Das deutsche Kind im deutschen Krieg Von Prediger Wilhelm Klauke-Frankfurt a. M. Mit Zeichnungen von Emil Hochhäusler 19 15 Im Selbstverlag des Verfassers Druck von Gebrüder Stritt, Frankfurt a. M. Das deutsche Kind im deutschen Krieg Von Prediger Wilhelm Klauke-Frankfurt a. M. Mit 14 Zeichnungen von Emil Hochhäusler lSibkolhch G vHerlln^/ 19 15 Im Selbstverlag des Verfassers Druck von Gebrüder Stritt, Frankfurt a. M.^ s 5 oV Lb ^5 „Deutschland, Deutschland über alles. 1. Ein gutes deutsches Kind sagt sich: Ich bin ein deutsches Kind und will auch deutsch bleiben. Singt ihr nicht gerne das Lied: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt?" Deutsch ist eure Heimat, deutsch eure Sprache, deutsch euer Geist und Gemüt, deutsch ist alles, was ihr liebt: eure Eltern und Geschwister, eure Freunde, enre Verwandten und Bekannten; deutsch sind eure Schulen und Lehrer und Schulkameraden. Deutsches Brot eßt ihr, das auf deutschem Boden gewachsen ist; deutsche Arbeit kleidet euch und befriedigt all eure sonstigen Lebensbedürfnisse. Das große deutsche Vaterland sorgt für euch alle wie eine gute, treue Mutter. Kein Kind läßt es verhungern, auch wenn es keinen eigenen Vater und keine eigene Mntter mehr hat; überall sind6 deutsche Waisenhäuser, die sich auch der ärmsten Verlassenen lieb reich erbarmen. Deutsche Gesetze beschützen euch vor ansteckenden Krankheiten, damit ihr gesund und munter leben bleibt; ferner vor allen Bösewichtern, die euch gern verführen oder ausbeuten oder sonstwie schädigen möchten. Die besten Schulen der Welt sind in Deutschland für euch errichtet, damit ihr etwas Tüchtiges lernt und später etwas leisten und damit euer Geld verdienen und euch selber ernähren könnt. Wenn du, liebes Kind, das alles bedenkst, was das deutsche Vater land für dich tut, wie es dich schützt und schirmt, wie du in ihm wurzelst gleich einem Baum oder einer Blume in dem herrlichen Garten unseres deutschen Reiches, dann wirst du geradeso denken und sühlen, wie es die folgenden Verse sagen: Treue Liebe bis zum Grabe Schwör' ich dir mit Herz und Hand, Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland. Nicht in Wort allein und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit: Mit der Tat will ich's erwiedern Dir in Not und Kampf und Streit. In der Freude, wie im Leide Ruf' ich's Freund und Feinden zu: Ewig find vereint wir beide, Und mein Trost, mein Glück bist du. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör' ich dir mit Herz und Hand, Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland. (s-7 Eroberung der ersten französischen Fahne. 2. Ein gutes deutsches Kind sagt sich! Jetzt ist mein deutsches Vaterland in Not und Kampf und Streit. Böse Feinde sind über uns hergefallen und wollen Deutschland vernichten. Sie ärgern sich darüber, daß Deutschland groß und mächtig ist. Sie ärgern sich, weil eure Väter nach ihrer Meinung zu viel Geld verdienen. Sie ärgern sich, weil es die deutschen Kinder zu gut hätten. Sie sind voll Haß und Neid und möchten am liebsten bei uns alles verwüsten: verwüsten unsere Felder, daß kein Getreide und kein Gemüse und kein Obst mehr darauf wachsen soll; verwüsten unsere Fabriken und Maschinen, damit eure Väter nichts mehr schaffen und erwerben können; verwüsten und aus plündern unsere Wohnungen, damit-ihr kein Brot mehr zum Essen und kein Bett mehr zum Schlafen und kein Zeug mehr zum Anziehen habt und vor Hunger und Kälte umkommen sollt.8 Wie schändlich ist doch ein solch grimmiger Krieg! Wie viele böse Menschen giebt es noch, die andere und sogar Frauen und Kinder, eure Mütter und euch selbst, umbringen oder töten möchten! Ein gutes deutsches Kind ist nicht so böse. Es liebt den Frieden, wie unser deutsches Vaterland und besonders unser lieber deutscher Kaiser 44 Jahre lang eifrigst bemüht gewesen sind, uns und euch allen und der ganzen Welt den Frieden zu bewahren. Doch die anderen: die Engländer, Franzosen und Russen haben es anders gewollt. Immer haben sie darüber nachgesonnen: „wie können wir wohl dieses verhaßte Deutschland vernichten?" Für sich allein wagte niemand von ihnen uns anzugreifen. Sowohl der Engländer, als der Franzose und auch der Russe sagte sich: „Wenn ich allein angreife, dann bin ich verloren; Deutschland ist zu stark und mächtig; niemand kann es allein bezwingen." Darum haben sie sich verbündet und dachten sich: „Wenn wir zu dreien und zu gleicher Zeit über das eine Deutschland herfallen, dann muß es unserer Übermacht erliegen." Wie feige und schmachvoll ist doch dieser heimtückische Plan! Aber Deutsch- land ist doch noch stärker, als sie gedacht und schon gefürchtet hatten. Wir werden auch mit diesen Dreien fertig. Glänzende Siege haben unsere tapferen Soldaten schon errungen. Unser vom Kaiser geführtes Heer ist das erste der Welt. In Rußland, in Frankreich und in Belgien stehen unsere Truppen; aber ihr Kinder, ihr lebt hier wie im tiefsten Frieden. Ihr hört keinen Kanonendonner; ihr seht keinen Feind; ihr braucht nicht zu flüchten; ruhig könnt ihr schlafen, in gewohnter Weise essen und trinken, in die Schule gehen, eure Arbeiten machen und auch singen, spielen und springen, als ob es gar keinen Krieg gäbe. Wie aber ergeht es den armen Kindern im Feindesland? Wie viele haben den Vater und die Mutter verloren? Wie viele laufen nackt in bitterer Kälte herum? Wie viele haben nichts zu essen und zu trinken und wissen nicht, wo sie nachts schlafen und ruhen können! Sie würden ganz umkommen, wenn nicht unsere deutschen Soldaten so freundlich und mitleidig wären und sich auch der armen fremden Kinder erbarmten. Aber schrecklich ist darum doch ihr trauriges Los. Wie gut habt ihr es, daß ihr vor einem solchen Schicksal bewahrt seid! Aber nun überlegt euch auch, liebe Kinder: wem ihr das zu verdanken habt? — Dem Vaterland, dem Kaiser, dem deutschen Heere, unseren großen Feldherren und allen tapferen Soldaten, die für euch Blut und Leben opfern. — Was sagt sich darum ferner jedes gute deutsche Kind?Die Vernichtung der russischen Armee in den Masurischen Seen. Ein gutes deutsches Kind sagt sich: Ich will meinem lieben Vaterlande und unseren tapferen Truppen helfen, soviel ich kann. Kann denn schon ein kleines Kind im Kriege mithelfen? Das kann ein Kind nicht nur, das muß es sogar. Freilich mit Gewehren und Kanonen könnt ihr noch nicht schießen; auch nicht als Matrosen auf der deutschen Flotte dienen. Dazu seid ihr noch zu klein und schwach; aber helfen kann auch der Kleine und Schwache. Könnt ihr nicht schon in eurem Hause vieles mithelfen? Wie oft haben wir mit einander darüber gesprochen, was die kleinen Kinder y10 svgar noch viel besser als die Erwachsenen machen können- Laufen, Besorgungen machen, Trepp auf und Trepp ab springen, sich bücken und dergleichen mehr. Also helfen kann jeder, wenn er nur will. Freilich, was hat das mit Krieg und Vaterland zu tun? Nun, wir werden noch sehen, daß eure häusliche Hilfe auch hierfür ihre große Bedeutung hat. Vorläufig aber bedenkt das Folgende. Unsere gefährlichsten Feinde sind die Engländer. Nur sie haben die Franzosen und Russen gegen uns aufgehetzt, um uns zu ver nichten. Warum denn? Bisher war England das reichste Land der Welt. In England waren die ersten und größten Fabriken; alle Welt kaufte englische Waren und zahlte also an die Engländer sein Geld. Seit 1871 wurde das auders. Da wurde auch bald Deutschland ein großes Industrieland, da kamen auch bei uns die Fabriken auf. Deutsche Arbeit, deutscher Fleiß, deutsche Gelehrsamkeit, deutsche Technik und deutscher Unternehmungsgeist wurden bald so erfolgreich, daß die Engländer sich überall bedroht sahen und Angst bekamen, daß wir sie überflügeln würden. Sie sagten sich: „Das Geld, das in die deutschen Taschen fließt, bekommen wir nicht, das geht uns also verloren; wenn die Deutscheil durch Fleiß und Tüchtigkeit wohlhabend und reich werden, dann werden wir ärmer; also müssen wir Deutsch land vernichten." In uns sahen sie, wie man so sagt, ihren ge fährlichsten Mitbewerber oder Konkurrenten. Darum dachten sie: „Wenn wir den unschädlich machen, dann geht es uns umso besser; der Deutschen Tod ist der Engländer Brot." Darum hetzten sie zum Kriege gegen uns, obwohl wir ihnen weiter nichts zu leide getan hatten, als daß wir fleißig und tüchtig waren und gerade so gut wie die Engländer leben wollten. Ist das nicht unser gutes Recht? Müssen denn die Engländer allein die Herren der Welt sein? Alle anderen Völker, die ihnen im Wege standen, haben sie vergewaltigt und unterdrückt: so die Iren, die Holländer, die Buren, die Ägypter, die Jndier, dieAustralier. Sollen auch wir uns von ihnen niederdrücken lassen? Sollen wir uns von den Engländern vorschreiben lassen, wieviel eure Väter verdienen dürfen? Darüber ist es zum Kriege gekommen. Aber wie führen die Engländer den Krieg? Zu Lande können sie uns nicht besiegen. Darum dachten sie es anders anzufangen. Sie sagten sich: „Wir haben eine große Flotte; eine viel größere, als sie Deutschland hat. Mit dieser großen Flotte können wir ganz Deutschland abschließen und verhindern, daß kein Schiff mehr mit Lebensmitteln nach Deutschland fährt; dann wird Deutschland bald verhungern; und wenn es einmal foweit kommt, dann ist Deutschland besiegt; dann muß es sich auf Gnade und Ungnade uns ergeben, und wir Engländer können dann mit Deutschland machen, was wir wollen." Freilich sind auch noch andere Länder außer England da, von denen wir Lebensmittel beziehen könnten. Aber England hat alle diese Staaten bedroht, daß sie nichts mehr an uns ausführen. So find wir gleichsam von der Welt abgeschnitten und nur aus uns allein angewiesen. Wie wir da mit den noch vorhandenen Vorräten haushalten, das anzuordnen ist Sache der deutschen Regierung. Ihre Verfügungen unbedingt zu befolgen, ist vaterländische Pflicht jedes Deutschen, gerade so gut, wie in Kriegszeit jeder deutsche Soldat unbedingt den Befehlen seiner Vorgesetzten folgt. So essen wir z. B. alle das Kriegsbrot. Manchem schmeckt es nicht so gut, wie das reine Weizenbrot; aber da wir nicht Weizen im Überfluß haben, so müssen wir sparsam mit ihm umgehen; sonst fehlt es schließlich ganz und gar. Noch vieles andere muß von der Regierung geregelt werden, und jeder hat sich dem allgemeinen Gesetz zu fügen. Das -n12 wäre eine schöne Sache, wenn jetzt in dieser Kriegszeit jeder so machen und leben wollte, wie es ihm gerade paßte! Da ginge alles drüber und drunter; dann würden die Engländer gar bald ihr Ziel erreicht haben. Sollen und dürfen die Engländer über uns siegen? Nie und nimmermehr. Dagegen müssen alle ankämpfen; auch die Kinder. Das werdet ihr verstehen, wenn ihr euch das Folgende klar macht.Emden beschießt Madras. 