Horn gibt auch keinen Ton von sich. Anna. Nun, das kommt immer wunderlicher. Ein Hirt mit seinen Schafen, der über tausend Jahre alt ist; der ein Horn hat und nicht blasen kann; der nie schläft und immer munter ist: das begreife ich nicht. Eduard. Vater, in welchem Lande liegt denn die Wiese, wo-diese Wunderschafe gehen? Vater. Die Wiese liegt in gar keinem Lande, sondern geht über alle Länder weg. Alphons. In der Luft also, Vater, in der Luft? Vater. Ja, da liegt sie. Rosa. Aber wie kommen denn die Schafe dahin? Sie können doch nicht fliegen. Vater. O ja, meine Schafe können in der Luft umher spazieren und fliegen, und fallen nicht herunter. Anna. Nun, die möcht ich fliegen sehen! Vater. Du kannst sie alle Tage gehen sehen. Wenn es Abend wird, kommen sie zum Vorschein und weiden die ganze Nacht. Eduard. Ach, nun weiß ich, wer die goldenen Schafe sind; aber der Hirt — Vater. Der ist auch bei den Schafen, und wenn ihr ihn sehen wollt, so seht einmal zum Fenster hinaus; denn dort kommt er eben heraus. Alle Kinder. Der Mond! der Mond! O, nun wissen wir's! Und die Sterne sind die Schafe; und die blaue Wiese der Himmel! Du hast es uns aber zu schwer gemacht, Vater! Aber noch eins! Es war so hübsch; noch eins! Vater. Morgen, Kinder! Hirsch. Ein astförmiges Geweih zeichnet dieses Thier, dessen Bestimmung die Belebung der Einsamkeit unserer Wälder zu sein scheint, besonders aus. Mit dieser schönen freundlichen Ausstattung vereint es einen gar zierlichen, schlanken Wuchs. Im Frühjahre pflegen die Hirsche ihre Geweihe abzuwerfen. Nicht zugleich fallen beide Stangen. Während sich die Hirsche im Frühjahre von den Kätzchen der Aspen, von Sumpfweiden und Haselsträuchern nähren, besuchen sie im Sommer, zum großen Verdrusse des Landmannes, in lachenden Ebenen und fruchtbaren Thälern, die Saaten und sättigen sich am liebsten337 auf dem Roggenfelde. Der Herbst bedient sie mit Blättern und der Winter erlaubt ihnen weiter nichts, als Baumrinden und Moos, welche Nahrungsmittel sie mühsam unterm Schnee her- vorsnchen. Doch sie sind damit zufrieden! Ihre Genügsamkeit kennt man schon. -— Jung eingesangen, läßt sich der Hirsch leicht zähmen, und, was übrigens schon in den ältesten Zeiten geschehen ist, zum Ziehen abrichten. Sogar Könige versagten es nicht, in ihre schönsten Wagen Hirsche einspannen zu lassen. Hsf. Das Haus des Kaisers oder Königs re. und alle die vornehmsten Beamten, die ihn umgeben, werden der kaiser liche oder königliche Hof genannt. Die vornehmsten Hosbeamten sind: die Minister, Geheimräthe und Geheimschreiber, der Hof marschall, der Oberhosmeister, der Mundschenk, der Truchseß, der Schatzmeister, der Oberkämmerer, der Stallmeister, der Oberjägermeister und die Kammerherrn. Auf diese folgen die Hofjungen und die Edelknaben. Außer diesen ist der Fürst von den Trabanten und der Leibwache umgeben, und oie Kammer diener und Lakeien sind bereit, seine Befehle auszuführen. Der Ceremonienmeister hat das Geschäft, die Feste anzuordnen, welche bei Hose gegeben werden. Holz. Das Holz, meine lieben Kinder, gehört zu un fern wesentlichsten Bedürfnissen, und die Bewohner eines Landes dürfen sich glücklich schätzen, wenn ihre nächste Umgegend so viel Holz hervorbringt, als zum Gebrauch für sie erforderlich ist. Wir brauchen Holz, um unsere Speisen zu kochen, zum Waschen, und im Winter zum Einheizen. Eine Menge Holz wird in den vielen Fabriken und zum Heizen der Loko motiven auf Eisenbahnen verbraucht; daher kommt es auch, daß die Holzpreise sich mit der Vermehrung dieser Anstalten bedeutend gesteigert haben, besonders da, wo keine Steinkohlen zu haben sind. Aber auch als Baumaterial ist das Holz äußerst wichtig, was man da am besten zu schätzen weiß, wo es daran fehlt, wie z. B. in Holland, wo man manchmal Tausende von Baumstämmen in den sumpfigen Boden einrammen muß, ehe man ein Haus darauf erbauen kann. Auch zum Schiffs bau wird eine Menge Holz alljährlich in Ungeheuern Flößen vom Schwarzwalde aus nach Holland geliefert. Zum B rücken bau, sowie zu Wasserbauten überhaupt wird vorzüglich Eichen- Kinder-Coirversations-Lexikon. 22338 Holz verwendet, weil es im Wasser viel langer ausdauert, als andere Holzarten. Man benützt ferner viele Holzgattungen als Werk holz, welches verschiedene Handwerker zu Möbeln und mancherlei Gerätschaften verarbeiten. Der Tischler verwendet dazu nicht nur das Holz unserer Waldbäume, sondern auch dasjenige von Obstbäumen und mehrere ausländische Hölzer, wie dieses auch von dem Drechsler geschieht. Der Wagner verarbeitet fast alle Holzgattungen, die unsere Wälder liefern, vorzüglich aber Buchen-, Eichen- und Eschenholz, woraus er Wagen, Eggen, Pflüge und Kutschen verfertigt. Das feinste Holz, nämlich: Palisander-, Mahagony-, Buchsbaum-, Kokos- und Ebenholz, verarbeiten die Instrumentenmacher zu Clavieren, Flöten, Clari- uetten und Fagotts. Diese letztern Holzgattungen kommev größtentheils aus fremden Welttheilen zu uns, und bilden, sowie das Campesche-, Fernambuk- und Sandelholz, welch' letz tere Gattungen zum Färben benützt werden, einträgliche Han delsartikel, durch welche sich schon mancher Kaufmann berei chert hat. Holzhauer. Ein fleißiger Mann. Schlag aus Schlag die schwere Axt auf und nieder. Er merkt auf nichts, was um ihn her vorgeht, nur seine Arbeit ist in seinen Gedanken, seinen Augen, seinen Händen; denn nach der Arbeit sein Lohn und vom Lohn des Tagwerks muß er mit den Seinigen leben. So arbeite nur zu, armer, aber fleißiger Mannl ich sehe mit Lust die kräftigen Hiebe deiner Hände, und will heute und immer, wie du, mit Ernst und Fleiß meine Arbeit vollbringen^ ich will deiner gedenken und deinem Beispiele folgen. Höflichkeit ist von allen Zierden der Jugend die wohl feilste. Und doch ist sie zugleich diejenige Zierde, durch welche man sich am meisten beliebt machen kann. Einen hochmüthigen Menschen, und wenn er in Gold und Seide gekleidet wäre, verachtet man oder sucht ihn wenigstens zu meiden; der Höfliche dagegen ist überall wohl gelitten, und man hat oft dieser ein zigen Tugend zulieb Nachsicht mit ihm in manchen andern Dingen. So war einmal ein Mensch, Friedrich mit Namen, der in seiner Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte, eine Schule zu besuchen oder ein Handwerk zu erlernen; er war in seinem vierzehnten Jahre zu einem Kaufmann gekommen, als Lauf bursche, wo er Briefe und Packete austragen und sonstige Ge-339 schäfte im Hause besorgen mußte. Bei all' seiner Unwissenheit war er aber sehr höflich und bescheiden, so daß er hiedurch die Aufmerksamkeit eines Herrn auf sich zog, der ihn als Be dienter annahm. Da hatte er es schon viel besser als in seiner srühern Stellung; er suchte sich aber dieser Auszeichnung auch würdig zu machen durch artiges, zuvorkommendes Betragen. Als nach mehreren Jahren sein Herr in ein fremdes Land zog, wo er Friedrich nicht mitnehmen konnte, weil dieser die fremde Sprache nicht kannte, und auch nicht erlernen konnte, da sorgte sein Herr aus eigenem Antriebe für seinen Diener; derselbe kam nun zu einem großen Herrn als Kammerdiener, und dieß bloß auf das Zeugniß hin, daß er ein überaus artiger und höflicher Mensch sei. Seht, so kann eine einzige Tugend den Menschen zieren und sein Glück vorbereiten. — Noch eindringlicher mahnt uns hieran die Geschichte eines armen Knaben, der durch seine Höflichkeit zu den größten Ehren gelangt ist. Sein Name war Felix, und er war der Sohn armer Bauersleute aus einem Dorfe der Markgrafschaft Ankona. Weil diese aber gar so arm waren, so mußte der Knabe Felix sein Bros verdienen helfen durch Hirtendienst. Indessen fehlte es dem armen Felix keineswegs an Talenten; im Gegentheil, er zeichnete sich aus vor allen seinen Kameraden durch guten Ver stand, eben so sehr aber auch durch ein gefälliges, höfliches Betragen gegen Jeoermann. — Als Felix eines Tages seine Schweine hütete, kam ein Mönch des Weges und fragte einige umherstehende Knaben nach dem Weg durch den Wald; allein keiner wollte ihm den Weg zeigen, weil solcher des schlechten Wetters wegen nicht gut zu gehen war: „Ich geh'nicht mit", sagte der eine; „ich auch nicht", der andere; „da müßt ich ein Thor sein, durch den nassen Wald zu patschen", meinte ein dritter. Als Felix hörte, was der Mönch wollte, sprang er sogleich herbei, grüßte freundlich, und bot sich zum Führer an. Der Mönch fragte unterwegs den Knaben allerlei, und da er aus den klugen Antworten des selben dessen guten Verstand wabrgenommen, nahm er ihn mit in sein Kloster. Dem Obern desselben gefiel der verständige uno artige Knabe auch recht gut und er suchte ihn für den Orden zu gewinnen. Dem Knaben und seinen Eltern war der gütige Antrag des Obern sehr erfreulich, und nach wenigen Tagen wurde Felix in das Kloster ausgenommen. Hier studirte er fleißig und wurde einer der gelehrtesten Mönche; jedoch blieb er stets demüthig, höflich und dienstfertig. Dieß machte, daß 22 *340 Alle, die ihn kannten, ihn lieb gewannen; er wurde von einer Ehrenstelle zur andern befördert, bis er sogar Bischof und zu letzt gar Cardinal wurde. Aber selbst in dieser hohen Stellung blieb er frei von Stolz und Hochmuth und war ebenso höflich und demüthig, wie früher. — Als nun der Papst starb, da wurde Felix einhellig zum Papste erwählt am 24. April 1585. Und er hat unter dem Namen Sixtus V. mit großem Ruhm regiert, ein oberster Hirt der Kirche Christi — er, der frühere arme Hirtenknabe. Seht, so hat das höfliche Betragen des Knaben Felix den ersten Anlaß zu dessen hohem Glücke gegeben, und jetzt noch, nach Jahrhunderten, ist die schöne Zierde des selben nicht verwischt, sondern strahlt fort in hellem Glanze zu seiner eigenen Ehre und Andern zum aufmunternden Bei spiele. Es wird zwar nicht jeder höfliche Knabe Papst wer den, aber sicher wird jeder sich bei andern beliebt machen, in- deß man den groben, unhöflichen Burschen eben mit Verachtung seine Wege gehen läßt, die ihn gewöhnlich zu Allszeichnungen ganz anderer Art führen. Hölty, Ludwig. Dieser als Jüngling verstorbene, höchst talentvolle Dichter war auf einem Dorse bei Hannover kurz vor dem siebenjährigen Kriege geboren. Sein Vater un terrichtete den Sohn selbst und hatte die Freude, daß er durch gute Anlagen und Fleiß gute Fortschritte machte. Allein der Eifer des Knaben war zu groß, so daß man für seine Gesund heit fürchtete. Deshalb gab ihm seine Mutter kein Licht zum Schlafengehen, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Ludwig bis tief in die Nacht im Bette las, also nicht bloß seinen Augen schadete, sondern auch die Gefahr herbeiführte, daß ein mal das Bett angezündet werde. Die Wißbegierde des Kna ben war aber so starkJ daß er in diesem einen Falle seinen Eltern ungehorsam wurde. Er höhlte sich nämlich eine Rübe zur Lampe aus, drehte sich aus baumwollenen Lappen einen Docht und verschaffte sich heimlich Oel, um doch wieder seinem Lieblingsvergnügen nachhängen zu können. Als es jedoch ent deckt, und er bestraft wurde, unterließ er zwar dies eine Mittel, recht viel zu lernen, dafür liahm er sich aber vor, mit Tages anbruch aufzustehen, und um dies auch richtig auszuführen und niemals zu verschlafen, band er einen Faden mit dem einen Ende um einen Stein, welchen er beim Schlafengehen auf einen nahestehenden Stuhl legte. Das andere Ende des Fadens band er dann um seinen Arm. So lange er fest schlief, hinderte341 ihn das Band wenig, wurde er aber gegen Morgen unruhig, so zerrte ihn der Faden, zumal wenn der Stein von dem Stuhl herunterrollte, so heftig, daß er aufwachte. Und nun sprang er mit einem Satze aus dem Bette und an seine ge liebten Bücher. Schade, daß sein schwacher Körper solche An strengungen nicht ausdauerte. Er starb, ehe er 28 Jahre alt war, betrauert von Allen, welche ihn kannten, oder seine Ge dichte gelesen hatten. Hier ein paar zur Probe: Aufmunterung zur Freude. Wer wollte sich mit Grillen plagen, So lang uns Lenz und Jugend blüh'n? Wer wollt' in seinen Blüthentagen Die Stirn in düst're Falten zieh'n? Die Freude winkt aus allen Wegen, Die durch dies Pilgerleben geh'n, Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen Wenn wir am Scheidewege steh'n. Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle, Noch ist die Laube kühl und grün, Noch scheint der liebe Mond so Helle, Wie er durch Adam's Bäume schien. Noch tönt der Busch von Nachtigallen Dem Jüngling hohe Wonne zu, Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen, Selbst in zerriss'ne Seelen Ruh'. O! wunderschön ist Gottes Erde Und werth, auf ihr vergnügt zu sein; D'rum will ich, bis ich Asche werde, Mich dieser schönen Erde sreu'n. Der Vater und sein Sohn. Ueb' immer Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann wirst du wie auf grünen Au'n durch's Pilgerleben geh'n; dann kannst du ohne Furcht und Grau'n, dem Tod ins Auge seh'n. Dann wird die Sichel und der Pstug dir in der Hand so leicht; dann singest du beim Wasserkrug, als war'dir Wem342 gereicht. Dem Bösewicht wird Alles schwer, er thue, was er thu'; das Laster treibt ihn hin und her, und läßt ihm keine Ruh'. Der schöne Frühling lacht ihm nicht, ihm lacht kein Aehrenfeld; er ist aus Lug und Trug erpicht, und wünscht sich Nichts, als Geld. Der Wind im Hain, das Laub am Baum saust ihm Entsetzen zu, er findet nach des Lebens Traum im Grabe keine Ruh'! — D'rum übe Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab. Dann segnen Enkel deine Gruft und weinen Thränen d'rauf ; und Sonnenblumen voller Duft blüh'n aus den Blumen auf. Hohenschwangau. In einer der herrlichsten Gegend unsers lieben Vaterlandes Bayern, an der südlichen Gränze gegen Tirol, auf einem Marmorberge liegt das Schloß Hohen schwangau. Seine Zinnen spiegeln sich in zwei Seen, dem Schwansee und Alpsee. Jetzt beleben zahme Schwäne jene Gewässer, dw einst von wildem Gefieder bedeckt waren, wes halb auch der Berg, aus dem die Burg erbaut ist, den Namen Schwanstein erhielt, welcher später mit der heutigen Bezeichnung des Schlosses vertauscht ward. Die Aussicht aus dem Schlosse und seine Umgebung könnte kaum reizender gedacht werden. Auf der einen Seite die Alpen, aus denen der Lech hervorbricht, mit ihren himmelhohen Bergen, von welchen das ewige Eis der Gletscher herniederschimmert, auf der andern ein fruchtbares, malerisches Hügelland, das sich in sanften Abdachungen gegen die Ebene hinabsenkt, von Bächen durchrieselt, von Seen besetzt, von buschigen Hainen und grünen Auen durchzogen, woraus zahlreiche Dörfer und Meierhöfe freundlich hervorschauen. Dazu ist die Gegend bewohnt von einem liebenswürdigen Volke, ein fach in seiner Sitte, treuherzig in seiner Art! Mit Recht ist Hohenschwangau und der dahinter emporragende Sauling, mit seinen Vorbergen und dem rauschenden Wasserfalle in tiefer Schlucht, das Ziel, nach welchem alljährlich viele Hunderte von Naturfreunden hauptsächlich von München her, wie Pilger nach einem Heiligthum, wallfahren. Das schöne Schloß Hohenschwangau gehörte seit 1832 nnserm unvergeßlichen, geliebten, am 10. März 1863 verstor benen Könige Maximilian II., der es nun seinem Sohne, unserm jetzigen Könige L u d w i g II., zurückgelchsen hat. Der junge König weilt gern aus Hohenschwangau, weil die Köni gin-Mutter und sein Bruder, der Prinz Otto, auch so gerne in Hohenschwangau wohnen.343 In dem Kriege Tirol's gegen Bayern und Napoleon's Macht im Jahre 1809 erlitt die alte Burg Hohenschwangau, die damals noch reich an mittelalterlichem Schmuck und an Waffen der Vorzeit war, die härtesten Plünderungen und eine Zerstörung, durch die es gänzlich in Trümmer verfiel. Den Aufwand einer kostspieligen Wiederherstellung zu ersparen, ward das Schloß im Jahre 1820 als Baumaterial zum Abbruche verkauft. Ein Landmann erwarb es um den Preis von weni gen hundert Gulden; allein bevor es vollends der Erde gleich gemacht ward, ging sein Besitz glücklicher Weise an einen Mann über, der sowohl die geschichtlichen Erinnerungen des Bodens, -auf dem die Ruine stand, als auch die unübertreffliche Lage derselben zu schätzen wußte. Er rettete das Gebäude vor dem Untergänge, ließ es wieder in wohnlichen Zustand setzen, und so fand es der gute König Max, als er noch Kronprinz war, auf einer Reise, die -er mit feinem Bruder Otto , dem Könige von Griechenland, im Jahre 1826 durch das Gebirg unternahm. Er kaufte das Schloß an sich und beauftragte einen Baumeister mit der glänzenden Wiederherstellung des verwüsteten Baues. Was sich noch wohlerhalten fand, ward sorgfältig geschützt, das Zerstörte über -mit reichen Mitteln und im Geiste des Mit telalters durch einen zahlreichen Künstlerkrets wieder aufgeführt. Die Gestalt, welche der fürstliche Besitzer dem hochberühm ten Schlosse gegeben, ist eine äußerst imposante. Ein Fahrweg führt aus der engen Thalebene zu einem hochgewölbten Burg- thore hinauf, welches mit dem Wappen Bayerns und der Schwangauer geschmückt ist. Der Schloßhof enthält drei Brun nen, ein vierter, der Stirnseite des Gebäudes gegenüber, auf Liner Terrasse, wirft sein Wasser hoch über ein Becken empor, welches von vier Löwen getragen wird. Blumen und Strauch werk umstehen den Springquell. Das Innere des Schlosses rntspricht dem stattlichen Aeußern. Zimmer und Säle sind mit Wandgemälden verziert, die Fenster enthalten Bilder in farbigem Glas; Inschriften in altdeutschem Geschmack sind über den Eingangspforten angebracht, und in der ersten Halle, zu welcher der Eintretende gelangt, sind Wände und Säulen mit Rüstzeugstücken aus der Zeit des Ritterthums bedeckt. Eine schöne majestätische Burg dies Hohenschwangau. Im Bilde werdet ihr sie schon bewundert haben! Hollrurderstrauch. (Fliederstrauch.) Es gibt nicht viele Gewächse auf der Erde, die dem Menschen so nütz-lich wären, als der Hollunder, dessen grünes Blätterdach mit den blaßgelben, reichblüthigen Dolden uns so oft in der Nähe der Dörfer, hinter Mauern und Zäunen, entgegenschimmert. Die in der Jugend grüne, im Alter graue und rissige Rinde, sowie die Blätter gebraucht man zum Färben, das gelbe alte Holz benutzt der Drechsler zu allerlei niedlichen Arbeiten, und und ihr alle wißt, wie nette Knallbüchsen sich aus den ausge höhlten Aesten anfertigen lassen. Wird man vom Kopfweh geplagt, so thut ein Umschlag von frischen Blättern des Hol lunders nicht selten die besten Dienste, und bei Erkältungen ist kaum etwas besser geeignet, wohlthätigen Schweiß zu erzeugen, als der Genuß des Hollunderthee's oder des Hollundermußes, welches letztere man aus den reisen, schwarzen Beeren bereitet. Der Apotheker gebraucht außerdem die Wurzel und die innere Rinde der jungen Zweige, und in manchen Gegenden tauchen die Leute die ganze Blüthendolde in einen Mehlteig und ver speisen sie als „Holderiüchle." Summa: es ist nichts am Hollnnderstrauch, was nicht der Mensch benützen könnte, und darum darf es uns nicht wundern, daß den alten Wenden der Holluuderstrauch heilig war. Auch können wir wohl den Wor ten jenes naturkuudigen Mannes Beifall schenken, der da sagte: „Vor jedem Hollunderstrauche sollte man die Mütze abnehmen!" Honigsaft und Blirthenstcrub. Liebe Amalie! Wie süß und gewürzhaft schmeckt der Honig! Ohne Zweifel weißt Du, woher ihn die Bienen holen, nemlich aus den Blumen ; denn die Blumen prangen nicht bloß in schönen Farben, verbreiten nicht bloß einen lieblichen Geruch, sondern sie ent halten auch einen süßen Saft, welchen die Naturforscher Nektar nennen. Es gibt eine Blume, welche man Taubnessel ooer Bieuensarg nennt. Sie sieht fast wie eine Brennnessel aus, brennt einen aber, wenn man sie anfaßt, nicht in die Finger, und Du kannst sie ohne Furcht abreißen. Sie hat rothe oder weiße, rachensörmige Blüthen. Wenn Du diese ausreißest und daran saugst, so wirst Du den süßen Honigsaft in den Mund bekommen. Bienen und Hummeln, die „kleinen Leckerlein", wissen die Taubnessel sehr wohl zu finden, kriechen der Blüthe tief in den aufgesperrten Rachen, und lassen sich den Honigsaft wohl schmecken. Willst Du den Saft sehen, so gehe im Früh ling zu einer blühenden Kaiserkrone und schaue von unten in die Blüthe hinein, so werden darin vier bis fünf helle Tropfen hängen, und das ist der Nektar, welcher auf eine ebenso wun-345 derbare Weise in den Blumen entsteht, als der Geruch. Der Honigsast findet sich gewöhnlich in kleinen Krüglein, welche man Honiggefäße nennt. Die Bienen suchen dieselbigen an jeder Blume sorgfältig auf, „denn jedes Blumenbecherlein trinkt aus das durst'ge Zecherlein." Außer dem Honigsaft findest Du aber in den Blumen noch den Blüthenstaub. Rieche an einer weißen Lilie, so wirst Du von demselben eine gelbe Nase bekommen. An der Haselnuß staude wachsen im März gelbe Würstchen oder Kätzchen. Nimm einen Zweig mit nach Hause, und lege ihn auf Deinen Tisch! Wenn Du ihn nach einigen Wochen schüttelst, so wird der gelbe Blüthenstaub in Menge herausfliegen. Bisweilen ge schieht es, daß im Frühling zur Zeit der Blüthe ein Gewitter mit Sturm und Regen kommt. Ist das Gewitter vorbei, und Du gehst spazieren, so wirst Du auf dem Regenwasser einen gelben Staub schwimmen sehen. Das ist nichts anderes, als der Blüthenstaub, den Wind und Regen von den blühenden Bäumen mitgenommen haben. Sonst meinten die Leute, es habe Schwefel geregnet. Lebe wohl! Hummel. Lieber Eduard! Außer den Bienen, welche ihre künstliche Stadt von Wachs in die Bienenkörbe bauen, gibt es auch wilde Bienen, welche sich ihre Wohnungen in hohlen Bäumen zurichten, oder an Baumäste hängen, wie z. B. die Dudelsackbiene in Surinam, welche ihr dudelsackför miges Nest an die Gipfel hoher Bäume befestiget. Auch diese Waldbienen füllen ihre Zellen mit süßem Honig an. Zu den Zelleubienen gehört auch noch ein Thier, das Dir schon oft in Gärten, Feldern und Wiesen begegnet ist, und nicht summt, sondern brummt. Das ist die Hummel. Auch die haarigen Brummer leben in Gesellschaft und bauen sich Nester, aber nicht wie die Waldbienen in hohle Bäume, sondern in Stein- und Erdlöcher, oder auch in das Gras und Moos der Wiesen, Aenger und Felder. Diejenigen, welche ihre Nester auf Wiesen u. s. w. bauen, nennt man Mooshummeln, weil sie ihre Zellen mit einer Decke von Moos versehen, damit ihnen der Regen nicht schadet. Ich will mich aber mit der Beschreibung eines solchen Hummelnestes nicht aufhalten, da Du, wenn Du auf merkst, leicht eiues finden und es dann genugsam betrachten kannst. Lebe wohl!346 Hund. Wer sollte es glauben, daß der Hund seinem Geschlechts nach zu den Raubthieren gehört und ein sehr naher Verwandter des Wolfes und des Fuchses ist? Dieß hindert aber nicht, daß der Hund dennoch ein nützliches, gutes, treues, lernbegieriges Thier ist. Er lernt Wache stehen, Schub- und andere Karren ziehn, in's Wasser gehen und alles dieses recht gut. Jede einzelne Hundart, wie z. B. der Spitz oder Pom mer, die englische Dogge, das Bologneser-Hündchen, der Pudel, der Dachs-, Jagd-, Hühner-, Haus- und Metzger-Hund, leistet etwas anderes, entweder durch Geschwindigkeit, Stärke, Muth rc. Noch etwas weiß ich vom Hund, das er sogar vor manchem Kinde voraus hat, nämlich eine seiner vorzüglichsten Eigen schaften ist Dankbarkeit. Ja dankbar, sehr dankbar ist der Hund. Unvergeßlich sind ihm empfangene Wohlthaten und immer bleibt er dem, der sie ihm zustießen läßt, freundlich zu- gethan. Hierin beschämt er wohl manches Kind. „Wie dankbar ist mein kleiner Hund Für Brod und etwas Brüh'; Er wedelt freundlich und läuft rund, Und springt mir an die Knie." „Mir gibt man Brod und Fleisch und Wein Manch' leckeres Gericht; Wie? — Könnt' ein Thier so dankbar sein, Und ich, - ich wär' es nicht?" — Der Dichter „Pocci" sagt von einem Hündchen: Mein Hündchen ist ein gutes Thier, Sobald ich rufe folgt es mir, Doch kommt es nicht, wenn ich's ihm sage, Verdient es nicht, daß ich es schlage? — Bestrafet mich mein Vater nun, Will ich nicht feinen Willen thun: Darf ich mir's wohl als Beispiel nehmen. Mich soll ja nicht mein Hund beschämen. Und „Her," diskurirt mit einem Spitz so: Höre Spitz, nun mußt du auch Deinen Kindern nach altem Brauch Jeglichem seinen Namen geben.347 Spitz. O nein! das thut noch so Noth nicht eben. Sie hören doch alle gar geschwind, Wenn ich nur rufe: komm, liebes Kind! Und wie er da nur nach ihnen sah, Schnell waren auch die Hündchen da. Doch als sie größer wurden, da kamen Die Leute und gaben ihnen die Namen, Und die Hündchen merkten's und hörten's gern Und folgten ein jedes seinem Herrn. Von sich selbst sagt der Hund: Hau! Hau! Auf weiter Au Da weiß ich zu sagen, Kann Alles tragen. Ich trage den Stock, Ich trage den Rock, Ich hole den Stein, Spring' in's Wasser hinein. D'rinn schwimm' ich herum. Ich bin nicht dumm. Ich lasse mich lehren, Ich kann mich wehren, Wer meinem Herrn was thut, Dem geht es nicht gut. Auch kann man einige Geschichten von der Treue und Anhänglichkeit des Hundes gegen den Menschen erzählen: 1. Ein Gelehrter hatte die Gewohnheit, wenn er sich in's Bett gelegt hatte, noch zu lesen. Bisweilen schlief er vor Müdigkeit ein, ohne vorher das Licht auszulöschen. Wenn er indessen wieder erwachte, so war das Licht ausgelöscht, und doch war Niemand im Zimmer als sein Hund. Eines Abends legte er sich wieder in's Bett, las einige Zeit, und that dann, als ob er fest eingeschlafen sei. Nicht lange, so sprang der Hund auf den Stuhl, und vom Stuhl auf den Tisch, hob die eine Vorderpfote auf, und drückte mit derselben das Licht nieder, daß er auslöschte; darnach sprang er wieder auf den Boden und legte sich an seinen Platz.348 2. Zu Rom lebte vor langer Zeit ein blinder Bettler, welchen ein Hund in den Straßen herumführte. Hatte der arme Mann an einem Hause ein Almosen erhalten, so führte ihn der Hund weiter. Wenn die Leute Geld aus dem Fenster auf die Straße warfen, so suchte es der Hund, hob es mit dem Maule auf, und ließ es in den Hut seines blinden Herrn fallen. Selbst wenn die Leute ein Stücklein Brod aus dem Fenster warfen, fraß er nichts davon, sondern brachte es seinem Herrn. 3. In einem Dorfe in Frankreich übernachtete ein aus» Spanien zurückkehrender Soldat, thut groß mit seinem Gelde und wird auf der Weiterreise von drei Räubern angefallen und ermordet. Sein Hund tödtet einen auf der Stelle; die zwei andern retteten sich auf einen Baum. Der Hund belagert ihn. Streifsoldaten kamen dazu; die Räuber geben den Hund für toll aus; dieser aber ist es doch nicht gegen das Militär. Die Soldaten gebieten also den zwei Räubern herabzusteigen. Der Hund verdoppelte seine Wuth gegen sie. Sie werden verhaftet. Etwa 20 Schritte davon findet man zwei Leichname. Der Hund liebkoset den einen und bellt erbittert gegen den andern. — Es war sein ermordeter Herr und der Mörder desselben. Der Hund ist der einzige Ankläger; die Räuber gestehen und werden hingerichtet. 4. Hier nur ein Beispiel, aus dem ihr die Schärfe und Feinheit des Geruches besonders sehen könnt. Zwei Freunde ritten einmal mit einander spazieren. Da wettete der eine mit dem andern, daß sein Hund einen gezeichneten Zwölfer wieder finden werde, den er unbemerkt auf die Straße werfen wolle. Gesagt, gethan. Nach einiger Zeit rief er dem Hunde zu: Such verloren! Sogleich lief der Hund zurück, vie beiden Freunde aber ritten bald darauf nach Hause. Wie erstaunte der eine, als sein Hund über Nacht ausblieb, und erst am an dern Tag mit einem Paar Hosen ankam, in denen eine Uhr, etwas Geld, und darunter auch der Zwölfer war. Er ließ nun in den Zeitungen bekannt machen, sein Hund habe diese Beinkleider nach Hause gebracht, der Eigenthümer möchte sich melden. Da meldete sich ein Bauer und erzählte Folgendes: Er habe den Zwölfer aufgehoben und eingesteckt. Nicht lange darauf sei ihm der Hund zugelaufen, habe ihn in das Wirths- haus begleitet und sich in der Schlafkammer ruhig neben sein Bett gelegt. Am andern Morgen hätte der Hund seine Hosen ergriffen, und sei damit zur Thüre hinaus auf uud davon ge-349 laufen. So hatte also der Hund herausgebracht, daß der Bauer den Zwölfer in der Hosentasche habe. — Dazu gehört eine seine Nase! — Mit ähnlichen Geschichten, welche von dem hohen Muthe und scharfen Gerüche, von der treuen Anhäng lichkeit, Gelehrigkeit und Schlauheit des Hundes zeugen, könnte man ein dickes Buch füllen. Doch Obiges möge uns genügen. — Wie gut und nützlich auch der Hund ist, so darf man doch nicht jedem Hund trauen; denn manche ftixb bissige Thiere und bisweilen werden sie gar toll. Der tolle Hund frißt und sauft nicht, bellt auch nicht, beißt aber alles, was ihm in den Weg kommt. Er läuft immer seinen Weg fort, und dabei hängt ihm die blaue Zunge lang aus dem schäumenden Rachen; auch zieht er den langen Schwanz zwischen die Hinterfüße; sein Gang wird zuletzt taumelnd und endlich stirbt das Thier unter Krämpfen. Wer von einem tollen Hunde gebissen ist, der wird auch toll und muß sterben, wenn nicht bei Zeiten die Wunde ausgebrannt und ausgeschnitten wird. Darum siehe dich wohl vor und gehe fremden Hunden hübsch aus dem Wege, und im Spiele mit dem eigenen sei allezeit vorsichtig! — Hunde von Kamtschatka. Lieber Hugo! Du hast wohl schon hie und da bei uns gesehen, daß ein Hund ange schirrt und an ein Wägelein gespannt wird! In dem russi schen Asien aber ist eine Landschaft, die Halbinsel Kamtschatka, wo die Hunde die einzigen Zugthiere sind. Die kamtschavali- schen Hunde haben eine spitze Schnauze, spitze Ohren, ähnlich an Gestalt dem Wolfe, und sind mannigfaltig gefärbt. Alle leben Jahr aus Jahr ein im Freien. Im Sommer scharre:: sie sich Gruben, um kühl zu liegen, und im Winrer verbergen sie sich im Schnee, um Schutz gegen die Kälte zu haben. Die meisten heulen blos, das Bellen vernimmt man selten. Sobald die jungen Hunde von der Milch entwöhnt sind, werden sie an einen Pfahl gebunoen und an das Stillliegen gewöhnt. So lange sie noch jung sind, werden sie mit einer gut gekochten Fleischsuppe gefüttert, wovon sie so viel fressen, daß ihnen der Bauch platzen möchte Im 2. oder 3. Jahre werden sie ent- schwänzt, und nun erst werden sie angespannt. Jeder bekommt seinen Namen, was um so nöthiger ist, weil man sie nicht am Maule, sondern mit den Worten lenkt. Die eigentliche Nah rung der Hunde besteht größtentheils in frischen, gesrornen, getrockneten, gekochten und verfaulten Fischen. Im Sommer suchen sich die Hunde selbst ihre Nahrung an den Ufern derFlüsse, See'n und Meere; sie stellen sich bis an den Bauch ins Wasser und schnappen nach den Fischen, die sich sehen lassen. Im Herbste treibt der Hunger die Hunde zur Rück kehr in die Dörser. Die Besitzer fangen sie auf und binden sie an, um sie bei bevorstehenden Schlittenfahrten sogleich zu haben. Sie sind im Herbste sehr fett und erhalten jetzt täglich nur ein kleines Stück Fleisch, zuweilen mich einige Tage gar nichts, um sie abzumagern, denn fette Hunde taugen zum Ziehen nicht. Tag und Nacht geben die eingefangenen Hunde durch Heulen ihre Klage über Hungersnoth und die verlorene Freiheit zu erkennen. Da nun jeder Kamtschadale wenigstens 6 Hunde hat, so heulen in einem Orte, wo 20 Männer woh nen, wenigstens 120 Hunde zusammen, was freilich für einen Europäer gräßlich klingt. Der Fischvorrath, .mit welchem man die Hunde im Winter füttert, befindet sich in Gruben, in welche man im Sommer die Fische so schüttet, wie man sie gefangen hat, und die man mit Brettern und Erde zudeckt. Natürlich gehen die so vergrabenen Fische in Fäulniß über, und wird im Winter eine solche Grube geöffnet, so verbreiten sich die schreck lichsten Gerüche rings umher. Der Kamtschadale scheint das nicht zu riechen, und für die Hunde sind die faulen Fische wahre Leckereien; auch gibt man ihnen gefrorne oder getrocknete Fische. Den Durst löschen sich die Hunde im Winter mit Schnee oder Eisstücken. Auf Reisen bekommt der Hund Mor gens höchstens einen halben Fisch, Abends die volle Fütterung. Mit hungerndem Magen laufen sie 15 bis 20 Meilen in einem Tage. Die unfern Hunden eigene Wachsamkeit geht den kamt- schadalischen fast ganz ab. In Kamtschatka sind vollständige Hundeposten für den Winter eingerichtet. 6 Hunde ziehen eine Last von 640 Pfund. Fährt man in drei Tagen 45 Meilen mit denselben Hunden, so muß man am vierten Tage ruhen. Werden die Hunde unterwegs faul, so erhalten sie eine Züch tigung mit Ruthen. Im Frühjahr laufen sich die Hunde auf den vorher aufgethauten und dann wieder hartgefrornen Schnee krusten die Füße wund; um diesem vorzubeugen, zieht man ihnen lederne Strümpfe an, die man über dem Knieegelenk be festigt; viele leiden aber die Strümpfe nicht. Lebe wohl! Hühnerfalke. Lieber Otto! Der Hühnerfalke oder H ab ich t ist ein Raubvogel und ein Vetter vom Mäusefalk, und zwar ein gefährlicher. Oberhalb ist er blaugrau bis schwarzgrau, der Bauch ist bläulichweiß mit braunen, wellen-351 förmigen Strichen der Breite nach; auch der Schwanz hat einige solche Querstriche. Er ist nicht so groß als der Mäuse falle, kaum so groß als ein mittelmäßiges Huhn, laber er ist ein Räuber und Mörder, der Seinesgleichen sucht. Er fliegt nicht gerne im Kreise, denn seine Flügel sind nicht sehr lang, wohl aber sehr stark, und wenn er sich sehen läßt, versteckt sich alles; dann machen die Krähen, Dohlen, Elstern u. s. w. einen gewaltigen Lärmen. Die Krähen wagen es nicht leicht, ihn zu verfolgen; denn er macht gerne dem Spiel dadurch ein Ende, daß er plötzlich eine mit den Krallen packt und sie fortträgt, die andern mögen schreien, wie sie wollen. Er lauert gewöhn lich auf einem hohen Baum, und zwar so versteckt als möglich. Von da aus überschaut er sein Revier, und wehe der Taube, dem Rebhuhn, der Wachtel, dem jungen Hasen, der Wildente, dem Eichhorn, das ihm vor Augen kommt; er stoßt mit Blitzes schnelligkeit auf dasselbe, und selten bleibt einem Thicre Zeit, sich in das Gebüsch zu retten, wohin ihm der Räuber nicht Nachfolgen kann, und selten entrinnt ihm eine Taube durch die Schnelligkeit ihres Fluges. Er beschränkt seine Jagd aber nicht auf Wald und Feld, er besucht auch Höfe, Dörfer und Städte, wenn er Junge hat, oder wenn ihn der Hunger sehr plagt. Weiß er einmal einen Taubenschlag, so holt er eine Taube nach der andern, und der Eigenthümer muß entweder dem Habicht auflauern und ihn schießen oder seinen Schlag so lange verschlossen halten, bis der Räuber den Platz vergessen und einen andern ausgesucht hat. Er ist so frech, daß er selbst in den Schlag eindringt und eine Taube herausholt, ja er stößt sogar auf die Turteltaube durch das Fenster in die Stube, ohne daß ihn das Klirren der Scheiben außer Fassung bringt. Kein Huhn ist vor ihm sicher, er packt es am Halse und er würgt es augenblicklich, ebenso die zahme und wilde Ente; selbst die Schneegans greift er an und überwältig sie, wenn ihr die andern nicht zu Hilfe kommen. Wegen seiner Raub sucht wird er von den Jägern und Taubenzüchtern eifrig ver folgt; der Tod droht ihm durch den Schützen, und noch häu figer wird er in einer Käfigsalle gefangen, in welche er durch eine weiße Taube gelockt wird. Das geschieht ihm gerade recht! höre ich Dich ausrufen, und ich stimme Dir bei. Lebe wohl! HHärre. Wenn man den Wärtern der Menagerien glauben dürfte, so wäre die Hyäne das fürchterlichste aller Raubthiere. Sie frißt nicht nur, heißt es gewöhnlich, lebende352 Thi'ere und Menschen, sondern gräbt auch Leichname aus, um ihren Heißhunger zu stillen. Namentlich sind Kinder vor ihr gar nicht sicher. Man hat Beispiele, daß Hyänen am Abend in Dörfern einfielen, aber auch in Städte, und hinwegraubten, was sie in der Eile bekommen konnten, z. B. Kinder, Schafe, Hunde, Esel re. Du garstige Hyäne! — Ein Soldat, es war ein Trompeter, trank einmal so viel, daß er in einer Gegend, wo Hyänen lebten, auf dem Boden liegen blieb. Als ihn, in diesem traurigen Zustande, eine Hyäne fand, hielt sie ihn für todt und trug ihn fort nach einem Berge. Da der Trompeter aber nicht gewohnt war, sich von einer Hyäne tragen zu lassen, so erwachte er bald aus seinem Schlafe, griff nach feiner Trompete und fing an, ge waltig zu blasen. Darüber erschrack die Hyäne so sehr, daß sie den Trompeter fallen ließ, und das war fein Glück!!! — Wir wollen fliehen vor den reissenden Thieren! Jchrreuwon, der Crokodileierfresser (wo gibt es die Crokodile?), ist so groß wie ein Marder, und auch fast eben so gebildet; hat weiß und schwarz und gefleckte Haare und wohnt in den würmern Ländern an den Ufern der Meere, Seen und Flüsse, frißt Schlangen, Eidechsen, Ratten, Mäuse, Vögel und Crokodileier. In Egypten macht man die Ichneu mons (sie werden auch Pharaosmäuse genannt) zahm und ge braucht sie in den Häusern, wie wir unsere Katzen, zum Mäuse- und Rattenfangen. Es gibt dort Leute, die immer welche zahm machen. und auf den Märkten zum Kaufe ausbieten. — Die Crokodileier, die sie mit viel List aufsuchen und aus dem Sande zu scharren wissen, sind ihnen ihr liebster Fraß. Daß der Ichneumon dem Crokodil, wenn es mit offenem Maule schläft, durch den Rachen in den Bauch krieche, ihm Leber und Lunge wegfresse, sich sodann ein Loch durch seinen Leib fresse, und davon fliehe, ist eine Fabel. Igel. Dieses Thierchen zeichnet sich durch seine son derbare Bekleidung aus. Sein Rücken ist mit Stacheln bepan-353 zert, die er nach allen Richtungen hin sträuben kann. Er, der Igel, ist ein dem Menschen sehr nützliches Raubthier, denn -er srißt besonders gern Feldmäuse, Schlangen und ähnliches Ungeziefer. Aber auch Pflanzenkost verschmäht er nicht; findet er heruntergesallene Birnen, Aepfel, Pstaumen re., so wälzt er sich darüber hin, um sie an seine Stacheln zu spießen, und nach seiner Wohnung zu tragen. Gegen einen Feind, der ihm an Stärke überlegen ist, wehrt er sich nicht, sondern kugelt sich augenblicklich zusammen, so daß er nun wegen der ihn rings umstarrenden Stacheln wirklich unangreifbar ist. Jnfufflonsthrerchen. Lieber Fidel! Es gibt ge schliffene Gläser, durch die man kleine Gegenstänoe vielfach Vergrößert sehen kann, und die man daher Vergrößerungs gläser auch Mikroskope nennt. Ein solches Mikros kop, welches die Dinge viel hundertmal größer darstellt, ist das Sonnen Mikroskop. Es besteht dieses aus mehreren geschliffenen Gläsern und wird an einem Fenster angebracht, wo die Sonne hineinscheint. Man läßt aber den Sonnen strahl nur durch die Gläser des Mikroskop herein, alle übrigen Zugänge sind dem Sonnenlichte durch schwarze Vorhänge ver wehrt, so daß es in dem Zimmer, in welchem man die Ver suche anstellt, ganz dunkel ist. Der hereingelassene Sonnen strahl fällt auf eine gegenüberstehende weiße, papierne Wand, die etwa 10 Fuß breit und hoch ist. Diese wird nun vom einfallenden Lichte ganz erleuchtet, und stellt die kleinen Gegen stände, welche in das Mikroskop gebracht werden, im Bilde vergrößert dar. Die Vergrößerung ist so stark, daß das ver größerte Bild von einem Wassertropfen mit seinen Einwohnern auf dieser Wand nicht Platz genug hat. Die Wurzel eines ausgezogenen Kopfhaares erscheint austdiese Weise 1 Meter lang, und ein ganzes mittellanges Haar etwa 2 Zentimeter dick, und tanger als eine hohe Tanne. Andere Mikroskope vergrößern zwar nicht so stark wie das Sonnenmikroskop, dagegen stellen sie die Gegenstände deutlicher dar. — Bringt man einen Wasser tropfen von stehendem Sumpfwasser unter das Mikroskop, so staunt man; denn man bemerkt darin eine unzählige Menge kleiner Thiere von der sonderbarsten Gestalt. Ihr Leib ist bald nackt, bald mit einer Art Schale oder Panzer umgeben. Alle haben eine Mundöffnung. welche mit Wimpern umgeben ist. Durch zitternde Bewegung dieser Wimpern oder haar förmigen Fangorgane treiben sie Wasser und damit die Nah- Kfftder - Conversations - L^xNon. 23354 rungsmittel in den Schlund. Bei einigen stehen dergleichen Wimpern auf dem ganzen Leibe. Manche haben steife Bor sten, Hörnchen, Schnauzen und dergleichen Gebilde am Körper. Sie können sich auf mannigfache Weise bewegen. So schießen sie z. B. vorwärts, halten plötzlich an, kehren um, weichen sich aus, bald drehen sie sich im Kreise, wälzen sich, verengern und erweitern, verlängern und verkürzen sich. Ihre Vermehrung ist außerordentlich und geschieht theils durch Eier, theils durch Theilung. Diese Thierchen bilden sich vorzüglich in ungeheurer Menge in allen Aufgüssen oder allem Wasser, in dem psianzliche oder thierische Stoffe faulen; daher nennt man sie Aufgußthierchen oder Infusionstierchen, denn Infusion heißt Aufguß. Lebe wohl! Infekten. Nicht wahr, das ist ein sonderbares Wort? — Seid zufrieden! Wenn man von Insekten spricht, so denkt man eben an Thiere, welche größtentheils leichte, kleine Flüge lein haben, an Thiere, von denen einige sich sogar in etwas Anderes — verwandeln können.— Könnt ihr das nicht merken, so denkt nur Insekten seien z. B. die Käfer, es mögen nun Roß-, Mist-, Mai-, Gold-, Fichten-, Hirsch-, Mehl-, Wasser-, Johannis- oder andere Käfer sein. Ebenso gehören Schwaben, Heuschrecken, Fliegen, Bienen, Wespen, Schmetterlinge, Ameisen zu den Insekten. — Aber auch die Läuse, Flöhe gehören dazu, obgleich ihnen die Flügel fehlen. Die Insekten sind mitunter sehr nützliche Thiere; darum soll man sie auch nicht plagen. Merkt das, Kinder, und denkt an den Knaben, von dem ich jetzt noch etwas erzählen will: Ein kleiner Käfer schwirrte Vergnügt um's Bäumchen her, Allein im Garten irrte, Ein wilder Bub' umher. Er fing das arme Thierchen Und packt's bei seinem Bein, Und bindet's an ein Schnürchen, Das arme Käferlein. Er spottet seiner Wunden Er freut sich seiner Noth, Doch ach! in wenig Stunden War's arme Thierchen todt.355 Du schlimmer Mensch, was haben Die Käfer dir gethan? Ach, aus dem bösen Knaben Ward bald ein böser Mann. Der Mensch hat in der Thierwelt gar viele Feinde; denket nur an Löwen, Tiger, Bären, Wölfe rc., aber auch kleinere Thiere gibt es, welche mit der größten Hartnäckigkeit den Menschen quälen und verfolgen. Alle, die jemals in Asien und Afrika Reisen gemacht haben, stimmen darin überein, daß die reissenden Thiere die geringste Plage der warmen Länder sind. Selbst die List und das Gift der Schlangen sind nicht so gefährlich, als die Plagen der stechenden Mücken, der giftigen Asseln und Skorpio nen, überhaupt der Insekten, denen sich der Mensch nicht zu entziehen vermag, und gegen die er auch wenig oder gar keine Mittel besitzt, um dieser lästigen Gäste los zu werden oder sich gegen ihre Bisse zu verwahren. Wie lästig sind bei uns nicht oft Flöhe, Läuse, Wanzen, Schnacken und anderes Geziefer, und selbst Spinnen werden uns oft zuwider. Daß Letztere sogar schon mit Ueberlegung und aus Rache Menschen gequält haben, möget ihr aus fol gender kurzen Erzählung ersehen: Ein Schriftsetzer in einer Buchdruckerei hörte während seiner Arbeit das Gesumse einer Fliege, welche von einer Spinne gefangen worden war; er ging hin und machte sie aus dem Garne los. Einige Zeit nachher, als er wieder an seinem Setzkasten stand, fühlte er plötzlich einen heftigen Biß im Nacken; und als er sich umsah, bemerkte er die Spinne, welche sich mit größter Eile davon machte, und auch wirklich, trotz seiner Bemühungen, sie zu fangen, mittels eines Fadens, den sie vor ihrem Angriff an seine Kleider sestgeheftet hatte, entkam. Der Ort, wo sie ihn gebissen hatte, schwoll heftig auf; doch war die Geschwulst nach zwei Tagen wieder verschwunden. Man sollte einer Spinne kaum zutrauen, daß sie eine Person so in's Auge fassen, quer über die Decke des Zimmers laufen, sich von einer Höhe herab lassen, und diese Person in mör derischer Absicht anfallen könnte. Ohne Zweifel frohlockte die kleine Schelmin auf ihrem Rückzug über den glücklichen Aus gang ihres Versuches. Meinet ihr, der Schriftsetzer, wenn er auch an Geistesgegenwart und Energie ein Martin*) gewesen *) Martin war ein berühmter Thierbändiger. 23 *356 wäre, hätte durch seine Willenskraft oder durch seinen Blick oder ein Befehlswort das kleine Ungeheuer von sich abhalten können? Ich glaube nicht. Insel. Wird ein Stück Land ganz vom Wasser um geben, so heißt marüs Insel; und wird es nur theilweise vom Wasser begrenzt, so ist es eine Halbinsel. Mehrere nahe bei einander liegende Inseln bilden eine Inselgruppe und viele einen Archipel d. i. ein Jnselmeer, eine Meeresstrecke, in der viele Inseln neben einander liegen. Irrlicht. Lieber Wilhelm! Von Irrlichtern und Irr wischen wirst Du wohl schon öfter erzählen gehört haben. Der Abergläubische, der ihr Entstehen nicht kennt, fürchtet sich vor ihnen, wie vor einigen andern Entzündungen in der Luft. Irr lichter sind die kleinen unstäten Flämmchen, die sich in der Dunkelheit oft an sumpfigen Orten, auf Kirchhöfen, Schlacht feldern u. s. w. zeigen. Sie rühren von den Dünsten her, welche aus den Sümpfen u. s. w. aufsteigen und sich in der Luft entzünden. Ihr Hüpfen rührt von der Bewegung der Luft her. Entzünden sich solche Dünste höher in der Luft, so scheint es, als fiele ein Stern herab, und dann heißen sie Sternschnuppen. Ist es eine größere Feuermasse, die sich zur Erde senkt, so nennt sie der Aberglaube feurige Drachen. Die großen Feuerkugeln, die man zuweilen in der Luft sieht und die oft mit einem Knall und Dampf zerplatzen, sind ebenfalls nichts anders, als entzündete Dünste. — Hier lege ich Dir ein Gedicht bei, von Agn. Franz, es wird Dir gewiß gefallen. Lebe wohl! Knabe. Vater, sieh! Im grünen Rohr hüpft ein Flämmchen dort empor! Dorthin, wo die Weiden hangen, will ich gelftn, es einzufangen. Vater. Bleibe Kind, an meiner Hand! Sumpf ist dort, nicht festes Land! Und ein Irrlicht ist die Flamme, die dort tanzt am Weidenstamme. Fränzchen, trotz dem Warnungswort, sprang zur sumpfigen Wiese fort,357 siel hinein bis an das Ohr in den tiefen, bösen Moor. Frosch und Kröte lachten laut, riesen: Kinder, kommt und schaut! Seh't, wie's heut und immer geht, Wenn man guten Rath verschmäht. Jagd. Die Jagd ist eine angenehme Unterhaltung für Männer und Jünglinge, und manchmal nehmen sogar auch herzhafte Frauen daran Theil. Kaum fängt es an zu tagen, so geht es schon hinaus in den dufterfüllten Wald; voran die muntern Hunde, die den Schlupfwinkeln des Wildes, das den Feldern und Wiesen des ruhigen, fleißigen Landmannes Schaden zufügt, mit dem ihnen von der Natur verliehenen Geruch nach spüren, es ausstöbern und hervortreiben: Tra ra, tra ra — Schallt's fern und nah', Des Jägers Flinte kracht, Und von der sausenden Macht Des Bleies getroffen, sinkt das Wild. Der Wagen mit köstlicher Beut' wird erfüllt, Und diese mit Jubel nach Haus gebracht. — Kinder! hieraus ersehet ihr, daß die Jagd nicht nur eine angenehme, die Gesundheit stärkende, sondern auch eine nutzen bringende Beschäftigung ist. Jahreszeiten. Ihr wißt schon, daß es nicht immer gleich schön ist. Ebenso wißt ihr auch, daß es eine Zeit gibt, wo es sehr kalt ist. Kurz, in jedem Jahr ist es viermal an ders. Es gibt daher vier verschiedene Zeiten, die man Jahres zeiten nennt. Sie heißen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ein freundlicher Dichter vergleicht die vier Jahreszeiten mit vier Brüdern, die im ganzen Land spazieren gehen. Er sagt: Vier Brüder zieh'n Jahr aus, Jahr ein, Im ganzen Land spazieren; Doch jeder kommt für sich allein, Uns Gaben zuzuführen. Der erste kommt mit leichtem Sinn, In reines Blau gehüllet,Streut Knospen, Blätter, Blüthen hin, Die er mit Düsten füllet. Der zweite tritt schon ernster aus Mit Sonnenschein und Regen, Streut Blumen aus in seinem Lauf, Der Ernte reichen Segen. Der Dritte naht im Ueberfluß, Und füllet Küch' und Scheune, Bringt uns zum süßesten Genuß Viel Aepfel, Nüss' und Weine. Verdrüßlich brausit der vierte her, In Nacht und Graus gehüllet, Sieht Feld und Wald und Wiesen leer, Die er mit Schnee erfüllet. Wer sagt mir, wer die Brüder sind, Die so einander jagen? Leicht rüth sie wohl ein jedes Kind, Drum brauch ich's nicht zu sagen. Ein anderer Dichter besingt die Jahreszeiten auf folgende Weise: Die Wiese grünt, der Vogel baut, Der Kuckuck ruft, der Morgen thaut; Das Veilchen blüht, die Lerche singt, Der Obstbaum prangt: der Frühling winkt. Die Sonne sticht, die Rose blüht, Die Bohne rankt, das Würmchen glüht; Die Aehre reift, die Sense klingt, Die Garbe rauscht: der Sommer winkt. Das Laub verwelkt, die Schwalbe flieht, Der Landmann pflügt, die Schneegans zieht; Die Traube reift, die Kelter rinnt, Der Apfel lockt: der Herbst beginnt. Der Sang verstummt, die Axt erschallt; Das Schneeselo glänzt, das Waldhorn schallt! Der Schlittschuh eilt, der Schneeball fliegt, Die Fluth erstarrt: der Winter siegt.359 Höret noch, wie ein Vater mit seinem Sohne über die ^Jahreszeiten" diskurirt: Max. „Wenn es nur immer Winter wäre!" (Max war Schlittschuhe gelaufen und hatte einen Schneemann machen helfen.) Vater. Schreibe deinen Wunsch auf dieses Blättchen Papier! Mar that es, und der Vater nahm das Blättchen und legte es in fein Taschenbuch. — Der Winter ging vorüber, es kam der Frühling. Max ging mit feinem Vater in den Garten; es wehte eine milde Luft, der Himmel war klar, und die Sonne schien wann. Auf der Wiese sproßte junges Gras, die Gebüsche öffneten ihre Lanbknospen, und der Kirschbaum .prangte in feiner weißen Blüthe. In der Höhe fang die Lerche, die Amsel in dem nahen Walde, die Bienen summten und suchten die Blumen. In dem Garten blühten Aurikeln, Hyazinthen und Narzissen, und ein süßer Wohlgeruch erfüllte die Luft. Mar freute sich sehr, und als ihm der Vater erlaubte, mit seinen Schulkameraden ein Spiel zu machen, war er seelenvergnügt. Er spielte, bis ihn sein Vater rief, und sie gingen mit einander nach Hause. Vater. Nicht wahr, der Frühling ist eine schöne Zeit, besonders für euch Knaben? Max. O, ich wollte, daß es immer Frühling wäre! Sein Vater ließ ihn auch diesen Wunsch auf ein Blättchen Papier schreiben und nahm es zu sich. — Der Frühling verging, der Sommer kam. Mar war mit seinem Vater in die Stadt gegangen; er durfte im Flusse baden; dann bekam er Erdbeeren und Kirschen; und es schmeckte ihm herrlich- Spät Abends gingen sie miteinander heim. Der Vater zeigte ihm die gelben Kornfelder und sagte: Vater. Bald werden wir Ernte habm; hernach weht der Wind über die Stoppeln, und der Sommer ist vorbei. Max. O, ich wollte, daß es immer Sommer bliebe! Auch diesen Wunsch lieh ihn der Vater auf ein Blättchen schreiben. — Endlich kam der Herbst. Er war nicht mehr so heiß, aber lieblich warm. Die Bäume waren voll rothwangiger Aepfel und schmackhafter Birnen; an den Weinstöcken hingen blaue und gelbe Trauben. Wie köst lich schmeckte es dem Max, der nichts lieber als Obst aß. Vater. Wir müssen fleißig sein und keine Zeit ver säumen, damit wir unsere Trauben und unser Obst heim dringen. Der Herbst geht zu Ende, und kalte Regentage und Schneegestöber werden nicht mehr lange auf sich warten lasten. Der Winter stehl vor der Thür und will den Herbst ablösen. Max. Ich wollte, es bliebe Herbst und gäbe gar einen Winter!360 Vater. Ist es dir damit ernst? Max. Ganz gewiß. Nun zog der Vater sein Taschenbuch heraus und sagte: Vater. Wie steht da? Max. Ich wollte, daß es immer Winter wäret Vater. Wer hat das geschrieben? Max. Ich. Vater. Nun lies einmal dieses! Max. Ich wollte, daß es immer Frühling wäret Vater. Wer hat das geschrieben? Max. Ich. Vater. Und was steht hier? Max. Ich wollte daß es immer Sommer wäre! Vater. Und was hast du gerade zuvor gewünscht? Max. Daß es immer Herbst bliebe und gar keinen Winter gäbe! Vater. Nun, das sind nicht mehr als vier Wünsche; was sagst du jetzt zu diesen Wünschen? Max. O Vater, es hat mir damals im Winter recht wohl gefallen und dann im Frühlings und dann im Sommer- und jetzt gefällt es mir im Herbste. Vater. Aber was meinst du, wirst du im Winter, wenn du wieder Schlittschuh fahren und Schneemänner machen kannst und du dich mit deinen Kameraden freust, auch wieder wünschen: „Wenn es nur immer Winter wäre?" Max. Nein, ich will daran denken.,, daß mir der Früh ling, der Sommer und der Herbst auch wohl gefallen haben^ und daß alle Jahreszeiten gut sind. Vater. Das sind sie, und wir wollen Gott danken, der sie so eingerichtet hat, und daß nicht wir Menschen über Schnee und Regen, Sonnenschein und Wolken gebieten kön nen. Da würde es bald eine große Unordnung geben, wenn der eine Sommer, der andere Herbst, der dritte Frühling und wieder ein anderer Winter haben wollte. Zarirrirr. Es ist so kalt, höre ich sagen! Freilich, drau ßen geht der Wind, man sieht nichts als Eis und Schnee in den Gärten, aus den Feldern, Wiesen und im Walde. Die kleinen Kinder meinen oft, die Bäume stehen in schönster Blüthe und freuen sich schon im Stillen auf die süßen Früchte. Wenn man aber recht nahe zu den blühenden Bäumen hinkommt, so361 merkt man wohl, daß nur Schneeflocken auf ihnen liegen. Sie sind aber nicht böse, wenn sie auch Schneeflocken für Blüthen gehalten haben. O, den Schnee können sie gar gut brauchen. Was wollten sie mit ihrem Schlitten machen, wenn es nicht schneien würde! —Und woraus sollten sie den Schneemann machen? — Ei Januar, ei Januar, Du bist ein kalter Mann fürwahr. Doch frische Kinder fürchten nicht Deinen schneeigen Bart, dein Eisgesicht. Und wie es bläs't und wie es droht, Wir tummeln uns die Backen roth, Und einen Schneemann bauen wir Vor deinem Angesichte hier. Jerichorose. Einer der merkwürdigsten Gegenstände, der seit Jahrhunderten von Pilgern und Reisenden aus dem gelobten Lande in die Heimath mitgebracht wurde, ist die so genannte Rose von Jericho. Eine solche Rose von Jericho ist freilich etwas anderes als die gewöhnliche schöne Rose, die auch in Jericho blüht, wie schon Sirach rühmt. Mancher, welcher jene berühmte Rose von Jericho sähe, würde nicht wenig stau nen, daß man das eine Rose nennen kann. An einem dürren Stengel befinden sich viele dürre Aestchen, die sich zu einem Knäuel zusammengeschlossen haben, und an diesen Aestchen hän gen oft noch die Samenkapseln. Arabien und Palästina sind die Heimath dieser Pflanze; sie wächst in sandigen Ebenen, in dürren Gegenden, wo die Sonne glühend brennt und allen Wachsthum zerstört. Mitten in solcher Dürre keimt das Sa menkorn der Jerichorose und schlägt Wurzeln zur Zeit, wo der Wind ruhig ist, und der Sand nicht hin- und hergejagt wird. Die sich erhebende Pflanze zieht die Feuchtigkeit der Luft an sich, treibt Blätter und Zweige, setzt sich im Boden fest, bringt weiße, kreuzförmige Blüthen und Samenkörner. Wenn sie jäh rig ist, stirbt die Pflanze ab und zieht alle Zweige und Wurzeln zu einem Knoten zusammen, und wenn dann im August die Winde sich erheben und den Sand oft in beträchtliche Entfern ungen sorttreiben, so wird die einen Knäuel bildende ausgetrock nete Pflanze auch mit sortgerissen und oft weit herumgeführt. Auf diesem Wege läßt sie ihre Samenkörner in's dürre Erd reich fallen, aus denen dann auch wieder zu seiner Zeit neue, grünende Gewächse in der Wüste hervorsprießen.362 Aber noch hat die Jerichorose ihr Leben nicht vollendet. Der Lauf durch die Wüste nimmt ein Ende, der Wind hat sich gelegt, das umhergeworfene Gewächs bleibt endlich liegen uns zwar merkwürdiger Weife oft gerade an feuchten Orten, nament lich auch an den Ufern des Jordans. Hier ruhet es gleichsam von der langen Reise. Stengel, Wurzeln und Zweige werden wieder weich, die Saugröhren erwachen wieder zum Leben, neuer Saft durchdringt den Stengel, die Blüthen entwickeln sich abermals, die Psianze gelangt zum zweitenmale zur Reife. Um dieser außerordentlichen Eigenschaft willen, daß sie im Wasser neue Belebung oder Verjüngung empfängt, hat der Naturforscher Linne der Jerichorose den Namen „Auferstehungsblume" gegeben. So wie den Bewohnern des Landes, wo sie wächst, diese Eigen schaft nicht entgangen ist, und sie davon manches zu erzählen wissen, so ist dieselbe den Pilgern und Reisenden auch wohl bekannt, und sie nehmen daher solche häufig mit nach Hause, weil diese Eigenthümlichkeit dem Gewächse einen besondern Reiz gibt. Es muß allerdings was Eigenes sein, wenn solch ein dürres Reis aus dem Schranke der Väter hervorgeholt und in das laue Wasser gesteckt wird, und nun die dürren Aestlein all- mählig anfangen sich zu regen und sich nach und nach aus strecken, so daß der Knäuel sich öffnet und eine andere Gestalt bekommt. Es wird erzählt, daß eine solche Rose, die nicht weniger als 700 Jahre aU war, sich im Wasier noch aufthat. Sonst pflegt man wohl den heiligen Abend vor Weihnachten zu wählen, um die Wunderrose ins Wasser zu stellen. Nicht selten geschieht es freilich auch in dem Sinne, daß man aus dem vollkommenen Aufgehen der Rose vermeint, ein gutes Jahr erwarten zu dürfen. Doch wenn es so in den alten dürren Aestlein der Rose sich zu regen anfängt, kann man wohl allerlei Gedanken dabei haben, die besser passen als die vorwitzige Be gierde, zu erkennen, was es für ein Jahr geben werde. Die Rose von Jericho flüstert etwas von ihm zu, zu besten Ehre am Weihnachts- wie am Ostertage die Glocken erklingen. Sie erzählt uns von dem Lande und der Wüste, durch welche einst der Heiland gewandelt ist; sie zeigt uns in einem Abbilde, wie die Kraft Gottes das Todte beleben kann, und wie er auch unfern Leib einmal wie die Auferstehungsblume aus dem Grabe zu einem neuen Leben Hervorrufen wird. Jerusalem, diese weltberühmte Stadt, den Christen, Juden und Muhamedanern heilig, liegt in Asien, in Palästina363 oder im heiligen Land in einer öden von Gebirgen umgebenen Gegend, am westlichen Abhange eines Basaltberges. Ihr Um fang beträgt ungefähr 1 Stunde, ihre Bauart ist unregelmäßig, von hohen Mauern umgeben, sie hat 6 Thore, deren alte Namen noch gebräuchlich sind. Die Häuser sind von Sandstein gebaut, gewöhnlich 3 Stockwerk hoch, im untern ohne Fenster. Dieses todte Einerlei wird nur durch die Kirchthürme, Moscheen und hier und da zerstreute Cypressen unterbrochen. Die Stadt hat gegen 25,000 Einwohner, unter denen 13,000 Mohamedaner und 4000 Juden sind. Letztere bewohnen das Quartier zwischen der großen Moschee und dem Berge Zion. Christen und Juden tragen zur Unterscheidung einen blauen Turban. Die Industrie ist auf wenige Weber und Pantosselmacher beschränkt. Die türkische Behörde bildet ein Statthalter, ein Kadi, ein Comman- dant der Citadelle und ein Mufti. Die Citadelle ist ein gothi- sches Gebäude mit fünf Thürmen, wahrscheinlich in den Zeiten der Kreuzzüge erbaut, weßhalb es auch der pisanische Thurm heißt. Unter den heiligen Gebäuden ist besonders zu erwähnen: die Kirche des heiligen Grabes, 126 Schritte lang und 70 breit. Sie ist von der Kaiserin Helena i. I. 326 über dem heiligen Grabe aufgeführt worden; dieselbe wurde im 11. Jahrhundert zwar durch die Araber zerstört, jedoch 1048 wieder aufgebaut. Durch absichtliche Schuld der griechischen Geistlichkeit brannte 1807 das Gebäude größtentheils ab, ward jedoch wieder aufgebaut. Die Kirche ist nur an Festtagen offen und es muß Jeder, welcher sie zum erstenmale besucht, den sie bewachenden Türken hohe Summen bezahlen, ausgenommen den letzten Tag vor Ostern, wo der Eintritt freigegeben ist. Diese Kirche haben die lateinischen Christen, Griechen, Kopten, Armenier und Abessinier gemeinschaftlich inne, deren verschiedenartiger Gottesdienst, oft zu gleicher Zeit gehalten, eine eigenthümliche Wirkung hervorbringt. Merkwürdig ist das Franziskaner kloster, indem darin alle Pilger einen Monat lang unent geltich verpflegt werden. Seinen Unterhalt bestreitet es durch milde Beiträge, welche meist aus Europa, besonders aus Spa nien, demselben zustießen. Das Kloster der Armenier ent hält 1000 Zimmer zur Beherbergung der Fremden. — Ich kann nicht unterlassen, liebe Kinder, euch hier die Schilderung Jerusalems und seiner Umgebung von einem Jerusalems-Pilger, mitzutheilen. Leset sie mit Aufmerksamkeit! Es war — so erzählt der Pilger — ein feierliches Er wachen am ersten Morgen, der mich in Jerusalem begrüßte.364 Kaum graute der Tag, so zitterte meine Seele schon vor Er wartung dessen, was ich sehen sollte. Langsam ging die erste Stunde des Morgens vorüber und wir drangen in unsern Führer, uns dem Heiligthume zuzuführen. Fast bangte mir, festen Fußes aufzutreten, als wir in die Grabes kirche eintraten. Meine Augen waren wie getrübt und meine Seele ergriffen wunderbare, heilige Gedanken, so daß das stei nerne Schnitzwerk und alle kolossale Pracht des Gebäudes mir nur vorkam, wie dem Wanderer ferne Burgzinnen, die an grauen Bergen aus dem Nebel steigen. Ohne daß ich wußte, wie mir geschah, war ich aus dem Grabesgeheimnisse heraus getreten und hatte die Terasse*) der Kirche erstiegen, von wel cher man ganz Jerusalem übersehen kann. Da lag sie vor mir, die Stadt der Jahrtausende, und erschien mir wie eine Wittwe in ihrer Trauer. Die Jahrhunderte, welche auf ihr liegen, die vor Alter sinkenden Oelbäume, die Grabmale mit den weißen Steinen, die durchlöcherten Felsen, das zerstreute Gemäuer, Alles erinnert an die schweren Begebnisse, die diese Stadt erlitten hat. Darum vermeint der Fremdling, es solle still sein in ihr, wie in einem Trauerhause und die Menschen sollten mit verhüllten Häuptern auf ihren Gassen einhergehen. Aber auch dieses Trauerhaus von Jahrhunderten ist vom Ge tümmel der Menschen nicht verschont geblieben, und überall drängen sich Käufer und Verkäufer, zudringliche Führer und gieriges Gesindel. „Sehen Sie", sagte mein Führer, „dieser Weg, der zur Grabeskirche führt, ist der Schmerzensweg." — Hier ist kein Stein und keine Platte, die nicht Zeugen einer großen Begeben heit wären. Dieser Raum hat den Heiligsten gesehen in all' seiner Schmach, ihn, den Verurtheilten und Leidenden, den Dorn gekrönten und unter der Last des Kreuzes zum Tode Geführten. Welch' heilige Erinnerungen sind mit diesen Steinen eingebaut; wie viele tausend Herzen seit Constantin's und Helena's Zeiten haben über diesen Anblick geblutet, sind, von diesem Anblicke getröstet, wieder von dannen gegangen! „Dort im Süden liegt Bethlehem," sprach der Führer weiter. Bethlehem, die anmuthigste unter den Städten! Sie liegt so freundlich auf dem Berge und die Sonne schaut so ruhig auf sie, daß ich mich nicht erinnere, irgend einen Ort gesehen zu haben, der mit solcher Anmuth solche Majestät ver- Vordergrund.36ö Lände. — Dort zur Linken zwischen den Hügeln dehnt sich das Thal der Hirten hin; eng und still liegt es zwischen den Ber gen, und nur wenige Bäume begrenzen seinen Saum. Dort haben in der heiligen Nacht die Heerschaaren des Himmels zuerst den Aermsten unter dem Volke das neue Heil verkündet. Viele Klöster erheben sich über die Häuser von Bethlehem, und die Kuppel , welche am höchsten hervorragt, gehört der durch die Kaiserin Helena erbauten Kirche an, welche über der heiligen Grotte steht, da der Heiland geboren ist. „Welches Namens ist dort die Burg," fragte ich den Be gleiter, „welche nur einige hundert Schritte von hier auf dem Gipfel jenes Hügels steht?" — „Das ist die Davidsburg auf Zion," sagte eintönig der Führer. Hier hat der Mann gewohnt, der größte seiner Zeit, der ein Prophet war, ein Dichter und ein König. Von hier aus konnte er Jerusalem beschauen und ungestört des Flusses strömende Welle, das stille grünende Thal, die Therebinthen und Olivenbäume betrachten, wie sie schmücken die Häupter der Hügel. Gegen Südost liegt vor dem Auge des Beschauers das Thal Josaphat, die Moschee auf Moria und weiterhinder Kessel des todten Meeres. — Kein Anblick vermag die Seele mit so trüben Gedanken zu erfüllen, wie das Thal Josaphat, ein enges Thal zwischen zwei Hügeln, deren einer den Oelberg, der andere die Stadt Jerusalem auf seiner Höhe trägt, von dem fast wasserlosen Kidron durchschlichen. Niemals scheint die Sonne in diese düstere Tiefe; Morgens verbirgt sie sich hinter dem Oelberge und Nachmittags hinter dem Moria. Es ist das Thal der Schatten und der Gräber, und wer über die Brücke geht, die dort den Kidron überbaut, wird von unwillkürlichen Schaudern ergriffen. Rechts von der Brücke befinden sich die Gräber Josaphalls und Sacharja's. Betende liegen an der Stätte dieser Gräber auf dem Boden hingestreckt und eine Masse aufgeschichteter Steine vermehrt das Traurige dieses Ortes. „Dort im Osten," sagte der Führer zu mir, „sehen Sie Bethanien und den Oelberg." — Nächst Bethlehem ist Bethania gewiß das liebreichste Dörslein und theure Erinner ungen knüpfen sich an diese Stätte. Hier hat Lazarus gewohnt mit Maria und Martha; in ihrem Kreise hat der Heiland aus geruht von der heiligen Arbeit, um neue Kräfte zu sammeln zur Ausführung feines schweren Berufes; hier hat der aus Jerusalem Verstoßene ein Obdach, der Heimathlose eine366 Heimath, der von seinem Volke Verachtete Liebe und Ehre ge funden. Bethanien möchte ich den Ort der stillen Liebe nennen. Es ist so einsam, so traulich an den Berg gebaut, rings von schattigen Bäumen, von grünenden Feldern umgeben, daß man Wohnung darin machen möchte, umgeben von geliebten Herzen. Lange ruhte mein Blick auf Bethanien, der Heimath der Seelen, welche der Heer so lieb hatte, und meine Seele war bewegt von unbeschreiblicher Wallung. — Mit Bethanien übersieht das Auge den Oelberg. Nahe an ihm liegt Gethsemane, unten an seinem Fuße der Olivengarten und oben auf dem Gipfel die Himmelfahrtskirche. Wie ein Berg des Friedens ist der Oel berg mit seinen Bäumen anzuschauen. Fast konnte ich mein Auge nicht wenden von den heiligen Hügeln mit ihren unver geßlichen Erinnerungen. Johanneswürmchen. Viele Menschen kennen es unter dem Namen: Scheinkäserchen, auch Glühwurm. Es hält sich zur schönen Jahreszeit am Liebsten auf Wiesen, in Wäldern und Hecken auf. Das Johanneswürmchen ist ein gar liebliches, friedliches Thierchen, das der weise Schöpfer von vielen anderen Geschöpfen auszeichnete. Es gibt nämlich am Abende einen Schein von sich. Ein Dutzend solcher Würmchen unter ein Helles Glas gebracht, geben ein Licht, bei welchem man bequem lesen kann. Todt leuchten sie nicht mehr. Ein Johanneswürmchen saß, seines Demantscheins unbewußt, im weichen Gras eines dunkeln Hains. Leise schlich aus faulem Moos sich ein Ungethüm, eine Kröte her und schoß all ihr Gift nach ihm. Ach, was Hab ich dir gethan? rief der Wurm ihr zu. Ei, fuhr ihn das Unthier an, warum glänzest du? Juni. Seht ihr den Landmann, wie er sich anschickt, daß er hinaus auf die Wiese kommt; denn er will Heu holen,367 daß er im Winter Futter hat für seine Kühe, Ochsen, Schafe, Pferde re. Er ist so freundlich und so vergnügt. Andere Leute freuen sich aber auch. Seht nur die Gärtnerin an, wie sie lacht und froh ist. Wie kommt's! Ja, — im Garten gedeiht alles sehr gut. Sie kann recht viel Salat und Rettige und vieles andere verkaufen. Und wie sie sich freut, daß auf den Bäumen ihres Gartens schon reife Kirschen hängen. Juli. Nicht wahr, jetzt haben wir schöne Tage? Ja man darf wohl sagen: heiße Tage. Es ist aber gut; denn bei solcher Wärme wird das Obst auf den Bäumen und das Getreide auf dem Felde bald reif. Und wie können die Wein trauben gedeihen? O, der liebe Gott weiß alles so gut ein zurichten, daß es gar nicht besser sein könnte. — Ist es gar zu heiß, so erfrischt man sich durch ein kühles Bad; aber, Kinder, dabei gilts Vorsicht! — Merket folgendes Berschen: O wie stärkt es die matten Glieder, Taucht man in kühlende Fluth sie nieder! Schwimmt man mit frohem, heitern Sinn Wie ein Fischlein durch's Wasser hin. Doch sind wir Kinder nicht unbedacht, Sondern nehmen uns hübsch in Acht, Daß Keiner sich wagt in den Strom hinein, Er müßt' denn ein geschickter Schwimmer sein. K. Kaffeebaum. Seine Blätter sehen fast wie Pommeran zenblätter aus; nur sind sie viel länger; die Blüthen sind weiß; die Frucht ist eine kleine Kirsche, welche anfangs grün, später roth, zuletzt bei völliger Reife schwarz ist. Sie enthält unter dem dünnen, widrig süßlichen, ungenießbaren Fleische zwei harte Samenkerne, die bekannten Kaffeebohnen, welche mit den flachen Seiten an einander liegen. Der Kasieebaum blüht jährlich zweimal und man findet fast immer Blüthen, unreife und reife Früchte an demselben. Ursprünglich wächst dieser Baum in Arabien, wo er in vielen Gegenden eben so häusig angepflanzt ist, wie bei uns368 der Zwetschgenbaum. Und gewiß ist die dortige diee delfte und beste Kaffeesorte in der ganzen Welt. Wenn man aber meint, daß nun auch in jenen Gegenden immer und überall der beste Kaffee getrunken werde, so irrt man sich sehr. Gerade dort, wo sie den edelsten Kaffee haben und in der größten Menge selber Lauen, trinken die meisten Leute den schlechtesten Kaffee in der ganzen Welt, ein gar dünnes Getränk, das nicht von Kaffeebohnen, sondern von den Schaalen, in denen die Bohnen stecken, bereitet wird. So genießen die, welche jene Naturgabe am leichtesten haben könnten, sie am wenigsten; vielleicht aus demselben Grunde, aus welchem die armen Bergleute, die das schönste Silber herausgraben, oft kaum Kupfergeld im Hause haben; vielleicht aber auch deßwegen, weil die, die den Kaffee so nahe haben, ihn am wenigsten achten. Wohl wäre es zu wünschen, daß er auch in unserm Vaterlande weniger geachtet und geliebt würde, denn er ist nicht so gesund und gibt nicht so viele Kräfte, als die Suppe, die unsere Vorfahren statt seiner genossen. Kaffern - Land. Das Kaffern-Land ist ein großes, heißes Land in Süd-Afrika. Da breiten sich ungeheure, dichte Wälder und weite unfruchtbare Sandwüsten aus; dazwischen liegen aber auch schöne Grasplätze, auf welchen Tausende von Ochsen und Kühen weiden. In den Wäldern hausen Elephanten, Löwen und Bären, Leoparden und Wölfe und unzählige Affen; und im Gebüsch und im hohen Grase liegen giftige Schlangen verborgen, welche oft unversehens auf den Vorübergehenden sich stürzen, und ihn tödtlich verwunden. Wo die schönsten Weide plätze sind, da lagern sich die Eingebornen, bauen sich von Baumzweigen und Lehm elende Hütten, und leben in Trägheit und Müßiggang. Sie sind schwarz, und gehen fast ohne alle Bekleidung; höchstens werfen sie ein Schaf- oder Leopardenfell über die Schultern, und schmücken sich mit bunten Federn von Papageien und andern schönen Vögeln. Die armen Kaffern wissen nichts von Gott und dem lieben Heiland, und deßwegen wohnt auch keine Liebe und kein Erbarmen in ihrem Herzen. Wo sie einander etwas stehlen können, da thun sie es, ohne an eine göttliche Strafe zu denken; ja oft morden sie einander auf grausame Weise um der geringsten Ursache willen. Und wie sollte da zwischen Eltern und Kindern eine wahre, herz liche Liebe herrschen? Hört einmal, wie es einem armen Kaf fern-Kinde ging, von dem ich euch erzählen will.369 Eines Abends lag ein schwarzes Mädchen von etwa acht Jahren draußen vor der Hütte seines Vaters und spielte. Da kamen plötzlich aus dem nahen Walde vier große Wölfe, und sprangen auf das Kind los. Der eine packte es beim Kopse, ein anderer bei der Schulter und zwei bei den Beinen, und schleppten es, so schnell sie konnten, davon. Da hörten die Nachbarn das Jammergeschrei des Mädchens, eilten herbei und liefen den Wölfen nach. Diese fürchteten sich vor den vielen Männern, ließen ihre Beute fahren, und jagten zurück in den Wald. Aber das arme Kind war entsetzlich Zugerichtet von den Zähnen der wilden Bestien. Die Eltern trugen es in die Hütte hinein, und legten es aus Stroh nieder. Aber sie thaten nichts, um seine Wunden zu heilen, sondern ließen es in seinen Schmerzen liegen; und ihr könnt euch denken, was das Kind ausstehen mußte; zumal da es auch von den Stechfliegen und der Hitze gequält wurde. Da schrie es denn freilich Tag und Nacht, und nahm zusehends an Kräften ab. Die Eltern meinten nicht anders, als es werde sterben müssen; darum trugen sie es endlich aus der Hütte hinaus. Denn wenn jemand gestorben ist, so mögen ihn die Kaffern nicht mehr anrühren. Draußen aber sagten sie zu ihrem Töchterlein: „Was sollen wir mit dir anfangen? Sollen wir die Nachbarn rufen, daß sie dich mit ihren Spießen tobten, oder sollen wir dich hinaus in den Wald tragen, daß du dort sterben kannst?" Das haben die heidnischen Eltern zu. ihrem sterbenden Kinde gesagt. Was sollte nun das Kind wählen? Im Walde hatte es zu fürchten, von den Wölfen und andern wilden Thieren gefressen zu werden, oder zu ver hungern. Da wäre es freilich leichter gewesen, sich schnell tödten zu lassen. Aber das Mädchen sagte: Bringt mich hin aus in den Wald. Da trugen die Eltern es weit, weit weg, und legten es in einem dunklen Gebüsch nieder, wo kein Auge es sehen, kein Ohr sein Schreien hören konnte. Dann gingen sie weg, ohne sich nach ihm umzuschauen, und dachten daheim kaum mehr an ihr krankes Kind. Als aber das Kaffer n-Mäd chen allein war in dieser schrecklichen Einsamkeit oes Waldes, kam plötzlich ein guter Gedanke in sein Herz. Und wer anders gab ihm diesen Ge danken, als der barmherzige Heiland, der das Kind in seinem Elend sah, und sich über das unglückliche Geschöpf erbarmte? Es erinnerte ffch _ nämlich, daß ein Missionär in der Nähe wohne, und daß dieser ein gar gütiger, freundlicher Mann sei. Da sagte es zu sich selbst: Ich will versuchen, bis zu seinem Kmder-Couversations-Lexikon. 24370 Hause zu kriechen; er ist ein guter Mann, und wird mich nicht verstoßen. Gleich machte es sich auf, kroch mit seinen verwun deten Gliedern mühselig über die Baumwurzeln und das Ge stein hin, und suchte den Weg zu dem Hause des christlichen Lehrers. Es kam nach langem, langem Fortkriechen endlich aus dem Wald an einen grünen Hügel, auf welchem das Haus stand. Als der Missionär das blutende Kind vor seiner Thür liegen sah, ging es ihm durch's Herz. Er zählte die Wunden, welche ihm die Zähne der grausamen Wölfe gemacht hatten, und fand nicht weniger als vierzehn. Die gefährlichste war am Kopfe. Der Wolf hatte versucht den ganzen Kopf in seinen Rachen zu nehmen, und die eine Wange ganz ausgerissen. Der Missionär legte das halbverschmachtete Mädchen auf ein weiches Bett, wusch ihm die Wunden aus, goß linderndes Oel darein, und verband sie mit Leinwand. Auch reichte er ihm stärkende Nahrung, und unter der liebevollen Pflege heilten die Wunden bald. Dabei erzählte er dem kranken Kinde von dem himm lischen Arzte, der ihm noch viel mehr Gutes thun wolle, als ein Mensch vermag. Das Kind hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts zu dem. was ihm sein gütiger, väterlicher Freund vom Heiland erzählte. Als endlich das Mädchen ganz gesund war, fragte es der Missionär, ob es nun wieder zu seinen Eltern gehen wollte? „O nein," rief es; „sie haben mich von sich gestoßen. Aber Du hast mich ausgenommen; bei Dir will ich bleiben." Einige Zeit nachher ging einmal der Missionär bei seinem Hause auf und ab, da hörte er die Stimme eines Kindes. Er sah sich um, und erblickte sein Pflegetöchterchen, wie es im Ge büsche kniete und andächtig betete. Das waren liebliche Töne für den wackern Mann. Nun durfte er hoffen, daß es den Herrn lieben und ihm leben werde, der es vom Tode errettet hatte. Es hatte ihm selbst dafür zu danken, daß es in die Klauen der Wölfe gefallen war. Denn wäre es nicht von ihren Zähnen verletzt worden, so würde es vielleicht nie zu dem Missionär gekommen sein, hätte nie von dem lieben Heilande gehört. Kalb. Manches sieht roth, manches weiß, manches braun und schwarz und manches scheckig aus. — Es ist ein munteres Thier, springt gern, und wie gut schmeckt das Fleisch von dem Kalbe? — Man nennt so ein Fleisch: Kalbfleisch, und gebraten371 gibt es den sogenannten Kalbsbraten. — Auch das Fell kann man sehr wohl brauchen. Man macht Leder daraus. — Der Dichter „Hey" läßt ein Kalb und einen Hund so miteinander spielen: Kalb. So schön ist's auf dem Hofe hier, Komm' Hündchen, spiel' ein wenig mit mir t Hund. Ich bin es zufrieden; nun sang' einmal an, Lauf' aus, ob ich dich wohl kriegen kann. Kalb. Geh' garstiger Hund! du spielst nicht fein; Wer beißt denn so derb gleich in das Bein? Das Kalb viel lieber für sich nun blieb; Mit dem Hunde das Spiel war ihm nicht lieb. Der mocht' es wohl necken gar zu gern, Doch hielt es sich immer von ihm fern. Einst kam er gar schnell, und biß es wieder, Da warf's fhn mit einem Fußtritt nieder. Kalender. Es ist ein sehr nützliches Buch, das die Zeitrechnung auf ein ganzes Jahr genau anzeigt. Doch ent hält es auch manches Unnütze, z. B. die Vorhersagung der Witterung; denn kein Mensch ist im Stande, auch nur einen Tag, viel weniger ein ganzes Jahr vorherzuwissen, wie die Witterung beschaffen sein werde, da nichts veränderlicher ist, als das Wetter. Das Nützlichste in dem Kalender ist die An zeige der Tage, Wochen und Monate durchs ganze Jahr; die Bestimmung der Festtage, die Abwechslungen des Mondes und die Anzeige der Sonnen- und Mondfinsternisse, welche in dem Laufe des Jahres eintreten. Auch enthält der Kalender ein genaues Verzeichniß der Jahrmärkte, welche in verschiedenen Orten gehalten werden. Kameel. Ein Thier des Auslandes, für die dortigen Bewohner aber von großem Nutzen. Das Kameel ist das Schiff der Wüste, wie es der Araber in seiner bilderreichen Sprache nennt, und in der That, was das Schiff auf dem Meere, das leistet dieses Thier in den Sandwüsten Asiens und Afrikas, wenn es mit Menschen und Maaren beladen, dieselben durchschreitet. Der weise Schöpfer hat es aber auch ganz zu solchen Reisen eingerichtet. Ein elastisches Fleischkissen unter 24 *372 den Fußsohlen erleichtert ihm den Gang im heißen Sande; seine Nasenlöcher schließen sich, wenn ein Wind den Staub der Wüste.emporwirbelt. Es nimmt mit der geringsten Nahrung fürlieb, und frißt Disteln und Stachelgewächse, wobei ihm seine knorpeligen Lippen und sein hornartiger Gaumen wohl zu statten kommen. Den Durst kann es viele Tage lang ertragen und dieß ist die köstlichste und nothwendigste Eigenschaft dieses Thieres, da man in den Sandwüsten oft mehrere Tagreisen machen kann, ohne einen Tropfen Wasser zu finden. Sein Magen ist so eingerichtet, daß er eine Menge Wassers in sich auf nehmen und bewahren kann. Da das Wasser in diesem Magen klar und unvermengt bleibt, so haben sich schon öfters auch Reisende dadurch vom Erdürsten gerettet, indem sie eines ihrer Kameele schlachteten und das in ihm noch enthaltene Wasser tranken. Sein Fleisch ist ein gutes Nahrungsmittel; seine Milch ist überaus fett und stärkend ; die Haut gibt vorzügliches Leder; der Mist wird gedörrt und wie Torf gebrannt. Kurz, das Thier (Kameel) ist den Bewohnern feiner Heimath, was das Pferd, der Ochs und das Schaf zusammengenommen für uns sind. Schläge, Ueberladung und Uebertreibung verträgt es nicht. In diesem Falle kniet es auf die Erde und läßt sich lieber auf der Stelle morden. Sanfte Behandlung und Musik vermögen dagegen Alles bei dem gutmüthigen, gelehrigen Ge schöpfe, welches recht eigentlich geschaffen ist, daß der Mensch an ihm die Allmacht Gottes bewundere uno seine Güte uno Liebe dankend preise. Kanapee. Es war eine Zeit, wo man in den besten Familien aus Bänken oder hölzernen Stühlen saß, oder sich auf einen Bund Stroh legte und ausruhte; jetzt aber will man weichgepolsterte Sessel, Armsessel, Kanapee haben, obgleich ein neues Kanapee höher zu stehen kommt, als zwei oder drei Dutzend hölzerne Stühle und ich weiß nicht wie viel Bänke. Will man ein recht zierliches Kanapee haben, so läßt man das Gestell durch einen geschickten Tischler von feinem Holz, wie Kirschbaum, Nußbaum, Mahagoni, oder doch wenigstens von einem recht festen, wie Eichenholz, machen, uud es gut poliren oder wichsen. Dann schickt man es zum Tapezierer oder Satt ler, der es polstert mit Roßhaaren, wohl auch manchmal Stahl federn anbringt, die in starkem gewundenem Draht bestehen, der sich von selbst wieder aufzurichten sucht, wenn er durch die Personen, die darauf sitzen, niedergedrückt wird, und sie gleich-373 sam in die Höhe hebt. Reiche Leute lassen ihre Kanapee mit Atlas oder andern schönen Seidenzeugen überziehen. Kartoffel. Die Kartoffeln, welche jetzt ein allgemeines Bedürsniß unter uns sind, waren vor 150 Jahren in Deutsch land noch unbekannt und fanden bei ihrer Einführung nicht überall die verdiente dankbare Aufnahme. Kartoffeln hieß es, mag ich nicht Sie sind ein neugemacht Gericht, Ich laß' es gern beim Alten! — Jetzt, da man sie genauer kennt, Mit Recht das zweite Brod sie nennt, Wird man sie wohl behalten. Amerika ist das Vaterland der Kartoffeln. Ein gewisser Walter Raleigh (spr. Räläh) brachte sie im Jahre 1584 zuerst nach Europa. Fr. Drake (der Weltumsegler) brachte 1587 gleichfalls amerikanische Kartoffeln nach Irland. Später, 1717, baute man die ersten in Sachsen. Die Kartoffeln wach sen unter der Erde als Wurzeln einer Pffanze, oder als Knollen an den Wurzeln und sind sowohl für den Städter, als für den Landmann, und vorzüglich für den armen Mann, ein sehr nützliches und willkommenes Gewächs. Denn manche armen Ge genden haben durch den Anbau derselben nicht nur sich und ihr Vieh reichlich genährt, sondern sogar viele verkauft. In Ansehung der Zeit der Reife gibt es Früh- und Spätkartoffeln; in Ansehung der Form: runde, knotige, lange und nierensör- mige; in Ansehung der äußern Farbe: rothe, gelbe, schwarz blaue re.; in Ansehung der Oberfläche der Haut: glatte und rauhe; in Ansehung der Substanz: mehlige (welche man für die. gesundesten hält), seifige und wässrige; auch sind die ver schiedenen Sorten in Ansehung der Größe sehr verschieden. Die meisten blühen violettröthlich. Sie haben einen höhern Werth für Europa, als alle Schätze, welche man aus Amerika zu uns gebracht hat. Man schält die Kartoffeln, und ißt sie abgesotten mit Salz, oder kocht ein Mus, oder sonst ein Ge müse davon. Auch Pfann- oder Eierkuchen, Brod, ja sogar Torten kann man davon backen. Wir stimmen darum ganz ein in folgendes Kartoffellied von Claudius: Pasteten hin, Pasteten her, Was kümmern uns Pasteten!374 Die Schüssel hier ist auch nicht leer, Und schmeckt so gut, als aus dem Meer Die Austern und Lampreten. Und viel Pastet und Leckerbrod Verdirbt nur Blut und Magen. Die Köche kochen lauter Noch, Sie kochen uns viel eher tobt; Ihr Kinder, laßt euch sagen! Schön röthlich die Kartoffel sind Und weiß wie Alabaster; Verdau'n sich lieblich und geschwind Und sind für Mann und Frau und Kind Ein rechtes Magenpffaster. Kasten. Zur Aufbewahrung der Wäsche, der Kleider, des Silberzeugs, des Porzellans, des Geldes sind Schränke, Kästen nöthig. Es gibt daher Kleider-, Wäsch-, Porzellan-, Bücher-, Gewehr-, Schreib- und eine Menge anderer Kästen. Wenn man einen Kasten eröffnet, so übersieht man meist so gleich alles, was darin ist, und kann es also ohne lange zu suchen, herausnehmen. Daß sie der Tischler aus weichem oder hartem Holze macht, ist euch allen bekannt; auch das wisset ihr, daß an die Thüre ein Schloß zum Versperren kommt. Katze. Unser liebes Hauskätzchen, das sich so gern von uns streicheln läßt, hat gar grausame Vettern und Basen. Der Löwe, der Tiger, der Leopard, der Jaguar, der Luchs gehören alle zum Katzengeschlechte. Darüber muß man die Katze bedauern, indessen ist sie doch ein nützliches Thierchen, das sich aber mehr durch Anhänglichkeit an das Haus, als an die Herrschaft auszeichnet. Auch weiß man wohl, daß man vor ihr aufräumen muß. Ebenso möchte ich das Kätzchen nicht aufstellen, beim Speck und Braten Wache zu halten. O, man kennt sie schon, sie ist naschhaft. Die Kinder können etwas von der Katze lernen, das sie sehr beliebt machen würde. Es ist nämlich bekannt, daß die Katze, weit mehr als andere Thiere die Reinlichkeit liebt. Das sieht man besonders, wenn sie über die Straße geht; sorgfältig weicht sie jedem Unrathe, jedem Schmutz, jeder Pfütze aus. Wie, wenn das die Kinderchen auch so machen würden, wenn sie etwa in die Schule gehen oder von da zurück, überhaupt, wenn sie sich auf der Straße befinden! Das wäre aber schön! —Kind. Mietzchen, warum wäscht du dich Alle halbe Stunden? sprich! Katze. Weil es gar so häßlich steht, Wenn man nicht recht sauber geht; Köpfchen, Pfötchen, alles rein, Anders darf's bei 'mir nicht sein. Unser Mietzchen, hört' ich dann Stand in Ehren bei Jedermann; Sie ließen es gern in die Stube kommen, Und Habens wohl gar auf den Schoos genommen. Ich denke, das Waschen und das Putzen Hat ihm gebracht so großen Nutzen. Mit dem Hunde schließt die Katze selten Freundschaft; ja, das Kätzchen ist oft bitterböse auf ihn; stellt sich oft dem größ ten Hunde feindlich gegenüber und bleibt aber allemal Sieger. Einen solchen heftigen Streit zwischen Katze und Hund beschreibt der Dichter „Güll" gar schön. Er sagt: Merk auf mein Schätzchen, was ich weiß, Vom Schmunzelkätzchen und Bullenbeiß. Das Kätzlein sitzt vor dem Haus, und putzt sich die Augen aus; streicht dabei zierlich und zart ihren schönen weißen Bart, daß er sich nicht runzelt; so sitzt's da und schmunzelt. Kämmt auch nach der Mode ihre rosenfarbige Pfote, und ihr hüpfendes Schwänzlein tanzt dabei ein lustiges Tänzlein. Dann krümmt sie den Rücken und dreht sich, fängt Schnacken oder Mücken, versteht sich. Tappt auch mit dem Tätzchen und schnappt nach einem Spätzchen. Schnurrt, und surrt, wie einem Spinnmädchen sein Spinnrädcheu,376 ober rate einer Hummel ihr Gebrummel. So gemüthlich sitzt Auf dem Stein, und die Ohren spitzt sie oft und fein. Wie sie aber so gähnt, und sich so dehnt, kommt auf einmal aus dem Haus der Bullenbeiß heraus gesprungen raie ein Gaul mit einem entsetzlichen Maul, und blockt die Zähne zum Schaudern. Das Kätzlein sieht's und will nicht zandern, und will sich verstecken in einer Ecken. Aber der Bull fängt an zu bellen, daß ihr die Ohren gellen, daß ihr Hören und Sehen und alle Sinnen vergehen. Der Bullenbeiß schreit: Wu, rau! Das Kätzlein bleibt in Ruh. Er bellt nochmal: Wu, rau! Kätzlein sagt nichts dazu. Der Bullenbeiß schreit: Hoho! Kätzlein macht's wieder so. Der Bullenbeiß schreit: Hau, haut Das Kätzlein münzt: Miau! Und krümmt ihren Buckel wie eine borstige Suckel. Ihre Augen funkeln, wie zwei Kohlen im Dunkeln. Fängt auch mit Mund und Nasen fürchterlich an zu blasen. Nun hält sie bereit zum hitzigen Gefecht die Krallen, die spitzigen, und wie er wieder bellt, sitzt sie auf seinem Nacken und zwickt und zwackt und- krällt mit ihren scharfen Hacken. Und dem Bullenbeiß raird's so schwül und heiß,377 daß er nimmer weiß wo hinaus und wo heraus. Er schüttelt sich und rüttelt sich, nützt nichts. Und schnappt, er schnauft, und trappt; er lauft; nützt nichts. Denn das zornige Kätzlein schwingt noch immer sein Tätzlein. Hält ihn wacker fest beim Schopf und zaus't noch tapfer seinen Kopf. Bis er bittelt und bettelt, und endlich ganz demüthiglich wedelt mit seinem Schwanz. Da springt das Kätzlein herunter auf den Stein Und sagt: Jetzunder laß ich's sein. Hat auch weiter keinen Trutz, und macht sich wieder zurecht den Putz. Das Kätzlein schnurrt und surrt, Der Bullenbeiß murrt und knurrt, und denkt in seinem Sinn: „Da geh ich nimmer hin. Das Kätzlein hat scharfe Krallen, die haben mir nicht gefallen. Nun will ich sie nimmer anbellen, dann wird sie auch nimmer krällen." Jetzt kommt der Metzger heraus, und lacht ihn brav aus. Legt ihm einen Strick um sein Genick Und spannt ihn in's bretterne Haus. So geht die Geschichte aus. — Käfer. O, Käfer! die gibt es in Menge; und wenn auch viele dem Menschen großen Nutzen gewähren, so verursachen378 ihm aber auch gar viele von ihnen einen unberechenbaren Schaden. Es gibt: Raub-, Lauf-, Wasser-, Sonnen-, Her kules-, Hirsch-, Mai-, Brach-, Gold-, Leucht-, Blasen-, Blatt-, Borken-, Rüssel-, Erbsen-, Nuß-, Obst-, Nashorn-, Stier-, Roß-, Frühlings-, Bohr-, Mehl- u. a. Käfer, die die gelehrten Leute genau kennen und von einander zu unterscheiden wissen; indeß alle diese Kennzeichen sind zu spitzig für euch und vor derhand genug, wenn ihr die Namen behalten könnet. Käfig. Ihr wißt wohl, daß die Vögel im Käfig oder Vogelhäuschen eingesperrt werden. Besser wäre es freilich, man ließe den armen Schelmen ihre Freiheit; dann würde man sie aber selten, und manche Ausländer, wie z. B. die Ka narienvögel, denen unsere Winter zu kalt sind, gar nicht singen hören. Darum sucht man sie mit List in den Wäldern zu sangen, oder man nimmt ihnen die Jungen aus ihren Nestern; man zieht sie auf, und füttert sie mit Hanfsamen, Ameisen eiern und anderm guten Futter. In ihrem Käfig bringt man hölzerne Stäbchen an, daß sie bequem darauf sitzen und das Futter aus ihren kleinen Futtertrögen picken können. Auch am frischen Wasser darf man es nicht fehlen lassen. — Gewöhn lich werden die Käfige aus Draht geflochten; geschickte Knaben verfertigen sich aber auch selbst ihre Vogelhäuschen aus Holz. Allein wenn sie Meisen hineinsperren, so zerhacken diese mit ihrem starken Schnabel die hölzernen Stäbchen und stiegen davon. Darum sind Käsige von Draht besser. Käfe. Will man Käse machen, so wärmt man den Rahm über dem Feuer, und mischt etwas Lab, d. i. geronnene Milch aus dem vierten Magen eines Kalbes oder eines andern wiederkäuenden Thieres darunter, wovon sie sogleich zusammen geht. Das Wasser wird hierauf abgeseiht, die käsigen Theile aber werden schichtweise in cknen Korb gethan, wo das übrige Wasser abläuft. Jede Schicht wird besonders gesalzen. Den Tag daraus kommt die Käse aus dem Korb in eine Form, in der man ihn wohl preßt; am Ende trocknet man ihn in Käse körben. — Die besten Käse kommen aus Italien und aus der Schweiz. Habt ihr nie etwas gehört von Parmesan- und Em- menthaler-Käse? He, denkt ein Bischen nach! — Kerzen. Kerzen habt ihr schon genug gesehen; auch wißt ihr, daß man die Wachskerzen oder Wachslichter beim Wachszieher und die Talg- oder Unschlitt-Lichter beim Seifen-379 fteber kauft. Der Wachszieher macht die seinigen aus Wachs, die Lichtergießer oder Seifensieder aus gutem Rinds- und Schaf- Unschlitt, das man von dem Metzger kauft. Die Unschlittker zen werden theils getaucht, theils gegossen, und zwar in gläser nen oder zinnernen Formen. Der Wachszieher gießt seine Kerzen aus freier Hand. In der Mitte jeder Kerze ist der Docht, der aus Baumwollen- oder Leinen-Garn besteht. Kessel. Seine Bestimmung ist: Wasser darin heiß zu machen; Essen für eine große Menge Menschen, wie z. B. in einem Gasthause, Arbeitshause, Hospitale, zu kochen; Garn und Seife zu sieden u. s. w. Auch die Fleischer oder Metzger brauchen Kessel zum Wursten, die Färber zum Färben, die Branntweiner ihren Branntwein zu brennen. Gemeiniglich sind die Kessel von Kupfer und werden vom Kupferschmied aus Kupfer verfertiget. Werden Eßwaaren in dem Kessel ge kocht, so wird er inwendig mit feinem Zinn verzinnt, damit sich kein Rost ansetze, denn der Kupferrost, der sogenannte Grünspan, ist giftig. Kind. Kommt der Mensch zur Welt, so ist er noch ein gar armer, unbehülflicher Erdenwurm. Klein und nackt liegt er da, und begrüßt meistens mit lautem Gewimmer den ersten Lebensstrahl, der seinem Aeuglein so freundlich entgegen leuchtet. Er ist ganz an fremde Hilfe gewiesen. Die zärt liche Mutter aber gibt sich freundlich und mit unendlicher Liebe dem zappelnden, weinenden Geschöpfchen hin. Sie nimmt den kleinen Schlucker in ihre Arme auf, sie herzt und küßt ihn und pfteget sein mit großer Sorgfalt. Auch der Vater, wenn es seine Geschäfte erlauben, theilt sich mit herzinniger Freude in die Pstege des angekommenen, kleinen Hausgastes, nimmt ihn oft aus den Arm und wiegt und schaukelt ihn. Auch er sorgt und schafft früh und spät, damit dem kleinen, theuren Schlucker ja nicht das Mindeste gebricht. Das Kind wird nach und nach größer und stärker; es weiß noch nicht viel; muß erst etwas lernen; daher geht es in die Schule. Alle Menschen sind erst Kinder. — Hier will ich noch sagen wie die guten Kinder spielen und sich freuen sollen: Spielt und singet, hüpft und springet! doch denkt beim Genuß, daß die Freude, Kinder! heute sich auch enden muß. Spielt und singet, hüpft und springet! doch denkt auch daran,380 daß das Lärmen und das Schwärmen Keinen stören kann. Uebermüthig toll und wüthig müßt ihr niemals sein; Jeder schränke ohn' Gezänke seinen Willen ein. Auf und nieder, hin und wieder könnt' ihr lustig geh'n; doch auf Wege und auf Stege müßt ihr dabei seh'n. Laßt euch rathen! macht nie Schaden, was so leicht geschieht, wenn beim Spielen unter Vielen Kein's auf's And're sieht. Eintracht, Friede, Herzens güte leite euren Scherz; drücket Jeden, selbst die Blöden, froh an euer Herz. Kirschen. So — kennt ihr sie schon diese rothen (und schwarzen) Beerchen, diese süßen Früchte? Ja die süßen Kir schen sind euch lieb ; denn nicht umsonst heißt es vom Knaben: Wir speisen so gerne, die Vöglein und ich Die Kirsche, die Pflaume, Die hängen am Baume Die eine für sie, die andere für mich. Nun, ich wünsche euch einen ganzen Hut voll schwarze^ oder rother Kirschen, denn die sind euch lieber, als die saure Weichsel; nur muß ich bitten, die Steine, die harten, in welchen der Kern sitzt, nicht zu essen, sondern bei Seite zu legen, denn sie beschweren auf eine nachtheilige Weise den Magen. Wenn ihr aber genug geschmauset habt, so merket euch, daß der Kirsch baum in Europa einheimisch geworden ist, und daß sein Holz von den Tischlern theuer bezahlt wird. Kleider. Nun, darin kennen sich die Kinder schon frühe aus. Sie wissen schon, daß die Knaben Mützen, Hüte, Hals tücher, Sacktücher, Westen, Hosen, Strümpfe, Schuhe oder Stiefel, Spenser, Röcke oder Fräcke bedürfen. Manche tragen auch Mäntel, Handschuhe re. Die Mädchen brauchen das Meiste auch. Anstatt der Hosen, Westen und Fräcke, tragen sie Röckchen, Kleidchen, statt der Mützen gibt man ihnen Hauben. Denkende Kinder wissen alle Kleidungsstücke anzugeben, welche von Wolle, welche von Leder, welche von Baumwolle und welche von Flachs gemacht sind. Sie wissen, wer den Hut gemacht hat und wovon er gemacht ist; wer die Leinwand zu den Hemden verfertigt, wer das Leder zu Schuhen bereitet. — Kinder: „Kleider kosten Geld und Müh'! D'rum, ihr Kinder, schonet sie." —381 Kleid der Blumen» Liebe Rosa! Nimm doch ein mal einen Lilienstengel in die Hand, und betrachte das reine Weiß dieser Himmelsblume, oder betrachte das zarte Roth der Rose, und das dunkle Blau der Kornblume! Was haben diese vergänglichen Gewächse für ein prächtiges Kleid an! Spricht doch der Mund des Herrn selbst: „Ich sage euch, daß auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist, als derselben eine." Der König Salomon aber war größer mit Reichthum und Weisheit als alle Könige auf Erden. Zu seinen Zeiten war des Silbers zu Jerusalem so viel als die Steine. Alle Gefäße, aus denen Salomon aß und trank, waren von Gold, und seine Soldaten hatten gol dene Schilde. Mit welcher Pracht mag dieser König bekleidet gewesen sein! Wie mag sein königlicher Schmuck gestrahlt haben, von Purpur, Gold und Edelsteinen! Und doch war er nicht so schön angethan, als eine Lilie oder ein anderes Blümlein, das am Morgen aufblüht, und am Abend abfällt. Von einem solchen Blümlein sagt daher ein alter Dichter Fr. Spee: Da gunnt' es lieblich blicken, und gab so süßen Ruch; ein'n Kranken möchlls erquicken, so läg' im letzten Zug. Ein Lüftlein lind von Athem rührt an das Blümelein, da schwebt's als an ei'm Faden gebund'nes Vögelein. Um dich die Bienlein brommen, und Honig sammeln ein, zu saugen sie da kommen die weichen Wänglein dein. Die Menschenkind ingleichen mit Lust dich schauen an. All Schönheit muß dir weichen, spricht wahrlich jedermann. Nun denke weiter, wenn der Herr, unser Gott, die ver gänglichen Blumen also kleidet, wie schön und prächtig muß Er, der große Gott selber geschmückt sein, daß wir wohl fragen dürfen: Seele, was ist Schöneres wohl, als der große Gott? Derselbe alte Dichter redet davon gar lieblich, wie wir382 aus der Schönheit der Geschöpfe schließen können, daß der Schöpfer noch viel tausendmal schöner sein müsse. Er sagt unter anderm: In Gärten, merk' ich eben, die schönen Blümelein, wie freudig sie da schweben, wenn Wind nur spielt hinein. O frohe Gartenjugend! O frisch und zartes Blut! Ohn' Zahl hast Färb und Tugend, wers denkt in stillem Muth. O Mensch, bedenk im Herzen dein, wie wunder muß der Schöpfer sein! Wie werd't ihr denn gemalet, ihr Blümlein tausendfalt, weil alles ihr doch holet aus schwarzer Erden kalt? All Saft und Kraft und Wesen ihr nehmt von schlechter Erd, und doch, wer euch geht lesen, nicht Zierlichers begehrt. O Mensch, bedenk im Herzen dein, wie wunder muß der Schöpfer sein! Nun, liebe Rosa! wenn Du eine Lilie oder eine Rose be trachtest, und Dich an dem wundersamen Kleide und dem süßen Gerüche derselben erfreust, so bedenke auch Du still in Deinem Herzen, wie wunderbar D e r sein müsse, welcher diese Blumen mit einem so reinen Weiß und einem so lieblichen Roth ge schmückt hat. Lebe wohl! Kleidung. Zu den nothwendigsten Bedürfnissen des Menschen gehört die Kleidung. Ohne sie würde er im Win ter bald der Kälte unterliegen, Regen und Wind würden seiner Gesundheit schaden und die Hitze des Sommers müßte ihm an einzelnen Theilen seines Körpers sehr empfindlich sein. Auch der Anstand und die Schamhaftigkeit verlangen, daß der Mensch den Körper mit Kleidungsstücken bedeckt. Sie werden aus verschiedenen Stoffen verfertigt, die uns das Thier- und Pflan zenreich liefern. So geben uns Rinder und Schafe ihr Fell zu Leder, aus welchem Schuhe verfertigt werden. Der Mar der, der Fuchs und mehrere andere Thiere geben uns den Pelz zu Handschuhen. Die Seidenraupen spinnen sich in Cocons ein, welche aus gar feinen Fäden bestehen, die zu Seidenzeugen verarbeitet werden. Das Schaf gibt die Wolle her, aus welcher eine Menge verschiedener Tücher gewoben werden, die alle treff lichen Stoff zu warmer Kleidung liefern. Aus dem Pflan- zenreiche ist es besonders der Flachs, welcher zu Garn ver sponnen wird, aus dem man Leinwand webt. Auch die Baum-383 wollenstaude hat in Kapseln eine weiße Wolle, die ebenfalls zu Garn gesponnen wird, aus dem man vielerlei feine Zeuge (Kattun) macht. Millionen Menschen nähren sich durch die Verfertigung der Kleider, namentlich Weber, Schneider, Schuhmacher, Tuch macher und Tuchscherer. Erstere sind es, die aus dem Garne auf Webstühlen verschiedene Zeuge, z. B. Leinwand, Zwillich, Drillich, Kattun und dergl. verfertigen. Der Schneider macht Röcke, Westen, Beinkleider u. s. w. Der Schuhmacher ver fertigt Stiefel, Pantoffel und Schuhe. Noch andere Hand werker, welche sich mit Verfertigung einzelner Kleidungsstücke beschäftigen, sind der Handschuhmacher, der Strumpfwirker und der Hutmacher. Die Kleidung hat einen großen Einfluß auf die Ge sundheit des Menschen und empsiehlt auch bei Andern. Soll sie Letzteres thun, so muß sie von allem Schmutze frei, d. h. reinlich sein. Mit einem Menschen, dessen Kleider unreinlich sind, wird Niemand gerne umgehen wollen. Auch zerrissene Kleider sind oft ein Zeichen von Nachlässigkeit. Wollen wir daher, daß Andere sich nicht vor uns eckeln und gerne mit uns umgehen, so müssen wir alle unsere Kleidungsstücke stets rein und möglichst ganz erhalten. Enge Beinkleider, Röcke oder Westen pressen den Körper zusammen, hindern das freie Athemholen und sind deßhalb der Gesundheit nachtheilig. Zu weite Kleider sehen auch nicht gut aus und erfordern mehr Zeug. Deßhalb sehe man darauf, daß sie weder zu weit, noch zu enge sind. — Kleidungsstücke kosten immer viel Geld, und derjenige handelt daher thöricht, der noch mehr auf sie ver wendet, als eigentlich nothwendig ist. Wer jede Mode mit machen will, stets das feinste Tuch zu seinem Rocke kauft oder sich immer in Seide kleiden wollte, würde viel Geld verschwen den und bald in Armuth gerathen. Da die Witterung bei uns sehr verschieden ist, so muß man sich auch mit der Kleidung darnach einrichten. Ist es warm, so kleidet man sich leichter, als wenn es kalt ist. — Sollte es jedoch im Sommer sehr kühl sein, so muß man seine Sommerkleidung ablegen und sich der Witterung gemäß anziehen, wenn man nicht der Gesundheit schaden will. Kletterpflanzen. Lieber Gustav! Du wirst in Deinem Garten mancherlei Pflanzen haben, und wirst Dich an den weißen, rothen, blauen, gelben Blumen ergötzen. Aber kaum384 wirst Du wissen, daß in Deinem -Garten Pflanzen wachsen, welche einen Wickelschwanz haben. Das will ich Dir sagen. Es gibt Affen, welche wie die Katzen einen langen Schwanz haben. Diesen Schwanz können sie um einen Baumast Herum wickeln und sich damit festhalten, wie mit einer Hand, und deß- wegen nennt man ihn einen Wickelschwanz. Du hast doch schon eine Erbse und eine Wicke gesehen? Beide Pflanzen haben einen so . dünnen Stengel, daß sie sich nicht aufrichten können, wenn Du ihnen nicht einen Stock gibst. An diesen Stock halten sie sich an, wie wir uns mit einer Hand anhalten, und klettern an ihm in die Höhe, und man nennt sie darum Kletterpflanzen. Aber womit halten sie sich denn an? Betrachte eine Erbse, so wirst Du an ihr grüne Fäden bemerken, welche hie und da aus dem Stengel hervor wachsen. Diese grünen Fäden nennt man Ranken. Die Erbse schlingt sich wie ein Wickelschwänzchen um Deinen Stock und hält sich damit an ihm fest. Solche wunderbare Ranken haben auch die Wicken und alle kletternden Pflanzen. Du kannst Dir leicht das Vergnügen machen, und sehen, wie eine spanische Wicke mit ihrem Wickelschwänzchen nach einer Stange langt, und sich daran festhält. Es sind noch andere Pflanzen in Deinem Garten, welche einen so langen und dünnen Stengel haben, oaß sie sich ohne eine Stange nicht aufrichten können. Ich meine die Bohne und den Hopfen. Diese aber haben keine Ranken, sondern sie schlingen sich wie eine dünne Schlange um die Stange herum, so daß sie kein Sturm herunterreißen kann. Dabei sind sie aber so eigensinnig, daß sich die Bohne nur rechts, der Hopfen nur links um die Stange windet. Zu diesen Windcnpslan- z e n gehört auch die weiße und blaue Winde, welche sich mit ihrem dünnen Stengel um Sträucher und Bäume herumwinden. Nun, lieber Gustav, Du kannst daraus sehen, wie der gütige Schöpfer auch für eine Erbse und eine Bohne auf das lieb reichste gesorgt hat. Lebe wohl! Kttttbc. Er ist muthig, spielt gerne mit — allerlei Spielsachen, wie mit dem Balle, liebt Stecken- und Wiegen pferde, Xcvnt auch gerne, folgt gern rc. Er ist die Freude der Eltern. — Will sehen, was ich weiß vom Büblein ans dem Eis.Gefroren hat es Heuer noch gar kein festes Eis. Büblein geht auf den Weiher, und spricht so zu sich leis: Ich will es einmal wagen, Das Eis, es muß doch tragen 385 wer Beiß? Das Büblein stampft und hacket mit seinem Stiefelein. Das Eis auf einmal knacket, und krach! da brichts hinein. Das Büblein platscht und krabbelt als wie ein Krebs, und zappelt O helft, ich muß versinken in lauter Eis und Schnee! O helft, ich muß ertrinken im tiefen, tiefen See! Wär' nicht ein Mann gekommen, der sich ein Herz genommen, Der packt es bei dem Schopfe, und zieht es dann heraus, Vom Fuße bis zum Kopfe wie eine Wasfermaus. Das Büblein hat getropfet, Der Vater hat's geklopfet Höret hier noch ein Geschichtchen von einem Knaben, der aber nicht ganz brav war. Es ist betitelt: „Der Ruhestörer." Ein Knabe machte sich den schlechten Spaß, des Abends viele Leute zu erschrecken, Wo Jemand still in seinem Zimmer saß, da schlug er an den Laden mit dem Stecken. Wo eine Klingel sich am Hause fand, da schlich er sich behutsam an die Schwelle, und die verwegene Spitzbubenhand riß dann zwei dreimal an dem Draht der Schelle. Kinder - Conversations - Lexikon. 25 und schreit: o weh! zu Haus.386 Das trieb er eine Zeit lang unentdeckt, er wußte raschen Laufes zu entrinnen. Jedoch ein Weib, das er schon oft erschreckt, begann auf Rache gegen ihn zu sinnen. An einem Abende, als sie gedacht, der böse Bube werde wieder kommen, stand sie am obern Fenster auf der Wacht, und hatte einen Tops mit sich genommen. Der Bube kommt, schleicht leise an das Haus, und streckt die Hand schon nach der Klingel; da leert die Frau den Topf voll Mistpfnhl aus, und naß und stinkend flieht der kleine Schlingel. Auf solche Weise — ähnlich oder gleich - sind böse Buben immer weggekommen; es hat doch jeder böse Bubenstreich zuletzt ein stinkend Ende noch genommen. Den braven Knaben will ich hier auch noch etwas zum Rathen geben. Ein Knabe sah ein seltsam Ding, das vorne bald, bald hinten ging, war schwärzlich oder dunkelgrau, gleich an Gestalt ihm ganz genau. Wenn er an einem Hause stand, sah er den Grauen an der Wand. Ging er auf freiem Weg dahin, begleitete der Graue ihn. Erst mit Verdruß, zuletzt mit Zorn sah er ihn neben, hinten, vorn. Am meisten hat ihn ausgebracht, daß er ihm alles nachgemachl. Wenn er Hand oder Fuß bewegt, der Graue ebenso sich regt, und wenn er plötzlich stille steht, der Graue auch nicht weiter geht. Das wird dem Knaben doch zu toll. „Wie?" denkt er: „dieser Bursche soll387 mich necken, wo ich geh' und steh'? wart' nur, dem thu' ich tüchtig weh!" Zu einem Fußtritt holt er aus: der Graue ist ihm schon voraus. Er schlägt nach ihm in wilder Wuth, das nämliche der Graue thut. Er läuft ihm nach im blinden Zorn: der Graue bleibt doch immer vorn. Er dreht sich um in seinem Grimm: der Graue ist dicht hinter ihm. Und was er thut, und was er treibt, der Graue immer bei ihm bleibt. Er schlägt, er läuft, er geht gemach, der Graue macht ihm alles nach. Am Ende lacht der Knabe bloß; den Grauen wird er doch nicht los. Ihr sagt: Das ist doch sonderbar! sagt nun auch, wer der Graue war! Mpnigssee, Nicht weit von Berchtesgaden, wo der -allgeliebte König Max, der Vater unsers jetzt regierenden Königs Ludwig II., ein prächtiges Jagdschloß besaß, in den Salz burger Alpen liegt der Königs see. Schroffe Felsenwände umgeben ihn, am Fuße mit Tannen besetzt, die schwindelnden Höhen mit Wolken gekrönt. Zwischen ihnen breitet der See eine dunkelgrüne Ebene aus, und nimmt in seinem Spiegel das Bild der gewaltigen Umgebungen auf, an denen hie und da zarte Bäche niederrauschen. Nur an wenigen Stellen schließen sich diese ewigen Mauern auf, und gönnen den Blicken, in rasenbekleidete Schluchten einzudringen. In der Mitte des Sees liegt ein kleines Eiland, und auf ihm eine Kapelle, dem hl. Bartholomäus geweiht, und ein Jagdschloß, alles mit schat tigen Bäumen umgeben, so daß das Ganze einem Haine gleicht. In dieser schauerlichen Gebirgswelt hausen namentlich gern die Lämmergeier, und die dortigen Bewohner erzählen, daß die Thiere wohl bisweilen zur Brütezeit kleine, unbewachte Kinder geraubt hätten, um sie ihren Jungen zu bringen, auch sehe man sie bisweilen mit einem Zicklein oder Lamm über den See hinzieh'n, wo es dann wohl geschehe, weil sie, von ihrer388 Last beschwert, nicht hoch genug aufsteigen können, daß die Kugeln der Jäger sie erreichten, und von solchen waren die Bilder auf dem Jagdschlösse zu sehen. Auch erzählen sie, ein dreister Hirtenknabe habe einmal versucht, ein Felsenhorn zu erklimmen, auf dem ein solcher Geier horstete. Er habe auch das Nest erreicht und hineingesehen, und zwei junge Geier hätten darin gesessen, und Aetzung erwartend die Schnäbel weit aufgerissen. Einen davon habe er ergriffen, und dieser habe ein durchdringendes Geschrei ausgestoßen. In diesem Augen blicke vernahm er auch von fern das antwortende Schreien der Alten, die ihren Jungen zu Hilfe eilten; und kaum hatte er Zeit gehabt, an der steilen Felsenwand hinabzugleiten, als er die ergrimmten Thiere schon über sich sah. Sie würden ihu zerrissen haben, hätte er sich nicht in unbeschreiblicher Angst in eine der Halden gestürzt, welche im Sommer wie im Winter mit Schnee angefüllt sind. Schnell vergrub er sich in den Schnee, so tief er nur konnte, und lag und lauschte in seiner Verborgenheit. Die Gefahr ging vorüber. Lange aber hörte er noch das Geschrei der furchtbaren Thiere und ihren zürnen den Flügelschlag, als sie, gleichsam unwillig über verfehlte Rache, zu ihrem Felsenneste zurückkehrten. Koffer. Wenn man aus längere Zeit eine Reise unter nimmt, so muß man begreistich Wäsche und Kleider mitnehmen, damit man sich umkleiden und anständig vor der Welt erscheinen kann. Darum versieht man sich mit einem guten Reisekoffer, packt alles fest und gut hinein, verschließt ihn wohl und läßt ihn hinten am Wagen aufschnallen, oder noch besser vorn auf den Wagen anschrauben, wo ihn nicht so leicht Diebe abschnei den können, denn es ist nichts seltenes, daß den Reisenden ihre Koffer von dem Wagen abgeschuitten werden! — Der Sattler macht die Koffer. Er läßt die Kästen vom Schreiner Herrich ten, überzieht sie mit Öeber oder Seehundhäuten, und läßt sie von dem Schmiede gut mit Eisen beschlagen und vom Schlosser entweder ein Marktschloß oder ein haltbares Schloß daran machen; dann zahlt man ihm aber auch 18 bis 20 Mark dafür. Komet. Kometen oder Schweifsterne heißen diejenigen stch bewegenden Sterne, welche von andern Sternen durch einen von der Sonne abgekehrten, feurigen Schweif sich unter scheiden. Das will ich euch, meine Kinder, auch noch sagen, daß die Kometen, wenn .sie erscheinen, anfangs klein aussehen389 und erst nach und nach an Größe, so wie an Geschwindigkeit der Bewegung zunehmen. Sie, die Kometen, haben ihre eigene Laufbahn, in welcher sie einmal der Sonne sehr nahe kommen, und sich hernach weit von ihr entfernen; aus dieser Ursache werden sie uns nur selten sichtbar. Denkt euch, Kinder, es gibt gelehrte Männer, man nennt sie Astronomen, die können sogar ausrechnen, wenn ein Komet wieder erscheint. Den Abergläubischen ist der Komet ein Bote von baldigem Kriege oder Hungersnöthen; uns sei er ein Herold der Herrlichkeit Gottes, der ihn so wunderbar gemacht und ihm eine so große Laufbahn vorgeschrieben hat. Kommod. Kommod heißt so viel als bequem. Eine Kommode ist daher ein bequemer Behälter mit Schubladen ver sehen. Der Tischler macht ihn aus Eichenholz, Kirschbaum, Nußbaum. Auch Tannenholz ist gut dazu, das man dann ganz dünn mit Nußbaum oder andern edlen Hölzern, die einen hübschen Glanz und eine angenehme Farbe haben, überzieht. Die Kunstschreiner verstehen das trefflich. Man verwahrt in der Kommode Wäsche und Kleidungsstücke und damit Niemand, als der Eigenthümer dazu kommen könne, läßt man ein Schloß an jede Schublade machen, verschließt sie sorgfältig und steckt den Schlüssel zu sich. KorrftantLnopek. Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches und Residenz des Großherrn (Sultan), mit 88,000 Häusern und über 1,075,000 Einwohnern, liegt am westlichen Gestade und südlichen Ende des Bosporus, welcher hier eine halbe Stunde breit ist und an der Nordseite der Stadt einen der schönsten Häfen der Welt bildet. Die Stadt, die auf sieben Hügeln liegt unc> sich amphitheateralisch erhebt, wetteifert in der Schönheit der Lage mit Neapel und Lissabon, und bietet, be sonders wenn man sie vom Marmora-Meere aus gewahrt, einen imposanten Anblick dar durch die zahlreichen Kuppeln ihrer Moscheen und die Minarets mit ihren vergoldeten Knöpfen und Halbmonden. Das Innere steht indeß hiermit meistens im grellsten Widerspruche. Die Straßen sind sehr eng, krumm und schmutzig, auch größtentheils ungepstastert, höchst uneben mit elenden Hütten neben großen Palästen, Moscheen und Hospitälern; das größte Menschengewühl in einzelnen Stadt- theilen, z. B. am Hafen, und öde Plätze, wo Räuber und herrenlose Hunde den Wanderer überfallen.390 Ein Reisender, der vor einigen Jahren nach Konstantino pel kam, schilderte dasselbe so: „Wir traten in die Stadt. Die Gassen sind widrig, Häuser haben einen leichten unsichern Bau. Das Pflaster ist ebenfalls abscheulich und die Gassen sind so eng, daß manch mal nur mit Mühe drei Personen darin neben einander gehen können; und dabei sind sie noch bevölkerter, als die Straßen jeder andern europäischen Hauptstadt. Die lebhafteste Einbil dungskraft eines Europäers, der noch keine asiatische Stadt gesehen hat, vermag nicht, sich eine Vorstellung davon zu machen. Was mir zuerst auffiel, war die Mannigfaltigkeit und die Weite der Trachten. Man lehrte mich den Rang und die Nationalität der Leute, die mir begegneten, nach ihrem Kopfputz und ihrer Fußbekleidung zu erkennen. Die Muha- medaner tragen gelbe, die Rajas (christliche Uuterthanen der Pforte) rothe und die Inden blaue Stiefeln. Ein ähnlicher Unterschied findet bei den Häusern Statt. Die öffentlichen Ge bäude und die, welche dem Sultan gehören, sind weiß, die der Emire grün und die der andern Türken roth; die Häuser der Rajahs und der andern Uuterthanen endlich grau angestrichen. Die Hunde, welche mir bei jedem Schritte haufenweise begeg neten, waren mir eine widerwärtige Erscheinung; ihre Race ist häßlich, der Gestalt und Farbe nach gleichen sie dem Fuchse oder dem Wolfe. Sie leben in den Gassen ohne Herren, ganz wild und vermehren sich auf eine beängstigende Weise; doch hat man kein Beispiel, daß die Tollwuth unter ihnen geherrscht habe. Auf die engen Gassen folgen von Zeit zu Zeit unregel mäßige Plätze, die mit Bäumen besetzt sind. Je mehr ich vor wärts kam, desto außerordentlicher erschien mir das Leben uni)- die Bewegung. Ueberall sieht man Buden. Hier werden Sor bets oder Backwerk im Schatten einer Plantage verkauft: dort sitzt mit gekreuzten Beinen ein Steinschneider auf seinem Tische, arbeitet, raucht seine türkische Pfeife und bietet seine wunder lichen Rmge und gestochenen Steine den Käufern an. Etwas weiter legt ein Pfeifenhändler seine vergoldeten Köpfe, seine Mundstücke von Bernstein und Porzellanmasse aus; neben ihm verkauft ein Kupferschmied die sonderbarsten Geräthe. Darauf kommt man an einen Kaufmann, der Shawls (Schahl), orien talische Stoffe und alte Kleider hat, und zu einem halbnackten Gärtner, der auf seinen Schultern eine bogenförmige Stange trägt, an deren beiden Enden Körbe mit Küchengewächsen hängen. Im Anschauen dieses Wirrwarrs wird man plötzlich391 fast umgeworfen durch den breiten Kasten eines Citronenhänd- lers, zugleich aber ertönt ein klägliches Schreien: es ist ein Verpesteter, den ein Lastträger in das Spital schleppt. Man stellt sich mit Entsetzen auf die Seite, und kaum hat man sich von diesem Schrecken erholt, so läuft man schon wieder Ge fahr, in die Rinne geworfen zu werden, die mitten in der Gasse fließt; denn es kommt eine ganze Rotte Esel, die so mit Bauholz beladen sind, daß sie fast die ganze Breite des Raumes einnehmen. Gleich nach ihnen folgen Reiter; dann kommen wieder Kotschis und Arabas, zwei Arten höchst seltsamer, mit Mousselin bedeckter Kutschen, die man gewöhnlich für Frauen zimmer gebraucht, und die theils von Pferden, theils von Ochsen gezogen werden. Mit einem Wort: die Straßen wimmeln von Menschen und Thieren der verschiedensten Art; namentlich sieht man auch viele Bettler mit zerlumpten Turbanen und Kaftanen, viele Blinde und Aussätzige." Konstantinopel, von einer dreifachen Mauer umgeben, mit 28 Thoren, hat gegen 6 Stunden im Umkreise und besteht aus der eigentlichen Stadt und 18 Vorstädten. In der eigent lichen Stadt befindet sich das von dem Sultan und dem ganzen Hofstaat bewohnte Serail, von 2 Stunden im Umfange und von etwa 12,000 Menschen bewohnt; denn es ist nicht etwa ein einzelnes Schloß, sondern ein aus einzelnen Palästen, Rüstkammern, Bädern, Gärten, Cppressenhainen re. bestehendes, und von einer starken Mauer umgebenes Stadtviertel." Korallen. Sohn. Was sind denn das für kleine rothe Kügelchen und länglicht runde Steinchen, die verschiedene Frauenspersonen am Halse tragen? Vater. Das sind keine Steinchen, sondern Korallen, die von steinartigen Bäumchen kommen, die in verschiedenen Meeren an Felsen, Klippen, auf Schnecken und Muscheln und vielen andern im Meere liegenden Steinen und Körpern fest sitzen. Sie haben abgestumpfte Zweige, aber keine Blätter, und kommen von gewissen kleinen Meerthierchen, die darin leben und wohnen, und sich dies Haus eben so allmälig bauen und vergrößern, wie sich die Schnecken und Muscheln ihre Häuser zu bauen pflegen. Es gibt rothe, schwarze und weiße Korallen. Halsbänder, Rosenkränze, Kügelchen, Knöpfe und viele andere Dinge drechselt man aus den Korallen. Korkholz. Sohn. Nicht wahr, lieber Vater! es gibt392 irgendwo einen Banm, aus dessen Rinde man Kork macht, womit man Krüge und Flaschen zustopft? Vater. Ja, mein Sohn! der Baum heißt Korkbaum oder Pantoffelholzbaum, und ist eine Art Eiche, die in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich wächst. Die Rinde ist 1 — 4 Finger dick, und wächst alle zwei Jahre wieder, wo sie weggeschnitten wird. Gewöhnlich wird die Korkrinde zu Flaschenstöpseln gebraucht, weil sie sich genau in die Oeffnung der Gefäße schmiegt und dieselben gegen die äußere Luft sehr gut verschließt. Da der Kork leichter ist, als das Wasser, so kann mau daraus eine Art Schwimmkleid verfertigen, das den Körper schwimmend über dem Wasser erhält. Man verfertigt auch Sohlen in Schuhe und Pantoffel daraus, woher der Name Pantoffelholz kommt. Korn. Das Korn gehört zu den Gewächsen, welche man Gräser nennt. Es treibt einen laugen, dünnen Halm mit einer Aehre, in welcher vier Reihen Körner stecken. Wenn es reif wird, bekommt es eine weißgelbe Farbe. Dieses geschieht im August zur Zeit der Ernte. Da kommen die Schnitter, schneiden es mit Sicheln ab und breiten es auf dem Felde aus, damit die unreifen Körner gar reif werden können. Darauf bindet man es in Garben wieder auf, breitet das Korn auf der Dreschtenne aus, und schlägt so lange mit dem Dresch- ffegel darauf, bis alle Körner aus den Aehren herausgesprungeu find. Sodann kehrt man alles ausgedroschene Getreide auf einen Haufen, schüttet es auf eine Handmühle (Windmühle) und reinigt es von Staub, Spreu und anderm Unrath. Zu letzt füllt man es in Säcke, oder schüttet es auf den Kornboden. Von da bekommt es der Müller, welcher es in der Mühle zu Mehl mahlt. Das Mehl bekommt der Bäcker, der Bäcker schüttet es in den Backtrog, gießt lauwarmes Wasser daran und knetet es in einer warmen Stube zu Teig. Damit aber das Brod nicht matzig wird, knetet man etwas Sauerteig dar unter; der macht, daß der Teig im Backtrog auseinandergeht und aufschwillt. Wenn der Teig auf diese Weise gehörig ge gangen ist, werden daraus Brodlaibe geformt. Nun heizt man den Backofen, räumt, wenn er ganz heiß ist, die glühenden Kohlen heraus, und schießt ein, d. i. man schiebt den Teig in den heißen Backofen, und nimmt, wenn das Brod ganz aus-393 gebacken ist, die Laibe wieder heraus, die lassen sich Arme und Reiche wohl schmecken. Merke: Der Bauer könnte nicht ernten und dreschen, der Müller nicht mahlen, der Bäcker nicht backen, und wir nicht essen, wenn der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden das Korn nicht wachsen ließe und behütete. Er ist es, der die junge, zarte Saat im Winter mit Schnee zudeckt, damit sie nicht erfriert; Er ist es, der im Frühling zu seiner^Zeit Thau, Regen und Sonnenschein gibt, damit die junge Saat wachsen und gedeihen kann; Er ist es, der sie vor Hagel und Brand behütet. Thäte er dieses nicht, so bliebe uns kein Körnlein übrig. So ist denn Gott Alles, der Bauer, Müller und Bäcker aber ist nichts. Wenn denn die Leute das nicht glauben wollen, und meinen, wenn sie nur dreschen, mahlen und backen, da müsse man Brod haben, so schickt der allmächtige Göttin seinem heiligen Zorn einen recht kalten Winter, daß die junge Saat erfriert, oder er schickt zu viel Regen, daß sie ersäuft oder zu viel Sonne, daß sie verbrennt. Da kommt dann eine Theuer- ung, daß die armen Kindlein nach Brod schreien und ist keines da, und wenn eines da ist, so muß man es theuer bezahlen und wird am Ende doch nicht satt davon. Da kann man es dann mit Händen greisen, daß alles Dreschen, Mahlen und Backen umsonst ist, wenn Gott der Herr nicht seine milde Hand aufthut, und uns das Brod aus der Erde wachsen läßt. Darum bitten wir ihn täglich im Vater Unser: „Gib uns unser täglich Brod." Kornblume. Wenn auch die Kornblume, sie mag nun blau, weiß oder roth sein, im Getreide als Unkraut wächst, so kann man doch nicht böse auf sie sein; denn wie sehr erfreuen ihre Hellen, schönen Farben; wie freundlich beschenken sie die muntern Bienen mit Honig, damit sie nicht hungern, sondern sich reichlich sättigen und den Ueberfluß heimtragen in ihr stilles Haus. Die Kornblume ist das Bild der Anspruchs losigkeit, der kindlichen Einfalt und heiliger, frommer Freude. O Kinder, seid einfach, wie die Kornblume; ihr traget dann einen Himmel im Gemüthe. Ehr. Schmid sagt von der Korn blume: Schön schmückt ihr Feld und Garben Und jedes Schnitters Hut Mit herrlich blauen Farben, Mit Farben, roth wie Glut!394 Wie kommt's? — der Landmann streuet Ja nur den Walzen aus, Und jährlich doch erfreuet Ihn euer Blumenstrauß. O lieben Menschen denket Auf's Gute nur allein — Des Lebensfreude schenket Dann Gott euch obendrein. Kranich. Es gibt Vögel, welche ungewöhnlich lange Beine, lange dünne Hälse und spitzige Schnäbel haben. Von den langen Beinen, auf welchen sie wie auf Stelzen gehen, nennt man sie Stelzvögel. Da sie von Fischen, Fröschen, Schlangen, Eidechsen und andern Wasserthieren leben, so können sie die langen Beine und den langen Hals sehr wohl brauchen. Mit den Stelzfüßen waten sie, ohne naß zu werden, in den Bächen, Weihern und Sümpfen herum, und mit dem langen Hals und dem spitzigen Schnabel holen sie die Fische, Frösche, Schlangen und Eidechsen bequem aus dem Wasser heraus, oder heben sie vom Boden auf. Davon, daß sie sich ihre Nahrung in Sümpfen suchen, und sich nirgends lieber als in Sümpfen aufhalten, nennt man sie auch Sumpfvögel. Ein solcher Sumpfvogel ist der Kranich. Er kommt zu uns im März, macht fein Nest in Sümpfe, und vertheidigt es gegen Menschen und Thiere. Ehe die Kraniche im Oktober fortziehen, versammeln sie sich zu Hunderten auf Wiesen. Auf der Reise fliegen sie immer in zwei Reihen, welche vorn in eine Spitze zusammenlaufen. An der Spitze fliegt ein starker Vogel, der nach einiger Zeit von einem andern abgelös't wird. Bisweilen schicken sie einen kleinen Haufen voraus, der sich nach einem geeigneten Ruheplatz Umsehen muß. Sie machen aber ihre Reise nur bei Nacht, sowohl wenn der Mond scheint, als auch wenn es ganz finster ist, und fliegen dann so hoch, daß man sie wohl ihr „gorr" schreien hört, aber sie selbst nicht sieht. Kommt ihnen auf ihrem nächtlichen Fluge etwas Besonderes, z. B. eine Feuersbrunst zu Gesicht, so machen sie Halt, lassen sich herab, umfliegen das brennende Haus unter furchtbarem Geschrei, und ziehen dann erst weiter. Bei Tag ruhen sie in einem Sumpf aus, und stellen Wachen aus, welche eine Gefahr durch ihr Geschrei schweigen müssen. In alter Zeit hat man geglaubt, diese Schildwachen ständen nur auf dem395 rechten Fuß, und nehmen, um sich wach zu erhalten, in den linken einen Stein. Von Ferne sieht ein solches Kranichlager einem Heer Menschen nicht unähnlich. Schon daraus steht man, daß der Kranich ein sehr kluger Vogel ist, man sieht das aber noch vielmehr aus folgender Geschichte. Jemand bekam einmal ein Paar junge Kraniche, ein Männchen und ein Weibchen, und ließ sie mit Fröschen und Brod auffüttern. Als sie im September ziemlich ausgewachsen waren, that man sie zu dem andern Geflügel auf den Hof. Die Hühner liefen anfangs vor diesen langbeinigen Gästen davon, doch verschwand ihre Furcht nach und nach, und die Kraniche lebten mit ihnen vertraulich zusammen. Sie waren bereits so zahm geworden, daß sie auf einen Ruf herbeikamen, und das Brod und das Fleisch aus der Hand fraßen; auch fingen sie sich Sperlinge, Goldammern und Mäuse, zerhackten dieselben mit dem Schnabel und verschluckten sie dann. Nach Roßkäfern und Fliegen schnappten sie sehr geschickt, und bohrten wohl auch mit dem Schnabel in die Erde nach Regenwürmern. Mit dem Hunde wurden sie so vertraut, daß sie mit ihm aus einer Schüssel fraßen. Zuletzt spazierten sie im ganzen Dorfe herum und merkten sich die Häuser, wo sie etwas bekommen hatten, sehr wohl. Ihren Herrn lernten sie bald genau kennen, kamen zu ihm in das Zimmer, und begleiteten ihn auf seinen Spaziergängen, indem sie bald flogen, bald liefen. Manchmal blieben sie einen halben Tag aus, kehrten aber des Abends wieder nach Hause zurück, selbst dann, als sich ihre Kameraden auf die Reise machten, und sie aufforderten, mit ihnen fortzu ziehen. Endlich wurde das Weibchen von einem muthwilligen Buben erschlagen. Darüber war das Männchen außer sich, und wollte das todte Weibchen wieder aufrichten, und als man dasselbe wegnahm, durchsuchte es alle Winkel des Hauses, ver barg sich sogar einige Tage vor Betrübniß, und blieb den ganzen Winter traurig. Erst gegen das Frühjahr vergaß der Stelz fuß sein Weibchen, und wählte sich den Heerdochsen zum Freunde. Er besuchte nun seinen neuen Freund im Stalle, jagte ihm die Fliegen fort, gab ihm Antwort, wenn er brüllte, und suchte ihn zu besänftigen, wenn er zornig war. Er begleitete seinen Freund auch auf die Weide, trabte einige Schritte hinter ihm her, tanzte und sprang um ihn herum, und machte ihm aller hand Komplimente. Auf der Weide machte er den Hirtenhund, trieb die Kühe mit Schnabelhieben zusammen und erschreckte sie durch sein396 Geschrei. Das kleine Vieh holte er eines Abends ganz allein vom Felde und trieb es in den Stall. Er hielt auch vor an gespannten Pferden Wache; wollten sie nicht stehen bleiben, so schlug er mit den Flügeln, richtete ihnen den Kopf entgegen und schrie aus vollem Halse. Leute, die ihn vor langer Zeit geneckt hatten, kannte er genau und verfolgte sie. Bauern und Bettler, welche in den Hof hereinkamen, schrie er an, und wollte sie nicht hereinlassen. Er fürchtete sich vor Niemand, als vor dem kohlschwarzen Kaminfeger; sobald dieser kam, lies er eiligst davon. Als man ihm wieder ein junges Weibchen gab, nahm er es sogleich in die Lehre. Es mußte seinen Gang und seine Sprünge nachmachen, und wenn es nicht wollte, so gab er ihm mit dem Schnabel Schläge. Es kann also der Kranich wohl der klügste Sumpfvogel genannt werden. (Hier noch das Gespräch eines Sohnes mit seinem Vater!) Sohn. Vater, höre doch das Krächzen und Kreischen in der Luft! ich habe es schon eine Zeit lang vernommen und weiß nicht, woher es kommt. Vater. Ah! siehst du nicht den Zug Kraniche von Mitter nacht her sich bewegen, mein Sohn? Es sind ihrer sehr viele; sie bilden ein kleines Heer und ziehen auch regelmäßig dahin, gleich einem Haufen Krieger; sie haben ihren Anführer und bewegen sich nach gewissen Gesetzen. Sohn. Sie haben ja auch ihr Kriegsgeschrei. Vater. Doch sind sie sehr friedlich. Jetzt haben wir sie über uns; sie ziehen in wärmere Länder; mit welcher Schnellig keit sie stiegen! nun sind sie vorüber! — Sohn. Es ist kalt; die warmen, sonnigen Tage, an denen wir Ball schlugen und im Strome badeten, — sie sind vorüber! — Vater. Und damals standen die Felder hier geschmückt mit goldenen Aehren, die Bäume waren grün, und herrliche Früchte blickten ourch das Laub; — heute erscheinen uns die Felder sehr öde und traurig; die Blätter sind welk von den Bäumen abgefallen, die Früchte sind längst gepflückt. Vieles, recht Vieles von dem, was uns in Gottes schöner Schöpfung erfreute, ist vorüber gegangen! — Und so ist es auch im Leben, mein Sohn. Die Freude geht vorüber, und auch der Schmerz. Sohn. So bleibt denn nichts? Vater. Was wir für den Geist sammeln und gewinnen: die Erkenntniß der Wahrheit zur Gottseligkeit, — unsere Liebe zu dem himmlischen Vater, — unsere Liebe zu Vater und397 Mutter, Bruder und Schwester, zu allen Menschen, unfern Brüdern, vor Allem aber Gottes unaussprechliche Gnade und Liebe gegen uns, — Alles das bleibt und geht nicht vorüber. — Den Schatz der Weisheit und Frömmigkeit in Gott wird uns Niemand nehmen, er geht mit uns in die ewige Welt. — (Der Sohn behielt diese Worte in seinem Herzen.) Kräuter. Viele Kräuter sind dem Menschen durch die Heilkräfte nützlich, welche der Allgütige ihnen verliehen hat. Ich will hier nur einige der bekanntesten nennen: Das Tausendgüldenkraut — ist magenstärkeud, fieber- stillend. Die gemeine Chamille — man bereitet Thee. Die Schafgarbe — ist krampfstillend und nervenstärkend. Der Löwenzahn — gebraucht man gegen Krätze. Der Bitterklee — man ißt ihn. Der Baldrian — wird gegen Krämpfe angewendet. Der Sauerklee — aus ihm wird Sauerkleesalz bereitet. Der Erdrauch — hat die Wirkung des Salpeters. Das Bitterkraut — wird gegen Wassersucht, Verschlei mung, ja sogar gegen angehende Schwindsucht ange- rathen. Der gemeine Eibisch — wird gegen Brustschmerzen, Husten, Heiserkeit mit trefflichem Erfolg gebraucht. Die Haselwurz — wird als schweißtreibendes und pur- girendes Mittel gebraucht. Außer diesen Kräutern gibt es noch eine Menge anderer,, die zur Bereitung von Arzneimitteln dienen, und welche daher besonders den Aerzten und Apothekern wohl bekannt sein müssen. Krebs. Es fragte Jemand einmal einen kleinen Knaben, den ich wohl kenne, wo die Krebse wachsen! und er gab zur Antwort: Auf den Krebsbäumen. Dieser kleine Mann hatte Unrecht, denn die Krebse wachsen nicht auf Bäumen, wie die Birnen und Aepfel, sondern in Bächen, wo sie aus kleinen runden Eiern ausschlüpfen, welche die Krebse mit sich herum tragen. Außer dieser Sonderbarkeit gibt es noch mehrere am Krebse. Er wechselt jährlich seine Schale, seinen Magen und seine Gedärme. Sein Magen ist nicht im Leibe, sondern — im Kopfe. Sonderbar! Seine Zähne befinden sich im — Magen! Abgerissene Scheeren und Füße wachsen ihm wieder nach, nur der Schwanz nicht, dessen Verlust immer das Leben398 kostet. Grünschwarz wirft man ihn in's siedende Wasser; scharlachroth kommt er wieder heraus. Der Krebs schmecke — sagen die Leute — sehr gut; besonders, wenn er am Ende des Sommers gefangen und genossen werde. (In den Monaten, die kein r haben.) Einem Naturtriebe zufolge geht der Krebs lieber dem Schwänze, als der Nase nach. — Kennt ihr die äsopische Fabel vom alten und jungen Krebse? - Hier ist sie: Junge, sprach ein alter Krebs zu seinem Sohne, der immer rückwärts kroch, wenn wirst du endlich einmal vorwärts gehen? Nur voran, antwortete der Bube, ich werde folgen. Und da keiner, weder der alte noch der junge Krebs vorwärts gehen wollte, so blieb es beim Alten. — „Tadle an Niemanden einen Fehler, den du selbst be sitzest." Kreuzschnabel, Kiud. Wie steht es denn mit dir, Lickschnabeliger Kernbeißer? Willst du deine Geschichte nicht selbst hersagen? Kr. Ja freilich! Ich bin fast so groß, wie eine Lerche, sehe röthlich grau, uud mein Weibchen sieht gelblich grau aus, habe einen kreuzweis gekrümmten Schnabel, wohne in Tannen wäldern und fresse gern Tannensamen. Und damit ich die Schuppen der Tannenzapfen gut in die Höhe heben, und die Samenkörner bequem herausholen kann, hat mir der Schöpfer diesen krummen Schnabel gegeben. Weil ich auf den Bäumen und in den Käfigen immer auf und ab klettere, mich an meinen Schnabel hänge und sonst noch allerhand Spässe mache, so nennt man mich auch den Deutschen- oder Tannen-Papagei. Ich kann auch ziemlich schön singen lernen. K. Ich habe ein Gedicht, welches sagt, wie du zu dem Namen „Kreuzschnabel" gekommen seiest. Ich will es dir vor lesen; es wird dir gewiß gefallen: Das sinst're Werk des Grauens war vollendet, Am Kreuze hing der Heiland lilienweiß, Den frommen Blick zur Mutter hingewendet, Floß von der Stirne ihm der Todesschweiß. Sein heilig Blut entströmte jeder Stelle, Wo scharf ein Nagel ihm ins Leben drang. Es strömte auf Maria purpurhelle, Die jammervoll das herbe'Kreuz umschlang; Und jeder Tropfen, der hernieder rollte, Sank heiß und schwer ihr wie ein Stein auf's Herz;399 Doch keine Thräne lindernd fließen wollte Um abzuwälzen ihren Todesschmerz. Da sinkt der Mutter Leid, das grenzenlose, Als Trauerschleier auf die gauze Welt, Der von der Palme bis zum vtiebern Moose Die ganze Schöpfung bang umwunden hält. Es herrschet rings ein schreckenvolles Schweigen, Des Lebens Pulsschlag stockt in der Natur — Kein Laut ertönt aus den gesenkten Zweigen, Denn Alles lauscht der Mutter Wehruf nur. Und wie sie mit dem langen Haar die Wogen Des warmen Lebenquells zu hemmen strebt, Zwei Vöglein kommen zitternd hergeflogen, Die kleine Brust von Mitleid tief durchbebt. Sie flattern ängstlich, schlagen mit den Schwingen, Und wie der Heiland mehr und mehr erblaßt, Sie hin zu jenen Schmerzensquellen dringen; Die Nägel mit dem Schnäblein kühn erfaßt, Die beiden Vöglein emsig sich befleißen, Dem starren Kreuz die Nägel zu entreißen. Sie mühen sich und wollen nicht ermatten, Ob auch die kleine schwache Kraft nicht reicht, Ob auch im letzten dunkeln Todesschatten Das Gotteshanpt des Heilands still sich neigt; Erst wie die müden Schnäbelein sich bogen, Da sind sie still und traurig weggeflogen. — Doch jener Vög'lein treue Lieb' zu preisen, Die sie dem Heiland an dem Kreuz bewährt, Hat man seitdem Kreuzschnäbel sie geheißen, Weil Er die Lieb im Schwachen auch geehrt. Krerrzzüge» Fromme Dankbarkeit gegen den Heiland der Welt hatte schon in früheren Zeiten viele Christen veran laßt, diejenigen heiligen Orte zu besuchen, wo der große Lehrer und Erlöser der Menschheit gelebt, gelehrt und gelitten hatte, wo der Sohn Gottes selbst in menschlicher Hülle umher wandelte, um Allen wohl zu thun, Alle selig zu machen. So lange Palästina unter der Herrschaft der O ström er und Araber stand, konnten Wallfahrten nach dem heiligen Grabe ungehindert vollzogen werden; als aber Syrien mit dem gelobten Lande unter die Herrschaft der Türken kam, wurden die Pilger grausam mißhandelt, und viele derselben400 starben vor den Thoren der heiligen Stadt vor Hunger und Elend. Von solchen Jammerscenen ergriffen, zog Peter, ein französischer Priester und Einsiedler, nach Europa zurück und schilderte dem Papst mit den ergreifendsten Worten die Noth der Gläubigen im heiligen Lande und die Bedrückungen, welche die Mutter aller Kirchen dort erdulde. Der heilige Vater sandte den beredten und vom heiligen Eifer erfüllten Gottes mann aus, um überall, in Städten und Dörfern zu erzählen und zu schildern, was er selbst gesehen und gehört habe und berief nachher eine Kirchenversammlung nach Clermont in Frank reich, welcher mehr als 200 Erzbischöfe und Bischöfe und eine unzählige Menge von Geistlichen und Laien beiwohnten. Der Papst saß auf einem hohen Throne unter freiem Himmel, um geben von seinen Cardinälen, und Peter der Einsiedler stand an seiner Seite. Dieser schilderte hier noch einmal mit feuriger Beredsamkeit die Noth und das Elend der Christen im heiligen Lande, so daß alle Zuhörer tief ergriffen laut weinten und schluchzten, und als darauf der heilige Vater die Anwesenden aufforoerte, den Ungläubigen die heiligen Orte zu entreißen, da ries die ganze Versammlung voll heiliger Begeisterung: „Gott will es! Gott will es!" Viele Tausende erklärten sich sogleich bereit an dem heiligen Kriege Theil zu nehmen, hefteten ein rothes Kreuz auf die Schulter und erhielten den Namen „Kreuzfahrer." Ueberall wurde jetzt das Kreuz gepredigt, es enrstand eine allgemeine Bewegung unter den Christen des Abendlandes; das Zeichen des Kreuzes trieb sie in den Krieg und durch dasselbe hofften sie zu siegen. Im Jahre 1096 fand der erste Kreuzzug unter Anführung des tapfern Herzogs von Niederlothringen, G-ottsried von Bouillon*) statt. Er war ein schöner, kraftvoller Mann in der Blüthe seiner Jahre, eine wahre Heldengestalt, voll Gottesfurcht und Menschenfreundlichkeit, gewandt im Gebrauche der Waffen und voll tiefer Einsicht. Ihn begleiteten seine Brüder Eustach und Balduin und eine Menge von tapfern Grafen und Rittern: im Ganzen aber betheiligten sich an diesem Kreuzzuge gegen 600,000 Menschen. Unter vielen Mühseligkeiten und großer Noth erreichten sie das gelobte Land; aber viele Tausende waren dem erlittenen Ungemache unterlegen. Hunger und Durst, die unerträgliche *) Sprich Bullion, ohne das „n" deutlich hören zu lassen.401 Hitze und ein Heer von ansteckenden Krankheiten, hatten einen großen Theil des Zuges aufgeriebeu und beinahe hätte derselbe auch seinen vortresflichen Führer verloren, der einem Pilger zu Hilfe eilte, welcher in einem Walde von einem furchtbaren Baren angefallen worden war und um Hilfe rief. Sobald nämlich die wilde Bestie ben Herzog gewahr wurde, stürzte sie auf ihn los und verwundete sein Pferd dergestalt, Laß er den Kampf zu Fuß unternehmen mußte. Mit aufgesperrtem Rachen hatte das Ungeheuer schon den Herzog mit einer Tatze umfaßt, aber mit starker Faust stieß ihm dieser das Schwert bis zum Griff in den Leib, wobei er sich jedoch selbst so schwer am Fuße verwundete, daß er von dem großen Blutverlust erschöpft neben dem erschlagenen Thiere niedersank. Auf den Hilferuf des Pilgers waren indessen mehrere Kreuzfahrer herbeigeeilt, und unter allgemeinem Weheklagen wurde der Herzog auf einer Tragbahre in das Lager zurückgebracht, wo er nur langsam sich wieder erholte. In Antiochien wurde das Kreuzheer von Feinden rings um eingeschlossen und es entstand eine furchtbare Hungersnoth. Da wurde in der Kirche des heiligen Petrus die Lanze auf gefunden, mit welcher dem Heilande am Kreuze die Seite durch stochen worden war, und welche in dieser Kirche vor dem Hoch altäre, zwölf Fuß tief, vergraben lag. Jetzt war Alles neu ermuthigt; in feierlicher Prozession wurde die heilige Lanze umhergetragen und am andern Tage das feindliche Heer an gegriffen und geschlagen, wobei eine überaus reiche Beute in die Hände der Christen fiel. Siegreich drang jetzt das Kreuz heer gegen Jerusalem vor, und als endlich der letzte Hügel erstiegen war und die heilige Stadt vor den Blicken der Pil grime und Kreuzfahrer ausgeöreitet lag, da warfen sich Alle auf die Kniee, küßten die heilige Erde, indem sie dieselbe mit ihren Thränen benetzten und sangen Danklieder und Psalmen zur Ehre des Erlösers. Nun wurde die Stadt belagert. Da es aber an allen nöthigen Werkzeugen fehlte und 40000 Mann, die in der Stadt lagen, die tapferste Gegenwehr leisteten, so schien es fast unmöglich, dieselbe zu erobern; zudem litten die Christen Noth an Trinkwasser, während die Hitze unerträglich war, und viele starben vor Ermattung. Endlich, nachdem man mit unsäglicher Mühe aus der ganzen Umgegend Holz zusammengebracht hatte, um Thürme zu bauen, die man auf Rädern gegen die Mauern schieben konnte, wurde ein allgemeiner Sturm unternommen. Kmder-CorrversatrANs-Lexikon. 26402 Er blieb jedoch ohne Erfolg. Die Belagerten warfen Balken und Steine auf die Angreifenden und überschütteten sie mit brennendem Schwefel und siedendem Oel. Am andern Tage, es war der 15. Juli 1099, wurde der Sturm erneuert. Sieben Stunden hatte der Kampf gedauert, und die Christen wollten sich ermattet und entmuthigt zurückziehen. Da gewahrte man auf dem Oelberge einen glänzenden Ritter, der mit seinem Schilde gegen die Stadt winkte. „Sehet da," rief Gottfried aus, „das ist die Hilfe des Himmels! Auf denn, ihr Streiter des Herrn, Gott ist mit uns!" Und mit diesen Worten ließ der fromme Held die Fallbrücke von seinem hölzernen Thurme auf die Stadtmauer fallen und war der Erste, der in die Stadt hinabsprang. Die Seinigen sprangen ihm nach, von neuer Begeisterung ergriffen; mit unwiderstehlichem Muthe bahnten sie sich den Weg zu den Thoren und sprengten dieselben; das ganze Heer drang hinein und — Jerusalem war erobert; in den Straßen und Häusern wüthete der Kampf noch immer fort, und Niemand vermochte ihm Einhalt zu thun, bis die Sieger des Mordens müde waren. Barfuß und mit einem Pilgerhemde angethan, begab sich Gottfried zum heiligen Grabe, küßte weinend die Stelle, wo der Erlöser geruht hatte und überließ sich der inbrünstigsten Andacht. Er wurde hierauf zum Könige von Jerusalem erwählt, allein der fromme Held wollte keine Königs kröne tragen, wo der -Heiland der Welt eine Dornkrone getragen hatte und nannte sich voll ächt christlicher Demuth nur „Be schützer des heiligen Grabes." Die Türken ließen jedoch den Christen keine Ruhe und oft kamen sie in große Roth. Von Europa aus zogen fast alljährlich größere und kleinere Schaaren, theils Pilger, theils Krieger, nach Jerusalem und diese ungerechnet zählt man sieben große Kreuzzüge. Da aber unter den Kreuzheeren und ihren Anführern meistens Zwietracht herrschte, so gingen die errungenen Vortheile wieder verloren und das Grab des Er lösers sammt dem heiligen Lande blieb nach dem letzten Kreuz zuge wieder in den Händen der Ungläubigen. Kriechende Thiere, recht vornehm gesagt: Amphi bien. Da wollen wir uns nicht lange aufhalten. Wenn von solchen Thieren die Rede ist, hat man es mit lauter Schlangen, Nattern, Blindschleichen, Eidechsen, Krokodilen, Fröschen und Kröten zu thun.403 Kriegsheer. Um den Staat (das Land) gegen feind liche Angriffe von außen und von innen zu sichern und zu ver- theidigen, ist eine Kriegsmacht nöthig. So nennt man die Ge- sammtheit aller zur Vertheidignng des Staates verpflichteten Männer. Seit Einführung der Schießgewehre haben die Könige und Fürsten angefangen, stehende Truppen zu halten, welche auch im Frieden unter den Waffen bleiben und besoldet werden. Aus solchen bestehen die jetzigen Kriegsheere. Sie werden durchs Loos ans der Mitte der Landes-Einwohner gewählt, und müssen, nachdem sie zur Fahne geschworen haben, eine bestimmte Zahl Jahre dienen. Die Kriegsheere bestehen aus: Infanterie — Fußgänger, Kavallerie — Reiter, Artillerie — Kanoniere. Kriegsschiff. Lieber Eugen! Solche Schiffe, auf welchen man Kausmannsgüter von einem Lande ins andere sendet, heißen Kauffahrteischiffe; diejenigen aber, die man zum Schutze des Landes unterhält, heißen Kriegsschiffe. Die letztern sind mit Soldaten bemannt und mit Kanonen bewaffnet. Ein solches Schiff ausznrüsten, kostet ungeheure Geldsummen. Denke Dir nur, daß man z. B. zu einem Kriegsschiffe mit 3 Masten (Drei master), aus welchem etwa 110 Kanonen sind, und das 1L0 Meter lang, 36 Meter breit ist und 10 Meter tief im Wasser geht, — 4000 Eichbäume und 800 Fichten nöthig hat. Das ist nur Holz! Nun denke Dir noch das viele Tanwerk! (das sind die Schiffsseile). Ein einziger Meter Schiffstan wird oft mit 20 Mark bezahlt. Denk' Dir die große Menge Leinwand, welche zu den Segeln gehört! Die großen Kupferplatten, mit welchen das Schiff unten beschlagen ist; die schweren Anker, deren ein Dreimaster 4 bis 5 hat, und die von 400 Meter langen Tauen gehalten werden; die Lebensmittel, die im untern Schiffsräume ausgehüuft sind. Hunderttausende von Mark müssen aufgewendet werden, ehe ein einziges Kriegsschiff in <ree gehen kann. Lebe wohl! Kröten. Zum Froschgeschlechte gehören auch einige Thiere, vor denen uns mit Recht eckelt. Das sind die Kröten. Man theilt sie in Wasser- und Landkröten. Zu den Wasser kröten gehört die Feuerkröte und die Knoblauchkröte; zu den Landkröten die gemeine Kröte und die Rohrkröte. Lie haben alle ein schmutziges Aussehen, und sind auf dem 26 *404 Rücken voll Warzen. Wenn gleich die Feuerkröte einen feuer gelben Bauch hat, so faßt man sie doch ungern an. Noch garstiger ist die Landkröte mit ihren rothen Augen. Die Knoblauchkröte riecht, wenn man sie anfaßt, heftig nach Knoblauch, und die Rohrkröte bedeckt sich mit einem weißen, stinkenden Schaum, den sie Einem wohl auch auf die Hände oder in's Gesicht spritzt. Außer der Feuerkröte treiben sie alle des Nachts ihr Wesen. Am Tage verstecken sie sich in Erd- und Mauerlöcher unter Pflanzen und Steine. Wenn man in der Dämmerung einem solchen Unthier begegnet, so erschrickt man doppelt; weil sie zum Theil nur auf allen Vieren kriechen, oder wie eine ungeschickte Maus laufen. So garstig ihr An sehen und ihre Lebensart ist, so garstig ist auch ihre Stimme. Insbesondere gibt die Feuerkröte einen überaus kläglichen Ton von sich. Wenn man des Nachts ihr trauriges „unk, unk" hört, so möchte man sich fast fürchten. Die Quappen der Knob lauchkröte werden so groß, daß sie bisweilen von armen Leuten für kleine Fische gehalten und gegessen worden sind. Dazu mag ein besonders guter Appetit gehören. Krug. In dem Kruge wird Wasser am Brunen, auch wohl von den armen Leuten Bier in den Bierhäusern geholt; der Wasserkrug muß ihnen also auch zugleich als Bierkrug dienen. Manchmal haben die Krüge Deckel, damit kein Staub und kein Insekt hineinfalle, und diese Deckel sind bisweilen von Zinn. Wenn ihr nicht wißt, wie man die Krüge dreht, so geht einmal zu einem Töpfer (Hafner) und seht ihn arbeiten. Er wird euch seine Scheibe zeigen, die eine Art von liegen dem Rad ist, das er mit den Füßen in Bewegung setzt, weil seine Hände mit dem Geschirre beschäftigt sind, das er aus feinem Ton macht, den er beständig auf seiner Maschine wie einen Kreisel in der Runde herum tanzen läßt. Ist seine Arbeit fertig, so schneidet er sie mit einer Schnur von der Scheibe ab, läßt sie an der Lust trocknen, und brennt sie in einem großen Ofen. Durch das Ausglühen wird der Ton hart wie Stein, und wenn das Töpfergeschirr wohl glasirt ist, hält es vollkommen gut das Wasser und man kann darin kochen und braten. Küche. Freilich, in der Küche seid ihr schon bekannt; denn dahin gehen die Kinder gar gerne, wenn sie Hunger fühlen. In der Küche oder Speisekammer daneben gibt es gewöhnlich4C5 etwas zu essen. Wenn man in der Küche kocht, braucht man gewöhnlich Blasbälge, Bratpfannen, Caserols, Deckel, Dreifüße, Feuerzangen, Kessel, Kohlenfeuer, Löffel, Mörser, Näpfe, Rettig- hobel, Reibeisen, Schüsseln, Teller, Tiegel, Töpfe, Wasser- säsfer re. Kürbis. In ganz Europa wächst wohl keine größere Frucht, als der Kürbis. Denn auf gutem Boden wächst man cher dickleibige Kerl dieser Art so groß wie ein Osenkopf, und kaum ist ein großer Mann stark genug, ihn aufzuheben. Es gibt aber auch ganz kleine Gattungen, solche, die wie Flaschen aussehen, und wenn sie ausgehölt und getrocknet worden sind, auch als Flaschen gebraucht werden. Man nennt sie Flaschen kürbisse. Was macht man denn aber mit den Kürbissen? Kann man sie essen? — Ja wohl; es ist ein Herrliches Futter für die Schweine. Kinder nehmen auch die Samenkerne heraus, — denn in einem Kürbis sind viele hundert solche Kerne, — beißen sie auf und naschen das Innere davon heraus, das fast wie Mandeln schmeckt. Das Fleisch aber essen sie nicht und achten es auch nicht; wohl aber schneiden sie in den hohlen Kürbis Augen, Nase und Mund, stecken bei Nacht ein brennen des Licht hinein, setzen ihm ein Käppchen auf und machen so daraus einen feurigen Mann, denn sie mit großem Jubelgeschrei auf der Straße umhertragen, bis ein Nachbar oder ein Polizei diener kommt und ihnen das Licht ausbläst, damit sie nicht ein Haus anzünden. Knh. Sie ist ein hochgeschätztes Hausthier. So lange die Kuh lebt, bekommt man von ihr Milch. Aus der Milch kann man Butter, Schmalz sowie Käse machen. Tödtet man sie, so kann man ihr Fleisch essen, aus ihrer Haut Leder machen und aus den Hörnern und Klauen weiß der Beindrechsler allerlei, wie z. B. Knöpfe zu bereiten. Von sich selbst sagt die Kuh: Mu! mu! Ich bin eine Kuh. Hab' euch im Leben Viel Milch schon gegeben; Auch das artige Thier, Das Kalb ist von mir; Sein Fleisch mag behagen406 Wohl eurem Magen; Doch meines schafft Mehr Nahrung und Kraft. Kuhbuum. Liebe Antonia! Daß uns die Kühe mit Milch versorgen, weißt Du. Aber daß es in Südamerika einen Baum gibt, der die armen Indianer und Neger mit Milch versorgt, das wirst Du noch nicht wissen. Man nennt diesen merkwürdigen Baum den Kuhbaum. Denke Dir aus einem dürren Hügel einen Baum, dessen dicke Wurzeln kaum in den steinigen Boden eindringen können, welcher dürr aussehende und zähe Blätter hat. Mehrere Monate befeuchtet kein erquickender Regen sein Laub. Seine Aeste sehen wie abgestorben und ver trocknet aus. Du bohrst ein Loch in diesen dürr aussehenden Baum, und was geschieht? In reichem Maße stießt eine Milch heraus, welche nicht blos einen angenehmen Geschmack, sondern auch einen gewürzhaften Geruch hat. Du fängst die Milch mit einem Becher auf, du trinkst, und der wunderbare Trank stärkt und erquickt dich. Früh Morgens, wenn die Sonne aufgeht, kommen die Indianer und Neger zu dieser Milchquelle und sangen die Milch mit Töpfen auf. Die einen nehmen ihr Früh stück gleich unter dem Baume ein, andere bringen die Milch ihren Kindern. Man meint fast, es theile hier ein guter Hirte seine Milch unter die Bedürftigen ans. Lebe wohl! Kukuk. Lieber Wilhelm! Du hast also den Kukuk schon schreien hören. Aber sag mir doch, warum schreit denn der Kukuk im Winter nicht? „Weil er im Herbst fortzieht und erst im Frühling kommt." Ganz recht. Der Knknk ist also ein Zugvogel. Aber weißt Du auch schon, daß der Kukuk kein Nest baut, sondern seine Eier in das Nest anderer Vögel legt? Alle Vögel bauen ein Nest, nur der Kukuk nicht. Wenn das Weibchen ein Ei legen will, so sucht es die Nester kleinerer Vögel auf. Hat es z. B. das Nest einer Bachstelze gefunden, so wartet es, bis die Bachstelze weggeslogen ist und legt nun ganz heimlich ein Ei in das Nest. Die arglose Bachstelze brütet das Knknsei mit ans. Sobald der junge Kukuk groß genug ist, so gibt er sich alle Mühe, die Jungen der Bachstelze aus dem Neste zu werfen. Er drängt sich unter das Junge hinunter, nimmt es auf seinen breiten Rücken, rutscht damit an den Rand des Nestes und wirft es hinaus. O, der ab scheuliche Kukuk! höre ich Dich ausrnfen; damit vergilt er seinen407 Pflegeltern ihre Mühe, daß er ihre Kinder zum Nest hinaus wirft? Sei nicht so unwillig, lieber Wilhelm ! denn der Kukuk wird bald so groß und gefräßig, daß die kleine Bachstelze ge wiß nicht im Stande wäre, ihn und ihre eigenen Jungen zu ernähren. Die läßt sich durch diesen Undank auch gar abschrecken. Sie bringt der armen Waise eine Raupe um di andere und einen Käser um den andern, bis sie flügge gewor den ist. Und wie wunderbar! Den alten Kukuk necken die kleinen Vögel, wo sie ihn finden; aber dem jungen tragen sie Speise zu, sobald er nur dm Schnabel aufthut. Merke, lieber Wilhelm! ohne den Willen des Schöpfers kommt selbst kein Kukuk um, auch wenn ihn Vater und Mutter verlassen. Neben bei will ich Dir sagen, daß der Kukuk so groß wie eine Taube wird; seine Farbe ist obenher aschgrau, am Bauche weiß und sein Schwanz ist weiß gefleckt. Lebe wohl! Nachschrift: Agn. Franz hat ein Gedicht: „DasKukuse?', welches Dir gewiß gefällt; hier hast Du es: B a ch st e l z e. Ihr Schwestern kommt herbei! In meinem Nest ein fremdes Ei! Der Kukuk hat es hineingelegt, der Niemand um Erlaubniß srägt. Kommt her und rächet, was soll ich thun? Verstoß ich's oder behalt ich's nun? Da kamen die Vögel von allen Seiten, und begannen sich über das Ei zu streiten. Der eine sagte mit klugen Blicken: Das große Ei wird die andern erdrücken! Der zweite rief: Welch thöricht Bemüh'n, Ein Ungeheuer sich zu erzieh'n! Der eine schrie ja, das andere nein! Vom Streit ertönte der ganze Hain. Die gute Bachstelze aber begab sich still auf's Nest und sprach herab: Das Ei ist einmal nun gelegt; wenn meine Sorgfalt es verpflegt, so lohnt es wohl so treuer Hut, veredeln läßt sich die schlimmste Brut. Der Kukuk hörte dem Streite zu, und lachte heimlich: Gukn, Guku!408 tupfet. Das Kupfer findet man unter der Erde in Europa und in fast allen andern Welttheilen. Es ist ein sehr nützliches Metall. Man weiß aus ihm so viele, nützliche, nothwendige, ja unentbehrliche Dinge zu -verfertigen, was um so leichter möglich wird, da es mehr geschmeidig und dehnbar ist, als das Eisen. Fraget einmal beim Kupferschmied nach, der wird euch sagen, was er alles aus Kupfer macht! Kysshärrser. Unter den Bergen in Thüringen ist der Kyffhäuser, an dessen Fuß die fruchtbare, goldene Aue herzieht, einer der merkwürdigsten. Er hat seinen Namen von dem alten Schlosse Kpffhausen, welches vor Zeiten auf seinem Gipfel stand, und von welchem noch jetzt beträchtliche Trümmer zu sehen sind. Die Geschichte sagt uns wenig von dieser vormals so gro ßen und prächtigen Burg, dagegen haben sich von ihr desto mehr abentheuerliche Sagen erhalten, die zum Theil sehr spaß haft lauten. Wenn ihr nichts dagegen einzuwenden habet, so will ich euch einige solche Sagen mittheilen. Kaiser Friedrich I. (Rothbart genannt), so erzählt man, der bei Lebzeiten gern auf der Burg und in ihrer Nähe verweilte, ist nach seinem Tode in den Berg hinein gezaubert worden und wohnt da, weder eigentlich lebend, noch todt. Leute, die eben zur glücklichen Zeit, als der Eingang seiner unterirdischen Wohnung offen war, dahin kamen, haben ihn gesehen, wie er mit einigen seiner alten Diener aus einer alten Bank an einem großen, steinernen Tisch saß. Da sitzen sie so lange und un beweglich, daß ihnen die Bärte durch den steinernen Tisch hin durch bis auf den Boden gewachsen sind. Einst aber wird der Kaiser aus diesem Gesängniß wieder in seiner vollen Macht und Schönheit hervorgehen, sein Kaiserthum wieder in Besitz nehmen, Deutschland über alle Völker groß und glücklich machen, die Türken aus Europa vertreiben und das gelobte Land mit dem heiligen Grabe wieder erorbern. Es bedient ihn inzwischen eine schöne Prinzessin, die niemals alt wird und sich zuweilen außerhalb des Berges sehen läßt; auch hat er manchmal Zwerge zu seiner Bedienung. Daß an Gold und andern Schätzen in der zauberischen Wohnung des Kaisers ein großer Vorrath ist, läßt sich leicht denken. Einmal saß ein Schäfer auf dem Berge und blies auf seiner Schalmei so anmuthig, daß der Kaiser im Innern des Berges es mit Wohlgefallen hörte und einen Zwerg heraus sandte, den Schäfer hinein zu rufen. Unerschrocken folgte derSchäfer und blies dem alten Kaiser die lieblichsten Weisen vorv die er nur wußte. Der Kaiser ließ ihm hierauf ans seinem Schatze eine Menge Gold geben und fragte ihn, ob die Naben noch um den Berg flögen. Als nun der Schäfer antwortete: ja! sprach der Kaiser: so muß ich noch hundert Jahre schlafen! — Der Schäfer wurde aber durch deu Zwerg glücklich wieder hinausgesührt. Ein Bauer aus einem benachbarten Dorfe wollte Korn nach Nordhausen fahren. Nicht weit oom Kp ff Häuser begegnete ihm ein kleines, altes Männchen und gab ihm den Rath, fein Korn auf den Krsifhäuser zu fahren, wo man es ihm gut be zahlen würde, nur müsse er Nichts dafür fordern, sondern mit dem zufrieden sein, was mau ihm freiwillig reiche. Der Bauer folgte diesem Rathe. Am Berge kam ihm die Prinzessin ent gegen, öffnete ihm eine Thür in den Berg und hieß ihn sein Korn abladen, und gab ihm, als er damit fertig war, anstatt der Bezahlung eine Hemmkette (Sperrkette). Der Bauer ärgerte sich, daß er für sein schönes Korn weiter nichts haben sollte; doch wagte er es nichts feine Unzufriedenheit laut werden zu lassen, sondern warf die Hemmkette stillschweigend auf den Wagen und fuhr davon. Unterwegs war es ihm auffallend, daß seine Pferde gar nicht von der Stelle wollten, gleich als ob sie an einer schweren Last zögen. Als er endlich nach Hause kam, war er mit seiner Frau und seinem Knechte nicht im Stande, die Kette vom Wagen herunter zu bringen; und als man die Sache genauer untersuchte, fand sich die ganze Kette in Gold verwandelt. So ging es auch einer Gesellschaft Musikanten, die bei einer Hochzeit aufgespielt hatten, und in ihrer Lustigkeit sich Herausnahmen, dem Kaiser Friedrich ein Ständchen zu bringen. Die Prinzessin erschien und führte sie in den Berg, wo sie in einem großen Saale herrlich bewirthet wurden. Zum Abschied steckte die Prinzessin jedem einen grünen Zweig auf den Hut. Die ineisten warfen die Zweige weg, unzufrieden, daß sie kein ansehnliches Geschenk erhalten hatten; nur einer behielt den seinigen, und fand, als er damit nach Hause kam, alle Blätter in lauter Goldstücke verwandelt. In Tilleda hatte ein Bauer Kindstaufe und es fehlte ihm an Wein, womit er seine Gäste bewirthen wollte. Er befahl daher seiner Magd, Wein zu holen; und als diese ihn mebr- mals fragte, wo sie denn den Wein holen sollte, rief er etwas ärgerlich: beim Kaiser Friedrich! Die Magd in ihrer Einfalt410 ging wirklich an den Kyffhäuser und fand den Eingang offen. Die Prinzessin kam, brachte ihr auf Begehren mehrere Flaschen des kostbarsten Weins und anstatt Bezahlung dafür Zu nehmen, schenkte sie ihr noch ein großes Stück Gold. Zugleich trug sie ihr auf, ihrem Herren zu sagen, wenn er sie zu Gevatter ge beten hätte, würde das neugeborne Kind noch weit mehr Gold von ihr zum Pathengefchenk bekommen haben. Der Bauer wollte, als er dies hörte, geschwind das Versäumte nachholen, fand aber in den Berg keinen Eingang. In Bennungen hatten sich ein Paar junge Leute verlobt; aber ihre Eltern waren damit nicht zufrieden, sondern wollten sie beide an andere Personen verheirathen, die zwar reich, aber häßlich und lasterhaft waren. In ihrer Betrübniß gingen die jungen Leute einmal mit einander spazieren und kamen an den Kyffhäuser. Da that sich vor ihnen eine Thür auf, und eine schöne Prinzessin winkte ihnen, herein zu kommen. Sie folgten, und traten in ein prächtiges, von Gold und Edelsteinen glän zendes Gemach, wo sie mit Wein und köstlichen Speisen be- wirthet wurden, schöne Musik hörten, und sonst noch die an genehmste Unterhaltung fanden. Nach ein paar Stunden meinten sie, daß es nun doch wohl Zeit sein möchte, wieder nach Hause zu gehen. Die Prinzessin entließ sie, reichlich beschenkt. Wie erstaunten sie aber, als sie an ihren Wohnort kamen, und hier Alles so verändert fanden, daß sie sich gar nicht zurecht finden konnten. Von allen Menschen, die ihnen begegneten, war ihnen Niemand bekannt; die Leute hatten Kleider an, wie sie noch nie welche gesehen hatten; auch bemerkten sie, daß sie selbst mit Erstaunen betrachtet wurden. Sie fragten nach den Wohnungen ihrer Eltern, aber von diesen wollte Niemand wissen, bis sich endlich uralte Leute erinnerten, in ihrer Jugend gehört zu haben, daß vormals Menschen dieses Namens im Orte gelebt hätten. Kurz, es fand sich endlich, daß sie gerade zweihundert Jahre abwesend waren, ohne daß man ihnen sonst ein höheres Alter ansah. Dergleichen Geschichten werden noch in Menge erzählt, und es hat vor nicht gar langer Zeit noch Leute gegeben, die viele Mühe daran wandten, Gold im Kyffhäuser zu suchen; sie haben aber nichts gefunden, und meistens noch das, was sie hatten, darüber verloren. Wenn aber auch der Kyffhäuser kein Gold uns darbietet, so ist es doch sehr angenehm, ihn zu besuchen, und dort etwas zu verweilen; denn wohin man von seiner Höhe nur blicken411 mag, da ist die Aussicht so schön und groß, daß man gar nicht weiß, wo man zuerst Hinschauen soll, und sich gar nicht sehnt, wieder wegzugehen. L. Lachs oder Salm. Der Lachs oder Salm ist eurer der merkwürdigsten und seines herrlichen Fleisches wegen ge suchtesten Fische. Er ist eigentlich ein Meerbewohner, streicht aber in großen Zügen auch in deutsche Flüsse um zu laichen, (Eier zu legen). Findet die Gesellschaft auf ihrem Zuge einen Wasserfall oder ein Wehr, so bringt das sie in keine große Verlegenheit; nachdem sie eine Weile ausgeruht haben, so krümmen sich alle zusammen, fassen den Schwanz mit dem Maule, lassen ihn plötzlich los und schnellen sich so über den Wasserfall hinauf. Die srischheranziehenden, deren Fleisch das beste ist, nennt man Salmen; nach der Laichzeit heißen sie Lachse, weil sie alsdann mager und schlaft (lax) sind. Lampe. Der Student braucht sie, denn sie leuchtet ihm recht gut bei der Nacht zum Studieren. Die Lampe hat oben einen Schirm, welcher erstlich verhindert, daß die Augen von der Flamme geblendet werden, denn schwache Augen können einen Hellen Glanz nicht ertragen, und zweitens sammelt und verstärkt er die Lichtstrahlen; mit einem solchen Schirm, be sonders wenn es ein Milchglas ist, sieht man daher weit besser, als ohne Schirnn — Soll eine Lampe gut leuchten, so muß man ihr einen starken, sorgsam zubereiteten Docht aus Baum wollen- oder Leinengarn geben und gutes Oel hineingießen. Zn neuester Zeit füllt man die Lampen mit Camphin und Erdöl. Land. Blicken wir im Freien aufmerksam um uns, so bemerken und unterscheiden wir Land und Wasser. Das Land ist an einigen Stellen hoch, an andern niedrig. Große Landstriche ohne merkliche Erhöhungen heißen Ebenen, Flächen, plattes Land. Das niedrigste Land, welches sich am wenigsten über das Wasser erhebt, besindet sich ge wöhnlich nahe an Gewässern und wird Niederung genannt,412 auch Werder. Ein großer Landstrich, der sich hoch über die Oberfläche des Wassers erhebt, heißt Hochland oder Hoch ebene. Gewöhnlicherhebt sich das Land allmälig vom Rande der Gewässer, oder senkt sich (von der Höhe aus betrachtet) nach den Gewässern zu ab, und heißt Abdachung. Wo das Land sich an einigen Stellen stark erhebt, da sind Höhen, die man Hügel oder Berge nennt, je nachdem sie niedriger oder höher sind. Hängen solche Höhen zusammen, so nennt man ne Höhenzüge, Hügelreihen, Bergreihen, Berg züge. Hohe, felsige Bergreihen heißen Gebirge. — An den einzelnen Bergen unterscheidet man Fuß, den Abhang und den Gipfel. Wenn eine Bergreihe mit einer Spitze in's Meer hinausläuft, so entsteht ein Borge birg oder Kap. Zwischen Bergen finden sich Vertiefungen, die man Thäler nennt, oder Schluchten, wenn sie eng sind. LMrhleben. Das Landleben hat von jeher bei allen Völkern große Lobsprüche erhalten. Die reinere Luft, die fast täglich abwechselnden Austritte in der Natur, die gegen das Geräusch der Städte so sehr abstechende Stille, und die freiere Lebensart der Landleute hat immer viele aus das Land gelockt. Habt ihr wohl auch schon das Leben aus dem Lande gesehen? Da sind die Leute nicht müßig und es ist ihnen dabei wohl; sie haben harte Arbeit, aber das Essen, Trinken und die Ruhe der Nacht schmeckt ihnen darum nur um so besser. Die Arbeit des Landmanns (des Bauern) ist schwer und mühsam, aber es lohnt ihn die Erndte. Er speist nun mit den Seinen von den Früchten seiner Arbeit. Scheue nicht die mühsame Arbeit, es lohnt jeden Fleißigen seine Erndte, was er auch thue, jeder eine Erndte in seiner Art, nicht gerade Feldsrüchte, aber das, was er braucht, daß er leben könne, und wohl dem, den unter Gottes Hilfe seiner Hände Arbeit nährt. Wie nützlich ist der Bauersmann! Er bauet uns das Feld. Wer eines Bauern spotten kann, Der ist ein schlechter Held. Noch eh' die liebe Sonne kommt, Geht er schon seinen Gang, Und thut, was allen Menschen frommt, Mit Lust und mit Gesang. Im Schweiße seines Angesichts Schafft er für alle Brod.413 Wir hätten ohne Bauern nichts, Die Städter litten Noth. Und darum sei der Bauernstand Uns aller Ehren werth! Denn kurz und gut, wo ist das Land, Das nicht der Bauer nährt? Landkarte. Man hat Bilder, auf welchen die Ober fläche der Erde im Kleinen dargestellt ist, man nennt sie Land karten. Ihr sehet, daß auf einer Landkarte einige Stücke mit bunten Farben überstrichen, und einige weiß gelassen sind. Die bunten Stücke Kellen das Land, und die weißen das Wasser vor, welches die ganze Erde umgibt und Meer heißt. Ihr werdet euch vielleicht darüber wundern, daß ihr auf der Land karte keine Abbildungen der Städte, Berge, Gebirge und Wälder, der Bäume, Pflanzen und Thiere, welche auf der Erde sind, sondern lauter Namen findet. Aber bedenkt nur, wie unge heuer groß eine Landkarte werden müßte, auf welcher dies alles abgemalt sein sollte. Und wäre es wohl möglich, eine solche Landkarte Zu übersehen? — Ihr müsset euch also be gnügen, den Umriß der Länder und ihre Namen nebst der: Namen der vornehmsten Städte auf der Karte zu finden. An der großen Schrift erkennt ihr die Namen der Länder. Die schwarzen, krummen Linien zeigen den Laus der Flüsse, und die runden oder länglichen, schattirten Flecke mitten im Lande die großen Seen an. Laterne. Da giblls für Kinder wieder etwas Zu rathen: Der Glaser hat ein Häuschen gemacht, Das braucht man in der finstern Nacht, Am Tage hängt es an der Wand Und Abends trägt marlls in der Hand. O, das ist eine Laterne. Sie ist ein Kunstwerk des Flasch ners. Es gibt gemeine Handlaternen, auch zierlichere und solche, die beinahe ganz von Glas und mehr ein Werk des Glasers sind, der die Glastafeln mit Blei znsammenfügt und dem ganzen Bau eine zierliche Gestalt gibt. An allen Laternen ist oben ein Luftloch mit einem Schlote, damit das Licht brenne und der Rauch einen Ausgang finde. Ohne ein solches Loch würde das Licht sogleich verlöschen, denn ohne Luft brennt kein Feuer.414 Laubfrosch. Aus des Baches Rohr, guckt der Frosch hervor, springt nach Flieg' und Muck' empor, und Saus und Braus schallt aus dem Gewässer heraus. Der niedlichste unter allen Fröschen ist der Laubfrosch^ so genannt, weil er den größten Theil des Jahres auf dem Laub der Bäume und Stauden zubringt. Wohin stüchtet er sich aber, wenn das Laub abfällt? Gleich den andern Fröschen kriecht er in den Schlamm der Weiher, Sümpfe, und hält da rinnen seinen Winterschlaf, indem er so steif, wie gefrorne Wäsche wird. Wenn der April zu Ende geht, verlassen die Männchen ihr nasses Bett zuerst, uud bleiben im Wasser, bis die Weibchen die Eier gelegt haben. Dabei schreien die Männ chen (denn die Weibchen sind stumm), nicht bloß an warmen Abenden, sondern auch ganze Nächte durch so arg, daß man ihr Konzert stundenweit hört. Die Haut ihres Halses bläht sich dann zu einer runden Kugel auf, welche man die Schall blase nennt. Diejenigen Frösche also, welche man im April und Mai so hell und weit schreien hört, sind Laubfrösche. Während dieser Zeit häuten sie sich fünfmal, fressen jedesmal ihre alte Haut auf, und bekommen nun erst ihr schönes grünes Sommerröcklein. Nun verlassen Männchen und Weibchen das Wasser, zerstreuen sich in Felder, Wälder und Gärten, und hängen sich an die Blätter der Bäume und Büsche. Wie aber sangen sie es an, daß sie an den Blättern hängen bleiben? Dazu haben sie an jeder Zehe eine kleine, wie mit Leim be strichene Warze, mit welcher sie sich an den Blättern fest kleben. Weil sie gewöhnlich an der untern Seite der Blätter hängen, und dazu eine grüne Farbe haben, so bemerkt man sie nicht leicht, auch wenn man sie ganz in der Nähe schreien hört. Aus eine ganz sonderbare Weise sangen sie sich dabei ihr Futter. Wenn sie nämlich eine Fliege, eine Wasserjungfer oder ein anderes fliegendes Insekt bemerken, so springen sie weit in die Höhe, schlagen ihre klebrige Zunge heraus, und verschlingen es. Man kann sich denken, daß sie viele Sprünge umsonst machen. Wie es einem solchen Laubfröschlein auf Reisen ergangen ist, erzählt der freundliche Fr. G üll gar schön: Fröschlein mit dem grünen Strumpf guckt hervor aus seinem Sumpf, lugt nach allen Seiten um.