Natur-, Reise- und Lebensbilder aus Unter-Aegypten, Ceylon und Vorder-Indien. Iür die reifere Jugend nach neuen und guten Quellen bearbeitet von I. G- Kühner. , Mit fünf Bildern in Farbendruck von Ä. Hann. Al fr e d O e h nt i g k e's V e r l a g (Moritz Ecißlcr).£> ><V Zc , 38 R kjA Ki Urop cheVorh >/\Vorbemerkung. Es schien mir eine dankenswerthe Aufgabe, das Interessan teste und Lehrreichste ans dem in der neueste» Zeit über den Orient zu Tage geförderten Material nach pädagogischen Rück sichten, insbesondere auch zur Unterstützung des Schulunterrichtes, anszuheben und für diesen Ziveck zu bearbeiten. Wenn ich dabei auf angenehme Unterhaltung eben so sehr Rücksicht genommen habe, als auf nützliche Belehrung,.so dürfte dies eben so sehr Billigung finden, als mein Bestreben nach einfacher Darstellung, die jede Effekthascherei und widernatürliche Aufregung grundsätzlich vermeidet. Die lesende Jugend soll einen Schatz von positiven Kenntnissen durch die Lektüre auch dieser Schrift erlangen; das ist mein Wunsch. Möge er sich erfüllen und das Werkchcn freundliche Aufnahme finden. Hirschberg in Schlesien, im Mai 1860. Der Verfasser.'!oi : ■ - | : : • i: 'Inhalt. Seite Erstes Kapitel. Nach Aegypten 1 Zweites Kapitel. Nach Ceylon 83 Drittes Kapitel. Nach Indien 104Erstes Kapitel. Nach Aegypten. 3öenn meine jungen Leser in den Stunden des geographischen Unterrichts in die Länder des Südens eingeführt werden; wenn sie Kunde empfangen von dem Zauber tropischer Vegetation und dem Rcichthum und der Pracht der Thierwelt jener Gegenden; wenn ihnen mit wenigen Strichen die Bewohner jener Landstriche gezeichnet und die Eigenthümlichkeiten derselben mitgethcilt wer den: dann stellt sich in ihnen wohl der Wunsch ein, die Wunder der warmen Erdstriche einmal mit eigenen Augen zu schauen. Doch wie Wenige dürfen auf Verwirklichung ihres sehnenden Höffens rechnen! Unter Allen haben wir Kontinentalbewohner am wenigsten Aussicht auf eine derartigen Wünschen entsprechende Wendung des Schicksals. Sollten wir aber darum ganz und gar auf jenen ersehnten Genuß verzichten wollen und müssen? O gewiß nicht! Können wir uns auch "nicht leibhaftig in die Gefilde der warmen und heißen Zone versetzen, so stehen uns doch die geistigen Schwingen der Phantasie zu Gebote, und mit deren Hülfe vermögen wir wohl, gestützt ans die Berichte Kutzner, Natur-, Reift- u. Lebensbilder. \2 Nach Aegypten. glaubwürdiger Reisender, uns lebensvolle Bilder aus dem Na tur- und Menschenleben jener Erdstriche vor die Seele zu füh ren. Seht, meine Lieben, dies habe ich gethan und hoffe euch damit einen eben so angenehmen als wohlthätigen Genuß zu bereiten. Folgt, mir nach dein Lande der Pyramiden, nach dem paradiesischen Ceylon und nach dem glanzvollen Indien; ich will euch eine Reihe wahrheitsgetreuer Bilder vorführen, welche die vor euch ansgebreitete Landkarte möglichst allseitig beleben sollen. Und nun sofort ans Werk! Das alte Wunderland Aegypten soll das nächste Ziel un serer Reise sein. Dorthin locken uns vor Allem die Pyramiden, die Obelisken, die Sphinxe, die wir schon ans der Geschichte kennen. Doch welchen Reiseweg schlagen wir zu diesem Ziele ein? Wir könnten über Marseille, auch über Genua unseren Lauf richten; doch wollen wir lieber so lange als möglich im Vaterlande bleiben, um dessen Eigentbümlichkeiten im Süden we nigstens im Vorbeigehen flüchtig kennen zu lernen. Reisen wir zuvörderst nach T r i e st. Ein Dampfroß, wenn wir es zur Spedition unserer Person wählen, bringt uns in kurzer Zeit über Wien, Bruck, Grätz, Marburg, Laibach und Adelsberg dahin. Allmählig dringen wir in immer mildere Gegenden ein; die Pflanzenwelt offenbart eine wachsende Fülle von Kraft und Mannigfaltigkeit, die wechselnden Formen der Natur bieten uns überall reichen Stoff zu genuß reicher Betrachtung. Nur das öde und unfruchtbare Kalkstein- Plateau des Karst unterbricht das lebensvolle Natnrbild. Das selbe ist fast ohne Bäume und Vegetation und zeigt nur stellen weise große Oasen, die durch des Menschen Hand in fruchtbare Kukuruz- (Mais-) Aecker umgewandelt sind. Eigentliche Thäler fehlen vollständig, dagegen treten zahlreiche Höhlen auf, von de-Nach Aegypten. 3 nen viele das Ansehen natürlicher Tunnels haben. Weit und breit berühmt ist die beinahe eine deutsche Meile im Umfang haltende Tropfstein-Höhle bei der Station Adelsberg, in deren Nähe sich auch der berühmte, zwei Stunden lange und eine Stunde breite Zirknitzer See befindet, der zuweilen außerordentlich anschwillt, zuweilen aber auch ganz trocken ist, da er einen Abfluß in den Klüften und Spalten seines Kalkbettes hat und nach mannigfaltigen unterirdischen Windungen in dem entfernten Laibacher Thal, als Bistriza und Boruniza wieder zum Vorschein kommt. In Adelsberg nehmen wir von der letzten Station, die eine größere Bevölkerung m diesen Gegenden zu ernähren vermag, Abschied; denn die Strecke von Adelsberg bis an die Meeresküste ist der ödeste und schauerlichste Theil des ganzen Karstes. Die kraterähnlichen Vertiefungen iin Gestein, an denen wir vorüberfahren, und die oft Häuser hoch über ein ander aufgethürinten Bruchstücke des Steingerölles erwecken in uns ein Gefühl, als befänden wir uns in einer vulkanisch zer störten Stadt, in der keine Spur menschlichen Lebens mehr an zutreffen. Von Zeit zu Zeit erkennen wir jedoch wieder die Thä- tigkeit der menschlichen Hand, indem zu beiden Seiten der Bahn hie Stein-Bruchstücke über die Hochebene vertheilt und zu ge ordneten hohen Mauern oder zu niedrigeren Zäunen aufgescbicktct sind, die sich in großen Windungen kreuzen und eingeschlossene, weite Flächen bilden, in welchen hie und da etwas Humus oder Gartenerde gesammelt ist. Die Steinzäune und scheinbaren Mauern dienen aber als Schutz gegen die Bora, jenen den ganzen Karst und den Golf des adriatischen Meeres beherrschen den Nordost-Wind, welcher auf dem Karst keinerlei Vegetation duldet, weil er den auf dem Felsen gesammelten fruchtbaren Bo den entführt und dagegen das Erdreich mit dem leichten, alle . Vegetation tödtenden Gestein bedeckt.4 Nach Aegypten. Das Neue und Ungewohnte der Erscheinung dieser unwirth- lichen Gegend hat auch seinen Reiz; überdies begünstiget die uns umgebende Einförmigkeit die Sammlung unserer Empfindungen und Gedanken und bereitet uns vor zu dem vollen Genuß des nun vor unseren Blicken sich plötzlich aufrollenden Bildes, das im grellsten Kontrast zu der eben durchmcssenen Wüste steht. Wir sind am Südrande des Plateau's. Schau hinab in die Tiefe! Ein hell im saftigsten Grün leuchtender Grund breitet sich vor dir aus, und dahinter dehnt sich bis an den fernen Horizont das sanfte Blau des adriatischeu Meeres. An der Grenze beider Farbenfelder aber erblickst du eine halbkreisförmig am Meeressaume sich hinziehende Häusermasse, die zum Theil in blendendem Weiß sich aus dem farbigen Untergrund hervor hebt. Das ist Triest. Mit Entzücken nahen wir uns der mächtigen Handelsstadt, in der wir die ersten deutlichen Spuren des Südens zu finden hoffen. Wir treten in die Stadt ein. Die Straßen mit ihren stattlichen Gebäuden, die großen öffent lichen Plätze mit ihren Palästen und die anmuthigen Spazier gänge und Parkanlagen bieten uns reiche Unterhaltung. Da thront auf der Piazza Grand« (dem großen Platze) die kolossale, 26 Fuß hohe Bildsäule Kaiser Karls VI, des Vaters der aus der Geschichte stms noch niehr als Karl bekannten Maria The resia, des Fürsten, dem Triest so viel zu danken hat, indem er die Stadt zum Freihafen erklärte, wodurch sie von 4000 Ein wohnern bis auf 55,000 gestiegen und die zweite Handelsstadt Deutschlands geworden ist; denn nur von Hamburg wird Triest im Handelsverkehr übertroffen. An einer anderen Stelle erhebt sich die im byzantinischen Style erbaute herrliche Kathedrale, die im Innern mit der berühmten Markuskirche in Venedig große Aehnlichkeit hat; sehr reiche Mosaikarbeiten und eine große Zahl römischer Inschriften und Bildhauerarbeiten bedecken die Wände. —Nach Aegypten. 5 Noch mehr als dies Alles intercssirt uns die Bevölkerung. Welch ein Gemisch von Nationen wogt hier auf den Straßen und öffentlichen Plätzen durcheinander! Deutsche, Italiener, Fran zosen, Griechen, Türken u. s. w. gehen emsig ihren Geschäften nach, und Töne verschiedener Sprachen dringen an unser Ohr, namentlich wird Deutsch, Französisch, am meisten jedoch Italie nisch gesprochen. Die lebhafte Gestikulation der Italiener, die nicht blos mit der Zunge, sondern auch, zugleich mit den Händen sprechen, erinnert uns eben so sehr daran, daß wir uns bereits im Süden befinden, als der herrliche, tief blaue Himmel, und die hohe Temperatur, die mitunter durch den aus Afrika herüber greifenden Sirokko bis zur unerträglichen Hitze sich steigert und einen grellen Gegensatz in dem durchdringenden, eisigen, grimmi gen Bora und der nur wenig milderen Bo re na bildet, grim migen Nordostwinden, deren Heftigkeit man oft durch festes An klammern an Geländer zu begegnen suchen muß. Doch suchen wir uns ein Fahrzeug auf, das uns hinüber trägt nach dem klassischen Boden Griechenlands. Dort jenes Dampfschiff ist bereit, uns aufzunehmen. Bereits ist Alles zur Abfahrt fertig; die Anker werden gelichtet, und vorwärts geht's „hinaus auf die wogende See." Längs an der Küste von Dal matien und Albanien hin führt uns das schwimmende Dampf haus. Die Gestade leuchten öde und ärmlich herüber; doch un terbrechen zuweilen kleine Olivenwälder die Einförmigkeit; mit unter erblicken wir auch eine spärliche Weinknltnr auf den sonst meist nackten Kalkfelsen. Von Ortschaften und Menschen ist nir gends eine Spur. So geht es fort bis Korfu, einem blühen den Eilande, der wichtigsten Insel der jonischen Republik, dem „ S ch e r i a " der Mythe, dem Lande der Phäaken, ans dem einst die Nymphe Kalypso weilte, bekannt aus der Odyssee Homers. Das Grün der Olivenbäume und der Weinberge hebt sich ent-6 Nach Aegypten. zückend hervor an den schwarz darüber hinausragenden Chpressen und auch die Festung Korfu präsentirt sich sehr schön; auf einem im Meere vorspringenden Felsen erhebt sich malerisch die Cita- dcllc. Wie herrlich aber nimmt sich das Alles erst bei südlicher Abendbeleuchtung aus! Welch überwältigenden Eindruck macht hier überhaupt ein Sonnenuntergang! Majestätisch steigt die Sonne in die sich kräuselnden, tief blauen Fluchen hinab, alle Färbungen, voin lichtesten Feuerroth bis zu dem im Azur des Himmels verschwimmenden Blaßroth, am Westhinnuel zurück lassend, während der silberglänzende Mond, umstrahlt von: hell sten Sternengefunkel, an: entgegengesetzten Horizonte heraufsteigt. Wahrlich, bei solch einem Anblick fällt auch der fühllose Mensch anbetend in die Kniee! Doch weiter, immer weiter sehnt sich des Menschen Herz. Kühn theilt das Fahrzeug die blauen Wogen und bringt uns in kurzer Zeit in den Meerbusen von Lepanto. Bei Korinth stei gen wir aus; unsere Füße berühren zum ersten Mal den klassi schen Boden Griechenlands. Welch ein überwältigendes Gefühl! Hier wandelten einst Männer eines Volkes, zu dessen Kultur wir noch heut staunend Hinblicken. Einst die blühendste, bevölkertste und an Denkmalen und Schätzen der Kunst reichste Stadt Grie chenlands, unterlag Korinth im Jahre 164 v. Ehr. der rohen Gewalt der Römer, deren Feldherr Muinmius die Stadt rein ausplündern und ihrer Herrlichkeit zum Schluß durch einen mehr tägigen Brand ein Ende machen ließ. Wie sieht es jetzt hier aus! Einige verfallene Mauern und Säulen, verstüminelte Sta tuen und Einsenkungen des BodeuS deuten die Stelle der altei: Theater, Amphitheater, Säulenhallen, Marktplätze und Grab stätten an. Die Stadt ist nur noch ein ärmlicher Marktflecken. Nur die alte Akrokorinth ist noch ziemlich unversehrt. Durchschreiten wir den 18,300 Fuß breiten Isthmus vonNach Aegypten. 7 Korinth, berühmt durch die zur Zeit des alten Griechenlands alle 2 Jahre hier abgehaltenen isthmischen Spiele und durch die hier stattgefundene Wahl Alexanders des Großen zum Feld herrn der Griechen gegen die Perser, und begeben wir uns an der östlichen Seite der Landenge in ein Schiff, das uns nach dem Piräus, dem Hafen von Athen, führt. Angekommen, fin den wir auch hier mehr einen wüsten Trümmerhaufen, als eine blühende Stadt. Von all dem Glanze und der Herrlichkeit des alten Athen sind nur noch Spuren vorhanden, und Wehmuth er greift uns, wenn wir das Sonst mit dem Jetzt vergleichen, und laut mahnen uns die öden und wüsten Trümmer tut den Wech sel und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Am besten ist noch die Akropolis erhalten. Dieselbe erinnert an die Sitte der alten Griechen, sich auf einem Berge anzubauen, dessen obern Rand sie noch mit einer Mauer aus größeren Steinblöcken umgaben, so daß sie darin vor Räubern sicher waren. Um diese Burg herum bauten sich diejenigen an, welche auf der Burg selbst kein Unterkommen fanden, doch zu Kriegszeiten hinauf flüchten konnten. Die Burg wurde Akropolis, d. h. Ober- oder Hochstadt, die eigentliche Stadt dagegen Unterstadt genannt. Das alte Athen hatte mit seiner Akropolis 1 Meile Umfang. Letztere erhob sich mitten in der Stadt auf einem 400 Fuß hohen Felsen, der un ter großen Anstrengungen geebnet worden und 1150 Fuß lang und 500 Fuß breit war. Diese ganze Fläche war zur Blüthe- zeit Griechenlands mit Tempeln und Heiligthümern bedeckt. Trep pen, und dazwischen ein Fahrweg für die Prozessionen, führten att der Westseite der Akropolis zum Eingangsthor der Propy läen hinaus, von welchen wir eine kleine Nachbildung im Bran denburger Thor in Berlin besitzen, und lvelche Mncsikles ans schneeweißem pentelischen Marmor für 3 Millionen Thaler her stellte. Rechts am Thore geleitete eine Seitentreppe zum west-8 Nach Aegypten. lichsten Felsvorsprunge der Akropolis und durch ein Gitterthor zum Tempel der ungeflügelten Siegesgöttin, von wo aus man eine herrliche Uebersicht über einen Theil Athens mit Tempeln und Hallen, über das Meer mit den Inseln Salamis und Ae- gina, über die Berge des Peloponneses bis Akrokorinth, über den Olivenwald mit der Akademie, über den kolossalen Theseustempel u. s. w. hatte. Schlanke Säulen trugen das Dach des zierlichen Tempels, an dessen Friese kriegerische Bilder aus den Kämpfen der Griechen mit den Persern und im Innern die Athene, den Helm in der Linken und einen Granatapfel in der Rechten, dar gestellt waren, während an der marmornen Balustrade, welche die Stäbe des Gitters trugen, geflügelte Siegesgöttinnen Stiere zum Siegesopfcr heran führten. — Die Gebäude der Propy läen maßen 168 Fuß in die Länge, das Mittelgebäude allein 58 Fuß; die beiden Flügel traten etwas vor. Drei Stufen führten zu sechs dorischen Säulen und zu einer innern Halle, deren Marmordecke von 14 Schritt Tiefe und mit goldenen Sternen 6 schlanke in zwei Reihen gestellte jonische Säulen trugen, wor auf man zu den Erzthüren der 5 Eingangsthore gelangte. Links trat inan durch einen offenen Säulengang in einen großen qua dratischen Marmorsaal, die Pinakothek (Bildersaal) mit 2 Fen stern und Oberlicht, denn die Wände schmückten farbige Bilder ans Athens uralter Sagengeschichte: Diomedes, Orestes, Perseus mit dem Medusenhaupte, Nausikaa und Odysseus, Alkibiades und Andere fesselten das Auge. Der erwähnte Tempel der Sie gesgöttin bildete den kleineren Flügel zur Mittelhalle. Trat man in die Burg selbst, so zeigten sich Tempel, Statuen, kostbare Weih und Siegesgeschenke, Siegesrossc, Kriegsgespanne, links aber die kolossale Brönzestatue der Vorkäinpferin Athene, deren behelmtes Haupt noch das Parthenon überragte, da sie mit dem Postament 70 Fuß maß und weit vom Meere aus gesehen wurde.9 Nach Aegypten. Phidias verfertigte sie und ließ sie wie zur Abwehr den Schild in der gehobenen Linken, den Speer in der Rechten zum Wurfe bereit halten. Als der Gothe Alarich beutegierig in die Burg eindrang, erschrak er vor dem Bilde und kehrte um. Wenige Schritte weiter erhob sich ein Tempel der Athene Polias mit seinen Hallen und säulenreichen Flügelgebänden, mit dem Grabe des Erechtheus und Kekrops, der Gründer Athens, mit dem Meergott Poseidon, dessen Dreizack aus dem Felsen einen Brunnen hervorsprudeln ließ, und mit der Athene, welche dem Lande den Oelbaum schenkte. Auf der höchsten Burgfläche aber stand das Parthenon, d. h. das Hans der Jungfrau Athene, der vollendetste griechische Tempel, den Iktinos aus weißem Mar mor baute, und der sich zum Theil bis >687 erhielt, zum Thcil noch steht. An 65 Fuß hoch sind die Säulen, welche ringsum das Dach trugen und theilweise in mehreren Reihen stehen. Die Köpfe der Marniorbalken trugen goldene Schilder mit den Namen der Weihenden, Bilder bedeckten Fries und Wände, kolossale Sta tuen das Giebelfeld. Im Innern des Tempels stand die 50 Fuß"hohe Statue der Athene, das Meisterwerk des Phidias. Die unbedeckten Körpertheile bestanden aus Elfenbein, das Kleid aus Goldblech von 800,000 Thalern Werth. Von all dieser Herrlichkeit sehen wir nur noch die Ruinen; — aber doch schöne Ruinen. Noch heut machen die Propyläen, diese Säulen, unter denen so mancher große Grieche dahin geschritten ist, einen großartigen Eindruck. Erhaben schauen sie auf den Wan derer herab und des Parthenons dnnkelgelbe Säulen stechen gar malerisch gegen den südlichen, dunkelblauen Himmel ab. Die ge genwärtige Regierung wendet große Sorgfalt auf die Erhaltung der noch bestehenden Alterthümer und aus dem Schutte neu er stehend bildet die erhabene Burg auch jetzt wieder, wie einst in der Vorzeit, die Krone der Stadt. Diese selbst strebt, seitdem sie10 Wad) Aegypten. zur Residenz des griechischen Königs erhoben worden ist, was im Jahre 1834 geschah, wieder emporzukommen. Neubauten erheben sich auf allen Seiten, darunter das prächtige Nesidenzschloß, von welchem ans man die 16 stehen gebliebenen Säulen des Jnpiter- tempels und die Akropolis erblickt. Athen, das zur Zeit der Be freiung Griechenlands vom türkischen Joche, etwa nur 12,000 Einwohner zählte, enthält gegenwärtig schon über 26,000, das ist ein Drittel ihrer ehemaligen Bevölkerung. Der Seeverkehr hebt sich auch bedeutend, so daß Aussicht vorhanden ist, Athen werde zum ztveitcn Male aufblühen. Doch verlassen wir die ehrwürdige Stadt und begeben wir uns abermals zu Schiffe, um quer über das Mittelmeer nach Alexandrien zu fahren. Ein französisches Dampfboot nimmt uns auf. Welch bunte Reisegesellschaft! Jeder der Erdtheile der alten Welt hat hier seine Ver treter! Dort wimmelt es von Mekka-Pilgern; da liegt auf einem prächtigen Teppich, den ganzen Tag unbeweglich an die Wand ge lehnt, ein vornehmer Beduinengreis in schneeweißen Gewändern und weißem Turban, das gelbgraue Gesicht seltsam abstechend gegen den weißen Bart; zwei Negerknaben bedienen ihn, von denen der eine ihm «Kühlung zufächelt. Fünfmal täglich verrichtet er sein Gebet, das Antlitz gegen Mekka gewendet, verbeugt er sich, kniet nieder und erhebt sich rasch wieder. Wir glauben mitten im Orient zu sein. Sieh dort die Türken in ihren kurzen Jacken und daneben ihre Sklaven; wie aus Stein gehauen sitzen sie da, ihre Nargilehs (Wasserpfeifen) rauchend und unverwandt nacb dem Brodeln des Wassers in den Krhstallflaschen der Pfeifen hinschauend. Daneben die geputzten Perser mit ihren grünen Turbanen und roth und weiß gestreiften Talaren; große Nasen und vorspringende Augen zeichnen ihre Gesichter aus, die den-' Stempel des Phlegma's und der Sinnlichkeit tragen. Unter solchen Unterhaltungen gelangen wir auf unserm11 Nach Aegypten, Dampfer nach Aegypten, Da taucht sie schon auf die flache, san dige Küste Afrika's, und gleich einem plötzlich hingezauberten Ge mälde tritt in unfern Gesichtskreis Alexandrien, die ägyptische Hafenstadt mit ihren krenelirten Mauern, mit den schlanken Mi- narets der zahllosen Moscheen, mit den Palästen dcsPascha's; im Hintergründe des Bildes ragen die Pompejussäule und die Nadel der Kleopatra hervor. Von der Gluthsonne Aegyptens beleuchtet erscheint die ganze Gegend in einen zauberischen Duft gehüllt. Plötzlich hält der Dampfer an; wir sind zur Stelle und steigen an das Land. An den Saun: des Landes, wo die Erzväter zur Zeit der Theurnng als Fremdlinge gezeltet haben; wo der Kinderliebling Joseph durch viel Trübsal zu großer Herr lichkeit cingcgangcn; wo das Volk Israel, da es noch ein Jüng ling war, seinen Nacken unter das Joch beugen lernte; wo an den Ufern des Nil der Mann mit der schweren Zunge und dem diamantenen Willen ausgewachsen ist, kein Rohr, das sich vom Winde wehen ließ, eine Ccder Gottes; von wo der Gott, der wohl stäupet, aber nicht über Vermögen lässet versuchet werden, seinen weinenden Sohn Israel wie auf Adlersflügeln durch die Wüste getragen hat in das Land, da Milch und Honig fließt! — Unser erster Schritt ist in die Stadt Alexandrien gerichtet, dem Denkmal des großen Alexander von Macedönien, dessen Namen sie trägt, und der sie nach Zerstörung des alten Tyrns hier an legte. Ans einer schmalen Nehrung, welche, nahe der westlichsten Stvommündnng, den Mareotissee vom Mittelmeer abschied, lag damals der Flecken Rhakotis. Diese ärmliche Stelle weihte Alexander zur Weltstadt. Was er begonnen, vollendete in großem Geiste Ptvlomäus Lagt oder Soter, ein Halbbruder Alexan ders, und es entstand hierauf dem Dünensande eine Stadt, in deren Rheden sich mehr Schiffe drängten, als in irgend einem Theile der Welt, und die zu der Fülle der Güter und der Macht den Ruhm12 Nach Aegypten. der Wissenschaften und Künste fügte. Zwei große Straßen durch schnitten sie in der Mitte, die eine derselben eine Meile lang und 100 Fuß breit, alle übrigen mit jenen beiden gleichlaufend. Diese., schachbrettartige Anordnung machte die ungehinderte Zuströmung der Seewinde möglich, welche für den Gesundheitszustand der tief gelegenen, stark bevölkerten Hafenstadt eben so unerläßlich blieb, als etwa in unfern Tagen für das ähnlich gelegene, ähnlich be völkerte und vielfach auch ähnlich gebaute New-Uork. Und wel cher Glanz der Bildwerke und Denkmäler, welches Leben des Handels und Verkehrs füllte nun diese gewaltigen Zeilen! Säu lenreihen ohne Ende zogen sich, weite Hallen bildend, entlang, und unter ihnen trieb^ im noch immer zu engen' Bett, der bunt wogende Strom des Volks. In dem „Viertel der Vornehmen" war Alles aufgespeichert, was nur der Luxus ersann. Und doch wurde dies Alles noch von der Königsburg übertroffen, die sannnt ihren Nebengebäuden und freien Plätzen allein den fünften Theil des ganzen, drei Meilen haltenden Weichbildes einnahm. Drau ßen endlich den Strand deckten Villen und Gärten, durchduftet von Rosenbüschen und bepflanzt mit den trefflichsten Reben von Mareotis. Im Herzen der Stadt stand das Mausoläum des Gründers, von Ptolomäus Soter errichtet; hier ruhte die Leiche in einem goldenen Katafalk. Später stahl diesen ein unwürdiger Ptolomäer und ersetzte ihn durch einen Glassarg. Die Leiche aber verschwand zu Kaiser Augustus Zeit und mit ihr die Herr lichkeit und Unabhängigkeit Alexandriens. Im Jahre 30 v. Chr. wurde Aegypten eine römische Provinz und 640 n. Chr. fiel es in die Hände der Muhamedaner. Im Jahre 1250 stürzte der Thron der Chalifen und die siegenden Mameluken beherrschten das Land, bis es 1517 in die Gewalt der osmanischen Türken kam, die es noch besitzen. Unter diesen sank Alexandrien bis zur Kleinstadt herab.Nach Aegypten. 13 Betritt man die alexandrinische Küste, so schaut das Auge zunächst nur die untergegangeue Herrlichkeit. Statt der fünf .Häfen des alten Alexandrien erblicken wir nur noch zwei, anstatt der 600 bis 800 Tausend Einwohner, die vor etwa 2000 Jahren hier wohnten, wird uns auf die Frage nach der Einwohnerzahl nur 40,000 angegeben. Anfang dieses Jahrhunderts hätten wir gar nur von 20,000 gehört. In langen Hügclreihen erblicken wir die in Schutt und Trünnner verfallenen Denkmäler ans alter Zeit; noch weit mehrere sind unter Sand und Meereswellen begraben. Ueberall finden sich, von der Erde bedeckt, Reste längst verschwun dener Zeiten, und der Boden tönt an vielen Stellen hohl unter den Hufen der Rosse. Die einzigen Wohl erhaltenen Ueberbleibsel des Altcrthums sind: die von der alten Nekropolis oder Todten« stadt herrührenden Katakomben und zwei Obelisken, die von He- liopolis hierher geschaffte 63 Fuß hohe „Nadel der Kleopatra" und die 80 Fuß hohe, aus dem schönsten Granit bestehende „Pompejussäule." Sehr überraschend ist für uns Abendländer die Mischung des europäischen und orientalischen Lebens, die uns in den Straßen und auf den Plätzen des heutigen Alexandrien entgegen tritt. Das „Türkenviertel" oder der alte arabische Stadttheil macht einen ganz neuen, eigenthümlichen Eindruck auf den Frem den durch seine engen, winkeligen, fürchterlich schmutzigen Stra ßen und seine leichtgebauten, mit Erker versehenen Häuser, so wie durch die zahllosen Bazars, in denen die Produkte des Mor genlandes anfgehäuft sind und durch die nach der Straße hin offenen Kaffeehäuser, in denen phlegmatisch auf Divans hinge streckte Männer, aus langen Pfeifen rauchend, den edlen Mokka schlürfen, während die Frauen, immer nur dicht verhüllt, in gro ßen schwarzen Schleiern sich zeigen. Jedes Haus hat einen offe nen Verkaufsladen, der ungefähr l.j bis 2 Fuß über dem14 Nach Aegypten. Straßenniveau liegt, ohne daß jedoch Stufen bis zu dieser Höhe angelegt sind. Der Laden selbst ist eigentlich nur eine bei dem Bau des Hauses offen gelassene Nische, gerade groß genug, um. zwei, höchstens drei Menschen zu fassen. Auf dem mit einem Teppich belegten Fußboden derselben sitzt nun der Ladeninhaber, gemüthlich seinen langen Tschibuk rauchend, und wartet mit acht orientalischer Ruhe in der Mitte seiner Maaren der Dinge, die da kommen sollen. Der Käufer tritt heran, setzt sich dem Ver käufer gegenüber, trifft seine Wahl und der Handel beginnt. Es inag in den Käufen zwischen Araber und Araber anders sein, aber in denen zwischen Arabern und Europäern muß man stets bedacht sein, nur etwa den vierten Theil des verlangten Preises zu bieten; man ist sicher, es dafür zu erhalten. Der türkische Bazar bietet dasselbe Bild dar; ein ungeheures Gewimmel von Menschen drängt sich fortwährend durch diese Gassen, in denen Alles feilgeboten wird, was zum arabischen Luxus und zum blo ßen Lebensunterhalt gehört. Früchte, Fleisch, Tabak, wollene und Seidenwaaren, Fische, Tabakpfeifen und Kaffee: Alles ist hier zu haben in diesem Eldorado des zum Theil schon europäi- sirten Aeghpters, des Wüstenarabers, des dunkelbraunen Bewoh ners der Berberei und des Negers von jeder Schattirung, die zum Theil in malerischen Kostümen, zum Theil fast nackt er scheinen. — Wenige Schritte weiter und man ist, wie in einem Mährchen aus Tausend und einer Nacht, in eine neue Welt ver setzt. Es ist das Frankenviertel, das durch seine hohen präch tigen Gebäude, in italienischem Geschmack erbaut, und durch die geraden, schönen Straßen den Wanderer überrascht und fesselt. Leider muß man, um zu diesem Stadtthcil zu gelangen, sich bei schlechtem Wetter durch unergründlichen Schmutz, bei trockenem durch Wolken von Staub durcharbeiten; denn Pflasterung fehlt ganz, eben so .die Straßenbeleuchtung, weshalb Jeder am AbendNach Aegypten. 15 eine Laterne haben muß. Wird er ohne dieselbe betroffen, so kommt er in Arrest. Aber auch am Tage möchte der Fremde oft eine Laterne haben, um sich aus dem Knäuel herauszuwinden, der sich alsbald um ihn sammelt, sobald er sich aus der Straße zeigt. Hunderte von Jungen mit Eseln umringen ihn sogleich und preisen in allen Sprachen, Good donkey, guter Esel rc., die Vorzüge ihres Langohres an. Andere Jungens schreien „Schuhe putzen", und bieten damit ihre Dienste an. Dazu kommen noch die arabischen Dragomans oder Dolmetscher, die mit unverschämter Zudringlichkeit den Reisenden nach allen mög lichen Sehenswürdigkeiten der Stadt und Umgegend zu bringen versprechen. In all dieses Gewirr mitten hinein fahren noch einige Lohnwagen, die den Fremden den Andern streitig zu machen suchen und ihm nur die Wahl lassen, entweder von den sich im mer mehr und mehr um ihn drängenden Dienstbeflissenen zer rissen oder von beit Pferden zertreten zu werden. Zur Ver zweiflung gebracht, bleibt ihm kein anderer Rath übrig, als schnell auf einen Esel zu springen und mit Hülfe einiger derber Stock schläge von Seiten des Eigenthümers des erwählten Langohrs auf dessen Hintertheil durchbricht er den Menschenknäuel, der sich bald nach erfolgter Wahl zerstreut, um sich um ein anderes un glückliches Menschenkind auf's Neue zu schaaren. Der Reisende aber trabt auf seinem hartmäuligen Bucephalus dahin, gefolgt von dem barfüßigen, braunen Teufelchen, das mit Hülfe eines fortwährenden Geschreies und von Zeit zu Zeit applizirter Hiebe denselben in erträglichem, oft sogar schnellem Gange zu erhalten weiß. Dies ist die Art, wie hier Jedermann weitere Strecken außerhalb der Stadt zurücklegt. Doch es zieht uns weiter nach Kairo, der Hauptstadt des neuen Aegyptens. Eine Nilbarke bringt uns auf dem vom vori gen Vicekönige, Mehemed Ali, angelegten 16 Meilen langen und16 Nach Aegypten. 60 bis 80 Fuß breiten, höher als.der Nil gelegenen Mahmudieh- Kanal dahin. Der gelbrothe Nil, der Schöpfer Aegyptens und der Erhalter seiner Fruchtbarkeit, kleine Gruppen von Dattel-Palmen, die malerisch in vollem Schmucke prangen und, wie ein arabischer Dichter singt, Träumerisch, als wie im Kummer, Sternbekrönte Häupter neigen, Jungfrau'n gleich, gemahnt vom Schlummer, Sich auf's seidne Bett zu beugen, mit ihren wunderschönen rothcn und goldgelben Früchten, welche in einer Höhe von 60—80 Fuß ans der Krone hervorlenchten, Dörfer, deren Häuser mehr Maulwurfshügeln als menschlichen Wohnungen gleichen, und in denen halbbekleidete, unreinliche Menschen wohnen — das sind die Bilder, welche abwechselnd vor uns auftreten und verschwinden. Der ununterbrochene Wechsel von lauter neuen Eindrücken verkürzt uns die Zeit so sehr, daß wir uns in Kairo sehen, ehe wir daran dachten. Da liegt sie schon vor uns die Hauptstadt des Landes und die größte Stadt Afrika's mit ihren 26,000 Häusern und mehr als einer Viertel-Million Einwohnern. Am Eingänge des Thales von Oberäghpteu, etwa 3 Stunden südlich von der Deltaspitze, d. i. der Stelle, wo der Nil sich in den Damiette- und Rosettearm theilt, breitet sie sich aus. „Masr" neunen sie die Eingebornen; El-Kahira, d. h. die Siegreiche, hieß sie früher. In ganz Aegypten und Arabien für die Königin der Städte, für den Inbegriff alles Großen und Prächtigen ge halten, verdient sie wohl unsere besondere Aufmerksamleit. Sieh dort die Citadelle! sic bietet uns einen günstigen Standpunkt zuui Ueberblick der Nilstadt. Dorthin lenken wir unfern Schritt. Wir sind zur Stelle. Welch ein großartiges Bild! Wie zauber haft, besonders in dem warmen Licht der Morgenstunden! Un-17 Nach Aegypten. mittelbar unter uns haben wir die gelbgrauen Häusermassen der inächtigen Stadt, mit ihren rosenfarbenen oder weißen Palästen, mit ihren dreihundert Moscheen, ihren unzähligen bald spitzaus laufenden, bald in eine Zwiebelform endigenden, bald weiß und roth gestreiften, bald einfach sandsteiufarbenen Minarets, deren Seiten die über den Bergen der Wüste ausgehende Sonne mit ihrer Gluth anhaucht. Rechts stehen, zum Theil in Trümmer gefallen mit ihren Kuppeldächern die Grabmoscheen der Mame lucken - Könige. Links verläuft sich die Stadt mit einzelnen klei nen Häusern und Schuppen int Sande. Das Ganze faßt, so weit das Ueberschwemmungsgebiet des Nils reicht, eine immer grüne Landschaft von Gärten und Getreidefeldern, Palmen, Nil- akazien, dunkeln Chpressen und lichtgranen, dunkelfarbigen Ta marisken ein, deren Wäldchen von fern wie auf die Erde gefallene Wolken aussehen. Da und dort erhebt sich graubraun im Grü nen eine kleine Stadt, ein Dorf, oder eine Gruppe von Wind mühlen. Mitten aus Aeckern tauchen grell weiß getünchte Grä ber von Heiligen auf. Landhäuser von Bci's oder Pascha's schimmern niit hellen Mauern durch die Lücken der Laubfülle, die sie im Winde umweht. Neben den Dörfern weiden Heerden grauer Büffel und brauner Schaafe oder Ziegen; über ihnen schweben Taubenschwärme wie Wolken; links Altkairo und die Insel Roda, dann die Hafenstadt Bulak, dann weiter rechts das schöne Gartenschloß Schubra mit seinen Alleen und Kiosken, dann im bläulichen Nebel der Obelisk von Heliopolis sichtbar. Mitten drinn der vielgewundene glänzende Fluß, jenseits desselben iiber Palmenwäldern ernst in der ernsten Wüste, unten ebenfalls bläulich, an dem Gipfel schwach geröthet, die drei großen Py ramiden von Gizeh, höher hinauf am Wasser die von Abusir, Daschnr und Sakarah, über allem der klare, dunkelblaue Him mel Afrika's, in der Thal ein stolzes, überraschend prächtiges, Kutzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. Z18 Nach Aegypten. überwältigendes Gemälde, in das sich, wenn wir uns umwenden, die Alabaster-Moschee Mehemed Ali's mit ihren nadelfein empor- strebenden Minarcts und ihrer gewaltigen Kuppel würdig ein fügt, während unter unfern Füßen in der Tiefe der freie Platz vor der Moschee Sultan Hassans mit seinem Gewimmel arabi scher Trachten, seinen Gruppen und Zügen von Kameelen, Eseln und Ziegen eine passende Staffage giebt. Treten wir indeß in die Stadt selbst ein, so ist der erste vortheilhafle Eindruck in vieler Hinsicht geschwächt, zumal in der Altstadt. Die äußerst schmalen und krummen, ungepflasterten Straßen, erfüllt von dickem Staube, den die wogende Menge von Menschen, Hunden, Kameelen und Eseln erregen, widerstrebt unfern Begriffen von Schönheit. Doch inmitten des Häßlichen und Schmutzes erblickt das Auge doch auch wieder so manches einzelne Schöne und vor allen Dingen so viel Seltsames und Wunderbares, daß es sich Tage, Wochen, ja Monate lang kaum satt sehen kann. Ein ächt morgenländischcs Treiben und Leben erfüllt die Stadt und ihre Umgebung. Zwar schwimmen auf dem Nil 15 oder 20 elegante Dampfer und an seinen Ufern stehen Zuckersiedereien mit denselben hohen Schornsteinen wie bei uns; eine Eisenbahn mit bequemen Wagen, mit einer ersten, zweiten und dritten Klasse, mit einem hübschen Bahnhofe mündet vor dem einen Thor; in der Muskih, dem Franken- (d. h. Frem den-) Viertel, begegnen wir einigen Dutzend Häusern, die an Ita lien erinnern; auch Gasthöfe giebt es in diesem Quartier, wo man beinahe so speist wie in Paris und London, und Kaufläden, wo man so ziemlich Alles findet, was zum europäischen Luxus gehört; ja die Ungläubigeu dürfen sogar seit einiger Zeit auch zu Roß sich zeigen, während sie früher gesetzlich nur auf Eseln reiten durften; aber damit ist so ziemlich Alles erschöpft, was in Kairo an das Abendland erinnert; sonst ist Alles orientalisch.Nach Aegypten. 1.9 Blicken wir nur auf das Treiben in den Straßen! Hier der spindeldürre, unreinliche Araber, als Esel- und Kameeltrei- ber, halb bekleidet, schreiend, zankend, immer beweglich; dort der wohlgenährte, gravitätisch einherschreitende Türke in prächtiger roth- oder blauseidener Jacke, weißseidenen Pumphosen, gelben und rothen Pantoffeln, den Weißen Turban um den kahlen Kopf geschlungen und im seidenen Gürtel die blitzenden Waffen; der bleiche Kopte mit schwarzem Turban; der pechschwarze Nubier in weißem Talar und Turban; Fellahknaben in blauem Hemde und blauen Hosen, vor dem Gesicht den schwarzen Schleier, flache Kuchen, Gurken und Orangen verkaufend; dann vornehme Frauen, das Gesicht bis auf die Augen verhüllt, in weißen Gewändern, mit schwarzem Mantel über Kopf und Rücken, auf Manlthicren in die Bäder reiteitb, ■ vor sich her den Eunuchen; und in dieser lärmenden Menge die feurigen Araberrosse mit goldenen Zügeln und Steigbügeln und purpurnen, goldgestickten Sammetdcckcn, die schwer beladenen Kameele und die reichgeschirrten Drommcdare! Bei jedem Schritt in neuer Gestalt erscheinend, fesselt dies bunte Treiben unser Auge, und fast betäubt durch die Tausend wech selnder Eindrücke, lassen wir^uns von dem Gewühl fortreißen. Ermüdet von dem bunten Treiben der ruhelosen Menge legen wir uns Abends in dem Hotel der Pyramiden zur Ruhe. Ein süßer Schlaf umfängt uns. Halb wachend, halb trgumcnd, ist es uns zeitweise, als vernähmen wir von draußen eine feier liche Melodie. Der Morgen naht heran. Da schweben diesel ben ernsten Klänge zu uns herein ins Zimmer. Wir erwachen und horchen neugierig hoch auf. Da schallt cs zu dem offenen Fenster unsers nach europäischem Muster eingerichteten Hotels, an unser Ohr: „Gott ist sehr groß! Gott ist sehr groß! Gott ist sehr groß! — Ich bekenne, daß es keinen Gott giebt außer Al lah! — Und daß Mohamed der Gesandte Gottes ist. — Und20 Nach Aegypten. daß Mohamed der Gesandte Gottes ist. — Kommet zum Gebet, o kommet zum Gebet! Kommt zum Heil, o kommt zum Heil! — Beten ist besser als Schlafen! — Gott ist sehr groß! Es giebt keinen Gott außer Allah." Tief ergriffen von der wohlklingcn- den Tenorstimme des einsamen Sängers und der einfachen Weise des Gesanges, den wir bisher noch nicht gehört, an den wir nicht gedacht, und der nun wie der erste Gruß des Morgenlandes zu uns herüber tönt, lassen wir ihn verhallen. Wir treten ans Fenster. Da schaben wir die Minarets, von denen jene Klänge ausgingen. Von ihren Höhen herab lassen die Gebetsrufer jene feierlichen Mahnrufe zum Gebet erschallen. Doch sieh dort auf den kleinen Platz, den eine Nilakazie beschat tet! Sieh da den frommen Muselmann, wie er vor einem auf dem Erdboden ausgebreiteten Tuche, und im Begriff steht, die vorgeschriebenen Kniebeugungen vorzunehmen. Eine Strecke weiter davon weg liegt ein Ziegenhirt, umgeben von seiner Heerde, schon mitten im Gebet, mit der Stirn im Staube. Wie rührend ist doch der Anblick eines frommen Beters! Während wir dies ergreifende Bild betrachten, folgt dem gelben Morgenlichte das rothe, und endlich die Sonne selbst. Die Stadt ist nun erwacht, und immer lauter und vielstimmiger giebt sich die Strömung des Verkehrs in den Straßen drunten kund, In das Murmeln und Summen orientalischer Gurgel töne mischen die Esel, die sich jetzt vor dem Hause zu sammeln beginnen, ihr gellendes Geschrei. Das Marktvolk strömt herein und preist mit lang gedehnten Worten seine Waare an. Arbeiter ziehen mit melancholischem Gesang nach einem Bauplatz. Eine keifende Weiberstimme streitet hartnäckig und, wie es scheint, sieg reich mit einem halben Dutzend Männerstimmen. Ziegen bekla gen sich meckernd, daß man sie zu lange melkt. Büffel brüllen, Kameele stöhnen den Baß zu dem Konzert, in das allmählich dieNach Aegypten. 