4. Jedes gute deutsche Kind sagt sich: Englands Kampf gegen Deutschland ist in erster Linie ein Kampf gegen die deutschen Kinder. Wenn Deutschland durch England ausgehungert werden soll, dann ist doch klar, daß das Land als solches nicht verhungern kann, sondern nur seine Bewohner: also die Deutschen. Wieviel Deutsche giebt es denn? Etwa 67 Millionen. Diese be stehen aus Erwachsenen und Kindern. Nun seht euch mal in eurer Familie um! Da sind Vater und Mutter, also 2 Erwachsene, und meist 3 oder 4 oder noch mehr Kinder. Ganz selten kommen auch weniger Kinder vor; im allgemeinen giebt es mehr Kinder als Erwachsene. Wenn ganz Deutschland also 67 Millionen Einwohner zählt, dann sind mindestens die Hälfte davon Kinder. Wieviel das ist, könnt ihr ja geschwind ausrechnen. Nun denkt euch mal aus, was diese Unmasse deutscher Kinder jeden Tag, jede Woche, jeden Monat und jedes Jahr verzehren an Fleisch, Brot, Obst, Gemüse, Erbsen, Bohnen, Linsen, Reis, Kaffee, Milch, Butter, Käse usw. Das ist soviel, daß Deutschland gar nicht -lZ^4 allein das alles hervorbringen kann. Darum müssen wir viel aus dem Auslande beziehen, wo noch nicht so viele Menschen und besonders nicht so viele Kinder sind. England aber will uns diese Zufuhr völlig mit seiner großen Flotte abschneiden, daß kein Schiff mehr diese für euch so notwendigen Lebensmittel zu uns bringen kann; dann sollen in erster Linie die deutschen Kinder darben. England denkt so: „Die deutschen Soldaten, also eure Väter oder großen Brüder, kann ich nicht mit den Waffen besiegen; die sind zu tapfer und tüchtig; die erfechten überall glänzende Siege. Aber das soll ihnen doch nichts helfen, wenn ich ihre Familien, ihre Frauen und Kinder, aushungere. Wenn diese nichts mehr zu essen haben, dann muß sich Deutschland doch mir unterwerfen und England hat gesiegt." O, wie schön wäre es doch, wenn wir jetzt schon eine große deutsche Kriegsflotte hätten! Dann würden wir den bösen Engländern gar bald ihr schändliches Handwerk legen. Dann würden auch im Kriege unsere Handelsschiffe auf allen Meeren fahren und euch wie in Friedenszeiten alles 5as bringen können, was deutsche Kinder so gerne essen. Unser Kaiser hat immer gesagt: „Unsere Zukunst liegt auf dem Wasser!" Aber viele haben ihn früher nicht verstanden. Versteht ihr jetzt dieses Kaiserwort? Andere meinten: eine große Kriegsflotte sei für uns zu teuer; so viele Steuern könnten die Deutschen nicht bezahlen. Nun legt uns der Krieg eine noch viel größere Steuer auf; alles ist teuer geworden; wir müssen viel entbehren und doch noch mehr Geld ausgeben, als wenn wir uns zur rechten Zeit eine große Flotte gebaut hätten. Jede Familie und jedes Kind spürt jetzt bei uns den Krieg. Daß die Russen und Franzosen nicht in unser Land kommen und euch nicht berauben oder gar töten können, das hat die Tapferkeit unserer deutschen Soldaten verhütet. Wie eine unüberwindliche Mauer stehen unsere Heere rings um die deutsche Grenze auf feind lichem Boden und lassen niemanden zu uns herein, als höchstens die vielen Gefangenen. Wie aber kämpfen wir gegen den eng lischen Aushungerungskrieg? Der wird nicht allein durch Gewehre, Kanonen, Schiffe nnd Zeppeline entschieden; sein Ausgang hängt wesentlich ab von dem Verhalten der deutschen Kinder. Laßt ihr euch durch England besiegen, dann sind wir verloren. Seid ihr aber auch tapfer und standhast wie unsere Soldaten, dann habt ihr mitgeholfen zum Siege Deutschlands. Daher gilt das Folgende.15 Kampf bei den Falkland-Jnseln. 5. Jedes gute deutsche Kind sagt sich: Ich will mithelfen, England zu bekämpfen und zu besiegen. Dieser Wille ist sehr schön. Es kommt alles aus den Willen an. Der Wille ist die Kraft, die alles überwindet. Das seht ihr auch an unseren Soldaten und Matrosen. Die sagen sich alle: wir wollen und müssen siegen, koste, was es wolle. Das sagen sie aber nicht nur- das tun sie auch. Und was tun sie nicht alles? Wieviel müssen sie in den schlammigen, schmutzigen Schützen gräben durchmachen? Wieviel entbehren? Tagelang nichts zu essen' monatelang nie in einem Bett geschlafen. Und dabei noch die größten Strapazen! Die schrecklichen Verwundungen! Die traurigen Todesfälle! Aber die meisten wollen lieber kämpfend sterben, als besiegt werden. Aus Liebe zur Heimat, aus Liebe Zu euch uud aus dem entschlossenen Willen zum Sieg!Etwas Ähnliches muß jetzt in jedem guten deutschen Kinde leben. Wenn England euch durch Aushungern besiegen will, dann müßt ihr sagen und tun: „Aber das soll euch Engländern nicht gelingen; wir lassen uns nicht aushungern. Wenn wir auch manches darum entbehren und leiden müssen, — ein gutes deutsches Kind hält aus; besiegen könnt ihr uns nicht." Also helft ihr mit, England zu bekämpfen und zu besiegen, wenn ihr euch in dieser Kriegszeit richtig und brav und vernünftig be nehmt und euch besonders die folgenden Verhaltungsregeln beherzigt. -lbDoitschcr Soldat verteilt Brot an Kinder in Feindesland. ö. Jedes gute deutsche Kind geht sparsam mit dem Brote um! Werft nichts davon weg! Laßt keine Brocken in den Ecken liegen! Kein Stückchen Brot darf umkommeil; das wäre eine große Sünde am Vaterland und muß unbedingt bestraft und unterdrückt werden. Wenn ihr seht, daß andere Kinder in ihrem Unverstand solchen Frevel begehen, dann verbietet es ihnen. Und wenn sie euch uicht gehorchen, dauu zeigt es den Eltern oder der Schule an. Wer das Brot vergeudet, hilft dem Feinde und schadet dem Vaterland. Das mnß auf jeden Fall verhütet werden. Es ist zwar nicht schön, wenn die Kinder einander anzeigen und Schlimmes über einander sagen; viel schöner ist es, wenn sie als gute, freund liche Kameraden miteinander treu zusammenhalten. Aber jetzt ist das Höchste uud Wichtigste das Vaterland. Wer durch18 Brotoergeudung am Vaterlande frevelt, muß durch Belehrung oder Strafe erfahren, daß wir ein solches Verbrechen nicht dulden und von einem Jeden, auch von einem Kinde, verlangen, daß es dem Vaterlande gegenüber seine Pflicht und Schuldigkeit tue. Was ihr nicht essen könnt, das bewahrt euch auf oder gebt es der Mutter; die wird schon wissen, was sie mit euren Resten zu macheu hat. Sammelt selbst die Brotkrumen, die überhaupt das Nahrhafteste am Brote sind. Eßt sie entweder selber oder streut sie den lieben Vögeln hin, die auch im Winter bei uns nicht ver hungern sollen. Überhaupt betrachtet das Brot als etwas Heiliges, das euch ebenso lieb nnd wertvoll sein muß wie das eigene Leben. Geld und Gold schätzt ihr doch alle schon; was ist aber notwendiger für das Leben: Gold oder Brot? Alles Gold Hilst uns nichts, wenn kein Brot mehr da ist. Gold kann man nicht essen; vom Brote leben wir. Ist dir dein Leben lieb, dann achte über alles das kostbare, un entbehrliche Brot.19 I.u. 2. Zuavc. 3. Turko. 4. Kanadier. 5. u. s. Jndier. 7. Senegalnegcr. 8. u. y. Kosack. 10. Zscherkcssc. 11. Sibirischer Soldat. 