„Ei, wie war ich doch so dumm, daß ich stets da unten blieb, und da droben ist's so lieb: blau der Himmel, grün das Land, weich das Moos und warm der Sand, Morgenthau und Sonnenschein herrlich muß es draußen sein! Nun, ade, du dumpfes Loch, heute wand'r ich weiter noch." Flink und schnell in Saus und Braus rudert's aus dem Sumpf heraus, dann im Röhricht sitzt's und lauscht's, denn von weitem spritzt's und rauscht's. Kommt der Krebs mit seiner Scheer' wackelnd in dem Schilf daher: „„Ei, du lustiger Gesell, Fröschlein, sag', wohin so schnell? Fröschlein mit dem Dudelsack, sag', wohin mit Sack und Pack? Gehst du zu der alten Unk' dorten an dem Weidenstrunk, oder zu der jungen Kröt' dorten in der Einöd'? Drüben bei der alten Unk' gibt es einen frischen Trunk, hüben bläst die junge Kröt' neue Lieder auf der Flöt'."" „Unk' und Kröte laß ich ruh'n, Hab' bei ihnen nichts Zu thun. Mir gefällts nicht mehr zu Haus, in die Welt will ich hinaus, kreuz und quer und überzwerch durch das Thal und übern Berg, durch den Wald und durch das Feld, endlich bis an's End der Welt." „„Ei, dich plagt der Uebermuth! Wandern ist nicht allen aut! Fröschlein, das ist gar nicht klug, siehst du dir daheim nicht g'nug? Dort im Weiher hier im Rohr, da im Graben, dort im Moor — weit und breit kein schlauer Hecht und kein grober Fischersknecht.416 Aber, Fröschlein, draußen horch, lauert auf der Klapperstorch, und der Bauernbube fängt unser einen, eh' er's denkt. Ueberleg's und kehr' zurück, denk an mich, es ist dein Glück?'" Fröschlein aber hat kein Ohr, all' das kommt ihm närrisch vor; glaubt dem Krebs kein einzig Wort — fchlüpt heraus und hüpfet fort. Ueber'u Steg und durch's Geheg, immer weiter führt der Weg, durch die schöne grüne Au unter'm Himmel goldig blau. Ueber weiches Gras und Moos springt das Fröschlein leicht und los. Aber wie die Sonne glüht! Fröschlein wird schon matt und müd. Hunger quälen es und Durst, aber nicht in Forst und Hurst, nicht im Schlag und nicht im Hain, nicht im Hag und nicht im Rain quillt ein Bronnen, rinnt ein Bach. Fröschlein seufzet Weh und Ach! Nirgends aus der weiten Au blinkt und winkt ein Tröpflein Th au, Nirgends liegt ein Thierlein todt, das ihm wär' ein Mittagsbrod. Eh' es nach den Schnacken schnappt; hat's der Sperling schon ertappt; eh' es nach der Mücke sängt, hat's die Spinne schon erhängt; eh' es nach dem Würmlein hüpft, ist die Eidechs mit entschlüpft; eh' das Schnecklein es erwischt, huscht die Schlang hervor und zischt. Und nun klappert's gar, horch, horch! Droben stiegt und wiegt der Storch. Hu! mit seinem langen Bein steigt er in das Feld hinein. Armes Fröschlein, fasernackt, daß er dich nicht packt und hackt,27 417 und dich nicht in seinem Nest von den Jungen fressen läßt! Doch zum größten Glücke noch neben ist der Maus ihr Loch. Husch, da schlüpft es schnell hinein, und da wird es sicher sein. Aber nun will just die Maus in die Flur spazieren aus, sieht den Frosch uno reißt und beißt, daß ihm schier der Strumpf zerschleißt, zwackt und zwickt und packt und pickt, daß sich nur das Fröschlein schickt, wie es wieder kommt heraus aus der Höhle voller Graus. Mehr noch als des Hungers Zahn hat die Maus ihm weh gethan. Da ein Biß und dort ein Riß und dazu noch Aergerniß. Doch der Storch ist wieder fort, Fröschlein hüpft von Ort zu Ort. Unter Baum und Busch und Strauch kommt es in ein Dörflein auch. Gleich beim allerersten Haus rauscht ein Brünnlein frisch heraus; ei, das spritzet und das springt, hei, das blitzet und das blinkt, da ist's nimmer heiß und schwül, schattig rings umher und kühl, zappelnd liegt ein Würmlein roth lockend da zum Abendbrod, und ein Schnecklein auch dabei, daß doch ja kein Mangel sei. Fröschlein guckt und setzet sich, gluckt und schluckt und letzet sich, bläs't auch auf dem Dudelsack gick und gack und quick und quack! Ui — da fährt ein Fenster aus und im schnellsten Sprung und Lauf kommt der böse Bauernknab', ächzt und krächzt als wie ein Rabst daß arm Fröschlein Aug und Ohr wie mit einemmal verlor. Kinder - Conversations - Lexikon.413 Zitternd sitzt es auf dem Sand, und schon hat er's in der Hand: „Fröschlein, so komm nur herein! kannst das Wetter prophezeih'n. Sieh, da ist ein Helles Glas, ringsum frisches grünes Gras, Wasser auch so viel du willt, das dir Durst und Hunger stillt, eine Leiter auch und jetzt — guck! wirst du hineingesetzt. Wenn ich morgens nach dir schau', sagst du mir auf's Haar genau, was wird für ein Wetter sein, Regen oder Sonnenschein! Und ein Mücklein fang' ich dann meinem Herrn Kalendermann." Einen Deckel deckt er draus jetzt mit einem schweren Knauf, lüpft den Hut, schlüpft in die Schuh', treibt den Ochsen und die Kuh auf den hohen Berg hinaus, kommt am Abend spät nach Haus, legt sich nieder müd und matt, fragt nicht, ob das Fröschlein satt, fängt kein Mücklein, keinen Wurm, läßt es schmachten so im Thurm. Wie der andre Morgen graut, kommt der Knabe doch und schaut: „Ei mein Fröschlein, guten Tag! sag', wie's Wetter werden mag?" „„Heut kommt noch ein Regenguß!"" Und der Knabe voll Verdruß, dreht sich um und geht davon, Hunger ist des Fröschleins Loch:. Und so geht's ihm unverhofft, wenn ein Regen droht, noch oft. Selten ihm das Büblein lockt und ihm vor ein Bröslein brockt, oder ihm ein Mücklein fängt, wenn es grad nichts anders denkt. Und das Fröschlein denkt zu spat cm den Krebs und seinen Rath,419 wollte gern zufrieden sein in dem Sumpfe ganz allein, ja in einer Pfütze jetzt, mW es frei hineingesetzt. Und vergessen wollt es bald .Hag und Halde, Schlag und Wald. Doch der Thurm ist fest und groß, läßt das Fröschlein nimmer los, eingesperrt sein Lebetag bleibt es, wie's auch jammern mag, und ist selber Schuld daran, hätt's daheim nur gut gethan. Larrterbrmnnenthal. Die Natur zeigt sich in Hel- Jeiien, wie die Schweiz von ihren Ureinwohnern her genannt wird, in einer Größe und Mannigfaltigkeit, wie in keinem andern Lande von Europa. Mächtige Gebirgsketten durchziehen die Schweiz in allen Richtungen, und gegen 400 Berge ragen mit ihren schneebedeckten Häuptern in die Wolken hinauf. Die schauerlichsten Felsenschluchten wechseln mit den üppigsten Thü- lern, von klaren Alpenseen und silbernen Flüssen durchschnitten. Von der schwindelnden Höhe der Alpen herab irrt der Blick von den nahen, lieblichen Thälern voll freundlicher Städte und Dörfer bis in die endlose Ferne, und kaum vermag das gie rige Auge sich zu sättigen an all dem Schönen, das sich ihm -hier von allen Seiten darstellt. Bis 31 t der außerordentlichen Hl he von 3333 Meter ragen mehrere Berge empor; höher noch die Jungfrau und das Schreck Horn (4200); noch höher das Fi nst erarh o r n (4433); bis zu einer Höhe von 4733 Meter erhebt sich aber der Monte Rosa, der höchste Dipfel der Schweizer - Alpen. Nach vier verschiedenen Meeren hin eilen die Wasser der Schweiz und bilden aus ihrem Wege öfter die erhabensten Wasserfälle, wie z. B. den Staubbach, den Aar- und Rheinfall, und mehrere durchfließen die großen Wasserbecken (Seen), welche die Natur am Fuße der Alpen gebildet hat. Unter den vielen an Naturwundern, Großartigkeit und Merkwürdigkeiten reichen Thälern der Schweiz ist besonders interessant das L a u t e r b r u n n e n t h n l. Nicht weit von Unterseen (Jnterlaken), im Kanton Bern, Öffnet sich ein enges Felsenthal, das sich nach Südwesten zwi lchen den höchsten Gebirgen 5 Stunden lang fortzieht und seinen 27 *420 Namen Lauterbrunnenthal von den zahlreichen Bächen hat, die sich^ über die Felswände Hinabstürzen. Die Kalkfelsen zu beiden Seiten sind durch eisenhaltige Bestandtheile mannig faltig gefärbt, in seltsame Gestalten zerrissen, hier und da mit Tannen und Laubholz bewachsen und geben bei wechselnder Be leuchtung der Gegend ein höchst malerisches Aussehen. Das Thal ist so enge, daß im Winter dasselbe täglich nur eine halbe Stunde von der Sonne beschienen wird, und die vielen Sturzbäche, welche sich von den hohen Felswänden herab in die Lütschine ergießen, verursachen im Sommer, besonders nach Gewitterregen, häufige Überschwemmungen. Die Bewoh ner des Thales leben theils in zerstreuten Hütten, theils in dem kleinen Kirchdorfe Lauterbrunn, 3 Stunden von Untersten. Nahe bei dem Dorfe stürzt von dem P letsch berge der Staubb a ch aus der Höhe von 300 Mtr. herab. Bei vollem Wasser fällt der Bach senkrecht von dem Felsen - aber ehe er den Grund des Thales erreicht, löset er sich größtenteils in seinen Staub auf. Man muß das Schauspiel betrachten, ehe die Schatten des Berges sich auf den Fall werfen, am besten in den Vormittagsstunden, wo er von der Sonne herrlich be leuchtet wird. Unten an dem majestätischen Falle bildet sich dann ein Regenbogen, der in einiger Entfernung halbkreisförmig erscheint, und wenn man sich ihm nähert, zu einem glänzenden Kreist wird. Bei heftigem Winde zeigen sich eigenthümliche Erscheinun gen. Kommt er aus Süden, so weht er oft so mächtig gegen den Fall, daß er ihn auf einige Minuten hemmt, oder er bildet Wolken von der Dunstmasse, welche aus dem Falle liegt, und wirbelt sie in die Luft empor. Im Winter widersteht die Schnelligkeit des Falles einige Zeit dem Froste; bei zunehmen der Kälte aber verwandeln sich die Wassertropfen in Eiskügelchen und fallen wie Schlossen herab. Ist endlich der ganze Bach gefroren, so gleicht er einem ungeheuren Eiszapfen, der an der Felsenwand herabhängt und immer zunimmt, bis er durch sein Gewicht aus die untern Eismassen, tosend wie eine Lawine, herabstürzt. Lawine. Dieß ist eine ungeheure Schneemasse, welche von der Höhe eines Berges in's Thal herabrollt. Lawinen entstehen, wenn bei zunehmender Wärme die unteren Schneelagen schmelzen, wo es dann häufig geschieht, daß die obern Schichten, ihrer Unterlage beraubt, herabzugleiten anfangen, Erd- und'421 Eisstücke mit sich fort nehmen und sich allmählig zu einer un geheuren Masse zusammenballen, die, mit stets wachsender Ge schwindigkeit fortrollend, auf ihrem Lauf alles, was sich ihr in den Weg setzt, Bäume, Häuser, Felsen umstürzt und mit sich in die Tiefe hinabreißt. In der Schweiz, weil da ungeheuer große und felsige Berge siud, richten die Lawinen oft großen Schaden und viel Unglück an. Dieß war besonders im Jahre 1809 der Fall. Am 12. Dezember trat nämlich plötzlich ein Thauwind mit Sturm ein. Es rissen sich auf einmal an allen Orten von den Firsten der höchsten Berge die Lawinen oder Schneefälle los, stürzten mit entsetzlichem Tosen und Krachen über die lan gen Halden herab, wurden immer größer und größer, schossen immer schneller, toseten und krachten immer fürchterlicher, und sagten die Luft vor sich so durch einander, daß im Sturm, noch ehe die Lawine ankam, ganze Wälder zusammen krachten, und Ställe, Scheuern und Waldungen wie Spreu davon flogen, und wo die Lawinen sich in Thäler niederstürzten, da wurden Stunden lange Strecken, mit allen Wohngebäuden, die barauf stunden, mit allem Lebendigen, was darinnen athmete, erdrückt und zerschmettert, wer nicht wie durch ein göttliches Wunder gerettet wurde. Höret, Kinder! Einer von zwei Brüdern, die mit ein ander hauseten, war auf dem Dache, das hinten an den Berg anstößt, und dachte: „Ich will den Raum zwischen dem Berg und dem Dächlein mit Schnee ausfüllen, und alles eben machen, auf daß, wenn die Lawine kommt, so fährt sie über das Häus lein weg, daß wir vielleicht mit dem Leben davon kommen" — da führte ihn der plötzliche Windbraus, der vor der Lawine hergeht, vom Dach hinweg, und hob ihn schwebend in der Lust, wie einen Vogel, über einen Abgrund. Und als er eben in Gefahr war, in die unermeßliche Tiefe hinabzustürzen, und wäre seines Gebeins nimmer gefunden worden, da streifte die Lawine an ihm vorbei und warf ihn seitwärts an eine Halde. Er sagte, es habe ihm nicht wohl gethan; aber in der Be täubung umklammerte er noch einen Baum, an dem er sich festhielt, bis alles vorüber war, und kam glücklich davon und ging wieder heim zu seinem Bruder, der auch noch lebte, ob gleich der Stall neben dem Häuslein wie mit einem Besen weggewischt war. — Zu gleicher Zeit ereignete sich auch folgende Geschichte: Nach dem Abendgebet sagte ein Vater zu seiner Frau und den422 drei Kindern: „Wir wollen doch auch noch ein Gebet verrichten für die armen Leute, die in dieser Nacht in Gefahr find." Und- während sie beteten, donnerte schon aus allen Thälern der ferne Wiederhall der Lawinen, und während sie noch beteten, stürzte plötzlich der Stall und das Haus zusammen. Der Vater wurde vom Sturmwind weggeführt, hinaus in die fürchterliche Nacht, und unten an: Berge abgesetzt und von dem nachwehenden Schnee begraben. Noch lebte er; als er aber den andern Morgen mit unmenschlicher Anstrengung sich hervorgegraben, und die Stätte seiner Wohnung erreicht hatte, und sehen wollte, was aus den Seinigen geworden sei, barmherziger Himmel! da war nur Schnee und Schnee, und keine Spur einer Woh nung, kein Zeichen des Lebens mehr wahrzunehmen. Doch vernahm er nach langem ängstlichen Rufen, wie aus einem tiefen Grabe, die Stiinme seines Weibes unter dem Schnee herauf. Und als er sie glücklich und unbeschädigt hervorge- grabeu hatte, da hörten sie plötzlich eine bekannte und liebe Stimme: „Ich wäre auch noch am Leben, rief ein Kind, aber ich kann nicht heraus." Nun arbeiteten Vater und Mutten noch einmal, und brachten auch das Kind hervor, und ein Arm war ihm abgebrochen. Da ward ihr Herz mit Freude und Schmerzen erfüllt, und von ihren Augen flößen Thränen des Dankes und der Wehmuth. Denn die zwei andern Kinder wurden auch noch herausgegraben, aber todt. — Kinder! so sind in einer Nacht, und fast in der nämlichen Stunde, durch die Lawinen ganze Familien erdrückt, ganze Vieh- heerden mit ihren Stallungen zerschmettert, Matten und Gar tenland bis auf den nackten Felsen hinab aufgeschürft und ganze Wälder zerstört worden, also, daß sie in's Thal gestürzt sind, oder die Bäume lagen über einander zerschmettert und zerknickt, wie die Halmen auf einem Acker nach dem Hagelschlag. Und man wußte nicht, auf wie vielmal hunderttausend Gulden man soll den Schaden berechnen, ohne die verlornen Menschen. Denn das Leben eines Vaters oder einer Mutter oder eines Kindes ist nicht mit Gold zu schätzen. — Nicht wahr, Kinder! ihr möchtet in dem Schweizerlande nicht wohnen? — Hat jede Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides, und wer manch mal erfährt, was an andern Orten geschieht, findet wohl Ur sache zufrieden zu sein mit seiner Heimath. Hat z. B. die Schweiz viel heerdenreiche Alpen, Käse und Butter und Frei heit, so hat sie auch Lawinen. —423 Leber. Die Leber, das größte Eingeweide des Unter leibes, dient zur Bereitung der Galle aus dem Blute. Die liegt gleich unter dem Zwerchfelle, und bedeckt die rechte Seite des Magens. Auch die Milz, welche an der linken Seite des Magens liegt und mit ihm genau verbunden ist, trägt zur Verdauung bei; denn sie führt der Leber das Blut zu, und macht es zur Gallenabsonderung tauglich. Sie ist wie eine Zunge, nämlich länglicht rund gestaltet, und aus vielen Blut gefäßen und Zellengeweben zusammengesetzt, daher fchwammicht. Lehren der Erfahrung und Klugheit. Ihr habt in diesem „Conversations-Lexikon" gelesen, daß Benjamin Franklin den 17. Januar 1706 zu Boston in Nordamerika geboren wurde. Daß er schon frühe seinen unbemittelten Eltern im Lichterziehen und Seifensieden behilflich war, welchem Ge schäfte er sich denn auch widmen sollte. Daß er schon in sei nem 11. Jahre so gern las, daß er alles Geld, was er bekam, aus den Ankauf von Büchern verwendete. Daß er aber nicht nur zum Zeitvertreib las, sondern um seinen Geist mit nütz lichen Kenntnissen zu nähren und seinen Verstand auszubilden. Ihr habet dort gelesen, daß er in seinem 17.Jahre nach Phi ladelphia reifte, daß er daselbst bei einem Buchdrucker arbei tete, lehrreiche Bücher las, sich in Ausfertigung schriftlicher Aussätze übte und sich immer mehr und mehr zu einem ver ständigen, einsichtsvollen Manne bildete. Ferner laset Ihr dort, daß er in der Mitte des vorigen Jahrhunderts den Blitzableiter erfand. Daß er bei seinen Mitbürgern ein solches Ansehen und Vertrauen gewann, daß er mehrmals in wichtigen Staats angelegenheiten nach England und Frankreich geschickt wurde. Benjamin Franklin starb den 17. April 1790. Seine Schriften — denn er hat viele Bücher geschrieben —- enthalten einen solchen Schatz von Lebensweisheit, daß sie gewiß zu den vorzüglichsten ihrer Art gehören. Besonders ist das Buch: „Der alte, arme Richard, oder die Kunst reich zu werden" beachtenswerth. Die Lehren des alten, armen Richard sind so schön und treffend, daß sie in jeder Familie bekannt zu sein verdienen. Ich will dieselben hier im Auszuge euch mittheilen: Einst, so erzählt Franklin, hielt ich mit meinem Pferde an einem Orte an, wo sich einer öffentlichen Versteigerung wegen eine Menge Menschen versammelt hatte. Es war noch etwas früh; die Leute sprachen von den schlechten Zeiten, und einer424 wandte sich an einen alten, dem Ansehen nach wohlhabenden Mann mit grauen Haaren: „Und ihr, Vater Abraham, was sagt ihr zur jetzigen Zeit? Glaubt ihr nicht auch, daß die schweren Abgaben das Land ganz aussaugen werden?" Vater Abraham stand auf und erwiderte: „Mein guter Rath steht euch zwar in aller Kürze zu Diensten, denn ein Wort ist dem Weisen genug, wie der arme Richard sagt." Die ganze Ge sellschaft drang in ihn, er möchte sprechen. Man trat in einen Kreis um ihn und er fing also an: „Liebe Freunde und gute Nachbarn! Die Abgaben sind allerdings schwer; allein wenn wir sonst keine, als die an die Obrigkeit zu zahlen hätten, so wollten wir damit fertig wer den. Wir haben aber noch viele andere, die einigen von uns schwerer fallen. Unsere Faulheit z. B. nimmt uns zweimal mehr ab, als die Obrigkeit, unsere Eitelkeit dreimal und unsere Thorheit viermal mehr. Von diesen Abgaben kann uns kein Landesabgeordneter weder ganz noch halb befreien. Jndeß ist noch nicht alles verloren, wenn wir nur gutem Rathe folgen; denn wie der arme Richard sagt: Gott hilft denjenigen, die sich selbst helfen. „Ueber eine Regierung, die das Volk den zehnten Theil seiner Zeit zum Frohnen zwänge, würde jedermann schreien; aber die Faulheit nimmt den meisten von uns noch weit mehr ab. Rechnet einmal die Zeit, die ihr im gänzlichen Müssig- gange, d. h. mit Nichtsthun, oder in Zerstreuungen, die eben nicht weiter führen, zubringt, und ihr werdet finden, daß ich recht habe. Der Müssiggang führt Krankheiten herbei und verkürzt unser Leben, weil er uns schwächlich macht. Müssiggang ist ein Rost, der weit mehr angreift, als selbst die Arbeit. Der Schlüssel, den man oft braucht, ist immer blank. „Liebst du aber dein Leben, so verschwende die Zeit nicht, denn sie ist das, woraus das Leben besteht. Wie viel verlieren wir nicht allein dadurch, daß wir länger schlafen, als nöthig wäre, ohne zu bedenken, daß der schlafende Fuchs kein Huhn fängt und daß wir im Grabe lange genug schlafen können; denn wie der arme Richard sagt, verlorne Zeit läßt sich nicht wieder finden, und was wir Zeit genug nennen, reicht am Ende selten zu. Wohlan denn, laßt uns die Hände regen, so lange wir noch Kräfte haben! Faulheit macht alles schwer, Fleiß alles leicht. Wer spät aufsteht, wird nie fertig; ehe er recht an die Arbeit kommt, ist die Nacht schon wieder da. Die Träg heit schleicht so langsam, daß die Armuth sie leicht einholt.425 Treibe dein Geschäft, damit dein Geschäft dich nicht treibt! Zeitig in das Bette und zeitig aus dem Bette macht den Menschen gesund, reich und weise — sagt der arme Richard'. „Was hilft es, bessere Zeiten zu wünschen und zu hoffen? Aendert euch nur selbst, so werden sich die Zeiten auch ändern. Fleiß hat nicht nöthig zu wünschen, sagt der arme Richard. Wer sich mit Hoffnungen nährt, der läuft Gefahr Hungers zu sterben. Ohne Mühe hat man keinen Gewinn. Wer ein Ge werbe hat, besitzt auch Vermögen, und wer einen Beruf hat, der hat ein einträgliches Ehrenamt. Wer arbeiten will, der ftndet immer Brod; dem fteißigen Manne schaut der Hunger wohl in das Haus, hinein aber wagt er sich nicht. Die Arbeit samkeit ist des Glückes Mutter, und dem Fleißigen schenkt Gott alles. Arbeite heute, denn du kannst nicht wissen, was dich morgen abhält. Ein Heute ist mehr werth als zwei Morgen, sagt Richard. In Handschuhen fängt die Katze keine Mäuse. „Aber selbst Fleiß allein ist nicht hinreichend; wir müssen auch verständig, nicht fahrlässig, noch sorglos sein; wir müssen selbst ein Auge auf unsere Sachen haben und uns nicht zu viel auf andere verlassen. Dreimal ausziehen ist so viel als einmal abbrennen; denn wie Richard sagt, ein Baum, der oft versetzt wird, und eine Familie, die oft auszieht, gedeihen we niger, als die, welche an ihrem Platze bleiben. — Verlaß deine Werkstatt nicht, so wird deine Werkstatt auch dich nicht ver lassen. Willst du eine Sache gut ausgerichtet haben, so gehe selbst. Wer durch den Pflug reich werden will, der muß ihn selbst anfassen und antreiben. Das Auge des Herrn fördert mehr, als seine beiden Hände. Eine kleine Vernachlässigung kann großes Unheil anrichten. Weil ein Nagel fehlte, ging das Hufeisen verloren, aus Mangel des Hufeisens das Pferd, und aus Mangel des Pferdes der Reiter; der Feind holte ihn ein und tödtete ihn, was nicht geschehen wäre, wenn $ nach den Nägeln am Hufeisen gesehen hätte. „Wer nicht ebenso gut zu sparen als zu verdienen weiß, der kann sich zu Tode arbeiten, ohne einen Pfennig zu hin- terlaffen. Eine fette Küche macht ein mageres Testament, sagt der arme Richard. Wie gewonnen, so zerronnen, heißt es bei manchem schönen Thaler. Seit die Frauen über den Thee- und Kaffee-Visitten den Spinnrocken und das Strickzeug, und die Männer über den Spiel- und Trinkgesellschaften Hammer und Axt vergessen haben, ging manches Vermögen fast zu der selben Zeit verloren, da es erworben wurde. Willst du reich426 werden, so lerne nicht allein erwerben, sondern auch sparen^ sagt Richard. ..Schränkt euern thörichten Luxus ein, so dürft ihr nicht über schwere Zeiten, drückende Abgaben und großen Aufwand- im Hause klagen. Eine einzige dieser Thorheiten zu unterhalteu kommt theurer zu stehen, als zwei Kinder aufzuzieheu. Ihr glaubt vielleicht, eine Tasse Thee oder Kaffee, ein Glas Wein oder Bier, bisweilen ein Leckerbissen, etwas feinere Kleider, dann und wann eine -Lustparthie, dies alles habe so viel nicht auf sich; aber erinnert euch, was der alte Richard sagt: ein Wenig mehrmal wiederholt macht ein Viel. Hütet euch vor den oft wiederholten kleinen Ausgaben. Eine kleine Oeffnung versenkt ein großes Schiff, und Wohlgeschmack führt zum Bettelsack. „Ihr habt euch zu einer öffentlichen Versteigerung von allerhand Sachen versammelt. Ihr nennt diese Dinge Güter; aber ihr mögt wohl vorsehen, daß sie nicht einigen zu Uebeln werden. Ihr denkt, sie werden wohlfeil, vielleicht unter ihrem Werthe Weggehen; allein wenn ihr sie nicht unentbehrlich braucht, so werdet ihr sie auf jeden Fall zu theuer bezahlen. Richard sagt: Kaufe nur, was du nicht brauchst, so wirst du bald ver kaufen müssen, was du brauchst. — Der Weise, so sagt der arme Richard, wird durch fremden Schaden klug, ein Narr kaum durch seinen eigenen. Ich kenne Leute, die selbst hungern und ihren Kindern das Brod entziehen, um sich Geld für ein schönes Kleid zu sparen; Seide und Sammt aber löschen das Feuer in der Küche aus. Dahin ist es gekommen, daß der erkün stelten Bedürfnisse mehr sind als der natürlichen. Durch solche und ähnliche Thorheiten sind reiche und vornehme Leute an den Bettelstab gekommen und genöthigt worden, die um Hilfe anzu sprechen, auf welche sie vorher hochmüthig herabsahen, die aber durch' Fleiß und Sparsamkeit zu Vermögen und Ansehen kamen. Der alte Richard sagt: Ein Bauer auf den Füßen ist größer als ein Edelmann auf den Knieen. Mancher, der am meisten klagt, hatte ein artiges Vermögen ererbt, er vergaß aber, wie er dazu gekommen war und dachte: Es ist Tag, es wird nie mals Nacht werden. Eine so kleine Ausgabe von einem so großen Vermögen kommt nicht in Betracht; aber wie der arme Richard sagt, wenn mau immer aus dem Mehlfasse nimmt und nichts wieder hineinfüllt, so kommt man bald auf den Boden, und wenn der Brunnen trocken ist, so schätzt man erst das Wasser. Wollt ihr wissen, was das Geld werth ist, so427 geht hin und borgt. Sorgen folgt auf borgen, sagt Richard. Hast du ein schönes Stück gekauft, so mußt du noch zehn andere dazu kaufen, damit alles zusammen paßt. Der arme Richard sagt: Es ist leichter dem ersten Gelüste zu widerstehen als allen folgenden, und der Arme, der den Reichen nachäfft^ ist eben so lächerlich als der Frosch, der sich aufblies, um so groß zu werden als der Stier. Große Schiffe kennen sich ins weite Meer wagen, kleine Fahrzeuge muffen sich am Ufer halten. „Welche Thorheit, der entbehrlichsten Dinge wegen Schul den zu machen! „Wer sich in Schulden steckt, gibt andern ein Recht über feine Freiheit. „Könnt ihr zur gesetzten Frist nicht bezahlen, so werdet ihr euch schämen, wenn euer Gläubiger euch begegnet. Ihr werdet ängstlich sein, wenn ihr mit ihm sprecht, und Entschul digungen stammeln. Nach und nach werdet ihr Treu und Glauben verlieren, das Schamgefühl schwächen und euch gar durch grobe und niederträchtige Lügen entehren. Ein freier Mann sollte jedem ohne Furcht in's Gesicht sehen können; ver schuldete Armuth aber raubt das Selbstgefühl, die Selbststän digkeit und vielmal die Tugend. Es hält gewiß schwer, daß sich ein leerer Sack aufrecht erhalte. Wer immer darauf denkt zu kaufen, was ihm gefällt, der vergißt leicht die Bezahlung; die Gläubiger aber haben ein besseres Gedächtniß als die Schuldner, und niemand widmet dem Kalender mehr Aufmerk samkeit als jene. Die Zahlungszeit kommt dem Schuldner immer zu früh. Darum bewahrt eure Freiheit und Unabhängig keit und seid arbeitsam und sparsam. Vielleicht seid ihr eben in den Uinständen, eure Kauflust befriedigen zu können; allein legt lieber etwas für das Alter und Nothfälle zurück. Der alte Richard fagt: Die Mittagssonne scheint nicht den ganzen Tag. Der Verdienst kann von kurzer Dauer und ungewiß sein, die Ausgaben sind aber gewiß und dauern so lange, als ihr lebt. Es ist leichter, zwei Schornsteine zu bauen als einen warm zu halten. Geht lieber ohne Abendbrod zu Bette, als daß ihr mit Schulden aussteht. Erwerbt so viel ihr könnt, und haltet zu Rathe, was ihr erworben habt, das ist der wahre -Mein der Weisen. So, meine Freunde, lauten die Lehren der Erfahrung und Klugheit. Die Erfahrung hält freilich eine theure Schule, es ist aber die einzige, in welcher Thoren etwas lernen."428 Also schloß Vater Abraham seine Rede. Die Leute hörten ihm aufmerksam zu und billigten seine weisen Lehren; als aber die Versteigerung begann, kauften dennoch die meisten ohne Verstand und Ueberlegung. Legende. Den Ausdruck „Legende" hört man nicht selten. Er zeigt eine Erzählung an, die von göttlichen Wundern handelt, aber nicht von den Wundern der heil. Schrift, sondern von spätern Wundern. Da wir nicht gewiß wissen, daß nach der Apostel Zeiten wirkliche Wunder geschehen sind, daß aber das Volk oft meinte, es seien Wunder verrichtet worden, so zählt man die Legenden zu den Sagen, welche zwar bisweilen etwas Wahres enthalten, aber später ausgeschmückt worden sind. Es gibt gar schöne Legenden, z. B. die hier gleich fol- genüe von dem heiligen Meinrad. Der heilige Meinrad lebte als Einsiedler in der Schweiz. Rings um seine Hütte war Wald und steiles Gebirg, oft sah er in einem ganzen Jahre keinen Menschen. Desto mehr hatte sich der fromme Mann mit den Thieren in der Nachbarschaft befreundet. Die Hirsche, die Rehe kamen furchtlos an seine Hütte, selbst Bären und Wölfe thaten ihm nichts zu Leide. Am zahmsten waren aber die Vögel. Auf allen Bäumen und Sträuchern um seine Hütte waren Nester; die alten und die Jungen kannten die Stimme Meinrad's und setzten sich zu ihm, wenn er sie lockte. Besonders zutraulich waren zwei junge Raben, deren Eltern umgekommen waren, und welche der fromme Einsiedler an der Eltern Statt aufgefüttert hatte, Sie setzten sich ihm aus die Schultern und liebkoseten ihn, als verständen sie, was er für sie gethan hatte. Zu der Hütte dieses guten Mannes, der an nichts Arges dachte, kamen zwei Räuber, und weil sie glaubten, in der Hütte könnte doch wohl Geld verborgen sein, und weil sie sich schon so sehr an das Morden gewöhnt hatten, daß sie Niemanden in Frieden lassen konnten, so erschlugen sie den frommen Greis vor feiner Hütte. Niemand hatte es gesehen als die Raben, welche eben erst auf den Schultern des Gemordeten gesessen hatten, und welche durch ihr klägliches Geschrei die verruchten Mörder, welche die Hütte durchsuchten, aber nichts fanden, er schreckten. „Laß uns gehen," sagte der Eine zu dem Andern, „die Raben des Einsiedlers gefallen mir nicht, und Geld und Geldeswerth finden wir doch nicht." Einige Tage darauf kamen einige fromme Pilger an die429 Hütte, um den ehrwürdigen Meinrad zu besuchen, aber sie fan den nur seinen blutigen Leichnam. Alle weinten über das kläg liche Ende dieses frommen Mannes, und begruben ihn feierlich neben seiner Wohnung So lange hatten die Raben immer schweigend auf dem Dache der Hütte gesessen, als aber die Leiche unter der Erde war, da flogen sie schreiend davon. Die Pilger gingen nun in die nächsten Dörfer und verkündigten die schändliche Mordthat, die an dem heiligen Meinrad begangen worden sei. Jedermann hörte es mit Grausen, und Jeder wünschte, daß die Mörder entdeckt und zur Strafe gezogen würden. Da sehen die Pilger auf einmal ein seltsames Schauspiel. Zwei Männer wurden von zwei Raben verfolgt. Immer kreißten die schwarzen Vögel über den Köpfen der Männer, schrien und fuhren auf dieselben los, als wollten sie ihnen die Augen aushacken. Die Männer schlugen nach ihnen, aber es half Nichts, die Raben kamen immer wieder. Da kam den Pilgern plötzlich der Gedanke: „Dies sind die Raben des hei ligen Meinrad, und diese Männer sind seine Mörder." Sie nahmen die Männer fest und brachten sie vor Gericht. Die Raben folgten unermüdlich und ihr Geschrei wurde immer schauerlicher. Die Mörder aber, welche schon lange vor den ihnen wohlbekannten Vögeln erschrocken waren, läugneten ihr Verbrechen nicht länger und erkannten, daß das ein Strafgericht Gottes sei. Als sie hingerichtet waren, verschwanden die Raben, und Niemand hat sie wieder gesehen. Leinwand. Wachsen die Hemden auf dem Felde? Die Hemden nicht, wohl aber der Flachs, aus dem man die Lein wand macht. Der Flachs ist eine Pflanze, welche nur einen einzigen, ganz dünnen Stengel treibt. Wenn das blaue Blüm chen verblüht ist, so setzt sich auf jedem Stengel eine kleine runde Samenkapsel an. Ehe diese Kapseln ganz reif sind, rauft man den Flachs aus, bindet ihn in Bündeln und führt ihn in die Scheune. Daselbst befestigt man auf einem Balken große eiserne Kämme, durch welche man die Flachsstengel so lange hindurchzieht, bis alle Samenkapseln heruntergerissen sind. Die Landleute nennen das riffeln. Nun bindet man die Stengel wieder in Bündel und röstet sie, d. i. man legt sie 14 Tage in's Wasser. Den gerösteten Flachs trocknet man an der Sonne oder in einein Backofen. Ist er ganz dürr, so bläut man ihn, d. i. man legt ihn auf einen Balken und schlägt so lange mit430 Holzschlegeln darauf, bis die Stengel weich sind. Dann brecht man ihn auf einem Werkzeug, das man die Breche nennt. Da werden die Stengel gebrochen, so daß die äußere harte Rinde zerbröckelt auf den Boden fällt und sich der Flachs in lauter feinen Fäserchen auflöst. Der gebrechte Flachs kommt auf die Hechel; da wird er gehechelt, d. i. durch viele eiserne Spitzen gezogen, an denen das Werg hängen bleibt. Aus dem Werg macht der Seiler Stricke. Den gehechelten Flachs aber windet man zu Flachsstreifen zusammen, legt ihn sodann an den Rocken (Gunkel) und spinnt ihn zu Garn. Das Garn haspelt man von der Spule auf den Haspel, bindet es zusammen, siedet es in Lauge und gibt es dem Weber. Der Weber webt es auf dem Webstuhl zu langen Stücken Tuch. Diese Stücke bleicht man, d. i. man spannt sie in der Sonne aus und be gießt sie, so oft sie trocken sind mit Wasser, bis sie ganz weiß werden. Und nun erst hat man Leinwand, aus der man die Hemden macht. Der Flachs wird also gesäet, ausgerauft, geriffelt, geröstet, gedörrt, gebläut, gebrecht, gehechelt, gesponnen, gesotten, gewebt und gebleicht. Das ist viel Mühe und Arbeit; aber alles dieses ist die Hauptsache nicht. Die Hauptsache thut Gott, wenn er den Flachs auf dem Felde gedeihen läßt. Thut er das nicht, so haben wir keinen Flachs, und also auch kein Hemd anzuziehen. Mein Kind, wenn dir die Mutter ein Hemdlein anlegt, dann küsse ihr die Hand und denke dabei, das hat nur Gott Vater durch meine liebe Mutter gegeben. Lemwing. Lehrer. Der Lemming oder die nor wegische Berg maus, in Schweden, Norwegen, Lappland und Sibirien ist ein sehr merkwürdiges Thierchen. Denkt einmal, Kinder, der Lemming zieht zuweilen heerdenweise, und in außer ordentlich großer Gesellschaft, sechzig bis hundert stunden weit in fremde Länder, und frißt alles auf, was er unterwegs an trifft. .Max. Wie sieht denn der Lemming aus? Lehrer. Er ist etwas kleiner als der Hamster, hat roth- und schwarzgefleckte Haare, frißt Gras und Moos und wohnt in ausgeworfenen Höhlen, wie die Maulwürfe. _ Weil diese sonderbare Maus zuweilen sich so stark ver mehrt, daß ihr und ihren Kameraden Platz und Nahrung mangeln, so müssen sich alsdann einige hundert tausend von431 ihnen entschließen, ihr Vaterland zu verlassen, und ihr Brod in der Fremde zu suchen. Ach, wie staunen und erschrecken da die Norweger und Schweden nicht, wenn sie so unvermuthet ein Heer von 120 bis 160,000 Mäusen in ihrem Gebiete wüthen, und ihre Felder, Wiesen und Gärten verheeren sehen müssen! Sie können es nicht begreifen, wo sie Herkommen. Der gewöhnliche Mann glaubt daher, sie regnen vom Himmel und wären eine gerechte Landplage. Adalbert. Schlägt man sie denn nicht tobt, sobald sie kommen? Hugo. Läßt man nicht Hunde und Katzen und Schweine -ans sie los? Lehrer. Nein, nichts kann man gegen sie thun. Sie scheuen weder Menschen noch Prügel, weder Hunde noch Katzen. Sie laufen den Menschen unter den Füßen ourch oder hängen sich gar an dieselben, beißen in die Prügel und lassen sich daran wegtragen. Ein Glück ist noch dieß für Norwegen und Schweden, daß die Lemminge nicht lange in einer Gegend bleiben, sondern über Berg und Thal, und durch Flüsse, Seen und Teiche immer und so lange in gerader Linie fortziehen, als ihrer noch viele sind. Sind aber erst etliche 100,000 von ihnen er soffen, oder sonst um's Leben gekommen, so zerstreuen und ver lieren sich die übrigen nach und nach alle. Nach Hause kommt keine einzige wieder. Tressen sie aus ihrem Zuge einen Heuhaufen all, so laufen sie nicht neben ihm weg, sondern graben sich gerade unter ihm durch. Begegnet ihnen auf dem Wasser ein Fahrzeug, so schwimmen sie nicht um dasselbe herum, sondern klettern hinein, und springen aus der andern Seite wieder in's Wasser. Und so klettern und springen sie auch über große Holzhaufen weg. Otto. Die Lemminge sind recht wunderliche Thiere. Lerche. Mein Kind, willst du ein schönes Liedchen hören, so höre doch die Lerche an; denn sie kann zu schön sin gen, obwohl ihre Farbe gar nicht besonders schön ist. — O, es kommt auch bei den Kindern nicht auf die Schönheit an. — Die Lerche hält sich gar gern auf dem Boden ans, besonders in Feldern. Kommt ihr aber die Lust zum Singen, dann steigt sie auf und läßt fliegend chren Gesang ertönen, einen Gesang, der wie ein Himmelsklang jedes gefühlvolle Menschenherz mit432 unbeschreiblichem Entzücken ergreift. Wer die Lerche recht genau kennt, sagt von ihr: Das Lerchlein schwinget, Sich in die Lust; Horch, horch, es singet, Horch, horch, es ruft; Dir, Dir, Dir, Dir, Dir! Dir, Dir, o Größter, Dir sing ich, Dir! Dir, Dir, o Bester! Dir, Dir, nur Dir! Dir, Dir, Dir, Dir, Dir! Dich, Vater, loben, Sei Lust auch mir, Und stets erhoben Mein Herz zu Dir! Dir, Dir, Dir, Dir, Dir! Und Fr. Güll sagt: Wie die Lerche über Berge sich schwingt und singt. Die Lerche hat erspüret ein Würmlein in dem Feld. Nun weiß sie, daß gebühret auch Dank dem Herrn der Welt. Nun rauscht sie aus den Schlüssen und Furchen schnell hervor, und schaukelt sich in Lüften, und schwingt sich hoch empor. Und singt und jubeliret, so, daß es schallt und gellt, und jauchzt und tiriliret dem großen Herrn der Welt. Und hast du's schon gesehen, mein Kind, und hast's gehört, so wirst du auch ver stehen, was dich das Lerchlein lehrt. — Und ein anderer gar freundlicher Dichter erzählt von einen Lerche und einem Knaben so: K n a b e. O, liebe Lerche, sag' nur an, Was dich so lustig machen kann? Du säest nicht, du erntest nicht Und sammelst in die Scheunen nicht, Und fliegst so hoch und singst so gern Als säh'st du Gott den Herrn.433 Lerche. Der Vater droben sorgt für mich, D'rum sing' ich ihm mein Lied, Doch vielmehr sorgt er noch für dich, D'rum komm, und singe mit! — Lernen. Man hält es öfters für unrecht, wenn man mehr lernt, als man meint, daß man in Zukunft brauchen werde, und die Meisten wollen gerade so viel lernen, als sie glauben, daß sie in Zukunft nöthig haben werden. Wenn aber einer nicht mehr Rettigkörner stecken wollte, als er künftig Rettige bekommen wollte, so würde es ihm gewiß fehlen, indem nicht Alles geräth, was man säet. So geht es auch bei dem Lernen; es bleibt nicht Alles, was man lernt. Daher muß man so viel in der Jugend lernen, daß auch etwas davon gehen kann. Zudem kann man nicht wissen, was man in der Zukunft brauchen wird. Man wird auch keinen gescheidten Menschen klagen hören, daß er Zuviel gelernt habe. Beftelleute haben zu ihrer Haushaltung nicht viel nöthig; wenn man aber eine rechte Haushaltung führen will, so wird Vieles dazu er fordert. Wenn man ein schlechter Mensch werden will, so darf man nicht viel lernen. Wenn man aber recht brauchbar wer den will, so muß man in seiner Jugend so viel lernen, als man kann, zumal der Geschickteste nicht so viel kann, daß er mit Recht sagen könnte, er wäre nur dem geringsten Aemtlein voll ständig gewachsen. — Höret noch, was „ein alter Spielmann" über das Lernen sagte: Kommt, liebe Kinder, her Zu mir und hört, was ich euch singe. Auch ich war einmal jung wie ihr und lustig, guter Dinge; ich lacht, und sang', und hüpft und sprang gleich einem Schmetterlinge. — Ich sang und spielte Tage lang auf meiner kleinen Geige, und endlich ging bei Spiel und Sang die Jugend auf die Neige. Nun bin ich alt und spiele halt, bis in das Grab ich steige. — Seht, ich bin nur ein armer Mann, Hab' nichts als meine Lieder, nehm' jede Gabe dankbar an und zieh' von dannen wieder. Ich spiele fort, von Ort zu Ort schlepp' ich die alten Glieder. — Doch hätt' ich in der Jugendfrist nicht meine Zeit ver- fungen; so könnt' ich nun gemächlich ruh'n; das ist mir nicht gelungen. — Kinder - Convcrsations - Lexikon. 28434 D'rum merkt's euch Kinder, lernet viel, nicht etwa nur zu singen; steckt euch ein bess'res, höh'res Ziel und sucht es zu erringen. Ja, glaubet mir, dann werdet ihr es alle weiter bringen. Leuchter. Zu jedem Lichte gehört ein brauchbarer Leuchter. Der Arme begnügt sich mit einem Leuchter von Blech oder er wählt lieber einen eisernen, weil ein eiserner Leuchter haltbarer ist, und am Feuer nicht auseinander geht, wie das Blechgeschirr. Leute, die etwas mehr aufwenden können, lassen sich von dem Kupferschmiede kupferne, oder von dem Rothgießer messingene Leuchter machen, und reiche und vornehme Leute wollen sogar silberne haben. Man hat aber auch noch andere Arten, die sehr gut in die Augen fallen und nicht so hoch zu stehen kommen. Licht und Wurme. Wie das Licht, so kommt auch die Wärme von der Sonne. Ohne Licht und Wärme würden weder Menschen noch Thiere sich wohl befinden, und kein Pflänzchen würde gedeihen. Hab' ich nicht im Frühjahre ge sehen, wie ein einziger Tag Alles herauslockt? Und das ist um so wunderbarer, da die Sonne so weit von uns entfernt ist, daß man es kaum glauben kann; denn wenn du die Flügel der Schwalbe nähmest und gerade auf die Sonne losflögest, ohne auszuruhen: so würdest du 25 Jahre und langer fliegen Müssen, ehe du hinkämest. Je näher du kämest, desto größer würde sie vor dir liegen, und deine Erde müßte dir endlich gegen die Sonne Vorkommen, wie ein Stäublein. Nicht an allen Orten der Erde ist einerlei Wärme. Das kannst du schon bei uns merken: denn im Frühling ist es viel anders, als im Winter; und der Sommer hat eine andere Wärme, als der Herbst. Es gibt aber auch Gegenden der Erde, wo es nimmer einwintert. Da ist es immer Frühling und Sommer; die Bäume grünen und blühen das ganze Jahr hindurch, und neben den Früchten kommen schon wieder die Blüthen hervor. Da gibt es die schönsten Blumen, die bun testen Vögel, die prächtigsten Schmetterlinge. Tag und Nacht sind fast immer gleich. Ei, da möchtest du wohl gern sein? Aber wisse: dort wird auch die Hitze oft so groß, daß man es kaum ertragm kann; dort sind die giftigen Schlangen und die wilden Löwen zu Hause, und die schönen, bunten Vögel lernen kein munteres Liedchen pfeifen. Laß dir's daheim gefallen und435 danke dem lieben Gott, daß er auch unser Land so schön ge schmückt hat. Dagegen gibt es auch Länder, wo es gar nicht recht Som mer werden will. Da müssen die Menschen sich immer in dichte Pelze hüllen und vor Frost unter die Erde verbergen. Den Thieren hat dort der liebe Gott selbst einen dichten Pelz umgethan. Dort bleibt es auch viele Monate Nacht; aber der Mond und der weiße Schnee machen die Nacht hell. Die Bäume bleiben so klein, daß man darüber wegspringen kann; Blumen sieht man gar nicht, wohl aber viel Moos. Dort würdest du gewiß nicht lange wohnen wollen; und doch gesällt's den Leuten, die dort ausgewachsen sind, in ihrem Lande so gut, daß sie nicht mit uns tauschen mögen. Vater aller Ewigkeiten! Du nur änderst Stund' und Zeiten, und auf dein allmächtig Wort rollt die Sonne täglich sort. Durch dich geht sie aus und nieder und kommt jeden Morgen wieder; du bezeichnest wunderbar durch sie Stunden, Tag und Jahr. Liebe und Sorgfalt der T h i e r e s ü r i h r e I u n g e n. Lieber Adalbert! Als Du geboren worden bist, so haben Dich Deine Eltern nicht auf einen harten Tisch oder etwa gar auf den Stubenboden gelegt, sondern sie haben Dir in einer Wiege ein weiches und warmes Bettlein zurecht gemacht, und die liebe Mutter hat Dich sorgfältig gewartet, und es haben Deine Eltern gar viel Sorge, Mühe und Arbeit gehabt, bis sie Dich so weit gebracht haben, als Du jetzt bist; und hätten Vater und Mutter das nicht an Dir gethan, so wärest Du schon längst nicht mehr am Leben, oder Du hättest wenigstens krumme Glieder, oder wärest sonst elend. Dafür bist Du Deinen lieben Eltern zeitlebens Dank schuldig, und es ist ein gottloser Bube, der ihnen etwa gar durch Undank oder Unfolg samkeit Herzeleid macht. Was Deine Eltern an Dir gethan haben, das thun in ihrem Maße auch die Thiere an ihren Jungen. Ich theile Dir hier einiges über die Liebe und Sorgfalt mit, mit welcher die Säugethiere ihre Jungen verpflegen. Die viersüßigen Thiere, lieber Adalbert, bringen lebendige 28 *436 Jungen zur Welt und säugen sie mit Milch, weßhalb sie auch Säugethiere heißen. Nun merke Dir, daß die Jungen mancher Thiere ganz unvollkommen und hilflos zur Welt kommen, während die Jungen anderer Thiere vollkommener sind, und sich auch besser helfen können. Die Jungen der Beutel thiere z. B. sehen, wenn sie zur Welt kommen, wie kleine Fleischklümpchen aus, und können weder stehen noch gehen. Darum schiebt sie die Mutter mit dem Maule in einen Hautbeutel, und trägt sie überall mit herum. Auch wenn sie schon größer geworden sind und herum laufen können, bleiben sie bei der Mutter. Sobald eine Ge fahr droht, schlüpfen sie in den Beutel, oder springen der Mutter auf den Rücken, und halten sich mit ihrem Schwänz chen an ihrem Schwänze fest. Auch das Junge des Bären ist so unvollkommen, daß man sonst gemeint hat, die Bärin bringe nur ein Stücklein Fleisch zur Welt und verwandle es durch Lecken mit der Zunge erst in ein Bärchen. Vollkommener sind die Jungen der Katze, aber doch neun Tage blind. Die alte schleppt sie im Maule von einem Ort zum andern, um sie zu verbergen, und bringt ihnen Vögel und Mäuse zum spielen. Kommt ein Hund dem Orte, wo sie ihre Jungen hat, zu nahe, so springt ihm die Mutter wüthend auf den Nacken, und zerzaust und zerkratzt ihm Haare, Haut, Augen und Nase so jämmerlich, daß er heulend davonläuft. Es gibt freilich mitunter auch Katzen, die ihre eigenen Jungen auffressen. Besonders gern thun dies die Kater. Das vollkommenste Junge bringt die Kuh zur Welt. Das Kalb kann sogleich stehen und gehen, lernt auch schon in einigen Tagen Milch saufen und Heu fressen. Daß die Thiere eine große Liebe zu ihren Jungen haben, ist natürlich. Viele Affen tragen ihre Jungen noch einige Zeit auf dem Rücken mit herum. Der langarmige Sia- mang, der in den Wäldern der Insel Sumatra lebtträgt seine Jungen zum Fluß, badet, wäscht und trocknet sie. schießt man ein Junges von den Bäumen herab, so flieht die Mutter nicht, sondern fällt auf dasselbe mit großem Geschrei, sucht es mit ihrem Leib zu bedecken, und geht mit ausgebreiteten Armen und offenem Rachen auf den Feind los. Auch der Brüll affe, der in Südamerika lebt, trägt das Junge auf dem Rücken mit herum. Ein angeschossenes Weibchen strengte seine letzten Kräfte an, um das Junge auf dem Rücken auf einen Ast zu werfen, und fiel dann tobt vom Baume.437 Die Meerfischotter Zeichnet sich durch die Liebe zu ihren Jungen besonders aus. Wenn die Mutter im Meer auf dem Rücken schläft, hält sie das Junge mit den Vorderfüßen um faßt. Sie spielt mit demselben, wirft es in die Höhe und fängt es wieder, taucht es in's Wasser, damit es schwimmen lerne, nimmt es, wenn es müde ist, wieder Zu sich, und küßt es zärtlich. Wenn eine Mutter vom Jäger verfolgt wird, so läßt sie ihr Junges erst im Tode fallen. Nimmt man ihr das Junge weg, so wird sie in kurzer Zeit vor Traurigkeit ganz mager, und läßt sich ohne Widerstand todt schlagen. Steller, ein Naturforscher, sah einmal eine Mutter mit ihrem Jungen schlafen. Sobald er hinzuging, erwachte sie und suchte auch das Junge zu wecken. Weil es aber sehr fest schlief, so wälzte sie es wie einen Stein in's Meer. Die Sorgfalt, mit der die Vögel ihren Jungen eine Wiege bereiten, und sie verpstegen, will ich Dir in einem an dern Briefe beschreiben. Lebe wohl! Lilie. O, wie schön ist die weiße Lilie. Sie ist so schön, so rein, schöner noch, als der weißeste Atlas, weißer noch, als der Schnee! — Wohl den Kindern, wohl ihnen, deren Herz so rein von allem Bösen ist. Die Lilie sei euch also stets ein Bild der Unschuld und Liebenswürdigkeit. Wenn ihr sie sehet, so denket daran und lobet den, der sie so schön gemacht und euch zu einem so würdigen Bilde vorgestellt hat. „Du schöne Lilie auf dem Feld, Wer hat in solcher Pracht Dich vor die Augen mir gestellt, Wer dich so schön gemacht? Wie trägst du so ein weißes Kleid Mit gold'nem Staub besäet, Daß selbst Salomons Herrlichkeit Vor deiner nicht besteht! Gott hob dich aus dem schwarzen Grund, Hat liebend auf dich Acht, Er sendet dir in stiller Stund' Ein Eng'lein bei der Nacht. Das wäscht dein Kleid mit Thau so rein Und trocknet's in dem Wind,438 I ' M K. % Und bleicht es in dem Mondenschein, Und schmückt sein Blumenkind, Du schöne Lilie auf dem Feld, In aller deiner Pracht, Bist du zum Vorbild mir gestellt, Zum Lehrer mir gemacht. — Du schöne Lilie auf dem Feld, Du kennst den rechten Brauch; Du denkst: Der hohe Herr der Welt Versorgt sein Blümchen auch." — Logogryph. Erschrecket nicht, Kinder! über dieses fremde, vornehme Wort; es heißt so viel als Buchstabenräthsel, und enthält eine Kette von Räthseln, die alle auf ein Haupt wort führen, dessen Buchstaben nach ihrer Versetzung oder Weg nahme oder Vertauschung andere Wörter bilden. Nun, das Räthselauflösen ist euch nicht fremd und auch das Lösen der Logogryphe wird für euch nicht schwer sein. Zur Uebung habe ich euch hier welche angefügt; 1 . Ich labe mit einem B, Ich steche mit einem 3 D,. Ich labe mit einem K, Ich steche mit einem H, Nie bleib' ich mit B zurück, Mit Z entstell' ich den Blick. 2. Es ist ein häßlich Thier, Saugt Blut wie ein Vampyr; Davor ein S hat's Pferdekrast, Mit Ik nützt es der Wissenschaft, Mit K ist es bestimmt zum Spiel; Nun rathet schnell und sinnt nicht viel! 3 . Mit d voran, Sind's viel zu Haus; Mit G Thut's weh; Mit L Macht's hell; Mit tt erscheint, Was stets verneint.439 4. Mit Ä siehst du mich auf dem Feld, Der Bauer hat mich ohne Geld. Mit G durchdringe ich die Welt, Durch Blut und Tod sucht mich der Held. 5. Ein Wort, einsilbig, doch leicht erklärlich, Mit einem a den Kriegern gefährlich, Mit einem e nach Bösem begehrlich, Mit einem i ganz offen und ehrlich, Mit einem u dem Waller beschwerlich. 6. Mit P — Thut's weh; Mit x ist's schön; Mit Sch zu seh'n; Dagegen mit k Ist Nichts mehr da. 7. Ich bin eine Katze, Seht euch vor, ich kratze! Bringt man mich mit t zusammen, Spei' ich Feuer und Flammen. 8. Mit e ist's silbergleich, Mit i das Himmelreich, Mit o gar mild und weich. 9. Mit M umschließt es manchen Garten, Mit D trotzt es der Zeiten Lauf, Mit B muß es des Feldes warten, Mit L steh'n Jäger oft darauf. 10. Mit M ist's frisch und uns erquickt, Ist oft mit schönem Roth geschmückt, Mit S es voll den Kopf uns macht, Und schlaflos manche Nacht. Mit B nimmt es uns auch die Ruh', Doch treibts den Armen oft dazu. Doch dessen Haupt ganz sorglos ruht, Wer es beim Subtrahiren thut. 11. Mit B bring' ich dich von der Stelle; Mit R liebst du es an der Quelle; Mit W könnt' ich schon manchen laben; Mit P mocht' mich noch Niemand haben, Und oft mach' ich gar viel Verdruß, Wenn ich mit N erscheinen muß.Fünf Buchstaben. 12. Ich reiße Wunden tief, doch nur zum Segen; Alljährlich führt ein Kaiser mich einmal. Nimmst du das Haupt mir, dann durch mich bewegen In Schnelligkeit sich Thiere ohne Zahl. Wirst du nun noch ein Zeichen mehr mir rauben, So meide mich, mein Kind, sonst wird dir Niemand glauben. 13. Mit M ist's ein beweglich Thor Und Mancherlei geht d'raus hervor, Doch muß sich's täglich auch bequemen, Gar manches in sich aufzunehmen. Mit B es hoch beglückt, Was sich zusammenschickt; Mit F entgeht's den Blinden Er wird es nimmer finden; Mit H es auf der Erde rennt Und auch am Himmel droben brennt; Mit Sch wird's freilich wenig nützen, Mit K vor manchem Fehlgriff schützen; Mit W verursacht's Schmerz und Leid, Mit St ist's eine kurze Zeit; Mit R ist's wieder ganz und voll; Mit S da fordert's theuern Zoll; Mit Sp die Kerkerthür es ist, Die Manchen Brausegeist verschließt — Und wenn er endlich kommt zur Ruh', Stopft man das Maul ihm damit zu. 14. Mit a entfährt's der erstaunten Brust, Mit ei begleitet's die kindliche Lust. Mit au ist's eines Thieres Ton, Wie ihr ihn oft gehöret schon. Mit ey da ist's ein Mann, geliebt, So lang' es Kinder auf Erden gibt. Aus e ein «, da wird sein Rachen Die Kinder schrecklich fürchten machen. 15. Mit u ist's ein Gefäß voll Sinn, Mit a fließt es im Bette hin. Mit u ist's stumm und spricht doch weise, Mit a da murmelt es nur leise. Mit au, vom Körper ist's ein Stück,441 Bald leer, bald voll, bald dünn, bald dick. Verschieden wird geschätzt das Ding, Der Weise achtet es gering; Der Thor — wie's Sprichwort sagt im Spott — Der macht es gar zu seinem Gott. 16. Mit ei geziemt's vor allen Dingen Euch Kindern, wollt' ihr's zu etwas bringen. Mit u durch Schönheit es oft entzückt, Im Sommer es wunderbar erquickt; Doch hat es auch manchen verwegenen Knaben In seinem kühlen Grab begraben; Und hemmt der Winter seinen Lauf, Dann läuft der muntere Knabe d'rauf. Dann mag es ihm auch wohl behagen, Kann er's mit au am Leibe tragen. 17. Welches Wort enthält, nach und nach verkürzt, ein vier- füßiges Thier? ein köstliches Getränk? eine Zahl? und die Möglichkeit zu einem Vogel? 18. Von Wolkenhöhen kommt's herabgeflossen, Erquicket Hain und Flur in kühler Nacht; Es hüllt euch ein, es hält euch eng umschlossen, Wenn, Leser, ihr sein Haupt zum Fuße macht. 19. Stoß einen-Seufzer aus, so hast du mich, Setz' ein D voran, so schirm' ich dich; Noch H dahinter und ein Thier, Sehr reich au Fett, siehst du vor dir. Mit L statt D erscheint's als Fisch Zur Leckerei auf manchem Tisch. Nimm W statt L, so leuchtet es und klebt; Setz' F vor L, so wird's gewebt. 20. Drei Worte gibt ein R, ein E, Ein doppelt N, ein O, ein D. Das eine brüllt, das Andere sticht, Dem Dritten fehlt's an Kälte nicht. 21. Wie läßt sich mit einem einzelnen Buchstaben das Streben nach Schnelligkeit in den Gegensatz verwandeln? 22. Mit einem K kann ich dich ernähren, Mit einem Wt Erquickung dir gewähren,442 Mit einem P bring' ich viel Neuigkeiten, Mit einem N dien' ich, um Speisen zu bereiten. 23. Mit 1 2 alt; Ohn' 1 2 kalt. 24. Mit F ist's nicht recht; Mit H ganz schlecht. 25. Mit f ist mir ein hoher Rang beschieden, Mit d bin ich ein Maaß, mit u Gewicht, Mit h bring' ich nach Müh' und Kampf dir Frieden, Mit m bin ich's, was manches Herz wohl bricht; Mit s bedeck' ich das, was ich mit b dir nannte, Und heile das mit b, was ich tu dir sandte. 26. Mit t find'st es im niedern Haus; Mit d ist die Geschichte aus. 27. Mit S ist's die Sahare, Mit T Nürnberger Waare, Mit L Columbus Wörtlein, Mit W hat's oft ein Pförtlein, Mit H hält es die Schlüssel, Mit R ist's um die Schüssel, Mit B kein Knopf für's Knopfloch — Zerbrecht ihr euch den Kopf noch? 28. Mit f ich Aug' und Nas' erfreu', Mit ff suche mich bei Reiterei! 29. Mit F, Kind, brauchst du mich zum Geh'n, Zum Laufen, Springen und zum Steh'n, Mit H bin ich ein Glaubensheld, Mit Sch, wodurch das Häschen fällt, Mit R ist schwarz mein weiches Kleid, Mit N komm' ich zur Weihnachtszeit, Mit Gr kann Grobheit ich nicht leiden; D'rum lern' mich, liebes Kind bei Zeiten. 30. Vier Zeichen sind's. Sie locken dich zu Tische. Versetze sie, so tragen sie des Feldes Frucht, Versetze anders sie, dann fehlt der Beine Frische Beim Laufen dir, die Schnelle bei der Flucht. 31. Mit M — Blum', Mt S — bumm!443 Löffel. Man hat silberne, zinnerne, blecherne Löffel. Die silbernen schmiedet der Silberarbeiter aus einem dicken Stück Silber, das er dünn schlägt, und dem er dann durch hämmern, feilen und schleifen die erwünschte Form gibt. Am Ende wird die Arbeit weiß gesotten und polirt. Der Zinn gießer gießt seine Löffel aus feinem Zinn, putzt sie aus und polirt sie. Der Blechschmied macht die seinigen aus starkem Blech. Wenn man Geld hat, so sind die silbernen die besten und haltbarsten. Löwe. Mit Recht wird er der König der Thiere ge nannt, denn Kraft und Würde verlangen diese Auszeichnung. Wer sollte es glauben, daß der Löwe stark genug sei, einen Ochsen ebenso fort zu tragen, wie die Katze ein Mäuschen. Dennoch ist er nicht so gefürchtet, wie der Tiger. Er, der Löwe, mordet nämlich nur Menschen, wenn ihn der größte Hunger, die Roth, dazu treibt. Des Nachts geht der Löwe auf Raub aus. — Will inan ihn fangen, so gräbt man Gruben, und fällt er in eine solche Grube, so schämt er sich, gefangen zu sein, und läßt sich gutwillig Ketten anlegen, einen Maulkorb aufsetzen, und sich von einem Kinde gelassen wegführen. Es sieht lustig aus, wenn man den stolzen Löwen so gravitätisch an der Kette einhergehen sieht. — Afrika und Asien sind seine Heimath. — Wer noch nie einen Löwen gesehen hat, der stelle sich eine große gelbe Katze vor, von der Höhe eines Rindes, mit einem gewaltig dicken Kopf, breiten Angesicht, majestätisch ernster Miene, gerunzelter Stirne, schief liegenden Augen, ge spaltener Oberlippe, die an beiden Seiten wie bei den großen Hunden herunter hängt, um Hals und Brust und Nacken der Zierrath einer starken, zottigen Mähne und am Ende des Schwanzes eine starke Quaste. Die Mähne hat nur das Männchen, und bekommt sie erst im dritten Jahre. Der dicke Kopf, die starken Eckzähne und die aus- und eingehenden Klauerl sind Abzeichen des Katzengeschlechts. Ihr dürft nur einen Hund und einer Katze in's Maul sehen, so sindet ihr alsbald den Unterschied. Die sechs Schneidezähne, welche bei dem Hund groß und stark sind, sind bei der Katze klein und spitzig; demr der Hund greift mit den Zähnen, die Katzen aber (Löwen, Tiger, Unzen, Leoparden u. s. w.) mit den Klauen an. Die Eckzähne hingegen, welche bei dem Hunde kurz und scharf sind, spitzen sich bei der Katze allmälig zu, und sind weit stärker und länger, als die übrigen Zähne: Mit diesen zermalmen444 die Löwen die härtesten Knochen. Auch nach den Klauen werdet ihr die beiden Geschlechter leicht unterscheiden können. Der Hund, und was seiner Art ist, z. B. der Wolf, der Fuchs, die Hyäne, gebrauchen die Klauen zum Gehen, auch nicht selten zum Scharren in der Erde, daher sind sie dick und abgestumpft. Die Katzen aber, z. B. Löwen, Tiger u. A. haben eine Tatze so weich wie Sammt; aber wenn ihr die Tatze eurer Hauskatze unter sucht, so sehet ihr, wie die scharfen Klauen in den zarten Pfötchen verborgen stecken, die sie im Gang aufrecht trägt, daß sie die Erde nie berühren, zum Fang aber ausstrecket, und womit sie, wie ihr wohl wißt, empfindlich genug kratzen kann. Genug hievon! — Ich will euch nun noch einige Geschichtchen von den Löwen erzählen. 1. Ein vornehmer Herr ritt einmal mit einem Freunde aus und stieß auf zwei, zur Seite des Weges ruhende Löwen. Flucht diente hier zu nichts. Er ritt daher mit dem ihm nach folgenden Gefährten, der vor Müdigkeit auf dem Pferde schlief, ruhig vorüber, und sah sie fest an, während ihre feurigen Augen aus ihm weilten. Wahrscheinlich hatten sie keinen Hunger, und waren daher großmüthig genug, zwei Menschen und zwei Pferde vorüber ziehen zu lassen. — 2. Einige Bauern machten Jagd auf einen Löwen, weil er ihnen einige Stücke Rindvieh getödtet hatte. Ruhig lag das Thier in einem Dickicht. Als er aber von einigen Kugeln ge streift wurde, sprang er wüthend hervor und stäubte die Bau ern auseinander. Ein Hottentotte hatte es versäumt, bei guter Zeit^zu fliehen. In schrecklicher Angst, dem Tode nahe, warf er sich platt auf die Erde und stellte sich — tobt. Der Löwe beroch ihn, tappte mit der Tatze auf ihm herum und setzte sich ruhig auf seinen Feind. Endlich stund er auf und ging nach den Bergen. O, wie war es wohl dem Hottentotten zu Muthe ?! — 3. Ein Jäger ging einst nach einer im Gebüsche versteck ten Quelle, um Wasser zu holen. Sein Begleiter hatte ihm vorher, nach seinem Wunsche, die Flinte abgenommen. In dem Augenblick, wo er sich durch's Gebüsche drängen wollte, sprang ein ungeheurer Löwe hervor und packte ihn. — Erschrocken fiel der Jäger zur Erde nieder; doch war er besonnen genug, sich ganz ruhig zu verhalten, welches Benehmen ihn allein noch am Leben erhielt. Der Begleiter ergriff feig die Flucht, obwohl ihm dieser noch heimlich zuwinkte, die Bestie niederzuschießen. — Immer noch, ohne derb zu beißen, hielt der Löwe mit den Zähnen und den Klauen des Jägers Arm fest. Endlich verlor der Geäng-445 fügte die Geduld. Er zog mit der freien Hand ein Messer aus der Scheide und stieß es dem Thiere in die Brust. Die beigebrachte Wunde war zwar tödtlich, aber der kurze Kampf, den sie verursachte, hatte eine solche Zerfleischung des Mannes zur Folge, daß er drei Tage darauf starb. — 4. Ein Bedienter eines Menageriebesitzers hatte sich mit dem Löwen, der in seines Herrn Kammer schlief, so sehr be kannt gemacht, daß er sich von ihm liebkosen und lecken ließ. Man warnte ihn oft, und sagte ihm, daß er es ja nicht mehr thun sollte, weil der Löwe eine rauhe, und wie ein Riebeisen gebildete Zunge habe, mit der er ihm gewiß einmal eins ver setzen, und die Hand abbeißen werde. Denn wenn der Löwe Blut sieht, oder auf seiner Zunge empsindet, so muß er Blut haben. — Der Bediente achtete nicht auf diese Warnungen. Und siehe, unvermuthet ward sein Herr einst des Nachts durch ein Geräusch vom Schlaf erweckt! Er stand auf, ging in die Kammer, und ach, wie erschrack und entsetzte er sich, als er den Kopf seines Bedienten unter den Klauen des Löwen !ah, der den Leib sammt Händen und Füßen schon ganz aufgefresien hatte. Und was that nun der Herr? Er rief seine andern Bedienten herbei, und ließ den Mörder sogleich todt schießen. — 5. Einst landete ein Schiff an der Küste von Ostindien (Asien). Ein Matrose wurde mit Andern an das Land ge schickt, um etwas Holz zu fällen. Indem er nun etwas ent fernt von seinen Kameraden allein in dem Wald herumging, erblickte er plötzlich eine Löwin, die gerade auf ihn zueilte. An Entfliehen war nicht zu denken, und sich zur Wehr zu setzen, wagte er eben so wenig. Aber wie erstaunte er, als sich die Löwin ihm schmeichelnd zu Füßen legte, und nach einem ge wissen Baume blickend, ihn um Hilfe anzuflehen schien. Der Matrose entschloß sich, ihr zu folgen, und sah in den Zweigen des Baumes einen Pavian sitzen, der zwei Löwenkätzchen in den Armen hatte. Es war leicht zu errathen, daß der Affe der Löwin in ihrer Abwesenheit ihre Jungen gestohlen hatte, um mit denselben seinen Scherz zu treiben. Alsbald machte der Matrose sich an die Arbeit, um den Baum, der zum Glück nicht dick war, umzuhauen. Mit schwarfen Augen bewachte unterdessen die Löwin den Räuber ihrer Jungen, und in dem selben Augenblick, als der Baum siel, faßte sie mit einem ent setzlichen Sprung den Pavian, den sie brüllend in Stücke zer riß. Der Matrose aber stand und zitterte über diesem Anblick wie Espenlaub. Nachdem die Löwin ihre Jungen unversehrt446 gefunden, berochen und beleckt hatte, sprang sie von Neuem auf den armen, zitternden Matrosen los, um diesem durch Schmeicheln ihre Dankbarkeit zu beweisen. Sie schmiegte sich um seine Füße, rieb einige Male ihren Kopf an ihm, nahm dann ihre Jungen, wie die Katzen zu thun pflegen, in's Maul und trabte mit denselben davon. Bebend und bleich kam der Matrose auf dem Schiffe an, und es dauerte lange, bis er sich so weit erholt hatte, daß er das Abenteuer erzählen konnte. L öwenzakrn. Lieber Adolph! Als Gott der Herr die Erde, und alles was darin ist, schuf, da sprach Er am dritten Tage: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage, und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst aus Erden. Und es geschah also. Aus dieses Wort trägt also jede Pflanze, jeder Baum seinen eigenen Samen. Es ist aber zugleich auch weislich dafür gesorgt, daß sich die Gewächse durch den Samen auf der ganzen Erde ausbreiten können. An manchen Pflanzen sieht man diese Fürsorge Gottes recht handgreiflich. Es gibt eine gelbe Blume, aus deren hohlen Stielen sich die Kinder im Frühjahre Ketten machen. Man nennt sie die Kuhblume oder Löwenzahn. Du kannst nichts Zierlicheres und Schöneres sehen, als diese Pflanze, wenn sie reifen Samen trägt. Ihr Kinder wisset freilich meist nichts besseres zu thun, als damit zu spielen und „die Laterne auszublasen." Aber siehe einmal diese „Laterne" genauer an, so wirst du aus jedem Samenkörnlein ein gestieltes Federchen finden. Wozu braucht der Same dieses Federchen? Zum Fliegen. Blase diese Sa menkörulein weg, so werden sie nicht sogleich aus die Erde fallen, sondern getragen von dem Federchen in der Luft herumschweben, wie ein kleiner Luftballon; und wenn etwa gar ein Wind kommt, so nimmt er das Körnlein bei den Haaren, und führt es mit sich fort. Wo es alsdann niedersällt, da keimt es, und da wächst ein junger Löwenzahn, weiß Niemand, wo er her gekommen ist. Viele Pflanzen tragen einen solchen Federsamen. Wenn nun das Federchen, das auf dem Samen sitzt, recht groß und dicht ist, so sieht es wie weiße Wolle aus. Wie heißt der Strauch, dessen Samen ganz mit einer solchen weißen Wolle umgeben sind? Das sag' mir! Wo wächst dieser Strauch? Und wie nennt man die Wolle seiner Samen? Lebe wohl!447 London. Wer hat nicht schon von der ungeheuren Welt stadt London gehört! Wohl nirgends auf der Erde wohnen auf einem so gedrängten Raume so viele Menschen beisammen, als hier; denn diese Stadt beherbergt beinahe dritthalb Millionen Einwohner, also weit mehr, als das Königreich Würtemberg und Sachsen zusammen mit all' ihren Städten, Dörfern und Flecken, und mehr als die ganze Schweiz, die doch 000 Q.-M. groß ist. Die Stadt hat eine Länge von 8 Stunden und ist 4 Stun den breit. Diesen Raum bedecken 300,000 Häuser, und diese bilden nicht weniger als l 4,000 Straßen und Gassen. Wenn nun jede Straße wenigstens einen Nachtwächter und einen Kaminkehrer hat, so treffet ihr in London nur allein 14,000 Nacht wächter und 14,000 Kaminkehrer. — Damit ihr euch recht in diese großartigen Verhältnisse hineindenken könnet, so will ich euch dieselben etwas umständlicher beschreiben. Der Fremde, der etwa nach London kommt, hat sür's Erste die Wahl unter 600 großen Ga st Höfen, wo er wie ein Fürst wohnen kann und auch fürstlich bedient wird, aber auch fürstlich bezahlen muß. Gefällt ihm dieses nicht und will er etwa sein Geld sparen, so kann er in einem von den vor handenen 750 andern Wirthshäusern Quartier nehmen. Will er unter Tags eine Tasse Kaffee oder Thee zu sich nehmen, so bieten 800 Kaffeehäuser Gelegenheit dazu. Hat er Lust, ein Glas Bier zu trinken, das übrigens hier von ganz eigener Beschaffenheit ist und dem Deutschen nicht sehr mundet, so kann er ebenfalls mit sich darüber zu Rathe gehen, in welches von den vorhandenen 5300 Bierhäusern er eintreten will. Hat Jemand das Unglück krank zu werden, so hat er wieder die Wahl, welchen von 14,000 Aerzten oder Wundärz ten er rufen lassen will. Für Erziehung und Unter richt sorgen 4000 Schulen, und wer Bücher kaufen will, findet bei 800 Buchhändlern Gelegenheit dazu. Unter 300 Kirchen ist die Paulskirche die schönste. Das Innere derselben ist im erhabensten Style gebaut. Vier Kuppeln wölben sich, wie vier aneinanderhängende Tempel, um den viel höhern Mittlern Dom, der auf die prächtigste Weise ausgeschmückt ist. Die Bank, wo die großen Geldgeschäfte abgemacht werden und worin Massen von gemünztem Gold und Silber liegen, ist ein sehr einfaches, aber schönes Gebäude. Viele andere schöne Gebäude können wir hier, ohne weitläufig zu werden, nicht einmal nennen. Zu besondern Merkwürdigkeiten der Stadt448 gehört auch der Tunnel, ein 1300 Fuß langer Weg, der unter der Temse hindurch führt und statt einer Brücke dient. Die Herstellung desselben hat 6 Millionen Gulden gekostet. Das Kapital, welches die hiesige Handelswelt im Umlauf hat, wird auf 2000 Millionen Gulden geschätzt. Die Stadt hat 5000 eigene Schiffe, und jährlich laufen in den Hafen, worin sich oft 1000 Schiffe zugleich befinden, mehr als 13,000 Schiffe ein; zudem fahren 40,000 Wagen mit Kausmannsgütern ab und zu, und eine Menge Waaren werden durch die nirgends so vortheilhaft eingerichteten Eisenbahnen versendet. Londons Industrie und Handel besingt der große Dichter Schiller in folgender Stelle unübertrefflich: v Wohl von größerm Leben mag es rauschen, Wo vier Welten ihre Schätze tauschen -- An der Themse, auf dem Markt der Welt. Tausende Schiffe landen an und gehen, Da ist jedes Köstliche zu sehen, Und es herrscht der Erde Gott — das Geld. Luchs. Der muß gut sehen; denn es ist zum Sprich wort geworden: Du hast Augen, wie ein Luchs. — Ja er sieht wirklich gut, besonders die Hirsche und Rehe, denen er von einem Baume herab auf den Rücken springt, sich mit seinen Hebelklaueu in ihrem Fleische einhackt und ihnen die Halsadern und Sehnen abbeißt. Dann saugt er ihnen blos das Blut aus, läßt das Uebrige liegen und geht einem neuen Fange nach. Also ein recht blutdürstiges Raubthier ist der Luchs. In seinem Aeußern, ich sage es unverholen, hat er vieles mit der Katze gemein, nur daß er größer, hochbeiniger und kurzschwänziger ist. Wir gratuliren dem Kätzchen zu der sauberen Verwandtschaft. Luft. Was Jedes haben muß, Das gibt's im Ueberfluß. Luft nennt man jene unsichtbare Flüssigkeit, die uns um gibt. Sie nimmt einen weit größern Raum ein, als das Ge biet des ungeheuren Weltmeers. Gleich jenem bewegen sich sanft ihre Wellen, oder sie schlagen, schreckenerregend, hoch em por ; nur können wir sie nicht genau übersehen. Sie kommen, und wir wissen nicht woher, sie vergehen und wir wissen nicht wohin sie gekommen sind. Ihre Veränderungen sind sehr groß.449 Heute erscheint uns vielleicht die Luft getrübt, dunkel, sogar dicht, und morgen vielleicht durchsichtig, freundlich, als ein wol kenloses Blau. Bald scheint sie ein Feuermeer auszubreiten, bald ist sie voll himmlicher Klarheit, daß die Seele des Men schen freudig aufschaut zu den Höhen, zu denen sie sich hinge zogen fühlet; bald umhaucht sie uns kalt, bald lau, bald warm; bald ist es ein sanftes Wehen, das uns umgibt; bald werden wir von ihr erschüttert, wohl gar angestoßen und zu kräftigem Widerstande aufgefordert, bald fühlen wir uns so angenehm umgeben, daß uns in ihr eine Wohlthat zugeht. Ja, eine große Wohlthat Gottes ist die Luft; ohne sie können lebendige Geschöpfe nicht leben: denn sie können alsdann keinen Athem holen. Reine, freie Luft erhält die Gesundheit und stärkt vor züglich den Körper. Feuer, Wasser, Luft und Erde Kann kein Mensch entbehren! Doch daß keins dir schädlich werde, Folge diesen Lehren: Sei behutsam mit dem Licht! Trinke trübes Wasser nicht! Lüfte auch von Zeit zu Zeit Zimmer, Betten, Wäsch' und Kleid! Lieber Rudolph! Als wir vorgestern Abends in Dei nem Garten auf- und abgingen, bewegten sich leise die Blätter der Bäume, und wir hörten ein sanftes Gesäusel. Ich fragte Dich, wer die Blätter bewege, und woher das Gesäusel komme? Da antwortetest Du mir, die L u s t bewege die Blätter und mache das Gesäusel. Die Luft bewegt sich also hin und her, und stößt an andern Dingen an. Die Bewegung der Luft nennen wir Wind. Wenn Du an einem heißen Sommertage spazieren gehst, so wünschest Du Dir einen sanften Wind, der Dich abkühlt. Wenn aber der Wind so heftig wird, daß er Dir die Haube vom Kopf reißt, wenn ein Sturm losbricht, der Bäume niederstürzt und Häuser abdeckt, so geräthst Du in Furcht und Schrecken. Solche schreckliche Stürme reißen halbe Wälder nieder, und brechen dicke Bäume ab wie einen Stroh halm. Doch sind die Stürme bei uns nicht so heftig als in heißen Ländern. Zum Beweis will ich Dir einen solchen Sturm er zählen, der auf einer Insel, Namens Barbados, gewüthet hat. Kinder- Conversations-Lexikon. 29450 Der Himmel hatte um sieben Uhr Abends ein schreckhaftes Aussehen. Nach Mitternacht kamen solche Windstöße, daß sie die Stube eines Pflanzerhauses heftig erschütterten. Der Pflanzer stand nun mit feinen Leuten auf, und verstopfte jede Oeffnung des Hauses sorgfältig. Der Regen drang bereits durch jede Spalte in's Haus, und überschwemmte das Sälchen, welches in der Mitte der Wohnung war. Hier fiel nun der Pflanzer mit seinen Leuten auf die Knie, und befahl sich und sie in den Schutz des lieben Gottes. Endlich ließ die Gewalt des Windes nach. Es trat eine Stille ein. Man hörte draußen lautes Stöhnen und Weheklagen. Der Pflanzer öffnete die Thüre. Welch ein Anblick! Weiße und Schwarze, denen der Sturm Hab' und Gut zertrümmert hatte, traten halbbekleidet und vom Regen triefend herein. Man gab ihnen trockene Kleider, und versammelte alle Neger, denen der Wind die Hütten umgestürzt hatte. Während dem brach der Sturm von einer andern Seite noch heftiger herein. Die Windstöße rissen das Vorhaus nie der, und schleuderten Balken und Steine gegen die Mauer des Pflanzerhauses. Die Mauer bekam dadurch Risse; und unter dem Geklirre der Fenster durchbrach Sturm und Regen das Dach. Man stemmte ein schweres Sopha gegen das Fenster. Alle Augen waren in banger Erwartung auf die Wand gerichtet, welche schon zu brechen anfing, Weiße und Schwarze hielten sich umfangen, um miteinander zu sterben. Doch da that der Herr dem Sturme Einhalt. Unter dem Leuchten der Blitze ließ der Wind nach. Nun sah man sich nach der Familie des Verwalters um. Er kam mit feinen Leuten herzu. Sie waren vor Nässe und Kälte erstarrt, und halbentseelt vor Angst und Schrecken. Der Sturm hatte ihnen die Kleider vorn Leibe ge rissen, und sie hin und her getrieben, bis sie sich hinter einen Schutthaufen flüchteten. Hier wären sie jedoch von den Nach drängenden fast erdrückt worden. Schon hatten sie von ein ander Abschied genommen, waren aber endlich doch so glücklich, das Pflanzerhaus zu erreichen. Nach und nach kamen so 50 Per sonen zusammen, die zerbrochene Glieder hatten, oder sonst ver wundet und zerschlagen waren. — Hast Du schon einmal einen Wirbelwind gesehen, der die Blätter in einem Kreis herumtreibt, und sie hoch in die Luft wirbelt? Man nennt einen solchen Wind auch wohl eine Windsbraut. Eine solche Windsbraut riß einmal einer Milchmagd den Eimer vom Kops, zertrümmerte die Achsen und Räder eines Wagens, und schleuderte drei Räder über die451 Mauer eines Bauernhofes, riß einen großen Ast von einem Baum herunter, und trieb ihn über das Haus, warf einen Schleifstein 300 Schritte weit gegen ein Fenster, so daß sich die eiserne Stange bog, sprengte das Hosthor auf, drang in eine Milchkammer hinein, und warf drei gläserne Schalen Zur Thüre hinaus, fuhr dann in die Stube, warf alles herum, riß eine Thürpfoste heraus, und führte sie mit sich in's Freie. Du lachst? — Sollte man denken, daß die stille Luft eine solche Gewalt ausüben könnte? Lebe wohl! Lügen. Was du sagest, das sei wahr; Bleib wahrhaftig immerdar; Halte Wort in jedem Fall, Dann traut man dir überall. Lügen, Kind! lügen ist schändlich. Du wirst es viel leicht schon selbst gesehen und beobachtet haben, daß ein Kind, wenn es eine Lüge sagt, oft die Farbe im Angesichte ver ändert, mit der Zunge stottert, oft zittert und bebet, weil es sich dabei schämt; weil es weiß, daß das Lügen unrecht und schändlich ist, und daß es Gott verboten hat. Und wer sollte sich nicht schämen, wenn man von ihm sagt: „Er ist ein Lügner; ihm, ihm kann, ihm darf man nichts glauben." Man vermuthet sogar, und nicht ohne Grund, daß derjenige, der sich zu lügen getraut, auch keine Bedenken tragen werde, noch andere böse Dinge zu thun. Es ist sogar ein Sprichwort: „Wer gern lügt, der stiehlt auch gern." Nun, was ist dieß für eine Schande, wenn einer für einen bösen Menschen, für einen Betrüger, für einen Dieb gehalten wird? Das Lügen ist auch höchst schädlich. Es wird leicht zur Gewohnheit. Wer einmal lügt, dem glaubt man schon das zweitemal nicht mehr; und demjenigen, der öfters lügt, dem glaubt man gar nicht mehr, lind wie schlimm ist das! Was soll ein Mensch thun, wenn man ihm nichts mehr glaubt? Wie hart wird es ihm ergehen? Er kann um Hilfe rufen, und Niemand wird ihm helfen; er mag sich vertheidigen, daß er in dieser oder jener Sache unschuldig sei, und Niemano wird sich seiner annehmen; er mag sagen, was er will, man glaubt ihm nichts, selbst wenn er etwas Gutes im Sinne hätte. Kinder, wenn sie einen Feh ler begehen, wollen sich oft mit Lügen hinausbringen; und sie machen es damit noch schlimmer, sie kommen noch tiefer hinein; denn meistentheils wird die Sache offenbar, und dann452 werden sie billig doppelt gestraft, nicht nur wegen des began genen Fehlers, sondern auch vielmehr wegen des Lüge ns. Wer die Wahrheit redet, der kommt am leichtesten durch. Und wenn auch dieses nicht wäre, so sollst du doch nie lügen, mein Kind,! sondern lieber den Fehler aufrichtig gestehen; denn wenn du dich mit Lügen entschuldigen willst, so begehst du,einen noch grö- ßern Fehler. Lügen ist ein grober Fehler. Wer sich auf's Lügen verlegt, der bessert sich schwerlich mehr. -kr ❖ ❖ Um die ganze obige Belehrung noch verständlicher gu machen, will ich hier mehre Geschichtchen über Lügen sprechen und Wahrheit sagen, anführen, damit ihr sie lesen und beher zigen möget: Wolfgang war ein recht bösartiger Knabe. Vornehmlich hatte er sich das Lügen angewöhnt, welches ein großes Laster ist. Oft log er bloß, um andere Leute zum Besten zu haben. So machte er zuweilen des Abends ein jämmerliches Geschrei auf der Straße, als wenn Feuer im Dorfe ausgebrochen wäre, und wenn die Leute dann herbeiliefen, so hatte' er sich versteckt, und lachte heimlich, daß er sie so angeführt hatte. Das aber wurde bald bekannt, und die Folge davon war: daß kein Mensch im ganzen Dorfe ihm ferner glaubte, auch nicht, wenn er wirk lich die Wahrheit sagte. Da er nun einmal ganz allein zur Abendzeit auf der Straße war, und vermuthlich auf eine neue Schelmerei dachte: sah er plötzlich einen tollen Hund auf sich zukommen. Unfähig sich zu vertheidigen, oder zu entfliehen, erhob er ein lautes Geschrei, um die Nachbarn zur Hilfe her bei zu rufen. „Rettet! rettet!" schrie er, „ein toller Hund! ein toller Hund!" Aber da war keiner, der es einmal der Mühe werth hielt, nur zum Fenster hinaus zu sehen; denn alle dachten, daß er sie wieder anführen wollte. Der wüthende Hund überfiel den unglücklichen Knaben, faßte ihn bei der Gurgel, und — todt war er! -i- * * Alex wurde von [einem Vater nach dem Posthause ge schickt, um daselbst einen Brief abzugeben, an welchem sehr viel gelegen war. Auf dem Wege dahin gerieth er mit einem andern Knaben in Streit, weil keiner dem andern aus dem Wege gehen wollte. In der Hitze des Streites ließ Alex den453 Brief fallen, trat darauf, und beschmutzte ihn dabei so sehr, daß die Aufschrift nicht mehr zu lesen mar. Was sollte er nun ansangen? — Wenn er nach Hause kam und Alles gestand, was vorgefallen war, so hatte er harte Strafe zu erwarten; denn sein Vater war sehr strenge und hatte ihm dießmal ausdrücklich gesagt: „Bestelle ja den Brief recht ordentlich, denn es ist mir sehr viel daran gelegen." Alex kam in dieser Verlegenheit endlich aus den schlimmen Gedanken, sich durch eine Lüge aus der Noch zu helfen. Er versicherte also den Vater auf dessen Frage, daß er den Brief richtig bestellt habe; doch schlug ihm das Herz bei dieser Lüge. Als nach zehn Tagen keine Antwort aus den Brief kam, ging Alex Vater selbst nach dem Posthause, um zu fragen, ob sein Brief auch wirklich abgegangen wäre. Aber wie er staunte und erschrack er, als man ihm aus den Büchern zeigte, daß sein Brief gar nicht abgegeben worden sei! Alex sollte nun gestehen, was er mit dem Briese ange fangen habe. Lange läugnete er hartnäckig, daß er den Brief nicht abgegeben habe; aber als ihn sein Vater versicherte, daß er ihm Alles vergeben wolle, wenn er gestände, was mit dem Briese vorgegangen sei, so gestand er endlich Alles. Wie sehr mußte Alex jetzt seine Lüge bereuen, als er hörte, daß er seinem Vater durch ein früheres aufrichtiges Ge- ständniß einen großen Verlust, sich selbst große Angst und Be schämung erspart hätte, und daß sich daun noch Alles hätte wieder gut machen lassen. Er nahm sich fest vor, nie wieder zu lügen, und lieber eine verdiente Strafe zu leiden, als die Unwahrheit zu sagen. Aber es dauerte lange, bis er seines Vaters Zutrauen wieoer gewinnen konnte. * * * Die Lügen sind ein böser Samen, Aus dem nie gute Früchte kamen. Der junge Anselm hatte seine Lust daran, die Leute zum Besten zu haben. Einst schrieb er einen Brief und hatte sechs neue Dukaten aus seinem Schreibtische liegen, die er in den Brief einschließen und sortschicken wollte. Emilie, sein kleines Schwesterchen, kam in das Zimmer, sah die blinkenden Gold stücke liegen und sagte: „Bruder, wo wächs't doch wohl das Gold?" Anselm sagte: „Die Dukaten wachsen aus dem Gold strauche. Man steckt sie, wie die Bohnen, in die Erde; da454 werden große Sträucher daraus, die voll Dukaten hängen." Er schrieb eifrig weiter. Emilie aber nahm, ohne daß Anselm darauf achtete, die Dukaten, lief in den Garten, und steckte sie in die Erde. Als Anselm eben mit dem Briefe fertig war, kam sie wieder herein und sagte: „Anselm, jetzt wirst du recht viele Dukaten bekommen; ich habe sie schon gesäet!" Anselm sprang verdrießlich auf, nahm Emilien bei der Hand, eilte mit ihr in den Garten, und sagte: „Sogleich sag' mir, wo hast du die Dukaten hingesteckt?" Allein entweder wußte das Kind das rechte Plätzchen nicht mehr zu finden, oder einer der Taglöhner, die in dem Garten arbeiteten, hatte das Geld heimlich herausgenommen — kurz, die sechs Du katen waren verloren. Als der Vater die Geschichte vernahm, sprach er: „An selm, du hast mit deiner Lüge die Strafe von sechs Dukaten wohl verdient. Emilie war freilich sehr einfälstg, daß sie Du katen aussüen wollte! du aber bist sehr boshaft, daß du im mer Lügen ausstreust!" Die Lügen sind ein böser Samen, Aus dem nie gute Früchte kamen. * * * Der Nastwech. Mir sagte immer meine alte Base: „Wenn Kinder lügen, wackelt ihre Nase, wenn böse Streiche sie getrieben, dann steht's auf ihrer Stirn geschrieben." Viel Kinder, die sich Böses erlauben, wollen das nicht glauben, und doch ist's wahr, auf's Haar, was ich euch jetzo beweisen will. Hört hübsch zu und seid mäuschenstill! Es war eine Mutter, die ging aus, ihr kleiner Sohn blieb zu Haus mutterseelen allein, er sollte der Haushüter sein. Zum Vespern gab ihm die Mutter ein großes Stück Brod mit Butter,455 und sprach: „Mein lieber Sohn, lerne jetzt fleißig deine Lektion, und gehe mir nur nicht dort in die Stube." Das alles versprach der kleine Bube. Aber die Mutter war kaum fort, da verließ er doch seinen Ort. „Was mag da drüben im Zimmer sein?" sprach er bei sich, und guckte hinein, so mit einem Auge durch's Schlüsselloch; dann hielt er die Nase daran und roch. Da roch es gerade wie Zimmetkuchen. „Den," dacht' er, „möcht' ich doch auch versuchen." Er hatte das kaum gedacht, so war auch die Thüre schon aufgemacht. Richtig, ein Kuchen lang und breit, ganz dick mit Zimmet und Zucker bestreut. Aber was nun? Was sollt' er thun? Ein Stück davon abzubrechen das dürft' er sich nicht erfrechen, das hätte ja die Mutter gesehen, und dann war' ihm nichts Gutes geschehen. Sollt' er aber so sortgeh'n? Nein, er konnte nicht widersteh'n, etwas wollt' er doch davon schmecken, wenigstens etwas Zucker ablecken. Er meinte mit dem allerschärfsten Gesicht sähe das die Mutter nicht. Wie gedacht, so gethan: mit der Zunge leckt er daran, geht dann wieder, setzt sich ruhig nieder, und nimmt das Buch zu Händen, als wär' er gar nicht aufgestanden. Gleich daraus kommt die Mutter zurück, wirft auf den Sohn einen Blick, und spricht: „Du unfolgsamer Bube, du warst doch dort in der Stube." Der Knabe läugnet es keck seiner Mutter vom Munde weg, und stellt sich noch gar beleidigt indem er sich vertheidigt.* 456 Aber die Mutter spricht: „Ich seh' es an deinem Gesicht, deine Stirn ist roth und heiß, deine Nase aber schneeweiß." Drauf hält sie ihm einen Spiegel hin, und der kleine Lügner sieht darin zwar nicht eine wackelnde Nase, nach dem Sprichwort meiner alten Base, aber der Lügner, der Nascher, der Schlüssellochgucker hatte die Nasenspitze ganz voll Zucker. Da ward sein Gesicht erst roth und heiß und von der Zeit hieß er „der Naseweiß." Da seht ihr, wie Lügen und schlechte Thaten sich immer auf eine Weise verrathen. D'rum gehorchet hübsch und lüget ja nicht, die Mutter sieht's sonst auf eurem Gesicht! * * * Der verlorne Brief. „Wer hat den Brief nach Schenkendorf verloren?" Ein Lügenknabe spitzte gleich die Ohren. Er denkt: der Brief, der trägt mir etwas ein, Und ruft: „Gib her den Brief, der Brief ist mein!" Er rennt mit ihm erfreut aufs Schloß davon Und heischt vom Schreiber keck den Botenlohn. Der Schreiber sprach: „Ein Brief vom Vogt" und las Und in dem Briefe las und las er das: „Dieweil der Bote lügt gar ungemein, So sperr' drei Tage ohne Kost ihn ein!" Der Bube heult und krümmt sich wie ein Wurm; Umsonst, der Vogt befiehlt's: „Du mußt in Thurm!" Er ging und ließ fortan das Lügen sein, Stets siel der Brief nach Schenkendorf ihm ein.457 Ein junger Lügner, ein alter Dieb. Ihr Kruder, behaltet die Wahrheit lieb.! Der Fuchs sah einmal den Haushahn auf dem Dache sitzen und hätte ihn gern verzehrt zu einem Frühstücke. — Wie fängst du es an, sagte der Fuchs bei sich selber, daß der Hahn vom Dache herunter kommt? Ich will ihm eine Lüge sagen; (denn Stehlen, Rauben und Lügen, die drei Stücke gehören immer zusammen). Ach, liebster Hahn! sagte der Fuchs, ich bringe dir eine fröhliche Botschaft. Der Krieg der Thiere hört auf; sie haben beschlossen, fortan mit einander in Frieden zu leben. Der Hund will keinen Hasen mehr ver folgen; der Wolf will fortan kein Lamm mehr fressen; wir Füchse wollen keinem Huhn mehr etwas zu Leide thun. Komm doch herab und sei nicht furchtsam; wir wollen Freundschaft mit einander machen. So komm doch! was schaust du denn so ängstlich umher? — Ach, sagte der Hahn, da kommt der Jäger mit seinen Hunden, das macht mich so ängstlich. Da lief der Fuchs eiligst davon, als ob die Hunde schon hinter ihm wären. Warum läufst du davon? - ries ihm der Haus hahn nach: ich denke, wir haben Frieden! — Schon gut! meinte der Fuchs: der Friede ist geschlossen, aber es wäre doch möglich, daß die Hunde es noch nicht wüßten! . . Wie, ich sollte lügen? — Nein, das ihn' ich nicht Denn ans einem Lügner wird ein Bösewichi. lieber meine Zunge soll kein Wörtlein geh'n, Was ich müßt' bereuen. Treu will ich gesteh'n, Wenn ich was nicht recht gethan; So nur liebt niich Jedermann. Die Mutter saß mit ihrem Söhnlein Guido beim Abend scheine im Wohnzimmer. Da kam der Vater aus dem Garten; er war aber betrübt und sprach mit ernster Miene: O, was habe ich im Garten gesehen! Die Blüthen an zwei Zwerg bäumen sind fast alle abgerupft! Wer hat mir so meine Freude zerstört? Die Mutter wurde auch betrübt, und der Sohn sah erschrocken zu Boden. Der Vater fragte ihn: Weißt du nicht, wer mir die Blüthen zerstörte? Da stand das Söhnlein auf, blickte den Vater traurig an und sprach: Ach, Vater, ich habe es gethan! — Kind! Kind! sagte der Vater, und auch die Mutter sah den Sohn wehmüthig an. Dem Sohne ging das noch mehr zu Herzen. Vor Reue und Scham schlug er kein458 Auge mehr auf; er wünschte gute Nacht und ging weinend in sein Schlafkämmerlein. Wahrheit, Kind, in Wort und Blicken, Wahrheit nur kann dich beglücken; Wahrheit, Kind, in jeder Thal, Führet dich auf ebnem Pfad. Wahrheck gegen Jedermann, Daß dich Jeder fehen kann! Darfst du frei die Stirne zeigen, Werden Engel dir sich neigen Gott ist wahr; sein Wort verkündet Nichts, als was wahrhaftig ist, Und des Lebens Frieden findet, Wer die Wahrheit nicht vergißt. Ein Gewissen frei und rein, Laß mir, Gott, bewahret sein! Daß mir könne Jeder trauen Und ich mög' dein Antlitz schauen! — Der neunjährige Waldemar hatte aus Uebereilung einen Fehler begangen. Da er wußte, daß der Vater darüber sehr böse sein werde, so weinte er bitterlich. Die Dienstboten fragten ihn um die Ursache seiner Thränen, und gaben ihm den Rath, durch eine Nothlüge sich der Strafe zu entziehen. Doch der Knabe wies dieses Mittel mit Abscheu zurück, indem er aus rief: „Es ist besser geschlagen zu werden, als zu lügen. Mag der Vater mit mir thun, was er will; ich werde nie und nimmermehr lügen, denn wie könnte ich wagen, den wahrhaf tigen Gott je wieder um etwas zu bitten, wenn ich die Unwahr heit sagte." M. Mädcken. Das Mädchen liebt die Puppe, schließt sich gern an die Mutter an, lernt schon frühe das Stricken und wohl gar das Nähen, pflückt mit mnnterm Fleiße Blumen und beschenkt damit die Mutter, ist sanft, freundlich, gefällig — verträglich und — geht gerne in die Schule. Hier für Mädchen ein artiges Gedichtlein „der Eistropfen" von Agn. Franz:459 Sieh, Mutter, was ich im Grase fand! Einen großen herrlichen Diamant! Viel Geld gibt mir der Kaufmann dafür. Das schenke ich alles, alles dir! Erst kaust ich dir ein schönes Schloß, und einen Garten, so groß, so groß! Dann sammeln wir Blumen und Früchte ein! Die besten sind dein, und die kleinsten mein! Die schönsten Rosen will ich dir brechen, sie mögen mich immer in Finger stechen, ich flechte dir noch ein Kränzelein I Das schönste soll alles dein eigen sein! Das Kind umarmte die Mutter heiß; da schmolz der Diamant von Eis. O, rief das Kind mit traurigem Blick, Zu Wasser geworden ist all mein Glück! Mührchen sind erdichtete Geschichten (also keine wahren Begebenheiten), welche man zur Unterhaltung von Kindern und Erwachsenen erzählt. Aber wer recht Acht gibt, merkt doch oft noch etwas Wahres in denselben. Denn wenn die Geister, die Feen und Zauberer den guten Menschen helfen, die bösen aber züchtigen, so ist das sa eine Lehre, daß ehrlich am längsten währt, und daß jede Sünde endlich ihre Strafe findet. Deßhalb sind die Mährchen nicht so ganz unnütz, wie Mancher denkt; dazu hören sie sich gut an. Mit der Sammlung und Erzählung deutscher Mührchen haben sich vorzüglich zwei Brüder abgegeben, welche in Berlin lebten und zu den gelehrtesten Männern in Deutschland gerechnet werden: Jakob und Wilhelm Grimm. Auch Ludwig Bechstein hat ein schönes Mährchenbuch herausgegeben. Wenn ihr es erlaubet, will ich hier ein paar Mährchen erzählen! Die Sternthüier. Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und gar Nichts mehr, als die Kleider, die es aus dem Leibe trug, und ein Stückchen Brod, das es in der Hand hielt, und das ihm ein mitleidiges Herz noch geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil esso von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus Ws Feld; da begegnete ihm ein alter Mann, der sprach: „Ach gib mir doch Etwas zu essen, ich bin so hungrig." Es reichte ihm das ganze Stückchen Brod und sagte: „Gott segne dir's!" und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: „Es friert mich so an meinen Kopf, schenk' mir doch Etwas, womit ich ihn bedecken kann!" Da that es seine Haube ab, und gab sie ihm. Und als es noch ein bischen gegangen war, kam wieder ein Kind, und hatte kein Leibchen an und fror, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich kam es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: „Es ist dunkle Nacht, da kannst du wohl dein Hemd weggeben, und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar Nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte, blanke Thaler, und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es doch ein neues an vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Thaler hinein, und war reich für seine Lebtage. Das eigensinnige Kind. Es war einmal ein Kind eigensinnig, und that nichts, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe GotWkein Wohlgefallen an ihm, und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Todtenbettchen. Als es nun in's Grab versenkt war, und Erde über es hin gedeckt, so kam aus einmal sein Aermchen wieder hervor, und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber thaten, so half das nicht, das Aermchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Ruthe auf's Aermchen schlagen und wie sie das gethan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde. Das Kätzchen und die Stricknadeln. Es war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu lesen. Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rück wege war, sah sie ein krankes Kätzchen hinter einem Zaune liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause zu. Aus dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und als sie sahen, daß461 die Mutter etwas trug, fragten sie: „Mutier »uns trügst du?" und wollten gleich das Kätzchen haben; aber die mitleidige Frau gab den Kindern das Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern sie legte es zu Hause auf alte, weiche Kleider und gab ihm Milch zu trinken. Als das Kätz chen sich gelabt hatte und wieder gesund war, war es mit einem Male fort und verschwunden. Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an die Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz vornehme Dame dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf Stricknadeln in die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie denken sollte, und es dünkte diese absonderliche Gabe ihr gar gering; doch nahm sie die Stricknadeln und zeigte sie ihren Kindern und legte die fünf Stricknadeln des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau des andern Morgens ihr Lager verließ, siehe, da lag ein Paar neue, fertig gestrickte Strümpfe auf dem Tisch. Das wunderte die arme Frau über alle Maßen, und am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am Morgen darauf lagen abermals neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, daß ihr diese sieißigen Nadeln zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen bescheert waren, und ließ dieselben nun jede Nacht stricken, bis sie und die Kinder Strümpfe genug hatten, dann verkaufte sie auch Strümpfe und hatte genug, bis an ihr seliges Ende. Der undankbare Sohn. Es saß einmal ein Mann mit seiner Frau vor der Haus thür, und hatte ein gebraten Huhn vor sich stehen, und woll ten das zusammen verzehren. Da sah der Mann, wie sein alter Vater daher kam, geschwind nahm er das Huhn, und ver steckte es, weil er ihm nichts davon gönnte. Der Alte kam, that einen Trunk, und ging fort. Nun wollte der Sohn das gebratene Huhn wieder auf den Tisch tragen, aber als er dar nach griff, war es eine Kröte geworden, die sprang ihm in's Angesicht, und saß da, und ging nicht wieder weg; und wenn sie jemand wegthun wollte, sah sie ihn giftig an, als wollte sie ihm in's Angesicht springen, so daß keiner sie anzurühren getraute. Und die Kröte mußte der undankbare Sohn alle Tage füttern, sonst fraß sie ihm aus seinem Angesicht, und also ging er ohne Ruhe in der Welt hin und her.462 März. Ich muß es sagen, am Tage ist es schon man- mal recht schön, obwohl der März noch beinahe ganz dem Herrn Winter, dem gar gestrengen Herrn angehört, aber bei der Nacht ist es sehr kalt. Und dennoch kommen schon die Lerchlein und sangen an, schöne Liedlein zu singen und die sreundlichen Veilchen schlüpfen auch schon heraus und grüßen recht artig. Und dem Landmanne, — dem darf man aus dem Wege gehen; denn er eilt ja und rennt und sagt: ich muß in das Feld, muß ackern, muß Haber aussäen re. Mäusefalk. Lieber Johann! Der Mäusefalk oder Busarde ist ein bei uns sehr gewöhnlicher Raubvogel. Er hat einen starken, hackenförmig gebogenen Schnabel, starke Krallen und kräftige Flügel. Sein Gefieder ist oben dunkel braun, unten gelblich weiß mit braunen Flecken. Unter allen Raubvögeln ist er wohl der einzige, der besser ist, als der Titel „Raubvogel" verspricht. Er raubt nämlich vorzüglich Mäuse, man kann wohl sagen unzählige, Nattern, Blindschleichen, Eidech sen, auch Frösche und Regenwürmer verschmäht er nicht. Junge Hasen sind freilich vor ihm nicht sicher, das verdrießt aber die Bauersleute nicht, und wenn er ein Rebhuhn findet, das der Jäger angeschossen, aber nicht bekommen hat, so kann man ihm das auch nicht so sehr übel nehmen. Er ist ein träger Vogel und sitzt den größten Theil des Tages auf einem Baume im Felde oder an dem Rande des Waldes, und schaut mit seinen scharfen Augen über Wiesen und Aecker hin; erblickt er dann eine Maus, eine Natter u. dgl., so fliegt er schnell und ge räuschlos darauf hin, hascht das Thier mit seinen Krallen und verzehrt es augenblicklich, wenn er nicht Junge hat, denen er Futter zutragen muß. Sein Nest macht er auf die höchsten Waldbäume aus starkem Reisig; es ist so groß wie ein Stor chennest und weder mit Wolle oder Federn noch mit Moos ausgefüttert. Er legt zuweilen bis vier Eier, die etwas größer sind als Hühnereier; sie sind rundlich und braun gefleckt. Wenn er im Kreise herumfliegt, so läßt er besonders im Früh jahre oft seine klägliche Stimme hören, die ungefähr wie „giah" klingt. Die Krähen verfolgen und necken ihn oft; er macht sich aber nichts daraus, und sie hüten sich wohl, ihm ganz nahe zu kommen, denn ein Hieb mit seinem Schnabel oder ein Griff mit seinen Krallen würde sie manche Feder kosten. Die Tauben, Lerchen, Staaren und andere kleine Vögel fürchten ihn nicht im mindesten und fliegen ungescheut an ihm vorbei oder unter ihm weg. Lebe wohl!463 Wtagrret. Unter allen Steinen, die aus der Erde ge graben werden, ist keiner wunderbarer als der Magnetstein. Er wird in den nordischen Eisenbergwerken gesunden und ist aus Stein und Eisen zusammengesetzt. Aeußerlich ist er von schlechtem Ansehen. Im Gegentheile aber hat er die Kraft, das Eisen an sich zu ziehen. Wenn er frei aufgehangen wird, so wendet er sich mit seiner einen Seite nach Mitternacht, und mit der andern nach Mittag. Diese beiden Punkte werden die Pole des Magneten genannt und in den Nord- und Südpol eingetheilt. Merkwürdig ist es, daß der Magnet seine Kraft dem Eisen mittheilt, wenn es ihn berührt. Wenn man daher mit ihm eine Nadel bestreicht und sie aus ein kleines Stückchen Holz legt, so wird sie sich mit ihrem einen Ende nach Norden, und mit dem andern nach Süden wenden. Aus ähnliche Art wird der Compaß verfertig/ (siehe Compaß). Die Ursache, warum dieser Stein nur das Eisen, und keine andern Körper an sich zieht, ist von den Naturforschern noch nicht vollkommen ergründet. O du schöner, freundlicher Monat, heißt es von allen Seiten und wenn man an einem Garten vorbei geht und es sind Kinder d'rinn, so sind sie gar froh und singen so lieblich: Im kühlen Maien Thun alle Ding' sich freuen, Die Blümlein auf dem Feld sich auch verneuen. Es singen die Kindlein in ihren Reihen: Willkommen Maien! Und wie alles so schön grün wird und wächst! Welche Menge von Blumen! Wie schön stehen die blühenden Bäume da! Wie die Vögel singen, wie froh sie von einem Zweige des Baumes zum andern hüpfen! O schöne Zeit! Alles lebt wieder. Und wie es donnert und wie es blitzt! Doch, wir fürchten uns nicht. Der liebe Gott hat den Donner und den Blitz, das Gewitter, in seiner Hand. Im schönen Mai, Ich mich erfreu' An der Blumen schöner Farbe, An der Wiese frischem Grün, Wo die singenden Vöglein zieh'n. Ich grüß dich, schöner Mai!464 Sölaifäfet. Man braucht nur „Maikäfer" zu sagen, so wissen die Kinder schon, von wem die Rede ist, denn sie haben ihn schon oft gesehen und seine Gefräßigkeit bewundert, vermöge welcher er die schönsten Bäume entlaubt. Aus diesem Grunde kann ich's nicht verschweigen, ich muß es sagen: Der Maikäfer ist ein schädliches Thier, ein solches, das den Garten besitzern vielen Kummer und dem besorgten Gärtner großen Verdruß macht. Indessen thun ihm, dem Maikäfer, aber doch die Kinder nichts zu leide; wenn sie ihn bekommen, so tödten sie ihn, denn daran thun sie recht, aber ihn plagen und äng stigen, das fällt ihnen nicht ein. Sie, die braven Kinderchen, denken immer gleich an das Berschen: Quäle nie ein Thier aus Bosheit oder Scherz, Es fühlt so gut, wie du, o Kind, den Schmerz. Wer arme Thiere quälen kann, Der ist ein Böswicht und Tyrann. — Aber wo kommen denn die Maikäfer her? •— Sie kommen aus der Erde; denn die Maikäfer legen ihre Eier in die Erde. Aus diesen Eiern werden erst gelbliche Maden (Würmchen), die sich in der Erde nähren. Nach und nach verändern sich dann die Maden, und wenn sie sich groß gefressen haben, wer den Maikäfer daraus, die aus der Erde im warmen Mai hervorkriechen und einige Zeit lang umherschwärmen. Die Maden, welche man Engerlinge nennt, sind oft den Feldern nachtheilig, weil sie die Wurzeln des Getreides abfressen, und als Käfer thun sie oft großen Schaden. Denn, wenn sie in großer Menge kommen, fressen sie das Laub von den Bäumen ganz ab. Ein Knabe und ein gefangener Maikäfer unterhielten sich einstmal auf folgende Weise: Knabe. Maikäfer, sum, sum, sum, Nun sag' mir an warum? Du fliegst am Fenster hin und her, Und willst mein Hans und Laub nicht mehr. Was schwirrst du so, was schwirrst du so, Warum bist du nicht mehr so froh? Maikäfer.Lieb Kindlein still, still, still, Hör' was ich sagen will: Wie soll ich denn wohl fröhlich sein, In deinem dunkeln Haus allein,465 So fern von frischer Himmelsluft, Vom lichten Grün und Lebensduft. Knabe. Maikäfer füm, fum, funt, Nun sag' mir an warum? Wie? Hab' ich Fenster nicht gemacht, Und frisches Laub dir hergebracht, Dein Haus in Sonnenschein gestellt, Und dich geführt in Wald und Feld? Maikäfer. Lieb Kindlein, still, still, still, Hör' was ich sagen will: Wenn ich's mit dir auch so gemacht, Du würdest weinen Tag und Nacht, Und wär' ich noch so gut dabei, Du sprächst doch allzeit: „Laß mich frei!" Mnis oder Welschkorn. Es gibt viele Leute, und darunter solche, die sich Gelehrte nennen, welche ihr Lebtage nicht die Gerste vom Waizeu oder vom Roggen unterscheiden lernen und in dieser Hinsicht hinter jedem Dorfjungen zurück stehen; aber wenn einer, der seine guten Augen hat. den Mais oder türkischen Waizeu (Welschkorn) nicht aus andern Getreide arten herauszusinden wüßte, so bürste man annehmen, er sei etwas dumm. Hoffentlich kennt ihr großentheils das sonderbare Gewächs durch seine ungemein schönen Samenkolben. Die Körner, deren an einem Kolben oft 1000 sind, haben die Größe einer Erbse und sitzen um einen fingerdicken 6—8 Zoll langen Stiel sehr regelmäßig und dicht geschlossen. Man kann Mehl und Grütze aus denselben bereiten; hauptsächlich aber wendet man sie zur Viehmastung an. Die Stengel werden in holz armen Gegenden gedörrt und zur Feuerung benützt. Kinder spielen damit oder brauchen sie auch zum Zählen. Malerei. Die Malerei ist eine schöne, herrliche Kunst. Sie lehrt uns, Gegenstände mit täuschendem Scheine der Natür- lichkeit aus Papier, Pergament, Glas, PorzellanZHolz, Lein wand oder aus einer Mauer darstellen. Der Maler muß zelch- nen können. Je nachdem er sich mit Darstellung der Menschen, der Thiere und der Landschaften besaßt, heißt er: Historien-, Thier- oder Landschaftsmaler. In Absicht aus das Material, womit man malt, gibt es die Oelmalerei, wobei man mit Oel- sarben malt; die Pastellmalerei, wenn man mit trockenen Far- Kinder-Conversations-Lexikon. 30466 Ben arbeitet; die Wassermalerei, bei welcher man Wasserfarben hat. Zu der letztern gehört auch die Frescomalerei, wenn man mit Wasserfarben auf frische Kalkwände malt. Der Historien maler befaßt sich hauptsächlich mit Darstellung wichtiger Ereig nisse aus der Geschichte, der Schlachtenmaler mit Darstellung der Schlachten, und der Portraitmaler mit Portraiten. Mandeln. Die Mandeln wachsen auf dem Mandel baume, aber was das Traurigste ist, nicht bei uns, sondern unter Italiens schönem Himmel; dort entfalten sich die weißen Blüthen des Mandelbaumes schon in den ersten Monaten des Jahres. Man unterscheidet süße und bittere Mandeln. Die süßen sind sehr nährend, von angenehmem Geschmack, und die nen sowohl zu Speisen, besonders zu Backwerken, als auch zur Arznei. Denket nur an die kühlende Mandelmilch ! Die Bittern Mandeln sind manchen Thieren ein wahres Gift, und auch häusig genossen, den Menschen ungesund. Haltet euch daher lieber an die süßen Mandeln. Alle Sorten geben indeß ge sundes Oel. Marabu. In Indien gibt es einen Riesenstorch, der, wenn er steht oder geht, so hoch ist wie ein Mensch; sein Schnabel ist lang und hinten so dick wie ein Arm. Am Schwanz hat er zierliche, glänzend weiße Federn, die so zart und weich sind wie Flaumfedern, und von den Frauenzimmern auf den Hüten getragen werden. Er brüllt schier wie ein Tiger. Man nennt diesen Riesenstorch dort zu Lande den Marabu. Weil er die todten Thiere und das Aas verschlingt, so darf Niemand den Marabu tödten. Sie spazieren daher auch in den Städten gravitätisch aus der Gasse herum, und kommen sogar in die Höfe und Häuser, um sich nach einem Fraß umzusehen. Da verschlucken sie denn todte Katzen mit Knochen und Haaren, Schildkröten mit der Schale, und allen Unrath von getödteten Thieren, welchen die Leute auf die Gassen werfen. Will man dem Marabu etwas thun, so wehrt er sich mit seinem großen Schnabel wie mit einem Stock, und theilt gehörige Hiebe aus; darum läßt ihn auch Jedermann im Frieden, und selbst die Hunde fürchten ihn. Markt. In Städren und Flecken werden in bestimm ten Zeiten des Jahres aus öffentlichen Plätzen Märkte abge halten. Die Waaren werden hier von den Kausteuten und467 Krämern in besonders aufgerichteten Häuschen, die man Buden nennt, an die Käufer ausgeboten. An solchen Jahrmärkten geht es oft sehr lustig und lebhaft zu, und auch die Kinder besuchen die Märkte gern. Man sieht da nicht selten Seiltänzer, Marionettenspieler, Mordthatensänger, Menagerien u. s. w., die alle aus der Schaulust und Neugier der Menge Gewinn ziehen. — Mit diesen Jahrmärkten sind übrigens nicht zu ver wechseln die Messen in Frankfurt, in Leipzig u. s. w., auf welchen größere Handelsgeschäfte gemacht werden. Martinswand. Die Martinswand ist eine sehr hohe und steile Felsenwand bei dem Dorfe Zierl am Inn in T X) x o t (2 Stunden von Innsbruck), und hat ihren Namen von dem benachbarten Kloster und Schloß St. Martin. Kaiser Maximilian I., geb. 1459 und gest. 1519, (der in seiner Ju gend einen ganzen Winter lang dahier in Dillingen bei Bischof Johann II. von Werdenberg Zubrachte), war ein frommer, kluger und tapferer Fürst, aber ein verwegener Jäger, und pflegte sich selber einen armen Gemsensteiger zu nennen. In demselben Jahre, in welchem er deutscher Kaiser wurde, i. I. 1493, kam er auf jenem Felsen in Lebensgefahr. Auf seine Kraft und Gewandtheit vertrauend, verfolgte er einst ganz allein eine Gemse bis auf den Gipfel der Martinswand, that noch einen Sprung, der Stein aber wich unter seinen Füßen, er stand zwar wieder fest, aber auf einer Felsenkante, wovon weder vorwärts, noch rückwärts ein Entrinnen mög lich schien. Unter sich den Ungeheuern Abgrund, über sich eine senkrechte Wand und den Himmel, glaubte der mächtige Fürst hier verschmachten zu müssen. Doch wurde sein Hülfe- ruf und seine gegebenen Zeichen unten im Thale vernommen, und unter dem jammernden Volke fand sich ein Hirt, welcher der Fußsteige genau kundig, endlich zu dem schon halb ver schmachteten Kaiser gelangte und ihm einen Weg aus seiner Noch zeigte. Dem Volke aber schien die Rettung zu unbe greiflich, deßhalb glaubte es, ein Engel habe den guten Kaiser Max von dem Felsen herabgeführt. In die Blende oder Vertiefung der Felswand ließ er später ein Crucifix setzen, und feierte den Tag seiner Rettung alle Jahre in der Einsamkeit mit Beten und Fasten. Auf jedem Schifte ist ein Oberster, man nennt ihn mir einem fremden Worte Kapitän, der alles be- 30 *468 stehlt, was geschehen soll, und unter ihm sind andere, die ihm. dabei helfen, und seine Befehle ausrichten. Die Arbeiter nun, welche alle Geschäfte auf dem Meere thun, und die Schiffe führen müssen, heißen Seeleute, Matrosen. Diese steigen an Seilen, aus denen man auch Leitern macht, auf und nieder, und zwar selbst im Sturme und in der Nacht. — Und wie kann es wohl geschehen, daß so schwere Dinge aus dem Wasser wie auf dem Lande zu Stande gebracht werden? Durch Aufmerk samkeit, womit man alles beobachtet, was auf dem Meere wahr zunehmen ist, durch verständiges Nachdenken über das, was man täglich erfährt, und darüber, wie man's angreisen müsse, daß man glücklich durch die Wellen zum fernen Lande komme, und ganz besonders auf dem Schiffe durch strenge Ordnung und Gehorsam. Aufmerksamkeit, Nachdenken, Ordnung und Gehorsam sind die besten Mittel, daß alles leicht und richtig und gut von Statten gehe. Knabe. Maulwurf, du weißt doch, daß dich viele Leute für blind halten, weil sie deine kleinen Augen nicht so leicht sehen können, wie der Katzen ihre? Maulwurf. O ja, das weiß ich. Sie irren sich aber Alle, die das glauben. Denn ich habe wirklich Augen, und sehe damit so viel, als ich im Fall der Noth brauche. Einige Leute halten mich auch für taub, weil meine Ohren keinen Rand haben, und auswendig nur durch eine kleine Oeffnung sichtbar sind. Allein ich höre gar gut. Das Gehör und der Geruch sind meine besten Sinne. Auch stumm bin ich nicht. .Ich kann wohl pfeifen und schreien, doch nur zur Zeit der Noth. Knabe. Daß du aschgraue Haare, eine sehr lange Schnauze, Pfoten wie Menschenhände mit fünf kralligen Fin gern, und ein ganz kleines Schwänzlein hast, wissen wir. Auch daß du fast immer unter der Erde lebst, und nur in schwülen Sommernächten zuweilen herausgehst, Regenwürmer und In sekten frißt, und die Erde in die Höhe wühlst, ist uns gar wohl bekannt. Wie es dir aber sonst noch in deiner ewigen Dunkelheit gehe, wissen wir noch nicht. Sage es uns also? Maulwurf. Gut, das will ich! — Ich lebe immer unter der Erde in Gärten und Wiesen, und wo sonst noch gute, lockere Erde ist; denn je lockerer die Erde ist, desto besser kann ich darin handthieren, und meine Nahrung finden. Stei- nichten und sandichten Boden liebe ich nicht, weil es darin wenig Würmer gibt, und ich ihn auch nicht gut durcharbeitenDH kann. Zwei bis drei Ellen tief stecke ich in der Erde, und mache meine Wohnung, wo möglich, unter einem Baum, oder umer einer Mauer, damit der Regen nicht so leicht zu mir durchdringen kann; denn Nässe, Kälte und Sonnenschein kann ich gar nicht ertragen. Regnet es aber allzu heftig, oder wird gar die Gegend, in der ich wohne, ganz mit Wasser bedeckt, so bin ich verloren, ich mag es machen, wie ich will. Zuweilen rettet sich einer von uns durch's Schwimmen, und sucht und erreicht einen höhern, wasserleeren Ort; oder er gräbt sich tief in die Erde, wo das Wasser noch nicht eingedrungen ist. Und wenn wir Alten uns auch gleich bei einer Ueberschwemmung retten, so sind doch allemal gewiß unsere in den Löchern zu rückgebliebenen Jungen verloren. Knabe. Ei, was machst du des Winters in deinem Loch? Maulwurf. Ich erstarre nicht darin; sondern lebe und arbeite immer fort. Rur ein wenig tiefer mache ich mich des Winters in die Erde hinunter. Und an Fraß fehlt es mir nie, denn Würmer gibt es Sommer und Winter in der Erde, und ich darf sie oft des Winters nicht weiter suchen, als des Sommers; denn sobald es kalt wird, kriechen sie auch, wie ich, in die Erde. Knab e. Wann gräbst du denn, daß man dich fast nie sieht? Maulwurf. Des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, des Mittags und des Abends. Des Mittags aber werfe ich selten einen Hausen in die Höhe, ja, es ist mir schon Angst, wenn ich nur oben unter der Erde weglausen soll, weil man mich da leicht sieht und todtschlägt. Knabe. Hör' einmal! Wie sängt man dich'denn ? Maulwurf. Ach leider, auf verschiedene Weise! Man gräbt geschwind, ehe ich weiter graben und entfliehen kann, rings um mein Loch her, oder man schlägt mich aus den Kopf, wenn ich soeben wühle, und einen Haufen Erde in die Höhe werfe; oder man verstopft mir einen meiner Gänge, gräbt dicht daran einen tiefen, glasirten Topf in die Erde, und thut etliche Regenwürmer in denselben; will ich diese nun erhaschen, so falle ich in den Tops hinein, und kann nicht wieder heraus. Uno wie viele von uns sängt man nicht in Schlingen und Fallen? Knabe. Weißt du auch, warum man dich in Gürten nicht leiden kann? Maulwurf. Rein, gar nicht. Man sollte mich ja gern darin haben, da ich so manchen Regenwurm wegsresse.470 Knabe. Gut, das thust du wohl. Allein du frißt auch manchen Wurm sammt den Wurzeln weg, woran er nagt, und dann müssen die Pflanzen verderben. Sodann wirfst du allzu viel Erde in die Höhe, und bedeckst und verdirbst damit so manches Samenkorn, und so manche Pflanze. Und überhaupt ist es nicht gut, daß du in einem Garten den Herrn spielst, und wühlen und Alles unter einander werfen kannst, wie du willst. Meer. Das Wasser ist in größere und kleinere Massen vertheilt. Große Wassermassen, welche einen Theil der Erd oberfläche ausmachen, nennt man Meere. Das Meer hat meistens eine unermeßliche Tiefe. Doch ist diese Tiefe verschieden; denn gleich dem Boden des festen Landes, besteht der Boden des Meeres aus Bergen und Thälern, Hügeln und Felsen. Das Meer nennt man wohl auch die See, und daher werden die Fische, welche im Meere leben, Seefische, und die Schiffe, mit welchen man auf dem Meere fährt, Seeschiffe genannt. Sagt man: der See, so ist von einem Landsee die Rede; sagt man: die See, so ist das Meer gemeint. — Das unermeßliche Welt meer verkündigt nicht weniger, als das Gewitter, die Größe Gottes, jedes in seiner Art. Wer dieses Wunder des Herrn kennen lernen will, wie es ist, der muß zu Schiffe gehen.^ Ich kann euch nur davon erzählen, was wir von den Leuten wissen, die solche Seereisen gemacht haben. — Merk't auf I ich will ein Schiff absegeln lassen. — Im Hafen, einem sichern Orte am Ufer des Meeres, wird das Schiff durch den sehr schweren eisernen Anker sestgehalten, der an einem großen Taue befestigt, im Grunde des Meeres liegt. Der Anker wird an das Schiff emporgewunden, ein günstiger Wind bläs't in die Segel, und — pfeilgeschwind fliegt das Schiff davon. Bald sieht man nichts mehr vom User, als einen fernen Streifen; jetzt ist auch dieser verschwunden. Nun hast du nichts um dich her, als das dunkelblaue Meer und über dir den weiten Himmel. An den Seiten des Schiffes brechen sich die Wogen und werden schneeweißer Schaum. Siehe, da schweben weiße Seevögel um das Schiff, und hoch oben am Mastbaume einer mit schwarzen Flügeln. Unten im Wasser scherzen unzählige Fisches ach! da kommt ein großer Raubfisch, und ängstlich suchen sich die andern zu retten. Wie? sind das nicht auch Fische, die dort aus dem Wasser emporstiegen? — Wunderbares Schauspiel! Fische stiegen in der Luft! — Was ist dir? du siehst so blaß aus! — Ach I mir ist übel, und es ist, als drehe sich Alles um mich471 her.— Das ist die böse Seekrankheit, von welcher kaum Einer verschont bleibt, und die durch das immerwährende Schaukeln des Schiffes verursacht wird. Aber halte nur aus! es stirbt Niemand daran. — Herrlicher Anblick, wie die Sonne dort im Meer untergeht, und das Wasser im Abendroth leuchtet! — Und dort schwebt schon der Mond herauf und spiegelt sich in den Wellen. — Aber was ist das wieder? Die Sonne ist längst hinunter, und doch — siehe! wie ein Feuerstreifen zieht es dem Schiffe nach — und jetzt -— jetzt — brennt denn das Meer? weit umher bis in die Tiefe hinab glänzt es, und die Fische, die hier schwimmen, sind ganz feurig. — Das kommt von See würmern her, die so prächtig leuchten. — O du erhabener Gott, wie viel Herrliches ist in deiner Welt, das ich bisher nicht kannte! und wie viel Größeres mag mir noch verborgen sein ! — Das Meer ist tief, das Meer ist weit; doch gehet Gottes Herrlichkeit noch tiefer als der Meeresgrund, noch weiter als das Erdenrund. So viele Fischlein wohnen d'rin, der Herr sieht freundlich auf sie hin, reicht allen ihre Speise dar, führt ab und auf sie wunderbar. So hoch die wilden Wogen geh'n, wenn er gebeut, sie stille steh'n; da führet seine treue Hand, das Schifflein hin in's fernste Land. Menagerie (sprich: Menaschrie) ist eine Anstalt zur Unterhaltung fremder und wilder Thiere, ein Thierhof, Thierhaus, Thiergarten. — Die berühmtesten stehenden Me nagerien sind zu Wien, London, Paris, Hamburg, Berlin, Köln, Dresden, Frankfurt rc.; unter den wandernden sind die van Aken'sche und Kreuzbergffche in neuerer Zeit berühmt. Wenn es euch angenehm ist, will ich hier die Beschreibung einer solchen wandernden Menagerie beifügen, die ein Knabe seinem Vater in einem Briefe mittheilte, und die euch gewiß ansprechen wird, da der Knabe die Menagerie mit großer Aufmerksamkeit sich besehen hat. — Der Knabe schreibt: Lieber Vater! Wie danke ich Ihnen für die Reise hieher! Welches Vergnügen haben Sie mir dadurch bereitet!472 Zn einem Briefe Alles zu erzählen, was ich gesehen und erlebt habe, ist unmöglich. Nach meiner Rückkehr sollen Sie es aus führlich hören. Allein damit Sie nicht glauben, ich sehe nur leichtsinnig in die Welt hinein und beobachte nichts genau, will ich wenigstens eine Beschreibung versuchen, die Beschreibung der Menagerie, wohin mich der Vetter vorgestern führte. Aus dem Karlsplatz ist eine bretterne Bude ausgeschlagen, worin recht füglich manches unserer Baueruhäuschen Platz hätte. Vor dem Eingänge derselben sind große Leinwandtafeln ausgehängt, worauf die Abbildungen der wichtigsten Thiere den Vorübergehenden verkünden, was hier zu sehen ist. Allein es wäre gar nicht nöthig, da das beständige Geschrei der Affen und Papageien und das bisweilen einsallende Gebrüll des Leo parden und Löwen schon hinlänglich aufmerksam macht. Dazu kommt noch, daß ein schwarzbraunes Ungeheuer, mit zottigem Fell aus einer Erhöhung neben dem Eingänge angekettet liegt und entweder an seinen Ungeheuern Tatzen saugt, oder in be ständiger Unruhe bald an der Kette rüttelt, bald sich aufrecht setzt, dazwischen aber ein Brummen hören läßt, woran ich so gleich den Bären erkannte. Die am Eingänge stehenden, sonderbar gekleideten Männer wiesen uns, so wie wir bezahlt hatten, hinter den Vorhang, und plötzlich standen wir mitten unter den Thieren Afrikas, Amerikas und Australiens. Es überlies mich anfangs ein kleiner Schauder, als ich drei Schritte von mir in einem höl zernen Kasten ein katzenähnliches Thier herumrennen und die Zähne stetschen sah. Besonders als es die eisernen Stäbe, womit die offene Seite des Kastens verwahrt war, mit seinen gewaltigen Tatzen faßte und zu zerbrechen drohte. Als dies nichr ging, reichte es au den Stäben in die Höhe, lehnte sich mit seiner ganzen Länge dawider und biß mit seinen gewaltigen Zähnen in das Eisen. Doch der Käsig war fest genug, und der ergrimmte Leopard, denn ein solcher war es, beruhigte sich, indem er sich an den Wänden des Kerkers herschmiegte und seinen ellenlangen Schweif hinter sich Herzog. Jetzt, nach dem ich mich von meiner Furcht erholt hatte, betrachtete ich mit Wohlgefallen Las gesteckte Fell des Thieres und bewunderte die Geschmeidigkeit und Stärke seiner Glieder. Der Vetter erinnerte mich jedoch, daß ich bei einem einzigen Thiere nicht so lange verweilen dürfe, wenn ich nicht den ganzen Tag in der Menagerie bleiben wolle. Er machte mich auf du Menge von Affen aufmerksam, welche in den kleineren Kä-473 figen umher ein betäubendes Geschrei verführten und die pos sierlichsten Gebärden machten. Die Ursache waren etliche Aepfel und Nüsse, die ein Zuschauer denselben vorhielt und nach einigem Necken zuwarf. Possierlich waren allerdings die Grimassen der begierigen Thiere, aber liebenswürdig konnte ich nur ein kleines Aeffchen aus Amerika finden, welches wegen seiner Sanft- muth gar nicht in einen Käfig gesperrt war, sondern auf einem Tische an einem leichten Kettchen herumspringen durfte und einem Eichhorn an Größe und Gestalt glich. Den übrigen hätte ich nicht unter die Zähne kommen mögen, besonders einem Pavian mit rother Nase, den der Führer Wald teufel nannte, und der in seinem Vaterlande die Wälder gegen das Eindringen der Menschen mit größter Erbitterung verthei- digen soll. Ich habe wirklich noch nie ein so boshaftes Thier gesehen. Besser gefielen mir die Papageien, wenigstens ihr Gefieder, denn ihre Stimme ist so wenig lieblich, als die der Affen. Ihre Käfige müssen jedoch von dauerhaftem Stoffe gemacht sein, denn sie hören gar nicht auf, mit ihren scharfen krummen Schnäbeln daran zu beißen. Ich glaube, sie thun das zur Unterhaltung und erinnern sich dabei an das Klettern in ihrem Vaterlande, wobei sie sich auch mit den Schnäbeln festhaltm. Einige saßen gar nicht in Käsigen, sondern in schwebenden Bügeln, woran sie mit einem Kettchen gefesselt waren; darunter war einer, den sie „indianischer Rabe" nannten, der aber wohl nur von seiner Größe und seinem häßlichen Ge schrei Rabe heißen kann. Denn die Pracht seiner blau-roth und gelben Federn übertrifft Alles, was ich von Vögeln ge sehen habe. Auch die Länge seines Schwanzes macht ihn eher einer Elster als einem Raben ähnlich. Doch, lieber Vater, ich thue ja gerade, als wäre Ihnen das alles unbekannt, und ich sollte Ihnen es zum ersten Male beschreiben. Ich will lieber gleich von dem Thiere reden, welches mich bei weitem am meisten interessirt hat, von dem Löwen, und Sie können sehen, ob ich richtig beobachtet habe. In der Mitte der Bude war ein größerer Käsig aufge stellt, um welchen sich die meisten Leute sammelten. Allein der Bewohner des Käfigs, ein Löwe aus Afrika, schien sich gar nicht um die gaffende Menge zu kümmern. Er lag ausge streckt auf der Seite, halb wie ein Hund, halb wie eine Katze, die Augen geschloffen, nur dann und wann blinzelnd. Ich konnte nur feinen gewaltigen Kops mit den schwärzlichen Mähnen bemerken, welche gegen das schwarzgelbe Fell nicht besonders474 abstachen. Auch die Stärke der Beine und der Tatzen, die Länge des Schweifes und der am Ende befindliche Büschel fielen mir auf. Sonst kam er mir vor wie ein Metzgerhund von der allergrößten Art. Aber plötzlich mußte ihn entweder eine Mücke gestochen oder sonst etwas im Traume gestört haben, denn er richtete seinen Kopf in die Höhe und sah mit den großen, feurigen Augen um sich, als wolle er uns alle durchbohren. Dabei ließ er ein Murren hören, welches dem weit schrecklicheren Brüllen voranging. Als er sich aber vollends erhoben und die Mähnen mehrmals geschüttelt und mit dem Schweife die Wände des Käfigs gepeitscht hatte, erhob er seine Stimme so furchtbar, daß die Fensterscheiben der Bude klirrten, und alle übrigen Thiere sich schüchtern in die Ecken ihrer Be hälter duckten. Der Wärter trat herzu und suchte den gewal tigen König der Thiere mit Worten zu begütigen. Wirklich schien der Löwe seinen Freund zu erkennen und auf seine Worte zu hören. Besonders schien es ihm zu gefallen, als der Mann von dem Fleisch redete, das er bekommen sollte. Denn die Zeit der Fütterung war nahe. Ich hätte es gerne mit ange^ sehen, wie die Bestien ihr Futter verzehrten, und wie nament lich der Löwe mit dem lebendigen Geißlein umginge, das ihm versprochen worden war. Allein der Vetter versicherte, daß ihm das zu lange daure, auch müßten wir nochmals bezahlen, wenn wir über eine Stunde verweilten und das war mir doch zu viel. Ich betrachtete mir also schnell noch den Schakal (Gold wolf). Er hat Aehnlichkeit mit dem Fuchse, nur daß er etwas größer und von graugelber Farbe ist. Seine Augen sind so heimtückisch, daß ich gerne glauben will, daß er auch Kinder anfällt, wo er dieselben ohne Beistand findet. Ueberhaupt hat sein Wesen noch mehr Aehnlichkeit mit dem Wolfe als mit dem Fuchse. Dies konnte ich recht deutlich bemerken, weil gerade unter dem Käfige des Schakals ein Wolf eingesperrt war. Da er kein hungriger Wolf war, so ging ich ganz nahe hin und konnte sehen, wie malitiös seine Augen gegen die eines Hundes sind. Ich dachte an unfern Phylax, wie ehrlich Einen der an sieht. Nein, im Walde möchte ich keinem Wolfe begegnen, wenn er auch nicht so hoch wäre, wie der größte Jagdhund. Und was für Zähne die Bestie hat, ich glaube, der Löwe hat nicht viel größere. Von der stolzen Haltung des Löwen habe ich an dem Wolfe nichts bemerkt, die Farbe der beiden ist aber nicht außerordentlich verschieden. Aber an der Länge der Haare und der Dichtigkeit des Pelzes sieht man wohl, daß der Wolf475 nicht für die heißen Länder geschaffen ist, wo Einem auch ohne Kleider zu warm wird. Es wäre allerdings noch Manches weiter zu sehen gewesen, allein die Zeit war verffossen und der Vetter sagte: es wäre besser an einem andern Tage nochmals hieher zu gehen, als setzt, wo ich den Kops schon zu voll hätte, länger zu verweilen. Das leuchtete mir denn auch ein, und ich hoffe, lieber Vater, Sie werden Nichts dagegen haben, wenn ich noch einmal und gerade zur Fütterungszeit in die Menagerie gehe. Ich verspreche Ihnen gut auszumerken. Sie sollen mich examiniren, ob ich Wort gehalten habe. Leben Sie wohl! Menflch. Du bist, mein Kind, ein Mensch, und wie du, so wohnen auf der Erde etwa 1000 Millionen Menschen. Diese sind nicht alle von derselben Farbe, sondern entweder röth- lich-weiß, zu denen du gehörst, oder schwarz, oder braun-roth, oder schmutzig-gelb. Die schwarzen Menschen nennt man Neger, auch Mohren. Eine Menge von Menschen, welche dieselbe Sprache und dieselben Sitten haben, nennt man ein Volk. Auch in Hinsicht der Bildung sind die Menschen sehr verschieden. Viele Völker leben blos von der Jagd, vom Fischsange, wild wachsenden Kräutern und Wurzeln; haben keine Häuser, son dern Zelte' und Höhlen, und ziehen von einer Gegend in die andere; die Kinder lernen nichts, weil keine Schulen da sind, daher sind die Eltern säst so dumm, wie ihre Kinder; solche Völker nennt man wilde Völker. Andere Völker treiben Viehzucht, haben großeHeerden von Rindvieh, Schafen oder Kameelen und Rennthieren, und leben von ihren Heerden, sie wohnen in Hütten und Zelten, ziehen aber auch von einem Ort zum andern, weil sie Weide für ihr Vieh suchen müssen. Diese Völker sind schon weit gebildeter, als die wilden Völker, und heißen Hirtenvölker, Wandervölker, auch Nomaden. Eine dritte Art von Völkern sind die gebildeten Völker, zu denen auch dein Volk, mein Kind, gehört; es sind solche, welche nicht nur von der Jagd, der Viehzucht und der Fischerei leben, sondern hauptsächlich vom Ackerbau, daher auch feste Wohnsitze haben. Sie besitzen Handwerker und Künstler und treiben unter einander Handel. Ihre Kinder schicken sie in die Schule, damit sie ihren Verstand wecken und nützliche Kennt nisse und Fertigkeiten sich erwerben sollen. — Der Mensch kann nichts Nützlicheres und Besseres kennen476 lernen, als sich selbst und seine Natur; und Mancher, der bei uns an einem heißen Sommertage fast verschmachten will, oder im kalten Januar sich nicht getraut, vom warmen Ofen weg zugehen, wird kaum glauben können, was ich sagen werde, und doch ist es wahr. Bekanntlich ist die Wärme des Sommers und die Kälte des Winters nicht in allen Gegenden der Erde gleich, auch kommen sie nicht an allen Orten zu gleicher Zeit und sind nicht von gleicher Dauer. Es gibt Gegenden, wo der Winter den größten Theil des ganzen Jahres Herr und Meister ist und entsetzlich streng regiert, das Wasser in den Seen 10 Schuh tief gefriert, und die Erde, selbst im Sommer nicht ganz, son dern nur einige Schuh tief aufthaut, weil dort die Sonne etliche Monate lang und dann gar nicht mehr scheint, und ihre Strahlen auch im Sommer nur schief über den Boden Hinglei ten. Und wiederum gibt es andere Gegenden, wo man gar nichts von Eis und Winter weiß, wo aber auch das Gefühl der höchsten Sommerhitze fast unerträglich sein muß, zumal wo es tief im Lande an Gebirgen und großen Flüssen fehlt, weil dort die Sonne den Einwohnern gerade über den Köpfen steht und ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die Erde abwirft. Es muß daher au beiderlei Orten auch noch manches anders sein, als bei uns, und doch leben und wohnen Menschen, wie wir sind, da und dort. Keine einzige Art von Thieren hat sich von selber so weit über die Erde ausgebreitet als der Mensch. Die kalten und die heißen Gegenden haben ihre eigenen Thiere, die ihren Wohnort freiwillig nie verlassen. Nur sehr wenige, die der Mensch mitgenommen hat, sind im Stande, die größte Hitze in der einen Weltgegend und die grimmigste Kälte in der andern auszuhalten. Auch diese leiben sehr dabei, und die stärksten Bäume kommen nicht auf der ganzen Erde fort, sondern sie bleiben in der Gegend, für welche sie geschaffen sind, und selbst die Tanne und die Eiche verwandeln sich in niedriges, unscheinbares Gesträuch und Gestrüpp auf dem ebe nen Boden, wie wir's auf unfern hohen, kahlen und kalten Bergen bisweilen wahrnehmen. Aber der Mensch hat sich überall ausgebreitet, wo nur ein lebendiges Wesen fortkommen kann, ist überall daheim, liebt in den heißesten und in den kältesten Gegenden sein Vaterland und die Heimath, in der er geboren ist, und wenn man einen Wilden, wie man sie nennt, in eine mildere und schönere Gegend bringt, so mag er dort nicht leben u d nicht glücklich sein. Do ist der Mensch. Seine Natur477 richtet sich allmählig und immer mehr nach der Gegend, m welcher er lebt, und er weiß wieder durch seine Vernunft seinen Aufenthalt so einzurichten und so bequem und angenehm zu machen, als es möglich ist. Und daß der Mensch der Herr der ganzen Schöpfung ist und auch die Thierwelt ihm untherthänig sein muß, das ist niedergelegt in folgender Fabel: Der Wolf und der Mensch. Der Fuchs erzählte einmal dem Wolfe von der Stärke des Menschen. Kein Thier, sagte er, könne ihm widerstehen, und sie müßten List gebrauchen, um sich vor ihm zu retten. Da antwortete der Wolf: „Wenn ich nur einmal einen zu sehen bekäme, ich wollte auf ihn losgehen!" — „Dazu kann ich dir helfen," sprach der Fuchs; „komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen." Der Wolf stellte sich früh zeitig ein, und der Fuchs ging mit ihm an den Weg, wo der Jäger alle Tage herkam. Zuerst kam ein alter, abgedankter Soldat. „Ist das ein Mensch?" fragte der Wolf. — „Nein", antwortete der Fuchs, „das ist einer gewesen." — Darnach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte. — „Ist das ein Mensch?" „Nein, das will erst einer werden." — End lich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger an der Seite. Da sprach der Fuchs zum Wolfe: „Siehst du, dort kommt ein Mensch, auf den mußt du losgehen ; ich aber will mich fort in meine ^ö^Ie machen." Der Wolf ging nun auf den Menschen los. Der Jäger, als er ihn erblickte, sprach: „Es ist schade, daß ich keine Kugel geladen habe," legte an und schoß dem Wolfe das Schrot in's Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts. Da gab ihm der Jäger die zweite Ladung. Der Wolf verbiß den Schmerz und rückre dem Jäger zu Leibe. Da zog dieser seinen Hirschfänger und gab ihm links und rechts tüchtige Hiebe, daß er über und über blutend und heulend zu dem Fuchse zurücklief. „Nun, Bruder Wolf," sprach der Fuchs, „wie bist du mit dem Menschen fertig geworden? — „Ach," antwortete der Wolf, „so habe ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt! Erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein; da flog mir etwas in's Gesicht, das kitzelte mich ganz entsetzlich. Darauf blies m noch einmal in den Stock, da flog mir's um die Nase wie» 478 Blitz und Hagelwetter. Und als ich ganz nahe war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leibe; damit hat er so auf mich losgeschlagen, daß ich beinah' todt war' liegen geblieben." — „Siehst du," sprach der Fuchs, „was du für ein Prahlhans bist?" Messer und Gabel« Wozu man Messer und Gabeln gebraucht, ist euch allen wohl bekannt. Der Messerschmied, der auch kleine und große Scheeren, Taschenmesser, Rasiermesser, Feder- und Gartenmesser und andere schneidende Werkzeuge macht, schmiedet die Klingen entweder selbst von gutem Srahl, oder er kauft sie dutzendweise in den Eisenfabriken, wo sie in großer Menge um einen billigen Preis zu haben sind. Dü Hefte macht er aus Ebenholz oder aus einem andern seinen Holze, auch aus Bein, Elfenbein, Horn. Ebenso behandelt er auch die Gabeln und am Ende verkauft er alles paar- oder dutzendweise. Metalle. Einige Mineralien sind merklich schwerer, als die übrigen, schmelzen im Feuer und haben einen eigen- thümlichen Glanz. Sie heißen Metalle. Zu den Metallen gehören das Gold, das Silber und die Platina, welche man auch edle Metalle heißt, weil sie nicht rosten, sein klingen und einen hohen Glanz annehmen; ferner das Kupfer, das Zinn, das Blei, das Eisen. Die edlen Metalle sind zwar sehr nützlich, denn wir prägen daraus unser Geld, und brauchen sie zu allerlei Gerüchen; aber so unentbehrlich sind sie uns nicht, als das Eisen, aus welchem wir die Pflugschar und das Schwert verfertigen, und fast alle die Werkzeuge machen, mit welchen unsere Handwerker und Künstler arbeiten. Auch aus Kupfer machen wir uns eine Menge unentbehrlicher Ge fäße. Wir müssen jedoch bei dem Gebrauche dieser Gefäße sehr vorsichtig sein, weil der Essig und andere Säuren, oder auch nur Feuchtigkeit, das Kupfer zernagen und den giftigen Grünspan erzeugen. Das Zinn wird gewöhnlich mit Blei zusammengeschmolzen, ehe es verarbeitet wird. Weil aber das Blei der Gesundheit so schädlich ist, als Gift, und da es von scharfen Dingen z. B. Essig, leicht aufgelöst wird, so ist es gefährlich, Speisen und Getränke in solchen Gefäßen aufzu- bewahren. Ein eigenthümliches Metall ist das Quecksilber. Es ist flüssig, und wird nur bei sehr großer Kälte so feß, daß es sich hämmern läßt.479 Man findet die Metalle selten rein oder gediegen, sondern Meistens mit andern mineralischen Stoffen vermischt, als Erze. Um Erze zu gewinnen, graben die Bergleute senkrechte Gruben oder Stollen in die Berge. Die gewonnenen Erze werden in besonders dazu eingerichteten Oefen zu reinem Metalle ge schmolzen. Mineralien. In Gottes schöner Natur gibt es T h i e r e, Pslanzen und Mineralien. Die Mineralien haben keine Werkzeuge, wodurch sie Nahrungsmittel in sich aufnehmen und in ihrem Körper verbreiten können, wie die Thiere und Psian- zen. Sie wachsen nicht von innen heraus, sondern werden größer, wenn sich von außen ähnliche Stoffe an sie ansetzen. Zu dem Mineralreiche gehören Naturerzeugnisse, die weder Thiere noch Pfianzen sind; nämlich: die Erden und Steine, die Salze, die brennbaren Mineralien und die Me talle. Mitleid. Ein mitleidiges Herz ist ein kostbarer Schatz und ziert den Menschen mehr als Gold und Edelsteine. Auch hierüber weiß ich euch ein Geschichtlein zu erzählen, einfach und wahr: An einem sehr kalten Wintertage schlich eine alte arme Frau, auf ihren <S4ab gelehnt, mühsam an den Häusern hin; sie Zitterte vor Kälte, und ihr Gesicht war abgehärmt und jäm merlich anzusehen. Da ging eine sehr geputzte Frau vorüber; die Arme sah sie wehmüthig an, und das Herz der Frau wurde nicht gerührt, sondern sie ging schnellen Schrittes weiter. Das sah ein Knabe, der seiner Kleidung nach nicht zu den Reichen gehörte; der sprach leise mit seiner Schwester, zog ein Papier aus der Tasche, faltete es auseinander, uno lief auf die alte Frau zu und drückte ihr ganz eilig ein kleines Geldstückchen in die Hand, das in dem Papier eingewickelt gewesen war. Eben kam ein vornehmer Herr dazu, der freute sich sehr über ben Knaben, und rief ihn zu sich. Der Knabe kam, wandte aber ganz schüchtern das Gesicht zur Seite. Der Herr sagte: „Lieber Kleiner, warum siehst du mich denn nicht gerade an? Du hast ja nichts Unrechtes gethan, da brauchst du dich nicht zu schämen. Was hast du denn der armen Frau gegeben?" — Ach! — antwortete der Knabe — nur einen Groschen, denn ich hatte nicht mehr. — „Das war ja recht gut," sprach der Herr, „und damit du siehst, daß so etwas Gutes Gott und480 den Menschen wohlgefällig so will ich dir das Geld wiedergeben, du brauchst es wohl selbst." Und er gab ihm vier Groschen, Das wollte der arme Junge nicht annehmen, endlich aber nahm er es auf vieles Zureden an und rannte dankend davon. Mit inniger Freude sah ihm der gute Herr nach und wünschte, daß Gott den Knaben segnen mochte. Der Knabe aber lief wieder zu der armen alten Frau, gab ihr die erhaltenen Geldstücke in die Hand, und eilte davon, so schnell er konnte, daß ihn der Herr nicht mehr zurückrufen konnte. Ein Liebeswerk nimmt Gott so an^ Als hätte man's ihm selbst gethan. Mitternacht. Wenn von der Nacht, Mitternacht, die Rede ist, von der Nacht, die ein schauerliches Dunkel über un sere Fluren ausbreitet oder beim freundlichen Sternenscheine vor überziehet, so denkt man sich die Zeit vom Sonnenuntergänge bis zum Sonnenaufgänge. Letztern meldet das Schreien des Hahnes. Läßt er sich hören, der Morgenverkünder, so erblicken wir, zur schönern Jahreszeit, gar bald die blaue Decke des Himmels und den grünen Fußboden der Erde. Gedenken wir der Mitternacht, so heißt's auch bei uns: Tiefe Feier Schauert um die Welt; Braune Schleier Hüllen Wald und Feld, Trüb und matt und müde, Nickt jedes Leben ein - Und namenloser Friede Umsäuselt alles Sein. Schauerlich, sehr schauerlich ist die Nacht. Leicht könnte sich des Menschen eine heimliche Furcht bemächtigen, wenn in ein schwarzes, grausenvolles Dunkel sie das einhüllt, was eine ewig gütige Hand mit unaussprechlichem Schmucke bekleidet hat. Doch uns ergreift keine Furcht, meine lieben Kinder! O nein, Gott ist ja in der Nacht mit und bei uns, auch in der Nacht be schützt er uns; darum sagen wir ja: Wer unter deinem Schirme ruht, O Gott, der ewig wacht, Der trotzt mit unerschrockenem Muth Dem Grauen dunkler Nacht.4SI Leset nachfolgendes Gedichtchen mit Aufmerksamkeit: Rings ist die Nacht, kein Mensch mehr wacht, es ist so still wie bei den Todten; da schleichet leis heimlicherweis ein Dieb auf eines Hauses Boden. Der Dieb greift an, nimmt, was er kann, und schleicht mit seinem Raub zurücke. Doch plötzlich bricht ein helles Licht herein durch eine Fensterlücke. Der Dieb schaut hin, ihm ist zu Sinn, er seh' ein groß' Gesicht am Fenster. Weg mit dem Raub! Fort aus dem Staub! — Wie? sieht der Dieb vielleicht Gespenster? Gespenster nicht, des Mondes Licht, das sah ihm zu bei seinem Treiben. Es fiel ihm fast wie Zentnerlast auf's Herz, er konnte nicht mehr bleiben. Er denkt bei sich: „es siehet dich „der, welcher droben wohnt im Lichte. „das zeiget klar „und offenbar „des Mondes Helles Angesichte." Wohl hat er Recht darum erfrecht, er niemal wieder sich, zu stehlen. Das merk' auch du, Gott sieht dir zu, ihm kannst du keine That verhehlen. -'Kinder- Convcrsativns- Lexikon. 31482 Wenn Alles schläft, kann sein Geschäft, kein böser Mensch ganz ruhig treiben; denn Einer wacht in jeder Nacht, und dem kann nichts verborgen bleiben. Ntond. Freundlicher Mond, du erhellest die Nacht k Wir wissen zwar wohl, daß der Mond kein eigenes Licht hat, aber die Sonne gibt ihm, was er braucht, — und damit ist er zufrieden. Still und heiter geht er am Himmel hin und her, lacht freundlich zu uns herab, und heißt uns schlafen gehen, so bald er kommt. Gute Nacht! — Von sich selbst sagt der Mond: Ein König bin ich in der Nacht Und zeige mich in goldner Tracht, Das Heer der Sterne weit und breit Ist Dienerschaft mir und Geleit. Still ziehe ich am Himmel hin, An dem so lange Zeit ich schien; Doch ist erblaßt noch nicht mein Glanz Und meine Scheibe ist noch ganz. Die Sonne leiht mir gern ihr Licht, Erhellet mir mein Angesicht; Doch wenn sie aufgeht zieh' ich fort Und leucht' an einem andern Ort. Der Mond ist das Licht, das die Nacht regiert; er leuch e tet, aber wärmt nicht. Er ist nicht immer am Himmel zu sehen, zeigt auch nicht immer dieselbe Gestalt, sondern einen Wechsel derselben. Er wird größer und kleiner; dieses nennt man sein Ab-, jenes sein Zunehmen, wobei er 4 Haupt stufen zeigt. Als Neumond ist er unsichtbar; dann zeigt er sich als schmaler, bogenförmiger Lichtstreifen, der täglich größer wird oder zu nimmt als erstes Viertel — als eine nach Osten geöffnete Sichel erscheint, dann, immer mehr sich füllend, als Vollmond — als eine der Sonne ähnliche, kreisrunde, mit vielen dunkeln Flecken versehene Scheibe sich zeigt, die einem Menschengesichte ähnlich ist. Vom Tage des Vollmonds an nimmt des Mondes Beleuchtung auf der westlichen Seite von Tag zu Tag ab und hat als letztes Viertel die Form einer nach Westen geöffneten Sichel. Die dunkeln Flecken auf483 der Mondscheibe sollen tiefe Thäler sein. Leicht kannst du dem Monde ansehen, ob er ab oder zunimmt; im ersten Falle sieht er ans wie ein lateinisches a (abnehmend) , dem der senkrechte Strich fehlt; im letztem wie der obere Zug eines deutschen Z (zunehmend). — Auch der Mond geht im Osten auf, im Westen unter, aber alle Tage gegen 50 Minuten später, an jedem Tage an einem andern Orte, wie du leicht beobachten kannst. — Der Mond ist viel kleiner als die Erde, und unter allen Ge stirnen uns am nächsten. Gleichwohl müßtest du 28 Jahre unterwegs sein, wenn du Hinreisen und jeden Tag 10 Stunden machen wolltest. Er ist ein rechter Freund der Erde, denn so lange man's weiß, hat er diese auf ihrem Spaziergange um die Sonne begleitet. Und wie freundlich scheint er in unsere Nächte! — Dies Licht aber ist nicht sein eigenes; er empfängt es so gut von der Sonne, wie wir. Darum sehen wir den Mond nicht immer ganz hell. Auf ihm wechseln Tag und Nacht eben so, wie bei uns, nur mit dem Unterschiede, daß dort der Tag zwei Wochen dauert, und die Nacht auch wieder zwei Wochen. Nun dreht sich der Mond um sich selbst, wie unsere Erde; wir sehen ihn aber immer von einer Seite, und auch diese Seite nur, wenn es gerade Tag auf derselben ist. Wenn wir seine ganze Tagseite sehen, so sagen wir: Es ist Vollmond; dann nimmt er ab, bis es Neumond wird und wir gar nichts mehr von ihm sehen; denn auf der einen Seite, die er uns zeigt, ist es Nacht. Während der Mond mit der Erde sortgeht, wandert er auch um sie herum; dazu braucht er etwa so lange Zeit, als der Februar dauert. (Du weißt doch die zwölf Monate zu nennen, und wie lang jeder währt?) Schon wegen seines Lichtes ist der Mond für uns wichtig; auch Halten ihn viele Leute für den Wettermacher der Erde, und glauben, daß sich das Wetter ändere, wenn Vollmond oder Neumond werde, was aber nicht immer eintreffen will. Auch manche Feste rechnen wir nach dem Monde; denn der erste Vollmond im Frühjahre bringt uns das liebe Osterfest mit, und nach diesem richten sich dann wieder Himmelfahrt und Pfingsten. Wenn ich den lieben Mond ansehe, wie er so freundlich durch die dunkle Nacht wandelt, dann denke ich, wie Gott so gut ist! Und wenn es mir einmal übel gehen sollte und mir zu Muthe wäre, als ob es Nacht um mich her werden wollte: so will ich denken, daß mir der liebe Gott auch das Licht seiner Gnade wieder werde leuchten lassen. 