21 Wasserträger mit dem Geklingel ihrer Messingbecher, die Stra ßenwechsler mit dem taktmäßig wiederholten Gerassel ihrer Ku pferpiaster, die Kutscher mit dem Peitschcugekuall, die Läufer, die hier jedem Wage» vorausspringen, mit ihrem unaufhörlichen: „Riglak! Riglak! ha Scheh! (Dein Fuß, o Herr, ist in Ge fahr.) Schemalak! (links), Jeminak! (rechts), Guarda, Guarda ha Chowadsche! (Nimm dich in Acht, Europäer)" und andere uns noch unbekannte Musikanten einfallen, bis der Lärm so be deutend wird, daß wir nur noch ein rauschendes Durcheinander wahruehmen. — Die am häufigsten wiederkehrenden Farben in der Menschenfluth, die sich vom Morgen bis in die Nacht aus dem Halbdunkel der oben bedeckten Straße nach dem sonnenbe schienenen Platze vor unserem Gasthofe schillernd heranSwälzt, sind hellblau, weiß, roth und lichtbraun. Als Hauptkontraste er scheinen auf den Wellen des Stromes schmutzstarrende, fetzenum- hangene Armuth, gegenüber prunkvollem, in Seide und Gold einherrauscheudem Reichthum, und Erinnerungen an das unmit telbar vor dem östlichen Thore beginnende Wüstenleben, gegenüber dem Raffinement der Kultur einer morgenländischen Hauptstadt. Auf der einen Seite des Platzes, hart unter unserem Erker, steht eine Schaar von Eselsbuben, die Fiaker und Fremdenführer der ägyptischen Hauptstadt. Während ihre Thiere nach Vermö gen herausgeputzt, mit rothcn Polstersätteln versehen, mit Trot teln und mit Messingzierrathen behängen, am ganzen Leibe rasirt, und bisweilen sogar am ganzen Leibe bunt bemalt sind, sehen sie selbst wie wandelnde Lumpcnsammlungen aus. Keiner trägt Schuhe, kaum einer mehr ans dem Leibe, als den blauen Baum wollenkittel des gemeinen Volkes, über den Einer oder der An dere eine alte Militärjacke oder einen europäischem Rock gezogen hat, dem Aermel und Kragen verloren gegangen sind. Fast im mer, sich zankend und raufend, beginnt der ganze Haufen bei22 Nach Aegypten. Annäherung eines zu Fuß daher kommenden Franken wie ein Bienenstock zu schwärmen, stößt sich, drängt sich, schließt den Fremden ein, preist ihm in gebrochenem Englisch, Französisch, Italienisch oder Deutsch die verschiedenen Esel an, schwingt sich in den Sattel und jagt. mit zurückgelegtem Oberkörper und weit vorgestreckteu langen Beinen wie wüthend im Kreise umher, bis der auf solche Weise Angefallene entweder eines der Thiere her ausgreift und besteigt, oder sich mit Püffen durch das Getümmel der Zudringlichen Bahn bricht. Neben einem Tschibukmacher (Tabakspfeifenmacher), der sein Handwerk unter freiem Himmel betreibt, hocken Fellahweiber mit runden, fladenförmigen Brodcn, die sie den Vorübergehenden mit gellender Stimme anbieten. Gleich bei ihnen liegt ein halb ge- schorner Kopf im Schooß eines beturbanten Barbiers, der, die Paradicslocke des Kunden in der Linken, das blinkende Messer in der Rechten, die landesübliche Glatze zu vervollständigen be müht ist, während hinter ihm die flinken Finger eines Mädchens in den Haarstoppeln eines schmutzigen Brüderchens eine Opera tion vollziehen, die eine ähnliche Lage erfordert, zu der es aber nicht des Barbiers bedarf. Zwischen diesen bleibenden Gruppen des Vordergrundes hindurch wimmelt ein Gewühl von Männer und Weibertrachten, von Fußgängern und Reitern zu Esel, zu Pferd, zu Kameel, von weißen, gelben, dunkelbraunen und schwarzen Gesichtern, von weißen, rothen und grünen Turbanen, einfarbi gen und gestreiften Mänteln, schwefelgelben und zeisiggrünen Kaftanen, von Bortenjacken, Schleiern, Mönchskutten, Bettlcr- lumpen, nackten Kindern, Staatskutschen, Karren, Körben und Säcken hinein in die Straße und hinaus nach dem Platze. Wir befinden uns in der Hauptstadt eines Reitervolkes: fast ein Drittel derer, die sich vorüber tummeln, ist im Sattel. Kameele ersetzen die Frachtwagen, Esel die Handkarren. RädergerasselNach Aegypten. 23 wird kaum gehört, da die wenigen Wagen und Kutschen, die man sieht, über ungepflasterten Boden fahren. Weiber vom Volke trippeln in dunkelblauen Hemden, Kopf, Schultern und Rücken, in einen wallenden Ueberwurf von gleicher Farbe gehüllt, das gelbe Gesicht unter den kohlschwarzen Augen mit einem schmalen, lang herabhängcnden, ebenfalls dunkeln Zeug streifen dem Blick entziehend, häufig auch unverschleiert vorüber. Eine trägt mit rückwärts gebogenem Oberkörper auf dem Kopfe einen dickbauchigen Henkelkrug. Einer anderen sitzt ein nacktes Kind in der Stellung ’ eines Reitenden auf der rechten Schulter. Bei den Unverschleierten bemerkt man, daß das Kinn, zuweilen auch die Wangen, mit blauen Punkten und Blumen tättowirt sind. Alle tragen breite silberne Armspangen, die meisten Fin gerringe von demselben Metall mit bunten-Steinen. Alle haben sich die Nägel an Händen und Füßen und die inneren Hand flächen mit Henna ziegelroth gefärbt, viele auch den Rücken der Hand tättowirt. Die älteren sind durchschnittlich abschreckend häßlich, auch die jüngeren haben außer den feurigen, mandelför mig geschnittenen Augen wenig Anziehendes in den Gesichtszü gen ; dagegen sind die Körperformen, welche die Sitte bei weitem weniger als das Antlitz zu verbergen zwingt, bei der Mehrzahl nntadelhaft. Durch die dunkel gekleideten Frauenschaaren hin durch marschirt ein Trupp Soldaten in weißen Baumwollcn- jacken, über die sich weiße Seitengewehr- und Patronentaschen koppeln kreuzen, in weißen, faltigen Kniehosen, weißen Strümpfen, bunte Gürtel um den Leib, Feuerschloßflinten auf der Schulter, die rothc Kopfbedeckung mit der blauen Seitenquaste auf dem rasirten Kopfe. Es sind lauter gelbe Gesichter mit schwarzen Augen, lauter junge Leute, bartlos, von schwächlichem Aussehen und nachlässiger Haltung. Neben ihnen sucht ein Trupp von Eseln durchzukommen, die mit triefenden Wasserschläuchen aus24 Nach Aegypten. Ziegenfellen beladen sind und einen fetten, granbärtigen Ulema niederrennen werden, der, unter seinem ungeheuren Turban ver- muthlich theologischen Fragen nachsinnend, den Rosenkranz in der Rechten, den Zügel seines Maulesels in der Linken, mit nieder geschlagenen Augen aus sie zutrabt. Hinter den Eseln schleppen Kawassen einen betrunkenen Soldaten zur Prügelbank in die Zaptieh, wo er vermuthlich den Hadd, die vom Koran angcdrohten Hiebe, bekommen wird. Hellblaue, flatternde Vanmwollenkittcl, ein gelber Burnus, betroddelt und verbrämt, ein kohlschwarzer Abhssinier mit schneeweißem Turban und Gewand, ein Haufe Arnauten, in rothen und blauen Schnurenjacken, um die Hüften Ledergürtel, aus denen ein ganzes Magazin init Mordinstru menten, silberbeschlagenen Pistolen, langhalsigcn Jataghanen, krummen Dolchen hervordroht, ein griechischer Stutzer, der die hohe, rothe Mütze keck auf die Seite gesetzt hat, und dem die weiße Fustanella mit ihrer regelmäßig geplatteten, steifen Falten hülle, eben so vielen Stearinkerzenbündeln vergleichbar, dickbnschig um die Knie baumelt, ein Rudel von Kindern, jedes mit einer Schmntznase, jedes mit einem paar Dutzend Fliegen an den Au genlidern, folgen als Zuschauer. Wir blicken weiter und sehen drunten eine andere Welle über den Platz fluchen. Kopten in schwarzen Talaren und schwar zen oder dunkelblauen Turbanen, das messingene Schreibzeug wie ein.Pistol im Gürtel, in der Hand Geschriebenes, denn sie sind die Sekretäre der Straße; türkische Mekkapilger; Scherifs, welche der hellgrüne Turban als Nachkommen des Propheten bezeichnet, und die sich jetzt in Menge hier einfinden, da in diesen Tagen die kleine Jahresrente ausgezahlt wird, die ihnen die Ehrfurcht für das in ihren Adern fließende heilige Blut bewilligte; Arme nier; Perser mit schwarzen Lammfellmützen; Derwische, in ihrem zottigen Dilk und mit ihren verfilzten Haaren wilden ThierenRach Aegypten. 25 ähnlicher als Menschen; langbärtige Barfüßermönche in braunen Kutten; schwarze Stehkragenröcke, in denen, eingefaßt von Weißen, steifen Halstüchern, glatt rasirte englische Missionäre einherschrei ten; Andere, europäisch gekleidet, hier eingebürgert, die Nilpferd peitsche in der Hand, den Kopf ift die Kuffia gehüllt, ein gelb und roth gestreiftes Tuch, welches, wie die Kopfhülle unserer Bauermädchen, umgenommen, mit langen Schnüren und Kügel chen über den Rücken hängt; Engländer mit weißen Turbanen um die breitkrempigen Hüte oder helmartigen Nankingmützen; Engländerinnen mit semmelblonden Schlangenlocken und grünen Schleiern reiten oder schreiten am Hanse vorüber. Aus dem Hofe der Transitgescllschaft jagen durch die auseinander strö mende Menge die zweiräderigen, von beturbanten Kutschern ge fahrenen gelblichen Omnibus, welche die Passagiere der indischen Post hier durch die Wüste nach Suez bringen. Hinter ihnen schlägt die gespaltene Welle wieder zusammen. Ein Harem reitet aus, um Luft zu schöpfen. Die Esel der vornehmen Frauen sind mit Teppichen bedeckt. Jede von den Reiterinnen steckt, das Ge sicht ausgenommen, das ein weißer Schleier bis auf Stirn und Augen verhüllt, in der Schabarah, einem schwarzseidenen Ueber- wurs, den der Wind wie einen Luftballon aufgeblasen hat; dar unter sehen papageigrüne, rosinrothe und orangefarbene Gewän der und Pumphosen von Seide, gestickte Strümpfe und bunte Schnabelschuhe hetvor; neben jeder geht ein Diener her, um sie iin Sattel zu halten, indem sie in der Weise der Männer sitzen. Die Frauen weichen zur Seite vor einem Läufer, der sie mit wiederholtem: „Dahrak ha binth! — Gembak, ya sitt!" (Deinen Rücken in Acht nehmen, o Tochter! — Deine Seite in Acht nehmen, o gnädige Frau!) vor der Barouchc hinter ihm warnt, in welcher der armenische oder griechische Erzbischof spazieren fährt. An der Stelle, wo vorhin der Barbier saß; ruft jetzt ein26 Nach Aegypten. halbnackter Nubier, dem ein dichter Haarwulst vom Scheitel über Nacken und Ohreu hängt, breite gerade Schwerter ans, wie sie das Volk der Barabra an den Nilkatarakten trägt. Neben ihm hat eine Beduine vom Sinai eine Art Würste, Datteln und Mandeln, in Gazellenhaut Fenäht, feil. Stolz reitet an ihm mit langer Lanze ein anderer Wüstensohn vorüber, dessen schlich ter brauner Kapuzenburnus und dessen dürrer Klepper sehr gegen den prächtigen türkischen Bei absticht, der auf wohlgenährtem Rosse hinter ihm herkommt und an dessen feintnchener brauner Jacke man vor lauter Stickerei kaum den Grund sieht. Ein Stück zur Seite begrüßen sich ein rother und ein weißer Tur ban. Sie legen ihre rechten Hände in einander, bringen sie dann an die Lippen und die Stirn und legen sie hernach auf die Brust, sich gegenseitig „Salamat", d. i. Friede mit dir, nnd „Taibin", d. i. viel Gutes wünsche ich dir, zurufend. Eine Strecke weiter hin schwankt der Tod in Gestalt eines Leichenzuges durch das Leben der Straße. Zuerst kommen sechs ärmlich gekleidete Männer in blauen Kaftans, sogenannte Jema- nijeh, die, drei und drei zusammen gehend, in unablässiger Wie derholung: „La illaha, illa lah! Mohamed errossul.ullah!" das Glanbensbekenntniß des Islam singen. Dann folgen die Ver wandten des Verstorbenen, seine Freunde und einige Derwische mit rothen Fahnen; hinter diesen gehen mehrere Knaben, von de nen einer auf einem Lesepulte von Palmenholzstäben eine Ab schrift des Koran trägt, die mit einem gestickten Tuche bedeckt ist. Sie singen mit Heller Stimme ein Loblied auf Gott, in der Ueber- setzung also lautend: „Gepriesen sei die Vollkommenheit dessen, der geschaffen hat Alles, was Gestalt hat, und unterworfen seine Knechte durch den Tod, der da vernichtet seine Geschöpfe sammt dem Menschen. Sie werden alle in den Gräbern liegen. Ge priesen sei bie Vollkommenheit des Herrn im Osten, die Voll-Nach Aegypten. 27 kommenheit des Herrn im Westen, die Vollkommenheit dessen, der die beiden Lichter angezündet hat, die Sonne und den Mond. Seine Vollkommenheit — wie gütig ist er! Seine Vollkommen heit — wie groß ist er!" Dann kommt der Todte auf der Bahre, den Kopf voran, die Hände auf die Brust gelegt, mit bunten Shawls bedeckt, von vier Freunden getragen. Hierauf folgt ein Trupp verschleierter Frauen, mit aufgelöstem Haar, weinend und laute Klagerufe ausstoßend. Einige haben sich Kopf, Stirn und Busen mit Koth und Staub beworfen. Es sind ge- miethete Klageweiber, die von Zeit zu Zeit ein unartikulirtes, gellendes Gekreisch hören lassen und dazu blaue Tücher schwin gen oder vor dem Gesicht zusammendrehen, während die wirklich leidtragenden Frauen der Familie ihren Schmerz durch Ausrufe wie: „O, mein Löwe! — O, mein Trost! — O, mein Kameel! — O, mein Vater!" — kund geben. Die Vorübergehenden machen Front gegen den Zug und murmeln: „Gott ist sehr groß! Gott ist sehr groß!" bis die Procession vorüber ist. Die Leiche wird zunächst in die Moschee gebracht, wo eine Art Todtcngottesdienst, bestehend in Ablesung von Koran-Kapiteln und Gebeten um Er barmen mit dem Verstorbenen, gehalten wird, nach welchem der Chatib die Versammelten auffordert, ihr Zeugniß über den Tobten abzulegeu, was mit den Worten: „Es war einer von den Ge rechten", geschieht; dann werden abermals Gebete gesprochen und Koran-Kapitel recitirt, und hierauf setzt sich der Zug in der Ordnung, wie er gekommen, nach dem Begräbnißplatz in Be wegung, wo die Beerdigung ohne weitere Ceremonien vor sich geht. — Kehren wir zu der Betrachtung des Menschenstromes vor unserem Hotel zurück, lieber den: alten Gedränge von rothen, weißen und grünen Turbanen und Kaftanen, weißen, braunen und schwarzen Gesichtern, Fußgängern und Reitern zu Esel und28 Nach Aegypten. zu Pferde ragen in der Ferne die Köpfe von Kameelen. Die Karavane kommt näher, und eins nach dem andern schreiten sie mit ihren Schlangenhälsen, ihren Hängelippen, ihren schwarzbedeckten, beschabten und beschundencn Leibern, die häßlichen und doch so nützlichen Höckerthiere, an uns vorüber. Die einen tragen in Bastnetzen mächtige Mühlsteine, andere sind mit Bergen von Gras und Klee, wieder andere mit Kisten und Säcken beladen. Ihr rauhes Brüllen tönt noch lange, nachdem sie vorbei sind, durch die Straße widerhallend in den Lärm hinein, den die Aus rufer machen, von welchen sich jetzt eine Menge auf dem Platz vor dem Hause eingefnnden haben. „Die Lupinen von Jnbabi sind süßer als Mandeln!" ruft ein Blaukaftan mit einem Sack auf dem Rücken; unmittelbar darauf hallt das Geschrei eines Sakkas oder Wasserträgers: „Möge Gott mir's vergelten!" zu nnserm Erker herauf. Bald nach dem folgen sich die Ruse: „Gott lasse sie mich leicht loswerden — die Apfelsinen!" womit der Orangenverkäufer, und: „Düfte des Paradieses!" womit der Händler mit Hennablüthen seine Waare anpreist. „O Mitleid- erwecker, o Herr!" krächzt die Stimme eines Bettlers, und ein Znnftgenosse schreit gleich nachher: „Ich bin der Gast Gottes und des Propheten!" während ein drittes Mitglied dieser in Kairo sehr zahlreichen Gilde prosaischer gestimmt uns zuruft: „Ich suche von meinem Herrn ein Stück Brod!" Er scheint schon ein recht ansehnliches Stück zu haben; aber hinter ihm schreitet, ein paar Dutzend schlaff herabhängende Brodkuchen ans dem Arme, der Bäcker, dem er es noch schuldet. Dann kommt ein Scherbetverkäufer, der auf dem Kopfe einen großen runden Präsentirteller von Kupferblech trägt, auf welchem Näpfe und Kannen mit kühlender Dattelbrühe stehen; dann ein Mann, der ebenfalls auf dem Kopfe einen schweren Korb mit Pfeifenköpfen schleppt, die er als Maaren von SiutNach Aegypten. 29 (in Oberägypten) ausschreit. Dann verschiedene Dellats, Mäkler der Gasse, die gegen gewisse Procente Privatleuten Dinge, welche sie los sein wollen, durch öffentlichen Ausruf an den Mann bringen. Auffallend groß ist die Zahl der Blinden und Einäugigen, welche vorübergehen; sagt man doch, daß von den fünfinalhmiderttausend Augen in Masr bestimmt hunderttausend die Sonne nicht sehen. — Doch was läßt sich jetzt vernehmen! Es ist eine arabische Musik, Geklirr von Becken, Gcqnik von Flöten und das dumpfe Rollen von Trommel und Pauke. Das kündigt einen vornehmen Hochzeitzug an. Eine solche Procession findet in der'Regel um die Mittagszeit des Tages vor dem statt, an welchem der Bräu tigam die Braut entschleiert, also, — da man zu letzterer Cere- monie gern den Abend des Sonntages wählt — gewöhnlich an einem Sonnabend. Sie wird mit dem Worte Zeffih bezeichnet und hat den Zweck, die Braut ins Bad zu führen. Den Zug, in dem sich auch ein zur Beschneidung bestimmter Knabe befindet, eröffnen zwei Possenreißer, die mit langen Knütteln bemüht sind, sich die mit Büscheln von Papierspähnen geschmückten dreieckigen Hüte vom Kopfe zu schlagen, und denen ein Dritter auf Stelzen folgt. Dann kommt der Barbier mit dem Haml, einem Schranke, in dem sich die zur Beschneidung nöthigen Instrumente befinden, und welcher die Gestalt eines halben Cylinders und vier kurze Füße hat und vorn mit Spiegelglasstücken ausgelegt und mit Messingzierathen geschmückt ist, während die Hintere abgerundete Hälfte ein rother Vorhang verhüllt. Hinter dem Barbier gehen barfuß, blaue Hemden an und weiße Turbane auf, vier Musi kanten, und hierauf folgt zu Pferde, von zwei nebenher gehenden Dienern gehalten, ein kleiner, dicker, verdrießlich drein blickender Bursch, an dem die Beschneidung vollzogen werden soll, dem man einen mit vielen Goldmünzen benähten Frauentarbusch auf gesetzt und mit allerlei Schmucksachen herausgeputzt hat. Zaum30 Nach Aegypten. und Schabracke des Pferdes sind ebenfalls reich mit Gold, Seide, Sammt und bunten Steinen geziert. Vor dem Munde hält er ein gesticktes Tuch, um sich vor dem „bösen Blick" zu verwahren, an den in Aegypten noch alle rechtschaffenen Mütter glauben, gegen den der Knabe noch überdies durch ein dreieckiges in Pa pier gewickeltes Amulet gesichert ist. Nach dem Knaben kommen wieder Musikanten, einer mit dem Naj, der Derwischslvte, die einen Ton von sich giebt, der sich am besten mit dem Geschrei von neugebornen Kindern vergleichen läßt, und ein zweiter mit dem Tabl Biledi, einer Trommel, die an Gestalt der unseren gleicht, aber keinen so tiefen Ton hat. Dann folgen zwei Die ner, welche auf silbernem Teller die Badegeräthschaften der Braut tragen, und hinter diesen ein dritter, der ein Rauchfaß von Sil ber schwingt, und ein vierter, der aus einer Porzellankanne Rosen wasser auf die Vorübergehenden sprengt. Dann kommen dreimal vier weiß verschleierte Mädchen, der Natur nach zu schließen noch sehr jung, und hierauf erscheint der roth und gelb gestreifte seidene Baldachin, unter dem die Braut zu gehen pflegt. Der Baldachin ist nur an der vordem Seite offen und von der Größe eines mäßigen viereckigen Zeltes, und wird von vier Männern an den Stangen getragen, welche die Ecken bilden und an deren Spitzen gestickte Tücher befestigt sind. Die Braut trägt eine kleine Krone von vergoldetem Papier, von der man jedoch nichts sieht, da die ganze Gestalt vom Kopf bis zu den Knöcheln in einen rothen Shawl gehüllt ist. Wahrscheinlich um nicht zu fallen, wird die junge Dame von zwei älteren Damen geführt. Hinter dem Baldachin gehen noch einige weibliche Anverwandte, die von Zeit zu Zeit das Zagarit, ein durchdringendes, zitterndes Freudengeschrei, dem Pferdegewieher ähnlich, ausstoßen, welches die Instrumente über tönt, und auch bei anderen frohen Ereignissen häufig gehört wird; dann beschließen vier Musikanten mit Pauken und TambourinsNach Aegypten. 31 den Zug, der nicht weit von dem Hotel in einer Nebengasse das Bad, welches sein Ziel ist, erreicht. Solche wundersame und abenteuerliche Bilder entfaltet die Metropole des Nillandes! Wohl, möchten wir uns noch länger an dem freindartigen Treiben ergötzen, doch dort aus weiter Ferne nicht weit von einem lieblichen Palmenwäldchen winken uns die Riesenphramiden von Gizeh und laden uns zu einem Be such ein. Wir folgen dieser Einladung. Das Ziel unserer kleinen Reise liegt schon in der Wüste oder vielmehr an der Grenze derselben. Denn Aegypten ist, ab gesehen von dem Delta, was Unterägyptcn ausmacht, nichts An deres, als ein Streif Landes, der 2 bis 3 Stunden weit auf je der Seite des Nils sich erstreckt. Ueber diesen Landstrich hinaus fängt, scharf abgeschnitten, auf der östlichen Seite die arabische, und auf der westlichen die lybische Wüste an. Es ist ein über aus fruchtbares Thal, das Nilthal, das zu jeder Jahreszeit ein anderes Bild bietet, aber jedesmal ein sehr eintöniges ohne Ab wechselung. Besonders ist dies bei den Feldern des Deltas der Fall. In der Mitte des Frühlings ist die Ernte schon zu Hause und der Boden ist grau, staubig, von vielen Rissen und Sprüngen durchschnitten. Im Herbst ist das ganze Land ein großer See, von dem gelbrothen Nilwasscr überschwemmt. Nur Palmbäume, Dörfer und Städte, welche alle hoch liegen, und schmale Dämme oder Chausseen, um die Verbindungen zu unterhalten, ragen daraus hervor. Wenn aber der Nil gefallen und in sein Bett zurück getreten ist, so ist Alles eine rothe, kothige Fläche. Wenn es bei uns Winter ist, so entfaltet in Aegypten die Natur ihre ganze Fülle und Fruchtbarkeit. Alle Felder sind mit einem Ueberfluß von Erzeugnissen bedeckt, davon auch die fruchtbarsten Länder keinen Begriff geben. So lange diese Jahreszeit dauert, ist Aegypten von einem Ende zum andern eine prachtvolle Wiese,32 Nach Aegypten. ein Blumenseld, ein Aehrenmeer. Aber die Einförmigkeit stört auch hier bald wieder die Schönheit. Das Ange ermüdet auf diesen endlosen Ebenen, welche unabsehbar überall die nämlichen Gegenstände bieten und nie d^rch eine Abwechselung unterbrochen und belebt werden. Alles vereinigt sich, die Eintönigkeit zu stei gern. Der Himmel, an dem kleine Wolken aufsteigen (in Aegyp ten regnet es fast nie; das Land hat weder Quellen noch Flüsse außer dem Nil, und der Nil hat auf dem letzten Laufe auf 300 Mei len keinen Nebenfluß), ist den Tag über mehr weiß als blau. Die Luft ist so hell und durchsichtig, daß sie dem Auge wehthut, und eine heiße Sonne liegt fortwährend auf der weit ausgedehnten Fläche. Wie das Nilthal als eine Schöpfung des Nils ange sehen werden darf, indem es vor vielen Jahrtausenden wahr scheinlich ein Meerbusen war, der nach und nach von dem an geschwemmten Schlamme des Nil ausgefüllt wurde, so verdankt es auch seine Fruchtbarkeit dem Nil. Die regelmäßig alle Jahre wiederkehrenden Ueberschweminungen ersetzen Dung und Regen. Der Fluß beginnt in der Mitte Juni von den in den abhssinischen Alpen häufigen Gewitterregen und dem geschmolzenen Schnee an zu schwellen und erreicht seine Höhe Mitte September. Nun bleibt er 14 Tage lang unverändert, dann fällt er allmählig wie der, jeden Tag zwei bis vier Zoll bis zu Ende des Oktober. Die ägyptischen Christen, die Kopten, glauben, das Steigen des Nils fange jedes Jahr mit dem 17. Juni an, dem Tage des Erzengels Michael, da dieser einen Gährung erzeugenden Thau vom Himmel herab in den Fluß schütte. Weil das austretende Wasser nicht alle Felder erreicht, so hat man an den höher ge legenen Orten überall Bewässerungsanstalten, Säkis genannt, die durch Ochsen getrieben werden. Es sind Näder, Schöpf eimer, lederne Schläuche und Riemen. In der Hauptstadt Kairo ist ein Kanal, dessen Schleusen, wenn das Wasser hoch genug33 Nach Aegypten. steht, geöffnet werden, um cs weiter ins Land zu verbreiten. Bei der Eröffnung ist ein großes Fest. Der Pascha ist selbst zugegen und wirft Geldmnnzcn, das versammelte Volk aber wirft unter lautem Jubel allerlei Früchte ins Wasser, und Alles giebt sich den fröhlichsten Hoffnungen auf eine gesegnete Ernte hin. Wenn das Nilwasser zu hoch steigt, nämlich über 48 Fuß, oder den Stand von 32 Fuß nicht erreicht, so hat man ein schlechtes Jahr und Mißernte zu erwarten. Es ist eben die Zeit der höchsten Nilschwellen (Anfang Ok tober), da wir unsere Reise zu den Pyramiden antreten. Durch prächtige Palmenwälder, die theilweise im Wasser stehen, längs Kanälen mit Alleen von Gummibäumen, führt uns unser Weg auf schmalem Fußsteige über das Jnundationsland (Ueberschwem- mungsland), dann kommen wir auf große Däinme, die sich zwi schen Seen hindurchschlängeln. Alles, was wir jetzt vom Wasser bedeckt sehen, wird bald wieder grünes Land sein. Nach einem längeren Marsche haben wir unser Reiseziel erreicht. Wir stehen vor den 15 Pyramiden von Gizeh. Die übrigen 30 noch vor handenen Pyramiden Aegyptens liegen weiter südlich bei den Dörfern Sakara und Daschur. Bor allen fesselt unsere Auf merksamkeit die größte aller Pyramiden, die des Cheops. Bis zu einer Höhe von 422 Fuß erhebt sich dieser aus ungeheuren Kalk steinquadern aufgethürmte Koloß, eine Höhe, worin sie nur von der 447 Fuß hohen Kathedrale zu Antwerpen und dem 440 Fuß hohen Münster zu Straßburg übertroffen wird. Unerreicht steht sie jedoch im Kubikinhalte da. Auf einer Basis von 1150 Schritt Umfang enthält sie 75 bis 79 Millionen Pariser Kubikfuß. Die sen Koloß besteigen wir; einer der zu uns herantretenden Be duinen soll unser Führer sein. Da jede der 4 Außenseiten staffel förmig gebildet ist, so können wir auf einer Treppe nach oben gelangen, doch müssen wir auf sehr große Schritte eingerichtet Kühner, Natur-, Reise- ». Lebensbilder. Z34 Nach Aegypten. sein, indem die unteren Steinquadern Wohl an 4 Fuß hoch sind. Anfangs sehen wir uns daher genöthigt- Hände und Füße zu Hülfe zu nehmen, um von Terrasse zu Terrasse zu gelangen; doch bald wird es besser, indem die stufenförmigen Absätze, je näher der Spitze, desto niedriger werden. Doch müssen wir die Füße bis zum letzten Schritt immer bedeutend heben. Nach 20 Mi nuten anstrengender Kletterarbeit stehen wir oben auf dem Gipfel, der eine Platte von 3 Fuß Dnchmesser bildet. Es ist eben Mit tag und die senkrecht fallenden Strahlen der Sonne scheinen uns fast niederbrennen zu wollen. Ein Blick nach unten zeigt uns, wie hoch wir gestiegen sind. Die' Scitenwände, die von unten sanft schräg aufsteigend erscheinen, sehen von oben herab äußerst steil, ja fast senkrecht aus. Doch welch eine Aussicht, wenn wir das Auge in die Runde schweifen lassen! Auf der einen Seite das Nilthal, wo ein weites Meer übergetretener Gewässer, das von langen schlängelnden Dämmen durchschnitten, hin und her durch höher gelegene, inselartige Dörfer und bewachsene Landzun gen unterbrochen wird, die ganze Thalfläche erfüllt und bis ans jenseitige Mohattamgebirge reicht, ans dessen nördlicher Spitze die Citadelle von Kairo sich über die zu ihren Füßen liegende Stadt erhebt. Auf der andern Seite die libysche Wüste, ein noch wunderbareres Meer von Sandflächen und öden Sandhügeln, grenzenlos, farblos, lautlos hingelagert, von keinem Thiere, keiner Pflanze, keiner Spur menschlicher Gegenwart, nicht einmal von Gräbern belebt. Versenken wir uns in Gedanken zurück in das graue Alterthum, welches Panorama der Weltgeschichte eröffnet sich da unserm Blick! Diese Pyramide sah Abraham, Joseph, sah die fliehende Maria mit ihrem Kinde, sah Herodot, der grie chische Geschichtsschreiber, sah Artaxerxes, der Perser, sahen Pom- pejus und Cäsar, die Römer, sah Saladin, der edle Sultan, sah Napoleon. Wo sind sie, alle diese Heldengestalten? Wo könntenNach Aegypten. 35 Wir wohl eine eindringendere Predigt über die Vergänglichkeit un seres Geschlechtes vernehmen! Tief ergriffen treten wir den Rückweg an, doch nicht ohne große Vorsicht, denn wer ausgleitet, ist dem sichern Tode geweiht. Bei der 16. Stufe, von unten gezählt, angelangt, machen wir Halt; denn hier ist der durch einen Stein verschlossene Ein gang in das Innere des seltsamen Bauwerks. Dieser Gang ist nur 3^ Fuß breit und führt in einen abschüssigen 90 Fuß langen Gang, an dessen Ende man in einen wiederaufstcigenden, engen Gang gelangt, welcher zu einer Gallerie führt. Von dieser Gal- lerie führen wieder mehrere enge Gänge in andere Gallerten und Zimmer, bis man zuletzt in ein kostbares, mit Marmorplatten be legtes Zimmer eintritt. Dieses Zimmer, in welchem man einen leeren, marmornen Sarkophag findet, ist gewissermaßen das Herz der Pyramide, denn es ist von der Spitze, der Grundfläche und den Seitenwänden derselben gleich weit entfernt. Es mißt 35 Fuß in der Länge, 17 Fuß in der Breite, 20 Fuß in der Höhe und seine Seiten sind, wie die Seiten der Pyramide selbst, nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Welche riesenhafte Anstrengungen dieser Bau erfordert hat, davon giebt uns der griechische Geschichtsschreiber Herodot Kunde. Um die Bausteine vom arabischen Gebirge, wo sie gebrochen wur den, an die Pyramide zu schaffen, mußte zuerst ein 5 Meilen lan ger und 60 Fuß breiter Steindamm gebaut werden, welcher allein 10 Jahre Arbeit wegnahm. Der Bau der Pyrainide selbst dauerte 20 Jahre, und die Zahl der jedesmaligen Arbeiter belief sich auf 100,000, die alle drei Monate abgelöst wurden. — Von den Geldsummen, die hier verschwendet wurden, gab die Pyra mide selbst durch eine Inschrift Zeugnis;, die nun verwittert ist, zu Hcrodot's Zeiten aber noch leserlich war. Nach dieser Inschrift betrug blos das, was die Arbeiter an Rettigen, Knoblauch und 3 *36 Nach Aegypten. Zwiebeln verzehrten, über zwei Millionen Thaler unseres Geldes. Unser Erstaunen wird indeß noch größer, wenn wir auf den Werth Rücksicht nehmen, den das Geld damals hatte. Dies aber können wir am besten aus der Angabe ermessen, nach wel cher die ganze Erziehung eines Knaben bis zum Manneöaltcr nicht mehr als 4^ Thlr. unseres Geldes kostete. Und wozu solche Opfer an Arbeit, Zeit und Geld? Blos dazu, damit die Könige eine ausgezeichnete Grabstätte hätten. Welch entsetzliche Tyrannei! Um den Ehrgeiz eines Einzigen zu befriedigen, mußten Hunderttausende Jahre lang frohnden. Ein Pyramidenbau war in der That etwa Das, was für unsere Zeit ein großer Kriegszug ist. Wurde ein solcher Bau unternommen, so rauchten weit und breit die Ziegclbrcnnereien, regte es sich meilenweit von Arbeitern, welche Lehm gruben, während im Gebirge Steinbrecher meißelten und ungeheure Massen Bruchsteine sprengten, Andre den Platz ebneten, wo die Pyramide erbaut werden sollte, und Baumaterialien auf Schiffen und Karren herbeischleppten. Die Pyramide selbst baute man in Absätzen, so daß man keine Gerüste zu errichten brauchte, sondern das Baumaterial von Absatz zu Absatz schaffte. War die Pyramide fertig, so füllte man von oben herab die Absätze aus, damit eine glatte schräg abfallende Wand hergestellt wurde, die man mit polirtcn Granit- oder Marmor-Platten be deckte, auf welcher oft Hieroglyphen oder anderes Bildwerk ein-' gehauen waren. Nur die Cheops-Pyramide hat an der Außen seite Stufen und oben eine Plattform, die übrigen Pyramiden sind dagegen auswendig glatt und oben spitz. Aber darin stim men sie alle überein, daß sie mit ihren 4 Seiten nach den Him melsgegenden gerichtet sind. Ans der unteren Kammer der Cheops-Pyramide erblickt man durch die abwärts führende Passage des Einganges denNach Aegypten. 37 Polarstern, — so genau legte man diese Riesenbauten au. Die Blasse der Pyramiden ist in der Regel Kalkstein; sie selbst sind massiv, d. h. völlig ausgcfüllt, bis auf einige im Innern befind liche Gänge und Säle. Da der Hauptzweck der Pyramiden die Dauerhaftigkeit war, so mußte die äußere Schönheit in den Hin tergrund treten, und man verwandte alle Praebt für die wenigen inneren Gemächer. Aber an Sorgfalt und Kunst ließ man es auch bei dem Bau der Pyramiden selbst nicht fehlen; vielmehr bezeugt derselbe überall einen bewunderuswerthen Fleiß und den höchsten Grad der Knust. Die Steine waren so genau zusam- meugefngt, daß man cs kaum sehen konnte, und der Marmor, dessen man sich zur Bekleidung bediente, war von der besten und kostbarsten Art. Bon irgend einem Zugänge,, einem Fenster oder Luftloche sah man sonst keine Spur. Erst die neueren Un tersuchungen haben bei einigen Pyramiden den durch einen Stein sorgfältig verschlossenen Eingang entdeckt, und uns so über das Innere der Pyramiden Aufschluß gegeben. Unweit der Pyramiden von Gizeh begegnen wir einem rie sigen Sphinx, einem Steinbilde, das halb Löwe, halb Mensch ist und gleichfalls aus der grauesten Vorzeit stammt. Nur der Kopf ragt noch ans der Erde hervor, alles Uebrige ist theils im Sand begraben, theils von der Zeit und Menschen verstümmelt und zerstört. Seit dem Zuge Napoleons nach Aegypten hat man auch dieses Denkmal alter ägyptischer Kunst näher untersucht. Der bedeckende Sand wurde einigcrmaaßen entfernt und man entdeckte am Halse einen Eingang, welcher in eine Reihe von Felsengemächern führt. Diese Gemächer haben alten Berichten und neueren Muthmaßungcn zufolge mit dem Innern der großen Pyramide von Gizeh in Verbindung gestanden. Der Sphinx hatte also den Zweck des Einganges und daneben noch die sym bolische Bedeutung des Wächters. Die ganze Länge des Sphinx38 Nach Aegypten. beträgt 117 Fuß, der Umfang des Kopfes allein 81 Fuß und die Höhe vom Bauch bis zum Kopf 51 Fuß. Auf dem Kopfe befand sich ein Einschnitt von einigen Fuß, der dazu bestimmt War, den Hauptschmuck zu halten. Außer dieser kolossalen Figur giebt es in Aegypten noch eine Menge untergeordneter Sphinxe, bald mit Mcnschenhäup- tern, bald mit Widder- oder anderen Thierköpfen. Sie lagen gewöhnlich an den Eingängen der Tempel und Pyramiden zu beiden Seiten und trugen zwischen ihren Vorderfüßen die Statue irgend eines Gottes oder Königs. Wollten wir weiter aufwärts dem Nil folgen, so würden wir noch manche wunderbare Ruine aus der Zeit des alten Aegyptens zu Gesicht bekonimen. Doch wir wollen unfern Schritt wieder zurück nach Kairo wenden, um weiter nach Osten vorzu dringen. Der Genuß eines Sonnenunterganges im heißen Afrika beschließt die Freude dieses Tages; in Kairo eintreffend, erblicken wir die Pyramiden im herrlichsten violetten Schimmer, und hinter dem glühenden Dattel-Palmenwäldchen zur Seite sehen wir das Tagesgestirn hinabtauchen. . An den nächsten Tagen führt unö unsere Reiseroute nach Suez, einer Stadt, an der äußersten Spitze des Rothen Meeres gelegen. Vierzehn deutsche Meilen müssen wir bis dahin zurück legen, und zwar durch eine unabsehbare Wüste. Wir haben die Auswahl zwischen vier Beförderungsarten. Wollen wir bequem und schnell reisen, so müssen wir uns der „Mail" bedienen, das ist ein vierspänniger, zweiräderiger Karren, der uns in 12 Stun den ans Ziel bringt. Wollen wir Geld sparen und auf die wohlfeilste Weise nach Suez gelangen, so müssen wir auf Eseln reiten.- Kostspieliger ist es, sich in Portechaisen zu setzen, die von Eseln getragen werden, am unbequemsten und eigenthümlich- sten aber ist der Ritt auf Dromedaren. Prinz Waldemar von39 Nach Aegypten. Preußen, ein muthiger, unternehmender Herr, eine echte Manns natur, die gern nach dem greift, was am meisten Schwierigkeit bietet, wählte die letztere Art zu reisen. Thun wir es ihin nach. Also aufgesetzt ans die schwankenden Wüstenschiffe und vorwärts in die Oede der Landenge von Suez! Um die Tageshitze zu vermeiden, reisen wir zur Nacht. Das ungewohnte Schwanken unseres Neitthieres, das immer mit den Füßen einer Seite zugleich ausschreitet, macht uns die Reise bald unbehaglich. Hin und her geworfen in dem von Leisten zusam mengeschlagenen Sattel mit ganz kurzen Steigbügeln, welche die Füße nach hinten zichn, sind wir nach dem ersten zwölfstündigen Ritt wie gerädert. Die Gegend, welche wir durchziehen, entschä digt uns wenig für unsere Leiden: in nie endender Einförmigkeit und Eintönigkeit breitet sich das Land nach allen Seiten hin aus. Unabsehbare Flächen von gelbem und braunem grobkörnigen Kies sand und lange wellige Hügelreihen liegen vor, hinter nnd neben uns; da ist nirgends ein Hälmchen ans der Erde, kein Vogel in der Luft, kein Fisch in den hin und wieder halb ausgetrock neten salzigen Tümpeln. Anfangs reizt uns Wohl das Seltsame der Landschaft, zumal der Mond und die Sterne, die über uns in nie gesehenem Glanze leuchten; aber bald überfällt uns große Müdigkeit und wir fühlen unsre Glieder wie zerschlagen. Zuletzt werden wir so abgespannt, daß wir vor Müdigkeit nichts mehr fühlen und gleichgültig bis zum Heruntersinken weiter reiten. Da bricht die Morgenröthe heran und bald darauf zeigt sich unseren Blicken die Station Nr. 4, das Ziel unseres zwölfstündigen Rittes. Es gicbt nämlich zwischen Kairo und Suez acht Sta tionshäuser, von denen einige zum Wechseln der Postpferde be stimmt sind, während andere den Reisenden ein kurzes Mahl für gutes Geld bieten. Ein Haus mit kleinem Hofe, von hoher Mauer umgeben und fest verschlossen, abgeschieden von aller Welt,40 Nach Aegypten. und das Leben darin so einförmig und traurig wie seine Umge bung — das ist das Bild einer solcher Station. Wir ruhen den Tag über in einem solchen Hospiz aus, um am Abend unfern Wanderzug fortzusetzen. Dieser zweite Ritt wird uns schon weniger sauer, nachdem wir die Schwierig keiten des ersten Versuchs überwunden haben. Dazu kommt, daß die Wüste nunmehr auch einen etwas weniger einförmigen Cha rakter annimmt, indem scharf geformte, niedere Bergrücken die Ebene unterbrechen. In der Ferne leuchten auf verschiedenen Punkten Beduinenseuer von ihren Lagerstätten zu uns herüber und die über dem Mond hinziehenden Wolken werfen die sonder barsten Schatten. Der Anblick mehrerer Handelskaravanen, dar unter auch' eine von Eselstreibern und zuletzt ein halb Dutzend jener obengenannten vierspännigen Postkarren, die mit Passagieren von Suez kommen und an uns vorüberrollen, bieten uns der Unterhaltung soviel, daß wir weniger ermüden, als auf der ersten Nachtreise. Die Aufregung durch das anstrengende Reiten und die Schlaftrunkenheit, die sich unser trotz alles Kampfes -da gegen bemeistert, bringt aber auch noch andere seltsame Erschei nungen hervor. Wir schauen plötzlich die seltsamsten Figuren, an deren Dasein in dieser Wüste wir nicht glauben können. Die in der Ferne sichtbar werdenden Erhöhungen erscheinen als Bur gen mit Zinnen und vorspringenden Mauern; ja noch mehr, wir schen diese sonderbaren Festungswerke auch im zitternden Mond- licht mit geschäftigen Kriegern sich anfüllen. Kaum ist dieses Phantasiegemälde unserm Blick entschwunden, so erscheint unserm halb wachenden, halb schlafenden Auge ein See, in sanften Wellen gekräuselt. Doch welch Getön ist das! Ist es nicht, als ob große Kriegsschaaren sich fortbewegten? Nichts davon! es war nur ein Luftzug, der die lautlose Stille unterbrach; er genügte, die auf geregte Phantasie jene Wunderlaute vernehmen zu lassen. DochNach Aegypten. 41 was zieht dort? Sind das nicht Truppen, die in verschiedenen Kolonnen aufmarschiren? Sieh da die vorgezogene Avantgarde mit Tirailleurs an der Spitze und dort die in Galopp heran sprengende reitende Batterie! Das ist doch Wirklichkeit? Mit Nichten; die Wolkenschatten zauberten die Trnppenkolonnen, und die reitende Batterie ist nichts Anderes als ein niedriger, verein zelter Grasbüschcl, dergleichen die Wüste vielfach bedecken. Mit unter kommt es uns vor, als ob wir in kultivirtem Lande ritten, so deutlich sehen wir zu beiden Seiten unsers Pfades Büsche und Wälder. Doch auch dies ist nur ein gleich der Fata morgana der Wüste, die dem verdutzten Wanderer blaue Seen, dichtbe schattete Baumgänge, volkreiche Städte mit glänzenden Pracht bauten und dichtem Menschengewühl vor die erhitzten Sinne führt, ein luftiges Phantasiegebilde, eben so schnell zerronnen, wie entstanden. Rach mehrstündigem Ritt naht der Morgen; eine kurze Morgenröthe verkündet den anbrechenden Tag. Bald darauf steigt die Sonne, der unsere Dromedare freudig entgegen schauen, majestätisch am Himmel empor. Der Osthimmcl bedeckt sich all mählich mit blaßrother, feuriger Färbung; immer höher und höher mischen sich die goldenen Tinten mit dem grell abstechenden Blau des" Himmels; je näher dem Feuerball, desto gluthstrahlender, je weiter von ihm entfernt, desto blasser. Ringsum leuchten, bald in violettem, bald in röthlichem Glanze die kahlen Flächen der Wüste und der vorliegende Gebirgskamm; dahinter aber tauchen plötzlich die tiefblauen Fluthen des rothen Meeres auf. Der Feuerball der Sonne verschwindet allmählich, dafür aber lösen sich um sie herum Himmel und Erde in einen goldstaubartig schimmernden Dunst auf. Noch eine kurze Strecke legen wir zurück und Suez ist erreicht. Wie kontrastirt gegen die Herrlichkeit der glänzenden Luft hülle das ärmliche Städtchen, in das wir einziehen! Ein schmutziger42 Nach Aegypten. Flecken, nur bedeutend durch seinen belebten Hafen und seine Schiffswerft, ist diese Hauptstation des Handels vom rochen Meere nach Aegyptens Handelsstädten. Der Sehenswürdigkeiten bieten sich uns keine dar; daher treffen wir bald Anstalten zu unserer Einschiffung, um das zweite Hauptziel unserer Reise, die Insel Ceylon, baldigst zu erreichen.Zweites Kapitel. Nach Ceylon. 