7. Seid in euren Wünschen bescheiden und genügsam! Weint nicht, jammert nicht, murrt nicht, werdet nicht ungeduldig, wenn die Mutter nicht all eure Wünsche erfüllen kann! Jetzt ist Kriegszeit; da geht es anders zu als im Frieden. Auch unsere Soldaten müssen entbehren; vielmehr als ihr. Darum klagen sie doch nicht. Wenn es sein mnß, kann ein jeder sich ein schränken und aus manche liebe Gewohnheit verzichten. Darum stirbt man nicht gleich; es geht auch anders. Als Sokrates von einem reichen König eingeladen wurde, zu ihm zu kommen zum freien und völligen Genuß aller seiner Schätze und Herrlichkeiten, ließ dieser dem Herrscher antworten: „In Athen20 kosten 4 Liter Gersteilgraupen einen Obolus IL Psg.) und Wasser spenden die Quellen in Fülle." Und wer war Sokrates? Der Weiseste und Glückseligste aller Menschen; obwohl er keinen Reis, keinen Kaffee, keine Milch, keinen Kakao kannte. Ihr braucht noch lange nicht so bescheiden zu leben wie Sokrates. Aber weuu ihr mal auf eure Lieblingsspeisen verzichten müßt, dann denkt an diesen alten Griechen und seid sicher, daß man ans alles dieses verzichten und trotzdem ein sehr weiser und glücklicher Mensch sein kann. Sagt niemals: „Das halte ich nicht mehr länger aus." Was müssen nicht enre ini Felde stehenden Väter oder Brüder um euret wegen aushalten! Der Mensch kann alles aushalten und alles überwinden. Vergeßt nie, daß auch ihr jetzt im Kriege mit England seid! Ent behrung und Hunger sind die Waffen, mit denen England gegen euch ankämpft. Tapferkeit nnd Selbstüberwindung sind enre Gegen- wassen, womit ihr allein wider England streiten könnt. Euer Schmerz, Ärger, Zorn nnd Unwille, womit ihr ungeduldig die Mutter bestürmen könntet, sind die gefährlichsten englischen Hilsstrnppen, womit sie uns besiegen wollen. Besiegt und unterdrückt sie in euch geradeso, wie unsere Soldateu die anderen Hilfstruppen der Engländer, nämlich die schwarzen nnd braunen und gelben Völkerschaften aus Afrika uud Asieu und Amerika, auf den Schlachtfeldern besiegt haben. Dann kämpft ihr mit solcher Selbstbezwingung und Selbst beherrschung einen herrlichen Kampf zum Heile unseres Vaterlandes und eurer eigenen Zukunft. Wenn dann später nach dem Friedens schluß unsere Soldaten wieder heimkehren und wir alle miteinander das Fest des deutschen Sieges jubelnd feiern, dann könnt ihr mit Stolz fühlen und sagen: „Auch wir Kinder haben in diesem großen Kriege mitgestritten nnd mitgelitten; tapfer uud standhaft hielten wir aus und fügten uns willig dem Gebote der Not; als gute deutsche Kinder ließen wir uus nicht besiegen; damit haben auch wir ein volles Recht, den Sieg deutscher Tapferkeit und Ausdauer mit zufeiern, die sich aufs glänzendste bewährt haben sowohl bei den deutscheu Soldateu, als auch bei deu deutschen Kindern." <>.Nächtlicher Kampf. Deutscher Schützengraben. 8. Erfüllt in dieser Kriegszeit doppelt und dreifach alle eure Pflichten mit Eifer und Liebe, in Treue und Gehorsam! Das Wohl einer Familie hängt nicht allein von Nahrung und Kleidung ab. Kummer und Elend giebt es auch in reichen Familien? dann nämlich, weuu die Kinder krank oder uugehorsam oder miß raten sind. Darüber können Vater und Mutter sich zu Tode grämeu; das ist für sie noch viel schlimmer und trauriger, als ein grausamer Krieg. Engländer, Russen nnd Franzosen sind nun einmal unsere Feinde, die eure Väter und Brüder auf dem Schlachtselde töteu wollen. Ist das schön, wenn ein Mensch den andern erschlagen, erstechen, erschießen oder sonstwie umbringen will? Wahrhaftig uicht; wir wollen doch keine Mörder sein. Aber leider giebt es immer noch böse Feinde und darum auch so schlimme Kriege, wie ihr ihn jetzt erlebt uud wie er größer noch nie in der Weltgeschichte gewesen ist. Aber unsere Feinde sind die Andern, die Fremden, die nicht zu Deutschland gehöreu. Und die mörderischen Kämpfe mit ihnen führen nnsere Truppen weit weg von der Heimat anf feindlichem Boden. 2^l22 Wie aber müssen dieDeutschen selber unter einander sein, wenn sie in diesem gewaltigen Weltkrieg siegen wollen? Das Erste ist: sie müssen einig sein; nur mit vereinten Kräften können wir den Sieg erhoffen. Eigene Uneinigkeit könnte allein unser großes deutsches Reich zu grunde richten und hat auch in früheren, längst vergangenen Zeiten uns mehr geschadet, als alle äußeren Gegner. Das haben die Deutschen erkannt. Sie haben aus ihrer schlimmen Vergangenheit gelernt und sich darum gesagt: „Wollen wir uus in der Welt behaupten, dann müssen die Deutschen treu zusammenstehn, dann müssen alle Deutschen einig sein." Und so gründeten sie 1871 das nene deutsche Reich mit dem Kaiser au der Spitze als ein Sinnbild deutscher Einig keit und damit auch deutscher Größe und deutscher Macht. Wie darum ganz Deutschland einig ist und in seiner Einigkeit so herrliche Siege feiern kann, wie ihr sie jetzt schon mehrfach mit erlebt habt, so muß erst recht in jedem deutschen Hause, in jeder deutschen Familie Eintracht und Friede herrschen. Kämpfen müssen und wollen wir init äußeren Feinden; aber nicht mit denen, die wir lieben. Also darf zwischen deutschen Eltern und Geschwistern kein Streit sein; wenn überhaupt niemals, dann erst recht nicht in dieser Kriegszeit. Ärger und Streit sind stets im Haus und in der Schule, wenn die Kinder uugehorsam sind und nicht ihre Pflichten erfüllen. Alles, was von euch verlangt wird, ist noch lange nicht so schwer oder schlimm, als das, was das deutsche Vaterland von seinen Soldaten verlangt. Wie würden die Engländer und all unsere Feinde schadenfroh triumphieren, weun die deutschen Soldaten sich untereinander zanken und nicht ihre Pflichten erfüllen wollten. Wenn etwa bei einem gegebenen Befehl jeder sagen wollte: „Nein, das tue ich nicht, das will ich nicht, das brauch ich nicht, oder das kann dieser oder jener tun, aber nicht ich." Das schlimme Wörtchen „Nein" kennt der deutsche Soldat in der Kriegszeit nicht; er denkt nur daran, seine Pflichten zu erfüllen; und nur dadurch können wir siegen. Also dürfen auch in keinem deutschen Hause jetzt Zank oder Zorn oder böse Scheltworte herrschen. Im Kriege müssen alle tren zu sammenstehn; im Kriege muß überall in Deutschland selbst Friede uud Einigkeit sein. Darum erfüllt ein gntes deutsches Kind in dieser Kriegszeit doppelt nnd dreifach alle seine kleinen Pflichten mit Eifer und Liebe, in Treue und Gehorsam.Westfälische Bauernküche. (Der Mutter helfende Kinder.) 9. Seid hilfsbereit zu Hause! Erleichtert der Mutter ihre schweren Sorgen und verhütet ja das Eine, was auf keinen Fall eintreten darf! Eure Mutter hat es jetzt besonders schwer. Fortgesetzt denkt sie an eure Väter oder Brüder, die im Felde stehen und von den Feinden getötet werden können. Wie schrecklich, wenn ein solches Los sie träfe! Wie unglücklich fühlt sich da die Mutter, wenn sie jeden Abend sich sagen muß: „ob wohl Vater oder Bruder heut noch leben oder schon gefallen sind?" Fürwahr, das sind trübe, traurige Gedanken; da ist es enrer Mntter oft zu Mute, wie wenn sie an dem Lager eines Schwer kranken stünde und jeden Augenblick mit dem Tode rechnen muß. Da vergeht einem das Lachen und die Freude; da ist das Herz voller Sorge und banger Furcht. 2Z24 Zu diesen traurig-schweren Gedanken kommen noch die Geldsorgen. Überall, wo der Mann zum Kriegsdienst eingezogen ist, bekommt die Mutter nur das Geld der Kriegsfürsorge. Das ist aber lange nicht soviel, als der Vater früher verdiente. Das kann das deutsche Reich bei seinen vielen militärischen Ausgaben jetzt nicht alles er setzen- jede Familie erhält mir soviel, daß sie eben existieren kann. Es muß also jeder auf alles verzichten, was nicht durchaus zum Leben notwendig ist. ^ Wenn ihr darunter leidet, dann glaubt nur, daß eure Mutter da bei am meisten mit leidet. Sie- würde ihren Kindern am liebsteil alles geben, was sie nur wünschen. Aber wenn sie jetzt kein Geld dazu hat, wie soll sie es anders machen? Durch euer Klagen und Schreien, durch Streit und Ärger wird das Geld nicht mehr, aber der armen Mntter Herz nur noch schwere r. Das macht daher kein gutes deutsches Kind. Es sagt sich: „Ich will in dieser schweren Zeit der Not meiner Mutter helfen, so viel ich kann. Wenn sie über den gegenwärtigen Krieg traurig ist, dann will ich durch meine freundliche und hilfsbereite Liebe sie trösten, erheitern und wieder erquicken." Darum sprich also zu deiner Mutter: „Liebe Mutter, sei nicht so traurig! Verzage nicht! Wir halten Alle aus wie unsere Soldaten. Denn wir sind deutsche Kinder und wissen, was wir jetzt zu tun haben. Wenn wir Alle in Einigkeit und Liebe einander helfen, dann werden wir ganz gewiß siegen. Dann kommen die bösen Feinde nicht in unsere Heimat hinein, und es wird nicht noch schlimmer, als es schon ist. Dann können wir alle auf eine schöne, bessere Zukunft hoffen." Wenn du, liebes Kind, so sagst und tust, dann hast du deinen Eltern und deinem Vaterland einen sehr großen Dienst erwiesen. Dann bist du iu dieser schlimmen Zeit des Kriegs, der Not und des Leides wie ein Engel des Lichtes und der Freude. Solche Worte und solch liebreiches Wesen sind wie ein freundlicher Sonnenstrahl oder wie erquickender Tau oder auch wie himmlische Musik. Dann ist das Herz der Mutter getröstet; mitten in allem Elend ist sie doch glücklich, daß sie so liebe, gute, brave Kinder hat. Und dann geschieht auch nicht das Eine, was aus jeden Fall ver hütet werden muß.25 Klagebriefe und deren schlimme Folgen. 