Unser Seekriegsbuch Zur Einführung In dem furchtbaren Weltkrieg, öer seine Klammengarben seit mehr D als einem Jahr über öie Fluren Europas unö öie fernsten Neere ^ > wirft, haben Oeutschlanö unö seine österreichisch-ungarischen und türkischen Bundesgenossen eine Kraftprobe bestanden, die eine ganze Welt in Bewunderung und staunendem Entsetzen aufhorchen ließ. Völker, die nicht teil hatten an der Kriegshetze des letzten Jahrzehnts, sondern in friedlicher Arbeit den Fortschritt ihrer Länder bauten und mit schwerem Pflug die harten Schollen furchten, haben mit gewaltiger Kaust das Aufgebot einer furchtbaren Abermacht gebrochen unö die Schrecken des Krieges in Feindesland getragen. Oer Sieg unserer Waffen ist nicht nur ein Sieg des Schwertes, sondern auch des hochgemuten Herzens, das - durchglüht von heiliger Vaterlandsliebe - tapfer und opferbereit in brüderlichem Gemeinsinn alle Nöte trug und überwand. heldenhaften Anteil an den gewaltigen Erfolgen und Siegen hat unsere Jugenü, die mit beispiellosem Nut ihrem König Schwertfolge leistete und ihre Vaterlandsliebe mit den erhabensten Vlutopfern besiegelte. ?mmer aufs neue erkennen unsere großen Heerführer die beispiellose Kühnheit und Entschlossenheit unserer in eiserner Feit über Nacht zu Männern gereisten Jünglinge an, die unter den Klängen ihrer begeisternden Fieder den flat ternden Kähnen zu Sieg und ^od folgen. Unsere wehrfähige Jugend trägt die leuchtende Aukunst des deutschen Namens auf der Spitze ihres Schwertes. Wer auch im Lande bezeugte unsere Jugend ihre hohe vaterländische Gesinnung in der freiwilligen Kriegsschulung der Jugendwehren in Stadt und Land und mit frohbereiter Hilfe im verkehrsdienst und bei öer Ernte. Größe und Schrecken des Weltkrieges hielt der Herausgeber in seinem Kriegsbildwerk „Um Vaterland unü Freiheit" fest, dem soeben eine Volks kriegsausgabe gefolgt ist. Oer deutschen Jugend aber, die Hoheit und Kraft der großen Stunde miterleben soll, legt er heute zwei Kriegsbücher auf den Weihnachtstisch, öenen unsere ersten Heerführer ein freunöliches Geleitwort mit auf öen Weg gaben, hier weröen öie unvergleichlichen helöentaten unseres Heeres unö unserer Flotte in kraftvollen Einzelbilöern lebenöig gemacht. Begeisterung unö Siegeszuversicht wollen auch üiese Bände wecken unü stärken. Jungen Helden, öie noch vor wenigen Monaten mit hellen Kugen zu öes Herausgebers Füßen saßen unö nun öes Blutopfers für Kaiser unö Reich gewüröigt sinö, legt er dieses Werk als stumme hulöigung zu Füßen .... <?reil>Prof. Hans N. Schulze, Berlin Die „Emden" vernichtet einen englischen HandelsdampserUnser Seekriegsbuch 5 Erzählungen von Heinrich Brenne/ Cwalö Reincke, Karl H. Schröder, Fritz öroop Mit Vollbildern unö Zeichnungen von Prof.Hans RnöolfSchulze-Verlin unö Marinemaler (. Schön Mit Geleitworten unserer großen Heerführer aus dem Kelöe Nackensen, Vülotv, Heeringen/ Kluck, Veseler, Emmich, Krancois, Nuüra 1915 Verlag Hermann NoNtanus, Siegen, Verlin, LeipzigS ^ S 560 Z /// ^ 7^^ ' Sr. Exzellenz üem Großadmiral von Koester ehrerbietigst zu eigen Walther Stein Copyright 1^15 bp Hermann Montanus, Siegen (Gesetzliche Forme! für üen Schuh ües Urheberrechts in Amerika)Geleitworte für öie Montanus-!?ugenöbücher von . ^-<^«»,^^ -«« ^4 Sr. Exz. Generalfelömarschall K. v. Vülow unö Sr. Exz. Generalfelömarschall v. NackensenGeleitworte für öie Montanus-Jugenöbücher von «<^ >->z^ »ZVBS^BMBVS!WKMA«W5Wg«SWW Sr. <kxz. Generaloberst ?. von heerlngen und Sr. Exz. Generaloberst ^fl- von KluckGeleitworte für öie Montanus-Jugenöbücher von ^ ^v-/ ^«-^/ >»»?^ ^>>» — KS^^SLSSSMÄAMMÄ^WSS^^ Sr. <kxz. General Hans von Leseler unö Sr. Erz. General Hermann von §ran?oisGeleitworte für öle Nontanus-Zugenöbücher von -s-^v Sr. Exz. General Gtto von Emmich unö Sr. C?z. General Bruno von Muöra9 Durch! Erzählung von Heinrich Brenne, mit Bildern von Marinemaler Schön. 1. Zwei Flüchtlinge der Fremdenlegion. Am Abend des 15. Juli 1914 rückte das 3. Bataillon des 2. Fremdenregiments in die Kaserne zu Piaret ein. Der Zug glich mehr einer willenlosen Masse, die durch irgend eine unsichtbare Krast bewegt wird, als einer marschierenden Truppe. Die Schultern hängen lastend, die Brust vornüber gebeugt, so kam Gruppe nach Gruppe vorbei. Die Gesichter waren mit einer schmutzigen aus Staub und Schweiß gebildeten Schicht überklebt. Teilnahmslos stierten die müden Augen auf des Vordermanns Schultern. Die meisten hatten den Mund halb geöffnet, was ihre Überanstrengung noch deutlicher machte. Felddienstübung bei 38 Grad Hitze mit anschließendem 30 Kilometermarsch nach Piaret! Jedesmal wenn ein Viererzug durch das Tor auf den Hof der Kaserne trat, kam auf einmal Leben in die müden Gesichter. Am Hinteren Ende des Platzes war nämlich ein Brunnen, auf den sich die Blicke genau so stier richteten, wie sie vorher geradeaus gingen. Doch noch war der Dienst nicht zu Ende. Kompagnieweise wurde das Bataillon auseinandergezogen. Mehrere Legionäre wurden zu persönlichen Dienstleistungen für die Offiziere bestimmt. Bald darauf sah man sie mit Waschgefäßen und Krügen nach dem Brunnen laufen. Inzwischen gaben die Kompagnieführer noch einzelne Anordnungen an ihre Korporale, diese an ihre Korporalschaften. Dann ließ man wegtreten. Mit einer Schnelligkeit, die man den vorher so abgehetzt Schleichenden kaum hätte zutrauen sollen, wurden Gepäck und Waffen an Ort und Stelle gebracht, dann stürzte einer nach10 dem andern nach dem Brunnen. Hier begann ein rücksichtsloses Stoßen und Drängen. Die Schwächeren wurden beiseite geschoben und suchten vergeblich, zu ihrem Trunk zu kommen. Wer genau hinsah, dem mußte die tierische Gier in den Gesichtern auffallen. Das ganze Leben in diesen armen, abgehetzten Menschen drängte sich jetzt in dem einen Gedanken: Trinken! zusammen. Unter denen, die den äußeren Ring des durcheinander wogenden Haufens bil deten, fiel eine schlanke Gestalt von mittlerer Größe auf. Sie gehörte zu den wenigen, die gar nicht erst den Versuch gemacht hatten, mit Gewalt an den Brunnen zu kommen. Nachdem dieser Legionär eine Weile gewartet hatte, bis die Reihe an ihn kommen würde, drehte er sich plötzlich um, und man konnte sein Geficht sehen. Die Backen waren schmal, der untere Teil eingefallen. Trotz der Schweiß- und Staubschicht zeigte der Ausdruck, daß er wohl nicht der handarbeitenden Schicht entstammte, sondern einer Familie, die durch Jahrhunderte geistig gearbeitet hatte. Eben ging er auf eine Treppe zu, die zu einer Seitentür der Kaserne führte, um auf ihren Stufen auf das Verlaufen des wüsten Haufens zu warten. Da schlug ihm ein anderer Legionär auf die Schultern: „Trink, Rudolf!" Der Angeredete griff hastig nach dem hingehaltenen Becher: „Lang sam," mahnte der andere. Dieser war in allem das Gegenteil seines Kameraden. Er überragte ihn um Kopfeslänge, war aber so breitschultrig, daß man seine Größe nur bemerkte, wenn ein andrer zum Vergleich neben ihm stand. Das Gesicht zeigte derbe Linien, sast hätte man es plump nennen können, wenn nicht das merkwürdige Lachen darin gewesen wäre. Es lachte alles in dem Gesicht: die Augen, der Mund! Als Rudolf Kersting getrunken hatte, reichte sein Kamerad Paul Bäcker den Becher einem andern, und die beiden gingen langsam in ihre Mannschaftsstube, wo sie schon sechs andere Legionäre antrafen. Niemand sprach ein Wort. Die Erschöpfung war so groß, daß sie Verwünschungen und Flüche über die Schinderei nicht mehr zuließ. Einer war auf dem Stuhl neben der Tür, auf den er sich beim Hereintreten hatte fallen lassen, einge schlafen. Jedesmal, wenn ihm sein Kopf auf die Brust fiel, erwachte er halb, seine Er müdung war aber so arg, daß er sich nicht zum Aufstehen aufraffen konnte. Er schlief immer im nächsten Augenblick fest ein. Rudolf Kersting hatte sich nicht gesetzt, sein Dienst war noch nicht zu Ende. Bei einer kleinen Rast hatte er das Unglück gehabt, einzuschlafen und das Kommando zum Antreten zu überhören. Weil er so einen Augenblick zu spät an seinem Platz stand, hatte er zur Strafe nach allem, was der Tag an Anstrengungen schon gebracht hatte, noch von 9 bis 12 Uhr Wache. Dann wurde er von einem Leidensgenossen abgelöst, der — wer weiß was sür eine — Kleinigkeit verbrochen hatte. Es war Vorschrift, zur Kasernenwache in sauberer Uniform und Ausrüstung zu kommen. Deshalb suchte Ru dolf Kersting in seinem Fach des großen Schrankes, der eine Wand des Mannschafts raumes einnahm, seine Putzsachen. Ohne ein Wort zu sagen, schob ihn Paul Bäcker beiseite und deutete auf eine Ecke, wo er seinen eigenen Mantel ausgebreitet hatte. Rudolf lächelte und streckte sich an der bezeichneten Stelle aus. Paul Bäcker, die gute treue Seele! Wenn er die nicht gehabt hätte!Der Große begann zu putzen und zu bürsten, als ob es sein Leben gegolten hätte. Nur als das Zeichen zum Essenholen ertönte, unterbrach er seine Arbeit und stieg mit den andern in die Mannschaftsküche, die im Kellergeschoß lag. Die meisten kamen mit ungewaschenen Näpfen. Paul Bäcker empfing seine und des Freundes Mahlzeit und stieg dann wieder nach oben. Inzwischen war Rudolf Kersting fest eingeschlafen, und seine regelmäßigen Atemzüge ließen vermuten, daß er nur erschöpft, aber nicht krank war. Einen Augenblick stand Paul Bäcker unschlüssig vor dem Schlafenden; er war sich noch nicht klar, ob Schlaf oder Essen dem Freund mehr not tue. Er kam zu dem Schluß, daß dieser hier vor seiner Wache beides brauche, und weckte ihn behutsam. Wer den großen und starken Menschen in diesem Augenblick beobachtet hätte, dem wäre der merkwürdige Gegensatz zwischen seiner Hünengestalt und dem besorgten, ein bißchen mütterlichen Ausdruck auf seinem Gesicht aufgefallen. Rudolf Kersting aß die schmutzigbraune Suppe mit sichtlichem Widerwillen, während Paul Bäcker sie vertilgte, als ob er das leckerste Gericht in seinem Napf gehabt hätte. Gesprochen wurde während der Mahlzeit nichts. Nur als Rudolf Kersting seinen Napf halbgefüllt an die Seite setzen wollte, sagte der andere: „Iß doch noch!" Der Satz wurde mit einem merkwürdigen Geniisch von Besorgtsein und Befehlen im Ausdruck gesprochen, und Rudolf Kersting tat, was er sollte. Dann zog er Schuhe und Rock aus, die er unbedingt selbst säubern wollte. Aber es half nichts, und bald lag er wieder in festem Schlaf. Ehe Rudolf Kerstings Wachdienst begann, lagen alle seine Ausrüstungsstücke sauber geputzt und in tadelloser Ordnung fertig. Nicht zu früh aber auch keine Minute zu spät weckte ihn Paul Bäcker. Dieser war wach geblieben, wäh rend alle übrigen Legionäre schon fest schliefen. Erst als Rudolf Kersting gegangen war, suchte auch sein Freund sein Lager auf. Die Kaserne liegt am Ostende Piarets, ein ganzes Stück von den andern Häusern des Ortes entfernt. So vernahm die Wache nichts als den Klang der eigenen Tritte. Rudolf Kersting ging mit gleichmäßigen, fast mechanischen Schritten vor der vorderen Kasernenmauer auf und nieder. Zuerst hatte er seine Wanderung ab und zu unterbrochen. Nachdem er sich aber einmal dabei ertappt hatte, wie er stehend ein schlafen wollte, unterließ er es. Hätte man ihn schlafend gefunden, so wäre sieben- stündiger Kreismarsch in der glühendsten Hitze mit aufgepacktem Sandsack die Mindest strafe gewesen. Nachdem die erste Schlaftrunkenheit überwunden war, ging es auch. Ja, die Gedanken, die ihn morgens beim Ausmarsch beschäftigten, kamen wieder. Paul Bäcker hatte am Tag vorher einen Brief bekommen. Da er allerlei Nachrichten aus Deutschland enthielt, hatte er ihn dem Freund zum Lesen gegeben. Dieser hatte aber nur teilnahmslos die Zeilen überflogen, weil ihm im ersten Augenblick das Datum des Briefes, der 1. Juli, in die Augen gefallen war. Seiner Mutter Geburtstag! Der kleine Zufall rief Gedanken in ihm wach, die lange, lange geschlafen hatten. Die ersten Morgenstunden hatten sie ihn beschäftigt, und jetzt waren sie wieder da. Es war nun mehr als vier Jahre her, daß er seine Heimat hinter sich gelassen hatte. Aber alles war N1 -> in diesem Augenblick in seiner Seele so deutlich, als ob es gestern gewesen wäre. Zug um Zug, mit allen Einzelheiten zogen die Geschehnisse in seiner Erinnerung vorbei, die ihn in die Fremdenlegion geführt hatten. Es war einige Wochen vor seiner Reifeprüfung, da ließ ihn sein Vater zu sich aufs Kontor rufen. Er wußte schon, was es bedeutete, und während er mit trotzig zu sammengekniffenen Lippen durch den langen Korridor schritt, an dessen Ende seines Vaters Arbeitszimmer lag, ging es wie ein Uhrwerk durch seinen Kopf: Ich tu's nicht! Ich tu's nicht! Da, als er die Tür aufmachte, saß in seines Vaters Sessel seine Mutter, während sein Vater am Pult stand. Sie sah ihn an mit einem Blick voll so furchtbarer hilfloser Angst, als ob sie damals das Elend, das er in den vier Iahren durchlebt hatte, vorausgeschaut hätte. Unter diesem Blick lösten sich die trotzig zusammengekniffenen Lippen, und er bat: „Vater, hör' mich doch einmal an!" Und dann kam es erst langsam und ruckweise, dann immer schneller von seinen Lippen, wie er sein Leben, seine Zukunft dachte. Offizier wollte er werden und dann hinausgehen in deutsche Kolonien und da deutsche Arbeit schützen helfen. Die Mutter hörte ihm zu, als ob sie ihrem Liebling die Worte von den Lippen gesogen hätte. Als er fertig war und nun mit hochrotem Kopf und erregtem Gesicht dastand, ging ihr ängstlicher Blick zu ihrem Mann, der so ganz andere Pläne mit ihrem Ältesten hatte. In dem Augenblick hatte gerade die Uhr zu schlagen begonnen, der Vater ließ sie ruhig ihre sieben Schläge erst tun, damit er sie nicht zu übertönen brauchte, und sagte dann mit einer Stimme, als ob er ein Geschäft von untergeordneter Bedeutung erledigt hätte: „Es tut mir leid, Rudolf, aber es geht nicht. Es ist bei den Kerstings nun durch sechs Generationen so gewesen, daß der Älteste das Geschäft übernimmt und weiterführt. Ich bin nicht für Neuerungen." Diese Ruhe reizte ihn aufs äußerste, und all seine Angst vor einem ungeliebten Beruf schrie er hinaus in den einen Satz: „Ich will nicht!" Und in jäh aufwallendem Zorn gab ihm sein Vater die Antwort: „Dann hast du in meinem Hause nichts mehr zu suchen." Ver geblich griff die Mutter mit beiden Armen nach Mann und Kind zugleich, als müßte sie sie zusammenbinden. Rudolf riß die Mütze vom Tisch und stürmte zur Tür hinaus. Wohin? Was anfangen? wußte er selbst im Augenblick nicht. Nur zurück, das wußte er, ging er nicht. Ruhiger geworden, fing er an zu überlegen, ganz kühl alle Möglich keiten prüfend. Es steckte eine ganze Menge von seinem Geschlecht in ihm. Barmittel hatte er wenige. Das erste war, daß er die Uhr versetzte. Aber er erschrak, als er die lächerlich geringe Summe in Händen hielt, die er dafür bekam. Er hatte gehofft, damit bis Paris zu kommen, wo ein Onkel, ein Bruder der Mutter, wohnte. Der würde ihn eher verstehen und ihm vielleicht helfen. Aber die Fahrt? Zwei Tage grübelte und rechnete er, sein Geld ging zur Neige. Er kam zu dem Entschluß, Arbeit zu suchen, um sich das Fahrgeld zu verdienen, da las er in der Zeitung einen Aufruf, in dem nach seinem Verbleib geforscht wurde. Er war minderjährig, und wenn man seine Woh nung erfuhr, konnte man ihn mit Gewalt zurückholen: Das um keinen Preis! Da tat er denn das, womit er alle Brücken hinter sich abbrach: er fälschte seines Vaters Unter-13 schrift, um sich Geld zu verschaffen. Vierundzwanzig Stunden später kam er bei seinem Onkel an. Die Aufnahme war, wie er gehofft hatte, aber drei Wochen später empfing ihn sein Onkel bei der Heimkehr von einem Spaziergang mit den Worten: „Für Fälscher ist in meinem Hause kein Platz!" Und nun ging's rasch von Stuse zu Stuse, bis er mit Neuangeworbenen in Algier landete. Immer wieder Wg Bild um Bild in Rudolf Kerstings Erinnerung vorbei, wäh rend er vor der Kaserne auf und ab schritt. Er wehrte sich, was er konnte, gegen die Erkenntnis, daß er Heimweh hatte. Der Gedanke an seine Mutter, das war's. Wie sie damals in seines Vaters Sessel gesessen hatte, so sah er sie vor sich. Er suchte mit Gewalt von diesem Gedanken loszukommen, indem er sich mit selbstquälerischer Aus führlichkeit vorhielt, was hinter ihm lag und ihm die Tür verschlossen hielt. Es hals nichts, durch seine Seele ging's, wie durch Paul Bäckers Traum, den er eines Nachts hatte vor sich hinsagen hören: „Eck well no Hus!" Da wurde er aus seinen Gedanken aufgescheucht, er hörte Schritte und bald auch Sprechen. Rudolf Kersting erkannte die Stimme des Bataillonskommandeurs, der wie gewöhnlich auf einem seiner plötzlichen Inspektionsgänge einen der jungen Offiziere mitgenommen hatte. Er faßte das Gewehr fester und nahm eine straffere Haltung an. Aber die beiden Offiziere kamen nicht auf ihn zu, sondern gingen bis an die eine Ecke der Mauer, von wo zwei Wege in den Ort sührten. Hier blieben sie stehen und sprachen erst halblaut miteinander; allmählich wurden ihre Stimmen dann lauter, so daß Rudols Kersting sie verstehen konnte. „Wenn der Tanz losgeht, sitzt man hier in diesem gottverlassenen Nest." „Ich glaube noch nicht so recht daran." „Was? Was, meinen Sie, was das ewige Durcheinanderwersen der Truppen hier bedeutet? Und dann, glauben Sie wirklich, die serbische Bombe wäre ohne russisches Einverständnis losgegangen?" „Ja, aber immerhin; es hat so oft so ausgesehen und ist doch immer wieder vorbeigegangen." „Diesmal kaum. Mein Bruder liegt mit seinem Regiment seit Mai in Belfort und gehört nach Marseille. Ich sage Ihnen, da ist was los. Deutschland läßt Österreich nicht im Stich, und Frankreich hält zu Rußland." „Wenn das wahr wäre, sollte man hier ja desertieren." Mit ärgerlichem Lachen verabschiedeten sich die beiden. Rudolf Kersting hatte die Unterhaltung Wort für Wort verstanden. Erst hatten nur die Klänge sein Ohr getroffen, er war zu müde, auf den Sinn zu achten. Dann wurde er aufmerksam. Man sprach von Deutschland, von Kriegsgefahr. Den beiden Offizieren schien es ziem lich sicher. Jetzt wurde ihm auf einmal klar, weshalb sein Bataillon so plötzlich aus dem Süden nach dem Norden verlegt wurde. Die hiesigen Truppen sollten nach Frank reich. Sein Herz schlug ihm bis an den Hals vor Aufregung. Deutschland im Krieg mit Frankreich und er in Frankreichs Fremdenlegion! Er griff sich nach der Brust, als14 wenn er durch einen gewaltsamen Druck hätte sein Herz zur Ruhe zwingen können. Da fiel ihm auch noch der Satz aus Pauls Brief ein, über den er heute morgen genau so flüchtig hinweggelesen hatte, wie über alles andere: „Wenn sich man aus der serbischen Mordgeschichte nichts Schlimmeres zusammenbraut." Er sah immer klarer, es war wahrscheinlich, es war gewiß: Es ging los! Vor Aufregung ging er bald fast im Lauf schritt auf und ab, bald blieb er plötzlich stehen. Bis es ihm auf einmal durch den Sinn fuhr, das wäre ein Weg. Jetzt heim und dann mit ehrlichem Namen aus dem Feld nach Hause kommen. Im nächsten Augenblick schämte er sich. Er hatte an sich ge dacht. Alles wirbelte in ihm durcheinander. Hoffnung, eine merkwürdige Angst, als ob jemand einem etwas tun wollte, den er lieb hatte, er wüßte es und wäre irgendwo festgebunden. Aber allmählich wand sich aus dem Chaos von Gedanken der Entschluß: Fort! Nach Haus! An die Stelle, wo die andern Deutschen stehen. Er überlegte, sollte er gleich diese Nacht fliehen? Aber er war schon wieder ruhig genug, um zu wissen, daß eine Flucht Hals über Kopf nicht gelingen könnte. Und dann — Paul Bäcker, der mußte mit! Rudolf Kersting machte einen Plan und verwarf ihn, er machte einen andern, um ihn wieder zu verwerfen. So vergingen die Wachstunden. Pünktlich wurde er ab gelöst und lag wenige Minuten später auf seinem Lager. Die Augen schmerzten vor Müdigkeit, aber der Schlaf kam nicht. Die Gedanken jagten sich, ohne daß er einen be stimmten Weg zur Flucht gesehen hätte. Vergeblich sagte er sich selbst, daß er seine Kraft nötig habe, und suchte sich zum Schlaf zu zwingen. Endlich forderte auch der überange strengte Körper sein Recht, gegen zwei Uhr schlief er ein. Wer weiß, wie lange er gelegen hätte, wenn seine Ruhe nicht kurz vor 6 Uhr durch Paul Bäcker unterbrochen worden wäre. Schlaftrunken richtete er sich auf, stand dann aber, als sein Freund drängte, rasch vor seinem Lager. Um 6 Uhr mußten die Kor poralschaften auf dem Kasernenhof antreten. Hastig kleidete er sich an, trank einen Schluck von dem Kaffee, den Paul Bäcker für ihn mit nach oben gebracht hatte, und eilte bann mit diesem hinunter. Was mochte der neue Tag bringen? Es dauerte eine ganze Weile, bis einer der Offiziere erschien und einige Worte mit dem Führer der ihm zunächst stehenden Korporalschast sprach. Das Bataillon bekam einen Ruhetag, der zum Rei nigen der Mannschaftsräume und zum Putzen und Flicken ausgenutzt werden sollte. Um 7 Uhr abends war Appell! Rudolf Kersting hätte vor Freude laut aufschreien mögen. Jetzt konnte sich sein Körper für die Flucht etwas ausruhen, und er würde jetzt bald Gelegenheit haben, mit Paul Bäcker über sein Vorhaben zu sprechen. Als er wegtreten durfte, paßte er den Augenblick ab, in dem sein Freund in die Kaserne ging. Sogleich war er an seiner Seite. „Ein Wort, Paul!" „Was denn?" „Es gibt Krieg mit Frankreich, ich bleibe nicht hier!"15 Erschrocken drehte sich Paul Bäcker um, ob jemand sie gehört; denn die letzten Sätze hatte Rudolf Kersting in seiner Aufregung nicht ganz leise gesprochen. Niemand halte zum Glück die beiden beobachtet, um aber die gefährliche Unterhaltung an dieser Stelle abzubrechen, sagte Paul Bäcker laut: „Wir waschen hier hinten im Hos unsere Hemden und Strümpfe," und sah dabei Rudolf Kersting an. Dieser verstand ihn und schwieg. Auf der Mannschaftsstube bot Paul Bäcker Zigaretten und Tabak aus, wofür sich leicht ein Kamerad fand, der sein und des Freundes Anteil am Stubenreinigen mit übernahm. Bald waren zwei Eimer beschafft, an dem Brunnen mit Wasser gefüllt, und die Wäscherei konnte beginnen. Paul Bäcker hatte sich bei den Vorbereitungen nicht übereilt, und niemand hätte denken sollen, daß die beiden Legionäre etwas Besonderes vorhätten. „So, Rudolf! Was ist denn nun eigentlich los?" Kurz und hastig erzählte Rudolf Kersting, was er in der Nacht gehört hatte, und schloß: „Ich bleibe unter keinen Umständen hier." „Ich habe schon manchen verschwinden sehen, aber von keinem weiß ich sicher, daß es geraten ist," gab Paul Bäcker zur Antwort. Aber Rudolf Kersting gab nicht nach. „Wir müssen es versuchen . . ." „uns nach einigen Tagen halbverhungert und verdurstet auf der nächsten Station wieder stellen," unterbrach ihn Paul. Da merkte Rudolf, daß er so nicht zum Ziel kam. Nachdem er eine Weile geschwiegen, sah er den Freund fest an und sagte: „Du kannst es dir überlegen und mir Bescheid geben, ich gehe bestimmt." Paul Bäcker ließ einen halblauten Fluch hören. Das kannte er, den Blick und die Stimme. Da war nichts mehr zu ändern. Rudolf Kersting wusch und tat, als ob er an dem Tage nichts anderes mehr vorgehabt hätte. Als er fertig war, goß er seinen Eimer aus und wollte sich zur Kaserne wenden. Da faßte ihn der andere an der Schulter: „Sei vernünftig, allein laß ich dich nicht gehen." Da flog ein Lächeln über sein Gesicht. Der treue Junge, was der Gedanke an Deutschland nicht vermocht, seine verständigen Bedenklichkeiten zu überwinden, das hatte die Liebe zum Freund fertig gebracht. Paul Bäcker gehörte zu den Menschen, die nur einen kleinen Kreis umfassen, aber in diesen engen Grenzen Liebe und Treue üben. Rudolf Kersting reichte ihm zum Dank stumm die Hand. So war's denn abgemacht! Und nun begannen sie zu planen und zu überlegen. Um 11 Uhr sollte der Fluchtversuch gemacht werden; solange mußten sie warten, damit in der Kaserne alles schlief. Später durften sie aber auch nicht aufbrechen, weil sie noch in derselben Nacht soweit wie irgend möglich von Piaret nach Norden kommen wollten. Alles wurde genau vorbereitet. Das karge Mittagessen diente Paul Bäcker zum Vorwand, sehr bald wieder argen Hunger zu heucheln. Im Anschluß daran kaufte er einem Legionär für eine kurze Pfeife den Brotrest ab. Unauffällig wurde das eigene und das eben erstandene Brot in den Tornister gepackt. Ein Paar zerrissene Strümpfe16 wurden aufgeschnitten, so dasz man sie über die Schuhe ziehen konnte. Aber noch war ihnen nicht klar, wie sie durch die Hintere Kasernentür in den Hof kommen sollten. Sie wurde abends verschlossen und der Schlüssel abgezogen. Rudolf Kersting und Paul Bäcker grübelten und grübelten, wie fie sich ein Stück Draht verschaffen könnten, aus dem sich ein Dietrich machen ließ. Je mehr Zeit verging, desto unruhiger wurde Ru dolf, während sein Freund keine Spur von Aufregung zeigte. Dieser ging endlich auf den Hof, um sich unauffällig umzusehen. Als er mit lachendem Geficht wieder herein kam, wußte Rudolf, daß er das Gesuchte gefunden hatte. Durch das Eisenstück, das die Reckstange trug, war zur Sicherung ein kurzes Ende dicker Draht gesteckt, da der ur sprünglich dafür bestimmte Teil verloren gegangen war. Der ehemalige Schlosser hatte bald seinen Schlüsselersatz fertig in der Tasche. Gegen Abend wurden die Feldflaschen mit frischem Wasser gefüllt und beide in den Tornister Paul Bäckers geschoben. Nur diesen wollten fie mitnehmen. Beim Appell ging alles gut, und schon um 7^ Uhr war die übliche braune Abend suppe gegessen. Rudolf Kersting ging unruhig in der Mannschaftsstube auf und ab. Je näher die festgesetzte Stunde kam, desto mehr wuchs seine Aufregung. Er hatte sich so sehr in den Gedanken verbissen, daß er mittun wollte im Deutschen Krieg, daß das Ge lingen oder Mißlingen für ihn Leben oder Tod bedeutete. Von Zeit zu Zeit nötigte ihn Paul Bäcker mit dem Hinweis auf die andern, sich zu setzen. Um 9 Uhr gingen alle schlafen. Die beiden Freunde hatten sich schon vorher an gekleidet auf ihrem Lager ausgestreckt, und da jeder mit sich selbst beschäftigt war, beobachtete niemand, daß fie sich auch später nicht auszogen. Um 10 Uhr lag, soweit sie es sicher feststellen konnten, alles im Schlaf. Nun war bloß noch zu befürchten, daß un erwartet Inspektion käme und sie angekleidet im Bett fände. Die Decken bis an den Hals gezogen, lagen sie da. Punkt 11 Uhr erhob sich Paul Bäcker, dessen Bett der Tür am nächsten war. Er gab sich keine besondere Mühe, leise aufzutreten, holte seinen Tornister und setzte sich damit auf den Bettrand. Dann beobachtete er aufmerksam die andern Legionäre; nur einer war erwacht, wie es schien. Paul Bäcker zog eins der Brote aus dem Tornister, öffnete sein großes Taschenmesser, schnitt ein Stück ab und schob den Rest umständlich wieder an seinen Platz. Unterdessen war der eine wieder eingeschlafen. Mit einer schnellen Wendung, den Tornister vor sich haltend, war Paul Bäcker jetzt an der Tür. Den Türgriff hatte er nicht leiser als gewöhnlich heruntergedrückt. Jeder sollte ihn zum Hos glauben, und niemand störte ihn auch. Jetzt stand er auf dem langen, dunklen Flur. Borsichtig tastete er sich bis zur Treppe, die in den Hauptflur des Erdgeschosses führte. Hier zog er die Strümpfe über die Schuhe und schlich dann leise nach unten. Es gelang, fast lautlos die Tür zu öffnen, die in den Hinteren Teil des Kasernenhofes führte. Inzwischen hatte sich Rudolf Kersting, wie verabredet, ganz ruhig verhalten müssen. Vor Aufregung versagten ihm die Glieder fast den Dienst. Aber er zwang sich gewaltsam zur Ruhe. Genau so unbekümmert stand er etwa 10 Minuten später als derWir zeigen den Staatssekretär des Reichsmarineamts Groß admiral Alfred von Tirpitz, einen der hervorragendsten Förderer der deutschen Flotte, die in diesem Weltkrieg zum erstenmal Gelegenheit fand, sich mit unvergänglichem Ruhm zu bedecken. Aus schwächlichen Anfängen hob er die deutsche Seemacht empor zu der achtunggebietenden Stelle, aus der heraus sie die angemaßte Alleinherrschaft Englands zur See erfolgreich bestreiten kann.17 andere von seinem Lager auf und schritt zur Tür hinaus. Ein halblauter Fluch über die zweite Störung klang hinter ihm her. Nach vorsichtigem Tasten kam er in den großen Flur und durch die nur angelehnte Tür ins Freie. Paul Bäcker legte zum Überfluß noch die Hand auf den Mund, die Erregung schnürte Rudolf aber schon die Kehle zu. Damit die Flucht nicht frühzeitig bemerkt würde, sollte die Tür wieder ver schlossen werden. Als sie leise ins Schloß gedrückt wurde, knarrte sie, und die beiden warteten einen Augenblick lautlos, ob sie auch niemand gehört hatte. Aber alles blieb still. Da drehte Paul Bäcker schnell entschlossen sich herum, und dann schlichen beide auf den Schuppen zu, von wo aus sie die hohe Kasernenhofmauer, die selbst keine An griffspunkte zum Klettern bot, zu erreichen hofften. Indem sie die blinden Fenster benutzten, kletterten sie nach oben und standen bald auf dem nur mäßig geneigten Dach. Die Entfernung bis zur Mauer betrug keine zwei Meter, aber über die Mitte der Mauer lief noch ein etwa meterhoher Eisenzaun. Sprangen sie zu kurz, so lagen sie im Hof der Kaserne; trug der Sprung zu weit, so prallten sie gegen das Gitter. Rudolf Kersting, als der gewandtere, sprang zuerst; es gelang, aber im nächsten Augenblick duckte er sich erschrocken auf die Mauer. Er glaubte, jemand gesehen zu haben. Doch es war nichts. Nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgesehen hatte, stieg er über den Eisenzaun. Paul Bäcker sollte mit aller Kraft springen können, ohne sürchten zu müssen, von dem Zaun abzuprallen und so herunterzustürzen. Als dieser sprang, griff Paul, sich mit der linken Hand festhaltend, mit der rechten zu. Aber auch dieser Sprung war gut abgeschätzt gewesen, und Rudolss Hilfe war nicht nötig. Abgesehen von einigen Schrammen, war bis jetzt alles gut verlaufen. Aber das Schwerste kam noch. Leise wurde der Tornister geöffnet und das aus den Streifen einer Decke geknüpfte Seil hervorgeholt. Es ließ sich nirgends anbringen als an den Zaunstäben, und so hing es denn unmittelbar an den Mauersteinen herunter. Rudols Kersting ging voran. Dadurch, daß er die Füße gegen die Mauer stemmte, verhinderte er, daß er sich den Kops an den Steinen zerstieß. Als er glücklich unten angekommen war, ließ sich Paul Bäcker lang sam an dem Seil nieder. Er schwebte noch etwa zwei Meter über dem Boden, da hatte sich der Stoff an der scharfen Mauerkante durchgescheuert, und das Seil riß. Der Fall aus so mäßiger Höhe hatte aber nichts geschadet. Nachdem sich die beiden Flüchtlinge durch einige geflüsterte Sätze über das Weitere verständigt hatten, krochen sie vorsichtig an der Hinteren Mauer entlang, bis zu der linken Seite des Hofes. An der Ecke war teten sie einen Augenblick; nichts war zu hören. Dann ging's weiter. Immer im Schat ten der Mauer, näherten sie sich der Frontecke. Etwa fünf Meter von dieser entfernt machten sie .)alt und legten sich platt auf den Boden. Deutlich hörte man die Tritte des an der Vorderseite auf und ab gehenden Postens. Die Schritte kamen näher und näher, der Posten kam bis zur Ecke und ging dann wieder zurück. Sobald er kehrt gemacht hatte, schoben sich die beiden vollständig bis an die Ecke und blieben dann in ge bückter Stellung an die Mauer gedrängt stehen. Rudolf zitterte am ganzen Körper vor Erregung, so daß ihn Paul halblaut fragte, ob er vornhin gehen sollte. Ein Kopfschüt-18 teln war die Antwort. Wieder kamen die Schritte näher, aber diesmal kam der Posten nicht weit genug, er machte vorher kehrt. Die beiden Flüchtlinge wurden unruhig. Wenn sich das noch mehreremal wiederholte, konnten sie schön Zeit verlieren. Aber das Glück war ihnen günstig. Als der Posten wieder zurückkehrte, kam er bis an die Ecke. In demselben Augenblick aber, in dem er sich umwenden wollte, war ihm Rudolf wie eine Katze an die Kehle gesprungen. Man hörte nur ein Gurgeln, kein Schrei erklang. Doch der Angegriffene trat und stieß nach Rudolf Kersting, und hätte er es allein mit diesem zu tun gehabt, hätte er sich der Umklammerung vielleicht wieder entzogen. Aber im nächsten Augenblick wurde er durch Paul Bäcker von hinten zu Boden gerissen. Wäh rend ihm dieser die Hände auf dem Rücken festschnürte, steckte ihm Rudolf sein Taschen tuch in den Mund. Zur Sicherheit wurden ihm auch die Füße festgebunden. Dann nahmen die beiden Gewehr und Patronentasche und verschwanden in der Dunkelheit. Obwohl an eine Entdeckung vorläufig nicht zu denken war, eilten sie doch mit schnellen Schritten auf der nordwärts führenden Straße vorwärts. Gesprochen wurde nichts. Nur, als Rudolf Kersting zu rasch ging, erhob Paul Bäcker Einspruch. Sie durften ihre Kräfte nicht in kurzer Zeit verbrauchen. So ging es mit guter Marsch geschwindigkeit weiter. Nach etwa zwei Stunden wurde kurze Rast gemacht und über legt, was weiter zu tun sei. Die Straße, auf der sie eben gingen, führte ungefähr vier zig Kilometer in genau nördlicher Richtung zu einer kleinen Blockhausstation. Soweit kannte sich Paul Bäcker aus. Aber es lag eine Siedelung an dieser Strecke, die man umgehen mußte, wenn man nicht von den Arabern gefangen und für 10 Sous Beloh nung an die Franzosen ausgeliefert werden wollte. Sie beschlossen, bis in die Nähe der Station auf oder nahe dieser Straße zu bleiben. Von diesem Punkt an wußten sie nur die Richtung; ob sie wieder einen Weg trafen, war fraglich. Nachdem sie ein kleines Stück Brot gegessen hatten, brachen sie wieder auf. Rudolf Kersting war immer an der Spitze, eine Unruhe war in ihn gefahren, die seine Glieder straffte und seine Kräfte steigerte. Es mußte geraten, sie mußten heim und mittun dürfen. Bis jetzt waren sie beide noch so sehr mit dem beschäftigt gewesen, was der Augen blick erforderte, daß sie über die kommenden Tage noch gar nicht hatten sprechen können. Nun brachte Paul Bäcker das Gespräch darauf, indem er Rudolf Kersting fragte, wie es von dem nächsten Ziel aus weitergehen solle. Dieser wollte den Scheliff zu erreichen suchen und dann dessen Ufern bis zum Meere folgen. Da er aber kein anderes Tal durch den Tell kannte, mußten sie auf den Unterlauf eines kleinen Scheliffzuflusses zu streben und dann diesen entlang das Gebirge bis zu dem Hauptfluß durchqueren. Sie kamen überein, von der Blockhausstation aus in nordwestlicher Richtung weiter zu wan dern. Wenn ihnen sonst kein Unglück zustieß, hofften sie auf diesem Weg mit Sicherheit zum Ziel zu kommen. Falls sie nämlich zu weit nach Westen abkamen, trafen sie weiter südlich auf den Zufluß und hatten dadurch nur einen längeren Weg, kamen sie zu weit nach Norden, so langten sie zu früh an dem Gebirgsfluß an und mußten sich dann west wärts halten. Nach dieser Überlegung setzten sie ihren Weg in ruhigem Schritt und in19 zuversichtlicher Stimmung fort. Inzwischen war die Sonne heraufgekommen und warf ihre Strahlen auf die graugelbe Grasfläche, daß sie golden erglänzte. Im Westen hingen graue Wolken niedrig über dem Horizont, sonst spannte sich eine tiefblaue Kuppel über dem weiten Rund. Es mochte etwa fünf Uhr morgens sein, als sie in ungefähr einer Stunde Entfer nung links von der Straße eine arabische Siedelung liegen sahen. Sie wußten, daß es hier Wasser gab, wichen aber trotzdem im Bogen nach Osten aus. Nach mehr als drei stündiger Wanderung hatten sie das Dorf eine Stunde weit im Rücken und strebten nun einer mäßigen Felsenerhebung zu, die nicht weit links von der Straße lag. Hier wurde in sicherer Deckung haltgemacht und ein gehöriges Stück Brot gegessen. Die Feld flaschen aber blieben zu. Es war ausgemacht, nur dann Wasser zu trinken, wenn sie es unbedingt brauchten. Es sei denn, daß sie eine Quelle träfen. Während des Frühstücks huschte auf etwa fünfzig Schritt Entfernung ein Lauf huhn vorbei. Die Büchse lag geladen, und es wäre ein guter Braten gewesen, aber die Siedelung lag in zu gefährlicher Nähe. Wer konnte wissen, ob nicht im Umkreis Araber umherstreiften. Nach kurzer Rast ging es weiter, denn der Nachmittag sollte zum Schlafen benutzt werden. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, mochte es etwa 10 Uhr sein, als die Sta tion sichtbar wurde. Sosort bogen die beiden Flüchtlinge von der Straße ab und schlugen nordwestliche Richtung ein. Die Sonne brannte in unerträglicher Glut, aber die Nähe der Franzosen ließ vorläufig keine Ruhe zu. So schleppten sie sich weiter vor wärts. Paul Bäcker reichte seinem Freund die Feldflasche und nötigte ihn, zu trinken. Aber dieser schüttelte den Kopf. Sie konnten das Wasser noch nötiger gebrauchen. Wenn sie es jetzt einen halben Tag zu früh tranken — das konnte entscheiden über das Gelingen oder Nichtgelingen ihrer Flucht. Und sie wollten durch! Dieser Entschluß war allmählich auch auf Paul Bäcker übergegangen. Zuerst hatte er nur mitgetan seinem Freund zuliebe. Aber dessen Einfluß auf ihn war so groß, daß er bald über seinen engen Kreis hinaussah und Deutschlands Sache ebenso sehr als seine eigene empsand wie Rudolf Kersting. Bis 1 Uhr wurde marschiert. Dann glaubten sie weit genug von der Station entfernt zu sein, um sich zur Ruhe niederlegen zu können. Sie suchten sich einen etwas höher gelegenen Punkt, von dem aus sie ein weites Stück der Hochfläche übersehen konn ten, ohne selbst gesehen zu werden. Dorniges Gesträuch gewährte ein wenig Schutz vor der Sonne. Zu dem Stück Brot, das wieder die Mahlzeit bildete, gönnten sie sich jetzt auch einen Schluck Wasser. Rudolf Kersting sollte zuerst schlafen, während Paul Bäcker die Wache überneh men wollte. Aber jener nötigte seinen Freund, zuerst zu ruhen. Er war immer noch zu erregt, um sofort Schlaf zu finden; da war es schon besser, daß sich wenigstens einer ausruhte.20 Paul Bäcker rollte seinen Rock zusammen und legte ihn sich unter den Kopf. Seine gesunde, kräftige Natur duldete kein langes Wachliegen, und bald bewiesen seine regelmäßigen Atemzüge, daß er ruhig schlief. Leise, um den Freund nicht zu wecken, be gann Rudolf Kersting von dem Gestrüpp abzuschneiden und zu einer niedrigen Hecke nach der Sonnenseite zu aufzuschichten. Einige flache Steine und der Tornister dienten als Stütze, so daß der kümmerliche Schutzwall schräg angelehnt werden konnte. Er war so angelegt, daß auch Paul Bäcker in seinem Schatten lag. Dabei suchten Rudolf Kerstings Augen eifrig den Horizont ab, ob sich nichts Ver dächtiges zeigte. Aber die graue Einöde blieb leer und stumm. Gras, Steine und Ge strüpp in einförmigem Wechsel und schon in geringer Entfernung zu einem einzigen Grau verschwimmend! ^ Merkwürdig — allein in dieser unendlichen Öde verflogen die Stunden dem Wachenden doch rasch. Er sah sie alle vor sich, die Gestalten aus der Heimat, so deutlich und leibhaftig wie den nächsten Fels. Fritz Gerber, der war jetzt sicher Offizier und schon auf dem Marsch. Und Karl Wagner und alle die andern. Und sein Bruder, der mußte doch sicher auch Soldat geworden sein. Und wie sie vorüberzogen, da wurde daraus vor seinen Augen ein endloser Zug. Er sah die Straßen der Vaterstadt blinken von Waffen und Helmen, und aus den Fen stern da wehten die Tücher und klangen Abschiedsworte. Er sah das alles vor sich so deutlich und mit einem Zug in dem Körper, als ob er sich jetzt anschließen müsse an eine der Rotten. Er hatte Mühe, immer wieder seine Aufmerksamkeit der Umgebung zuzu wenden. Mit Gewalt mußte er sich von Zeit zu Zeit losreißen von diesen Bildern. Das Schicksal seines Volkes hatte sein eigenes verschlungen, er fühlte sich hingerissen in eine gewaltige Kraft, von der er selbst nur ein winzig kleines Stück war. So ging die Zeit bis 4 Uhr vorbei ohne einen Zwischenfall. Wie verabredet, weckte er Paul Bäcker, und die Rollen wurden getauscht. Als dieser die Wache übernommen und Rudolf sich niedergelegt hatte, war ihm noch gar nicht nach Einschlafen zu Mute. Er mußte sprechen. „Ob sie wohl schon über die französische Grenze gegangen sind?" fing er an und bekam keine Antwort. Nach einer Weile: „Es ist nur gut, daß die Russen länger brauchen, ehe sie fertig sind, wie wir." Doch sein Freund schwieg; Rudolf lachte ein wenig ärgerlich und gab sich Mühe, einzuschlafen. So rasch wie dem Freund geriet's ihm zwar nicht, aber schließlich brachte der müde Körper die störrischen Gedanken doch zur Ruhe. Als Paul Bäcker sich überzeugt hatte, daß sein Freund schlief, beschloß er, auf die Wassersuche zu gehen. Er hielt sich in der Nähe des Hügels, damit sich kein Feind zwi schen ihn und den schlafenden Kameraden schieben konnte. Aber wie eifrig er auch suchte, es war vergebens. Traurig kehrte er an den Ruheplatz zurück; er hätte Rudolf so gern mit einem Trunk frischen Wassers überrascht. Nun wollte er die Zeit auf andere Art ausnutzen. Mehrere platte Steine legte er vorsichtig nebeneinander, breitete seinen Rock darüber und schnitt mit seinem stumpfen Messer mühsam die Rockschöße ab, so daß nur21 eine kurze Jacke übrig blieb. Er strengte sich dabei durchaus nicht an, die Arbeit glatt und ordentlich zu machen; es kam ihm gerade darauf an, daß niemand das frühere Kleidungsstück wieder erkennen sollte. Dann schnitt er alle Knöpfe ab und legte sie vor sichtig unter einen Stein, damit sie ihnen niemand auf die Spur hetzten. Als er nun noch den Nock umgekehrt, Stücke von den abgeschnittenen Teilen über das hellere Ärmel futter genäht hatte, da konnte man eher alles andere unter seinem Kunstwerk vermuten als ein Unisormstück eines Legionärs. Paul Bäcker war mit dem Ergebnis seiner Tätig keit zufrieden und nahm sich vor, sobald als möglich mit seines Freundes Uniform die gleiche Veränderung vorzunehmen. Für diesen Tag lohnte es sich nicht mehr. Eigent lich hätte er Rudolf schon wecken müssen, denn es muszte schon 7 Uhr sein. Aber der war zu spät eingeschlafen und sollte noch ein wenig länger liegen bleiben. Doch es mochte kaum eine Viertelstunde später sein, als Paul Bäcker an einen der Steine stieß, die die schräge Hecke stützten, er siel um und mit ihm der kümmerliche Sonnenschirm. Erschrocken suhr Rudolf Kersting auf, um im nächsten Augenblick in ein Helles Lachen auszubrechen, als er sah, wie er geweckt worden war. Er wurde noch lustiger, als ihm Paul Bäcker seine Arbeit zur Begutachtung vorlegte. So ernst die Sache war, so komisch sah der gute Große in de», bunten Rock mit dem zerfetzten unteren Ende aus. „Wer uns begegnet, schließt aus deinem Anzug aus einen mindestens siebenjäh rigen Wüstengang," meinte Rudolf, war aber doch damit einverstanden, daß auf ähnliche Art seine Uniform verschönert werden sollte. Der Schlaf hatte Rudolf Kersting gut ge tan, sein Kopf war frisch und klar, und nach der ununterbrochenen Erregung der beiden letzten Tage begann sein ganzes inneres Leben ruhiger zu werden. Es mochte zwischen 8 und 9 Uhr sein, als die beiden Flüchtlinge ihr gewohntes Mahl — ein Stück Brot und ein wenig Wasser — zu sich genommen hatten und nun weiter marschierten. Bis Mitternacht wollten sie wandern, dann eine kurze Rast halten und danach so lange als irgend möglich vorwärts zu kommen suchen. Die Nacht verlief vollkommen ohne Zwischenfall. Als die Sonne über den Hori zont stieg, glaubten sie mit ihrer Marschleistung zufrieden sein zu können. Paul Bäcker schlug vor, jetzt abwechselnd eine Stunde zu schlafen. Er glaubte, die Ruhe in den kühlen Morgenstunden werde ihrem Körper mehr Erholung geben als die in den heißen Tagesstunden. Sie erhoben sich auch nachher merklich ersrischt, fühlten aber schon nach kurzer Zeit wieder, wie sich ihr Körper für die kurze Ruhezeit der letzten Tage zu rächen begann. In gemäßigtem Schritt ging es weiter. Vor ihnen lag eine sanft steigende Anhöhe. Als sie sie zu ersteigen begannen, huschte mehrmals ein Laufvogel in näherer oder weiterer Entfernung durch das dürre Gras. Jeder der beiden Flüchtlinge dachte dasselbe, aber keiner äußerte vorläufig etwas. Als aber bald wieder so ein leben diger Braten in mäßiger Entfernung, die ein sicheres Schießen zuließ, vorbeilief, sagte Rudolf Kersting: „Der nächste muß daran glauben!" Sein Freund wandte nichts dagegen ein, obwohl er noch Bedenken hatte. Er fühlte aber selbst, daß sie es nur mit Brot und ein bißchen lauwarmem Wasser nicht aushielten.22 Borläufig bot sich aber noch keine Gelegenheit, zum Schuß zu kommen. Es war, als ob die geflügelte Gesellschaft Rudolf Kerstings Drohung gehört hätte, und dieser sagte ein paarmal verdrießlich: „Prost Mahlzeit." Sie hatten schon die Hoffnung aufgegeben, heute zu einem Braten zu gelangen, als nahe vor ihnen ein prächtiger Hahn aufstieg, den Rudolf Kersting mit einem sicheren Schuß herunterholte. Bei dem Knall sahen fich die Flüchtlinge beide zu gleicher Zeit besorgt nach allen Seiten um, aber nichts war zu sehen. Dann holten sie ihre Jagdbeute. Prüfend wog Paul Bäcker sie in der Hand und stellte mit Zufriedenheit fest, daß sie für mehrere Mahlzeiten reichen würde. Unterdessen suchte der glückliche Schütze herauszubringen, was er denn eigentlich geschossen hatte. Es war offenbar ein Verwandter der in Deutschland verbreiteten Fasanenart, genaues konnte er nicht feststellen. Mit großem Eifer begannen sie nun das Tier zu rupfen, nachdem Paul Bäcker es ausgenommen hatte. Unterdessen überlegten sie, wie sie mit dem Feuer zurecht kommen könnten, da außer Helfagras und dornigem Gestrüpp nichts Brennbares in der Nähe war. Sie mußten sich eben damit zu helfen suchen. Der gerupfte Hahn wurde an den Gewehrlauf gehängt, rasch prasselte darunter ein Feuer, in das mit großer Schnelligkeit immer wieder Gras und trockenes Strauchwerk geschoben wurde. Allmählich begann sich der Braten zu bräunen, und wenn auch der ungesalzene und ungewürzte Vogel auf deutschem Tisch nur wenig Ehre eingelegt haben würde, so schmeckten doch die noch halb rohen Stücke, in die ihn Paul Bäcker kunstgerecht zerlegt hatte, ihm und seinem Freunde ausgezeichnet. Die Reste wurden sorgfältig in den Tornister gepackt, dann ging es nach kurzer Rast weiter. Die Flüchtlinge wollten noch bis etwa 10 Uhr marschieren und dann bis gegen Abend ruhen. Eine halbe Stunde mochte es gedauert haben, da war die Höhe des welligen Rückens, auf dem sie sich befanden, erstiegen. In demselben Augenblick aber, in dem sie den jenseitigen sanften Abhang hinabsehen konnten, erblickten sie vor sich in un mittelbarer Nähe eine Araberfiedelung. Sie warfen sich beide sofort platt auf den Boden. Doch da einer aus der am Dorfeingang stehenden Gruppe von Männern nach ihrer Stellung zeigte, mußten sie vermuten, daß sie schon gesehen worden waren. So war es auch. Und als fich die beiden Flüchtlinge jetzt vorsichtig umsahen und die Möglichkeit eines Rückzuges überschlugen, da tauchten hinter ihnen drei Reiter auf. „Jetzt kommt die Rechnung für den Geflügelbraten!" stieß Rudolf zornig hervor. Er ärgerte sich über sich selbst, und dadurch kam ihm das Bedrohliche ihrer Lage nicht ganz zum Bewußtsein. Rasch näherten sich die Reiter, an ein Entkommen war nicht zu denken, ebenso war Widerstand völlig zwecklos. Als die Drei herangekommen waren, sprang der kleinste von ihnen vom Pferd. Mit seinen unruhigen, flackernden Augen überflog er die beiden Flüchtlinge, und nach seinem halblauten Lachen, das er hören ließ, mußte man vermuten, daß er mit seinem Fang zufrieden war. Die Freunde verhielten sich vollkommen ruhig, und als der Kleine vorsichtig näher kam und, da er sah, daß keine Gefahr drohte, begierig nach Rudolf Kerstings Gewehr griff,23 gab dieser es ohne Widerstand ab. Dann wies der Führer, das mußte er seiner Haltung nach sein, nach dem Dorf, und der Zug setzte sich in Bewegung. Aus der Straße wurden sie schon erwartet. Neugierig starrten ihnen die Weiber und Kinder ins Gesicht. Inzwischen war den Beiden das Hoffnungslose ihrer Lage klar geworden. Paul Bäcker glaubte an keine glückliche Wendung mehr, aber Rudolf Kersting quälte sich verzweifelt ab, einen rettenden Weg zu finden. Er konnte noch nicht glauben, dasz dies das Ende ihres mühseligen Fluchtversuchs sein sollte. Die drei Araber führten die Legionäre, die sie natürlich sofort in ihnen erkannt hatten, zu dem Häuptling, der am andern Ende des Dorfes wohnte. Sein Haus, ein niedriger, ungegliederter Steinbau, unterschied sich nur durch seine Große von dem der übrigen Stammesangehörigen. Er empfing sie vor der Tür. Nasch ries ihm der Kleine mit grinsendem Gesicht einige arabische Worte zu und zeigte dann stolz auf seine Ge fangenen. Diese wußten, dasz ihr Schicksal jetzt völlig in des Dorfgewaltigen Hand lag; um so mehr mußte es ihnen auffallen, daß der Empfang des Unterführers ent schieden unfreundlich war. Der Häuptling, dessen Ruhe von der zappelnden Art des Kleinen sehr abstach, unterbrach diesen und stieß zornig einige Worte hervor. Betroffen schwieg der Kleine einen Augenblick, als er dann nochmals auf den Häuptling ein zureden versuchte, ließ ihn dieser gar nicht erst zu Worte kommen. Mit zunehmender Spannung und einer leise aufsteigenden Hoffnung hatte Rudolf Kersting die Auseinandersetzung zwischen den beiden Arabern verfolgt. Er benutzte jetzt eine kleine Pause, trat auf den Häuptling zu und begann auf Französisch: „Wir sind arme deutsche Flüchtlinge, Herr!" „Und?" klang es ihm in der gleichen Sprache zurück, durchaus nicht unfreundlich. Jetzt galt es, Herr der Situation bleiben. Blitzschnell überschaute Rudolf Kersting, daß er hier einen der wenigen Araberhäuptlinge vor sich hatte, die ihren Frieden noch nicht mit den Franzosen gemacht hatten. Er stieß deshalb vor allem das Wichtigste heraus: „Es gibt Krieg zwischen Franzosen und Deutschen, und wir wollen nach Haus." Da begann der Häuptling, der besser französisch zu verstehen wie zu sprechen schien, ihn auszufragen. An seinem Gesicht merkte Rudolf Kersting, daß sie gewonnenes Spiel hatten, und erzählte nun von dem großen Krieg, der jetzt vielleicht schon ent brannt sei, und vergaß nicht, hinzuzusetzen, daß die Deutschen die Araber wieder frei machen würden. Doch da richtete sich der Häuptling stolz auf und sagte: „Ich bin frei!" Paul Kersting merkte, dasz er einen Fehler gemacht hatte. Um ihn wieder gut zu machen, sagte er: „Die Franzosen sind eure Feinde und unsere Feinde", wozu der Araber beifällig nickte. Am Schluß der Unterredung bat Rudolf Kersting dann, ihnen den nächsten Weg zur Küste zu zeigen. Er tat so unbekümmert, als ob er gar nichts von Arabern wüßte, die für 10 Sous einen Legionär an die Franzosen ausliefern. Paul Bäcker hatte fast nichts von dem verstanden, was sein Freund mit dem Häuptling verhandelt hatte, merkte aber, dasz ihre Sache sich irgendwie zum Bessern gewendet haben mußte.24 Zum Überfluß flüsterte ihm Rudolf Kersting, nachdem der Häuptling mit den Worten: „Ihr seid meine Gäste!" ins Haus getreten war, zu: „Es steht alles gut!" Sie standen noch unschlüssig und ungewiß, ob sie die Worte des Häuptlings als eine Einladung zum Eintreten auffassen sollten, als einer der Araber Paul Bäcker mit enttäuschtem Gesicht den Tornister abnahm und dann mit auffordernder Gebärde nach der Tür wies. Sie kamen in einen großen niedrigen Raum, der durch eine Tür in der Hinterwand mit einem kleineren verbunden war. Aus diesem kam ihnen jetzt der Häuptling wieder entgegen. Er murmelte einige arabische Worte, die, wie Rudolf Kersting vermutete, eine Begrüßung seiner Gäste bedeuten sollten. Er ließ sich dann auf der großen Matte, die den Boden bedeckte, nieder und forderte durch eine Hand bewegung die Freunde auf, dasselbe zu tun. Rudolf Kersting war schon kühn genug geworden, sür sich und seinen Gefährten um einen Trunk Wasser zu bitten. Sie bekamen das Gewünschte, der Häuptling brachte sogar in gebrochenem Französisch etwas heraus, was wie eine Entschuldigung klang. Er schien über dem Frankreich drohenden Krieg alles andere vergessen zu haben. Er stellte Fragen nach der Größe Deutschlands, und wieviel Menschen da wohnten. Rudolf Kersting versicherte ihn, daß Deutschland viel mehr Soldaten habe wie Frank reich, und war heimlich froh, daß dieser Araberhäuptling noch nicht genau genug in der europäischen Politik Bescheid wußte, um an Rußlands Hilse für seine Feinde denken zu können. Er selbst hütete sich, davon zu sprechen, da es ihm darauf ankam, seinen Wirt zu überzeugen, daß die Franzosen gewiß geschlagen würden. Während dieser Unterhaltung war die Mittagsstunde schon vorbeigegangen. Als nun in der Hinteren Tür ein weiblicher Kops erschien, um gleich darauf wieder zu verschwinden, stand der Araberhäuptling lebhaft auf und nötigte seine Gäste durch eine Gebärde in den Hinteren Raum. Hier aßen sie mit ihrem Wirt eine kräftige Fleischbrühe und ein Stück Ziegenbraten. Rudolf Kersting versicherte immer wieder dem Araber seine große Dankbarkeit und wurde nicht müde, ihm stets von neuem Allahs Segen zu wünschen. Doch der Haß gegen die Fremden war in diesem kleinen Dorfkönig so groß, daß dies kaum nötig war. Die Möglichkeit eines Krieges zwischen Deutschen und Franzosen und die Tatsache, daß diese beiden Flüchtlinge hier vor ihm Deutsche waren, genügte, sie ihm wert zu machen. Als Rudolf Kersting nun vorsichtig, um ihren Wirt nicht zu verstimmen, von der Weiterreise sprach, wehrte dieser ab und meinte, einen Tag müßten sie in seinem Hause bleiben. Rudolf, der die kriegerischen Eigenschaften dieser Stämme kannte, wandte ein, sie könnten vielleicht zu spät zum Kamps kommen. Aber der Häuptling gab ihm lachend zur Antwort: „Wenn ihr später geht, seid ihr eher am Ziel." Rudolf Kersting mußte ihm recht geben, und als der Wirt ihnen nun vorschlug, bis zum anderen Morgen zu bleiben, und versprach, sie bis zu einem befreundetenei'/iei' //a/l^öskse/le/l ^u//taü/)?eVor den Dardanellen forderten Granaten, Minen und Unterseeboote gewaltige Opfer; englische und französische Kriegsschiffe wurden so schwer beschädigt, daß sie in schützende Häfen abgeschleppt werden mußten oder versanken in die Tiefe. Wir zeigen, wie die Mannschaften des „Gaulois" das sinkende Schiff verlassen.25 Häuptling geleiten zu lasten, der sie dann bis an die Küste führen würde, da willigte er voller Freude über diese alle Erwartungen übertreffende Wendung ihres Ge schickes ein. Die beiden Flüchtlinge fühlten sich so sicher, daß sie bald in einem kleinen Raum, in den der Häuptling sie geführt hatte, in tiefem Schlaf lagen. Sie mußten zu dem einfachen Abendbrot aus Milch, Käse und Brot geweckt werden, worüber sich Rudolf Kersting wiederholt entschuldigte. Er unterließ überhaupt nichts, den Wirt bei Laune zu erhalten, und erteilte auf alle seine in ungeschicktem Französisch vorgebrachten Fragen eifrig Auskunft. Während sie aßen, wurde verabredet, daß sie morgens sehr früh aufbrechen wollten. Die Pferde für die beiden Flüchtlinge stellte der Häuptling zur Verfügung. Um sie vor jeder Gefahr zu schützen, die ihnen durch französische Soldaten hätte drohen können, versprach er, ihnen am folgenden Morgen arabische Kleidung und einen Araber, der ihnen beim Anlegen derselben behilflich sein sollte, zu schicken. Rudolf beeilte sich, für sich und seinen Freund zu danken, meinte dann aber, wie sie an der Küste mit ihrer Araberkleidung ungefährdet weiterkommen sollten. Der Häuptling versicherte jedoch, daß auch dafür gesorgt wäre. Er zeigte ihnen Europäerkleidung, über deren Herkunft sich die Flüchtlinge in diesem Augenblick keine Gedanken machten. Um drei Uhr früh stand der kleine Zug, vier Araber und die beiden Flüchtlinge, zum Abmarsch fertig. Der halbwüchsige arabische Kammerdiener hatte seine Arbeit so geschickt gemacht, daß so leicht niemand in den beiden Reitern in der Mitte der Gruppe zwei flüchtige Legionäre vermutet hätte. Der Anführer war der kleine unruhige Araber, von dem sie gestern eingebracht worden waren. Als Rudolf Kersting vorsichtig ein Bedenken darüber geäußert hatte, hatte ihm der sranzosenfeindliche Wirt nur erwidert: „Ich bin hier der Häuptling." Diese Worte verrieten durchaus das Selbstbewußtsein eines kleinen Königs und klangen unbedingt sicher. Trotzdem konnte sich Rudolf Kersting seiner Bedenken nicht ganz erwehren, besonders da sie ihr Führer nicht mit besonders freundlichen Blicken betrachtete. Nachdem der Häuptling dem Anführer auf Arabisch Verhaltungsmaßregeln gegeben, nachdem der umständliche und von beiden Seiten durchaus herzlich gemeinte Abschied beendet war, setzten sich die Pferde in Bewegung. Die Ruhe der letzten Nacht hatte den beiden Flüchtlingen neue Kraft gegeben, und als sie nun in den frischen Morgen hineinritten, da strafften sich ihre Glieder, und ihre Seele weitete sich bei dem Gedanken an die deutsche Heimat. Wäre nicht das leise Mißtrauen gegen den Führer gewesen, so hätten sie mit der neuen Lage völlig zusrieden sein können. Rudolf Kersting überlegte, ob er nicht auf irgend eine Art den Kleinen günstiger stimmen könne. Da fiel ihm ein, daß sein Taschenmesser als Geschenk vielleicht ein gutes Besänftigungsmittel sein würde. Er len^'e sein Pferd neben das des Führers und bot seine geringe Gabe an, die aber,27 wie er vermutete, in den Augen des Arabers einen beträchtlich höheren Wert haben mußte. Tatsächlich wurde das Gesicht des Kleinen merklich freundlicher. Nach fast sechsstündigem Ritt, der nur einmal durch eine kurze Rast unter brochen worden war, wurde eine arabische Siedelung, das Ziel des kleinen Zuges, sichtbar, und die beiden Flüchtlinge atmeten erleichtert auf, da sie dem Führer doch nicht ganz getraut hatten. Es konnte nur wenig nach neun Uhr sein, als die Reiter den Dorfeingang erreicht hatten. Der Kleine schien hier bekannt zu sein, denn man führte ihn mit seinem Trupp bereitwillig zu dem Haus des Häuptlings. Dieser war beträchtlich älter als der in dem andern Araberdorf, seine Bewegungen waren schwer fälliger, und seine Gesichtszüge zeigten den müden Ausdruck, wie man ihn oft bei Greisen findet. Als ihm aber der Unterführer einige arabische Worte gesagt hatte, kam Leben und Bewegung in das müde Gesicht, und die Flüchtlinge vermuteten mit Recht, daß er ein ebenso großer Franzosenfresser sei, wie ihr erster Wirt. Da er bis jetzt noch kein Wort der Begrüßung für seine Gäste gehabt hatte, schlössen diese, daß er nicht Französisch spräche. Nach kurzer Zeit kam aber ein Araber im mittleren Mannesalter, der ein Verwandter des Häuptlings sein mußte, und forderte die beiden Flüchtlinge in fließendem Französisch zum Eintreten auf. Im Innern des Hauses sanden sie es ähnlich wie bei ihrem ersten Wirt, auch die Aufnahme war ebenso herzlich und die Bewirtung genau so freundlich, wie am Tage vorher. Das Hauptgesprächsthema bildete natürlich wieder der Krieg zwischen Franzosen und Deutschen, nur ging die Unterhaltung nicht so rasch vonstatten, weil der französisch sprechende Araber immer erst den Dolmetscher zwischen seinem Oheim und dessen Gästen machen mußte. Die Begleitmannschaften sahen sie erst bei der Abendmahlzeit wieder. Die Araber hatten den Abend abgewartet, um ihre Tiere zu schonen. In der ihnen völlig vertrauten Gegend waren sie auch nach Eintritt der Dunkelheit des Weges ganz sicher. Als sie ausbrachen, bediente sich Rudolf des französisch sprechenden Arabers, um ihnen Allahs Segen für ihre hilfreiche Freundschaft zu wünschen. Er bedauerte dabei sehr, daß ihm alles fehle, womit er seine und des Freundes Dankbarkeit hätte beweisen können. So froh die beiden Flüchtlinge über die unerwartet günstige Wendung waren, die ihre Lage erfahren hatte, so sehr war von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde ihre Sehnsucht nach ihrem Ziel gewachsen. Rudolf benutzte deshalb auch das Gespräch nach dem Abendessen, um den Häuptling nach der Länge des Weges bis zur Küste und nach der dafür nötigen Zeit zu fragen. Dieser versprach ihnen, daß sie noch morgen den Schelisf erreichen sollten, von wo aus sie in zwei Tagemärschen die Küste erreichen könnten. Obwohl es, an der Küste angelangt, noch galt, auf ein deutsches oder ein neutrales Schiss zu kommen, schien es den beiden Legionären doch, als ob sie in drei Tagen so gut wie am Ziel wären. Sie hatten in dem wüsten Lande so viel Elend28 erduldet, daß der Gedanke, seiner Grenze nahe zu sein, sie kaum noch an die Schwierig keiten denken ließ, die sie noch überwinden mußten. Als sie am andern Morgen ungefähr zu gleicher Zeit wie am vergangenen Tag zum Aufbruch bereit standen, waren sie nicht wenig überrascht, als durch einen Araber zwei Maultiere für sie vorgeführt wurden und auch die Bedeckung von vier Mann auf Maultieren saß. Der Neffe des Häuptlings bedeutete Rudolf Kersting, daß sie bald ein schmales Durchbruchstal durch den Tell erreichen würden, in dem ihnen Pferde wenig nützen würden. Nach kurzem herzlichen Abschied ging es vorwärts, und die beiden Flüchtlinge mußten es als besondere Freundlichkeit empfinden, daß der Häuptling ihnen seinen Verwandten zum Führer mitgab. Als der kleine Zug etwa vier Stunden in nördlicher Richtung vorwärts gestrebt war, begann sich die Gegend sichtlich zu ändern. Der Weg wurde steiler, der Gras wuchs immer spärlicher, und an manchen Stellen trat der nackte Fels hervor. Zur Rechten und zur Linken in weiter Ferne sichtbare Bergketten erklärte der Führer als Ausläufer des Tell. Bald befanden sie sich mitten im Hochgebirge, aber die Freunde waren so sehr mit ihrem Ziel beschäftigt, daß sie ihrer Umgebung keine Aufmerksamkeit schenkten. Als gegen Mittag die Paßhöhe erstiegen war und bald darauf sich der Weg allmählich zu senken begann, wurde Halt gemacht. Wenn nicht die Tiere der Ruhe bedurft hätten, die Flüchtlinge wären am liebsten weitergeeilt. Gegen sechs Uhr abends erklärte der Führer, sie würden am andern Tag, wenn sie noch etwa 2V Kilometer nördlich marschierten, den Scheliss erreichen. Die Freunde tauschten ihre Araberkleidung mit dem Geschenk ihres ersten freundlichen Wirts, wurden von ihrem Führer noch reichlich mit Proviant versehen und sahen sich so in einem solchen Maße bei ihrer Flucht vom Glück begünstigt, wie sie es sich in ihren kühnsten Erwartungen nicht ausgemalt haben würden. Wenn sie an die vielen Kameraden dachten, die auf der Flucht elend umgekommen oder nach wenigen Tagen wieder ein geliefert worden waren, so konnten sie nicht dankbar genug sein. Die Araber traten nach zwei Stunden Rast den Rückmarsch an, ein Beweis dafür, wieviel sie ihren Maultieren zutrauten. Aber auch die ehemaligen Legionäre wollten an dem erreichten Punkt nicht über Nacht bleiben. Eine Unruhe war in sie gefahren, die sie nicht mehr losließ. Heim! Nur heim! . Kurz nach Mitternacht erreichten sie den Scheliff, und erst jetzt gönnten sie sich Ruhe. Bei ihrem Marsch an den beiden folgenden Tagen erstaunten sie immer aufs neue über die Fruchtbarkeit der Anbauebene, durch die sie kamen, und in beiden stieg der Gedanke auf, daß hier für Deutschland nach siegreicher Abwehr des französischen Angriffs ein schöner Lohn winke.29 Wie wenig hatten sie in den Steinwüsten Südalgeriens von dem Wert dieses Landes bisher erfahren! Als am Nachmittag des zweiten Tages die Mündung des Scheliff erreicht war, lag das erste Ziel vor den beiden Flüchtlingen. Mit anderen Gefühlen und Hoffnungen sahen beide das blaue Mittelmeer, jetzt, da es sie zur Heimat tragen sollte, als damals, da es sie an die Gestade dieses Landes geführt hatte! Sie beschlossen, in der Nähe der Küste nach Osten zu wandern, bis sie auf eine Siedelung stoßen würden. Hier wollten sie die Nacht benutzen, um ein Boot loszulösen und dann ihr Geschick dem Meer anvertrauen: einen andern Weg sahen sie nicht. Nach zweistündigem Marsch kam ein Dorf in Sicht. Die Beiden warteten, bis es völlig dunkel war, ehe sie auf die Siedelung zugingen. Bis Mitternacht hielten sie sich aber immer noch in einiger Entfernung am Strand auf. Als sie dann vorsichtig näher schlichen, konnten sie zu ihrer Enttäuschung kein Boot feststellen. Was nun? Kurz entschlossen schlug Paul Bäcker vor, an dem Dorf vorbei auf die nächste Ortschaft zuzugehen und hier ihr Glück zu versuchen. Im stillen schüttelte er den Kopf darüber, daß an dem Strand nicht ein einziges Boot zu sehen war. Als sie aber das Dorf einige hundert Meter hinter sich gelassen hatten und eine kleine Boden schwellung erstiegen, sahen sie auf einmal vor sich eine kleine Bucht, die voller Fahr zeuge lag. Kaum konnten sie einen Freudenruf unterdrücken. Vorsichtig spähten sie nach allen Seiten, aber nichts Verdächtiges war zu hören. Prüfend schlich Rudolf Kersting an den Fahrzeugen vorbei. Von Ruder fahrten her, die er auf dem Rhein in seinen Schülerjahren gemacht hatte, verstand er ein wenig von Booten. Er wählte endlich ein Fahrzeug mit vier Nudern, das von mittlerer Breite war. Gern hätte er ein schlankeres genommen, das daneben lag. Aber er wollte während der Nacht ein Segel aufsetzen und hatte da zu seinem soliden Kahn mehr Zutrauen. Lautlos stießen sie das Boot vom User, und dann glitt es, von vier Nudern getrieben, langsam durch die Bucht. Sobald sie aus dem Gewirr von Fahrzeugen heraus waren, begannen sie schneller zu rudern, und schon nach einer Viertelstunde war das Meer erreicht. Wäre nicht die Nähe der Ortschaft gewesen, so hätte Rudolf laut in die frische Nacht hinausjubeln mögen. Da er aber seiner Freude auf irgend eine Art Lust machen mußte, legte er sich ins Zeug und ruderte, als ob die Verfolger dicht hinter ihm gewesen wären. „Langsam, langsam", mahnte Paul Bäcker. Aber er war selbst nicht minder fröhlich. Alle Müdigkeit war verschwunden, und das Gefühl der Freiheit durchströmte sie mit einem köstlichen Glücksgefühl. Es war eine helle, klare Nacht, und das Licht des Mondes ließ die Wellen glitzern und blinken, daß sie in einem Meer von Glanz schwammen. Die neugewonnene30 Freiheit und die Schönheit der leise vom Wind bewegten Meeresfläche ließ die Flüchtlinge zuerst vergessen, daß sie doch noch nicht ganz aus der Gefahr waren. Als sie lange genug gerudert hatten, um genügend weit von der Küste entfernt zu sein, setzte Rudolf mit des Freundes Hilfe ein Segel. Der schwache Landwind blies hinein und trieb das Boot langsam nordwärts. Sie zogen die Ruder ein und setzten sich zusammen auf die mittlere Bank. Jetzt, nachdem die ungeheure Spannung der letzten Tage von ihnen gewichen war, löste sich in ihren Herzen so vieles, was die furchtbaren verflossenen Jahre hindurch wie erstarrt lag. Es war zwischen ihnen eine stumme, unausgesprochene Freundschaft gewesen, in der manchmal sogar, besonders von Rudolfs Seite, die groben Worte nicht gefehlt hatten. Jetzt nahm er des Freundes Hand und fand nur den einen Dank: „Du guter Kamerad!" „Ach, laß doch", wehrte der andere ab, „warst du es denn weniger?" Sie verabredeten, wenn sie Deutschland glücklich erreicht hätten, dann wollten sie sich beim gleichen Regiment stellen. Dann waren sie still, ihre Gedanken gingen in die Heimat. Die Nacht war kühl, noch warm vom Marsch und der Aufregung hatten die beiden Flüchtlinge zuerst nichts davon gespürt. Jetzt legten sie sich wieder in die Riemen, um den fröstelnden Gliedern Wärme zu geben. So kamen sie, bald stärker, bald schwächer arbeitend, bis gegen Morgen ein gutes Stück vorwärts. Da rötete sich über dem Wasser im Osten der Horizont, feurige Strahlen schössen aus dem Meer hervor und standen wie goldene Lanzen am Himmel. Dahinter begann der Himmel rot zu erglühen. Und immer dichter standen die Strahlen, immer leuch tender wurde das Rot, und schließlich verschmolzen Licht und Farbe zu einem ungeheuren Leuchten. Es war wie ein Jauchzen über den anbrechenden Tag. Dann kam die Sonne rasch herauf. Die grauen Schleier, die rings niedrig über dem Horizont hingen, zerrissen, zerflatterten und vergingen, und ein endloses Blau wölbte sich über dem Meer. Wer die Nacht wachend verbrachte, begrüßt den Morgen doppelt freudig. Und dazu kam bei den Flüchtlingen die mit der wiedergewonnenen Freiheit gesteigerte Lebenslust. Mit frohem Herzen sahen sie den Himmel leise erglühen und das prächtige Morgenrot erstrahlen, und als dann die Sonne selbst ganz über dem Horizont erschienen war, sprang Rudolf Kersting auf und rief ihr sein: „Hoi ho!" entgegen. Er jauchzte mit dem Licht und freute sich mit dem Blau des Himmels. Der Wind hatte fast ganz aufgehört, sie zogen das Segel ein und begannen nach einem tüchtigen Frühstück wieder kräftig zu rudern. Dabei hielten sie eifrig Umschau nach einem Schiff. Aber Stunde auf Stunde verrann, ohne daß ihnen ein Segler oder Dampfer auf Rufweite nahe gekommen wäre. Wohl sahen sie fern, fern am Horizont einigemal weiße Segel auftauchen und näher kommen, aber immer waren sie zu weit nordwärts und verschwanden rasch ihren Blicken. Auch Rauch glaubten sie einmal bemerkt zu haben, aber sicher wußte es31 keiner zu sagen. Die Sonne stieg höher und höher, es wurde Mittag, und es war nicht abzusehen, wie lange sie hier noch treiben sollten. Längst hatten sie die Ruder aus den müden Händen gelegt. Eine leise Enttäuschung und auch Furcht stellten sich ein. Sie waren, als sie das Meer erreicht hatten, so sroh gewesen, daß ihnen Gedanken über die übrigen Schwierigkeiten gar nicht gekommen waren. Keiner äußerte etwas von seiner Be sorgnis. Paul Bäcker meinte sogar: „Wir haben für mehrere Tage Proviant mit, so schlimm kann das nicht werden." Aber so ganz wohl war ihm doch nicht auf der endlosen Wasserbahn. Um nicht beide erschöpft zu werden, kamen sie überein, einer solle jetzt schlafen, der andere nach Schiffen ausschauen. Die erste Wache übernahm diesmal Paul Bäcker. Der Marsch des letzten Tages, das ungewohnte Rudern in der Nacht sorgten zusammen dafür, daß Rudolf Kersting endlich doch einschlief, obwohl seine Gedanken noch immer unruhig arbeiten wollten. Vergeblich hatte sein Freund gehofft, ihn mit dem Rus: „Schiff in Sicht!" wecken zu können. „Wenn die Dinger dann doch wenigstens ganz aus der Gegend blieben", dachte er ärgerlich, als wieder verschiedene Segler am Horizont aufgetaucht und verschwunden waren. Er ließ die Ablösungsstunde verstreichen, die Enttäuschung kam noch früh genug. Gegen sieben Uhr entschloß er sich endlich, den Freund zu wecken. Schlaftrunken richtete sich dieser auf, und Paul Bäcker besann sich vergeblich auf etwas, was sich zur Zerstreuung von Besorgnissen vorbringen ließ, da stand Rudolf schon auf den Beinen und schrie: „Ein Schiff! Ein Schiff!" Er zog seinen Rock aus und begann zu winken, der Freund folgte seinem Beispiel. Obwohl das Schiff lange noch nicht auf Rufweite herangekommen war, begannen sie zu schreien und zu rufen. Lange zeigte nichts, daß sie bemerkt worden waren. Aber das Schiff kam näher und sie verdoppelten ihren Eifer; schon waren sie vom vielen Rufen fast heiser. Da endlich ging an dem vorderen Mast eine Flagge hoch. Sie deuteten das als ein für sie bestimmtes Zeichen, und wirklich erkannten sie nun, daß das Schiff Kurs auf sie zu genommen hatte. Aus den drei Schornsteinen quollen mächtige Wolken gelblich grünen Dampfes. Als sie die Flagge erkennen konnten und sahen, daß es nicht die französische war, fiel ihnen der letzte Stein vom Herzen. Ein Boot wurde ausgesetzt, während der Dampfer gestoppt hatte. Man schien demnach ihren Ruderkünsten nicht viel zuzutrauen. Das Boot legte sich an ihre Längsseite, und sie kletterten hinein. Das Fahrzeug der Schiffbrüchigen, dafür hatte man die beiden Flüchtlinge gehalten, wurde von den italienischen Matrosen an das eigene gekettet, dann trieben sie mit einigen kräftigen Ruderschlägen auf die „Regina" zu und legten an der Steuerbordseite an.In treuer Waffenbrüderschaft reichen sich Deutsche und Türken am Goldenen Horn die Hand. Anser Mitte lmeer- geschwader „Soeben" und „Breslau" schlug sich glänzend bei Messina durch das gewaltige Aufgebot sranzösisch-englischer Kriegsschiffe und erreichte unbeschädigt Konstantinopel, wo es - in türkische Dienste genominen — der gemeinsamen Sache weiter dient.Die See war ruhig, und so wurde das Deck rasch erklettert. Hier standen Matrosen und Passagiere, die mit Spannung die Aufnahme der vermeintlich Schiff brüchigen erwartet hatten. Auf weiter Fahrt hat alles, was eine Unterbrechung des gewöhnlichen Tages verlaufs bedeutet, doppelten Reiz. Die beiden Freunde waren nicht wenig erstaunt, als ihnen jetzt an Bord des italienischen Dampfers deutsche Laute entgegenklangen. Sie hatten aber zunächst keine Gelegenheit, einen ihrer Landsleute anzusprechen, da man sie in die Kajüte des Kapitäns sührte. Diesem erzählte Rudolf in aller Kürze wahrheitsgetreu ihre Flucht. Er bediente sich dabei, da der Kapitän nicht deutsch verstand, des Französischen. Obwohl der Kapitän nicht, wie Rudolf vermuten mußte, Angehöriger einer verbündeten Macht war, traf er doch sofort alle Anordnungen, daß für die beiden Flüchtlinge Sorge getragen wurde. Er sagte ihnen, daß er deutsche Reservisten aus Spanien an Bord habe. Ob wohl eigentlich kein Raum für Passagiere sei, habe er sie doch aufgenommen, weil sie ihn so lange mit ihren Bitten bestürmt hätten, bis er nachgegeben. Man konnte während dieser Worte dem Kapitän wohl anmerken, welchen Eindruck der Drang nach Hause bei den deutschen Reservisten auf ihn gemacht hatte. Er entließ dann die beiden neuen Passagiere und befahl einem Matrosen, sie in den großen Mannschaftsraum zu führen, den die Besatzung den Deutschen ein geräumt hatte. Als in den Ankömmlingen Landsleute erkannt wurden, rückte man an einem der langen Tische zusammen, und bald war eine eifrige Unterhaltung im Gange. Sie erfuhren, daß die „Regina" mit englischer Kohle nach Palermo unterwegs war und in Malaga angelegt hatte, wo die Deutschen ausgenommen worden waren. Der Nachbar Rudolfs war ein Grubenbeamter aus dem Kohlengebiet bei Barcelona. Er hatte gefürchtet, bei direkter Überfahrt nach Oberitalien den Franzosen in die Hände zu fallen, da Marseille zu nahe lag. Deshalb war er nach Südspanien gereist, um sich hier einem aus England kommenden neutralen Dampfer anzuvertrauen, der viel leicht unbehelligt bleiben würde. „Sie suchten nur einen neutralen Dampfer und fanden einen verbündeten", warf Rudolf dazwischen. „Sie irren, aber ich vergaß ja ganz, daß Sie aus einem andern Erdteil kommen und nicht so genau in die Vorgänge der europäischen Politik eingeweiht sein können; Italien hat am 1. August seine Neutralität erklärt." Da es nicht geraten schien, diesen Gesprächsstoff auf einem italienischen Dampfer weiter zu verfolgen, wurde von anderem gesprochen. Die beiden Freunde erfuhren im Laufe des Abends Genaueres über die politischen Vorgänge der letzten Wochen. Was sie aus dem Wenigen, das ihnen bekannt gewesen war, geschlossen hatten, daß Deutschland als der Angegriffene sich seiner Haut zu wehren hätte, das trat ihnen jetzt mit erbitternder Deutlichkeit vor die Seele. 83 333435 „Verstecken sich hinter die Mordgesellen in Belgrad!" „Und wenn Rußland wenigstens nicht so feig und verlogen getäuscht hätte!" So klang es durcheinander. „In Zukunft weiß man, was ein russisches Ehrenwort wert ist." „Wir wollen sie schon heimschicken!" Da war kein teilnahmsloses Gesicht, keiner, der nur einer Pflicht folgte, bei allen merkte man den Zorn über die freche Herausforderung und den ungeheuerlichen Ueberfall. An einem kleinen Tisch saßen zwei Frauen und vier Kinder. Bei dem Stampfen des Schiffes — die „Regina" war ein alter Kasten — drückten sich die Kleinen ängstlich an die Mütter, die mit bleichen, müden Gesichtern dasaßen. Wer sie ansah, dem mußte eine Ahnung von dem furchtbaren Schrecken, den das Wort Krieg bedeutet, aufsteigen. Die Arbeit von Iahren war verloren, die Stellung aufgegeben und nur das Nötigste mitgenommen. Aber die Männer sahen nicht danach aus, als ob sie sich nur einen Augenblick besonnen hätten. Der Mannschaftsraum war für die Deutschen Eß-, Wohn- und Schlafzimmer zugleich. Nur ein kleiner Teil fand zu zweien Unterkunft in Kojen, die die Matrosen leer gemacht hatten. Die übrigen machten sich um 10 Uhr aus Decken und Mänteln ein notdürftiges Lager auf dem Boden. Dabei waren alle den beiden Verheirateten behilf lich, für ihre Frauen und Kinder die besten Schlafstätten herzurichten. Man hatte sie zu bewegen versucht, sich in Hängematten zu legen, die aus Decken hergestellt waren, aber die Frauen und Kinder hatten nicht gewagt, sich hineinzulegen, aus Furcht, bei dem Schaukeln herauszufliegen. An männlichen Anwärtern für diese luftigen Betten fehlte es jedoch durchaus nicht. Die auf dem Boden Lagernden wären bei dem Stampfen des Schiffes gewiß durch den Raum gerollt, wenn sie nicht immer mehrere Schlafstellen nebeneinander an der Wand zurechtgemacht und durch festgebundene Stühle abgeschlossen hätten. Die beiden ehemaligen Legionäre waren aber durch die verlebten Nächte durch aus nicht verwöhnt, und da sie auch von der Seekrankheit verschont blieben, schliefen sie bald mit dem wohltuenden behaglichen Gefühl, unter Landsleuten zu sein, ein. Sie erwachten am andern Morgen gestärkt, und nachdem sie wie am Abend vor her von den anderen Passagieren mit Brot versorgt worden waren, wozu eine der Neservistenfrauen den gemeinsamen Kaffee bereitet hatte, kletterten sie an Deck. Die Maschine arbeitete wacker, und bei der ruhigen See ging es ordentlich vor wärts. Sie stellten Vermutungen darüber an, wann die „Regina" in Palermo sein würde, und erfuhren von den Reservisten, die alle gern den dumpfen Raum mit dem freien Deck vertauscht hatten, daß sie am andern Tag gegen vier Uhr am Ziele sein könnten, wenn nicht irgend eine Verzögerung einträte. Den ganzen Tag kehrte das Gespräch immer wieder zu dem einen zurück, was unaufhörlich die Gedanken beschäftigte.„Jetzt sind sie an der Grenze sicher schon aneinander geraten." „Wenn die Führer gut sind, dann wird's schon werden!" „Erst wird sicher mit den Franzosen reine Bahn gemacht!" So wurden in kleinen Gruppen die Meinungen getauscht. Wie verschieden die Ansichten auch laut wurden, aus allen klang die ruhige, stolze Zuversicht: Wir werden siegen! Ohne Ausregung, wie von etwas Selbstverständlichem wurde über die kommen den Ereignisse gesprochen. Wenn man die beiden Freunde später nach dem gefragt hätte, was sie auf ihrer ersten Dampferfahrt auf hoher See gesehen hatten, es wäre herzlich wenig zutage ge kommen. Sie waren jetzt mitten in dem großen Strom des Geschehens, der sie alle er griffen hatte und hin nach der Heimat zog. Für die Umgebung waren sie blind. Die Augen sahen, aber die Seele nicht. Die sah marschierende Regimenter, hörte dumpfes Grollen der Kanonen. Fern, da geht eine Schlacht, da müssen sie hin. Am 4. August, nachmittags um 3 Uhr, lief die „Regina" in den Hafen von Palermo ein. Guten Muts trennten sich die deutschen Kameraden; denn kameradschaftlich war das kurze Beisammensein schon geworden. Die andern wollten sich ein Schiff zur Über fahrt nach Neapel suchen, um dann mit der Bahn nach Deutschland zu kommen. Rudolf Kersting schlug seinem Freunde vor, sie wollten sich an den deutschen Konsul wenden und ihn um Reisegeld sür die weitere Fahrt bitten. Mühsam fragten sie sich endlich nach dem Konsulat und wurden da zu einem Se kretär gesührt. Dieser sorderte einen Ausweis, den die ehemaligen Legionäre natürlich nicht besaßen. Sie mußten einen Augenblick warten und wurden dann in des Konsuls Zimmer gewiesen. Dieser hörte kopfschüttelnd den Bericht der beiden jungen und kräf tigen Menschen an. „Was nur immer wieder Deutsche in die Fremdenlegion treiben mag," dachte er. Aber die kühne Flucht der beiden hatte ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlt. Nachdem er sich noch durch einige Kreuzfragen versichert hatte, daß er keine Schwindler vor sich hatte, riet er ihnen, nach Messina zu fahren. „Deutsche Kreuzer brauchen noch Mannschaft," so schloß er, ohne eine nähere Erklärung zu geben. Nachdem die beiden Reisegeld empfangen hatten, begaben sie sich zum Bahnhof. Hier suchten sie vergeblich nach einem Zug, der sie sofort weitergebracht hätte. Erst kurz nach sieben Uhr konnten sie sahren. Wohl wanderten sie in die Stadt, damit die Zeit rascher vergehen sollte, waren aber um 6 Uhr schon wieder''zurück. Die innere Spannung ließ sür nichts mehr Raum. Endlich saßen sie im Zug. Jetzt begannen sie Pläne zu machen und zu überlegen, ob man sie wohl nehmen würde. „Dich sicher, du bist ja Schlosser," meinte Rudolf. „Die brauchen auch sonst noch Leute, sonst hätte uns der nicht eigens hingeschickt." So ging's Messina entgegen. 3C>37 2. Beim Durchbruch von Messina. Am 4. August, abends 11 Uhr, lief der Zug von Palermo in Messina ein. Rudolf Kersting und Paul Bäcker entstiegen ihm, und während sie dem Ausgang des Bahnhofs zustrebten, meinte dieser kopfschüttelnd, wenn die Italiener überall eine solche Wirtschast haben wie bei ihren Bahnen, dann würden wir mit unserem Bundesgenossen nicht viel Ehre eingelegt haben. Rudolf Kersting erwiderte ihm lachend: „Was, Bundesgenosse, wir hauen uns auch allein durch." Seit er in Palermo den Aug bestiegen mit der sicheren Hoffnung, auf ein deutsches Kriegsschiff zu kommen, war ein solches Kraftgefühl in ihn gefahren, dasz er die ganze Welt nicht fürchtete. Und dann die Landsleute auf der „Regina"! Die wenigen Stunden mit Deut schen hatten ihn so reich und froh gemacht. Wie alle nur einen Gedanken dachten, nur ein Gefühl empfanden: „Einer für alle, alle für einen" und „Deutschland für immer"; das war über ihn gekommen wie ein Rausch. Er war ernst trotz all seiner äußeren Fröhlichkeit, denn in der Mitte seiner Volksgenossen war es ihm erst so ganz deutlich ge worden, worum es ging. Aber dies köstliche Gefühl, ein Glied eines großen Volkes zu sein und mitbauen zu dürfen an dessen Zukunft, das gab eine so wunderbare Ruhe und einen starken Stolz. Er empfand die Gemeinschaft mit der Heimat und den deutschen Brüdern so stark, daß es ihm war, als ginge rechts und links der Nebenmann, als spürte er Vorder- und Hintermann, und diese geeinte Masse marschierte im gleichen Tritt und Schritt. Sie gingen nach dem Hafenviertel; hier wollten sie übernachten, um die Gelegen heit nicht zu verpassen, wenn „Goeben" und „Breslau" ihre Mannschaft verstärkten. Mit Absicht bogen sie in eine schmale, dunkle Straße ein. Das Nachtquartier mußte billig sein. Denn wenn man sie nicht brauchen konnte aus den deutschen Schiffen, dann wollten sie in die Heimat. Die Gasse war nur spärlich erleuchtet. An ihrem Ende stand ein kleines niedriges Gebäude; über seinem Eingang brannte ein Licht, in dessen flackern dem Schein sie „Zum Deutschen Seemann" lasen. Prüfend blieben sie noch einen Augenblick vor der Haustür stehen, denn die Matrosenkneipe machte keinen vertrauen erweckenden Eindruck. Da sie aber zum längeren Suchen zu müde waren, entschlossen sie sich zum Eintreten. Als sie die Tür des niedrigen Gastzimmers öffneten, schlug ihnen lautes Stimmengewirr entgegen. Kopf an Kopf war die Schenke besetzt. Unschlüssig standen sie und ließen ihre Blicke suchend durch den Raum gleiten. Beim Eintreten der beiden war das Stimmengewirr auf einen Augenblick verstummt, um gleich darauf wieder einzusetzen. Nur an einem Tisch, der rechts in der Ecke stand, war man auf merksam geworden. Es kam offenbar nicht oft vor, daß Nichtmatrosen dies Lokal be traten. Als die beiden noch immer vergeblich nach einem Platz suchten, rief ihnen ein großer, breitschultriger Matrose, der auch an dem genannten Tisch saß, zu: „Wohenn?" Paul Bäcker, den Landsmann erkennend, antwortete ihm: „No Hus." „Do we wi alle henn," klang es zurück, „denn kommt man an düssen Tisch."38 Es wurde Platz gemacht, baß sie zwischen den engen Stuhlreihen durchkonnten. Die fünf Matrosen an dem einen Tisch rückten näher zusammen und riefen nach Stühlen. Mit einem kräftigen Händedruck wurden die Freunde begrüßt. Wieder erlebten sie es, wie alle Deutsche sich verbunden fühlten. Da war kein Fremdsein mehr; Leute, oie sonst aneinander vorbeigelaufen wären, spürten jetzt auf einmal, daß sie zusammen gehörten. Karl Weber, so nannte sich der eine Matrose, und Paul Bäcker hatten das Wort. Man konnte ihnen ordentlich das Behagen anmerken, einmal wieder ihr liebes Platt sprechen zu können. Wenn's andere Zeiten gewesen wären, dann hätten sie sicher über Heimatdinge gesprochen. Jetzt aber dachte daran keiner. Karl Weber fragte vielmehr: „Nu scheit mol los, wo kommt Itt her, wo wett Itt henn? Hier sind men blauß noch Matrausen, dä annern sind all wäg." „Dat es ne lange Geschichte," gab Paul Bäcker zur Antwort. Und nun begann er, zu erzählen von ihrer Flucht von Piaret bis Messina. Man konnte ihm dabei den Stolz deutlich anmerken. Rudolf Kersting saß und hörte zu. Er verstand Dialekt, sprach ihn aber nicht. Wie er seinen Freund so froh sah, da mußte er an alle die gemeinsam verlebten, schweren Tage im wüsten Südalgerien denken, und an alles das, was er der guten, treuen Seele hier neben ihm schuldete. Als Paul Bäcker geendet hatte, meinte Karl Weber: „Wenn dat gerorn es, dann gerät noch mehr." So kamen sie aus „Breslau" und „Goeben". „Dä Enge- länner söllt sick dat nit so lichte vörstellen, eck hew miene twei Lohr os „Goeben" asmakt un eck gläuw, —" Da rief Rudolf Kersting dazwischen, was sie denn mit den Engländern zu tun hätten. Und nun erfuhren sie, daß auch England den Krieg erklärt hatte. Daher also die erregte Unterhaltung in der ganzen Schenke. Spät abends erst war die englische Kriegserklärung bekannt geworden. Das Gespräch in der kleinen Runde war ernst. Rudolf Kersting wollte es sich einen Augenblick wie eine schwere Last auss Herz senken. Aber in all den Gesichtern dieser kräftigen Seemannsgestalten war nichts von Verzagt heit zu sehen. Je länger sie beisammensaßen, desto mehr kehrte Rudolf Kersting die frühere Zuversicht zurück. Wie selbstverständlich die Matrosen davon gesprochen hatten, dachte er, als sie sich gegen zwei Uhr trennten und in einem kleinen Räume des Hauses, das in merk würdigen Winkeln um einen Hof gebaut war, ihr Lager aufsuchten. Rudolf Kersting lag noch eine Weile wach. Er mußte immer noch an die wunderbare Ruhe der Ma trosen denken. Wenn heute abend noch drei Kriegserklärungen gekommen wären, ging es ihm durch den Sinn, sie hätten's genau so selbstverständlich hingenommen. Ganz so empfand er doch nicht. Später merkte er, woran das lag. Die anderen hatten das alles kommen sehen, russische Herausforderungen, französische Rachgier und das versteckte falsche englische Spiel. Als es nun da war, als die Nebel zerrissen, da waren sie froh über die Klarheit. Sie grübelten und fragten nicht, sondern bissen im stillen die Zähne zusammen und sahen nur geradeaus.Schon um fünf Uhr früh war Rudolf wieder wach. Er hielt es im Haus nicht mehr aus. Leise kleidete er sich an, um den Freund nicht zu wecken, dann ging er nach dem Hafen zu. Da lagen gewaltige Riesen, die sich Segel wie Riesenflügel aufsetzten und so die Meere durcheilten, schwere Kolosse, die Dampskraft von Gestade zu Gestade trug. Wie er an den Kaimauern entlang ging, entdeckte er an den Schiffen so manchen deutschen Namen. Wie hatten da Luft, Elektrizität, Dampf und Menschengeist und Hände gearbeitet, um diese Fahrzeuge zu bauen. Da lag ein Dampfschiff mit vier mächtigen Schornsteinen, das schwer mit Baumwolle geladen war. Der schlankere Seg ler dahinter hatte Reis und Tee nach Deutschland tragen wollen. Wie der ehemalige Legionär seine Blicke über die deutschen Dampfer und Segler schweifen ließ, da verstand er auf einmal die Engländer ganz. Von Jahr zu Jahr wurde die Zahl der Ozeanriesen, die deutsche Arbeit in die Welt und fremden Reichtum nach Deutschland trugen, größer und größer. Die Bauten, die ihn hier mit stolzer Freude er füllten, als hätte er mit daran gehämmert und genietet und geholfen, sie zu ersinnen, die mußten den Engländern als eine immer ärger werdende Konkurrenz erscheinen. Er ver stand sie, wußte, wie die Gedanken bei den englischen Machern immer wieder gelaufen sein mußten. Ein Ekel befiel ihn, je mehr ihm deutlich wurde, wie dieser Krieg entstan den war. Und in ihm reckte sich etwas von der Kraft, die die Riesen da zu seinen Füßen gebaut hatte. Mit trotzig zusammengekniffenen Lippen stand er da und ließ seine Blicke über die deutschen Schiffe gleiten. Sie rechneten trefflich und sollten sich doch verrechnet haben, diese Herren Engländer! Gegen 7 Uhr kehrte Rudolf Kersting in die Matrosenschenke zurück. Der Freund sollte ihn beim Erwachen nicht vermissen. Ehe er zu ihm hinaufstieg, öffnete er die Tür des Gastzimmers, ob Paul vielleicht schon aufgestanden und unten wäre. Hier war eifriges Reinemachen. Tische standen umgekehrt aufeinander, qualmige verdorbene Lust vom vergangenen Abend. Der ungemütliche Eindruck von Wirtsstuben am frühen Morgen. Schnell zog Rudolf seinen Kopf aus der Türspalte zurück, ging durch den langen Gang ins Hinterhaus und sprang dann die Stufen hinauf. Als er die Tür vorsichtig öffnete, klang ihm ein fröhliches: „Ausreißer!" entgegen. „Das sind wir beide!" „Wer einen aber so ohne weiteres morgens um fünf Uhr in einer beliebigen Ma trosenschenke im Stiche läßt, der ist es in besonderem Maße." Rudolf hatte sich auf den Bettrand gesetzt und sprach von den Dampfern im Hafen. „Wenn sie uns nur auch nehmen!" „Wenn nicht, geht's gemeinsam nach Deutschland, gute Infanteristen werden wir beide." S940 „Nein, wer gebraucht wird, und das wirst du wohl sein, der bleibt hier! Der andere, also ich, dampft weiter. Schließlich ist es ja auch gleich, wenn man nur über haupt mittun darf." So ganz überzeugt klang das noch nicht; die Schiffe im Hafen, und wenn es auch nur Handelsdampfer gewesen waren, die hatten es ihm angetan. Und dann, sobald schon dazwischen sein! Paul Bäcker, der wohl wußte, daß er die meiste Aussicht hatte, fragte doch noch einmal: „Wollen wir nicht zusammenbleiben?" „Das wäre unrecht, wenn wir daran jetzt denken wollten. Wo wir hingestellt werden, da tun wir, was wir können." Der andere nickte, und damit war die Sache abgetan. Sie mußten in den Hof raum gehen, um sich zu waschen, da das dürftig eingerichtete Zimmer keine Gelegenheit dazu bot. ! - ! . --. 