31 *484 Moos. Das Moos ist eine sehr dienliche Pflanze, wächst wild, braucht keine Pflege, und bleibt grün, wenn es auch schon längst aus der Wurzel gerissen ist. Man braucht es, um Pflanzen damit gegen Kälte zu bewahren, und Töpfe zu verbergen, daß es scheint, als ob die Blume aus dem Moose hervorgewachsen sei. Man kann damit ganze Körbe umflechten und Häuschen aus Moos machen. Sie sind sehr leicht zu machen; sie werden innen und außen mit hölzernen Stäben umgeben. Das Moos wird zwischen die Stäbe gesteckt, und bald sieht man nichts als Moos. Solche Häuschen sind sehr warm. Das Moos dient auch gut zu weichen Lagern. Morgen. So nennt man die Zeit des Sonnenauf ganges. Sein Erscheinen, dem die Dämmerung der Nacht weichet, macht einen besondern Eindruck auf uns. Ganz anders fühlen wir uns bei der zunehmenden Helligkeit des Tages ge stimmt. Es belebet uns die Freude des Wiedersehens des kommenden Tages und eine eigene Heiterkeit und Lebensfrische ist es, mit der wir alles ergreifen, was unserer Obsorge über tragen ist. Ein Gefühl des Dankes für die Ruhe, die uns die Nacht gewährte, steigt in unserer Seele auf, und wir wissen oft nicht gleich, ob wir lieber in der freien Natur oder im ge öffneten Kirchlein den anbeten sollen, der mit gewohnter Freund lichkeit und Güte den neuen Morgen uns schenket. — Besonders schön ist ein Frühlingsmorgen. Kinder! beherziget folgenden schönen „Morgengesang". Aufgewacht! aufgewacht! Denn vorüber ist die Nacht, Nur der Faule läßt sich wecken, Will sich erst noch lange strecken; Trägheit ist des Trägen Tracht! Morgenstund', Morgenstund', Kindlein, die hat Gold im Mund. Golden glänzt des Himmels Bogen, Golden glänzen auch die Wogen, Golden thut der Fleiß sich kund. Arbeitstrieb, Arbeitstrieb, Kind, behalte stets ihn lieb! Arbeit schützt vor bösen Wegen, Auf ihr ruhet Gottes Segen; Arbeitstrieb trotzt Schicksals Hieb.485 Müssiqgang, Müsstggang, Ist des Lasters Ur-Ansang. Laßt uns Kopf und Hände regen, Daß uns werde Gottes Segen, Daß ihm werde Ruhm und Dank. Mozart. Der berühmte Tonsetzer Wolfgang Amadeus Mozart war schon als ein kleiner Knabe ein ausgezeichnetes musikalisches Genie. Im dritten Jahre versuchte er sich im Klavierspielen, im vierten war er bereits im Staude, größere und schwerere Stücke vorzutragen, im fünften componirte er, und im sechsten machte er schon Kunstreisen und ließ sich namentlich in München und Wien mit ungeheurem Beifall hören. Diese Reisen machte er natürlich nicht allein. Er war von seinem Vater, der ein Musikus in Salzburg war, unter richtet worden, und dieser begleitete ihn und traf die zur Auf führung eines Concertes nöthigen Veranstaltungen. Wolfgang's, oder wie die Oesterreicher sagen, Wolferl's Schwesterchen Maria Anna oder Rannerl, war gleichfalls vom Vater in der Musik ausgebildet worden und entzückte, wie ihr Bruder, durch ferti ges, seelenvolles Spiel die Zuhörer. Dabei waren die beiden Geschwister so liebenswürdig und kindlich anspruchslos, daß sie überall mit offenen Armen ausgenommen und von Jedermann gehätschelt wurden. Diese herrliche Zierde „kindlicher Bescheiden heit" ist aber dem Geschwisterpaare bis an den Tod zu eigen geblieben. W. A. Mozart, der schon im siebenten Jahre auf einer großen Reise in Deutschland, Frankreich, England und Holland Alles in Erstaunen gesetzt hatte, den man im vier zehnten Jahre schon mit Orden behängte und zum Mitgliede gelehrter Gesellschaften machte, blieb einfach und bescheiden. Höret, wie der sechsjährige Mozart mit seiner Schwester am kaiserlichen Hofe in Wien sich benahm. Als die beiden Kinder im Concerte ihre Sache so brav gemacht hatten, mußten sie mit ihrem Vater zur Kaiserin kom men. Die Kleinen wurden von ihr mit herzlicher Freude aus genommen, und diese traten weder schüchtern und tölpisch in die Winkel, noch kokettirten sie wie Aeffchen. - Mozart, als ein tüchtiger, derber Junge, sprang der Kaiserin aus den Schooß, nahm sie um den Hals uno küßte sie nach Herzenslust ab, während die „Rannerl" ihre kindliche Freude natürlich stiller äußerte. Die Geschwister blieben von 3 bis 6 Uhr Nachmit-486 tags Lei der Kaiserin, und auch der Kaiser kam in das Zim mer seiner Gemahlin, freute sich der kindlichen Zutraulichkeit und wünschte dem alten Mozart zu solchen Kindern herzlich Glück. Zwei Erzherzoginnen führten die kleinen Künstler in den schönen Zimmern des Kaiserschlosses herum und ergötzten sich, wenn dieselben bei dem einen Gegenstände mit kindlicher Freude, bei dem andern ganz verblüfft stehen blieben. Dabei rutschte der „Wolferl" auf dem geglätteten Fußboden einmal aus und fiel auf die Nase. Die Erzherzogin Maria Antoinette, (nachherige Gemahlin des unglücklichen Ludwigs XVI., Königs von Frankreich) hob ihn schnell auf. Der Knabe sagte zu ihr: „Sie sind gut; ich will Sie heirathen!" Als Maria Antoinette die Aeußerung der Kaiserin erzählte, fragte diese ihn, warum er die Erzherzogin heirathen wolle? „Aus Dankbarkeit," war Mozart's schnelle Antwort; „sie war gut gegen mich, ihre Schwester aber bekümmerte sich nicht um mich." Als an einem der folgenMn Tage die musikalische Familie in ihrer Wohnung sich eben in der Kunst übte, um durch neue Produktionen den Wienern einen Ohrenschmanß zu bereiten, fuhr auf einmal ein kaiserlicher Gallawagen vor. Der geheime Zahlmeister, gesendet von der Kaiserin, überbrachte zwei Kleider, eines für den Knaben, das andere für das Mädchen. „Wie mögen diese ausgesehen haben?" werden meine Leser, besonders die Mädchen, fragen. — Ich kann diese Frage beantworten, wenn ich auch nicht dabei gewesen bin, als der Zahlmeister ein trat, und will dabei dieselbe Schilderung geben, die Mozart, der Vater, in einem Briefe an seinen Hausherrn in Salzburg von den Kleidern gemacht hat. „Des Wolferls Kleid," schreibt er, „ist vom feinsten Tuch, lilafarben, die Weste von Moire (Mohr) nämlicher Farbe, Rock und Kamisol mit Doppelten und breiten goldenen Borden. Es war für den Erzherzog Maximi lian gemacht. Der Naunerl ihr Kleid war das Hoskleid einer Herzogin. Es ist weiß brochirter Tafsent mit allerhand Gar- nirungen." — Viel und große Versuchung, eitel und hochmüthig zu wer den; aber die Familie Mozart ist es nicht geworren! Mozart A. W. ist geboren zu Salzburg i. I. 1756, den 27. Januar, und starb zu Wien i. I. 1791, den 5. Dezember. Mücke. Die Mücke oder Schnacke, wie man sie noch nennt, weiß mit dem Stechen in die Haut wohl umzugehen. Ihr ist das Blut von Menschen und Thieren die.liebste Speise487 und macht sie lustig, daß sie, wenn die Sonne gerade recht warm scheint, zu tanzen anfangt. Mühlstein. Er ist groß, rund, oben und unten glatt, hat mitten ein Loch, viereckig gehauen, daß man darein ein Stück Holz stecken kann, das durch Wasser und Räder bewegt wird. Zwischen zwei solche Steine werden die Körner gebracht und zu Mehl zerrieben. Wie waren die Menschen so verständig, die das Alles erfunden haben! Wie viel Gutes genießen wir alle Tage und denken nicht daran und danken nicht dafür, daß Andere so viel Gutes gedacht und gemacht haben, das nützt und uns er freut. Besinne dich bei allem, was dir Gutes geschieht; denke, wie kam diese Sache, und wem habe ich das Gute zu danken, das ich genieße? Vergiß nicht Dem zu danken, der Alles gibt! München. Die Residenzstadt des Königs und die Hauptstadt des Königreichs Bayern mit 169,000 Einwohnern, liegt aus dem linken Ufer der Isar, in einer weder fruchtbaren noch schönen Ebene, eigentlich einem Seeboden der Isar. Mün chen ist seit Anfang dieses Jahrhunderts durch neue Stadttheile und Vorstädte und eine doppelte Bevölkerung vergrößert und durch ausgezeichnete Bauten, wie keine Stadt Europas ver schönert. Beinahe in jedem bekannten Baustple befindet sich ein vollendetes Denkmal, das eben so reich als übereinstimmend ausgeschmückt ist. Man verdankt sie dem Könige Ludwig I. (dem Großvater unseres gegenwärtigen Königs Ludwig II.), welcher schon als Kronprinz die ausgezeichnetsten Künstler um sich versammelte. Was München heute ist und hat, ist meist sein Werk; an Schätzen der Bildhauer- und Malerkunst ist es jetzt die reichste Stadt Deutschlands. Unter den ältern kirchlichen Gebäuden ist die Frauen kirche, die St. M i ch a e l s - H o f k i r ch e, die T h e a t i n e r k i r ch e zu beachten. Die Krone unter den vier größern, neuern kirchlichen Gebäuden (alle unter König Ludwig I. erbaut), gebührt der Auer-Kirche, der Pfarrkirche der Vorstadt Au, auch Maria- hilfkirche genannt, 235' lang, 81' breit, 85' hoch, im gothischen Styl, von 1830— 1839 erbaut; Portal, Fenster und Rosen der Vorderseite aus grauem Sandstein, ebenso der durchbrochene 270' hohe Thurm, der Rumpf der Kirche aus röthlichem Back stein; über dem Portal die heilige Jungfrau; Dach musivisch (Mosaik, Steinstiftmalerei) mit bunt glasirten Ziegeln gedeckt, einem gewirkten Teppich ähnlich. Die 52 Fuß hohen Fenster488 sind mit Glasmalereien geziert. Die Basilika des heil. Bo- nifacius, 262' lang, 124' breit und 80' hoch, im Rundbogen styl erbaut und 1850 vollendet, ruht auf 64 Säulen von grauem Tiroler Marmor. Der Dachstuhl liegt ganz unverhüllt, Balken gefärbt und reich vergoldet, Decke des Mittelschiffs blau mit goldenen Sternen. Reiche Fresken (auf die Wand gemalte Bilder), Darstellungen aus dem Leben des heiligen Bonifazius und vieler bayerischen Heiligen, schmücken das Halbrund des Chors, die ^eitenaltäre, die Zwischenräume zwischen den Fen stern und die Wände des Mittelschiffs. Die Kanzel kann auf einer Eisenbahn vor- und rückwärts geschoben werden. Die Ludwigskirche, 230' lang, 150' breit, in Kreuzesform, im mittelalterlichen italienischen Styl aus Kalksteinquadern 1829 — 1842 erbaut, mit zwei pyramidenförmigen Thürmen, das Dach musivisch mit bunten Ziegeln gedeckt, über dem Portal Christus und die vier Evangelisten. Die ganze Wand hinter dem Hoch altar nimmt das jüngste Gericht ein, das bedeutendste Fresko bild von Cornelius, 63' hoch, 39' breit. Die Allerheiligen- k i r ch e oder neue Hofkapelle, 100' lang, 165' tief, im ältestem romanischen Styl gebaut, ist ein wahres Schmuckkästchen von Geschmack und harmonischer Pracht. Die Bogeustellungen ruhen auf Säulen von buntem Marmor, Wände mit verschiedenfarbi gem Marmor belegt, Deckenwölbungen, Fensterbogen und Chor nischen auf Goldgrund ganz a] fresco gemalt. Die Protest. Kirche vor dem Karlsthor ist im Halbrund erbaut. Die vorzüglichsten Plätze sind : der Map - Jo s ep h - Platz mit dem Denkmal des Königs Map, welches zur 25jährigen Regieruugs-Jubelfeier die Bürger Münchens errichteten; der König, 12' hoch, sitzt segnend auf einem gezierten Fußgestell; der Wittels b acherplatz mit dem 18' hohen Reiterbild des Kurfürsten Maximilian I.; der Carolinenplatz mir dem 100' hohen Obelisk, aus erobertem Geschütz gegossen, raut In schrift zu Ehren der 30,000 Bayern, die im russischen Krieg für des Vaterlands Befreiung den Tod fanden, von König Ludwig I. 1833 errichtet; der Promenadeplatz mit dem Standbild des Kurfürsten Maximilian Emanuel, des Staats kanzlers Kreitmayr und des Geschichtsschreibers Westenrieder, sowie der Tondichter Orlando di Lasso und Johann Christoph von Gluck; der Marienplatz mit der von Maximilian I. 1638 zum Gedächtniß des Sieges am weißen Berg errich teten Mariensüule, 20' hoch aus rothem Marmor, oben als Bayerns Schutzpatronin die heil. Jungfrau. Roch andere489 öffentliche Denkmäler sind : Die Bavaria mit der Ruh m e s- halle am Ende der Theresienwiese. Diese kolossale weibliche Figur ist aus Erz gegossen und von König Ludwig I. errichtet. Die Figur ist 54' hoch; auf 66 Stufen steigt man durch das Fußgestell bis zur Figur, und in dieser aus 60 eisernen Treppen bis in den Kopf, der so groß ist, daß 6 Personen in ihm Platz haben. Der neue Gottesacker, an den alten angrenzend, nach 'Art der italienischen Campi santi mit Arkaden in rothem Zie gelbau umgeben, die mit Fresken geschmückt sind; das Jsar- thor, 1835 von König Ludwig I. hergestellt, den Einzug Kaiser Ludwig des Bayern nach der Schlacht bei Ampfing vorstellend. In der langen, breiten Maximiliansstraße steht das von dem bayerischen Heere dem Grafen Erasmus von Deroy, General der Infanterie, errichtete glänzende Standbild, sowie jenes des berühmten Philosophen Friedr. Wilh. Jos. von S ch el lin g. Die Feld Herrn Halle, nach der Loggia dei Lanzi in Florenz, eine offene Halle mit hohem Treppenaufgang, enthält sie Erzstand bilder Tilly's und Wrede's. Unter den Palästen zeichnen sich aus: das königliche Re sidenz ge b äude in drei Theilen, nämlich der alten Residenz, dem Königs bau (Vorderseite nach dem Max-Josephplatz) und dem Fest'saalbau (Vorder seite nach dem Hosgarten); der Wittelsbacher-Palast im mittelalterlichen Palaststyl, die Wohnung des Königs Ludwig I.; der Palast des Herzogs von Leuchtenberg; der Palast des Herzogs Max. Andere palastähnliche Gebäude sind: das Hos-Theater; das Postgebäude, das Kriegsmini sterium, das Odeon, zu Conzerten bestimmt, die Biblio thek (Büchersammlung 600,OoO Bände stark), die Univer sität, gegenüber das Priestersem in ar, das Maximi lia- n e u m, das R a t i o n a l in u s e u m, die alte Pinakothek oder Gemäldesammlung, die neue Pinakothek, die Glyptothek, enthält antike (uralte) Bildwerke, welche König Ludwig I. noch als Kronprinz sammelte; das Kunst aus stellungsgebäud e, nebenbei die Propyläen; ein Prachtthor zwischen Glyptothek und Ausstellungsgcbäude. In der Nähe des Sendlinger Thores ist seit 1852 eine 1477' lange Getreid eh alle aufgeführt, aus dem Hauptbau und zwei Nebengebäuden bestehend, die durch offene Hallen mit gußeisernen Säulen und Dachstuhl verbunden sind. Die Ludwigsstraße, ausschließlich Schöpfung des Königs Ludwig I , 60 Schritt breit und 1800 Schritt lang, die mit der Feldherrnhalle beginnt und mit dem Siegesthor490 einen würdigen Abschluß hat, besteht meist ans Prachtbauten in mannigfaltigster Form. Merkwürdig sind auch die bedeckten Gänge (Arkaden) des sogenannten B az a r s im Hofgarten; die Wände sind mit Bildern aus der Geschichte und mit Landschaften geziert. Die neue Maximiliansstraße, eine Schöpfung von König Maximilian II., ist eine der schönsten Straßen in ganz Deutschland und geziert durch viele Prachtbauten. Ihr werdet staunen, welche äußere Schätze München auf weisen kann; wie würdet ihr aber erst staunen, wenn ich euch die innern Merkwürdigkeiten und die Kunstwerke alle schildern könnte, welche in diesen Prachtbauten geborgen sind; allein die werdet ihr, wenn ihr einmal größer seid, mit eigenen Augen bewundern und anstaunen. München ist der Sitz der Ministerien, des Oberappella- tions-Gerichts und eines Erzbischofes, sowie aller obern Be hörden. Es hat eine Universität, (Hochschule), eine Akademie (Kunstschule) und viele andere Lehr- und Erziehungsanstalten. In einiger Entfernung von München liegen die königlichen Lustschlösser Nymphenburg, Schleißheim und Fürstenried. Unter den Wohlthätigkeitsanstalten ist die wichtigste: das allgemeine Krankenhaus, welches einen Raum für 7—800 Kranke enthält. Das Wasser wird von der Isar hergeleitet; die Kanäle unge mein zahlreich, mit vielen Kosten unterhalten, treiben Maschinen, Mühlen, bewässern Wiesen und Gärten, dienen zum Flößen und sichern vor Ueberschwemmungen. Fabriken und Manufak turen sind in München nicht zahlreich. Die Papierfabrik in München ist aber wahrscheinlich die älteste in ganz Deutschland. Auch hat es 30 Büchdruckereien, 33 Buch- und 20 Kunst- und 5 Musikalienhandlungen. Es hält des Jahres 4 Dulten oder Messen (Märkte), von denen jede 8 Tage dauert. - Für den Fremden ist also in München ungemein viel zu sehen, daher auch das ganze Jahr hindurch sehr viele Fremde (man sagt: ungefähr 30,000) nach München kommen und diese Sehenswürdigkeiten sich zeigen lassen. zMurmeltkner. Hoch oben, wo die Sonne von dem blauen Himmel niederschaut und die Bachlein ausweckt, die gar munter aus ihren krystallenen Bettlein springen, ist manches Tischlein gedeckt. Und dahinauf klettern die Blümlein über Stein und Staffeln, und die Sternlein blinken gar freundlich hernieder und bringen ihnen Trost und Freude, und die Fels wand öffnet sich und gibt ihnen Behausung — ich meine die491 Murmelthierlein, die zwischen Schutt und Stein und Blumen ihre Heimath haben. Leben sie nicht gar munter und zufrieden dort oben? haben sie nicht alles, was sie nur brauchen? Die Morgen und Abende sind kühl, auch Zur Sommerszeit, darum stecken sie immer bis über die Ohren in einem weiten langharigen Pelzrock. Brauchen sie Werkzeuge zum Graben, so haben sie vornen an den Pfoten vier Schäufelein; wie flink graben sie damit nicht ihre Nahrung aus, wischen Gang und Stube gar sauber. Brauchen sie Sicheln um Gras und Kräuter zu mähen, so haben sie ihre langen scharfen Zähne. Groß sind ihre Augen, scharf und fein das Gehör und noch feiner die Nase, obwohl sie eine Scharte hat; sie merken den Jäger bei Zeiten, ob er hinter einem Felsen lauert oder tief unten über einem Gletscher geht oder ober halb aus einem steinigen Grat. Gar schrecklich steht ihnen der Schnurrbart und die hohen Augenbraunen, und an ihren feisten Backen merkt man wohl, daß sie gerade nicht Mangel leiden. Zu allem dem haben sie Verstand und Lift; sie stellen eine Wache aus, und merkt diese den Geier in der Höhe, so pfeift sie, und hurtig geben die andern An.twort und flüchten in ihre sichere Wohnung. Und was führen sie da oben nicht für ein lustiges Leben! Haben sie doch vollauf, wo die Wildheuer und Ziegen kaum etwas finden. Am Morgen sind sie frühe auf, sitzen auf den Steinen und unter den Blumen und schauen, ganz in Betrach tung versunken, wie die Sonne ihr Licht in goldenen Bächen über das Eis herabgießt. Dann schauen auch die Jungen aus dem engen Thürlein heraus, kommen allmälig hervor und springen in dem Alpklee und den Sternenblumen den ganzen Tag, als ob's immer Sonntag wäre. Und wird das Wetter wunderlich und unleidig, so lassen sie es zürnen und schmälen; es ist ihnen lange wohl in ihrem Hüttlein. So geht es fort, bis endlich der August kommt; dann mähen sie das Gras ab, dörren es und tragen es in ihr Winterhaus und schütteln da raus ihr Bett auf. Und wenn der Thau in Reif umschlägt und erst um Mittag in Tröpflein von den Blättern rinnt, dann denken sie: jetzt ist es Zeit mit uns. Sie gehen in ihr Win terquartier und vermauern die Thüre mit Erde und Heu, daß kein Lüftlein zu ihnen kann. Dann fasten sie noch 14 Tage lang, als ob sie Buße thun wollten; zuletzt kugeln sie sich gar nahe zusammen, getrost und unbekümmert um alles, was kom men mag. Der Winter wirft eine warme Pflaumdecke über sie.492 L>ie liegen kalt und steif beieinander; sie essen nicht und reden nicht, sie athmen fast nicht und das Herz schlägt kaum. Man könnte sie herausnehmen und ihnen ein Messer durch den Leib stoßen, sie würden es nicht spüren. Sie liegen ruhig und wohl- versorgt im kühlen Grunde; der Winter kommt strenger und strenger; die Wolken fliegen finster und grausig durch die Schluchten und lassen sich herunter über ihr Haus; die Stürme rütteln an den Bergen und schütteln Eis und Schnee hernieder; sie wissen von allem nichts. Die Lawine donnert über sie, sie hören nichts von ihr. Der Jäger geht vorbei; sie hören es nicht, wie der Schnee unter seinen Tritten girrt. Aber wie gut sie im Herbst und Winter verborgen und versteckt sind, so findet sie doch der Frühling und weckt sie auf. Die Sonne dringt durch, sie hebt die Decke von ihrem Grabe; es ist, als riefe sie ihnen: „Kommet, es ist ausgetischt und das Frühstück bereit." Sie hören es, sie erwärmen, gähnen und strecken sich, und halb im Schlafe finden sie den Weg durch den finstern Gang und machen die Thüre auf. Da schaut ihnen die Sonne frisch und freundlich in die Augen; es ist ihnen, als ob sie erst gestern in das Bett gegangen wären und eine gute ruhige Nacht gehabt hätten. Sage mir nun Einer, wer ihnen den Pelzrock gegeben hat? wer die Zähne gewetzt und die Kläulein geschliffen? wer be hütet sie, weckt sie zur Zeit und tischt ihnen aus? Musik. Unter allen Künsten ist wohl keine, die so viele Theilnehmer hat, wie die Musik. Von jeher haben die Menschen durch Gesang die Empfindungen ihres Herzens, freudige wie traurige, auszudrücken gesucht, und wie vor Alters, so gibt es auch jetzt noch keine festliche Gelegenheit, bei welcher nicht gesungen oder geblasen oder gegeigt würde. Die vornehmsten, jetzt gebräuchlichen Musik-Instrumente sind entweder Saiten- oder Blas-Jnstrumente. Zu den erstern ge hören : das Pianoforte, die Harfe, Guitarre, Violine oder Geige, Viola oder Bratsche, Baßgeige. Blas-Jnstrumente sind: die Flöte, die Oboe, die Clarinette, das Fagott, das Horn, die Trompete, die Posaune. Außer diesen wendet man auch Pauken, Trommeln re. an. MrrkteD. Sie besorgt das Hauswesen — kehrt, putzt,, kocht, wascht, spinnt, strickt, näht, besorgt das Nöthige für Kin der, pflegt und wartet die Kleinen , ist bald in der Wohnstube bald in der Kammer, Küche, in dem Keller, bald in und bald vor dem Hause beschäftigt.9 493 Friedrich Schiller sagt von einer Mutter in seinem Lied von der Glocke: Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus, und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder, und herr schet weise, im häuslichen Kreise, und lehret die Mädchen und wehret den Knaben, und reget ohn' Ende die fleißigen Hände, und mehrt den Gewinn mit ordnendem Sinn. Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, und sammelt im reinlich geglätteten Schrein die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein, und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer und ruhet nimmer. — O, was doch eine Mutter thut! — Welch eine große Gabe ist's, daß ich Eltern habe, die gern vom frühen Morgen bis Abends für mich sorgen! Die mich viel Gutes lehren, mich kleiden, mich ernähren, stets an mein Bestes denken, mir ihre Liebe schenken! Was kann ich ihnen geben? Nichts, nichts, als mich bestreben, sie wieder, diese Treuen, durch Liebe zu erfreuen! Muttersprache. Mein Kind! Deine Sprache ist die deutsche, weil du sie von deiner Mutter gelernt hast, und deine Mutter auch die deutsche Sprache spricht. Aber zwischen Deutsch und Deutsch ist ein solcher Unterschied, daß z. B. der Schwabe den Westphälinger unmöglich versteht. Das Deutsche wird im Süden ziemlich hart und am här testen in dem Alpenlande, im Nordwesten aber w eich gesprochen, und für die Schriftsprache hat sich eine mittlere Mundart, das Hochdeutsche herausgebildet, welches am wohllautendsten in Holstein, Mecklenburg, Hannover, Braunschweig und Sachsen gesprochen wird. In Elsaß-Lothringen und in einigen Rhein gegenden wird französisch radebrecht*) und in Nord schleswig dänisch. Der deutsche Vaterlandsfreund spricht mit dem Dichter: Muttersprache, Mutterlaut, Wie so wonnesam, so traut! Erstes Wort, das mir erschallet, Süßes, erstes Lebenswort, Erster Ton, den ich gelallet, Klinget ewig in mir fort. *) „Radebrechen" (rädern) heißt: schlecht sprechen, stottern, schwer fällig reden, nngelänfig sprecheil.9 - 494 Ach, rate trüb' ist meinem Sinn, Wenn ich in der Fremde bin. Wenn ich fremde Zungen üben, Fremde Worte brauchen muß, Die ich nimmermehr kann lieben, Die nicht klingen als ein Gruß! Sprache, schön und raunderbar, Ach, rate klingest du so klar! Will noch tiefer mich vertiefen In den Reichthum in die Pracht, Ist mir's doch, als ob mich riefen Väter aus des Grabes Nacht. Klinge, klinge fort und fort Heldensprache, Liebesraort! Steig' empor aus tiefen Grüften Längst verscholl'nes altes Lied! Leb' auf's neu in heil'gen Schriften, Daß dir jedes Herz erglüht! Ueberall raeht Gottes Hauch, Heilig ist wohl mancher Brauch; Aber soll ich beten, danken, Geb' ich meine Liebe kund, Meine seligsten Gedanken, Sprech' ich, wie der Mutter Mund. 9£<sdf)i, „Die Nacht ist keines Menschen Freund!" so sagt ein altes, deutsches Sprüchraort, und will dadurch nicht mehr und nicht raeniger sagen, als: Verrichte bei hellem Tage jene Gänge, die du zu machen hast, und verschiebe sie nicht auf die dunkle Nachtzeit. Hast du aber Nachts einen unaufschieb- lichen Gang zu verrichten, so nimm, wenn du des Weges nicht vollkommen kundig bist, einen treuen, erfahrenen Wegweiser zu dir, damit du dich nicht verirrst, und dir keinen Nachtheil auf den Hals ladest. Bist du vom Hause weg und in Gesellschaft, so geh' auch bei Zeiten heim, weil es hell ist und du den Weg vor dir liegen siehst. Die stockfinstere Nacht hat schon Manchem495 Unheil gebracht. — Auch stimmt man nach vollbrachtem Tag werk bei einbrechender Dunkelheit, bei mond- und sternenheller Nacht gar gern in folgendes Berschen ein: Gute Nacht! Unser Tagwerk ist vollbracht, Gold'ne Sternlein äugeln wieder von des Himmels Zinne nieder und des Mondes Antlitz lacht! Gute Nacht! Gute Nacht! Seht den Mond in stiller Pracht uns mit gold'nen Strahlen winken, um in Schlafes Arm zu sinken, bis der junge Tag erwacht. Gute Nacht! — Nachtigall. Der vorzüglichste unter allen Sängern ist die Nachtigall: denn alle Vögel übertrifft sie an Schönheit des Gesanges. Kein Vogel hat in feiner Stimme eine fotcfie Kraft und Stärke und in seinem Gesang so viel anmuthigen Wechsel, wie die Nachtigall. Sie kann einen Ton erstaunlich lang aushalten, ihn allmählig schwellen und zuletzt wieder dahinsterben lassen. Bald ist ihr Gesang eine rührende Klage, bald ein triumphirendes Geschmetter, bald in der Höhe, bald in der Tiefe der Tonleiter. Wenn sie schon kein schönes Kleid anhat (sie ist röthlich grau, in der Größe eines Sperlings), so ist ihr doch von jeher unerschöpfliches Lob von Hoch und Nieder zu Theil geworden, und Voggelliebhaber geben recht viel Geld,, wenn sie eine Nachtigall bekommen können. Die Nachtigall läßt nicht nur am Tage ihr Lied ertönen, auch bei der Nacht singt sie! namentlich bei ihrer Zurückkunft aus wärmern Ländern singt sie oft die ganze Nacht hindurch. Später, wenn sie Junge aufzuziehen haben, lassen sie nach; im August ziehen sie wieder fort. Sie nähren sich im Freien von Insekten und Würmern, wohl auch von allerlei Beerchen. Im Käsig füttert man sie mit magerm Fleische, mit Mehlwürmern und Ameiseneiern. — Meh rer st ganz brave Kinder luden eine Nachtigall zu sich ein und- grüßten sie auf folgende Art: „Willkommen, süße Kleine in unserm Blüthenhaine! Sei tausendmal willkommen hier:496 Die Frühlingsfreude kommt mit dir, O laß dich bei uns nieder! Komm', gönn' uns deine Lieder mit all' der süßen Zauberei! Komm', bau' dein Hüttchen ohne Scheu'! Du sollst hier sicher wohnen; wir wollen treu dich schonen und deine Kinder auch; das Schonen ist ja unser Brauch. Sollst seh'n wie wir dich ehren; sollst, Vögelchen, uns lehren, uns unsers Lebens zu erfreu'n und sorgenlos, wie du, zu sein. Komm', laß dich bei uns nieder, du Meisterin der Lieder! Wo sich dein Stimmchen hören ließ, da fand ich stets mein Paradies!" — Nachtigall, Nachtigall, wie singst du schön vor allen Vögelein! Nachtigall, Nachtigall, wie dringt doch dein Lied in jedes Herz hinein! Wenn du singest, ruft die ganze Welt: jetzt muß es Frühling sein! Nachtigall, Nachtigall, w-e dringt doch dein Lied in jedes Herz hinein! Lehre r. Die Nachtigall, mein lieber Rudolph! ist kein schöner Vogel, wie Du schon aus Erzählungen oder we nigstens aus dem Gedicht von Blaul: „Der Papagei^und die Nachtigall" weißt. Sie ist etwas größer, als ein Sperling, und von brauner Farbe, frißt Ameisen und Ameisenpuppen, Spinnen, Fliegen uno Würmer, und baut ihr Nest von Laub, Stroh und Moos, in Gehölzen und Gärten, gewöhnlich unter dicke Gebüsche, und zuweilen auch unter Gartenerdbeeren und andere dicht bei einander stehende Pflanzen und Blätter, hart aus die Erde, wohin weder Raubvögel noch boshafte Men schenhände kommen können und hegt alle Jahr vier oder fünf Junge. Diese Hegezeit über besingt das Männchen seine Gattin mit lieblich klingenden Tönen, füttert sie rreulich und pünkt lich im Nest, warnt sie vor Gefahr, und thut ihr überhaupt alles zu Gefallen, was es kann, um ihr das beschwerliche Brüten erträglicher zu machen. Denn vierzehn Tage lang497 sitzt das gute Nachtigallen-Weibchen fast in Einem fort, Tag und Nacht, in ihrem dunkeln Nest auf ihren Eiern. Den Zag über singt die holde Nachtigall nicht so viel, als des Abends und Morgens und die Nacht durch, weil sie Menschen und Thiere fürchtet, und kein Geräusch ertragen kann. Je stiller es ist, desto flinker und ernstlicher singt sie. Sie sucht vielmehr den Tag über Speise für ihre Kinder. Des Morgens aber, wenn die andern Vögel noch ruhen, und des Abends, wenn alles um sie herum still ist und sich die andern Vögel heiser geschrieen und zur Nachtruhe in ihre Nester gesetzt haben, erhebt sie ihre reizende Stimme, und trillert und schlägt die ganze Nacht durch bis an den späten Morgen, und erfreut jedes frohe, empfängliche Herz, das ihr zuhört. Ja es scheint sogar, als wenn die übrigen Thiere aus Achtung für sie schwiegen und ihr zuhörten, wenn sie ihr treffliches Lied anstimmt. Es ist zu bewundern, wie ein solch kleines Vögelchen so hell und lang singen kann. Mit welch großer musikalischen Richtigkeit wechselt sie nicht ihre Töne! Jetzt zieht sie den Ton mit einem langen, fast ausbleibendem Athem herauf. Jetzt schleicht sie sich in einer abwechselnden Cadenz davon. Jetzt unterbricht sie sich selbst durch einen jähen Ausbruch; dann geht sie durch einen unerwarteten Gang in einen neuen Ton über, scheint jetzt denselben zu wiederholen, und täuschet auf einmal wieder unsere Erwartung. Bisweilen scheint sie in sich selbst zu murmeln, voll, tief, scharf, geschwind, schlep pend, zitternd; bald in der Spitze, bald in der Mitte, bald in der äußersten Tiefe der Tonleiter. Kurz, in ihrer kleinen Kehle scheint alle Melodie beisammen zu sein, die der Mensch vergebens auf so mancherlei musikalischen Instrumenten hervor zu bringen sich bemüht hat. O welch ein Glück ist es für einen Menschen, ein solches Vögelchen in der freien Luft, drei bis vier Wochen lang, alle Abend und Morgen singen hören zu können! Rudolph. Wo sitzen sie denn, wenn sie singen? Man sieht sie ja nicht! Lehrer. Sie sitzen nahe bei ihrem Nest in dicken Ge büschen. Rudolph. Sie fürchten sich doch nicht vor den Menschen? Lehrer. O ja, dieß sind eben ihre gefährlichsten Feinde. Es gibt immer noch unempfindliche, geldgierige Leute, die aus Kinder- Conversativus- Lexikon. Z2498 sie lauern und sie durch allerhand List und Lockpfeifen fangen, und an reiche Leute verkaufen. Rudolph. O, das sollte man nicht leiden. Wer die liebe, süße Nachtigall nicht in einem Gebüsch oder in einem Garten mag singen hören, der sollte auch keine in einem Käfig auf seinem Zimmer haben dürfen. Wären in meinem Garten Nachtigallen, ich ließe mir keine wegfangen. Alle ließe ich leben. Ich würde ihnen Mehlwürmer, Ameisenpüppchen, Fliegen und Mücken, und alles, was sie gern fressen, genug anschasfen, und in Scherben umher setzen. Und dafür sollten und würden sie mir brav singen. Wäre das nicht allerliebst, in seinem Garten ein Nachtigallen-Concert anhören zu können! Die Nachtigallen. Zwischen dickbelaubten Zweigen Sang mit süßem Schall, Keinem Klange zu vergleichen, Eine junge Nachtigall. Horch, da tönte zart und leise Aus dem nahen Wald Einer ältern sanfte Weise, Und die junge schwieg alsbald. „Warum schweigst du?" fragte jene, Und die junge sprach: „Schöner klingen deine Töne; „Noch ist meine Kraft zu schwach." „Darum horch ich deinen Lehren, Spreche selber nicht! —" Möchten alle Kinder hören Was das weise Alter spricht! Na ehtwäcl) rer, Ein sonderbarer Mann. Wenn an dere Leute sich zu Bette legen, dann steht er auf. Er weiß aber schon warum. Und — wir wissen es auch. — Wenn alles schläft und schlummert, dann hält er getreulich Wache, daß nichts Böses geschieht. Er gehet von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, gleichviel, ob es sehr kalt sei, regne, schneie, stürme, ob es donnere, blitze und ruft laut, wie viel Uhr es ge schlagen hat. Das thut er, damit die Leute wissen, daß er seine Pflicht erfülle. ' Kommt in der Nacht Feuer aus, da macht er Lärm, daß die Leute auswachen und Niemand in499 den Flammen sein Leben verliere. Wollen Diebe einbrechen und stehlen, dann macht er auch Lärm, daß wenigstens die Diebe entfliehen müssen. Einmal hat ein Nachtwächter so gerufen: Ihr Herren und Frauen, laßt euch sagen: Die Stunde hat acht Uhr geschlagen! Zu Bette bringt die Kinder nun, Und laßt in Gottes Hand sie ruh'n. Ihr lieben Kinder, laßt euch sagen: Laßt nun das Tollen und das Jagen; Der Tag ist jetzt für euch zu Enoe, DTum faltet dankbar eure Hände. Nägel. Merkt euch von diesen, daß diese harten, glatten, unempfindlichen Platten an den Fuigern und Zehen mit ihren Wurzeln befestigt sind, daß sie diesen Gliedern, den Fingern und Zehen nämlich, eine größere Festigkeit geben, und dadurch den Menschen das Greifen, Anfassen, Gehen und Treten sehr erleichtern. Reinliche Kinder sorgen dafür, daß ihre Nägel gehörig beschnitten sind, denn lange Nägel sind eckelhaft. Nsshvrn. Nach dem Elephanten ist das Nashorn (Rhinoceros) das gewaltigste unter den Säugethieren. Es hat auf der Nase ein oder zwei große, lange, oben sehr scharf zulaufende Hörner, die aber nicht auf dem Knochen, sondern nur an der Haut angewachsen sind, und sich mit dieser hin und her schieben lasten. Mit diesem schrecklichen Gewehr kann es Menschen und Thieren den Leib aufhauen, daß die Ein geweide herausfallen. Der hungrige Tiger wird weit lieber den Elephanten angreifen, als das Nashorn, welches, den Kopf ausgenommen, überall unverwundbar ist; will er aber den Kopf anpacken, so ist er in Gefahr,, aufgeschlitzt zu wer den. Bäume, welche ihm im Wege stehen, Steine, denen es nicht ausweichen mag, räumt es mit diesem Horn gar ge schwind hinweg, und schleudert sie ungeduldig hinter sich zu rück. Der nicht allzugroße Kopf gleicht dem eines Schweines; die Augm sind -im Verhältniß zu der Größe des Thieres sehr klein. Seine Oberlippe kann es schnell hin und her bewegen, verlängern und verkürzen, auch um einen Stock oder Finger winden, und ihn damit festhalten. Sie hat demnach einige Ähnlichkeit mit dem Rüßel des Elephanten, und dient ihm ü-2 *500 namentlich dazu, das Gras auszureißen, und große Büschel daraus zu machen, weil das, was es auf einmal ausreißen kann, ein viel zu armseliger Bissen für einen so großen Rachen wäre. Die Ohren stehen aufgerichtet, und sehen den Schweins ohren gleich. Es kann dieselben fallen lassen und wieder auf- richten. Sie sind der einzige Theil seines Leibes, an welchem Haare oder vielmehr Borsten sitzen, wenn man den Schwanz ausnimmt, der am Ende mit einem Borstbüschel versehen ist. Die Füße sind kurze, plumpe Säulen. Den ganzen Leib um gibt ein undurchdringlicher Panzer, dem weder die Zähne des Löwen, noch die Krallen des Tigers, weder die Säbelklinge von Damaskus, noch das Blei des Jägers etwas anhaben kann. Dieser Panzer besteht aus einem dicken, schwarzgrauen oder braunen Leder, das wie ein weiter Mantel in großen Falten um den Leib geworfen, und mit harten, knotigen Aus wüchsen besäet ist. Dagegen ist die Haut zwischen den Falten sehr weich. Die Lebensdauer dieses Thieres mag 80-100 Jahre betragen. Viele Afrikaner esfen sein Fleisch, welches mit dem Schweinfleisch Aehnlichkeit hat, und brauchen das Fetl statt der Butter. Aus der Haut macht man Schilde, Panzer, Spazierstöcke, Peitschen re. Zuweilen wird es wie toll. Dann rennt es fort; und wenn keine Steine oder Bäume im Wege sind, an denen es seine Wuth auslassen kann, so wühlt es, in vollem Laufe,^ Furchen in die Erde, und wirft dieselbe grunzend in die Höhe. Doch wird es nicht leicht ohne Veranlassung so sehr toben. Gar still und sanft war das, welches vor mehreren Jahren aus Bengalen nach London kam. Aber wenn man es schlug, oder ihm das Futter nicht ganz pünktlich brachte, so ward es entsetzlich böse, es sprang dann aufwärts, rannte mit dem Kopfe gegen die Mauer, und das mit einer Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, die man dieser schweren Masse kaum zuge traut hätte. Allein es war aber auch gleich wieder gut, so bald das Fressen kam. Dieses war allerdings so beschaffen, daß die Leere im Magen nach der Verdauung ziemlich fühl bar sein mußte. Es bekam alle Tage eine große Menge Heu und frisches Gras, welches letztere es sehr liebte, dazu 7 Pfund Reis, mit 3 Pfund Zucker vermischt. Der Trans port bis London hatte 11,000 Gulden gekostet. Einmal war ein Nashorn in Deutschland, welches täg lich 60 Pfund Heu und 20 Pfund Brod bekam, und 5000501 Pfund wog. In Paris war ein junges Nashorn, welchem ulle Tage 168 Pfund Futter gereicht wurden. Unerträglich fall ihm der Anblick eines rotheu Kleides sein. Man sagt, es stürze über den Menschen, an dem es diese Farbe wahrnimmt, wüthend her, und schleudere ihn in die Luft, um ihn dann mit dem Horn zu zerreißen, oder mit den Füßen zu zertreten. Man fängt das Nashorn in Gruben, auch in Hütten, die mit Fallthüren versehen sind, und in die man ein zahmes Nashorn einsperrt, um die wilden zum Besuche zu locken. Für die Menschen ist es ein großer Portheil, daß dieses Thier nur gerade vor sich hin sehen kann, und daß also der Verfolgte nur auf die Seite springen darf, um seiner Wuth zu entgehen. Sein Gehör aber ist vortreff lich, und es hat die Gewohnheit, bei dem geringsten Geräusch scharf zu horchen, und nach der Gegend hinzublicken, wo es herkam. Für Leute, die in der Nacht reisen, ist das Nashorn das gefährlichste Thier, weil es auf jedes Geräusch mit blinder Wuth herbeistürzt. Man hat Beispiele, daß solch ein Unge heuer bei Nacht einen Wagen überfallen, und ihn sammt den vorgespannten Ochsen fortgeschleppt und zertrümmert hat. Doch auch bei Tage darf man sich vor ihm in Acht nehmen. Ein Beamter aus der Stadt Batavia ritt einmal mit Zwei Begleitern in den Wald, und stieß an einem sumpfigen Ort auf ein Nashorn mit seinem Jungen. Dieses stand auf, führte langsam das Junge weiter in das Dickicht, und gab ihm, da es nicht fort wollte, einen Stoß mit der Schnauze. Indessen hatte einer von seinen Begleitern die Verwegenheit, dem Thiere nachzureiten und ihm mit einem Säbel auf den Rücken Hiebe zu geben, die aber, wegen der dicken Haut, nur einige weiße Streifen zurückließen. Das Thier ertrug sie geduldig, bis sein Junges im Gesträuch verborgen war: dann wendete es sich plötzlich mit furchtbarem Grunzen und Zähne knirschen gegen den Reiter und zerriß ihm einen Stiesel in Fetzen. Es wäre um ihn geschehen gewesen wenn das Pferd nicht klüger gewesen wäre als sein Herr. Es sprang zurück und floh aus allen Kräften; das Nashorn hintenher, Bäume und alles, was ihm hinderlich war, mit schrecklichem Krachen niederschmetternd. Als das Pferd den Secretär und dessen andere Gefährten erreicht hatte, ging das grimmige Thier auf diese los, welche sich aber, um der Wuth des Ungeheuers aus zuweichen, klüglich hinter zwei große Bäume, kaum zwA Schuh von einander, flüchteten. Das Thier, in seiner Dummheit,wollte schlechterdings dazwischen hindurch, und die Bäume zitterten wie Rohr vor den Stößen seiner Stirne; doch waren sie so dick und stark, daß sie seinen Anläufen widerstanden, und dadurch den Leuten Zeit gaben, ihm einige tödtliche Schüsse beizubringen. — Ein Schwede erzählt von einem Hottentotten, welcher an der Grenze der Kafferei, bei der Quelle Quammadaka zwei Nashörner erlegte, und zwar jedes durch einen einzigen Schuß mitten in die Lunge. Das kleinere war 11V 2 Schuh lang, 7 hoch, im Umfang 12 Schuh. Die großen, panzerartigen Falten fehlten diesen Thieren; die Haut war zwar iy 2 Zoll dick; doch gingen Kugeln, und selbst Spieße durch. Die Hot tentotten pflegen zu den schlafenden Nashörnern und Elephanten hinzuschleichen und ihnen mit ihren Spießen schnell einige Wunden beizubringen. Dann gehen sie etliche Tage der Spur nach, bis sich Vas Thier verblutet hat. Meistens vergiften sie jedoch ihre Spieße, um den Tod zu beschleunigen. Der Schwede sah an der genannten Quelle ein Nashorn weibchen nebst seinem Jungen, welches schon die Größe eines Ochsen hatte, aber dennoch sich nach allen Bewegungen der Hutter richtete. Das Alte bekam in der Entfernung von 15 Schritten einen Schuß in den Unterkiefer, woraus es et was wankte, stark schnaubte, und auf den Jäger zuging. Diesen klopfte das Herz gewaltig; denn sie mußten fürchten, auf der Flucht einem andern Rhinoceros unter die Füße zu gerathen. Einer von den Hottentotten aber, die mit dem Schweden reiften, hatte den Muth, nochmal Feuer zu geben, worauf die beiden Thiere an ihnen vorbeistürzten, und etwa HO Schritte von ihnen auf freiem Felde stehen blieben und lauschten. Das Alte bekam noch einen Schuß, darauf rannten sie schnaubend in das Dickicht und entkamen, da es bereits dunkel wurde. Ein Franzose, welcher vor einigen Jahren zweimal durch die Kap-Kolonie reifte, stieß einmal am Fischfluß im Lande der Koraken, an der Gränze der Kafferei, auf ein Paar Nas hörner, welche ganz ruhig in einem Mimosen-Walde neben einander standen, mit der Nase gegen den Wind, wie gewöhn lich, um auszuwittern, ob es geheuer sei. Von Zeit zu Zeit schauten sie auch hinter sich, um zu sehen, ob sie von allen Seiten sicher seien. Man suchte unter den Wind zu kommen, oder sie von hinten anzugreifen, als ein Eingeborner sich aus bat, sie beschleichen zu dürfen, während die Jäger sich ver-503 Heilten, und ein Hottentotte die Hunde hielt. Er zog sich ganz aus, rutschte mit einer Flinte, wie eine Schlange, sehr langsam auf dem Boden, und hielt stille, sobald sie sich um schauten. Er sah dann aus wie ein Steinblock. Sein Krie chen dauerte über eine Stunde; endlich kam er hinter ein Gebüsch von Wolfsmilch, etwa 200 Schritte von den Thieren. Nun stand er auf und sah sich um, ob seine Kameraden alle auf ihren Posten wären; dann legte er an, wartete aber, bis sich eines umsah, weil er den Kopf treffen wollte. Er ver wundete das Männchen, welches einen fürchterlichen Schrei ausstieß, und mit dem Weibchen wüthend nach der Gegend des Knalles lief. Er legte sich auf den Boden und rührte sich nicht; sie schoßen neben ihm vorbei, gerade auf den Fran zosen zu. Dieser ließ die Hunde los, und befahl zu feuern. Gegen die Hunde schlugen die Nashörner fürchterlich aus, zogen mit ihren Hörnern 10 Dezm. tiefe Furchen in den Boden, und schleuderten die Erde nach allen Seiten. Die Jäger rückten näher, und die Thiere wurden immer wüthender. End lich ergriff das Weibchen die Flucht, worüber man sich sehr freute, weil es immer gefährlich ist, es mit zwei so fürchter lichen Feinden aufzunehmen, was auch ohne die Hunde hier wohl nicht würde gegangen sein. Das Männchen kehrte end lich auch um, lief aber auf ein Gebüsch zu, wo drei Jäger standen. Diese schoßen es in einer Entfernung von kaum 20 Meter nieder. Es schlug aber noch einige Zeit so heftig um sich, daß die Steine nach allen Seiten flogen, uno weder Menschen noch Hunde sich zu nähern wagten. Es war 31/2 Meter lang, 2'/ 2 Meter hoch; die Länge des vorderen Hornes betrug 23 Dezm. Nrrse die, ist das Werkzeug für den Sinn des Geruchs. Sie steht über dem Munde, damit wir durch den angenehmen Geruch wohlschmeckender Speisen noch mehr gereizt, zugleich aber auch vor schädlichen und eckelhaften Genüssen gewarnt werden. — Die Nase besteht aus Knochen und Knorpeln, und ist durch eine Scheidewand in zwei Hälften oder N a- senlöcher getheilt. In denselben liegt eine Menge kleiner Nerven. Diese vereinigen sich in ein paar Stämme, und reichen bis in das Gehirn. Wenn nun Dünste die Spitzen dieser Nerven berühren, so bringen letztere hievon Nachricht ins Gehirn und vor unsere Seele. — Die Nase öffnet sich nicht nur äußerlich, sondern auch im Hintergründe der Mundhöhle, weil sie uns504 nicht blos als Geruchswerkzeug, sondern auch zum Ein- und Aus- athmen dienen soll. Man muß sich schon in der Kindheit daran gewöhnen, nicht durch den Mund, sondern durch die Nase Athem zu schöpfen. — Warum? - 1) Weil auf dem letztern Wege die kalte Luft ein wenig erwärmt wird, ehe sie in die Luft röhre gelangt und also nicht so leicht Katarrhe erregt; 2) weil dann die unentbehrlichen Feuchtigkeiten des Mundes nicht so sehr austrocknen; 3) weil wir uns des unangenehmen Geschmackes und Geruches überheben, den das Athmen durch den Mund, besonders während des Schlafes, veranlaßt. Ataltern und Blindschleichen. Mit Schuppen bedeckte Thiere leben gerne an Orten, wo recht schöne Blumen wachsen. Viele Nattern sind giftig; daher muß man sich recht vor ihnen in Acht nehmen. Doch findet man bei uns nur wenige davon, nur die Kupfernattern, die aber sehr zu fürchten find. Die Blindschleichen sind, wie gesagt, mit kleinen Schuppen bedeckt. Ich lobe an ihnen, daß sie nicht giftig sind, nehme aber dennoch keine in die Hand, denn ich könnte sonst leicht eine giftige Kupfernatter statt einer Blindschleiche bekommen. Nurur. Meine lieben Kinder! Blicket um euch her! Sehet ihr nicht eine Menge von Dingen, solche, die der Mensch nicht gemacht hat; Dinge, die nur eine allmächtige Hand her vorbringen konnte; Dinge, in denen sich der liebe Gott den Menschen in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit zeigt; Dinge, in denen er sich als Schöpfer und Erhalter alles dessen, was ist, offenbart. Diese Dinge bilden zusammen die Natur. Die Natur, meine Kinder, begreift also Alles in sich, was der liebe Gott erschaffen hat. Natur, in deinem Schooße ruh'n fromme Kinder gern; das Kleine und das Große verkündet Gott, den Herrn: die Blümchen in dem Thale, der Stern am Himmelszelt, die Sonn' im gold'nen Strahle, die Berg und Thal erhellt. Und wo die Augen schauen, wohin sich neigt das Ohr, auf Höhen und auf Auen tönt Gottes Lob empor. Von Weisheit, Allmacht, Güte, von ew'ger Majestät spricht's laut zu dem Gemüthe, ein Lob-, ein Dankgebet. Da fühlt dann süßes Sehnen die jugendliche Brust, oft fließen warme Thränen in reiner hoher Lust; die Lippen beben: Vater! das Herz ist, o, so voll! und weiß nicht, was es, Vater, noch mehr dir sagen soll.505 Nebel. Fällt der Nebel aus der Höhe oder steigt er aus der Tiefe empor? entsteht er iu der obern Luft uud sinkt auf die Erde herab, oder entsteht er über der Oberfläche der Erde und erhebt sich von da in die obere Luft? So hörte ich fragen, als eines Sonntags etliche Männer sich mit einander unterhielten, uud der eine bejahte die erste Frage, ein anderer aber die zweite, und jeder berief sich darauf, wie er es selbst mit angesehen habe, daß es so zugehe. Welcher hatte nun Recht? Antwort: Jeder, wie es auch sonst manchmal der Fall ist, wenn die Leute disputiren. Man darf nur Acht geben, und mau kann des Abends und des Morgens, besonders im Frühjahre und Herbste, sehen, wie der Nebel sich über das Thal hinlegt und später in die Höhe steigt oder auch von der Sonne aufgelöst wird; und ein andersmal sieht man, wie er von der obern Luft sich in die Tiefe hinuntersenkt und Thal und Hügel mit seinem Schleier zudeckt. Daß der Nebel eine Art Wasserdampf ist, weiß jedermann, denn der Nebel netzt ja, und die Naturforscher behaupten, der Nebel bestehe aus un zähligen Wassertröpflein, jedes dieser Wassertröpflein aber sei hohl und innen mit Luft gefüllt, daher komme es, daß die Tröpslein in der Luft schweben können. Es kann wohl so sein, aber wie die Luft in diese Tröpslein hineinkomme, und warum diese Tröpslein nicht miteinander Zusammenfließen, wenn eines mit dem andern zusammenstößt, das sagen uns die Naturforscher nicht, weil sie es selbst nicht wissen. Wir hören oft auch sagen, wenn der Nebel verschwindet: „die Sonne lös't den Nebel auf;" dann werden die Wasser tröpflein in Dunst verwandelt, den wir nicht sehen, weil er durchsichtig ist wie die Luft. Auch ein warmer Wind kann den Nebel in solchen unsichtbaren Dunst verwandeln, und dann wird es auch heiteres und helles Wetter. Wird die Luft aber kühl, so fällt der Nebel in kleinen Tropfen zur Erde, und wir haben dann einen ganz feinen Regen; es nebelt, sagt man alsdann in vielen Gegenden. Im Sommer nebelt es gewöhnlich nicht, sondern es thaut, oder der unsichtbare Dunst wiro durch die küble Luft in feine Tröpslein verwandelt, die zur Erde fallen; der Thau ist also der feinste Regen. Das wissen wir alles recht wohl, aber woher es kommt, daß die Lust jetzt kühl, ein andermal wieder warm wird, warum jetzt dieser Wind weht und dann wieder ein anderer, warum die Luft jetzt trocken ist nnd ein anderesmal mit Dünsten ungefüllt? das weiß kein Mensch.506 Fr. Hoffmann sagt Folgendes vom Nebel: Wenn es Nacht ist, stille Nacht, Und die Sterne voller Pracht An dem lieben Himmel stehen: Wenn in Thälern und aus Höhen Alles schweiget, alles ruht; Sieh, da steiget eine Fluth Weißer, dünner Nebelschatten Aus den Feldern aus den Matten, Schwebet leicht, wie Elfenhauch Ueber Blume, Baum und Strauch, Küßt die Blüthen, roth und weiß, Flüstert mit den Gräsern leis. Aber nun erblühet schon Morgenroth an Himmelshöh'n; Helle Stimmen werden wach, Die Schalmei erklingt am Bach; Da erschrickt der Nebelduft, Möcht' entfliehen durch die Luft, Und beim Auf- und Niederwogen Fühl ich mich hinabgezogen, Sink' aus seinem Schooße mild Aus das dämmernde Gefild, Lege mich so lind, so weich Auf die Halme in's Gesträuch, Kelche, Blättchen allzuhauf Nehmen mich gar freundlich auf. Bald nun steigt aus gold'nem Thor- Leuchtend hell die Sonn' empor; Und ich blitz' in ihren Strahlen — Welcher Maler kann es malen? Doch in wenig Morgenstunden Bin ich und mein Glanz verschwunden. Nelken. „Kommt, Kinder! wir wollen in den Garten gehen," sagte der Vater, „und die Blumen besehen." Hüpfend und springend vor Freude eilten die Kleinen her zu, denn sie gingen gern in den Garten, und arg liebsten mit dem Vater. — Sieh doch unsere Nelken! rief jetzt Adalbert, als sie kaum im Garten angekommen waren. — Es war ein507 ziemlich großes Beet, auf welchem Strauch au Strauch staub, und ein nicht unbedeutender Theil derselben blühte in den ver schiedensten Farben. — Als du uns vorgestern hieher führtest, öffnete nur hie und da eine ihren Kelch und guckte ebenso hinaus, und jetzt -- jetzt ist fast das ganze Beet bunt; das ist aller liebst ! Anna. Recht allerliebst! und sie riechen so süß! Aber morgen wird es erst prächtig sein! Nicht wahr, Vater, wir dürfen dann wieder mit dir in den Garten gehen? Vater. Das dürft ihr; aber möchtet ihr heute nicht noch etwas bei den Nelken verweilen? Adalbert. Anna, der Vater zeigt uns gewiß etwas an den Nelken oder erzählt von ihnen. Hab' ich's errathen, Vater? Vater. Das hast du. Anna. Wachsen die Nelken nicht auch wild, wie das Vergißmeinnicht und die Stockviole, von denen du neulich mit uns sprachest? Vater. Doch wohl, aber in unserer Gegend nicfjt; weit von hier in wärmeren Ländern. Adalbert. Kenne ich diese Länder nicht? Vielleicht in Frankreich? Vater. Auch in Frankreich, aber häusiger in Italien, und auf den Alpen der Schweiz. Jedoch so schön und viel farbig, wie die in Gärten gezogenen, dürft ihr euch die wild wachsenden nicht vorstellen. Das Anbauen hat sie mannigfach verändert und veredelt, und Liebhaber denken noch immerfort darauf, wie sie schönere Sorten ziehen können. Das gelingt ihnen auch häufig, und so gibt es eine fast unglaubliche Menge Arten der Garten-Nelke, wovon die eine die andere an Schönheit übertrifft. Sie belehrt uns vielleicht mehr als irgend eine Pstanze, was eine sorgfältige Pstege vermag. Adalbert. Da dürften wir gewiß unsere Noth haben, die wild wachsende Nelke zu erkennen, obwohl es uns im Garten ein Leichtes ist, die Nelke heraus zu suchen. Anna. Das meine ich nun eben nicht, Adalbert! Aller dings würden wir beim oberflächlichen Ansehen sehr leicht irren; allein ein aufmerksames Betrachten der einzelnen Theile, wie der Vater jüngst gezeigt hat, wird sie uns leicht und mit Gewiß heit erkennen lassen. Vater. So ist's, Anna! Wie wolltest du aber deine Betrachtung anstellen?508 Anna. Nun, ich vergleiche mit der Nelke unseres Gar- kens jene recht genau: erst Staubgefäße und Griffel, dann Blumenkrone, Kelch, Stengel, Blätter und Wurzel. Adalbert. Ganz recht, Anna! Das dürfte doch wohl nicht so leicht sein, als du glaubst. Ich wollte, wir könnten einmal den Versuch machen. Vater. Das sollt ihr, beim nächsten Spaziergange. Adalbert. Beim nächsten Spaziergange? Willst du denn mit uns nach Frankreich oder Italien und auf die Schweizer- Alpen spazieren? Vater. Das nicht; aber diesen Versuch, wenigstens einen sehn ähnlichen, können wir doch machen. Anna. O, ich weiß Vater! Du willst uns zum Beispiel das Vergißmeinnicht unseres Gartens mit dem wild wachsenden vergleichen lassen. Adalbert. Oder auch die Stockviole. Vater. So meinte ich's. — Für heute islls nun genug; ich habe noch eine Arbeit zu verrichten. Nerven. Aus dem Gehirn- und Rückenmark entsprin gen viele weiße Fäden oder Schnüre von verschiedener Dicke, die sich fast nach allen Theilen des menschlichen Körpers ver breiten. Man nennt sie Nerven, und sie sind häufig mit ein ander verbunden oder verflochten. Sie entspringen alle paar weise. Aus dem Gehirn entspringen eilf Paar, aus dem Rücken mark über dreißig. Die Nerven sind überaus wichtige und nothwendige Theile unsers Körpers, denn sie machen durch ihre Reizbarkeit, daß wir empfinden. Daher sind auch nur diejenigen Glieder unsers Körpers, in welchen Nerven liegen, empfindlich, alle anderen aber, z. B. die Nägel, die Haare, die Knochen sind unempfindlich. Alle Nerven kommen im Gehirn zusammen und daher rührt es, daß der Mensch alle Empfindungen ver liert, wenn sein Gehirn gedrückt wird und daß einer, dem die Nerven im Arme zerschnitten worden sind, an der Hand keinen Schmerz mehr empfindet, wenn man auch mit einem Messer hineinschnitte. Die Nerven sind aber nicht blos die Werkzeuge der Empfindung, sondern auch der Bewegung; denn sobald eine Nerve zerschnitten oder unterbunden wird, verlieren alle Glieder, zu denen die zerschnittene Nerve hingehet, ihre Beweg lichkeit, und werden steif. Nefli. Die Vögelein unter dem Himmel, sie bauen sich gar schöne Häuschen, Hüttchen, nein, Nestlein wollte ich sagen.509 Sie wohnen in ihren Nestlein neben einander, wie die Menschen in ihren Häusern. Sie brauchen keinen Zimmermann, keinen Maurer, keinen Glaser, keinen Schlosser, wenn sie Nestlein bauen; denn sie machen alles selbst. Der liebe Gott hat sie so geschickt gemacht. Sie wissen auch wohl, wenn es Zeit ist zum Bauen. Kommt die schöne, warme Zeit, — ihr wißt schon, daß man diese Frühling nennt, — dann schwärmen sie aus, sammeln Reiser und Moos und Stroh und Federchen und Grashalme, dürre, und Lehm und noch vieles andere, und stiegen wieder heim und bauen — bis sie sertig sind; daher wäre es wohl recht böse, und hart und lieblos, wenn Kinder solche Nestlein zerstören und dadurch die armen Vögelein ihrer Wohnung berauben würden. Ganz brave Kinder redeten wegen eines Nestbaues einstens mit den lieben Schwälbchen so: Nur keck herein, nur keck herein, Du liebes, frommes Schwälbelein, Und baue mit zufriednem Sinn, Wo dir's gefällt dein Nestchen hin. Wir sind nicht stolz, wie große Leut' Und bei uns dürfen uugescheut Des lieben Gottes Vögelein Sich Nester bau'n und fröhlich sein. Auch ist es ihnen nicht verwehrt, Vom Segen, den uns Gott beschert, So viel sie brauchen zu verzehr'n, Wir geben alles herzlich gern. Dafür singt uns das kleine Vieh Auch hübsche Lieder spät und früh, Uud man vergißt so alles Leid, Ob seiner steten Fröhlichkeit. Oa ist's als riefe Gott uns zu: Zur Freude lebst, o Mensch auch du! Urd da singt man, von Sorgen quitt, Arch oft ein Frühlingsliedchen mit. Nrr keck herein, nur keck herein, Tu liebes, frommes Vögelein! Un> baue mit zufriednem Sinn, Wo dir's gefällt, dein Nestchen hin.510 Nestbau. Ueber den Nestbau der Vögel lies nach stehenden Brief: Lieber Emil! Daß die Vögel keine lebenden Jungen zur Welt bringen, sondern Eier legen, weißt Du. Die Schale schließt das Eiweiß und den Dotter ein, woraus sich beim Brüten der ganze Leib des Vogels auf eine wunderbare Weise bildet. Den Vogel, der das größte Ei legt, wirst Du mir nennen können? Es ist sechs Zoll lang, und also fast so groß, wie ein Kinderkopf. Es können sich drei bis 4 Men schen daran satt essen. 24 —30 Hühnereier gehen in eine solche leere Schale. Nun nenne mir aber das Vögelein, welches ein Eilein legt, das nicht größer als eine Erbse ist? Es gibt nur wenige Vögel, welche ihre Eier auf die bloße Erde legen, die meisten wenden große Sorgfalt an, ihren Jun gen eine weiche und warme Wiege zu bereiten, sie machen mit einem Worte Nester. Große Vögel, als Adler, Geier, Störche u. a. tragen mit dem Schnabel zuerst Aeste und Reiser zusammen und flechten darauf Stroh, Grashalme, Moos, Lumpen, Garn u. dergl. Was sind aber das für Vögel, welche ihr Nest aus Koth aufführen, den sie mit dem Schnabel herbeitragen, und an eine Wand oder einen Balken leimen? Und welche zimmern sich die Löcher zu ihren Nestern selbst? Außer den Maurer- und Zimmervögeln machen alle an dern kleinen Vögel die Außenseite des Nestes aus Haaren, Stroh, Grashalmen, Pflanzenwolle, und füttern es inwendig mit Federn aus, damit die Eier und Jungen weich uud warm liegen. Die Schwanzmeise trägt so viele Federa in ihr Nest, daß man einen Hut damit ansüllen kann, wen?: man sie herausnimuit. Aber glaubst Du, daß es einen Voge/ gibt, der sich die eigenen Federn ausrupft, um seinen Eiern rnd Jungen damit ein recht warmes Lager zu bereiten? Die Jungen brau chen freilich ein warmes Bett, denn sie schlüpfen in sehr kalten Gegenden aus. Der Vogel macht ein schlechtes Nest von Moos, deckt aber Eier und Junge mit einer großen Menge sehr warmer und weicher Flaumfedern zu, die er sich aus der Brust rupft. Wie heißt dieser Vogel, und wie nennt man seine Federn? Mit großer Sorgfalt richten besonders die tleiuern Vögel ihre Nester so ein, daß die Eier und Jungen sicher liegen. Sie suchen sich vor allem zum Nestbau ein heimlches und ver borgenes Plätzchen aus, und damit man das fertige Nest um so weniger bemerkt, kleben manche außen Moos und Flechten herum, so, daß es nitr wie ein altes Stück Rnde, oder wie511 -etn Knorren von einem Ast aussieht. Es ist das auch sehr nothwendig, denn es gibt gar viele böse Buben, die den armen Vögelein unbarmherzig die Eier und Jungen wegnehmen, und nicht eher ruhen können, als bis sie ein Nestlein, das sie ge funden haben, mit gierigen Händen zerstören. Es sind aber nicht bloß böse Buben, welche das Glück der Vögelein zerstören, sondern auch allerlei Thiere, z. B. Baum marder, Katzen, Affen, Schlangen u. dergl. Daher befestigen Diele Vögel ihre Nester an dünne Baumzweige. So befestigt das Goldhähnchen sein kleines Nest an die äußersten Zweige der Tannen oder Föhren, der Pirol au eine dünne gabel förmige Ruthe, damit kein böser Bube und kein Baummarder hinausklettern kann. Am weitesten haben es in dieser Kunst, folche Hängebetten zu machen, die Webervögel gebracht, welche in Afrika leben. Sie haben auch in der That alle Sorgfalt nöthig, um ihre Eier und Jungen vor den Affen und Schlangen zu bewahren, die dort auf allen Bäumen klettern und schleichen, um den wehrlosen Vögelein ihre Kinder zu er würgen und zu verschlingen. Der braune Weber webt ein Säcklein, das einen Schuh lang und einen Zoll dick ist, und in der Mitte eine faustgroße Höhlung hat. Er befestigt diesen Beutel mit einer ziemlich langen Schnur an den dünnen Zweig eines Baumes, am liebsten so, daß es über einem Wasser hängt, weil man dann dem Neste weder von oben, noch von unten beikommen kann. Diese Festung hat zwei Eingänge, einen un ten und einen an der Seite. Oben ist sie verschlossen. Warum? Hauptsächlich darum, daß der Regen wicht so leicht eindringen kann, denn dort zu Lande regnet es viel stärker und anhalten der als bei uns Der grüne Weber webt einen faustgroßen, oben geschloffenen Beutel, und befestig! an der Seite eine ab wärts gehende Röhre mit dem Eingang. Jedes Jahr baut er unten an das alte Nest ein neues, so daß oft fünf Nester an einander gefügt sind. Da diese Vögel in Gesellschaft leben, so hängen bisweilen mehrere hundert solche Nester an einem ein zigen Baum. Noch künstlicher ist die Stadt der grauen Weber. Sie flechten gemeinschaftlich aus Grashalmen ein Dach, unter welchem sie ihre ganze Neststadt anlegeu. Acht hundert und noch mehr Familien bauen ihre Wohnungen unter diese Strohmauer, unter der sie vor Regen, Schlangen und Affen sicher sind. Auch die Beutel st aare, welche in Amerika leben, machen künstliche Hängenester, besonders der Garten- baltimorevogel. Fast sollte man glauben, er habe das Stricken gelernt.512 Nun aber spitze die Ohren, denn ich will Dir zuletzt noch von einem zierlichen, gelben Vögelein erzählen, welches man das indische Schneider lein nennt. Um vor Affen und Schlangen ganz sicher zu sein, näht es ein abgefallenes dürres Blatt an ein grünes. Das Schnäbelein dient ihm zur Nadel, und ein Grashalm zum Faden. Diese niedliche grüne Wiege füttert es mit Baumwolle aus, und legt 6-8 weiße Eilein hinein, die nicht viel größer als Ameiseneier sind. Solltest Du fragen, wer diese kleinen gefiederten Baumeister unterrichtet hat, fo wisse, es hat sie der unterrichtet, ohne dessen Willen auch das kleinste Vögelein nicht auf die Erde fällt. Lebe wohl! Netze. Ach, die armen Thierchen sind doch gar nicht sicher, nicht einmal unter dem Wasser; die Menschen stellen ihnen nach und suchen sie auf allerlei Art zu fangen. Es ist gut, daß die Thiere es nicht wissen, sie wären sonst keinen Au genblick sicher. Da rennt ein Knabe heran, einen Stab in dev Hand, an dem Stabe einen kleinen Beutel aus Schnürren ge stochten. Ein Schmetterling stiegt vor ihm her, er will den Schmetterling haschen. Den Beutel schlägt der Knabe über den Schmetterling her, und wirft ihn damit zu Boden, der Beutel ist als Netz gestochten, daß der Knabe sehen kann, ob der Schmetterling gefangen ist, und damit der Beutel ihm nicht die Farben abwische. Der gefangene Schmetterling wird getödtet und aufbewahrt. Wenn nur der Knabe ihn schnell tödtet, da mit das arme Thierchen keine Schmerzen leidet. Wie schön sind die Flügel des Schmetterlings, in Farbe und Gestalt! Beide Flügel ganz gleich. Der Maler kann sie nicht schöner und nicht so gleich zeichnen und malen. Der Schmetterling war vorher eine Raupe und die Raupe ist ein so schöner Schmetter ling geworden; er mußte vorher langsam kriechen, jetzt kann er leicht hoch und schnell stiegen, und doch kann der listige Knabe ihn fangen. Der Mensch hat Verstand, und daher kann er über die Thiere Meister werden, die Thiere müssen den Men schen nützen und Freude machen. Der Mensch ist der Thiere Herr, sie müssen ihm dienen; aber er darf sie nicht quälen.. Was hängt dort auf der Stange? Es ist ein Fischernetz. Auch das Fischernetz ist von Schnüren geflochten; der Fischer hängt oder legt es nieder irlls Wasser; die Fische ichwimmen hin und her und in das Netz. Das Netz bewegt sich, der Fischer merkt, daß Fische darin sind und zieht es aus dem Wasser. Das Wasser stießt aus dem Netze, aber die Fische513 Lleiben darin. Darum ist das Netz löcherig gestochten. Siehe, wie klug die Menschen sind; Du mußt auch klug werden, mußt immer denken, wie man alles am besten machen könne. Wenn das Netz aus Tuch gemacht wäre, müßte der Fischer auch das Wasser herausziehen, und dies wäre gar zu schwer. Der Fischer sängt so die Fische lebendig, wirft sie in Teiche oder einen Brunnen, oder in Kufen und kann sie so lange lebendig er halten, bis er sie braucht. Die Fische können nicht außer dem Wasser leben; wenn man sie braucht, werden sie herausgenom men und getödtet; sie sind eine angenehme Speise. Auch auf dem Boden dort ist ein Netz, von Draht oder Schnüren gestochten, in einem Rahmen befestigt. Es ist auf Gras und Blumen gestellt, hinten auf dem Boden, vorn ein wenig aufgerichtet. Der Vogelsteller will damit Vögel fangen. Er streut Körner unter das Netz auf den Boden, oder er legt eine andere Lockspeise hin. Die Vögel haben scharfe Augen und sehen die Lockspeise aus der Höhe; sie fliegen nieder, sie wissen keine Gefahr. Der Vogelsteller zieht an einer Schnur, das Netz fällt, die Vögel sind gefangen. Der Vogelsteller zieht einen um den andern hervor und thut sie in den Käfig. Er verkauft sie, oder er behält sie selbst, nährt sie, und zum Dank müssen sie ihm singen. Gib dem Thiere, das Dir dient seine Nahrung und pflege es, daß es ihm wohl bei Dir ist. Nordlicht. Das Nordlicht zeigt sich zur Nachtzeit in den nördlichen Gegenden des Himmels in der höchsten Luft, als heller, gemeiniglich in's Röthliche fallender, strahlender Schein. Gelehrte Leute sagen, es seien elektrische Ausflüsse, die sich in der höchsten Luft sammeln, und daselbst, auf eine ähnliche Art wie die Blitze in der untern Luft, erscheinen. Bei uns sind die Nordlichter selten, in den Ländern aber, welche ganz oben gegen Mitternacht liegen, sieht man sie fast alle Nächte. Sie sind daselbst eine große und weise Wohlthat Gottes. Denn gegen Norden gibt es Länder, wo die Nacht zwei bis drei Monate und länger dauert. Was sollten nun die Menschen in beständiger Finsterniß ohne diesen Schein an fangen? Bei demselben aber, der wie Heller Mondschein die Nacht erhellt, können sie alle Geschäfte wie am Tage verrichten. Wie gut und weise ist Gott! November. Jetzt wird es täglich kälter, es schneit und alle Leute sagen: der Winter ist vor oer Thüre. Man muß Kinder-ConversaUons-Lexikon. 33514 einheizen. Man bleibt so gern in der Stube; nur die Mutter geht noch öfters auf längere Zeit aus und kauft auf den Win ter ein: Kraut zum Hobeln, warme Kleider, daß es uns nicht friert, gute Schuhe und ich weiß nicht, was noch mehr. — Nürnberg, durch welches die Pegnitz fließt, ist eine große Stadt, denn sie zählt 81,707 Einwohner und hat sich durch bedeutenden Waarenhandel, durch wichtige, mannig faltige Industrie zu einer der ersten Handels- und Fabrik städte Bayerns emporgehoben. Die sogenannten Nürnber g er Spiel- und andere Waaren sind weit und breit bekannt und gehen in die entferntesten Theile der Erde. Wer von euch hat nicht auch schon von den Nürnberger Lebkuchen ge hört? — Nürnberg kann namentlich aus früheren Zeiten viel Merkwürdiges erzählen und aufweisen. Folgende berühmte Gebäude stammen aus-alter Zeit: Die Reichs feste war der ehemalige Sitz derBurgg rasen von Nürnberg. Das schöne Rathhaus, mit seltenen Gemälden von Albrecht Dürer u. A.; das Zeughaus, dessen alte und neue Waffen 1796 die Oesterreicher Mitnahmen; das H allg eb äud e unddieSebal- duskirche mit dem berühmten Grabmale des heil. Sebaldus und vielen Glasmalereien und andern Kunstwerken; die Lorenz- und Frauenkirche, letztere mit dem berühmten, künstlichen Uhrwerke; die heil. Geistkirche, in welcher letzternseit 1424 die jetzt in Wien befindlichen Reichskleinodien aufbewahrt wur den; das große heil. Geist-Hospital, auf Gewölben über der Pegnitz erbaut; die unvollendete Deutschhauskirche; die Johanniskirche, auf deren Hofe die Grabmäler mehrerer berühmter Nürnberger*) besucht werden. Aus Nürnberg sind gar viel wackere deutsche Männer hervorgegangen. Da war Peter Hele, der die Taschenuhren erfand, welche anfangs von ihrer länglich runden Gestalt den Namen Nürnberger Eier lein erhielten und sehr theuer verkauft wurden. Noch berühmter ist der Maler Albrecht Dürer, welcher so vortreffliche Gemälde lieferte, und zugleich ein so einsichtsvoller Künstler war, daß ihm der Kaiser Maxi milian seine Gunst schenkte. Mehr als einmal besuchte ihn *) Alhrechi Dürer, Hans Sachs, Wilhelm Pirkhemier Marti - Be- haim y. A. liegen arN dem Johanniskirchhofe begraben.515 der Kaiser in seiner Werkstätte und unterhielt sich mit ihm über die schönen Bilder; auch ließ er sich von diesem und von keinem andern Künstler malen. Um dieselbe Zeit lebte auch ein merkwürdiger Schuhmacher in Nürnberg, Hans Sachs. Ihr habet gewiß schon das Berschen gehört oder gelesen: Hans Sachs war ein Schuh macher und Poet dazu. Ob er besonders gute Schuhe verfertigt habe, wissen wir nicht, aber Verse konnte dieser Mann schreiben wie Wasser. Manche derselben waren für die damalige Zeit recht schön und werden auch noch setzt gerne gelesen. So z. B. seine Erzählung von dem Schlaraffenlands wo die Häuser mit Lebkuchen gedeckt und die Straßen mit Pfannenkuchen gepflastert sind, sollen in den Bächen statt Wasser Wein, Bier oder Milch fließen und von den am Ufer stehenden Bäumen, Semmeln und Zwieback hineinfallen. — Viel früher, unter dem Kaiser Ludwig dem Bayer, wurde die wichtige Schlacht bei Mühldorf durch zw ei Nürnb erger entschieden. Das Reich war nämlich uneinig; eine Partei hatte den Herzog von Oesterreich, Friedrich den Schönen, zum Kaiser- gewählt, die andere den bayerischen Herzog Ludwig. Nicht weit von dem Inn bei Mühldorf trafen die Heere aufeinander. Ludwig führte das seinige aber nicht selbst an, weil er zwar ein tapferer Ritter war, aber selbst einsah, daß er kein kriegs kundiger Heerführer sei. Vielmehr übertrug er den Oberbefehl über die Weinigen einem Rittersmann, der von Natur klein und unansehnlich war und wegen vorgerückten Alters nur mit Mühe noch das Pferd besteigen konnte, dem Nürnberger Seyfried Schweppermann. Der Kaiser selbst kämpfte unter den gemeinen Rittern. Der Erfolg lehrte, daß Ludwig eine gute Wahl getrosten, denn Schweppermann hatte seine Vorkehrungen so vortrefflich gemacht, daß die Oesterreicher nach langem Kampfe trotz der Tapferkeit ihres Herzogs zurückgedrängt wurden. Und als nun gar ein anderer Nürnberger, der Burggraf Friedrich, mit einer Abtheilung Reiter den Feinden in den Rücken stel, da wurde der Schrecken unter diesen allgeniein, und bald war Herzog Friedrich von Allen verlassen und mußte sich endlich gefangen geben. Nun war der Sieg vollkommen, und Ludwig konnte hoffen, jetzt allein Herr in Deutschland zu sein. Da war große Freude im bayerischen Heere. Aber dm516 Freude allein konnte den Hunger nicht stillen. Denn in der ganzen, verwüsteten Gegend war nichts Eßbares übrig geblieben. Endlich brachte jedoch ein Diener einen Korb voll Eier. Kaiser Ludwig befahl, sie zu gleichen Theilen unter die Ritter zu vertheilen. Da fand sich denn, daß auf jeden eins kam und eins übrig blieb. Aus Respekt wollte anm dem Kaiser wenigstens zwei aufdringen. „Rein," rief dieser, „nicht also! Jedem ein Ei und dem frommen Schweppermann zwei." Und so geschah es. Zum Andenken an diese Ehre, die ihm sein Kaiser erwies, wurden jene Worte auf Schwepper- manns Grabstein gesetzt. — In Nürnberg erfand auch Rudolph die Ziehplatte zum Drahtziehen, Heinrich Traxdorf das Pedal, Hans Lob sing er die Windbüchse und die Presse, um Figuren in das Metall zu pressen, C h r i st o p h D e n n e r die Clarinette, Hans Meuschel verbesserte die Posaune, Erasmus Eb ner erfand das Messing, ein Unbekannter das erste Feuerschloß, und Martin Behaim zeichnete den ersten brauchbaren Glo bus. Auch derDichter Melchior Pfinzing ist ein geborner Nürnberger. — Aus früheren Jahren kann man also von Nürnberg sehr viel Rühmliches berichten; aber nicht minder auch aus der gegenwärtigen Zeit. Künste und Wissenschaften und Industrie blühen in erfreulichster Weise. Der Han del ist großartig, und dazu trägt viel bei die Lage an der Ludwigs-Süd-Nordbahn, an der Ostbahn, am Ludwigs-Donau- Main-Kanal, der hier einen Hasen bildet, und an der Fürther Eisenbahn, welch letztere noch dadurch sich bemerkenswert!) macht, daß sie die erste Eisenbahn war, die in Deutschland gebaut wurde. Nürnberg kann die herrlichsten Kunstschätze und die großartigsten Erzeugnisse der Industrie aufweisen. Dem Fremden werden bereitwilligst gezeigt: merkwürdige Kir chen, und z. B. in der Sebalduskirche das Grabmal des heil. Sebaldus, 15 Fuß hoch, aus 120 Ztr. Metall gegossen, und mit 12 broncenen Apostelfiguren, jede fast einen Meter hoch und über 80 kleineren Figuren verziert und von Peter Bischer gefertigt; in einer andern, in der Moritzkapelle, sogar ein Bild er s aal von 141 Bildern aus der oberdeutschen und niederländischen Malerschule; das germanisch e Muse um, d. i. ein großes Gebäude, welches die Alterthümer aus ganz Deutschland aufnimmt; die Pickert'sche Antiquitäten- Sammlung; das Sturm'sche Naturalien - Kabinet,517 die königl. Burg; die Stadtbibliothek, die Fleisch- mann'sche Papiermachee - Fabrik; die Kramer- Klett'sche Fabrik, in welch' letzterer Eisenbahnwagen, Brücken, Häuser, Tische, Kästen, Bettstellen u. s. w., alles von Eisen verfertigt wird. Zuletzt wird der Fremde noch in die Rosenau geführt, d. i. ein großartig angelegter parkähnlicher Garten, in welchem er viel zu sehen hat und sich mannigfaltig vergnügen kann. Nüsse. Nicht nur in der Weihnachtszeit, sondern auch außer derselben muß es unter Anderm auch Nüsse geben. Da rum biete ich euch hier einige Nüsse dar und zwar von einer ganz besondern Art, die vielleicht neben den Wälsch-, Lamperts- und Haselnüssen, oder wie sie weiter heißen mögen, ein Plätz chen finden können. Wer gern eine Nuß aufknackt, wird freund lich eingeladen, auch von dieser Sorte fleißig zuzulangen. Doch nehme man dabei nur hübsch den Nußknacker Verstand zu Hilfe, denn ohne ihn läßt sich mit solchen Nüssen nicht viel anfangen. Will je einmal die Schale nicht gleich platzm, so mache man einen zweiten und dritten Versuch — der Nußknacker zerbricht deshalb nicht — und endlich wird der Kern heraus springen. Also aufgepaßt! 1. Welches Pferd frißt niemals Heu? 2. Wer hat eine eiserne Zunge? 3. Wer spricht alle Sprachen, ohne auch nur eine gelernt zu haben? 4. Wer fängt sein Geschäft verkehrt an, und es gelingt doch? 5. In welchen Verhältnissen flehen Pferd und Wagen zu ein ander ? 6. Wem kommt die Hilfe nicht von oben sondern von unten? 7. Welche Kunst ist die kostbarste? 8. Welche Mutter fühlt nicht für ihr schönes Kind? 9. Wer hat den größten Fund gethan? 10. Welcher Unterschied ist zwischen Erde und Mond? 11. Wo gibt's die meisten Schlösser? 12. Welcher Rath ist überflüssig? 13. Welcher Schuß hilft oft aus Verlegenheit? 14. Welches ist das beliebteste Stadt- und Landgericht? 15. Welcher Acker fährt? 16. Welche Scheeren kann kein Scheerenschleiser schleifen? 17. Welche Zeit benutzt der Faule am fleißigsten?518 18. Welche Baarschaft ist oft lästig? 19. Was ist wärmer als ein Pelz? 20. Wer hat viele Zähne und kann doch nicht beißen? 21. Welcher Bock hat keine Hörner? 22. Welche Leute sitzen weder kalt, noch warm? 23. Welches sind die schönsten Namen? 24. In welchem Flusse schwimmt sich's am besten? 25. Welcher General kriegt Schläge nach Noten? 26. Wo kommen alle Säcke zusammen? 27. Welches ist der reinlichste Vogel? 28. Wie kann man Abschiedsthränen auch nennen? 29. Wo sind die Meere und Flüsse ohne Wasser? 30. Wir haben es Alle? Gott hat's nicht. Was ist das? 31. Was machen die zwölf Apostel im Himmelreich? 32. Welcher Gebildete ist ein Narr? 33. Wer lebte von Dinte und Feder und starb durch Sand? 34. Welches Gift ist nicht tödtend? 35. Welche Noten sind am beliebtesten? 36. Welche Tracht ist leider von großer Dauer? 37. Welche Presse ist ganz frei und ohne Schrauben? 38. Welche Zeiten sind die besten? 39. Welche Schneider kann man am wenigsten leiden? 40. Welcher Spruch hat für den Wirth den größten Werth? 41. Welcher Stand ist der beste? 42. In welchen Thälern sterben die meisten Menschen? 43. In welcher Schule haben die Zöglinge Augen und sehen nicht? 44. Welcher Fuß hat keine Zehen? 45. Worauf ist der Kutscher stolz? 46. Welche Länder schreiten stets mit der Zeit fort? 47. Was ist nichts, und doch sichtbar? 48. Welches Auge gibt man, wenn es sein muß, am liebsten her? 49. Welches ist der beste Spiegel? 50. Welcher Muth wird nicht geachtet? 51. Aus welchen Gläsern läßt sich kein Wein trinken? 52. Warum schreit der Kukuk nicht dieß Jahr, wie das vorige Jahr? t . 53. Welcher Unterschied ist zwischen einer Geige und einem Baume? 54. Welche Glocke läutet nicht? 55. Warum haben die Zuckerbäcker weiße Mützen?519 -56. Wer bringt seine Krone mit auf die Welt und wird doch nicht zu den Fürsten gezählt? 57. Wie kann man Eis in Eisen verwandeln? 58. Wann ist der Mensch der erhabensten Gedanken und Em pfindungen fähig? 59. Welche Hosen sind der Mode nicht unterworfen? 60. Wer sitzt nicht auf, sondern hinter dem Stuhle? 61. Welches sind die Lieblingspstanzen der Geldgierigen und Geizigen? 62. Welche Löffel werden nicht bei Tische gebraucht? 63. Welche Stadt ist so gefühllos, daß sie ihr eigenes Vater land zum Kauf ausbietet? 64. Wohin kommt der Krieg niemals? 65. Wo geht man niemals einem Andern voraus? 66. Welches Thier ist am gefräßigsten? 67. Wer lebt vom Essen, und verhungert, wenn er allein ißt? 68. Zu welchem Gerichte gehören die Kartoffeln? 69. Was ist das: Es ist oben und unten und vorn und hin ten schwarz und steht auf halb 6? 70. Wer ist außer dem Friseur noch ein Haarkünstler? 71. Welcher Berg a) hat die Rechte studiert? ll) ist von Seidenzeug? e) ist nur ein kleines Stück und doch sehr hoch? ä) ist gefrornes Wasser? 0) hat bei einem Kirchthurm ein Geschäft? f) hat noch nie geheirathet? g) ist eine Blume? ll) ist von brennbarem Stoffe? Und welche Berge 1) sind Nachtgespenster und drücken dich? 72. Wie viel Nägel gehören in den Huf eines gut beschlagenen Pferdes? 73. Abracadabra — wie schreibt man dies mit vier Buchstaben ? 74. Was läuft ohne Füße bis an der Welt Ende? 75. In welche Gläser läßt sich am besten einschenken? 76. Welche Steine sind von Holz? 77. Was ist zwischen einer Fliege und einer Eisenbahn für ein Unterschied? 78. Warum haben nie feindliche Truppen in Italien einen Widerstand gefunden? 79. Wenn man sieht, sieht man sie nicht; wenn man aber nicht sieht, sieht man sie. Was ist das?520 80. Je mehr man ißt, desto mehr bleibt übrig? 81. Wie läßt sich schnell ein Kupferstich machen? 82. Mit welchem Paß kann man die größten Reisen machen, ohne daß die Polizei nach ihm fragt? 83. Welcher Stein hat zwei Stimmen? 84. Wo, in welchem Land wird man sich unfehlbar erkälten? 85. Was ist eine Frau, die an gefrornem Wasser steht? 86. Wann ist der Vogel der größte Virtuos? 87. Welche Enten schwimmen nicht? 88. Welcher Schlag thut keinem weh? 89. Welchen Dieb bescheint der Mond nicht? 90. Welchen Schein liebt auch der Offenherzigste? 91. Welche Motive hat heutzutage der Gute mit dem Bösen häufig gemein? 92. Wie viele Erbsen gehen in einen Topf? 93. Ein Huhn kann eher einen Hektoliter Haber fressen alA ein Pferd. Glaubst du das? 94. Welchen Muth beweisen die Dachdecker? 95. Welchen Spiegel verkaufen bloß die Buchhändler? 96. Mit welchem Horne bläs't man nicht? 97. Welche Träger werden für ihr Tragen nicht bezahlt? 98. Auf welche Tafel kommt weder Suppe noch Rindfleisch? 99. Welches Stück vom ganzen Tag ist Kindern am liebsten? 100. Welche Mutter ist groß, wenn sie auch noch so klein ist? 101. Mit welchem Hut macht man kein Kompliment ? 102. Welche Mittel gehören zu jedem Zwecke? 103. Welcher Hof hat keine Schmeichler? 104. Was kommt bei der Freundschaft und dem Rechnen oft heraus? 105. Wer ist musikalischer, der Wind- oder der Wassermüller? 106. Wozu gehört der Besen? 107. Welche Sterne stehen uns am nächsten? 108. Welches Brod kann nie des Morgens genossen werden? 109. Welcher Zahn verdirbt niemals, auch wenn er an den härtesten Dingen nagt? 110. In welchen Ländern kann man leicht schwarz werden? 111. Wer ist hochgeboren? 112. Wer ist hochgeöhrt? 113. Wer ist geschickt? 114. Welcher Monat ist der kürzeste? 115. Welches sind die härtesten Nüsse? 116. Welches ist der schwerste Stab?521 117. Was ist das, wenn einer zur Stube hereinfällt? 118. Wie hieß Loth's Weib? 119. Welcher Fehler ist bei einer Theuerung kein Fehler? 120. Wer ist der nächste nach einem Basta? 121. Wie heißt das Weibchen des Papagei? 122. Wie hieß die Gattin des Herkules? 123. Nach welchen Bergen sehnen sich die Reisenden? 124. Welcher Rath ist der beste? 125. Welcher Rath ist der schlechteste? 126. Was ist das für ein Sommer, wenn es kein Heu gibt? 127. Wo ist das größte Buch? 128. Welcher Fuß ist der gefährlichste, und welcher der be schwerlichste? 129. Was haben die drei Tiroler 1809 mit einem Franzosen gemacht? 130. Um welche Zeit ist den Bauern die Zeit am längsten? 131. Wann schlägt es aus der kunstreichen Uhr zu Straßburg halb zehn? 132. Was ist gerad und ungerad? 133. Wenn ein Jäger in den Wald geht, um zu schießen, nach was schießt er zuerst? 134. Vom Tischler wird damit viel Artiges gemacht; machst du es aber, so wirst du ausgelacht? 135. Welches Fabrikat hat die meisten Abnehmer? 136. Welche Nation ist die aufgeklärteste? 137. Welche Speise kann man nicht essen? 138. Wie kannst du das Wort „Beamte" mit zwei Buchstaben schreiben? 139. Welcher Vogel besteht aus zwei Buchstaben? 140. Welches Leid ist jedem Menschen zu wünschen? 141. Auf welche Weise kann man selbst Nebel hervorbringen? 142. Wie kann man mit Stiefeln durch ein Wasser gehen, das bis an die Knie reicht, ohne daß die Stiefel naß werden? 143. Welcher Unterschied ist zwischen einem Kaufmann und einem Kranken? 144. Wie kann man im Sommer das Hammelfleisch immer frisch erhalten? 145. Blasen die Postillone durch die Stadt oder durch den Wald? 146. Welche Aehnlichkeit hat eine Spinne mit einem Fischer? 147. Wann hat der Mensch so viel Augen als Tage im Jahre sind?522 148. Wenn man von einem Ganzen den siebenten Theil weg nimmt, so bleibt ein Achtel. Was ist das für ein Ganzes? 149. Wie kann man beweisen, daß 6 die Hälfte von 11 ist? 150. Wer reimt? Auf diesem Teller da Liegt ein — Fisch. NrrMaum. Du verdienst auch einen Ehrenplatz unter den Bäumen; denn was kann man nicht alles von dir benützen? Die Kerne deiner Frucht werden von Jung und Alt gerne ge nossen, wenn sie gleich hart aufzuknacken sind, und geben, aus gepreßt, ein treffliches Oel. Aus der grünen Schale und den Blättern bereitet man eine tiefbraune Farbe. Selbst die un reifen Früchte in Zucker eingemacht, sind ein gewürzhafter Leckerbissen. Vorzüglich schätzbar ist das Holz zu Flinten schäften und zu Tischlerarbeiten. Kinder können nur die Früchte gebrauchen, und namentlich gefallen ihnen die Nüsse, wenn sie übergoldet, oder übersilbert an einem gewissen Baume prangen. Nicht wahr? — Obelisken in Aegypten. *) Diese sind viereckige, oben spitz zulaufende Säulen, haben ohne das Fußgestell eine Höhe von fünfzig bis hundert und achtzig Fuß, und sind unten fünf bis fünf und zwanzig Fuß in's Gevierte breit. Bei all ihrer Höhe bestehen sie doch nur aus einem einzigen Steine von dem härtesten, meist röthlichen Granit aus dem östlichen Gebirge in Oberägypten. Sie sind aus das feinste polirt und führen aus ihren Seitensiächen hieroglyphische Bilder, d. i. Bilder, welche die Stelle unserer Buchstabenschrift vertreten. Zur Zeit der Ueberschwemmung wurden diese un geheuren Massen auf Nilflößen herübergeholt und durch neu gegrabene Kanäle weiter fortgeführt. Welch' mühsames und kostspieliges Geschäft! Wie viele tausend Menschen mußten dabei thätig sein! Und eben so mühsam wurden sie wieder 9 Siehe auch die Artikel: Aegypter und Pyramiden.523 abgeladen und aufgestellt. Sie wurden vor Tempeln, Pa lästen und Gärten errichtet zum Denkmale merkwürdiger Be gebenheiten oder Zur Zierde. Später dienten sie auch zu Sonnenzeigern. Vier dieser Obelisken hat Papst Sixtus V. im Jahre 1584 durch seinen großen Baumeister Fontana nach Rom schaffen und dort aufrichten lassen. Dieser Baumeister ge brauchte hiezu die künstlichsten Maschinen, die durch zwölf hundert Menschen und hundert und sechzig Pferde in Be wegung gesetzt wurden. Und doch gingen mit der Aufrichtung vier volle Jahre hin. *) Dbrigkeit. Gesittete Völker leben nach bestimmten Ge setzen, d. h. sie haben unter sich ausgemacht, was jeder thun und nicht thun tarf, und wer unter ihnen wohnen will, muß versprechen, sich diese Gesetze gefallen zu lassen und sie zu befolgen. Damit dies von Allen, auch von den Unverständigen und Bösartigen geschehen möge, so wählen sie unter sich einige verständige und rechtschaffene Männer und geben ihnen den Auftrag, darauf zu sehen, daß jeder den Gesetzen gehorsam sei, und die Ungehorsamen zu strafen, wenn sie nicht auf Erinne rungen achten. Diese Personen werden dieObrigkeit genannt. Obst. O das herrliche, schöne Obst! wie freundlich und einladend lachen mich die Aepfel, Birnen, Kirschen, und die köst lichen Trauben und Pflaumen, die Pfirsiche und Aprikosen an. O ihr möchtet gewiß davon essen! Der liebe Gott hat so viele gute Dinge wachsen lassen für die Kinder. Und doch bedenken dies viele nicht und vergessen selbst den Dank gegen den Geber- alles Guten. Was er ihnen aus Liebe geschenkt hat, sehen sie als verdienten Lohn an, und vergessen bei ihrer Fülle der armen Kinderchen, die gar nichts haben. Merket euch, Kin der, daß das Obst auf Bäumen wächst, die man Obstbüume nennt. Diese Bäume bedürfen immer einer guten Pflege und erfordern dadurch außerordentlich viel Mühe. Uebrigens thut man alles gerne, weil man ja weiß, warum man es thut, näm lich, weil man einen Nutzen voraussieht. — Kinder, es ist euch wohl vergönnt, von den Früchten solcher Bäume zu essen, nur *) Von der Aufrichtung dieser Säulen lies nach den Artikel „Sterne" in diesem Lexikon.524 verderbet nie einen Baum, sondern denket an die Mühe seines Herrn. Esset ja auch kein Obst, das nicht reif ist; denn das wäre für euer Leben nicht gut! — Was der Landmann nicht selbst nöthig hat, das bringt er zu Markt zum Verkauf. Der Städter kauft es und so entsteht ein Tausch; der Landmann gibt die Waare und empfängt dafür das Geld, der Städter gibt dem Landmann Geld und empfängt dafür die Waare, die Nahrungs mittel. So geht es auch mit dem Obst. Des Landmanns Bäume tragen es oft in Fülle; man schüttelt oder bricht es vom Baume ab. Man führt oder trägt es zu Markt in größern oder kleinern Gefäßen, Körben, das ächte abgebrochene Obst, Tafelobst, das man zum Essen aus der Hand, als eine Zierde und ein Labsal des Nachtisches bestimmt, das andere Obst wird auf dem Wagen in Säcken herbeigeführt, verkauft, zerquetscht und Most daraus gepreßt. Der Obstmarkt ist gar ein schöner Markt; die Aepsel, Birnen, Pstaumen, Pfirsichen, und früher schon Johannisbeeren, Kirschen und anderes Obst — von rother, grüner, gelber, blauer, schwarzer, brauner Farbe, wer fie^t nicht dieses mit innigem Vergnügen, mit hoher Luft! und wer freut sich nicht, unter solchen Körben mit reifen, großen Baum- srüchten, die schon von Außen so schmackhaft erscheinen, umher zugehen? wen lockt es nicht zu kaufen und zu essen! Wie mannigfaltig ist das Obst in Gestalt, Größe und Geschmack,, und wie süß und labend ist der Genuß! Der Baum ist ein edles Vorbild für die Menschen überhaupt und auch besonders für die Jugend. Ein veredelter Baum bringt bessere Früchte, ein guter Baum bringt viele Früchte. Ein fauler Baum, der keine guten Früchte bringt, wird abgehauen und herausgegraben. Ein edler Baum mit edlen Früchten wird hoch geschätzt, gesucht, gepstegt. Der Baum, der noch als jung gut angebunden und veredelt wird, wächst kräftig und wird schön und früchtereich. Oeean oder Meer. Wenn man in einem Schiffe in das große Wasser hinausfährt, welches man O cean, die See, das M e e r, (Weltmeer) nennt, so werden Häuser, Dörfer und Städte, Bäume, Wälder, Felsen und Berge immer kleiner, und je weiter man vom Lande wegkommt, immer kleiner, und endlich so klein, daß man sie gar nicht mehr unterscheiden und sehen kann. Das Land mit all' seinen Wäldern und Bergen, sieht dann aus wie ein grauer Nebel und wie eine blaue Wolke..525 Zuletzt verschwindet es ganz, und mau sieht nun, so weit das Auge reicht, vorn und hinten, rechts und links, nichts als Himmel und Wasser, und Wasser und Himmel. Der Schisser nennt das die offene See. Wenn wir bei uns zu Lande die Sonne aufgehen sehen, so kommt sie hinter einem Berg oder Wald hervor, aber auf offener See ist dies nicht so; da steht die goldene Morgenröthe auf dem Spiegel des Meeres und das große Licht des Tages steigt mit seinem strahlenden An gesicht aus dem Wasser empor. Prächtig ist der Anblick, wenn die Sonne am Abend untergeht, und sie taucht im glühenden Abeudroth in das Wasser hinein, als wollte sie sich nach der Hitze des Tages abkühlen und baden. Das dunkelblaue Meer ist nicht bloß so weit, daß man sein Ende nicht sehen kann, sondern es ist auch so tief, daß man an vielen Stellen, noch gar keinen Grund gefunden hat. An manchen Stellen, wo mau die Tiefe des Meeres gemessen hat, könnte mau die höchsten Thürme fünf- bis sechsmal aufeinander stellen, und noch würden sie nicht viel über das Wasser her vorragen. Nimmt man Meerwasser in den Mund, so schmeckt es nicht so angenehm wie unser Trinkwasser, sondern es schmeckt salzig und bitter, denn es enthält viel Salz. Weil nun unser Trinkwasser gegen das bittere Meerwasser einen fast süßen Geschmack hat, so nennt man es Süßwasser. Alle Quellen und Flüsse haben nur Süßwasser. Wenn man eine Reise auf dem Meere macht, so müssen die Leute das Süßwasser in großen Fässern mitnehmen, weil mau das bittere Meerwasser nicht trinken kann. Dauert die Reise zu lang, und oie Schiffs leute haben alles Süßwasser ausgetrunken, so müssen sie vor Durst verschmachten, ob sie gleich ringsum nichts als Wasser sehen. Ist es ganz still, so gleicht das Meerwasser einem glatten Spiegel. Erhebt sich aber ein Wind, so fängt es an, sich zu bewegen; wird der Wind heftiger, so erhebt sich Welle auf Welle, höher und höher, endlich erreichen die Wellen die Höhe eines Zimmers, und bei einem Sturm rollen und brausen sie einher, wie kleine Berge. Als ein Seefahrer, Namens Otto von Kotzebue, nach Unalaschka fuhr, brach einmal ein Sturm aus, der nach Mitternacht am heftigsten wurde. Kotze bue hatte gerade um diese Zeit mit vier Matrosen die Wache, von denen zwei am Steuerruder standen. Um vier Uhr Mor gens stürzte eine hohe Welle auf das Schiff zu. In einem526 Augenblick wurde Kotzebue besinnungslos an ein Eck ge worfen. Als er wieder zu sich kam, war der zwei Fuß dicke Vordermast zerschmettert uud das Steuerruder zerschlagen. Einem Matrosen hatte die Welle das Bein gebrochen, den zweiten in das Meer geschleudert und die zwei andern hart beschädigt. Kotzebue selbst empfand heftige Brustschmerzen, und mußte mehrere Tage das Bett hüten. Solche Stürme sind, wenn sie lang dauern, für die Schiffe sehr gefährlich. Die schäumenden Wellen werfen das Schiff von einer Seite auf die andere; bald ist es tief unten, bald hoch oben; ja die Wafferwogen brausen über dasselbe hinüber, und reißen Alles, was nicht angebunden ist, mit sich fort. Bisweilen geschieht es, daß Wind und Wellen das Schiff an einen Felsen schleudern, so daß es leck wird, das ist, ein Loch bekommt, durch welches das Wasser hineindringt. Da müssen dann die Schiffsleute das Wasser, welches unten hinein läuft, oben wieder Herauspumpen. Kann man das Loch ver stopfen, so ist es gut; wenn aber nicht, so füllt sich das Schiff immer mehr mit Wasser an, und fängt an zu sinken. Um es leichter zu machen, haut man die Mastbäume ab, und wirft alle schweren Sachen in's Meer. Dabei muß man immer pumpen und pumpen. Ist endlich Alles vergeblich, so läßt man die Boote ircks Wasser hinab, Alles springt hinein, und das Schiff sinkt unter, oder es wird von den Wellen in Trümmer zer schlagen. So etwas nennt man einen Schiffbruch. Aber wenn auch nie ein Wind ginge, stände das Meer wasser doch nicht still. Es steigt nämlich zweimal des Tages, uud zweimal' füllt es wieder. Sechs Stunden braucht es, bis es die höchste Höhe erreicht, und dieses Steigen des Meer wassers nennt man die Fluth. Nach einer Viertelstunde fängt es wieder an zu fallen, und erreicht nach sechs Stunden seinen niedrigsten Stand. Dieses Fallen des Meeres nennt man die Ebbe. Wenn also das Meer um 6 Uhr Morgens anfängt zu steigen, so steigt es immer höher und höher, und erreicht um 12 Uhr Mittags seine höchste Höhe; von da an füllt es wieder bis um 6 Uhr Abends; von 6 Uhr Abends fängt es wieder an zu steigen bis um 12 Uhr in der Nacht, und füllt dann wieder bis um 6 Uhr Morgens, und so geht das Steigen und Fallen, die Fluth und die Ebbe des Meeres, jeden Tag fort. Wenn die Fluth eintritt, d. i. wenn das Meer anfängt zu steigen, so werden niedrige Felsen unb kleine Inseln ganz vom Wasser überschwemmt. So wird erzählt, daß ein spanischem527 Rittersmann, Namens Vasco Nunjez, mit sechzig seiner Leute in neun Kähnen eine Fahrt in einem Meerbusen des großen Oceans gemacht habe. Es erhob sich ein heftiger Wind, und die Wellen hätten die Kähne beinahe umgeworfen. Zum Glück erreichten sie gegen Abend eine Felseninsel, an der sie die Kähne befestigten und sich an einem trockenen Ort niederlegten. Aber nach kurzer Zeit wurden sie von der heran dringenden Meeressiuth aus dem Schlafe geweckt. Sie suchten nun einen höher gelegenen Ort; aber das steigende Meerwasser drang ihnen nach, und brauste und schäumte um sie herum, daß ihnen angst und bange wurde. Ein Stück der Insel nach dem andern wurde von dem Meer überschwemmt, und das wüthende Wasser ging endlich den Spaniern bis an die Hüften. Jede Welle drohte sie wegzureißen und zu ersäufen. Aber nun hatte auch die Fluth ihre höchste Höhe erreicht; der Wind ließ nach, und das Wasser fing allmählich wieder an zu fällen. Als der Tag dämmerte, liefen die Spanier nach ihren Kähnen. Welch' ein Anblick! Die einen waren zertrümmert, andere hatten Risse bekommen; Kleider und Lebensmittel waren weggeschwemmt, Sand und Wasser waren an ihrer Stelle. So wenig vermögen die Menschen gegen das gewaltige Meer. Aus dem Grunde des Meeres erheben sich an vielen Orten große Felsmassen, die entweder wie Felsberge hoch über das Wasser hervorragen oder in geringer Tiefe von demselben ver deckt werden. Der Schisser nennt solche Felsen Klippen, und eine ganze Reihe ein Felsenriff. Auch gibt es im Meere große unv lange Haufen von Sand, die das Wasser zusammen geschwemmt hat, und welche der Schiffer Sandbänke nennt. Klippen, Riffe und Sandbänke sind besonders um das Land herum sehr häufig, uns die Schiffer müssen sich vor denselbigen wohl in Acht nehmen. Denn wenn ein Schiff von dem Wind auf eine Klippe getrieben wird, so bekommt es ein Loch, geräth es aber auf eine Sandbank, so bleibt es sitzen, und wird von den auschlagenden Meereswellen zertrümmert. Zunr Glück für die Schiffer schlägt, schäumt und braust das Meerwasser an den Klippen, Riffen und Sandbänken so stark, daß man es schon von weitem hört. Dieses Schlagen, Schäumen und Brausen des Meerwassers nennt man Brandung. Da fahren die Wellen, besonders wenn ein Wind geht, so heftig durcheinander, und brechen sich mit solcher Gewalt an den Felsen, daß das Wasser und der Schaum häuserhoch in die Höhe spritzt, und man das Brausen stundenweit hört.528 Klippen und Sandbänke sind den Schiffen, besonders bei Stürmen höchst gefährlich, daher muß auf dem Schiff immer Einer Wache halten und aufmerken, ob er von weitem keine Brandung sieht und hört. Thut er dieses nicht, so wird das Schiff entweder an dem Felsen zerschmettert, oder es bleibt fest sitzen und wird von Sturm und Wellen nach und nach zer trümmert, dann ist es noch ein Glück, wenn Land in der Nähe ist, an welches sich die Leute in den Booten retten können. Viele Schiffe sind auf diese Weise schon mit Mann und Maus untergegangen. Ochs. Der Ochse ist ein starkes Thier; ruhig und lang sam ist sein Schritt, nur manchmal, wenn er ganz frei ist, wird der Ochse auch wild und heftig. Seine Stärke ist be sonders im Kopf und Halse, und eine starke Waffe hat er in seinen Hörnern. Nahe ihm nicht, er stößt, sein Stoß ist tödtlich. Manchmal streiten die Ochsen mit einander und stoßen sich, so hart sie können, und man kann sie oft kaum mehr ausein ander bringen, auch nicht mit einem Stab, denn Worte helfen nicht. Warum? Im Kampfe halten die Ochsen den Kops nieder und rennen schrecklich aneinander. — Wenn Dumme mit einander streiten, so sind sie schrecklich wild und können nicht fertig werden; denn kein's will nachgeben. Wer ist ihnen ähnlich? Der Ochse zieht vorzüglich gut am Pflug, weil er lang sam auf dem Acker einhergeht, und immer gleich vorwärts schreitet. Sein gleicher Schritt macht gleiche Furchen. Man macht ihn fett durch Ruhe und gute Nahrung. Der Fleischer (Metzger) schlachtet ihn, zieht ihm die Haut ab und zerhaut sein Fleisch — das gute, nahrhafte Ochsenfleisch. Aus der Haut macht der Gerber Leder. Was für Leder? zu Handschuhen? Nein. Feineres Leder? Nein. Gröberes? Jawohl. Zu Tanzschuhen? Nein. Zu Schuhen? Stiefeln? — Ja, aber -— wo am Schuh und Stiefel? Zu Sohlen. Also hat der Ochs Sohlen auf seinem Rücken? Ja wohl. Da spürt er Nichts, wenn man ihn schlägt? Doch wohl. Denn so lang er lebt, spürt er Alles, was an seinem Leibe geschieht. Die Haut des Ochsen wird erst so hart durch die Arbeit des Gerbers. Vorher spürt der Ochse Alles, was wohl und wehe thut, auch nuf seiner Haut. Wie könnte man dem Thiere wehe thun, das nns durch seinen Dienst so wohl thut? —529 OeLbcrrrm. Liebe Emma! Du hast doch schon gesehen, daß Deine Mutter Oel an den Salat gießt? Woher bekommt man dieses Oel? —Vielleicht hast Du noch nicht gewußt, daß man es aus einer Steinfrucht preßt. Den Baum, welcher diese Steinfrucht trägt, nennt man den Oelbaum, und seine Früchte, welche wie Pflaumen aussehen, nennt man Oliven. Sobald sie reif sind, pflückt man sie ab und preßt aus ihnen das kostbare Oel, welches man Baumöl nennt. Lebe wohl! Ofen. Eine ebenso nützliche als wohlthuende Haus und Zimmer-Einrichtung sind die Oefen. Wenn es im Spät herbst oder wohl gar im Winter draußen stürmt und friert, was ist nicht da ein lieblich erwärmtes Zimmer für eine Wohlthat! Da rücken die Kinder Tische und Stühle zum warmen Ofen, und lernen und arbeiten, plaudern oder spielen noch einmal so gerne. — Die meisten Oefen sind so einge richtet, daß man in denselben nicht nur eiuheizen, sondern auch kochen kann, wodurch im Winter so manches Ster Holz erspart wird. Den deutschen Werkkünstlern muß man es zu ihrem Ruhme nachsagen, daß sie es seit einigen Jahrzehnten im Bau und in der innern und äußern Einrichtung der Oefen sehr weit gebracht, und besonders in Hinsicht der Holzersparung die wesentlichsten Vortheile erzweckt haben. Wenn es euch, liebe Kinder, daran gelegen ist, einen unserer sogenannten Sparöfen anzusehen, und eure Eltern oder eine erwachsene Person zu ersuchen, daß sie euch mit den wichtigen Ersparungsvortheilen dieser nützlichen Oefen bekannt machen möchten, so werdet ihr eine hinreichende Veranlassung sindeu, die sinnreichen Entwürfe des menschlichen Geistes zu bewundern, die dahin zielen, jede gemachte Erfindung einer immer höhern Vervollkommnung zu- zusühren. — Nach dem oben Gesagten werdet ihr folgendes Räthsel leicht lösen: Man trifft es an in federn Haus, Bald sieht es weiß, bald schwarz, bald grau auch aus. Obgleich es Niemand missen rann, Sreht man es kaum im Sommer an; Sobald es Dienste leisten soll, Stopft man ihm seinen Bauch recht voll; Dann sucht und lobt es Jeder laut, Und dankt dem Mann, der es gebaut. Kinder- ConversatiorüH Lexikvn. 34530 Ohr. Das äußere Ohr des Menschen, meine Kinder, hat die Gestalt einer Muschel; man unterscheidet -aber auch innere Gehörwerkzeuge. Der nach innen führende Gang wird der Gehörgang genannt. Damit nicht jeder Zufall fremd artige Dinge in das Ohr bringe, ist es theilweise mit feinen Haaren besetzt und mit einem klebrigen Fette, das man Ohrenschmalz nennt, versehen. — Die Schallstrahlen stoßen an eine am Ausgange des Gehörganges ausgespannte Haut, die man Trommelfell nennt. — Hinter derselben ist eine Seitenröhre, die mit der Mundhöhle "in Verbindung steht. In der Trommelhöhle selbst befinden sich vier kleine Knöchelchen, die man, nach ihrer eigenthümlichen Gestalt: Hammer, Ambos, linsenförmiges Beinchen und Steigbügel nennt. Die Knöchelchen hängen aneinander. — Das Knöchelchen, — der Steigbügel, führt in die innere Höhlung des Ohres, in das Labyrinth, allwo es ein da hin gehendes Fensterchen, aber kein solches, das der Glaser macht — verschließt. — Die nun an das Trommelfell gelan genden Schallwellen theilt ein Theil dem andern mit, so, daß sie beim Hören alle beschäftigt sind. — Von dieser Seite betrachtet, erscheint uns, meine Kinder, das Ohr als ein eben so kunstreiches, als nützliches Sinnen werkzeug, an das die erschütterten Lustwellen schlagen. — Der es gegeben hat, höret doch wohl selbst am Besten! — Denn: „Der dasOhrgepslanzethat, sollte der nicht hören!" Das soll euch zur Ermunterung dienen, euer Ohr für alles Gute zu öffnen. — Ja, meine Kinder, wenn es von einer Seite etwas Gutes, Schönes, Nützliches, Lehrreiches zu hören gibt, so neiget freundlich euer Ohr hin. Dahin neigetauch bereitwillig euer Ohr, von wo aus euch Unterricht, Belehrung zukommt, von wo aus in redlicher Absicht durch das Ohr zum Herzen geredet wird; dahin neiget euer Ohr, von wo aus man euch zum Gehorsame, zur Folgsamkeit, zu allen schönen Kindertugenden ermuntert, dahin neiget euer Ohr, von wo aus das ehrwürdige Alter aus Erfahrung zu euch redet; dahin neiget euer Ohr, von wo aus ihr Gott, euren himmlischen Vater und seine heiligen Gebote kennen lernen könnt, von wo aus euch Gottes Stimme tönet. — Ohrmuschel. Lieber Ernst! Ich war vor einiger Zeit mit Dir in einer Anstalt, wo man Menschen unterrichtet, die531 nicht hören und nicht reden können. Einen solchen Unglücklichen nennt man einen Taubstummen, weil er taub und stumm zu gleich ist. Wenn Du einen solchen Menschen siehst, so danke Gott sür Dein gutes Gehör. Damit Du aber siehst, wie treulich der Schöpfer für Erhaltung des Gehöres gesorgt hat, so will ich Dir in meinem Briefe einiges über den Theil des Ohres schreiben, welchen man die Ohrmuschel nennt, weil er einer Muschel gleich sieht. Wir können unsere Ohrmuschel nicht be wegen, aber die Pferde, Ochsen, Katzen, können ihre Ohrmuschel ausrichten und zurücklegen. Warum das? Der Schöpfer hat weislich dafür gesorgt, daß keine Fliege und kein Käfer in das Ohr kommen kann. Deßwegen hat er den Pferden und vielen andern Thieren eine Ohrmuschel geschaffen, die sie hin- und herbewegen können. Sobald sich eine Fliege auf die Ohrmuschel setzt, so machen sie damit eine Bewegung und jagen die Fliege so fort. Weil wir die Fliegen mit der Hand fortjagen können, so brauchen wir keine bewegliche Ohrmuschel. Die Pferde aber können mit ihrem Fuße nicht zum Ohre hinauflangen, darum brauchen sie eine bewegliche Ohrmuschel. Damit es aber diese Thiere sogleich merken, wenn sich eine Fliege auf ihr Ohr gesetzt hat, so hat ihnen der Schöpfer die ganze Ohrmuschel mit seinen Haaren besetzt. Berührt eine Fliege mit ihren Füßen ein solches Haar, so fühlt es das Thier; sogleich bewegtes seine Ohrmu schel und jagt es fort. Wenn eine Katze schläft und Du berührst mit dem Finger die äußerste Spitze eines solchen Haares, so zuckt die Katze mit der Ohrmuschel, weil sie meint, es habe sich eine Fliege darauf gesetzt. Uns hat der Schöpfer die Ohrmu schel nicht mit solchen Haaren besetzt. Wie nun? Wenn wir schlafen, kann uns ja jedes Insekt in das Ohr kriechen? Meinst Du? Sollte der Schöpfer für eine Katze gesorgt haben und sür Dich nicht? Weißt Du nicht, daß er in Deinem Ohr einen Stoff erschaffen hat, den wir das Ohrenschmalz nennen? Dieses Ohren schmalz hat zwei Eigenschaften. Es ist klebrig und bitter. Will ein Insekt in unser Ohr hineinkriechen, so bleibt es entweder hängen, oder das bittere Ohrenschmalz treibt es zurück. Eine noch sorgsamere und künstlichere Einrichtung hat das inwendige Ohr. Lebe wohl! Oktober. Jetzt geht es hinter den Wein. Die Wein trauben werden aus den Weinbergen geholt — ein schönes Ge schäft! Nicht wahr, Kinderchen, ihr möchtet auch helfen? — Auch den Hopfen holt man von seinen Stangen und bringt ihn heim und zupft ihn, daß man ihn zum Bierbrauen brauchen kann. 34 *532 Oliven. Eduard. Wo wachsen denn die Oliven? Ich suche schon lange in unserm Garten nach diesen Früchten, aber ich finde nirgends Oliven. Vater. Die Oliven, mein Kind, wachsen sehr häufig in Italien, Frankreich, Portugal und Spanien; die Insel Cypern aber im mittelländischen Meer ist ihr Vaterland. Der Oliven baum sieht einem Weidenbaum ähnlich und ist selten gerade gewachsen. Er bleibt das ganze Jahr grün und hat keine Pflege der Menschen nöthig. Wenn seine Frucht, die einer kleinen wälschen Nuß ähnlich sieht, reifet, wird ihre äußere Schale schwarz. Unter dieser schwarzen Schale ist eine röth- liche und dann noch eine weißliche Haut. Der Saft aber und das Fleisch sind weiß. Oft hat ein Olivenbaum Blüthen und Früchte zu gleicher Zeit. Das weiße Oel ist das beste, das goldgelbe aber ist entweder von faulen oder von unreifen Früchten gemacht worden. Das gute Oel darf keinen Ge schmack haben. Genua, und vorzüglich die Gegend bei der Stadt San Renio hat, nebst der Provence in Frankreich (Provencer-Oel) das beste Olivenöl in der Welt; und Portugal das meiste. Die Franzosen holen in San Remo viel Oel und geben es nachher als Provencer-Oel aus. Ordnung. Halte Ordnung, liebe sie; Sie erspart dir Zeit und MühU Nichts ist mehr dazu geeignet, unsere Geschäfte zu er leichtern und uns zufrieden, glücklich und froh zu machen, als Liebe zur Ordnung. Sie ist ein Gehilfe, der uns bei allen Unternehmungen fördernd zur Seite sieht, uns vor manchen Nachtheilen schützt und uns oft das beinahe unmöglich Ge glaubte erreichen hilft. Der Ordnungsliebende thut, wo möglich, Alles zur rechten Zeit, denn er weiß, wie nachtheilig es ist, ein Geschäft auf zuschieben und nicht zu der für dasselbe bestimmten Zeit zu verrichten. Das ordnungsliebende Kind kommt zu rechter Zeit in die Schule, in die Kirche, macht zu rechter Zeit seine Aufgaben mrd findet daher zu Allem Zeit genug, ivährend der Unordentliche niemals fertig werden kann. So hält es auch der ordnungsliebende Mann mit allen seinen Geschäften; er hat eine bestimmte Zeit zur Arbeit und zur Ruhe, zur Saat und zur Ernte, zum Essen, Trinken und Schlafen und Allem, was ihm zu thun und zu lassen obliegt.533 Eben so sehr ist es dem ordnungsliebenden Menschen an gelegen, Alles auf die rechte Weise, d. h. so zu verrichten, daß es nicht besser geschehen könnte. Er denkt niemals: Dieses oder Jenes könnte ich zwar besser machen, allein es ist auch so gut genug. Er thut also Alles mit möglichstem. Fleiß und möglichst genau, und er kommt daher auch nie in die Lage, etwas flüchtig und oberflächlich Gethanes noch ein mal thun zu müssen. Der Ordnungsliebende hat ferner für jedes Ding einew bestimmten Ort, und er darf also weder fragen, noch suchen, wenn er Etwas braucht. Dadurch erspart er viele Zeit, und kann manches Geschäft fertig bringen, während der Unordent liche erst die nöthigen Sachen dazu zusammensucht. Ordnungsliebe bringt also viele Vortheile. Sie verschafft dem, der sie besitzt, den Ruhm, eiu zuverlässiger Mann zu sein, der Vertrauen verdient und genießt. Jedermann hat gerne mit ihm zu thun. Seine Unternehmungen gelingen wohl, weil er gewohnt ist, Alles auf die rechte Weise und zu rechter Zeit anzugreifen und dadurch, daß Alles bei ihm seinen bestimmten Ort hat, erspart er Zeit, Mühe und Geld; denn was am rechten Orte gut verwahrt ist, kann nicht verloren gehen, und wird sich überhaupt länger erhalten, als eine schlecht verwahrte Sache. Auch empfiehlt sich ein Zimmer oder Haus, in welchem Ordnung herrscht, schon auf den ersten Anblick. Man sieht darin Alles sauber, reinlich, einladend, freundlich, und flndet sich dadurch angenehm angesprochen; auch werden wir selten irren, wenn wir von der äußern Ordnung einen Schluß aus das Innere desjenigen machen, der diese Ordnung unterhält; denn gewiß ist auch in seinem Denken, in seinem Herzen und sogar in seinem Gewissen die gleiche Ordnung zu finden. * * * Vernehmet noch kurz, wie die zwei Knaben Max und Franz über Ordnungsliebe sich unterhielten: Franz. Leihe mir deinen Bleistift, lieber Max, den meinigen kann ich nicht finden! Max. Ja, wenn du ihn nicht verdirbst, so will ich dir ihn leihen. Franz. O, das ist schön! nur her damit! — Max. Halt, nicht so geschwind! eher nicht, als du ver-534 sprichst, ihn nicht zu verderben und ihn mir bald wiederzu geben. Thue das, sonst bekommst du ihn nicht. Franz. Nun gut, das will ich; aber wozu das? wenn du denkst, daß ich ihn nicht wiedergebe, oder wofern du mich gar für einen Dieb hältst, dann behalte deinen Bleistift nur für dich. — Max. Nein, lieber Franz! das glaube ich nicht von dir. Aber denke nur an das Bilderbuch, das du von mir ge borgt hattest; wie war das voll Flecken, da ich's wieder be kam! Ohne jedoch von diesem zu reden: wie lange hast du es behalten! Als ich nach sechs Wochen mir es endlich selbst abholte, wie lange hast du suchen müssen, bis es sich endlich noch unterem Bette fand... über und über voll Schmutz! ... Und meine Reißfeder habe ich noch nicht wieder, so oft ich dich auch erinnert habe. Franz. Ach, die habe ich ganz vergessen! ... Wo mag sie nur liegen? Ich will nachsehen! Du bekommst sie heute noch, wenn ich sie finde. — M ax. Nun siehst du, Franz, wenn du nicht Ordnung hältst, kann ich dir nichts mehr leihen. Wenn du auch noch so viele Sachen geschenkt bekommst, so fehlen sie dir doch immer, wann du sie brauchen willst. Franz. Ja, das ist's eben! Wenn ich nur wüßte, wie icksts anfangen muß, so wollte ickßs anders machen. — Max. Wenn du es mir nicht übel nehmen willst, lieber Franz! so will ich dir sagen, wie ich es mache. In meinem Zimmer und in meinem Schranke habe ich jedem Stücke von meinen Sachen ein besonderes Plätzchen angewiesen. Da darf es nicht von der Stelle, im Falle, daß ich es nicht wo anders brauche. Unterem Bett stehen die Schuhe und Stiefel, gleich daneben der Stiefelknecht und eine Schuhbürste. An der Wand hängt mein Rock, wenn ich ihn nicht aus dem Leibe habe. Gleich daneben am Schranke hängt die Kleiderbürste. Im Schranke auf der rechten Seite des untern Faches stehen meine Lese- und Schreibbücher und andere Papiere. In der Mitte steht mein Schreibzeug, darin sind Federn, Bleistift und Kreide. Vor dem Schreibzeuge liegt meine Schiefertafel (es wäre denn, daß mein Bruder Carl sie braucht), und auf dieser steht mein Farbenkasten .... Im obern Fache stehen die Spiel sachen; rechts in der Ecke die bunte Trommel, gleich daneben der große, grüne Ball und die beiden kleinen Gummibälle; dann ein Kästchen mit Soldaten; und so steht Eins neben535 dem Andern. Jedes auf seinem bestimmten Plätzchen bis zur linken Ecke hin. In das Schubfach lege ich Alles, was ich von andern Kindern mir borge. Habe ich nun ein Stück davon nöthig, so hole ich's von seinem Orte weg, und brauche ich^s dann nicht mehr, so lege ich's sogleich wieder an seinen bestimmten Ort hin. Sonnabends aber sehe ich allemal nach, ob Alles an seinem rechten Platze steht; wo nicht, so mache ich gleich wieder Ordnung. Dazu haben mich Vater und Mutter gewöhnt. Sie sagen immer: „Der Mensch ist nur insofern ein recht brauchbarer Mensch, inwiefern er pünktlich Ordnung hält in Allem, was er hat und thut." Franz. Nun, das kann ich auch machen, so gut wie du. Von heute au — du sollst es sehen! — will ich meine Sachen immer in Ordnung halten, eben so, wie du die deinigen. — M a x. Thue das, Franz! . . . Hier ist der Bleistift! Orgel. Die Orgel ist das vollkommenste und erstau- nungswürdigste aller musikalischen Instrumente. Ihre erhabenen und ergreifenden Töne klingen vortrefflich und steigen von dem Getöse des Donners bis zur sanftesten Harmonie herab. Die Orgel ist eine zahlreiche Vereinigung von Blaswerkzeugen in Gestalt zinnerner, bleierner und hölzerner Röhren oder Pfeifen, welche die Hand oder der Fuß des Organisten nach Belieben ertönen läßt, und welche durch die Blasebälge (Windzüge) Luft erhalten. Das Manual, das Pedal, die Pfeifen, die Blase bälge, die Windlade und die Register sind Theile der Orgel. Ihr kennet auch die Tragorgeln, auf welchen ein Mann durch eine ganz einfache Vorrichtung uns beliebte Singstücke hören läßt. Die Vogeldrgeln sind euch auch nichts Neues! — Palästina. Das heilige oder gelobteLand. — Das Vaterland ausgenommen, kann von allen Ländern in der Welt ^ einem Christen oder Juden keines wichtiger sein, als Palästina. Nicht wegen seiner Größe, denn es ist nur halb so groß als die Schweiz, oder dreimal so groß als der Kreis Schwaben und Neuburg. Nicht wegen seiner Größe also ist536 Palästina merkwürdig, auch nicht wegen seiner zahlreichen und fleißigen Bevölkerung, oder wegen seines Handels. Denn es ist jetzt ein ödes, menschenleeres Land, schlecht angebaut und von Räubern durchzogen, und obgleich es an das mittelländische Meer stößt, so sind seine Häfen doch schlecht eingerichtet und von Kaufleuten wenig besucht. Die Muhamedaner, unter deren Herrschaft das Land steht, haben durch ihre grausame und un gerechte Regierung es arm und wüste gemacht. Die einzige Ursache, warum Palästina uns interessanter ist als andere Länder, und warum wir seine Geographie besonders genau zu lernen haben, ist die, daß dort unsere Religion ihren Ursprung genommen und von da aus ihre Wohlthaten über die ganze Erde verbreitet hat. In Kanaan, denn dieß war der älteste Name des Landes, weideten Abraham, Isaak und Jakob ihro Heerden, dort sind die Orte zu sinden, wo Abraham seinen Sohn opfern wollte, wo das gottlose Sodoma unterging, wo Joseph von seinen Brüdern verkauft wurde. Nach Kanaan, dem von Gott den Nachkommen Abrähanlls verheißenen Lande, führte Moses sein Volk aus Aegypten zurück, dieß war es, welches Josue eroberte und unter die zwölf Stämme vertheilte, über dieses herrschten Saul, David und Salomon. Jerusalem war damals seine Hauptstadt und ist es noch, aber der präch tige Tempel Salomon's steht nicht mehr. Endlich erschien Chri stus, unser Herr, in diesem Lande. Bethlehem war der Ort seiner Geburt, in Nazareth wohnte er bei seinen Eltern, in Jerusalem vergoß er sein Blut für uns und alle Menschen. Wie viel Heiliges und Merkwürdiges muß sich in einem solchen Lande stnden, und wie gern würde Jeder dahin reisen, um es selbst zu sehen, wenn es näher und von Christen regiert wäre! Auch haben die Christen zu allen Zeiten nach diesen hei ligen Gegenden gewallfahrtet. Man wollte gern auf dem Boden stehen, worauf der Herr gewandelt hatte, man wollte die Plätze sehen, wo er Wunder gethan und gelitten, wollte beten, wo auch er gebetet hatte. Deßhalb wurden, so lange das Land den christlichen Kaisern gehörte, Kirchen, Klöster und Spitäler ge baut, damit die frommen Pilger nicht nur ihre Andacht verrichten, sondern auch Herberge und im Falle der Noth auch Pflege stnden könnten. Aber die Muhamedaner entrissen den Christen den Besitz Palästinas und mißhandelten die Pilger. Deßhalb machte sich halb Europa auf, um durch Gewalt der Waffen das heilige Land von den Ungläubigen zu befreien und ein christ liches Königreich daselbst zu stiften. Man nennt dieß die K r eu z-537 züg e ([. d.), weil die christlichen Streiter ein rothes Kreuz auf ihrer Schulter trugen; und viele herrliche Thaten werden aus dieser Zeit erzählt, wo die Könige wie die Bettler ihr Leben daran setzten, das Grab des Erlösers wieder zu erobern. Allein es gelang nur auf kurze Zeit. Nachdem Ströme von Blut ver gossen und das arme Land noch ärger verwüstet war, als durch die frühern Eroberungen, mußten die Kreuzfahrer es aber mals den Muhamedanern und zwar dießmal den Türken über lassen, welche es noch bis auf den heutigen Tag besitzen. Doch ist es gegen eine Abgabe Christen und Juden erlaubt, dort zu wohnen, oder die heiligen Orte zu besuchen. Palästina hat noch jetzt ungefähr die nämlichen Gränzen wie das Land Kanaan vor vierthalbtauiend Jahren. Gegen Norden das hohe Libanongebirge, gegen Süden das steinige, gegen Osten das wüste Arabien, gegen Westen das mittellän dische Meer, welches jedoch größtentheils durch den schmalen Küstenstreifen, welcher das Land Phönizien bildet, von Palästina geschieden ist Jedoch sieht sich das Alles leichter auf der Karte, als man es durch Beschreibung erkennt. Betrachte deßhalb Jedes lieber auf der Karte die Gränzen des heiligen Landes. Von seiner Größe habt ihr schon Etwas gehört. Wir wollen sie jetzt näher auf 430 sZ Meilen bestimmen. Die Länge des Ländchens an der Küste her betrügt 32 Meilen. Die Qucrlinie von der Gegend der Stadt Damaskus bis an die ägyptische Grenze ist die größte Entfernung, welche sich auf palästinischem Boden stnden läßt, und beträgt 42 Meilen. Die übrigen Entfernungen, z. B. die Breite des Landes, den Abstand der Städte von einander, die Größe der Seen mögt ihr selbst auf eurer Karte messen. Palästina ist ein Gebirgsland, worin sich wohl weite Thäler, aber eigentlich gar keine Ebenen stnden. Zwar gehört das Hochgebirg Libanon, welches das ganze Jahr hindurch mit Schnee bedeckt bleibt, nicht mehr zu dem jüdischen Gebiete, sondern zu dem phönizischen, aber es liegt so nahe, daß man seine weißen Gipfel sehen kann; auch kommen die Gewässer des Landes von seinen Höhen herab. So berühmt die Cedern des Libanons waren, so sind sie doch jetzt bis aus wenige ver schwunden. Man hat sie abgehauen ohne wieder zu pflanzen. In die wenigen, welche noch aus alten Zeiten übrig sind, schneiden jetzt die Reisenden der Merkwürdigkeit wegen gewöhnlich ihre Namen ein. Von dem Libanon südwärts ziehen sich nun Berg reihen durch ganz Palästina, von denen jedoch kein einziger538 Gipfel die Schneelinie erreicht, weßhalb auch nur wenig Quellen auf ihnen entspringen, und kein einziger Fluß in Palästina seinen Ursprung nimmt. Dennoch gibt es zwischen den zun: Theil kahlen und von Schluchten und Höhlen unterbrochenen Bergen auch gar manche schöne Thäler, ja an dem Ufer des Meeres zieht sich sogar eine Art fruchtbare Ebene her, welche von den dahinter liegenden Bergen eine herrliche Aussicht ge währt. Vorzüglich weit kann man von dem Vorgebirge Kar mel, wo einst Elias den Regen vom Himmel erflehte, in das Meer hinaus und in die benachbarten fruchtbaren Thäler sehen. Ebenso schön ist die Aussicht, welche man von einigen andern erhabenen Punkten im innern Lande genießt, z. B. von dem Oelberge auf die gegenüberliegende Stadt Jerusalem; ob gleich jetzt sowohl Jerusalem, als auch der Oelberg die Spuren der Verwüstung und Vernachlässigung an sich tragen. Denn die einst so große und bevölkerte Stadt ist jetzt klein und ver fallen, und auf dem Oelberge finden sich nur noch wenige Oel- bäume, der größte Theil seiner Oberfläche trägt die gelbe Farbe des kahlen Gesteins. Auch von dem Berg Th abor in der Nähe des See's Genesareth, worauf Christus oft mit seinen Jüngern verweilte, ist die Aussicht nicht mehr so reizend als zu den damaligen Zeiten. Dennoch versichern die Reisebe schreiber, daß man in Deutschland nicht leicht etwas so Schönes sehen könne, als die unter diesem kegelförmigen und grün be wachsenen Berge sich ausbreitenden Seeufer. Dagegen gibt es besonders südlich von Jerusalem und nach dem tobten Meere hin wüste Berggegenden, wo man Nichts als nackte Felsenwände und steinige Thäler sieht. In den ungeheuren Höhlen dieses Gebirges rettete sich einst David vor seinem Verfolger Saul, jetzt aber sind sie meistens von Räubern bewohnt, welche die Reise durch diese Gegend äußerst gefährlich machen. Es ist schon angedeutet worden, daß Palästina ein ziem lich wasserarmes Land ist. Einen großen, schiffbaren Fluß besitzt es nicht, denn der Jordan, welcher allein den Namen eines Flusses verdient, ist nirgends breiter als 30 Meter und nicht leicht tiefer als 2 Meter. Dazu beträgt die Länge seines ganzen Laufes nur 25 Meilen. Auch mündet er nicht in das Meer, sondern in einen großen Landsee, das Todte Meer genannt, an dessen wüsten Ufern keine Städte liegen, also auch kein Handel getrieben wird. Gleichwohl ist der Jordan bei weitem das wichtigste Gewässer des Landes und uns Chri-539 ftert durch viele Erinnerungen merkwürdig. Nicht leicht wird ein Reisender versäumen, sich in seinem Wasser zu baden, ttnb dabei au Johannes den Täufer und an die Taufe Christi zurück denken. Viele Reisende nehmen sich deshalb auch etwas Jordanwasser zum Andenken mit nach Europa. Der Fluß entspringt gerade an der Gränze gegen Syrien an dem Ab hange des Libanons und ergießt sein klares Wasser bald daraus in einen sumpfigen See, dessen Schlamm ihn trübe färbt. Einige Stunden unterhalb dieses See's fließt er unter der großen und breiten Jakobsbrücke her, wo der Erzvater Jakob bei seiner Rückkehr aus Mesopotamien mit seinen Heerden nbergegangen sein soll. Nach einem kurzen Lauf tritt der Jordan bei Capharnaum in einen zweiten tiefen und klaren See von süßem Wasser, den See Genesareth, auch das -Galliläische Meer genannt. Drei Meilen lang und in der Mitte eine Meile breit, bildet dieser See eine Herrliche Wasser fläche, belebt von Fischen und vormals auch von darauf fah renden Fischern, mit grünen Ufern, die zu Christi Zeiten mit Städten und Dörfern besät waren, jetzt aber nur noch einige arme Ortschaften enthalten, deren Einwohner nicht einmal Kähne zum Befahren des See's haben. Doch macht die natür liche Fruchtbarkeit des Bodens das Ufer immer noch schön, und selbst das daselbst wachsende Schilf hat eine wohlriechende Blüthe. An dem Gestade dieses herrlichen See's, welchen man das „Auge der Gegend" nannte, war es, wo Christus sich meistens aushielt und seine meisten Wunder verrichtete. Dort lag Capharnaum, welches er zur Heimath erwählt hatte, Ehorazin und Bethsaida, welche seine meisten Wunder taten mit angesehen hatten. Auch waren die Apostel größten teils aus dieser Gegend. Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus waren Fischer, welche den See Genesareth mit ihren Barken befuhren. Auf ihm stillte Christus den Sturm, auf seinen Wellen wandelte er. Nach seinem Austritt aus dem See Genesareth fließt der Jordan in einem bald engern, bald weiteren Thale ziemlich langsam und verhältnißmäßig tief, besonders nachdem er von der linken Seite einen beträchtlichen Zufluß bekommen hat. Doch waren schon zu Christi Zeiten einige Führten vorhanden, wo man im Sommer den Fluß zu durchwaten pflegte. Bei höherem Wasterstand mußte man überfahren, indem es an Brücken fehlte. Da der Hauptweg aus Galiläa nach Jerusalem hieher führte, so muß die Ueberfahrt oft benutzt worden sein, und Christus ist ohne Zweifel öfters dort vorübergekommen.540 Weiter abwärts gegen die Stadt Jericho und das Todte Meer hin erweitert sich das Thal zu einer Ebene, welche ehe mals wegen ihrer Fruchtbarkeit und wegen ihrer schönen Rosen berühmt war; allein heutigen Tages ist sie durch die Zerstö rungen der Feinde und die Trägheit der Einwohner, wie so viele andere Stellen, wüste und unfruchtbar geworden. Der Fluß fließt langsam und trübe zwischen buschigen und schilfigen Usern dahin, welche in der Regenzeit überschwemmt werden und gewöhnlich wilden Thieren zum Aufenthalt dienen. Gegen das Ende seines Laufs wird das Wasser des Jordan immer gelb licher und träger, seine Umgebungen immer dürrer und trauriger, bis er sich endlich mit dem trübseligsten aller Gewässer, mit dem Todten Meere vereinigt. Ihr wißt aus der heiligen Schrift die Geschichte von dem Untergange des Thales, worin die Städte Sodoma und Go morrha lagen. An die Stelle dieser untergegangenen Gegend ist seitdem der sehr tiefe, 12 Meilen lange, 3 Meilen breite Salzsee getreten, welcher das Todte Meer, bisweilen auch der Asphaltsee oder das Salzmeer heißt. Sein Wasser ist weit salziger, als das des Meeres, und durch diesen Salzge halt so dicht, daß der menschliche Körper fast von selbst darin schwimmt. So einladend dies für schwimmlustige Menschen scheint, so wagt es doch nicht leicht Jemand, darin zu baden, denn das Salzwasser ätzt die Haut wie Lauge, dergestalt, daß sie sich nach einiger Zeit ablöflt. Auch leben, so viel man bis jetzt hat beobachten können, weder Fische noch andere Thiere in diesen traurigen Gewässern, woher auch der Name Todtes Meer. Noch niemals hat ein Schiff diesen verwünschten See befahren, denn so öde wie sein Wasser sind auch seine Um gebungen. Ringsum nichts als nackte dürre Felsen, das nächste Ufer mit einer Salzkruste bedeckt, hier und da auch mit Stücken Asphalt (Judenpech). Der unfruchtbare, von der Sonne ver brannte Boden, die ungesunde Luft, die Seltenheit des Regens verscheucht auch die Menschen von hier. Nur einige arme Araber wohnen in elenden Schilshütten und fristen ihr Leben theils mit dem wenigen Getreide, welches sie dem Boden abgewinnen, theils von dem Handel mit dem am See gefundenen Salz. Einen Abfluß hat dieser See nicht. Vermuthlich ist die Ausdünstung so stark, daß dadurch aller Ueberschuß an Wafler wieder verloren geht. Außer dem Jordangebiete gab es und gibt es in ganz Palästina nur einen oder zwei Bache, welche im Sommer nicht541 vertrocknen, so wie auch die meisten Brunnen versiegen, so daß man einen beständig quellenden und frischen Brunnen für eine besondere Gabe des Himmels ansieht. Gleichwohl besaß das Land einige heiße Quellen, welche noch jetzt als Heilbäder benutzt werden. Die vorzüglichsten befinden sich in der Nähe des galiläischen Meeres, also da, wo die Natur das Land ohnedies am reichsten ausgestattet hatte, und wo zu Christi Zeiten eine zahlreiche und wohlhabende Be völkerung zusammengedrängt war. Jetzt hat sich das Alles geändert und die Zahl der Badegäste ist deshalb sehr gering. Wenn gleich Palästina noch in der gemäßigten Zone liegt, so sind seine Jahreszeiten und seine Witterung doch keineswegs mit den unsrigen übereinstimmend. Seine Lage unter dem 33., 32. bis zum 31. Grade der Breite zeigt schon an, daß die Wärme das ganze Jahr hindurch größer sein nmß als in Eu ropa, auch können gelehrte Leute, ohne jemals dort gewesen zu sein, aus dieser Lage berechnen, daß der längste Tag daselbst wenige Minuten mehr als 14 Stunden Länge hat. Hieraus kann ein aufmerksamer Schüler sogleich finden, daß die Sonne 7 Stunden vor Mittag auf-, und 7 Stunden nach Mittag untergeht. Ebenso verhält es sich mit der längsten Nacht und dem mit derselben zusammentreffenden kürzesten Tage, welche in Palästina wie bei uns und auf der ganzen nördlichen Halb kugel auf den 21. Dezember eines jeden Jahres fällt. Nicht minder übereinstimmend sind die Anfangstage des Frühlings am 21. März, des Sommers am 21. Juni, des Herbstes am 24. September in Palästina und Deutschland, wenn man dieß so versteht, daß der Winter mit dem kürzesten, der Sommer mit dem längsten Tage, jener mit dem niedrigsten Sonnenstände beginnt, dieser mit dem höchsten, und daß der Frühling an fängt, wenn die Tage den Nächten gerade wieder gleich gewor den und der Herbst, wenn die kürzern Nächte den Tagen wieder gleich geworden sind. Doch muß man daraus nicht schließen wollen, daß nun auch dort der Witterung nach, sowie bei uns, Frühling, Sommer, Herbst und Winter von einander unterschieden seien, und mit den genannten Tagen anfangen. In der heißen Zone gibt es nur zwei Jahreszeiten, die heiße und die Regenzeit, und da Palästina dieser Zone schon ziemlich nahe liegt, so kann man leicht denken, daß es auch eher 2 als 4 Jahreszeiten der Witterung nach zählt. Die jetzigen Juden fangen ihr Jahr im Herbste an, die Alten aber thaten es im Frühling und zwar mit dem Neumonde, welcher zunächst nach542 der Nachtgleiche fiel, denn dann war bis zum Vollmonde die Gerste reif und sie konnten der Vorschrift Moses gemäß in dem ersten Monate des Jahres ihr Dankopfer für die glücklich be gonnene Ernte darbringen. Denn die Gerste war unter allen Getreidearten Palästinas diejenige, welche zuerst zur Reife kam. Aber zu Anfang oder in der Mitte des Aprils wird man sagen, wo wir kaum unsere Gerste säen, wie ist es möglich, daß sie da schon reif wird? Und doch ist es so. Gibt es schon in Deutschland Gegenden, welche einen Monat früher ernten als andere höher und nördlicher liegende, so thut dies gegen Italien schon zwei Monate und gegen Palästina, dies noch wärmere Land, drei Monate und mehr aus. Da könnt ihr nun begreifen, daß die im Herbste gesäete Gerste im April und der Walzen im Mai geerntet wurde, dergestalt, daß meistens mit den ersten Tagen des Juni Pfingsten, das Fest der vollendeten Ernte, gefeiert werden konnte. Besser stimmt das Laubhütten- sest im Oktober mit unseren Witterungsvorstellungen überein, denn es war auf den Oktober bestimmt und sollte ein Dankfest sein für alle Wohlthaten Gottes, welche die Erde hervorbrachte, also nebst dem Getreide auch das geerntete Obst, das Oel und den Wein in's Gedächtniß zurückrusen. Da der palästinische Winter fast keinen Schnee bringt, höchstens die hochliegenden Orte mehrere Tage mit einer leichten Schneedecke bekleidet, da es auch keine Flüsse zur Bewässerung des Bodens besitzt, so hängt die Fruchtbarkeit eines Jahres gänzlich von dem reichlichen und regelmäßigen Eintreffen des Früh- und Spätregens ab. Frühregen hieß nämlich der mehr wöchentliche Regen, welcher nach den dürren Sommermonaten etwa in der Mitte des Oktobers die Erde erfrischte und zur Beackerung und Besäung tüchtig machte. Blieb er aus, so war die Hoffnung auf eine gute Ernte dahin. Aber auch den Spätregen, welcher während des März sich einzustellen pflegte, konnten die Saaten durchaus nicht entbehren. Ohne ihn bildeten sich weder Körner noch Stroh gehörig aus, und er konnte um so weniger ersetzt werden, als von dem April au bis zum Oktober nur selten Gewitter erschienen, um die Sounengluth zu mäßigen und den Boden etwas zu erfrischen. Gemeiniglich bleibt der Sommer ununterbrochen heiter und die hochstehende Sonne würde das Grüne des Rasens und der Bäume noch früher versengen, wenn nicht in allen heißen Ge genden die Nacht über ein ungemein starker Thau zu fallen pflegte, welcher den wechselnden Regen unserer gemäßigten543 Gegenden einigermaßen ersetzt. Freilich ist diese nächtliche Nässe und Kühle den Reisenden, welche an das Klima nicht gewöhnt sind, und sich im Vertrauen auf die heißen Tage des Abends und des Morgens nicht vorsichtig kleiden, oft gefährlich, und mancher Europäer hat dadurch seinen Tod gefunden. Gleich wohl kann dieser wohlthütige Thau nicht verhindern, daß gegen die Mitte des Sommers die grüne Decke des Bodens und das Laub ver nicht tiefwurzelnden Gewächse gelb und trocken zu werden beginnt, ja bei längerer Dauer der Hitze oft bis zum Zerreiben dürre wird, und daß dann das ganze Land ein trau riges Ansehen annimmt, welches nur durch die ewig grünen Palmen, und die ausdauernden Oliven, Feigenbäume und Wein- ftöcke etwas unterbrochen wird. Alle Bäche mit ganz wenigen Ausnahmen sind dann vertrocknet und zeigen blos ihre steinig ten, unfruchtbaren Stromthäler. Das dürre Gras, die Getreid- stoppeln, selbst die saftlosen Hecken entzünden sich dann oft durch die geringste Veranlassung und es entstehen weitläufige Feldbrände. Besonders leicht ist dies der Fall, wenn der Ost wind über die arabische Wüste herweht. Die Gluth dieses Windes ist so fürchterlich, daß sich die Einwohner während dessen in ihre Häuser einschließen und nur im äußersten Noth- sall herausgehen. Mit dem Eintritt des Herbstes kommen erst anhaltende, schon erwähnte Frühregen wieder und geben dem ganzen Lande ein anderes Ansehen. Alles grünt dann von Neuem, und der milde und kurze Winter unterbricht dieses Keimen und Wachsen sehr wenig; schon im Anfang des Februar blühen die Mandel-, Pfirsich- und Oelbäume, und Alles ist mit reizenden Blumen bedeckt, obgleich bisweilen ein kalter Nord wind vom Libanon herab daran erinnert, daß es noch nicht Sommer ist. Palindrom. Ei, das ist wieder ein unverständliches, fremdes Wort! — Seid ruhig! Ihr werdet es gleich verstehen, wenn ich euch sage, daß es ein Räthsel bedeutet, nämlich ein Wort, das vor- und rückwärts gelesen, entweder die nämliche Bedeutung oder auch verschiedene Bedeutung hat. Zur Uebung will ich euch hier ein Dutzend solcher Räthsel anhängen. 1. Mich wäscht das reinste Bad nicht weiß, Da ist wohl Seife und Mühe verloren. Doch rückwärts, wenn die Sonne heiß, Wird Alles durch mich neu geboren.544 2. Vorwärts bin ich grün und geliebt, Rückwärts schwarz und verhaßt; Vorwärts deck' die Erde ich, Rückwärts deckt die Erde mich. 3. Vorwärts gelesen, erzeuge ich Wein; Kehrst du mich um so werd' ich ein Schwein. 4. Ich lag're schwer oft über'm See, Die Sonne zieht mich leicht in die Höh'; Denn sieht sie mich durchdringend an, Alsbald ist es um mich gethan. Willst du des Räthsels Schleier heben, So rufe rückwärts mich in's Leben. 5. Lies vorwärts oder rückwärts mich, Ich bleibe unveränderlich. 6. Lies mich vorwärts, lies mich rückwärts; Immer bleib' ich, wer ich bin. Kommt der Frühling, komm' ich mit ihm; Geht er, zieh' ich mit ihm hin. Denn ich lieb' das Wanderleben, Musicir' in Feld und Wald ; In zwei Hellen Tönen ruf' ich, Daß es weithin lustig schallt. 7. Den Dieben wehrt mein Eisen; Auch kann ich wacker beißen, Wenn man mich umgekehrt Mit Appetit verzehrt. 8. Vorwärts ist's ein hölzern Ding, rückwärts wird's lebendig und stink. 9. Ich bekleide Thal und Höhen, bin den Hirten wohl bekannt; mich kannst du im Haine sehen und an Baches Uferrand. Wenn du rückwärts mich genommen, so bin ich ein düst'res Haus; wer als Wohnung mich bekommen, tritt wohl selten nur heraus. 10. Der Jäger hat mich auf dem Strich, Der Krähen Schaar verfolget mich,545 Lies vorwärts oder rückwärts mich, ich bleibe unveränderlich. Den dunklen dichten Fichtenwald erwähl' ich gern zum Aufenthalt; verhaßt ist mir der Sonne Licht, weil es mir in die Augen sticht. Die Nacht, die keines Menschen Freunds mir stets nur angenehm erscheint. Mein Ton klingt hohl und schauerlich; den eig'nen Namen rufe ich. 11. Schwarz bin ich, wie der Teufel, du kennst mich ohne Zweifel; heiß ist mein Vaterland. Werd' rückivärts ich gelesen, so stndest du ein Wesen, das Nutzen bringt für's Land. 12. Zwei Nomaden nenn' ich dir, Vorwärts Einen, rückwärts Einen, Ihre Namen sehen wir In der Bibel selbst erscheinen. (Vorwärts.) Tausend Ziegen — lies't du dort — Und dreitausend Wollentrüger Horchten auf des Emirs Wort- Denn er war ihr Herr und Pfleger. Doch ihm schlug kein gutes Herz In dem Busen. Fremd der Liebe, Blieb er taub bei And'rer Schmerz, Schwelgte nur in med'rem Triebe. Desto freud'ger weilt der Blick Bei dem holden, sanften Wesen, Das, begünstigt vom Geschick, Er als Weib sich auserlesen. An Verstand und Schönheit reich, Ist auch edel ihr Gemüthe, Osten fremder Noth sogleich Voller Mitleid, voller Güte. Deßhalb, als den Trunkenbold Beim Gelag die Straf' ereilet, Kinder- Conversatious- Lexikon. 35546 Wird sie, der das Schicksal holv, Einem Würd'gern zugetheilet. (Rückwärts.) Auch der zweite Wüstensohn, Den uns unser Räthsel nennet, Sprach der Nächstenliebe Hohn, Wie die Bibel selbst bekennet. Gegen seiner Schwester Kind, Das die Furcht zu ihm getrieben, Ist sein Herz — von Habsucht blind — Liebelos und hart geblieben. Doch — ich schweige nun davon; Denn die Namen der Nomaden Haben meine Leser schon Sicher ohne Müh' errathen. Pcrtmbtrum. Liebe Rosa! Unter den Palmen gibt es einen Baum, von dem ich Dir einiges schreiben will, nämlich die Sagopalme. Sagosuppe wirst Du schon öfter gegessen, aber vielleicht noch nicht gewußt haben, daß die kleinen mehligen Körner, welche man Sago nennt, aus dem Marke eines Palm baumes gemacht werden, den man die Sagopalme nennt. Diese Palme wächst in Indien, besonders gern da, wo der Boden recht sumpfig ist. Sie hat fast gar kein Holz, sondern unter der drei Zoll dicken Rinve eine solche Menge von mehligem Mark, daß ein einziger Baum, wenn man ihn umhaut, sechs Zentner Mehl gibt. Das ist für die armen Indier eine große Wohlthat, denn sie machen daraus nicht bloß Sago, sondern backen aus dem Sagomehl all ihr Brod, und man könnte diesen Baum wohl noch besser Brodpalme nennen. Die Sagopalme hat eine Krone von Blättern, deren Blattstiele wie ein Arm so dick und 8 Meter hoch sind, also dreimal so hoch als ein Mensch. Aus diesen ungeheuren Stielen macht man Zäune, Bänke, Stühle und allerlei Hausrath, ja die Indier bauen daraus sogar ganze Hütten, die so leicht sind, daß sie einige Menschen leicht von einem Orte zum andern tragen können, aber freilich auch nur acht bis zehn Jahre halten. Du siehst also, was der Palmbaum für ein herrlicher und segensvoller Baum ist, wiewohl ich Dir von der Dattelpalme, Kohlpalme, Weinpalme, Wachspalme, Oelpalme u. s. w. nichts geschrieben547 habe. Von ihnen bekommt der Mensch Datteln und Kohl zum Essen, Wein zum Trinken, Wachs zu Fackeln und Lichtern, Oel zu Seife, zum Einreiben der Haut und zum Brennen, und ich würde nicht fertig werden, wenn ich Dir alle die Wohl- thaten aufzählen wollte, welche der allgütige Schöpfer den armen Menschen durch die Palmen erweiset. Es sei an diesem genug. Lebe wohl! Palmen, Ich trag' von Jugend auf die Krone, Bin stolz auf meinen hohen Stamm. Du kennst, weil ich zu fern dir wohne, Wohl nur mein Bild und meinen Nam'. Man nennt mich König, und mit Rechten — Ich bin's in einem großen Reich. Gar Viel mit mir sich messen möchten Allein es ist mir keiner gleich. Doch weiß ich nichts von eig'nem Lande, Weiß nichts von einem Unterthan; Ein Räumchen nur auf trocknem Sande Das seh' ich als mir eigen an. Und kein Palast — nicht eine Hütte Ist mir zum Schutze weit und breit. Ich steh' in meiner Brüder Mitte Als Sinnbild armer Herrlichkeit! Das ist mir ein sonderbarer König, werdet ihr sagen — ein König ohne Land und Unterthan; dem wird auch seine Krone nicht gar zu schwer fein und ihm nicht viel zu denken machen. Doch laßt euer spöttisches Zweifeln gut sein, meine Lieben, und höret, was ich euch jetzt von der Palme — und nament lich von der Kokospalme — erzählen werde und sehet und vergleichet dann, ob sie nicht dieser König sein könnte, von dem das Rüthsel spricht. Die Palme ist ein Baum, wie es wohl keinen andern gibt. Ganz verschieden von allen ist er von der Wurzel bis zum Wipfel. Eine schlanke Säule ist sein Stamm, ohne Aeste und Zweige. Oben trägt er einen Büschel Blätter, die bei manchen Palmen 6—7 Meter lang sind und die Krone 35*548 bilden. Die Palmen wachsen nur in warmen Ländern, ja wohl nur in den wärmsten. Nicht einmal Spanien oder Ita lien liegt ihnen südlich genug. Da, in ihrer Heimath stehen sie in Gruppen beisammen oder bilden ungeheure Waldungen, die sich, kaum einige Stunden breit, nicht selten in fast un unterbrochener Länge von 40—50 Stunden dem Meere entlang hinziehen. Es soll etwas Eigenthümliches und Lieblicherhabenes sein um so einen Palmenwald. Der Boden duldet kein nie deres Gesträuche. Von glattem Grunde aus erhebt sich Säule an Säule, die alle oben ihre Blätter einander entgegen reichen und dadurch ein Dach bilden, nicht unähnlich dem Gewölbe einer gothischen Kirche. Durch diese schimmert die Helle des Tages herein, und selbst bei höchstem Stand der Mittagssonne ist in diesen lebendigen Hallen mildes Licht und Kühle. Von allen Palmengattungen aber nimmt die Kokos palme den ersten Platz ein. Ihre Frucht wird in der alten Jndianersprache Narikela, d. h. die Saftige genannt. Sie ist erquickend und nährend für die Indianer, stillt Durst und Hunger. Ueberhaupt ist der Baum von so mannigfaltigem Nutzen, daß die Sage unter den Völkern Indiens geht, er nütze zu 99 Dingen, nur das hundertste könne der Mensch nimmer ausfindig machen. Der Stamm liefert Holz zu Bal ken, Latten und Masten für Hütten und Schiffe. Die hohlen Palmstämme dienen zu Wasserrinnen. Aus den Wurzeln siechtet man Körbe und Wannen. An den Blattwurzeln setzt sich ein Netzgewebe an, das zu Kinderwiegen und Packleinwand verbraucht wird. Die Fasern und Fäden, die sich um die Rinde und die Nuß ansetzen, geben Bindfäden, Stricke und Tauwerk. Oben in Mitte der Krone ist das Herz der Blätter. Diese sind äußerst zart und wohlschmeckend und geben das delikateste Gemüse unter dem Namen Palmenkohl. Die zarten Blätter geben Futter für die Elephanten, die größern dienen als Sonnenschirme, zum Dachdecken, zu Körben, statt Papier zum Schreiben u. dgl., die ausgewachsenen Blätter dreht man und zündet sie als Fackeln an. Ehedem deckte man auch Palm blätter als Tischtuch über die Tische der Vornehmen und trug in zierlich geflochtenen Blättern die Speisen auf. Die Blatt rippen geben Stecken und Besen. Nicht minder reich an Nutzen und Verwendung sind auch die Blüthen, die grünen und reifen Früchte, die man das Jahr hindurch gleichzeitig am Baume sieht. Man macht in der Küche verschiedene Speisen daraus, ja, ein indisches Sprichwort sagt,549 daß eine geschickte Hausfrau ihrem Manne aus grünen Kokos nüssen einen ganzen Monat lang jeden Tag ein anderes Lieb lingsgericht zu bereiten wisse. Ueberdieß ist der Saft der vollen unreifen Nuß ein äußerst kühlendes, labendes Getränk. Die reise endlich hat einen Kern, so groß wie ein Straußei, fest und süß, aber hohl. In der Höhlung ist die süße Kokosmilch, die auch zu mancherlei Dingen gebraucht wird. Aus dem Kerne kann auch ein kostbares und vielfach brauchbares Oel gepreßt werden. Und so ließe sich noch vieles auszählen, wozu der Baum und seine Früchte und Blätter nützen; aber es würde zu weit führen. Nur das eine will ich noch erwähnen: Aus den noch ungeöffneten Blüthen, wenn sie einen Ritz oder Einschnitt be kommen, fließt ein köstlicher Wein, der Palmenwein. Der ist sehr gut und labend uno man kann aus ihm Essig, Arrak und Zucker bereiten. Daß die Kokospalme bei den Indiern in großer Verehrung steht, darf uns aus dieshin nicht wundern. Die Palmen um ihre Hütten sind ihnen traute Gesellschafter, ohne die sie sich in der Heimath fremd fühlen würden. Bei der Geburt eines Kindleins pflanzen sie in Ceylon eine Palme, die in ihrem Wachsen so zu sagen der Kalender ist, nach dem sie die wiederkehrenden Geburtstage des Kindes zählen. Die Zweige der Palmen haben seit uralter Zeit eine symbolische (sinnbildliche) Bedeutung. Wenn die Krieger vom Siege heimkehrten, zog man ihnen mit Palmenzweigen entgegen und führte sie so im Triumphe vollends in ihre Heimath zu rück. Auch aus der Geschichte unsers göttlichen Erlösers wis sen wir, daß das Volk am letzten Sonntage vor seinem Leiden ihm mit Palmenzweigen entgegen zog und diese auf den Weg streute und ihn unter tausendstimmigem Hosanna nach Jerusalem führte. Diesen Triumphzug feiern wir Christen alljährlich in unfern Kirchen. Da aber wir hier zu Lande keine Palmen haben, so nehmen wir die Zweige einer Weide, die eben ihre Blüthenknospen treibt. Und nun, meine Lieben, will ich euch zum Schlüsse noch ein Geschichtchen erzählen. Im fernen Morgenlande lebte ein Mann, der sehr gut und weise war. Er besaß viele Dinge, die den Menschen reich machen, hatte aber weder Sohn noch Tochter. Eines Morgens ward ihm ein Knäblein geboren und seine Freude darüber war nicht zu beschreiben. Er nannte dies sein größtes Glück, dachte aber dabei, was wohl aus dem Kinde werden wird.Und indem er so — in Lust und Gedanken vertieft — seinem Palmenwalde zuwandelte, gewahrte er ein ganz junges Palmen- pstänzchen, das eben auch an jenem Morgen der Erde ent sprossen war. „Das ist mir ein gutes Zeichen" dachte er, „mein Söhnlein wird wachsen und gedeihen wie die Palmen meines Haines." So war es auch. Und als die junge Palme die ersten Blüthen zeigte, fing auch das Knäblein an zu denken, und das Gute zu erkennen. Da führte es der Vater zum blühenden Baume und sprach: „Sieh, mein Sohn, diese Palme ist so alt wie du. Schon blüht sie und laßt mich hoffen, daß ich mich bald au ihren Früchten laben werde. Laß auch du mich dieses von dir hoffen, mein Herz hungert und dürstet nach deinen Früchten." Der Knabe lehnte sich schweigend an des Vaters Hand und umfaßte sie. Beinahe hätte er die Worte des väterlichen Herzens ganz verstanden. Was daran fehlte, sagte ihm des liebenden Vaters Blick. Jahre verstrichen. Das Bäumlein ward zum Banm, der Knabe zum Mann. Des Vaters Hoffen erfüllte sich. Die Palme war die Lust Aller, die sie sahen, und erquickte Un zählige. Der Sohn wurde durch die Gaben seines Geistes und Herzens reicher Segen für seine Mitmenschen. Und als er des Tagwerkes müde am späten Lebensabende sich zur ewigen Ruhe legte, brach auch der morsche Stamm jener Palme, die mit ihm zu sein begonnen hatte. Noch immer aber erzählt man sich hier die Geschichte von dem edlen Sohne und den fruchtbaren Palme. Papagei. Kind. O, das sind mir die liebsten Vögel! Lehrer. So, die Affen unter den Vögeln gefallen dir also am besten. Der Affe ist immer munter, listig und schel misch, und stiehlt Alles weg, was er sieht und erwischen kann, er mag es fressen können oder nicht. Und gerade so macht es auch der Papagei. Er nimmt Alles in seinen dicken, krummen Schnabel, was glänzt, Glas, Ringe, Schnallen und Löffel, und oft sogar glühende Kohlen, und schleppt sie weg. K. Gibt es viele Papageien? L. O ja, man zählt jetzt schon mehrere hundert verschie dene Arten, die alle an Größe und Farbe merklich von ein ander verschieden sind. Es gibt welche, die die Größe eines Haushahns haben, aber auch solche, die kaum so groß sind,, als ein Sperling. Und der Farbe nach gibt es rothe und grüne,551 gelbe und graue, weiße und schwarze und blaue und eine Menge ganz bunte Papageien. K. Bei uns sieht man die Papageien nur in Menagerien; wo ist denn ihr Vaterland? L. Der Papagei ist in Ostindien, Südafrika und Süd amerika zu Hause; in Ostindien und China aber gibt es die meisten und schönsten. Sie wohnen und nisten häufig dort aus Cocosnuß- und Muscatnusbäumen, und hängen ihr Nest an deren äußerste Aeste und Zweige, damit die Schlangen und Eidechsen nicht zu ihnen hinaufkriechen und ihnen Schaden thun können. K. Was fressen sie denn? L. In seiner Freiheit frißt der Papagei Cocosnüsse, Eicheln und Kürbiskerne und fast alle Arten von Getreidekör nern, auch Hirsen und Reis; wenn er aber einmal zahm ge worden ist, so frißt er Alles, was die Menschen essen, Gekoch tes und Gebackenes, Obst, Brod und Gemüse. Er bringt seinen Fraß mit den Zehen zum Munde, und steht so lange, bis er gefressen hat, auf einem Fuße. K. Kann man denn die Papageien zahm machen? O, dann sind sie mir noch lieber! L. O ja, er ist leicht zu zähmen, und nicht nur dieses, sondern er kann auch vermöge seiner starken Stimme, seiner dicken breiten Zunge und seines guten Gedächtnisses wegen, sehr bald deutlich und angenehm sprechen lernen. K. Was nicht gar! — Wie macht man es denn, daß er das Sprechen lernt? L. Man deckt seinen Käsig oder Bauer bis auf ein kleines Stück zu, hängt vor das offengelassene Stück einen Spiegel, damit er sich darin sehen kann, und sagt ihm nun Morgens und Abends, wenn er gegessen hat, einerlei Worte etliche Mal vor. Und so lernt er bald etwas nachplappern, was man haben will. Ein gewisser Gelehrter erzählt folgende Geschichte von zwei Papageien: Ein Papagei des Königs von England, H e i nr ich VIII., siel in die Themse (ein Fluß). Er schrie: Zwanzig Pfund Sterling, wer hilft! Als ihn aber ein Matrose aufgesischt hatte, rief er: Zehn Schilling ist auch genug! — Ein Kaufmann hatte einen Barbier, Namens Marcus. So oft derselbe nach dem Rasiren von ihm ging, sagte der Papagei: Adieu, Meister Markus! Unglücklicher Weise erwischte einmal die Katze den Papagei beim Flügel, und eilte mit ihm552 t Zur Thüre hinaus, als eben der Barbier hereintreten wollte; sobald der Vogel den Barbier ansichtig wurde, schrie er aus allen Leibeskräften: Adieu, Meister Markus! und wurde da durch glücklich gerettet. — K. Ei, das ist gar nicht übel! — Die schönen Papageien sind gescheidte Vögel; sie können gewiß auch recht schön singen? L. Nicht errathen! Unangenehm wird das Ohr berührt durch das laute, unmelodische Geschrei dieser Vögel und könnte einen Musikkenner leicht zur Verzweiflung bringen. — Zum Schlüsse will ich dir noch erzählen, was der Dichter „Blaul" von einem Papagei und einer Nachtigall sagt: Am Fenster eines Schlosses hing in einem großen gold'nen Ring ein wunderschöner Papagei. Und während er sich schaukelnd wiegt, und stolz sich spreizet, sieh', da fliegt just eine Nachtigall vorbei. Da ruft der Papagei: „Schau, schau! das kleine Thier ist krötengrau; geh', pack' dich, lasse dich nicht seh'n!" Und still die Nachtigall entflieht, verbirgt sich, daß sie keiner sieht der Leute, die vorübergeh'n. Und siehe, die vorübergeh'n, sie bleiben vor dem Fenster steh'n, bewundern laut den Papagei. Wie schwillt dem Stolzen da die Brust, wie höret er das Lob mit Lust, daß er der allerschönste sei! Doch horch! jetzt schlägt die Nachtigall, und ihrer Stimme süßer Schall die Wand'rer alle ganz entzückt. Von allen Menschen ringsumher hat plötzlich auch nicht einer mehr nach unserm Papagei geblickt. Wie war der Papagei beschämt! Wie hat er sich so tief gegrämt, daß ihn die Welt so schnell vergaß,553 daß er mit seiner Federzier besiegt war durch das graue Thier, das unsichtbar im Busche saß. So geht es noch heute: Kleider machen Leute. Doch wer nicht so geputzt ist, nicht so stolz aufgestutzt ist, aber dafür etwas kann, ist doch weit besser daran. Ich weiß noch ein Geschichtchen von einem Knaben und einem Papagei: Es war einmal ein Bauernknabe, und der hieß Hans. Er ging zum ersten Mal in die Stadt. Potztausend! was sah er da für Kramladen und wunderschöne Sachen! Am Besten aber gefielen ihm die Laden mit Wecken, Würsten und Pasteten. Er kam darauf Zu einem großen gar prächtigen Haus. Da war ein Fenster offen und ein grüner Vogel stand auf dem Gesimse. Das war ein Papagei. Hans halte d'raußen im Walde schon viele Vögel gesehen, aber einen so hübschen nicht. Er blieb mit Verwunderung stehen und schaute ihn an. Er hatte die Hände in den Taschen und den Mund und die Augen weit offen. Jetzt rief der Papagei ganz laut: Guten Tag! Spitzbub! Wart du Leckersbub! Guten Tag! — O Jemini! wie ist da unser Hans erschrocken und bleich geworden. Ge schwind riß der einfältige Knabe die Kappe vom Kopf urid sagte: Guten Tag! Verzeihet mir, Herr, ich Hab' halt gemeint, Ihr seied nur ein Vogel. Papier. Das Papier wird aus alten Lumpen gemacht, die in der Papiermühle zerschnitten und in Trögen voll Wasser zu einem Teig zerstampft werden. Die Scheere und die Stampfe werden vom Wasser getrieben. Die fein zerstampften Lumpen kommen hierauf in einen Kessel voll warmen Wassers, in wel chem die Papierformen, die wie ein Drathsieb aussehen, aber viereckig sind, getaucht und wasserrecht herausgehoben werden. Das Wasser läuft, wenn man sie herauszieht, durch das Drath- geflechte ab, aber die aufgelösten Fasern der zerstampften Lum pen bleiben in Gestalt eines Bogens Papier in der Form zu rück. Der nasse Bogen wird nun zwischen härene Tücher ge legt, irnd ein ganzer Stoß miteinander ausgepreßt. So läuft554 nun das noch darin enthaltene Wasser vollends ab und/die Bogen können aufgehängt und getrocknet werden. Trocken kommen sie hierauf nochmal unter die Presse, und so kauft sie ballenweise der Buchdrucker oder der Papierhändler. Ein so fabri- zirtes Papier heißt man geschöpftes Papier, zum Unterschied von dem, das auf Maschinen bereitet und Maschinen-Papier genannt wird. Pappel. Kennet ihr die schönen Bäume, an der Straße stehen sie so hoch und schlank, nicht breit und dick und oben wie zugespitzt, alle, einer dem andern gleich, an Höhe und Breite und Gestalt, in einer Reihe gepflanzt, gleichweit von ein ander entfernt? Ja, werdet ihr antworten, ihr Name ist Pappel. Wie, wenn alle Kinder einander so ähnlich wären an Kenntniß und guten Sitten, wie die Pappeln; welche Freude der Eltern und Lehrer! Parabel. Die Parabel oder Gleichnißrede ist die Darstellung einer erdichteten Handlung als Sinnbild einer an dern, welcher eine Sittenlehre unterlegt ist. Die Parabel unterscheidet sich dadurch von der Fabel (siehe letztere in diesem Conversations-Lexikon), daß sie vorzugsweise zum Gemüthe redet, während die Fabel nur den Verstand beschäftiget. Die unübertrefflichsten Muster der Parabel enthält die heilige Schrift. Ihr alle kennet dieselben und leset sie täglich in euern Schulen! Unter den Neuern zeichnen sich als Parabeldichter aus: Herder, Krummacher, Caroline Pichler u. A. Von Kr ummach er will ich euch hier ein paar Parabeln erzählen. Gebet Acht! Die Pfirsiche. Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten, die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum erstenmal. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen Aepfel mit den röthlichen Backen und zartem Pflaum. Darauf vertheilte sie der Vater unter seine vier Knaben, und eine erhielt die Mutter. Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der Vater: Nun, wie haben euch die schönen Aepfel ge schmeckt ? Herrlich, lieber Vater, sagte der Aelteste. Es ist eine555 schöne Frucht, so säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam bewahrt, und will mir daraus einen Baum erziehen. Brav! sagte der Vater, das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es dem Landmann geziemt! — Ich habe die meinige sogleich aufgegessen, rief der Jüngste, und den Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von der ihrigen gegeben. O das schmeckte so süß und zer schmilzt einem im Munde. — Nun, sagte der Vater, du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum genug im Leben. Da begann der zweite Sohn: Ich habe den Stein, den der kleine Bruder fortwarf, gesammelt und aufgeklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte so süß, wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich Hab' ich verkauft, und so viel Geld dafür er halten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölfe dafür kaufen kann. Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: Klug ist das wohl, aber — kindlich wenigstens und natürlich war es nicht. Bewahre dich der Himmel, daß du kein Kaufmann werdest! — Und du, Edmnnd? fragte der Vater. — Unbefangen und offen antwortete Edmund: Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht. Er wollte sie nicht nehmen. Da Hab' ich sie ihm auf das Bette gelegt, und bin hinweg gegangen. Nun! sagte der Vater, wer hat denn wohl den besten Gebrauch von seiner Pfirsich gemacht? Da riefen sie alle drei: Das hat Bruder Edmund gethan! — Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit einer Thräne im Auge. Die kleine Wohlthäterin. Es war ein kalter, strenger Winter. Da sammelte die kleine Minna, die einzige Tochter wohlthätiger Eltern, die Krüm chen und Brosamen, die übrig blieben, und bewahrte sie. Dann ging sie hinaus zweimal am Tage auf den Hof, und streuete die Krümchen hin. Und die Vögelein flogen herbei und pickten sie auf. Dem Mädchen aber zitterten die Hände vor Frost in der bitteren Kälte.556 Da belauschten sie die Eltern und freuten sich des lieblichen Anblicks, und sprachen: Warum thust du das, Minna? Es ist ja Alles mit Schnee und Eis bedeckt, antwortete Minna, daß die Thierchen nichts finden können; nun sind sie arm, darum füttere ich sie, so wie die reichen Menschen die armen unterstützen und ernähren. Da sagte der Vater: Aber du kannst sie doch nicht alle versorgen! Die kleine Minna antwortete: Thun denn nicht alle Kin der in der ganzen Welt' wie ich, so wie ja auch alle reichen Leute die armen verpflegen? — Der Vater aber blickte die Mutter des Mägdleins an und sagte: o du heilige Einfalt! Der Kuhhirt. Ein Knabe weidete ein Rind auf einem Grasplatz neben einem Garten. Als er nun in die Höhe sah nach einem Kirsch baum , merkte er, daß einige reife Kirschen darauf saßen, die glänzten ihm röthlich entgegen, und es gelüstete ihn, sie zu pflücken. Da ließ er das Thier und kletterte aus den Baum. Die Kuh aber, als sie den Hirten nicht sah, ging davon und barst in einen Garten, und fraß Blumen und Kräuter, nach ihrem Gelüst, anderes zertrat sie mit den Füßen. Als der Knabe solches sah, ward er sehr entrüstet, sprang von dem Baum auf die Erde, lief hin, ergriff das Rind und zerschlug und schmähte es jämmerlich. Da trat der Vater, der Alles gesehen hatte, zu dem Kna ben, und sah ihn ernstlich an und sprach: Wem gebühret solche Züchtigung, dir oder dem Thiere, welches nicht weiß, was rechts oder links ist? Bist du minder deinem Gelüste gefolgt, als das Thier, welches du leiten solltest? Und nun übst du solch ein unbarmherzig Gericht, und vergissest deiner Vernunft und deiner eigenen Sünde. . . . Da schämte sich der Knabe und erröthete vor dem Vater. Das bittere Blümchen. Eine Mutter ging an einem Frühlingstage mit ihrem Töchterlein hinaus in das Gebirge. Und als sie nun draußen557 waren, freuete sich das Mägdlein der vielen Blumen und Pflan zen, die am Wege standen und blüheten. Aber vor andern hatte sie Wohlgefallen an einem Blüm chen, das war klein und zart, und seine Farbe war röthlich und schön. Jda, — denn also hieß das Mädchen — brach das Blümchen, und betrachtete es mit Freude und küßte es und roch daran, und konnte nicht aufhören es zu preisen. Aber bald wurde sie alles dessen überdrüssig und satt. Sie verlangte noch größere Freude an dem Blümchen zu haben, und steckte es in den Mund und wollt' es essen. Aber was folgte nun? Jda kam in vollem Laufe zur Mutter, und weinte und rief: O liebe Mutter, das Blümlein war so schön von Gestalt und Farbe, und da aß ich es, aber nun ist es so bitter, daß es mir inwendig den Mund ganz kraus ziehet. O pfui der bösen häßlichen Blumen. — So sagte das Mägdlein. Aber die Mutter antwortete und sprach: Mein liebes Kind, warum schmähest du die Blüm chen? sie sind doch immer noch so schön von Gestalt und Farbe wie zuvor, und geben einen lieblichen Geruch; ist das nicht viel und genug? Man isset ja auch die Blümchen nicht! — Peiksühe. Wer kennt die nicht! — Kaum kann das kleine Kind die Hand recht halten, so greift es nach der Peitsche; kaum kann es rufen, so ruft es nach der Peitsche; kaum kann es gehen, so will es mit der Peitsche rennen und klatschen. Der muntere Knabe weiß sich geschickt mit Schnur und Stab eine Peitsche zu verfertigen oder er kauft eine aus Leder gefloch tene und rennt damit durch die Straßen. Halt! nur keine Peitschenhiebe auf Thiere. Warum denn den Thieren Schmerzen machen, während sie für den Menschen Mühe und Arbeit haben. Quäle nie ein Thier; wenn es reden könnte, es würde laut klagen. Aber wenn es auch nicht reden kann, sein Schöpfer sieht alles, und was muß der Mensch erwarten, der ein Ge schöpf Gottes, das den Schmerz wohl fühlt, plagt? — Pelikan. Kind. Nun Pelican, Kropfgans oder Eselschreier, oder wie du sonst noch heißen magst, wie ging es wohl zu, daß man von dir lange Zeit geglaubt hat, du hackest dir die Brust auf, und fütterst deine Jungen mit deinem eigenen Blute? Pelikan. Ja, das weiß ich nicht. Vermuthlich haben die Leute, die das von mir sagten und glaubten, mich nie in558 der Nähe gesehen, und einander nur etwas aufbinden wollen; oder sie glaubten, das Wasser und die Fische und Gewürme, die ich meinen Jungen aus dem Sack, den ich unter meinem Schnabel hängen habe, vorspeie, sei Blut. Kind. Du hast recht, ehrliche Kropfgans, so mag diese dumme Fabel entstanden sein. Nicht wahr, Eselschreier, du bist so groß, wie ein Schwan, oder auch etwas größer, siehst fast ganz weiß aus, hast beinahe einen meterlangen und zwei Fin ger breiten Schnabel und unter demselben einen langen, tiefen Sack hängen? Pelican. Richtig, das habe ich. Kind. Und wie groß ist dieser Sack? Pelican. Ueber einen Meter lang, und einen halben Meter tief, und überhaupt fo breit und groß, daß ich einen Menschen kopf hinein stecken kann. Kind. Bist du ein Menschenfresser? Pelikan. O nein, dafür bedanke ich mich. Ich fresse Fische und Gewürme, weil ich sie von Jugend auf gewohnt bin und deren ich auch in meinem Vaterlande Asien, Afrika und Amerika in Menge finde. Kind. Und wie fängst du die Fische? Pelican. Ich stecke meinen langen Schnabel ins Wasser, sperre ihn von einander, und fülle meinen Sack mit Wasser, Fischen und Gewürmen an. Merke ich, daß ich eine Mahlzeit Fische gefangen habe, so ziehe ich ihn heraus, und speise nun meinen Raub mit Bequemlichkeit auf. Habe ich Junge^ so stiege ich mit vollem Sack Zu ihnen, und speie ihnen alles vor, was darin ist, Wasser, Fische und Gewürme. Ich niste auf den Klippen, die nahe am Meere liegen, ziehe alle Jahre fünf bis sechs Junge groß, und verlasse mit meinem Willen nie mein Vaterland, weil ich weder hoch noch weit fliegen kann. Doch geschieht es zuweilen, daß ich mich, oder eines von meinen Kindern, sich auf dem Meere verirren, und von einem Sturmwinde nach Europa geschleudert, oder von Menschen dahin geschleppt werden kann. Kind. Beißen dich denn die Fische, die du fängst, nie in die Zunge, oder bohren sie dir nicht gar Löcher in deinen Sack, und entwischen dir wieder? Pelikan. O nein, beides müssen sie bleiben lassen. Denn erstlich habe ich keine Zunge; und das Durchbohren meines Sackes vergessen sie, weil ich ihnen gleich, sobald ich sie fange, den Leib zerbreche. Ich fürchte mich sogar nicht einmal559 Dor jungen Hunden und Katzen, denn sobald sie mir nahe kom men, schnappe ich sie weg zerquetsche ihnen Kopf und Leib, und lasse sie in meinen Sack fallen, und von da nun stückweise in meinen Magen marschiren. Kind. Armer Pelican! Hast du denn wirklich keine Zunge? Pelican. Nein, ich brauche auch keine. Ich kann fressen, saufen und klappern, und wenn ich will auch ziemlich schreien. Heißt man mich nicht deßwegen auch Eselschreier, weit ich gerade so schreien kann, wie ein Esel! Kind. Wie alt wirst du? Pelican. Wenn es gut geht, fünfzig bis sechzig Jahre. Allein der hungrige Indianer erwürgt mich gewiß eher, als ich das dreißigste Jahr erreicht habe, und ißt mein Fleisch, das doch sehr nach Thran schmeckt, sammt Eingeweiden und allem, was darin steckt, gierig auf. Pelz. Lieber Heinrich! Die meisten vierfüßigen Thiere sind mit Haaren bekleidet. Ein solches Haarkleid nennt man einen Pelz. Wie leicht und warm ein Pelz ist, weißt Du, viel leichter und wärmer als ein Tuchkleid. Je kälter das Land ist, in welchem die Thiere leben, desto wärmer und kost barer ist der Pelzrock, mit dem sie aus die Welt kommen. Es bleibt sich aber das Haarkleid der Thiere nicht das ganze Jahr hindurch gleich, wie Du dieses recht deutlich an einer Katze sehen kannst. Wenn der Winter kommt, so wachsen den Thieren längere Haare, sie werden mit dem Winterpelz angethan. Kommt dagegen der Sommer, so gehen ihnen die langen Haare aus und kurze wachsen nach. Sie werden alsdann mit dem Sommer kleide angethan. So bekommen alle Haarthiere im Frühling von der Güte des Schöpfers ein neues Kleid, ohne daß sie im geringsten dafür zu sorgen brauchen. Die Haare sind nicht bei allen Thieren gleich lang, auch nicht gleich dick. Die Hirsche haben kurze, die Bären lange Haare, und die Faulthiere so lange Haare, daß sie wie langes, welkes Gras am Leibe hän gen. Die Haare des Pferdes sind am ganzen Leibe kurz, aber am Hals und am Schwanz sind sie sehr lang. Und nun sage mir, wie nennt man die langen Haare, die das Pferd und der männliche Löwe am Hals haben? Die Haare der Kaschimir- ziege sind wie Seide so sein, daß man Halstücher daraus webt, die man durch einen Fingerring ziehen kann. Weißt Du, wie man die seinen und weichen Haare der Schafe nennt, in welche560 wir uns kleiden? Und was ist das für ein Thier, dessen dicke und steife Haare man Borsten nennt? Welche Thiere haben sogar einen Wald von Stacheln auf dem Rücken, und welche sind mit einem Panzer versehen? In heißen Ländern gibt es Thiere, welche fast gar keine Haare, aber eine sehr dicke Haut haben. Man nennt sie Dickhäuter. Nenne mir diese Thiere! Lebe wohl! Perlmuschel. Lieber Martin! In Teichen, Flüssen, See'n und Meeren leben Thiere, an denen man weder Kopf noch Sinneswerkzeuge zu erkennen vermag. Der Körper bildet eine weiche, unförmliche Masse, welche mit einer einem Mantel ähnlichen schlaffen Haut umgeben ist. Zwischen den Lappen desselben findet sich der Mund. Sie athmen wie die Fische durch Kiemen. Während aber die Natur die äußern Organe dieser Thiere vernachlässigt hat, sind die innern vollkommener als bei allen Gattungen der wirbellosen. Das Thier hat zum Schutz und Aufenthalt ein Gehäuse von zwei kalkhaltigen Scha len, die auf der einen Seite durch ein Schloß zusammengehalten werden und beliebig geöffnet werden können. Diese Thiere werden Muscheln genannt. Du kennst ohne Zweifel die Maler muschel, auf deren innerm glatten Schalenrand die Farben ge rieben werden. Eine köstliche Muschel ist die Perlmuschel, welche sich nur in wenigen Meeren, so im persischen Meerbusen und in den ostindischen Meeren findet. Neben dem Thiere liegen oft glänzende, milchweiße Körperchen, Perlen genannt, die man für krankhafte Absonderungen hält. Sie werden dem Gold und den Edelsteinen gleich geschätzt, wenn sie recht rein sind, und schmücken häufig die Kronen der Fürsten, sowie die Ge schmeide vornehmer Frauen. Taucher *) steigen nieder auf den Grund des Meeres und suchen diese Thiere unter vielerlei Ge fahren auf, wie der Bergmann in der Tiefe der Schachten die Schätze der Erde für die Herren derselben hebt. Lebe wohl! Pestalozzi, Heinrich. Ich will euch von diesem Manne erzählen, liebe Kinder; von diesem edlen Manne, der nicht nur ein Wohlthäter seines Vaterlandes, der Schweiz, son- *) Schlag in diesem Lexikon ans: „Taucher" — da findest Du noch em Bneschen an Dich; lies es recht bedachtsam.561 bern ein Wohlthäter der ganzen Menschheit genannt werden kann. O wenn ihr wüßtet, wie traurig es in frühern Zeiten in den Schulen aussah, welch' eine strenge Zucht da herrschte, und wie schwer den Kindern damals das Lernen wurde, gewiß, ihr würdet dann den Mann recht herzlich lieben, dem ihr es zu verdanken habt, daß eure Schule jetzt ein Freudenort, euer Lehrer euch ein liebender Freund und das Lernen jedem, selbst dem kleinsten Kinde leicht gemacht ist. Das ist Pestalozzi's Werk. So lern! ihn denn kennen, euern Wohlthäter. Er wurde in Zürich geboren. Sein Vater war Wund arzt; er starb aber schon als Heinrich erst sünf Jahre alt war. Die Mutter behielt den Knaben am liebsten bei sich daheim, und so kam er säst nie zu andern Kindern auf den Spielplatz. Er war aber voller Lernbegierde und durch eigenen Fleiß ent faltete sich sein Geist immer mehr. Später hatte er treffliche Lehrer und da zeigte er bald die glänzendsten Fähigkeiten und Kenntnisse. Er war reinen Herzens, und sprach stets nur die Wahrheit. Schmeicheln konnte er nicht. Er wollte nicht schei nen, er wollte sein, und forderte das auch von Andern. Jeder Leidende war sein Freund. Er nahm sich vor, alle seine Kräfte und Hilfe der geringem und ürmern Volksklasse zuzu wenden; darum wollte er Pfarrer werden; aber er wM kein guter Redner. Nun studirte er die Rechtswissenschaft; allein als sein Lehrer starb und er selbst schwer krank wurde, so gab er dieses Fach auch auf, und wollte nun Landmann und Schul lehrer werden. Er kaufte braches Land, baute ein großes Haus, und nannte sein Gut „Neuhos." Er bearbeitete nun das Feld. Neben seinen Gebäuden legte er eine Schule an, nahm die ärmsten Kinder aus der Umgegend unentgeldüch auf, und unterrichtete und ernährte sie. So lebte er einige Jahre lang mit etwa 50 armen Kindern uno theilte sein letztes Stück lein Brod mit ihnen. Allein Pestalozzi war nicht reich genug, er hatte Unglück, und mußte seine Schule aufgeben, seinen Neu hof verpachten und verlassen. Er lebte nun wieder in Zürich, und war recht arm. Im Jahre 178i schrieb er nun sein schönes Buch „Lienhard und Gertrud", welches ihm großen Ruhm erwarb^ Einfach, lehrreich und unterhaltend beschreibt er darin die Sitten der Aermsten un Volke. Er verfaßte noch mehrere Bücher. Anno 1V|8 brach in der Schweiz die Re volution aus. Besonders in Unterwalden hatte das Kriegs feuer schrecklich gewüthet. Pestalozzi eilte dorthin, wo durch den Krieg eme Menge armer Kinder zu noch ärmern Waisen Kirider-ConveikaUons-Lerikon. 