1O. Was darf auf keinen Fall geschehen? Liebe Kinder! Was ich euch jetzt ans Herz legen will, das hat seine ganz besondere Wichtigkeit. Aber es ist vielleicht schwer, daß ihr es auch einsehet. Denn ihr seid eben noch Kinder nnd denkt nicht immer an die Folgen eures Tuns. Habt ihr nicht schon von Kindern gehört, die mit Streichhölzern oder Petroleum oder sonstwie mit dem Feuer spielten? Sie hatten sich offenbar gar uichts dabei gedacht; sie wollten nur spielen. Aber welche Folgen hatte ihr gedankenloses Spiel? Die ganze Wohnung fing Feuer und ging in Flammen aus, und die spielenden Kinder selbst starben womöglich an schrecklichen Brandwunden. Hätten sie vorher an solche schlimmen Folgen gedacht, was würden sie wohl nicht getan haben?26 Und manche Knaben freuen sich, wenn sie einmal eine Pistole oder ein Gewehr in die Hand bekommen. Stolz zeigen sie es den andern und tun sich wichtig, als ob sie schon wahre Soldaten oder Jäger wären. Da wird dann nur zum Vergnügen gezielt, der Hahn aufgedreht und abgeknipst und — Krach! o Schrecken! ein Schuß! Getroffen sinkt ein Spielkamerad tot zu Boden. Welch' Jammer! Wer hätte das gedacht? Es sollte ja alles nur ein Spiel sein; aber die Folgen! die Folgen! So haben schon viele Kinder viel Unheil angerichtet. Wenn ich das alles aufzählen wollte, dann könnte ich darüber allein ein ganzes, großes, dickes Buch schreiben. Aber dazu haben wir jetzt keine Zeit. Schon aus dem Gesagten könnt ihr erkennen, wie wichtig es ist, bei allem, was ihr tut, auch an die Folgen zu denken. Einen Menschen, der daran denkt und sich auch darnach richtet, nennt man vernünftig. Seid ihr Kinder fchon vernünftig? Nun, wir wollen hoffen, daß ihr es immer mehr werdet. Ein ganz kleines Kind von zwei oder drei Jahren kann noch nicht an die Folgen denken; denn die sind nicht gleich da, die sieht man nicht; die kommen erst hinterher in der Zukunft. Ein Tier denkt nur das, was es mit den Sinnen, namentlich mit den Augen, wahrnimmt; ein vernünftiger Mensch sieht ebenso klar und lebhaft die nur ge dachte Zukunft wie die unmittelbare finnliche Gegenwart. Das ist aber die Frucht und Krone eurer ganzen Erziehung in Schule und Haus, daß euer Geist immer mehr erstarkt, daß ihr richtig denken lernt, daß auch ihr zu vernünftigen Menfchen werdet und immer den Grundsatz befolgt: Erst besinnen, dann beginnen. Doch alle, die ihr diese Zeilen lest, geht ja schon in die Schule und könnt schon lesen, schreiben und rechnen. Also könnt ihr schon etwas denken. Dann bedenkt aber in erster Linie recht gründlich das Folgende. ^^ Wenn ihr euch jetzt zu Hause uuartig, widerwillig, zänkisch, mürrisch und uuleidig betragt, was wird das für Folgen haben? Irgend welche Folgen hat euer Benehmen auf jeden Fall, wie jedes mensch liche Tun. Und was könnte das sein? Ihr ärgert und kränkt eure Mutter, daß sie ganz traurig und niedergeschlagen wird.27 Wollt ihr etwa sagen: „Das war ja weiter nichts; das hättet ihr schon oft getan, und hinterher sei die Mntter doch wieder gut nnd froh geworden?" Pfui Uber die Kinder, die so abscheulich denken! — Also, weil die Mutter immer ihre Kinder lieb hat, auch wenn sie unartig und garstig sind, darum sollte ein Kind denken dürfen: „Es schadet ja weiter gar nichts, wenn ich mal die gute Mutter ärgere?" Wie schändlich ist doch eine solche undankbare, rohe, herzlose Gesinnung! Man sollte kaum glauben, daß ein deutsches Kind hierzu überhaupt fähig ist. Aber ihr werdet dann wieder sagen: „Das wollten wir ja auch eigentlich gar nicht; wir hatten uns lnicht vorge nommen, die Mutter zu ärgern; so schlecht sind wir nicht; aber es kam nun mal so, und da konnten wir es halt nicht mehr ändern." Das ist es ja eben. Es kam nnr so wider euren Willen. Das sind eben die bösen Folgen. Geradeso gnt, wie jene vorhin er wähnten Kinder auch nicht das Haus in Brand stecken oder den andern Spielkameraden totschießen wollten; aber es kam doch so als eine böse Folge ihrer Gedankenlosigkeit. Das Kind aber, das ein solches Unheil angerichtet hat, wird das gewiß nie wieder in seinem Leben zum zweiten Male tun, nie wieder leichtsinnig mit dem Feuer oder Schießgewehren spielen. Also sollte auch jedes Kind, das einmal gegen seinen Willen die gute Mutter geärgert hat, sich vornehmen und immer bei seinen Worten uud Taten daran denken, daß solche Abscheulichkeit nie wieder als eine schlimme Folge eintritt. Aber ich habe euch noch mehr zu sagen. Denn jetzt ist Kriegszeit, und da kann es noch weitere, sehr gefährliche Folgen geben, die auf keinen Fall eintreten dürfen. Jetzt kommt nämlich erst die Hauptsache. Also denken wir uns den Fall, der hoffentlich nie wieder vorkommt: die Kinder wären recht unartig gewesen, hätten geweint, geklagt, geschrieen, sich gezankt oder sonstwie die Mutter geärgert, daß es im Hause wahrlich nicht mehr schön zuging. Was wird dann geschehen? Dann geschieht Folgendes. Wenn ihr abends zu Bette gegangen seid und der Sturm im Hause sich gelegt hat, dann setzt sich die28 betrübte Mutter, deren Herz so schwer ist, hin und schreibt einen langen Brief an den Vater. Und was schreibt sie dann? Sicherlich schöne Sachen nach einem solchen Unglückstag nicht. Da heißt es dann: „Was ich eine Not mit den Kindern habe, das ist nicht zu beschreiben. Wie sie sich den ganzen Tag anstellen, das halt ich nicht mehr länger aus. Da ich doch nicht soviel Geld habe, kann ich nicht alle ihre Wünsche befriedigen. Und wie sie da nun jammern und schreien, wie sie weinen und sich zanken, das zerreißt mir die Ohren, ja noch mehr das Herz. Wenn das noch so weiter andauert, dann gehen wir alle zu Grunde. Du mußt bald wieder heim kommen; der Krieg muß bald ein Ende nehmen. Ob Sieg oder Niederlage, ist mir einerlei; wir müssen zuerst für unsere Kinder sorgen; so geht das nicht weiter." Da — nun ist es geschehen: Das Eine, was auf keinen Fall eintreten darf. Alle Bomben und Granaten, die unsere Feinde über und in unsere Schützengräbenwerfen, sind nicht so schlimm wie ein solcherJammerbrief. Ihr denkt natürlich: „Was ist denn weiter dabei? Der Vater kann doch nicht gleich heimkommen und uns schelten oder züchtigen." Aber das ist keiu guter Mensch, der nur an sich denkt. Denkt ihr nicht auch an euren Vater? nicht auch an euer Vaterland? Ein solcher Jammerbrief ist jetzt das größte Verbrechen, das ihr an eurem Vater und an eurem Vaterlande be gehen könntet. Zunächst an euren Vätern. Wie wird es denen zn Mute fem, wenn sie solch einen Brief bekommen? Das könnt ihr euch natürlich gar nicht denken, aber ich will ver suchen, es euch klar zu machen. Die obigen schlimmen Worte sind rasch geschrieben, das dauert nur wenige Minuten. Aber sie werden 20 oder 3V mal gelesen und jedes Wort auf die Goldwage gelegt. Unsere Soldaten haben im allgemeinen wenig zu lesen; in der Front werden keine Zeitungen gedruckt. Aber was aus der Heimat zu ihnen kommt, besonders wenn es ein Brief von der Mutter ist, das wird von ihnen ge schätzt wie ein Heiligtum. Solange natürlich die Kanonen donnern oder es heißt: „pflanzt die Seitengewehre auf! vorwärts, marsch,29 marsch," da ist an Lesen nicht zu denken. Aber wenn am Abend das Gefecht vorüber ist, wenn unsere Soldaten in ihren unter irdischen Höhlenbehausungen oder in ihren Quartieren Ruhe haben, dann erzählen sie sich wohl gar mancherlei; aber alle diejenigen, die einen Bries aus der Heinrat bekommen haben, lesen ihn und lesen so lange, bis sie ihn auswendig wissen. Jedes Wort wird dabei sorgfältig bedacht und erwogen, besonders wenn es von den eigenen Kindern handelt. Klingt die Botschaft schön, dann freuen sich natürlich eure Väter darüber. Dann bekommen unsere Soldaten bei all ihren Entbehrungen und Strapazen wieder frischen Mut und sagen sich: „Wenn es zu Hause gut geht, dann wollen wir weiter kämpfen, bis wir endgültig gesiegt haben." Umgekehrt aber ist es mit einer schlimmen Nachricht. Die ist gerade so, wie wenn eine Kugel ihr Herz getroffen hätte. Aber nicht eine Kugel aus Feindeshand, foudern eine Kugel von den eigenen Kindern. Die feindlichen Kugeln fürchten sie nicht: aber eine Kugel aus dem eigenen Hause — das ist mehr, als sie ertragen können. Da werden sie alle mutlos und haben keine Lust mehr weiterzukämpfen, dann denken sie auch: „Der Krieg muß zu Ende gehen, ganz gleichgültig, ob Deutschland gewinnt oder verliert." Dann sind wir verloren; dann werden wir besiegt. Und wer hat uns dann zu Falle gebracht? Nicht die Engländer, Russen und Franzosen, sondern die eigeueu deutschen Kinder. Darf so etwas geschehen? Wollt ihr, daß Deutschland besiegt wird? Das will kein gutes deutsches Kind. Dann bedenkt auch stets die Folgen eures Tuns und Verhaltens. Ihr wollt und wünscht doch alle, daß wir siegen werden. Sehr schön! Dann müßt ihr euch darnach benehmen und ja verhüten, daß nicht ein solcher Jammer brief geschrieben wird. An so etwas habt ihr natürlich noch gar nicht gedacht. Aber der Krieg zwingt euch dazu, daß ihr solche Folgen bedenken müßt. Damit sind wir jedoch noch nicht zu Ende. Es gibt noch weitere, schlimmere Folgen. c>- -T> Ihr habt doch schon von den vielen Gefangenen gehört, die die Deutschen gemacht haben. Nnn müßt ihr aber nicht denken, daß30 nur die Deutschen Gefangene machen. Das gelingt auch den Franzosen und Russen. Zwar nicht so viele, als wir. Aber immerhin werden auch Deutsche gefangen oder gar erschossen. So geht es nun einmal im Kriege zu. Aber was denkt ihr euch wohl: was mache« unsere Feinde zuerst mit deu armen Deutschen, die sie gefangen oder getötet haben? Das will ich euch fageu, da ihr es euch ja doch uicht selber denken könnt. Das Erste ist, daß sie über deren Tornister Herstürzen und alles durchsuchen, was wohl in dem deutschen Tornister stecken mag. Und da finden sie dann einen solchen Brief. Wie es bei uns viele gibt, die französisch, russisch oder englisch ge lernt haben, so gibt es auch unter unseren Feinden viele, die die deutsche Sprache so gut beherrschen wie ihr. Was die sich dann frenen, wenn sie einen solchen Jammerbrief lesen! Dann sagen sie sich alle: „Aha! Da steht es ja! Die Deutscheu pfeifen auf dem letzten Loch. Die sind alle kriegsmüde; die halten es nicht mehr länger aus. Da ist ein Gejammer im ganzen deutscheu Volke. Wenn wir jetzt kräftig vorstoßen, dann haben wir gewonnen. Die Deutschen sind mutlos geworden. Nun feste darauf los! Dann werden wir siegen und Deutschland ist vernichtet." Ob das nun wirklich jemals