8öir haben uns zur Ueberfahrt nach Ceylon auf einem Dampfer einlogirt. Nachdem alle Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen sind, ertönt der Befehl: Die Anker gelichtet! und fort geht es in Windeseile durch die Fluchen des rochen Meeres hin nach dem indischen Ocean. Welche Veränderung ist plötzlich in unserer Um gebung vorgegangen! Ein ganz neues Leben hat mit uns mit dem Tage der Einschiffung begonnen; wir sind plötzlich wie nach England verschneit. Die Mehrzahl der Passagiere sind Engländer; daneben ziehen besonders die Bengalis (aus Indien) unsere Auf merksamkeit auf sich. Es sind dies kleine Leute, fast kinderartig, aber fein und schön. Während die Europäer zur Ruhezeit des Abends im Mondschein ans dem Verdeck ihre wilden, kräftigen Spiele treiben, ruhen jene zarten Gestalten auf ihren Matten um den Schornstein des Dampfkessels herum. Die Leutchen bekennen sich zur mohamedanischen Religion und werden auf Schiffen besonders zur Verrichtung der leichten Arbeit im Takelwerk gebraucht. Einen andern Gegensatz bilden die Reger aus Abyssinien, Leute44 Nach Ceylon. von wahrhaft herkulischer Gestalt und mit den abscheulichsten und häßlichsten Gesichtern von der Welt. Wenn sie tanzen, sehen sie komplct wie Affen aus., Arbeiten können sie dagegen wie Einer. Seht nnr einmal zu, wie sie ihr tägliches Geschäft auf dem Dampfer, Kohlen aus dem unteren Schiffsräume heraufznziehen, vollbringen! Unter wilden, eintönigen Schreilauten, die vonPanken- schlägen begleitet werden, verrichten sie ihre Arbeit, wie es scheint, mit dem größten Vergnügen. Die Stimme von Einem unter ihnen herrscht vor denen der Anderen vor, und diese fallen, im Takt ihre Stimmen verstärkend, ein. Bei Trommeln und Hände klatschen fangen sie an zu tanzen und sich aufznregen und Gesichter zu schneiden, daß ihnen der Schweiß nur so herunter läuft und ihre Haut wie Bronze glänzt. Wie sehr sticht wiederum gegen die schwarzen, wilden Gestalten die Ruhe jenes Arabers ab, der, ruhig in das rastlose Treiben hineinschauend, seine Pfeife raucht! Nicht minder interessirt uns der kleine, dicke Chinese mit seinem breiten Zopfe, der die Tischlerarbeit auf unserm Dampfer fertigt. Unter solcher Umgebung steuern wir weiter nach dem Süden, unter dessen Hitze wir übrigens schon viel zu leiden haben. Hier und ■ da zeigen sich die Küsten Arabiens und Aegyptens; doch erscheinen ' sie überall kahl und öde. Nicht lange währt cs und wir passiren das Thränenthor, die Straße von Bab el Mandeb, durch welches die Fluthen des indischen Oceans mit solcher Heftigkeit einströmen, daß schwache Segelschiffe nicht selten große Kämpfe zu bestehen haben, ehe sie den Ocean erreichen, ja zuweilen im Kampfe mit dem flüssigen Elemente unterliegen, weßhalb auch der Name „Thränenpforte". Diese in das rothe Meer eintretende Strömung ist ein Zweig der großen Aequatoriälströmung, welche von Osten quer durch den indischen Ocean geht, an Afrika's Ostküste sich theilt und einen Arm in das rothe Meer sendet, während der andere, der Hauptarm, seinen Weg nach Madagaskar nimmt. Unfern Dampfer45 , Nach Ceylon. berührt diese Strömung wenig oder gar nicht; kühn durchschneidet er die ihm entgegenströmenden Fluthen und bringt uns schnell und sicher nach Aden, wo wegen Einnahme frischer Kohlen ange- gehalten werden muß. Wir benutzen diese Zeit, um diesen Ort Arabiens zu be sichtigen. Wir sehen bald, daß wir hier ein Seitenstück zu Gibraltar vor uns haben, eine ans einem Vorsprunge der sonst durchaus flachen und sandigen Küste plötzlich steil aufsteigende gegen 1700 Fuß hohe Fclsmasse, gleich der von Gibraltar; die dahinter liegende Halbinsel ist nur ans einem schmalen Wege längs des Westrandes zugänglich. Sonst unterscheidet sich aber der Fels von Aden von dem Gibraltars dadurch, daß er ein mäch tiger ausgebrannter Vulkan ist, dessen senkrechte Kraterwände die kleine maurische Stadt und jetzt noch die Kasernen der englischen Truppen, so wie die Wohnungen ihrer Offiziere und Beamten, in einer sandigen Ebene von geringer Ausdehnung umschließen und beschützen. An der östlichen Seite ist der Rand des Kraters durch brochen, und hier liegt die gleichsam aus demselben ansgeworfene kleine Felsinsel Syra, welche den Hasen des alten Aden schließt und vertheidigt. Schon in früheren Zeiten hatten die Araber, indem sie die Festigkeit dieses Punktes erkannten und verinittelsl tiefer Brunnen auch das erforderliche Triukwasser gewannen, sich im Innern des übrigens unfruchtbaren Felsenkraters angesiedelt, und die von der Natur schon verliehene Sicherheit dubch die Er richtung einer mit Thürmen versehenen Mauer noch erhöht. Die Engländer, die Vorthcile dieses Punktes für ihren indi schen Handel erkennend, suchten denselben zu erwerben, was ihnen denn auch im Jahre 1838 gelungen ist. Aden ist jetzt eine Haupt station zwischen Suez und Bombay, wozu es besonders auch dadurch geeignet ist, daß sich hier der einzige für größere Schiffe brauchbare Hafen zunächst dem Eingänge in das rothe Meer befindet.46 Nach Ceylon. Nachdem der Dampfer sich mit Feuerungsmaterial genügend versorgt hat, stechen wir auf's Neue in See. Mit Windesschnelle geht es quer durch dm indischen Ocean unserem Ziele, der Insel Ceylon, zu. Noch einmal sehen wir die Küste von Afrika beim Kap Guardafui; aber schon den nächsten Tag passiren wir die Insel Sokotora und den folgenden die grünen Lakedivcn und Malediven, jene sonderbaren Eilande, 12,000 an der Zahl, die südwestlich von der Südspitze Indiens im indischen Ocean um- hergestrent sind.'j Vasco de Gama, der berühmte Entdecker des. Seewegs Ostindiens, war der erste Europäer, der diese aus Eilanden und Klippenbänken bestehenden Inselgruppen sah, und ihre Lage nach seiner Landung im Mai 1428 in Kalikut untersuchte. Von den 1000 bewohnbaren Inseln dieser vom 1. bis 7.° n. Br. liegenden Inselgruppe sind nur etwa 50 wirklich bewohnt, die übrigen 11,000 sind unbewohnbar, weil sie so niedrig liegen, daß sie nur zur Zeit der Ebbe trocken sind. Doch zeichnen sich viele der selben durch eine reiche Vegetation aus, weil einerseits durch die Fluchen allerlei Düngungsstoff darauf geführt, andererseits durch die Vögel, denen sie zur Zuflucht dienen, allerlei Samen dahin gebracht wird. Die Grundlage dieser Inselketten sind Korallenriffe, Bauten der Korallenpolypen; die Korallenriffe bilden kreisförinige Umhegungen, innerhalb deren das Meer beständig ruhig ist. Die Risse, welche die Inseln umgeben, sind für die Schiffahrt äußerst gefährlich und bilden einen natürlichen Wall, innerhalb dessen die Bewohner der so geschützten Jnselchen gegen jeden Feind von außen gesichert sind. Auf 32 Lakediven (von Lack---hundert, Dwipa-Jnseln) wohnen gegen 15,000 Menschen von arabischer Abkunft und malayischer Sprache, die an Reis und Kokosnüssen Ueberfluß haben. Die Malediven (Maleya Dwipa, d. h. malayische Inseln) nähren an 200,000 Menschen, theils Araber, theils Hindus. Reis und Kokosnüsse sind ihre Haupt-47 Nach Ceylon. nahrung; eine Art Gazelle und das Cabri, welches eine gute Milch giebt und dessen Fleisch ausgezeichnet ist, sind die wichtigsten Repräsentanten des Thierreichs. Den Hauptreichthum der Bewohner bildet aber eine Art kleiner Porzellanmuscheln, die in ganz Indien und in einem Theil von Afrika statt des Geldes dienen und Kauris genannt werden. Die Ausfuhr an diesen kleinen Muscheln beläuft sich jährlich auf 30—40 Schiffsladungen. Ein Sultan regiert die sehr unwissende und abergläubische Bevölkerung, welche den Windgott als das mächtigste überirdische Wesen verehrt und ihm unter bizarren Ceremonien Opfer bringt. Nur kurze Zeit haben wir diese merkwürdigen Korallenbauten in Sicht; bald sind sie dem Horizont entrückt. Dafür aber tritt vor uns ein neues Bild in ihn ein: das herrlichste der Eilande, die Insel Ceylon, grüßt uns aus blauer Ferne. Immer näher kommt sie uns und bald unterscheiden wir deutlich die Gestalten ihrer Küste. Welch ein Anblick! Das smaragdgrüne Gewand von Kokos- und allerlei anderen Palmen, in welchen die duftreiche Küste der Zimmetinsel prangt, kontrastirt wundervoll mit den dunklen Klippen, an welchen sich die weißschäumende Brandung bricht. Ueber die Masse des Pflanzenteppichs ragen die Könige des Gewächsreiches: schlanke Palmen, zierliche Bananen und mächtige Brodfruchtbäumc, an Laub und Früchten reich, empor, die Wurzel tief im verwitterten Gestein der Küste, die Kronen hoch in blauer Luft und mit den Zweigen über den spritzenden Wogeuschaum hinaus hangend ; soweit das Auge reicht, erblickt es überall die herrlichste, üppigste Vegetation. Die Zusammenstellung aller Nüancen von Grün ist höchst pittoresk, indem die Hunderte von verschiedenen Baumarten bald auf zartem Grasgrunde einzeln hervortreten, bald aus verworrenem Unterholz herausschießen, bald wieder ein stilles Wasser mit hohem Uferrande einfassen, das sanft unter hohem Rohr und Schilf oder Farren hinrauscht, und über welches48 Nach Ceylon. hinweg sich der graziöse gelbe und grüne Bambus wölbt. Die Gewürznelken und Rosenapfelbäume bestreuen den Boden rings umher mit rothen Blüthen. Dazwischen erheben sich Bananen und Baumwollenstauden in malerischen Gruppen. Neben der wilden Ananas mit den phantastisch gestalteten Zweigen, die zu einem stachlichten Gesträuch üppig emporschießt, bilden die Ama ryllis und die Gloriosa superba mit ihren zarten, feinen Blüthen den reizendsten Gegensatz. Die in weiter Ferne in den mannich- faltigsten Formen sich erhebenden bewaldeten Gebirgsspitzen vollenden das Großartige und Pittoreske des Natnrgemäldes. Im Vergleich zu den dürren, baumlosen Wüsten Afrika's und Arabiens erscheint diese Insel wie ein Paradies. Frische balsamische Lüfte, mit köstlichem Aroma erfüllt, fächeln uns die süßeste Kühlung zu. Wir landen im Hafen von Point de Galle im Südwesten der Insel. Unser erster Besuch gilt dem Städtchen, das auf einer felsigen Landzunge gelegen und von einem Walde von Kokos palmen umfaßt ist. Dieses gesegnete Gewächs fesselt vor Allem unsern Blick. Ans einer schlanken, ein bis zwei Fuß starken und fünfzig bis achtzig Fuß hohen Säule wiegt sich das herrliche Blättergewölbe der Krone, die aus etwa einem Dutzend riesiger grünender Federn besteht, indem jedes einzelne gefiederte Blatt gegen 12 bis 14 Fuß lang und 1 bis 2 Fuß breit ist. Die ewig zitternde Bewegung der in's Goldgelbe spielenden Bättcr, so wie die am Grunde des Wipfels herabhängenden Nußtrauben und die mehrere Fuß langen Blüthenknospen, die, wenn sie anfgebrochen, wie ein weißer Federbusch über die Krone des Baumes hinans- ragen, das Alles verleiht dieser Palme einen unbeschreiblichen Reiz. Erfüllt uns schon der bloße Anblick derselben mit Bewun derung, so ergreift uns ein noch größeres Staunen, wenn wir ihre Bedeutung für den Menschen kennen lernen. Wir brauchen nur um uns zu sehen, so erblicken wir überall sprechende Zeugnisse49 Nach Ceylon. des unermeßlichen Werthes dieses stattlichen Gewächses. Den porösen, aber dennoch festen Stamm sehen wir zu Balken und Latten in Häusern und zu Masten auf den Fahrzeugen der Ein geborenen verwendet; hohle Stämme müssen als Wasscrrinnen dienen. Aus den Wurzeln flicht man Körbe und Wannen; das Netzgewebe an jeder Blattwurzel dient als Kinderwiege und Pack leinwand. Die Fasern der Rinde wie der äußern Nußschale werden zu Koir, d. i. zn Stricken und Tauwerken, verarbeitet, wovon Ceylon alljährlich eine beträchtliche Menge ausführt. Auch fertiget man Decken und kostbare Teppiche daraus. Die riesigen Blätter, von denen gewöhnlich alle Monate ein neues erscheint, während ein altes abfällt, und von denen eins in 3 Monaten ausgewachsen ist, dienen zum Dachdecken, zn Sonnenschirmen, zn Flechtwerk, zu Körben, zu Papier, worauf man mit Griffeln schreibt; dreht man die Blätter zusammen, so erhält man brauch bare Fackeln, verbrennt man sie, so nützt ihre Asche zur Bereitung vortrefflicher Seife. Sind die Blätter noch jung, so sind sie durchscheinend und werden dann zu Laternen verbraucht. Ent kleidet mün die Blätter ihres Gewebes, so daß nur die Blattrippen übrig bleiben, so hat man darin ein gutes Material zn Fischreusen. Stöcken und Besen. Das Herz der Blattkrone wiegt an 20 bis 30 Pfund und ist eine Delikatesse für jede Tafel; es liefert den zarten Palmkohl, mit dessen Ausschneiden freilich der Baum abstirbt. Sonst sind die Blätter überall das Hauptsuttcr für die zahmen Elephanten. Auch der Blüthenkolben gewährt ein schätzbares Gut, nämlich den Toddy oder Palmwein. Man gewinnt denselben, indem man die noch unentfaltete Blüthe durch einen Einschnitt nöthiget, ihren Saft abzugcben. Frisch abgezogen ist er kühlend, labend, heilsam; nach kurzer Zeit gährt er und wird berauschend; später wird er sauer und giebt den besten Weinessig; destillirt man ihn, so erhält man den besten Arak, und kocht man ihn ein, Kutzncr, Natur-, Reise- ». Lebensbilder, 450 Nach Ceylon. so hat man den Jagory oder Palmzucker. Und blicken wir endlich auf die Frucht, so steigert sich die Zahl der Geschenke, die dieser kostbare Baum dem Menscheu darbietet, noch mehr. Früchte und Blüthen sind zu gleicher Zeit auf demselben Baume, und gewöhnlich trägt einer zwölf Bündel von Nüssen in verschiedenen Graden der Reife. Drei Monate nach dem Oeffnen der Blüthenscheide bekommen die Früchte ettvas Wasser; im sechsten Monate sind sie voll davon; in den drei folgenden Monaten füllen sie sich mit Mark, welches nach abermals drei Atonalen verhärtet. Die Nuß ist dann kopfgroß und dreikantig, fällt ab und keimt, nachdem sie gegen 6 Monate in der Erde gelegen hat. Wenn die Nüsse noch unreif und grün sind, so dienen sie schon zu allerhand Speisen; eine gute Hausfrau vermag daraus den ganzen Monat hindurch fast jeden Tag ein anderes Gericht zu bereiten. Die milchwasser ähnliche Feuchtigkeit, Kokosmilch genannt, ist ein allgemein beliebter Labetrank. Das Mark, ein zartes, bläulich-weißes, süßes und schmackhaftes Mehl, welches sich beim Reifen der Nuß aus der Kokosmilch absetzt, dient ebenfalls als Speise; später verhärtet es, wird ölig, und nun gewinnt man das Kokosnußöl daraus, das einen bedeutenden Handelsartikel ausmacht, indem es zur Be reitung der Kokosnußöl-Sodaseifc verwendet wird. Der ausge preßte Kern ist auch noch nützlich, indem er ein gutes Futter für Vieh abgiebt. Ja wahrlich, nicht hoch genug zu schätzen ist dieses Gewächs, denn unübersehbar ist der Segen, der in ihm niederge legt ist. Es kann uns gar nicht Wuiwer nehmen, wenn der Einge borene Ceylons bei der Geburt eines Kindes eine Kokospalme pflanzt, und die Ringe, die der Baum bei seinem Wachsen um den Stamm bildet, zur Anzeichnung der wiederkehrenden Geburtstage und die Palme selbst somit zum Kalender benutzt. Nicht minder wird sie in Ostindien und auf den Inseln des indischen Meeres und der Südsee, wo sie zahlreich wächst, hoch gehalten. In Bombay51 Nach Ceylon. wird alljährlich dem Meere, wenn der günstige Wind beginnt, eine vergoldete Kokosnuß zum Opfer übergeben, und dann erst werden die Schiffe nach der Sturmzeit wieder segelfertig gemacht; denn für den indischen Schiffer hat keine andere Frucht mehr Bedeutung, als die Kokosnuß, die leicht dahin schwimmt und überall auf den Inseln jener Gewässer aufsproßt. — In Ostindien liegen oft ganze Städte inmitten schöner Kokoswälder; aber das ist immer noch ein geringes Maaß des Vorkommens dieser Palme im Vergleich zu ihrer Verbreitung in Ceylon. Hier befindet sich der größte Kokoswald der Erde; denn hier prangt ein 26 Meilen langer und mehrere Meilen breiter Wald von Kokospalmen an der Westküste der Insel von der Stadt Kolombo an bis zu der Stadt Tangalle hin. Nach einer Uebcrschlagsrechnung beträgt die Zahl der hier wachsenden Palmen an 11 Millionen; ein unermeßlicher Schatz für die Besitzer der Insel, die Engländer! Suchen wir diese in ihrer Art einzige Stelle der Insel ans, so finden wir noch mehr, als wir erwartet haben, denn außer dem Kokospalmenwaldc erblicken wir bald noch unzählige andere Fruchtbäume im Westen und Süden der Insel; nach genauerer Durchforschung des Gebietes erkennen wir, daß hier ein Frucht wald von 40 bis 50 Meilen Länge das Südwestgestade der Insel umsäumt. Betrachten wir einige der hervorragendsten Gestalten desselben. Da erhebt der unserer Erle nicht unähnliche Jackbaum seine blätterreiche Krone, aus welcher seine wohlschmeckenden und nahrhaften Früchte herabschauen, von denen manche ein Gewicht bis zu 30 Pfund erreichen, und eine einzige int Stande ist, fünf zehn Personen zu sättigen. Daneben prangt der prächtige Brot fruchtbaum mit seinen fußbreiten, langen, zackigen Blättern und seinem das ganze Jahr hindurch anhaltenden Blüthenschmuck; seine köstliche Frucht, welche die Größe eines Kürbis erreicht, grün, mit grauer'Schale angethan ist, schmeckt vortrefflich und 4*52 Nach Ceylon. ist hier nicht minder beliebt, als auf den Inseln der Südsee, wo sie ebenfalls häufig gedeiht. Sie schmeckt etwa wie Semmel mit frischer Butter bestrichen. Dort erhebt die schlanke Arekapalme ihren ganz geraden Stamm, der oben mit einer sehr kleinen Krone geziert ist, welche aus kurzgestielten,. breiten, krausen, dunkel grünen Blättern besteht. Aus der Fülle des zierlichen Blätter werks leuchten Hunderte von Nüssen goldgelb hervor und verleihen demselben ein überaus schönes Aussehen. Nicht weit davon wiegt die riesige, oft 80 bis 100 Fuß hohe Schirmpalme oder Ta lipo t ihre riesigen kreisrunden Blätter, die nicht selten einen Umfang von 20, 30, ja sogar 40 Fuß erreichen. Ans einem langen Stiele, der zuweilen schon unten an der Erde sich ansetzt und am Stamme sich chinaufzieht, ruht dieser Riesenschirm, der von den Eingeborenen und Engländern als Sonnen - und Regen schirm, ja auch als Papier benutzt wird. Das Wunderbarste an diesem seltsamen Gewächs ist aber, daß es in seinem Leben nur einmal blüht, und zwar, wenn es seine größte Höhe erreicht hat, das ist nach 50 bis 100 Jahren. Tritt dieses Ereigniß ein, so springt die Blüthenknospe mit einem heftigen Knall auf, woraus sie bald abstirbt. In zahlreichen Exemplaren erblicken wir ferner den Pisang oder die Banane mit ihren ungeheuren Blättern am Ende des weichen, saftigen Stammes. An dem mannslangen, schenkelsdicken hängenden Kolben befinden sich eine große Anzahl 3 bis 4 Zoll langer sielblichgrüner, fleischiger Früchte, die eine Hauptnahrung der Eingeborenen bilden. Man genießt sie roh und auch gebraten, hier, wie auch in Indien und auf den Inseln der Sndsee, wo die Banane auch in Menge wächst. Auch den jungen Stamm verbraucht man als Nahrungsmittel, indem man ihn von Fasern reinigt und kocht. Außer diesen großen Herren des Pflanzenreiches stoßen wir53 Nach Ceylon. bei unserer Küstenwanderung noch ans zahllose kleinere, mehr durch Schönheit als Nützlichkeit ansgezedihnetc Gewächse. Da duftet uns die entzückende I a s m i u s u n g e (Plumieria) ihren süßen, fast betäubenden Wohlgeruch entgegen; als einen heiligen Baum sehen wir ihn im Freien stehend, mit Steinen eingefaßt. Aus dem Sammetgrün des Rasens schimmern rothblühende Balsamiuen und kletternde Schmaltekräuter oder Klitorien, welche blaue Blumen von wunderbarer Schönheit tragen, die als Gemüse gekocht werden, besonders um den Reis blau 31t färben. Denn man liebt es hier wie in Indien, den Reis bei Gastmählern in verschiedenen Farben aufzutragen. Im Grase und unter den Kräutern wimmelt eö von langgeschwäuzten grünen Eidechsen; kleine grüne Schlangen kriechen im Gesträuch und zierlich gezeichnete Krabben laufen und springen über die bunten Steine hin, bis sie sich eilig unter den Ranken der rothblühenden Geißfußwinde verkriechen. Häßlich schreiende Krähen sitzen auf den Zweigen umher und Holzwespen einer großen Art erfüllen die Luft mit brausendem Summen. An den zahlreichen Bächen aber flattern schimmernde Schmetterlinge, wie z. B. der sammetgrüne Priamus,'dessen Flugweite 7 Zoll beträgt, der prachtvolle Helenus, Hektor und Agamemnon; ferner ausge zeichnete Käfer, große, herrlich gefärbte Cykaden. Sobald die Dunkelheit der Nacht eintritt, scheinen sich alle Bäume von un zähligen Leuchtkäfern wie von Wcihnachtslichtern zu entzünden und das große Abendkonzert der Tropen beginnt: Grillen, Cykaden, Laubfrösche, kleine Eulen musiciren in allen Tonfarben und Tonarten; dort zischt es, da zirpt es, dort quakt, klappert, quikt, hier pfeift und prustet es; da stimmt man hohe, hier tiefe Töne an; Alles bunt durcheinander und so laut als möglich, so daß man Mühe hat, sein eignes Wort zu verstehen. Andrerseits fehlt es auch nicht an häßlichen und schädlichen Thiercn; da sind greuliche, schwarzbehaarte Vogelspinnen mit54 Nach Ceylon. vier Zoll langen Beinen, schwarze und giftige, desgleichen braune Skorpione, widerliche Schaden, über 30 Arten von Tausend füßen, die bis 8 Zoll Länge erreichen, kolossale giftige Rollasseln, große Schaaren von Heuschrecken und Holzwespen, Miriaden von Mosqnito's und kleinen schwarzen Ameisen, und den berüchtigten Termiten, welchen Alles recht ist, was ihnen vor den Schnabel kommt. Dergleichen Geschöpfen begegnen wir nicht nur an den tief gelegenen Gestaden, sondern auch auf den höhern Theilen der Insel. ] Die Wunder, welche wir an der Küste geschaut haben, drängen uns, den Schritt in das Innere der paradiesischen Insel zu lenken. Bei dieser Wanderung lernen wir erst vollkommen den uner meßlichem Pflanzenreichthum derselben kennen und bewundern, der dadurch außerordentlich vermehrt wird, daß der Boden von un gleicher Erhebung über den Meeresspiegel ist. Die Insel bildet nämlich im Norden eine wenig erhabene Ebene; ebenso umsäumt ein ebenes Küstenland dieselbe im Westen, Süden und Osten. Dagegen steigt im Innern der breiteren Südhälfte des birn- förmigen Jnsellandes ein gegen 10 Meilen langes und etwa eben so breites Gebirgsland auf, das ringsum von einer niedrigen Hügelregion umgeben ist. Diese den Kern der Insel bildende Gebirgsregion hat zwischen 800 bis 7700 Fuß Höhe; der höchste Gipfel, der Pedro Talla Galla, hat eine Erhebung von 7768 Fuß. Dazu kommt noch, daß dieses Bergland auf die reichhaltigste Weise von der Natur ansarbeitet worden ist; neben sanft gewölbten Kuppen erheben sich steile Kegel, neben langen in verschiedenen Richtungen streichenden. Berg- und Hügelketten breiten sich größere und kleinere Massen aus, die durch wilde Zerklüftung sich charakterisiren.. Eben so mannichfach ist auch die Bildung der Thäler. Meist sind es enge, finstere Schluchten, die sich in allen Richtungen hinziehen.Nach Ceylon. 55 Dieser plastischen Gestaltung des Bodens gemäß nimmt die Vegetation an verschiedenen Punkten desselben einen verschiedenen Charakter an. Im Allgemeinen ist dieselbe tropischer Natur; denn die Insel hat bei einer Entfernung von nur 6 Grad vom Aequator ein echt tropisches Klima, dessen Hitze indessen durch das umliegende Meer wohlthätig gemäßigt wird. Man kann das Klima als einen ewigen Sommer bezeichnen, denn man kennt hier nur zwei Jahreszeiten, die sich weniger in der Wärme, als vielmehr durch die Windrichtung von einander, unterscheiden. In der einen Hälfte des Jahres weht nämlich ein Nordost- und in der andern ein Südwestwind; Monsun's werden diese auch in Indien und im indischen Ocean bekannten regelmäßig ab wechselnden Winde genannt. Ersterer weht zur Winterszeit, letzterer zur Zeit des Sommers; der Unterschied in der Wärme in beiden Zeiten ist indeß, wie bemerkt, sehr gering; während es im Winter durchschnittlich 17 Grad warm ist, hat der Sommer gegen 20 bis 21 Grad (Reaumur) im Durchschnitt. Die Wärme nimtnt hauptsächlich nur mit der Erhebung des Bodens abman gelangt' daher beim Ersteigen der Gebirge im Innern nach und nach in ein Klima, das fast dem von England gleicht; ja, ans den höchsten Gipfeln.soll eS zuweilen etwas EiS geben. Demgemäß durchschreiten wir auf einer Wanderung in'S Innere Gebiete von verschiedenem landschaftlichen Charakter. Um mit einem. Gesammtüberblick zu beginnen, müssen wir uns das ganze Bergland mit einem mächtigen Urwald bekleidet denken, durch welchen der Wanderer nur mit großer Anstrengung sich einen Weg bahnen kann. Vor demselben und in denselben hineingreifend breitet sich undurchdringliches Buschwerk ans, Jungle genannt, das in fabelhafter Geschwindigkeit aufschießt, indem es in einem Jahre eine Höhe bis zu 12 Fuß erreicht. Wie überall in den Tropen, so zeichnet auch hier die Pflanzenwelt durch Ueppigkeit56 Nach Ceylon. und Fülle sich aus; die Gewächse sind großblätterig, großblumig und strotzen von Saft. Das Einförmige unserer Laub- und Nadelwälder kennt die Insel nicht; Nadelbäume kommen auf der selben gar nicht vor; Alles steht und schlingt sich bunt durch einander. Von den Wurzeln bis zu den Gipfeln sind die Bäume mit ein ander verwebt und verschlungen und in der reizenden Verwirrung, die insbesondere der üppige Wuchs der auf- und niederrankenden Gewächse erzeugt, ist cs oft unmöglich, aus der Fülle von Blüthen und Blättern diejenige Pflanze, der sie angehören, herauszukennen. Im Allgemeinen erkennen wir drei Pflanzenregionen aus der Insel; die unterste, an der Küste gelegen, wird vorzugsweise durch Palmen charakterisirt, wozu sich Bambus, Mimosen, und der Zimmtbaum gesellen, dessen wir bald noch ausführlicher gedenken wollen. Weiter aufwärts betreten wir die Region der Bergwiesen (von 3000—6000 Fuß), wo der Urwald und das Jungte mit Orchideen und andern Gewächsen sein Reich aufgeschlagen hat. Darüber hinaus treten endlich neben dem Urwalde Pflanzen des südlich gemäßigten Himmelsstriches auf, als Mhrthen, Rhodo dendron, Veilchen; hier gedeiht auch unser europäisches Gemüse und Getreide. Mit der Entfernung von der Westküste nach dem Berglande zu verlassen uns zunächst die Reisfelder und Kokoshaine. Rothe und weiße Balsaminen überkleiden die Felsen; Bananen, Sumach und Lorberbäume treten zu einem Hochwalde zusammen, in welchem grüne Papageyen mit großen rochen Schnäbeln und zahlreiche Affenheerden ihr Wesen treiben. Die Affen sind theils lang-, theils kurzgeschwänzt; der merkwürdigste unter ihnen ist der ernst blickende, aber sehr raubsüchtige Rilawah, der von den Einge borenen hoch verehrt wird. Je mehr wir nach Osten Vordringen, desto mehr verlieren sich die Dörfer, und der grüne Wald, in dem auch nicht ein welkes Blatt zu sehen ist, wird immer dunklerNach Ceylon. 57 und dichter und giebt den Höhen ein düsteres, melancholisches An sehen, welches uns stark an die blauschwarzen Tannenwälder unserer Heimath erinnert. Stolze Talipotpalmen erheben ihre . pinienartige Krone über das dichtverschlungene Unterholz, und hie und da begrüßen uns zahlreiche Affen mit ihren sonderbaren Grimassen. Betreten wir den gegen 1400 Fuß hoch über den Meeresspiegel erhabenen Bergkessel von Kan dH, so finden wir wieder Reisfelder im saftigsten Grün; mannshohe Lorbeerbäume fassen die Straße ein und ans grünem Rasenteppich erheben sich Gruppen blühender Magnolien und 'Orleanbäume, indeß die das Thal einschließenden Berge bis zur halben Höhe kahl und nur mit Kaffcestränchern bepflanzt, oben aber auf dem Rücken mit schwarzem Hochwald bestanden sind. In dieser Höhe finden sich auf der Insel besonders zahlreich jene sonderbaren springenden Blutegel, die zwar sehr klein sind, aber doch den Reisenden sehr belästigen. Steht derselbe irgendwo still, wo dergleichen Thierchen sich aufhalten, so steigen sie alsbald mit großer Ge wandtheit bis an seinen Hals hinauf und -schröpfen ihm Blut ab, ohne erst um Erlaubniß anzufragen. Nicht selten erleiden die > Ueberfallenen trotz mannhafter Gegenwehr einen nicht nnbedentendcn Blutverlust. Bis zu einer Höhe von 3000 Fuß und darüber bleibt uns der Kaffeestrauch treu, dann aber verläßt er uns. Das Klima wird nun schon kühler, das Terrain wilder. Durch dunkle Wälder an hochaufragenden Granitfelsen vorbei führt uns der wenig be tretene Pfad; durch die Einschnitte höherer Bergkuppen stürzen mächtige Wasserfälle weiß aufschäumend; oft entdecken wir ihren Ursprung in den höchsten Spitzen. Immer steiler werden die Wege, immer wilder die Hochwälder. Hie und da ragt der hier wie auch in Indien für heilig gehaltene und hochverehrte Bobaum aus dem Urwalde hervor. Dieser wunderbare Baum gehört zu58 Nach Ceylon. der Gattung der Feigenbäume, erreicht eine Höhe von 100 Fuß und rät Alter von mehreren Jahrtausenden. Das Seltsamste an ihm ist, daß er von seinen zahlreichen Aesten Luftwurzeln zur Erde herabsendet, die sich in die Erde einsenken und der Anfang zu neuen Bobänmen werden, die mit dem Stammvater in Ver bindung bleiben, so daß dieser fortwährend vergrößert wird und von ferne gesehen zuweilen das Aussehen eines kleinen Waldes gewinnt. Diese seltenen Eigenschaften haben ihm die Verehrung von Seiten der Menschen in seinem Heimathlande eingetragen; vom Indus bis zum Ganges in Indien, in Ceylon, ja sogar in China wird er heilig gehalten. Er ist den Bewohnern jener Erd striche ein Sinnbild der zeugenden Gotteskraft, der Ewigkeit, der Verjüngung in der Zeit. Mit tiefer Ehrfurcht naht sich der Gläubige dem Blätterdome; andachtsvoll tritt er'unter die hohen Bogengänge der silberfarbenen Schößlinge, die den hellbraunen Mutterstamm wie Kinder den geliebten Vater oder die theure Mtltter umstehen. Den Buddhagläubigen, und das sind die Be wohner Ceylons größtentheils, ist der Bobaum gar das Bild der Gottheit selbst, weshalb sie von ihm mit größtem Respekt wie von einem vernünftigen Wesen sprechen und ihn in der Nähe ihrer Tempel pflanzen und pflegen. Wo man einen Tempel in Ceylon findet, da steht gewiß auch immer ein Bo mit seiner Fülle von kleinen, zugespitzten, pappelähnlichen Blättern und den schönen rochen Früchten. „Die jungen gestrengen Herren sind die Sprößliuge des alten gestrengen Herrn", so und nicht anders spricht der Gläubige über den heiligen Bo und seine Nach kommenschaft. Nach langem Steigen betreten wir eine etwa (1300 Fuß über der Meeresflächc erhabene Ebene, welche für die Engländer von der größten Wichtigkeit ist. Denn hierher eilen alle diejenigen von ihnen, welche unter der Hitze des Niederlandes oder auchNach Ceylon. 59 Indiens ihre Gesundheit eingebiißt haben. Es ist die Gesund heitsstation Nowara Ellia (d. h. neues Haus). Hier in dieser Hohe herrscht ein so liebliches mildes Klima, wie man es nur an wenigen Orten des Wendekreises findet. Dazu gesellt sich der Segen des reinen, klaren Wassers, das hier in Fülle dem Schooße der Natur entquillt, und die reichste Pflanzenwelt, in der sich euro päische und asiatische Gewächse zu einem schönen Ganzen verbunden haben. Die Hochebene ist etwa eine Meile lang und eine Drittelmeile breit; der Grund ist moorig, doch das ellenhohe Moorgras zieren schöne Glockenblumen und dazwischen wuchert die wohlschmeckende Judenkirsche; ein frischer Bergfluß, der Maha- willa Gang«, durchströmt die offene Ebene, welche von steilen, rundgeknppten dunkeln Waldbergen, darunter der schon genannte Pedro Talla Galla, überragt wird. Die Station selbst besteht ans zwanzig und einigen im Gebüsch zerstreut liegenden Häuschen; in dem humusreichen Boden um dieselben sproßt eine Vegetation, die uns lebhaft in unsere Heimath versetzt. Denn wir erblicken Rosen, Nelken, Veilchen, Erdbeeren, Stachel- und Johannis beeren, 'Pfirsiche und Feigen, Kohl, Salat, Rüben, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Schneebälle, Apfel- und Birnbäume. Von besonderer Schönheit ist die brennendrothe, baumartige Alpenrose (Rhododendron). Die nahe Waldung ist voll Elennthiere oder Elke, auf welche die Engländer gern Jagd machen. Wandern wir das Thal des Mahawilla Gang« hinab, wieder in tiefere Regionen, so erreichen wir eine Gegend der Insel, die besonders durch ihren Reichthum an Elephanten berühmt ist. Es ist dies die Gegend um Badnlla, wo wir uns bereits wieder im Bereich der Palmen und Bananen befinden. Die Palmen bewohnen Maina's, schwarze drosselartige Vögel mit hohen gelben Beinen und langen rothgelben Lappen unter deck Angen. Noch mehr aber als diese und andere prächtige Vögel fesselt60 Nach Ceylon. die wunderbare Schönheit des Urwaldes in dieser Gegend den Reisenden. Wie Ricsensäulen streben die Bäume zum Himmel empor; bald runden sich ihre Kronen zu hohen Gewölben, bald streben sie kerzengerade aufwärts, bald breiten sie^sich wie riesige Schirme aus. Hoch über das Lanbdach der Wäldriesen erheben schlanke Palmen ihre graziösen Wipfel bis zu einer Höhe von 150 und mehr Fuß. Das Ast- und Laubwerk der Bäume und des Unterholzes ist dermaßen durcheinander gearbeitet, daß der Sonnenstrahl vergeblich sich anstrengt, das Hinderniß zu bewältigen und bis zur Erde hinabzudringen. Ein feierliches Dunkel herrscht unter der unermeßlichen Laubfülle; wie in einem mattcrlenchteten Dome mit bunten Fenstern spielen mannichfache Lichter in den dem hellen Tageslichte entrückten Räumen. Vergeblich versucht der Mensch, einen Durchgang durch das Gewirr von Aesten und Zweigen zu gewinnen; nur der Axt weicht das hartnäckige Geflecht, das dagegen der Elephant ohne große Schwierigkeit durchbricht. Baumartige Schlingpflanzen wickeln oft drei bis vier der mäch tigsten Baumstämme zusammen und erdrücken dieselben, so daß sie endlich, nachdem das Holz verfault ist, gleich riesigen Kork ziehern dastehen. Aus den Leichen abgestorbener und umgestürzter Baumriesen erstehen neue Pflanzengeschlechter; oft schlagen auch die Zweige der umgestürzten Bäume von Neuem Wurzel und ver jüngen auf diese Weise den Stamm. Die Einsamkeit dieser Wälder wird nur von der Thierwelt unterbrochen. Da leben ganze Schaaren von Vögeln; Papageyen in rothen und grünen Farben flattern von Baum zu Baum, die schönen Maina-Vögel zwitschern unter dem Laube, orangefarbene Pyrole wiegen sich in den Zweigen und glänzende Pagodenvögel fliegen hin und her, zahllose Affenheerden schwärmen in den weit ausgebreiteten Zweigen des Bananen- oder Bobaumes, hin und wieder schleicht sich durch das dichte Gebüsch der Leopard, auf Beute lauernd, und mitNach Ceylon. 61 finstern Augen trabt ein Schwarm wilder Biiffel zur Tränke im murmelnden Bache, an dessen Ufer der schuppige Alligator nach Beute späht.' Vom nahen Jackbaume schwingt die furchtbare Riesen schlange ihren ^eib um eine vorbeieilende Antilope von zierlichem Gliederbau, während von der andern Seite her mit. donnerähn lichem Getöse eine wilde Elephantenheerde sich durch den Wald ihre Bahn bricht. Diese Thierriesen sind hier besonders zahlreich zu 'finden, obwohl sie auch auf allen andern Punkten der Insel angetroffeu werden. Schon im grauen Alterthum war Ceylon durch seine Elephanten berühmt und noch heute sind sie und die Insel Sumatra die Elephantenreichsten Inseln der Erde. Obwohl die Engländer sehr fleißig Jagd auf diese wandelnden Fleischgebirge machen, ob wohl in einigen Bezirken sogar Präinien für eingebrachte Elephanten- schwänze gezahlt werden: so nimmt die Zahl dieser Niesen dennoch wenig oder gar nicht ab, denn sie vermehren sich hier jährlich um 600 bis 800 Stück. Man hat übrigens Ursache genug, ihnen mit dem Feuerrohr nachzustellen, denn sie richten uncrineßlichen Schaden in den Reisfeldern, den Pflanzungen von Bobäumen und Kokospalmen an, die sie gern bei nächtlicher Weile in großen Trupps besuchen. Den Menschen respektiren sie nicht sonderlich, denn es ist gar nicht selten, daß sie, ganz wie ächte Spitzbuben, bei Nacht in die Dörfer einbrechen, die Dächer der Häuser ab decken und die darunter verborgenen Reisvorräthe mit Wohlbehagen ohne Gewissensbisse verzehren. Klug genug nahen sie sich sehr- leise; eben so vorsichtig und geräuschlos wissen sie die neidische Hausdecke zu entfernen, und sind sie mit dem Rauben zu Ende, so ziehen sie eben so lautlos ab, noch ehe der Morgen anbricht. Nach dem Leben des Menschen trachtet indeß der König der Landsäugethiere nicht. Nur zur Brunstzeit oder von einer Kugel verwundet, oder auch, wenn er ausnahmsweise allein, von der62 Nach Ceylon. Heerde abgesondert, umherstreift, wird er höchst gefährlich. Wehe dem Wanderer, der einem solchen Thiere begegnet! Kann er sich nicht schnell im dichten Gebüsch verbergen, oder schnell davon laufen oder einen starken Baum ersteigen, oder ^Ach schnell aus Palmblättern eine Fackel sich bereiten, die er dem wüthenden Thiere dreist gegen den Kopf hält, so ist cs um ihn geschehen; ein paar Fußtritte des plumpen Riesen genügen, ihn zu einem unkenntlichen Brei zu zerstampfen. Dieses schreckliche Loos trifft Jahr aus Jahr ein wohl an ein Dutzend der Eingeborenen. Früher hatte man zum Schutze vor solchen gefährlichen Bestien in den ödern Gegenden der Insel an den dicksten Bäumen zur Seite der Wege Leitern angebracht, welche den Verfolgtcir die Rettung er leichterten; doch hat diese vorsorgliche Maaßrcgel, wie es scheint, jetzt aufgehört. Nicht selten gelingt es den Gefährdeten, dem Riesen durch Laufen zu entfliehen, indem das plumpe Thier nicht eben allzu rasch laufen kann; sein schnellster Gang ist eigentlich nur ein langer Schritt oder ein watschelnder Trab. Ein imposantes Schauspiel ist es, wenn ein Elephant oder- gar eind ganze Heerde solcher Thiere durch Gesträuch oder einen Wald jagt. 'Das dichte, für Menschen undurchdringliche Jungle ist ihnen wie uns ein Kornfeld; knisternd und knackend erliegt das verworrene Gezweige den plumpen Lasten, und tiefe Furchen in demselben bezeichnen die Fährten derselben. Stehen schwache Bäume im Wege, so werden diese im Lauf nebenbei umgerissen, und trabt eine ganze Gesellschaft unter solchen Hindernissen dahin, so giebt das ein Knacken, Knallen und Prasseln gleich einem Rottenfeuer. Dazu das Donnern und Dröhnen der Erde, welche von den Ungeheuern eben nicht sanft berührt wird. Ist es doch, als wütheten der Schlachten - und Donnergott zu gleicher Zeit in der Nähe des entsetzten Wanderers. Unweit Badulla giebt cs ein grünes Wiesenland mitNach Ceylon. 63 einzelnen Bäumen und Baumgruppen; viele Bäche durchschnciden dasselbe und mehrere einzelne Berge, die bis an den Gipfel mit Wald bedeckt sind, ragen über das wellenförmige Land empor, das hie und da auch mächtige Wälder trägt. Das ist der soge nannte E l e p h a n t e n p ar k. Hier leben die Elcphcmten in großen Schaaren beisammen und hierher begeben sich daher auch die Lieb haber der Elephantenjagd, wie überhaupt der Jagd, denn außer den Elephauten birgt der Park noch viele andere Thiere, welche zur Jagd locken. Da lebt eine kleine Art schwarzer Bären, der braune Eber, der ostindischc Hirsch oder Axis und der T s ch i t t a oder kleine Tiger, der hier, noch mehr aber in Indien, zur Jagd als Jagdhund gebraucht wird. Dieses seltsame Thier ist ein Mittelding zwischen Tiger und Leopard. Seine Krallen sind schwächer und stumpfer, als bei andern Katzen, auch ohne Scheiden und festgcwachsen, so daß er sie nie in Scheiden zurückziehen kann, wie ändere Katzen vermögen. Der Schweif ist länger, als bei irgend einer Katzenart. Von Natur aber ist er weniger grausam und wild als die Katzenarten, und daher leicht zu zähmen. Er läuft wie ein treuer Hund hinter seinem Herrn her und zeigt auch HundetreUe und Hundeklugheit. Er versteht, was man ihm sagt oder pfeift, und folgt demüthig und bereitwillig; auch hat er ein gutes Gedächtniß, besonders für ihn: erwiesene Wohlthaten. Man bedient sich seiner vorzüglich bei der Jagd auf Antilopen, wobei man es in Indien also hält. Auf einen offenen mit zwei Stieren bespannten Karren setzt sich der Wärter des Tschitta neben diesen; letzterer hat über den Äugen eine Kappe und um den Hals eine Kette, an welcher ihn der Wärter hält. Ist cs gelungen, mit dem Ochsenkarren bis auf 150 oder 200 Schritt an die Antilope heranzufahren, so löst der Wärter die Kappe, und wenn der Tschitta der Antilope ansichtig geworden ist, auch das Halsband. Leicht gleitet nun dieser vom64 Nach Ceylon. Wagen herunter und mit blitzenden Augen schleicht er nun rasch, aber vorsichtig, wie eine Katze auf den Boden gestreckt, jeden Busch, jede Vertiefung des Bodens benutzend, gegen die Antilope an, auf die ex seinen Blick geworfen. Glaubt er nahe genug zu sein, um das Schleichen nicht mehr zu bedürfen, dann wirft er sich mit raschen Sprüngen auf das schöne, furchtsame Thier. Dieses würde nun ztvar für den Tschitta unerreichbar sein, wenn es von seiner Schnelligkeit Gebrauch machte; aber meist sicht man es, von Furcht gepeinigt, stutzen und hin und her rennen, bis der Tschitta nahe genug ist, um nun mit dem letzten Sprunge sich ihm an die Kehle zu werfen, und es nieder zu reißen. Der Wärter und der Jäger eilen herbei, und nur mit Mühe kann das fest in seine Beute verbissene Thier wieder von derselben getrennt werden. — Ist aber die Antilope den Tschitta frühzeitig gewahr geworden, oder entspringt sie ihm rasch in gerader Richtung, dann giebt dieser die Verfolgung schon nach wenigen Sprüngen auf, und verkriecht sich mißmuthig und beschämt; er hört auf kein Rufen des Wärters und wartet ab, bis dieser kommt, ihm Halsband und Kappe wieder 'anzulegen. — Außer diesen Thieren birgt der Elephantenpark Ceylons noch zahlreiche Vögel, herbeigclockt durch die Insekten, welche den Elephanten nachgehen. So Lerräth der schwarze, große Krähfasan mit langem Schwanz und rothbraunen Flügeln stets die Nähe des Elephanten durch sein Girren. Ferner fehlt es nicht an Büffeln, diezwar nicht groß, aber sehr reizbar, stark und muthig sind, einen kräftigen Nacken und kurze Hörner haben, und ans die man fleißig Jagd macht. Nicht selten sieht man aus dem Rücken von Büffeln und Kühen die uns schon bekannten rothbraunen Mainavögel sitzen, die von jenen wie vertraute Freunde behandelt und ruhig umhergetragen werden. Der sonst in Ceylon häufig vorkommende Zebu- oder indische Buckelochse, von weißer oderNach Ceylon. 