80562 gemacht waren, und verlassen herumirrteu. Er übernahm die Leitung eines Waisenhauses in Stanz, und sammelte nach und nach 80 solcher Kinder um sich. Er wurde ihnen Lehrer, Freund und Vater. Diese Kinder waren Anfangs meistens verwahrlost. Die Bettelei und den Müssiggang gewohnt, waren viele roh, zerlumpt, vom Ausschlag geplagt, und ohne alle Vorkenntnisse. Pestalozzi wollte aus ihnen gute und brauchbare Menschen machen und hat es treulich gethan. In Stanz war es, wo Pestalozzi auf sein neues Lehrverfahren hingeleitet wurde. Solch' verwahrloste Kinder konnte er nicht unterrichten, wie es bis dahin üblich war; damit hätte er nichts erreicht. Er versuchte nun den einfachsten Gang der Natur. Er wandte jede Minute seines Lebens zur Erforschung einer bessern Lehr weise an, und siehe! Gott erleuchtete ihn, und führte ihn an's Ziel. — So lebte er nun in Freud und Leid unter feinen Kindern bis im Sommer 1799. Da mußte das Waisenhaus zu Stanz zum Lazareth für die kranken und verwundeten Fran zosen benutzt werden. Die Kinder zerstreuten sich, und Pestalozzi verließ Unterwalden. Er wurde nun Schullehrer in Burgdorf im Kanton Bern. Da vervollkommnete er seine Unterrichts weise und bildete junge Männer zu Lehrern. Er vergrößerte sein Institut, nahm aber auch wieder arme Kinder auf. Bald kamen Reisende aus allen Ländern Europa's, um Pestalozzi's Lehrweise näher kennen zu lernen, und überall wurden Schulen und Lehrerbildungsanstalten nach Pestalozzischen Grundsätzen errichtet, und überall war Pestalozzi hochgeehrt. Durch neue Unruhen in Bern ging die Anstalt in Burgdorf zu Grunde. Die Regierung wies ihm das Schloß Ioerdon an, das ihm zur Anlegung eines Instituts übergeben wurde. Diese berühmte Schul- und Lehrerbildungsanstalt gründete der große Mann im Jahre 1805. Aus Rußland, England, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Amerika kamen Zöglinge hieher. Lei der ging auch diese Anstalt im Jahre 1819 wieder ihrem Ver fall entgegen. Pestalozzi zog im Jahre 1825 wieder nach dem Neuhof, den sein Onkel Gottlieb pachtweise bewohnte. Hier wollte er wieder eine Armenschule errichten; der Tod rief aber den 81jährigen Greis von dieser Erde, wo er so Großes ge wirkt hatte. Er starb am 17. Februar 1827. Pestalozzi hat von sich selbst so schön als wahr gesagt: „Ein Kind will ich bleiben bis an's Grab; stets lieben, glauben und mich an Andere anschließen, wie ein KindU Das war ein braver Mann. Das war ein großer Kin-563 Lerfreund. Ihr höret gewiß noch gern einige Momente aus seinem Leben! a) Pestalozzi war seinen Pfleglingen Alles in Einer Per son: Hausherr, Aufwärter, Lehrer, ja sogar Unterrichtsbuch. Er bildete aus den Waisen eine große Familie, worin Friede und Liebe heimisch war, die Lebensweise der Kinder war die seinige, seine Suppe die ihrige, Tag und Nacht verließ er sie nicht, er spielte und arbeitete mit ihnen und betete noch des Abends im Bett mit seinen Kleinen, in deren Mitte er schlief. Das körperliche Wohlsein der Zöglinge ging mit ihrer Versitt- lichung in gleichem Schritte vorwärts. Wie rasch und voll ständig das geschah, zeige ein Beispiel. Am 5. April 1799 brannte der Flecken Altdorf im Kanton Uri ab. Da war ein großes Elend, große Noth. Vater Pe stalozzi sagte da zu seinen Waisenkindern in Stanz: In Alt- dors haben setzt so viele arme Kinder kein Obdach mehr; wie wäre es, wenn wir etwa zwanzig derselben zu uns nähmen? Ach ja, ja! riefen alle mitleidig. Aber wir sind nicht reich, sagte Pestalozzi; ihr müsset euer Brod mit ihnen theilen; ihr müßt euch einschrünken. - O ja, ja! riefen sie wieder, und jauchzten vor Freude. — So bildete er ihre Herzen, so erzog er sie in praktischer Sittlichkeit. d) De Laspe kam als ein armer, reisender Maurergeselle in die Schweiz. Da hörte er auch von dem trefflichen Lehrer Pestalozzi, und wäre gern sein Schüler geworden. Er ging deßwegen nach Yverdon. Pestalozzi konnte ihn aber nicht brauchen. Auf sein inständiges Bitten nahm er ihn als Stiefel putzer und Hausknecht an. Eines Tages sah Pestalozzi, wie cko Laspe am Schlüsselloch eines Lehrzimmers dem Unterricht Zuhorchte. Diese große Lernbegierde erfreute ihn. Er nahm den Stiefelputzer jetzt als Schüler auf und bald wurde ätz Laspe einer der geschicktesten Zöglinge Pestalozzi's. Später wurde "er gar ein ausgezeichneter Lehrer und Vorsteher einer Erziehungs- Anstalt in Wiesbaden, in Deutschland. Er ehrte seinen Wohl- thäter bis an sein Lebensende. o) Einmal ging Pestalozzi nach Basel Da begegnete ihm ein armer Mann und klagte ihm, daß er viel Unglück in seinem Hause gehabt habe; jetzt wisse er sich gar nicht mehr zu helfen und bitte ihn um eine milde Gabe. Pestalozzi hatte kein Geld im Sacke, aber der arme Mann dauerte ihn so, daß er sich niederbückte, eine von seinen silbernen Schuhschnallen losmachte und sie dem armen Manne gab. 36 *564 d) Hinsichtlich seines Anzuges war Pestalozzi äußerst nachlässig. Er trug gewöhnlich einen alten grauen Ueberrock, keine Weste und zu aller Zeit Brust und Hals offen. Die Beinklei der waren nach damaliger Sitte kurz, und die Schuhe hatte er in der Regel zu Pantoffeln niedergetreten, auf welche die Strümpfe herabhingen. Auf feinem schwarzen struppigen Haare faß eine gestrickte Mütze — wenn er sie etwa nicht vergessen hatte. Daß er in diesem Aufzuge oft verkannt wurde und in allerlei Verlegenheiten kam, läßt sich leicht denken. Einmal ging er in dem eben beschriebenen Anzuge, ganz bestäubt dazu, nach Solothurn. Sogleich beim Eintritte in die Stadt arretirte ihn ein Büttel als einen Herumläuser. ,,Führt mich zum Lüthi!" bat Pestalozzi. Lüthi, ein Regicrungsmitglied, war nämlich sein treuer Freund. Der Büttel konnte nicht be greifen, was der Vagabund bei diesem Herrn wollte; doch gab er den dringenden Bitten seines Arrestanten endlich nach. Aber wie erschrack er, als Lüthi seinem Freunde entgegeneilte und ihn aus das zärtlichste umarmte. Um den Büttel zu beruhigen, sagte ihm Pestalozzi: „Ihr habt Eure Pflicht gethan!" griff in die Tasche und gab ihm alles Geld, was er bei sich hatte. o) Ein andermal wurde er zu einer Hochzeit geladen. Eine nahe Verwandte von ihm, die am Zürichersee wohnte, heirathete, und es war eine sehr feine Gesellschaft beisammen. Aber wie entsetzte sich die schmucke Braut, als der berühmte Herr Vetter in seinem unmodischen, staubigen, wohl gar liederlichen Anzuge anmarschirte; nicht einmal den Bart hatte er sich abnehmen lassen. Man überlegte, was mit ihm zu thun sei und kam dahin überein, ihn umkleiden und rasiren zu lassen. Er wurde von der Braut recht freundlich ersucht, mit einem Diener in ein Zimmer zu gehen, wo frische Wäsche und Strümpfe für ihn bereit lägen und wo der Barbier fogleich erscheinen werde. Pestalozzi nickte ihr beifällig zu imb verfügte sich in das an gewiesene Zimmer. Als kurz darauf der Barbier eintrat, war er fort über alle Berge. Man eilte ihm sogleich nach, um ihn zur Rückkehr zu bewegen, aber man konnte ihn nicht einholen, denn er war ein gewaltiger Fußgänger bis in's Greisenalter. Am iuterefsantesten mag er sich ausgenommen haben, wenn er seine Orden (der Kaiser Alexander von Rußland hatte ihm unter andern den Stern des St.-Wladimir ver liehen) auf dem alten , abgeschabten Rocke befestigt hatte, was er bei feierlichen Gelegenheiten nie unterließ.565 Pfanne Die Pfannen leisten in der Küche gar manche gute Dienste. Man bäckt z. B. Fische und Eierkuchen darin, Zerläßt darin Butter und Schmalz, röstet das Mehl u. s. w. Auch greift man zu einer Pfanne, wenn man Wasser, Milch, Fleischbrühe in der Geschwindigkeit heiß zu machen hat. Damit die Köchin aber nicht nöthig hat, sie beständig in der Hand zu halten, stellt sie dieselbe auf einen Dreifuß. Man hat tiefe und stäche Pfannen, eiserne, messingene und kupferne. Alle macht der Pfannen- und Kupferschmied. Pfau. Ich muß dir ein Kompliment machen, Federbusch vogel sollte man dich nennen, weil du auf dem Kopfe einen Fe derbusch hast. Auch deine übrigen Federn sind sehr schön. Das ist aber alles, was ich an dir loben kann. Glaub' es nur, ich bin dir bei all diesen Schönheiten doch nicht ganz gut; denn du hast wir reden jetzt unter uns — eine häßliche Stimme, ein böses, ja boshaftes, schlimmes Gemüth, bist manchmal feind selig gegen die eben ausgekrochenen Jungen und dazu noch stolz! — Sieh, ich meine es gut, bessere dich! aber, es wird nichts helfen. — Ein eitler Pfau sprach einst zu einem Hahn: „Ein Jeder schaut mich mit Bewunderung an; Allein wer hätte nicht auch etwas auszusetzen? Der Eine tadelt mein Geschrei, ein AnL'rer sagt, Mein Schenkel sei nicht schön, Anstatt im Glanz sich zu ergötzen, Womit mein Schweif im Sonnenschein so herrlich prangt. Wie kann man so vermessen Und ungerecht in seinem Urtheil sein? Man sollte dankbar sich des Schönen freu'n." „Mein lieber Pfau!" fiel ihm der Haushahn ein; „Man würde gern Geschrei und Fuß vergessen; Allein du willst gepriesen sein, Und Jedem mit Gewalt gefallen, Und so, mein Freund, mißfällst Lu Allen." Pfeffer. Zu einem Menschen, den man weit von sich fort haben möchte, sagt man: „Wenn Lu nur wärest, wo der Pfeffer wächst!" — Wo wächst denn wohl der Pfeffer? — In Asien, in Ostindien auf den Inseln Java und Sumatra; viele tausend Stunden von uns weg. Der Pfeffer wächst aus so schwachen Ranken, Laß sie sich an Stangen und nahe stehende566 Bäume anhängen müssen, um in die Höhe wachsen zu können. Die Frucht des schwarzen Pfessers sieht säst aus, wie kleine Weinträubchen, denn die Körner sitzen alle ohne Schale neben einander. Es gibt etliche Sorten von Pseffer, kleinen und großen, schwarzen, weißen und aschfarbigen. Der schwarze, den die Holländer aus Ostindien bringen, ist bei uns der gewöhnlichste. Aus Amerika kommt auch viel Pfeffer, vorzüglich der sogenannte spanische, der in großen, länglicht runden Kapseln wächst. Man gebraucht den Pfeffer zur Würzung mancherlei Brühen und Speisen, und zur Beförderung des Appetits und der Verdauung. Pferd, „Daß nian dich zum Reiten, Fahren (zum Zie hen), zum Tragen gar so nothwendig braucht, ist dir bekannt; darum bist du so stolz und so voll Muth! — Ich will dir die Freude nicht verderben, du bist ein edles Thier und bist genüg sam. Hast du Haber und Heu, im Sommer ein Bischen Klee oder Gras, dann bist du zufrieden. Nur eine Klage kann ich nicht verschweigen; du schlägst gerne hinten aus — und manche von euch beißen auch gerne; daher muß man nie gar zu nahe zu euch hingehen." — Von einem jungen Pferde (Füllen), weiß ich ein artiges Gedichtchen, hier ist es: „Ein junges, muthiges Roch Dem Arbeit nicht so wohl gefiel, Als Freiheit, Müssiggang und Spiel, Riß sich von seinem Joche los, Und floh davon zur grüneu Weide;. O welche Freude! Der Lenz und Sommer strich Im frohen Müssiggange hin, Ihm kam die Zukunft nicht in Sinn. •— Es lebte jetzt und freute sich; Allein der Winter nahm die Freude Der grünen Weide. Die Wiesen wurden leer; In Lüften stürmt ein rauher Nord. Das Pferd entfloh von Ort zu Ort, Uud fand kein Dach, kein Futter mehr. Jetzt warf es ängstlich seine Blicke Aus sich zurücke.567 „Thor!" rief es; „weh und ach! Hätt' ich, bestimmt zur Thätigkeit, Das Bischen Arbeit nicht gescheut! Jetzt hätt' ich Hafer, Heu und Dach. Wie schändlich für so kurze Freuden So lang' zu leiden." Das Pferd ist ein gelehriges, dazu auch ein sehr schönes Thier, ausgezeichnet durch seine großen Augen und feinen edlen, stolzen Anstand. Wie die Rinder, Ziegen, Schafe, Schweine und Hunde, find auch die Pferde gegenwärtig über die ganze Welt verbreitet, fast so weit als die Menschen selbst. Wilde Pferde findet man noch in Mittelasien, östlich vom kaspischen Meere, verwilderte in Amerika, dessen Bewohner, als sie zum ersten Mal spanische Reiter sahen, meinten Mensch und Pferd wären zusammengewachsen und machten Ein Wesen aus. In Südamerika leben oft etliche tausend verwilderte Rosse beisammen. Diese rennen, wenn sie Hauspserde sehen, aus dieselben zu, wiehern, schmeicheln ihnen, und bestimmen sie endlich, mit ihnen zu gehen, so daß die Reisenden zu Fuß sortwandern müssen. Man kann solche verwilderte Pferde durch vieles Lärmen ver treiben, wobei aber manchmal die ganze, zahlreiche Heerde dicht geschlossen mehrere Kreise um die Reisenden läuft, ehe sie um kehrt. Die Indianer am Orinoko schwingen sich sehr geschickt aus die wilden Pferde, klammern sich mit den Knieen fest, und lassen sie dann so lange sortreunen, bis sie vor Müdig keit zusammensinken. Dadurch werden die Pferde so zahm, daß sie ihrem Bändiger wie Hunde Nachfolgen. Aus ähnliche Weise zähmen die Kalmücken die wilden Pferde. Zu den Eigenthümlichkeiten des Pferdes gehört, daß es sich durch Ausschlagen mit den Hinterbeinen vertheidigt; manche beißen aber auch. Beim Sausen taucht es Maul und Rase tief ein, und zieht das Wasser mit einem Athemzuge in sich; seine Zunge ist zu plump, als daß es sie, wie der Hund, statt einer Schaufel gebrauchen könnte. Es sieht auch im Finstern, und findet den Weg, wo ihn kein Mensch mehr sieht. Wenn zur Regenzeit alle Wege überschwemmt sind, so trägt es doch den Reiter, wenn er es ruhig gehen läßt, bei Nacht, wie bei Tag sicher fort. Der Schlaf des Pferdes ist kurz, und dauert oft nur 2—3 Stunden; manche legen sich nicht einmal. Es kann über 40 Jahre alt werden, ist aber vielen Krankheiten unterworfen; und die Thierärzte sind im Grunde nur Roßärzte.f 568 _ Die Steppenbewohner des Mittlern Asiens essen das Fleisch der Pferde, und haben immer welches hinter ihrem Sattel, um davon sogleich abzuschneiden, wenn sich der Hunger meldet. Selbst in Moskau kauft man es in der Fleischbank. Etliche Völker genießen auch die Pferdemilch, und bereiten daraus eine Art Branntwein. Aus den Haaren werden Bogen zu Instrumenten, Siebe, Polster, Seile, Angelschnüre ge macht, aus dem Horn ihrer Hufe Kämme; die Haut gibt gutes Leder zu Geschirr und Riemen. Die arabischen Pferde sind die schönsten und besten, besonders zum Reiten. Die ärmsten Araber halten Pferde, allein lieber Stuten als Hengste*), weil jene Hunger und Durst besser ertragen können. Von manchen Pferden haben sie Stammbäume, die bis zu den Leibrossen des Königs Sa lomo, oder wenigstens des Propheten Muhamed hinauf reichen. Das Pferd gehört bei ihnen mit zur Familie, schläft mit ihnen in Einem Zelt und auf Einer Streu, wird nicht ge schlagen, sondern im Gegentheil sehr freundlich behandelt, geht aber auch selber zart und vorsichtig mit seinen Herren, nament lich den Kindern, um. Diese schlafen bisweilen auf dem Leib oder dem Hals eines Pferdes; und das Thier vermeidet jede Bewegung, durch welche ein Kind beschädigt werden könnte. Es schreitet im Zelt oder Zimmer umher, ohne jemand von den Leuten zu treten, die auf ■ bem Boden liegen. Die leich teste Bewegung mit dem Steigbügel ist hinreichend, es in pfeilschnelle Bewegung zu setzen. Wenn der Reiter herunter fällt, so bleibt es stehen, bis er wieder aufsteigt. Es springt über Gräben und Hecken, und läuft einem Strauße gleich. Die Araber füttern ihre Pferde mit Gerste, Datteln und Ka- meelsmilch, putzen sie sehr sorgfältig**), und lassen sie den ganzen Tag aufgezaumt und gesattelt. Den arabischen am nächsten stehen die barbarischen oder Berber, aus der Berberei in Nordafrika. Unter ihnen sollen die aus Marokko die schönsten sein. Wie die arabischen Pferde, so werden auch die der Berberei durch Liebkosungen *) Das männliche Pferd heißt Hengst, das weibliche Stute, das Junge Fohlen oder Füllen, ein schlechtes Pferd Mähre, ein kleines Klepper. **) Man sagt, der Striegel sei bei Pferden, die gebraucht werden, so nöthig als das Futter. Denn der Pferdeschweitz ist so scharf, daß er die Haut zernagt, wenn man ihm Zeit läßt, sich fest anzuhängen: und dann hat das arme Thier weder Tag noch Nacht Ruhe.569 so zahm und gelehrig, daß man sie im stärksten Laufe anhalten, von denselben absteigen und, ohne sie anzubinden, weit weg gehen kann; sie bleiben ruhig stehen, bis der Reiter wieder kommt. Von den arabischen und barbarischen stammen die englischen ab, die sich durch Stärke, Schnelligkeit und Aus dauer Hervorthun. Den ersten Rang aber unter den euro päischen Pferden behauptet das spanische, mit seinen feurigen Augen und seinem stolzen Gange. Es verräth seine Müdigkeit nicht, bis es stürzt. Auch die deutschen Pferde sind schön, doch gewöhnlich etwas schwerfällig und von kurzem Athem. Daher rühmt man ihre deutsche Redlichkeit und Un verdrossenheit. Bessere Läufer sind die kleinen Ungarn, Polen und Russen. Die Neapolitaner, welche man gerne an Parade kutschen spannt, sollen boshaft und ungelehrig sein. Die Friesen haben sehr lange Haare an den Füßen. Die Dänen sind gute Springer. Die Türken werden bald müde und sind sehr empfindlich. In Persien bedient man sich beim Reiten keines Sporns; auch der Steigbügel ist dort überflüssig, weil das Pferd niederkniet, wenn der Reiter aufsteigt. Die indi schen Pferde sind schlecht, klein und träge. Man sah in jenen; Lande einen Prinzen bisweilen ein Pferd reiten, das nicht größer als ein Windhund war. Auch in den kalten Nord ländern sind die Pferde klein und unansehnlich. Doch haben, sie die gute Eigenschaft, auf den steilen Felsen mit einem Reiter auf und ab zu klettern. Auch sind sie so muthig, daß selbst die Bären vor ihnen Respekt haben müssen. Denn wenn ein Bär eine Stute mit Füllen anpacken will, so läßt sie dieses hinter sich treten, und gebraucht dann ihre Vorderfüße wie ein Paar Trommelstöcke auf dem Kopfe des Bären. Ge lingt es aber diesem, von hinten auf ihren Rücken zu springen, so ist sie verloren, und rennt mit dem grausamen Reiter fort, bis sie todt niederstürzt. Pflanze. Ach, du dauerst mich. Immer mußt du an einem Orte bleiben, bis dich endlich der Mensch wegnimmt oder auch das Thier. — Deine Nahrung, nicht wahr, ziehst du durch die Wurzeln aus der Erde und auch durch die Blätter aus der Luft. Wäre der liebe Gott nicht, der dir Regen und Sonnen schein zum Wachsen gibt zu rechter Zeit, so stände es recht übel mit dir! — Doch der liebe Gott weiß es viel besser warum er dich so und nicht anders eingerichtet hat. Die Pflanzen theilt man ein in Bäume, Sträuche, Kräuter, Gräser, Farrenkräuter, Schwämme, Moose und Flechten.570 Die Pflanzen sind am dritten Schöpfungstage aus Gottes Wort aus der Erde hervorgegangen. Sie sind der Schmuck, mit welchem der Herr die Erdoberfläche bekleidet und zum Theil die Tiefen des Meeres erfüllet hat; sie sind die Mittel, durch welche der Herr Thiereu und Menschen ihre Nahrung gibt zu ihrer Zeit. Sie selbst erhalten ihre Nahrung aus der Erde, der sie entkeimen, und aus der Luft, in welcher sie wachsen. Ihre Entwicklung geschieht noch jetzt vor unfern Augen; aus den Samenkörnern entstehen Bäume, Sträucher, Stauden, Kräuter und Gräser. Am Schöpfungstage aber be deckte sich die Erde schnell auf Gottes Wort mit vollendeten Pflanzen. Er gebot und sie standen da. Die Pflanzen sind Zeugnisse von der schaffenden, erhalten den und erfreuenden Hand Gottes, welcher sie alle in großer Mannigfaltigkeit, aber alle in großer Regelmäßigkeit erschaffen hat. Ueberaus groß ist die Mannigfaltigkeit ihrer Gestalt und Farbe, mannigfaltig sind sie in ihrer Größe und Dauer. Alle Pflanzen entwickeln sich jetzt aus ihrem Samen: in dem Samen hat Gott das Mittel zur Fortdauer und Erhaltung der Pflanzen gegeben. Die Samen enthalten den Keim der Pflanzen, welcher sich in feuchter, warmer Erde entwickelt und nach unten und oben zu wachsen strebt. Der Theil, der nach unten ge richtet ist, heißt Wurzel, und ist bestimmt, die Pflanze an ihren Ort zu befestigen und ihr aus der Erde Nahrung zuznführen. Der entgegengesetzte Theil wächst nach oben dem Lichte und der Luft entgegen; er heißt bei größern Pflanzen der Stamm, bei kleinern der Stengel. Diese sind die Träger der übrigen Pflan- zentheile, der Aeste, Zweige, Blätter, Blüthen und Früchte. Diese Theile sind so mannigfaltig als die Pflanzen selbst; keine einzige Pflanze ist der andern ganz gleich, und kein Blatt, keine Blüthe ist ganz so wie die andere. Ueber 100,000 ver schiedene Pflanzen oder Pflanzenarten hat Gott der Herr über die Erde verbreitet, und jede Pflanzenart hat wieder unzählige Pflanzen. Kannst du die Menge der Gräser nur auf einer einzigen Wiese zählen? Die Zahl der Bäume in einem einzigen Walde bestimmt angeben ? Sagen, wie viele Moospflänzchen nur auf einer einzigen sumpfigen Wiese stehen? Und wie klein ist eine Wiese, ein Wald gegen die große, mit Pflanzen bedeckte Oberfläche der Erde! Mußt du da nicht ausrufen: „Herr, wie sind deiner Werke so viel!" Und wenn du der Worte des Herrn gedenkst, daß er selbst des Grases auf der Wiese und der Lilie auf dem Felde nicht vergißt, mußt du da nicht denken: „Herr, wie ist deine Güte so groß, daß sie alle diese Wesen umfaßt!"571 Pfisnzen, bewegliche. Liebe Emilie! Betrachte doch die Pflanzen und Bäume in Deinem Garten und sage mir, ob sich ihre Blätter bewegen können, wie etwa ein Thier seinen Fuß ausbebt, oder wie etwa ein Schmetterling seine Flügel schwingt. Du wirst mir antworten, sie stehen den ganzen Tag stille; nur der Wind bewegt sie hin und her. Doch kannst Du in Deinem Garten eine Pflanze flnden, welche ihre Blätter langsam bewegt, auch wenn kein Wind geht. Das ist die F e i g b o h n e oder der türkische Veil. Sie hat Blätter, die einer Hand mit ausgestreckten ^Fingern gleichen. Diese Blätter haben Morgens einen andern Stand als Mittags, und Mittags einen andern als Abends. Sie richten sich dabei immer nach der Sonne. Wie die Sonne steht, so werden auch die Blätter der Feigbohne stehen. Die Bewegung ist freilich so langsam, daß man sie nicht bemerkt, wie Du die Bewegung eines Uhrzeigers nicht bemerkst, ob er gleich nicht still steht. Aber ich kenne drei Pflanzen, welche drei Blätter bewegen, so daß wir es sehen. Diese merk würdigen Pflanzen wachsen freilich weit von uns; doch kannst Du sie in vielen Gewächshäusern finden. Die eine nennt man die Sinn pflanze oder die Mimose. Sie hat geflederte Blätter. An einem Blattstiel steht ein Blättlein dem andern gegenüber. Wenn die Sonne scheint, so liegen alle diese Blätt- lein ausgebreitet da. Sobald Du aber ein Blatt berührst, oder den Tops schüttelst, so schließen sie sich alle erschrocken zusammen, eines legt sich an das andere fest an. Erst nach und nach breiten sie sich wieder aus. Die zweite Pflanze ist der bewegliche Hahnenkamm klee. An der Spitze eines jeden Blattstiels steht ein großes Blatt, das zu beiden Seiten noch zwei kleine Blätter hat. Diese zwei Blättchen sind immer in Bewegung. Wenn das eine aus- fleigt, steigt das andere nieder, und wenn das eine niedersteigt, steigt das andere auf. Die dritte Pflanze endlich ist die Fliegen falle. Sie hat rundliche Blätter, welche bei stiller, warmer Lust ausgebreitet liegen; sobald sich aber eine Fliege oder ein anderes Insekt auf das Blatt setzt, so schließt es sich schnell zusammen, die Fliege ist gefangen, und erst wenn sie todt ist, breitet sich das Blatt wieder aus. Lebe wohl! Pslaumen. Ihr wißt schon, was die Pflaume oder Zwetschke für eine herrliche Frucht ist; nur muß sie ganzreif sein, sonst schmeckt sie so sauer, daß die Zähne davon aufstehen. Im Monate September fangen die Pflaumen an zu zeitigen; dann nimmt man die schönsten behutsam mit der Hand ab, damit der blaue Duft, womit sie überzogen sind, nicht verwischt werde; weiterhin gibt man sich nicht mehr so viel Mühe, sondern schüttelt die Bäume, daß ihre Früchte zu Hunderten auf einmal fallen. Mit großem Jubelgeschrei sprin gen dann die Kinder heran, klauben sie auf, und achten nicht den Hagel, der ihnen auf Kops und Rücken fällt. Was man nicht selbst verspeisen kann, das wird gedörrt oder aus den Markt geschickt. - Ha, gewiß denkt ihr auch an's Pflaumen muß, das aus blauen Pflaumen bereitet wird. Karl sah schöne Pflaumen hangen; Sie zu pflücken, fühlt er Lust. Daß dem Vater dieß mißfällig, War dem Kleinen wohl bewußt. Doch, kein Vater hier, noch Gärtner, Spricht er, der es sehen kann, Und der volle Baum verräths nicht, Fehlen ein paar Pflaumen d'ran. — Aber, dürft' ich denn wohl pflücken? Muß ich nicht gehorsam sein? Mag für eine handvoll Pflaumen Ich wohl unrecht handeln? —Nein! — Weg ging Karl. Jedoch sein Vater, Der ihn still belauschet hat, Trifft — als käm' er erst zusammen — Mit ihm auf dem Mittelpfad. „Komm', mein Karlchen," spricht der Vater, „Komm', du kleiner Herzensdieb! -— Nun null ich dir Pflaumen geben, Nun hat Vater Karlchen lieb!" — Und so fing er an zu schütteln; Karlchen raffte freudig auf. Er bekam den Hut voll Pflaumen Und sprang fort in vollem Lauf." — Pflug. Der Pflug, welchen die Landleute nothwendig haben, und zur Auflockerung des Bodens dient, ist eine uralte Erfindung. Anfangs war er freilich sehr einfach und bestand aus einem Baumast oder sonst aus einem langen573 Stück Holz, das an einem Ende umgebogen mar. Der ge krümmte, etwas Zugespitzte Theil wurde iu die Erde gedrückt, und an das andere Ende wurden Ochsen gespannt, die das Werkzeug vorwärts ziehen mußten. Blos eine Handhabe war daran, vermittelst welcher der Führer den Pflug in die Erde drücken und lenken konnte. Später setzte man an die Stelle des krummen Holzes, womit man die Erde ausriß, ein scharfes Eisen, Pflugschaar genannt; auch versah man das Werk zeug, um es leichter fortbewegen zu können, mit kleinen Rädern. Nach und nach wurden noch andere Verbesserungen am Pfluge vorgenommen, und noch jetzt kommen von Zeit zu Zeit neue Arten von Pflügen zum Vorschein. Porzellan. Das ächte Porzellan wird aus einem künst lichen Teige gedreht, der aus sehr feiner Thonerde, gestoßenen und gerösteten Kieseln, auch etwas Gpps bereitet und im Ofen zu einer Art von halbdurchsichtigem Glase gebrannt wird. Uebri- gens dreht man die Porzellangefäße eben so wie Die grobe Tö pferarbeit aus der Scheibe, gibt ihnen aber eine viel zierlichere und zartere Gestalt, überzieht sie auch mit einer feinen Glasur, und bemalt oder vergoldet sie theilweise. Das Porzellan wird wie das gemeine Küchengeschirr in einem Ofen gebrannt, aber nicht m offenem Feuer, sondern in Kapseln, damit es nicht zerspringe oder beschädigt werde. Erfindung dess elb en durch Berthold Schwarz. Das Pulver als Schießpulver wurde um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bekannt, und die gewöhnliche Meinung schreibt diese Erfindung einem Franziskaner-Mönche zu Freiburg in Baden, Berthold Schwarz, zu. Dieser, heißt es, stampfte einst Schwefel, Kohlen und Salpeter in einem Mörser und legte hierüber einen Stein. Zufällig zündete ein Funke diese Masse, und augenblicklich flog der Stein mit einem fürchterlichen Knalle gegen die Decke. Erschrocken stand der Scheidekünftler da und staunte über das wunderbare Ereigniß. Er wiederholte seine Versuche und immer zeigte sich derselbe Erfolg. Jetzt machte er seine Erfindung weiter bekannt und zeigte, welchen^ Nutzen man aus derselben im Kriege zur Zer störung der Stadtmauern, Brücken und anderer Festungswerke ziehen könne. Es wurden deshalb mörserähnliche Röhren ge macht, die daher auch den Namen Mörser behielten. In die Mündung derselben wurde jene Mischung und davor Steine574 geschoben, und hinten, an dem geschlossenen Boden des Mörsers, ein kleines Loch gebohrt, um dort das Pulver anzuzünden. Allmählich wurden die Mörser zu Kanonen erweitert. Diese Kanonen, Donnerbüchsen genannt, aus welchen zuerst Steine, später eiserne Kugeln geschleudert wurden, waren von außer ordentlicher Größe. Später erfand man die Musketen und dann die Flinten. Diese neuen Kriegsmaschinen wurden jedoch im Felde anfänglich wenig gebraucht. Sie galten für heim tückische Waffen, die sich für einen ehrlichen Krieger nicht schickten. Besonders eiferten die Ritter gegen die höllische Er findung, wie sie es nannten. Denn was half ihnen jetzt all' ihre Kraft und Gewandtheit, was die trefflichen Waffen und Rüst ungen, da ein Fingerdruck des Feigsten aus weiter Ferne sie dahinstrecken konnte? Sie legten Lanze und Schwert nieder, als gemeine Fußknechte mit Musketen und Kanonen sich ihnen entgegenstellten. Von nun an verrichteten besoldete Truppen, die deshalb auch den Namen Soldaten erhielten, den Waffen dienst. Die Schlachten selbst waren im Ganzen weniger blutig und wurden mit weniger persönlicher Erbitterung geführt, als in früheren Zeiten, wo Mann auf Mann grimmig einhieb. Die Entscheidung der Schlacht hing jetzt nicht so sehr ab von der Anzahl der Streiter und ihrer Körperkraft als von der Gewandtheit der Anführer. Die Kriegskunst wurde zu einer Wissenschaft, die viele Kenntniß und Erfahrung erfordert. So durchgreifend wirkte die Erfindung des Pulvers, deren Urheber an nichts weniger als an Krieg und Schlachten gedacht hatte. Pupps. Die Puppe ist aus Holz und gekleidet wie ein Kind, mit Röckchen, Kittel, Hemd, Schürzchen, Strümpfen und Schuhen. Das Kind spricht mit der Puppe. Warum antwortet die Puppe nicht? Es belehrt, zankt und straft die Puppe. Die Puppe wird nicht verständiger noch besser. Warum lernt sie nichts? Warum macht sie ihre Sache nicht besser? Siehe, wie gut, daß du keine Puppe, sondern ein Mensch bist und kannst denken, reden, spielen, verständig und gut werden. Und wenn du nichts lernst, und nicht verständig und gut wirst, und trägst auch schöne Kleider, so bist du auch — eine Puppe; und nicht einmal eine Puppe, denn die Puppe thut nichts Böses, und macht keinen Fehler. Werde ein gutes, liebliches, verständiges Kind. Der Dichter „Hey" läßt ein Kind mit einer Puppe so sprechen:575 Puppe, nun sieh, wie Hab' ich hier Die größte Arbeit und Noth mit dir, Möchte was Kluges aus dir machen, Lehr dich die allerschönsten Sachen; Aber du gibst dir keine Müh'; Bist am Abend so dumm, als am Morgen früh. Die Puppe hat nicht darum geweint, Das Kind hat's auch nicht so schlimm gemeint, Es wußte: sie kann ja nichts dazu. Da legt' es sie hin und ließ sie in Ruh', Ging fort und holte sich selbst sein Buch Und lernte daraus manchen guten Spruch. Purpur. Lieber Leopold! Von Purpurmantel und Purpurfarbe hast Du wahrscheinlich schon reden hören, aber wo die Farbe herkommt und was es überhaupt für eine Bewandtniß mit dieser Farbe habe, wirst Du noch nicht wissen. Höre, ich will es Dir erzählen! Der ehrliche Hund eines Hirten hat in der stacheligen Purpurschnecke, die in großer Menge an den Küstengegenden des adriatischen und Mittelmeeres vorkommt, den Purpur ent- deckt, der bei den alten Völkern eine so gar hochgeachtete Farbe war. Der Hund hatte eine solche Schnecke gebissen und war auf einmal an der Schnauze schön roth gefärbt. Der Hirte dachte, es wäre Blut, wischte es mit Wolle ab, und die Wolle wurde so dauerhaft purpurroth gefärbt und jeden Tag immer schöner, daß der Hirte ganz aufmerksam wurde und die Ent deckung des Purpurs in der Stachelschnecke machte. Dieser färbende Saft findet sich fast bei allen Schneckenarten in einem kleinen Beutelchen am Halse; nur hat er bei der einen schönere Farbe als bei der andern, sieht öfters anfangs, wenn er herausfließt, grünlich aus und wird daun erst roth. Da auch in jeder Purpurschnecke nur etwa ein Tröpflein ist, so gehörte eine ungeheure Menge dazu, um ein Kleid damit zu färben, und die Purpurfarbe war höchst theuer. Die Leute bezahlten aber das doch gern; denn Viele haben die rothe Farbe ganz besonders lieb, obgleich man bemerkt hat, daß sie für Menschen und Thiere etwas Feindliches und erschreckendes hat und z. B. ein Regiment rothgekleideter Soldaten auf Indianer einen viel furchtbareren Eindruck mache, als ein Regiment grün gekleideter. Aber die Menschen, und besonders die schwächlichsten, wollen am liebsten ein Ansehen über andere haben und ge fürchtet sein. Lebe wohl!576 Nimm zweimal das R und das Ll Und zweimal das P dazu, Sprich sie nur deutlich aus, So bringst du mich heraus. Pyramiden. Diese sind noch bewunderungswürdiger^ als die Obelisken (s. d. A.). Schon im Alterthume wurden sie zu den Wundern der Welt gezählt. Sie stehen in Mittel ägypten, an der Westseite des Nil, in fünf Gruppen gesondert. Es sind ihrer ün Ganzen vierzig. Sie sind große, viereckige, inwendig aus vielen Gängen und Kammern bestehende Ge bäude, genau nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Von emer breiten Grundfläche laufen sie nach oben imnier schmäler zu und endigen sich in eine platte Decke. Sie sind aus Kalk stein erbaut, die übereinander gelegt, blos durch ihre Schwere zusammenhalten. Einige sind mit Granit oder Marmor be kleidet gewesen. Drei zeichnen sich durch ihren Riesenbau aus, unter diesen die, welche nordwestlich von Memphis steht. Sie ist 450 Fuß hoch und ruht auf einer Anhöhe von 200 Fuß. Hunderttausend Menschen sollen zwanzig Jahre ununterbrochen daran gebaut haben. Von dem Material derselben könnte man nach einer Berechnung eine mäßige Mauer um das ganze Königreich Bayern ziehen. Wozu diese Massen gedient haben, läßt sich nicht mit Gewißheit bestimmen. Am wahrscheinlichsten dienten sie zu Begrübnißplützen der Könige. Denn kein Volk verwen dete mehr Zeit und Fleiß auf seine Gräber, als die Aegypter. Sie glaubten nämlich, daß die Seele sich nicht sogleich iiach dem Tode von ihrem Körper trenne, sondern so lange in dem selben bleibe, als er vollständig erhalten würde. Daher sorgten sie so sehr für die Erhaltung der Leichname. Sie bauten ihre Grabmäler auf wüsten Berghöhen, die der austretenoe Nil nicht berührte, und bedeckten sie zum Schutze gegen wilde Thiere mit einem Felsstücke. So hoch nun die Könige in ihrem Leben über ihre Mitmenschen standen, so hoch wollten sie auch nach ihrem Tode in einer schönen und festen Woh nung hervorragen, die oas Andenken an sie auf ewig erhalte z darum thürmten sie jene Riesendenkmäler auf. Um den todten Körper vor aller Fäulniß zu bewahren, salbten sie ihn mit wohlriechenden Spezereien sorgfältig ein. Aeußerlich überzogen sie ihn mit einer härtenden, aber durchsichtigen Materie, und setzten ihn dann bei. Solche einbalsamirte Leichname577 nennt man Mumien, von dem dazu gebrauchten persischen Erdharze Mum. Viele haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. In den Alterthums sälen zu Bonn, Kassel, Berlin, Dresden und andern Städten werden noch verschiedene vor gezeigt. Die Haut ist ganz schwarz und so von dem Gummi und Erdharze durchdrungen, daß sie steinhart ist. Diese fast versteinerten Todten wurden oft bei Gastmählern der Aegypter hingestellt und überhaupt als das köstlichste Gut von ihnen geehrt. Ihrer Ansicht von einem Leben nach dem Tode ent sprechend nannten sie auch die Wohnungen der Lebendigen nun Herbergen, die Grabmäler der Verstorbenen hingegen ewige Wohnungen. Ob aber jemand des Begräbnisses würdig sei, darüber entschied ein sogenanntes Todtengericht. Dieses bestand aus vierzig Richtern, die zuvor den Lebenswandel des Verstorbenen untersuchen und darnach entscheiden mußten. Selbst die Könige waren einem solchen Gerichte unterworfen, und für manchen war dieß gewiß kein geringer Antrieb zu einer guten Regierung. Duecksilber. Ei, Quecksilber ist ja an den Spiegeln; auch im Barometer und Thermometer befindet sich Quecksilber, und man weiß recht gut, welche wichtige Dienste es da leistet. Es ist ein sehr nützliches Metall, das Quecksilber, das auch in der Apotheke gebraucht wird. Bei gewöhnlichem Wärmestand ist es flüssig; tritt große Kälte ein, so gefriert es und kann so gar gehämmert werden. Wenn das Quecksilber im flüssigen Zu stande aus eine Fläche gebracht wird, so ist es nicht leicht in Ruhe zu bringen. Es bildet augenblicklich Kügelchen, die im schnellsten Laufe ihre Richtung nach einer Vertiefung nehmen. Daher das Sprichwort: „So unruhig wie Quecksilber." — Duelle. Kinder! wenn ihr einen Spaziergang in Gottes freier Natur vorgenommen habt, und es euch zu dürsten ansängt, dann freut es euch gewiß ungemein, wenn ihr in der Nähe eine liebliche Quelle plätschern hört und ihr derselben nahen und nachdem ihr etwas ausgeruht, euren quälenden Durst stillen könnt. — Kinder-Lonversations -Lexikon. 37578 Dein Aug^ und Herz sei hell, Wie eine Silberquell. ^So lautet ein schöner, deutscher Kernspruch, und was er enthält, das schmücke stets eure Handlungsweise, liebe Kinder! Die Quellen bringen kalte und warme, saure und bittere Wasser hervor, welche vortreffliche Heilmittel gegen viele Krankheiten der Menschen abgeben. Es gibt auch Salzquellen, welche wie das Meer, Salz mit sich sühren. „Es ist doch wunderbar," sagte Franz zu seinem Vater, als er aus einer klaren Quelle einen frischen Trunk genommen hatte, „daß die Quelle nie zu fließen aufhört. Wir haben jetzt doch schon seit 14 Tagen keinen Regen, die Sonne scheint so heiß und doch springt hier das frische Wasser immer aus dem Boden." Vater. Du meinst also, unsere Quellen oder Brunnen kommen von dem Regen her? Franz. Ja, wenn es regnet, so verschluckt die Erde den Regen, wie man sagt, und nur wenn es sehr lange und stark regnet, sehen wir, daß das Wasser auf dem Boden stehen bleibt oder den Vertiefungen nach in den Bach stießt. Darum habe ich mir gedacht, das Wasser sickere in den Boden hinein und komme wieder an gewissen Stellen aus dem Boden als Brunnen hervor. V. Da hast du nicht Unrecht; aber warum meinst du, die Brunnen müssen aufhören, wenn es einige Zeit lang nicht regnet? Fr. Wenn der Regen von oben herab nicht nachgießt, so muß ja das Wasser ausgehen, das aus der Erde herauskommt. Unsere Brunnenröhre hört ja auch auf zu fließen, wenn man den Teichel wegnimmt, durch welchen das Wasser ihr aus dem Bache zugeleitet wird. V. Das ist wahr; die Quelle da, aus welcher du eben getrunken hast, würde allerdings zu fließen aufhören, wenn es gar zu lange nicht regnen würde. Du hast aber wohl schon bemerkt, daß sie nach einem Regen nicht stärker fließt als jetzt, und es muß wirklich ein sehr lang anhaltendes Regenwetter eintreten, wenn unsere Quellen beträchtlich mehr Wasser geben sollen, als bei gewöhnlicher Witterung. Fr. Aber woher kommt das, Vater? V. Du siehst, daß Gott die Oberfläche der Erde nicht eben geschaffen hat, sondern daß er Hügel und Schluchten, Berge und Thäler, Höhen und Tiefen abwechseln läßt. So ist579 auch das Innere der Erde nicht überall gleich; dort gibt es große Höhlen und Klüfte, in welchen sich das Wasser, welches von der Oberstäche der Erde hinunter sickert, sammelt; so gibt es tief in der Erde Seen und Teiche, und aus diesen Seen und Teichen gehen Spalten und Ritzen durch das Gestein an die Oberfläche der Erde, und durch diese Ritzen und Spalten kommt das Wasser aus den unterirdischen Seen und Teichen wie durch Röhren an die Oberfläche und springt als Quelle hervor. In diesen großen, unterirdischen Wasserbehältern ist ein solcher Vorrath angesammelt, daß die Quellen schon eine ziemlich lange Zeit stießen können, ohne daß Regengüsse nach- füllen. Fr. Das ist sehr schön eingerichtet. Aber führen auch solche Spalten durch den Boden und das Gestein hinab zu den Wasserbehältern, daß der Regen hiuunterkommt? V. Gewiß; zwar kennen wir nur wenige, weil sie mit Erde, Gras, Moos u. dergl. bedeckt sind. Aber daß es deren gibt, erfahren die Bergleute oft zu ihrem großen Schaden. Wenn sie mit ihren Hauen und Schlegeln das Gestein brechen, so springt ihnen oft ein Wasserstrahl entgegen, und es kostet meistens viel Mühe und Geld, solches Wasser, das die Bergleute Wildwasser heißen, aus der Grube zu schaffen; vielmal ist es unmöglich und die Gruben ersaufen, wie die Bergleute sagen. Fr. Das ist doch wunderbar. Aber wenn es z. B. im Sommer zwei Monate lang nicht regnen würde, müßten da nicht alle Quellen aufhören zu stießen? V. Sehr viele, aber nicht alle; denn es ist nicht der Regen allein, welcher den unterirdischen Wasserbehältern Zu schuß gibt. Wenn es auch gar nicht regnet, so ist doch in der Luft immer viel Wasser. Fr. Aber man sieht es doch nicht und fühlt es nicht. V. Rur nicht so schnell etwas gesagt, Franz. Siehst du die Wolken nicht? und fällt der Regen nicht aus den Wolken? Den Nebel hast du ja auch schon gesehen und du weißt, daß er netzt. Fr. Es ist wahr, Vater; aber wenn es so heiter und warm ist, wie jetzt, so sollte man doch nicht meinen, daß auch noch Wasser in der Lust sei. V. Und doch ist es so, das kannst du manchmal in un serer Stube sehen, wenn du Acht gibst. Fr. Aber wie, Vater? V. Du hast doch schon die Fenster schwitzen sehen? 37 *580 Fr. Ja, aber ich dachte weiter nichts, als daß die Fenster schwitzen. V. Daß die Fenster nicht schwitzen, wie der Mensch, das kannst du dir leicht denken. Wir schwitzen, wenn es uns recht warm ist, aber das Glas schwitzt nicht, wenn es recht erwärmt wird, sondern umgekehrt, wenn es kühl oder kalt ist. Du kannst dich davon überzeugen, wenn du einmal Fenster schwitzen siehst und sie berührst. Siehe, wenn die Luft draußen bedeutend kühler ist, als in unserer Stube, so verwandelt sich der Wasser dunst in der Stubenluft in Wasser, sobald er die kühlen Fen sterscheiben berührt und dann sagt man: die Fenster schwitzen. Fr. Ich begreife es noch nicht. V. Ich will dir ein Beispiel geben. Wenn ein Gefäß mit Wasser an dem Feuer steht, so wird das Wasser sehr er wärmt und es steigen Dämpfe auf. Bringt man nun einen nichterwärmten Deckel oder etwas anderes in den Wasserdampf, so schwitzt der Deckel auch, oder vielmehr der Wasserdampf setzt sich in Tropfen an den Deckel an. Fr. Das habe ich schon gesehen. V. Noch ein Beispiel. Das Straßenpflaster, überhaupt die Steine, die etwas aus dem Boden herausschauen, schwitzen besonders gegen das Ende des Winters auch manchmal. Meinst du etwa, es werde ihnen zu warm? Sie stecken in dem kalten Boden; aber wenn die Lust wärmer wird, wenn ein lauer Wind weht, so berühren die Dünste in der Luft den kalten Stein und werden nun zu Wassertropfen. Verstehst du es jetzt? Fr. O ja. V. Nun, so laß sehen. Denke dir, die Luft draußen sei wärmer als in einer Stube, werden dann die Fenster auch schwitzen? Fr. Nein. V. Innerhalb nicht, aber besinne dich, ob vielleicht nicht außerhalb. Fr. Außerhalb, ja. Denn die Fenster sind wegen der Kälte in der Stube doch kälter als die äußere Luft, und dann setzen sich Dünste in der Lust außerhalb, welche das Fenster berühren, an die Scheiben, und die Scheiben schwitzen. V. So ist es. Nun siehe, im Sommer ist immer eine Menge Wasser als Dunst in der Luft. Wenn nun Abends die Sonne untergegangen ist, so wird die Oberstäche der Erde kühl, und die Dünste in der Luft fallen dann als kleine Tropfm nieder; weißt du, wie man diese Tropfen heißt?581 Fr. Th au. V. Ja. Der Thau erquickt die Pflanzen, und die Leute sagen dann am Morgen: „Gottlob, es ist doch starker Thau gefallen." Dieser Thau wird aber nicht ganz von den Pflanzen getrunken oder von der Sonnenwärme wieder in Dunst ver wandelt, sondern er wird auch von dem Boden eingesogen und die Thautropfen sickern wie die Regentropfen in die Tiefe hinunter und helfen die unterirdischen Wasserbehälter füllen. Fr. Aber das kann doch nicht so viel ausmachen, Vater, der stärkste Thau gibt ja lange nicht so viel Wasser als ein schwacher Regen. V. Dagegen fällt er aber viel öfter, und in den Wäldern wird er auch von der Sonne nicht wieder in Dunst verwandelt, sondern sinkt größtentheils in die Tiefe; eben so auf hohen Bergen, wo es immer kühl ist. Deßwegen entspringen auch die Quellen meistens in bergigen und waldigen Gegenden. Auf den Bergen und in den Wäldern ist es immer feucht, weil die Dünste der Luft immer als Wassertropfen niederfallen; sie sind aber bei Tage so klein, daß wir sie gar nicht sehen; wir fühlen sie bloß und sagen dann: in dem Walde ist die Luft feucht. Aus dieser feuchten Luft trinkt der Boden immer fort Millionen und Millionen Tröpfchen in die Tiefe der Erde. Fr. Das ist sehr schön, Vater; aber woher nimmt die Luft die Wasserdünste? Hat sie immer genug? V. Bäche, Flüsse, Seen schicken immer bei Tag und Nacht Wasser als Dunst in die Höhe, und eine unermeßliche Dunst masse steigt aus dem Meere empor, das, wie du weißt, viele tausend Stunden lang und breit ist. Die Dünste, die ans dem Meere aufsteigen, wehen die Winde über das Land hin, wo sie als Regen oder Thau niederfallen oder in unsichtbaren Tröpf- lein von dem Erdboden eingesogen werden. Weißt du, wohin alle Flüsse am Ende hinauslaufen? Fr. In das Meer, sagt man. V. Siehe, aus dem Meere steigen die meisten Dünste auf, diese fallen nieder als Regen und Thau, im Winter als Schnee auf die Erde; von diesen werden die unterirdischen Wasserbe hälter gefüllt, welche uns Quellen geben; aus den Quellen werden Bäche, aus den Bächen Flüsse, aus den Flüssen Ströme und diese gehen in das Meer. Die Wolken, die der Wind treibt, kommen meistens vom Meere her, fallen als Regen nieder und gehen in den großen Flüssen wieder in das Meer, bis sie wieder zu Dünsten und Wolken werden.582 Fr. Das ist sehr wunderbar; daran habe ich nie gedacht, daß die Wolken von dem Meere Herkommen, und wenn sie als Regentropfen zur Erde herunter gefallen sind, wieder nt den Flüssen zu dem Meere gehen. V. Ich will dir ein kleines Lied geben, in dem diese Einrichtung der göttlichen Weisheit recht schön ausgesprochen ist: — Welle und Blume. „O du lieblicher Geselle," Sprachen Blumen zu der Welle, „Eile doch nicht von der Stelle!" Aber jene sagt dann wieder: „Ich muß in die Laude nieder, Weithin auf des Stromes Pfaden, Mich im Meere jung zu baden. Aber dann will ich vom Blauen Wieder auf euch niederschauen." Äuellwafser. Im Berge sammelt sich Wasser. Es fließt an Felsen oder sonstwo hervor. Eine große Wohlthat, ein großes Labsal! Das Quellwasser ist das beste und ge sundeste Getränk, den Gesunden und den Kranken. Jeder Tropfen ist eine Gabe Gottes. Wie viele Gaben Gottes! Auch die Quelle und der Born an der Quelle, und die Brunnen sind angefüllt mit Gottes Gabe. Schon so lange her fließt uns Wasser zu und noch ist es nicht am Ende. Gott sei Dank! — Hieher paßt folgendes Gedicht für Kinder: Kind. Sage mir, Quelle, was plauderst du? Es hört ja Keiner dei'm Schwatzen zu! Quelle. Stets Hab' ich meine Kinder zu lehren, Die vor mir geh'n — nie wiederkehren. Kind. Warum behältst du sie nicht im Haus? Quelle. Sie sollen nützen; d'rum send ich sie aus. Die Quelle murmelt immer fort, Das Kind verstand davon kein Wort; Es plätscherte in dem Wasser viel, Und trieb mit dem klaren Sand sein Spiel. Es besuchte noch öfter den murmelnden Quell, Fand immer ihn thätig, munter und hell.583 Quitte. Es gibt Aepfel- und Birnquitten. Quitten sind Früchte, die ihrer Form nach mehr den Birnen, als den Aepfeln ähnlich sehen. Die Quitten unterscheiden sich von den Aepfeln und Birnen äußerlich durch einen wolligen Flaum, mit dem sie überzogen sind, und innerlich durch den klebrigen Schleim, in welchem ihre Kerne liegen. Dieser Schleim wird von den Apothekern als Kühlungsmittel und sonst noch gebraucht. Die Quitten sind roh nicht wohl eßbar, desto besser aber in süßem Most, oder in Wein und Zucker gesotten, und getrocknet unter anderm Obste, welchem sie einen eigenen Wohlgeschmack mittheilen. An Wohlgeruch kommt ihnen kein Kernobst gleich. Sie sollen von der Stadt Cydon auf der Insel Kreta nach Italien und von da zu uns gekommen sein. Nube. Knabe. Was bist denn du in deinem kohl schwarzen Rocke für ein Geselle? Du wackelst ja herum, als wenn du nicht einmal gehen könntest! Rabe. Ich bin ein Rabe; habe zwar einen wackelnden Gang, kann aber um so besser fliegen. Ich fürchte mich vor keinem Vogel, auch wenn er noch so groß und kühn ist. Sieh nur meinen Schnabel, der ist stark und scharf, mit ihm beiße und haue ich. K. Ja, ja, ich habe schon von dir sagen hören, daß du den Leuten mit deinem Schnabel die Waden blutig beißest, junge Hunde, Katzen und Küchlein tobt machest, dich gegen Hunde wehrst, daß sie davon laufen müssen und was dergleichen Heldenthaten sind. Aber von was lebst du denn in deinen Bergen und Wäldern? R. Ich lebe von jungen Hasen, Rebhühnern, Vogeleiern, Mäusen und Regenwürmern. Auch das Aas ist mir ein Lecker bissen, und man heißt mich deßwegen einen Galgenvogel, weil ich das Fleisch der Gehenkten fresse. K. . Pfui, du garstiges Thier! Laß mich doch auch einmal deine Stimme hören, du Wackler? R. Ich schreie kroach, kroach, bin aber ein so kluger und gescheidter Vogel, daß ich das Krähen des Hahn's, das Gacken der Henne, das Bellen der Hunde, ja sogar das Schlagen der Uhren nachmachen lerne. Auch lerne ich pfeifen wie ein Menschauf dem Finger oder mit dem Munde pfeift. Ja, was meinst du? Ich habe eine fo geschickte Zunge, daß ich sogar sprechen lerne. K. Das kann Alles fein. Aber ich habe auch von dir sagen gehört, daß du ein Dieb bist und gerne glänzende Dinge stiehlst und davonträgst. Ist das wahr? R. Ei freilich. Ich bin ein Galgen- und ein Diebs vogel. Glänzende Dinge stechen mir in die Augen, ich trage sie fort und verstecke sie. Einmal wurde in einem^Wirthshause eine vornehme Herrschaft erwartet. Die Wirthsleute deckten den Tisch und legten silberne Löffel, Messer und Gabeln auf das Tischtuch, sperrten die Thüre zu und ließen nur die Fenster offen. Als einer meiner Kameraden die glänzenden Dinge sah, konnte er nicht widerstehen, flog verstohlens zum Fenster hinein, nahm einen Löffel und ein Messer nach dem andern in den Schnabel, und trug sie in den Hof auf einen Misthaufen. Wie erschracken die Wirthsleute, als die Herrschaft ankam und der Tisch leer war. Ihr Schrecken verkehrte sich aber in Lachen, als sie nach einigem Suchen sahen, daß mein Kamerad auf dem Misthaufen den Hühnern den Tisch gedeckt hatte. — Nun hast du aber Zeit, daß du gehst, sonst beiße ich dich in die Waden! — Rad. Das Rad ist rund, von Holz gemacht. Die Stäbe im Rade heißen Speichen; sie stecken in den Felgen; die Felgen sind kurze Bögen, dicht aneinander gefügt, außen herum ist ein eiserner Ring mit Nägeln; der eiserne Ring hält das ganze Rad zusammen, und wird nicht so schnell abgerieben wie das Holz. Innen ist die Nabe, in der Nabe stecken die Spei chen, auch die Nabe ist mit eisernen Ringen beschlagen. In der Nabe steckt die Achse. Das Rad bewegt sich um die Achse. Es gibt große und kleine Räder, Kutschenräder, Wagenräder, Schiebkarrenräder, Pslugräder, Spinnräder, Schwungräder, Kammräder und noch viele andere Räder. Ein ganz vorzüg liches Rad ist das Mühlrad. Wasser fällt auf die Brettchen, die auf das Rad festgemacht sind, das Wasser drückt das Rad immer weiter hinab, weil immer wieder Wasser aus die weiteren Brettchen fällt. Dieses Nad treibt in der Mühle an den Rä dern, Balken, Steinen, der Mensch sieht zu, hilft nach, das Mühlrad arbeitet Tag und Nacht fort, weil Tag und Nacht Wasser hinzuffießt. Wer das Rad erfunden hat, der war ein weiser Mann. So wollen wir auch werden. Jetzt ist es gut585 arbeiten, weil uns so viele Dinge helfen. Das Rad ist einer unserer besten Helfer. NeithseL. Ach, etwas errathen! das ist schwer, saget ihr; allein wenn mnn's recht betrachtet, so ist es eine Leichtig keit. Nur recht aufgemerkt und recht gedacht, dann geht's. — Räthsel sind Aufgaben, wobei ein ungenannter Gegenstand so bezeichnet und seine Eigenschaften in der Aehnlichkeit mit andern Gegenständen so dargestellt werden, daß er durch Rathen leicht aufzulösen ist. Räthsel Hab ich euch in diesem Lexikon mehrere niedergelegt. Leset sie alle nach; ihr findet eins bei den Ar tikeln : Baum, Brücke, Bücher, Butter, Flachs, Gans, Garten schnecke, Hamster, Hase, Himmel, Jahreszeiten, Knabe, Laterne, Ofen, Regenbogen, Schmetterling, Sonne, Tabak, Uhr, Vögel, Wind, Winter, Zwiebel. — Ich will hier nur noch einige größere Räthsel einschalten, aber mit mehreren Räthsel fragen möchte ich euch unterhalten; ich weiß, daran habt ihr gewiß eine Freude, und zudem schärft es das Denken, den Verstand, und gewährt gar angenehme Unterhaltung. — Also, Obacht! 1. In der Luft da fliegt's, Auf der Erde liegt's, Auf dem Baume sitzlls, In der Hand da schwitzlls, Auf dem Ofen zerläuft's, In dem Wasser ersäuft's; Wer gescheit ist, begreift's. 2. Vom Felde kommt's in die Scheune, Vom Flegel dann zwischen zwei Steine, Aus dem Wasser endlich in große Glut, . Dem Hungrigen schmeckt's allzeit gut. 3. Es hat ein Mann ein hohles Ding, Ein Steg die Quer darüber ging, Vier Leinen waren d'rauf gespannt. Der Mann nahms zwischen Kinn und Hand, Strich's brav dann mit dem Pferdeschwanz, Das brachte die Leute in Takt und Tanz. 4. Er kommt zu uns mit leisem Schritt, Bringt viele Musikanten mit,586 Er schmückt sein grünes Kleid sich bunt; Sein Athem macht uns sroh und g'sund. 5. Erst gräbt man's aus der Erde Und macht daraus einen Brei, Dann bringt man in der Scheuer Die rechte Form ihm bei. Um's fest und roth zu machen, Wird's Feuer angestrengt, Dann wird's an seiner Nase Hoch oben aufgehängt. Nun hat dein kleines Bettchen Wohl einen sichern Schutz, Du bietest selbst im Schlafe Dem Schnee und Regen Trutz. 6. Zweimal zehn Augen hat es und eins, Und sieht so viel als hätt' es keins, Es dient zum Spiel bei müssiger Zeit, Wer Geld d'ran setzt, dem thut's oft Leid. 7. Zur schönen warmen Sommerszeit, Da trage ich ein grünes Kleid; Doch, wenn dann kommt der Herbst daher, Brauch' ich das grüne Kleid nicht mehr, Ich trage dann ein Kleid von Stein; Ein Hammerschlag dringt kaum hinein! Und kommt die liebe Weihnachtszeit, So trag ich gar ein golden Kleid; Das zieht mir dann das Kindchen aus Und ißt mich selbst zum Weihnachtsschmaus. 8. Es ist eine lebendige Mäusefalle, Und meine Kinder kennen es alle! Es sieht bald weiß, es sieht bald grau Und schreit: —-! 9. Errathe Kind, wer bin ich, wer? Ich wohne wie der Zottelbär, In einer Höhle in der Erd', Doch nur so lang' der Sommer währt, Denn kommt der Herbst so gräbt man mich Aus meiner Höhle sicherlich.587 fÜ; '■£ Man sperrt mich in den Keller ein, Da lieg' ich still bei Bier und Wein, Da lieg' ich still und rapple nicht; Doch, zieht man endlich mich an's Licht, Dann macht man mir ein Bad, so warm! Da schwitz ich sehr, daß Gott erbarm! D'raus nimmt das Kind mich in die Hand Und zieht mir aus mein braun Gewand, Und spießt mich an das Gäbelein Und steckt mich in den Mund hinein. 10. Erst bin ich eine lange, Doch gar nicht giftige Schlange; Und bald darauf verschränk' ich schon Die Armee wie Napoleon. Bis dahin bin ich weich und weiß, Nun aber macht man mir es heiß; Ich bin d'raus, von der Hitze braun, Wie ein Bauernbursche anzuschau'n. Ei seh't! da kommt ein Kind gerannt, Hat einen Kreuzer in der Hand, Das lös't mich für den Kreuzer ein Und steckt mich in den Mund hinein. Räthseisragen. 1. Wer 8 Frühlinge, 8 Sommer, 8 Herbste und 8 Winter gelebt, wie viel Jahre ist der alt? 2. Auf einem Baume sitzen 12 Spatzen, wie viele bleiben sitzen, wenn man 3 davon herabschießt? 3. Welches Spiel findet man auch bei den Hunden? 4. Wer mehr Füße hat als Schuhschnallen, wie viel hat der Schnallen? 5. Wer ist geboren, aber nicht gestorben? 6. Wer ist der schnellste Maler? 7. Welcher Bart hat keine Haare? 8. Was gebraucht man vom unreinlichsten Thier zur Rein lichkeit? 9. Wer hat 1000 Augen und sieht doch nicht? 10. Wann ist es am Gefährlichsten im Freien zu gehen? 11. In welche Töpfe kann man kein Wasser gießen? 12. Welcher von den 7 Wochentagen ist der längste?588 13. Welcher ist der längste Tag im Jahr? 14. Welcher Sporn wächst aus der Erde? 15. Welches ist der größte Hof? 16. Welcher Baum hat kein Laub und keine Nadeln? 17. Welcher Geist ist sichtbar? 18. Welches sind die längsten Betten? 19. Welcher Knecht muß sich seinem Herrn zu Füßen werfen und bekommt dennoch keinen Lohn? 20. Welches ist der größte Vogen? 21. Welches ist das größte Gebäude? 22. Wer kann Eisen fressen? 23. Welcher König kann fliegen? 24. Welcher König hat nichts zu befehlen? 25. Welche Schuhe zerreißen nicht an den Füßen? 26. Welche Aepfel haben den größten Werth? 27. Was schlägt ohne Hände? 28. Welche Sohlen halten am längsten? 29. Was geht mit dem Kopf auf dem Boden? 30. Welche Feigen wachsen nicht auf dem Baume? 31. Welche Straße kann man am weitesten sehen? 32. Was holt Luft und ist doch kein Thier? 33. Wie schreibt man „dürres Gras" mit drei Buchstaben? 34. Was hat keinen Körper und ist doch sichtbar? 35. Wie kann man 100 mit Ziffern ohne Null schreiben? 36. Was sieht Gott nie — der Bauer jeden Tag? 37. Den einen richtet er auf, den andern wirft er nieder. Was ist das? 38. Welche Rosen trinken auch Branntwein? 39. Was hat das zu bedeuten, wenn der Rab auf seine Beine sitzt? 40. Welcher Ring ist nicht rund? 41. Wer sieht mehr, der 1 oder der 2 Augen hat? 42. Wo hat Adam den ersten Löffel zum Essen genommen? 43. Wohin hat Adam den ersten Nagel geschlagen? 44. Was ist das beste am Kalbskopf? 45. Wo sind die höchsten Berge? 46. Warum schabt man den Käs? 47. Welches ist der größte Fisch? 48. Welches ist der kleinste Fisch? 49. Welche Zimmer sind am schönsten unbemalt? 50. Welches Unrecht ist Jedermann erlaubt? 51. Wenn hat ein Hase Zahnschmerzen?589 52. Warum läuft der Fuchs über den Berg? 53. Warum macht der Hahn die Augen zu wenn er kräht? 54. Woher kommt der Storch im Frühjahr? 55. Welches Thier hat die Knochen auswendig und das Fleisch inwendig? 56. Welches Licht brennt länger, ein Wachslicht oder ein Talg licht? 57. Wo hat die Welt ihr Ende und der Tod feilten Anfang? 58. Welcher Handelsmann schlägt am Wenigsten ans seine Waare? 59. Bei welchem Handwerksmann geht es vorwärts, wenn es fleißig rückwärts geht? 60. In welchem Reiche sind keine Diebe? 61. Welche Leiber haben keinen Magen? 62. Welches Thier ist das stärkste? 63. Wenn kann man Wasser in einem Siebe tragen? 64. Welche Peter machen den größten Lärm in der Welt? 65. Wo hat ein Esel so laut geschrieen, daß es alle Menschen in der Welt gehört haben? 66. Welcher Vogel hat keine Flügel, keine Federn und keinen Schnabel? 67. Mit welchen Augen kann man nicht sehen? 68. Welches ist das stärkste Getränke? 69. Welche Thiere schämen sich nach dem Tode? 70. Welche Leute geben Jedermann Quartier? 71. Welche Rolle nimmt jeder Schauspieler an? 72. Wie viele weichgesottene Eier konnte der Riese Goliath nüchtern essen? 73. Wer zieht sein Geschäft in die Länge und wird doch zu rechter Zeit fertig? 74. Welche Grafen können am schnellsten und weitesten schreiben? 75. Welche Pathen haben ein Herz von Stein? 76. Wo kommen alle Säcke zusammen? 77. Was ist über Gotteswort? 78. Welches Thier ist dem Wols am Aehnlichsten? 79. Wie viel wiegt der Mond? 80. Welches ist der höflichste Fisch? 81. Was wird kleiner, wenn man dazu legt, und größer, wenn man davon nimmt? 82. Welcher Buchstabe ist der mittelste im ABC? 83. Welche Biere schäumen am meisten? 84. Was ist fertig und wird doch täglich gemacht?590 85. Welches Eisen wird von Blech gemacht? 86. Welches sind die schlechtesten Schützen auf der Welt? 87. Was sieht einem Fuder Heu am Aehnlichsten? 88. Wer hat 6 Füße und geht doch nur auf vieren? 89. Welche Anten können schön singen? 90. Welcher Wein kommt nicht von Trauben? 91. Auf welche Weise kann man zwei Aepfel unter drei Kin der theilen, daß jedes einen ganzen Apfel bekommt? 92. Wie viel sind Apostel gewesen? 93. Welcher Hut gehört auf keinen Kopf? und welcher Hut ist voll Süßigkeit? 94. Wer kommt zum ersten in die Schule? 95. Welcher Aal kann nicht gegessen werden? 96. Welches ist der verachtungswürdigste Hals? 97. Was ist schwerer ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei? 98. Was ist für ein Unterschied zwischen dem, der anklopft, und dem, der aufmacht? 99. Wie kann man dem, der schon sechs Jahr in die Schule gegangen ist, beweisen, daß er weder schreiben noch lesen könne? 100. Wo bellen die Hunde mit dem Schwänze? Höret noch folgendes Gespräch: Wilhelm. Lieber Vater, ich bitte Sie um ein Räthsel! Vater. Nun, hast du noch nicht genug an den Räth- seln im vorigen Artikel; da sind eine Menge vorhanden; hast du sie alle gelesen und gelöstt? Wilhelm. O ja, ich kenne alle; auch dieRäthselfragenund die Nüsse haben mir recht gut gefallen. Ich würde Sie aber sehr um ein Räthsel, wie z. B. das vom blauen Himmel, vom bitten, Mond und den Sternen in diesem Lexikon. Bitte, Vater, um ein ähnliches Räthsel, aber doch muß es nicht allzuschwer sein, damit ich es heraussinden kann! Vater. Ich will es versuchen; ich denke, das folgende wird so ziemlich sein, wie du es wünschest. „An einem jähen Abhange, oben auf der Scheitel mit dichtem Gebüsch bewachsen, liegen zwei Höhlen unter zwei Felsenrändern, die ebenfalls mit starkem Gestrüppe bewachsen sind. Beide Höhlen sind durch ein Gebirge von einander getrennt, so daß man erst über das Gebirge hinübergehen müßte, wenn man aus einer Höhle in die andere gelangen591 wollte. Aber die Höhlen sind nicht hohl, sondern es bewegen sich zwei Kugeln darin, gleich zwei Erdkugeln, und rollen in den Höhlen hin und her. Sie haben ihre Tage und ihre Nächte, diese Kugeln, wie sie die Erde selbst hat, und wie auf dieser irdischen Welt, wohnen auch auf diesen beiden der Schmerz, und der Jammer und die Thräne und die Freude, der Scherz und das Lachen." — Wilhelm. O, Vater, das ist mir doch wohl unmöglich zu errathen! — Vater. Vielleicht ist es doch so schwer nicht, als du denkst, wenn du nur weiter hören und dann Alles recht ver gleichen willst. — Zwei bewegliche Thore, nicht von Holz und Eisen, sondern fast lederartig und mit langen Spitzen besetzt, verschließen diese Höhlen mit der Schnelle eines Blitzes, sobald etwas hineindringen will. Auch kein Würmchen, kein Thier- chen, so klein und behende es immer sei, darf hinein; nichts, als der Lichtstrahl kann diese Höhlen durchdringen. Sie schlie ßen sich von selbst, diese Thore, und sie öffnen sich wieder von selbst. — Schließen sie sich, so ist eine dunkle, finstere Nacht in den Höhlen, die durch kein künstliches Licht erhellt werden kann, wiewohl draußen auf dem Gebirge, welches die Grenze zwischen beiden Höhlen macht, der hellste Sonnenschein lachen kann. Wenn sich aber die Thore öffnen, dann ist auf der Oberfläche der zuvor verhüllten Kugeln ein Leben und Be wegen, wie auf der Erde. Das Thun und Treiben der Men schen erblickt man, Heerden und Triften, Vögel und Fische, Landschaften mit ihren hellen und schattigen Stellen, Bäume und Pflanzen; auch Wälder und Gesträuche finden sich darauf. Wilhelm. Vater, es wird mir doch nicht deutlicher; ich weiß nicht, ob ich es herausbringe. — Vater. Man muß an nichts verzweifeln, und es muß ja auch nicht sogleich beim ersten Anhören errathen sein. Höre nun noch zwei Worte, die ich hinzusetzen will. — Alles, was auf diesen Kugeln war, verschwindet, sobald die Thore sich schließen, aber wenn auch die Thore sich nicht schließen, so ver schwindet es dennoch auch, sobald die Nacht hereinbricht. Auf unserer Erdkugel bleiben die Dinge doch, wenn sie auch in der Nacht unsichtbar werden; hier aber verschwinden sie wirklich in einem Momente, so daß auch keine Spur davon zurück bleibt. — W ilh elm. Vater, es ist mir gewiß zu hoch! Vater. Nun, so muß ich denn noch einige Worte hin-592 zusetzen. Alles,, was man auf diesen Kugeln trifft, trifft man nur in kleinen Gestalten an. Und sonderbar! hier wird nichts gehört, kein Laut, kein Ton; hier wird alles gesehen. — Wilhelm wollte noch mehr Erläuterungen; aber der Vater fürchtete, er habe seinRathsel ohnedies schon zu deutlich gegeben. Wilhelm ließ sich Alles noch einmal wiederholen; er bedachte sich, und fand die Lösung. Platten und Mäuse. Die häßlichen Ratten und die furchtsamen Mäuse, äußerst lästige Gäste, sind dem Men schen sehr schädlich, da sie die Speisen rauben und alles zer nagen. Mit den häßlichen Ratten mag ich gar nichts Zu schaffen haben, da sind mir die reinlichen Mäuse doch noch lieber, seien es nun Haus- oder Feldmäuse. Auch gibt es weiße Mäuschen. Mit der Feldmaus ist der Landmann gar nicht zufrieden; denn sie richtet ihm auf seinen Feldern oft großen Schaden an. Und kommt der Winter, so nimmt sie sich die Freiheit und zieht in seine Scheunen, um alldort sich zu sättigen, aber auch den bereits angerichteten Schaden weiter fortzusetzen. Viele Feldmäuse bleiben auch im Winter im Freien, was dem Laudmanne auch nicht gefällt! denn sie schaden der unterm Schnee verborgenen Wintersaat. — Der Dichter „Hey" läßt eine Frau so mit einem diebischen Mäuschen sprechen: Frau. Mäuschen, was schleppst du dort Mir das Stück Zucker fort? Mäuschen. Liebe Frau, ach vergib, Habe vier Kinder lieb; Waren fo hungrig noch, Gute Frau, laß mir's doch! Da lachte die Frau in ihrem Sinn, Und sagte: Nun, Mäuschen, so lauf nur hin! Ich wollte ja meinem Kinde so eben Auch etwas für den Hunger geben. — Das Mäuschen lief fort, o wie geschwind! Die Frau ging fröhlich zu ihrem Kind. — Mit manch anderm Mäuslein ist man aber rächt so gut, wie obige Frau; nein, man stellt den kleinen Dieben nach dem Leben. Man legt ihnen eine Falle, und die Mäuslein, aller Gefahr spottend, werden gefangen. Wie das zugeht: sagt „Güll" in folgendem Gedicht:593 Vom Mäuslein. Die Köchinn spricht zu Koch: „Fang' mir das Mältslein doch! Es ist nichts sicher in Küch' und Keller, weder in der Schüssel noch auf dem Teller! Wo was liegt, da frißt es; wo was riecht, da ist es; wo ein Braten dampft, kommt das Mäuslein und mampft. Zn den Küchenbehälter hat es gebissen ein Loch. Komm', fang' mir das Mäuslein doch, und jag' es wieder auf die Felder oder in die Wälder!" Da macht der Koch ein Gesicht und spricht: „Mäuslein, Mäuslein, bleib in deinem Häuslein! Nimm dich in Acht, heut' Nacht; mach' auch kein Geräusch, und stiehl nicht mehr das Fleisch, sonst wirst du gefangen und aufgehangen!" Der Koch aber deckt zu alle Schüsseln, und stellt aus die Falle hinten im Eck, und thut hinein den Speck, schließt die Küche zu, geht, und legt sich zur Ruh'. Das Mäuslein aber ist ruhig und spricht: „Was er sagt,, thu' ich!" — Aber es hat nicht lang gedauert, so kommt schon das Mäuslein und lauert und spricht: „Wie riecht der Speck so gut! Wer weiß, ob's was thut? Nur ein wenig möcht' ich beißen, nur ein wenig möcht' ich speisen! Einmal ist keinmal!" So spricht fein Mäuslein und schleicht, bis es die Falle er reicht. Duckt sich, und buckt sich, schmiegt sich und biegt sich; ringelt das Schwänzlein, wie ein Kränzlein, setzt sich ins Eck, und ergötzt sich am Speck; reißt, beißt und speist. Platsch, thut's einen Knall und — — zu ist die Fall! Das Mäuslein Zittert vor Schrecken, und möcht' sich verstecken; aber wo es will hinaus, ist zugesperrt das Haus. Es pfeift und zappelt, es kneift und krabelt. Ueberall ist ein Gitter, und das ist bitter. Ueberall ist ein Draht, und das ist schad! Leider, leider, kann's Mäuschen nicht weiter. Wär's nur gewesen gescheider! Unterdessen wird es Morgen; da kommt die Köchinn, und will besorgen den Kaffee und den Thee. Da sieht sie, was vorgegangen, und wie das Mäuslein ist gefangen. Ganz sacht schleicht sie hin und lacht: „Haben wir endlich erhascht das Mäuslein, das immer genascht? Siehst du: Einmal ist nicht keinmal. Wärst du geblieben in deinem Loch, gefangen hätte dich nicht der Koch!" Narrpe. Siehst du sie kriechen, die langsame Raupe, sie hat viele Füße, aber es geht doch langsam, bis sie alle Füße Kinder-L„Ri»ersation8 -Lexiksn. 38594 bewegt. Die Raupe wird bald ganz stille stehen und eine harte Schale wird sie überziehen. Bald steht man keine Füße mehr, sie liegt steif und fest da, wie wenn sie todt wäre; doch ist noch Leben in ihr, sie kann sich bewegen, aber nicht gehen. Die Raupe ist eine Puppe geworden. Was mag wohl in dieser Puppe sein? — Die Puppe bricht auf, es fliegt ein schönes Vögelein heraus wie aus einem Särglein. Die Raupe ist ein Schmetterling geworden. Welches Wunder in der Verwandlung! Ich will euch hier noch die zwei schönen Verse aus „dem Winter" von Hebel hersetzen; sie werden euch gewiß gefallen. Meng Sommervögeli schöner Art lit unterm Bode wohl verwahrt; es hat kei Chummer und kei Chlag, es wartet uf st Ostertag; und gangs au lang, er chumt emol, und sieder schloft's, und 's isch em wohl. Doch wenn im Frühling 's Schwälmli singt, und d' Sunne-Wärme abe dringt, potz tausig, wacht's in jedem Grab, und streift st Todtehemdle ab. Wo nummen au ne Löchli isch, schliefts Leben use jung und frisch. Nebus. Erschrecket nicht, Kinder, über dieses vornehme, fremde Wort. Es bedeutet zwar etwas Räthselhaftes; allein vor Räthseln habt ihr gewiß keine Furcht; denn im Auflösen derselben seid ihr schon so ziemlich bewandert. — Merket, es gibt nicht nur Räthsel, die aus Wörtern und Sätzen, sondern sogar welche, die nur aus einzelnen Buchstaben, aus Bildern und Figuren bestehen. Solche Bilder heißen „Rebus" und sind oft harte Nüsse zum Ausknacken Damit ihr gleich die rechte Vorstellung vom „Buchstaben-Rebus" erhaltet, will ich euch hier einige solche Rebuse zum Ausrathen aufzeichnen: 2) Ld 5) LB aa aa aa aa aa aa <1595 8) 888 66 9) __ e 10) E l 11) rN R 12) R gg 13) ß 8t R Tn 14) eee R G 15) W und W G R 16) jn n) jn8. g W g 18) g g g 19) 's und T ft WedlLchkeit. Was nicht dein ist, das rühr' nicht an; denn es brennt, und einmal hat es einem Knaben sogar das Herz abgebrannt, weil er an demselben sein unrechtmäßig Ver langen stets allzu dienstfertig gestillt hat. Der nahm, wie eine Elster, Alles, was ihm gefiel, heimlich hinweg, ob er gleich wußte, daß es Sünde ist, die einem in manchem Lande das Quartier in der Luft zwischen Himmel und Erde anweis't, oder wenigstens ein feu'rig Maal auf den Rücken brennt, daß, wenn er das Wamms auszieht, alle Welt lesen kann, weß Geistes Kind der Gebrannte ist. Diesmal aber hat das kalte Wasser die Feuerstelle vertreten und jenem Jungen ein Maal auf die Brust gebrannt, daß ihm der Athem böser Begierden gleich aus ging. Einmal stahl er nämlich ein paar Steine ungelöschten Kalkes und versteckte sie in seinem Busen. Gleich darauf be gegnete ihm ein Kamerad, der zwei Pferde in die Schwemme ritt, und — hast du nicht gesehen! saß unser Diebsjunge oben auf dem andern Pferde, und nun gings im vollen Jagen nach der Schwemme. Mitten im Wasser aber siel's dem Pferde ein, sich zu legen, und Spitzbübchen fiel herunter. Weil er aber schwimmen konnte, so schwamm er eine gute Strecke fort. Auf einmal aber fing er an jämmerlich zu schreien: Helft, helft, ich verbrenne! — Aber die Leute, die ihn schwimmen sahen, mein ten , er habe sie zum Besten, dieweil ja kaltes Wasser nicht brenne. Der Junge sank ein paar Mal unter und kam ein paar Mal wieder heraus, einmal mit dem Kopse, das andere Mal mit den Beinen, und das dritte Mal ganz, aber auch — ganz tobt. Der brennend gewordene Kalk hatte durch die Haut 38 »bis m's Innere gefressen. — Gelt, Kind, was nicht dein ist, das rühr' nicht an, denn es brennt — zum wenigsten auf dem Gewissen. Darum: Sei redlich auch in Kleinigkeiten, So wird dich Gottes Huld geleiten. Weiter: Sei ehrlich, redlich, fleißig, treu In einem Dienst, so schwer er sei, Denn Fleiß und Treu' und reine Hand Geht, wie man sagt, durch's ganze Land. Höre noch das Geschichtchen von „belohnter Ehrlich- k eit." Ein sehr vornehmer Herr ging in einer fremden Stadt spazieren, wo er gar nicht bekannt war. Da kam ein kleiner Knabe zu ihm und bat, er möchte ihm doch einen Groschen geben, weil seine Mutter krank wäre. Der Herr sagte, er hätte keinen Groschen bei sich. „Haben Sie gar kein Geld bei sich, lieber Herr ?" fragte der arme Knabe. „Nichts anderes als Dukaten," antwortete der Herr, „und ein Dukaten ist zu viel für dich." „Ach, lieber Herr," sagte der Knabe, „geben Sie mir den Dukaten; ich will ihn wechseln lassen und Ihnen Kleingeld bringeu." Der Herr lachte, gab ihm einen Dukaten und sagte: „Komme bald wieder und bringe mir das Geld!" Aber er dachte, wenn der Junge den Dukaten hat, wird er gewiß nicht wieder kommen; er wird denken, der Mann kennt mich nicht und kann mich auch nicht wiedersinden. Er ging ziemlich weit, ehe der Knabe kam, und dachte, nun wird er gewiß nicht mehr kommen. Aber er kam und brachte das einzelne Geld, und bat um einen Groschen. Der Herr sagte zu ihm: „Du gefällst mir, Kleiner. Warum hast du den Dukaten nicht lieber behalten?" „Ich mag kein Dieb sein," sagte der Knabe. „Meine Mutter stiehlt auch nicht, sie hungert lieber." Nun gab der Herr dem Knaben all das kleine Geld, und sagte, seine Mutter^ solle zu ihm kommen, wenn sie gesund wäre. Die Mutter kam, und der Herr gab ihr viele Dukaten, daß sie nicht mehr hungern durfte. Den Knaben nahm er mit597 sich, gab ihm gute Kleider und ließ ihm ein Handwerk lernen. Er war fleißig, wurde ein reicher Mann, und konnte seine alte Mutter ernähren. Wegen. Der Regen ist eine Menge Wassertropsen, die aus einer Wolke durch die Luft nacheinander zu Boden fallen. Wenn der Regen heftig ist, so wird er ein Platzregen ge nannt. Es erfolgt nach einem heftigen, starken Sturm gemeinig lich ein starker Regen, weil der Wind so die Dünste zusammen treibt, daß sie einander berühren und in Tropfen zusammen- stießeu. Ja, der Wind kann eine Wolke dergestalt zusammen treiben , daß sie in der größten Geschwindigkeit in Regentropfen verwandelt wird. Sobald der Wind sich aber plötzlich legt, so ergießt sich das Wasser auf einmal und macht eine große Ueberschwemmung, welches man einen Wolkenbruch nennt. Staubregen komnll sehr fein aus niedern Wolken; Strich regen aus einzelnen vorüberziehenden Wolken, und Land regen, wenn der ganze Himmel über einer Gegend mit regnenden Wolken bezogen ist. Ist denn der Regen auch nothwendig? O ja, durch den Regen erhalten wir viel Gutes: die Luft wird von schädlichen Dünsten gereinigt, die Hitze gemäßigt, weil der Regen aus der höhern, kältern Luft kommt; und endlich erhalten Menschen und Thiere dadurch entweder un mittelbar oder in Quellen und Flüssen das Wasser, dessen sie zu ihrer Erhaltung benöthiget sind. Die Menge des Wassers,'welche jährlich durch den Regen auf eine Strecke Land fällt, das so groß ist als der Kreis Schwaben und Neuburg, ist größer, als die in der Donau jährlich an Dillingen vorbeistießt. Regenbogen. Es ist dieß der prächtige, vielfach ge färbte Halbring, den man zuweilen am Himmel erblickt, wenn man den Rücken gegen die Sonne wendet und vor sich eine Wolke erblickt, aus der Regentropfen fallen, die von der gegen überstehenden Sonne erleuchtet werden. Es ist ein herrlicher Bogen, den der Weltenschöpfer ausspannt an seinem Himmel mit unvergleichlichem Glanze. Siehe an den Regenbogen und lobe den, der ihn gemacht hat! — Der Regenbogen prang: siebenfarbig am Himmel; die Farben folgen so aufeinander: Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett. —598 Von Perlen baut sich eine Brücke Hoch über einem grauen See, Sie baut sich auf im Augenblicke, Und schwindelnd steigt sie in die Höh'. Der höchsten Schiffe höchste Masten Zieh'n unter ihrem Bogen hin, Sie selber trug noch keine Lasten, Und scheint, wie du ihr nah'st, zu flieh'n. Sie wird erst mit dem Strom und schwindet, So wie des Wassers Uuth versiegt. Nun sprich, wo sich die Brücke findet, Und wer sie künstlich hat gefügt! Dieses schöne Räthsel hat uns vor 60 Jahren Friedrich Schiller gegeben, der aber in der Dichtkunst eben kein Schüler, sondern ein großer Meister war und auch der Lieblingsdichter der Deutschen geworden ist. Es ist dies Rathsel schon oft errathen worden, und ihr könnt's auch errathen, besonders wenn ich euch ein wenig daraufhelfe. Die Brücke, von der hier die Rede ist, ist ein ungeheurer Bogen. Sie reicht von der Erde bis zum Himmel hinauf und die Perlen, aus denen sie sich bauet, sind in sieben ver schiedenen Farben über einander gereihet. Der graue See ist ein Regen, der aus der Wolke niedertrövselt — Ihr werdet nun die Auflösung haben und rufen: Das ist ein Regen bogen. Ja, der ist's, eine erhabene, wunderschöne Natur erscheinung, von der die heilige Schrift sagt: „Sieh den Re genbogen und preise seinen Schöpfer: er ist sehr schön in seinem Glanze." Im Augenblicke sieht er da, und im Augen blicke ist er auch wieder dahin. Er entsteht, wenn wir in einiger Entfernung eine regnende Wolke vor uns und die Sonne hinter uns haben. Die Farben sind nur Schein und entstehen durch die Sonnenstrahlen, welche an die Regentropfen scheinen und gebrochen wieder zurück in unser Auge geworfen werden. Oft sieht man zwei Regenbogen über einander, von denen aber der obere schwächer ist. Die Farben sind die näm lichen, die auch aus dem Thautröpflein spielen, wenn es in der Morgensonue glänzt, und welche jeder Sonnenstrahl gibt, der durch das Prisma*) gebrochen wird. Sie kommen in *) Das Prisma ist ein Glas, das gegen 3 S>.iten hin Flächen hat. Wenn man durch dasselbe einen Sonnenstrahl in ein dunkles Zimmer scheinen läßt, so wird derselbe gebrochen und wirft sieben Farben an die Wand.599 folgender Ordnung nach einander: Roth, Orangengelb, Grün, Blau, Dunkelblau (indigoblau), Violett. Wer in seinem Far- benlästchen ein rothes, gelbes und blaues Stücklein guter Farbe hat, kann sich daraus auch die übrigen Farben des Regenbogens leicht machen. Roth und gelb gemischt, gibt Orangegelb, Gelb und Blau gemischt gibt Grün, Blau und Roth gibt Violett. Uebrigens wechseln diese Farben nicht so mit einander, daß sie sich in bestimmt gesonderten Streifen von einander unterscheiden, sondern sie verlieren sich allmählig in einander, so daß man zwischen dem Roth und Violett un zählige Zwischenfarben herausbringen könnte, wenn es dem Auge möglich wäre, sie zu unterscheiden. Der Regenbogen ist ein gar freundliches Zeichen — er ist oft ein wahrer Frie densbogen. Wenn Gott durch ein schrecklich tobendes Ge witter gleichsam seinen Zorn gezeigt hat, so gibt er uns, wenn dieses ausgetobet hat, wieder den Sonnenschein und dieser malet uns das Zeichen der Freundlichkeit Gottes, den siebensarbigen Bogen, an die dahinziehende Wolke. Als der gerechte Gott die sündigen Menschen durch eine allgemeine Wasserfluth vertilgte, rettete er seinen Diener Noa sammt dessen Familie. Nachdem nun Noa aus der Arche gestiegen war, baute er dem Herrn einen Altar und zündete ein Brand- opker daraus an. Noa's Dankgebet gefiel Gott und er gab sich ihm wieder in seiner Freundlichkeit zu erkennen. Ein lieblicher Regenbogen wölbte sich von der Erde gen Him mel empor und Gott sprach: „Sieh, ich will mit euch einen Bund errichten. Es soll keine Wasserfluth mehr kommen, alles Fleisch zu tödten. Und dies ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und euch errichte. Meinen Bogen will ich in die Wolken setzen und er soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde, und wenn ich den Himmel mit Wolken umziehen werde, soll mein Bogen in den Wolken er scheinen." Und nun, meine Lieben, wisset ihr auch, was für eine schöne Bedeutung der Regenbogen für uns hat. Höret zum Schlüsse auch noch ein Geschichtchen: Es waren einmal zwei recht gute, fromme Eltern. Ob wohl sie nicht sehr reich waren, besaßen sie dennoch ein so kostbares Kleinod, daß sie sich für glücklicher hielten, als viele andere Leute, die Geld und Gut in Ueberfluß hatten. Sie hatten nämlich ein Töchterlein, das überaus gut und fromm war, und voll Begierde immer vollkommener zu werden. Die600 Eltern benützten auch jede Gelegenheit, das zarte empfängliche Gemüth ihres Töchterleins recht edel zu machen. Einmal sah Klara, so hieß das Kind, von ihrem Fenster aus einen wunderschönen Regenbogen. Sie lief schnell zu ihren Eltern, sie herbei zu rufen, auf daß auch sie das schöne Bild am Himmel mit ihr anschauen möchten. Diese waren darüber sehr erfreut und der Vater sagte: „Sieh, Klärchen, in diesem siebenfarbigen Bogen lese ich sieben schöne Worte. Jede Farbe ist das Sinnbild einer Tu gend oder einer schönen Eigenschaft, womit wir uns schmücken sollen: Roth bedeutet die Liebe zu Gott. Roth ist ja auch die Flamme, die emporlodert gen Himmel, wo die ewige Liebe wohnt. Orange bedeutet die Wohlthätigkeit. Der Orangenbaum ist besonders freigebig gegen die Menschen und reicht ihnen zweimal des Jahres, im Frühlinge und im Herbste, seine gewürzhaften Früchte. Gelb (hellgelb) ist die Farbe der Unschuld und Reinig- keit des Herzens. Sie ist der weißen an Zartheit am nächsten und der geringste Schmutzfleck ist an ihr bemerkbar. Grün bedeutet die Hoffnung auf Gott und seine Ver heißung, an der wir festhalten sollen. Grün war der Oel- zweig. den die Taube dem Noa in die Arche brachte und der ihn die baldige Befreiung aus derselben hoffen ließ. Blau bedeutet die Aufrichtigkeit. Wie ein heiterer Him mel — ohne Wölklein — so soll das Herz des Menschen — ohne Falsch, lautere Wahrheit sein. Indigo (dunkelblau) bedeutet die Demuth, dies ist die Farbe des Veilchens, das aus der Verborgenheit, aus dem Dunkel des Grases — seinen Duft spendet. Violett bedeutN die Buße. Diese Farbe stellt uns auch die Kirche vor, wenn sie uns zur Buße mahnet und von der Eitelkeit der Welt abziehen will." „Diese sieben Farben," setzte die Mutter noch hinzu, „sollen wie ein Gürtel dein Gemüth umschlingen. Sie werden dich mehr zieren als Gold und Seide." Regensbrrrg ist eine Stadt an der Donau mit 29,224 Einwohnern, und war einst bedeutender als jetzt. Sie war unter den Agilolfing er n die Hauptstadt von Bayern. Später war sie freie Reichsstadl, und vom Jahre 1663 bis 1806 wurde sie zum beständigen Sitz des Reichstages601 erklärt. Sie hat immer noch Reste ihrer vormaligen Größe. Dahin gehört das alte Rathhaus, welches dem Reichstag zum Versammlungsort diente; die Domkirche, die St. Pe ters- und die Dreifältigkeits kirch e, die ehemaligen Reichsabteien St. Emme ran, Nieder - und O b e r m ü n st e r; die vortreffliche steinerne Brücke über die Donau, die ein zige ganz gemauerte, welche über diesen Strom führt. Auf 15 Bogen ruhend, trotzt sie nun bereits 700 Jahre der Strö mung, dem Eisgänge und andern Unfällen. In Regens burg residirt der Fürst von Thurn und Taxis, dessen Vorfahren die Posteinrichtung zuerst in Ausführung ge bracht , und zum Danke dafür das Recht erhalten haben, in den deutschen Staaten die Posten aus ihre eigene Rechnung verwalten zu lassen; die Staaten jedoch haben dieses Recht durch Entschädigung abgelös't. Außerhalb der Stadt befindet sich das Denkmal Kepplers*), welches der Kurfürst-Erz- kanzler Erzbischof von Mainz und Bischof von Regensburg, Karl von Dalberg, 1817 errichten ließ, und auf einem Berge nordöstlich von Regensburg an der Donau steht ein groß artiges neues Gebäude, ein schöner mit 52 Säulen umgebener Marmortempel, die Walhalla**). Dies hat der König Lud wig I. von Bayern zum Gedächtniß der verstorbenen großen Männer Deutschlands erbaut, deren Bildsäulen entweder darin aufgestellt werden, oder deren Namen, in Marmor eingegraben, mit Goldglanz strahlen. Weh. Dieses Thier, dieses muntere, ist es werth, daß man von ihm redet. Es ist so groß wie ein Kalb, besitzt aber eine viel schlankere Gestalt. Und erst das Geweih auf seinem Kopfe! Und wie das Thier laufen kann! — Könnten die Jagd hunde reden, was würden sie von seiner Schnelligkeit erzählen! Aber auch der Jäger weiß manches von ihm zu sagen. Man frage ihn einmal, gleich wird er klagen, daß das Reh da nicht bleibe, wo es angewiesen sei, im Walde; daß es besonders des Nachts aus die Felder gehe, dort sich sättige und oft großen *) Johann Keppler war ein Astronom, d. i. Sternkundiger, Him melskundiger, geb zu Weil im Württembergischen den 27. Dez. 1571 und gest. zu Regensburg i. I. 1630 den 15. Nov. **) Walhalla war das Paradies der alten nordischen Völker, der Heldenhimmel, der Ort, wohin die alten Deutschen ihre Helden nach dem Tode versetzten.602 Schaden anrichte. Natürlich schießt er dann, wenn er solchen Un gehorsam bemerkt. — Das Fleisch vom Reh schmeckt sehr aut. Die Haut braucht der Weißgerber, um Leder zu machen und die Haare kauft der Sattler in die Sessel und Kanapee. Reif. Der Reif, den man im Frühjahr und Herbst sieht, ist nichts anderes, als gefrorner Thau, oder auch Reif vom Nebel, Nebelreif. Die gefrornen Dünste setzen sich bei neblichter, feuchter Witterung oft in kleinen Eisnadeln faden förmig an und werden dann Duft genannt. Es gibt sogar ein Liedchen vom Reifen. Es fängt so an: „Seht meine lieben Bäume an, wie sie so herrlich steh'n - auf allen Zweigen angethan mit Reifen wunderschön! Von unten an bis oben 'naus auf allen Zweigelein hängt's weiß und zierlich, zart und kraus, und kann nicht schöner sein. Und alle Bäume rund umher, all', alle, weck und breit, steh'n da, geschmückt mit gleicher Ehr' in gleicher Herrlichkeit." Reihern Ein Sumpfvogel, wie der langbeinige Storch, ist auch der Fischreiher. Auch bleibt er nur den Sommer über bei uns, und macht sein Nest auf hohe Bäume. Seine liebste Mahlzeit finb Fische, weßhalb sich dieser Reiher nicht so wohl in Sümpfen als in einer Gegend aufhält, wo es fisch reiche Weiher, Flüsse und Bäche gibt. Ist er hungrig, so watet er bis über die Knie in's Wasser, bleibt dann ruhig stehen und zieht den Hals ein, als wollte er nicht Fische fangen, sondern ein Schlüflein machen. Sobald er aber einen Fisch nahe genug schwimmen sieht, so schnellt er seinen Kopf wie einen Blitz dar nach, spießt ihn mit dem Schnabel, und schluckt ihn hinunter. Kann er keine Fische haben, so begnügt er sich mit Fröschen, Mäusen, Spatzen und Käfern. Wenn er mit Ungezogenem Halse träg im Wasser steht und er bemerkt einen Jäger oder sonst etwas Gefährliches, so streckt der listige Stelzfuß, Leib, Hals, Kopf und Schnabel ganz gerade in die Höhe, daß er fast wie ein alter, spitziger Pfahl aussieht. Dieses thut er auch, wenn er603 auf den starken Aesten großer Bäume sitzt, und man ihn dann leicht für einen spitzigen Baumstorren hält. Bei einem Gewitter ist er so furchtsam, daß er bei jedem Donnerschlag einen Satz macht, und sich endlich laut schreiend in die Luft schwingt. Wird er von einem Geier verfolgt, so speit er, um sich leichter zu machen, seine ganze Mahlzeit aus, fliegt so hoch als möglich in die Luft und streckt dem herabstoßenden Falken die Schnabel spitze wie einen Spieß entgegen. Vor einem verwundeten Reiher, auch wenn er schon auf der Erde liegt muß man sich wohl in Acht nehmen, denn er wehrt sich grimmig, und schnellt mit dem Schnabel besonders nach den Augen. Reis. Der Reis, den ihr wahrscheinlich alle schon als Suppe gegessen habt, kommt aus heißen Ländern, wo er in großer Menge, wie bei uns das Getreide, gebaut wird. 100 Millionen Menschen nähren sich fast einzig von ihm. In sum pfigen Gegenden, welche unter Wasser gesetzt werden können, gedeiht er am besten. Wer eine Gerstenähre kennt, der kann sich den Reis leicht vorstellen, wie er aussieht, denn mit dieser hat der Reis die meiste Aehnlichkeit. In China hat man in zwei Jahren fünf, in Ostindien jährlich drei Ernten. Man nimmt an, daß sich die Aussaat dreißigfältig vermehre. Aus Reis mit Cocosmilch brennt man auch ein bekanntes Getränk, den Arak. Der Reis vertritt in Indien ganz die Stelle des Brodes. Er wird hauptsächlich auf dreierlei Art bereitet. Man kocht ihn nämlich mit Wasser ohne jede andere Zuthat, um Brod daraus zu bereiten; oder man bereitet den sogenannten Pi- la ff daraus. Letzterer wird gewöhnlich also bereitet: man kocht Schafsleisch und Hühner zusammen und schneidet das Fleisch in Würfel. Alsdann thut man Butter in einen Tops und eine zolldicke Lage von Reis. Dazwischen das Fleisch und kleingeschnittene Zwiebeln, abgeschälte Mandeln, kleine, kernlose Rosinen, Pfeffer, Nelken, Zimmet u. s. w. Ueber das Ganze gießt man wieder die Brühe, thut noch Butter dazu und läßt es bei verschlossenem Deckel dämpfen. Rennthier, ist eine Hirschart und wohnt in den nörd lichen Gegenden der Erde, in Lappland und Grönland, wo es recht kalt ist, und der Winter fast drei Vierteljahre dauert; denn je kälter ein Land ist, desto lieber ist es dem Rennthiere. ll lärme kann es gar nicht ertragen. Es stirbt gleich nach etlichen Tagw, wenn es in ein warmes Land gebracht wird. Es604 frißt Moos (Rennthiermoos, das es mit seinen Geweihen aus dem tiefen Schnee hervorscharrt), Baumknospen und Blatter. Es gibt zahme und wilde Rennthiere. Ein reicher Lappländer hält sich oft allein 4—500 Rennthiere. Das Renn ist des Lappen einziges Hausthier, und zugleich sein ganzer Reichthum. Wenn daher ein Lappe kein Rennthier hat, so ist er ein armer Mann, ein wahrer Bettler. Der Lappe hat weder Gärten noch Aecker, weder Schafe noch Kühe, noch Pferde. Alles müssen ihm daher seine Rennthiere leisten und geben. Sie müssen ihm Dienste thun, ihn nähren und kleiden. Er bekommt von ihnen Milch, und diese ißt oder trinkt er frisch, oder er macht sich Käse da von. Das Fleisch aber ist seine beste und gewöhnlichste Speise. Das Fett ißt er statt der Butter. Von den Fellen macht er sich sein Bett und seine Kleider, und bedeckt auch seine Hütte damit. Aus den Gedärmen und Sehnen macht er Stricke und Zwirn; und von den Knochen verfertigt er sich Löffel, Messer und Nähnadeln. Die Schalen (Klauen) ihrer Füße geben ihm Trinkgeschirre, und ihre Blasen dienen ihm statt der Brannt weinslasche. Rennthierblut mit Wurzeln gekocht, gibt ihm Kraft suppen; Blut, Fett und Unrath, wohl vermengt und in Därme gefüllt, eine köstliche Magenwurst. Geräucherte Zungen und frisches Mark des Rennthieres sind seine höchsten Leckerbissen. Des Sommers bepackt er sie, und des Winters spannt er sie vor seinen Schlitten und reiset mit ihnen in einem Tage 18 — 20 Meilen weit herum; denn sie können erstaunlich schnell, und einen ganzen Tag sortlaufen, ohne ein Mal stille zu stehen oder auszuschnaufen, oder etwas zu fressen. Und so wissen sich also die genügsamen Lappen und andere nördliche Bewohner alle Nothwendigkeiten des Lebens nebst vielen Bequemlichkeiten von ihren Rennthieren zu verschaffen. Ätzern. Unser Vaterland hat viele Ströme und Flüsse, die es verschönern, beleben und befruchten; aber der schönste und nach der Donau der größte Fluß Deutschlands ist der Rhein. Er entspringt auf dem Gotthardsberge in der Schweiz aus drei Quellen. Von seinem Ursprung bis dahin, wo er sich, wie alle großen Flüsse in's Meer ergießt, macht er — seine Krümmun gen und Umwege eingerechnet — einen Weg von 256 Stunden. Seine Breite beträgt im Durchschnitt 167 Meter, bei der Stadt Mainz 400, und bei Koblenz über 667 Meter. Er hat einen starken Fall und sein Lauf ist deßhalb reißend. Bei Schasshausen stürzt er unter weithin hörbarem Brausen von einer 25 Meter605 hohen Felswand herab und bildet einen der schönsten Wasserfälle. Tausende von Reisenden aus allen Nationen sind schon aus weiter Ferne gekommen, um ihn zu sehen. Viele Flüsse verei nigen sich mit dem Rheine, wie die Aar, der Nekar, der Main, die Mosel. Das Thal, durch welches der Rhein fließt, ist von anmuthigen Bergen umschlossen, auf denen die Rebe und schönes Laubholz grünt. Es gehört nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den ergiebigsten Thälern unseres Vaterlandes. An den Ufern des Rheines stehen herrliche Burgen, Ueberbleibsel aus der kräftigen Ritterzeit, und prächtige Dome, Beweise hoher Kunst und inniger Frömmigkeit. Die lachende Schönheit des Rheines entzückt Alle, die ihn besuchen, und es ist schon viel um seinen Besitz gekämpft worden.*) Die Bewohner des Rheinufers sind gute und fröhliche Menschen. Der gesprächige Fischer, der uns auf dem schönen Strome rudert, erzählt gerne wundersame Sagen und Mährchen. Vom Rheinufer verbreitete sich das Christenthum, Wissenschaften und Künste, auch die Buchdruckerkunst, über Europa, und Kämpfe und Schlachten, die an seinen Ufern stattfanden, waren höchst wichtig. — Der Rhein ist beständig durch Schiffe, Kähne und Flöße belebt, und der Handel, der hinauf und hinab getrieben wird, ist von hoher Wichtigkeit und gehört nebst dem Weinbau unter die bedeutendsten Nahrungsquellen der Rheinländer. Der Rhein führt in seinem Sande auch etwas Gold. Aber wichtiger als dieses siud die Fische, die er in seinen Fluthen nährt. Im Frühjahr durchziehen Lachse und Salmen aus dem Nordmeer den Rhein. Jeder Deutsche freut sich des Rheins, und wenn er ihn auch noch nie gesehen, so hat er doch wohl Gelegenheit, von dem herrlichen Weine zu trinken, der an seinen Ufern wächst. Der deutsche Rhein. (N. Becker.) Sie sollen ihn nicht haben Den freien deutschen Rhein, Ob sie, wie gieckge Raben, ^>ich heiser darnach schrei'n; Franzosen hättten schon längst gewünscht, daß der Rhein die natürliche Grenze ihres Reiches bilden möchte, was auch im Fahre 1841 Veranlassung zu beigefügtem Gedichte gab.606 So lang er ruhig wallend Sein grünes Kleid noch trägt, So lang ein Ruder schallend In seine Woge schlägt. Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, So lang sich Herzen laben An seinem Feuerwein; So lang an seinem Strome Noch fest die Felsen steh'n; So lang sich hohe Dome In seinem Spiegel seh'n. Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein; So lang dort kühne Kuaben Um schlanke Dirnen frei'n; So lang die Flosse hebet Ein Fisch auf seinem Grund; So lang ein Lied noch lebet In seiner Sänger Mund. Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein Bis seine Fluth begraben Des letzten Mann's Gebein. Mishi. Kommet Kinder! wir wollen einen Berg be steigen. Schnüret eure Reisetaschen mit etwas Eifer und Aufmerksamkeit; nehmet den Stab Geduld in die Hand, wir wollen mit der Eisenbahn, auf Dampfschiffen und dann mit Schuhmachers Rappen eine Reise in die Schweiz und auf den Rigi asttreten, auf diesen 1850 Meter hohen Berg, der an Großartigkeit der Aussicht alle Berge Europas übertrifft. Vergesset aber auch nicht einen Ueberzieher oder einen Shawl (Schal) mitzunehmen, denn der scharfe Wind bei Sonnen- Auf- oder Untergang macht eine wärmere Bekleidung nicht nur wünscheuswerth, sondern sogar nothwendig. Von Dillingen fahren wir mit dem Dampfwagen nach Ulm, von da ebenfalls mit Eisenbahn nach Friedrichshafen, von hier mit Dampfschiff über den Bodensee nach Romans-607 Horn; von da mit Eisenbahn nach Zürich, von da wieder mit Eisenbahn nach Zug und von da auf dem Zugersee mit Dampf schiff nach Arth, welches am Fuß des Rigi liegt. Der Rigi, eigentlich eine Gruppe von Bergen, 8 bis 10 Stunden im Umkreis, aus Nagelflue bestehend, von drei Seen, dem Vierwaldstätter-, Zuger- und Lowerzer-See um geben, ist allenthalben mit grünen Matten bedeckt, auf welchen an 4000 Stück Rindvieh ihre Nahrung finden. Um seinen Fuß liegen gegen 12 Dörfer und an seiner Höhe hinauf über 150 Sennhütten hingestreut, wo die Dörferbewohner den Sommer hindurch, während sie ihr Vieh weiden, ivohnen. Die Seite am Zugersee ist kahl, öde und steil; die Seite aber nach Sü den erhebt sich sanfter, ist mit Matten, Gesträuch, zahmen Kastanien, sogar Mandel- und Feigenbäumen bewachsen und ein unerschöpflicher Weideplatz. Der höchste und schönste Gipfel, R i g i k u lm, gewährt eine der schönsten Aussichten in die herrliche Schweiz. 80 Stunden im Umkreis genießt der Blick eine Rundsicht, wie sie kaum von einem andern Berg wieder in dieser wundervollen Schönheit erreicht wird. — Der Name Rigi soll aus regina (Königin, nämlich der Berge) entstanden sein. Kommet, wir wollen den Berg von Arth aus setzt besteigen! — 3 3 / 4 Stunden werden wir zu gehen haben, aber auf einem breiten, sehr betretenen Fußweg, von dem weder rechts noch links Pfade abführen. Bei der St. Georgskapelle, beim letzten Haus von Arth gehen wir links und sind in !2 Minuten am Fuße des Berges; in 12 Minuten kommt ein Wasserfall, der sich in mehren Absätzen über die Nagelflue- Blücke herabstürzt; in 8 M. weiter kommen wir zu einer Wiese und in 4 M. zu einem großen Farrenkrautfeld; in 12 M. sind wir am Kasgatterli, einer verschlossenen Bretterhütte, in welcher der Käse aufbewahrt wird; von hier gehen wir nicht rechts sondern geradeaus und kommen in 20 M. wieder zu einem Wasserfall. In 4 M. sind wir dann im untern Dächli, ein Wirthshaus, 965 Meter hoch oben a>u Rigi, von wo wir das ganze Goldauer Thal, den Schau platz des Bergsturzes (s. d. Artikel) dann den Lowerzer-See, die Miethen (Berge) bis in die Gegend von Schwiz sehen. Der Weg von Goldau vereinigt sich hier mit dem unsrigen. Beim ob ern Dächli, einer überdachten Ruhebank, an der ^eite einer frischen Quelle, treten wir aus dem Wald. Diese Ruhebank wird als der halbe Weg zum Kulm angenommen, die zweite Hälfte des Weges ist jedoch bei weitem weniger608 beschwerlich als die erste. Bald kommen wir zum Klöster li, d. i. eine kleine Kirche (Maria zum Schnee) mit dem von einigen Capuzinern bewohnten Hospiz; 1689 gegründet, wird von Wallfahrern besonders am 5. August und (3. Sept. sehr- zahlreich besucht. Bei der Kirche sind einige Wirthshäuser. In 40 M. vom Klösterli sind wir 1629 Meter hoch am Staffel-Wirthshaus. Hier öffnet sich plötzlich ein Theil der prachtvollen Rundsicht. Wir logiren uns hier im Staffel haus ein und besuchen noch Abends den Rigi-Ro th st o ck 1706 Meter hoch, vom Staffelhaus in 12 M. westlich erstiegen, die Aussicht ist sehr malerisch, auch auf den Mittlern, vom Kulm nicht sichtbaren Theil des Vierwaldstätter-Sees. Nicht selten ist der Kulm in dichte Nebel gehüllt, während man vom Rothstock, unter den Wolken, schöne klare Aussicht hat. Neun verschiedene Wege führen vom Fuß des Rigi ans den Kulm, und alle diese Wege treffen auf der Staffel (d. i. das Gasthaus, in dem wir wohnen) zusammen; daher der große Verkehr, und das Treiben und Gehen und Kommen; bald sehen wir eine Gesellschaft Fußgänger, bald eine Caravane von Pferden, Eseln und Maulthieren, die Frauenzimmer auf die Höhe bringen, bald kommen Träger, die auf Tragsesseln ihre schöne Last um theures Geld auf den Rigi-Kulm schleppen. Seit neuerer Zeit führt auch eine Eisenbahn die Besucher über die colofsal hohen Berge auf den Rigi. In schönen, günstigen Sommern soll die Zahl der Rigi-Wanderer weit über 20,000 betragen. Der höchste Punkt des Rigi, der Rigi-Kulm, ist eine unregelmäßige, baumlose, mit Rasen bedeckte Hochebene. Der Gasthof (Hotel Rigikulm) liegt etwa 60 Schritt unter dem Gipfel gegen die West- und Nordwinde geschützt. Im August und September wimmelt an schönen Tagen das Kulm haus von Reifenden, so daß an Bedienung wenig zu denken ist; man muß sich glücklich schätzen, ein Bett gefunden zu haben. Dem mit heiterm Gemüth Beobachtenden gewährt dieses Gewirre von Reisenden eine eigenthümliche Unterhaltung. Menschen aus jedem Kreise der Gesellschaft finden sich hier zu gleichem Zwecke vereinigt. Alle europäischen Zungen hört man durcheinander schwirren. Alles versammelt sich vor Sonnen untergang auf der Höhe. In großer Hast sieht man Spät linge rasch und erwartungsvoll noch den Hügel hinansteigen. Ein heiserer Alphornkünstler bläs't die „Uetruita" (Rücktritt, Untergang) der Sonne und bittet sich eine Belohnung aus.609 Dann wird's nach und nach im Freien leer, und der Abendtisch übt nun seine Anziehungskraft. Dazwischen durchrennen Führer, Bediente, Couriere (Eilboten) und Mägde das leichte Haus, Tritte und Stimmen verlieren sich erst Abends spät, und nicht selten durchwacht eine Schaar sröhlicher Studenten in der frischen Begeisterung der Jugend, bei Gesang und Becherklang die kurze Nacht, ohne freilich zu bedenken, daß sie manchen müden Wanderer vorgerückter Jahre in dem nach solchen Anstrengungen so nöthigen Schlafe stört. Eine Stunde vor Sonnen-Aufgang erschallt wiederum das genannte Alphorn. Nun entsteht ein neues Rennen und Jagen. Jeder fürchtet den Aufgang der Sonne zu versäumen. Nach und nach werden die Zellen leer, mit schlaftrunkenen Augen, in Tücher oder Mäntel eingehüllt, eilt Alles auf die Höhe, um die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen. Wohl dem, dem sie unverhüllt leuchten! Kaum der vierte Theil der Rigi fahrer kann sich dieses Glückes rühmen und die alten Rigi- Fremdenbücher geben von mancher in Nebel, Regen oder Schnee verwandelten getäuschten Erwartung Kunde. Aber auch der Kampf der Nebel und Wolken mit der Sonne ist oft, von dieser Höhe gesehen, sehr merkwürdig, und der Alpenjäger im Tell sagt mit Recht: Und unter den Füßen ein nebliges Meer, Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr; Durch den Riß nur der Wolken erblickt er die Welt; Tief unter den Wassern das grünende Feld. Die Beleuchtung wechselt auch den Tag über sehr häufig und gewährt stets neue Unterhaltung. Das prachtvolle Schauspiel des majestätischen Sonnen- Aufganges ist ungefähr so zu schildern: Ein Lichtschimmer im Osten, vor dem der Glanz der Sterne nach und nach erbleicht, ist der erste Bote des beginnenden Tages. Der Schimmer verwandelt sich in einen Goldstreifen am Horizont und wirft ein blaßrothes Licht auf die schneebedeckten Häupter der Berner Alpen. Eine Bergspitze nach der andern nimmt den goldigen Schein an, öer dunkle Zwischenraum zwischen Horizont, und Rigi erhellt sich; Wälder, Seen, Hügel, Flüsse, Städte und Dörfer treten hervor, behalten aber ein frostiges Ansehen, bis endlich die große, rothe Sonnenscheibe hinter dem Gebirge her vorbricht, schnell steigt, und ihre Strahlen über die Land schaft wirft. Kinder- Coudersations- Lexikon. 39610 Eine Viertelstunde vor und nach Sonnen-Aufgang ist der Blick in die Landschaft am freiesten; später steigen und ballen sich nicht selten Nebel, die dem Auge manches verhüllen. Eine Dichterin aus dem deutschen Volke betrachtet den Sonnen-Aufgang so: Langsam schwinden Nacht und Nebelgrauen, Und, mit Strahlenschimmer schön bekränzt, Von erhabner Sonnenglnth durchglänzt, Kommt Aurora's Pnrpurmeer zum Schauen. Und der Glanz der Lichter ist erblichen, Die die Nacht durchflammten; denn im Nu Deckt der Lüfte heit'res Blau sie zu, Einem schönern Stern sind sie gewichen. Dort im Osten, wo Aurora strahlet, Von der Morgenwinde Hauch umweht, Geht er auf in edler Majestät; Ueppig wird der Erde Rund bemalet. Und harmonisch nun, in tausend Chören, Schallet munt'rer Sänger Liederklang, Die im köstlichen Naturgesang Dankbar ihres Schöpfers Macht verehren. So, o Christen, flammt ans unfern Wegen Mancher schwacher Sternlein sanfte Gluth, Und mit neubelebtem Glaubensmuth Eilen wir dem sel'gen Ziel entgegen. Und es naht, erloschen sind die Sterne, Schwarze Trauerhülle webt der Tod; Doch im Osten glüht ein Morgenroth Schön entgegen uns aus heil'ger Ferne. Süße Freude, sel'ge Himmelswonne Leuchtet jetzt Aurora's Prachtgewand, Und verklärte Geister, Hand in Hand, Dringen wir zum Glanz der ew'gen Sonne. Tausendstimmig hört man dort erklingen Reine Engelschöre immerdar, Wo auch wir als auserwählte Schaar Dann ein ewig Halleluja singen.611 Höchst malerisch treten in dieser prachtvollen Rundsicht, die sich 80 Stunden im Umkreis ausdehnt, der Vierwaldstätter- und Zuger-See hervor, der erstere in so mancherlei Verzwei gungen, daß man den Zusammenhang nicht ahnt. Beide um geben den Fuß des Rigi so nah, daß man glauben sollte, sie mit einem Steinwurf erreichen zu können. Noch elf kleinere Seen sind sichtbar. Da wir immer noch aus der höchsten Spitze des Rigi weilen und mit Staunen den Sonnen-Aufgang bewunderten, so will ich euch noch beschreiben, was nach allen 4 Himmels gegenden zu sehen vorzüglich merkenswerth ist; auch von einer eigenen Naturerscheinung will ich euch erzählen. Gebet Obacht! Auf der Nord feite sieht man in den Zuger-See und die Straßen von Arth; am Ende des See's Zug, dahinter der Kirchthurm von.Kappel. Rechts die Albiskette, über welche das lange Cantonsspital und die Neumünsterkirche von Zürich und Stellen des Züricher-Sees hervorschimmern. Hinter dem n. Abhang des Schloßbergs ein Stückchen des Egeri-Sees, an dessen s. Ufern die Schlacht von Morgarten geschlagen wurde. Den n. Horizont begrenzen die Gebirge des Schwarzwaldes. — Nach Westen ist die Aussicht offener und einer Land karte nicht unähnlich. Gleich unter dem Rigi liegt Tells Kapelle und Küßnacht. Weiterhin übersieht man fast den ganzen Canton Luzern; die Emme (Fluß) zieht sich wie ein Silberfaden durch die offene Landschaft, die Reuß (ein Fluß) zeigt sich mehrfach auf kurzen Strecken. In der Ferne schim mern die stattlichen Gebäude des Klosters Muri, dahinter erhebt sich die Habsburg. Näher zeigt sich der Sempacher-See. Luzern mit seinem Kranz von Mauerzinnen und Thürmen ist deutlich am u. w. Ende des Sees zu erkennen. Der düstere Pilatus (ein Berg) erhebt w. seine zackigen Hörner. Den übrigen Theil des w. Horizonts nimmt die Jurakette ein. — Im Süden bilden die Abhänge des Rigi den Vorder grund, und gestatten nur hie und da einen Blick auf den Vierwaldstätter-See. Man sieht von r. nach l. den Alpenacher- Busen und Sarner-See aus einer waldigen Umgebung hervor schimmern; näher den Bürgenstock, das Stanser- und das Buochserhorn (Berge), dahinter die großartige Kette der schnee bedeckten Alpen von Bern, Unterwalden und Uri: Jungfrau, Eiger, Mönch, die von der großen Scheideck zwischen Meiringen und Grindelwald senkrecht aufsteigende Wand des Wetterhorns 39 *612 mit seiner zuckerhutförmigen Schneespitze, die Schreckhörner, Finster-Aarhorn, Titlis, die höchste Spitze in Unterwalden, leicht kenntlich an der gewaltigen Schneedecke, den Engelberger und Uri-Rothstock, gleich daneben den Blankenstock, den Bristen- stock, zwischen welchem und dem Seelisberg die Gotthardsstraße sich hinaus windet. — Oöstlich zieht sich die Alpenkette ununterbrochen fort, in welcher Windgelle, Schneehorn, Tödi, Glarnisch und Sentis besonders hervorragen. Im Mittelgrund über dem Lowerzersee der Flecken Schwyz, am Fuß der beiden kahlen Mythen, da hinter der breite schneebedeckte Rücken des Glarnisch. Rechts das Muottathal, in der Kriegsgeschichte berühmt. Weiter l. und ganz im Vordergrund der Roßberg. Man übersieht den ganzen Schauplatz des verhängnißvollen Bergsturzes (s. d.). Der ganz fern r. neben dem Roßberg hervorragende Schnee gipfel ist der Sentis. Eine eigentümliche Naturerscheinung, auf hohen Bergen häufiger, zeigt sich wohl auch auf dem Rigi. Wenn die Nebel senkrecht aus den der Sonne entgegengesetzten Thälern emporsteigen, so daß der Rigi frei zwischen der Sonne und der Nebelwand liegt, dann werfen die aus dem Gipfel des Rigi befindlichen Menschen oder Gegenstände auf diese Wand ihre Schattenbilder in den riesenhaftesten Verhältnissen, von einem Duft umgeben, der zuweilen die Regenbogenfarbe an nimmt. Ist der Nebel sehr stark, so entsteht auch wohl ein Doppelbild. — Unglücks fälle auf dem Rigi sind nur wenige bekannt. Am 22. Juni 1826 kam ein prenß. Oberförster mit Frau und Kinder gegen Abend aus dem Kulm an. Er will sich ans einen hervorragenden Felsen setzen, glitscht auf dem schon bethauten Grase aus und stürzt hinab. Sein Körper wurde in der Tiefe gesunden und in Luzern beerdigt. — Nun haben wir uns genug umgesehen auf dem pracht vollen Rigi, jetzt müssen wir wieder an die Rückreise denken. Wir steigen auf der westlichen Seite hinab, auf dem Weg nach Wäggis am Vierwaldstätter-See. In 2%, St. werden wir in Wäggis sein. Vom Staffel-Wirthshaus führt der Weg durch einförmige Matten zum Kaltbad in 45 Min. Auf den Matten, durch welche der Weg nun führt, sind, wenn man genau darauf achtet, künstliche Zickzack-Terassen bemerkbar, damit das Vieh an steilen Stellen um so bequemer zur Grasung kann. Der Weg windet sich an der steilen Felsenwand hinab in 30 M.613 bis zum Höchstem, auch Felsenthor oder Käs-Pissen genannt, aus zwei gewaltigen Nagelflue-Blöcken gebildet, auf welchen ein dritter ruht. Der Weg führt durch dieses natürliche Felsen thor; oben ist ein Kreuz. Bei der Heiligkreuzkapelle wird ausgeruht und gutes Bier getrunken, die Flasche zu 40 Pf. Vor Wäggis führt der Weg durch reiche Obstpflanzungen, Kastanien-, Feigen- und Mandel-Bäume werden in Masse er blickt und im Schatten solcher schönen Bäume wandernd, haben wir das Ziel unserer Reise erreicht. Wir sind am Fuße des Rigi in Wäggis, am Ufer des großartigen Vierwaldstätter- Sees. (Suchet in diesem Lexikon: Vierwaldstätter-See.) — Jemand, der auch den Rigi bestiegen, und die wunder- Dolle Aussicht angestaunt hatte, bekam, als er wieder heim gekehrt war, eine solche Sehnsucht nach dem Rigi, daß er ein begeistertes Lied dichtete und einen Musiker aufsuchte, der eine Melodie dazu componirte. Den Text dieses Liedes habe ich euch hier angehängt: Sehnsucht nach dem Rigi. Wann schlägt mir wohl die frohe Stunde wieder, In der zu dir ich nochmals eilen kann? Wann hör' ich wieder jene Hirtenlieder, Den Wiederhall, den ich so lieb gewann? Vielleicht nie mehr; bald führt die Hand Des Herrn mich in ein bess'res Land. Wann werd' ich, Sonne, wieder dich erblicken Wie du am fernen Berge dich entneigst? Fühl' ich noch nicht das himmlische Entzücken, Das mich ergriff, wenn du zur Andacht beugst? Vielleicht nie mehr; dein Schwinden zeigt, Daß Alles sich auf Erden neigt. — Wann werd' ich euch zum Kranze wieder winden, Ihr Alpenrosen, wie so oft ich's that? Wann euch zum Freundschaftssträußchen wieder binden Euch, zarte Blümchen, auf der Felsen Grat? Vielleicht nie mehr; auch ihr erneut In mir das Bild der Sterblichkeit. Wann wird mich jene Luft umwehen, Die mir im Herzen oft so wohl gemacht? Wann werd' ich jene Aussicht wieoer sehen,614 In ihrer hehren Majestät und Pracht? Vielleicht nie mehr; auch sie gebeut Erinnerung an die Ewigkeit. — Wann wird mir euer Rauschen wiederkehren, Ihr Bächkein, die vom Fels ich stürzen sah? Wann werd' ich eure Klänge wieder Horen, Ihr lieben Glöcklein fern und nah? Vielleicht nie mehr; in dem Geläut Hallt mir das Glöcklein, Ewigkeit. Wann werd' ich euch, ihr Lieben, wieder sehen, Ihr Mitgenossen dieser Herrlichkeit? Ersteig' ich noch mit euch die grünen Höhen, Die Eitelkeit und Mißgunst nie entweiht? Vielleicht nie mehr; denn ach, auch du, O Freund, verbleichst, und gehst zur Ruh! — Ring. Ich weiß es schon, da denkt ihr gleich an die goldenen Finger- und Ohrenringe, sie sind zwar schön an Fingern und Ohren, aber man ist dadurch noch kein besserer Mensch, die Hand wird dadurch nicht geschickter und das Ohr nicht wohlhörender. Ein guter und ein geschickter, fleißiger Mensch, der gut hört und gehorcht, und wer anständig in seinem Kopf ist, verdient allein diesen Schmuck. Es gibt auch eiserne Ringe an der Kette, und hölzerne an dem Fasse, welch' letztere Reif heißen. Ritter. Vor gar langer, langer Zeit nannte man die Soldaten zu Pferd Ritter. Höret aber, wie solche Ritter ge kleidet waren. Das Haupt umschloß ein eherner, mit Leder ansgefütterter Helm, der entweder ein Gitter vor dem Gesicht hatte, welches sich auf- und abschließen ließ, oder an dieser Stelle mit kleinen Löchern versehen war, durch welche der Ritter hindurchblicken konnte. Als Schmuck des Helms diente ein hoher Federbusch. Die Brust ward durch einen Panzer aus Metall platten oder Ketten geschützt, oder es war ein Harnisch aus Eisen oder Horn. Füße und Arme waren in Leder gehüllt, und wie auch die ledernen Handschuhe, auf der Vorderseite mit Eisenblech belegt. Der Schild, welchen der Ritter am linken Arm trug, um sich gegen Hieb und Stich zu sichern, bestand aus Holz mit Leder überzogen oder mit Erz belegt. Ihre Waffen waren: ein Schwert, das so lang, breit und schwer war,615 daß es oft nur mit zwei Händen geführt werden konnte; ferner gehörten dazu Speer oder Spieß, Morgensterne, Streitäxte und Dolche. Noch ist zu erwähnen der Armbrust, der Pfeile und Bogen, welche besonders geschickt gehandhabt wurden. — Auch der Leib des Streitrosses war durch einen Panzer geschützt. Nom, das alte. Weit von uns nach Mittag zu liegt das Wunderland Italien, der Garten Europa's, wo unter dem ewig blauen Himmel die Sterne so hell erglänzen und die Lüste so warm und würzig hauchen. Dort erhebew sich im Schatten grüner Orangenwälder prachtvolle Städte mit Marmorpalästen, mit kostbar ausgeschmückten Kirchen, mit herrlichen Bildsäulen und Gemälden. Die Leute tragen hellfarbige Kleider wie bei uns die Schmetterlinge, singen und musiciren wie bei uns die Nachtigallen und speisen oft unter freiem Himmel, wie ehedem Adam und Eva im Paradiese. Solche Städte sind das liebliche Florenz, das reiche und vornehme Neapel, nicht weit vom Fener- berge Vesuv (s. d.), das greise aber majestätische Venedig, das auf lauter Inseln im Meere erbaut ist (s. d.), und endlich das uralte, weltberühmte Rom. In diesem alterthümlichen Rom mit seinen Ruinen, und dem neumodischen Antlitze, dieß wißt ihr Alle, wohnt der Papst. Von den Herrlichkeiten des neuen Rom singt Schiller begeistert: Prächtiger als wir in unserm Norden, Wohnt der Bettler an der Engelspforten; Denn er sieht das ewig einz'ge Rom. Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel, Und ein zweiter Himmel in den Himmel Steigt Sanct Peters wunderbarer Dom. Vor 1800 Jahren thronten dort die römischen Imperatoren, die Kaiser, denen die halbe Welt gehorchte, und statt der Ruinen waren aus den sieben Hügeln Paläste aus Gold und Marmor, statt der christlichen Kirchen Tempel römischer Gottheiten. Noch 754 Jahre früher war von der mächtigen Siebenhügelstadt nichts zu sehen, als eben bloß die sieben Hügel. Zwei Brüder aus königlichem Stamme, Romulus und Remus, erbaten sich von ihrem Großvater Nnmitor die Erlaubniß, eine Stadt zu grün den, und der alte, gute Großvater räumte ihnen einen ganzen Berg, den Non8 pelatinus, ein. Gibt man den Kindern den kleinen Finger, so nehmen sie gern die ganze Hand; Romulus und Remus machten^ gerade auch so und kümmerten sich wenig616 darum, wie weit der Fuß des Berges reiche. Doch, wie erbauen denn Prinzen eine Stadt? Erst geben sie allen Architekten und Baukünstlern des Landes den gnädigen Befehl, einen Grundriß anzufertigen; dann wählen sie sich den aus, der ihnen am besten gefällt, und nun müssen Werkleute von nah und fern herbei und messen und graben und mauern und zimmern. So bauen Prinzen heutzutage eine Stadt; aber sonst? Romulus und Re- mus nahmen einen Pflug und zogen ringsum, wo die Mauern stehen sollten, eine große Furche; da, wo sie ein Thor haben wollten; trugen sie den Pflug; „tragen" hieß in ihrer Sprache portare, daher nannten sie die auf solche Weise entstandene Lücke porta, ein Wort, von dem noch unser halbdeutsches „Pforte" herstammt. Daß die Stadtmauern nicht so hoch und dick wur den, wie die große chinesische Mauer, läßt sich denken; Remus sprang sogar darüber hinweg und hatte sein Brüderchen so lange damit zum Besten, bis Romulus die Geduld verlor und den Remus erschlug. Das war der Anfang Roms; aber ein Sprich wort sagt: „Rom ist nicht in einem Tage erbaut!" Das älteste Rom war gleich seinen Einwohnern roh und schmucklos. Jene rauhen Krieger blickten auf die edlern Künste wie auf Dinge, die sich nur für ein verweichlichtes Volk schickten, weil sie die Menschen entnervten und der kriegerischen Wildheit beraubten. Ihre Häuser dienten ihnen nur zur Bedeckung und zum Schutze gegen die Witterung und glichen eher den Höhlen wilder Thiere als Menschenwohnungen, auch bildeten sie keine regelmäßigen Straßen und Plätze, sondern waren zusammenge schichtet, wie der Zufall eben wollte. Ihre Mauern bestanden zur Hälfte aus Lehm und ihre Dächer aus zusammengefügten .Holzstücken; ja sogar dieß war noch eine spätere Verbesserung, denn zu Romulus Zeit deckte man die Häuser bloß mit Stroh. Besaßen die Römer irgend Etwas, das feiner als gewöhnlich war, so nahmen sie es hauptsächlich zur Verzierung ihrer Götzen tempel, und als man anfing, diese mit Bildsäulen zu versehen, eigneten sich dieselben ganz dazu, ihren Anbetern Furcht und Entsetzen einzujagen; Niemand gerieth in Versuchung, sie um des Vergnügens willen anzublicken. Dieser Bestimmung ange messen war auch der Stoff, aus dem sie gemacht wurden; denn Götzenbilder aus Thon sah man schon für etwas Außer ordentliches an, die meisten wurden schlechthin aus Holz ge hauen. Eine Hauptverzierung jener Tempel, wie der Privat- häufer, bestand in den alten Trophäen. Baumstämme, die man won den Zweigen befreite und so zu einer Art Säulen umwan-617 beite, belud man mit Waffen, die man im Kriege erbeutet hatte, und man begreift leicht, was für eine sonderbare Verzierung diese Säulen abgeben mußten, wenn sie, durch die Zeit halb verwittert, dastanden, ringsum behängen mit rostigen Waffen und gefärbt vom Blute der Feinde. Damals war allerdings Rom noch nicht das schöne Rom, nach dessen Ruinen man so gar bis auf den heutigen Tag mit Vergnügen sucht; es war eine Stadt, welche in ihrem Aeußern das Gepräge des Schreckens trug und Den mit Schaudern erfüllte, der zum ersten Male in ihre Thore trat! Ein neuerer Dichter (A. Dörr) singt vom neuen Rom: In dem Glanz der Morgenstunde In der sieben Hügel Runde Liegt vor mir das große Rom; Meer von Häusern und von Dächern, Ueberweht von Pinienfächern Und umblitzt vom Tiberstrom. Kirchen, hohe Dome ragen, Deren Simse Heil'ge tragen, Säulen schmücken das Portal; Weithin leuchten die besonnten Giebel und die mächt'gen Fronten Dehnen sich im Morgenstrahl. Siehe dort Sanct Peters stolzen Prachtbau, feurig wie geschmolzen Gold die große Kuppel glüh'n; Sieh, im Morgenlichte baden Sich die beiden Colonaden Mit den Heiligenstatuen. In die blauen Lüfte blitzen Gold'ne Kreuze, Thurmesspitzen, Säul' und Obelisk empor. In dem Glanz der Morgensonne Strahlt die Antoniuseolonne Mit dem erz'nen Bilderchor. Hoch empor am Himmelsrande Reckt der Ries' im Steingewande, Reckt das Colosseum sich;Und in fahlem Schein entglommen Leuchtet er, das Haupt umschwommen Noch von einem Wolkenstrich. Weit im Sonnenglanze lieget Die Campagna hingeschmieget Und Albano's Höhenzug Raget, kühn emporgeschwellet, Leis umduftet, schön gewellet, Wie ein blauer Blumenkrug. Von den Hügeln rings im Kreise Glänzen Gärten, Vignen, weiße Villen in der Runde weit Pinienfächer über ihnen Schwimmend gleichen Baldachinen, Die um Roma's Thron gereiht. Siehe, Fahnen, glänzend helle, Weiß und gelb, weh'n vom Castelle, Denn es ist ein Festtag heut. Unzählbare Schaaren wallen Rach St. Peters Säulenhallen Hundertstimmig hallt Geläut. Rose. O du weiße, oder gelbe, besonders du rothe, schöne, wohlriechende Blume! Du trägst die Farbe kräftigen Lebens an dir. — Aber welche Dornen! — Dennoch hat man dich sehr gerne und pflanzt dich in Gürten und in Blumen töpfen. Aber auch in Wäldern, an Gebüschen und Hecken wachsen Rosen von verschiedener Farbe, nur sind dieselben ein fach, nicht gefüllt, wie die in Gärten. Nur in Asien und in dem südlichen Europa findet man die Rose wild wachsend ge füllt. Die Rose tritt nicht auf einmal hervor, sondern nach und nach. Erst zeigt sie sich als Knospe, deren Hervortreten auf Dornen weiset; so blühen auch aus allerlei menschlichen Leiden — Freuden hervor. — Es wäre unklug, eine halbauf- geblühte Rose mit Gewalt aus der festverschlossenen Knospe hervorziehen zu wollen; muß ja doch erst ihr Schöpfer in das Innerste der Zarten Blätter lieblichen Wohlgeruch hauchen! Es wäre aber auch unklug, vor der Zeit die Verwandlung der Leiden in Freuden erwarten zu wollen. O, der die Rose kom men heißt, der weiß in allen seinen Anordnungen die rechte Zeit zu treffen. —619 „An Unschuld sei der Lilie gleich, Und wie das Veilchen demuthreich, Im Guten treu, wie Immergrün — So wirst du schön, wie Rosen blüh'n. Rosenstock. Der liebe Gott hat alles für den Men schen geschaffen. Er läßt aus der Erde Korn und anderes Ge treide hervorwachsen, aus dessen Körner wir Mehl und Brod bereiten. Flachs und Hanf geben Kleider, aus Stein und Holz erbauen wir unsere Wohnungen. Der Obstbaum gibt ims sein Obst, der Waldbaum sein Holz, mit dem wir unsere Speisen kochen und im Winter unsere Stuben erwärmen; der Weinstock trägt Trauben, aus welchen man den Wein preßt. Gott hat aber auch manches geschaffen, das wir nicht essen und trinken sollen, das wir ansehen und so unsere Freude haben sollen. Der Heiland hat selbst gesagt: „Betrachtet die Blumen des Feldes; Salomon in aller seiner Pracht war nicht so schön gekleidet, als eine aus ihnen." Die schönste von allen Blumen ist aber wohl die Rose, die wir in unfern Gärten ziehen. Der Rosen- st o ck ist nur ein Strauch, nicht einmal ein ziemlich ansehnlicher, wenn die Wurzelauslänser nicht sorgfältig abgeschnitten werden. Thut man dieses, so kann man aus dem Rosenstocke ein schönes Rosenbäumlein ziehen. Doch wird das Bäumlein nicht sehr alt, es wird nach wenigen Jahren dürr und dann ist man froh, wenn die Wurzel wieder einen Ausläufer treibt. Es gibt auch wilde Rosen; die wilde wächst an Zäunen und Hecken, in jungen Holzschlägen und hat keine so schöne Blumen, wie die zahme Rose. Auch unter den zahmen Rosen gibt es vielerlei, die von einander an Größe und Farben sehr verschieden sind; es gibt weiße, rothe, braune, gelbe, sogar schwarze und bunte Rosen. Die schönste von allen ist aber doch unsere gewöhnliche Gartenrose, welche auch die hundertblätterige genannt wird, ob wohl sie nicht gerade hundert Blätter hat; sie ist unser Lieb ling unter den Blumen, wegen ihrer schönen Farbe und Gestalt und des herrlichen Geruches. Der Rosenstock ist mit Dornen besetzt; an dem alten Holze sind die Dornen ziemlich stark, an den jungen Trieben aber zart und scharf. Wenn sich die Blät ter im Frühlinge entfalten, dann sieht man auch die Rosen knospe; denn sie ist immer in die Blüthenknospen eingehüllt,, damit ihr nicht so leicht etwas geschehen kann Die Rosenknospe hat aber ihren eigenen Stiel, und dieser wird immer länger, und wenn die Knospe bald aufgehen will, so erhebt sie sich620 stolz über die Blätter, in welche sie früher eingehüllt war. Die Knospe geht sehr langsam auf; zuerst zeigt sie an der Spitze ein paar lieblich rothe Blättchen, tritt aber mit jedem Tage mehr aus ihrem grünen Kelche hervor. Die Blumen blätter sind anfangs zusammengerollt und gehen erst in zwei bis drei Tagen auf. Dann ist das Innere der Blume schön roth, wie die Wangen eines gesunden, schlafenden Kindes; die äußeren Blätter sind aber blaßroth wie die Wangen eines Lei denden. Allmählich werden auch die inneren Blätter blässer; die Rose fängt an zu welken, und endlich fallen die Blätter zu Boden. — Die Rose ist das Sinnbild der Freude; denn die Freude röthet die Wangen; die Rose verblühet bald, und so dauert auch keine Freude lange. „Will einer Rosen brechen, so muß er leiden, daß ihn die Dornen stechen," ist ein altes Sprichwort, und will sagen: „Wer sich Freude verdienen will, der muß brav arbeiten und keine Mühe scheuen." Auch die reinsten Freuden müssen Wir mit Mäßigkeit genießen, Sonst wird selbst der Kelch der Freuden Uns zum bittern Kelch voll Leiden; Auch die schönste Rose sticht, Die man nicht mit Vorsicht bricht! Rosinen oder Weinbeeren. Mädchen. Nicht wahr, die Rosinen oder Weinbeeren kommen von den Wein trauben her? Lehrerin. Ja, wenn man die Weintrauben trocken werden läßt, so bekommt man Rosinen. — Die Levante, Ita lien , Spanien und Frankreich liefern eine Menge Rosinen. Die spanischen und französischen sind klein, dick, bauchig, von angenehmen Geschmack und blauer Farbe und lassen sich lang aufbewahren ohne zu verderben. Es gibt kleine und große Weinbeeren — und also auch große und kleine Rosinen. Die besten großen Rosinen kommen aus Italien, aus Calabrien und aus Neapel. Sie werden, wie die kleinen, an ihren Kämmen in der Sonne getrocknet, und sodann in kleine und große Fässer eingepackt, und fünfzig bis hundert Pfund, ja oft etliche Zentner schwer, verschickt. — Die ganz kleinen Rosinen oder Corinthen, wie man sie auch621 nennt, kommen von einer besondern Art Traube her, die lauter- kleine Beeren hat von der Größe der Johannisbeeren, und auf den drei in der Levante gelegenen jonischen Inseln, Zante, Cephalonia und Theaki, und auf etlichen türkischen Inseln in dieser Gegend so häufig gebaut wird, daß in guten Jahren gegen dreizehn Millionen Pfund eingeerntet werden können. Die Chorinthen sind von schwarzrother Farbe, fast ohne Kerne und von sehr süßem Geschmacke. Mädchen. Warum nennt man die kleinen Rosinen auch Corinthen? Lehrerin. Weil sie früher bei der Stadt Corinth in Griechenland häufig wuchsen. Aus Kleinasien kommen die größten Rosinen, weil es da gar große Weintrauben gibt. Die smirnischen oder damascener Rosinen, auch Zibeben genannt, sind länglich, sehr süß, stach, rundlich, gelb und enthalten nicht viel Kerne. Merket Kinder, in Asien gibt es so große Weintrauben, daß sich ein Kind hinter einer einzigen Traube bequem verbergen kann. Mädchen. O, sie spassen liebe Frau Lehrerin! Lehrerin. Nein, Kinder, das ist mein Ernst. Diese Trauben sind gewöhnlich einen Meter lang, und fast eben so dick, und eine Beere ist so groß, wie ein kleines Hühnerei. Kein Wunder also, wenn ein Mann eine solche Traube weder allein auf einmal aufzehren, noch von der Stelle tragen kann. Ihr wisset ja aus der bibl. Geschichte, daß Josue und Kaleb, als sie das gelobte Land auskundschafteten, eine Traube mit- brachteu, die zwei Männer an einer Stange trugen. Mädchen. Diese Riesen von Trauben wachsen doch nicht an solchen schwachen Reben, wie die unfern? Lehrerin. Nein. Dies ginge nicht an, die Reben wür den ja brechen. Sie wachsen auf dicken großen Bäumen. Rübe. Es gibt, wie ihr wohl wisset, weiße, gelbe und rothe Rüben. Die gelben Rüben werden von den Kindern auf dem Reibeisen gerieben und sehr gern gegessen. Auch die meisten Rüben essen sie gern roh, besonders mit einem Messer aus geschabt. Meint ihr vielleicht, daß die Rüben auf den Bäumen wachsen?! — Gott bewahre, sie wachsen unter der Erde, wie andere Wurzelgewächse. Die gelben Rüben säet man im Früh jahr in die Gärten; die weißen und rothen im Herbste in die Aecker. Im Spätjahr sieht man die Landleute ganze Wagen voll von dem Felde heimfahren, um mit dem, was sie nicht selber essen, das Vieh im Winter zu füttern.Rübezahl. Das Riesengebirge, welches Schlesien von Böhmen scheidet, war ehemals der Aufenthalt eines mächtigen Berggeistes, Rübezahl genannt. Auf der Oberfläche des Gebirges hatte sein Gebiet nur wenige Meilen im Umfange, aber im Innern erstreckte es sich unermeßlich tief und weit. Hier in den unterirdischen Räumen hausete er gewöhnlich, und nur zuweilen, nach Jahrhunderten nur einmal, erhob er sich aus den Tiefen der Erde, um eine Zeit lang über derselben sein Unwesen zu treiben. Ehe diese Gegend von Menschen be wohnt war, machte er sich bei seinen Lustreisen auf der Ober welt allerlei Spaß mit wilden Thieren. Er hetzte sie zusammen und ließ sie mit einander kämpfen, oder schreckte sie auch selbst aus ihren Lagern plötzlich auf, und trieb sie, gleich einem Sturmwinde, vor sich hin, wie große Herren die Hetzjagd zu treiben pflegen. Als er aber nach langer, langer Zeit wieder einmal aus seinem Unterreiche an das Tageslicht hervorkam, um sich auf die gewohnte Weise zu vergnügen, sah er mit Erstaunen Alles so sehr verändert, daß er sein Gebiet fast nicht mehr kannte. Die finstern Wälder waren ausgehauen und in Ackerfeld ver wandelt; auf den Wiesen weideten Schafe und Rinder unter dem Schutze ihrer Hirten und ihrer wachsamen Hunde; hie und da lagen Dörfer und einzelne Hütten zerstreut, deren Be wohner zur Besorgung ihrer Geschäfte aus- und eingingen, vor den Thüren spielten muntere Kinder und erfüllten die Luft mit fröhlichem Geschrei. Rübezahl wunderte sich bei dem Anblick dieser neuen Dinge nicht wenig; am meisten erregten aber die Menschengestalten, die er sonst noch nie gesehen hatte, seine Aufmerksamkeit. Er beschloß, diese Art von Geschöpfen näher kennen zu lernen, in dieser Absicht ihre Gestalt anzu- nehmen, und sich einige Zeit unter ihnen aufzuhalten. Zuerst trar er als Knecht in die Dienste eines Landwirths und verrichtete seine Arbeit aufls beste. Alles, was er unter nahm, gelang ihm, und er schaffte seinem Herrn großen Nutzen, so daß dieser durch ihn hätte reich werden können. Allein der Herr war ein liederlicher Verschwender, der Alles wieder durch brachte, was sein treuer Knecht erwarb und ihm für seine Dienste nicht einmal dankte. Hierüber ward Rübezahl ärger lich, und ging zu einem Andern, bei dem er sich als Schafhirt verdingte. Die Heerde gedieh gleichfalls unter seiner Aufsicht und mehrte sich. Kein Schaf erkrankte, keines wurde von Wölfen zerrissen, so lange Rübezahl sie hütete. Aber sein623 Herr war ein Geizhals, der ihm nicht satt zu essen gab und ihm seinen Lohn verkürzte, so oft er nur konnte. Darum schied Rübezahl auch von diesem und begab sich zu einem Amt mann, bei dem er die Stelle eines Gerichtsdieners übernahm. Er versah diesen Dienst mit allem Eifer, und reinigte in kurzer Zeit seinen Amtsbezirk von Dieben und Straßenräubern. Als er aber fand, daß der Amtmann ein ungerechter Richter war und mit Geschenken sich bestechen ließ, wollte er nicht länger das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein und lief davon. Nun hatte er keine Lust mehr, noch weitere Proben zu machen; denn da er von ungefähr an lauter schlechte Menschen gerathen war, so faßte er von dem ganzen Menschengeschlechte eine ungünstige Meinung, und nahm sich vor, diese Brut, wie er sie im Unwillen nannte, überall, so weit sein Gebiet ging, zu necken und zu plagen. Doch änderte er noch einmal seinen Entschluß, als er ein schönes, unschuldiges, juuges Mädchen sah, welches ihm so sehr gefiel, daß er es in seine Gewalt zu bekommen suchte. Dies gelang ihm zwar, allein zuletzt über listete sie ihn doch und entfloh. Und weil sie dies ausführte, während er auf ihr Verlangen die Rüben auf einem Acker- zäh lte, so erhielt er den Spottnamen Rübezahl. Nun verschloß er sich wieder Jahrhunderte lang unter die Erde, bis ihn die Langweile doch wieder hervortrieb. Aber er bewohnt seinen unsichtbaren Palast nicht mehr als Freund der Menschen, sondern wenn er erscheint, so geschieht es meistens, um die Menschen zu necken, zu erschrecken und zu quälen. Selten ist er guter Laune, daß er Einem eine Wohlthat erweist. Doch weiß er immer noch die Ehrlichkeit zu schätzen, wie fol gende Geschichte beweis't. Einen Bauer, Namens Veit, hatten böse Nachbarn durch ungerechte Streitigkeiten um Hab" und Gut gebracht. Sein Vieh war verkauft, sein Gütchen verschuldet, und er besaß Nichts mehr, als ein Paar gesunde Arme, die aber nicht hinreichten, ihn, seine Frau und seine Kinder zu ernähren und seine Schul den^ zu bezahlen. Traurig saß er da in einem Winkel des Stübchens, ihm gegenüber seine Frau mit dem kleinsten Kinde an der Brust; die Uebrigen standen umher, und nagten blaß und abgezehrt an harten Brodrinden. Nach längerem Schwei gen sagte die Frau: „Lieber Mann, du weißt, ich habe noch einige reiche Vettern im Gebirge. Gehe hin, und stelle ihnen unsere Noth vor, und bitte sie, daß sie uns hundert Thaler auf Zinsen leihen, damit wir uns wieder Vieh anschaffen und624 unsere Nahrung wie zuvor treiben können. Gewiß, sie wer den es thun, wenn sie hören, daß wir ohne unsere Schuld so arm geworden sind." Dem Manne gefiel dieser Vorschlag. Er machte sich so gleich auf, und wanderte in das Gebirge zu den reichen Vet tern. Als aber diese sein Anliegen hörten, begegneten sie ihm hart, kränkten ihn mit bittern Vorwürfen, und wiesen ihn vor der Thüre ab, ohne ihm nur einen Bissen Brod zu bieten. Voller Verzweiflung trat Veit feinen Rückweg an. „Ach," sagte er, „was wird meine arme Frau sagen, wenn ich mit leeren Händen zurückkomme! Ich ertrage den Jammer nicht." Er warf sich unter einen Baum und sann nach, ob er nicht irgend ein Rettungsmittel ausfindig machen könnte. Da siel ihm plötzlich der Gedanke ein: „Ich will Rübezahl an- fprechen. Er ist zwar ein böser Schalk, der nicht viel mit sich scherzen läßt; aber er thut doch manchmal auch Gutes. Wenn es recht schlimm geht, so kann er mir doch nur das Leben nehmen, und dessen bin ich ohnehin überdrüssig." Gedacht, gethan! Veit sprang auf und rief mit lauter Stimme: „Rübezahl! Rübezahl!" Gleich stand der Geist in Gestalt eines Köhlers mit rußigem Gesicht und einem lan gen fuchsrothen Barte vor ihm. In der Hand hielt er eine große Stange, die er mit drohender Geberde gegen Veit auf hob, wobei er sagte: „Verwegener! Was erfrechst du dich, mich bei meinem Spottnamen zu rufen? Weißt du nicht, daß Nie mand ungestraft dies thut?" — „Verzeihet, Herr Geist, ich wußte wohl, daß Ihr es nicht gern hört, wenn man Euch so nennt; aber ich kannte Euren rechten Namen nicht, und mich trieb die Noch, Euch zu rufen. Ich bitte, seid so gut, und leiht mir hundert Thaler auf Zinsen. Nach drei Jahren zahll ich Euch Alles zurück, so wahr ich ehrlich bin! — „Narr, bildest du dir ein, daß ich Geld auf Zinsen verleihe? Geh' zu den Menschen, deinen Brüdern!" „Ach," sprach Veit, „die sind nicht brüderlich gesinnt." Nun erzählte Veit umständlich die Geschichte seiner Verarmung und die schlechte Aufnahme, die er bei seinen reichen Vettern erfahren hatte. Dies machte Rübezahls Mitleid rege; auch schien ihm der Einfall, von einem Geiste Geld leihen zu wollen, so sonder bar, daß er sich vornahm, den Wunsch des armen Bauers zu erfüllen. „Komm," sagte er, „und folge mir!" Sie gingen seit wärts, tief in den Wald hinein, und kamen in ein abgelegenes625 Thal, in dessen Hintergrund ein hoher Fels hervorragte, der unterhalb mit dichtem Gebüsche bewachsen war. Als sie sich mühesam durchgedrängt hatten, kamen sie an den Eingang einer sinstern Höhle, in welche Veit mit Herzklopfen trat. Um ihn her war Alles düster und grausig, und in der Ferne hörte er ein Brausen, wie von wildem Wasser. Am Ende des langen^ schmalen Ganges eröffnete sich ein geräumiger Platz, wie ein großer Saal, den ein hüpfendes, blaues Flämmchen erhellte. Beim Schimmer des Flämmchens erblickte Veit in der Mitte eine Braupfanne voll harter Thaler. Das Herz im Leibe lachte ihm, als er die blanken Thaler sah. Rübezahl sagte: „Tritt hinzu, nimm soviel du brauchst,, und gib mir dann eine Handschrift darüber, wenn du anders schreiben kannst! — Veit sagte: „Ja, ich kann schreiben;" und nun zählte er, ohne sich weiter nöthigen zu lassen, gerade hundert Thaler, auch nicht einen mehr in seinen Schooß und steckte sie in die Tasche. Unterdessen hatte Rübezahl Dinte, Feder und Papier herbeigeholt, und schien gar nicht darauf zu achten, wie viel Geld Veit nehme. Dieser schrieb den Schuldschein und über reichte ihn dem Geiste, der ihn dann in einen eisernen Kasten schloß. Hierauf wurde Veit mit folgenden Worten entlassen: „Geh hin in Frieden; aber vergieß nicht, daß du mein Schuld ner bist! Merke dir den Eingang zu diesen Felsen, und bringe mir nach drei Jahren das Geld nebst Zinsen zurück! Ich bin ein strenger Gläubiger; sorge also, daß du Wort halten kannst." Veit versprach das mit einem treuherzigen Handschlage und ging. Als er in's Freie kam, sah er sich nach allen Seiten um, damit er die Gegend wieder finden könnte, und dann eilte er fröhlich nach Hause. Vor der Thür schrien ihm schon die Kinder entgegen: „Vater, bringst du Brod ? Uns hungert sehr!" Er nahm sie freundlich bei der Hand und trat mit ihnen in die Stube. Da erwartete die Frau ihn mit banger Ungewiß heit, bald aber merkte sie an seinen Mienen, daß er ihr gute Nachricht zu geben hätte. Er grüßte sie herzlich und sagte: „Deine Vettern sind brave Leute; sie haben mich gut aus genommen, und mir den gewünschten Vorschuß gegeben. Ge schwind koche den Kinderchen Brei! Hier ist ein Sack mit Grütze und Hirse, den ich unterwegs gekauft habe." Die Frau that sich nicht wenig zu Gute auf ihre reichen Verwandten und freute sich über ihren glücklichen Einsall, sie um Hilfe anzu sprechen. Veit aber sagte: „Der Vetter, welcher mir das Geld Kmder-Conversations-Lexikon. 40626 üeh, ermahnte uns zum Fleiße, daß wir ihm zur bestimmten Zeit Geld und Zinsen bezahlen könnten. Wohlan, laß uns thätig sein und uns unsere Kräfte anstrengen!" Von Stunde an dachten sie darauf, wie sie das geborgte Geld am besten verwenden könnten. Veit kaufte Vieh und ein Stück Acker. Dies bewirthschafteten sie im ersten Jahre so gut, daß sie im folgenden noch ein anderes dazu kaufen konnten. Den Gewinn von beiden legten sie im dritten Jahre auf's neue an, um ihr Gut zu vergrößern. Es war ein besonderer Segen in Rübezahl's Gelde; denn Alles, was Veit unter nahm, gelang ihm. Am Ende des dritten Jahres, als der Tag der Zahlung kam, stand Veit des Morgens früh auf, weckte Weib und Kinder, sagte ihnen, sie sollten ihre besten Kleider anziehen, und zog auch selbst seinen Sonntagsrock an. Dann ließ er seinen Hans anspannen, nahm den schweren Geldbeutel, worin das Geld nebst Zinsen schon abgezählt war, setzte sich mit den Seinigen auf den Wagen und fuhr dem Gebirge zu. Als sie an einen Hohlweg kamen, ließ Veit halten, stieg mit Frau uno Kindern ab, und sagte: „Hans, fahre du die An höhe hinan, und warte; wir wollen zu Fuß durch das an genehme Thal gehen und auf der andern Seite wieder zu dir kommen." Die Frau wunderte sich, daß sie einen Umweg machen sollten; aber Veit sagte ihr mit wenigen Worten: „Ich habe das Geld nicht von deinem Vetter. Dort am Ende des Thales wohnt der Vetter, es ist Rübezahl." Bei diesem Namen erschracken Alle, denn sie hatten viel Böses von dem Geiste gehört. Veit rühmte ihn, und suchte sie zu beruhigen; aber vergebens. Sie stellten sich um ihn her, wollten ihn zu rückhalten und baten flehentlich, er möchte umkehren. Indessen riß er sich mit Gewalt los und ging fort. Er fand den Festen und das Gebüsch bald wieder, arbeitete sich durch und suchte den Eingang zu der Höhle; diese war verschwunden. Er klopfte, er klimperte mit dem Gelde, er ries den Geists doch dieser ließ sich weder sehen noch hören. Endlich sah Veit sich genöthigt zurückzukehren. Seine Frau und seine Kinder freuten sich herzlich, als sie ihn von fern erblickten; er aber war miß- muthig, daß er feinen Zweck nicht erreicht hatte, setzte sich nieder, und dachte nach, was nun zu thun sei. Es fiel ihm ein, den Geist bei seinem Spottnamen zu rufen, wie das vorige Mal. Er that es. Alle fingen nun auf's neue an zu zittern und zu beben, und ein Kino rief ängstlich: „Dort, dort hinter jenem Baume steht ein schwarzer Mann!" Veit eilte hin, sahüber Nichts. Kurz, alle Mühe, den Geist herbei zu rufen, war verloren, und sie mußten sämmtlich den Rückweg antreten. Indem sie gingen, erhob sich ein sanfter Wind in den Wipfeln der Bäume, der die herbstlichen Blätter herabschüttelte und sie vor sich Hintrieb. Die Kinder hatten ihr Spiel damit und haschten darnach. Eins ward darunter ein Blatt Papier ge wahr, es lief hinterher; der Wind aber entführte es immer. End lich warf der Knabe seinen Hut darauf, und so bekam er es. Freudig zeigte er seinen Fund dem Vater. Dieser schlug das zusammengelegte Blatt auseinander, und erstaunte nicht wenig, als er seinen Schuldbrief sah. Das Blatt Papier war oben etwas eingerissen, und darunter stand geschrieben: „Zu Dank bezahlt." Mit Entzücken rief Veit: „Freut euch! unser Wohl- thäter hat uns gesehen und gehört. Er weiß, daß ich ehrlich bin, und hat mir meine Schuld geschenkt. Hier ist der gelöf'te Schuldschein!" Nun setzten sie ihren Weg vergnügt fort und kamen zu ihrem Fuhrwerk. Als sie in ben Wagen stiegen, sagte Veit zu seiner Frau: „Wie wäck es, wenn wir heute noch deine geizigen Vettern besuchten, da wir schon aus der Hälfte des Weges sind?" Die Frau war damit zufrieden, und so fuhren sie hin. Veit stieg vor den: Hause ab, wo man ihn vor drei Jahren so hart abgewiesen hatte und klopfte an der Thür. Da kam ein ganz unbekannter Mann heraus, von dem sie er fuhren, daß die reichen Vettern ausgewirthschaftet, vor Kurzem Haus und Hof verlassen hätten und in die weite Welt ge gangen wären. Auf diese Nachricht fuhren sie nach Hause zurück. Veit nahm immer mehr an Wohlstand zu, blieb aber auch redlich und arbeitsani und half Nothleidenden nach Vermögen; da er selbst erfahren hatte, wie wohl es thut, Hilfe in der Noth zu finden. Nücksitt, Friedrich. Unter allen Deutschen, welche sich mit Versen abgegeben haben, hat es wohl keiner in der Kunst desReimens weiter gebracht, als Friedrich Rück er t, der als Professor in Berlin lebte, später auf einem schönen Landgute bei Koburg, in Neuseß, sich niederließ, dort aber am 29. Februar 1866 gestorben ist. Er ist in Bayern in der Stadt Schweinfurt geboren, und machte sich zuerst bekannt durch die Lieder, womit er seine Landsleute zum Kampfe gegen den 40 *628 Unterdrücker Napoleon anfeuerte. Damals hatte er aber einen andern Namen angenommen, und man erfuhr erst später, wer der Verfasser jener Lieder sei. Hernach machte er eine Reise nach Italien, denn er dachte: Man muß doch auch die Lieder anderer Länder hören, wenn man die deutschen gut verfertigen will. Und es war ihm nicht genug, italienische Gedichte zu übersetzen, nein, er machte sich auch an morgenländische, an arabische, persische, wo nicht gar an türkische. So hat der Mann außerordentlich fleißig gearbeitet und gar viel Schönes zu Stande gebracht. Die Kinder alle halten gar viel aus diesen braven Mann, denn er hat eine Menge Gedichte für sie geschrieben. Denket nur an: Das Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt; das Bäumlein, das spazieren ging. Diese sind von Friedrich Rückert. Ich will euch hier noch mit einem bekannt machen von diesem Dichter, es ist betitelt: Vom §üblein, das überall hat wollen mitgenommen fein. Denk' an! Das Büblein ist einmal spazieren gegangen im Wiesenthal; da wurd's müd' gar sehr, und sagt: „Ich kann nicht mehr; wenn nur was käme und mich mitnähme!" Da ist das Bächlein geflossen gekommen, und hat's Büblein mitgenommen; das Büblein hat sich auf's Bächlein gesetzt, und hat gesagt: „So gefällt mir's jetzt." Aber was meinst du? das Bächlein war kalt, das hat das Büblein gespürt gar bald; es hat's gefroren gar sehr, es sagt: „Ich kann nicht mehr; wenn nur was käme und mich mitnähme!" Da ist das Schifflein geschwommen gekommen; und hat's Büblein mitgenommen; das Büblein hat sich auf's Schifflein gesetzt, und hat gesagt: „Da gefällt mir's jetzt." Aber siehst du? das Schifflein war schmal, das Büblein denkt: da fall ich einmal;629 da fürcht' es sich gar sehr, und sagt: „Ich mag nicht mehr; wenn nur was käme, und mich mitnähme!" Da ist die Schnecke gekrochen gekommen, und hat's Büblein mitgenommen; das Büblein hat sich in's Schneckenhäuslein gesetzt, und hat gesagt: „Da gefällt mir's jetzt." Aber denk'! die Schnecke war kein Gaul, sie war im Kriechen gar zu faul; dem Büblein ging's langsam zu sehr; er sagt: „Ich mag nicht mehr; wenn nur was käme, und mich mitnähme!" Da ist der Reiter geritten gekommen, und hat's Büblein mitgenommen, das Büblein hat sich hinten auf's Pferd gesetzt, und hat gesagt: „So gefällt mir's jetzt." Aber gib Acht! das ging wie der Wind, es ging dem Büblein gar zu geschwind; es 'hopst d'rauf hin und her, und schreit: „Ich kann nicht mehr; wenn nur was käme und mich mitnähme!" Da ist ein Baum ihm in's Haar gekommen, und hat das Büblein mitgenommen; er hat's gehängt an einem Ast gar hoch, dort hängt das Büblein und zappelt noch. Das Kind fragt: Ist denn das Büblein gestorben? Antwort: Nein, es zappelt ja noch! Morgen geh'n wir 'naus und thun's 'runter. Russen. Rußland ist ein großes, großes Reich, und man findet darin ganz Gebildete und noch ganz rohe und un wissende Einwohner. Die eigentlichen Russen stammen von den alten Scythen, Sarmaten oder Slaven ab. Sie sind von mittelmäßigem, starkem630 Körperbau und in Folge ihrer Lebensart und der harten Nahrungsmittel sehr ausdauernd. Schon frühe werden sie ge wöhnt, Kälte und Hitze gleich zu ertragen. Das Schweißbad und Branntwein sind zwei Dinge, ohne welche der gemeine Russe nicht leben kann. Der Russe ist treu, höflich und tapfer; der von der ge- ringern Klasse aber dabei äußerst unwissend und abergläubisch. Die vornehmen Russen ahmen nicht nur die höhern Stände in Frankreich, England und Deutschland nach, sondern sie machen einen noch weit größern Aufwand in ihrer Lebensweise. Eine prächtige Tafel, auf der Trauben und Melonen Vorkommen, eine Menge von Bedienten, kostbare Kleider mit Diamanten besetzt, und hohes Spielen Zeichnen sie aus. Was die Tafel betrifft, so sind sie besonders Liebhaber von Suppen. Die Russen bekennen sich zur griechischen Religion, welche mit der katholischen viele Aehnlichkeit hat; doch erkennen sie den Papst nicht als ihr Oberhaupt an. Ihre Geistlichen heißen Popen. Der russische Bauer geht in langen Oberröcken und hat einen langen Bart. Die Schuhe sind von geflochtenem Linden bast, im Winter noch mit Lappen umwickelt, und alles wird mit Riemen oder Schnüren festgebunden. Um die Mitte des Leibes trägt er einen Gürtel. Im Sommer trägt er einen Kittel, im Winter einen Schafpelz, dessen Wolle nach innen gekehrt ist. Die Beinkleider sind vom gröbsten Sacktuche und statt der Strümpfe werden die Beine mit Stücken von grobem Wollenzeug umwickelt. Ein runder, sehr hoher Hut macht die Kopfbedeckn.ng aus. Die Bauart auf den Dörfern ist von der Art, daß Balken oder Bäume aufeinander gelegt und die Lücken mit Moos zu gestopft werden. Das Dach bedeckt man mit Spühnen. In jeder Stube ist ein Backofen und auf demselben die Schlafstelle ohne Betten. Stühle und Bettstellen haben nur die reichern Bauern. Schüsseln und Löffel sind von Holz. Sie sind Freunde von Tanz und Musik. An Ostern beschenkt man sich mit gefärbten Eiern und begrüßt sich mit den Worten: Christ ist erstanden! — Das Schlittschuhlaufen, das Schaukeln und das Herabfahren auf Schlitten von den Eisbergen sind Volks- Belustigungen. Die Knute, womit die Verbrecher gestraft wer den ist, eine Art Peitsche und besteht aus Riemen von Juchten leder. Staatsgefangene werden nach Sibirien verwiesen.631 Sack. Und zwar der Mehlsack wird aus rauhem Garu gemacht, grob oder dick gewoben, daß nichts hiuausstäubeu kann. Oben- am Sack sind Schnüre, den Sack zuzubiudeu. Der Müller ladet das Mehl in Säcken aus seinen Wagen und führt's zum Bäcker; der Mehlstaub ist wohl verschlossen und stiegt nicht in die Luft. Auch der Sack thut seinen Dienst, und nichts kann seinen Dienst ersetzen. Wie sollte man sonst das gute Mehl vom Müller zum Bäcker leicht hiuüberbringeu? Verachte Nichts, sondern steh' dich um, wozu und wie es nütze. Je einfacher, desto besser ist das Mittel. — Säge. Die Säge ist wie ein langes, breites Messer; sie hat Zähne, vorn und hinten einen Griff von Holz. Die Säge reißt ein Loch durch den Balken, das Brett, und wird durchgeschnitten. Der Schreiner braucht Sägen, große und kleine, auch der Zimmermann und Holzhacker. Man hat auch Sägemühlen, das Holz wird eingespannt, eine große Säge wird an das Holz gelegt, das Wasser treibt die Säge und die Säge schneidet dann selbst, das Holz schiebt sich nach und wird durchs schnitten. Die Sägspänue fallen ab wie Mehlstaub, sie heißen Sägmehl. Man reiniget mit dem Sägemehl die Stuben- und Fußböden. Auch der abfallende Holzftaub ist nützlich. Wie nützlich ist die Säge, wie könnte mau mit dem Meffer ein dickes Stück Holz durchschneioen! Der Mensch kann überall nützliche Dinge erfinden. Sagen sind Erzählungen, welche das Volk gedichtet hat, ohne daß man recht weiß, wer sie zuerst aufbrachte. Die Sagen sind nicht so ganz ersonnen, sie beziehen sich allemal auf einen bestimmten Ort, wo etwas vorgefallen sein soll. Wenn nun das Vorgefallene nicht ganz wahrscheinlich ist, so mag sich doch wohl einmal Etwas ereignet haben, das im Munde der Leute allmählich verdreht worden ist. So ist es z. B. mit „Gründ ung der Stadt Aachen." Der Kaiser Karl der Große hat wirklich eine große Vorliebe für diese Stadt gehabt, aber von einem Edelstein ist das wohl nicht hergekommen.632 Hier leset die Sage: „Gründung der Stadt Aschen." Als Karl der Große sich in der Stadt Zürich aufhielt, 'ließ er eine Säule aufrichten und eine Glocke daran hängen. Diese sollte ohne Unterschied der Person Jedermann, dem Un recht geschehen war, Ziehen, wenn der Kaiser zu Tische saß. Auf dieses Zeichen wollte er sich auf den Richtcrstuhl setzen und dem Bedrängten zu seinem Rechte verhelfen. Eines Tages, da der Kaiser beim Mahle saß, ertönte die Glocke. Der hinab gesandte Diener sah aber Niemanden und berichtete dieß seinem Herrn. Da aber die Glocke zum zweiten Male erklang, sah der Diener genauer nach und fand eine große Schlange, welche sich um das Seil wand und die Glocke zog. Voll Bestürzung hinterbrachten die Diener dem Kaiser dies Wunder. Karl aber sprach: „Auch den Thieren muß ihr Recht widerfahren," ging hinab, setzte sich auf den Richterstuhl und forderte die Schlange vor, daß sie ihre Sache anbringe. Dieselbe verneigte sich vor dem Kaiser und führte denselben dann an das Ufer des Wassers, wo eine übergroße Kröte in dem Neste der Schlange auf deren Eiern saß. Der Kaiser untersuchte den Streit der Thiere noch weiter, fand, daß die Schlange recht hatte und verdammte die Kröte zum Feuertode. Dieses Urtheil wurde auch wirklich vollstreckt. Einige Tage darauf kam die Schlange wieder an den Hof, neigte sich, wand sich auf den Tisch und hob den Deckel von einem darauf stehenden Becher ab. In den Becher legte sie aus ihrem Munde einen kostbaren Edelstein, verneigte sich wieder und verschwand. Diesen Edelstein schenkte der Kaiser seiner Gemahlin, ohne zu wissen, daß der Stein eine geheime Kraft in sich hatte. Wo sich nämlich der Stein befand, da fühlte sich der Kaiser bestän dig nüt Liebe und Sehnsucht hingezogen. Als nun seine Ge mahlin starb, und damit der Stein nicht in andere Hände käme, denselben unter ihre Zunge gelegt hatte, da konnte sich Karl von der Leiche nicht trennen und führte sie viele Jahre im Sarge mit herum, ohne sie begraben zu lassen. Endlich ent deckte ein Höfling den Stein und nahm ihn zu sich. Sogleich wandte sich die Liebe des Kaisers zu diesem. Er ließ die Leiche seiner Gemahlin begraben, wollte aber außer jenem Höflinge Niemand um sich haben. Zuletzt wurde diesem der Stein selbst lästig, und er warf ihn auf dem Wege von Köln nach Frank-633 reich in eine heiße Quelle. Seitdem ist der Stein nicht mehr zum Vorschein gekommen; aber die Quelle war voll Stund an dem Kaiser so werth, daß er sich dort am liebstell in seinem ganzen Reiche aufhielt. Deßhalb gründete er daselbst die Stadt Aachen, und baute sich einen Palast, wo er so oft wohnte, als es Krieg und andere Geschäfte erlaubten. Noch eine alte Sage von den Gebrüder Grimm: Das Hirtenbüblein. Es war einmal ein Hirtenbüblein, das war wegen seiner weisen Antworten, die es auf alle Fragen gab, weit und breit berühmt. Der König des Landes hörte auch davon, glaubte es wicht und ließ das Büblein kommen. Da sprach er zu ihm: „Kannst du mir auf drei Fragen, die ich dir vorlegen will, Antwort geben, so will ich dich halten, wie mein eigen Kind." Das Büblein sprach: „Wie lauten die drei Fragen?" — Der König sagte: „Wie viel Tropfen Wasser sind in dem Welt meer?" — Das Hirtenbüblein antwortete: „Herr König, laßt alle Flüsse auf der Erde verstopfen, damit kein Tröpflein mehr daraus in's Meer läuft, das ich nicht erst gezählt habe, so will ich euch sagen, wie viele Tropfen im Meere sind." — Da sprach der König: „Die andere Frage lautet: wie viel Sterne stehen am Himmel? — Das Hirtenbüblein sagte: „Gebt mir einen großen Bogen weiß Papier!" und dann machte er mit der Feder so viele feine Punkte darauf, daß sie kaum zu sehen und fast gar nicht zu zählen waren, und einem die Augen ver gingen, wenn man darauf blickte. Darauf sprach es: „So viel Sterne stehen am Himmel, als hier Punkte auf dem Papier; zählet sie nur!" — Aber dazu war niemand im Stande. Da fprach der König: „Die dritte Frage lautet: wie viele Sekunden sind in der Ewigkeit?" — Da sagte das Hirtenbüblein: „In Hinterpommern liegt ein Demantberg, der hat eine Stunde in der Höhe, eine Stunde in der Breite und eine Stunde in die Tiefe. Dahin kommt alle hundert Jahr ein Vögelein und wetzt sein Schnäbelchen daran, und wann der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde in oer Ewigkeit vorbei." — Da sprach der König: „Ich will dich fortan halten, wie mein eigen .Kind." Sailer Johann Michael. Der gelehrte, hochselige Bischof von Regensburg, I. Michael v. Sailer, geb. 1751634 zu Aresing bei Schrobenhausen in Bayern, führte in seinem Privatsiegel ein Paar an den Schnäbeln aufgehängte Schnepfen. Die Veranlassung dazu war folgende: Seine Eltern waren nicht durch den Besitz zeitlicher Güter, aber durch Gottesfurcht und Rechtschaffenheit ausgezeichnet. Der Schullehrer Seitz unterrichtete ihn im Lesen und Schreiben; der Kaplan Simon in den ersten Anfangsgründen der lateinischen Sprache. Beide redeten dem Vater zu, den talentvollen Knaben studieren zu lassen. Allein der Vater sprach: „Unser einer ist zu arm, als daß er Zu einem so lange währenden Handwerk das Lehrgeld bezahlen könnte. Der Zimmermeister des Dorfes, Rieger, trat in das Mittel. „Ich bin nicht reicher, als du", sprach er zun: Vater, „und doch studiert mein Sohn in München. Künftige Ostern müßt ihr, du und dein Sohn, mit mir nach München gehen; das Leben gibt der gute Gott; den Lebens unterhalt geben gute Menschen." Alle drei machten sich am grünen Donnerstag auf den Weg nach München. Zu Oberweilbach bleibt der Zimmer meister vor dem Hause eines Schnepsenhändlers stehen, und sprach zu dem Vater Andreas Sailer: „Meister Andres, kauft ein Paar Schnepfen, die müssen das Glück eures Sohnes machen." Er that es.. Der kluge Zimmermann führte Vater und Sohn zu dem sehr angesehenen Schullehrer Traunsteiner. „Herr Schulmeister!" sprach der Vater zu ihm: „hier bring' ich Euch meinen Hansmichel, und bitte Euch, sein zweiter Vater zu sein, und ihn zum Famulus bei einem Sohne reicher Eltern zu empfehlen. Deßhalb verehre ich Euch diese zwei Schnepfen." Der Schullehrer versprach sehr freundlich es zu thun. Der Vater gab seinem Sohne noch reichliche, väterliche Ermahnungen, und 45 kr. an Geld. Wenige Tage nachher kam der Sohn des General-Mürz wardeins Oecker zu dem Schullehrer und sagte: „Geben Sie mir aus Len ärmsten und besten Knaben einen Famulus; mein Varer ersucht Sie darum." Nun thaten die Schnepfen ihre Wirkung. Sailer wurde Famulus (d. i. Diener, Begleiter und Gesellschafter) des jungen Oecker, durfte an dessen Unter richt theilnehmen, und erhielt freie Kost. Er blieb sechs Jahre hindurch Famulus, und konnte weiterhin, wegen seiner großen Talente, seiner Frömmigkeit und seines sittlichen Betragens, von Wohlthätern unterstützt, seine Stundien vollenden. So wurde635 er der ausgezeichnete Professor*), der berühmte Schriftsteller — und endlich Bischof. Alles, was er war, schrieb der fromme, demuthsvolle Mann einzig Gott zu. Auch die Umschrift des Siegels deutet darauf hin, daß er Alles geworden: — „Unter Gottes Leitung." Salz. Das Salz, das ihr alle wohl kennet, weil wir es täglich haben müssen, und oas in ungeheurer Menge erzeugt wird, gehört zu den Mineralien, läßt sich im Waiser auflösen und hat einen ziemlich starken Geschmack. Es gibt dreierlei Kochsalz: Meersalz, Steinsalz und Brunnensalz. Das Meer salz wird aus dem Meerwasser gesotten, oder durch Sonnen hitze und durch Frost gewonnen. — Das Steinsalz und Bergsalz kommt von Salzsteinen her, die man in den Stein salz-Bergwerken heraushaut, oder darin durch süßes Wajser auflöset, und dann wie andere Soole, zu Salz versiedet. Es gibt so hartes Steinsalz, daß man daraus Altäre und Kapellen und Bilder hauen kann. — Das Brunne n s a l z wird aus dem Salzwasser gesotten, das aus dem Boden wie anderes süßes Brunnenwasser herausquillt, und in mehreren Gegenden der Welt, und vorzüglich in Deutschland, in sehr großer Menge gesunden wird; darum wir auch dasselbe so billig zu kaufen bekommen. Salzbergwerk. Das unentbehrlichste aller Gewürze ist das Salz. Die meisten und gewöhnlichsten Speisen, selbst das liebe Brod sind nur mit Salz wohlschmeckend. Biele Nahrungsmittel, wie z. B. das Fleisch, die Fische, bleiben Jahre lang genießbar, wenn sie eingesalzen werden. Schwer schmelz bare Metalle lassen sich mit einer Zuthat von Salz leichter schmelzen. Der Töpfer braucht es zur Glasur der Geschirre, der Apotheker zu manchen Arzneien. Auch das Vieh genießt es gerne. Wo es in großer Menge vorhanden ist, wird es auch als Düngungsmittel gebraucht. Das Salz ist gewöhnlich schön weiß, aber auch farblos uno durchsichtig, grau, gelb, schwarz blau oder grün. Es findet sich aufgelöst in dein Wasser des Meeres und mancher Leen und Duellen, und als festes Mineral in dem *) Sailer war auch von ! 