0 - . Als sie dann in das Gastzimmer traten, um sich nach einem Frühstück umzusehen, war wieder Ordnung in das Durcheinander gebracht; aber außer dem Fußboden war alles von dem großen Reinemachen verschont geblieben. Vor allem der dicke Wirt selbst, der ungewaschen hinter dem Schenktisch stand. Er beeilte sich durchaus nicht, den beiden fremden Gästen den gewünschten Kaffee zu besorgen, kramte vielmehr noch erst umständ lich zwischen seinen Gläsern herum, wobei er sie mit mißtrauischen Blicken beobachtete. Paul Bäcker stieß den Freund an: „Der sürchtet um die Zeche und die Bezah lung sürs Nachtlager." Rudols sah entrüstet nach dem Wirt herüber und wollte eben nachdrücklich die Bestellung wiederholen, als ihm Paul zuflüsterte: „Laß, ich will's schon machen." Er rief den Wirt an den Tisch und fragte nach dem Kaffee. Als dieser nun endlich danach gehen wollte, rief er ihn zurück: „Herr Wirt! Herr Wirt!" um ihm dann recht umständlich zu sagen, daß er den Zucker fortlassen könnte. Der Wirt sah ihn brum mig an und wackelte auf die Tür der anstoßenden Küche zu. Kaum war er auf halbem Weg dahin, da rief Paul hinter ihm her: „Herr Wirt! Herr Wirt! Erlauben sie noch einmal!" Wieder ließ er ihn erst bis an den Tisch wackeln und sagte dann mit einer Um ständlichkeit und Wichtigkeit, als wenn es sich um einen Millionenaustrag gehandelt hätte: ... „Machen Sie den Kaffee ja nicht zu stark, ich bin herzkrank. Natürlich muß er aber trotzdem wohlschmeckend sein." Der Wirt sah seinen anspruchsvollen Gast mit dem Blick ungeheurer Gleichgültig keit an, wie er ihn für Gäste, bei denen er nicht viel Geld vermutete, zur Verfügung hatte. Wieder wackelte er auf die Küche zu, natürlich so langsam, daß darin der Ab stand zwischen ihm, dem Besitzer vom „Deutschen Seemann" und diesen Hungerleidern deutlichen Ausdruck fand. Diesmal kam er bis an die Tür.41 „Herr Wirt! Bitte noch einen Augenblick!" Jetzt verlor er aber die Haltung, öffnete die Küchentür und brüllte dabei in das Gastzimmer zurück: „Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihrem Herr Wirt." Dabei war er krebsrot im Gesicht vor Zorn. Seine beiden Gäste aber schüttelten sich vor Lachen, als die Küchentür krachend ins Schloß ge flogen war. „Jetzt gibt's wahrscheinlich gar keinen Kaffee," meinte Rudolf. „Abwarten!" Der Wirt blieb unsichtbar; statt seiner erschien ein Mädchen und brachte zwei Tassen Kaffee, bei denen auch wirklich der Zucker fehlte, und die man auch bei Herzkrank heiten allerfchlimmster Art getrost hätte als Medizin trinken können. Nach einer Weile kam der Wirt wieder zum Vorschein. Er würdigte die Hunger leider keines Blickes. Als aber Paul Bäcker wieder „Herr Wirt!" rief und dabei eine Bewegung machte, die sich als Wille zum Zahlen deuten ließ, kam er rasch an den Tisch gewackelt. Nur nach dem Preis des Kaffees gefragt, zählte er auf: Kaffee 8V Cts., Nachtlager 2 Lire, zusammen 2,80 Lire. Da schob ihm Paul Bäcker seelenruhig den Betrag sür das Nachtlager hin und sagte: „Ja, und was ich noch sagen wollte, Herr Wirt. Sie können sich ja denken, Herr Wirt, daß wir auf eine solche Fahrt, wissen Sie, eine so weite Fahrt, auch nicht eingerichtet waren. Und ja, was ich weiter sagen wollte, wenn wir dann nach Deutschland kommen, Herr Wirt, dann schicken wir Ihnen das andere." „Sie Hungerleider, Sie! So ein Bettelvolk will noch Vorschriften machen über den Kaffee! Wasser sollt Ihr saufen!" So schimpfte der Wirt eine ganze Weile weiter. Als er endlich eine kleine Pause machen mußte, weil er keine Luft mehr hatte, sagte Paul Bäcker mit dem unschuldigsten Gesicht: „Ja aber Herr Wirt, wenn Sie doch bloß gehört hätten, deshalb habe ich Sie ja gerade noch einmal gerusen, Herr Wirt, dann hätten wir doch die Ausgabe für den Kaffee sparen können, wenn wir gewußt hätten, daß Sie uns nicht trauen, Herr Wirt." „Ich lasse Euch die Polizei aus den Hals kommen," polterte er jetzt wieder los und schimpfte, daß die Vorübergehenden auf der Gaste stehen blieben. Da lachte ihm der vermeintliche Zechpreller ins Gesicht, wars ihm den noch schuldigen Betrag auf den Tisch und sagte: „Ein andermal sehen Sie sich die Leute erst einmal genau an, Herr Wirt. Ich habe Sie nur einmal so lange auf Ihr Geld wollen warten lasten, wie Sie uns auf den Kaffee." Brummend steckte der Wirt das Geld ein und wackelte wieder hinter seinen Schenktisch. Die beiden Freunde wollten gehen, stießen aber in der Tür aus Karl Weber, der den Lärm auf der Straße gehört hatte. „Wot es denn hier los?"42 Als er erfuhr, worum es sich handelte, schüttelte er sich vor Lachen. Der Wirt, der von den plattdeutsch gesprochenen Worten nichts verstehen konnte, aber wohl merkte, daß von ihm die Rede war, wackelte verlegen und unruhig von einem Tisch zum andern. Der Matrose bestellte Wein und nötigte die neuen Bekannten, sich zu ihm zu setzen und ihm Bescheid zu tun. „Witt ok all, wat ett allernigeste es?" Dabei zog er triumphierend eine deutsche Zeitung aus der Tasche, die er eben erstanden hatte, und zeigte auf eine fettgedruckte Überschrift: „Der russische Kriegshafen Libau in Brand geschossen." Inzwischen hatte sich die Gaststube mehr und mehr mit Matrosen gefüllt. Da die Schiffe im Hafen festlagen, hatten sie den ganzen Tag nichts zu tun. Der kecke Streich der kleinen Kreuzer „Augsburg" und „Magdeburg", die schon am 2. August den russi schen Ostseestlltzpunkt Libau in Brand geschossen hatten, wurde an allen Tischen eifrig besprochen. Kaum hatte die frohe Erregung über diesen glücklichen Anfang ein wenig abzuebben begonnen, als ein Matrose von der Straße durch das offene Fenster in die Gaststube rief: „Goeben" und „Breslau"! Im Nu waren alle Tische leer, die Gäste strömten zum Hasen. An der Kai mauer standen schon ganze Reihen von Matrosen. Die ehemaligen Legionäre sahen zum erstenmal ein deutsches Kriegsschiff. Vor allem zog der große Kreuzer „Goeben" ihre Aufmerksamkeit auf sich. Wie ein gewaltiger Eisenblock lag er schwer lastend im Wasser. Und doch wirkte er nicht plump. Das Ganze rief den Eindruck ungeheurer Wucht hervor. Die Deck- und Seiten panzer, die fünf mächtigen Panzertürme ließen es als eine schwimmende Burg erscheinen. Gebändigte Kraft! Gegliederte und beherrschte Masse! Jetzt wurde von „Goeben" ein Boot herabgelassen, ein Deckoffizier und ein Schiffsarzt stiegen ans Land und gingen die Hafenstraße hinunter. Sosort setzten sich die wartenden Matrosen in derselben Richtung in Bewegung, und Rudolf Kersting und Paul Bäcker schlössen sich ihnen an, ohne eigentlich zu wissen, warum. Ehe sie recht zum Nachdenken darüber kommen konnten, waren sie mit dem Trupp in ein geräumiges Lokal geraten, das zum Anwerben von Seeleuten benutzt wurde. Wenige Augenblicke später erschien der Deckoffizier und hieß die Handwerker auf eine Seite treten. Der Arzt musterte sie schnell, er wußte, daß die Matrosen sast immer kerngesund waren, und tatsächlich konnte er alle für tauglich erklären. Paul Bäcker wurde trotz seiner Hünengestalt genauer untersucht. Rudolf horchte gespannt nach dem Ergebnis. Bei dem „Tauglich" freute er sich für den Freund mit. Nach den Handwerkern kam die Reihe an die übrigen; die meisten Matrosen wurden genommen, nur wenige zurückgewiesen. Als die Reihe an Rudolf Kersting kam, hatte er vor Aufregung Herzklopfen. Er war nicht tauglich. Zwar versuchte er dem Freunde zuzulächeln, aber er empfand die Enttäuschung doch furchtbar. „Sämtliche Ausgemusterte sollen sich um 10 Uhr hier stellen!"43 „Wer ist von den anderen freiwillig bereit, heute beim Kohlen zu helfen?" Alle meldeten sich. „Bleiben Sie am Hafen, sobald die Erlaubnis zum Kohleneinnehmen eingetroffen ist, muß begonnen werden. Die Verteilung aus die Plätze erfolgt schon eher." Damit waren sie entlassen. Rudolf Kersting war froh, wenigstens für die wich tige Arbeit dieses einen Tages gewonnen zu sein. Er wanderte mit dem Freund lang sam zum Hafen zurück. Keiner sprach ein Wort. Ob sie sich je wiedersehen würden? Um zehn Uhr erfolgte die Verteilung der neu einzustellenden Mannschaften. „Paul Bäcker." „Hier." „Breslau", Maschinenraum." Mit einem kurzen Händedruck nur trennten sich die Freunde. Rudolf Kersting war allein, aber zum Besinnen kam er nicht. Den freiwilligen Schippern wurden ihre Plätze zwischen den Matrosen der Kreuzer angewiesen. Wenige Minuten später war er im Bauch eines riesigen deutschen Kohlendampfers, der im Hafen lag. Die Schaufel fertig, Körbe bereit. Kran, Winde, Schaufel, Körbe, Menschen, alles wartet! Um elf Uhr kam die telegraphische Erlaubnis, daß die deutschen Kreuzer Kohlen einnehmen dürften. Ein Teil der Besatzung stand auf „Goeben" und „Breslau" bereit, ein anderer, durch die Neuangeworbenen verstärkt, wartete schon in den Kohlen- dampfern. Jetzt prasselte es in die Körbe, es sauste in die Lust, glitt am Draht entlang und im nächsten Augenblick rasselten die jetzt doppelt wertvollen schwarzen Diamanten in die Kohlenschütten. Schaufel, Kran und Winde waren in Bewegung, um die Bunker der deutschen Kriegsschiffe mit Kohlen zu füllen. Unermüdlich sausten die Körbe durch die Luft, schaufelten hundert Arme. Einer der Matrosen in dem Kohlenschiff, in dem Rudolf Kersting arbeitete, begleitete eine Zeitlang das Hineinfallen jeder Schaufel in den Korb mit den Worten: Dat gitt Damp sör de Engelänner, dat gitt Damp sör de44 Franzausen un bat för de Russen. Sein Nebenmann meinte: „Un de Serm?" „Da makt Damp genaug met ere Bomben," klang es zurück. Die benachbarten Schipper lachten. Überhaupt sprach aus den Gesichtern trotz der Anstrengungen der letzten Tage ein froher Eifer. Mit wie ungeheurer Geschwindigkeit auch gearbeitet wurde, nirgends Hast, nirgends Durcheinander. Es war wie ein großes Uhrwerk, dessen Schnelligkeit er höht war, das aber im übrigen genau so sicher funktionierte, wie bei mäßigem Tempo. Ein Glied in der großen arbeitenden Kette war Rudolf Kersting. So stand er also im Augenblick im Dienst der Kaiserlichen Marine als Kohlenschipper, und er mußte lachen bei dem Gedanken, wie er sich srüher seinen Heeresdienst vorgestellt hatte. Aber seine Ar beit schien ihm nicht klein und gering. Er schien nicht allein so zu empfinden, denn wenige Schritte von ihm stand ein Deckossizier, der den Rock abgeworfen hatte und mit einem Eifer schaufelte, als ob er von Berus Kohlenschipper gewesen wäre. Nun gingen schon seit zwei Stunden die Körbe herüber und hinüber, und noch war kaum zu sehen, daß es in dem Bauch des Kohlendampsers Platz gegeben hätte. So wenig wie hier von Leere zu spüren war, so wenig konnte man natürlich drüben auf „Breslau" und „Goeben" Fülle merken. So rasselte und arbeitete es weiter, um den gewaltigen Riesen und seinen klei neren Bruder satt zu machen. Die Luft in dem Kohlendampfer war staubig und schlecht, und es herrschte eine drückende Schwüle. Obwohl die Leute halb nackt arbeiteten, rann ihnen der Schweiß in Strömen am Körper herab. Aber kein Nachlassen der Arbeit, kein Langsamerwerden der Arme, in demselben Zeitmaß warfen die Schaufeln die Kohlen in die Körbe. Sie wußten alle, was es galt, und fie taten alle, was sie konnten. Nach vier Stunden, um drei Uhr, kam Ablösung. Rudolf Kersting wollte aus seinem Posten bleiben. Mit ihm mehrere andere. Aber die Offiziere litten es nicht. Rudolf Kersting war dem Deckoffizier aufgefallen, und als er auf Deck des Kohlendampfers geklettert war, rief er ihn zu sich und sragte kurz: „Auf „Breslau" oder „Soeben"?" „Nicht genommen," gab der Gefragte ebenso kurz zur Antwort. Aber der Offi zier dachte, daß sür solche Leute immer noch Verwendung sei, und sragte weiter: „Wes halb?" „Ich hatte mich als Heizer gemeldet, man hielt mich aber für zu schwach." „Da von habe ich während der letzten vier Stunden nichts gemerkt. Noch immer Lust?" „Selbstverständlich!" „Dann kommen Sie mit." Nachdem sie sich im Waschraum des Koklendampfers notdürftig gereinigt hatten, gingen sie an Bord der „Goeben". Der Deckoffizier hieß Rudolf Kersting auf dem Achterdeck eine Weile warten und ließ sich bei dem ersten Offizier melden. Rudolf Kersting stand an die Reeling gelehnt und be staunte nun aus nächster Nähe die überhöhten schweren Heckgeschütze, die drohend aus den beiden Panzertürmen hervorragten. An der Steuerbordseite und an Backbord be fanden sich noch zwei Panzertürme mit Geschützen desselben Kalibers. Wenn sie ihn nur brauchen könnten! Die gewaltige, schwer lastende Masse des Schiffes erfüllte ihn von neuem mit Bewunderung.45 Er verstand wenig von Kriegsschiffen, und die mächtigen Panzertürme und die drohenden Geschütze machten einen solchen Eindruck auf ihn, daß es ihm war, als wäre er auf einer uneinnehmbaren Festung. Er kam nicht mehr dazu, sich nach Einzelheiten umzusehen. Nach kurzer Zeit erschien der Deckoffizier wieder: „Angenommen, Heizer auf „Soeben"." Es überlief Rudolf ein merkwürdiges Gefühl. Der Bau des großen Kreuzers machte einen so sicheren Eindruck, daß er sich ganz wie geborgen vorkam. Mit den Worten: „Nun kommen Sie," schritt ihm der Deckoffizier voran. Sie kletterten auf langen Eisentreppen in den Maschinenraum hinab. Schon bevor sie ihn betraten, schlug ihnen öliger Dunst entgegen. Unwillkürlich blieb Rudolf Kersting bei dem Eintritt stehen. Seine Blicke glitten an der gewaltigen Welle entlang, die die Schraube in Be wegung setzen mußte, und die selbst von einer Dampfturbine gedreht wurde. Wieder überkam ihn das eigentümliche stolze Gefühl, das er beim ersten Anblick der beiden Kriegsschiffe empfunden hatte. Alles in diesem Raum kam ihm vor wie gebändigte Kraft. Zu einem Druck von ungeheurer Stärke wurde der Dampf in den Kesseln gesam melt. Seine Kraft hätte genügt, den Raum, in dem er stand, in tausend Stücke zu zer sprengen. Aber da war gerechnet und gesonnen, der Dampf war in bestimmte Bahnen geleitet, und feine Urkraft mußte dienen. Jetzt schlief er, die Menschen bestimmten ihm Zeit und Stunde. Dem Deckoffizier war das freudige Staunen auf dem Geficht des neu geworbe nen Heizers nicht entgangen. Er hatte ihm deshalb einen Augenblick Zeit gelassen, aber jetzt stieg er weiter hinab, weil ihn noch andere Aufgaben erwarteten. Als sie den Heizraum betraten, kam ihnen eine furchtbare Hitze entgegen. Un aufhörlich flogen die Kohlen in die weiße Glut, es war ein Schlagen von Ofentüren und ein Lärmen der Schaufeln, daß man kaum etwas verstand. Rudolf war im ersten Augen blick in der heißen staubigen Luft doch etwas betroffen. Aber wie er die Heizer halb nackt unermüdlich arbeiten sah, verschwand dies Gefühl. Er hatte ja so gern mittun wollen, und schwere Arbeit sollte ihm gerade die rechte sein. Der Deckoffizier winkte einen Oberheizer zu sich heran und teilte ihm mit, daß dieser hier Heizer in seinem Heizraum sei. Dann gab er ihm den Auftrag, Rudolf Kersting seine Schlafstelle anzuweisen, und riet diesem, die noch übrige Ruhezeit zum Schlafen zu verwenden. Dann verließ er den Raum. Der neue Vorgesetzte Rudolfs brachte ihn in einen großen Mannschaftsraum und wies ihm seine Hängematte an. Sie hing rechts nahe der Tür. Ehe er den Ober heizer noch hatte fragen können, ob zum neuen Kohlen geweckt würde, war dieser ver schwunden. Rudolf Kersting überlegte, was zu tun sei. In Wirklichkeit hatte ihn die anstrengende Arbeit mehr mitgenommen, als er sich hatte merken lassen. Er hatte des halb die Ruhe sehr nötig, fürchtete aber, sich zu verschlafen. Da richtete sich an der Hinteren Wand ein Matrose auf, der angekleidet in seiner Hängematte lag und rief ihm zu: „Leg dich man hin, diese Nacht gibts wenig Schlaf!" Rudolf erkannte in dem Rat geber einen der Schipper, die in dem Kohlendampfer mit ihm Körbe gefüllt hatten.46 „Wer weckt um sieben?" gab er zur Antwort. „Ich, schlaf man." Rudols wunderte sich im stillen, daß der Raum so leer war. Die er vermißte, waren sür die Erholungs stunden aus den „General" gegangen und saßen bei einem Glase Bier, das Kapitän Fiedler gespendet hatte. Er kam aber nicht mehr zu längerem Nachdenken. Bald lag er in tiefem Schlaf. Ununterbrochen sausten indessen die Kohlenkörbe durch die Lust, arbeiteten Kran, Winde und Schaufel, und noch waren die Bunker lange nicht gefüllt. Weiter, immer weiter. Inzwischen saß Vizeadmiral Souchon in seiner Kabine, die sich nur durch ihre Niedrigkeit von einem anderen einfachen, aber geschmackvollen Arbeitszimmer unterschied. Wer ihn hätte sehen können, dem wäre die ungezwungene Ruhe seines Gesichts ausgefallen. Ein englisches Geschwader im Osten war gemeldet, ein französisches im Westen, und noch lief Meldung auf Meldung ein, daß die Zahl der feindlichen Schiffe immer größer würde. Bei keiner der immer bedrohlicher klingenden Nachrichten zeigte sein Gesichtsausdruck eine Spur von Erregung. Jetzt saß er im Sessel vor seinem Schreibtisch und blätterte in einem Band, der Wiedergaben holländischer Maler enthielt. Er mochte so eine Stunde geruht haben, mit großem Interesse in die Bilder vertieft, da meldete ein Offizier, daß alles bereit wäre. Der Admiral hatte nämlich Be-47 fehl gegeben, alle Wertgegenstände, vor allem ein prachtvolles Kaiserbild, das in der Offiziersmesse hing, an Land zu schaffen. Die Offiziere wollten die Gelegenheit benutzen, Testamente zu machen und noch mancherlei zu ordnen, was sie selbst betraf. Sie wußten, es ging auf Leben und Tod. Kurz vor 7 Uhr, wie verabredet, wurde Rudolf Kersting geweckt. Vor ihm stand sein Ratgeber von vorhin und nötigte ihn, ein ordentliches Butterbrot, das er ihm mitbe sorgt hatte, zu essen. Während die beiden auf Deck stiegen, sragte der Matrose nach dem Woher, und erfuhr zu seinem Erstaunen, daß er einen Legionär vor sich hatte. Das sprach sich in den nächsten Stunden rasch herum, und die Flucht, die Rudolf Kersting mit seinem Freund unternommen hatte, um sich freiwillig zu stellen, verschaffte ihm bei seinen neuen Kameraden einigen Respekt. Punkt 7 Uhr erfolgte die Ablösung, und jeder ging an den Platz, den er vor her beim Kohlen eingenommen hatte. Als die Matrosen so wieder zur Arbeit antraten, mußte Rudolf Kersting daran denken, daß die Deutschen früher mit Gesang in den Kampf gegangen wären. So heiter kehrten diese Menschen zu ihrem schweren Dienst zurück, und er war überzeugt, daß sie in derselben Stimmung in den Kampf gehen wür den, den das Vaterland von ihnen verlangte. Das Kohlen ging indessen ununterbrochen weiter in einem nie gestörten Takt. Immer wieder hatte er das Gesühl, als ob in allen diesen Menschen, ja in den Kränen und Winden nur ein Wille lebte. Das klang wie ein Takt: Ihr habt es gewollt, wir wehren uns, Ihr habt es gewollt, wir wehren uns! Längst war die Sonne unter den Horizont gesunken, längst flackerten Hunderte von kleinen Lichtern unruhig hin und her, immer noch ging die mühselige Arbeit weiter. Unter den Mannschaften sprach es sich herum, daß morgen wahrscheinlich ein Ruhetag wäre, und mit doppeltem Eifer regten sich die Arme und bewegten sich die Schaufeln. Kurz vor 11 Uhr endlich waren die Bunker gefüllt, und wenige Minuten später lagen Rudolf Kersting und seine neuen Kameraden todmüde in ihren Hängematten. So wie die Leute lagen, so schlissen sie. Aber Rudolf fand noch keinen Schlaf. Die wenigen Stunden Ruhe am Nachmittag hatten die ärgste Müdigkeit verscheucht. Und dann all das Neue! An Bord eines deutschen Kriegsschiffes, mußte er immer wieder denken, und bald schon würde er mit dabei sein. Er war so stolz in seiner Heizerwürde, kein frisch beförderter General hätte stolzer auf seine Generalstreifen sein können. In dem Raum hörte man die ruhigen Atemzüge der Schlafenden. Nur gerade neben ihm warf sich ein Matrose unruhig auf seinem Lager hin und her und schien auch keinen Schlaf zu finden. Er war, wie Rudolf nachher erfuhr, für diesen Tag wegen Erschöpfung vom Dienst befreit ge wesen, hatte morgens geruht und nachmittags kurzen Urlaub an Land gehabt. Rudolf war das Herz so voll, und er mußte sprechen. Vorsichtig suchte er ein Gespräch anzu knüpfen. „Wieviel läuft die „Goeben" eigentlich?" fragte er halblaut.48 Wenn er nicht der Legionär gewesen wäre, hätte es sicher nicht so freundlich zurückgeklungen: „Achtundzwanzig Knoten." Pause. „Ob das wohl geraten wird, daß wir durchkommen?" „Ach gewiß, die passen ja nicht auf, und wenn sie uns stellen, dann kriegen sie ordentlich eins aufgepfeffert. Hast du schon unsere lieben Langen da oben gesehen, Ka merad? Da freu' ich mich schon darauf, wenn die einmal wieder im Ernst ihren Mund aufmachen." „Wieviel Engländer und Franzosen mögen hier auf der Lauer liegen?" „Das macht nichts, es kommt auf einen mehr oder weniger nicht an. Die sind ja nicht erst seit heute im Mittelmeer, und gestern haben wir die Franzosen doch im eigenen Heim besucht." „Wieso denn, was war denn gestern los?" „Wir haben ihnen an der Algerischen Küste guten Morgen gesagt." Rudolf traute kaum seinen Ohren und dachte, wenn das wahr wäre, hätte man ja leichter auf die „Soeben" kommen können. Dann sagte er: „Bis jetzt verstehe ich von der ganzen Geschichte kein Wort. Erzähle mal los." „Eigentlich sollten wir ja beide etwas Vernünftigeres tun, weil wir aber doch einmal nicht schlafen können, sei es denn. Eine Bedingung: ich bekomme dafür zu hören, wie du aus der Legion herausgekommen bist. Es muß ja nicht gerade diese Nacht noch sein." „Einverstanden, los!" „Eigentlich habe ich ja selbst von der ganzen Geschichte nichts gesehen, aber desto mehr gehört. Abends am 2. August dampften wir los. Am andern Morgen langten wir bei Sardinien an. Da wurde „Breslau" losgeschickt, fie sollte „Böne" beschießen. Wir nahmen Kurs auf Philippeville. Ich bin bei der ganzen Geschichte unten im Heizraum gewesen. Die andern haben's mir dann nachher erzählt. Morgens gegen 6 Uhr krachen auf einmal unsere Achtundzwanziger. Ich höre nur, wie sie Schuß auf Schuß abgeben, ohne daß ich etwas von einer Antwort merke. Wie haben wir uns nachher über den Spaß gefreut. Da muß im Bahnhof ein schöner Betrieb gewesen sein. Im Hafen haben auch schon die Schiffe fertig gelegen, die Truppen nach Frankreich bringen sollten. Da ist nichts von heil geblieben und der Bahnhof hat lichterloh gebrannt. Die haben gedacht, wir würden uns verkriechen und verstecken." „Wie ist es denn mit „Breslau" gegangen?" „Die hat es ihnen in „Böne" gerade so gründlich gegeben. Eine Kaserne ist zusammengestürzt. Von den 20 V0O Zuaven hat sicher mancher daran glauben müssen." „Und der Ausgang? Unbelästigt zurück?" „Ganz so einfach war die Geschichte nicht. Nach vollbrachter Arbeit sind wir nach Osten gedampft, haben „Breslau" getroffen und dann Kurs nach Westen ge nommen. Da haben die oben einen Funkspruch abgefangen: „Goeben" und „Breslau"Panzerkreuzer „Soeben" im Gefecht C. Schön, Berlin49 in westlicher Fahrt nach Gibraltar." Also da hatten wir sie glücklich so weit, wie wir sie haben wollten. Sie dachten, wir dampften in die Nordsee. Sosort gedreht, Kurs nach Osten. Und aus der Fahrt ist dann noch das Hauptstück passiert. Das mußt du dir eigentlich von einem, der oben war, noch einmal erzählen lassen. Nämlich auf der Fahrt nach Osten sind da plötzlich zwei breite Kerle vor uns aufgetaucht; die oben an den Geschützen haben geglaubt, es wären Franzosen, und sich schon mächtig gefreut. Es sind aber zwei Engländer gewesen. Unser Admiral hatte schon Nachricht, wie wackelig es mit den Brüdern stand. Die fahren also aneinander vorbei, jeder wäre dem andern gern an den Kragen gegangen. Wenn ich mir das vorstelle, muß ich immer noch lachen. Das muß ungefähr so gewesen sein, als wenn Schuljungens etwas untereinander auszumachen haben, sehen aber den Lehrer noch auf der Schul treppe stehen und müssen die Prügelei noch vertagen. Die mußten auch Frieden halten, weil die Herren in London noch keine andere Erlaubnis gegeben hatten. Die Brüder haben aber ganz genau gewußt, wie es stand, sonst wären sie uns nicht so dicht auf den Fersen geblieben; so eine Gemeinheit, der Krieg war noch nicht erklärt, da haben sie unsern Funkern schon immer dazwischen gefunkt, aber wir haben ihnen gezeigt, was „Breslau" und „Goeben" können. Die Gesellschaft hatte uns ja schon einige Kreuzer vor den Bug gesunkt und glaubte nun, sie hätte uns schon in der Falle. Aber noch hatte England den Krieg nicht erklärt. Wir hatten Dampf auf allen Kesseln und mit 25 Knoten legten wir uns ins Zeug. Als dann die Kriegserklärung kam,50 ging die Jagd los. Wer das Nennen gewonnen hat, weißt du ja. In meinem Dorf haben die Iungens einen feinen Grundsatz: Man muß hauen können, wenn es nötig ist, aber auch laufen. Ich glaube, daß „Soeben" und „Breslau" beides besser können als die Engländer und Franzosen." Als Rudolf Kersting nun noch verschiedene Fragen stellte, gab ihm sein Schlaf nachbar keine Antwort mehr. Mit: „Jetzt ist Schluß! Gute Nacht!" hatte er die Unter haltung abgebrochen. Aber er lag doch noch lange wach. Mit Gedanken an Paul Bäcker schlief er endlich ein. Morgens 6 Uhr tönte das Wecksignal durchs Schiff. Rudolf Kersting richtete sich hastig auf und sah sich zuerst verstört nach allen Seiten um. „Guten Morgen!" rief ihm sein Schlafkamerad zu: „Wir sind Goeben". Er konnte sroh sein, einen so freundlichen Nachbar getroffen zu haben, er hätte sich sonst auf dem Schiff leichter verlaufen als in Berlin. Zuerst ging's in den Waschraum, dann wurde gefrühstückt. „Wann Dienst?" Was wußte der neue Heizer, der bis jetzt nur beim Kohlen geholfen hatte, vom Dienst auf einem Schiff! Der Oberheizer wurde aufgesucht und gefragt. „Von 1 Uhr ab Heizerdienst, derselbe Raum wie gestern." Damit war er entlassen. Rudolf Kersting war aber so vorsichtig, sich noch einmal den Weg zu seiner Arbeitsstätte von seinem Stubenkameraden zeigen zu lassen. Dieser benutzte die Gelegenheit, ihn durch die wichtigsten Räume des Schiffes zu führen, soweit sie für Mannschaften zugänglich waren. Am längsten hielten sie sich im Batterie deck auf, wo die Geschütze aus nächster Nähe zu sehen waren. Gern hätte Rudolf Kersting seinen Freund aufgesucht, aber ohne Erlaubnis bürste er nicht von Bord gehen, und fragen mochte er nicht. Um 12 Uhr war Essensausgabe, und um 1 Uhr meldete er sich zum Dienst. Der Bevölkerung von Mesfina, wie der Besatzungen der neutralen im Hafen liegenden Schiffe hatte sich die höchste Spannung bemächtigt. Es war bekannt geworden, daß englische Großkampfschifse in der Nähe der italienischen Hoheitsgrenze lägen, und man wußte auch, daß die deutschen Kreuzer noch an diesem Tage auslaufen mußten. Von Stunde zu Stunde nahm die Menschenmenge zu, die im Hafen wanete, ob „Breslau" und „Goeben" trotz der ungeheuren feindlichen Übermacht den Durch-- bruch versuchen oder liegen bleiben und abgerüstet werden würden. Viele trieb ehrliche Teilnahme, die sich gern dem Schwächeren zuwendet, viele kamen aus bloßer Neugierde; gleichgültig blieb keiner. Wie ihr eigenes Schicksalempfanden die Matrosen der im Hafen liegenden deutschen Handelsschiffe die Sache der deutschen Kreuzer, und so zuversichtlich sie auch waren, so selten eine flaumachende Stimme laut wurde, so mischte sich doch in die Spannung atemversetzende Sorge. Daß sie nichts tun konnten zum Gelingen, daß sie untätig warten mußten, das steigerte die Unruhe zu qualvoller Heftigkeit. Genau so empfand die Besatzung der beiden Kreuzer, die außer dem gewohnten Dienst, der einen Teil in Anspruch nahm, zur Ruhe und zum Warten verurteilt war. Wer keinen Dienst hatte, kletterte aus dem Mannschaftsraum auf Deck, von Deck wieder in den Mannschaftsraum. Wenn die Zeit doch da wäre, daß es gälte: Du oder ich. Furcht hatte keiner. Aber die Schiffe, die Schiffe. Die mußten durch! Der Gedanke machte das Warten so arg. Am glücklichsten waren die, die gerade zu tun hatten. Seit 1 Uhr schaufelte Rudolf Kersting in dem für seine Begriffe glühenden Heizraum. Die neue Arbeit erforderte so sehr seine Aufmerksamkeit, daß er nicht zum Nachdenken kam. Um 5 Uhr kam Befehl: Dampf auf in allen Kesseln. Und doppelt arbeiteten die Heizer. Die Öfen fraßen nur so die Kohlen. Die Kreuzer wurden klar zum Gefecht gemacht. Die Winden hoben die Anker, und alles war bereit. Da bittet der älteste Unteroffizier, daß die Mannschaft das Admiralsdeck betreten dürfe. Der Admiral erlaubt es. Wer nicht unbedingt nötig ist an Maschinen und Öfen, klettert an Deck. Kopf an Kopf drängt sich die Besatzung. Erst ein Stoßen und Schieben, ein Raunen und Flüstern. Dann plötzlich tiefe Stille. Der Admiral spricht. Weithin schallt seine Stimme, einzelne Worte fliegen herüber zu den Zuschauern an den Kaimauern. Die Blicke der Matrosen hängen an seinem Gesicht voller Ruhe und ernster Zuversicht und vernehmen seine Worte: „Matrosen! Kameraden! Deutsche! Im Osten der Feind, im Westen der Feind, wir find umstellt. Uns geschieht, was Deutschland geschah. Rachgierige Franzosen, länderhungrige Russen und englische Krämerseelen schlössen ums Vaterland den Ring. Sie glaubten, sie könnten Deutschland erdrosseln, sie meinen, wir müßten uns mit den Schiffen ergeben. Ich weiß nur eine Antwort für Deutschland und uns: Durch! Seine Majestät Hurra! Hurra! Hurra!" Donnernd hallte das Hurra durch die Luft, und ein donnerndes Echo kam von der Menge im Hafen zurück. Und dann erklang aus tausend Kehlen trotzig und sest: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!" Die Deutschen im Hafen waren eingefallen, und es war wie ein machtvolles Brausen der einmütigen Kraft. Dann klang es weicher und inniger, stolz und froh: 5Z52 „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten ihren alten guten Klang, Uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang! Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang!" Immer größer war die Zahl der Deutschen in der harrenden Menge geworden, und machtvoller tönte es von den Schiffen zum Land und vom Land zu den Schiffen: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, Darnach laßt uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand. Einigkeit und Recht und Freiheit find des Glückes Unterpfand, Blüh' im Glänze deines Glückes, blühe, deutsches Vaterland!" Stumm stand die Menge im Hafen. Stumm und ergriffen standen die Matrosen. Sie fühlten alle dunkel, daß sie dem größten Augenblick ihres Lebens entgegengingen. „Nun gehe jeder an seinen Platz und tue seine Pflicht." Langsam leerte sich das Deck. Die Menge harrte fast atemlos. Da setzt sich die „Breslau" in Bewegung, „Goeben" folgt, und die scharfen Kiele durchschneiden das Wasser, daß die Wellen hoch aufschäumen. Tücher winken am Lande, Hüte werden geschwenkt. Kein Abschiedsruf will aus der Kehle. Schneller wird die Fahrt, „Goeben" passiert „Breslau" und übernimmt die Führung. Die Maschinen arbeiten mit äußerster Geschwindigkeit: die Schiffe sind den Blicken der Menge entschwunden. Lange noch steht sie wartend, ob nicht der Wind Kanonendonner herüberträgt, dann beginnt sie sich zu verlaufen. Unterdessen dampfen die Kreuzer mit 28 Knoten vorwärts. Längst ist die Sonne unter den Horizont herabgesunken; alle Lichter sind abgeblendet. Die Besatzung ist aus ihren Posten, ruhiger als bei dem langen Warten. Und im Kommandoturm der „Goeben" steht Admiral Souchon. Stahlhart das Gesicht und Wille die ganze Gestalt. Da taucht vor dem Bug die feindliche Torpedobootslinie auf. Die Boote dicht gedrängt. Befehl ergeht, der Scheinwerfer spielt, der Führer des Bootes geradeaus steht für einen Augenblick in blendendem Licht. Sieht nichts, zaudert, weicht aus. Und mit rasender Geschwindigkeit brechen die beiden Kreuzer durch die Lücke. Hoi ho! Rechts und links mächtige Schiffsleiber, jetzt blitzt es auf und kracht und prasselt. Die Geschosse hageln von links und rechts, der Panzerturm wird getroffen, ein Schorn stein beschädigt. „Goeben" und „Breslau" speien Feuer nach beiden Seiten. Dampf und Qualm um Freund und Feind. Feuerstrahlen schießen aus den Breitseiten. Da verzieht sich der Dampf. Rechts und links find die Engländer zurück. Die Heckgeschütze beginnen zu spielen, und in ihr dumpfes Dröhnen mischt sich das Krachen aus dem Batteriedeck.53 Und in den kurzen Pausen zwischen den Salven trägt der Wind einzelne zer flatternde Klänge über die Wasser: „Über alles in der Welt Einigkeit und Recht und Freiheit " Sie kämpfen und fingen. Rasende Hitze im Heizraum! Schaufel um Schaufel fliegt in den geöffneten Rachen der Öfen, aus deren Weißglut heiße Luftwellen schießen. Am Telephon steht Rudolf Kersting, der jüngste Heizer. Der Kommandam will sie zu ihrer stillen Heldenarbeit nicht auch noch die Qualen der Ungewißheit leiden lassen. „Englische Torpedolinie durchbrochen!" Das wissen sie und „mit englischen Schlachtschiffen im Gefecht." Salve auf Salve kracht. Immer wenn ein Schuß gelöst wird, geht ein Schüttern durch den stählernen Koloß. „Schornstein beschädigt!" ruft Rudolf in den Heizraum. „Ist das der Anfang vom Ende?" „Schiffe intakt!" schreit es vom Telephon her. Und ein Schein liegt auf den berußten Gesichtern, ist's von der Flamme oder von der Freude? Immer wieder löst die Eisenstange den Riegel der Ofentür, prasselnd sausen die Kohlen in die Glut, und die Tür schlägt zu. Jeder Muskel ist gespannt, und alles ist Wille. „Wir nähren die Gluten und schaffen den Dampf, der den Riesen treibt, der dort oben Feuer speit." Niemand sagt's, aber es liegt auf allen Gesichtern und in jeder Bewegung. „Englische Schiffe bleiben zurück!" Rudolf Kersting tut einen Sprung. „Hoi ho!" brüllt eine der schwarzen Gestalten. „Da, friß die Schaufel, und die und die!" „Gleich wie die Hölle, und wenn wir hier sieden und braten." „Glüh' nur, glüh' nur!" „Die Engländer, die Engländer!" lacht einer. Es ist ein Lachen und Triumphieren im Raum. In dem Lärm wird jeder Laut zum Brüllen, halbnackt stehen die Heizer da, wie die Urkraft selber, die den Koloß durch die Fluten treibt. Noch kracht Schuß auf Schuß hinüber und herüber. — Immer größer werden die Pausen. Der letzte Schuß wird gelöst. Die Geschütze schweigen. Da tönt's durchs Telephon, aber Rudolf Kersting versteht kein Wort. Es braust ein Hurra durch die Lust, durch alle Räume des Schiffes und ver schlingt jeden Laut. Immer aufs neue hebt es an und wogt in den Heizraum wie54 eine gewaltige Welle. Die Heizer brüllen Hurra, wissen nicht weshalb, wissen nur: Wir müssen durch sein! Dann wird's still, und jetzt kommt's von oben: „Englische Schlachtschisse außer Sicht." Einen Augenblick wollen die müden Arme sinken, einen Augenblick nur, dann prasseln wieder die Kohlen in die Glut. Und es ist, als ob die gewonnene Freiheit in den Bewegungen der Männer sich zeigte. Wie das Schiff ohne gesichteten Gegner frei wie mit Flügeln die Flut durchjagt, so ist hier unten nichts mehr von der Hast der aufgepeitschten Nerven zu verspüren. Die Glieder tun ihren Dienst schnell, aber ohne den furchtbar erregenden Antrieb unmittelbarer Gefahr. Auf Befehl des Oberheizers kletterte Rudolf Kersting durch den Schacht nach oben. Als er ins Batteriedeck kommt, stehen die Leute an den Geschützen und gucken nach achtern. Die Umrisse eines großen Kreuzers sind zu sehen, sonst nichts. Durch! Durch! steigt es wieder jubelnd in Rudolfs Herz auf. Er wendet sich, um den Kameraden im Heizraum zu berichten, da stößt er am Ausgang aus einen Offizier. Er steht wie erstarrt. Seine Augen werden weit. Ist das nicht sein Bruder? Mechanisch geht die Hand zur Mütze, er tut einige Schritte vorwärts, will die Hand ausstrecken, da trifft ihn ein kalter, verachtender Blick. Da läßt er die Hand sinken und geht vorbei. War das wirklich sein Bruder? Will der ihn nicht mehr kennen? Müde klettert er wieder hinunter. „Ach so, er hatte ja seines Vaters Namen gefälscht", lächelt er bitter. „Wie kann man da noch einem Offizier die Hand reichen wollen." „Ein Kreuzer an Steuerbord sichtbar", meldet er mechanisch und nimmt den Hörer wieder in die Hand. „Was will ich hier, was will ich in Deutschland?" geht es ihm durch den Kopf. „Ich bin ja ausgestoßen!" Und sein ganzes Leben, das er sich in den letzten Tagen wieder aufgebaut, dem er wieder einen Sinn gegeben hatte, indem er es einsetzen wollte für sein Vaterland, fällt vor ihm zusammen wie ein Kartenhaus. „Verachtet! Verachtet vom eigenen Bruder!" Da kracht ein Schuß, wieder einer und wieder einer. Auf „Goeben" schweigen die Geschütze. „ „Breslau" im Gefecht mit feindlichem Kreuzer!" tönt es durchs Rohr. Als ob ihn das nichts mehr anginge, so ruft er die Meldung in den Raum. „Mensch, was ist Ihnen denn?" Der Oberheizer steht vor ihm und sieht ihm prüfend in das wachsbleiche Gesicht. „Sie halten die Hitze hier nicht aus, gehen Sie nach oben." Rudolf Kersting geht; seine Stirn fiebert, in seinem Kopf hämmert es.55 Und „verachtet vom eigenen Bruder", denkt er immer wieder. Er steigt nach oben. Die „Goeben" ist jetzt außer Tragweite der feindlichen Geschütze. Auf Deck streicht ihm der kühle Nachtwind um den Kopf, ihn fröstelt, daß er sich schüttelt. So müde, so teilnahmslos! War das in den letzten Tagen nur ein Rausch? War er wirklich wert, daß der ihn verachtete?' Da bäumt es sich auf in ihm und kämpft und ringt mit den Gewalten, die seine Seele zurückzwingen wollen in die Düsterheit der algerischen Tage. Die feindliche Gewalt sagt: Er hat recht, du hast deines Vaters Namen gefälscht. Du bist nicht mehr sein Bruder. Und das gesunde Leben in ihm wehrt sich und sträubt s^ch. ,,<)ch hielt s nicht aus, ich mußte fort. Ich habe mich gefürchtet vor dem ungeliebten 5eruf. Daß ich so ging, ich hab's gewiß nicht gern getan." Allmählich wird er nchiger, steigt wieder nach unten und meldet sich zum Dienst. Der Oberheizer weist ihn fort, aber er bittet, unten bleiben zu dürfen. Da läßt er ihn kopfschüttelnd gewahren. Gefecht mit dem feindlichen Kreuzer ist beendet. Als die „Goeben" zur s " 5.^"^ ^ „Breslau" beigedreht hat, ist der Gegner ausgerissen. Die Funker funken sinnloses Zeug, damit er dem Gros in der Straße von Otranto nicht Nachricht geben kann; so geht's nach Osten. Immer noch 24 Knoten. Mitternacht. Kein Feind mehr in Sicht. „Erste Kriegswache schlafen!"56 Die Leute sinken in ihre Hängematte, und der Körper, der gehetzte und über reizte, fordert sein Recht. — Rudolf Kersting lag noch lange wach. Die erste Betäubung war vorüber; er wollte Klarheit mit sich haben. So hielt er denn Gericht über sich selbst und war sich ein strenger Richter. Das ganze letzte Jahr, das schlimmste im elterlichen Hause, ließ er vorüber gehen in seiner Erinnerung. Alle die Tage kamen ihm wieder, an denen irgend ein Zufall die Rede auf seinen künstigen Beruf brachte. So oft der Vater fest erklärt hatte: Du übernimmst die Firma, so oft hatte er widersprochen, nicht aus Eigensinn, sondern weil er fühlte, er konnte nichts leisten in diesem Beruf. Als ob es gestern gewesen wäre, so deutlich sah er alles vor sich; wie seine Mutter mit verweinten Augen durchs Haus ging, sein Bater bei Tisch nichts sprach und die Türen krachend ins Schloß warf. Wär's besser gewesen, wenn er dann immer geschwiegen hätte? So mancher Auftritt wäre dann unterblieben, das mußte er sich sagen. Aber das End ergebnis? War daran zu denken, daß sein Vater, wenn er sich anders verhalten hätte, nachgegeben? Er wußte genau, es war nicht so. Hätte er ihm den Willen tun und alle seine Pläne fahren lassen sollen? Bei diesem Gedanken ging ihm das damalige Muß mit befreiender Deutlichkeit durch die Seele. Nein, nein, er hatte in dem einen nicht anders gekonnt. Aber der Weg, den er gewählt? Hatte er da auch nicht anders gekonnt? Er war ehrlich und hart genug gegen sich selbst, um da ja zu sagen. Nur zwei Jahre hatten ihn von der Großjährigkeit getrennt, dann wäre der gerade Weg für ihn frei gewesen. Hätte er auch nicht zu dem geliebten Beruf geführt, so doch sicher weit ab von dem ungeliebten. Warum hatte er nicht gewartet? Da erhoben sich weichliche Stimmen in ihm und singen an, ihn zu entschuldigen: Er hatte dich ja aus dem Hause gewiesen! Und zwei Jahre noch dieser unerquickliche Streit fast jeden Tag mit dem eigenen Vater. Aber die anderen Stimmen in ihm sprechen lauter: Du hattest kein Recht auf den Weg! In dem Augenblick, da du deinen Willen seinem entgegenstemmtest, da du dich mündig machtest, hast du nach seinem Hab und Gut gegriffen, wie ein hilfloses Kind. Es war so wenig! Du hast seinen Namen geschändet! So fuhren die Stimmen in seinem Innern fort, sich untereinander zu ent schuldigen und zu verklagen. Und allmählich begannen sich die trotzig zusammen gekniffenen Lippen zu lösen, der bittere Zug um den Mund verschwand: Rudolf Kersting fühlte sich schuldig. Und doch drückte ihn dies Bewußtsein nicht mehr zu Boden. Was ihn damals getrieben, eine begeisterte Liebe zu allem, was deutsch war, das war ja in diesen Tagen, in dieser großen, schweren Zeit wieder in ihm aufgestanden. Was ihn damals bewegte, war gut gewesen. Und hatte es nichts Gutes gewirkt.57 hatte es ihn aus der Bahn geworfen, jetzt war er auf seinem Posten, den wollte er ausfüllen. Da kam die Ruhe! Und doch — der Bruder! Er dachte an ihn mit wehem Herzen. Hatte ihn der damals gar nicht ein bißchen verstanden? Er hatte doch sonst immer zu ihm gehalten, wenn ihn auch des Älteren Heftigkeit oft erschreckte. Hatte er nicht immer den besänftigenden Mittler zu machen versucht, wenn des Vaters und des Bruders Wille aufeinanderprallten? War das alles ganz aus? So lag er noch lange. Unterdessen ging Leutnant zur See Walter Kersting unruhig in seiner Kammer aus und ab. Manchmal war er stehen geblieben, um sich zum Schlaf auszustrecken, aber immer wieder hatte er seine unruhige Wanderung durch den kleinen, niedrigen Raum aufgenommen. Die Begegnung hatte ihn nicht weniger aufgeregt als seinen Bruder. Er sah jetzt immer noch das bleiche, verstörte Gesicht vor sich. Mehrere Male schloß er die Augen, als ob das ein Mittel wäre, es loszuwerden; vergeblich. Und in ihm ries es: Er ist doch dein Bruder! Aber jedesmal, wenn seine Gedanken da angekommen waren, sah er seinen Vater vor sich, wie er sich an zwei Stöcken durch das öde und stille Haus schleppte. Er wußte es noch wie heute. Als er mittags aus der Schule gekommen war, hatte ihm die Mutter gesagt, daß der Vater krank wäre. Es war wenige Wochen, nachdem der Ältere aus dem Hause gegangen war. Sie hatte ihm den Grund ver borgen, aber was er von ihr nicht ersuhr, das hörte er bald auf Umwegen. Es war ja stadtbekannt. Den Vater hatte ein so fürchterlicher Zorn gefaßt, daß er selbst, als man ihm die gefälschte Unterschrist ahnungslos präsentierte, die Richtigkeit bestritt. Am Abend desselben Tages hatte ihn ein Schlaganfall aufs Lager geworfen, von dem er sich nur als Krüppel wieder erhoben hatte. Das war des andern Werk. Und die Mutter! Er biß sich auf die Lippen, denn ihm war, als ob ihm Tränen kommen wollten. Schon in der ewigen Angst, in der sie durch die Uneinigkeit zwischen dem Mann und dem Sohn lebte, waren ihre Wangen bleich und schmal geworden. Jetzt welkte sie dahin, wie eine Pflanze, der man das Herzblatt ausgebrochen hatte. Der Gram um ihr Kind fraß an ihrer Seele. Beim Gedanken an die Mutter wurde er weich. Wie hatte sie den Bruder so lieb gehabt, und wie liebte sie den Bruder noch jetzt. Und er selbst? Hatte er als -Junge nicht immer zu ihm herausgeschaut? Er war der Erste in der Klasse, der beste Turner, ein guter Reiter, und wer weiß, was noch alles gewesen. Wieder wollte etwas von der alten Zuneigung in ihm aufsteigen und Macht gewinnen über alle bösen58 Erinnerungen aus dem Elternhaus. Da fiel ihm ein Tag ein, der ihm das Blut ins Gesicht trieb. Er war zur Aufnahmeprüfung gefahren, weil er Kadett werden wollte, da mußte im letzten Augenblick einer der lieben Nächsten, an denen es nie fehlt, der Behörde von der Verfehlung seines Bruders Nachricht gegeben haben. Das Ergebnis der Prüfung war allen sofort bekanntgegeben worden, nur ihm hatte man die schriftliche Zustellung versprochen. Sein Gymnasialdirektor war, statt schriftlich Auskunft zu erteilen, selbst nach Kiel gefahren. Er wußte von seinem damaligen Vorgesetzten, daß ihm dies die schon halb zugeschlagene Tür geöffnet hatte. „Halten Sie Ihren Namen hoch", war ihm damals gesagt worden. Und er hatte sich geschämt, daß er sich mußte sagen lassen, was selbstverständlich war. Und wollte er jetzt wirklich durch alles einen Strich ziehen, wer wußte, was der für ein Abenteuerleben hinter sich hatte? Sollten ihn die Kameraden über die Achsel ansehen und hinter ihm spötteln ob der feinen Verwandtschaft? „Ich kenne ihn nicht", das war der Schlußgedanke, mit dem sich Walter Kersting niederlegte. Aber ihm war nicht wohl dabei. Er war uneins mit sich. Rudolf blieb sein Bruder. Und dann — wie groß waren diese letzten Tage gewesen, nicht um alles hätte er sie hingeben mögen. Nun kam dieser unreine Klang in das stolze Schwingen seiner Seele von den Fahrten nach Philippeville und aus dem Messinaer Hafen. Walter Kersting schlief erst gegen Morgen ein, und im Traum trieben Anklagen und Entschuldigungen in seinem Kopf ein wüstes Spiel. Um 6 Uhr früh schrillte die Weckglocke. Rudolf Kersting erhob sich rasch, obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte. Die große Abrechnung hatte ihn ruhig gemacht. Er war nicht froh, aber auch nicht niedergedrückt. Er wollte seine Pflicht tun, und damit gut. Nachdem er sich angekleidet hatte, ging er in die Bottlerei und ließ sich zum Brot warmen Kassee geben, dann kletterte er an Deck. Da standen am Heck ganze Trupps von Matrosen und mehrere Heizer, die waren wie er eben dienstfrei. Alles sah nach Westen. In etwa 2000 Meter Entfernung folgt die „Breslau", mehr konnte Rudolf nicht entdecken. Endlich sah er weit, weit am Horizont ein dunkles Wölkchen, und als er näher hinzutrat, hörte er, daß es wieder der Kreuzer von gestern abend war. Ein Glas wanderte reihum, und sein Nachbar reichte es auch ihm. Da erkannte er deutlich die Umrisse des Schiffes, das er vor 12 Uhr gesichtet hatte, als er vom Oberheizer nach oben geschickt worden war. Also war die Jagd noch nicht zu Ende. Die Mannschaft war in ausgelassener Stimmung; die Bemerkungen, die über die Engländer laut wurden, waren nicht gerade schmeichelhafter Art. Einer spöttelte über die geringen Beschädigungen an einem Schornstein und an der Kommandobrücke, indem er meinte: die sind höflich, haben gut erzogene Geschütze, deren Geschosse weichen aus, wenn sie ein Hindernis in ihrer Bahn finden.59 „Wir sind Barbaren, das hat sich gestern abend wieder gezeigt. Wie kann man nur auf so feinen Schiffen, die noch dazu den Engländern gehören, etwas entzwei schießen? Das ist einfach roh!" „Na, die werden an ihren Kästen nett was zu flicken haben; wenn wir die Treffer gekriegt hätten, kröchen wir jetzt etwas langsamer nach Konstantinopel." Unterdessen war der englische Kreuzer näher gekommen. Alles blickte gespannt nach Westen. „Ob man den in eine Falle locken will?" „ „Breslau" wird doch keinen Maschinendefekt gehabt haben?" „Ach was, da hätten wir längst den Abstand verringert, da ist 'ne Absicht bei." So gingen die Meinungen hin und her, aber alles blieb ruhig. Der Engländer war noch nicht auf Schußweite. Eine Zeitlang warteten Matrosen und Heizer geduldig auf diesen Augenblick, dann verschwand einer nach dem andern. Viele gingen in die Bottlerei, andere legten sich noch eine Stunde in die Hängematte. Rudolf Kersting benutzte die Gelegenheit, einen Heizer nach dem Brauseraum zu fragen. Der Kohlenstaub drang durch den dünnen Drillanzug und legte sich mit dem Schweiß als eine dünne Kruste über den ganzen Körper. Bereitwillig führte ihn der Kamerad, meinte aber lachend, als er ihm die Tür zeigte: „Wasch' man nicht zuviel, da kommt heute abend doch wieder was bei."60 Rudolf zog sich aus und ließ sich das kalte Wasser der Brause über den Körper strömen. Wie gut das tat. Nachdem er sich wieder angekleidet hatte, wollte er sich erst in die Bottlerei begeben; als er aber in die Tür trat, schlug ihm Tabaksqualm und schlechte Luft entgegen. Nach dem erfrischenden Bad empfand er es doppelt. Gerade wollte er wieder nach oben steigen, da erdröhnte ein Schuß, noch einer — eine ganze Salve, und wieder eine. Die Tür der Bottlerei flog auf, und alles drängte nach oben, Rudolf mit. Das galt der „Breslau". Salve auf Salve wurde auf beiden Schiffen gelöst. Gerade drehte die „Goeben" bei, um sich an dem Gefecht zu beteiligen, da schlug auf dem englischen Kreuzer eine Feuergarbe hoch, ein Treffer der „Breslau". Der mußte gesessen haben, denn der Engländer drehte ab. Die „Goeben" traute sich nicht, die Verfolgung zusammen mit „Breslau" aufzunehmen. Wer wußte, wo das Gros der feindlichen Schiffe auf der Lauer lag. Um aber „Breslau" endlich Ruhe zu verschaffen, ließ Admiral Souchon sie passieren, um selbst den Schluß zu bilden. In dem Augenblick, als sie in Rufweite vorbeidampfte, ertönte auf „Goeben" ein donnerndes Hurra! Schon vorher hatte der Admiral signalisiert: „Breslau" gut! Aus beiden Schiffen war Feststimmung. Als einer am Heck der „Goeben" das Flottenlied anstimmte, pflanzte sich der Gesang über das ganze Oberdeck fort. Bei der Länge des Schiffes war das Zusammenhalten beim Singen schwer, und jeder sang sein eigenes Zeitmaß. Es war ein lustiges Durcheinander. Man sah diesen Männern nicht an, daß sie noch gestern abend dem Tode näher gewesen waren als dem Leben, und daß auch jetzt die Stunden der Gefahr und der schweren Arbeit noch lange nicht hinter ihnen lagen. Gesundheit, Krast und überlegene Freude am Ersolg ließ die Stimmung überschäumen. Am Heck hatten sie sich zu je Vieren unter den Arm gefaßt und wiegten sich nach dem Takt des Liedes: „Dir — woll'n wir — treu er—ge—ben sein." Rudolf Kersting hatte zuerst abseits gestanden, aber bald ward er von seinen neuen Kameraden mit hineingezogen. „Junge, Kamerad, tu mit, es gilt der da oben", dabei deutete er auf die Flagge. Und das Leben und die Jugend siegten. Er ward wieder froh. Ob ihm auch alles aus den Händen geglitten war, Elternhaus und Zukunft, eins hielt er fest: sein Vaterland. Das war jetzt hier auf diesem Schiff. Und mochte hinter ihm liegen, was da wollte, sein Leben würde nicht nutzlos sein, so lange er hier einen Platz ausfüllen konnte. Um 1 Uhr trat er seinen Dienst im Heizraum wieder an. Immer noch ging es mit Volldampf nach Osten, und die Heizer hatten keinen Feiertag. Aber Rudolf Kersting war auch nicht nach Ruhe zumute, er wollte schaffen. Der Oberheizer hatte ihn beim Dienstantritt aufmerksam gemustert, er hatte das wachsbleiche Gesicht von der vergangenen Nacht noch gut im Gedächtnis, denn erachtete auf seine Leute. Aber er sah den früheren Legionär seine Arbeit tun, als ob ihm nie etwas gefehlt hätte. Da nickte er und war zufrieden. Viel gesprochen wurde im Heizraum nicht, es war nie lange genug still, daß eine Unterhaltung hätte aufkommen können. Und während die Ofentüren knallten und die Schaufeln lärmten, mußte man ja brüllen, wenn man einander verstehen wollte. Nur hin und wieder flog ein abgerissener Satz zwischen den Kameraden hin und her. „Ob der Engländer jetzt wohl genug hat?" „Der wohl schon; wenn nur nicht im Osten noch was von der Gesellschaft sitzt und uns hier in die Quere kommt." „Möglich wär's schon, das Zeug ist ja häufig und lästig wie Ungeziefer." „Das ist allens nicht von Wichtigkeit. Wenn man nur die Kohlen langen. Für das übrige sorgen die oben am Geschütz und wir schon." Aller Gedanken galten dem Schiff. Rudolf Kersting hörte nur mit halbem Ohr. Wenn er mit der Eisenstange die Ofentür aufschlägt und in die Glut schaut, dann kommt immer wieder der ganze Stolz auf das deutsche Schifs über ihn. Hier unten sitzen sie und schüren die Flamme, die glüht das Wasser zu Damps. Er strömt aus den Kesseln in die Turbine, dreht die Welle, die Schraube, treibt das Schiff. Und das alles mit so untrüglicher Sicherheit, als er einen Arm ausstreckte. Und der Damps treibt eine andere Maschine, die bewegt das Steuer. Dieselbe Kraft strebt vorwärts und lenkt sich. Es ist wie ein ungeheures Wunder. So schwer sie hier unten körperlich arbeiten müssen, wie wenig Kraft setzen sie ein, wenn er bedenkt, welche Krast hier im Augenblick den Ozean durchfurcht. Wenn hier eine ganz winzige Kraft wirkt, wie vielfach mag die vergrößert sein, wenn sie in der Schraube ankommt. Sie stoßen nur an, und der Antrieb wird von Wärme und Wasserdampf vergrößert zu lawinenartiger Kraft. Das alles, weil die Menschen rechnen und denken können. Solche Gedanken gehen Rudolf Kersting durch den Sinn, und deshalb liebt er das Feuer. Darüber vergißt er fast die Hitze, die es auch in den Raum strahlt. Und wie gut müssen die Meister, die die „Goeben" bauten, gerechnet haben. Gejagt und gehetzt und immer noch frei. Das stolze Schiff! Sein Schiff, ein deutsches Kriegsschiff. Ja, er ist stolz, daß er ein Deutscher ist! Und da arbeitet es sich leicht, auch am ungewohnten Platz. Nur keine halbe Arbeit liefern, nur nicht halb den Platz ausfüllen. Und prasselnd fliegen die Kohlen in die Glut, die sie gierig verschlingt, und die Arme rühren sich unermüdlich und lassen nicht nach. Es ist doch schön, eine so stolze Fahrt auf so stolzem Schiff. Und Arbeit adelt! Verschwunden sind die Schatten der Nacht! Rudolf Kerstings Seele ist wieder srei und weit. Wie ist das Leben groß! öl62 3. Im sicheren Hafen. Am Nachmittag hatte ein feiner Sprühregen eingesetzt. Der Ostwind trieb ihn über das Deck, und wer dienstfrei hatte, verschwand bald in der gemütlichen Bottlerei, wo die Ereignisse der letzten Tage immer wieder besprochen wurden. Es war aber auch schon bekannt geworden, daß die Kohlen zur Neige gingen, und die Sorge um rechtzeitig gefüllte Bunker tauchte immer wieder im Gespräch auf. Sie sollten ihrer bald ledig sein. Gegen 6 Uhr abends wurde ein englisches Schiff gesichtet, das rasch als Kohlen- dampser erkannt wurde. Das Signal zum Stoppen wurde gegeben, aber der Engländer überhörte es geflissentlich. Inzwischen war auf „Soeben" die deutsche Kriegsflagge hochgegangen, als aber der Engländer trotzdem seinen Versuch, nach Osten zu ent kommen, fortsetzte, ließ der erste Offizier einen Schuß an seiner Backbordseite vorbei krachen. Das wirkte. Bald lag „Goeben" in einer Höhe mit dem Kohlendampser. Ein Boot wurde niedergelassen, und Leutnant Kersting ging mit 6 Matrosen an Bord der „Castle". Er ließ sich die Papiere geben und stellte fest, daß „Castle" 7t)O Tonnen Kohlen ge laden hatte. „Ein bißchen wenig", knurrte er ärgerlich. „Castle" wurde als gekapert erklärt und Leutnant Kersting übernahm das Kommando. Er hatte Befehl, einen kleinen Schlupfwinkel zwischen den griechischen Inseln auszusuchen, wohin die beiden Kreuzer langsam folgen wollten. Seine Leute freuten sich königlich über den Auftrag, war es doch das erstemal, daß sie ein gekapertes Schiff betraten. Die Engländer waren so überzeugt gewesen, daß ihnen im Mittelmeer keine Gefahr drohe, daß es eine ganze Weile dauerte, ehe sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatten. Der Kapitän schien sich am schwersten an den neuen Zustand gewöhnen zu können. Er versuchte noch einige Male, Besehle an die Matrosen zu erteilen, aber Leutnant Kersting verbat sich das so entschieden, daß er die Lust dazu verlor. Die „Castle" dampfte mit Volldampf nach Osten, während die beiden Dampfer langsam folgten. In dem Inselmeer, in dem sie bald anlangen mußten, konnte ihnen zu leicht eine Falle gestellt sein. Deshalb wurde das gekaperte Schiss als Fühler benutzt. Je länger die Fahrt dauerte, desto mehr blieben „Breslau" und „Goeben" zurück, und zuletzt waren sie nur noch undeutlich am Horizont sichtbar. Man hätte vermuten sollen, daß der Auftrag Walter Kersting in besonders srohe Stimmung versetzt hätte. Aber davon war nichts zu spüren. Hatte er auch in der Nacht zuvor geglaubt, die Brücke, die zu seinem Bruder führte, endgültig abgebrochen zu haben, so ließ ihm die Begegnung doch noch immer keine Ruhe. Der Gedanke daran verdarb ihm die Freude, die er sonst gewiß darüber empfunden hätte, daß er auf einem gekaperten Schiff Alleinherrscher war. Er wollte sich jedoch nicht eingestehen, worin63 seine schlechte Laune ihren Grund hatte, und stieß mehr als eine Verwünschung über das schlechte Wetter aus, das den Ausenthalt auf Deck immer ungemütlicher machte. Die Matrosen schüttelten im stillen den Kops; sie waren gewohnt, in Kersting einen wohlwollenden, freundlichen und gerechten Vorgesetzten zu sehen, und nun hatte er in den paar Stunden, die sie auf dem Kohlendampser waren, schon zweimal, einen wegen einer Kleinigkeit in den stärksten Seemannsausdrücken abgekanzelt. Sie ließen sich allerdings die Stimmung dadurch nicht verderben und waren stolz, als ob sie ein Königreich erobert hätten. „Das nennen die Engländer Herrschaft über die Meere." „Aber Mensch, die haben sie auch, nur nicht in dem Teil, wo wir gerade stecken." So flogen die Bemerkungen zwischen ihnen hin und her, während die englische Be^ satzung, soweit sie nicht Dienst hatte, sie ärgerlich beobachtete. Gegen 10 Uhr kam die als Schlupfwinkel bestimmte Insel in Sicht, und nach kurzer, gründlicher Untersuchung konnte Leutnant Kersting signalisieren, daß alles in Ordnung sei. „Goeben" warf an der Steuerbordseite der „Castle" Anker und „Breslau" an der Backbordseite. Alle Lichter aus den Schiffen wurden abgeblendet, so daß man bei dem trüben Wetter keine Hand vor Augen sah. Die Mannschaften wurden zum Kohlen verteilt. Dabei bekam Rudolf Kersting wieder seinen Platz im Kohlendampfer. Seine Arbeit war so verhältnismäßig leicht, während die Leute auf den Kreuzern schweren Dienst hatten. Der Wind hatte zugenommen, und es goß in Strömen. Dazu eine rabenschwarze Nacht. Rudolf Kersting, der bis 7 Uhr Dienst im Heizraum hatte, tat seine Arbeit, ohne viel auf seine Umgebung zu achten. Von dem, was neben ihm ge sprochen wurde, hörte er nur die Klänge, ohne daß seine müden Gedanken den Sinn aufgenommen hätten. Da fiel auf einmal neben ihm der Name Bäcker. „Et fall ainen von dä Frischen sin, dä se in Messina opnommen hett." „Wä sagget?" „Eck drap soem äinen von „Breslau"." „Un wi hitt dä dat kriegen?" „Van Nommidag, do sall ne Kuggel unner Water inschlagen sin, dä maut an Rohr wat kaputt makt hem." Rudolf Kersting hatte genug gehört. Da war er die letzten Tage so mit sich selbst beschäftigt gewesen, daß er kaum an den Freund gedacht hatte, und nun lag der offenbar hilflos. Hastig fragte er den einen, der es erzählt hatte: „Verbrannt oder was? — es ist ein Freund von mir." „Mit Dampf verbrannt, es soll leider schlimm sein", bekam er zur Antwort. Das war eine lange Nacht. Endlich um 4 Uhr war die „Castle" leer. Die „Goeben" hatte 400 Tonnen genommen und „Breslau" dreihundert. Hastig wusch sich Rudolf und erbat sich von seinem Oberheizer eine Stunde Urlaub.64 „Grund?" „Ein Freund von mir auf „Breslau" soll sich schwer verbrannt haben." Der Oberheizer bedauerte, daß er ihm keinen Urlaub geben könne, und wies ihn an den Deckoffizier. Dieser erteilte ihm den Urlaub gern. Kurze Zeit darauf stand er im Lazarett der „Breslau". Es hatte Mühe gekostet, bis man ihn durchgelassen, denn Paul Bäcker lag mit hohem Fieber bewußtlos. Der ganze Kopf war verbunden, die Arme, wie es schien, der ganze Körper. Paul Bäcker erkannte den Freund nicht. Er rief immer wieder nach seiner Mutter. Rudolf stand nur einen Augenblick, sah in die fieberglänzenden Augen und ver folgte den irren Blick. Da lief ein Zittern durch seinen Korper. Man mußte ihn hinausführen. Nachdem er sich von der Erregung ein wenig erholt hatte, die der Anblick des furchtbar leidenden Freundes bei ihm bewirkte, fragte er dringend nach dem Arzt. Dem diensthabenden Maat im Lazarettraum war die tiefe Erschütterung Rudols Kerstings nicht entgangen, und er meldete ihn deshalb, entgegen der Regel, beim Schisssarzt. Rudols bat ihn mit gepreßter Stimme um Auskunft über den Zustand seines Freundes. Er bekam die Wahrheit zu hören. Es ging aus Leben und Tod. Gleich zeitig erfuhr er auch, daß Paul Bäcker, solange er bei Besinnung gewesen, die rasenden Schmerzen verbissen und keinen Laut der Klage hatte hören lassen. Erst seit das hohe Fieber ihm die Besinnung geraubt, hatte er so herzzerreißend nach seiner Mutter zu jammern begonnen. Rudolf fragte den Arzt, ob überhaupt noch Hoffnung wäre. Dieser sagte ihm, daß alles vom Verlauf der nächsten 24 Stunden abhinge. Ginge das Fieber zurück, so daß man eine Operation wagen könne, so sei noch Rettung möglich. „Was sür eine Operation kann denn da vorgenommen werden?" „Die am ärgsten verbrühten Stellen werden durch Teile eines gesunden Menschen ersetzt." Da bat er, daß er dazu genommen werden möchte, und als der Arzt nicht gleich darauf einging, fing er an, zu erzählen von dem furchtbaren Leben in Südalgerien und von allem, was ihm der Freund in dieser Zeit gewesen war. Kleine Züge erwähnte er, die sich ihm eingeprägt hatten, wie der Freund ihm das Gepäck abgenommen, sein Wasser mit ihm geteilt. Und er wußte kein Ende. Der Arzt schrieb ihm dann auf seine Bitte einige Zeilen, die er zur Urlaubs bewilligung brauchte. Damit ging er, noch ehe seine freie Zeit um war, zum ersten Offizier. Der drückte ihm, nachdem er den kurzen Brief durchflogen hatte, die Hand und bewilligte sein Gesuch. „Sie haben Urlaub auf „Breslau" auf unbestimmte Zeit." Rudolf hatte sich ganz gefaßt und wollte um die Erlaubnis bitten, daß er dem Pfleger Pauls behilflich sein dürse. Das war immer noch erträglicher als das bloße Warten.^'nc/i emei- engkisc/ien .4,,/iia/imeGeschützmannschast des „Charlemagne" iin Kamps. Die Leute haben Mützen um den Kops gezogen zum Schutze des Gehörs bei den Explosionen ihrer und der türkischen Kanonen.Der Arzt gab ihm die Erlaubnis, und als Rudolf nun leise den kleinen Lazarett raum betrat, fand er den Freund ganz still. Aber der Pfleger flüsterte ihm zu, daß es nur augenblickliche Erschöpfung wäre. Es dauerte denn auch wirklich nicht lange, da begann er wieder irre zu reden. „In den Schatten legen, in den Schatten, hier brennt die Sonne so", dabei warf er sich herum und griff nach dem fiebernden Kopf. „Ich hab's nicht getan, Mutter, wirklich nicht. Ein anderer muß dem Meister das Geld weggenommen haben. Sicher nicht, Mutter." Das sagte er ganz still, dann auf einmal viel lauter: „Mutter, wie die lügen können! Sieh mal hier die Suppe, sieh mal, sieh mal!" Er hatte sich aufgerichtet und hielt die Hände hin; seine beiden Pfleger beob achteten ihn aufmerksam, während sein Blick an ihnen vorbei ins Leere ging. O, die haben mir soviel versprochen, Mutter, soviel! Alles gelogen — und da« Geld, Mutter, das habe ich wirklich nicht genommen. — Ist das heiß — so heiß!" Er war immer aufgeregter geworden. „Spring doch, Rudolf, spring, es ist ja nicht hoch. Komm, ich spring erst." Dabei hatte er sich aufgerichtet. Rudolf beugte sich ganz nahe über ihn. „Kennst du mich denn gar nicht, Paul?" „Laß mich los, laß mich los, ich will nach Haus; die sollen mich nicht wieder kriegen, ich will nach Haus, nach Haus" Die beiden Pfleger mußten alle Kraft anwenden, den Fiebernden auf seinem Lager festzuhalten. So ging es den ganzen Vormittag mit kurzen Pausen der Erschöpfung. Von Zeit zu Zeit mußte Rudolf den Blick von dem schmerzverzerrten Gesicht abwenden, weil er es nicht mehr ansehen konnte. Endlich um 2 Uhr wurde Paul Bäcker längere Zeit ruhiger, zwar kam kein Schlaf, aber er lag still da. Um 8 Uhr kam der Arzt, stellte selbst die Temperatur fest und nickte Rudolf zu: „Es ist Hoffnung. Ruhen Sie jetzt, damit Sie bei Kraft bleiben." Mit einem schmerzlichen Blick auf den leidenden Freund ging er hinaus. Er meldete sich mit seinem Urlaubsschein bei einem Deckoffizier und bekam einen Platz und eine Hängematte angewiesen; der große Mannschaftsraum war noch fast leer. Nach dem Kohlen in der Nacht hatten die Leute geschlafen, dann Dienst getan und saßen jetzt, soweit sie frei waren, in der Bottlerei. Rudolf Kersting hatte weder Lust, selbst zu sprechen noch ein Gespräch anzuhören, deshalb war es ihm lieb, als er alles so ruhig sand. Er war nun 36 Stunden auf den Beinen, aber schlafen konnte er doch nicht. Wegen was für einer Dummheit hatte der arme Große das Elend da unten in Algerien durchkosten müssen. Offenbar war sein Lehrmeister bestohlen und er verdächtigt worden. Und aus Angst und Scham, daß die Mutter ihm nicht glauben könnte, war er davongelaufen. So ähnlich mußte es gewesen sein nach dem, was er soeben gehört.66 Was mußten dem die Werber für goldene Berge versprochen haben! Jetzt ver stand er auch aus einmal, weshalb ihm Paul Bäcker niemals gesagt hatte, wie er in die Femdenlegion geraten war: „Dummerjungenstreich", hatte er immer abgewehrt. Die beiden Kreuzer lagen immer noch in dem Schlupfwinkel, in den sie in der Nacht eingelaufen waren. Es war eine schmale Bucht, rings von Höhenzügen ein geschlossen, daß nur ein enger Eingangskanal übrig blieb. Admiral Souchon hatte sich entschlossen, hier auf Nachricht aus Konstantinopel zu warten, wo der deutsche Gesandte mit der türkischen Regierung über den Verkauf der beiden Schiffe verhandelte. Doch die Zeit war zu kostbar, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. An der Küste wurden kleine Wachkommandos aufgestellt, die nach vorbeifahrenden Handelsdampfern Aus schau halten und vor nahenden Kriegsschiffen warnen sollten. Aber der Tag und die Nacht gingen vorüber, ohne daß der Wachdienst außer einem Gefühl der Sicherheit einen Erfolg gezeigt hätte. Am 9. August morgens um 11 Uhr endlich meldete die Wachmannschaft am Ostufer einen Handelsdampfer. „Goeben" und „Breslau" lagen unter Dampf, und so ließ Admiral Souchon den großen Dampfer, an dessen Mast man bald die englische Flagge erkannt hatte, ruhig herankommen. Als er so nahe war, daß er nicht mehr entschlüpfen konnte, fuhr „Breslau" mit gehißter Kriegsfahne aus der Bucht heraus und befahl dem englischen Schiff zu stoppen. In demselben Augenblick traten auf beiden Kreuzern die Funker in Tätigkeit, damit die Beute ihnen nicht englische Kriegsschiffe auf den Hals Hetzen konnte. Als der Offizier, den der Kommandant der „Breslau" an Bord des angehaltenen Handelsdampfers „Bristol" gesandt hatte, das Verzeichnis über die geladenen Güter durchgesehen hatte, schmunzelte er befriedigt: „5WO Tonnen Kupfer, das war ja ein wertvoller Fang! Ob sich die nicht nach Konstantinopel schleppen ließen?" Ein Boot ging nach der „Breslau" zurück und brachte die Meldung von der Ladung. Aber Admiral Souchon entschied, daß die Ladung versenkt werden solle. Er vermutete nicht ohne Grund, daß er auf der Fahrt nach den Dardanellen noch mit englischen Kriegsschiffen in Berührung kommen könne, und ehe ihm die die fette Beute wieder wegschnappten, sollte sie schon lieber aus dem Grund des Meeres ruhen. Die Besatzung der „Bristol" bekam eine halbe Stunde Zeit, Kleidungsstücke und Nahrungsmittel an Bord der „Castle" zu schaffen, dann wurden einige Kielplanken gelöst, die „Bristol" begann langsam Wasser zu fangen und versank nach kurzer Zeit in die Tiefe. Die Besatzung der beiden deutschen Kreuzer, die das untätige Stilliegen nach den Leistungen der letzten Tage schon langweilig gesunden hatte, war in übermütiger Stimmung. Die „Wacht am Rhein", das „Flaggenlied" und „Deutschland, Deutsch land über alles" wechselten einander ab. Es sang auf Deck, es sang in der Bottlerei, in den Gängen und Schächten, es summte und pfiff überall, auf dem ganzen Schiff war die Freude des Erfolgs.67 Um diese Zeit lag Rudolf Kersting müde und bleich in seinen Kissen. Die Operation war noch nicht lange vorüber, und die frischen Fleischwunden schmerzten und brannten wie Feuer. Aber kein Laut kam über seine Lipppen, und seitdem ihm der Arzt vor einer halben Stunde gesagt hatte, daß Paul Bäcker ruhig schliefe und die Krisis vorbei sei, spielte von Zeit zu Zeit ein zufriedenes Lächeln um seinen Mund. So arg die Schmerzen waren, er war innerlich so froh: „Der gute Große", dachte er immer wieder. — Um 9 Uhr abends kam funkentelegraphifch die Nachricht, daß die beiden Kreuzer verkauft seien. Der Admiral ließ es sofort durch alle Räume bekannt geben, da er wußte, wie sehr seine Leute an den Schiffen hingen. Im übrigen beeilte er sich mit dem Auslaufen aus dem sichern Versteck durchaus nicht. Es sollte erst gänzlich Nacht werden und alles zur höchsten Schnelligkeit bereit sein. „Dampf auf in allen Kesseln", ließ er durchs Telephon Befehl ergehen. Und in den Heizräumen wurde die Tätigkeit verdoppelt. Der gekaperte Dampfer „Castle" war ursprünglich bestimmt gewesen, seine eigene Besatzung und die der „Bristol" im nächsten Hafen an Land zu setzen. Aber sicher war sicher. Es war doch entschieden besser, wenn die Engländer hier in diesem verlassenen Schlupfwinkel warteten, bis sie von einem vorbeifahrenden Dampfer aufgenommen wurden, als daß sie ihm, wenn ihnen das Glück günstig war, englische Kreuzer in den Weg schickten. So gab denn der Admiral Befehl, daß auch die „Castle" versenkt werden solle. Nachdem man der Besatzung der beiden Schiffe genügend Zeit gelassen hatte, sich mit Proviant, Kleidungs stücken und Decken zu versehen, mußte sie an Land gehen, und der englische Kohlen dampfer war bald in den dunkeln Fluten verschwunden. Es mochte wohl 10 Uhr sein, da wurden auf beiden Kreuzern die Anker gelichtet, und sie glitten langsam aus der Bucht heraus. Die Lichter waren abgeblendet, und die dunkle Masse der Schisse hob sich nur auf ganz kurze Entfernung von dem Schwarzgrau des Meeres und des Himmels ab. Nach Mitternacht begann sich der Himmel aufzuhellen, und der Mond brach aus dem Gewölk. Die Wache hatte jetzt einen etwas weiteren Ausblick, aber nirgends war etwas Verdächtiges zu sehen. So ging es mit Höchstgeschwindigkeit nach Norden, ohne daß ein Schiff des großen englischen Mittelmeergeschwaders sie belästigt hätte. Am Morgen — die Sonne sandte ihre ersten Strahlen über den Horizont — näherten sie sich den Dardanellen. Wer nicht gerade Dienst hatte, lag und schlief und ahnte wenig davon, daß er dem sichern Hafen schon so nahe war. Die beiden Kreuzer verlangsamten ihre Fahrt. Da wurde auf einmal in nächster Nähe ein Schuß gelöst, noch einer und noch einer, und jetzt krachte eine ganze Salve durch die Morgenstille. Die Mannschaft sprang aus ihren Hängematten auf. Was war denn los? Ein Gefecht?Alles eilt an Deck. Da lag links vor den Überraschten ein eckiges Kastell. Eben ging die türkische Fahne hoch. Da brauste ein donnerndes Hurra von den beiden Kreuzern als Antwort auf den ehernen Gruß herüber zu dem türkischen Fort Siddil Bahr. Da griffen auch schon die Geschütze von Kum Kaleh ein in das große Empsangskonzert. Langsam glitten die Schiffe weiter durch die Enge. „Dat es man gut, da wie hier im Gun dögelaten wät, dat es hier verflixt man enge", meinte einer, der aufmerksam seine Blicke von dem europäischen zum asiatischen Ufer hatte gehen lassen und nun ungefähr die Entfernung wußte. Nach kurzer Fahrt kam links Fort Medschidieh und rechts Hamidieh in Sicht. Und wieder donnerten die Geschütze zu Ehren der schwarz-weiß-roten Flagge. „Dat es jo gerade as wie op em Schützenfest, äine Ehreporte no de annere." Alles, was nicht unbedingt an Maschinen oder Öfen zu tun hatte, war nach oben geklettert. Es wurde gelacht und gesungen. Der älteste Unteroffizier bat auf Wunsch der Mannschaft den Offizier vom Dienst, daß die Kapelle einige Lieder spielen möge. Und bald glitten die beiden Kreuzer unter den Klängen des Flaggenliedes langsam weiter durch die Enge. Die Matrosen wiegten sich nach dem Takt des Liedes und waren in ausgelassenster Stimmung. Die Weinberge, die sich rechts und links an den Höhen hinzogen, und manchmal sogar ein Stückchen Eichenwald erinnerten an die deutsche Heimat. Alles wurde auf merksam geprüft und beobachtet, denn hier würden sie ja für die nächste Zeit bleiben. Die niedrigen einstöckigen Häuser, die einzeln an den Hängen standen und sich nur selten zu Dörfern zufamenschlofsen, stachen von einem soliden deutschen Dorf scharf genug ab, aber die Sonne lag jetzt auf den flachen Dächern, und Sonne war in allen Herzen. Wie hätten sie da etwas nicht schön finden sollen! Es mochte 6 Uhr geworden sein, da langten die beiden Kreuzer vor Kilid Bahr an. Das Städtchen liegt so dicht am Wasier, daß es den Eindruck macht, als hätte es sich an den Hügel gesetzt und die Füße ins Meer gestreckt. Die Nachricht von der Ankunft der deutschen Schiffe mußte sich schon bis hierher oerbreitet haben, denn viele Häuser hatten geflaggt. Und zwischen dem Zeichen des Halbmondes flatterte das frische Schwarz-Weiß-Rot. Landsleute! Landsleute! Gerade als die beiden Schiffe Anker warfen, da donnerten vom Fort Dardanos, das weiter im Innern der Enge an der asiatischen Seite liegt, die Geschütze. Das Dröhnen der Kanonen weckte in den Herzen der Matrosen frohen Widerhall. Zwar hatten sie bei der Kunde von der italienischen Neutralitätserklärung nur Ver achtung empfunden und keine Furcht; sie hatten auch allein nicht verzagt, aber es tat doch wohl, nach so langer Hetzjagd bei Freunden im sichern Hafen so herzlich empfangen zu werden. Die beiden Kreuzer lagen dicht beieinander. KS69 Vor der Ausfahrt aus Messina hatte sich die Besatzung zu ihrem Kommandanten gedrängt, jetzt beschied Admiral Souchon seine Matrosen zu sich. War das jetzt eine fröhliche Bewegung auf dem Admiralsdeck gegen den Ernst wenige Tage vorher. Als Admiral Souchon das Deck betrat, klang ihm ein dankbares Hurra entgegen; niemand wußte, wer es zuerst gerufen, es hatte eben allen in der Seele breitgelegen. Immer aufs neue hob der Jubel an und wollte kein Ende nehmen. Endlich wurde es still, und der Kommandant sprach zu seinen Leuten: „Soldaten, ihr habt mich mit frohem Dank empfangen, und ich danke euch! Wir sind im sichern Hafen, das ist euer aller Werk. Die Fahrten im Mittelmeer liegen jetzt hinter uns, und neue Arbeit liegt vor uns." Er ließ eine kleine Pause eintreten. Die schwarz-weiß-rote Flagge sank am Mast und die blutrote türkische ging hoch. „Auf einen andern Posten stellt uns unser Kaiser. Dient der neuen Flagge, wie ihr der alten gedient habt, dann dient ihr dem Vaterland. Seine Majestät Hurra' Hurra! Hurra!" Als das Hurra erklungen war und der Gesang anheben wollte, winkte der Admiral Ruhe. „Am 7. August ist die Festung Lüttich von den Deutschen im Sturm genommen worden. Das stärkste Hindernis auf dem Marsch durch Belgien ist dadurch beseitigt." Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann brach der Jubel los. Einer hebt an, mehrere fallen ein, und dann pflanzt es sich über beide Schiffe wie eine gewaltige Welle fort: „Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Heil Kaiser Dir!"70 Am Strand waren unterdessen die wenigen Deutschen aus Kilid Bahr zusammen geeilt, einzelne Türken hatten sich unter sie gemischt, und die gehißte türkische Flagge ließ ihre Zahl immer größer werden. Boote wurden am Ufer gelöst, die Landsleute legten an der Backbordseite der beiden Kreuzer an und erstiegen die Treppen, die zum Deck sührten. Und es war ein Händedrücken und Erzählen, als ob man sich seit zwanzig Iahren gekannt hätte. In mächtigen Körben trugen die Boote Obst, Wein, Schokolade, Zigarren, Zigaretten zu den Schiffen, und die Spender drückten den Matrosen die Gaben in die Hände. Sie wanderten über das Deck, bestaunten die gewaltigen Panzertürme und die mächtigen Geschütze und fühlten die Schiffe unter sich wie ein Stück Heimatboden. Die Zahl der Türken, die sich an dem frohen Willkomm beteiligte, wurde immer größer. Rasch hatte es sich herumgesprochen, daß die beiden stattlichen Schiffe jetzt im Besitz der Türken wären, und die gehißte rote Flagge gab dem Gerücht recht. Obwohl die Bewohner von Kilid Bahr wenig davon wußten, daß es in Konstantinopel be schlossene Sache war, an der Seite Deutschlands in den Krieg einzutreten, so ahnten sie doch, daß Großes im Werden war. Und überdies: wer mit Rußland im Kriege liegt, kann in der Türkei immer auf einen herzlichen Empfang rechnen. Mancher Krug voll türkischen Weins wurde an Deck geleert, manche Flasche wanderte in die Bottlerei und in die Mannschaftsräume, wo dann am Abend der Morgenbesuch an Algeriens Küste, der Ausbruch aus Messina und alle die andern Streiche, wie die Matrosen es nannten, gebührend gefeiert werden sollten. Der Admiral hatte den Dienst für den heutigen Tag gestrichen, mit Ausnahme von dem, der auf einem Kriegsschiff immer zu tun ist. Die Kapelle war auf dem Achterdeck versammelt, und mehr als einmal klang es am Morgen des 10. August über die Wasser der schmalen Meerenge: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!" Inzwischen lag Rudolf Kersting im Lazarett. Ein Buch neben ihm war zu geklappt; wie hätte er jetzt noch weiterlesen können! Der Jubel vom Deck war bis in die stillen Lazaretträume gedrungen, und da glücklicherweise bei keinem Kranken irgendeine Gefahr war, hatte er hier laute oder stille Freude ausgelöst. „Lüttich gefallen! Lüttich gefallen in so kurzer Zeit!" Da lachten die Gesichter aus den Kissen. Eben war der Arzt von Rudolf Kersting gegangen. Er hatte bald gemerkt, daß dieser einer andern Schicht entstammte als die übrigen Matrosen und Heizer. Er wußte nun von der Flucht aus Piaret und hatte dem tapferen Jungen beim Abschied kräftig die Hand gedrückt.71 Rudolf Kersting freute sich noch aus einem andern Grunde. In zwei Tagen sollte seine Betthängematte in den Raum, wo der Freund lag, geschafft werden. So lange mußte er sich noch gedulden, weil Paul Bäcker noch zu schwach war, um die geringste Ausregung zu ertragen. Er nahm sich vor, dem Freunde vorzulesen und ihm nach Möglichkeit die Zeit zu vertreiben, weil er sich dachte, daß dem kräftigen Menschen, der bis jetzt kein Kranken lager gekannt hatte, das Stilliegen schwer fallen müsse. Seit der Begegnung mit dem Bruder fühlte sich Rudols noch fester mit dem Freund verbunden. Der war der einzige Mensch, den er hatte. Am Abend des gleichen Tages waren die Offiziere der beiden Kreuzer in der großen Offiziersmesse der „Goeben" versammelt. Alle Birnen brannten, der Raum war festlich erleuchtet. Admiral Souchon saß unter seinen Offizieren. Aber er war erst gekommen, nachdem er einen Rundgang durch die Mannschaftsräume gehalten hatte, wo die Matrosen und Unteroffiziere den Tag feierten. In der Offiziersmesse hatte ihn eine freudige Überraschung erwartet. Östlich von Kilid Bahr erstreckt sich nahe der Küste ein kleiner Eichenwald. Die Offiziere hatten die deutschen Landsleute aus dem Städtchen verständigt, und ohne daß der Führer der beiden Kreuzer etwas davon gemerkt hatte, war Eichenlaub aus „Goeben" geschafft worden. Damit hatten sie den Sitz des verehrten Führers bekränzt. Admiral Souchon stand beim Eintreten einen Augenblick erstaunt, schritt dann zu seinem Ehrenplatz und nahm sosort das Wort: „Kameraden! Die Gefühle, die Sie mit dem Schmuck von Eichenlaub zum Aus druck brachten, erfüllen mich mit Stolz. Aber noch ist eigentlich nicht die Zeit, daß ich solchen Schmuck an meinem Platze dulden darf. Erst ein wirklicher Sieg! Was wir bisher erreichten, danke ich der Hingabe der Besatzung und Ihrer Ausbildungsarbeit, die sie zu den Leistungen befähigte. Für alle, die an dem Erfolg der bisherigen Fahrten beteiligt find, möchte ich deshalb die mir bestimmte Huldigung annehmen. Aber ich wünsche, daß der Tag kommt, an dem Sie alle und mit Ihnen der letzte Mann den Kranz von Eichenlaub sich im Kampf verdient haben. Und er wird kommen! Ich kann mich jetzt bestimmter ausdrücken, als es mir heute morgen möglich war. Ich habe die sichere Hoffnung, daß wir bald inmitten der übrigen türkischen Schiffe, und manche von Ihnen an bevorzugter Stelle, unsere Kraft mit derjenigen der Russen messen werden. Wenn der Augenblick kommt, dann ran an den Feind! Ich wiederhole es Ihnen noch einmal: Sie stehen unter der türkischen Flagge im Dienst Ihres obersten Kriegsherrn. Und wenn mancher von Ihnen vielleicht ein Kommando in der Nordsee seiner jetzigen Lage vorgezogen hätte, so bedenken Sie, daß es für alle gilt, dem Vater land an dem ihm bestimmten Platz zu dienen. Seine Majestät Hurra! Hurra! Hurra!" Damit war der Bann gelost, der so oft bei festlichen Versammlungen zuerst über den Teilnehmern liegt und keine rechte frohe Stimmung auskommen läßt. Bald klangen72 die Gläser hell durch den Raum, und eine lebhafte Unterhaltung war im Gange. Es wurde von dem kommenden Krieg zwischen der Türkei und Rußland gesprochen. Der Wunsch danach war bei allen Ossizieren so stark, daß sie seine Erfüllung fast als selbst verständlich betrachteten. Sie unterhielten sich über die Schwarzmeerslotte der Russen und die Seemacht der Türkei. Und obgleich der Vergleich deutlich genug die Über legenheit der Russen zeigte, war doch die Stimmung zuversichtlich. Im Schwarzen Meer glaubten sie bestimmt, dem Gegner die Stirn bieten zu können. Die Möglichkeit eines Angriffs auf die russischen Kräfte, die Verwendung der türkischen Flotte bei Truppentransporten, das alles wurde mit einem Eifer besprochen, als ob der Krieg schon längst erklärt wäre. Dazwischen hatte sich der Kommandant der „Breslau" erhoben und ein begeistert aufgenommenes Hurra auf den verehrten Admiral, der sie sicher durch den vielfach über legenen Feind geführt hatte, ausgebracht. Ein anderes Hurra galt der türkischen Flotte, dem Verbündeten von morgen, wie sie dabei alle im stillen hofften. Die Stimmung wurde immer fröhlicher. Am unteren Ende der Tafel saß Leutnant Kersting und konnte bei der allgemeinen Lustigkeit nicht mittun. Der Gedanke an den Bruder wollte ihm nicht aus dem Kopf. In Wirklichkeit war fein Groll gegen diesen schon fast verflogen, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte und sich absichtlich immer wieder die Tage im Elternhaus ins Gedächtnis zurückrief, um Stoff für Anklagen zu haben. Es wirkte alles nicht mehr. Die große Zeit half auch, es auszulöschen. Er war doch sein Bruder. Schon ertappte er sich dabei, wie er überlegte, ob sich nicht doch ein Weg finden ließe, daß alles wieder gut würde. Aber ärgerlich wies er sich selbst zurecht. Wie er als Offizier überhaupt nur daran denken konnte! Was würden die Kameraden sagen? Er begann dunkel zu spüren, daß es nur die Rücksicht auf seine Stellung war, die ihn von der Versöhnung abhielt. Diese ihm aufsteigende Erkenntnis diente nicht dazu, seine Laune zu verbessern. Entweder Rudolf hatte etwas getan, was alle Brücken abbrach, dann war alles Denken überflüssig, oder sein Vergehen war verzeihlich, dann kam die Rücksicht auf das Urteil der andern nicht in Frage. Er war klug und gerecht genug, um sich das alles deutlich zu sagen, und ärgerte sich über sich selbst, daß er nicht den Mut fand, dem entsprechend zu handeln. Leutnant Köhler, der links neben ihm saß, hatte mehrere Male versucht, ihn aus seinem Brüten zu reißen. „Ärgern Sie sich, Kamerad, daß Sie bei Lüttich nicht dabei waren, oder paßt Ihnen die Türkenwirtschaft nicht, die ja deutlich mit diesem Gelage ihren Anfang nimmt?" hatte er ihn gefragt. Aber Leutnant Kersting hatte ihm nur mit einem ge preßten Lächeln Bescheid getan und war still geblieben. Da hatte Leutnant Köhler mit dem rechten Nebenmann Kerstings, Leutnant Hülsen, ein Gespräch über die Einnahme von Lüttich begonnen. Hülsen war Artillerie-.Val/i eine,- .I„/na/,n>eWir zeigen, wie eine aus den Dardanellensorts abgefeuerte türkische Haubitzengranate dicht neben einem englischen Kreuzer ins Meer schlägt.73 spezialist und gab immer aufs neue seinem Erstaunen Ausdruck über die schnelle Be zwingung der Festung, die er aus eigener Anschauung kannte. „Ich möchte bloß wissen, was für eine Geschützüberraschung die gehabt haben, die Werke sahen einfach uneinnehmbar aus." „Ach was, uneinnehmbar," warf Köhler ein, „fragen Sie unsere Leute einmal, ob die etwas für uneinnehmbar halten. Es geht alles, wenn der Geist gut ist." „Das nützt alles nichts, an solche feuerspeienden Maulwurfshügel kommt kein Mensch lebendig ran, solange sie noch einigermaßen heil sind." „Ich halte jetzt alles für möglich. Heute mittag hat mir Jansen eine famose Ge schichte erzählt. Denken Sie, Kamerad, er hat da in seinem Lazarett zwei Legionäre aus Algerien. Die hatten irgendwie Wind bekommen von dem drohenden Krieg, sind ausgerissen, durch allerlei Arabervolk hindurch bis an die Küste gekommen und endlich in Messina angelangt. Da haben sie dann alles Mögliche getan, um auf die beiden Kreuzer zu kommen. Sind die nicht zum Küssen? Ich sage Ihnen, Kamerad, hören Sie aus mit Iyrer Artillerie. Mit solchen Leuten kann man die Hölle stürmen." „Ist gut mit dabei; das eine muß da sein, und das andere darf nicht fehlen. Und, was Sie sagten, weshalb liegen die beiden Prachtjungen denn jetzt im Lazarett?" „Bei dem Unterwassertreffer, den uns neulich der Engländer aufgebrannt hat, ist ein Rohr geplatzt, und der eine hat sich schwer verbrüht. Soll jetzt aber außer Gefahr sein. Nun kommt aber noch das Beste. Jansen brauchte einen gesunden Menschen, um an den am schlimmsten verbrannten Teilen Ersatz aufzunähen. Da hat der andere, ist übrigens ein Namensvetter von Ihnen, Kamerad Kersting, angehalten wie ein klei nes Kind, daß er dazu genommen würde. So etwas nenne ich Kameradschaft. Und hat bei der verflixten, nicht ganz schmerzlosen Geschichte nicht einen Laut hören lassen. Solche Leute sind mir wichtiger als Ihre ganze Artilleriegeschichte." „Ich sagte ja schon, Kamerad, jedes an seiner Stelle, und was Festungsbelage rungen angeht, eins nach dem andern." Walter Kersting rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Jetzt war der Ankläger in ihm geschlagen aus der ganzen Linie. Der hatte da unten in Algerien den dummen Streich, diese Bezeichnung fand er jetzt auf einmal für das früher furchtbare Verbrechen, gewiß hart genug gebüßt. Und ein Staatsjunge mußte er immer noch sein, nach dem, was er da vorhin gehört hatte. Und morgen früh ging er hin; nur schade, daß man sich hier nicht einfach von der Tafel drücken konnte. Und wenn der eine dumme Streich herauskam, und er würde über die Achsel angesehen wegen dieser Verwandt schaft, es sollte ihm auch gleich sein. Er war doch sein Bruder und ein Prachtkerl war er auch. So, nun war er mit sich im reinen und konnte die Einnahme von Lüttich und die Einfahrt in die Dardanellen auch noch ein wenig gefeiert werden. „Es gilt den Stürmern von Lüttich," lachte er Köhler zu und neigte sich dann zu Hülsen, „und denen, die da vorher die Brummer ersonnen haben."74 Hell klangen die drei Gläser zu sammen! Am anderen Morgen nach dem Kaffee lag Rudolf Kersting behaglich in seiner Betthängematte. Die Schmerzen hatten nachgelassen, aber die heilenden Wunden be gannen zu jucken. Eben hatte er mit Befriedigung festgestellt, daß von den beiden Tagen, die es bis zum Zusammensein mit dem Freund noch dauern sollte, schon einer herunter war, da öffnete sich die Tür des Lazarettraumes, und im nächsten Augenblick stand Leutnant Kersting neben dem Bett des Bruders. Er ergriff seine Hände, drückte sie immer und immer wieder und brachte nur das eine heraus: „Junge, Junge!" Darin lag alles. Lange schwiegen sie dann beide; Walter Kersting begann zuerst zu sprechen. „Hast du arge Schmerzen?" „Es ist nicht mehr so schlimm, ich denke, in einigen Tagen kann ich wieder auf sein." „Und dein Freund?" „Ihm geht's auch besser, aber woher weißt du von ihm?" „Von einem Kameraden, aber ganz wenig bloß. Wenn du nicht mehr zu müde bist, dann mußt du mir erzählen. Alles. Es braucht ja nicht gerade heute zu sein." Rudolf nickte. Mehreremal hat er schon zu einer Frage angesetzt, sie aber immer nicht über die Lippen gebracht. Endlich stieß er hervor: „Wie geht es Vater und Mutter?" „Vater nicht besonders, aber das ist jetzt nichts für dich. Sorg lieber, daß du selbst wieder auf die Beine kommst. Davon erzähle ich dir ein andermal." „Was denn, was ist ihm denn? Sprich doch, Walter, was sehlt ihm?" Da erfuhr er von dem Bruder auf schonende Weise, wie es um den Vater stand. So hart Walter Kersting zuerst den Bruder bei sich selbst angeklagt hatte, so eifrig war er jetzt, ihn zu entschuldigen, damit er sich nicht mit Gedanken quälen sollte über etwas, woran nichts mehr zu ändern war. Rudolf lag eine Weile ganz still. Die Nachricht hatte ihn arg getroffen. Der Bruder redete ihm gut zu, aber in Rudolfs Gesicht war keine Wirkung der Worte zu verspüren. Endlich fiel ihm etwas ein, was hier helfen konnte. „Weißt du was, du erzählst mir sobald wie möglich, wie ihr das Kunststück fertig gebracht habt, aus der Fremdenlegion nach einem deutschen Kriegsschiff zu entkommen. Vor einer tüchtigen Leistung hat Vater ja immer Respekt gehabt, daraus machen wir dann einen Brief nach Haus; du tust ein übriges, sprichst das erste Wort, denn schließ lich, ein dummer Streich war es ja von dir, und du sollst sehen, mit der nächsten Post geht die Antwort nach hier ab, und du bist wieder sein Ältester, auf den er viel stolzer war, als du je gemerkt hast." „War", gab Rudolf nur zur Antwort. „Aber nun tu mir den einen Gefallen und nimm dir das nicht so zu Herzen. Ich weiß von Mutter, daß auch Vater sich nicht ohne Schuld fühlte, wenn er es auch nicht75 Wort haben wollte. Du bist noch keine 25 Jahre und kannst bei deiner Begabung noch alles Mögliche leisten. Wenn du etwas tun willst, dann stell dich wieder auf die Beine und schasse was, und wenn dann der alte Kersting nicht stolz auf seinen Jungen ist, dann will ich nichts mehr sagen." Rudolf schwieg noch immer. „Wer weiß, wie lange das hier noch dauert, dann geht der Tanz hier auch los. In der Legion wirst du im Lause der Jahre allerhand vom Soldatenhandwerk gelernt haben, und im türkischen Landheer kann man ebenso gut Deutsche gebrauchen wie in der Flotte. Schlag ein, wir schreiben." Zwar legte Rudolf seine Hand in die dargebotene Rechte, aber so ganz ruhig war er doch noch nicht. Er sah seinen Vater als Krüppel vor sich, und dies Bild quälte ihn. Zaghast fragte er nach der Mutter, als fürchte er, hier noch eine schlimmere Ant wort zu hören. Aber er erfuhr, daß es ihr gut ginge, soweit man bei ihrer schwächlichen Gesundheit überhaupt davon sprechen korinte. Daß sie alle die Jahre her alles ausge boten habe, seine Spur zu finden und auch jetzt noch die Hoffnung nicht ausgegeben habe, ihn wiederzusehen. Da glitt ein glückliches Lächeln über Rudolfs Gesicht. Das hatte er ja immer gewußt, und doch tat es so gut, es jetzt zu hören. Im Laufe des Gesprächs kam Rudolf doch unversehens ins Erzählen. Wenn er aufhören wollte, fragte der Bruder wieder, vor dem hier ein furchtbares Leben ent rollt wurde. Rudolf übertrieb nichts, eher milderte er, und doch ging es Walter Ker sting immer wieder durch den Kopf, der hat genug gesühnt, Vorwürfe und Anklagen sind da gewiß nicht mehr am Platz. Als Rudolf geendet hatte, griff der Bruder nach seiner Hand: „Verzeih mir, daß ich mich neulich nicht sofort zu dir bekannte. Es war so schwer", setzte er leiser hinzu. Rudolf nickte nur. Allmählich wurde er ruhiger. Wie hier alles gut geworden war, würde vielleicht auch der Vater vergessen, was geschehen war. Sie sprachen noch lange von zu Hause und von ihrem seitherigen Leben. Als Walter Kersting endlich ging, bat ihn der Bruder, bei Paul Bäcker vorbei zugehen und ihm einen Gruß und ein „Bis morgen!" von ihm zu sagen. Zwar hatte Leutnant Kersting das Bedürfnis, zu dem Kranken, an dessen Lager er saß, recht freundlich zu sein, aber ein rechtes Gespräch wollte nicht in Gang kommen, dazu waren sich die beiden Menschen zu sremd. Als er aber ging und Paul Bäcker die Hand drückte und zu ihm sagte: „Ich danke Ihnen für alles, was Sie an meinem Bruder getan haben," da spürte dieser an der Stimme, wie herzlich das gemeint war. Vierzehn Tage später ging Leutnant Kersting lusug pfeifend auf dem Achterdeck der „Goeben" auf und ab. Er kam eben von Admiral Souchon. Diesem hatte er noch an demselben Nachmittag nach der Aussprache mit Rudolf die Bitte vorgetragen, dem76 Bruder beim Eintritt ins türkische Heer bchilflich zu sein. Er hatte des Bruders Le benslauf erzählt und auch den einen dummen Streich, wie er es jetzt bei sich immer wie der nannte, nicht verschwiegen. Der Admiral hatte ihn mit dem Bescheid, er wolle sehen, was sich tun ließe, entlassen. In aller Stille hatte er dann Rudolf Kersting, sobald dieser wieder hergestellt war, zu sich beschieden, und er, der im täglichen Zusammensein mit Offizieren und Mannschaften sich viel Menschenkenntnis erworben, hatte bald her ausgefunden, dafz der hier vor ihm zu brauchen war. Da es zudem in der Türkei an Offizieren bedenklich mangelte, hatte er beschlossen, dem kampfgewohnten ehemaligen Legionär Gelegenheit zu geben, sich die Offiziersepauletten in der türkischen Armee zu verschaffen. Ein Brief an Admiral Usedom, der die Bereitschaft der türkischen Land macht betrieb, wie er selbst die der Seemacht, genügte. Rudolf Kersting war Fähnrich in einem Infanterieregiment, das in Konstantinopel lag. Walter Kersting beeilte sich aber durchaus nicht, dem Bruder die Freudenbot schaft zu überbringen, weil er vermutete, dafz die Nachmittagspost aus der Hauptstadt auch Antwort von zu Haus bringen würde. Er hatte sich nicht getäuscht, es kamen Briefe für ihn und den Bruder, und als er seinen gelesen hatte, da pfiff er noch lauter und war wenige Minuten später auf „Breslau" bei seinem Bruder. Nachdem er die Wirkung der beiden Freudennachrichten auf dessen Gesicht mit Befriedigung festgestellt hatte, lief er ihm mit den Worten: „Bist du nun zufrieden?" davon.77 Wir fahren gegen Engelland. Die Geschichte eines „Emden"-Matrosen von Ewald Reincke, mit Bildern von Marinemaler Schön. 1. Hinaus auf das offene Meer. Am Abend des Tages, an dem England öffentlich zu den Feinden Deutschlands überging — im geheimen hatte es bei ihnen schon längst seinen Platz und seine Stimme gehabt —, stand der Kaufmann Petersmann vor der Weltkarte, die er in seinem Arbeits zimmer an der Wand hängen hatte. Mit dem Finger machte er auf der Karte eine weite Reise von Danzig aus durch die Meere der Welt. Bald war er an der Westküste Südamerikas, bald in den chinesisch-japanischen Meeren. Als er durch die Südsee fuhr und gerade in Ponape angekommen war, klang brausend von der Straße herauf das deutsche Flaggenlied: „Stolz weht die Flagge schwarz-weih rot von unseres Schiffes Mast." Ein Trupp Ma trosen marschierte am Hause vorbei, große und kleine Buben und Mädchen liefen mit ihnen, und aus jedem Munde und Herzen erscholl das Lied der deutschen Marine. Männer blieben auf der Straße stehen und sahen mit leuchtenden Augen dem Zuge nach, aus den geöffneten Fenstern der Häuser winkten Frauen. Auch Herr Petersmann war ans Fenster ge treten. „Frau," sagte er, „komm doch einmal her, und sieh dir dieses Bild an. Es ist eine rechte Freude." Frau Petersmann hatte in einem alten Lehnstuhl gesessen, ihre Hände hielten einen Strick-78 strumpf, aber die Nadeln, die sonst so fleißig klapperten, lagen heute still nebeneinander. Von einer waren gar die Maschen abgeglitten. Frau Petersmann hatte ein gütiges Ge sicht, ihre ergrauten Haare trug sie glatt gescheitelt. Aus ihren Augen kam ein Heller, freundlicher Schein, daß alle die Kinder, die mal zu Besuch in das Haus kamen, gleich Zutrauen zu ihr faßten und „Tante" zu ihr sagten. Sie hatte heute nicht stricken können. Nur nach alter Gewohnheit hatte sie zum Strickstrumpf gegriffen. Nun auch England den Krieg erklärt hatte, bangte sie um ihren Sohn Hermann, der Torpedomatrose auf dem kleinen Kreuzer „Emden" war. Wo mochte das Schiff jetzt wohl sein? Wie würde es ihrem Jungen ergehen? Der letzte Brief von ihm war aus Tsingtau gekommen. Es hatte noch nichts vom Kriege darin gestanden, nur wie schön es sei, auf der stolzen „Emden" durch die asiatischen Meere zu fahren. Und ganz klein hatte er unten an den Rand geschrieben: „Liebe Mutter, wenn ich von der Wache am Torpedorohre abgelöst bin und liege in meiner Hängematte und kann nicht gleich einschlafen, dann kommt das Heimweh über mich, und ich denke immer an Dich und an Deutschland." „Frau," sagte Herr Petersmann, „komm doch einmal ans Fenster." Frau Peters mann nahm das Garnknäuel auf, das auf die Erde gerollt war, und legte es mit dem Strickstrumpf auf den Tisch. Draußen schwand die jubelnde, singende Menge hinter der Straßenbiegung, aus der Ferne klang es noch: „Ihr woll'n wir treu ergeben sein, getreu bis in den Tod." „Frau, jetzt geht es gegen England. Was wird sich unser Junge freuen. Wie hat er beim letzten Urlaub gesungen: Wenn wir fahren gegen Engelland auf die hohe, hohe See, — hei! wie soll die Flagge wehen auf der hohen, hohen See." „Ja," sagte Frau Petersmann leise, „wenn ich nur wüßte, wo er ist." Und ihre Augen wurden feucht. Herr Petersmann stand wieder vor der Karte. „Ich möchte nur wissen, was die „Emden" macht. Vielleicht liegt sie in Tsingtau im Hafen, da kann ihr kein Engländer was wollen." „Aber wenn sie nun unterwegs ist und von den Eng ländern umstellt wird?" sragte ängstlich die Mutter. „Hoho!" sagte Vater Petersmann, „so leicht sangen die Engländer keinen. Da müßten sie eher ausstehen. Ja, wenn die „Emden" allein wäre, dann wollte ich auch nichts sagen, aber da schwimmen auch noch" — und er zeigte mit dem Finger auf die chinesisch-japanischen Gewässer — „da schwim men auch „Nürnberg" und „Leipzig" und die mächtigen Panzerkreuzer „Scharnhorst" und „Gneisenau". Das ist ein Büschel eiserner Nüsse, an dem sich die Engländer ein paar Backenzähne ausbeißen werden." So war Vater Petersmann frohgemut und tröstete seine Frau. Aber eines Tages kam er ausgeregt nach Hause. Eine Zornessalte lief von der Nasenwurzel aus über seine Stirn. Er stellte sich vor seine Weltkarte und fuhr mit dem Zeigefinger um die Inseln der Japaner. „Nun ist es vorbei," murmelte er vor sich hin, „nun wollen die Japsen Kiautschou haben." Und er schlug mit der Faust gegen die Stelle der Landkarte, wo die schlitzäugigen, gelben Gesellen wohnten. Am Abend konnte er nicht einschlafen. Was wird die „Emden" machen? dachte er immerzu. Wenn sie im79 Tsingtauer Hafen liegt, werden Engländer und Japaner sie vom offenen Meere ab schließen. Läuft sie in einen neutralen Hafen und bleibt dort, solange der Krieg währt, dann sind Schiff und Mannschaft gerettet, können aber im ganzen Kriege fürs Vater land nichts tun. Aber unfern Blaujacken steht der Sinn aufs weite, freie Meer, solange noch ein Kohlenblock im Bunker liegt und noch ein Geschoß durchs Geschützmaul fliegen kann. Vater Petersmann stand mitten in der Nacht auf, zog sich an und ging in das Nebenzimmer. Er drehte die Tischlampe an, nahm die Weltkarte von der Wand und legte sie aus den Tisch. Die englischen Häfen waren alle rot gezeichnet. Und als er die vielen roten Flecken sah, schüttelte er den Kops. Auch Mutter Petersmann hatte an dem Abend nicht einschlafen können. Ihr Junge war immer ein Wildfang gewesen, hatte mehr Hosen beim Klettern auf den Masten der Schiffe im Hafen zerrissen, als auf der Schulbank durchgescheuert. Auch noch als Schiffsjunge hatte er manchen Streich angestiftet. Einmal hatte er einem älteren Schiffsjungen, dem langen August, der immer meinte, er könnte mehr als die andern, die Hängematte losgeknüpft, und als der lange August sich in die Matte schwang, glitten die gelösten Stricke aus ihren Ösen, und — perdautz — lag Augustchen auf einem Berg von Stricken und dicken Tauen, und die waren nicht etwa weich wie Moos, son dern, wer sich etwas fest auf sie hinsetzte, der konnte noch zwei Tage lang die blauen Flecken an sich herumtragen. Da es schon dunkel war, schimpfte der lange August nur, band die Matte wieder fest und legte sich hinein. Morgen würde er es schon herausbe kommen, wer es getan hatte. Sicher der Hermann Petersmann. Na, der sollte mal sehen, was ihm geschehen würde. Mit dem Tauende was auf den Hosenlatz, ja, das sollte er haben. Die andern Schiffsjungen stießen sich an und lachten, es war doch auch zu lustig gewesen. Bums — hatte es gemacht, Au — geschrien, und alle hatten gewußt: nun ist der lange August mit dem großen Maul runtergefallen, und unten hat kein Teppich gelegen. O nein! Und alle machten es dem August nach, der sich den Hosenlatz und den Rücken rieb. Sie taten aber nur so, als ob es ihnen da weh täte, aber dem August juckte da ganz richtig das Fell. Hermann Petersmann ahnte, was ihm am nächsten Tage bevorstand, und er dachte bei sich: „Umsonst will ich keine Dresche haben." Er stieß den Schiffsjungen, der neben ihm in einer Hängematte lag, mit dem Ellenbogen in die Seite und sagte ganz leise: „Der lange August will mich morgen verkloppen, da muß ich ihm schnell noch eins wischen." Und behutsam kletterte er aus seiner Hänge matte. Einer sagte es leise dem andern: „Du, der Hermann will dem langen August eins wischen," und sie drehten sich um und legten sich auf den Bauch und hielten die Hände vor den Mund, daß man ihr Lachen nicht hören konnte; denn draußen im Gang stapfte gerade der Oberbootsmannsmaat vorüber, und wenn der Lunte gerochen hätte, daß sie noch nicht schliefen, dann würde er ihnen mit dem Tauende eine gute Nacht ge geben haben. Als am Morgen die Schiffsjungen aus den Hängematten kletterten, fprang der lange August klatsch—patsch in ein Wasserbecken, das unter seiner Matte stand, und als er seine blaue Bluse suchte, wehte sie lustig im Winde. Hermann Peters-80 mann hatte sie an die Reeling, an das Bordgeländer, gebunden. Ei, was haben da die Schiffsjungen gelacht! Aber das dicke Ende kam nach, und diesmal war es ein richtiges dickes Ende, nämlich das Tauende. Das hatte der große Bootsmannsmaat in der Hand, der Oberbootsmannsmaat stand dabei, und ein Halbkreis von Schiffsjungen umgab eine Kiste, über der Hermann lag. Auf der einen Seite berührte er mit Kopf und Armen die Planken des Decks, auf der andern Seite mit den Füßen. Und das Tauende tanzte auf dem Teile seines Körpers, der jetzt am höchsten war. In den nächsten zwei Nächten hatte Hermann nur auf dem Bauch schlafen können, und drei Tage lang hat er beim Essen und Kaffeetrinken lieber gestanden als gesessen. Aber Streichemachen war ihm immer noch nicht ausgetrieben. Wenn er in Urlaub nach Hause kam und von den Arbeiten und Mühen des Lebens an Bord erzählte, sagte die Mutter immer: „Ach, du armer Junge." Aber der Vater knurrte: „Es ist schon recht so, da wird er mal ein tüch tiger Mensch werden", denn er war der Meinung, daß man nur durch Arbeit und Schweiß das Leben verdienen und ein ganzer Kerl werden könne. Und die Mutter hatte sich über die gesunde Gesichtsfarbe und die hellen, klaren Augen ihres Jungen gefreut. Auch jetzt, als sie ihren Kopf tief in das Kissen legte, dachte sie nur an ihn. Andere Mütter, ja, die hatten es gut. Die konnten jetzt was für ihre Iungens tun, die in den Krieg zogen. Konnten ihnen Strümpfe und Wurst und Briefe schicken, konnten mitgehen zum Bahnhof und ihnen ein letztes Lebewohl nachwinken. Und der Postbote kam alle paar Tage und brachte Karten aus dem Felde. Was stand wohl darauf? „Hurra, Mutter! Lüttich genommen." Und dann: „Hurra, Mutter! Die ersten Eng länder verhauen." Und dann: „Hurra, Mutter! Es geht weit nach Frankreich hinein!" Sie bekam keine Postkarten, sie hatte ihrem Jungen nichts in den Rucksack stecken kön nen, sie wußte nicht einmal, wo sie ihn mit ihren Gedanken suchen konnte. Sie preßte das Taschentuch vor den Mund. Vater Petersmann sollte doch nicht hören, daß sie weinte. Wie viele Mütter waren jetzt im weiten Deutschen Reich, die auch ihren ein zigen Sohn hergaben. Und alle hielten ihr Herz fest mit beiden Händen. Nein, sie wollte nicht weinen. Da hörte sie die Gartentür knarren. Tapp—tapp kamen Schritte über den Kies. Tapp—tapp kamen Schritte die Treppe herauf, und da trat ein Mann herein und setzte sich auf den Stuhl. Wo er hingetreten hatte, war eine Wasserlache geblieben. Das Wasser rieselte die Treppe hinunter. Tropf—tropf—tropf kam es unten auf dem steiner nen Hausflur an. Der Mann hatte eine lederne Kappe auf, die über den Nacken reichte und auf den Rücken fiel. Ein Ölmantel, wie ihn Schiffer beim Regen und bei Sturz seen tragen, hing ihm über die Schultern. Die Schäfte seiner Stiefel reichten ihm bis über die Knie. „Wer bist du? Was willst du?" rief Mutter Petersmann. Der fremde Mann schüttelte sich, daß die Tropfen durchs Zimmer flogen. Er wischte sich das Wasser, das ihm unter der Kappe her über die Stirn lief, fort und sagte mit harter Stimme: „Ich bin der Seekrieg. Ich war eben in der Ostsee und in der Nordsee, nun muß ich weiter wandern, durchs Mittelmeer, durch die Meere von Indien und durch die ost-Wir zeigen den Korvettenkapitän Karl von Müller, unter dessen Oderbefehl die ruhmreiche „Emden" stand, die den? feindlichen Handel in monatelangem Kaperkrieg im Indischen Ozean ungeheuren Schaden zufügte, bis sie endlich am 9. No vember 1S14 den vereinigten Anstrengungen der Feinde an den Kokosinseln zum Opfer siel.asiatischen Gewässer, durch alle Meere des Nordens und des Südens." Tapp—tapp ging er wieder, tapp—tapp klang es aus dem Garten. Das Tor knarrte in seinen Angeln. Mutter Petersmann war es, als schwänden die Wände vor ihren Augen, als könnte sie über weites Land und unendliche Meeresflächen dem finsteren Manne nach sehen. Mit großen Schritten ging er vorwärts. Je weiter er kam, desto höher wuchs seine Gestalt. Nun war er am User angelangt. Er trat in das Wasser, das spritzte hoch auf. Ein Sturm kam geflogen und faßte die Kappe und zerrte an dem Lederlappen, der bis auf den Nucken hing. Da wurde der zur großen, finstern Wolke, Blitze zuckten auf und zerrissen die Finsternis. Lichtkegel aus Scheinwerfern von Schiffen und Leucht türmen kämpften gegen die Nacht. Wo der unheimliche Wanderer seinen Mantel an das Ufer streifen ließ, flammten Brandfackeln auf. Küstenbatterien taten ihre Mäuler auf und spien Feuer auf das Meer, — Schiffe, in Stahlpanzer gekleidet, warfen aus ragenden Türmen Feuer und Eisen. Land und Meer schrien auf in Wut und Schmerz. Wasserfäulen sprangen hoch, standen einen Augenblick eine neben der andern, eine un geheure Säulenhalle, die das Dach der Nacht trug. Der Sturm riß sie um, klatschend fielen sie auf Schiffe, Sandbänke, Klippen, fielen zurück in das wild aufbrausende Meer. Krachende Granaten pflügten die Wasserfläche, die Sandbarren, das Ufer — Staub und Sandwolken flogen auf, strichen wie Nebel an Regentagen an Türmen und Ge bäuden vorbei. Rauch- und Dampfwolken flohen vor dem Sturm landeinwärts wie dahinbraufende,, geschlagene Reiterschwadronen, umhüllten stürzende Türme und berstende Forts. Wie springende Delphine tauchten Unterseeboote auf und verschwan den wieder in der Tiefe. Kieloben trieben Boote auf den Wellen. Planken, Rahen und zersplitterte Masten schwammen umher. Menschen rangen sich unter Wellenbergen hervor, wurden hochgerissen und in tiefe Wellentäler geschleudert. Der Seekrieg stampfte weiter, durch Flut und Sturm, durch Nacht und Feuer, mit hartem Gesicht. Hinter ihm dämmerte Morgenlicht herauf, die Sturmwolken verflogen, die Wellenberge verliefen sich, in den Gischt der zitternden Kronen auf den lebendigen Wellen fielen erste Morgenstrahlen. Über das Meer hin klang ein Lied. Männer auf stolzen Schiffen unter wehender Flagge sangen es, und wer auf einsamer Planke oder mastlosem Wrack trieb, wer sich an den Kiel eines umgestürzten Bootes angeklammert hatte, horchte auf. Und denen, die in der Tiefe schliefen, klang der Sang wie ein Trutz- und Trostlied, rauh und fest wie ein Wikingslied, und doch weich, wie einen seine Mutter tröstet. Schiffe fuhren in die Morgenröte hinein, eine frische Brise strich über das Wasser. „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot!" klang es durch Luft und Meer. — Der Nachtwind ging um das Petersmannsche Haus. Er rüttelte an den Fenster läden und stieß an die Scheiben. Ein Trupp verspäteter Wanderer kam durch die Straße. Sie marschierten im gleichen Schritt und sangen dazu: „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot!" Frau Petersmann richtete sich auf und horchte. Schritte und Ge sang verhallten. Unter der Tür her sah sie aus dem Nebenzimmer Licht schimmern. „Wer ist da?" rief sie. Die Tür öffnete sich, und Herr Petersmann stand da. „Schläfst S6 8t82 du noch nicht?" fragte er. „Doch," sagte die Mutter, „ich habe geschlafen. Ich habe einen schweren Traum gehabt. Was tust du da?" „Ich habe noch einmal die Karte nachgesehen," antwortete der Vater, „ich möchte gern wissen, ob die „Emden" aufs offene Meer gefahren ist." „Ich weiß es," sagte die Mutter. „Ich habe im Traum Schiffe gesehen, die fuhren über das Meer. Und nun ich es weiß, bin ich ganz ruhig ge worden. Sieh nur, wie ruhig ich bin." Sie reichte ihm ihre Hand, und sie lag ruhig in der seinen. — Und der kleine Kreuzer „Emden" fuhr hinaus auf das offene Meer. Wellen berge des chinesischen Meeres warfen sich ihm entgegen. Der scharfe Bug durchschnitt sie und warf sie zur Seite, sie stürzten übereinander, überköpften sich, weißer Gischt sprühte auf den Kämmen der Wogen, die in der Morgensonne flimmerten und glänzten. An Bord des Kreuzers war es ruhig wie in den Tagen des Friedens. Der Ausguck und die Wachen waren auf ihren Posten, der Kommandant, Kapitän von Müller, stand aus der Brücke und sah mit scharfen Augen in die Weite. Nur die abgelösten Mannschaften hatten nicht wie sonst ihre Hängematten ausgesucht oder sich auf die weichste Planke hingestreckt, um schnell bis zur nächsten Ablösung zu schlafen, sondern hockten in Gruppen zusammen. Diejenigen, die gemeinsame Tätigkeit ausübten, hatten sich zusammengefunden, Heizer zu Heizer, Matrofen zu Matrosen. Die abgelösten Torpedomatrosen saßen auf Säcken und Wergballen. Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen mit gedämpfter Stimme. Der Torpedomatrose Petersmann stand abseits an einem Bullauge, dem runden Guckloch in der Schiffswand, und sah auf das Wasser. Er war ein großer, starker Kerl, sein glattrasiertes Gesicht war braun wie eine gebleichte Kokosnuß. Seine Kameraden sagten im Scherz von ihm: „Er hat Füße wie Elbkähne, Hände wie Rettungsboote und Finger wie Salatgurken." Trotzdem war er gutmütig und tat keiner Fliege ein Leid, ausgenommen, wenn sie ihm in den Kaffee gefallen war oder in die Suppe. „Hermann," rief ihm einer aus der Gruppe zu, „paß auf, daß kein Engländer vorbeifährt. Sonst kannst du ihm nachlaufen und ihn am Heck festhalten." Hermann lachte: „Einen Rüsten hatten wir als ersten, nun kommt ein Engländer dran." Bei der Erinnerung an den erwischten Russen lachten alle, daß sich die Decke bog und eine Planke „Krach!" sagte. Ja, wenn man das in der Heimat erzählen würde, das mit dem Dampser von der russischen Freiwilligen-Flotte, das würde einfach nicht ge glaubt werden. „Das konnte auch nur ein deutscher Kreuzer," sagte Hermann Peters mann, „ein Engländer wäre zu vorsichtig gewesen und ein Russe zu dumm dazu." Und alle nickten, und zwei bissen ein neues Priemchen an, echten fingerdicken Seemanns kautabak. „Ja, glaubt ihr denn, die Deutschen ließen sich einschüchtern, wenn die Japaner rusen: „Wir wollen Kiautschou haben!"? Daß dann die Deutschen sich mit ihren Schiffen im Hafen von Tfingtau verstecken und das freie Meer den englischen, australischen, russischen, französischen, japanischen Schiffen überlassen?" „Nein", sagten die beiden Torpedomatrosen, die vorhin gebissen hatten, und schoben das Priemchen mit der Zunge in den hohlen, letzten Backenzahn, — der eine hatte ihn rechts unten, der83 andere links oben. „Aus dem Hafen von Tsingtau hinaus geht die Fahrt den Japanern vor der Nase her, vielleicht lagen auch noch Engländer draußen. Ei sieh, da steigt eine Dampfwolke auf. Ein Dampfer! Ist das nicht ein russischer Dampfer?" „Jawohl, Herr Kapitän, das ist ein russischer Dampfer." „Was machen wir wohl damit?" „Den nehmen wir, Herr Kapitän." „Jawohl, den nehmen wir." „Eins, zwei, drei, haben ihn schon." „Und die „Emden" kam in den Hasen von Tsingtau. Was brachte sie mitgeschleppt? Den Russen natürlich. Du glaubst es nicht? Die Engländer haben's zugegeben, im englischen Blatt hat's gestanden. Und wenn die Engländer auch lügen können wie gedruckt, — wenn sie selbst eines ihrer Schiffe oder ihrer Verbündeten als verloren melden, dann ist es allemal wahr. Glaubst du es nun?" „Ja, freilich glaub ich es. Ich hätte es auch schon so geglaubt." „Na, siehst du wohl! Und meint ihr, nun wäre „Emden", müde wie ein Pferd nach langem Ritt, in den Hafen gehinkt, um sich zu verschnaufen? Vielleicht aus Furcht vor den Feinden? So könnte nur eine Landratte denken. Ein deutscher Seemann fürchtet sich nicht, und wenn zu Hause einer wäre, der Angst hätte, den sollte man an Bord bringen. Etwas Seewasser schlucken lasten und auslachen, das Hilst." Und einer der Matrosen sah sich schon um, wo er das nächste Tauende finden könnte. Wohin es jetzt gehen sollte, was die Aufgabe der „Emden" war, das wußte keiner. Nur der Kapitän. Aber der sagte nichts. Na, das schadete ja auch nichts, die Hauptsache blieb, was er wollte. Sein Wille war auch der Wille der Matrosen. Sie waren ja alle eins, das Schiff, ihr kleines Deutschland, ihr Stückchen Heimat, das durch die Meere schwamm, der Kapitän, die Offiziere, Matrosen, Heizer, Feuerwerker, Funker und was sonst an Bord herumkrabbelte. Es gab nur einen Willen, den lenkte der Kapitän, alle erlebten ein Leben, das Leben des Schisses, und wenn sich die Matrosen in Friedenszeiten mal beim Landurlaub einen Feiertagsrausch geholt hatten und einander in die Haare fuhren, so waren sie sich doch in der Liebe zu ihrem Kreuzer einig. Blitzblank mußte alles an Bord sein, nannte man die „Emden" doch den Schwan des Ostens. Freilich, jetzt im Krieg konnte man nicht so viel putzen und spülen, da blieb die Hauptsache, daß die Maschinen, Geschütze und Torpedos intakt waren, und daß im Bunker genügend Kohlen lagen. Das Kohlenschiff „Marko- mannia" folgte ja mit Kohlen und Lebensmitteln, aber die Vorräte würden schnell verbraucht sein. Na, dann würde der Kapitän schon sorgen. „Der kann allens," sagten die Matrosen, „der guckt in die Karten, übers Schiss und aufs Meer. Dann geht alles gut." Da sah ein Torpedo-Obermaschinistenmaat übers Geländer. „Wann müßt ihr aufziehen?" „8 Uhr, Maat." „Dann wird's bald Zeit." Sie hatten die wach freien Stunden verplaudert anstatt zu schlafen, und sie hatten doch schon sür die lange Zeit im voraus schlafen sollen; denn in schweren Stunden sind an Bord alle Fäuste nötig, und solchen Zeiten suhr die „Emden" entgegen, das war allen klar. — Die Wache wurde abgelöst. Hermann Petersmann stand hinter dem Torpedorohre in der stähler nen Kammer. In der Lust lag ein Dunst von Öl, er war den Torpedomaschinisten ver-84 traut und lieb geworden. Er kündete ihr Reich an, in das die anderen oben vom Deck nur mit tiefen Verbeugungen zu kleinen Besuchen eintreten dursten. Man denke auch: ein guter Treffer aus den Lancierrohren konnte ein Kriegsschiff auf den Meeresgrund senden. Der Maschinistentelegraph hatte den Maschinisten den Befehl des Kapitäns an gezeigt: Mit voller Kraft voraus! Und mit voller Kraft jagte der Schwan des Ostens seine Bahn. Weit zurück lag Tsingtau, der schützende Hafen. Von dem ostasiatifchen deutschen Geschwader hatte sich „Emden" getrennt und Kurs nach Süden genommen. Hermann Petersmann stand mit klopfendem Herzen auf seinem Posten. Alle Hand griffe zum Lösen des Rohres hatte er im Frieden so oft geübt, nun konnte jeder Tag die Stunde bringen, in der aus seinem Rohre der Schlachtentod durch das Wasser sausen sollte; denn die „Emden" hatte ja glücklich das offene Meer erreicht. Würde es heute sein oder morgen? Hermann Petersmann stand bereit auf seinem Posten wie alle anderen Kameraden. Mochte kommen, wer wollte. „Emden" war gerüstet, gerüstet mit deutschem Mut und dem Willen aller deutschen Seeleute: der Größe des deutschen Namens auch auf hohen Meeren zu dienen! 2. Fröhliche Jagd und gute Beute. An einem schönen Septembertage, als Hermann Petersmann eben von seinem Posten kam, sichtete der Ausguck Steuerbord voraus eine Rauchwolke. Hermann eilte an Deck und trat an die Reling. Am fernen Horizonte ringelte sich ein schmaler, dunkler Streifen in die Höhe, als läge dort ein großer, vergessener Zigarrenstummel unter seinen letzten Ringen. Die Wolke wurde größer, ein Schornstein wuchs aus dem Meere, und bald erkannte Hermann mit bloßen Augen einen Dampser, der geraden Weges auf die „Emden" zukam. „Sieh mal, Petersmann," sagte ein Heizer zu Hermann, „wie der ahnungslose Bengel herankommt. Er denkt wohl, wir wären zu bange, in indischen Gewässern herumzufahren. Denkt, wir hätten Furcht vor den Engländern. Der Teufel soll sie holen." Und mit ein paar langen Schritten ging er übers Deck, er gehörte zum Prisen kommando, das an Bord des Dampfers fahren sollte, um seine Ladung festzustellen und die Besatzung herunterzuholen. Der Signalgast gab das Zeichen: „Stoppen!" Von der „Emden" wurde ein Boot klar gemacht, der Kutter; die Kuttergäste legten sich in die Riemen und trieben zum Dampfer hinüber. „Junge," sagte der Heizer am Nachmittage zu Hermann Petersmann, dem er alles erzählen mußte, was er gesehen hatte, „die Gesichter hättest du sehen sollen, die von der Dampfkiste herunterguckten, als wir anlegten. Und was für ein Schiff war es? Ein Transportdampfer, der Truppen holen sollte. Na, da können sie in Bombay lange warten, bis der „Indus" kommt, so hieß die Zigarrenschachtel. Und nun kommt der größte Witz. Was meinst du wohl, was die da auf dem Kasten unseren Leutnant85 fragten?" — „Na?" — „Wie unser Schiff hieß, fragten sie. Und der Leutnant sagte, es sei die „Emden". Und was meinst du, was die da machten? Einer sah den anderen an, dann lachten sie und schlugen mit den Händen durch die Luft, so, als würfen sie einen abgenagten Knochen über Bord. Die „Emden", sagten sie, haha, die „Emden" ist längst versoffen, mit Mann und Maus versoffen, liegt tief unten im Meere. Die ist in Grund und Boden geschossen. Hermann Petersmann, du bist schon längst versoffen, und ich bin auch schon längst versoffen, überhaupt die ganze „Emden" liegt tief im Wasser. Hermann Petersmann, du bist ein Geist geworden, und ich bin ein Geist, unser Kapitän ist ein Geist, alle find Geister, und unser Schiff ist ein Gespensterschiff." Die beiden lachten und tasteten sich an, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich noch da S. M. S. „Emden" versenkt den englischen Dampfer „Indus". wären. „Au, Mensch!" schrie der Heizer, „deine Hand ist wirklich und wahrhaftig von Knochen und Fleisch", und rieb sich die Schulter, auf die ihm Hermann einen freund schaftlichen Schlag gegeben hatte. Dann fuhr er fort: „Aber als wir die Besatzung in unseren Kutter luden und an der „Emden" vorüberfuhren nach der ,,Marko- mannia", da machten die Kerle lange Gesichter. Und dann ging es: Bum! ^ Bum! — Krach! Unsere Granaten klopften dem „Indus" an die Rippen, da Muckte er Wasser und versoff wie ein naffer Sack." Unterdessen knatterten die Funken am Funkentelegraphen. Der ^.elegraphist schmunzelte, als er die Funksprüche, die durch den bengalischen Golf kreuzten, austmg und dem Kapitän auf die Brücke schickte. Aus den abgefangenen Abfahrtszeiten der Dampfer wußte der Kapitän, wo er seine Beute zu suchen hatte.86 In der Nacht schlief Hermann Petersmann als Kriegswache im Torpedoraum. Der Tag war heiß gewesen und hatte ihn müde gemacht, aber die Aufregung des ersten Eingreifens in den englischen Handel hielt ihn noch lange wach. In der Frühe des folgen den Morgens holte ihn ein Maschinistenmaat an Deck. Er wurde der Sprenggruppe zu geteilt, die die feindlichen Dampfer zu versenken hatte. Nun war ihm klar geworden, was die Aufgabe der „Emden" war. Hatte sie im Frieden den deutschen Handel und das Deutschtum im Auslande zu schützen, so sollte sie jetzt den feindlichen Handel stören, Transporte feindlicher Truppen verhindern und durch tatkräftiges Eingreifen bei allen sich bietenden Gelegenheiten dem Feinde schaden und der Mär von Englands Allein herrschaft zur See ein Ende bereiten. Noch am gleichen Tage konnte Hermann Peters mann in seinem neuen Amte tätig sein. Der Truppentransportdampfer „Lovat" kam herangedampft. Der Signalgast auf der „Emden" wimpelte: „Stoppen!" An Seilen wurde der Prisenkutter herabgelassen, die Bemannung sprang hinein, die Spreng gruppe fuhr mit und die sonst noch zum Prisenkommando gehörten, der Schreiber, der Funker, der Signalmaat. Der Führer war ein Oberleutnant zur See. An Bord der „Lovat" liefen die Matrosen durcheinander. Sie ahnten, was ihrem Dampfer bevor stand, und jeder suchte schnell seine Habseligkeiten zusammen, um sie zu retten. Der Oberleutnant ließ sich die Schiffspapiere geben. Während er den Signalmaat nach der „Emden" hinübermelden ließ, die „Lovat" sei ein Trnppentransportdampfer, und den Besehl empfing, die Besatzung auszuladen und den Dampfer zu versenken, war der Kapitän der „Lovat" in seiner Kajüte verschwunden. Als er wieder erschien, standen ihm seine Taschen weit von der Seite ab. Er hatte es wie seine Matrosen gemacht: das, was ihm am wertvollsten schien, hatte er eingesteckt, und auch darin schienen sich Kapitän und Besatzung einig zu sein, daß eine gute Flasche Whisky zu den wertvollsten Dingen gehöre. „Nun flinke Arbeit gemacht", sagte der Oberleutnant, als Hermann Peters mann und der Maschinist die Sprengpatronen auf dem Dampfer anbrachten. Und da kamen die beiden auch schon wieder an Deck, kletterten die Strickleiter hinunter und ffprangen in den Kutter. Mit kraftvollen Ruderschlägen trieben die Kuttergäste das Boot zur „Emden" hinüber. „Nach welcher Seite der Kahn wohl umkippen wird?" fragte der Heizer, „ich wette nach Backbord rüber." „Und ich wette nach Steuerbord rüber!" rief Hermann Petersmann. Sie fingen an zu zählen: „Eins — zwei —" Auf -einmal gab es auf der „Lovat" einen mächtigen Knall, die Sprengpatrone tat ihre Arbeit und riß Planken, Balken und Eisenplatten in die Höhe. Wasser strömte ein, der Dampfer neigte sich, legte sich flach aufs Meer. — „Siehst du wohl!" rief der Heizer. — Wellen schlugen in den Schornstein, und die „Lovat" war verschwunden. Boote, Kisten, Planken, Stühle und allerlei Geräte tauchten auf und tanzten auf dem Wasser, — die letzten Überreste des britischen Dampfers. In der Nacht meldete der Ausguck ein Licht. Die Besatzung war schnell alarmiert und auf ihrem Posten. „Wenn es ein Kriegsschiff ist, dann kriegen auch wir mal richtige Arbeit", sagte Hermann Petersmann zu dem Torpedo-Obermaschinistenmaat, der voller87 Erwartung hinter dem Torpedorohre stand. „Wollen's hoffen," gab der zur Antwort, „wir haben ja genug auf den Hacken fitzen, da wird es Zeit, daß wir mal einen zu den Fischen schicken." „Es ist nur ein Dampfer", rief da jemand von oben herab. Es war die „Kabinga". Sie wurde genommen und mußte der „Emden" folgen. Zwei Stunden später meldete der Ausguck wieder eine Rauchfahne. „Hurra!" riefen die Matrosen, „wieder ein Engländer." Es war der Dampfer „Killin". Kopf über wurde er zu den Fischen geschickt. „Nun haben wir unser Mittag verdient", sagte Hermann Petersmann, als er sich mit den anderen zum Esten aus die Bank setzte. „Koch, Herr Oberkoch, heute eine doppelte Lage! Wenn die Speisekammer leer wird, fangen wir morgen einen Eng länder, der wird die abgeben müssen." Und es schmeckte ihnen allen heute, als hätte jeder seine Lieblingsspeise vor sich. Aus einmal wieder: Alarm! Na nu, was ist denn heute los? Wieder ein Eng länder da? Natürlich, ein Engländer. Hurra, Hurra, ein Engländer! „Stoppen!" Am Dampfer flog das Signal hoch: „Verstanden". Und gehorsam stoppte er. Der Prisenkutter ging aufs Wasser, bald war er an der Seite des Dampsers, der den Namen „Diplomat" trug. „Was habt ihr geladen?" fragte Hermann Petersmann die von der Besatzung des „Diplomaten", die ihm am nächsten standen. „Tee", sagten sie und grinsten mit dem ganzen Gesicht. Was aus der Ladung und dem Schiff wurde, war ihnen gleich. Die Hauptsache blieb ihnen, daß sie kein Seewasser zu schlucken be kamen und mit ihrer Habe und ein paar Pullen Whisky gerettet wurden. Die Be gegnung mit der „Emden" war ihnen, da sie dabei nichts zu riskieren hatten, ein interessantes Erlebnis. „Die Bande hat für keinen Pfennig Liebe zu ihrem Schiff im Leibe," sagte Hermann Petersmann zu dem Maschinisten, der neben ihm stand, und sah die englische Besatzung verächtlich an, die auf den Befehl des Prisenoffiziers ihre Habe und Lebens mittel zusammenpackte. Mehr als eine Flasche Wein und Branntwein steckten sie zu den Lebensmitteln, und zu ihrer Habe wollten sie manchen wertvollen Gegenstand aus Küche und Kajüten legen, aber der Oberleutnant jagte sie in die Boote. Ein langer, hagerer Matrose hatte besonders schwer zu tragen. „Sieh mal, Petersmann, was der Kerl da von Bord schleppen will," sagte der Maschinist, „ich glaube, er hat eine Wand uhr gestaucht und will sie in Kalkutta versilbern. „Heda, Bursche!" rief er, „was hast du da?" Der Engländer sah sich um. Aus seinem langen Gesicht leuchtete eine stark hervorstehende Nase. Da erkannte der Maschinist in dem Engländer einen Kumpanen wieder, der ihm einst bei einer Schlägerei in einer Matrosenkneipe einen so derben Nasenstüber gegeben hatte, daß ihm noch jetzt bei heftigem Schnäuzen die Nase zu bluten begann. „Daß du die Nase ins Gesicht behältst!" rief er das Sprichwort seiner mecklen burgischen Heimat. „Petersmann, besieh dir mal den Onkel, den langen Mast, ist das nicht der lange Tommy von Madras? Hat er mir nicht die Nase blutig geschlagen in der Kneipe am Hasen? Er erzählte Witze, die schon so abgespült waren wie der Kiel88 eines alten Baggers. Jeder Seebär zwischen Hamburg und Amerika hatte schon darüber zwanzigmal sein Gesicht in eine Lachfalte von einem Ohr zum andern gelegt, und weil wir nicht lachten, fing er Streit an. Petersmann, hast du nicht die Lampe aus geschlagen, daß es im Zimmer dunkel wurde und wir hinausgehen konnten? An seiner Nase erkenne ich ihn wieder. Strahlt sie nicht wie der Leuchtturm von Helgoland?" Der wütende Mecklenburger nahm Hermann beim Arm und trat mit ihm auf den Engländer zu. Der erkannte die beiden wohl, und auch der Abend in Madras fiel ihm wieder ein. Er hatte mit zehn weißen und farbigen Engländern in einer Hafenschenke gesessen, als diese beiden deutschen Matrosen, die jetzt vor ihm standen, ins Zimmer traten. Elf Engländer, zwei Deutsche, — da lohnt es sich, Streit anzufangen, hatte er bei sich gedacht. Als er den Spaß vom fliegenden Holländer erzählt hatte, der gar kein Schiff sei, sondern ein Stück Holländer Käse, an einem Faden gebunden und unter der Decke hin und her geschwungen, war er an den Tisch der beiden Deutschen getreten und hatte gefragt: „Warum lacht ihr nicht? Ist euch der Witz zu dumm?" „Ja," hatte da der Torpedomatrose ganz trocken gesagt, „viel zu dumm und dann schon so alt und so verschimmelt, daß er durchs ganze Zimmer riecht wie ein ungewaschenes Segeltuch auf einem englischen Dampfer." „Jawohl," hatte der Maschinist noch hinzugefügt, „stimmt allens ganz genau, und dann ist der fliegende Holländer schon so hart geworden, daß man jedem Tommy damit die Stirne aufknacken könnte, wie eine faule Nuß mit einem Stein." Dann war es zur Rauferei gekommen. Der lange Tommy schlug nach dem Maschinisten und traf sein Nasenbein. Als Antwort bekam er eine seemännische Ohr feige. Petersmann schlug mit einem Stuhl die Lampe aus und zog den Maschinisten, dem die Nase blutete, schnell und heimlich an der Hand zum Zimmer hinaus. Als der Wirt aus den Lärm hin mit einem Talglicht kam, sah er die weißen Engländer auf der Erde liegen, von den farbigen waren sie in der Dunkelheit verprügelt worden. — „Langer Tommy!" rief der Maschinist, „erkennst du uns wieder?" Tommy war blaß geworden, nur seine Nase hatte noch etwas Farbe. Nun geht es mir ans Leben, dachte er. Er sah sich schon im Wasser liegen, sah die Haifische herankommen und nach ihm schnappen. Happ, happ, ein Bein weg, — happ, happ, das andere Bein. Die Uhr fiel ihm aus der Hand. Ein brauner Hindu, dem es leid tat, daß dieses schöne Stück auf dem Deck lag, griff nach ihr, kletterte wie ein Affe die Strickleiter hinunter und sprang mit seiner Beute ins Boot. In Kalkutta wußte er einen Kramladen, da würde er sie schon verkaufen können. Hermann Petersmann und der Maschinist wurden gerufen. Der Dampfer sollte versenkt werden. „Freundchen Tommy!" rief der Maschinist noch, „nachher sehen wir uns wieder." Der lange Engländer machte schleunigst, daß er ins Boot kam. Was atmete er auf, als er auf den Dampfer „Kabinga" gebracht wurde und nicht auf den Kreuzer. So hatte er noch Hoffnung, den beiden Deutschen zu entgehen. An diesem Nachmittag wollte den Meerfischen vor Kalkutta das Wasser nicht recht schmecken. Sie schwammen unruhig hin und her, kamen manchmal an die Ober-89 fläche und machten einen kleinen Satz durch die Luft auf die nächste Welle. Sie tauchten tiefer unter, aber der bittere Geschmack blieb überall derselbe. Woher kam das wohl? Sie tauchten und stiegen und kamen endlich an einem eben gesunkenen Schiff zu sammen. Das klaffte auseinander, und aus dem Schiffsbauch stiegen aus zerrissenen Säcken und geborstenen Kisten harte, verschrumpfte Blätter hoch, wurden im Meer wasser weich, entfalteten sich und verbreiteten einen bitteren Geschmack. Die Fische schlugen mit den Flossen das Wasser und jagten davon. Nach einer Weile, als der Wellenschlag in und auf dem Meere die Blätter fortgeführt hatte, kamen sie wieder. Das Wrack war leer gespült, und die Fische spielten Verstecken in ihm. Die kleinen Blätter, die ihnen für kurze Zeit den Geschmack des Meerwassers verdorben hatten, waren die Teeladung im Werte von zehn Millionen gewesen, die der Dampfer »Diplomat" an Bord gehabt hatte. — Am späten Nachmittage hockten Hermann Petersmann und der Maschinist im Maschinenraum zusammen und überlegten, wie sie dem langen Tommy seine Bosheit von Madras heimzahlen könnten, als es auf einmal wieder Alarm gab. „Das nimmt ja heute gar kein Ende", lachten sie und freuten sich auf den neuen Engländer. Aber es war nur ein Italiener, der italienische Dampfer „Lariam?". Er wurde wieder frei gelassen. Als am anderen Tage kein Dampfer in Sicht kam, wußten es alle an Bord: der falsche Italiener hat uns verraten, er hat die englischen Dampfer gewarnt, nun sind sie zurückgefahren und bleiben in den Häfen. „Ich habe diesem Bundesbruder nie getraut," sagte Hermann Petersmann, „wenn's an Land eine Keilerei gab, immer Zwischen Engländern und Deutschen, dann saßen die Italianos lächelnd dabei und tranken ihren Vino. So war es in Lissabon und Madras und Eolombv. Einmal, es war in Port-Said, hatten wir Brüderschaft getrunken mit Matrosen von der „Genua". Arm in Arm gingen wir zurück zum Hafen. Wer kommt da aus einer Hafengasse? Eine Bande schwarzer Brüder aus Innerafrika, Kohlentrimmer auf einem englischen Dampfer. Sie rempeln uns an, wir jagen sie zurück in ihre Gasse, aber wo sind unsere Bundesbrüder? Addio, fort waren sie. Genau wie jetzt im Krieg. Als sie uns nötig hatten, waren sie immer da. Nun, wo sie für uns was tun könnten und für sich dabei, bleiben sie fort. Wir haben sie auch gar nicht nötig, werden auch fertig ohne sie." Und die um ihn standen, nickten und spuckten zur Bestätigung ihr ausgekautes Primchen über die Reling. Auch in der Nacht ließ sich kein Dampfer erblicken, erst am folgenden Tage lief einer gerade auf die „Emden" zu. Es war der „Trabboch". Er wurde versenkt. Die gefangenen Engländer hatten voller Schadenfreude gelacht und mit den Fingern auf das verlorene Schiff gezeigt, als es stoppen mußte. Waren sie gefangengenommen Worden, nun, fo konnten ihre Kameraden auf den anderen Dampfern auch der „Emden" in die Hände fallen. Und den Kapitänen war es ein Trost, daß auch andere Schisse ihrer Schiffs- und Handelsgesellschaft versenkt wurden. Einer hatte sogar einen90 Dampfer seiner eigenen Linie selbst verraten. Er fürchtete, seine Gesellschaft würde ihn entlassen, weil er seinen Dampfer nicht gerettet hatte. Er verriet dem Kapitän der „Emden" den Kurs eines anderen Schiffes seiner Linie und hatte seine boshafte Freude, als auch dieser Dampfer versenkt wurde und Kapitän und Besatzung gefangengenommen wurden. Das war den deutschen Matrosen unverständlich. Ja, im Frieden, da wollten sie sich auch mit ihrem Schiff hervortun, und es sollte sauberer sein als alle anderen, die Matrosen sollten schneidiger sein als die auf anderen Kreuzern, es sollte keinen Sturm geben, durch den die „Emden" nicht besser hindurch kam als andere Schiffe. Aber jetzt war doch Krieg! Da kam es doch nicht darauf an, wer sich hervortat. Es gab nur einen Gedanken: Deutschland, das Vaterland, hat alle seine Kräfte nötig, nun muß jeder seine Pflicht tun, dem Feinde schaden, wo es geht im offenen Seekrieg. Jeder muß arbeiten, was in seinen Kräften steht, arbeiten bis zum letzten Wellenschlag. Wie kann da im Herzen noch Raum sein für Neid und Schadenfreude, wie kann man da noch kleinliche und häßliche Gefühle in der Brust hegen, wenn das Vaterland das ganze Herz haben will! Die deutschen Matrosen erkannten den Unterschied zwischen sich und den Engländern. Sie kämpften für ihr Vaterland, dachten an nichts anderes, wollten nur das eine, das sie aus ganzer Seele liebten. In alten Mären hatten sie von Wikingern gelesen, die hinausgezogen waren mit frischem, frohem Mut. Die Welt lag vor ihnen offen, und sie fuhren jauchzend hinein. Und doch vergaßen sie die Scholle nicht, auf der sie geboren waren, wo sie den herrlichen Mut und den freien Sinn ihrer Väter empfangen hatten. Wenn es sich um Vaterland und Freiheit handelte, brannte nur ein Feuer in allen Herzen, und nur ein Wille beseelte sie. Dann stellten sie alles freudig in den Dienst dieser einen heiligen Sache. So war es auch jetzt. Das Erbe der Wikinger war nicht verloren. Der alte Heldengeist lebte noch. Freilich, hätte man den „Emden"-Matrofen und den anderen deutschen Seeleuten gesagt, sie wären Helden, dann würden sie gelacht haben. Von Helden erzählen Sage und Geschichte, Helden haben gegen Drachen und Riesen gekämpft, Helden haben etwas Besonderes getan, so würden sie antworten. — Und was taten sie? Sie fuhren über Meeresstraßen, die an allen Seiten von feindlichen Kriegsschiffen beobachtet wurden, standen vor englischen Häfen auf der Lauer, wie der Held der Sage vor der Höhle des Lindwurms. Täglich fuhren sie durch Tod und tausend Gesahren, allein, einsam wie Held Siegfried im finsteren Wald. Und doch war ihr Mut ungebrochen, mochte auch der harte Tod über die Mellen kommen und sie in das tiefe Grab betten, — die schwarz-weiß-rote Flagge konnten weder er noch irgend eine Macht der Welt vom Meere verbannen. Und das war die Hauptsache. Unter Trümmern geborstener Schiffe und zersplitterter Masten konnten wohl deutsche Seeleute untergehen, aber das Vaterland, dem sie sich selbst als Opfer darbrachten, würde dadurch leben. Von diesem hohen Geiste, der ihnen selbstverständlich war, konnten sie bei den gefangenen englischen Besatzungen nichts merken. Kapitän und Matrosen blieben wie vorher Kaufleute und Krämer, suchten auch jetzt noch persönlichen Prosit zu gewinnen.91 Ging der Dampfer jetzt unter, den sie jahrelang befahren hatten, nun, so war eben auf ihm nichts mehr zu verdienen. Da würde man sich eben einen anderen Kasten suchen und auf ihm weiter Geld verdienen. Es lebe das Geschäft, das Vaterland liegt weit weg. Hermann Petersmann sagte: „Leute mit solcher Gesinnung werden uns nie unterkriegen." Dem langen Tommy konnten Hermann und der Mecklenburger keinen Denk zettel mehr geben, denn eines Tages wurden die gefangenen Engländer auf die „Kabinga" übergeführt, und der Dampfer erhielt den Auftrag, nach Kalkutta zu fahren. So wurde die „Emden" ihre Gefangenen los, denn einen deutschen Hasen, in den sie sie hätten bringen können, gab es nicht an den nächsten Küsten. Hermann und sein mecklenburgischer Freund waren froh, daß der lange Tommy fort war. Eine Tracht Prügel hätte ihm ja gut getan, aber zu zweien mochten sie nicht über einen herfallen, und zudem war der Engländer ja gefangen und wehrlos, einem Wehrlosen mochten sie aber auch nichts tun. Als die Engländer hörten, sie würden freigelassen und kämen nach Kalkutta, jubelten sie. Anfangs hatten sie gefürchtet, die Deutschen würden sie in kleinen Booten aus dem Ozean aussetzen, dem Sturm und den Wellen preisgeben, — nun bekamen fie einen großen Dampfer, hatten ihre Habe retten können und wurden in einen englischen Hafen geschickt. Die englischen Kapitäne schrieben dem ritterlichen Kommandanten der „Emden" Dankesbriefe, und als die „Kabinga" abfuhr, standen alle an Bord, beugten sich über die Reling und schrien und winkten zur „Emden" hinüber. Nur der lange Tommy traute sich noch nicht recht hervor. Er konnte es noch nicht glauben, ohne Prügel davon gekommen zu sein. Als er auf einem Geschützturm der „Emden" Hermann Petersmann zu erkennen glaubte, kroch er schnell ins Zwischendeck und legte sich hinter eine Kiste. Erst als Kalkutta in Sicht kam, wagte er sich hervor. — Die Kunde von den Taten der „Emden" und ihrer mutigen Besatzung gelangte auch in die Heimat. Als Vater Petersmann in der Zeitung las, daß der Kreuzer „Emden" ein Schiff der russischen freiwilligen Flotte genommen hätte und englische Kauffahrteischiffe bedrohe, sprang er glückstrahlend an seine Weltkarte und zeigte Mutter Petersmann, welche Wege die „Emden" jetzt fahren könnte. Immer wieder kam sein Finger im Golf von Bengalen an. „Wenn sie hierhin kommt," erklärte er der Mutter, „dann sollen die Engländer mal was erleben. Hier ist der englische Handels markt, hier fahren die indischen Dampfer, da kann die „Emden" Beute machen." Aber so froh sah die Mutter nicht in die Zukunft. Sie hatte sich in ihrem Leben um so vieles sorgen müssen, daß ihr die Sorge zur zweiten Natur geworden war. Sie dachte an die englische Kriegsflotte und an die englischen Häsen im Indischen Ozean. Die „Emden" hatte keinen Hafen, in den sie immer wieder zurückkehren konnte; ohne Rast, vhne Ruh mußte sie dauernd auf dem Wasser kreuzen, feindlichen Kriegsschiffen aus weichen. Woher bekam sie Kohlen, woher Lebensmittel, wenn fie nicht auf einen92 Dampfer stieß? Aber Vater Petersmann war nun wieder guter Dinge, seitdem er wußte, daß die „Emden" die Engländer auf dem Meere bedrohte. Dann kam nach dem Warten durch vier lange Wochen neue Nachricht: „Emden" hat den „Indus" versenkt und jagt weiter auf englische Dampfer. Da ging Vater Petersmann in die Stadt, kaufte ein großes Bild von der „Emden", ließ einen breiten, eichenen Nahmen darum machen und hing es in seinem Zimmer auf, der Weltkarte gegenüber. Die Weltkarte und die „Emden", die gehörten zusammen. Sein Sohn war sein Stolz, und diesen Stolz hatte er auf das Schiff übertragen, von dem er alles erwartete. Die Sorge um seinen Jungen umfing auch das Schiff, aber es war kein ängstliches Sorgen, sondern ein frohgemutes; denn im Grunde seines Herzens lebte die Gewißheit, daß nach allen dunklen Tagen und schweren Stunden die starke, stille Freude wiederkommt, wie die Sonne noch nach jeder düsteren Sturmnacht wieder erschienen ist. Abends beim Lampenschein las er der Mutter alte Geschichten vor von den Heldentaten der Ger manen zu Wasser, ihren Kämpfen auf der Weser gegen die römischen Schiffe, die fie von ihren ausgehöhlten, schwimmenden Baumstämmen aus angriffen, von den kühnen Streifzügen der Wikmger durch die nordischen Meere und Flüsse, von der Seemacht und dem Glänze der deutschen Hanse. Und nach jeder Geschichte sah er auf zum Bilde der „Emden", die ihm ein Zeichen war, daß die Kraft und der Wagemut der Wikings- und Hansezeit im deutschen Herzen nie sterben würde. Mut und Freudigkeit, Liebe zur Heimat, Gesolgschaftsfreudigkeit dem Führer in Not und Tod hinein waren das Erbe der Bäter, das sich aus alten Zeiten herüber gerettet hatte in die Gegenwart und sich nun im gewaltigen Völkerringen immer wieder aufs neue offenbarte. Freilich, die Zeit, in der der germanische Stamm der Brukterer in rohen Kähnen die römischen hoch- bordigen Dreiruderer anfuhr, um Mann gegen Mann mit Beil und Speer zu kämpfen, lag so weit zurück, daß man sich kaum noch in sie hineinversetzen konnte. Mit der steigenden Entwicklung der Lebensformen, des Verkehrs der Menschen aller Länder miteinander, des Handels über die Meere waren auch die Größe und Furchtbarkeit der Kampfmittel gewachsen. Um ein solch unendlich großes, prächtiges Wunderwerk wie die deutsche Flotte hervorzubringen, bedurste es einer großen Reihe tüchtiger Männer, die die neuesten Ergebnisse der Wissenschaften beherrschten, denen Einrichtungen zur Verfügung standen, an deren Vervollkommnung ganze Generationen gearbeitet hatten. Nur so konnten die modernen Kolosse entstehen, die eisengepanzert und stahlbewehrt stolz durch alle Meere fuhren. Sie find aus der Zeit und ihrem Können heraus gewachsen und geben ein Bild des Menschengeistes, der sie ersonnen hat. Nicht ein einzelner konnte ein Schiff bauen, wie sich einst der Germane mit Beil und Feuer seinen Kahn zimmerte, das gesamte Können des Volkes und der Zeit vereinigte sich zu den großen Wundern der Technik. Und hinter der Arbeit mußte der Wille des Volkes stehen, das Werk der Flotte zu bauen, und die Einsicht, daß es notwendig war, not wendig um das Leben des Volkes willen. Wer die Notwendigkeit noch nicht erkannt hatte, dem wurden durch den Beginn des gewaltigen Krieges die Augen geöffnet.93 „Unser Krieg zu Lande und zu Meer," pflegte Vater Petersmann häufig zu sagen, „ist darum so ungeheuer groß und wuchtig, weil unser großer Wille zum Siege so gewaltige Mittel hat, zu denen er greifen kann. Der Krieg ist genau so groß und gewaltig wie die Zeit, die ihn geboren hat. Wer bis jetzt gleichgültig und teilnahmslos durchs Leben gegangen ist, wird nun wach und lernt noch im Zerstören die Größe unserer Zeit kennen und die Größe der Arbeit, die in ihr geleistet worden ist. Das wird alle in die Höhe reißen und lebendig machen, die Ehrfurcht wird lebendig werden. Der Krieg wird viel töten, aber auch viel lebendig machen." Mutter Petersmann richtete sich an den Worten und an der Meinung des Vaters immer wieder auf. Sie wußte, daß er die Sorge um seinen Sohn, um das Schiff und um das Vaterland mit starker Kraft trug, er ließ sich nicht unterkriegen. So wollte auch sie stark sein. Draußen im Felde und auf den Schiffen ging Mann für Mann mit starken Herzen seinen Weg, der großen Sache bewußt, für die er stritt. Wie konnte sie da kleinmütig sein. Und sie wischte die Augen trocken und hörte auf die Wikingsgeschichte, die der Vater vorlas. Mitunter machte er eine Pause; dann blickten sich Vater und Mutter an, sie dachten an ihren Sohn, und der Vater sagte: „Da sitzen wir hier und lesen von alten Helden und ihren Taten, sprechen von der Größe alter Zeiten. O, wieviel größer ist doch unsere Zeit, wieviel Helden leben in ihr! Das alte Papier raschelt in unseren Händen und spricht von vergessenen Toten. Um uns geht das herrliche Leben, und jeder Windstoß am Fenster kann uns Wundermären erzählen, die eben geschehen sind." Und die Mutter nickte dazu und dachte in solchen Augenblicken ohne Sorge, nur mit Stolz an ihren Sohn, der mitbaute an des Vaterlandes Ruhm und Herrlichkeit. Hermann Petersmann hatte in seinen Iünglingsjahren nicht viel darüber nach gedacht, was er dem Vaterlande verdanke, und was er ihm dafür schuldig sei, von seinem Herzen heraus zu geben. Erst in der Fremde war es ihm zum Bewußtsein ge kommen, wie sehr er mit seinem innersten Gefühl an seinem Vaterlande hing. Es war in Konstantinopel gewesen. Eine deutsche Kapelle hatte im Garten eines großen Gast hauses an den Hasenanlagen ein Konzert veranstaltet und auch die Iubelouvertüre gespielt, die mit der rauschenden Musik: „Heil dir im Siegerkranz!" endet. Die Deut schen an den Tischen sangen stehend das Lied mit, und die Türken hörten neugierig und erstaunt zu. Hermann Petersmann stand vor dem Garten an der niedrigen Um fassungsmauer. Eine weiche, warme Luftwelle trug Duft und Blüte von Akazien und blühendem Flieder zu ihm her. Der Abend mit Duft und Lied, mit der geweckten Erinnerung an Deutschland und den Gedanken an Vater und Mutter hatte das Heim weh in ihm geweckt. Er stand da unter fremden Menschen, in einem seltsamen, fremden Lande, der Wellenschlag am Strande war weich wie die Luft, die über ihm wehte. Da stieg die Sehnsucht nach den deutschen Meeren in ihm hoch, nach den rauhen Nord stürmen und dem harten Wellenschlag der Nordsee. Er ging als Kohlentrimmer auf den nächsten Dampser, der nach Hamburg fuhr. Eines Abends hatte er vor dem Hause94 der Eltern gestanden. Sie wußten nicht, daß er heimgekehrt war, sie glaubten ihn im fernen Orient. Er war durch das Gartentor gegangen, um unbemerkt ins Haus zu kommen. Aber die Treppe knarrte unter seinem schweren Tritt. Vater Petersmann hatte sich gerade ein Pfeifchen gestopft und wollte die Abendzeitung lesen, da sagte die Mutter: „Hör' mal, da kommt einer die Treppe heraus." Sie wunderte sich, daß der späte Gast nicht an der Haustür geklingelt hatte. So war er sicher durch das Eartentor gegangen und von der Hinteren Seite aus ins Haus gekommen. Poch — poch — poch, klopste es an die Tür. „Herein, wenn es ein Seemann ist!" ries Vater Petersmann. Das war sein Nus geworden, seitdem er seinen Sohn aus einem Schisse wußte, und die Seeleute waren ihm die liebsten Besucher geworden, konnte er mit ihnen doch über Meere und Schisse sprechen und von seinem Sohn erzählen, vielleicht stand jetzt draußen einer, der von einer fremden Wasserkante kam und Grüße brachte. „Herein, wenn es ein Seemann ist!" rief er noch einmal, und nun war er doch erstaunt, als die Tür auf ging und ein wirklicher Seemann über die Schwelle trat. Das war ein unverhofftes, fröhliches Wiedersehen. Vater Petersmann eilte in den Keller und holte eine Flasche von seinem selbstbereiteten Iohannisbeerwein herauf. Bis spät in die Nacht hinein saßen Vater, Mutter und Sohn um den kleinen Tisch. Hermann wurde nicht müde, von fremden Menschen und Ländern zu reden, und als die Mutter den letzten Rest aus der Flasche in die Gläser schüttete, erzählte er von dem Abend in Konstantinopel, an dem das Heimweh über ihn gekommen war. Da wurde es im kleinen Stübchen still. Vater und Mutter rührten sich kaum. Es kam selten vor, daß sie von ihrer Liebe zur Heimat sprachen, nun stand sie auf einmal groß, lebendig vor ihnen wie ein großes Feuer, von dem Wärme und Licht ausstrahlte, es wurde ihnen heilig und stille zumute. Draußen ging der Wind durch den Garten und schüttelte die Wipfel der Lindenbäume. Im Fliederstrauch schlug ein Nachtvoglein an. Der Mond stand in voller Größe am Himmel und tauchte Busch und Baum, Weg und Haus in ein mattes Licht. Auf seinem Zimmer stand Hermann Petersmann noch lange am offenen Fenster und sah in den Garten und in die monddurchglänzte Nacht hinaus. Ein starker Linden- dust und Erdruch schlug zu ihm empor. In dieser Nacht hatte Hermann Petersmann seine Heimat entdeckt. Lange blieb er nicht daheim; denn er war ja ein Seemann. Bei der Kriegs marine hatte er es zum Torpedomatrosen gebracht und war an Bord der „Emden" gekommen. Er liebte das Schiff, wie ein Seemann nur sein Schiff lieben kann. Es war aber auch ein stolzer Bau mit seinen hundertsiebzehn Metern Länge und dreizehn Metern Breite, mit seinen Kanonen, Maschinenkanonen und Torpedorohren, llnd wie kampfes tüchtig es war, hatte es ja noch vor einem Jahre in China gezeigt. Es war das erste ernsthafte Feuergesecht gewesen, das Hermann Petersmann mitgemacht hatte. Wenn die Rede auf diese Heldentat der „Emden" kam und die neu hinzugekommenen Matrosen fragten: „Wie war es damit? Was habt ihr da in China gemacht?", dann wurde ihnen gesagt: „Fragt den Petersmann, der war auch dabei, der kann es euch95 erzählen". Hermann war während seines Tagewerkes und seines Nachtdienstes ein einsilbiger Geselle, er sing nicht leicht ein Gespräch an und gab, wenn er gefragt wurde, nur kurze, knappe Antworten. Nur wenn von einer Sache gesprochen wurde, die das Schiss anging oder fremde Häfen und Länder, dann war er mit ganzer Seele dabei und warf manches Wort in die Unterhaltung. Wenn er gebeten wurde, etwas, was er kannte, zu erklären oder ein Abenteuer der „Emden" zu erzählen, dann wurde der sonst so stille Mann lebendig und erzählte mit Stimme und Gesicht, mit seinen Händen und mitunter auch, wenn er beim Wichtigsten angekommen war, mit seinen Beinen. Wenn er die Heldentat der „Emden" in China seinen Kameraden erzählen mußte, pflegte er sich auf eine Kiste oder eine Rolle Taue oder ein Geländer zu setzen, fuhr sich,mit der Hand übers Gesicht, spuckte aus wie ein alter Seebär, der jeden Hafenwinkel in der ganzen Welt kennt und erzählte: „Damals, als wir in China waren, — es ist jetzt gut ein Jahr her, über ein Jahr, — suhr die „Emden" den Iangtse hinauf. In China war Nebellion, und wir sollten dafür sorgen, daß die Rebellen die Deutschen in Ruhe ließen, denn die chinesische Regierung war noch nicht Herr über die Aufrührer geworden und hätte unsere Kausleute nicht schützen können. Wir sind noch im Unterlauf des Iangtse, da schwimmt da ein chinesischer Dampser und hat oben im Mast die deutsche Flagge. Uns kommt die Sache verdächtig vor, und wir halten den Kahn an. Es waren lauter Chinesen an Bord, alles Rebellen, die Lebensmittel und Geld im Schiff führten. Na, das war ja nicht unsere Sache, mochten sie tun und fahren, was sie wollten. Wir waren ja nicht dazu gekommen, der chinesischen Regierung Rebellen einzufangen. Aber die deutsche Flagge, die die Rebellen führten, um sich und ihre Ladung zu schützen, mußten sie hergeben. Dann konnten sie fahren, wohin sie wollten. Für dieses Zu sammentreffen wollten sich die Rebellen rächen. Wir kamen in die Nähe der Stadt Wuhu am Iangtse, weit hinter der Stadt Nanking. Auf einmal blitzten von einem Fort her Schüsse auf. Klatsch — fielen die Granaten ins Wasser. Sit — fit — sit sausten Gewehrkugeln durch die Luft. Ich hatte gerade Geschützwache, damals war ich noch nicht Torpedomatrose, ich gehörte noch zur Geschützbedienungsmannschaft. Unser Kapitän stand auf der Kommandobrücke. Ein Wort: „Klar zum Gefecht!" Ein Feuer befehl, und unsere Geschütze brüllten los. Krach — bum zerrissen sie an dem feuernden Fort eine Mauer, Steine und Staub flogen auf. Hurra, getroffen! Und weiter ging es Schuß auf Schuß. Vor uns spritzte mitunter das Wasser des Iangtse hoch, einmal sausten Geschosse über uns hinweg und pslügten das Ufer los. Wir hatten noch gar nicht viel geschossen, aber alles waren Treffer gewesen, da kam der Befehl zur Feuerpause. Wir standen schußbereit fertig, aber die Rebellen blieben still, ihr Gewehrfeuer hatten sie längst eingestellt, waren bei der ersten Granate fortgelaufen, nur ihre Artilleristen hatten ausgehalten, bis wir auch sie zum Schweigen brachten. Dann mußten wir auf Heck antretet?, der Kapitän hielt eine Ansprache an uns, daß er sich darüber freue, daß wir so ruhig an unsere Posten gegangen wären und uns so tapfer gehalten hätten. Die Rebellen würden Respekt vor einem deutschen Kreuzer bekommen haben. Im fremden96 Lande, in dem der Aufruhr tobte, seien wir auf uns selbst angewiesen, und die Selbst hilfe seien wir unserer Flagge schuldig gewesen, unserem Vaterlande und unserem obersten Kriegsherrn. Dann klang unser Hurra dreimal über den fremden Fluß. — Das war ein stolzer Tag gewesen." Und dem Erzähler glühten noch jetzt die Wangen, als er diesen „Emden"-Streich erzählte. Hermann Petersmann hatte an Bord nur mit einem Kameraden Freundschaft geschlossen, mit dem mecklenburgischen Maschinisten. Sie hatten manches zusammen durchgemacht, und jeder wußte, daß er sich auf den anderen verlassen konnte. In Friedenszeiten waren sie nicht viel zusammen gekommen, weil der Maschinist im Maschinenraum zu tun hatte und er im Torpedoraum. Ihren Landurlaub verlebten sie immer zusammen, und gemeinsam hatten sie manches fremde Hafenviertel durch streift und in manchem Abenteuer einander beigestanden. Nun brachte sie der Krieg täglich in Berührung, nicht nur beim Versenken gefaßter englischer Dampfer, sondern auch in den Arbeiten an Bord. Denn es gab immer für alle zu tun, und jeder mußte zugreifen und auch Arbeit leisten, die ihm sonst fremd war. Aber alle taten jedes Werk mit großer Freudigkeit. Sie waren eine große Familie, die für ihr Haus, ihr Schiff sorgten und willigen Dienst für die Heimat taten. Und der Dienst war hart und schwer. Kriegswache mußte gestanden werden, damit alles gerüstet war, wenn es zu einem Gefecht mit den feindlichen Kriegsschiffen kam, die auf den Kreuzer Jagd machten. Kohlen mußten immer wieder geladen werden, damit die Maschinen in Gang bleiben konnten. Und doch ließ keiner den Kopf hängen, bei den Arbeiten flog ein Scherzwort nach dem andern, und wenn die Schiffskapelle antrat, so ein Dutzend Mann, dann wurde der Marsch mitgepfiffen und das Lied mitgesungen, und spielten die Musizi gar ein Tänzchen, dann faßte einer den andern und drehte ihn ein paarmal rund. Sie trugen die Arbeit und die Not, wie durften sie da nicht fröhlich sein! Die gefangenen Engländer wunderten sich über den frohen Sinn der Matrosen und fragten: „Wißt ihr auch, daß ihr von Engländern und Franzosen verfolgt werdet?" Gewiß wußten sie das. Der Kapitän ließ ja von jedem aufgebrachten Dampfer die Zeitungen herüberbringen, und auch der Funkentelegraphist sing manche Meldung aus englischen Häfen auf. „Wißt ihr auch, daß ihr eines Tages von unfern Panzerkreuzern gestellt und in Grund und Boden geschossen werdet?" fragten sie weiter. „Denn eines Tages müßt ihr, ein einzelnes Schiff, doch euren vielen Verfolgern in die Hände fallen." Da fuhren die Matrosen auf: „Die Engländer versenken keinen, sie hätten ihn zuvor. Und es soll ihnen teuer zu stehen kommen. Wir haben noch Zähne zum Beißen", und sie zeigten auf die Geschützrohre, die drohend aufs Meer hinausstarrten. Und Hermann Peters mann meinte bei sich: Unter Wasser sitzen auch noch zwei Zähne, die tüchtig beißen können. Er dachte an die beiden Torpedorohre, auf die er so stolz war. Wenn doch der große Tag kommen würde, an dem sie Arbeit bekämen. Die Feinde sollten esKurz vor Kriegsausbruch besuchte die „Emden" mit einem ihrer Schwesterschisfe auch die deutsche Kolonie Friedrich- Wilhelms-Hasen. Prächtige Paraden und militärische Albungen wurden von den Matrosen vorgeführt, und Augen- zeugen haben berichtet, daß unsern farbigen Landsleuten die Augen groß geworden seien vor Erstaunen. So wirkt deutscher Schneid und deutsche Manneszucht auch in fernen Erdteilen. Auf dem untersten Bildchen ist das Offizierkorps, darunter auch der Kapitän von Müller, zu sehen.spüren, daß sie das Deutsche Reich zum Kampfe gefordert hatten, sollten es auch aus dem Meere spüren. Aus seinen Gedanken weckte ihn der Rus seines mecklenburgischen Freundes: „Petersmann, komm an Deck, die letzten Engländer sollen verladen werden." An Deck sah er erstaunt, daß der Kommandant der „Emden" sich an Bord eines norwegischen Dampfers rudern ließ und mit dem Kapitän verhandelte. Es war das erstemal, daß der Führer sein Schiff verließ, sonst hatte er die Verhandlungen mit den Kapitänen der Dampfer seinen Offizieren überlassen. Hatte er etwas Besonderes vor? Gekaufte Lebensmittel wurden auf den Kreuzer geschafft, und für die gefangenen Engländer hatte der Kommandant Plätze auf dem Dampfer gekauft. In froher Stimmung verließen die letzten Gefangenen das deutsche Deck und bestiegen den Norweger. Bis der Kreuzer aus ihrem Gesichtskreis verschwand, standen sie an der Reling und riefen und winkten. Der Dampfer brachte sie in einen englischen Hasen, wo sie das Lob der „Emden" und seines Kommandanten verkündeten. Bald nach der Begegnung mit dem Norweger rief ein Signalgast Hermann Petersmann in den Turm zum Kommandanten. Hermann fragte erstaunt, was er dort sollte. Der Signalgast wußte ihm keine Antwort zu geben. Als Hermann zum Turm aufstieg, klopfte ihm das Herz. Er sollte vor den Führer des Schiffes treten, zu dem er mit Verehrung emporsah. Wenn er ihn auf der Kommandobrücke stehen gesehen hatte, hoch aufgerichtet in nie zu erschütternder Ruhe, die Leitung des Schiffes in fester S7 97 Der Torpedo wird mit komprimierter Lust gefüllt.98 Hand und starkem Sinn, dann war ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit über ihn gekommen. Einem solchen Kommandanten würde er ruhig in jeden Sturm hinein folgen, bei ihm bis zur letzten Minute aushalten. Fregattenkapitän von Müller sah dem Torpedomatrosen, der in gerader Haltung vor ihm stand, scharf in das offene, ehrliche Gesicht. Der Mann gefiel ihm. Er hatte in seinem Leben manchen Menschen gründlich kennen gelernt, das Leben an Bord bot manche harte Stunde, in der das innerste Wesen des Menschen zum Vorschein kam. Er konnte sich auf seine Menschenkenntnis verlassen und wußte sofort, daß er diesem Matrosen da vertrauen konnte. „Petersmann," sagte er und schob die Karten, die den Tisch bedeckten, zur Seite, „nach Aussage Ihres Torpedo-Obermaschinistenmaaten kennen Sie Madras und seine Hafenanlagen?" Er sah ihn fragend an. Petersmann bejahte, er kenne den Hafen und seine Anlagen ziemlich genau, er sei einige Zeit in Madras gewesen, ehe er zur Kaiserlichen Marine gekommen sei, und hätte dort gearbeitet. Der Kapitän forderte ihn aus, zu erzählen und zu beschreiben, was er von der Stadt wußte. Hermann sah vor seinen Augen das Bild der Stadt, den Hafen, die Anlegeplätze der Dampfer und die der Kriegsschiffe, die Lage der Petroleumtanks, die Gebäude der Öl-Gesellschaft und die städtischen Bauten. So, wie die Bilder in seiner Erinnerung auftauchten, beschrieb er sie. Der Kapitän nickte befriedigt. „Petersmann, wir fahren heute abend nach Madras und wollen die Öltanks beschießen; ich laste Sie nachher wieder rufen, damit Sie mir die Lage der Tanks zeigen können." Hermann Petersmann blickte hocherfreut dem Kapitän nach. Die „Emden" sollte den Engländer in seinem eigenen Hasen angreifen, ein einzelnes deutsches Schiff, auf der Flucht vor einer Reihe feindlicher Kreuzer, die es auf Leben und Tod jagen wollten, — und doch war es immer noch angriffsfroh, — heldenkühn und todesmutig war es der Verkünder des deutschen Zornes über die Machtgelüste der Feinde. Und er, der Torpedomatrose, konnte bei dieser kühnen Tat helfen, sollte den Geschützen den Weg zu den Petroleumtanks zeigen. In hoher Spannung erwartete er den Abend. Als es dunkel wurde, gab der Kapitän Befehl, alle Lichter auf der „Emden" abzublenden. Wie ein großer Schatten glitt der Kreuzer über das dunkle Meer. Vom wolkenbedeckten Himmel fiel kein Mondstrahl, leuchtete kein Sternenlicht. Aus dem Dunkel tauchten verschwommene Lichter auf, der Kreuzer näherte sich der Küste. In großen, undeutlichen Umrissen wurde die Stadt Madras sichtbar. Der Hafen lag voller Schiffe. Die Masten reckten sich in das Dunkel der Nacht hinein wie ein entlaubter Wald an einem Novemberabend. Eine starke Brise bewegte die Wellen, ging durch die Takelage der verankerten Schiffe, fegte die Straßen der Stadt und jagte die Wolken am Himmel durcheinander, daß mitunter ein Stern durch eine Wolkenlücke auf das Meer schauen konnte. Aber die nächste Wolke versperrte ihm gleich wieder die Aussicht.An Bord der „Emden" wurde scharfer Ausguck gehalten. Galt es doch heute, den Feind in seiner eignen Höhle aufzusuchen. Er hatte den Krieg gewollt, nun, so sollte er ihn auch in seinem eignen Lande spüren. Hermann Petersmann war wieder zum Kapitän besohlen worden. Von der Brücke aus beschrieb er die Schattenbilder, die sich schon an der Küste zeigten. Der Kreuzer war nur wenige Kilometer von Madras entfernt, und die Sichtigkeit war trotz der mondlosen Nacht gut. Die Lage des Hafens und seiner Bauten war festgestellt. Die Maschinentelegraphen klingelten einen Befehl des Kommandanten in den Maschinenraum. Der Kreuzer stoppte, der Scheinwerser der „Emden" flammte aus, tastete die Küste ab und richtete seinen Leuchtkegel auf die Petroleumtanks am Hafen. In der Stadt Madras hatte niemand das Heranschleichen des Kreuzers bemerkt. Die meisten Häuser lagen im Dunkel da, nur hier und da leuchteten Fensterscheiben. Aus den Fenstern des Festsaales im neuen Rathaus fiel Heller Schein auf den Hasen platz. Kaufleute, Schiffsbesitzer und ihre Kapitäne, Bürger der Stadt und Vertreter der städtischen Behörden saßen zu einem festlichen Mahl beisammen. Sie hatten ein wichtiges Ereignis zu feiern, das alle mit großer Freude erfüllte. Schon seit langen Wochen hatten sie in Angst und Sorge gelebt, in Angst und Sorge um ihr Geld, das sie im Handel stecken hatten. Sie hatten Waren eingekauft, Lebensmittel, Kohlen, Automobile, Maschinen, alle Erzeugnisse der Kolonien, der Eisenindustrie und der Technik, ihre Dampser damit befrachtet und sie aus Madras abfahren sehen mit dem Kurs nach Kalkutta. Aber sie waren nicht in ihrem Bestimmungsort angekommen. Ein deutscher Kreuzer hatte sie unterwegs angehalten. Es war unmöglich, zu begreifen. 8 7' 99100 wie ein deutscher Kreuzer in den Golf von Bengalen kommen konnte. Wofür war denn die Kriegsflotte da, wenn sie nicht vermochte, den Handel in den indischen Gewässern zu sichern? Wenn es hier bereits so schlecht um den Handel stand, wie mochte es dann erst den Dampfern an Englands eigenen Küsten ergehen? Man hatte der Regierung Vorwürfe gemacht, daß sie den Kreuzer noch nicht abgefangen hatte, und heute war der Bescheid gekommen, der Golf von Bengalen sei von der „Emden" frei, man könne um den Handel unbesorgt sein. Darüber herrschte nun großer Jubel. Mochte Krieg führen, wer wollte, wenn es ihnen nur nicht an den Geldbeutel ging. Einige Besonnene und Vorsichtige waren allerdings da, die der Sache nicht so recht trauten. Vor einigen Wochen war schon gemeldet worden, der deutsche Kreuzer „Emden" sei von dem britischen Kreuzer „Askold" nach einem Gefecht versenkt worden. Aber er fuhr noch immer durch den Indischen Ozean, wie ein Gespensterschiff tauchte er plötzlich hier auf, dann dort, versenkte Dampfer und Transportschiffe und war zum Bengalenschreck geworden. Die Seeleute sprachen mehr von der „fliegenden Emden" als vom „fliegenden Holländer", jenem Geisterschiff, das zur Strafe für bösen Willen und böse Taten des Kapitäns und der Mannschaft zur ewigen, ruhelosen Fahrt auf dem Meere verdammt war, das den Schiffen, denen es auf seiner Fahrt begegnete, durch sein Erscheinen ein Unglück anzeigte. Aber die fröhliche Stimmung der ganzen Gesellschaft riß auch die Schwarzseher hin, daß sie die Gläser erklingen ließen und auf den Untergang des gefährlichen Schiffes tranken. Eben hielt ein Großkaufmann eine Rede, in der er von dem Schaden sprach, den der eine deutsche Kreuzer bisher dem englischen Handel zugefügt hatte. Er sprach von den Schiffen und ihren Ladungen, deren Wert 15 Millionen betragen hatte, und drückte seine Freude darüber aus, daß nun keine Sorge mehr bestände für ihren Handel und für ihre Geldkassen, und alle riefen Beifall und tranken dem Redner zu. Mitten in den Festeslärm erscholl plötzlich ein gewaltiges Krachen wie von einer großen Ex plosion. Sofort wurde es still im Saale. Alle lauschten erschrocken. Da — wieder: ein dumpfdröhnender Aufschlag, dem ein gewaltiges Getöse folgte. Die Erde erzitterte wie bei einem Erdbeben. Die Festversammlung war zuerst erstarrt. Dann sprangen alle an die Fenster: „Was ist los? Was ist geschehen? Ist ein Unglück geschehen?" Aus einmal erfolgte ein Schlag gegen das Haus, daß es in seinen Grundmauern erbebte. Prasselnd fielen Steine auf die Straße. „Wir werden beschossen!" rief der Kaufmann, der vorhin die Iubelrede auf den freien Bengalischen Golf gehalten hatte, und stürzte zur Tür hinaus. Die würdevolle Versammlung jagte ihm nach, drängte sich an der Tür, jeder wollte zuerst hinaus und machte sich mit seinen Ellenbogen Platz. Der Kapitän, der sonst vor seinem Schiffsbesitzer immer gedienert hatte, warf jetzt seinen Herrn mit kräftiger Faust zur Seite, um eher das Freie zu gewinnen. Der Schiffs besitzer, der sonst den Kaufmann mit tiefen Verbeugungen gebeten hatte, auch seine Schiffe mit Waren zu befrachten, vergaß Geschäft und Handelsverträge und stieß seinen Auftraggeber die Treppe hinunter, daß der nicht mehr Zeit fand, das Geländer zu schnappen und daher mit dem Kopfe zuerst auf dem Teppich im Vorraum ankam. Wie101 ein gehetztes Rudel Rehe kam die Gesellschaft auf der Straße an. Draußen auf dem Meere vor dem Hafen strahlte ein weißes, grell leuchtendes Licht. Jeder wußte: das ist der Scheinwerfer eines Schiffes. Auf einmal verschwand es. Aber die Beschießung der Stadt dauerte fort. Petroleumtanks der britischen Öl- Gesellschaft standen in Flammen. Das Feuermeer lohte hoch auf, brennendes Öl ergoß sich über die Plätze und setzte Schuppen, Lager und Geschäftsräume in Brand. Die Glocken am Rathause wurden geläutet, Sirenen auf Fabriken und Dampfern heulten, Autos und Wagen jagten durch die Stadt, überall war unbeschreibliche Verwirrung. Die Bewohner des Hafenviertels und der Vorstädte eilten herbei. Das also war Krieg. Sie hatten es auch nicht in ihren Träumen gedacht, daß sie in ihrer von England so weit entfernten Stadt von einem deutschen Schiff bedroht werden konnten. Das konnte nur die „Emden" sein, die da draußen vor dem Hafen lag und die Tanks beschoß, so ruhig, als könnte ihr kein feindliches Schiff und keine Küstenbatterie Schaden zufügen. Auf der „Emden" sah die Besatzung mit Stolz den Erfolg ihrer verwegenen Fahrt, und die Geschützbedienung sagte nach jedem Abschuß: „Treffer!" Hermann Petersmann sah mit leuchtenden Augen in das Schauspiel der brennenden Öltanks. Hunderttausende von Hektolitern Petroleum flammten durch die Nacht. Über ihnen wälzten sich schwere, dichte Rauchwolken und strichen über die Stadt. Einrichtungen und Gebäude, die im Dienste einer hochentwickelten Kultur standen, wurden zerstört. Aber um sie vernichten zu können, bedurfte es weittragender Geschütze, die die moderne Technik gebaut hatte. Großes Menschenwerk wurde zerstört, vernichtet durch großes Menschenwerk. Aber größer war der Geist, der sich in der kühnen Fahrt nach Madras offenbarte, der Mut und Tatendrang im Dienste der großen Sache des Vaterlandes. Hermann Petersmann war von der Pracht des Riesenfeuers überwältigt. Aber das Bewußtsein, daß dadurch ungeheure Werte verloren gingen, daß Werte, die in unermüd licher Arbeit geschaffen worden waren, in Trümmer fielen, erschütterte ihn ties. Als die „Emden" ihr Werk vollendet sah, fuhr sie mit voller Kraft in nordöstlicher Richtung auf Kalkutta zu. Von den Batterien der Küstenforts kam die Antwort auf den Angriff der „Emden". Granaten versuchten den Kreuzer zu treffen, kamen aber zu kurz und schlugen ins Wasser. Hafen und Stadt verschwanden, als sänken sie langsam ins Meer. Nur die brennenden Öltanks lohten ihre riesigen Flammen wie Warnungszeichen in die Nacht hinaus. Als die „Emden" in stolzer Fahrt den Schauplatz ihrer kühnen Tat verließ, empfand Hermann Petersmann in seinem Herzen den Jubel des Siegers, der sein Ziel erreicht hatte. Er schalt sich ob seiner Traurigkeit über die großen Zerstörungen, die der Krieg brachte. Traurigkeit durfte jetzt nicht in ihm platzgreifen. Das Vaterland war bedrängt, wie sollte er da nicht jubeln dürfen bei jedem Erfolg über den Feind? Größer als Not und Gefahr ist der Geist, der sie überwindet, er triumphiert auch über Vernichtung und Zerstörung. Er wird neu und größer bauen.102 Als Hermann Petersmann in dieser Nacht einschlief, war er an seinem innern Menschen gewachsen und reifer geworden. In jungen Iahren war er ein lustiger Bursch gewesen, in der Schule gab es keinen Streich, bei dem er nicht der Hauptheld gewesen war. Auch in seiner Schiffsjungenzeit hatte ihn der lustige, leichte Sinn nicht verlassen. Dann hatten die ersten großen Seefahrten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn aus geübt. Die unendliche Weite des Meeres, die Wildheit mancher erlebter Stürme und das Bewußtsein, dasz Sand und Klippen aus dem Ozean, der das Schiss heute trug wie ein gebändigter Riese die aufgezwungene Last, morgen ein Seemannsgrab machen konnten, hatten ihn ernster gestimmt und ihn über manches nachdenken lasten, was er sonst nicht beachtet hätte. Alle kleinlichen Eigenschaften, Mißgunst, Neid, Unzufrieden heit, waren aus seinem Charakter ausgelöscht. Die große Meeresnatur hatte auch seine Seele großgemacht. Die Gefahren des Sturmes, der Klippen, Tage des Hungers und Durstes hatten ihn abgehärtet und ließen ihn ruhig jeder Gefahr entgegensehen. Seine Kraft und seinen Willen hatte er so oft erprobt, daß er sich auf sich selbst verlassen konnte. Das gab ihm ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit, wie man es bei jungen Leuten, die nur aus dem Lande leben, selten antrifft. Die Schiffsgesetze über Ordnung, Sorgsalt, Sauberkeit im Leben und Arbeiten an Bord gewöhnten ihn an ein geregeltes Leben, das ihn gesund, zufrieden und tiefinnerlich froh machte. Er sah die Notwendigkeit strenger Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit ein und fügte sich gern als Glied in die große Kette, die die Besatzung des Kreuzers bildete; wußte er doch, daß nur durch das geordnete Zusammenwirken aller Kräste etwas geleistet werden konnte, und daß jeder an seinem Platze zu achten sei, wenn er ihn nur richtig auszufüllen verstand. Als Schiffs junge hatte er wohl auch davon geträumt, einmal als Kapitän auf einem Schiffe zu stehen, es mit vollem Dampf oder mit vollen Segeln vor dem Sturm hinsausen zu lasten, es glücklich durch Klippen und schäumende Brandungen zu führen, von der Besatzung geliebt zu sein und unter Seeleuten einen achtbaren Namen zu haben. Dann sah er auf der „Emden" den Kapitän von Müller. So hatte er sich einen Führer gedacht, so klar im Willen, so entschlossen in der Ausfüllung, einen Führer, für den es keine unüberwindliche Schwierigkeit gab, der seiner Mannschaft alles zutraute und sie dadurch zu allem fähig machte. Aber welch große Verantwortung ruhte auf ihm! Wieviel Ruhe und Geschlossenheit des Charakters mußte der Mann besitzen, der sie zu tragen hatte, der als Richter an Bord das Recht besaß, über Leben und Tod zu entscheiden. Hermann Petersmann hatte erkannt: wenn er auch die Kraft und die Fähigkeiten zu einem Kapitän besessen hätte, das Schwerste würde er nie zu tragen vermocht haben: die Verantwortung. So lernte er seinen Führer schätzen und lieben, erblickte in ihm einen Nachfolger der Wikingsführer, die ihn in seinen Schuljahren so begeistert hatten. Die hatten ein Schiff gerüstet, waren hineingesprungen und hatten gerufen: „Ich fahre in Sturm und Not, ich kämpfe gegen Wellen und Klippen, ich lache über die Gewalt des Meeres, ich nehme meinen Schild und singe, wenn die Wogen über mir zusammen schlagen, so wenig fürchte ich den Tod, — wer fährt mit?" Dann hatten die Mannen103 am Ufer gejauchzt und waren in das Schiff gesprungen: „Gefolgschaft dem Geist, der zu führen versteht. Du rufst unsere Kraft, hier ist sie. Du bietest nichts, du bittest nicht. Du rufst, und wir kommen. An deinem Ruf erkennen wir dich. Führ' uns durch Stürme, führ' uns durch Klippen, wir folgen, wir fahren mit. Du bleibst bei uns in Kampf und Not, du teilst unser Geschick: Treue um Treue, wir werden dich nie ver lassen!" Und der nordische Sturm fuhr in das Segel, der gewaltige Kiefernmast bog sich knarrend wie in den Tagen, da er noch trutzig auf hohem Felsen im nordischen Gebirge stand unter seinesgleichen, lauter starken, mächtigen Stämmen. Aber war er hier nicht auch unter gradgewachsenen trutzigen Stämmen, wie daheim auf seinen Bergen? Am Steuer stand einer mit nackten Armen und stand so ruhig und hielt das Steuer so104 fest in harter Hand, als ob kein wilder Wellenschlag wäre, und als ob kein Sturm das Schiff aus seiner Bahn zu schleudern drohe. Und vorn am Bug, der mit dem geschnitzten großen Kops eines Falken geschmückt war, stand einer hochaufgerichtet und sah mit Adlerblicken geradeaus. Wellenspritzer durchnäßten ihn, und der Wind zerrte an seinen Haaren, aber er stand starr wie ein Felsen. Da streckte sich der Mastbaum mit ge waltiger Kraft in die Höhe. Standen um ihn lauter Recken, so wollte er allein nicht weich sein und sich vor dem Winde beugen. Und wie ein Pfeil flog das Schiff durch die Wellen, Möwen jagten mit ihm um die Wette, auf dem Grunde des Meeres stellten die Meerestöchter ihren Reigen ein und tauchten auf, um das Schiff zu sehen, das so kühn dahersuhr. Und in der Kiellinie des ersten fuhr das zweite, das dritte, all die andern, eine endlose Reihe. Alle hatten gerade Masten, die der Sturm nicht beugen konnte, aus allen standen stolze, aufrechte Recken. Die Meerestöchter streckten ver langend die Arme aus. Die Helden sollten zu ihnen kommen, in der grünen Wasser burg wohnen, auf dem Meeresgrunde mit ihnen spielen, sollten ihnen Schlösser bauen aus blitzenden Steinen und leuchtenden Korallen, aus Felsen und Bäumen, sollten ihnen Gärten anlegen aus Seetang und blühenden Meeresrosen, aus flammenden Lilien und wuchernden Schlinggewächsen, Gärten, über die am Tage der Mond sein Silberlicht gießt, und zu denen abends die Sonne niedertaucht und flüssiges Gold in die Kelche der Rosen und Lilien tropft, über die Ranken aus Tang und Schlinggras. Dafür wollten sie jeden Tag ans nordische Land schwimmen, alle Meeresmädchen sollten mitschwimmen, und sie würden dort von den hohen, gewaltigen Eichen Zweige pflücken und sie ihren Helden auf dem Grund des Meeres um die Stirn winden, ihnen Kränze auf die blonden, lockigen Haare legen. Das würden sie tun. „O, ihr Helden, kommt doch zu uns!" Und schmeichelnd schwammen sie neben den Schiffen aus Eichen- und Eschenholz, baten so flehentlich und versprachen die größten Herrlichkeiten der Meerestiefe, aber die kühnen Seefahrer sangen in ihre Schilde hinein, daß es noch lauter dröhnte als Sturm und Meer. Als die Meermädchen sahen, daß die Recken keine Zeit für sie hatten, tauchten sie zu ihrem Vater tief auf den Meeresgrund und suchten ihn in der grünen Meeresburg. Er saß gerade beim Morgenfrühstück und hatte in einem Netz einen Schwärm gefangener Fische, die er zwischen zwei platten Felssteinen weichgeschlagen hatte und sie nun nach einander verzehren wollte. Seehunde saßen im Kreise um ihn herum und sperrten die Mäuler auf, um die Neste zu verschlingen. Die Meerestöchter baten ihren Vater, er möchte doch die blonden Helden auf den Meeresgrund holen. „Wir sind schon oben gewesen," sagte eins der Meeresmädchen, „wir sind ihnen zur Seite geschwommen und haben sie gerufen, sie möchten zu uns kommen, aber sie hörten nicht aus uns." „Wir haben ihnen alle Herrlichkeiten des Meeres versprochen," sagte die zweite und machte ein trauriges Gesicht, „wir wollten ihnen auch jeden Tag frische Zweige von ihren Eichen holen und ihnen Kränze binden und sie ihnen aufs Haupt legen, daß sie im Traum das Rauschen ihrer Wälder hören. Wir wollen mit ihnen in der Meeresburg spielen, sie sollen uns Schlösser bauen und Brücken aus leuchtenden Steinen und starkem Holz."105 Aber der Meeresvater hörte nicht auf seine Töchter. Er wollte sich nicht in seinem Frühstück stören lassen und sagte: „Ihr habt Seehunde und Fische zum Spielen, der Mond baut euch silberne Brücken, die Wellen spülen aus Sand und Stein die schönsten Schlösser, und die Sonne deckt sie mit leuchtendem Gold. Ihr braucht keine Gefährten." Da standen die Meeresmädchen traurig da, ihre grünen Wellenkleider, durch die die Sonnenstrahlen lauter flimmernde Goldfäden gezogen hatten, machten ihnen keine Freude mehr. Die aufgeblühten Seerosen, die sie in ihre lose schwimmenden Haare geflochten hatten, wollten sie zum Zeichen ihrer Traurigkeit herausnehmen. Die jüngste Meerestochter begann bitterlich zu weinen. Die Tränen rannen über ihr liebliches Gesicht und fielen aus den Meeresboden. Es waren lauter seine, echte Perlen. Die Muscheln öffneten ihre Schalen und fingen die Tränen auf. Als der Meeresvater sein liebstes Kind am Weinen sah, stand er auf und nahm das Zeichen seiner Meeres herrschaft zur Hand, einen dreizackigen Speer. Alles konnte er ertragen, nur nicht seine Lieblingstochter weinen sehen. Sie war das Abbild ihrer Mutter, die aus dem Menschenland stammte und nach einem langen, glücklichen Leben in der Meeresburg gestorben war. Unter hohen, von Schlinggewächsen überwucherten Felsen war ihr prächtiges Grab. Wenn die Jüngste bat, tat der Vater alles, was die Meeresmädchen wünschten. Er schüttelte den Dreizack mächtig hin und her, warf das Meer in Wellen berge, dasz die Wikingsschiffe auf- und niederflogen wie Nußschalen. Aber die Steuer leute hielten die Steuer fest, die Masten trugen die weiten Segel, und der Nordwind blies mit Macht hinein. Immer weiter nach Süden ging die Fahrt. Da tauchte der Meeresvater zur Seite der jagenden Schiffe auf. Die Meerestöchter schwammen ihm zur Seite und freuten sich schon auf ihre Spielgesellen. Aber die Wikinger schöpften das Wasser, das die hohen Wellen in ihr Schiff geworfen hatten, wieder heraus und schütteten es dem Meeresvater ins Gesicht. Da muhte der prusten und schnupsen und blieb zurück. Aber voller Zorn jagte er unter den Schiffen her und tauchte vor dem ersten auf, den erhobenen Dreizack in der Hand. Aber der Wiking fuhr ihm den Dreizack aus der Hand, daß er tief ins Meer fiel. Da schickte der Meeresvater seine Seehunde aus, sie sollten ihm den Speer wiedersuchen, denn ohne denselben war er machtlos. Die Seehunde tauchten auf und unter, schwammen hin und her, suchten hinter Klippen und im Seegras, hinter Felsen und Sandbänken, auf dem Grunde des Meeres. Endlich fanden sie ihn in einer schmalen Felsenschlucht; er war aber so heftig gefallen, daß er sich festgeklemmt hatte. Da schwammen sie wieder heraus zum Meeresvater und sagten ihm, wo der Speer lag. Nun mußte er selbst hinschwimmen und ihn holen. Als er mit dem wiedergefundenen Dreizack auftauchte, hatte der Nordwind die Wikinger schon ganz weit fortgeführt, daß er sie nicht mehr sehen konnte. Grimmig tauchte er unter in sein Meeresschloß und aß seine weichgeklopften Fische. Die Seehunde saßen im Kreise um ihn herum und warteten auf ihren Anteil. Acht Tage lang ist der Meeres gott zornig gewesen, und das Meer hat haushohe Wellen geworfen, daß alle Schiffer mit ihren Booten erschrocken in die Flüsse fuhren. Dann fiel ihm ein, daß er die106 Wikinger ja auf ihrer Rückfahrt fangen konnte, und er stellte Seehunde als Wachen auf. Sie mußten aus Klippen und Sandbänken liegen und ausspähen. Die Meeres mädchen brachten ihnen Fische zum Essen, die sie besonders weichgeklopst hatten, und streichelten die Seehunde, damit sie scharf aufpassen sollten. Die Wikinger hatten eine herrliche Fahrt gehabt, waren durch ein hohes Felsentor gekommen und durch ein Meer gefahren, an dessen Gestaden die Feinde ihrer nordischen Heimat wohnten. Da wurde der Zorn lebendig in ihnen. Sie bohrten die feindlichen Schiffe in den Grund und plünderten die Küstenländer. Es lebte aber ein Kaiser in dem römischen Lande, das die Wikinger jetzt mit Schwert und Speer heimsuchten, der hieß Probus. Der schickte in seiner Angst Boten an die nordischen Seefahrer: er wollte ihnen ein weites Land schenken, da sollten sie wohnen und von den Früchten des Landes leben. Und sie brauchten ihm keine Abgaben zu entrichten und keine Geschenke zu machen. Da lachten die Wikings helden, zogen ihre Schiffe in Buchten und banden sie fest. Sie ruhten sich von der langen Seefahrt aus und ließen es sich wohl sein. Abends saßen sie unter fremden Bäumen und blühenden Sträuchern, weicher Südwind kam lind und leise, Wellen und Schilf gräser rauschten weich und flüsternd, die Töchter des Landes sangen zarte, sehnende Gesänge, und die Nordländer staunten in die Herrlichkeiten südländischer Nächte hinein. Doch eine tiese Sehnsucht überkam sie dabei, Sehnsucht nach ihren rauschenden Eichen wäldern, nach der harten Brandung ihrer Meere, nach dem Fluge des Falken und dem Schrei des Seeadlers. Und eines Tages, als ein guter Wind nach dem Westen wehte, rüsteten sie ihre Schisse und durchfuhren das südländische Meer, das mitten zwischen den Ländern ihrer Feinde lag, aber kein Schiff wagte sich hervor. Durch das Felsentoc fuhren sie hinaus in ihren weiten Ozean, der Kiel tauchte auf und nieder unter dem Drucke der geschwellten Segel und zerteilte die anstürmenden Wogen. Aus den Fels klippen und Sandbänken hatten die lange Zeit hindurch die Seehunde treue Wacht gehalten. Die Meeresmädchen waren immer zu ihnen gekommen und hatten sie ermahnt: „Paßt schön auf, ihr lieben Seehunde, und wenn die Wikingsschiffe kommen, dann meldet es sofort." Und die Seehunde nickten und versprachen, treulich Wacht zu halten. Die Meerestöchter hatten sich neue Kleider gewebt. Die waren so schön, daß Fische aus den fernsten Meeren geschwommen kamen, um sie zu sehen. Keine Königin der Welt besaß solche Pracht. Einen langen Winter hindurch, als oben auf dem Meere mächtige Eisschollen trieben, hatten die Meeresmädchen in der Meeresburg an der Arbeit gesessen. Aus dünnem Schilf und allerseinftem Seehaar hatten sie ihre zarten, schleierhaften Kleider gewebt, der Mond mußte seine feinsten Strahlen hergeben, die wurden hineingewirkt, und die Sonne mußte flimmernde und glitzernde Goldstäubchen auf das Gewebe streuen. Leuchtende Schuppen von Silberfischen kamen als Besatz an den Saum, und mit durchscheinenden, edlen Perlen wurden die Ärmel verziert. Und als alles fertig war, da wurden die Gewänder drei Monde lang gebleicht. Da lag ein silberner Glast auf ihnen. Das waren die eingefangenen Strahlen des Mondlichtes. Das allerschönste Kleid hatte die jüngste Tochter des Meerkönigs, denn der Mond hattesich damit natürlich besondere Mühe gegeben. So waren sie auf den Empfang der Wikinger gerüstet. Der Meereskönig war ja zornig auf die Helden, weil sie ihm seinen Speer aus der Hand gefahren hatten, er würde sie schon in die Tiefe holen. Da kam eines Tages der ganze Schwärm der Seehunde herabgesaust. Die Schar schwamm so dicht über- und nebeneinander, daß kein Licht mehr durch sie in die Meeresburg fallen konnte. Jeder wollte als erster kommen, um die Wikinger zu melden. Die Meeres töchter zitterten vor Aufregung und zogen ihre neuen Kleider an. Der Meereskönig griff zu seinem Dreizack, rührte das Meer in seinen Grundtiefen auf, daß die Wellen haushoch gingen, aber die Wikinger lachten über die unruhige See, die ihnen so kurz vor der Heimat die Fahrt verderben wollte. Da tauchte vor dem ersten Schiff der Meereskönig auf und reckte drohend den Dreizack. Da rief der Wikinger: „Meeres könig, warum kommst du nicht zu offenem Kampfe aufs Schiff? Wir beide wollen miteinander fechten mit unfern Speeren. Wie kannst du so feige sein und heimlich nach unsern Schiffen stoßen?" Der Meereskönig fühlte sich an seiner Ehre getroffen, er faßte den Bug und sprang in das Schisf. Der Wiking faßte seinen Speer, und der Kamps begann. Schon nach den ersten Stößen schlug der Wiking dem Meereskönig den Dreizack aus der Hand, daß er weit hinaus ins Meer flog. Der Meereskönig sprang hinterdrein. Triumphierend jagten die Wikinger weiter. Sie hatten das Meer für alle Zeiten unterjocht. Die Meerestöchter in der Tiefe trauerten, daß die Helden nicht zu ihnen gekommen waren. Aber eine Sehnsucht hatten die Nordländer heim gebracht, die ihnen seitdem immer und schwer im Blute gelegen hat, die Sehnsucht nach dem Süden, nach Ländern und Meeren, die weit in der Ferne liegen. Der Geist dieser Wikingszeit schien Hermannn Petersmann in seinem Kapitän verkörpert zu sein, ja, er lebte im ganzen Schiff, er lebte in den Herzen der Mannschaften und gab ihnen die Siegesgewißheit, die mit ihren Vorfahren gewesen war. Die Wikinger hatten den Bann der Meeresunbezwingbarkeit gebrochen, als sie ohne Kompaß, nur die Sonne und die Sterne als Wegweiser über sich, ihre kühnen Fahrten über den Ozean antraten. Durch die Gewalt der Stürme retteten sie sich mit starker Hand, sie bändigten die Urkraft des Meeres und machten sie sich Untertan. Aus ihren einfachen Schiffen mit Ruder und Segel fühlten sie sich als die Herren der Geister, die im Meere hausten. Und daß sich das Meer empörte, um sich frei zu machen, war nur nach ihrem Sinn, der auf Kampf und Taten gerichtet war. So konnten sie immer wieder erproben, wer der Stärkere war, die wilde, ungestüme Naturkraft oder der einsichtige, kraftvolle Menschengeist. Dieser Kampf dauerte durch die Jahrhunderte. Die Menschen er kannten die Macht, gegen die sie anstritten, und je heftiger der Kampf war, desto größer wurde ihre Ehrfurcht vor den Naturgewalten, aber auch das Verlangen, sie zu gehor samen, dienstbaren Geistern zu machen. Das Meer trug willig auf seinem Rücken die auferlegten Lasten, um plötzlich wie ein gebändigter Löwe in den Urzustand seiner Wild heit zurückzufallen. Es fiel seinen Gegner an und zog triumphierend Menschen und Schiffe in seine Tiefe. Aber der Menschengeist ließ nicht locker. Er sann auf neue W7108 Mittel, seine Herrschaft zu sichern. Und als jetzt zu einem neuen Wikingszug der Geraden und Aufrechten gegen eine Welt voll Lüge und Hinterlist die Schiffe ausliefen, da waren es gewaltige Eisenbauten geworden, und mochte der grollende Meereskönig auch mit dem Dreizack durchs Meer fahren, daß es wallte und aufbrauste, — durch Sturm und Drang fuhren die Nachfahren der Wikinger mit stolzen Wimpeln. Aber nicht nur die Kraft und den Willen zum Siege über Element und Feinde trugen die zum gewaltigen Kampfe ausziehenden Helden in der Brust als Erbteil herrlicher Ahnen, sondern auch deren heiligstes Vermächtnis: Ehrfurcht und den tiefen Sinn. Das Meer war ihnen nicht nur ein Tummelplatz für Segel- und Dampfersport, es diente ihnen nicht nur als Verkehrsweg für den ungeheuer emporgeblühten Handel, sondern es war ihnen auch ein Gegenstand tiefer Ehrfurcht. Zwar waren Meereskönig und Meeresmädchen zum Märchen geworden, aber die Sänger ihres Volkes besangen unter diesen alten Bildern immer noch die uralte, heilige Kraft und Größe des wilden Elementes. Die Seefahrer vermochten noch in stiller Nacht an Bord des hinfahrenden Schiffes auf die Stimmen des Ozeans zu lauschen und sie in ihre tiefsten Träume hineinklingen zu lassen. Diese Verbindung von trotzigem Kraftbewußtsein mit tiesem Gemüte machte sie tiefinnerlich reich und gab ihnen die Sicherheit des Handelns, dadurch unterschieden sie sich von den Scharen derer, gegen die sie zum Kampfe auszogen. In der Nacht, als die „Emden" mit abgeblendeten Lichtern Kurs nach dem Süden nahm, träumte die aufgeregte Seele des jungen Torpedomatrosen von Nord- landssahrten und Wikingstaten, von Meeresschlössern und Meeresmädchen. Aber als er am grauenden Morgen auf Deck trat, sah er fern im Nordwesten nur noch die Rauch wolken der brennenden Öltanks zum Himmel emporsteigen. Südlich von Madras liegt die französische Besitzung Pondicherry. Aber von einem feindlichen Schiffe war nichts zu erblicken. Es tat den Matrosen leid, denn nach den Granaten von Madras brannten sie daraus, mit dem Gegner in ein ernsthaftes Feuergefecht zu kommen. Sie wußten, daß eine feindliche Flotte auf der Suche nach der „Emden" war, daß englische und französische Kreuzer den Indischen Ozean nach allen Seiten durchkreuzten, um den Zerstörer des britischen Handels in den Grund zu bohren. Wohl machte es ihnen große Freude, daß sie die feindliche Flotte in Aufregung und Tätigkeit versetzten und ihr immer wieder ein Schnippchen schlugen, aber sie wollten ihren Seemannsmut auch im offenen Seegefecht beweisen. Aber kein feindlicher Kreuzer kam in Sicht, wohl aber begann wieder der erfolgreiche Streifzug auf Dampfer. Anstatt mit dem Torpedo zu arbeiten, wie es Hermann Petersmanns sehnlichster Wunsch war, mußte er zunächst wieder als Versenker aufgebrachter britischer Dampfer in Tätigkeit treten. In dieser Arbeit hatte er es mit der Zeit zu einer großen Geläufigkeit gebracht. Wenn er mit seinem mecklenburgischen Freunde in das Innere eines zu versenkenden Dampfers eindrang, dauerte es nur wenige Minuten, bis sie die Röhren, die aus dem Maschinenraum nach außen ins Meer führten, geöffnet hatten, damit das Wasser ein dringen konnte, bis sie die Schott-Türen, die die einzelnen Schiffsräume wasserdicht109 voneinander abschlössen, geöffnet hatten, daß der Dampfer infolge des eindringenden Wassers sinken mußte. Auch das Anlegen der Sprengpatronen geschah so ruhig und sicher, als wenn er mit ihnen abgesprochen hätte, dasz sie erst, nachdem sie den Dampfer verlassen hätten, explodieren sollten. Einmal lief ihnen ein Schokoladendampfer über den Weg. Was gab das für ein Hallo an Bord, als die Mannschaft ihren Anteil bekam. Sie schleckerten, wie sie als Kinder taten. Damals war ihnen ein Stück Schokolade der sehnlichste Weihnachts- wunsch gewesen, und jeder Onkel, der zu Besuch kam, mußte aus den Tiefen seiner Rocktaschen Schokolade oder Zuckerplätzchen hervorzaubern, um ihre kleinen Herzen zu gewinnen. Dann war freilich eine Zeit gekommen, in der sie es für unter ihrer Würde hielten, noch, wie die kleinen Mädchen, nach Süßigkeiten zu verlangen. Und nun wurden sie wieder wie die Kinder und schleckten und leckten unter Gelächter gleich ihren ganzen Vorrat auf. Als Hermann Petersmann seinen Freund im Maschinenraum besuchen wollte, konnte er ihn zunächst nicht finden, schließlich entdeckte er ihn oben an Deck, er ließ den Kopf über die Reling hängen. „Hans Jochen," rief Hermann, „was fehlt dir? Bist du krank geworden?" Der Mecklenburger gab keine Antwort. Er stöhnte nur herz brechend. Hermann trat mitleidig an seinen Freund heran und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „Hans Jochen," sagte er, „ich bin doch dein Freund, sag mir doch, was dir fehlt. Vielleicht kann ich dir helfen." Da richtete sich der Mecklenburger auf. Er machte ein Gesicht, als plagten ihn tausend Teusel im Leibe. „Hermann Petersmann," stöhnte er, „Petersmann, unser Maat mochte das Schokoladen- und Zuckerzeug nicht essen, da hat er's mir gegeben, und nun — und nun kann ich soviel auf einmal nicht vertragen. Nun rumort es in meinem Leib herum." Und schon ließ er seinen Kops wieder über die Reling hängen. Da ging Hermann in die Kombüse und holte einen kleinen Kognak und brachte ihn seinem Freunde. „Da, nimm und trink, dann wird es dir besser werden." Als der Maschinist den Kognak sah, erhellte sich sein Besicht, und als er ihn hinuntergetrunken hatte, war ihm zumute, als hätte er sämtliche unruhigen Teufel in seinem Magen ersäuft. Eines Morgens, als Hermann Petersmann nach der anstrengenden Arbeit des Kohlentrimmens in seine Hängematte kriechen wollte, um bis zur Vormittagswache auszuruhen, kam Hans Jochen, der Mecklenburger, zu ihm. Er war noch schmutzig von der Nachtarbeit, denn auch er hatte mitgeholfen, Kohlen in die Bunker zu bringen und die dicken Blöcke kleinzuschlagen. Der Kohlenstaub hatte eine dicke Schicht auf seinem Gesichte abgelagert, und durch diese Schicht hatten kleine Bächlein von Schweiß wunderliche Linien gezogen. Er machte ein Gesicht, als hätte er wieder zuviel Schoko lade gegessen. Hermann, der schon mit einem Bein in seiner Hängematte war, sah ihn erstaunt an. „Alter Junge," sagte er, „was fehlt dir, bist du krank? Hast du wieder Zuviel Zucker gegessen?" Der Maschinist schüttelte den Kopf. Das war es nicht, was ihn quälte. „Ist dir die Arbeit diese Nacht zuviel geworden?" forschte Hermann weiterund nahm sein Bein wieder aus der Hängematte heraus. Bei der Erinnerung an das Kohlenlrimmen in der Nacht huschte ein verklärtes Lächeln über die geschwärzten Züge des biederen Mecklenburgers, der jetzt einem Asrikaner ähnlicher sah als einem Bauern- jungen von der deutschen Ostseeküste. O nein, die Arbeit in der Nacht war lustig ge wesen. Da hatten alle mitangesaßt, die nicht zur Wache abkommandiert waren. „Das Kohlentrimmen war fein", sagte er. Und der Sigmaringer, der Hohenzollernprinz, das war ein Staatskerl. Er hat immer die Säcke herangeschleift, und je schmutziger er wurde, desto mehr hat er gelacht. Und Witze hat er gemacht, daß man allen Schweiß und alle Arbeit vergaß. Und die Zigarren, die er uns gegeben hat, die waren das feinste Kraut, das ich jemals zwischen den Zähnen hatte." „Na," sagte Hermann, „was ist es denn, das dich so quält?" Der Mecklenburger seufzte, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die in den letzten Wochen keinen Kamm und keine Schere gesehen hatten, und setzte sich aus eine Rolle Taue. „Du," sagte er mit geheimnisvoller Miene, „wir haben vor einigen Nächten die Lichter von Kolombo gesehen." „Nun ja," antwortete Hermann, „wer um Ceylon fährt, sieht immer die Lichter von Kolombo, das hat doch nichts zu bedeuten." „Für dich und andere wohl nicht," erwiderte der Maschinist, „aber wohl für mich." Hermann schüttelte erstaunt den Kops. Er konnte seinen Freund nicht verstehen. Er ist sicherlich krank, dachte er bei sich selbst. Vielleicht kriegt er noch den Tropenkoller. Oder er ist schwermütig geworden, weil wir solange nicht an Land gewesen sind. Der Mecklenburger schien diese Gedanken zu erraten, denn er sagte: „Du guckst mich so an, als ob ich in meinem Oberstübchen nicht mehr in Ordnung wäre. Aber fürchte nichts, ich weiß ganz genau, was ich dir sagen will. Die Lichter von Kolombo erinnern mich an meine erste Fahrt nach Indien. Ich war mit zwei Kameraden aus meinem Heimatdorf, die mit mir dieselbe Schulbank gedrückt haben, auf einen alten Wellenbrecher gegangen, der von Hamburg nach Indien fuhr. Es war unsere erste Fahrt, die über das Mittelländische Meer hinausging. Wenn wir von Indien sprachen, dachten wir auch immer an die Haifische, die sich dort in den Meeren tummeln sollten. Meine Mutter hatte mir beim Abschied gesagt: Fahr nicht ins Indische Mer, sonst fressen dich die Haifische, und das ist ein schlechtes Grab für einen ehrlichen Christenmenschen. Die erste Nacht an Bord habe ich von lauter Hai fischen geträumt, und meine beiden Kameraden hatten dieselbe Angst vor den See ungetümen. Alles mochte ihnen begegnen, sie hätten es geduldig ertragen; Sturm und Unwetter, Schisfbruch und kümmerliches Leben aus einsamen Inseln, aus die wir ver schlagen werden konnten, das war ihnen gleich. Nur wollten sie nicht einem Haifisch zum Opfer fallen. Die Hinfahrt nach Indien verlief glücklich, Haifische sahen wir genug, aber es machte uns Freude, sie nach den Brocken schnappen zu sehen, die wir ins Wasser warfen. Und wir lachten über unsere Furcht und über unsere bangen Träume. Auf der Rückfahrt wollten wir in Kolombo anlegen. Wir waren eben ins offene Meer hinausgefahren, als der Kapitän unseres Dampfers mit schreckensbleichem Gesicht auf das Deck kam und rief: Wir haben den schwarzen Tod an Bord. Einer meiner beiden N0Kameraden hatte sich aus Indien die Pest mitgenommen. Er starb unter seiner Hänge matte. Niemand wollte zu ihm hinuntergehen aus Angst vor Ansteckung. Da bot ich mich an, ihn heraufzuholen und ihm ein ehrliches Seemannsgrab zu bereiten. Der Kapitän gab mir aus der Schiffsapotheke Pulver und Getränke, die mich vor der schwarzen Pest schützen sollten. Ich wickelte meinen toten Kameraden in ein Segeltuch und schaffte ihn mit großer Anstrengung die Treppe hinaus an Deck. Er sollte in den Wellen sein ehrliches Grab bekommen. Die Matrosen standen aus Deck beisammen und nahmen die Mützen ab. Der Kapitän murmelte ein Gebet und bat alle Heiligen, das Schiff vor dem schwarzen Tod zu bewahren. Ich beschwerte den Toten mit einem Gewicht, damit er den Grund des Meeres erreichen sollte und nicht wie ein Wrack im Meer hin-- und herschwimmen sollte. Aber kaum hatte ich ihn über Bord gelassen, und eben spritzte das Wasser hoch, da schössen die gefräßigen Haifische heran und stürzten sich aus die willkommene Beute. Mir wurde schwindelig, und ich hielt mich an der Reling fest, um nicht über Bord zu fallen. Das Wort meiner Mutter tönte in meinem Herzen: Hüte dich vor den Haisischen. Das Schiss wurde durchräuchert, um die letzten Spuren der Pest zu vertilgen. Mein zweiter Kamerad und ich waren durch das Ereignis ties erschüttert. Das war der erste gewesen, bei dem unsere Träume zur Wahrheit geworden waren. Wann würden wir an die Reihe kommen? Gewiß bestand die Angst nur in unserer Einbildung, aber wir litten doch sehr darunter. Vor Kolombo mußten wir einige Tage liegen bleiben, da die Hafenpolizei fürch tete, wir würden die Pest einschleppen. Die Zeit wurde uns öde und langweilig. Wir lagen vor dem Hafen und hatten nichts zu tun. Wir flickten Segel, scheuerten jeden Tag das Deck, säuberten alle Schiffsräume und strichen den Schornstein an. Als wir noch immer nicht einfahren durften, begannen wir, den ganzen Schiffsrumpf anzu streichen. Unsere gesamte Farbe würde wohl drausgehen, aber was schadete das? Wir brachten wenigstens unsere Zeit um, denn Karten- und Würfelspiel waren wir leid ge worden. Wir machten uns Seemannsstühle, indem wir eine hölzerne Stange zwischen zwei Stricken befestigten. Die ließen wir über Bord hängen und strichen von da aus den Schiffskörper an. Neben mir saß auf seiner Holzlatte mein Kamerad, er pfiff ein fröhliches Lied und strich im Takte dazu die Teerfarbe an die Planken. Er hatte die Angst vor den Haifischen vergessen und patschte vergnügt mit seinen Füßen durch die Wellen, wenn sie bis zu seinem Sitze ausspritzten. Auf einmal schoß unter ihm ein Hai in die Höhe, schnappte ihn an einem Fuße und riß ihn in die Tiefe, in der er, ohne einen Laut von sich zu geben, verschwand. Mir siel der Pinsel aus der Hand, und ich saß wie gelähmt auf meinem Stuhl. Ich hatte nur den einen Gedanken: Wann werde ich drankommen? Seit der Zeit kann ich nicht ohne Grauen um Ceylon fahren. Ich fürchte immer, daß ich auch ein Opfer der Haifische werden könnte. Und daß ich es ein mal werde, ist ganz bestimmt. Der Tod meiner beiden Kameraden ist mir die Vor- N >112 bedeutung. Sieh, nun weiß ich, daß ich aus diesem Kriege nicht wieder heimkomme, und die Befürchtungen meiner Mutter werden in Erfüllung gehen." Hermann Petersmann hatte erstaunt und mit tiefem Mitgefühl der