65 brauner Farbe und mit langem, mondförmigen Gehörn, der sehr schnell laufen kann und zum Fahren gebraucht wird, ist hier indessen nicht zu finden, oder kommt doch selten vor. Dafür sind rothschnäbelige, grüne Papageyen mit langem Schwänze und Tauben von der verschiedensten Größe und Farbe im Jungle sehr zahlreich, desgleichen fehlt es auch nicht an schwarzen Störchen und an Reisvögeln, die braun und langbeinig sind und auf der untern Seite der Flügel und des Leibes weiße Federn tragen. In solcher Gesellschaft lebt der Elephant ini Park, der indessen vorzugsweise wegen dieses Thierriesen besucht wird. Diesen zu erlegen, ist ein gefährliches und darum für den Jagdfrcund an ziehendes Unternehmen. Denn es giebt nur wenige Stellen an diesem Thiere, etwa von der Größe einer halben Hand, wo ein auf höchstens zwanzig bis fünf und zwanzig Schritt Entfernung abgefeucrter Schuß augenblicklich tödtlich ist; wer diese Stellen verfehlt, ist jederzeit in äußerster Lebensgefahr. Diese Punkte sind an der Wurzel des Rüssels, an der Ausbiegung über den Augen und im Racken. Nur hier vermag eine starke, durch Quecksilber oder Zinn gehärtete Büchsenkugel durch den Schädel in das Gehirn zu dringen und den Tod herbeizuführen. Die Haut leistet den Kugeln entschiedenen Widerstand, und macht ein verfehlter Schuß auf dieselbe das Thier nur rasend und höchst gefährlich für den Jäger. Wenn ganze Gesellschaften auf den Elephanten Jagd machen, so ziehen die Jäger zu Pferde im Gänsemarsch ans; jeder Reiter- Hat hinter sich einen Pferdehalter und zwei oder drei Männer, die, mit einem Tälipotschirm versehen, die Gewehre tragen. Des Morgens, sendet man gewöhnlich schon Kundschafter aus, um die Stellen zu entdecken, tvo Elephanten sich eben aufhalten. Haben sie „Ali", so nennen die Eingeborenen den Elephanten, gefunden, so melden sie es den Jägern, welche sich nunmehr von ihnen zu Kutzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. 566 Nach Ceylon. der gefundenen Stelle führen lassen. Ist man an das Jungte gelangt, worin die Ali's sich aufhalten, so wird abgesessen und man kriecht durch das verwachsene, dornige Gestrüpp, das Gewehr in der Hand. Das muß jedoch sehr vorsichtig geschehen, denn die Elephanten stehen ganz regungslos im Gesträuch, und wer unvorsichtig darauf los läuft, kann sich unmittelbar in ihrer Nähe befinden, ehe er es ahnt, und kann dann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut davon kommt. Hat man sich unbemerkt bis auf die gehörige Nähe herangeschlichen, so sendet man dem Niesen in eine der oben bezeichnctcn Stellen eine Kugel. Trifft sie, so ist der Kampf zu Ende; fehlt sie, dann entwickeln sich nicht selten die gefährlichsten Abenteuer. So erging es dem Prinzen Waldemar von Preußen, als er im Jahre 1844 hier längere Zeit mit dem berühmten Elephanten- jäger Major Rogers auf Elephanten ausging. Das eine Mal verwundete er sein Ziel nur, und da das Thier sortlief, so sprang er mit seinen Gefährten ihm nach, um ihm noch eine Kugel znzu- senden. Plötzlich aber hält Ali im Laufen inne, schlägt mit den Ohren, erhebt den Rüssel, macht Kehrt, läßt sein Angriffssignal „Trr! Trr! Trr!" ertönen und stürzt mit wüthenden Blicken auf seine Verfolger los. Diese erwarten ihn stehenden Fußes und als er bis auf 15 Schritt herangerannt ist, drückt der Prinz sein Gewehr ab. Aber — es versagt; der eine Schuß war bereits auö der Doppelflinte heraus und der Prinz war waffenlos. Da gab es nur noch einen Weg zur Rettung, die Flucht. Augen blicklich wendet sich der Gefährdete, springt über einen umge fallenen Baumstamm, fällt, springt rasch wieder auf, jeden Augen blick den Todesstreich des wnthschäumenden Thieres erwartend. Doch, wer nicht kommt, ist Ali. Warum zögert er, der Beleidigte, sich zu rächen? Siehe, da sitzt, oder vielmehr reitet er auf dem Baumstamme, über den der Prinz kurz vorher sprang. Das Thier67 Nach Ceylon. hatte in der Hast seine plumpen Beine gekreuzt und die Last seines Körpers drückte dieselben so fest an den Baumstamm, daß er nicht bald weiter fort konnte. Die Kugel eines Gefährten des geretteten Prinzen, des Grafen von der Groben, erlegte das rachedürstcnde Thier. Höchst merkwürdige Abenteuer hat der vorgenannte Major Rogers hier erlebt; denn er hat wohl an 2000 Elephanten auf Ceylon erlegt. Einstmals griff ihn ein Elephant an, ans den er alle seine Gewehre abgeschossen hatte. Waffenlos suchte er sich durch die Flucht zu retten; doch er stürzte und wurde in Folge dessen von dem wüthenden Thiere erreicht. Die Stelle, wo dies geschah, war ein grasiger Abhang. Das war die Rettung des armen Majors; denn der Elephant versuchte zwar, sein Opfer mit dem Kopfe gegen die Erde zu quetschen, oder ans dasselbe zu knieen, aber es gelang ihm nicht, sondern er bewerkstelligte durch seine Bewegungen nur ein Hinabrollen des Majors, was sich dieser sehr gern gefallen ließ, obgleich ihm durch die Fußtritte des Riesen drei Nippen und zweimal ‘ der Arm brachen. Am Fuße des Abhanges fiel der Zugerichtete in eine tiefe aufgerissene Wasserfurche, worin er sich mäuschenstill,verhielt, als ob ev tobt wäre, was Ali bewog, über ihn hinwegzuschreiten und sich in's Jungle zurückzuziehen. — Bei einer andern Jagd spielten dem tapfern Mann einmal die Affen einen recht fatalen Streich. Er hatte sich in einen Fluß begeben, um sich zu baden. Während er sich dort die Zeit unter angenehmer Kühlung verstreichen ließ, kamen einige Affen herbei und stahlen ihm, ohne daß er es recht zeitig merkte, die Kleider, womit sie sich, so gut es in der Eile ging, anputzten, worauf sie sich aus dein Staube machten. Dem unglücklichen Beraubten blieb nun nichts weiter übrig, als so lange im paradiesischen Gewände zu verbleiben, bis ihn seine Freunde, die ihn suchten, fanden, was erst nach mehreren Stunden geschah. 5*68 Nack) Ceylon. Herr Baker, einer der unerschrockensten Elephantenjäger, erlebte im Jahre 1850 auch ein interessantes Jagdabenteuer. „Rach langein Suchen," erzählt er, „vernahmen wir plötzlich das Trompeten eines Elephanten auf etwa s Meile Abstand, welches sich in Zwischenräumen wiederholte. Wir hatten Ursache zu glauben, daß wir es mit einer ganzen Heerde zu thun hatten; durch abgebrochene Baumäste geleitet, gelangten wir zu dem Terrain, welches mit 10 Fuß hohem Grase so dicht bewachsen war, daß man nur mit Mühe eindringen konnte. Ich hörte deutlich die Bewegungen der Heerde im Grase und sah auch die sich bewegenden Ohren eines Elephanten auf etwa 30 Schritte vor mir. Während ich noch überlegte, was zu thun sei, erhoben sich Plötzlich -zwei Rüssel perpendikulär und gaben das Alarm zeichen. Es waren zwei Leite-Elephanten, und von verschiedenen Seiten antwortete derselbe posaunenähnliche Ton, während sich zu gleich verschiedene Rüssel erhoben, um die Gefahr zu erforschen, welche durch die beiden Leitethiere angekündigt worden war. Unge fähr in einer Minute stand eine dichte Masse um die beiden Leiter geschaart, alle -Front nach uns machend. Ich hielt dies für den günstigsten Augenblick zum Angriff, und wir drangen durch das hohe Gras auf sie ein. Ein Theil der Heerde machte sogleich Kehrt und nahm die Flucht; die beiden Leiter jedoch und drei andere kamen mit in die Höhe gerichteten Ohren und ausgestreckten Schwänzen auf uns los. Sie hielten eine Linie, und indem sie das Gras mit ihren Rüsseln rechts und links zur Seite warfen, hatten sie sich bald, mit wüthend auf uns gerichteten Blicken, bis auf 10 Schritte genähert. Da empfingen sie eine wohlgezielte Lage aus unfern Büchsen, die Reservegewehre wurden uns schnell dargereicht, und als endlich das Feuern aufgehört und der Pulver dampf sich verzogen hatte, sahen wir die fünf Riesen niedergestreckt ani Boden liegen. Wir folgten nun der flüchtigen Heerde, und69 Nach Ceylon. obschon ohne geladenes Gewehr, drang ich vorwärts. Da begegne ich einem starken Weibchen mit einem etwa 3^ Fuß hohen Kalbe; die Alte, vielleicht nicht die Matter, war vorausgelaufcn; ich er griff daher das Kalb beim Schwanz und Rüssel und zog cs den Berg hinab. Jetzt bemerkte ich einen andern Elephanten und übergab daher das Kalb an die Gewehrträger, während ich mit geladenem Gewehr wieder vorging. Einer meiner Gefährten war eben mit dem Sannneln von Siegcstrophäen, nämlich den Schwänzen der erlegten Elephanten, beschäftigt, als ich plötzlich schreien hörte: „Aufgcpaßt, Herr! Anfgcpaßt, Herr! Es kommt ein Elcphant" Ich drehte mich sogleich um und sah ein sehr starkes Männchen in voller Wuth ans mich losstürmen. Den Rüssel hoch, die Ohren aufgerichtct und den Schwanz ansgestreckt, gab er einen Ton von sich, welcher täuschend dem Pfeifen einer Lokomotive glich. Meine Lage war verzweiflungsvoll; das hohe Gras machte beinahe jede Flucht unmöglich. Ich hatte zwar einen Lauf meiner Büchse noch geladen; doch da der hochge- schwnngene Rüssel den Vorderkopf des Elephanten völlig deckte, so wäre ein Schuß nur fruchtlos gewesen. In wenig Augen blicken stand das in rasender Eile heranstürmende Thier nur noch 3 Fuß von mir entfernt. Mit einem gellenden Schrei schlug er blitzschnell den Rüssel nach unten, um mich zu ergreifen. In demselben Augenblicke feuerte ich, doch flog ich sogleich durch die Luft wie ein Ball. Im Moment, als ich schoß, war ich links zur Seite gesprungen; dennoch hatte er mich mit seinem Fangzahn beim rechten Schenkel ergriffen, ixnb 8 bis 10 Schritt weit ge schleudert. Ich fiel in das hohe Gras und wußte im Anfang nicht, ob ich Arme oder Beine gebrochen habe oder nicht. Jetzt hörte ich deutlich, wie er sorgfältig nach mir suchte; er riß das Gras mit seinem Rüssel ans und kam mehremal ganz in meine Nähe. Ich begriff, daß ich verloren war, wenn er mich fand,70 Nach Ceylon. und daß mein einziges Bestreben darin bestehen mußte, mich ganz still zu verhalten. Indessen hörte ich, wie er sich mehr und mehr näherte, und einigemal riß er das Gras so dicht bei mir ab, daß ich fürchtete, durch seine Tritte zertreten zu werden. Als ich ihm gegenüberstand, empfand ich eigentlich keine Furcht; ich war mehr rathlos; mit Entsetzen aber denke ich an die Todes angst, welche ich empfand, als ich jeden Augenblick fürchten mußte, von ihm entdeckt zu werden. Es war ein Glück, daß ich nicht eher gefeuert hatte, als bis der Büchsenlauf ihm beinahe an den Kopf stieß; der Schuß hatte ihm jedenfalls ein oder beide Augen ge blendet, und seine sonst scharfe Witterung schien auch für den Augenblick hierdurch geschwächt worden zu sein. Zn meiner großen Freude hörte ich endlich an dem Rauschen des Grases, daß er sich entfernte, und endlich vernahm ich nichts mehr, er war ver schwunden. Ich versuchte jetzt, mich aüfzurichten; aber ich konnte nur auf Händen und Füßen mühsam fortkriechen und erreichte ans diese Weise einen nahen Bach und hielt meinen Fuß in's Wasser; doch in wenigen Minuten war der Schenkel so ange schwollen, daß ich außer Stande'war, mich ferner zu bewegen. Wir schickten nach den Pferden und kamen unter großen Be schwerden um 6 Uhr Abends bei den Zelten au. — Ich war überzeugt, daß dieser Elephant mit Ueberlegung und List gehandelt hatte; es war in der That ein Schurke der schlimmsten Art. In geringer Entfernung von der Heerde hatte er die Niederlage der selben beobachtet. Er hatte nicht eher einen Fuß bewegt, als bis er uns gänzlich unvorbereitet sah; diesen Moment aber benutzte er sogleich und brach hervor. Wenn ich vor ihm gelaufen wäre, so war ich verloren; er hätte mich alsdann im Rücken angefallen. Wäre ich nicht zur Seite gesprungen, so hätte sein Zahn mich wahrscheinlich im Magen oder Unterleib getroffen und mich äugen blicklich getödtet.71 Nach Ceylon. Eine andere Eigenth'iimlichkeit der Gegend um Badnlla sind die wilden Urbewohner der Insel, die Weddahs, die sich nicht eben vortheilhaft von den andern Eingeborenen unterscheiden. Sic wohnen unter Palmblättern und auch in Erdhütten. Ihre einzige Bekleidung bilden der Schurz und ihre rabenschwarzen Haare, welche sie weit über den Rücken herabhängen lassen. Sie sind höchstens 5 Fuß hoch, mager und dnnkelbroncebraun. Ihre Augen rollen unstät, und ihre Sprache ist ein heiseres, hochtönendes Geschrei. Durch cxaltirte Tänze, die ihr thicrisches Aussehen noch schrecklicher machen, erwerben sie sich von Reisenden, welche ihr Gebiet besuchen, kleine Geschenke. Geld scheinen sie nicht zu kennen und Branntwein nicht zu lieben. Ihre Waffen sind außer Wurfspießen schöne Bogen aus rothem Holze, mit denen sie vor trefflich schießen. Sie nähren sich vom Fleisch der erlegten Thiere, das in der Sonne gedörrt wird, wilden Früchten und steinhartem Brote, aus dem Mehl einer Wurzel gebacken. Sie können nur bis fünf zählen und scheinen nicht einmal Namen zu führen. Bon einer Religion ist keine Spur vorhanden, außer daß sie gewissen Dämonen unter Bäumen opfern. Einen weit vortheilhaftern Eindruck machen die andern Ein geborenen der Insel, die Singh alesen, welche den überwiegenden Theil der 1^ Millionen starken Bevölkerung bilden. Sie sind den Hindn's in Indien verwandt, nur sind sie dunkler als diese und haben weichere Formen. Die Farbe -geht vom Hellbraun durch Oliven-, Kupfer- und Kaffeebraun bis fast ins Schwarze über, mit Ausnahme der sonderbar abstechenden ziemlich weißen Fußsohlen; auch Haar und Augen sind fast durchweg schwarz, selten braun. Sie sehen ungemein weibisch aus, weil sie klein sind, eine geschmeidige Gestalt, sehr kleine Hände und Füße, langes volles Haar, vorn gescheitelt, hinten aber in einen Zopf oder Knoten zusanuncngedreht und mit eiizem großen Schildpattkamm72 Nach Ceylon. auf dem Hinterkopf befestiget haben. 'Die Kleidung, wenn sie überhaupt dergleichen besitzen, ist auch nicht geeignet, ihnen ein kräftigeres Ansehen zu verleihen. Im Innern des Landes gehen sie nackt, bis auf einen weißen Leibschurz; in den civilisirten Gegenden tragen sie dagegen ein langes, buntes, baumwollenes Tuch um die Hüften, das wie ein Frauenrock aussieht und bis zu den Knöcheln reicht. Die Frauen tragen außer einem Rock noch eine Weiße Jacke und überdies putzen sie sich noch reich mit Armspangen, Ohrringen und Halsbändern; die Fingernägel färben sie sich gewöhnlich hübsch roth. Die Gesichtszüge aller Singhalesen sind schön, fein, nicht selten geistvoll. Die Frauen werden jedoch sehr früh alt und häßlich, weil sie sehr jung heirathen. Nicht selten verheirathen sich die Mädchen schon im 11. oder 12. Jahre. Zuweilen verunstalten sie sich überdies auch noch durch Knöpfe, die sie in einem der Nasenflügel tragen. In größern Ortschaften beisammen zu leben, lieben die Singhalesen nicht; ihre Dörserchen bestehen daher meist ans wenigen kleinen Häusern; nicht selten wohnen sie auch ganz ver einzelt. Die Wohnungen selbst sind nichts als kleine niedrige Lehmhütten, die nur aus einer Stube ohne Rauchfang bestehen. Das Dach ist hoch und ruht auf weit vorspringenden Säulen, wodurch eine Art Veranda entsteht, die in dem warmen Klima sehr angenehme Kühlung schasst. Die Stube hat keine Fenster und selten schmale Lucken, so daß es darin sehr dunkel ist. Eine bessere Einrichtung ist auch kaum nöthig, indem man sich der Stube fast nur zum Schlafen bedient. Demgemäß ist auch ihre Möblirung äußerst einfach. Ein Paar irdene Töpfe, ein oder zwei metallene Schalen, ein Paar Porzellanmuscheln, ein oder zwei Stühle ohne Lehne, eine Lagerstätte von Matten, ein Paar Vorrathskörbe, einige Vorrichtungen zum Oelpressen, Reisstampfen und Kokosnußraspeln, sowie zum Mahlen von Korakan, PfefferNach Ceylon. 73 und Kurkume, dazu Aexte, Sicheln, Hacken, Meißel und dergl. Werkzeuge bilden den gesammteki Hausrath der Singhalesen. Von Tischen ist nicht die Rede, denn man ißt auf Matten sitzend, an der Erde, entweder ans Schüsseln oder auch bloß von Bananen blättern. Die Wände des Häuschens 'sind mit weißein Ton bestrichen oder auch wie das Dach mit Palmen- oder Bananenblättern bekleidet. An den Wänden läuft eine Bank von Lehm hin, die man zum Schutze gegen die Termiten und Holzwespen häufig mit Kuhdünger überzieht. Jedes Dörfchen hat seinen Ortsvorsteher, den eine besondere Tracht auszeichnet. Ein hohes, viereckiges weißes Barett; eine enge, goldgestickte Jacke mit Bauschärmeln und großen Knöpfen; ein sehr faltenreiches Unterkleid von Mousselin, das vor dem Leibe in einen dicken Wulst znsammengesaßt ist und durch einen breiten goldgestickten Gürtel gehalten wird; ferner ein Beinkleid von Mousselin und eine feine Halskrause: das ist die Staffirnng der höchsten Ortsobrigkeit, die auf den Fremden einen höchst komischen Eindruck hervorbringt. Die Insel trägt auch mehrere Städte; aber auch in diese» sind die Häuser zumeist nur einstöckige Hütten, welche auf einem zwei Fuß hohen Postamente ruhen und eine breite Veranda haben. In den Küstenstädten sieht man indeß schon Ziegeldächer, eben so mit Ziegeln gepflasterte Fußböden; aber Glasfenster sind auch hier selten, indem man sich mehr der Fensterläden oder der Rohr vorhänge bedient. Die malerischen Landhäuser der Wohlhabenden sind auch in dem Styl der kleinen Hütten gebaut, nur sind sie größer angelegt und besser ansgeführt. An den Dächern derselben hängen meistens Korbkäfige mit plappernden Mainavögeln und Papagehcn. Jedes Hänschen ist von einem Garten umgeben, worin die74 Nach Ceylon. Insassen ihre Reis- und Korakanfeldcr haben. Korakan ist eine Hirseart, die in Ceylon nebst Mais und Weizen reichlich gebaut wird. Außerdem zieht man noch Bohnen, Wicken, Zwiebeln, Jams, Bataten und andere Nutzpflanzen. In den Höfen und Gärten der bessern Häuser prangen schöne Zierpflanzen, insbesondere die herrlichen Rosenflitten (Hibiscus). Ihre Blumen sind die schönsten des Landes, größer als unsere Rosen, glänzend, scharlach- roth, auch gelb, weiß oder roth gescheckt, aber duftlos und nur einen Tag dauernd. Der baumartige Strauch hängt jedoch fast immer voll Blumen und liefert den Eingeborenen reichliches Material zur Verherrlichung ihrer Feste, freilich auch zur Schwärzung ihrer Schuhe. Auch der Muskat-,'Nelken-, Mandel-, Mango- und vorzüglich der Zimmtbaum werden an der Küste in Gärten gezogen, sowie der Betclpfefferstrauch, das spanische Rohr und daö Zuckerrohr, das nian hierher eingeführt hat. Die ganze schöne Straße von Point de Galle bis nach Kolombo ist mit solchen Gärten und den dazu gehörigen Wohnungen eingefaßt; Alleen von gelb blühenden Eibischbäumen führen zum Hause, das ein dichtes Gebüsch von gelb, roth und blau blühenden Glocken blumen umgiebt, und das unter einem weit überhängenden Kokos laubdache wie in träumerischer Rühe verborgen liegt. Der Betelstranch liefert den Bewohnern den allbeliebten Betel, von .dem man sich in Ceylon eben so wenig trennen kann, wie in Indien, China und Japan. Man bereitet sich den Betel aus Betelblättern, Arekanuß und Tschunam, d. i. feiner Kalk von Seemuscheln oder Korallen; dazu nimmt man wohl auch noch Tabak und Ketechu. Das Ganze wird in ein Betelblatt gewickelt und in den Mund gesteckt. Mit Ausnahme der Zeit, wo sie essen, haben die Singhalesen dieses wenig appetitliche Zeug immer im Munde, das sie nicht allein kauen, sondern auch wirklich essen; gehen sie schlafen, so nehmen sie zu guter Letzt noch einen75 Nach Ceylon. Mund voll Betel, denn: „Betel, dir leb' ich, Betel, dir sterb' ich!" so scheint der Singhalese zu denken. Dieser fast ununter brochene Betelgenuß verfehlt seine Wirkung auf Zähne und * Lippen nicht; letztere werden gelblich und erstere rothbraun. Das genirt indessen den Singhalesen nicht im Mindesten; im Gegentheil sind ihm die braunen Zähne gerade recht; ja neben dem Wohl geruch ist es das Färben der Zähne, was ihm den Betel so theuer macht. Weiße Zähne, sagen diese Leutchen, schicken sich nur für Hunde. Kein ordentlicher Mensch, der nicht gefärbte Zähne hat. Der Geschmack der Menschen ans Erden ist eben verschieden. Wie die Hindu's in Indien, zerfallen die Singhalesen in Erbstände oder Kasten, wonach der Sohn werden muß, was der Vater ist. Indessen hält man es hier damit nicht so streng wie in Indien. Die königliche Kaste ist erloschen, eben so die Priester kaste, obwohl das Volk noch Priester hat. Früher gab es nur vier Kasten: die königliche, die Priesterkaste, die Kaste der Kanf- leute und Ackerbauer, und die niedere Kaste. Jetzt bestehen eine Anzahl anderer ans den beiden letzten hervorgegangener Kasten, nämlich: 1) Landbesitzer; 3) Fischer; 3) Einsammler des Toddh; 4) Schmiede alter Art; 5) Zimmtschäler; 6) Barbiere; 7) Wäscher, welche nur für die ersten vier Kasten waschen; 8) Palmzuckcrbe- reiter; 9) Tamtamschläger, d. h. Leute, welche den Tamtam, d. i. eine metallene Pauke, bei gottesdienstlichen Handlungen schlagen; 10) Wäscher für die fünfte Kaste; 11) Grasschneider; 12) Korb flechter; 13) Töpfer; 14) die Rhodia, die am tiefsten stehen und sehr verachtet werden. Im Allgemeinen werden die Kastenunterschiede nicht sehr streng beachtet, doch heirathet man nicht aus einer Kaste in die andere, auch ißt Niemand mit Einem ans einer andern Kaste. Auch in der Begrüßungsweise zeigt sich das Kastenwesen; die76 Nach Ceylon. Glieder einer untern Kaste grüßen die einer höherstehenden dadurch, das; sie beide Hände vor die Stirn halten, die innere Fläche nach oben, und sich so verbeugen; der Höhere halt jedoch nur eine Hand vor und nickt auch blos mit dem Kopfe. Wieder anders ist der • Gruß der Frauen; diese halten beide Hände seitwärts vor die Stirn. Von Charakter sind die Singhalesen mild, höflich, aber auch träge und falsch. Reinlichkeit, Erfindungsgabe, Mäßigkeit und Sparsamkeit zeichnen sie ans, aber sie sind auch einsetzlich neu gierig und verschmitzt. Von Gastfreundschaft halten sie nicht viel. Wie im ganzen Orient, ist auch hier die Stellung des Weibes eine sehr untergeordnete; die Frau ist iu der That eine Sklavin des Mannes und muß daher viel arbeiten, während der Herr Gemahl gern faullenzt. Die verheirathete Frau besorgt den ganzen Haushalt allein; sie muß die Kühe melken, spinnen, Holz schlagen, Reis stampfen u. a. m. Auch den Ertrag der Gärten muß sie in einem Korbe auf dem Kopfe zu Markt tragen. Rur beim Kinderwarten ist der Mann der Frau behülflich; sonst beschäftiget er fick hauptsächlich mit Jagen und Fischen. Beim Fang der Seefische bedienen sie sich l 5 bis 18 Fuß langer, äußerst flacher, einmastiger Segel-Kanoe's, die ans einem einzigen ausgehöhlten Baumstamm bestehen. Gewöhnlich sind zwei Boote mittelst eines langen Holzstückes verbunden, das auf dem Wasser liegt und daher das Umschlagen verhindert. Nägel enthalten diese jämmerlichen Fahrzeuge selten; zur Verbindung dienen die Fasern der Kokosnuß. Der Mast ist gewöhnlich ein großer gelber Bambus. Als Steuer dient ein an den einen Fuß des Hinter mannes befestigtes Ruder. Mit diesen Kanoe's schießen sie pfeil schnell über das Wasser hin. Behufs des Fischfanges versehen sie sich mit Angeln, Netzen und Reusen. Die Fahrzeuge zu Land sind kleine, viereckige, grün ange strichene Holzkasten, in denen man liegen oder höchstens hockenNach Ceylon. 77 kann. Sie ruhen auf zwei Rädern und haben vorn ein Fenster, aus welchem der Führer den oder die vorgespannten kleinen Buckelochsen an einem durch die Nase laufenden Stricke lenkt. Die Vornehmen lassen sich wohl auch in Palankins tragen. Unter den Sitten des Volkes finden sich manche sehr selt same. So z. B. haben die Singhalesen keine Familiennamen. An dem Tage, wo die Kinder das erste Mal Reis zu essen be kommen, und der als ein hoher Feiertag gilt, erhalten sie vom Vater einen Namen. Diesen behalten sie so lange, bis sie groß genug sind, um sich selbst einen zu geben, wobei sie sich gewöhnlich nach ihrem Wohnort richten oder auch nach ihrem Alter. Die Heirathen werden zuerst von den Aeltern des Brautpaares be sprochen, und erst wenn diese über die Sache einig sind, lernen die einander Bestimmten sich kennen. Die Heirath läuft also, wie fast überall im Orient, auf eine Art Geschäft oder Verkauf hinaus. Die Ehen selbst sind verschiedener Art. Bei der einen zieht der Mann in das Haus der Braut; in diesem Falle darf er sich nicht mehr von ihr trennen; bei der andern Art ist es umgekehrt, und da darf der Mann die Frau wieder verlassen. Die Hochzeitsgebränche sind verschieden, aber sehr einfach. So z. B. ist der Bund schon damit als geschlossen anzusehen, daß die Finger des Brautpaares von den Aeltern zusammengebunden und mit Wasser begossen werden. Uebrigens darf ein Mann auch mehrere Frauen haben; ja noch mehr, eine Frau darf auch mehrere Brüder zu Männern haben. In ihrem Glauben sind die Singhalesen Buddhisten, d. h. sie bekennen sich zu der Religion des Gautama, der um 600 v. Chr. lebte und durch Veränderung der Bramareligion, auf die wir in Indien noch einmal zu sprechen kommen werden, eine neue Lehre aufstellte, zu welcher sich viele Millionen Menschen in Indien, Ceylon, Tübet, China und Japan bekennen. Im Laufe78 Nach Ceylon. der Zeit ist die an sich nicht ganz schlechte buddhaistische Lehre sehr entstellt worden, so auch in Ceylon. Von einem höchsten Wesen hat man hier keinen Begriff mehr. Man betet vor allen Dingen den Buddha an und außer ihm noch eine Unzahl von Göttern und Dämonen, von denen man aber herzlich wenig zu sagen weiß. Am meisten respektiren die Singhalesen die bösen Geister; ja ihre ganze Religiösttät läuft fast nur auf diesen Re spekt hinaus. Bei jeder Gelegenheit rufen sie die bösen Geister an; sie thun es, wenn sie krank sind, wenn sie Abends im Dunkeln ausgehen, wenn sie in Gefahr schweben u. s. w. Jeder kleine Zufall hat für das abergläubische Volk eine große Bedeutung. Höchst wichtig ist es z. B-, wer die erste Person ist, die ihnen Morgens beim Ausgehen begegnet. Ist es z. B. ein weißer Mann oder eine dicke fette Frau, so steht ein Glück zu erwarten; ist es aber eine häßliche Person, so muß man sich auf ein Nebel gefaßt machen. Zu den buddhistischen guten Werken gehört es, daß man an seinem Hause Wasserkrüge für Reisende hinsetzt und eine Kokos schale zum Schöpsen daneben legt. Dem Buddha zu Ehren hat man zahlreiche Tempel gebaut, worin höchst unwissende Priester den Gottesdienst besorgen. Diese tragen das Haupt kahl geschoren und sind mit einer brandgelben Toga bekleidet. Die Tempel heißen Wiharö's, die Reliquien häuser aber Dagoba's. In Lehrhäusern wohnen die Priester und unterrichten das Volk über die in den Tempeln üblichen Gebräuche. Die Wohnhäuser der Priester heißen Pansala's. Zu jedem Wiharä gehören etwa 30 Priester. Der hauptsächlichste Inhalt der Tempel sind verschiedenartige, kolossale Buddhafiguren, ge wöhnlich steif und schlecht ausgeführt. So sieht man z. B. in einem Tempel zu Kaudy eine wohl 40 Fuß lange Buddhafigur, in steifer Stellung, ganz gerade wie ein Soldat, horizontal auf der Seite liegend, über und über mit schwefelgelber Farbe angc-79 Nach Ceylon. a strichen; nur die Fußsohlen, die Nägel und die Innenseite der Hände sind roth gefärbt und über dem Haupte ist eine kleine Flamme. Aeußerlich sind die Tempel gewöhnlich mit Schnörkeln, Löwen und Drachen verziert und von Kokospalmen, stets aber von Bobäuinen beschattet. Einzelne Tempel haben die Form einer Glocke, so einer zu Kandh und einer zu Badulla. Der erstgenannte ist der berühmte Dalada-Tempel; es ist ein kleines hölzernes in Glockenform erbautes Halls, aus zwei verandenartigen Stockwerken bestehend. Eine bescheidene Thür mit einem Vorbau von , Säulen, deren Reliefbilder Gottheiten in halb thierischer, halb menschlicher Gestalt darstellen, bilden den Eingang. Aus einer Art Hühnersteige klettert man zu einer vergoldeten Bronze- thür hinan, durch welche man in das von Kokosöllampcn matt erhellte Heiligthum eintritt. Dort liegt nun die Hauptreliquie der Buddhisten, die heilige Dalada d. i. der Zahn des Buddha. Aus Elfenbein bestehend liegt er auf einem Altar verborgen unter einer drei Fllß hohen mit goldenen Ketten und Edelsteinen ge schmückten Glocke. Bei festlichen Gelegenheiten stehen die kahl geschorenen und gelb gekleideten Priester um den Altar, vor welchem sich, wie in allen buddhistischen Tempeln, ein Opfertisch befindet, der mit herrlich duftenden und stets sorgfältig erneuten Blumen bestreut ist; aus einem Nebengemach erschallt während der Feierlichkeit eine ohrenzerreißende Bärenmusik, ausgeführt von heulenden Sängern und Tamtampaukern. Die Wände nebst der Decke des Heiligthums sind mit baumwollenen, reich mit Gold und Silber durchwirkten Tüchern drapirt; außerdem sind die Wände noch mit Palmblättern und Messingfiguren verziert. Der Tempel zu Badulla ist ein 40 bis 50 Fuß hohes glockenförmiges Mauerwerk, an dem man weder Fenster noch Thür, noch sonst eine Oeffnung entdecken kann; die Priester ge langen auf unterirdischen Wegen in den seltsamen Bau.80 Nach Ceylon. Die großartigsten Bauten, welche die Singhalesen in frühem Zeiten, als sie noch unter eigenen Königen standen, ausgeführt haben, sind ihre Kunstteiche und Kanalbauten. In der Centralprovinz Kandy befindet sich ein künstlicher Teich von einer Viertelmeile Länge, dessen Bassin ans Quadersteinen erbaut ist. Durch Schleusen werden Bergwässer in denselben geführt zur Befruchtung der Umgegend. Am großartigsten bietet dergleichen Bauten jedoch nur der ebene Norden der Insel, wo das Klima am meisten zur Anlegung von Wasserbehältern drängte. In Ceylon fällt nämlich zwar viel Regen, etwa fünfmal so viel als bei uns in Deutschland, jedoch ist der Regen nicht überall gleich vertheilt. Im Allgemeinen ist Ceylon iin Südwcsten feucht, im Nordosten dagegen trocken und heiß. Im Südwesten fällt in den Monaten Mai und Juni, und Oktober und November der meiste Regen; es sind dies die beiden Hanptregenzeiten; in den übrigen Monaten regnet es seltener und weniger stark. In jenen Regen zeiten regnet es regelmäßig jeden Nachmittag in so großen Tropfen, daß man in wenig Sekunden bis ans die Haut durchnäßt ist. Im Mai und Juni sind diese Regen meist von heftigen Gewittern begleitet. Während also im Südwesten der atmosphärische Nieder schlag so ziemlich gleich auf das ganze Jahr vertheilt ist, ist es im Nordosten ganz anders. Dort giebt es eine zweimonatliche Regenzeit, nämlich im November und Dezember, wo der Regen unaufhörlich in solcher Menge herabströmt, daß das ganze Nieder-- land unter Wasser gesetzt wird. Auf diesen Ueberfluß folgt eine zehnmonatliche Dürre, die nur einmal ans kurze Zeit durch einige Regentage unterbrochen wird. Im Berglande des Innern ist der Regen dagegen wieder gleichmäßig vertheilt, ja noch gleichmäßiger als im Südwesten. Während daher im Süden und Westen so wie im Innern der Insel das Land das ganze Jahr hindurch in das frischeste Grün gekleidet ist, leidet der Nordosten längere81 Nach Ceylon. Zeit so sehr an Trockenheit, daß die Pflanzenwelt dadurch iin Wachsthum gestört wird. Um diesem liebet vorzubeugen, legten daher die Altvordern der Singhalesen hier künstliche Wasserbauten an, um den Ueberfluß des Wassers in der nassen Jahreszeit für die trockene anfzubewahren. So erblicken wir denn hier einen 15 Meilen langen Kanalbau von 5 bis 15 Fuß Tiefe und 40 bis 100 Fuß Breite, der aus einem Flusse, der Amba Ganga bei Nalanda, zur Bai von, Trinkomali führt, und mit diesem stehen zahllose künstliche Sexn oder Tanks in Verbindung, die durch Flüsse *und Regen gespeist werden. Einer dieser Tanks ist fast 2 lUMeilen, ein anderer 1 und ei» dritter f üMeilen groß. Diese Werke sind jetzt leider meist verfallen; bei den am besten erhaltenen Tank staunt man heut noch den Hauptdamm von j Meile Länge an, der aus 8 bis 10 Fuß langen Gneisquadern erbaut, unten 50 bis 200 Fuß, oben 30 Fuß breit, und 20 Fuß hoch und mit schattigen Bäumen bepflanzt ist. In solchen See'n lebt das bläulichgrüne, duukelbraün gefleckte indische Krokodill, welches eine Länge von 17 Fuß erreicht. Die eben besprochenen klimatischen Verhältnisse hängen mit den Monsuns zusammen, über welche wir daher noch ein Wort reden müssen. Im indischen Meere und also auch auf seinen Inseln und anliegenden Halbinseln wehen periodisch wieder kehrende Winde, von denen der eine zu unsrer Winterszeit seine Richtung von Nordost nach Südwest nimmt; der andere weht in umgekehrter Richtung zur Zeit unsers Sommers. Jener Wind heißt der Nordostmonsun, dieser der Südwestmonsun. Die Ursache dieser Regelmäßigkeit ist besonders in dem Stande der Sonne zu suchen. Wenn nämlich die Sonne nach dein südlichen Wende kreise sich bewegt, so wird im Süden des Aequators eine größere Wärme und darum auch größere Luftverdünmmg zuwege gebracht. Die Folge davon ist, daß dichtere Luft von Nordosten aus Mittel- Kützner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. 082 Nach Ceylon. und Südasien herbeiströmt, um das Gleichgewicht wieder herzu stellen. So entsteht der Nordostmonsun. Rückt umgekehrt die Sonne in den nördlichen Wendekreis, so ist im Norden des Aequators die größere Wärme und Luftverdünnung, und es strömt die dichtere Luft ans dem Südwesten nach dein Festlande Asiens. Das giebt den Südwestmonsun. Die Regelmäßigkeit in der Wiederkehr dieser Winde wurde etwa 80 Jahr v. Chr. Geburt von. einem griechisch-ägyptischen Schissssührer zuerst wahrgenominen. Seit der Zeit segelt man aiich mit dem Westinonsun nach und mit dem Ostmönsun von Indien, wenn sonst die Umstände es zulassen. In Ceylon weht der Nordostrnonsun besonders vom November bis Februar, und dieser Wind ist es, welcher dein Norden der Insel den Ueberstuß an Wasser verschafft. Vom Mai bis Oktober weht dagegen der Südwestmonsun, und in dieser Zeit hat der Südwcsten Ceylons seine beiden Regenzeiten. Die Winde gehen über das Meer und führen die Wasserdünste dem Festlande zu; das müssen wir noch bedenken, wenn wir den Zusammenhang zwischen den Monsuns und den atmosphärischen Niederschlägen vollständig begreifen wollen. So lange der Südwestmonsun weht, findet im Hochlande Ceylons eine fortwährende Wolkenbildung statt und verhüllen die Wolken oft anhaltend die Gipfel der Berge. Wer daher etwa im Mai zu Kolombo an der Westküste landet, dem kann es be gegnen, daß er vier bis fünf Monate lang nichts von dem herr lichen Gcbirgslande der Insel erblickt. Erst wenn der Nordost- monsun einsetzt und die Wolkenmassen zerreißt und verjagt, dann entschleiert sich die kaum 10 Meilen entfernte schöne Gebirgskette, über welche der Adamspik stolz hervorragt; nur eine ans den Thälern aufsteigende weiße Nebelschicht, die sich vom Fuß bisNach Ceylon. 83 zur Mitte des Gebirges lagert, entzieht den Blicken des über raschten Fremdlings noch längere Zeit einen Theil des reizenden Berglandes. Zur Zeit der Monsunwechsel wird übrigens auch Ceylon wie alle andern Gegenden, die von den Monsuns bestrichen werden, von furchtbaren Stürmen heimgesucht, die meist von Donner und Blitz und heftigen Regenströmen begleitet werden. Trotz des Schreckens dieser atmosphärischen Revolutionen sieht man ihnen doch gern entgegen, weil sie äußerst erfrischend und wohlthätig auf die ermattete Natur wirken. Auch die Thierwelt empfindet Freude bei dem Herannahen des belebenden Nasses; die Singvögel um Kandh sollen gerade während des Aufruhrs der Elemente ihren fröhlichsten Gesang, ihre schönsten Lieder, anstimmcn. Wir erwähnten oben eines Berges, des Adams pik. Derselbe ist von so großer Berühmtheit, daß wir ihm einen Besuch abstatten müssen. Er liegt im südlichen Theile des Berglandes auf der Grenze zwischen der Central- und der West- Provinz,-erreicht eine Höhe won 6960 Fuß, und ist also nur um 800 Fuß niedriger als der höchste Berg der Insel, der Pedro Talla Galla. Nach allen Seiten hin schroff, ja fast senkrecht abfallend, prangt der mächtige Berg in voller Majestät über alle umliegenden Berghäupter, nur den Pedro Talla Galla ausgenommen. Am höchsten erhebt er sich über das Land im Süden, das fünf Meilen vom Pik entfernt, nur 50 Fuß über dein Meeresspiegel liegt. Zwei Wege führen zum Gipfel des hochgefeiertcu Berges; der eine heißt der Baba- d. i. Adams -, und der andere M a m a -, d. i. Eva's-Weg. Jener führt von Süden, dieser von Norden, von Kandh her zur Spitze des Piks, und beide sind im kO. bis 13. Jahrhundert von frommen Königen des Landes angelegt uub mit Rasthäusern oder Bangalo's versehen worden. Der verdienst lichste Weg ist der von Süden her, von derStadtRatnapura aus 6 *84 Nach Ceylon. auf den Berg hin aufführende, weil er die meisten Schwierigkeiten darbietet. Betreten wir daher diesen Pfad. Wir sind in Ratnapnra, d. i. in der Stadt der Edel- ' steine. Es ist zwar ein sehr altes Städtchen, das uns aufnimmt, aber es liegt in einer reizenden Gegend, an einem frischen reinen Bergwasser, dem Kalu Ganga, und bietet uns die schönste Aussicht ans den stolzen Adamspik im Norden. Kehren wir zur Nacht hier ein, so empfangen wir zu den herrlichen landschaftlichen Eindrücken noch die entzückenden nächtlichen Lufterscheinungen, welche durch zahllose große Feuerfliegen hervorgezaubert werden. Gleichsam als wollten sie mit den am wolkenlosen Himmel prangenden Sternen wetteifern, durchschwärmen diese Thierchen, eine Käferart, die Luft. ' Hier schweben sie wie zitternde Lichtchen, dort erleuchten sie die hohen Gipfel der Kokospalmen gleich himmel hohen Christbäumen. Aeste, Blätter, Blumen, Stengel, Steine, kurz Alles ist von ihnen geschmückt, ja sogar ans den Hüten der dieses Zauberspiel betrachtenden Wanderer lassen sie sich nieder. — Wir schließen uns einer Pilgerschaar an. Der Weg zieht sich Anfangs am Ufer des Kalu Ganga entlang. Die Gegend ist wohl bebaut und stark bevölkert. Ueberall sieht man Wohnungen, zerstreut oder in Dörfern gesammelt. Die Felder mit Reis, türkischem Weizen und hirseartigen Schnabelgräsern (Korakan) bestellt, bieten einen bunten, wechselnden Anblick. Weiter hinauf beginnen romantische Gebirgsansichten, tiefe Thäler und reißende Flüsse mit steilen Flußbetten. Hier wächst die seltsame Kannen- pslanze (Nepenthes destillatoria), welche eine Art Krug an jeder Blattspitze, und an den Zweigen fußlange Krüge schwankend trägt. Im hochstämmigen Urwalde schlingen der Bobaum und andere Feigenbäume ihre mächtigen Kronen in einander, und neben dein Sandelholzbaum init blutrothem, wohlriechendem Holze, ragt hoch in die Luft der Ebenholzbaum, dessen schwarzes Laub erstNach Ceylon. 