784-4794 Professor an der Universität zu Tüll lugen.636 Schooße der Erde. Das Seesalz und das Quellsalz wird durch Verdampfung und Sieden des Wassers, das Steinsalz durch Bergarbeit gewonnen. Unter die größten und merkwürdigsten Salzbergwerke ge hört das zu Wieliczka bei Krakau. Der Reisende, welcher diese Salzbergwerke besuchen will, versieht sich gewöhnlich mit einem Führer und zwei Lampenträgern. Man läßt ihn und seine Begleiter an einem Seile in den Schacht hinab. In einer Tiefe von 26 Meter sieht er zuerst das grauliche und vom Scheine der Laterne erglänzende reine Salzgestein, und in einer Tiefe von 44 Meter hört er von allen Seiten her das Getöse der Spaten, Hacken und Schubkarren geschäftiger Arbeiter; hier wird mit Pulver gesprengt, mit Meißel, Hammer, Brech eisen das Gestein abgelöst. Er verläßt jetzt das Seil und be findet sich in dem ersten Stockwerke einer großen Höhle, die in ihren verschiedenen Abtheilungen einen Stall mit zwanzig Pfer den, die zum Verriebe der Maschinen nöthig sind, Vorräthe von Salz, die theils in Haufen aufgeschüttet, theils in Tonnen ge faßt und zur Versendung bereit gehalten sind, Geräthschaften für die Bergleute u. s. w. enthält. Das Gewölbe über dieser Höhle ist ungefähr 29 Meter lang, 23 Meter breit und gegen 6 Meter hoch. Von hier an führt eine lange Galerie, die an 3% Meter hoch und 2'/? Meter breit ist, gegen das Innere, während nach verschiedenen Richtungen hin Seitengänge laufen, die mehr das Ansehen von Zugängen zu einem unterirdischen Palaste als von Wegen eines Bergwerks haben. Eine Treppe führt 29 Meter tiefer hinab in das zweite Stockwerk. Bei dem Hinabsteigen sieht man das Salzlager unterbrochen durch schmale Schichten von Thon, oder einer Mischung von Salz und eben dieser Erdart. Man trifft hier die Bergleute an der Arbeit; ein Theil derselben haut Salz aus dem Gestein heraus, andere zertheilen es in kleinere Stücke, und wieder andere fassen die Stücke zum Versenden in Tonnen. Setzt der Reisende seine unterirdische Wanderung weiter fort, so kommt er auf eine hölzerne Plattform, von wo aus er in einen Abgrund hinabblickt, denn die bloßen Lichter der Führer nicht zu erleuchten vermögen. Wenn Vornehme die Minen besuchen, so wird ein in der Mitte hängender Kron leuchter, der aus Salzkrystall verfertigt und für 1Ö0 Lichter ein gerichtet ist, angezündet, und es zeigt sich dem erstaunten Auge eine ungeheure Höhle — das dritte Stockwerk — die den Rui nen eines Schlosses ähnlich sieht. In dieser Höhle sind mehrere637 Reihen Sitze angebracht, die sich über einander erheben, wie die Bänke in einem Theater. Hier spielt bei seierlichen Gelegen heiten eine kleine Musikgesellschaft einige einfache und sanfte Musikstücke, welche in Verbindung mit der Umgebung eine ganz eigene Wirkung aus das Gemüth äußern. Lange Galerien und Treppen, alle geräumig genug, um der frischen Luft freien Zu gang zu gestatten, führen tiefer und tiefer in das Salzgestein. Hier sieht man häufig Bergleute, die ihre kleinen, mit Salz be ladenen Karren, Hunde genannt, vor sich hinschieben. In dem vierten Stockwerk ist ein kleiner, ungefähr 67 Meter langer und 32 Meter breiter, unterirdischer See, über welchen die Besucher bei Fackelschein auf Flößen geführt werden. Hier hört das Lager des grünen Salzes auf, das man für die geringste Sorte hält, und das am leichtesten zu zerhauen ist. Das nächste Lager enthält Salz, welches härter und dichter, und zunächst auf dieses folgt eine Sorte, welche weiß und feiner im Korne ist. Dieser Theil des Bergwerks ist 584 Meter unter der Erdoberfläche; 250 Meter unter diesem lagert das feinste Salz- krystall, welches auf tiefen Treppen und sanften Abhängen herausgefördert wird. Die Höhle, aus welcher dieses Salz kommt, ist so geräumig, daß ein Regiment Soldaten bequem darin manövriren könnte. Dieß ist der tiefste Theil des Berg werkes. Die Luft daselbst ist ganz rein, etwas kälter als im Freien, aber viel wärmer als in der halben Tiefe des Berg werks. Auf der Rückkehr führt der Weg durch Gänge und Höhlen mit vielen Merkwürdigkeiten. Besonders merkwürdig ist der große Saal des zweiten Stockwerkes, worin eine Dorf kirche Platz hätte. Er dient zur Aufbewahrung von Sehens würdigkeiten, die sich auf das Bergwerk beziehen, von Verstei nerungen und seltenen oder schön krystallisirten Gesteinen. In dem ersten Stockwerke ist eine Kapelle, welche eine Kanzel, einen Altar, ein Marienbild und ein Crucistx — Alles aus Salzgestein gebildet — enthält. An vielen Stellen verursacht theils die Strahlenbrechung, theils das wirkliche Farbenspiel des Salzgesteins, daß man Massen von Rubinen, Smaragden, Amethysten und Saphiren zu sehen glaubt. So wie man seinen Ort verändert, so wechselt auch dieser Farbenglanz. Um in allen Gängen und Höhlen dieses außerordentlichen und größten aller Salzbergwerke herumzukommen, muß man nicht weniger als 100 stunden zurücklegen. Samen der Pflanzen. Lieber Adolph! In diesem Lexikon habe ich Dir von dem zierlichen, gefederten Sa-638 men des Löwenzahn erzählt. Dn hast mich gebeten, Dir noch mehr so Wunderliches von Samen mitzutheilen. Hier ist einiges. Du wirst schon oft gesehen haben, daß die Kinder die Samen eines gewissen Baumes auf die Nase stecken. Das ist der Same des Ahorns. Wenn Du einen solchen Sa men genauer ansiehst, so wirst Du finden, daß er zwar kein weißes Federchen, aber einen braunen Flügel hat, der fast dem Flügel einer Wasserjungfer gleichsieht. Nun nimm einen solchen geflügelten Ahornsamen, wirf ihn in die Höhe und sieh, wie er stiegt. Er wird nicht gleich aus den Boden fallen, sondern wird sich erst einige Zeit regelmäßig in der Luft herum drehen. Kommt ein Wind, so nimmt er ihn beim Flügel, trägt ihn über Berg und Thal und läßt ihn endlich fallen. Da wächst alsdann ein junger Ahorn, weiß niemand, wer ihn ausgesäet hat. Man nennt einen so geflügelten Samen eine Flügelfrucht. Solche Flügelfrüchte tragen die meisten Waldbäume, z. B. die Tannen, Föhren, Ulmen, Birken u. s. w. Du hast doch einen Tannenzapfen oder eine Butzelkuh gesehen? Er besteht aus lauter Schuppen. Hebst Du eine Schuppe auf, so liegen darunter zwei geflügelte Samenkörnlein. Be sonders hat die Edeltanne in ihren Zapfen Samen, welche gar ein schönes, bläulich braunes Flügelein haben, und wenn man im Herbst ans eine solche Tanne hinanfwirft, an Ver reise Zapfen stehen, so stiegt ein ganzes Gewimmel von Sameu- vögelein herunter auf den Boden. Biele Pflanzen gibt es, welche weder einen gefiederten noch einen geflügelten Samen haben. Bei ihnen hat der Schöpfer verschiedene Mittel angewendet, um den Samen zu verbreiten. Es wächst bei uns an feuchten, schattigen Orten eine Pflanze mit gelben Blumen, welche zum Geschlechte der Balsaminen gehört. Sie führt den sonderbaren Namen: Faßmichnich tan. Die Samen dieser wilden Balsamine liegen in einer kleinen Schote. Wenn die Schote reif ist, und Du berührst sie ganz leise mit dem Finger, so springt sie plötzlich auf, rollt sich zusammen und schlendert die Samen körner weit von sich. Dieses thut sie so schnell und heftig, daß man fast erschrickt. An sumpfigen Orte-n wächs't eine Pflanze, welche man den Zweizahn nennt, weil auf jedem Samenkorn zwei spitzige Zähne stehen. Mit diesen Zähnen hängt sich der reife Same an die Wolle der Schafe, an die Haare der Hunde,639 und an die Kleider der Menschen. Diese tragen ihn mit sich fort und säen ihn so aus. Nun, lieber Adolph, der allmächtige Schöpfer schasst nicht blos den Samen, sondern er thut noch das Federchen und den Flügel hinzu. Lebe wohl! Schaf. Daß wir nur dich haben, sagt der Tuchmacher; denn würdest du ihm die Wolle nicht liefern, so könnte er kein so gutes, schönes Tuch verfertigen. — Das muß dem Schafe gefallen, es mag jetzt noch ein Lamm oder schon ein Schaf, es mag weiß oder schwarz sein. Freilich, es weiß schon, daß man es nothwendig braucht und gerne hat; darum hüpft und springt es so munter, besonders, wenn es in den Klee geht, der seine Leibspeise ist. -- Sind viele Schafe beisammen, so laufen sie einander in schönster Ordnung nach; denn sie halten gar viel auf einander. — Wird ein Schaf abgeschlachtet, so erhält man einen köstlichen Braten und die Geigenmacher warten schon auf die Gedärme, um Saiten zu bereiten. Der Weißgerber holt das Fell und macht Leder daraus. - Nun, Kinder! jetzt werdet ihr gleich errathen, welches Thier ich bei folgendem Reime im Sinne habe: Von mir gewinnet deine Mutter Kostbare Milch und Käs und Butter. Dein Vater nimmt mir alle Jahr' Mein dichtes, weiches, krauses Haar. Das gibt dir Hut und Strümps' und Kleider, Das nährt den Weber und den Schneioer. Mein Koth schafft euerm Feld Gedeih'n: Mein Darm befördert Fröhlichsein; Mein Fleisch gibt euch gesunde Speise; Mein Fell nützt ihr aus manche Weise; Mein Fett erleuchtet euch die Nacht; Aus mir wird Tischlerleim gemacht. — Könnt ihr errathen, wie ich heiße? Das Schaf sagt von sich selbst: Mä! Mä! Auf die Weide ich geh'; Mit den Widdern und Hammeln, Auf dem Feld wir uns sammeln, Da fressen wir Gras,640 Das macht uns Spaß, Sind guter Dinge, Machen unsere Sprünge, Und die Lämmer mit den kleinen Schwänzchen Machen um uns herum ihr Tänzchen. Wir rennen auch dann und wann Mit den Köpfen an einander an. D'rum nennt man uns zur Strafe Schlechtweg nur dumme Schafe. - Jst's Fressen dann aus, Und geht es nach Haus, Dann blöcken mit Lust Wir aus voller Brust. Mä! wir Jungen und Alten Es ist nicht auszuhalten: Mä, Mä, Mä! Schaukelpferd. Wie heißt das Pferd, es wird nicht müde, Tag und Nacht, hat keinen Hunger und keinen Durst, hängt nie den Kopf, geht immer auf und ab und kommt nicht von der Stelle? Sein Reiter klatscht und schreit, es hört ihn nicht; wie heißt es wohl? — Schaukelpferd (Wiegengaul). Es ist von Holz, mit Leder überzogen, mit Sattel und Zeug und Zügel, mit Mähne und Schweif von rechtem Roßhaar, und steht auf hölzernen Bögen (Läufern), die mit Querhöl zern verbunden find. Auf diesem lernt der Knabe auf- und absteigen und reiten. Es ist eine lustige Bewegung; aber der Knabe muß sich hüten, daß er nicht zu heftig reitet, damit er nicht falle. Wer zu gewaltig und wild seine Sache treibt, kommt leicht zum Falle. Alles mit Maß und Ordnung. — Ein Bruder und eine Schwester unterhielten sich über das Schaukelpferd auf folgende Weise: Bruder. Marsch, fort mit dir in Winkel hin, Du altes Schaukelpferd! Was Anders Hab' ich jetzt im Sinn', D'rum bist du nichts mehr werth. Ein Pferdchen, das lebendig wär', Das würde mich recht freu'n! Da wollt' ich reiten hin und her, Schnell über Stock und Stein.641 Schwester. Das würde dir was nütze sein, Ein Pferd von Fleisch und Blut! Du fielst herab, brächst Arm und Bein Durch deinen Uebermuth. Ein Pferd von Holz wirft dich schon ab, Weniüs nun lebendig ist, Da fällst du hundertmal herab, Weil du kein Reiter bist. Schierling, sei es nun der Gartenschierling, der gefleckte Schierling oder der Wasserschierling, ist eine gefährliche Gift pflanze , die jedes Kind kennen lernen sollte. Am häufigsten kommt der kleine Schierling oder die Hundspetersilie, auch Gleiße genannt, vor. Er ist der Petersilie so ähnlich, daß schon große Aufmerksamkeit dazu gehört, ihn anders als Lurch den Geruch zu unterscheiden. Hierin weicht er aber ab, denn sein Geruch ist widrig, knoblauchartig. Daß die Blätter des Schierlings glänzender sind, als die der Petersilie, wird durch den Namen Gleiße angedeutet, reicht aber doch nicht hin, vor jeder Ver wechslung zu schützen. Am besten ist, man kocht Nichts, was nicht entschieden wie Petersilie riecht, sonst kann es Einem gehen, wie der Bäuerin, welche statt Petersilienwurzeln Schierlings wurzeln in die Suppe warf und ihre ganze Familie vergiftete. Durch Brechmittel wurden sie glücklich noch gerettet, aber nicht ohne daß sie heftige Magenschmerzen ausgehalten hatten und noch eine Zeit lang am Zittern litten. Weit giftiger jedoch sind die beiden andern Arteil; der gefleckte Schierling und der Wasser schierling , auch Wütherich genannt. Besonders ist es die Wurzel des Letztern, deren Genuß meistens^den Tod herbeiführt. Allein die Natur hat auch besser vor ihnen gewarnt, als vor der Hundspetersilie. Denn der Geruch derselben ist so widrig, von dem Wasserschierling so betäubend, daß sehr viel Unver stand dazu gehört, ihn in den Mund zu bringen. Auch wachsen sie schon an Orten, wo man nichts Gutes erwartet, auf Schutt haufen oder an Sümpfen. Gleichwohl kommt es vor, daß Kinder sich von dem hohlen Stengel wie von Kälberkropf Pfeifen machen wollen. Natürlich schwillt ihnen der ganze Mund von der Berührung des Giftes an. — Hier als Anhängsel noch das Geschichtchen vom Giftbecher: „In Griechenland lebte der weise Sokrates. Diejenigen, welche ihn näher kannten, verehrten ihn als den tugendhaftesten Kinder-Conversatiorrs-Lexikon. 41642 und verständigsten Mann; aber er hatte auch Feinde. Diese ärgerten sich darüber, daß er^ ihnen die Wahrheit sagte, und daß das Volk ihn den weisen Sokrates nannte. Deßhalb klagten sie ihn vor Gericht an, er verführe die Jugend zur Gottlosig keit. Das war nun freilich erlogen; weil aber falsche Zeugen auftraten und die Richter ungerechte Leute waren, so wurde der unschuldige Sokrates verurtheilt, den Tod zu erleiden. Dieß sollte aber nicht durch's Schwert oder den Galgen geschehen, sondern durch einen Becher voll Schierlingsaft. Sokrates hörte dieß ungerechte Urtheil geduldig an, und obgleich er hätte ent fliehen können, so that er es doch nicht, weil er dem Gesetze gehorchen wollte. Vielmehr unterredete er sich mit seinen Schü lern von der Unsterblichkeit der Seele, und davon, daß er sie einst im Himmel wieder sehen werde. Und als er den Mann, der ihm den Giftbecher brachte, zittern sah, sprach er ihm selbst Muth zu. Als er den Becher geleert hatte, ging er noch auf und ab, bis das Gift zu wirken anfing, und er sich müde fühlte. Da setzte er sich nieder, und schlummerte ein, wie zum gewöhnlichen Schlaf. (400 v. Chr. Geb.)" Schiff. Das Schiff ist eine der sinnreichsten und nütz lichsten Maschinen, welche der menschliche Kunstsleiß erfand. Ver- muthlich gab ein hohler Baum die erste Veranlassung dazu, und zuerst hatte man Kähne, Nachen, Boote und Barken. Die Schiffe sind aus Balken, Brettern, Eisen und Tauwerk zusam mengesetzt, seien es nun Ruderschiffe, Segelschiffe, Kauffahrteischiffe, Kriegsschiffe, Galeerenschiffe oder Dampfschiffe. — Das große Schiff hat oft mehrere Stockwerke; von dem obern Verdecke (die Oberfläche des Schiffes) erheben sich die Mastbäume thurm hoch in die Lust. An ihrer Spitze weht ein lustiges Fähnchen; weiter herunter sind die Segel (sehr große Stücke ausgespannte Leinwand), derentwillen eigentlich die Masten errichtet werden. In den Segeln fängt sich der Wind, und treibt so das Schiff fort; mit Hilfe der Segel kann man das Schiff nach allen Seiten drehen. Die Masten selbst werden durch Taue, d. h. sehr dicke Stricke, befestigt. Auch das Steuerruder dient das Schiff zu lenken. — Solch ein großes Schiff faßt oft 1000 und noch mehr Menschen. Friedrich Schiller beschreibt ein Schiff so: Ein Vogel ist es, und an Schnelle Buhlt es mit eines Adlers Flug;643 Ein Fisch ist's und zertheilt die Welle, Die noch kein größ'res Unthier trug; Ein Elephant ist's, welcher Thürme Auf seinem schweren Rücken trägt; Der Spinnen kriechendem Gewürme Gleicht es, wenn es die Füße regt; Und hat es fest sich eingebissen Mit seinem spitz'gen Eisenzahn, So steht's gleichwie auf festen Füßen Und trotzt den: wüthenden Orkan. ' Schifffahrt. Die Schifffahrt ist es, welche die verschie denen Welttheile mit einander in Verbindung setzt. Wie es allerlei Fuhrwerke auf dem Lande gibt, so baut man auch allerlei Fahrzeuge, um das Meer zu befahren. Die Wilden höhlen große Baumstämme aus und wagen sich in denselben mit einigen Stangen zum Rudern selbst auf das Meer. Schon künst licher gebaut sind die Kähne (Nachen, Boote), welche aus Bret tern bald kleiner, bald größer, bald flacher, bald tiefer zusam mengesetzt werden. Da man in einem offenen Kahne dem Regen und den Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, so gerieth man aus den Gedanken, auf demselben eine Bedeckung anzubringen. Man richtete Stangen auf und hing Felle oder Tücher darüber her, oder man machte aus Brettern ein kleines Gemach. Zuerst be wegte man dieses Fahrzeug nur mittelst der Ruderstangen weiter, und brachte bei größeren Kähnen vier, sechs und noch mehrere Ruder an. Allein mit der Zeit lernte man den Wind zum Forttreiben der Kühne benützen. Man spannte ein Tuch zwi schen zwei Stangen aus, so daß sich der Wind darin faßte und das Fahrzeug auf der glatten Meeresfläche weiter trieb. Auf diese Art entstanden nach und nach aus Kähnen Schifflein mit einem Verdecke und Segel, und aus den Schifflein wurden endlich große Schiffe mit mehreren Verdecken und vielen Segeln. Es wurden Schiffe gebaut so groß, wie Häuser, die einen zum Versenden von Lasten, die andern zum Kriegführen. Die größten Kriegsschiffe haben drei Verdecke, auf welchen theils Kanonen ausgestellt, theils Gemächer für die Soldaten und Matrosen eingerichtet sind. Die Lastschiffe werden hauptsächlich von reichen Kaufleuten, welche in der Nähe des Meeres wohnen, gebraucht; sie senden auf denselben allerlei Maaren in fremde Welttheile und lassen aus diesen Zucker, Kaffee, Reis, Baumwolle und Anderes holen. Jedes Schiff hat wenigstens ein Steuer, ver- 41 *644 mittelst dessen es regiert wird; der Mann, welcher dazu bestellt ist, heißt der Steuermann. Außer dem Steuer ist es einmal die Bewegung des Meeres, und dann des Windes, was die Schiffe forttreibt. Wenn der Wind dahin weht, wohin das Schiff gebracht werden soll, so werden die Segel aufgespannt; wenn aber der Wind in der entgegengesetzten Richtung weht, so werden die Segel eingezogen; dazu, wie zu andern Diensten werden die Matrosen gebraucht. In neuester Zeit baut man aber meistens nur mehr Schiffe, welche durch Dampf fortbewegt werden und daher Wind und Wellen Trotz bieten; denn mit solchen Dampfschiffen kann man bei der ruhigsten See eben so gut nach allen Richtungen fahren, wie auch gegen die heftigsten Winde steuern. — Der Vorgesetzte aller Schiffsleute auf einem Fahrzeuge heißt Capitän. Mehrere Schiffe Zusammen nennt man eine Flotte; der Anführer einer Flotte heißt Admiral. Sckiller, Friedrich DVK. Unter allen deutschen Dich tern ist Schiller ohne Zweifel bei dem Volke und der Jugend der berühmteste. Seine Schauspiele werden auf allen Theatern aufgeführt, seine Gedichte von Jung und Alt, von Hohen und Niedrigen gelesen, viele seiner Lieder auch überall gesungen. Und er verdient diesen Ruhm nicht bloß, weil seine Dichtungen schön und musterhaft, sondern auch von durchaus edlem und sittlichem Inhalte sind. Auch das zeichnet Schiller aus, daß er in früher Jugend schon die Aufmerksamkeit seines ganzen Vaterlandes auf sich zog. Denn als 18jähriger Jüngling dichtete er schon ein Trauerspiel, wobei sich sein poetisches Genie bereits deutlich er kennen ließ. Er war damals Zögling einer hohen Schule in Stuttgart, wo er überaus streng gehalten wurde und wenig Zeit zu seiner Lieblingsbeschäftigung behielt. Doch der Umgang mit treuen und gebildeten Freunden versüßte ihm manches Bittere. Nachdem er aber Regimentsarzt geworden war, und der Herzog ihm verbot, etwas Anderes drucken zu lassen als über Arznei kunde, so wandte er lieber seinem Vaterlande den Rücken und lebte bald in Sachsen, bald in der Pfalz in ziemlich dürftigen Umständen. Weil seine Schriften aber immer mehr Beifall fanden und bewiesen, daß Schiller ein ganz ungewöhnlicher Dichter sei, so berief ihn der Herzog von Sachsen-Weimar zu erst nach Jena als Professor und hernach nach Weimar selbst. — Schiller war geboren zu Marbach in Württemberg i. I. 1759 und starb zu Weimar i. I. 1805, noch nicht 46 Jahre alt. Die allzu große geistige Anstrengung hatte auch seinen Körper frühzeitig aufgerieben.645 Wenn ihr einmal größer seid, liebe Kinder, werdet ihr die Werke Schillers zu lesen bekommen. Vergosset dann nicht vor allem das „Lied von der Glocke, das Lied an die Freude, der Taucher, die Bürgschaft, der Gang nach dem Eisenhammer," zu lesen. Für jetzt will ich euch nur einige kleinere Gedichte von Schiller hier anhängen: Der Psiug. Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen, Doch ziert's des größten Kaisers Hand, Es ist gemacht, um zu verletzen, Am nächsten ist's dem Schwert verwandt. Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden, Niemand beraubt's und macht doch reich, Es hat den Erdkreis überwunden, Es macht das Leben sanft und gleich. Die größten Reiche hats gegründet, Die ält'sten Städte hat's erbaut, Doch niemals hat es einen Krieg entzündet, Und Heil dem Volke, das ihm vertraut! Das Weltall. Es steht ein groß' geräumig Haus Auf unsichtbaren Säulen, Es mißt's und geht's kein Wand'rer aus, Uvd keiner darf drin weilen; Nach einem unbegriff'nen Plan Ist es mit Kunst gezimmert, Es steckt sich selbst die Lampe an, Die es mit Pracht durchschimmert; Es hat ein Dach, krystallenrein, Von einem einz'gen Edelstein — Doch noch kein Auge schaute Den Meister, der es baute. Der Funke. Ich wohn' in einem steinernen Haus, Da lieg' ich verborgen und schlafe; Doch ich trete hervor, ich eile heraus,646 Gefordert mit eiserner Waffe. Erst bin ich unscheinbar und schwach und klein, Mich kann dein Athem bezwingen, Ein Regentropfen schon saugt mich ein; Doch mir wachsen im Siege die Schwingen. Wenn die mächtige Schwester sich zu mir gesellt, Erwachs' ich zum furchtbaren Gebieter der Welt. EÄkLücht. Die Schlachten werden zu Wasser und zu Land geliefert. Zu Land wird das Heer in Schlachtordnung gestellt und in den V o r t r a b, den N a ch t r a b, das Mittel- tressen und den rechten und linken Flügel eingetheilt. Wenn die Trommeln gerührt werden und die Trompeten er tönen, beginnt die Schlacht. Die Flinten werden abgeschossen, das grobe Geschütz erdröhnt; die Batterien spielen und oft dauert eine Kanonade lO Stunden. Endlich werden beide Par theien mit einander handgemein und hauen so lange auf einan der ein, bis der eine Theil völlig besiegt ist und die Flucht ergreift. Der Ort, wo das Tressen geliefert wird, heißt das Schlachtfeld oder die Wahlstatt. Todte und Verwundete liegen umher und bieten einen Schauder erregenden Anblick dar. Die Officiere und Soldaten, welche sich in der Schlacht durch Tapferkeit ausgezeichnet haben, werden belobt oder sie erhalten einen Orden, oder sie werden befördert. Schlange» Kind. Ihr gefährlichen Schlangen, ihr seid ja fast allen Menschen verhaßt! Welches ist denn eure Naturgeschichte? Schlange. Gern will ich dir das erzählen, höre mich nur aufmerksam an! Wir Schlangen haben weder Füße, noch andere äußere Gliedmassen; sondern wir kriechen oder schleichen auf dem Bauche und bewegen uns durch ringförmige Krümmungen sehr schnell aus der Erde hin und her. Auch aus Bäume steigen wir zuweilen hinauf. Im Wasser können wir uns zwar auch aufhalten, aber nicht lange. Dagegen trifft man uns häufig unter dem Miste, unter abgefallenem Laube und in lockerer Erde an, worin wir unsere Eier legen. Wir sind mit Schuppen, oder mit Schilden, oder mit Ringen bedeckt. Wir haben Ohren und hören gut. Wir haben eine schmale gespaltene Zunge, und Zähne, nicht zum Zerbeißen des Raubes, sondern zum Fest halten desselben; denn wir verschlingen alles ganz.647 Kind. Welches ist eure Nahrung? Schlange. Gras, Fliegen, Käfer, Spinnen, Eidechsen, Vögel, Mäuse, Frösche und Kröten, Katzen und Hasen, ja sogar Hirsche müssen ganz in unfern Magen marschiren. Kind. Auch der Kopf des Hirsches sammt dem Geweih? Schlange. Nein, den Kopf lassen wir so lange zum Maule heraushängen, bis er abfault und wegfällt, und dies geschieht gewöhnlich schon in etlichen Tagen. Kind. Ja, wie kommt's denn, da ihr doch nur klein seid, daß ihr so große Thiere verschlingen könnet? Schlange. Wir können darum viel größere Thiere ver schlingen, als wir selbst sind, weil wir unsere Kinnladen und unfern Leib so sehr ausdehnen können. Es gibt aber auch Schlangen, die mannsdick, und fünf bis zehn Ellen lang sind, wie z. B. die Boa oder Riesenschlange. Kind. Ihr müßt aber wahre Vielfraße sein, wenn ihr Hirsche, Tiger, ja sogar Ochsen nöthig habet, um euch zu sättigen? Schlange. Wohl war; allein wir fressen in zwei oder drei Wochen nur Einmal, und gerathen, wenn wir uns satt gefressen haben, auf einige Tage in einen Zustand völliger Un empfindlichkeit, so daß wir, bis die Verdauung vorüber ist, uns kaum rühren können. Jemand, der viele Jahre als Arzt in Ostindien zugebracht hatte, erzählte folgende Begebenheit: „Ich kam einmal mit einem Ofsicier auf einer kleinen Reise durch einen Wald. Bei heißem Sonnenschein ruhten wir, so oft wir unter einen schattigen Baum kamen, etwas aus. So standen wir im Gespräch unter einem Baum, und ich, etwas ermüdet, setzte mich auf einen im Grase liegenden braunen Klotze nieder. Wie erschrack ich aber, als der vermeintliche Klotz sich zu rühren anfieng; es war der dick vollgefressene Bauch einer Schlange, die mit Mühe ihr Haupt erhob, um uns mit weitem Rachen anzugähnen. Doch hatten wir nicht Ursache zu fliehen; sie bedurfte einer Anstrengung von etlichen Minuten, bis sie sich nur wenige Meter weiter von ihrem Lager, in welchem sie gestört worden war, fortgewälzt hatte." Kind. Werdet ihr auch alt bei eurer unregelmäßigen Lebensweise? Schlange. Wir werden 10 bis 20 Jahre alt, ziehen alle Jahre die alte Haut ab, und wachsen, so lange wir leben. Wir haben keine Beine oder Gräthen, sondern nur Knorpeln.648 Im Schlaf liegen wir zusammengerollt, und gewöhnlich mit ttt die Höhe gerichtetem Kopf. Im Winter schlafen wir meist alle. Kind. Aber euere Zungen, die fürchte ich; mit dieser könnet ihr gewiß recht wehe thun? Schlange. O nein, die Zunge, die wir wohl recht oft aus dem^ Maule hervorschießen lassen, und die vorn gespalten und 2 Spitzen hat, darfst du nicht furchten, wir können damit nicht stechen. Nur die giftigen Schlangen sind gefährlich und davon gibt es, soviel ich weiß, in Deutschland nur ganz wenige. Je heißer das Land, desto giftigere Schlangen hat es. Die Vipern und Klapperschlangen sind die gefährlichsten. Kind. Aber wie unterscheidet man die giftigen Schlangen von den andern? und wie geschieht das Beißen? Schlange. Die giftigen Schlangen haben im Oberkiefer mehrere Zähne, die hohl sind. An der Wurzel dieser Zähne ist ein Bläschen, worin das Gift sich befindet. Wenn wir nun fest beißen, so wird das Bläschen gedrückt, und das Gift fließt durch die Höhlung des Zahnes aus den gebissenen Gegenstand. Wenn wir mehrere Male gebissen haben und dadurch das Gift bläschen entleert ist, so sind die nächsten Bisse wenig oder gar nicht schädlich; auch kann man uns die Giftzähne ausreißen, dann können wir gar keinen Schaden mehr thun. Ja, wer dreist genug ist, kann eine Schlange fangen, und so lange ein sperren und füttern, bis er sie genug angesehen und ihren künst lichen Bau bewundert hat. Will er sie aber gar abschlachten und sie braten lassen, so kann er's thun. Kind. Pfui, wer sollte wohl das thun? Schlange. O genug Leute in der Welt. Auf Jamaica werden Schlangen, Ratten und Eidechsen öffentlich zu Markte gebracht, und selbst von vornehmen Leuten gekauft und gegessen. Und in Aegypten und Ostindien gibt es Gaukler genug, die uns trotz unserer gefährlichen Waffen fangen, zähmen und öffentlich tanzen lassen. Wie bei euch die Bärenführer, so ziehen in Ostindien die Schlangenbeschwörer im Lande umher, und lassen ihre Künste für Geld sehen. In einem kleinen, runden Kästchen trägt der Schlangenbeschwörer seine Schlangen. Will er sie tanzen lassen, so öffnet er die Thüre, fängt an auf einer Pfeife zu spielen, und mit der andern Hand etwa die Trommel zu rühren. Die Schlange kriecht dann hervor, stützt sich mit dem Ende ihres Schwanzes auf die Erde, bläst ihre Kopfhaut auf, öffnet ihren Rachen, und streckt ihre lang gespaltene Zunge heraus, mit der649 sie hin und her spielt; ihre funkelnden Augen aber sind immer auf die vorgehaltene Faust des Gauklers gerichtet, und so tanzt sie nach dem Takt. Dieses Spiel hält sie etwa vier Minuten aus, da dann der Gaukler, wenn er ihr Ermüden und deßhalb ihr Entfliehen befürchtet, mit Gesang, Musik und Handbewegung nachläßt, worauf die Schlange abgemattet wieoer in ihr Gefäß kriecht und sich zusammenrollt. — Hier noch einige Erzählungen für aufmerksame Kinder: 1. Ein in Ostindien lebender, zehnjähriger Knabe, der in der Nähe eines Teiches spielte, bemerkte in der ziemlich tiefen Höhlung eines entwurzelten Baumes eine Schlange. Die Ge legenheit schien ihm günstig, um seinem Bruder, der ein Doktor werden wollte, ein naturwissenschaftliches Kuriosum zum Geschenk Zu machen. Da der Kopf der Schlange flach auf der Erde lag, so eilte er, einen starken Baumzweig abzuschneiden, den er mit seinem Messer zuspitzte, in der Absicht, ihn dem Ungethüm durch den Hals zu bohren und es damit an die Erde fest zu nageln, um es dann tobten zu können, ohne die Haut zu sehr zu beschädigen. Er näherte sich mit Vorsicht, und sein Plan schien ihm anfangs ziemlich gut zu gelingen; da feine Lanze sehr spitzig und lang war, so konnte er den Kopf der Schlange festhalten; aber hiermit war noch nicht Alles gewonnen. Unge achtet seiner Anstrengung wand sich die Schlange um eines seiner Beine. Die Stärke seines Feindes ermessend, begriff der Knabe, daß ihm nichts weiter übrig bleibe, als sein Messer überall zu gebrauchen, wo er die Schlange erreichen konnte, ohne sich um die Verletzung der Haut zu kümmern. Nach einem hartnäckigen Kampfe, der einige Minuten dauerte, gelang es ihm, den um sein Bein gewundenen Theil abzuschneiden, und er zog den Pfahl aus der ersten Wunde der Schlange heraus; sobald sich diese frei sah, versuchte sie, zu entfliehen, aber der Knabe war durchaus nicht geneigt, seine Beute fahren zu lassen — er versetzte ihr mehrere Schläge, die ihr vollends den Garaus machten. Das war ein mnthiger, unerschrockener Knabe! — Die Schlange hatte eine Länge von über zehn Fuß. 2. Ein Mann, welcher Holz sammelte, mußte einmal seine ganze Geistesgegenwart aufwenden, um einer Gefahr zu ent gehen, die er mit einer Schlange Zu bestehen hatte. Er hatte einen großen Baumstamm über seine Schulter geworfen, als plötzlich eine Schlange daraus hervorsprang und ihm dicht am Gesichte vorüberstreifte. Der arme Mann warf seine Last eiligst zur Erde und suchte dann nach der Schlange, von der zu seinem650 Erstaunen keine Spur zu sehen war. Auf einmal fiel es ihm ein, daß sie im Fallen in die weite Tasche seiner Beinkleider geschlüpft sein könne. Er fürchtete alle Augenblicke, ihren Zahn zu fühlen; bald faßte er aber Muth, und indem er seinen Gürtel löste, gelang es ihm, sich von seinem ungebetenen Gaste frei zu machen, auf welchen er dann so lange losschlug, bis er zerschmettert war. 3. In Australien gibt es auch Schlangen, deren Biß nicht ganz schädlich ist und die Eingebornen wissen gleich Mittel an zuwenden, die von gutem Erfolge sind. Als eine Gesellschaft von Auswanderern einst in den Wäldern sagte, wurde einer von ihnen von einer Schlange gebissen, welche ein Eingeborner, der jene begleitete, glücklicher Weife wahrnahm, ehe sie ent weichen konnte. Der Verwundete, der seine letzte Stunde nahe glaubte, sing an, in der Eile einige testamentarische Verfügungen zu treffen; allein der Schwarze versicherte ihm in, gebrochenem Englisch, daß „er nicht werde sterben — er nur ganz gelb werden gleich im Augenblick." — In der That, der Gebissene wurde über und über gelb, ohne daß er jedoch an den Folgen des Bisses starb. 4. Ein anderer Eingeborner hatte den Biß einer Schlange durch Auslaugen geheilt. Der Verwundete arbeitete allein auf dem Lande, als er von dem Unfall betroffen wurde; er wollte nach der unweit gelegenen Stadt zurückkehren, aber seine Kräfte verließen ihn, er siel nieder und wurde auf der Land straße gefunden, als er eben umsonst versuchte, sich nach einem nahen Sumpfe zu schleppen, um seinen Durst zu löschen. Man trug ihn nach der Stadt und ließ den Schwarzen rufen. Dieser forderte dann Salz, mit welchem er sich den Mund füllte; hier aus saugte er lange Zeit an der Wunde, indem er dem Kranken heftige Schmerzen verursachte; endlich gab er ein Zeichen, daß man ihn allein lassen solle, und eilte auf die Hecke zu, in der der Patient den Bist erlitten hatte. Man folgte ihm, un geachtet seines Verbots, und sah ihn hier mit Heftigkeit aus speien und sich den Zuckungen eines Wahnsinnigen hingeben. Nach einer Viertelstunde kam er eiligst zurück mit der Bemer kung, daß er noch nicht fertig sei; er begann jetzt auf's ueue mit aller Kraft zu saugen, und rannte dann wieder fort. Eine halbe Stunde später trat er endlich langsamen Schrittes ein und erklärte, daß er für die Genesung des Kranken einstehe, die in der That bald darauf erfolgte.651 Schluß. Das Schloß ist ein befestigter, mit Mauern und Wallgräben eingeschlossener und wohlverwahrter Ort, ein fester Platz, eine Burg oder Wohnsitz eines großen Herrn, ge meiniglich * auch jeder Palast, jeder Rittersitz. Es gibt viele Schlösser. Meistens hat man sie aus Berge gebaut und mit dicken, dicken Mauern umgeben. Leute, welche viel Geld haben, also reich sind, dann recht vornehme Leute, wohnen in Schlössern. Wenn die Leute mehrmal so in Gedanken sind, an Reichthum denken, wohl auch aus sich selbst recht viel machen, gerne mehr sein oder werden möchten, als möglich ist, dann sagt man, sie bauen Schlösser in die Lust. Schloß, eisernes. Was würde geschehen, wenn wir keine Schlösser vor den Thüren unserer Häuser und Zimmer, unserer Gärten, Kammern imb Schränke hätten? Würde nicht Jedermann hinein können? Würden wir nicht von Diebs gesindel beraubt und bestohlen werden? Welcher Mensch wäre bei unverschlossenen Thüren seines Eigenthumes sicher? Wie gut ist es also, liebe Kinder! daß es Schlosser gibt, die aus Eisen Schlösser, Schlüsselbund andere Arbeiten machen. Die Markschlösser sind so eingerichtet, daß man sie an Thüren, Koffer, Kästen hängen und bald da, bald dort gebrauchen kann, die andern Schlösser aber werden an Thüren, Pulte, Kisten u. s. w. angenagelt oder geschraubt und bleiben gemeiniglich für immer an dem Orte, wo sie einmal sind. Kinder, die Menschen bewahren Haus und Hos, daß der Dieb nicht hinein gehen und stehlen kann. Bewahre auch dein Herz, daß nichts Böses hineinkomme und das Gute dir raube! — Schlüsselblume. Liebe Anna! Die Schlüsselblume ge hört zu den lieblichsten Erscheinungen des Frühlings. Aus der Mitte einer grünen Blätterrose erhebt sich ein schlanker, auf rechter Stengel, der an seiner Spitze eine größere Anzahl Blüthen von schöner Farbe und lieblichem Gerüche trügt. Bienen und Hummeln besuchen sie und saugen Honig daraus, und ihr Mädchen pflücket sie mit dem blauen Veilchen zum wohlriechen den Fensterstrauße. Die Namen „Schlüsselblume" und „Him- melschlüsselchen" hat man ihr gegeben, um damit anzudeuten, daß sie den Frühling eröffnet und den heitern Himmel und die schöne Blumenwelt uns aufschließt. Auch der Name „Primel", den sie führt, heißt „Erstling des Frühlings." Lebe wohl!652 Christoph Schmid sagt von der Schlüsselblume: Willkommen mir, Goldblümchen hier, Die auf den Wiesen Zuerst uns begrüßen! Auf's Neue seh' Nach Frost und Schnee, In eurer Blüthe Ich Gottes Güte. Der gute Gott! Er schickt nach Noth Und kurzen Leiden Uns wieder Freuden. Wie schmücket euch Der Thau so reich! Wie hell ihr flimmert! Und glänzt und schimmert! So mild bedenkt Euch Gott — so tränkt Er Laub und Moose' Und Eich' und Rose. Fest baue ich, Mein Gott, auf Dich; Du sorgst nicht minder Für Deine Kinder! Schmetterling. Was ist das? an Farben reich, Ist es einer Blume gleich, Einer Blume voller Duft, Die sich wiegt in freier Luft. Hinter ihr der Knabe her, Mit dem Netze, mit der Scheer' — Schon gefangen? meint ihr? husch! Fliegt die Blume über'n Busch. O, das ist ein Schmetterling, ein Sommervögelein, werdet ihr sagen, und da habt ihr auch ganz recht. Wie schön ist doch653 der Schmetterling; mitten ein feiner Leib, mit Kopf und Fühl fäden am Kopfe, sechs Füße am Leib, mit denen er gehen kann; aber noch besser, er hat Flügel. Wie schön sind diese Flügel gezackt und mit einem Streifen eingefaßt, getüpfelt, auf einem Flügel ganz so, wie auf dem andern, der Flügel gelb, die Tu pfen schwarz, bei Andern wieder anders in Gestalt und Farbe, roth, braun, blau, gold- und silberfarben. Wir wollen eine Sammlung von schönen Schmetterlingen machen! Es gibt doch zar wunderbare Dinge draußen im Wasser und auf der Erde, in Pflanzen und Thieren, wir wollen auf alle merken. — Gut, so wird man verständig, und inan sammelt etwas, das länger dauert, als Schmetterlinge, man wird verständig und gut, man lernt Gott lieben, der Alles gemacht hat. Hier lies ein Schmetterlinglied von Agn. Franz. Lieber Knabe, ach tobte mich nicht! Kaum begrüß' ich das Sonnenlicht! Habe geschmachtet lange Wochen, ch' ich die enge Puppe zerbrochen! Bin so vergnügt, hätte mich gern auf den Blumen gewiegt! Sieh, wie so herrlich mich Gott geschmückt! Flügel Hab' ich, mit Gold gestickt, einen Mantel mit Sammet belegt, wie ihn der Kaiser nicht schöner trägt! Ach, und die ganze prächtige Zier wolltest du grausam zerstören mir? Wolltest mit deinem spitzigen Eisen mir das fröhliche Herz Zerreißen? Lieber Knabe, ach, laß mich leben! Gott hat uns beiden den Frühling gegeben Mir und dir auch ein Herz dabei, das gern glücklich schlägt und frei! Da ließ der Knabe die Nadel sinken. Geh', rief er, wohin dir die Blumen winken! Wir wollen uns beide des Frühlings erfreu'n, und springen und jauchzen und lustig sein! Schmid, Christoph. Wer hat nicht schon eine jener freundlichen Erzählungen des gemüthlichen schwäbischen Schrift stellers gelesen, in welchen aus den abenteuerlichen Zügen ro mantischer Ritter, aus den Schicksalen wilder Räuber oder654 geraubter Kinder die Macht der allwaltenden Vorsehung und Ge rechtigkeit so eindringend an jedes jugendliche reine Herz spricht? Wer ist nicht den Leiden einer armen Waise, dem Erwachen des Kindes in der unterirdischen Banditenhöhle, dem Wiedersin- den theurer Personen nach jahrelanger Trennung, und tausend andern Verwickelungen des menschlichen Schicksals mit aufmerk samer, bald ängstlicher, bald freudiger Spannung gefolgt, und fühlte sich am Schlüsse nicht erhoben durch die mächtigen Ein drücke von Tugend und Edelmuth, die unter den verschieden artigsten, lockendsten Erscheinungen zugleich unterhalten und be lehren? Wer erschrack hier nicht vor dem warnenden Ende des Lasters? Wer lernte nicht die Tugend lieben in ihrem unaus bleiblichen Siege und fühlte sich nicht selbst glücklich beim An blicke des innern Seelenfriedens, der die bedrückte Ehrlichkeit selbst unter den Schrecken der Kerkernacht nie verläßt? Gewiß, wir dürfen voraussetzen, daß der Mehrzahl unserer Leser der Name Christoph Schmid nicht fremd klingt. Treu fürsor gende Eltern geben ihren Söhnen und Töchtern gern eine seiner vielen, ergötzlichen, aufmunternden Schriften in die Hände, und tausende jetzt gereiste Männer und Frauen in Deutschland, Frankreich, England und andern Theilen Europas haben einst mit seinen romantischen Helden so lebhaft geträumt, mit seinen Jünglingen und Jungfrauen so rein, so innig gefühlt, seine Bösewichte mit ihm zum zweiten Mal so streng verurtheilt, und den siegreichen Kampf seiner Tugenden in ihrer Unbefangenheit mit ihm so warm gekämpft, daß der Name Christoph Schmid unzertrennlich wurde von den angenehmsten Rückerin nerungen an ihre erste Kindheit und Jugendzeit. Deshalb glaube ich allen kleinen Lesern einen Dienst zu erweisen, indem ich ihnen Einiges mittheile, über die Persönlichkeit dieses allbe liebten Jugendfreundes. Christoph Schmid wurde den 15. August 1768 zu Dinkelsbühl geboren. In seiner Jugend mehrfach mit Nahr ungssorgen kämpfend, machte und vollendete er seine Studien in der katholischen Theologie zu Dillingen unter der Leitung seines Gönners und nachherigen Freundes, des bekannten Bi schofs Sailer. Als erstes öffentliches Amt verwaltete er ein Schulbeneficium im Markte Thannhausen a. d. Mindel, acht Stunden von Augsburg. Hier begann er auch seine schrift stellerische Thätigkeit, deren erste Blüthen er nach dem Religions unterrichte den Sonntagsschülern, oder Abends im geselligen Kreise den Bürgern seines Ortes vorlas. Dies machte ihn655 bald in der ganzen Umgegend bekannt und beliebt. Es sind seither bereits fünfzig Jahre verflossen, und noch jetzt sprechen Mütter und Greise zu ihren Kindern und Enkeln so lebhaft und warm von dem ehemaligen jungen Beneficiaten, als ob er sie erst gestern durch seine gemächlichen Erzählungen bezaubert hätte. Die gesammte ländliche Jugend kennt keinen Schriftsteller, vor dem sie mehr Ehrfurcht hätte, als vor Christoph Schmid und es ist ein stets willkommenes Fest, wenn ihr au langen Winterabenden eines seiner Geschichtchen erzählt oder vorge lesen wird. Durch die Herausgabe seiner „Biblischen Geschichte" (die kennt ihr Alle, denn ihr leset oft in euren Schulen in der selben) i. I. 1801, welche bis jetzt mehr als zwanzig Aus gaben erlebt, lenkte er zuerst die Aufmerksamkeit des größern Publikums auf sich. Diesem glänzenden Versuche folgte 1810 „Genovefa"; 1816 die allbekannten „Ostereier", 1820—26 in vier Bänden seine reichhaltigen „Erzählungen für Kinderfreunde" und eine Menge anderer werthvoller Schriften, Z. B. seine „Schauspiele für Familienkreise", „Blüthen, dem blühenden Alter gewidmet", ein Bändchen harmloser Gedichte voll der reinsten, zartesten, natürlichsten Gefühle, die als erste poetische Lectüre für Kugbeu und Mädchen wohl das Meiste übertreffeu, was die deutsche Literatur in dieser Gattung aufzuweiseu hat. *) Im Jahre 1816 verließ Christoph Schmid sein ihm zur Heimath gewordenes Thannhausen und folgte einem vortheil- hasten Rufe an die einträgliche Pfarrei Stadion, dem Besitz thum des Grafen gleichen Namens. Auch hier wurde er bald der Liebling seines Kircheupatrons und der ganzen Umgegend. Er wirkte hier im Stillen wohlthätig auf die Heranbildung seiner Pfarrjugend und widmete seine Mußestunden rastlos der Vollendung jener segensreichen Schriften, die ihm den Dank seiner Zeitgenossen und für die Nachwelt einen dauernden, ehrenvollen Namen gesichert haben. Auf Bischof SaileUs Empfehlung wurde Christoph Schmid 1824 zum Domcapitular in Augsburg ernannt. Dort arbeitete er immer unermüdlich und spendete von Zeit zu Zeit Früchte seines Fleißes, die das schönste Gepräge eines ewig *) Das Kinderlieb: „Der Tanzbär" ist anch ans diesen Blüthen. Am Schlüsse will ich euch noch aus derselben Sammlung „Das Buch ohne Buchstaben" anhängen.jugendlich bleibenden Geistes tragen. Im Jahre 1854 aber erlag er der auch in Augsburg so stark uud streng auftretenden Cholera; er starb am 3. September. Ganz Augsburg trauerte, denn es ehrte und liebte den heitern, freundlichen Domherrn. Wenn ihn die Kinder auf der Straße sahen, so eilten sie auf ihn zu, wie auf einen zweiten Vater, und küßten seine Hand. Er wußte jedem mit freundlich lächelnder Miene eine gute Lehre zu geben, und gerne folgten die Schüler dem Wort des muntern kleinen Greises — denn er war von schmächtiger Gestalt und niederm Wüchse — mit den jugendlich frischen Wangen und den ehrwürdigen grauen Locken. Schmids Wohnhaus in Augsburg war klein und einfach, aber elegant eingerichtet. Eine schöne Büchersammlung und einige Meisterwerke großer Maler zierten sein Studierzimmer. Hier und in der Rebenlaube eines blumenreichen Gärtchens schuf der greise Jugendfreund seine gemüthlichen Werke. Einige Jahre vor seinem Ende wurde er vom Könige durch Verleihung des Civilverdienst-Ordens der Bayer. Krone ausgezeichnet und hieß seitdem Ritter Christoph von Schmid. Das Buch ohne Buchstaben. Vor seiner Thür' ein Büur'lein saß In einem kleinen Büchlein las — Die liebe Einfalt war der Greis, Sein Haar und Bart war silberweiß, Doch röthlich noch sein Wangenpaar Benetzt mit Thränlein hell und klar. Schmelfungus auch des Weg's herkam, Und wahr des armen Bäuerleins nahm — Der dicke Herr gar hochgelehrt, Das Bäu'rlein mit dem Gruß beehrt. „Was machst du, alter Narre, da? Du kennst ja nicht einmal das A." „Herr Doktor, in dem Büchlein steht Nicht A noch Z, wie ihr da seht! Leer sind die Blättlein allzumal, Nur ihrer sechse an der Zahl. Die Farben sind auch sechserlei — Merkt, was mir die Bedeutung sei!"657 „Das erste Blatt ist himmelblau, Und sagt: Mensch, oft nach oben schau! Das andere, wie Rosen roth, Mahnt an des Heilands Blut und Tod; Das dritte, wie die Lilien weiß, Spricht: Rein zu leben dich befleiß'!" „Das vierte Blatt, so schwarz wie Ruß, Lehrt, daß ich auf die Bahre muß; Des fünften feuerfarbner Schein Erinnert an der Hölle Pein; Das sechste Blatt vom Golde ganz, Mahnt an des Himmels Pracht und Glanz." „Bedenk' ich, was das Büchlein spricht. Mein Aug' sich netzt, das Herz mir bricht — Was ich nur brauch', mein Büchlein lehrt, D'rum halt' ich's tausendmal mehr werth, Als Eure Folianten all', In Eurem großen Bücherstall." Still gehet der gelehrte Mann; „Hum, denkt er, es ist was d'ran! Wer wenig thut, weiß er gleich viel, Der kommet nimmermehr zum Ziel; Wer wenig weiß, es aber thut, Ist noch so weise, froh und gut." Schnee. Das ist eine Lust für Knaben, wenn es Schnee gibt, und der leichte Schlitten pfeilschnell den Berg hinabfliegt! Wirft auch einer um, im Schnee liegt sich's weich, und bald ist es abgeschüttelt! — Aber der Schnee ist nicht bloß zum Spaße gut, er ist es auch im Ernste; denn er schützt mit seiner warmen Decke im Winter die Saat und düngt die Felder, weil mit ihm viele Salztheilchen aus der Luft Herabkommen. Darum reinigt auch das Schneewasfer weit bester, als das Fluß- und Brunnenwasser. Erfrorene Glieder kann man dadurch heilen, daß man sie in den Schnee steckt; das sticht wohl derb, aber es hilft. Sogar erfrorene Menschen kommen wieder zu sich, wenn man sie mit Schnee zudeckt. Siehe, so hat die Natur da, wo sie Schaden anrichtet, immer auch gleich ein Gegenmittel zur Hand, wenn wir's nur zu nützen verstehen. — In sumpfigen Gegenden, wo man Kinder-Ton»ersations -Lexikon. 42658 zu andern Jahreszeiten im Moraste stecken bleibt, reistt sich's im Winter leicht und sicher auf dem Schlitten. In jenen Ländern aber, wo es über ein halbes Jahr Winter ist und die Nacht fast eben so lange dauert, dient der Schnee dazu, die Dunkelheit hell zu machen. — Daß der Schnee aus ge- frornen Dünsten besteht, begreifst du leicht; aber merkwürdig ist es, daß jede Schneestocke meist ein Sternchen mit sechs Strahlen bildet, welches durch das Vergrößerungsglas prächtig anzuschauen ist. Bei großer Kälte fallen nur kleine Flocken; bei gelinder Kälte aber sind sie weit größer, weil sie sich leicht aneinander hängen, und dann sieht es aus, als ob Je mand die Federn aus seinem Bette schüttle. — In warmen Ländern weiß man nicht viel vom Schnee. — Aus sehr hohen Bergen bleibt der Schnee Jahr für Jahr liegen und nur zu weilen stürzen Lawinen herab, (s. d.) wodurch die Schneemasse um nichts vermindert wird. Wenn du im Winter über Land gehen sollst, mußt du den Weg genau kennen, sonst verirrst du dich leicht, weil der Schnee den Weg überdeckt, daß man nicht weiß, ob es Feld, Graben oder Straße ist. Wolltest du unterwegs im Schnee ausruhen, möchte dir es leicht übel bekommen; denn wenn du einschläfst, könntest du nimmer erwachen. SchneeMKNR. Hinaus stürmen die Kinder in den hellen Wintertag und tummeln sich im Schnee, der aus feinen Wassertheilchen besteht, welche gefrieren, und bei stiller Luft in Gestalt sechszackiger Sterne niederfallen. Laßt uns einen Schneemann machen! rufen sie. Ja, ja, einen Schneemann! — Da geht's lustig an die Arbeit. —- Ein großer Schneeball wird gedreht und noch einer; beide legen sie aufeinander. Dann drehen sie noch einen kleinen, machen ein Maul, eine Nase und zwei Augen hinein, und setzen dem Schneemann den Kopf auf, darauf stecken sie ihm einen Stock an die Seite, tanzen um ihn herum und singen: Schneemann dort am Gartenzaune Hat gar eine üble Laune. Steht er dort den ganzen Tag, Weiß nicht, was er reden mag. Seht den Mann, o große Noch! Wie er mit dem Stocke droht, Länger schon und grade noch, Aber niemals schlägt er doch.659 Schneemann bist ein armer Wicht, Hast den Stock und wehrst dich nicht. Freilich, ist ein gar armer Mann, Der nicht schlagen noch laufen kann; Schleierweiß ist sein Angesicht. Liebe Sonne, scheine nur nicht, Sonst wird er gar wie Butter weich Und zerfließt wie Wasser gleich. Schneeglöckchen und Veilchen. Liebe Helena! Es ist Dir bekannt, daß im Frühling, wenn die Sonne wieder warm scheint und der Schnee geschmolzen ist, mit dem grünen Grase auch bald einige Blumen aus der Erde hervorwachsen. Das erste Frühlingsblümchen ist das Schneeglöckchen. Es hat die Gestalt einer kleinen Glocke und sieht so weiß aus wie Schnee. Man findet es auf Wiesen und Gärten. Der saftige Stengel ist graugrün und etwas zusammengedrückt. Das Blümchen ist auf der äußern Seite oben mit einem lieblich grünen Däumchen umgeben und auf der innern Seite mit mehreren gelbgrünen Streifen versehen. Die Blumenkrone hat 6 Staubgefäße in sich. Ich weiß es, daß Du Dich allemal freust, wenn Du die ersten Schneeglöckchen findest! „Nun kommt der schöne Frühling, nun kommen schöne Blumen!" rufst Du. Pflücke Dir einige von den Zarten, weißen Glöckchen und setze sie in ein Glas mit frischem Wasser, und habe Deine Freude daran! Gewiß sagst Du dann im Stillen: Ich kenne ein Blümchen, so einfach, so schön, Wie Engel des Himmels im Lichtglanz zu seh'n, Es hüllet bescheiden in Demuth sich ein; Es ist dieses Blümchen wie Unschuld so rein. Noch trauert die Erde im starrenden Eis, Da blüht schon die Zarte im blendenden Weiß. Doch ehe die Nachtigall singet ihr Lied, Ist schon mein liebliches Blümchen verblüht. Es lächelt voll Wehmuth voll Milde mir zu; Dann welken die Blätter — es eilet zur Ruh'. Ich liebe dich Blümchen aus schneeiger Flur, Du bist mir ein Bote der schönsten Natur. 4L *660 0 wäre das Leben ein Bild nur von dir: Der Mensch wär' ein Engel, der Himmel schon hier! Bald nach dem Schneeglöckchen kommt auch das Veilchen. Es wächst auch im Grase an schattigen Orten; aber man kann es auch im Garten und im Blumentöpfe ziehen. Die Blumen krone besteht aus 5 wohlriechenden, gewöhnlich dunkelvioletten Blättern, wovon das größte in einem nach hinten gehenden hohlen Sporn endigt. Aus den Blumenblättern macht man einen Saft, der sehr angenehm schmeckt und Veilchensaft heißt. Du gehst so gern in den Garten und freuest Dich, wenir Du liebe Veilchen findest. Pftücke sie, binde sie in einen Strauß oder in ein Kränzchen und mache damit Deiner guten Mutter- eine Freude, und trage ihr folgendes Gedichtchen vor: Es blühet dicht an Erd' und Staub Ein Blümchen hold und schön; Wir sinden's unter welkem Laub Im Thal und auch auf Höh'n. Es trägt in seiner Niedrigkeit Ein blaues, feingewob'nes Kleid; Doch ist's verschämt und stille Bei aller Herrlichkeit. Des Blümchens and're Schwestern sind So edel nicht, wie dies. Es ist der Flur bescheid'nes Kind, Sein Dust ist köstlich süß. Und dennoch bleibt's in Niedrigkeit; Drum lehrt es mich Bescheidenheit, Das still verborgne Veilchen In seiner Herrlichkeit. Lebe wohl! Schnepfe. Vater. Die Schnepfe ist für die reichen Leute ein willkommener Vogel; denn sie lassen sie braten und essen ihr Fleisch, sammt allem Dreck, der in ihrem Magen und in ihren Gedärmen steckt, als etwas Delikates auf. Und damit ihnen der gebratene Schnepfendreck recht herrlich schmecke, strei chen sie ihn aus weißes Brod, und essen ihn so noch lieber als das gebratene Fleisch des Vogels selbst. Glaubst du das, Kind? Kind. O ja! Ich habe schon viele Schnepfen rupfen, braten und essen sehen. Sie sehen röthlich braun und dunkel braun gestreift aus, und sind zum Theil fast so groß, wie und-661 sere Haushühner; zum Theil haben sie aber kaum die Größe einer Lerche, und nisten in Wäldern und Gehölzen, und fressen vermuthlich nichts als Samenkörner, und allerhand gute Wald beeren. V. Nein, keines von Beiden. Sie fressen nichts als Würmer und Insektenlarven, die sie aus der Erde hacken und im Kuhmist und anderm Unrath finden. K. O, so möchte ich künftighin kein Schnepfenfleisch mehr essen, und noch viel weniger Schnepfendreck auf mein Brod streichen. V. Gut, mein Kind! Das heißt, so lange du keines von Beiden hast. Ich versichere dir, Kaiser und Könige halten den Schnepfenbraten, und noch weit mehr auf weißes Brod ge schmierten Schnepfendreck für Leckerbissen. Schnecken. Anna. Ei, zu was sind die vier läng lichen Dinge, die die Schnecken an ihrem Kopfe haben? Lehrerin. Es sind Fühlfäden, die sie gebrauchen, um den Weg zu finden, den sie gehen wollen. An den zwei großen sind ihre Augen, und die zwei Kleinen dienen ihnen vielleicht zum Riecken. Emma. Warum haben denn einige Schnecken Häuser, und einige nicht? Lehrerin. Das hat der liebe Gott so gemacht. Die nackten Schnecken kommen ohne Haus aus den Eiern hervor, bleiben bis sie sterben ohne Haus, und kriechen auch nie in ein leeres Schneckenhaus hinein, weil es wider ihre Natur ist. Die Schnecken mit Häusern aber bringen ihre Häuser gleich mit auf die Welt, und so wie sie darin wachsen, wachsen auch ihre Häuser mit. Franziska. Aber sie können doch aus denselben her aus, wenn sie wollen? Lehrerin. Ja, etwas, aber nicht ganz. Sie sind darin angewachsen, und müssen ihre Wohnung allenthalben mit her umschleppen. Joseph a. O, ich bedaure sie! Lehrerin. Das hast du nicht nöthig. mein Kind; denn dadurch haben sie allenthalben ihr Wohnhaus bei sich, in das sie hineinkriechen können, wenn Regenwetter, oder rauhe Wit terung, oder sonst ein Zufall ihnen zu schaden droht. Wird es kalt, so verkriechen sie sich in die Erde, und schließen den Eingang ihres Hauses mit einem klebrigen Saft662 Zu, der nach und nach hart wird. Und so bleiben sie gleich sam schlafend oder tobt, sicher und ruhig liegen, bis es wieder warm wird. Ottilia. Wie vergrößern denn die Schnecken ihre Häu ser-, wenn sie ihnen zu klein geworden sind ? Lehrerin. Sie setzen einen klebrigen Saft, der aus ihnen herausschwitzt, an die Oeffnung oder Mündung ihrer Häuser, der erst dünn ist, hernach aber bald dick und fest wird. Man kann diese neu angesetzten Stücke an den Schnecken und Muscheln sehr deutlich sehen, weil sie gewöhnlich eine ganz andere Farbe haben. Rosa. Wie geht es aber den nackten § chnecken des Winters? Lehrerin. Sie verkriechen sich in die Erde, und er warten darin den warmen Frühling. Einige Schnecken, die man D e ck el s ch n e ck e n nennt, haben von Geburt an Deckel an ihren Häusern, und können sie öffnen und schließen, wenn und wie sie wollen. Wenn man eine Schnecke ein wenig berührt, so führt sie plötzlich Zu innerst in ihr Haus hinein, läßt man sie aber einige Augenblicke ruhig liegen, oder schlägt man ein Loch in ihr Haus, so kommt sie sogleich wieder heraus. Ursula. Wer wird aber so unartig und unbarmherzig sein, und ihr ein Loch in's Haus schlagen? Lehrerin. Das thut ihr nichts, liebes Kind! es wächst in etlichen Tagen wieder zu. Ja, man darf einer Schnecke ihre Fühlfäden, oder gar ihren Kopf und Hinterleib abschnei den, sie stirbt doch nicht; nach einigen Wochen bekommt sie Fühlhörner, Kopf und Hinterleib wieder. Taveria. Und das ist Ihr Ernst, liebe Frau Lehrerin? Lehrerin. Ja, Kinder! geht einmal hin, und sammelt mir eine Partie Schnecken, so will ich einem jeden von euch so viel davon zeigen, als es sehen will. Ich will den Schnecken Fühlfäden, Köpfe und Hinterleibe abschneiden, und sie dann so lange in einem schattigen Ort auf feuchte Erde, frisches Laub legen, bis ihnen Kops und Leib wieder gewachsen sind. Afra. Und das kennen Sie thun, liebe Frau Lehrerin? Lehrerin. Ja, Kinder! Wenn man etwas lernen und die Allmacht Gottes bewundern kann, so darf mau wohl einer Schnecke den Kopf abschneiden, oder sie gar tödten. Nur nicht aus Muthwillen, und nicht auf eine quälende Art muß man es thun.663 Theresia. Ach, sehen Sie liebe Frau Lehrerin, welche niedliche Schnecken wir gefunden haben! Bunte und weiße, graue und gelbe, braune und röthliche und grünliche, und kleine und große. Lehrerin. Das freut mich. Soll ich nun Köpfe ab schneiden? Mädchen. Ach nein, thun Sie es nicht. Lehrerin. Gut. Was wollt ihr aber nun mit ihnen machen. Leonharda. Ihnen die Freiheit schenken und sie wie der zu ihren Schwestern kriechen lassen. Lehrerin. Alle? Walburga. Ja, alle. Die Häuschen aber, die recht schön sind, und darin keine Würmer stecken, machen wir rein, und legen sie zu unfern Spielsachen. Lehrerin. O, ihr guten Mädchen! Wenn wir nach Hause kommen, gebe ich jedem von euch ein Bild. Auch ver spreche ich euch mit einem Handschlag, daß ihr recht bald noch viel schönere Schneckenhäuser sehen, und vielleicht eigen be kommen sollt. Denket einmal, liebe Kinder! es gibt in den Meeren so schöne und wunderbar gebaute Schnecken und Muscheln, daß Liebhaber oft nur für ein einziges Stück fünf, zehn, dreißig, hundert und.noch viel mehr Gulden bezahlen. Der liebe Gott scheint darin sein Vergnügen gesucht zu haben, allerhand niedliche Gestalten und schöne Farben den Schalen zu geben. Denn er schuf runde und halbrunde, lange und kurze, eiförmige, oben und unten spitzige, ausgeschweifte, sichelförmige, vielastige und ohrensörmige Schnecken und Muscheln. Anna. Ist denn Schnecke und Muschel nicht einerlei? Lehrerin. Nein, Kind. Diejenigen Schalen, die wie eine gerade oder krumme Röhre ausgehölt sind, sie mögen übrigens gebogen sein, wie sie wollen, nennt man S chne cken; diejenigen hingegen, welche nicht gewunden sind, und breit und bauchicht aussehen, nennt man Muscheln. Die Schnecken haben nur eine einzige Schale; die Muscheln dagegen haben wenigstens zwei Schalen; und dann gibt es auch Conchylien, die vier bis sechs und wohl noch mehr Schalen haben. Und eben deßwegen, weil die Conchylien so verschiedene Schalen, Farben, Größen und Bildungen haben, heißen sie Meertulpen, Bohrmuscheln, Riesenmuscheln, Perlenmnscheln, Herzmuscheln, Stecknnlscheln, Austern, Rollenschnecken, Stachelschnecken, Por-664 zellanschnecken, Kräuselschnecken, Sturmhauben, Hammer, Schiffs- boot und Ammonshörner, Purpurschnecken, Napfschnecken, Meer oder Seeohren u. s. w. Sie halten sich alle entweder auf dem Boden der Meere, Flüsse und Seen auf, und vergraben sich unter den Sand; oder sie hängen sich an Felsen und Klippen an; oder sie sitzen wohl gar andern Meerthieren auf dem Rücken. Die Schild kröten tragen oft Schnecken auf ihrem Rücken mit sich herum. Und von vielen Schalthieren weiß man in ihrem Leben gar nichts, und kennt sie nur versteinert. Schrift und Druck. Ihr seid wohl schon öfter darauf aufmerksam gemacht worden, welche große Gabe Gottes es ist, daß wir Menschen miteinander sprechen und uns alle unsere Gedanken sagen können. Aber ist es nicht auch eine herrliche Sache, daß wir auch mit solchen Leuten uns unterhalten können, die viele Meilen weit von uns entfernt sind? Freilich kann das nicht Jedermann, sondern nur diejenigen, welche schreiben gelernt haben; aber welches Kind könnte jetzt nicht schreiben lernen, wenn es nur Lust dazu hat! Vor fünfzig Jahren hatten die Kinder auf dem Lande es noch nicht so gut, denn damals wurde in den Dorfschulen fast gar kein Schulunterricht gegeben. Heutzutage wird dagegen in jeder Dorfschule viel Zeit und Mühe darauf gewendet, die Kinder recht hübsch schreiben zu lehren, und wer es gut lernt, dem wird es auf mancherlei Weise nützlich. Die Buchstaben und das Schreiben sind auch eine sehr alte Erfindung. Zuerst schrieb man auf rohe Felle, später aus Pergament, das ist zum Schreiben künstlich zubereitetes Ziegenfell, bis dann endlich die Kunst aufkam, Papier aus Lumpen zu bereiten. Aber auch als das Lumpen papier schon erfunden war, blieben die Bücher doch noch sehr selten und sehr theuer; denn wer ein Buch haben wollte, mußte es sich abschreiben lassen, und das Abschreiben eines Buches kostete viel Zeit und war auch ein mühseliges Werk, weil da mals die Buchstaben noch viel künstlicher waren, und sich lange nicht so schnell wie unsere jetzigen Buchstaben schreiben ließen. — Da kam vor etwa 400 Jahren Johann Gutenberg in Mainz auf den Gedanken, die einzelnen Buchstaben in Holz auszuschneiden, sie in Wörtern zusammenzusetzen und so abzu drucken. Er machte den Versuch, und siehe da, es gelang! Aber die Wörter nahmen sich eben noch nicht zum Besten aus, und Gutenberg sah wohl, er müsse noch etwas Besseres er-665 denken. Er machte neue Versuche, und nicht lange, so war es seiner Ausdauer gleichfalls gelungen, statt der ungeschickten und so mühsam zu schneidenden hölzernen Buchstaben viel bessere Lettern aus einer Metallmischung zu machen, und zwar auch mit viel geringerer Mühe, indem dieselben in Formen gegossen wurden. So wurde Johann Gutenberg der Erfinder der Buch druckerkunst. Und wenn wir bedenken, was wir ohne diese Kunst wären, so mögen wir auch wohl von Herzen sprechen: Gesegnet sei der Mann, der mit Gottes Hilfe die Buchdrucker kunst erfunden! Schule. O, in die Schule gehen die braven Kinder gern. Da geht's recht lustig und munter zu. Man lernt da Lesen, Schreiben und Rechnen und viel anderes Nützliche. In der Schule sitzt der Lehrer auf dem Lehrstuhl, die Schüler aus den Bänken; der Lehrer lehrt, die Schüler lernen. Einiges wird den Kindern als Muster mit Kreide auf der großen Tafel vor geschrieben. Der Lehrer verbessert die Fehler und belobt die Fleißigen. Es gibt aber auch solche, welche beständig plaudern und sich muthwillig und unfleißig zeigen, weßwegen sie oft einen Verweis oder Strafe erhalten. Manchmal wird in der Schule auch gesungen. O, das ist gar lustig und angenehm. — Ich will euch hier ein nettes Schulliedlein von dem freund lichen Dichter Fr. Pocci aufzeichnen; lernt's nur recht bald auswendig! Schullied. Wir sind noch jung und sind noch klein, Drum wollen wir recht lernen, und fleißig wie die Bienen sein, und stille gleich den Sternen. Es leuchtet ja die ganze Nacht ihr klarer stiller Schimmer; wir geben d'rum gleich ihnen Acht, sind still und folgsam immer. Die Fischlein machens anders nicht, die sind auch immer munter, und schwimmen, wenn der Tag anbricht, die Bächlein auf und unter. Wir thuens auch den Vögeln nach, die singen von den Bäumen: Ihr Kinder, seht, schon ist es Tag, drum ist's nicht Zeit zu träumen.666 Wir lernen d'rum mit frohen MuH, dann gehts auch viel geschwinder, und doppelt schmeckt die Ruhe gut. Seid fleißig kleine Kinder! SchÄer. So lange ich unterrichtet werde, bin ich ein Schüler. Ein guter Schüler ist aufmerksam; er hört nur aus das, was der Lehrer sagt, und denkt nur an das, was er thun, oder begreifen und behalten soll. Ein guter Schüler kommt gern in die Schule, ist fleißig, ordentlich, reinlich, sittsam und friedfertig. Er kommt nie zu spät in die Schule, und treibt sich nicht auf der Straße herum, sondern geht ans dem geraden Wege nach Hause. — Ich will ein guter Schüler sein. Der Knabe aus dem Schulwege. Das Hündlein bellt hau hau, Das Kätzlein schreit miau, Das Kuhlein brummt muh muh, Das Täublein ruck: ruh — ruh. Wie schreit das Büblein denn Wenn's soll zur Schule geh'n? — Das Büblein darf nicht schrei'n, Es geht ja gern hinein! Größere Schulkinder sagen: Zur Schule, zur Schule, ihr Brüder! Geschwinde verlasset das Spiel! Kommt alle! Nun lernen wir wieder Der nützlichen Lehren recht viel. Das Fleißigsein machet uns besser, Macht, Laß auch die Eltern sich freu'n. Wir werden ja älter und größer! D'rum müssen wir klüger auch sein. Nichts soll uns zerstreuen, nichts stören; Zum Plaudern, zum Leichtsinn kein Trieb; Recht aufmerksam wollen wir hören, Nur dann hat der Lehrer uns lieb.667 Dann freuen wir spät uns der Tage, Die einst unsrer Jugend entflohen; Wir kennen nicht Neue, nicht Klage, Und haben sehr reichlichen Lohn. Wir nützen mit dem, was wir lernten, Und schassen des Guten recht viel. Jetzt säen wir, was wir dann ernten: Welch' schönes, welch' herrliches Ziel. Und brave Schüler denken: Der Mann der uns im Herzen trägt, der uns wie zarte Bäumchen pflegt, in seinem lieben Garten; der so viel Müh' und Arbeit hat, so viel Geduld, um seiner Saat mit treuem Fleiß zu warten: der Mann verdienet Lob und Ehre für seine Vatersorg und Lehre. Der Vater und die Muter spricht: O Kinder! das ver gesset nicht, was Gott euch vorgeschrieben: Gehorcht den Leh rern, folget treu; sie wachen, daß ihr froh und frei das Gute möchtet wählen." Nein, nicht vergeh' ich diese Lehren; den Lehrer will ich treulich ehren. Schwämme. An den Schwämmen kann nian nicht, -wie bei andern Gewächsen, Wurzel, Stamm oder Stengel, Zweige, Blätter und Früchte unterscheiden. Der vermodernde Schwamm hinterläßt Keime, die wie Pulver zerstäuben, diese Keime werden von dem Winde da und dort hingetrieben, und gehen ans, wenn sie den rechten Platz, z. B. einen alten oder gar faulenden Baumstamm finden. Einige von ihnen stehen aus einem Stiel oder Strunk, und breiten sich über ihm bald -wie ein Hut, bald wie ein Dach aus, manche haben gar keinen Stiel, vertheilen sich aber in verschiedene Blätter. Die meisten sind fleischig und zerbrechen bei dem geringsten Stoß, andere aber sind zäh, wie z. B. der Zunderschwamm. Dieser Schwamm heißt so, weil aus ihm vermittelst einer Beize der Zunder ge macht wird, darum sagt man in vielen Gegenden statt Zunder auch Schwamm, auch Feuerschwamm. Dieser Zunderschwamm wächst häufig an den dicken Stämmen der Eichen und Buchen. Viele Schwämme sind giftig, z. B. der Fliegenschwamm mit seinem brennend rothen Hut. Man kennt die giftigen oder ver dächtigen Schwämme daran, daß sie einen blauen Fleck bekommen,668 wenn man die Haut wegreißt, doch ist dies nicht ganz sicher, und man läßt sie besser im Walde stehen, wenn man sie nicht genau kennt. Es gibt nämlich auch eßbare Schwämme, ja einige werden sogar als Leckerbissen geschätzt und' gut bezahlt. Die beliebtesten sind die Morcheln oder Kaiserschwämme. Diese sind klein. Es gibt aber auch einen großen eßbaren Schwamm, die Bärentatze oder Riesenschwamm, welcher hie und da in der Größe eines Korbes an der Eichenrinde sitzt, und den man wie Kutteln zubereitet. Es sind schon viele Vergiftungen durch Schwämme vorgekommen, selbst in großen Städten und vor nehmen Häusern, wo man mehr Kenntniß und Vorsicht erwarten sollte. Ein Beispiel wurde im Oktober 1851 aus Berlin ge meldet. Bei einer Hochzeit wurde eine ganze Gesellschaft mit Schwämmen vergiftet, und eine Person mußte an den Folgen sterben. Schwalben. Ich Hausschwalbe sehe oben schwarz, an der Kehle schmutzig weiß, und am Bauche schneeweiß aus, und baue mein Nest außen an die Häuser, von Lehm oder Koth, brüte zweimal des Jahres 4—5 Eier aus, fliege gern in die Höhe und schade Niemand. Denn dies wird man mir doch nicht übel nehmen, daß ich zuweilen ein paar Bienen fange und meinen Koth zum Neste hinaus zverfe? Das Erste muß ich thun, um mein Leben zu erhalten, und zum Zweiten nöthiget mich der enge Raum meines Nestes. Ich und meine Kinder wenden uns also nur um und leeren uns über das Nest weg aus. Dadurch machen wir freilich manche Stelle des Hauses sehr unrein und verdienen daher, daß man uns wegjagte, oder gar tödtete. Allein die mitleidigen Menschen haben mit uns Nachsicht, quälen uns nicht, und lassen uns friedlich beisammen leben. Mit den Sperlingen habe ich zuweilen meinen Spaß, oder vielmehr meine Noth, wenn sie sich in mein Nest setzen, Eier darein legen, und darin wohnen und brüten wollen. Ich fliege anfangs ängstlich herum, schreie gewaltig und gucke oft ins Nest hinein, um sie in Güte heraus zu kriegen. Gehen sie aber nicht heraus, so schmiere ich endlich das Loch zu und nun müssen sie darin Hungers sterben. Daß wir Schwalben des Winters nicht herumfliegen, ist bekannt. Oder habt ihr schon welche herumfliegen sehen? Wir Schwalben bringen im Allgemeinen den Winter in wärmeren Gegenden zu. Zum Schlüsse will euch noch ein Liedlein singen:669 Es fliegen zwei Schwalben ins Nachbar sein Haus, Sie fliegen bald hoch und bald nieder, Auf's Jahr, da kommen sie wieder, Und suchen ihr voriges Haus. Sie gehen jetzt fort in's neue Land, Und ziehen jetzt eilig hinüber; Doch kommen sie wieder herüber, Das ist einem jeden bekannt. Und kommen sie wieder zu euch zurück, Der Bauer geht ihnen entgegen; Sie bringen ihm vielmal den Segen, Sie bringen ihm Wohlstand und Glück. — Auch hat ein Kind einstmals mit mir so gesprochen: Kind. „Schwälbchen, du liebes, nun bist du ja Wieder von deiner Wand'rung da! Erzähle mir doch, wer sagte dir, Daß es wieder Frühling würde hier?" Schwalbe. „Der liebe Gott im fernen Land, Der sagt mir's, der hat mich hergesandt." Und wie sie so weit war hergeflogen, Da hat sie sich nicht in der Zeit betrogen, Der Schnee schmolz weg, die Sonne schien warm, Es spielt manch' fröhlicher Mückenschwarm; Die Schwalbe litt keinen Mangel noch Noth, Sie fand für sich und die Kinder Brod." Schwan. Du gänseartiger Schwimmvogel mit deinem langen wie ein 8 gekrümmten Halse, dich kennt man schon; man muß dich aber loben, deines glänzendweißen Gefieders wegen, und wegen deiner schönen Figur, die dich zur wahren Zierde unserer Teiche und Seen macht. Welch ein schöner An blick, wenn du in stolzer Ruhe mit anmuthig gebogenem Hals und sanft gehobenen Flügeln das Wasser durchziehst! Auf dem Lande aber nimmst du dich viel weniger schön aus, indem dein Gang, unter uns gesagt, schwerfällig und wackelnd ist. Ich weiß es schon, du nährst dich von den Wurzeln und Blättern der Wasserpflanzen und von Insekten. Da du durch deine krei-670 senden Bewegungen die Gewässer im Winter offen hältst, so bist du besonders auf Fischteichen sehr nützlich. Lieblich ist folgendes Gedichtchen: Die Wellen durchschifft den Fluß hinan, Gar heitern Sinnes der edle Schwan, Und neben ihm tauchen mit frohem Muth Fünf Schwänlein den Kopf in die blaue Fluth, Liebkosen die Muter und rufen: „Mama! Sieh hier das Fischlein, den Käfer da!" So schwimmen sie lange her und hin, Die Unschuld im Herzen, die Freude im Sinn, Bis endlich die Mutter liebreich spricht: „Ihr Kinder, zu Bett' jetzt, zögert nicht!" Da folgen auf's Wort sie. Ihr gut' Gewissen Ist ihnen ein sanftes Ruhekissen. Schwefelregen. Nach den Gewittern im Frühjahr, wenn sie mit starken Regengüssen verbunden waren, sieht man oft am Ende der Lachen, die von stehendem Regenwasser ent standen sind, ein gelbes Pulver, das wie kleingeriebener Schwefel aussieht. Viele Leute bilden sich ein, als sei mit dem Regen Schwefel vom Gewitter heruntergefallen und denken daran, daß ja auch schon einmal Schwefel vorn Himmel herunter regnete auf Sodoma und Gomorrha. Nun aber kann manchmal etwas so oder so aussehen, und es ist doch etwas anderes, wie man schon oft zu seinem Schaden erfahren hat. Und so ist auch das gelbe Pulver auf den Regenpfützen kein Schwefel, son dern Blüthenstaub von den Bäumen. In den Tulipanen stehen inwendig im Ring sechs kleine Säulen, auf deren Spitzen ein schwarzer Staub sitzt; wer daran riecht, bekommt daher eine schwarze Nase. In den Lilien ist er schön gelb und wer an einer weißen Lilie riecht, bekommt davon eine gelbe Nase. Das ist Blüthenstaub. Er findet sich in allen Blumen und in allen Blüthen; denn es ist unentbehrlich und nothwendig; wenn aus der Blüthe Frucht und Samen entstehen soll. Wenn es nun im Frühjahr, wo die Bäume blühen, starke Regengüsse gibt, so schwemmt der Regen diesen Staub von den Blüthen ab; aber dieses ist auch eine Hauptursache, warum kein gutes Obst jahr zu erwarten ist, wenn es viel in die Blüthen geregnet hat. Wo nun viele solche blühenden Bäume beisammenstehen,671 da schwemmt auch der Regen viel Blütheustaub ab. Dreier sammelt sich dann wieder auf der Erde und bleibt liegen, wenn das Wasser verdunstet und das ist der vermeintliche Schwefel regen. Im Sommer und Spätjahr, wo doch die Gewitter meistens heftiger sind, wird Niemand mehr etwas vom Schwefel regen sehen, weil dann das Blühen ein Ende hat. Da regnen Aepfel, Nüsse, Eicheln u. s. w. von den schweren Aesten der Bäume herab, aber kein eingebildeter Schwefelregen mehr. SHwein. Das zahme Schwein gehört zu unfern Haus- thieren. Es ist, wie ihr wisset, ein sehr unreinliches Thier, dem es wohl am besten ist, wenn es sich in Morästen und Misthaufen herumwälzen kann. Bor seiner Gefräßigkeit ist nichts sicher; ja man hat schon Beispiele, daß flach verscharrte Leichname von Schweinen aufgewühlt und gefressen worden sind. Trotz dem schätzen wir das Schweinefleisch, besonders die geräucherten Schinken sehr hoch, und lassen uns die Blut würste herrlich schmecken. Das Schweinsfett gibt ein sehr be liebtes Schmalz; aus den Borsten werden Bürsten, Pinsel, Kehrbesen u. s. w. verfertigt. Auch gibt es wilde Schweine, die der Jäger sehr wohl kennt. Nachstehendes Gespräch werdet ihr noch gern anhören. — Kind. Schwein, sage deine Geschichte selbst her! Schwein. O, wie kann ich das! Kind. Und warum denn nicht? Du sollst und mußt sie hersagen, du häßliche, garstige Sau! Kannst du dich immer im Koth und Mist herum wälzen, und Aecker und Wiesen und Gärten durchwühlen, und sonst noch allerhand Unfug treiben, so kannst du auch das thun. Rede also oder du kriegst Schläge! Schwein. So! du willst mich also zwingen? Nun, das ist lustig! Weißt du denn aber auch, daß die Peitsche durch meine groben Borsten, meine harte Haut und dicken Speck nicht durchgeht, und ich sie also nicht sonderlich stark fühle und fürchte? Oder willst du mich prügeln und mir Kopf und Füße entzwei schlagen? Ich dächte, du solltest beides bleiben lassen, wenn du Nutzen von mir haben willst. Ich gebe zwar keine Milch, wie die Ziege, bringe aber dagegen alle Jahr sechs bis zehn Junge und oft auch noch mehr. Kind. Nicht wahr, es gibt zahme und wilde Schweine? Schwein. Ja.672 Kind. Nun sag' mir denn, worin der Unterschied unter euch besteht? Schwein. Die wilden Schweine haben größere und stärkere Köpfe und Rüssel, als die zahmen , und auch längere Fangzähne, und alle durchaus schwarze Haare, leben immer in dicken Wäldern, fressen Eicheln und Bücheln, und allerhand Wurzeln und wildes Obst, bringen alle Jahre sechs bis zehn Ferkeln, und werden fünfzehn bis zwanzig Jahre alt. Sie sind entsetzlich böse, und weit wilder, als wir zahmen Schweine. Sie fallen Hunde, Pferde und Menschen an, und hauen und verwunden sie mit ihren langen, auswärts stehenden Fang zähnen. Am fürchterlichsten sind sie, wenn sie verfolgt werden oder ihre Jungen zu vertheidigen haben. Hören, riechen oder wittern sie einen Hund (die wilden Schweine sollen unter allen Säugethieren das feinste Gehör haben) — oder sehen sie ihn schon auf sich loskommen, so rüsten sie sich zum Streite und erwarten ihn mit wilden Augen und in die Höhe gerichteten Borsten, und setzen ihn durch wüthende Anfälle in Schrecken; oder sie verstecken sich in ein Gebüsch, und machen sich darin ihre Verteidigung leichter, und die Rache gewisser, und ver wunden sodann manchen Hund und manchen Jäger. Den Tag über liegen die wilden Schweme in ihren Brüchen oder tzöchern, des Abends aber, wenn es anfängt dunkel zu werden, gehen sie hervor, und suchen sich ihren Fraß aus. Dian nennt die wilden Schweine Schwarz-WildpreN, und schätzt von ihnen besonders ihre Köpfe hoch. Es gibt zwar fast in allen Gegenden der Welt wilde Schweine; aber doch gewiß nicht so viel, als es zahme gibt. Die zahmen Schweine haben schwarze, scheckige, weiße und röthliche Borsten, und halten sich immer bei den Menschen auf und fressen Alles, was sie ihnen geben, Feld-, Baum- und Gartenfrüchte, Kohl, Brod und Gemüse, wühlen gern nach Mäusen und Würmern, und fressen sie nebst vielem andern Unrath gierig auf. Und daher kommt es auch, daß die Juden schon seit den ältesten Zeiten, und so auch die Türken, kein Schweinesteisch essen dürfen. Auf Cuba werden die Schweine noch einmal so groß, als in Europa. An Futter darf es uns nicht mangeln, wenn wird bald dick und fett werden sollen. Es ist bei uns ein dringendes Bedürfniß, daß unser Magen immer voll sein muß. Kurz und gut, das viele Fressen ist unsere größte Vollkommenheit. Wir fressen uns daher oft so dick an, daß wir nicht mehrgehen und stehen können, und fast ersticken müssen. Und da wir die Ruhe und Gemächlichkeit gar sehr lieben und oft auf einem Fleck etliche Wochen liegen bleiben, so geschieht es zu weilen , daß Mäuse und Ratten auf unserm Rücken nisten, und unsere Haut und unfern Speck anfressen, ohne daß wir's merken Man hat Beispiele, daß ein einziges fettes Schwein 300, ja sogar über 450 Kilo wog. Regen und Wind, und Blitz und Donner und Schnee können wir nicht leiden. Wenn wir daher auf der Weide sind, und es kommt ein Gewitter oder ein starker Regen, so lausen wir gemeiniglich, eins nach dem andern, von der Heerde weg, und rennen mit großem Geschrei unserm Stalle zu. Die jüng sten unter uns schreien oder grunzen am meisten und stärksten. Das Männchen bei uns Schweinen heißt Eber. Fleisch, Speck und Schmeer, Eingeweide, Blut und Bor sten kann man von uns brauchen. Unser Fleisch wird theils frisch, gesotten und gebraten verspeiset, und nebst unserm Speck, zu allerhand Würsten verhackt, theils eingesalzen und geräuchert gegessen. Unser Blut gibt auch gute Würste. Unsere Haut wird öfters auch gegerbt und zu Bücherüberzügen und allerlei Riemen verarbeitet. Unser hartes Fett oder Schmeer dient zur Lchuh- und Wagenschmiere und manchen Leuten auch zum Essen. Und aus meinen Borsten macht man Kehrbesen, Bür sten und Pinsel. SeeArerrA. Dem Mittelländer fehlt der Begriff von der Beschwerde und Härte des Seedienstes, den nur das Anschauen recht lebhaft erwecken kann. Kaum hat die Schiffs glocke geläutet, oder vielmehr angeschlagen, so ertönt des Boot manns Pfeife durch den Matrosenraum, und seine heisere Stimme ruft die Wache hinauf, um ihre Kameraden abzulösen. Beim zweiten Rufe muß Alles auf den Beinen sein, und auf dem Verdeck, auf dem V^rder-Casteel *) und am Steuerruder ein Jeder seinen angewiesenen Posten einnehmen. Der Ungestüm zweier Elemente, die fast in unaufhörlicher Bewegung sind, dringt mit vereinten Kräften auf sie ein. Um sich warm zu erhalten, laufen sie beständig auf nnb ab, bis irgend ein Vor fall sie Zur Arbeit ruft. Aendert der Wind seine Richtung -o werden die Segel nur anders gestellt; steigt aber seine Hef- *) d. i. halbes Verdeck auf dem Vürderiheile des Schiffes. Kinder- Couversatwirs- Lexikon. 43674 ttgfeit, so müssen sie theils eingerefft* **) ), theils völlig eingezogen werden. Der Anblick dieser gefährlichen Verrichtung ist schau derhaft, wenigstens für jeden, der es nicht gewohnt ist, Men schen ihr Leben aufs Spiel setzen zu sehen. Sobald die unter sten Zipfel des Segels vom Verdeck aus gelös't und aufgezogen werden, brausen die Winde darein, und schlagen es an Stange und Mast, daß das ganze Schiff davon erbebt. Mit bewunder ungswürdiger Behendigkeit und nicht geringem Muthe klettern die Matrosen sogleich bis zur zweiten oder dritten Verlängerung der Masten hinauf. Dort hängen in starken Tauen die Segel stangen oder Raaen quer über das Schiff; an ihren beiden Enden und in der Mitte befestigt, hängt ein schlotterndes Seil, welches den Füßen des verwegenen Seemannes zum Ruhepunkte dient. Auf diesem Seile gehen sechs bis acht Matrosen hurtig und mit sicherem Tritt zu beiden Seiten bis an die äußersten Enden der Raa hinaus, trotz dem Winde, der das flatternde Segel gewaltsam hin und her schleudert, und das Seil unter ihren Füßen erschüttert; trotz der schwankenden Bewegung des Schiffes, die in jener Höhe ohne Vergleich stärker wird, als auf dem Verdecke. Man hat berechnet, daß der Mast zu weilen bei sehr hohler See*) in einem Winkel von 38 Graden von der Perpendikularlinie abweicht. Der Matrose am Ende einer Segelstange, die gegen fünfzig Fuß hoch am Maste hängt, wird folglich mit jeder Welle alsdann durch einen Bogen von fünfzig bis sechzig Fuß geschaukelt. Jetzt scheint er ins Meer hinabgeschleudert zu werden, jetzt wieder die Sterne zu berühren; doch , ohne sich durch diese gewaltsamen Bewegungen anfechten zu lassen, biegt er sich über die Segelstange, entreißt dem Winde das Segel, rollt es zusammen, bindet es fest, und vollendet diese gefahrvolle Arbeit mit seinen Gehilfen in wenig Minuten. Seine einzige Sorge bei diesem, wie bei jedem andern Geschäfte ist dahin gerichtet, daß es ihm Keiner an Geschicklichkeit und Muth zuvor thun möge; denn dieser rühmliche Wetteifer liegt tief in seiner Seele und ist die Folge eines gewissen gemein schaftlichen Gefühls, welches diesem Stande eigen ist. Ihm muß es übrigens gleich gelten, ob ihm die Sonne dazu leuchtet, *) Ein Segel emreffen heißt: einen Theil desselben über die Raa (Segelstange) wickeln und festbinden, damit es kleiner werde. **) Man nennt die See hohl, wenn die Wogen sehr groß sind, und zwischen denselben große Vertiefungen, gleichsam Höhlungen entsteh:n.675 oder oö er sich in der tiefsten Finsterniß der Nacht blos auf das Tasten seiner harten Hände verlassen darf. Selbst wenn der Sturm ein Segel zerrissen hat und mit den Stücken Alles zerpeitscht, scheut kein Matrose die Gefahr, von einem solchen Schlage getroffen zu werden, und rettet was zu retten ist. Wenn in der Nähe Land vermuthet wird, sitzt er mehrere Stunden lang unbeweglich am höchsten Gipfel der Maststange, und blickt aus dieser einsamen, schwiudlich machenden Höhe wachsam umher. Er lächelt, wenn unerfahrene Ländleute oder junge Anfänger jeden heftigen Wind einen Sturm nennen, und ist ungern freigebig mit diesem Namen, so lange das Schiff noch mehr als die unteren großen Segel führt. In offener See hat selbst ein Sturm nichts Schreckliches für ihn. Was kann ihm schaden, sobald alle Segel eingezogen und das Schiff mit dem Schnabel gegen den Wind beigelegt, mit festgebundenem Ruder, dem Drange der Wellen folgt? oder wenn man es, sicher, daß kein Land in der Nähe sei, mit wenigen Segeln schnell vor dem Sturme hinfliegen läßt. *) Nur alsdann wird der Sturmwind in der That furchtbar, wenn er das Schiff auf eine Küste führt, wo kein Hafen dem Seefahrer Sicherheit verspricht, und die einzige Hoffnung, dem Schiffbruch zu ent gehen, auf der Stärke der Segel beruht. Diese Gefahr trifft ihn indessen nur selten; Anstrengungen und Unannehmlichkeiteil hingegen sind sein tägliches Loos. Der Posten am Steuer ruder ist einer der beschwerlichsten; Keiner hält es länger als eine halbe Stunde dabei aus, und wenn die See in hohen Wogen geht, oder der Wind heftig stürmt, müssen zwei Per sonen zugleich das Rad regieren, welches- sonst für die Kräfte des einzelnen Mannes leicht zu mächtig wird, und ihn zuweilen so mit sich fortreißt, daß er in Lebensgefahr ist. Wenn die See etwas ungestüm ist, so schlagen die Wellen oft ins Schiff und zwar hauptsächlich da, wo die Wache sich aufhalt, die, zuletzt bis auf die Haut durchnäßt, sich lachend über ihr Un glück tröstet. Diese Gleichmüthigkeit, die den Sinn für Freude nicht ausschließt, ist ein Hauptzug in dem Charakter des See mannes. Die schnellen Veränderungen der Witterung und des *) Dieses wird nur in der Voraussetzung gesagt, daß das Schiff dauerhaft gebaut fei und gut auf dem Wasser schwimme. Ist dies nicht der Fall, so kann es, indem es die Welle von- der Seite empfängt, ganz umgeworfeu, oder, wenn sie von hinten hineinschlägt, zerschmettert werden, und in beiden Fällen bleebt oft feine Rettung übrig. 43 *67 6 Windes, die man zur See so oft erfährt, tragen Vieles dazu bei, den Matrosen gegen alles Ungemach zu Härten. In Sturm und Regen lebt er der frohen Hoffnung, daß bald wieder milder Sonnenschein und' guter Wind kommen werde; allein wenn auch die Zeit der Prüfung kommt, wo diese Hoff nung fehlschlägt, ist das Beispiel des Befehlshabers und der Offiziere hinreichend, um den Muth des getäuschten Seemannes aufrecht zu erhalten. Seehund. Ich Seehund (Robbe) halte mich in den nördlichen Meeren und See'n von Europa, Asien und Ame rika, bei Island, Grönland, Spitzbergen und Kamtschatka, im baltischen Meer, und an den Küsten von Norwegen, Hol land, England und Frankreich rc. auf, und zuweilen verirre ich mich auch in große Flüsse und See'n, bin V/ 2 bis 3 Meter lang, und 3 / 4 bis VJ> Meter hoch, habe einen dicken großen Huudskopf, lange, borftenartige Barthaare, wie eine Katze, — auch auf der Nase, und über den Augen habe ich solche Haare; große Augen, keine Ohrenlappeu, einen kurzen Schwanz, ganz außerordentlich sonderbare -Füße, und über den ganzen Leib kurze, steife, weißlich-graue, schwarzgraue, und weiß gecheckte Haare, fresse meist lauter Fische und meist vor züglich gern Häringe, bringe alle Jahr ein oder zwei Junge zur Welt und werde ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt. Kind. Nun, und wie sehen denn deine Füße aus? Seehund. Ja, ganz sonderbar. Ich armer Schelm bin lahm, und kann nicht gehen. Will ich weiter, so muß ich mich fast wie ein Wurm fortschieben, oder so auf meinen Vorderfüßen daher kriechen, als wenn mir die Hinterfüße ab geschlagen wären. Ja, ich habe eigentlich gar keine Füße, sondern nur so etwas, das Füßen ähnlich sieht. Denn meine Vorderfüße sind nicht hoch, und krumm, und nach hinten ge bogen, haben fünf Zehen, mit großen, spitzigen Klauen, und sehen fast den Gänsefüßen oder Maulwurfspsoten ähnlich. Meine Hinterfüße sind auch krumm, itnb ebenfalls mit starken Klauen bewaffnet, und so nach hinten gebogen, daß sie zwischen meinem Schwanz hängen, und mir, weil sie mit einer Schwimm haut verbunden sind, zum Rudern dienen. Und weil meine Füße allzu närrisch aussehen, so meinen fast alle die Leute, die mich nie lebendig, sondern nur abgebildet gesehen haben, ich Hütte gar keine Füße.677 Kind. Du hast recht, fetter Seehund, deine Füße sehen jämmerlich aus. Man glaubt wirklich, wenn man dich in einer Abbildung sieht, du habest keine Füße, denn deine Vor derfüße steht man entweder gar nicht, oder man hält sie für einen abgestumpften Flederwisch; und die Hinterfüße liegen so zwischen deinem kleinen Schwänzchen gestreckt, daß man sie für deinen Schwanz halten könnte. Das Meer wird also dein beständiger Aufenthalt sein? Denn wie solltest du wohl mit solchen krummen Füßen auf dem Eise, oder auf dem Sande, oder aus der Erde fortkommen können? Seehund. Und warum nicht? Ich wohne und lebe fast den ganzen Sommer über auf dem Lande, oder auf dem Eise, und gehe nur dann in's Wasser, wenn mich hungert. Ich erziehe auch meine Jungen auf dem Trockenen. Und durch Hilfe meiner Krallen kann ich an den steilen Felsen und Eisbergen hinaufklettern, und oben eine Zeit lang ruhen und schlafen. Und dann stürze ich mich wieder in's Meer hinunter; ja, ich kann sogar, wenn ich gleich lahm zu sein scheine, so schnell und flink aus dem flachen Eise forthüpsen, daß mich auch der geschwindeste Grönländer nicht leicht ein holen kann. Kind. Was inacht deine der Grönländer mit dir? Seehund. Q sehr Vieles! Er ißt mein Fleisch und meinen Speck, und kleidet sich in mein Fell. Mein Fleisch, das roth aussieht, zart, saftig und fett ist, ißt er und der Es kimo, und noch viele andere arme Leute in meiner Nachbar schaft, frisch und geräuchert. Meinen zwei bis drei Finger dicken Speck ißt er zum Theil, und zum Theil verbrennt er ihn in seiner Lampe statt des Oels. Und wie vielerlei Dinge macht er sich nicht aus meinen: Felle? Er macht sich Röcke, Mützen, Hosen, Stiefel, Schuhe, Riemen, Stricke und Schläuche daraus. Und sogar seine kleine:: Schiffe oder Kähne verfer tigt er daraus, oder er überzieht oder füttert sie wenigstens damit. Auch seine Sommerhütte bedeckt er mit meinem Fell. Und wie viele tausend Stück vertauscht und verkauft er nicht an die Europäer, die ihre Koffer und Reisetaschen damit über ziehen, und Tabaksbeutel und Mützenverbrämungen daraus machen? Ach, wie würde es den armen Grönländern und Eskimo rc. ergehen, wenn es keine Seehunde mehr gäbet Verhungern und erfrieren müßten sie. Kind. Gibt es denn eurer gar so viele?678 Seeh und. 0 erstaunlich viele! Blos die Isländer, Grönländer, Eskimo und Kamtschadalen schlagen jährlich viele tausende von uns todt. Und wie viel unserer noch dazu von den Norwegen, Russen, Schweden, Dänen, Holländern, Ham burgern und Engländern vor die Köpfe geschlagen werden, weiß ich nicht; ich glaube alle Jahre mehr als tausend Stück. Denn wenn sie keine Wallsische kriegen können, so geht es über uns schläfrige Robben her. Zwei- bis dreihuntert Stück schlagen sie oft in ein paar Stunden todt. Kind. Wo schlafet ihr denn? Seehund. Auf den Eisfeldern liegen wir heerdenweise herum. Kind. Stellt ihr denn keine Wache aus? Seehund. Ach, was Wache! Es schläft Alles, Alt und Jung so fest bei einander, daß wir unsere Mörder nicht kommen hören, und oft kaum erwachen, wenn sie schon viele von uns getödtet haben. Kind. Schreiet und wehret ihr euch denn gar nicht? Seehund. Doch ja, wir Alten bellen jämmerlich daraus los, wie die heisern Hunde; und unsere Jungen miauen, wie die Katzen. Wir beißen armsdicke Prügel ab und fahren wü- thend auf unsere Mörder zu; allein sie lassen uns nicht so nahe zu sich hinkommen, daß wir sie beißen könnten, sondern sie schlagen uns mit ihren Prügeln so sehr auf die Nase, daß wir halb oder ganz todt uiederpurzeln. Und nun schneiden sie uns ein Loch in die Kehle ziehen uns das Fell ab, schneiden unfern Speck weg, und drücken ihn in ihren Tonnen fest, und fahren damit nach Hause, und schmelzen und brennen Thran daraus. Weil wir aber ein erstaunlich zähes Leben haben, so geschieht es zuweilen, daß wir uns noch herumwälzen, und in die Höhe fahren und beißen wollen, wenn wir auch gleich schon halb ge schunden, und uns gar das ganze Fell schon abgezogen, und uns der Schädel fast ganz entzwei geschlagen ist. Diejenigen Europäer, die alle Jahr im April und Mai nach uns Seehunden oder Robben ausfahren, heißen Robben fahrer; und weil sie uns nicht mit Netzen und Angeln fan gen, oder mit Spießen todtstechen, sondern mit Prügeln todt- schlagen, so nennt man sie auch Robbenschläger. Es fahren jährlich viele europäische Schiffe bloß auf den Robbenschlag aus. Der Thran vom Robbenspeck ist so gut, als schlechtes, altes Baumöl.679 Seemann. Ad albert (mit der Karte von Europa in der Hand). Aus dem Rhein geht's in die Nordsee; aus der Nordsee durch die Straße von Calais*) in den Kanal von England und von da geradezu in das atlantische Meer. O, in das große, weite Weltmeer! Otto. Guten Morgen, guten Morgen, lieber Adalbert! Adalbert (ohne ihn zu hören). Ha, wie die Wellen tanzen! Wie die Segel pfeifen! Wie die Masten knarren! Gute Nacht Deutschland! Wenn Las Glück gut ist, passiren wir in acht Tagen die Straße von Calais, dann in's Mittel meer, dann westwärts, immer gerade zu, und husch! sind wir in Amerika. Otto. Guten Morgen, Adalbert! Du siehst und hörst ja nicht!' Gewiß hast du dich einmal wieder in Gedanken auf's Weltmeer eingeschifft! Nun, du wirst wohl nicht eher ruhen, als bis dich die Wilden auch, wie den Capitän Cook, todtschlagen und aufgefressen haben. Hu, mich schaudert, wenn ich daran denke. Adalbert. Haha! du bist ein rechter Feigling! Ist denn das ein so großes Unglück, wenn man, wie der große Cook, dreimal den Erdball umschifft, den Südpol nmkreuzt, neue Inseln zu Dutzenden entdeckt und dabei den Tod in tausend Gestalten gesehen hat? Otto. Ei, was hilft alles das Entdecken? Sind denn die armen Wilden, und sind wir Europäer dadurch glücklicher geworden? Und was hat denn am Ende der große Cook von seinen Abenteuern gehabt, oder was hat er dadurch für Vorth eile geschafft ? Adalbert. Wichtige Vortheile, lieber Otto, wichtige Vortheile. Weißt du denn nicht mehr, was wir neulich in der Erdkunde gehört haben? Cook hat Vieles in der Erdbe schreibung berichtigt, die Schifffahrt im ungeheuren Südmeere sicherer gemacht, europäische Sitten, Künste, Kenntnisse und Naturprodukte in die neu entdeckten Länder verpflanzt. Otto. Das mag alles schön und gut sein; ich verstehe das Ding noch nicht recht. Aber ich möchte doch wissen, was Cook selbst davon für einen Gewinn hatte! Adalbert. Muß man denn von allem Großen, was man durchsetzt, auch selbst Gewinn haben? Und wenn er *) Calais — spr. Kala — b. i. die Meerenge zwischen Frankreich rmd England.680 keinen davon hatte, so verdient er ja desto mehr Bewunderung. Aber hat er sich denn nicht einen unsterblichen Ruhm erworben? Otto. O, ich danke sür solchen Ruhm! Sich dafür zehn Jahre lang auf dem wilden Meere herumzutreiben; bald mit den fürchterlichsten Stürmen, bald mit Hungersnoth und Seekrankheit, bald mit Ungeheuern und Menschenfressern zu kämpfen; bald unter der brennendsten Hitze zu verschmachten, bald zwischen Eisbergen vor Kälte zu erstarren, und dann am Ende von enipörten Wilden gefressen zu werden! Adalbert. Otto, Otto, mach' mich nicht böse! Hast du denn nicht gehört, was Cook alles durchgesetzt und ent deckt hat? Und hast du keine Achtung vor einem kühnen Seehelden, der mit kaltem Blut dem Tode trotzt, der sich die Ruhe und die Bequemlichkeiten des häuslichen Lebens versagt, mit Stürmen und Ungewittern kämpft und in jeder Gefahr sich zu helfen weiß? Kommt dir das alles nicht groß und herrlich vor? Otto. Recht gut. Aber gibt's denn nicht auf dem festen Lande und in der bekannten Welt so viel Großes und Nütz liches zu thun? so viele Gelegenheit, seinen Muth und seine Standhaftigkeit zu üben und sich um seine Nebenmenschen verdient zu machen? Adalbert. Das wohl, lieber Otto! aber über einen kühnen Seehelden geht doch nichts. Ha, wenn ich nur erst meine Flagge von einem Neunzig-Kanonenschisf könnte wehen lassen! Otto. Sachte, sachte, kleiner Admiral, nur nicht zu hoch hinaus! Adalbert. Meinst du wohl, Otto? Nun, sei nur ruhig, ich nehme dich mit auf meine erste Entdeckungsreise. Otto. O, ich danke schön! Ich mag nicht um nichts und wieder nichts mit Stürmen und Gefahren, mit Hnnger und Durst, mit Hitze, Kälte und Seekrankheiten kämpfen. Ich werde doch in meinem Vaterlande genug zu thun finden. Adalbert. Immerhin! Aber da wirst du nimmermehr so ein braver, fester Kerl werden, wie ich auf der See. Ha, denke dir einmal die Lust, wenn man so auf dem weiten, offenen Meere dahinrauscht, uni und über einem nichts als Himmel und Wasser! Und dann, wie viele Wunder der Na tur bekommt man da zu sehen, die ihr trockenen Herren kaum vom Erzählen kennt! Denke dir einmal so einen Walisisch, wie ein Haus groß; oder den prächtigen Anblick, wenn die681 untergehende Sonne den Gipfel des Pico auf Teneriffa noch erleuchtet, indem alles um ihn her schon mit Nacht bedeckt ist. — Und die Gefahren, Otto, die machen einen stark und beherzt; daher sind auch die Seeleute immer so munter und kräftig. Otto. Ei, wir Leute auf dem festen Laude sind auch nicht lauter Weichlinge! Adalbert. Und was kann man da nicht alles mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören! Denke dir einmal die wundervolle Mannigfaltigkeit von Ländern, Menschen, Thieren, Pflanzen und Kunstsachen! Muß man da nicht recht viel lernen und ein geschickter Mann werden können? Ich will dabei auch wohl Gutes für Andere thun, will mich meiner Schiffskameraden annehmen, will keinen Wilden ohne Noth erschießen und ihnen mit allem, was ich kann und weiß, recht gerne dienen. Siehst du nun, Otto! daß ich's vernünftig anfange! Otto. Wenn du nur Wort hältst! Das Seefahrer- Leben macht auch roh und grausam, Hab' ich gehört. Der Capitain Cook soll ja selbst zuletzt recht hart mit den armen Wilden umgegangen sein. Adalbert, Adalbert! wenn ich so etwas ein einziges Mal von dir höre, so will ich dich gar nicht mehr lieb haben. Adalbert. Sei unbesorgt, guter Junge! Mir hat's wohl auch wehe gethan, wenn ich von Grausamkeiten hörte, welche sich die Seefahrer gegen die Wilden erlaubten. So etwas könnte ich um Alles in der Welt willen nicht begehen. Otto. Nun, so gefällst du mir! Gib mir die Hand darauf, daß du es ja nicht vergissest. Und wenn du denn durchaus auf dem trockenen Lande nicht ausdauern kannst, nun, so fahre hin! Ich mag nicht mit dir; aber ich sehe wohl, es muß zu allen Ständen und Lebensarten eigentüm liche Menschen geben. Das hat auch der liebe Gott recht gut gemacht, daß er dem Einen hierzu, dem Andern dazu Trieb und Anlage gegeben hat. Geh du also auf das furcht bare Meer: ich will indessen fleißig lernen und arbeiten, da mit ich ein stiller, nützlicher Geschäftsmann in meinem Vater lande werde. Und damit ich doch auch etwas bei deinen Seefahrten gewinne, so kannst du mir ja Naturseltenheiten initbringen, oder auch, wenn du einmal im Südmeer eine hübsche Insel entdeckst, sie nach meinem Namen nennen. Hörst du, lieber Adalbert!682 Adalbert. Haha! Verewigen willst du dich wohl gern, aber nichts Großes dafür thun und dulden. Nun, es kommt mir nicht darauf an; du bist mein Freund: die erste Insel, die ich entdecke, soll deinen Namen führen. Ein jeder Stand hat seinen Frieden, Ein jeder Stand hat seine Last. Genieße froh, was dir beschieden, Entbehre gern, was du nicht hast! Seen, merkwürdige. Jetzt nimm die Karte dir zu Hand Und setz beit Finger darauf, Und reis' damit in's Nachbarland Just nach dem Donaulauf. Da kommst du zu der größten Stadt Am größten deutschen Strom; Gar sehr bewohnt ist sie und hat Auch einen großen Dom. Von da aus reis' per Eisenbahn Gen Süden hin, zuin Meer;, Doch eh du dorten kommest an, Steig aus und geh' nach quer. Da liegt, gehst du zur Linken hin, Ein See gar sonderbar. Man fischt und sä't und ärntet b'rtn — Man jagt darin sogar. Es gibt gar viele Dinge in der Welt, bei denen man ver wundert stehen bleibt und den Kopf schüttelt und sagt: Ei, ei, wie ist doch das möglich — wie muß das wohl sein? Da speit ein Berg Rauch und Feuer, dort zieht ein Strudel mit unbezwinglicher Wuth Wassermassen in unbekannte Tiefen, da sprudelt kochendes Wasser aus der Erde, dort rauschen in unergründlichen Tiefen Ströme und Wasserfälle. So ein großes Wunderding in der Natur ist auch der Zirk- uitzersee (siehe Zirknitzersee in diesem Lexikon) in Jlli- rien, einige Meilen von Triest entfernt. Er liegt in einem Thalkessel, der rings von Bergen eingeschlossen ist. Diese haben gar wunderbare und ungewöhnliche Formen und Bildungen und sind ziemlich hoch. Die ganze Gegend hat683 einen ziemlich eigentümlichen Charakter an sich. Es t|t da, als hätte die Natur hier in Krieg gelebt, und wäre zerstörend gegen einander gezogen. Berge liegen zertrümmert da, andere sind theilweise wie in Schutt und Geröll zerfallen, Felsen-- blöcke, groß und klein, liegen auf weiten Ebenen zerstreut, Klüfte führen in die Tiefen der Erde und in ungeheure Höhlen?) Umringt von solchen Naturbildungen liegt der Zirknitzer- See in seinem felsigen Bette, etwa eine Quadratmeile groß, mit vielen Buchten und Inseln. Sein Wasser hat verschiedene Farben, was von seinen verschiedenen Tiefen herkömmt. Hie und da ist er seicht, daß die Binsen emporwachsen über den Seespiegel, hie und da kündet das dunklere Grün die tiefsten Stellen an. Diese haben ihre Namen — versteht sich in der slavischen Sprache des dortigen Volkes — und heißen: Kessel, Faß, Sieb, die große und die kleine Trommelschlägerin n. dgl. Der letztere Name kömmt von dem fortwährenden Tosen des Wassers, das nach dem Auslaufen des See's aus der Tiefe herauf dringt, und einem Trommeln nicht unähnlich ist. Die tiefste dieser Stellen, die des Siebes, beträgt nur 16 Meter. Durch Spalten und Risse des felsigen Seegrundes lauft be- ständig Wasser ab in das Innere der Berge, wird aber zur Regenzeit immer wieder durch Zuflüsse ersetzt. Tritt aber der Sommer mit trockener Witterung ein, und das abgegangene Wasser ersetzt sich nicht, so lauft der See oft in der kurzen Zeit von drei Wochen bis auf einige kleine Stellen ganz aus. So bleibt er, bis wieder Regen eintritt, was oft nach einigen Wochen, oft aber auch erst nach drei oder vier Monaten geschieht. Zum Einlauf braucht der See nicht so lange, wie zum Ablauf, ja in 24 Stunden kann er wieder voll sein. Da kömmt das Wasser durch vier Zuflüsse und viele unter irdische Kanäle und Quellen und füllt das Becken an. In manchem Jahre lauft der See gar nicht ab, in manchem auch zweimal. Wenn nun das Bett bis auf den Grund leer und trocken ist, wuchert auch bald fettes Gras, und die Thiere kommen, dort zu weiden. Die Leute kommen auch herbei, bauen Hirse nnd Haidekorn, das in ein paar Monaten znr Ernte reif ist. Anch Jagd- und Wasservögel snchen das verlassene Bett des See's, weil es da gute Nahrung für sie gibt, werden aber den Jägern der Menge nach znr Bente. *) Siehe in diesem Axikon: „Adelsberger Höhle."684 Ueber dies alles gibt es auch in den Tiefen vor gänzlichem Ablaufe des See's manchen reichen Fischfang. So ist es also tatsächlich wahr, daß man im Zirknitzersee, oder vielmehr in seinem Bette, manches Jahr fischen und jagen, säen und ärnten kann, und dieses macht ihn auch zu einem der merk würdigsten See'n der Erde. Ein anderer merkwürdiger See ist das todte Meer in Palästina — oder im heiligen Lande. Dieser liegt in der Tiefe, wo einst die Städte Sodoma und Gomorrha lagen. Ihr wisset, meine Kinder, aus der biblischen Geschichte, wie Gott dieselben wegen der Lasterhaftigkeit ihrer Einwohner vertilget hat, und ich brauche euch weiter nichts zu sagen, als wie es jetzt noch mit ihm beschaffen ist. Der Jordan, der einzige bedeutende Fluß des Landes, ergießt seine Wellen in die salzige Fluth des See's, und doch bleibt das Wasser des selben immer in nämlicher Beschaffenheit. In seinen uuwirth- baren Tiefen hauset kein lebendes Wesen, seine Wellen trugen nie ein Schiss, am Gestade weilet kein Vogel, wächst kein Baum, grünt keine Pflanze, und sein bitteres Wasser ist so schwer, daß nur der heftige Wind es in Wellen zu heben vermag. Kurz, er ist so recht ein Sinnbild des Todes und der Vertilgung — ein Zeuge der strafenden Gerechtigkeit Gottes. So gäb' es noch gar manchen See, der dieses oder jenes Merkwürdige und Wunderbare hat. Die Menschen finden aber auch oft da etwas Wunderbares, wo nichts dergleichen ist und erzählen sich allerlei Mährchenähnliches, was sich in Volkssageu bis auf unsere Tage erhalten hat. Manche dieser Sagen mögen ihren Grund oder eine Veranlassung haben, aber die meisten sind vielleicht nur Erdichtungen. So liegt bei Mellrichstadt in Untersranken^) ein kleiner See, der Frickenhäuser See genannt, von dem sich das Volk gar Wunderliches erzählt. Der See, sagen einige, trage auf seiner Oberfläche keinen Körper*) **), sondern verschlinge den selben urplötzlich. Andere wollen Fischungeheuer darin ge sehen haben, auch fürchten sie, der See werde einst ausbrechen und ganz Franken überschwemmen. Ost trübt sich das Wasser des See's — auch selbst bei heiterem Himmel und ruhiger *) Nahe der Landesgränzc gegen Sachsen-Meiningen hin. **) Es Hai sich aber dies als unwahr bewiesen.68 -> Luft. Deßhalb ist wohl zu vermutheu, daß uuterirdische Kanäle den Frickenhäuser See mit irgend einem andern großen Gewässer, wenn nicht gar mit dem Meere, verbinden. Wenig stens ist so viel fast sicher, daß sein Abfluß unterirdisch ist und im Thale das Flüßchen Streu als munteres Bächlein hervortritt und sogleich einige Mühlen treibt. Aber wir dürfen nicht so weit gehen, einen etwas — wenn auch nicht eben so — wunderbaren See zu finden. Neunzehn Stunden von München, fast gerade gegen Süden hin, liegt in einem hohen Thalkessel von himmelhohen Bergen eingeschlossen, der Wallersee. Von diesem ging noch im vorigen Jahrhundert die Sage, er werde seine Ufer durch brechen und das Land weithin — auch die Hauptstadt*) — unter seinen Wellen begraben. Alljährlich wurde, um den See zu beschwichtigen, ein geweihter goldener Ring in seine Fluth geworfen. Seerose. Wie der Schwan unter den Thieren, so ist die Seerose unter den Pflanzen eine Zierde von Teichen und See'n. Sie wachsen in ruhigen Wassern. Der hohle Stengel erhebt sich vom Grunde bis an die Oberstäche, die Blätter sind groß, herzförmig, die Krone prachtvoll, vielblättrig, denjenigen der gefüllten Rosen ähnlich. Die Frucht ist eine beerenartige Kapsel mit zahlreichen Samen. Die weiße Seerose hat schöne, große, weiße Blumen; wenn sie sich Morgens öffnen, so erheben sie sich etwas über das Wasser; am Abend schließen sie sich und sinken bis an die Oberfläche ein; sie ist ausdauernd und blüht im Juni und Juli. Die gelbe Seerose ist der vorigen ähnlich, hat aber kleinere, gelbe Blumen. Die prächtige S eero se ist wohl die schönste aller Wasser pflanzen. Aus dem dicken, knotigen, weißen Wurzelstocke steigen runde, hohle, schwammige Blattstiele empor mit fast kreis runden, dicken, glänzenden, 30—40 Centim. breiten Blättern; die den Blattstielen ganz gleichen Blüthenstiele erheben sich immer über das Wasser; die Blütchen sind sehr groß, schön rosenroth, aber auch weiß, gelb, blau und riechen sehr ange nehm. Sie blüht im Sommer und ist einheimisch im mittleren *) Sein Abfluß ist die Jachen, die in die Isar sich ergießt, daher sein Wasser leicht und bald München erreichen könnte.686 und südlichen Asien, einst auch im Nil. Wurzel-, Blatt- und Blüthenstiele, reife und unreife Samen werden als eine sehr wohlschmeckende Speise häufig gegessen. Es spielte ein Knäblein im blumigen Klee, Am grünenden Walde am bläulichen See, Und sieh! in den Binsen des Ufers da lacht Die schönste Seerose in goldsiier Pracht. Mein Knäblein, das watet mit frevelndem Muth Die Blume zu pflücken hinein in die Fluth. „Halt," rief die Mutter mit warnendem Mund, „O bleibe zurücke, sonst gehst du zu Grund!" Das Knäblein verachtet ihr Warnen und Fleh'n; „Ei," ruft er, „es wird mir so leicht nichts geschehen." Schon pflückt er die Blume — da sinkt er hinab, Und findet im Wasser ein schauerlich Grab. Die Mutter erhebet ein Jammergeschrei, Es laufen die Kinder des Dorfes herbei; „O," ruft sie, „o ehret der Eltern Gebot; Nicht-folgen bringt Kindern Verderben und Tod." Seeschiff. Das Meer ist gewiß ein unsicheres Element, und doch hat sich der Mensch auf dasselbe gewagt und Gebäude darauf gestellt, welche durch ihren kunstvollen Bau und ihre687 Einrichtung alle andern Werke von Menschenhand übertrefseu. Das sind die großen Schiffe. Es gibt Handelsschiffe, welche 10—15,000 Kilo laden; solche Schiffe werden nur durch Segel getrieben, denn die Ruder können nicht airgewandt wer den, weil mehrere hundert Menschen erforderlich wären, . fte in Bewegung zu setzen; wenn daher Windstille eintritt, können die großen Schiffe nicht vom Platze gebracht werden. An Größe und kunstvoller Einrichtung wird aber das Handels- und Kauf fahrteischiff von dem Kriegsschiffe noch weit übertroffen. Zu einem Kriegsschiffe des ersten Ranges, das ungefähr 100 Kanonen trägt, braucht man an gesunden, ausgewachsenen Eichen un gefähr 1000 Stück; ferner 50,OOO Kilogr. Eisen, an getheertem Tauwerk über 100,000 Kilogr., an Segeltuch über 55OO Quadratmeter. Seine Länge beträgt dann etwa 58 Meter, seine größte Breite 14'/z Mtr., und seine Tiefe 16 Mtr. Es hat drei Hauptmastbäume, von denen der höchste 23 Meter hoch ist; acht Anker, von denen die schwersten 700—1000 Kilo wiegen. Ein solches Schiff braucht 700 Mann Besatzung, und wenn es auf 4 Monate Wasser und Lebensmittel und für jedes Geschütz 100 Schüsse Munition eingenommen hat, so ist es wenigstens 3 Mil lionen Kilogr. schwer. Nichts desto weniger folgt diese entsetz liche Masse dem Rucke des Steuerruders so gehorsam wie ein kleiner Kahn. Ein Kriegsschiff dieses Ranges kostet über zwei Million Mark und ist etwa 40 Jahre dienstfähig. Seeschlacht. Den Seekrieg liefert inan mit Flotten. Die Schiffe werden, wie die Armeen ans dem Lande, in zwei oder drei Linien geordnet, und zwischen jedem Schiffe so viel Platz gelassen, daß es sich links und rechts wenden kann. Die ganze Flotte wird vom Admiral kommandirt. Eine Seeschlacht ist schrecklich, wenn die Schiffe, die wie Festungen auf dem Meere dastehen, gegen einander schießen und wenn sie, nachdem sie durchlöchert sind, untersinken und zu Grunde gehen; oder wenn sie in Brand gerathen und durch Anzündung des Pulvers, die Menschen entweder in die Luft gesprengt, oder mitten im Wasser verbrannt werden, oder wenn sie ertrinken, indem sie sich, um sich zu retten, in's Meer werfen. Seide. Die Seide ist nichts anderes, als das Gespinnst einer Raupe (Seidenraupe, Seidenwurm), das sorgfältig abge wunden und wenn man es nicht weiß verarbeiten will, von dem Schönfärber gefärbt wiro. Der Seidenbau wird auch688 in Europa, auch in Deutschland betrieben. Das eigentliche Va terland der Leidenraupe ist aber China sin Asien), wo das Klima günstiger ist. Erst vor 1300 Jahren wurden Eier von der Seidenraupe nach Europa gebracht. Seidene Kleider waren bis vor wenig hundert Jahren so theuer, daß nnr Fürsten sie tragen konnten. — Höret: die Spinne und den Seidenwurm. Spinne: Ich spinne, Nachbarin, viel feiner doch als du! Seidenwurm: Kann sein; du spinnst sehr gut; allein wozu? Spinne: Ich spinne mir ein Netz, und breit' es künstlich aus; da kommen dann die Fliegen und die Mücken, und lassen sich darin bestricken, nnd ich Hab einen königlichen Schmaus. Seidenwurm: Die Kunst will ich dir nicht beneiden! Spinn' immerhin so künstlich nnd so fein; ich lernte nicht so viel, doch lernt' ich nützlich sein, und spann noch nie zu Andrer Leiden. Geh, geh! ich kann dich nicht beneiden. Seidelbast, auch Kellerhals, ist eine gefährliche Giftpflanze. Er ist ein kleiner, V 2 bis 1 Meter hoher Strauch, der in unfern Waldungen häufig vorkommt und eine graue, glän zende Rinde und lanzettförmige, hellgrüne Blätter hat. Die schönen, pfirsichblüthsarbigen Blumen kommen noch vor den Blättern im März, riechen stark, sitzen zu drei beisammen und haben 8 Staubfäden. Die Beeren werden im August reif, sind von der Größe einer Erbse und roth wie Korallen. Das ganze Gewächs gibt, frisch zerrieben, einen starken Geruch und hat einen brennenden Geschmack. Besonders sind davor die Kinder zu warnen, die leicht von den schönen Beeren angelockt werden. Sie verursachen Trockenheit, Brennen im Halse, Ent zündung der Eingeweide. Zweige und Blätter geben gelbe und braune Farben. Wegen der schönen, frühzeitigen Blüthe wird dieser Strauch häufig in Gärten gezogen; aber ihr Geruch ver ursacht Kopfweh. Ein Knabe ging in das nicht weit von der Stadt ent fernte Wäldchen, um dort Vogelnester zu suchen. Da kriecht er denn nun in allen Büschen herum und findet zwar keine Vogelnester, aber doch einen Busch, der voll der schönsten rothen Beeren hängt, die alle ungefähr so groß wie unsere Erbsen sind und dicht an den Zweigen sitzen. Ach! denkt er bei sich selbst, da sind ja schon reise Johannisbeeren, macht sich über den689 Strauch her und läßt sich's recht schmecken. Der starke Geruch der Beeren, die Art, wie sie an dem ganz niedrigen Busche sitzen, Alles das macht ihn nicht auf seinen gefährlichen Jrr- thum aufmerksam, und er hört erst auf, als alle Beeren ver zehrt sind. — (Ihr werdet merken, daß dieß der Kellerhals oder Seidelbast war.) Wie bald folgte die bitterste Reue! Kaum war der Busch leer, als sich schon heftige Leibschmerzen einstellten, daß der arme Junge kaum noch nach Hause gehen konnte. Hier angekommen, nahm seine Qual bald so überhand, daß die ängstlichen Eltern nach einem Arzte schicken mußten. Dieser erklärte, der Knabe habe Gift genossen und gab dem Unbesonnenen Brechmittel ein. Lange lag er krank, kämpfte mit den heftigsten Schmerzen und bereute zu spät seine thörichte Unvorsichtigkeit. Seidezrrcnrpe. Die Seidenraupe ist zuerst ein kleines Ei von der Größe eines Hirsenkorns; solche Eier legt der Schmetterling, der Seidenfalter, ungefähr 400. Diese Eier bewahrt man den Winter über in einem trockenen Keller auf. Im Frühjahre bringt man sie in eine warme Stube, und da kriechen in wenigen Tagen die winzig kleinen Räupchen aus, die grau aussehen. Man gibt diesen ganz junge und zarte Maulbeerblättchen; sie fressen sehr begierig und wachsen sehr- schnell. Alle Wochen häuten sie sich einmal: während der Häutung sind sie träge und schlafen. Haben sie aber die alte Haut abgelegt und eine neue bekommen, so ist ihr Appetit auch neu und erstaunlich groß. In einem Zimmer, wo einige tau send Raupen gefüttert werden, knistert es ganz unheimlich; so emsig arbeiten die Kinnladen der Raupen an den Maulbeer- bläitern. Das dauert ungefähr sechs Wochen, dann ist die Seidenraupe so groß als der Zeigefinger eines Knaben. Kommt die Zeit, wo sie sich verwandeln soll, so wird sie unruhig und kriecht umher; sie sucht einen Platz, wo sie sich einspinnen will. Man legt den Seidenraupen zu diesem Zwecke Birkenreiser, Hobelspähne und dergleichen zurecht. Hat die Raupe einen Platz gefunden, so kommen fortwährend aus ihrem Maule zwei Seidenfäden hervor, die sie mit den Vorderfüßen zu einem Faden verbindet. Sie befestigt zwei Fäden an dem Reise oder den Spänen; dann bewegt sie den Kopf unruhig hin und her. vorwärts und rückwärts und seitwärts, und spinnt zuerst ein durchsichtiges Gewebe um sich herum, aus dem die Floretseide gemacht wird. Den zweiten Tag spinnt sie erst ihren Leib ein; KN'.der-Coi!versat>vr'.s- Lextkou. 44690 die eine macht diese Seidenhülse mehr rundlich, die andere mehr- länglich ; je größer die Raupe ist, um so größer macht sie auch ihre Hülse (Kokon). Sie hat in der Regel die Größe eines Taubeneies; sie besteht aus einem einzigen doppelten Seiden faden, welcher 230 - 300 Meter lang ist. In diesem Häus chen wird die Raupe zur Puppe und schläft. Läßt man sie in dem Kokon, so kommt nach 12 Tagen ein kleiner, nicht schö ner Schmetterling heraus, der durch das Seidenhäuschen ein Loch gebohrt und dasselbe verdorben hat, so daß man es nur noch zur Floretseide brauchen kann. Man läßt daher nur so viele Schmetterlinge herauskriechen, daß man hinlänglich Eier bekommt. Die andern Puppen tobtet man in ihren Seiden häuschen, indem man sie in einen erwärmten Backofen bringt. Hierauf kommen die Kokon in heißes Wasser; die Seidenfäden sind nämlich an einander geklebt, und dieser Kleber oder Leim wird in dem heißen Wasser aufgelöst, so daß man den Faden von dem Kokon wie von einem Knäuel abhaspeln kann. Man haspelt aber immer mehrere Kokon zu gleicher Zeit ab, und der Haspel ist so eingerichtet, daß die Seidensäden zu gleicher Zeit abgehaspelt und gezwirnt werden. Die Zucht der Seiden raupen ist ein sehr einträgliches Geschäft, und die Jtaliener verdienen damit jedes Jahr viele Millionen Mark. September. Man merkt es wohl, es werden die Tage immer kürzer, doch ist es oft noch recht schön. Nur am Abende kann man nicht mehr so lange im Freien sein, weil es kalt wird. Die Früchte des Feldes und des Gartens werden vollends eingesammelt und auch so das Grummet von den Wiesen. Der Landmann denkt schon wieder an's nächste Jahr: er säet Wintergetreide aus! Sessel. Wer macht die Sessel und von was macht man sie? Wer polstert sie und mit was? so fragen wiß begierige Kinder; und da antwortet man ihnen gleich: der Schreinem oder Tischler ist es, der das Gestell der Sessel macht und zwar aus gutem Holz, das nicht leicht springt und bricht, wie z. B. aus Eichenholz, Kirschbaum, Nußbaum, Mahagoni u. s. w. Er schneidet alle Theile mit seiner Säge zu, hobelt sie, polirt sie, fugt sie in einander, und damit sie nicht auseinander gehen, leimt er sie gut zusammen und nagelt sie mit hölzernen Nägeln. Jetzt kann man aber noch nicht auf dem Sessel bequem sitzen; er muß erst gut gepolstert werden, und691 dies thut nicht der Schreiner, sondern der Sattler. Dieser be zieht erst den Sitz mit Gurten, die er von dem Seiler kauft und auf den Sessel festnagelt. Auf die Gurten wird feste Lein wand ausgespannt, und nun fängt er an, den Sitz zu polstern. Er macht nämlich eine Art von Kissen, die er mit Rehhaaren oder Kälberhaaren, noch besser aber mit Roßhaaren fest aus- ftopft. Ist dies geschehen, so werden die Polster auf dem Sitz, mit Leder oder einem schönen, starken Zeug, wie z. B. Atlas, Sammet u. dgl. überzogen, und so ist der Sessel fertig. Siob. Dieses Geräth, aus Holzgeflecht bestehend, ge brauchen die Bauern zum Durchsieben ihres Getreides. Die Löcher dieser Kornsiebe sind ziemlich groß, so daß ganz leicht die Körner durchfallen können; die Strohhälmchen, mit denen sie untermischt sind, gehen aber nicht durch, sondern bleiben zu rück. Die Mehlhändler und Bäcker haben auch Siebe, die fei ner sind, als diese, und zum Durchsieben des Mehls gebraucht werden, um es von den Mehlwürmern und anderm Unrath zu befreien, der sich etwa darunter befindet. Auf solche Art werden sic dieser häßlichen Gäste viel leichter los, als wenn sie diesel ben erst mit den Fingern heraussuchen müßten. Und wie leicht könnten sie einen davon übersehen, ihn mit dem Mehl in das Brod backen, und darüber ihre Kundschaft verlieren. Auch die Zucker- und Pastetenbäcker haben feine Siebe, sogenannte Haar siebe, weil sie aus Pferdehaaren geflochten werden, womit sie den gestoßenen Zucker durchsieben. — Der Reif des Siebes wird immer von einem biegsamen Holze gemacht. SieheMs'khläfer. Vater. Der Siebenschläfer oder die Rellmaus ist beinahe eben so ein Thierchen, wie das Eichhörn chen, fast eben so groß, und ihm auch in Wohnung und Fraß fast ganz ähnlich. Er wohnt auch in Wäldern, wie dieses, klettert auf Bäume, hüpft von einem Ast auf den andern, frißt Bucheckern, Eicheln und Haselnüsse und andere wilde Früchte, auch Aepfel, Birnen, Zwetschgen, und wenn er auch kleine Vögel erwischen kann, ist es ihm sehr lieb; er sieht auf dem Rücken grau, und am Bauche weiß aus, und ist ein böses, unverträgliches Thier. Sein Rest macht er sich von Moos in hohle Bäume oder Mauerlöcher; bringt alle Jahr vier bis fünf Junge, und wird acht bis neun Jahre alt. Kinder. Warum heißt er denn Siebenschläfer? Erwirb doch wohl nicht sieben Monat in einemfort schlafen? 44 *692 Vater. O ja, das kann er! Oft schläft er auch wohl noch länger: aber auch zuweilen viel kürzer, je nachdem der Winter heftig ist oder nicht, und lange oder nicht lange dauert. Denn im Herbst schon legt er sich in seinem Loch zu Bette, rollt sich zusammen und erstarrt; und erwacht und kömmt erst im Mai aus demselben wieder hervor. Doch muß ich euch auch sagen, daß er zuweilen mitten im Winter, wenn es nämlich etliche Tage hintereinander sehr warm gewesen ist, erwacht und aufsteht, und sich etwas zu fressen sucht. Sobald es aber wieder kalt' wird, erstarrt er wieder. Wenn man ihn aber den Winter über in eine geheizte Stube, oder sonst an einen warmen Ort bringt, so erstarrt er gar nicht, sondern läuft immer herum, frißt und schläft auch, wie die Katze, oder sonst ein anderes Hausthier. Sobald es ihm aber zu kalt wird, rollt er sich zusammen, und wird, wie in seiner Höhle, nach und nach so starr, daß man ihn in die Hand nehmen, rütteln und drücken, ja sogar auf der Erde wegrollen darf, ohne daß er es fühlt und erwacht. Kinder. Was, durch's Fortrollen sollte er nichr er wachen? Vater. Nein. Kinder. Aber doch durch Kneipen und Brennen kann man ihn munter machen? Vater. Auch dieses nicht. Er rührt sich zwar, mld fährt etwas enger zusammen und gibt durch ein dumpfes Gemurmel zu erkennen, daß sich sein Herz noch bewege, und daß er noch lebe. Aber ganz erwachen die armen Siebenschläfer nicht und sie auch gleich ganz durchsticht und völlig todt macht. -nwyD^uder. Aber doch bei einem großen Feuer, oder unter MetziMjßen Ofen kann man sie wach machen? Nicht doch. Davon würden sie ganz sterben; MM MzzWvße Hitze ist ihnen tödtlich. Wenn man sie aber Ugchj z^rd.Mch .warm werden läßt, so kommen sie zu sich selbst -WÄiWW wieder herum. injct sM llAsir. .'j DHs sind ja sonderbare Thiere? Nützen sie KyWaWHßMs^ m tzoBA trer. chO Freilich! Man kann ihr Fell gebrauchen, und W HkiWoWtillgutzu Braten und wohlschmeckende Ragouts (spr. Raguh).,no n.693 Vater. Die Italiener und Kramer. Die Kramer fangen gegen den Winter, wenn sie recht dick und fett sind, viele tausend, und salzen sie ein, und essen sie mit so gutem Appetit, als wir unser Rind- und Schweinefleisch essen. Auch schon die alten Römer hielten die Siebenschläfer für etwas Delikates, mästeten und zogen immer sehr viele in eigenen Häusern auf, und setzten sie sogar als einen Leckerbissen auf die vornehmsten Tafeln. Kinder. Gibt es bei uns auch Siebenschläfer? Vater. Ja wohl, vorzüglich aber lieben sie die warmen Länder Italien, Krain, Frankreich und Spanien. Kinder. Gibt es noch mehr solche Schlafmützen, wie die Siebenschläfer sind? Vater. O ja; auch die Murmelthiere*) und die Ham ster liegen gewöhnlich vier bis sieben Monat erstarrt in ihren Löchern, und werden erst im April oder Mai wieder wach und munter. Silber. Das Silber findet sich fast in allen Ge birgen, nirgends aber so häufig als in Südamerika, wo man Gänge entdeckt hat, die wie silberne Mauern aus dem vom Regenwasser weggespülten Gestein hervorragten. Hier und da hat man in ältern Zeiten auch in Deutschland größere Silbermassen gefunden, zu Schneeberg in Sachsen z. B. ein Stück, das hundert Zentner wog und so groß war, daß der damalige Kurfürst darauf mit seinem ganzen Hof staate speiste, wie auf einer Tafel. Die meisten und reichsten Silberbergwerke in Deutschland und Amerika sind von ge wöhnlichen, unwissenden Leuten entdeckt worden, das bei Freiburg in Sachsen z. B. durch Fuhrleute, die durch den Wald fuhren, das Schneeberger durch einen Mann aus der Donaugegend, der mit Schustergeräth und allerhand an derer kleiner Waare Handel trieb, und sich da, wo jetzt Schnee berg liegt, im Walde verirrt hatte. Die Silbergruben bei Annaberg in Sachsen sind — wie die Sage erzählt — durch einen armen Bergmann, Daniel Knappe genannt, aufgefunden worden. *) LieS in diesem Lexikon: Daö Murmelthierlein, und überzeuge dich, daß der Siebenschläfer nicht die alleinige Tchlasmütze auf der Welt ist.694 Die Menge des Silbers, das zu Münzen, zu Geräth- schaften, zu Draht und andern Zwecken verbraucht wird, ist ungeheuer groß. Wenn jeder Mensch nur zehn Mark baares Geld besitzen soll, wie viel Silber ist dazu erforderlich! Und wie mißlich würde der Handel und Wandel gehen, wenn es einmal an Silbermünzen mangelte. Man hat zwar hier und dort durch Papiergeld helfen wollen, allein dasselbe ge- nießt ein gar schwankendes Zutrauen. Es geht allzu leicht zu Grunde und wird auch eher nachgemacht als die Silber münzen. Doch haben sich auch an diesen schon Falschmünzer genug versucht. Man hat aber noch nicht gehört, daß ein Falschmünzer reich geworden oder in Ehren gestorben sei. Glücklicherweise lernt man die Münzen immer vollkommener prägen, so daß die Nachahmung selten gelingt. Auch sind die Leute nicht mehr so einfältig, daß sie Blei statt Silber an nehmen. Nur noch kurze Zeit und Deutschland wird neben seinem einheitlichen Maaß und Gewicht auch ein einheitliches Münzsystem haben. Singen . Laßt die Tön' erklingen Immer wohtgemuth, Laßt uns fröhlich singen! Singen ist ja gut. Fromm in Freude singen, Gibt gar schönen Klang, Und so soll es klingen Unser Leben lang. Meine Lieben! Wenn ihr kleine Kinder beobachtet, die den größten Theil des Tages im Sommer und auch einige Stunden im Winter sich auf der Straße aufhalten, so sehet ihr, daß sie mit ihren Gespielen im Sommer auf der Straße im Staube oder im Garten oder auf der Wiese unter Bäumen sitzen und — spielen; und sind sie noch ganz klein und kön nen sie kaum ein Wort finden für das, was sie sagen wollen, so hört man sie schon Töne zusammensetzen, man hört sie — s ing en. Was suchen sie zu singen? — Das, was die Mutter oder die Geschwister sangen. Es folgt also daraus, daß die Lust zu singen gleichsam den Kindern angeboren ist.Werm nun die Kinder das Alter erreicht haben, wo sie in die Schule gehen müssen, und schon so ziemlich sprechen können, so steigert sich die Lust zum Singen. Jst's nicht so? Verbindet ihr nicht mit vielen eurer Spiele das Singen? — Wenn ihr „Ringel Ringel Reihe" hersagen solltet, so würde das Spiel euch kein Vergnügen machen. Fast alle Worte, welche bei euren Spielen nöthig sind, singet ihr, oder saget sie in einem singenden Tone her. Freuet ihr euch nicht, nun in der Schule und Kirche mit den andern Kindern singen zu können? Wäre es euch nicht lieb, wenn man in der Schule mehr und oft singen würde? — In eurer Brust ist also eine große Lust für den Gesang, für das Singen. Der Gesang ist auch eine köstliche Himmelsgabe, meine Kinder, denn es heißt von ihm: Des Lebens Stunden zu versüßen Schenkt Gott uns den Gesang; In Melodien sich zu ergießen, Das ist ein heil'ger Drang. Es wohnt was Himmlisches im Liede: Ein süßer Zauber, Glück und Friede. Mein Kind, du widmest nicht vergebens Dem Singen eilüge Zeit; Es nah'n die Tage deines Lebens, Wo es dich hocherfreut. Es wohnt was Himmlisches im Liede: Ein süßer Zauber, Glück und Friede. Die ganze Schulzeit hindurch wiro viel gesungen, und das ist schon nothwendig der vielen religiösen Lieder wegen, die das Jahr hindurch in der Kirche gesungen werden müssen. Religiöse Gesänge, kirchliche Lieder sind nichts anderes, als in Verse gebrachte Gebetsformeln, Gleichwie nun eine auch noch so schöne Gebetsformel ohne Andacht und mit Lärm und Geschrei herzusagen kein Gott gefälliges Beten ist, so ist auch das Singen heiliger Lieder, wenn es ohne An dacht und mit übermäßiger Anstrengung der Stimme geschieht, kein Gott gefälliges Singen. Wenn man die religiösen Lieder recht singen will, so muß man nicht blos mit dem Munde, sondern auch mit einem Gott wohlgefälligen Herzen696 singen. Sowohl beim Djngen als Beten muß man wohl Acht geben, was man da zu Gott spricht, und dies recht zu Herzen nehmen, damit die guten Gesinnungen, die in der Ge betsformel oder im Gesänge ausgedrückt sind, auch unserm Herzen tief eingeprägt werden. Dadurch wird uns das Singen erst wahren Nutzen gewähren. Der beste Sänger ist nicht derjenige, der die beste Stimme, sondern der beim Singen die beste Andacht hat. In der Schule werden aber auch andere Lieder, Schul- und Volkslieder eingeübt und sür's spätere Leben gelernt. O, wie heiter und froh werdet ihr jedesmal, und wie glänzend sehen eure Mienen aus, wenn es heißt: ein Schullied, ein Volkslied singen. Hört aber mit den Schuljahren das Singen bei euch auf? Geht das Singen nicht über die Schuljahre hinaus? Verstummen vielleicht eure Kehlen, wenn ihr die Schule ver lassen habet? — Ach, nein, rufet ihr gewiß alle: „Mit Gesang eilet in dem Lenze Rasch der Knabe von des Meisters Hand. Und die Schwester'flicht am Wiesenrand Mit Gesang sich bunte Blumenkränze. Der Gesang, das Singen ist also etwas Dauerndes, etwas Bleibendes in euerm Leben, etwas sehr Angenehmes, Erfreuliches und Nützliches für euch Kinder und für die großen Leute, denn: Ohne Sang und ohne Klang, Was wär' unser Leben? Freuden unser Leben lang Müssen diese geben. Sagt! was stärket unfern Gang Auf der Pilgerreise? Einzig Lieder, ein Gesang, Echt nach deutscher Weise. Wenn euch guter Muth entflieht, Nichts will recht gelingen, Dürft ihr nur sofort ein Lied Froher Weise singen: Sicher kehrt, was ihr vermißt, Bald in's Herz euch wieder.097 Was der Thau den Fluren ist, Sind der Seele — Lieder. Lerchen aus der hohen Lust, Nachtigallen in Wäldern, Schwalben aus der Mauerkluft, Wachteln in den Feldern: Alle lassen srei und froh Ihre Lieder klingen; Darum laßt uns immer so, Bis an's Ende singen. Die Uebung im Singen und die Freude dazu fehlet euch also nicht! Ihr habet auch Gesangbücher für kirchliches Singen und im Besitze eines Liederbuches für Schul-, Volks-und Gesellschaftslieder werdet ihr vermutlich auch sein? An letztern ist kein Mangel, denn unsere heutige Welt wird mit Liedersammlungen aller Art beinahe überschwemmt. Aber die guten, für Kinder geeigneten, sind dünn gesäct, d. h. deren gibt es wenige.*) Sklave. So nennt man einen Menschen, der um Geld verkauft wird und somit seine Freiheit verloren hat. — In Afrika, wo die Mohren wohnen, sind die meisten Menschen noch so roh und ungesittet, wie das liebe Vieh. Ihre An führer oder Könige, die selbst nicht viel klüger sind, gehen dann auch mit ihnen, den Mohren, um, als wenn sie wirk liches Vieh wären. Wenn nun die Europäer dahin kommen, so bietet man ihnen ganze Heerden solcher schwarzer Men schen zum Verkaufe an, gerade so, wie man hier die Ochsen zu Markte bringt. Viele Väter führen wohl gar ihre eigenen Kinder herbei, um sie für eine Kleinigkeit los zu werden; und da kaufen denn die Europäer alle Jahre eine Menge der selben, und führen sie nach Amerika, wo sie die härtesten Ar beiten verrichten müssen, und dabei recht jämmerlich gehalten werden. Ein solcher Sklave ist dann recht schlimm daran, und möchte oft lieber sterben, als ein so jämmerliches Leben führen. Gewiß denket ihr, Kinder, daß es doch aber gar nicht recht ist, daß man so mit Menschen umgehe! Ja freilich ist es unrecht; auch steht zu hoffen, daß dieser abscheuliche Sklavenhandel mit der Zeit ganz werde abgeschafft werden! *) Bestens kann empfohlen werden: Liederbuch für Volksschulen erste und zweite Abtheilung. Herausgegeben vom bayerischen Lehrerverein. Ver lag der Friede. Korn'scheu Buchhandlung in Nürnberg.698 Sklavenschiff, Sollte man denken, daß es Menschen geben könnte, die ihren Mitmenschen wie ein Pferd oder einen Ochsen behandeln? — Ja, liebes Kind, es hat nicht bloß von jeher solche Menschen gegeben, sondern es gibt auch jetzt noch solche Unmenschen. Du hast wohl schon manchmal etwas vom Sklavenhandel gehört? Sieh' da haben die weißen Leute Neger gekauft, haben sie auf Schiffen nach Amerika geführt und sie daselbst wieder verkauft. Die Schiffe, auf denen die armen Neger sortgeführt werden, nennt man Sklavenschiffe. Du wirst nun fragen: Woher bekommen denn die weißen Leute die Ne ger? Das will ich dir sagen. Sie fahren mit ihren Schiffen nach Afrika und bringen Eisenwaaren, Schießgewehre, Pulver und besonders Branntwein mit. Wenn nun ein Negerfürst gern solche Maaren hätte, so läßt er seine eigenen Unterthanen rauben und auf das Sklavenschiff führen. Dafür bekommt er dann von den Sklavenhändlern eiserne und kupferne Maaren, mes singene Becken, Flinten, Pulver, Leinwand, baumwollene und seidene Schürzen, Korallen, Glaskugeln u. s. w. Oft auch stiehlt ein Neger den andern und verkauft ihn an die Sklaven händler. Für einen solchen Sklaven bekommt er dann drei Flinten, oder ein Pferd, oder zehn Ochsen, oder zwei Salz scheiben. Sind endlich auf einem Sklavenschiff 400 — 500 Neger, so werden je zwei an den Füßen zusammengefesselt und ge zwungen, unter das Verdeck hinabzusteigen. Denke dir eine lange bretterne Kammer, in der keine Tische, Stühle und Bänke sind, die kaum so hoch ist, daß man auf dem Boden sitzen kann, die statt der Fenster nur runde Löcher hat: so hast du ein solches Verdeck. Da müssen die Neger auf den harten Brettern neben einander liegen und können sich oft kaum rühren. Morgens und Nachmittags werden sie mit einem Brei won Saubohnen oder Reis gefüttert und bekommen dazu, auch in der größten Hitze, nur eine halbe Maaß Wasser. Bei gutem Wetter reinigt und lüftet man ihre Lagerstätte. Sie dürfen dann auf dem Verdeck umhergehen und müssen Sprünge machen; ja man zwingt die Schwachen und Nieder geschlagenen mit Peitschenhieben zum Tanz. Dabei trug sich einmal ein großes Unglück zu. Auf einem Sklavenschiff gingen nämlich Weiber und Kinder zur Erholung frei auf dem Verdeck herum; dagegen waren die Männer alle mit zwei langen Ketten an einander gefesselt. Unterdessen ließ ein Matrose beim Licht Branntwein aus einem Fasse. Das Faß bekam einen Riß;699 der Branntwein sprang heraus und fing Feuer. Da man das Feuer nicht löschen konnte, so kam es endlich bis zur Pulver kammer. In der Angst wollte man die zwei Ketten der Neger aufsperren; allein man fand den Schlüssel nicht und konnte nur noch eine einzige öffnen. Schon waren alle Schiffsleute irüs Wasser gesprungen. Es that einen Knall; das Schiff sprang in die Luft und riß auch die unglücklichen Neger mit fort. Man fing nachher noch 250 lebendige Neger auf. Den Meisten aber hatten ihre Fußeisen die Beine gebrochen. Du kannst dir denken, daß viele von den Negern schwere Krankheiten bekommen, daß viele von ihnen vor Jammer unb Elend sterben, ja daß manche vor Verzweiflung wahnsinnig werden. Häufig suchen sie sich selbst das Leben zu nehmen. Sie springen in's Wasser und ersäufen sich; oder sie wollen keine Speise zu sich nehmen, so daß sie der Hunger abzehrt. Im Jahre 1785 empörten sich die Neger auf einem Sklaven schiffe und brachten alle Schiffsleute um, bis auf einen Schiffs jungen, der sich im Mastkorbe versteckt hatte. Doch hatten die Weißen gleich im Anfänge einige Nothschüsse gethan. Auf oieses Zeichen kamen viele bewaffnete Leute zu Hülfe. Da zündeten die Neger in der Verzweiflung die Pulverkammer an und sprengten das Schiff in die Luft. Skorpion bedeutet 1. eine Gattung von Insekten, die in 6 Arten zer fällt, und sich durch Größe und Farben unterscheiden. Die kleinsten sind nicht einen Zoll lang, während andere in Amerika wohl acht Zoll lang werden. Sie gleichen an Gestalt einem Krebse, haben aber an dem Schwänze einen halbmondförmigen, scharfen Stachel mit zwei Ritzen an den Seiten. Mit diesem Stachel verwunden sie, und lassen aus den Ritzen eine Flüssig keit in die Wunde, welche in einer kleinen Blase am Ende des Schwanzes aufbewahrt wird und größtentheils giftig wirkt, wenn man nicht das Insekt selbst zerquetscht und auf die Wunde legt, wo es als Gegengift wirkt. Doch sind nur die außer europäischen in den heißen Gegenden sich befindenden durch ihren Stich gefährlich; in Europa sind sie selten zu fürchte». Sie halten sich in heißen, feuchten Gegenden auf und nähren sich von andern Insekten. Das Skorpion öl, welches man bekommt, wenn man mehrere Skorpionen eine Zeit lang in Baumöl liegen läßt, ist ein Gegengift gegen den Biß giftiger Schlangen, und anderer giftiger Thiere.700 2. Bedeutet Skorpion eins von den zwölf Sternbildern. Widder, Stier, Zwilling, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, schütz, Steinbock, Wasfermann, Fische). 3. Bei den Alten war Skorpion eine Waffe, die viel Aehnlichkeit mit den großen Armbrusten hatte, und 4. war Skorpion in der hl. Schrift oder Bibel eine Art von knotigen, mit Drathspitzen versehenen Geißel. Darum heißt es im 1. Buch der Könige 12. Cap. 11 Vers.: Hat euch mein Vater ein schweres Joch aufgeladen, so will ich es noch schwerer machen; hat euch mein Vater mit Peitschen gezüchtiget, so will ich euch mit Skorpionen züchtigen. Sokrates. Das alte Griechenland hatte gar viele Männer, die man wegen ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit die Weisen nannte. Solon, Thales, Bias, Pittakus, Periander, Kleobolus, Chilon, Demosthenes, Sokrates u. A. waren solche Weise. Sokrates, der 400Jahre v. Chr. lebte, war der Weiseste unter den Griechen. Sein Vater war Bildhauer, und er selbst trieb eine Zeit lang diese Kunst; doch seine liebste Beschäftigung war es, Jünglinge zu unterrichten. Sokrates lebte äußerst mäßig; er aß und trank nur das Allergewöhn lichste, trug einen Mantel von gewöhnlichem Zeuge, ging immer barfuß und konnte ohne Beschwerde eine Nacht wachen. Sein Grundsatz war: nichts bedürfen ist göttlich, und am wenigsten bedürfen, nähert der Gott heit am meisten. Hatte er sich durch Laufen, Ringen und andere Leibes übungen erhitzt und kam an einen Brunnen, so trank er nicht sogleich, sondern füllte mehrmals einen Eimer und goß ihu langsam wieder aus, theils um seiner Gesundheit nicht zu schaden, theils um sich in der Beherrschung seiner Begierden zu üben. Seine Frau Lan tippe, war oft übler -Laune und dann sehr zänkisch. Eines Tages war sie wieder sehr böse und schalt tüchtig auf ihn. Er aber blieb ganz gelassen. Da sie immer heftiger ward, stand er endlich auf und ging fort. Dies er bitterte sie noch mehr. Sie nahm ein Gefäß mit Wasser und goß es ihm durch's Fenster nach. „Ich dachte es wohl," sagte Sokrates, „auf ein Donnerwetter pflegt ein Regen zu kommen." Einst beschwerte sich ein Athener über die Mühseligkeiteneiner Fußreise, die er soeben gemacht hatte. „Hat dir dem Sklave folgen können?" fragte Sokrates. — „Der ist wohl recht müde?" „Nein, ich habe ihn sogleich wieder mit einem Aufträge fortgeschickt." — „Siehe", sagte Sokrates, „du hast vor deinem Sklaven Vorzüge des Glückes; er hat vor dir Vorzüge der Natur." Sokrates grüßte einen vornehmen Bürger auf der Straße, der ihm nicht dankte, sondern stolz vorüberging. Die jungen Freunde des Weisen waren darüber unwillig. „Nicht doch," sagte Sokrates, „ihr würdet ja nicht zürnen, wenn mir einer begegnete, der häßlicher wäre, als ich. Warum er eifert ihr euch also, daß dieser Mensch minder höflicher ist, als ich!" Es war vorauszusehen, daß sich Sokrates durch seine ausgezeichnete Weisheit und Tugend bei dem großen Haufen seiner verdorbenen Mitbürger, deren Sittenlosigkeit er mit Wor ten strafte, Haß und Neid zuziehen mußte. Sie verläumdeten ihn also, verklagten ihn öffentlich, er glaube nicht an die Götter der Vaterstadt, und die ungerechten Richter verurtheilten ihn zum Tode. Sokrates hörte sein Todesurtheil mit der größten Ruhe. Er verzieh allen, die ihn verurtheilt hatten und freute sich, bald zu den Geistern der edlen Männer aus der Vorzeit hinüber zu wandeln. Dann wurde er in's Gefängniß geführt. Seine Schüler hatten den Gefängnißwärter bestochen, daß er die Thüre des Kerkers offen ließe, damit ihr geliebter Lehrer sich durch die Flucht retten könnte. Er aber wies ihren Vor schlag zurück und trank den ihm dargereichten Giftbecher. — (Siehe: Schierling.) Soldaten» Vorwärts, ihr Soldaten zu Fuß und zu Pferd! Wo sind die Herren Offiziere, die den Soldaten sagen müssen, was sie zu thun haben? Kommt der Tambour, daß er einen Marsch trommelt, oder der Trompeter, daß er einen Marsch bläst? Es müssen alle da sein, die zusammen gehören. Das ganze Regiment muß ausrücken! Vorwärts! Zuerst kommt der General, dann der Oberst, dann der Ob erst!ieutenant, dann kommt der Major, der Hauptmann, der Lieute nant, der Unterlieutenant rc. Endlich kommen die Ge meinen! — Soldaten zu Fuß. Kommt nur her ihr (bleiernen, hölzernen) Soldaten, ich will es euch sagen, wie man euch heißt, nämlich Infanteristen. — Einige von euch heißen Jäger,702 andere Schützen u. s. w. So oft ich euch sehe, fällt mir das Lied munterer Knaben ein. Es heißt nämlich: Auf, ihr Knaben, aufmaschirt, Wie Soldaten es gebührt. — Tretet aus des Hofes Mitte, Haltet fleißig eure Schritte! Soll es euch nicht fehlen, sprecht: Ein und zwanzig, zwei und zwanzig, so ist's recht. — Wie Soldaten Mann an Mann, Schließt euch an einander an. Haltet fest in Reih' und Glieder, Oeffnet euch und schließt euch wieder. Paßt nur auf, dann geht's nicht schlecht, Ein und zwanzig, aroei und zwanzig, so ist's recht. — Gebt auf das Kommando Acht, Daß ihr keine Fehler macht. Rechts die Augen nach dem Flügel Alles rein und blank wie Spiegel, — Geht es doch nicht in's Gefecht, Ein und zwanzig, zwei und zwanzig, so ist's recht. — Soldaten zu Pferd. Solche gibt es viele: z. B. Kürassiere, geharnischte Reiter, solche, welche eine eiserne oder stählerne Bekleidung haben, Chevauxlegers (Schwolesche), leichte Reiter, Artilleristen, welche mit den Kanonen schie ßen, — Dragoner, leichte Reiter, die man zu Fuß und zu Pferd brauchen kann, Husaren, Soldaten, welche leicht be waffnet sind, Uhlanen mit Lanzen. Solenhofer Schiefer. Ungefähr eine Viertelstunde unterhalb Solenhofen (bei Eichstädt in Mittelfranken im König reiche Bayern) war bis etwa vor 30 Jahren eine Glashütte im Gang, und die weitläufigen Gebäude stehen noch. Das Holz zu den Oefen konnte leicht über die jähen Bergwände am rechten Ufer der Altmühl herabgelassen werden, und der reine, zuckerweise Sand zu dem Glase fand sich da und dort in Nestern, einen oder wenige Schuh unter dem Rasen. Ehe man aber anfing, diesen Sand in Glas zu verwan deln, bestreuten und fegten schon die Hausfrauen in der Um gegend ihre Stuben. Tische, Bänke, hölzerne Geschirre u. s. w.. 703 damit und kauften ihn von Weibern, die ihn bei Solenhofen gruben, und in kleinen Säcklein zum Verkauf in die umliegenden Ortschaften trugen. In der ältesten Zeit befaßte sich einmal in Solenhofen nur ein einziges Weib mit diesem beschwerlichen Handel, bei welchem man sie oft über 25 Kilogr. auf dem Rücken aus-, und nur ein paar Heller in der Tasche dafür heimtragen sah. Es war eine Wittwe in mittleren Jahren und hatte einen Knaben von zwölf Jahren, der im Sommer die Geißen des Dorfes hütete und im Winter mit seiner Mutter in den unter irdischen Klüften Sandnester aufsuchte und ausbentete, so viel man vor Schnee und Eis in den Boden kommen konnte. Einmal in einem besonders harten Winter wollte es den guten Leuten gar nicht gelingen. Lange war der Boden bald so fest gefroren, bald so hoch mit Schnee bedeckt, daß sie gar nicht zu ihrer unterirdischen Nahrungsquelle kommen konnten. Der kleine Vorrath von Sand, den sie im Herbst gegraben hatten, ging zu Ende und mit ihm das Brod, das sie für die eingenommenen Pfennige aus den benachbarten Orten mitzu nehmen pflegten. An den Sonnenseiten der Berge, wo die Februarsonne die dünen Schneeschichten weggeleckt hatte, fingen sie nun an zu schürfen, aber überall und immer ohne Erfolg. Ihre Werkzeuge zerbrachen , und sie hatten noch kein weißes Sandkorn gesunden. Dazu ging das Futter für die Geißen aus die Neige, und in der Hütte waren nun vier Geschöpfe, denen der Hunger aus den Augen sah. Das einzige, was sie noch unter sich theilten, war eine Kufe mit eingestampften Rüben und weißem Kohl, und auch diese stritten mit der Verwesung, weil sie nur wenig gesalzen waren. Die Geißen erhielten ihren Antheil roh, wie er aus der Kufe kam; die Portionen für sich und ihren Knaben kochte die Wittwe und salzte sie mit Kum- merthränen. Denn es war damals unter ihrem Dache, wie in der Hütte der Witwe von Sarepta, als sie dem Propheten ant wortete: „So wahr der Herr, dein Gott, lebt, ich habe nur noch eine Hand voll Mehl im Kasten und ein wenig Oel im Kruge. Siehe, ich habe Holz aufgelesen und gehe nun heim, und will mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben." Der Knabe liebte seine Mutter und bewies seine Liebe zu ihr am meisten dadurch, daß er nie über seinen Hunger klagte, sondern geduldig von einer Mahlzeit zur andern war tete und überhaupt alles vermied, was ihr das Herz noch704 schwerer machen konnte. Aber fast die ganze andere Hälfte seines Herzens war seinen Geißen zugewendet, und es wollte ihm brechen, wenn er sah, wie sie hungrig an der Kufe hin aufsprangen und vergebens Hals und Zunge streckten, um die Neige darin zu erreichen. Hätten sie von schönen Worten und Vertröstungen auf den nahen Frühling satt werden können, so hätten sie mehr als genug gehabt. Aber so wurden sie immer magerer, und der Knabe entschloß sich endlich für sie zu thun, was er noch nicht einmal für seine Mutter gethan hatte. In Solenhofen war ein Benediktinerkloster. An der Pforte desselben klopfte der Knabe mit dem schweren, eisernen Klöpfel, der daran befestigt war, und sagte dem Bruder Pförtner, der sich nach seinem Begehren erkundigte, er müsse mit dem Abt selbst reden. Er wurde vor diesen ehrwürdigen Diener Gottes geführt, küßte ihm mit einer Kniebeugung die Hand und bat, er möchte ihm doch nur erlauben, das Heu aufzulesen, was die Klosterkühe über die Barren würfen; denn seine zwei Geißen wären am Verhungern. Den Abt überraschte Anfangs diese Bitte, deren Erfüllung leicht mißbraucht werden konnte, aber bald überzeugte er sich, mit welcher aufrichtigen und ehrlichen Seele er es zu thun habe. Er fragte ihn nach dem, was ein Christ nach den Anforderungen der Kirche wissen soll. Der Knabe sagte sein Vater unser, seinen Glauben und einige kürzere Gebete gut her und beantwortete mehrere Fragen aus dem Evangelium. „Nun," sprach der Abt, „du darfst alle Tage, wenn meine Kühe zur Tränke getrieben werden, kommen und holen, was sie unter dem Barren liegen lassen, und wenn der Bruder Küchenmeister etwas übrig hat, so wird er es dir auch mitgeben für dich und deine Mutter." Dann segnete er den Knaben und entließ ihn. In der Hütte der Wittwe hatte nun die Noth ein Ende, und der Hungertod, der seine Augen auf die zwei Geißen ge richtet hatte, mußte abziehen. Bald kam der warme, freund liche Frühling. Die Wittwe entdeckte wieder eine ergiebige Sandgrube, und ihr Benedikt trieb als gedungener Hirtenjunge die Geißen des Dorfes auf die hohen, lustigen Berge. In die Kost ging er bei den einzelnen Besitzern der Ziegen der Reihe nach. Sein Osterlamm aß er im Kloster, seinen Pfingstkuchen buck ihm die Wirthin, seinen Kirchweihschmaus hielt er in der neuen Mühle, und seinen Namenstag feierte er wieder mit den Benediktinern. An Unterhaltung fehlte es ihm auch auf den einsamen705 Häuptern der Berge nicht. Da lag der damals noch unbe nutzte Kalkschiefer so am Tage, daß es ihm leicht war, Platten davon herauszuheben, und aus ihnen mit einem ganz kleinen Hammer, den ihm noch sein seliger Vater gemacht hatte, regelmäßige Vierecke zu fertigen. Was man unrichtiger Weise Zufall nennt, führte ihn zu einer wichtigen Erfindung. Benedikt legte einmal eine Schiefer platte, wie er sie aus dem Boden gebrochen hatte, über sein Knie, zeichnete mit einer Kohle von seinem Hirtenseuer ein Viereck darauf, und dachte: „Wenn ich 50 solche viereckige Tafeln hätte, dann könnte ich meine ganze Hausflur damit be legen, wo jetzt die Hühner scharren, wenn es draußen regnet." Und wie er so dachte, klopfte er sanft mit seinem Hämmerlein auf dem einen schnurgeraden Kohlenstriche auf und ab, denn er ergötzte sich an dem hellen Klange der Platte. Aber auf einmal wurden die Töne dumpfer, wie bei einer zersprungenen Glocke, und die Tafel sprang gerade in der Richtung des Kohlenstriches mitten entzwei. „Ist es da so gegangen," dachte nun Benedikt, „so kann es aus den übrigen drei Seiten auch noch so gehen," und hämmerte auf dem andern Kohlenstriche eine Weile vorwärts und rückwärts. Sein Schluß war richtig. Nachdem er einige Minuten so fortgemacht hatte, lag eine voll kommen viereckige Platte auf seinen Knieen. Eine zweite ge lang nicht minder und so fort. Früher hatte er schon zur Unterhaltung zwei Schiefertrümmer an einander gerieben, um sie zu poliren, und gesunden, daß er dabei am schnellsten z-u Stande kam, wenn er von dem Sande, mit dem seine Mutter handelte, dazwischen that, und Wasser dazu nahm. Diese seine frühere Erfindung wandte er nun auf seine Pflastersteine an und erhielt so einige sehr schöne Platten. Indessen trieb er dieses Alles als ein bloßes Spielwerk und sagte davon Niemanden etwas, selbst seiner Mutter nicht. Seine schönsten Tafeln verbarg er da und dort und unter einem Busch. Eines Abends aber, als er eingetrieben hatte, und seiner Mutter gegenüber an der Suppenschüssel saß, er zählte sie ihm, daß sie mit Sand in Eichstädt gewesen und dabei dem Bischöfe so nahe gekommen sei, daß sie jedes seiner Worte verstanden habe. „Was sagte er denn?" fragte Benedikt. „Er stand," antwortete die Mutter, „mitten unter den geist lichen Herren in der neuen Kirche, die er hatte bauen lassen, und berathschlagte mit ihnen, mit was für Steinen er den Fuß boden belegen lassen solle. Der eine sagte dieß, und der andere KinLer-'Tm^crsatior^-LkxiKon. 