Erzählung seines Kameraden gelauscht. Er hatte es nie glauben können, daß es Seeleute gäbe, die sich vor einer einzelnen Gesahr fürchten konnten, während sie tausend anderen Ge fahren ihres harten Berufes gleichmütig begegneten. Auch ihn konnte das Los treffen, von den Haifischen gefressen zu werden. Er stellte sich diese Gesahr klar und deutlich vor, ohne im besonderen davor zu erschrecken. Er hatte sich auf alle Gefahren des Meeres vorbereitet. So kam es, daß er keine Furcht vor einzelnen Ereignissen hatte. Das, was ihn treffen konnte als letztes, war der Tod und das Seemannsgrab in den Wellen. Und davor fürchtet sich keine echte deutsche Seeratte. Er versuchte, seinem Kameraden die Angst zu nehmen. Aber wie er sich auch bemühte, er konnte seinen Gefährten nicht beruhigen. Erst als Ceylon weit hinter ihnen lag, wurde der Mecklen burger wieder vergnügt und lachte selbst über seine Angst. „Weißt du," sagte er zu Hermann, „auf dem Dampfer, auf dem ich Matrose war. waren alte Seebären, die in l'eder Freiwache Spukgeschichten erzählten, und in den meisten kamen Haifische vor. Da kannst du dir denken, daß es uns jungen Matrosen oft heiß und kalt über den Rücken lief. Und daher habe ich die Angst vor den Haifischen bekommen." Als er so sprach, dachte er im Grunde seines Herzens: vor den Haifischen fürchtest du dich aber doch noch. Er wollte es nur nicht merken lassen. Auch Hermann Petersmann vergaß die Haifischgeschichte in der Arbeit der nächsten Tage. Die Heizer und die Matrosen, die in diesen Tagen in den Heizraum abkomman diert waren, um Kohlen aus den Bunkern vor die Kessel zu schaffen, hatten schwere Arbeit zu leisten. Der getreue Begleiter des Kreuzers, das Kohlenschiss „Markomannia", war leer gekohlt, und die Heizer mußten die indische Kohle, die man von aufgebrachten Dampfern herübergeschafft hatte, verfeuern. Diese Kohle hinterließ mächtige Schlacken, die sich auf dem Feuerrost festsetzten. An einem Nachmittage standen Hermann Petersmann und Hans Jochen an Deck beisammen und waren damit beschäftigt, eingebeulte Stellen der Reling auszubessern. Da kam ein Heizer aus dem Heizraum herauf und ließ sich erschöpft aus Deck niederfallen. Ein Matrose folgte ihm und beugte sich über ihn. Hermann und der Maschinist traten herzu und fragten, was dem Heizer fehle. Als er die große Teilnahme sah, wurde er zornig und sagte: „Ich will nur bloß ein bißchen Lust schöpfen, unten war es mir zu heiß geworden!" Da kam auch schon ein Maat und sagte: „Die Heizer müssen Ablösung haben, sie haben in den letzten Tagen zu anstrengenden Dienst gehabt." Die Matrosen hatten während der Arbeit in kalten Nächten wohl oft mit Neid an die Heizer gedacht, die unten im warmen Heizraum saßen. Aber sie wußten auch, wie anstrengend es war, andauernd Kohlen vor die Kessel zu bringen. Der Ka pitän hatte oft mit Rücksicht auf seine Heizer nur mit halbem Dampf fahren lassen, da mit sie mehr Ruhe hatten. Nun schickte der Maat zur Ablösung Matrosen in denDer zweite Offizier der „Emden", Kapitänleutuant von Mücke, war mit etwa fünfzig Mann der Besatzung am An- glückstag der „Emden" an Land gegangen, aus Keeling Island die Station für Funkentelegraphie zu zerstören. Auf der „Ayesha" setzte von Mücke zum Staunen einer ganzen Welt den Kaperkrieg fort, erreichte glücklich Hodeida und gelangte über Dschidda, Damaskus und Konstantinopel nach adenteuer- reichen Fahrten wieder in die Heimat..Heizraum zur Unterstützung der Heizer. Hermann Petersmann und Hans Jochen schlössen sich freiwillig an. Im Heizraum schlug ihnen eine heiße Luftwelle entgegen. Die Heizer standen in Leinwandhosen da, alles andere hatten sie abgeworfen. Einige Matrosen kletterten in den Bunker, schlugen Kohlen klein und füllten sie in Eimer, die sie zum Bunker hinausreichten. Eimer auf Eimer wurden in den Heizraum geschafft und vor den Feuerungen der Kessel entleert. Ein feiner Kohlenstaub erfüllte die Lust und setzte sich in Ohren und Nasen und reizte die Lungen zum Husten. Hermann Peters mann brach der Schweiß aus allen Poren bei der Arbeit in dem überhitzten Naume. An der Seite standen Eimer mit Wasser. Er netzte sich Kopf und Hände, aber Küh lung brachte das nicht. Der Bunkerraum wurde verschlossen, es waren genug Kohlen eingebracht. Nun mußte das Feuer durchgestoßen und die Eisenroste von den Schlacken befreit werden. Die geöffneten Feuerungen strahlten furchtbare Hitze aus. Mit langen Schürhaken wurde die Schlackenkruste durchstoßen und in den Aschenraum befördert. Als dann noch der Aschenraum geleert war — Eimer auf Eimer hatte man über Bord geschafft —, konnten die Matrosen wieder an Deck gehen. Sie waren schwarz wie die Mohren und suchten den Baderaum auf. Ihre Achtung vor den Heizern war gestiegen, mußten die doch Tag und Nacht vor dem Feuer aushalten. Freilich, an kalten Tagen hatten sie es auch gut. Da wurden ihnen oben oft die Hände so steif, daß sie kein Tau mehr damit fassen konnten. Und Zähneklappern vor Frost hatten die da unten auch noch nicht gelernt. „Ich arbeite doch lieber auf Deck als unten im Heizraum," sagte Hans Jochen zu Hermann. Und dieser pflichtete ihm bei. Kaum hatten die beiden die Reinigung beendet, da hieß es Alarm. Der Ausguck hatte einen Dampfer gesichtet, der Signalmaat wimpelte: Stoppen! Aber der Dampfer versuchte zu entfliehen. Da setzte ihm die „Emden" eine Granate vor den Bug, daß das Wasser hochaufspritzte. Sofort konnte man beobachten, daß sich der Dampfer bemühte, dem Befehle der „Emden" nachzukommen. Der Kutter wurde herabgelassen, und das Prisenkommando sprang hinein. Hermann Petersen und Hans Jochen hatten die Sprengladung bei sich. Als sie an Bord des britischen Dampfers angekommen waren, wurden sie mit jubelndem Geschrei begrüßt. Die Emdenleute lachten; sie hatten unter der Besatzung alte Be kannte entdeckt, die sie schon einmal im Golf von Bengalen gefangen und wieder an Land geschickt hatten. Diese wußten, daß ihnen auf der „Emden" kein Leid geschah. So hatten sie bereits fröhlich ihre Habseligkeiten gepackt und standen wie eine zur Ab fahrt fertige Reisegesellschaft da und schwenkten ihre Mützen. Von Bord der „Emden" kam der Befehl, den Dampfer, der Automobile, Maschinenteile und ähnliche Erzeug nisse der Industrie an Bord hatte, zu versenken. Die Besatzung wurde in die Boote geschickt und mußte zu einem Begleitdampfer der „Emden" rudern. Das Schiff schien von seiner Besatzung jetzt ganz verlassen zu sein. Hermann Petersmann, Hans Jochen und die übrigen vom Versenkkommando öffneten dem Wasser den Zutritt in die Innen räume des Schiffes und sprangen schnell von Bord in ihren Kutter. Der wollte eben L8 113114 abstoßen, als mit schreckensbleichem Gesicht aus einer Luke ein langer Mensch auftauchte, mit großen Sätzen über das Deck eilte, sich an der Strickleiter herabließ und in den Kutter sprang. Hans Jochen gab Hermann einen Stoß in die Seite. „Daß du die Nase ins Gesicht behältst," sagte er, „das ist ja unser alter Freund, unser lieber Tommy." Tommy hatte im Kesselraum an der Feuerung gearbeitet, als der aufsichtfüh rende Feuermeistersmaat am Sprachrohr eine Meldung empfing, die ihn in ungeheure Aufregung versetzte. „Ausfeuern!" schrie er, „John, Tim, Tommy, auffeuern, ein Kreuzer in Sicht! Vorwärts! Auffeuern!" Tommy und die anderen Heizer arbeiteten aus Leibeskräften, die Druckanzeiger außen an den Kesseln stiegen auf höhere Ziffern. Der Feuermeistersmaat stand am Sprachrohr und lauschte. Er hörte eine neue Mel dung. Nur ein Wort. Dieses Zauberwort wirkte gewaltig auf den sonst so ruhigen Mann. Seine Hände zitterten. Sein Gesicht wurde bleich und war doch vorher in der Hitze des Raumes so rot gewesen. Es war das Wort gewesen, das das größte Geheim nis des indischen Volkes barg, das die Gemüter der Indier mit Furcht und tiefer Scheu erfüllt hatte. Auf die Eingeborenen wirkte es wie der Name eines geheimnisvollen Geistes. Sie bedrohten damit ihre Kinder zur Ruhe, und waren doch im Grunde ihres Herzens über diese Gewalt sroh, die größer war als ihre Herren und Unterdrücker, eine Gewalt, vor der ihre englischen Herren zitterten. „Emden", war das Wort, das mit dem Namen der anderen Tapferen der deutschen Flotte wie ein Iubelklang durch die Welt scholl, Befreiung der Meere von der englischen Herrschaft verhieß und des Vaterlandes Ruhm an fernen Küsten verkündete. Der Feuermeistersmaat rief das Wort in den Kesselraum. Auf Tommy wirkte es noch mehr als vorher auf den Maat. Er riß die Feuertür auf. Auf die her vorströmende Glut achtete er nicht. Es war fast, als wäre er unempfindlich gegen diese große Hitze geworden. Schaufel auf Schaufel der vor den Kesseln aufgehäuften Kohlen warf er in den glühenden Schlund. Als er seine Feuerung bedient hatte, sprang er John bei, der mit großen Eisenstangen unter seinem Kessel die Schlacken durchstieß, half ihm Kohlen einwerfen und sprang aufgeregt an den Manometer. Der Druck der Atmosphären war gestiegen. Der Maat setzte, wie sein Kapitän, seinen Stolz darin, der „Emden" zu entkommen. Die Erfolge der „Emden" hatten sein Seemannsherz erfreut, so wie er sich bei einem Sportsest über den Sieger im Rennen freute. Bor den vielen Verfolgern ruhig zu kreuzen, ihren Kursen auszuweichen, in allernächster Nähe von ihnen Dampser zu versenken, das waren seemännische Taten, um die er und seine Ka meraden die „Emden" bewunderten und beneideten. Und wenn es ihm heute ge lingen würde, der „Emden" zu entfliehen, welcher Ruhm würde das für seinen Kapitän, für ihn und für die ganze Besatzung werden. Die Aufregung des leidenschaftlichen Sportsmannes beherrschte ihn. An die Rettung der im Schiffe geborgenen englischen Güter dachte er nicht, mochten die den Kapitän in Sorge versetzen. Für ihn war es ein Rennen um die persönliche Ehre; an die Idee des Vaterlandes dachte er nicht.115 Tommy hatte weder aus Vaterlandsliebe gearbeitet, noch um die Ehre, der „Emden" entlaufen zu können. Ihn beherrschte nur der eine Gedanke, den beiden deutschen Matrosen, denen er in Madras einen Streich hatte spielen wollen, nicht wieder in die Hände zu fallen. Als nun der Kanonenschuß der „Emden" dem Dampfer zeigte, daß sein Rennen vergeblich sei, gab der Kapitän Befehl, mit der Maschine zurück zugehen. Das Rennen war verloren. Der Maat wischte sich erschöpft das Gesicht und verließ den Heizraum, um seine Sachen zu packen. Das Spiel war verloren, gleichmütig sah er seiner Gefangenschaft entgegen. Er wußte ja, daß die „Emden" ihre Gefangeneu nicht in kleinen Booten dem Meere preisgab, sondern sie in Dampfern nach dem Lande sandte. Auch die Matrosen und Heizer sahen ihrer Gefangennahme ruhig entgegen. Diejenigen, die vor einigen Wochen auf dem Teeschiffe dem Kreuzer in den Weg gekommen waren, jubelten den alten Bekannten zu. Tommy hatte bis zum letzten Augenblick aus Leibeskräften ge arbeitet. Als er sah, daß alles erfolglos war, ergriff ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Er ging mit den anderen an Deck und sah den Kutter der „Emden" herankommen. Peters mann und den Maschinisten glaubte er zu erkennen. Da ergriff ihn ungeheure Angst, er entwich in den Laderaum und versteckte sich in einem Automobil. Da hörte er Stimmen. Zwei Männer kamen und suchten zwischen den Kraftwagen und Rädern. Tommy glaubte sich verfolgt, fürchtete Entdeckung und die Rache der beiden deutschen Matrosen. Er kroch zusammen wie ein Igel, der den Fuchs kommen hört. Aber es wurde wieder still. Niemand hatte ihn gesucht, keiner dachte an ihn, keiner hatte ihn im Laderaum gesucht. Nur ein überglücklicher Engländer, der Passagier gewesen war und vom Prisenossizier der „Emden" die Erlaubnis erhalten hatte, sein Motorrad mitzu nehmen, war mit einem Matrosen unten gewesen, um sein Eigentum, das er schon für verloren gehalten hatte, zu holen. Aus einmal hörte Tommy ein Wasserrauschen. Da wußte er: nun strömt Wasser ein, gleich geht der Dampfer unter. In Lebensangst kam er an Deck, neben dem Dampfer sah er noch ein Boot, — eins, zwei war er an der Strickleiter und sprang in den Kutter, der gleich darauf von dem finkenden Dampfer forttrieb. Vor ihm saßen die beiden, vor denen er sich hatte verstecken wollen. „Sieh mal, Petersmann," sagte Hans Jochen, „wie schlecht unser Freund Tommy aussieht, seit wir ihn zuletzt gesehen haben. Er hat ordentlich abgenommen. Er kommt jetzt an Bord der „Emden", um sich zu erholen/" Tommy antwortete nichts auf die Spottreden des Maschinisten. Er dachte, es sei am besten, zu schweigen, um die Matrosen nicht zum Zorn zu reizen. Hermann Petersmann hatte Mitleid mit dem Engländer, er sah, daß ihm bereits der Angstschweiß auf der Stirne stand. Zur größten Freude Iochens mußte Tommy durch Arbeit sein Brot verdienen. Wenn Kohlen getrimmt wurden, mußte er mitangreifen, und der Maschinist warf ihm triumphierende Blicke zu. Tommy gewöhnte sich bald an das neue Leben; sobald er merkte, daß ihn die Deutschen nicht verprügeln wollten, fühlte er sich sogar wohl. Für Hermann Petersmann empfand er eine Art von Dankbarkeitsgefühl, denn er sah, wie Petersmann ihn nie verspottete, sondern auch116 seinen Freund oft zurückhielt, ihn nicht durch Spottreden zu quälen. Bald war es ihm, als gehöre er zu denen von der „Emden", in ihren Jubel über ein gefangenes Schiff stimmte er mit ein, und mit lebhaften Ausrufen begrüßte er jeden neuauftauchenden Dampfer, der von der „Emden" zum Stoppen gezwungen wurde. Als er auf ein Be gleitschiff des Kreuzers kam, ein Kohlenschiff, das wider Willen die „Emden" mit der besten englischen Kohle versorgte, zur größten Freude der Heizer, denen die indische Kohle schon lange leid war, war es ihm schmerzlich, der Kaperung englischer Schiffe nicht mehr aus nächster Nähe zusehen zu können. Aber auf seine Heimkehr in irgend einen indischen Hafen freute er sich. Wie wollte er in den Kaffeehäusern den Matrosen und / Eingeborenen von dem Bengalenschreck erzählen, aus dem er Wunderdinge erlebt hatte. Er kam sich selbst als Held vor und schwelgte im voraus in dem Gefühl, von seinen Landsleuten angestaunt zu werden, weil er zweimal mit der „Emden" zusammenge troffen war und sie und ihren Kommandanten mit eigenen Augen gesehen hatte. Hermann Petersmann sah wohl ein, wie sehr die „Emden" durch ihren Handels krieg dem Vaterland nützte, wie sehr Englands Ansehen litt, aber sobald er Wache am Torpedorohr hatte oder als Kriegswache im Torpedoraum liegen mußte, kam das Empfinden über ihn, als ob er noch nichts geleistet hätte, denn in seinem eigentlichen Handwerk als Torpedomatrose hatte er noch nicht arbeiten können. Doch sein Maat ver tröstete ihn auf die Zukunft, die ein Zusammenstoßen mit Englands Seekriegsmacht oder der seiner Verbündeten bringen mußte.117 3. In Sturm und Kampf. Ehe sich ein Unwetter erhebt, geht ihm eine große Ruhe in der ganzen Natur voraus. In der drückenden Schwüle vor dem Gewitter regt sich kein Halm, zittert kein Baumwipsel. Der Wind scheint nur in den höchsten Schichten der Wolken zu wohnen, die er in wilden Formen aufeinandertürmt. Hat er so in der Höhe seine Vorbereitungen getrosfen, das Unwetter gesammelt, dann stößt er nieder auf die Erde, wirbelt den Staub hoch, schüttelt die in Erwartung stehenden Bäume und preßt das Gras auf und nieder. Der kurzen und tiefen Ruhe folgt mit unheimlicher Schnelligkeit das gewaltige Wetter, Blitze zucken durch die mit Elektrizität geladenen Wolken, Regen prasselt auf die verlangende Erde, die ganze Natur steht im Zeichen des Kampfes der Wolken und der Blitze, des Windes und des Regens. Auch um die „Emden" und ihre Besatzung zog sich ein Unwetter zusammen. Eine Flotte von siebzig Kriegsschiffen der Engländer, Franzosen, Russen und Japaner wollte dem Tun der wenigen deutschen Auslandskreuzer ein Ende bereiten, und nach der „Emden" wurde in allen Gegenden des Indischen Ozeans gesucht. Ehe aber das Kriegswetter über sie hereinbrach, wurden ihr Stunden der Ruhe zuteil, wie sie wohl kaum ein anderer Kreuzer hatte. „Es ist die Ruhe vor dem Sturm," sagte Hermann Petersmann zu seinem von ihm unzertrennlichen Freunde Hans Jochen, „die uns umgibt. Wir sollen noch einmal Stunden der tiefsten Ruhe und des Friedens fühlen, ehe wir in den Donner des Ge fechts kommen." Und es war in der Tat ein Bild des Friedens, das sich vor den Augen der Matrosen zeigte. Im Hintergrunde lag eine Koralleninsel, auf der inmitten von Kokospalmen die Häuser der wenigen Europäer und der paar hundert Eingeborenen lagen. Im Hafen ruhte still und friedlich die „Emden" von ihren letzten Fahrten aus. Es war der Hafen der kleinen Insel Diego Garcia, eines jener vielen Eilande, die ab seits der Wasserstraße im Indischen Ozean liegen. Vor einigen Monaten war der letzte Dampfer hier gewesen und hatte Kunde von der Außenwelt gebracht. Aber von einem Krieg, dem größten der Weltgeschichte, hatte er noch nichts gewußt, und so blieb den Garcianern unbekannt, daß draußen weit in der Türkei, aus Rußlands Feldern, in Frankreich, Belgien, Galizien die Völker auseinanderschlugen, daß an Englands und Indiens Küste der Krieg seinen Flammenbrand getragen hatte, daß der Seekrieg durch alle Meere stampfte. Sie wußten nicht, daß dieses Schiff da in ihrem Hafen, von ihren eigenen Kreuzern gesucht wurde. Erfreut über den seltenen Besuch, brachten sie die Schätze ihrer Insel herbei: Kokosnüsse und Feldfrüchte. Hermann Petersmann und Hans Jochen lachten die braunen Gesellen an, die mit ihren Booten die „Emden" umfuhren und ihre Körbe mit Früchten an Bord hinaufreichten. Am Strande herrschte fröhliches Leben und Treiben. Die Ankunft des Kreuzers war Grund genug zu einem Jubelfest. In seinem Boot ließ sich der oberste Beamte zur „Emden" fahren. Er kam118 auch nicht mit leeren Händen zu seinem Besuche. Seine Begleiter brachten ein Schwein mit, das sie zum größten Jubel der Matrosen über Deck schleppten und dem Kapitän schenkten. Der schickte als Gegengabe Zigarren und Sekt an das Land, schöne, gute Ware, die er billig eingekauft hatte. Sie hatten noch vor wenigen Tagen in einem eng lischen Dampfer gelagert, der mit dem Reste seiner Ladung zu den Fischen geschickt worden war. „Das laß ich mir gefallen," sagte Hans Jochen, und steckte sich an Hermanns Zigarre seinen Glimmstengel an, „das laß ich mir gefallen, daß die Leute hier liebens würdiger sind als ihre Brüder in Indien und England. Sie machen unser Schiff instand, und wir feiern Sonntag und rauchen Zigarren aus ihren Schiffen." Er legte sich be quem auf die Reling und sah den Inselbewohnern zu, die damit beschäftigt waren, die Bewachsung des Schiffskörpers, die in den Tropen so schnell fortschreitet, zu beseitigen. Sie schlugen und kratzten die angewachsenen Muscheln los, und auf das beifällige Lachen der Matrosen hin riefen sie: „Ihr könnt viel besser fahren, wenn ihr abgekratzt seid." Und die Matrosen suchten ihr bestes Englisch zusammen und antworteten: „Ja, ja, fo ist es. Wir wollen auch Briefe von euch mitnehmen und sie in dem nächsten Hafen abliefern." Die Garcianer jubelten. Sie halfen aus Leibeskräften an der Reinigung des Kreuzers, halfen Kohlen in Körbe füllen und in den Bunker schleppen und waren froh, ihren Gästen einen Gefallen tun zu können. Freilich bekamen sie auch für ihre Arbeit klingende Münze, aber so wie jetzt war es ihnen noch nie von Händen gegangen. Hermann Petersmann hatte eben eine Kokosnuß angebohrt und trank die frische, süße Milch, als ein Maschinenmaat auf ihn zutrat und ihn anrief: „Petersmann, wir sollen an den Strand fahren und dem Inselhäuptling sein Motorboot ausbessern." Das lie>z sich Hermann nicht zweimal sagen, denn es war ihm eine willkommene Gelegenheit, in allernächster Nähe des am Strande versammelten, festlich gestimmten Volkes den Wellenschlag friedlichen Lebens zu spüren. Vier braune Garcianer ruderten sie an das Motorboot. Es waren kraftvolle, sehnige Gestalten. Sie waren stolz, daß sie zwei der fremden Gäste, die ihnen in ihr eintöniges Leben etwas Abwechslung gebracht hatten, fahren durften. Vom Strande aus wurde den beiden zugewinkt, als sie hielten und auf das Motorboot stiegen. Der Fehler war bald entdeckt, das Räderwerk der Maschine war in Unordnung geraten und wurde von ihnen in kurzer Zeit wieder ausgebessert. Der Engländer war hocherfreut, daß sein Boot wieder intakt war, und ließ den beiden Deutschen eine Reistafel decken. Hermann und der Maat lachten und hieben tüchtig ein. Hätte der Engländer den Grund ihrer Heiterkeit geahnt, er würde ein langes Ge sicht gemacht haben. Sie dachten gerade daran, wie komisch es doch war, mitten im Kriege, der durch die ganze Welt tobte, auf einer friedlichen, englischen Insel zu sein, einem englischen Beamten sein Motorboot auszubessern und dafür von ihm zum Esten geladen zu werden. Der Engländer versuchte, mit seinen beiden Gästen eine Unter haltung anzuknüpfen, aber er bekam nur kurze Antworten. Er war trotzdem sehr be friedigt. Er dachte, sie verstehen nicht gut Englisch und verstehen mich wohl nicht. Zweiindische Mädchen trugen die Speisen auf, und der Gastgeber nötigte immer wieder zum Zugreifen. Seine Gäste ließen sich den gebackenen Reis mit gebratenem Geflügel gut schmecken. Der Reiswein bekam ihnen außerordentlich, und auch zu den gerösteten Maiskolben griffen sie. Der Engländer, der aus Anlaß des großen Festes bereits man ches Gläschen geleert hatte, war gerührt und hätte die beiden, die mit vollen Backen kauten, am liebsten umarmt. Immer wieder erzählte er, daß der Kapitän der „Emden" doch ein liebenswürdiger Herr sei, daß es eine wunderbare Idee sei, mit der englischen Flotte Manöver zu spielen, wie er ihm erzählt habe, und daß die ganze Insel sich über den ungewohnten Besuch eines deutschen Kriegsschiffes von Herzen freue. Hermann und der Maat nickten zu allem, was der Engländer erzählte. „Was wird der Kerl Augen machen, wenn er durch seinen nächsten Postdampfer erfährt, daß er Kriegsgäste zu Tisch gehabt hat," lachte Hermann. Und der Maat ergriff sein Glas: „Es lebe die Gastfreundschaft der Garcianer und ihr bummliger Postdampfer." „Wir wollen den braven Leuten nicht die Freude verderben," sagte Hermann. Der Engländer sah die Gesichter seiner Gäste und freute sich; er dachte: sie sprechen Frohes miteinander. Am Strande tummelte sich die braune Jugend. Hermann warf vom Bord des Motorbootes Münzen ins Wasser, wie ein Schwärm Fische tauchten die Buben danach. Mit einem Iubelrus streckte einer den Kops über Wasser und hielt die gefundene Münze hoch. Hermann warf alle Geldstücke, die er bei sich halte, in die Wellen, und die Buben wur den nicht müde, immer wieder zu tauchen und zu suchen. Hermann nahm an ihrer Freude innigen Anteil. Er lachte aus vollem Herzen über die junge, springlebendige Schar. So hatte auch er sich früher in dem Hafen seiner Vaterstadt getummelt, hatte das Wasser lieben gelernt, bis der Wunsch in ihm groß geworden war, auf das weite, freie Meer hinauszufahren, fremde Völker, fremde Länder zu sehen. Nun war ihm das Meer zur zweiten Heimat geworden, auf dem Wasser war er aus dem spielenden Kinde zum ge reiften Mann geworden. Dem Meere verdankte er seine klaren Augen und seinen ge sunden Sinn, sein reines Gemüt und sein kindliches Herz. Was hätte wohl das Land aus ihm gemacht? Er freute sich der Jugend, die da fröhlich im Wasser herumplatschte. Er hatte für Augenblicke Krieg und Torpedorohr vergessen und wurde ein Kind mit den Kindern. Ein Lied kam ihm in den Sinn. Er summte es: „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar. O, wie liegt so weit, o, wie liegt so weit, was mein einst war!" Aber es stimmte ihn nicht wehmütig. Seine Jugend war froh und heiter gewesen, so klar und rein wie fließendes Wasser. Und seine Jugendstreiche? Das war Übermut gewesen, Übermut, der den jungen Bach über Steine und Baum wurzeln springen läßt. Ein Boot lag bereit, ihn und den Maat wieder an Bord zurückzubringen. In froher Stimmung nahm die Besatzung der „Emden" Abschied von der Insel. Am Strande stand klein und groß und sah die Gäste ungern scheiden. Der Tag hatte den Inselbewohnern ein solch frohes Ereignis gebracht, sie hatten Geld verdient, Briefe be fördern können, daß sie nicht aus der Festfreude herauskamen. 1IZ120 Bei der Abfahrt der „Emden" aus dem Winkel des Friedens und der Welt vergessenheit fragte Hans Jochen seinen Freund: „Was denkst du, was bester ist, auf einer solchen stillen Insel zu leben, ohne Welt und Krieg, oder wie wir auf einem Kriegs schiff zu sein und an Maschinen und Torpedorohren zu stehen?" „Wohl haben die Leute von Diego Garcia ein stilles Leben," antwortete Hermann, „sie hören und spüren nichts vom Kriege. Aber wenn ein Weltenkampf tobt, dann will ich mitten in der Brandung stehen, dann will ich dabei sein, nicht daneben stehen, wenn die größten Taten geschehen. Sonst müßte man ja kein Mann sein!" Unb der Mecklenburger nickte. Natürlich wie hatte er auch nur so fragen können! Das war doch selbstverständlich, daß in dieser großen Zeit niemand zu Hause bleiben konnte, dem ein Platz offen stand vorn am Feind. Die „Emden" stampfte durch den weiten Ozean. Die Spätnachmittagssonne ließ ihren tiefen Schein auf die dunkeln Wellen fallen. Das Kielwasser des Kreuzers blitzte unter ihren Strahlen. Das von der Maschine ausgestoßene öl sammelte sich an der Oberfläche und bildete hinter dem Schiffe einen langen, leuchtenden Streifen. Eine laue Brise wehte und trieb kleine lichte Wolken am Himmel dahin. Wie einsame Segler zogen sie ihren Weg. Als die glühende Sonnenscheibe am fernen Horizont sich auf das Meer stützte, flammten Wasser und Wolken in leuchtenden Farben auf. Die Himmels segler schienen in Brand zu geraten und bildeten einen langen, rotfunkelnden Streifen. Langsam schien die Sonne im Meere unterzugehen, ein Zwielicht erfüllte die Luft und tauchte Wellen und Wolken in matte Farben. Am Himmel begannen die Sternbilder zu flammen. Da versank die Sonne völlig, und die Nacht brach plötzlich Heroin. Aber die Sterne wollten in dieser Nacht nicht recht leuchten. Ein harter Wind strich kurz nach Sonnenuntergang durch die Luft. Da blieben die Sternlein lieber daheim in ihren Wolkenhäusern und sahen nur mitunter verstohlen auf das weite Meer. Wenn der böse Sturm sich ankündigte, dann blieben sie lieber daheim in ihrem Verstecke. Sie zogen graue Wolken vor ihre Tür und horchten erschrocken auf das Sausen des Windes. Der drückte die schwüle Luft herunter auf das Meer. Die Fische sprangen hoch aus dem Wasser. Die grauen Wolken am Himmel zogen sich wie trüber Nebel zusammen. Fern leuchteten ihre Ränder auf. Da kam der Sturm und preßte schwarze Schatten in sie hinein. Nun sahen sie aus wie gewaltige, wilde Gebirge, die sich wie in Urzeiten ver schoben und übereinander türmten, um von schwindelnder Höhe niederzugleiten und un heilverkündend über dem Meere zu hängen. Der Sturm griff mit scharfen Stößen in die Wellen und riß sie hoch empor. Weißer, sprühender Gischt flatterte über den Käm men wie die leuchtenden Mähnen wilder, sausender Rosse. Blitze zerrissen die Wolken, Donnerkrachen rollte über die Wogen, und strömender Regen schlug auf das hochauf brandende Meer. Durch den Orkan fuhr machtvoll und sicher der Kreuzer. Von der Gewalt der Wellen angefallen, neigte er aus seiner stolzen, geraden Haltung heraus. Der Sturm pfiff in seinen Masten und riß an den Rahen. Hohe Wellen brachen über dem Bug zusammen, rauschten über das Vorderdeck und fanden den Weg zurück zum Meere.121 Matrosen und Kanoniere lagen lang ausgestreckt aus den eisernen Platten des Geschütz decks. Wellenspritzer durchnäßten sie, aber sie lachten in das Tosen des Sturmes hinein. Das war eine Nacht, die ihnen gefiel. In diesem Toben der wilden Elemente würde ihr Schiff Sieger bleiben, das wußten sie. Es war ein offener, ehrlicher Kampf. Die Kräfte des Meeres und des Sturmes jagten gegen das Werk des Menschengeistes. So lange der wilde Meerkönig nicht zu den heimtückischen Mitteln versteckter Risse und ver borgener Sandbänke griff, sondern nur mit dm offenen Waffen hoher Wellen und ge waltiger Stürme kämpfte, fürchtete ihn niemand auf dem Kreuzer. Der Schiffskörper war auf der Danziger Werft fest und stark gebaut worden, die Maschinen bändigten die Dampftraft, und konnten mit ihr gegen die Gewalt der entfesselten Elemente ankämpfen. Der Sturm rollte hohe Sturzseen über den Kreuzer hinweg, riß tiefe Wellentäler vor dem Bug ein, versuchte ihn durch gewaltige Wellenberge hochzuheben, um ihn in die Tiefe schleudern zu können. Aber seine Wut war ohnmächtig gegenüber dem eisernen Koloß, der sich nicht aus seiner Bahn bringen ließ. Wie leicht war sein Werk doch früher getan, als er die großen Segelschiffe unter seinen Stößen hatte! Denen hatte er die Masten geknickt und die Sturmsegel zerrissen, mit einem Stoß hatte er sie zu Wracks gemacht. Aber die Technik der Menschen war so gewaltig gestiegen, daß er sich vor ihr beugen mußte. Und es waren doch auch Naturschätze und Naturkräfte, von denen er besiegt wurde, Naturschätze, von kundiger Hand bearbeitet, Naturkräfte, von klugem Sinn gebändigt und gesammelt. Gegen die geordneten und zur gemeinsamen Arbeit vereinigten Kräfte von Kohle und Dampf, Eisen und Elektrizität, Geist und Willen starker Menschen konnte seine unbeherrschte, ungebändigte Kraft nicht siegreich anlaufen. Grollend zerriß er die Wolkenberge und warf die Fetzen nach allen Seiten auseinander. Die grauen Schleier vor den Sternen verflogen, und die Himmelslicht lein schauten neugierig in die Nacht hinein. Das Meer grollte noch und konnte sich nur langsam zur Ruhe begeben. Als der Meerkönig merkte, daß sein Verbündeter, der wilde Sturm, abgeschlagen war, ging er zornig in seine Meeresburg und legte seinen Dreizack nieder auf dm felsigen Boden. Da wurden die Wellen ruhig, das Bild der Sterne flammte in ihnen auf, der Mond zündete den Rest seiner Scheibe an und ließ sein mildes Licht auf den weitm Ozean gleiten, der in tiefdunkelblauer Pracht dalag, müde nach dem großen Unwetter, das ihn bis in die Tiefen durchwühlt hatte. Feiner Schaum krönte die plätschernden Wellen. Leuchtende Meerestierchm kamen in die Höhe und tauchten wieder in die Tiefe zurück, wie Glühwürmchen in Sommernächten am Waldrand erscheinen und im Dunkel der Baumstämme und Sträucher verschwinden. Durch die geheimnisvolle, wunderbare Pracht der Meeresnacht fuhr majestätisch die stolze „Emden". IhreLichterhattesie abgeblendet, wie ein verwunschenes Wunderschiff glitt sie still über die tiefblauen Wellen. Und die auf Deck standen und eben in trotziger Sicherheit durch Sturmesnot und Meeresgrollen gefahren warm, staunten nun in die leuchtende Nacht hinein, in das glühende Meer und hinauf zu den seltsamen Bildern des Sternhimmels. Die Stille sprach deutlicher zu ihnen als der Sturm, die Einsamkeit122 5 ringsum und die unendliche Weite des Meeres und des Himmels stimmten sie zur Andacht und zur Ehrfurcht. Ihre Seelen wurden weit, und ihr Herz erstarkte in tiefer Kraft. Es war ihnen, als führen sie in eine große, unbekannte Ferne, in die Ewigkeit. Ein großes Glücksgefühl war in ihnen, und in tiefer Dankbarkeit wanderten ihre Gedanken über das Meer an den heimischen Strand. War es Heimweh, das da in ihnen hochstieg? Hermann Petersmann stand auf dem Geschützdeck und sah durch den Sehschlitz in der Panzerung auf das leise rauschende Meer hinaus. Vor seinen Augen stand das Bild jener Nacht, in der er nach der Rückkehr aus Konstantinopel die Schönheit seiner Heimat entdeckt hatte. In den stillen Stunden erkannte er immer wieder, daß alle Pracht fremder Gegenden und Meere dieses Bild nicht hatte verdrängen können. Eine große Dankbarkeit erfüllte sein Herz. Und die Freude: nun konnte er der Heimat seine Liebe zeigen durch die Tat. Er konnte etwas für sie tun. Die Freude des Kindes, das Liebes und Gutes erfahren hat und plötzlich seinem Glück Ausdruck gibt, ergriff ihn. Und dann das Bewußtsein: daß er ein Mann war, der der Heimat helfen konnte. Ihn bannte nichts in den Sorgenstuhl hinter dem Ofen, er konnte das Geschenk der Heimat, Kraft und Gesundheit des Körpers, Kraft und Gesundheit des Geistes, in ihren Dienst stellen. Die Heimat wuchs, über die Grenzen hinaus gingen ihre Kräfte. Ihr Handel, ihre Technik, ihre Kunst, ihr Glaube, ihre Wissenschaft fanden den Weg durch die ganze Welt. Und weil sie aus starkem, gesundem Erdreich herauswuchsen, hatten sie innere Kraft und Größe. Allem Großen sind aber immer noch Unverstand und Übelwollen in den Weg getreten. So stemmte sich der deutschen Kraft die englische Angst um die Zukunft entgegen, Angst, die mit Neid und Eifersucht verbunden war. Aber sie fühlte sich zu schwach, die Probe auszuhalten, in friedlichem Wirken neben ihr standzuhalten, und entfesselte darum den Vernichtungskrieg gegen die deutsche Heimat und gegen die Stätten der deutschen Kraft. Doch was sie hatte niederdrücken wollen, entflammte der Krieg gerade zu ungeahnter Größe. In der Zeit der Not offenbarte sich erst recht die deutsche Kraft. Und Hermann Petersmann jubelte, daß er zu denen gehörte, die den größten Feind Deutschlands, den neidischen Briten, an seiner empfindlichsten Stelle trafen, an seinem Handel auf dem offenen Meere. Der Morgen kam und hob den Schleier der Nacht aus Luft und Meer. Der helle Tag rieb sich die Augen und schaute mit harten und kalten Blicken auf das Wasser. Er vertrieb die Träume und rief zur Arbeit und zur Tat. Hermann Petersmann schwenkte seine Mütze und rief in den jungen Morgen hinein: „Wir fahren nach Engelland!" Der Funkentelegraphist hatte häufig geschmunzelt, wenn er die geheimnisvollen Funken auffing und ihre Sprache belauschte. Mitunter waren es nämlich Funksprüche feindlicher Kreuzer, die über das Meer hinfragten, wo denn die „Emden" sei. Und der Kapitän ließ den Telegraphisten Antwort geben. Die wurde von der Verfolgungs flotte aufgefangen und treulichst befolgt. Er wußte nun, daß die Feinde ihre Kohlen123 in der Richtung auf Ceylon verbrannten und fuhr auf Sumatra zu. Anfragende Dampfer bekamen die Antwort, daß vor ihrem Kurse die „Emden" sei, und die Einladung, nach Süden auszuweichen, und hier kam ihnen denn der Kreuzer, höchst erfreut über solche Folgsamkeit britischer Dampfer, entgegen. Aber eines Tages kamen dem Telegraphisten, der alles aufschrieb, was ihm das Funkengeknatter zuflüsterte, zwei Wörter in den Stift, die ihn stutzig machten. Befehle für den „Schemtfchug" und den,, Mousquet". Das mußte der Kapitän sofort erfahren. Der las die Namen. Aha, zwei unserer lieben Jäger, die uns schon lange suchen. Der „Schemtschug" hatte sich im russisch-japanischen Kriege noch eben vor dem Untergang gerettet; er fuhr nun friedlich Seite an Seite mit seinem ehemaligen Feinde und stritt nach der Ehre, die gefürchtete „Emden" zu vernichten. Lei der war sie ihm zu flink und verwegen, und er konnte sie nicht fangen. Da war der Kapitän des gejagten Kreuzers des Spieles müde geworden und wollte die Rollen um tauschen. Der „Schemtschug" sollte das Wild sein, die „Emden" der Jäger. Der Kreuzer dampfte nach Hinterindien. Die Matrosen zimmerten aus Latten und Lein wand eine große Röhre. In ihrem Schatten konnten sie mittags ein kleines Schläfchen machen. Nachts wurde sie aufgerichtet und sah dann aus wie ein vierter Schornstein, daß niemand die „Emden" erkennen konnte. In einer dunklen Oktobernacht wurde die ganze Besatzung alarmiert. Schnell war alles auf dem Posten. Die Schiffsküche hatte für eine warme Magenstärkung ge sorgt, und alle waren in froher Stimmung. Da hieß es: Klar Schiff zum Gefecht! „Aha," sagte Hans Jochen, „nun wird es ernst. Triff gut, Petersmann, daß die andern uns nicht treffen." Und er schüttelte seinem Freunde die Hand, ehe er in den Ma schinenraum ging. Alle Kessel hatten hohen Dampf. Die Heizer legten vorsichtig Kohlen ein und hüteten sich, daß sie nicht in die Glut stießen, damit keine Rauchfahne das Nahen des Kreuzers verraten sollte. Mit abgeblendeten Lichtern stampfte die „Emden" vorwärts. In früher Morgenstunde, ehe die Sonne ausging, lief sie in den Kanal, an dem Pulo-Penang liegt. Fischerboote schaukelten sich auf den Wellen und gerieten durch das Seitenkielwasser des Kreuzers in heftige Bewegung. Im Hafen von Penang lagen Handelsschiffe in langen Reihen neben- und hintereinander. Sie waren in sorgloser Sicherheit unter Land gegangen. Draußen vor der Hafeneinfahrt hielt ja ein Torpedoboot Wache. Aber das ließ den Kreuzer ruhig einfahren. Hatte die Mann schaft geschlafen in der Annahme, daß ein deutsches Kriegsschiff niemals wagen würde, hierherzukommen? Oder wurde sie durch die vier Schornsteine getäuscht? Als die „Emden" vorbeiglitt, rührte sich nichts auf dem Wachtschisf. Im Hafen von Penang war alles noch in tiefer Ruhe. Die dunkeln Schatten der eben weichenden Nacht lagen noch auf den hochragenden Schiffen, den Landungsstegen, dem Kanal, dem Ufer. Die schwarzen Schisssrümpse, die noch nicht befrachtet waren, standen hoch aus dem Wasser heraus und streckten ihre kahlen Masten und nackten Rahen aus wie ein abgestorbener Baum seine entlaubten Äste und Zweige. Ihre Ankerlöcher im Bug, durch die die Ankerketten liefen, sahen wie große Augen zum schlafenden Land124 hinüber. Eine leichte, morgenfrische Brise kräuselte die Wellen, zog an den Schiffs tauen, daß sie knarrten, und kletterte auf den verlassenen, schaukelnden Strickleitern auf und ab. Sie glitt über die Decks der schlafenden Dampfer und kam auf einen großen, eisernen Koloß. Auch hier schlief alles. Die Wachtposten lehnten an den Panzerungen und an der Reling. Die Nacht war kalt, und ein Schluck Wutki tat gut. Mitunter sprang einer auf, um durch Ausstampfen seine Füße warm zu machen und den Mantel fester um die Schultern zu ziehen. Die anderen schliefen unter Deck. Warum auch Wache stehen? Man war ja in einem britischen Hafen, draußen lag eine französische Flotte vor Anker. Wer würde da wagen, den geschützten Kreuzer „Schemtschug" anzu- greifen? Die Wacht auf dem Heck des Russen ließ eben die Flasche umgehen, die ihnen die Wachtstunden verkürzte und das Herz tapfer machte, da glitt vor ihnen der Umriß eines großen Schiffes aus dem Dunkel. Ein furchtbarer Knall erschütterte den gewaltigen Körper des russischen Kreuzers, sein Heck, das er dem angreifenden Gegner zugekehrt hatte, sprang hoch aus dem Wasser, um langsam tieser zu sinken. Die Wache brauchte niemand zu wecken, um die Ankunft eines feindlichen Schiffes zu melden. Der Torpedo schuß, der das Hinterschiff getroffen hatte, rief auch den tiefsten Schläfer wach. Die auf dem Heck gestanden hatten, waren durch die Gewalt des Stoßes und den plötzlichen Schrecken über Bord gegangen. Offiziere kamen aus ihren Kabinen heraufgestürzt, hiel ten alles für verloren und sprangen ins Wasser. Der Teil der Geschützbedienungs mannschaften, der Wache gehabt hatte, sprang erschrocken an seinen Posten. Da schlugen auf dem Vorderschiff Granaten ein, zerrissen das Deck und setzten die Schiffsräume in Brand. Nun lösten die Geschütze des Rüsten die ersten Schüsse. Heulend sausten die125 Geschosse durch die Luft. Eine ungeheure Explosion riß das Mittelschiff auseinander, eine Feuergarbe lohte auf, der Russe versank bis an die Mastspitzen. An der Stelle, wo er gelegen hatte, schwebte eine dicke Wolke von Rauch und Dampf empor. Fischer boote kamen heran, um die Mannschaft des untergegangenen Riesen aus dem Wasser zu fischen. Hermann Petersmann hatte hinter dem Torpedrohre, in dem das gewaltige Geschoß lag, mit klopfendem Herzen gestanden. Sein Maat erwartete von Minute zu Minute den Befehl, den Schusz zu lösen. Hier unten im gepanzerten Raum, in dem man den Verlauf des Gefechts nicht beobachten konnte, kam es darauf an, seine Nerven in der Gewalt zu behalten, um nicht unruhig zu werden, wenn draußen Schuß auf Schuß krachte. Im Augenblick des Feuerbefehls mußte auch das Torpedo das Rohr Verlasien können. Die Maschinen des Kreuzers arbeiteten gewaltig. Das Schiff drehte um, um die Richtung nach der Ausfahrt des Hafens zu haben. Da kam der Befehl zu torpedieren in den Torpedoraum, der jetzt dem Russen zugekehrt war. Hermann Peters mann suhlte die Kampfeslust durch sein Herz gehen, der Torpedo sauste durchs Wasser. Da tönte ein gewaltiges, dumpfes Krachen in seine Kammer hinein, und indem die Mannschaft ihr Rohr wieder schußbereit machte, sah sie sich mit leuchtenden Augen an: Der Torpedo hatte gesessen, mit dem Russen war es aus. Was würde nun weiter kommen? Während des Gefechtes mit dem „Schemtschug" waren von einem abseits liegen den französischen Schiffe einige Granaten gekommen, und die „Emden" drehte jetzt auf den Franzosen zu. Da meldet der Ausguck in der Einfahrt ein auftauchendes Schiff, gegen das sich der Kreuzer zunächst wandte. Aber es entpuppte sich beim Näher kommen nicht als Kriegsschiff, sondern als Dampfer und ging an Land, unbehelligt von der „Emden", die neuen Kurs aus den jetzt herannahenden Torpedobootszerstörer „Mousquet" nahm. Die deutschen Kriegsslaggen gingen hoch, und ein Gefecht entspann sich. Die Granaten des Franzosen rissen hohe Wassersäulen aus dem Kanal, seine Tor pedos furchten an dem Kreuzer vorbei die Wellen, da war sein Widerstand gebrochen. Die Geschosse der „Emden" bohrten ihn in den Grund. Auf den Wogen trieben die französischen Matrosen, Schiffstrümmer und Geräte. Die ausgesetzten Boote des Kreu zers retteten an Menschen, was zu retten war, und brachten sie an Deck, wo sür die Wunden derjenigen, die der Arzt noch nicht im Boot hatte verbinden können, gesorgt wurde. Als Hermann Petersmann an Deck kam, waren die unverwundeten Gefangenen dabei, sich in einem aufgeschlagenen Zelt wohnlich einzurichten. Die Matrosen der „Emden" gaben ihnen Geräte, Nahrung und Rauchzeug. Der Stabsarzt nahm sich der Verwundeten an, die fast alle schwere Verletzungen aufwiesen. Drei waren sofort nach dem Einbringen ihren Wunden erlegen. Hermann half, sie in ein französisches Flaggentuch zu legen, sie waren den ehr lichen Kampfestod gestorben und sollten auch wie Helden ihr Seemannsgrab finden.126 Langsam glitten sie über die Reling ins Meer. Der Kommandant sprach ein Gebet in der Landessprache der Gefallenen, drei Salven klangen über ihr Grab. Die Matrosen standen mit den Mützen in der Hand ergriffen da. Der Maschinist Hans Jochen trat auf Hermann Petersmann zu und sagte mit leiser Stimme: „Du, Petersmann, wenn ich so im Kampf falle und bekomme die schwarz-weiß-rote Flagge umgewickelt, dann fürchte ich auch nicht die Haifische." Hermann nickte stumm. Er war stolz auf seinen Torpedoschuß gewesen; nun, als er die Ge fallenen des „Mousquet" im Wellengrab bestattet hatte, in das ihnen so mancher vom „Schemtschug" und von ihrem eigenen Schiffe vorangegangen war, ergriff ihn die Ge walt und der Ernst des Schlachtentodes. Einmal würde auch die „Emden" in ihren letzten Kampf fahren, zur Heimat konnte sie nicht kommen, ihre Gegner konnte sie nicht immer täuschen, einmal würde sie der riesigen Übermacht erliegen. Wer würde ihn dann ins Flaggentuch wickeln und in die Wellen gleiten lassen? Wo würde seine Ruhestatt sein? Irgend ein Meerwinkel, über den die Winde gingen und fremde Vögel flogen. Sterne würden niederschauen, deren Glanz nicht in die Heimat dringen konnte. Die Heimat, das würde sein letzter Gedanke sein, die Heimat würde seiner gedenken. Mit festem Schritt ging er übers Deck. Das Bewußtsein, daß deutscher An- grisssmut und deutsche Kühnheit dem Feinde empfindliche Verluste beigebracht hatten, machte ihn stolz und siegesgewiß. Die kühne Tat der „Emden" auf der Reede von Pulo-Penang konnte von den Engländern nicht totgeschwiegen werden. Sie mußten der Welt durch den russischen Draht verkünden lassen, daß der kleine deutsche Kreuzer zwei Schisse seiner Verfolgungs flotte vernichtet hatte. Da flatterten die Fahnen zu Ehren der tapferen „Emden", und wer auf dem Kriegsschiff einen Sohn oder Freund hatte, dachte mit Stolz an den fernen Helden. Vater Petersmann hatte über seinen Büchern gesessen und wollte seine Ge schäftsübersicht für den Monat Oktober beginnen. Er hatte den Monatsnamen über die neue Seite des Rechnungbuches geschrieben und malte in besonders schönen Buch staben und Ziffern dahinter: ^nnc> äomim 1914. Da kam die Mutter hereingelaufen. Ihre Wangen glühten, in zitternden Händen hielt sie ein Extrablatt, das ihr ein Lehr bube gebracht hatte. „Vater!" rief sie, „Vater, die „Emden", hier, lies, was die „Emden" getan hat!" Der Kaufmann richtete sich auf. Die Aufregung ergriff ihn, und mit bebender Stimme las er das Telegramm: „Über Kopenhagen wird berichtet: Nach einer amtlichen Petersburger Meldung aus Tokio wurden der russische Kreuzer „Schemtschug" und der französische Torpedojäger „Mousquet" auf der Reede von Pulo-Penang durch Torpedoschüsse des deutschen Kreuzers „Emden" zum Sinken ge bracht. Der Kreuzer hatte sich durch Anbringen eines vierten falschen Schornsteines unkenntlich gemacht und konnte sich aus diese Weise den vernichteten Schiffen unerkannt nähern." Als Vater Petersmann zu Ende gekommen war, mußte er sich die Augen wischen. Er war so gerührt, daß er kein Wort mehr sprechen konnte, überglücklich127 schloß er die Mutter in die Arme. Dann ermannte er sich, mit schnellen Schritten eilte er zum Kontor und riß die Tür auf: „Neue Meldung von der „Emden"!" Die An gestellten sahen von der Arbeit auf und hörten still zu. Dann riefen sie begeistert: „Hurra, die „Emden"! Hurra!" Vater Petersmann schwenkte das Blatt hin und her. Dann hielt er unter besonderem Jubel der beiden Lehrbuben, die auf das Geschrei hin im Zunageln großer Kisten auf dem Hofe eine Pause gemacht hatten, folgende kleine, für die Beteiligten sehr inhaltsreiche Rede: „Kinder, heute ist ein Iubeltag für unser ganzes Vaterland, und wir in meinem Hause wollen uns noch ganz besonders freuen. Im Frieden waren wir stolz auf unsere Handelsschiffe, die den Ruhm des deutschen Kaufmannes über die Meere trugen und die Erzeugnisse deutschen Gewerbe fleißes und deutscher Technik auf den ausländischen Markt brachten. Nun zeigen im gewaltigen deutschen Kriege unsere Kriegsschiffe, wie groß die sittlichen Kräfte sind, die in unserem Volke schlummern, und die allein ein Aufsteigen unseres Volkstumes, eine EntWickelung unseres Handels, unserer Gewerbe, unserer Industrie, Wissenschaft und Kunst möglich machten. Darin steht unsere Flotte unserem siegreichen Heere nichts nach. Mit unvergleichlicher Kühnheit hat sich die „Emden" trotz Verfolgung durch feindliche Flotten im Indischen Ozean gehalten, der Schaden, den sie unseren Feinden und be sonders den Feinden unsers Handels, den neidischen Engländern zugefügt hat, geht in die Millionen hinein. Aber größer und wichtiger als der Niedergang des indischen Handels ist für uns die Gewißheit, die durch die Taten der „Emden" in ein Helles Licht gerückt wird: in unserem Volke lebt noch die gesunde, sittliche Kraft, die allein zu großen Taten befähigt; die Treue, der Mut, die Kraft, die Todesverachtung im Dienste für die heilige Sache des Vaterlandes sind lebendig geblieben. Das gibt uns die Gewißheit, daß nach den schweren Tagen der Gegenwart eine gute, kraftvolle Zukunft für unser Volk kommen wird. Die „Emden" hat Verderben und Untergang in die Reihen ihrer eigenen Verfolger hineingetragen. Und weil hinter den Torpedorohren, aus denen der deutsche Zorn gegen seine Neider geflammt hat, mein eigener Sohn gestanden hat, so denke ich, haben wir Grund genug, uns noch ganz besonders zu freuen." „Hurra!" riefen seine Zuhörer, und die beiden Lehrjungen schwenkten hoch die Mützen. Und Vater Petersmann fuhr fort: „Drum wollen wir Bücher und Federhalter da liegen lassen, wo sie jetzt sind, das Kontor abschließen und morgen mit der Arbeit fortfahren. Heute aber wollen wir uns nur freuen über die großen Taten, die in dieser Zeit geschehen." Da gab es großen Jubel im Kontor; der alte, vom Schreiben an den Peters- mannschen Pulten krumm gewordene Buchhalter ließ die „Emden" hochleben, und alle riefen dreimal Hurra, daß die Fensterscheiben zitterten. Dann ließ die Maschinen- schreiberin den Herrn Petersmann und seinen Sohn auf dem fernen Meer leben, und wieder dröhnten die Fenster mit. Die Lehrjungen mußten Vater Petersmann noch helfen, die schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Giebelfenster nach der Straßenbiegung herauszustrecken, dann konnten sie von bannen trollen. Mutter Petersmann hatte jedem128 ein Wurstbrot in die Tasche gesteckt für in den Magen zu stopfen, und für ins Herz zu schreiben hatte sie ihnen den Spruch gegeben, heute in der freien Zeit keine Dumm heiten zu machen aus lauter Freude. Die Buben hatten zum Wurstbrot: „Danke schön" gesagt, und zu der Ermahnung, keine Dummheiten zu machen, die Versicherung ge geben, heute ganz artig zu sein. Nur schreien wollten sie, vor jedem Telegramm „Hurra" schreien. Das erlaubte ihnen Mutter Petersmann, denn sie sah wohl ein, daß kleine Buben ihre Freude nicht still im Herzen tragen können, sondern sie laut aus posaunen müssen. Als aber die beiden aus dem Flur standen, hatten sie schon vergessen, dasz sie heute artig sein wollten; sie rutschten am Treppengeländer herunter und holten sich die erste Beule, schlitterten durch den langen, steinernen Hausflur und kamen mit dem Kopf zuerst an der Haustür an. Da bekamen sie beide die zweite Beule. Die letzte holten sie sich, als sie die Haustreppe hinunter auf die Straße purzelten. Bis zur Straßenbiegung gingen sie langsam und nebeneinander, weil Mutter Petersmann sie bis dahin sehen konnte, wenn sie am Fenster gestanden hätte. Dann rannten sie wie wild durch die Straßen, blieben vor jedem Telegramm stehen und riefen: „Hurra!" Am Hafen trafen sie ehemalige Schulkameraden, und als die erklärten, sie hätten die „Emden" beinahe ebenso lieb wie den Hindenburg, da vergaßen sie die alte Schulbank freundschaft und verprügelten sie, bis sie feierlich versprachen, die „Emden" gerade so lieb zu haben wie den Hindenburg. Als seine Lehrbuben zu Ehren der „Emden" am Hafen eine Schlacht lieferten, stand Herr Petersmann vor dem Spiegel und band seinen besten Schlips um. Dann zog er seinen besten Rock an und ging mit Mutter Petersmann spazieren. Er schlug den Weg nach dem Hafen ein. Am Ankerplatz der Dampfer blieb er stehen. „Weißt dn noch, Mutter," fragte er, „wie der Junge hier zuerst abgefahren ist und wie er sich freute, aufs Meer zu kommen?" Und die Mutter nickte stumm. Schiffer, die den Kauf mann kannten, riefen ihn an: „Guten Tag, Herr Petersmann, guten Tag, Frau Peters mann, was macht Ihr Junge?" Er antwortete stolz: „Haben Sie es noch nicht gelesen? Vor Penang haben sie zwei Kriegsschiffe vernichtet." Und die Schiffer nickten respekt voll. Vater und Mutter Petersmann gingen dem nahen Stadtwalde zu. Der Vater wollte einen Busch Eichenblätter holen. „Die Eichen waren schon den alten Wikingern das Sinnbild ihrer Kraft und ihres gesunden, starken Sinnes", sagte er beim Pflücken, während die Mutter seinen Schirm hielt, damit er beide Hände frei hatte, „wir wollen um das Bild der „Emden" einen Kranz von der Eiche hängen." Mit leuchtendem Gesicht, die Zweige in der Hand, gingen Vater und Mutter Petersmann ihrem Hause zu. 4. Gelreu bis kn den Tod. Auf dem Hinterdeck der „Emden" waren die Mannschaften angetreten und lauschten den Worten ihres Kapitäns. Sie hätten nun den Ernst des SeegefechtesWir zeigen den Funkentelegraphisten von Keeling Island, der mit seinem letzten Funkenspruch die „Sydney" gegen die „Emden" aufbrachte, kurz bevor die Einrichtung für drahtlose Telegraphie durch von Mückes Landungskorps zer- stört wurde.kennen gelernt, sie sollten sich auch weiter tapfer halten. Und jeder gelobte es in dem dreimaligen Hurra, das dem Kaiser und der deutschen Heimat galt. Über Hermann Petersmann war durch die Ereignisse der letzten Woche eine große Ruhe gekommen. Er hatte als Seemann immer damit gerechnet, einmal in den Wellen sein Grab zu finden, und das Bewußtsein, für die Heimat sein Leben einsetzen zu können, hatte ihn glücklich gemacht. Als Schulbube hatte er das deutsche Flaggenlied immer begeistert mitgesungen und es sür selbstverständlich gehalten, in aufflammender Begeisterung sein Leben dem Vaterlande hinzugeben. Nun war er ein reifer Mann geworden; zu dem, was er früher aus plötzlich hochsteigendem, starkem Gefühl heraus getan hätte, kam er nun durch die Erfahrungen seines Lebens und durch seinen be wußten Willen. Mochte über die „Emden" kommen, was wollte, er würde seine Pflicht erfüllen bis zum letzten Wellenschlag. Den gefangenen Franzosen vom „Mousquet" gesiel es auf der „Emden" aus gezeichnet. Als Hermann Petersmann einem von ihnen, der beim Untergang des Torpedobootzerstörers den linken Arm gebrochen hatte und ihn nun in der Binde trug, von seinen Zigaretten abgab, dankte ihm der Verwundete und erzählte ihm allerlei, das er aber nicht verstand. Ein Maat, der in der Nähe stand, half ihm bei der Unterhaltung und machte den Übersetzer. „Ihr seid gut," sagte der Franzose, „ihr habt uns nicht ertrinken lassen. Ihr sorgt sür uns und gebt uns." Hermann Petersmann ließ ihm sagen: „Ihr wäret wehrlos und verwundet, da war es doch natürlich, daß wir für euch sorgten." Der Franzose lächelte bitter: „Unsere Zeitungen haben geschrieben und unsere Offiziere haben uns gesagt, ihr würdet eure Gefangenen töten." „Habt ihr denn das geglaubt?" fragte Hermann erstaunt. Der Verwundete zuckte die Achseln: „Was sollten wir machen?" Jetzt glauben wir es nicht mehr, und wir werden erzählen, daß es nicht wahr ist." Hermann konnte es zunächst gar nicht fassen, warum man auf feiten der Feinde den Matrosen die Deutschen als roh und hartherzig hinstellte. War es dort nötig, Kampfeslust künstlich hervorzuzaubern, indem man die Gegner schmähte und ihnen Grausamkeiten anlog? Dann erfüllte ihn das Bewußtsein mit Freude, daß er seinem Führer in allen Stücken vertrauen konnte. Die Lüge hatte keinen Platz in der deutschen Kriegsführung. Nach einigen Tagen sichtete der Ausguck einen englischen Dampfer. Er wurde zum Halten gezwungen. Was erschraken die Engländer, als sie die „Emden" erkannten. „Es ist die „Emden", Herr Kapitän," sagte der Steuermann, „nun muß unser Dampser in die Tiefe reiten." Die Matrosen wollten schon unter Deck gehen und ihr Eigentum zusammenraffen, damit ihnen nichts verloren ginge. Aber der Kapitän schrie sie an. Er war zornig, daß er gekapert wurde, und machte seinem Ärger Luft, indem er rief: „Ihr Schlingels, ihr Nichtsnutze, wollt ihr auf eurem Posten bleiben, bis ihr Befehl bekommt!" Aber die Matrosen lachten: „Herr Kapitän, es ist vorbei mit unserem Kasten. Er geht zu den Fischen, und wir werden umquartiert aus die „Emden"." Der Kapitän war rot vor Wut und Ärger. Aber schon legte der Kutter des deutschen 89 129130 Kreuzers an, der Prisenoffizier bestieg den Dampfer und forderte die Schiffspapiere. Durchs Sprachrohr rief er zur „Emden" hinüber und bekam Antwort und Befehle. Er wandte sich zu dem Kapitän: „Sie führen neutrale Ladung und können weiterfahren, aber Sie nehmen die Franzosen mit, die wir an Bord haben, und setzen sie in Satang oder einem der nächsten Häfen an Land." Die Franzosen wurden in Booten herüber- gepuhlt. Als die Engländer da merkten, daß die „Emden" ein Seegefecht hinter sich hatte, wurden sie still. Ihre Achtung vor dem Kreuzer stieg gewaltig, und mit ehrfürchtigem Staunen sahen sie den deutschen Matrosen zu, die ihre besiegten Feinde an den Dampfer ruderten. Weiter durchfuhr die „Emden" den Ozean, mancher Dampfer streckte seine Masten und Rauchfahnen, dann seine Schornsteine und zum Schluß seine schwarze Nase über den Horizont. Aber wer sich so mutwillig der „Emden" näherte, mußte es sich auch gefallen lassen, von ihr untersucht zu werden, mußte ihr Kohlen und Lebensmittel geben und durfte dann bugvorwärts mit winkendem Heck zu den Fischen wandern. Die Fische hatten in den letzten Wochen mancherlei zu sehen bekommen. Immer wieder waren neue Herrlichkeiten und Schätze aus dem Meeresgrund angelangt. Die Schisfsrümpfe waren meist zerrissen, und ihr Inhalt wurde von den neugierigen Wellen herausgezerrt. Große Wagen mit weichen Sitzen und dicken Reifen auf den Rädern glitten auf dem steinigen Meeresboden hin und her, bis sie im Sande festsaßen und nicht mehr vorwärts konnten. Geheimnisvolle Säcke, die dick und groß unten ankamen, wurden dünner und dünner, ihr Zucker- und Schokoladeninhalt schmolz dahin wie Hagel korn vor der Sonne. Wie viele Kinder hätten sich damit Lippen, Zunge und Magen ergötzen können. Aber die Fische besaßen dafür kein Verständnis. Sie glotzten mit großen Augen auf die fremden Wunder, ließen Luftblasen aus ihren Mäulern in die Höhe steigen und jagten ihnen nach, wer wohl am ersten oben sei. Die Fische, die in den Diensten der Meeresmädchen standen, suchten das aus, was ihnen für ihre Herrinnen passend schien. Das packten sie in große Muscheln, an die sie dünne Schlinggewächse banden, und zogen ihre Beute durch stille, tiefe Wasserschichten in die Gemächer der grünen Meeresburg. Die Meeresmädchen lobten ihre Fische für die gute Auswahl, die sie getroffen hatten. Die feinsten Herrlichkeiten der ganzen Welt lagen da beisammen, dünne Seidengewebe mit golddurchwirkten Borten, kleine feine Holzsachen, mit Lack überzogen und mit Gold und Silber beschlagen. Die Meeresmädchen schmückten ihre Kleider und die Meeresschlösser damit. „Woher kommt das alles?" fragte die jüngste Tochter des Meereskönigs und ließ eine wunderschöne Halskette von allerfeinster Silberarbeit durch ihre Hand gleiten. „Das kommt aus gesunkenen Schiffen," sagte ein Fisch, der immer unten dicht über dem Meeresgrund spielte und nie in die Höhe stieg, „die liegen unten im Sande oder auf großen Riffen, und die Wellen helfen und spülen alles heraus, was darin gewesen ist." „Wie kommt es denn," forschte die jüngste Meerestochter weiter, „daß jetzt so viele Schiffe sinken. Wütet immer ein großer Sturm oben über den Wellen?"131 Da wußte der Tiefenfisch keine Antwort zu geben, aber ein großer, dickbeschuppter Silberling, dessen größtes Vergnügen immer war, Sprünge über die Wellen zu machen und die Nase mehr in die Luft als ins Wasser zu stecken, wußte genau Bescheid: „Es sind keine Stürme," sagte er, „die jetzt so viele Schiffe zu uns schicken, aber es fahren Männer über das Meer, die sind so schnell und so stark wie der Sturm, die senden die Schiffe herunter." Da drängten sich alle Meeresmädchen um den dicken Silberling und baten: „Lieber, guter Silberling, erzähle uns doch mehr von diesen Männern, die so schnell und so stark sind wie der Sturm." Der Silberling ließ zwei dicke Luftperlen aus seinem Maul steigen, eine kletterte ihm übers Gesicht an die Nasenspitze, die andere rutschte über den Rücken an die Schwanzflosse. Dann ließen sie sich los und drehten sich um die Wette in die Höhe. Nun erzählte der Silberfisch: „Die starken Männer halten alle Schiffe an und gucken hinein. Und wenn Schiffe da sind, die sich das nicht gefallen lassen wollen, dann werfen die Männer ihnen ein Stück Eisen vor den Bug. Das macht: Bums!, und dann steigt ein großer Finger aus dem Wasser, bedroht das Schiff und fällt wieder zurück ins Meer." „Was für ein Finger ist das?" wollte die jüngste wissen. „Das ist eine Wassersäule," sagte der Silberling wichtig, „die springt vor dem Schiss in die Höhe. Dann kriegt es solche Angst, daß es dicke Wolken ausstößt und hält. Die Leute müssen in kleine Boote gehen und zu den starken Männern kommen. Die werfen dann Eisen gegen das Schiff, daß es umkippt, Wasser trinkt und herunter kommt." „Hast du die Männer gesehen?" fragte die älteste unter den Meerestöchtern, „haben sie langes Haar, das leuchtet wie Sandbänke im Sonnenschein? Haben sie blaue Augen wie der Himmel in mondhellen Nächten? Sind ihre Kleider rauh wie das Fell der Eisbären in den kalten Meeren? Haben sie große Schilder am Mast hängen und Speere von Eschenholz im Schiff liegen? Ist ihr Schiff von eichenen Brettern gezimmert und am Bug mit dem gewaltigen, geschnitzten Kopf eines nordischen Vogels verziert?" Aber der Silberling hatte immer den Kopf ge schüttelt und zu allen Fragen „Nein" gesagt. „Nein, sie haben keine langen, gelben Haare, keine rauhen Kleider und keine Schilder und Speere von Eichen und Eschen. Aber sie stehen aufrecht und fest wie starke Bäume, und aus ihren scharfen Augen, die mit Adlerblicken zum Horizont spähen, sprüht ein großer Zorn. Sie lachen in den Sturm hinein und singen, wenn es zum Kampfe geht." — „Das find sie!" rief die jüngste, „das sind die Wikinger!" Und alle Meeresmädchen jauchzten. Sie vergaßen die Schätze, die ihnen die Fische gebracht hatten, vergaßen den Silberling, der ihnen so treulich Bericht erstattet hatte und schwammen, so schnell sie es vermochten, zur großen Meeresburg. Die lag so weit weg von ihren Meeresschlössern. Der Mond, der seine Scheibe eben im Wasser geputzt hatte und nun aufgehen wollte, blieb einen Augenblick erstaunt stehen und fragte: „Warum jagt ihr so schnell durchs Wasser?" Sie ant worteten ihm: „Wir müssen zu unserem Vater, dem Meereskönig. Wir müssen ihm erzählen, daß die Wikinger wieder da sind. Hast du sie nicht auch gesehen?" Der Mond schüttelte seinen Kops, nein, Wikinger hatte er lange nicht gesehen. Früher, ja, da132 hatte er sie auch gekannt, aber das war schon so lange her, daß er es fast vergessen hatte. Oben im Norden, in Heide und Moor, da lagen noch Hünengräber aus der alten Zeit. Aber jetzt hatte er keine gesehen. Er kletterte an dem Himmel, und die Sonne war froh, daß sie ins Meer tauchen konnte. Als die Meeresmädchen die Sonne sahen, riefen sie: „Gute Sonne, hast du die Wikingshelden gesehen?" Die Sonne sagte: „Ich sehe jeden Tag Helden in Fabriken und auf dem Acker, in engen Stuben und weiten Hallen, und in dieser Zeit habe ich mehr Helden gesehen als sonst in hundert Iahren. Sagt mir, woran ich die Wikings helden erkennen kann?" Die Meeresmädchen schwammen aber schon weiter, und im Enteilen rief noch die jüngste: „Sie stehen aufrecht und fahren zornig über die Meere und versenken die Schiffe ihrer Feinde." Ja, die kannte die Sonne wohl, die Graden und Aufrechten, die gegen eine Welt voller Feinde im heiligen Zorn ausgezogen waren. Sie wollte es den Meeresmädchen nachrufen, aber sie waren schon enteilt. Der Meereskönig lag in seiner Meeresburg auf einer dicken Matte, die war von Seegras gemacht und mit Eisbärsellen überdeckt. Seine Seehunde lagerten im Kreise um ihn herum. Sie sahen zu, wie der Meereskönig seinen Dreizack, der im Laufe der Zeiten stumpf geworden war, auf einem Amboß aus Felsenstein wieder schärfte. Da kamen die Meeresmädchen herangeeilt. Schon von weitem schrien sie: „Vater, Vater, die Wikinger sind wieder da, die Wikinger fahren wieder übers Meer!" Der Meeres könig erschrak, denn seit ihm die Wikinger in den alten Zeiten gezeigt hatten, daß sie stärker waren als er, hatte er einen großen Respekt von ihnen. Die Seehunde bellten vor Freude, denn sie meinten, nun müßten sie wieder oben auf den Sandbänken liegen und Wache halten, die Meerestöchter würden sie besuchen, sie streicheln und ihnen Futter bringen. Das war eine schöne Zeit gewesen. Aber jetzt lag der Meereskönig fast immer in der grünen Meeresburg, und sie hatten ein langweiliges Leben. Nur mitunter klopfte sein Freund, der mächtige Sturm, an die Burgtore, dann griff der Meereskönig zum Dreizack und rüttelte die Meere auf. Die Meeresmädchen baten und schmeichelten, der Bater möchte ihnen doch die Helden herunterholen. Sie wollten ihnen prächtige Lager bereiten in ihren großen Meeresschlössern, sie sollten von ihren Fahrten ruhen, eingewiegt vom Lied der Wellen und des Windes. Der Meereskönig versprach seinen Töchtern, die Helden zu holen. Er ruderte mit seinem Dreizack durch die Meere; und seine Töchter zeigten ihm den Weg. Als er aus den Wellen auftauchte, ging eben die Sonne wieder auf. „Ei, sieh da," sagte sie erstaunt, „Meereskönig, bist du auch mal aus deiner Tiefe heraufgestiegen? Ich habe dich lange nicht mehr hier oben gesehen." — „Ja," antwortete der Meeres- könig, „ich bin lieber in der Meeresburg. Ich werde alt, und die Menschen wollen auch das Meer beherrschen. Aber kannst du mir nicht sagen, wo das Wikingsschiff ist, das hier so viele Schiffe versenkt hat?" — „Ich weiß wohl, was du meinst," versetzte darauf die Sonne, „das Schiff fährt schon seit Monaten hier durch das Meer. Es ist ab geschnitten von seinen Freunden und ringsum von Feinden umgeben. Höre, was es133 alles getan hat." Und sie erzählte dem horchenden Meereskönig die kühnen Taten der „Emden". „Und einmal," sagte sie zum Schluß mit trauriger Stimme und zog eine dunkle Wolke vor ihr strahlendes Gesicht, „einmal wird es den Feinden, die viel zahl reicher sind, in die Hände satten. Dann muß es untergehen." Der Meereskönig nickte ergriffen mit dem Kopse. „Ja, ja," sagte er, „was du mir erzählt hast von den Taten, das zeigt, daß es die Wikingshelden wieder sind. Sie haben mich einmal besiegt, ich habe keine Macht mehr über sie." Und er tauchte unter und wollte seine Meeresburg wieder aussuchen. Unterwegs kamen ihm seine Töchter entgegen. Als sie sein ernstes Gesicht sahen, wagte keines zu fragen. Nur die jüngste begann zu schluchzen. Da sagte der Meeresvater: „Hör aus mit Weinen. Ich kann die Wikingshelden nicht in die Tiefe holen. Sie haben oben im Licht schwere Arbeit zu tun." Und er erzählte alles, was er wußte. Da wurde auch die jüngste still und sagte: „Wir haben die Helden lieb, aber Landungsabteilung. wir wollen, daß sie oben bleiben sollen, weil sie so mutig und stark sind." Da erzählte der Meereskönig seinen Töchtern auch das, was ihm die Sonne zum Schluß gesagt hatte. Die Feinde seien so zahlreich und würden einmal das Schiff versenken. Die Meeresmädchen wurden traurig und ganz still. Man konnte die Lustperlen hören, die aus dem Mund der Fische kamen. „Wenn die Wikinger untergehen," sagte die jüngste, und Tränen liefen ihr übers Gesicht und fielen in geöffnete Muschelschalen, „dann wollen wir ihnen ein weiches Lager bereiten und sür sie sorgen. Sie sollen es gut bei uns in der Tiese haben." Und sie suchte den großen Silberling auf, der immer aus den Wellen sprang und bat ihn, immer bei den Wikingern zu bleiben und ihr über alles zu berichten. Er sollte dafür auch in ihrem Meeresschloß eine Wohnung bekommen. Der Silberling versprach, alles für sie zu tun, und rauschte durchs Wasser davon. Er mußte weit nach Süden schwimmen, um die „Emden" zu sinden, bis an die Kokos-134 Inseln. Hier lag im Morgengrauen eines Novembertages der Kreuzer vor der Insel Keeling vor Anker. Die Boote wurden zu Wasser gelassen, die Landungsabteilung ging hinein und nahm Gewehre und Maschinengewehre mit. „Ich beneide euch," sagte Hermann Petersmann, der an Bord zurückblieb, zu den Landungsmatrosen, „ihr bekommt sicher heute die ersten Engländer vors Rohr." Und die in den Booten saßen, schmunzelten. Das war auch ein feiner Plan des Kapitäns, die Station sür Funkentelegraphie und die Kabel in der Bucht zu zerstören. Und frohgemut stießen sie ab. Wenn die Engländer Widerstand leisten würden, dann hatte man ja Waffen bei sich. Die an Bord geblieben waren, sahen den Booten nach. Sie wären alle am liebsten mitgefahren, denn es galt heute, den Engländern selbst einen Streich zu spielen. Hans Jochen grollte, als er in den Maschinenraum ging: „Nun haben sie richtige Kriegsarbeit an Land zu tun, und unsereiner muß an der Maschine stehen!" Aber er hatte nicht lange über Untätigkeit zu klagen, denn der Befehl des Kapitäns, Klar Schiff zum Gefecht zu machen, fuhr plötzlich der Mannschaft in die Glieder und riß sie an ihren Posten. Der Ausguck hatte eine Rauchwolke am Horizont gesichtet, die immer dichter, immer schwärzer wurde; ein Kreuzer sauste in voller Fahrt heran. Es war der australisch-indische Kreuzer „Sidney", der zur Versolgungsslotte gehörte. Die letzten Funksprüche der Station, die eben von der Landungsabteilung vernichtet wurde, hatten ihn herbeigerufen. Die Dampfpfeife heulte und rief die Mannschaften vom Lande an Bord. Aber der Gegner kam zusehends näher, da gingen die Anker in die Höhe, und die „Emden" fuhr ihrem Gegner entgegen. Hermann Petersmann war in den Torpedoraum gestürzt. Alles war in Ord nung, der Torpedo lag klar zum Ausstoßen im Rohre. „Maat," rief er mit leuchtenden Augen, „heute gilt's!" — „Ja," nickte der, „wenn wir nur an die „Sidney" heran kommen können. Sie ist größer als wir, und ihre Geschütze tragen weiter als unsere. Sie könnte uns zusammenschießen, ohne daß unsere Geschosse sie erreichen." Da fielen die ersten Schüsse. „Horch, sie schießen!" ries Hermann erfreut, und die in der Stahl kammer standen, lauschten dem Geschützkampf, bereit, jeden Augenblick mit dem Torpedo in das Gefecht einzugreifen. Sie dachten nicht an sich, sie dachten nicht daran, was werden würde. Sie standen auf ihrem Posten, und den würden sie nicht verlassen. Ihre Gedanken, ihre Kraft, ihr Leben, alles gehörte dem Schiffe, mit dem sie sich eins fühlten im Kampf auf Leben und Tod. Und das Schiff war ihnen die Heimat. Vom Mast wehte die deutsche Kriegsflagge. Wassersäulen sprangen auf, von zu kurz ein schlagenden Granaten hochgerissen. Heulende Geschosse, zu hoch abgefeuert, jagten durch das Tauwerk der Masten. Dicht vor der „Sidney" schlug Wasser hoch. Granaten pochten an ihre durch dicke Panzer geschützten Wände, schlugen in ihr Steuerhaus. Um der Treffsicherheit der „Emden" zu entgehen, dampfte die „Sidney" aus dem Bereich der Geschütze des deutschen Kreuzers und ließ ihre schweren Kaliber135136 dröhnen. Die „Emden" jagte durch das Meer mit zerschossenem Steuerhaus, durch schlagenem Deck, ein Schornstein lag quer, krachend zersplitterte ein Mast. Das wunde Schiff rückte in Torpedoschußnähe gegen den Engländer. Schuß auf Schuß erdröhnte. Die Geschosse durchschnitten Rauch und Qualm und zeigten ihre Aufschläge an. Auf dem Hinterschiff der „Emden" brach Feuer aus. Die Glut wälzte sich über das Vorderdeck in die Schiffsräume. Die Mannschaft verharrte auf ihrem Posten. Mochten Feuer und Eisen drohen und Wunden reißen — stolz weht die Flagge schwarz- weiß-rot. Der Kampftag ging zu Ende. Im langen Kampf war es der „Sidney" nicht gelungen, die „Emden" in den Grund zu bohren. Nun lief der deutsche Kreuzer auf ein Riff auf der Nordseite der Insel Keeling. Ein gewaltiger Ruck durchzitterte das heldenhafte Schiff, dann lag es fest. In den hilflos hingestreckten Schiffskörper jagte die „Sidney" noch zwei Breitseiten hinein. Eisenplatten zerrissen, Stahlpanzer krümm ten sich, Wasser flutete über Trümmer. Hermann Petersmann fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust, es pochte in seinem Schädel, Dunkel umfing ihn. Wie im Traum hörte er das Rauschen der Wellen. Er fühlte, wie sie ihn umkosten und ihn weich einhüllten. Der Siegeslauf des kühnen Kreuzers war zu Ende. In die Heimat drang die Kunde. Trauer ergriff alle Herzen. Vater Petersmann saß im Stuhl und konnte die Nachricht noch nicht fassen. Das herrliche Schisf, der Stolz des Vaterlandes, sollte nun auf dem Meeresgrunde liegen, still, tatenlos. Und seine heldenmütige Besatzung, ein Teil kriegsgefangen, der andere den Heldentod gestorben! Wie war es Hermann er gangen! Mutter Petersmann hat viel geweint und manche Nacht nicht schlafen können. Die Ungewißheit über das Schicksal ihres Sohnes quälte sie. „Wenn ich nur wüßte," sagte sie, „was aus Hermann geworden ist. Wer auf dem Lande verwundet wird, dem kann noch geholfen werden, aber das Meer ist unbarmherziger und gibt keinen her, den es gefaßt hat." Das Licht hatte manche Nacht hindurch im Petersmannfchen Hause gebrannt. Vor dem Tisch, auf dem die Weltkarte lag, saßen Vater und Mutter Peters mann und suchten die Stelle, wo die „Emden" untergegangen war. Dann kam eines Tages der Postbote und brachte einen großen Brief. Der hatte verschiedene amtliche Stempel. Da ging ein großer Schmerz durch die Mutter und machte sie stark. Sie rief den Vater aus dem Kontor, und als sie den Brief öffneten, wußten sie, daß sie das Schicksal ihres Sohnes in Händen hatten: den Heldentod ge storben im blutigen Gesecht. In der Nacht kam ein Wind, stark und frisch, der wußte so viel zu erzählen: von sremden Wassern und einsamen Inseln, von stillen Gräbern auf tiefem Meeresgrund. Und die Mutter hörte die Wellen rauschen und die Winde ein Heldenlied singen, das brachte ihr Mutterherz zur Ruhe. Sie ging dem Klange nach, weithin in die Ferne. Da stand sie am Strand einer Insel. Blaue Nacht lag auf dem Wasser. Mond und Sterne leuchteten in die Tiefe. Da schwammen Meeresmädchen, und die Stimmen desWir zeigen das Wrack der „Emden", die am 9. November an den Kokosinseln gegen überlegene Feinde ein ruhmvolles Ende gefunden hat.137 Waffers ertönten. Und die Meerestöchter bauten Lager aus Tang und Gras, bauten Schlösser aus Funkelsteinen und Felsenspat und wanden Kränze von dunkelgrünen Zweigen und Blättern. Stille lag über der Tiefe, wie auf den Gräbern der Helden aus grauer Vorzeit in ferner Heide und einsamem Moor. Das Meer nahm sich der Wikingshelden an, die in ihm ihre Ruhe gefunden hatten. Sie waren vom Schlage ihrer Ahnen gewesen, tapfer und treu, stolz und aufrecht bis in den Tod, hart und fest wie ein nordischer Sturm. Und doch war ihr Herz empfänglich gewesen für die Stimmen des Windes und der Wellen. Die Schönheit des Meeres hatte in ihren Träumen gestanden, hatte Meeresburgen gebaut und vertraute Zwiesprache gehalten, wie die Meeresmädchen der Märchen mit den Helden in der Tiefe. Über dem Wasser schwebte der Geist des Schiffes, der Geist der Mannschaft, die bis zur letzten heiligen Not in treuer Pflichterfüllung gekämpft hatten. Das Schiff war untergegangen, und tapfere Kämpfer ruhten in der Tiefe. Aber das Gedenken an ihre Taten bleibt lebendig, der Geist der „Emden" fährt auf allen Schiffen mit, die ihren Kurs gegen England richten, und rauscht aus allen schwarz-weisz-roten Wimpeln, die von hohen Masten flattern.138 Das neue Vaterland. Erzählung von Heinrich Brenne. „Kamerad, Ihre Stimmung scheint seit der Ausreise mit jedem Tag besser geworden zu sein. Sie freuen sich wohl gar aus ein Landungskommando in Mexiko?" „Weshalb die Gründe so weit suchen? Auf dem neuesten und schnellsten Kreuzer bei so wundervollem Wetter durch den Atlantischen Ozean zu jagen, ist das nicht Ursache genug, guter Laune zu sein?" „Die Herren Ingenieure scheinen auch auf die Maschinenleistungen mächtig stolz zu sein." „Das ist erklärlich. Es würde mir auch Freude machen, die Kräfte zu lenken, die unfre „Karlsruhe" mit dieser Geschwindigkeit dahinjagen lassen." „Jeder an seiner Stelle. Mir ist am wohlsten, wenn ich durchs Batteriedeck gehe oder in den Turm klettere. Nur eins stört mich dabei, der Gedanke, das; die Geschütze Tag für Tag schweigen und schlafen. Das geht nun so weiter Jahr um Jahr, wir drillen unsere Mannschaften, eines guten Tages merkt man, daß man alt wird und hat nichts getan als harmlose Wracks in den Grund geschossen und andere zwecklose Kunststückchen vollführt." „Meinen Sie wirklich, das wäre dann umsonst gewesen? Wenn wir die Leistungen unserer Leute auf der Höhe halten, auf solcher Höhe, daß die andere Partei den Angriff nicht wagt, wenn so Friede bleibt, war unsere Arbeit dann wirklich zwecklos? Ich sehne mich nicht danach, die Kanonen im Ernst sprechen zu hören, aber ich will an meinem Teil mit dafür sorgen, daß sie, wenn es nicht anders sein kann, den Mund nicht umsonst auftun. Glauben Sie mir, Kamerad, wenn der Krieg kommt, dann wird es einer sein, gegen den alles Bisherige nur Dorfprügelei gewesen ist. Übrigens, wer weiß, wie nahe wir dem Weltkrieg schon sind?"139 „Ich glaube nicht daran. Wie oft hat das jetzt schon so ausgesehen? 1909 der serbisch-russische Lärm wegen der Annexion von Bosnien und Herzegowina, 1911 die Marokko-Geschichte, 1912 und 1913 der Balkankrieg mit seinen Nebenwirkungen, und jedesmal ist's verlaufen wie das Hornberger Schießen." „Was Ihnen Beweis für die Dauer des Friedens scheint, Kamerad, hat mich gerade in dem Gedanken bestärkt, daß der Krieg kommt. Europa ist ja wie ein großes Pulverfaß, und es ist nur wenig Feuer nötig, es zum Explodieren zu bringen." „Ach was, die trauen einer wie der andere der Geschichte nicht." „Im Augenblick vielleicht noch, aber wenn der Moment kommt, wo unsere Gegner ihre Übermacht für groß genug halten, dann wird der Tanz losgehen. Sehen Sie, unserem ganzen Flottenbau liegt der Nifikogedanke zugrunde. Ist nun dies Risiko für England tatsächlich noch vorhanden?" „Aber Sie tun ja gerade, als ob es gar keine deutsche Flotte gäbe. Ich glaube, baß die Herren Engländer über die Größe des Risikos etwas anderer Ansicht sind." „Gerade das glaube ich nicht. Was wissen sie von dem Geist unserer Leute, sie stellen einen zahlenmäßigen Vergleich der Flotten an, und mehr als doppelte Über legenheit ist das Ergebnis. Soll da nicht die Lust bei ihnen wachsen, den lästigen Weltkonkurrenten mit Gewalt vom Ozean zu verdrängen?" „Ja, aber diese doppelte Überlegenheit kann doch im Ernstfall gar nicht uns gegenüber verwendet werden. Ein großer Teil der Schiffe ist zur Sicherung der englischen Zufuhrstraße nötig, und vor allem muß ein beträchtlicher Teil im Mittel meer bereitgehalten werden." „Meinen Sie wirklich? Die Arbeit, die es da zu tun gibt, besorgt die französische Flotte schon allein. Denn ihr Gegner wird nur Österreich heißen." „Und Italien?" „Daß Italien jemals an unserer Seite in einen großen Krieg eintreten wird, glaube ich nicht mehr. Wer so seinem Bundesgenossen in den Rücken fällt, wie die Italiener es bei den Marokko-Verhandlungen getan haben, der wird im Kriegsfall nicht an die Erfüllung seiner Bundespflichten denken. Wenn ich an den Gegensatz zu Österreich denke, wird es mir noch viel wahrscheinlicher, daß es so kommen wird." „Sie haben recht; Italien hat sich mancherlei Seitensprünge erlaubt, aber so wenig ich mich auch um Politik bekümmere, an unseren leitenden Stellen scheint man doch immer noch fest auf den italienischen Bundesgenossen zu rechnen." „Man macht gute Miene zum bösen Spiel; denn schließlich ist ein lauer Ver bündeter immer noch besser als ein neuer Gegner. Bescheid weiß man." „Na, ich werde mir um die Geheimnisse der hohen Politik keine grauen Haare wachsen lassen. Wenn's kommt, dann gilt's." Dabei hob Oberleutnant Iülicher sein Glas, sein Kamerad Petersen nickte ihm zu und die Gläser klangen zusammen. „Nun muß ich aber gehen; ich schätze, um 9 Uhr laufen wir St. Thomas an, und möchte vorher noch Briefe besorgen."Mit einem Händedruck verabschiedete sich Oberleutnant Iülicher von seinem Kameraden. Bald darauf verließ auch Petersen die Offiziersmesse und stieg an Deck. Lange stand er an die Reling gelehnt und schaute nach Südwesten. Die Freude an der prächtigen „Karlsruhe" war nicht allein der Grund seiner guten Stimmung. Er freute sich vielmehr auf das Wiedersehen mit Eltern und Schwester. Sechzehn Jahre waren es her, seitdem er sie zuletzt gesehen. Sein Vater, Lorenz Petersen, besaß bei Hadersleben in Nordschleswig ein großes Gut. Der Großvater war als dänischer Freiwilliger bei Düppeln gefallen, und von ihm hatte sich die Liebe zum dänischen Vaterland auf den Sohn vererbt. Lorenz Petersen war erst fünf Jahre, als ihm der Krieg mit Preußen den Vater nahm. Die Mutter hatte das Gut ver pachtet und war mit ihm zu ihrer Schwester nach Kopenhagen gezogen. Was Lorenz Petersen hier im Hause und in der Schule hörte, war nicht dazu angetan, ihm Liebe zu seinem neuen Vaterland einzuflößen. Als er mit 24 Iahren sein Gut bei Haders leben bezog, stand es bei ihm fest, daß er dänisch bleiben wollte bis auf die Knochen. Alles, was der neuen Regierung Schwierigkeiten bereiten konnte, durfte bei Lorenz Petersen auf Unterstützung hoffen. Da kurz vor der Übersiedelung von Kopenhagen die Mutter gestorben war, die ihm sonst oft gewiß aus Klugheit zugeredet hätte, war er bald einer der schlimmsten Hetzer in Nordschleswig. Das änderte sich auch nicht, als er eine Holsteinerin als Herrin aus sein Gut führte, obwohl Hanna Mews sich alle Mühe gab, den jungen Hitzkopf mit den geschehenen Dingen auszusöhnen. Da man ihn eine Zeitlang gewähren ließ, trieb es Lorenz Petersen immer ärger und tat eines Tages in öffentlicher Versammlung einen Ausspruch, der nicht weniger enthielt als die Aufforderung, bei der ersten Gelegenheit Schleswig mit Gewalt von Preußen zu lösen. Das hatte denn doch dem Faß den Boden ausgeschlagen, und kurze Zeit darauf wurde Lorenz Petersen ausgewiesen. Da er in der neuen Welt sich mehr Freiheit erhoffte, entschloß er sich, nach Mexiko auszuwandern. Sein Sohn war damals schon auf dem Gymnasium in Kiel. Unter Berufung auf ihre dort wohnende Verwandtschaft hatte Hanna Mews es durchgesetzt, daß Jens in Kiel und nicht in Kopenhagen die Schule besuchte. Ilse, vier Jahre jünger als der Bruder, war noch in Hadersleben. Ein Telegramm rief Jens zu kurzem Abschied heim. Er sollte in Kiel bleiben, denn der Vater war vernünftig genug, sich von den Schulen Mexikos nicht viel zu versprechen. Ehe sich Jens recht darüber klar geworden war, worum es sich eigentlich handelte, saß er wieder in Kiel, und Eltern und Schwester waren auf der Fahrt. Allzuviel Zeit hatte der Ausweisungsbefehl nicht gelassen. Lorenz Petersen raffte an Bargeld zusammen, was ihm zur Verfügung stand, und übertrug seinem Notar den Verkauf des Gutes, das den Hauptteil seines Vermögens bildete. Da natürlich die ganze Gegend wußte, daß Petersen verkaufen mußte, blieb der Erlös bedeutend hinter dem Wert zurück. Aber immerhin genügte es zum Erwerb einer großen Plantage in der neuen Heimat. Da Lorenz Petersen jung und voll Arbeits lust war, konnte er sich bald über das Gedeihen seiner Besitzung nicht beklagen. t40141 Jens Petersen war schon die letzten paar Jahre und in den Ferien zu Haus gewesen. Als er deshalb nach dem flüchtigen Abschied nach Kiel in das Haus seines Oheims zurückgekehrt war, hatte sich für ihn nichts geändert. Erst als die nächsten Ferien kamen und viele seiner Mitschüler in die Heimat fuhren, wurde ihm klar, daß seine Eltern wirklich in Mexiko waren. Er lief in seine Kammer, warf sich über sein Bett und weinte nachträglich die Tränen, die ihm damals beim Abschied nicht ge kommen waren. Mit rotem Kopf erschien er mittags zum Esten. Als aber sein Oheim zu ihm sagte: „Junge, wer wird in dem Alter noch weinen", da nahm er sich vor, daß es das letzte Mal gewesen sein sollte. Zwar als die nächsten Ferien kamen, wollte es ihm bedenklich um die Mundwinkel zucken, aber er verbiß die Tränen, und nachdem es einmal geraten war, wurde es jedesmal leichter. Jens Petersen hatte sich auf die eigenen Beine gestellt und stand allmählich so fest darauf, daß er sich auch vom eigenen Vater nicht mehr von dem Weg drängen ließ, den sie gehen wollten. Da er ohne Eltern und Geschwister aufwuchs, war er viel allein, und da waren Bücher die besten Gefährten. Am liebsten las er Entdeckergeschichten und Seeaben teuer. Wenn er in der Nähe des Hafens umherstreifte, wie ers in seinen freien Stunden gern tat, dann stellte er sich oft vor, daß er mit einem der auslaufenden Schiffe hinausführe nach fremden Ländern, immer weiter und immer weiter und immer neue Abenteuer erlebte. Bald stand es bei ihm fest, daß er Seemann werden wollte, und da er in der Kieler Umgebung ein guter Deutscher geworden war und nichts vom Dänenblut von des Vaters Seite her in ihm sich regte, so entschloß er sich, als Kadett bei der deutschen Marine einzutreten. Als er diesen Gedanken zum erstenmal dem Oheim gegenüber äußerte, war dieser freudig überrascht. Denn der Familie Mews waren die dänischen Neigungen des Schwagers sehr zuwider. Der Onkel gab Jens trotzdem zu bedenken, daß es fraglich wäre, ob der Vater seiner Berufswahl zustimmen würde. Jens mußte ihm nach einigem Überlegen recht geben. Es kam, wie er gefürchtet hatte. Wenige Wochen vor der Reifeprüfung traf ein Brief des Vaters aus Mexiko ein, der ihn aufforderte, nach bestandener Prüfung sofort die Überfahrt anzutreten. Noch am gleichen Tage schrieb Jens seinem Vater die Antwort und bat um seine Zustimmung. Gleichzeitig ließ er der Mutter einen Brief zugehen, daß diese seine Bitte unterstützen möge. Das wäre auch wohl ohnehin geschehen, aber es half nichts. Mitten in die Freude über das abgelegte Examen kam ein neuer Brief des Vaters, der Jens mit knappen, dürren Worten mitteilte, er würde nie seine Zustimmung dazu geben, daß sein Sohn Offizier in der deutschen Marine würde. Gleichzeitig wiederholte er die Aufforderung, sofort die Überfahrt nach Mexiko anzutreten. Mit der gleichen Post kam ein Brief der Mutter, die ihn beschwor, auf den Willen des Vaters einzugehen, da seine Abneigung gegen Deutschland nicht zu überwinden wäre. Jens hatte sich darauf gefreut, die Eltern, die Schwester wiederzusehen, bevor er in die Marine einträte. Und jetzt war es doch nichts. Er prüfte sich eine Weile und kam zu dem Schluß, daß er nicht nach-142 geben könne. Es war nicht bloß die Liebe zum Beruf, es war auch die Liebe zum neuen Vaterland, die in den Kieler Iahren in ihm groß geworden war. So schrieb er denn dem Vater, so lieb er es eben vermochte, daß er ihm in dieser Sache nicht zu willen sein könne. Er hatte gewußt, daß er damit die Brücke hinter sich abgebrochen hatte, und deshalb blieb er ruhig, als sein Vater seine Hand ganz von ihm zog. Die Kosten der Kadettenzeit und der Zuschuß in den ersten Offiziersjahren konnten aus dem mütterlichen Erbteil bestritten werden. Aber soweit kam es nicht einmal. Von der Mutter und von der Schwester kamen regelmäßig Briese. Und als zwei Jahre herum waren, kam einer mit einem Gruß des Vaters. Als das folgende Vierteljahr seinen Anfang nahm, traf der nötige Zuschuß aus Mexiko ein. Jens dankte im stillen seiner Mutter, denn er wußte, daß sie das beim Vater mit beharrlicher Für sprache durchgesetzt hatte. Und daß sie weiter am Werk war, ihm den Vater günstig zu stimmen, merkte er daran, daß die Briefe immer häufiger Grüße von dem Dänen freund an den deutschen Kadetten brachten. Als der einundzwanzigste Geburtstag kam, schrieb Lorenz Petersen sogar selbst einige Zeilen an seinen Sohn. Das Ver gangene war darin mit keinem Wort erwähnt. Lorenz Petersen hatte sich offenbar entschlossen, das ganz auf sich beruhen zu lassen, und ein deutscher Offizier als Sohn, so bitter es ihm auch ankam, war immer noch besser, als wenn ihm der männliche Erbe ganz gefehlt hätte. Während Jens Petersen an der Reling lehnte, malte er sich aus, wie er die Eltern und Ilse überraschen wollte. Zwar war es ihm noch nicht klar, wie er von Vera-Cruz nach der Plantage kommen sollte, aber das stand fest, das Wiedersehen mußte sich ermöglichen lasten. Geschrieben hatte er von seiner Ankunsl mit der „Karlsruhe" kein Wort und freute sich nun schon während der ganzen Überfahrt auf die Gesichter, die es geben würde, wenn er plötzlich hereinschneite. Wenn nur bei dem Durcheinander in Mexiko zu Haus nichts vorgekommen war; aber der Vater war ja umsichtig genug und würde gewiß, wenn irgendwelche Gefahr drohte, rechtzeitig Vorkehrungen getroffen haben. Während diese Gedanken ihn beschäftigten, spähte Jens Petersen nach Süd westen, wo die Lichter von St. Thomas in Sicht kommen mußten. Kamerad Iülicher hat übrigens gründlich daneben gehauen, dachte er. Es war nun schon 11 Uhr geworden, und noch immer war von dem Hafen nichts zu sehen. Da morgen gekohlt werden sollte und Jens Petersen dabei Leitung und Aufsicht hatte, hielt er es endlich für geraten, sein Lager aufzusuchen. Kurz nach Mitternacht lief „Karlsruhe" in den dänischen Freihafen ein. Am Nachmittag des folgenden Tages, es mochte gegen 6 Uhr sein, erklangen vom Achterdeck des Kreuzers die Lieder der Schiffskapelle. Der schwere Dienst des Kohlens war vorüber, und die Matrosen, die dabei beschäftigt gewesen waren, schritten jetzt lachend und plaudernd auf dem Deck auf und ab. Landurlaub war nicht gegeben, weil die „Karlsruhe" noch an demselben Tage die Weiterreise antreten sollte.143 Wenn Jens Petersen beim Kohlen nach dem Rechten zu sehen hatte, hielt er sich grundsätzlich da aus, wo Staub und Dreck am ärgsten war, und mehr als einmal hatte er, wenn Not an Mann ging, selbst mit Hand angelegt. Mit der Wirkung, die diese Art auf seine Leute hatte, konnte er zufrieden sein. Was überhaupt möglich war, durfte er getrost von ihnen fordern. So waren auch heute wieder die Bunker in so kurzer Zeit mit Kohlen gefüllt worden, daß man sicher sein konnte, im Ernstfall mit dem Mindestmaß von Zeit auszukommen. Eben trat er aus dem Baderaum und stieg zu seiner Kammer hinauf, da rannte ein Kamerad aus der Funkenbude an ihm vorbei, stieß ihn fast um und eilte ohne ein Wort der Entschuldigung weiter. „Der scheint ja ganz was Besonderes zu haben," dachte Jens, „in Mexiko werden sich doch die Zustände nicht verschlimmert haben?" Wenige Minuten später brach die Musik plötzlich ab, und bald wußte jeder an Bord, daß Erzherzog Franz Ferdinand ermordet worden war. Überall sah man Gruppen zusammenstehen, die das furchtbare Ereignis besprachen, und hin und wieder hörte man die Vermutung aussprechen, daß die geschehene Bluttat einen Krieg zwischen Osterreich und Serbien hervorrufen und dadurch ganz Europa in Brand stecken könne Kaum hatte sich die Erregung über den Mord von Serajewo etwas gelegt, so kam eine zweite funkentelegraphische Nachricht, die den Kreuzer nach Porte au Prince rief, wo eine Revolution ausgebrochen war. Sofort wurden die Anker gelichtet und die Fahrt nach Hcnti angetreten. Offi ziere und Mannschaften waren froh, daß ihnen so Gelegenheit zur Betätigung ge geben war, und die Beklemmung, die die Unglücksbotschaft hervorgerufen hatte, fing an zu weichen. Schon am nächsten Morgen um 7 Uhr kamen die niedrigen, strohgedeckten Häuser von Porte au Prince in Sicht. Oberleutnant Petersen hatte schon am Abend vorher Befehl erhalten, sich mit einem Landungskommando von fünfzig Mann bereit zu halten. Als aber der erste Offizier vom deutschen Konsul in Porte au Prince an Bord zurückkehrte, berichtete er, daß in der Stadt und in der Umgebung alles ruhig wäre. Trotzdem blieb „Karlsruhe" mehrere Tage im Hafen liegen, und eine Abteilung von fünfzig Mann war ständig zur Landung bereit. Da die Offiziere im Hause des deut schen Konsuls gastfreundliche Aufnahme fanden, war ihnen diese Unterbrechung der Fahrt nach Mexiko nicht unerwünscht. Nur Jens Petersen kam sie höchst ungelegen. Er hätte jetzt schon in Vera-Cruz sein können, und noch lag „Karlsruhe" vor Anker, ohne daß abzusehen war, wie lange das noch dauern würde. In der Ofsiziersmesse war Jens ein schlechter Gesellschafter, und Kamerad Iülicher fragte ihn, ob ihm die große Revolution in Porte au Prince vollständig die Stimmung verdorben hatte. Jens Petersen gab ihm ärgerlich zur Antwort: „Wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich144 sämtliche Revolutionäre des westindischen Archipels an die höchsten Palmen knüpfen lasten." Da ließ ihn Iülicher kopfschüttelnd gewähren. Mit der Überraschung war es jetzt auch nichts. Jens schrieb nach Hause und bat, ihn wenn irgend möglich in Vera-Cruz zu erwarten. Wenn sie hier lange liegen blieben, konnte der Aufenthalt in dem mexikanischen Hafen recht kurz ausfallen. Aber alles ging bester, als er gedacht hatte. Nachdem die Landungsabteilung fünf Tage lang vergeblich bereit gelegen und der Scheinwerfer der „Karlsruhe" in den kurzen Nächten vergeblich in alle Schlupfwinkel von Porte au Prince geleuchtet hatte, entschloß sich Kapitän Köhler, die Weiterreise nach seinem Bestimmungsort an zutreten. Am 24. Juli lief die „Karlsruhe" in den Hafen von Vera-Cruz ein. Jens Petersen hatte sich schon vorher Urlaub erbeten und ging mit dem ersten Offizier gleichzeitig an Land. Nachdem dieser die dienstlichen Angelegenheiten auf dem Kon sulat erledigt hatte, wurde Jens Petersen vom Konsul empfangen und erfuhr nun, daß die Unsicherheit im Innern Mexikos in den letzten Wochen in solchem Maße ge stiegen wäre, daß viele Deutsche sich in Vera-Cruz in Sicherheit gebracht hätten. Ein Teil sei von der deutschen Kolonie aufgenommen worden, ein anderer hatte vorläufig in Gasthäusern Wohnung genommen. Da täglich neue Flüchtlinge eintrafen, vermutete der Konsul, daß auch der Plantagenbesitzer Petersen jetzt in Vera-Cruz weile, und er bat sich, durch einen Diener in der deutschen Kolonie und in den großen Gasthäusern Nachfrage halten zu lasten. Noch am Abend des gleichen Tages erfuhr Jens Peter sen, der inzwischen auf die „Karlsruhe" zurückgekehrt war, daß seine Eltern und seine Schwester im „Hotel Europa" wohnten. Leider war es für diesen Tag schon zu spät, dagegen genoß er die Vorfreude wie ein Weiser, und Kamerad Iülicher, dem er an diesem Abend in der Ossiziersmeste mit seltener Bereitwilligkeit Bescheid tat, meinte: „Sie scheinen eine merkwürdige Vorliebe für Mexiko zu haben. Entweder hat die erste IndianergeschichLe, die Sie gelesen haben, hier ihren Schauplatz, oder es ist hier sonst ein heimlicher Anziehungspunkt." „Gründlich daneben geraten! Etwas viel Vernünftigeres und Solideres. Hier in Vera-Cruz warten Vater, Mutter und Schwester." „Und da haben Sie so getan, Kamerad, als ob dieser flinke Kreuzer der alleinige Grund Ihrer guten Laune wäre." „Ja, wissen Sie, Iülicher, das ist so eine Eigenart von mir. Wenn ich mich auf etwas arg freue, dann rede ich nicht eher davon, bis ich es sicher in Händen habe. Eigentlich habe ich es ja nun doch noch zu früh gesagt, denn bis morgen ist noch lange hin." „Sie Glücklicher, Sie sind zu beneiden." Da Jens Petersen wußte, wie gerne Marine-Offiziere nach langer Fahrt an einem Tisch sitzen, den Frauenhände gedeckt haben, nahm er sich vor, seine Mutter um eine Einladung für den Kameraden zu bitten.Nach kühnen Fahrten iin Atlantischen Ozean mußte sich anch der deutsche Hilfskreuzer „Kronprinz Wilhelm" in Newport News internieren lassen. Wir zeigen hier Offiziere und Mannschaften des deutschen Kriegsschiffes.145 Die beiden Offiziere saszen noch lange zusammen, weil Jens Petersen mit Recht vermutete, daß ihn die Erwartung doch vorläufig nicht schlafen lassen würde. Er lag trotzdem nachher noch lange wach. Es war wie die letzte Nacht vor den Ferien, da mals, als er noch nach Hadersleben fahren konnte. Am nächsten Morgen schon kurz nach 7 Uhr fragte Oberleutnant Petersen im „Hotel Europa" nach dem Plantagenbesitzer Petersen. Er wurde in einen Seiten flügel des Gebäudes geführt. Da er keine Schelle entdecken konnte, klopfte er herz haft an die bezeichnete Tür, eine weibliche Stimme rief Herein! und im nächsten Augen blick sah sich Jens seiner Schwester gegenüber. Aber ehe er noch ein „Guten Morgen" herausbringen konnte, war sie mit den Worten: „Mutter, der Jens, der Jens", in der Tür zum anstoßenden Zimmer verschwunden. Gleich darauf sah er sich von Vater, Mutter und Schwester umgeben. „Junge, bist Du groß geworden!" „Wo kommst Du denn bloß so plötzlich her?" So schwirrte es durcheinander. Jens stellte mit Befriedigung fest, daß die geplante Überraschung vollständig geglückt war. Nachdem sich die erste stürmische Wiedersehensfreude ein wenig gelegt hatte, erfuhr er von seinem Vater, daß die Zu stände in Mexiko von Tag zu Tag unhaltbarer geworden seien. „Die Revolution ist noch nicht das Schlimmste, aber daß allerlei Gesindel ver sucht, dabei im Trüben zu fischen, macht die Geschichte zu arg. Man hat keine Leute, auf die man sich verlassen kann. Ein Teil unserer Wirtschaftsgebäude ist mir nieder gebrannt, und ich glaube bestimmt, daß es meine eigenen Plantagenarbeiter waren, die den Brand angelegt haben. Die Spitzbubengesellschaft hoffte, sich bei dem ver muteten Durcheinander bereichern zu können. Und als ich entsprechende Seiten auf ziehe, werden die Kerle frech, und ich muß vor dem Gelichter das Feld räumen. Von der sogenannten mexikanischen Regierung, die so ungefähr alle 24 Stunden wechselt, war kein Schutz zu erwarten." Diese Gelegenheit benutzte Jens, dem Vater mit einem leisen Lächeln zu sagen, daß der deutsche Kreuzer „Karlsruhe" jetzt wenigstens unbedingte Sicherheit böte, daß die Deutschen an der Küste sicher wären. Darauf flog ein Schatten über des alten Petersen Gesicht, und er überhörte die Bemerkung des Sohnes geflissentlich. Überhaupt bemerkte Jens im Laufe des Ge sprächs, daß der Vater in der einen Sache noch der alte war. Er fragte nicht nach seinem Schiff und nicht nach seinem Dienst. Er übersah es scheinbar völlig, daß sein Sohn in der Uniform eines deutschen Marineoffiziers vor ihm saß. Während der Unterhaltung zwischen Jens und dem Vater sprang die Mutter plötzlich aus und sagte: „Sitzen wir hier und erzählen und erzählen, und dabei habe ich noch nicht einmal für das Frühstück gesorgt." Knapp 1L> Minuten später ließ sich Lens schmecken, was die Mutter selbst für ihn fertig gemacht hatte, genau wie in den Ferientagen in Hadersleben. Wie sie jetzt neben ihm saß, streichelte er ihre feinenweißen Hände und sah mit stiller Sorge, daß ihr Gesicht schmal und ihre Augen müde und ohne Glanz waren. Als er nachher dem Vater gegenüber seiner Sorge Ausdruck gab, beruhigte ihn dieser damit, daß nur das schlechte Klima von Vera-Cruz daran schuld sei, während die Mutter aus der gesünderen Hochebene viel besser ausgesehen habe. Jens entging es aber nicht, daß der Zustand der Mutter dem Vater auch Sorge bereitete. Auch war ja die Dauer des Aufenthalts in Vera-Cruz gar nicht ab zusehen. Die Sorge um der Mutter Gesundheit war der einzige dunkle Ton in dem hellen und frohen Klang dieses Tages, dessen Stunden nur zu rasch verflogen. Jens kehrte nicht an Bord der „Karlsruhe" zurück, ohne der Mutter von seinem lustigen Kameraden Iülicher erzählt zu haben, und er sprach mit so viel Wärme von dem immer frohen Offizier, daß sie schon an eine Einladung dachte, ehe er nur ein Wort davon hatte verlauten lassen. Schon am Abend des übernächsten Tages war Oberleutnant Iülicher bei der Familie Petersen zu Gast. Die Steifheit, die sich so leicht einstellt, wenn ein Fremder in einen Kreis von Menschen neu eintritt, verschwand rasch, und bald war ein lebhaftes Gespräch im Gang. Es machte sich dabei wie von selbst, daß Jens sich vom Vater über das Gedeihen seiner Besitzung unterrichten ließ, während Iülicher mit den beiden Frauen plauderte. Er schien in der besten Stimmung zu sein. Mehr als einmal ver anlaßt? das helle Lachen der Schwester Jens, einen Augenblick aus dem Gespräch mit dem Vater aufzuschauen. Nach dem, was Jens über die Entwicklung der Plantage zu hören bekam, hätte der alte Petersen mit der neuen Heimat zufrieden sein können. Aber Jens merkte bald, daß es nicht nur die augenblicklichen unsicheren Zustände waren, die seinen Vater der erfolgreichen Arbeit nicht froh werden ließen. Er sprach vor allem in einem Ton, als ob es ihm selbst nichts anginge. Teilnahmslos, als ob er einen Geschäftsbericht erstattete. Es hielt für Jens nicht schwer, den Grund zu finden. Der Vater hatte in dem fremden Land nicht Wurzel schlagen, kein zu Hause finden können. Die Heimal zog ihn, aber sein Dänenherz war zu stark, als daß er es eingestanden hätte. Mehr als einmal war Jens im Lause des Abends im Begrisf, dem Vater zu raten, seinen Frieden mit Deutschland zu machen, aber immer wieder fürchtete er durch zu frühes Zureden in dem Vater die trotzige Verbissenheit noch stärker werden zu lassen, und des halb schwieg er. Es war schon Mitternacht vorbei, als sie auseinandergingen. Oberleutnant Iülicher bedauerte bei seinem Dank für den verlebten Abend, daß er die Gastfreund schaft nicht erwidern könne. „Aber warum nicht", entgegnete Ilse Petersen lächelnd. „Wie wäre es mit einem Rundgang durch die „Karlsruhe", bei dem Sie den Führer machten?" „Aber von Herzen gern, gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen damit eine Freude machen kann." Nach einem nochmaligen herzlichen Dank von seiten Iülichers ging man auseinander. 