85 in einer Höhe von 40 Fuß am weißen Stamm herabhängt. Die meisten Bäume sind mit Pfefferreben und mit einer Fülle von Farrenkräutern, ja bis über die Zweige hinaus mit geisblätterigen, oft prächtig blühenden Schmarotzern bedeckt. — So gelangen wir nach dem Orte Palabadulla, wo im Buddhatempel die heiligen Geräthschaften aufbewahrt werden, welche zu der Pagode oben auf dem Gipfel des Berges gehören, und die für die Dauer der Pilgerzeit, vom März bis Mai, gezeigt werden. Wir sind hier bereits 3000 Fuß hoch.. Indem wir unsere Reise fortsetzen, verschwinden zunächst die Kokospalmen. Darauf durchschreiten wir wieder einen riesigen Urwald, immer in dem tief eingefurchtcn Thale des Kalu Ganga aufwärts. Der uns umfangende mächtige Wald besteht größtentheils ans Bäumen mit lorbeerartigen Blättern; darunter ist auch der schlanke, hochstäm mige Eisenholzbaum; die 'üppigsten und sonderbarsten Schling pflanzen durchwehen das Pflanzenmeer, lieber nasse Felsen und schlüpfrige Wurzeln führt uns der beschwerliche Pfad, an dem Nichts zur Erleichterung geschehen ist. So erreichen wir das vorletzte Rasthaus, in einer Höhe von 5300 Fuß gelegen. Für die empfindliche Kühle entschädiget uns die entzückende Aussicht nach Süden hin. Später gelangen wir zu dein Kalani Ganga, der in einem von Felsblöcken verschütteten Kanäle von waldbcwachscner Höhe herab in den Kaln Ganga braust. Diesen „Vater des Kalu Ganga" überschreiten wir. Eine malerische Vegetation glänzt .an seinen Ufern: drei Arten herrlicher Balsaminen, und ein Rasen der schönsten Moose und Farrenkränter zieren das schwarze Gestein mit großartigen Blattformcn und kräftigen, glänzenden Farben. Von nun an fängt aber auch die eigentliche Beschwerde erst an; gut, daß die Bist kühl und erquickend ist, denn sonst möchten wohl nur Wenige die Strapazen überstehen, die sie von nun an noch dnrchmachen müssen. Stnfenartige Absätze führen über Felsplattcn86 Nach Ceylon. und dann folgen glatte Felsen und knorrige Wurzeln, über die wir in großen Absätzen in die Höhe klimmen müssen. Nach langem mühsamen Auf- und Absteigen erreichen wir endlich den Fuß des Kegels, wo das letzte Rasthaus „Diabetme Bangalo" errichtet ist. Hier stärken wir uns zu dem beschwerlichsten, noch 2 volle Stunden erfordernden Marsche. Unter wachsenden Ge fahren nähern wir uns dann dem Endziele. Zuerst müssen wir eine Felsentreppe hinan; dann geht es in der wilden Schlucht des tosenden Sitla Gangela fort, in dessen schäumenden Finthen die frommen Pilger das Entsühnungsbad nehmen. Hie und da ge währen nur noch die durch den Regen bloßgelegten Baumwurzeln einen schwachen Anhalt; an andern Stellen sind wir auf grob gearbeitete, schwankende Leitern angewiesen, ans denen jeder Fehl tritt gewisser Tod ist. Nachdem wir mehrmals ans solchen jämmerlichen Gerüsten ans- und abgeklettert sind, haben wir das Tirmi erreicht, die Basis des eigentlichen Bergkegels, wo eine Menge Sitze ausgehauen sind, auf denen wir uns zur letzten Wanderung bis zur höchsten Spitze ausruhen. Denn nun gilt es, noch eine ganz nackte, glatte Felswand zu erklimmen, welche beschwerliche Arbeit ein alter singhalesischer König uns dadurch Etwas erleichtert hat, daß er 200 bis 300 schmale Stufen in die fast senkrechte Felswand hat einhauen lassen. Um dem Schwindel zu begegnen, der uns unfehlbar ergreifen würde, wenn wir ohne Anhaltepunkte klettern müßten, fassen wir an eine der eisernen Ketten, die von der Höhe des Felsens herabhängen, wo sie üp die Stcinmasse befestiget sind. Die letzte Strecke passiren wir mittelst einer frei schwebenden eisernen Treppe, welche bereits soweit ans ihrer ursprünglichen Lage gewichen ist, daß die Stufen fast senkrecht hängen. So erreichen wir denn endlich den Gipfel des Berges. Derselbe bildet ein kleines Plateau von 74 Fuß Länge und 24 Fuß Breite, und ist von einer fünf Fuß hohenNach Ceylon. 87 Mauer eingefaßt, durch welche drei Eingänge führen, die an der Außenseite von einem Gebüsch der prachtvollen Alpenrosen (Rhodo dendron) überragt werden. In der Mitte des Platzes liegt ein 9 Fuß hoher Felsblock, der die Spitze des Berges bildet und das Endziel der frommen Pilgerfahrten ist. Dieser Fels enthält nämlich auf seiner obern Fläche die heilige Fußtapfe Buddha's, welche die Buddhisten ihrem Buddha, die Braminen dem Wischnu, die Muhamedaner aber dem Adam zuschreiben. Es ist dies eine fnßspnrähnliche Vertiefung von 5 Fuß Länge und Fuß Breite, die etwa zwei Zoll tief in's Gestein eingedrückt ist. Gelbes Metall und bunte Glasstcine fassen die Ränder dieser verehrten Vertiefung ein. Ueber diesem geweihten Felsblock erhebt sich ein auf vier Holzpfeilern ruhender kleiner Tempel von Eiscnholz, verziert mit köstlichem Schnitzwcrk, farbigen Tüchern, Wimpeln und Blumen. Seitwärts am Fuße des Blockes hat ein Buddhapricster seine Klause, und daneben steht ein Altar, ans dem die Pilger ihre Opfergaben niederlegen. Im Betreff der Fußtapfe erzählen die Muhamedaner, daß hier Adam zuin letzten Male das im siebenten Himmel gelegene Paradies sah, ans dem er verstoßen worden war. Ans einem Beine stehend hat er hier zweihundert Jahre hinüber nach Mekka geschaut, wo seine Gefährtin Eva zur Erde herabgekommen war und gleichfalls auf einein Beine stehen mußte. Nach übcrstandcner Buße hat der Engel Gabriel Beide auf einem Berge nahe bei Mekka wieder vereinigt. Die Buddhisten dagegen behaupten, daß Gautama Buddha der Urheber der Fnßtapfe auf dem Adamspik sei; hier, sagen sie, ist er voin Himmel zur Erde gestiegen und dann nach Makuna in Siam hinübergeschritten. Begreiflicher weise ist ihnen daher dieser Ort der heiligste auf der Erde. Interessant ist es, die Buddhisten hier ihren religiösen Pflichten Nachkommen zu sehen. Ein Augenzeuge berichtet darüber88 Nach Ceylon. Folgendes: „Die Pilger beiderlei Geschlechts, sauber in Festge wänder gekleidet, stellten sich in einem Halbkreise auf. Einige knieten nieder, Andere standen mit gefalteten Händen und vorge-. beugtem Haupte. Ihnen gegenüber trat der kahlköpfige Priester im gelben Ornate an den Rand des heiligen Fußtapfens. Mit lauter Stimme sprach er die Glaubensartikel und die Lebensregeln der buddhistischen Religion. Die Pilger wiederholten Spruch für Spruch. Nachdem der Priester geendet hatte, erhoben die Pilger ein lautes Geschrei. Darauf ging der Priester fort, der Pilger machte an seiner Statt den Vorsprecher; so ward die heilige Ceremonie wiederholt. Jetzt folgt eine zärtliche und achtungsvolle Begrüßung der verwandten Pilger unter einander. Ein patriar chalisches Paar, das sich zuerst gegenseitig begrüßt hatte, ward nun ein Gegenstand der Ehrfurchtsbezeugnng für Alle. Daß die Zwietracht jetzt aufgehoben sei, und daß die Familien- und Freundschaftsbande jetzt neu geknüpft seien, wurde nun durch gegenseitige Begrüßung und Austausch von Betelblättern symbolisch bezeichnet. Jeder Pilger brachte dann ein Weihgeschenk dar und zum Schlüsse erschien abermals der Priester,- Alle segnend und mit der Ermahnung entlassend, daß sie fortan ein tugendhaftes Leben führen mochten. Die Aussicht von dem Adamspik ist eben so umfassend als entzückend. Die Insel breitet sich vor dem Schauenden wie ein großes Rundgemälde ans. Im Westen ragen die drei dunklen Piks, der Oenasomanille, Kunediä und Puruati, hoch empor; im Norden aber bis gegen Osten der langgestreckte Pedro Talla Galla und die Wikotta Galla, und jenseits derselben schweift das Auge weit hin in die Ferne über das ganze grüne Bergmeer des Hoch landes von Ceylon und über die inselartig in der Ebene gegen Ost und Süd schwiininenden Berge, bis hin zum fernen Gestade des Meeres, das wie ein silbernes Band die schöne Landschaft umschlingt.89 Nach Ceylon. Wir begeben uns den Pfad wieder hinab, aus dem wir auf gestiegen sind, und gelangen abermals nach Natnapura. Hier besuchen wir noch die Edelsteinfischerei, die im Kaln Ganga betrieben wird. Nur an wenigen Stellen tritt dieser Fluß ans seiner bunten Einfassung von hohen: Bambus mit zierlichen gelben Stämmen und frischem saftgrünen Laube hervor. An solch einer freien Stelle befindet sich bei Natnapura in einem kleinen Berg bache, der in den Kaln fließt, eine Edelsteinfischerei. Der Prinz Waldemar besuchte sie vor der Besteigung des Adamöpik's und beschreibt das Fischen folgendermaßen. Es standen in einer Linie quer durch den Fluß sechs brannrothe Männer bis an die Brust im Wasser. Sie schaufelten, dem Laufe des Flußes cntgegenge- wendet, mit langen' Karsten den Schlamm von: Grunde auf und wühlten so unter großer Mühe tiefe Löcher im Flußbette, um durch ein Lager von Thon und Steingeröll auf die dritte, aus einem gelblichen Thon bestehende Erdschicht, welche die Edelsteine führt, zu gelangen. Den obern Schlamm und das grobe Steingcröll häuften'sie zu ihren Füßen an, das hierauf folgende Erdreich aber brachten sie in flache löcherige Körbe und schwangen diese im Wasser so lange hin und her, bis dieses die erdigen Theilc daraus fortgespült und nur den groben Grand zurückgelassen hatte. Jede halbe Stunde etwa wurde diese Prozedur wiederholt und der Rückstand in den Körben zur genauer» Untersuchung an's Ufer gebracht. Es finden sich darin außer körnigem Kalk, blauem Thon, Glimmer und einem seinen bunten Saude an Edelsteinen: Rubine, blaue Saphire, Goldtopase und Opale, nämlich von der Art der Katzenaugen. Die Arbeit ist sehr mühsam und wenig ergiebig; gar mancher Korb wird vergeblich ausgeschüttct. Es kann daher Edelsteine fischen, wer will. Noch mehr als durch seine Edelsteine, ist Ceylon durch seine Perlen berühmt. Es giebt etwa nur 10 Orte ans der ganzen90 Nach Ceylon. . Erde, wo die ächte Perlenmuschel gefunden und gefischt wird, und darunter ist Ceylon einer der wichtigsten. Im Alterthum bezog man die Perlen fast ausschließlich von Ceylon; die Königin Kleopatra in Aegypten, bekannt aus der Geschichte des Anto nius und Octavianus, so wie die edlen Römerinnen, schmückten sich reich mit diesem kostbaren Produkt, weßhalb der Handel damit sehr ertragreich war. Eine vornehme römische Dame trug das Haar mit reichen Schnuren von Perlen durchwunden, oder eine goldene, perlcngeschmückte Spange umgab den Scheitel. Trug man Anfangs im Ohr nur eine einzige Perle, so wurde es später Sitte, mehrere derselben in Krenzesform oder in Kettchen zu tragen. Oft war eine einzige dieser Perlen ein Landgut Werth. Auch schmückte man Altäre, Götzenbilder, Streitwagen und Waffen init Perlen und gab auch den Siegern in Kampfspielen Perlen schnüre als Belohnungen. Cäsar kaufte einst eine Perle für eine halbe Million. Nero besaß ein Scepter und eine Krone, Kaiser Calignla hatte Stoffe, welche ganz mit Perlen übersät waren, und die Gemahlin des Kaisers Claudius trug eine Perlenschnur an Haar, Ohren, Hals und Fingern, deren Werth über 2^ Mill. Thaler betrug. Und diese Schätze lieferte zumeist die Perlauster bank bei Ceylon. Diese Stelle liegt im Golf von Manaar; Aripo gegenüber liegen auf einem Raume von 40 OMeilen 14 Bänke, welche von der Perlenmuschel bewohnt werden. Noch im Jahre 1797 lieferte die Perlenfischerei Hierselbst einen Gewinn von 1 Mill. Thalern; 1804 brachte sie nur noch s Million, 1835 noch 40,000 Pfd. Sterling, 1836 — 25,000 Pfund und 1837 noch 10,600 Pfund; später war der Gewinn noch kleiner, weil man zu rück sichtslos fischte und die Bänke fast zerstörte. Gegenwärtig läßt man ihnen Ruhe, damit die Thiere sich wieder vermehren können; nur nach mehreren Jahren unternimmt man wieder93 Nach Ceylon. einmal eine Fischerei in beschränktem Maaße. Dies geschieht immer im März , wenn zwischen dem nordöstlichen und dem süd westlichen Monsun Ruhe cingetreten ist. Dann läßt nämlich die Regierung durch eine Zahl eingeborener Taucher 1 bis 2 Mill. Austern von den Bänken ans Land schaffen, welche dort in größer« und kleinern Parthicen verauktionirt werden. Um diese Zeit ge winnt die sonst öde, sandige Bai von Kondaletrh (d. i. der Anker platz von Aripo) das Ansehen eines vielbesuchten Jahrmarktes. Zahllose hellfarbige Buden, Pcmdals genannt, mit langen Streifen von weißem Zeug und mit blaßgrünen Palmblättern geschmückt, verdecken die niedrigen, schmutzigen Lehmhütten der Strandbewohner. Tausende von Singhalescn, Hindu's ans Indien, Mauren aus Arabien, Birmanen ans Hinterindien, Perser, Juden und Andere wandeln in ihren verschiedenen buntfarbigen Kostüms zwischen den weitgcdehnten Bazars und den Buden mit Süßigkeiten und Liqueurs. Auch Tempel sind in der Eile aufge richtet worden, um Opfergabcn zu empfangen; denn die Perlen sind nach der Meinung der Eingeborenen Thantropfen, welche Buddha in gewissen Monaten vom Himmel herabfallen läßt und welche die Muschel auffängt, wenn sie, um zu athmcn, an die Oberfläche des Meeres koinmt. Pfeifen und Taintams und wilde Lieder ertönen, und bis in die durch Freudenfeucr erleuchtete Nacht hinein lärmen Tanzende und Betrunkene. Nach etwa 30 Tagen ist der Fang und Verkauf beendet. Nun verpesten die Tausende faulender Austern die Küste meilenweit und diese versinkt rasch wieder in ihre gewohnte Oedc und Aermlichkeit. Die kostbarsten der gefundenen Perlen bleiben tut Orient, insbesondere -kommen sie nach Indien, wo man sie zum Schmuck der Herrscher und der Götzenbilder verwendet; die nächstbesten wandern an die Höfe der europäischen Fürsten. Indessen liefern nur wenige Austern schöne Perlen; in den meisten MuschelnNach Ceylon. findet man zwar eine oder anch mehrere, mitunter sogar 50 bis 60, aber sehr oft auch gar keine, oder nur sehr kleine, den soge nannten Perlsamen, der im Orient entweder gebrannt zum Bctelkauen oder mit Edelsteinen zerstoßen als Arzneimittel gebraucht wird. Die meisten der jetzt nach Europa kommenden Perlen stammen aus dem persischen Meerbusen, dessen Schätze bis jetzt noch uner schöpft -sind. Noch jetzt beträgt hier der jährliche Ertrag fast 3 z Mill. Thaler, wovvn allein nach China für 700,000 Thaler und nach dem innern Asien über Bassora für 300,000 Thaler gehen. Die berühmte Insel Bahrein allein, welche im 16. Jahrhundert für 1^ Mill. Thaler ausführte, hat gegenwärtig eine jährliche Einnahme von 1,650,000 Thalern. Dagegen sind die Bänke des westlichen Arabiens und an den Küsten Afrika's so gut wie schon verwüstet. lieber die Entstehung der Perlen war man bisher, völlig im Unklaren; erst in der neusten Zeit hat die Wissenschaft anch hierüber einiges Licht verbreitet. Es ist so gut wie ausgemacht, daß die Perlen ein Produkt des Mantels der Auster sind, eben so wie die Schale des Thicres. Der Mantel ist die zu beiden Seiten des weichen Körpers herabhängende Haut, welche der ganzen innern Fläche der Schale innigst anliegt. Die Schalen bestehen zum größten Theile ans kohlensaurem Kalk und ihr Wachsthum hält mit demjenigen des Mantels gleichen Schritt. Auf der äußern Oberfläche des Mantels sondert sein farbiger Rand farbige Schichten Schalenstoff's ab; diese legen sich der Fläche nach dachzicgelförmig übereinander. Wird nun aus irgend einer Ursache die gewöhnliche Absonderung des Schalenstoffes in der Art gehindert, daß dieselbe in einer andern Form, als in der Form der Schale, und an einem andern Orte, als ans der äußern Mantelfläche, vor sich geht, so heißt dieses Produkt Perle.03 Nach Ceylon. Die Perlen sind also wesentlich nichts Anderes als die Schalen; sie bilden nur eine veränderte Form derselben. Noch wichtiger aber als durch Edelsteine und Perlen ist Ceylon durch seine Zim int Produktion. Der uns wohlbekannte Zimmt ist die Rinde eines Baumes, der am herrlichsten nur ans Ceylon gedeiht, und zwar besonders im Südwesten der Insel; denn nur dort findet sich Alles vereiniget, was er zu seinem vollkommenen Gedeihen bedarf, nämlich: ein dürrer Sandboden, starke Hitze und häufiger Regen. Der Zimmtbaum gehört zu den Lorbeerbäumen; er erreicht in der Wildniß eine ansehnliche Höhe, wird aber behufs der Zimmtgewinnung in Plantagen gezogen, wo man ihn nur 10 bis 12 Fuß hoch gehen läßt, so daß sein Stämmchen nur die Stärke einer Haselstaude erlangt. Man beobachtet dabei das Verfahren, den Baum zu fällen, wodurch die Wurzel genöthiget wird, gerade und schlanke Schößlinge zu treiben. Diese läßt man nur ein bis drei Jahr alt werden, worauf man sie abschneidet. Diese Operation ist die Zinnnternte. Wenn ein Plantagcnbcsitzer mit der Ernte beginnt, so sammeln sich seine Arbeiter schon früh bei Tagesanbruch in Schaaren von 30, an deren Spitze ein Aufseher steht. Sie sind alle mit einem leichten, scharfen Gartenmesser bewaffnet und mit einer Schnur- Versehen, um die abgeschnittenen Schößlinge zusannnenzubinden. Auf ein Zeichen des Oberaufseherö stürzt die ganze Mannschaft, vielleicht 100 bis 200 Arbeiter, schreiend und jubelnd mit ge- schwungenem Messer durch die Blische, auf die Zimmtbäume los, wobei ihr langes schwarzes Haar ihnen wild um die Schultern weht. Bald verstummt das Geschrei und man vernimmt nur noch das Klirren der Messer und das Knacken der fallenden Schößlinge. Gegen 11 Uhr hört das Abschneiden auf; man packt die Schößlinge in Bündel und begiebt sich nach dem Schälhause. Hier wird das Bündel in der Veranda uicdergeworfen und die94 Nach Ceylon. Arbeiter setzen sich, nachdem sic eilig die Milch einer Kokosnuß getrunken und sich den Schweiß von der Stirn gestrichen haben, mit untergeschlagcnen Beinen auf eine Binscninatte und beginnen mit einem hohlrunden kleinen Messer die Rinde abzustreifen. Rasch fährt inan mit dem Messer an den beiden entgegengesetzten Seiten des Schößlings von einem Ende bis zmn andern und löst dann mit einem Holz die Rinde, so daß sie in langen Streifen ohne Verletzung abfällt. Am Morgen des zweiten Tages eilen Weiber und Kinder nach dem Schälhanse, setzen sich in Reihen und schälen die grünen Häutchen von den Rindenstreifen. Die abgeschabte Rinde tragen die Kinder wieder zu den Arbeitern, welche dieselbe nach ihrer Dicke und der Lebhaftigkeit ihrer Farbe in drei Sorten scheiden. Die kürzer« Stücke jeder Sorte werden in längere gesteckt und dann zu einer Rolle zusammengerollt, welche durchschnittlich 3£ Fuß lang ist und eine dreifache Einlage hat. Hauptsache bei diesem Geschäft ist die richtige Sortirung; denn da die Arbeiter nach dem Gewicht der abgeliefertcn Röhren bezahlt werden, so bringen diese gern zum Schaden des Pflanzers möglichst viel dicke Rinde in die Röhre. Ein fleißiger Arbeiter schafft mit Weib und Kind in einem Monat 100 Pfund Zimmt und verdient 1 Pfd. Sterl. 17 Schilling und 6 Pence, daö ist in den 4 Monaten Erntezeit so viel, daß er in den übrigen acht Monaten des Jahres der Ruhe und Erholung sich überlassen kann. Da die Rinde von Natur geneigt ist, sich zusammcnzuwickeln, so bedarf sie nur geringer Nachhülfe. Sind die Röhren am zweiten Tage aufgerollt, so werden sie einzeln aus Leinen gezogen, welche im obcrn Theile deö Hauses ausgespanut sind. Dort bleiben sie zwei Tage, werden dann, ein wenig nachgewickelt, ans Gestellen im Freien getrocknet, wobei sie jedoch durch übergedeckte Kokosblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt sind, nach 3 bis95 Nach Ceylon. 4 Tagen aber auf leichten Holzrahinen zwei Wochen ausgelegt, abgewogen und bezahlt. Die -Arbeiter dürfen im Schälhause nicht sprechen. Die Aufseher, in lange weiße Gewänder gekleidet und mit einem hohen Kamme in den Haaren, gehen schweigend von einem Arbeiter zum andern und weisen mit dem Finger ans jedes mangelhafte Stück. Alljährlich versendet Ceylon an 40,000 Centner Zimmt. Jndeß ist von dem Zimmt, der im Handel vorkommt, nicht Alles achtes Produkt. Von dem in London alljährlich für Ceylonzimmt verkauften Produkt ist vielleicht kaum | ücht. Das Uebrige ist die Rinde des Kassiebaumes, auch eines Lorbeerbaumes, der ans Ceylon, Indien und China wächst, und der die sogenannte Zimmtkassie oder den indischen Zimmt giebt. Nicht immer durfte der Zimmt nach Belieben von jedem Bewohner gepflanzt und verkauft werden. Als die Portugiesen im Jahre 1505 die Insel eroberten, nahmen diese den Zimmt- baum besonders für sich in Anspruch. Und als zu Anfang des 17. Jahrhunderts sich die Holländer hier niederließen und nach und nach die Portugiesen vertrieben, wurde es noch schlimmer. Um recht schnell reich zu werden, verboten sie jedem Eingeborenen, Zimint zu pflanzen. Die vorhandenen Pflanzungen wurden zer stört und nur eine bestimmte kleine Anzahl, welche sich die Hol länder als Besitzthum zueigneten, wurde erhalten. Somit hatten sie den Preis in ihre Gewalt bekommen und konnten ihren Zweck erreichen. Aber für die armen Singhalesen war das sehr schlimm. Sie mußten die vom Vater ererbten Pflanzungen zerstören, die ihnen ihren Unterhalt einbrachten. Strenge Beamte wachten darüber, daß Niemand von den Eingeborenen auch nur eine Kleinigkeit Ziinmt verkaufte, ja selbst der freie Baum im Walde war den Beraubten zu berühren unerlaubt. Wer sich gegen die Verbote verging, dem drohte der Tod, oder man hieb ihm die96 Nach Ceylon. rechte Hand ab; im gelindesten Falle wurde er auf Lebenszeit aus seiner Heimath verbannt. So häuften die Holländer aller dings Schätze ans Schätze, aber das Blut und die Flüche der armen Betrogenen klebten daran. Sic hatten es darum wohl verdient, als ihnen zu Ende des 18. Jahrhunderts (1796) die Engländer die kostbare Insel abnahmen. Allerdings blieb es noch eine Zeit beiui Alten, indem die ostindische Kompagnie das Recht beanspruchte, mit ■ Zimmt allein handeln zu dürfen. Es dauerte noch geraume Zeit der bcklagenswerthe Zustand der Zimmtschäler fort, die förmlich in vier Klassen organisirt waren und in allgemeiner Verachtung, größter Dürftigkeit und erblicher Sklaverei lebten. Aber im Jahre 1833 hat die englische Regierung dieser Tyrannei doch ein Ende gemacht; 16,500 Zimmt schäler erhielten dadurch ihre Freiheit wieder. Seit der Zeit wird das Zimmtland an Privatleute verkauft, die so viel erzeugen und verkaufen dürfen, als sie wollen; nur müssen sie pro Pfund 4 Pence Ausfuhrzoll an bie Regierung zahlen. Es breiten sich nun die. lieblichsten Pflanzungen auf der Westküste ans. Die Zimmtbeete umgeben in regelmäßigen Ab theilungen, von Gängen durchschnitten, die blumenbekränzten Wohnhäuser, worin glückliche Menschen ein freies Dasein ohne Kummer und Sorge führen. Eine solche Pflanzung sieht fast wie ein mit Haselsträuchern bestandenes Gefilde aus. Die äußere Rinde der Stämmchen ist graubraun, die innere röthlich oder gelblich. Die Acste stehen ziemlich wagerecht ausgespreizt ab, die jünger» Zweige sind vierkantig. An ihnen stehen die länglich eirunden Blätter, jedes von 3 bis 5 Nerven der Länge nach durchzogen. Die jungen, welche an den Zwcigspitzcn die Knospen durchbrechen, schimmern in rosigem Roth; erst beim Aelterwerden geht ihre Färbung allmählig in freundliches Grün über. Aus den Winkeln der Blätter und von . den Gipfeln der AesteNach Ceylon. 97 nicken weiße, etwas in's Gelbgrün spielende Blüthenrispen, deren Stiele seidenartig behaart sind. Im Januar, wo die Blütyen Hervorbrechen, gewährt die Pflanzung einen reizenden Anblick; auch verbreitet sie nun einen sehr angenehmen, aber keineswegs zimmetartigen Duft. Aus den duftenden Blüthen entstehen im April wachsartig schimmernde Beeren, an Gestalt und Größe denjenigen unscrs Wachholders sehr ähnlich. Die brennend rothe Farbe, welche ihren Jugendzustand bezeichnet, geht allmählig in dunkles Blau über. Im Mai beginnt die Entrindung der Bäumchen. Die frische Rinde brennt ungemein auf der Zunge; sehr angenehm schmecken dagegen die vielfach gekauften Blattstiele. Die Blätter selbst haben keinen Geschmack; doch geben sie, gleich der Wurzelrinde, ein gelbliches, ätherisches Oel, und man benutzt sie zu Bädern. Die Beeren, mit fettigem Fleisch und purpur- rothen Kernen, geben durch Kochen das sogenannte Zimmetwachs, welches zu kostbaren, wohlriechenden Kerzen dient; auch gebraucht man es zu Salben. Auch die Blüthen werden zu Parfümmit teln verwendet und aus der Wurzel wird Kampher bereitet. Wie bereits mehrfach erwäht, sind die Engländer seit ge raumer Zeit Herren der gesegneten Insel. Unter ihrer Herr schaft hat sich das Loos der Bewohner derselben wesentlich ver bessert. Ein königlicher Gouverneur ist die erste Behörde des Landes, das seit 1798 eine unmittelbare Besitzung der britischen Krone ist, welche dasselbe von der ostindischcu Kompagnie er warb. Industrie, Ackerbau und Handel machen immer mehr Fort schritte und auch in der Geisteskultur der Eingebornen wird es besser. Durch Beförderung des Missionswcsens mehrt sich die Zahl der singhalesischen Christen zusehends; die Teiupel verfal len, heidnische Feste und Ceremonien werden eingestellt, und fast überall erheben sich evangelische Gotteshäuser; desgleichen hat Kutzner, Natur-, greife- u. Lebensbilder. 798 Nach Ceylon. auch die katholische Kirche schon viele Anhänger gefunden. Auch das Unterrichtswesen macht erfreuliche Fortschritte. Wo die Missionäre Boden gewinnen, erstehen Schulen. Die Frauen in der alten Königsstadt Kandh können meist schon lesen und schreiben; am begierigsten sind die Zimmtschäler auf den Unterricht. Bereits hat die Insel auch schon mehrere Zei tungen. Die Engländer und andere Europäer wohnen meist in statt lichen Häusern; doch haben sie die Veranda der Eingeborenen fast durchweg beibehalten, weil sich ein solch schattiger Platz am Hause sehr vortheilhaft erweist. Außer solchen Gebäuden giebt es auch wirkliche Paläste, wie z. B. die Gouvernementspaläste von Kolombo und Kandh und das feenhafte Palais des Admi rals zu Trinkomali. In den Prachtsälen dieser Gebäude finden luxuriöse Gastmähler statt. Die strenge Kasteneintheilung der eingeborenen Diener und die damit zusammenhängenden Vor schriften weisen jedem Bedienten ein bestimmtes und sehr be schränktes Geschäft an. Die Verrichtung eines andern würde ihn verunreinigen und entweder einer Menge peinlicher und demüthi- gender Gebräuche unterwerfen oder gar aus seiner Kaste versto ßen. Daher läuft bei Gastmählern, zu welchen überdies jeder Eingeladeue seinen eigenen Diener mitzubringen pflegt, stets eine Menge derselben geschäftig umher. Ueber der von Silber zeug fast erdrückten Tafel schwebt ein langes und schweres, zier lich bemaltes Bret, die Panka, das von einem dazu angestellten Diener mittelst Schnüre, welche durch die Wand geleitet sind, beständig hin- und hergeschwungen wird. Diese regelmäßige Be wegung verbreitet zwar eine angenehme Kühlung, sic wirkt indeß auf Neulinge einschläfernd. Abends werden die Zimmer durch Kronleuchter, Kerzen und Kokosöllainpen übermäßig hell er leuchtet.99 Nach Ceylon. Doch nehmen wir nun von der lieblichsten der Inseln, von dem „Sicilien der Halbinsel Dekhan, aus deren Braue es gleich einer Perle getropft" ist, Abschied und suchen wir nach Dekhan oder Hindostan selbst zu gelangen. Mit dieser großen Halbinsel hängt Ceylon durch einen riesigen Sandstcindamm zusammen, der sich in einer Länge von mehr als 6 Meilen quer durch den Golf von Manaar hinzieht, 500 bis 600 Schritt breit und hie und da mehrere Fuß hoch über den Wasserspiegel hervorragt. Das ist die weltberühmte Adams brücke. Wer Mcilensticfcln oder doch kleine Verwandte davon sich verschaffen kann, mag es versuchen, über diesen Riesendamm hinweg nach dem Festlande zu schreiten. Dabei möge er aber hübsch Acht haben auf eine Stelle, wo die Brücke einen Riß bekommen hat. Dies geschah zu Ende des l5. Jahrhunderts. Da zerstörte ein furchtbarer Sturm das große Werk, das nach der Sage der Indier vom Gotte Raum erbaut worden ist, der sich die Steine dazu durch den Großaffen und Affeugott Hauuman vom Himalaya herbei tragen ließ. Wir reifen nach Kolombv, der jetzigen Hauptstadt der Insel, die bereits über 80,000 'Einwohner zählt, und besteigen ein Dampfschiff, um zunächst nach der Hafenstadt Trinkomali an der Ostküste zu gelangen. Der Dampfer führt uns um die Südseite der Insel herum und die Ostseite hinauf, so daß wir die Insel stets in Sicht behalten. In etwa 40 Stunden ist der 90 Meilen lange Weg. zurück gelegt. Auf der Fahrt amüsirt uns das Verfahren der Unter offiziere gegen die muntern, gewandten Schiffsjungen. Dieselben haben neben ihrem gewöhnlichen Dienste auch noch die Aufgabe, die großen, unausstehlich dreisten Holzkäfer, Kukuruschen ge nannt, wegzufangen. Mit ihrem Fange in der Hand, müssen die Küferjäger vor dem Unteroffizier antreten; wer welche vor- 7*100 Nach Ceylon. zeigt, kriegt Nichts; wer aber keine hat, bekommt seine Hiebe. Das ist so Rechtens, macht helle Angen und flinke Hände. Trinkomali ist insbesondere durch seinen vorzüglichen Hafen wichtig, der einer der schönsten der Erde genannt zu werden ver dient. Er ist so groß, daß mehr als 500 Linienschiffe darin Platz finden und hat dazu eine so günstige Lage, daß zu allen Jahreszeiten Schiffe darin bequem einlanfen.und vor Anker gehen können. Alle Schiffe, die sich beim Eintritt des heftigen Monsuns an der Küste von Koromandel (d. i. der Ostküste Hind- ostans) und an der Westseite des bengalischen Meerbusens befinden, suchen im Hafen von Trinkomali Schutz und Sicherheit.Drittes Aapitrt. Nach Indien. „Wo Balsam weht, wo Meere wallen Auf Bernstein, Felsen von Korallen, Wo glnthbefruchtet selbst die Höhen Mit Diamanten schwanger gehen, Wo Flüsse, gleich vornehmen Bräuten, Mit Gold in ihren Fluchen gleiten, Wo würz'ge Lauben, Sandelhainen Zum Erdenparadies sich einen." Von Trinkomali gelangen wir mit dem Dampfschiff in 2 z Tagen nach Madras, dem nächsten Ziel unsrer Reise. Das Schiff geht auf der Rhede vor Anker. Wir sind wohl noch ans eine Stunde von der Küste entfernt, und genießen daher einen schönen Gesammtnberblick derselben. Längs dem flachen, san digen Strande ziehen sich in einer langen Reihe und mehrere Stock hoch die öffentlichen Gebäude und die ansehnlichen Waa- renlager hin, mit ihren ans Säulenbogen ruhenden Veranda's102 Nach Indien. und mit den glänzenden weißen Fayadcn, deren Muschelkalk- Ueberzng ganz wie Marmor erscheint. Herrliche Gärten umge ben die Häuser; mehr gegen Süden steht auf einer Esplanade (ein gemachter freier, ebener Vorplan vor Gebäuden) der schlanke, säulenartige Lcnchtthnrm mit weithin sichtbarem Blickfcucr, und noch Weiter hin, in geringer Entfernung von der See, erheben sich die stattlichen Mauern und Bastionen des Forts St. George, des europäischen Stadttheils, unter dem ein tiefer, breiter Fluß ins Meer fällt, während im Hintergründe der Landschaft ein an ziehendes Gemisch von Bäumen, Minarets, Kirchen und Pago den unfern Blicken sich darbictet. Doch warum führt unser Dampfer nicht bis dicht an die Küste des Festlandes und unter die Mauern von Madras? Ant wort: Weil es nicht möglich ist. Die ganze Ostküste Hinterin diens besitzt keinen guten Hafenplatz; nicht nur, daß das Meer keine entsprechenden Einschnitte ins Land macht, die Küste ist auch sehr flach und die Tiefe des Meeres sehr gering bis auf die Entfernung von ^ Stunde und darüber. Dazu kommt fer ner noch der Uebelstand, daß sich die Wellen des indischen Oceans selbst bei ruhigem Wetter mit der fürchterlichsten Gewalt an der Küste brechen, wodurch die Fahrzeuge daselbst nicht selten in die größte Gefahr kommen. Bei nur geringem Winde wird der Verkehr zwischen Madras und den auf der Rhede liegenden Schiffen nicht selten unterbrochen. Naht ein Sturm, so werden sofort durch aufgesteckte Flaggen Signale gegeben, worauf alle Schiffe sofort in See gehen. Mitunter naht jedoch ein Sturm so schnell, daß es zur Flucht schon zu spät ist; dann werden die Schiffe vom Anker gerissen; manche von ihnen scheitern und zu weilen verschwindet das eine oder andere gänzlich. Aus Vor sicht streichen daher auch alle ans der Rhede liegenden Schiffe den Ober-Top-Mast.103 Nach Indien. Am furchtbarsten toben hier aber die Elemente zur Zeit des Wechsels des Monsuns. Wehe dem Fahrzeuge, das sich dann noch in diesen Gewässern blicken läßt! Ein Augenzeuge schildert uns einen Sturm zu jenen Zeiten also: „Am 15. Oktober wurde die Flaggenstange gestrichen, als ein Signal für alle Schiffe, die Reise zu unterlassen, damit sie nicht vom Monsun überrascht werden. In der That waren in aller Frühe manche Warnungs- shmptome von dem bevorstehenden Krieg der Elemente erschienen. Da von dein Hans, wo wir wohnten, der Strand überbliät wird, so konnten wir den Umschlag des Monsuns in seiner großen und schrecklichen Erhabenheit beobachten. Mit einer Gewalt, welcher nichts Widerstand zu leisten vermag, beugte der Wind die buschi gen Wipfel der hohen, schlanken Kokosnußbäume fast bis zur Erde und schleuderte den leichten Sand in mächtigen Wirbeln in die Luft, bis der Regen entweder sein Gewicht so vmnehrt oder ihn in eine Masse zusammengebacken hatte, daß fernerer Entfüh rung durch den Wind vorgebcugt.war. Die blassen Blitze ent strömten den Wolken in breiten Flammenstreifen,, welche den Him mel so zu umkreisen schienen, als ob jedes Element in Feuer ver wandelt wäre, und die Erde am Vorabend eines allgemeinen Brandes stünde, während der augenblicklich folgende Donner der Explosion eines Pulvermagazins glich. Der Himmel schien ein ungeheures Flammenmeer zu sein, welches, durch unsichtbare, aber allgewaltige Kräfte aus seinem umfangreichen Bette getrieben, sein feuriges Verheeren über alle Dinge in der Runde auszu gießen drohte. An manchen Stellen des schwarzen Dampfes übrigens, welcher sich damals über den Himmel auöbreitete, er glimmte der Blitz nur gelegentlich in schwachen Lichtstreifen, wie wenn er sich ohne Erfolg anstrengte, seinem Gcfängniß zu ent wischen, die unwegsamen Abgründe der geräumigen Magazine erleuchtend, in welchen er zuvor erzeugt und eingesperrt war,104 Nach Indien. aber zu schwach, sie zu durchbrechen. So schwer und anhaltend war der Regen, daß durch ihn kaum etwas wahrnehmbar war, außer-den lebhaften Durchbrüchen von Licht, welche nichts zurück halten oder abwehren konnte. Der Donner war so schmerzhaft laut, daß er oft Ohrensausen verursachte; es schien, als wenn Minen im Himmel sprängen, und in meiner Phantasie war eine der sublimsten Dichtungen der heidnischen Fabel in diesem Augenblick vor mir verwirklicht: ich hörte einen Sturm der Ti tanen. Die Brandung stieg durch den Wind und zerstreute sich in dünnen Schaumwellen über die Esplanade, welche mit dem weißen Schaum förmlich gepudert erschien. Sie erstreckte sich mehrere hundert Ellen weit von Strande; Fische, über drei Zoll lang, fanden sich auf den flachen Dächern der Häuser in der Stadt, sei es, daß sie durch die heftigen Windstöße oder durch die in biefci* Jahreszeit sehr häufigen Wasserhosen dahin gelangt waren. Dieses sonderbare.Phänomen wiederholt sich alle Jahre in der Zeit der Tropenstürme.. Während der äußersten Heftig keit des Sturmetz war die Hitze manchmal fast unerträglich, be sonders nach dem ersten oder nach den zwei ersten Tagen, wenn der Wind zeitweise sich ganz legte, so daß kein Lufthauch fühl bar war." Wir sind zu günstiger Zeit vor Madras angelangt; die Luft ist fast ruhig und die Brandung nicht allzuheftig. Haben wir ganz kleine Boote bei uns, so können wir damit bis nahe an die Küste hinrudern, wo uns Eingeborene in ihre Massnlah's anf- nehmen werden. Ist dies indessen nicht der Fall, so müssen wir uns gleich eines solchen Fahrzeuges bedienen. Siche, da rudern schon mehrere auf unfern Dampfer los. Welch' seltsame Schiff chen sind das! Ein paar Kokosplanken, welche durch Kokosfasern verbunden sind, setzen das Fahrzeug zusammen, das einen ebenen Boden und hohen Bord hat. Die Fugen sind nicht kalfatert,Nach Indien. 105 sondern mit Kokosfasern verstopft, wodurch das Boot noch elasti scher und nachgiebiger gegen die Wellen geinacht wird; denn Nachgiebigkeit ist für einen Kahn, der durch störrische Wogen sich Bahn brechen muß, die erste Tugend. In ein solches kippeliges Ding steigen wir von dein stolzen Dampfer hinab. Sobald die Zahl der Passagiere voll ist, stößt das Boot ab. Nach wenigen Nuderschlägen gelangen wir in das Gebiet der Brandung und wir werden sammt unserer Nußschale unbarmherzig auf- und ab- gcschleudert. Jetzt erhebt sich der Steuermann, stampft mit den Füßen und schreit den Takt, in welchem die Ruderer arbeiten müssen, die ebenfalls ein fürchterliches, cxaltirtes Geschrei erheben, das wenig beiträgt, uns zn beruhigen. Die Ruderer arbeiten vor der brandenden ÄZelle immer so lange rückwärts, bis eine günstige Woge das Fahrzeug erfaßt; ist dieser Augenblick herbci- gekommen, so schiebt das Boot mit ungeheurer Geschwindigkeit vorwärts. Inzwischen müssen alle Ruder mit voller Kraft geführt werden, -damit das znrücksließcnde Wasser das Boot nicht mit sich reiße; denn geschieht dies, so wäre die Mühe vergeblich anfgewendet worden. Diese anstrengende Arbeit muß so oft wiederholt wer den bis das Boot endlich von einer Welle auf den Strand ge worfen wird. Gewöhnlich muß es noch ein Stück auf dem Sande im Wasser fortgezogen werden, und die Passagiere müs sen, wenn sie trockenen Fußes das Festland betreten wollen, sich zuletzt noch auf Stühlen dahin tragen lassen. Mit so viel Schwierigkeiten ist die Landung bei Madras verknüpft. Wir unterwerfen uns ihnen indessen gern und'sind gewiß damit zufrie den, wenn wir nur wohlbehalten an's Land kommen. Ein noch seltsameres Schauspiel, als die Fahrten in den Massnlahs gewähren die Fischer in ihren Kantamaran's. Das sind floßähnliche Fahrzeuge, die aus zwei oder drei Kokosstämmcn bestehen, welche mit Stricken znsammcngebnnden, U Fuß breit106 Nach Indien. und 8 bis 10 Fuß lang sind und vorn in einen kleinen Schna bel auslanfen. Auf einem solchen Floß sitzen zwei Ruderer, die Beine unter dem Körper eingezogen und auf die Hacken zusam- mengekauert; mit ihrem Oberleibe müssen sie das kleine Fahr zeug balanciren. Versieht cs Einer darin, so kippt das Ding um und es ist nicht zu selten, daß der Eine oder Andere in's Was ser sinkt; zuweilen wird wohl auch ein Mann durch die Wellen von seiner schmalen Unterlage herabgerissen. Zum Glück können diese verwegenen Ruderer gut schwimmen und es gelingt ihnen daher in der Regel, das Floß wieder zu gewinnen. Auf solchen Fahrzeugen werden zu den Zeiten, wo die See zu hoch geht und größere Boote nicht ausgelassen werden können, kleine Quantitä ten von Lebensmitteln und Briefe auf die 'Schiffe, die auf der 'Rhede liegen, gesendet. Damit die Briefe bei etwa vorkommen- dcn Unglücksfällen nicht naß werden, werden sie in die spitze, dicht geflochtene und fest anschließende Strohmütze gethan, welche den Kopf der Ruderer bedeckt. Dort sind sie sicher verwahrt und kommen stets trotz allerlei Wechselfällc unversehrt an ihre Adresse. Doch sehen wir uns nun auch in Madras selbst, wo wir gelandet sind, noch etwas um. Wir haben hier die zweite Stadt des indobritischen Reiches vor uns, die wohl an 6- bis 800,000 Einwohner zählt, worunter etwa der fünfte Theil in der soge nannten „schwarzen Stadt" wohnt, das ist das Madras der Ein geborenen, worin sich Hindus und Mudamedaner aufhalten, wäh rend in den übrigen Stadttheilen Europäer verschiedener Nationen, besonders aber Engländer wohnen. Ein Hänsermeer von 30 bis 40 Tausend Gebäuden bedeckt den Boden; darunter sind wohl 1000 Tempel verschiedener Glaubensgenossenschaften. Das euro päische Fort dicht am Meere, die Stadt der Einheimischen im Rücken desselben, Vorstädte und Bazare in allen Richtungen,Nach Indien. 