45706 das, bis der hochwürdigste Herr damit endigte, daß er sagte: „Nun auf morgen um die eilfte Stunde haben wir die fremden Steinmetzen herbestellt und wollen die Proben beschauen, die sie von allerlei Sand- und Marmelsteinen bei sich haben; aber wir fürchten, ein solches Pflaster möchte für unsere bischöfliche Kasse zu theuer kommen. Wir werden uns wohl die Backsteine gefallen lassen müssen, die am wohlfeilsten sind." „So, so," versetzte Benedikt, warf seinen hölzernen Lössel in die Tischlade und ging unter das Dach hinauf in seine Schlasstätte. Das Sandweib hatte übrigens den Bischof ganz recht ver standen. Schon bald nach der zehnten Stunde versammelten sich in der neuen Kirche zu Eichstädt, in der nichts mehr fehlte als das Pflaster, etliche Steinmetzen, die der Bischof aus Tirol, aus dem Fichtelgebirge und aus dem Rheingau auf seine Kosten berufen hatte. Die Steinproben trugen ihnen ihre Knechte in kleinen hölzernen Kisten nach und stellten sie neben einander auf eine lange Tafel. Darauf fanden sich nach und nach mehrere Grafen und Herren aus der Nachbarschaft ein, die schon reichlich zu dem Kirchenbau beigesteuert hatten und auch noch bei dem Pflaster ein Uebriges thun wollten. Endlich ^schien auch der Bischof mit aller seiner Geistlichkeit und allen feinen weltlichen Beamten hinter sich. Der Bischof nahm nun die schöngeschliffenen Proben aus dem Kistlein, eine nach der andern, und es war keim darunter, die ihm und seinem Gefolge nicht gefallen hätte. Auch waren zum Theil die kleinen Marmelsteine in den Schubladen so in einandergelegt, weiße und schwarze, gelbe und graue, bunte und einfarbige, daß man im Kleinen sehen konnte, wie herrlich ein Steinpflaster davon im Großen sein würde. Aber als die fremden Steinmetzen nach einander sagten, was der Quadrat-, fuß davon schon an Ort und Stelle koste, und als der Bau meister an den Fingern berechnete, wie viel er brauche, wurde die Miene des Bischofs bedenklich, und sein Schatzmeister schüttelte mit dem Kopfe, und die Grafen und Herren machten große Augen. Alle standen so da und schauten einander schweigend an. In diesem Augenblicke entstand unter dem Portal der Kirche ein Geräusch. Zwei Trabanten des Bischofs wollten einen baarfüßigen Bauernknaben nicht hereinlasfen und hielten ihre Hellebarden vor. Aber der Knabe bückte sich, schlüpfte darunter weg wie eine Henne unter der Gartenthüre und707 drängte sich dann ohne Umstände mitten durch die Versammlung, bis er vor dem Bischöfe stand. Hier küßte er demselben den Saum seines Kleides, nahm seine Kappe Zwischen die Knie, und wickelte dann aus der Schürze, in die sie gepackt waren, drei viereckige, zolldicke Schifferplatten, eine blaßgelbe, eine blaugraue und eine marmorirte. Sie waren noch naß, denn er hatte sie eben erst in den Dombrunnen getaucht; desto mehr aber glänzten die geschliffenen Seiten und zeigten, wie schön die Steine werden mußten, wenn eine kunstgeübte Hand darüber käme. Etwas dabei zu reden, meinte der Knabe, sei nicht nöthig, sondern er schaute nur einem aus der Versammlung nach dem andern in das Gesicht, und wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirne. Als aber der Bischof ansing, ihn zu fragen, antwortete er munter und sagte: „Ich gehöre dem Sandweib in Solenhofen, und die Steine habe ich auf dem Berge hinter dem Kloster gemacht, und wenn ihr noch mehr braucht, so dürft ihr mir nur eure Steinhauer mitgeben, so will ich es ihnen zeigen, wie sie es anfangen müssen." Denn der Knabe war Benedikt, unser Geißhirtlein. Er hatte nach der Abendsuppe, bei der ihm seine Mutter von der neuen Kirche in Eichstädt erzählte, nicht mehr geschlafen, sondern ein Gedanke, der ihm unter der Erzählung in den Kops gefahren war, trieb ihn durch die Hinterthüre hinaus auf den Berg, wo seine Steine lagen, und von da mitten in der Nacht nach Eichstädt, wohin er den Weg genau kannte von seinem Sandhandel her. Seine Mutter erschrack freilich, als sie ihn wecken wollte, und das Nest leer fand. Und sie konnte nicht einmal gehen, ihn zu suchen oder nachzufragen, denn die Geißen waren schon alle aus den Ställen gelassen, und standen meckernd auf der Gasse. Uebel oder wohl mußte sie thun, als wäre ihr Benedikt unpaß. Sie nahm Geißel und Stecken und trieb das Vieh selbst ans den Berg, wo sie den langen, langen Tag unter vergeblichem Warten und Sorgen Zubrachte. Aber als sie Abends hinter der gehörnten Heerde das Dorf hinunter ging, kamen einige Maulthiere herauf, ihr ent gegen, und auf dem ersten saß ihr Benedikt hinter einem Knechte des Fürstbischofes und zwar so munter, daß die Wittwe sogleich sah, es müsse ihm den Tag über nicht schlecht gegangen sein. Und so war es auch. Der Bischof hatte sich sogleich für die Pflastersteine des Sandbuben entschieden, und die fremden Steinmetzen wieder in ihre Heimath entlassen, den Knaben aber 45 *708 mit sich in sein Haus genommen, gespeist und versichert, daß er für ihn undseine Mutter sorgen wolle. Dann hatte er ihn durch einige seiner Knechte heimgeleiten lassen, damit seine Mutter bald erfahre, wie es mit ihm stehe. Der Bischof hielt Wort. Nachdem Benedikt bei einem Meister Steinmetz in Eichstädt in der Lehre gewesen war, ließ er sich in Solenhofen nieder und hatte fortwährend so viele Bestellungen, daß es ihm und seiner Mutter nie mehr am täglichen Brode gebrach. So wurde der Solenhofer Schiefer gefunden. Sommer. Es wird mir so warm, saget ihr, wenn der Sommer da ist. — Kinder, werdet darüber nicht böse, sondern bedenket, der Sommer, der im Juni anfängt und im Septem ber aufhört, macht die schönsten Früchte reis, er bringt euch auch Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren und anderes Obst und noch so viel, daß ich's nicht auf einmal sagen kann. — O, der Sommer ist euch und allen Menschen sehr willkommen, denn: Der Fühling sagt uns gute Nacht: er hat sein schönes Werk vollbracht. — Es kann wohl ruhen wohlgemuth, wer so, wie er, viel Gutes thut. Nun kömmt am Himmelsbogen der Sommer hergezogen. Der Sommer hat die Hände voll von Allem, was uns nähren soll: Der Frühling hat's ihm ausgesucht. Der Sommer macht aus Blüthen Frucht Und spricht: „Gut muß es blühen, wenn ihr wollt Früchte ziehen." Der Sommer redet wahr und recht: „Ein schlechtes Bäumchen blüht auch schlecht; und schlechte Blüthe treibet Frucht, die Niemand liebet, Niemand sucht. So soll das Kind auch trachten, Daß man es könne achten." — Sonne. Die Sonne, liebe Kinder, ist ein Stern, der mit allen den zahllosen Sternen in dem unermeßlich großen, blauen Gewölbe schwebet, welches wir bei Hellem Tage über uns sehen. Die Sonne und alle diese Sterne sind von Gottes Allmacht gehalten, und bewegen sich nach den Gesetzen, die709 Gottes Weisheit festsetzte. Die Sonne ist weit über eine Million mal größer, als unsere Erde, und diese hat doch schon 5400 Meilen im Umfange. Aus der Sonne könnten 1,448,000 solche Kugeln gebildet werden, wie unsere Erde ist. Daß sie uns nur so klein vorkommt, ist eine Folge ihrer großen Ent fernung, welche über 20 Millionen Meilen beträgt. Mit welch einer Schnelligkeit fliegt eine Kanonenkugel! Dennoch würde sie bei aller dieser Schnelligkeit 25 Jahre fliegen müssen, um t) 0 it der Sonne aus die Erde zu kommen. — Kinder, das ist er staunlich ! O wie groß ist unser Gott! Meine Kinder, blicket voll Dank zum Schöpfer der Welt, und auch der Sonne auf und denket daran, daß es dieselbe Sonne ist, welche vor Jahr tausenden Licht und Wärme spendete, die noch heute uns er freut, und so zur Königin der Welt wird, die unser dunkles Erdenrund freundlich erhellt. — Ehe wir die Sonne verlassen, so blicket noch einmal mit mir Zu ihr hinauf: O, seht auf ihrer Himmelsbahn Die schöne, gold'ne Sonne an! Warum so frühe steigt sie schon Von ihrem hellen Morgenthron? Sie sendet Licht und Wärme her Ans ihrem hellen Feuermeer, Und wird nicht müde, wird nicht matt, Bis ihre Wohlthat Jeder hat. Sie machte, daß der Frühling kam; Und als der holde Abschied nahm, Da ließ sie uns nicht freudenleer: Sie führte uns den Sommer her. So ist sie täglich früh erwacht, Und wandelt still in hoher Pracht, Und schafft und wirket immerfort Am blauen Himmelsbogen dort. Und wenn man Abends danken will Kein Augenblickchen steht sie still; — — Sie steigt hinab in's Abendlicht, Sieht höchstens nochmal um und spricht: Ihr Kinder, wohl euch! Gute Nacht, Wenn ihr viel Gutes habt vollbracht!710 Und wohl, wenn euch von jener Höh' Ich morgen wieder fleißig seh'!" Und hier, Kinder! geb' ich euch noch etwas zum Auflösen: Wer ist die gute Frau Mama? Mit frühstem Morgen ist sie da, und schaut dem Kindlein in's Gesicht: Grüß Gott, lieb' Kindlein! kennst mich nicht? Das Kindlein will sie grüßen froh, Und lüpft sein Hütlein leicht von Stroh; Doch Mama spricht: Du armer Tropf, Gleich fetz' dein Hütlein auf den Kopf. Du schaust dir sonst die Aeuglein blind; Doch Eins versprech' ich dir, mein Kind! Werd' Abends ich zu Bette geh'n, Darfst du mir frisch in's Auge seh'n. Dann geb' ich dir noch einen Kuß. Wie schön sich das begegnen muß, Wenn von dem Kuß aus meinem Mund Sich röthet deiner Bäcklein Rund! Noch ein's! — Ich komm' hervor Durch goldnes Thor, Und vor mir sind zu schauen Zwei ernste stille Frauen. Die Eine im graulichen Kleide Die And're im Purpurgeschmeide; Doch tret' ich auf die Bühn', Sind sie schon längst dahin; Und wenn ich von Euch scheide, Dann kommen wieder Beide — Die purpurne voraus, Dann die im grauen Flaus. Nun denke nach, wer dieses ist, und was für Frauen die wohl sind, die ihr vorangehen, und dann wieder nachziehen. Wenn du's gar nicht errathen kannst, will ich dir's sagen. Es ist die Sonne. Du hast gewiß schon gesehen, wie sie her aufkömmt in Ost, mit einem Glanze, den unser Auge nicht711 schauen kann, und welch Goldschimmer sie umgibt. Und wenn du deine Augen ein bischen vor Tag ausgemacht hast, so könntest du auch gesehen haben, wie der Himmel vor Ankunft der Sonne blutrotst geworden ist. Bist du etwa gar einmal im Sommer mit den Vögelein schon aufgewacht und hast dein Köpsteiu gen Ost hinausgewendet, so könntest du gesehen haben, wie der Himmel dorthin schon hübsch grau und immer heller und röthlicher grau geworden ist, wo die S o n n e herkömmt. Nun, dieses Gramverden nennt man Dämmerung und das Rothwerden die Morgenröthe, und das sind die beiden Frauen, die der Sonne vorausgehen und die auch ihr wieder Nachfolgen, wenn sie fortgeht. Jetzt wirst du das räthselhafte Derschen oben wohl verstehen und wartest nur mehr, daß ich dir eine hübsche Beschreibung von der Sonne mache. Aber da geht mir's schwer. Ich weiß ilicht viel mehr von ihr zu sagen, als du selbst siehst. Die Sonne ist ein großes, großes Licht, das man nicht anschauen kann. Sie macht auch hübsch warm, das suhlt jeder Mensch, der an ihre Strahlen kömmt, jedes Thier, jedes Pflänz chen. Nun haben die gelehrten Herren sie wohl auch mit großen Sehrohren angeschaut und etwas mehr an ihr gefunden als wir. Sie haben gefunden, daß sie auch Flecken hat, die etwa so ausschauen, wie kleine Tintenkleckse, die du auf feines Papier machst. So hat doch Alles in der großen, weiten Welt seine Fehler und Mängel, kannst du denken und selbst die hell leuchtende Sonne hat Flecken. Aber diese Flecken siehst du nicht, mein Kind, und sollst auch weiter nicht darnach suchen, sowie du nicht die Fehler anderer Menschen aufzusuchen hast. Trotz ihrer Flecken beleuchtet die Sonne einen unermeßlichen Weltraum. Nicht nur, daß sie Millionen von Menschen vom Schlafe erweckt und ihnen den Tag bringt, sie sendet ihre Strahlen auch hinaus, in die unermeßlichen Räume, in denen unzählige Körper schweben, die noch viel größer sind, als unsere Erde. Sie erleuchtet diese so gut, wie sie unsere Erde erleuchtet, und wir wüßten wohl von ihnen gar nichts, wenn nicht der Sonnenglanz aus ihnen wiederstrahlen würde. Was die Sonne aber selbst ist, ob ein feuriger Körper, ob ein Sammelpunkt von Flammen oder was immer, — das wissen wir nicht. Die gelehrten Herren meinen wohl, es zu wissen, aber ich glaub' ihnen nicht recht, denn der Eine sagt so, der Andere so. Die Alten (Griechen und Römer) waren bald fertig. Die machten aus der Sonne einen Gott und712 nannten ihn Helios oder Sol. Sie machten sich von ihm ein Bild nnd stellten ihn vor als einen Jüngling, dessen Haupt mit Strahlen umgeben mar. Auf einem feurigen Wagen fuhr er einher und vier frische Rosse, von denen jedes einen andern Namen hatte, zogen diesen. Ihm voraus zog die Eos oder Aurora, die wir Morgenröthe nennen. Diese stellten sich die Alten vor als jugendliches Frauenzimmer. Mit ihren Rosensingern nimmt sie den Schleier der Nacht hinweg. In der einen Hand trägt sie eine Fackel. In ihrer Nähe schwebt Lneiser (zu deutsch Lichtträger), den wir gewöhnlich Morgen stern — und wenn wir ihn Abends sehen — Abendstern nennen. So steigt sie empor aus dem grauen Meere in gol denem Wagen, und von geflügelten Pferden gezogen. Es ist dieß wahrlich ein wunderschönes Bild, das sich die guten Alten von der Sonne und ihrer Begleitung gemacht haben. Nur Schade, daß sie den nicht gekannt haben, der die Sonne erschaffen. Gewiß, sie würden daun nicht das Geschöpf mit dem Schöpfer verwechselt haben. Auch wir halten viel aus die Sonne, weil sie gar so schön ist und so unendlich viele Wohlthaten uns erweis't, ohne die wir gar nicht leben könnten. Aber für einen Gott halten wir sie deßhalb doch nicht. Jndeß geben wir ihr gar viele Namen und Titel, auf die sie wohl stolz sein könnte. Wir nennen sie etwa: Das Auge der Welt. Die Fröhlichkeit und Lieblichkeit des Tages. Die Zier und Schönheit des Himmels. Das Maaß der Zeiten. Die Kraft aller wechselnden Dinge. Die Zierde und Vollkommenheit der Sonne. Den König und Herrn der Planeten. Den Feind und Besieger der Finsterniß. Den Maler des Weltalls. Die Lust und Wonne der Menschen. Den Vater und Ernährer aller lebenden Wesen. Das Sinnbild der göttlichen Majestät. Und so könnten wir an gar kein Ende kommen, wollten wir all die Titel und Lobsprüche herzählen, welche die Dichter aller Zeiten der herrlichen Sonne gegeben haben. Nun könnt' ich von der Sonne doch noch etwas sagen, was die Herren Astronomen (d. i. Sternkenner) ausstudirt713 haben, nämlich ihre Größe, ihre Entfernung von uns und von den übrigen Planeten; allein da müßt ich Zahlen schreiben, für die wir Menschen keinen Sinn haben, die wir also gar nicht begreifen und fassen können. Wenn wir zur Sonne flie gen wollten und könnten, und flögen mit der Geschwindigkeit einer abgeschossenen Kanonenkugel, so müßten wir wohl 26 Jahre aus der Luflreise sein, bis wir dort als Gast ankämen. Welch' unbegreiflicher Raum! So ist cs auch mit ihrer Größe, ihrem Durchmesser und Umfang. Sonnenblume. Welchem Kinde wäre diese schöne Blume unbekannt? Sie ist eine Zierde unserer Gärten, und erfreut vom Juli bis zum September durch ihre prächtigen Blumen Jung und Alt. Auch bedarf sie nicht eben der größten Pflege, nimmt mit einem bescheidenen Plätzchen auf dem Garten beete , an den Wegen, um Lauben, an Zäunen und Mauern vorlieb, wenn nur der warme Strahl der Sonne ihr nicht fehlt, dem sie sich gerne zuwendet. Die Zierden dieses schönen Gewächses sind die mit hellgelber Farbe strahlenden, der Sonne vergleichbaren Blumen. Sie erreichen oft eine bedeutende Größe, sind etwas überbogen, und werden von vielen, wie die Ziegel eines Daches übereinanderliegenden Blättern, die man Kelch nennt, getragen. Jede Blume besteht aus sehr vielen kleinern. Die am Rande stehenden bandförmige:: Blätter heißen Strahlen blümchen; die in der Mitte sich besindenden, röhrenförmig ge stalteten nennt man Scheibenblümchen. Nachdem die Blumen eine Zeit lang durch ihre schöne Gestalt unser Auge erfreut haben, welken die Strahlenblümchen, die Scheibenblümchen fallen ab, und es zeigen sich in der Scheibe die aschgrauen Samen, welche in Schuppen stecken und nach erlangter Reife beim Pressen ein schönes, wohlschmeckendes Oel liefern. Von einer Sonnenblume erzählt Christoph von Schund: Dein strahlend Antlitz kehrest Du stets der Sonne zu; Was du damit mich lehrest, Sprich, hohe Blume, du! „Gott ist des Geistes Sonne. Der Freudenquell ist Er! Von Ihm kommt Licht und Wonne Und alles Gute her. Drum, ihr Kinder, lenket714 Zu Gott des Geistes Bück; O dann, ihr Lieben schenket Er Segen euch und Glück." Sonnen- und MondsMfkerniß. Etwas Merk würdiges, das schon manche Leute umsonst erschreckt hat, ist es, wenn Sonne und Mond den Schein verlieren. Wenn nämlich der Mond auf seinem Laufe sich gerade zwischen die Sonne und Erde stellt, als gönne er uns das liebe Sonnenlicht nicht oder wolle sich einmal einen Spaß mit uns machen: so sehen wir am Hellen, lichten Tage ein Stück von der Sonne gar nicht; dann spricht man: es ist eine Sonnen finsterniß. Aber die Erde macht es mit der Sonne auch nicht besser; manchmal stellt sie sich gerade zwischen den Mond und die Sonne; dann sehen die Leute auf dem Monde auch am Hellen Tage keine Spur mehr, und wir sehen es deutlich, wie es auf dem Monde finster wird. Das nennen wir eine Mond ssinsterni ß. Es gibt kluge Leute, die auf's Härchen berechnen können, wann die Sonne finster aufgehen und der Mond dunkel scheinen wird. Sorrnen-M^krsfkop. Manche von euch haben schon ein Sonnen-Mikroskop gesehen; manche andere, und vielleicht der größere Theil meiner Leser, kennen es noch nicht; ich muß ihnen also kurz sagen, wie es eingerichtet ist. Es besteht aus mehren kleinen, geschliffenen Gläsern, und wird an einem Fenster angebracht, wo die Sonne herscheint. Man läßt aber ihren Strahl bloß durch das Mikroskop hinein; alle übrigen Zugänge sind dem Sonnenlichte durch schwarze Vor hänge verwehrt. Der Sonnenstrahl fällt auf eine gegenüber stehende weiße Wand (gewöhnlich von Papier), die etwa 3 Meter breit und hoch ist. Diese wird ganz erleuchtet, und stellt nun die kleinen Gegenstände, welche in das Mikroskop gebracht werden, vergrößert dar, ungefähr wie ein Schattenspiel. Von der Stärke der Vergrößerung könnet ihr euch eine Vor stellung machen, wenn ich sage, daß das vergrößerte Bild eines Wassertropfens mit seinen Einwohnern auf dieser Wand nicht Platz genug hat, daß z. B. bloß die Wurzel eines ausge zogen Kopf- oder Barthaars 1 — V/, Meter lang erscheint. Nach diesem Verhältniß würde sich ein ganzes Haar ungefähr darstellen wie eine lange schlanke Birke, und ein Frauenzimmer haar wie jene 1—200 Meter langen Bambusstäbe in Süd amerika, welche aber freilich selbst am untern Ende nicht dickersind als 2 Centimeter. Könnte man einen ganzen Kindskopf unter das Mikroskop bringen, was aber freilich, wie leicht zu begreifen, nicht möglich ist, so würde er uns als ein großer Berg erscheinen. Die Kopfhaare wären ein ansehnlicher Wald, die Augenbraunen langgestreckte Dorngebüsche, die Angen große Binnenseen, die Nase ein steil abfallender Hügel mit zwei tiefen und weiten Höhlen, der Mund ein gewaltiger Abgrund, und die kleinsten Erhöhungen ans der Haut würden als große Hünengräber *) erscheinen. Es gibt mehrere Arten non Raupen, welche unter dem Mikroskop am Kopf, Rücken und Schwanz die schönsten Pfauenfedern zeigen. Man betrachte ein Rosenblatt oder ein anderes Blumenblatt, und man wird in seinen Adern und Rippen eine Menge kleiner Werkzeuge finden, welche die Dienste von Stahlfedern versehen, und dem Blatt seine Elasticität geben. Man reiße ein Stückchen von dem Blumenblatt eines großblüthigen Pelargonium, und betrachte es im Sonnen- Mikroskop: man wird erstaunen über die wunderbare Einrichtung desselben, über die Blattzellen und Poren, über herrliche Farbenmischung. Man wird den Pflanzensaft im allen Farben, gleich einem Bache, durch die Adern des verwundeten Blattes fließen, sich sammeln und gegenseitig anziehen sehen. Man wird zwischen den Haaren des Kelchs eine Pstanze wachsen sehen, die Früchte trägt wie die Ananas. Wenn wir aber schon an den Erzeugnissen der Pflanzen welt den großen Reichthum und die manchfache Schönheit neuer Schöpfungen bewundern, welche dem bloßen Auge ver borgen bleiben, so ist dieß noch viel mehr der Fall bei der großen Anzahl bisher unbekannter Thiere, mit welchen uns das Sonnen-Mikroskop bekannt macht. Aus allen Seiten, oft da, wo man am wenigsten daran denkt, zeigt uns das Mikroskop eine solche Menge belebter Wesen, eine solche reiche Mannigfaltigkeit organischer Bildungen und Bewegungen, daß einem dabei fast ein wenig unheimlich wird, wenn man einen Augenblick vergißt, wie ja deßwegen doch alles bleibe, wie zuvor, nur daß das Auge einen andern Maßstab bekommt. Sorge der Vögel für ihre Jungen. Lieber Adal bert! Daß die Vögel keine lebendigen Jungen zur Welt ‘) Das Hünengrab, altheidnischeö Heldengrab, der Hünenhügel.716 bringen, sondern Eier legen, und dieselben ausbrüten, weißt Du, und daß die meisten Vögel Nester bauen, ist Dir eben- salls bekannt. Ueber den Nestbau der Vögel hast Du im Kinder-Lexikon wahrscheinlich schon ein Näheres gelesen, daher kann ich ungehindert weiter erzählen. Wenn das Nest gemacht ist und die Eier gelegt sind, setzt sich gewöhnlich das Weibchen darauf und brütet. Denn sollen junge Vögelein ansschlüpfen, so müssen die Eier immer gleich warm gehalten werden. Die Wärme ist also beim Brüten die Hauptsache. Daher kann man Hühnereier auch in einem Ofen ansbrüten, in dem immer eine gleiche Wärme ist. Wie sehen aber die Vögelein aus, wenn sie aus den Eiern kriechen? Viele von ihnen haben zwar schon alle Glie der, aber sie sind erst mit einem grauen Flaum bedeckt, kön nen weder stehen, noch gehen, noch fliegen, sondern nur ihre gelben Schnäbelein anfsperren und zwitschern. Man nennt sie deßhalb Nesthocker. Ganz anders ist das bei den Gänsen, Enten und Hühnern. Diese sind zwar auch mit einem gelben Flaum bedeckt, wenn sie aus dem Ei schlüpfen, aber sie können sogleich laufen, schwimmen und fressen. Jedoch wie kommt das Junge aus der harten Eierschale heraus? Dafür hat der Schöpfer weislich gesorgt. Sobald es ganz ansgebildet ist, hat es ans dem äußersten Ende des Schnabels ein hartes Schüppchen mit einer scharfen Spitze. Damit ritzt es die Schale auf und zerbricht sie dann vollends. Gleich nach dem Ausschlüpsen kann man dieses spitzige Schüppchen noch sehen, später fällt es ab. Sind die Jungen ausgekrochen, so werden die Nesthocker von den Alten geätzt bis sie stügge sind. Und auch wenn sie das Nest verlassen haben, tragen ihnen die Alten noch Fnttter im Schnabel herbei, wobei Du Dir merken kannst, daß viele Vögel, insbesondere diejenigen, welche von harten Samen leben, ihre Jungen aus dem Kropfe ätzen. Sie verschlucken die harten Samenkerne, lassen sie im Kropf weichen, würgen sie dann wieder herauf, und ätzen damit ihre Jungen. So machen es z. B. die Tauben. Auch viele große Vögel, z. B. die Störche, verschlucken die Speise, welche sie in ihr Nest tragen wollen, und würgen sie, wenn sie nach Hause kommen, ihren Jungen vor. Ein Beispiel, wie die Vögel ihre Jungen sorgfältig warten und pflegen, kannst Du besonders am Haushuhn sehen. Die Jungen der Henne nennt man Küchlein. Sobald die717 Küchlein aus den Eiern gekrochen sind, versammelt die Mutter ihre ganze Schaar um sich, ruft sie mit einem eigenen Lock ton, und führt sie an einen Ort, wo es etwas zu fressen gibt,, etwa auf einen Misthaufen. Da fängt sie an mit beiden Füßen zu scharren, während sich die Küchlein um sie herum drängen und mit Begier nach den Körnlein oder Würmlein Haschen, welche zum Vorscheine kommen. Jedes Küchlein kennt den Lockton der Mutter genau, fo wie hinwiederum die Mutter die Stimme der Küchlein kennt. Hat sich ein Küch lein verlaufen, so schreit es ängstlich, und die Mutter lockt und sucht ängstlich, bis beide wieder beisammen sind, dann geht es friedlich weiter. Kommt aber ein Hund oder ein anderes Thier den Küchlein zu nahe, so sträubt die sonst so furchtsame Henne ihre Federn, geht wüthend ans ihn los, beißt und haut nach ihm mit Schnabel und Krallen. Am größten wird aber ihre Sorge, wenn sie hoch in der Luft den Habicht erblickt. Da verdoppelt sie ihre Lockstimme und eilt mit den Küchlein an einen sichern Ort. Doch wird ihr gar oft eines von diesem Räuber entrissen. Kommt nun der Abend, so breitet sie ihr Gefieder aus, und sammelt die ganze Schaar unter ihre Flügel. Eines nach dem andern schlüpft hinunter, bis sie alle unter den Flügeln der Mutter einen sichern und warmen Platz gefunden haben. Das sieht Jedermann gerne und freut sich darüber, und Du weißt ja, daß die Henne mit ihren Küchlein ein Bild jener sorgenden und bewahrenden Liebe ist, welche Dich und alle Menschen unter die Flügel ihrer Barmherzigkeit versam meln möchte, wie eine Henne ihre Küchlein. Lieber Adalbert, folge ihrer süßen Lockstimme, so wird es Dir ewig wohl sein. Lebe wohl! Spechte. Die Spechte sind Vögel und leben von Wür mern, welche unter der Rinde, oder im Holz und im Mark der Bäume sitzen. Zum Aufsuchen dieser Würmer hat sie der Schöpfer mit verschiedenen Werkzeugen ausgerüstet. Damit sie geschickt an den Stämmen der Bäuine hinaufklettern können, so hat er ihnen Kletterfüße gegeben. Das sind Füße, an denen zwei Zehen vorwärts und zwei rückwärts stehen. Dazu sind die Federn des Schwanzes fester als bei andern Vögeln, damit sich der Specht beim Klettern daraus stützen kann. Wie sollen aber die Spechte zu den Würmern kommen, die im Holz und dem Mark der Bäume sitzen? Dazu habekr718 sie zwei andere Werkzeuge. Wenn sie untersuchen wollen, ob in einem Baume Würmer sitzen, so klopfen sie mit ihrem Schnabel an das Holz, wie du mit dem Finger an eine Thüre klopfst. Gibt das Holz einen hohlen Klang, so sehen sie daraus, daß es von Würmern angefressen ist. Sogleich hacken sie ein Loch bis dahin, wo die Würmer sitzen. Damit sie dieses leichter können, ist ihr gerader, scharfer Schnabel vorn wie ein Keil zugespitzt. Aber wie ziehen sie nun die Würmer aus den Löchern heraus, ohne daß sie dieselben zerdrücken? Dazu haben sie ein besonderes künstliches Werkzeug. Ihre Zunge gleicht einem langen, dünnen Regenwurm, ist mit einem klebrigen Saft, wie mit einem Leim überzogen, und hat eine harte, mit kleinen Häckchen besetzte Spitze. Der Specht kann sie weit hervor schnellen und wieder zurück ziehen. Kann er nun den Wurm nicht so bekommen, so schnellt er seine klebrige Zunge in das Loch, packt ihn mit der Spitze und zieht ihn langsam heraus. Außerdem leben die Spechte auch von Nüssen, Eicheln, Bucheckern, Kirschkernen und den Samen der Tannenzapfen. Wollen sie ein Nüßlein fressen, so beißen sie es nicht auf, son dern sie klemmen es in den Spalt eines Baumes und hämmern nun mit ihrem Schnabel wie mit einer Hacke darauf los, bis die Schale aufspringt. Es gibt mehrere Spechtarten. Der größte ist der Schwarz specht. Er ist ganz schwarz und hat nur ein rothes Käpplein auf dem Kopf. Mit seinem starken Schnabel zimmert er selbst sein Haus für sich und seine Jungen in faule Bäume Er schreit glüük, glüük. Kleiner ist der Grün- und der Grauspecht, welche im Wald gar oft ein helles kliklikliklüklü hören lassen, Noch kleiner sind die Buntspechte. Alle Spechte fliegen unten an die Bäume hin und klettern bis an die Spitze hinauf. Haben sie keine Würmer gefunden, so fliegen sie zu einem andern Baum und untersuchen ihn ebenso. Wenn man einen solchen Specht an einem Baume sieht, so klet tert er geschwind auf die andere Seite und versteckt sich. Geht man ihm nach, so klettert er immer um den Baum herum, so daß man ihn nicht sehen kann. Nur zuweilen streckt er seinen Kopf hervor. Dabei schreit er ei, ei, ei, ei, und lacht einen aus. Man nennt diese Vögel auch Zimmervögel, weil sie sich die Löcher zu ihren Nestern selbst Zimmern.719 Sperling ober Spatz ist derjenige unverschämte Dieb (Vogel wollte 'ich sagen), der Sommer und Winter bei uns wohnt, und in den Gärten und Häusern alles zer hackt und auffrißt, was er erwischen kann. Er baut sein Nest unter das Dach, oder sonst in ein Loch, zieht alle Jahr 4—5 Junge auf, und schreit uns den ganzen Tag sein ein fältiges „sperk, sperk" vor. Die Sperlinge nützen viel, weil sie Käfer, Raupen und Heuschrecken und viel anderes Unge ziefer wegfressen. Sie schaden aber auch viel, weil sie in den Gärten fast alles zerhacken und manche Frucht ganz auf zehren. Indessen thut man ihnen doch kein Leid und gibt ihnen gern Körnchen und Brosamen vor das Fenster. Die Sperlinge sind ja auch Geschöpfe Gottes und von ihnen heißt es: nicht einer fällt ohne den Willen des himmlischen Vaters vom Dache. Auch kann man vom. Spätzchen anmuthige Ge- schichtchen erzählen, wie z. B. folgendes: Horch, mein Schätzchen, wiedas Spätzchen vor dem Fenster bittelt und bettelt. Guten Morgen, ihr fleißigen Mädlein! Habt ihr gesprochen euer Gebetlein, So gebt auch einem armen Schlucker Etwas von eurem Kaffee und Zucker! Guten Tag, ihr fleißigen Mädlein! Die ihr drillt und drollt euer Rädlein! Es sitzt vor dem Fenster ein alter und ein junger Spatz, die haben einen großen Hunger. Grüß' euch Gott, ihr fleißigen Mädlein, Guten Appetit zu eurem Brätlein, Wir wollen euch nur kürzlich ansagen: Wir haben auch einen leeren Magen. Guten Tag, ihr fleißigen Mädlein, Ei, wie hispelt und haspelt ihr euer Fäd'lein! Wir haben wohl einen braunen Kittel, Aber zum Schnippen und Schnäppchen kein Mittel. Guten Abend, ihr fleißigen Mädlein! Ei, wie nädelt und fädelt ihr euer Näthlein, Macht nur ein warmes Röcklein und ein Söcklein, Und gebt mir ein gutes übriges Bröcklein.i 720 Gute Nacht, ihr fleißigen Mädlein! Es düstert im Städtlein, schließt euer Lädlein, Und schlaft und schlummert, und träumt bis morgen, Dann könnt ihr wieder auf's Spätzlein horchen. Und mit den Knaben diskurirte ein Sperling so: Sperling: „Knabe mit den Wangen roth, Schenk' mir doch ein Stückchen Brod, Will's für meine Jungen haben, Sie im Nest damit zu laben. Knabe, Knabe, gut und lieb, Gib von deinem Brode gib!" Knabe: „Schmeckt mir freilich selber gut, Doch der Hunger wehe thut, Und es hat ja mit den Armen Auch der liebe Gott Erbarmen. Darum, liebes Vögelein, Will auch ich mitleidig sein, Will hier Krümchen streuen aus, Magst sie tragen schnell nach Haus! — Zum Schlüsse hier noch ein Geschichtchen von den Sper lingen: Heda, dort gibt's wohl Schlägerei? Ruft nur schnell die Polizei herbei! O nein, nur Spatzen schreien so Hier auf den Büscheln Roggenstroh. Ei, ei, könnt ihr euch nicht vertragen, Müßt ihr euch packen gleich am Kragen? O laßt das Zanken, Beißen, Kratzen, Bedenkt, ihr seid ja alle Spatzen. Doch einer gönnt dem andern nicht Das Korn, das ihm in's Auge sticht. Da kam der Knecht mit seiner Gabel, Nahm's Stroh hinweg vor ihrem Schnabel, Und hätten sie sich nicht verkrochen Und wären sie nicht fortgeflogen, Hätt' er sie noch mit angestochen. Nun klagten sie sich an gar sehr, Denn ringsum war der Hof ganz leer,721 Und mühsam ans dem Pferdemist Ein jeder sich ein Körnlein lies't. Und wär's ein Haufen Korn gewesen Der Zank, der ließ sie doch nicht fressen! — Doch werden nun die Spatzen klug? O nein, der Neid hat nie genug. Spiegel. Ihr habt, liebe Kinderchen, euer Bild ge wiß schon hundert Mal in dem Spiegel gesehen und wißt viel leicht auch schon, daß das Spiegelglas auf den Glashütteil aus reinem Kiessand, Pottasche und einem Zusatz von Braun stein bereitet wird. Man macht alles in einem heftigen Feuer flüssig und gießt es in Tafeln, die man an ben Spiegelfabri kanten verkauft. Dieser läßt sie auf seiner Schleifmühle voll kommen gleich abfchleifen, poliren und mit Zinil und Quecksilber belegen. So ist nun die Glastafel in einen reinen Spiegel verwandelt, dem nur noch der Rahmen fehlt, welchen der Tisch ler dazu verfertiget. — Die kleinen Spiegel sind wohlfeil, die großen aber sehr theuer, weil sie ungleich mehr Mühe und Kunst erfordern, als jene, und viele unter der Arbeit zerbrechen. — Die besten Spiegel für die Kinder sind solche, die ihnen die Tugend, Beispiele edler Menschen, zeigen. In ihnen können sie sehen, was sie noch nicht sind, so wie, was sie einst werden sollen. O daß sie, die Kinder, länger und öfter vor solch einem Spiegel stehen möchten! Sie würden einen Fehler nach dem andern ablegen, sich eine Tugend nach der andern aneignen. Vor diesen Spiegeln würden sie sich kennen lernen, sie würden sich bei mancherlei Vorkommenheiten im Leben prüfen, sie wür den sich, was der Hauptgewinn bliebe, bessern! Auch, liebe Kinder! ist für euch recht passend folgendes Spiegelbild: Fritz. Du Knab' im Spiegel dort so klein, ich rathe, laß das Drohen sein! Wag' nicht die Händ' emporzuheben, als wolltest du mir Schläge geben! Den Augenblick sieh freundlich aus, Sonst jag' ich dich aus dem.Spiegel hinaus! Mutter: Was schiltst du doch den kleinen Mann? Mit gutem Beispiel geh' voran, so wird er freundlich sein und ruh'n, und gern nach deinem Willen thun'. Reich' ihm die Hand! ich steh' dafür, er beut sogleich die seine dir. Kiudcr-kontzorsations -Lexikon. 46722 Das Kind befolgte der Mutter Wort, da war der schmollende Knabe fort. Statt seiner reichte ihm galant ein lächelnder Knabe die Freundeshand. Da lachte Fritz und sprach vergnügt: Nun Hab' ich den kleinen Murrkopf besiegt! Von heut' an geh' ich Jedermann mit gleichem, gutem Beispiel voran! Spiele der Kleinen. Spielen, Kinder! nicht wahr, das ist euch das Liebste? Ja, Kinder, spielen ist schon recht, wenn man zuvor fleißig gearbeitet hat; wenn z. B. in der Schule fleißig gelernt und aufgemerkt wurde, dann sind Spiele auch nothwendig. Denn bei geeigneten, gewählten Spielen, erholen und unterhalten sich die Kinder recht gut. <— Was für Spiele meine ich denn? — O, wahrscheinlich das Klucker- und das Ballspiel! — Nun, die sind mir auch recht, wenn nur nicht gar so arg gelärmt und gezankt wird dabei. Ich renne aber noch ganz andere Spiele, die neben der Unterhaltung auch Belehrung verschaffen, die, wenn auch die Abende, wie im Winter, lang und kalt zu werden anfangen, dennoch euch nach sorgsamer und fleißiger Vollbringung eueres Tagewerks, ange nehm unterhalten werden. Nur aber meine ich nicht Spiele mit Karten oder Würfeln, denn diese Spiele mag ich für Kinder nicht leiden. Ich will euch einige Spiele hier auf zeichnen, wie ich meine, daß Kinder spielen sollen: 1. Das Bandspiel. Jedes in der Gesellschaft hält in seiner rechten Hand das Ende eines zwei Meterlangen Bandes; alle übrigen Enden sind in der Hand etwa des größten Knaben vereinigt. Wenn nun dieser sagt: „Zieht an!" so muß man loslassen, so daß das Band schlaff wird; sagt er aber: „Laßt los!" so muß man anziehen. Wer es versieht, muß ein Pfand geben. 2. Alles, was Federn hat fliegt. Jedes aus der Gesellschaft legt den Zeigefinger der rechten Hand auf den Tisch. Einer dirigirt das Spiel, und indem er den Finger in die Höhe hebt, sagt er, Alles, was Federn hat, fliegt! Alle heben den Finger zugleich mit aus. Dann nennt er verschiedene Vögel, z. B. Sperlinge fliegen, Hühner fliegen, Gänse, Adler, Störche u. s. w. fliegen, wobei er jedes mal den Finger hebt. Wer von der Gesellschaft ihn nicht mit723 hebt, oder es zu spät thut, gibt ein Pfand. Nennt er aber ein vierfüßiges, oder ein Thier, das nicht fliegt, und der Eine oder der Andere hebt den Finger in die Höhe, so muß er ein Pfand geben. Der Direktor des Spiels aber hebt — um die andern in Strafe zu bringen — allemal feinen Finger in die Höhe, er mag ein Thier nennen, was er will, und es mag fliegen oder nicht. Er kann auch jedes leblose Ding nennen. 3. Burr. Die Spielenden setzen sich in einen Kreis oder um den Tisch herum, und einer sängt bei 1 an laut zu zählen; der Folgende zählt 2, der Nächste 3 u. s. w. Keiner darf aber die Zahl 7, die Zahlen, welch^ein Vielfaches von 7 sind und die Zahlen, worin 7 vorkommt, aussprechen. Jeder, der eine solche Zahl anzugeben hätte, sagt dafür: „Burr." Wer fehlt, muß ein Pfand geben und aufls Neue bei 1 an fangen. Die Zahlen, für welche man „Burr" sagen muß, sind also: 7, t4, 17, 21, 27, 28, 35, 37, 42, 47 u. s. w. 4. Menagerie- oder Thierconccrt. Einer ist Thierwärter, die andern erhalten jeder den Na men eines Thieres, dessen Stimme nachgeahmt werden muß. Nun ruft der Thierwärter, der einen Plumpsack in den Händen führt, den Namen eines Thieres. Dieses steht auf und antwor tet mit seiner natürlichen Stimme: Der Hahn z. B. kräht, die Henne gackert, der Hund bellt sein Wau, Wau, der Löwe brüllt sein schreckenvolles Rhu, das Kätzchen schreit ihr Miau, der Zeisig pfeift, das Schaf blöckt u. s. w. Wer dieß nicht thut, bekommt einen Schlag mit dem Plumpsack oder gibt ein Pfand. „Ich bringe euch euer Futter, ihr Thiere insgesammt," so stehen alle auf, und jedes meldet sich mit seiner Stimme. 5 Das Wort-Rathen. Einer geht aus dem Zimmer und unterdessen wählen die Uebrigen ein Wort. Sobald man darüber einig ist, wird ge pocht, er tritt ein und richtet nun an ein Mitglied irgend eine Frage. Das bestimmte Wort muß nun in der Antwort Vor kommen und der Frager rathen, was es sei. Trifft er's, so geht jene Person hinaus, die geantwortet; wo nicht, so fragt er bei einer andern rc. Erräth ecks nicht, so muß er selbst wieder hinaus und die Gesellschaft wählt ein anderes Wort. 46 *724 6. Das A B C-Spiel. Jeder muß drei Wörter nennen, die mit gleichen Buch staben anfangen: einen Vornamen, den Namen einer Stadt, und einer Speise, z. B. Ich heiße August, bin aus Augsburg und esse gern Austern — und so muß es fortgehen durch das ganze Alphabet; wer ein Wort nicht zu finden weiß, muß ein Pfand geben und hernach lösen. 7. Sprichwörter-Spiel. Die Gesellschaft theilt sich wieder in zwei Partheien. Eine Parthei kömmt mit einander über ein Sprichwort und dessen Ausführung in Geheim überein^ und führt es aus. Die Uebri- gen rathen nach vollendeter Darstellung den Sinn und über nehmen nun die Ausführung. Z. B. A. Ich will mir ein Haus bauen. Sagt mir eure Meinung. B. Baue das Haus rechts gegen Morgen, links die Scheune, und zwischen diesen die Ställe. C. Nein, links das Wohnhaus und rechts die Ställe. D. Bewahre, gegen Mitternacht das Wohnhaus, und nebenan die Ställe. E. Lieber die Ställe gar neben die Stube. F. Ich dächte: links die Scheune, dann die Düngergrube und durch diese das Röhrenwasser geleitet. G. Ich mache den besten Plan. Hier an den Blumengarten kommt der Schweinstall, dann die Wohnstube, dann der Heuplatz, dann die Schlafkammer. H. Die Thüre zur Stube muß aus dem Streuschuppen herein gehen. A. Wenn ihr so wenig einig werden könnt, so bin ich mit euch übel dran und finde die Wahrheit zweier Sprich wörter bestätigt. — Welche? — S amml un g von Sprichwörtern zu diesem Spiele. 1. An vielem Lachen erkennt man den Narren. 2. Allzuviel ist ungesund. 3. Borgen macht Sorgen. 4. Der Horcher an der Wand, hört seine eigne Schand. 5. Durch Fragen wird man klug. 6. Gelegenheit macht Diebe. 7. Gleich und gleich gesellt sich gern. 8. Hochmuth kommt vor dem Fall.725 9. Hunger ist der beste Koch. 10. Jedem Narren gefällt seine Kappe. 11. Kleider machen Leute. 12. Mitgefangen, mitgehangen. 13. Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen. 14. Nach gethaner Arbeit ist gut ruhen. 15. Neue Besen kehren gut. 16. Schuster bleib bei deinem Leisten. 17. Viele Köche verderben den Brei. Viel Köpf', viel Sinnll 18. Vorgethan und nachgedacht, hat manchen in groß Leid gebracht. 19. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. 20. Wer A sagt, muß auch B sagen. 21. Wie der Wirth, so die Gäste. 22. Wer andern eine Grube gräbt, fällt oft selbst hinein. 8. Der geschwinde Nachsprecher. Dieses Spiel besteht darin, daß ein Mitglied der Gesell schaft, der Vorsprecher, einen Satz, dessen Worte alle mit einem und demselben Buchstaben anfangen, oder von schwerer Aussprache sind, schnell vorspricht und von jedem Mitglieds der Reihe nach mehreremal nachsprechen läßt. Sätze der Art sind: 1. Schneller Schüler, Schüttre schnell. 2. Plaro Prall. 3. In der Frische fischen Fischer Fische. 4. Der Metzger wetzt das Metzgermesser. 5. Kleine Kinder können keine Kirschkern knacken. 6. Sechs und sechszig Schock sächsische Schuhzwecken. 7. Es ritten drei und dreißig Reiter den Berg Ararat herauf und herunter. 8. Meister Müller, mahl mir meinen Metzen Mehl! 9. Morgen muß mir meine Mutter Milchmuß machen. 10. Wenn mancher Mann wüßte, Wer mancher Mann wär, Gäb' mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr! Weil mancher Mann manchmal nicht weiß, Wer mancher Mann ist, Drum mancher Mann manchen Mann manchmal vergißt. 11. Beim folgenden Spiel sagt der Vorsprecher den Satz bis zum Gedankenstrich und läßt ihn von Jedem aus der Gesellschaft nachsprechen. Hat dies Jeder gethan, dann spricht der Vorsprecher den zweiten Satz, und läßt auch72ö diesen nachsprechen, u. s. f. Wer fehlt, gibt ein Pfand. — Ich verkaufe meine Perücke; — ich verkaufe die Ratte, die meine Perücke zernagte; — ich verkaufe die Katze, die die Ratte fraß, welche meine Perücke zernagte; — ich verkaufe den Hund, welcher die Katze biß, die die Ratte fraß, die meine Perücke zernagte; — ich verkaufe den Stock, der den Hund schlug, welcher die Katze biß, die die Ratte fraß, die meine Perücke zernagte; — ich verkaufe das Feuer, das den Stock verbrannte, der den Hund schlug, der die Katze biß, welche die Ratte fraß, die meine Perücke zernagte; — ich verkaufe das Wasser, welches das Feuer löschte, das den Stock verbrannte, der den Hund schlug, der die Katze biß, welche die Ratte fraß, die meine Perücke Zernagte; — ich verkaufe die Kuh, welche das Wasser soff, das das Feuer löschte, das den Stock verbrannte, der den Hund schlug, der die Katze biß, welche die Ratte fraß, die meine Perücke zernagte. 12. Bei dem nachfolgenden Spiel spricht der Dirigent den ersten Satz bis zum Gedankenstrich, und läßt ihn von Jedem aus der Gesellschaft nachsprechen. Ist dies ge schehen, dann repetirt der Vorsprecher den ersten Satz wieder und sagt den zweiten Satz, jedesmal bis zum Ge dankenstrich dazu. Die ganze Gesellschaft, einer nach dem andern, sagt nun die zwei Sätze. Der Vorsprecher sagt nun den ersten, zweiten und auch den dritten Satz dazu. Dies thut die ganze Gesellschaft; u. s. f. bis zum Schluß! Wer einen Fehler macht, gibt ein Pfand. — Im vergangenen Handschuh verlor ich meinen Herbst — da ging ich zu finden, bis daß ich ihn suchte — da kam ich zu einem großen Guck und lochte hinein — da saßen die Stühle auf ihren Herren — da zog ich meinen großen Tag ab und sagte: guten Hut, meine Herren! — Hier habe ich drei Paar Garn, machen sie mir sechs Pfund Strümpfe daraus — für die Bange dürfen sie keine Bezahlung haben — denn mit dem morgigen Geld kommt meine Post an. 9. Psänder-Anslösungen. Aus der Gesellschaft wird einer gewählt, der die Pfänder einnehmen soll. Die Pfänder können aus Sachen bestehen, die man bei sich trägt, z. B. Messer, Bleistift, Ring re. — Ist ein Spiel beendigt, so werden die Pfänder vom Pfandeinnehmer Herausgenommen, ohne sie anZusehen und jeder der Gesell-727 schüft der Reihe nach gefragt: Was soll der EigenHümer von diesem Pfände thun, das ich in meiner Hand halte? Nun kann geantwortet werden z. B.: 1 Auf einem Fuße stehen, bis man 20 gezählt hat. 2. Eine Bildsäule vorstellen. 3. Jedem ein Kompliment machen. 4. Eine kurze Geschichte erzählen, ö. Ein Räthsel aufgeben. 6. Ein neues Spiel Vorschlägen. 7. Ein Liedchen singen. 8. Jedem etwas Gutes wünfcheu. 9. Pfeifen ohne dabei zu lachen. 10. Auf Jemanden einen Vers machen. 11. Jemanden so fragen, daß er nicht Ja oder Nein ant worten kann. 12. Den Nachtwächter machen. 13. Seinen Lebenslauf erzählen. 14. Etwas deklamiren. Spiele der Großen. Der Evangelist Johannes spielte einst mit einem zahmen Rebhuhn. Da ging ein Jäger vorbei. Dieser wunderte sich nicht wenig, daß dieser weise Mann sich an solcher Kurzweile ergötze. Er dachte bei sich, daß derjenige, der an einer solchen Kleinigkeit Freude habe, des Lobes nicht werth sei, womit man ihn überhäufte. „Was trägst du da in deiner Hand?" fragte Johannes, der den argen Gedanken des Jägers merkte. „Einen Bogen", gab dieser zur Antwort. „Warum hältst du ihn aber nicht immer ge spannt?" fragte der Apostel weiter. „Weil die Sehne er schlaffen würde, wenn sie immer gespannt wäre", erwiderte der Jäger. „Nun, so lasse es dich nicht befremden, o Jüng ling!" sagte der Jünger, den der Herr lieb hatte, „wenn ich ausruhe, um die Kräfte meiner Seele zur Arbeit zu stärken. Denn so wie die beständig gespannte Sehne erschlafft, so wird auch der menschliche Verstand matt und kraftlos, wenn nicht Ruhe die Kräfte desselben stärken würde." —- Auch ihr, meine Kinder! würdet allen Muth zum Lernen verlieren, wenn ihr nicht nach ernsten Lernstunden euch wieder erholen könntet. Deßwegen erlauben euch eure gütigen Eltern und Lehrer recht gerne, wenn ihr fleißig gelernt habt, ein paar Stündchen zu spielen. Die Art, wie sich Kinder unterhalten, ist wohl sehr verschieden. Frische, lebhafte Knaben spielen lieberV 728 mit dem Balle, mit hölzernen und bleiernen Soldaten, tum meln sich auf ihrem Steckenpferde herum, fangen Schmetter linge, machen aus Schnee einen Mann oder ein Haus; das Mädchen aber wählt sich die Puppe zur Unterhaltung, pflückt gerne Blumen und hat schon bald eine Freude am Stricken, Kochen u. dgl. Der Jüngling ergötzt sich an Jagden, Schlachten, und an verschiedenen andern Dingen, zu welchen ihn seine feurige Einbildungskraft hintreibt. Einige Männer bringen ihren Feierabend im Kreise ihrer lieben Kinder zu; Andere aber ziehen es vor, die Stunden desselben im Wirths- hause oder am Spieltische zu verleben. Fleißige Hausfrauen haben ihr größtes Vergnügen an der Säuberung und Ein richtung des Hauses. Ihr Spinnrad und ihre schöne Lein wand, weißer als Schnee, gilt ihnen mehr als Tanzsaal und Kleiderpracht. Schwache Greise ziehen sich, von ihren schwe ren Plagen des Lebens ermüdet, gerne in den Osenwinkel zurück, um ihre erstarrten Hände zu wärmen, und erzählen dort den freudig zuhorchenden Enkeln von den Gefahren und Leiden, welche sie bestanden hatten. Ebenso, wie die Lustbarkeiten einzelner Menschen, sind auch die Spiele und Unterhaltungen, die man bei verschie denen Völkern findet, von großer Mannigfaltigkeit. Die alten Römer und Griechen hatten Vergnügen am Wettlaufen, Ringen, Werfen und Kämpfen. Die körperlichen Uebungen wurden besonders bei den Olympi schen, Pythischen,Remäischen und Isthmischen Spie- len angestellt. Die Leute, welche dazu eigens abgerichtet wur den, hießen „Athleten." Sie schmierten ihren Körper mit Oel ein, um ihre Glieder dazu schlüpfriger und gelenkiger zu machen. Der Ort, wo sie ihren Unterricht erhielten, wurde „Gymnasium" genannt. Außer den oben angeführten Spie len ergötzten sich die Römer und Griechen auch an Wett rennen, an Fechterspielen und Kämpfen mit wilden Thieren. Wer mit seinem Pferde früher, als die Uebrigen das Ziel erreichte, wurde mit einer Krone von Palmen belohnt. Zu den Fechterspielen hatte man größtentheils Gefangene oder Verbrecher , die zum Tode verurtheilt waren, bestimmt. Bei den Thiergefechten wurden Tiger, Löwen und andere wilde Thiere theils gegen einander, theils gegen Menschen losge- lasscn. Zu Hause unterhielten sich die Römer und Griechen mit dem Spielballe, den Würfeln und andern Lustbarkeiten.729 Die alten Deutschen belustigten sich mit der Jagd und dem Kriege. Denn vorher war unser Vaterland ein un durchdringlicher, finsterer Wald, voll von Bären, Wölfin, Auerochsen und Wildschweinen. Kühne Jäger trugen die Häute der Bären und anderer Thöere als Mäntel und ehren volle Siegeszeichen; auch bedienten sie sich der Horner erlegter Auerochsen zu Trinkgeschirren. Kamen sie von der Jagd heim, so ergötzten sie sich an dem Würfelspiele. Dieses liebten sie so sehr, daß Mancher, der in demselben Hab' und Gut verloren hatte, noch auf den letzten Wurf seine Freiheit setzte, und dann willig, wenn die Würfel unglücklich fielen, aus einem freien Manne zu einem Sklaven wurde. Ihre Gast- mähler endigten sich gewöhnlich mit Schlägereien und Wun den. Vor einigen Jahrhunderten wurden in Deutschland, wie auch in andern Ländern Kampsspiele (Turniere) ge halten. Jene Männer, welche dabei erschienen, um einen Be weis ihrer Tapserkeit zu liefern, hießen Ritter. Sie waren mit einem Helme, welchen ein hoher Federbusch schmückte, einem Panzer aus Metallplatten, oder einem Harnisch aus Eisen oder Horn versehen. Füße und Arme waren in Leder gehüllt, und wie die Handschuhe, vorne mit Eisenblech belegt. Der Helm hatte vor dem Gesichte ein Gitter (Visir), welches man hinauf oder herabschieben konnte. Die Waffen, womit man kämpfte, waren, weil es auf kein Todtschlagen abgesehen war, stumpfe Schwerter, und abgeschlagene Kolben (Keulen); später aber auch Lanzen, Dolche, Aexte und scharfe Schwerter. Der Schild, welchen der Ritter am linken Arme trug, diente dazu, um sich gegen Hieb und Stich zu sichern, und war aus Holz gemacht, mit Leder überzogen oder mit Erz belegt. Auch das Pferd des Ritters war durch einen Panzer geschützt. Das Turnier wurde von einem Herold durch den Schall der Trompete verkündigt. Der Herold trug einen Rock, der mit dem Wappen seines Fürsten geziert war, einen Federhut, und in der rechten Hand einen Marschalls stab. Der vornehmste unter den Herolden wurde der Wap penkönig genannt. Kaiser, Könige, Herzoge, Grafen und Ritter sahen mit ihren Gemahlinen und Töchtern den Kampf spielen zu. Der Kampfplatz war von neugierigen Zuschauern ganz umgeben. Wer seinen Gegner besiegte, erhielt, zum Lohne seiner Tapferkeit, einen Diamant, Rubin oder ein an deres Kleinod. Diese Belohnung wurde „der Dank" ge nannt, und gewöhnlich von einer der schönsten und edelsten730 Frauen dem Sieger dargebracht. Diese ging, von zwei edlen Jungfrauen begleitet, breimat mit dem Kleinod, über welches ein Schleier hing, im Saale herum, und blieb endlich vor dem Glücklichen stehen, welcher nach dem Urtheile des Tur nierrichters den Preis erhalten sollte. Recht viele Lanzen brechen, den. Gegner aus dem Sattel heben, seinen Federbusch abhauen, ihm Schwert oder Lanze aus den Händen schlagen, galt als lobenswerth. Später aber ging es bei den Tur nieren so wild zu, daß oft der Turnierhof einem Schlacht felde glich. Deßwegen wurden sie dann gänzlich abgeschafft. In Spanien ergötzt man sich besonders an den Stier gefechten, wozu kräftige Stiere aus den Gegenden Anda lusiens verwendet werden. Schon einige Tage vor dem Kampfe werden die Stiere auf verschiedene Weise geneckt und wüthend gemacht. Die ersten Kämpfer, welche das Thier angreifen, find die Pikadore. Diese sind auf das Bunteste, besonders mit Kleidern von rother Farbe herausgeputzt. Ihre Waffen bestehen in kurzen Lanzen und Wurfspießen. Sie erwarten schon auf dem Kampfplatze, den eine hohe Bretterwand um- gibt, den wüthenden Stier, und machen ihn immer noch zor niger, indem sie ihm die rothen Mäntel entgegen halten, leichte Wunden Beibringen, und sprühendes Feuerwerk gegen ihn werfen. Wenn sich das versammelte Volk nun an diesem Kampfe satt gesehen hat, so erscheint der Matador, der mit einem Schwerte vwsehen ist, um den Stier zu tödten. Das gereizte Thier stürzt sogleich mit gesenktem Haupte auf ihn zu, allein durch einen geschickten Sprung entgeht er dem fürchterlichen Stoße, bis er endlich eine passende Gelegenheit ersieht, dem Stiere das Schwert in die Brust zu stoßen. Zu weilen wagt es der Matador in dem Augenblicke, wo der Stier seinen Kopf zum Angriffe senkt, auf den Rücken des selben zu springen, und dann ihm sein Schwert in den Nacken hinein zu stoßen. Die Kämpfer zu Pferde nennt man Tor- read ores. Bei diesem grausamen Spiele gehen viele Pferde und Stiere zu Grunde. So hatten z. B. vor einigen Jahren 2257 Stiere und 2934 Pferde auf diese Weise ihr Leben ver loren. Der Sieger wird mit Lobsprüchen überhäuft. Die schwächsten Frauen, die sonst die Zerquetschung einer Fliege nicht ansehen können, ohne in Ohnmacht zu fallen, finden an diesen grausamen Schauspielen viel Vergnügen.*) *) 'Liehe „Thier kämpfe" in diesem Lerieon.731 In England ergötzt man sich am Hahnen gefech te, nnd stellt dabei .große Wetten an, wer von beiden kämpfenden Hähnen den Sieg erlangen werde. Nirgends findet eine größere Lebhaftigkeit statt, als zur Zeit des Faschings (Carnevals) in Italien. Hier geht Alles verkleidet umher. Da gibt es Kaiser, Könige, Türken, Mohren, Hirten, Hanswurste und was man sich sonst noch denken kann. Die Kutscher der Wagen, in welchen die Ver kleideten sich befinden, stellen Bären und andere Thiere vor. Die Bedienten zeigen sich als Ratten, Mäuse, und suchen durch verschiedene Töne dieselben nachzuahmen. Auch die Pferde müssen sich eine Verkleidung gefallen lassen, und er scheinen als Hirsche, Ochsen, Löwen, Kameele und andere Thiere mehr. Kaum ist aber der Aschermittwoch gekommen, so haben alle diese Thorheiten ihr Ende und es ist überall so mäuschenstill, daß ein Türke, der einst zur Zeit des Carnevals in Italien sich aufhielt, bei seiner Rückkehr sagte: „Die Ita liener sind doch sonderbare Leute. Einige Tage laufen sie wie Wahnsinnige herum, dann streut ihnen ihr Priester Asche auf die Köpfe und hierauf werden sie wieder klug." In einigen Gegenden Frankreichs belustigt man sich mit dem Stelzengehen. In Rußland ist, da der Winter dort lange dauert, das Schlittenfahren ein vorzügliches Vergnügen des Volkes. Daher wird, sobald die Newa (ein großer Fluß) mit halt barem Eise bedeckt ist, ein hohes Gerüst aufgerichtet, von welchen: eine schiefe, mit Bretterwänden eingefaßte Bahn her abläuft. Diese Bahn wird durch häufiges Begießen mit Wasser zu einer überaus glatten Schlittenbahn bereitet. Auf der entgegengesetzten Seite ist eine Treppe angebracht, um aus das Gerüste zu gelangen. Nun fährt man auf kleinen Schlitten jene Bahn herunter. Ost ist auf der entgegengesetzten Seite ein ähnlicher Rutschberg angebracht, daß man den Weg, den man auf dem Eise zurück legte, nicht erst zu Fuß gehen muß, um noch einmal herabfahren zu können. Unzählige Menschen wohnen diesem Spiele unter großem Jubel bei. Die Kalmücken haben ihre Freude am Schach- und Kartenspiel, wie auch Ringen, Bogenschießen und Wettrennen. Auf den sogenannten Fuchsinseln sind Tänze und Feste sehr häufig. Wenn im April der Fischfang vollendet ist, singen Männer und Frauen ihre Lieder. Die Letzteren tanzen dabei732 entweder allein oder je zwei und zwei zusammen. In den Händen halten sie aufgetriebene Blasen, um damit Geräusch zu machen, und den Takt anzuzeigen. Die Kamtschadalerr haben ein sonderbares Spiel. Sie verstecken sich in verschiedene Winkel. Plötzlich springt Einer, wie ein Närrischer hervor, schlägt die Hände bald in einander, bald auf die Brust, schwingt sie über den Kopf, den er selt sam verdreht, und macht allerhand wunderliche Geberden. Dann springen auch die übrigen hervor, und machen es auch so, wie der Erste. Auch haben sie ein Vergnügen daran, ver schiedene Thiere nachzuahmen. Sie hocken nieder, wie Frösche, Hüpfen im Kreise herum, klatschen mit den Händen, und treiben solche Thorheiten mehr. Spindel. In den ältesten Zeiten geschah das Spinnen blos mit der Spindel, einem der ehrwürdigsten Werkzeuge des menschlichen Fleißes, das früher in den Händen der vor nehmsten Frauen, ja selbst der Fürstentöchter, gesehen wurde, und ihnen ganz und gar nicht zur Unzierde gereichte. Kaiser Karl der Große trug fast keine andern Kleider, als die, welche ihm seine Frau und seine Töchter gesponnen und gewebt hatten. Wie-ganz anders ist es jetzt? Spinne. Liebe Therese! Nicht bloß die Menschen, sondern auch die Thiere können spinnen und weben. Die Seiden raupe und die Spinne machen beide ein sehr künstliches Ge webe. Aber wo bringen sie die Fäden zu ihrem Gewebe her? In den Eingeweiden der Spinne befindet sich ein klebriger Saft und aus diesem Saft spinnt sie den Faden. Die Spinne hat am Bauche zum Spinnen ein eigenes künstliches Werkzeug, welches man die Spinnwarze nennt, weil es wie eine kleine Warze aus sieht. Die Spinnwarze hat unzählige kleine Löcher, aus jedem Loch kommt ein feines Röhrchen und aus jedem Röhrchen ein so dünner Faden, daß man ihn gar nicht sehen kann. Nun denke einmal! Eine Spinnwarze hat 4000 Röhrchen. Wenn zu jedem Röhrchen ein Faden heraus kommt, so kommen aus allen Röhrchen 4000 Fäden und diese 4000 Fäden machen erst einen einzigen Faden aus. Wie wunderbar! Ein einziger Spinnfaden besteht also aus 4000 Fäden! Und doch ist dieser Faden noch so fein, daß man wohl mit Hebel ausrufen mag: Nei, lueget doch das Spinnli a, wie's zarte Fäde zwirne cha!733 Es macht's so subtil und so nett, i wott nitt, aß i's z'hasple hätt'. Wo die Spinne geht, spinnt sie einen Faden, und wenn sie von einem Baumast auf die Erde herunter will, so befestigt sie erst einen Faden an den Ast, an welchem sie sich herabläßt. Will sie Halt machen, ehe sie auf den Boden kommt, so ver schließt sie die Spinnwarze, und nun hängt sie an ihrem Fa den in der freien Luft. Will sie endlich wieder auf den Ast hinauf, so wickelt sie den Faden mit ihren Füßen zu einem Knäuel und windet sich wieder in die Höhe. Die Hausspinne macht sich ihr Gewebe in die Ecken der Stuben, Kammern und Ställe. Wie fein ist ein solches Gewebe! Es st't mit Fäden an den Wänden befestigt. Aber ich sehe die Spinne nicht. Wo ist sie? Sie sitzt am Ende des Gewebes in einer- runden, seidenen Zelle. Damit sie es aber sogleich bemerkt, wenn eine Fliege in ihr Gewebe kommt, so hat sie vom Rand des Gespinnstes bis zu ihrer Zelle lange Fäden gespannt. An dere Spinnen machen ordentliche Netze, die sie zwischen den Bäumen und andern Dingen ausspannen. Man nennt sie Kreuzspinnen, weil sie auf dem Rücken die Gestalt eines Kreuzes haben. Diese Spinne macht ihr Netz mit solcher Kunst und Geschicklichkeit, daß wir billig darüber erstaunen. Hat sie es fertig, so setzt sie sich in die Mitte ihres Sommerhäuschens unter den freien Himmel. Hebel sagt: In freie Lüfte wogt's und schwankte, und an der liebe Sunne hangt's; sie schint em frei dur d'Beinli dur, und 's isch em wohl. In Feld und Flur sieht's Mückli tanze jung und feiß'; 's denkt bi nem selber: Hätt' i eis! O Thierle, wie hesch mi verzückt! Wie bisch so chlei und doch so g'schickt! Wer het dir au die Sache g'lehrt? Denk wohl, der, wo nis alli nährt, mit milden Händen alli git. Bis z'frieden, er vergißt di nit! Sie wartet nun geduldig und muß oft lange hungern. Merkt sie an dem Zittern des Netzes, daß sich eine Fliege ge fangen hat, so eilt sie herbei, umwickelt die Fliege mit Fäden,734 daß sie sich nicht wehren und rühren kann, sticht ihr die zwei Freßzangen in den Leib, und saugt ihr den Saft aus. Ist sie gerade nicht hungrig, so hängt sie den Fliegenbraten in ihre Speisekammer. Lebe wohl! Sprache. Ein wichtiger Vorzug des Menschen vor dem Thiere ist die Sprache. Der Mensch kann sprechen, die Thiere aber nicht. Es gibt zwar Vögel, die einige Worte sprechen lernen, z. B. der Staar, der Papagei. Aber sie spre chen da nicht aus sich selbst, sondern sind nur abgerichtet. Sie sagen immer das Nämliche. Die Menschen aber, welche wissen, was sie sprechen, sagen nicht immer das Nämliche. Was spricht ein Kind des Morgens, wenn es vom Schlafe aufsteht und andern begegnet? — Was spricht es Mittags vor dem Essen? Was am Abende? Was des Nachts vor dem Schlafen gehen? — Es ist eine schöne Sitte, alle Leute, mit denen wir zusammen treffen, freundlich zu grüßen. Artige Kinder gehen an den Leuten nicht vorüber, wie die Thiere, die nicht reden können, sondern sie grüßen Jedermann freundlich. (Hierüber will ich euch am Schluffe ein Geschichtchen erzählen.) Auch gibt es Kinder, die sich so benehmen, als ob sie gar nicht reden könnten. Wenn man sie fragt, so stehen sie so stumm da, wie die Bildsäulen. Dieß ist sehr unschicklich. Noch gibt es Kinder, welche die leidige Gewohnheit haben, immer nach solchen Dingen zu fragen, die sie nicht zu wissen brauchen und die sie nichts angehen; die sind vorwitzig, welches keine löb liche Eigenschaft ist. Es gibt aber auch manche Menschen, die von Geburt an stumm sind, und also nicht reden können. Solche Menschen sind recht zu bedauern. Man kann ihnen nichts sagen und sie können Andern nichts mittheilen. Denket euch einmal, wie traurig und langweilig es für euch wäre, wenn ihr nicht reden könntet! Aber eben weil die Sprache eine so große Wohl- that ist, sollen wir auch nichts Unnützes, noch viel weniger aber Böses reden. Wer viel Unnützes redet, ist ein Plaudermaul, eine Schwätzerin. Ganz kleine Kinder, die man noch auf dem Arme tragen muß, können noch nicht reden. Sie lallen oder stammeln nur. Erst nach und nach lernen sie einzelne Wörter aussprechen. Auch die größern Kinder müssen in der Schule noch besser sprechen lernen. — Ein großer Bauernjunge, Namens Michel, hatte Sperlinge gefangen; und weil er nicht wußte, wohin damit, so that er sie in seinen Hut, und setzte diesen so auf den Kopf. Nun begegnete735 ihm ein Fremder, der sprach ihn an: „Guter Freund, wie weit ist's noch bis zum nächsten Ort? Weil aber der Michel die Spatzen auf dem Kopf hatte, so dachte er: was geht dich der Fremde an, ließ seinen Hut sitzen und gab gar keine Ant wort. Der Fremde dachte seinen Theil, und ließ den Michel weiter gehen. Jetzt begegnete ihm der Herr Landrichter; den pflegten alle Leute zu grüßen; der Michel that es aber nicht, einmal weil er die Spatzen unter dem Hute hatte und zweitens, weil er ein Grobian von Haus aus war. Der Herr Land richter aber sagte zu dem Gerichtsdiener, der hinter ihm her ging: „Sieh doch einmal, ob dem Burschen dort der Hut an geleimt ist!" Der Gerichtsdiener ging hin und sprach: „Höick einmal, Michel, der Herr Landrichter möchte sehen, wie dein Hut inwendig anssieht. Flugs zieh' ihn ab!" Der Michel machte aber immer noch Umstände. Da riß ihm der Gerichts diener den Hut herunter! und brr! flogen die Spatzen heraus nach allen Weltgegenden. Da mußte der Herr Landrichter lachen, und alle Leute lachten mit. Der Michel aber hieß von der Stunde an der Spatzenmichel, und wenn einer seinen Hut oder seine Kappe nicht vor Fremden oder Vornehmen abziehfl so sagt man noch heutiges Tages: „Der hat gewiß Spatzen unter dem Hute." Darum: Wer auf dem Kopf hat einen Hut, Dem steht er noch einmal so gut, Wenn er ihn oft herunter thut. Weiter: Wer seine Haub trägt auf dem Kopf Wie angewachsen an den Schopf, Der heißt mit Recht ein grober Knopf. Sprache Der Blumen. Die Blumen der Erde, die Zierden im Garten Gottes und die Lieblinge guter Kinder blühen in Gärten und Feldern, aus Wiesen und Auen. Sie ergötzen das Auge durch das Mannigfaltige ihrer Farben, ent zücken durch ihre schönen Formen und erfüllen die Lust mit süßen Wohlgerüchen. Daher hegen und pflegen wir sie gern. Der sinnreiche Mensch hat ihnen eine Sprache angedichtet, die sogenannte Blumensprache. Auch zu euch, meine Kinder, spre chen die Blumen noch täglich. Merket auf! ich will euch vow736 einigen erzählen, was sie sagen, damit ihr ihre Sprache ver- stehen lernt. Aurikel. Viel lieblicher ist Herzensgüte Als schöner Wangen frische Blüthe. Balsamine. Vor Hochmuth, Kind, nimm dich in Acht, Der Manchen hat zu Fall gebracht. Camille. Glaubt Hoffnung, Liebe mögen dich beleben! Dir Muth und Kraft zu allem Guten geben! Distel. Die Ungezogenen flieh' mit raschem Schritte, Denn böses Beispiel schadet guter Sitte. Chrenpreis. Der Emsigkeit, dem treuen Fleiß, Erwachsen Freude, Ehr' und Preis. Gottesange. Was je du thust, gedenke dran, Daß Gott dich immer sehen kann! Holunder. Die Zunge hüte ja, o liebe Jugend! Verschwiegenheit ist eine schöne Tugend. Immergrün. Im Guten, Kind, sei treu wie Immergrün, Dann wird das wahre Glück dir immer blüh'n. Kornblume. Die Tugend und Freude sind ewig verwandt, Es knüpfet sie beide ein himmlisches Band. Lilie. Wie schön ist Reinigkeit der Seele! Gott gebe, daß sie nie dir fehle! Maiblume. Sei dankbar stets mit dem zufrieden, Was dir der liebe Gott beschieden. Nelke. Nie laß dir die Gelegenheit entgleiten, Dem Nächsten eine Freude zu bereiten. Rosenknospe. Bild der Tugend ist die Rose, sei ihr gleich, sei gut! Tugend gibt im Wohlstand Freude und im Un- glück Mnth Sonnenblume. Nach oben richte stets den Sinn Trflpe. Auf Gott und auf den Himmel hin. Rechtschaffenheit — nicht Kleiderpracht — Jst's, was dir wahrhaft Ehre macht.737 Veilchen. Demuth und Bescheidenheit Ist der Jugend schönstes Kleid. Zwiebelblüthe. Wenn Leiden dich umgrau'n, trifft Unglück dich auf Erden — Geduld und Gottvertrau'n! dadurch kann's besser werden. Sprichwörter sind allgemeine, oft bildlich ausgedrückte, kurze Sätze, welche unter einem Volke gangbar sind. Die Deutschen haben viele und treffliche Sprichwörter, und es ist daher auch für euch Kinder gut und nothwendig, daß ihr mit einigen bekannt werdet. Die Sprichwörter enthalten meistens Wahrheiten, die sich bei allen Vorkommnissen des Lebens vor trefflich bewähren, Verstand und Einsicht schärfen und das Ge- müth erfreuen und erheben. Darum ist es nützlich, wenn man einige Sprichwörter und ihre Bedeutung kennen lernt. Ich will euch nun mehrere aufzeichnen und zugleich jedesmal in Kürze die Bedeutung hinsetzen. Gebet Acht! 1. Die gebratenen Tauben fliegen Keinem in den Mund. (Nützliches komnll Keinem ohne Mühe). 2. Jemanden über die Achsel ansehen (ihn verachten, gering schätzen). Z. Etwas auf die lange Bank schieben (eine Verrichtung aus setzen bis auf spätere Zeit). 4. Auf der Bärenhaut liegen (faulenzen, müssig gehen, nichts thun). 5. Die Ochsen stehen am Berge (sich nicht zu Helsen wissen). 6. Das Beit hüten (Krankheit halber im Bette liegen). 7. In ein Horn blasen (mit Jemanden ganz einverstanden sein). 8. Den Bock zum Gärtner machen (einen Ungetreuen zum Aufseher machen). 9. Das find ihm böhmische Dörfer (das sind ihm ganz fremde Gegenstände). 10. Einem die letzte Ehre erweisen (seine Leiche zu Grabe begleiten). 11. Eine Sache schläft ein (sie geräth in Vergessenheit). 12. Aus der Mücke einen Elephanten machen (einer Kleinigkeit große Wichtigkeit beilegen). 13. Aus der Haut fahren (vor Ungeduld sich nicht zu fassen wissen). KMösr-Co-nversaNonS-Aexikün. 47738 14. Dem Fasse den Boden ansstoßen (einer L-ache plötzlich ein Ende machen). 15. Für Jemanden durch's Feuer laufen (für Jemanden sich in Gefahr begeben). 16. Die Flügel hängen lassen (muthlos, traurig sein). 17. Fünf gerade sein lassen (es nicht sehr genau nehmen). 18. Einem ein £ für ein U machen (ihn betrügen, täuschen). 19. Den Weg alles Fleisches gehen (sterben). 20. Der Himmel hängt ihm voll Geigen (er hegt die besten Hoffnungen, träumt sich großes Glück) 21. Das geht über seinen Horizont (das versteht er nicht). 22. Darüber ist längst Gras gewachsen (das ist längst in Vergessenheit gerathen). 23. In das Gras beißen (sterben). 24. Sich darüber keine grauen Haare wachsen lassen (sich dar über keine Sorge machen). 25. Auf keinen grünen Zweig kommen (nicht zu Wohlstand gelangen). 26. Darnach kräht kein Hahn (Niemand kümmert sich darum). 27. Er ist der Hahn im Korbe (er ist der Liebling Jemandes). 28. Einem die Stange halten (ihn vertheidigen, beschützen). 29. Aus der Hand in den Mund gehen (bald verzehren, was man erworben hat). 30. In Harnisch gerathen (entrüstet, böse werden). 31. In keiner guten Haut stecken (nicht recht gesund sein). 32. Viele Hunde sind des Hasen Tod (vielen Verfolgern er liegt man endlich). 33. Viele Köpfe unter einen Hut bringen (verschieden Gesinnte zu einem Zwecke vereinigen). 34. Einem in "die Karten sehen (Jemandes versteckte Absichten errathen oder durchschauen). 35. Eineni klaren Wein einschenken (die reine Wahrheit sagen). 36. Eine Sache über's Knie brechen (sie kurz, schnell, leicht abmachen). 37. Den Knoten lösen (eine Schwierigkeit überwinden). 38. Den Mantel nach dem Winde hängen (sich in Reden und Thun nach den Umständen richten). 39. Kein Blatt vor den Mund nehmen (sich nicht scheuen, offen die Wahrheit zu sagen). 40. Einen Mohren weiß waschen wollen (das Unmögliche ver suchen).739 41. Einem das Wort aus dem Munde nehmen (dasselbe sa gen, was man hat sagen wollen). 42. Eine Nase bekommen (einen Verweis erhalten). 43. Es hinter den Ohren haben (ein Schelm, hinterlistig sein). 44. Die Pferde hinter den Wagen spannen (etwas verkehrt anfangen). 45. An der Quelle sitzen (etwas aus der ersten Hand be kommen. 46. Sich vom Pferde aus den Esel setzen (seinen Zustand verschlimmern). 47. Einem Sand in die Augen streuen (ihn täuschen). 48. Sein Schäfchen ins Trockene bringen (den Gewinn in's Sichere bringen). 49. Man muß das Eisen schmieden, so lang es warm ist (man muß die günstigen Umstände benützen.) 50. Hier ist Schmalhans Küchenmeister (hier wird armselig gegessen). Etaar. Du munteres Vögelein, schon in den frühesten Morgenstunden ergötzest du uns mit deinem fröhlichen Gesänge! Kinder, die keine Langschläfer sind, freuen sich recht sehr, dich zu hören und zu sehen. Schade, daß du nicht immer bei uns bist; aber du verlässest uns schon im Herbste, wunderst dann über's Meer in wärmere Länder, wo du den Winter über bleibest und im Frühling uns wieder heimsuchst. Deine Wohnung nimmst du in Baumlöchern oder in Häuschen, die man dir ans hohe Stangen oder einen Baum setzt und bist vergnügt bei Regenwürmern, Engerlingen, Heuschrecken und andern Insekten, wodurch du uns nützlich wirst. Nur in den Weinbergen bist du nicht beliebt, denn da sollest du mit den Trauben bös ver fahren. Deiner lieblichen Gesänge wegen bist du bei den Men schen sehr geschätzt; daß du Worte nachsprechen und Lieder pfeifen lernst, ist besonders Kindern sehr lieb. An's Zimmer gewöhnst du dich gar bald und wirst darin bald einheimisch; du hast aber auch Ursache, gern da zu sein, denn man füttert dich täglich mit Fleisch, mit weißem Brod in Milch eingeweicht, mit Obst und Beeren, überhaupt mit Abfällen des Tisches. Stellt. Mann und Frau, ihre Kinder, Knechte und Mägde zusammengenommen, nennt man eine Familie. Das Haupt einer Familie heißt Hausvater oder Herr. Die Fa milien wohnen in Häusern. Liegen mehrere Häuser beisammen, 47 *deren Herren vom Ackerbau leben, so heißen die Häuser zu sammengenommen ein Dorf, und haben die Einwohner das Recht, Jahrmärkte zu halten, so heißt das Dorf ein Markt flecken. Ist ein Ort mit Mauern umgeben, hat er das Recht, Jahrmärkte zu halten, sind Kaufleute und Handwerker darin, so nennt man einen solchen Ort eine Stadt. Liegt die Stadt am Meere, so heißt sie eine Seestadt. Treibt eine Stadt einen ausgebreiteten Handel, so nennt man sie eine Handels stadt. Ist eine Stadt so mit Wällen und Graben umgeben, daß sie sich gegen einen Feind vertheidigen kann, so heißt sie eine Festung. Alle Hausväter oder Herren eines Staates heißen Bürger. Die Bürger in den Dörfern nennt man Land bürger oder Bauern; die Bürger in den Städten Stadtbürger, auch bloß kurzweg Bürger. Jede Gemeinde hat eine Obrig keit; in den Dörfern wird sie vom Bürgermeister gebildet, in den Städten heißt sie der Magistrat, an dessen Spitze der Bürgermeister steht. Das Oberhaupt eines Staates nennt man Fürst, Landesvater, Monarch, .in den Re publiken Präsident. Je nachdem ein Monarch einen größern oder kleinern Staat beherrscht, heißt er Kaiser, König, Kurfürst, Großherzog, Herzog, Fürst, Landgraf. Stachelschwein. Ich Stachelschwein bin in Afrika und in den meisten Gegenden Asiens, auch in Spanien und Italien zu Hause. Ich biu nicht größer als ein Dachs, aber mit langen, knöchernen, weißen und schwarzen oder röthlichen Stacheln bedeckt, die ich, wenn ich will, erheben und niederlegen kann. Ich habe eine gespaltene Schnauze, runde Ohren, und mit Krallen besetzte Zehen, grunze wie ein Schwein, und fresse Schlangen, Ratten und Mäuse, vorzüglich aber lebe ich von Baumrinden, Früchten und Wurzeln. Meine mehrsten Stacheln sind etwas über 20 Centimeter, die größten aber oft fast 80 Centimeter lang. Und mit diesen Stacheln wehre ich mich gegen meine Feinde; denn ich kann mich so sehr zusammenrollen, und Kopf und Füße so dicht an mich ziehen, daß man nichts mehr als Stacheln sieht; man darf mich dann auch nicht Herumwalzen und von einer Stelle zur andern werfen, ohne sich Schaden zu thun. Wenn mir also ein Mensch, oder ein Löwe, ein Tiger, ein Leopard, oder sonst ein Feind nahe kommt, so fahre ich schnell auf, schüttle die Haut, wie ein Hund, der so eben aus dem Wasser gekoinmen ist, erhebe meine Stacheln, und mache741 ein großes Geräusch damit, um sie zu erschrecken und mir die Flucht und Rettung leichter zu machen. Weichen sie aber nicht zurück, und kommen sie mir gar immer näher, je nun, so rolle ich mich zusammen und bleibe unbeweglich liegen. Und so ent gehe ich der größten Gefahr; weil mir nun anch der starke Löwe nichts zu Leide thun kann: denn wo soll er mich anpa cken? Mit was soll er mich angreifen? Mit seinen Tatzen, oder mit seinem Maul? Ich rathe ihm, mit keinem von beiden, wenn er sich nicht entsetzlich zerstechen und tödtlich verwunden will. Wenn man mich lebendig gefangen hat, ich will es auf richtig sagen, so muß man mich an eine Kette legen, weil ich auch die dicksten Stricke abbeiße, und mich selbst durch die dicksten Bretter dnrcharbeite und entfliehe. Denn so zahm kann man mich nicht machen, daß ich frei herum gehe, Mäuse, Ratten und Schlangen fange, und mich sodann wieder zu meinem Herrn begebe, und mich daselbst zur Ruhe niederlege, wie der Hund thut. Ehedem glaubte man, ich Stachelschwein laufe meinem Feinde mit großem Gerassel entgegen, und schieße einen Stachel aus ihn los, und entgehe so der Gefahr: grundfalsch; das kann ich nicht thun. Mein Zusammenrollen ist alles, was ich gegen meinen Feind thun kann. Die Menschen essen sogar mein Fleisch, und meine Stacheln geben ihnen Pinselstiele, Haarnadeln und Zahnstocher. Stadt. Eine Stadt ist gewöhnlich bedeutend größer, als ein Dorf und man sieht in einer solchen schönere und größere Häuser, als in den Dörfern. Die Häuser stehen, wenigstens in Städten von neuerer Bauart, in regelmäßigen Reihen und bilden schöne Straßen oder umschließen große Plätze. In den Städten findet man gewöhnlich mehrere schöne und große Kirchen, Paläste, viele Kaufläden und Gast- höse. Die Straßen, welche in den Städten eigene Namen haben, werden meistens gepflastert und sehr reinlich gehalten. Die Bewohner der Städte sind Handwerker, Künstler, Fa brikanten, Kaufleute, Beamte und Adelige. — Der Dichter Castelli läßt einen Banernknaben eine Stadt beschreiben. Diese Beschreibung dürfte euch gewiß gefallen, darum soll sie hier ein Plätzchen finden. Des Bauernknaben Beschreibung von der Stadt. Vater, laßt mich zu Athem kommen, Das war was Prächtiges in der Thatt742 Mein Pathe, Ihr wißt, hat mich mitgenommen In die große, herrliche Stadt. Es ist ja drinnen g'rad wie im Himmel, Im Kopf geht's mir immer noch rund um imb mit; Man wird in dem schrecklichen Lärm und Getünnnel - Ihr könnt es mir glauben — ordentlich dumm. Das ist ein Thurm, potz Donner und Hagel! Der reicht euch säst in die Wolken hinein: Der uns'rige ist gegen den nur ein Nagel, Und inwendig soll er noch höher sein. Die Häuser seh'n alle aus wie die Schlösser, Sie sind, so wahr ich kein Lügner bin, So groß als unser Schloß, wo nicht größer; Da wohnen gewiß nur Verwalter d'rin. Doch hat's mich gewundert, das muß ich Euch sagen, Die Thüren von manchem Haus sind so klein, Da kann ja kein heubeladener Wagen, Nicht einmal ein rechtschaffner Ochse hinein. Auch habe ich keine Gärten gesehen, Nicht Wiesen, noch Aecker bei einem Haus; So eingesperrt, Vater, könnt' ich nicht bestehen! Sie sehen auch alle so bleichwangig aus. Die Wagen sind prächtig mit Gold auch beschlagen; Doch eines ist närrisch, das klärt mir 'mal auf! Die Schlechtgekleideten sitzen im Wagen, Und die Gold'nen und Silbernen steh'n hinten aus. Und entweder müssen's den Hafer sparen, Oder so ein Herr muß gewichtig sein; Denn will er nur durch ein Paar Gassen fahren, So spaunen's ihm oft gar vier Pferde ein. Und Leute gibt's, Vater, in allen Straßen, Sie stoßen einen bald her und bald hin: Das Hab' ich mir einmal nicht nehmen laßen, Es ist ein ewiger Kirchtag da drin. Ich bin mit dem Pathen im Wirthshaus gewesen, Da hat man Speisen und Braten vollauf; Kein Mensch kann den ganzen Zettel durchlesen, Und das Beste, die Knödel, steh'n doch nicht d'raus. Kurzum! die Stadt hat mir gut gefallen, Doch bin ich, wie närrisch, zum Wagen gerannt, Als ich hörte des Peters Peitsche knallen, Und als er rief: „Es ist angespannt!"743 Und wie hinter mir war der Häuserhaufen, Da schrie und jauchzte ich vor Lust. Jetzt, Vater, laßt auf die Wiese mich laufen, Denn immer noch ist es mir eng um die Brust. Sterne. In der Erde findet man oft so schöne Steine, daß ich's gar nicht sagen kann. Der liebe Gott hat sie hinein gethan und die Menschen freuen sich gar sehr, wenn sie so schöne Steine finden und machen allerlei daraus. — Aber ihr armen Steine! Ihr wachset nicht von innen, sondern von außen, wenn sich eben etwas an euch anhängt; ihr habet kein Leben, könnet euch nicht bewegen, wißt nichts von dem, was vorgeht, ihr empfindet weder Freude noch Schmerz. O, da ist doch der Mensch viel besser daran! — Steinkohle. Die Steinkohlen haben eine schwarze Farbe und einen fettartigen Glanz. Sie finb entweder dicke Stücke und heißen Brocken, oder sie sind klein zerstückelt — schrötig bis pulvericht — und werden alsdann Grus genannt. Die Brocken sind hart, lassen sich aber leicht zerschlagen; sie sind sehr spröde. Gießt man einige Tropfen Wasser auf einen solchen Brocken, so zieht das Wasser nur sehr langsam hinein; denn die Steinkohlen sind sehr dicht. Im Feuer entwickeln sie starken Rauch und gehen in Flammen auf; sie sind verbrenn bar. Die Gluth eines Kohlenfeuers ist viel heftiger, als die des brennenden Holzes. Die Steinkohlen sind daher ein sehr gutes Brennmaterial und dienen vorzüglich zu Schmiedarbeiten, zum Schmelzen der Erze, zum Brennen der Ziegelsteine und der Dachziegel, zum Betriebe der Dampfschiffe und zur Heizung der Stuben. — In den Steinkohlen findet inan oft Abdrücke von Pflanzen und Thieren. Die Steinkohlen werden in verschiedenen Gegenden in der Erde gefunden. An manchen Orten liegen sie nicht tief im Boden und sind da leicht zu gewinnen. Oft liegen sie aber auch in großen Lagern tief in der Erde unter und zwischen schweren Felsen. Sie werden dann von Bergleuten mit großer Mühe und Gefahr beim Scheine eines Lämpchens in der Erde losgehauen und an das Tageslicht gebracht oder gefördert. Der Ort, wo dieses geschieht, heißt ein Kohlenbergwerk oder eine Kohlengrube oder eine Zeche. Geht der Eingang in eine Zeche senkrecht in die Erde hinein, so heißt er ein Schacht; geht er aber wagrecht oder schräge in einen Berg hinein, so nennt man ihn Stollen.744 Die Steinkohlen gehören auch zu den leblosen Erdstoffen und sind also auch ein Mineral. Sterne. Siehe gen Himmel und zähle die Sterne! Kannst du sie zählen? — Du kannst sie nicht zählen. Der Herr führt ihr Heer bei der Zahl heraus und rufet sie alle mit Namen. Zwar haben auch die Sternseher manchem Stern- lein, das uns in hellen Nächten freundlich anblickt, seinen Nameu gegeben, und sind mit dem Himmel so bekannt, wie du mit deu Buchstaben in diesem Buche. Doch sie alle zählen und mit Namen zu nennen, vermag Niemand. Nicht einmal sehen können wir die lieben Sterne alle, die in der großen Gottes welt leuchten. Da haben nun die Sternseher helle Gläser er funden, die sie Fernröhre nennen, und mit welchen sie weit in die Nacht hinausschauen. Dann stehen die Sterne so nahe vor dem Glase, daß du meinen würdest, du könntest sie mit der Hand fassen und abpflücken, wie Wiesenblumen. Dadurch sehen sie manches Licht am Himmel, das du mit bloßen Augen nicht entdeckst. Auch haben sie die Sterne eingetheilt, und sich aus mehreren derselben Bilder in Gedanken zusammengesetzt, darum reden sie von Sternbildern. Solche sind z. B. die Fische, der Wassermann, der Steinbock u. a., die auch im Ka lender genannt werden. Einen weißen Streifen, der über den Nachthimmel hinzieht, nennen sie die Milchstraße, und be lehren uns, das seien lauter Sterne, unzählig, wie die Bienen im Stocke, die doch in guter Freundschaft leben und einander nicht im Wege stehen. Die meisten Sterne bleiben immer auf chrer Stelle, und mit ihrem Auf- und Untergänge verhält sich's, wie mit der Sonne; es ist nur Schein. Diese nennt man feste Sterne (Fixsterne), und jeder ist auch eine leuchtende Sonne. Die Sterne aber, die sich, wie die Erde, um unsere Sonne bewegen, heißen wandelnde Sterne (Planeten). Jetzt kennt man viele Planeten, die bekanntesten sind deren 11, die Erde mitgerechnet. Einige sind größer, andere kleiner, als die Erde; zwei stehen der Sonne noch näher, als wir, — der schöne Morgen- und Abendstern ist einer davon. Die andern aber sind noch weiter hinaus, und der allerletzte ist s» weit von der Sonne, daß er 82 Jahre lang sich drehen muß, ehe er einmal herumkommt. (Sie heißen von der Sonne an: Merkur, Venus, Erde, Mars, Vesta, Juno, Pallas, Ceres, Jupiter, Saturn, Uranus.) Einen tiefen Eindruck überhaupt macht der gestirnte Him-745 inet auf uns. Eine gewisse Sehnsucht, auch dort oben zu sein^ Lei den Sternen, erfüllt unser Herz; darum sagt jedes von uns- so gerne: Ihr lieben Sternlein droben, Mit eurem gold'nen Schein, Wie zieht ihr mich nach oben, O, könnt' ich bei euch sein! Wenn ihr heruuterschauet Mit eurem klaren Blick, Mein Herz sich still erbauet — Ein unbegränztes Glück. Und soll ich es euch nennen? Ihr schweigt ja fort und fort: Daß ich euch all' einst kennen, Einst schauen werde dort. Doch nein! was sollt ihr schweigen? That's doch dem Erdenrund, Dem sich die Himmel neigen, Selbst seinen Menschen kund. Daß — wenn die Nacht gekommen, Und unser Auge bricht, Ihr Sterne, lieb entglommen, Uns zeigt den Weg zum Licht. .Ich sehe so fröhlich und gerne zu euch aus, ihr sunkelnden Sterne, ihr lieblichen Kinder der Nacht! Ihr schimmert so freundlich hernieder und wandelt in Eintracht, wie Brüder, und lobet den Gott, der euch gemacht! Wie? Wohnen auch Brüder dort obeu, die mit mir den Gütigen loben, der Sonnen und Erden erschuf? Seid gut ihr Brüder in Sternen! Gutsein und lieben und lernen, das ist's ja, wozu er uns schuf! — Ein Lehrer erzählte seinen Schülern einmal folgende Ge schichte : „In Italien, einem Lande unseres Erdtheiles, liegt eine sehr alte und große Stadt, Namens Rom, in welcher der Papst wohnt. Vor alten Zeiten hatte daselbst eine sehr hohe Säule gestanden, welche aus einem einzigen Steine gehauen ist, war aber, man sagt durch ein Erdbeben, umgestürzt worden und lacg746 nun in Schutt vergraben da. Deu Papst dauerte es sehr, daß ein solch herrliches Kunstwerk so unbemerkt bleiben sollte und er hätte gern wer weiß was darum gegeben, die Säule wieder auf ihrem Fußgestelle stehen zu sehen. Allein Niemand wußte dies zu bewerkstelligen. Denn die Säule war wohl 50 Meter lang und wog über dreizehntauseud Zentner, also beinahe eine und eine halbe Million Pfund. Wie wollte man eine so er staunliche Last erheben können? Endlich meldete sich ein Mann, ein Baumeister, der die Säule aufzurichten versprach, wenn ihn der Papst dabei wollte unterstützen lassen. So erfreulich dem Letztern dieses Anerbieten war, trug er doch auch großes Be denken, dasselbe anznnehmen. Denn wenn das Unternehmen mißglückte, die Säule vielleicht halb erhoben wieder niederstürzte; .so konnten Hunderte von Menschen erschlagen und Häuser zer schmettert werden. Der Baumeister aber setzte seinen Kops zum Pfände des glücklichen Gelingens, und das Unternehmen be gann. Stämme, wie sie nur die dicksten Bäume hergeben können, Taue, so stark wie ein Menschenarm, Maschinen von ganz neuer Erfindung wurden herbeigeschafft. Hunderte von Ochsen, Tausende von Menschen waren bereit, sie iu Bewegung zu setzen. Eine unzählbare Menge Zuschauer, selbst der Papst und die Vornehmsten des Reichs waren zugegen. Bei Todes strafe durfte Niemand sprecheil, keinen Lärm machen, um die Arbeiter nicht zu verwirren. Durch Trompeteutöne wurden die Zeichen gegeben, wenn gearbeitet oder innegehalten werden sollte. Eine Todtenstille herrschte auf dem ungeheueren Platze. Jetzt ertönt das Zeichen: die Arbeit beginnt. Die Maschinen gehen, die Taue strecken sich: die Stämme stöhnen und biegen sich wie Weideuruthen unter der ungeheueren Anstrengung. Die Säule, zweimal so hoch wie unser Kirchthurm, erhebt sich lang sam, aber mit Leichtigkeit. Als nur noch ein kleines Stück fehlte, daß sie gerade stände, konnten die Taue nicht weiter. Vergeblich strengten Menschen und Thiere sich an — die Säule blieb unbeweglich. Auch da verlor der Baumeister weder den Muth noch den Kopf. Er ließ sogleich Feuerspritzen herbei- holeu und reichlich Wasser auf die Taue spritzen. Da zogen sich diese zusammen, wurden dicker, kürzer und die Säule stand kerzengerade. Allein nun mußte sie noch auf das Fußgestell gehoben werden, das über fünfzehn Meter hoch war. Auch dies ging glücklich von Statten. Als nun die Säule ungefähr einen Meter hoch über dem steinernen Fußgestelle schwebte, wurde mehreren Arbeitern befohlen, dazwischen hinein zu kriechen und747 das Fußgestell von etwa darauf gefallenen Steinchen zu reinigen, damit die Säule einen überall gleichen Boden fände. Nun denkt euch einmal die Angst dieser Leute, welche aus dem Bauche unter der hängenden Säule Herumrutschen mußten. Wie mochte ihnen das Herz ängstlich schlagen, die Hand zittern! Wie schnell werden sie gesucht haben, der Gefahr zu entrinnen! Denn wenn ein Tau riß — ein Balken krachte — die Arbeiter einen Ruck thaten — zermalmte sie die fürchterliche Säule, die dicht über ihren Häuptern schwebte. Doch Alles glückte und die Säule steht heute noch." — Die Kinder, welchen die Angst auf den Gesichtern gelegen hatte, athmeten hier hoch auf und sahen einander verlegen an. Auch über euren Köpfen schwebt eine solche Säule, Kin- der! rief fast ängstlich der Lehrer. Nehmt euch in Acht! bückt euch! Die Kinder bückten sich wirklich, aber mit Lachen, und schauten vergnügt über sich, wo anstatt der Säule nur die schwarzgraue Decke der Schulstube zu sehen war. Lacht nur nicht, sprach, gleichfalls lächelnd der Lehrer, ich spasse nicht. Ihr sitzt wirklich unter vielen, entsetzlich schweren Säulen, welche über euren Häuptern schweben, ohne von Tauen, Balken oder Maschinen gehalten zu werden. Also um -so ge fahrdrohender. Die Kinder lachten immer ungläubiger. Im Ernst, begreift ihr nicht, was ich meine? hob er wie- der an. Schweben nicht über euch Sonne, Mond und unzähl bare Sterne, millionenmal schwerer, als alle Säulen und Steine der Erde, schwerer als diese selbst? Was hindert dieselben auf euch herabzufallen? Etwa Taue, Stämme, Maschinen? Nichts von dem Allen! Furchtlos, freudig blickt ihr dennoch zum ge stirnten Himmel empor. Der kleinste dieser frei schwebenden Sterne würde beim Herabfallen uns insgesammt zerschmettern. Und wenn von der Sonnenscheibe ein Bröcklein, scheinbar so groß wie eine Haselnuß, sich lösete und auf unsere Erde fiele, würde es tausendmal so groß sein, als dieselbe und uns unter einem himmelhohen Berge begraben. Warum sind wir nun so getrost bei dieser entsetzlichen Gefahr, die über unferm Haupte schwebt? Weil wir wissen, daß Gott der Herr mit allmächtiger Hand Sonne, Mond und Sterne hält! Darum sei ihm auch Ehr' und Preis von uns gebracht! — Gar sehr erbaut begaben sich die Kinder auf den Heim weg. Als sie Abends ein goldenes Sternlein nach dem andern748 am tief blauen Himmelszelte hervorglänzen sahen, betrachteten, sie dieselben mit ganz anderen Gefühlen denn sonst, und wußten es dem Herrn gar großen Dank, daß er in den vielen tausend Jahren, seitdem die Erde stehe, noch keines hatte herabfallen lassen. Dankend genossen sie auch das Abendbrod, und dankend legten sie sich zur Ruhe. Sternenhimmel. Vater. Habt ihr denn noch nie in einer sternenhellen Nacht den Himmel betrachtet und das zahllose Heer von Sternen, die wie leuchtende Punkte an dem blauen Himmelsgewölbe flimmern? Es wäre eine Schande für euch, wenn ihr es noch nicht gethan hättet; wenn es aber den noch wäre, so thut es an dem nächsten sternenhellen Abend, und bittet eure Lehrer, daß sie euch einige der hellsten und schönsten Sterne zeigen, damit ihr auch die übrigen allmählich kennen lernt. Freilich sind der Sterne am Himmel gar viele, und sie stehen auch scheinbar so unordentlich durcheinander, daß kein Mensch sie zählen mag; aber die Sternkundigen haben sich auf eine sinnreiche Weise zu helfen gewußt. Schon die Chaldäer, die im Morgenlande wohnten und sich viel mit der Sternenkunde beschäftigten, haben die Sterne in gewisse Haufen oder in Sternbilder geordnet, die man viel leichter merkt und viel leichter wieder sindet, als einzelne Sterne. Da stehen z. B. am nördlichen Himmel nicht gar weit von einander sieben helle Sterne, die am Himmel ungefähr eine Figur, wie die so eben auf deine Schultafel gemachte Zeichnung bilden- Was meint ihr nun, was kann aus den sieben Sternen ge macht werden? Kinder.- Was anders, als ein Wagen? Denn bil den nicht vier Sterne ein Viereck, und sind das nicht die vier Räder des Wagens? Und bilden nicht die drei andern eine etwas gebogene Linie, und ist diese Linie nicht die Deichsel des Wagens? — Vater. Das habt ihr richtig getroffen; unsere Land leute nennen noch jetzt die sieben Sterne den Wagen und sprechen von der Deichsel und von Vorderrädern und Hinter rädern. Aber im Alterthume hat man ans den sieben Sternen eine andere Figur, den großen Bären gemacht. Die vier Sterne im Viereck bilden den Körper, die drei übrigen den Schwanz des Thieres; am Kopfe und an den Füßen stehen nur kleinere, wenig kenntliche Sterne.749 Kinder. Wo aber ein großer Bär ist, Vater, da wird auch wohl ein kleiner sein, denn warum nannte man sonst jenen ersten den großen? Vater. Das ist richtig, und hier ist auch dafür gesorgt, daß ihr den kleinen Bären sogleich neben dem großen sehen könnt. Das sind abermals vier Sterne, die ein Viereck, und drei Sterne, die eine gebogene Linie bilden, und dieses Gestirn hat man den kleinen Bären genannt. Sein Kopf ist da hin gerichtet, wo der Schwanz des großen Bären liegt; den Schwanz richtet er dahin, wo der große Bär seinen Kopf hat, er ist in allem das Widerspiel seines großen Nachbars. Warum mag ich wohl von den vielen Sternbildern am Himmel gerade diese beiden herausheben? Kinder. Von dem großen Bären begreift es sich leicht; er ist eines der schönsten Sternbilder, und er ist jeden Abend am Himmel zu sehen; aber der kleine Bär fällt weit weniger in die Augen. Vater. Ihr wißt nun nicht, welch' ein merkwürdiger Stern in dem kleinen Bären steht. Zieht in Gedanken eine gerade Linie durch die beiden vordersten Sterne des großen Bären oder durch die Hinterräder des Wagens, so trifft diese Linie ziemlich genau auf den äußersten Stern in dein Schwänze des kleinen Bären, und diesen Stern nennen wir den Polar stern. Achtet nur in einer hellen Winternacht ans den großen Bären und auf den Polarstern, seht, wie beide etwa des Abends um 6, und dann, wie sie in derselben Nacht etwa um 12 Uhr, und endlich, wie sie des Morgens um 6 Uhr stehen. Den Polarstern findet ihr immer in derselben Gegend des Himmels und in immer gleicher Höhe; aber die Sterne im großen Büren haben ihre Stellung gegen den Horizont merk lich verändert. Standen die beiden Vorderlader um 6 Uhr Abends hoch im Scheitelpunkte, so stehen sie um 6 Uhr Mor gens aus der andern Seite des Polarsternes, tief am Horizonte, und es ist, als ob alle Sterne tagtäglich einen Kreis am Him mel beschrieben, in dessen Mitte der Polarstern steht. Je weiter ein Stern vom Polarsterne steht, desto größer ist der Kreis, den er täglich zu beschreiben hat; die ihm näher stehen, die beschreiben immer kleinere Kreise, und der Polarstern ist der einzige, der seine Stelle am Himmel nicht merklich ändert. Kinder. Das sieht doch wirklich so aus, als ob die ganze Himmelskugel mit allen ihren großen und kleinen Sternen sich von Morgen gegen Abend drehte, und als ob der Polar-750 stern einer von den beiden Punkten der Himmelskugel wäre, der bei der Umdrehung unbeweglich bleibt. Vater. Darum hat man ihn den Polarstern genannt; denn Pol bedeutet eigentlich die Angel, in der sich eine Thür dreht, und wir könnten den Polarstern auch ebenso gut den Angelstern nennen; er steht ganz nahe dem Punkte, in welchem sich die Himmelskugel zu drehen scheint. Kinder. Gibt es denn noch andere merkwürdige und schön in die Augen sallende Sterne? Vater. Es gibt deren so viele, daß ein ganzes Buch davon zu schreiben wäre. Aber es hilft nichts, daß ich sie euch nenne; ihr sindet sie nach bloßer Beschreibung doch nicht; euer Lehrer muß sie euch zeigen. Kinder. Was ist denn die Milchstraße? wir haben gar so oft schon von der Milchstraße reden hören? Vater. Die merkwürdigste Erscheinung am Sternen himmel bleibt immer die Milchstraße, ein heller Streifen, der sich rings durch die ganze Himmelskugel zieht, und der nach der Meinung der Sternkundigen nichts Anderes sein kann, als das vereinte Licht vieler Millionen Sterne, welche in der Richtung der Milchstraße neben- und hintereinander stehen. Betrachtet man den Sternenhimmel, so wird einem zu Muthe, als wenn inan in die göttliche Fürsehung hinein schaute, und jeder Stern verwandelt sich in ein Sprüchlein. Der erste sagt: „Deine Jahre währen für und für, Dn hast vorhin die Erde gegründet, und die Himmel sind Deiner Hände Werk. — Der zweite sagt: „Bin ich nicht ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht- ein Gott, der ferne sei? Meinst Du, daß sich Jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe." — Der dritte sagt: „Herr, Du erforschest mich und kennst mich, und stehest alle meine Wege." — Der vierte sagt: „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, und des Menschen Kind, daß Du Dich seiner annimmst?" — Der fünfte sagt: „Und ob auch eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen, spricht der Herr." —Sternschnuppen. Wenn des Abends der Himmel heiter ist, und die Sterne funkeln, dann sieht es zuweilen so aus, als wenn ein Stern vom Himmel falle und — oft mit einem längere Schweif hinter sich leuchtend — durch die Luft oder zur Erde schieße. Viele Leute glaubten sonst, daß sich dann ein Sterrr geputzt habe, so wie wir oft von einem Talglicht den obersten Theil des brennenden Dochtes oder die Schnuppen ab- schneiden und sie wegwerfen. Darum nannte man diese Er scheinungen am Himmel auch S t e r n f ch n u p p e n. Verständige Leute glauben aber jetzt nicht mehr, daß Sternschnuppen vonr Himmel fallende Sterne seien; sie sagen, und zwar mit großer Sicherheit und Bestimmtheit, es seien ölige, harzige und schwefe- lige Dünste, die von der Erde in die obere Luft steigen, durch Reibung sich entzünden, und leuchtend, oft mit einem Knalle, uiedersallen. Solche entzündete Dünste nenne man deßhalb Sternschnuppen, weil es uns vorkomme, als ob sie von einem Sterne herkämen. Stimmen der Thiere. Lieber Bernhard ! Ein Mensch, der einen Mund hat und nicht reden kann, ist eben so schlimm, ja noch schlimmer daran, als ein Mensch, der Füße hat und nicht gehen kann. Nicht wahr, wenn eine Freude Dein Herz bewegt, so theilst Du das Deinen Kameraden mit, und sie freuen sich dann auch mit Dir. Oder wenn Dir etwas wehe thut, wenn Du Schmerzen hast, so behältst Du Dein Leid nicht für Dich, sondern klagst es der lieben Mutter. Gewiß thäte es Deinem Herzen wehe, wenn Du Freud und Leid für Dich be halten müßtest; und wie wehe geschehe Dir, wenn Du Deinen Eltern nicht sagen könntest, wie lieb Dil sie hast, wenn Du ihnen nicht auch mit dem Munde für ihre vielen und großen Wohl- thaten danken könntest. Dieses alles kann ein Stummer wenig stens mit dem Munde nicht, und was das Schlimmste ist, lieber Bernhard, er kann mit seiner Zunge Gott nicht loben, der ihn zu den Freuden dieses und jenes Lebens erschaffen und erlöset hat. So siehst Du denn, was es für ein großes Gut ist, daß Du nicht blos einen Mund und eine Zunge hast, sondern daß Du damit anch vernehmlich reden kannst. Auch die Thiere haben eine Stimme, auch sie können ba nnt ihre Lust und ihren Schmerz ausdrücken, können sich dadurch einander verständlich machen, und auf ihre Weise Gott loben, wie ein Dichter sagt:752 Der Vogel dir singt, das Fischlein dir springt. die Biene dir summt, der Käfer dir brummt, auch pfeifet dir das Mäuslein klein: Herr Gott, du sollst gelobet sein. .Jedes Thier hat seine eigene Stimme. Das Pferd wiehert, der Löwe brüllt, der Hund bellt, das Schaf blockt, der Ochs brummt, die Ziege meckert, das Lchwein grunzt u. s. w. Auch jeder Vogel hat seine eigene Stimme, z. B. die -Henne gackert, die Gans schnattert, der Storch klappert, der Rabe krächzt, der Truthahn kollert, der Staar schwatzt u. s. w. Eine ganz ab sonderliche Stimme hat der Kuckuck, der Wiedehopf, die Wachtel, die Taube u. a. Am meisten wird aber unser Ohr ergötzt von der Stimme derjenigen Vögel, welche man Singvögel nennt. Wie oft hat Dich ihr Gesang erfreut; wie oft hast Du der Lerche zugesehen und zugehört, wenn sie mit fröhlichem Gesang in die Höhe stieg! Es gibt aber unter den Singvögeln gute und schlechte Sänger. Unser bester ist „die süße Frau Nachtigall." Wenn sie anfängt zu flöten und zu schlagen, dann trügt sie den Preis davon. Doch kenne ich noch einen Vogel, dessen Gesang mir fast eben so lieb ist, als der der Nachtigall, wenn er gleich nicht so laut und feurig daher schallt, das ist die Haidlerche mit ihrem lieblichen Gelulle. Auch die Grasmücke, die Schwarz blatte und der Fink verdienen unter unfern Sängern noch genannt zu werden. Aber sag mir, lieber Bernhard, was hat die Nachtigall für ein Kleid an? Weil sie einen so herrlich laut schallenden Gesang hat, wird sie wohl auch ein herrliches, glänzendes Kleid an- haben? Dem ist aber nicht so. Sie hat Sommer und Winter ein rothgranes Röcklein an, und wer sie nicht kennete, würde nimmermehr glauben, daß dieser Vogel in seinem schlichten Kleide ein so hochbegabter Sänger wäre. Auch die Schwarzblatte und Grasmücke ist nur mit einem bescheidenen, grauen Röcklein ange- than. Nun denke Dir, Bernhard, wenn schon die Nachtigall in ihrem schlichten grauen Kleide so schön singt, wie schön wird erst der Pfau singen, der ein so stolzes, prächtiges Kleid am Leibe trägt! Hast Du schon einen Pfau singen hören? Nicht wahr, der hat eine prächtige Stimme? „O, eine so prächtige, daß ich mir die Ohren zuhalte." Sollte man es glauben, lieber Bern-753 hard, der prächtig geputzte Pfau ist ein häßlicher Schreier, und nicht bloß ein häßlicher Schreier, sondern ein eigensüchtiges, boshaftes und grausames Thier, ein Raufer sondergleichen, der nach andern Vögeln hackt und sie unbarmherzig um's Leben bringt, wenn man's ihm zuläßt. Lieber Bernhard, nimm Dir daran ein Beispiel und werde einmal kein stolzer, eigensüchtiger Pfau, sondern eine schlichte Nachtigall, die mit ihrer Stimme Alles erfreut. Aus dem Beispiel des Pfau's siehst Du, daß ein schöner, buntgekleideter Vogel oft nichts anderes als ein häßlicher Schreier ist. Doch ist es nicht immer der Fall. Ich weiß einen Vogel, der hat ein herrliches Kleid und dazu einen herrlichen Gesang. Dieser Vogel lebt in Südamerika, und man nennt ihn dort zu Lande den Karmingimpel, weil er ein prächti ges, karminrothes Kleid anhat. Er singt fast eben so schön wie die Nachtigall. Auch ist ein Vogel, der einen grauen Rock an hat, nicht immer ein guter Sänger, wie Du das an einem Sperling und an einer Krähe sehr wohl sehen kannst. Aber, lieber Bernhard, glaubst Du, daß es Vögel gibt, welche nicht bloß eine eigene, schöne Stimme haben, sondern auch die Stimme anderer Vögel und Thiere nachahmen können? Ich will Dir zwei solcher Vögel nennen. Der eine ist die Kalauderlerche. Sie hat eine starke Stimme und macht mit großer Geschicklichkeit das Geschrei der Geier und Adler, das Schlagen der Wachtel, den Gesang der Haidlerche, ja sogar das Quacken der Frösche nach, und setzt daraus ein Gesangstück zusammen, das man mit Verwunderung hört. Der andere ist die Spottdrossel, welche in Amerika lebt. Wenn dieser merkwürdige Vogel seinen Gesang anstimmt, so ist er so begei stert, daß er vor Vergnügen seinen weißen Schwanz ausbreitet und damit den Takt schlägt; ja er steigt auf dem Zweige auf und nieder, schlägt mit seinen Flügelein, und dreht sich entzückt im Kreise herum. Zuletzt setzt er ein ganzes Concert aus dm Stimmen anderer Vögel zusammen, und schließt damit. Die Spottdrossel kann die Stimmen anderer Thiere so täuschend nachahmen, daß auch ein erfahrener Jäger oft irre wird, und meint, es sitze ein Aefschen, ein Geier oder ein anderes Thier aus dem Baum. Eine gefangene Spottdrossel hörte es öfter, wie ihr Herr dem Jagdhunde pfiff, und machte nach einiger Zeit den Pfiff so täuschend nach, daß der Jagdhund aufstand und mit dem Schwänze wedelte, weil er nicht anders meinte,' als cs habe ihm sein Herr gepfiffen. Dieselbige Spottdrossel hörte Kiiidcr-Coupcrsations- Lexikon. 48die Küchlein einer Henne öfters schreien, und machte dieses Ge schrei so geschickt nach, daß die alte Henne mit gesträubten Fe dern herbeieilte, weil sie meinte, man wolle einem ihrer Küchlein etwas thun. Sie miaute wie eine Katze, ja sie machte das Knarren einer aus dem Haus befindlichen Wetterfahne nach. Wenn Du die lateinische Sprache so leicht lernen könntest, als die Spottdrossel die Sprache anderer Vögel lernt, so wäre es gut für Dich. Lebe wohl! Storch. Dieser weltberühmte Sumpfvogel hat einen stol zen gravitätischen Gang, als wäre er von gar vornehmer Her kunft, und mit Verwunderung sieht man diesem Herrn von Lang bein zu, wenn er auf den Wiesen daherstolzirt, um sich eine Mahlzeit zu suchen. Kommt ihm ein fetter Bissen unter die Füße, so fährt er blitzschnell mit seinem Schnabel zu, und ver schluckt ihn mit Haut und Haaren. Ohne sich umzusehen, ver schlingt er so 10—16 Frösche auf einmal. Ganze Schlangen würgt er hinunter; wehren sie sich, so zerhackt er ihnen den Kopf und schlägt sie mit dem Schnabel in's Genick. Große Fische hackt er weich, und verschlingt sie dann erst. Mäusen und Maul würfen lauert er stundenlang auf; sobald sie schieben, spießt er sie mit dem Schnabel, wie mit einem Pfeil. Die Roßkäfer sucht er aus dem Kuhmist heraus, und die Bienen schnappt er von den Blumen weg. Nie sieht man im Winter Störche, denn sie sind Zugvögel, und kommen zu uns erst im März. Sobals sie ankommen, bessern sie. ihr altes Nest aus, oder bauen ein neues. Sie stehen in den Nestern hoch aus dem Dach sie klappern im Sumpfe, sie klappern am Bach, erzählen von der Reise über Meer und über Land und wie es ein jeder hier wieder fand. Die Störche bauen aber ihr Nest nicht in beu Wald, son dern in Städte und Dörfer, denn sie wollen in der Gesellschaft der Menschen sein. Am liebsten nisten sie auf den Dächern der Häuser, auf Schkölen und Thürmen, auf alten Baum stränken u. dgl. Zuerst schleppen sie mit dem Schnabel dürre Aeste, Reiser und Dornen herbei, darauf siechten sie Stroh, Grashalme, Moos, und füttern das Nest inwendig mit Lum pen, Garn und andern weichen Dingen aus. Das Garn755 stehlen sie auch bisweilen auf der Bleiche, weßhalb ihnen die Buben Nachrufen: Garndieb! Garndieb! Ein solches Nest ist dann oft so groß, als ein Wagenrad, und in die Reiser und Dornen nisten außen herum die Spatzen. Auf dieses Nest, wel ches ganz flach ist, legt das Weibchen 5—6 weiße Eier, und brütet sie mit dem Männchen in 28 Tagen aus. Da die Jun gen anfangs noch nicht stehen können, sondern auf den Knien hocken, so bleibt immer ein Alter im Nest; der andere fliegt fort und holt Frösche, Blindschleichen, Mäuse u. dgl. Er trägt diese Thiere aber nicht im Schnabel herbei, sondern tödtet sie erst mit Schnabelhieben und verschluckt sie dann. Kommt er nach Hause, so setzen sich die Jungen um ihn herum, und er würgt ihnen den Fraß aus dem Kropfe vor. Wenn die Jungen größer wer den, so machen die Alten das Nest weiter und erhöhen den Rand, damit die Jungen nicht herabfallen können. Weil jetzt das Nest zu klein wird, so übernachten die Alten entweder auf dem Rande des Nestes oder auf dem Dache. Können die Jungen endlich stehen, so geben ihnen die Alten Unterricht im Fliegen. Zuerst müssen sie ihre Flügel im Neste probiren, dann auf dem Dache, von da fliegen sie auf die benachbarten Dächer und endlich auf die Wiese. Dabei muntern sie die Men durch Klappern auf, und bestrafen wohl auch ihre ungehorsamen Kinder mit Schna belhieben. Haben die Störche ihre Jungen erzogen, so versam meln sich Alte und Junge gegen Ende Juli auf Wiesen. Es ist ein sonderbarer Anblick, wenn 40 bis 50 solche langbeinige Roth- schnäbel gravitätisch herumsteigen und sich mit lautem Geklapper über die bevorstehende Reise unterhalten. Zuweilen geschieht es, daß die versammelten Störche Gericht halten, und einzelne ihrer Kameraden mit Schnabelhieben hinrichten. Warum, weiß man mcht. Endlich ziehen sie mit einander fort nach Afrika, und bringen daselbst den Winter zu. Die Kinder reden gern mit den Störchen, sie sagen zum Beispiel: Sind Gäste angekommen, steh'n oben auf dem Haus. Habt ihr es nicht vernommen? Kommt hurtig 'mal heraus. Ei, schö nen guten Morgen! Herr Storch, nun sag er an, wie er doch solche Sorgen uns Kindern machen kann. Zieht, ohn' ein Wort zu sagen, bei Nacht und Nebel fort; man hört in hundert Tagen von ihm kein stummes Wort. Doch, sei er nur nicht bange, er ist ein frommes Blut; verließ er uns auch lange, sind ihm doch Alle gut. Wir sehen gar zu gerne, wenn er im hohen Nest, nachdem er lange ferne, sich häuslich niederläßt. Und fängt er 48*756 an zu bauen, und klappt so hell dazu, dann stehen wir und schauen ihn an in guter Ruh'. Und denken still und leise an's schöne Sommerland, und wie auf seiner Reise den rechten Weg er fand. Könnt' er uns nur was sagen vom Lande gar so fern; das würd' uns schon behagen, — wir sehen's auch mal gern. StrauH. Knabe. O Strauß, was bist du für ein großer Vogel! Wie hoch muß ich zu dir hinaufsehen, was hast du für einen langen Hals und was für stelzige Beine! Strauß. Ja wohl, ich bin der Riese unter den Vögeln. Vor einem Reiter zu Pferd brauche ich mich nicht zu schämen, ich bin so hoch wie er. Und trage ich nicht auf meinem schlanken Hals ein zierliches Köpstein und habe schöne große Augen? Sieh mich nur an! Und an meinen Beinen erkennst du, daß ich zu den Stelzvögeln gehöre. Kn. Das sehe ich Alles. Aber, du stolzer Strauß, breite mir doch deine Flügel aus, ich möchte einen solchen Riesen, wie du bist, stiegen sehen. Str. Fliegen, mein Kind, das kann ich nicht. Leider habe ich an meinen Flügeln keine Schwungfedern. Ich kann nur laufen. Kn. Was, du kannst nicht stiegen? Ach, das ist schade! Was hast du aber am Schwanz für stolze Federn? Str. O Kind, diese zierlichen, weichen und biegsamen Fe dern sind mein Unglück. Denn um ihretwillen nimmt mir der grausame Mensch mein Leben. Die stolzen Federn stecken sie auf ihren Hut, und kümmern sich nichts darum, ob ich lebe oder todt bin. Kn. Armer Strauß, du kannst also nur laufen? Str. Ja wohl, ich laufe schneller als ein englischer Renner. Willst du's versuchen, so setze dich auf meinen Rücken, und halte dich an meinem Halse fest. Kn. Ich glaube es wohl, daß du mit deinen Stelzfüßen recht lausen kannst, du könntest mit mir nur in die weite Welt rennen. Aber wo ist denn deine Heimath, du Schnellläufer? Str. Meine Heimath ist im heißen Afrika, wo die Sonne wie Feuer brennt, da lebe ich in den großen Wüsten mit meinen Brüdern in guter Gesellschaft, und sind wir oft zu 300 bei sammen, da solltest du uns einmal rennen sehen! Das ist eine Lust! Aber da hat man mich in diesen elenden Käsig zu euch herübergeschleppt und bin so allein und muß mich von euch begaffen lassen.757 Kn. Armer Strauß, du dauerst mich! Doch von was lebst du denn in deiner Wüste? Str. Ich lebe von Kräutern und Körnern, aber nicht immer sind diese in einer dürren Wüste zu haben, und mein Magen ist groß. Da verschlinge ich denn in meinem Heiß hunger auch bisweilen Holz, Steine, Eisen, Glas und Nägel. Kn. Das ist aber entsetzlich! Die werden dir Bauch grimmen machen. Str. O nein, ich verdaue sie doch, denn ich habe einen guten Magen. Einer meiner Brüder verschluckte einmal im Heißhunger 70 Goldstücke; er hätte sie gewiß verdaut, wenn ihm nicht der Bauch ausgeschnitten worden wäre. Freilich, Gläser und Nägel zerschneiden und zerstechen uns auch bisweilen den Magen. Kn. O du Eisenfresser! Wo legst du denn deine Eier hin, die sind gewiß recht groß? Str. Meine Eier lege ich in ein Nest, das ich mit meinen Füßen in den Sand scharre. 25—30 Eier lege ich oft hinein, und die Sonne hilft sie mir ausbrüten. Daß ein Ei von mir groß ist, kannst du dir denken, fast so groß, als dein Kopf; es ist drei. Pfund schwer, und in die leere Schale gehen 24 Hühnereier hinein. Vier hungrige Menschen können sich an einem Ei von mir satt essen. Die bösen Hottentotten machen oben ein Loch hinein, stellen es wie einen Topf an's Feuer, und kochen es so. Kn. Da möchte ich doch einmal mitessen, so wüßte ich doch auch, wie deine Eier schmecken. Du dauerst mich, daß man dich so herumschleppt, und ich wünsche dir, daß du bald wieder zu deinen Brüdern nach Afrika kommen mögest. Strom. Vereinigen sich mehrere Bäche, deren gemein schaftliches Streben ist, tiefer liegende Stellen zu ereilen, so entsteht ein Fluß. Aus der Verbindung mehrerer Flüsse bildet sich ein Hauptfluß, ein Strom. Gedenkt man aller Flüsse, welche mit dem Strome verbunden sind, so ist die Rede von einem Stromgebiete, dessen Ausgang das Meer ist. Den Ort, wo der Strom oder Fluß in den andern einströmt, nennt man die Mündung desselben. In gewundener Krümmung zieht der Strom dahin, der Strom, von dem Jemand sagt: „Sieh' den Strom mit breiten Wogen prächtig durch die Auen zieh'n! Schiffe gleiten drüber hin, schweben durch der758 Brücke Bogen, wo die Hauptstadt sich erhebt, und ihr Bild mit stolzen Thürmen, mit den Mauern, die sie schirmen, in dem Fluthenspiegel schwebt." Auch erzählt ein berühmter Maler von dem Strome Folgendes: „Bald durch enge Felsenklausen, in des Waldes grüner Nacht, hörst du seine Wogen brausen, die sich schäumend Raum gemacht; bald durch lachende Gefilde, majestätisch sanft und milde, geht er seine lange Bahn schweigend fort zum Ocean. Millionen Wesen leben froh in seines Beetes Raum, Millionen froh umschweben seiner Wellen leichten Schaum. Beider Ufer reiche Fluren tragen seines Segens Spuren; Dörfer, Städte blühen aus durch des Stroms wohlthät'gen Lauf. Nur von seinem Arm gezogen, hat das Mühlrad Riesenkraft; schneller wird auf seinen Wogen fremdes Gut herbeigeschafft. Auch des Wasser reiches Schätze liefert in der Fischer Netze gern der segensreiche Fluß, unserm Fleiß zum Festgenuß. Doch die Frühlingssonne schmelzet Schneegebirge, Regen fällt, dann er seine Fluthen wälzet über Dorf und Stadt und Feld; reißt mit unzwingbarer Stärke nieder unsers Fleißes Werke, raubet wieder, was er gab, Tausenden wird er zum Grab. Falle nieder, Mensch von Erde, vor der unsichtbaren Macht, die durch ihr allmächtig: Werde! solche Kraft hervorgebracht. Dich setzt durch Verstand und Hände sie zum Herrn der Elemente; brauche nur mit Dankbarkeit weislich, was sie dir'verleiht!" Solch ein ernstes Wort spricht der mächtige Strom, so bald wir mit Aufmerksamkeit au ihm und bei ihm verweilen, während er, in immerwährender Bewegung begriffen, seiner Mündung zueilt, nachdem er so viele Geäder der Quellen und Bäche in sich ausgenommen und mit ihrer Kraft die seinige ver stärkt hat. Wenn er rauschend durch's Land ziehet, wenn er befruchtet die Auen, wenn er seine Wellen durch Einöden und menschenleere Orte trägt: sehen wir ihm ruhig nach; wenn er aber seine Gränzen überschreitet und mit wilder Wuth auf die Felder des Segens und des stillen Friedens tritt — dann erfüllet Angst und Schrecken unser Herz. Stunde. Eine Stunde ist eine Zeit, die in 60 gleiche Theile, welche Minuten heißen, eingetheilt werden kann. Eine Minute dauert ungefähr so lange, bis man ziemlich langsam 60 zählt, und diese 60 Theile einer Minute nennt man Se kunde. 15 Minuten machen y 4 Stunde, 30 Minuten '/ 2 Stunde.759 Die Stunden werden mit Sonnenuhren, Wasseruhren, Sand uhren und mannigfaltigen Räderuhren gemessen. Kinder! Schnell verfliegen die Stunden dieses Lebens und die vergan genen kommen nie zurück. Wohl dem, der jede derselben gut anzuwenden und darin etwas Nützliches zu thun sucht. Auch von der Zeit und den Stunden wird es einst heißen: „Thue Rechnung von deinem Haushalte." Der Dichter Fr. Güll hat für Kinder gar schön und treffend gesagt, wie flüchtig die Stunden sind und wie sie benützt werden sollen in seinem: „Spruch von der Glocke und von der Uhr" — höret und beherziget ihn: Es schlägt die Glocke Kling und Klang, du, Knab', die Stunden sind nicht lang, du, Knab', die Stunden fliehen schnell, sei du ein fleißiger Gesell! Wer träg und faul die Zeit verthut, der borgt zuletzt sein'n Schuh und Hut, und hat er Hunger, hat er Durst, ihm fehlen Bier und Brod und Wurst. Mit ihrem Ticktack spricht die Uhr: Mein Kind, du lebst ein Weilchen nur, ein jeder neuer Stundenschlag gemahnt dich an den letzten Tag. Von deiner Wiege bis zum Grab' Ist kurz der Weg, dies merk' dir Knab'! Sturmvogel. Lehrer. Denkt einmal, liebe Kinder, der kleine, sonderbare Sturmv og el, der doch nur die Größe einer Schwalbe hat, ist so kühn, wenn er sich hoch in der Luft, und dicht über dem Meere her müde geflogen hat, sich mitten in's Meer zu setzen, und darin herzhaft mit seinen Ruder süßen herumzuschwimmen, Fische zu fangen, und aufzufressen. Kinder. Ersäuft er denn nicht? Die Wellen decken ihn ja zu! Lehrer. O nein, er versteht das Schwimmen vor trefflich, und ist das Auf- und Abschaukeln gewohnt. Und wenn die Wellen zu hoch gehen, fliegt er weiter, und an einen solchen Ort, wo das Meer ruhiger ist. Wenn ein Sturm bevorsteht, so wird dieser Vogel ängstlich, weil er dann sich weder in der Luft noch auf dem bewegten Meere halten kann; er sucht sich daher vor beiden zu sichern.760 Wird er ein Schiff gewahr, so fliegt er sehr hastig auf dasselbe zu, und setzt sich darauf, und verläßt es nicht eher als bis der Sturm vorüber ist. Man sieht oft bei einem Sturme viele Hunderte auf einem Schiffe sitzen, die aus Furcht und Angst so zahm sind, daß sie sich mit den Händen fangen lassen. Weil nun die Ankunft dieses Vogels auf den Schiffen ein sicheres Zeichen eines bevorstehenden Sturmes ist, so hat man ihm der Namen Sturmvogel gegeben. So oft sich also ein solches Vögelchen einem Schiffe nähert, oder sich gar daraus setzt, erschrecken zwar die Schiffer, allein im Herzen danken sie ihm doch, weil er sie vor naher Gefahr warnt. Kinder. Wie sieht denn dieser kleine Vogel aus? Lehrer. Allerliebst. Er hat einen langen, dünnen und an der Spitze ein wenig gekrümmten Schnabel, einen blauen Kopf, und einen blauen und grünen Hals, der übrige Leib aber ist glänzend schwarz und etwas weiß. Seine Flügel sind sehr lang und reichen, wenn sie beisammen sind, weit über den Schwanz hinaus. Er hat also nach Beschaffenheit seiner Größe, die längsten Flügel unter allen Vögeln der Welt. Uebrigens ist er ein sehr gefräßiger Vogel, der beim Fressen eher müde, als satt wird. Er wird auch sehr fett; die Einwohner der Farörer Inseln benutzen ihn deshalb als Lampe. Sie ziehen nämlich einen Docht durch den Vogel und zünden ihn an, worauf alles Fett nach dem Docht hin zieht und die Flamme lange Zeit unterhalten wird. T. Tabak. Der Tabak ist ein Kraut, das seines scharfen, beißenden Geschmackes und seiner betäubenden Eigenschaften we gen eigentlich den Giften beizuzählen wäre; Gewohnheit aber und Mode, die so große Macht über den Menschen ausüben, daß er in ihrem Dienste oft das Lächerlichste und Unsinnigste thut, haben eben dieses Kraut zu einem solchen Bedürfnisse vieler Menschen gemacht, daß sie oft lieber auf einen vernünf tigen und wahren Genuß verzichten, um nur jenen eingebildeten nicht missen zu dürfen. Der Tabak, welcher geraucht und ge-761 schnupft wird, ist von einem Franzosen Ri cot aus Amerika gebracht worden; (er hätte es lieber bleiben lassen)! Ehemals war das Schnupfen und Rauchen streng verboten, fetzt aber rauchen und schnupfen oft schon ganz junge Leute und schaden ihrer Gesundheit. Gegenwärtig ist der Tabak einer der vor nehmsten Handelspflanzen, die Millionen von Menschen in Thä- tigkeit und Millionen Mark in Umlauf setzen. — Nachstehendes Räthsel werdet ihr schnell lösen können: Ein Kopf in einem Stiefel steckt, Mit einem Deckel auch bedeckt, Dabei auch noch ein hohles Rohr, 's macht garst'gen Rauch, mir graut davor. Tageszeiten. Und da ward aus Abend und Morgen der erste Tag; und die Sonne, wenn sie aufgeht verkündigt den Tag; sie geht auf und geht unter und läuft ihren Weg als wie ein Held. Du siehst die Sonne ausgehen oder erscheinen, unter gehen oder verschwinden, du siehst sie sich am Himmel bewegen. Langsam steigt sie von ihrem Aufgange an in einem Bogen in die Höhe und dann wieder nach der andern Seite zu ihrem Niedergange hinunter. Hier verschwindet sie und bleibt unsichtbar, bis sie von Neuem wieder an ihrem Aufgange emporsteigt. Die Zeit um ihren Aufgang nennt man den Morgen, die Zeit um ihren höchsten Stand den Mittag, die Zeit um ihren Niedergang den Abend, die Zeit, in wel cher sich die Sonne unserm Blicke gar nicht zeigt, heißt die Nacht, die Mitte derselben zwischen Nieder- und Aufgang der Sonne die Mitternacht. Morgen, Mittag, Abend und Nacht sind die Haupttageszeiten; dem Sonnenaufgänge geht die Morgendämmerung und die Morgenröthe voran, dem Untergänge folgt die Abendröthe; die Zeit vor dem Mittag heißt der Vormittag, die nach demselben der Nachmittag. Der Zeitraum zwischen Aufgang und Aufgang, zwischen Niedergang und Niedergang, zwischen einem Mittag und dem folgenden heißt ein Tag. Der vier und zwanzigste Theil eines Tages heißt eine Stunde, deren zwölf von Mit tag bis zur Mitternacht, zwölf von dieser bis zu jenem gezählt werden. Der sechzigste Theil einer Stunde ist eine Minute, das */<3o einer Minute eine Sekunde. Sieben Tage machen eine Woche, dreißig einen Monat, zwölf Monate ein Jahr.762 Schnell ist ein Tag verschwunden, noch schneller Minuten und Sekunden; rasch eilen Wochen, Monate, Jahre dahin. Nutze die Zeit! von jeder Stunde sollst du einst Rechenschaft geben! Tanne. Die gemeine Tanne, auch Weiß- oder Edel tanne genannt, ist allen Kindern wohlbekannt; was tragen ihre Wipfel und Zweige nicht für herrliche Früchte am Weih nachtsabende! Ihre gewöhnlichen Früchte sind die bekannten schuppigen Tannenzapfen. Die Tanne ist unter den deutschen Nadelhölzern der höchste Baum. Deswegen und wegen ihres schlanken Wuchses dient sie zu Schiffsmasten; außerdem aber wird ihr Holz auch als Bau- und Brennmaterial, ferner zu Tischler- und Drechslerarbeiten, zu Violinen und zn Resonnanz- böden von Klavieren, zu Schachteln re. benützt. - Agn. Franz läßt eine Birke und eine Tanne so mit einander reden: Birke: Du alte Tanne im dunklen Kleid, du solltest dich schämen zur Frühlingszeit! Sieh' wie ich mit festlichem Grün mich geschmückt, daß jeder mich voll Freude erblickt! Bald kommt das Pfingstfest, dann wirst du mich seh'n, als Zierde vor jedem Hause steh'n; doch deine ernste, stnst're Gestalt begehret keiner im ganzen Wald. Tanne: O Birke, prahle nicht so kühn Mit deinem schönen, jungen Grün! Wohl trage ich Winters- und Sommerszeit dasselbe schlichte, dunkle Kleid. Doch wenn ich im Herbste noch grün' am Hügel, steckst du als Ruthe schon hinter den: Spiegel. O, wie die Kinder dich fliehen erschrocken! Ich aber in meinen krausen Locken, darf als Christbaum zu ihrem Behagen die schönen Weihnachtslichter tragen. Tarantel ist eine Spinnenart, welche größer als unsere Kreuzspinne ist und vorzüglich im südlichen Italien lebt. Ihr Körper ist rauh, hat oben eine gelblich graue, unten eine schwarze Farbe; die Füße sind dick und unten schwarz ban- dirt. Sie lebt in Erdlöchern aber auch in den Häusern der Menschen, die sie oft auch durch ihren Biß selbst tödtlich763 verwundet. Hat die Spinne Jemanden gebissen, so entzündet sich der verletzte Theil heftig, wird bläulich, schwarz; wenn nicht schnelle Hilfe eintritt entstehen Nervenbewegungen, Frost, Zittern, krampfhafte Zuckungen und Verstandesverwinungen, endlich selbst der Tod. Da der Biß in der Regel unversehens geschieht, so ist es natürlich, daß der Gebissene plötzlich aufspringt und das ver letzte Glied hin- und herwirft, wie wir dies auch wohl mit den Fingern thun, die wir uns verbrannt haben, wodurch allerdings eine Erleichterung des Schmerzes, wenigstens für die Dauer der Bewegung entsteht. Gewöhnlich sind es nur die Füße, welche verletzt werden, und die hüpfende Bewegung, die der Gebissene dann zu machen pflegt, wobei er den verletzten Fuß hin- und herwirft, hat den Anschein des Tanzes, weßhalb man dieses Benehmen den Taranteltanz (Taraiitismus) genannt hat. Die Erfahrung hat in diesen tauzartigen Bewegungen ein Heilmittel gezeigt, das man durch Aufspielen einer Tanz- niusik dem Kranken zu erleichtern sucht. Denn wenn die Bewegung bis zur allgemeinen Ermattung und bis zum Aus bruch von Schweiß gesteigert wird, so bleibt bei dem Kranken die Nervenzuckung aus, und die Biß-Wunde heilt gewöhnlich. Man hat sogar späterhin eigene Tanzmusiken für die von der Tarantel Gebissenen componirt, welche man Tarantollo nennt, und wozu besondere Gesänge abgesungen weroen. Wir haben nicht Ursache uns vor unfern Spinnen zu fürchten und es ist darum thörtchte Aengstlichkeit oder Ziererei mancher Mädchen, bei dem Anblicke einer Spinne aufzuschreien. Manche thäte besser, die Spinnengewebe an Orten, wohin sie nicht gehören, abzukehren. Denn obgleich die Spinnen viele dem Menschen lästige Insekten vertilgen, so will man doch lieber einige Fliegen oder Mücken um sich dulden, als Fenster und Wände mit Spinnengeweben behängt sehen. Taube. Kind. Taube! erzähle mir deine Geschichte so gut du kannst. Taube. Ganz recht. Ich will es sogleich thun. Aber du meinst doch mich Haustaube? denn ich habe noch viele Kameraden und Vettern, die ganz andere Namen haben, als ich. K. Das weiß ich wohl, daß es auch Kropftauben, Perücken- tauben, Trommeltauben, Pfauentauben, Ringeltauben, Turtel tauben und Lachtauben gibt. Aber ich meine dich, nützliche Haustaube. Rede also!764 T. Meine Größe kennst du, und daß ich allerlei Farben habe, weißt du auch. Ich wohne in Städten und Dörfern bei den Menschen, in besondern Ställen, die man Taubenhäuser nennt, oder auf dem Boden und unter den Dächern der Häuser, in sogenannten Taubenschlägen. Gewöhnlich suche ich meine Speise aus den Feldern, in der Noth aber und wenn man mir's angewöhnt hat, muß ich mein Brod auch auf den Gassen suchen, und mit allem vorlieb nehmen, was ich da finde. K. Nicht wahr, die Erbsen sind dein Leibessen? T. Ja, das Feldfliegen ist mir das Liebste, denn da finde ich fast immer genug Gersten- und Waizenkörner, Erbsen, Ha fer und Wicken und werde dabei dick und fett, und auch meine Jungen,' die doch meistens zum Abschlachten bestimmt sind, kann ich dann gut füttern. K. Hast du mehrere Jungen? T. Ich ziehe fast alle Monate zwei Junge auf, und sorge dafür, daß ich und meine Taube — denn wir Tauben leben immer, und bis uns ein Unfall oder der Tod trennt paarweise beisammen — in einem Jahr wenigstens neun Paar Kinder kriegen. K. Was sagst du? T. Ja, ja, es ist so. Unser zwei können in einem Jahr neun Paar, in zwei Jahren 80—90 Paar, in drei Jahren 900 Paar, und in vier Jahren, wenn man uns, nämlich unsere Kinder und Kindes-Kinder alle leben läßt, und auch sonst keines durch einen Zufall um's Leben kommt, über 18,000 Nach kommen ziehen. K. Ihr vermehrt euch ja unter allen Vögeln am stärksten. Kein Wunder also, daß die Menschen immer jährlich so viel tausend von euch erwürgen und essen. T. Leider! Unser Fleisch muß gesund sein und recht gut schmecken, weil wir fast nichts als Samenkörner und Brod, und ganz und gar nichts Unreines verzehren. K. Wie alt wirst du denn? T. Höchstens acht Jahre. Und während dieser ganzen Zeit lieben wir stets die Reinlichkeit, und putzen und legen immer mit dem Schnabel unsere Federn zurecht. Wenn es uns recht wohl ist, so knurren oder trommeln wir auf den Dächern und Straßen umher. K. Ich weiß es wohl, ihr seid liebe Thierchen! Darmn eilt manches Kind oft zur Mutter und sagt: Ach,765 „ Gieb mir ein wenig Futter, Bitte, liebe Mutter, Für die Täubchen hier; Werdet nicht betrogen, Kommt nur all' geflogen Auf die Schulter mir! Wie sie fröhlich nicken, Und die Körner picken, Ach, wie lieb' ich's so; Mütterchen, ich glaube, War' ich eine Taube, Ich wär' auch so froh!" — T. Ja, ja, das ist schön! — Ich muß dir doch auch eins erzählen. Unlängst sagte ein Kind zu mir: Täubchen, du auf dem Dache dort, Sage, was girrst du in einem fort, Wendest das Köpfchen so her und hin? Ich antwortete ihm: Weil ich sogar zu fröhlich bin, Weil mich vom Himmel der Schöpfer mein Wärmt mit dem lieben Sonnenschein. Droben das Täubchen girrte so, Unten der Knabe spielte froh, Mochten am lieben Sonnenschein Jedes sich recht von Herzen freu'n. Und vom Himmel der Schöpfer sah Gerne die Lust der beiden da. Taucher. Lieber Martin! Um die Perlmuschel*) aus der Tiefe des Meeres heranfzuholen, bedient man sich der Taucher. Wie anstrengend und gefährlich das Geschäft dieser Menschen ist, das kannst Du aus Folgendem ersehen: Wenn der T a u ch e r im Begriff ist, sich hinabzulassen, so saßt er das Seil, an welches ein Stein angebunden ist, mit den Zehen seines rechten Fußes, und mit den Zehen seines linken Fußes hält er seinen Sack mit Netzwerk fest. Du ') Von der. Perlmuschel habe ich Dir Seite 560 geschrieben.766 mußt nämlich missen, daß alle Indianer gewohnt sind, sich der Zehen zum Arbeiten und Festhalten fast ebenso - zu be dienen, wie der Finger, und die Macht der Gewohnheit und Uebung ist so stark, daß sie auch das allerkleinste Ding mit den Zehen ebenso schnell vom Boden auiheben können, als wir mit den Fingern. Hat der Taucher Seil und Netzsack mit den Zehen ge faßt, so ergreift er mit der rechten Hand ein anderes Seil, hält mit der linken die Nasenlöcher zu und springt in das Meer hinab. Da ihn der Stein hinabzieht, so kommt er schnell aus den Boden. Hier hängt er sich den Sack von Netzwerk um den Hals, und so sammelt er nun in möglichster Geschwindigkeit so viele Muscheln ein, als er zusammenbringen kann. Dies dauert gewöhnlich 2 Minuten. Hierauf gibt er seinen Kameraden, die sich im Boote befinden, ein Zeichen durch das Anziehen des Seiles in seiner rechten Hand, und wird sogleich an demselben in das Boot hinaufgezogen, wobei er den Stein zurück läßt, der nachher an dem daran befestigten Seil gleichfalls hinaufgewunden wird. Die Verrichtung der Taucher ist mit einer solchen An strengung verknüpft, daß, wenn sie wieder in das Boot zurückkommen, ihnen häufig Blut aus Mund, Ohren und Nasenlöcher herausfließt; allein dies hindert sie nicht, aber mals unterzutauchen, sobald die Reihe wieder an sie kommt. Oft machen sie an einem Tage 40—50 Sprünge, und bringen bei jedem Sprunge ungefähr 100 Muscheln herauf. Einige Taucher reiben sich den ganzen Körper mit Oel ein und verstopfen sich die Ohren und Nase, vamit das Wasser nicht hineindringen kann; andere hingegen treffen nicht die mindeste Vorkehrung. Die Zeit, die sie unter dem Wasser zubringen können, beträgt zwar in der Regel nur 2 Minuten, allein man hat Beispiele von Tauchern, die es 4, ja sogar 5 Minuten aushalten konnten. Das Beispiel von dem allerlängsten Auf enthalt unter dem Wasser, das man je erlebt hat, gab im Jahre 1797 ein Taucher, der wohl ß Minuten unter dem Wasser verweilen konnte. Mit diesem Geschäfte eines Tauchers, das den Europäern im höchsten Grade schwer und gefährlich Vor kommen muß, werden die Indianer von Kindheit an vertraut. Die größte Gefahr, der sie ausgesetzt sind, besteht darin, daß sich ihnen ein Haifisch nähert, während sie unter dem Wasser sind. Dieses schreckliche Thier ist in diesen Meeren häufig vorhanden und versetzt die Taucher in beständige Unruhe.767 Einige Taucher sind zwar so geschickt, daß sie dem Hai durch gewandtes Schwimmen ausweichen können, auch wenn sie sich noch so lange unter dem Wasser aufhalten; die meisten aber setzen sich in Besitz von Mitteln, die sie einem Zauberer ab raufen , und dann glauben sich die armen Bursche ganz sicher, obwohl keine Fischerei vergeht, wo nicht einige das Leben ver lieren oder wenigstens nur mit abgebissenen Gliedern davon kommen. Die von den Tauchern heraufgebrachten Muscheln wer den auf dem Strande ausgelegt, wo sie in der Sonnenhitze schnell sterben. Nach einigen Tagen gerathen sie in Fäulniß; dann öffnen sich die Schalen von selbst, und man nimmt die Perlen heraus. Viele Muscheln enthalten gar keine Perlen, andere eine einzige, wieder andere aber mehrere, manchmal bis dreißig. Der Größe nach sind die Perlen sehr verschieden; die ganz kleinen heißen Saatperlen und werden dem Ge wichte nach verkauft. Bei den größeren richtet sich der Werth nicht nur nach der Größe, sondern auch nach der Farbe und Gestalt. Die cheuersten müssen rund und weißglänzend sein; solche, die erbsengroß sind, gehören schon zu den seltenen. An Werth stehen die - Perlen nur dem Diamante, Rubine und Smaragde nach. Die Taucher selbst haben keinen großen Gewinn, denn sie arbeiten im Taglohn wie die Bergleute, die Gold und Silber graben; ihnen nützt es nicht viel, ob die Ausbeute groß oder klein ist. Lebe wohl! Teichrose. Liebe Elise! Ein Fisch kann nicht in der Luft und ein Vogel nicht im Wasser leben. Einem Elephanten würde es nimmermehr wohl sein in der kalten Heimath des Eisbären, und ein Eisbär müßte im heißen Afrika umkommen. Wie mit den Thieren, so ist es auch mit den Pflanzen. Auch von ihnen hat jede ihren Ort, wo sie am besten fortkommt. Thut man sie von einem Orte weg an einen andern, so fängt sie an zu kränkeln und stirbt ab. Am besten siehst Du das an den Pflanzen, deren Heimath das Wasser der Teiche, Sümpfe und Gräben ist, und welche mau Wasserpflanzen nennt. Von ihnen will ich Dir nur eine einzige nennen, welche Du gewiß schon gesehen hast. Das ist die Teichrose. Sie wächst in dem Schlammboden großer Teiche. Ihre Blätter haben einen langen Stiel, sind so groß als eine ausgebreitete Hand und schwimmen auf dem Wasser. Die Blüthe, welche einer weißen Rose gleichsieht, und inwendig schön goldgelb ist, hat manchmal768 einen zwei Meter langen Stiel, der nicht steif, sondern biegsam, wie eine Schlange ist. Des Morgens taucht diese schöne, weiße Blume aus dem Wasser heraus und öffnet sich; am Abend schließt sie sich und zieht sich unter das Wasser zurück. Außer ihr gibt es noch viele Wassergewächse, z. B. das Schilfrohr, den Wasserkolben, den Wasserhahnenfuß, das Pfeilkraut, die Teichnuß u. a. Wie nun diese Pflanzen nur im Wasser fröhlich gedeihen, so gedeihen andere nur auf der trockenen Erde, und auch da hat jede wieder ihren besonderen Platz. Da gibt es Pflanzen, denen nur in der frischen Luft der Berge wohl ist, sie mögen nicht herabsteigen in das Thal; andern ist es am liebsten im Thale, sie wollen von den Bergen nichts wissen; die einen wachsen und blühen fröhlich im dürren Sand und Staub der Einöden und Wüsten; die andern gedeihen nur in gutem, frucht baren Erdreich; die einen ruhen am liebsten auf dem harten Lager der Felsen und Steine, die andern lagern sich auf die lockere Erde, und würden auf einem dürren Felsen Zu Staub verdorren; die einen lieben den kühlen Schatten der Wälder und Bäume, die andern gedeihen dagegen fröhlich in der heiße sten Sonne. Und so hat denn der Schöpfer jedem Geschöpf seinen besondern Platz angewiesen, an dem es bleiben soll, und den es nicht verlassen darf, wenn es sich nicht in's Unglück bringen will. Ein großer Dichter, Namens Fr. Rückert, lehrt uns dieses in einem gar schönen Gedichte, welches ich Dir hie- mit beilege. Lebe wohl! — Vom Mumlkin, das spazieren ging. Das Bäumlein stand im Wald in gutem Aufenthalt. Da standen Busch und Strauch und andere Blümlein auch, die standen dicht und enge, es war ein rechtes Gedränge. Das Bäumlein mußte sich bücken und sich zusammendrücken, da hat das Bäumlein gedacht und mit sich ausgemacht: Hier mag ich nicht mehr steh'n, ich will wo anders geh'n, und mir ein Oert- leiu suchen, wo weder Birk' noch Buchen, wo weder Tann' noch Eichen, und gar nichts desgleichen, da will ich allein mich pflanzen und tanzen. Das Bäumlein, das geht nun fort, und kommt an einen Ort, in ein Wiesenland, wo nie ein Bäumlein stand, da hat sich's hingepflanzt und hat getanzt. Dem Bäum lein hat's vor allen an dem Oertlein gefallen. Ein gar schöner Brunnen kam zum Bäumlein geronnen; war's dem Bäumlein769 zu heiß, kühlt's Brünnlein seinen Schweiß. Schönes Sonnen licht war ihm auch zugericht'; war's dem Bäumlein zu kalt, wärmt' die Sonn' es bald. Auch ein guter Wind war ihm hold gesinnt, der half mit seinem Blasen ihm tanzen auf dem Rasen. Das Bäumlein tanzt' und sprang den ganzen Sommer lang, bis es vor lauter Tanz hat verloren den Kranz. Der Kranz mit den Blättlein allen ist ihm vom Kopfe gefallen. Die Blättlein lagen umher, das Bäumlein hat keines mehr. Die einen lagen im Bronnen, die andern in der Sonnen, die an dern Blättlein geschwind flogen umher im Wind. Wie's Herbst nun war und kalt, da fror's das Bäumlein bald, es rief zum Brunnen nieder: Gib meine Blättlein mir wieder, damit ich doch ein Kleid habe zur Winterzeit. Das Brünnlein sprach: Ich kann eben die Blättlein dir nicht geben, ich habe sie alle getrunken, sie sind in mich versunken. Da kehrte von dem Bronnen das Bäumlein sich zur Sonnen: Gieb mir die Blätt lein wieder, es friert mich an die Glieder. Die Sonne sprach: nun eben kann ich sie dir nicht geben; die Blättlein sind längst verbrannt in meiner heißen Hand. Da sprach das Bäumlein geschwind zum Wind: Gieb mir die Blättlein wieder, sonst fall' ich todt darnieder. Der Wind sprach: Ich eben kann dir die Blättlein nicht geben, ich Hab' sie über die Hügel geweht mit meinem Flügel. Da sprach das Bäumlein ganz still: Nun weiß ich was ich will; da haußen ist mir's zu kalt, ich geh' in meinen Wald, da will ich unter die Hecken und Bäume mich verstecken. Da macht sich's Bäumlein auf und kommt in vollem Lauf zum Wald zurückgelaufen, und will sich stellen in den Haufen. 'S frag't gleich beim ersten Baum: Hast du keinen Raum? Der sagt: Ich habe keinen. Da fragt das Bäumlein noch einen, der hat wieder keinen. Da fragt das Bäumlein noch einen, es fragt von Baum zu Baum, aber kein einziger hat Raum. Sie standen schon im Sommer eng in ihrer Kom- mer; jetzt im kalten Winter steh'n sie noch enger dahinter. Dem Bäumchen kann nichts frommen, es kann nicht Unterkommen. Da geht es traurig weiter, und friert, denn es hat keine Klei der. Da kommt mittlerweile ein Mann mit einem Beile, der reibt die Hände sehr, thut auch als ob's ihn fror'. Da denkt das Bäumlein wacker, das ist ein Holzhacker, der kann den besten Trost mir geben für meinen Frost. Das Bäumlein spricht schnell zum Holzhacker: „Gesell, dich friert's so sehr wie mich, und mich so sehr wie dich; vielleicht kannst du mir helfen, und ich dir. Komm', hau mich um, und trag' mich in deine Kkldrr.-Lsnversatiskk-Lrxikn. 49770 Stub'n, schür ein Feuer an und leg' mich d'ran, so wärmst du mich und ich dich. Das deucht dem Holzhacker nicht schlecht, er nünmt sein Beil zurecht, haut's Bäumlcin in die Wurzel, umfällt's mit Gepurzel. Nun hackt er's klein und kraus, und tragt das Holz nach Haus, und legt von Zeit zu Zeit in den Ofen ein Scheit. Das größte Scheit von allen ist uns für's Haus gefallen, das soll die Magd uns holen, so legen wir's auf die Kohlen, das soll die ganze Wochen uns uns're Suppen kochen. Oder willst du lieber Brei? Das ist mir einerlei. Telegraph, zu deutsch, Fernschreiber. Kennt ihr ihn? — Habt ihr nicht schon den Draht gesehen, der neben der Eisenbahn auf hohen Pfählen angebracht ist? Wenn man einen Kupferdraht an dem einen Ende mit einer Kupferplatte, an dem andern mit einer Zinkplatte an- löthet uud diese beiden Platten in den feuchten Erdboden steckt, so nimmt der Draht ganz wunderliche Eigenschaften an. Faßt man ihn mit feuchten Händen an, und reißt ihn aus einander, so fühlt man in den Händen ein stechendes Reißen und sieht im Dunkeln sogar einen Funken von einem Ende zum andern überspringen. Weiter. Wenn man den Draht um eine Spule von Holz wickelt und durch die Spule ein weiches Eisen, z. B. einen Bretternagel steckt, so wird dieses Eisen magnetisch, d. h. ein anderes Eisen, das man darunter legt, bleibt daran kleben. Nimmt man den Nagel aber heraus, oder den Draht ausein ander, so ist auch der Nagel nicht mehr magnetisch, und das daran klebende Eisen fällt ab. Ihr seht also, es ist etwas in dem Draht, was diese Erscheinung hervorbringt, und dieses Etwas heißt der galvanische Strom. Solche Drähte nun, deren Endplatten in • die Erde gelegt sind, führt man von einer Stadt zur andern. Um aber die Trennung und Wiederver einigung des Drahtes recht schnell und leicht zu bewirken, hat man Klappen angebracht, wie etwa an den Klarinetten. Drückt nun Jemand auf die Klappe, so trennt sich der Drath, und an dem entgegengesetzten Orte fällt das magnetisch angezogene Eisen ab und macht einen Schlag auf den darunter gestellten Tisch. Wird die Klappe geschlossen, so springt auch das Eisen wieder an den Magnet. Statt des herabfallenden Eisens hat man jedoch einen Hebel angebracht, der auf einen sich sortbe- wegenden Papierstreifen Punkte und Striche eingeprägt, die ge wisse Buchstaben bezeichnen, und von den Eingeweihten gelesen771 werden können. Ein . bedeutet 6, . . i, g, — t, — — m, . — a, . — . r, . . — u u. s. w. So kann der Telegraphist oder Fernschreiber in einer Minute wenigstens 17 Worte zu Papier bringen, was der Andere am entgegen gesetzten Ende eben so schnell lesen und wieder beantworten kann. Durch den Telegraphen kann man eine Nachricht von Triest nach Hamburg bringen, ehe zwei Pulsschläge vergehen, ja man würde nicht länger brauchen, wenn man einen Draht um die Erde herumziehen könnte. Man schreibt also nun mit Blitzesschnelle, ja mit dem Blitze selbst. Welche Folgen für den Kaufmann, für die Sicherheitsbehörden, für die Regierungen, selbst sür Familien, da auch jeder Privatmann gegen eine ge wisse Gebühr sich des Telegraphen bedienen kann! Teil, Wilhelm. Einer der herrlichsten Seen in der Schweiz heißt der Vierwaldstättersee. Seine Ufer werden alljähr lich von zahlreichen Fremden besucht, die benachbarteu Berge bestiegen, der See selbst befahren und die merkwürdigen Orte umher betrachtet. Nichts ist da merkwürdiger, als was an den Wilhelm Tell erinnert. Dieser, ein schlichter Landmann, war vor mehr als t>00 Jahren einer der vorzüglichsten Urheber der Freiheit, welche die Schweiz noch jetzt genießt. Des harten Kaisers noch härterer Landvogt hatte nämlich aus dem Markte des Städtchens, wo er residirte, einen Hut aus eine Stange stecken lassen und geboten, diesen Hut zu grüßen, als wäre es der Kaiser selbst. Tell hatte dieses Gebot nicht erfüllt und sollte dafür seinem eigenen Kinde einen Apfel vom Kopse her unterschießen. Er war nämlich als der beste Schütze bekannt, und der Landvogt glaubte ihn durch diese Aufgabe härter zu strafen, als durch alles Andere. Tell mußte gehorchen und sein Knabe stellte sich freiwillig und ruhig an einen Baum, den Apfel aus dem Kops. Der Vater legte im Beisein vielen Volkes und auch des Landvogtes die Armbrust an, zielt und schießt glücklich den Apfel mitten durch, ohne seinem Kinde ein Haar zu krümmen. Aber während Alles jubelnd hinzuläuft und Glück wünscht, bemerkt der Landvogt einen zweiten Pfeil in dem Köcher des Schützen. Was wolltest du mit diesem zweiten Pfeil? fragte er zürnend. Tell antwortete nicht. Sprich die Wahrheit, ruft der Landvogt, es soll dir am Leben nichts geschehen. — Nun denn, erwiderte Tell, wenn Ihr es durchaus wissen wollt, der zweite Pfeil war für Euch, wenn772 der erste das Haupt meines lieben Kindes getroffen hätte. — Das Leben habe ich Dir versprochen, sprach höhnisch der Vogt, aber du sollst es tief unter der Erde zubringen, wo du keinen Pfeil wieder abschießen wirst. Auf, ihr Knechte, bindet ihm Hände und Füße! — So wurde Tell in das Schifflein ge worfen, worin der Landvogt über den See nach seiner Burg fahren wollte. Allein kaum befanden sie sich auf dem Gewässer, so brach ein entsetzlicher Sturm los, so daß sich alle verloren gaben. Nur der Tell, sagten die Schiffer, kann uns retten, er ist der geschickteste Steuermann im Lande. Da befahl der Landvogt ihm die Fesseln abzunehmen, und Tell brachte wirk lich das Schiff bis nahe an eine Felsenwand. Hier aber warf er das Ruder weg, ergriff seine Armbrust und sprang mit einem kühnen Sprung hinaus, während das Schiff auf's neue mit den Wellen kämpfte. Doch gelang es zuletzt auch dem Landvogt zu landen, und Tell, um fein und der Seinigen Leben zu retten, mußte nun seinen zweiten Pfeil wirklich gegen seinen Verfolger richten. In einer engen Gaffe erwartete er den stolzen Vogt und schoß ihm den Pfeil in's Herz. Diese That war das Zeichen für die übrigen Schweizer, sich gegen ihre Bedrücker zu erheben und nach manchen blutigen Schlachten, welche sie gegen viel zahlreichere Heere gewannen, wurden sie als ein freies Volk anerkannt, das sich durch seine selbst ge wählte Obrigkeit regiert. Teufelsmauer. Die alten Römer wurden zwar von unfern Vorfahren in der Schlacht im Teutoburger Wald be siegt und wagten es nicht mehr, sich an der Weser und Elbe festzusetzen, allein sie behielten immer noch ein schönes Stück von Deutschland an der Donau, am Neckar, Main und an dem Rhein. Dort legten sie Städte an und befestigten die selben mit Mauern, damit sie den Uebersällen der wilden Krie ger aus dem östlichen Deutschland widerstehen konnten. So sind Wien, Augsburg, Straßburg, Speier, Worms, Mainz, Koblenz, Köln und andere Städte entstanden. Und es war gut, daß die rohen Deutschen so viel Nützliches von den Römern lernten, sonst wäre das ganze Land noch lange waldig, sumpfig und unangebaut geblieben. Es war aber auch gut, daß die meisten deutschen Stämme ihre Freiheit bewahrten, sonst wären die Römer Herren geblieben, und die deutsche Sprache und deutsche Sitte wären untergegangen. Den Römern war indessen die Nachbarschaft der krie-773 gerischen Deutschen sehr lästig, denn sie konnten nicht Mann schaft genug aufstellen, um die Gränze zu bewachen. Alljährlich brachen wilde Haufen hervor und plünderten und brandschatz ten die milderen und kultivirten Landschaften. Da begannen die Römer eine Verschanzung zu bauen von der Donau durch Franken und Schwaben nach dem Rheine zu, den sie bei Koblenz erreicht. Diese Verschanzung von 80 Meilen Länge bestand aus einem Graben mit einer daran stoßenden Hecke, die mit Pfählen befestigt war, auch hier und dort mit kleinen Thürmen oder Kastellen. Sie sicherte vor plötzlichen Ueberfällen und lich den römischen Soldaten Zeit, sich an der Stelle des An griffs zu sammeln. Freilich drangen zuletzt doch große deutsche Heere hinüber und vertrieben die Römer aus dem ganzen Lande. Von dieser über Berg und Thal hinziehenden Verschan zung sind nun jetzt noch an sehr vielen Orten Spuren übrig und heißen hier die Teufelsmauer, dort die Pfahlhecke, oder der Pfahlgraben, auch der Pfahlrain. Die Gelehrten haben an solchen Plätzen noch manche merkwürdige Ueberreste jener Zeit gefunden. Münzen mit dem Bildnisse der römischen Kaiser, Backsteine mit Inschriften, thönerne Gefäße u. s. w., und es ist gewiß billig, daß man die Denkmäler einer so uralten Zeit schont und aufbewahrt. Allein das Volk treibt auch seinen Aberglauben mit diesen Bauwerken der heidnischen Römer, wie schon der Name Teufelsmauer zeigt. Denn nach dem die Deutschen das Christenthum angenommen und ver gessen hatten, wer eigentlich den Wall gebaut habe, glaubten sie, ein so erstaunliches Werk müsse von dem Teufel herrühren. Und da sie dachten, der Teufel werde sich sein Eigenthum nicht nehmen lassen, so bauten sie lieber nichts auf dem Rain, son dern ließen ihn wüst liegen. Auch erzählte man schauerliche Geschichten, wie der Satan am Weihnachtsabend über den ganzen Graben herfahre, in den daranstehenden Häusern die Fenster aufreiße und die Lichter ausblase. Wer aber das Herz auf dem rechten Fleck hatte, der konnte merken, das alle diese Geschichtchen entweder aus Furchtsamkeit oder aus Betrügerei entstanden waren. Hatte einmal der Wind an jenem Abende einen Laden aufgerissen, so mußte es der Teufel gethan haben, und wollte ein neidischer Nachbar einem Anwohner des Pfahl grabens seinen Weihnachtsabend verleiden, so sprengte er ihm eine schwarze Katze wider das Fenster. So war es immer mit dem Aberglauben. Aus Furcht beobachtete man nicht genau774 und sah Gespenster, Hexen und Teufels-Erscheinungen, wo Alles ganz natürlich zugegangen war. Thau. Der Thau kommt von wässerigen Dünsten, welche in der Nacht von der Erde, und besonders'von Pflanzen aussteigen, des Morgens aber bei der schnellen Erkältung der Luft vor Ausgang der Sonne sich in Tropfen sammeln, und niederfallen. Er, der Morgen- und Abend-Thau, befeuchtet und befruchtet das Land, er erquickt das oft halb verschmachtete Erdreich. So dient der Thau der Natur zur Labung, wird Beförderungsmittel zu wohlthütigem Wachsthüme. „Eine holde Mutter saß In der Gartenlaube bei. Ihrer bunten Stickerei; Ihr zu Füßen in dem Gras Spielt mit Blumen still ein Kind — Schön, wie's keine Blumen sind. Uno ein köstlich Per lein siel Ungefähr hinab in's Gras. Ach, das liebe Kind vergaß, Aengstlich suchend, alles Spiel. Suchte, suchte — sieh, was blitzt Perlenhell im Grünen itzt? Freudig rief das Kind jetzt: „Da!" Griff darnach mit flinker Hand — Und die Perl' von Thau verschwand. — Lächelnd sagte die Mama: „Menschen, wie oft irren wir, Gleich dem lieben Kleinen hier? Eine ächte Perle scheint Uns manch' Erdenglück zu sein — Dauernd fast wie Edelstein; Doch ist's anders, als man meint! Ach, das Tröpflein — sieh, versiegt Und in leeren Dunst verfliegt." — Thee. Der Thee kommt aus China, wo man ihn in großer Menge baut. Dort bereitet man ihn aus den zarten Blättern des Theestrauches, die man dreimal im Jahre abpflückt,775 und in Oefen auf eisernen Platten trocknet. Die erste Lese gibt den Kaiserthee, der besser ist, als jeder andere. Man kauft den Thee von Krämern und Gewürzhändlern nach dem Ge wichte. Der gute ist sehr theuer; der schlechtere wird öfters auch noch verfälscht. Thermometer. Auf der Ausdehnung der Körper durch Wärme beruht auch das Thermometer, mit welchem man die Wärmegrade mißt und welches mau daher zu deutsch auch Wärmemesser nennen kann. Es ist ein dünnes, hohles Glasröhrchen mit einer kleinen Glaskugel, in welcher sich Quecksilber befindet. Wird letzteres erwärmt, so dehnt es sich aus und muß in der Röhre steigen; weil es in der Kugel nicht mehr Raum genug hat. Wenn die Kugel kalt wird, fällt das Quecksilber wieder. Da, wo dasselbe im schmelzenden Schnee stehen bleibt, ist der Nullpunkt, und der Siede punkt dort, wo das Quecksilber im siedenden Wasser stehen bleibt. Wenn der Zwischenraum vom Null- zum Siede punkte in 80 Theile oder Grade eingetheilt ist, so ist es ein Thermometer nach Reaumur (spr. Romir) oder nach alt- sranzösischem Maße; Celsius zählt 100 Grade vom Gefrier- zum Siedepunkte, und Fahrenheit gar 180. — Uns nörd lichen Bewohnern der Erde sind 16 Grad Wärme nach altem Maße am zuträglichsten; in den Sommermonaten steigt jedoch auch bei uns das Thermometer im Schatten zuweilen bis auf 28 Grad. In einem gewöhnlichen Winter fällt es nicht tiefer als 10 bis 12 Grad unter dem Gefrierpunkt, in einem sehr kalten jedoch auch bis aus 24 Grad und noch, darüber. Thier. Die Thiere habe Leben und Empfindung. Sie nehmen ihre Nahrung durch eine Oessuung zu sich. In ihrem Körper ist ein Umlauf von Blut oder Säften. Sie wachsen von ihnen heraus. Sie können sich willkürlich bewegen. Man theilt gewöhnlich die Thiere ein in Süugethiere, Vögel,, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer. Thiere, kleinste und größte. Hinsichtlich der Kör per g r ö ß e herrscht unter den Thieren eine überaus große Verschiedenheit. In Asien, in dem Gebirge Taurus und an andern Orten lebt eine Art wilder Schafe, Argali genannt, die sind sehr groß, stark und scheu und haben sehr große Hörner. Wenn ein solches Thier im Kampf oder durch ein776 anderes Unglück ein Horn verliert, was zuweilen geschieht, so kommt es den dortigen Füchslein zu Gute. Diese haben alsdann nicht nöthig einen Bau in die Erde zu graben, meinen, das Horn sei ihretwegen da, schlüsen hinein und wohnen darin. Worüber muß man sich mehr verwundern, über die großen Hörner oder über die kleinen Füchse? Auch lebt hier eine Art von Hirschen, Zwerghirschlein genannt, deren Füßchen sind einen Finger lang und so dünn, wie der Stiel einer kölnischen Tabakspfeife. Das Spitzmäuslein, eben falls in Asien, wiegt kaum einen Gramm und ist das kleinste unter allen bekannten Thieren, die auf vier Beinen gehen und ihre Jungen säugen. Der Elep h a nt aber ist 4 bis 4% Meter hoch, 5 bis 6 Meter lang, wiegt seine 3500 Kilogr., und ein fleißiger Schüler soll mir ausrechnen: wie viel Spitzmäuslein müßte man haben, die zusammen so schwer sind, als einziger Elephant? — Das kleinste Thierlein auf der Erde hat auch mit dem stärksten Vergrößerungsglase wohl noch kein Mensch gesehen. Aber das größte Thier ist der Wallfisch, der bis zu einer Länge von 4 Meter wachsen kann und seine 50000 Kilogramm und darüber wiegt. Die kleinsten Vö g el, die man kennt, heißen Colibri. Sie sind in Südamerika daheim, haben wunderschöne Farben von Gold- und Silberglanz, legen Eierlein, die nicht größer sind als eine Erbse, und werden nicht mit Schrott geschossen, sondern mit kleinen Sandkörnlein, weil sonst nichts Ganzes an ihnen bliebe. Neben ihnen wohnt eine Spinne, die so groß ist, daß sie diese armen Thierlein wie Mücken fängt und aussaugt. Andern Respect flößt der Lämmergeier seiner Nach barschaft ein, der in den Tyroler- und Schweizergebirgen da heim ist. Denn mit seinen ausgespannten Flügeln bedeckt er eine Länge von 2'/z bis 3 Mtr., und er ist stark genug, Gemsen, Ziegen und Kinder anzupacken, zu überwältigen und davon zu tragen. Der größte unter allen Vögeln, die fliegen können, ist der Condor (Cuntur), ein Landsmann des Colibri. Dieser mißt mit ausgespannten Flügeln 5 Meter; seine Flügelfedern sind vorn einen Finger dick, und das Rauschen seiner Flügel gleicht einem fernen Donner. Aber der allergrößte Vogel ist der Strauß in den Wüsteneien von Asien und Afrika, der aber wegen seiner Schwere und wegen der Kürze seiner Fittige gar nicht fliegen kann, sondern immer auf der Erde bleiben muß. Dafür nimmt er es aber auch im Laufen mit777 dem flinksten Roß und dem geschicktesten Reiter auf und trägt seinen Kopf 3 Meter hoch, daß er daneben noch dem Reiter über den Hut hinwegsehen und ihin wie einem guten Freunde, etwas in's Ohr sagen könnte, wenn ihm nicht Ver nunft und Sprache versagt wären. Thierkämpfe. In Indien werden nicht selten grau same , aber interessante Schauspiele aufgeführt, nämlich Thierkämpfe. Ein russischer Graf wurde während seines Aufenthaltes in der indischen Stadt Benares mit seinen Begleitern zu einem solchen Schauspiele eingeladen. Die Beschreibung solcher Thier kämpfe wird auch für euch, meine Lieben! nicht ohne Interesse sein und euch gewiß keine Landweile verursachen. — Darum aufgemerkt! Das grausame Schauspiel — so erzählte der Russe — fand am Ende einer Vorstadt, unfern des majestätischen Stro mes Ganges statt. Ein viereckiger, mehr als 200 Mtr. im Umfang haltender Platz ist hier mit einer 6 Meter hohen Mauer umgeben. Rings um die Mauer sind große Schanzen oder Erdwälle aufgeschüttet, unter welchen Kammern oder gemauerte Keller hinlaufen. 7 Meter hohe Thore führen in den Hof. Auf der Höhe der Mauern und Erdwälle waren viele Bänke angebracht, auf welchen Tausende von Menschen des Kampfes harrten. Der muhamedanische Fürst aus dem Norden Indiens, welcher den Bewohnern der großen und prächtigen Stadt das Fest gab, kam endlich gegen Mittag und ließ das Zeichen zum Beginn des Schauspiels geben. Aus einem der Keller, deren Thüren alle auf den Hof herausgingen, wurde von den Knechten ein schöner männ licher Leopard e herausgelassen. Das Thier sprang in mächtigen Sätzen hervor, rannte einige Zeit scheu auf dem Platz umher, um einen Ausweg zu suchen, ging sodann nach der Mitte des Raumes, und betrachtete von da aus mit glü henden Augen die vielen Zuschauer. Als er sah, daß er von allen Seiten umringt war, stieß er ein kurzes Gebrüll aus, und legte sich trotzig in der Mitte des Hofes nieder. Die Knechte gingen jetzt zu einem der großen Thore, und ließen einen Mann ein, der eine Koppel mächtiger Schäferhunde führte. Als diese den Leoparden erblickten, so stürzten sie so gleich auf ihn los, und sielen ihn bellend an. Der Leoparde sah sich in Gefahr; aber er wußte sich zu helfen. Er ließ778 den Hunden Zeit, ihm nahe zu kommen, und legte sich knur rend zum Sprunge bereit, indem er' zuweilen eine Vordertatze erhob, um einen hitzigen andringenden Feind zurückzuweisen. Plötzlich schnellte er sich 2 Meter hoch in gerader Linie über die ihn umstellenden Hunde weg und in dem Augenblick hatte er eine Ecke erreicht, wo er sich brüllend legte, um seine Feinde zu erwarten. Das Thier sah prächtig aus; es sträubte die Haare em por und schlug mit seinem Schweife die schön gefleckten Seiten. Den großen Rachen öffnend, kroch es zuweilen, wie eine Katze, mit unglaublicher Schnelligkeit vorwärts, um einen der immer hitziger werdenden Hunde einen Streich mit der gewaltigen Tatze zu versetzen. Allein diese waren zu klug, als daß sie sich einzeln der Wuth ihres Feindes entgegengestellt hätten. Lre zogen sich entweder zurück, oder ein schneller Sprung zur ^Leite brachte sie aus dem Bereiche ihres gefährlichen Gegners. Dieser kannte aber seinen Vortheil auch zu gut, als daß er die Ecke verlassen hätte, in welcher er sich so nachdrücklich zu vcrtheidigen vermochte; und die Hunde wagten es nicht, ihn hier anzugreifen. Die Zuschauer begnügten sich jedoch nicht mit einem solchen unblutigen Ausgang der Sache. Sie fingen an, durch Gemurmel und Geschrei ihren Unwillen kund zu geben; und die Knechte schienen nur auf das Zeichen des Für sten zu warten, um einen Versuch zu machen, die Thiere an einander zu bringen. Kaum war dieses gegeben, als sie auch sogleich ein brennendes Holzstück herbeischleppten, und bei der Ecke, wo der Leoparde lagerte, hinabwarfen, um ihn aus seinem Schlupfwinkel zu vertreiben. Das geängstigte Thier stieß ein gellendes Geschrei ans, und verlor bei dein Anblick des Feuer brandes, der neben ihm niederstürzte, allen Muth. Es wagte einen Sprung, der es jedoch nicht über seine grimmigen Feinde hinweg, sondern mitten unter sie hineintrug. Die Hunde pack ten ihn sogleich, und es entspann sich ein furchtbarer Kampf. Die sechs großen, starken Hunde hingen würgeno an dem Leoparden, der sich gegen diese Ueberzahl seiner blutgierigen Gegner kaum vertheidigen konnte. Zwei von ihnen erlagen zwar seiner Wuth im Augenblick; einige Schläge seiner mächtigen Tatzen halten die Hunde getödtet; aber die übrigen packten ihn unterdessen so fest, daß er nicht mehr im Stande war, sich der starken Vorderfüße zu bedienen. Es blieb ihm also nichts übrig, als zu beißen und sich an der Erde zu wälzen, um seine Widersacher, die wie Eisenzangen festhielten, los zu779 werden. Doch alle seine Mühe war vergebens. Endlich er mattete er- und der Fürst gab ein Zeichen, dem häßlichen Kampf ein (Snbc zu machen. Die Knechte traten in den Hoff und begossen die Thiere reichlich mit Wasser aus einem kleinen Teiche. Die Hunde ließen darauf sogleich los, und schleppten sich mühsam zu dem Teiche, wo sie ihren Durst löschten. Die tooten Thiere schaffte man weg. Mehr Mühe kostete es, den Leoparden in seine Kammer zu bringen. Er flüchtete in großen Sprüngen vor den Knechten, die ihn mit Feuerbrändeu und Spießen verfolgten. Endlich bemerkte er die offene Thüre seines Kellers, und kroch heulend hinein. Der erste Aufzug des Drama's*) war vorüber; er schien aber den grausamen Sinn der Menge nicht sehr befriedigt zu haben. Jetzt wurde das Zeichen zu einem andern Theile des Schauspiels gegeben. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, und alle Knechie von dein Kampfplatze abgetreten waren, hörte man das Toben und Brüllen eines Büffels, der durch Stacheln zur Wuth gereizt wurve. Plötzlich wurde die Thüre seines Behälters geöffnet; er stürzte herein, sprang rasend heruni, und wurde von allen Seiten mit lautem Beifallsge schrei empfangen. Der Büffel, ein mächtiges Thier, viel größer als unser zahmer Stier, sah nirgends einen Feind. Er wühlte mit den Hörnern in der Erde, und scharrte mit den Füßen. Jetzt aber wurde eines der Gemächer, aus welchem man schon lange ein gräuliches Geheul gehört hatte, von zwei Männern geöffnet, welche oben auf der Mauer bei einem Seile standen. Mau hatte nämlich durch einen Ring, welcher die eiserne Querftange der Thüre festhielt, einen eisernen Bolzen gesteckt; und dieser konnte durch das Seil herausgezogen werden. So bald der Bolzen aus dem Mauerring hervorsprang, war die nur angelehnte Thüre durch nichts niehr gehalten, und ging auf. Mit majestätischem Sprung und gräßlichem Geheul stürzte ein gewalüger Tiger hervor. Ein lang anhaltendes Freudengeschrei begrüßte das furchtbare Raubthier. Der Büffel brüllte, und erwartete seinen Gegner mit zur Erde ge beugtem Kopfe. Es währte nur einen Augenblick; ein einziger gewalüger, aber nicht wohl berechneter Sprung brachte den ! j Drama, Schauspnet.780 Tiger zu dem Büffel; er erreichte aber nur den Kopf des selben, nicht den Rücken, und das mächtige Rind warf seinen Feind 4 Meter hoch in die Luft. Das Jubeln des Volkes übertönte das grimmige Brüllen des Tigers, als er mit schwerem Fall vor die Füße seines Widersachers niederschlug, der mit gesenkten Hörnern auf ihn stürzte. Aber der Büffel erreichte den Tiger nicht. Mit un glaublicher Geschwindigkeit rollte sich dieser auf die Seite, und entrann. Die Zuschauer brachen abermals' in ein donnerndes Beifallsgeschrei aus, als sie den Tiger vor dem wüthenden Stiere flüchten sahen. Doch die Sache wendete sich schnell. Der Tiger war nicht verwundet, sondern durch den Sturz nur etwas betäubt. Mit der Besinnung kehrte seine Wuth zurück. Ein hoher, majestätischer Sprung trug ihn über den Büffel hinweg; und ehe dieser sich zu wenden vermochte, saß ihm der Tiger aus dem Nacken, zerfleischte mit den Zähnen das Genick, und zerriß mit den Tatzen den Leib des Büffels, daß die Gedärme herausfielen, und der riesige Ochse sterbend zusammensank. Ohne aus das Geschrei der Menge zu achten, schleppte der Tiger, den man vier Tage hatte hungern lassen, seine zuckende Beute in seinen Kerker. Etliche Knechte traten aus einem andern Gemache, schlichen vorsichtig heran, warfen die Thüre zu, und verschlossen dieselbe wieder mit dem eisernen Zapfen. Die siegreiche Bestie konnte sich an ihrem kokossalen Raube in Ruhe satt fressen. * * * Der Platz wurde von neuem gereinigt, die Stellen, welche der Büffel ausgerissen hatte, oder wo sich Blut befand, mit frischem Sande bestreut, und dann in der Mitte des Hofes ein Baumstamm mit blätterlosen Aesten aufgestellt. Darauf trug man in einem Kasten einen jener starken und bösartigen Affen herbei, die bei uns unter dem Namen Pavian be kannt sind. Die Heimath des Pavians find die heißesten Ge genden Afrika's; dort mußte man diesen Affen gefangen und dann nach Bengalen gebracht haben. Nachdem die Knechte einige Prügel aus die Erde geworfen hatten, gaben sie dem Pavian die Freiheit, und eilten mit dem Kasten zum Thor hinaus. Der Affe hüpfte zähnefletschend aus dem Platze her um; dann versuchte er an den Mauern empor zu klettern; allein sie waren zu glatt. Darauf setzte er sich unter den Baum, ergriff einen der Prügel, und biß hinein.781 Nun ließen die Wächter aus einem Gemach einen Leo parden los, der noch größer und schöner war als der früher gesehene. Die prächtig gefleckte Katze, welche man sehr lange hatte hungern lassen, sprang sogleich auf den Pavian los. Aber dieser hatte seinen Feind noch zu rechter Zeit gesehen, und kletterte, mit dem Prügel im Maul, rasch an dem Baum hinaus. Der Leoparde lief brüllend um denselben herum, wobei ihn der Affe nicht aus den Augen ließ, und mit wildem Geschrei, mit drohenden Geberden und beständigem Zähne fletschen das wüthende Thier noch mehr reizte. Der Leoparde schien unentschlossen zu sein, was er thun sollte. Er betrachtete den Baum; sah rings um sich her. End lich fuhr er auf den Stamm zu, und kletterte mit der Ge wandtheit einer Katze hinauf. Die nun folgende Scene er regte bei allen Zuschauern ein tobendes Gelächter. Der Affe ließ seinen Verfolger nicht ganz herankommen, sondern be grüßte das schöne Fell desselben mit einer so derben Tracht von Schlägen, und bearbeitete besonders den Kopf mit so wohlgesührten, nachdrücklichen Hieben, daß der Leoparde alle Lust verlor, seinen Angriff weiter fortzusetzen. Er rutschte langsam und mit dem Kopfe schüttelnd am Stamm herunter; und der Affe verfolgte ihn mit beständigen Schlägen und einem gellenden Geschrei. Ein ungeheurer Jubel erhob sich über die entschlossene und tapfere Vertheidigung des Pavians, der triumphirend und mit den possirlichsten Geberden aus dem Baume herumhüpfte. Der Leoparde dagegen schien sich vor Scham in eine Ecke verkriechen zu wollen. Er wurde von den Wärtern in eine Zelle gejagt, und dort unter dem fortwährenden Beifallsgeschrei der Zuschauer eingeschlossen. Mehr Mühe kostete es den Affen einzufangen. Man hielt ihm süße Früchte vor; aber er wollte lange nicht kommen. Endlich kletterte er doch herunter, und wurde in dem Kasten wieder fortgetragen. * * * Der Abend kam heran; und nun sollten die letzten und interessantesten Theile des Schauspiels aufgeführt werden. Die beiden Thore wurden geöffnet, und zwei Elephanten von ungewöhnlicher Größe von ihren Karnaks (Wärtern) her eingebracht, und zu beiden Seiten des Hofes aufgestellt. Durch das Zurufen ihrer Führer gereizt, begannen die Thiere vor782 Kampflust zu schreien; und nach kurzer Zeit gingen sie wü- thend aus einander los. Das Splittern ihrer zusammen stoßenden Zähne, das Donnern des Erdbodens, der unter den Stößen ihrer kolossalen Füße erzitterte, die fürchterlichen Schläge, welche sie einander mit ihren Rüsseln versetzten, ihr gräßliches Geschrei, dazu das Brüllen der in den Käfigen ein gesperrten Bestien, alles das machte einen solchen Eindruck, daß die Zuschauer in Angst geriethen. Der stärkere der beiden Elephanten trieb seinen schwächeren Gegner zurück, und dieser stürzte in den Teich, der sich in der Ecke des Hofes befand. Allein er raffte sich bald wieder auf, und begann, durch den Zuruf seines Führers ermuthigt, von neuem den Kampf. Weil aber der andere Elephant am Rande des Teiches stehen blieb, und die beiden Thiere ein ander nicht mehr mit Rüsseln und Zähnen erreichen konnten, so sogen sie die Rüssel voll Wasser, und bespritzten einander. Endlich stieg auch das stärkere Thier in den Teich, und ver trieb seinen Feind aus demselben. Da ihre Wuth immer mehr zunahm, so würden sie sich einander aufgerieben haben, wenn nicht zuletzt der Fürst ein Zeichen gegeben hätte, sie zu tren nen. Die Wärter, welche, trotz der augenscheinlichen Lebens gefahr , ihre Thiere nicht verlassen hatten, warfen ihnen setzt starke Seile um die Hinterfüße; und durch die vereinte An strengung vieler Menschen wurden die vor Wuth schäumenden Kolosse auseinander gebracht, ehe einer von ihnen schwer ver wundet war. Der schwächere ließ sich gerne von dem Platze treiben; aber das siegreiche Thier konnte man lange nicht be sänftigen; auch war es so erhitzt, daß es höchst gefährlich schien, sich ihm zu nahen. Endlich brachte es der Wärter durch Schmeicheleien dahin, daß es sich wegführen ließ. Statt seiner erschienen nun drei Elephanten des Fürsten, welche zur Jagd abgerichtet waren.*) Sie wurden *) Elephanten, welche zur Jagd auf den Tiger verwendet werden sollen, müssen dazu erzogen werden; auch kann man nur starke, männliche Elephanten dazu brauchen. Der Elephant scheut den Tiger; selbst der An blick eines tobten Tigers ist ihm zuwider. Um ihn zum Kampfe mit dieser gräulichen'Katze zu ermuntern, läßt ihn sein Führer Anfangs auf ein Tiger fell treten und es mit den Stoßzähnen zerreißen. Sodann verbirgt ma« einen Knaben in dem Fell, oder, wenn man den Elephanten wirklich zum783 neben einander gestellt, gerade vor das Gewölbe, in welches sich der Tig er mit dem getödteten Büffel Zurückgezogen hatte.* *) Die Knechte öffneten die Thüre des Gewölbes, und eilten dann hinweg. Nur einer blieb zurück, versteckte sich aber hinter die Thüre, und warf von da aus den auf der Mauer stehen den Männern das Seil zu, an welches der eiserne Kolben gebunden war. Diese banden Feuerbrände daran, welche sie durch Hin- und Herschwingen in das Gewölbe zu schleudern suchten? Der Tiger erhob beim Anblick der brennenden Holz stücke ein fürchterliches Geheul und fuhr heraus. Der hinter der Thüre versteckte Knecht schlich nun eilig in das leere Ge mach, warf die Thüre zu, und verriegelte sie von innen. In demselben Augenblick gaben die Führer den Elephanten ein Zeichen, und munterten sie zum Angriff auf, worauf sie alsbald unter furchtbarem Geschrei auf den Tiger losgingen. Dieser kehrte um, und wollte sich in seine Kammer ffüchten; aber der Knecht schob inum den Riegel vor. Als der Tiger sich den Rückzug abgeschnitten sah, eilte er in ein Eck, und erwartete dort mit grimmigem Gebrüll den Angriff seiner drei mächtigen Feinde. Diese aber wagten es nicht, das Thier in der Ecke anzugreifen; und der Tiger machte Miene, dem ersten, welcher ihm nahen würde, auf den Rücken zu springen. Da zündeten die Knechte einen Bund Stroh an, und warfen ihn auf das Raubthier herab, welches sein Versteck verlassen mußte, und schreiend auf den nächsten Elephanten losstürzte. Der aber hatte den Rüssel hoch em porgehoben , und traf den Tiger mit einem so fürchterlichen Schlage, daß er zu Boden stürzte und wie tobt liegen blieb. Der Elephant schritt heran, um ihn mit seinen Füßen zu zer treten, als plötzlich der Tiger wieder aufsprang, und zwischen den Beinen des ersten Elephanten hindurch auf den Rücken des andern sprang. Dieser stieß einen Angstschrei aus, und warf sich zu Boven, um des fürchterlichen Feindes, der ihm Angriff kommen lassen will, ein lebendiges Kalb, welches er dann zertritt. Endlich lernt er auch einen lebendigen Tiger angreisen. Einen todten Tiger will er durchaus nicht auf seinem Rücken tragen. Dieß komnit wohl da her, daß er sich gegen den Tiger nicht vertheidigen kann, wenn ihm derselbe auf den Rücken gesprungen ist. *) Wenn der Tiger seine Beute ungestört verzehren kann, so steckt er erst den Rachen in den Leib derselben, und schlürft das warme Blut ein; dann zerreißt er sie, und frißt vom Fleisch, was ihm beliebt.784 bas scharfe Gebiß in das Genick einsetzte, los zu werden. Das aber wartete der Tiger nicht ab; er ließ den zweiten Elephan- ten los, und sprang gegen den dritten an, der seinem Ge fährten zu Hilfe kam. Die Karnaks flüchteten vor dem Grimme des Tigers, aber der Fürst, welcher seine Elephanten in Gefahr sah, dem Tiger zu unterliegen, rief ihnen drohend zu, sie sollten ihre Pflegbefohlenen nicht verlassen. Der zu letzt angefallene Elephant aber, obwohl der schwächste unter den dreien, wußte sich selber zu helfen. Das kluge Thier zog den Rüssel zwischen die Zähne zurück, faßte damit den an springenden Tiger, und schleuderte ihn hoch in die Luft. Der harte Sturz raubte dem Tiger abermals die Besinnung; und der erste Elephant trat auf ihm mit seinen plumpen Füßen herum. Der furchtbare Schmerz weckte die Bestie aus der Be täubung. Er biß den Elephanten wüthend in den Fuß, so daß er sich schreiend zurückzog. Aber jetzt packte ihn wieder der Rüssel eines andern Elephanten, und schleuderte ihn mit solcher Gewalt an die Erde, daß er ohne Regung liegen blieb. Die Füße der Elephanten vollendeten das grausame Geschäft, und zerstampften ihn. Aber auch zwei von ihnen waren schwer verwundet; und trotz des ungleichen Kampfes hatte der Tiger sein Leben sehr theuer verkauft. Die Dämmerung brach jetzt an, und die Zuschauer ver ließen die Plätze, auf denen sie mit den wilden Thieren um die Wette geschrieen und gebrüllt hatten. Die beiden verwun deten Elephanten ließen ihre Wuth an dem getödteten Feind aus, durchbohrten ihn mit ihren Zähnen, und warfen ihn noch einige Male in die Höhe. Endlich schien ihre Rachgier befriedigt zu sein, und sie ließen sich gerne von ihren Kar naks die Wunden verbinden. Derjenige, welcher den Biß in den Vorderfuß erhalten hatte, war für längere Zeit zum Dienste unbrauchbar. Bei dem andern zeigten sich zwar am Genicke tiefe Bisse und schmerzhafte, durch die Krallen des Ti gers verursachte Risse; doch ließen dieselben durchaus keine nachtheiligen Folgen erwarten. Dennoch verrieth dieser die meiste Scheu vor dem Tiger, und wollte vor dem Leichnam fliehen, so oft an demselben ein Glied bewegt wurde. Die Karnaks erklärten einstimmig, dieses Thier sei zu jeder fer neren Jagd untauglich; und der Fürst gab Befehl, noch einige Versuche mit dem eingeschüchterten Elephanten anzustellen, wenn sich aber seine Furcht durchaus nicht beseitigen ließe, sollte man ihn als Lastthier verkaufen.785 Thier quälcrei. Rohheit, die an den armen, wehrlosen Thieren gern Qual verübt, ist gewiß in jeder Beziehung ver abscheuungswürdig und brandmarkt das menschliche Herz mit Schande und Schmach. Wie der Mensch, so ist auch das Thier ein Geschöpf Gottes und der Himmel hört das Schmerzgeheul des gequälten Thieres, wie er die Seufzer des mißhandelten Menschen hört. Ich füge hier eine Geschichte ans alter Zeit bei: Zn einer deutschen Reichsstadt stand aus dem Markte ein Thurm mit einer Glocke, deren Strick bis zur Erde herabhing. Die Glocke hieß die Rü g eng locke, und wer sich durch Undank be schwert und gekränkt glaubte, der durfte hingehen und die Glocke läuten. Auf ihren Schall versammelten sich, und war es auch um die Stunde der Mitternacht, die Rathsherren. Der Kläger durfte sein Wort Vorbringen, und der Beklagte mußte Rede stehen nach Recht und Billigkeit*). Einmal ertönte spät in der Nacht die Rügenglocke; kein Kläger trat jedoch vor den versammelten Rath. Und als sie hingingen, zu sehen, wer bei so später Zeit des Undanks Rüge forderte, da hatte ein alter Schimmel, vom Hunger gequält, an dem langen Seil genagt, und laut und mahnend war darüber die Glocke ertönt. Das Pferd gehörte einem reichen Handelsmanne. Da er einst von Räubern über fallen war und ihre Säbel schon drohend über ihm blinkten, hatte ihn seines Schimmels Schnelligkeit gerettet. Er gelobte nun, das edle Thier bis an sein Ende nach Gebühr zu füt tern und zu verpflegen; — aber er brach sein Wort und der arme Schimmel wurde aus seinem Stalle verjagt und irrte lang ohne Futter und Trank umher. Der unbarmherzige Han delsherr erlitt öffentliche Beschämung und mußte das Pferd wie der zu sich nehmen und verpflegen, und es wurde eine steinerne Statue errichtet mit der Inschrift: „Zum Andenken an den Schimmel, der von seinem Herrn, dem er einst das Leben ge rettet, so undankbar behandelt wurde." Sorgsame Wartung und Pflege, Schutz und Schirm gegen willkürliche und unnütze Mißhandlungen ist der Mensch auch den Thieren schuldig! seine Liebe aber gehört denen, die diese Liebe erwiedern nnd vergelten, — sie gehört den Menschen. *) Diese schöne Sitte der Rügenglocke stammt von Karl dem Großen her. In einem alten Geschichtsbuchs heißt es: Karolns ließ eine Glocke an seinen Palast hängen, an welcher Jeder, dor etwas vorzubringen hatte, schellen durfte, der Kaiser mochte auch an der Tafel oder im Bette sein. Kinder-ContzersaUons-LexUon. 