der Fall wird, ist noch eine große Frage. Aber wollt ihr Kinder es dahin bringen, daß ihr durch euer Ver halten unsere Soldaten mutlos macht, dagegen den Mut der Feinde stärkt? Das wäre doch schändlich durch und durch. Deutsche Kinder seid ihr, und deutsch wollt ihr bleiben, wie wir im Anfang sagten. Also helft nicht unseren Feinden! helft unserem und eurem lieben Vaterland! Dann darf auf keinen Fall ein solcher Jammerbrief geschrieben werden. Das haltet euch jeden Tag vor Augen! So oft ihr den Tag beschließt und des Morgens wieder anfangt, überdenkt euch stets: „ich will nichts tun, was unseren Soldaten nnd unserem Vaterland schadet." Darnach richtet euer häusliches Verhalten ein und denkt stets an die weiteren Folgen eures Tuns!Gute Mitteilungen der Kinder von zu Hause. II. Die ganze Familie muß von dem einen Willen beseelt sein, den Vater oder die Soldaten nur zu unterstützen und zu erfreuen. Der arme Vater! Weit weg von euch steht er ganz allein in einer bitterbösen Welt mm Feinden, die ihn alle totschießen wollen. Hat oft nichts zn essen! kann sich nie abends ins Bett legen. Manche sind schon froh, wenn sie nachts nnausgezogen nur auf einem Lager von Stroh sich ausruhen dürfen. Manchmal ist das Bett anch nur die blaute Erde unter freiem Himmel in Regen oder Schnee, bei Sturm und Kälte. Ist das nicht gräßlich? Aber das alles erträgt und überwindet die Liebe uud eiserue Willenskraft. Erst recht dann, wenn noch andere in gleicher Liebe ZI32 und Energie mitwirken. So helfen sich gegenseitig unsere deutscheu Soldaten alle; mit ihueu Hilst auch die gauze Heimat. Hat nicht die Mutter schon manches Paket an eureu Vater gesaudt? Wie freut er sich, wenn er einen solchen Liebesgruß aus der Heimat von feinen Lieben empfängt! Dann weiß er doch, daß er nicht von aller Welt verlafsen ist, daß man zu Hause an ihn denkt und in Liebe sür ihn sorgt. Wenn du, liebes Kind, in den Ferien oder in einer Krankheit bei fremden Leuten fern von deinem Hause warst, hast du dich nicht auch allemal gefreut, wenn ein Paket von deinen Eltern kam oder auch nur ein schöner, lieber Brief? Und da warst du doch noch nicht in Feindesland, hattest es noch immer hundertmal besser, als jetzt dein Vater; wie wird sich dieser daher erst recht freuen über jede Sendung, über jeden freundlichen Liebesgruß! Darum wäre es recht schön von dir, wenn du dir sagtest: „Ich mache es auch einmal wie die Mntter; ich schicke etwas an den Vater und schreibe ihm einen schönen Brief." Was schreibst du deuu da? Manches Kind weiß das vielleicht ganz von selbst; manche aber wissen gar nicht, was sie nur dem Vater schreiben sollen. Darum will ich euch einige Winke und Gedanken geben. Woniit fängt ein solcher Brief an? Zunächst sprecht ihr euren Dank und eure Freude aus, daß ihr bis jetzt gute Nachrichten vom Vater erhalten habt, und daß ihr alle nur den einen brennenden Wunsch hättet, daß recht bald Deutschlands Sieg errungen werde und dann der Vater wieder gesund und froh zu euch heimkehre. Sodann fragt ihr, wie es ihm jetzt ergehe nach der letzten Nachricht, die er an euch abgesandt hat. Denn im Kriege ist es immer wieder anders als im Frieden. Da mag einer bisher alle Gefahren glück lich überstanden haben; trotzdem kann er morgen oder heute abend schon tot oder verwundet oder krank oder gefangen sein. Also er kundigt euch stets besorgt uud liebevoll nach dem Befinden eures Vaters und bittet ihn, er möge euch oft Nachricht geben, damit ihr wüßtet, wie es mit ihm steht. Mit eurem feldgrauen Vater ist es ähnlich wie mit einem Kranken. So oft man zu einem solchen kommt und mitihm spricht oder nn ihn schreibt, sragt man zuerst nach seinem Befinden. Vielleicht wundert ihr euch darüber, daß ich euren Vater mit einem Kranken vergleiche. Ihr meint wohl: „Wenn auch mauche Soldaten tot oder verwundet oder krank sind, so doch lange nicht alle; die vielen Millionen deutscher Soldaten kämpfen doch noch immer weiter und erringen herrliche Siege; also sind sie doch nicht alle im Lazarett." Das ist alles ganz richtig, und trotzdem habe auch ich Recht. Massen denn alle Kranken im Lazarett oder Hospital liegen? Viele laufen umher wie die andern; äußerlich sieht mau ihnen fast gar nichts nn; es scheint alles gut zu sein; innerlich aber sind sie totkrank. Das kommt selbst bei solchen vor, die eine blühende, rote Gesichtsfarbe haben. Was ist denn ein Kranker? Die meisten unter euch sind ja schon einmal krank gewesen. Was ging denn während der Krankheit mit und in euch vor? Sicherlich wart ihr damals nicht genau dieselben Menschen wie hente. Ihr hattet Fieber oder Schmerzen; ihr konntet nicht lansen, springen, lachen, singen; selbst das Essen schmeckte ench gar nicht. Kurz uud gut: es war in der Krankheit mit euch ganz anderes als in der Gesundheit. Wir können daher einfach sagen: „Die Krankheit ist ein ungewöhnlicher (anormaler) Znstand, eine tiefe Störuug oder Änderung des gewöhnlichen, gesuuden Lebens. . Jetzt fragt ench aber einmal: Befindet sich euer Vater nicht auch in einem ungewohnten Znstand? Ist nicht auch sein gewohntes Leben, wie er es bei ench zu Hanse führte, völlig verändert und gestört? Kommt das alle Tage vor, daß einen: die blauen Bohnen um die Ohren pfeifen? Daß Granaten und Schrapnells vor einem zer platzen mit einem Gekrach und Getöse, daß die Ohren zerreißen möchten? Daß mau rings umgeben ist von bösen Menschen, die einen erschießen oder erstechen oder erschlagen wollen? Auch daß man überall Berge von Leichen gefallener Menschen und Tiere sieht nnd die ekligen Dünste ihrer Verwesung einatmen mnß? Ist es ferner etwas Gewöhnliches, daß man tagelang nnr ein Stückchen trockenes Brot zum Esten hat? Daß man monatelang nie ordentlich hat schlafen, waschen und sich reinigen können? 3Z34 Alle unsere brave Soldaten befinden sich in dem Zu stand einer ganz außerordentlichen, mehr als krank haften Störung und daher anch in einer gewaltigen inneren Erregung. Daher mnß man sie viel behutsamer und sorgfältiger und liebe voller behandeln, als man gewöhnlich mit einem Schwerkranken umgeht; alles fernhalten, was sie beunruhigen oder noch mehr aufrege» könnte; dagegen möglichst versuchen, sie mit freundlichen Worten innigster Anteilnahme und Liebe zn erquicken und zu er freuen. Ein jedes gute Wort findet auch seinen Ort. Wie dank bar nnd froh find alle Leidenden, wenn man sie einmal besucht und ihnen zeigt, daß man mit ihnen leidet; daß man selber über ihr Leiden traurig ist; daß man sich freuen würde, weun sie recht bald wieder gesund würden; daß man aber inzwischen ihnen die Schmerzen ihrer Krankheit und Einsamkeit durch Trost und freundlichen Zu spruch zu lindern sncht! Das ist ebenso, wie ich es vorhin bei der traurigen Mntter sagte: wie Sonnenschein, wie erquickender Tau, wie himmlische Musik. Genau so müßt ihr jetzt mit eurem im Felde stehenden Vater ver kehren. Er kann euch jetzt nicht sehen noch hören, umsomehr müßt ihr an den einsam Verlassenen denken nnd ihm zeigen, daß ener Herz und enre Liebe immer bei ihm ist. Vielleicht sagt ihr: „Das tuu wir ja schou längst." Doch damit ist noch nicht gesagt, daß euer Vater es anch weiß. Darauf aber kommt alles an. Ich kann auch an einen Kranken denken nnd ihm von Herzen alles Gute und Schöne wünschen; aber wenn ich das alles bei mir behalte, wenn ich nicht zu ihm gehe und es ihm sage, wenn ich mit meinen schönen Gedanken und Wünschen in meiner Stube für mich allein sitzen bleibe, was hat der Kranke davon? Die inneren Gedanken kann er nicht sehen, noch hören; das geschieht nur durch Wort uud Tat. Also genügt es nicht, wenn ihr nur oft au euren Vater denkt uud die besten Wünsche für ihn hegt. Ihr müßt es ihm anch sagen. Nnd da ihr ja nicht zu ihm eilen nnd mit ihm sprechen könnt, so müßt ihr eben an ihn schreiben und zwar nur Worte der Liebe, des Trostes, der Hilfsbereitschaft, der Freundlichkeit. Immer mit der klaren Absicht: „ich will so schreiben, daß mein Vater sich recht darüber freuen soll."Darum fangt auch nicht mit dem Wetter au oder mit eureu Katzen und Hunden, oder was Nachbars Fritze getan hat, oder was ihr gegessen und getrunken und gespielt habt. Das ist kein schöner Anfang. Da fragt sich der Vater gleich: „Denkt denn mein Kind gar nicht an mich? Sind ihm solche elenden Kleinigkeiten wichtiger als ich?" Zuerst also kommt in eurem Briefe der Vater selbst. Das muß er zunächst Heraussühlen, daß seine Person und sein Schicksal euch zu allermeist am Herzen liegen. Ein böses Sprichwort sagt: „Aus den Angen, aus dem Siun." Das heißt: wer fortgezogen ist und uicht mehr gesehen wird, der wird bald vergessen. Aber das ist nur bei schlechten Meuscheu der Fall. Ein guter Mensch denkt immer an seine Lieben, auch wenn sie weit weg sind; ja selbst, wenn sie dorthin gegangen sind, wovon niemand mehr zurückkommt. Wißt ihr, was das heißt? O, lieb, so lang dir lieben kannst, O, lieb, so lang dn lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Grübern stehst und klagst. Und sorge, daß deiu Herze glüht Und Liebe hegt und Liebe trägt, So lang ihm noch ein ander Herz In Liebe warm entgegenschlägt. Zuzweit kannst du dann über deine Familie schreiben, wie es zu Hause zugeht, was die Mutter macht und besonders, was ihr Kinder treibt. Das ist der zweite wichtige Punkt, wofür sich der Vater interessiert. Wenn er auch jetzt im fernen Feindeslande steht, denkt