14kJens Petersen war noch zu sehr mit seinem Vater beschäftigt, sonst wäre ihm vielleicht ausgefallen, daß sein Kamerad in außergewöhnlich ausgeräumter Stimmung war. So achtete er nicht darauf, und als Iülicher meinte, ob er nicht noch ein Glas Wein mit ihm trinken möchte, lehnte er dankend ab. Es war nur gut, daß Jens Petersen die Tage, die die „Karlsruhe" im Hafen von Vera-Cruz gelegen, gut ausgenutzt hatte, denn noch in derselben Nacht kam Nach richt, daß in Porte au Prince die Revolution von neuem ausgebrochen und die Rück kehr des Kreuzers dringend nötig sei. An einen auch nur flüchtigen Abschied war nicht zu denken, da Urlaub an Land nicht gewährt wurde. Die Zeit genügte noch eben, einige Abschiedszeilen zu schreiben, und sie dem Boot, das die Post an Land brachte, anzuvertrauen. Jens Petersen war von dieser Wendung gewiß nicht angenehm überrascht, als er aber Iülicher traf, der seinem Ärger in Verwünschungen über die Revolutionäre von Porte au Prince Luft machte, mußte er doch lachen. Er ahnte ja nichts davon, welchen Wert der Aufenthalt in Vera-Cruz und die Möglichkeit, in der Familie Peter sen zu Gast zu sein, sür seinen Kameraden gewonnen hatte. Um 7 Uhr lichtete die „Karlsruhe" die Anker und dampfte, was die Maschine nur hergeben wollte, nach Haiti. Es war schon Mitternacht, als sie in den Hafen von Port au Prince einlief, und so ließ sich für diesen Tag nichts mehr unternehmen. Kapitän Köhler konnte um so ruhiger den Tag erwarten, als der Scheinwerfer seines Kreuzers, der sofort in Tätigkeit getreten war, nichts Verdächtiges gezeigt hatte. Für alle Fälle lag ein Landungskommando bereit. Früh am andern Morgen begab sich Kapitän Köhler selbst an Land und war nicht wenig erstaunt, aus der Veranda des Konsulats von der Schwester des Konsuls begrüßt zu werden. „Ich glaubte Sie durch die Kugel eines Revolutionärs verwundet, gnädiges Fräulein." „Es ist auch auf mich geschossen worden, aber der Schuß ging fehl. Übrigens war ich selbst nicht ganz ohne Schuld daran, weil ich verspätet bei Einbruch der Dunkel heit heimkehrte, was hier in gewöhnlichen Zeiten für uns Frauen schon nicht ganz geheuer ist." „Ist denn nachher hier alles ruhig geblieben, oder sind sonst noch Übergriffe gegen Deutsche vorgekommen?" „Die Sache hat schlimmer ausgesehen, als sie war. Zusammenrottungen vor deutschen Geschäftshäusern, Bedrohungen aus offener Straße sind noch vorgestern vorgekommen. Aber seit sich gestern das Gerücht von der Rückkehr der „Karlsruhe" verbreitete, wurde es merklich stiller. Der Konsul, der in diesem Augenblick die Veranda betrat und die letzten Worte der Schwester noch gehört hatte, setzte hinzu, indem er den Kapitän durch einen Händedruck begrüßte: „Es ist so. Die leiseste Kunde von einem deutschen Kriegsschiff wirkt bei der löblichen Regierung von Haiti 8 lo» 147148 mehr, als wenn ich wiederholt zum Einschreiten gegen Übergriffe auffordere. Ich weiß nicht, woher man Wind von der Rückkehr der „Karlsruhe" bekommen hat, aber jeden falls führe ich es auf das Nahen Ihres Kreuzers zurück, daß gestern ein Vertreter des Präsidenten mir persönlich sein Bedauern über den Überfall auf meine Schwester und alle anderen vorgekommenen Übergriffe aussprach. Übrigens werden Sie bald andere Arbeit bekommen, Herr Kapitän, als den Negern von Hcüti Respekt vor deut schen Staatsangehörigen und deutschem Eigentum beizubringen. Sie wissen doch von der Wendung der Dinge in Europa?" „Nichts weiter als von dem Ultimatum an Serbien. Ich habe angenommen, daß Serbien inzwischen in die österreichischen Forderungen eingewilligt hat." „Hätte es auch, wenn nicht Rußland zu der ablehnenden Haltung geraten und im Falle des Konflikts militärische Hilfe sicher versprochen hätte. Österreich hat seinen Gesandten in Belgrad abberufen, und ich vermute, daß es inzwischen den Krieg erklärt hat. Dazu kommt, daß Rußland erklärt hat, daß es bei einem Krieg zwischen Öster reich und Serbien nicht untätig bleiben könne." „Da scheint sich ja aus dem Mord von Serajewo eine schöne Geschichte ent wickeln zu wollen. Ist das, was Sie mir eben sagten, amtlich und unbedingt sicher? Ich wundere mich nämlich, daß ich auf dem Konsulat in Verakruz von dieser Ver schärfung der Lage nichts gehört habe." „Das glaube ich schon, was über die englischen Kabel an deutsche ging, ist in den letzten Tagen unterschlagen oder entstellt worden. Man kann sich aus dieser Tat sache einen Vers aus die Haltung Englands in dem möglicherweise kommenden großen europäischen Krieg machen." „Sie sagen möglicherweise, glauben Sie denn nach Lage der Sache noch an eine friedliche Lösung der bestehenden Streitsragen?" „Ich kann mir noch kein sicheres Urteil bilden, weil ich keine Einsicht in die wirkliche Bereitschaft Rußlands habe. Wenn Rußland in den letzten Iahren an der Grenze Österreichs seine Probemobilisationen veranstaltete, war es immer nur auss Verblüffen abgesehen, weil man den eigenen Rüstungen noch nicht traute. Aber es ist bei unseren östlichen Nachbarn seit dem Krieg mit Japan mit französischem Gelds fieberhaft gearbeitet worden, und schließlich wäre es doch möglich, daß man jetzt den Zeitpunkt für gekommen hielte, wo man es im Bunde mit Frankreich und England wagen könnte. Wie gesagt, hängt es nach meiner Meinung davon ab, ob man sich in Petersburg für bereit hält; daß man den Willen zum Schlagen hat, steht für mich fest." „Demnach käme neben dem Vertrauen in die eigene Bereitschaft die Haltung Frankreichs und Englands in Betracht, und die dürfte auch bei unfern lieben Vettern nach dem, was Sie vorhin über die Kabelgewaltherrschaft erzählten, nicht zweifelhaft sein. Ich hab's nie anders erwartet und nie anders gewünscht; denn es wäre ein uner-149 träglicher Zustand, wenn die Kameraden in der Heimat in schwerem Zweifrontenkrieg lägen und wir hier an unserm gewöhnlichen Tagewerk weiterwurstelten." „Wenn's denn sein muß, so ist es am besten, die Luft wird einmal gründlich rein. Ein neutrales England würde zudem versuchen, uns am Schluß um den Ersolg des Krieges zu bringen. Eine ehrliche Neutralität ist von England, wenn der Krieg kommt, unter keinen Umständen zu erwarten." Nach einer kurzen Pause im Gespräch fragte Kapitän Köhler den Konsul: „Halten sie die Anwesenheit des Kreuzers noch länger sür nötig, oder glauben Sie, daß ich in Anbetracht der kritischen europäischen Lage noch heute den Hafen wieder verlassen kann?" „Aber selbstverständlich" erhielt er zur Antwort. „Ihr rasches Erscheinen wird seine Wirkung nicht verfehlen, und im übrigen kommen wir hier jetzt durchaus in zweiter Linie." „Dann möchte ich mich sofort verabschieden, empfehlen Sie mich Ihrem Fräulein Schwester." Mit einem Händedruck und leichter Verbeugung trennte sich Kapitän Köhler von dem Konsul. Die Besatzung der „Karlsruhe", Mannschaften wie Offiziere, war nicht wenig erstaunt, daß es nach so kurzem Aufenthalt schon wieder weiter ging. Da aber in zwischen Zeitungen an Bord gekommen waren, die die Ablehnung des österreichischen Ultimatums durch Serbien berichteten, erging man sich sowohl in der Ossiziersmesse wie auch in der Bottlerei in Vermutungen. Iülichers Stimmung, die bei der Abfahrt von Vera-Cruz auf dem Gefrier punkt angekommen schien, stieg merklich, und als er Jens Petersen, der in der Nacht Dienst gehabt hatte, auf dem Wege zu seiner Kammer begegnete, rief er ihm lachend zu: „Ihre Prophezeiungen scheinen sich rasch zu ersüllen, Kamerad; wenn ich an unsere Unterhaltung vor St. Thomas denke, kommt es mir fast vor, als hätten Sie draht los mit den Herren in Petersburg, Paris und London in Verbindung gestanden." Jens Petersen sah dem Kommenden ernster entgegen, aber er freute sich im stillen, daß die alte Kampf- und Rauflust in den Deutschen noch nicht erloschen und der An griffsgeist in Offizieren und Mannschaften so prächtig war. Er wußte sicher, daß in Deutschland das Bedürfnis nach Frieden und das Gefühl für Recht so stark war, daß sich die Naturen vom Schlage Iülichers immer nur im Verteidigungskrieg würden be tätigen können. Schon am Nachmittag um 4 Uhr ging die „Karlsruhe" in Havana vor Anker, und der Kommandant suchte den deutschen Gesandten auf. Dieser vermochte die Frage ob Krieg oder Frieden natürlich auch noch nicht zu entscheiden, erklärte aber, daß er persönlich nach der eben eingegangenen Nachricht von der Kriegserklärung Österreichs an Serbien und der bekannten Stellungnahme Rußlands nicht mehr an die Erhaltung des Friedens glaube.150 Der Führer des Kreuzers wußte genug. An Bord zurückgekehrt, gab er Be fehl, an Kohlen einzunehmen, was die Bunker nur fassen könnten. Die Matrosen merkten immer deutlicher, was sich vorbereitete, aber obwohl sie in den westindischen Gewässern allein waren und die Engländer hier ein ständiges Geschwader von vier Panzerkreuzern und einem kleinen Kreuzer unterhielten, war von Niedergeschlagenheit nichts zu merken. „Dann ist doch wenigstens die Überei nicht umsonst gewesen." „Wenn uns „Bristol" begegnet, die kann sich gratulieren, und wenn die anderen dicken Herren kommen, dann verlassen wir uns auf Maschine und Dampf." „Junge, wenn wir das erste Handelsschiff zu den Haifischen schicken, dann trinke ich einen extra." So ging es während des Kohlens zwischen den Matrosen hin und her. Hätten sie geahnt, daß draußen zwei englische Panzerkreuzer lagen, um sie nach der Erklärung des Krieges sofort in Empfang zu nehmen, so wären die Meinungsäußerungen über Krieg oder Frieden, die noch hin und wieder laut wurden, wohl unterblieben. In zwischen saß Oberleutnant Iülicher mit Jens Petersen in der Offiziersmesse und schimpfte auf die Engländer. Da er sich in seiner ungeduldigen Erwartung gar nicht vorstellen konnte, daß die ungewisse Lage noch eine ganze Woche dauern würde, viel mehr annahm, daß jeden Augenblick die Kriegserklärung kommen müsse, so hielt er es für ausgemacht, daß die Herren von der Übermachtmarine, wie er die Engländer ver ächtlich nannte, den Kreuzer beim Auslaufen unschädlich zu machen suchen würden. Er hatte Erfahrung genug, die Aussichtslosigkeit eines Kampfes mit Panzerkreuzern einzusehen. Die Schnelligkeit läßt sich nur auf offener See richtig ausnutzen, und so fürchtete er, mit dem geliebten Schiff schachmatt gesetzt zu werden, ehe der Tanz eigent lich begonnen hatte. Er war, so lustig und unbekümmert er auch immer gewesen, auf den endlichen Untergang von Kreuzer und Besatzung gefaßt, aber vorher wollten sie einige Dutzend Handelsschiffe in die Tiefe schicken, für deren Wert man mindestens sechs kleine Kreuzer bauen könnte. Die Möglichkeit, daß sie bei der Ausfahrt von den ge panzerten Riesen wehrlos zusammengeschossen würden, brachte ihn fast außer sich. Seine Sorge war indes nötig. Oberleutnant Iülicher konnte ja unmöglich ahnen, wie lange die Herren in Petersburg ihr verlogenes Spiel und ihre Ver schleppungspolitik treiben würden. Sie hatten es durchaus nicht so eilig mit dem Beginn der Feindseligkeiten wie Iülicher und mancher seiner Kameraden, und da Kapitän Köhler die Zeit gut nutzte, schwamm die „Karlsruhe" längst auf dem offenen Meere, ehe die Entscheidung in Europa gefallen war. Still stahl sich der Kreuzer um Mitter nacht mit gefüllten Bunkern aus dem Hafen, vor dem die Engländer auf der Lauer lagen. In den nächsten Tagen kreuzte „Karlsruhe" in langsamer Fahrt nördlich von Kuba. Das Schiff war mit seinem ziellosen, langsamen Umhersahren auf offenem Meer ein Bild der Erwartung, die im letzten Mann der Besatzung lebte.151 Der Sonnabend kam und mit ihm die Kunde von der am Tage vorher erfolgten Erklärung des Kriegszustandes. Es wurde Sonntag, und Funkspruch meldete die Mo bilmachung. Alles war fiebernde Erwartung. Da solch untätiges Harren mehr ermüdet als die schwerste Arbeit, befahl der Kapitän für Montag nachmittag um 5 Uhr Appell. Kurz bevor er an Deck stieg, wo die Leute zur Musterung bereitstanden, trat der Adjutant mit einer eben eingegangenen und hastig entzifferten Depesche in seine Kajüte: „Krieg mit Frankreich und Rußland, Haltung Englands noch zweifelhaft." Da war es, das erwartete, und die furchtbare Spannung begann nachzulassen. Der Kommandant stieg nach oben, schritt die Reihen entlang, blieb hier und dort bei einem Matrosen musternd stehen, als ob es nichts anderes zu tun gäbe, als Appell zu halten. Dann bemerkte er wie beiläufig: „Nun spuckt man in die Hände, Leute; wir haben Krieg mit den Russen und Franzosen und die anderen werden wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen!" Einer schrie Hurra und die anderen wollten einfallen, aber Kapitän Köhler winkte ab. „Es ist ja noch nichts los, Leute. Es gibt für uns noch nichts zu tun." Und so wartete man weiter. Iülicher in zappelnder Ungeduld, Jens Petersen mit zunehmendem Ernst. Frankreich, Rußland und England — das würde ja kommen; — ob nicht die Übermacht zu groß würde? Er stand für die Leute auf „Karlsruhe" ein und wußte, daß es in der ganzen Marine und im ganzen Heere nicht anders war, aber auch den Tapfersten kann Übermacht fällen. Da war es ihm ein tröstlicher Ge danke, daß Deutschland den Krieg nicht gewollt, und seine Seele wurde ruhig in der Gewißheit, daß es zum Siege oder zum ehrenvollen Untergang ging. Der Tag verging wie andere auch, der nächste stieg aus Nacht und Morgen auf und ging mit Abend und Nacht schlafen, und keine lösende Nachricht kam. Für Iülicher wurde es immer sicherer, daß England „kniff", wie er sich ausdrückte. Da rief am Mittwoch vormittag der Kommandant Offiziere und Mannschaften auf dem Vorderdeck zusammen. Jetzt mußte es da sein, man wußte es und spannte doch wie im Fieber, bis man die klang- und wortgewordene Tatsache vernahm. Der Kommandant brauchte nicht Ruhe zu winken, die Erwartung ließ Schieben und Drängen, Flüstern und Raunen von selbst aufhören, sobald er die Kommandobrücke betrat. Nun begann er: „Ich kann Euch die erfreuliche Mitteilung machen, daß England den Krieg erklärt hat." Ein donnerndes Hurra stieg aus und verhinderte den Kapitän am Weiter sprechen. Er wußte, was diese Nachricht für die Leute nach der schier unerträglichen Spannung der verflossenen Tage bedeutete, und ließ erst den stürmischen Jubel ein wenig verhallen, ehe er weitersprach. „Es wäre Euch wie mir das Schlimmste von allem gewesen, wenn wir hätten untätig bleiben müssen, während die Kameraden um Freiheit und Vaterland rangen. Leichte Arbeit werden wir hier nicht bekommen. Viel Feind, viel Ehre! Seine Majestät Hurra, Hurra, Hurra!" Kaum daß die Hymne verklungen war, dröhnte es übers Deck: „Was Splitterwirkung hat, fliegt über15? Bord." Nach kurzer Pause hinterher: „Dampf auf in allen Kesseln." Sofort stürzten die Leute an die befohlene Arbeit, und während sie noch beschäftigt waren, das Schiff zum Gefecht klar zu machen, setzte es sich in Bewegung und sauste bald mit fliegender Eile nordwärts. „Das Schlimmste ist vorbei", sagte Iülicher und meinte das Warten. Und wer die Leute in strahlender Laune hantieren sah, merkte, daß das nicht nur von dem Sprecher galt. Am Morgen des zweiten Tages nach der englischen Kriegserklärung meldete der Wachhabende im Ausguck eine Rauchfahne über dem Horizont. Der Kom mandant dachte zuerst an die englischen Vettern, eine Begegnung mit ihnen wäre ihm in diesem Augenblick sehr unerwünscht gewesen. Schon wollte er nach oben steigen, um sich selbst zu überzeugen, da meldete der Adjutant: „Kronprinz Wilhelm." Mit Höchstgeschwindigkeit hielten die beiden Dampfer aufeinander zu und lagen bei außerordentlich ruhiger See bald längsseits nebeneinander. Wie eine vorher geprobte Übung, mit rasender Schnelligkeit und der Sicherheit eines guten Uhrwerks vollzogen sich die nötigen Verladungsarbeiten. Fünfzig Matrosen gingen an Bord des Hilfskreuzers, Geschütze, Gewehre und Munition wurden herbeigeschafft. Unterdessen slogen auf „Kronprinz Wilhelm" die Kohlen in die Körbe, die Kräne hoben sie, und prasselnd fielen sie in die Schütts. Oberleutnant Petersen überwachte das wichtige Geschäft des Kohlens, griff selbst mit zu und sah aus wie ein Grubenarbeiter kurz vor Schicht. Der Kommandant wußte, weshalb er Petersen in diesem Augenblick wieder das Kohlen übertragen hatte. Während hüben und drüben alle Hände beschäftigt waren, „Kronprinz Wil helm" in einen Hilfskreuzer zu verwandeln und die „Karlsruhe" mit Kohlen und Proviant zu versehen, hatte sich Kapitän Köhler zu einer kurzen Besprechung mit dem Kommandanten an Bord des prächtigen deutschen Passagierdampfers begeben. Es war keine erfreuliche Überraschung sür ihn, als er erfuhr, daß „Kronprinz Wilhelm" Maschinenschaden gehabt hatte und die Geschwindigkeit daher stark vermindert war. Thierfelder und Köhler kamen überein, daß die „Karlsruhe" im Falle eines englischen Angriffes den Gegner auf sich ziehen und so dem schwächeren und kranken Hilfskreuzer Gelegenheit zum Entschlüpfen geben sollte. Kaum war der Kommandant an Bord des Kreuzers zurückgekehrt, da meldete sein Wachhabender: „Englischer Panzerkreuzer!" Die Bewegungen der Leute auf beiden deutschen Schiffen wurden hastiger. Noch war der Kohlenvorrat in den Bun kern nur klein, noch war die Munition nicht ganz verladen. Aber der Engländer, der inzwischen aus vielen eifrig spähenden Augen als der Panzerkreuzer „Berwick" er kannt war, behielt seinen Kurs bei und schien nichts von der nahen, wertvollen Beute zu bemerken. Auf den beiden Brücken standen die Kommandanten der deutschen Schiffe und beobachteten das Verhalten des Gegners. Dieser war in so gefährlicher Nähe, daß153 die Besatzung jeden Augenblick den Befehl zum Einstellen der Verladungsarbeit er wartete. Aber Kapitän Köhler wollte die Zeit bis zum letzten Augenblick ausnutzen. Sein anfangs etwas gespanntes Lächeln wurde von Sekunde zu Sekunde freier und breiter. Und als die „Berwick" gerade in dem Augenblicke beidrehte, als er „Kron prinz Wilhelm" versorgt wußte, lachte er leise aus. „Alle Leinen los!", scholl seine Stimme über beide Schiffe hinweg, und sie glitten auseinander. Brausende Hurras flogen von Deck zu Deck, die auf den Hilfskreuzer verladenen Matrosen winkten den alten Kameraden besonders eifrig zu, einzelne hinübergerufene Abschieds- und Scherzworte gingen unter in dem immer wieder auf brausenden Hurra. Die „Karlsruhe" dampfte gemächlich, wie im tiefsten Frieden, nach Nordosten, während „Kronprinz Wilhelm", so gut es eben ging, nach Süden das Weite suchte. Der Kommandant auf der Brücke der „Berwick" mußte inzwischen in dem langsam fahrenden Schiff wohl den wertvollen Fang erkannt haben; denn bald konnte der Kom mandant des deutschen Kreuzers mit befriedigtem, breitem Lächeln feststellen, daß der Engländer folgte. Das Behagen, das er darüber empfand, daß der Gegner so programmäßig nach dem hingeworfenen Köder biß, wurde auch von der ganzen Be satzung empfunden. Iülicher, der im Batteriedeck Dienst hatte, meinte zu seinen Leuten: „Wer bei denen vorhin im Ausguck gesessen hat, gehört ins Loch, aber der Komman dant, der uns hier auf den Leim kriecht, hat gewiß kein Recht, ihn hineinzuschicken." Inzwischen war der Abstand zwischen „Berwick" und „Karlsruhe" geringer ge worden, denn Kapitän Köhler behielt Anfangsgeschwindigkeit bei, damit der Gegner nicht zu früh den Streich merkte und sich doch noch auf den Hilfskreuzer stürzte, dessen Rauchwolken im Süden noch deutlich sichtbar waren. Näher und näher kam der eng lische Panzerkreuzer und auf den Gesichtern von Offizieren und Mannschaften der „Karlsruhe" wurde der Ausdruck der Schadenfreude immer deutlicher. Sie stellten sich vor, wie jetzt drüben an Bord des Gegners alles in zappelnder Erwartung war angesichts der sicheren Beute, während sie selbst genau wußten, daß sie sich auf ihre Maschinen verlassen konnten. Immer geringer war der Abstand vom Feind geworden, und obwohl die Rauch fahne vom „Kronprinz Wilhelm" jetzt im Süden unter den Horizont gesunken war, gab der Kommandant noch keinen Befehl zu gesteigerter Geschwindigkeit. Jens Petersen stand auf seinem Posten im Hinteren Turm; je mehr die Entfernung von der „Berwick" sich verringerte, desto mehr wuchs seine Spannung. Wenn ihn seine Schätzung nicht ganz trog, dann waren sie jetzt in Schußweite. In diesem Augenblick fiel ihm sein Kamerad Iülicher ein, weil er dem zutraute, daß ihm ein Gefecht mit dem Engländer gar nicht so ungelegen sein würde. Ein frohes Lächeln huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht, aber im nächsten Augenblick war er wieder ganz mit seiner Aufmerksamkeit beim Verhalten des Gegners. So sehr Jens auf den Ausgang der Jagd spannte, war doch nichts von Unruhe und Aufregung an ihm zu bemerken. Der154 Kommandant würde schon seine Gründe haben, daß er die „Berwick" so nahe heran kommen ließ. Im nächsten Augenblick zeigte sich am Bug des englischen Panzerkreuzers ein mächtiger Feuerstrahl, ein dumpfes Dröhnen folgte, und eine weiße Wolke verhüllte den Vorderteil der „Berwick". Klatschend schlug das Geschoß mehr als MO Meter hinter der „Karlsruhe" ins Meer und trieb eine mächtige Wassersäule empor. Jetzt wurde es ernst. „Höchste Fahrt!" scholl es in Maschinen- und Heizraum, und während die eng lischen Kugeln rechts und links und hinter dem deutschen Kreuzer ins Wasser schlugen, begann sich der Abstand vom Gegner langsam zu vergrößern. Die Leute am Geschütz standen in fieberhafter Erwartung. Wenn doch der Befehl zum Erwidern des Feuers käme, sie wollten's ihnen schon anders besorgen. Aber die „Berwick" hatte das Gefecht auf weite Entfernung mit ihrem schweren Geschütz eröffnet, so daß sie die Geschosse der „Karlsruhe" nicht erreicht haben würden. Iülicher vor allem kam um das Gefecht, worauf er sich, wie Jens Petersen mit Recht vermutete, höllisch gefreut hatte. Aber die spitzbübische Freude, die er empfand, als die Ma schinen der „Karlsruhe" immer mehr die Überlegenheit zeigten und die Kugeln immer weiter hinter ihnen ins Meer schlugen, war auch nicht zu verachten. Zu Ansang der Schießerei, als sie wirklich zehn Minuten lang in Reichweite der englischen Geschütze waren, aber eine Salve nach der anderen vorbeikrachte, hatte er unter dem schallenden Gelächter seiner Leute im besten Niederdeutsch gesagt: „Op dat Scheiten kömmt et nit alläine an, miene Herrn, da dreppen, do litt dä Witz!" Die Stimmung an Bord der „Karlsruhe" stieg noch höher, als die „Berwick" die aussichtslose Jagd nicht aufgab. Wo mochte jetzt „Kronprinz Wilhelm" schon stecken!? Am späten Nachmittag endlich kam der englische Panzerkreuzer außer Sicht. Noch eine halbe Stunde behielt „Karlsruhe" nordöstlichen Kurs bei und drehte dann scharf nach Nordwesten. Es galt, die nordamerikanische Küste zu erreichen. Am Abend saßen Petersen und Iülicher in der Offiziersmesse. „Kamerad, diese feine Jagd möchte ich um mein ganzes Leben nicht misten." Da goß Jens Petersen etwas Wasser in den Wein seiner Begeisterung: „Aber die Bunker sind dabei, wie ich eben hörte, bedenklich leer geworden. Was wir vom „Kronprinz" in so kurzer Zeit hereinschafften, konnte nicht lange vorhalten." „Aber bis zur Küste wird's wohl langen?" „Das schon, wenn Freund „Berwick" uns nicht dazwischenkommt oder einer von den anderen lieben Vettern. Es wäre ein Jammer, wenn wir nicht, mit Kohle versorgt, ins offene Meer kämen." „Ich denke, Köhler wird's schon machen." Der Kommandant stand indessen auf der Brücke, die er an diesem Tage nur auf Minuten verlassen hatte. Er war nicht ganz so zuversichtlicher Stimmung, weil er.wenn ihm die Kohlen zu früh ausgingen, ein wehrloses Wild war. Aufmerksam spähten seine Augen in die mondhelle Nacht, eben glaubte er voraus eine dünne Rauch wolke zu erkennen, da stand auch schon sein Wachhabender vor ihm: „Backbord voraus Kreuzer mit vier Schornsteinen; kommt uns entgegen." Das war denn doch zum Tollwerden. Nach längerem Hinschauen meinte er die „Lowestost" zu erkennen. Einen Augenblick stand er überlegend. „Berwick" und dieser neue Gegner zwischen ihm und dem Ziel. So ging es nicht. Sie würden ihm, wenn er glücklich die Bunker gefüllt hätte, beim Auslaufen den Weg verlegen. Er ließ abdrehen. Aber der englische Kreuzer war nicht umsonst mit abgeblendeten Lichtern ge fahren, er war von der „Berwick" aus schon von der Anwesenheit der „Karlsruhe" in diesen Gewässern benachrichtigt, hatte sie schon bemerkt und folgte jetzt sofort. Während die Maschinen mit äußerster Kraft arbeiteten, schaute Kommandant Köhler immer wieder durchs Glas und kam zu dem Urteil, daß er's mit dem kleinen Kreuzer „Bristol" zu tun habe. Aber der Mond, der anfangs hell am Himmel geleuchtet, hatte sich hinter einer grauen Wolkenwand verkrochen, und das Wetter war unsichtig geworden. Da es ums Schiff ging, ließ er seinen Adjutanten erst noch in den Ausguck steigen und erfuhr mit Befriedigung, daß er den Briten richtig erkannt hatte. Jetzt ließ er die „Karlsruhe" auf langsamere Fahrt gehen, und kurze Zeit später ging der Befehl „Klar Schiff!" durch alle Räume. Jeder war auf seinem Posten, und die ganze Kriegswache, die inzwischen er fahren hatte, daß sie es mit einem gleichartigen Gegner zu tun hatte, brannte vor Begier nach einem Gefecht. Iülicher war, als das „Klar Schiff!" erging, mit einem kräftigen Fluch auf gesprungen. Gerade jetzt, da er dienstfrei war, mußte es zum Klappen kommen. In bastigen Sprüngen eilte er nach oben, während sein Kamerad Petersen ihm langsamer folgte. Sie waren noch nicht bis auf Deck gekommen, als die erste Salve dröhnte. Die Entfernung war unterschätzt und 3W Meter hinter der „Karlsruhe" sausten die Geschosse ins Wasser. Gerade als sie nach oben kamen, wurde auf der »Karlsruhe", wo man ohne Hast gerichtet und geschätzt hatte, die erste Breit seite gelöst. „Zu kurz!" dröhnte die Stimme des Offiziers durchs Batteriedeck. „Nun noch einmal zu weit, und der folgende sitzt!" schrie Iülicher mit strahlen dem Geficht dem Kameraden zu. Aber es kam anders, die nächste Breitseite nahm der „Bristol" den vorderen Schornstein weg und eine Feuergarbe schoß hoch aus. Das Hurra, das sich erhob, sollte den Lärm der Geschütze übertönen und wurde zum Brüllen. „Prachtvoll, prachtvoll!" schrie Iülicher Jens Petersen an und sprang vor Freude von einem Bein aufs andere. Jens war ernst und ruhig. Mitten in dem Lärm und der Aufregung des Gefechts brachte er es fertig, darüber nachzudenken, wie l55156 man's in den kommenden Ausbildungsjahren anstellen könne, daß mit ziemlicher Wahr scheinlichkeit schon der erste Schuß ein Treffer wäre. Unterdessen dröhnte auch von der „Bristol" Breitseite aus Breitseite. Der beste Schuß schlug fünf Meter hinterm Heck ins Wasser. Jedesmal, wenn eine Salve ins Wasser klatschte, lachte Iülicher hell auf, während Jens mißbilligend den Kopf schüttelte, als ob er seinem Richtkanonier einen Tadel hätte erteilen müssen. Die „Bristol" hatte die Entfernung vergrößert und dadurch für kurze Zeit das Feuer der „Karlsruhe" unsicherer gemacht. Aber die Maschinen des deutschen Kreuzers sorgten dafür, daß der Abstand, den Kapitän Köhler für genehm hielt, bald wieder hergestellt war. Jetzt wurde wieder eine Breitseite gelöst und ihre Wirkung mit Spannung verfolgt. Zu weit! Eine zweite Breitseite krachte mit der des Engländers gleichzeitig. Die „Bristol" zu kurz, „Karlsruhe" zu weit: „Wat dä da wenig daut, dat daun ein tevill!" machte einer der Richtkanoniere seinem Ärger Lust. Da krachte es zum drittenmal — er wartungsvolles Schweigen. Und dann brach der Jubel los, während Schuß auf Schuß gefeuert wurde. Die dritte Breitseite hatte den Mast mit der Flagge aufs Deck ge worfen, und noch ehe fie wieder gehißt werden konnte, erloschen nach einem neuen Treffer sämtliche Lichter. Das war in die elektrische Anlage gegangen. Sofort ließ die „Karlsruhe" spielen; denn das dunkle Schiff bot in dem Grau in Grau des Himmels und des Wassers ein gar zu unsicheres Ziel. Noch eine Salve schlug auf Deck der „Bristol" ein und verursachte am Heck einen Brand, daß der englische Kreuzer auf einmal in grellem Licht lag. Ein Hurra brauste durch die Geschützräume der „Karls ruhe", während von neuem geladen und gerichtet wurde, und „Dir woll'n wir treu ergeben sein" klang es durch das Schiff. Schon hoffte man dem Briten den Rest geben zu können, da gingen auf ein mal die Maschinen aus äußerste Fahrt. Der Kommandant hatte mit dem Befehl dazu bis zum letzten Augenblick gewartet. Die Mannschaft, die über den Verlauf des Ge fechtes jubelte, ahnte nichts davon, daß ihr Kapitän schon vor einer halben Stunde einen Funkspruch von der „Berwick" aufgefangen hatte, die der „Bristol" eilige Hilfe versprach. Erst nachdem der Rauch des Panzerkreuzers am Horizont sichtbar ge worden war, brach der Kommandant der „Karlsruhe" schweren Herzens das Gefecht ab. Die Bunker waren nicht mehr zur Hälfte gefüllt, und er konnte es nicht auf eine Jagd durch den viel stärkeren Gegner ankommen lassen. Deshalb mußte sein Vorsprung so groß sein, daß die „Berwick" ihn nicht mehr aufspüren konnte. Der Geschützmannschaften wollte sich zuerst eine leise Enttäuschung bemächtigen. Der Engländer hatte heruntergesollt auf den Meeresgrund. Aber das Auftauchen des englischen Panzerkreuzers bewies ihnen, wie nötig es war, daß sie sich aus dem157 Staube machten. Während die „Karlsruhe" nach Südosten jagte, standen die Ma trosen in Turm- und Batteriedeck noch lange und sahen mit strahlenden Gesichtern zu dem immer noch brennenden, lahmgeschossenen englischen Kreuzer hinüber. Der hatte genug und würde ihnen in den nächsten Wochen nicht wieder in den Weg kommen. Alles, was nicht für alle Fälle zur Bedienung der Geschütze bereit sein mußte, schippte Kohlen, damit das Letzte an Geschwindigkeit aus den Maschinen heraus geholt werden konnte. Sogar Iülicher, der sonst lieber mit einem Fischerboot ein Linienschiff angegriffen als beim Kohlen selbst Hand angelegt hätte, war mit Petersen nach unten geklettert und schaufelte im Schweiße seines Angesichts. Er war in so strahlender Laune, daß er das irgendwo zum Ausdruck bringen mußte. Für einen Augenblick flog die Schaufel in die Ecke, er stieg in den nächsten Heizraum, wo er den Leuten bei ihrer schweren Arbeit in der Gluthitze ein aufmunterndes Wort sagen wollte. Kaum hatte er die Tür geöffnet, als ein jubelndes Hurra das Lärmen des Schaufelns und des Schlagens der Ofentüren übertönte. Obwohl Iülicher dienstlich mit den Heizern so gut wie gar nichts zu tun hatte, waren ihm die Leute sehr zugetan. Immer heiter, immer ein freundliches Wort und im Vorbeigehen einen Scherz auf den Lippen, das hatte ihn den Leuten nahegebracht. Das machte, weil Lustigkeit und Freundlichkeit sein natürliches Wesen war. Denn die Mannschaften merkten rasch, ob solche Art mit Absicht angewendet wurde, oder ob ein Vorgesetzter wirklich das Bedürfnis hatte, ihnen ein herzliches Wort mit kameradschaftlichem Klang zu sagen. „Na Leute," schrie Iülicher in den Lärm hinein, „wißt ihr denn schon, wie oben die Geschichte verlaufen ist?" „Jawohl, Herr Oberleutnant, der Engländer hat feine Hiebe weg." „Also ganz programmäßiger Verlauf", rief der jüngste Heizer, der ein bißchen Windhund war, dazwischen. „Ja, da sorg nur, mein Junge, daß das weiter programmäßig verläuft. Wenn du nicht schaufelst, holt dich der Teufel, das heißt die „Berwick", und ich weiß nicht, ob du das dann auch programmäßig finden wirst." Unter schallendem Gelächter der Heizer, wobei die Arme sich eifrig rührten und die Kohlen unaufhörlich in die Glut sausten, zog sich Iülicher zurück. Er kletterte wieder in den Bunker und mit den Worten „Jetzt muß ich aber auch selbst noch ein bißchen schippen, sonst kann ich es nicht vor mir verantworten, daß ich die armen Kerle in dem Bratofen zum Schaffen ermuntert habe!" wollte er seine Schaufel wieder zur Hand nehmen. Aber Jens Petersen wehrte ab und meinte, es wäre nun genug, weil die Fahrt inzwischen verlangsamt worden sei. So stiegen sie denn nach oben. Unterdessen schritt der Kommandant mit so sorgenvollem Gesicht in der Kajüte auf und ab, als hätte nicht der Brite, sondern er die Volltreffer bekommen. Das bißchen Kohle vom „Kronprinz Wilhelm" war längst verbraucht, und was vorher noch in den Bunkern gewesen war, ging jetzt auch zur Neige. Deshalb ließ er den ersten Offizier, seinen Adjutanten und den leitenden Ingenieur zu einem kurzen Kriegsrat rufen. So-bald die Offiziere eingetreten waren, zeigte das Gesicht des Kommandanten wieder fröhliche Zuversicht. Wozu andere mit den Sorgen beschweren! „Herr Stabsingenieur, wie lange kann ich noch fahren? Komme ich noch bis St. Thomas?" „Nein, Herr Kapitän, aber vielleicht bis San Juan, natürlich nur, wenn wir bei langsamer Fahrt mit unseren Kohlen sparen." Da war weitere Beratung überflüssig. Die Herren wurden verabschiedet. Kapitän Köhler wollte allein sein; denn die Sorge um sein Schiff fraß an ihm, und er durfte die Sorge doch nicht zeigen. Wenn nun auf der viel befahrenen Straße nach dem Hafen von Portorico ein englischer Kreuzer ihm in den Weg lief? Wehrlos müßte er dann sein Schiff zusammenschießen lassen, weil es an Kohlen zur Flucht und zum Angriff fehlte. Doch nicht lange blieben solche Gedanken Herr über ihn, es galt zu wagen. Und Wagestücke würden ja alle die noch kommenden — hoffentlich kommenden Fahrten sein. Am Sonntag früh lief die „Karlsruhe" in San Juan ein, was sie an Kohlen noch an Bord hatte, hätte nicht genügt, ein kleines Kämmerchen für einen Tag zu heizen. Alle Ecken in den Bunkern waren ausgekratzt, und einer von den Heizern, denen allmählich klar wurde, daß der Kohlenmangel bitter ernst war, hatte gemeint: „Jetzt weiß ich, weshalb die Dinger schwarze Diamanten heißen." Der erste Offizier ging sofort an Land und meldete dem Kommandanten nach einer kurzen Besprechung mit dem Hasenkapitän, daß sich nur ein kleiner Kohlenvorrat beschaffen ließe! Kein Kohlenschiff lag im Hafen, und die großen Speicher waren fast leer. Alles, was nur aufzutreiben wäre, solle an Kohlen eingenommen werden, befahl Kapitän Köhler. Die Nachricht von der Ankunft des deutschen Kreuzers hatte unterdessen die Bewohner von San Juan an den Hafen gelockt. Viele mieteten eine Jolle und ließen sich von den Eingeborenen rings um die „Karlsruhe" rudern. Iülicher stand mit Petersen auf dem Achterdeck, und sie beobachteten das Treiben im Hafen. Petersen hatte diesmal mit dem Kohlen nichts zu tun. Als er sich wieder freiwillig erboten, es zu übernehmen, hatte der Kommandant mit einem etwas gezwungenen Lächeln ge dankt. „Die paar Körbe voll," hatte er gesagt, „die kann man ja bald im Arm aus Deck tragen. Das lassen Sie nur jemand anders machen. Ich denke an Sie, wenn es mir mal wieder möglich ist, die Bunker bis obenhin zu füllen und es nur auf die Zeit ankommt." Jens Petersen war ausgefallen, wie schmal das Gesicht des Kapitäns in der einen Woche geworden war, und er äußerte seine Besorgnis, die er darüber empsand, dem Kameraden gegenüber. Dieser hörte nur mit halbem Ohre hin, er bemühte sich schon eine ganze Weile, klug daraus zu werden, was diese verrückte Gesellschaft da unten an dem deutschen Kreuzer zu bestaunen fand. Das dauerte nun schon eine halbeStunde, und noch immer glitten die Jollen um die „Karlsruhe" und glitten die Augen an ihren Wänden entlang, als ob sie etwas suchten. Dabei wurde eifrig und mit sicht lich verwundertem Gesicht geschwätzt. Weil die Stimmen so durcheinanderschwirrten, verstand Iülicher kein Wort. Als es dann aber einmal aus einen Augenblick etwas stiller wurde, hörte er deutlich, wie der Insasse einer eben ankommenden Jolle zu einem Bekannten herüberrief: „Aber, ich sehe ja keine Löcher. Sagen Sie, ist auf Ihrer Seite etwas zu sehen?" „Löcher? Löcher?" Aus einmal ging Iülicher ein Licht aus, und er brach in ein schallendes Gelächter aus. Jens Petersen sah ihn ganz verdutzt an, weil er sich den plötzlichen Heiterkeitsausbruch des Kameraden nicht er klären konnte. „Wissen Sie, Petersen, weshalb wir hier die ganze Zeit wie ein Wundertier beäugt werden? Die suchen nach Löchern in den Schissswänden." Petersen, der immer noch an den Kommandanten dachte, der nun in acht Tagen immer nur aus Minuten zur Ruhe gekommen war, verstand nicht gleich und fragte: „Wieso?" „Das wird sich gleich mit Sicherheit zeigen." Iülicher nahm sein bestes Englisch zusammen und rief den Insassen der nächsten Jolle, die immer noch verwundert den Kreuzer betrachten, mit der freundlichsten und harmlosesten Miene zu, ob sie einen Bekannten an Bord hätten, den sie suchten. Nicht ohne eine gewisse Verlegenheit wurde die Antwort gegeben, die Iülicher erwartet hatte. Durch Reuter war verbreitet, daß die „Karlsruhe" in dem Gefecht mit der „Bristol" schwer beschädigt worden sei. Mit lachendem Gesicht ries Iülicher den Amerikanern zu: „Meine Herren, ich weiß leider nicht sicher, ob nicht die „Bristol" bereits abgeschleppt ist, sonst könnte ich Ihnen die Stelle nach Längen- und Breiten graden ziemlich genau bezeichnen, wo Sie durchlöcherte Schissswände, umgefallene Schornsteine, zersplitterte Masten und ähnliche Kleinigkeiten, die Reuter scheinbar zu erwähnen vergessen hat, besichtigen können." Die Amerikaner machten gute Miene zum bösen Spiel und lachten. Als nun Iülicher noch hinzufügte: „Bei uns gibt's nur solche Löcher", und dabei aus die Mün dungen der Kanonen deutete, da wurde die Heiterkeit allgemein. Aber Jens Petersen, der wohl bemerkt hatte, daß den Amerikanern das Lachen durchaus nicht von Herzen kam, daß sie vielmehr die „Karlsruhe" gern im Zustand der „Bristol" gefunden hätten, machte durch eine Bemerkung an den Kameraden dem Gespräch ein Ende. Iülicher, der einmal wieder in allerbester Laune war, fragte Petersen, ob er mit in die Messe käme, und als er nicht allzuviel Bereitwilligkeit begegnete, spielte er den Trumpf aus: „Wir müssen noch ein Glas auf die lahmgeschossene „Bristol" trinken." Aber sein Kamerad schüttelte immer noch mit dem Kopf. Da sagte er lachend: „Aber eins auf glückliche Fahrt, da können Sie unmöglich nein sagen." Und wirklich gab Jens Petersen nach. In der Ossiziersmesse trafen sie den ersten Offizier, der sie an seinen Tisch winkte. Im Laufe des Gesprächs erfuhren sie, daß vor dem Hafen, I5San der Hoheitsgrenze, zwei englische Panzerkreuzer lägen, um ihnen beim Auslaufen den Weg zu verlegen. „Wenn nur die Nacht dunkel würde!" meinte Petersen. „Wir würden es selbst bei hellstem Mondschein schassen, wenn wir mehr Kohlen hätten. Aber wir dürsens ja auf eine Jagd überhaupt nicht ankommen lassen," entgegnete ihm der erste Offizier. Aber Mlicher war durchaus nicht gewillt, sich durch Bedenklichkeiten anstecken zu lassen. „Ich glaube an den Kommandanten, an unser gutes Glück und an die Dumm heit der Engländer." Dabei blieb es. Noch vor Mittag waren die wenigen Kohlen in die Bunker geschafft, und da die „Karlsruhe" nicht vor Abend auslaufen sollte, genossen die Matrosen ihren freien Sonntagnachmittag. Die Kapelle gab ein Konzert. Sie hatte mit der „Wacht am Rhein" und „Deutschland, Deutschland" begonnen und war jetzt zu lustigen Märschen übergegangen. Die dienstfreie Mannschaft lag auf der Back und ließ sich die Zigarren und Zigaretten, die aus der deutschen Kolonie an Bord geschickt waren, schmecken. Von Sorge war den fröhlichen Gesichtern nichts anzumerken, obwohl es sich allmählich auch unter den Matrosen herumgesprochen hatte, daß die Engländer ihnen auflauerten. Der Erfolg der letzten Tage hatte sie ein wenig übermütig gemacht, und überhaupt: „Köhler wirds schon machen!" Das war der Kehrreim, der auch in ihren Gesprächen wiederkehrte. So kam mit Singen und Spielen auf der Back und Sorgen und Plänen in der Offizierskajüte der Abend. Schon um 5 Uhr war der Befehl: „Dampf auf in allen Kesseln" durchs Schiff gegangen. Um 8 Uhr dampfte der Kreuzer aus dem Hasen. Was die Nachdenklichen unter Mannschaften und Offizieren, was vor allem Kapitän Köhler so sehnlichst gewünscht hatte, war eingetreten: Es war eine dunkle Nacht! Alle Lichter waren abgeblendet, und der graue Schiffsrumpf verschwand schon aus kürzere Entfernung für den Beobachter in dem Dunkel des Meeres unter ihm und des Gewölks über ihm. Unbemerkt von dem Feinde glitt der Kreuzer an der Nvrd- küste von Portorico dahin, und von Minute zu Minute wurde der Ausdruck der Er leichterung aus dem Gesicht seines Kommandanten deutlicher. Nach etwa halbstündiger Fahrt konnte die englische Gesahr, wie Iülicher die feindlichen Panzerkreuzer bezeichnete, als überwunden gelten, aber jetzt galt es eine neue Ausgabe zu meistern, die des Kapitäns ganze Geschicklichkeit und Ruhe erforderte. Das Klippengebiet war nicht mehr weit, und wehe ihm und seinem Schiff, wenn er gegen einen der dunklen Felsen gefahren oder noch schlimmer — auf eine der Bänke geraten wäre, die dicht unter der Oberfläche des Wafsers lauerten. Aber es schien, als ob das Glück sich dem Kreuzerkommandanten wieder zu wenden wollte, als ob es mit dem Pech, das er in San Juan gehabt hatte, genug sein sollte. Der Mond, der sich bis jetzt verborgen gehalten hatte, brach durch die Wolken, und die dunklen Felsen hoben sich deutlich aus dem Dunkel des Wassers ab. Trotzdem 1K0Nach dem herrlichen Sieg der deutschen über die eng lische Flotte auf der Höhe von Coronel wird Admiral Graf Maximilian von Spee auf der Mole von Valparaiso be grüßt und beglückwünscht. Der unter dem Befehl des Kapitäns Thierichsen stehende deutsche Hilfskreuzer „Prinz Eitel Friedrich", der sich nach kühnen und erfolgreichen Kaperfahrten im Atlantischen Ozean in Newport News in Virginia wegen bedeutender Kesselerneuerungen internieren lassen mußte.atmete Kapitän Köhler erleichtert auf, als der Kreuzer aus dem Gewirr von ragenden Felsen und tückischen Felsenbänken war und im freien Meer schwamm. Wären die Bunker gefüllt gewesen, hätte er sich jetzt frei wie ein König und sorglos wie ein Kind fühlen können. Er übergab dem ersten Offizier das Kommando mit der Weisung, ihn nach zwei Stunden wecken zu lassen; wenn irgend etwas von Wichtigkeit vorkäme, sofort. Dann befahl er in langsamer Fahrt Kurs auf Euraeao zu nehmen und verließ die Kom mandobrücke. Den Schlaf, den er gesucht, fand er auch für die zwei Stunden nicht. Der Gedanke: wenn du nun wieder nicht genug Kohlen bekommst, vertrieb ihn immer wieder. Nach einer guten Stunde übernahm er wieder selbst das Kommando. Wer nicht zur Kriegswache gehörte, lag und schlief, während der Kommandant sich um Schiff und Mannschaft sorgte. Um 9 Uhr morgens kam die holländische Besitzung in Sicht, wo er endlich seine Bunker mit Kohlen zu füllen hoffte. Als sich der Kreuzer seinem Ziel auf 6WV Meter genähert hatte, konnte der Kommandant vor dem Hafen zwei Kanonenboote entdecken. Er sann vergeblich nach, was das zu be deuten haben könne, und seine Spannung wurde noch größer, als er beim Näher kommen bemerkte, daß die Boote klar zum Gefecht waren. Er ließ eine Lotsenflagge setzen und bekam keine Antwort. Das war doch eigenartig. Auch die Offiziere, soweit sie an Deck waren, verfolgten gespannt den weiteren Verlauf dieser höchst merk würdigen Geschichte. Der Kommandant ließ den Kreuzer in langsamer Fahrt bis in Rufweite des nächsten Kanonenbootes dampfen und rief dann zur Brücke hinüber: „Weshalb ant worten Sie mir nicht? Und weshalb ist die Hafeneinfahrt gesperrt?" „Holland befindet sich im Kriegszustand mit dem Deutschen Reich, das unsere Neutralität verletzt hat, machen Sie, daß Sie davonkommen!" lautete die Antwort. Das war auch für Kapitän Köhler zu viel. Sollte das wahr sein? Sein Gesicht wurde ernster, und die Mienen seiner Offiziere, die sich um die Brücke drängten, spiegelten seine Sorge wider. Aber das konnte ja nicht sein. „Woher haben Sie die Nachricht?" „Durch das englische Kabel." „Wenn Sie für jedes gelogene Wort, das in den letzten Tagen über englische Kabel gemeldet ist, einen Pfennig bekommen, haben Sie Aussicht, mehrfacher Millionär zu werden. So lange Sie übrigens keine amtliche Nachricht Ihrer Re gierung vom Eintreten des Kriegszustandes haben, müssen Sie doch als Kolonie eines neutralen Staates handeln." „Dafür bin ich nicht zuständig, darüber entscheidet der Gouverneur." „Dann gestatten Sie mir, mit zwei Matrosen an Land zu gehen und mit dem Gouverneur selbst zu verhandeln!" „Ich habe Befehl, die Hafeneinfahrt zu sperren und kann davon keine Aus nahme machen." !6l162 „Aber so fragen Sie doch wenigstens bei Ihrem Gouverneur an, ob mir per sönlich die Einfahrt gestattet ist. Einfache Abweisung mutzte ich als unfreundlichen Akt auffassen." Dieser Hinweis verfehlte seine Wirkung nicht. Der Kommandant des Kanonen bootes wurde bedenklich. Es war ja immerhin möglich, daß das englische Kabel eine unwahre Nachricht gebracht hatte. Der Gouverneur wurde benachrichtigt und kurze Zeit darauf kam Antwort, datz dem Kapitän des deutschen Kreuzers die Einfahrt zu gestatten sei. Ein Boot wurde von der „Karlsruhe" zu Wasser gelassen, und Kapitän Köhler bestieg es mit zwei Matrosen. Von kräftigen Ruderschlägen getrieben, flog das kleine Fahrzeug durch den Hafen und legte bald an einem hohen Aufgang an, der geradeaus zu der Villa des Gouverneurs führte. Kapitän Köhler befahl den beiden Matrosen, hier unten zu warten, und stieg dann hinauf. An der Tür wurde er schon vom Gou verneur empfangen. Dieser wartete gar nicht erst ab, bis Kapitän Köhler sein An liegen vorgebracht hatte, sondern erklärte sofort: „Es tut mir leid, Herr Kapitän, da jeden Augenblick die amtliche Mobilmachungserklärung meiner Regierung eintreffen kann, ist es mir unmöglich, Sie Kohlen einnehmen zu lassen." „Aber, Herr Gouverneur, so lange diese amtliche Nachricht nicht da ist, sind Sie doch der Leiter einer neutralen Kolonie, und alle Regeln, die dasür in Gebrauch sind, gelten für Sie." „Das nehme ich auf mich; bloß nach geschriebenen und gedruckten Verordnungen handeln, war nie mein Fall. In Wirklichkeit besteht ja schon der Kriegszustand mit Deutschland, da ist es unwesentlich, ob ich die amtliche Mitteilung dafür habe. Denn daß sie kommt und bald kommt, ist sicher." Die beiden Herren waren inzwischen eingetreten, und der Gouverneur ließ es trotz der Abweisung an Liebenswürdigkeit durchaus nicht fehlen. Als Kapitän Köhler merkte, wie fest der Gouverneur der englischen Nachricht glaubte, spielte er seinen bis jetzt aufgesparten Trumpf aus: „Sagen Sie einmal, Herr Gouverneur, haben Sie durch Vermittlung der Herren Engländer nicht auch einen Bericht über ein Gefecht der „Karlsruhe" mit „Bristol" bekommen?" Der Gouverneur bejahte das. „War da nicht auch behauptet, daß der deutsche Kreuzer ernstlich beschädigt wäre, seine Schiffswände durchlöchert usw.?" Wieder mußte der Gouverneur bejahen. „Wenn ich Sie nun bitte, die „Karlsruhe" zu besichtigen, so lange und gründ lich Sie mögen, und wenn Sie dann finden, daß der englische Bericht Wort für Wort erlogen ist, würden Sie dann nicht auch in die Mitteilung über den Kriegszustand zwischen Deutschland und Holland ein wenig Zweifel setzen?" „Sie behaupten also, daß die „Karlsruhe" in dem Gefecht mit der „Bristol" überhaupt keine Beschädigung erlitten hat?"„Noch mehr, daß sie nicht einmal einen Treffer bekommen hat, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich davon überzeugen würden." Der Gouverneur, auf den die bestimmte Versicherung des deutschen Kapitäns sichtlich Eindruck gemacht hatte, empfand wohl, welche komische Rolle er gespielt haben würde, wenn er, wie er jetzt ganz überzeugt war, die „Karlsruhe" vergeblich auf Gefechtsbeschädigungen untersucht hätte. Deshalb erwiderte er: „Ihr Wort ge nügt mir! Und nach einigem Nachdenken setzte er hinzu: „Sie können Kohlen ein nehmen." Kapitän Köhler dankte und wollte sich verabschieden, aber der Gouverneur bat ihn, wenn seine Anwesenheit aus der „Karlsruhe" nicht unbedingt erforderlich wäre, noch zu bleiben. Der Kommandant hätte zwar am liebsten selbst bei der Ver sorgung seines Schisses mit Kohlen mitgewirkt, weil ihm der Boden vor ungeduldiger Erwartung unter den Füßen brannte, aber ihm kam blitzschnell der Gedanke, daß er als Gast des Gouverneurs seinem Kreuzer vielleicht nützlicher sein könne. Es wäre ja immerhin möglich, daß seinem liebenswürdigen Wirt doch noch wieder Bedenken kämen und er ein Halt spräche, ehe die Bunker gefüllt wären. Je mehr Zeit also ver plaudert wurde, desto bester! Kapitän Köhler nahm also die Einladung zum Bleiben mit vielem Dank an. Er brachte rasch einige Zeilen zu Papier, die den Befehl für den ersten Offizier ent hielten, den Kreuzer in den Hafen zu führen und so viel Kohlen als nötig zu kaufen. Gleichzeitig bemerkte er, daß Oberleutnant Petersen die Leitung beim Kohlen über nehmen solle. Der Gouverneur beeilte sich, den Brief durch einen Diener den war tenden Matrosen überbringen zu lasten, und schickte Befehl an den Dienstältesten der beiden Kanonenbootskommandanten, daß dem deutschen Kreuzer die Einfahrt zu ge statten sei. Im übrigen schien er, so dienstlich er zuerst auch getan hatte, auf seinem verlassenen Posten doch ein wenig Hunger nach neuen Nachrichten zu verspüren. Nachdem er Wein hatte bringen lasten und seinen Gast gebeten hatte, sich eine Zigarre anzuzünden, begann er das Gespräch wieder: „Aber, Herr Kapitän, hat denn das Gefecht mit der „Bristol" überhaupt stattgesunden?" „Gewiß, nur ist es genau umgekehrt verlaufen, wie die Engländer gemeldet haben. „Bristol" mußte abgeschleppt werden; wäre nicht „Berwick" aufgetaucht, so hätte der kleine Kreuzer binnen einer Viertelstunde am Meeresgrunde gelegen. Ich wundere mich übrigens über den Kabelmißbrauch der Engländer durchaus nicht. Eine Woche bevor der Krieg mit England ausbrach, sind uns in Vera-Cruz schon Nach richten unterschlagen worden." „Ich habe der Nachricht über die Neutralitätsverletzung Holland gegenüber Glauben geschenkt, weil Deutschland ja die Neutralität Belgiens auch nicht respektiert hat. Deswegen bin ich auch jetzt noch im Zweifel, ob ich recht getan habe, Ihnen die Versorgung mit Kohlen zu gestatten." „Herr Gouverneur, was Belgien angeht, da lagen die Dinge doch wohl etwas anders. Über den genauen Verlauf der Ereignisse bin ich ja selbst auch nicht unter- 5 N *richtet, aber davon bin ich überzeugt, daß Belgien sich in Wirklichkeit nicht wie ein neutraler Staat verhalten hat." „Und haben Sie bestimmte Gründe für diese Annahme?" „Belgiens Verhalten in Friedenszeit. Sie werden mir zugeben, daß Belgien eine merkwürdige Rüstungspolitik getrieben hat. Aus der ganzen belgisch-sranzösifchen Grenze keine Befestigung von Bedeutung, an der Ostgrenze, zum Schutz gegen Deutsch land, Lüttich und Namur. Also gegen eine Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland sah man sich vor, gegen einen Angriff von Frankreich traf man keine Maßregeln." „Das war aber doch das gute Recht Belgiens. Man schützt sich nach der Seite, an der man den Feind vermutet. Und ich meine, die Ereignisse haben Belgien eigentlich recht gegeben. Es hat die Festungen da angelegt, wo sie nötig waren." „Sie meinen also, daß die deutsche Gefahr der Grund war und die Festungs bauten die Folge?" „Allerdings." „Das glaube ich nicht, Herr Gouverneur. Die Angst vor dem deutschen Einfall war durch französisches Geld bezahlt. Auch ist gegen alles, was deutsch heißt, in Belgien seit Iahren systematisch gehetzt worden. Ich war einmal in einem Brüsseler Vorstadttheater, das von Kaufleuten, Handwerkern und kleinen Beamten besucht wurde; da habe ich die Geschichte eines deutschen Spions dargestellt gesehen, daß mich heute noch ekelt, wenn ich nur daran denke. Bei den andern die sromme Tugend — bei uns alle Gemeinheit, das war der Sinn des Stückes, das bejubelt und beklatscht wurde. Und als ich dann nachher mit Entrüstung zu Bekannten davon sprach, gab man mir achselzuckend zur Antwort, daß das in ganz Belgien so wäre. An die Neutralität einer Regierung, die solche Hetzstücke duldet, glaube ich nicht." „Sie sind also der Meinung, daß die belgische Regierung und das belgische Volk schon vor dem Krieg innerlich auf der Seite Frankreichs gestanden haben?" „Ich glaube sogar, daß ganz bestimmte Abmachungen bestanden haben. Denn Belgien hatte doch nur die Wahl, entweder ehrliche Neutralität, dann hätte es auch gegen einen französischen Einfall Vorkehrungen treffen' müssen, oder aber, es mußte sich einer der europäischen Mächtegruppen in die Arme werfen, und eben das hat es getan." „Immerhin, das find alles nur Vermutungen, als Beweise werden Sie das selbst nicht bezeichnen können, und soweit ich bis jetzt sehe, bleibt die Verletzung der Neutralität Belgiens ein Unrecht und zwar ein großes Unrecht." „Herr Gouverneur, ich will nicht versuchen, Ihnen meine Meinung aufzu drängen, aber wenn Sie erlauben, darf ich Sie vielleicht auf den Streit um Vliffingen aufmerksam machen. Entsinnen Sie sich, welchen Lärm es in der englischen Presse gab, als zuerst der Plan auftauchte, Vlissingen zu befestigen und so die Schelde- mündung zu schützen? Was geht es England an, wenn Holland seine wichtigste Fluß-165 Mündung zu schützen sucht, und, was noch viel wichtiger ist, konnte nicht England ein befestigtes Vlissingen sehr gleichgültig sein, wenn es nicht die Absicht hatte, durch die Scheide nach Antwerpen zu gelangen? Dasselbe England, das jetzt heuchelt, es führe mit uns Belgiens wegen Krieg, war gewillt, die Neutralität Belgiens zu verletzen und so unsere rechte Flanke zu bedrohen." „Wir haben uns aber an England nicht gestört und Vlissingen doch befestigt." „Da liegt eben der Unterschied, Herr Gouverneur. Hätte Belgien auch so deutlich die Absicht gezeigt, seine Neutralität auch dem Dreiverband gegenüber wenn nötig mit den Massen zu verteidigen, wir hätten ebensowenig seine Grenze über schritten, wie wir die Hollands nicht verletzt haben." Der Gouverneur lächelte ein wenig, so ganz überzeugt war er immer noch nicht. Aber der Mann da vor ihm, der so warm und klug für sein Vaterland eintrat, gefiel ihm. Auch war er vielzuviel aller Seemann, als daß er es über sich gebracht hätte, das Gespräch vorzeitig abzubrechen. Er mußte erst noch ein wenig davon hören, wie sich der Kommandant des einen deutschen Kreuzers seine Tätigkeit angesichts der englischen Übermacht dachte. Er gab deshalb der Unterhaltung eine andere Wendung und sagte mit fragendem Lächeln: „Schließlich wäre es für Sie gar nicht so wichtig gewesen, ob Sie hier Kohlen bekommen hätten oder nicht; oder glauben Sie sich ohne Stützpunkt im Atlantischen Ozean halten zu können?" „Auf die Dauer nicht," lautete die ruhige Antwort, „aber wenn ich jetzt, die Bunker gefüllt, das offene Meer erreiche, dann hoffe ich doch soviel englische Schiffe zu dem Meergott zu schicken, daß mit dem Wert der Ladungen unsere „Karlsruhe" mehrfach überzahlt ist. Wenn wir dann endlich gestellt werden, mag's sein. Im übrigen vertraue ich auf meine Leute und mein gutes Schiff und denke, daß es mit dem Ende noch gute Weile hat." „Ich wundere mich, offen gestanden, daß Sie überhaupt noch mit Ihrem Schiff auf dem Wasser schwimmen." „Ja, wissen Sie, Herr Gouverneur, ich habe da so einen lustigen Dachs von Oberleutnant, der bekannte sich neulich zu der Meinung, daß man immer von der Dummheit der anderen mehr zu erwarten habe als von der eigenen Klugheit." Der Gouverneur lachte, und jetzt kam das Gespräch in ein ungefährliches Fahr wasser. Kapitän Köhler brauchte nicht mehr zu fürchten, daß jeden Augenblick Schluß gemacht und dem Kohlen ein Ende gesetzt werden könne. Sie sprachen über Maschinen leistungen und Schnelligkeitsrekorde, und der Kommandant des deutschen Kreuzers kargte nicht mit Auskünften, um die Zeit herumzubringen und den andern bei Laune zu erhalten: er hütete sich aber, sich irgendetwas von Bedeutung entschlüpfen zu lassen. So kam der Mittag, und Kapitän Köhler wollte sich empfehlen, aber sein Wirt forderte ihn auf, sein Mittagsgast zu sein. Das ist ja mehr an Glück, als im Märchen buch vorkommt, dachte er und blieb. Es wurde nur für zwei Personen gedeckt, und Kapitän Köhler erfuhr jetzt, daß der Gouverneur nicht verheiratet war. Dadurch>66 wurde sein Bedürfnis nach Unterhaltung erklärlich. Man kam aufs Reisen zu sprechen. Der alte Seemann verstand zu erzählen, und der junge wußte zuzuhören. So ver flogen die Stunden. Da kam um drei Uhr nachmittags ein Matrose mit einer Mel dung vom ersten Offizier: „Die Bunker sind gefüllt!" „Aber wieviel Kohlen können Sie denn aufnehmen in Ihren Kreuzer?" „Tausend Tonnen." Das Gesicht des Gouverneurs zeigte deutlich sein Erstaunen darüber, daß die Mannschaft dies Geschäft in so unglaublich kurzer Zeit vollbracht hatte. Kapitän Köhler schmunzelte; diesmal hatte Petersen sich selbst übertroffen. Er wußte ja nicht, daß die Besatzung der „Karlsruhe" noch Hilfe bekommen hatte. Es lag nämlich ein Südamerika-Dampfer im Hafen vor Anker, der vierzig deutsche Reservisten an Bord hatte, und sobald sie hörten, daß noch Leute zum Kohlen zu brauchen wären, stellten sie sich zur Verfügung. Alles schaufelte und trug, Mannschaften, Reservisten und Offiziere, und die ganze Gesellschaft sah aus wie ein Negerstamm aus dem innersten Afrika. Den weißen Reiseanzügen der Hilfsschipper war das Kohlen auch nicht gerade gut bekommen, aber das hatte die Laune durchaus nicht verdorben. Ein Bruder Lustig aus dem Rheinland hatte ein Schild an den Kohlenspeicher gehängt: „Hier werden weiße Sommeranzüge unentgeltlich tiefschwarz gefärbt. Nur für zwölf Stunden. Nie wiederkehrende Gelegenheit!" Kapitän Köhler fühlte das Bedürfnis, die genossene Gastfreundschaft zu er widern, und bat seinen Wirt zum Sechsuhrlee. Sofort nach Einbruch der Dunkelheit wollte er auslaufen. Der Gouverneur dankte mit der Begründung, daß er seine Zeit nicht in Anspruch nehmen wolle, die gewiß vor dem Auslaufen zu einer weiten Fahrt knapp bemessen sei. In Wirklichkeit wollte er das deutsche Schiff nicht betreten, weil ihm die Geschichte immer noch nicht ganz klar war. Die Gründe des deutschen Kapitäns hatten ihm ja eingeleuchtet, aber ausgeschlossen war es doch nicht, daß die englische Nachricht die Wahrheit gebracht hatte. Für den Fall war es mit dem einen Besuch genug, ohne daß er ihn noch erwiderte. So verabschiedete sich Kapitän Köhler denn mit herzlichem Dank, und der Gouverneur begleitete ihn bis an das Boot und wünschte gute Fahrt. Am Morgen hatte die Sorge um das Schiff den Kommandanten für seine Umgebung blind und teilnahmslos gemacht, jetzt sah er, wie freundlich und friedlich die niedrigen weißen Häuschen der holländischen Besitzung in grünen Gärten lagen. Als er das Deck der „Karlsruhe" betrat, waren die Spuren des Kohlens schon beseitigt; vom Achterdeck schollen die Klänge der Schiffskapelle: Es war Sonn tagsstimmung! Der erste Offizier meldete, daß der Kreuzer jeden Augenblick aus laufen könne, und der Kommandant stieg mit dem Gedanken an gejagte und versenkte englische Handelsdampfer in seine Kajüte. Jetzt sollte der Tanz losgehen! Eine halbe Stunde nachher wurde ihm gemeldet, daß einer der deutschen Reservisten ihn zu sprechen wünsche und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei167 Reeder. Da wußte der Kapitän schon, was der Besuch zu bedeuten hatte, und nahm ihn an. „Sie werden es hoffentlich nicht unbescheiden finden, daß ich mich nicht ab weisen ließ, obwohl ich weiß, daß Ihre Zeit jetzt kostbar ist." Kapitän Köhler wehrte mit einer Handbewegung ab. „Im Hafen von Rio de Janeiro liegen drei Dampfer zu Ihrer Verfügung. Ich will mich zwar selbst in Deutschland stellen, aber mein Bruder wird, wenn Sie ihn rufen, zur Stelle sein." Ein Händedruck, und der Kriegsbund zwischen deutschem Offizier und deutschem Kaufmann und Reeder war geschlossen. „Wieviel Tonnen haben die Schiffe?" „4800, 3500 und 5200, Herr Kapitän!" „Schön, also ich mache von Ihrem Angebot bei Gelegenheit Gebrauch, und wer weiß, vielleicht kommt die Gelegenheit recht bald." „Es sollte mich freuen." Der Reeder verabschiedete sich mit dem stolzen Ge fühl, daß seine Schiffe der großen Sache dienen würden. Mochte sie auch eines Tages der Teufel, das heißt der Engländer, holen. Was tat's, wenn sie nur ein einzigmal den Kreuzer mit Kohlen oder mit Lebensmitteln versorgt hatten. Nach Eintritt der Dunkelheit lief die „Karlsruhe" aus dem Hafen von Cura?ao aus. Die deutschen Reservisten schauten dem flinken Schiffe still nach; es entschwand wie ein Stück Heimat. Sobald das offene Meer erreicht war, verließ der Kapitän die Kommandobrücke und übertrug dem ersten Offizier das Kommando. Er schlief in dieser Nacht für die vergangenen mit, so sicher und ruhig wie in einer un einnehmbaren Festung. Mit mäßiger Fahrt glitt der deutsche Kreuzer nach Osten und später nach Süden. Der Treck zwischen Süd- und Nordamerika, der von großen Handels- dampsern wimmelt, war sein Ziel. Der Hecht strebte dem Karpfenteich zu. Drei Tage vergingen wie im Frieden, nur daß ständig die Kriegswache am Geschütz und am Torpedorohr lag und im Ausguck und von der Brücke eifriger und sorgsamer gespäht wurde. Da kam am Nachmittag des vierten Tages ein mächtiger Dampfer mit vier Schornsteinen in Sicht. Er trug keine Flagge, das war verdächtig. „Stopp!" befahl ihm ein Signal der „Karlsruhe". „Belästigen Sie uns nicht, bevor Sie Ihre Flagge gezeigt haben", antwortete der freche Kerl. In demselben Augenblick ging auf dem deutschen Kreuzer die Kriegsslagge hoch und das Signal: Stopp! wurde wiederholt. Der Engländer schien es zu über hören, ein blinder Schuß brachte ihn zur Vernunft. „Beidrehen!" befahl ein weiteres Signal. Er gehorchte. Inzwischen war auf dem deutschen Kreuzer schon alles zur Untersuchung des ohne Flagge fahrenden fetten Dampfers vorbereitet. Der Prisenkutter wurde jetzt168 mit Seilen zu Wasser gelassen, und Oberleutnant Iülicher nahm mit acht Matrosen darin Platz. Die geladenen Gewehre lagen bereit, und die Seitengewehre waren um geschnallt. Ein Signalmaat, ein Funker und ein Schifssossizier folgten dem kleinen Kommando ins Boot. Der Schifssossizier war in San Juan freiwillig an Bord der „Karlsruhe" gegangen, und man konnte ihn jetzt als Sachverständigen für Schiffs papiere sehr gut gebrauchen. Der Prisenkutter legte an Steuerbord an, und seine Insassen stiegen an der Strickleiter zum Deck hinauf. Der Kapitän und ein großer Teil der Mannschaft standen oben, und man schien über den unerwarteten Besuch mehr erstaunt als erschrocken. „Sie haben uns wohl nicht erwartet," sagte Iülicher lachend, „wir sind für Überraschungen. Bitte, die Schiffspapiere!" Inzwischen hatte der Funker schon von der Funkenbude Besitz genommen, und daß von hier aus nicht vorher schon um Hilfe gerufen war, hatte man auf der „Karlsruhe" zu verhindern gewußt. Dort stand der Funker noch immer mit der Hand am Griff, um störend dazwischenzufahren, sobald es nötig würde. Jetzt hatte das freilich keine Not mehr; denn einer der deutschen Matrosen hatte mit auf gepflanztem Seitengewehr vor der Funkenbude der „Bowes Castle" Stellung ge nommen, und auf seinem Gesicht stand zu lesen: „Unbefugten ist Eintritt und An näherung streng untersagt!" Der Kapitän der „Bowes Castle" nahm sich zum Herbeischaffen der Schisfs- papiere reichlich viel Zeit. Jetzt erklärte ihm Oberleutnant Iülicher unter dem Ge lächter der Matrosen, daß sie nicht viel Zeit hätten, weil sie noch mehr als einen Dampser zu untersuchen gedächten. In dem Ton des Scherzes lag etwas, was dem Engländer doch rätlich erscheinen ließ, sich ein wenig zu sputen. Er überreichte die Schissspapiere dem deutschen Prisenossizier, der sie sofort an seinen Sachverständigen weitergab. Die „Bowes Castle" hatte für englische Rechnung 50OV Tonnen Zucker ge laden, auch der Dampser war britischer Besitz. „Ladung und Schiff englisch!" signalisierte der Maat. „Wird versenkt!" kam es von der „Karlsruhe" zurück. „Versehen Sie sich mit Kleidungsstücken und Proviant, und halten Sie sich bereit, in die Boote zu gehen!" befahl Oberleutnant Iülicher. Im nächsten Augenblick war kein Mann der englischen Besatzung mehr auf Deck zu sehen. Nur der Kapitän stand noch oben. Er wurde nach Zeitungen gefragt und ließ die neuesten Nummern herausbringen. Der Prisenkutter nahm den Schifssossizier mit den Schiffspapieren wieder auf. Ihm reichte Iülicher auch die für den Kapitän bestimmten Zeitungen; dann ruderten vier Matrosen zur „Karlsruhe" zurück. Der Schiffsoffizier ging wieder an Bord des Kreuzers und reichte dem Kapitän die Schiffspapiere und die Zeitungen, der eiligst damit in der Kajüte verschwand.169 Zu den vier Matrosen stieg jetzt die Sprenggruppe, die bereits gewartet hatte, und der Kutter kehrte zur „Bowes Castle" zurück. Hier war ein Leben wie in einem Bienenkorb. Die englischen Matrosen suchten für sich zu retten, was zu retten war. Oberleutnant Iülicher sah schmunzelnd zu, wie sie über die Branntweinvorräte herfielen und die Flaschen oben aufstapelten. Auch Bier und Wein fehlten nicht, und alles, was in der Offiziersmesse und in der Kajüte des Kapitäns nicht niet- und nagelfest war, wurde nach oben geschleppt. Iülicher ließ sie ruhig gewähren und freute sich schon im voraus auf die dummen Gesichter, die es nachher geben würde. Nur einmal warf er so leicht hin: „Ich würde es doch für richtig halten, wenn vor allem für Kleidung und Proviant gesorgt würde." Inzwischen war „Krefeld", von Kapitän Köhler in die Gegend bestellt, herbei gerufen worden und kam nun langsam näher. „Die Boote niederlassen!" befahl Oberleutnant Iülicher. Niemand gehorchte, jeder blieb vielmehr eifrig beschäftigt, immer noch mehr nach oben zu schleppen. Da wurde kurzer Prozeß gemacht. Die deutschen Matrosen holten die Engländer nach oben, sie wurden auf Deck aufgestellt und jede Gruppe erhielt ihr Boot zugewiesen, das sie auch zu Wasser lassen mußte. Während der Ausstellung glitten die Blicke verstohlen immer wieder zu den aufgestapelten Schätzen. Nur hier und da stand ein englischer Matrose, der sich des Gebarens der eigenen Landsleute schämte und verbissen zu Boden sah. Als die Boote auf dem Wasser schwammen, kam die schmerzliche Enttäuschung. An jeder Leiter stand ein deutscher Matrose, und was nicht in die Gruppe „Nahrung und Kleidung" gehörte, mußte oben bleiben. Unterdrückte Flüche ließen sich hören, aber das half nichts. Die deutschen Matrosen drängten zur Eile, und man mußte das schnell zusammengeraffte Gut im Stich lassen und die eigene Haut an Bord der „Krefeld" in Sicherheit bringen. Als letzter verließ der Kapitän die „Bowes Castle". Jetzt wurden im Schiffsrumpf Zeitzünder gelegt, und der Prisenkutter trug das ganze Kommando zurück zur „Karlsruhe". Wenige Minuten später erfolgte auf dem englischen Handelsdampfer eine furchtbare Explosion, rasch danach eine zweite. Das Schiff barst in zwei Teile auseinander und sank unter dem Hurra der deutschen Matrosen in die Tiefe. Die beiden deutschen Dampfer hatten sich inzwischen wieder in Bewegung gesetzt: „Krefeld" dampfte nach Osten und „Karlsruhe" nahm südlichen Kurs. Auf beiden Decks standen die Mannschaften und winkten, bis man einander aus den Augen verloren. Dann verschwand einer nach dem andern nach unten. Oberleutnant Iülicher hatte sofort, nachdem er sich bei dem ersten Offizier zurückgemeldet, seine Kammer aufgesucht. Hier wartete eine Arbeit aus ihn, auf die er sich freute, wie ein Junge auf Weihnachten. Er hatte nämlich die letzten stillen Tage benutzt, um die Erlebnisse der „Karlsruhe" seit Kriegsausbruch aufzuzeichnen. Das war sein Ersatz für die Briefe, die er an Ilse Petersen geschrieben hätte, wenn170 das angegangen wäre. Während er schrieb, stellte er sich immer vor, er säße mit ihr zusammen und erzählte, und so wurde es auf den Blättern festgehalten. Auch heute wieder. Manchmal ertappte er sich sogar dabei, daß er zwischen die Schilderung ein Weißt Du! oder Siehst Du! schieben wollte; dann lachte er sich selbst aus. Merkwürdig, Iülicher sagte sich bei kühlem Denken, daß die Jagd auf dem Kreuzer nicht ewig dauern könne, daß vielmehr das wahrscheinliche Ende ein Grab auf dem kühlen Meeresgrunde sein würde, aber sobald er an Ilse Petersen dachte, waren solche Gedanken verschwunden. Dann war es ihm, als würde er sicher heim kehren und ihr alles erzählen, was er jetzt in Gedanken an sie niederschrieb und noch viel mehr dazu. So rief und hielt ihn das Leben und die Jugend! Seine heutige Tagebuchaufzeichnung endete mit dürren Zahlen, die aber sehr viel zu sagen hatten. „Bowes Castle", 5000 Tonnen Zucker geladen, 1 Pfund Zucker zu 0,20 Mark gerechnet, ergibt als Wert der Ladung ohne das Schiff 2 000 000 Mark. Baukosten der „Karlsruhe" 10 000 000 Mark. Also ein Fünftel von den Unkosten erarbeitet." Diese Aufstellung wurde noch einmal auf einen besonderen Zettel geschrieben, der war für die Mannschaften. Iülicher stieg nach oben, hielt einen Obermaat an, der ihm begegnete, und gab ihm den Kassenabschluß vom heutigen Tag. „Verlesen Sie das in der Bottlerei, und sagen Sie den Leuten, wir müßten noch ordentlich in die Hände spucken. Ehe der August zu Ende ist, muß sich die „Karlsruhe" bezahlt gemacht haben." „Und dann kommt der eigentliche Gewinn!" setzte er für sich in Gedanken hinzu, während er nach der Offiziersmesse schritt. Soweit die Offiziere nicht Dienst hatten, waren sie alle hier versammelt; denn der Kapitän hatte die Zeitungen von der „Bowes Castle" auslegen lassen, nachdem er sie selbst mit großer Aufmerksamkeit gelesen hatte. Iülicher nahm an einem kleinen Tisch Platz, an dem Jens Petersen mit Leutnant Schröder saß. „Nun, was gibt's Neues?" fragte er. „Wir sind auf der ganzen Front geschlagen", klang ihm von mehreren Tischen zugleich als Antwort entgegen. Und Leutnant Schröder setzte hinzu: „Schade, daß die Herren Amerikaner nicht auch nach Europa fahren können, um sich selbst von den deutschen Niederlagen zu überzeugen." „Wenn sie wenigstens nicht ganz so unwahrscheinlich lögen. Die rechnen ja bei den andern mit einem unerhörten Maß von Leichtgläubigkeit. Schließlich sollte man doch meinen, daß ein halbwegs gebildeter Südamerikaner weiß, daß Heidelberg keine Festung ist, die da von den Franzosen eingenommen sein soll." „Sie sehen, daß es offenbar die meisten nicht wissen," gab Iülicher zur Ant wort, „sonst würden die Redaktionen einen solchen Unsinn nicht zu drucken wagen. Man hat es anderswo nicht für nötig gehalten, sich so gründlich mit Deutschland zu beschäftigen wie wir mit andern Ländern."171 „Das Traurige bei der ganzen Sache ist," sagte Jens Petersen, „daß jeder englische Schwindel unbesehen geglaubt wird. Nicht jeder erlebt seine Bristolgeschichte, die ihm die Augen sür englische Wahrhaftigkeit gründlich ausmacht. Und den Schaden wird Deutschland haben! Hier vielleicht noch weniger, aber in Europa sicher. Da ist noch mancher Raubstaat, der Lust nach Vergrößerung verspürt. Wenn England da die Meinung verbreiten kann, wir pfiffen schon aus dem letzten Loch, dann wird es noch Kriegserklärungen an Deutschland und Österreich regnen." „Viel Feind, viel Ehr'! Der Tag war zu schön, Kamerad Petersen, um finster zu sehen. Auf gute Jagdbeute!" Damit hob Iülicher sein Glas, und Petersen und Schröder taten ihm Bescheid. Jens Petersen verabschiedete sich bald. Er wollte allein sein. In einer der Zeitungen hatte er einen Bericht über die Zustände in Mexiko gelesen. Die Unsicherheit hatte immer noch zugenommen und jetzt auch auf das Küstengebiet übergegriffen. „Die Fremden verlassen Mexiko", das war der Schluß der kurzen Schilderung gewesen. Wo mochten jetzt seine Eltern sein? Jens sorgte sich um die Mutter. Er sah ihr schmales, blasses Gesicht vor sich und dachte an ihre müden, glanzlosen Augen. Das Klima an der sumpfigen Küste Mexikos war ja bei längerem Aufenthalt das reinste Gift für sie. An Rückkehr auf die Hochebene war für absehbare Zeit nicht zu denken. Blieb nur Rückkehr nach Europa. Würde sich der Vater dazu entschließen? Ob ihn nicht sein Starrkopf und die Verbitterung wegen der verlorenen Heimat blind machten? Hätte er sich nur damals doch mit ihm ausgesprochen! Jens dachte hin und her und sann auf einen Ausweg. Wenn er wenigstens hätte schreiben können! So lag er die ganze Nacht, und erst gegen Morgen fiel er in einen kurzen, dumpfen Schlaf. „Morgen reisen wir!" Mit diesen Worten kehrte Lorenz Petersen von einem Ausgang in die Stadt, den er Erkundigungen wegen unternommen hatte, zu seiner Familie ins Hotel Europa zurück. „Aber, Vater, die Nachrichten, die aus dem Innern kommen, sind eine noch schlechter als die andere", gab ihm Ilse Petersen erschrocken zur Antwort. „Ich habe genug vom Innern und vom Äußern Mexikos. Wir reisen morgen mit der „Fredericia" nach Dänemark." Petersen hatte bis jetzt noch kein Wort davon gesagt, daß er an eine Rückkehr nach Europa dachte, deshalb sahen ihn Frau und Tochter überrascht an. Aber es war eine frohe Überraschung: denn Frau Petersen war in der ungesunden Luft von Tag zu Tag mehr verfallen, und die Nachricht von der Abreise nach Kopenhagen be deutete für sie eine Erlösung. Sie hatte nie geklagt, um ihrem Manne das Herz nicht schwer zu machen. Er war ja heimatlos geworden und kämpfte und rang hier in der neuen Welt, wie sie immer noch glaubte, um eine neue Heimat. Da hatte sie tapfer bei ihm ausgehalten. Aber ihm war es doch nicht entgangen, daß sie hier langsam172 zugrunde gehen würde, und so arg ihm auch der Gedanke war, in Europa ohne Beruf und ohne Lebensziel wieder anzukommen — er fühlte sich nicht mehr jung genug, noch einmal von vorn anzufangen —, so hatte er sich jetzt doch entschlossen, diesem Aufenthalt in Vera-Cruz ein Ende zu machen. Von Freude war bei ihm nichts zu spüren, ja wenn es nach Hadersleben gegangen wäre! Frau Petersen war bei der frohen Nachricht einen Augenblick ganz still ge blieben; dann sagte sie ein wenig beklommen, weil sie wohl fühlte, daß ihretwegen die Abreise geschah: „Aber, Lorenz, fällt es dir auch nicht zu schwer, hier deine Besitzung im Stich zu lassen? Wer weiß, vielleicht hätte sich das hier doch wieder gegeben?" „Ach was, Mutter. Das kann hier noch Jahre so weitergehen. Heute ist Herr Soundso Präsident von Mexiko und morgen irgendein anderer. Und dann, jetzt wo wir gehen, kann ich es dir ja sagen, gehängt habe ich nie an der Plantage. Du mußt nicht denken, wenn ich jetzt verkaufe, das wär' so wie damals. Ich wollte nur noch nicht zum alten Eisen gerechnet werden, und das ist doch der Fall, wenn ich in Kopenhagen den Rentner spiele. Hier hatte ich doch wenigstens noch zu schaffen; deshalb habe ich noch immer gewartet, ob wir nicht zur Plantage zurück könnten." „Aber, Vater, du und altes Eisen! Du kaufst uns in Dänemark ein kleines Häuschen mit einem Garten dazu. Weißt du, so klein, daß man niemand Fremdes zur Arbeit braucht? Daraus machst du uns dann so ein gemütliches Nest. Keine Rose im Zimmer, die du nicht selbst gezogen hast, kein Gemüse auf dem Tisch, das du nicht gebaut. Da soll einer von altem Eisen reden! Und dann glaube ich, wird das kleine Nest eher eine Heimat werden, als da oben der große Kasten. Mir war da immer alles zu geräumig: das Wohnhaus, die Wirtschaftsgebäude, der Hof, die Felder! Man verlief sich ja darin." „Du suchst der Sache ihre gute Seite abzugewinnen, Ilse! Was mich an betrifft, hat sie doch einen Haken. Ich eigne mich nicht für eine Tätigkeit, zu der eigentlich Schlafrock und Pantoffel gehören. Mir ist es so leicht nicht zu weitläufig. Nun noch einmal einen großen Betrieb drüben von vorn anfangen, das lohnt sich nicht mehr. Also, altes Eisen: Altes Eisen! Aber weshalb von mir reden? Für Mutter wird es gut sein, wenn sie die neue Welt wieder mit der alten vertauscht, und wenn's ihr Freude macht, bekommt sie auch ihr Häuschen mit dem Rosengarten und den winzig kleinen Gemüsestücken." „Sollst sehen, Lorenz, das kommt auch für dich wieder anders, als du denkst." Petersen schüttelte den Kopf und sagte dann: „Ich habe noch eine gute Neuigkeit. Am deutschen Konsulat hing ein Anschlag, daß die englische Meldung über die schweren Beschädigungen der „Karlsruhe" glatt erfunden seien. Vielmehr wäre der Kreuzer „Bristol" so zugerichtet gewesen, daß ihn ein anderer Kreuzer hätte schleppen müssen." „Und das sagst du jetzt erst, Lorenz? Das ist mir wichtiger als die Abreise. Ich habe die letzten Nächte, wenn ich wach lag, an nichts anderes gedacht als an dies173 Gefecht und Jens dabei verwundet vor mir gesehen. Aber", dabei zitterte ihre Stimme, „wie lange wird es dauern, dann wird es doch kommen, ist vielleicht schon geschehen?" „Aber, Mutter, nun sei nicht undankbar; freue dich doch ein bißchen über die gute Nachricht. Kann's nicht, gerade so gut wie diesmal, auch bei anderen Gelegen heiten gut gehen? Oberleutnant Iülicher sagte damals, die Engländer hätten nicht einen so schnellen Kreuzer wie die „Karlsruhe" in den amerikanischen Gewässern. Ich meine immer, Jens kommt ganz sicher wieder." Es war nur ein Augenblick gewesen, daß die Angst um ihr Kind der kränkelnden und müden Frau hoffnungslose Worte entlockt hatte. Jetzt war sie wieder ganz gefaßt. „Sei nur still, Ilse. Ich will euch nichts vorjammern und werde euch nichts vorjammern. Er ist in seinem Beruf, und ich weiß, wie er dran hängt. Ihn würde es nicht freuen, wenn er mich klagen hörte. Ich weiß auch, daß jetzt drüben in Deutschland viele Hunderttausend um ihr Kind bangen, und müssen auch stillhalten. Nur die Eesahr kleiner machen, mir die Augen zuhalten wollen, das sollt ihr nicht. Das nützt nichts, und es tut nachher nur um so weher." Lorenz Petersen schwieg dazu, weil er seiner Frau nicht weh tun wollte, wie er ihr auch verschwiegen hatte, daß es für ihn noch nicht ausgemacht war, ob die englische Nachricht oder der Anschlag des deutschen Konsuls über das Seegefecht log. Wie sie von den Hunderttausenden sprach, die in Europa um ihre Kinder bangten, stieg wieder der Zorn in ihm auf. Das hatte Deutschland auf dem Gewissen! Die englischen, französischen und amerikanischen Zeitungsmeldungen über die Entstehung des europäischen Krieges, die Deutschland alle Schuld beimaßen, hatten bei Lorenz Petersen gläubige Ausnahme gefunden. Das ist genau dieselbe Brutalität wie damals gegen die Dänen! Das war der Kehrreim in seinen Gedanken. In den ersten Tagen des Krieges hatte er seiner Entrüstung und Erbitterung Deutschland gegenüber zu Hause Lust gemacht. Seine Frau hatte ihm immer nur das eine entgegengehalten: Der Junge hat einen nüchternen und klaren Blick, und ich denke nicht, daß dem der Krieg so ganz unerwartet gekommen ist. Wär's aber Deutschland gewesen, das auf ihn zusteuerte — und entgangen wär' ihm das nicht —, er hätte längst dem Waffendienst entsagt. Wo mein Kind steht, auf der Seite ist das Recht! Übrigens habe ich den Brief noch, in dem er mir schrieb: Deutschland soll stark sein, dann wird Friede bleiben! Und daß der Junge je Phrasen gemacht hätte, kannst du auch nicht sagen. Aber die Abneigung gegen Deutschland saß bei Lorenz Petersen zu tief, als daß die Einwände seiner Frau sie hätten überwinden können. Doch geriet er in einen inneren Zwiespalt. Die Deutschen waren im Unrecht, also mißgönnte er ihnen den Sieg, aber sein Junge war deutscher Offizier, das kam ihm immer dazwischen.174 Jetzt verließ er das Zimmer, um sich zu einem Rechtsanwalt zu begeben, den er vorher nicht angetroffen hatte. „Aber Mutter packt kein Stück!" war seine letzte Mahnung. Am Morgen des nächsten Tages wurde Nachricht ins Hotel geschickt, daß die „Fredericia" um sechs Uhr abends auslausen würde. Schon um vier Uhr begaben sich Petersens zum Hafen, da niemand mehr Ruhe im Hause hatte. An der Kai mauer lag ein kleiner Dampfer, der der „Fredericia" als Tender diente. Als sie ihn betraten, trafen sie schon Passagiere an, die alle unruhig auf und ab gingen. Lorenz Petersen brachte Frau und Tochter nach innen, wo eine Sofabank rundum lief, und riet ihnen, sich zu setzen. Ilse war es zwar nicht danach zumute, aber mit Rücksicht auf die Mutter hielt sie es doch für bester. Sie war sehr in Sorge; denn wie es ihr schien, fieberte die Mutter. „Das tut nur die Aufregung", hatte sie abgewehrt, als Ilse fragte, ob ihr nicht gut wäre. Lorenz Petersen hatte das Gepäck aus den Tender bringen lassen und steckte sich, damit nur die Zeit rascher vergehen sollte, eine Zigarre nach der andern an. In zwischen nahm die Zahl der Passagiere zu, und da die meisten von abschiednehmenden Verwandten und Bekannten begleitet waren, war das Deck des kleinen Dampfers fast gefüllt. Kurz vor sechs Uhr wurden die Ketten, mit denen der Tender an der Kai mauer angelegt war, gelöst; die Zurückbleibenden traten nach einem letzten Händedruck oder einer letzten Umarmung auf die Kaimauern, und der Dampfer glitt langsam dem Hafenausgang zu. Hier wartete die „Fredericia" schon, und der Tender legte an ihrer Seite an. Die Fallreeptreppe wurde angelegt, und Passagiere und Gepäckträger kletterten nach oben, wo an der Treppe die Schifssbediensteten bereitstanden, um den Reisenden ihre Plätze anzuweisen. Auf dem Achterdeck stand die Schissskapelle und spielte lustige Märsche. Das war gegen Abschiedsschmerz und aufkeimendes Heimweh, also in diesem Fall ziemlich überflüssig: denn die „Fredericia" nahm fast nur Passagiere auf, die um der mexikanischen Wirren willen nach Europa zurückkehrten. Frau Petersen und Ilse bekamen eine Kabine mit zwei Betten, während Lorenz Petersen allein eine Kabine zur Verfügung stand. Kaum war Frau Petersen bis in ihre Kabine gekommen, da brach sie ohnmächtig zusammen. Nur die Auf regung hatte sie bis jetzt aufrecht erhalten; sobald diese nachließ, kam ihre hilflose Schwäche ganz zum Vorschein. Ilse rief erschrocken nach dem Vater, dieser benach richtigte sofort den Schiffsarzt, der auch in wenigen Minuten zur Stelle war. „Nur Schwäche!" beruhigte er. „Nur Ruhe ist nötig, und da wir bei diesem Wetter gute Fahrt haben werden, ist nichts zu befürchten." Es gelang seinen Be mühungen bald, Frau Petersen aus der Ohnmacht zu wecken. Er gab noch einige Verhaltungsmaßregeln und empfahl sich dann.175 Tatsächlich war es nur Schwäche gewesen, die die Ohnmacht hervorgerufen hatte. Deshalb fühlte sich Frau Petersen auch sehr müde und fiel bald in einen festen Schlaf. Durch die Sorge um die Kranke hatten Lorenz Petersen und Ilse gar nicht bemerkt, daß die „Fredericia" sich inzwischen in Bewegung gesetzt hatte. Erst jetzt spürten sie an einem kaum merklichen Schüttern, daß sie nicht mehr im Hotel „Europa", sondern auf einem Ozeandampfer waren. Als das Signal, sich zum Abendesien zu begeben, durch die Kajütengänge und übers Deck tönte, bat Ilse ihren Vater, ihr das Esten in die Kabine zu schicken, nötigte ihn aber, selbst in dem gemeinsamen großen Speisesaal zu essen. Als Lorenz Petersen den Speiseraum betrat, war er noch nicht zur Hälfte gefüllt. Es schien, als ob an dem ersten Abend viele dem Ruf zu Tisch nicht Folge leisten würden. Da es Petersen auf Unterhaltung durchaus nicht ankam, nahm er an dem einen noch ganz unbesetzten Teil der halbkreisförmigen Tafel Platz. Auf ein Zeichen des Oberstewards begannen die Stewards zu decken und dann die Speisen herumzureichen. Die „Fredericia" lief vollständig ruhig, und die Passagiere im Speisesaal mußten sich vorkommen, als ob sie ihre Abendmahlzeit in einem eleganten Hotel einnähmen. Nur die niedrige Decke störte dies Gefühl ein wenig. An der geschlossenen Seite des Halbkreises führten einige Stufen zu einem etwas erhöhten Teil des Speisesaales. Von hieraus klang Tafelmusik durch den Raum. Lorenz Petersen achtete kaum auf die übrigen Tischgäste; da es aber zum größten Teil Dänen waren und die Unterhaltung ziemlich laut geführt wurde, mußte er endlich doch auf merksam werden. Man sprach vom Krieg, und ein langer, schmaler Kopenhagener Kaufmann, der in mexikanischen Grundstücken spekuliert hatte, erging sich in den heftigsten Aus fällen gegen Deutschland. „Erst die gewissenlose Art, in der Deutschland die Verständigung zwischen Rußland und Österreich, die auf dem besten Wege war, durch seine Mobilisierung verhindert und den Krieg herbeigeführt hat, und jetzt die Kriegführung in Belgien. Das ist ja schlimmer wie die Hunnenzeit!" Er hatte sich immer mehr aufgeregt, und seine letzten Worte waren mit kreischender Stimme ausgestoßen. Von einigen Seiten unterstrich man, was er sagte. „Es ist einfach ein Skandal!" sagte ein junger Mann, der neben ihm saß. Diese Bemerkung schien ihm selbst so gut zu gefallen, daß er sie mehreremal wiederholte. „Das einzig Tröstliche an der Sache ist," fing der lange Däne wieder an, „daß sich Deutschland diesmal verrechnet hat. Die Russen werden ihnen die Freude an den Augenblickserfolgen in Belgien schon austreiben. Jetzt, nachdem sie Königsberg und Danzig genommen haben, werden sie bald in Berlin sein. Übrigens finde ich es unerhört, daß die dänische Regierung nicht jetzt ihre Ansprüche auf Nordschleswig geltend macht."176 „Dazu dürfte sie zu vorsichtig sein," gab ihm ein Herr, der ihm gegenüber saß, zur Antwort, „denn schließlich ist es doch noch nicht ausgemacht, wer bei dem Wett rennen auf Paris und Berlin zu der Sieger ist. Sie müssen immer bedenken, daß wir hier nur Nachrichten von einer Seite gehört haben." „Aber ich bitte Sie. Die deutsche Küste ist blockiert. Selbst wenn Sie also annehmen, daß sich Deutschland mit den Waffen seiner Gegner erwehrt, es wird dann eines Tages wegen Hunger kapitulieren müssen." „Gerade menschlich kann ich diesen englischen Aushungerungsplan ja nun auch nicht finden. Aber davon abgesehen, ich halte es immer noch für möglich, daß sich Deutschland, ehe seine Erntevorräte erschöpft sind, Luft macht." „Sie scheinen ja einen Heidenrespekt vor den Herren Deutschen zu haben?" Der Lange wurde durch den Widerspruch, den seine Ansichten hier erfuhren, sichtlich gereizt. „Höchst merkwürdige Ansichten für einen Dänen!" erlaubte sich der junge Mann zu bemerken. „Ich nehme mir das Recht, selbst eine Meinung zu haben," bekam er ruhig zur Antwort, „und da ich mir meine Überzeugung in Deutschland selbst gebildet habe, scheint sie mir immerhin fast soviel wert wie die, die sich auf englische Zeitungen stützen." Die Tafelrunde lachte, und wer gern Zeuge eines kleinen Wortgeplänkels war, freute sich im stillen auf den kommenden Genuß. „Einerlei," ließ sich der Lange wieder vernehmen, „was man so gewöhnlich Tüchtigkeit der Deutschen nennt, ist nur ihre Rücksichtslosigkeit, und damit werden sie sich diesmal die Köpse einrennen. Sie haben's glücklich so weit gebracht, sich die ganze Welt zu Feinden zu machen. Und da die Übermacht das einzige Mittel war, einen solchen reinen Militärstaat zu Boden zu zwingen, freue ich mich, daß diese Übermacht da ist, und verspüre nichts von dem Mitleid, das man sonst mit dem schwächeren Teil hat. Und ich meine, wer solche Anwandlungen gehabt hat, dem müssen sie beim Lesen der belgischen Greuel vergangen sein. Diese Sorte gehört einfach an den Galgen, eine Kugel ist da viel zu schade." „An den Galgen, ja, das wäre das Richtige!" beeilte sich der junge Mann zuzustimmen. Dadurch ermuntert, fuhr der Lange fort: „Wenn die Deutschen ganz ver schwänden, würde die Welt dadurch durchaus nicht ärmer." „Aber Sie müssen bedenken," hielt man ihm entgegen, „daß Sie das Volk nicht dafür verantwortlich machen können, was die deutsche Regierung tut." „Das ist es ja eben," schrie der Lange erbost, „daß das sogenannte deutsche Volk eine solche Regierung über sich duldet. Volk, Volk! Gelichter ist da die richtige Bezeichnung!"Wir zeigen das ausfahrende Geschwader des Grasen Spee an der chilenischen Küste, vorne chilenische Kriegsschiffe. Die beiden unteren Aufnahmen stellen noch einmal unsere beiden Kreuzer „Leipzig" und „Dresden" besonders dar, die iin Atlantischen Ozean ein Schrecken der feindlichen Handelswelt gewesen sind.177 „Ich gehöre auch zu diesem sogenannten Gelichter", ließ sich da auf einmal ein Deutscher von der rechten Seite der Tafel vernehmen, „und ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß wir uns hier angeblich unter gebildeten Menschen befinden." „Was wollen Sie damit sagen?" brauste der Lange aus. Noch ehe ihm sein plötzlich aufgetauchter Gegner, der mit großer Ruhe die ganze Zeit über das Ge schimpfe angehört hatte, antworten konnte, mischte sich Lorenz Petersen in den drohen den Streit und sagte: „Ich bin vor sechzehn Iahren wegen deutschfeindlicher Gesinnung aus Nordschleswig ausgewiesen worden, kann also wohl als unparteiisch gelten, ich muß Ihnen aber sagen, daß ich Ihre Ausdrucksweise und Ihre ganze Art einfach un ausstehlich gefunden habe." Wieder wollte der Lange aufbegehren. Aber er kam nicht zu Wort, da ihm der Däne, der ihm schon zu Anfang widersprochen hatte, spöttisch und unter dem Ge lächter eines großen Teils der Tischgesellschaft zurief: Nun lasten Sie doch mal auf einen Augenblick einen andern reden, ich habe das Gefühl, daß der Herr dort noch mehr zu sagen hat, und Sie haben wir ja die ganze Zeit schon gehört." Lorenz Petersen hatte erreicht, was er wollte, er übersah deshalb mit Absicht den geschmacklosen Hetzer und sagte zu den übrigen: „Ich wollte nur noch zum Aus druck bringen, daß hier noch mehr deutsche Passagiere an Bord sind, und daß ich es für angebracht halte, sich in deren Gegenwart im Urteil über Deutschland etwas Zurück haltung aufzuerlegen. Ich glaube, die meisten von Ihnen werden mir darin zu stimmen." Von vielen Seiten nickte man ihm zu. Manchen war es, als das Gespräch begann, entgangen, daß nicht nur Dänen anwesend waren. Tatsächlich waren auch die Deutschen bis auf die eine Ausnahme in ihren Kabinen geblieben. Als nachher die wüste Schimpferei begann, hatten die meisten dazu geschwiegen, weil sie nicht in den Schmutz greifen wollten. Als der Lange sich so, ganz überraschend für ihn, allein und ohne Beistand sah, zog er es vor, sich mit sichtlicher Verlegenheit zu entfernen. Der junge Mann, der ihm so eifrig beigepflichtet hatte, begleitete ihn. Da die Mahlzeit inzwischen beendet war, wurde das auch für einige andere Passagiere das Zeichen zum Aufbruch. Der ein zige Deutsche an der Tafel erhob sich, ging auf Lorenz Petersens Platz zu, stellte sich diesem als Dr. Fischer vor und dankte für die unerwartete Unterstützung. Auf eine Einladung Petersens nahm er Platz und sagte: „Ich schlage vor, daß wir alles, was Politik heißt, aus dem Spiel lasten. Nach Ihrer einleitenden Bemerkung von vor hin halte ich das für richtig. Aber eine solche Sache braucht uns doch nicht zu hindern, solange wir hier aus dem Schiff sind, als Menschen miteinander zu verkehren." „Gewiß nicht; hätte ich gewußt, daß überhaupt ein Deutscher mit an der Tafel war, dann wäre ich dem widerlichen Schreibals schon eher übers Maul gefahren. Übrigens, sind Sie Mediziner?" Dr. Fischer bejahte verwundert178 „Ich möchte dann gern Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Meine Frau ist außerordentlich schwach und hat heute sofort nach Betreten des Schiffes einen Ohn machtsanfall gehabt. Der Schiffsarzt nahm die Sache sehr leicht, da sie aber durch das Klima von Vera-Cruz so heruntergekommen ist, wäre es mir lieb, wenn ich Ihre Meinung hören könnte." „Selbstverständlich, ich stehe gern zu Ihrer Verfügung. Wenn Sie mögen, jetzt sofort." „Ehe ich kam, schlief sie, ich will deshalb erst einmal zusehen, ob sie wieder wach ist, was ich glaube. In diesem Fall wäre es mir lieb, wenn ich noch heute abend ihr Urteil hören könnte." ^ Petersen fand seine Frau zu seiner größten Freude ruhig schlafend. Als er den Speisesaal wieder betrat, empfand er, wie verbraucht die Luft in dem niedrigen Raum war. Es war sehr viel geraucht worden. Er schlug deshalb Dr. Fischer vor, nachdem er ihn gebeten hatte, die Untersuchung am folgenden Morgen vorzunehmen, noch ein wenig auf Deck zu gehen. Es war ein klarer, sternenheller Abend. Die See war fast ganz still. Die Kämme der leichten Wellen schimmerten silberweiß im Licht. Wohin die Strahlen von den großen Lampen des Dampfers fielen, zeigten sich lichte Flecke auf der Fläche, sie wanderten mit dem Schiff übers Meer. Die beiden Männer wurden einen Augenblick still beim Anblick des