50786 Ein Lehrer ging an einem schönen Somniermorgen mit den sämmtlichen Kindern seiner Schule spazieren. Er machte ihnen alle Jahre diese Freude. Sie wählten ein Wäldchen an einer Anhöhe zu ihrem heutigen Aufenthalte. Da schien die Sonne so schön durch das frische Grün der Eichen, Buchen und Birken; da sangen die Vögel so lustig! — Die Kinder spielten dieses und jenes. Der Lehrer setzte sich in's Moos nieder, gab ihnen dieses oder jenes Spiel an, und schaute mit Vergnügen den friedfertigen und fröhlichen Kindern zu. Als sie -sich müde gespielt hatten, lagerten sie sich um ihren Lehrer und verzehrten die mitgebrachten Erfrischungen. Kinder. Herr Lehrer! wir bitten, erzählen Sie uns etwas! Lehrer. Gern will ich das thun; aber was soll ich euch erzählen? K. Ein Mährchen! ein Mährchen! L. Nun denn, es sei! „Vor langer, langer Zeit, vielleicht sind es schon tausend Jahre, kamen zu den hiesigen Einwohnern eine ziemliche An zahl gewaltiger Riesen aus fremden Gegenden. Gewaltige, sage ich, denn es waren baumstarke Menschen, 5 Meter hoch. Sie ließen sich in der Gegend nieder. Sie bauten sich große Wohnungen dort drüben am Berge, wo die Felsenstücke noch bis heute über einander herliegen. Noch immer hält man sie für Trümmer der Riesenwohnungen. Diese gewaltigen Menschen nährten sich, so gut sie konnten, von den Früchten des Landes, von dem häufigen Wildpret und von ihren eigenen Viehheerden. Dagegen hatten die Einwohner nichts. Aber leider nahm das Ding eine sehr üble Wendung. Die gewaltigen Riesen fingen an, die ruhigen und friedlichen Einwohner des Landes, die gegen jene Gewaltigen sehr schwach an Kräften waren, zu foppen, sie zu verfolgen und zu plagen auf alle Art. Sie warfen häufig nach diesem und jenem, der ihnen vorkam, mit Steinen; trafen sie ihn, fiel er tobt nieder, nun desto besser; trafen sie ihn nicht, so hatten sie doch die Lust zu sehen, wie ängstlich der Arme auswich, um sein Leben zu erhalten. Bald zerstörten sie dort eine Hütte, bald hier; sie nahmen mit fort, wen sie gerade fanden, bald die Kinder, bald den Vater, bald die Mutter, bald Alle. Welch ein Wehklagen, welch ein Jammer entstand unter den armen, gemißhandelten Menschen!" K. Ach, das sind ja abscheuliche Geschöpfe gewesen, die Riesen!787 L. Seid still! es kommt noch schlimmer. Oft nahmen sie die Kinder vor den Augen der Eltern, banden dieses oder jenes an einen Strick und ließen es um sich herumlaufen, wie einen Affen, und mißhandelten es, bis es starb. Ach, welch ein Jam mergeschrei der unglücklichen Kleinen und ihrer Eltern! Oft erhaschten sie die Kleinen und hingen sie in Körben vor die Fenster ihrer Riesenwohnungen. Da wehklagten die Eltern bei dem traurigen Anblicke; da schrieen die Kleinen ihre Eltern um Hilfe an, bis sie endlich verschmachteten. K. Ach Gott, Herr Lehrer! hören Sie auf, uns von den abscheulichen Riesen Zu erzählen. L. Bald rissen sie diesem ein Bein aus, bald jenem den Arm, bald stachen sie diesem die Augen aus, bald rauften sie jenem die Haare aus, daß das Blut darnach lief. K. Herr Lehrer! bester Herr Lehrer, wir müssen ent laufen, wenn Sie nicht aufhören! L. Gut, ich will denn aufhören, die Unmenschlichkeiten zu beschreiben; ich könnte noch viel ärgere hinzufügen. Aber nun ist die Reihe an euch. Wer ist im Stande, den Sinn dieses Mährchens zu finden? Da legte dieser und jener die Finger an die Nase; dieser und jener rieb sich die Stirne und verdeckte mit der Hand die Augen, wie man es zu machen pflegt, wenn man über etwas nachdenkt. Aber keiner kam dem Sinn des Mährchens auf die Spur. Da stand der Lehrer auf und überschante die Kinder und sprach dann: Beinahe ihr allzusammen könnt den Sinn des Mährchens nicht finden. Das macht mir Freude. Vielleicht aber gibt es unter euch zwei oder drei, die ihn finden, aber es nicht wagen, ihn frei herauszusagen. Gut! so will ich es selbst thun: Hört ihr den schönen Gesang der Waldbewohner! jetzt den Finken, jetzt den Hänfling, jetzt die Nachtigall! — Seht die schönen Schmetterlinge, die um uns herumslattern! Seht die goldenen, die bunten Käfer, die am Boden und in dem Laub- werk^herumkriechen! Hört ihr die Frösche dort unten im Sumpfe! — Setzt sie einmal an die Stelle der vorhin beklagten Einwoh ner, über welche die grausamen Riesen den Herrn spielten. Ihr aber kommt mit mir! Wir wollen die Riesen sein! K. Nun? — Was thut's denn weiter? L. Wir zerstreuen uns in den Wald; wir durchstreifen die Büsche; wir suchen die Wohnungen der kleinen Waldbe wohner ; wir reißen ihre Nester unter den Zweigen heraus; 50 *788 wir nehmen den Alten die Jungen, den Jungen die Alten; wir spießen die Frösche; wir zertreten die Käfer, wo wir einen fin den ; wir fangen Fliegen und reißen dieser die Flügel, jener die Beine aus u. s. w. Was meint ihr? — Sagt an! K. Nein! wir wollen nicht sein, wie die abscheulichen Riesen! Aber drei der altern Knaben blieben stumm, starr und bleich. Sie senkten das Angesicht zum Boden nieder. L. Jetzt lese ich euch noch ein schönes Lied vor. Fürchtet Gott, ihr lieben Kinder! Quälet nie ein armes Thier; Ist das Kleinste denn wohl minder Gottes Eigenthum, als ihr? Fürchtet Gott! leicht kann er strafen Euch lür solche Grausamkeit; Die Gerichte Gottes trafen Micheln auch, nun islls ihm leid. Häufig streift er in Gebüschen, Stieg die Bäume keck hinan, Um dort Nester zu erwischen; Riß heraus die Jungen dann. Ja, oft fing der böse Junge Vögelchen, riß schadenfroh Aus dem Hälschen ihre Zunge, Ließ sie boshaft liegen so. Gottes Hand mußt ihn erreichen! Denn dem Lehrer folgt er nicht, Der, das Herz ihm zu erweichen, Treulich übte seine Pflicht. Einst war er hinangestiegen Bis zum Gipfel einen Baum; Brechen, stürzen, sprachlos liegen, War hier eins, man glaubt es kaum. Sinnlos lag er, hart zerschmissen, Lange Zeit am Boden hier; Ach, die Zunge war zerbissen Bis zur lieben Hälfte schier.789 Welch ein Schmerz! — und der Geheilte, Könnt' er sprechen wie vorher, Eh' ihn Gottes Hand ereilte? Nein, selbst Stammeln wurd' ihm schwer! Fürchtet Gott, ihr lieben Kinder! Quälet nie ein armes Thier; Ist das Kleinste denn wohl minder Gottes Eigenthum, als ihr? Der Tiger ist die schönste aller Katzen. Wie schön und fein ist sein Kleid! wie schön sind seine Bewegungen — lauter Wellen! Er greift den Menschen nicht an, bis er etwa durch die Erfahrung inne geworden, wie leicht er ihn überwältigen kann. Weiß er aber dieses einmal, so packt er ihn am liebsten an; denn das Menschenfleisch schmeckt ihm am besten. Er ist schwerer zu zähmen als der Löwe; doch hat man auch schon Tiger an Wagen gespannt. Im Käfig ist er Anfangs ein schreckliches Thier. Wie stolz bewegt er sich in dem engen Gefängniß in gewaltigen Wendungen hin und her, und schlägt mit dem starken Schwänze seine Lenden! Hat er sich auch einmal niedergelegt, so erhebt er sich doch augen blicklich wieder, wie zum Kampfe bereit, sobald sich ihm jemand naht; er schaut den Menschen mit glühenden Augen an; tritt er noch näher, so streckt er rasch seine Tatze durch's Gitter, und ergreift und zerreißt die Kleider desselben. Jede Drohung ihn zu züchtigen, macht ihn nur wilder. Der asiatische Tiger auch Königstiger, und von seinem schwarzgestreiften Fell der gestreifte Tiger genannt, ist größer als der Löwe, wohl so groß wie ein Rind, und so ungeheuer stark und kühn, daß er mitten aus einer Gesell schaft bewaffneter Menschen mit einem Sprung einen heraus holt, und mit demselben fortläuft. Ja, er hat sich schon, trotz aller Flintenschüsse, an ganze Reiterschaaren gewagt, und einen aus ihrer Mitte vom Pferde herabgerissen. Selbst aus einem Schiff ist man vor ihm nicht sicher; denn er schwimmt vortrefflich. Doch hat ihn einmal, da er sich an eine Gesell schaft schlich, ein junges Frauenzimmer durch das schnelle Ausmachen ihres rothen Sonnenschirms so erschreckt, daß er furchtsam fortlief; und als einmal ein Engländer bei einer Tigerjagd von einem Elephanten gerade auf den Rücken eines Tigers fiel, erschrack das Raubthier eben so sehr als der Eng länder.790 In einem Kriege gegen Persien hatte sich ein russischer Trompeter aus die Erde gelegt und war eingeschlafen. Glück licher Weise erwachte er gerade in dem Augenblick, als ein Tiger ihn angreifen wollte. In der Angst faßte er feine Trompete und stieß hinein; da entfloh die Bestie. Der Tiger hält sich gern an den Flüssen auf, lauert in Gebüschen, und springt unter furchtbarem Gebrüll auf Büffel, Hirsche, wilde Schweine und andere Thiere, welche an seinem Versteck Vorbeigehen. Erreicht er sie im Sprung, so schlägt er seine Klauen und Zähne tief in's Genick, so daß auch das stärkste Thier zu Boden stürzen muß. Daraus saugt er das Blut aus, und schleppt den Leib in's Gebüsch, um sich daran satt zu fressen. Nicht bloß aber den Thieren stellt er nach, sondern er schleicht sich auch in dem hohen Grase ganz nahe an die Dörfer, und lauert auf die Menschen, welche Vorbeigehen. Das Tigerweibchen wirft vier Junge; und die Tiger würden gar sehr überhand nehmen, wenn es nicht zum Glück so eingerichtet wäre, daß solche böse Thiere immer in Feindschaft mit einander leben, und sich selbst unter ein ander aufreiben. Denn der alte Tiger frißt öfter seine eigenen Jungen. Dennoch ist die Zahl dieser reißenden Thiere in manchen Gegenden so groß, daß man von einem Manne weiß, welcher in seinem Leben 360 Tiger erlegt hat. Weil die Tiger den Menschen so sehr gefährlich und so zahlreich sind, so stellen die indischen Fürsten bisweilen große Treibjagden auf sie an. 20,000 bis 60,000 Mann werden zu Fuß und zu Pferd auf diese grimmigen Thiere aufgeboten. Vornehme Leute reiten dabei auf Elephanten, da sich der Tiger vor dem Elephanten fürchtet. Ehe die Jagd angeht, stellt man hohe Garne auf, und macht auf große Bäume oder Pfähle Schießhäuschen, in welche sich die besten Schützen setzen um auf die Tiger zu schießen. Sobald alles in Bereitschaft ist, zündet man das dürre Gras und Gebüsch an, und treibt die wilden Thiere unter Lärmen, Schreien, Trommeln und Schießen gegen die aufgestellten Garne. Da werden sie entweder gefangen oder erschossen. Trotzdem ist aber die Zahl der Tiger in Ostindien noch jetzt so unge heuer, daß in manchen Gegenden ganze Dörfer um ihretwillen verlassen werden müssen. — Nun wollen wir auch noch den Tiger von. sich selbst erzählen hören. Rede also, Tiger! —791 Geh' weg von mir, oder ich zerreiße dich! denn ich ver schone auch die Menschen nicht. Ich bin viel wilder und fürchterlicher, als der Löwe; ich bin das geschwindeste und grau samste Thier unter den vierfüßigen Thieren. Der Löwe ist doch zuweilen gütig und schonend, und mordet nicht aus Lust, sondern nur aus Noth; ich hingegen morde alles zusammen, Menschen und Thiere, und das in einem fort, es mag mich hungern oder nicht; ja ich schone im Hunger selbst meines Weibchens und meiner eigenen Kinder nicht. Das heiße Asien, und vorzüglich Ostindien, ist mein Vaterland. Ich habe, wie du siehst, gelblich weiße, schwarzgestreifte Haare und bin etwas schlanker und länger als der Löwe, aber nicht so hoch; kann entsetzlich schnell laufen, und 4 bis 5 Meter weite Sprünge thun. Ich kann sogar auf Bäume klettern, und darauf Affen und Vögel aufsuchen. Meine Stärke ist groß; ein lebendiges Pferd oder einen Ochsen nehme ich nur in's Maul und laufe so geschwind damit fort, als hätte ich nur einen Hasen im Maul. Ich greife auch den größten Elephanten an, reiße ihm den Rüffel ab, springe ihm auf den Nacken und zerfleische ihn. Manchesmal geschieht es, daß dieser sich in seiner Noth auf den Rücken legt und seinen Mörder zerdrückt, so daß nun beide zugleich sterben müssen. Man kann mich zwar zähmen; allein es kostet dem Wärter sehr viel Mühe und Geduld, bis er es so weit mit mir bringt, daß er mir meinen Rachen öffnen und meine blutrothe Zunge in die Hand nehmen darf. Auf mir reiten aber lasse ich schlechterdings nicht. Die bösen Indianer essen mein Fleisch, und gebrauchen mein schönes Fell zu aller hand Dingen. In Europa sollen unsere Felle sehr theuer sein, weil es eben nicht mehr viele Tiger gibt. — Ja, ja, du bist ein gefürchtetes Thier und wirst dem Wanderer in den Gebirgen gefährlich genug. Ein Missionär erzählt ein merkwürdiges Beispiel: Der Sohn eines moroni tischen Priesters aus dem Libanon ging eines Abends durch das Gebüsch nach Hause, als er eines Tigers ansichtig wurde. Der Tiger sprang gerade auf den Jüngling los; doch kam dieser ihm zuvor, und schoß ihn mit seiner Flinte gerade durch die Stirne. Aber kaum war dieser erlegt, als ein zweiter Tiger auf den Jüngling losrannte. Dieser faßte sein langes Messer, welches er an der Seite hatte, so daß, da der Tiger auf ihn losspringt, ihm das Messer in den Bauch geht, und mithin war auch dieser überwunden. Im Schrecken ließ er ihm das Messer in dem Bauch stecken, und eilte weiter. Kaum war er792 einige hundert Schritte weiter gegangen, als der dritte kam. Nun hatte er nichts mehr bei sich, als eine ungeladene Flinte; mit dieser stellte er sich in der Verzweiflung so, daß er dem Tiger, indem dieser auf ihn losrannte, mit der Flinte die Stirne ein schlug. Hiermit zerbrach aber auch die Flinte, und er war nun völlig entwaffnet. In diesem Zustande kam er nach Hause. Die Eltern sahen bald an ihm, daß ihm etwas Schweres müsse be gegnet sein, und da er ihnen den ganzen Vorgang erzählt hatte, gingen sie am andern Morgen, und zogen den erlegten Tigern die Haut ab. Der Sohn aber legte sich, und starb nach drei Tagen an den Folgen des Schreckens. TrAH. Wozu die Tische dienen brauche ich euch wohl nicht zu sagen. Denn esset ihr nicht täglich an einem Tische ? Setzt man nicht auf einen Tisch das Frühstück, das Mittag- und Abendessen? Stehen nicht die Bier- und Weingläser, die Krüge und Flaschen auf dem Tische? Auf den Tisch legt ihr eure Bücher, ihr stellt euer Schreibzeug darauf, ihr schreibet und arbeitet darauf. Wohl werdet ihr auch schon wissen, daß der Tischler die Tische macht, denn davon hat er ja seinen Namen; und daß es mancherlei Tische gibt, runde und viereckige, große und kleine, ist euch auch bekannt. Bei den Bauern sieht man ganz gemeine, grob gearbeitete Tische, bei vornehmen Leuten sehr zierliche. Das ist euch auch bekannt, daß zum Mittags- und Abendessen der Tisch mit einem Tuche gedeckt wird. Meiner Meinung nach geschieht dieses, damit man den Tisch mit den Speisen nicht beschmutze und verderbe; und. ich wollte wetten, daß ich das Wahre getroffen habe. Ueberdieß nimmt sich auch bei solchen Gelegenheiten ein gedeckter Tisch besser und feierlicher aus, als ein ungedeckter. Todtengräber. Lieber Leopold! Der Todtengräber ist — ein Käfer, welcher diesen Namen erhalten hat, weil er todte Thiere begräbt. Legt man im Juni eine todte Maus oder einen Frosch auf die Erde, und das todte Thier fängt an zu verwesen, so werden sich alsbald mehrere Todtengräber einfinden. Zuerst untersuchen sie den Boden, auf dem das Thier liegt. Ist er locker genug, so fangen sie ihre Arbeit sogleich an. Ist aber der Boden hart und steinig, so kriechen sie unter die todte Maus hinunter, nehmen sie auf ihren Rücken und tragen sie langsam fort, bis sie zu einem Boden kommen, der zum Begraben taugt. Nun zwängen sie sich unter die Maus hinunter und793 scharren mit den Füßen die Erde weg, daß sie immer tiefer in den Boden hinein sinkt. Das treiben sie so lange, bis sie die Maus ganz unter die Erde gebracht haben. Spießt man einen todten Frosch an ein Hölzchen und steckt dieses in die Erde, so wühlen die Todtengrüber so lange an dem Hölzchen bis es um fällt, und der Frosch auf die Erde zu liegen kommt, dann erst begraben sie ihn. Ist das tobte Thier ganz mit Erde bedeckt, so legen die Weibchen Eier hinein, aus welchen Würmer kommen, die das angefangene Werk dadurch vollenden, daß sie das be grabene Thier auffressen. Sind diese Würmer groß genug ge worden, so kriechen sie in die Erde und verpuppen sich. Aus jeder Puppe schlüpft ein Todtengrüber, der sein Handwerk, das ihm von Gott befohlen ist, sogleich zu üben anfängt, und so viel er kann, dazu beiträgt, daß die todten Thiere von dem Erdboden weggeräumt werden. Lebe wohl! TodtLNrrhr. Man hört zuweilen in einer Stube oder Kammer, wenn Alles stille ist, ein leises Klopfen, als wenn eine Taschenuhr ginge. Horchet man genau auf, so kommt der Schall aus einer Wand oder einem Balken. Abergläubische Leute meinen, es sei das ein Zeichen, daß Jemand sterben müsse und nennen dieses Klappern die Todtenuhr. Da aber der Tod weder eine Tasche noch eine Taschenuhr hat, auch nicht in einem Balken noch in einer Wand sitzt, so wird wohl dieses ge- heimnißvolle Klopfen von etwas andern: Herkommen. Man hat auch wirklich einen Käser entdeckt, welcher sich Gänge in das Holz bohrt und dieses Klopfen hervorbringt. Er stößt nämlich sieben-, neun- oder elfmal hinter einander mit dem Kopfe auf das Holz, aus keiner andern Ursache, als um sich mit seinen Kameraden zu unterhalten. Ist nämlich ein anderer solcher Bohr käfer in der Nähe, so antwortet er auf dieselbe Weise. In alten Häusern hört man diese Käfer bei warmem Wetter den ganzen Tag klopfen. Ist man ganz stille und klopft mit dem Fingernagel auf den Tisch, so geben sie Antwort. Es hat aber dieser Käfer noch eine andere merkwürdige Eigenschaft, von der er den Beinamen der „Hartnäckige" erhalten hat. Sobald man ihn anrührt, so zieht er alle Glieder an sich und stellt sich, als wäre er todt. Man kann ihn zerreißen, zerschneiden, ja lebendig braten, er rührt sich nicht, er streckt feinen Fuß aus. Läßt man ihn aber stille liegen, so kommt er allmälig wieder zu sich. Tollkirsche, auch Wolfskirsche und Belladonna genannt, ist eines der gefährlichsten Giftgewächse, die es gibt. Kinder,794 ist dies nicht eine Aufforderung für uns, diese giftige Pflanze genau kennen zu lernen? — Die Wurzel der Tollkirsche ist dick, außen braungelb, innen weiß und dringt schräg in die Erde; der Stengel ist krautig, 3 / 2 bis l^/z Meter hoch, röthlichbraun überlaufen, gabelig getheilt, und ebenso, wie der Kelch und jeder Blatt- und Blüthen- stiel, mit kurzen Flaumhärchen bekleidet. Die Blätter sind eirund und erreichen eine Länge von 20 und eine Breite von 8 bis 10 (Zentimeter. An den abwärts hängenden Blüthen ist unstreitig die glockenförmige, meist schmutzig violettbraune Krone, der wichtigste Theil. Die Frucht stellt eine kugelige, glänzende, vom Kelch umschlossene, bei völliger Reife einer schwarzen Kirsche ähnliche Beere dar. Die Tollkirsche ist ausdauernd, blüht im Juli und August, und wächst ursprünglich in solchen Bergwäldern, die einen guten, fetten Boden haben. Ihr Gift, welches sich nicht blos in den Früchten sondern auch in mehreren andern Theilen findet, ge hört zu denjenigen Giften, die gewöhnlich kindisches Lachen und lustiges Phantasiren erzeugen. „Um sich etwas abzukühlen, aß ein Hirt im Schwarzwalde mehrere Beeren der Tollkirsche. Als er sich hierauf niedergelegt hatte, ward er sehr unruhig, sprang aus dem Bette und ver fiel in Zuckungen. Diese Zufälle wechselten einige Stunden fast ununterbrochen mit einander ab. Endlich, nämlich ungefähr zwölf Stunden auf den Genuß, nachdem der Unglückliche fast aller seiner Sinne beraubt worden war, erfolgte der Tod." Torf. Dieses brennbare Mineral ist euch wohl Allen bekannt; denn sehr allgemein ist sein Gebrauch, auch in Gegen den, die gerade nicht holzarm sind. Der Torf erzeugt sich immer fort und man könnte ihn geradezu zu dem Pflanzenreiche rechnen; denn er besteht aus einem dichten Filze von Wurzeln, der mit erdigen Theilen vermischt ist. Diese Wurzeln er zeugen sich in Mooren (Sümpfen) mit solcher Schnelligkeit, daß man nach 10 bis l2 Jahren eine ausgestochene Torfwiese auf's Neue benutzen kann. Dadurch wird die Torfgräberei an manchen Orten sehr einträglich. Die Arbeit in den Abzugs gräben wie in den Torflagern selbst ist zwar beschwerlich, da die Leute im Wasser oder Sumpf stehen müssen, allein sie dauert auch nur die wärmsten Monate des Jahres hindurch. Die ausgestochenen Platten müssen auf Haufen gesetzt und ge trocknet werden. Die weniger feste Masse muß man sogar795 vorher, gleich Lehm, in Formen drücken. Merkwürdig ist dabei, daß die besten Stücke am meisten zusammenschrumpfen, so daß also nicht die größesten, sondern die kleinsten Torfplatten am meisten Hitze geben. Treue und Anhänglichkeit des Hundes. Lieber Hugo! Gewiß hast Du schon Geschichten gelesen, daß Hunde ihren Herrn gegen Räuber und Mörder vertheidigt, oder aus dem Wasser gezogen und so sein Leben gerettet haben. In der That ist die Anhänglichkeit und Treue der Hunde gegen den Menschen so groß, daß wir sie mit Recht bewun dern*). In diesem Briefe will ich Dir zwei derartige Ge- schichtchen mittheilen, und wünsche, daß sie Dir Freude machen mögen! Vor langer, langer Zeit lebte in Paris ein junger Mann, Namens Aullry **), welcher einen Ritter, Namens Naoaire ***) zum Feind hatte. Eines Tages wollte Aubry seine Braut be suchen; sein Hund lief mit dem Bedienten voran, und als der junge Mann so allein durch einen Wald ritt, griff ihn sein Feind, der Ritter Naoairs, von hinten an, erschlug ihn, und verscharrte den Leichnam unter einem Baum im dichten Walde. Der Hund war unterdessen mit dem Bedienten schon zur Braut Aubry’s gekommen, und Alles wartete auf die Ankunft seines Herrn. Allein er kam und kam — nicht. Da wurde der Hund unruhig, lief auf dem Wege wieder zurück, und kam um Mitternacht in den Wald, suchte und suchte, bis er den Ort fand, wo Naoairs den Erschlagenen eingescharrt hatte. Da blieb er auf der Leiche seines Herrn liegen, bis ihn der Hunger zwang, nach Paris zu laufen. Dort kam er eines Morgens ganz kraftlos und abgezehrt zu einem Freunde seines Herrn, dem Ritter von Arälllorv, und heulte erbärmlich. Man gab ihm zu fressen, man streichelte und liebkos'te ihn, allein der Hund ließ sich nicht halten, sondern lief heulend wieder fort. Nach vier Tagen kam er wieder, fraß, lief wieder fort, und trieb es so über einen Monat lang. Dieses Benehmen des Hundes siel endlich dem Herrn von Aräillers so auf, daß er demselben eines Tages nachritt, *) In diesem Lexikon findest Du Seite 347 mehrere solche Geschichten. *’•) Sprich: Obw. ***) Sprich: Makeir.796 und wie groß war sein Erstaunen, als sich der Hund unter jenem Baum im Walde niederlegte, ängstlich mit den Pfoten kratzte, und erbärmlich zu heulen anfing. Herr von Ardillere ließ nun in Gegenwart dreier Zeugen nachgraben, und siehe da, man fand einen blutigen Leichnam und erkannte, daß es Aubry war. Bald wurde das in der ganzen Stadt bekannt, aber den Mörder konnte man nicht entdecken. Nach einiger Zeit bekam der Hund den Nitter Macaire zu Gesichte, fuhr auf denselben los und packte ihn so grimmig an, daß er ihn erwürgt haben würde, wenn man ihn nicht weggerissen hätte. Die Wnth, in welche der Hund jedesmal beim Anblick Macaire’s gerieth, fiel allen, die dabei waren, besonders ans, und es kam die Sache endlich vor den König. Um der Sache auf den Grund zu kommen, ließ der König den Hund zu sich bringen. Der Hund blieb so lange ruhig, bis er den Ritter Naoairs unter etwa zwanzig andern Hof leuten zu Gesicht bekam, da sing er an zu bellen und sprang auf denselben los. Der König, überzeugt, daß der Unschul dige siegen werde, gab endlich den Befehl, daß der Ritter und der Hund diese Sache in einem Zweikampf ausmachen sollten. Durch Paris fließt ein Fluß, die Seine*), in demselben ist eine Insel, auf welcher der Zweikampf in Gegenwart des Königs und des ganzen Hofes ftattfinden sollte. Der Ritter bekam zu seiner Verteidigung einen großen Prügel, und dem Hunde gab man ein Faß, das keinen Boden hatte, zum Zu fluchtsort. Als alles in Ordnung war, ließ man den Hund frei. Zähnefletschend und in grimmiger Wuth sprang er auf den Ritter los, wich seinen Hieben geschickt aus, drohte ihm bald von der einen, bald von der andern Seite, machte plötz lich einen gewaltigen Satz, packte ihn an der Gurgel, und warf ihn zu Boden. Der Ritter schrie um Hilfe, gestand in der Todesangst vor dem König und dem ganzen Hofe den Mord, den er begangen, und wurde hingerichtet. Von langer Zeit reis'te ein Offizier mit einem Bedienten und einem Hündchen über den großen Bernhardsberg. Das .*) Sprich: Sen.797 ist ein hoher, mit ewigem Schnee und Eis bedeckter Berg in der Schweiz, über den eine große Straße nach Italien geht. Unsere Reisenden hatten das Unglück, daß sie von einer Un geheuern Menge Schnee, der vom Gipfel des Berges herab gerollt kam, überschüttet und lebendig begraben wurden. Nur das Hündchen wurde nicht verschüttet, und als es auf einmal seinen Herrn nicht mehr sah, fing es erbärmlich an zu heulen und den Schnee wegzuscharren. Als aber das treue Thierchen merkte, daß es mit seinen kleinen Pfötchen nichts auszurichten vermochte, so lief es nach einem Kloster zurück, in welchem sein Herr Tags zuvor über Nacht geblieben war. Hier bellte es die Mönche an, Zupfte sie an den Kleidern, lief nach der Thüre, kam wieder zurück, bellte, blickte wieder nach der Thüre, winselte und kratzte, kurz, es suchte den Mön chen zu verstehen zu geben, daß sie mitgehen möchten. So that es den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am Morgen wurden endlich die Mönche aufmerksam, und gingen dem Hündchen nach. Er führte sie bis zu dem Schnee; da kratzte es, bellte die Mönche an, und wedelte freundlich mit dem Schwänze. Und nun fingen die Mönche zu begreifen an, was das treue Thierchen wolle. Sie holten Schaufeln und Hacken herbei, und zogen die zwei Unglücklichen heraus, nach dem sie 36 Stunden unter dem Schnee zugebracht hatteu. Sie waren beide noch am Leben. Trommel und Trompete. O, im Besitze solcher Instrumente möchtet ihr gern sein; nicht wahr, ich hab's er- rathen! Ja, Kinder, Trommel und Trompete sind euch werthe Spielsachen, mit denen ihr euch oft recht gut unterhaltet. Aber auch die großen Leute haben diese Instrumente nothwendig; denkt nur einmal an die Soldaten. Die Trommel ruft die Sol daten zusammen, gibt ihnen verschiedene Zeichen, und muntert sie während des Kampfes auf. Was die Trommel bei dem Fußvolke thut, das thut die Trompete bei den Reitern. Trüffeln sind kugelförmige Schwämme, außen von einer rauhen, schmutzig weißen oder schwarzbraunen, warzigen Ober haut bedeckt und inwendig grauweiß, voll Adern und Zellen. Sie wachsen unter der Erde in lockerem, sandigem Boden, beson ders in Laubholzwaldungen, doch auch auf Wiesen und Wein bergen, sowohl in vielen Gegenden Mitteldeutschlands, als auch798 vorzüglich in Oberitalien, Südfrankreich und Spanien. Mit Hilfe abgerichteter Hunde (Trüffelhunde), oder, wie es in Frankreich der Fall ist, durch Schweine, werden die Trüffeln aufgesucht, und werden theils frisch, theils eingemacht oder gebraten auf Tafeln der Reichen, als Leckerei verspeis't. Ihr Geschmack ist süßlich gewürzhaft; ihre Größe erreicht die einer Wallnuß, oder auch die eines Apfels, ja bisweilen findet man in Piemont Trüffeln, von denen das Stück 7 ; t Kilo wiegt. Truthahn. M u t t e r. D e n w ä l s ch e n H a h n, T r u t- oder indisch en, ca lecut is ch en H ah n, P uter oder Kur re, oder wie er sonst noch heißen mag, kennt Jedermann, und also auch ihr, liebe Kinder, da es fast in allen Hühnerställen welche gibt. Ihr habt vielleicht schon viele gesehen und vielleicht gar selbst welche gegessen? Kinder. Ja, wir kennen die Puter schon lange, und haben auch schon welche gegessen. Sie schmecken ganz vortreff lich, wenn sie jung und gut gefüttert sind. Sie sind etwas größer als die Gänse, sehen fast ganz weiß aus, und haben am Kopfe und Hals eine bläuliche Haut hängen, die sie, wenn sie ernsthaft oder zornig geworden sind, schön hellroth aufblasen können. Es sind überhaupt ganz son derbare Vögel, mit denen man viel Spaß haben kann. Wenn man ihnen zuruft: Jchhab^mehrRoth,alsdu, so werden sie entsetzlich böse, schlagen ein Rad, und schreien: Puter, puter, puter, oder Kurre, kurre, kurre. Zeigt man ihnen aber etwas Rothes, oder hat Jemand gar selbst ein rothes Kleid an, so werden sie noch erbitterter, und gehen ganz wüthend mit ausgespannten Flügeln aus die Leute los, und würden gewiß auf sie fliegen und sie verwunden, wenn sie stehen blieben. Nicht wahr, liebe Mutter, so macht es der Puter? Mutter. Ja, meine Kinder, vollkommen so. Er kann schlechterdings nichts Rothes vertragen. Sobald er etwas Ro thes sieht, oder sonst von Jemand böse gemacht worden ist, bläsit er seine Haut am Kopf und Hals auf, schlägt ein Rad nach dem andern, rauscht mit seinen ausgespannten Flügeln dicht an der Erde hin, und raset mit dumpfichtem Kullern, ganz wüthend auf das los, was ihm zuwider ist, und jagt es fort, oder zerhM es gewaltig, und läßt dabei sehr oft sein Puter, puter, oder sein Kurre, kurre hören. Die wälsche Henne ist kleiner, als der Hahn, und kann799 auch fein Rad schlagen, wie die Pfauenhenne. Sie legt alle Jahre fünfzehn bis zwanzig Eier, die etwas großer, als die gemeinen Hühnereier, und weiß und mit gelbröthlichen Flecken gezeichnet find. Wenn sie einen Raubvogel in der Luft schwe ben sieht, so ruft sie hastig ihre Kinder zusammen, und versteckt sich mit ihnen; oder sie fallen plötzlich zur Erde, und bleiben so lange wie tobt liegen, bis sie von ihrer Mutter Nachricht kriegen, daß der böse Räuber weg sei. K. Was frißt der Puter? M. Alles, was das andere zahme Geflügel auch frißt: Gerste, Haber, Wicken und Brod, und was man ihm sonst noch vorwirft. Nordamerika ist sein Vaterland. Im Jahre 1530 wurden sie zuerst nach Deutschland gebracht. Es gibt aller hand Puter, weiße, schwarze und weißgesieckte, weiß- und gelb- röthliche und graue. Türken. Die Türken stammen aus Asien und haben auch ganz asiatische Sitten. Sie bekennen sich zu der Lehre Muhameds, welche aus der christlichen, jüdischen und heidni schen zusammengesetzt ist. Sie nennen sich auch von einem ihrer Anführer Ottomanen oder Os m anen (daher otto- manische Pforte); auch heißen sie Moslemim oder Musel männer. Sie sind von ansehnlichem Aeußeru und starkem Wüchse, können aber wenig Anstrengung aushalten. Ihre lange und weite Kleidung gibt ihnen noch mehr Ansehen. Das vorzüglichste Stück derselben ist der Turban oder der türkische Bund, eine gut aussehende Kopfbedeckung. Um die Lenden haben sie einen Gurt, an welchem Säbel und Pistolen hängen. Die Beinkleider sind ungeheuer weit. Sie sitzen mit unter- geschlagenen Beinen, essen und schlafen, wie alle Orientalen oder Morgenländer, auf dem Fußboden, der mit Teppichen und Matratzen, und an den Wänden herum mit Polstern und Sophas belegt ist. In neuerer Zeit hat besonders der Hof und das Militär auf den Befehl des Kaisers (Sultans, Groß herrn) Vieles von der Kleidung der Franken, wie sie alle Europäer nennen, angenommen. — Die Türken sind wohlthätig und gastfrei, und die, welche mit türkischen Kaufleuten verkehren, rühmen, daß sie sehr ehrlich und aufrichtig seien, und ihr einmal gegebenes Wort streng halten. Dagegen aber sind sie auch sehr abergläubisch, argwöhnisch, heimtückisch, eigennützig, eifersüchtig, leicht gereizt, leidenschaftlich und, wie sie in feindlicher Stellung find, grau-800 sam. Sie lieben außer dem Reiten keine körperliche Bewegung^, halten, weil sie von Natur sehr ernsthaft sind, den Tanz für Männer sehr unanständig, spielen gerne Schach, sind große Blumenfreunde, rauchen stark aus langen Pfeifen und trinken viel Kaffee. Der Genuß des Opiums, der aus der Mohn pflanze bereitet wird, ist allgemein. Löffel und Gabel sind nicht im Gebrauch. Ihr Haupteffen ist Reis. — Sie scheeren das Haupthaar und lassen den Bart wachsen. — Wenn sie grüßen, bleiben sie aufrecht stehen, legen die Hand auffs Herz und sogen; Lelmloua aleikom! d. i. Friede sei mit euch! Ge ringe Personen stehen vor den Vornehmen, die Hände über der Brust gekreuzt. Heiterkeit und Scherz gilt bei ihnen für un anständig. Ihr ganzes Betragen ist religiös: Allah (Gott) ist groß und Muhamed ist sein Prophet! hört man sie fleißig aus- rufen. Ihre Religion legt ihnen außer der Wohlthätigkeit auch Reinlichkeit, Mäßigkeit, sowie Enthaltung vom Wein und Schweinefleisch aus. Wenn sie beten, richten sie ihr Gesicht gegen Mekka*), und jeder Türke muß wenigstens einmal in seinem Leben eine Wallfahrt dahin gemacht haben. — Der Aufenthalt der Frauenzimmer heißt Harem und das kaiser liche Schloß Serail. Ihre Religion erlaubt ihnen mehrere Frauen zu heirathen. Die Frauenzimmer gehen immer ver schleiert und leben in großer Abhängigkeit. Die Bethäuser der Türken heißen Moscheen. Es sind prachtvolle Gebäude mit einer Kuppel und mehreren schmalen Thürmen, die man Minaret heißt, von denen aus das Volk zum Gebet zu sammengerufen wird, da die Glocken in der Türkei nicht üblich sind. Die Türken haben sehr schöne und gut eingerichtete Bäder, da ihnen das Baden in ihrem Koran (Gesetzbuch, Reli gionsbuch) geboten wird. — Grüne Kleider und gelbe'Stiefeln darf nur ein Muselmann tragen; sonst sind die Türken Freunde von schreienden Farben. — Auf die Pferde wird viel verwendet: Sättel und Zäume sind oft prächtig. — Der erste türkische Minister heißt: G ro ßv ezi er (Wessier). Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten: Reis- Efsendi. Der Kriegsminister: Seraskier. Der Marineminister: Kapudan Pascha. *) Mekka ist eine L-tadt im südlichen Arabien nnd der Geburtsort Muhameds.801 Die Statthalter der Provinzen: Pascha oder Bassa. Der Pforten-Dolmetscher: Dragoman. Tulpe. Es gibt auch Blumen, die nicht aus Samen körnern wachsen, sondern aus Zwiebeln. Die Zwiebeln sind Knollen, fast wie ein Ei gestaltet. Alle Zwiebeln bestehen aus einer Menge saftiger Blätter, die dicht über einander liegen. Inwendig sehen sie weiß, aber auswendig gelb und braun aus. „Hannchen ging mit ihrer Mutter in den Garten. Die Mutter.hatte Tulpenzwiebeln, die sie pflanzen wollte. Was soll denn daraus wachsen? fragte Hannchen. Daraus werden hübsche Blumen wachsen, sagte die Mutter. Sieh, Hannchen, hier setze ich die Zwiebel in der Erde, die Spitze oben. Nun bekommt die Zwiebel in der Erde unten saftige Wurzeln, wo durch sie die Nahrung an sich zieht, daß sie wachsen kann. Oben aus der Spitze kommen dann zuerst lange, lanzettförmige Blätter, und bald darauf kommt ein grüner, saftiger Stengel mit der Blume. Die Blüthenhülle ist sechstheilig und glocken förmig und umschließt die sechs Staubgefäße nebst dem Stempel. Die Frucht ist eine dreifächerige, dreiklappige Kapsel. — Wenn die Tulpen blühen, sehen sie schön aus. Es gibt gelbe, rothe, hellfarbige und dunkelfarbige, auch gestreifte und gesprengelte. Aber, so schön sie aussehen, so haben sie doch keinen angenehmen Geruch. Die Tulpe prangt als herrliche Zierde des Garten beetes. Hoch empor hebt sie ihren geräumigen Blumenkelch und scheint es fast übel zu nehmen, daß man nur flüchtig ihren Glanz betrachtet und sie in ein schönes Sträußchen nicht einmal aufnimmt. — Doch, es ist der Wille ihres großen Schöpfers, daß es ihr gehe, gleich einem Menschen, der bei körperlichen Vorzügen nicht auch geistige Fortschritte, eine gewisse innere Durchbildung, vorzüglich aber Güte des Herzens aufweisen kann: so wird er leicht übersehen, ja sehr leicht zurückgesetzt. — Kind, nur diejenige B lüth e, welche schöner sich vor der S eele als vor dem Auge entfaltet, erhält und verdient am meisten und längsten besserer Menschen Bewunderung und zarte Auf merksamkeit. " Tunnel ist ein unterirdischer Gang, der durch einen Berg oder unter einem Flusse wegführt. Dergleichen gibt es jetzt eine Menge, da bei Herstellung von Eisenbahnen Hügel geebnet und Berge durchbrochen werden müssen; es müssen Vertiefungen ausgefüllt und tiefe Thäler mit Bogengängen, welche man Viadukte nennt, überbaut werden. Am berühmte- Kinder-Conöersations -Lexikon. 51802 ften ist in neuerer Zeit der Themse-Tunnel, ein gewölbter, unter einem Flusse von einem Ufer zum andern führender Weg zu London geworden, dessen Anlage namentlich die ungeheueren Waarenmagazine und Docks an beiden Ufern der Temse wün- schenswerth machten. Ein großer Tunnel ist der Hauenstein tunnel in der Schweiz. Bei Anlegung der Eisenbahn von Basel nach Zürich mußte ein Berg durchbrochen werden und dieß gab den Hauenstein-Tunnel. Er ist ungefähr 934 Meter lang und die Dampfmaschine braucht 8 Minuten im schnellsten Fahren, bis sie den Weg durch ihn zurückgelegt hat. *) Turnen. Turnen kommt von dem altdeutschen Worte „turn" her, welches drehen, wenden, schwenken bedeutet, und wovon auch Turnier herstammt. Turnen heißt also den Körper durch verschiedene Bewegungen stärken, die Leibes kräfte üben. Gymnastische Uebungen, d. i. Turn-Uebun- gen, waren schon im grauen Alterthum, sonderlich bei den alten Griechen und Römern im Gebrauche. Zn Deutschland tauchten die gymnastischen Uebungen erst im vorigen Jahrhundert wieder auf. Lehrer Basedow, der i. I. 1776 in Dessau ein Institut hatte, in welchem er junge Leute erzog und unterrichtete, führte die Turnkunst in dem selben ein. Von hier brachte sie Salz mann mit nach Schne pfenthal (dies war auch ein Institut), wo sich besonders der Lehrer Gutsmuths um ihre Ausbildung nicht geringe Verdienste erwarb. In diesem Jahrhundert hat sich in Verbreitung der edlen Turnkunst Jahn besonders hervorgethan. Nachdem dieser Mann, damals Hilfslehrer an einem Gymnasium und an einem Institut zu Berlin, schon i. I. 1810 mit einzelnen Schülern jener Anstalten sehr häufig gymnastische Uebnn- gen in Feld und Wald getrieben hatte, eröffnete er, mit Zu stimmung der Behörden, im Frühjahr 1811 in der Hasenheide bei Berlin den ersten Turnplatz. Da sah man nun eine Menge seltsam benanntes Geräth, als: Springel, Schwingel, Schwebebäume, Reck, Barren, Kletterstangen, Taue und so wei ter, daß dm Zuschauern ganz wirr im Kopfe wurde, und da sah man die jungen Leute schwimmen, laufen, sprin gen, klettern, sich schwingen, ringen u. s. w., daß *) Ein viel längerer Tunnel ist der Mont-Cem- Tunnel in Savoyen-803 den alten Leuten die Haare zu Berge standen. Da gab viel Geschrei gegen solches gefährliche Treiben (wie die alten Leute und andere meinten), aber bei der Jugend fand die Sache den größten Beifall, daß sich die Zahl der Turner von Monat zu Monat mehrte. Meister Jahn wollte die Idee, (oen Gedanken) die seine ganze Seele erfüllte, nämlich die Ju gend durch's Turnen physisch (am Körper) und moralisch (an den Sitten) zu kräftigen, durchfuhren, was ihm aber nicht ganz gelungen ist. — In der Schweiz, in Dänemark, Portugal, Frankreich und in England hat man die Turn kunst nach Jahn's und Gutsmuth's System in die öffentliche Erziehung eingeführt und in England turnen sogar auch die Mädchen. — Seit neuester Zeit ist man aber in ganz Deutschland und auch bei uns für das Turnen sehr eingenommen. Ueberall werden Turnplätze und Turnhallen hergerichtel. An Gymnasien, politechnischen Schulen und an Universitäten müssen alle jungen Leute turnen und es wird wohl nicht mehr lange anstehen, daß auch das Turnen in der Volksschule ein geführt werden muß. Darauf dürfen sich dann alle Knaben freuen, die das 10. Jahr zurückgelegt haben, denn von diesem Jahre an werden die Leibesübungen mit ihnen durchge- nommen werden. Ueberwinternde Vögel. Die meisten und die lieb lichsten Vögel verlassen uns im Herbst, um in Gegenden, wo Schnee und Eis unbekannt sind, ihre Nahrung zu suchen. Es ist aber doch auch eine Anzahl gesiederter Sänger, welche in der strengen Jahreszeit bei uns aushalten, und wenn gleich meistens stumm und mit kümmerlicher Nahrung, doch immer unfern winterlichen Gegenden ein lebendigeres Aussehen gewäh ren. Fühlten die Menschen richtig, herrschte nicht roher Muth- wille oder gar thierische Eßbegierde unter ihnen, so würden sie die treuen Freunde, welche nicht bloß bei Sonnenschein und Blüthenduft bei uns wohnen, sondern auch in Sturm und Reif ausdauern, schonen und liebreich behandeln, und wenn tiefer Schnee sie in Noth bringt, ihnen aus unfern Vorräthen ein Almosen reichen. Insekten freilich haben wir selbst nicht viel im Winter, diese haben sich verkrochen, und der Haunköniz 51 *804 und die Meisen finden dieselben leichter als die Menschen. Betrachtet aber auch einmal, wie emsig diese Thierchen die Bäume durchsuchen, wie sie unter dem Moose die Larven und Puppen und Ranpeneier herauspicken, und denkt dabei an die Wohlthat, welche dadurch den Bäumen erwiesen wird, die sonst in keinem Jahre zu gesunden Blättern und Blüthen kämen. Betrachtet ferner die Goldammern mit ihrem schönen Gefie der, dessen sich ein Kanarienvogel kaum zu schämen brauchte, wie hungrig sie auf Straßen und Höfen herumhüpfen und jedes Körnlein zusammensuchen und wie sie die Scheu vor den Men schen fast ganz ablegen, um des Hungers willen. Und bei ihnen sitzen die grauen Haubenlerchen, die, sobald nur dem Hunger gewehrt ist und die Sonne scheint, ihre Stimme hören lassen, und uns an ihre lieblichem Schwestern, die Feldlerchen, erinnern. Selbst der Sperling, so wenig liebenswürdig, so keck und eigennützig er erscheint, ist uns im Winter nicht verhaßt. Wir sehen ihm gern zu und hören ohne Widerwillen sein ein töniges Geschrei. Nur darüber ärgert man sich manchmal, daß er zuweilen die bessern, aber schüchterneren Vögelchen zurückbeißt und ihnen das Futter wegnimmt. Am wenigsten kommen die Stiglitze und Zeisige mit ihm in Berührung, denn sie finden den Distel-, Erlen- und Birkensaamen, wovon sie sich nähren, leichter im Felde und am Rande des Waldes, als in den Ortschaften. Doch treibt sie die Noch auch manchmal her bei und sie nehmen dann mit Allem vorlieb, was nur eßbar ist. Dann legtauch wohl die Amsel ihre Scheu vor Men schen ab, und kommt aus dem dichten Walde in die Gärten, aber freilich ohne den flötenben Gesang, den sie im Sommer- Hören läßt. Raben und Elstern vergessen ebenfalls ihre sonstige Vorsicht und bleiben oft in geringer Entfernung vor Menschen sitzen. Ich möchte aber dann keine von ihnen tödten oder fangen. Denn dem Hungrigen soll man sein Brod brechen, nicht in seiner Noth ihm Schlingen legen. Nhltnr. Die Uhlanen gehören zur leichten Reiterei. Nebst dem Säbel und zwei Pistolen führen sie als Hauptwaffe eine Pike oder Lanze, an welcher ein Fähnlein befestigt ist. Mit dieser wissen sie vortrefflich umzugehen, und legen sie in schräger Richtung auf den Feind an. Sowie der Name Uhlan (Lanzenreiter) polnisch ist, so weiß man auch ganz gewiß, daß Polen die ersten Uhlanen hatte/ Oesterreich errichtete das erste Uhlanen-Regiment im Jahre 1764, Frankreich und andere805 Staaten Europa's folgten; in den meisten sind jedoch die Uhlanen-Regimenter wieder eingegangen. Deutschland hat sie noch, und in dem letzten Krieg gegen Frankreich (1870—71) haben die preußischen Uhlanen sich sehr bewährt, ja ausgezeichnet. Uhlttnd Ludwig. Sowie unter den längst verstor benen Dichtern Schiller derjenige ist, dessen Gedichte sich des allgemeinsten Beifalls erfreuen, so ist es unter den erst kürzlich verstorbenen wieder ein schwäbischer Mann, Ludwig Uhl and. Weil Alles, was er schrieb, so klar und verständig ist, weil er nur für das Edle und Gute und besonders auch für das deutsche Vaterland begeistert ist, weil seine Verse so wohlklingend sind, lies't Jung und Alt gern seine Poesien. Uhland ist in Tübingen (in Würtemberg) geboren, wurde Rechtsgelehrter, und zeichnete sich auch als Mitglied der wür- tembergischen Laudstände und beim ersten deutschen Parlament in Frankfurt a. M. aus. Er ist am 13. November 1862 in Tübingen gestorben und wurde 74 Jahre 7 Monate alt. Von seinen vielen, schönen Dichtungen will ich euch wegen Mangel an Raum nur mit der Einen bekannt machen: „Schwäbische Kunde", welche eine Begebenheit aus der Zeit der „Kreuzzüge" erzählt. Als Kaiser Rothbart lobesau Zum heil'gen Land gezogen kam, Da mußt' er mit dem frommen Heer Durch ein Gebirge wüst und leer. Daselbst erhub sich große Noth: Viel' Steine gab's und wenig Brod, Und mancher deutsche Rittersmann Hat dort den Trunk sich abgethan. Den Pferden war's so schwach im Magen, Fast mußt' der Reiter die Mähre tragen. Nun war ein Herr aus Schwabenland Von hohem Wuchs und starker Hand; Deß Rößlein war so krank und schwach Er zog es nur am Zaume nach; Er hätt' es nimmer aufgegeben, Und kostet's ihn das eig'ne Leben. So blieb er bald ein gutes Stück Hinter dem Heereszug zurück: Da sprengten plötzlich an die Quer806 Fünfzig türkische Reiter daher; Die Huben an auf ihn zu schießen, Nach ihm zu werfen mit den Spießen. Der wackere Schwabe forcht sich nit, Ging feines Weges Schritt für Schritt, Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken, Und thät nur spöttlich um sich blicken; Bis einer, dem die Zeit zu lang, Auf ihn den krummen Säbel schwang. Da wallt dem Deutschen auch sein Blut, Er trifft des Türken Pferd so gut: Er haut ihm ab mit Einem Streich Die beiden Vorderfüß' zugleich. Als er das Thier zu Fall gebracht, Da faßt er erst sein Schwert mit Macht. Er schwingt es auf des Reiters Kopf, Haut durch bis auf den Sattelknopf, Haut auch den Sattel noch zu Stücken Und rief noch in des Pferdes Rücken. Zur Rechten sieht man wie zur Linken Einen halben Türken hinuntersinken. Da packt die Andern kalter Graus: Sie fliehen in alle Welt hinaus, Und Jedem ist's, als würd' ihm mitten Durch Kopf und Leib hindurch geschnitten. Darauf kam des Wegs 'ne Christenschaar, Die auch zurück geblieben war; Die sahen nun mit gutem Bedacht, Was Arbeit unser Held gemacht. Von denen hat's der Kaiser vernommen. Der ließ den Schwaben vor sich kommen; Er sprach: „Sag' an, mein Ritter werth I Wer hat dich solche Streich' gelehrt?" Der Held bedacht sich nicht zu lang: „Die Streiche sind bei uns im Schwang; Sie sind bekannt im ganzen Reiche: Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche." Ahr. Mein Kind; was ist das: Ein Federchen Und viele Räderchen, Klappernd im Häuschen: Rathe, mein Mäuschen I807 O, das ist eine Uhr, wirst du sagen, und da hast du ganz recht. Die Uhren dienen dazu, um genau die Stunden abzu- mesien. Man hat dazu dreierlei Uhren: Sonnenuhren, Sand uhren und Räderuhren. Letztere sind die brauchbarsten, denn man kann sie bei Sonnenschein und in der Finsterniß gebrauchen, und sie zeigen weit genauer die Zeit an, als Sonnen- und Sanduhren. Die Räderuhren werden, wenn sie groß sind, z. B. die Wand-, Stuben- und Thurmuhren, durch Gewichter in Bewegung gesetzt. Sind sie klein, wie die Taschenuhren, so setzt man sie durch eine dünne, zusammengekrümmte Stahl platte, welche die Feder heißt, und sich nach und nach ausdehnt in Bewegung. Eine Räderuhr zeigt nicht nur die Stunden, sondern auch die Minuten, ja sogar, wenn sie darnach einge richtet ist, die Sekunden an. — Die Uhr ist gar eine wunder bare Sache. Die Menschen theilen den Tag in 12 Stunden und zählen von 1 bis 12, und ebenso die Nacht. Sie fangen eigentlich mitten in der Nacht an und zählen bis zum Mittag, und von Mittag wieder bis Mitternacht. Wie kann man aber wissen, welche Stunde es gerade sei? — Es ist geholfen. Man hat Scheiben gemacht und Schnitte darin, und Räder mit Zähnen und Zapfen. Man hängt ein schweres Gewicht daran, das Gewicht zieht an den Rädern, die Räder laufen um, und wenn sie eine gewisse Zeit lang gelaufen sind, so hängen sich an den Einschnitten der Scheiben andere Räder aus und ziehen mit Seilen an einem Schlägel, der Schlägel schlägt auf die Glocke, alle Stunden um einen Schlag mehr, und man darf nur zählen, wie viel Glockenschläge man hört, so weiß man, wie viel Uhr es ist. Ich will euch das in der Nähe zeigen, wir gehen zum Uhrwerk hinauf in den Thurm. Auch Kinder müssen wissen, wie viel Uhr es ist, damit sie wissen, wann ihr Spiel anfangen oder aufhören soll. In den Instituten geschieht Alles nach der Uhr, das Aufstehen, Frühstücken, Mittagessen, Abendbrod, zu Bette gehen, der Arbeit Anfang und Ende, und die Eintheilung der Arbeiten des Tages. Die Uhr lehrt uns, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell wieder eine Stunde vorüber ist. Sie ruft: Gebrauche die Zeit! Die Uhr hier ohne Zeiger und ohne Zifferblatt kann dir doch pünktlich sagen, wie viel's geschlagen hat. Die Sonne sinkt, der Vollmond blinkt; Nun schließt der Bauer Stall und Scheun', Denn auf dem Thurme schlägt es neun.808 Und nah und fern glänzt Stern an Stern, Jetzt wollen wir zu Bette geh'n, Denn auf dem Thurme schlagt es zehn. Wer in dir ruht, Gott, schläft so gut; Dem Kranken auch zum Schlummer helf', Denn auf dem Thurme schlägt's schon elf. Die Fledermaus kriecht in ihr Haus, Die Eulen heulen und die Wölf', Denn auf dem Thurme schlägt es zwölf. Das Mäuslein schlüpft herum und hüpft, Sonst aber rührt und regt sich keins, Denn auf dem Thurme schlägt es eins. Der Wächter schreit schon lange Zeit Und bläst in's Horn nach jedem Schrei, Denn auf dem Thurme schlägt es zwei. Jetzt fängt der Hahn zu krähen an Und weckt den Bauer frank und frei, Denn auf dem Thurme schlägt es drei. Nun macht der Knecht den Pflug zurecht Und spannt daran den starken Stier, Denn auf dem Thurme schlägt es vier. Das Posthorn schalt, der Fuhrmann knallt, Der Handwerksbursch zieht an die Strümps', Denn auf den Kirchthurm schlägt es fünf. Die Mutter sagt zur muntern Magd: Flink zu den Kindern hin und weck's, Denn auf dem Thurme schlägt es sechs. Dann bring den Thee und den Kaffee, Doch nichts bekommt, wer liegen blieben, Denn auf dem Thurme schlägt es sieben. Rasch auf vom Stuhl' und in die Schul' Und lernet brav und gebt fein Acht, Denn aus dem Thurme schlägt es acht. Noch ein Mehreres von der Uhr. Gebet Acht! Liebe Kinder! Uhren zur Bestimmung und Abtheilung der Zeit waren in ihrer jetzigen Gestalt noch lange nach Christi809 Geburt" unbekannt. Sonnen-Auf- und Untergang waren die natürlichen Grenzen des Tages. Mit der Sonne stand mau auf, mit Untergang derselben begab man sich zur Ruhe. Wen seine Beschäftigung unter freien Himmel führte, wußte aus dem bald kürzer, bald länger fallenden Schatten beiläufig die Tages zeit zu ermitteln. Später kam man auf die W affe ruh re n. Man brauchte nämlich Schalen, aus denen durch eine kleine Oeffnung Wasser tropfenweise in ein untenstehendes Gefäß ab lief, und beobachtete, wie viel Wasser aus einem solchen Gefäß von Aufgang bis Untergang der Sonne abtröpfelte. Diese Zeit schied man als die Hälfte des ganzen Sonnentages in 6 Stunden. Nun nahm man den sechsten Theil des Wassers und goß es in das obere Gefäß; war es abgelaufen, so war eine Stunde zu Ende. Natürlich waren wegen der Ungleichheit des Tages die Stunden auch von ungleicher Länge, also nur annäherungsweise bestimmt. Aber für den Anfang immerhin genug. Man konnte doch auch die Stunden der Nacht bei läufig wissen. Es zählten demnach die Alten und seit 60 v. Ehr. auch die Römer 1 Uhr, wenn wir etwa 7 Uhr Morgens haben; ist es bei uns 12 Uhr Mittags, so zählten sie 6; 3 Uhr Nach mittags bei uns war bei ihnen 9 Uhr u. s. w. Diese Art, die Stunden zu zählen, war auch zu Christus Zeiten in dem der römischen Herrschaft unterworfenen Palästina, und man muß hiernach z. B. bei Matth. 27, 45 rechnen. So rechnen auch noch jetzt die Italiener, aber von Sonnenuntergang an bis auf 24 Uhr, so daß diese Stunde ungefähr der Stunde 6 Uhr Abends deZ folgenden Tages bei uns gleich kommt. Diese Wasseruhren hatten die ältesten Völker, z. B. die Chinesen. Alle durch Schönheit sich auszeichnenden Uhren waren ebenfalls Wasseruhren. So schickte im Jahre 490 T h e o d o r i ch, König der Ostgothen in Italien, dem damaligen König von Burgund (im südöstlichen Frankreich), G u n d e b a l d, eine Wasseruhr zum Ge chenke, welche nebenbei noch die kunstvolle Einrichtung hatte, daß sie die Beweguug der Sonne und des Mondes anzeigte. Von ähnlicher Art war auch die Uhr, welche der arabische Kalif (Herrscher und Nachfolger Muhameds, des Stifters der Religion der Türken) Harun al Raschid im Jahre 809 Karl dem Großen zum Geschenke sandte. Sie war eine Wasseruhr aus Metall gearbeitet, mit einem Stundenzeiger, und so eingerichtet, daß am Ende jeder Stunde so viele me tallene Kügelchen auf ein darunter gestelltes Becken klingend810 fielen, als die Stunde verlangte. Zugleich traten mit dem Fall dieser Kügelchen aus Thüren Reiter hervor, welche mit der letzten Stunde des Tages wieder zurückgingen und die Thüren schlossen. Weil aber im Sommer das Wasser weniger wird, und im Winter gefriert, so nahm man schon zur Zeit vor Christi Geburt statt des Wassers trockenen, feinen Sand in oben beschriebenen über einander gestellten Schalen oder Gefäßen, welcher, wie das Wasser, durch eine kleine Oesfnung ablief. Solche Uhren gebraucht man noch jetzt aus Schiffen, wo man sie aber, statt mit Sand, mit Quecksilber füllt. Unsere Gewichtuhren wurden später erfunden, wann? weiß man nicht. So viel ist aber ansgemacht, daß man sie schon vor dem Jahre 1000 unserer Zeitrechnung kannte. Eine der ersten Gewichtuhren hat um das Jahr 996 ein französischer Mönch, Gerbert in Magdeburg, verfertigt, der im Jahre 999 Papst wurde, unter dem Namen Sylvester II. Diese Uhr schlug keine Stunden. Um das Jahr 1300 finden wir schon Schlaguhren. Im Jahre 1344 ward die erste Thurmuhr zu Padua in Ober italien verfertigt, welche alle Stunden schlug; und im Jahre 1370 ließ der König von Frankreich, Karl V., den durch Schlaguhren berühmten Heinrich v. Wick aus Deutschland kommen, der die erste große Uhr in Paris machte, und sie aus den Thurm des königl. Palastes setzte. In Deutschland scheint Augsburg die erste Stadt gewesen zu sein, welche eine Schlag uhr hatte; man findet dort eine schon 1364. Alle diese Uhren hatten kein Perpendikel, dessen Er findung wir dem berühmten Italiener Galiläi (1564 bis 1642) und dem Holländer Huygens (1629 bis 1695) ver danken. Die Taschenuhren erfand ein Nürberger Uhrmacher, Namens Peter Hele, welcher nach 1540 starb. Sie hatten zuerst die Gestalt von Eiern und hießen darum auch Nürnberger Eierlein. Daß sie noch ziemlich un vollkommen waren, kann man sich leicht denken. Welche Fort schritte seit dieser Zeit die Uhrmacherkunst gemacht habe, das laßt euch von einem Uhrmacher erzählen! — Uhren. Erfindung derselben. Auch diese auf das Leben wie auf die Wissenschaft gleich einflußreiche Erfindung fällt noch in das Mittelalter und erhielt erst in der neuern811 Zeit ihre yohe Vollendung. Die Mangelhaftigkeit der Sonnen uhren, welche nur bei Tage und heiterm Himmel brauchbar find, machte, daß man schon im AlLerthume aus beu Gedanken einer Wasseruhr gerieth. die durch ein bestimmtes Maß veronuenen Wassers den Ablauf der Stunden anzeigt. Nach Christi Ge burt ersetzte man hie und da den Gebrauch des Wassers durch die zuverlässigere Anwendung von trockenem Sande. Aber alle diese unbequemen und ungenauen Arten der Zeitmessung wur den in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters durch Räder uhren verdrängt, die man vermittelst Gewichte oder elastische Federn in Bewegung setzte. Die ersten Rüderuhren wareic schon um das Jahr 1000 bekannt. Der berühmte Gerbert von Auvergne (Owernn), der damals unter dem Namen Syl vester II. Papst war, verfertigte eine solche, doch fehlte derselben der Schlag. Wer diesen hinzugefügt hat, ist nicht bekannt. Schlaguhren scheinen überhaupt nicht lange vor 1300 verfertigt und in Gebrauch gekommen zu sein. In Deutschland scheint das gewerblhätige Augsburg die ersten Schlaguhren gehabt zu haben. Ihrer eigentlichen Vollkommenheit und Sicherheit ent behrten aber alle diese Uhren noch, da ihnen der Pendel fehlte, den im siebenzehnten Jahrhundert der berühmte Florentiner Gali läi und der Holländer Hup gen, erfanden. Dagegen gab es noch vor Ablauf des Mittelalters künst liche Taschenuhren. Der Ruhm dieser Erfindung gebührt eben falls einem Deutschen, Peter Hele, der um das Jahr 1509 Uhrmacher zu Nürnberg war. Dieser verfertigte die ersten in ihrer Form noch ziemlich ungeschickten, unter dem Namen der „Nürnberger Eierlein" bekannten Uhren. Bald nach ihm ver besserte sich auch die äußere Form der Taschenuhren, so daß man im Stande war, außerordentlich kleine zu liefern. Amgang mit Andern. Christen sollen ehrbare uuö würdige Menschen sein; sie sollen daher auch nichts reden und thun, was der Wo hlau st änd ig keit zuwider ist. Wer sich mit Anstand und Besonnenheit beträgt, erweckt von sich die gute Meinung, daß Ausbrüche einer rohen, unbescheidenen oder gar unsittlichen Gesinnung von ihm gar nicht zu befürchten seierr. Er ist deßwegen überall wohl gelitten. 1. Trittst du bei Andern in die Stube, oder bei Vor nehmen in das Zimmer, so beobachte, was die Höflichkeit voll dir fordert. Merke darauf, wie gebildete und gut ge sittete Personen, wenn sie Zusammen kommen, einanderzu begegnen pflegen.812 2. Blicke in der Stube nicht allzu neugierig hin und her, betaste nichts, was hier und da liegt; sei ruhig und störe die gewöhnliche Ordnung durch nichts. 3. Höre, was erfahrene Menschen sprechen. Rede nicht leicht eher, als wenn man dir Anlaß gibt zu sprechen. Siehe den Personen, mit denen du redest, mit bescheidener Freund lichkeit in's Gesicht. Bedenke wohl, was du sagst; höre genau, was man antwortet; hüte dich, durch unnütze Wiederholungen langweilig zu werden. 4. Erinnere dich an die Pflicht der Verschwiegen heit, plaudere also nichts aus, was du im Vertrauen gesehen und gehört hast. Junge Leute verstehen Vieles nicht recht, was sie sehen und hören. Will dich Jemand ausforschen, was in dem Hause deiner Eltern oder Herrschaften gethan oder geredet werde, so sage davon nichts, als was diesen Ehre machen kann. 5. Rede überhaupt von Niemanden Böses! Denn die Ge sellschaft soll keine Schule zum üblen Nachreden oder gar Ver lästern sein. Es wäre arg, wenn es keine bessere Unterhaltung, gäbe, als von den Fehlern der Abwesenden zu reden. Wer in Gesellschaften von den Fehlern seiner Mitmenschen redet, der lehrt die Anwesenden durch sein Beispiel, wie man auch ihn, sobald er der Thüre den Rücken kehrt, behandeln soll. 6. Rede nicht Dinge, welche Andere verdrießen, ihnen unangenehm oder gar eckelerregend sein können. Rede, was vergnügen kann, was gut, wahr und nützlich ist. 7. Wenn Andere miteinander sprechen, so falle Keinem in die Rede. Meide die üble Gewohnheit, Alles besser wissen zu wollen. 8. Man darf nicht leicht in Gesellschaft Einem oder dem Andern leise in's Ohr reden; diese Heimlichthuerei ist sehr un schicklich, und man setzt sich überdies in den Verdacht, von An dern böses sagen zu wollen. 9. Du hörst vielleicht in mancher Gesellschaft, daß Andere getadelt, verspottet, gelästert werden. Sei stille dazu. Wenn es sich schickt, so entschuldige deinen Nächsten. Lenke alles zu seinem Besten. 10. Nimm mit Bescheidenheit, wenn man dir von Speisen und Getränken anbietet. Mache dich nicht durch Gierigkeit und Heißhunger, aber auch nicht durch spröde Ziererei lächerlich. 11. Laß Personen, die älter und mehr sind, als du, zu-' erst sich zu Tische setzen, überschaue schnell, wo der schickliche Platz für dich sei.813 12. Wohlerzogene legen wohl die Hand ein wenig, aber nicht den Arm auf den Tisch. Siehe bei jeder Gelegenheit auf die, welche als wohlerzogene und höfliche Menschen be kannt sind, und lerne von ihnen ein wohlanständiges Be tragen. 13. Nimm die Speisen nicht zu schnell und hastig. Mache mit Messer und Gabel und mit dem Kauen kein auffallendes Geräusch. Mäßige deine Eßbegierde. Mäßigung ziert den Menschen und zeugt immer von dessen Besonnenheit. 14. Greife Keinem bei Tische vor, wenn die Speisen herumgereicht werden. Höflichkeit läßt Andern gern einen Vorzug. 15. Hüte dich, etwas zu verschütten oder umzustoßen. Bleibe übrigens natürlich und ungezwungen. Schüchterne Verlegenheit veranlaßt nur desto lächerlichere Fehler. 16. Wenn eine Speise aufgetragen wird, die du noch nicht gegessen hast, so merke, wie Andere damit umgehen. Richte dich überhaupt nach dem Benehmen derer, mit denen du speisest, damit sie nichts an dir ffnden, was ihnen befrem dend und lächerlich vorkomme. 18. Vergiß nicht, wenn du zu Gast warst, nach der Mahlzeit ehrerbietig — in der Art, welche als Sitte einge führt ist — zu danken. Undank. Es ist recht und wohl gesagt von alten weisen Leuten: „Gott, den Eltern und Lehrern kann man nie genug danken und vergelten." Leider aber wird viel öfter erfüllt das gemeine Sprüchwort, daß ein Vater leichter kann sechs Kinder ernähren, als sechs Kinder einen Vater. Man sagt ein Exem pel von einem Vater, der übergab seinen Kindern alle seine Güter, Haus und Hof, Aecker und alle Bereitschaft, und hoffte von seinen Kindern, sie werden ihn redlich ernähren. Da er nun bei seinem ältesten Sohne eine Zeit lang war, wurde dieser seiner überdrüssig und sprach: „Vater, mir ist heute Nacht ein Knäblein geboren worden, und wo dein Armstuhl jetzt steht, da soll eine Wiege stehen; willst du nicht zu meinem Bruder ziehen, der eine größere Stube hat?" — Er zog zu diesem; da er eine Zeit lang bei diesem war, wurde dieser auch des Vaters über drüssig und'sprach: „Vater, du hast gern eine warme Stube; mir thut aber der Kopf davon weh; willst du nicht zu meinem Bruder gehen, der ein Bäcker ist?" — Der Vater ging, und da er nun eine Zeit lang bei seinem dritten Sohne gewesen814 war, wurde er auch diesem zur Last, so daß er sprach: „Vater, bei mir geht es aus und ein wie in einem Taubenschlage, und du kannst dein Mittagsschläfchen nicht machen; willst du nicht zu meiner Schwester ziehen, der Käthe, die an der Stadtmauer wohnt?" Und der Vater merkte, wie viel es geschlagen hatte, und sprach bei sich selbst: „Wohlan, ich will mich aufmachen und es bei meinen Töchtern versuchen! Die Weiber haben ein sanfteres Herz." Da er aber eine Zeit lang bei dieser seiner Tochter gewesen war, wurde sie seiner überdrüssig, und sie meinte, es sei ihr immer Höllenangst, wenn der Vater zur Kirche gehe, oder sonst wohin, und die Treppe hinunter müsse; bei der Schwester Elisabeth brauche er keine Treppe zu steigen, die wohne zu ebener Erde. — Damit er im Frieden wegkam, gab ihr der Vater recht, und zog zu seiner andern Tochter. Und da er eine kurze Zeit bei dieser gewesen war, wurde sie seiner müde, und sie ließ ihm durch einen Dritten sagen, ihre Wohn- nung am Bache wäre zu feucht für einen alten Mann, der mit Gicht geplagt sei; ihre Schwester, die Todtengräberin bei Set. Johannes, hätte eine überaus trockene Wohnung. Der Alte glaubte selbst, sie könne Recht haben und begab sich vor das Thor zu seiner jüngsten Tochter Lena. Und als er zwei Tage bei ihr gewesen war, sagte ihr Söhnlein zu dem Großvater: „Die Mutter sprach gestern zur Base Elisabeth, für dich gebe es kein besseres Quartier als in einer Kammer, wie sie der Vater grabe." — Heber diese Rede brach dem Alten das Herz, daß er in seinen Armstuhl zurücksank und starb. Set. Johannes nahm ihn auf und ist barmherziger gegen ihn, als die sechs Kinder, denn er läßt ihn in seiner Kammer ruhig schlafen seit dieser Zeit. — Darum sagt man im Sprüchwort, daß ein Vater leichter sechs Ktnder ernähren kann, als sechs Kinder einen Vater. Uniform. Die Kleidung eines Offiziers nennt man man Uniform, die eines Bedienten Livree und die Kleidung eines Soldaten und Postillons (Postknechts) wird die Montur ge nannt. An seiner Montur (Kleidung) kann ich einen Kavalle risten (einen Soldaten, der zu Pferde dient) von einem Infan teristen (einem Soldaten, der zu Fuße dient) unterscheiden. — Die Kleider dienen nicht bloß zur Beschützung und Erwärmung des Körpers, sondern auch zur Verschönerung desselben. Besou-' ders wenn sie schön und vornehm sind, wie z. B. die Uniformen, so werden sie Putz genannt. Der beste Putz ist eine reinliche815 Kleidung, welche nett und ordentlich paßt, und ein gesundes, fröhliches Gesicht. Unze. Die Unze oder Tigerkatze, auch der kleine Panther, in Amerika aber Jaguar genannt, ist von der Größe eines Metzgerhundes, nur etwas länger, und an Mus keln und Knochenbau weit stärker. Sie hat längere Haare und einen längeren Schwanz als andere Tigerarten, und ihr grauweißes Fell ist nur gegen den Bauch hin gestreift; auf dem Rücken hat es schwarze, augenförmige Flecken. Sie ist leichter, als die andern Arten dieses Geschlechtes an den Men schen zu gewöhnen, und wird von den Muhamedanern in Syrien häufig gezähmt, und zur Gazellen-Jagd abgerichtet. Der Jäger zieht ihr eiue Kappe über das Gesicht, und setzt ste hinter sich auf's Pferd. Wenn er eine Gazelle erblickt, so nimmt er dem Raubthier die Kappe ab; dieß schleicht sich zu dem Wild hin, springt zu und reißt ihm die Augen aus. Mißlingt der Sprung, so schleicht die Unze beschämt zum Jäger zurück. Da die Muhamedaner alles Fleisch, von wel chem das Blut nicht abgeflossen ist, als unrein betrachten, und deßwegen von keinem Thier essen, welches durch einen Schuß getödtet ist, so muß eine solche Jagd bei ihnen den Vorzug vor der Jagd mit Schießgewehren behalten, so lange bei ihnen der Koran gilt. Im wilden Zustand hält sich der Jaguar gern am Saume der Wälder, an den Ufern der Flüsse und Teiche auf. Daselbst liegt er im Schilfrohr und im hohen Grase versteckt. Auf seinen Raub geht er am liebsten in mondhellen Nächten, auch in der Morgen- und Abenddämmerung aus, weil er zu dieser Zeit am besten sieht. Das Sonnenlicht blendet ihn; daher zieht er sich nach Aufgang der Sonne gewöhnlich in seine Schlupfwinkel zurück. In unbewohnten Gegenden zerreißt er Wasserschweine, fängt jedoch auch Sumpfvögel und Fische, indem er sie mit den Krallen aus dem Wasser zieht. Findet er eine Schild kröte, so wendet er sie um, daß sie ihm nicht davon laufen kann, häckelt dann mit seinen langen spitzigen Krallen das Fleisch nach und nach aus den Schalen heraus, und läßt das leere Gehäuse liegen. An die Krokodile wagt er sich selten oder gar nicht, und thut wohl daran. Das Krokodil liegt gewöhn lich am Ufer eines Flusses und faßt den Jaguar, wenn er zum Trinken dahin kommt, beim Kopf, wogegen dieser ihm816 die Klauen in die Augen schlägt. Meistens soll der furcht bare Kampf damit endigen, daß das Krokodil den Jaguar in's Wasser hinabzieht und ersäuft. In bewohnten Gegenden greift der Jaguar die Pferde, Füllen , Maulesel, Kühe und Kälber an, springt ihnen auf den Rücken, beißt ihnen die Adern am Halse ab, schleppt sie in ein Gebüsch und frißt sich satt. Kann er seine Beute nicht auf einmal fressen, so kommt er am folgenden Tage wieder, und frißt davon. Ist aber das Fleisch stinkend ge worden, so rührt er es nicht weiter an. In unbewohnten Gegenden scheut sich der Jaguar vor dem Menschen, und weicht ihm aus; aber in bewohnten fällt er Menschen so gut an, als Thiere. Ein Knabe und ein Mädchen von acht und neun Jahren spielten mit einander vor einem Dorfe in Südamerika. In dem hohen Grase schlich sich ein junger Jaguar zu ihnen hin. Nachdem er eine Weile um sie herumgehüpft war, schlug er den Knaben erst sanft mit einer Tatze auf den Kopf, dann aber stärker, daß es zu bluten ansing. Das Mädchen aber erwischte einen Baumast, schlug auf das Thier los, und trieb es fort. Wahrscheinlich hatte der Jaguar mit den Kindern spielen wollen, wie die Katze mit einer Maus. Nicht bloß auf dem Lande ist der Jaguar dem Men schen gefährlich, sondern auch auf dem Wasser; denn er schwimmt vortrefflich, selbst über große Flüsse. Drei Männer fuhren in einem Kahn auf einem Fluß. Da kommt ein Jaguar geschwommen. Sie schießen auf ihn. Verwundet schwimmt er auf den Kahn zu, um sich zu rächen. Die drei Männer schlagen mit Rudern und Flinten kolben auf ihn los. Umsonst. Er steigt in den Kahn. Die Männer springen in's Wasser, und schwimmen an's Land, während sich der Jaguar in den eroberten Kahn setzt, und sich forttreiben läßt, bis ihn andere Jäger angreifen. Da springt auch er in's Wasser, und schwimmt davon. Obgleich man das Fell des Jaguars wegen seines üblen Geruches nur zu Fußdecken gebrauchen kann, so wird er doch ffeißig gejagt, besonders um seiner Raubsucht willen. Manche Jäger wickeln um ihre linken Hand ein Schafsfell, nehmen in die rechte Hand einen % Meter langen Dolch, und gehen so mit einigen Hunden auf den Jaguar los. Wäh rend ihn die Hunde anbellen, reizt ihn der Jäger mit drohenden Geberden zum Zorn. Der Jaguar springt auf ihn los,817 richtet sich empor, sperrt den Racher: auf und brüllt. Nun hält ihm der Jäger den Arm mit dem Schafsfell hin, und stößt ihm den Dolch in die linke Seite. Sobald er stürzt, fallen die Hunde über ihn her, und tobten ihn vollends. Auf diese Weise erlegte ein Indianer über 100 Jaguare, wurde aber endlich doch von einem erwürgt. Ursache und Wirkung. Ganz traurig kam Rudolph eines Morgens aus dem Garten und klagte dein Vater, daß der Wind in vergangener Nacht viele unreife Früchte von den Bäumen geschlagen und sogar manchen Ast zerbrochen habe. Vater. Ich habe es schon gesehen, mein Kind. Es thut mir auch recht weh. Indes; können wir diesen Verlust noch leicht verschmerzen. Ganz gewiß war dieser gewaltige Sturm Ursache sehr vieler andern und weit empfindlicheren Verluste. Rudolph. Ursache? Vater, das verstehe ich nicht so ganz! Vater. Merk' ans, ich werde dir's erklären. — Du fandest in dem Garten eine Menge Früchte ans dein Boden liege::. Kam dir wohl in den Sinn, daß diese sich selbst von den Zweigen gelös't haben und dann zur Erde gefallen seien? oder dachtest du nicht vielmehr, etwas anderes habe das Ab fallen derselben hervorgebracht? Rudolph. Selbst konnten sich die Früchte nicht ab pflücken. Das zu denken, fiel mir auch gar nicht ein. Ich hatte in der Nacht das Brausen des Sturmes gehört, und da ich im Garten diese Verwüstung fand, dachte ich, der Wind habe die Früchte herabgeworfen. V at. Und so ist's denn auch. — Ohne Zweifel hast du auch noch etwas anderes im Garten bemerkt, wovon gestern Abend noch keine Spur zu sehen war. Ru d. Der Bach, der dort vorüberfließt, ist noch sehr angeschwollen; ja, während der Nacht ist er sogar ausgetreten, und hat ein Stück des Gartens überschwemmt. V. Woher wird denn das gekommen sein? Oder glaubst du vielleicht, der Bach sei von selbst angeschwollen und aus getreten ? R. Behüte! Wer wird das glauben? Das konnte eben so wenig von selbst geschehen, als das Abfallen der Früchte. Den Lturm begleitete ein starker Regen, das Wasser floß dem Kiuder-Convcrsatioiis- LexUv». 52818 Bache zu, der schwoll immer mehr au, trat aus uub über schwemmte endlich den Garten. V. Ganz recht. Der Sturm brachte also das Abfallen des Obstes, und der gewaltige Regen das Anschwellen und Uebertreten des Baches hervor. Nun merke dir: das, wo durch etwas hervorgebracht wird, nennen wir Ursache. R. Jetzt versteh' ich's. Ursachen waren hier also: Sturm und Regen. V. Gut. Eben so leicht wirst du nun auch Folgendes verstehen. Das, was von der Ursache hervor ge bracht oder bewirkt wird, heißt Wirkung. R. Freilich kann ich das jetzt leicht begreifen: Wir kungen sind: das Abfallen des Obstes, das Anschwellen und Uebertreten des Baches. — Ganz recht, sagte der Vater, und gab dann noch durch mehrere andere Beispiele Gelegenheit, das Erlernte zu üben, und hatte Ursache, sich der Ausmerks amkett seines Kindes herzlich zu freuen. — - Nach einigen Wochen ging Rudolph niit dem Vater im Garten spazieren. Sie gelangten auch zu der Ltelle, die neulich vom Bach war über schwemmt worden, R. Sieh doch, Vater! welch' kräftiges Gras hier wächf't; nirgends im Garten haben wir es so gefunden! V. Weißt du nicht, woher das kommt? R. Du hast es mir im vorigen Jahre schon gesagt, als du, da es lange nicht geregnet, ain Bache eine Rinne ge graben und so das Wasser über das Gras hingeführt hattest. Es kommt daher, weil der Bach diese Stelle überschwemmt hat. V. Du hast es gut behalten. Das Austreten des Baches wäre also von dem bessern Graswuchse .... R. O, ich weiß, was du sagen willst, — die Ursache. Aber du sagtest ja neulich, bas Uebertreten sei die Wirkung! Nun verstehe ich dich wieder nicht. V. Allerdings ist das Uebertreten des Baches eine Wirkung, aber diese Wirkung brachte, wie du siehst, den schönen Graswuchs hervor. Aus dieser Wirkung entstand also eine andere, und davon ist sie die Ursache. R. Eine Wirkung kann also Ursache einer andern Wirkung werden? Nun, das ist schön! Geschieht das oft? Der Vater zeigte hieraus uocb an vielen Beispielen, wie die Wirkung Ursache einer andern, und diese wieder Ursache einer neuen Wirkung werden könne, und bildete große Ketten voir Ursachen unb Wirkungen.819 Urwälder. Unermeßliche, menschenleere Wälder mit den mannigfaltigsten Baum- und Staudenarten im ursprünglichen, natürlichen Wüchse, wie solche in entlegenen Welttheilen und namentlich in Amerika gefunden werden, bieten km Europäer, tritt er zum ersten Male in dieselben, einen Anblick dar, der ebenso unerwartet, als entzückend und majestätisch ist. Man wird hingerissen zum Bewundern dieser ebenso erhabenen, als schauerlichen Wildniß. Urwälder sind unbeschreiblich schön. Kaum reicht der Boden hin, alle kräftig hervorsproffenden Pflan zen zu tragen; er ist beladen mit Gewächsen, sie finden nicht Raum genug, sich zu entwickeln; sie drängen sich auf- und übereinander, die einen wachsen auf den andern. Ohne daß der Weg gewaltsam gebahnt worden, ist kaum ein Fuß vorwärts zu setzen. Hat man einige hundert Schritte weit mühsam sich hindurch gearbeitet durch üppig aufgeschossenes Unterholz, durch das Gewirre rankender Gewächse, durch Wälder voll Schling pflanzen und durch das Dickicht von Rohrgehängen und Gras wiesen, welche überall die Räume zwischen den hohen Bäumen füllen; sind die abgebrochenen Aeste, die gleich Säulentrümmern aus dem Boden hervorragenden Stümpfe, die unter grünem Teppich verborgen liegenden Stämme überschritten, sowie zahl lose, zusammengestürzte, faulende Bäume, alsdann geräth man nicht selten an hohe Gestein-Haufwerke oder an Spalten und tiefe Abgründe; dünne Stämme müssen niedergehauen, auf den Weg geworfen, mit Cocosblättern und mit Zweigen bedeckt werden, um künstliche Uebergänge zu bahnen. In diesen stolzen Wäldern, m diesen endlosen Ur - Wildniss en erreichen die Baume eine erstaunenswürdige Höhe und Stärke. Ihr dichtes Laub ruft ein Halbdunkel hervor, wovon unsere europäischen Buchen- und Eichenhaine keinen Begriff geben; es bildet ein wahres Blättergewölbe, ein undurchdringliches Schutzdach gegen Sonnenstrahlen, wie gegen den stärksten Regen. Bon den Riesenbäumen, den Zeugen vieler Jahrhunderte, ja scheinbar mit der Erde von gleichem Alter, hat jeder, so zu sagen, seinen eigenen Wuchs, jeder sein Blätterwerk und oft ein, von dem der Nachbarn ganz verschiedenes Grün. Einige zeigen voll kommen platte Rinden, andere sind mit Stachelringen umgeben- Nach allen Richtungen winden an diesen Stämmen Schlinge pflanzen und rankende Gewächse, namentlich dichtbeleibte L i a- nen — von denen unser Epheu und Geisblatt nur schwach. Vorstellungen gewähren, — ihr wildes undurchdringliches Ge wirre hinan. In der sonderbaren Eigenthümlichkeit ihres Baues 52 *820 umgürten sie die Stämme; sie verzweigen sich mit ihren Aesten, sie vermengen ihre Blätter und weben die Baumkronen zu dichtem Flechtwerk. Aber vergebens sucht man in den Gipfeln die Enden jener Gewächse; es schwingen sich diese oft in be wunderungswürdige Höhe auf andere Bäume hinüber, oder sie bilden Gehänge, und kehren, der Stützen entbehrend, zu schlank, um sich frei zu tragen, an den Boden zurück, „kriechen" auf diesem fort, um sodann ihren Gang von unten nach oben zu wiederholen, um sich auf's neue mittelst Luftwurzeln den Stäm men anzukleben und so den heftigsten Stürmen zu trotzen. In jedem Wald dieser Art, namentlich in der Tropen welt, herrscht die größte Mannigfaltigkeit von Gattungen. Oft kann man gar nicht sagen, woraus der Wald besteht; es wer den da nicht gesellige Pflanzen einer Art gefunden, nicht eine oder zwei herrschende Familien lassen sich nennen. Deshalb nur einige Andeutungen. Die „Fürsten der Pflanzenwelt", die Palmen, deren wahre Heimath unter heißen Zonen ist, erheben sich mit ihren Federkronen, mit ihrem großen Reichthum schöner Blätter und Früchte gleich mächtigen, gewaltigen Säulen. Prachtvolle Olivenbäume sindet man in Brasilien. Seltener als Palmen Zeigen sich in den Urwäldern von Südamerika baum ähnliche Farr en. Mit ihren hohen, geraden Stämmen er scheinen sie gleich den „Masten" unserer Fichtenwaldungen, aber ausgezeichnet durch die Feinheit, durch das Zarte ihrer gefiederten Wedel. Dazu gesellen sich ferner Flechten und Moose verschiedenster Art. Endlich spielen Cactus wichtige Rollen. Diese Saftpflanzen — deren Stengel und Zweige aus fleischi ger Masse bestehen, welche mit dem Alter erhärtet und holz ähnlich wird — sind merkwürdig um ihrer höchst sonderbaren Formen willen. Mehrere prangen mit herrlichen, prachtvollen Blumen, obwohl sie aus dem Boden keine oder nur geringe Nahrung ziehen. Belter. Er betreibt ein Geschäft, um sich etwas zu Verdienen, ist entweder ein Gewerbsmann oder ein Kaufmann,821 ein Gelehrter, ein Musiker, ein Landwirth, ein Beamter, ein Soldat re. Er ist vom frühen Morgen bis zum späten Abende thätig und verdient daher den wärmsten Dank der Kinder. Veilchen. Eine schöne, blaue Blume, eine Blume, die sehr angenehm riecht, im Garten, aus der Wiese, am Wege aber ganz verborgen, in's Gras versteckt, blüht und erscheint, wenn kaum der Winter vorbei ist. Wie freut sich ein Kind, wenn es ein Veilchen gefunden hat, da heißt es gleich: Liebes Mütterchen, ich bringe, Sieh' nur, welch' großen Schatz! Meine Müh' war nicht geringe, Drum ein Küßchen zum Ersatz. Die Mutter nimmt es dann hin und sagt gewiß: „Kind, das Schönste oft im Leben, Ist verborgen aufgeblüht, Und die Stille kann nur geben Ein bescheidenes Gemüth!" — Wieder ein anderes Kind läßt sich sogar mit dem lieben Veilchen in ein Gespräch ein, und sagt: „Ei, Veilchen, liebes Veilchen, So sag' doch einmal an: Warum gehst du ein Weilchen Den Blumen all' voran?" Und gleich antwortet das Veilchen: Weil ich bin gar so kleine, D'rum komm' ich vor dem Mai; Denn käm' ich nicht alleine, So gingst du wohl vorbei!" Größere Kinder aber sagen: „Warum, geliebtes Veilchen, blühst du so entfernt im Thal? Versteckst dich unter Blättern, fliehst der stolzen Blumen Zahl?" Doch bist du schön, doch duftest du, sobald man dich nur pflückt, uns süß're Wohlgerüche zu, als manche, die sich schmückt.822 Du bist der Demuth Ebenbild, die in der Stille wohnt, und den, der ihr Verdienst enthüllt, mit frommem Dank belohnt." — Jetzt kommt noch ein Briefchen. Leset es munter! Liebe Therese! Ich weiß ein Blümlein, das im ersten Frühling an den Hecken zu blühen anfängt. Klein ist es zwar, aber es ist dunkelblau wie der klare Himmel, und wer dieses Blümlein im März an einer Hecke stehen sieht, der bückt sich und pflückt es; denn aus seinem kleinen Kelche steigt ein so erquickender Geruch, daß man nicht oft genug daran riechen kann. Und wie wun derbar! Wenn dieses Blümlein zu welken anfängt, so duftet es viel lieblicher, als wenn es ganz frisch ist. Du wirst wohl errathen, daß ich das Veilchen meine, und weißt also recht gut, daß die Blumen nicht bloß schöne Farben an sich tragen, son dern daß auch viele von ihnen liebliche Gerüche aushnuchen, die auch einen Kranken erfreuen und erquicken können. Und was ist es doch um den Geruch, den ein vergängliches Blümlein aushaucht, Wunderbares! Kein Mensch auf der ganzen Welt ist im Stande zu sagen, woher der Geruch kommt, der aus dem kleinen Blüthenkelche des Veilchens fort und fort aufsteigt, wie von einem Opfer-Altar. Und bedenke nur! Anders als das Veilchen, riecht eine Hpacinthe, anders eine Resede, wieder anders eine Rose, und noch anders eine Nelke. Von den un zähligen Blumen, die auf Gottes weiter Welt blühen, hat jede einen andern Geruch. Dazu riechen manche Blumen nur am Tage, andere nur bei Nacht, wie die Wachsblume. Manche verbreiten einen so starken Geruch, daß wir Kopfweh davon bekommen; wieder andere einen so unangenehmen, daß wir die Nase zuhalten, z. B. die Aasblume, welche wie stinkendes Fleisch riecht. Und nun nimm in die linke Hand eine Tulpe und in die rechte ein Veilchen, was findest Du für einen Unterschied? Die Tulpe ist zwar eine stolze, mit brennendem Roth oder Gelb ge schmückte Blume, aber sie hat keinen Geruch; das Veilchen da gegen blüht niedrig am Boden und kleidet sich in bescheidenes Blau; aber es haucht den süßesten Duft aus. Wem willst Du gleich sein, der stolzen geruchlosen Tulpe, oder dem bescheidenen, süß duftenden Veilchen? Werde dem Veilchen gleich, und laß den lieblichen Opferduft der Furcht und Liebe Gottes von dem Altäre Deines Herzens aufsteigen, so wirst Du Gott und Men schen Wohlgefallen. Lebe wohl!823 Venedig, welches jetzt zum Königreich Italien ge hört, war ehemals eine sehr mächtige und ungemein reiche Re publik. Das Haupt derselben wurde Doge (Dosche, d. i. Her zog) genannt, und aus dem venetianischen Adel gewühlt. Er bekleidete seine Würde lebenslang. Die Regierungsgewalt aber war in den Händen der Nobili oder Adeligen, die den hohen Rath ausmachten. Noch vor 65 Jahren beliefen sich die Ein künfte ver Republik auf 10 Millionen- sie konnte 30,000 Mann uüs Feld ftetleu, und hatte eine Flotte von 24 größeren Schiffen. Denket euch, Kinder, die Stadt Venedig, liegt über eine Stunde weit vom Lande im adriatischen Meere, welches auch der venetianische Meerbusen heißt. Sie ist auf 136 durch 450 Brücken und Stege verbundenen Inseln auf Pfählen erbaut imb hat 140,000 Einwohner. Die ganze Stad: ist mit Ka nälen durchschnitten, weil die Gassen ganz schmal sind, so daß sie nicht mit Wagen befahren werden können. Man fährt auf diesen Kanälen mit Gondeln, welches flache und lange, schwarz angestrichene Boote sind, die in der Mitte einen mit Thüren und Fenstern versehenen Kasten haben, worin man sitzt; sie sind ungefähr 9 Meter lang. Der Markusplatz, an welchem die große Markuskirche und der herzogliche Palast mit dem ko lossalen Löwen von St. Markus steht, ist 274 Schritte lang und der einzige große Platz in ganz Venedig; er ist daher auch der einzige Spaziergang für die Venetianer. Vor der Kirche sind kunstvolle Pferde anfgestellr, welche von Konstantinopel hie- her gebracht wurden. Merkwürdig ist der Ponte Rialto, eine Marmorbrücke von 380 Meter Länge und 26 Meter Breite. Sie ist auf 12,000 Pfählen gebaut, und bildet einen einzigen Schwibbogen, der über den großen Kanal geht und eine solche Höhe hat, daß ziemlich große Schiffe mit aufgespannten Segeln darunter durchgehen können. Sie kostete 250,000 venetianische Dukaten. Der äußere Anblick Venedigs vom Meere her ist ganz einzig. Die großen, theils neuen, rheils altgothischen Pa läste, die vielen Thürme, die prächtigen Inseln, die Menge der Schiffe, Barken und Gondeln, das feste Land in der Ferne, ge währen einen herrlichen Anblick. Die Gondelführer bieten den Vorübergehenden ihre Dienste an, wie die Kutscher in unfern größeren Städten: Oomnionäa Liguors nun gondola, una barca? (befiehlt der Herr eine Gondel, eine Barke?) Wenn man vier Mark bezahlt, so kann man den ganzen Tag hinsahren, wo man will. Die Venetianer sind, wie alle Italiener, von mun- term, aufgewecktem Geist, mäßig und nüchtern, eifersüchtig auf824 ihre Ehre, wie auf ihre Liebe, hitzig und rachgierig, dareben aber höflich, ehrlich und treu. Sie sind sehr sparsam und thätig; die Vornehmen lieben Pracht und Glanz. Die Stadt hat viel von ihrem ehemaligen Wohlstand und auch ron der Bevölkerung verloren; indessen geht es doch noch immer sehr lebhaft her. Alle Straßen sind dicht voll Menschen, und die Kanäle voll von Fahrzeugen. Und denket euch nur, in neuerer Zeit ist sogar in Venedig ein Eisenbahnhof, und die Eisenbahn fährt täglich dort ab über eine riesenhafte Brücke, der größten der Welt, 3000 Meter, also fast eine Stunde lang, von 222 gemauerten Pfeilern getragen, über das Meer, die Lagunen genannt. Vergißmeinnicht. Dieses fünfrandige Blümchen ist tellerartig ausgebreitet, wächst an nassen Orten, sieht auswen dig schön himmelblau, nach innen aber gelblich aus. Man heißt es auch: Mäuseöhrchen. — So angenehm der Mensch das Vergißmeinnicht findet, so unangenehm ist es dem Vieh. Auch Pferde suchen es beim Weiden zu vermeiden. Für Schafe soll es sogar ungesund sein. — Das Vergißmeinnicht ist das Bild der treuen Liebe, der Erinnerung, des steten Andenkens. — „Wie heißt dies Blümlein hier? Ich fand es tief im Thal Im gold'nen Sonnenstrahl. Ich bitte, nenn' es mir!" Die Mutter mit Bedeutung spricht: Das Blümlein heißt: „Vergißmeinnicht!" Mit seiner blauen Krön' Und gold'nen Sternlein d'rin, Deutet's zum Himmel hin, Zu Gottes Sternenthron. Weißt du, was Gott durch's Blümlein spricht? Vergiß mein nicht! Vergiß mein nicht! Versteinerungen sind solche Mineralien, die ihre jetzige Gestalt Thieren oder Pflanzen zu danken haben. Es gibt ver steinertes Holz, versteinerte Knochen von Menschen, Thieren und Vögeln, versteinerte Muscheln, Schnecken, Insekten, Fische und Meergewächse. Sodann gibt es auch allerlei in Stein eingeschlossene, oder mit Stein überzogene Dinge. Man sieht825 aus solchen Versteinerungen gar wohl, daß sie ehedem weich gewesen, und daß der Ort, wo sie gefunden worden sind und noch gefunden werden, ehedem unter Wasfer gestanden haben müsse. Und da man auch auf den höchsten Bergen Versteine rungen von Seethieren findet, so kann man wohl schließen, daß ehedem Meer darüber gewesen sei. Verwandlung der Insekten. Lieber Heinrich ! Was ist es doch um einen Schmetterling Wunderbares! Wie prächtig sind seine Flügel mit Staub bemalt! Wie leicht und anmuthig schwingt er sich in der Luft herum, und gaukelt von Blume Zu Blume, ohne müde Zu werden. Wie Zierlich senkt er sein langes, haardünnes Schnäbelein in den Blumenkelch, und saugt den süßen Honigsaft! Aber das Wunderbarste an dem niedlichen Vögelein ist doch seine Verwandlung. Denn wisse, jeder Schmetter ling schlüpft aus einer Puppe, jede Puppe wird aus einer Raupe, und jede Raupe kriecht aus einem Eilein, nicht größer als ein Stecknadelknopf. Laß Dir von dieser wunderbaren Verwandlung noch Einiges erzählen. Jeder Schmetterling lebt nur einen Sommer lang. Ehe er aber stirbt, legt er Eier. Er legt sie aber nicht auf das nächste beste Blatt, sondern sucht unter all den tausend Pflanzen gerade diejenige heraus, deren Blätter die kleinen Raupen fressen. So sucht Z. B. der kleine Fuchs und der Tagpfau unter allen Pflanzen gerade die Brennnessel heraus, und legt darauf seine Eilein. Der Wolfsmilchschwärmer sucht sogar die giftige Wolfsmilch heraus, und legt darauf seine Eilein; und der Rin gelvogel, dessen Räuplein Baumblätter fressen, legt seine Eier wie ein Ringlein um die Zweige der Bäume. Dabei sind manche Nachtschmetterlinge für ihre Eier so besorgt, daß sie sich die Haare abbeißen, und die Eier damit Zudecken, wie mit einem braunen Mantel. Aus den Eiern schlüpfen winzig kleine Räuplein, von denen sich manche ein gemeinschaftliches Nest spinnen, in dem sie wohnen, bis sie eine gewisse Größe erreicht haben. Solche Nester kannst Du im Frühling und Sommer auf Bäumen und an Hecken genug finden. Wenn die Räuplein einige Zeit gelebt haben, so häuten sie sich, d. h. sie ziehen ihre alte Haut aus, fressen wieder eine Weile, und häuten sich wieder. Das thun sie drei- bis viermal, und nehmen nach jeder Häutung an Größe zu. Sind sie endlich ausgewachsen und kommt ihre Zeit, so hören sie auf zu fressen, zerstreuen sich, und suchen einen Ort,826 wo sie sich ungehindert verpuppen können. Es gibt einen Schmet terling, der seine Eier aus die höchsten Zweige der Ulmenbäume legt. Das ist der große Fuchs. Da leben die Raupen von den Blättern, bis sie ausgewachsen sind, dann kriechen sie am Stamm herunter auf die Erde und suchen sich eine Mauer, einen Felsen u. dgl., wo sie vor dem Regen geschützt sind, hängen sich an den Hinterfüßen auf, und werden zur Puppe. Ebenso kriechen die Raupen des Lindenschwärmers, welche auf den Linden leben, wenn sie ausgewachsen sind, am Stamm herab aus den Boden, bohren sich in die Erde hinein, machen in derselben eine kleine Höhle zurecht, und werden da zur Puppe. Es verpuppt sich aber nicht eine Raupe wie die andere. Es gibt Raupen, welche statt der Haare Dornen an ihrem Leib haben. Man nennt sie Dornenraupen. Solche sind die Raupen des großen und kleinen Fuchses, des Tagpfaues, des Admirals, des großen Perlmuttervogels, des Trauermantels, des Distel finken, des C-Vogels u. s. w. Die Raupen aller dieser Schmet terlinge spinnen an den Platz, an welchem sie sich verpuppen wollen, etliche Fäden, häckeln sich in dieselben mir den Hinter füßen fest ein, und bleiben so an einem Blatt, Zweig, Holz oder Mauer ruhig hängen; nur den Kopf krümmen sie aus wärts. Rach einigen Tagen platzt am Kopse die Haut auf, und wird von der Raupe abgestreift. Ist dieses geschehen, so sehen wir zu unserm Erstaunen eine Puppe mit Ecken und Spitzen hängen, die weder Augen zum Sehen, noch ein Maul zum Fressen, noch Füße zum Gehen hat. Wer sollte es denken, daß in dieser harten unförmigen Puppe ein zierlicher, mit einem rochen Ordensbande prächtig geschmückter Admiral stecken könnte? Wer sollte es glauben, daß aus einem braunen Ding, das keine Füße und kein Maul hat, ein leichtbeschwingtes Vögelein mit wunderschön bemalten Flügeln herausschweben, und mit einem haarfeinen Schnäbelein den Honigsaft der Blumen saugen könnte? Und doch ist es so. In der That, wenn wir es nicht mit eige nen Augen sähen, so würden wir es nicht glauben können. Willst Du eine solche wunderbare Verwandlung ansehen, so darfst Du nur etliche solche ausgewachsene Raupen vom Fuchs oder vom Tagpfau in ein Glas oder eine Schachtel thun, und noch ein paar Tage füttern. Da wirst Du dann sehen, wie sie sich dann anhängen, ihre Haut abstreifen, und wie endlich aus der Puppe das liebliche Blumenvögelein herausschlüpft. Außer den Dornenraupen gibt es auch solche, welche weder Dornen noch Haare auf dem Leibe haben, wie z. B. die Raupen827 des Schwalbenschwanzes und des Kohlweißlings. Wenn sich diese verpuppen wollen, so spinnen sie sich ein seidenes BanD um den Leib, das aus dreißig bis vierzig feinen Fäden besteht, welche die Ranpen aus dem Maule ziehen. Diesen Gürtel befestigen sie an einer Wand, einem Blatt oder einem Brett, bleiben da rinnen hängen, streifen nach einigen Tagen die Haut ab, und es hängt dann in dem Gürtel eine eckige Puppe, aus welcher der Schmetterling schlüpft. Noch andere Raupen machen, wenn sie sich einpuppen wollen, nicht bloß einen Gürtel, sondern ein ganzes Gespinust, in welchem sich die Raupenhaut abstreift, sie spinnen sich gleichsam in ihren eigenen Sarg. Hast Du noch keine Seidenraupen ge sehen ? Diese machen das vollkommenste Gespinnft. Sie ziehen mit den vordern Füßen einen langen Seidenfaden aus dein Maul, und spinnen ihn so dicht um sich herum, daß man sie nicht mehr sehen kann. In diesem runden seidenen Sarge wer den sie zur Puppe. Es gibt Raupen, welche sich sogar die Haare ausreißen und in das Gespinnst hinein weben, damit es desto dichter werde. Das thut z. B. der braune Bär und die Kupferglocke. Viele große, ganz nackte Raupen, welche auf dem Hinter leib ein Horn haben, bohren sich, wenn ihre Zeit kommt, in die Erde, machen sich da ein kleines Grab zurecht, in welchem die Puppe liegen bleibt, bis der Schmetterling das Todtenhemdlcin abstreift, und jung und frisch herausschlüpft. Lebe wohl! Verwandlung der Käfer. Lieber Max! In vor stehenden! Artikel kannst Du Einiges lesen über die Verwand lung der Schmetterlinge. In diesem Briefe will ich Dir mit theilen, daß auch die Käfer eine Verw and l un g durchmachen. Den Maikäfer kennst Du sehr gut und weißt auch, daß er die Blätter der Bäume abfrißt; aber woher dieser Käfer kommt, das wirst Du nicht wissen, und das laß Dir sagen. Der Maikäfer wird aus einem weißen, häßlichen Wurm, der in der Erde lebst, und den man bei uns Engerling nennt. Wenn die Leute im Frühlinge umgraben und ackern, so graben sie gar häufig solche Engerlinge heraus, und sie sind dann für die Hühner und Krähen eine delikate Mahlzeit. Wie kommt aber diejer Wurm in die Erde, da doch der Maikäfer auf den Bäu men lebt? Man sollte denken, er würde seine Eier auch auf die Bäume legen. Das thut er aber nicht, sondern das Weibchen setzt sich auf den Boden und legt ihre Eier in die Erde. Aus828 den Eiern kommt eine Larve oder ein Wurm, welcher fünf Jahre lang in der Erde bleibt, und die Wurzeln des Grases und der Pflanzen abfrißt. Hat er sich endlich groß gefressen, so macht er sich eine kleine Höhle zurecht, streift darin seine Haut ab, wird zu einer Puppe, bricht im Frühling des sechsten Jahres als Käfer aus der Erde heraus und fliegt davon. Alle Käfer machen eine solche Verwandlung durch. Ein Käfer, der Dir sehr wohl bekannt ist, nämlich der Hirschkäfer oder Schröter, lebt auf den Eichbäumen. Das Weibchen legt seine Eier in faules Eichenholz, von wel chem die Larve lebt. Ist sie groß gewachsen, und kommt ihre Zeit, so macht er sich von Lehm einen harten, eiförmigen Sarg, wird darin zur Puppe und bricht nach drei Monaten als Käfer heraus. Auch der schöne Goldkäfer, dessen Flügeldecken wie grünes Gold schimmern, und der nur auf Blumen leben mag, wird aus einer Larve, welche in einem modrigen Ameisen haufen lebt. Die Ameisen thun dem Wurm nichts zu Leide, sondern behandeln ihn als einen Gast, der bei ihnen zur Her berge ist, bis er sich verpuppt, und als Käfer davonfliegt. Alle diese Larven leben in der Erde, und die Käfer auf Bäumen oder Blumen. Glaubst Du aber, daß es Käs er gibt, welche mit ihren Larven im Wasser leben, und vortreff lich schwimmen können? So unglaublich das ist, so gibt es doch in Weihern und Gräben solche Wasserkäser. Die Weibchen legen die Eier in's Wasser. Aus deu Eiern kommen abscheuliche Larven mit Schwimmfüßen und einer großen Zange am Kopf. Manche sehen so recht grimmig aus, und sind es auch, denn sie fressen einander selbst auf. Legt man eine solche Larve auf die Erde, so kann sie nicht laufen, denn ihre Füße sind nur^ zum Schwimmen eingerichtet. Dennoch kriecht sie, wenn ihre Zeit kommt, aus dem Wasser heraus, bereitet sich in feuchter Erde eine Höhle, und verpuppt sich da. Aus der Puppe kommt nach drei oder vier Wochen der Käfer. Genug für diesesmal. Lebe wohl! Vesuv. Eine der merkwürdigsten Naturerscheinungen sind die, welche die feuerspeienden Berge, Vulkane genannt, dar bieten. Die Form dieser Berge gleicht der eines abgestutzten Kegels oder auch einer Glocke. Von dem Gipfel geht eine Höhle, Krater oder Becher genannt, durch den Berg hinab in829 das Innere der Erde. Es gibt feuerspeiende Berge, welche eine Höhe von 5 — 6000 Meter erreichen. In Europa ist besonders der Vesuv 1100 Meter hoch, ungefähr 4 Stunden ostwärts von der Stadt Neapel entfernt, zu merken. Die Ausbrüche des Vesuv sind schauerlich. Der ganze Berg bebt und zittert und im Innern des Berges kracht es, daß man den Donner schon gegen zweihundert Stunden weit gehört hat. Aus dem Krater steigen Flammen, Rauch, Asche, Dampf und Steine empor. Wenn die geschmolzenen Massen, die man Lava heißt, in den Krater kommen, so steigen sie auf, bis sie den Rand des Kra ters überfluthen, oder sie brechen wohl auch früher durch eine Seite des Kraters. Nun stürzt die glühende Lava, einem feu rigen Stronie gleich, und alles Brennbare entzündend, den Berg hinunter und kommt oft so weit, daß sie Weinberge, Felder Dörfer und Städte verwüstet. So hat der Vesuv 79 Jahre nach Christi Geburt die Städte Pompeji, Herkulanum und Sta- biä mit seiner Asche überdeckt; zwei dieser Städte, welche fast 17OO Jahre verschüttet waren, werden heut zu Tage ausgegraben?) Bierfüßige Thiere Das sind freilich die nützlichsten Thiere, die dem Menschen sehr lieb, ja fast unentbehrlich sind. Haare, Wolle bilden die vorzüglichsten Bedeckungen derselben. Spricht man von einem vierfüßigen Thiere, so weiß man nicht gleich, welches Thier gemeint sei; denn es kann ein Asse, — nein, nein! die Affen haben ja vier Hände, statt der Füße, — es kann eine Katze, ein Hund, ein Pferd, eine Kuh, ein Ochse, ein Schaf, ein Schwein, ein Hase, ein Reh, ein Hirsch, eine Geiß, ein Geißbock, eine Maus, aber es kann auch eine Hyäne, ein Tiger, ein Bär, ein Wolf, ein Kameel, ein Löwe, ein Ele- phant rc. sein. Vierwaldstälter-See, auch Luzern er see. Dieser See, nach den vier Wald-Cantonen: Uri, Unterwalden, Schwitz und Luzern, deren Gebiet seine Wogen ausschließlich bespülen, der Vierwald stätter-See genannt, wird von keinem See in der Lchweiz, ja in Europa, an erhabener, großartiger Natur- chönheit und durch den ihm eigenen Charakter von Mannig faltigkeit der^ Ansichten erreicht und übertroffen. Er liegt nach neuern iMeffungen 400 Nieter über der iMeeressläche, hat seine sehr unregelmäßige Gestalt, wird von der Reuß durch strömt und zum Theil von steilen, bis 300 Meter hohen Felsen bergen umgeben und dehnt sich in vielen Windungen von °) Siehe: Herkulanum und Pompeji.830 Mieten bis Luzern, 9 Stunden in der Länge, aber — mit Ausnahme des am nördlichen Ende von Küßnacht bis Alp- nach 5 Stunden in die Breite sich erstreckenden Armes, wo durch der See eine Kreuzesform erhält — etwa nur eine Stunde in die Breite. Seine größte Tiefe beträgt an 250 Meter. Im Winter gefriert er nur selten weiter als an den Ufer rändern. Nur im Januar und Februar 1830 fror er, was bisher ohne Beispiel war, bis auf wenige Stellen ganz zu, so daß man ihn mit Wagen befuhr. Eine auffallende Er scheinung ist es, daß der See, wenn in den ersten Sommer monaten die Hitze lange anhält l'/ 2 — 1% Meter über den ge wöhnlichen Wasferstand anschwillt. Bei Unwetter ist er in der südlichen Buchl (Urner-Lee) für Segel- und Ruderboote ge fährlich zu bekehren, besonders wenn der heftige Föhn (Süd wind) weht, da es an manchen Stellen an Landungsplätzen fehlt. Ja selbst für das Dampfboot kann das Fahren in diesem Theile des Sees bedenklich werden. — — — Wenn der Sturm In dieser Wasserkluft sich erst verfangen, Dann ras't er um sich mit des Raubthiers Angst, Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt! Die Pforte sucht er heulend sich vergebens: Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein, Die himmelhoch den ganzen Paß vermauern. (Schiller im Tell.) Die einzige Insel, welche im See liegt, ist Altstad. Das Wasser des Sees ist hell und schön lichtgrün, und nährt unter allen Schweizerseen die meisten Fische, besonders Forellen, Lachse, Welse, Ballen und Röteln, auch Neunaugen. Die Umgebungen des Sees gehören zu den anziehendsten Hel- vetiens. Besonders zeichnet sich aber die Gegend bei Wäggis am Vierwaldstätter-See und am Fuße des Rigi-Berges vor allen andern an Naturschönheit und Reichthum und Fruchtbarkeit aus. Sie wird daher auch der Gemüsegarten von Luzern genannt, und liefert Kastanien, Feigen, Mandeln, Bergamotten, Granatäpfel und die köstlichsten Trauben. Ge schichtlich denkwürdig ist der Vierwaldstätter-See durch Wil helm Tell (s. d. im Kinderlexikon Seite 771). Nach den ver schiedenen Busen und naheliegenden Ortschaften theilt man ihn in dm Luzerner-, Alpenacher-, Stanzer- und Urner-See.831 Vögel. Kennt ihr auch die weltbekannten Federleichten Musikanten, Die im weiten grünen Saal Musiciren allzumal? Haben Flöten nicht und Geigen, Tanzen auf den grünen Zweigen, Lesen Alles frisch vom Blatt, Wie's ihr Herr geschrieben hat. Emsig wetzen sie den Schnabel, Kriegen doch nichts auf die Gabel, Trinken weder Bier noch Wein, Können dennoch lustig sein. „Hab's gerathen." Hast's gefangen? Frisch! wer kann mir einen langen? Wer ihn fängt, erhält den Preis — Nicht, wer nur das Räthsel weiß? O, das sind die Vögel. Dieses Räthsel ist wohl leichter zu lösen, als einen solchen Musikanten zu fangen, denn die Vögelein haben Flügel und fliegen schnell davon, wenn man sie Haschen möchte. Ja, die Vögel sind gar so schöne Thiere. Sie erfreuen durch ihren lieblichen Gesang, wie die Lerche, der Staar, die Drossel, der Zeisig, Kanarienvogel, die Nachtigall, Gras mücke. Sie legen Eier, von denen man manche sogar essen kann, wie die Hühnereier, Gänse- und Enteneier. Sie bauen so schöne künstliche Nestlein und wissen dieselben so gut anzu bringen. — Ja, einige verstehen noch mehr. — Sogar Reisen getrauen sie sich zu unternehmen, wie die Schwalben. Damit es sie nicht friert, sind sie mit Federn bedeckt. — Die Vögel machen den Menschen Freude, Jedermann liebt sie. Mach' es auch so, dann geht dir's so! — Vogelnest und Spinnsngewebe. Wenn der ge neigte Leser ein Finken ne st in die Hand nimmt und be trachtetes, was denkt er dazu? Getraut er sich, auch eins zu stricken und zwar mit dem Schnabel und mit den Füßen? Ich glaub's schwerlich. Ja, ich will zugeben: der Mensch vermag viel. Ein geschickter Künstler mit zwanzig feinen Instrumenten kann nach vielen mißlungenen Versuchen zuletzt etwas herausbringen, das einem Finkennest gleich sieht832 und Alle, die es sehen, können es von einem wirklichen Nest, das der Vogel gebaut hat, nicht unterscheiden. Alsdann bil det sich der Künstler etwas ein, und meint, jetzt sei er auch ein Fink. Guter Freund, dazu fehlt noch viel. Und wenn ein wahrer Fink, wie du jetzt auch einer zu sein glaubst, dazu käme und könnte dein Machwerk durchmustern, wie der Zunft herr ein Meisterstück: so würde er den Kopf ein wenig auf die Seite drücken und dich mit den Augen curios ansehen, und so er menschlich mit dir reden könnte, würde er sagen: „Lieber Mann, das ist kein Finkennest! Ich mag's betrachten, wie ich will, so ist's gar .kein Vogelnest. So einfältig und ungeschickt baut kein Vogel. Was gilt's, du Pfuscher hast's selber gemacht!" Das wird zu dem Künstler sagen der Fink. Ebenso ist es mit einem verachteten Spinnen gewebe. Der Mensch kann kein Spinnengewebe machen. Eben so ist es mit dem Gespinnst, worin sich ein Raupenwnrm ein kleidet, wenn seine Fasten und Reinigung angeht. Ein Mensch kann kein Raupengespinnst machen. Ich will ein Wort mehr sagen. — Alle Finkennester in der Welt sehen einander gleich, vom ersten im Paraoiese bis zum letzten in diesem Frühlinge. Keiner hat's vom An dern gelernt. Jeder kann's selber. Die Mutter legt ihre Kunst schon in's Ei. Eben so alle Spinnengewebe, ein jedes nach seiner Art. Man weiß es wohl, aber man denkt nicht daran. — Noch ein Wort mehr. — Das erste Nest eines Finken ist schon so künstlich, wie sein letztes. Er lernt's nie besser. Ja, manches Thierlein baut sein Gespinnst nur ein mal in seinem Leben und braucht nicht viel Zeit dazu. Es wäre übel daran, wenn es zuerst eine ungeschickte Arbeit machen müßte und denken wollte: „Für dieses Jahr ist's gut genug, über's Jahr mache ich's besser." — Noch ein Wort. — Jedes Vogelnest ist ganz vollkommen und ohne Tadel. Nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu wenig daran und nicht zu viel, dauerhaft für den Zweck, wozu es da ist. In der ganzen Natur ist kein Lehrplatz, lauter Meisterstücke. Aber der Mensch, was er zur Geschicklichkeit bringen soll, das muß er mit vieler Zeit und Mühe lernen, und bis er's kann, bekommt er manche Ohrfeige vom Meister, der selber keiner ist. Denn kein menschliches Werk ist vollkommen. Hat der geneigte Leser noch nie eine Uhr gekauft? und wenn er meinte, jetzt geht sie am besten, so blieb sie stehen; oder ein833 Paar Stiefeln? einmal sind sie zu eng, ein andermal zu weit, oder in den ersten acht Tagen wird ein Absatz rebellisch und will desertiren. Was sagt der geneigte Leser dazu? Also ist ein Mensch noch weniger als ein Fink? — Nichts nutz! — Denn erstlich nicht der Vogel baut sein Nest, und nicht das Würmlein bettet sein Schlafbett, sondern der ewige Schöpfer thut's durch seine unbegreifliche Allmacht und Weisheit, und der Vogel muß nur das Schnäblein und die Füßlein und, so zu sagen, den Namen dazu hergeben. Deswegen kann auch jeder Vogel nur einerlei Nest bauen, wie jeder Baum nur einerlei Blüthen und Früchte bringt. Deswegen kann auch der Mensch kein Vogelnest und auch kein Spinnengewebe machen. Gottes Werke macht Niemand nach. Zweitens, wie der ewige Schöpfer an seinem Orte jedem genannten Geschöpfe seine Wohnung bereitet, aber nicht alle auf gleiche Art, dem einen so, dem andern anders, wie es seinem Bedürfnisse und Zweck recht ist: also hat er dem Men schen etwas von dem göttlichen Verstände lassen in die Seele träufeln, daß er ebenfalls nach seiner eigenen Ueberlegung für mancherlei Zwecke bauen und Handtieren kann, wie er selber glaubt, daß es recht sei. Der Mensch kann ein Schilderhäus lein verfertigen, ein Waschhaus eine Scheune, ein Wohnhaus, einen Palast, eine Kirche, jedes nach anderer Weise, ferner eine Kirchenuhr, item eine Orgel, item einen Kalender, was auch etwas heißt. Ein Fink kann nicht zweierlei Nester bauen, er kann keinen Kalender schreiben, noch viel weniger drucken. Drittens hat der ewige Schöpfer dem Menschen die Gnade verliehen, daß er in allen, seinen Geschäften unten anfangen und sie durch eigenes Nachdenken, durch eigenen Fleiß und Uebung bis nahe an die Vollkommenheit der göttlichen Werke selber hineinbringen kann, wenn schon nie ganz. Das ist seine Ehre und sein Ruhm. Vorboten des Frühlings.*) Theodor lernte Latein, Hugo Lesen, Schreiben und Rechnen und Lina strickte, nähte und stickte. So kam der März herbei, und obgleich die Aecker und Wiesen noch immer mit Schnee bedeckt waren, so schien doch die Sonne täglich wärmer zu den Fenstern herein, so daß der Kanarienvogel einen fröhlichen Gesang um den andern anstimmte. Lina hatte im Herbste einige Hyazinthen-Zwiebeln in Töpfe gelegt. Diese waren schon am Aufbrechen ') Lies vorerst den Artikel: „Winter! Ki«der>Conversationr-Lexlk«r,. 53834 und standen nach wenig Tagen in voller Blüthe. Eltern und Kinder er freuten sich an den himmelblauen Glocken und an dem süßen Gerüche. Als nun schon der Schnee zu sckmelzen begann, sagte der Vater, eines Abends: Vater. Nun, Kinder, der Winter geht zu Ende; wir wollen morgen das fürstliche Treibhaus und in demselben die lieblichen Vorbotell des Frühlings besehen. Da freute sich vor allen Lina, und es träumte ihr, sie stehe aus einer grünen Wiese; ein munteres Bachlein rauschte durch das Gras, und an dem Bächlein standen Rosen und Lilien, um sie her ein Kranz von blauen Vergißmeinnicht. Die ganze Wiese aber stand voll Schlüsselblumen und Veilchen, die einen süßen Geruch verbreneten Da hüpfte sie wie ein Lämm- lein auf der Weide, pflückte sich einen Strauß, und setzte sich an das mur melnde Bächlein in den Schatten eiires Baumes. Eben wollte sie ans stehen und den Strauß der lieben Mutter zum Geburgstaa bringen, — da wachte sie auf. Die Morgenröthe stand schon am Himmel, aber aus der Wiese lag Schnee und Eis. Alle. Die erste Lerche, die erste Lerche! Alle blieben stehen und schauten ihr nach, wie sie sich immer hoher und höher zum blauen Himmel ausschwang. Vater. Sie lobt ihren Schöpfer, der sie auch mitten in Schnee und Eis erhalten und ernährt hat. Nicht mehr fern war die Stadt; da kehrten sie bei einem guten Freunde ein und gingen Nachmittags in den fürstlichen Garten. Schon von weitem glänzten die hohen Fenster des Treibhauses. Als sie dre Erlaubniß hin einzugehen erhalten hatten, machte der Gärtner die Thüre aus. Welch ein Duft kam ihnen entgegen! und welch eine angenehme Wärme! Da war bereits der noch unter dein Schnee schlafende Frühling aufgewacht, und hatte sich angetban mit seinem grünen zierlichen Kleide. Mit seinen un zähligen weißen, rothen, blauen und gelben Augen schaute er die Kinder freundlich an, und bot ihnen seine Gerüche umsonst an. In der Mitte des Treibhauses war ein Springbrunnen, in welchem sich Goldsischlein tummelten. Stile Kinder, besonders Hugo, ergötzten sich an dem springenden und plätschernden Wasser und an den lustigen Fisch lein, die im Sonnenschein wie Gold blinkten. Da brachte der Gärtner ein Glöcklein, und so wie die Fischlein das Geklingel hörten, kamen sie alle geschwommen und nahmen den Kindern das Brodkrümchen aus der Hand. Um den Springbrunnen her standen viele Hyazinthen in Töpfchen, deren Glocken von dem niedersallenden Wasser bethaut und erfrischt wur den. Sie dufteten noch lieblicher als die Veilchen, welche Lina im Traume gesehen hatte. Neben dem Springbrunen standen rechts uud links zwei Pomeranzenbäume in großen Kübeln. Eine Menge goldgelber Früchte hingen von den Zweigen herab, oder schimmerten aus dem dunkelgrünen Laube hervor. Ihre weißen Blüthen waren schon am Aufbrechen und dufteten noch lieblicher als die Hyazinthen. Von den Pomeranzenbäumen aus war rechts und links em langes Gestell, bedeckt mit unzähligen Ge wächsen, welche die Kinder noch nie gesehen hatten. Viele davon hatten erst Knospen, viele davon standen schon in voller Blüthe. Hugo. Aber Vater, was thut denn so: Rukuckidikuckl etwa der Scharmützel dort mit seinem gelben Schnabel?835 Vater. Dort, gehe nur hinter den schönen grünen Busch, da wirst du's finden. Hugo ging mit den Geschwistern hinter den schönen, grünen Busch. Lina. Ach allerliebst! Turteltauben. In einem großen Käfig saßen ein Paar Turteltauben und eine Lach taube^ die waren so zahm, daß sie den Kindern das Brod ans der Hand fraßen. Zwitschiziwi, schwirrte ein Vögelein an ihnen vorbei setzte sich ans ein Zweiglein und pickte die Blattläuse herab. Theodor. Ach, sieh, Mutter, das Rothkelchen! Gärtner. Ja, das bleibt den ganzen Winter hier und nährt sich von dem Ungeziefer. Im Sommer fliegt es fort und im Herbst kommt es wieder. Mutter. Das hat sich eine prächtige Wohnung aus gesucht. Lina. Wenn ich ein Rothkelchen wäre, möchte ich nir gends wohnen, als hier. Hugo. Aber Blattläuse und Raupeneier möchtest du doch nicht essen, Schwesterchen? Ms sie nun alles besehen und noch einmal an den Pomeranzenblüthen und Hyazinthen gerochen hatten, dankten sie dem Gärtner und gingen der Heimath zu. Vater. Meine lieben Kinder! Wie schnell vergeht eine Blume! Kaum ist sie aufgegangen, so fällt sie auch schon wie der ab. Ein Blümlein, das in der Morgensonne aufblüht und seinen Geruch verbreitet, ist etwas überaus Liebliches. Aber wie bald ist diese Schönheit und Lieblichkeit dahin. Darum ist das Blümlein ein rechtes Abbild unseres Lebens. Ihr seid zwar jetzt jung und frisch und denket nicht an den Tod, aber euer Leben ist um nichts länger als ein Blümlein, das schnell aufblüht und eben so schnell abfällt. Der liebe Heiland aber, die edle Himmelsblume, fällt nicht ab, sondern blüht ewiglich. Habt ihr diese Blume in euern Herzen, r werdet ihr auch nicht vergehen, sondern ewiglich bleiben, wie sie?) Vorsicht. Johann. Heute, lieber Vater, war ich recht lustig. Vater. Wo warst du denn? Johann. Ich machte mit meinen Kameraden einen Spaziergang auf das Felo und in den Wald ; die Sonne schien herrlich, die Vögel sangen, und Alles arbeitete d'raußen. *) Lies in diesem Lexikon auch: „Frühling" 53 *836 $ater. Es freut mich, mein Sohn, daß du vergnügt warst; es war abe^doch ziemlich heiß, und dies ist nicht an genehm, bei einem Spaziergange. Jo hann. Dieß ist wohl wahr, allein wir achteten diese Hitze nicht. Wir lagerten uns entweder in den Schatten eines Baumes, oder wir zogen einige Kleidungsstücke aus, wenn wir spielten. Vater. Was habt ihr denn gespielt? Johann.^Wir haben den Ball geschlagen. Vater. Lo habt ihr euch ja noch mehr erhitzt! Johann. Ja, wir schwitzten sehr; allein wir setzten uns dann wieder unter einen Baum, wo ein kühles Lüftchen wehte. Vater. Daran habt ihr aber nicht gut gethan. Johann. Warum? Vater. Weil man sich durch plötzliche Abkühlung eine Krankheit und sogar den Tod zuziehen kann. Johann. Wir gingen aber Alle gesund und munter nach Hause. Vater. Das glaube ich wohl, 'weil ihr euch nach der Abkühlung wieder erhitztet. Ohne dieß hättet ihr Alle euch Krankheit zuziehen können. Doch habt ihr nicht in der Hitze getrunken? Johann. Nein, dieß thaten wir nicht, weil wir keine Quelle fanden. Vater. Ihr hättet also doch getrunken, wenn ihr Wasser gehabt hättet? Johann. Ja, weil wir sehr großen Durst, hatten. Vater. Es war noch ein großes Glück für euch, daß ihr keinen Brunnen fandet, denn Mancher, der erhitzt trank, siel an der Quelle todt nieder. Johann. Dieß wußten wir nicht. Vater. Darum sei vorsichtig, und warne deine Gesell schafter, daß sie nie in der Hitze trinken, noch sich im Schweiße auskleiden und sich abkühlen, noch beim Baden im Schweiße in das Wasser hineingehen. Viele Hunderte haben sich dadurch schon unheilbare Krankheiten und einen frühen Tod zugezogen. Hüte dich also, lieber Sohn, vor solchem Unglück, und warne auch Andere davor. Vorzeit. Glaube ja nicht, daß es auf der Erde immer so ausgesehen hat, wie du es jetzt findest. Frage nur deinen837 Vater und deine Mutter, frage deine Großeltern und die alten Leutein deinem Geburtsorte; diese werden dir von vergangenen Zeiten viel zu erzählen wissen. Lies die Leichensteine auf dem Kirchhofe; ach, da liegen ihrer Viele begraben, die im hohen Alter verstorben sind, als deine Großeltern noch Kinder waren. In der Kirche selbst findest du wohl manches Bild mit halb verwischten Farben, das vor langen, langen Zeiten dort auf gehängt wurde, und manchen alten Gedenkstein, dessen Züge man kaum mehr lesen kann und von dem auch die ältesten Leute nicht mehr zu sagen wissen, wenn er gesetzt worden sei. So weist vieles um dich her auf eine Vorzeit hin, von welcher wir weiter nichts zu erzählen wissen, als was wir in alten Schriften ausgezeichnet finden. Jedes vergangene Jahr führt dich wieder aus ein vergangenes zurück. So sind Jahrhunderte und Jahrtausende über die Erde gegangen, Menschen sind ge boren worden und gestorben; Städte und Dörfer sind gebaut worden und wieder verschwunden; mancherlei Veränderungen haben sich auf der ganzen weiten Erde ereignet. Die merk würdigsten derselben wirst du später auch erfahren und schon setzt hast du einige davon aus-der biblischen Geschichte kennen gelernt, die uns bis an den Anfang, bis zur Schöpfung der Erde, hinaussühri. — Moses schreibt: „Ehe denn dieBerge wurden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit." — Vrrlkan Dieses fremde Wort bedeutet einen Berg der Feuer ausspeit. Also feuerspeiende Berge nennt man Vulkane. Sie sind von kegelförmiger Gestalt unb befinden sich meistens in der Nähe des Meeres. Wenn aus einer Bergöffnung Feuer, geschmolzene Masse (Lava genannt) hervortritt, als wäre im Berge eine Schmiedwerkstätte angebracht, wenn Asche heraus strömt und Steine aus dieser Oeffnung hinausgeworfeu werden, so bildet sich um die Oeffnung herum durch die entfernte Masse ein Hügel, der bald zum kegelförmigen Berge wird. Die Oeff nung , aus der die Masse geworfen wird, heißt Krater. — Vesuv und Aetna sind schreckliche Feuerberge in Europa. — Meine Kinder! der Ausbruch eines Vulkans ist zwar eine sehr schöne, aber für die in der Nähe wohnenden Menschen fürch terliche Naturerscheinung. Gut ist es, daß der Ausbruch nicht unvorbereitet geschieht. Ihm gehen mehr oder weniger große Erderschütterungen voran, nach denen sich bald ein starker Rauch838 erhebt, mit dessen Erscheinen auch Asche ausströmt, unter die nicht selten die verschiedensten Steine gemischt sind. Endlich steigt aus dem Krater eine Feuersäule, die besonders zur Nacht zeit sürchterlich anzusehen ist. Noch fürchterlicher ist es, wenn sich mehrere Lavaströme vereinigen; leicht können sie, fortfließend, indem sie Gebäude rc. mit sich fortreißen, schrecklichen Schaden anrichten. Noch schrecklicher wird diese Erscheinung durch fort währendes Blitzen und Donnern. Nicht wahr, Kinder, ihr möchtet die hohen Feuerflammen, die glühenden Lavaströme sehen? — Aber von dem Erdboden möchtet ihr euch nicht ver schlingen, auch euch nicht von der glühenden Lava begraben lassen! Darum wollen wir Gott danken, daß es bei uns kein Erdbeben und keine feuerspeienden Berge gibt. W. Wachen und Schlafen der Thiere. Das Leben aller Säugethiere ist zwischen Wachen und Schlafen ze- theilt. Die meisten sind den Tag über wach und begeben sich erst mit einbrechender Dämmerung zur Ruhe, z. B. die Affen, viele Nager, die Wiederkäuer rc.; andere dagegen schlafen am Tage, sich in Höhlen und andern Orten verbergend, und ver lassen ihre Schlupfwinkel erst, wenn das Sonnenlicht die Erde nicht mehr erhellt, um ihre Nahrung zu suchen, z. B. die Fledermäuse und der bei weitem größte Theil der Raubthiere. Einige bedürfen eines sehr langen Schlafes, wie der Dachs, andere eines nur kurzen, wie das Pferd. Die meisten legen sich dabei nieder, das Pferd aber ruht auch stehend. Außer diesem Schlafe der Erholung läßt der gütige Vater alles dessen, was da lebet und webet auf Erden, auch noch verschiedene Thiere dieser Klassen in den kältesten Monaten des Jahres, wo es ihnen an den nöthigen Nahrungsmitteln fehlen würde, in einen tiefen Winterschlaf fallen. Das Murmelthier, der Siebenschläfer und einige andere Nager, desgleichen der Dachs, der Igel, die Spitzmaus, die Fledermäuse und etliche andere kleine, fleischfressende Thiere verbergen sich, sobald der Herbst rauheres Wetter bringt, entweder in ihren Höhlen oder an andern etwas geschützten Orten und fallen dann bei stär-839 ferer Kälte in eine Art von Erstarrung. Der Hamster schläft nun in seiner tief unter der Erde zubereiteten Wohnung, deren Ein- und Ansgänge er verstopft hat, bis ihn die Frühlings wärme erweckt und wieder hervorlcckt; andere dagegen, z. B. die Fledermaus, der Dachs, erwachen, so wie im Winter ein paar milde Tage eintreten, und erstarren bei wiederkehrender Kälte von Neuem. Wachholder. Gebet Acht, daß ihr euch nicht stechet! denn gar spitzig sind die Nadeln des Wachholderstrauches, den man in ganz Europa findet, und der beständig reife und un reife Beeren trägt. Den Hausfrauen sind sie ein sehr werthes Gewürz, das sie beim Einpöckeln des Fleisches, beim Einmachen des Sauerkrautes und zur Bereitung verschiedener Saucen (spr. Soßen) anwenden. Auch der Apotheker benützt die Beeren in seiner Apotheke. Und den Krametsvögeln und Birkhühnern sind die Wachholderbeeren eine gar angenehme Speise; daher erhält auch ihr Fleisch den lieblichen Geschmack. Wachtel. Die Wachtel kennt ihr gewiß alle schon, denn man sieht sie ja im Frühlinge und Sommer häufig ge nug aus den Feldern, und zu Hause in Käfigen, und hört sie: Wack, Wack! schreien. Sie sieht graubraun aus, legt 8 —10 Eier und wird höchstens sechs Jahre alt. — Wenn man von einer Wachtel redet, so denkt nur an das Liedchen: Das Wächtelein rufet mit munterem Schlag, Es rufet schon früh, bevor es noch Tag — Schlagt und sagt: Weckt den Knecht, weckt die Magd; Weckt den Knecht, weckt die Magd. Das Wächtelein rufet am heißen Mittag, Es rufet den Schnitter, mit munterem Schlag — Schlagt und sagt: Bück' den Rück', bück' den Rück'; Bück' den Rück', bück' den Rück'. Doch neigt sich zum Abend der glühende Tag, So ruft es der Bäurin mit freudigem Schlag — Schlagt und sagt: Gebt dem Knecht, Kraut und Speck, Gebt der Magd, Weck, Weck, Weck!840 Von sich selbst sagt die Wachtel: Bickwerbick bick bick! Hier ist mein Stück. Hier bin ich zu Haus, Doch flieg ich auch aus. Dort bei der Tränke Da ist meine Schenke. Nicht der Nachtigall Kommt gleich mein Schall, Ich rann nur Ein Stück, Heißt: Bickwerbick! Waffen der Thiere. Lieber Albin! Fast allen Thieren hat der Schöpfer gewisse Mittel (Waffen) zur Gegenwehr oder zur ihrer Sicherheit gegeben. Das Pferd wehrt sich mit seinen Hinterfüßen, der Ochs mit seinen Hörnern, das Schwein mit Hauern; die Hunde, Wölfe, Füchse durch's Beißen, Krebse durch Kneipen. Waffervögel tauchen bei Gefahren schnell unter's Wasser und kommen erst weit von dem Orte wieder hervor. Schnecken, Muscheln und Schildkröten ziehen sich in ihre Häuser, Igel wickeln sich in ihre Stacheln, Vögel picken und beißen, oder entfliehen. Gienen und Wespen stechen. Viele Insekten, besonders Käfer, ziehen sich zusammen, fallen herunter und stellen sich todt. Andere Thiere, die durch Gegenwehr zu schwach sind, retten sich durch Geschwindigkeit, wie die Hasen rc. — Die Affen und andere Thiere stellen zu ihrer Sicherheit Wachen aus, welche durch Geschrei die Gefahr ankündigen. Der Ha bicht ist der Feind und Verfolger der Hühner. Er schwebt über dem Huhn so hoch in der Luft, daß ihn das Auge des Menschen kaum entdecken kann. Das Auge des Huhns aber ist von Gott so scharf eingerichtet, daß es ihn gleich deutlich sieht, und Mittel sucht, zu entfliehen. Junge Hühnerchen kennen noch keine Ge fahren, sie verstehen aber genau die ängstliche Warnung ihrer Mutter, und sammeln sich sogleich unter ihre Flügel. Wie weise ist Gott. Lebe wohl. Ihr vernehmet gewiß gern noch mehr über die Waffen der Thiere. Merket auf! — Die Waffen mit denen sich die Thiere vertheidigen, sind sehr verschieden. Sehr viele beißen, wenn sie angegriffen werden, mit den Zähnen. Ja manche sind mit besondern Zähnen versehen. Bei dem wilden Schwein oder dem Eber werden die Eckzähne mit den Jahren so lang und spitzig, daß er damit841 nach den Hunden und Jägern hauen kann, wie mit einem schar fen Messer. Besonders groß uno furchtbar sind die Hauer bei dem Emgallo, einem Schweine, das in Afrika wild lebt. Noch viel gewaltiger sind die Stoßz ähne der Elephau ten, welche das Elphenbein geben. Ein einziger solcher Zahn ist oft hundert Pfund schwer. Geräth der Elephant mit einem Menschen oder einem großen Thiere in Kampf, so haut er mit dem Rüssel, reißt ihm mit den Stoßzähnen den Leib auf, und zertritt ihn mit den Füßen zu Brei. Wie furchtbar indessen die Stoßzähne des Elephanten sein mögen, so sind doch die Giftzähne der Otter oder Natter noch viel furchtbarer. Sie sehen zwar nur wie ein kleines, spitziges nach hinten ge krümmtes Häckchen aus, aber sobald die Otter damit beißt, so stießt ihr giftiger Speichel in die Wunde und das Blut, und man ist oft in wenigen Minuten roth und todt. Andere Waffen tragen die Stiere zu ihrer Verthei- digung. Wie zwei kurze, gekrümmte Spieße wachsen ihnen die Hörner zum Kopfe heraus. Wem wackelt nicht das Herz im Leibe, wenn ein wüthender O ch s e einherbrausit, seinen Kopf hin- und herwirft, und mit seinen Hörnern die Erde aufreißt'? Wer ihm in den Weg kommt, dem stößt er entweder ein Loch in den Leib, oder er gabelt ihn mit den Hörnern auf, schleu dert ihn in die Lüfte und zertritt ihn. Auch die Schafe, Ziegen, Antilopen, Gemsen, Steinböcke haben Hörner, welche oft sehr stark und zierlich iu einander gewunden sind, und mit denen sie ihren Feinden gewaltige Stöße versetzen. Aber was ist das für ein Thier, welches das Horn, mit dem es sich vertheidigt, auf der Nase trägt? Das mit blinder Wuth auf feinen Feind losgeht, und ihm den Bauch aufreißt? Dagegen hat der Hirsch keine Hörner, sondern ein Ge weih. Wenn das Hirschkälbchen ein Jahr alt ist, so setzt es zwei einfache Spieße auf. Im zweiten Jahr bekommen diese Spieße eine Augensproße, gerade wie aus einem Ast ein Zweig lein herauswächs't. Jedes Jahr wirft nun der herangewachsene Hirsch im März sein Geweih ab, und hält sich so lange ruhig, bis ihm ein neues gewachsen ist. Das neue ist aber zuerst ganz weich, und blutet stark, wenn es verletzt wird. Täglich wird es härter, und zuletzt ganz hart. Noch ist es aber mit einer weißlichen Haut überzogen, welche der Hirsch an der Rinde der Bäume herunterreibt. Die Jäger sagen dann, der Hirsch fügt sein Geweih. Es besteht nun aus zwei Stangen, die das An sehen von einem Ast mit Zweigen haben. Die Zweige nennt842 man Enden. Hat ein Hirsch an einer Stange sechs Neben- zweige, so nennt man ihn einen Sechsender. Es gibt Acht ender, Zehnender, Vierzehnender, ja im Jahre 1696 schoß Friedrich I., König von Preußen einen Hirsch, der sechsund- sechzig Enden hatte. Da ist denn die Stange freilich auch so dick als ein Schenkel. Mit diesem stolzen Geweih schreitet der Hirsch stolz einher, und vertheidigt sich, wenn er nicht mehr lausen kann, gegen Menschen, Hunde und andere Thiere. Die Ochsen haben ihre Stärke in den Hörnern des Kopfes; bei den Pferden dagegen sitzt die Kraft in den Hufen der Hinterfüße, mit denen sie gegen ihre Feinde ausschlagen. Ein Schlag streckt Menschen und Thiere nieder. Doch hauen sie auch bisweilen mit den Vorderfüßen, und beißen mit den Zähnen. Wie die Pferde mit den Hinterfüßen, so wehrt sich der Bär mit den Vordertatzen. Wenn er nicht mehr anders kann, so stellt er sich auf die Hinterbeine, und sucht Jäger und Hunde unter fürchterlichem Gebrumme mit den Vordertatzen zu umarmen, und ihnen den Todeskuß zu geben. Wir wollen uns aber für einen solchen Kuß bedanken. Was sind aber das für Thiere, die zum Schutz gegen ihre Feinde mit einem Wald von Stacheln bewaffnet sind? Sobald Gefahr droht, nimmt das eine die Schnauze zwischen die Beine, und rollt sich zusammen. Wie eine weiche, mit Stacheln besetzte Kugel sieht es dann aus. Die Hunde bellen es an und beißen sich das Maul blutig. Aber nicht eher rollt es sich auf, als bis Alles wieder still und sicher ist. Das an dere, wenn es angegriffen wird, richtet seine langen Stacheln drohend in die Höhe, schlägt sie lärmend aneinander, stampft dabei mit dem Fuß auf den Boden, und grunzt wie ein Schwein. Ein anderes Thier ist mit einem Rücken- und einem Bauch schilde versehen, in den es den Kopf, den Schwanz und die Füße zurückziehen kann. Das sonderbarste aber von allen ist mit einem Panzer angethan, und mit zwei Scheeren be waffnet, welche es drohend gegen seinen Feind erhebt, um ihn tüchtig zu zwicken. Es sind das die , zu denen auch die gemeine Landkrabbe gehört, ein sonderbares Thier, das in Amerika lebt. Es gräbt sich Löcher in den Boden, in welche es flieht, sobald es angegriffen und verfolgt wird. Auf der Flucht zwickt es mit den Scheeren gewaltig um sich. Packt man es bei einer Scheere an, so läßt es dieselbe mir nichts dir nichts fahren. Die Scheere zwickt noch eine Minute lang fort, und die Krabbe sucht unterdessen ihr Loch zu erreichen, wo ihr843 in Kurzem eine neue Scheere wächst. Die Schweine, welche nach dieser Krabbe sehr lüstern sind, zwickt sie tüchtig in die Nase, bleibt auch zuweilen daran hangen, so daß sie mit großem Geschrei davenlaufen. Auch die Stimme und die Haltung des Leibes muß den Thieren dazu dienen, ihren Feinden Furcht einzujagen. Eine Katze, wenn sie nicht mehr fliehen kann, gibt sich dadurch ein furchtbares Ansehen, daß sie den Buckel krümmt, die Haare sträubt und pfuchzt. Ganz anders als alle diese Thiere vertheidigt sich das Stinkthier. Wenn es von einem Hunde verfolgt wird, spritzt es in der Angst einen Saft nach ihm , der einen solchen Gestank verbreitet, daß man fast nicht mehr Athem holen kann. Während der Hund seine Nase an den Boden hält, entschlüpft es in ein Loch oder auf einen Baum. Die Vögel wehren sich besonders mit dem Schnabel, den Krallen und den Flügeln. Es gibt in Indien eine Storch art, welche mau den Marabu nennt. Er spaziert in den Straßen der Städte herum, und frißt das Aas, welches die Leute vor die Hausthüre werfen. Thut man einem solchen Marabu etwas zu Leide, so theilt er mit seinem Schnabel wie mit einem Stock solche Hiebe aus, daß mau ihn gern in Ruhe läßt. Wenn ein Reiher schon halbtodt auf dem Boden liegt, so schlägt er mit den Flügeln, und haut und beißt mit dem Schnabel verzweifelt um sich, bis man ihm den Garaus macht. Sogar der Zwerg unter den Vögeln sticht mit seinem Schnä- belein wüthend gegen seine Feinde. Wie die Katzen pfuchzen, so gehen die Gänse mit erho benem, schlangenförmig gekrümmten Hals schnaubend auf ihren Feind los. Eine Bruthenne, die ihre Küchlein vertheidigen will, sträubt die Federn, fährt ihrem Feind irüs Gesicht und zerhackt ihn jämmerlich. Der schwache Wiedehopf sucht sich durch Verstellung zu Helsen. Sobald er einen Geier in der Nähe gewahrt, fliegt er auf den Boden, breitet den Schwanz und die Flügel aus, biegt den Kopf zurück, und reckt den Schnabel in die Höhe. Und wie sieht er nun aus? Wie ein alter, bunter Lumpen. Die Fische schlagen mit dem Schwanz und beißen mit den Zähnen. Der Wall fisch hat in seinem Schwanz eine solche Kraft, daß er mit einem Schlag ein Boot zerschmettern kann. Der Haifisch schlägt, wenn er gefangen ist, nicht blos mit dem Schwanz furchtbar um sich, sondern beißt mit den Zähnen.844 Dennoch hat er vor dem Sägefis ch eine große Furcht. Das Maul dieses Fisches verlängert sich nämlich in ein Schwert, das aus beiten Seiten mit Zähnen besetzt ist. Mit diesem Sägeschwert greift er wie ein kühner Ritter die größten Fische an und sucht ihnen den Bauch auszureißen. Bisweilen bricht ihm das Schwert und bleibt stecken. Ost ist er auch Sieger. Der Igel fisch ist wie der Igel ganz mit Stacheln besetzt. Wenn er sich an der Angelschnur gefangen hat, so bläs't er sich wie ein Luftballon auf, wird dick und rund, thut wie ein zorniger Truthahn, macht Burzelbäume, richtet die Stacheln drohend in die Höhe. Hilst dieses nichts, so legt er die Stacheln nieder, und macht sich so schlaff wie ein Handschuh, als wäre er todt. Bald aber bläs't er sich wieder aus, und droht mit den Stacheln, bis er nach einigen Stunden matt wird und stirbt. Wir kommen nun zu den Käfern. Es gibt geflügelte Thierchen, die haben an ihrem Hinterleib eine Waffe, kaum so groß als eine Nadelspitze, und können damit doch alle ihre Feinde in die Flucht schlagen. Es sind das die Bienen, Wespen und Hummeln An dem Stachel, den sie zu ihrer Vertheidigung tragen, sitzt ein kleines Bläschen, mit einem giftigen Saft; sobald sie stechen, fließt der Gistsast in die Wunde; es entsteht eine schmerzhafte Geschwulst, die so bald nicht wieder vergeht. Es ist gut, daß diese Thierchen nur dann stechen, wenn sie zum Zorne gereizt werden, sonst könnten sie uns die ganze Welt zu enge machen. Viele Käfer fallen, wenn man sie anrührt, von den Blättern herab, als wären sie maustodt. Za, ein Klopfkäfer, so klein er auch ist, ist so hartnäckig, daß er sich eher drücken, zwicken, zerschneiden und braten läßt, ehe er einen Fuß rührt, oder sonst ein Lebenszeichen von sich gibt. Aus ähnliche Weise wie das Stinkthier, vertheidigt sich auch der Bombardier käfer. Wird er von einem Raubkäfer verfolgt, und kann er sich nicht mehr retten, so schießt er seinem Feind eine Bombe von stinkendem Dunst entgegen. Dieses thut er so oft, bis er ein Loch flndet, in das er schlüpfen kann. Wahrhaftigkeit ist eine Tugend, die Jedermann, be sonders aber der Jugend, zur Zierde gereicht für Lebenszeit. Schon der weise Salomon sagt: „Wahrhafter Mund bestehet ewiglich." Anton erhielt von seinem Vater immer die Lehre, daß er845 stets die Wahrheit reden und auch nicht einmal die Fehler, die er begangen, läugnen sollte. Anton befolgte dieß sehr ge nau. Wenn er ausgegangen war, und sein Vater sich erkun digte, wo er gewesen sei, so nannte er ihm alle Orte, wo er gewesen, alle Personen, mit welchen er gesprochen, alle Spiele mit denen er sich die Zeit vertrieben hatte. Auch jeden Fehler, jedes Vergehen, jede Unvorsichtigkeit gestand er ausrichtig. Dafür genoß er aber auch das Vertrauen des Vaters und Aller, die ihn kannten. Ebenso wahr redete er auch, wenn er von seinem Lehrer um etwas gefragt wurde. Er sah freilich ein, daß er bisweilen nicht so ordentlich und fleißig war, als er hätte sein sollen, aber er gab sich doch niemals Mühe, seine Fehler zu entschuldigen. So hatte er einmal nicht geschrieben, was er hätte schrei ben sollen; sein Lehrer fragte ihn, warum er dieß nicht gethan hälte? „Vergeben Sie mir, ja" — antwortete er — „ich war gestern außerordentlich träge." Ein andersmal hatte er nicht gelernt, was ihm war ausgegeben worden, und als sich der Lehrer nach der Ursache dieser Saumseligkeit erkundigte, so gab er zur Antwort: er hätte den Tag zuvor Ball gespielt, worüber er das Lernen vergessen habe. Durch diese Aufrich tigkeit bekam ihn der Lehrer lieber als seine Mitschüler. Denn, wenn diese etwas versehen hatten, so brachten sie allemal eine Menge Entschuldigungen vor, um ihr Versehen zu beschönigen. Der Lehrer fand insgemein, wenn er die Sache genauer un tersuchte, daß die Entschuldigungen erdichtet waren. — Ein mal hätte Anton in große Verlegenheit kommen können. Einer seiner Mitschüler, ein böser Mensch, entwendete seinem Lehrer zwei Bildchen, die dieser mit in die Schule gebracht hatte, um sie seinen Schülern zu zeigen. Der Lehrer hielt deßwegen eine scharfe Untersuchung und versprach dem eine Belohnung, der den Dieb entdecken würde. Da nun der kleine Dieb besorgte, die Sache möchte an den Tag kommen, und er deßwegen scharf bestraft werden, so beging er den Bubenstreich, daß er die Bildchen heimlich in Anton's Schreibebuch legte. Anton ging mit seinem Schreibebuch zum Lehrer, damit er es durchsehen sollte. Und — da er es ihm geben wollte, fielen die Bildchen heraus. Er erschrack, hob sie auf und gab sie dem Lehrer. Dieser erstaunte und sagte: „Anton, hast du mir meine Bildchen entwendet?" — „Gewiß nicht" — antwortete dieser — „ich weiß nicht, wer sie in mein Buch gelegt hat." Wenn dieses nun ein Anderer gesagt hätte, so würde ihm der Lehrer gewiß846 nicht geglaubt haben. Dem Anton wurde geglaubt. ,,Du kannst" — sagte der Lehrer zu ihm — „sie nicht entwendet haben, denn sonst würdest du es gesagt haben." Und nun ging er zu den übrigen Schülern und sprach: „Wer ist der Bube, der diese Bildchen in Anton's Buch gelegt hat?" Sie schwiegen Alle, aber der Dieb verrieth sich durch seine Farbe, denn er wurde blutroth und mußte es gestehen, sobald der Lehrer ernstlich in ihn drang. Dafür wurde er bestraft. Anton aber lief vergnügt zum Vater, umarmte und küßte ihn und sagte: „Tausend Dank, lieber Vater! daß du mich gelehrst hast, stets die Wahrheit zu reden. Ich hätte heute gewiß unschuldig Strafe leiden müssen, wenn mein Lehrer nicht gewußt hätte, daß ich immer die Wahrheit redete." Wald. Wenn man von einem Walde spricht, so denkt man an einen Ort, wo viele, viele Bäume beisammen stehen, solche, welche wild wachsen, wie z. B. Fichten, Forchen, Buchen, Birken, Erlen, — wohl auch Gesträuch rc. — Der Wald ist auch für Menschen ein angenehmer Aufenthaltsort, besonders im Frühlinge und Sommer. — Im Walde leben Hasen, Rehe, Hirsche, Füchse, Dachse, wilde Schweine. — Auch hört man im Wald manches Vögelein singen; denn ein Berschen sagt: „Ich geh' mit Lust durch den grünen Wald, Ich hör, die Vöglein singen. Sie zwitschern so schön, sie singen so bald Die lieben Vöglein in dem Wald, Wie gern hör' ich sie singen." Und ein größeres Gedicht heißt: Im Wald und Busche bin ich gern, Grün und blumig ist's nah und fern! Eichhörnchen hüpfen von Ast zu Ast; Sie klettern an Stämmen in ängstlicher Hast. Aus Reisern künstlich von Wolle und Moos, Bau'n Vögel sich Nester klein und groß Die Jungen im Nest, voll Verlangen und Trieb, Schrei'n nach den Eltern: Pi pi pip! Sie strecken heraus Hals, Schnabel und Ohr; Ein Liedchen singen die Alten vor. Die Raben krächzen: Krapp, krapp, krapp! Und fliegen zur Aue begierig hinab.847 Der Grünspecht am Stamme pickt und hackt, Bis daß er ein fliehendes Würmchen erpackt. Der Vögel Gesang schallt durch den Wald, Daß alles ringsum wiederhallt. Darum sind mir Wiesen, Gebüsch und Wald Vor allem mein liebster Aufenthalt. Ich weiß auch eine Stadt, die lauter grüne Häuser hat; die Häuser, die sind groß und klein, und wer nur will, der darf hinein. Die Straßen, die sind krumm, sie führen hier und dort herum; doch stets gerade sortzugeh'n, wer findet das wohl allzuschön? Die Wege, die sind weit und breit mit bunten Blumen überstreut; das Pflaster, das ist sanft und weich und seine Färb' den Häusern gleich. Es wohnen viele Leute dort und alle lieben ihren Ort; ganz deutlich sieht man dieß daraus, daß jeder singt in seinem Haus. Die Leute, die sind alle klein, denn es sind lauter Vögelein, und meine ganze grüne Stadt ist, was den Namen „—" sonst hat. Ein sanfter Morgenwind durchzieht Des Forstes grüne Hallen; Hell wirbelt der Vögel munt'res Lied; Die jungen Birken wallen. DaS Eichhorn schwingt sich von Baum zum Baum, Das Reh schlüpft durch die Büsche; Viel hundert Käfer im schattigen Raum Erfreu'n sich der Morgenfrische. Und wie ich so schreit' in dem luftigen Wald, Und alle Bäume erklingen, Und rings um mich alles singt und schallt; Wie sollt' ich allein nicht singen? Ich singe mit starkem, freudigem Laut, Dir, der Du die Wälder säest, Der Du dort oben den Himmel gebaut, Hier unten mir Kühlung wehest. Wenn das Auge überall nur Aecker und Wiesen sähe, so würde dies nicht angenehm sein. Das ewige Einerlei müßte ermüden. So aber wechselt mit den Feldern und Gärten hie848 und da ein grüner Wald, der die Natur verschönert, indem er Abwechselung in sie bringt. Aber er verschönert sie nicht bloß, sondern, er nützt ihr auch, weil er die Dünste in der Luft anzieht, die Erde seucht erhält, und so Regen und Quellen ihr Dasein gibt. Auch sür alle lebende Geschöpfe haben Wälder großen Nutzen. Was würde der Mensch ohne sie beginnen? Die Wälder sind es, aus denen er mächtige Tannen und Eichen holt, die als Bauholz benutzt werden. — Sie liefern ihm das Brennholz, mit dem er der Winterkälte Trotz bieten kann, und gewähren ihm außer diesem noch manche andere Vortheile. Die in Wäldern wachsenden Buchen geben z. B. ihre Früchte, aus denen man ein herrliches Oel preßt; aus Wäldern holt man das trockene Laub, um es dem Vieh zu streuen, und in Wäldern wächst die Birke, aus deren Rei sern Besen verfertigt werden. Aber auch auf die Thiere erstreckt sich der Nutzen der Waldungen. Viele Tausende Vögel, Insekten, Würmer und vierfüßige Thiere finden in den Wäldern ihren Aufenthalt. Hier nisten die Drossel, der Fink und der Hänfling; hier gräbt der Fuchs seinen Bau; hier wohnen Hirsche und Rehe; denn Alle entgehen hier leichter den Verfolgungen der Menschen. Alle finden auch hier bequemer ihre Nahrung; denn da in Waldungen der Boden selbst bei der größten Sonnenhitze noch lange feucht bleibt, so wachsen in ihnen gar viele Pflanzen, namentlich Gräser in der größten Ueppigkeit. Weil die Wälder den Menschen wie den Thieren großen Nutzen bringen, so ist man auch zu ihrer Erhaltung verbunden. Würde man nur immer Holz daraus hauen, ohne auf neue Anpflanzungen oder neuen Zuwachs zu denken, so müßten sie bald immer lichter werden und endlich ganz verschwinden. Wollte man Jemand erlauben, hinein zu gehen, um sich nach Belieben seinen Holzbedarf zu holen, so würden ebenfalls die Waldungen bald den größten Schaden leiden. Die nächste nachteilige Folge für Alle wäre dann ein allgemeiner Holzmangel. — Wie gut und zweckmäßig ist es daher, daß die Obrigkeit nicht blos für neue Baumpflanzungen sorgt, sondern auch alle Holzfrevel, welche die zur Erhaltung der Wälder gegebenen Gesetze übertreten, streng bestrafst. — Es wird euch, liebe Kinder! nicht unangenehm sein, wenn ich noch ein Geschichtchen erzähle, das sich in einem Walde849 zugetragen hat? O, nicht im geringsten! Wir bitten sehr darum! — Nun, so merk auf mein Kind und horch geschwind was Fritzchen zu seinem Spitzchen spricht und überhör' es nicht! „Spitzchen, willst du mir mir geh'n In den frischen, grünen Wald, Wo die rothen Beeren steh'n Und des Jägers Büchse knallt?" So spricht Fritzchen zu seinem Spitzchen, Und Spitzchen und Fritzchen geh'n in den Wald. Kommt ein kleines Thier gesprungen Quer über den Weg. Husch, auf den Baum! Man sieht es kaum, So schnell und leicht, Wie ein Vogel fleugt, Hüpft es in Sprung und Lauf Zweigab, zweigauf. Fritzchen sieht das liebe Thier. „Gäb' was d'rum, hätt' ich es hier, Hier in meiner Hand geborgen! Wollte schon für Nüßchen sorgen. Spitzchen, rasch und fang' es mir!" Spitzchen springt und springet wieder An dem Baume keck hinauf, Fällt immer wieder Zur Erde nieder, Kommt nicht hinauf. „Spitzchen, du kannst nicht klettern und springen, Wirst mir nie das Thierchen bringen; Ach hättest du Flügel, wie dort der Fink, Du brächtest mir's stink. Jetzt komm' nur, wir wollen weiter geh'n, Eichhörnchen sitzt hoch, ich kann's kaum noch seh'n! * Ki«der-Conve^kU»ns-Lvxilvn. 54Sie gingen lustig weiter Im frischen, grünen Hain; Fritzchen pflückte Kräuter, Beeren und Blümelein. Am starken, rothen Bande Hält er sein Spitzchen fest, Daß es im großen Walde Ihn nie verläßt. Da läuft ein schwarzes, borstiges Thier Durch das Gebüsche hin. Spitzchen mit keckem Sinn Will's jagen. ,,Spitzchen, bleib hier!" Sagt Fritzchen. „Es ist viel größer, als du Laß es in Ruh'! Sieh seine Hauer, sein weißes Gewehr, Träs' es dich, wird es dich schmerzen sehr!" Und Spitzchen bellt von ferne, Das hört Wildschwein nicht gerne, Es grunzt und läuft fort, Sucht sich einen bequemen Ort, Wo es die Erde durchwühlen kann, Auch Eicheln trifft zum Schmausen an * * * Kommt gar stolz ein Thier geschritten, Recht in des Waldes Mitten, Trägt sein Haupt so kühn und hehr, Als ob's des Waldes König war'. Hoch und frei Aus dem Haupt prangt das Geweih. „Still, Spitzchen!" Spricht Fritzchen: „Sieh den schönen Damhirsch an, Ob man Schöneres sehen kann." Spitzchen knurrt, zerrt an dem Bande, Reißt sich los, läuft bellend fort. Uno der stolze König dort Fürchtet gar vor Spitzchen sich;851 Schnell, wie ein Pfeil, In höchster Eil' Rennt er über Stock und Stein In den dicksten Wald hinein. Spitzchen möcht' ihn gern erreichen. Aber bleibet weit zurück; Kommt endlich mit gesenktem Blick Und beschämt zu Fritz zurück; Spitzchen, das war ärgerlich! Hirsch, Wildschwein sind nicht für dich! * * * O, du kühler Waldesschatten! O, ihr grünen, blumigen Matten! ,,Spitzchen, wir wollen uns niederlegen Und der süßen Ruhe pflegen.^ Spitzchen und Fritzchen legen sich in's Gras hinein, Möchten gern bei ihnen sein! Still! was huscht dort flink und leise An den Heidelbeeren hin? Mäuschen machet eine Reise, Weißes Mäuschen; sieh nur hin! „Spitzchen, Spitzchen, fang' das Mäuschen, Aber fass' es leise an, Daß ich's mit mir nehmen kann! Spitzchen hat das Mäuschen schon, Bringt's, bekommt zu seinem Lohn — Denn das Mäuschen ist nicht todt — Schönes, weißes Butterbrot». „Spitzchen, sieh! Das war für dich, Und ich freu' mich inniglich!" * * * Spitzchen und Fritzchen gingen nach Hause. In kleiner Klause Saß weiß Mäuschen Mit rothen Aeuglein, Niedlich und sein, 54 *852 Sehnte sich still aus dem Häuschen In den freien Wald hinein; Bekam Körner, Weißbrod gar, Wie's ihm am liebsten war, Frisch Wasser, Braten dazu; Aber es ließ ihm doch keine Ruh'. ,,Draußen im Grünen ein Körnlein Ist besser als Weißbrod noch so fein Hier im engen kleinen Haus; Es gefällt mir nicht, ich möcht' hinaus!" Da es nun wohl ein halbes Jahr Immer so still und traurig war, Ging Fritzchen und Spitzchen Wieder hinaus in den Wald. Fritzchen läßt Mäuschen Am wohlbekannten Ort Aus seinem Häuschen, — Husch! war es fort. „Laust, mein Thierchen, zum Mütterlein, Wie wird sich's sreu'n! Nehme dich nie mehr zur Stadt hinein!" Wallflsch. Lehrer. Weißt du, was für ein Thier der Wallfisch ist? Kind. Nun, ein Fisch. L. Freilich, und wenn du sagst, der Wallfisch ist kein Fisch, so hast du auch recht, denn er gehört zu den Säugethieren, weil er lebendige Junge zur Welt bringt; die er eine Zeitlang säugt. K. Wo lebt denn der Wallfisch? L. In den kältesten Meeren lebt dieses ungeheuer große Thier, welches uns den Fischthran und das Fischbein liefert. Soll ich dir erzählen, wie man die Wallfische fängt? K. Nicht in Netzen? L. Ei, bewahre? Man fährt mit großen Schiffen in die kalten Meere, wo sich die Wallfische aufhalten. Sobald man einen Wallfisch gewahr wird, fahren mehrere Matrosen in einem Kahne auf denselben zu und suchen ihm eine Harpune einzuwerfen. K. Eine Harpune! Was ist doch das? L. Eine Harpune ist eine pfeilförmige Waffe mit Wider haken. Diese Harpune ist an einem sehr langen Seile befestigt^ denn sobald sich der Wallfisch getroffen fühlt, fährt er in die853 Tiefe. Schnell läßt man das Seil nachschießen und folgt ihm in der Ferne nach, denn er bleibt nur höchstens zwei Minuten unter Wasser. Nun wirst man ihm eine zweite Harpune nach, bis er todt aus der Oberfläche schwimmt. 30 bis 40 Mann springen ihm dann auf den Rücken und sangen an, ihn zu zerlegen. Ein gewöhnlicher Wallfisch wiegt bei 50,000 Kilogr. Die Wallfischfänger sind aber großen Gefahren ausgesetzt, wozu auch die gehört, daß sie mit den raubgierigen Eisbären zu kämpfen haben. — Noch Etwas von dem Wallfisch. Lieber Rudolph! Der Wallfisch ist das größte Säu gethier. Hundert Nashörner oder achtzig Elephanten machen erst einen Wall fisch aus. Zwischen der dicken Haut und dem groben Fleisch liegt ein sehr dicker Speck. Der Kopf nimmt fast die Hälfte des ganzen Thieres ein, und das Maul ist so groß, daß ein Mann bequem darin herumgehen kann. Die speckige Zunge ist 9 Meter lang und 3—4 Meter breit. Statt der Zähne hat der Wall fisch Barten. Diese Barten geben 1500 Kilogr. Fischbein. Auf dem Kopfe befinden sich die Spritzlöcher, aus denen er das Wasser 6—8 Meter hoch herauf spritzt. Dieser sonderbare Springbrunnen macht ein Geräusch, das man ziemlich weit hört. Die Seitenflossen des W a l l f i s ch e s, die ec wie eine Hand brauchen kann, sind 2—3 Mtr. lang. Wenn das Junge müde ist vom Schwimmen, so nimmt es die Mutter zärtlich zwischen die Flossen und trägt es. Der Schwanz ist 6 bis 8 Meter breit und hat eine große Kraft. Mit einem Schlag desselben kann er ein Boot zerschmettern. Einmal schleuderte ein Wall fisch mit seinem Schwänze ein Boot hoch in die Luft, so daß die Leute alle in's Wasser fielen. Wenn der Wall- sisch eine Viertelstunde unter dem Wasser geblieben ist, so kommt er herauf, streckt den Kopf aus dem Wasser heraus, und holt acht- bis neunmal Athem. Dabei stößt er bei kaltem Wetter einen Dampf aus, gleich dem Rauche eines Ofens. Das Junge saugt an der Wallfisch-Mutter wie das Kalb an der Kuh. Und nun sage mir, von was dieses gewaltige Thier lebt? Das wird wohl recht große Fische verschlingen? — O nein. Denn es hat einen so engen Schlund, daß man kaum mit einer Faust durchfahren kann. Bedenke einmal, der ungeheure Wali sisch lebt von Schleimthierchen, die nur einen Decimtr. lang sind. Diese Thiere verschlingt er in solcher Menge, daß man sieWal l- fischaas nennt. Außerdem frißt er auch kleine Krebse.854 Du wirst nun noch begierig sein, zu hören, wie man dieses gewaltige Thier sängt. Viele Schiffe gehen jährlich auf den Wallfischfang. Diese Schiffe müssen stark gebaut, mit Eisenblech beschlagen, und mit sieben Booten versehen sein. Wenn das Schiff im Eismeer angekommen ist, so muß man Tag und Nacht Wache halten. Ein Offizier sitzt im Mastkorbe und gibt ein Zeichen, wenn er einen Wall fisch bemerkt. Man setzt die Boote in's Wasser, in denen außer den Matrosen je ein Harpunier ist. Dieser hält die Harpune in der Hand, welche an einem langen Seile befestigt ist. Leise fährt man zum Wallfisch hin, und der Harpunier wirst ihm die Har pune in den Leib. Nun fährt der W a l l f i s ch mit der größten Schnelligkeit tief unteres Wasser. Das Seil, an dem die Har pune befestigt ist, rollt so schnell ab, daß oft das Boot mit unter's Wasser gerissen wird. Ein Harpunier trat einmal aus Unvorsichtigkeit aus das Seil und wurde so schnell in's Wasser gezogen, daß ihn nur ein einziger Matrose verschwinden sah. Ein andersmal schlang sich das Thau um einen Harpunier. Mit den Worten: „das Seil weg! O Himmel!" war er zer rissen und verschwunden. Wenn der Wall fisch lange genug getobt hat, so kommt er wieder herauf und holt Athem. Sogleich greift man ihn mit Spießen an, die man in seinen Leib stößt. Das Blut, das aus den Wunden und Spritzlöchern fließt, färbt das Meer roth. In der Wuth peitscht er das Wasser mit dem Schwänze so heftig, daß man das Getöse stundenweit hört. Ist er end lich ganz erschöpft, so legt er sich auf die Seite und stirbt. Die Matrosen machen sodann ein Loch in seinen Schwanz, ziehen ein Seil durch und schleppen ihn so zu dem Schiffe. Darauf steigt man auf ihn hinunter, schneidet ihm den Speck vom Leibe und packt ihn in die Fässer. Andere steigen in seinen Rachen und arbeiten die Zunge und die Barten heraus. Das Uebrige ver zehren die Raubvögel und Haifische. Andere dem Wallfische ähnliche Ungeheuer, die man auch im Eismeer gefunden hat, sind: der Finnfisch, der Pott fisch, der Einhornfisch und die Delphine, von denen ich Dir mündlich einiges erzählen will. Lebe wohl! Wallfischfang. Der Wallfisch ist das größte, uns bekannte Thier; denn er wird gegen 34 Mtr. lang, und wiegt über hunderttausend Pfund. Er hat einen ungeheuer großen Kopf und einen so großen und weiten Rachen, daß ein Boot85ö mit 6 bis 9 Mann hineinfahren kann. Auf dem Kopfe hat er zwei Luftlöcher, durch die er athmet und das eingeschluckte W asfer mit solcher Kraft brausend in die Lust spritzt, daß man, wenn mehrere beisammen sind und spritzen, das Getöse wohl eine Meile weit hören kann. Seine Stärke ist wohl unglaub lich ; er vermag mit einem Schlage seines Schwanzes ein ansehn liches Fahrzeug zu zertrümmern. Sein Aufenthalt ist das Eis meer, wohin jährlich viele viele Schiffe auslaufen, um ihn aus zusuchen und zu erlegen. Man gebraucht dazu große und starke Schiffe, weil klei nere der Gewalt des Eises nicht würden widerstehen können. Ein jedes dieser Schiffe ist mit 7 bis 8 Booten versehen. Im Eismeere angekommen, werden die Boote ausgesetzt und gehörig bemannt. Gewöhnlich führt jedes einen Steuermann, drei Ru derknechte und einen Jäger, dem noch ein Gehilfe beigegeben ist. Sobald ein WaÜsisch sich sehen läßt, sucht man mit den Booten in seine Nähe zu kommen, und der Jäger wirft ihm mit seinem gewaltigen Arme eine Harpune in den Leib. Dieß ist ein schwerer, stählerner Pfeil, der mit Widerhacken versehen und an einem hölzernen Schafte befestigt ist. Wenn der Wall fisch sich verletzt fühlt, fährt er mit Blitzesschnelle unter das Wasser; aber er geht für die Jäger nicht verloren, denn die in seinen Leib geworfene Harpune ist an einem Seile befestigt, das auf einer Rolle im Boote aufgewickelt ist; mag auch der Wallsisch noch so schnell untertauchen, das Seil rollt sich ab und der Jägergehilfe sieht daraus, daß Alles daran in Ordnung ist. Wird das Seil zu kurz, so hängt man eiligst einen leich ten schwimmenden Körper an das Ende desselben und überläßt es dem Wasser. Ist es sehr tief oder schießt der Wallfisch mit Blitzesschnelle weit vorwärts, so würde er entweder das Boot mit in den Abgrund reißen, oder weit wegschleudern, wenn der Gehilfe nicht in demselben Augenblicke, wo er Gefahr merkt, das Seil durchschnitte und so vom Boote löste. Aber der Wallfisch kommt wieder herauf, um Athem zu holen. Schon haben sich mehrere Boote versammelt, und so wie er sich blicken läßt, wird er mit neuen Würfen empfangen. Nach jedem Wurfe wird das Thier matter, sein Blut färbt weithin das Meer, und zuletzt, nachdem er mit seinem gewal tigen Schwänze noch einmal furchtbar um sich geschlagen, schwimmt er todt auf dem Wasser. Die Boote umringen ihn, und mittelst des an der Harpune befestigten Seiles zieht man ihn an das Schiff. Nun steigen die Jäger mit spitzigen Stacheln856 in den Sohlen ihrer Schuhe, damit sie nicht ausgleiten, auf das Ungeheuer und zerhauen es, d. h. sie lösen die ungeheuren Massen Speck von dem Fleische, bringen ihn in Tonnen aus das Schiff, und brechen die Barten, die das Fischbein liefern, aus seinem Rachen. Das Gerippe und das Fleisch läßt man in's Meer fallen, wo es entweder Vögeln und Fischen zur Nah rung dient, oder auch von den Einwohnern der dortigen Länder ausgefangen wird; denn diese essen sein Fleisch, gebrauchen die Gedärme zu Schläuchen und Stricken, und die Haut zu Schuh werk. — Das Fischbein wird zu Peitschen, Bogen, Stöcken, Schirmen u. s. w. gebraucht. Der Speck gibt den Fischthran, den die Nordländer als Brennöl, und viele Handwerksleute, vorzüglich die Gerber und Schuhmacher gebrauchen, um das Leder geschmeidig zu machen. Wanderheuschrecke. Lieber Hubert! Die Heuschrecke, von der ich Dir jetzt erzählen will, lebt in Asien und Afrika, und hat von ihren Wanderungen den Namen Wanderheuschrecke erhalten. Die Araber, ein Volk in Asien, sagen von ihr: Sie hat den Kopf des Pferdes, die Augen des Elephanten, den Nacken des Stiers, das Geweih des Hirsches, die Brust des Löwen, den Bauch des Skorpions, die Flügel des Adlers, die Schenkel des Kameels, die Füße des Straußes und den Schwanz der Schlange. Das muß aber eine furchtbare Heuschrecke sein! wirst Du aus- rufen. Furchtbar allerdings, wiewohl sie nicht größer ist und nicht anders aussieht als die Säbelheuschrecke. Furchtbar, sage ich, denn wenn diese Heuschrecken über eine Gegend kommen, so kommen sie wie ein ungeheures, mächtiges Kriegsheer, dem Niemand widerstehen kann. Ihre Reihen sind so dicht, daß sie die Sonne verdunkeln, und das Rauschen ihrer Flügel gleicht dem Rauschen eines Mühlrades, dem Prasseln eines Feuers, in das der Wind hineinbläsit. Das alles wäre noch zu ertragen, wenn diese tausendmaltausend geflügelten Reiter nicht auf die Felder, Wiesen und Gärten herabfielen, und heißhungrig anfingen zu fressen, so lange etwas Grünes da ist. Die Bäume sitzen dann so voll, daß sich die Aeste und Zweige biegen, und auf dem Boden liegen sie in solcher Menge, daß man keinen Schritt thun kann, ohne sie zu zertreten. Auf den Getreidefeldern sangen sie bei den Aehren an, und fressen dann die ganzen Halme, bis auf die Wurzel. Sind an einem Baume keine Blätter mehr, so nagen sie die Rinde ab, und so fressen und fressen diese fürchterlichen Vernichter bis nichts mehr da ist, als die857 mackte Erde. Der Wind führt diese Heuschreckenheere auf Gottes Befehl daher, denn bei stiller Luft fallen sie bald nieder. Haben sie aber seinen Befehl ausgerichtet, so läßt Er sie von dem Wind auch wieder aufheben und ins Meer werfen, daß sie er saufen müssen. Die Wellen des Meeres aber schwemmen die todten Heuschrecken wieder ans Land, und da verwesen so un geheure Haufen', daß sie mit ihrem Gestank ein ganzes Land verpesten. Was ist das Ende einer solchen furchtbaren Heu- .schreckenverwüstung? Das Ende ist Hungersnoth und schreck liche Krankheiten, woran viele tausend Menschen sterben. Du weißt, daß Gott der Herr zur Zeit des verstockten Königs Pharao hat Heuschrecken über Aegypten kommen lassen. Genug jetzt. Gott gebe, daß unsere Augen nie so etwas sehen. Lebe wohl! Waschbecken. Die macht der Töpfer, aber nur für gemeine Leute, denn Vornehme kaufen lieber Waschbecken von Zinn, Porzellan oder Steingut. Die Waschbecken sind nichts anders, als eine Art großer Schüsseln, die man alle Tage ge braucht, denn jeder reinliche, ordentliche Mensch wascht sich wenigstens einmal des Tags, und zwar des Morgens gleich nach dem Aufstehen, Gesicht, Hände, Arme und Brust. Kinder, die sich mehr beschmutzen, als erwachsene Personen, müssen jeden Tag mehrmals gewaschen werden. Für kleine und große Leute ist das fleißige Waschen sehr gesund, weil es die Haut weich macht und die Schweißlöcher offen erhält. Nur immer alles rein! Das Wasser zum Reinigen ist meistens im Ueberfluß gegeben; wer es versäumt, reinlich zu sein, verdient das Wasser nicht. Wcrfser. Das Wasser ist das dem Menschen überhaupt angemessenste und jungen Leuten nur allein dienlichste Getränk. Es löscht den Durst, vermischt sich gehörig mit den Speisen und Säften, reinigt das Blut, stärkt den Magen, widersteht der Fäulniß und macht uns ruhig, heiter und froh. Alle andern Getränke erhitzen mehr oder weniger das Blut, und verstärken seinen Umlauf und Antrieb nach dem Kopse. Junge Leute, besonders Kinder, sollen sie gar nicht trinken. Der Brannt wein ist unter allen Getränken das schädlichste. Der beste Wein für Kinder, der weiße ist's fürwahr, Der aus der Felsenquelle so lustig fließt und klar, Er fließt durch grüne Auen, ihn trinken Hirsch und Reh Und Lerch' und Nachtigallen, er macht den Kopf nicht weh, Und ist er gut für Kinder, der klare, weiße Wein, Mich dünkt, er muß nicht minder auch gut für Große sein.858 Blicken wir im Freien aufmerksam um uns, so bemerken und unterscheiden wir Wasser und Land. Die Gewässer sind entweder scflzig, oder nichtsalzig (süß); fließend, wenn das Wasser sich immer fortbewegt, oder stehend. Die fließenden Ge wässer strömen bergab, sie haben einen Fall. Die Vertiefung, worin sie fließen, heißt ihr Bett; die Ränder heißen Ufer. Jedes fließende Gewässer hat ein rechtes und ein linkes Ufer. Du findest dieß, wenn du in der Mitte des Gewässers stromab das Gesicht wendest. Es gibt verschiedene fließende Gewässer, als Quellen, Bäche, Flüsse, Ströme. Ein Fluß, in welchen andere Flüsse fließen, heißt Hauptfluß; die in ihn strömenden Flüsse aber nennt man Nebenflüsse. Stehende Gewässer sind: die Pfützen, Sümpfe, Mo räste, Teiche, Landsee'n, und die größten unter allen, die Meere. Die Quellen, Bäche, Flüsse, Seen, Teiche haben süßes Wasser, die Meere aber haben salziges Wasser. — Wer goß das Wasser reichlich aus In Quellen, Bächen, Seen? Wer streut im Winter Flocken aus? Wer heißt die Winde wehen? Wer gießt den Regen auf die Au? Wer führt die Wolken, tröpfelt Thau Auf Wiesen, Gärten, Felder? Alle Tropfen in den Bächen Hör' ich rauschend zu mir sprechen: Nur von Gott kommt Alles her, Auch die Tropfen und das Meer. ZVafserdampf. James Watt, der Sohn eines englischen Kaufmanns, hatte schon in der Kindheit öfters ge zeigt, daß ihn der Schöpfer mit einem denkenden Kopfe und einer geschickten Hand begabt hatte. Nach seinem Wunsche wurde er im 15. Jahre nach London zu einem Verfertiger mathematischer Instrumente in die Lehre gethan. Hier hatte einst die Frau seines Meisters einige Freundinnen zum Thee eingeladen, und zur Bereitung dieses Lieblingsgetränkes der Engländer eine große kupferne Kanne mit Wasser über das Kaminseuer gesetzt. Tausendmal hatten unzählige Menschen dasselbe gethan, ohne je dabei an etwas Anderes, als an das zu bereitende Getränk zu denken. Die Gedanken des kleinen Watt gingen weiter. Lange faß er vor dem Feuer, die Blicke859 unverwandt auf den Theekessel gerichtet, aus dessen engem Halse die Dämpfe des kochenden Wassers mit großer Ge walt pfeifend herausfuhren. Wer ihn so sitzen sah, der konnte wohl meinen, er freue sich über die Wärme, die wohlthuend vom Kamin ausströmte, und über das lustig flackernde Feuer; während ein großer Gedanke in seinem Geiste aufkeimte — der Gedanke, den Wa ss er da mp f als hebende, tragende, fort- bewegende Kraft zu gebrauchen. Und in der That ward der Knabe später dadurch ein welt berühmter Mann, daß er Dämpfe des kochenden Wassers, deren außerordentliche Gewalt er schon als Knabe bewunderte, zur Bewegung einer Maschine anwendete — der Dampfmaschine. James Watt war der Erste, der auf den Gedanken kam, Mühlwerke und überhaupt Räder durch diese Kraft zu treiben und ist daher als der eigentliche Erfinder der Dampfma schinen zu betrachten, die im Leben und Treiben der Men schen so unendlich wichtige Veränderungen bewirkt haben. Welch' ein gewaltiger Sprung von dem Theekessel bis zur Lokomotive, in deren künstlich eingerichtetem Innern die durch Feuer in gewaltigen eisernen Kesseln erhitzten Wasserdämpfe die Räder stangen klappernd bewegen und die Räder pfeilschnell drehen und aus den glatten Eisenbahnschienen ungeheure Lasten nach sich ziehen, deren Essen jetzt in Europa und Amerika überall dampfen, deren schrillende Pfeifentöne, wenn der Dampf aus dem Kessel entweicht, überall erschallen! Wahrlich, der junge James Watt am Theekessel predigt laut die Wahrheit: Nichts in der Welt ist so unbedeutend, daß es gar keiner Aufmerk samkeit werth wäre. Offene Augen und ein offener Kopf können noch Manches erfinden, wovon wir jetzt noch keine Ahnung haben. Wasserfall. Nicht selten kommt es vor, daß Flüsse, während ihres Laufes, an steile Abhänge kommen und so ge- nöthigt sind, in die Tiefe, mag sie auch noch so grauenvoll sein, hinab zu stürzen. So bildet der Fluß einen Wasserfall (Katarakt). Tief ist, meine lieben Kinder, immer der Eindruck, den der Wasserfall auf den Menschen macht. Sein Sturz in die Tiefe ist donnernd und schreckenerregend. Wer von euch, meine Kinder, möchte wohl in der Nähe eines Wasserfalles, in der Nähe einer solch' stürmischen Naturgewalt, schroffen Felsen gegenüber, über die des Flusses mächtige Fluth rauscht, wohnen? Schauerlich ist es anzusehen860 und anzuhören, wie der Donner des Niedersturzes das Waldge birge und die Landschaft durchhallt, wie, ähnlich einem Fluthen- gewitter, der Wasserfall seinen Schaumregen hinaus und hinab von Ufer zu Ufer, von Felsen zu Felsen wirft, bis end lich Ruhe in die Weiterbewegung kommt. Solche Erscheinungen hat die Natur viele auszuweisen, won denen ich euch Einiges erzählen will, was ich mit Freuden thue, da ich alle die hier genannten Naturschauspiele mit eigenen Augen gesehen, angestaunt und bewundert habe. 1. Der merkwürdige Fall des Reichenbschs ist ungefähr eine halbe Stunde von Mehringen (ein Fleckchen des Hasli- thales in der Schweiz) entfernt. Als ich dem Falle auf einige hundert Schritte nahe kam, wurde der Staubregen schon mit einer solchen Gewalt und so dicht auf mich getrieben, daß ich kaum mehr vor mich Hinsehen konnte. Bis auf ungefähr 40 Schritte rückte ich ihm entgegen; näher mochte ich doch nicht hinzugehen, obwohl man bis an den Rand des Kessels hinab steigen kann. Schon aus dem Platze, wo ich stand, mußte ich mich fast jede Minute umkehren, wenn ich es länger aushalten wollte. Als ich den ganzen Sturz vor Augen hatte, vergaß ich Schneeberge, Gletscher, Lawinen und selbst den Rheinfall, der doch auch bedeutend ist. Noch nie habe ich ein so betäubendes Erstaunen empfun den ; mir ist meine Einbildungskraft durch irgend einen Ge genstand nie so ausgesüllt und mein Verstand so heftig und anhaltend angespannt worden, als durch dieses bewun derungswürdige und, fast möchte ich sagen, einzige Schauspiel. Der Reichenbach selbst entspringt auf einer der höchsten Alpen, mit welcher das obere Haßlithal*) eingefaßt ist und nimmt in seinem Laufe alle Quellen der übrigen Alpen und die Wasser aller Gletscher auf. Einige Stunden vor seinem Falle wird er aber so wüthend, daß er Felsenstücke und abge rissene Bäume vor sich her wälzt und dieselben, mit unwider stehlicher Gewalt, über steile Felsenwände, mit in den schauer lichen Abgrund nimmt. In der Nähe ist sein Brüllen stärker, als das des heftigsten Donners, und so angreifend, daß man gewiß in wenigen Minuten ganz betäubt werden würde. *) Das Haßlithal in der Schwerz ist ein merkwürdiges und schönes Thal, das oberhalb des Brienzersees anfängt und sich von der Aar auf wärts, bis zum Hospitz des Grimsel erstreckt.861 2. Der Rheinfall bei Schaffhausen in der Schweiz. Schon eine halbe Stunde vor dem Falle, nämlich von der Rheinbrücke bei Schaffhausen, wird das Bett des Rheins so abschüssig und der Fluß selbst so reißend, daß alle Schiffe ausgeladen werden müssen. Nahe aber vor dem großen Sturze werden seine Ge wässer durch unzählige, theils verborgene, theils hervorragende Klippen in fürchterliche Strudel und schäumende Wellen ge spalten, bis er endlich von einer Höhe von etwa 25 Meter an einer steilen, aber unebenen Felswand herunterschießt. Ge rade an der Stelle, wo die herabstürzenden Fluthen sich mit dem Flusse wieder vereinigen, springen zwei Festen hervor, wovon einer die Ursache bildet, daß man nur einen Theil des Wassers übersehen kann. Dieser Theil ist aber unstreitig der wichtigste und läßt sich wiederum in vier Absätze zerlegen. Beim ersten stürzen die Wellen mit solcher Gewalt herab, daß es fast unmöglich ist, mit sterblichen Augen einen stärkern, sinnlichen Ausdruck von Kraft zu sehen. Schon von diesem ersten Sturze steigen unaufhörlich Wolken über das obere Bett des Flusses empor, und es ist, als wenn man in die Spitze einer mächtigen Wassersäule hineinsähe, die durch künstliche Triebwerke in die Höhe gehoben und zuletzt in Nebel und feinen Regen zerstäubt würde. Die drei übrigen Fälle sind weniger hoch, allein die Wuth der Wellen ist gerade da am größten, wo sie sich in die Ab gründe verlieren, die sie sich selbst ausgehöhlt haben. Diese Abgründe werfen ohne Unterlaß Strahlen von milchweißem Wasser und dicke Staubwolken aus, deren Gestaltungen und' Wälzungen eben so mannigfaltig, als die der Wolken sind^ aus denen sie entstehen und die sichtbar und langsam dem ent gegengesetzten Ufer zugetragen werden. Ein Dichter schildert den Rheinfall so: Donnernd stürzt sich über Felsen Schaumbedeckt die grüne Fluth — Aufgethürmte Wogen wälzen Sich hinab in wilder Wuth; Sich umklammernd, jäh sich bäumend, Drängen sie durch's Felsenthor; Wasserstaubes Wolken, schäumend Brausen an dem Riff empor. Wie in kampfergrimmtem Stöhnen Sprühet auf des Wasser Strahl,862 Und des Echos dumpfes Dröhnen Rollt erzürnet durch das Thal. — Auf umbraus'tem Felsgesteine Wiegt sich eines Baumes Zweig In dem Hellen Sonnenscheine Ueber der Zerstörung Reich; Auf des Wasserstaubes Wogen Ueber der empörten Fluth Lagert sich ein Regenbogen, Der im weißen Gischte ruht. 3. Der Staubbach im Lauterbrunnenthale in der Schweiz. Leset in diesem Lexikon den Artikel: Lauterbrunnen, da werdet ihr die Beschreibung eines gewiß merkwürdigen Wasser falles finden. 