er doch immer an seine Lieben uud fragt sich oft: „Wie mag es jetzt wohl im Hause aussehen? Wie geht es der Mutter? Was mögeu wohl die lieben Kinderchen anstellen?" Sonst kam er jeden Mittag oder Abend nach Hause und kouute selber uach dem Rechten sehen. Nuu ist ihm das unmöglich. Darum freut er sich erst recht, weun er durch eure Briefe was davon erfährt. Somit frage dich immer: „Was möchte der Vater wohl gerne von nns wissen? Was hört er von uns am liebsten?" Z536 Schreibst du auch an ihn, daß du dich mit deinen Geschwistern ge zankt nnd die Mutter geärgert hättest oder sonstwie unartig warst? Das wirst du wohl schön bleiben lassen; denn dann bekäme der Vater eine schlechte Meinung von dir; er würde dich tadeln; das wäre dir doch recht unangenehm. So wirst du nur das schreiben, was dich bei deinem Vater in ein günstiges Licht stellt, und alles das verschweigen, was für dich gerade nicht günstig wäre. Damit tust du durchaus nicht so unrecht und übst zugleich eine große Kunst aus, die vielen in anderer Beziehung recht schwer wird. Nämlich die Kunst, richtig zu schweigen. Viele setzen sich einfach an den Tisch und schreiben darauf los, was ihnen gerade einfällt; die meisten aber sind so geistesarm, daß ihnen gar nichts einfällt. Nur mit einer Ausnahme. Wenn sie sich über etwas aufgeregt haben, wenn sie in Ärger und Zorn sind, dann haben sie einen Stoff zum Schreiben, dann kann ihr arm seliges Gehirn denken. Liebe und Vernunft wohnen nicht in ihrem schlaffen Herzen; aber wenn Ärger und Zorn es aufblähen, dann wissen auch sie etwas zu sagen. Aber was kommt da ans ihrem Mund und ihrer Feder heraus? Gift und Galle, ekliger, widerwärtiger Schleim. Und wen bespritzen und beschmutzen sie damit? Den andern, zu dem man schreibt oder spricht. Ist das schön? Dürft ihr jetzt so euren Vater behandeln? Hier müßt ihr nicht meinen: „aber er hat doch früher alles ge duldig mitangehört, wenn wir mal verärgert oder erzürnt waren und ihm unser Herz ausschütteten." Das war auch früher nicht schön von euch; ihr werdet da oft als eine Folge eurer Worte bemerkt haben, daß dann auch der Vater ärger lich und erregt wurde und es mit seiner guten Stimmung vorbei war. In Friedenszeiten war das immerhin nicht gar zu schlimm; jetzt aber ist es anders, jetzt ist Krieg. Hat nicht da euer Vater schon so wie so Verdruß genug? Ich denke, euer Vater ist im Felde so sehr belastet, nicht nur mit dem schweren Tornister, sondern erst recht in seinem Gemüt mit Sorge und Aufregung, mit Kummer und Entbehrung, mit Leiden und Gefahren, daß es der größte Frevel wäre, auch nur im geringsten sein so schon schweres Leben noch schwerer zu machen. Wollt ihr mit euren Briefen den Vater verärgern oder erfreuen? Euch erleichtern oder ihn?Das ist die Frage, worüber ihr euch klar sein müßt. Ein gutes deutsches Kind, das wirkliche Liebe zu seinen Eltern hegt, ist sich hier nicht lange im Unklaren. Also, so oft ihr schreibt, nur Worte der Liebe und Erleichterung! Nichts schreiben, was aus Arger und Zorn oder gar Bosheit kommt! Das muß alles unterdrückt, gänzlich verschwiegen werden. Das gilt aber nicht nur, wenn es sich um deine eigene Person dreht. Das gilt von der ganzen Familie. Auch noch im folgenden Falle, der mit dem soeben erwähnten sehr ähnlich ist. Viele, die für gewöhnlich stumm sind, werden auf einmal sehr red selig, wenn sie über ihre Leiden und Bekümmernisse sprechen können. Sie sind dabei gerade nicht ärgerlich oder zornig; sie leiden nur; sei es durch Krankheit oder Schicksalsschläge oder trübe Erfahrungen, Enttäuschungen, Entbehrungen und der gleichen. Dadurch ist ihr Herz bedrückt; und auch sie fühlen sich schon erleichtert, wenn sie anderen nur ihren Jammer vortragen können. Sie können sich sogar ans unseren großen Dichter Goethe berufen, der gesagt hat: Und wenn der Mensch verstummt in seiner Qual, Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide. Aber alles das gilt nicht für deu Krieg; nicht für den im Felde stehenden Vater, der schon durch den Krieg wahrlich genug selber zu leiden hat. Eure eigenen kleinen Leiden, Entbehrungen und Enttäuschungen behaltet alle für Euch! Was ihr jetzt zu ertragen nnd zu sorgen habt, wie es jetzt schlechter und trauriger ist, seitdem der Vater eingezogen wurde, das muß völlig verschwiegen werden. Kein Wort davon an den Vater! Und wenn es hundertmal wahr wäre. Eure Briefe sind nicht dazu da, um dem Vater mal die Wahrheit zn sagen, sondern nm ihn zu erleichtern und zn erfreuen, wie ich nicht oft genug betonen nnd euch ans Herz legen kann. Deswegen brauchst du doch nicht zu lügen. Was du sagst und schreibst, soll wahr sein; aber du brauchst nicht alles zu sagen und zu schreiben, was wahr ist. Sehr schön freilich wäre es, wenn du trotzdem recht viel Erfreuliches schreiben könntest, was auch wirklich wahr wäre. Verhaltet euch nur darnach! Dann wird es auch an Stoff zum Schreiben nicht fehlen. Z7Nun kommt der dritte Punkt: Die Verwandten und Bekannten und alles, was in der Heimat vor sich geht. Denn auch dafür interessiert sich der Vater. Es ist für einen jeden, der in der Fremde ist, immer angenehm, wenn er etwas über seine Heimat und aus seinem Freundeskreis hört. Die stehen zwar seinem Herzen nicht so nahe wie die eigene Familie, aber immerhin doch näher als Wetter, Hunde uud Katzen. Hier braucht ihr uicht so ängstlich zu sein; hier könnt ihr mitteilen, was ihr gerade wißt. Es kommt nur darauf an, daß die Nachricht interessant ist; z. B. daß jemand von eures Vaters Bekannten gestorben oder fortgezogen oder krank geworden, oder daß er sich verheiratet hat oder ein Kind bekommen oder eine neue Stellung und so etwas ähnliches. Was in eurer Heimat vorgefallen ist, das wißt ihr entweder schon selber oder könnt ihr leicht aus der Zeitung lefen. Natürlich müßt ihr da nicht alles abschreiben, sondern nur das Wichtigste. Ihr könnt auch die ganze Zeitung mitschicken, oder ihr macht daraus Abschnitte, sammelt sie und sendet dann den ganzen Stoß am Ende der Woche auf eiumal ab. Zu Hause hat doch euer Vater meist immer gern die Zeitung gelesen. Das war für ihn eine Erholung nach der Arbeit; wird dieser Genuß nicht noch viel größer nach einem Gefechte sein und in der Trostlosigkeit der Schützengräben? Jedenfalls wird der Vater über jede wichtige Nachricht aus der Heimat erfreut sein, woran nnn einmal des Menschen Herze hängt. Viertens könnt ihr dann alles Mögliche schreiben, was euch gerade einfällt, sofern es überhaupt Sinn uud Verstand hat. Da mag auch vom Wetter die Rede sein, auch von Tieren oder was ihr sonst erlebt habt. Das kann man wohl in einen: Briefe er wähnen; aber nicht gleich im Anfang, nicht als eine Hauptsache, sondern nur so nebenbei, wie man wohl in Friedenszeiten über alles Mögliche plauderte. Das ist zwar nicht von großer Bedeutung, aber es schadet auch nichts. Es erweckt vielmehr den Eindruck der Gemütlichkeit uud Behaglichkeit; und wenn ihr in diesem Gefühle schreibt, dann freut sich hinterher der lesende Vater darüber, daß ihr es doch immerhin besser habt als er im bösen Feindesland. Darin zeigt und betätigt sich eben die väterliche Liebe, daß sie schon zufrieden uud beglückt ist, wenn ihr es nnr seid. Z8Zum Schluß drückt ihr stets eure Freude darüber aus, daß Deutsch land bisher so schöne Siege erfochten hat, daß wir hier vom Feinde ganz verschont sind und so leben können wie im tiefsten Frieden. Bewundert euren Vater nnd unsere herrlichen Truppen, denen wir diese glänzenden Erfolge trotz der Übermacht der Feinde zu verdankeu haben. Sprecht weiter eure Hoffnung aus, daß unsere Soldaten nicht kriegsmüde werden, sondern durchhalten bis ans glückliche Ende. Gebt die Versicherung ab, daß anch wir in der Heimat das Gleiche tuu wollen, nnd daß niemand unter uns daran zweifelt, daß unser teures Vaterland siegen muß uud siegen kann nnd siegen wird. Das Ende des Briefes mag dann der Wunsch sein, daß wir recht bald ein frohes Sieges- nnd Friedensfest feiern können, wo wir dann alle wieder glücklich zusammen sind und weiter leben in deutscher Freiheit und Herrlichkeit; und in diesem Sinne erhoffen wir ein baldiges, freudiges Wiedersehen! Könnt ihr also nicht recht viel an enren Vater schreiben? Ich denke, das wäre schon genug. Nuu will ich aber uoch einmal kurz zusammenfassen, was ener Brief alles enthalten mnß: 1. Der Vater selbst. Frende und Dankbarkeit über seine letzten Nachrichten. Mitgefühl mit seiner Lage und seinem Besinden. 2. Die Familie. Hier nur gute Nachrichteu, besonders über die Kinder. 3. Mitteilungen über die Heimat, Freunde und Bekannte. 4. Alle möglichen großen und kleinen Erlebnisse. 