ewig schönen Meeres. Dr. Fischer unterbrach zuerst das Schweigen: „An einem solchen Abend wie diesem kommt es mir immer unfaßbar vor, daß drüben in Europa die Menschen im mörderischen Krieg liegen." „Und es ist doch harte Wirklichkeit" gab ihm Petersen zur Antwort. Leiser setzte er hinzu: „Ich habe auch einen Jungen dabei." Das Gespräch schwieg wieder eine Weile, dann sprachen sie beide von ihrem Leben in Mexiko, von den Erfahrungen und Erlebnissen langer Jahre. Aber sie waren beide nicht mit dem Herzen dabei, der Krieg! der Krieg!, der ließ sich auch nicht für kurze Zeit aus dem Denken verdrängen. Und sprechen wollten sie La nicht davon, weil sie nicht streiten wollten. Endlich machte Petersen aber doch dem Versteckspielen ein Ende und sagte: „Jetzt nicht von Krieg und nicht von Politik sprechen wollen, das ist ein Unding. Wir denken ja doch beide unauf- hörlich daran. Ich mache Ihnen deshalb einen andern Vorschlag. Wir sprechen morgen einmal sachlich darüber, ohne persönliche Gehässigkeit. Bei unsern wahr scheinlich ziemlich verschiedenen Ansichten kann das nur zur Klärung beitragen. Heute ist's schon zu spät dazu geworden." Mit herzlichem „Gute Nacht" und mit kräftigem Händedruck trennten sich die beiden. Am andern Morgen klopfte Petersen schon früh an die Tür der Kabine von Frau und Tochter und bat jene, liegen zu bleiben, weil um 8 Uhr der Arzt käme. Dr. Fischer stellte sich auch pünktlich ein. Nach einer gründlichen Untersuchung kam er zu demselben Ergebnis wie sein Kollege vom Schiff, nur fügte er hinzu, daß durch dieFieberlust an der Küste Mexikos und auch wohl durch Aufregungen das Herz ange griffen sei. „Bei viel Ruhe hat es keine Gefahr", schloß er. Die Sonne stand an einem fleckenlos blauen Himmel, und es war ein prächtiger Tag. Deshalb besorgte Petersen für seine Frau und für Ilse auf dem Achterdeck, recht in der Morgensonne, zwei Liegestühle, und nach dem Frühstück machten es sich die beiden hier oben bequem. Frau Petersen sprach wenig, weil ihre Gedanken fast mit ihrem Jungen beschäftigt waren, und Ilse ertappte sich immer wieder dabei, daß sie sich um jemand auf der „Karlsruhe" mehr sorgte als um den eigenen Bruder. Dann schalt sie sich und wollte es vor sich selbst nicht Wort haben, daß sie mit dem Gedanken an den deutschen Kreuzer immer zuerst den an Iülicher verband und erst dann der Bruder folgte. So war es auch vorgestern gewesen, als der Vater die Nachricht über den Verlauf des Gefechts mit der „Bristol" mit nach Haus brachte. Lorenz Petersen begab sich, nachdem er Frau und Tochter gut aufgehoben wußte, ins Rauchzimmer, wo er Dr. Fischer zu treffen hoffte. Die Stühle an dem langen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, waren etwa zur Hälfte besetzt. An einer Seite wurde Skat gespielt, die übrigen sprachen über Politik und Krieg. Wie es schien, war kein Deutscher anwesend, aber das Gespräch blieb doch frei von den häßlichen und gehässigen Ausfällen des vergangenen Abends. Petersen glaubte schon vergeblich nach Dr. Fischer ausgeschaut zu haben, als dieser ihm aus einer kleinen, m'schenartigen Vertiefung des Zimmers, die er für sich erobert hatte, winkte. So konnten sie sich ungestört unterhalten. Dr. Fischer steuerte diesmal entschlossen auf das Gesprächsthema zu, das ihnen beiden am Herzen lag. „Sie sagten gestern, Herr Petersen, Sie wären aus Deutschland ausgewiesen worden. Darf ich den Grund wissen?" „Weil ich mich dagegen aufgelehnt habe, daß aus dem dänischen Teil von Nordschleswig mit allen möglichen Schikanen ein deutsch sprechendes Gebiet gemacht werden soll." „Ich will die Politik, die in Schleswig getrieben worden ist, nicht verteidigen, weil ich sie nicht genau genug kenne, muß Sie aber auf eins aufmerksam machen: Haben nicht die Dänen, als sie das Hest in Händen hatten, versucht, einem viel größeren deutschen Teil das Dänentum aufzudrängen?" „Darüber bin ich nicht genau unterrichtet. Aber selbst wenn es so wäre, wenn irgend wo einmal ein Unrecht geschah, ist das eine Entschuldigung für immer neues Unrecht? Soll denn das in alle Ewigkeit so weitergehen? Genau so gut wie ich mich übrigens gegen die Verdeutschung gewehrt habe, hätte ich meinen Mund aufgetan, wenn ich damals schon ein erwachsener Mensch gewesen wäre, sobald tatsächlich Dänemark mit Gewalt gegen Deutsche vorgegangen wäre." „Aber Herr Petersen, Sie hängen an Ihrem ursprünglichen Vaterland, trotz dem es an Deutschen Unrecht tat; sollen nicht auch die Deutschen an ihrem hängen, auch wenn seine Regierung nicht aus vollkommenen Göttern bestand? Ich muß das 8 12» 179180 hier alles im Ton der Möglichkeit behandeln, da ich wie gesagt die Tatsachen zu wenig kenne." „Das wehrt Ihnen ja auch niemand, aber ich kann, trotzdem mein Vaterhaus im Deutschen Reiche liegt, in Deutschland nicht mein Vaterland sehen." „Ich verstehe Sie darin recht gut. Aber wenn wir nun einmal versuchen von uns ganz abzusehen, nur die jetzt im Kriege liegenden Großmächte zu werten, ob dann nicht Ihre Stellung zu Deutschland etwas anders werden würde? Ich glaub' es sicher." „Ich sehe nicht ein, wie das kommen sollte. Der Ausbruch dieses Krieges hat mich vielmehr in meinem Urteil über Deutschland nur bestärkt. Gewalt und immer wieder Gewalt!" „Das ist es gerade, was ich bestreite." „Sie sind Partei!" „Sie werden sehen, daß ich mich bemühe, es so wenig als möglich zu sein. Zu nächst müssen wir uns wohl einmal darüber klar werden, daß wir beide über den Aus bruch dieses Krieges nichts wissen können; denn all unser Nachrichtenmaterial stammt aus englischen und französischen Quellen." „In dem Umfang lügt man nicht, daß ich glauben könnte, die Sache läge im wesentlichen anders, als uns berichtet ist. Daß Übertreibungen in den Zeitungen stehen, daß auch die andern nicht die unschuldigen Engel sind, will ich Ihnen dabei gern zugeben." „Aber es ist doch bei jedem Urteil, das man vor Gericht fällt, üblich, erst beide Teile zu hören. Zum mindesten muß also eine Meinung, die ohne jedes deutsche Dazutun gebildet ist, sehr unsicher sein. Ich schlage Ihnen einen andern Weg vor, zur Klarheit zu kommen." „Und der wäre?" „Wenn wir uns einmal vergegenwärtigen, was aus der europäischen Politik der letzten Jahrzehnte ganz zweifellos feststeht." „Ich glaube nicht, daß sich da so sehr viel mit unbedingter Sicherheit feststellen läßt, wenn Sie nun einmal einen ganz gründlichen Weg gehen wollen." „Aber eins doch, und das redet deutlich: Deutschland hat entschieden den wenig sten Vergrößerungshunger gezeigt. England nahm die Burenrepubliken, brachte Süd persien unter seinen Einfluß und machte Ägypten immer mehr zu einer englischen Kolonie, das alles, obwohl man England vorher nicht gerade arm an Kolonien nennen konnte. Frankreich hat sich das reiche Marokko genommen, trotzdem seine Bevölkerung überhaupt nicht mehr wächst, also der Ausdehnungsdrang in Wirklichkeit ganz unnatür lich ist. Und Rußland: Erst das gewaltsame Vorgehen gegen China, dem dann aller dings Japan einen Riegel vorgeschoben hat. Dann ist ihm Nordpersien als Einfluß- gebiet, wie das feine Wort dafür neuerdings heißt, zugefallen. Trotzdem hat es 1913 noch Lust verspürt, in Armenien einzumarschieren und hier seinen Länderhunger zu befriedigen. Sie werden mir zugeben, daß Rußland seinen Besitz noch nicht halbverdaut hat, daß es also nur Machthunger sein kann, der es trieb. Und nun denken Sie einmal an Deutschland! Was hat es in der gleichen Zeit an Landbesitz erworben: gar nichts! Obwohl seine Bevölkerung ständig zunahm, obwohl sein Handel in einer in der Weltgeschichte einzig dastehenden Weise wuchs, obwohl der immer ärger wer dende Wettkampf auf wirtschaftlichem Gebiet nach neuen Absatzgebieten geradezu schrie. Glauben Sie denn, daß es nicht auch in Deutschland Leute gab, die bei der allgemeinen Länderverteilung gern mitgehalten hätten? Die Zahl derer, die Frieden halten wollten, bis es einfach nicht mehr ging, war aber überwältigend groß, und zu ihnen zählt der Kaiser!" Dr. Fischer, der ganz kühl hatte beweisen wollen, war allmählich doch warm geworden und hatte sich zuletzt immer mehr in Eifer gesprochen. Deshalb bemerkte Petersen jetzt lächelnd: „So ganz unparteiisch war das doch nicht, so ganz haben Sie den Deutschen doch nicht verleugnen können." Er setzte dann jedoch hinzu: „Was Sie aber im übrigen sagten, hat etwas für sich. Nur meine ich, hat Ihr Beweis an einer Stelle ein Loch. Daß Deutschland sich nicht eher mit Gewalt seinen Anteil bei der Ver teilung der Welt sicherte, beweist durchaus nicht seine Friedensliebe. Es kann sich ja vorher für nicht stark genug gehalten haben, und ich glaube tatsächlich, es hat sich so lange zurückgehalten, um zu rüsten und dann mit der besten Aussicht für sich den Brand zu entfesseln." „Aber verhältnismäßig schwächer als eben jetzt war Deutschland doch nie; mag es auch noch so stark sein, und ich halte es für sehr stark, es gab doch Zeiten, wo Deutschlands Überlegenheit wegen der Schwäche der andern viel größer war. Denken Sie nur an den russisch-japanischen Krieg, Kenken Sie an die anschließende Revolution in Rußland, hätte Deutschland es damals nicht viel leichter gehabt? Weshalb schlug es damals nicht los? Wenn es wirklich so sehr auf den Krieg gebrannt hätte, wie England jetzt die Welt glauben machen will, hätte es sich sicher die damalige Ge legenheit nicht entgehen lasten." So sehr sich Petersens Dänenherz gegen das Gewicht der Gründe wehrte, die hier ins Feld geführt wurden, ganz entziehen konnte es sich ihrem Einfluß doch nicht. „Und was sollte England für ein Interesse am Krieg gehabt haben?" fragte er jetzt. „Ein sehr leicht einzusehendes und zugleich ein sehr gewöhnliches. England sah den Zeitpunkt kommen, wo es von Deutschland auf den wichtigsten Handelsseldern der Welt überflügelt werden würde, und wollte den Gegner mit Gewalt aus dem Felde schlagen." Petersen kam nicht mehr zu einer Entgegnung; denn in diesem Augenblick tönte das Signal, das die Passagiere zu Tisch rief, übers Deck. „Wir sprechen vielleicht nachher noch einmal darüber. Ich habe meiner Frau versprochen, mit ihr in der Kabine Zu essen. Sie hat eine große Abneigung gegen Speisesäle mit viel Menschen und wird dabei von der Tochter kräftig unterstützt." „Auf Wiedersehen! Lasten Sie sich's schmecken!" ?8l182 „Danke gleichfalls! Empfehlen Sie mich Ihren Damen!" Petersen ging nach hinten. Er fand seine Frau verhältnismäßig frisch. Das Liegen in der Sonne und in der frischen Seeluft hatte ihr gut getan. Er erzählte ihr von dem deutschen Arzt, und sie wunderte sich im Stillen, daß er sich gerade einen Deutschen zum Gesellschafter ausgesucht hatte, wo doch an Dänen aus der „Fredericia" kein Mangel war. Die Kabine war eng, und der Raum, der für die Drei zum Essen blieb, war sehr beschränkt. „Hier lernt man, sich an enge Verhältnisse gewöhnen", sagte Petersen und dann mit leichtem Spott zu Ilse: „ist Dir das immer noch so weitläufig, oder wären Dir die Maße für das neue Häuschen in Dänemark so recht?" Aber er kam schön an. „Wer nicht hinein gehört," gab sie ihm lachend zur Antwort, „und das bist Du, der muß fein artig sein, wenn er bleiben will." „Hoho, das klingt ja mächtig kriegerisch, ich bin aber von Mutter eingeladen." „Schadet nichts, ich habe auch Anteil und Recht an der Kabine, und da bist Du auch mein Gast." So ging das Geplänkel noch eine Weile hin und her. Auf einmal gab es einen Stoß, der durch das ganze Schiff lief, dann hörte das leise Schüttern, das sonst immer zu spüren war, ganz auf: das Schisf stand. „Was ist denn nun los", rief Petersen. „Wartet einen Augenblick, ich will ein mal nach oben geh'n und zuseh'n, ich bin gleich wieder zurück." Die beiden Frauen hatten vergeblich zu verbergen gesucht, wie sehr sie erschrocken waren. Auf der Treppe nach dem Deck stieß Petersen schon auf Passagiere, die auch nach oben drängten. Der ganze Speisesaal war unterwegs. Einer fragte den andern, was es gäbe. Oben angekommen, strömte alles nach Steuerbord, wo schon andere standen und nach Osten schauten. „Da haben wir die Bescherung", sagte Dr. Fischer, der kurz hinter Petersen nach oben gekommen war. Ein Kreuzer, der die englische Flagge führte, hatte der „Fredericia" das Signal zum Halten gegeben. Ein Kutter war schon zu Wasser gelassen und wurde von Matrosen auf die „Fredericia" zu gerudert. Einige von deutschen Passagieren ließen halblaute Verwünschungen hören, während andere stumm und mit zusammengekniffenen Lippen der weitern Entwicklung der Dinge entgegensahen. Die dänischen Mitreisenden verfolgten mit neugieriger Spannung das Näher kommen des englischen Kutters. Nur hier und da sah man auf einem der Gesichter den Ausdruck ehrlicher Teilnahme. Der Kutter legte an Backbord an, und ein Offizier mit sechs Matrosen kletterte an der Strickleiter auf Deck. Der Kapitän hielt, um nicht unnötig Zeit zu verlieren, die Schiffspapiere schon bereit und reichte sie unaufgefordert dem englischen Offizier. Nachdem dieser sestge-183 stellt hatte, daß der Dampfer einwandfrei dänisch war, fragte er: „Haben Sie deutsche Passagiere an Bord?" Ohne die Antwort abzuwarten, setzte er hinzu: „Die Passagier - liste!" Er las sie genau durch und befahl den Deutschen, auf dem Achterdeck zu sammenzutreten. Als er in der Liste an Petersen kam, fehlte hinter dem Namen die Nationalität. Auf Befragen erklärte Petersen, daß er aus Deutschland ausgewiesen und keine neue Staatsangehörigkeit erworben habe. Der Offizier musterte ihn scharf und fragte dann: „Wo haben Sie den Aus weisungsbefehl?" „Den habe ich nicht mehr, da die Ausweisung schon vor sechzehn Iahren er folgt ist." Der englische Offizier sah ihn mit einem ungläubigen Lächeln an und sagte dann: „Auf so etwas fallen wir nicht herein. Stellen Sie sich zu den andern, natür lich mit Frau und Tochter." „Sollen denn die auch mit an Bord des Kreuzers genommen werden?", erlaubte sich Petersen erstaunt zu fragen, aber er bekam keine Antwort. Er wandte sich um, weil er Nachricht nach unten bringen wollte. Auf der Treppe hörte er noch, wie der Offizier rief: „Sie haben zwanzig Minuten Zeit, um sich mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken zu versehen. Sputen Sie sich!" Als Petersen in die Kabine kam, fand er Ilse schon beim Packen. Sie hatte, auf der Treppe stehend, zum größten Teil gehört, warum es sich handelte. Gesprochen wurde sast nichts; denn dazu war keine Zeit. Noch ehe die zwanzig Minuten ganz um waren, kam Befehl, daß die Deut schen sofort an Deck zu gehen hätten. Es wurde gezählt. Vierunddreißig Personen mußten es sein, die Zahl stimmte. Daß darunter sast soviel Frauen und Kinder waren wie Männer, was Petersen im überfliegen feststellte, schien die Engländer wenig zu kümmern. Unter den Passagieren der „Fredericia" war die Stimmung sehr geteilt. Einige schienen das Gewalttätige in dem Vorgehen der Engländer zu empfinden; denn sie verfolgten das Gebaren der englischen Matrosen durchaus nicht mit zustimmenden Mienen. Anderen war deutlich anzumerken, daß sie den deutschen Mitreisenden diesen Hereinfall von Herzen gönnten. Zu diesen gehörte natürlich auch der lange Kopenhagener Kaufmann und der junge Mann, der ihm wie ein gutgezogener Hund auf Schritt und Tritt folgte. Sie hielten sich beide in unmittelbarer Nähe der auf dem Achterdeck aufgestellten Deutschen und gaben sich durchaus keine Mühe, ihre Schaden freude zu verbergen. Jetzt wurden zwei Kutter der „Fredericia" zu Wasser gelassen, und der englische Offizier gab Befehl, sich hineinzubegeben. Dabei hing nur die Strickleiter an Back bord, die zu betreten sich natürlich weder die Frauen noch die Kinder trauten. Der dänische Kapitän hatte anständige Gesinnung genug, von selbst die Fallreeptreppe herunterzulassen und so das Besteigen der Boote zu erleichtern. Dabei drängten die184 Engländer unaufhörlich und taten furchtbar eilig. Zwei unter den englischen Ma trosen halfen aber doch bei Heruntertragen der Gepäckstücke, als sie sahen, daß einzelne Frauen aus Mangel an Geld für die Schiffsbediensteten selbst das schwere Gepäck schleppen mußten. Alles war mit solcher Geschwindigkeit erfolgt, daß die von dem plötzlichen Ge schickswechsel Betroffenen noch gar nicht zur Besinnung gekommen waren. Sie wurden jetzt nach der „Suffolk" gerudert; denn um diesen englischen Panzerkreuzer handelte es sich. Die Kutter legten am Steuerbord an, und wieder wurde es nicht für nötig gehalten, die Treppe anzulegen. Doch half es nichts, weil die Kinder und die Frauen sich einfach weigerten, an der Leiter emporzuklettern. Körperliche Gewalt anzuwenden, schien man doch nicht den Mut zu haben. Auf Deck angekommen, wurden die Deutschen ins Zwischendeck gebracht, wo man einen großen Mannschaftssaal leer gemacht hatte. Die Hängematten waren entfernt, und doch war der Raum auch zum Schlafen bestimmt. Männer, Frauen und Kinder Tag und Nacht in einem Raum. Die Deutschen von der „Fredericia" fanden schon Gesellschaft vor, da die „Suffolk" schon am Tage vorher sich das Glanzstück geleistet hatte, von einem ameri kanischen Dampfer alles herunterzuholen, was deutsch schien. Wohin die Reise ging und wie lange der Aufenthalt auf dem englischen Kreuzer dauern würde, wußte niemand. Die Neueingetretenen sahen sich zunächst ziemlich ratlos in dem Raum um, dessen eine Hälfte schon belegt war. Aber Dr. Fischer wurde rasch Herr der Lage. Er war schon vorher Petersen bei der Gepäcksbesorgung behilflich gewesen, da er selbst die größten Reisen mit dem Handkoffer machte. Jetzt näherte er sich Petersen und schlug ihm vor, die großen Gepäckstücke zu benutzen, um den Raum in kleine Teile von reichlich Bettgröße zu zerlegen. So ließ sich verhindern, daß die Schlafenden beim Rollen des Schiffes durcheinander gekollert wurden. Die vorher Angekommenen hatten sich schon auf die gleiche Art zu Helsen gesucht, waren aber offenbar nicht so systematisch vorgegangen, und deshalb war es nichts Rechtes geworden. Vor allen Dingen fehlten kleine Gänge zwischen den Lagerreihen. Dr. Fischer und Petersen verständigten jetzt die übrigen deutschen Passagiere der „Fredericia" von ihrem Vorhaben, und dann begaben sie sich gemeinsam ans Werk. Die Frauen und Kinder bekamen die Plätze nach der Wand zu, damit sie wenigstens nach einer Seite ganz festen Halt hatten. Mit den schweren Koffern, die standhaft waren, half man sich gegenseitig aus. Während die Männer so die Plätze verteilten und die Lagerstellen umgrenzten, packten die Frauen Decken und Kleidungsstücke auf den Boden und richteten so notdürftig Betten her. Dr. Fischer war ganz in seinem Element. Besondere Lagen reizten stets seine Unternehmungslust. Wenn er auch zuerst niedergedrückt gewesen war, daß ihm die Engländer durch das Stellen in Deutschland einen Strich gemacht hatten, so war er185 doch jetzt mit guter Laune bemüht, seinen Landsleuten und sich den Aufenthalt so er träglich wie möglich zu gestalten. Gerade den Engländern zum Trotz, die sie so rück sichtslos in diesen Raum zusammengepfercht hatten. Es kam ihm darauf an, auch die übrigen aus ihrer gedrückten Stimmung zu reißen, und er tat mit seiner eigenen Laune das Seine dazu. Als der Betrieb so richtig im Gange war und man allmählich er kennen konnte, wie das Ganze nachher werden würde, da sagte er: „Wenn uns die Engländer jetzt sähen, dann würden sie behaupten: die Deutschen organisieren bei jeder Gelegenheit, sogar, wenn wir sie interniert haben. Die Zunächststehenden lachten, und ein kleiner Hannoveraner suchte der Sache auf seine Art die beste Seite abzugewinnen, indem er meinte: „Na, wenn wir nicht gerade einem deutschen Kriegsschiff in den Weg lausen, dann sind wir hier immerhin sicherer als in dem lieben Mexiko. Also doch schon ein kleiner Fortschritt. Wenn die Verbesserung in diesem Maße anhält, kann noch alles gut werden." Die Kinder hatten sich sehr rasch mit der neuen Lage ausgesöhnt. Der Wechsel machte ihnen sichtlich Freude, und was die Großen mit Ernst betrieben, das machten sie zum Spiel. In dem noch leeren Teil trennten sie kleine Räume ab mit ihren Sächelchen, an denen ja in Kindertaschen nie Mangel ist, und dann wurden Spiele angefangen, in denen möglichst viel Zimmer vorkamen. Die eifrige von Dr. Fischer angeregte Tätigkeit unter den Neuangekommenen verfehlte auch ihren Eindruck auf die übrigen nicht. In dem Hinteren schon belegten Teil des großen Raumes begann man zu schieben und zu rücken und brachte so all mählich etwas Ordnung und Übersicht in das Durcheinander. Bis jetzt hatte sich weder ein englischer Ossizier noch überhaupt ein Engländer blicken lassen. Da es Dr. Fischer bei der ungewohnten Arbeit warm geworden, öffnete er vorsichtig die Tür, um sich nach etwas Trinkbarem umzusehen. Aber die Wache schlug sie ihm vor der Nase zu, da war also nichts zu machen. Allmählich kam die Zeit zum Kaffeetrinken. Die Kinder sorgten schon dasür, daß sie nicht übergangen wurden. Sie kamen eins nach dem andern zu ihren Müttern und mahnten. Das war dann für die übrigen Familien das Zeichen, auch von ihrem Proviant hervorzuholen. Dr. Fischer hatte nicht nur Durst, sondern wie er jetzt recht deutlich bemerkte, auch Hunger bekommen. Aber sein kleiner Handkoffer war in bezug auf Lebensmittel eine Wüste ohne Oase. Seine Art zu reisen war durchaus nicht auf Zwischenfälle berechnet. Aber diesmal hatte er wieder mehr Glück als Verstand, wie er nachher behauptete. Ilse Petersen hatte, während sie Gebäck und Wein auf einem großen Koffer aufbaute, bemerkt, daß Dr. Fischer keine Anstalten traf, feine Nach mittagsmahlzeit zu sich zu nehmen. Da fiel ihr der winzige Koffer ein, und sie mußte trotz der gar nicht lächerlichen Lage doch lachen. Sie gab dem Vater einen Wink, und dieser holte den sich durchaus nicht sträubenden, fleißigen Quartiermacher an den Kaffeetisch, wie er sich selbst ausdrückte. Dr. Fischer brachte seinen kleinen Handkoffer mit und benutzte ihn als Schemel. Als Ilse Petersen ihn wegen seines winzigen18<; Gepäcks, das durchaus nicht in den Verlauf dieser Reise passe, zu necken versuchte, fragte er sie lachend, ob sie denn eine so feine Sitzgelegenheit habe; wie sie sehe, sei sein Koffer zu vielen Dingen nütze. „Nur die Eigenschaften eines Tischleindeckdichs fehlen ihm", setzte er sich selbst verspottend hinzu. Es reizte Dr. Fischer, das am Mittag unterbrochene Gespräch mit Petersen fortzusetzen, deshalb sagte er mit einem seinen Lächeln für Petersen, nachdem man eine ganze Weile gemeinsam geplaudert hatte: „Würden uns die Damen gestatten, daß wir uns ein wenig ins Rauchzimmer zurückziehen?" „Aber Herr Doktor, Sie wollen doch in diesem vollgepferchten Raum nicht rauchen und dadurch soundsoviel andern das Signal geben, dasselbe zu tun?" gab ihm Ilse Petersen ganz entsetzt zur Antwort. Der Vater beruhigte sie, indem er ihr den Sachverhalt erklärte. Die beiden Männer begeben sich in den noch leeren Teil des Mannschafts raumes und benutzten ihn als Promenade bei ihrer Unterhaltung. Dr. Fischer leitete das Gespräch wieder ein, indem er sagte: „Ich behauptete heute mittag, daß die Hauptschuld am Ausbruch des Weltkrieges die Engländer trügen. Da kam uns der Ruf zum Essen dazwischen." „Ja, das Beweismaterial, das Sie beibrachten, genügt mir nicht. Ich kann nicht einsehen, daß die Engländer aus Angst vor Deutschlands wirtschaftlicher Überlegenheit auf den Weltkrieg zugesteuert haben sollen. Sie sind ja mit ihrem Handel Deutsch land weil voraus." „Heute noch, aber der Abstand ist von Jahr zu Jahr geringer geworden und zwar mit rasender Schnelligkeit." „Haben Sie dafür bestimmte Beweise?" fragte Petersen, der sich in seiner Ver bissenheit um alles andere mehr bekümmert hatte als um die Zunahme von Deutsch lands Außenhandel. „Genaue Zahlen kann ich Ihnen dafür nicht nennen, Sie finden sie aber in jedem statistischen Jahrbuch. Für die Richtigkeit der Behauptung selbst kann ich mich verbürgen." Petersen, der wohl spürte, wie er allmählich in die Enge getrieben wurde, sagte ärgerlich: „Mir ist's gleich, wie es sich verhält. Was den Ausbruch dieses Weltkrieges angeh:, da werde ich mit meinem Urteil einstweilen zurückhalten; denn das, was Sie in dieser Beziehung sagten, hat mir zu denken gegeben. Aber meine innere Stellung zu Deutschland wird davon im Grunde nicht berührt, weil ich als Däne empfinde." „Auch nachdem, was Sie heute auf der „Fredericia" erlebt haben? Glauben Sie, daß auch Deutschland mit den Frauen und Kindern seiner Gegner Krieg führt? Glauben Sie, daß auch Deutschland so rücksichtslos neutralen Staaten gegenüber auf tritt, wie es der englische Offizier an Bord der „Fredericia" tat? Oder ist Ihnen entgangen, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit welcher Herrenmiene er ver langte, daß die dänischen Matrosen die Kutter nach der „Suffolk" ruderten, und daß187 der dänische Kapitän sich fügte, nur um keinen weiteren zeitraubenden Scherereien aus gesetzt zu sein? Das sind die Herren, die nur für Belgien zu den Waffen gegriffen haben." „Ich sehe nicht, was das alles mit meiner persönlichen Stellung zu Deutschland zu tun hat." „Ja, wenn die Sache nun so läge, daß England die Welt mit anmaßender Willkürherrschaft bedroht und Deutschland die einzige Macht, die für sich und all die andern Kleinen sich dem widersetzen kann, müßte dann nicht ihre Stellung zu Deutsch land ganz anders werden? Wird nicht gegenüber dieser Frage die dänische winzig klein?" „Ja, wenn, wenn, wenn? Sie meinen also, wenn Deutschland so eine Art Weltmission zu erfüllen hätte, dann wäre es kleinlich, mit ihm eines persönlichen Zwistes willen zu grollen. Nicht wahr?" „Ungefähr so, obwohl ich Sie in Ihrem Gefühl, das nicht von Dänemark läßt, sehr wohl verstehe." „Ja, wenn das alles klipp und klar bewiesene Wirklichkeit wäre, was Sie da sagen, dann ließe sich darüber reden, ob man nicht einem Staat einer gewaltigen Welt aufgabe wegen ein kleines Unrecht verzeihen müsse." „Weiter Hab ich nichts gewollt. Wenn Sie erst einmal anfangen, wirklich, ohne Ihren alten Groll, zu prüfen, wie die Dinge liegen, dann werden Sie mir wahrschein lich recht geben. Seh'n Sie, ich war vorhin sehr guter Laune, aber vor dem, was wohl noch kommt, habe ich höllischen Respekt. Ich vermute sehr stark, daß uns dieser englische Kreuzer an irgend ein Konzentrationslager abgeben wird. Ich wünsche be sonders der Frauen und Kinder wegen, daß ich mich täusche und es besser wird, als ich vermute. Aber ich fürchte, ich fürchte, diese persönliche Bekanntschaft mit den Eng ländern wird es Ihnen ohne viel Worte beweisen, wo die kleinen Völker in diesem Riesenkampf stehen sollten, selbst dann, wenn eine alte Kluft sie von Deutschland trennt." „Sie sind ein warmer Anwalt Ihres Landes, aber Liebe und Abneigung wechselt man nicht wie ein lange genug getragenes Kleid." „Ist auch nicht nötig, Herr Petersen, nur für Gerechtwerden habe ich bei Ihnen werben wollen. Nach der Art, wie Sie mir gestern abend beisprangen, hatte ich den Eindruck, daß sich das bei Ihnen verlohnte. Übrigens da fällt mir noch etwas ein. Darf ich Sie fragen, auf welcher Seite Ihr Sohn denn kämpft?" „Auf deutscher Seite," gab Petersen ein wenig gepreßt zur Antwort und schwieg bann. Dr. Fischer, der befürchtete, durch seine Frage den andern verletzt zu haben, suchte nach einem Ausweg, das wieder gut zu machen. Er hatte an dem Ton, mit dem Petersen ihm geantwortet hatte, gespürt, daß sich dieser in einem inneren Konflikt befand. Aber Petersen war durchaus nicht verletzt, nur machte ihn der Gedanke an seinen Sohn einen Augenblick still und bedrückt. Er nahm nach kurzer Zeit selbst das183 Gespräch wieder auf und sagte lebhaft: „Mein Sohn ist deutscher Marineoffizier. Ich hatte ihn damals, als ich fort mußte, in Kiel auf der Schule gelassen, und da ist er dann nachher seinen eigenen Weg gegangen. Sehr gegen meinen Willen, wie Sie sich denken können. Aus seinen Briefen, mit denen er seinen Schritt rechtfertigte, klang derselbe Ton, den ich heute morgen und eben von Ihnen gehört habe." Mehr sür sich selbst als für Dr. Fischer setzte er hinzu: „Es ist merkwürdig, was für ein Geist in dies Land gefahren ist!" Am 1. Oktober lagen im Hafen von Barbados die englischen Panzerkreuzer „Berwick" und „Suffolk" vor Anker. Der Chef des Kreuzergeschwaders, das in den westindischen Gewässern Dienst tat, befand sich an Bord der „Berwick". Heute hatte er die Kommandanten der beiden Kreuzer zu einer Besprechung zu sich beschieden. Es mußten keine guten Nachrichten sein, die dem Admiral zugegangen waren; denn er schritt immer noch erregt in der Kajüte der „Berwick" auf und ab, während die ihm unterstellten Kapitäne schon eine ganze Weile auf den Beginn der Beratung warteten. Endlich unterbrach er seine Wanderung und fragte mit einer Stimme, die für den weiteren Verlauf der Verhandlung nicht gerade Gemütlichkeit verhieß: „Soll das nun in alle Ewigkeit so weiter gehen? Sollen wir zum Gespött und Gelächter werden? Ist es erhört, daß wir hier nun zwei Monate lang mit fünf Schiffen vergeb lich Jagd auf einen einzigen Kreuzer machen?" Die Kommandanten sahen ihn mit Gesichtern an, die das Unerhörte dieser Tat sache deutlich genug zum Ausdruck brachten, gleichzeitig schienen sie sagen zu wollen, daß sie eben aus dem Munde des Admirals zu vernehmen gehofft hätten, wie dieser unerhörten Komödie ein Ende gemacht werden könne. Von Vorschlägen solcher Art ließ aber der aufgebrachte Flottenchef vorläufig durchaus nichts hören, fuhr viel mehr fort, über Dinge zu klagen, an denen er mindestens ebenso viel Schuld trug wie die Kreuzerkommandanten vor ihm. „Acht Schiffe in einem einzigen Monat hat dieser Hecht von einem deutschen Kreuzer gekapert und versenkt. Rund 4V 000 Tonnen. Ich sage, 40 000!" Er hatte seine Wanderung wieder aufgenommen, und es schien, als ob ihm die Zahlen aufs neue derartig in die Glieder gefahren wären, daß er sich erst ein wenig erholen müsse. „Und was nun noch gerade gefehlt hat, da habe ich bestimmt gerechnet, habe bestimmte Zusicherung gehabt, daß die „Bristol" heute hier einlaufen würde und wir gemeinsam einen Einkreisungsversuch unternehmen könnten, und sie bleibt aus, bleibt aus, trotzdem sie nun mehr als sieben Wochen zur Ausbesserung in Kingstown ge legen hat." Dabei schoß der Admiral so wütende Blicke, daß ein Unbeteiligter hätte meinen können, die beiden Kreuzerkommandanten trügen die Schuld am Ausbleiben des189 kleinen Kreuzers. Um ihre Meinung noch nicht befragt, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Zornausbrüche mit schweigender Aufmerksamkeit anzuhören. Als der Admiral endlich, nachdem er sich gesetzt hatte, herausstieß: „Sagen Sie selbst, meine Herren, kann das so weitergehen?", da benutzte der Kommandant der „Berwick" die Gelegenheit und bat um die Erlaubnis, einen Vorschlag machen zu dürfen. Sein Vorgesetzter brummte etwas, was man, wenn man wollte, als Zustimmung auffassen konnte, und so setzte denn der Kapitän seinen Plan auseinander: „Die letzten Nachrichten von gekaperten Schiffen sind aus der Höhe von Pernambuko gekommen, demnach muß sich die „Karlsruhe" ihr Jagdgebiet weiter südlich gesucht haben. Sollte sie noch weiter südlich gehen, so kommt sie in die Operationszone des Haupt geschwaders." „Ich wollte, sie kreuzte am Südpol, das wäre dann südlich genug!" warf der Admiral grimmig dazwischen, und man merkte es seinem Gesichte an, daß es ihm gar nicht so unerwünscht gewesen wäre, wenn der unbequeme deutsche Kreuzer ganz aus seinem Bereich verschwunden wäre und einmal anderen Herren das Leben ver sauert hätte. Der Kommandant der „Berwick" fuhr fort: „Ich hielte es für geraten, „Essex" an der brasilianischen Küste zu belasten, „Suffolk" in das Gebiet von St. Thomas zu senden und „Berwick" in Georgetown vor Anker gehen zu lasten. „Berwick" müßte, wenn der Gegner nach Norden oder nach Süden gejagt würde, auf die von „Suffolk" oder „Essex" gegebenen Nachrichten hin ihm den Weg zu verlegen suchen. Selbst wenn es der „Karlsruhe" einige Male gelänge, zu entschlüpfen, sie würde doch schließ lich nach meiner bescheidenen Meinung einer so organisierten Jagd zum Opfer fallen. „Lancaster" bliebe zum Dienst im Karaibischen Meer zur Verfügung." Der Admiral, der bei aller Ratlosigkeit doch seine eigene Autorität gewahrt zu sehen wünschte, ging durchaus nicht sofort aus den Vorschlag ein, obwohl es ihm schien, daß er Erfolg verspräche. Umständlich wurde das Für und Wider erwogen und end lich beschlosten, daß der vorgetragene Plan zur Ausführung gebracht werden solle. Der Admiral wollte aber mit der Nachricht an die eigenen Schisse warten bis zum folgenden Tage. Er war, was die „Karlsruhe" anging, schon so an Überraschungen gewöhnt, daß er es nicht für ausgeschlossen hielt, auf einmal Nachrichten über ein weg genommenes Schiff von einer ganz anderen Stelle des Atlantischen Ozeans zu be kommen. Am Nachmittag des nächsten Tages kreuzte die „Karlsruhe" bei trübem und regnerischem Wetter auf der Höhe von Eayenne. Köhler lag auf der Lauer, er hoffte, daß noch heute ein englischer Passagierdampser ihm in den Weg laufen würde. Von der Abfahrt hatte er sichere Kunde. Da brachte um 5 Uhr der Offizier aus der Funkenbude eine aufgefangene Nach richt, die zu denken gab.„Essex,, nicht Barbados, bleiben, selbst Georgetown." Köhler ging einige Male nachdenklich in seiner Kajüte auf und nieder. Auf einmal pfiff er leise durch die Zähne und sagte unternehmungslustig zu sich selbst: „Wie wär's!" Noch einmal begann er zu überlegen. Offenbar war Barbados zum Sammelpunkte für das Ge schwader bestimmt gewesen. Die Unternehmung konnte nur ihm gelten. Der Plan muhte umgestoßen sein, und jetzt hatte man Georgetown zur Basis gemacht. Noch einmal wog der Kommandant der „Karlsruhe" Gefahr und zu erhoffen den Vorteil ab. Barbados hatte große Kohlenvorräte und Telefunkenftation. Noch einmal überdachte er den Wortlaut der aufgefangenen englischen Nachricht. Er kam zum gleichen Schluß, und nun stand es bei ihm fest: „Geht ihr nach Georgetown, gehn wir nach Barbados!" Er ließ drehen und die „Karlsruhe" dampfte mit mäßiger Fahrt nach Nord- Nordost. Den Kurs ein wenig nach Osten zu nehmen, hielt Kapitän Köhler für ge raten; denn er verspürte durchaus keine Lust, dem Herrn Admiral zu begegnen, der jetzt vielleicht in südlicher Richtung dampfte. Sicher war sicher! So kam der Abend. Genau um 8 Uhr befahl der Kapitän westlichen Kurs. Dann ließ er Oberleutnant Petersen zu sich befehlen. Als Jens Petersen die Kajüte wieder verließ, war sein Gesicht ein wenig rot, und seine Augen glänzten. Es war vor Freude über den empfangenen wichtigen Auf trag. Doch nun galt es, die Zeit auszunutzen und alles zur Landung vorzubereiten. Eine halbe Stunde später stand ein Kommando von 3V Mann im Zwischendeck fertig. Jens musterte jeden einzelnen Matrosen, besonders genau die Sprenggruppe. Er ließ dann die Leute wegtreten und riet ihnen, bis weitere Befehle kämen, zu ruhen. Daraus überzeugte er sich, daß auch die Dampfpinasse klar war und ein Boot mit zwei Riemen, das ins Schlepptau genommen werden sollte, bereit lag. Um 10^ Uhr befahl Jens Petersen die Landungsmannschaften aufs Deck; denn die „Karlruhe" war nur noch zehn Kilometer von Barbados entfernt. Der Regen hatte aufgehört, aber am Himmel jagte schwarzes Gewölk, und kein Stern war zu sehen. Eifrig spähten die Matrosen nach Westen, und als sie endlich Lichter zu er kennen glaubten, waren sie froh, daß das Warten auf den feinen Streich nun bald ein Ende nehmen würde. Die „Karlsruhe" stoppte, jeder nahm seinen Platz in der Pinasse ein, dann wurde sie zu Wasser gelassen. Die See war unruhig, aber alles ging glatt. Bald schaukelte auch das Bo^t hinter der Dampspinasse auf den Wellen. Nun setzte sie sich in Bewegung und dampfte auf die Hafenlichter zu, während die „Karlsruhe" liegen blieb. „Jetzt fällt kein W )rt mehr", raunte Petersen seinen Leuten zu, als sie sich der Hafeneinfahrt genähert hatten. Ein Maat und ein Matrose stiegen geräuschlos in das Boot und ruderten in den Hafen hinein. Kein Klatschen des Wassers und kein191 Kreischen der Ruder war dabei zu hören. Lautlos glitt das kleine Fahrzeug in den nur spärlich erhellten Hafen. In der Dampfpinasse wartete man gespannt auf die Rückkehr. Als auf einem der im Hafen liegenden Dampfer ein Hund anschlug, wurde Jens Petersen ein wenig unruhig. Das Boot konnte entdeckt werden, und dann war der ganze Plan über den Haufen geworfen. Aber alles blieb still. Nach einer knappen Viertelstunde tauchten die verschwommenen Umrisse des Bootes am Hafeneingang wieder auf. Es legte sich neben die Pinasse und der Maat meldete halblaut: „Hafen von Kriegsschiffen frei." Sofort dampfte die Pinasse eine Strecke zurück, um nicht vom Hasen aus beobachtet zu werden, und signalisierte mit einer roten Laterne dem Kreuzer: „Hafen von Kriegsschiffen frei." Zur Sicherheit war das Licht nach drei Seiten abgeblendet. Dann gab Jens Petersen Befehl, nach Norden zu steuern. Als er die Insel so eine kurze Strecke links hinter sich bekommen hatte, ließ er Kurs nach Westen nehmen und dann genaue südliche Richtung einschlagen, um so das Nordufer zu er reichen. Als sie sich dem Strand näherten, suchte er vergeblich die Dunkelheit zu durch dringen und den Turm der Funkenstation, der sein nächstes Ziel war, zu entdecken. Es blieb nichts anderes übrig, als näher an Land zu dampfen und dann am Ufer entlang zu fahren. Sie hielten auf ein kleines Licht zu, und sahen nach wenigen Augenblicken die dunkle Masse des Turmes auftagen. Das Licht schien aus der daneben befind lichen Station zu kommen. Das Wasser wurde seichter und die Pinasse mußte anlegen, wenn sie nicht auf Grund geraten wollte. Die Gewehre überm Kopf, Patronentasche um den Hals und die Sprengstoffe vorsichtig emporstreckend, so watete das kleine Kommando an Land. Nichts ließ sich hören, bisher war der deutsche Besuch scheinbar völlig unbemerkt ge blieben. Lautlos wurde der Hofraum, der Turm und Station einschloß, umstellt. Die Bajonette wurden aufgepflanzt, wenn irgend möglich, sollte kein Schuß fallen. Jens Petersen hatte schon vorher einen Obermaat und drei Mann bestimmt, die die Beamten der Station unschädlich machen sollten. Aus einen Wink schwangen sich diese jetzt über die halbhohe Mauer. Sie duckten sich auf dem Hof und schlichen auf die Fenster zu, aus dem Licht schien. Der Obermaat Stessens ließ sich von zwei Matrosen dicht hinter dem Fenster emporheben, spähte, das Gewehr im Anschlag, in den Raum und sah nur einen Beamten an einem Tisch sitzen. Er hatte ihm den Rücken zugekehrt. Im nächsten Augenblick wurde der Gewehrlauf durch die Scheiben gestoßen und Steffens rief: „Hände hoch!" Erschrocken fuhr der Beamte herum, sah vom Fenster her drohend einen Ge wehrlauf auf sich gerichtet und beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. „Fenster öffnen" wurde ihm weiter befohlen. Zur Sicherheit war er jetzt auch noch von einem Matrosen aufs Korn genommen worden. Das Fenster ging auf, und die vier kletterten in den Raum, doch so, daß immer ein Gewehr im Anschlag lag. Dem Beamten der192 Funkenstation war der nächtliche Überfall so in die Glieder gefahren, daß er am ganzen Körper zitterte. Offenbar glaubte er, daß seine letzte Stunde gekommen wäre. Der Obermaat entfernte die Hauptteile aus dem Telefunkenapparat und gab dann einem der Matrofen den Befehl, vom Dach aus das verabredete Signal zu geben. Dieser öffnete die von innen verschlossene Haustür und bekam von draußen die Laterne ge reicht. Sie wurde innen angezündet, und dann wurde dem Beamten bedeutet, den Weg nach oben zu zeigen. Er schritt die Treppe hinauf, der Obermaat, der Matrose mit der Signallaterne und sein Wächter mit schußfertigem Gewehr folgten. Eine kleine Luke führte auf das flache Dach. Kaum aber hatten sie es betreten und der „Karls ruhe" signalisiert: „Apparat betriebsunfähig!", da krachten fast zu gleicher Zeit zwei Schüsse durch die stille Nacht. Der eine ging in das Glas der Laterne, daß sie klirrend zu Boden fiel, der andere mußte den englischen Beamten getroffen haben, denn dieser war mit einem Aufschrei vornüber gestürzt. Die deutschen Matrosen standen ratlos in der Finsternis. Aber im nächsten Augenblick war die ganze Station von Hellem Licht Übergossen. Es war so grell, daß es zuerst blendete, dann sahen sie in kaum hundert Schritt Entfernung Barackenreihen, die durch straßenartige Gänge von einander ge trennt waren. Von hier aus warfen mächtige elektrische Bogenlampen ihre Licht strahlen. Konzentrationslager! schoß es dem Obermaat durch den Kopf. Zu langem Besinnen blieb keine Zeit; denn schon krachte Schuß auf Schuß durch die Nacht. Hastig tasteten sie sich zurück nach der Luke, was ohne Licht nicht ganz ungefährlich war. In zwischen jammerte und stöhnte der getroffene Beamte. Der Obermaat betrat zuerst die oberste Stufe und raunte dann den beiden Martofen zu, den Verwundeten zu ihm zu tragen. Er nahm diesen in seinen starken Arm und trug ihn wie ein Kind nach unten. Das Schießen hatte dabei nicht aufgehört. Kaum war der Obermaat auf der schmalen Stiege bis unten gekommen, da stürmten die beiden Matrosen an ihm vorbei in den Hof und waren mit einem Satz über die Mauer. Die Landungsmannschaft lag platt aus der Erde und hatte bis jetzt jeden Versuch der englischen Wachmannschaft, näher zu kommen, vereitelt. Aber ob sie sich auch an den Boden duckten, schon waren in dem grellem Licht sechs Mann ver wundet worden, und Oberleutnant Petersen sah ein, daß sich seine Leute auf diese Art allmählich verbluten mußten. Er mußte das letzte wagen. „Zum Sturm bereit halten" ging es leise von Mann zu Mann, und wenige Sekunden später dröhnte des Oberleut nants Stimme über den Platz: „Zum Sturm auf, marsch, marsch!" Mit mächtigen Sätzen eilte er vorwärts, und ein Hurra erscholl durch die Nacht, das einer ganzen Kompagnie alle Ehre gemacht hätte. Die Engländer stutzten einen Augenblick, gleich darauf taten die Bajonette der kleinen Matrosenschaar ihr Werk. Der Feind zeigte den Rücken. Schuß auf Schuß fuhr unter die Fliehenden, und mit dumpfem Geräusch stürzten die Getroffenen aus das Pflaster. Schon waren die Engländer über die Lagerumfriedigung zurückgeworfen, und Petersen hatte Befehl gegeben, das Tor mit dem Kolben auf zuschlagen, da scholl vom Hof der Station her die Stimme des Obermaats: „Zurück,Dein deutschen Admiral Maximilian Grasen von Spee gelang bei Kriegsausbruch die Iusammenziehung des im Atlantischen Ozean verstreuten deutschen Geschwaders unter seinen Oberbefehl. Siegreich kämpfte er in der Schlacht bei Coronet. Aber einem furchtbaren Ausgebot englisch-fran zösisch-japanischer Kriegsschiffe gelang es endlich, an den Falk- landsinseln das Geschwader des Grafen Spee nach helden mütiger Verteidigung zu vernichten, während es nur der „Dresden" zu entkommen gelang.193 Feinde im Rücken!" Und als Petersen sich umwandte, sah er einen Zug von min destens 5V Mann die breite aus der Stadt zur Station führende Straße heraufeilen. Jetzt wurde es ernst! Einen Augenblick überlegte er, dann stürmte er mit dem Ruf: „Vorwärts, mir nach!" dem neuen Feinde entgegen. Schüsse krachten, die vordersten aus der Bürger wehr, denn um diese handelte es sich, wälzten sich in ihrem Blute. Der Zug stockte. Diese kurze Zeitspanne benutzte Jens Petersen, seine Leute bis an die Mauer des Stationshofes zurückzuführen. Es gelang. Angekommen, machten sie kehrt, und noch einmal krachte eine Salve in die Reihen des neuen Feindes. Neues Stocken! Zwölf Matrosen schwangen sich über die Mauer, aber nur zehn kamen unverletzt auf die Erde. Die Wachmannschaft aus dem Konzentrationslager war von neuem vor gegangen, und ihren Kugeln waren Petersen und ein Maat jetzt zum Opfer gefallen. Beide waren zu Boden gestürzt. Der Maat blieb liegen — Kopfschuß stellte sich später heraus — Petersen sprang wieder auf. Er spürte einen stechenden Schmerz im Oberschenkel und biß die Zähne zusammen. „Deckung hinter der Mauer!" rief er, als er die Matrosen zum Stationsgebäude zurückeilen sah. Im Nu war die dem Feinde zugekehrte Seite des Hofes in regelmäßigen Abständen von den Matrosen besetzt. Schuß auf Schuß krachte. „Ruhig schießen!" Oberleutnant Petersen hatte dem gefallenen Maat das Gewehr aus den fest zusammengekrallten Fingern genommen und schoß wie auf dem Scheibenstand. Seine Ruhe steckte bald an. Nachdem mehrere Gegner, die sich allzukühn vorgewagt hatten, durch wohlgezielte Schüsse zu Boden gestreckt waren, hielten sich die anderen in respekt voller Entfernung. Es war aber auch gut so, denn die Patronen wurden knapp. Leise verständigte man sich, nur zu schießen, wenn der Erfolg ganz sicher wäre. Wenn doch bald Hilfe von der „Karlsruhe" käme! Wo bloß der Obermaat bleibt, hatte Jens Petersen schon mehrere Male gedacht, aber dadurch, daß die bedrohte Lage seines kleinen Kommandos seine ganze Aufmerk samkeit erforderte, war er immer wieder davon abgekommen. Er ahnte nicht, daß der Vermißte inzwischen an der Hinterseite des Hofes sechs Mann in Schach ge halten hatte. Als die Bürgerwehr als neuer Feind erschien, hatte der Maat gleichzeitig eng lische Uniformen an der Seeseite schleichen sehen, und nachdem er den Oberleutnant auf den neuen Gegner aufmerksam gemacht, hatte er an der Mauer Stellung ge nommen und auf eigene Faust gehandelt. Aber obwohl er bereits vier Engländer hatte stürzen sehen und dann immer für einen Augenblick Ruhe gehabt hatte, waren der Angreifer immer mehr geworden.194 Jetzt scholl des Obermaats Stimme nach vorn: „Hilfe, Feinde im Hof!" „Sie übernehmen hier das Kommando!" schrie Petersen einem Maat zu, der bisher schon das sparsame Feuer an der linken Seite des Hofes geleitet hatte, dann stürmte er mit drei Matrosen in den Hinteren Teil des Hofes. Der Obermaat war an die Mauer gedrängt und erwehrte sich mit wütenden Bajonettstößen der Angreifer. Jetzt kam die Rettung! Das halbe Dutzend schon eingedrungener Engländer mochte offenbar meinen, daß da hinter den Matrosen, die eben um die Hausecke kamen, ein ganzes Seebataillon stecke. Sie machten schleunigst kehrt. Und als sie ihren Irrtum merkten und von neuem die Mauer zu ersteigen suchten, bezahlten drei von ihnen diesen Versuch mit dem Leben. Da, was war das? Oberleutnant Petersen sah auf einmal Mauer und Lager und Turm in kreisender Bewegung. Alles drehte sich um ihn, und im nächsten Augen blick schwanden ihm die Sinne. „Ich übernehme das Kommando!" rief der Obermaat, befahl einem der Ma trosen, den Oberleutnant, von dessen Verwundung die Leute erst jetzt etwas erfuhren, zu verbinden. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Gegner zu. Es blieb jetzt eine ganze Weile still. Die Engländer hielten sich in Deckung, sie hatten das Vorstürmen im hellen Licht schon teuer bezahlt. Sie schienen unschlüssig, und das Ge fecht ruhte. Nur, wenn sich an der Mauer ein Kops sehen ließ, prasselte ein Hagel von Geschossen in den Hof. Da erloschen auf einmal die Bogenlampen, und man konnte keine Hand vor den Augen sehen. Die eingeschlossene kleine Truppe wußte, was es bedeutete, man wollte es mit einem Sturm im Dunkeln versuchen, um so die verteufelte Schießüber- legenheit der Deutschen auszuschalten und die eigene Übermacht zur Geltung zu bringen. „Wenn nur die Verwundeten nicht wären", dachte der Obermaat, „dann würden wir die Dunkelheit schon auf unsere Art ausnutzen." Er hatte die Möglichkeit eines Durch bruchs erwogen. Aber wegen der armen Kerle ging es nicht. Und endlich mußte ja auch Hilfe kommen. Er ließ die Leute von der Mauer weg sich auf die Station zurück ziehen und hatte gerade Befehl gegeben, drinnen alle Lichter anzudrehen, um ss den Hof hell zu bekommen, da dröhnte von der Straße her ein Hurra durch die Nacht. Wohl flammten sofort die Bogenlampen wieder auf, wohl suchten die Engländer sich des neuen Gegners zu erwehren, es war zu spät. Oberleutnant Iülichers Abteilung war im Schutz der so ganz anders gemeinten Dunkelheit unbemerkt herangekommen und war jetzt mit dem Feind im Handgemenge. Iülicher selbst war, als er den Befehl zum Angriff gegeben hatte, vorausgestürzt, hatte sich zu weit vorgewagt und sah sich auf einmal mitten in einem wüsten Knäuel von Engländern. Ein Glück für ihn, daß niemand von der Schußwaffe Gebrauch machen konnte, ohne die eigenen Kameraden zu treffen. Der Kolbenstöße erwehrte er sich mühsam, da sprengten seine Matrosen den Ring.Inzwischen hatte der Obermaat von der Station her die Feinde im Rücken gefaßt. Sie wurden mit Bajonett und Degen und Dolch immer mehr auf einen engen Raum zusammengedrängt. Wohl wehrten sie sich erbittert und verbissen. Als aber endlich ihr Kapitän zu Boden sank, da streckte der Nest die Waffen. Kaum begann die Erregung des Gefechts nachzulassen, als Iülicher den Kame raden vermißte. Er fragte nach Petersen und erfuhr, daß er verwundet war. Auf die Versicherung des Obermaats, daß ein Notverband angelegt sei, gab er sich vor läufig zufrieden. Er befahl, die verwundeten Kameraden und die verwundeten Eng länder zu verbinden, und sandte sofort Meldung an den Schiffsarzt, der bald zur Stelle war. Dann schickte er vier Trupps von je fünf Mann unter Führung eines Maats durch die größeren Straßen, um zu verhindern, daß außer der Bürgerwehr noch Gegner auf dem Plan erschienen. „Die Fenster haben geschlossen zu bleiben, es wird sofort geschossen, wenn dem nicht Folge gegeben wird!" schärfte er den Leuten ein. Die Gefangenen wurden geordnet und gezählt: 64 Mann, dazu 95 Gewehre. Der Schiffsarzt war erschienen und mit ihm Sanitätsmannschaften mit Trag bahren. Die eigenen Verwundeten, soweit sie nicht gehen konnten, wurden ins Lazarett der „Karlsruhe" geschafft, die verwundeten Engländer in die nächste Straße getragen. Da Petersen verwundet war, übernahm Iülicher seinen Auftrag. Er gab Befehl, daß die Sprenggruppe die Sprengung des Funkenturms und der ganzen Station vorbereiten solle, und erfuhr nun, daß von den Sprengmannschaften nur einer unverwundet war. Sofort ging darüber Meldung an den Kapitän ab, es wurde eine neue Spreng gruppe erbeten und gleichzeitig um Verhaltungsmaßregeln dem Konzentrationslager gegenüber ersucht. Die Zwischenzeit benutzte Iülicher, die Leichen fortschaffen zu lasten. Sie waren schon vorher von den Matrosen aufgehoben und bis an die Mauer getragen worden, weil man sonst in dem Gewirr darüber gestolpert wäre. Jetzt wurden die gefallenen Engländer — 17 an der Zahl — auf den freien Platz getragen, der das Konzen trationslager umgab. Weiter mochten nach der Abfahrt der „Karlsruhe" die eigenen Landsleute zusehen. Die fünf gefallenen Kameraden wurden an das Llfer gebracht und an der Stelle ins Gras gelegt, wo die Landungsmannschaften Barbados betreten hatten. Hier gedachte man ihnen, wenn der Plan dieser Nacht ganz durchgeführt war, ein gemeinsames Grab zu bereiten. Es kam Befehl vom Kapitän, der Iülicher auftrug, Petersens Aufgabe zu Ende zu führen und für Sicherheit in der Stadt zu sorgen. Dazu bemerkte der Überbringet, daß der Kapitän selbst Anordnungen über die Deutschen in dem Konzentrationslager treffen würde und ihm folge. 813« 195Eine neue Sprenggruppe war gleichzeitig eingetroffen, und Iülicher ließ alles so weit vorbereiten, daß es nur des Befehls bedurfte, um Turm und Station an den Boden zu legen. Dann ließ er sich von einem gefangenen englischen Unteroffizier die Schlüssel zu den Baracken aushändigen, damit für den Kommandanten kein unnötiger Aufent halt entstände. Kurze Zeit danach erschien der Kapitän, ließ sich von Iülicher kurz Bericht er statten und ging in Begleitung von sechs Matrosen in das Konzentrationslager. Hier war alles wach, da aber die Türen verschlossen waren, war niemand zu sehen. Bei jeder Baracke wiederholte sich der gleiche Vorgang. Sobald der Schlüssel herumgedreht war, wurde die Tür schon von innen aufgedrückt. Und dann ging, beim Anblick der deutschen Matrosenuniform, der Jubel los. Für den Kapitän der „Karlsruhe" stand es sofort fest, daß seine Landsleute von hier fortgeschafft werden mußten. Englische Konzentrationslager waren die Hölle, das war von den Burenkriegen her bekannt genug. Jedesmal, wenn er ältere Männer und Frauen aus den Barackentüren drängen sah, stieg die Erbitterung in ihm auf, daß er die Fäuste ballte. Aber jetzt galt es zu handeln! „In vier Reihen ordnen!" rief er in den froh durcheinanderwogenden Haufen hinein. Die Nacht würde herumgehen, und viel Zeit war nicht mehr zu verlieren. „Stellen Sie fest, um wieviel Personen es sich handelt, und dann sorgen Sie dafür, daß sich die Leute mit ihren Sachen bereit halten!" befahl er einem Maat und ging wieder zurück. Die internierten Deutschen wußten sich vor Freude über die un verhoffte Befreiung kaum zu lassen. Da die Matrosen zur Eile mahnten, standen sie rasch in Reihen, und es ergab sich, daß es sich um etwa 400 Mann handelte. Schon bei dieser flüchtigen Zählung hatten die Matrosen festgestellt, daß darunter kaum 50 Männer in wehrpflichtigem Alter waren. Der Kapitän hatte inzwischen die Leitung in der Stadt selbst übernommen und Iülicher beauftragt, einen im Hafen liegenden englischen Frachtdampfer, dessen Ladung gelöscht war, als Passagierdampfer herzurichten. Bor allem sollte er ihn mit Kohle und Proviant versehen. Er begab sich nun ins Konzentrationslager zurück und stellte mit Befriedigung fest, daß er die Zahl ungefähr richtig abgeschätzt hatte. So viel würde der englische Frachtdampfer aufnehmen können. Als Köhler von den Befreiten als Kapitän erkannt wurde, wollte ein Hurra aufsteigen, aber er winkte ab und setzte dann zur Erklärung hinzu: „Fünf Tote!" Die Worte kamen ihm trocken aus der Kehle, als ob es ihn gewürgt hätte. Er kannte jeden einzelnen Mann von seiner Besatzung. Inzwischen wurde im Hafen fieberhaft gearbeitet. Glücklicherweise war die „Karlsruhe" schon mit Kohlen versehen, und ein Teil der eigenen Mannschaft stand Iülicher also zur Verfügung. Er ließ aber auch die Besatzung der im Hafen liegenden englischen Schiffe mit angreifen, wie sie auch vorher schon beim Kohlen hatte helfen müssen. Wenn sich einer von den englischen Matrosen nicht willig zeigte, dann ließ er 19k197 wie spielend den Revolver aus der einen Hand in die andere gleiten. Das wirkte sofort. Die Bunker wurden mit Kohle gefüllt und Fleisch, Brot, Kartoffeln und Kon serven in die Vorratsräume geschafft. 40» Mann erforderten auch für eine kurze Fahrt schon eine schöne Menge an Proviant. Die Schreiner teilten im Zwischendeck durch Verschlage mehrere Räume ab. Es sollten nicht wie im Konzentrationslager Männer, Frauen und Kinder durcheinandergewürfelt werden. Dann mußten die Plätze für die Hängematten festgestellt werden. Das war das schwierigste Stück Arbeit, denn dieser dickbäuchige Dampfer hat gewaltig viel Raum, wenn es galt, Stückgüter zu ver stauen, aber die Plätze, wo man Menschen ordentlich unterbringen konnte, waren natürlich knapp. Aber es ging doch, und morgens um 4^ Uhr konnte Iülicher seinem Kapitän Meldung schicken, daß alles zur Aufnahme der Internierten bereit sei. Er selbst stand an Backbord, als bald darauf mit Handtasche oder kleinem Bündel die Männer, Frauen und Kinder den Dampfer bestiegen. Es waren Matrosen aufgestellt, die die Plätze anwiesen, damit kein Wirrwarr entstehen sollte. Da war ein großer Raum für Frauen und Kinder und ein zweiter für Männer, der Rest wurde dahin verteilt, wo man noch irgend ein Plätzchen ausgespürt hatte. Die Gesichter der Landsleute, die Iülicher an sich vorbeigehen sah, waren froh, wenn auch die meisten die Spuren der englischen Haft zeigten. Da, was war das gewesen? Schon waren sie vorbei, denn es ging unaufhör lich weiter. Hatte ihn ein Spuk genarrt, oder war da wirklich nur wenige Schritte entfernt Ilse Petersen mit ihren Eltern vorbeigeschritten? Aber er war hier nötig und mußte dort anordnen, für eigene Dinge blieb keine Zeit. Er mußte sich aber gewaltig zusammenreißen, daß er jetzt keine Dumm heiten machte. Es war nicht leicht, nur an den Dienst zu denken, wenn man Ilse Petersen in unmittelbarer Nähe glaubte. Er ging nach der Anbordnahme der Deut schen durch alle Räume des Dampfers und überzeugte sich selbst, daß alles bereit war. Schon bevor mit der Umwandlung des Frachtdampfers in einen Passagierdampfer nur begonnen war, hatte er Feuer unter die Kessel machen lassen, und es war seine schwerste Sorge gewesen, daß nicht rechtzeitig genug Dampf da wäre. Als er jetzt den Maschinenraum betrat, meldete ihm der Ingenieur: „Jeden Augenblick zum Aus laufen bereit!" Da atmete Iülicher auf. Er stieg wieder an Deck und beauftragte letzt einen Maat, in den Räumen des Zwischendecks Nachfrage zu halten, ob jemand mit dem Namen Petersen an Bord wäre. Der Maat kam kurz darauf zurück und meldete, daß ein Herr Petersen mit Frau und Tochter unten wäre. Die Frau ließ fragen, ob sie den Oberleutnant Petersen sprechen könne. Dadurch wurde in Iülicher erst wieder der Gedanke an den verwundeten Kameraden geweckt. Die letzten Stunden hatten so viel an Aufregung und an Arbeit gebracht, daß er den armen Petersen tatsächlich fast vergessen hatte. Jedenfalls durfte die Mutter, solange nicht die Möglichkeit für sie vorlag, ihren Sohn zu sehen, nichts von seiner Verwundung erfahren. Er schickte deshalb den Maat wieder nach unten,198 ließ ihn eine Empfehlung ausrichten und sagen, daß er sich nach Oberleutnant Petersen umsehen wolle. Er wäre gern selbst nach unten gegangen, aber, obwohl er im Augen blick die Zeit dafür wohl hätte erübrigen können, hatte er doch das Gefühl, damit gegen seine Dienstpflicht zu verstoßen. „Das Schiff und der Befehl und nicht ich!" dachte er und ging an Bord der „Karlsruhe". Er ließ sich bei dem Schiffsarzt melden und erkundigte sich nach dem Befinden seines Kameraden und dem der verwundeten Matrosen. Der Arzt erklärte ihm, daß alle den Umständen entsprechend wohlauf seien und bei niemand ein schlimmer Verlauf der Verwundung befürchtet zu werden brauche, nur Oberleutnant Petersen sei noch ohne Bewußtsein. Erschrocken fuhr Iülicher bei dieser Nachricht zusammen und fragte hastig nach der Art der Wunde. Nun erfuhr er, daß es sich um einen an sich ganz harmlosen Fleischschuß in den Oberschenkel handelte, daß aber arger Blutverlust einen bedenklichen Schwächezustand hervorgerufen hätte. „Aber der Obermaat Steffens hat mir doch versichert, daß er sofort für Ver binden der Wunde habe Sorge tragen lassen" warf Iülicher erregt ein. „Der Verband war auch mit aller Sorgfalt angelegt, und wenn ich bedenke, daß er mitten im Gefecht und im feindlichen Feuer gemacht war, so kann ich dem be treffenden Matrosen meine Anerkennung nicht versagen, den großen Blutverlust muß Herr Oberleutnant Petersen vorher schon gehabt haben. Ich vermute, er wird auch nach dem Schuß das Kommando ruhig weitergeführt haben, bis er eben zusammen gebrochen ist." „Und haben Sie überhaupt noch Hoffnung?" fragte Iülicher nach einer Weile ernst. „Es hängt alles vom Verlauf der Ohnmacht ab. Nach meiner Schätzung hat Petersen eine kräftige Natur, und die wird ihn den Aderlaß aushalten lasten." Mit einem Händedruck verabschiedete sich Iülicher von dem Arzt und stieg wieder nach oben. Nun warteten da drüben Vater, Mutter und Schwester. Sollte er denen nun sagen lasten, wie es stand? Die nächsten Stunden wären für sie un erträglich gewesen, er ging an Bord der „Highland Hope" und ließ durch einen Maat sagen, daß Oberleutnant Petersen augenblicklich noch im Dienst wäre und nicht ab kommen könne. „Wendet es sich zum Guten," dachte er, „dann haben sie die Sorge nicht gehabt, und geht es schief, dann erfahren sie es früh genug." Während Iülicher mit sorgendem Gesicht an den schwerverwundeten Kame raden dachte, wurde am Strand ein Grab für die fünf gefallenen Matrosen geschaufelt. Dicht nebeneinander wurden sie gebettet, wie sie dicht nebeneinander gefallen waren. Köhler warf die erste Schaufel voll Erde in die Gruft, und es war, als ob es dem immer Frohen schmerzlich um den Mund gezuckt hätte. Die Matrosen folgten, und dann wurde die Gruft rasch gefüllt. Erst als ein niedriger Hügel sich darüber wölbte, nahm der Kapitän das Wort: „Ihr seid die ersten Opfer, die wir dem Krieg gebracht haben. Wenn der Wind das Rauschen der Wellen zu euren Gräbern trägt, sollen199 sie euch von uns erzählen, daß wir treu der Pflicht waren, wie ihr. Das sei unser neues Gelöbnis in dieser Stunde an euch und das Vaterland." Einen Augenblick standen Kommandant und Matrosen stumm. Dann krachte eine Salve über das Seemannsgrab am Strande und die Trauer feier war zu Ende. Euch hat die Erde, ihr Toten, und uns hat das Leben und die Pflicht! Es war keine Zeit mehr zu verlieren, schon lag im Osten ein rötlicher Schimmer, und wenn der Tag ganz herausgestiegen war, sollte die „Karlsruhe" auf dem offenen Meere schwimmen. Mochte es jetzt donnern und krachen und dadurch den Feind herbeirufen, es war alles bereit. Kapitän Köhler gab Befehl zur Sprengung. Eine Explosion legte das Stationsgebäude in Trümmer, aber der Turm zitterte beim ersten mal nur ein wenig, als ob er sich trotzig geschüttelt hätte. Daß er schon im Fundament gelockert war, konnte man freilich von außen nicht sehen. Als dann der zweite Spreng schuß losging, stürzte der ganze Turm mit lautem Krachen in sich zusammen. Unterdessen hatten die Matrosen ein Holzkreuz genagelt und mit ungelenker Hand darauf geschrieben: „Hier ruhen fünf deutsche Seeleute!" Bis der Abmarsch besohlen war, so lange wurde an dem kleinen Hügel geschaufelt und geplättet. Die kleinen Sicherheitsabteilungen wurden aus der Stadt zurückgezogen, es war alles ruhig geblieben. Dann ging es still zum Hasen zurück, wohin die Pinasse schon vorher ab gedampft war. Kapitän Köhler ging an Bord der „Karlsruhe", wo ihm der erste Offizier meldete, daß der Kreuzer zum Auslaufen bereit sei. „Lassen Sie die Kohlenspeicher anzünden!" befahl der Kommandant. Dann ließ er Oberleutnant Iülicher in seine Kajüte rufen, der ihm ebenfalls melden konnte, daß alles in Ordnung war. „Sie übernehmen das Kommando an Bord der „High land Hope"!" Iülicher hätte am liebsten einen Freudensprung getan. „Sie nehmen zuerst Kurs nach Ost und führen dann den Dampfer in südlicher Fahrt nach Pernambuko. Hier werden die Landsleute an Land geschafft, Sie nehmen Kohlen ein und laufen sofort mit genau östlicher Fahrt wieder aus. Bei Tage führen Sie die englische Flagge! Wer Frauen und Kinder in solche Baracken sperrt — ich bin vorhin durch zwei von ihnen gegangen — der kann nicht mehr verlangen, daß man seine Flagge respektiert. Noch irgend eine Frage?" „Nein, Herr Kapitän!" „Dann gute Fahrt!" Iülicher war entlassen. Am Backbord stieß er auf den Schiffsarzt und konnte im Vorbeigehen noch die tröstliche Nachricht mitnehmen, daß Petersen bei Bewußt sein und die schlimmste Gefahr vorüber sei. Wenige Minuten später dampfte die „Highland Hope" zum Hafen hinaus. Am Mast wehte die englische Fahne, denn es war inzwischen völlig Tag geworden. Vom Deck der „Karlsruhe" flogen Abschiedsworte zu den Kameraden hinüber, während200 die Besatzung der im Hafen liegenden englischen Dampser in ohnmächtigem Grimm schweigend stand. Am Signalmast an der Hafeneinfahrt war die englische Flagge niedergeholt und die schwarz-weiß-rote flatterte lustig im Wind. Hätten die Passagiere der „Highland Hope" sie sehen können, die Farben ihres Landes über der englischen Be sitzung, auf der man sie wie Verbrecher eingesperrt und behandelt hatte! Aber leider konnte Iülicher vorläufig niemand gestatten, an Deck zu kommen, es wäre ein heilloser Wirrwarr auf dem Frachtdampfer geworden. Die „Highland Hope" wurde immer kleiner und war bald im Osten ver schwunden. Da lichtete auch „Karlsruhe" die Anker und dampfte langsam zum Hafen hinaus. Kurz vor der Einfahrt blieb sie liegen und von hier aus beobachtete die Be satzung, wie der Brand allmählich um sich griff. Schon stiegen an vielen Stellen Rauchwolken aus den Kohlenlagern, und hier und da schlugen Flammen durch den Rauch. Da trat auf einmal im Hafen eine Feuerspritze in Tätigkeit. Es war auf der „Karlsruhe" deutlich zu sehen, wie ein mächtiger Wasserstahl in die Flammen fuhr. And wie sich dann alles in Qualm hüllte. Damit hatte der Kommandant gerechnet, daß die Engländer versuchen würden, die gewaltigen Kohlenlager zu retten. Deshalb lag die „Karlsruhe" noch wartend vor dem Hafen. Ein blinder Schuß krachte über die Kohlenspeicher hinweg, und als sich nach kurzer Zeit Rauch und Qualm ein wenig verzogen hatten, war nichts mehr von Löschversuchen zu merken. Die Engländer hatten sich in Sicherheit gebracht. An immer mehr Stellen drang die Flamme durch die Rauchwolken und gewann die Oberhand, immer höher schlug sie empor, und bald brannte das ganze Lager lichterloh. Da setzte sich die „Karlsruhe" in langsame Bewegung und dampfte nach Osten. Wer von den Mannschaften nicht gerade Dienst hatte, stand auf dem Achterdeck und sah, wie die Flammen ihr Zerstörungswerk taten. Kein Spottwort fiel! Das wogende Zeuermeer machte still. Und dann dachte auch mancher an die fünf Kameraden, die da am Strand von Barbados gebettet lagen und das kühne Unternehmen mit ihrem Blut bezahlt hatten. Da erschien der Kommandant selbst auf Deck. Vergessen waren in diesem Augenblick die Toten, die Freude am Erfolg machte die Seele weit und frei. „Flamme empor" stimmte einer von den Matrosen an, mehrere fielen ein, und dann klang als ein gewaltiger Chor das Siegeslied aus den Befreiungskriegen über das weite Meer. Llnd die lodernden Flammen färbten den Himmel rot! Der englische Passagierdampfer „Vandyck" befand sich auf der Reise von Süd amerika nach Nordamerika. Es war der 6. Oktober, und der Tag war trübe und20! nebelig. Den ganzen Vormittag hatten die meisten Reisenden aus Scheu vor der feuchten Luft das Deck nicht betreten, und wer sich doch hinaufgewagt hatte, war bald fröstelnd wieder nach unten geklettert. Gegen 2 Uhr endlich kämpfte sich die Sonne durch. Im Nu war das Deck von einer vergnügt durcheinanderwirbelnden Menschen menge erfüllt. Einige machten es sich in Liegestühlen bequem, sahen aber bald ein, daß die Sonne mehr versprach, als sie hielt. Man mußte sich schon in Bewegung halten, wenn man ein wenig freie Luft schöpfen wollte. Der Wind kam von Nord nordost. Deshalb befanden sich die meisten Passagiere auf dem Achlerdeck. Eine Gruppe von Engländern und Amerikanern hatte sich einen Platz in der Nähe des Hinteren Schornsteins ausgesucht, dessen Wärme sich angenehm bemerkbar machte. Hier ließ sich das Gespräch, das im Rauchzimmer begonnen war, bequem fortsetzen. Eben sagte ein hagerer Amerikaner, der das Urbild der Unruhe schien, weil sich Arme und Beine in ständiger Bewegung befanden: „Ich finde es großartig, daß man hier so einfach auf einem englischen Schiff durch den Ozean fährt, obwohl sich England im Kriege befindet." Ein englischer Konsul, der mit ihm aus und ab schritt, gab ihm geschmeichelt zur Antwort: „Das ist doch selbstverständlich; ich habe das nie anders erwartet . . ." „Es erscheint uns nur selbstverständlich: es kommt uns viel zu wenig zum Be wußtsein, welche Leistung darin liegt, daß ein Volk Krieg führt, und sein übriges Leben geht weiter, genau so wie sonst." Die Musik, die schon eine ganze Weile Märsche und Lieder gespielt hatte, ging jetzt zu einem Walzer über. Da auf einem Dampfer alles, was Abwechslung heißt, willkommen ist, wurde diese Gelegenheit benutzt, ein Tänzchen zu veranstalten. Die See war ruhig, und das geräumige Achterdeck bildete keinen üblen Tanzboden. Die politisierende Gruppe in der Nähe des Schornsteins ließ sich dadurch aber durchaus nicht stören. Der Konsul nahm vielmehr die Gelegenheit wahr und bemerkte mit Bezug aus den begonnenen Tanz: „Sie haben recht, dies Gefühl der Sicherheit ist etwas Großartiges. Wenn man bedenkt, daß die Deutschen nur noch in ihren eigenen vier Pfählen Sicherheit genießen, daß keiner ihrer Handels- und Passagier dampfer sich aufs Meer hinauswagen darf, wird das um so augenfälliger. Aber w:e gesagt, ich habe einen vollständig ungestörten Fortgang unserer Schiffahrt immer für so selbstverständlich gehalten, daß ich erst durch Sie darauf aufmerksam geworden bin. Welche Leistung darin liegt." „Und auf andern Gebieten ist es genau so. Ich habe mir von einem Bekannten, der es aus sicherster Quelle weiß, schreiben lassen, daß Deutschland an allem und jedem Mangel leidet. Seine Kohlenproduktion genügt nicht, so daß er nicht einmal den vollen Verkehr auf seinen Eisenbahnen aufrechterhalten kann. Es sehlt an Kupfer, und die Munition wird ausgehen, ehe das Jahr zu Ende ist. Vor allem: die Getreide vorräte werden nicht reichen."202 „Und wir", setzte der englische Konsul lebhaft hinzu, „haben jetzt schon die ganze argentinische Weizenernte des nächsten Jahres aufgekauft und werden sie wie im tiefsten Frieden in unsere Häsen bringen." In diesem Augenblick hörte die Musik auf, und der Tanz wurde abgebrochen. Alles eilte nach vorn. „Was mag denn da los sein?" fragte der Amerikaner und ging nach Backbord, um sich zu überzeugen, was die plötzliche Störung verursacht hatte. Er winkte dann dem Konsul zu, und beide betrachteten mit großer Aufmerksamkeit den Vierschornstein- Kreuzer, der auf „Vandyck" zuhielt. Vorn wurden Tücher und Hüte zum Gruß für den bewaffneten Bruder geschwenkt. Auf etwa dreihundert Meter herangekommen, setzte der Kreuzer die Kriegsflagge. Das Winken und Rufen ging weiter. Aus einmal wurde es still, und die winkenden Hände sanken herab. Man hatte in der Flagge das Eiserne Kreuz erkannt. Das weiße Feld hatte vorher dazu verführt, den Kreuzer auch nach dem Hochgehen der Flagge noch für einen englischen zu halten. Jetzt kam auf einmal Leben und Bewegung in die Menge der Passagiere, die zuerst wie erstarrt gestanden hatten. Ein Teil stürzte in die Kabinen, andere zum Zahlmeisterbureau. Hier gab es ein wüstes Stoßen und Drängen; denn jeder wollte zuerst das hinterlegte Geld haben. Es war deutlich ersichtlich, wie die englischen Lügen nachrichten über deutsche Barbarei gewirkt hatten. Jeder hielt es für ausgemacht, daß die deutschen Matrosen den Reisenden Geld und Schmucksachen nehmen würden. In den Kabinen war man fieberhaft beschäftigt, alles, was wertvoll war, zu verbergen. Frauen bemühten sich mit vor Ausregung zitternden Händen, eine Nadel einzufädeln, um sich Geld, Ringe und Uhr in die Kleidung einzunähen. Da sie dabei alle Augenblick aufsprangen, in den Gang und an die Treppe liefen, dauerte das, was sie sonst in Minuten gekonnt hätten, so lange, daß sie auf diese Art nimmer ihr geliebtes Geld vor den deutschen Barbaren gerettet hätten. Die Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit machten die Passagiere gereizt, und wo sich jemand von der englischen Besatzung sehen ließ, wurde er mit Vorwürfen überhäuft. „Wie können Sie bloß sagen, die Reise wäre vollständig gefahrlos?" „Das nennen Sie britische Seeherrschaft?" „Also, die deutschen Kriegsschiffe sind vom Meer verschwunden!" So und ähnlich klang es auf Deck, auf Treppen und Gängen. Sogar die Stewards wurden damit nicht verschont, obwohl sie gewiß unschuldig daran waren, daß man den Reisenden Zusicherungen gegeben hatte, für die man nicht ein stehen konnte. Dazu kam, daß jeder zu gleicher Zeit geholfen haben wollte. Die Klingeln schrillten unaufhörlich, und die Zahl der Schiffsbediensteten hätte dreimal so groß und vor allem selbst etwas weniger kopflos sein müssen, wenn alle Wünsche befriedigt und alle Anfragen hätten beantwortet werden sollen.203 Inzwischen hatte der Kutter der „Karlsruhe" an der Steuerbordseite der „Vandyck" angelegt. Der erste Offizier führte bei der Wichtigkeit des gemachten Fanges selbst das Prisenkommando. Mit ihm stiegen zehn bewaffnete Matrosen an Deck. Was von den Passagieren noch oben war, hatte sich wie eine vom Wolf gescheuchte Herde auf dem Achterdeck zusammengedrängt. Für alle Fälle wurde zuerst von der Funkenbude Besitz genommen. Dann ließ sich der Prisenoffizier die Schisssliste reichen, und der ihm beigegebene Sach verständige stellte mit Befriedigung fest, daß die „Vandyck" ein englischer Dampfer war. Diese Tatsache wurde sofort dem Kreuzer signalisiert. Der Kutter ruderte zurück, um Matrosen zum Kohlen herüberzuholen, da der englische Passagierdampfer von diesem immer zu brauchenden Gut noch eine ziemliche Menge an Bord hatte. Der erste Offizier war bis jetzt so sehr von seinen Pflichten in Anspruch genommen gewesen, daß er den Reisenden noch keine Aufmerksamkeit hatte schenken können. Deshalb war ihm auch deren merkwürdig ängstliches Verhalten noch nicht aufgefallen. Nun sah er auf einmal die auf dem Achterdeck zusammengedrängte Menge — auch Frauen hatte inzwischen die Unruhe nach oben getrieben — mit allen Merk malen großer Angst. Er näherte sich kopfschüttelnd und sagte mit seinem besten Englisch: „Es tut mir leid, meine Damen und Herren, daß wir Sie haben stören müssen. Aber das ist der Krieg. Einen Tanzsalon werden wir Ihnen nicht zur Verfügung stellen können. Dazu sind bei uns die Verhältnisse ein wenig zu enge. Aber im übrigen wird sich die kurze Reiseunterbrechung aushalten lassen, denke ich." Dann wandte er sich wieder seinem Dienst zu. Die angstvolle Spannung auf den Gesichtern begann sich zu lösen. Hier und da fragte sich schon einer, ob das Geldeinnähen wirklich nötig gewesen wäre. Wenn die Deutschen in ihrem übrigen Verhalten so waren wie dieser Offizier in seinem äußeren Benehmen, dann konnte es so schlimm nicht werden. Nachdem die Gefahr für die eigene Person und für den eigenen Geldbeutel beseitigt schien, begannen die Amerikaner den deutschen Besuch allmählich als eine interessante Reiseunterbrechung zu betrachten. Nur hier und da wurden noch ärger liche Bemerkungen von Fahrgästen laut, die unbedingt zur bestimmten Zeit ihr Reise ziel erreicht haben mußten. Was sie sagten, enthielt wenig Angenehmes für die englische Schiffahrtsgesellschaft und das englische Schiff. Überhaupt machte sich unter de« Amerikanern, die bisher der unbedingten Seeherrschast Englands Glauben geschenkt hatten, ein deutlicher Stimmungsumschwung bemerkbar. Es bildeten sich zwei Gruppen. Während die Amerikaner mit sichtlichem Interesse die weitere Tätigkeit der deutschen Matrosen verfolgten, hielten sich die Engländer zurück. Sie empfanden das Beschämende ihrer Lage, besonders die, die sich vorher in Lobpreisen auf die eng lische Überlegenheit hatten nicht genug tun können. Der Kutter der „Karlsruhe" war unterdessen mit zwanzig Matrosen zurück gekehrt. Mehr an Bord der „Vandyck" zu senden, konnte man nicht wagen, weil das204 ganze Kommando beim Nahen englischer Kriegsschiffe verloren gehen konnte und ein noch größerer Mannschaftsverlust die Kampfkraft des Kreuzers bedenklich verringert haben würde. Die englischen Matrosen mußten eben beim Kohlen mit angreifen. Die „Karlsruhe" dampfte näher an das gekaperte Schiff heran, legte sich längsseits und die Arbeit begann. Sie ging langsamer vonstatten als sonst, weil die kohlenden Mann^ fchaften nicht aufeinander eingearbeitet waren, und weil die englischen Hilfsschipper durchaus keinen übergroßen Eifer zeigten. Obwohl das von ihrem Standpunkte aus begreiflich war und man ihr Verhalten sogar wegen der damit bekundeten Vaterlands liebe, die dem Feind nicht dienen will, löblich finden konnte, verstand doch der deutsche Prisenoffizier keinen Spaß. Die Bunker mußten gefüllt werden, zum großen Teil noch vor Anbruch der Nacht; denn seine Leute sollten auch Ruhe haben und sie nicht wegen der Herren Engländer einbüßen. Die Passagiere hatten sich inzwischen ganz beruhigt, da ihnen mitgeteilt worden war, daß sie erst am andern Morgen an Bord eines deutschen Dampfers zu gehen brauchten. Die Ruhigen und Bedächtigen waren jetzt in ihren Kabinen und packten mit Sorgfalt ihre Sachen. Die Leichtsinnigeren standen müßig an Deck und schauten den kohlenden Matrosen zu. Koffer konnte man ja immer noch packen, man durfte sich doch ein solches nie wiederkehrendes Schauspiel unter keinen Umständen entgehen lassen. So dachten besonders die Amerikaner. Wer aber von ihnen einem der schwer arbeiten den Leuten in den Weg lief, dem wurde bald bedeutet, daß man keine Lust habe, sich von herumstehenden Müßiggängern in der Arbeit aufhalten zu lasten. Einige versuchten, die Deutschen durch Zigarren und Zigaretten zugänglicher zu machen, konnten ihre Liebesgaben aber nie an den Mann bringen. Es war vom Kom mandanten streng verboten, irgendwelche Geschenke entgegenzunehmen. Bei den meisten wäre das in diesem Fall gar nicht einmal nötig gewesen. Die Matrosen vernahmen nur englische Laute — Amerikaner oder Engländer vermochten sie deshalb nicht zu unter scheiden —, und von Engländern mochte keiner etwas geschenkt. Während gekohlt wurde, schafften die deutschen Matrosen auch Lebensmittel an Bord ihres Kreuzers. Eine solche Gelegenheit kam vielleicht sobald nicht wieder. Aber um 9 Uhr war die Arbeit doch zu Ende. Die Bunker der „Karlsruhe" waren noch zur Hälfte gefüllt gewesen. Das Prisenkommando blieb über Nacht an Bord des englischen Passagier dampfers. Wachen wurden ausgestellt — vor allem in dem Maschinenraum! Alle Lichter waren abgeblendet, auch auf dem deutschen Kreuzer. Während hier die beiden Schiffe im Dunkel nebeneinander lagen, der deutsche Jäger neben seinem eng lischen Wild, schwammen im Atlantischen Ozean fünf englische Kreuzer und mühten sich vergeblich, dem Unwesen der „Karlsruhe" ein Ende zu machen. Vielleicht zog einer nicht weit von der Überfallstelle durch die Wasserwüste, ohne eine Ahnung davon, wie nahe er dem gesuchten Übeltäter war.205 Am andern Morgen um 6 Uhr begann das Verladen der Passagiere aus die während der Nacht herbeigerufene „Rio Negro". Zuerst sollte das Gepäck herüber geschafft werden, aber die Reisenden waren doch fast alle schon auf Deck, weil man zur Sicherheit zugegen sein wollte. Ein Boot der „Vandyck" wurde niedergelassen, im nächsten Augenblick hatte es sich mit Wasser gefüllt. „Das wäre ja fein geworden, wenn wir den Kahn hätten einmal als Rettungs boot benutzen müssen", ries ein Amerikaner entrüstet. Ein zweites Boot wurde zu Wasser gelassen und zeigte sich in demselben Zu stand. „Das ist ja eine schauderhafte Wirtschaft", machte der unruhige Herr, der noch gestern dem englischen Konsul immer aufs neue seine Bewunderung für England zum Ausdruck gebracht hatte, seinem veränderten Gefühl Luft. Einer der deutschen Matrosen meinte zu seinem Nachbar: „Mi wünnert blous, dat dat Schipp felwer dicht es." Ein drittes Boot schwamm endlich heil aus den Wellen, aber die deutschen Fahrzeuge mußten zur Hilfe genommen werden. „Rio Negro" schickte auf Befehl einen Kutter, auch der an Bord genommene Kutter der „Karlsruhe" wurde zur Beförderung bestimmt. Jetzt begann die Gepäckverladung. Es gab einen heillosen Wirrwarr, weil der englische Kapitän sich um nichts bekümmert hatte, obwohl am Abend vorher ausdrücklich erklärt worden war, daß das Verladen Sache der „Vandyck" sei. Eine Weile sahen die Deutschen untätig zu, als aber das erste Gepäckstück ins Wasser klatschte, gewann es der Prisenoffizier doch nicht über sich, die Dinge so weiter laufen zu lassen. Auf seinen Befehl verschwanden die englischen Matrosen aus den Booten und aus der Nähe der Gepäckstücke. Auch die Passagiere mußten zurücktreten. Im Nu war von den deutschen Matrosen von den Booten nach Deck eine Kette gebildet, die leichten Gepäckstücke wurden von Hand zu Hand gereicht und in den Booten ver staut, und die schweren wurden, indem sich die Matrosen ohne weitere Befehle und ohne Drängen und Schieben abwechselten und unterstützten, hinuntergeschäsft. Schon um 7^ Uhr war dieser Teil der Arbeit beendet. Alles Gepäck war auf Deck der „Rio Negro" übersichtlich aufgestapelt, wo es nachher die Eigentümer in Empfang nehmen konnten. Nun begann das Herüberrudern der Passagiere. Zuerst wurden Frauen und Kinder auf den Hilfsdampfer gebracht und dann die Männer. Alles ging ohne Hast, aber mit unheimlicher Geschwindigkeit. „Solche Gelenkigkeit und Schnelligkeit hätte ich den breiten, braunen Kerlen gar nicht zugetraut", meinte nachher einer der Amerikaner. Während die letzten der Passagiere und der englischen Mannschaft den Kutter der „Rio Negro" bestiegen, wurden im Rumpf der „Vandyck" schon die Zünder gelegt. Das Prisenkommando bestieg das eigene Boot und begab sich zum Kreuzer zurück. Sofort setzte sich dieser in Bewegung, denn für denselben Tag war das Zusammen treffen mit der „Highland Hope" verabredet, und es war durchaus keine Zeit mehrzu verlieren. Der Kommandant von „Rio Negro" hatte Befehl, in langsamer Fahrt nach Para zu dampfen, weil Kapitän Köhler verhindern wollte, daß dieser neueste Streich der „Karlsruhe" allzurasch den Engländern bekannt wurde. Die Schnelligkeit der beiden Dampfer hatte rasch zugenommen, aber wer von der Besatzung auf dem Deck des Kreuzers oder von den Passagieren auf Deck der „Rio Negro" stand, der sah die „Vandyck" noch den Weg gehen, den schon sechzehn eng lische Schiffe im Atlantischen Ozean vor ihr gegangen waren. Wo noch vor wenigen Augenblicken ein mächtiger Ozeanbezwinger gelegen hatte, der wie für die Ewigkeit gebaut schien, da hatte sich jetzt das Wasser gurgelnd über Schiffstrümmer geschloffen, und jetzt gingen die Wellen so ruhig und friedlich, als ob es nicht wahr wäre, daß sie ein Schiff in die Tiefe gezogen. Am Nachmittag um 5 Uhr näherte sich die „Karlsruhe" der verabredeten Stelle. Die „Highland Hope" wartete schon und wurde auf weite Entfernung aus dem Aus guck des Kreuzers gemeldet. Sobald die beiden Schiffe einander gesichtet hatten, nahmen sie Kurs auf einander zu, aber „Highland Hope" mit sehr langsamer Fahrt. Die „Karlsruhe" legte sich längsseits neben das gekaperte englische Schiff, und Ober leutnant Iülicher stieg an Bord seines Kreuzers, um dem Kommandanten Bericht zu erstatten. Er wurde auch sofort von Kapitän Köhler empfangen, der ihn herzlich be grüßte. Iülicher erklärte mit Bedauern, daß es ihm nicht gelungen sei, Kohlen für die „Karlsruhe" zu bekommen, weil nur englische Kohlenschiffe im Hafen gelegen hätten. Er erfuhr zu seiner Erleichterung, daß der Kreuzer mit den Kohlen der „Vandyck" seine Bunker wieder bis oben gefüllt hatte und deshalb sein kleines Mißgeschick in bezug auf die Kohlenversorgung nicht von Bedeutung war. Mit einem anerkennenden Wort über die im übrigen pünktliche Durchführung seines Auftrages sah er sich ent lasten und für den Rest des Tages vom Dienst befreit, da die jetzt wertlos gewordene „Highland Hope" versenkt werden sollte. Der nächste Gang Iülichers war ins Lazarett. Jens Petersen wußte schon, daß er wieder an Bord war, und hatte sein Kommen erwartet. Als jetzt die Tür aufging und Iülicher mit dem strahlenden Gesicht voll Lebenslust und Iugendmut, das Jens so sehr an ihm liebte, hereintrat, richtete er sich froh in seinem Bett auf. „Aber liegen bleiben, liegen bleiben!" ermahnte Iülicher. „Zuerst, wie geht's, Bruderherz?" Jens Petersen machte ein ganz erstauntes Gesicht über diese neue vertrauliche Anrede. So gern sie sich leiden mochten, mehr als kameradschaftlich war ihr Ver hältnis nie gewesen. Jens war viel zu sehr kühler Holsteiner, als daß sein Gefühl sich so leicht in vertraulichen Anreden Luft gemacht hätte. Iülicher bemerkte das er staunte Gesicht des Kameraden wohl, schien sich aber vorgenommen zu haben, sich noch einige Zeit daran zu weiden. Er wiederholte: „Wie geht's, Bruderherz?" „Danke, es geht besser, noch ein bißchen schwach, aber das wird sich schon machen. Alles gut abgelaufen? Passagiere alle glücklich an Land geschafft?" 20K207 „Sicher, aber, was mir wichtiger ist, wann darfst du wieder aufstehen? Das ist der beste Gradmesser für dein Befinden, deinem bloßen „danke" traue ich nicht. Siehst noch sehr schmal aus, mein lieber Jens." Das war ja ganz neu. Bruderherz! Du! und lieber Jens! Jens Petersen lachte und sagte dann: „Ich habe nichts dagegen, wenn wir Brüderschaft machen wollen. Ein so steifer Gesell wie ich bin, hätte nicht den Anstoß dazu gegeben, da ist's schon gut, daß du den Anfang gemacht hast. Nur kann ich nicht finden, daß das hier gerade ein geeigneter Raum dazu ist." In diesem Augenblick hörte man einen dumpfen Knall. „Was ist denn da los?" fragte Jens Petersen. „Sie schicken die „Highland Hope" zum Teufel, weil wir sie nicht mehr brauchen können." „In der Messe hinter einem vollen Glas hätte ich die Brüderschaft lieber ge schlossen. Also wir holen das dann nach. Aber vor allen Dingen mußt du mir jetzt mal verraten, mein lieber Erich, was denn eigentlich los ist, daß du mich auf einmal Bruderherz tauftest. So krampfhafte Mühe du dir auch gibst, den Harmlosen zu spielen, das habe ich doch gemerkt, daß noch etwas anderes dahinter steckt. Und ich meine, Spannung hast du nun auch genug hervorgerufen, du kannst also losschießen." Erich Iülicher machte es sich erst recht bequem und begann dann mit sichtlichem Behagen: „Du besinnst dich doch, daß ich in Verakruz Gast bei deinen Eltern war?" „Ja, und weiter?" „Du entsinnst dich vielleicht, vielleicht auch nicht, daß ich nachher in einer selbst für mich sehr aufgeräumten Stimmung heimging." „Ist mir nicht aufgefallen." „Jetzt kommt ein großer Sprung. Du weißt ja doch, daß wir vor einigen Tagen in Barbados einen guten Fang gemacht haben." „Mein Bein erinnert mich manchmal daran." Jens Petersen ging auf den Ton des Kameraden ein und bemühte sich nach Kräften, seine Spannung zu verbergen. „Du weißt aber sicher nicht, daß unter den in Barbados Internierten deine Eltern und deine Schwester waren." Das hatte Iülicher sagen wollen, er kam aber nicht bis zum Ende; denn schon bei dem Wort „Eltern" unterbrach ihn Jens Petersen: „Aber jetzt erzählen Sie rasch, Kamerad, was ist mit ihnen?" „Nicht aufregen, Jens! Alles ist gut. Vater und Mutter und Schwester sind gesund und jetzt vollständig in Sicherheit." „Ich kann das alles noch gar nicht fassen. Erzählen Sie, entschuldige, erzähle doch mal genau, wie das alles gekommen ist." „Das ist sehr rasch gesagt. Die Zustände in Mexiko sind immer schlimmer ge worden, dein Vater hat die Plantage verkaust, vielmehr einem Anwalt Auftrag ge-208 geben, sie zu verkaufen, und ist mit deiner Mutter und deiner Schwester auf der „Fre- dericia" von Verakruz abgereist, mit der Abficht, vorläufig nach Kopenhagen zu gehen. Die „Suffolk" hat den Dampfer durchsucht, die Deutschen heruntergeholt und sie mit Landsleuten von anderen Dampfern auf Barbardos interniert. Echt englisch hat man Frauen und Kinder mit eingesperrt." „Jetzt aber nichts beschönigt und nichts milder dargestellt, Erich, wie gehts meinen Eltern, vor allem, wie gehts meiner Mutter? Sie sah damals in Verakruz entsetzlich schlecht aus." „Es ist, wie ich dir vorhin gesagt habe. Es geht ihr jetzt den Umständen nach gut. Sie war zuerst recht schwach, was dich nach dem Aufenthalt in einem eng lischen Konzentrationslager nicht wundern wird. Sie hatte sich aber, als ich mich von deinen Eltern verabschiedete, schon sichtlich erholt. Es war unter den Internierten ein Dr. Fischer, der Bekanntschaft mit deinem Vater geschlossen halte und sich auch der Mutter annahm. Er hat mir ausdrücklich erklärt, daß deine Mutter bestimmt wieder gesund werden würde. Du kannst wirklich ganz ruhig sein." „Das will ich denn auch. Nun mußt du mir aber auch endlich verraten, worin deine ausgelassene lustige Stimmung ihren Grund hat." Jens Petersen begann all mählich etwas zu ahnen, wußte aber immer noch nicht sicher, ob er auf dem rechten Weg war. „Hast du das nun immer noch nicht herausgebracht? Bruderherz! Bruderherz!" Das betonte „Bruder" öffnete endlich Jens ganz die Augen, und er fragte: „Du und Ilse?" „Ja, ich und Ilse!" Jens brauchte einen Augenblick, um sich von seinem Erstaunen zu erholen, und sagte dann endlich lachend: „Da hast du aber die Zeit gut genutzt." Nach einer Weile setzte er ernster hinzu: „Weiß es der Vater schon?" „Ja, Jens, und das ist eine Hauptfreude, die so ganz unerwartet dazu kommt. Ich hatte nach dem, was du mir erzähltest, befürchtet, daß er sich mit aller Gewalt dagegen wehren würde, einen deutschen Marineoffizier als zweiten Sohn zu be kommen. Es war mir nicht entgangen, wie krampfhaft er damals in Verakruz deine Offizierseigenschaft übersah. Und er hat gar nichts dagegen gehabt." „Ich verstehe das immer noch nicht recht. Er war doch in seinem Groll gegen Deutschland so verbittert und verbissen." „Ja, weißt du, das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir einmal genauer. Den ersten Anstoß zu der Wendung hat der Dr. Fischer gegeben, von dem ich vorhin sprach, und die Entscheidung für ihn brachte dann der Aufenthalt in dem englischen Konzentrationslager." „War der so arg? Ich entsinne mich ja von den Burenkriegen her der Schil derungen, habe sie aber immer für übertrieben gehalten."C. Schön, Berlin Die Seeschlacht an der chilenischen Küste„Die Nahrung war nicht genügend, die Zeit zu kurz, um viel Proviant von der „Fredericia" mitzunehmen, Verlasien der Baracken war tagelang nicht gestattet usw. usw." „Ich weiß nicht," sagte Jens Petersen kopfschüttelnd, „ist das nun bloß Nieder- tracht oder Ohnmacht. Ich hätte früher eine solche Kriegführung durch eine europäische Macht einfach für unmöglich gehalten." „Es scheint, daß die englische Regierung zu Kommandanten dieser Lager solche ernennt, die das sind, was man im üblen Sinne stramm und schneidig nennt. Zu un fähig, um Gefangenen ein vernünftiges Mab von Freiheit zu verstatten und sie doch in der Gewalt zu behalten, werden diese Kerle brutal. Es muß, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gesagt werden, daß sich der Lagerarzt der Kranken angenommen hat, ja sogar, als er die Arbeit allein nicht bewältigen konnte, Dr. Fischer die Möglichkeit verschafft hat, Krankenbesuche zu machen." „Aber wieviel Insassen hat denn das Lager gehabt?" „Dreihundertundsiebenundneunzig." „Und dafür genügte ein Arzt, nicht mehr?" „Ja, weißt du, ungenügende Ernährung, schlechte Luft, schlechtes Wasser, wie soll ein Mensch dabei gesund bleiben." „Vater war natürlich furchtbar empört über eine solche Behandlung? Das kann ich mir denken." „Das ist das, weshalb ich aus die Konzentrationslager zu sprechen kam. Für uns hat die Sache ihr Gutes gehabt. Von seinem Groll gegen Deutschland ist er be freit. Er sagte wörtlich: Wenn Deutschland dies England niederringt, sollen ihm von mir aus alle Sünden verziehen sein! Und zuletzt, als ich mich verabschiedete, meinte er noch: Nun betrachten meine drei Kinder Deutschland als ihr Vaterland, da muß ich's wohl auch ein wenig gern haben. Wenn der Respekt vor seinen Leistungen der erste Schritt dazu ist, dann bin ich auf dem besten Wege." Jens Petersen lag eine Weile still und nachdenklich. Dann richtete er sich auf einmal froh auf und sagte: „Weißt du was, Erich? Wenn der Ausweisungsbefehl widerrufen werden könnte, ohne daß Vater selbst den Bittsteller zu machen brauchte, ich glaube wahrhaftig, er ginge nach Hadersleben zurück und lernte auf seine alten Tage noch in Deutschland so etwas wie sein neues Vaterland sehen. Wäre das schön!" 814 209210 Der Bootsmannsmaat der „Gneisenau". Von Fritz Droop. Ein graues Gespenst war mit teuflischem Fuß in blühende Gärten getreten, um zu vernichten, was in Schönheit stand. Es hatte die lodernde Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert und begann die Menschen niederzumähen, als wären es Ähren auf dem Felde. Blutbäche tränkten die zitternde Erde, und was tausend Hände mit Liebe erbaut, ward jäh von grausam kalter Faust zerstört. Weltkrieg be gann, durch Fürstenmord entfacht. Vom Osten her brach die verheerende Glut über Europa herein. . . . Durch die Straßen Danzigs schritt ein junger Mann, fast Knabe noch, dem Anlegeplatz der Dampfer am Krantor zu. Sieghart Reiner war sein Name. Er stammte aus einem kleinen Winzerdorfe im oberen Elsaß und hatte mit den jährlichen Ersparnissen, die ihm die Hilfeleistung bei der Traubenlese eingetragen hatte, seine erste große Reise gemacht. Es war nicht leicht gewesen, seine besorgte Mutter für die Fahrt nach der westpreußischen Hauptstadt zu bewegen; aber die fröhlichen Schilde rungen seines Vetters hatten jene Reiselust in Siegharts Brust erweckt, die auch den Vater einst zur See getrieben hatte. Auf Wunsch der Mutter sollte Sieghart Medizin studieren. „Damit wir endlich einen Doktor kriegen in unserem Dörfle," hatte sie gemeint. Und Sieghart freute sich aus den Beruf und träumte schon vom Ruhme des Gelehrten. Jetzt aber reifte eine andere stille Saat in seiner Brust. Er hatte die Zeitungen der letzten Tage mit fiebernder Spannung gelesen und begann zu ahnen, daß er seine Krast noch besser und auch schneller nützen könne. Wie, wenn des Krieges fürchterlicher Brand auchDeutschlands stille Gauen überfluten würde! Wenn Herd und Heimstatt in Gefahr und jede deutsche Faust vonnöten wäre! Und seine schmalen Finger krampsten sich zusammen, als gelte es gleich jetzt blutheißen Kampf. Er kam an die Langebrücke, wo rauchige Schifferkneipen an die Zeit erinnern, da Gedania ein stolzes Glied im Bunde der Hansa war und Schifssvolk aus aller Herren Ländern bei Grog und dampfendem Knaster saß oder beim kreischenden Ton der Fidel die Mädchen in wildem Tanze schwang. Jetzt drängte sich alles um ein Zeitungsblatt, das neue Nachrichten vom Kriege zwischen Österreich und Serbien ent hielt. Noch hosfte man, den Krieg auf den Balkan zu beschränken, und der Telegramm wechsel zwischen unserem Kaiser und dem Zaren vom 28. Juli gab dieser Hoffnung neue Unterlagen. Dazu kam das Gerücht, der deutsche Kronprinz werde nicht nach Berlin reisen, sondern in Zoppot bleiben. „Also werde ich den Kronprinz doch noch sehen", jubelte es laut in Siegharts Brust. Am anderen Tage wollte er mit seinem Vetter schon früh nach Zoppot fahren. Das stand jetzt fest. Daran war nicht zu rütteln. Wie ein Sieger schritt er am Ufer der Mottlau entlang, der großen Kaiserlichen Werft entgegen. Schon von weitem sah er den gewaltigen Rumpf eines Kriegsschiffes durch die hohen Eisenstangen, die ihn trugen. Bald vernahm er das unaufhörliche Fallen der riesigen Hämmer, hörte er den harten Schall der tönenden Panzerplatten, sah er die Herkulesarbeit der riesigen Krane. Er fühlte, wie sein Pulsschlag schneller ging. Der Schlote heißer Opferrauch stieg senkrecht auf in weiße Abendwolken. Stahlharte Arbeit ward hier zum Gebet. Und über allem lag der Glaube: dem Tüchtigen, der ehrlich schafft, hilft Gott. So mag der Feind denn, wenn es sein muß, kommen! . . . In der Frühe des nächsten Tages stand Sieghart mit seinem Vetter auf dem Vorderdeck eines kleinen Personendampfers, der an Neufahrwasser und Weichsel münde vorbei den Weg nach Zoppot nahm. Und wie das Schiff im Strahl der Morgensonne durch die Wellen flog, ging ihm zum ersten Male eine Ahnung auf, warum sein Vater die See so liebte. Aber in die Freude des Genießens schlich sich ein ernster Ton: was würde aus feinem fernen Vater werden, wenn plötzlich der Kriegsruf auch das weite Meer erfüllte. Dann wieder schalt er sich selbst ob solcher Zaghaftigkeit und blickte trutzig in den heiteren Schaum der Wellen. Eine Stunde später waren die beiden auf dem Zoppoter Seesteg und schauten bewundernd über den blaugrünen Spiegel der Bucht nach Hela hinüber, das wie ein schmales, weißes Band am Horizont erschien. Vor ihnen am Strande lagen Tau sende bei ihren Körben, ein scheckiges Gemisch aus vieler Herren Ländern. Die meisten konnte man schon auf den ersten Blick als Rüsten und Polen erkennen, und es schien den jungen Reisenden, als würden die fremden Gäste von der deutschen Jugend viel fach um ihre dunklere Hautfarbe beneidet. Man sah es ein paar jungen Mädchen an, daß sie am liebsten gleich selber für Töchter der Pußta oder der russischen Steppe gehalten worden wären. Das war kein Stolz nach Siegharts reinem Sinn. Nach- 8 14» 211212 her unterhielt er sich mit einem Fischer, der seine Wißbegierde in langen Redeströmen sättigte. Er freute sich über den Ehrgeiz des Alten und die Liebe, mit der er seine Scholle pries. Der Schiffer war mit Recht auf seine Heimat stolz. Und Zoppot darf auf Dank und Treue rechnen. Zähe Energie und weitschauender Blick haben hier zusammengewirkt, um aus einer kleinen Fischersiedlung, die vor hundert Iahren nicht viel mehr als zwanzig Häuser und dreihundert Menschen zählte, einen Badeort zu machen, der etwa 20 000 Bürger zählt und jährlich ebensoviel Kurgästen Gelegen heit zur Stärkung und Erholung bietet. Die Russen wußten Zoppot wohl zu schätzen. Man sah ihnen an, daß es ihnen nicht leicht fallen würde, plötzlich die Koffer für die Heimreise zu packen. Um so über raschender mußte es wirken, als mittags einer nach dem anderen verschwand. Ein Blick auf die Extrablätter genügte allerdings, um die schnelle Abfahrt zu verstehen. Schon meldete der Draht die Mobilisierung des russischen Heeres. Die Eisenbahn brücke bei Krakau war von den Russen in die Lust gesprengt. Die Franzosen hatten den Schluchtpaß der Vogesen besetzt ... Da wußte man: jetzt kommt der große Krieg. „Weißt du auch, daß wir nun scheiden müssen?" „Ja, Vetter," sagte Sieghart, „morgen schon. Übrigens gäbe ich etwas darum, an deiner Stelle zu sein." „Warum?" „Weil du das nötige Alter hast ... Du darfst doch mit!" „Weißt du, wir Elfässer haben einen doppelten Grund, dabei zu sein. Wir müssen einmal mit unserem Herzblut bekennen, daß wir deutsch sind und Deutsche bleiben wollen! Ihr alle habt meinem Vater gegrollt, als er seiner schönen Heimat im Elsaß den Rücken kehrte, um als Matrose in die Welt zu gehen. Sieh, nun will ich dir sagen, warum er es tat. Er wollte unserem Dorf ein Beispiel geben. Als er im vorigen Jahre während eines längeren Urlaubs bei uns war, da hat er mir gesagt: Du wirst jetzt groß und bist schon klug genug, um zu verstehen, was ich dir jetzt sage. Er sah mich fest mit seinen großen, blauen Augen an: Sieghart! Es sind hier Fälscher im Lande. Die sagen, wir Elsässer seien gallischer Herkunst, wir seien nicht deutsch. Und dann: wir könnten niemals Deutsche werden. Sie nähren den Haß und züchten den Neid. Sie sagen, es könne nur Frieden geben, wenn Elsaß-Lothringen wieder französisch werde. Sieghart: ich sage dir, wir bleiben deutsch. Er dachte damals ganz gewiß an keinen Krieg. Der Krieg im Innern war es, den er haßte, weil er darin die Wurzel alles Übels sah. Er wußte, daß die Zugehörigkeit Elsaß- Lothringens zu Deutschland eine wirtschaftliche Lebensfrage war, und daß es nichts Großes gab, das den Wunsch der Rückkehr unter französische Herrschast gerechtsertigt hätte. Aber er wußte auch, daß es den Falschen gelungen war, die Jungen aufzu reizen, zu verwirren. Sieh, darum wollte er ein Beispiel geben. Und dieses Beispiel, Vetter, gilt auch mir!"213 Die nächste Nacht tat er kein Auge zu. Erregte Bilder füllten seine Seele. Nur der Gedanke an die sorgende Mutter vermochte die fiebernde Welle des Blutes ein wenig zu glätten. Früh wie die Iulisonne stand er auf, um das Kursbuch zu studieren. Berlin stand dreimal unterstrichen aus seinem Reiseplan. Damit war das Ziel für den kommenden Tag denn auch auf jeden Fall entschieden. Schon früh am Morgen stand Sieghart mit seinem Freunde auf dem Bahnhof in Danzig und wartete auf den D-Zug nach Berlin. Auf dem Bahnsteig herrschte großes Gedränge, und Hunderte blieben mit ihren Kisten und Kasten zurück. Man be fürchtete die Abstellung des regelmäßigen Zugverkehrs, und jeder suchte eiligst heim zukommen. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, und doch ahnt jeder, was jetzt kommen wird. Selbst die Hossnungsfreudigen find ernst und still geworden. Die Ungewißheit über alles, was die nächsten Stunden bringen müssen, wirkt lähmend auf das fröhlichste Gemüt. Die Schatten einer schweren Zeit senken sich tief in die Herzen der Menschen. Sieghart gehörte zu denen, die das Schlimmste immer noch nicht glauben wollten. Trotzdem war der Abschied von dem Freunde nicht so leicht, und die beiden drückten lange einander die Hände . . . Im Zuge geht es lebhaft her, und immer wieder wird Sieghart durch die erregten Gespräche der Reisenden aus seinen Träumen gerissen. Die Extrablätter, die an den Stationen ausgeboten werden, gehen von Hand zu Hand. Die russischen Drohungen sind bei aller Verstecktheit nicht mehr mißzuverstehen. Das Volk ist ver blendet in seinem wilden Deutschenhaß. Darum läßt es sich von gewissenlosen Hetzern mißbrauchen; darum wird es aber unter deutschen Schlägen bluten müssen. Immer neue Telegramme bringt der Draht. Die Hamburger Reedereien haben ihre Kapi täne durch Funkspruch angewiesen, sich unverzüglich in den nächsten Hafen zu begeben, die Ausfahrt des „Imperator" ist verschoben worden, die „Viktoria Luise" wird die geplante Nordlandreise nicht antreten. Genug der Zeichen, sagt sich jedermann. Jetzt läuft der Zug in den Bahnhof Friedrichstraße ein. Ein undurchdringliches Knäuel von Menschen schiebt sich auf dem Bahnsteig hin und her und jubelt laut und singt die Wacht am Rhein. Soeben ist eine neue Nachricht, ein befreiendes Wort vom Kaiserschloß her durch die Stadt geeilt. Schon fliegt die Botschaft durch die weite Welt: „Das deutsche Heer und die Kaiserliche Marine sind nach Maßgabe des Mobilmachungsplans für das deutsche Heer und die deutsche Marine kriegsbereit auszustellen. Der 2. August 1914 wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt. Berlin, 1. August 1914. Wilhelm II. v. Bethmann Hollweg." — Es ist gewiß eine schmerz liche Gewißheit; aber sie wirkt wie eine Befreiung aus quälender Unruhe. Jetzt weiß man doch: es kommt die Zeit der Tat. Die Sorge des einzelnen verblaßt vor der allgemeinen Sorge um des Vaterlandes Wohl. Die Wünsche und Hoffnungen klingen zusammen in dem einen Gedanken, dem Gedanken der gemeinsamen, heiligen Not.214 Sieghart kam nicht in Verlegenheit, nach Weg und Ziel zu fragen. Der Strom der Tausende hatte ihn in sich aufgenommen und trieb ihn willenlos mit sich fort. Er mußte, ob er wollte oder nicht. So kam er zum Potsdamer Platz, dem Hauptverkehrspunkt im Westen Berlins. Die Menge säumte den Platz in gefährlicher Breite, so daß der Wagenverkehr fast gänzlich stockte. Die Restaurants waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Gerade stieg ein älterer Herr auf einen Stuhl, um den Mobilmachungsbefehl des Kaisers zu verlesen. Jedes Gespräch war verstummt und atemlos lauschte jeder der ehernen Kunde. Dann aber brach der laute Jubel los, zum Himmel brausend wie ein heiliger Schwur. „Deutschland, Deutschland über alles" klang es aus tausend Kehlen über den weiten Platz. Und Sieghart sang es tief erschauernd mit. Eine Stunde später stand er „Unter den Linden" und schaute mit den vielen fremden Menschen, die ihm wie liebe, längst vertraute Freunde erschienen, zu den Fenstern des Königlichen Schlosses empor. Plötzlich ließen die Glocken des Domes ihre ehernen Zungen reden, und jeder wußte, was sie sagen wollten. Der helle Jubel der Begeisterung erlosch, und alles sah in Andacht zur Kuppe des Domes herüber. Und Sieghart ist bei den ersten, die dem Ruse der Glocken Folge leisten. Mit Mühe gelingt es ihm noch, einen Stehplatz zu bekommen. Nun steht er klopfenden Herzens inmitten der Beter, die ohne Feiertagskleid herbeigeströmt sind, so wie sie gingen und standen. Auf dem Chor sieht er einen alten General in inbrünstigem Gebet die Hände falten. Ein tiefer Ernst liegt auf der hohen Stirn des greisen Helden. Als aber das Trutzlied der Deutschen: „Ein' feste Burg ist unser Gott", mit Orgelton den weiten Dom durchbraust, da reckt er sich empor, und seine Augen strahlen: Ja, der Ver bündete dort oben hilft! Und wenn die Welt voll Teufel wär' und wollt' uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr; es muß uns doch gelingen! . . . Noch immer steht die Menge vor dem kronprinzlichen Schloß, wie eine seste Mauer, die nicht wankt. Schon naht die Nacht; die Menge aber will den Kaiser sehen. Da endlich öffnet sich die Tür zu dem Mittelbalkon des Schlosses. Stürmische Rufe, die von treuer Liebe zeugen, werden laut. Der Kaiser winkt, und aller Lärm verstummt. Was wird der Mann, der 25 Jahre lang der Hüter segensreichen Frie dens war, der mit ergrautem Haare wagt, was ihm der Iugendmut nicht abzuzwingen wußte, in dieser Stunde seinem Volke sagen? Nun steht er da und spricht die schlichten Worte: „Mein liebes Volk! Alles, was deutsch ist, steht jetzt vor meinem Hause. Allen, die sich an mir vergangen haben, verzeihe ich. Ich ziehe das Schwert im Vertrauen auf unser gutes Heer. Wir sind jetzt alle Brüder und müssen fest zusammenhalten, den Sieg zu erringen." Endloser Jubel brauste durch die Nacht. In Siegharts Herzen aber klang es fort und fort: „Alles, was deutsch ist, steht vor meinem Hause." Er pries sich glücklich, auch dabei zu sein. Und er sah im Geiste den Vater neben sich, und dachte über seine Worte nach. Er wünschte das ganze liebe Elsaß herbei in diesem weihevollen Augen-215 blick, das vielgeschmähte Elsaß, das nun zeigen sollte, wie fest es mit dem deutschen Volke verwachsen war, wie es in seinem besten Teile darauf brannte, das Geschick des Landes zu teilen. Kein deutscher Stamm hat jemals eine solche Belastungsprobe durch gehalten wie das Elsaß während der vor 1870 liegenden zweihundertjährigen Tren nungszeit. Nun wollten sie dem Herrscher, der so gern ein Friedenskaiser geblieben wäre sein Leben lang, Gefolgschaft leisten bis zum Tode. Nun wollten sie bei ihm stehen in heiliger Not, auf daß sein Schwert so siegreich sei wie die Waffe seines großen Ahnen Friedrich. Neben dem Kaiser und der Kaiserin war auch das Kronprinzenpaar auf dem Balkon erschienen, und die Begeisterung brach immer wieder mit Gewalt hervor. Noch während der Strom sich langsam nach der Wilhelmstraße weiterschob, wollten die Hochrufe auf den Kaiser und das Heer kein Ende nehmen. Sieghart erbebte in dem Glücksgefühl, Zeuge dieses geschichtlichen Augenblicks gewesen zu sein. Nun trieb er inmitten der brausenden Flut vor das Schloß des Reichskanzlers, wo die Hochrufe auf den Kaiser und seinen Kanzler von neuem in die helle Nacht erklangen. Als das Lied der Deutschen verklungen war, erschien der Reichskanzler im Kreise seiner Kinder am Mittelfenster, um mit erregter Stimme zu verkünden: „Sie haben soeben ein Hoch auf unfern Kaiser ausgebracht. Jeder Deutsche, welchen Standes, welcher Klasse er auch sei, was für Anschauungen er bisher vertreten haben möge, jubelt heute unserem Kaiser zu." Nach diesen Worten ertönten wieder brausende Hochrufe auf den Kaiser. Dann fuhr der Kanzler fort: „Ich bin überzeugt, daß jeder junge Deutsche unserem Kaiser Gut und Blut hergeben und verspritzen wird. Unser Kaiser hat versucht, den Frieden aufrechtzuerhalten. Es ist ihm nicht geglückt. Wir müssen jetzt aufschauen zum Gott unserer Heerscharen, der stets mit unserer Sache war und uns zum Siege verholfen hat. Nur er allein kann in letzter Stunde ein Wunder vollbringen, welches wir dankbar hinnehmen würden. Sollte er dieses Wunder nicht tun, dann mit Gott für König und Vaterland!" Und der Jubel der Menge ertönte von neuem. Eine Gruppe junger Studenten und Schüler hatten Sieghart in ihre Mitte genommen. Aber er konnte nicht so jubeln, wie er wollte. Immer wieder durchzuckte ihn der Gedanke an die Mutter und dann die Angst, er dürfe noch nicht mitziehen in den Krieg. Er merkte, wie sein Nebenmann ihn mit neugierigen Blicken maß und ihn dann anstieß: „Warum singst du nicht?" „Ich kann nicht!" „Quält dich ein Kummer?" „Ja!" „Na, schieß mal los. Was hast du denn für Schmerzen?"216 Und Sieghart erzählte von der Ungewißheit über seinen Vater, von der Sorge der Mutter und der Unmöglichkeit, selber mit ins Feld zu ziehen, da er noch zu jung sei und überdies die Mutter nicht Verlasien dürfe. Das war willkommenes Wasser auf die Mühle des anderen, der sich als Student der Technischen Hochschule in Charlottenburg vorstellte. Er bat Sieghart, sein Gast zu sein, faßte den neuen Kameraden unter den Arm und zog ihn aus dem Schwärm der Fröhlichen in ein etwas stilleres Gartenlokal, wo die beiden bald wie alte Bekannte plauderten. „Ich gehe zur Marine," sagte der junge Maschinenbauer nach einer Pause. „Davon hält mich kein Deubel ab. Ich hätte eigentlich mein Jahr erst 191^ --ekloppt, aber jetzt geht's los. Morgen wird die Meldung eingereicht." Er zog sein Notizbuch hervor und zeigte dem Freunde eine Gegenüberstellung der Seemächte. „Sieh, Frankreich verfügt zurzeit über 22 Linienschiffe, 19 Panzer kreuzer, acht geschützte und kleine Kreuzer, 84 Torpedoboote und 55 Unterseeboote. Rußland könnte in der Ostsee nur mit vier Linienschiffen, vier Panzerkreuzern, acht geschützten Kreuzern, 78 Torpedobooten und 24 Unterseebooten, im Schwarzen Meere mit vier Linienschiffen, drei Panzerkreuzern, zwei geschützten Kreuzern, 29 Torpedo booten und neun Unterseebooten aufwarten. Deutschland hätte seinen Feinden einst weilen 35 Linienschiffe, 14 Panzerkreuzer, 38 geschützte und kleine Kreuzer, 154 Tor pedoboote und 28 Unterseeboote gegenüberzustellen, die durch Österreich-Ungarn um 15 Linienschiffe, 2 Panzerkreuzer, 7 geschützte Kreuzer, 19 Torpedoboote und 19 Unter seeboote vermehrt würden." „Und wenn sich England zu den Feinden schlüge?" „Das wäre freilich eine böse Nuß, denn England besitzt nicht weniger als 63 Linienschiffe, 44 Panzerkreuzer, 73 geschützte und kleine Kreuzer, 199 Torpedoboote und 73 Unterseeboote. Aber, Freundchen," rief der Techniker triumphierend aus, „wir würden auch vor diesem Feind nicht zittern! Selbst wenn England seinen Krämer geist nicht zügeln könnte, würde es heute eine große Seeschlacht nur gezwungen wagen. Es fühlt trotz aller frechen Prahlerei, daß selbst ein Sieg ihm Opfer kosten würde, die seine Machtstellung sür immer untergräbt. Und dann sind wir dem Engländer in einer Waffe überlegen. Weißt du, was ich meine, alter Freund?" „Nun?" „Hast du schon mal Torpedo- und Unterseeboote gesehen?" „Nein." „Junge!" rief er, und seine blauen Augen sprühten Feuer: „das sind die Panther des Meeres, das ist Lützows neuerstandene, verwegene Jagd! Gegen die Schläge dieser unterseeischen Waffen ist noch kein Kraut gewachsen. Unsere Feinde werden bald erkennen, daß die Zahl der Schiffe nicht den Ausschlag gibt, sondern die Güte der Angriffswaffe, und dann vor allem eins: der Geist, der diese Waffe führt... Glaubst du, daß dieser Geist bei unseren Feinden ist?"217 Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort, in begeisterter Weise zu schildern, was er während seiner letzten Studienreise nach Kiel und Wilhelmshaven gesehen und gehört hatte: „Ich kam von der Germaniawerft und hatte eins der großen Schlachtschiffe bewundert, die schwimmenden Festungen gleichen und außer den größten Kanonen der Welt ein ganzes Bataillon Matrosen beherbergen. Ein befreundeter Kapitän war mein Führer gewesen und hatte mir den furchtbaren Koloß in allen seinen Teilen gezeigt. Um so mehr war ich überrascht, als der Kapitän mir erklärte, daß die großen Riesen des Meeres heute ihren Meister gefunden hätten. „Die Geschichte von David und Goliath kann jetzt auch auf dem Meere vor sich gehen," fügte er lächelnd hinzu, während wir dem Dock zustrebten, aus dem soeben ein Unter seeboot auslaufen sollte. Sieh, die großen Linienschiffe müssen auf die Stunde warten, da sie ihre Kraft entwickeln können. Das Unterseeboot faßt den Gegner an, wo es ihn trifft. Es ist die furchtbare Waffe des Nahkampfes zur See. Es fliegt unsichtbar durch die weiten Meere und sucht die Beute, bis sie sie trifft. Nur das Auge des Kenners entdeckt das kleine rote Fähnchen des Periskops, das seinen Weg im Wasser bezeichnet. Zeigt sich ein Feind, so geht das Boot blitzartig in die Tiefe, und der Ver folger mag es auf der endlos weiten Fläche suchen. Und ich sage dir, unsere blauen Hungens, das sind Kerle, die keine Furcht und keine Zagheit kennen, und die für ihren Kaiser, wenn es sein muß, in die Hölle fahren. Weißt du auch, daß es das Höchste ist sür einen jungen Mann, das Schwerste froh zu wagen? Sieh, seit ich solche Kerle sah, da weiß ich, daß wir auch auf dem Meere siegen werden." Als hätte die fröhliche Zuversicht des Jünglings eine Beglaubigung erfahren sollen, kam in diesem Augenblick ein Zeitungsverkäufer mit Schnellzugsgeschwindigkeit auf die beiden zugesteuert. Er schwenkte einen Zettel in der Luft und rief mit Bären stimme: „Extrablatt! Das erste Seegefecht." Zwei Hände griffen gleichzeitig nach der kostbaren Beute, und Sieghart las die stolze Meldung, die der kleine deutsche Kreuzer „Augsburg" durch Funkspruch kurz und bündig meldete: „Beschieße den Kriegshafen von Libau und bin im Gefecht mit einem feindlichen Kreuzer. Habe Minen gelegt. Der Kriegshafen brennt." „Noch zwei Glas Bier!" rief der Student, „die Sache muß begossen werden. Letzt aber lustig, alter Schwede!" Und der Pikkolo rannte, als könne er sich das Eiserne Kreuz verdienen. „Halt, Pikkolo, noch ein drittes Glas!" rief Sieghart ihm nach. Eine Minute später stand das Getränk auf dem Tisch, und die drei stießen auf das Wohl der blauen Lungen an. Und der Kleine meinte stolz: „Det hamer wieder mal fein jemacht!" Die beiden Freunde brachen jetzt auf und pilgerten der Wohnung des Stu denten zu, der seinem Gast das Bett zur Verfügung stellte, während er sich selber ein Lager auf dem Liegestuhl zurecht machte. Sie plauderten noch lange, und in Sieghart befestigte sich von neuem der Wille, in seine Mutter zu dringen, damit er sich zur Fahne melden dürfe . . .Die Züge nach Straßburg-Colmar waren vollgepfropft bis auf den letzten Güterwagen. Junge Reservisten und Landwehrleute, Freiwillige, die kaum die Kinderschuhe abgestreift hatten, und ergraute Landstürmer strebten der Heimat zu, um Herd und Heimstatt zu schirmen. Mit Blumen am Hut und an der Brust zogen sie heran, von ihren Frauen und Bräuten, von ihren Söhnen und Töchtern begleitet. Ein letzter Händedruck, ein letzter Kuß! Dann flattern weiße Tücher im Winde, und heiße Tränen rinnen über heiße Wangen. In Gedanken begleitet Sieghart den Sol datenzug, während er selbst in den für das Publikum bestimmten Wagen klettert. Er fühlt, wie Fröhlichkeit und Ernst in stiller Fehde liegen. Man lacht und scherzt, als ging's zu frohen Festen. Aber dazwischen sieht er auch ernste Gesichter. Immer wieder wandern die Gedanken heim zu den Lieben, zu ihrer Sorge, ihrem Abschieds weh. Schon wird das Lied vom Scheiden angestimmt, und alle singen mit: „Fahr wohl, fahr wohl, mein teures Lieb." Und mancher greift verstohlen nach dem Veilchen, das ihm die Liebste an die Brust gesteckt, oder nach dem duftenden Rosenstrauß, den sein Mütterlein vom kleinen Beet gepflückt, und drückt ihn voller Inbrunst an die Lippen. In Straßburg bricht ein neuer Jubel los. Und Siegharts Herz schlägt laut: mein Elsaß, du! Strahlenden Blickes sieht er das stürmische Treiben, überall Beweise bürgerlicher und militärischer Hilfsbereitschaft, überall Förderung der Mobilisation, nirgends die von den Hetzern vorausgesagte Hemmung. Liebe und Opfer, wohin man sieht. So zeigt sich offen wieder, was die wirklichen Kenner der Verhältnisse immer gewußt, woran sie nie gezweifelt haben: daß das Elsaß in seinen besten Teilen immer deutsch gewesen sei. Aber auch viele von denen, die Frankreich wirklich lieb ge wonnen hatten, sind stutzig geworden. Sie begreifen nicht, daß ein Volk, mit dem man sich durch Bande der Verwandtschaft und Freundschaft verbunden glaubte, den russischen Bären zu liebkosen begann, weil alte Vergeltungsgelüste ihm keine Ruhe ließen. Man kann es verstehen, daß mancher Elsäsfer nicht mehr wußte, wohin er gehörte. Die wechselnden Geschicke des Landes mußten schwankende Gemüter mit der Zeit ver wirren. Nun aber, da es Farbe zu bekennen galt, da wußten sie mit einem Male die Parole. Nirgends in Deutschland hat sich ein so großer Prozentsatz Kriegsfrei williger gemeldet wie im Elsaß. Es schien, als wolle es der ganzen Welt zurufen: Wir sind deutsch. Sieghart ist glücklich. In ihm ist alles Seele, heiliges Fühlen. Er blickt verklärt durch das Fenster des rasenden Zuges. Drüben in weiter Ebene liegt das gesegnete Sesenheim. Die lichten Schatten Goethes und Friederike Brians tauchen vor ihm auf. Dann westlich Schlettstadt, und das machtvolle Bauwerk der Hohkönigsburg. Die Abendsonne wirft ihr Gold mit vollen Händen über ihre stolzen Zinnen. Und Sieg hart strahlt: Elsaß, mein Vaterland! . . . Daß es in Colmar etwas kühler herging, schmerzte Sieghart sehr. Er hatte an vaterländischen Festtagen früher oft mit Unbehagen die Lauheit seiner Landsleute 2t8219 beobachten können; niemals aber hätte er ihnen die Teilnahmlosigkeit zugetraut, die viele von ihnen in diesen Tagen zur Schau trugen. Natürlich gab es auch hier Tausende, deren Herz in hellen Flammen stand; aber die anderen sielen mehr ins Auge, weil man gerade in diesen Tagen von jedem einzelnen ein herzhafteres Be kenntnis verlangte. Er schritt über das Marsfeld, das zur Zeit des ersten Kaiserreiches die Salven der französischen Gewehre krachen hörte, der St.-Martins-Kirche zu. Sie trug ihre kupferne Haube wie eine Beterin aus den Tagen der Renaissance und lauschte dem ungewohnten Treiben der Menge in den Straßen der Stadt. Selbst die kleinen winkligen Gassen mit ihren schiefen Giebelbauten, deren Bewohner sonst mit den Hühnern zu Bett gingen, hallten von dem Echo wider, das von den Verkehrsadern der Stadt ausging und das Murmeln der jahrhundertalten Brunnen erstickte. Wie ihm alles als Bekenntnis deutscher Art erschien, so las er auch aus der steinernen Sprache der gotischen Bögen von neuem die erhebende Predigt von deutscher Größe. Sollten die hundert Jahre französischer Fremdherrschaft wirklich imstande gewesen sein, den Geist zu ändern, der diese Stätten deutscher Kraft verklärt? Nein, deutsche Art ist stärker. Sie ist ewig! Eine Abteilung Soldaten zog eben vorbei. Alles junge, heitere Tugend. Auf den Gesichtern lag noch der Glanz vom Abschiedssegen der Mutter. Nun sangen sie mit fröhlichem Gemüt: „Wir alle wollen Hüter sein . . Er trat in die Kirche, wo Schöngauers berühmtes Gemälde „Madonna im Rosenhag" hing. Auch hier umfing ihn der Muttergedanke in feierlicher Reinheit des Gefühls. Nur deutsche Tiefe konnte solche Werke schassen, wie hier die „Madonna" und drüben im Llnterlindenkloster den Isenheimer Altar mit dem Kreuzbild Meister Grünewalds. „Mutter, Mutter!" klang es in ihm wieder. „Nichts will ich tun, bevor du mich gesegnet hast . . ." Dann trat er den Weg nach dem Heimatdorfe an. Sieghart kannte seine Mutter. Sie wird auf mich warten, sprach er zu sich selbst. Draußen vor der Türe wird sie stehn und warten. . . Und er malte sich den ersten Augenblick des Wiedersehens so oft aus, bis nur noch die Biegung eines Hohl weges ihn hinderte, sich von der Richtigkeit seiner Voraussetzungen zu überzeugen. Einen Augenblick später aber stürmten sich Mutter und Sohn mit offenen Armen ent gegen, und keiner fand das Wort, nach dem sie beide suchten. Erst als sie in die Küche traten, stieß die Mutter erregt hervor: „Was wird nun aus Vater werden?" Es schien, als müsse Sieghart lange nach der rechten Antwort suchen. Er sah die Mutter eine Zeitlang prüfend an. Dann griff er über den Tisch hinweg nach ihrer Hand: „Mutter, ich weiß, was aus dem Vater werden wird: ein Held." Und ohne ihren ängstlichen Blick zu beachten, sprang er plötzlich auf und rief: „Ja, ein Held wird er werden, und ich will es ihm nachtun. Mutter, hörst du, ich will mit in den Krieg!" Sie erschrak über die Leidenschaft, die aus den Augen Siegharts sprühte. So hatte sie ihren Jungen noch nie gesehen. Sie wußte nicht anders, als daß er von220 mädchenhafter Zartheit des Empfindens war, ein rechtes Muttersöhnchen, hatte sie gemeint. Und nun sah sie mit einem Male ein: er ist doch wie der Vater. Zu anderen Zeiten hätte diese Erkenntnis sie glücklich gemacht. Jetzt aber begann sie, um ihr Glück zu zittern. Sie stellte ihm in eindringlichen Worten ihre Sorge vor und glaubte schon an den gewünschten Erfolg, denn in Siegharts Augen standen helle Tränen. Da ergriff er von neuem ihre Hand: „Mutter! Du weißt, ich gebe alle Weis heit der Welt und alle Freuden dieses Lebens um den Segen, der von deinen Lippen kommt. Aber du darfst nicht verlangen, daß ich mein Blut verleugne, wenn das Vater land mich ruft. Ich will dabei sein, wenn es gilt, unsern Herd und unseren Acker zu ver teidigen, und den Weinberg, der uns seit Iahren eine Quelle des Segens war." Er fühlte, wie ihre Hand auf seinem Scheitel zitterte, und er schlang seine Arme liebkosend um den Hals der Mutter. Sie aber gab sich dem Schmerz der nahen Trennung hin und schluchzte laut. Ihre Klage zerriß Siegharts Herz, und indem er der Mutter den Gutenachtkuß gab, beschloß er, an seinen Vater zu schreiben und ihm sein Herz auszuschütten. Denn er war irre geworden an sich selbst und bedurfte einer sicheren Hand, um aus dem Widerstreit seiner Ideale herauszufinden. Er suchte die Adresse seines Vaters hervor und nahm den letzten vergilbten Briefbogen, den er im Schubfach der Kommode fand. Dann schrieb er: Lieber Vater! Ich weiß nicht, wie ich handeln soll. Du mußt mir raten in bitterer Not. Seit der Stunde, da unser Kaiser sein Volk zu den Waffen rief, finde ich keine Ruhe mehr. Soll ich Dir sagen: ich bleibe hier? Sollen die anderen bluten für mich? Sage mir, Vater, wäre Dir das recht? Du hast mich deutsches Denken gelehrt und stehst nun selbst im fernen Meer auf treuer Wacht. Soll sich Dein Sohn verstecken vor dem Feinde? Ich weiß. Du würdest lieber vor meinem Grabe stehen, als daß Du mich zu Hause hinterm Ofen wüßtest. Aber die Mutter sagt, ich sei zu jung, und ihre Tränen brennen heiß in meiner Seele. In sieben Wochen werde ich 16 Jahre alt. Dann will ich mich zum Heeresdienste melden. Schreib mir, daß ich es darf, ohne ein ungehorsamer Sohn zu sein. Es wäre mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Ich umarme Dich in Treue! Dein Sohn Sieghart. Nach drei Wochen brachte der Postbote einen Brief aus Tsingtau. Er stammte vom Vater und war am Tage der Ausfahrt der „Gneisenau" geschrieben, die gleich nach der Mobilmachung die Anker gelichtet hatte. Bootsmannsmaat Reiner wußte damals noch nichts von dem Zwiespalt, der Siegharts Herz erregte, aber es war ihm ein natürliches Bedürfnis, den Seinen in dieser Stunde noch ein paar Worte des Trostes zu sagen. Er schrieb herzliche Zeilen der Liebe an sein gutes Weib und ließ es nicht an hoffnungsfrohen Wünschen für die Zukunft fehlen. Für seinen Jungen aber legte er einen besonderen Zettel bei. Er ahnte, daß Sieghart in diesen Tagen221 eines festen Haltes bedürfe. So kam es, daß Sieghart auf einen Brief Antwort er hielt, den der Vater noch nicht bekommen hatte: „Mein lieber Junge! Es schmerzt mich. Dich vor Deinem Auszug nicht mehr in meine Arme schließen zu können. Aber größer als dieser Schmerz ist die Freude, meinen Sohn bald unter den jungen Kriegern zu sehen. Nur wenige Wochen trennen Dich von diesem Ziel. An Deinem 16. Geburtstage sollst Du des Kaisers Rock anziehen, und Deine gute Mutter wird Dich segnen. Es ist nicht nötig, daß Du wiederkehrst, wohl aber, daß Du Deine Pflicht erfülltst. Du wirst dies Vaterwort nicht mißverstehen. Leb wohl. Sieghart! Ich drücke Dich an meine Brust. Wenn Gott will, sehen wir uns wieder. Dein Vater." Und darunter stand die Bemerkung: Heute geht es in See! Haiti! Aus Siegharts Augen stürzten Freudentränen. Dann umschlang er die Mutter, die ihren Schmerz zu verbergen suchte, und küßte ihr die Wangen und die Stirn: „Sag, Mutter, wirst du mir den Segen geben?" Sie nickte nur und sah ihn traurig an. Aber aus Siegharts Augen leuchtete ihr eine solche Zuversicht entgegen, daß auch in ihrem Herzen langsam der Glaube zu reifen begann, daß deutsche Art den Sieg erringen müsse. Während sie sich anschickte, den Mittagstisch zu decken, sprang Sieghart in die Kammer, um den Atlas zu holen. Er studierte die vermutliche Reise seines Vaters auf der Karte und las auch nach, was in seinem geographischen Lehrbuch über Haiti stand. Wie trocken kam ihm alles vor; wie dürftig schienen ihm die wenigen Zeilen. Und seine Phantasie schwelgte in glühenden Farben. Von nun an zählte Sieghart die Stunden bis zu seinem Geburtstage; aber die Zeit kroch immer langsamer davon . . . Unterdessen dampfte der große Panzerkreuzer „Gneifenau" durch den Großen Ozean. Auf Deck herrschte ein fröhliches Leben, und es war nicht ohne weiteres zu entscheiden, was fröhlicher und heller war, die strahlende Sonne oder das Lachen der jungen Matrosen. Einige hundert Meter voran durchschnitt der stolze „Scharnhorst" die blaue See. Er hatte den Chef des ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Vizeadmiral Graf von Spee, nebst seinen beiden Söhnen an Bord, und die Offiziere und Mann schaften beider Schiffe waren stolz darauf, diese Drei zu den Ihrigen rechnen zu dürfen. Der erste Offizier hatte der Besatzung soeben den Marinebefehl bekanntgegeben und aus seiner Erfahrung allerlei Wissenswertes hinzugefügt. Er erinnerte an den Ausspruch, den ein englischer Admiral vor ein paar Iahren getan hatte: „Die Deutschen würden eines Tages zugleich mit der Nachricht von dem Ausbruch eines Krieges mit England lesen, daß sie eine Flotte gehabt hätten", und fügte lachend hinzu: „Na, Iungens, nu möt wi den Grotschnuten mol wiesen, wie dat mit de deutsche Flotte222 is. De leisten acht Dage Hewwen se us ja noch nich gefräten, wi wollen mol seihn, wo lange dat se dortau nötig Hebben." Die Worte weckten bei der Besatzung brausenden Widerhall. Es war, als hätten die Tapferen geahnt, daß gerade sie dazu ausersehen sein sollten, aller Welt zum erstenmal zu zeigen, daß das Wort von Englands ewiger Seeherrschast nur noch ein überlebtes Wortspiel sei. Als alles blank war, gab es lustige Spiele auf Deck, und auch an frohen Liedern fehlte es nicht. Noch auf dem Nachtlager summte Reiner sein Lieblingslied: „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot von unsres Schiffes Mast ..Und seine Gedanken waren bei seinem Jungen und bei seinem treuen Weibe. Reiner hatte noch nie daran gezweifelt, daß Deutschland siegen werde, gleichviel, mit wem es seine Waffen kreuzen würde. Ihm machte auch Englands hinterlistiges Ein greifen keine Sorge. Er sagte sich: die Engländer haben zwar Schiffe, aber nicht Leute genug. Nicht Schiffe, sondern Menschen fechten ja. Zudem sind ihre Matrosen bezahlte Söldner; wir aber tragen unser Herz ins Feld. Die Welt soll jetzt erfahren, was das heißt! Das Herrliche, das Große aber ist, daß alle Kameraden diese Zuversicht und diese Opferfreude Reiners teilen. Der Stolz, als überzeugter Wehrmann und nicht als Söldner zu gelten, lebt in aller Brust, hinab bis zum jüngsten Schiffsjungen. Alles ist eins geworden, wie eine große Familie. Das Beispiel der älteren rafft die Jugend empor und spornt sie an, es ihnen gleichzutun. Schon fangen die meisten an, ungeduldig zu werden, weil sie bereits zwei Wochen unterwegs sind, ohne vom Feinde eine Spur zu sehen. Sie fragen sich: Wo ist die Beherrscherin der Meere, wo treibt sich der liebe englische „Vetter" so feige herum? Sie hatten sich gesreut, ein edleres Wild als die serbischen Hammeldiebe erlegen zu dürfen, und nun suchten sie vergeblich nach dem Löwen der Meere. Wenn sie in langen Nächten am Bug des Schisses Posten standen oder am Topp mit weiten Augen Ausschau hielten, ohne daß der Feind sich sehen ließ, dann überkam es sie wohl wie Neid gegen die Kameraden von der Armee, die das Glück hatten, stündlich näher an den Feind zu kommen und dem Verräter ins Auge zu sehen. Wieder waren zwei Wochen ins Land gegangen, und die Mannen des Grafen Spee hatten immer noch nichts vom Kriege gesehen. Das Geschwader steuerte aus Haiti zu, die zweitgrößte Antilleninsel. Fortgesetzte Bürgerkriege und hohe Kinder sterblichkeit — man könnte also durchweg von Kinderkrankheiten sprechen — haben die Bevölkerungsziffer der französischen Kolonie während der letzten hundert Jahre arg herabgedrückt und trotz der verhältnismäßig hohen Ausfuhr von Kaffee, Bauholz, Baumwolle und Tabak unter den Kreolen keinen Wohlstand aufkommen lassen. An der Nordwestküste der Insel liegt Papeete, die Hauptstadt der französischen Tochter- Republik, ein einsamer Hafen, inmitten paradiesischer Schönheit. Nur einmal monat lich legte in Friedenszeiten hier ein kleiner Dampfer an, um den 5OOO Einwohnern223 Kunde von der Außenwelt zu bringen. Dann gab es jedesmal ein kleines Fest, bei dem der französische Gouverneur und die Konsuln nie sehlten. Das hatte nun ganz plötzlich aufgehört. Die 20 Geschütze des Forts waren wachsamer denn je auf das Meer gerichtet, und das Kanonenboot „Zelse" hatte Befehl, sich bereit zu halten. Kaum war das Boot von den Deutschen gesichtet worden, als der Befehl.„Klar zum Gefecht" erging. Eigentlich ging die Absicht dahin, einen Par lamentär an Land zu schicken und die lagernden Kohlenvorräte zu verlangen. Diese Absicht wurde jedoch durch die Granaten der Festungsgeschütze vereitelt, die plötzlich über die deutschen Schiffe hinwegpfiffen. Es vergingen aber keine drei Minuten, und die schweren Kruppschen Kanonen unserer Kreuzer donnerten über den Ozean. Eine halbe Stunde später schlugen an allen Enden der Stadt die Flammen empor. Auch die Schiffswerft und die Kasernen hatten ihren Teil abbekommen. Im Hasen lag ein deutscher Handelsdampfer, der den Franzosen in die Hände gefallen war. Das Kanonenboot bemannte die Geschütze, setzte Toppflaggen und legte sich quer vor den deutschen Handelsdampfer in der Hoffnung, auf diese Weise vor den deutschen Ge schützen sicher zu sein. Graf Spee dachte anders. Er ließ sofort das Signal geben, die Flagge zu streichen. Als der Aufforderung nicht Folge geleistet wurde, erhielten die 21-Zenti- meter-Geschütze den Befehl, ein wenig nachzuhelfen. Der erste Schuß war ein Voll treffer, und drei Minuten später lag das Kanonenboot aus dem Grunde des Meeres. Die Besatzung der beiden Kreuzer war glücklich, wenigstens schon einen Vorgeschmack vom Kriege bekommen zu haben, ohne daß sie selber Verluste zu beklagen gehabt hatten. Trotz allen Suchens nach dem Feinde kamen wieder ruhige Tage. Die Ma trosen wurden immer ungeduldiger und schimpften weidlich auf den feigen Engländer, der ihnen stets in großem Bogen aus dem Wege ging. Sie lagen oft drei bis vier Tage an irgendeiner einsamen Insel mit klaren Maschinen vor Anker, um sich mit Kohlen und frischem Fleisch zu versorgen. Bei dieser Gelegenheit hatten zwei Unter offiziere und ein Matrose des „Gneisenau" Wasser aus einem Brunnen getrunken, der vergiftet worden war. An einem kalten Oktobertage wurden sie unter den Salven der Gewehre ins Meer gesenkt. Es waren die ersten Toten, die der Krieg von der Besatzung des Speeschen Geschwaders gefordert hatte . . . In der Frühe des 1. November näherten sich die deutschen Schiffe der Küste von Chile. Graf Spee hatte sich unterdessen mit den kleinen Kreuzern „Nürnberg" und „Leipzig" vereinigt, die bereits im Großen Ozean die ersten Lorbeeren hatten ernten dürfen. Außerdem war der kleine Kreuzer „Dresden" vom Osten Südamerikas herangezogen worden. Im Schutze der Insel Santa Maria lagen der englische große Panzerkreuzer „Monmouth", der schnelle kleine Kreuzer „Glasgow" und der Hilfskreuzer „Otranto" vor Anker. Das Flaggschiff „Good Hope", das den Chef des südamerikanischen Ge schwaders, Admiral Craddock, an Bord hatte, traf bald darauf zur Verstärkung ein,224 während das gleichfalls beorderte Linienschiff „Eanopus" den Anschluß nicht mehr erreichte. Um so schmerzlicher war die Erkenntnis der Engländer, daß Gras Spee trotz der vorgerückten Tageszeit und bei hohem Wellengang zum Angriff überging. Da die „Otranto" es vorzog, sich aus dem Staube zu machen, waren die Deutschen den Engländern an Geschützzahl überlegen: 64 englischen Rohren standen 8l) deutsche Rohre gegenüber. Der Umstand, daß sich unter den englischen Geschützen ein paar 23,4-Zentimeter-Rohre befanden, konnte die ziffernmäßige Überlegenheit um so weniger ausgleichen, als die Deutschen sich dem Feinde hinsichtlich der Treffsicherheit bald über legen erwiesen. Schon auf 9(M Meter eröffnete der „Gneisenau" das Gefecht, nachdem das deutsche Geschwader längs der Küste in Kampffront gegangen war, während die Eng länder die Seeseite innehatten. Um 1/2? Uhr abends feuerten „Scharnhorst" und „Gneifenau" aus je sechs 21,3-Zentimeter-Geschützen die erste Salve ab. Ein Taumel der Begeisterung hatte die Mannschaft ergriffen, und ohne Zögern ging es dem feind lichen Geschwader entgegen. In einer halben Stunde war die Entfernung zwischen den Gegnern um drei Klometer geringer geworden, und die Umrisse der englischen Schiffe hoben sich deutlich vom leuchtenden Abendhimmel ab. „Kinder, jetzt gilt's!" rief der Kapitän. Die Befehle jagten hin und her. In wenigen Minuten hieß es: „Artillerie klar!" „Torpedowaffe klar!" „Schiffsführung klar!" „Maschine klar!" „Dampf auf in allen Kesseln!" Bootsmannsmaat Reiner bediente eins der großen Backbordgeschütze und hatte die Aufgabe, das englische Flaggschiff „Good Hope" unter Feuer zu nehmen. Eine heftige Bö warf den Engländer so unruhig hin und her, daß er von seinen acht tief liegenden 16-Zentimeter-Geschützen keinen Gebrauch machen konnte und sich auf die beiden 24er beschränken mußte. Dreimal war eine seiner schweren Granaten über den „Gneifenau" hinweggeheult, der dem englischen Koloß auf 5lM Meter nahe gekommen war. Plötzlich brauste ein tausendstimmiges „Hurra" übers Meer. Der Turm der „Good Hope" stürzte ineinander, und an zwei Stellen des Schiffes schlugen haushohe Flammen empor. Eisenstücke und Balken flogen wie zersplitterte Bohnenstangen aus dem Krater und prasselten nieder auf das Deck, zahlreiche Matrosen unter sich be grabend. Es war ein furchtbares Schauspiel, erschütternd und erhebend zugleich. Vergebens suchte der große Kreuzer „Monmouth" das Flaggschiff zu decken, denn schon hatten die Deutschen ihre 15-Zentimeter-Geschütze klar zum Gefecht und schickten eine Salve nach der anderen hinüber. Da sich auch der „Otranto" bald mit schweren Verlusten zurückzog, standen dem deutschen Geschwader jetzt nur noch „Monmouth"In dem gegenwärtigen Kriege sollte sich das Unterseeboot als eine der bedeutsamsten Waffen erweisen. Am 22. Sep tember gelang es U 9 unter dem Oberbefehl des Kapitän- leutnants Otto Weddigen, in zwei Stunden drei englische Kriegsschiffe zur Strecke zu bringen: Aboukir, Hogne lind Cressy. Auch als Kommandant von U 29 fügte Weddigen dem Feinde ungeheuren Schaden zu, bis er im März das Opfer eines heimtückischen Angriffs wurde. Anser Bild zeigt den Helden mit seiner ihm kriegsgetrauten Gattin.und „Glasgow" gegenüber. Aber auch diese beiden sollten bald eine furchtbare Lektion bekommen. Der Mond hatte die Sonne abgelöst und damit die Lage ein wenig zugunsten des Feindes verschoben. Während die englischen Kreuzer vor dem dunklen Hinter grunde immer mehr verblaßten, traten die deutschen Schiffe im Glanz des hellen Gestirns jetzt immer schärfer hervor. Schon schlugen zwei englische Granaten in die Achterbordwand des „Gneisenau". Aber sie erzielten die beabsichtigte Wirkung nicht. Die drei Verletzten lachten ihrer Wunden und begaben sich erst auf besonderen Besehl des Kapitäns zum Arzt, um sich einen Verband anlegen zu lasten. Dann aber waren sie wieder zur Stelle. Sie wollten dabei sein, wenn der Siegesjubel der Kameraden über das Weltmeer brausen würde. Wieder krachten Salven hier und dort. Bald konnte auch „Monmouth" den Abstand in der Linie nicht mehr halten. Von drei Seiten kam der eiserne Tod. Eine furchtbare Explosion ließ den Kreuzer jetzt in allen Fugen erzittern. Dann setzte die Maschine aus, und der Sturmwind begann mit dem willenlos gewordenen Niesen ein teuflisches Spiel. Noch einmal leuchtete die Glut über die dunkle See, dann schlugen die tiefen Wellen über den brennenden Trümmern zusammen. Die „Glasgow" war 22S226 Zeuge der furchtbaren Katastrophe, und so kam es, daß sie nach dem ersten Treffer in schneller Fahrt die hohe See suchte. Wieder scholl ein dreifaches „Hurra" über den Ozean. Es brauste von Geschütz zu Geschütz, vom Bug bis zum Achterbord, und auch der Obermaschinistenmaat hatte im Heizraum seine Leute um sich geschart. Nun jubelten sie zwischen Ruß und Kohlen staub ein „Hurra" auf dm Kaiser. 18öt> Engländer waren mit den beiden großen Kreuzern unschädlich gemacht. Auf dem „Gneisenau" aber saßen inmitten ihrer lustigen Kameraden drei Matrosen mit einer Binde an Kopf und Arm. Sie sangen kräftig mit, als die Mannschaft das Sturmlied „Deutschland, Deutschland über alles" anstimmte. Und es war, als hätten die rollenden Wogen des Meeres warnend „Old England, old England" geraunt. Die kleinen Kreuzer hatten den Befehl erhalten, zum Torpedoangriff vor zugehen. Aber es gab für sie an diesem Tage keine Arbeit mehr. Die Feuertaufe des deutschen Auslandsgeschwaders war zu einem Ehrentage der deutschen Flotte ge worden. Und alle Welt wußte: mit der Unbesiegbarkeit der englischen Flotte war es seit der Schlacht bei Santa Maria für immer vorbei. Zwei Tage später lief Graf von Spees Geschwader Valparaiso an, wo jeder Gelegenheit hatte, die Post für die Lieben daheim abzuliefern. Reiner hatte erfahren, daß der von ihm über alles verehrte Chef eine Schilderung der Schlacht geschrieben hatte. Er nahm sich ein Herz und bat den Grafen um die Erlaubnis, eine Abschrift der Schilderung herstellen zu dürfen, damit er sie seinem Jungen schicken könne. Es war kein Akt, der aus der Schwerfälligkeit eigenen Denkens entsprang, sondern das Bestreben, seinem Sohne eine denkwürdige Erinnerung für alle Zeiten zu schicken. Wer wäre überdies mehr berufen gewesen, den ersten großen Seesieg Deutschlands zu be schreiben, als dieser tapfere Recke, dem des Vaterlandes Flotte alles war. Der Brief des Grafen aber lautete: „Gestern war Allerheiligen und für uns ein Glückstag. Ich war mit dem Ge schwader auf dem Wege, südlich längs der Küste zu fahren, als ich Wind davon bekam, daß ein englischer Dampfer in Eoronel, einem kleinen Kohlenhafen bei Eoncepcion, ein gelaufen sei. Da nach den allgemeinen internationalen Regeln ein Schiff einer Kriegs partei innerhalb 24 Stunden wieder auslaufen muß, dachte ich es abzufangen. Ich hatte die Plätze so verteilt, daß „Nürnberg" vor den Hafen laufen sollte, um nach zusehen, ob der Kreuzer noch drinnen, während die anderen Schiffe außen herum gestellt werden sollten. Meine Schiffe waren also um 4 Uhr 25 Minuten auseinandergezogen, nur „Gneisenau" ganz in der Nähe, als mir gemeldet wurde, daß in West-Südwest etwa zwei Schiffe gesichtet würden. Ich hielt darauf zu, befahl den anderen Kreuzern, zu mir zu kommen; denn es war mir bald klar, daß es Gegner seien, und zwar der Panzer kreuzer „Monmouth" und der kleine Kreuzer „Glasgow". Bald kam hinter den ge sichteten Schiffen der Hilfskreuzer „Otranto" und nach einer Weile der Panzerkreuzer„Good Hope" in Sicht. Der Gegner versuchte einige Manöver, durch die er meines Erachtens näher an die Küste gekommen wäre und nach Luv, was mir sehr schädlich gewesen. Ich hatte sogleich „Scharnhorst" und „Gneisenau" besohlen, alle Kessel in Betrieb zu nehmen, und in einer Viertelstunde lief ich mit 20 Seemeilen gegen schwere See und Dünung auf, kam glücklich so weit, daß ich dem Gegner parallel zu liegen kam, war aber allein und mußte auf das Herankommen der anderen warten. Der Gegner war so liebenswürdig, mich dabei nicht zu stören; die Entfernung betrug da noch etwa neun Seemeilen. Als meine Schiffe um 6 Uhr 10 Minuten bis auf „Nürn berg", die noch nicht zu sehen war, zusammen waren, begann ich die Entfernung zu verringern, und als sie etwa fünf Seemeilen betrug, d. h. 9,25 Kilometer, ließ ich das Feuer eröffnen. Die Schlacht hatte begonnen, und im wesentlichen leitete ich mit wenig Änderungen des Kurses die Linie ganz ruhig. Die Sonne im Westen hatte ich so ausmanöveriert, daß sie mich nicht stören konnte. Der Mond im Osten war noch nicht voll, versprach aber gut in der Nacht zu leuchten, Regenböen standen an ver schiedenen Stellen. Meine Schisse feuerten schnell und hatten auf die großen Schiffe guten Erfolg. „Scharnhorst" feuerte gegen „Good Hope" (Flaggschiff Admiral Eraddocks), „Gneisenau", „Dresden" gegen „Otranto". Letzteres Schiff verließ nach einiger Zeit die Linie und ist entkommen, wie ich denke. Auf „Good Hope" und „Mon- mouth" brachen viele Brände aus, auf erfterem fand eine ungeheure Explosion statt, die sich gegen den dunklen Abendhimmel wie ein Brillantfeuerwerk darstellte, weiß glühend mit grünen, leuchtenden Sternen lohte es dabei über Schornsteinhöhe auf. Ich glaubte, das Schiff müßte dabei untergehen, doch schwamm es weiter, und der Kampf ging dabei ununterbrochen fort. Die Dunkelheit brach herein, die Entfernung hatte ich zuerst verringert bis auf 4500 Meter, dann drehte ich so weit, daß sie langsam wieder zunahm. Es wurde weitergeseuert nach dem nur durch die Brände erkenn baren Schiffe, und als die Geschützführer nicht mehr zielen konnten, abgebrochen. Das Schießen des Gegners hatte aufgehört. Ich befahl den kleinen Kreuzern, die Verfolgung aufzunehmen. Da der Gegner aber, wie es schien, nun die Brände ge löscht hatte, war nichts zu sehen, und das Herumfahren um die gegnerische Linie, um sie in günstige Beleuchtung zu bekommen, führte nicht mehr zum Zusammentreffen. Der Artilleriekampf hatte 52 Minuten gedauert. Um 8 Uhr 4V Minuten auf Nordwestkurs, beobachtete ich voraus auf sehr große Entfernung, geschätzt etwa 10 Seemeilen, Artilleriefeuer. Ich hielt darauf zu, um zu helfen, falls nötig. Es war die „Nürnberg", die vorher nicht mehr den Anschluß hatte finden können, nun auf die fliehende „Monmouth" gestoßen war, die, wie sie meldete, mit starker Schlagseite nach Steuerbord vorgefunden wurde. „Nürn berg" ging dicht heran und gab ihr den Rest durch Geschützfeuer. „Momnouch kenterte und ging unter. Leider verbot die schwere See die Rettungsarbeit neben dem Umstand, daß „Nürnberg" glaubte, „Good Hope" in der Nähe zu sehen, was wohl eine Täuschung war. Sie wird die großen Kreuzer aus große Entfernung im 8 15* 227228 Mondlicht dafür angesehen haben. Ich weiß nicht, was aus „Good Hope" geworden ist; Leutnant G., der Zeit zu Beobachtungen hatte, meinte, er habe erkannt, daß auch sie starke Schlagseite bekommen habe, und wenn ich mir das Bild in Erinnerung rufe, halte ich es wohl für möglich, während der Schlacht glaubte ich aber, es sei eine Folge der Schiffsbewegungen in der schweren See. Es ist möglich, daß auch sie untergegangen ist, kampfunfähig war sie wohl. „Glasgow" war kaum zu sehen, sie soll auch einige Treffer bekommen haben, ist meines Erachtens aber entkommen. So haben wir auf der ganzen Seite gesiegt, und ich danke Gott dafür. Wir sind in geradezu wunderbarer Weise geschützt worden, wir haben keinen Verlust zu beklagen. Einige leichte Verwundungen kamen auf „Gneifenau" vor. Die kleinen Kreuzer wurden überhaupt nicht getroffen. Die Treffer, die „Scharnhorst" und „Gneisenau" erhielten, haben so gut wie keinen Schaden angerichtet. Eine 15-Zenti- meter-Granate fand sich in einem Hellgatt der „Scharnhorst" vor, sie hatte die Bordwand durchschlagen, dann allerlei Unfug und Zerstörung unten verursacht, war glücklicherweise nicht krepiert und lag nun als Gruß da. Ein Schornstein war getroffen, aber nicht so, daß er seinem Zwecke nicht mehr dienen konnte. Aehnliche Kleinigkeiten sind auf „Gneisenau". Ich weiß nicht, welche vielleicht unglücklichen Umstände beim Gegner vorgelegen haben. Die Begeisterung unserer braven Leute ist ungeheuer, ihre Siegeszuversicht konnte ich oft beobachten. Besonders gefreut hat es mich, daß auch „Nürnberg", die ohne Schuld von der Schlacht ferngeblieben, doch noch schließlich zum Erfolg beitragen konnte. Wenn „Good Hope" entkommen ist, muß sie meines Erachtens wegen ihrer Beschädigungen einen chilenischen Hafen anlaufen; um das festzustellen, will ich morgen mit „Gneisenau" und „Nürnberg" Valparaiso anlaufen und sehen, ob „Good Hope" nicht von den Chilenen abgerüstet werden kann. Damit bin ich zwei starke Gegner los. „Good Hope" ist ja größer als „Scharnhorst", hat aber nicht so gute Artillerie. Sie hat zwar schwere Geschütze, aber nur zwei davon. „Monmouth" ist dagegen der „Scharnhorst" unterlegen, da sie nur 15-Zentimeter-Gefchütze hatte. Die Engländer haben noch ein Schiff wie „Monmouth" hier, außerdem, wie es scheint, ein Linienschiff der „Queens"-Klasse mit 30,5-Zentimeter-Geschützen. Gegen letzteres können wir kaum etwas ausrichten. Hätten sie ihre Streitkräfte zusammengehalten, so würden wir wohl den Kürzeren gezogen haben. Du kannst dir kaum vorstellen, welche Freude überall bei uns herrscht! So haben wir doch wenigstens etwas zum Ruhm unserer Waffen beitragen können, wenn es auch für das Ganze und bei der ungeheuren Zahl der englischen Schiffe wenig bedeuten mag. Den 3. November 1914. Wir sind heute morgen in Valparaiso angekommen. Der Gesandte von Erckert war anwesend, kam bald an Bord, ebenso der Generalkonsul Gumprecht. Die Nach richt unseres Seesieges war noch nicht hergedrungen, verbreitete sich aber wohl schnell. Als ich zum Besuch des Stationschefs an Land fuhr, war großes Gedränge am229 Landungssteg. Photographenapparate knipsten dauernd, und manches Hurra aus kleinen Gruppen wurde ausgebracht. Die Deutschen wollten na ur ich f ' ich aber absolut abgelehnt habe. Ich denke, wir sind noch mch am n e Gezeichnet Graf von Spee. ' Reiner legte der Abschrist einen Zettel bei. Darauf schrieb er die Worte: Lieber Sohn! Sieh, diesen Brief wirst Du ausbewahren w.e em Heiligtum. Wie steht es in unsern Vogesen? Du wirst dabei sein, sie zu schützen, Trutze Mutter! Die Sonntagssonne lachte vom Himmel herab. Sieghart stand strafe und schaute nach den lieben Bergen, die für die Anwohner es cu nun schon seit Wochen ein verschlossener Garten waren, Siegharie e von ganzem Herzen. Er hörte die Vögel anders singen und die Bache ^ anders rauschen als die andern Menschen. Er lauschte dem Sausen es , der durch die schlanken Silberpappeln strich, und hörte überall das hohe Scholle. Wie oft war er auf den höchsten Baum gestiegen, um all das Herr uw im Tal ringsum bester sehen zu können, hoch über die kleine Kapelle hinaus^ nun dröhnte in die Musik seiner geliebten Berge der Groll aus schweren S h - Feuerschlünden. Wo vor kurzem wandersrohe Menschen aus den Talern > und Westen sich ein sriedliches Stelldichein gegeben, lagen letzt semdliche , bis an die Zähne bewassnet, in endlos langen Gräben einander gegenu e sandten sich totkalten Eisengruß. ., Es überkam ihn in solchen schwachen Stunden, wie er sie selber nannte woht ein stilles Weh. Dann sagte er zu sich: Sieh, da drüben hinter den Bergen 1 sonnige Weiden und Dörser, wie hier. Und Menschen wohnen dort, die auch w e wir voll Liebe und voll heißer Sehnsucht sind. Mutz der Bruder denn en morden? Muß das Blut der Frauen und Kinder unsere Heimaterde tränten. Während Sieghart sich auf einem Baumstumpf niederließ, um über alles 0 noch einmal nachzudenken, kamen zwei junge Burschen lärmend des Wege^ hatten Sieghart von weitem gesehen, und es reizte sie, wieder emma mi den Krieg zu streiten. Wenn man die beiden aber etwas naher besah, s man, daß das große Stürmen des Weltkrieges sie nicht tiefer berührte. LH ging der Krieg nichts an. . Na Sie kannten Siegharts heißen Wunsch. Und gleich sing einer an. ,,^ca, Siechart überlegte einen Augenblick, ob er sich gleich am Sonntag morgen mit den beiden herumschlagen sollte. Eigentlich war es «"erdlngs nur der eme von beiden. Aber der hatte dem unreifen Kameraden schon so Zugesetzt, d ß sein Horn stieß, wenn sich die Unterhaltung um den Krieg drehte. Der ^et d Sieghart vor den beiden Burschen wegen ihrer Lauheit stets empfunden hatte,230 ihm die Wallung ins Gesicht, und heftig stich er hervor: „Wer deutsch ist, der folgt jetzt des Kaisers Ruf!" Der andere aber ließ sich nicht so schnell aus der Fassung bringen. Er hatte seine Rede gleich bereit, wärmte allerlei Märchen von der stolzen Armee Napoleons auf und fabelte von der glorreichen Grande Nation. „Was geht dich Frankreich an, wenn dich dein Kaiser ruft!" brauste Sieghart auf. „O ihr traurigen Gesellen, die ihr nicht fühlen dürft, was heute Millionen wie ein Sturmwind packt. Ihr mögt mit ansehen, wenn die schwarzen Söldner der Engländer und Franzosen sengend und mordend in unsere Hütten dringen, unsere Mütter und Schwestern quälen und mit den Köpfen unserer Kinder Fußball spielen. — Wißt ihr nichts von den Greueln, die geschehen? — Wollt ihr mitschuldig werden an dem Elend unseres Landes? Ich denke, es ist besser, unsere Wege trennen sich. Lebt wohl!" Er ließ die beiden stehen und ging. Als Sieghart nach Hause kam, war der Briefträger dagewesen. Klopfenden Herzens lasen Mutter und Sohn die frohe Kunde, die der Vater schickte. Am liebsten wäre Sieghart jetzt auf die Landstraße hinausgerannt, um den beiden Nachbarssöhnen die Schilderung des Sieges von Santa Maria laut in die Ohren zu rufen. Aber die Muter hielt ihn zurück: Auch ihre Stunde wird schon schlagen, man soll die Menschen niemals zwingen wollen, wenn es um etwas Großes geht! Sie fühlte, daß auch in ihrer Brust der Glaube an die Ideale ihres Mannes feste Wurzeln schlug. In der deutschen Kolonie zu Valparaiso herrschte nach dem herrlichen Siege große Freude. Die an faustdicke Lügen gewöhnten englischen Zeitungen hatten natürlich auch die Erfolge der Deutschen bei Santa Maria in ihr Gegenteil verkehrt und die Behauptung aufgestellt, die deutschen Kreuzer seien nur zum Luxus da und würden niemals wagen, sich den englischen Schiffen in offener See zu zeigen. Nun sahen doch wenigstens die in der chilenischen Hafenstadt ansässigen Engländer, wie es um die Wahrheitsliebe ihrer Kriegsberichte stand. Sie machten denn auch weidlich lange Gesichter und schlössen schnell ein Dutzend neue Wetten ab. In einer Schiffer kneipe, wo Deutsche und Engländer sonst friedlich miteinander verkehrt hatten, ging es besonders laut. Ein langer Brite schlug mit der Faust auf den Tisch und rief erregt: „Unser Parlament wird kämpfen bis zum letzten Penny!" Ein Deutscher aber, der den großmäuligen Protzen gehört hatte, meinte lakonisch: „Und unser Volk bis zum letzten Blutstropsen!" Da war keiner, der in diesem Augenblick ein Wort zu sagen wußte, und der Sohn Albions nippte verlegen an seinem Glase Grog. Gras von Spee war mit seinen Söhnen nachmittags an Land gegangen, um dem deutschen Konsul einen Besuch abzustatten. An der Mole hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die den Sieger und sein Gefolge unter Hochrufen durch die Stadt begleitete. Viele benutzten die Gelegenheit, um die deutschen Panzerkreuzer näher zu besichtigen, was ihnen die wachthabenden Offiziere gerne erlaubten. Jeder231 wunderte sich über den frischen Eindruck unserer blauen Jungen, und wer eine Mark übrig hatte — jeder hatte sie übrig —, der stiftete sie, um den ^apseren em paa große Kisten Tabak und Zigaretten mit auf die Reise geben zu konnex Uls Offiziere und Mannschaften abends aus die Schiffe zurückkehrten, war die P z. kaum in der Lage, den Weg zur Mole freizuhalten. Die Lehrer )cu en nn Schulklassen Aufstellung genommen und riefen jubelnd Hoch und Hurra Als acht Tage später die Kreuzer „Dresden" und „Leipzig" ebenfalls im Hasen von Valparaiso anlegten, überbrachten die Fregattenkapitäne Lude e un )a Generalkonsul Dr. Gumprecht das folgende Dankschreiben des Grafen ^>pee: Sehr geehrter Herr Generalkonsul! Es drängt mich, den lieben an s in Valparaiso durch Ihren Mund nochmals auszusprechen, welche Ersrilcyung un Freude uns ihr herzlicher Empfang bereitet hat. Nachdem uns schon im ^e Herren und Damen, die wir persönlich kennen lernen durften, mit Aufmerksamkeiten und Zeichen der Hilfsbereitschaft überschüttet hatten, erkennen wir icht, beun perlenen der vielen Liebesgaben an die Besatzungen, daß offenbar alles, was deut,ch i,t m Valparaiso, einmütig dazu beigetragen hat, uns eine Freude M machen, ^as m der Kolonie auch in vollem Maße gelungen, und ich bitte Sie, der llbermittler unseres herzlichen Dankes zu sein. Wir werden die schönen Stunden m Valparaiso m guter Erinnerung behalten. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung habe ich c>i Euer Hochwohlgeboren ergebenster Graf Spee. Für den Generalkonsul lag noch ein besonderes Schreiben bei, das der Hoffnung auf ein gelegentliches Wiedersehen in herzlicher Weise Ausdruck ga . Der Dezember war gekommen und mit ihm der Tag, an dem sich S^egharts Wunsch erfüllen sollte. Die Mutter führte ihn vor das Bild des Vaters und spray. »Sein Segen ruht auf deinem Wege. Er glaubt an dich. Du wust iyn nn)t verra ui. Ich aber will sür deine Seele beten, wenn dich der Schlachtengott zum erstenmal versucht. Dann sollst du stark sein, - wie ich stark sein will . . . ." Da brach der ganze Jubel in ihm los: „O Mutter, M weiß ich w.e ieb du mich hast. Das will ich dir aus vollem Herzen danken! Nun sind wir von einem Geist beseelt. Und dieser Geist wird alles überwinden Dan" "aMen sie Abschied voneinander, jedes von ihnen bestrebt, dem andern die -renn g a erleichtern, und beide mit der Zuversicht, daß sie sich wiedersehen wurdem Vor dem Dorfe stand Sieghart eine Weile still, um noch einmal d Geg nd zu begrüßen. Die Felder lagen kahl, die Wälder grau und doch wa alles schon in seinen Augen. Da lagen all die weißen, kleinen Häuser und ie neuem Birkenweg. Und die Wintersonne warf ihr Netz darüber, Da fuh ^ < olle in wie sehr er seine Heimat liebte, wie ties der Glaube an den Segen ) ^ ihm Fuß gefaßt hatte. Nun wollte er für feine Berge kämpfen. Kein s 5232 ihm um solchen Preis zu hoch. Am liebsten wäre er zu den Fliegern gekommen, und er nahm sich vor, die maßgebenden Herren recht eindringlich um die Erfüllung seiner Bitte anzugehen. „Dem jungen Manne kann geholfen werden", hatte der Stabsarzt beifällig genickt, und zwei Stunden später befand sich der glückliche Sieghart auf dem Wege zur Fliegerkaserne, um eingekleidet zu werden. Der Zufall wollte es, daß der Bruder seines Korporalschaftsführers auf dem kleinen Kreuzer „Dresden" diente, der ja eben falls an dem Gefecht bei Santa Maria teilgenommen hatte. So war denn für die freien Stunden ein willkommener Gesprächsstoff gegeben. Der Unteroffizier hatte überdies mehrere Jahre als Maschinenbauer auf Schiffswerften gearbeitet und konnte deshalb manche Frage des jungen, wißbegierigen Rekruten beantworten. Daß dabei auch die Bedeutung des Unterseebootes für den Verlauf des Krieges besprochen wurde, verstand sich ganz von selbst, und wer den Beiden zuhörte, konnte leicht den Eindruck gewinnen, als ob er es nicht mit Fliegern, sondern mit Matrosen zu tun habe. Es waren in den letzten Tagen gerade allerlei aufsehenerregende Nachrichten von neuen Heldentaten unserer Unterseeboote bekanntgegeben worden. Selbst die Engländer gaben jetzt zu, daß ein Unterseeboot viel gefährlicher sei als ein Zeppelin, daß die deutsche Flotte viel gelernt habe, daß man mit weiteren Verlusten rechnen müsse . . . und wie die Redewendungen alle lauteten. Sieghart Reiner studierte neben dem Bau des Doppeldeckers eifrig die Schiffsformen, und es tat ihm fast leid, daß er nicht versucht hatte, zur Unterseeboot- oder Torpedowaffe geschrieben zu werden. Er wäre zwar wegen seines schwächlichen Körpers nie dafür fähig befunden worden. Das war nun sein schwacher Trost. Im übrigen hoffte er, in einigen Wochen die erste Fahrt über die Vogesen machen zu dürfen, dem Adler gleich, der in den Lüsten herrscht. Der Unteroffizier hatte ein paar gute Torpedobilder aufgetrieben und konnte nicht umhin, dem neuen Freunde an der Hand der Zeichnungen einen kurzen Vortrag zu halten. Was er in wissenschaftlichen Abhandlungen gelesen hatte, wußte er in einfacher Form auch dem verständlich zu machen, der keine Fachkenntnisse besaß. Er verglich den Torpedo mit einer Riesenzigarre, die von einem Metallmantel bedeckt und mit Sprengstoff gefüllt fei. „Dieses Geschoß", so fuhr der Unteroffizier fort, „wird entweder durch Luftdruck oder Pulver aus einem Rohr, dem Lancierrohr, abgefeuert und bewegt sich dicht unter der Wasserfläche fort. Sobald es auf den Rumpf des verfolgten Schiffes stößt, explodiert es und reißt die eisernen Planken seines Opfers auseinander. Der Torpedo ist also gewissermaßen eine Seemine, die als Geschoß behandelt wird. In den meisten Fällen genügt ein Volltreffer, um selbst stark gepanzerte Kriegsschiffe in die Tiefe zu schicken. Ein großer Teil der entwickelten Sprenggase bleibt allerdings wirkungslos, weil der Metallmantel verhältnismäßig dünn ist, so daß viel Sprengkraft nach den Seiten hin verpufft. Das Meerwasser wird dann wohl als turmhoher Sprudel emporgeschleudert, ohne dem Ziel den beabsichtigten Schaden zuzufügen. Diese Kraftverschwendung hat man bei den Geschütz-ein ^ ^ ^ verhindern gesucht, daß man in den Kopf der Hülse nicht nur e gewohnliche Sprengmasse, sondern eine besondere Granate einläßt. Wenn nun ^ e>uen Schiffspanzer oder ein Schutznetz stößt, so reißt die Granate nackk ^ ^ ^ Wandung des Schiffes und die im Innern des Schiffes eins^l^ ^^^"de Explosion vollendet das grause Zerstörungswerk. Gegen einen Sck k Torpedo gibt es bis heute noch keinen wirksamen Schutz. Weder yutznetze noch Schotten, die das Innere des Schiffes in wasserdichte Schwimm- mern zerlegen, können gegen diese Waffe schützen. Die Geschwindigkeit eines Torpedos beträgt zehn bis elf Kilometer. Tor llnterwafserrohren hat man übrigens auch auf Deck befindliche ledi^l^ spielen aber nur eine nebensächliche Rolle und werden fast ber^ ? ^ Notwehr verwandt, wenn der Gegner unvermerkt sehr nahe belck?^^^" ^ Torpedoboote dagegen sind die Panther des Meeres. Sie ein A ^ ^ und Nacht und holen die Schiffe in voller Fahrt xeri>" " efchwindigkeit werden sie nur von den Torpedojägern und Torpedoboots-- Unt^s^ü ubertroffen. Zur furchtbarsten Waffe ist der Torpedo aber erst durch das am-> ^tvorden. Und weißt du, wer diese Schiffsform erfunden hat? Ein n anischer Volksschullehrer namens John Holland. Es sind jetzt zwanzig Jahre ba/l ^ Deutsche schulden ihm besonderen Dank, denn er hat unseren Schiffs- best ^ gewiesen, und alle Welt weiß heute, daß wir die üb^qs auchboote haben. Wenn dirs Spaß macht, will ich dir auch das Nötigste ufgabe und Bedeutung des Unterseebootes mitteilen." sein pickte zustimmend. Je mehr er sich mit den Dingen beschäftigte, die fubr"s umgaben, desto mehr fühlte er sich eins mit ihm. Der andere unte k "Zunächst darfst du nicht glauben, daß die Unterseeboote ihre ganzen Reisen auf ^ Wasserspiegel machen. Das würde weder den Booten noch der Besatzung xuri'i^s ^'ch das ll-Boot muß den größten Teil des Weges auf dem Wasser dem ^ Augenblick der Gefahr verschwindet es unter dem Spiegel, nach- Scb' ^ ^ ^"un sich ins Innere des Schiffes begeben haben und alle Luken und le er des Bootes dicht verschlossen worden sind. So lange es geht, versucht der die^'tt ^ halber Höhe über dem Wasserspiegel zu halten, weil di g. ^^^^Ubioren eine schnellere Fahrt ermöglichen und der Führer bestrebt ist, ^ ^ ^ llnterwassermaschinen für den Tauchzustand aufzusparen. Allerdings ^ Wasser ragende Turm leicht zum Verräter. Dann muß das ^ gehen, und nur ein geübtes Auge vermag die Spitzen des Periskops zu n ecken, die aus dem Wasser herausragen und die weitere Beobachtung des Gegners s sobald ein Torpedo das Rohr verläßt, strömt durch das leere usstoßrohr so viel Wasser in das Innere des Bootes, als zur Aufrechterhaltung es Gleichgewichts nötig ist. Weiter eindringende Wassermengen werden durch Druck- u> entfernt und der nächste Schuß kann abgefeuert werden . . ."234 „Doch eine herrliche Sache, diese Unterseeboote", meinte Sieghart. „Mit der Blockade durch die Engländer wird es da nichts geben! Die Taten unserer l^s-Boote haben alle alten Begriffe ins Wanken gebracht. Da mögen die englischen Zeitungen nach Herzenslust über die „Pest" wettern, mit denen Deutschland die Meere „ver seucht". Die Hauptsache ist, daß der Lebensnerv der englischen Wehrmacht empfindlich getroffen wird. Daran ändern auch die Lügenmeldungen der Londoner Zeitungen nichts." Er zog ein Blatt aus der Tasche. „Herr Unteroffizier: ich muß Ihnen etwas Lustiges vorlesen. Hören Sie nur die Telegramme, die von London, Paris und Brüssel aus in den deutschfeindlichen Blättern des Auslandes verbreitet werden. 3. August: (London.) Kaiser Franz Joseph wurde von einem Serben ermordet. 5. August: (London.) Die französische Flotte bombardierte mit Erfolg Wilhelmshaven und nahm die dort auslaufenden Kriegsschiffe gefangen. 6. August: (Brüssel.) Nach hier eingetroffenen Telegrammen wurden die Deutschen in der Nähe von Lüttich vernichtet. 6. August: (New Bork.) Wie verlautet, soll Deutschland an Spanien ein Ultimatum gestellt haben. 6. August: (Brüssel.) In der Gegend von Fleuren haben die belgischen Truppen die Deutschen vernichtet. 6. August: (London.) Die deutsche Flotte flüchtete in den Kieler Kanal. 7. August: (Paris.) In Berlin sind hundert sozialdemokratische Abgeordnete standrechtlich erschossen worden, weil sie sich gegen den Krieg erklärten. 7. August: (Paris.) Hier erhaltene Telegramme besagen, daß nicht der Kaiser für die sogenannte militärische Verrücktheit verantwortlich ist. Der Kaiser zeigte sich immer gegen den Krieg. Aber der Kronprinz, dessen Herrschsuchtsideen bekannt sind, führte mit einer Gruppe verwegener Offiziere einen Staatsstreich aus, indem er die Regierung an sich nahm, nachdem er seinen Vater gefangen gesetzt hatte. Unverzüglich sandte er ein Ultimatum an Rußland und Frankreich, um den Krieg heraufzubeschwören. 8. August: (London.) Die große Seeschlacht in der Nordsee zwischen der englischen und deutschen Flotte wird bestätigt. Neunzehn deutsche Schiffe wurden in den Grund gebohrt. Der Rest wandte sich zur Flucht und wurde von den Siegern bis in die Nähe der dänischen Küste verfolgt. 8. August: (London.) Berichten aus Brüssel zufolge sind die in Belgien eingefallenen deutschen Truppen entwaffnet worden. 9. August: (Paris.) Einzelheiten über die Einnahme des Elsaß durch die Franzosen — hören Sie! — die Einnahme des Elsaß durch die Franzosen! Aus gezeichnet! — also: Einzelheiten usw. berichten, daß die Franzosen die Stadt Altkirch im Sturm mit Bajonetten genommen haben, eine Waffe, die die Deutschen offenbar mit wahnsinnigem Schrecken erfüllt. 10. August: (Paris.) Ausländer, die nach großen Entbehrungen aus Deutsch land in Brüssel angekommen sind, berichten, daß sie in Berlin „Unter den Linden"235 außergewöhnlich große Volksunruhen bemerkt hätten. Das dort versammelte Volk schrie: nieder mit dem Kaiser! Nieder mit dem Kronprinzen! Die Polizei griff das Volk fortgesetzt an, das erst zurückwich, dann aber wieder geschlossen vorging. 10. August: (Paris.) Gefangene Sachsen sagen aus, daß das Königreich Sachsen durch Preußen zum Kriege gezwungen worden sei, und daß die sächsische Presse die Stellungnahme des Kaisers als verrückt bezeichne. 12. August: (Paris.) Der deutsche Kronprinz ist ermordet worden. In Deutschland herrscht Revolution. Das Kaiserpaar mußte aus Berlin flüchten." Jetzt war es mit Siegharts Humor vorbei. Erregt sprang er auf: „Das geht zu weit. Solche Schamlosigkeit übersteigt alle Grenzen! Das müßte mein Vater wissen. Halt! Ich werde ihm dieses Blatt schicken, damit er sieht, wie unsere Feinde die ganze Welt beschwindeln." Er ahnte nicht, daß die Kunde von dem großen Lügenmanöver der Engländer auf dem „Gneifenau" bereits bekannt geworden war. Lind den blauen Jungen machte die Sache riesigen Spaß, besonders die Nachrichten, die von den großen Seegefechten der Engländer zu berichten wußten. Bootsmannsmaat Reiner hatte seine Abteilung um sich versammelt. Da es auf Deck, selbst um die Mittagszeit, schon empfindlich kalt geworden war, hatte man sich in die Schiffsmesse begeben. Hier ging es heute lustig her. Einer der Offiziere hatte seine letzten Zeitungen unter die Mannschaften verteilt. Nun las bald dieser, bald jener vor, was er für besonders wichtig hielt, und einer gab neben andern grotesken Sachen auch eine Auslese von Lügenmeldungen zum besten. „Kinder", rief Reiner dazwischen, „was werden die Brüder erst über den Tag von Santa Maria berichtet haben! Das Meer ist verschwiegen, und der Engländer bleibt verlogen, bis er stirbt. Also werden wir mit der Zeit noch allerlei Lustiges SU hören bekommen. Daß in Deutschland große Hungersnot herrscht und wir uns bereits gegenseitig die Lederstiefel von den Füßen gefressen haben, wißt ihr doch. Und Brot backen wir nur noch aus Häcksel und gemahlener Baumrinde. Die Schlacht bei Santa Maria wird nach englischen Meldungen dann wohl mit der gänzlichen Vernichtung unseres Geschwaders geendet haben. Daß sie uns als Seeräuber be zeichnen, beweist, daß sie uns als Nebenbuhler anerkennen. Aber ich denke, wir werden uns trotzdem auch weiter anständig betragen. Wer so viel unerlaubte Mittel anwendet, wie die Engländer in diesem Kriege, der kann uns nicht als Vorbild dienen. Wer Deutschland kennt, der wird auch die Behauptungen über deutsche Grausamkeiten recht einschätzen; er wird dieses Mittel als unwürdig empfinden. Kein Mann der englischen Besatzungen, die von den Deutschen gefangen genommen wurden, ist an seinem Eigentum, seiner Freiheit oder an seiner Gesundheit auch nur im geringsten geschädigt worden. Die Ossiziere fast sämtlicher gefangenen Schiffe haben ihren Dank ausgesprochen sür die ihnen und ihren Leuten erwiesene Behandlung.Leider steht die Behandlung der Besatzung unserer Handelsschiffe in englischer Ge fangenschaft hierzu in auffallendem Gegensatz." Allgemeine Entrüstung herrschte, als der Bootsmannsmaat einen kleinen Artikel über die Benutzung falscher Flaggen und neutraler Schiffszeichen durch englische Kriegsschiffe vorlas. Gewiß haben in früheren Zeiten kriegführende Mächte neben anderen Kriegslisten auch dieses Mittel angewandt, um der Verfolgung zu entgehen. Es liegt aber in der Kriegsgeschichte weit zurück und steht vor allem in solchem Widerspruch zu dem Ehrgefühl der großen Staaten, daß sich England seiner einfach schämen muß. Während die Engländer die Lüge verbreiteten, daß die Deutschen Lazarettschiffe zum Minenlegen benutzten, ließen sie selbst sich Völkerrechtsverletzungen rohester Art zuschulden kommen. Die ältesten Forderungen der Menschlichkeit werden drüben mit Füßen getreten. Daß außerdem englische Lazarettschiffe wiederholt zu Munitionstransporten nach Frankreich benutzt worden sind, haben einwandfreie Zeugen in der ersten Zeit des Krieges mehrfach ausgesagt. „Einen Verachtungsschluck für solche Gegner!" rief Reiner laut, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und reichte sie dem nächsten Kameraden hin. „Und nun zu Bett, wer keine Wache hat. Wer weiß, was uns der nächste Morgen bringt" .... Fast um dieselbe Stunde standen auf der Kommandobrücke des „Scharnhorst" drei Männer und blickten hinaus auf die wogende See. Es war Graf Spee mit seinen beiden Söhnen Otto und Heinrich. Der Alte hochaufgeschossen, breit schulterig und mit der Bestimmtheit des erfahrenen Seemannes, die beiden Söhne schlank und gewandt, mit der Unruhe, die die tatenlustige Jugend erfüllt, und doch des großen Zieles bewußt, das ihrer aller harrt. Ihre Blicke suchen das stahlblaue Auge des Vaters, den sie von ganzem Herzen lieben, und dem sie nacheifern mit dem ganzen Tatendrange ihrer jungen Brust. Sie wußten aus den Erzählungen eines Onkels, mit welcher Zähigkeit des Willens der Vater seine Pläne verfolgt hatte, seitdem er an der Kieler Marineschule die Kadettenprüfung bestanden hatte. Die Bestimmung des alten rheinischen Geschlechts v. Spee, das bis dahin seine Söhne gern dem Dienst der Kirche zuführte, war damit ganz plötzlich eine ganz andere geworden. Eiserner Wille und unverwüstliche Freude am Beruf, das waren die kostbaren Sterne, die über dem Lebenswege des Grafen leuchteten. Das erfüllte die Söhne mit freudigem Stolz. Sie selber hatten ihren Vater als ganzen Mann erkannt, der einmal Be gonnenes auch mit fester Hand durchführte, für den es nie ein Hindernis gab, wenn es etwas Großes zu erreichen galt. Was Glücklicheren von einer gütigen Fee in die Wiege gelegt wurde, das mußte er sich mühevoll erringen. Schon begannen seine Schläfen zu ergrauen, als man die Bedeutung des Mannes erkannte und ihn zu den höchsten Führerstellen auserkor. Die Untergebenen verehrten in dem Vizeadmiral den wohlwollenden Berater und väterlichen Freund, der stets bereit war, jedermann zu helfen, der aber um keines Haares Breite von der ehernen Richtschnur der Disziplin abwich, dem Manneswort so viel war wie ein Eid. 23L237 Jetzt reichte er seinen Söhnen die Hand: „Ihr wißt, daß der gedemütigte Feind nicht eher ruhen wird, bis er die Niederlage bei Coronet an uns gerächt hat. Ich habe Nachrichten, daß er mit bedeutender Übermacht naht, um uns zu vernichten, llnter den Schlachtschiffen, die bei den Falklandsinseln gesichtet worden sind, sollen sich auch zwei „Dreadnoughts" aus der Lion-Klasse befinden, der „Invincible" mit dem englischen Oberbefehlshaber Vizeadmiral Sturdee an Bord, beides Kolosse von 29 Mg Tonnen Wasserverdrängung und mit 34-Zentimeter-Geschützen bestückt. Dazu kommen die Panzerkreuzer „Carnarvon", „Cornwall" und „Kent" mit je 10 VW Tonnen, „Glasgow" und „Bristol" mit je 4999 Tonnen und „Canopus", der am 1. November bei Coronel leider nicht zur Stelle war und die Wage auf gegnerischer Seite jetzt um weitere 13150 Tonnen beschwert. Ganz Deutschlands Blicke ruhen jetzt auf uns. In Ost und West, im Norden und im Süden wird unser Ruhm verkündet seit dem Tage, da wir dem Vaterlande melden konnten: Der Leu von Großbritannien ist besiegt! Nun — wählt: wollt ihr die Lorbeeren jenes Tages heimwärts tragen und eurem Ruhme leben, so seid ihr frei. Ihr werdet dann in schneller Fahrt einen neutralen Hafen anlaufen und seid gerettet. Kein Mensch wird euch solches Handeln verdenken; die Übermacht des Feindes ist zu groß. Drum über legt, ihr habt ein Recht dazu, denn eure greise Mutter wartet, euch zu danken, und eure Bräute sehnen sich nach euch!" Da riefen beide wie aus einem Munde: „Wir sterben mit dir! Hier ist unsere Hand!" „Ich wußte, daß ihr durchhalten würdet," fuhr der Alte fort. „Das ist der Glaube, der uns Deutsche ehrt: nie wird ein deutsches Schiff die weisze Flagge hissen, und sei es noch so klein. Wir siegen oder st erben! lautet die Parole. Seht die Sterne am Firmament. Sie strahlen ewig über diesen Wellen, wenn auch ihr Bild in der Tiefe vergeht. So wird auch Deutschlands Stern in Äonen nicht unter gehen, und lägen alle seine stolzen Schisse unsichtbar auf dem tiefsten Meeresboden. Deutschland ist ewig wie die Sterne selbst . . . Noch lange standen die drei Männer aus der Kommandobrücke: ein leuchtendes Geschlecht auf der Höhe seiner Bahn. Die Schiffswachen sahen beglückt zu ihnen empor. Mit solchen Führern würden sie selbst gegen die Mächte der Hölle kämpfen . . . Langsam steuerte das Geschwader der Inselgruppe zu, die um die großen Inseln Ost- und West-Falkland in weitem Bogen verstreut ist. Die Inseln wurden 1592 entdeckt und sind seitdem in britischem Besitz. Ihren jetzigen Namen erhielten sie erst hundert Jahre später durch den Engländer Strong, der sie nach seinem Gönner, Lord Falkland, benannte, weil dieser ihm die Mittel zu einer wissenschaft lichen Forschungsreise gestiftet hatte. Im Jahre 1623 suchten die Franzosen den Engländern den Besitz streitig zu machen, indem sie an der Ostküste die Kolonie Port Louis gründeten. Bald darauf versuchte auch Spanien, sich auf den Injeln festzusetzen, indem es den Franzosen die junge Kolonie abkaufte und die Engländer238 durch Waffengewalt zur Übergabe der Niederlassung Port Egmont zwang. Es gelang den Engländern zwar gleich wieder, Spanien zur Anerkennung der englischen Besitzrechte zu zwingen; doch konnten sie nicht verhindern, daß die Falklandsinseln bald daraus von allen Ansiedlern verlassen wurden, da sie einer Ansiedlung noch nicht günstig waren. Ein halbes Jahrhundert ging an den Inseln spurlos vorüber, bis 1820 ein Deutscher, namens Vernet, eine neue Kolonie ins Leben rief. 1831 kam es zu einem Streit zwischen Vernet und der amerikanischen Regierung, weil Vernet den nordamenkanischen Robbenschlägern die völlige Ausrottung der Robben durch sinnlose Jagden verbieten wollte. Eines Tages erschien ein nordamerikanisches Kriegsschiff vor Port Louis, schoß die Niederlassung gänzlich zusammen und führte die Ansiedler als Gefangene fort. Zwei Jahre später wurde die Insel dann endgültig von den Engländern besetzt. Sie gründeten den Kriegshafen Port Stanley, der 30 Kriegsschiffen Raum bietet und als Kriegs- und Kohlenstation für die Engländer von größtem Werte ist. Amerika hat die Ausdehnung der englischen Weltmacht nicht behindert und sein Verhalten während der ersten Kriegsmonate war englandfreundlicher, als es verantworten kann. Dadurch, daß es den Feinden Deutschlands Waffen und Munition lieferte, hat es zur Verlängerung des Krieges beigetragen und dadurch eine ungeheure Blutschuld auf sich geladen. Es ist, als habe Amerika vergessen, wieviel Ströme des Segens von Deutschland nach den Ländern jenseits des großen Wassers geflossen sind. Nun verleugnet es den besten Teil in seinem Blut und füllt seine Geldsäcke mit dem Gold und Silber erschlagener Brüder . . . Als die Morgenröte Herr über den dicken Nebelschwaden geworden war, mit dem der 8. Dezember sich beliebt machen wollte, erhielt der Kommandant der „Gneisenau", Kapitän zur See Maerker, den Besehl, das Schiff gefechtsbereit zu halten. Graf Spee hatte trotz der Übermacht des Feindes die Absicht, selbst mit „Scharnhorst" und „Gneisenau" anzugreifen. Die drei kleinen Kreuzer „Leipzig", „Nürnberg" und „Dresden" sollten sich wegen der Unzulänglichkeit ihrer Geschütze außer Schußweite begeben. Gras Spee hoffte die englischen Kreuzer im Hafen Port Stanley, wo sie Kohlen einnehmen wollten, überrumpeln zu können. Er ahnte nicht, daß hinter dem hohen Landrücken der Bucht noch die beiden Dreadnoughts „Invin- cible" und „Inflexible" verborgen lagen. „Gneisenau" hatte den Auftrag, mit einem kleinen Kreuzer vorauszufahren, um die Stärke des Feindes genauer festzustellen. Bald herrschte kein Zweifel mehr darüber, daß die Zahl der englischen Schiffe weit größer war, als der Kommandeur anfangs angenommen hatte. Es waren also von den Engländern die umfangreichsten Maßnahmen getroffen worden, um die siegreichen deutschen Schiffe, diese Wahrzeichen einer werdenden Weltseemacht, vom Ozean zu vertilgen. So weit reichte allerdings der verletzte Stolz Britanniens nicht, um den Kampf mit angemessenen eigenen Mitteln zu wagen. Im Stillen Ozean war ein Kesseltreiben von englischen, sran-239 zösischen, russischen und japanischen Schiffen veranstaltet worden. An den Falklands- inseln vereinigten sich dann fünf Kreuzer mit zwei Riesen-Dreadnoughts und einem Linienschiff, so daß man von einer dreifachen Übermacht sprechen kann. Die Engländer frohlockten: „In die Falle gegangen", und Admiral Sturdee rieb sich vergnügt die Hände. Es war die fragwürdige Freude, die kein anständiger Sextaner empfindet, wenn er mit einem drei Jahre jüngeren Schuljungen rauft. Um 12^2 Uhr mittags fiel der erste Schuß auf englischer Seite, obgleich die Entfernung noch über 15 LM Meter betrug. Kapitän z. S. Maerker wartete, bis der Abstand zwischen den beiden Geschwadern sich um einige Kilometer verringert hatte, und ließ dann zunächst die acht 21-Zentimeter-Geschütze sprechen. Im achteren Turm war neben dem ersten Offizier auch Bootsmannsmaat Reiner tätig. „Kinder, jetzt gilt's!" rief der Offizier und schob den kleinen Schiffs jungen beiseite. Der kleine Iakobus Weinmann fühlte, daß er in der Tat hier wenig nützen könne, und schlich beschämt zur Seite, um nicht im Wege zu stehen. Er kletterte unbemerkt in ein Rettungsboot, um durch den furchtbaren Qualm nicht zu sehr an dem Ausblick auf die See gehindert zu werden. Ein furchtbarer Krach, der den Stahlrumpf des Schiffes erzittern ließ, schien ihm aber zum Bewußtsein zu bringen, in welcher gefährlichen Lage er sich befand. Am Tage von Eoronel war ihm der Kreuzerkrieg sehr unterhaltend vorgekommen; er hatte den Engländern auch für heute einen bösen Tag prophezeit. Erst langsam kam ihm die Überzeugung, daß der „Gneisenau" diesmal nur durch ein Wunder gerettet werden könne. Er sah, wie auf dem „Scharnhorst" drüben zwei Schornsteine zu gleicher Zeit in sich zusammen- drachen und eine mächtige Feuersäule am Bug des Schiffes emporstieg. Trotzdem feuerten die Geschütze noch immer mit unverminderter Heftigkeit, und fünfmal wurden Treffer beobachtet, ohne daß es jedoch gelungen wäre, den Dreadnoughts, also den beiden Hauptgegnern, ernstlichen Schaden zuzufügen. Eine Stunde später hatten die englischen 34-Zentimeter-Granaten auch den dicken Schornstein und beide Masten des „Scharnhorst" weggerissen. Dann sah man, wie das Schiff langsam überholte. Ein Volltreffer hatte die für solche Geschosse allzu schwache Panzerung durchschlagen und in die Längsseite des Schiffes ein riesiges Leck gerissen. Jetzt erfolgt eine furchtbare Explosion, und das Schiff verschwindet unter einer Zischenden Rauchsäule in den Wellen. Sogleich wendet der Gegner sich gegen den »Gneisenau", der dem „Invincible" bereits heftig zugesetzt hat. Aber auch der „Gneisenau" trägt schon ein paar tiefe Wunden im Herzen. Schon geht der letzte Rest der Munition zur Neige. Die Augen der Matrosen brennen in dem schwarzen Pulver dampf, der die Geschütztürme einhüllt, doch keiner weicht von seinem Platz. Da heult ein neues Untier durch die graue Luft, reißt mit eisernen Krallen hinweg, was ihm im Wege ist, und speit sein tödliches Gift unter die tapferen Soldaten. Drei junge Kameraden liegen sterbend neben dem Geschütz. Ein vierter greift nach240 seinem Bein und schleppt sich keuchend auf die Seite. Das Bein ist weg. Reiner schiebt dem Tapferen schnell seine Pfeife in den Mund. „Da, zieh einmal und blas' die Schmerzen weg!" Dann schieben russige Fäuste die letzte Granate in das Rohr. „Die muß noch sitzen!" ruft der Offizier. „Ihr alle kennt das Wort vom Grafen Spee: Wenn's gilt, dann wollen wir dafür sorgen, uns auf dem Meeresboden mit recht vielen Engländern wiederzufinden!" Vom Signalmast des „Canopus" kommt die Aufforderung, sich zu ergeben. Der Kommandant antwortet, daß er noch feuern könne, und die 15-Zentimeter- Kanonen beweisen, daß er wahr gesprochen hat. Aber die Übermacht der schweren Kaliber ist zu groß. Dreimal schon ist die deutsche Flagge zerfetzt vom Topp herunter gesaust ins wogende Meer, dreimal haben unsere Blauen sie wieder durch eine neue ersetzt. Jetzt sieht der Kapitän, daß das Schiff zu sinken beginnt. „Alle Mann hierher!" tönt seine Stimme durch den Schall der Wogen. „Kameraden, wir gehen siegend unter. Es lebe Deutschland und unser Kaiser. Hurra, Hurra, Hurra!" Begeistert stimmen alle ein. Die Rohre der Kanonen schlucken die salzige Flut. Noch einen kurzen Augen blick ragt der Bug des Schiffes in die Lust. Dann schließt der schwarze Schlund sich schäumend über dem Rumpfe des „Gneisenau". Der Engländer kommt heran, um zu retten, was die See nicht schon verschlungen hat. Schnell, schnell muß es gehen, denn die Wogen wallen hoch, und das Wasser ist kalt. Schon halb erfroren werden die Matrosen aufgefischt. Aber viele fehlen. Auch der Kapitän ist nicht mehr da. Hunderte tapferer Helden find mit ihm ins nasse Wellengrab gesunken, Männer, die alle jene Miesmacher und Spötter beschämen, die da behauptet hatten, es gäbe keine wahren Helden mehr. Mit etwa sechzig Geretteten wurde Bootsmannsmaat Reiner an Bord des „Invincible" gebracht. Auch der kleine Schiffsjunge war dabei. Die Engländer behandelten ihre Gefangenen mit großer Achtung. Das heroische Verhalten der Deutschen während des ungleichen Kampfes hatte ihre Bewunderung erregt. Um Reiner stand es schlecht. Ein Granatsplitter hatte ihn kurz vor dem Sinken des „Gneisenau" in die linke Seite getroffen. Nur mit Aufbietung seiner ganzen Willens kraft war es ihm gelungen, sich so lange an einer Schiffsplanke festzuklammern, bis hilfreiche Hände ihn in Sicherheit brachten. Der Blutverlust hatte ihn sehr erschöpft, und die Wunde war schnell in einen Eiterungszustand geraten, der das Schlimmste befürchten ließ. In der Nacht quälte ihn ein hohes Fieber. Er sah sein Weib in schwarzem Trauerkleide und seinen Jungen, wie er einen Kranz aus grünen Fichten der Vogesen flocht. Dann richtete er sich plötzlich auf und holte aus der Ledertasche, die er stets auf seiner Brust getragen hatte, einen Brief hervor, den er am Abend vor der Schlacht begonnen hatte. Der Brief war an seine Frau und seinen Sohn gerichtet und sollte beiden seine letzten Grüße bringen, falls er den Heimweg nicht mehr finden würde.Die Todesfahrt C. Schön, BerlinEr enthielt unter anderem ein Gedicht Emanuel Geibels, das Rainer vor Iahren in einem alten Kalenderbuche gefunden hatte, und das ihm nun wie eine Verheiszung prophetischen Geistes erschien: Einst geschieht's, da wird die Schmach Seines Volks der Herr zerbrechen; Der auf Leipzigs Feldern sprach. Wird im Donner wieder sprechen. Dann, o Deutschland, sei getrost! Dieses ist das erste Zeichen, Wenn zum Bündnis West und Ost Wider dich die Hand sich reichen. Wenn verbündet Ost und West Wider dich zum Schwerte fassen, Wisse, daß dich Gott nicht läht. So du nicht dich selbst verlassen. Deinen alten Bruderzwist Wird das Wetter dann verzehren; Talen wird zu dieser Frist, Helden dir die Not gebären. Bis du wieder stark, wie sonst. Auf der Stirn der Herrschaft Zeichen, Vor Europas Völkern thronst. Eine Fürstin sondergleichen. Schlage, Schlage denn empor, Läuterungsglut des Weltenbrandes! Steig' als Phönix draus hervor, Kaiseraar des deutschen Landes! Unter dem Gedicht standen die Worte: du sollst den Dichter, der so sprach, ver ehren. Geh hin, mein Junge, und kaufe dir seine Gedichte und lies sie laut den Kameraden vor. Ein Herold spricht zu euch, und eure Herzen werden höher schlagen. Du sollst.... So weit war Reiner an jenem Abend gekommen, als der Alarmbefehl des Offiziers ihn rief. Er starrte mit fiebernden Augen auf das feuchte Papier: Du sollst!... Sieghart, was sollst du denn? Der Arzt griff seine Hand: „Sprich, Freund, kann ich dir helfen?" LI6 -)4,242 Er gab ihm das Papier: „Ja, Doktor, schreiben!.. Mein Sieghart soll... Er soll dem Kaiser sagen, daß der alte Gneisenau noch lebt, noch lebt Hört ihr, er lebt... Wir haben seinen Feuergeist gefühlt Der wird nicht untergehen, so lange es noch einen Deutschen gibt Herr Admiral der Reiner ist zur Stelle... Der Kaiser hoch . . . Hurra . . . Hurra . . . Hurra . . ." Er führte die Hand zum Gruße an die Schläfe. Dann sank er langsam auf das Kissen zurück. Seine Augen sahen fest und strahlend in die Weite. Walhallas Tor stand weit geöffnet da, und Scharen tapferer Kameraden grüßten ihm entgegen. So starb der Bootsmannsmaat der „Gneisenau". Der Schiffsarzt drückte ihm die Augen zu und sprach ein stilles Gebet. Er hatte schon viele Engländer sterben sehen. Zum erstenmal aber durchschauerte ihn die Ehr furcht vor der Seele eines ganzen Helden, und eine Ahnung zog durch seine Brust: ein Volk, das solche Männer hat, ist unbesiegbar und wird nie vergehen! Den Brief Reiners gab der Arzt einen Tag daraus in Port Stanley zur Post. Zwei Tage darauf flog eine Trauerkunde durch das deutsche Land: laut amt licher Reutermeldung aus London ist unser Kreuzergeschwader am 8. Dezember in der Nähe der Falklandsinseln von einem englischen Geschwader unter dem Kommando des Vizeadmirals Sturdee gesichtet und angegriffen worden. Nach der gleichen Mel dung sind in dem Gefecht S. M. Schiffe „Schornhorst", „Leipzig" und „Gneisenau" gesunken. Zwei Kohlendampfer sind in Feindeshand gefallen. S. M. Schiffen „Dres den" und „Nürnberg" gelang es, zu entkommen. Sie werden angeblich verfolgt. Unsere Verluste scheinen schwer zu sein. Eine Anzahl Überlebender der gesunkenen Schiffe wurde gerettet. Über die Stärke des Gegners, besten Verluste gering sein sollen, ent halten die englischen Meldungen nichts. Der Chef des Admiralstabes der Marine: gez. Pohl. Nun wußte alle Welt: es hatte sich erfüllt, was einmal kommen mußte. Die Rachegöttin hatte es gewollt. Vierzehnhundert tapferer deutscher Krieger sind unter gegangen, in ihrer Mitte ein edles Grafengeschlecht. Kein Grabstein und kein Kreuz verrät die Stelle, wo die Helden liegen. Tief unten ruhen sie in ihren eisernen Särgen, und die ewigen Wellen gehen über sie dahin und singen ihren Ruhm. Sieghart las den Bericht wohl zehn-, zwölsmal. Der Schmerz rang mit dem Stolz in seiner Brust. Vor allem erfüllte es ihn mit einer gewissen Genugtuung, daß selbst der Befehlshaber der englischen Flotte sich über die Tapferkeit und Disziplin der deutschen Seeleute mit Bewunderung aussprach. Sieghart suchte in allen Blättern, deren er habhaft werden konnte, nach den Mitteilungen Überlebender, und er war glück lich, eines Tages auch einen Brief des Leutnants z. S. Lietzmann zu entdecken, in dem die Schlacht bei den Falklandsinseln folgendermaßen geschildert wurde:Port Stanley, 1». Dezember 1914. Frühmorgens kamen „Gneisenau" und „Nürnberg" vor den Falklandsinseln an, um Proviant und Regierungseigentum zu beschlagnahmen. Die anderen Schiffe („Scharnhorst", „Leipzig" und „Dresden") hielten sich hinterm Horizont klar. Als wir näher kamen, sahen wir einen Kreuzer mit drei Schornsteinen auslaufen. Hinter den Bergen sah man Rauchwolken. Plötzlich schlugen dicht bei uns einige 30,5-Zenti- meter-Geschosse ein. Wir entfernten uns wieder und vereinigten uns mit dem Ge schwader. Wir hatten 21 Seemeilen Geschwindigkeit und wollten uns mit östlichem und allmählich südlich werdendem Kurse entfernen. Ouer ab von uns fuhren acht feindliche Schiffe, von denen man nur den Rauch ausmachen konnte. Allmählich sackten die meisten achteraus. Nur zwei kamen nicht weiter weg, sondern langsam näher. Bald konnte man Dreibeinmasten ausmachen, es waren also Engländer. Sie liefen 26 See meilen, und es handelte sich danach um große Schlachtkreuzer, die, wie wir später er fuhren, erst zwölf Stunden vorher bei den Falklands-Inseln eingetroffen waren. Wir wurden also dadurch zum Gefecht gezwungen. Angesichts der Übermacht wurden die kleinen Kreuzer detachiert. Von ihnen ist nur „Dresden" entkommen. Der Feind hatte auf ungeheure Entfernung angefangen, zu schießen. Es wurde klar Schiff zum Ge fecht angeschlagen. An Deck wurden die Bootszurrings losgenommen. Deshalb wurden durch Granatsplitter alle Boote zertrümmert. Das Gefecht begann um 12,30 Uhr und hörte um 5,30 Uhr mit dem Untergänge des „Gneisenau" auf. „Scharnhorst" sank gegen 4 Uhr. Wir hatten nur noch die Hälfte unserer Munition an Bord, da die andere Hälfte bei Coronet und Tahiti ver schossen war. Die feindlichen Schiffe waren „Canopus", „Invincible", „Carnarvon", „Kent", „Cornwall", „Bristol" und „Glasgow". Nachdem „Scharnhorst" gesunken war, schössen alle drei feindlichen Schiffe, der uns ebenbürtige Kreuzer „Carnarvon" und die beiden Dreadnoughts „Invincible" und „Inflexible", nahezu zwei Stunden lang mit ihrer schweren Artillerie auf uns allein. Die kleinen Kreuzer waren zu Beginn der Schlacht detachiert worden. Daß sie uns nicht früher erledigten, ist einfach jammervoll. Ich schätze die Volltreffer gegen unser Schiff auf 20, ausgenommen unzählige Splitter. „Inflexible" ist allein 600 schwere Geschosse losgeworden, die Zahl bei den anderen weiß ich nicht. Dagegen haben wir dem „Inflexible" wenig, dem „Invincible" aber zwanzig Treffer beigebracht. Das Gefecht spielte sich meist auf 15 000 Meter ab. Ich bin fast während der ganzen Schlacht teils als Begleiter des ersten Offiziers, teils mit Aufträgen von diesem durchs Schiff gegangen. Den Zustand der einzelnen Stellen werde ich später schildern. Es war unbeschreiblich furchtbar. Wir führten das Gefecht so lange, bis nur noch etwa sieben Chargierungen Muniton für den achternen Turm da waren. Diese konnten nicht mehr verwendet werden, weil der Transport zerstört war und sämtliche Geschütze beider Seiten unbrauchbar waren. Es hieß dann: Alle Mann mit Hängematten an Deck! Ich hatte noch dafür zu sorgen, daß jeder eine Hängematte bekam, was alles mit der größten Ruhe vor sich 5 l6' 243244 ging. Ich kam gerade noch rechtzeitig auf der Back an, als das Schiff sich langsam mit majestätischer Ruhe nach Steuerbord überlegte und ich nach Backbord über Bord springen konnte. Meine Parabellumpistole hatte ich noch vorher wegen des Gewichts über Bord geworfen. Ich kam glücklich frei vom Schiff und sah, wie unser alter, schöner „Gneisenau" kieloben in das rauschende Wasser sank. Auf dem Vordersteven saßen noch drei Mann. Wir hatten das Schiff, das sich noch eine Zeitlang hätte halten können, wegen des Munitionsmangels selbst durch Sprengung der Maschine und Voll laufenlassen des Torpedobreitseitraumes zum Sinken gebracht, um es nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Die Toppflaggen wehten noch, nur die achterne war weg geschossen. Unsere Leute haben so vorzüglich, brav und ruhig gearbeitet, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Vor dem Sinken brachte der Kommandant drei Hurras aus S. M, den Kaiser aus, in die alle laut einstimmten. Alles geschah mit großer Ruhe. Sogar im Wasser wurden noch viele Hurrarufe vernehmbar. Im Wasser sah ich Picht, wie er, am Kopse verwundet, mir lächelnd zuwinkte. Ich konnte zusammen mit dem Matrosen Hirn eine herrenlose Hängematte erreichen. Die feindlichen Schiffe kamen heran, warfen viele Holzteile über Bord und fierten trotz ziemlich starker See Boote zu Wasser. Ich war mit meiner Hängematte ziemlich weit abseits und hatte den Dusel, daß ein Dingi uns sah und auffischte. Wir wurden dann an Bord aufgeheißt und ins Lazarett getragen. Der Kommandant ist ertrunken. Ich sah ihn bis zuletzt in meiner Nähe schwimmen; er hielt sich an einer leeren Kartuschenbüchse fest. Ich hatte viel Waffer geschluckt, und es war höchste Zeit gewesen, daß wir gerettet wurden, zu mal da unsere Hängematte anfing zu sinken. An Bord des „Inflexible" lag ich, glaube ich, ziemlich lange bewußtlos, war aber später wieder so klar, daß ich gehen und am Essen teilnehmen konnte. Ich wohne mil dem Vizesteuermann zusammen in einer geräumigen Kammer. Vom englischen Admiral auf dem „Inflexible" wurde uns in aller Namen ein Telegramm überreicht, in dem den Überlebenden des „Gneisenau" der Glückwunsch zur Rettung und hohe An erkennung über das Verhalten im Gefecht ausgesprochen wurde. Morgen kommen wir in Port Stanley an. Was dann aus uns wird, weiß ich nicht." Sieghart sammelte alle diese Nachrichten mit einer Liebe, als stammten sie von seines Vaters eigener Hand. Bald kam auch der Abschiedsbries des teuren Toten, und der Sohn las mit heiligem Beben, was der Vater ihm durch den Schiffsarzt schreiben ließ. Wie eine Offenbarung ging ihm der Sinn der letzten Worte auf. Des Todes ganze Größe ward ihm klar. Was er nie vorher begriffen hatte, und was er deshalb niemals hatte glauben können, begriff er jetzt: mit Siegesjauchzen springt die deutsche Kraft ins dunkle Grab, wenn es das Ewige zu retten gilt, des Volkes Herz und seinen stolzen Glauben.245 Der Mutter schrieb Sieghart herzliche Zeilen erhebenden Trostes und fügte dem Briese die Schlachtberichte bei. Die Mutter las alles mit dankbarem Herzen, ilnd immer wieder kehrten ihre Sinne zu dem herrlichen Wort zurück, das die Gräfin v. Spee mit deutschem Frauenstolz an eine Freundin geschrieben hatte: „Ist es nicht schön, daß der eigene Vater meine lieben Kinder erst zum Siege und dann in den Tod führen durfte?" Auch sie wollte so stolz und tapfer wie die Gräfin sein. Noch lebte zwar ihr Sohn. Aber in ihrem Herzen hatte sie ihn schon dem Vaterlande geopfert.246 Der l^-Boot-Freiwillige. Von Karl H. Schröder. 