4. Der Gießbsch am Brienzer-See in der Schweiz. Siehe diesen Artikel. Weber. Der Weber webt entweder Wollen- oder Flachs garn. Er svannt dazu eine gewisse Anzahl Fäden, welche so lange sind, als das Tuch lang werden soll, neben einander auf und wickelt sie um das runde Holz, das man hinten am Webstuhle bemerkt. Die der Länge nach aufgezogenen Fäden heißen Kette oder Aufzug. Mit einem andern Faden, dem Ein schlag, welchen der Weber in einem kleinen Schiffchen in der Hand hat, fährt derselbe quer durch die Fäden der Kette hin durch, und bildet so das Gewebe. — Es geht dies jedoch so leicht nicht, als man glauben sollte; der Weber muß dabei aus Vielerlei merken, und Hände und Füße in Thätigkeit setzen. Weinlese. Lieber Edmund! Die letzten Freuden in der Natur, die letzte Gabe Gottes auf dem Felde — bringt der Herbst, und die Weinlese ist ihr bester Schluß. Ich weiß es, daß Du mir gern zuhörst, wenn ich Dir die Weinlese, dieses große Fest, näher beschreibe; denn die beste Frucht ist die Traube und ihre Ernte die fröhlichste. Nachdem der Wein gärtner das ganze Jahr hindurch fleißig in seinem Weinberge gearbeitet hat, denn er darf seine Hände nicht müssig in den Schoos legen, kommt der Herbst. Alles zieht hinaus in den Weinberg mit Bütten und Kufen. Die Trauben werden ab geschnitten, in Kübeln aufgefaßt, und der Winzer trägt sie in der Bütte zu der Kufe. Ueber einer großen Kufe steht eine863 kleinere, die kleinere hat durchgebohrte Löcher in dem Boden. Ein Knabe zertritt die Beeren von dem Traubenkamm, oder drückt und zermalmt sie sonst noch anderswie. Der Saft fließt in die größere Kufe, die zertretenen Trauben und der Most wer den in die Kelter geführt, der Most abgezapft und in Fäffer gegossen, das Uebrige wird unter die Presse gespannt, mit schwerer Last gedrückt, und so auch der letzte Saft noch aus gepreßt — und in Fässern im Keller aufbewahrt, zum Trinken abgezapft. Alles ist fröhlich über die süße Frucht und über den Saft, der als Wein so kräftig stärkt, erquickt und erfreut, und je älter er wiro, je länger er im Fasse liegt, nur kräftiger und edler wird. In voller Freude jauchzt, wer im Weinberg ist — und auf der Höhe kracht Flinte und Pistole, der Freu deschuß tönt mächtig herab in's Thal, und immer kracht's und von allen Bergen hallt es wieder. So schließt der Mensch die Jahresärnten, die ihm so reichlich gegeben werden, und seine letzte Freude ist die größte. Und so mag er laut ertönen der Dank zu Gott, der all das Gute gibt, und auch lauter Knall des Schießgewehres sei nur ein Dank- und ein Freudenruf dem Herrn. Lebe wohl! — Heissa! welch' ein lustiges Leben, Auf den Bergen, bepflanzt mit Reben! Wie die fleißigen Winzer sich freu'n, Ueber den herrlich gerathenen Wein; Und die muntern lustigen Knaben, Sich auch an den süßen Trauben laben. Horcht! wie's von den Bergen widerhallt, Wie froher Jubel die Luft durchschallt. Weinstock. Ein feiner Mann, in groben Rock Verhüllt, man nennt ihn einen Stock; Auch schläft er lang und rührt sich nicht, Und macht ein grämliches Gesicht. Ob dann er wohl zuweilen träumt, Er habe seine Zeit versäumt? Ich weiß es nicht; wohl so was meint Die Thräne, die im Schlaf er weint.864 Doch wenn die Augen ihm aufgeh'n, Schon ist er schöner anzuseh'n, Sein grünes Wammes zieht er dann Zur heißen Tagesarbeit an. ^ Er schafft und kocht den ganzen Tag, So viel sein Feuer nur vermag, Und daß er feine Frucht verspricht, Man merkt es wohl, doch sieht man's nicht. Den zarten Athem in die Luft Verhaucht er, ihn verräth der Dust, Und außen glüht und innen schafft Der Sonne Strahl, die eig'ne Kraft. Nun hat er sein Geschäft gethan, Fängt seinen Feierabend an, Verschenket seiner Arbeit Frucht; Wie schmeckt sie dem, der sie versucht! Der Herbst ist die Aerntezeit des Weinstocks, dessen Früchte, die edlen Trauben, dem Menschen weniger ein nothwendiges Nahrungsmittel, sondern mehr einen erquickenden, erfreuenden Genuß verschaffen, ihm eine Stärkung für seine leidende Ge sundheit gewähren sollen; denn der Wein erquicket den Menschen das Leben, so man ihn mäßig genießt, und er erfreuet des Menschen Herz. Gewiß hast du die Frucht schon als frische Trauben genossen, vielleicht sie auch in ihrem ausgepreßten Saft als Wein, oder in ihrem getrockneten Zustand als Ro sinen kennen gelernt und dich ihres Genusses erfreut! Das Vaterland des edlen Weinstocks ist uns, wie das Vaterland der meisten Getreidearten und anderer Nutzpflanzen, nicht mit Bestimmtheit bekannt. Mit ziemlicher Gewißheit setzt man es aber nach dem Morgenlande, nach Asien, in die Ge^ genden zwischen dem schwarzen Meer und dem kaspischen. In den Wäldern von Mingrelien und Jmeretien am Kaukasus bildet die Weinrebe die Königin der Bäume. Ihr Stamm er reicht dort die Dicke von 3—6' und steigt bis zum Gipfel der höchsten Bäume hinan, dieselben ganz umschlingend und ver bindend. Und dennoch findet in diesen Gegenden kein eigent licher Weinbau statt, der Ueberfluß an guten Trauben ist aber so groß, daß selbst der arme Landmann nicht alle Trauben865 ärntet, welche sich in seinem Bereich finden, sondern sie dem Winter überläßt, und öfters noch kurz vor Ostern die Trauben des vorigen Jahres vom Baume schlägt. Wohl möchte man darum glauben, daß eine Pflanze dort zu Hause ist, wo sie ohne Hinzuthun des Menschen die schönsten und schmackhafte sten Früchte liefert. Jetzt ist aber der Weinstock über einen großen Theil der Erde verbeitet, wo nur die für das Reisen seiner Früchte und seines Holzes nothwendige Sommer- und Herbstwärme gefunden wird. Besonders große Verbreitung hat sein Anbau in Europa gefunden, wo er im Süden des großen mitteleuropäischen Ge birgszuges fast überall stattfindet; auch in unserm deutschen Vaterlande (am Rhein, Main, Neckar und am Bodensee) wird er nicht unbedeutend betrieben. Besonders zeichnen sich Frankreich und Oesterreich, und hier vorzüglich Ungarn durch die Güte und Menge ihres ge wonnenen Weines aus. Durch den Anbau haben sich eine Menge Abarten des Weinstocks gebildet. Im Allgemeinen sind die in wärmern Gegenden gezogenen Sorten süßer und feuriger, die in kältern gewonnenen herber, aber duftiger. Der Werth des in ganz Europa gezogenen und gewonnenen Weines läßt sich auf mehr als 4000 Millionen Mark annehmen. Weder der Zucker-, noch der Kaffeebau, auch nicht der Theebau der Chinesen gewährt einen so großen Ertrag. Der Weinstock bildet eines der edelsten Holzgewächse mit handförmig gelappten Blättern, denen gegenüber Ranken stehen, vermittelst derer sich der Stengel an Bäumen u. dergl. festhält. Die Blätter stehen in Rispen und haben sünfblättrige Blumen kronen, deren Blättchen oben verwachsen sind. Der Frucht knoten bildet sich zu einer saftigen, saamigen Beere aus. Welt. Unter dem Worte Welt wird nicht bloß unsere Erde verstanden, sondern die Sonne, der Mond und die un zählbaren Gestirne zusammen heißen die Welt. Unsere Erde, worauf wir wohnen, ist von diesen unermeßlich großen Werken Gottes nur ein kleiner Theil. Die Sonne und die vielen Sterne, die wir des Nachts erblicken, sind meistentheils viele Hunderttausendmal größer als unsere Erde, und sind höchst wahrscheinlich eben sowohl von lebendigen Geschöpfen bewohnt, als diese. Wenn wir nun bedenken, wie unzählbare, mannig faltige und höchst weislich eingerichtete Geschöpfe auf dieser Erde sind, und dann auch nur muthmaßen, daß Gott jene noch KUrder-Conversations-Lexiksu. 55866 größeren Weltkörper auch nicht leer gelassen, so müssen wir überzeugt werden, daß der, welcher dies alles schuf, ein über alle unsere Begriffe mächtiges und weises Wesen sei. Wespe« Mit dir möchte ich meinen Spaß nicht trei ben, wenn du gleich beihnahe aussiehst, wie die Biene nur ein Bischen größer bist, schärferes Gelb und Schwarz an dir trägste wenn du gleich dein Haus so künstlich bauen kannst, — daß es aussieht, wie eine Stadt mit Mauern und mit zwei Thoren, um bei einem hinein und bei dem andern hinaus zu können, wenn du gleich so viele Zellen in deinem Hause hast. Nein, nein, mit dir mag ich nicht viel zu thun haben! O, ich fürchte mich vor dir; denn dein Stich — mit dem Stachel, den du hast—schmerzt gar zu sehr. Auch bin icb schon oft erschrocken, ich muß es sagen, wenn ich dich in Weintrauben oder im Obste versteckt fand Auch kann ich es nicht loben, daß ihr, wenn es euch an Futter fehlt, weil ihr nichts einsammelt, gleich euch selbst untereinander auffresset. Weil ich noch etwas von euch weiß, werde ich den Honig immer wohl aufbewahren;, denn man hat mir schon gesagt, daß ihr ihn so gerne aufsuchet, und was die Hauptsache ist, fresset! — Wien. Man hat ein Sprüchwort: „Es gibt nur eine Kaiserstadt, es gibt nur ein Wien", und das Sprüchwort ist in vieler Hinsicht wahr. Zwar wird Wien von London, Paris, Konstantinopel und Petersburg an Bevölkerung übertroffen; denn es hat nicht mehr als 900,000 Einwohner, zwar ist Ber lin berühmter als Universität, zwar haben Petersburg und München mehr moderne Gebäude, zwar kommt es an Schön heit der Lage Neapel, Lissabon und Stockholm nicht gleich; allein Alles zusammen genommen bleibt Wien doch eine inte ressante Stadt. Welche Erinnerungen knüpfen sich an seine alten Thürme, Paläste und Wälle!*) Hier haben die übermäch tigen Türken zweimal vor der standhaften Tapferkeit der Christen *) Die Mauern und Wälle um Wien sind jetzt aber alle niederge legt und geebnet worden. An ihrer Stelle sind die schönsten breitesten Straßen gebaut und stehen die prächtigsten Gebäude, Paläste, Gasthöse und Kaufläden. Um die ganze alte Stadt zieht sich eine prachtvolle Straße, die Ringstraße genannt, in welcher neben den Fahr- und Fuß wegen auch noch eine Pserde-Eisenbahn angelegt ist, und in welcher der Lebhafteste Verkehr herrscht.867 zurückweichen müssen; hier stand der Thron des wackern Kaisers Maximilian, hier herrschte die kluge Maria Theresia, der großherzige Joseph der Zweite, hier duldete der sanfte Franz der Erste den Uebermuth der siegenden Franzosen. Und allen diesen Kaisern waren die Bürger Wien's treue, auf opfernde Unterthanen. Gerade an dem alterthümlichen Aus sehen der Stadt kennt man, daß sie schon Biel erlebt hat. Die 4-, 5- ja Ostöckigen Häuser in der alten Stadt beweisen, daß man ehemals weniger auf Bequemlichkeit, als auf Sicherheit, weniger auf gerade, luftige Straßen als auf starke Mauern sah. Von dem hohen Thurme der Stephanskirche, einem der höchsten in Europa, betrachtete einst der tapfere Stadtkommandant das Lager der Türken und spähte nach der Hilfe, welche die Christen bringen sollten. Jetzt sind indeß die engen Straßen gut gepflastert und mit prächtigen Kaufmannsläden besetzt. Wie große Gebäude aber nocb vor handen sind, kann man daraus abnehmen, daß ein ehemaliges Spital von 1200 Menschen bewohnt ist, welche 75,000 fl. Miethe bezahlen Die Vorstädte, welche neuer uno viel großer und als die eigentliche Stadt, haben schönere Straßen und find, weil sie von einem Arme der Donan durchströmt werden, für den Handel geeigneter. Aber auch das Vergnügen hat da mehr feinen Sitz. Denn der Wiener belustigt sich gern im Freien, und an den Vorstädten auf der Insel zwischen den Armen der Donau liegt ein berühmter Park mit den herrlich sten Anlagen für Spaziergänger: der Prater. Dort strömt bei schönem Wetter, besonders an Sonntagen eine ungeheure Menscheumasse zusammen, und während die Vornehmen in prächtigen Equipagen die Alleen durchfahren, vergnügt sich das Volk unter Zelten und Buden in dem sogenannten Wurst prater. Aber jeder Fremde findet sich unter den heiteren Wie nern und in ihrer schönen Gegend behaglich. Wiefel. Lieber Karl! Welche hartnäckige Feinde die Wiesel seien, die sich durch keinen menschlichen Blick in Ruhe halten, und durch kein auch noch so gewaltiges Befehlswort abschrecken lassen, kannst Du aus folgenden Erzählungen ersehen: In Nordamerika wurde ein Arbeiter auf dem Felde plötz lich von sechs Wieseln angegriffen, die aus einem Graben auf ihn losfuhren. Der Mann, bestürzt über den furchtbaren Angriff, suchte sein Heil in der Flucht, wurde aber bald heftig verfolgt; und wiewohl er eine starke Peitsche bei sich hatte, 55*868 mit der er die Wiesel abzuhalten suchte, so hätten sie hin doch beinahe erreicht. Zum Glück bemerkte er in einiger Ent fernung einen Baumast, den er ergriff, und mit dessen Hilfe es ihm möglich wurde, seinen Feinden Stand zu halten. Es gelang ihm, drei Wiesel zu tobten; die übrigen nahmen die Flucht. Der Leser stelle sich die Gefahr, in welcher dieser Mann war, nicht zu gering vor. Das W i e s e l ist ein Thierchen von unbezwingbarer Hartnäckigkeit. Die Jäger haben das Sprüchwort: Zwei Wiesel zwingen einen Jagdhund. Ein erfahrener Schütze erzählt folgende Anekdote: Ein Adler, der ein Wiesel gefangen hatte, stieg mit seiner Beute in die Luft; bald hörte ich Schmerzenstöne; — sein kleiner Feind hatte sich so weit losgemacht, daß er den Adler in den Hals beißen konnte, und packte ihn mit solcher Hartnäckigkeit, daß der Adler sich zur Erde niederließ. Hier entrann das W i e s e l. —- Ein anderer erzählt: Vor ungefähr dreißig Jahren ging mein Vater an einem schönen Sommerabend von Edinburg auf der Straße nach Hause. In ziemlicher Entfernung, auf der Höhe zwischen seinem Standpunkte und einem Schlosse bemerkte er einen Mann der hin und her sprang , und allerhand sonder bare Bewegungen machte. Mein Vater hielt den Mann für närrisch; er stieg aber über den Straßen-Graben, um wenn es möglich wäre, dem Unglücklichen zu helfen. Als er näher hinzu kam, fand er den Mann in einem Kampfe begriffen, in dem er sich gegen eine Menge kleiner Thiere vertheidigte, die mein Vater Anfangs für Ratten hielt. Es war eine Schaar von 15 — 20 Wieseln, welche jener Mann von sich abzu treiben und vom Halse zu reißen versuchte. Mein Vater stand ihm im Kampfe bei; und weil er mit einem Stock versehen war, gelang es ihm, einige zu treffen und todt hinzustrecken. Diese Niederlage brachte die Thiere zur Flucht; sie verschwan den in den Spalten eines nahen Felsen. Der Mann war der Anstrengung und Ermüdung fast erlegen; seiner Schätzung nach mochte er wohl über zwanzig Minuten mit den Wieseln im Kampfe gewesen sein. Er erklärte, daß er ohne den glück lichen und zeitigen Beistand meines Vaters bestimmt ein Opfer ihrer Wuth geworden wäre. Am meisten Mühe hatte es ihn gekostet, die Thiere von seinem Halse abzuhalten, auf welchen sie, wie es schien, instinktmäßig losgingen. Es war ein kräf tiger Mann; sonst hätte er unter ihren Angriffen erliegen müssen. Zwei hatte er, als er sie wegriß, todtgedrückt. Seine Hände waren ganz zerfetzt und mit Blut überströmt. Das869 Beginnen des Kampfes erzählte er so: er ging gemächlich durch den Park, als er aus einmal ein Wiesel sah; diesem eilte er nach, und machte mehrere vergebliche Versuche, es mit einer kleinen Ruthe, die er in der Hand hielt, !zu schlagen; als er in die Nähe des Felsen kam, sprang er zwischen diesen und das Thier, und schnitt ihm den Rückzug ab. Aber auf einen Pfiff des Wiesels wurde plötzlich von der ganzen Kolonie ein Ausfall gemacht, und der oben beschriebene Angriff be gonnen. — Lebe wohl! Wildbad. Eine sehr wirksame Heilquelle ist die zu Wildbad in Würtemberg. In dem engen, von Wald be- gränzten Thale sammeln sich in jedem Sommer Kurgäste, und viele erlangen ihre Gesundheit wieder. Als aber vor gar langer langer Zeit der Gras Eberhard von Würtemberg in seinem Alter sich in Wildbad erholen und die vielen Wunden, die er in den Schlachten empfangen hatte, heilen wollte, wurde er plötzlich von den feindlichen Rittern überfallen und wäre ohne Zweifel von ihnen gefangen genommen worden, hätte ihn nicht ein treuer Unterthan gerettet. Ein Hirte, der ihm die Botschaft von den heranziehenden Feinden brachte, zeigte dem Grafen zugleich einen verborgenen Fußweg zur Flucht, lind als der alte Herr mit seinen Wunden nicht schnell genug den Berg zu ersteigen vermochte, nahm ihn der kräftige Schwabe auf seinen Rücken und trug ihn hinaus und ruhte nicht eher, bis er ihn hinter sichere Mauern gebracht hatte. * * * Von diesem Eberhard, er hieß auch Gras Eberhard im Barte, erzählt der Dichter Justinus Kerner: Preisend mit viel schönen Reden Ihrer Länder Werth und Zahl, Saßen viele deutsche Fürsten Einst zu Worms im Kaisersaal. „Herrlich," sprach der Fürst von Sachsen, ,,Jst mein Land und seine Macht; . Silber hegen seine Berge, Wohl in manchem tiefen Schacht." — „Seht mein Land in üpp'ger Fülle," Sprach der Kurfürst von dem Rhein,870 „Gold'ne Staaten in den Thälern, Auf den Bergen edlen Wein!" —" „Große Städte, reiche Klöster," Ludwig, Herr zu Bayern, sprach, „Schaffen, daß mein Land dem Euren Wohl nicht steht an Schätzen nach." Eberhard, der mit dem Barte, Würtembergs geliebter Herr, Sprach: „Mein Land hat kleine Städte, Tragt nicht Berge silberschwer; Doch ein Kleinod hält's verborgen: Daß in Wäldern noch so groß, Ich mein Haupt kann Ähnlich legen Jedem Unterthan in Schooß!" — Und es rief der Herr von Sachsen, Der von Bayern, der vom Rhein: „Graf im Bart, Ihr seid der reichste: Euer Land trägt Edelstein." Wind. Ich brüll' ohne Mund und Stimm' Ich flieg' ohne Flügel in vollem Grimm; Ich kann durchaus nichts bauen auf, Wersi aber viele Gebäude in Hanf! Ei, werdet ihr sagen, das ist der Wind. Der Wind ist eine bewegte Luft und entsteht, wenn das Gleichgewicht der Luft in einem großen Theile des Luftkreises, der die Erde um gibt, aufgehoben, wenn die Luft irgendwo dichter oder dünner ist, als in den umliegenden Gegenden. Dann strömt die dich tere Luft gleich in die Gegend der dünnern hin. Man kann sich dieß alles erklären, wenn man in einer erwärmten Stube ein Fenster öffnet, dann dringt' die äußere Luft mit Gewalt und Geräusch herein. Der Wind hält so lange an, bis das Gleichgewicht in der Luft wieder hergestellt ist. Es gibt auch heiße Winde, die ersticken und tödten, wie der Samum in Asien und der Sirocco in Italien. Es gibt gewöhnliche Winde und heftige Sturmwinde, Orkane. Wirbelwinde entstehen, wenn zwei starke Winde einander entgegenblasen, und daher da, wo sie zusammenstoßen, die Luft, auch Staub und Wasser, in einem871 Kreise Herumtreiben. Die Winde werden eingetheilt nach der Weltgegend, aus welcher sie Herkommen, daher haben wir einen Ost-, Süd-, West-, Nordwind. Die vier dazwischen liegenden Winde heißen: Nord-Ost-, Nord-West-, Süd-Ost-, Süd-West- Wind. — Von sich selbst sagt der Wind: Ich bin der Wind, Und komm' geschwind; Ich wehe durch den Wald, Daß weit es wiederhallt. Bald säusle ich gelind, Und bin ein sanftes Kind. Bald braus' ich wie ein Mann, Den Niemand fesseln kann. Schließt Thür' und Fenster zu, Sonst habt ihr keine Ruh', Ich bin der Wind Und komm' geschwind. Sind denn die Winde auch nothwendig und nützlich? O ja! sie reinigen die Luft, bewahren dieselbe vor Fäulniß, ver mindern die Hitze, oder auch die Kälte, indem sie warme oder kalte Luft aus andern Gegenden herbeiführen; trocknen die Erde und machen sie feucht, indem sie die Wolken und dadurch den Regen allenthalben vertheilen; zerstreuen den Blumenstaub, wodurch die Bäume und Pflanzen befruchtet werden; bewegen das Wasser, daß es nicht faule, treiben die Schiffe über das Meer; treiben Mühlen; schütteln die Bäume, und bewegen dadurch den Umlauf der Säfte. Kinder! wie viel Wohlthat erzeugt uns nicht der liebe Gott durch das eine Geschenk der Luft, die wir nicht einmal sehen, und die wir doch unter allen Wohlthaten Gottes am öftesten, bei jedem Athemzuge, Tag und Nacht genießen! — Winter. Kind. Willkommen, willkommen, Herr Winter! Du bringst uns bei deinem Erscheinen gleich die schöne Weih nachtszeit, bringst uns Schnee, daß wir Schneemänner machen und Schlitten fahren können! Vater. Ei, ei, ihr Kinder I bei solchen Freuden vergesset nur nicht, daß der Winter im Dezember kommt und im März wieder geht. — Nun möchte ich euch noch etwas zu rathen geben! Merkt auf!872 Ich kenn' ein Zuckerbäckerlein, Das streut auf Feld und Aeckerlein, Zu Stadt und Land, auf Hof und Haus, Den feinsten weißen Zucker aus. Er drechselt aus dem Wasserfall Gar lustige Bilder von Krhstall, Und wer Gefror'nes haben will, Der stehe nur ein wenig still. Gleich wartet's ihm mit Sturmeslauf Mit einem ganzen Teller auf; Wer's rath — ein Basler Leckerlein Schenkt ihm das Zuckerbäckerlein. K. Ich hab's, ich bekomm' das Basler Leckerlein! Das Zuckerbäckerlein ist der Winter. V. Ja, du hast's errathen. Auf das Leckerlein wirst du gerne verzichten, denn es schmeckt nicht süß und wird dich nur an die Zähne frieren. Sage mir lieber noch ein Liedlein von der ,,Ankunft des Winters": K. Im weißen Pelz der Winter Steht lange schon hinter der Thür' — Ei guten Tag, Herr Winter, Das ist nicht hübsch von dir! Wir meinten, du wärst wer weiß wie weit, Da kommst du mit einmal hereingeschneit. Nun, da du hier bist, da mag's schon sein, Aber was bringst du uns Kinderlein V — Was ich euch bringe, das sollt ihr wissen, Fröhliche Weihnacht mit Aepfeln und Nüssen, Und Schneeballen, Wie sie fallen, Und im Jäner auch Schneemänner. Nachstehendes Gespräch wird euch auch noch interefsiren. Merket auf! Bater Th hatte drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, den dreizehnjährigen Theodor, den neunjährigen Hugo und die zehnjäh rige Lina. Einst an einem milden Wintertage, es war im Februar, sagte der Vater: Nun Kinder, wir wollen heute eine Fahrt zum Onkel machen! Da hüpften die Kinder vor Vergnügen. Der Kutscher aber richtete den Schlitten her, und schirrte die Pserde an. Als alles bereit war, stiegen873 Vater, Mutter und Kinder ein. Klatsch, ging es zun: Hofthor hinaus, als hätte der Schlitten Flügel. Blendend weiß lag der Schnee auf den Aeckern und Wiesen; er glänzte im Sonnenschein wie weiße Seide. Scharf ging der Wind den Kindern in's Gesicht, und Lina's Backen blühten schöner als eine Rose im Garten. Wie im Flug ging es vor einer Mühle vorbei. Lustig tummelten sich die Räder im Wasser, aber dicke Eiszapfen hingen an Balken und Brettern. Dann ging es durch einen Wald. We bogen sich die Aeste der Waldbäume unter dem Schnee, der aus ihnen lag. Theodor. Sieh, Vater, dort laden die Leute große Stücke Eis auf einen Wagen! Es war nämlich da ein Teich, dick gefroren und von ferne sah man die Häuser und Thürme der nahen Stadt. Hugo. Sie wollen etwa gar von Eis ein Haus bauen? Lina. Warum nicht gar! Wer möchte in einem Haus von Eis wohnen? Das wird ja im Sommer zu Wasser! Theodor. Aber was wollen die Leute denn mit den Eisstücken ansangen? Vater. Nun, was meint ihr, Kinder? Hugo hat so gar Unrecht nicht. In Rußland war einmal ein Kaiser, der ließ sich in einem recht kalten Winter nicht blos einen Palast, sondern sogar Kanonen aus Eis machen. Aus diesen Eis- stücken aber wird kein Palast gebaut, sondern man fährt sie in die Stadt, bringt sie in tiefe Gruben oder Keller, und hebt sie für den Sommer auf. Lina. Da will man's gewiß kochen und essen. Mutter. Nein, du kleine Spaßmacherin, davon machen die Zuckerbäcker ihr Gefrornes. Lina. Gefrornes? was ist denn das? Mutter. Das sind eingemachte Zuckersachen, die man mit Eis vermengt, damit sie recht kühlend werden. Lina. Das muß gut schmecken! Mutter. O ja, das schmeckt wohl der Kehle gut, be kommt aber dem Magen schlecht, wie alle Zuckerwaaren. Während dem sah man schon das Dorf, wo der Onkel wohnte, von ferne. Am Weg ging eine Frau, welche einen Bündel Reisig ans dem Rücken trug. Nebenbei lies ein Büblein mit fast nackten Füßen. Lina. O der arme Knabe, der wird sich wohl die Füße erfrieren? Vater. In diesem milden Winter doch wohl nicht so leicht. Aber es hat schon Winter gegeben, da vielen Leuten Füße und Hände erfroren sind, trotz der Stiefel und Hand schuhe; die Kälte war dann oft so groß, daß die Bäume und Felsen zerplatzten. Am schlimmsten ergeht es aber dann in874 Schnee und Wind den Thieren in Wäldern und Feldern. Die armen Vögelein werden vor Hunger und Kälte so matt und steif, daß sie nicht blos in die Häuser kommen, sondern aus der Luft herabfallen. Die wilden Thiere, welche in guten Tagen vor den Menschen fliehen, treibt der Hunger in Dörfer und Städte. Doch haben die Vögel ein Federkleid und die wilden Thiere einen Pelzrock; aber die armen Leute haben dann mit ihren Kindern oft nicht einmal Kleider und Betten. Da muß man denn barmherzig sein, wie der Vater im Himmel barm herzig ist. Nun war mau im Dorf. Unter dem Geklingel der Schlittenschellen ging es hinein und auf das Hans des Onkels zu. Klara, des Onkels Töchterlein aber stand am Fenster. Klara. Der Onkel kommt, der Onkel! Alles lief die Treppe hinunter, während der Schlitten vor dem Hause hielt. Alle. Willkommen! willkommen! Gott grüß' euch! Das war eine Freude. Man hob den halberfrornen Hugo aus dem Schlitten. Onkel. Nun, nur herauf in die warme Stube! Die Kinder setzten sich sogleich um den Ofen, und rieben sich die er starrten Hände. Bald stand ein dampfender Theekessel auf dem Tisch. Eltern und Kinder setzten sich herum Die Tante schenkte ein. Das war ein Vergnügen, auf die kalte Fahrt einen warmen Thee zu trinken. Da wurde auch der halb erfrorne Hugo wieder ganz lebendig. Unterdessen hatte sich draußen der Himmel mit grauen Wolken über zogen Es fing an zu schneien; der Wind pfifs darein, und jagte die Schneeflocken kreuz und quer unter einander herum. Das sahen die Kinder mit lachendem Munde, schwatzten dabei von dem und jenem. Als es nun Abend war und man hatte Licht angezündet und gegessen, sagte die Mutter: Hört nur, wie der Wind um die Fenster saus't! Ach, wie mag es den armen Mädchen auf dem Schwarzwald um's Herz gewesen sein! Klara. Was denn für Mädchen? Mutter. Nun, wenn ihr schön aufmerken wollt, will ich euch die Geschichte erzählen! Alle. O ja, o ja! Mutter. Nun denn. Zwei Mädchen, Kunigunda und Rosina, wollten an einem Wintertage ihre Pathin besuchen. Mit dem Spinnrocken in der Hand nahmen sie von Vater und Mutter Abschied und gingen fort. Die Schneeflocken wirbelten in der Luft herum,, wie heute. Als sie nun bis auf einen875 Bergrücken des Schwarzwaldes gekommen waren, wurde das Schneegestöber so arg, daß sie weder vorwärts noch rückwärts den Weg mehr finden konnten. Da wurde ihnen freilich bange, und um nur gegen den Schneesturm ein wenig sicher zu sein, drängten sie sich am Ende eines Hohlweges unter ein Tannen gebüsch hinunter, über welches der Schnee ein Dächlein ge macht hatte. Ihre beiden Spinnrocken aber steckten sie inein ander, banden an die Spitze ein rorhes Tüchlein, und steckten diese Fahne auf das Dach ihres Schneehäusleins. Aengstlich hielten die Mädchen einander umfaßt, und Ro- sina sagte: „Ach, Kuni, wie wird es uns gehen!" „Sei nur stille, Rosinchen," erwiederte Kuni, „der liebe Gott wird uns nicht verlassen, sondern uns Helsen." Nun wurde es Nacht. Der Schnee legte sich rings um die Mädchen herum uno be deckte endlich ihre kleine Höhle ganz und gar. Da flüsterte Kuni leise: Ach, mein Heiland, laß mich nie aus deinen treuen Armen, und thu' nichts anders spät und früh als meiner dich erbarmen! Und Rosina sagte: Amen! — Ihr fielen die Augen zu. Auch Kuni war stille und schlief ein. Vater und Mutter legten sich zu Hause ruhig nieder, denn sie dachten nicht anders, als die Mädchen seien bei der Pathin. Als sie aber am andern Morgen den hohen Schnee sahen, schickten sie einen Boten fort, der die Mädchen holen sollte. Der brachte die Nachricht, sie seien nicht bei der Pathin. Da erschracken Vater und Mutter nicht wenig, riefen die Nachbarn zusammen und gingen mit Hacken und Schaufeln hinaus, die Kinder zu suchen. Siehe, da stand die Fahne mit dem rothen Tüchlein nur noch mit der Spitze zum Schnee heraus, und als man die Kinder rief, gaben sie Ant wort. Hurtig schaufelte man den gewaltigen Schneehaufen weg; mit tiefer Wehmuth umarmten die Eltern ihre geretteten Kinder, und gingen getrost nach Hause. Während die Mutter so erzählte, war der kleine Hugo halb einge- schlafeu. Die Kinder gingen nun in's Bett. Als sie am andern Morgen aufstanden, ei, wie waren da die Kammerfenster dick gefroren I Lina. Ei sieh, Theodor, wer hat die zierlichen Blätter, Blumen und Büsche an die Fensterscheiben gezeichnet? Theodor. Das hat Herr Winter mit seinem eiskalten Finger gethan. Hu, hu, mich sriert's, wollen wir in die warme Stube!Wie freute sich Hugo, als er die Kaffeeschalen klappern hörte. Die Tante nahm die Kaffeekanne zur Hand, und die Kinder ließen sich's wohl schmecken. Draußen aber schneite es nicht mehr, sondern die Morgenröthe stand hell am Himmel. Die schwarze Erde hatte ein blendendweißes Kleid au, dicht lag der Schnee auf den Dächern der Häuser und den Aesten der Bänme, und jeder Pfahl hatte ein weißes Käppchen auf. Und wo me luegt isch Schnee und Schnee, me sieht ke Stroß und Fuß-Weg meh. Hinausstürmteu die Kinder in den hellen Wintertag und tummelten sich im' Schnee. Theodor. Laßt uns einen Schneemann machen! Alle. Ja, ja, einen Schneemann. Da ging es lustig zu. Ein großer Schneeball wurde gedreht und noch einer; beide - legten sie aufeinander. Dann drehten sie noch einen kleinen, machten ein Maul, eine Nase und zwei Augen hinein, und setzten dem Schneemann den Kopf auf, darauf steckten sie ihm einen Stock an die Seite, tanzten um ihn herum und saugen: Alle. Schneemann dort am Gartenzaune hat gar eine üble Laune. Steht er dort den ganzen Tag, weiß nicht, was er reden mag. Theodor. Nun laßt ihn stehen, er muß Wache halten. Darauf warfen sie mit Schneeballen nach einem alten Tops, den sie auf einen Holzstoß gestellt hatten. Theodor traf ihn so derb in das schwarze Gesicht, daß er scheppernd entzwei fuhr. So trieben sie sich herum, bis am Mittag die dampfende Schüssel auf dem Tische stand. Da hatte Theodor ein Zweigleiu von einem Pflaumenbaum mitgebracht, um das ein Ringlein von vielen Eierchen herumgelegt war. Vater. Das sind die Eier eines Nachtschmetterlings, welche man den Ringvogel nennt, weil er seine Eier wie ein Ringlein um die Baumzweige klebt. Lina. Die sind gewiß erfroren? Vater. Da irrst du dich. Sie sind frisch und gesund; aus jedem dieser Eilein brütet die Sonnenwärme im Frühling ein Räupchen aus. Das ist eben so wunderbar, daß kein Schmetterlingsei erfriert, auch im härtesten Winter nicht. Wenn man euch, die ihr doch so groß seid und warm angezogen, hin aussetzte unter den freien Himmel in den Schnee, so würdet ihr in einer Nacht erfrieren; aber ein solch kleines Ei erfriert nicht, obgleich Wind und Schnee beständig um dasselbe herum brausen. Auch die Puppen der Schmetterlinge erfrieren nicht, und aus jeder Puppe schlüpft ein buntes Vögelein heraus wie aus einem Särglein. Lina, sage uns die zwei schönen Verse aus ,,de m Winter? von Hebel!877 Lina. Meng Sommervögeli schöner Art lit nnterm Bode wohl verwahrt; es het kei Chummer und kei Chlag. und wartet uf si Osterstag; und.gangs au lang, er chunt emol und sieder schlofts, und 's isch em wohl. Doch wenn im Frühling 's Schwalmli singt, und d'Sunne-Wärmi abe dringt, potz tausig, wacht's in jedem Grab, und streift sie Todtehemdli ab. Wo nummen au ne Löchli isch, schlieft's Leben use jung und frisch. Hugo. Aber Vater, wo kommen denn die Ameisen hin? Die sterben gewiß. Vater. Nein, Hugo, sie sterben nicht, sie erstarren nur; tief kriechen sie in die Erde hinein und halten ihren Winterschlaf. Die Frühlingssonne weckt sie dann auf, und sie gehen wieder, munter und emsig, an ihre Arbeit. Schon lange war das Essen vorbei; die Nachmittagssonne schien freundlich zu den Fenstern herein, und hatte alle Blätter und Blumen, die der Winter an die Fensterscheiben gezeichnet hatte, weggeschmolzen. Da wartete auf die Kinder noch ein großes Vergnügen. Vor der Thüre stan den schon die Schlitten bereit. Draußen vor dem Dorfe war ein Hügel mit einer glatten Schlittenbahn Da hatten sich eine Menge Knaben und Mädchen aus dem Dorfe mit Schlitten versammelt. Unter Lachen und Schwatzen ging es saufend über die Bahn herab. Theodor nahm den kleinen Hugo auf den Schooß. Nun ließ er den Schlitten los; das fauste hinab, daß Hugo laut jauchzte. Aber die arme Lina warf um, und fiel in den Schnee; doch lachend stand sie auf, wie mit Mehl gepudert, und Klara klopfte ihr den Schnee von den Kleidern. Da spürten die Kinder nichts von der Kälte, und auch als die Sonne schon untergegangen war, hatten, sie des Fahrens noch nicht genug, bis die Eltern die Magd schickten, sie zu holen. Als gegessen und abgedeckt war, ging Lina an's Fenster und schaute hinaus. Der Himmel war ausgebreitet wie ein dunkelblaues Tuch; an ihm funkelten unzählige Sterne wie eben so viele prächtige Edelsteine. Plötzlich fuhr sie zurück und rief erschrocken: Lina. Ein Gespenst, ein Gespenst! Eltern und Kindern liefen an's Fenster. Da stand unten im Hof eine weiße Gestalt, gleich einem dicken Zwerge, der feurige Augen hatte; Feuer ging ihm zum Mund und zur Nase heraus. Vater. Theodor, geh' hinab, und führe den Zwerg mit seinen Feueraugen herauf; er foll mit uns essen und trinken! Da verkroch sich Theodor hinter die Mutter. Diese aber sagte:878 M utter. Ich glaube gar, eurem Schneemann ist noch ein feuriger Kopf gewachsen. Kommt, wir wollen es unter suchen. Damit nahm sie ein Licht und ging voran, die Kinder alle hinten drein. Hugo. Aber Mutter, wenn dir der böse Feuermann etwas thut! Mutrer. Das wird er nickt. Die Mutter machte die Hausthüre auf. Da bekam Theodor den Muth nach den Augen des Zwerges mit einem Schneeball zu zielen. Plautsch, fuhr der Ball dem Zwerg an die Ltirn, und der Kopf war ver- fchwunden. Nun ging tue Mutter mit den Kindern hin. Da stand der Schneemann mit seinem L-tock und rührte sich nicht. Aber neben im Schnee lag eine große runde Kugel. Lachend hob sie Klara auf und sagte: ' Klara. Da haben wir den Kops. Lina. Und was war es denn? Ein ausgehölter Kürbis, in den zwei Augen, ein Mund und eine Nase hineingeschnitten waren. Inwendig stack ein Lichtlein. Die Mutter zündete es an und stellte den Kürbis auf den Schneemann, da stand wieder der feurige Zwerg Nun war es aber Zeit, in's Bett zu gehen. Alle gaben sich gute Nacht. Am andern Morgen war schon um sechs Uhr alles lebendig. Eltern und Kinder nahmen Absch.ed, eilig trabten d:e Pferde der Heimath zu, und am Mittag fuhr der Kutscher knallend zum Hofthor hinein.*) Winterschlaf der T h i e r e. Lieber Hermann! Ich habe Dir Einiges über die großen Reisen geschrieben, welche die Zugvögel machen (siehe diesen Artikel), und daß sie diese mühevollen Reisen deßwegen unternehmen, weil ihnen hier die nöthige Nahrung fehlt, und ihnen überhaupt der Winter nicht behagt. Die Winterkälte können aber auch viele andere Thiere nicht ertragen. Diese können jedoch nicht so schnell und leicht über Flusse und Berge und zuletzt über's Meer wandern, als die Vögel. Darum fallen sie im Herbst in einen tiefen und langen Schlaf, und erst wenn der Frühling kommt, wachen sie wieder aus. Die Murmelthiere z. B. graben sich eine Höhle mit einem langen Eingang, in welcher sie den langen Winter schlafend zubringen. Damit sie aber ein weiches und warmes Lager haben, füttern sie die Höhle mit Heu aus. Im Oktober kriechen sie hinein und verstopfen den Eingang mit Erde und *) Zu obiger Erzählung lies auch „Bor boten des Frühlings" und „Frühling" in diesem Kinder-Lexicon.879 Steinen. Bald darauf rollen sie sich wie eine Kugel zusammen und erstarren, ihre Glieder werden steif und kalt, als wären sie tobt. So schlafen sie sieben Monate, bis sie im Mai die Frühlingssonne wieder ausweckt. Auck der Hamster hält einen solchen Winterschlaf, ebenso die Eidechsen und die Schlangen. Und wie sonderbar! Bei uns erstarren die letztgenannten Thiere vor Kälte, und in heißen Ländern vor Hitze. Wenn z. B. die große Hitze in Südamerika das Wasser der Sümpfe und Lachen austrocknet so bleibt manches Krokodil und manche Wasserschlange im trocknen Koth stecken und verschläft den heißen Sommer. Kommt dann ein langer Regen, und be feuchtet den dürren Boden, da sieht man plötzlich die Erde sich bewegen, ganze Schollen werden fortgeschleudert, und was geschieht? Eine große Wasserschlange oder ein bepanzertes Krokodil steigt aus dem Schlammgrab heraus. Merke, lieber Hermann, die Vögel führt der gütige Schöpfer über's Meer nach Afrika, und die Murmelthiere läßt er den traurigen Win ter verschlafen. Lebe wohl! Wohlanständigkeitsregeln für Kinder. 1. Wasche jeden Morgen den Mund, das Gesicht und die Hände mit frichem Wasser. Gehe nie mit zerzausten Haaren, mit kothigen Schuhen, mit schmutzigen oder zerissenen Kleidern unter die Leute. Schone dein Gewand, so kannst du immer schön und sauber ge kleidet sein. 2. Rede langsam und deutlich, daß man dich verstehe; halte nicht die Hand, den Hut, die Haube oder etwas anderes vor den Mund, wenn du redest; sieh die Leute an, mit welchen du redest; rede mit dem Mund, nicht mit den Händen. 3. Die Hände sollen frei sein. Stecke sie nicht in die Kleider; dieß ist unanständig — oft gar wider die Ehr barkeit. 4. Kratze nicht am Kopfe oder an einem andern Theile des Leibes; nage nicht an den Fingern. Weg mit den Fingern aus dem Munde, von der Nase — pfui! 5. Lache Andere nicht aus; gib ihnen keinen Spott- und Schimpfnamen, vermeide das Zanken und Streiten und Lärmen und Toben auf der Straße. Sei sried- und dienstfertig, und besonders gegen alte Leute ehrerbietig.880 6. Erlaube weder dir noch Andern unanständige Necke reien. Sei vielmehr gegen Jedermann freundlich und höflich. Wer And're und sich selbst nicht ehrt, Der ist auch keiner Ehre werth. Wolf. Was für einen gefährlichen Vetter doch der Hund an dem Wolf hat, an diesem schädlichen, gefräßigen und wahr haft fürchterlichen Raubthiere, das in denjenigen Ländern Euro pas, wo es noch nicht ausgerottet ist, den Löwen und Tiger recht gut ersetzt! Bei uns gibt es Gottlob keine Wölfe mehr, nur hie und da spaziert einer im strengen Winter aus den Vo gesen über den gefrornen Rhein herüber, und macht seine An wesenheit durch nächtliche Räubereien, die er an Schafen, Rehen re. verübt, kund; gewöhnlich aber treibt er sein Unwesen nicht lange; denn wo man ihn spürt, da steht Alles gegen ihn auf, was die Flinte tragen kann, und die Jäger wetteifern um die Ehre, dem ungebetenen Gast den Garaus zu machen. In Polen, Rußland und Frankreich gibt's noch viele Wölfe. Den Schafen stellt er besonders nach. Die Pferde greift er von vorn, die Ochsen von hinten an. Im Winter gehen große Schaaren von ihnen auf Wägen und Schlitten los. Sie fürchten nur das Feuer und das Geräusch der Ketten. Werdet ihr aber glauben, daß auch ein Wolf zarter An hänglichkeit an den Menschen fähig ist? — Eine Dame in der Nähe von Gens (Schweiz) hatte einen Wolf ausgezogen, der ihr sehr zugethan war. Nun mußte die Dame eine Reise machen. Darüber wurde das Thier so betrübt, daß es von ihrer Abreise an nicht mehr fressen wollte. Als sie nach etlichen Wochen wieder zurückkam, rannte der Wolf mit einer unmäßi gen Freude zu ihr aus das Zimmer, sprang an ihr hinauf, legte seine Pfoten auf ihre Schultern, fiel dann zurück und — starb. — Hier vernehmt noch die Geschichte von dem Muthe eines Knaben! In Frankreich lebte ein fröhlicher Weingärtner, der zwei Kinder hatte. Veronette hieß das Mädchen, Anton der Knabe. Es trat ein fürchterlich strenger Winter ein; der Wein fror im Keller und das Wasser in manchem Brunnen; der Schnee stand 1 Meter hoch. Das Wildpret fiel vor Hunger um, _ und die Rebhühner ließen sich mit der Hand fangen. An einem881 dieser Wintermorgen mot Anrons Barer mir der Mutter in den Wald gegangen, um-Holz zu fällen. Der zwölfjährige Anron mußte zu Hause bleiben, weil seine kleine Schwester Veronette in der Wiege lag. Plötzlich sprang ein junger Wolf in die Hütte, deren THüre durch Zufall halb geöffner war. Beim Anblick dieses häßlichen Thieres gerieth Anron halb außer sich vor Begierde, feine Schwester, aus die der Wolf hineilre, zu retten, und ohne zu weichen, trat er mit Kühnheit dem reißenden Thiere entgegen, ballte die Faust, und stieß sie ihm mit aller Kraft in den geöffneten Schlund. Umsonst kämpfte das wüthende Thier, umsonst weicht es zurück, um von neuem ^Athem zu schöpfen, der tapfere Anton läßt nicht ab; er treibt es unter einen Backtrog, wo es unbeweglich stehen bleibt, bis es außer Athem und leblos zu Boden stürzt. Dieser unge wohnte Kämpf, die Besorgniß, daß ihm seine Beute entwischen möchte, und die unbequeme Stellung, in der er länger als eine Stunde ausharrte, erschöpften endlich die Kräfte des mmhoollen Knaben. Er fiel selbst, ohne ein Zeichen des Lebens, neben seinem erlegten Feinde zur Erde. Da der Weingärtner zurück kam, schrie er beim Anblick dieses Schauspiels vor Schrecken laut auf; bald aber verwandelte sich dieses Geschrei in den Ausruf der Freude und Verwunderung, nachdem er sich über zeugt hatte, daß sein Sohn bloß in der Ohnmacht liege. Da dieser nach und nach zu sich gekommen war, erfuhr er von ihm die merkwürdigen Umstände dies furchtbaren Vorfalls, der so drohend begann und so glücklich endete. Die ersten Worte, welche Anton aus sprach, als er von seiner Ohnmacht erwachte, waren: ,,Lebt Veronette noch?^ Von dieser Minute an sprach man in der ganzen Gegend von dem ausgezeichneten Muthe des kleinen Anton. — Lieber Oskar! Der Wolf, das furchtbarste Raubthier, kommt an Stärke dem Bären, an Schnelligkeit dem Panther bei weitem nicht gleich, und wird häufig den kräftigeren Raub- thieren zur Beute. Dennoch ist er wohl die schrecklichste Bestie, die es aus Erden gibt. Denn er ist unersättlich ün Morden; was er nicht fressen kann, zerreißt er; und wenn er einmal in eine Heerde eingebrochen ist, so hört er nicht aus zu würgen, bis alles tobt ist. Am Tage hält er sich in der Regel ver borgen; erst des Abends, in der Dämmerung, geht er auf den Raub aus. Einen Weg von 30 Stunden in der Nacht zu lausen, ist ihm nicht zu viel. Renulhiere, Hirsche, Rehe und Hasen jagt er so lange herum, bis sie vor Mattigkeit nicht Kncher-TvnversativAS-Lexiko». 56882 mehr weiter können. Die Schafe aber machen seine Haupr- nahrung aus. Darum schleicht er immer um die Schafheerden herum, und lauert auf den Augenblick, wo er einen Hammel davonschleppen kann. Du kannst Dir denken, daß der Schäfer hund sein größter Feind ist. Sobald dieser den Wolf sieht, sträuben sich seine Haare, und er greift den Räuber wüthend an. Sie beißen einander so lange, bis einer von beiden todt ist. Auch das Pferdefleisch ist den Wölfen eine angenehme Speise. Sie fallen deßhalb die Pferde ' vor Schlitten und Wägen an, springen ihnen auf das Kreuz, und reißen sie nieder. Sind jedoch mehrere Pferde beisammen, so wehren sie die Wölfe geschickt ab. Sie stecken nämlich die Köpfe zusammen, schlagen mit den Hinterbeinen aus, und treiben so die andrin genden Wölfe zurück. Die Ochsen machen es umgekehrt; sie weisen dem Wolfe die Köpfe, und reißen ihm, wenn er an greifen will, mit den Hörnern den Leib auf. Kann man sich etwas Schrecklicheres denken als eine Rotte solcher Ungeheuer, wenn sie im Winter einen Schlitten stunden lang verfolgen, und zuletzt heißhungrig über das zusammen sinkende Pferd und die waffenlosen Reisenden herfallen? Lebewohl! * * * Don einem K inde, das unter die'Wölfe gerathen ist, werdet ihr gewiß gern erzählen hören! Aus dem Riesengebirge lebte einmal eine Frau, die hatte ein dreijähriges Kind und eine Kuhheerde. Die Heerde aber gehörte nicht der Frau, sondern sie hütete sie nur. Einmal saß sie mit ihrem Kinde' auf einem grünen Platze nahe an dem Walde und aß mit ihrem Kinde das Mittagsbrod, wäh rend die Kühe im Grase weideten. In dem Walde gab es aber noch Wölfe., und als die Kühe in den Wald gingen, wo es kühl war und auch Gras wuchs, da dachte die Frau, der Wolf könne kommen und eine Kuh angreifen. Sie stellte die Schüssel mit dem Brei vor das Kind, gab ihm seinen hölzernen Löffel und sagte: „Da Kind, nimm und iß; nimm aber den Löffel nicht zu voll \ u Sie stund auf, ging in den Wald und wollte die Kühe heraustreiben. Wie nun bas Kind so allein war und Brei aß, sprang eine große Wölfin aus dem Wald heraus, faßte das Kind mit den Zähnen an der Jacke und trug es m den Wald. Als die Mutter zurückkam, war kein Kind mehr da, die Schüssel war umgeworfen, aber der Löffel lag nicht883 §abei, den hatte bas Kind in der Hand behalten. Wie das die Mutter sah, dachte sie gleich, das hat kein Anderer gethan, als der Wolf, und lief in das Dorf und scbrie entsetzlich, daß die Leute herauskämen. Unterdessen kam ein Bote durch den Wald gegangen, der hatte sich verirrt und wußte nicht recht, wo er war. Da hörte er eine Kinderstimme laut sagen: „Geh', oder ich geb' dir was!" und wie er das Gebüsch auseinander biegt und sehen will, was denn da sein kann, sitzt ein Kind auf der Erde und vier kleine Wölfe fahren immer aus das Kind zu und schnappen nach seinen Händen, — aber die alte Wölfin war nicht dabei, denn sie war wieder in den Wald gelaufen; sie hatte das Kind ihren Jungen gebracht, wie eine Katze ihren Jungen eine Maus bringt, die mit dem Thierchen spielen, bis sie es endlich erwürgen. Wenn nun ein Wölflein nach den Händen des Kindes schnappte, schlug das Kind es mit dem Löffel auf die Nase und sagte: „Geh', oder ich geb' dir was!" Der Bote erschrack, lief aber sogleich hin, jagte die jungen Wölfe auseinander, nahm das Kind auf die Arme und lief damit so schnell er lausen konnte, denn er fürchtete, die alte Wölfin könnte wieder kommen. Bald hörte er die Bauern aus dem Dorfe; diese kamen mit Heugabeln, Dreschflegeln, Aexten u. s. w. und wollten die Wölfe tobt schlagen. Die Mutter des Kindes war auch bei ihnen, und als sie ihr Kind wieder lebendig und unverletzt sah , so war sie sehr erfreut und dankte dem guten Mann tausendmal, und noch mehr dem lieben Gott, daß er ihr Kind nicht hatte fressen lassen. Die Bauern suchten mit dem Boten das Lager der jungen Wölfe; aber diese waren mit der Wölfin fortgelaufeu in das Dickicht des Waldes. -S 4 - * Ich weiß noch eine Geschichte von zwei Knaben und zwei Wölfen; wenn es euch angenehm ist, so will ich sie euch mit theilen ! „Ja, es ist uns ganz recht, wir bitten sehr um die Er zählung!" Nicht weit von Bistriz in Ungarn wohnte eine Wtttwe auf einem Dorfe; die war krank und schickte, weil es an Holz mangelte, ihre beiden Knaben mit dem Schlitten hinaus in den Wald. Von diesen Knaben war der älteste noch nicht zwölf, der andere erst acht Jahre alt. Wie sie mit ihrem 56 *884 Schlitten an der Kirche vorüberkamen, sagte der jüngere: „Janko, mir ist wunderbar zu Muth; es ist mir, als müßte uns ein Unglück begegnen. Laß uns erst in die Kirche gehen." Der ältere antwortete: „Ich bin auch dabei. Mir hat diese Nacht wunderbares Zeug geträumt; ich weiß es aber nicht deutlich mehr; nur daß ich blutete." Sie ließen also ihren Schlitten vor der Kirche stehen, gingen hinein und beteten. Dann fuhren sie weiter und waren recht wohlgemuth, obgleich sie einmal über das andere tief in den Schnee fielen, und dürres Holz fanden sie auch im Ueberfluß. Und schon waren sie damit beschäftigt, es aus den Schlitten zusammenzulegen und festzubinden, als sie in der Ferne zwei Wölfe erblickten^ die in gerader Richtung aus sie zuliefen. Ihnen zu entrinnen war unmöglich; ein Baum, auf den sie sich hätten retten können, war nicht in der Nähe, denn ringsum war nur Buschholz. Und was hätte ihnen auch der höchste Baum geholfen? Die Wölfe hätten dabei Wache gehalten, bis die Knaben vor Hunger und Mattigkeit heruntergefallen wären. Was thun sie also in dieser Noth?— Der ältere, ein entschlossener Knabe, deckt den jüngern mit dem Schlitten zu, wirft so viel Holz darauf, als er kann und ruft ihm zu: „Bete, aber rühr' dich nicht! Ich habe Muth." „Ach mein Gott!" sagte der Kleine weinend, „wenn wir umkämen, die Mutter stürbe vor Gram." Der eine Knabe stack also unter dem Schlitten und dem dürren Holze; der größere aber, der Janko, stellte sich mit der Axt in Positur*), und wie der eine Wolf, der am hitzigsten vorausge laufen ist, herankommt, versetzt er ihm einen Hieb in den Nacken, daß er zu Boden fällt. In diesem Augenblicke packt ihn der andere Wolf am Arm und reißt ihn zu Boden. Hier faßt er nun mit krampfhafter Angst das Unthier mit beiden Händen an der Kehle und hält den weit geöffneten Rachen von sich ab, ohne jedoch zu schreien, um das Leben seines Bruders nicht in Gefahr zu bringen. Diesen aber ergriff in seinem Versteck eine unbegreifliche Angst. Er wirft den Schlitten und das Holz von sich, rafft die zur Erde gefallene Axt aus und versetzt dem Wolf einige Hiebe auf den Rücken. Dieser wendet sich nun gegen den neuen sieind und er würde ihn ohne Zweifel zerrissen haben, hätte sich der andere nicht blitzschnell ausge- *) Sich in Positur stellen, das heißt: sich gesaht machen, bereit hallen, anschicken.885 rafft und die Axt dem Wolfe in den Kopf geschlagen. So waren also zwei schwache Knaben mit Gottes Hilfe Herren von zwei furchtbaren Raubthieren geworden, ohne selbst nur eine gefährliche Wunde bekommen zu haben. Verwundert sahen sie sich jetzt einer den andern an, dann die Thiere, die mit offenem Rachen auf dem Rücken lagen, und staunten über das furcht bare Gebiß und die gewaltigen Zähne, die sie hätten zermal men sollen. Dann knieten sie nieder und beteten; und nach dem sie Gott für ihre wunderbare Rettung gedankt hatten, kamen sie jubelnd mit ihrem Holze und den beiden erlegten Wölfen auf dem Schlitten nach Hause und zogen dann mit den Wölfen durch die Straßen von Bistriz, wo sie ihre Ge schichte erzählten und dann von der ganzen Stadt bewundert, geliebkos't und beschenkt wurden. Es waren gar liebe, hübsche und fromme Knaben, sagte ein Kaufmann, der sie in Bistriz mit ihren Wölfen gesehen und die Geschichte erzählt hat. Wolkerr« Eine Wolke ist nichts anderes, als ein von der Erde entfernter Nebel in der Luft. Große Leute, die sich auf Bergen, welche höher als die Wolken sind, befunden haben, f sagen, daß sie daselbst durch einen dicken Nebel gegangen wären, wo man, vom Fuße des Berges gesehen, eine Wolke erblickt hätte. Die Wolken gehen nach ihrer verschiedenen Schwere bald hoch, bald tief, und ziehen über und unter einander hin und her. In der Ferne sehen die Wolken wie feste Körper aus. Daher auch die Kinder sich einbilden, daß sie aus festen Körpern bestehen, in welchen das Wasser eingeschlossen sei. Allein die Wolken sind keine festen Körper, sondern nur Nebel, weil sie ihre Figur alle Augenblicke verändern. Ihre verschie denen Farben kommen von den Sonnenstrahlen her. Die Sonnenstrahlen brechen sich in den wässerigen Dünsten und durch diese Brechung wird das Licht in Farben verwandelt, die wir an den Wolken wahrnehmen. Da die Wolken nichts anderes sind als wässerige Dünste, so steigen auch da, wo das meiste Wasser ist, die meisten Dünste auf. Das meiste Meer findet sich aber von uns aus gegen Abend, zwischen Europa und Amerika; aus dieser Gegend müssen also auch die meisten Wolken kommen. Durch die Luft und den Wind werden die Wolken von einer Gegend in die andere getragen und getrieben. Wenn der Wind von Westen kommt, so müssen auch viele Wolken zu uns kommen, weil es dort viel Meer gibt. Aus den Wolken entsteht der Regen, der Schnee, der Nebel, der Thau, der Reis und der Hagel.886 „Es ziehen die Wolken am Himmelsraum Und schaukeln und wiegen wie Welle und Schaum; Sie säumen und decken das blaue Gefild Bald drohend, bald lieblich mit manchem Gebild. Sie färben den Morgen so rosig und hold, Umhängen den Abend mit Purpur und Gold, Sie folgen der Sonne, sie eilen ihr vor, Sie wallen und schleiern am Monde empor. Ost jagt sie der Sturm — oft thürmt sich ihr Haus Und schüttelt den Blitz und den Regenstrom aus, Oft fahren sie brausend wohl über das Land, Oft glühen sie wieder von grausigem Brand. Doch leuchtet der Himmel auch heiter und rein: Es stellen sich immer doch Wölkchen bald ein. Ja selten kommet uns Tag und Nacht, Wo völlig der Himmel in Bläue uns lacht !" — Die Wolken sind also nichts anders als hoch in der Luft schwebender Nebel. Sie haben verschiedene Gestalten; oft sind sie aufgethürmt wie Berge, ein andersmal lagern sie sich wie Schichten; bald sehen sie wie dünner Flor aus, dann wie Wollenflocken, und dann heißt man sie Schäfchen. Die großen Haufen- und Schichtenwolken stehen am niedrigsten, gewöhnlich 6000—1300 Meter in der Höhe, die Florwolken und Schäfchen aber viel höher. Das kann man in Gegenden, wo größere Berge sind, vielmal beobachten! Die dicken Wolken umhüllen oft die Gipfel der Berge, stehen also nicht höher als diese. Die Schäfchen hingegen sieht man, auch wenn man auf einem Berggipfel steht, noch so hoch über sich, als wenn man im Thale wäre. Man darf also annehmen, daß sie oft über eine Stunde in senkrechter Höhe schweben; ein solches Gewölle kann man also dann 100 Stunden weit sehen. Die Farbe der Wolken ist sehr verschieden; sie sehen weiß, grau, schwarz aus und haben besonders im Sommer oft ein düsteres, ja furcht bares Aussehen. Am Morgen und am Abende aber prangen sie oft im herrlichsten Goldgelb, oder sie blinken silberweiß, oder sie strahlen im Purpurroth, oder sie sind sanft geröthet wie eine Rose. So erfüllen sie das Herz des Menschen ab wechselnd mit Furcht und Hoffnung; sie mahnen ihn^ daran, daß er selbst gar nichts vermag, sondern Alles von dem Schöpfer empfängt, der in der Höhe gebietet, wie in den Tiefen der Erde, und der nach seinem Wohlgefallen Sonnenschein und887 Regen, Kälte und Wärme, Stürme und sanfte Luft sendet. Sein Abendroth erinnert uns an seine Güte und Milde, die er seit der Zeit der ersten Eltern dem Menschengeschlechts so oft bewiesen hat, und das drohende Gewölle ruft uns in das Gedächtniß, wie oft wir seine Güte mit Undank belohnt und die Strenge der Züchtigung verdient haben. Die Wolkenzüge sind oft sehr lange, manchmal einige hundert Stunden, und dehnen sich über verschiedene Länder aus: gewöhnlich kommt ihre Breite der Länge nicht gleich. Hohe Gebirge sind die Schranken, an welchen sich die Wolken züge meistentheils brechen, und durch welche ihnen die Richtung angewiesen wird. Die Gebirgszüge halten nämlich die Winde in ihrem Laufe aus und weisen sie seitwärts ab, wie es im Kleinen durch Mauern und Häuser auch geschieht. Daher bleiben die Wolken au den Gebirgen hängen und nur die leichten fliegen über dieselben weg. So ist das hohe Alpengebirge, welches Italien wie eine hohe Mauer von Frankreich und Deutschland trennt, die Schranke, welche den kalten Winden und den Wolken verwehrt, über Italien hinzuziehen, und darum ist Italien viel wärmer, als seine Nachbarländer; denn die Wolken überschatten die Erde, entziehen ihr viele Sonnenstrahlen und vermindern dadurch die Sonnenwärme. Noch mehr aber kühlen sie durch den Regen ab, den sie auf die Erde niedergicßen; je länger es regnet, desto kühler wird die Lust, und ein nasser oder reg nerischer Sommer ist immer auch ein kühler. Wenn sich näm lich der in der Luft schwebende Nebel, den wir Wolken heißen, in Regentropfen verwandeln soll, so muß die Luft kühler werden, das ist ganz sicher; aber wie es geschieht, daß das einemal die Wolken, ohne einen Tropfen fallen zu lassen, vorüberziehen, ein andersmal aber Ströme von Regen herniedergießen oder als ein Wolkenbruch in ganzen Fluthen herniederstürzen, ist uns gänzlich unbekannt. Wir wissen nicht, wann und woher der kühle Lufthauch kommt, der die Dünste in der Luft zuerst in Nebel verwandelt und dann den Nebel in Regentropfen, eben so wenig, wann und wie die Luft wieder mit Wärme an- gesüllt wird, so daß die Regenwolken wieder in unsichtbaren Dunst verwandelt werden, und sich der blaue Himmel wieder über unser Land ausbreitet. ,,Wer mißt dem Winde seinen Lauf? wer heißt die Wolken regnen?" Das thut der liebe Gott, von dessen Wunder wir immer umgeben sind, ohne daß wir sie nur beachten. Wir gleichen vielmal dem Fische, der im Wasser herumschwimmt und nicht denkt, wer ihm das Ele-888 ment geschaffen hat, in welchem er lebt. Gott hat jedoch da für gesorgt, daß wir ihn nicht ganz vergessen. Wenn lange kein Regen fällt, wenn die ausgetrocknete Erde in tiefen Ritzen klafft, und die Gewächse des Feldes trauern und welken, oder wenn unaufhörliche Regen sie zu verderben drohen: dann denken wir wieder an den Gebieter der Natur und heben bittend die Hände auf. VZolle. Die weichen Haare der Schafe werde Wolle genannt. Viele Lausend Menschen leben, nähren und beschäf tigen sich mit der Bearbeitung der Sch afwolle. Sind nicht unsere Tücher, Zeuge und Hüte und mehrere andere unserer Kleidungsstücke davon gemacht? Je feiner die Wolle ist, desto feiner und besser wird das, was man davon macht. Die weiße Wolle ist mehr werth, als die schwarze, weil man das, was aus weißer Wolle gemacht ist, färben kann, wie man will. Die feinste Wolle erhält man von den spanischen Schafen, von den Merinos. — Wie bekommt man die Wolle von den Schafen? — Man schneidet over scheert ihnen dieselbe ab. Alle Jahre einmal, im Monat Mai ist die Schafschur. Die Schafe müssen vor der Schur alle gewaschen werden, damit die Wolle hübsch rein werde. Man sollte meinen, daß die guten Dingerchen frieren, wenn sie ihren Pelz verloren und fast ganz nackt ge worden sind. Allein dem ist nicht so; es dauert nicht lange, so werden sie es gewöhnt. Und dann ist es ja im Mai und Juni gewöhnlich warm genug, und oft schon so heiß, daß ihnen die Wolle zur Last wird, und man sie ihnen schon aus Mit- leiden, und nicht bloß aus Eigennutz wegscheeren muß; und schnitte man sie ihnen nicht weg, so würden sie dieselbe nach und nach wegripsen. Wie oft sieht man nicht halb, und fast ganz nackte Schafe. — Liebe Kinder, ich kenne aber auch eine Wolle, die nicht auf Thieren wächst, wie die Schafwolle, sondern aus einer krautartigen Staude, die alle Jahre frisch gesäet werden muß, und gewöhnlich über 1 Meter hoch wird. Sie trägt gelbe Blumen mit kleinen rothen Flecken, in denen sich länglichte Nüsse ansetzen, die im September reis, und gewöhnlich so groß wie Welschnüsse, und oft wie kleine Hühnereier werden. Das ist die Baumwolle. Die Baumwollstaude gedeiht in Ame rika wild, in Italien aber und auf einigen Inseln des Mittel meeres wird sie in großer Menge gebaut. Man säet sie an diesen Orten un März und April aus die Aecker, schneidet sie889 im Herbst, wenn sie reis ist, ab, und ärnret sie. Wenn Oie in den Schalen oder Kapseln eingesperrte Wolle reif ist, zer platzt die Schale in ein Dreieck, so daß der in der Wolle ver hüllte Samen gesehen werden kann. Eine jede Staude trägt gewöhnlich fünfzehn bis zwanzig oder höchstens dreißig Wollen kapseln. Die Wolle von der krautartigen Staude ist feiner und weißer, als die von der baumartigen, aber auch theurer und beliebter. Die Baumwolle wird roh und gesponnen zu uns gebracht. Aus Baumwolle verfertigt man z. B. Cattun, Nanking, Pique, Manchester, Mousselin u. dergl. — Würmer Ach, die Würmer, höre ich sagen! Aber auch sie hat der liebe Gott erschaffen. — Er weiß schon warum er sie gerade so und nicht anders eingerichtet hat. Kinder, wenn ihr einst größer seid, werdet ihr auch an den Würmern eine wunderbare Einrichtung finden, gleichviel, ob ihr dann den Regenwurm rc., den Blutegel oder andere, größere oder kleinere Würmer betrachtet. — Der freundliche Dichter W. H e h sagt allen Kindern, wie sie sich gegen die Würmer zu verhalten haben in dem Gedichtlem: das Würmchen. Keinem Würmchen thu' ein Leid! Sieh' in seinem schlichten Kleid Hat's doch Gott im Himmel gern, Sieht so freundlich d'rauf von fern, Führt es zu dem Grashalm hin, Daß es ißt nach seinem Sinn; Zeigt den Tropfen Than ihm an, Daß es satt sich trinken kann; Gibt ihm Lust und Freudigkeit; — Liebes Kind, ihm ihm kein Leid! Wüste ScrhirrK- Es gibt in Afrika eine Wüste, welche man die Sahara nennt. Sie sieht aus, wie ein ungeheuer großes Sandmeer. Wenn nun ein Sturmwind kommt, so fliegt der Sand auf dem Boden und in der Luft herum, wie bei uns der Schnee. Ganze Wolken von Sand kommen geflogen wie große Riesen und bedecken, wenn sie niederfallen, Menschen und Vieh, daß sie elendiglich ersticken müssen. Mitten in diesem Sandmeere gibt es Stellen, wo Quel len und Bächlein aus dem Boden hervorsprudeln. Um diese Brunnen her wachsen dann Gräser, Kräuter und allerle1890 Bäume, besonders die Dattelpalmen mit ihren süßen Früchten. Man nennt solche grüne Stellen O as en. Sind die Oasen groß, so werden sie auch von Menschen bewohnt, die sich Reis, Datteln, Aprikosen, Feigen, Mandeln, Pflaumen, Weintrauben u. dergl. bauen. Manche Oasen haben auch See'n und Bäche, die aber nur in der Regenzeit mit Wasser gefüllt sind. Kommt dann der heiße Sommer, so vertrocknet das Wasser, und die Leute sehen sich oft genöthigt, Baumzweige in Mörsern zu Brei zu zerstampfen, und mit diesem Brei ihren Hunger und Durst zu- Men. Das Schiss, auf dem man durch das Sandmeer reist, ist das Kameel. Dieses Thier hat eine breite Fußsohle, mit der es nicht so tief in den Sand tritt, wie die Pferde, frißt am liebsten die Blätter der Pflanzen und Stauden, welche in der Wüste wachsen, und kann mehrere Tage Durst leiden. Die Araber nennen es daher das Schiff der Wüste. Es reisen aber da nicht drei oder vier Menschen mit einander, sondern große Karavanen, die oft aus -hundert, ja tausend Menschen und Kameelen bestehen. Dennoch ist eine solche Wüstenreise nicht bloß sehr beschwerlich, sondern auch sehr gefährlich. Man reist freilich von einer Oase zur andern, weil da Menschen und Thiere ihren Durst stillen und sich erquicken können; aber wie schwer ist der Weg zu finden, zumal wenn ein Sturm kommt, der den Sand auf dem Boden und in der Lust herum treibt; da sieht man bald keine Spur mehr, da wissen auch die besten Wegweiser zuletzt nicht, ob sie rechts oder links sollen. Wohl und gut kommt etwa gar eine große Sandwolke geflogen, und deckt die Reisenden zu, daß sie sammt ihren Kameelen le bendig begraben werden. So hat in alter Zeit ein persischer König Kambhses ein Kriegsheer von 50,000 Mann durch die Wüste geschickt. Da kam ein heißer Südwind und begrub das ganze, große Heer in den Sand. Das Schlimmste ist, daß es in dieser fürchterlichen Sandwüste kein Wasser gibt. Man nimmt zwar das Wasser in ledernen Säcken oder Schläuchen mit. Bisweilen weht aber ein Wind, der so heiß ist, als käme er aus einem Backofen. Da vertrocknet das Wasser in den Schläuchen, oder es wird faul und stinkend, daß man es nicht mehr trinken kann. Menschen und Kameele lechzen dann vor Durst, und kommen sie nicht bald zu einem Brunnen oder einer Oase, so sinken sie ermattet in den Sand und verschmachten. Da kaufen sich oft reiche Leute für vieles Gold einen Trunk Wasser. Ja, man schlachtet dann die Kameele. schneidet ihnen891 ben Leib auf, und trinkt das Wasser, welches sich noch in ihrem Magen befindet. Wie mag das schmecken! Man hat zwar hie und da Brunnen gegraben, hat sie aus Mangel an Steinen mit Kameelknochen ansgemauert, und gegen die austrocknende Gluth der Sonne, so wie gegen den Staub und Sand mit Kameelhäuten bedeckt. Aber die Brunnen sind meist sehr tief, und über kurz oder lang kommt eine ungeheure Wolke Flug sand und deckt sie ganz zu. Bisweilen ereignet es sich, daß nicht bloß solche Wüstenbrunnen, sondern auch die Wasserquellen in den Oasen vertrocknen. Da steigt denn die Noch auf's Höchste. Im Jahre 1805 ist eine Karavane von 2000 Men schen und 1800 Kameelen jämmerlich umgekommen, weil eine Oase kein Wasser mehr hatte. So schrecklich ist die Wüste. Da findet man denn auch ganze Haufen Menschenknochen, und die bleichen Gerippe der Kameele, die vor Durst und Ermattung umgekommen sind, liegen überall umher. £ Zkerxes war ein König von Persien, der ungefähr 480 Jahre v. Eh. Geb. lebte, und sich durch seinen großen Kriegs zug nach Griechenland auszeichnete. Er begleitete in eigener Person sein gewaltiges Heer, dessen Anzahl über 2 Millionen bewaffneter Krieger zu Fuß, und 80,000 zu Pferd waren, nach Griechenland herüber, um dieß Land zu unterjochen. Die Flotte bestand aus 1207 Kriegsschiffen und 2000 kleinern Trans portschiffen, jedes mit 200 Mann besetzt. Die Zahl der Be satzung auf den Schiffen stieg über 600,000 Mann. Mit dem Troß bestand nach einer mäßigen Schätzung das Ganze aus 5 Millionen. Angekommen an der Meeresenge, welche Asten von Eu ropa trennt (man nennt sie auch Hellespont) kam den König die Lust an. sein ungeheures Heer zu Wasser und zu Land aus einmal zu übersehen. Man baute ihm daher einen hohen Thurm von weißen Steinen auf, von welchem herab er eine weite Gegend überschauen konnte. Er sah die Tausende von Schiffen und die Millionen Menschen anfangs mit freudigem Erstaunen, zuletzt mit Wehmuth und Thränen an. Seine Hosleute verwunderten sich darüber. ,,Ach—sprach er — mir892 fällt eben ein, daß von allen diesen über hundert Jahre kein einziger mehr da sein wird!'^ Wo die Meerenge (Hellespom) am schmälsten, nur 875 Schritt breit war, mußte eine Schiffbrücke erbaut werden, über welche das unermeßliche Kriegsheer mit Wagen und Pferden trockenen Fußes das Meer passiren sollte, welches Europa von Asien scheidet. Die Schiffe rückten zusammen, und über ihre Verdecke hin machte man eine lange Bahn von Brettern und - Balken, die man mit Stricken fest band. Sieben Tage und sieben Nächte brauchte das Heer, ohne einigen Stillstand, um über die Schiffbrücke zu marschiren, und fast ein Monat soll vergangen sein, ehe das Gepäck hinüberkam. Terxes fand die Griechen schlagfertig. Leonidas, König von Sparta, ein Bundesgenosse der Griechen, besetzte mit 300 Spartanern den Engpaß bei Termophlä, um dort am Eingänge Griechenlands zu zeigen, wie man Weichlinge bekämpfen und für's Vaterland sterben muß. Bald nach seiner Ankunft bei Termophlä sah Leonidas das persische Heer die Ebene über decken und einer seiner Freunde sprach zu ihm: Die Feinde—- es sind ihrer so viele - daß ihre Pfeile die Sonne verfinstern werden! „Desto besser, rief Leonidas, so fechten wir im Schatten." Der Perserkönig sandte einen einzelnen Reiter gegen den Paß, um Kundschaft von dem Feinde einzuziehen. Dieser be richtete dem ch'erpes: „Die Griechen thuu, als ging es nicht zum Treffen, nein! zum Schmause - sie kämmen ihre Haare in schöngerollte Locken; sie glätten ihre Schilde, Spieße und Pfeile, und fechten dann in Kampfspielen, die neupolirten Waffen zu probiren." Vier Tage hindurch kann sich der General der Millionen nicht entschließen, das Häuflein anzugreifen. Am fünften schickt er einen Lieiter zu Leonidas mit dem Versprechen: „Willst du dich unterwerfen, so gebe ich dir die Herrschaft über Griechen land.^ Leonidas antwortete: „Lieber sterbe ich für mein Va terland, als daß ich es verrathe." Bald kommt ein zweiter Bote mit einem Briefe vom Perserkönig, im Briefe die Worte: „Uebergib mir deine Waffen!" Leonidas schrieb darunter: „Komm, und hole fiel'' — Nun verwandelte sich des stolzen Königs Furcht in Wuth. Ordnet euch! ruft er dem Heere zu; stürzt auf sie ein, nehmt sie gefangen und bringt sie alle mir lebendig! Die Perser stürzten wüthend auf die Spartaner ein; diese rückten dem Feinde mit kaltem Muthe entgegen. Der Perser vordersten Glieder lagen bald am Boden, dw nachfol-893 genden hatten gleiches Schicksal. Die Spartaner, dicht ge schlossen und mit großen Schilden bedeckt, streckten einen starren den Wald langer Lanzen vor sich hin. Das Gefecht wird mörderisch; das beste Korps (spr. Chor) der Perser, die un sterbliche Schaar der Zehntausend, ward mit großem Verlust zurückgeschlagen. Am andern Tage ward das Gefecht mit gleichem Vortheile fortgesetzt, und die Dreihundert hätten sicher die Millionen besiegt, hätte nicht ein treuloser Einwohner der Gegend (ein Spion) die Perser über die Gebirge auf einen Fußsteig hingeführt, auf dem sie den Spartanern in den Rücken kamen. Die 300 Spartaner starben den Heldentod. — Dessen ungeachtet wurden die zahllosen persischen Heere, welche Grie chenland überschwemmten, zu Wasser und zu Land zugleich ge schlagen und die Perser flohen beschämt in ihre Heimat zurück. Das dankbare Vaterland errichtete den bei Termopylä gefallenen Helden an der Stätte ihres Todes ein Siegesdenkmal mit der einfachen Inschrift: Wider dreihundertmal zehntausend fochten einst hier dreihundert aus dem Peloponnes. „Wandrer! sag's zu Sparta, daß wir, den Gesetzen gehorsam, erschlagen hier liegen!" — — Usop ist ein bekanntes Kraut, welches wild wächs't auf Mauern und Schutthaufen, aber auch in Gärten angebaut wird, und treibt blaue, auch weiße Blumen. Das angenehm gewürzhaft riechende, bittere, erwärmend gewürzhaft schmeckende Kraut wird gegen schleimige Brustbeschwerden, Magenschwäche u. s. w. in Theeaufguß augewendet. In der Bibel wird des Asops mehrfach gedacht. Die Juden bedienten sich eines Asop- büschels beim Gottesdienste zum Sprengen des Blutes der Opferthiere, so wie zum Besprengen Aussätziger, und auf einem Nsopstengel reichten die Kriegsknechte dem sterbenden Heiland einen mit Essig gefüllten Schwamm an das Kreuz hinauf.894 Z Zahn. Der Mensch hat 32 Zähne. Gort hat sie nicht mit Beinhaut, wie die übrigen Knochen, umgeben, denn dieß würde beim Kauen sehr schmerzen; dafür haben sie einen glas artigen Ueberzug. Es gibt dreierlei Zähne. In jeder Kinn lade stecken 4 Schneidezähne, 2 Eck- oder Augenzähne und 10 Backen- oder Stockzähne. Sie dienen zum Abbeißen, Zer schneiden und Zermalmen. Die zwanzig ersten Zähne wachsen zweimal (man nennt sie Milchzähne, weil sie schon hervorzu brechen anfangen, so lange die Kinder vorzüglich von Milch leben), die übrigen wachsen nur einmal. Die Milchzähne, die vom siebenten Jahre an, auch schon früher auszufallen anfangen, haben bekanntlich ganz seichte Wurzeln. Unter diesen bilden sich indeß neue bleibende Zähne mit tiefen Wurzeln, von wel chen die Milchzähne ausgestoßen werden. Jeder Zahn hat in wendig eine glatte, auspolirte Höhlung, in welcher ein Puls oder Blutäderchen und ein seiner Nero sitzen. Sobald etwas an diesen Nerven kommt, so entsteht der heftige Zahnschmerz. Man muß also die Zähne sorgfältig vor Nüssen hüten, und darum aus keine harten Sachen beißen; nicht schnell Warmes aus Kaltes, und Kaltes auf Warmes in den Mund bringen, und durch fleißiges Ausspülen des Mundes und Abreiben die Zähne rein erhalten. Zaunkönig. Der Zaunkönig oder Zaunschlupser ist ein kleines niedliches Vögelchen, sieht bräunlich weiß aus und ist nur so groß wie ein großer Hirschkäfer. Der Zaunkönig, dieser König ohne Krone, ist nicht menschenscheu, o nein, er hält sich sogar in der Nähe menschlicher Wohnungen auf und schlüpft hurtig um mancherlei Zäune. Sein Nest, das er mit Moos und Haar sorgfältig ausfüttert, baut er zwar in Holz stöße und Baumhöhlen, aber auch in Gebüsche, selbst unter Dächer. Der Zaunkönig ist nicht ohne Einstuß auf den Men schen. Ja, er macht sogar einen besonderen Eindruck auf sein Gemüth, wenn er sorgenlos, sich dem Wohlwollen seines gütigen Schöpfers anvertrauend, mitten in der strengsten Kälte des Win-d95 ters umherzieht. In solcher Lage noch Munterkeit zeigen, kann nur ein glückliches Gemüth. Von sich selbst sagt der Zaun könig: „Heiße wohl König, Hab' aber wenig; Hab' wohl ein sich'res Haus Bin aber lieber d'raus, Schweifend in Feldern, Jubeln in Wäldern. Lustig ohn' Unterlaß, Scheu' ich nicht kalt, noch naß. Froh und gesellig, Flink und anstellig, Treib' ich die Jägerei, Sommer und Winter frei. Bleibe fein hübsch im Land, G'nüg' mich an meinem Stand. Heiß ich gleich König Hab' ich gleich wenig: Wißt, daß in meinem Sinn Ich doch ein König bin." Und wie ist denn der Zaunkönig zu seinem Königstitel gekommen? Das sollt ihr hören in nachstehendem Gedicht: „Es wollten einst die Vögelein beherrscht von einem König sein und luden Alle groß und klein zum königlichen Wettflug ein. Und Alle schwangen sich empor; doch Allen that's der Adler vor. Schon huldigt ihm der Vögel Chor, als plötzlich unter ihm hervor der allerkleinste Vogel flog und ihn um's Königthum betrog. Es hatte nämlich dieser Kleine sich zwischen seine großen Beine, von ihm und allen unentdeckt, bis dahin listiglich versteckt, und flatterte nun keck hervor, that's sonder Müh' dem Adler vor, und wollte selbst nun König sein.896 Er ward's; allein zu seiner Schande, denn alle Vögel groß und klein, verhöhnten ihn ihm ganzen Lande. Wohin er flog, da flog die Schmach Dem kleinen König spottend nach. Da fühlt die kleine Majestät, wie schlecht erlog'ne Würde steht; und wohnt seitdem, um von der Spötter Necken geschützt zu sein, in Zäunen und — in Hecken. Zebra ist das schönste viersüßige Thier in der Welt, denn es ist über den ganzen Leib, ganz vortrefflich und sehr regelmäßig, schwarzbrann, weiß und strohfarbig gestreift. Der Zebra ist fast so groß und beinahe so gebildet, wie der Maul esel. Er hat einen dicken, plumpen Kops, lange Ohren, einen kurzen Schwanz und eine kurze, wie abgeschnittene Mähne. Er ist sehr wild und unbändig, läuft entsetzlich geschwind und hält sich nur in den heißesten Gegenden Afrika's aus, wohin säst keine Menschen kommen. Der Zebra ist sehr schwer zu zähmen, daher ist es auch kein Wunder, daß man selten einen lebendigen Zebra bei uns in Europa zu sehen bekommt. Zeifig. Der Zeisig oder das Zeischen ist ein kleines gelbgrünes Vögelchen, das ziemlich schön singt, und von uns in Käfigen ernährt wird. Das Zeischen wird leicht zahm und versteht das Karrenziehen und Wafferschöpfen ganz vortrefflich, und weit besser als der Distelfink. Mit den Zehen zieht er sein Fressen und Trinken an sich. Und wenn er sich satt ge fressen und satt getrunken hat, so läßt er sein Trink- und Freß- Gesäß Plötzlich los. Seinen Namen hat der Zeisig von seinem Geschrei; denn er schreit immer: zeisig, zeisig! — Der Dichter Fr. Rückert besingt ein Zeislein so: Zeislein, Zeislein, Wo ist, wo ist dein Häuslein? Hoch, hoch im Baum Auf Moos und Flaum, Aus zarten Blüthenreißchen, Da ist, da ist mein Häuschen. Zeislein, Zeislein, Wer wohnt, wer wohnt im Häuslein? Mein Schätzlein hold,897 Treu, treu wie Gold, Das allerliebste Zeislein Das wohnt, das wohnt im Häuslein. Zeit. O welch ein edles, schätzbares Ding ist es nicht nm die Zeit; und wie glücklich kann der Mensch nicht nur sich, sondern auch andere dadurch machen, daß er die Zeit gut und vernünftig, d. h. nicht nur zu seinem Wohle, sondern auch zu jenem seiner Nebenmenschen anwendet. — Die Zeit ist das kostbarste Gut des Menschen, das er aber oft am wenigsten achtet. Schon verlebte ich mehrere meiner Jahre. Ach! gleich einem Traum sind sie verschwunden. Wie Hab ich sie benützt? — Wie soll ich die folgenden, die mir die Vorsehung schenkt, benützen? — Eine wichtige Frage! Von ihrer Beantwortung hängt meine künftige Ruhe: und von dem Entschluß, den ich darüber fasse, mein ganzes Glück der Ewigkeit ab. — Nur thätig, nützlich sein, Gutes denken und Gutes thun, heißt wahrhaft leben. Viel Gutes wirken, so viel, als nur möglich ist, heißt lange leben. — Darum suche immer verständiger, weiser und besser zu werden, recht viel Gutes zu schaffen und auf jede mögliche Weise zu nützen. Mit jedem Augenblicke kommen wir dem Grabe näher; und nur dann läßt sich's gut sterben, wenn man gut gelebt hat. O braucht die Zeit! Denn keine jener Stunden, die ein mal euch entschwunden, ja selbst kein Augenblick kehrt jemals euch zurück! O braucht die Zeit! Die Blüthe eurer Jugend der Weis heit und der Tugend mit wahrem Ernst zu weih'n, wird nim mer euch gereu'n. — O braucht die Zeit! Denn Stunden müffig zählen, das heißt sich selbst bestehlen; das Loos des Faulen ist Verachtung, wie ihr wißt. O braucht die Zeit! Das Gute -stets verschieben, heißt nicht das Gute lieben. Jetzt ist die Zeit der Saat für jede gute That! O braucht die Zeit! Von eurem ganzen Leben müßt ihr einst Antwort geben; der Mensch am Greisesstab legt selten Fehler ab. O braucht die Zeit! — Zeitlose. Eine Giftpflanze. — Die Zeitlose (Herbst zeitlose, Wiesenzeitlose, Wiesensafran, Herbstblume, Michaels blume), welche unter die Zahl der Zwiebelgewächse gehört, wird wohl jedes Kind kennen) wenn man ihm sagt, daß es die blaß- röthlichte Blume ist, welche im Herbste gewöhnlich nach der Kmdpr-CoiiversaUtMs- LkxUvu. 57898 Entfernung des Grummets, zahllos auf den Wiesen hervor sprießt, und weder Stengel noch Blätter hat. Erst im Frühling kommen die letztern, sowie auch die großen aufgeblasenen, reich- saamigen Kapseln. Nach sorgfältig angestellten Beobachtungen sind die schönen Kronen, die schwarzbraunen Saamenkörnlein und die cckelhaft scharf schmeckende Zwiebel am meisten giftig. Der Genuß der zuerst genannten Theile, welche Kinder nie in die Hände nehmen sollten, erzeugt außer einer Ermattung heftige Schmerzen im Magen und den Gedärmen; der Genuß der Zwiebel ferner, welche besonders im Frühjahr eine bedeutende Schärfe besitzt, fügt zu jenen Wirkungen noch unerträgliche Kopfschmerzen, einen fortwährenden Durst und andere Vorem- psindungen des Todes hinzu. An Beispielen, daß auch der Saamen Menschen und Thiere getödtet hat, fehlt es nicht. Es ist eine Nachlässigkeit der Wiesenbesitzer, daß sie diese schädliche Pflanze sich so verbreiten lassen; denn es reicht hin, um sie zu vertilgen, sie zwei bis drei Jahre hinter einander auszurupfen; so erstickt auch die ziebelartige Wurzel. — Zelte sind tragbare Hütten oder Häuschen, die sich leicht an jedem Orte aufrichten lassen. Es werden hölzerne Stäbe ausgestellt und in den Boden befestigt, über diese Stäbe Leintücher gespannt und an Seilen fest angezogen. So hat man ein Dach und Wände, und damit ein kleines, be wegliches, tragbares Haus. Vor uralten Zeiten lebten die Menschen unter solchen und ähnlichen Zelten, denn damals wußte man noch nichts um feste Wohnörter. Jetzt schlägt man noch Zelte auf, wenn die Soldaten im Lager, also unter freiem Himmel Tag und Nacht bleiben. Möchte doch jedes Kind dankbar dafür sein, daß es ein Haus hat, in dem es bequem und sicher wohnen, und ruhig schlafen kann, geschützt gegen die Witterung bei Tag und Nacht! Ziege. Daß ihr lacht, wenn ihr die Ziege ansehet, glaube ich gerne; denn sie hat einen Bart und welche Hörner! Auch weiß man gar wohl, daß sie ein sehr naschiges Thier ist. Geht man mit ihr an einem Zaune vorbei, so frißt sie gleich Blätter von den Gesträuchen. Auch verschmäht sie solche von jungen Bäumen gar nicht. Daß man von ihr dafür gute Milch er hält, ist bekannt. — Zu den Menschen haben die Ziegen eine merkwürdige Anhänglichkeit, die sich auch im verwilderten Zu stande nicht verliert. Auf den Alpen in der Schweiz bleiben sie den ganzen Sommer hindurch sich selbst überlassen; erblicken899 sie nun von Ferne einen Wanderer, so springen sie von allen Seiten her in flüchtigen Sätzen mäckernd auf ihn zu, schmiegen sich an ihn an, und begleiten ihn oft Stunden weit, so daß er Mühe hat, sich wieder von ihnen los zu machen. In ihrer Nahrung ist die Ziege kein Kostverächter, und nimmt mit allem vorlieb, was sie findet; am liebsten frißt sie Weinlaub und die Rinde und Knospen junger Bäume und Gesträuche, daher man Gärten und Weinberge von ihrem Besuch sorgfältig verwahren muß. — Ei, ich weiß, daß die Kinder den schelmischen Bock (Ziegenbock oder Gaisbock ist eins), gern haben, und wohl auch etwas von dem Stinker wissen möchten. Ich will ihnen erzählen: Wie die Kinder übers Böcklein schelmisch lachen, und sich über's Zottelröcklein lustig machen. Du Schäckerer, Du Mäckerer, Hast gar ein zottlich Kleid. Nicht neu, nicht alt, N'cht warm, nicht kalt, Nicht eng und auch nicht weit. Da spricht der Bock: Mein Zottelrock, Der ist mir zehnmal lieber, Als ein Gewand Von allerhand Tuch, Sammet oder Biber. Er reißt mir nicht, Und schleißt mir nicht, Und kommt nicht aus der Mode, Ich trag ihn von Geburt an schon, Und trag' ihn bis zum Tode. Ob ihr auch lacht, Er ist gemacht Mir doch zu einem Putze. Ich schäm' mich nicht Und gräm' mich nicht Und trag' ihn euch zum Trutze. Ziegel. Da der Dachschieser nicht so gar häufig und die Befestigung desselben mit eisernen Nägeln auch kostspielig ist, so werden in Deutschland jetzt die meisten Dächer mit Zie geln gedeckt. Denn die Schädlichkeit der Strohdächer sieht man 57 *900 von Jahr zu Jahr mehr ein, und in manchen Ländern ist es bereits polizeilich verboten, neue anzulegen; die vorhandenen dürfen nur noch reparirt werden. Neben den Dachziegeln sind auch noch die Backsteine zum Bauen höchst brauchbar, und schon in uralten Zeiten hat man sie dazu benutzt, z. B. bei dem ba bylonischen Thurm und in Aegypten, wo die Israeliten dabei zu schweren Frohndiensten (in den Ziegelhütten) gezwungen wurden. Es scheint sogar, daß die Alten, besonders die Römer, die Ziegelbrennerei besser verstanden haben, als wir. Denn die Backsteine, welche man an manchen ehemaligen Wohnstätten der Römer ausgräbt, haben sich nicht bloß sehr gut erhalten, sondern geben auch einen Hellen Klang, was bei uns nur die besten Ziegeln thun. Die Bereitung der Ziegeln soll nicht be schrieben werden. Jedes Kind kann und soll dergleichen selbst betrachten. Ziegenmelker. Hexe. Nachts chwalbe. Schüler. Ist also ein Vogel? Lehrer. Ja, ein Vogel, der fast so groß als ein Rabe ist, auch fast so schreit wie ein Rabe, braune, gefleckte Federn hat, wie die Eule in dichten Gehölzen, auch in Scheuern und Ställen wohnt und nistet und sich von Nachtschmetterlingen, Fliegen, Käfern, Grillen und Spinnen nährt. Schüler. Warum nennt man ihn denn Nachtschwalbe? Lehrer. Weil er nur in der Morgen- und Abend dämmerung um die Bäume, Häuser und Ställe herumfliegt, wo sich die Insekten in Menge aufhalten, und da seinen Tisch zur Mahlzeit gedeckt findet. Schüler. Warum heißt der Vogel auch Hexe? Lehrer. Weil man früher meinte, der Vogel thue Men schen und Thieren allerhand Tort (d. i. Possen, Verdruß, Schaden) an; was aber durchaus nicht der Fall ist. Schüler. Und warum gab man ihm den Namen Ziegenmelker? Lehrer. Weil sich ein berühmter alter Naturgeschichts forscher, mit Namen Aristoteles, einbildete, der Vogel schliche sich Nachts in die Ziegenställe, und saugte den Ziegen die Milch aus. Und diesem Aristoteles sagte es ein anderer großer Naturhistoriker, mit Namen Plinius, nach; und so kam diese Fabel immer weiter. Jetzt aber glaubt es kein kluger Mensch mehr. — Im Mai legt dieser Vogel zwei weiß- und schwarzgefleckte Eier auf die bloße Erde, unter Heidekraut, und brütet sie aus.901 Zigeuner. In Deutschland, wo die Polizei Alles besser überwacht, sieht man nur noch selten herumziehende Zigeuner mit ihren braunen Gesichtern, schwarzen Haaren, mit ihrem schmutzigen und unheimlichen Aussehen. Aber in andern Län dern Europa's trifft man genug solcher arbeitsscheuen Fremd linge, die am Tage betteln und wahrsagen, und bei der Nacht stehlen. Wenn es euch recht ist, liebe Kinder, so will ich euch ein Mehreres von diesen Zigeunern erzählen. Gelehrte Männer sagen, daß die Zigeuner aus Ostindien herstammen, und es ist kaum glaublich, wie zahlreich dieses Volk ist, und wie weit es sich ausgebreitet hat. Zigeuner streifen in der ganzen alten Welt umher; in Europa ist fast kein Land, wo sie sich nicht fänden, und Spanien hat ihrer so viele, daß sie dort, besonders in den südlichen Provinzen, oft in großen Banden umherschweisen. In Italien hat der Kirchen staat die größte Menge dieser Landstreicher. Für den Deut schen, Schweizer und Niederländer sind sie eine große Selten heit. Aus Ungarn rechnet man allein 50,000 und noch mehr aus die Moldau, die Walachei, Tartarei und Bulgarien. Es können leicht an 700,000 Zigeuner durch Europa zerstreut sein. Der Zigeuner ist von regelmäßigem Körperbau und aus gezeichneter Gesundheit. Im Essen und Trinken führen die Zigeuner zuweilen einen sonderbaren Tisch. Unter den Ge müsen lieben sie Zwiebeln und Knoblauch, ganz nach mor genländischer Sitte. Ein besonders festlicher Tag ist es für sie, wenn ein Braten von irgend einem gefallenen Vieh in ihrer Schüssel erscheint. Jedes Aas ist ihnen gleich. Brod backen die Zigeuner selten, dieß kaufen, betteln oder stehlen sie, oder ent behren es ganz. Mit Messer und Gabel zu speisen ist bei ihnen nicht Sitte; ihr liebstes Getränk ist Branntwein, die größte Le ckerei aber Tabak. Mann und Weib rauchen ihn mit solcher Begierde, daß sie Alles hingeben, um diese Liebhaberei zu be friedigen. Der Vorwurf, daß sie Menschenfresser seien, ist un begründet, und so auch der sonst so stark geglaubte Kinderraub der Zigeuner. Ihre Kleidung zeichnet sich von jeher durch Ar- muth und Dürftigkeit aus, dabei lieben sie aber doch den Putz, und eine Zigeunerin barfuß und in seidenen, gold- und silberge stickten Kleidern ist nichts seltenes. Die meisten Zigeuner führen ein herumschweisendes Leben und haben keine andern Wohnun gen als Zelte, Felsengrotten und Höhlen. Wo es das Klima erlaubt, leben sie hordenweise in Wäldern und Einöden. Gegen die Winterkälte suchen sie Schutz in Höhlen und Grotten, oder902 in Erdhütten, die einige Meter in die Erde gegraben, und oben- her mit Rasen, auf Sparren gelegt, bedeckt sind. Der ganze Hausrath einer solchen Wohnung besteht gewöhnlich in einem irdenen Topfe, einer eisernen Pfanne, Löffel, Wasserkrug und einem Messer; den Viehstand macht ein Schwein und ein Pferd aus. Essen, Tabakrauchen oder kauen, Schwatzen und Schlafen ist die gewöhnliche Arbeit der meisten Zigeuner; denn sie hassen jede mühsame Beschäftigung, und dulden lieber Hunger und Blöße. Die Weiber betteln, stehlen, handeln, sind Hunde wärterinnen und betrügen in allen Gegenden Europa's die Ein falt durch Wahrsagerei und Handguckerei (Handlinienkunde). An Erziehung ist bei diesem rohen Volke nicht zu denken. Zu den Kindern haben Vater und Mutter eine fast thierische Liebe, so daß sie dieselben nie strafen, weshalb diese von Jugend auf des Müssigganges, des Stehlens und der Betrügereien ge wohnt werden. Eine eigentliche Religion hat der Zigeuner nicht, sondern richtet sich bloß nach der Religion des Landes, in dem er lebt. Jede Pflicht wird verabsäumt, kein Gebet geht über ihre Lippen, und eben so wenig sind sic in gottes dienstlichen Versammlungen zu finden. Ihre Sprache ist ein Gemisch von andern Sprachen und kann kaum von jemand An- derm verstanden werden. Scheu vor Arbeit, Hang zum Stehlen und zu Betrügereien aller Art, großes Sitlenverderbniß über haupt und große Feigheit, so daß sie auch zum Soldatendienste nichts taugen, dies und Anderes sind Ursachen, warum man sie aus manchen Ländern, wo sie sich ansiedeln wollten, vertrieb. Wir wollen froh sein, daß es bei uns keine Zigeuner gibt; sollten aber einmal solche Vagabunden bei uns durchziehen, so wollen wir auf der Hut sein, und uns gewiß nicht von ihnen durch Wahrsagerei betrügen, noch durch unsere Unachtsamkeit bestehlen lassen. Zimmt. Der Zimmt ist eine Baumrinde, — aber nicht die äußere Rinde des Zimmtbaumes, denn die taugt nichts und wird weggeschnitten — sondern die feine, dünne, innere Rinde, welche dunkelroth ist, scharf riecht, und etwas süßlich schmeckt. Sie wird an der Sonne getrocknet, und da durch rollt sich die Rinde fest übereinander und bildet gleich sam eng geschlossene Röhren, die so zu Bündeln von 10 — 15 Kilogr. geschnürt und in den Handel gebracht werden. Der Zimmt bäum ist ungefähr so groß wie ein Birn^- baum und wächst in einigen Gegenden Asiens und Amerikas. Der beste Zimmt kommt von der Insel Ceilon. Man ge-903 braucht den Zimmt in den Apotheken zu Arzneien und in unfern Küchen zum Würzen mancher Speisen, was die Mädchen alle, die die Kochkunst erlernen, wohl erfahren werden. Zitteraal. Es ist merkwürdig, daß es sogar Fische gibt, denen von Natur ein solches Maaß von elektrischer Kraft (siehe Elektricität) eigenthümlich ist, daß sie einem ihnen zu nahe kommenden Thiere oder Menschen nicht unbe trächtliche Erschütterungsschläge zu ertheilen im Stande sind. Man hat solchen Fischen daher den Namen elektrische Fische gegeben. Ein solcher elektrischer Fisch ist auch der Zitteraal, der sich in Meeren und Flüssen der heißen Himmelsstriche findet. Berührt man einen solchen Fisch mit bloßer Hand oder auch nur mit einem Stocke, so versetzen sie demjenigen einen solchen Schlag, daß er fast zu Boden fällt. Thiere, welche sich solchen Fischen nähern, werden von ihnen oft ganz betäubt. Der Zitteraal bedient sich seiner elektrischen Kraft als Waffe, wenn er gereizt wird; sonst schlägt er nicht und verliert seine Kraft, wenn man ihn, die Hand mit einem seidenen Tuche umwickelt, anfaßt, oder einen Magnet auf ihn hält. Zobel. Lehrer. Ein merkwürdiges Thierchen. dieser Zobel, liebes Kind! von dem das kostbare, aber auch sehr theuere Pelzwerk kommt, mit dem nur Prinzen oder Prinzessinen, und andere sehr reiche Leute ihre Winterkleider füttern oder besetzen lassen können. Rathe einmal, was nur ein einziger Zobel» balg kostet? Kind. Etwa 10 Mark. Lehrer. O, ja wohl, 10 Mark! 100 bis 200 Mark kostet gewöhnlich ein schöner. Kind. Wie sieht denn der Zobel aus? wo hält er sich auf, und von was lebt er? Lehrer. Der Zobel ist eben so groß und eben so schmäch tig und kurzbeinig wie ein Marder; hat schwarze Haare; auch gibt es schwarze mit gold- und silberartig glänzenden Haarspitzen, auch aschgraue mit röthlichem Glanze und ganz weiße. Er wohnt in den dichtesten sibirischen Wäldern und frißt Vögel und Vogel eier, Eicheln und Bücheln und allerhand Beeren, wildes Obst und Baumknospen. Er kann sehr gut klettern, und erstaunlich behende von einem Baum zum andern springen. Die russische Regierung läßt die meisten Zobel von gewissen Verbrechern, die sie, zur Büßung ihrer Verbrechen, auf etliche Jahre oder auch904 auf Zeit Lebens nach Sibirien verbannt, fangen, und sich dir Bälge alle Jahre nach Petersburg schicken. Zucker. An dem Zucker mögen die kleinen Leutcken gewöhnlich lieber den Mund, als die Augen laben. Ich weiß aber nicht, ob das immer gut ist; denn ich habe Kinder ge kannt, die aßen das ganze Jahr wenig oder gar keinen Zocker, und waren doch frisch, stark und gesund, hatten Wangen, so roth und voll wie Borsdorfer-Aepfel, und Zähne, so weiß wie Elfenbein. Andere dagegen, welche alle Tage Zuckersachen aßen, sahen bleich und ungesund aus, hatten schwarze, morsche Zähne und klagten bald über dieß, bald über das. Da lobe ich mir die braven Büblein und braven Mädchen, die ein Stückchen Brod lieber, als solche Süßigkeiten leiden mögen. Zuckerrohr. Liebe Mina! Ein Stückchen Zucker wirst du zwar schon öfter im Munde gehabt, aber vielleicht noch wenig darnach gefragt haben, wo der süße Saft herkommt, aus welchem der Zucker bereitet wird? So merke denn, daß sich dieser Saft in einem Rohre findet, welches man deßhalb das Zuckerrohr nennt. Das Zuckerrohr wird besonders in heißen Ländern ge baut auf feuchten Aeckern, die einen guten Schlammboden haben. Man macht zuerst Löcher in die Erde, zerschneidet sodann die Wurzeln eines alten Stockes und legt je zwei Stücke in ein Loch. Diese treiben Rohrstengel, welche in 15 Monaten acht bis zehn Fuß hoch wachsen, und wenn sie reif sind, ein süßes Mark enthalten. Nun schneidet man das Zuckerrohr ab, streift die Blätter herunter und bringt es in die Zuckermühle. Da wird der Saft aus den Stengeln herausgepreßt, und sogleich in großen Kesseln so lange gekocht, bis er ganz dick wird. Den dicken, braunen Saft füllt man dann in Fässer und läßt ihn da fest werden. Nun hat man aber erst rohen Zucker, der ist schmutzig braun, feucht und klebrig. Er muß nun noch ein mal im Wasser gekocht und gereiniget werden. Zuletzt gießt man den dicken, gereinigten Zuckersaft in Formen von Thon, welche oben weit und unten spitzig sind, damit alle Unreinig keit gar ablaufen kann. Und nun erst hat man einen weißen Zuckerhut. So mühselig geht es bei der Zubereitung des Zuckers her, und wie bald hast Du ein Stückchen Zucker ver schluckt. Öebe wohl 1 Zufriedenheit. Der Mensch hat wohl täglich und überall Gelegenheit, Betrachtungen über den Unbestand aller905 irdischen Dinge anzustellen und zufriedenzu werden mit seinem Schicksals wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft berumfliegen. Auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerks bursche in Amsterdam durch den Jrrthum zur Wahrheit und zur Erkenntniß. Denn als er in diese große und reiche Han delsstadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäf tiger Menschen gekommen, fiel ihm sogleich' ein großes, schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderung von Tuttlingen bis Amsterdam noch keines gesehen hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dieses kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als bei des Vaters Haus daheim die Thüre. Endlich konnte er sich nicht enthalten, einen Vorübergehenden anzureden. ,,Guter Freund, könnt' ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternblumen und Levkoyen?" Der Mann, der vermuthlich etwas Wichtigeres zu thun hatte und zum Unglück von der deutschen Sprache gerade so viel verstand, als der Fragende von der holländischen, nämlich gar nichts, sagte kurz und schnauzig: „Kannit v er st an", und schnurrte vorüber. Dies war nun ein holländisches Wort oder drei, wenn man es recht betrachtet, und heißt aus deutsch so viel als: „Ich kann euch nicht verstehen." Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muß ein grundreicher Mann sein, der Herr Kan- nitverstan, dachte er, und ging weiter. Gaß aus Gaß ein, kam er endlich an den Meerbusen, der das I heißt. Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbamn an Mastbaum, und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchsechten sollte, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Auf merksamkeit auf sich zog, das vor kurzem aus Ostindien ange langt war und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Ballen und Kisten aus und neben einander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endlich einen Mann, der eben eine Kiste aus der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Maaren an das Land bringe. „Kannit verstau," war die Antwort. Da dachte er: Aha, schaut's da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche906 Reichthümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt zu stellen, solcherlei Tulipanen an die Fenster in vergoldete Scherben." Jetzt ging e wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung an, was er für ein armer Tropf sei unter so vielen reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: „Wenn ich's doch einmal so bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan," kam er um eine Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarzvermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarzüberhangenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Todten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Verwandten des Verstor benen folgte nach, verhüllt in schwarze Mäntel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmüthiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis Alles vorüber war. Doch machte er sich an den Letzten im Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an feiner Baumwolle ge winnen könne , wenn der Zentner um 20 Mark aufschlüge, ergriff ihn fachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Epküse. „Das muß auch wohl ein guter Freund von euch gewesen sein," sagte er, ,,dem das Glöcklein läutet, daß ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht?' „Kannitv er st an," war die Antwort. Da fielen unserm guten Tuttlinger ein paar große Thränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wie der leicht um das Herz. ,,Armer Kannitverstan," ries er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichthum? Was ich einst von meiner Armuth auch bekomme: ein Todtenkleid und ein Leintuch und von all deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust." Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis an das Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt, als von mancher deutschen, auf die er nicht Acht gab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Her berge, wo man deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm später einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amster dam, an sein großes Haus, sein reiches Schiff und an sein enges Grab.907 Zrrgvögel. Lieber Hermann Hast du je schon im Winter einen Storch oder eine Schwalbe stiegen sehen? Oder hast Du im Januar einen Kukuk schreien oder einen Staar schwatzen hören? Ei, wirst Du sagen, sie ziehen im Herbst von uns fort, und kommen erst im Frühjahr wieder. — Ganz richtig. Aber warum ziehen sie fort? Einfach darum, weil sie im Winter verhungern oder vor Kälte umkommen müßten; dann aber auch, weil ihnen der rauhe und unfreundliche Win ter nicht gefällt. Solche Vögel, die entweder einzeln oder haufenweise im Herbst von uns sortziehen, nennt man Zugvögel. Solche sind die Störche, die Schwalben, die Staaren, die Wachteln und noch viele Andere. Diejenigen Vögel, welche nicht einzeln ziehen, versammeln sich vorher in großen Schaaren; so z. B. die Störche auf einer Wiese, die Schwalben in einem Dorfe, die Staaren im Schilf rohr eines Weihers. Ist endlich ihre Zeit gekommen, so treten sie bei günstigem Winde die Reise an, lassen den traurigen Winter hinter sich und suchen einen ewigen Frühling auf. Möchtest Du nicht auch mit ihnen fortziehen? Ja, wirst Du sagen, wenn ich meine Eltern, Verwandte und Freunde mit nehmen könnte. Du hast recht; wir wollen in der lieben Hei- math bei unfern Verwandten und Freunden bleiben, und mit einem alten Dichter sprechen: Vögele flieg, 'ich geh' nit mit! Schön're Sterne het wohl d'Ferne aber d'Heimath, se lost mi nit. Nach dem Winter kommt ja auch der Frühling wieder. So denken aber die Störche nickt. Da zieht alles fort, Jung und Alt. Selbst die zahmen Störche wollen dann nicht bleiben, auch wenn sie Futter genug haben. Unruhig laufen sie hin und her und schreien ihren fortziehenden Kameraden den Abschiedsgruß nach. Du weißt, daß viele Leute die Wachteln in einen Käfig sperren. Wenn nun die Wachteln im October ihre Reise an- treten, da will auck die gefangene Wachtel mitziehen. Setze ihr das beste Getreide und den besten Salat vor, sie ver schmäht Deine Leckerbissen und verlangt mit ihren Kameraden zu ziehen. Ihr Verlangen ist so groß, daß sie die ganze Nacht hindurch (denn die Wachteln reisen bei der Nacht) in ihrem Gefängniß hin- und herläuft; ja, sie fliegt dann mit solcher908 Gewalt gegen die Decke ihres Käfigs, daß sie besinnungslos niedersällt. Bricht der Tag an, so wird sie wieder ruhig, aber sie ist dann traurig, müde und schläfrig. Diese Unruhe sängt eine Stunde vor tLwnnenuntergang an, und dauert nicht sechs, sondern dreißig Nächte fort. O die arme Wachtel, hör' ich Dich ausrufen! Warum läßt man sie nicht mit ihren Kame raden sortziehen! Ja, lieber Hermann! wenn ich eine Wachtel hätte, und ich sähe ihr Verlangen und ihre Unruhe, so müßte ich sie ziehen lassen. Aber wohin ziehen die Vögel? und wer zeigt ihnen den Weg? — Wenn ich Dich auf eine Wiese hinstellen und zu Dir sagen würde: mach' eine Reise nach Afrika' — so würdest Du mir antworten: Ich weiß keinen Weg. Wenn ich aber nun mit Dir reisen wollte, so müßten wir viele hundert Stunden weit gehen, bis wir an's Meer kämen, und dann wären wir noch nicht in Afrika. Wir müßten ein Schiff be steigen und noch weit über's Meer fahren. Wie wunderbar! Die Störche, die Schwalben, die Wachteln, die Nachtigallen machen im Herbst diese weite Reise nach Afrika, und Niemand zeigt ihnen den Weg. Sie müssen über Wälder, Berge, Flüsse und See'n, ja zuletzt über's Meer ziehen; und doch verfehlen sie ihren Weg nicht und kommen Alle wohlbehalten in Afrika an, wenn sie auf der Reise kein Unglück trifft. Diese lange Reise beendet die schnelle Schwalbe schon in vier bis fünf Wochen. Wenn sie uns am 1. September verläßt, so ist sie am 9. Oktober in Afrika. Dabei ruht sie des Nachts im Schilf rohr der Sümpfe und Teiche, und wenn sie über's Meer fliegt und vom langen Fluge müde wird, so setzt sie sich auf die Mastbäume und Segelstangen der Schiffe. Schlimmer als den Schwalben geht es den Wachteln, welche wohl schnell lausen, aber nur schlecht fliegen können. Sie ruhen oft aus, und wenn sie an's Meer kommen, so fliegen sie von Insel zu Insel. Dabei beobachten sie zwei bestimmte Straßen, und ziehen nie einen andern Weg.' Dennoch sind sie, wenn sie auf der Insel ankommen, vom langen Flug so müde, daß man sie mit den Händen fangen kann. Da werden Tausende todt geschlagen und eingesalzen. Außerdem fallen ganze Flüge vor Ermüdung auf die Schiffe, welche ihnen unter wegs begegnen. Andere Schwärme wirst der Windsturm in's Meer, daß sie ertrinken müssen. Und doch will keine einzige Wachtel bei uns bleiben; alle wollen nach Afrika ziehen. Nun aber, Hermann, nun merk' auf! Die Störche, Schwal-909 Len und Wachteln bringen den Winter im warmen Afrika zu, und ehe bei uns der Frühling angeht, ziehen Junge und Alte wieder aus Afrika fort und reisen in die Gegend, wo sie ge boren und erzogen worden sind. Und o Wunder! Jede Schwalbe findet das Dorf, das Haus, ja das Nest wieder, darin sie im vorigen Jahr gebrütet hat. Und nun sage mir, wer ist ihr Wegweiser nach Afrika? Wer sagt ihnen, wenn sie wieder sort- ziehen sollen in ihre Heimath? Wer zeigt ihnen den sichern Weg zu ihrem alten Neste? Du weißt es, wer Der ist, der keines seiner Geschöpfe vergißt, ohne dessen Willen kein Sper ling vom Dache fällt. Siehe, Er zeigt ihnen den Weg nach Afrika und bringt sie wieder in ihre Heimath; Er bestimmt ihnen die Zeit ihrer Reise. Wenn Du die Störche, die Schwal ben, die Staaren, die Wachteln kommen siehst, dann denke an I h n. Lebe wohl. ZrMge, die, ist das Werkzeug für den Sinn des Geschmacks. Sie besteht aus mehreren verbundenen kleinen Wärzchen. Diese sind theils Nervenspitzen des Geschmacks, theils kleine Drüsen. Die Drüsen sondern zwischen den Nervenspitzen Feuchtigkeiten ab, und die Speicheldrüsen lassen denselben beständig Säfte zufließen; denn wenn das nicht so wäre, so würden trockene Speisen gar keinen Geschmack für uns haben. Durch die Nerven, die sich nachher in ein Paar Stämme ver einigen, bekommt unser Innerstes Nachricht von den Dingen, die wir mit der Zunge berühren und verkosten. Wir brauchen die Zunge aber nicht nur zum Schmecken, sondern auch zum Hinabschlingen der Nahrungsmittel und zum Sprechen. — Zu welchen Sprachlauten bedürfen wir besonders der Zunge? Wie nennt man daher diese Laute und die Buchstaben, mit denen wir sie bezeichnen? lZungeu- laute.) — Hütet eure Zungen Vor Beleidigungen! Laßt kein böses Wort hervor; stoßt den Riegel vor das Thor! Hütet eure Augen! Blendung will nicht taugen. Laßt sie weg vom Bösen seh'n? Lehrt sie nur das Gute späh'n. Hütet eure Ohren! Oder ihr seid Thoren.910 Laßt kein böses Wort darin! Es entehret euren Sinn. Ohren, Angen, Zungen hütet, liebe Jungen, leider walten diese drei allzu rasch und allzu frei! Zwerge und Niesen. Die Menschen sind in Hinsicht ihrer körperlichen Größe sehr verschieden. Einige Leute sind groß, wie der König Saul, welcher der größte Mann in Israel war; andere sind hingegen klein, wie der Zöllner Zach ans, welcher ein so kleines Männchen war, daß er aus einen Baum hinaufklettern mußte, um Christum sehen zu können. Menschen, welche auffallend groß sind, nennt man Riesen. Ein solcher war Goliath, welcher durch seine Größe das ganze Heer der Israeliten in Schrecken setzte. Er war 6 Meter und eine Hand breit hoch. Sein Spieß war so dick wie ein Weberbaum, und das Eisen daran wog allein schon gegen 10 Kilogr.*) Eine Riese war auch Gili, ein Italiener, der 2 Meier groß war. Eben dasselbe Maß hatte ein Schwede, der in der Leibwache des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen diente. Während diese eine hervorragende Größe des Körpers be saßen, gab es Menschen, welche auffallend klein waren. Diese nennt man Zwerge. Von der Menge derselben, welche in der Geschichte Vorkommen, wollen wir nur die Merkwürdigsten wählen. Schon die Römer hielten viel auf kleine Menschen. Vor nehme Leute bildeten sich nicht wenig darauf ein, Zwerge als Bediente zu halten. Augustus, ein römischer Kaiser, ließ kleine, wohlgestaltete Knäblein aus allen Enden der Welt zusammen holen und unterhielt sich mit ihnen durch Würfeln und andere Spiele. Unter ihnen befand sich Einer, der nicht zwei Fuß hoch war und nur 17 Pfund wog. Stanislaus, König von Polen, hatteeinen Zwerg, den er „Bebe" nannte. Seine Eltern waren gesunde Bauersleute. Als er geboren wurde, wog er 25 Dkgr. Aus einem mit Hanf belegten Teller wurde er zur Taufe hingereicht. Seine Wiege war lange Zeit ein Holzschuh, und seine ersten Schuhe glichen *) Die nähere Beschreibung von diesem Riesen Goliath leset in dem am Schlüsse angefügten Gedicht!911 einer Nußschale. Gewöhnlich spazierte er auf dem Tische des Königs herum, oder nahm seinen Platz aus den Armen des Lehnstuhles, auf welchem der König zu sitzen pflegte. Einst be fand sich Gebe auf einer Wiese, wo das Gras höher war, als er selbst. Da schrie er um Hilfe, weil er glaubte, er habe sich in einem dichten Wald verirrt. Er starb im 33. Jahre seines Alters. Seine Höhe betrug damals 75 Zentimeter. Der Erzherzog Leopold von Oesterreich hatte einen Zwerg, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre nur vier Spannen lang war. Sein Herr ließ ihn mehrmals in einer Pastete auftragen. Brovlavski, ein polnischer Edelmann, war in seinem zweiundzwanzigsten Jahre nur 60 Zentimeter lang. Er besaß ein treues Gedächtniß und einen hellen Verstand. Er las, schrieb und rechnete gut, und sprach deutsch und französisch mit großer Fertigkeit. Auch hob er mit großer Leichtigkeit Lasten auf, die für seine Größe beträchtlich waren. Natalie, die Schwester Peters des Großen, des berühm ten Kaisers von Rußland, gab im Jahre 1713 ein artiges Zwergenschauspiel. Ein Zwerg verheirathete sich mit einer Zwergin. Zur Feier dieser Vermählung wurden alle Zwerge im ganzen Reiche eingeladen. Die Zahl derselben, welche zur Hochzeit gekommen waren, betrug 62. In sehr kleinen, netten Kutschen, jede mit sechs kleinen, schottländischen Pferden be spannt, fuhr die Zwergengesellschaft zur Kirche. Eine unermeß liche Menge Volkes strömte herzu, um diese seltene Zwerghoch zeit zu sehen. Auch im Khffhäuser in Thüringen, und imUnters- berge bei Salzburg soll es eine Menge Zwerge geben, welche oft in der Mitternachtsstunde aus dem Berge kommen, und mit den Leuten verkehren. Doch wird wohl in unseren Tagen kein vernünftiger Mensch mehr an Erzählungen solcher Art glauben; sondern dieselben, wie die Geschichten von dem fingerlangen Be wohnern des Reiches Liliput, in das Reich des Unsinnigen und Falbelhaften verweisen. Der Riese Goliath. U War einst ein Riese Goliath, gar ein gefährlich Mann; der hatte Tressen an dem Hut und eine Troddel d'ran, und einen Rock von Golde schwer, wer zählt die Sachen alle her? 2. Und seinen Schnurrbart sah man nur mit Schrecken und mit Graus, und dabei sah er von Natur recht wild und912 grimmig aus. Sein Sarras war, man glaubt es kaum, so groß schier als ein Weberbaum. 3. Er hatte Knochen wie ein Gaul und eine freche Stirn, und ein entsetzlich großes Maul und nur ein kleines Hirn, gab jedem einen Rippenstoß und flunkerte und prahlte groß. 4. So kam er alle Tage her und sprach Israel Hohn. „Wer ist der Mann, wer wagt's mit mir? Sei's Vater oder Sohn, er komme her zu jeder Stund', ich wersi ihn nieder auf den Grund. 5. Da kam in seinem Schäserrock ein Jüngling zart und fein, er hatte nichts, als seinen Stock, die Schleuder und den Stein, und sprach: „Du hast viel Stolz und Wehr, ich komm im Namen Gottes her." 6 Und damit schleudert er auf ihn und traf die Stirne gar; so fiel der große Prahler hin, so lang und breit er war, und David haut' in guter Ruh', ihm nun den Kopf noch ab dazu. 7. Trau nicht auf deinen Tressenhut, nach auf die Troddel d'ran! Ein großes Maul es auch nicht thut, das lern' vom langen Mann! Und von dem kleinen lerne wohl, wie man mit Ehren fechten soll! Zwiebel. Es steht im Acker, Hält sich grün und wacker, Hat viele Haute, Beißt alle Leute. O, das sind die Zwiebeln, die in so großer Menge in unfern Gärten wachsen. Die haben viele Häute oder Schalen und ihr scharfer Saft brennt auf der Zunge, er beißt. Man säet den schwarzen Samen der Zwiebeln schon im Monat April. Bei günstiger Witterung geht er bald genug auf; das erste Jahr werden aber erst nur ganz kleine Zwiebelchen daraus. Man nennt sie Samenzwiebeln, weil sie unmittelbar aus dem Samen gewachsen sind. Das nächste Jahr steckt man sie noch einmal in gutes Land, dann erlangen sie erst ihre volle Größe. Man schneidet die Zwiebeln als Gewürz in allerlei Speisen, auch in den Salat; man macht ferner Zwiebelsuppen damit, und mit den Schalen färbt man die Ostereier braungelb. In Spanien und Aegypten, wo sie nicht einen so herben Geschmack haben, werden sie auch zu Tausenden roh gegessen, wie bei uns die Rettige. Die Türken sind so sehr an diese Speise gewöhnt, daß sie sagen, sie möchten nicht einmal im Himmel sein, wenn es dort keine Zwiebeln zu essen gebe. Ich denke aber, wer einmal ordentlich in den Himmel käme der würde dort gern-913 Zwiebeln und Knoblauch vergessen, und noch mehr dazu, — und die Kinder Israels halten sich in der Wüste auch nicht so ungebärdig gestellt wegen der Zwiebeln und des Knoblauchs, wenn sie verstanden hätten, sich in ihrem Gott zu erfreuen. — Zugabe. Meine Lieben! Ihr werdet nickts dagegen einzuwenden haben, wenn ich Euch zum Schlüsse noch ein kleines Geschenk mache?! Wenn Ihr daheim Euern Eltern im Kaufladen erwas holen müsset, kann es geschehen, daß Euch der Kaufmann mit emer kleinen Dareingabe beschenkt; etwa mir einem Leb kuchen oder einem anvern Backwerk, mir einigen Krach-Mandeln oder andern Früchten. — Da Ihr mein Lexikon eingekaufr habet, so kann es mir Niemand wehren, wenn ich Euck nun auch noch mit einer Zugabe, mit einer Dareingabe be schenke. Ich gebe Euch noch einige Artikel; nämlich ich erzähle Euch noch etwas: vom Eisbären, vom Hemdenbaum, von der Wüsten-Post — d. i. vom Kameel, von West indien und den N e g e r s k l a v e n und von G r ö n l a n d und seinen Bewohnern. — Also hier ist die Zugabe: — Eisbär. Schüler. Ich habe neulich auf einem Bilde einen Kampf zwischen Eisbären und Matrosen abgebilvet ge sehen; das muß ein schrecklicher Kampf sein! Erzählen Sie mir doch etwas von diesen fürchterlichen Thieren! Lehrer. Der Eisbär ist ganz weiß und wird über 2 Dieter lang und 1 bis l 1 / Meter hoch. Er kann ein Ge wicht von mehr als 1000 Pfund erreichen. Zu seinem Auf enthalt ist ihm der höchste Norden angewiesen, wo er sich an den Eismeeren von Spitzbergen, an der nördlichen Küste von Amerika bis zur Hudsonsbah sinder. In Spitzbergen, Nova- Zembla, Grönland trifft man ihn das ganze Jahr hindurch und öfter in großer Anzahl an. Skoresby, ein Reisender, sah Schaaren wie Schafheerden, einmal gegen hundert. Schüler. Aber sagen Sie mal, warum wird er denn Eisbär genannt? Lehrer. Er ist auf den Eisfeldern, die öster 200 Mei len vom Ufer entfernt sind, so gut zu Haufe, als auf dem festen Lande; ja, man hat Beispiele, daß einzelne auf Eisblöcken bis nach Island und Norwegen geschwommen sind, wo man9l4 aber diese rauhen Gäste nicht eben freundlich bewillkommte, sondern sie sogleich tödtete oder vertrieb. So weit man bis jetzt nach Norden durch die Eisschollen vorgedrungen ist, fand man die Eisbären allenthalben, und es scheint, daß sie wenig oder keinen Winterschlaf halten. Das Weibchen soll letzterem zwar mehr unterworfen sein, wahrscheinlich aber lebt es zu der Zeit , wo man es nicht bemerkt, mit seinen zarten Jungen in Eishöhlen verborgen. So plump dieses für den Norden ge- fürchtetste und gefräßigste Raubthier aussieht: so viel Gewandt heit besitzt es, so daß ein Mensch auf den Eis- oder Schnee- feldern ihm nicht zu entfliehen vermag. Es schwimmt mit großer Geschwindigkeit, und ohne große Beschwerden legt es erlüge Meilen zurück; auch versteht es das Tauchen meisterhaft und kann lange Zeit unter dem Wasser schwimmen. Schüler. Aber was frißt der Eisbär? In dem kalten Norden ist doch nicht viel zn finden? Lehrer. Ei, warum nicht! Sein gewöhnlicher Fraß sind Seehunde, Fische und Reste von Wallfischen; und diese Nahrung findet er in seiner Heimath hinreichend. Das Fleisch der Land tiere liebt er weniger, und man hat in Sibirien gesehen, daß er an Heerden ganz gleichgiltig vorüberging. Den Menschen fällt er imgereizt selten an; doch hat man auch Beispiele, daß er, von grimmigem Hunger geplagt, ihn ebenfalls nicht ver schonte. Mit Leichtigkeit läuft er mit einem Menschen im Rachen davon, und Skoresby erzählt, daß ein Bär einen Ma trosen am Rücken gepackt habe und so schnell mit ihm davon gelaufen sei, daß seine Kameraden auf sein Geschrei ihm nur Nachsehen, aber nicht ihn einholen konnten. Wird er hingegen angegriffen, so hält er fast unter allen Umständen Stand und greift selbst an. Bus dem Boote eines Wallfischfängers schoß die Mannschaft auf einen Bären und verwundete ihn; der Bär lief sogleich auf dem Eise gegen das Boot, sprang in's Wasser und suchte in's Boot zu steigen. Einer hieb ihm mit einer Axt eine Pfote ab und suchte mit dem Boote nach dem Schiffe zu steuern; aber auch dahin folgte das verstümmelte Thier, erkletterte das Schiff und wurde erst auf dem Verdeck getödtet. Ein ähnliches Abenteuer erlebte der Capitam Hawkins in der Davisstraße. Dieser verfolgte einen großen Bären, der dnrch's Wasser schwamm, und stieß ihn zweimal mit einer Lanze durch die Brust; als er sie zum neuen Stoß herauszog, kletterte das Thier am Boot in die Höhe, ergriff ihn am Schenkel und riß ihn über Bord. Glücklicherweise benutzte der58 * 915 Bär seinen Sieg nicht, sondern machte, daß er fortkam, was ihm auch gelang, da alle im Boote befindlichen Leute mit der Rettung des Capitains beschäftigt waren. Der Bär hat einen erstaunlich scharfen Geruch, denn er wird stundenweit durch das im Feuer bratende Wallfischfleisch oder durch Thrangeruch herbeigelockt. Schüler. Vermehren sich die Eisbären sehr stark? Lehrer. Nein, mein Lieber! denn die Bärin bringt höchstens zwei Junge; aber da diese Thiere im hohen Norden wenig verfolgt werden und dabei ein zähes Leben haben und alt werden, so läßt es sich daraus erklären, warum Reisende oft Heerden von Eisbären zu Gesicht bekommen. Aber was sagst du dazu, daß so eine unvernünftige Bärin ihre Jungen mit der größten Sorgfalt aufzieht und selbst dann, wenrt sie schon ziemlich erwachsen sind, noch alle Gefahren mit ihnen theilt. Man erzählt rührende Beispiele davon. Schüler. Ja, das ist wirklich merkwürdig. Ich habe in diesem Lexikon ein Beispiel davon gelesen. — Werden auch wohl Eisbären eingefangen und in Deutschland zum Besehen hernmgeführt? Lehrer. O ja! zuweilen; aber in der Gefangenschaft muß der Eisbär oft mit kaltem Wasser begossen werden, weil er sonst nicht lange leben würde. : — Sein Fleisch, wenn es vom Fett, welches öfter an 50 Kilogr. beträgt, gereinigt ist, soll saftig fein, und besonders wird der Keuler als wohl schmeckend gerühmt. Sein Fell gibt ein warmes Pelzwerk. Schüler. Darum macht man auch wohl Jagd auf die Eisbären? Lehrer. Ja wohl! Doch für heute mußt du dich mit dieser Erzählung begnügen. Hemdenberum. Lehrer. Daß es Gegenden gibt, in denen Brod und Milch und Butter auf den Bäumen wach sen, wirst du wissen? Schüler. Ja, lieber Herr Lehrer, ich habe im Kinder- Lexikon vom Brodfruchtbaum, vom Kuhbaum und vom Butterbaum gelesen und mich groß darüber verwundert. Lehrer. Weißt du aber auch, daß es Gegenden gibt, in denen Hemden auf den Bäumen wachsen, und sogar Hauben von ihnen geschüttelt werden können? —916 Schüler. Nein, die kenne ich noch nicht! O erzählen Sie mir doch davon! Lehrer. In Südamerika gibt es nämlich einen Baum, welcher 15 Meter hoch wächst. Von diesem schneiden die Indianer cylindrische Stücke ab, welche zwei Fuß im Durch messer halten, trennen davon die rothe faserige Rinde und hüten sich dabei sehr vor Längenschnitten, damit die Rinde ganz bleibt. Diese gewährt eine Kleidung, die einem Sack ohne Nath aus grobem Zeuge gleicht. Die obere Oeffnung dient für den Kopf, und für die Arme werden Seitenöffnungen ge- gemacht. Die Eingebornen tragen die Säcke als Hemden unter dem Namen Marino-Hemden, besonders während der großen Regenzeit. So wie nun hier Hemden aus den Bäumen wachsen, so kann man auch Hauben von denselben schütteln, inoem die Blumenscheiden einiger Palmenarten ein weitmaschiges, gegen die Sonne schützendes Gewebe liefern, das wie es da ist, aus den Kopf zu passen pflegt. Kameel. Lehrer. Es gibt zwei Arten von Ka mee len, die eine hat einen Höcker, die andere Art hat zwei Höcker. Die mit einem Höcker heißen Dromedare, und die mit zwei Höcker heißen Tr ampelthier e. Das ge meine Kam eel oder der Dromedar wird 1V^ Meter hoch, hat ziemlich feine, wollige Haare, welche mäßig lang sind und in der Regel eine grauröthliche Farbe haben. Unter den Füßen, an den Knieen und an der Brust hat es Schwielen. Man findet es häufig in Arabien und in der Wüste Sahara (s. d. in diesem Lexikon), auch gibt es in Persien, Aegypten und der südlichen Tartarei Kameele. Es vereinigt die Schnelligkeit des Pferdes mit der Genügsamkeit des Esels und liefert gleich der Kuh eine reinliche und nahrhafte Milch. Vielen Völkern Asiens und Afrika's liefert das Kameel die meisten Bedürf nisse. Sie seyen es daher für ein großes Geschenk Gottes an, ohne das sie weder leben, noch mit ihren Nachbarn Handel treiben, noch ihre fast endlosen Wüsten durchreisen könnten. Dieses Schiff der Wüste, wie der Araber das Kameel mit Recht nennt, ist durch seinen ganzen Bau und seine Ei genschaften recht dazu eingerichtet, den Menschen und seine Lasten durch den Sand der Länder zu tragen, die seine Hei- math sind. Die Füße sind so gebaut, daß es damit nicht tief in den Sand tritt; der drüsige Beutel am Halse enthält917 Feuchtigkeiten zum Benetzen des Schlundes, und der zellige Anhang des Magens bewahrt überdies noch acht oder mehrere Tage lang einen Wasservorrath auf, der dem Thiere in den wasserarmen Wüsten gar sehr zu Statten kommt. Hat es lange nicht getrunken, so nimmt es auf einmal einen großen Wasser vorrath in sich auf. Es ist sehr genügsam, denn Disteln und andere stachelige Gewächse reichen zu seiner Nahrung hin. Fehlt es auf der Reise an frischem Futter, so erhält es etwas Gerste und Bohnen u. s. w. Das Kameel wird zum Reiten und Lasttragen gebraucht. Schüler. Wenn ich nur auch einmal Gelegenheit be käme, auf einem Kameel zu reiten! Lehrer. Das möchte dir anfangs nicht so gar angenehm Vorkommen, denn wer auf einem so hochbeinigen Thiere reiten will, muß darin große Hebung haben; denn es tritt nicht nur hart auf, sondern hat auch noch einen besondern Gang, den so genannten Paß, nach welchem es die beiden Beine der einen Seite zugleich aufhebt und dadurch stets von der einen auf die andere fällt. Alle Thiere, welche zum Lasttragen gebraucht werden, werden von früher Jugend daran gewöhnt. Man legt ihnen anfangs eine geringe Bürde auf, welche nach und nach vergrößert wird. Es wird dazu abgerichtet, bei der Be ladung sich niederzulegen. Wird ein Kameel aber über laden, so läßt es sich eher todtschlagen, als daß es mit der Last aufstände. Musik und Gesang liebt es außerordentlich, und die Kameeltreiber wissen es damit zu ermuntern und auf zutreiben. Schüler. Leben die K a m e e l e auch lang? und zu was nützen sie noch, außer zum Lasttragen und Reiten? Lehrer. Die Kameele sollen sehr alt werden, ja, man sagt, daß sie bei guter Pflege ein Alter von 50 bis 100 Jahren erreichen. Das Trampelthier, welches zwei Höcker hat, ist von dem gemeinen Kameel wenig verschie den. Seine Farbe ist etwas mehr geblich weiß, und es wird etwas größer. Die Kameele liefern außerdem noch ein schmackhaftes Fleisch, namentlich soll der Fetthöcker eine Delicatesse sein. Die Milch der Kameele ist nahrhaft und gesund, und einige Stämme der Araber verstehen es, daraus ein dem Branntwein ähnliches Getränk zu bereiten. Die Haare der Kameele werden zu Garn und andern Waaren verarbeitet. Aus der Haut wird ein sehr dauerhaftes Leder bereitet, und der Mist dient zur918 Feuerung. Du siehst also, mein Lieber, was der gute Gott den Bewohnern der Wüsten für einen Reichthum in diesen Thieren beschert hat. Schüler. Aber ist es wahr, daß die Reisenden, wenn es ihnen an Wasser gebricht, ein K a m e e l schlachten, um mit dem Wasser, was dieses in sich aufbewahrt, ihren Durst zu löschen. Lehrer. Man erzählt es allerdings, kleiner Freund! aber es gibt auch Männer, die weite Reisen in Arabien ge macht und solches nie gesehen haben. Es kann aber darum doch möglich sein. — Weftindiett und die MegerfNerven. Lehrer. Unter West in dien versteht man eine Anzahl auf der Ost seite von Amerika liegender Inseln. Es sind ihrer einige Hundert, große und kleine, die meisten nur von unbedeutendem Umfang, aber alle von großer Fruchtbarkeit. Was wir in Europa an Kaffee, Zucker und Baumwolle verbrauchen, das ist zum großen Theile auf diesen Inseln gebaut und über's Weltmeer zu uns herübergebracht. Sie gehören verschiedenen Herren zu; die meisten und größten den Spaniern und Eng ländern, die übrigen den Franzosen, Holländern und Dänen. Die Bevölkerung von Westindien besteht nur zum kleinsten Theil aus weißen Leuten, die aus Europa stammen, und denen der Grund und Boden zugehört. Die meisten sind Schwarze oder Neger, welche als Sklaven bei den Pflanzern im Dienst stehen. Schüler. Ja, wie kommen denn die Neger nach West indien? Ist denn nicht das Vaterland der Neger das heiße Afrika? Lehrer. Die Neger sind nicht ursprünglich in West indien zu Hause, sondern stammen aus Afrika. Sie sind aber nicht freiwillig, wie die Europäer, hieher gekommen, sondern man hat sie zu der Zeit, als der Sklavenhandel noch allgemein getrieben ward, mit List und Gewalt aus ihrem Vaterlande weggeschleppt und in Schiffen über's Meer ge führt und nach all den Ländern hin, wo man starke und an ein heißes Klima gewöhnte Arbeiter brauchte. Da wurden sie denn verkauft und mußten ihre Lebenszeit in harter Dienstbar keit und schwerer Arbeit hinbringen, ohne andern Lohn dafür zu empfangen, als den Unterhalt, den ihre Herren ihnen gaben. Nun haben zwar nicht alle Herren ihre Sklaven919 schlecht gehalten und grausam behandelt. Aber was hilft'«? wenn Einer auch satt zu essen und Dach und Fach hat, muß aber dabei mit Weib und Kindern eines Andern leibeigener Knecht sein, so kann er seines Lebens nicht froh, sondern muß dem Thiere ähnlich werden, das man an spannt und mir der Peitsche regiert. Darum sollen wir denn auch von Herzen ein „Gott Lob ft' sagen, so oft wir daran denken, dast es mit solcher Sklaverei aus Erden jetzt immer mehr zu Ende geht, und daß die Zeit gewiß nicht mehr fern ist, wo sie ganz aushören wird. Den Sklavenhandel haben bereits alle europäischen Regierungen verboten und für ihre Besitzungen abgeschafft, so daß keine neuen Sklaven aus Afrika mehr hin kommen. Heimlich wird dieser schändliche Handel leider noch getrieben, aber, wenn's herauskommt, auch hart bestraft, und es ist zu hoffen, daß er bald ganz unterdrückt werden wird. Ja, die Engländer haben auch die Sklaverei selbst schon ab geschafft und alle frühern Sklaven frei gegeben, so daß diese nun freie Arbeiter sind, die um Taglohn dienen. Dazu ist ihnen von den Missionären etwas gebracht, das noch mehr werth ist, als die leibliche Freiheit, das Wort Gottes, welches, wo es angenommen wird, auch dem Sklaven im Joch und dem Gefangenen im Kerker zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes verhilsr. Die Neger sind ganz schwarz von Hautfarbe, die gar sonderbar absticht gegen ihre hochrothen. aufgeworfenen Lippen. Der Bau ihres Körpers hat überhaupt viel Eigenthümlich- keiten, wodurch er sich von dem anderer Menschenstämme un terscheidet. Die Nase ist platt gedrückt und aufgestülpt, die Backenknochen und die Kinnladen stehen sehr weit vor, die Stirn im Gegentheil ist stach und zurückgedrängt, das Haar aber schwarz und kraus, wie Wolle. In ihrer Geistesbildung stehen die Neger größtentheils noch sehr tief. Ihre Religion ist ein Gewebe des sinnlosesten Aberglaubens. Sie leben meistentheils nur in Hütten und Höhlen, und von Künsten und Geschicklichkeiten wissen sie nur wenig. Grönland und seine Bewohner. Lehrer. Nach dem wir in Gedanken mit einander in einem gar heißen Lande Amerika's herumgereis't sind, laßt uns einmal — freilich auch in Gedanken — nach einem recht kalten Lande und Meere dieses Erdtheils reisen und sehen, wie auch da derselbe große und gute Gott seine lieben Menschenkinder und all die andern920 Geschöpfe segnet und nähret. Nun, wohlan denn! Wir wollen nach Grönland. Schüler. Wann fängt denn in Grönland der Som mer an? Lehrer. Nicht eher, als mitten im Juli; und im August zieht er schon wieder fort, und Sturm und Schnee, und Eis und Kälte folgen ihm eilig nach. Aber in den vier Wochen, wo er herrscht, da thut er den Leuten denn auch freilich gar wohl. Abends 10 Uhr geht die Sonne erst unter, und Mor gens 2 Uhr ist sie schon wieder da und geht an ihr Geschäft. Da sind denn die Grönländer gleich fleißig bei der Hand und graben und säen und pflanzen in ihren Gärten zwischen den meterhohen Bergen und freuen sich, wenn nun nach wenigen Tagen schon ihr Salat so lieblich grün ausgehet, und der Kohl und die Kartoffeln ihre Decke spalten und sich kräftig hervordrängen, und an den Felsen das Moos eine frische Farbe gewinnt, und in den Thälern die zarten, kaum meterhohen Weiden und Birken ein neues, schönes Laub bekommen; ja, da freuen sich die kleinen Leute, wie wir im März, und danken gerührt Dem, der wieder so gnädiglich an sie denkt. Freilich, so viel schöne Sachen gibt's dort nicht, wie bei uns; da sind keine präch tigen Tulpen und duftenden Rosen und Veilchen; keine saftige Kirsche und Pflaume, kein säuerlich süßer Apfel mit schönen rothen Backen hangt am Baume; aber die Leute sind doch zu frieden und freuen sich mehr über ihre wenigen Johannisbeeren am Strauch, als bei uns mancher Ungenügsame über die viel reicheren Gaben unseres Gottes. Schüler. Aber wenn dort nur so Weniges und na mentlich gar kein Getreide wächst, wovon leben denn nur die armen Menschen, die dort wohnen? Was essen sie? Wie kom men sie im Hause zurecht, und wie bereiten sie ihre Geräthschaften ? Lehrer. Was sie essen? Ihr wißt, der Mensch lebt nicht vom Brod allein; der liebe Gott kann durch sein Wort auch andern Nahrungsmitteln Kraft genug geben, seine theuren Creaturen zu ernähren. Und so scheint er denn zur Ernäh rung des Grönländers den Seehund bestimmt zu haben. Dieser ist ungefähr so groß wie ein Schaf, hat einen runden Katzenkopf, auch solche Spürhaare unter der Nase, wie die Katze, bellt wie ein Huud, hat vorn sehr kurze Füße, und die noch kürzeren Hinterfüße, deren Zehen wie Gänsefüße mit einer Schwimmhaut verbunden sind, sind sammt dem kurzen Schwänzchen so wagerecht nach hinten gekehrt, daß sein Hinter-921 theil fast wie ein Fischleib aussieht. Und damit ihn nicht friert, wenn er, um seine Speise (Fische) zu suchen, im kalten Eiswasser umherscbwimmt, hat ihm der liebe Gott einen dicken Pelz angezogen. Hinter diesem Seehunde nun sind die Grön länder fleißig her. In ihrem oft fünf Meter langen, trag baren schmalen Kasack (Nachen), von leichten Stangen ge baut, mit Fellen überzogen und nur für einen Mann be stimmt, der sich hineinsetzt und die überstehenden Felle an seinem Leibe festschnürt, rudern sie emsig und sicher, selbst bei stürmischer See, hinter dem Thiere her, schießen und treffen es mit der Harpune und ziehen es an der Schnur herbei, an der die Harpune befestigt ist und von der sie das Ende bei dem Wurf in der Hand zurückbehalten. Den gefangenen Seehund tragen sie nach Hause. Aus seinen gereinigten Ge därmen machen sie sich Fensterscheiben und Hemden; aus sei nem Fell einen warmen Kittel, an dem auch oben zugleich die spitzige Mütze mit festsitzt, und Beinkleider und Stiefeln und Handschuhe, — das Rauhe auswendig. Das Fleisch und Fett kochen und essen sie; es schmeckt aber gar nicht gut, sondern sehr thranig. Alle Seehunde, welche die G r ö n- l and er sangen, essen sie nun freilich auch nicht auf, sondern aus vielen bereiten sie auch Th ran, und vertauschen ihn an die dänischen Kaufleute, die jährlich einmal kommen und ihnen Messer, Nadeln, Nägel, Beile u. dgl. dafür mitbringen. Schüler. Aber wenn nun die armen Grönländer immer Seehundsfleisch und immer Fische und nimmer ein Stücklein kräftigen Brodes oder Reissuppe oder sonst was Kräftiges, Gutes zu essen bekommen, werden sie denn da des ewigen Einerlei nicht müde? Lehrer. Nein, gar nicht! Zu der Speise, die der Herr gibt, schenkt er auch Hunger (Eßlust), versteht sich, nur den Genügsamen und Zufriedenen; und die Grönländer sind so zufrieden mit ihrem Seehundsfleisch und all dem Andern, was ihr Land hat, und sind so vergnügt darüber, daß, wenn man sie in wärmere Länder zu reinlicheren Leuten bringt und ihnen schöne, kräftige Suppen und das köstlichste Brod und die feinsten Fleischsorten, auf das Wohlschmeckendste zubereitet, und die saubersten Kleider reicht, sie doch unruhig bitten: „O, bringt uns doch zu unsern Thrantöpfen zurück, wo uns so wohl war, und zu unsern Kajacken und den schönen Eis bergen." —922 S chüler. Aber schadet denn das ewige Fleischessen ihrer Gesundheit nicht? Werden dadurch ihre Säfte nicht verdorben und ihre Kräfte geschwächt? Lehrer. O, gewiß würden sie das, wenn der liebe Gott ihnen nicht ein treffliches Heilmittel dagegen in alle Thäler und an alle Berge gepflanzt hätte — das wohlschmeckende, blutreinigende Löffelkraut. Wo nur ein Plätzchen frucht barer Erde ist, drängt sich's, wenn die warme Frühlingssonne die schlafende Erde weckt, überall üppig hervor, und sein frisches Grün ladet, Genesung verheißend, dringend alle die Kranken ein, die voll Ermattung oft auf allen Vieren kaum hinauskriechen können und, wie neu belebt, frisch und munter wieder in ihre Wohnung zurückgehen. Schüler. Und womit kochen sie ihr Seehundsfleisch oder ihr Löffelkrautsgemüse? Reicht denn das niedere, dünne, knie hohe Holz zwischen den Bergen dazu hin, ihren langen, kalten Winter zu erwärmen, Hütten und Nachen zu bauen und Jagdwerkzeuge zu verfertigen? Lehrer. O, bei weitem nicht! aber der gute Gott, der auch die armen Grönländer und ihre Bedürfnisse gar wohl kennt, hat dafür gesorgt, daß sie nicht Mangel haben an dem, was sie nothwendig brauchen. Weit gegen Süden hin. in Amerika, stehen dichte, dichte Wälder voll dicker Bäume. Mächtige Ströme rauschen hindurch, treten zur Zeit der Schneefchmelze über ihre Ufer und reißen alle Bäume, die nicht festgewurzelt, namentlich solche, die von Würmern an- gefreffen und abgestorben find, aus und führen sie in's Meer. Das Meer aber an Amerikas Küste strömt —, so hat es der Herr der Wasferwogen angeordnet — stets nach Norden und bringt so den Grönländern mit, wachste nicht haben und doch nothwendig brauchen. Seht, so versorgt der gute Gott alle feine Menschen kinder, sie mögen wohnen wo sie wollen; so kann der Mensch glücklich sein unter allen Zonen, wenn er auch gerade nicht das hat, was verkehrte Leute gewöhnlich für das höchste Glück der Erde halten.923 Auflösung dsr Uhuradeu, Seite 129. 1. Kaiserkrone. 2. Regenbogen. 3. Aerntefest. 4. Luft schloß. 5 Handschuh. 6 Handtuch 7. Apfelschimmel. 8. Mer muth. 9. Federbüchse. 10. Nordlicht. 11. Taubenschlag. 12. Grashalm. 13. Flaschenzug. 14. Kauderwelsch. 15. Flie genschwamm. 16 Bergwerk. 17. Bachstelze. 18. Schlüssel blume. 19. Ohrfeige. 20. Thierkreis. 21. Spitzbube. 22. Heu pferd. 23. Schildkröte. 24. Hirngespinnst. 25. Pfefferminze LogNgryphe, Seite 438. 1. Born, Dorn, Korn, Vorn, Zorn. 2. Egel, Segel. Regel, Kegel. 3. dicht, Gicht, Licht, nicht. 4. Aehre, Ehre. 5. Schlacht, schlecht, schlicht. Schlucht. 6. Pein, rein, Schein, kein. 7. Kater, Krater. 8. Welle, Wille, Wolle. 9. Blauer, Dauer, Bauer, Lauer. 10. Morgen, Sorgen, Borgen. 11. Bein, Rein, Wem, Pein, nein. 12. Pflug, Flug, Lug. 13. Mund, Bund, Fund, Hund, Schund, Kund, Wund, Stund, Rund, Sund, Spund. 14. Ha, Hei, Hau, Hey, Hah. 15. Buch, Bach, Bauch. 16. Fleiß, Fluß, Flaust. 17. Schwein, Wein, Ein, Ei. 18 Thau, Ham. 19. Ach, Dach, Dachs, Lachs, Wachs, Flachs. 20. Don ner, Dornen, Norden. 21. Wenn man vor „eile" ein „w" setzt. 22. Kost, Most, Post, Rost. 23. Greis, Eis. 24. Fehler, Hehler. 25. Gras, Grad, Gran, Grab, Gram, Gras. 26 Ente, Ende. 27. Sans, Tand, Land, Wand, Hand, Rand, Band. 28. Rose, Rosse. 29. Fuß, Huß, Schuß, Nuß, Gruß. 30. Mahl, Halm, lahm. 31. Malve, Salve. Müsse, Seite 517. 1. Das Steckenpferd. 2. Die Wage. 3. Der Wiederhall. 4» Die Schriftsetzer, Kupferstecher und Lithographen. 5. In ge spannten. 6. Dem Schauspieler durch den Souffleur. 7. Die Kochkunst. 8. Die Perlmutter. 9. Kolumbus, er fand Ame rika. 10. Ein himmelweiter. 11. In der Lust. 12. Der Un- rath. 13. Der Vorschuß. 14. Die Kartoffeln. 15. Der Fiacker. 16. Die Krebsscheeren. 17. Die Essenszeit 18. Die Nachbar-924 schaft. 19. Zwei Pelze. 20. Der Kamm. 21. Der Sägebock. 22. Die Lausitzer. 23. Die Einnahmen. 24. Im Ueberflusse. 25. Der General-Baß. 26. Bei der Naht. 27. Der Hahn; er hat immer einen Kamm bei sich. 28. Scheidewasser. 29. Auf der Landkarte. 30. Einen Herrn. 31. Ein Dutzend. 32. Der Eingebildete. 33. Kotzebue. 34. Die Mitgift. 35. Die Bank noten. 36. Die Zwietracht. 37. Die Zypresse. 38. Die Mahl zeiten. 39. Die Aus- und Beutel-Schneider. 40. Der Zuspruch. 41. Der Vorstand. 42. In den Hospitälern. 43. In der Baum schule. 44. Der Münzfuß. 45. Auf Vorfahren. 46. Die Kalender. 47. Der Schatten. 48. Das Hühnerauge. 49. Der Tugendspiegel. 50. Der Uebermuth. 51. Aus den leeren. 52. Er schreit nur immer Kukuk, nicht: Dieß Jahr, wie das vorige Jahr. 53. Eine Geige hat ein ge, ein Baum aber Zweige. 54. Die Lampenglocke. 55. Um sie aufzusetzen. 56. Der Zahn im Munde. 57. Wenn man die Silbe en daran hängt. 58. Wenn er mit einem Luftballon hoch über die Erde emporgestie gen ist. 59. Die Wasserhosen. 60. Der Weber. 61. Das Tausendgüldenkraut, der Goldlack und vorzüglich der Goldregen. 62. Die Löffel oder Ohren des Hasen. 63. Kaufbeuern. 64. Nach Friedland. 65. In Andernach. 66. Der Hase, denn er frißt beständig mit zwei Löffeln. 67. Der Speisewirth. 66. Zum Stadt- und Landgerichte. 69. Der Dreifuß. 70. Der Bürsten binder. 71. 3,. Jura, b. Atlas, c. der Brocken, d. der Schnee berg, die Schneekeppe, der Eiskogel rc., 6. der Groß-Glockner, k. die Jungfrau, g. der Monte Rosa, h. der Harz, i. die Alpen. 72. Keiner; es ist ja schon gut beschlagen. 73. dies. 74. Die Wolke. 75. In die leeren. 76. Die Steine auf dem Damen brett. 77. Ein großer. 78. Weil es das Land der Feigen ist. 79. Die Finsterniß. 80 Austern. 81. Wenn man mit einer Messerspitze auf eine Kupfermünze sticht. 82. Mit dem Compaß. 83. Der Basalt. 84. In der Schweiz; auf dem Wege von Schwyz nach Zug. 85. Eine Ameise. 86. Wenn er auf dem Baum sitzt; dann singt er vom Blatte. 87. Die Recensenten. 98. Der Taubenschlag. 89. Den Tagdieb. 90. Einen Thaler schein. 91. Die Locomotive. 92. Keine; sie müssen hinein ge- than werden. 93. Ja wohl. Denn die Hühner fressen keine Pferde. 94. Den Hochmuth. 95. Den „EulenspiegelN 96. Mit dem Eichhorn. 97. Die Hosenträger. 98. Auf die Schie fertafel. 99. Das Frühstück. 100. Die Großmutter. 101. Mit dem Fingerhut. 102. Lebensmittel. 103. Der Friedhof. 104. Ein Bruch. 105. Der Windmüller; er hält sich immer925 vier Flügel. 106. Zum Obst; denn er hat einen Stiel. 107. Die Augensterne. 108. Das Mittags- und Abendbrod. 109. Der Zahn der Zeit. 110. In Schwarzburg und Rußland. 111. Der Storch. 112. Der Esel. 113. Ein Bote. 114. Der Mai mit nur drei Buchstaben. 115. Die Betrübnisse und die Gefängnisse. 116. Der Bettelstab. 117. Der Rheinsall. 118. Lotte. 119. Der Eigendünkel. 120. Ein Bassaschier, (Passa gier). 121. Mamagei. 122. Frau Kules. 123. Nach den Herbergen. 124. Der Vorrarh. 125. Der Verrath. 126. Ein heuloser. 127. In der Schweiz, das Entlibuch (eine Landschaft). 129. Der Kriegsfuß und der Steuersatz. 129. Bier. 130. Um Johanni, die Tage sind alsdann am längsten. 131. Um 5 Uhr; denn halb 10 ist ja 5. 132. Fünf Finger sind ungerad; wenn man sie aber streckt, sind sie grad. 133. Nach dem Laden. 134. Schnitzer. 135. Der Hut. 136. Die Illumination. 137. Die Glockenspeise. 138. Bt (B am t). 139. Die Ente (N t). 140. Mitleid. 141. Wenn man das Wort Leben umkehrt. 142. Man zieht die Stiefel aus und trägt sie in der Hand. 143. Der Kaufmann nimmt gern ein, der Kranke ungern. 144. Wenn man die Hämmel nicht schlachtet. 145. Sie blasen durch das Horn. 146. Beide machen Netze. 147. Am 2. Ja nuar. 148. Wachtel heißt das Ganze. 149. Wenn man 11 mit römischen Zahlen schreibt (XI) und dann die untere Hälfte auslöscht, so bleibt 6 (VI). 150. Auf diesem Teller da Liegt ein eF i es ce ha. Palindrom, Seite 543. 1. Neger — Regen. 2. Gras — Sarg. 3. Rebe — Eber. 4. Nebel — Leben. 5. Elle, Otto, Anna, Ecke, Ebbe, Egge, Esse, Ehe, Retter, Kukuk, Uhu. 6. Kukuk. 7. Gitter — Rettig. 8 Bank — Knab. 9. Gras — Sarg. 10. Uhu. 11. Neger — Regen. 12. Nabal — Laban. Räthsel, Seite 585. 1. Schnee — 2. Brod — 3. Geige — 4. Frühling — 5. Ziegelplatte — 6. Würfel — 7. Nuß — 8. Katze — 9. Erdapfel — 10. Bretze.926 Räthfelfragen, Seite 587. 1. Acht Jahre. 2. Keiner, denn die andern fliegen alle davon. 3. Das Windspiel. 4. Eine. 5. Wer jetzt lebt. 6. Der Spiegel. 7. Der Schlüsselbarr. 8. Die Borsten. 9. Der Baum im Frühjahr. 10. Im Frühlinge, wenn die Bäume ausschlagen, und im Sommer, wenn der Salat schießt und die Sonne sticht. 11 . In die vollen. 12. Der Donnerstag. 13. Der die kürzeste Nacht har. 14. Der Rittersporn (eine Blume). 15. Der Hof um Sonne und Mond. 16. Der Schlagbanm. 17. Der Wein geist. 18. Die Flußbetten. 19. Der Stieselknecht. 20. Der Regenbogen. 21. Das Weltgebäude. 22. Der Rost. 23. Der Zaunkönig. 24. Der Kegelkörug. 25. Die Handschuhe. 26. Die Augäpfel. 27. Die Uhr. 28. Die Fußsohlen. 29. Der Schuh nagel. 30. Die Ohrseigen. 31. Die Milchstraße. 32. Der Blasebalg. 33. Heu. 34. Der Schatten. 35. 99%. 36. Sei nesgleichen. 37. Der Wein. 38. Die Matrosen. 39. Das hat nichts zu bedeuten. 40. Der Häring. 41. Der 1 Auge hat, denn er sieht beim Andern 2, während dieser bei jenem nur eines sieht. 42. Beim Stiel. 43. Auf den Kopf. 44. Das Kalb- 45. Wo die tiefsten Thäler sind. 46. Wenn er Federn hätte, würde man ihn rupfen. 47. Der Stockfisch, denn er hat den Kopf in Holland, und den Leib bei uns. 48. Der die Augen am nächsten beim Schwänze hat. 49. Die Frauenzimmer. 50. Mit der rechten Hand in den linken Handschuh zu schliefen. 51. Wenn ihn der Hunh beißt. 52. Wenn der Berg ein Loch hätte, würde er unten durch gehen. 53. Weil er seinen Gesang auswendig kann. 54. Wo er den Schwanz hiustreckt. 55. Der Krebs. 56. Beide brennen kürzer. 57. In dem Buchstaben T. 58. Der Glashänd ler. 59. Beim Seiler. 60. Im Himmelreiche. 61. Die Schnür- leiber. 62. Die Schnecke, denn sie trägt ihr Haus. 63. Wenn es gefroren ist. 64. Die Trompeter und der Salpeter, laus letz terem wird Pulver gemacht) 65. In der Arche Noe. 66. Der Spaßvogel. 67. Mit den Hühneraugen. 68. Das Wasser, denn es treibt Mühlen und trägt die schwersten Schiffe. Auch der Wein, denn er wirst Manchen zu Boden. 69. Die Krebse, denn sie werden roth, wenn sie gesotten sind. 70. Die Schuhmacher. 71. Die Geldrolle. 72. Eines, denn beim Zweiten war er nicht mehr nüchtern. 73. Der Seiler, wenn er fleißig ist. 74. Die Telegraphen. 75. Die Karpathen. 76. Bei der Naht. 77. Der Deckel oder Einband der heil. Schrift oder Bibel 78 Die Wölfin:?. 79. Ein Pfund, denn es hat vier Viertel. 80. Der927 Bückling. 81 Ein Loch. 82. B. 83. Die Barbiere. 84. Das Bett 85. Das Reibeisen. 86. Die ABC-Schützen. 87. Ein Fuder Grummet. 88. Der Reiter. 89. Die Musikanten. 90. Der Branntwein. 91. Auf keine Weise. 92. Einer, Judas, die an dern sind noch Apostel. 93. Der Fmgerhut; der Zuckerhut. 94. Der Zweite. 95. Das Futteral. 96. Der Geizhals. 97. Ist gleich. 98. Die Thüre. 99. Man lasse ihn das Wort: weder schreiben, und das Wort: noch lesen. 100. Ueberall. )Mebrrs, Seite 594. 1. Bayern (bei R'n.). 2. Deutschland (deutsch L an d). 3. Paris (paar is). 4. Voreffen (vor S. N.). 5. Elbe (LB, Fluß). 6. Baarfuß (paar U —Fuß, Schuh). 7. Wachtparade (W 8 paar a de). 8. Treues Ehepaar (drei s e paar — paar ee). 9. Zwei Linienschiffe (zwei Linien schief e). 10. Große Forell (groß E vor l). 11. Erlangen (R lang N). 12. Er obererzweige (R ober R zwei g). 13. Hohenstaufen (hoh' N st aus n). Treue Unterthanen (drei e unter T' an n). 14. Ober gewehr und Untergewehr (ober G W 'R und unter G W M — Muskete und Säbel). 16. Veteranen (fette E rahn — mager — hager N). 17. Fastnacht (fast — beinahe N 8). 18. Um wege (um W g). 19. Altes und neues Testament (altes T und neues T st' am End').NmckfMr- VerkikM'mrg. Seite 93, Zeile 8 von oben, sollte es heißen: Betrachtest Du nun aber den Fuß eines Pferdes, so wirst Du finden? daß die Zehen alle zusammengewachsen und mit einem Horn, wie mit einem runden Schuh umgeben sind, damit sich die Füße nicht so leicht wund laufen.a Seite ■ Aal 1 Aas 1 Abend . * 2 Abenteuer 2 Adelsberger Höhle .... 5 Adler . 6 Aegypter 7 Aetna 9 Affe 13 Afrika 17 Almosen 18 Alpe 19 Alpenleben 20 Alpenpässe 22 Alpenrose 23 Alp-Horn. 25 Ambos 25 Ameise 26 Ameisenarten 28 Ameisenlöwe 29 Amerika 31 Amphitheater 42 Amsel 45 Anekdoten 46 Angel 54 Angesicht ob. Antlitz • • • 54 Apelles 54 Apfel 55 Apotheker .55 Aprikose .56 April .56 Arbeit .56 Arbeitsamkeit 57 Arzneipflanzen 59 Arzt oder Doktor .... 59 Asbest 59 Asien 60 Aß 61 Aue oder Wiese 61 i Auerhahn 2 Auge 62 August 62 Auswanderung 63 Austern 63 Australien..... . 64 > Kinder-Lorwcrsations-Lexikon. Leite Bäcker 65 Bär 66 Ball 68 Bambusrohr 69 Bank 69 Barbarossa 69 Barometer 7.1 Baum 72 Beduinen 73 Bedürfnisse und Bequemlich keiten des Menschen . . 77 Beere 78 Berg 79 Bergsturz v. Goldau ... 80 Bergwerk 84 Berlin 85 Bernhardsberg 88 Bernstein 88 Beschäftigung der Menschen 89 Betten 91 Bewegungsorgane.... 92 Biber 95 Bienen 96 Bier 101 Bilder 102 Birne 102 Blasebalg 103 Blätter 103 Blattläuse 104 Blei 105 Blitz und Donner.... 105 Blitzableiter 108 Blumen 109 Blumenschneider und Blatt- schueider 110 Blutegel 111 Bodensee 111 Branntwein 112 Braten 113 Brennnessel 113 Brillen 115 Brod ........ 115 Brodfruchtbaum . . . .117 59930 Seite Seite Brücken .... • • • 119 Elektrizität- ..... Brunnen . . . • 119 Elephant . 179 Buchdruckerkunst . • 120 Elsaß u. Lothringen . . . 185 Bücher .... • 120 Elster . 189 Buche . . • 121 Eltern . 189 Bürste .... • 122 Engländer . 189 Burg, Ritterburg. ■ 122 Erdäpfel . 191 Butter .... • 123 Erdbeben . 192 Butterbaum . . * 124 Erde . 194 Cairo • 124 Erfindungen .... . 197 Canarienvogek . . • 126 Esel . 198 Cederbaum . . . • 127 Eule . 203 Chamsin .... . 128 Europa . 205 Charaden . . - . 129 Fabel . 209 Chinese .... . 133 Fackel . 210 Chocolade . . . . 135 Faß . 210 Cirknitzer-See . . . 136 Faulthier ..... . 211 Citronen.... . 136 Februar . 211 Cocosnuß . . . . 136 Federn . 211 Colibri .... . 138 Feigen ...... • 214 Compaß .... . 138 Feigenbaum und Pisang . 215 Crocodik .... . 140 Feld . 216 Cuntur oder Greif-Geier . 141 Festung . 216 Dachs .... . 143 Feuer • 217 Dädalus u. Ikarus . 145 Feuersbrunst . . . . • 218 Dampfschiff . . . . 146 Feuerberge • 220 Datteln .... . 147 Feuerstein . 221 Demosthenes . . . 147 Fichte • 222 Deutschen, die alten . 148 Fieberrindenbaum . • • 225 Deutschen, die jetzigen. - . 150 Fische • 225 Dezember . ■ . . 152 Fische, fliegende - - - • 226 Dienstfertigkeit. . . 152 Fischfang . 227 Dietrich .... . 154 Fischotter . 227 Diogenes . . . . 154 Fixsterne • 228 Distelfink . - , . 155 Flachs • 229 Donau .... . 156 Flamingo • 230 Dorf Fledermaus . 230 Drossel .... . 157 Fleiß . 232 Ebbe und Fluth . . 158 Fliege . 234 Echo . 158 Floh • ■ . 235 Edelstein.... . 159 Forelle . 237 Egae Frankfurt . 237 Eiche . 159 Franklin, Benjamin • ■ . 238 Eichhörnchen . . . 160 Franzosen . . . • • . 239 Eidechse . . . . . 161 Freie Städte . . • • . 240 Eidergans . . • . 162 Freiheit . 243 Eisbär .... . 163 Frosch . 244 Eismeer .... . 164 Frühling . 246 Eisen . 175 Fuchs . 253 Eisenhändler . . . 176 Fuggerei...... . 258 Eisenbahn . . . . 176 Füße -931 Gans und Ente , . . . Garten Gartenschnecke Gast Gasbeleuchtung Gehorsam ! Geieradler oder Lämmergeier Gesicht Gehör Geruch Geschmack Gefühl Gehirn Gemse Geruch des Hundes . . . Gesundheitsregeln für Kinder Getreid Gewitter Gießbach Giftpflanzen Gimpel ; Giraffe Glas Glasfabrik Gletscher Glocken Glockengießer Gluckhenne Gold Göthe, Johann Wolfgang . Gottesanbeterin .... Grasmücke Grille Guano ....... Gummi elasticum .... Gutta Percha ..... Müll, Friedrich Gyps ....... Haar Haber Habicht oder Falke . . . Häring ....... Häringsfang ..... Hagel Haifisch ....... Hamster Hand Hanf - Hase - Haselnußstrauch .... Haspel Seite Haushahn 314 Hausschwalbe . . . . . 316 Haut 317 Haydn, Joseph . . . . 317 Hebel, Johan Peter . . . 321 Hechel 324 Hecht 324 Heerde 325 Heide 326 Heidelberg 327 Heidelbeerstaude . . . . 328 Henne 328 Herbst 329 Herculanum und Pompeji . 329 Hermann, Deutschlands Be- 331 freier Heu 332 Heuschrecken 332 Himmel 333 Hirsch 336 H°f 337 Holz 337 Holzhacker 338 Höflichkeit 338 Hölty, Ludwig 340 Hohenschwangau . . . . 342 Hollunderstrauch . . . . 343 Honigsaft und Blüthenstaub 344 Hummel 345 Hund 346 Hunde von Kamtschatka. . 349 Hühnerfa-lke 350 Hyäne 351 Ichneumon 352 Igel . - 352 Jnfusionsthierchen . . . 353 Insekten 354 Insel 356 Irrlicht 356 Jagd 357 Jahreszeiten 357 Januar 360 Jerichorose 361 Jerusalem 362 Johanniswürmchen . . . 366 Juni 366 Juli 367 Kaffeebaum 367 Kaffern-Land 368 Kalb 370 Kalender 371 Seite 262 263 265l 268 269 271 272 272 272 273 273 273 273 278 276 277 278 279 280 282 283 284 284 285 285 286 287 287 287 292 293 293 295 295 296 297 297 301 301 302 302 303 303 306 306 308 308 309 3 IO 313 314932 Kameel . . . Kanapee . . . Kartoffel. . . Kasten . . . Katze .... Käfer .... Käfig .... Käse .... Kerzen . . . Kessel. . . . Kind .... Kirschen . . . Kleider . . . Kleid der Blumen Kleidung. . . Kletterpflanzen . Knabe . . . Königssee . . Koffer. . . . Komet . . . Kommod. . . Konstautinopel 7 Korallen . . . Korkholz . . . Korn .... Kornblume . . Kranich . . . Kräuter . . . Krebs.... Kreuzschnabel Kreuzzüge . . Kriechende Thiere Kriegsheer . . Kriegsschiff . . Kröten . . . Krug .... Küche .... Kürbis . - - Kuh ... . Kuhbaum . . Kukuk . . . Kupfer . . . Kysfhäuser . . Lachs .... Lampe . . . Land .... Landleben . . Landkarte - . Laterne . . . Laubfrosch . . Lauterbrunnenthal Seite Seite 371 Lawine . . 420 372 Leber ....... . 423 373 Lehren der Erfahrung . 423 374 Legende . 428 374 Leinwand . 429 377 Lemming . 430 378 Lerche. ' . 431 378 Lernen . 433 378 Leuchter . 434 379 Lickit und Wärme - . . . 434 379 Liebe der Thiere . . . . 435 380 Lilie . 437 380 LogogrM . 438 381 Lössel . 443 382 Löwe . 443 383 Löwenzahn . 446 384 London . 447 387 Luchs - 448 388 Luft . 448 388 Lügen . 451 389 Mädchen . . . . . - 458 389 Mährchen . . . . . - 459 391 März . 462 391 Mäusefalk . 462 392 Magnet . 463 393 Mai . 463 384 Maikäfer . 464 397 Mais oder Welschkorn - . 465 397 Malerei . 465 398 Mandeln . . . . • . 466 399 Marabu . 466 402 Markt . 466 403 Martinswand . . . • . 467 403 Matrose - . 467 403 Maulwurf . . . . • . 468 404 Meer . 470 404 Menagerie . 471 405 Mensch . 475 405 Messer und Gabel - - - . 478 406 Metalle . 478 406 Mineralien . 479 408 Mitleid . 479 408 Mitternacht. . . • • . 480 411 Mond ....-• . 482 411 Moos ....•• . 484 411 Morgen ....•• . 484 412 Mozart ■ ••••• . 485 413 Mücke ....•• . 486 413 Mühlstein . . . - - . 487 414 München - - - - - . 487 419 Murmelthier . . . ° . 490933 Musik .... Scite . 492 Mutter .... . 492 Muttersprache . . . 493 Nacht .... . 494 Nachtigall . . . . 495 Nachtwächter . . . 498 Nägel .... . 499 Nashorn.... . 499 Nase . 503 Nattern und Blindschleichen 504 Natur .... . 504 Nebel . 505 Nelken .... . 506 Nerven .... . 508 Nest . 508 Nestbau .... . 510 Netze . 512 Nordlicht . . . . 513 November . . . . 513 Nürnberg . . . . 514 Nüsse . 517 Nußbaum . . . . 522 Obelisken . . . . 522 Obrigkeit . . . . 523 Obst . 52I Obstmarkt . . . . 524 Ocean und Meer . . 524 Ochs . 528 Oelbaum . . . . 529 Ofen . 529 Ohr . 530 Ohrmuschel . • • . 530 Oktober .... . 531 Oliven .... . 532 Ordnung • • . . 532 Orgel .... . 535 Palästina . . . . 535 Palindrom . . - . 543 Palmbaum . . . . 546 Palmen ... • • . 547 Papagei .... . 550 Papier .... . 553 Pappel .... . 554 Parabel .... . 654 Peitsche .... . 557 Pelikan - - . 557 Pelz - - - - - . 559 Perlmuschel. . . . 560 Pestalozzi, Heinrich . 560 Pfanne .... . 565 Pfau . 565 Seite Pfeffer ....... 565 Pferd 566 Pflanze 569 Pflanzen, bewegliche . . .571 Pflaumen ... . .571 Pflug 572 Porzellan 573 Pulver 573 Puppe ....... 574 Purpur 575 Pyramiden 576 Quecksilber 577 Quelle 577 Quellwasser 582 Quitte 583 Rabe 583 Rad 584 Räthsel . . 585 Ratten und Mäuse . . . 592 Raupe 593 Rebus 594 Redlichkeit 595 Regen ' 597 Regenbogen 597 Regensburg 600 Reh . 601 Reif 602 Reiher 602 Reis 603 Nennthier ...... 603 Rhein 604 Rigi 606 Ring 614 Ritter 614 Rom, das alte 6 > 5 Rose . . . ... . . . 618 Roseustock 619 Rosinen ....... 620 Rübe 621 Rübezahl • - • . . .622 Rückert, Friedrich . . . 627 Russen ........ 629 Sack 631 Säge ........ 631 Sagen ........ 631 Sailer ....... 633 Salz 635 Salzbergwerk . . . . . 635 Samen der Pflanzen . . . 637 Schaf 639 Schaukelpferd 640934 Seite Schierling 641 Schiff 642 Schifffahrt 643 Schiller, Friedrich.... 644 Schlacht 646 Schlange 646 Schloß 651 Schloß, eisernes .... 651 Schlüsselblume 651 Schmetterling 652 Schmid, Christoph . . .653 Schnee 657 Schneemann 658 Schneeglöckchen und Veilchen 659 Schnepfe 660 Schnecken 661 Schrift und Druck . . . 664 Schule 665 Schüler 666 Schwämme ..... 667 Schwalben 668 Schwan 669 Schwefelregen ..... 670 Schwein 671 Seedienst 673 Seehund 676 Seemann 679 See'n - . 682 Seerose • . 685 Seeschiff - . 686 Seeschlacht ...... 687 Seide • . 687 Seidelbast ...... 688 Seidenraupe ..... 689 September ...... 690 Sessel • . 690 Sieb • . 691 Siebenschläfer . . . ■ .691 Silber • . 693 Singen • . 694 Sklave • . 697 Sklavenschiff ..... 698 Skorpion ...... 699 Sokrates • . 700 Soldaten ...... 701 Lwlenhofer Schiefer . • . 702 Sommer 708 Sonne 708 Sonnenblume 713 Sonnenfinsternis; .... 714 Sonnen - Mikroskop ... 714 Seite Sorge der Vögeln. . . .715 Spechte 717 Sperling 719 Spiegel 721 Spiele der Kleinen . . . 722 Spiele der Großen . . . 727 Spindel 732 Spinne 732 Sprache 734 Sprache der Blumen . . .735 Sprichwörter 737 Staar 739 Staat 739 Stachelschwein 740 Stadt 740 Steine 743 Steinkohle 743 Sterne 744 Sternenhimmel 748 Sternschnuppen 751 Stimmen d. Thiere . . .751 Storch 754 Strauß 756 Strom 757 Stunde 758 Sturmvogel 759 Tabak 760 Tageszeiten. .- . . . .761 Tanne 762 Tarantel 762 Taube 768 ' Taucher 765 Teichrose 767 Telegraph 770 Tell, Wilhelm 771 Teufelsmauer 772 Tbau ....... 774 Thee 774 Thermometer 775 Thier 775 Thiere, kleinste und größte . 775 Thierkämpfe 777 Thierquälerei 785 Tiger 789 Tisch 792 Todtengräber 792 Todtenuhr 793 Tollkirsche 793 Torf . 794 Treue des Hundes . . .795 Trommel u. Trompete . . 797935 Trüffeln 797 Truthahn 798 ' Türken 799 Tulpe .801 Tunnel 801 Turnen 802 Ueberwinternde Vögel . . 803 Uhlan 804 Uhr 806 Uhren, Erfindung.... 810 Umgang mit Andern . . >811 Undank 813 Uniform 814 Ursache u. Wirkung . . . 817 Urwälder . . . . .819 Bater 820 Veilchen 821 Venedig 823 Vergißmeinnicht .... 824 Versteinerungen . . . . 824 Verwandlung der Insekten . 825 Verwandlung der Käfer . . 827 Vesuv 828 Vierfüßige Thiere .... 829 Vierwaldstätter-See . . .829 Vögel 831 Vogelnest und Spinnengewebe 831 Vorboten des Frühlings . 838 Vorsicht 835 Vorzeit 836 Vulkan 837 Wachen u. Schlafen der Thiere 838 Wachholder 839 Wachtel 839 Waffen der Thiere . . .840 Wahrhaftigkeit ..... 844 Wald 846 Wallfisch....... 852 Wallfischfang ..... 854 Wanderheuschrecke .... 856 Waschbecken...... 857 Wasser ....... 857 Wafferdampf 858 Wasserfall 859 Weber 862 Weinlese.... Seite . 862 Weinstock . . . . 863 Welt . 865 Wespe .... . 869 Wiesel .... . 867 Wildbad.... . 869 Wind . 870 Winter .... . 871 Winterschlaf . . . 878 Wohlanständigkeitsregeln. . 879 Wolf . 880 Wolken .... . 885 Wolle .... . 888 Würmer .... . 889 Wüste Sahara . . . 889 Xerpes .... . 891 AoP . 893 Zahn .... . 894 Zaunkönig . . . . 894 Zebra .... . 896 Zeisig . 896 Zeit . 897 Zeitlose .... . 897 Zelte ..... . 898 Ziege . 898 Ziegel .... . 899 Ziegenmelker . . . 900 Zigeuner .... . 901 Zimmt .... . 902 Zitteraal.... . 903 Zobel .... . 903 Zucker .... . 904 Zuckerrohr . . . . 904 Zufriedenheit . . . 904 Zugvögel . - - . 907 Zunge .... . 909 Zwerge und Riesen . 910 Zwiebel .... . 912 Zugabe .... . 913 Eisbär . . . 913 Hemdenbaum . 915 Kameel. . . 916 Westindien. . 913 Grönland . . 919Auflösungen der: Charaden Loqogryphe 438 Nüsse 517 Palindrom .... 543 Räthsel 585 Räthselfragen .... . . . . 587 Rebus 594Mimler-