5. Der soeben erwähnte Schluß. Ich denke mir und schlage euch vor: Mindestens jede Woche schreibt ihr einen solchen Brief. Dazwischen könnt ihr auch mal eine kleinere Postkarte absenden mit kürzeren: Inhalt. Eure Mitteilungen brauchen nicht immer kilometerlang zu seiu. Kurz und bündig ist oft am besten. Doch ob lang oder kurz: Hauptsache ist Liebe, Freundlichkeit, Dankbarkeit, Sorge, Wunsch, Hoffnung und eine lebens- und fiegesfrohe Zuversicht. Um alles kein Gejammer und Geklatsche. — Sooft ihr euch zum Schreiben hinsetzt, nehmt ihr euch gauz bewußt und bestimmt vor: „Damit will ich dem lieben Vater eine schöne Freude bereiten nnd nichts als nur Freude und Liebe!" Zy40 Wenn ihr dann noch gelegentlich mal etwas mitsendet: z. B. die größeren Mädchen, was sie für den Vater gestrickt, gehäkelt oder genäht haben, oder die Knaben irgend eine Handarbeit, Zeichnung oder dergleichen, da sollt ihr mal sehen, wie glücklich darüber euer Vater ist! Da ist er manchmal so gerührt, daß er von seinen Kriegskameraden abseits gehen muß, weil ihm die hellen Tränen nur so über die Backen lausen. Aber Freudentränen sind das; kein Schmerz. Sein Herz ist überwältigt von solcher Aufmerksamkeit und Liebe. Stolz zeigt er dann hinterher den übrigen Soldaten euer Meisterwerk und sagt dabei: „Seht mal! Das Hab' ich von meinen Kindern bekommen. Ja, was das für Prachtbuben oder -mädchen sind!" Und nnn fängt er an von euch zu erzählen, wie nett und brav und fleißig und tüchtig ihr wärt, und je mehr er von seinen Lieben erzählen kann, desto stolzer und glücklicher wird er, als feierte er das größte. Freudenfest. Das ist doch schön? nicht wahr? Was sagt ihr euch also? Kurz und gut: So wird's gemacht! Und gleich hingesetzt, angefangen und durchgeführt. Jede Arbeit muß natürlich mit Überlegung und Liebe verrichtet werden. Daun kenne ich aber außer dem Vater noch jemanden, der sich darüber freuen wird!? Ihr ratet natürlich gleich die Mutter. Das stimmt und ist auch richtig. Aber ich kenne noch andere. Das seid ihr selbst. Ein liebevolles Tun beglückt alle Welt: Den Geber ebenso sehr wie den Empfänger. Seid ihr nicht oft schon stolz und glücklich gewesen darüber, daß ihr zu Weihnachten oder zum Geburtstage eure Eltern mit irgend einer Arbeit erfreuen konntet? In dieser Kriegszeit habt ihr noch viel mehr Gelegenheit zum Gutestun als an solchen Festtagen. Ist der Haß und Neid unserer Feinde groß, dann soll uud muß noch größer unsere Liebe sein. Und da es sich hier um euren eigenen Vater oder eure lieben Eltern handelt, werdet ihr erst recht die Wahrheit des Wortes erfahren: Willst du glücklich sein im Leben, Trage bei zu Andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, Kehrt in's eigene Herz zurück.41 Gcneralfcldmarschall von Hindenburg. 12. Die eherne Notwendigkeit: „Du mußt und sollst" und die persönliche Freiheit: „Ich seh' ein und will." Mitdem Vorhergehenden habe ich alles geschrieben, was ich sagen wollte. Es ist sehr Vielerlei; so viel, daß ihr es gar nicht auf einmal lesen und behalten könnt. Aber ich wollte euch nicht nur einige kurze Ermahnungen geben. Die habt ihr wohl schon alle zum größten Teil von anderer Seite gehört. Ich wende mich auch an enren Verstand uud euer Gemüt und euren Willen. Ein bekanntes Sprichwort sagt: Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten. Was euch uur anbeföhle« wird, das befolgt ihr vielleicht aus Furcht vor Strafe. Aber weuu ihr glaubt, daß es niemand merkt und niemand also ench strafen könnte, dann tnt manches Kind es im Geheimen doch anders nnd freut sich womöglich darüber, daß es mal ungehorsam sein nnd so leben nnd sich42 betätigen konnte, wie es selber wollte und nicht seine vorgesetzten Eltern, Lehrer oder Erzieher. Ganz anders treibt ihr es mit dem, was euer eigener Verstand einsieht und der eigene Wille begehrt. Da braucht euch niemand was zu befehlen; das besorgt ihr schon ganz allein von euch selbst. Denkt an euer Spiel oder irgend eine Beschäftigung, die euch Freude macht. Darnach haben die Kinder von selbst ein Verlangen und sind darin so eifrig und hitzig, daß sie darüber sogar den Hnnger vergessen können. Da muß euch oft umgekehrt gesagt werden: „Nun ist's aber genug. Nim hört mal auf uud denkt und tut auch noch andere Sachen." So ist es mit allem, was der Mensch aus Lust und Liebe macht. Da kommt ganz von selbst der nötige Eifer und die Freude über jedes gelungene Werk; da fühlt und betätigt sich auch ein Kind schon als ein selbständiges Wesen uud erlebt uud versteht ans eigener Erfahrung das Goethewort: Höchstes Glück der Erdenkinder ist nnr die Persönlichkeit, oder das andere Sprichwort: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Darum habe ich mir gründlich überlegt: „Wie wende ich wich wohl au die deutschen Kinder, daß sie nicht nur die strengen Forderungen hören: „Das sollst du tun;" sondern daß jedes gute deutsche Kind sich selber sagt: „Das will ich tun." Freilich bleibt darum das Gebot „du sollst" und das Verbot „dn darfst nicht" immer bestehen. Denn nicht Laune und Willkür befehlen uns so, sondern die eherne, unerbittliche Notwendigkeit. Unser Vaterland befindet sich in einem Kampf, wo es sich um dessen Sein oder Nichtsein handelt. Wenn schon jeder Krieg an sich kein Vergnügen ist, dann erst recht nicht dieser ungeheuere Welt krieg, der so groß und furchtbar ist, wie ihu die Deutschen noch nie erlebt haben. In enren Schulstunden und Büchern der Geschichte könnt ihr vernehmen, was unser liebes deutsches Vaterland schon alles durchgemacht hat. Da tobte in unserer Heimat selbst vor fast 30L> Jahren ein Krieg, der 30 Jahre lang gedauert und die Kraft nnd Kultur des deutschen Volkes gewaltig geschädigt und geschwächt hat. Zum großen Nntzen der anderen Völker, namentlich der Franzosen, die Deutschland gegenüber immer überniütiger und frecher wurden, mitten im tiefsten Frieden uns einfach Elsaß-Lothringen mit der wunderschönen Stadt43 Straßbnrg raubten, die herrliche Rheinpfalz mit dem berühmten Heidelberger Schloß verwüsteten und überhaupt meinten, sie könnten sich uns gegenüber alles erlauben. 100 Jahre später brach wiederum ein Krieg los, der 7 Jahre lang währte. Auch eine lange Zeit, wo es besonders dem Königreich Preußen recht schlimm erging. Aber sein damaliger König Friedrich der Große rettete es aus aller Not uud ruhte nicht eher, als bis er durch seine Siege einen für Preußen vorteilhaften Frieden schließen konnte. Habt ihr nicht schon von dem alten Fritz gehört? Das ist dieser gefeierte, weltberühmte Held, einer der größten Feldherren nnd Könige aller Zeiten. Nach ihm wnrde es wieder schlimm. 20 Jahre nach seinem Tode wurde Preußens Heer von dem Franzosen Napoleon so gründlich geschlagen, daß alle Welt damals glaubte, Preußen sei gänzlich verloren. Selbst der schon oft erwähnte Goethe hat gemeint: „Preußen sei ein Staat, der nicht mehr zu retten sei." Glücklicher weise kam es ganz anders. Im Jahre 1813 erhob sich einmütig das ganze preußische Volk und erfocht in den herrlichen Befreiungskriegen die glänzendsten Siege über Napoleon und seine französischen Soldaten. Die mußten alle wieder schleunigst aus Deutschland hinaus und über den Rhein nach Frankreich flüchten. Aber die Preußen folgten ihnen nach; allen voran ihr Feldherr Blücher, darum auch derMarfchall „Vorwärts" genannt. Dieser wollte auch uicht eher Friedeu haben, als bis er den Franzosenkaiser Napoleon zu Fall gebracht hatte uud die Deutschen mit ihren damaligen Verbündeten in Paris einziehen konnten. Das war eine schöne Zeit der Auferstehung und Befreiung. Sie ist viel in Liedern besnngen worden; manches Gedicht darüber steht gewiß in eurem Lesebuch. Denn die deutscheu Kinder haben es auch schon früher immer gern gelesen, wenn die Deutschen groß nnd stark und tüchtig und tapfer und siegreich waren. So ist es natürlich auch bei euch; das brauch ich doch wohl nicht noch be sonders zu fragen? Nach einer laugen Friedensperiode von 50 Jahren folgten dann rasch aufeinander drei große Kriege: 1864,1866 und 1870. Ihr Endresultat war die Gründung unseres neuen deutscheu Kaiserreiches. Das habeu uusere Vvrfahreu durch ihre Tapferkeit und Vaterlands liebe vollbracht; seid ihr nicht stolz auf sie?44 Jetzt aber wollen unsere gegenwärtigen Feinde: die Engländer, Russen und Franzosen unser herrliches, großes Reich wieder zer stören. Deutschland muß vernichtet werden, sagen be sonders die Engländer. Unsere Gegner rühmen sich, daß sie ein Heer von 20 Millionen Soldaten aufbringen und allein mit solcher gewaltigen Überzahl ganz bestimmt uns besiegen würden. Besonders von Rußland, das allein vielemal größer ist als Europa, hoffen sie, daß seine Kosaken und asiatischen Barbarenhorden einfach nnser Land überschwemmen und wie eine Dampfwalze jeden Widerstand glatt zermalmen und erdrücken würden. Acht Monate lang dauert schon dieser furchtbare Krieg, den wir mit einem ungeheuren Weltbrande vergleichen können. Bis jetzt haben unsere Gegner noch gar nichts erreicht; überall haben unter der Oberleitung unseres lieben Kaisers die Deutschen gesiegt. Besonders wurden gerade die Russen von dem Jeldmarschall Hindenburg in erbitterten Kämpfen mit größtem Erfolg geschlagen, sodaß wir schon viele hunderttausende Russen als Gefangene haben. Den Marschall Hindenbnrg kennt ihr doch alle schon; welches deutsche Kind hätte in diesen Tagen nicht seinen Namen gehört, wenn alle Glocken läuteten und alle Häuser beslaggt wurden aus Freude über diese glänzenden Hinden- burgschen Siege! Was denkt ihr ench nun über unsere gegenwärtigen Soldaten? Sie sind alle Helden erster Klasse, auch wenn nicht alle mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet werden können. Bisher waren wir immer nur auf unsere Vorfahren stolz. In Sagen und Geschichten könnt ihr lesen von Siegfried, Hagen, Karl dem Großen, Roland; von den vielen Rittern des Mittelalters, die von ihren Schlössern (jetzt verfallenen Burgen) auf Abenteuer hinaus zogen und die Welt mit dem Ruhme ihrer Waffentaten erfüllten. Das ist alles ganz gut und schön; aber solche Helden, wie es jetzt unsere deutschen