1. Die englische Kriegserklärung. Wer könnte jemals jene denkwürdigen ersten Augusttage von 1914 vergessen, in denen der Geist der Befreiungskriege in allen deutschen Herzen wieder aufloderte, aber gewaltiger und herrlicher noch als in der Zeit vor hundert Iahren! Es war ain 4. August. In dem freundlichen Landstädtchen Eichenau war schon seit Vormittag eine dichtköpsige Menge vor dem Verlag der „Neuesten Nachrichten von Eichenau und Umgegend" versammelt. Das kam und ging, aber der Menschen- schwärm wurde eher größer als kleiner. Das drohende Unwetter von Frankreich und Rußland her hatte man seit Tagen sich zusammenballen sehen; aber das Telegramm dort hinter der Glasscheibe, das in großen Blaustiftzügen nun auch noch die Kriegs erklärung Englands verkündete, hatte doch zuerst wie ein plötzlicher, unerwarteter Donnerschlag auf die schon genug erregten Gemüter gewirkt. Es war nicht Furcht, aber man konnte es einfach nicht fassen, daß die bis zuletzt fortgesetzten Friedens- bemühungen des Kaisers so ganz und gar ergebnislos sein sollten, daß sich das „sromme" England auch auf die Seite der Mörder von Serajewo stelle. „Die scheinheilige Bande!" brummte ein Schmied, der im Schurzfell und mit aufgekrempten Hemdärmeln aus seiner Werkstatt gekommen war. Neben ihm stand ein Metzgergeselle in weißer Schürze und mit der Fleischmulde auf der Achsel. Der machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung und ent gegnete: „Na, wir wollen sie schon! Nur keine Sorge!" Er war auf dem Wege zur Kundschaft, stand aber schon hier seit einer halben Stunde.247 „Ich glaube, ich glaube, mit den Engländern werden wir unser Kratzen haben!" meinte dagegen ein dabei stehender Kolonialwarenhändler bedenklich. „Von den Fran zosen wissen wir von 70 her, daß sie laufen können, und mit den besoffenen Russen werden wir auch schon fertig werden; aber dieses Pack da auf seiner Insel, mit den großen Geldsäcken und den unzähligen Schiffen Und statt den Satz zu vollenden, kraute er sich nur bedenklich hinter den Ohren. „Aber Herr Zenker! — Von Ihnen hätte man doch etwas Courage erwartet!" Es war ein Schusterjunge, dem an jeder Hand ein Paar funkelnagelneue, mit Zwecken und Eisen beschlagene Kommißstiefel baumelte. Keck pflanzte er sich vor den ver dutzten Kaufmann und sagte: „Wie wir mit den Engländern sertig werben sollen, meinen Sie?! Wir gehen einfach über den Kanal und wichsen die Kanaljen, bis sie blank sind!" „Da schlägt's doch bald 13!" rief der Ladenbesitzer, rot vor Zorn. Aber die Umstehenden fielen in ein so Helles Gelächter ein, daß er gar nicht zur Ausführung der beabsichtigten Ohrfeige kam. Und ein Bauer, der mit seinem Eselkarren in der Stadt war und Milch aus getragen hatte, stellte sich schützend hinter den kleinen Frechdachs und sagte: „Bravo, Kerlchen! — Und wenn sie dir was wollen —, da hast du meine Eselpeitsche!" Zu den anderen gewandt aber sprach er: „Der Knirps hat Mut für Sechse! Wenn alle bei uns im Lande ihm gleichen, dann werden wir Deutsche mit der ganzen Welt sertig!" Allmählich hatte sich ein immer größerer Kreis um die Redenden gesammelt, Erwachsene und vor allem Kinder; denn wo vom Krieg gesprochen wird, da spitzen die Jungen die Ohren. Jetzt trat aus den Umstehenden ein Fremder in schwarzem Frack und Bart koteletten aus die Männer zu, lüftete den Hut und sagte: „Verzeihen Sie bitte, meine Herren, wenn ich so frei bin und mich in Ihre Unterhaltung einmische; aber ich hörte Sie gerade über die Aussichten eines Krieges mit England reden, und da glaube ich, Ihnen einigen Aufschluß geben zu können." „So?!" sagte der Milchbauer gedehnt und sah sich dabei seinen Mann von oben bis unten an, „sitzen Sie denn mit unseren hohen Generalen zusammen im Kriegs ministerium?" „Das nicht," entgegnete er, „aber ich habe über zwei Jahre in England gelebt und bin erst vor acht Tagen, als es dort ansing, recht ungemütlich zu werden, heim gekehrt; da habe ich die gewaltige britische Seemacht oft genug mit eigenen Augen gesehen." „Und da sind Sie drüben blind gegen Ihr eigenes Vaterland geworden! Ich denke, jetzt wird sich erst zeigen, was die Kruppschen Panzerplatten und Kanonen wert sind!" Der dies sprach, war ein blondhaariger, stämmiger Bursche, hinter dem keiner einen 18jährigen Schneidergesellen vermutet hätte. Er hieß Karl Jensen und hatte den bisherigen Reden schweigend, aber mit innerer Erregung zugehört.248 „Gewiß," sagte der Fremde, „Deutschand hat große Anstrengungen gemacht; aber trotzdem ist und bleibt die englische Flotte doch eben die größte Flotte der Welt. Wenn Sie Englisch könnten, junger Mann, dann würden Sie das Lied kennen: R,ule, öi-itÄnnia, rule tke vvsves! Aus deutsch würde das heißen: Herrsche, Britannien, herrsche über die Wogen! Und die Engländer haben ein Recht zu diesen stolzen Versen, das kann ihnen keiner bestreiten." Das war dem biederen Fleischergesellen denn doch zu viel des Guten, und er rief wütend: „Was! Sie wollen hier die Engländer noch rausstreichen?" „Haben Sie denn auch unsere deutsche Kriegsflotte schon gesehen?" fragte der Kaufmann Zenker. Er suchte das Gespräch in ruhigem Fahrwasser zu halten und einen Sturm zu verhüten. „Das nicht, mein Herr," lautete die Antwort, „ich hatte dazu noch keine Ge legenheit." „Und da redet der Kerl hier Löcher in die Luft!" rief ärgerlich der Fleischer. „Aber was bin ich auch solch ein Esel und höre mir den Quatsch an! — Mahlzeit!" Und weg war er. Karl Jensen aber sagte erregt: „Wenn's so steht, dann haben Sie ebensowenig ein Urteil in dieser Sache als wir, und ich würde mich an Ihrer Stelle wirklich hüten, eine solche Ansicht zu vertreten. Für einen Neutralen wäre das zum mindesten leicht fertig; für einen Deutschen ist es direkt schändlich." Aber der Mann mit den tadellosen Koteletten suchte seine Meinung noch weiter hin zu vertreten: „Sie brauchen doch bloß an die weltbekannte, zahlenmäßige Über legenheit der Flotte Englands zu denken, um einzusehen, daß hier ein Zwerg einen hoffnungslosen Kamps gegen einen Riesen führt!" „Grade wie David gegen den Riesen Goliath!" ertönte spottend von unten heraus die Stimme des kleinen Schusterjungen. Alles ringsum lachte, und mehrere Stimmen riefen: „Bravo!" Wäre der Befrackte nun still gewesen, so wäre er sicher noch mit heiler Haut nach Hause gekommen; aber er konnte nicht schweigen, und da kam's denn eben anders. „Was sind Sie denn eigentlich, daß Sie hier solche Reden führen?!" ries Karl Jensen, und seine Stimme klang rauh vor Erregung. „Ich bin Kellner", entgegnete, durch die drohende Haltung doch ziemlich ein geschüchtert, der Mann im Frack. „Aber ich hatte in mehreren englischen Hasenstädten Stellung, und dort habe " „Dort haben Sie englische Biergläser gespült und englische Trinkgelder ein gesteckt, nicht wahr! — Sagen Sie's doch nur ruhig!" rief er zornig. Der Kellner erblaßte. „Und was sind Sie denn, Sie junger Hahn, der Sie so gut zu krähen verstehen?!" schrie er. „Ich bin nur ein Schneidergeselle, wenn es Ihnen Spaß macht, das zu wissen", war Karl Jensens Antwort. „Aber ich habe oft genug die Manöver unserer deutschen249 Flotte gesehen. Ich kenne das Meer von Jugend auf; mein Vater war Seemann und ist auf dem Meeresgrunde begraben." „Vielleicht wird die deutsche Flotte auch bald genug dort begraben sein! rief der Kellner heiser. Das war selbst unserem wortkargen Schmiede zuviel. Drohend hielt er ihm seine breite, berußte Hand vor die Nase und sprach: „Kerl, jetzt hältst du dein Maul, oder dir fliegen hier diese fünf Finger ins Gesicht, so wahr ich Gottlieb Krause heiße! Und Karl Jensen rief: „Schämen sollten Sie sich, daß Sie ein Deutscher sind! Sie tun ja so, als ob Sie ein Engländer wären!" Die Schuljungen, die in der dichten Menge eingezwängt standen, hatten vieles von dem Wortwechsel nur halb hören können, aber das Wort „ein Engländer halten sie deutlich verstanden.. Mehrere riefen: „Ein Engländer! Ein Engländer!" und der Ruf setzte sich bis in die äußersten Reihen fort. „Wo? Wo?" hieß es hier: und es entstand ein Drängen und Schieben nach der Mitte zu, dasz man sich kaum noch zu regen vermochte. „Platz da! Laht mich durch!" schrie der Kellner. „Ich werde doch hier in Deutschland noch meine Meinung sagen dürsen! Aber hier scheint alles verrückt zu sein!" Und er suchte den Schneidergesellen Karl Jensen, mit dem er infolge des Ge dränges Brust gegen Brust stand, mit Gewalt beiseite zu stoßen, um aus dem Knäuel herauszukommen. Aber Karl Jensen verstand den Stoß anders. „Lump!" rief er und versetzte ihm einen Schlag, dasz der steife Hut im Bogen weit über die Köpfe hinwegflog. „Hier ist die Eselpeitsche!" ertönte der Ruf des Schusterjungen. „Hier! — Hier ist ein Stock!" riefen mehrere Stimmen durcheinander, „drauf auf den Engländer!" Der nun folgende Kampf dauerte nur wenige Sekunden, dann stand der Kellner da mit blutüberströmtem Gesicht, und der Schneidergeselle hielt hochausatmend den zer brochenen Peitschenstiel und einen Spazierstocksgriff in Händen und sagte ruhig: „So, das war zur Stärkung der Vaterlandsliebe!" „Ach, machen Sie doch bitte etwas Platz!" hörte man da wiederholt eine weib liche Stimme hinter der dichten Menschenmenge. Aus dem Zeitungsverlag war ein Dienstmädchen mit Wasserschüssel, Schwamm und Leinwand geschickt worden, um den besiegten zu verbinden. „Platz, das Rote Kreuz kommt!" rief ein Witzbold. Ohne ein Wort zu sagen, ließ sich der Kellner geduldig das Blut abwaschen und den Kopf mit Verbandzeug umwickeln, bis nur die Augen frei waren. Auch der verbeulte Hut kam wieder zum Vorschein. Unser Schusterjunge hatte die Zeit des Samariterwerkes für einen anderen Zweck benutzt. Neben dem Zeitungsverlag war der Marktplatz, und mitten darauf250 stand die Siegeseiche von 1871. Von dieser hatte er rasch einige Zweige abgerissen und einen Kranz daraus geflochten. „Ein Eichenkranz für den Sieger!" rief er, und unter dem Hurra der Menge mußte Karl Jensen ihn aufsetzen. Plötzlich stimmte einer das Lied an, das nie so viel gesungen worden ist als in jenen Tagen; und schon bei der zweiten Zeile sang alles auf dem Platze mit: „Deutschland, Deutschland über alles. Über alles in der Welt!" Nur der Kellner sang nicht mit. Mit seinem verbundenen Kopfe bildete er in der hundertköpfigen, begeisterten Menge eine klägliche Figur. Das mochte er auch fühlen; denn noch während des Gesanges verschwand er. Die „Neuesten Nachrichten von Eichenau und Umgegend" fanden den Vorfall für würdig, ihn in den Spalten ihres Blattes zu verewigen; und von Karl Jensen, dem Helden des Tages, wäre in dem Städtchen sicher noch lange erzählt worden, wenn nicht die gewaltigen Kämpfe der Völker Europas zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft von jetzt an die ganze Welt in atemlose Spannung versetzt hätten. Von dem Kellner soll noch bemerkt werden, daß er wenige Tage nach dem 4. August den Frack mit dem preußischen Wasfenrock vertauschen mußte. Er hat dann während der Kämpfe in Belgien gegen die Engländer gefochten, dadurch ist seine Begeisterung für England gar schnell in die Brüche gegangen. Vor Hpern ist er als tapferer Soldat auf dem Felde der Ehre gefallen. 2. Abschied von der Heimat. Es war schon spät am Nachmittag, als Karl Jensen die Treppe zu den beiden Dachzimmern emporstieg, die er mit seiner Mutter bewohnte. Er war nach dem Kampf vor der Redaktion nochmals in die Werkstatt gegangen; aber keiner hatte in jenen Tagen Ruhe zur Arbeit, und er erst recht nicht. Nach einigen Versuchen warf er den halbfertigen Rock und die Nadel hin und sagte bei sich: „Mach heute Feier abend; wenn alles jetzt zu den Waffen eilt, dann haben die Zivilkleider sowieso nicht solche Eile mehr!" Er fand die Mutter im Bett, mit gefalteten Händen und weit geöffneten Augen. „War der Arzt schon da?" fragte er, ans Bett tretend, und legte ihr liebevoll die Hand auf die Stirn. „Ja", sagte sie, aber es kam so leise hervor, daß man ihr das Wort von den Lippen ablesen mußte. „Eben ist er fortgegangen." „Und die Medizin?" „Er wollte mir keine mehr verschreiben; es würde auch so besser werden, sagte er."251 Da mußte der starke Mensch, der vor wenigen Stunden draußen noch der Held des Tages gewesen war, sich auf die Bettkante setzen, und die hellen tränen schössen ihm aus den Augen. O, er verstand den Arzt nur zu gut! „Nicht weinen, mein Junge!" hauchte sie, „du bist jetzt groß, und ich werde doch nicht mehr gesund; da ist mir am wohlsten, wenn ich wieder bei deinem Vater bin. Und sie hielt seine vor Schmerz zuckende Nechte mit ihren weißen Händen. Frau Jensen war ein Eichenauer Kind. Als Kindersräulein hatte sie ihre Herrschaft mehrere Jahre nacheinander aus der Ferienreise an die Ostsee begleitet und dort den jungen Fischer Jensen kennen und lieben gelernt. So war das Landkind an das Meer verpflanzt worden und hatte in dem von Rosen und Reben umrankten Fischerhaus ein trautes Heim gefunden. Aber so von ganzem Herzen glücklich war sie doch nicht geworden; sobald ihr Mann seinem Beruf auf dem ewig bewegten Wasser nachging, schwebte sie um ihn in einer ständigen Angst. Und wenn im Spätherbst der Sturm das Meer aufwühlte, dann rannte sie zitternd vom Keller bis zum Boden und aus einem Zimmer ins andere, bis Jensen mit den Netzen und der Beute wieder da war. Das rieb ihren Körper auf und verzehrte ihre Kräfte vor der Zeit. Und einmal kam das ewig von ihr Befürchtete: von einem Fischfang in einer Nacht vor der Weihnachtswoche kehrte er nicht wieder heim. Von diesem Schlag hatte sie sich nie wieder erholt. Sie verkaufte Geschäft und Besitz an den ersten besten Käufer, und die Heim kehr in ihre Heimat war schon mehr eine Flucht. Sie konnte das Meer, das ihr den Mann geraubt hatte, nicht mehr sehen; und das Brausen der Wellen gellte ihr in den Ohren wie eine Mörderstimme. So kam sie körperlich leidend und seelisch gebrochen lmt ihrem vierzehnjährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter in ihrer Vaterstadt Eichenau an. Ihr Karl aber war eine rechte Wasserratte wie sein Vater. Er war an der See geboren, und sie hatte darum für ihn keine Schrecken. Schiffe bauen und Fischen war seine liebste Beschäftigung. Doch die Mutter hätte ihn um keinen Preis der Welt Seemann werden lassen. So war er in die Werkstatt des buckligen, aber braven Meisters Zwirner gekommen und hatte Nadelstich neben Nadelstich setzen gelernt. Ihm war's zwar anfangs recht bitter, aber die Mutter tröstete ihn immer damit, daß ein tüchtiger Schneider ein angesehener Mann sei; wer sich's leisten könne, werde me einen fertig gekauften Anzug tragen, sondern stets zum Schneider gehen; deshalb werde er nie Not leiden. Mit der Zeit hatte er sich denn auch an seinen Beruf gewohnt, wenn auch Seereisen und Seegeschichten seine liebste Lektüre wurden und „Robert der Schiffsjunge" für lange Zeit sein Lieblingsbuch blieb. Die Mutter aber siechte dahin, und seit vor vier Monaten ihre heranblühende Tochter einer tückischen Krankheit plötzlich erlegen war, erloschen ihre Kräfte zu sehends, wie ein Licht, das flackernd nur noch von den letzten Öltröpfchen lebt.252 So ging bei Mutter und Sohn in dieser Stunde das frühere Leben an den inneren Augen vorüber; die Uhr an der Wand tickte laut ihren Schritt, und die Schatten der Dämmerung wurden immer tiefer, aber sie merkten es beide nicht. Da leuchtete plötzlich unten von der Straße herauf eine Straßenlaterne. „Ich muß dich etwas fragen, Karl!" „Was denn, Mutter?" „Was wirst du tun, wenn ich nicht mehr bei dir bin? — Nein, nein, nicht lammern, sonst machst du mir das Scheiden nur schwer!" „Mutter, draußen ist Krieg: die ganze Welt will gegen uns an. Heute hat uns auch England noch den Krieg erklärt, und wir müssen vor ihm ganz besonders aus der Hut sein, wenn es uns nicht vernichten soll", sprach er mit stockender Stimme. „Und du möchtest dich freiwillig melden und auf die See gehen gegen England!" Er nickte nur. Und merkwürdig, die Frau, deren Angst vor dem Meer die eigentliche Ursache ihres nahen Todes war, zeigte sich jetzt völlig gefaßt', die große Stunde Deutschlands hatte selbst bei dieser Sterbenden ein Wunder bewirkt. „Du bist wie dein Vater! Im Kriege kann der Tod aus dem Lande kommen wie auf dem Wasser. Geh mit Gott und Hab keine Angst! Ich werde droben für dich beten!" Eine feierliche Stille war in dem ärmlichen Dachstübchen, als gingen Engel füße durch den Raum. Die Mutter verlangte nach einer Weile noch ein Schlückchen Wasser zu trinken, dann schlief sie ein. Lange noch saß der Sohn auf der Bettkante und achtete auf ihre Atemzüge. — Dann verlangte die Natur ihr Necht; er nickte ein und sank vornüber mit dem Kopf auf die Bettdecke. Der Tag begann zu grauen, als er jäh aufwachte. Die Mutter schlief immer noch, aber ein leises Lächeln umspielte ihre Züge. Aus dem Schlaf war der ewige Schlaf geworden. 3. Im Kameradenkreise. Es war am 23. September, sieben Wochen nach Ausbruch des Krieges, über der Kieler Bucht leuchtete schönster Sonnenglanz. Etwas außerhalb des eigentlichen Kriegshasens lag eine alte Korvette vor Anker, die das Eiserne Kreuz von 1870 am stumpfen Vordermast führte und den Mannschaften von „v 18" als Wohnschiff diente, wenn sie nicht mit ihrem Stahlfisch auf der See waren. Nach schweren Tagen draußen lebte man hier die behaglicheren Tage des Lebens. Klaus Kröger, der Maschinenmaat, behauptete sogar: „Wie Adam im Paradies, als er die Eva noch nicht am Halse hatte!" Seit heute morgen gehörte auch Karl Jensen in diesen gemütlichen Kasten hinein. Er hatte sich gleich nach dem Tode der Mutter bei der Inspektion des Unter- seebootwesens als Freiwilliger gemeldet und hatte in seinem Gesuch besonders hervor-253 gehoben, daß er aus einer Schifferfamilie stamme und an der See aufgewachsen sei Tage gespannter Erwartung vergingen, ^lnd als dann die ersehnte Einberufung wirk lich eintraf, da wurde ihm beim Abschied von seinem treuen Meister Zwirner und dessen Familie und von so manchem lieben Verwandten und Bekannten doch noch web ums Herz. Sein letzter Gang aber führte ihn zum Friedhof, an den frisch ausgewor fenen Hügel der Mutter, und er legte ihr als Abschiedsgruß noch drei Roien aus^ Grab. Dann ging's nach der Bahn — nach Kiel — in eine neue Welt; und der Schmerz war überwunden. Jetzt war auch schon die Zeit der ersten Ausbildung überstanden. Er hatte im Dienst stramm rangemußt; denn vor den Erfolg haben die Götter überall den Schweiß gesetzt. Aber es hatte doch Freude gemacht nach dem jahrelangen Hocken aus dem Schneidertisch. In seiner neuen Herberge gefiel es ihm nicht übel. Über dem Eingang stand ein schöner Vers, von kunstgeübter Hand mit schwarzer Farbe angemalt: „Seemanns gebet." Herr, läuft mein Stundenglas einst ab, Nimm gnädig uns zu dir hinüber. Gib uns ein echtes Seemannsgrab: Salzwasser rings und Wolken drüber. Die Wand aber war tapeziert mit allerlei Bildern, für die sich ein Matrosen- Herz begeistern kann: der Kaiser, Prinz Heinrich, Tirpitz, Köster und so weiter, und schöne Mädchen, mit denen man Sonntags zum Tanz gehen konnte. „Jensen heißt du?" fragte der Matrose Otto Menke, der gerade neben ihm stand. „Woher bist du denn?" „Aus Eichenau. Aber das werden Sie wohl nicht kennen; es ist ein Städt chen in " „Aber quatsch mich doch nicht mit „Sie" an! Sag „du", wie wir alle tun Hier sind wir alle Kameraden und gehören zusammen auf Leben und Tod. Wenn km dem Engländer nächstens auf den Pelz rücken, dann kommen wir entweder alle Zusammen wieder glücklich nach Hause zu Muttern, oder wir versaufen alle zusammen! — Na, so weit sind wir ja vorläufig noch nicht!" fügte er wie zur Beruhigung hinzu. „Was bist du denn? Ich meine, von Zivil her!" wandte sich der Matrose Paul Dchse zu ihnen. „Ich bin Schneidergeselle." „Oho, ein Schneider!" sprang Franz Stürmer auf und schaute ihn verwundert an. „Eine Landratte, ein Schneider und Freiwilliger auf einem l-Boot; da mach sich einer einen Vers draus!" „Er will sicher bei uns draußen die Hosensorte kennen lernen, die bis jetzt noch kein Schneider fertig gebracht hat!" lachte Otto Menke.254 „Laß dich nicht für dumm kaufen, Jensen! Er möchte dir mal ein Paar Esels ohren an den Kopf hängen und dich dann auslachen!" rief Heinrich Peters vom Tisch her und legte den Federhalter hin. „Ich weiß wohl, was er meint," erwiderte Karl Jensen, „mit den Wasserhosen hätte er mich nicht reingelegt." „Karl, bist du schlau!" rief Otto Menke anerkennend. „Nein, ich glaube, der Schneider will uns allen das Mäkmäkmäk beibringen!" sagte jetzt Paul Ochse. Er war eine treue Seele, und alle hatten ihn gern. Nur fehlte ihm jeglicher Mutterwitz, und im Denken war er langsam. Deshalb machten sich die andern manchen Spaß mit ihm; aber das tat der Kameradschaft keinen Abbruch. Lachend rief Franz Störmer: „O weh, der Ochse will foppen! — Mensch, sei vorsichtig; wer aufs Glatteis geht, kann leicht die Knochen brechen!" „Damit kann er mich nicht ärgern", sagte Karl Jensen ruhig. „Ihr werdet ge hört haben, daß ein Schneider sogar schon mal ein berühmter General geworden ist. Eins aber werdet ihr gewiß noch nicht gehört haben, daß nämlich ein Ochse ein guter Schneider wurde; denn das ist eben nicht möglich!" Und der Schalk blitzte ihm bei den letzten Worten aus den Augen. „Nicht möglich? — Warum nicht? — Das möcht ich doch gern wissen!" sagte Paul Ochse, sichtlich gekränkt. „Nun, einfach, weil er stets das Futter frißt!" „Was?!" rief Ochse; er hatte den Scherz noch nicht so schnell begriffen und machte ein recht verdutztes Gesicht. „Na, siehst du, da hast du schon dein Fett!" lachte Störmer, „ich hab's dir ja gleich gesagt!" — Und auch die andern mußten sich halten vor Lachen. „Na, trotzdem brauchst du nicht gleich die Ohren hängen zu lasten, Ochse! Du bleibst deshalb doch ein treuer Kerl!" sagte Heinrich Peters und schlug ihm begütigend auf die Schulter. Und Otto Menke meinte mit trockenem Humor: „Man verlangt ja auch von einem Ochsen nicht mehr als ein gutes Stück Rindfleisch!" „Iungens, auf den Spaß gehört Musik!" rief Störmer und wischte sich lachend die Tränen aus den Augen. „Peter! Mensch! Wo hast du die Quetschorgel? Her mit dem Ding!" „Aber Menschenkinder! Wie soll ich nur den Brief an meine Braut fertig bekommen! Die glaubt mich dauernd in Todesgefahr und weint sich die Augen rot, und wir sitzen hier quietschvergnügt, als feierten wir Polterabend", erwiderte Peters, indem er Tinte, Feder und Papier abräumte. Und er setzte sich mit der Ziehharmonika auf den Tisch und spielte: „Freut euch des Lebens!"255 Schon HM. Franz Stürmer Paul Ochse um di. HM° s°l°b>. uud Mch Otto Menke wollte gerade Karl gensen di- Hand zun. Tan, reichen, da sand der Malrol -N ball auch schon ein jähes Ende. „Der Alte kommt!" hörten sie plötzlich rufen. ^ . . „Donnerwetter! Schade! Wir waren gerade so schön im Zuge, bedauerte Peters, indem er sein Instrument rasch verstaute. Und schon hörte man nahende Tritte. „Achtung!" ries der Deckoffizier, und die Matrosen standen stramm. ann ließ der Deckoffizier dem Kapitänleutnant den Vortritt. Grützend legte der „Alte" die Hand an die Mütze: „Guten Morgen. — o stecken die andern? — Los, alles herholen!" Während die vier verschwanden, trat Karl Jensen vor und meldete inmil- tärischer Haltung: „Matrosenkriegssreiwilliger Jensen mit dem heutigen ^.ag „11 18" versetzt!" . - ^ „Ei sieh da! Familienzuwachs!" sagte der Kapitänleutnant-, und zu dem vffizier gewandt scherzte er: „Was meinen Sie, Wachtler; muhte eigentlich g den „Kieler General-Anzeiger"! Jetzt haben wir unsere Vierundzwanzig vott. „Also Kriegsfreiwilliger?!" „Zu Befehl!" „Name?" „Jensen. — Karl Jensen." ^ ..Eni! - Kling, schon ganz nach der Wasierlante! d.e Landratten haben solche Ramen nicht, - Und sehnige Figur uud brette Brust, - Freut noch: aus Ihm ro.rd schon ein tüchtiger Seemann werden; das Zeug hat Er dazu! Eintreten. Währenddessen hatte sich die ganze Besatzung von „U 18" eingefunden. »Alles da?" „Zu Besehl! — Alles zur Stelle!" meldete der Deckofstzier. Alles war gespannt, was nun kommen würde; man hätte eine Stecknadel fallen hören müssen, so still war es. - . ^ „nt?? „Kameraden! - Es ist eine ewig denkwürdige Stunde m der ich h euch stehe! Am Draht stiegt jetzt eine Nachricht in alle Welt dmaus die I H ^ starr vor Staunen machen wird. Nie, solange die Erde steht, is ein gehabt stück vollbracht worden; niemals haben unsere deutschen Fahnen so ie , stolz im Winde zu wehen wie heute. „Aboukir", „Hogue un „ ^ . weilen von der holländischen Küste torpediert worden; m 2 wäbrend aanz Bruder „11 9" drei gewaltige englische Panzerkreuzer vermchtet. Und wahrend g^ Deutschland jubelt, wird drüben den Briten der bleiche Schrecken " ^ fahren. Wir 11-Leute aber haben die allermeiste Ursache, in den Jubel einzustimmen.256 unsere Waffe war es, die diesen Schlag ohnegleichen geführt hat. Sodann aber wird dieser Sieg für alle Zeiten ein Ansporn sein zu gleichen herrlichen Taten; die schlichte Bezeichnung „I-l 9" wird ewig in stummer Sprache zu uns reden: ein Beispiel ist euch gegeben; macht euch dessen würdig! So wollen wir hosfen und selbst nach Kräften dazu beitragen, daß an unserer gefürchteten ll-Boot-Pest bald die ganze englische Seemacht zugrunde geht. Dem Gelöbnis unserer Treue aus Leben und Tod aber wollen wir in dieser unvergeßlichen Stunde Ausdruck verleihen durch den Ruf: S. M. unser oberster Kriegsherr Hurra! Hurra! Hurra!" Niemals ist das Hurra frischer und freudiger aus Seemannskehlen erklungen. Ein Freudenrausch war über diese Menschen gekommen, die wohl wußten, wieviel An strengung und Gefahren zu solch einem Siege gehören. Und wie nun machtvoll und mit entblößten Häuptern das „Heil dir im Sieger kranz" erklang, da rannen über manche braune Seemannswange dicke Tränen vor Glück und Stolz. „So!" sagte Kapitänleutnant Werner bewegt, „der heutige Tag soll ein Festtag für uns sein! Der Dienst fällt gänzlich aus. Hier, Wächtler, sind 50 Mark. Laßt drüben aus dem „Fröhlichen Hering" einige Kasten Bier für die Leute holen und be sorgt sür das Abendesien was Extrafeines. — Ich wünsche viel Vergnügen! — Der Freiwillige noch einmal vortreten!" Dieser stand wie der Blitz vor seinem Vorgesetzten. „Was ist Er von Beruf, Jensen?" „Schneidergeselle." „Donnerwetter! — Schneider! — Das hätte ich Ihm nicht angesehen! — Wie kann man mir nur einen Schneider auf meine Ente schicken! Mit Nadelstichen ist bei diesen Briten verflucht wenig anzufangen! — Wozu soll ich Ihn denn hier gebrauchen? Hat Er was, worauf Er sich besonders versteht?" „Ich nehme es im Büchsenschießen mit jedem auf." „Da hätte Er sich zu einem Iägerbataillon melden sollen! — Na, ist ja auch bei uns nicht zu verachten!" „Auch weiß ich mit Motoren etwas Bescheid." „Als Schneider?!" fragte der „Alte" erstaunt. „Neben unserer Schneiderwerkstatt war eine kleine Fabrik. In den Freistunden und Sonntags habe ich aus Liebhaberei oft an den Maschinen hantiert und verstand mich bald ebensogut darauf wie der Maschinist." „Herrlich! — Morgen früh meldet Er sich bei Maschinenmaat Kröger zum Dienst; der wird Ihn schon in die Geheimnisse unserer Ente einweihen! — Guten Morgen!" — „Donnerwetter!" sagte Jensen zu Franz Störmer, als der Kapitänleutnant fort war, „war das der „Alte"?! — Wie alt ist der denn eigentlich?"Dem Torpedo eines deutschen Unterseebootes fiel auch die „Falaba" zum Opfer. Wir bringen vom sinkenden Schiff eine Aufnahme, auf welcher die Rettung der schiffbrüchigen Besatzung zu sehen ist.„Ich glaube, einunddreißig." „Einunddreißig? — und da sagt ihr, der „Alte"?" „Ja! — Er ist doch auf unserem Boot der „Alte"!" sagte Stürmer, und wunderte sich, daß dem Freiwilligen das komisch war. 4. Die Geheimnisse des V-Bootes. „So, Jensen, nun komm mal mit!" „Zu Besehl, Herr Maat! — Wohin geht's denn? — In die Stadt? — Dann will ich mir die Jacke überziehen! — Oder bleiben wir hier in der Nähe, daß ich im blauwollenen Hemde mitgehen kann? — Wenn ich die Jacke holen soll: ich bin im Augenblick fertig!" „Schasskopf!" erwiderte Maschinenmaat Klaus Kröger und lachte wohlwollend. „Du hältst wohl unser D-Boot für ein Prediger-Seminar! Das Langeredenhalten mußt du dir bei uns abgewöhnen, verstanden! Ein Matrose reißt die Hacken zu sammen und sagt: jawohl! oder: zu Befehl! — Das Getratsche überlasten wir den Marktweibern und den Bierbankpolitikern. Also was sagst du, wenn du mit gehen sollst?" „Zu Besehl!" „Na also! — Warum nicht gleich so?! — Der „Alte" hat dich unter meine besondere Fürsorge gestellt, und da muß ich doch danach streben, einen tüchtigen Kerl aus dir zu machen. Ich führe dich heute schon mal durch unsere Ente; sonst stehst du mir morgen beim Dienst da wie der Ochs vorm neuen Scheunentor. Solch eine II-Schachtel sieht innen etwas anders aus als eine Schneiderwerkstatt! Da wirst du dein blaues Wunder sehen!" „Zu Befehl!" „Siehst du! Das geht ja schon wie geölt! — Und nun komm! Heut ist Feiertag; da können wir alles mit Ruhe studieren. Wenn dann morgen früh der „Alte" kommt und merkt, daß du nicht mehr unerfahren bist wie ein Säugling, dann wird er sich über deinen Eifer freuen; und du hast gleich bei ihm eine gute Nummer." Im stillen fetzte der Maat hinzu: „Und ich auch!" Aber das sprach er nicht aus. So waren sie bis an das Brett gekommen, das von der Landungsbrücke schräg hinunter auf den eisernen Rücken des dreiviertel untergetauchten Eisenfisches führte, der die schwarze Nummer „II 18" trug. „Fall nicht ins Wasser!" Und Maat Kröger wippte mit der Sicherheit eines Seiltänzers die schmale Planke hinunter. Glücklich landete auch Karl Jensen bei dem meterhohen Aufbau auf der Mitte des D-Bootes. 817 257258 „Der Kommandoturm!" erläuterte der Führer. „Bei der Fahrt über Wasser haben hier der „Alte", der wachhabende Offizier, der Signalmaat und der Ruder gänger ihren Platz. Wenn starke Brise ist und die See hoch geht, dann binden sie sich am Turmgeländer fest, um nicht sortgespült zu werden. Aber angenehm ist es dann nicht hier oben!" „Warum ist denn dies Geländer auf dem Achterdeck da?" „Schwere Frage, du Wickelkind! — Wir andern wollen doch auch mal eine kleine Promenade auf Deck machen und uns die Beine etwas vertreten. — Kennst du denn nicht die Geschichte von Jonas dem Propheten?" „Der sich über den Kürbis ärgerte!" „Und der drei Tage und Nächte im Bauch des Walfisches hockte! Der sang Loblieder, als er nach dieser Gefangenschaft mal wieder Licht und Luft um sich hatte, Und wir Seeleute rühmen uns gar nicht, in dieser Beziehung tüchtiger zu sein als der Prophet Gottes." „Aber so kann das Boot doch nicht gut unter Wasser fahren, mit allem, was drauf ist?!" „Nein, mein Sohn, das tut es auch nicht! — Wenn wir tauchen sollen, dann kommen schnell ein Maat und ein paar Leute und klappen alles zusammen, das Ge länder, die Flagge, hier dm Mast mit den Antennen für die drahtlose Telegraphie, kurz alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Das geht eins, zwei, drei, rupptiwupp! — Aber nun komm weiter! Wir nehmen jetzt Abschied von Licht und Sonne und steigen durch diese Luke hinab in die Unterwelt." Sie kletterten durch das „Mannloch" auf der schmalen, senkrechten Eisenleiter hinunter in das Innere. Die Luft unten war von Petroleumgeruch so schwer und dick, daß Karl Jensen kaum zu atmen vermochte, obwohl die Luken offen standen. „Nun, was sagst du? — Wie gefällt dir's hier in unferm Märchenreich?" meinte Kröger. „Donnerwetter ja!" entgegnete Karl Jensen und faßte sich an die Brust, „hier unten merkt man aber, daß unser Schullehrer recht hatte, als er uns erzählte, die Luft bestände aus Wasserstoff und Sauerstoff und einem kleinen Teil Stickstoff. Hier unten ist dieser kleine Teil aber ziemlich groß!" Der Maat lachte. „Was, du willst unsere Lust schlecht machen! Ihr Land ratten kennt eben nichts Gutes! Schnüffle doch nur mal, ob du zwischen dem Ölgeruch nicht noch die lieblichen Düfte von Kaffee und Kohl und anderen herrlichen Sachen be merkst! — Und sollten wir das Glück haben und die Engländer bis an den Nordpol jagen, so wird doch auf der ganzen Reise unsere Luft nichts von ihren Gewürzen ein büßen!" Indem Maat Krüger so sprach, nahm er ein Stück Werg und reichte auch Jensen einen Wergballen. „Da nimm! Wir haben hier unten stets Werg in der Hand. Auf dem U-Boot heißt es: wer gut schmiert, der gut fährt! Wir wüßten sonst bei derfeuchten Luft nicht zu bleiben vor Rost. Was man anfaßt, das trieft von Öl, und man muß sich nach jedem Griff die Finger mit Werg abwischen." Sie wollten eben weitergehen, da tönte es leise: „Miau!" „Was, hier gibt's auch Tiere an Bord?!" rief Jensen erstaunt. Ehe man sich's versah, saß eine schwarze Katze mit großen, gelben Augen dem Maaten auf der Schulter und machte nochmals „Miau!" Liebkosend streichelte Kröger das schöne Tier. „Das ist unser Kater Hidigeigei, der Liebling von unserem „Alten". Die ganze Besatzung verhätschelt ihn. Er hat uns bis jetzt bei allen Jagden auf die englischen Ratten begleitet." „Aber warum hat er denn einen so lächerlichen Namen bekommen?" „Lächerlich?" fragte der Maat. „Die Offiziere hatten so ein traurigschönes Buch von einem Trompeter, darin kam ein kluger Kater vor, der diesen Namen sührte. Nach den Offizieren haben wir alle es lesen dürfen, und da hat der Menke unseren Kater auch so getauft. Der „Alte" hat sehr über den Spaß gelacht. — Übrigens hat man auf fast allen Ii-Booten irgendein Tier. Aus den meisten sind Kanarienvögel; die Engländer nehmen weiße Mäuse mit und haben sogar zwei von diesen Nagern in der Flottillenflagge ihrer Ii-Boote." „Das muß doch aber einen Grund haben!" „Gewiß! Es ist wegen der Luft. Wenn wir längere Zeit mit verschlossenen Luken unter Wasser gefahren sind, dann wird die Luft durch das Atmen allmählich ver giftet, und das merken die Viecher viel eher als wir Menschen. Dann lasten wir die geöffneten Sauerstofflaschen zischen und reinigen die verdorbene Luft außerdem noch durch Kalipatronen. Na, du wirst das ja alles noch kennen lernen! — Komm weiter! Hidigeigei geht mit uns." Während sie zum Vorderschiff schritten, fragte Jensen neugierig: „Wie steht es denn eigentlich mit den zerlegbaren Ii-Booten, Herr Maat? Neulich wurde sogar in den Zeitungen davon gemunkelt, wir Deutschen hätten solche zerlegbaren Schisse. Aber wenn ich mir hier unser Schiff betrachte, dann möchte ich doch wohl glauben, daß es ein Märchen ist." „O nein," schmunzelte Kröger, „es ist schon was Wahres an der Sache. Nur ist ein kleiner Irrtum dabei; denn wir zerlegen nicht unsere Boote, sondern zeigen unseren Vettern von drüben nur, wie ihre Schiffe zerlegt werden können. Das ist der Witz!" Unterdessen standen sie schon vor der Torpedokammer und den Lancierrohren. „So!" sagte der Maat, „hier ist nun unser Aquarium; hier haben wir unsere gefürchteten Silberfische mit den feuerroten Köpfen in Verwahr." „Das sind wohl die Torpedos?!" „Geraten, Herr Kleiderschneider! Und ich sage dir, das sind verteufelt teure , Tierchen! Ein einziges kostet mehr als der prächtigste Berberlöwe bei Karl Hagenbeck in Hamburg, aber es ist auch tausendmal gefährlicher. Vor drei Wochen haben der Koch und unser Polack die Dingerchen sogar in Versen bedichtet." S17* 259260 „Für die Verse war es aber doch sicherlich gut, daß Schiller sie nicht gehört hat." „O nein, so schlecht waren sie durchaus nicht! — Wir hatten damals einen Engländer, der sich mausig machen wollte, durch einen glücklichen Schuß zu dem alten Meerkönig und seinen Töchtern hinabgeschickt. Aus Freude gab uns der Alte hernach ein Faß Bier zum besten, zur Feier des Tages. Während wir nun so hübsch friedlich und gemütlich am Trinken waren, gab es plötzlich Krach: unser Koch Meier und unser braver Oberschlesier Ezechiel Katschmarek schlugen sich fast darum, wer am besten dichten könne. Unser „Alter" hat sich darüber köstlich gesreut und ihnen aufgegeben, zwei Zeilen auf unsere Metallfische zu dichten, die übrige Besatzung solle dann das Preisrichterkollegium bilden. Gesagt, getan; und wir haben einen Heidenspaß erlebt. — Unser Küchenmeister dichtete: Torpedogrüße an England. Diese Grüße sind nicht schmalzig, Aber stark gepfeffert und sehr salzig! Noch besser aber machte es unser Polack; der schoß den Vogel ab. — He, Ezechiel Katschmarek, wo steckst du denn?! — Komm doch mal her!" Freudig grinsend kam der Gerufene angesprungen. „Was tun der Herr Maat befehlen?" „Sag doch hier unserem neuen Kameraden mal deinen Vers auf, worauf du den ersten Preis bekommen hast!" In strammer Haltung, aber mit verschmitztem Gesicht, deklamierte Katschmarek: Gut is, wenn in Kammer liekt; Schlecht is, wenn in Fresse sliekt! Überschrift: Dem Torpedo. „Gut gemacht, Ezechiel!" Und Kröger klopfte ihm zum Zeichen seiner An erkennung auf die Schultern. „Wirklich tadellos! — Und nun geh wieder und mach deine Wache weiter! Wenn der Krieg alle ist, schenke ich dir für deine gesammelten Gedichte auch noch einen Lorbeerkranz." Als sich der biedere Oberschlesier entfernt hatte, sagte Karl Jensen nachdenklich: „Mir ist nur noch nicht ganz klar, wie man unter Wasser zielen kann; da muß es doch fast unmöglich sein, zu treffen!" „So schlimm ist es denn doch nicht ganz! Freilich ist es nicht so einfach, als wenn man mit der Flinte auf die Hasenjagd geht! Man versteht das ^Boot, dieses Wunderwerk der Technik, am besten, wenn man es als lebendes Wesen betrachtet." „Oho!" „Nein, nein; das ist wirklich nicht zu viel gesagt! Es kann sprechen und unter Wasser noch hören und sehen! Mit unseren Antennen oben am Mast sprechen wir viele hundert Kilometer weit; mit den Horchapparaten hier rechts und links von der Torpedokammer hören wir unter Wasser die Schiffsschrauben der vorbeifahrenden261 Dampfer; und mit dem langen Sehrohr oder Periskop oben am Kommandoturm über schauen wir das weite Meer auch dann noch, wenn wir sieben Meter unter Wasser fahren. — Nun denke dir, wir haben uns vorsichtig an einen ahnungslosen englischen Kasten herangepürscht. Oben im Kommandoturm steht der Alte am Periskop und sucht das Ziel genau zu erfassen. Hat er das, so heißt es nach unten in den Torpedoraum: „Achtung! — Torpedo klar! — Los!" — Das Kunststück ist immer, in die richtige Nähe unbemerkt heranzukommen. Ist das aber geglückt, dann geht kein Schuß zu kurz und kein Schuß zu hoch; zwar ist für den Torpedo rechts und links vom Gegner auch noch viel Platz zum Vorbeischießen, aber meist sitzt er." „Und nun habe ich noch eine letzte Frage auf der Zunge, Herr Maat. Wie geht das mit dem Unter- und Auftauchen?" „Nun, das ist eigentlich sehr, sehr einfach! Denk dir, du hättest zwei Schweins blasen an die Schultern gebunden und gingest damit ins Wasser. Was geschieht wohl, wenn die Blasen mit Luft gefüllt sind?" „Ich bleibe oben." „Und wenn die Blasen mit Wasser gefüllt sind?" „Dann gehe ich unter." „Wie schnell du alles begreift!" sagte Kröger anerkennend. „Wenn wir nicht die D -Dinger schon hätten, würdest du vielleicht noch ihr Erfinder werden. Unser Boot kommt nun zwar mit einigen Schweinsblasen nicht aus; statt dessen haben wir große Behälter, die man Tanks nennt. Jetzt, wo unsere Ente bis zur Fluthöhe aus dem Wasser ragt, sind sie mit Luft gefüllt; pumpen wir die Tanks aber voll Wasser, so sinken wir unter." „Und wenn wir dabei mal zu tief sinken?" „Ausgeschlossen! — Der Flieger hat an seinem Flugzeug ein Höhensteuer, wo mit er in der Luft seinem Apparat die gewünschte Höhenlage gibt; ähnlich so hat unser D-Boot ein Tiesensteuer. Da darfst du also ganz ohne Sorge fein!" Sie machten noch einen raschen Gang durch den Hinteren Teil des Schiffes, und der Maat zeigte seinem Schüler mannigfaltige Maschinen, die Ölmotoren für die Überwasserfahrt, die Elektromotoren für Unterwasserfahrt und all die vielen Ein richtungen und Instrumente, die solch ein kompliziertes Boot besitzt. Unserem guten Jensen wurde ganz schwindelig dabei. „Für heute mag's genug sein," sagte Maat Kröger, „hier bei den Maschinen ist künftig dein täglicher Dienst, da wirst du dich mit der Zeit schon durchfinden. Du hast jetzt wenigstens einen blassen Schimmer von unserem Schiffchen. Morgen ist auch noch ein Tag!" Als sie die Eisenleiter hinaufgestiegen waren und sich durch das „Mannloch" gezwängt hatten, atmete Jensen die Luft in vollen, tiefen Zügen und rief: „Ah, nun weiß man erst, wie köstlich die frifche Luft ist! Da unten leben, das ist wirklich eine Leistung!"262 „Nur Ruhe, junger Dachs, du wirst dich schon dran gewöhnen!" meinte der Maat. Als sie ihre Füße wieder aufs feste Land setzten, sahen sie dort Kapitänleutnant Werner mit Deckoffizier Wächtler im Gespräch. Maat Störmer und Jensen wollten grüßend vorbeigehen, aber der „Alte" hielt sie an und meinte im Scherz: „Na, Jensen, Er hat sich wohl mal in unserer Schachtel die Küche und Sein neues Schlafgemach an gesehen, was!?" „Nein, Herr Kapitänleutnant!" „Nicht?" „Wir sind durch das ganze Boot gegangen, aber davon habe ich nichts gesehen." „Na, na! Flunkere er mir nichts vor! — Wie ist das, Kröger?" sagte Werner lachend. „Hast du ihm unsere Puppenküche nicht gezeigt?" „Bei dem Lerneifer und Interesse des Freiwilligen Jensen sind diese kleinen Räume allerdings ganz übersehen worden, Herr Kapitänleutnant!" bestätigte Maat Kröger. „Also vor lauter Dienstinteresie nicht an Esten und Schlafen gedacht! Dafür allein verdient Er ja schon das allgemeine Ehrenzeichen! — Na, sreut mich! Da Hab' ich mich in Ihm nicht getäuscht." Als der Maat und sein Schüler außer Hörweite waren, sagte Karl Jensen bewundernd: „Der hat wahrhaftig Schneid! Für den gehen doch sicher auch seine Leute alle durchs Feuer!" „Und sogar durchs Wasser!" lachte Kröger. „Und Gott sei Dank haben wir bei unserer Flotte viele, die unserm „Alten" gleichen!" „Dann wollen wir hoffnungsfreudig in die Zukunft sehen!" rief Jensen froh, „dann wird das Wort: Gott strase England! auch noch Wahrheit!" 5. Geringe Erfolge. Die nächsten Tage brachten für „V 18" nur kleinen Dienst, und Karl Jensen hatte so Gelegenheit, sich mit seinen Dienstverrichtungen im Maschinenraum vertraut zu machen. Zuerst kam er gar nicht aus dem Staunen heraus, wie es möglich sei, daß ein so kleines Schiff so viele Maschinen notwendig habe. Da war Maat Kröger sein guter Lehrmeister. Dann endlich, nach Tagen ungeduldigen Harrens, lies der ersehnte Besehl ein: „15 18" für längste Fahrtmöglichkeit klarmachen." „Es geht los!" lachte der Kommandant. „Hurra!" riefen seine Leute. Nun fehlte es nicht an Arbeit; das ging von früh bis spät, aber alles wurde fröhlich gemacht. Es war, als ob's zu einem Feste ginge, und ging doch, wer konnte das wissen, vielleicht in den Tod. Die Akkumulatoren wurden mit Elektrizität gefüllt, die Petroleumvorräte263 ergänzt, die Wasserbehälter mit frischem Wasser gefüllt, und der D-Boot-Koch Meier legte sich ein ganzes Lebensmittelmagazin an. Vorn im Torpedoraum aber ließ Ober leutnant zur See Hartmann, der als Wachoffizier auch die Armierung zu überwachen hatte, die Torpedoschußrohre schon jetzt mit den todbringenden Geschossen laden, weil im kritischen Augenblick draußen auf hoher See dazu keine Zeit mehr ist und gerade der Torpedo mit äußerster Vorsicht und Genauigkeit behandelt werden muß, „wenn's richtig klappen soll". Am Abend vor der Ausfahrt machte Kapitänleutnant Werner dann noch einen letzten Rundgang durch sein Reich und inspizierte alles von oben bis unten. „Gut!" sagte er am Schluß, „jetzt mag's losgehen! — Heute abend nimmt jeder noch ein Bad, denn in den nächsten 14 Tagen kommt keiner aus seinen Kleidern her aus. Dann flugs in die Hängematten und auf Vorrat geschlafen." — Zu Jensen gewandt aber sagte er lächelnd: „Er, junger Freund, betritt morgen zum erstenmal den Kriegspfad draußen auf dem ungewissen Meer. Träume Er in dieser Nacht was Gutes!" Am nächsten Morgen war alles pünktlich zur Stelle. Keiner wußte, wohin die Fahrt ging, auch der „Alte" nicht; denn der verschlossen überbrachte Befehl über die Gefechtsaufgabe darf stets erst aus hoher See geöffnet werden. Aber wohin es ging, war ja auch schließlich gleich; daß es gegen England ging, wußte ja jeder, und das genügte. Und jedem brannte das Herz, es den Helden von 9" gleich zutun. Kampffreudig scholl vor der Ausfahrt aus 24 Seemannskehlen unser herr liches Flottenlied über das morgenfrische Meer: Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot an unsers Schiffes Mast! Dem Feinde weh', der sie bedroht, der diese Farben haßt! Sie slattern an der Heimat Strand im Winde hin und her und fern vom teuren Vaterland auf sturmbewegtem Meer. Dir woll'n wir treu ergeben sein, getreu bis in den Tod, Dir woll'n wir unser Leben weih'n, der Flagge schwarz-weiß-rot! — Hurra! Dann redete Kapitänleutnant Werner zu seinen Leuten in erhebenden, markigen Worten: „Kameraden! — Heute heißt es wieder einmal: Ran an den Feind! Das ist für den deutschen Soldaten der schönste Ehrentag. Die Eigentümlichkeit unserer264 Waffe bringt es mit sich, daß Führer und Mannschaft sich während der Fahrt und des Kampfes nicht sehen. Da möchte ich denn vorher ein paar Worte an euch richten. Ich weiß, ich brauche euch nicht anzuspornen! Jeder von euch ist sich darüber klar: wenn wir unser Leben wagen, so tun wir es für die Freiheit und Ehre unseres weiten, herrlichen Vaterlandes. ^Ävigare lieeesse est. vivere non est necesse, sagt ein altes lateinisches Wort; das heißt in unserer Sprache: Seefahren ist nötig, aber Leben ist nicht nötig. — Gleichzeitig aber kämpfen wir auch um den Ruhm unserer jungen Marine. Die deutsche Armee hat schon in dicken Büchern eine lange und glorreiche Geschichte, sie ist an Siegen und Heldentaten überreich. Aber die Geschichte der Kaiserlichen Marine beginnt erst, und es ist unsere Sache, mil- zuhelfen, daß ihre ersten Kapitel nur Ruhmesblätter sind. Mit Stolz dürfen wir bereits auf die herrlichen Erfolge zweier Kriegsmonate blicken, aber es wird noch manchen, manchen harten Strauß geben, denn wir haben einen Tanz mit dem mäch tigsten Gegner zur See, den die Welt bisher kannte. Doch auch gerade darüber dürfen wir stolz sein. Je stärker der Feind, desto ruhmvoller der Sieg! — Und nun gehe jeder auf seinen Posten und tue seine Pflicht. Im Geiste flattern über uns die Fahnen des Großen Friedrich mit der leuchtenden Devife: ?ro Zloria et patl-ia! — Für Ruhm und Vaterland!" „Maschinen klar!" — Und schon begann im Hinteren Schiffsraum das Rattern und Stampfen. „Leinen los!" — Da flogen die gelösten Taue hinüber auf die Landungsbrücke. Und unter Glückwünschen und Grüßen und Mützenschwenken ging's fort aus dem Hafen hinaus auf die See, pro gloria et patria, Volldampf oder vielmehr „Vollöl" voraus! Diese erste Seefahrt Karl Jensens auf „15 18" führte von Helgoland in nord westlicher Richtung bis zu den Shetlandinseln, und dann südwärts an den Orkney inseln und an der Küste Schottlands und Englands entlang. Nach lötägiger Fahrt kehrte das Boot glücklich wieder in den Heimatshafen zurück. Über seine Erlebnisse auf diesem Kriegszuge auf und unter Wasser berichtete Jensen gleich nach seiner Rückkehr seinem alten Meister Zwirner in Eichenau in einem ausführlichen Briefe. Dieser Brief zirkulierte dort bald in Zwirners Be kannten- und Kundenkreis, und die „Neuesten Nachrichten von Eichenau und Um gegend" brachten ihn in der Sonnabend-Nummer ungekürzt zum Abdruck, weil hier tatsächlich ein allgemeines Interesse vorlag. — Der Brief lautete: Lieber Meister Zwirner! Es ist fast drei Wochen her, seit ich zuletzt eine Nachricht schickte. Gleich am nächsten Tage trat ich meine erste ll-Bootreise an und bin jetzt wohlbehalten von265 derselben zurückgekehrt. Aber wenn Ihr mich fragt, was ich von dieser Fahrt weiß, so muß ich sagen: fast nichts; denn man ist von der Außenwelt einfach abgeschlossen. Wir haben die ganze Nordsee und die englische Küste abgesucht, aber von der englischen Flotte zeigte sich keine Spur. Bequem ist es nicht in solch einer Nußschale, es herrscht eine fürchterliche Enge. Bald unten, bald oben, das war die einzige Abwechslung. And die Motoren machten meist einen so großen Radau, daß man sein eigen Wort nicht verstand. Da gibt's kein Kommando; man hört nichts vor Lärm. Man hört mit den Augen und redet mit Händen und Füßen, wie es gerade kommt. So ein leichter Tritt, das heißt: „Du, paß aus! Der Maat will dir was sagen!" Und die Luft: Petroleum und wieder Petroleum. Da schnappt man ordentlich, wenn man wieder in die Höhe kommt und den Kopf durch die geöffneten Luken stecken kann. Na, ich fag' Euch, solch' eine Fahrt, das ist kein Sonntagsvergnügen! Gleich hinter Helgoland hieß es mit größter Vorsicht fahren, denn von jetzt an konnte man jeden Augenblick mit dem Gegner zusammengeraten. Hinter jeder Welle konnte der Tod lauern oder sich Gelegenheit bieten, dem Feinde den Tod aus den Hals zu Hetzen. Alles war voll ungeduldiger Erwartung. Nur einer, Paul Ochse, von dem ich schon einmal schrieb, schmauchte in aller Seelenruhe sein Pfeifchen und sagte: was die andern können, das wird sich ja zeigen; aber was wir können, das wissen wir. So verging Stunde auf Stunde, für uns Maschinisten sechs Stunden Dienst, sechs Stunden Schlaf, sechs Stunden Dienst, sechs Stunden Schlaf. Und für die übrigen Matrosen war's ebenso, nur daß bei ihnen der Wechsel alle vier Stunden vor sich ging. — Und der Kurs blieb ständig Nordwest. Aber etwas Besonderes habe ich auf dieser Fahrt doch leisten können, wenn es auch kein Heldenstück war. — Wir waren von Helgoland schon mindestens MO See meilen entfernt, da kam plötzlich vom Kommandoturm der Befehl: Stopp! Alles sah sich fragend an; keiner wußte, was los war. Dann hieß es: „Freiwilliger Jensen mit geladenem Karabiner und Patronen auf den Turm kommen!" Mir schlug ordent lich das Herz vor Erwartung, was nun kommen würde. „Sieh Er mal, Jensen," sagte Kapitänleutnant Werner und zeigte die Stelle mit der Hand, „sieht Er dort das dicke, runde Ding unter der Oberfläche schwimmen?" „Zu Befehl!" sagte ich. „Das ist eine losgerissene englische Mine. Um ein Haar wären wir direkt auf öas Luder losgesaust und mit unserem Boot auf die schönste Weise in die Lust geflogen. Nun zeig Er mal seine Kunst! Er rühmte sich ja kürzlich, im Schießen eine ziemlich sichere Hand zu haben!" Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, doch gingen von drei Patronen rahmen infolge des Wellengeschaukels drei Schuß daneben; neun Schuß prallten ab an dem Eisenpanzer der Mine; aber Schuß 13 war ein Volltreffer, trotzdem viele Leute glauben, daß 13 eine Unglückszahl sei. Was nun kam, wird mir ein ewig unvergeß-266 liches Bild sein, es war wie eine entsetzliche, überirdische Erscheinung. Eine gewaltige Seefontäne baute sich auf, die in der schrägen Abendsonne nicht aus Wasser, sondern aus einer rotgelben Flüssigkeit zu bestehen schien. Man vernahm einen gewaltigen Knall, als ob Erde und Himmel in Fetzen zerrissen würden, und die rote Säule zer spritzte in einem Blutregen. Gnade uns Gott, wenn unser Kapitän das Ding nicht bemerkt hätte. Da habe ich doch mal eine Vorstellung von der Furchtbarkeit der Minm erhalten. Seitdem betrachte ich unsere Torpedos mit scheuer Ehrfurcht; denn ihre Wirkung ist ebenso schrecklich. „So, die schadet uns nicht mehr!" sagte Werner. „Er hat feine Sache vor züglich gemacht, und ich werde ihn zu meinem Leibjäger ernennen!" Zum Signal maaten gewandt aber meinte er: „Unser Jensen schießt wie ein junger Gott!" Der nächste Tag war sür den Oktober ungewöhnlich heiß. Schon am Nach mittag merkten wir, daß etwas im Anzüge war. Ein weißes Wolkenhaupt wurde immer größer und im Aufsteigen immer düsterer. Gegen 5 Uhr stand es in ganzer Größe drohend über dem Wasser. Dann brach der Sturm los, und die arbeitende See warf blinkende, weiße Schaumkronen auf, die im schwarzen Wasser unheimlich glänzten. Und nun entlud sich die Wut der Wolke. Der Regen schlug hart wie Schrot körner aus den Rücken unseres Walfisches, daß es über unsren Köpfen wie ein Chor267 von Trommeln klang und selbst den Lärm unserer Motore noch laut übertönte. „Der Weltuntergang ist nahe," lachte Kapitänleutnant Werner, „dies ist die Generalprobe dazu!" Es war wirklich eine ganz hübsche Schaukelei, und ich war nicht der einzige im Boot, der seekrank wurde. Als sich die Wut des Unwetters legte, war es Abend, aber noch immer jagten die Wolken unter dem Himmel gleich Gespenstern, und von Mond und Sternen war wenig zu sehen. Es war ein Abend, an dem der Seemann vom fliegenden Holländer und vom Klabautermann erzählt. Aber zum Erzählen war wenig Stimmung; die meisten waren durch die Folgen des Sturmes arg mitgenommen und müde. Und gerade in dieser Stunde sollten wir nochmals in eine furchtbare Gefahr geraten. Wir waren nahe der Insel Bell, die zu den Shetlandinseln gehört. Unser Boot glitt, nur wenige Meter getaucht, in langsamer Fahrt durch das Wasser. Da plötzlich schrillte die Alarmglocke, und wie der Blitz stand jeder auf seinem Posten. „Was ist? Was ist?" fragte einer den andern; aber da Hagelten auch schon die Befehle. Die Tiefensteuer wurden scharf nach unten gelegt, die Motoren aus die Höchstleistung ge bracht und die Tanks vollgepumpt bis oben an. Bange Minuten folgten. Der Kom mandant verfolgte mit gespanntester Aufmerksamkeit Meter um Meter, ihm ging das Tauchen noch viel zu langsam. Erst als wir 15 Meter Tiefe erreicht hatten, atmete er erleichtert auf; und nun erfuhren wir auch, in welcher Gefahr wir geschwebt hatten. Ein englischer Dampfer hatte unseren Kurs gekreuzt, und weil er mit abgeblendeten Lichtern fuhr, hatte unser Kapitän ihn in der finsteren Nacht durch das Periskop erst bemerkt, als er nahe heran war. Jetzt, mit 15 Metern Tiefe, konnte uns der Eng länder nicht mehr schaden, sein Kiel ging einfach über uns weg. „Iungens!" sagte jetzt Kapitänleutnant Werner zu uns, „da wär uns dieser plumpe Beefsteaksresser aber bald mal richtig in die Rippen gerannt. Ich darf's gar nicht ausdenken: das wäre ein schöner Salat geworden. Da hätten wir nur sagen können: „Ade, schöne Welt!" und diese eiserne Schachtel war unser Totensarg, so sicher wie zweimal zwei vier ist. Nun aber saust er einfach über unsere Köpfe weg und ahnt gar nicht, daß wir ihm unterm Bauch sitzen und ihn auslachen." Die Freude unserer Leute könnt Ihr Euch vorstellen, und unser Koch Meier meinte: „Das hätte mir wahrhaftig noch leid getan, wenn wir auf so elende Weise ersoffen wären! Wenn wir mal dran glauben müssen, dann möchte ich wenigstens so fünf- bis sechshundert Engländer als Trauergefolge mit herunter ins Wasser nehmen!" Da das Meer in einer Bucht der Insel Bell nicht sehr tief war und die Mann schaft und besonders auch unser Kapitänleutnant selbst dringend der Ruhe und Er holung bedursten, so blieben wir hier in der Tiefe und gingen mit unserem Boot vor Anker. Es ist doch zuerst ein eigenes Gefühl, so tief am Meeresgrunde zu sein und dort friedlich schlafen zu sollen. Aber das verliert sich schnell. Bevor wir in unsere Hängematten krochen, holte Heinrich Peters noch seine Ziehharmonika hervor und spielte: „Schlaf, Kindchen, schlaf!" und: „Schlaf, Herzensföhnchen, mein Liebling bist268 du!" Einige lachten darüber; anderen aber wurde ganz weich ums Herz. Sie dachten der schönen Zeiten, da die Mutter am Bett saß und sie in Schlaf sang. Und jetzt war das tiefe Meer unser Bett, und die Wellen brausten über uns ihr ewiges Lied. Paul Ochse wollte dann noch das Grammophon spielen lasten, aber unser Kapitän gebot Feierabend und sagte: „Schlafen ist auch Dienst; morgen muß jeder wieder auf seinem Posten sein und seinen Mann stellen!" Da wurden die elektrischen Lampen gelöscht, und bald schnarchte die gesamte Besatzung bis auf einen Mann Wache in stockschwarzer Dunkelheit. Ich lag neben Otto Menke in der Hängematte und bin, während er noch Witze zum besten gab, friedlich eingeschlummert. Nach zehnstündiger Ruhe ging es dann wieder hinauf ans Licht. Aber von Licht war wenig zu sehen: ein dichter, grauer Herbstnebel hatte sich schwer und feucht auf das Meer gelegt, so ein richtiger Münchhausen-Nebel, aus dem man Stücke herausschneiden kann. „Jetzt zu fahren wäre sträflicher Leichtsinn!" sagte Oberleutnant zur See Hartmann. „Nun ja, dann bleiben wir eben hier in der Nähe der Insel liegen, bis sich der Nebel verzogen hat! Unsere Leute werden sicher nicht traurig darum sein, wenn sie mal Abwechslung in ihren Küchenzettel bringen können!" erwiderte Werner. Das war ein Wink, den selbst Paul Ochse sofort verstand; und bald hockten ganze Gruppen auf dem Deck und hielten lange Angelruten ins Meer. Ich glaube, das ist der einzige Nutzen, den der Nebel für ein Tauchboot draußen hat: das Angeln und die schönen, frischen Fische. Kein Mensch auf dem Lande, weder König noch Papst, kann die Schollen und Flundern so vortrefflich bekommen. Aber wir können uns das leisten! So könnte ich Euch noch allerlei an kleinen, unbedeutenden Erlebnissen während dieser Fahrt erzählen, aber es ist eben, wie gesagt, zu unbedeutend. Unser Torpedo maat klagte: „Ich hätte so gerne unseren englischen Bettern einige von unseren Tor pedos zugeschickt; denn es ist wirklich vorzügliche Ware; aber keiner tut uns den Ge fallen und läuft uns vors Rohr!" Und Paul Ochse rauchte sein Pfeifchen dazu und meinte: „Ja, ja, Pech!" und dampfte weiter. Handelsdampfer sind uns zwar genug begegnet. Das gab Arbeit und Ärger, aber Konterbande führte keiner, und wir mußten uns jedesmal noch entschuldigen für den Aufenthalt, den wir ihnen bereitet hatten. Und nun der Erfolg all unserer Mühen und Anstrengungen? Eigentlich Null! — Es hat bei uns wahrlich nicht an Pflichteifer und Wachsamkeit gefehlt; aber was nutzt alles, wenn sich der Gegner versteckt und nicht einmal die Nase aus seinem Loch steckt! Um ein Held zu sein, muß sich zunächst doch mal Gelegenheit bieten, es zu werden. Die Stimmung ist nach der Rückkehr deshalb auch bei allen Leuten von „1^ 18" ziemlich gedrückt. Ich weiß, Ihr seid ein frommer Mann, Meister Zwirner. In Gedanken höre ich Euch fagen: „Der Petrus hat auch die ganze Nacht gearbeitet269 und nichts gefangen, und nachher hat er doch noch einen so reichen Fischzug getan!" Diesen Trost mache ich mir jetzt auch zu eigen und sage mir, daß ja noch nicht aller Tage Abend ist. Und nun bis später mal, lieber Meister! Grüßt Eure Frau und die Hanne und Klärchen und den kleinen Fritz, und seid selbst herzlich gegrüßt von Eurem dankbaren Karl Jensen. 6. Das Eiserne Kreuz. Es war am 12. November kurz vor Mittag. Auf dem Marktplatz von Eichenau hing an den Bäumen nur noch das letzte Herbstgold, und auch dieses raschelte nach und nach herunter. Aber die Leute, die Tag für Tag hier in Gruppen standen, und denen die dürren Blätter auf den Kopf und vor die Füße fielen, kamen nicht deshalb hierher; sie wollten dem Rauschen der ewig neu grünenden Ruhmesblätter Deutschlands lauschen, die täglich dort hinter der Fenster scheibe der „Neuesten Nachrichten von Eichenau und Umgegend" zum Vorschein kamen. „Ein neues Telegramm!" Einer rief es dem andern zu; wer zufällig vorbeikam, blieb stehen; wer zu Hause von seinem Fenster aus das Zusammenlaufen der Leute sah, sprang schnell zur Türe hinaus; und im Nu war der Platz vor der neuen Blaustist-Depesche belagert wie eine Festung. Einer reckte den Kopf noch mehr als der andere. „Was gibt's denn Neues?" „Das englische Kanonenboot „Niger" ist gestern torpediert!" „Wo?" „Wo?" „Langsam, ich muß doch selbst erst lesen! In der Nähe von Dover, drei Kilometer von der Hafenmole!" „Und am hellichten Tage! — Eine vielhundertköpfige Menschenmenge hat sich das Schauspiel von der Küste aus ansehen können." „Das versteht man nicht! Entweder sind die Engländer Schlafmützen, oder sie hätten nach meiner Meinung doch was von unserem Ii-Boot merken müssen!" „Hier steht es ja: sie haben den Torpedo von weitem kommen sehen, ohne aus weichen zu können, weil das Kanonenboot vor Anker lag." „Das muß man sagen: sind doch ganz verwegene Burschen, unsere D-Leute! So am hellen Tag mitten in die Höhle des Löwen hinein!" „Sieh, da kommt ja gerade ein Matrosenurlauber! Der wird uns über solch ein Heldenstückchen Genaueres erzählen können!" „Was ist denn das für einer?" „U 18" steht an der Mütze."270 „Ei der Kuckuck! Sch ich recht? Das ist ja der Jensen!" „Wahrhaftig!" „Und das Eiserne Kreuz!" „Ei der Deubel! Da gratuliere ich!" Im Augenblick war Karl Jensen — denn der war es wirklich — von Bekannten und Neugierigen umringt, und er konnte sich kaum all der Begrüßungen und Fragen erwehren. „Wie lange dauert denn der Urlaub?" sragte Kaufmann Zenker. „Zehn Tage. Leider sind fünf davon schon um! Aber nun sagt mir mal erst, was steht denn da Gutes auf dem Telegramm?" „Das englische Kanonenboot „Niger" ist an der Mole von Dover torpediert worden." „Herrgott von Bentheim! Schon wieder einer, der uns nicht mehr weh tut! Das geht ja wie's Donnerwetter!" „Ja, ja, das muß man sagen: Ihr blauen Iungens versteht's!" sagte Zenker anerkennend. „Sie machen's ganz richtig: Immer runter mit den Dingern!" fügte der Schmied Gottlieb Krause hinzu. Er stand wieder hier im Schurzfell und entblößten Armen wie am Tage der englischen Kriegserklärung. „Wie haben Sie denn das Eiserne Kreuz erhalten?" fragte der Kaufmann. „Neulich bei einer Fahrt haben Sie doch sehr wenig Erfolge gehabt." „Nun, mit dem Kreuz, das ging ganz einfach. Unser Kapitänleutnant rief mich vor; ich stand stramm, und er hing es mir an." Darüber gab es zuerst ganz verdutzte Gesichter, dann aber ein allgemeines Ge lächter; und nur Kaufmann Zenker konnte mit der dummen Antwort auf seine dumme Frage noch nicht gleich fertig werden. Dann, zu einer anderen Tonart übergehend, sagte Jensen: „Vor knapp 14 Tagen waren wir es, die solch ein englisches Seeungeheuer auf den Meeresgrund setzten, daß es nur so krachte!" „Wer? — „1^ 18" ging's durcheinander, und jeder war aufs äußerste ge spannt. „Nun ja! Wir von 18"! — Wir haben am 31. Oktober, morgens kurz nach 8 Uhr den englischen Kreuzer „Hermes", der gerade von Dünkirchen her angedampft kam, im Kanal in den Grund gebohrt. — Das hat damals doch sicher auch hier als Telegramm gehangen!" „Erzählen! — Erzählen!" Und Kaufmann Zenker, der gern das Sprachrohr der Menge fein wollte, gab sich die nötige Würde und sagte: „Ja, wir alle Hier würden Ihnen dankbar sein, Herr Jensen, wenn Sie uns mal eine ausführliche Schilderung von solch einer Schissstor- pedierung geben wollten. Damals Ihr Brief an Schneidermeister Zwirner ist hier271 überall mit größtem Interesse gelesen worden. Wir Landratten machen uns von den Ereignissen auf dem Wasser zumeist doch ein ganz falsches Bild. Darum möchten wir gern mal einen wahrheitsgetreuen Bericht von einem Fachmann, aber ohne alles See mannslatein!" „Na, Herr Zenker, ich denke, in diesem Kriege haben wir das Latein wirklich nicht nötig! Mit den Engländern gehen wir deutsch um, und damit kommen wir aus!" „Und das Eiserne Kreuz bekommt man ja auch nur für deutsche Taten, und nicht für Seemannslatein!" sagte der Schmied und klopste dem Matrosen auf die Schulter. „So war's auch nicht gemeint, lieber Herr Jensen!" suchte sich der Kaufmann jetzt zu entschuldigen. „Aber ihr Wasserratten nutzt gar zu gern unsere Unkenntnis aus und belacht uns hinterher, wenn ihr uns einen gehörigen Bären auf gebunden habt!" „Ohne Sorge, Herr Zenker! — Damit Sie aber wirklich ganz sicher sind, erzähle ich selbst gar nichts, sondern lese Ihnen den Bericht eines englischen Augenzeugen vor. Ich fand die Übersetzung desselben am 4. November im „Kieler General-Anzeiger" und habe sie mir zum Andenken ausgeschnitten. Da bekommen Sie die ganzen Vor gänge noch besser, als ich's erzählen könnte." „Lesen! — Vorlesen!" riefen mehrere. „Aber laut!" die anderen. „Also hört!" — Und er zog ein Zeitungsblatt hervor. „Der Angriff (so heißt es hier) wurde früh gegen ^9 Uhr ausgeführt, als das Schiff sich in rascher Fahrt be fand. Viele Offiziere nahmen gerade ihr Frühstück ein. Von den Mannschaften be fanden sich einige, die eben von der Nachtwache abgelöst waren, in ihren Schlaf kojen. Die Möglichkeit, daß ein Unterseebootangriff erfolgen könnte, war jedem an Bord bewußt, dennoch kam der Schlag allen überraschend. Der scharfe Ausguck erwies sich als nutzlos. Die See war bewec^, und es gelang dem Tauchboot, bis auf Schuß weite heranzuschleichen, ohne bemerkt zu werden. Es feuerte, und der Torpedo traf sein Ziel nur zu gut. Ein furchtbarer Krach erfolgte, das Schiff neigte sich sofort, und scharfe Dämpfe stiegen aus den unteren Räumen empor. — Offiziere und Mann schaften erfaßten blitzartig, was geschehen war. Diejenigen, die unter Deck waren, stürzten hinauf, Befehle erwartend. Viele, die durch den deutschen Morgengruß aus dem Schlaf geweckt waren, rafften nur die notwendigsten Kleidungsstücke zusammen. Ein Offizier wurde im Bade von der Explosion überrascht. Er rettete sich, unbeschwert durch Kleidung, auf dem schnellsten Wege durch die Ausgucköffnung und nahm ein zweites Bad; diesmal in der See; er wurde jedoch gerettet. — Von Deck aus wurde scharf nach dem Tauchboot ausgespäht. Niemand bekam es zu sehen, obwohl es bald wieder einen Beweis seiner Nähe gab. Die Furche eines zweiten Torpedos näherte sich mit Blitzesschnelle dem Kreuzer. „Wir standen da wie hypnotisierte Hühner", so schilderte einer der Leute seine und seiner Kameraden Haltung während dieser bangen Sekunden. Einen Augenblick schien es ihnen an Bord, als ob das Geschoß sein Ziel verfehlen würde. Es war aber leider nur zu gut gezielt. (So jammert der Engländer!)272 Mit donnerndem Krachen schlug es achterbord ein, und damit war auch jede Hoffnung geschwunden, daß das Schiff sich noch länger halten könnte. Sofort wurden Boote herabgelassen und die Rettung der Besatzung schnell durchgeführt. Der Kreuzer trieb vom ersten Schuß ab noch 45 Minuten hilflos, ehe er kenterte und versank. Andere Schiffe retteten die Besatzung bis auf 22 Vermißte. Sieben Personen wurdm ver wundet. — — So weit der englische Bericht. Und das eigentliche Kunststück, das unser D-Boot bei dieser Geschichte geleistet hat, ist hier nicht einmal hervorgehoben. Gestern der „Niger" und auch die früher torpedierten Schiffe waren meist im Hafen oder sonstwie in Ruhe, aber unser „Hermes" dampfte mit voller Fahrt; und es war wahrhaftig nicht so einfach, ihn vom untergetauchten Boot aus mit dem Torpedo zu erwischen. „Fertig zum Schuß!" befahl unser Kapitänleutnant Werner und zielte am Periskop. Ohne Atem hörten alle auf das Kommando „Los!" den Torpedo aus dem Lancierrohr rauschen. Lautlose Lippen zählten in höchster Spannung, bis die Laufzeit des Geschosses verstrichen war. „Da — der saß!" Und das Wasser trug den dumpfen Krach laut und vernehmlich an unsere Stahlwände. Ein begeistertes Hurra löste die zusammengepreßten Lippen, und unser Grammophon knarrte jubelnd: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall." Die englischen Zeitungen haben denn auch selbst zugegeben, daß der Angriff an der Stelle, wo er stattfand, und wie er geführt wurde, außerordent lich verwegen und geschickt war. Und dieses Zugeständnis des Feindes war für uns von allem Lob das schönste." Mit leuchtenden Augen hatte die Menge dem schmucklosen Bericht gelauscht. Jetzt, da der Matrose geendet hatte, trat Kaufmann Zenker vor und rief: „Da sage ich nur eins, und ich bitte Sie alle, mit mir einzustimmen in den Ruf: Die Helden von „D 18" sie leben hoch, hoch, hoch!" „Donnerwetter noch mal!" rief der Schmied Gottlieb Krause, und vor freudiger Begeisterung rollten ihm zwei dicke Tränen über die berußten Backen. „Das muß gefeiert werden! Komm, mein Junge, darauf gebe ich in der Goldenen Traube eine Flasche Rüdesheimer zum besten. Der Wirt wird uns schon nicht rausschmeißen, wenn ich auch mit Arbeitskittel und Schurzfell komme!" Und mit den Worten: „Ich bezahle die zweite Flasche!" schloß sich der Kauf mann dem fortgehenden Paare an. In der „Goldenen Traube" funkelte bald der edle Rheinwein in den ge schliffenen Gläsern, und der Schmied und der Kaufmann entwickelten eine Wiß begierde, als ob sie das Marineleutnantsexamen ablegen sollten. „Übrigens ist die Torpedierung des „Hermes" nicht das einzige Erlebnis auf dieser meiner zweiten D-Bootsfahrt", erzählte Jensen. „Im Kanal gibt es reichliche Beute. Beinahe hätten wir sogar noch ein Kriegsschiff, einen großen englischen Hilfs kreuzer, zu den Fischen schicken können. Da aber die See an dem betreffenden Mittag ziemlich glatt war, so merkten die Feinde an dem weißen Wellenkräuseln hinter unserem Periskoprohr die Gefahr zu früh und machten sich noch rechtzeitig aus dem Staube."„Schade!" sagte Krause. „Da kann ich mir euren Ärger und eure Wut vor stellen!" „Ach nee, das Auskratzen sind wir bei den Engländern doch schon zu sehr ge wöhnt!" erwiderte der Matrose. „Diese britischen Krämerseelen denken meistens: Besser eine halbe Stunde seige, als das ganze Leben tot!" Dieser Scherz fand -den gebührenden Beifall; dann sagte Kaufmann Zenker: „Nun bin ich aber wirklich auf Ihr anderes Erlebnis gespannt." Und Jensen erzählte: „Also wir kreuzten mit unserem „U"-Kahn im Kanal und suchten nach Beute für unsere Torpedos. Plötzlich erschien Backbord voraus aus drei Schornsteinen eine mächtige Rauchfahne. Bei uns ein kurzes Glockensignal, und das Meerwasser gurgelte in unsere Ballasttanks hinein, und die Tiefensteuer singen an zu arbeiten. So kamen wir an den dicken, schwarzen Engländer heran, der sich mit seinem roten Bauch im Wasser wälzte. An dem großen Tiefgang konnte man merken, daß er volle Ladung hatte. „Das scheint ja ein setter Bissen zu sein!" sagte unser Kapitänleutnant Werner und tauchte dicht neben dem Bug des Dampfers auf, doch so, daß er uns nicht über den Hausen rennen konnte. Schnell öffnete sich unsere Turmlucke, und wie der Wassergott Ägir aus der Meerestiefe stieg Werner aus dem Kommandoturm, zeigte die kaiserliche Kriegsflagge und rief durch das Sprachrohr: „Stopp!" Gehorsam drehte der Dampfer bei. Er hatte bisher keine Flagge am Mast; jetzt hißte er rasch die spanische Handels flagge, um als neutraler Dampfer zu erscheinen. Unser „Alter" aber verstand die Sache etwas anders und sagte lachend zu unserem Signalmaaten: „Dem scheint es noch ziem lich spanisch vorzukommen, daß er hier im Kanal von uns angehalten wird! — Mit solchen Flunkereien führt er uns nicht hinters Licht. Wenn man einen Dampfer er wischt, der holländisch angestrichen ist und das amerikanische Sternenbanner führt und uns gar noch mit der deutschen Nationalhymne begrüßt, dann kann man Gift darauf nehmen, daß es ein Engländer ist!" — „Was für Ladung haben Sie?" rief Werner durch das Sprachrohr hinüber. — „Können Sie denn nicht sehen, Sie blindes Huhn?" schrie der Kapitän wütend von seiner Kommandobrücke aus englisch zurück. „Lassen Sie uns gefälligst ungeschoren! Dort oben weht unsere Flagge. Die Ladung eines spanischen Dampfers geht Sie gar nichts an!" — „Oho, darum reden Sie auch wohl so spanisch mit Ihrem englischen Maulwerk! Machen Sie keine weiteren Flausen! Sie haben zehn Minuten Zeit, um mit Ihrer Besatzung in die Boote zu gehen!" Unser Kapitänleutnant rief die letzten Worte scharf und befehlend. Der Engländer kraute sich zaudernd hinterm Ohr; seine Leute lagen mit den Unterarmen auf dem Bordrand und starrten mit weitgeöffneten Augen auf das kleine, graue Seegespenst. Erst als ihnen mit einem deutschen Torpedo gedroht wurde, kam Leben in die Gesellschaft. Die Matrosen rannten in ihre Kojen und stolperten mit Bündeln unterm Arme wieder an Deck. Wir hatten uns dicht an Backbord des Dampfers gelegt, und unser Kapitän leutnant ließ sich die Schiffspapiere das Fallreep herunterbringen. Da zeigte sich denn S18 273274 bald, was mit dem sauberen Bruder los war; er hatte außer lebenden Rindern und 80V Faß Spiritus und großen Mengen Konserven noch 2VW Kisten Munition an Bord, die für die französische Front bestimmt war. Sein Schicksal war also besiegelt, und unser „Alter" befahl, an dem Dampfer eine Sprengpatrone anzubringen. „Herr Gott, nein! Sie wollen doch nicht unser Schiff in die Lust sprengen!" jammerte jetzt der Kapitän. „Denken Sie doch, es sind 5OV Stück lebendes Rindvieh an Bord! Die armen Tiere sollen doch nicht alle ertrinken?! Haben Sie doch Mitleid und Mensch lichkeit!" Das war unserem „Alten" denn doch zuviel; zornig donnerte er ihn an: „Sie lassen sofort Ihre Boote runter und verlassen mit Ihren Leuten das Schiff, sonst ver saufen noch einige Stück Rindvieh mehr; das gelob ich Ihnen bei den Knochen Greys und aller anderen englischen Heiligen!" — Ihr hättet sehen sollen, wie sie da Beine machen konnten! Beinahe aber wäre jetzt die Reihe des Indieluftfliegens an uns selbst gewesen. Zum Glück stand ich mit geladenem Karabiner neben dem Kommandoturm auf Deck und konnte den Anschlag noch rechtzeitig vereiteln. Einer von der Besatzung des Dampfers hatte während des Herablassens der Boote zwei ver dächtige Dinger vorsichtig an den Bordrand gebracht und wollte einen Augenblick, in dem er sich nicht beobachet glaubte, benutzen, uns die zwei Bomben auf das Deck zu werfen. Aber er hatte die gefährlichen Dinger noch nicht aus der Hand, da ging ihm auch schon ein Schuß aus meinem Karabiner durch die Brust, daß er mit einem Schrei zurücktaumelte." „Aha! Daher wohl das Eiserne Kreuz!" rief Zenker aus. „Ja! Ich sage Ihnen, nun war's aber Zeit, daß die Engländer von ihrem Schis, verschwanden! Und sie machten denn auch schleunigst, daß sie mit ihren zwei Booten aus unserer Nähe kamen. Ehe wir aber das Schiff in die Luft fliegen ließen, gingen Maat Kröger> Paul Ochse, Otto Menke und ich an Bord des ver lassenen Dampfers, um von den reichen Speisevorräten etwas vor dem Untergang zu retten. Denn wir waren mit Elektrizität sehr sparsam gewesen und konnten bei Er gänzung unserer Lebensmittelvorräte noch einige Tage länger draußen bleiben als vorgesehen war. Zur Freude unseres I/-Boot-Kochs Meier kamen wir denn auch bald mit allerlei herrlichen Sachen vom Dampser das Fallreep herunter. Um die drohend erhobenen Fäuste der ausgebooteten Engländer und ihre Flüche kümmerte sich keiner. — Dann wichen auch wir ab von dem dem Untergang geweihten Schiff. Es folgte ein furchtbarer, harter Schlag, und nun riß der Dampfer von unten bis zum Deck auseinander; eine Schaumfontäne spritzte hoch auf; zwischen schwer geballtem Rauch sah man zerfetzte Schornsteine, niederstürzende, brechende Masten, zerspringende Planken und jäh zum Himmel aufsteigende Flammen. Nach zwei Minuten war der mächtige, stolze Dampfer vollständig verschwunden, als wär's nur ein Bild der Phan tasie gewesen." Mit atemloser Spannung hatten die beiden dem Erzähler zugehört. Auch jetzt, da er geendet hatte, standen sie noch unter dem Bann der Geschehnisse.Endlich sagte Kaufmann Zenker: „So etwas mutz doch furchtbar fem! „Gewiß," sagte Jensen, „aber wir Seeleute verlieren kotzdem den Humor m). Und als wir einige Tage später mit müdem Boot und ^uder Mannschaft uns de Heimat näherten, da schien uns Helgoland mit seinen roten Helsen schon ^ vor. — Und wißt ihr, womit wir von den Kameraden dort begrüßt wurden. ^ winkten mit Mützen und Tüchern und riefen: „Willkommen, ihr Tana reimger. Und nun: „Prosit!" Da klangen die Gläser hell und fröhlich. 7. Der letzte Kampf. Es war noch früh am Nachmittag, so gegen 4 Uhr, aber schon wollte sich die gelbe Sonne wieder zum Schlafe ins Meer senken. Denn es war Spätherbst, man schrieb den 23. November. Im Norden des durch zahlreiche Verluste zur See doch schon ziemlich kleinlaut gewordenen Britannien, zwischen der schottischen Küste und der Inselgruppe er Hebriden, ragte ein Periskop aus dem Wasser. Der Wellengang war für ie spa e Jahreszeit ungewöhnlich schwach. „II 18" war es, das hier auf der Lauer lag, um der fortwährenden Munitions und Waffenzufuhr aus Amerika ein Ende zu bereiten. Es war ein recht an- strengender und gefährlicher Dienst. Das Meer war belebt von Fischerbooten un anderen Fahrzeugen, und das I5-Boot mußte den ganzen Tag unter Wasser ho en, um nicht von ihnen bemerkt und verraten zu werden. Auch war es unten nichts weniger als gemütlich. Um Elektrizität für den Kampf zu sparen, blieben die elektrischen Ofen ungeheizt, und auch die elektrisch betriebene Küche blieb außer Dienst: man aß ie Blechochsen (Fleischkonserven) ungekocht. Die Stahlkammern waren feucht, die Glie er wurden steif, und die Zähne klapperten. Auch war die Luft schlecht, zum Ersticken, und ohne die geöffneten Sauerstoffflaschen und Kalipatronen hätte es keiner mehr aus halten können. Aber über des Körpers Behagen ging der Haß gegen England und Deutschlands Sieg. Da schlich eine kleine, schwarze Meerkatze vorüber, ein englisches Torpedoboot, das als Patrouillenfahrzeug zwischen den Inseln gekreuzt hatte. „Dem müssen wir ans Leder, damit er mal am eigenen Leibe spürt, wie weh solch ein Torpedo tut!" rief Kapitänleutnant Werner und gab den Befehl zu voller Fahrt. Leider aber wurde die Nähe des l^-Bootes bemerkt, ehe es auf Schußnahe heran war. Das Periskop sehen und mit Volldampf verschwinden, war sur den Eng länder das Werk eines Augenblicks. 8 18» 275276 Die Mannschaft unten im Boote regte sich über diesen mißglückten Angriff nicht weiter auf; sie war daran gewöhnt, daß einem nicht jeder Apfel, den man am Baum hängen sah, auch in die Tasche fiel. Der mit Dichtertalent begabte II-Boot-Koch Meier hatte in den letzten Tagen, weil seine Küche fast außer Betrieb gefetzt war, ein I5-Boot- Lied verfaßt und übte es jetzt bei seinen Kameraden ein. Am Schluß jeder Strophe hörte man in der bekannten Melodie dm Refrain von unten schallen: Und wenn ihr dm graum Gesellm fragt: Das ist — das ist Werners wilde, verwegene Jagd! Oben im Kommandoturm aber war die Stimmung keineswegs so fröhlich. „Fatal! Wirklich höchst fatal!" fagte Kapitänleutnant Werner zu Oberleut nant Hartmann. „Nun sind wir verraten; und die Engländer werden schon nicht lange auf sich warten lassen." Und Oberleutnant Hartmann erwiderte: „Wenn wir nur für eine halbe Stunde auftauchen könnten, daß wir mal Luft schnappten! So halten's die Leute nicht mehr lange unter Wasser aus, und unser Kater Hidigeigei tut schon jetzt, als ob er sterben wollte. Noch eine Stunde, und wir haben auch bei der Mannschaft Ohnmachts anfälle." „Ich weiß, ich weiß!" sagte Werner. „Die Geschichte wird faul. Wenn es bloß erst Nacht werden wollte!" Er hatte das letzte Wort noch auf der Zunge, da stieg auch schon von der eng lischen Küste her ein Flugzeug auf und kreiste in großem Bogen über dem Wasser, um das I^-Boot zu suchen. „Aha! Da haben wir schon die Bescherung! Man schickt uns sofort unseren gefährlichsten Gegner auf den Hals. Nikolaus ist zwar erst am 6. Dezember, aber dieser Engländer will uns schon heute seine Nüsse herunterwerfen." „Wenn wir flink find, trifft er uns nicht", entgegnete der Oberleutnant. „Das stimmt schon," war Werners Antwort, „aber besser wär's schon, wenn jetzt der Sturm mit vollen Backen blies und das Meer wie ein Seifmkessel schäumte. Dann wären wir vor dem Luder da oben versteckt. Bei diesem schwachen Seegang sieht er uns bis auf sieben Meter Tiefe, und die aufsteigenden Blasen verraten uns auf alle Fälle." „Dann wollen wir unser Fell wenigstens teuer verkaufen!" sagte Hartmann entschlossen. „Nun, das denk ich auch!" pflichtete ihm Werner bei. „So ganz leichten Kaufes soll er uns nicht haben! Wenn uns das Glück hold ist, gelingt es uns vielleicht sogar, dm großen Raubvogel herunterzuholen."277 Der englische Flieger schwebte in drei- bis fünfhundert Meter Hohe in großen Kreisen über dem Wasser und hatte das Unterseeboot, trotzdem es getaucht war, baw genug entdeckt. Bombe nach Bombe flog herunter; aber Werner befahl unaufhörlich Kursveränderungen, und so gelang es dem Flieger nicht, das kleine, beweg iche Zie zu treffen. Da ging er, um besser treffen zu können, beträchtlich niedriger, -vies de merkend, gab Kapitänleutnant Werner den Befehl zum Auftauchen. „Der Freiwillige Jensen mit Karabiner und reichlich Pattonen sofort m den Turm kommen!" telephonierte er in den Maschinenraum. Der Turm ragte eben auf dem Wasser heraus, da ösfnete sich auch schon die Luke. Im Nu hatte Jensen das Gewehr an der Wange und eröffnete auf den Ver folger ein rasendes Feuer. Auf solch eine Überraschung war der Flieger denn doch nicht vorbereitet Aber ehe er sein Flugzeug zur Flucht wenden konnte, war es auch schon zu spa. c r Schüsse mußten seine Maschine beschädigt haben, denn der Apparat sing bedenm ) an zu taumeln. Da plötzlich erscholl von „v 18", wo bereits mehrere Matrosen aus den Luken gekrochen waren, ein vielstimmiges Hurra. Ein Geschoß hatte den des Flugzeuges durchschlagen. Es folgte ein lauter Knall, und in Rauch un stürzte der englische Flieger ins Meer. Alles umringte den glücklichen Schützen, und jeder schüttelte ihm m Freude und Dank die Hände. Kapitänleutnant Werner aber, der fich von allen am de, der ganzen Größe der glücklich überstandenen Gefahr bewußt war, sch oß ihn ewe in die Arme und sagte: „Ich bin stolz auf dich, mein Junge! Du hast unserem ^ n zwei Dutzend Seeleute und ein herrliches Schiff gerettet. Von heute ab bist du .Maar und erhältst die Tressen. Und wenn wir glücklich nach der Heimat kommen, werde ich dafür sorgen, daß das Eiserne Kreuz erster Klasse deine Brust schmucc. Aber in den allgemeinen Jubel schlug es plötzlich hinein wie ein Während des Kampfes und der Siegesfreude hatte keiner Augen geha . ... Plötzliche Überraschungen. Das Torpedoboot war in Begleitung eines ^.orpedoiag zurückgekehrt, und beide warm schon ziemlich nahe heran, ehe sie bemer wur en. „Klar machen zum Tauchen!" rief Werner in Hast und Erregung, und alle verschwanden so schnell wie irgend möglich unter Deck. „Luken dicht!" — Und schon schlug über dem Deck das Wasser zusammen. Nur der Kommandoturm ragte noch aus den Wellen. Aber für die Rettung war es doch schon zu spät. Das Torpedoboot war schon zu nahe heran.978 „Um Gottes Willen, Jensen! Dort oben dem Steuermann eine Kugel durch den Schädel! Schnell, schnell! Er rammt uns ja in den Grund!" schrie Werner Jensen an, der mit auf den Turm geklettert war. „Tack!" machte der Schutz. — Vorbei. „Tack!" — Vorbei. „Tack!" — — Der saß! — Der Steuermann des englischen Torpedobootes warf beide Arme in die Luft und brach dann neben seinem Rade zusammen. Das englische Boot kam dadurch aus dem Kurs, und beinahe schien es, als ob sein Stoß vorbeisausen würde. Doch diese trügerische Hoffnung währte nur einige Sekunden. Dann ging ein Knirschen, ein Zittern durch den Leib von „15 18", und ein heftiges Beben folgte. Der der Mitte des Bootes zugedachte Anprall hatte das Heck getroffen und die Schraube, das Steuer und die Hinteren Tanks zerstört. Mit eiserner Ruhe erteilte Kapitänleutnant Werner feine Befehle, alle wußten, daß es jetzt bitterster Ernst war. Es wurden verzweifelte Anstrengungen gemacht, um das Schiff zu retten. Rasend arbeiteten die Motore; das Schiff ächzte und stöhnte. Aber es bewegte sich nicht. Da wußte jeder: das schöne Schisf, auf dem sie so manche Stunde schwerer Strapazen, aber auch herrlichen Ruhmes erlebt hatten, war dem Untergang geweiht. Werner gab den Befehl zum Auftauchen. — Die vorderen Tanks waren noch intakt, und so hob sich das Boot mit dem Bug aus dem Wasser, während das Heck sich senkte. Bei diesem Anblick flössen dem Kapitänleutnant die hellen Tränen über die Wangen. Unterdessen krochen die Matrosen sämtlich aus den Luken hervor und nahmen auf dem Vorderdeck Aufstellung. Die Stimme ihres Führers klang verschleiert und stockend, als er zu ihnen sagte: „Das Boot ist verloren! Es ist nichts mehr zu machen!" Da trat Jensen vor, und seine Worte waren fest und entschlossen: „Herr Kapitänleutnant, retten Sie die Leute! Ich rette das Boot!" „Versteh ich dich recht. Junge!" ries Werner und wollte ihn zurückhalten. „Das sollst du nicht! Das Opfer wäre nutzlos!" Aber Jensen sprach: „Heute war der schönste Tag meines Lebens. Die An erkennung so vieler braver Kameraden und euer Lob haben mich zum glücklichsten Menschen gemacht! Ich habe keine Eltern und keine Geschwister mehr. Wenn dieses Boot in englische Hände fällt, bauen sie bald selbst welche danach und schicken sie gegen279 uns. Trauert nicht um mich und behaltet mich in gutem Andenken! Gott verleihe unseren Waffen den Sieg!" Und schon war er durch die Luke verschwunden. Unterdessen war auch der zweite Feind, der Torpedobootszerstörer „Garry , angelangt und wollte sich an die Backbordseite des U-Bootes legen, um ie e satzung zu retten. Das Boot dachte er dann ins Schlepptau zu nehmen und m oen nächsten Hafen zu besorgen. Aber es kam anders: „U 18 begann P otz ich ra zu sinken. Die Besatzung brachte noch ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus, dann sprangen alle ins Wasser. Sie wurden nachher sämtlich aus dem Wasser gestsch UN' gerettet. Als der englische Kapitän das U-Boot sinken und in den Fluten verschwinden sah, schrie er wütend und hämisch seinen Leuten zu: „Da seht, da geht uns as us unter!" Am Abend des nächsten Tages hing in Eichenau der Verlag der „Neuesten Nachrichten von Eichenau und Umgegend" folgendes Telegramm aus. Amtlich. Berlin, 24. November. Nach amtlicher Bekanntgabe der englischen Admiralität vom 23. November ist das deutsche Unterseeboot „U 18" durch ein englisches ^atromllenfahrze g Nordküste Schottlands zum Sinken gebracht worden. Nach ^ Bureaus sind durch den englischen Torpedobootszerstörer „Garry rei ssiz 23 Mann der Besatzung gerettet worden. Ein Mann ist ertrunken. Der stellvertretende Ches des Admiralstabes der Marine, gez. Behnke. Dieses amtliche Telegramm hing auch am nächsten Mittag noch dort. Ev war aber ein zweites Blatt daruntergeklebt. Daraus stand mit aus l Wie wir -den ermitteln Imnteu, ist de. Erttunlene der M°tt°!° Karl Sensen aus Eichenau. ^ Redaltt-m, Wieder stauten m.s der S.rabe und aus dem Marttpl-ch ^ den ich. °Mg enttaubten Bäumm die Menschen in Gruppen znl-nnnen, Aber ihre ilnlerhatt war ernst. Auch der Schmiedemeister stand wieder dort.280 Da trat der Schusterjunge auf ihn zu und sagte: „Ich wollte Euch eben die besohlten Schuhe bringen, Meister Krause. — Habt Ihr's auch schon gelesen, daß der Jensen tot ist?" „Ja," sagte der Schmied mit feuchten Augen, „er war ein tapferer Kerl, und er hat der Stadt Eichenau Ehre gemacht!" Und der Schusterknirps erwiderte: „Ich freu' mich nur, daß ich ihm den Heldenkranz aus Eichenlaub schon damals gemacht habe!"Inhaltsverzeichnis durch! Eine Erzählung von Heinrich Brenne (illustriert). 1. Zwei Flüchtlinge der Fremdenlegion Seite 9— Zö 2. Beim Durchbruch von Messina Seite Z7— 61 ?. Im sicheren Hafen Seite 62— 76 Wir fahren gegen Engellanö. Die Geschichte eines Emdenmatrosen von Ewald Neincke (illustriert). 1. Hinaus auf das offene Meer Seite 77 84 2. Fröhliche Jagd und gute Beute Seite 84—116 In Sturm und Kampf Seite 117 123 4. Getreu bis in den Tod Seite 128 IZ7 Das neue Vaterland. Eine Erzählung von Heinrich Brenne Seite IZ3—209 Der vootsmannsmaat öer „Gneijenau". Eine Erzählung von Fritz Droop. Seite 210—245 Der U-Boot-Kreiwillkge. Eine Erzählung von Karl H. Schröder. 1. Die englische Kriegserklärung Seite 246 250 2. Abschied von der Heimat Seite 250 252 2. Im Kameradenkreise Seite 252 —257 4. Die Geheimnisse des A-Boots Seite 257—262 5. Geringe Erfolge Seite 262—269 6. Das Eiserne Kreuz Seite 269—275 7. Der letzte Kampf Seite 275—280282 Montanus-^ugenöbücher Unser' Kriegsbuch von Paul Baumann HAuüolf NölZner, der Primaner eines Frankfurter Gymnasiums, verbringt die Sommee- ^»ferien 1Y14 in Südfrankreich. ^ Cr erreicht im August mit knapper Not öie deutsche Grenze und schmuggelt sich nun inmitten eines Truppentransportes an öie Front. Er wirH auch bald mit anderen verdächtigen Personen als Franktireur aufgegriffen und von einem deutschen Kriegsgericht zum Tode verurteilt, x Wie durch ein Wunder stellt sich seine Unschuld heraus. Der deutsche Kronprinz stellt ihn persönlich als Kriegsfreiwilligen ein. Und nun gehts los: Antwerpen, Stellungskrieg, Gffizierskurs, zur Kavallerie über schrieben, nach dem Gsten! Bei Nowo-Georgiewsk zeichnet er sich besonders aus, und in Gegenwart von Hindenburg und Beseler heftet ihm der Deutsche Kaiser das Eiserne Kreuz 1. Klasse auf die Brust. Der Verfasser Paul Baumann ist ein bekannterBerliner Schulmann, der augenblicklich als Offizier dem vaterlande dient. Er hat den Feldzug von Anbeginn an mitgemacht und unter anderem einen Munitionstransport unter schwierigen Verhältnissen nach Przempsl geführt. Seine Erzählungen atmen durchaus den Geist der Wahrhaftigkeit. 4 Farbenkunst- -»»5 tafeln von Prof. CrnstÄebermann- Nünchen unö Zeich nungen von T.Zander. Preis 4 Dieser Band enthält ^ebenfalls 2L2 Seiten Text unö außerdem 16 Tafeln mit Wirklich- keits-Kufnahmen aus dem KriegSteins Geschichte des Weltkriegs Eine Volksausgabe für jung unü alt! weithin bekannte Herausgeber öer Montanus-Bücherhat hier Sie Geschehnisse des großen Krieges bis Ende Oktober 191S auf Grund öer Generalstabs berichte festgehal ten. Sein Merk zeichnet sich aus öurch eine klare, von hohem, vater ländischem Geist getrageneSprache unö durch strengste Sachlichkeit. Cine Anzahl Karten skizzen tragen zur Verständlichkeit bei. DieMsstattung ist die gleich sorg fältige wie beiden ::: Nontanus- ::: Jugend-Büchern. 288 Seiten Lext in großem Gktav- format, 30 Kunst tafeln unsrerHeer- führer, zum ?eil in Karbendruck, und eine Anzahl Kartenskizzen Se. Exzellenz öer Generaloberst von Eichhorn nahm die Widmung an. die beste Kriegsgeschichte dieses Lahres! Preis 4 Mark. ZL?Montanus-Vücher as im Gsten unö Westen, km Noröen unö Süöen geschieht, was sich ereignet auf blutgetränkten Schlachtfeldern, zu Wasser unö in der -tust, das spiegelt sich wiöer in öen runö L5OS Wirklichkeitsauf nahmen öer zehn bislang vorliegenöenMontanus-Vücher. Oie Ereignisse in Flandern unö in Kurland, in öen begonnen, in Vsterreich unö in Un garn, in Polen unö in öer Champagne, in Belgien wie in öer 'Türkei, in Galizien, in öer Norösee, in Italien, an öer englischen Küste, auf öen Meeren unö in unseren Kolonien. Wir sehen unsere großen Kelöherren, unsereheimatschiffe, öie U-Voote,Wslanöskreuzer, Flugmaschinen, Zep peline, öeutsche unö österreichische Mörser,Kutos,Melöereiter, Schützen gräben,Pioniere,Kavallerie,Kestungstruppen,Gefangene,öasSanitäts- wesen unö vieles mehr. Das Ganze wirö vervollstänöigt öurch eine)?nzahl Ausnahmen aus öem seinölichen-5ager, öen öortigen Kämpfen unö Nieöer- lagen, so öaß in öer Tat öer Krieg lückenlos vor unser fluge tritt. Erste Schriftsteller, hervorragenöe Kriegsberichterstatter unö beöeutenöe Kachmänner sinö an öer Herausgabe beteiligt, prächtige Kunstbeilagen, zum Teil in vierfarbenöruck, erhöhen öen Wert öer Bänöe, so öaß öer Preis von Mark 2.^- für jeüen Vanö tatsächlich überaus nieörig ist. MerhöchstePersönlichkeiten, unsere großen Helöherren unö öie beöeutenösten Männer unserer Aeit haben sich in höchst anerkennenöer Weise über öie Montanus-Vücher ausgesprochen. Die öeutsche Tagespresse befaßt sich eingehenö mit öen jeweils erschei- nenöen Vänöen, unö öer besonöere Wert öer Sammlung ist öarin zu sehen, öaß geraöe öie letzten Bänöe mit behörölicher Unterstützung herausgegeben sinö. Zum Beispiel erscheint öer Kriegsgefangenen- banö in fünf Sprachen, unö es ist Wunsch öes Kriegsministeriums, öaß Hunöerttausenöe von Exemplaren im Kuslanö ver breitet weröen, um öraußen zu zeigen, wie „wir Barbaren" unsere Gefan genen behanöeln. Gesamt-fluflage Enüe 1Y1S fast vierhunöerttausenü Exemplare SS4Um Vaterland und Freiheit tobt auf den Schlachtfeldern im Osten und Westen, im Süden undNorden der ungeheuerlichste Kampf aller Feiten. Grenzenloses Unglück verzehrt vie Welt, un doch find wir Deutsche stolz darauf, unser Vaterland, unsere Freiheit mit unserem herzblute verteidigen zu dürfen. ^ Die ewig wechselnden Eindrücke, die stun ich neuen Bilder festzuhalten und wahrheitsgetreu zu überliefern, ist eine dringende o - wendigkeit, und es bedarf deshalb eines Sammelwerkes,das mitten aus oempu ver dampf und dem Schlachtendonner heraus entstanden ist, eines Werkes, das d e Ku e des Materials sichtet und das wirklich Wertvolle festhält. Ein solches Wer, essen Wirklichkeitsaufnahmen, oft mitten in der Heftigkeit des Kampfes entstanden, uns wie ein unmittelbares Erlebnis voll Schrecken, Größe und Kraft anmuten, ist ohne Zweifel das im Verlage von Hermann Montanus in Siegen erscheinende Blldwer Um Vaterland und Freiheit Kartoniert jeder Band S Mark, gebunden 2.80 Mark, der beispiellose Erfolg, den die vorliegenden drei Bände erzielt haben, ist die beste Gewähr dafür, in we ch hohem Maße sie den Anforderungen und Wünschen de< deutschen Volkes nachkommen. Walther Stein, der Verfasser von Steins Geschichte des Welt krieg«, ist der Heraus geber der drei Bände, die an stch die Reihe der Umvaterlano ulMeihelt Nontanus-Bücher eröffnet haben. Kuf den nächsten Seiten stnd die übrigen 7 Bände näher bezeichnet. Es gibt für jung u. alt keine besseren Erinnerungsbücher an Deutschlands größte Zeit 2Sö286 Montanus-Vücher Deutsche Heerführer in großer Zeit dem Herausgeber Walther Stein seltene Bilder aus öer Entwicklungszeit unserer großen Feldherren zur Verfügung gestellt. hindenburg, Mackensen, Kluck, Bülow, Emmich, Beseler und andere Generale werden und wachsen vor uns als Menschen. Dankbar erleben wir ihre Arbeit, als deren Krönung sie heute in kraftvoller Tat ein starkes Volk zum Siege sühren. Gsterreich-Ungarn im Weltkrieg herausgegeben von Max Bauer. Sr. K. u. K. Hoheit dem Herrn Erzherzog Feld marschall Friedrich ehrfurchtsvoll gewidmet.^Das alte Heldenlied von der Nibelungen treue wächst aus diesen Bildern zu neuer Blüte empor. Schulter an Schulter, ein einig Volk in Not und ?od, in Kampsund Sieg, so stehen Österreich-Ungarn und Deutschland im Weltkrieg. die Kriegsgefangenen in Deutschland « von Professor Dr. PI. Backhaus. ?n s Sprachen, deutsch, französisch, englisch, russisch und spanisch. Mehr als 250 Aufnahmen aus fast allen großen Gefangenenlagern Deutschlands liefern den unanfechtbaren Beweis dafür, daß die Kriegsgefangenen in Deutschland keineswegs, wie unsere Feinde behaupten, mißhandelt werden.lNontanus-Bücher Herausgegeben von Toni Kellen. Sr. Exz. V / f öem Generalgouverneur von Belgien, Krei- herrn von Vissing gewiömet. ^ ?n S30Bilüern eine Geschichte öes belgischen ^anöes, der belgischen Kunst unö öes Krieges in Belgien. Wer nicht nur Zerstörung, sondern auch Aufbau spricht aus diesen Blättern) wir sehen, wie Sie deutsche Verwaltung Ordnung und neue Wege schafft für Handel und Verkehr. Seutschlanös Eroberung der Lust öeppelinverehrungsvollgewiömet.Herausgegebenvon?ngenieurWillpHackenberger, Albatros-Werke, Berlin. ^ Wie ein Luftschiff entsteht, wie der Klugapparat gebaut wird, das zeigen die 310 Bilder dieses Bandes. ^ Wir durchleben im Bilde die Ent wicklung der deutschen Luftflotte von ihren Uransängen bis zum Weltkrieg. Cm zweiter Band bringt die ?aten der deutschen Klieger und Luftschiffe km großen völkerrlngen. deutschlanös Taten zur See stand öes Reichsmarinemuseums in Berlin, x Auch dieser Band zeigt die Entwicklung vom alten Wikingerdrachen bis zum heutigen Unterseeboot - vom Segelschiff bis zum Großkampfschiff. S weitere Bänöe erzählen nach Friedensschluß vom Weltkrieg zur See. SS7^Verlag kiarmcmn Awntanus^ SiogM.Lzipziz Des Eisernen KanzlersLeben in an- nähernü LOS Bilüern nebst einer Einführung von Walther Stein ZMWKWKNKAWWMNWWSgWKBRWkZWKWRWk ?n diesem Buche lernen w'r vor allem den Menschen Bismarck kennen und ahnen auf den Spuren dieses überreichen Lebens, aus dem Verständnis seiner Per sönlichkeit das Wunder seiner schöpferischen Kraft ZFZ Druck: «Zmbsrg 5. Lefson G. m. b. H., Berlin 5W 4S.SSV IM»II ^I12<151502851010 Z 5. M. NlZZ c;mdn Xodlen? Berlin k^reiburZ 495(/ > /