107 und dazwischen hin freie Plätze, Kunstteiche, Baumgänge, Gär ten und Parks mit europäisch-indischen Landhäusern füllen den an 4 Stunden Umfang haltenden Raum aus. Wir können auf belebten Straßen an Hütten und Palästen vorüber bald auf freier luftiger Fläche, bald zwischen dem dunkelsten und dichtesten Grün Stunden lang hiufahren. Von einem hohen Dache herabgeseheu, macht die Stadt, mit Ausnahme des Forts und der „schwarzen Stadt", fast den Eindruck eines hie und da gelichteten Waldes. Einen fast ganz europäischen Anblick gewähren die Stadttheilc der Weißen. Begeben wir uns auf den Korso am Ufer, so bie tet sich uns ein seltsames Schauspiel, die Kultur Asiens und Europa's in buntcin Durcheinander. Da schauen wir die rei chen englischen Handelsherren in ihrem Glanze; ein unendliches Gewühl von Pferden und Wagen erfüllt Straßen und Plätze. Zu Fuß geht kein anständiger Mensch; wer es wagt, auf seinen eigenen Beinen sich zu bewegen, gilt entweder als sehr arm oder als verrückt. Mitten aus dem Getümmel vernehmen wir plötzlich ein sonderbares Stöhnen, das sich rasch nähert. — Was hat das zu bedeuten? Siche, da naht sich Etwas, was uns noch nicht begegnet ist. Acht braune Träger schreiten rüstig einher und tragen ans ihren Schultern an einer Stange einen sargähnlichen schwarzen Kasten, in welchem bequem hinge streckt ein Mann liegt. Das ist das beliebte Transportmittel in Ostindien, der Palankin oder Palki. Die Träger sind Men schen des niedersten Standes, die mau hier Pfcrdedieuste thun läßt. Uns schaudert vor dieser Entwürdigung des Menschen; 'mit Abscheu und Widerwillen wenden wir den Blick weg von einer Sitte, die sich leider noch nicht hat abschaffen lassen. Wir lenken unfern Schritt nach den ländlichen Niederlassungen der reichen Engländer, die hier in prächtigen Häusern ein üppiges Leben führen. Jedes Haus ist von einem herrlichen Garten um-108 Nach Indien. geben, und zwischen den Gärten ziehen sich zahlreiche Alleen von Birmanen, Hibiskus und Feigenbäumen hin. Wie ein breites Band umziehen diese Gärten im Süden und Westen das Fort und die „schwarze Stadt." Letztere breitet sich hinter der Häuser reihe der Kauflente am Kai (Uferstraße) ans, und an sie schlie ßen sich die Vorstädte und Dörfer der Indier an, deren Woh nungen zwischen Gärten und Bäumen unregelmäßig durch einan der gebaut sind. Die Häuser der Eingeborenen in der schwar zen Stadt sind niedrig und einstöckig, von Backstein erbaut; die Wohnungen in den Dörfern sind dagegen bloß runde Lehmhütten, bedeckt mit Palmcnblättern. Dem Fort gegenüber liegen die klei nen Bazars, deren Straßen von Menschen wimmeln. Sehr berühmt ist Madras durch seinen Perlen- und Edel steinhandel und besonders berühmt sind seine Schlangenzähmer und Taschenspieler. Als der Prinz Waldemar von Preußen hier weilte, fanden sich eines Nachmittags mehr als ein halbes Dutzend solcher Gaukler, Männer und Kinder, am Hause des Gouverneurs ein und ließen die wunderbarsten Kunststücke sehen. So z. B. zogen sie, immer mit untergeschlagenen Beinen auf der Erde sitzend und Nichts weiter als einen Sack vor sich habend, aus einem Kerne einen Baum, den sie auf allerliebste Weise die verschiedenen Stufen des Wachsthums durchmachen ließen. Dann nahmen sie die Haut einer Brillenschlange vor, machten daraus eine lebendige Schlange und hetzten sie mit einem Ichneumon unter großem Geschrei und sonderbaren Tönen zu einem erbitterten Kampfe zusammen. Weiter nahmen die Tausendkünstler allerlei gefähr liche Sprünge vor. So sprangen die Hexenmeister durch die eigenen Arme, an denen sie zwei Säbel befestiget hatten. Es war haar sträubend anzusehen, wenn die Köpfe zwischen den scharfen Kan ten zweier Messer hindurchpassiren mußten, während der Körper diese verwegenen Sprünge ausführte. —109 Nach Indien. Doch werfen wir unsere Blicke auch noch auf das Volks gewühl! Siehst du da den englischen Pariah mit den Stol- penstiefeln unter dem Baume stehen? Er hält einen klei nen Spiegel in der Hand, während der Bader den Djun- gel seiner Wangen lichtet. Siehst du da den Erzähler kauern? Er hat einen großen Kreis um sich versammelt; „still ist's und jedes Ohr hängt an des Alten Munde." Siehst du da die raschwandelnde Gruppe in langem weißen Gewände? Es sind heimeilende Schreib- und Rechengeister ans den öffentlichen und kaufmännischen Bureau's. Siehst du da die Männer und Frauen mit den grünen Bündeln vor sich? Es sind die Leute, die das Gras, das sie au Wegen, Hecken u. s. iv. während des Tages mühsam gestochen haben, hier nun an die Pferdeknechte, — das Bündel für einen guten Groschen — verkaufen. Siehst du da die weißen Ochsen lagern und die lustigen Feuer brennen? Dort rasten Kärrner, die an ihrem Theile die große Stadt mit den Erzeugnissen des Landes versehen haben. Sichst du da den sonderbar'geformten Wagen — rundlich, eng, hoch und spitz, mit den neidischen Vorhängen? Vornehme Hindufrauen lassen sich darin spazieren fahren Doch genug, wir würden sonst kein Ende finden, wollten wir alle bunten Bilder betrachten, die uns die Riesenstadt bietet. Nur der Freiheit und des idyllischen Le bens wollen wir noch gedenken, das uns bei der Rast in indi schen Häusern zu Theil wird. In die immer offene Stube der Wohnungen dringen ungehindert herein Frosch, Eichhörnchen, Huhn und Hund, gelegentlich auch Truthahn, Kuh, Ochs und Pferd. Die indischen Fledermäuse fragen überhaupt nie um Erlaubniß; oft umschwirret uns ein ganzes Dutzend. Die Hunde entfernen den Zwieback, den wir mitgcnominen, und wenn sich zuweilen ein Huhn auf's Bett setzt, so müssen wir auch diese Gemüthlichkeit heiter hinnehmen. Nur die Elephanten dringen uns ihren hohen110 Nach Indien. Besuch nicht ans; sie begnügen sich, mit einer höflichen Verbeu gung vorüber zu schreiten, weil das Zimmer für sie zu nie drig ist. Begeben wir uns, einige Meilen südlich von der Stadt, so stoßen wir auf einen isolirten kleinen Felshügel, der auf seiner Spitze eine schöne armenische Kirche trägt und zugleich eine Mili tärstation enthält. Daö ist der Sankt Thomas Mount oder Berg. Dieser Name deutet auf den Apostel Thomas zurück, von dem erzählt wird, daß er sich behufs der Ausbreitung des Christen thums, einst hier niedergelassen habe und von dem man auch das Grab noch heut hier zeigt. In der That leben in Indien Chri sten aus alter Zeit unter dem Namen ThomaSchriften. Ur sprünglich hatten sie eigene Könige; nach der Landung der Por tugiesen stellten sie sich aber unter den Schutz derselben. Die Portugiesen suchten sie zur katholischen Lehre zu bekehren und es gelang ihnen auch zum Theil. Als später die Holländer in In dien mächtig wurden, kräftigte sich die andere vom Papst unab hängige Partei und so zerfielen denn die Thomaschristen in zwei Abtheilungen, und so ist es noch heute. Die Zahl der freien Tho maschristen schätzt man auf 60,000 mit sieben Kirchen, die dem Papste unterworfenen aber auf 90,000 mit 97 Kirchen. Letztere sollen sich in einem fast heidnischen Zustande befinden. Auf der Küste Malabar (im Westen) oder vielmehr in den daran sto ßenden Bergen der Ghats finden sich dergleichen Christen. Sie haben die Glocken gewöhnlich im Innern der Kirche, weil die Hindus behaupten, daß das Glockcngeläute ihre Götter erschrecke. In den freien Thomaschristengemeinden ist der Gottesdienst fast noch so, wie er in den ältesten Zeiten in Antiochien in Syrien üblich war; während der Gebete bei der Liturgie tritt oft eine Pause ein, da betet der Priester nnt halber Stimme und Jeder still für sich selbst. Unterricht durch Predigt ist nicht sehr üblich.111 Nach Indien. Gegenwärtig versuchen Missionare der englisch-kirchlichen Gesell schaft diese Christen auf den Standpunkt der abendländischen evangelischen Kirche heraufzuziehen. Wenden wir uns noch weiter nach Süden bis ans etwa 7 Meilen von Madras, so treten wir vor ein altiudisches Bau werk, das weit und breit berühmt ist. Es sind die Pagoden von Mahamalaipur, die wir hier antreffen. Die Inder oder Hindu sind seit Jahrtausenden in Ostindien ansässig, und daß sie schon in. früher Zeit einen nicht unbedeu tenden Grad von.Kultur besessen haben müssen, verrathen u. a. auch ihre Bauten, von denen manche mehrere Tausende von Jah ren alt sein mögen. Diese Denkmäler sind nach ihrer Ausfüh rung von dreifacher Art; entweder sind cs Felsentempel unter der Erde, oder Felsentempel über der Erde, oder endlich eigent liche Gebäude. In Mahamalaipur haben wir ein Baudenk mal der zweiten Art vor uns. Hier stehen ungeheure Blöcke von grauem Syenit, von denen jeder einzelne ein Prachttempel ist, den zierliche Figuren und Schnitzwerk schmücken. Bilder von Göttern, Menschen und Thieren, alle erhaben und ungeheuer groß in das feste Gestein gearbeitet, bedecken die Flächen der riesigen Felsen. Daneben erblickt man andere bearbeitete Felsen, die Grotten, Säle und Zimmer und andere Anlagen vorstellen. Auch sieht man eine zur Herberge ausgehauene, durch mehrere Reihen von Pfeilern gestützte Grotte. Auf einem der Berggipfel ist ein Felsensitz, in ioelchem man einen Königsthron erkennen will. Einst mögen noch mehr dergleichen Werke hier gestanden haben; wahrscheinlich sind viele derselben vom Meere verschlungen worden. Nach der Aussage der Inder stand hier einst in der That eine ganze Fel senstadt. Wünschen wir noch mehrere derartige Baudenkinäler zu sehen,112 Nach Indien. so fehlt es. uns nicht an Gelegenheit dazu. Begeben wir uns zu diesem Zwecke von dem ' etwa 25 Meilen breiten niedrigen Küstenstriche, der den Namen Koromandel führt, westwärts nach dem fruchtbaren Hochlande, welches die Halbinsel Dekhan in einer Größe von etwa 37,000 Hi Meilen bei der Höhe von 3- bis 4000 Fuß erfüllt. Nachdem wir beit Ostrand dieses Hoch landes, die Ostghats genannt, überstiegen oder, wenn wir uns eines Ochsenwagens bedienen, überfahren haben, betreten wir das Ge biet des Ni za m von Golkonda, der sein Land unter der Ober herrschaft der Engländer regiert und in Hyderabad residirt. Wir besuchen diese au 200,000 Einwohner zählende Stadt und wen den uns dann noch weiter nordwestlich nach Aurunghabad, die ebenfalls noch dem muselmännischen Nizam gehört und 60,000 Einwohner hat. Diese Reise wird uns allerdings viele Beschwerden machen, insbesondere wegen des traurigen Mangels an Wirthshäusern; denn nur an den Hauptverkehrswegen hat die englische Regierung Rasthäuser oder Bangalo's errichten lassen. Es bleibt uns nichts Anderes übrig, als alle Bedürfnisse, die wir unterwegs nicht erhalten können, selbst bei uns zu führen. Unser indischer Begleiter, den wir uns als Führer angenommen haben, versorgt sich daher init Bier, Wein, gesalzenem Fleisch, Reis, Kartoffeln u. s. w. ans so lange Zeit, als es nöthig er scheint. Als Brot muß uns ein flacher Pfannenkuchen ans Mehl, Wasser und Salz genügen, denn das ist das gewöhnliche Brot der Eingeborenen, das indessen täglich frisch bereitet wird. Was uns sehr zu Statten kommt, ist der Umstand, daß die erblichen Oberhäupter der Dörfer, die Patells, die Verpflichtung haben, den Reisenden Holz, Gras, Milch n. s. w. gegen billige Vergütung abzulassen. Haben wir einen angesehenen Engländer in unserer Reisegesellschaft, so erhalten tvir auch Ochsen, Karren, Schafe, Hühner und was wir sonst brauchen. Mächtige Einge-Nach Indien. 113 Borate und mit einem Freipaß versehene hohe englische Offiziere haben's freilich noch besser; denen muß Alles, was sic nur begehren, umsonst geliefert werden. Wenn solche hohe Herren reisen, was nicht ohne ein großes Gefolge geschieht, so tvird den Verpflichteten die Abgabe mitunter so lästig, daß nicht selten ganze Gemeinden mit ihren Habseligkciten und ihrem Vieh ans mehrere Tage in die nächsten Berge und Jnngle's auswandern, so daß dann die hohen Herrschaften in leere Häuser cinzichen müssen. Da wir ehrlich bezahlen, so flieht Niemand vor uns; im Gegentheil weist inan uns freundlich nach dem Schuppen, der in jedem Dorf als Absteigequartier für Fremde errichtet ist. Für den festgesetzten Preis liefert man uns Holz, Gras u. s. f. Die Töpfe, welche man uns bringt, sind stets neu; denn es darf in Indien Niemand aus einem Topfe trinken, oder ihn sonst benützen, der bereits einem Andern Dienste gethan hat. So will es das Kastenwesen, das hier viel schärfer hervortritt, als in Ceylon. Wenn wir abreisen, werden daher auch jedesmal die Töpfe zerschlagen. Für den Fall, daß uns etwas gestohlen werden sollte, genießen wir englischen Schutz, sobald wir Unter* thanen der ostindischen Kompagnie sind; denn diese hat durch ihre Regenten dafür gesorgt, daß das Dorf, wo wir bestohlen wurden, oder der indische Fürst, in dessen Gebiet uns das Unglück passirte, den Werth ersetzen muß. Besser ist's, wo wir auf Bungalow's treffen. Freilich bieten diese Rasthäuser bei Weitem nicht die Bequemlichkeiten unserer Gasthäuser, aber nichts destoweniger hat das Bnngalow- leben seine Reize. Auf einen, meist zientlich schmutzigen Tisch, ein paar Stühle, unter denen es selten an einem armen Krüppel fehlt, und eine leere Lagerstätte, die oft genug von gewissen kleinen Wesen vorweg in Beschlag genommen ist, darf man jeden falls rechnen. Der Herr Wirth ist fast stets ein alter, ansge- Kutzner, Statur-, Reise- u. Lebensbilder. $114 Nach Indien. biertter, zuweilen zum Krüppel gewordener Soldat (Sipahi). Die Sache ist nur, daß man seiner habhaft wird. Das ist, wenn man bei Nacht ankommt, nicht immer so leicht: er muß vielleicht erst aus dem benachbarten Dorfe geholt werden, oder im Bungalow selber der Winkel ausfindig gemacht werden, wo er auf seinen Lorbeeren gewöhnlich sehr tief schläft. An Nahrungsmitteln stehen Wasser, Milch und Eier, ein Huhn und, wenn's hoch kommt, ein Fisch zu Dienste. Es hängt eine Preisliste im Bungalow, aber der Uebelstand ist besonders der, daß die genannten Artikel nicht immer zu haben sind. So wird Einem in jedem Bungalow Tapir, d. i. eine Art saure Milch, angeboten, und zwar eine große Portion mit Sahne oben ein für einen guten Groschen; wenn man aber zugreifen will, so steht sie meist eben nur auf dem Papiere. Der eigentliche Reiz des Bungalowlebens besteht aber darin, daß man da so ungenirt wie im eigenen Hause lebt, und vor einem allzu neugierigen Besuche aus dem benachbarten Orte ohne Weiteres die Thüre zuschließen kann. Nur, wenn's an's Einpacken geht, stellen sich zwei Personen regelmäßig ein: der Wasserträger und die Kehr frau. Aber auch diese gehen nach Empfang eines kleinen Geschenks gern ihre Wege. Sind wir in Aurunghabad angelangt, so bedarf es nur noch eines kleinen Marsches in nordwestlicher Richtung und wir sind bei den weltberühmten Felseng rotten von Ellore, welche zu den Bauwerken der erstgenannten Art gehören. Wir haben hier ein Felsengebirge in Gestalt eines Hufeisens vor uns, dessen Enden über eine halbe Meile weit von einander entfernt sind. In dicsein Felsengebirge befindet sich eine Reihe von Tempelgrotten, oft zwei, drei Stockwerke übereinander, bald mit einander in Verbindung stehend, bald von einander getrennt, aber immer mit vielen kleinen Grotten versehen. Wo der Haupttempel ist, läßt sich nicht gut unter-115 Nach Indien. scheiden. Einer der Tempel hat 61 Fuß Breite, 103 Fuß Länge, 142 Fuß Höhe, einen Vorplatz von 88 Fuß Tiefe und 138 Fuß Breite. Alles, was die Baukunst an Größe, Pracht und Verzierungen über der Erde kennt, sieht man hier unter der Erde: Vorhöfe, Treppen, Brücken, Kapellen, Säulengünge, Kolosse, Obelisken u. s. w. und fast auf allen Wänden Reliefs, welche sich auf die Göttcrlehre beziehen. Vorzüglich ist es der Gott der ältesten Inder, der Gott des Himmelskreises, Indra, der Tausendäugige, welcher mit seiner Gattin Jndrani seine Wohnung im Paradiese hat, dessen Verehrung diese Tempel geweiht gewesen zu sein scheinen. Indra selbst ist in dem angeführten Tempel auf einem liegenden Ele- phanten und seine Gattin auf einem Löwen sitzend dargestellt. Ein Göttergeschlecht ist in ihrem Gefolge, meist Fußgänger, einige auf Elephanten reitend, andere auf Wagen sitzend, mit Bogen, Keulen, Schwertern u. s. w. Auf dem freien Platze, zu welchem man durch einen großen Eingang gelangt, steht ein zweiter Tem pel, indem ein ganzes Stück Felsen, das man stehen ließ, in Pyramidenform als Pagode behauen worden ist. Der Reichthum, die Sorgfalt, die Abwechselung und der wundervolle Bau dieses Tempels ist über alle Beschreibung erhaben. Lenken wir unsere Schritte in südwestlicher Richtung auf die Gegend zwischen Bombay und Puni, so erblicken wir in der Tempelgrotte zu Karli ein neues Wunder. Obwohl nicht so riesig groß, wie andere ähnliche Tempel, so sind die hier vor uns liegenden dennoch wegen ihrer Vollendung in der Ausfüh rung höchst anziehend. Der Haupttempel ist 126 Fuß lang und 64 Fuß breit. Die Decke ist gewölbt, durch Pfeiler unterstützt und endet in einer Rundung, in welcher eine Kapelle mit einer Kuppel steht. Die Mauern des Vorhofs sind mit Reliefs be deckt, welche theils Elephanten, theils menschliche Gestalten dar stellen, darunter auch den Buddha. Die Brahmagläubigeu, wo- 8 *116 Nach Indien. zu die meisten Inder gehören, geben diesen Tempel für ein Werk der bösen Dämonen aus, und dulden keinen Gottesdienst darin, wahrscheinlich weil er von den Buddhisten benutzt worden ist, die einst in Indien zahlreich waren, aber von den Brahmagläubigen vertrieben wurden. Um noch einige andere berühmte Baudenkmäler Indiens kennen zu lernen, steigen wir von dem Hochlande von Dekhan über den Westrand derselben, die waldgekrönten West-Ghats von 44 Tausend Fuß Höhe hinab in die schmale Küstenebene des Westens. Unser nächstes Ziel ist die Stadt Bombay, eine starke Jnselsestung mit vorzüglichem Kriegshafen und 566,000 Einwohnern. Unternehmen wir zuvörderst eine Spazierfahrt durch diese gewaltige Stadt, um einen Einblick in das Thun und Treiben der Orientalen in dieser Gegend des Landes zu gewinnen. Zu beiden Seiten uingeben uns leicht gebaute Häuser, deren große Unregelmäßigkeit und bunte glänzende Farben sie aber sehr ma lerisch erscheinen lassen. Fast alle Läden sind ohne Fenster und in denselben erblickt man neben den Eisen-, Wollen- und Topf- waaren Europa's die Perlen des persischen Golfs, Gold und Silber nebst Edelsteinen Golkonda's in Dekhan. Hier sind die farbenhellen, geschmackvollen Teppiche Persiens neben vergoldeten Taschen, Ambramundstücke und silberbeschlagene Pfeifen ausgestellt; dort glänzende Seidenstoffe, Galanteriewaaren und kühle Matten aus China, dort kunstvolle Teppiche aus Kabul und Herat, hier mit Gold ansgelegte Säbel Beludschistans neben den gestickten Shawls aus Delhi und Kaschmir, schiunnernde Ohrringe, Arm bänder aus Golkonda, Goldgewebe aus Surate. Hier sitzt ein persischer Banquier mit gekreuzten Beinen, scharfblickend, auf Säcken voll Gold-, Silber- und Kupfermünzen, dort ein indischer Kaufmann inmitten halbosfener Säcke und Schalen, die mit117 Nach Indien. Getreide aller Art angefüllt sind. In dem einen Gewölbe sind Ballen von Manufakturwaaren ans Manchester, Glasgow und Leeds aufgestapelt, in einem andern ungeheuere Massen hölzerner Kisten voll Opium, Gewürze, wohlriechende Maaren und voll fataler Assa fötida oder Teufelsdreck. So verschieden wie die Handelsartikel ist auch die Bevöl kerung der Stadt. Da wandelt der Hindu in seinem fleckenlosen, Weißen Gewände und dem purpurrothen oder gelben Turban, der Parse mit seiner karmoisinrothen Mütze, der Muselmann in dunkelm Turban und hellfarbigem Oberkleid, der Afghane mit langen, wallenden Locken, schwarzem Bart und Heller Gesichts-, färbe, der Perser im gestreiften Seidenkleid und hoher Mütze von Lämmerfell, der schwärzliche Araber mit dem Kopfputz voll herabhäugender Fransen, der Studier mit der krouenartigen Mütze, der Chinese mit dem breitrandigen Strohhut, der Malahc mit den enganliegenden Kleidern. In Bombay drängen Orien talen und Occidentalen in dichtem Gewiunnel durch einander. Der persische Schiit (die Schiiten sind eine muhamedanische Glaubenssekte; die andere sind die Sunniten) bringt Datteln und Rosse aus Ormus in Bassora, welche der gläubige Sunnit aus Dschidda (in Arabien), der bedächtig seinen langen, raben schwarz gefärbten Bart streicht, ihm abkauft, nachdem er seine Myrrhen und seinen Kaffee an den Armenier mit dein weiten schwarzen Gewände und der Mütze aus Schaffell abgesetzt hat. Neben dem Beduinen, der die Wüste verließ, schleudert der Matrose aus Kanton, neben dem blonden, blauäugigen Germa nen der schwarze, dicklippige Abyssinier. Die Parsen, Nachkom- men der alten feueranbetenden Perser, sind die Mäkler und Kaufleute von jProfession. Gegen Sonnenuntergang erscheinen sie zu Hunderten auf dem breiten Wege, der Bombay in zwei ungleiche Theile sondert. Dort halten sie eine Art Börse, ver-118 Nach Indien. handeln über Geschäfte und murmeln ab und zu ihre unverstan denen Gebete. Ist die Sonne hinter den palmbedeckten Höhen der Küste verschwunden, so kehren sie heim. Ueberblicken wir die Stadt im Ganzen und ihre Lage, so gewahren wir, daß ihr Häusermeer auf einer Insel sich aus breitet. Die dem Lande zugekehrte Seite wird von Kokosbäumen beschattet und von dem Wasser einer ruhigen Bucht bespült, während die dem Ocean zugewendete Seite steil abfällt. Die unmittelbare Umgebung ist indessen öde, weil der Boden dürr und unfruchtbar ist. Die Lebensmittel werden daher theils vom Festlande, theils von dem nahen Salsctte bezogen. Bereits führt eine Eisenbahn von Bombay nach Salsctte, und soll dieselbe ins Innere des Landes, wie die Küste entlang nach Nord und Süd weiter geführt werden. Begeben wir uns nach der fruchtbaren Insel Salsctte; denn hier begegnen wir abermals weltberühmten Baudenkmälern. Es sind hier die Felsentempel von Kennerh, die unsere Be wunderung erregen/ Am meisten fesselt uns der Hanpttempel. Derselbe bildet ein längliches Viereck, 100 Schritt lang und 40 Schritt breit, und besteht ganz anö massivem, hartem Felsen. Am Ende des Tempels, der in eine Rundung zuläuft, ist eine Kuppel, ebenfalls, wie alles Andere, aus dem Felsen gehauen. Die hohen Säulen und die gewölbte Decke dieses Haupttempels gewähren einen sehr erhabenen Anblick. Zwei andere etwas kleinere Tem pel in seiner Nähe haben mehrere Stockwerke über einander, deren Inneres nicht minder großartig ist als beim Haupttem pel. — Eine in den Felsen gehauene Treppe, die bis zum Gi pfel emporsteigt, führt zu kleinen Höhlen, welche meist aus zwei Gemächern, einer Halle und in Felsen gehauenen Bänken be stehen. Mit jeder ist eine in den Felsen gehauene Cisterne ver bunden. Diese Gemächer haben wahrscheinlich einstmals zumNach Indien. 119 Aufenthalte der Buddhistischen Priester und ihrer Zöglinge ge dient; denn daß wir hier buddhistische Knnstüberreste vor uns haben, beweisen zahlreiche Buddhasiguren. Unweit Salsctte liegt die Insel Elephante, welche eben falls reich an Felsentempeln ist. Sie hat ihren Namen von einem etwas über Lebensgröße in Stein gehauenen Elephanten, der gleich am Landungsplätze steht.' Sowohl der Hanpttcmpel als die Nebenanlagen sind ganz aus Felsen ausgehauen. Ohne diese Nebenkammern und Kapellen hat er eine Länge von 120 Fuß und eine gleiche Breite. Bor dem Haupteingange nach der Nordseite, also gegen die Sonne gesichert, ist eine durch Kunst gemachte Esplanade, von der man eine großartige Aus sicht auf das Meer genießt. Zwei Seiteneingänge lassen es nie an frischer Luft fehlen. Der über der Felsengrottc lie gende Felsenberg wird von vier gleichgestalteten und in gleicher Entfernung von einander stehenden Reihen Pfeilern getragen, welche der Baumeister von dem Felsen hat stehen las sen, so daß sie dadurch prachtvolle Gänge ans dem einen Haupt eingange bilden und hinten bietet sich, gerade in der Mitte, als Haupt- und Endpunkt, dem Auge ein kolossales Brustbild von 13 Fuß Höhe dar. Es besteht aus drei Köpfen und stellt ent weder die indische Götter - Dreieinigkeit: Brahma (Schöpfer), Wischnu (Erhalter), Schiwa (Zerstörer), oder auch bloß den Schiwa dar, dein man auch die Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung zusammen zuschreibt. Die Seiten des Tempels sind mit ähnlichen Gruppen besetzt; Ordnung, Regelmäßigkeit und das Ebenmaaß des Ganzen setzen Jedermann in Erstaunen, der dieses Wunderwerk der Baukunst betrachtet. Ein Engländer macht von dem Eindrücke, den er hier empfing, folgende Schil derung: „Bon dem Glanze der tropischen Sonne während des Tages, vom Landungsplätze bis zum Tempel, war unser Auge120 Nach Indien. ganz geblendet, und es dauerte einige Zeit, bis es sich an das Halbdunkel dieser unterirdischen Gemächer gewöhnte und die Gegenstände bei dem schwachen Lichte hinlänglich zu erkennen ver mochte. Wir blieben einige Minuten erstaunt stehen, ohne mit einander zu sprechen, ja ohne uns nur einmal anzusehen. Nach- dem uns das Dämmerlicht der Höhle einigermaßen gewohnter geworden, beharrte mein' Gefährte fortwährend bei seinem Schweigen. Endlich gestand er, wie groß auch der Schwung seiner Einbildnngskraft vorher gewesen, so sei er doch durch den Anblick dieser ganz außerordentlichen Kunstwerke so in Erstaunen und Entzücken versetzt worden, daß er sich selbst vergessen habe. Italiens und Griechenlands bewundertsten Kunstwerke habe er gesehen, aber nie Etwas, was ihn so außerordentlich ergriffen." Wie nur die alten Inder auf den seltsamen Gedanken ge kommen sein mögen, ihren Göttern solche unterirdische Woh nungen zu bauen? Ein Blick auf die Natur des Landes gibt uns den erwünschten Aufschluß. Die Hitze ist hier so groß, daß jede unterirdische Grotte dem Menschen ein willkominener Aufent haltsort ist; dort ist'er gesichert vor dem brennenden senkrechten Sonnenstrahl; hierher vermögen auch während der nassen Jahres zeit keine Regengüsse einzudringen. Wo aber der Sterbliche sich selbst Wohnungen ersehnt und erbaut, da wünscht und erschafft er sic auch seinen Göttern. Die Ahnung des Ewigen war es, welche Hütten zu Tempeln erhob, und jene Tempelgrotten mußten um so natürlicher entstehen, je mehr man den Ewigen durch die Un- vergänglichkeit der Denkmäler sinnbildlich darzustellen beabsichtigte. Am zahlreichsten sind jedoch die Tempel der dritten Art, die als eigentliche Gebäude sich frei erheben. Im Norden der Halb insel sind diese Tempel meist von den Muhamedanern zerstört worden; in Dekhan und auf der Koromandel-Kttste dagegen finden sie sich überaus zahlreich. Hier hat jedes Dorf seine Pagode.Nach Indien. 121 Von besonderer Berühmtheit sind die zu Tanjore (am Kawerh), zu Chalambrom und zn Jaggernaut (südlich von Kattak). Zu Chalambrom umschließt eine doppelte Einfassung die Heiligthümer. Die äußere bildet ein großes regelmäßiges Vieleck, genau nach den Weltgegenden aus Backsteinen gebaut und mit Quadern be legt; die innere ist ganz ans Quadern. Jede Seite hat ein prächtiges Thor von 32 Fuß und über jedem Thore eine Pyra mide von 150 Fuß Höhe, von oben bis unten mit Götter- und Thiergestalten bedeckt. In dieser großen Einfassung befinden sich die heiligen Gebäude und Anlagen. Die Mitte enthält einen großen Teich zu den heiligen Reinigungen der Priester. An der rechten Seite liegt der Haupttempel mit seinen Einfassungen und Säulengruppen. Gleich neben dem Tempel ist im Süden ein Saal, dessen flache Decke 100 Säulen tragen, ein ähnlicher im Norden. Die. bewundernswürdigste Anlage aber befindet sich an der andern Seite des Teiches, eine Kapelle, und in deren Mitte eine ungeheuere Säulenhalle, 360 Fuß lang und 260 Fuß breit. Gegen 100 Säulen, jede 30 Fuß hoch, eine gerade Allee bildend, tragen das flache Dach, das aus großen, glatt aufliegenden Steinblöcken besteht. Alles ist mit Bildwerken reich bedeckt. Einst waren an diesem Heiligthum 3000 Brahminen augestellt; die Kosten der Unterhaltung wurden aus den milden Gaben der zahl losen Pilgrime bestritten, die zu diesem Heiligthume wallfahrteten. Aus der Zahl und der Pracht der Tempel Indiens geht deutlich genug hervor, daß die Bewohner dieses Landes ein sehr- religiöses Volk sein müssen. Und das sind denn auch die Hindu's in der Thal; kaum möchte ein zweites Volk auf Erden gefunden werden, das es mit der Ausübung der Gebote der Religion so streng nimmt, als die Hindu's. Nur Schade, daß diese Gebote dem Seelenleben Wenig oder nichts nützen, indem sie einem Glauben entsprungen sind, der von Jrrthum und Thorheit strotzt. Es ist122 Nach Indien. dies das Brahmathum, worüber die Veda's, das sind die heiligen Bücher der Hindu's, Aufschluß geben. Nach diesen Büchern glauben die Bekenner der Brahma religion allerdings an ein höchstes Wesen, das sie Bromho nennen; auch legen sie ihm alte Eigenschaften unseres Gottes bei; sie sagen, Bromho sei ohne Anfang und ohne Ende, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, unveränderlich u. s. f.; —aber, ein persönliches Wesen mit persönlichem Bewußtsein ist ihnen Bromho nicht, sondern nur die „schassende Kraft." Daher sagen sie auch: das Bromho ist ohne Verstand, ohne Bewußtsein seiner selbst und ohne Willen; viele tausend Jahre hindurch hat es geschlafen. Das heißt also: die schaffende Kraft ist dagewesen, aber sie hat Nichts geschaffen. Von solchem Schlaf und Traum des höchsten Wesens sagen übrigens die Hindu's, daß dies die höchste Seligkeit sei. Doch hat das Bromho nicht immerfort geschlafen; es er wachte einmal, fühlte einen Willen und sprach: „Ich will Viele werden." Damit ging es au die Schöpfung der Welt. Zuerst schuf es das Wasser. Dann vereinigte es alle Samenkörner der zukünftigen Welt in die. Gestalt eines Eies. Das war das Weltei. Von diesem nimmt das Bromho Besitz. 4,300 Millionen Jahre schwimmt dieses Ei auf der großen Fluth wie eine Wasser blase, leuchtete aber herrlicher als tausend Sonnen. Endlich zersprang es und — ein Wesen sprang heraus. Das war Brahma, der nun die Welt fertig schafft. Das Bromho legt sich wieder schlafen; cs ist fertig und hat Nichts mehr zu thun; es träumt jetzt wieder fort in der alten Ruhe wie vor der Ent stehung des Brahma und wird so fort träumen bis zum Unter gänge der Welt. Der neugeborene Gott Brahma ist wiederum kein persönlicher Gott, sondern bloß der Inbegriff aller Kräfte. Darum hat erNach Indien. 123 viele Köpfe, viele Augen und eben so viel Arme. Er schafft nicht, wie unser Gott geschaffen hat, sondern eS wird Alles, wie von selbst. Brahma wird ein Berg, ein Fluß u. s. w., und so sind alle Dinge entstanden. Eben so ist er das Licht des Mondes, der Sonne und des Feuers. Er verwandelt sich in einen Ele- phanten, in einen Ochsen, in ein Pferd, in diesen oder jenen Vogel, und zeugt somit alle Thiere. So zertheilt er sich in zwei menschliche Wesen und zeugt Menschen. Brahma ist also in Allem, was da ist; alle Kräfte der Natur zusammen sind Brahma. Die Elemente sind seine Augen; die großen Erschüt terungen, welche in der Geschichte durch die Welt gehen, sind sein Lachen; sein Schlaf ist die Zerstreuung der Welt. Als Feuer verarbeitet und verdaut er im Menschen und Thiere die Nahrung, als Luft erhält er die Geschöpfe am Leben; als Wasser stillt er den Durst; als Sonne reift er die Früchte, und als Mond gibt er den erquickenden Schlaf. Der Gang der Zeit ist der Schritt seines Fußes. Er sieht und hört Alles, er baut das Feld, befeuchtet es als Wolke, wird Korn und sättiget alle Geschöpfe. So lange er im Leibe wohnt, erhält er seine Lebens- Wärme; zieht er sich zurück, so wird der Leib kalt und stirbt. Kurz, der Brahmaismus ist Pantheismus, d. h. ein Glaube, nach welchem die Welt oder das Weltall die Gottheit selbst ist. ' Weil Brahma Alles und Alles Brahma ist, so betet der Hindu auch Alles an; denn jeder Körper ist ja ein Theil des Gottes. Obwohl nun Brahma nichts Anderes als die Natur ist, so betrachtet man ihn doch auch als Person. Ja, man hat ihm als Person allerlei Unsinniges angedichtet; wahrscheinlich haben ihm die Priester ihre eigenen Sünden angeheftet, damit sie die selben beschönigen können. So besitzt Brahma eine Gattin, Sarasvatti genannt. Mit dieser hat er eine Unzahl von Kindern gehabt, so daß die Zahl der alten und jungen Götter124 Nach Indien. nach und nach auf 360 Millionen angewachsen ist. Auch sagt man dem Brahma nach, daß er einst in einem Wettstreit mit dem Gotte Schiwa, den wir bald kennen lernen werden, unver schämt gelogen habe; zur Strafe dafür, erzählt man weiter, hat ihm Schiwa von seinen fünf Köpfen einen abgerissen und alle gött liche Verehrung entzogen. Bramha wird daher gewöhnlich mit vier Gesichtern und auf einer Gans reitend abgebildet, und im ganzen Lande ist ihm kein Tempel geweiht. Wegen seiner Lüderlichkeit und Ausschweifung soll er selbst den übrigen Hindugöttern ein Abscheu geworden sein. Natürlich kann eine solche Vorstellung von dem Schöpfer aller Dinge keinen veredelnden Einfluß auf die Herzen der Menschen ausüben. Von dem Weltenbaue selbst haben die Inder eine seltsame Vorstellung. Die Erde bildet den Mittelpunkt der Welt, die von der Gestalt eines Eies ist. Die Erde an sich besteht aus sieben übereinander liegenden Welten, von denen jede von der andern durch ein Meer getrennt wird. Die dem Mittelpunkte zunächst liegende Welt ist mit einem Meere von frischem Wasser um schlossen; die zweite umgiebt ein Milchmeer, die dritte ein Butter meer, die vierte ein Meer von dickem Milchrahm, die fünfte ein Weinmeer, die sechste ein Syrupmeer und die siebente Welt, die unsere, ein Meer von Salzwasser. Diese Meere sollen vielleicht bedeuten, daß jedes der bezeichneten Stoffe in einer andern Welt seinen Ursprung habe. Die Erde denken sich die Hindu's als eine flache Scheibe, die auf einer Schlange mit vielen Köpfen ruht, und diese wieder auf einer Schildkröte. Wenn die Schlange einen ihrer Köpfe schüttelt, so entsteht ein Erdbeben. Mitten auf unserer vom Salzmeer umflossenen Erde erhebt sich der Berg Sumeru. Er soll an 100,000 Meilen hoch sein. Er hat drei goldene Gipfel, auf welchen die drei Hauptgötter: Brahma, Wischnu und Schiwa, residiren. Die höchsten WolkenNach Indien. 125 erreichen nur ein Drittheil von der Höhe des Berges. Am Fuße dieses Bergriesen stehen vier kleine Berge, auf deren jedem ein Mangobaum über 1000 Stunden hoch gewachsen ist. Diese Mangobäume tragen die köstlichsten Früchte, von denen jede mehrere hundert Fuß im Durchmesser hat. Wenn sie abfallen, fließt ein Saft heraus, der die Luft mit dem süßesten Wohlge ruch erfüllt. In gleicher Weise verbreiten die, welche davon essen, auf mehrere Meilen hin einen lieblichen Geruch. Auf jenen Bergen wächst auch der Rosenapfelbaum, der Früchte von der Größe eines Elephanten trägt. So schmückt sich der Hindu das Pa radies aus. Ueber die Zeit der Welt haben die Hindn's nicht minder absonderliche Vorstellungen. Wie die Griechen und Römer die ganze Zeit und Geschichte bis auf ihre Tage in ein goldenes, silbernes, ehernes und eisernes Zeitalter eintheilten, so unter scheiden, die Hindn's vier ähnliche Zeitabschnitte, die sie Ingen nennen, und die sich nach ihrem Verlause wiederholen, so daß die Zeit sin einem beständigen Kreislauf bleibt. Die erste Periode soll 3 bis 14 Millionen Jahre gedauert haben; das war das glückselige Zeitalter, wo es keine Sünde gab; die Menschen wurden damals 100,000 Jahre alt und gegen 31 Fuß groß. Die zweite Periode soll 1 bis 2 Millionen Jahre gewährt haben; da waren nur noch drei Viertheile der Menschen gut; ein Theil war schon in Gottlosigkeit verfallen. Die Menschen lebten nur noch 10,000 Jahre und wurden nicht mehr so groß als vorher. In der dritten Periode, die 800,000 bis 1 Mill. Jahre gedauert haben soll, war die Menschheit halb gut und halb schlecht; das Alter des Einzelnen stieg bloß noch ans 1000 Jahre und die Körpergröße nahm auch noch mehr ab. Die vierte Periode soll etwa 3000 Jahre vor Christo eingetreten sein und soll 36,000 bis 400,000 Jahre dauern. In ihr ist die Menschheit zu drei126 Nach Indien. Viertel schlecht und nur zu einem Viertel gut; das Alter des Menschen erreicht im glücklichsten Falle nur noch die Höhe von 100 Jahren. Gegen das Ende dieser Inge sollen die Menschen so klein sein, daß sie die Früchte der Brindala (einer Pflanze aus der Gattung der Kartoffeln) mit einem Haken herunter holen müssen. Aus dem Allen geht hervor, daß die Hindu's an einen frühem Zustand der Unverdorbenheit und der größer,: Glückseligkeit nnsers Geschlechtes glauben, worauf immer mehr Verschlechterung und Schwachheit gefolgt sei. Sehr wahr bezeichnen sie das Elend als eine Folge der Unwahr heit und Sünde. Neben Brahma dem Schöpfer entstand aber aus den, Weltei zugleich auch Wischnu, der Erhalter, oder vielmehr die er haltende Kraft in der Natur. Dieser Gott wird dargestellt als ein schwarzer Mann mit vier Armen. Er reitet auf einem Thier, das halb Mann und halb Vogel ist. Von ihm erzählen die Hindu's, daß er sich bereits neun Mal verkörpert habe und er schienen sei. Diese Fleischwerdungen heißt man auch Inkarnationen oder Awataren. Zum ersten Male verwandelte er sich in einen großen Fisch. Warum? —Nun zur Zeit der großen Fluth stahl ein böser Dämon, während Wischnu schlief, die Vedas, und warf sie in die Fluth. Ohne diese ältesten und heiligsten Religions bücher der Hindu's konnte natürlich die Welt nicht erhalten werden. Da baten die Brahminen den Wischnu um Hülfe. Der ver wandelte sich nun in einen Fisch und suchte die verlorenen Schriften 7000 Jahre lang, bis er sic endlich fand. — Ein ander Mal war die Erde ins Meer versunken. Da erschien Wischnu in Gestalt einer großen Schildkröte, lud die Erde auf seinen Rücken und hob sie heraus. Auf diesem Rücken dreht sich noch heut die große Erdscheibe täglich herum. — Zum dritten Mal kam Wischnu als Eber. Ein böser Geist hatte die Erde trotzNach Indien. 127 jener Schildkrötenstütze noch einmal ins Wasser geworfen. Da kam der göttliche Eber, faßte sie mit seinen Fangzähnen und holte sie heraus. — Zum vierten Male kam Wischnu auf die Erde herab, als ein mächtiger König, der Gott selbst lästerte und seine Diener verfolgte. Der eigene Sohn des Königs, ein Anhänger des Wischnu, war vor dem Grimm des Vaters seines Lebens nicht sicher. Eines Tages redete der Sohn von der Allgegenwart seines Gottes. Der Vater dagegen bestritt sie und fragte endlich: „Ist er auch in dieser Marmorsäule? „Ist er darin, so laß ihn herauskommen!" Da spaltete sich plötzlich die Säule, Wischnu sprang in Mannsgestalt mit Löwenkopf und Löwenklauen heraus und zerriß den Lästerer. — Diese Mythe hat ihren Ursprung offenbar in den Kämpfen zwischen der Priesterkaste und der Kaste der Krieger, die Jahrhunderte lang gewährt haben. Aus derselben Quelle ist die folgende, die fünfte Inkarnation abzulciten. Da erschien Wischnu, um den stolzen König Maha Bali, einen Wider sacher, der Brahminen, zu demüthigen. Er erschien bei ihm als Zwerg und bettelte um drei Schritte Landes. Der König ver sprach es und goß ihm zur Beglaubigung seines Wortes aus einer Kanne heiliges Gangeswasser auf die Hände, Was ge schah? Während das Wasser ans die Hände floß, wuchs der Zwerg so inächtig, daß sein Kopf bis in den dritten Himmel hineinragte. Jetzt that der mächtige Bettler seine drei Schritte, mit dem ersten überschritt er die Erde, mit dem zweiten das Meer, und mit dem dritten die himmlischen Gefilde. So war denn Bali seines ganzen Königreiches beraubt. Weil er sich aber demüthigte und nun seinen Ueberwinder anbetete, schenkte ihm dieser die Herrschaft über die Unterwelt. — Zum sechsten Male erschien Wischnu als Parasu Rama. Es hauste nämlich in Indien ein mächtiger Tyrann aus der Kriegerkaste, der 1000 Arme und in jeder Hand ein Mordwerkzeng und noch ein Heer von 900,000128 Nach Indien. Mann hatte. Mit diesem Heere quartirte er sich bei einem Ein siedler ein, welcher zur großen Verwunderung des Tyrannen ihn und sein ganzes Heer mehrere Monate lang bewirthen konnte. Endlich kam er dahinter, daß der Einsiedler eine Kuh besaß, welche, so oft sie gemolken wurde, die köstlichsten Speisen, Gold und Silber und herrliche Kleidungsstücke lieferte. Dieses Thier, ein wahres „Tischchen decke dich!" wollte der Tyrann haben und schlug daher den Einsiedler tobt. Indessen erreichte er sein Ziel nicht; denn in demselben Augenblick, als er das Thier tödtete, bekain dasselbe Flügel und schwang sich auf zum Himmel des Brahma, welcher dem Einsiedler die seltsame Kuh geschenkt hatte. Dazu kam nun noch Wischnu in Riesengestalt als Parasu Rama und schlug den Mörder todt. Auch diese Mythe stellt das Ringen der Priester- und Kriegerkaste dar; letztere hat im Laufe der Zeit durch jene in manchen Theilen Indiens so entschiedene Nieder lagen erlitten, daß sie von den Brahminen fast gänzlich aus gerottet ist. Zum siebenten Male kam Wischnu als Rama Tschandra oder kurzweg als Rama ins Fleisch. Es hatte nämlich der König Rawana von Ceylon dem Rama seine schöne Gemahlin, die Sita,' gestohlen. Dafür wollte ihn Rama züchtigen. Zu diesem Zwecke sammelte er ein Heer und rief auch den Affenkö nig Hanuman zu Hülfe. So gerüstet zog er nach Ceylon, wo es nun gewaltige Kämpfe durchzufechten gab. Denn Rawana war ein tüchtiger Held; er hatte bloß 20 Köpfe, seines Sohnes Bett war nur 20,000 Meilen lang und sein Bruder hatte eine Höhe von 3000 Fuß. Als der Kampf entbrannte, verschlang letzterer die Feinde zu Dutzenden. Doch gelang es manchem der Verschlungenen, sich durch die Ohren und Nasenlöcher des Rie sen zu retten. In einem Kampfe wurde fast das ganze Heer des Rama niedergemachc; dieser war in tausend Aengsten undNach Indien. 