Soldaten sind, hat es noch nie gegeben. Noch nie war ein Krieg so groß; noch nie habensoviele Millionen Streiter gegeneinander gekämpft; noch nie gab es eine 42 cm-Kanone und solche Maschinengewehre und Zeppeline und Schlachtschiffe, Panzerkreuzer und Unterseebote wie jetzt. Wenn die früheren Helden so etwas erlebt hätten, würden sie alle in45 Schrecken und Grausen davongelaufen sein in dem Glanben, die Hölle sei jetzt auf Erdeu losgebrochen. Wir aber singen: Und wenn die Welt voll Teufel war' Und wollt' uns gar verschlingen, So fürchten wir uns nicht so sehr, Es soll uns doch gelingen. Mit dem Singen allein kann man keine Siege erfechten; dazu gehört Mut, Unerschrockenheit, Tapferkeit, treneste Pflichterfüllung, Einigkeit, Ordnung und eiserne Willenskraft. Darum lebt ihr Kinder jetzt in einer ebenso großen wie ernsten Zeit. Wie wir diesen Krieg bestehen, davon hängt unsere nnd eure Zukunft ab, ja überhaupt unsere ganze Existenz. Die Gegner, namentlich die schlimmen Engländer, bieten alles auf, was in ihrer Macht steht, um ihr Ziel zu erreichen: nämlich den Untergang Deutschlands. Darnm müssen wir uns auf das äußerste zusammennehmen und der Welt zeigen, daß unsere deutschen Kräfte doch noch größer als die feindlichen sind. Nun überlegt euch auch folgendes, ihr Kinder! Wenn ihr soeben gelesen habt: „Wir müssen uns anstrengen nsw.", wer sagt uns das? Befehle ich es? Befiehlt es ein General? Befiehlt es der Kaiser? Das ist eben ein Gebot eherner Notwendigkeit. Ich könnte auch sagen: Die bestehende Weltordnung, die Wirklich keit, die Geschichte, die Natur, die Tatsachen zwingen nns dazu. Wenn in enrer Wohnung Feuer ausbräche, überlegt ihr euch auch nicht lange die Frage, ob ihr wohl das Feuer mit Wasser zu löschen nnd von enren Sachen alles Mögliche, jedoch vor allen Dingen ench selbst zu retten sucht. Da nimmt sich jeder in Acht nnd greift helfend zu ganz von selber und weiß: was etwa Eltern oder Feuerwehrleute noch hinzubefehlen, das muß geschehen. In solcher Lage kann man nicht erst lange euch fragen: „Ach, ihr lieben guten Kinderchen, wollt ihr oder wollt ihr nicht? Paßt es euch, uns hier mitzuhelfen oder nur aus dein Wege zu gehen, oder sollen wir mit den Lösch- nnd Rettungsversuchen so lauge warten, bis es euch Kinderchen gefällt?" Das wär eine schöne Geschichte! So was käme ench doch selbst höchst lächerlich und dnmm vor. Wie mit dem gefährlichen Feuer, so ist es fast überall. Alle anderen Befehle der Eltern und Lehrer sind gerade solche zwingenden Not wendigkeiten, die unbedingt erfüllt werden müssen, soll nicht dasGanze, z. B. die Familie, das Haus, die Schule zu Gruude gehen oder auch nur Schaden leiden. Das ist vielen Kindern gar nicht recht. Sie klagen darüber, daß es immer heißt: „Das darfst du nicht, und das mußt du, und das sollst dn wieder nicht." Immer Sollen und Müssen nnd Dürfen: das klingt ihren Ohren gar nicht schön. Aber die Welt ist kein Schlaraffenland. Wenn man dem kleinen Kinde verbietet, mit dem Feuer zu spielen, warum denn? Weil es eine unschuldige, harmlose Spielerei ist? Wir lassen die Kinder sehr gern spielen und singen und tanzen und springen; wir sind ja anch mal Kinder gewesen und wissen ganz genau, wie sroh und glücklich dabei die Kleinen sind. Das Kind aber, das sich einmal am Feuer die Finger verbrannt hat, wird schon wissen, warum man ihm ein solch gefährliches Spiel verbietet? Ist es nicht lauter Liebe, wenn man die Kinder vor einem solchen Schmerz und Schaden bewahren will? Doch leider überhören und befolgen viele nicht die Ermahnungen der guten Eltern; der stechende und bohrende und quälende Schmerz solcher oft lebensgefährlichen Brandwunden redet eine Sprache, die das Kind nie wieder vergessen wird. Feuer ist eben Feuer. Es ist eine Tatsache der bestehenden Welt ordnung oder Natur, die durch ihre gefährliche Beschaffenheit euch und uns alle dazu zwingt, mit ihm nnr sehr behutsam umzu gehen. Wenn ein unwissendes oder gedankenloses Kind das nicht selber einsieht oder nicht selbst beachtet, dann wird und muß es ihm besohlen oder verboten werden. Wenn es trotzdem ungehorsam ist, dann heißt es: „Wer nicht hören will, muß fühlen." Da bei sind die Strafen der Eltern noch die geringsten; viel schlimmer ist die Strafe des Feuers. Ähnlich ist es jetzt mit unserem deutschen Reich, wie wir schon mehrfach von einem Weltbrande geredet haben. Feuer ist Feuer; Krieg ist Krieg. Da muß jeder seine Schuldigkeit tun; auch die Kinder. Da kann nicht lange erst mit ench verhandelt werden: „Wollt ihr Kriegsbrot essen oder nicht? Wollt ihr euch in euren Bedürfnissen einschränken oder nicht? Wollt ihr eure häuslichen Pflichten erfüllen oder nicht? Wollt ihr mithelfen oder auch nicht?" — Das mnß einfach geschehen, ganz gleichgiltig, ob euch das ange nehm oder unangenehm ist. Geradesogut, wie jetzt alle Soldaten vieles tnn und erdulden müssen, was auch gerade kein Vergnügen ist. Aber sie sagen sich selber: „Es muß so sein; es geht nicht anders." Also tun sie es auch. Indem sie das nun selber einsehen und für 4b47 gut befinden, wird diese schlimme Notwendigkeit zn einer Sache ihres freien Willens. Sie gehorchen und kämpfen nicht nur, weil sie müssen, sondern auch, weil sie es selber wollen. Ebenso möchte ich nun, ihr Kinder, gerne, daß es anch mit euch wäre. Das bloße Muß ist manchmal eine recht harte Nuß. Wenn dn dir aber sagst: „Ich will auch", dann kann der Wille noch die härteste Nuß aufknacken nnd dir obendrein zu einer schönen, süßen Frucht verhelfen. Was soll denn die Frucht dieses Krieges sein? Nun, ich denke: darüber sind sich die Kinder wohl einigermaßen im Klaren. Die Frucht dieses Krieges? Die Erhaltung eures Vater landes; die Beschützung eures und uusrer aller Leben. Und nicht nur erhalten wollen wir das Dasein uusres Volkes; ueiu, größer und herrlicher, stärker und mächtiger, einiger uud freier soll Deutsch land ans diesem Kriege hervorgehen. Ist das nicht auch euer Wille? Nun, dann tut auch von euch selber alles, was zur Erreichung dieses Willens geschehen muß. c) Ich glaube gar uicht, liebe Kinder, daß es euch am rechten Willen fehlt. Noch kein gutes deutsches Kind habe ich getroffen, das nicht so gedacht hätte, wie wir im Anfang schrieben: „Deutsche siud wir und wollen auch Deutsche bleiben." Nur fehlt es vielen Kindern noch an der richtigen Einsicht. Das ist an sich keine Schande. Dafür seid ihr eben Kinder. Und dazn find wir Erwachsene da, daß wir euch belehren und ihr von uns lernen könnt. Darum habe ich mich bemüht, alles so zu schreiben, daß ihr es wohl begreifen möchtet. Bei Erwachsenen würde ich alles viel kürzer und knapper gesagt haben. Dann wäre diese Schrift nicht so lang geworden. Aber was hülfe mir das, wenn ihr sie dann nicht verstanden hättet? Ein Erwachsener kann zu einem Wanderziel vielleicht in einer Stunde hinkommen, wozu eiu Kiud die doppelte Zeit gebraucht. Oder könnt ihr alle schon gut marschieren? Wohl mit den Füßen, aber nicht mit dem Geist. Mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen hat es doch bei vielen Kindern noch seine große Schwierigkeit; erst recht mit dem vernünftigen Denken, mit der verständigen Einsicht. Darum wurde also diese Schrift etwas länger, als ich sie eigentlich haben wollte. Doch ob laug oder kurz, ist schließlich einerlei. Haupt sache ist das richtige Verständnis und der darnach handelnde gnte Wille.48 Habt ihr nun auch alles wirklich verstanden? Was denn? Ich glaube, kein einziges Kind würde das richtig beantworten. Das ist beim einmaligen Lesen nicht gut möglich. So etwas muß man öfters lesen; wo möglich jeden Tag. Natürlich werdet ihr erst das Ganze bis zum Ende durchlesen. Dann aber fangt wieder von vorne an und nehmt jeden Abschnitt so gründlich vor, bis ihr ihn fast auswendig wißt. Das würde euch natürlich gar nicht einfallen, das würde euch viel zn langweilig sein, wenn ihr nicht Lust und Liebe zur Sache hättet. Aber zu wem rede ich denn? Ich meine: zu guten deutschen Kindern. Und die haben selbstverständlich sowohl die Liebe zn ihren Eltern als auch zu unserem schönen Vaterland. Mit dieser Liebe wird euch auch dieses Büchlein gefallen; ihr werdet es mit Vergnügen lesen nnd immer wieder und wieder lesen, recht zu Herzen nehmen und dann auch wirklich darnach tun. Nun will ich aber noch einmal selber ganz kurz zusammenfassen, was ihr ans diesem Schriftchen verstehen uud lernen solltet: 1. Die weltgeschichtliche Lage oder das Schicksal, das uns Deutsche alle und also auch euch Kinder betroffen hat. 2. Die Eigenart dieses Krieges, dessen Ausgang — Sieg oder Niederlage—wesentlich von dem Verhalten der Kinder abhängt. 3. Eure Pflichten: a) was ihr zu tun nnd zn lafsen habt, d) was ihr schreiben und verschweigen müßt. Jetzt mach ich aber wirklich Schluß; und zwar indem ich frage: Wollt und könnt ihr Kinder mitLnst und Liebe, mit Verständnis uud Willenskraft mithelfen zum ruhm vollen Siege Deutschlands? Und ich hoffe: Nur ein Echo braust mir ans dem Munde aller gnten deutscheu Kinder entgegen: „Natürlich! Selbstverständlich! Unser geliebter deutscher Kaiser soll leben, Hurra!" Dann sagen und singen wir noch einmal um so kräftiger und froher miteinander: Deutschland, Deutschland über alles, Uber alles in der Welt! i/VDas deutsche Kind im deutschen Krieg 19 15 Im Selbstverlag des Verfassers Druck von Gebrüder Stritt, Frankfurt a. M.