129 ohne Rath. Da erhob sich ein alter Mann und berichtete, daß auf der Spitze des Himalaha ein wunderbares Kräutlein von so großer Heilkraft wachse, daß mit einem Tranke aus demselben das ganze todte Heer wieder auf die Beine gebracht werden könne. Doch müsse die Kur in dieser Nacht vor Aufgang der Sonne vorgenommen werden. Das lohnte nun Wohl den Ver such; aber wer sollte in so kurzer Zeit die Strecke von Ceylon bis zum Himalaha — es sind 700 Meilen — dnrchmessen? Auch hierzu fand sich Rath; Herr Hanuman, der Affengott, übernahm das schwere Amt. Mit einem Satze war er in den Wolken, mit dem zweiten Sprunge setzte er über's Meer und mit dem dritten war er wirklich auf der Bergspitze des Hima- laya. Nun war das Kräutlein zu suchen. Das dauerte länger als die Reise. Schon drohte der Morgen anzubrechen und noch hatte der Affengott das Pflänzlein nicht gefunden. In der Seclenangst packt er den ganzen Berg und reißt ihn aus der Erde heraus; fürchterlich knackte und donnerte es in den Tiefen, als die Wurzeln sich lösten. Doch gelang die Thal und Hanu man nahm den Berg auf seine Schulter. Rasch machte er sich nun auf den Rückweg'; doch ehe er nach Ceylon kam, stieg die Morgenröthe im Osten auf; nur noch ein paar Minuten und die Sonne erschien und damit war die Heilkraft des Kräutleins erloschen und alle bereits aufgewendete Mühe verloren. Was machen? Unser Hanuman war ein resoluter Kopf; ohne sich viel zu besinnen, eilt er schnellen Laufs zur Sonne hinüber und bittet ihren Gott, er möge doch die Güte haben, mit dem Gespanne ein wenig anzuhalten, indem Rama in größter.Gefahr sei, wenn die Sonne jetzt hervortrete. Der Sonnengott war aber ein rück sichtsloser, harter Herr; er schlug die höfliche Bitte rundweg ab. Wo Güte nicht hilft, dachte Hanuman, da muß ich Gewalt brauchen; schnell stieg er den Sonnenwagen hinauf, packte die Kühner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. g130 Nach Indien. Sonne bei den Haaren, steckte sie unter den Mantel und eilte damit nach Ceylon. Nun war er vor dem Sonnenaufgang sicher. So kam denn Hanuman mit einem Berge auf der Schulter und der Sonne unter dem Mantel glücklich in Ceylon au. Das Kräutlein ward gesunden, die Armee wieder lebendig gemacht, Ceylon erobert, Rawana erschlagen und Sita befreit. — Für die treue Hülfe in diesem Kriege und als Rama's Begleiter genießen die Affen noch heut bei den Hindu's große Verehrung. — Das große Heldengedicht, welches alle Thaten des Rama beschreibt, heißt Ramajana. Zum ersten Male erschien Wischnu als Krisch na. Er wurde von einer Schwester des Königs zu Mathura, im nord westlichen Indien (um Delhi) geboren und erschien als ein reizender Jüngling, angethan mit allem Glanze der Gottheit. In den 100 Jahren seiner Herrschaft soll er so viel Wunder gethan haben, daß die Brahminen versichern: wenn alle Meere Tinte wären, und die ganze Erde Papier, -und alle ihre Bewohner schrieben 100,000 Jahre lang Tag und Nacht, so würde es ihnen doch nicht gelingen, mit deren Auszeichnung fertig zu werden. Begreiflicher Weise wird Krischna daher außerordentlich verehrt, insbesondere im Norden Indiens, wo ihm zahlreiche Tempel ge weiht sind. Indessen sagt man ihm auch die tollsten und lüder- lichsten Streiche nach, so daß er eigentlich der gefährlichste der indischen Götter ist. So kommt er z. B. zu einer großen Schaar tanzender Hirtenmädchen. Da es an Tänzern fehlt, so wird Krischna sofort Tänzer, noch mehr: er theilt sich in so viele junge Männer, daß jede Dame einen Tänzer hat und so treiben sie mehrere Tage und Nächte ihr tolles Wesen. Insbesondere ist Krischna der Freund der Damen und wird daher von ihnen noch heut vorzüglich geehrt. — Einmal begegnet er einem alten gebückten Weibe, welches eine Last kostbaren Sandelholzes trägt.Nach Jndiert. 131 Der Gott Krischna nimmt es ihr, macht sie aber zur Ent schädigung zu einer bildschönen Jungfrau. Die schlaue Dirne will nun von dem Gotte auch wissen, wer sie heirathcn werde. Krischna dagegen fragt sie, wen sie gerne haben inöchte. Sie antwortet: „Dich selbst." Ohne Bedenken gewährt ihr Krischna die Bitte. Ein andermal wird Krischna gewahr, daß seine Kleider zu Lumpen geworden sind. Er geht deßhalb in das Haus eines Wäschers und verlangt Kleider. Da dieser ihm die bezcichnete Kleidung verweigert,' schlägt Krischna ihn todt und nimmt sich, was er bedarf. — Sein Ende fand dieser Gott, indem er als Vogel auf einem Baume saß und ein Jäger ihm einen Pfeil durch's Herz schoß. Die neunte Fleischwerdung Wischnu's ist nach der Lehre der Buddhaisten die Erscheinung als Buddha, die wir bereits in Ceylon kennen lernten. Ein Königssohn, Gautama, der um 600 v.-Chr. lebte, gab sich für eine Inkarnation Wischnu's aus und verkündigte in dieser Eigenschaft eine neue Lehre. Dieser Mann hatte sich die Bekämpfung des Brahmanenthums mit seinem Kastenwesen zuin Ziele gesetzt, reiste daher im Lande um her und trug allen Menschen ohne Unterschied ihrer Geburt und Kaste die Lehren vor, die ihm als die höchsten Wahrheiten galten. Diese Wahrheiten wissen aber Nichts von einem außerweltticheu persönlichen Gott und leugnen alles Wirkliche. Nach Buddha ist Alles, was besteht, bloßer Schein und Trug, selbst die höchste Gottheit. Es giebt nur Ein Wesentliches und das ist das Nichts (Nirwana). Das Wirkliche ist nur Schein und deßhalb Qual. Den Glauben au die Seelenwandcrung, den die Bekenner des Brahmanenthums haben, behielt er bei; nach diesem schrecklichen Glauben muß die arme Menschcuscele fort und fort durch Thiere wandern, bis sie durch fortgesetzte Reinigung ihres ganzen Wesens sich nach tausend und aber tausend Jahren der Rückkehr zu ihrem 9 *132 Nach Indien. göttlichen Ursprung würdig gemacht hat. Während wir Christen einen Trost in dem Glauben an die Unzerstörbarkeit der Seele finden, ist das Fortleben dem Brahmabekenner und auch Bud dhisten ein schrecklicher Gedanke. Er kann der Wiedergeburt nicht entgehen; für jeden kleinen Fehl wird er von der Reihe der beglücktern Wesen wieder hinabgeschleudert auf die niedrigste Sprosse qual vollen Daseinsin jedem widerwärtigen Insekt, in jedem lauern den Raubthier muß er einen Bruder erkennen', der für die Ver unreinigung in einer frühern Existenz büßen muß. Das Gemüth dieser Leute wird daher nie von Beängstigungen frei. — Durch die Sprengung des Kastenwesens und die Lehre einer guten Moral hat sich übrigens Gautama Verdienste erworben. Der Uebelstand ist dabei nur der, daß Selbstsucht die Sittenlehre durch weht. Es fehlt die sich selbst verleugnende Liebe, die unsre Re ligion allein so nachdrücklich prediget. Buddha gewann viele Anhänger und es kam später zum Kampfe zwischen ihnen und den Brahmagläubigen, in welchem diese in Indien den Sieg davon trugen. Daher finden sich in diesem Lande nur noch wenig Buddhisten. Die Hauptländer des Buddhismus sind Tübet, China, Japan, Mongolei und Ceylon. Bemerkenswerth ist übrigens, daß die Buddhisten ihre Lehre nicht durch Feuer und Schwert, sondern nur durch Belehrung, durch Missionare, anszubreiten strebten. Die zehnte Erscheinung Wischnu's steht noch zu erwarten. Wenn sie aber kommen wird, dann ist es mit der gegenwärtigen Welt zu Ende. Auf weißem geflügelten Roß soll er kommen mit sieben Kronen auf dem Haupte und einem Schwerte in der Hand, so lang wie ein Kometenschweif. Er wird seine Feinde besiegen und der ganzen Erde eine neue Gestalt geben. Der dritte Hanptgott der Hindu's ist Sch iw a, der Zer störer von Allem, was Leben und Odem hat. In seinen Ab-Nach Indien. 133 bildungen hat man alles erdenklich Schreckliche vereiniget. Sein Gesicht ist drohend, in der Hand führt er einen Dreizack, sein Kleid ist ein Tigerfell, sein Halsgeschmeide besteht aus Todten- köpfen, seine Armbänder und sonstigen Zierrathen sind Brillen schlangen. Als er auf Erden wandelte, hing sein Haar bis auf die Knöchel herunter; der heilige Ochse, Zebu oder Buckelochse, war sein Roß; deßhalb genießt dieses Thier noch heut so hohe Verehrung in Indien. Er geht auf den Marktplätzen umher und nascht, wo es ihm beliebt, und Niemand wird es wagen, Seine Heiligkeit zu stören. In großen Hungersnöthen geht es Niemand in Indien besser, als dem Zebu; während die Hindu's fast nur noch aus Haut und Knochen bestehen, mästen sich die heiligen Ochsenherrschaften ganz weidlich. — Schiwa's Augen ferner sind feuerroth, weil er die Gewohnheit hatte, berauschende Kräuter zu kauen. Nicht selten war der göttliche Herr so berauscht, daß seine Gattin die größte Mühe hatte, ihn aus dem Schlafe auf zurütteln. Bei einem Festmahle bekam Schiwa anstatt Wein einen-Becher Gift zu trinken. Er fiel in Ohnmacht und schien dem Tode nahe. Da sprach seine Gemahlin Durga etliche Zauberformeln über ihn und er wurde ins Leben zurückgerufen. Doch hat er von dem Gifte ein blaues Maal an dem Halse be halten. Er war es, der dem Brahma bei einem Streite einen der fünf Köpfe abriß. Ein Sohn der Durga (Kali, Parbatti) ist Gaues«. Der selbe wird abgebildct mit einem Elephantcnkopfe, welchen eine mächtige Krone schmückt; ringsherum ist er mit Todtenköpfcn verziert. Von ihm erzählt man sich auch schauerliche Geschichten; so z. B. gilt er als ein so starker Esser, daß er ein Mal mitten von einander platzte und ein ander Mal nicht zur Thür hin aus konnte. Diese Götter genießen indessen nicht überall gleiche Ver-134 Nach Indien. ehrung Es giebt Hindu's, die nur dem Wischnu, oder einer Inkarnation desselben, besonders dein Rama und dem Krischna, anhangen, während Andere dem Schiwa dienen. Die Anhänger eines dieser Götter spalten sich abermals in viele Parteien, so daß das bunteste Durcheinander herrscht. Die Zahl der Glau bensbekenntnisse und Glaubensgcmeinschafteü ist gegenwärtig gar nicht mehr zu bestimmen, so sehr ist das Hinduvolk in religiöser Hinsicht zerrissen. Unter den Sekten giebt cs einige philosophische, die weder Tempel haben, noch Sinnbilder verehren, aber denen Zurückgezogenheit von der Welt, Vermeidung des Fleischessens, Enthaltung von jeder Verletzung lebendiger Wesen geboten ist und denen die Verehrung des höchsten Wesens als das Wichtigste gilt. Eine andere Sekte fordert weder Ehelosigkeit, noch Ent haltung von der Arbeit, sie sendet aber ihre Todten auf dem Rücken eines vierfüßigen Thieres in die Wüste, damit sie den Bestien zur Speise dienen. Die meisten Sekten verehren jedoch irgend einen sichtbaren Gegenstand, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. So giebt es Sonnendiener, welche die Sonne, die Seele und Verstand.hat, als das Haupt und den Regenten aller Gottheiten, außer dem unsichtbaren höchsten Geiste, und als dessen Stellvertreter betrachten. Andere beten die Sonne selbst als den höchsten Herrn an. Die Monddiener verehren den Mond als den Regenten der nieder» Welt und, weil er sein Licht von der Sonne empfängt, als das Mittel zu dieser zu ge langen. Die Feuerdiener verehren das Feuer (Agni) indem sie glauben, Feuer sei die reine Essenz Gottes, der mit der Sonne gleichbedeutend sei. Die Verehrer des Windes glauben, die Substanz Gottes sei die Luft. Andere halten das Wasser für den Repräsentanten der höchsten Gottheit, weßhalb sie Flüssen und Quellen ihre Huldigung darbringen. Wieder Andere halten die Erde für die Substanz Gottes und sic ihres Dienstes wür-185 Nach Indien. biß. Noch eine andere Sekte verehrt alle drei Reiche der Natur, und jedes Symbol" derselben ist Gegenstand ihrer Anbetung. Wieder eine andere Sekte meint, das Wesen Gottes sei im Menschen, verehren daher diesen und haben die Ueberzeugung, daß nichts Schlechtes in ihm sei. Eine Sekte, die zu den nied rigsten Kasten gehört, ist nur dadurch bemerkenswerth, daß sie Alles ißt, außer Menschen. Darin stimmen sie überein mit einer- andern Partei, bestehend aus Reinigern der Kloaken und Ans kehrern, welche behaupten, Sehah Dschuna sei ihr Meister, der, in der einen Hand einen Besen von Gold, in der andern einen Korb von Silber, im vierten Himmel das Haus Gottes reinige. Alle diese und noch viele andere Sekten hängen mit dem Brah maismus zusammen. In Hinsicht auf die Verehrung der Götter lassen sich jedoch im Allgemeinen drei große Parteien unterscheiden. Die kleinste derselben, die sich die „Wissenden" nennen, huldigen philoso phischen Anschauungen und suchen das Heil in Gottbeschauung. Aus-ihren Lehrsätzen spricht eine gewisse Erhabenheit und nicht selten wohnt ihnen tiefe Wahrheit inne. Nur einige Beispiele: Wie ein Fuhrmann widerspenstige Pferde regiert, so soll ein weiser Mann die Begierden und Gliedmaßen zügeln. Wer sich mit Sinnlichkeit besteckt hat, dem können weder die Vedas, noch Freigebigkeit, noch Opfer, noch strenges Büßerleben Glückseligkeit gewähren. Weltliche Ehre soll der Brahmine fliehen wie Gift, er soll lieber Geringschätzung suchen. Die Liebe soll sein, wie der Sandelbaum, der auch die Axt, die ihn niederhant, noch mit Wohlgernch salbet. — „Nicht weise sprichst du, die bedauernd, die nicht zu bedauern sind. Die Weisen trauern weder über Lebende noch über Todte." — „Der Geist, ungezeugt, ewig, alt, wird nicht getödtet mit dem Körper." — „Im Werke selbst sei der Beweggrund dir, nie in den Früchten; die Frucht bewege136 Nach Indien. dich zu wirken nicht, noch der Genuß zu ruhen." — „Weit stehn die Werke unter Herzensfrömmigkeit. 'Elend sind, die nur Belohnung treibt." — „Wenn Jemand sich von allem herzan- greifendcn Verlangen los macht, sich seiner in sich selbst erfreuend, der ist ein Weiser. Wer nicht von Schmerz und Lust bewegt wird, jede Gier verbannte, und frei von Liebe ist, von Furcht und Zorn, der lebt beschaulich. Wer nirgends hin sich neigt und, was ihn auch betrifft, Glück oder Unglück, nicht Freude noch auch Unmnth fühlt, dem wohnt die Weisheit bei." Der größere Thcil der Hindu's sucht den Heilsweg in gläubiger Hingabe, und die große Masse sucht ihn in der Ver richtung religiöser Werke. Dabei beweist man einen außerordent lichen Eifer, der manchen Christen beschämt. Der Schall einer Glocke oder eines Gong deutet die Stunden an, in denen die Priester die gottesdienstlichen Verrichtungen vornehmen. Wäh rend sie inmitten des Rauschens der Musik und der Weihrauch wolken heilige Gesänge anstimmen, verrichten die Gläubigen in den Höfen und Gängen ihre Abwaschungen. Große Feste dauern 8 bis 10 Tage ; an ihnen sieht man oft 100,000 Menschen ans einem und demselben Punkt sich im Festgewande versammeln, um ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Kommt man des Nachts in eine Stadt, wo ein religiöses Fest gefeiert wird, so sieht man die Straße von Feuergewinden beleuchtet, welche sich von einem Baum zum andern schlängeln, und längs der Straße eine Menge Männer, Weiber, Kinder, theils zu Fuß, theils zu Wagen. Die Häuser sind frisch übertüncht und mit Blumengewinden geziert und Siegesbögen erheben sich in den Straßen. Die Frauen tragen Jasminzweige in den Haaren, und bedecken Hals, Arme und den untern Theil der Beine mit Juwelen. Die Männer prunken überall mit Stolz in den reichen morgenländischen Trach ten. Man zieht mit den Götzen in feierlichen ProzessionenWad) Indien. 137 herum und führt sie durch die Straßen in vergoldeten Wagen, denen Bajaderen, Spielleute und Brahmanen, mit entblößtem Haupte und Loblieder zu Ehren des Gottes singend, voraus gehen. Die heiligen Elcphanten sind mit reichen Decken aufge putzt und selbst ihre Rüssel mit Schmuck überladen. Von Zeit zu Zeit ertönen Kanonenschüsse. Auf dein ganzen Wege, welchen der Zug nimmt, schlägt das Volk die Hände zusammen und wirft sich in langen Reihen vor dem Götzen zu Boden; junge Mädchen streuen Blumen; als Tiger verkleidete Kinder springen bald ans diese, bald ans jene Seite; barfüßige Fakire singen, tanzen und löschen an ihrer Brust brennende Fackeln ans; Bett ler, mit wirklichen oder erheuchelten Wunden bedeckt, flehen das Mitleid der frommen Zuschauer an. Abends brechen Feuerwerke von allen Seiten los, Raketen fliegen in die Luft, die Sinnbil der des Gottes funkeln im hellsten Lichterglanze an der Vorder seite des Tempels und der fromme Zug wandelt um die schim mernden Gewässer. Der Glanz der Fackeln und der in allen Farben prangenden bengalischen Feuer verwandelt die Finsterniß in eine fast unerträgliche Helle. Wir wissen aus der Kirchengeschichte, daß sich die Einsied ler und Mönche des Christenthums gern strengen Bußübungen unterwarfen; sie sonderten sich ab von der Gesellschaft ihres Gleichen, sie verdammten sich zu grausamen Fasten, sie blieben Tag und Nacht ansgestreckt liegen auf der kalten und nackten Steinplatte ihrer Zellen, sie trugen ans ihrem Leibe rauhe Buß gewänder und zerfleischten ihre Schultern mit Riemen, an welche sie eiserne Spitzen befestiget hatten. Allein alle diese über die Weichlichkeit des Fleisches davongetragencn Siege sind nichts im Vergleich mit den Bußen, die sich die frommen Hindu'ö auf- legen. Man zählt hier die Selbstpeiniger oder Ascetcn nach Tausenden. Diese sonderbaren Wesen durchwandern die Städte138 Nach Indien. und Landschaften und betteln. Man sieht Leute unter ihnen, welche ihre beiden Arme so lange über den Kopf erhoben halten, bis die Muskeln steif werden, und sie diese Gliedmaßen nicht mehr rühren können. Andere halten ihre Hände so lange ge schlossen, bis ihre Knochen das Fleisch durchbohren. Ja, es giebt Menschen unter ihnen, die sich mit abwärts gerichtetem Kopfe beerdigen lassen. Da setzt sich Einer auf Eisenspitzen, welche ihm auf allen «Seiten in die Muskeln eindringen; dort legt ein An derer sich, mit heißer Asche auf der Brust, zu Boden. Man hat sogar Menschen gesehen, die, ans dem Boden ausgestreckt, ihr Gesicht unter einer Larve von feuchter Erde verbargen, in die sie zuvor einige Senfkörner gesät hatten, und ohne Trank und Speise, ansgesetzt der Hitze des Tages und der Kühle der Nächte, so lange in dieser Stellung verharrten, bis die Senf körner aufgegangen waren, was gewöhnlich am vierten Tage geschah. Unter allen Göttinnen Indiens genießt die schon genannte Gemahlin .des Schiwa, Namens Parbatti, die auch Kali und Durga heißt, das größte Ansehen. Die Kali ist aber der entsetzlichste aller indischen Götzen; sie ist die böse Gottheit. Man stellt sie gewöhnlich als ein Weib dar mit schwarzem Barte, zerzausten Haaren, bluttriefenden Augen, den Leib ihres Gatten Schiwa mit Füßen tretend und die Zunge herausstreckend. Letz teres bezieht sich auf folgende Sage: Die Kali hatte einst einen Riesen besiegt und tanzte vor Freuden so gewaltig, daß der ganze Himalaha wackelte und den Göttern bange ward, die Erde möchte zertrümmert werden. Da begab sich Schiwa hinunter und legte sich auf die Erde. Kali tanzte indessen fort. Plötz lich bemerkte sie, daß sie auf ihrem Gatten herumtanzte. Da streckte sie vor Schreck die Zunge heraus, welche Gewohnheit noch heute alle Hindufrauen haben Ferner hat sie 4 Arme:Nach Indien. 139 mit dem einen hält sie ein Schwert, mit dem andern hebt sie ein menschliches Haupt an den Haaren in die Höhe. Ihre drei Angen, eins davon in der Mitte der Stirn, sprühen Blitze, Fetzen von Menschenfleisch hängen als Zierrathen an ihren Ohren, Hirnschädel bilden ihr Halsband und ihren Gürtel. Man sagt von ihr, daß .sie das Blut der erschlagenen Feinde trank. ’ Das Blut eines Tigers ergötzte sie auf 10 Jahre, aber das eines Menschen ans 1000 Jahre. Wenn sich einer ihrer Ver ehrer die Adern selbst öffnet und ihr sein Blut opfert, wird sic vor Freude ganz entzückt. Schneidet er sich aber ein Stück -Fleisch aus dem Leibe und bringt es ihr als Brandopfer dar, so giebt es für ihre Wonne gar keine Beschreibung. Der Opfernde spricht dabei die Worte: „Heil dir, täuschende Göttin, stehe auf und verzehre die Gabe. Du hast meine Lust befriediget; empfange mein Blut und erweise mir deine Gunst." Man soll sich ihr auch mit Haut und Haar geopfert haben. Wer das wollte, trat ans ein Paar Steigbügel, die an eine Scheere befestigt waren. Sobald er jene betrat, schnappte diese zusammen, schnitt den Kopf ab und warf ihn der Göttin zu Füßen. Die Kali giebt denen Wohlthaten, die sie anbeten. Dabei macht sie auch nicht den geringsten Unterschied unter ihren Anbetern; es ist ihr ganz gleich, ob Räuber, Mörder u. s. w. sie verehren, oder ehrliche Menschen. Jede Diebesbande geht daher vor Ausführung ihrer That in den Tempel, ruft sie um das Gelingen des Planes an und bringt ihr Opfer. In ihrem Namen beten sie auch das Brecheisen an, mit dem sie in ein. Haus einbrechen wollen. Sie brauchen dabei die Formel: „O Instrument, von der Göttin verfertigt, Kali befiehlt dir, eine Oeffnung in das Haus zu machen, zu hauen durch Stein und Bein,, durch Holz und Erde, und zu machen, daß der Staub vom Winde entführt wird."140 Nach Indien. Die Feste für die Göttin Kali sind für die Hindu's zu gleich auch eine Gelegenheit zu Belustigungen. Im Herbst feiert man ihr zu Ehren ein dreitägiges Fest, das ohne Zwei fel das glänzendste aller indischen Feste ist. Drei Tage lang fließt unter dem geheiligten Messer unaufhörlich das Blut der Stiere, der Büffel, der Schafe und der Ziegen. Wenn alle Thiere geopfert sind, begräbt das Volk die Leichname und', über läßt sich rings umher wilden Tänzen. Alle Geschäfte im Lande find eingestellt und jeder giebt sich der allgemeinen Freude hin. Die Häuser der reichen Hindu's sind während der Nacht er leuchtet und bleiben den Besuchern jeden Ranges geöffnet. Der reiche Hindu giebt in diesem Augenblicke sehr ansehnliche Sum men aus, um damit entweder die Priester und die Bettler zu speisen und zu kleiden, oder um die vor dem Götzenbilde tanzen den Bajaderen zu bezahlen. Der Kali zu Ehren führt man auch das Hakenschwingen aus. In der Mitte einer steinernen Erhöhung wird eine starke Stange befestiget, welche ungefähr zwanzig Fuß über den Bo-- den hervorragt. An der Spitze derselben ist eine andere starke Stange in der Mitte befestiget, so daß sie eine vollständige Kreisbewegung machen kann. In einiger Entfernung davon ist eine Bühne für ein starkes Musikchor anfgerichtet. Da auf einmal ertönt ein musikalischer Tusch in der Ferne. Fünf bis sechs Musikanten kommen im Paradeschritt daher, während die Musiker ans der Bühne wild durch einander toben in dem tollsten Tongewirr. Hinter jenen marschirenden Musikern tragen vier Männer einen Baldachin, unter welchem ein Weib einhergeht. Diese ist es, welche den Haken nehmen will. Die ser ist an einem Strick befestiget, der von dem einen Ende der Querstange herabhängt. Die Gläubige legt sich auf die Erde, ein Mann kneift das Fleisch an ihrem Rücken dicht am Rück-141 Nach Indien. grat und treibt den halbfingerbreiten Haken kaltblütig durch die Muskeln hindurch. Jetzt hebt sich die Stange allmählig, ein Mann steigt in eine Art Korb am anderen Ende, um ein Gegengewicht zu bilden, und die Arme steigt in die Höhe und schwebt in der Luft. Männer ziehen die Seile und die btaffe- Frauensgcstalt mit großen Schweißtropfen an der Stirn wird im Kreise herumgeführt, einmal oder auch mehrere Male. Während der schrecklichen Prozedur rauscht eine fast noch schreck lichere Musik. Noch ein Bild indischer frommer Selbstquälerei. Da kommt ein Wagen von zwei Stieren gezogen und an der Stange, welche ans der Mitte des Fahrzeuges hervorragt, hängt ein Mann. Er hat sich den Haken ins Fleisch treiben lassen und wird von jedem Stoß des schlechten Fahrzeuges ans schlechter Straße aufs Jämmerlichste gemartert. Trotzdem zeigt er keine Spur von Schmerzen. So fährt er bis zu dem Tempel eines Wallfahrtsortes, wo er dreimal um denselben herumgetrieben wird, woraus sein Gelübde erfüllt ist. - .Wenn in der Stadt Kalkutta, die den Namen nach der Göttin Kali führt, im letzten Monat des Hindujahres, zwischen März und April, zu Ehren der Göttin Tschuruk Pudschah d. i. der Kali, Feste gefeiert werden, sieht man ähnliche Scenen. Von Abends bis Morgens ziehen unter dem Geräusch von Trommeln, Tamtams und Klarinetten und tausend menschlicher Stimmen endlose Prozessionen durch die Straßen. Voran die Musiker, Tambours, Pfeifer, Geiger u. s. w., dann folgt ein Zug phan tastischer Personen, in der Mitte die Sangassis, die Helden des Festes, welche den Haken nehmen wollen. Der Eine hat sich eine lange Lanze durch den Arm gesteckt; aus dem Munde des Andern kommt eine enorme Zunge hervor, die mit Nadeln besät ist; an einem Dritten ist der Rücken mit Pfeilen gespickt. Die142 Nach Indien. Hauptfeierlichkeit kommt am Ende, wenn die Sangassis den Haken nehmen und sich unter dem Beifall und Geschrei der Menge herumschwingen lassen. Wenn man an diesen Festtagen in den Vorhof des Tempels tritt, so sieht man Brahmincn, welche die freiwilligen Opfergaben des Volkes in Empfang nehmen. Im Innern des Heiligthums befindet sich das häßliche Bild der Göttin Kali; am Altar stehen mit eisernen Spießen bewaffnete Männer. Gruppen von Gläu bigen nähern sich diesen Männern, von denen sie ergriffen, ans die Steinplatten niedergelegt und ans verschiedene Weise ver stümmelt werden. Dem einen sticht man die Seite durch und durch, und steckt dann einen langen eisernen Stab in die Wunde. Einem Andern durchbohrt man die Zunge und bringt in die Oeffnung eine lebendige Schlange. Hierauf stellen sich diese wunder lichen Heiligen auf einer Plattform in Reihe und Glied. Ziegen werden zur Opferung herbeigcbracht, man schneidet ihnen die Köpfe ab, und das Blut rieselt in das Heiligthum hinunter. Dann wirft man Stoffe aller Art in das Feuer, und so wie der Ranch und die Flamme gen Himmel steigen, erschallt von den mißtönenden In strumenten eine höllische Musik; die Heiligen beginnen trotz der Wunden ihre Gestikulationen, und die freudetrunkene Menge schreit: „Sieg der Kali! Sieg der großen Göttin!" — Diese blutige Verehrung ist indessen nicht allgemein über Indien verbreitet. Je nach der Verschiedenheit der Bevölkerung erscheint der Götzendienst in anderer Gestalt. Wo die reinen Hindu's herrschen, was in Nord- und Mittelindien der Fall ist, da ist der Kultus unblutig und mild, indem das reine Brahma- nenthum das Blutvergießen verabscheut; seine Opfergaben be stehen aus Früchten, Blumen und Pflanzen. Ganz anders ist es in den Distrikten, wo die Urbevölkerung mit Hindu's sich vermischt hat; dort hat die Religion in Lehrsätzen und Ge-143 Nach Indien. brauchen ein finsteres Gepräge; dort ist der Kalidienst zu finden. Die Urbevölkerung war dem Dämonendienste ergeben; sie betete Teufel an. Wie man darauf gekommen ist, wer mag's wissen. Vielleicht verehrte man große Helden oder Heroen, die als Nimrods gewaltet und das Land von wilden Thieren gesäubert hatten. Aus den Geistern dieser Helden wurden dann Teufel geinacht, indem inan die dunkeln Charakterzüge der Verstorbenen zil einem Schreckenöbilde voll übernatürlicher Macht ititb Bos heit gestaltete. Als die Hindu's erobernd vordrangen, kamen sie mit den Teufelsanbetern in enge Berührung unb es gelang ihnen nicht, den Teufesdienst völlig zu überwinden. Die be kehrten Urbewohner brachten ihr Tenfelswesen mit in das Brah- manenthum und so entstanden teuflische Gottheiten, denen man durch wilde Tänze, blutige Opfer und Besesscnsein diente. Der Schiwä- und Kalidienst ist auf diese Weise ins Brahmancnthnm gekommen. Außerdem beten namentlich die untern Kasten noch viele Teufel unter verschiedenen Benennungen an. Ueberhanpt dient die Masse des niedern Volles mehr den finstern, als den lichten Göttern, ein Beweis, daß das Brahmanenthum das Dämonenwesen nur zum Theil bewältiget hat. In dem berühmten Tempel zu Dschaggernat ans der Koromandelküste (im Berglande Orissa, das die Grenze zwischen den Präsidentschaften Madras und Bengalen bildet), zeigt sich der Brahmadienst auch durch den uralten Dämonendienst ver unstaltet. Wenn man diesen an Wälder von üppigster Vegeta tion angelehnten Tempel vom Meere aus sieht, so meint man, man sähe große, kreisförmige, mit einer Anzahl anderer kleinerer umgebene Gebäude. Die Stadt Dschaggernat selbst wird für heilig gehalten und das ganze Land umher, aus zwanzig Meilen in der Runde, ist abgabenfrei, unter der Bedingung, daß es ge wisse auf den Tempeldienst bezügliche Verpflichtungen erfüllt144 Nach Indien. Rechts und links der Hauptstraße stehen religiöse, durch Baum- gruppen von einander getrennte Gebäude, und am Ende dieser Straße erhebt sich der Tempel Dschaggeruats. Er breitet sich auf einem weiten, von Mauern umschlossenen viereckigen Platze aus. Man tritt durch ein kolossal hohes Thor in die Ring mauer ein; eine breite Treppe führt auf eine Terrasse von 500 Quadratfuß, und auf dieser Plattform ist die große Pagode aufgeführt, welche sich gegen 200 Fuß über den Boden erhebt. Die Hauptgotthcit, die man an diesem Orte anbetet, ist Krischna, eine der uns schon bekannten Inkarnationen Wischnu's. Zu gleicher Zeit betet man aber auch den Schiwa, seine Gemahlin und Schwester, die Kali, hier unter dem Namen Salhadra, an. Die drei diese Gottheiten darstellenden Götzenbilder sind 6 Fuß hohe Holzblöcke mit einer häßlichen Menschenfigur darauf. Der Block Krischna's ist blau, der Schiwa's weiß, der Salhandra's gelb bemalt. Alle drei werden auf grob gearbeiteten Wägen gezogen. Der Wagen Dschaggernatö oder Krischna's hat einen Flächenraum von 48 □ Fuß und ist 24 Fuß hoch; er steht auf 26 Rädern. Zwölf große Feste werden im Laufe des Jah res unter den Gewölben dieses Tempels gefeiert. Das Haupt- fest ist das Rath-Dschatra, das stets im Frühjahr abgehalten wird. Man fährt dabei die Götzenbilder auf ihren Wagen herum; tausend Männer, Weiber und Kinder ziehen sie mit Stricken, und Brahmanen begleiten sie unter Gesängen und Herplappern von Stellen der heiligen Bücher. Von weiter Ferne wandern gemeiniglich Andächtige zu diesen Feierlichkeiten herbei, allein die meisten der Wallfahrer sterben in Folge der Reisestrapazen. Ehedem suchten Fanatiker den Tod, indem sie sich unter die Räder des Wagens Dschaggeruats stürzten; die Menschlichkeit der englischen Regierung hat indessen diesem bar barischen Gebrauche Einhalt gethan.Nach Indien. 145 Die Bevölkerung der Provinz Orissa, wo dieser Kultus ge trieben wird, enthält unter andern Stämmen auch die Chonds, die sich bis auf den heutigen Tag weder der Brahmanischen Race noch den Engländern unterworfen haben und bei denen der Teufels- glaube noch Menschenopfer fordert. Sie haben weder Tempel noch Götzenbilder, glauben dagegen an die Anwesenheit ihrer Götter in Hainen, Brunnen und Felsen. Sie erkennen die priesterlichen Verrichtungen einem Jeden zu, der sich durch gött liche Eingebung für dazu berufen hält, und der seine Be hauptungen dadurch rechtfertiget, daß er 10 bis 14 Tage laug in einem Zustande der Schlafsucht verharrt — ein Zeitkauf, während dessen die Seele, wie man annimmt, von seinem Körper abwesend und in die Gegenwart der Götter versetzt ist. Sic glauben an ein höchstes Wesen, das der Gott des Lichtes ist und die Erde zur Gattin hat, deren Schooß cs befruchtet. Die Göttin Kali wird aber vorzugsweise von ihnen verehrt. Das Hauptfest der Kali wird zur Zeit der Reisernte gefeiert. Fünf Tage lang nähren sich die Gläubigen von gegohrenem Reis, der sie in eine Art Trunkenheit versetzt, und in diesem Zustande er geben sie sich den ausgelassensten Tänzen. Sie bieten der Göttin Menschenopfer, hoffend, sie werde sich ihnen dafür günstig er weisen. Die Unglücklichen, denen das Loos geworden, zu Ehren der Göttin geopfert zu werden, werden nicht unter den Chonds ausgewählt; man kauft sie, oder stiehlt sie noch als Kinder, aus den untern Klasseü der Hindu's. Da sie den Göttern geweiht sind, so behandelt man sie mit dem größten Wohlwollen; mau gibt ihnen Ländereien zur Bebauung/ und wenn sie sich verheirathen, werden ihre Frauen ebenfalls für die Opferung aufbewahrt. Diese Opfer heißen Meriah's. Seltsamer Weise versuchen die Meriah's nie zu entrinnen. Nach der Opferung wird der Leich nam des Opfers in Stücke zerschnitten; diese Stücke werden butzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. 10146 Nach Indien. unter die Familienoberhäupter vertheilt, welche sie in frommer Weise in ihren Feldern begraben, um diese dadurch fruchtbar zu machen. Trotz aller Bemühungen der Engländer ist dieser grau same' Brauch noch nicht verschwunden. Auf der West-Küste, im Tululande (südlich von Goa), ver ehrt man in gewissen Kreisen der Bevölkerung 10 Bhutas oder Teufel und sieben Gespenster. Der stolze streitbare Hahn ist das einzige lebendige Opfer dieser Leute, die sonst auch nur Früchte, Pflanzen u. s. w. opfern. Ein Bhntadienst findet statt, wenn sich die Bhutaverehrer um einen Bhutabesessenen schaaren. Der selbe erscheint dann im abenteuerlichsten Anzuge, dick ausgestopst und mit einer greulichen Metalllarve vor dem Gesicht. Nun fängt er an leise zu zittern; aber das Zittern wird immer stärker und endlich so stark, daß er ans den Fußspitzen fast zu schweben scheint. Schelle und Schwert, Trommel und Weihrauch, dürfen nicht fehlen, und namentlich klappert die Trommel so greulich darein, daß nicht bloß der Besessene, sondern auch das umstehende Volk bis zur Wildheit aufgeregt wird. Dazwischen aber schreit man: „Komm, Mundadei (oder wie sonst der Teufel heißt), komm über ihn, komm über ihn, richte unsre Sachen und gieb uns Antwort auf unsre Fragen!" Das Bhutawesen ist dem Volke dort so tief eingeprägt, daß man in den Gerichtshöfen sehr all gemein bei dem meistgefürchtetcn Bhuta der Ghats (Dharmastala) zu schwören Pflegt. Die vernommenen Proben beweisen Wohl hinlänglich, wie buntscheckig es in Indien in Hinsicht auf die Religion aussieht. Doch brechen wir jetzt von dem Kapitel der Religion ab und suchen wir uns eine Anschauung von dem Kastenwesen In diens zu verschaffen, das in engem Zusammenhänge mit der Religion steht. Die Hindu's sind ein von Mittelasien nach Indien einge-147 Nach Indien. wandertes Volk. In unbestimmter, aber sehr früher Zeit, wan- derten aus den Gegenden des Hindukusch und obern Indus kühne Eroberer aus dem zum kaukasischen Stamme gehörigen Volk der Arier, d. i. ehrwürdige Männer, dem Indus folgend in das Tiefland Indiens, das sich zu beiden Seiten des Ganges einge- schlosscn vom Himalaha im Norden, und von dem Hochlande von Dekhan im Süden, hinzieht. Das hier lebende Volk war fast ganz schwarz und hielt in seiner Körperbildung etwa die Mitte zwischen dem Mongolen und dem Neger. Dieses wurde von den hinduischen Ariern unterworfen und in die Gebirge zurückgedrängt. Noch heut finden sich, wie wir bereits gehört haben, Ueberreste jener Urbewohner in verschiedenen Theilen Indiens, sowie auch das Dämonenwesen und die Anbetung finsterer Gottheiten an sie erinnert. Der Reichthnm der Eroberer, der Hindu's, bestand in Rind vieh. Die Kühe wurden von ihnen heilig gehalten und verehrt, wie denn auch hochgestellte Personen mit den Kühen in Beziehung gebracht wurden; so nannte man die Fürsten, unter 'denen-das Volk-lebte, die Hüter der Kühe, und die Fürstinnen „Büffelkühe". Die Sprache, welche die alten Hindu's redeten, war das längst ausgestorbene San skrit, welches als die reichste, ansgcbildctste und wohllautendste aller Sprachen der Erde gilt. In religiöser Hinsicht brachten die Hindu's den Sonnendienst oder die Vereh rung des Lichtes und Feuers mit, wahrscheinlich nicht ohne den Gedanken an e i n höchstes Wesen ohne sinnliche Merkmale. Ihre Götter waren Repräsentanten der Naturmächte. Obenan stand Indra als der Gott des leuchtenden Himmels und des Blitzes. Die Mittelsperson zwischen Göttern und Menschen war Agni, der Gott des Feuers, der die Opfergaben der Menschen zu den Göttern hinauftrug. Mit den kriegerischen Zeiten, welche durch die Kämpfe der Hindu's mit den Ureinwohnern ansgefüllt wurden, 10 *148 Nach Indien. verschwanden auch die alten Götter und an die Stelle der Viel götterei trat die Vergötterung des Alls, das Brahmathum, das wir bereits kennen gelernt haben. Dainit steht auch die Ausbil dung des Kastenwesens in Verbindung. Wie alle Völker des Alterthums theilten sich auch die sieg reichen Hindu's in drei vollkommen abgesonderte Klassen: die der Priester, der Krieger und der Kauflente. Nach und nach kam die Racc der Besiegten, der Sudra's, dazu. Um ihrer Obermacht Festigkeit und Dauer zu verschaffen, gaben die Prie ster dieser Klasseneintheilnng eine göttliche Weihe, indem sie den Wortlaut der Veda's fälschten und Fabeln erfanden. Sie gaben vor, Brahma habe vier abgesonderte Menschenarten geschaffen: die erste, die der Br ahm inen, sei aus seinem Munde hervor gegangen; die zweite, die der Krieger, aus seinen Armen; die dritte, die der Ackerbauer, aus seinem Leibe; die vierte, die der Handwerker, aus seinen Füßen. Betrachten wir diese Kasten etwas näher, zunächst die der Br ah minen, d. h. Abkömmlinge und Verehrer des Brahma. In dieser Eigenschaft stehen sie unter dem besonderen Schutze ihres Gottes; Brahma selbst sorgt für sie, und wenn er auch für die übrigen Menschen sorgt, so geschieht dies nur auf Fürbitte der Brahminen. Ihr Einfluß auf die übrigen Kasten ist daher auch meist so groß, daß es kein auch noch so geringes Verhält- niß des Lebens giebt, in welches sie nicht als Herren und Ver treter der Götter eingreifen. Sie sind durchaus heilige und un verletzliche Personen, geschützt durch die allerstrengsten Gesetze. Wer einen Brahminen beleidigt und diese Beleidigung nicht durch eine Sühnung ansgleicht, ja, wer den Priester nur mit einem Grashalme schlägt, soll wegen dieses Verbrechens mit ewiger Verdamumiß bestraft werden. Wenn ein Sudra es wagt, einen Brahminen mit Worten zu beleidigen, so soll ihm eine glühende149 Nach Indien. Eisenstange zehn Finger lang in den Hals gestoßen werden; sollte er es aber wagen, einem Brahminen Belehrung ertheilen zu wollen, so soll ihm siedendes Oel in den Mund und in die Ohren gegossen werden. Wer einem Brahminen an den Bart greift, dem sollen beide Hände abgehauen werden. Bezeigt ein Sndra einem Priester nicht die volle Ehrerbietung, so wird er in der neuen Geburt — denn die Hindu's glauben eine Seclenwan- derung — ein Baum. Sieht er ihn, den „Erdengott", mit einem zornigen Blicke an, so reißt ihm Brama, der Göttergott, beide Augen aus. Schlägt er ihn mit einem Strohhalm, so wird er zwanzig Mal in der Seelenwandcrnng als ein unreines Thier geboren. Wer dagegen den Brahminen die volle Ehrerbietung und Güter und Gaben gewährt, auf den sind alle Verheißungen dieses und des zukünftigen Lebens gehäuft. Wer einer Anzahl von ihnen ein gutes Mahl bereitet, der hat die Hoffnung aller Seligkeiten. Daß die Hindu's in’ dieser Hinsicht das Mögliche thun, beweisen die runden Bäuchlein der Erdengötter. Wer ihnen in seinem Testamente Güter oder Kühe vermacht, der geht frei von Sünden gleich in Schiwa's Himmel. Wer seine Kuh einem Brahminen schenkt, statt sie zu verkaufen, wird auch direkt in den Himmel spedirt. Wer ihm einen Sonnenschirm schenkt, bleibt vor Sonnenstich und andern bösen Einflüssen der heißen Sonnen strahlen bewahrt. Wer ihm ein Paar Schuhe schenkt, geht sich auf der Reise keine Blasen. Wer ihn mit wohlriechenden Ge würzen versieht, bleibt frei von allen bösen Gerüchen und Aus dünstungen. Auch der König darf den Brahminen ans keine Weise antasten oder kränken; im eintretenden Falle würde die Gottheit deni Brahminen zu Hülfe kommen und den König mit seinen Heeren, Elephanten und Schätzen verderben. Welches Verbrechens sich auch der Brahmine schuldig gemacht haben inag, er darf weder an seinem Leben, noch an seinem Eigenthum, noch150 Nach Indien. an seinem Körper bestraft werden; nur Verbannung darf über ihn verhängt werden. Die Engländer glauben ihnen dies natür lich nicht; sonst aber genießen die Brahminen in Indien hohe Verehrung und finden sie vielen Glauben. Mit äußerster Strenge wachen sie darüber, daß sie von ihrem Rechte nichts verlieren und mit anderen Kasten sich nicht vermischen. Selbst mit Königen essen sie nicht und geben um keinen Preis eine Tochter einem Könige zur Gemahlin. Wenn sie sich selber verheirathen, so gehen sie sehr wählerisch zu Werke. Die Braut soll die religiösen Cere- monien nicht versäumt haben; sie soll aus keiner Familie stam men, welche an schlechter Verdauung und andern Krankheiten leidet. Das Weib soll gesund und schön, sein, kein röthliches Haar, keine ungestalteten Glieder und keine entzündeten Augen haben. Ein Weib aus niederer Kaste darf der Erdengott nicht nehmen; er verliert sonst seine Kaste. Vielweiberei ist ihm nicht verboten; er kann seine 10, 20 und mehr Weiber haben. Die Brahminen machen den Priester-, Gelehrten- und Be- amtcnstand ans; alle Diener des Tempels, alle Lehrer, Richter und Staatsdiener können nur aus dieser Kaste genommen werden. Sic allein sollen Räthe der Könige sein. In den alten Verhal- tungsrcgeln für den König heißt es wörtlich so: „Nachdem er des Morgens anfgestanden ist, muß er die weisen, in der Kennt- niß der drei Veda ergrauten Brahminen verehren und in ihrem Befehle verharren. Von ihnen möge er stets, obwol bescheidenen Geistes, bescheidenen Anstand lernen, denn der König, welcher be scheidenen Geistes ist, geht nie zu Grunde. Durch unbescheidenes Benehmen sind viele Könige zu Grunde gegangen mit ihrem Ge- schlechte und ihrer Habe; durch bescheidenes Benehmen haben so gar Einsiedler des Waldes Königreiche erlangt." — Den Brah minen liegt es ob, /Künste und Wissenschaften zu fördern, Krank heiten, als Strafe der Götter, zu heilen, hauptsächlich aber, die151 Nach Indien. Religion zu wahren, die Veda'ö (heilige Schriften) zu lesen und zu erklären, und die Opferceremonien zu verrichten. Der Brahmine soll auch oft fasten und beten, nichts Lebendiges tödten oder ge nießen, höchstens geweihtes Opferfleisch; er soll sich eines keuschen und strengen Lebenswandels befleißigen und mittelst Opfer und Waschungen der Reinigkcit sich ergeben. Nach ihren verschiedenen Verrichtungen zerfallen die Brah- minen in örei Abtheilungen. Die erste Klasse beginnt mit der Tonsur im zweiten Lebensjahre; diese besteht darin, daß dem jungen Brahminen der Kopf geschoren wird, bis ans einen Haar zopf am Hinterhaupts. Die Tonsur ertheilt ihm das Recht zu priesterlichen Handlungen. Er erhält nun einen Guru d. i. Leh rer, der ihn in den Veda's unterrichtet. Zwischen dem 8. und 15. Lebensjahre wird ihm die Weihe ertheilt, d. h. es wird ihm eine Ordensschärpe, die Brahminenschnnr (Pumul), mngelcgt. Diese besteht aus neun einzelnen, nach drei Abtheilungen unter sich vereinten, baumwollenen Schnüren, welche über die linke Schulter und über die Brust zum Rücken geht. Die Anlegung dieser Schnur wird als eine zweite Geburt betrachtet, und daher führen die drei Klassen den Namen Zweigeborcne (Drijas). Sonst nennen sich wohl auch die drei ersten Kasten Zweigeborene, inso fern sie nach Indien eingewandert und ans dem Wege der Kultur wiedergeboren sind. Vor Anlegung der Schnur muß sich der Brahmine des Umganges mit dem andern Geschlecht ganz ent halten, er darf keinen Betel kauen, den Bart nicht scheeren, soll die Gesetze studiren, sich täglich baden und von Almosen leben. Mit der angelegten Schnur ist er ehefähig geworden; er bringt jetzt mehrere Opfer, z. B. Blumen, Weihrauch, Reis, trägt die heiligen Zeichen seines Gottes auf Stirne, Brust und Armen und hat sich bei Strafe der Ausstoßung ans der Kaste des Weins und aller starken Getränke zu enthalten, sowie des Knoblauchs,152 Nach Indien. der Zwiebeln, Rüben, Eier, des Fleisches, der Fische, kurz alles Belebten. Will er in dieser Klasse bleiben, so darf er Handel, Feld- und Gartenbau treiben, überhaupt jedes ehrbare Geschäft verrichten, welches sein Auskommen sichert. Wer kein weltliches Amt hat, ist frei von jeder Abgabe und bei völliger Verarmung hat jeder Brahmine das Recht, von milden Gaben sich zu nähren. In welchem Berufe oder Amte er aber auch steht, stets soll er sich der Frömmigkeit ergeben, Gutes thun und über d'e Gottheit Betrachtungen anstellen. Will der Brahmine in die dritte Klasse oder zur Priesterwürde gelangen, so muß er zwölf Jahre in einem Kloster studiren, darf bei Eidcspflicht die Religionsgeheimnisse nicht offenbaren, sich nicht verheirathen, muß fünf Jahre lang Stillschweigen beobachten, darf nur durch Zeichen reden und wird von dem Kloster unterhalten. Diese Klasse hat wieder mehrere Grade; am höchsten steht der Guru, am niedrigsten der Pago dendiener oder Gehülfe bei Opfern, Festen und Prozessionen. Der Guru ist eine Art von Bischof; er vertritt die Rechte aller Prie ster eines größer» Bezirks, er macht von Zeit zu Zeit größere Besuchsreisen im Lande mit großem Gefolge von Elephanten, Rossen, Palankins und Priesterlehrlingen, und zwar geschieht dies jetzt meist zur Nachtzeit, um Europäer und Muhamedaner zu vermeiden. Der Guru lebt von den Abgaben der Gemeinden, auch wird er zuweilen von einem Fürsten besoldet. Jeder Guru oder Oberpriester hat die ihm untergebenen Priester seiner Pagode, sowie die Götterdienerinnen u. s. w. von dem ihm gewordenen Einkommen zu unterhalten. Dieses Einkommen ist oft durch die Opfergaben sehr beträchtlich. Ein gemeinsames Oberhaupt, ähn lich dem Papste, hat die Priestcrschaft Indiens nicht. Den höchsten Grad der Heiligkeit erlangt der Brahmine, wenn er als Einsiedler (Vanaprastha) sich zurückzieht oder als Sannhasi Büßungen sich unterwirft; hierzu ist aber das 40. Jahr153 Nach Indien. nöthig. Diese Heiligen, welche sogleich nach ihrem Tode in die höchste Seligkeit kommen, beerdigt man sitzend in einer mit Salz ringsum gefüllten Grube und reibt den Kopf ein mit einer Ko kosnuß. Im Ganzen birgt der Brahminenstand trotz seiner Entartung noch immer den Kern des indischen Volkes. Am unwissendsten sind die Tempel-Brahminen, die fast nur müßig gehen und denen das Volk den Reis, so zu sagen, in den Mund steckt. Den Andern wird es nicht so wohl; sie sind aber geachteter. Der Eine singt den Preis seines Gottes an heiligem und nicht heiligem Orte, der Andere sammelt sich als Guru eine Art Gemeinde, für die er namentlich an Freuden- und Trauerfesten die üblichen Gebräuche gegen die üblichen Gebühren verrichtet; tvieder ein Anderer trägt in den öffentlichen Rasthäusern u. s. w. die belieb testen Volksgeschichten vor; ein Anderer dcklamirt klassische Ge dichte oder lehrt Grammatik, Logik, Philosophie und Rhetorik. Wieder ein Anderer spielt die Vina. Dies ist eine Art Guitarre mit kesselartigem Boden und sieben Saiten, davon vier über den Steg,, die andern drei daneben gespannt sind. Da wo die Schrau ben für die vier oberen Saiten sich befinden, bauscht sich ein kürbisförmiger Beutel von Holz mit einer Oeffnung. Nichts geht dem Hindu über die süßen Laute dieses hochgefeierten In struments. „Nur das erste Lallen des Kindes ist süßer als der Vina Ton für das Ohr des Vaters," sagt ein indischer Dichter. Als Meistersänger ziehen die Vinaspieler umher und spielen und singen enthusiastisch ihre Lieder. Manchem Brahminen schmeckt ein wanderndes Bettclleben am besten; Viele bauen den Acker, Einige treiben Handel; Alle aber, die nur einigermaßen streb sam sind, suchen eine feste Anstellung im Bureau der Behörden. Die zweite Kaste bilden oder vielmehr bildeten die Krieg er oder Kschatrhas, denn es besteht keine geschlossene Kriegerkaste154 Nach Indien. mehr. Sie dürfen sich die heiligen Micher von den Brahminen vorlesen lassen und sind weniger eingeschränkt in Nahrung und Sitten; mit Ausnahme des Rindes dürfen sie fast jede thierische Nahrung genießen. Aus der vornehmsten Abtheilung der Krie ger stammen die Fürsten oder Radjahs ab; die jetzigen Radsch- Puten (an 15 Millionen, im nordwestlichen Indien) leiten ihren Ursprung auch von solchen Kriegern ab. Die eigentlichen Krie ger heißen Mahratteu; daher hat auch der ganze kriegerische Stamm der Mahratteu (an 8 Millionen, in Dekan wohnend) seinen Nanien. Die dritte Kaste sind oder waren die Waisya's, denn eine einheitliche Waisyakaste besteht auch längst nicht mehr. Es ge hören dazu alle Handelsleute, Ackerbauer, Jäger, Hirten und Fabrikanten. Der Landmann war sonst durchaus frei von jed wedem Kriegsdienste; seine Güter durften nicht in Anspruch ge nommen werden, von ihm ging der allgemeine Wohlstand aus. Jetzt ist der Landbauer der Erbpächter seines Fürsten oder des in der Stadt lebenden Gutsbesitzers (Zemindar), welcher ihm das Saatkorn giebt und dem er 30 Procent an Naturalien bezahlt. Die vierte Kaste sind oder waren die Sudra's d. h. alle diejenigen, welche vom Handel und Ackerbau abwärts alle übri gen Gewerbe treiben. Hierher gehören z. B. Goldarbeiter, Schmiede, Tischler, Weber, Maurer, Bäcker, Schneider, Krämer, Färber, Maler, Bediente, Oelmacher, Wäscher, Töpfer u. s. w., endlich die Bettelmönche, Zauberer, Musiker, Tänzer, Landsol daten, Gaukler, Bajaderen (Tänzerinnen), zuletzt die Gerber, Schu ster und Schlächter. Alle diese Leute dürfen die Veda's weder selbst lesen, noch hören. Durch Zwischenheirathen der vier Kasten unter sich, d. h. durch die Vermischung eines Mannes aus irgend einer KasteNach Indien. 155 mit einem Weibe, das nicht zu seiner Kaste gehört, entstanden die unreinen Kasten. Endlich giebt es auch noch K a st e n l o s e: die Nachkommen der Urbevölkerung, welche sich den siegreichen Hindu's nicht unterworfen haben und noch heute wie in alten Zeiten vorzugsweise als Hirten leben und dem Ackerbau abhold sind. So die Todawers in den Blauen Bergen, die Puliher auf Malabar, die Paleyer und Polier im Tamulenlande u. A. in. Wie bereits erwähnt, hat sich nur die Brahminenkaste als ein geschlossenes Ganzes erhalten; die drei andern sind im Lause der Jahrhunderte untergegangen und es haben sich an ihrer Stelle eine große Anzahl neuer Kasten gebildet, die sich schroffer von einander absondern, als ehedem die vier Hauptkasten. In ältester Zeit durften die drei ersten Kasten mit einander verkehren, mit einander essen, lange auch unter einander heirathen. Jetzt gilt schon die Berührung eines Mannes von niederer Kaste für süudliche Befleckung; von ihm Speise zu empfangen, zieht schwere Büßung nach sich. Der Brahmine, der seine Seele mit dieser Schuld belastet, muß seinen entweihten Mund durch heiligen Kuh mist -reinigen. Vor Allem aber wird das Eheverbot zwischen verschiedenen Kasten mit einer Strenge beobachtet, von der man in alten Zeiten keine Ahnung hatte. Dadurch ist die Gesellschaft außerordentlich zerrissen und gehässig gegen einander geworden. Selbst die Brahminen zerfallen in verschiedene Abtheilungen. In Bengalen giebt es deren 4, von denen jede zahlreiche Unterab theilungen hat; die Mitglieder der Abtheilungen dürfen weder mit einander verkehren, noch unter einander heirathen; den Uuterab- theilungen ist das Erste erlaubt, das Andere verboten. In den übrigen Theilen Indiens ist die Zersplitterung der Brahminenkaste eine andere; bei einigen Stämmen, wie bei den Radschputen, ge nießen sie gar keine Achtung. Was die übrigen Kasten betrifft, so ist es kaum möglich,156 Nach Indien. sie aufzuzählen. In Mhsore (in Dekhan) z. B. zerfallen die Hindu's in 486 Kasten, die weder mit einander essen, noch unter einander heirathen. Im Taumlenlande (in Süd-Ost-Dekhan) ist die Kastenzahl ebenfalls groß. Hier folgen auf die Brahmi- nen gleich die Sudra's, die in zahlreiche Kasten zerfallen, als Kaufleute, Ackerbauer, die wieder in 3 Unterabtheiluugen zerfallen, ferner die Hirten, die 8 Abtheilungen, jede mit 18 Unterabthei lungen bilden, u. s. f. Die Pariah's gehören zu den untersten Kasten, zerfallen hier in 13 Abtheilungen, sind aber nicht so miß achtet, als anderwärts. Unter ihnen steht noch der Knecht, der Schuhmacher und der Kloakenreiniger. Sonst sind die Pariah's die niedrigsten und verachtetsten Menschen in Indien. Sie dür fen weder in Städten wohnen, noch sich in der Nähe von Dorf- schaften aufhalten, sondern müssen in der Wildniß Hausen. Sie leben nackt in Sümpfen oder Felshöhlen, heulen wie Hunde, wenn.es ihnen an Nahrung gebricht, welche man ihnen zuwirft. Spannung, Feindschaft und wüthende Befehdung der Kasten unter einander sind überall an der Tagesordnung. Mit äußer ster Erbitterung, oft mit erstaunlichem Aufwande von Gelehrsam keit hadern sie mit einander über den Rang, der jeder einzelnen Kaste in der Gesellschaft gebührt. So behaupten die bengalischen Schreiber, daß sie zu den zweimal Wiedergeborenen gehören, also mindestens Anspruch auf die Vorrechte der Kriegerkaste hätten. Handwerker aus der Präsidentschaft Madras bestehen darauf, daß sie eigentlich aus dem Gesicht des Brahma abstammen, die Zim merleute z. B. aus der Südseite des Gesichts, während die dor tigen Brahminen, die den ersten Rang beanspruchen, lauter Ba starde seien, der eine von einem Hunde, der andere von einem Esel, der dritte von einem Wassertopfe abstamme. Der Kampf der Kasten ist ein unaufhörlicher und fuhrt nur zur Bildung neuer Sekten.Wad) Indien. 157 Dazu kommt nun noch die Stammverschiedcnheit und die Buntscheckigkeit der Glanbensgemeinschaften anderer Religionen, der Muhamedaner, Parsen und Christen. Wie groß die Zer splitterung, der indischen Bevölkerung in allen diesen Beziehungen ist, ersehen wir am deutlichsten, wenn wir bloß einen Bezirk des Landes betrachten. Blicken wir z. B.. in die Provinz Gnzcrate, die auf 1800 Q-.M. gegen 3 Mill. Einwohner zählt, so treffen wir dort allerlei Volk und Religion an. Das herrschende Volk sind die Mahrattcn. Zahlreicher sind die Radschpnten, die eine große Anzahl von Stämmen bilden, welche unter einander in be ständiger Feindschaft leben. Die Brahminen sind zahlreich, wcr- den aber von den Radschpnten verachtet. Die Muselmänner sind namentlich in den Städten häufig und trennen sich in Sunniten und Schiiten. Neben ihnen zeichnen sich auch besonders in Städten die feneranbetenden Parsis aus durch Industrie und Handelsgeist. Auf dem platten Lande bilden die Kulies den Haupt- bestandtheil der Bevölkerung; sie bekennen sich zum Hindnglanben, essen aber Fleisch und sind dem Genuß von Opium und Brannt wein 'ergeben. Im Innern des Landes sind die Kunbies über wiegend, die vom Ackerbau leben. Die Kattics sind Hirten und zerfallen wieder in 3 Abtheilnngen. Von allen Genannten ver schieden sind die Danscha's, die von Ackerbau, Jagd und Fisch fang leben und im Rufe der Zauberei stehen. Eine andere Sekte sind die Dschaina's oder Djaina's, welche die heiligen Bücher der Hindu's verwerfen und deshalb von den Brahminen auf das Bitterste gehaßt werden. Im Mittelalter waren die Djaina's eine angesehene Partei, an die viele schöne Baudenkmäler erinnern, so z. B. zu Karkala im Tululande. Außerdem wohnen noch viele >- andere Völker und Stämme hier, deren Rainen wir indessen übergehen wollen. Am merkwürdigsten darunter sind die Cha- runs und Bhats, die Sänger- und Prophetenstämme. Die158 Nach Indien. Charuns zerfallen in zwei Abthcilungen, jede zu 120 Unterab theilungen. Diese Menschen werden von den Radschputen auf's Aeußerste geehrt und gefürchtet. Sie durchziehen nämlich als Bar den und Priester das Land und preisen in ihren Liedern, diejenigen, die sich freigebig gegen sie erweisen, und brandmarken den Knicker mit unauslöschlichem Schhnpf. Aerger als die Geier nach ihrer Beute ziehen sie in Schwärmen von allen Seiten zusammen, wenn ein reicher Radschpute im Begriff steht, eine Hochzeit aus zurichten. Das Haus, welches mit diesen Gästen gesegnet wird, ist dem sichern Ruin gewidmet; der stolze Radschput giebt sein Letztes hin, um mit Ehren von den wunderlichen Heiligen zu scheiden. Diese kolossalen Erpressungen waren bisher ein Haupt grund des bei den Ratschputen üblichen Mordes neugeborener Mädchen. Der Radschpute hält es nämlich für einen unerträg lichen Schimpf, eine mannbare Tochter unverheirathet im Hause zu haben. Aber der Kreis, aus dem er einen Ehemann wählen darf, ist bei seinen aristokratischen Borurtheilen außerordentlich beschränkt. Da sich die Radschputen, wie wir wissen, für ächte Nachkommen der Kriegerkaste halten und demnach sich nicht wenig einbilden, so müssen sie auch großen Aufwand machen; bei ihren Hochzeiten sind daher die Kosten in Folge des Bardenunwesens ungeheuer. Eine Tochter aufzuziehen erscheint ihnen darum be denklich, wenigstens war es noch bis vor Kurzem also; und wer sich auch zutrante, mit einer Tochter dem Ruin zu entgehen, tödtete wenigstens die andern, entweder meist gleich nach der Ge burt, oder in späteren Jahren. Man kam so nicht in Gefahr, zu verarmen oder sich wegen Knickerei gegen die Barden vor ein ander zu schämen. Erst in neuerer Zeist ist es dem englischen Obrist-Lieutenant Ludlow gelungen, unter den Familienvätern der Radschputen eine Uebereinkunft zu Stande zu bringen, durch die sie sich verpflich-159 Nach Indien. teten, den Barden bei Hochzeiten nur eine bestimmte mäßige Summe auszuzahlen. Bald darauf, als die Radschputen sahen, daß diese Beeinträchtigung der gefürchteten Priesterklasse nicht den Zorn des Himmels auf sie herabzog, traten sie aus freiem An triebe zusammen, beschlossen, den Barden künftig Nichts auszu zahlen und vereinigten sich zu der Erklärung, daß sie den Mäd chenmord für ein Verbrechen hielten. Seit dieser Zeit läßt man die weiblichen Wesen am Leben, nachdem Tausende dem Vorur- theil zum Opfer gefallen sind. Die Zersplitterung zeigt sich aber nicht bloß in der Stamm- und Kasteneintheilnn^; auch in den Geboten ein und derselben Kaste ist keine Einheit mehr. Den Brahmineu ist das Fleisch der Thiere verboten; indessen essen Manche Fleisch, von welchen: Thier es auch sei, vorausgesetzt, daß sie es nicht mit eigenen Händen getödtet haben. Andere halten sich streng von jedem Fleischgenuß und stoßen den diesem Gebote Eutgegenhandelnden aus ihrer Kaste aus. So erzählt ein neuerer Reisender, daß er in Madras einen Mann kennen lernte, der mit elenden Lumpen bekleidet, halb verhungert und von Allen verachtet war, der die niedrigsten Dienste verrichtete und mit Hunden und Katzen um seine Nahrung kämpfen mußte, der, wenn er mit seinem Kleide einen Brahminen oder einen Kschatrya gestreift hätte, mit einem Dolchstoße getödtet worden sein würde, ohne daß das Gesetz den Mörder ausgesucht und bestraft hätte. Und wer war dieser Mann? Was hatte er verbrochen? Es war ein ehemaliger Brahmine, der mit den: größten Widerwillen einen einzigen Löffel Bouillon genossen hatte. Er hatte im Dienst eines reichen Engländers ge standen und nach dessen Tode eine Unehrlichkeit sich zu Schulden kommen lassen. Dafür zwang man ihn, einen Löffel Rindfleisch brühe zu nehmen. Von diesem Augenblicke an hatte er seine Kaste verloren und wurde von aller Welt verlassen und gehaßt160 Nach Indien. und mußte er seinen Tod in irgend einem dunkeln Winkel erwar ten. Begreiflicher Weise haben daher die Brahminen entsetzliche Angst vor dem Verlust ihrer Kaste. Wie groß diese ist, davou nur ein Beispiel. Ein sehr geistreicher und europäisch gesinnter Hindu in Madras besuchte sehr oft einen reichen Engländer, mit dem er sich gern über gelehrte Dinge, auch über Religion, unter hielt. Eines Tages, als er gerade zur Zeit des Mittagsessens kam, beschloß der Engländer, den Brahminen zur Theilnahme am Mittagsmahle zu bewegen. Er nahm denselben vertraulich am Arm und sagte: „Mein Bester, cs ist Zeit, daß Sie Ihren Unsinn bei Seite werfen. Sie sind viel jij verständig, um fer ner dabei zu verharren; auch brauchen Sie nicht besorgt zu sein, sich bei mir eine Blöße zu geben; nehmen Sie nur die Maske ab!" Unterdeß waren sie schon nach dem Speisezimmer unter wegs. „Nun kommen Sie und essen nur dreist eiu Stück Rind fleisch mit mir," sagte der Engländer, die Thür öffnend. Als die letzteren Worte dem Brahminen zu Gehör kamen, stand er bereits einem dampfenden Rosibeef gegenüber. Dieser Anblick, von den gesprochenen Worten begleitet, versetzte ihn in ein krampf haftes Zittern, sein Blick wurde stier; er konnte kein Wort Her vorbringen und fiel bewußtlos nieder. Man innßte ihn halbtodt nach Hause bringen. Von jenem Tage an sah man ihn nie wie der in europäischer Gesellschaft. In Bombay war vor einiger Zeit ein Zwiespalt in der Brahminenwelt. Auf der einen Seite standen die Bhatta's oder Priester, auf der andern die Schastri's oder Theologen, die sich mit der Sanskritliteratur beschäftigen. Jene wollten alle Satzungen mit Strenge aufrecht erhalten, diese dagegen eine .zeit gemäße Milderung. Da begab es sich, daß ein Hindujüngling aus der Brahminenkaste zum Christenthum Neigung zeigte und sich bei den Missionären aufhielt. Damit hatte er seine KasteNach Indien. 161 verloren, die er auch nicht wieder erlangte, als der Gerichtshof den Jüngling an die Verwandten ablieferte. Zur Wiedererlangung der Kaste wollten ihn die Schastri's reinigende Gebräuche vor nehmen lassen und ihn dann nach Benares schicken. Dagegen protestirten die Bhatta's, indem sie behaupteten, der Jüngling habe, weil er bei den Unreinen gelebt und gegessen, die Vorrechte seiner Kaste für immer verloren. Ja sie gingen noch weiter, sie erklär ten die armen Schastri's selbst in den Bann und es mußten nun diese selbst entsündiget werden, um ihrer Kastenvorrechte ivieder theilhaftig zu werden. Diese tzntsündigung ging also vor sich. Der Verrichter der Reinigungsgebräuche sagte zu seinen Verklä gern : „Väter, ich habe gesündigct." Darauf schnitt man ihm den Bart ab und verabreichte ihm das sogenannte Pantchagavja oder die fünf Erzeugnisse der Kuh, als: Milch, Lab, Butter, Urin und Dünger. Der arme Sünder mußte nun auch ein Feuer an zünden und Reis, Ghi und andere Opfergaben hineinwerfen. Weiter wurde er über und über mit Kuhdünger eingerieben; dann inußte er sich waschen. Darauf wurde er mit Erde einge- rieben, und dann mußte er sich wieder waschen. Nach langer Schererei war endlich der arme Bruder wieder ein richtiger Brahmine. Wegen der Verschiedenheit in ihren Geboten liegen sich die Brahminen nicht selten in den Haaren. Da giebt es welche, die Fische essen und darum von ihren Kollegen bitter angefeindet werden. So im Tulülande (südlich von Goa), wo man, um dem Gewissen nicht wehe zu thun, die Fische als „See-Gemüse" verspeist. Ob alle Brahminen wirklich so fromm sind, wie sic äußer lich scheinen, ist mehr als zweifelhaft; Viele scheinen zu wissen, daß sie bloßen Hokuspokus treiben; aber da sie dabei ein sehr be quemes Leben führen, so halten sie fest daran. Eine Hinduzeitung Kühner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. H162 Nach Indien. sagte vor einigen Jahren über die Brahminen folgende eben nicht schmeichelhafte Worte: „Die Brahminen kümmern sich nur um ihren Bauch. Veranstalte ein gutes Mittagessen und sie schaaren sich wie die Ameisen. Da sind sie denn gar munter und ganz eines Sinnes, während sie sonst sich auch nicht das Geringste daraus machen, wenn Einer von einem Andern geschuppt oder geschunden wird. Sie haben auch nicht ein Fünklein Muth. Wie die Vögel sind sie, die ein aufgehobener Stock vom Acker scheucht. Es ist auch keine Scham in ihnen. Machst du dich zur Füllung ihres Bauches anheischig, so darfst du ihnen mit dem Schuh in's Gesicht schlagen. Ihr sehr charakteristisches Sprichwort lautet: „Schlag' uns auf den Rücken, — nur nicht auf den Bauch!" — Ist das vielleicht auch etwas übertrieben, so stimmen doch fast alle Urtheile darin überein, daß die Brahminen ein sehr habsüch tiges Geschlecht sind. Kommen fromme Pilger zu irgend einem Heiligthum, so kehren sie oft genug als Bettler zurück. Die Priester nehmen ihnen Pferde und Wagen, hat er diese nicht, dann den Rock. Ist das Geld zu Ende, so muß der Arme Anweisun gen auf sich ausstellen, die ihm in seine Heimath nachgeschickt werden. Zn diesem Zwecke unterhalten die Priester an reich be suchten Wallfahrtsorten besondere Emissäre; mitunter besuchen sie ihre Kunden auch selbst. Im Allgemeinen betrachten die Hindu's die Berührung der Federn als eine Befleckung; unter den am Fuße des Himalaha wohnenden Stämmen besteht jedoch dieses Vorurtheil nicht. Mit unter sind die Unterscheidungen höchst kleinlich. So bildet unter einer großen Anzahl von Kasten nur die Farbe der Kleider, die Einrichtung und Ordnung der kleinen Toilette-Gegenstände das gegenseitige Erkennungszeichen. Die Radschputen essen Schaaf- sleisch, Wildpret und Fische, haben aber einen Abscheu vor Rind- und Schweinefleisch, sowie vor Geflügel. Die Rohillas lassenNach Indien. 163 das Schweinefleisch zu, weisen aber daö Rindfleisch zurück. Die selben Rohilla's lassen sich gern mit einem ledernen Riemen peit schen; wollte man es aber einmal versuchen, sie mit einer Reit peitsche oder einem spanischen Rohr zu schlagen, so würde die Antwort mit einem Dolch oder einer Pistole nicht lange auf sich warten lassen. Die Knli's tragen unbedenklich jede Last, welche es auch sei, auf dem Kopfe; verlangte man aber, sie sollten einen Menschen nur einige Schritte weit tragen, so würden sie dies, selbst wenn es sich um Leben oder Tod für sie handelte, ablehnen, und sagen, dies sei Sache einer andern Kaste. — Ein einge borener Zimmermann darf sich keines Fettes für seine Säge be dienen, ein eingeborener Schmied nur in einer besonderen Stel lung arbeiten, ein Bretschneider nur das Holz von einer gewissen Form sägen; alle diese Leute dürfen nur von einer besonderen, auf besondere Weise, in besonderer Stunde und in besonderem Geräth zubereiteten Rahrnngsart essen. Das der untersten Kaste angehörende Individuum darf keinem seiner Kameraden erlauben, ihm beim Essen zuzusehen; keiner darf Wasser aus dem Gefäß eines Andern trinken, und jeder muß seinen kleinen zinnernen Becher bei sich tragen. Ein Mami von unterer Kaste darf sich einem Mann aus höherer Kaste nur auf gewisse Schritte nähern. Seine Kleider müssen nach einem gewissen Schnitt verfertigt sein, und er darf von keinem andern Religionsgenossen eine Erfrischung annehmen, selbst wenn er durch das Bedürfniß derselben in die äußerste Noth versetzt würde. Der Mann von hoher Kaste darf keinem Mann von niederer Kaste erlauben, aus einem und dem selben Brunnen, wie er, Wasser zu schöpfen. Er darf an einem öffentlichen Brunnen kein Wasser trinken, keinen tobten Körper und keinen Knochen eines Thieres anrühren, noch auch Salz, Essig oder geistiges Getränk in seinen Mund nehmen. Und so geht das in's Unendliche weiter mit den Vorschriften und Satznn- 11 *164 Nach Indien. gen, wodurch sich diese Menschen das Leben zur größten Plage machen. Alles und Jedes ist in feste Formen gebannet, das ganze Volk liegt in zahllosen Fesseln, ans welchen es allein durch daö Christenthum befreit werden könnte. Aber das weisen sie mit gro ßer Entschiedenheit zurück und der Missionar hat nirgends in der Welt einen schwereren Stand, als in Indien. Weder Himmel noch Hölle setzt diese Leute in Bewegung. Droht man ihnen mit der Hölle, so sagen sie: Broncho ist überall, folglich auch in der Hölle. Wo aber Broncho es aushält, da werden wir es auch aushalten. Daß ein derartig gefesseltes Volk in der Kultur keine Fort schritte machen kann, ist begreiflich. Zwar hat das Fortbestehen desselben Handwerkes in denselben Familien Etwas für sich, in dem sich jedes neue Familienglied leicht in die Beschäftigung ein- arbeitct und darin etwas Gutes leistet. So bringen z. B. die indischen Weber Stoffe zu Stande, die ihnen Niemand nachmachen kann; auf dem einfachsten Webestuhl machen sie ein Gewebe, das man wegen seiner Feinheit „indischen Wind" nennt, und das man kaum zwischen den Fingern fühlt. Ein persischer Gesandter packte dreißig Ellen Musselin zu eine!» Turban in eine Kokosnuß. Aehn- lickes wird auch in anderen Gebieten geleistet; aber die geistige Entwickelung bleibt dennoch aus. Denn es dreht sich ein Ge schlecht nach dem andern immer in demselben Kreise; da ist kein Gedankenaustausch, da kann sich kein Talent selbst eine. Bahn brechen. Was der Vater war, muß der Sohn werden; so bor- nirt der Eine ist, so wird es der Andere. Kurz, das Kastenivesen ist das entsetzlichste Unglück, dasmuf dem herrlichen indischen Pa radiese lastet. Nachdem wir einen Blick auf die Hindu's im Allgemeinen geworfen haben, wollen wir uns nunmehr auch einen Gesammt- überblick über das ganze Land verschaffen und dann verschiedeneNach Indien. 165 Einzelheiten ans dem Natur- und Völkerleben dieses Landes be trachten. Vorder-Jndicn ist ein an 60,000 Q.-M. umfassendes Drei eck, das im Süden des an 280 Meilen langen und 40 bis 50 Meilen breiten Himalayagebirges liegt, dessen höchste Bergspitzen die Höhe von 26,000, ja 27,000 Fuß und darüber erreichen. Der Indus und das persische Meer im Westen, und der Brahmaputra nebst dem bengalischen Meere im Osten begrenzen die gewaltige Halbinsel, welche fünfmal so groß ist als Dentschland und an 150 Mill. Einwohner zählt, unter denen die Hindn's die Mehrzahl bilden. Den Südtheil der Halbinsel füllt das uns bereits bekannte Hoch land von Dekhan aus, das sich gegen 3 bis 4000 Fuß erhebt und aus einem Gemisch von Ebenen, Felskämmen und isolirten flachgipfcligen Hügeln besteht. Der Nordrand dieser Hochfläche bildet das 'Windh ha -Gebirge; zwischen diesem und dem Hima- laha dehnt sich, fast doppelt so groß als Deutschland, das herr liche Tiefland zu beiden Seiten des Ganges aus, das Tiefland von Hin dost an. Dasselbe ist eins der reichsten Länder auf Erden, enthält sehr guten Boden und treibt eine unvergleichliche Vegetation. Das Ansteigen des Tieflandes vom Meerbusen von Bengalen aus ist so gering, daß die Oberfläche am Fuße des Himalaha nicht viel mehr als 1000 Fuß hoch ist. Indem die Halbinsel bei nur 8 Grad Entfernung vom Aeqnator beginnt und etwa bis zum 30. Grad sich nordwärts erstreckt, gehört sie in die tropische und subtropische Zone und hat somit ein heißes Klima. Wie in Ceylon kennt man auch hier nur zwei Jahreszeiten, eine trockene und eine nasse. Letztere dauert vom Mai bis Ende Oktober und erstere vom November bis April. Doch ist das nur im Allgemeinen richtig, indem die Westküste sich nicht gering von der Ostküste in klimatischer Hinsicht unterscheidet. Die Monsuns sind die Ursache davon. Auf der Ostküste endigt die166 Nach Indien. Regenzeit mit dem Eintritt des Nordostmonsuns zu Ende Novem ber. Dann wird das Wetter schön, der Himmel klar; reiche Erndten, fette Weiden, unabsehbare Reisfelder decken die Ebenen. Acker- und Gartenbau, sowie die Jagd aus Vögel bilden jetzt die Hauptbeschäftigung der Einwohner. Im Dezember wird die Erndte nach Hause gebracht. Die Monsuns wehen heftig und die Luft erreicht den niedrigsten Grad von Wärme; doch kalt wird es hier eigentlich fast niemals. Im- Januar und Februar ist die Temperatur am angenehmsten, daher man in diesen Zeiten viel reist und viele Feste feiert. Im März nimmt die Hitze schon bedeutend zu; schon bekommt die Erde Risse; der Himmel ist Tag und Nacht rein und der Mond glänzt in herrlicher Klarheit. Der Mai ist noch wärmer, und es bemächtigt sich des Menschen eine unaussprechliche Mattigkeit aller Glieder. Das Thermometer steigt schon bis auf 30 0 R. Die Thiere sinken vor Ermattung nieder, die Büffel stürzen sich in Sümpfe, die Vögel flattern mühsam und schwer. Der Mensch schließt sich ein, daö Arbeiten unterbleibt, man macht keine Geschäfte mehr. Noch schlimmer wird es im Juni, wo das Thermometer bis zu 35» R. steigt. Da vertrocknen die Brunnen und manchmal entzünden sich ganze Wälder. Da endlich beginnen im Anfang des Juli die Südwest winde. Abends häufen sich Wolken an, einige Blitze zucken, der Donner rollt von ferne, leicht "bläst ein frischer Wind, und die Erde ist in Dampf gehüllt. Mit den Blitzen mehrt sich der Regen und stürzt bald gleich einer Sündsluth in Strömen her ab. Nur einige Tage dauert der starke Negenfall; unterbleibt er, so wird das Land von Pest und Hungersnoth heimgesucht. Da her ersehnen die Hindu's diesen Regen gar sehr; auch betrachten sie ihn geradezu als eine Gottheit. Im August ist dieselbe Ab wechselung von Regen und Wind. Die Bäche und Flüsse treten durch den Regen geschwellt aus ihrem Bette und ergießen ihre167 Nach Indien. unreinen Wellen über die Ebenen, ähnlich wie es der Nil in Aegypten macht. Weit und breit sieht man nichts als ein unge heures Meer, in dessen Mitte sich Städte, Dörfer und einige Bäume erheben. Nur durch kleine Fahrzeuge, welche sehr flach gebaut sind, wird die Verbindung unterhalten. Zuweilen hält die Ueberschwemmung zu lange an und verwüstet dann Häuser, zer stört ganze Dörfer und entwurzelt große Wälder. In der Ge schichte Indiens kommt es auch zum Oeftcrn vor, daß Heeresab theilungen, welche sich in den Thälern gelagert hatten, in den Flnthen vernichtet wurden. Wenn das Wasser zurückläuft, so läßt es guf dem Boden einen bräunlichen, äußerst fruchtbaren Schlamm zurück; die Saat sprießt empor, die Stengel des Reises und Jndigo's erscheinen, Alles verspricht eine reichliche Erndte. Der Monat September bringt endlich mehr Ruhe; Anfang Ok tober weht ein leichter Nordwind, die Luft wird frischer und gegen Mitte des Monats tritt der Nordostmonsun ein; die Wol ken erscheinen wieder und lassen einen schwachen Regen fallen, dem bald eine Stromfluth folgt, so heftig wie die vorher beschriebene. Gegen den November ist die Regenzeit völlig zu Ende und es wiederholt sich nun der klimatische Jahreslauf. Die Westküste unterscheidet sich von der Ostküste dadurch, daß die Südwestmonsuns dort die Regenzeit eher herbeiführen; während im Osten noch Alles nach Feuchtigkeit schmachtet, lächelt im Westen schon der liebliche • Frühlingsschmuck. Umgekehrt er freut sich der Osten noch des Nasses des. Nordostmonsuns, wäh rend der Westen schon längst der Feuchtigkeit entbehrt. Wärme und Feuchtigkeit zaubern in Indien einen Reichthum an Vegetation hervor, wovon wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Ohne Aufhören wohnen Frühling, Sommer und fruchtreifender Herbst beisammen. Wie in einem lebenden Leibe das Herz bei Tage und bei Nacht ohne Aufhören schlägt, der168 Nach Indien, Athem bei Tage wie bei Nacht aus- und eingcht, so steht hier daS Getriebe der bildenden, bewegenden, lautsprechenden Lebens kräfte der Natur niemals still. Und was für herrliche Gewächse zeugt hier die Natur! Da prangt die königliche Palmyra; majestätisch trägt sie ihre Fächerkrone, deren Blätter, gefingerten Händen ähnlich, wenn ein plötzlicher Windhauch darein fährt, so ge waltig zu rauschen anfangen, daß du dich erschrocken umstehst. Sie liefert, jung gefällt, einen wohlschmeckenden Kohl, den erfrischenden Wein aber erst nach 30 bis 40 Jahren. Daher das Sprichwort der Bewohner Sumatra's: „An der Küste pflanze er die Kokos für sich, ans der Höhe die Palmyra für Kindes-Kinder. Noch wichtiger ist für den Hindu die Banane, die treue Gefährtin der'Kokospalme, die in minder reichen Ländern wie Indien recht eigentlich die Stelle des Brotes vertritt. Den schmächtigen Schaft umgeben 10 bis 12 saftstrotzende, sammetWiche Riesenblätter und aus der Krone hängt eine riesige Traube von oft mehr als 200 drei Finger starken und fast handlangen Früchten herab, die zu sammen an 60 bis 80 Pfund wiegen, gnrkenartig, fleischig, mit einem musartigen Mark erfüllt sind und an Nahrhaftigkeit dem Reis fast gleichen. Dieses Gewächs ist vielleicht das dankbarste auf der ganzen Erde. Es verlangt vom Menschen weiter nichts, als von Zeit zu Zeit Bewässerung und ein paar Male des Jah res Behackung, und dafür spendet es jene große Menge des köst lichsten Nahrnngsstoffes, der von der Kartoffel das Mehlige, von der Birne das Saftige und vom Zuckerrohr das Süße hat und überdies mit dem feinsten Aroma durchwürzt ist. Daher sagt auch ein indischer Dichter von diesem baumartigen Gewächse: „Sieh nur den Vananenbaum, wie er sich demuthsvoll der Mut ter Erde zuneigt, um darzubringen als liebe Opfergabe die stro tzende, in schönen Farben glänzende Fruchttraube, sprechend: Hat uns nicht unsere Mutter Erde von klein auf mit Küssen aufge-zogen, geduldig tragend der Hacke Schlag?" — Auch die 10—20 Fuß langen und 2 Fuß breiten Blätter leisten mannigfache Dienste. Bei heißem Wetter legt man sich auf ein Bananenblatt; bei Tische dienen Stücke davon als Tafeltücher, die man nach jedem Mahle wegwirft; auch bedicüt man sich derselben, um allerlei Sachen hineinzuwickeln. — Die Rebe wächst in den unermeß lichen Wäldern wild. Rosenäpfel, Dattel, Areka, Ko kosnuß und»andere uns zum Theil schon von Ceylon her be kannte Palmen sind sehr zahlreich. Die ausgedehnten Gebirgsketten Dekhans sind reich an uralten Wäldern von staunenerregendcm Wachsthum und mit dichtem Unterholze. Die merkwürdigsten die ser Bäume sind die indische Banmwollenstaude, der Trinko- maliholzbanm, dessen Holz zu Schiffsbauten verwendet wird, der Rothholzbanm, der das Atlasholz.liefert, der Sandel holz- und Drachenblutbaum, der Kajeputölbanm, der Sa pp an bau m, von dem eine Purpurfarbe gewonnen wird. Von der größten Bedeutung ist für die Eingeborenen der Bambus, ein Rohrgewächs von 30—70 Fuß Höhe und von 6—12 Zoll Durchmesser. Alle Endzweige dieses Riesen unter den Gräsern sind so voll Blüthen, daß das Baumgras aussieht, wie eine ungeheure ans unzähligen Aehren zusammengesetzte Rispe. Es wächst an feuchten und sumpfigen Stellen in ungeheurer Masse und bildet große Wälder. In Hinsicht auf seine Brauch barkeit wetteifert der Bambus mit der Kokospalme. Man fer tiget aus dem Bambus fast zahllose Dinge: Pfähle und Rippen zu den Häusern, Blätter für das Dach, Holzziegel für dasselbe ans gespaltenem Rohr, Tische, Betten, Stühle, Sitze und Tisch platten auS dünn geschnittenen und geflochtenen Streifen, Wasser behälter, Treppen, Brücken, Reisscheuern, musikalische Instrumente, Stricke auö Bambusstreifcn, Korbwerk, die feinsten und nicdlicb- sten Arbeiten, Cigarrendosen, Etuiö, Flöße, Einzäunungen, Röh-170 Nach Indien. ren zu Wasserleitungen, Hüte, oft über und über vergoldet, Stan gen zum Tragen der Palankins, ja selbst aus den jungen, weichen, keimenden Pflanzen eine Speise, welche eingesalzen genossen wird. Aus der Unzahl der sonst hier noch wuchernden und ange bauten Gewächse nennen.wir noch Pfeffer, Zucker, Reis, Tabak, Kaffee, Opium, Jams, die einen bis 30 Pfund schweren Wurzel knollen liefert, woraus man das Mandiokamehl und das Kassavc- brot bereitet; Mais, Weizen im Norden, desgleichen Gerste, Obst und Trauben auch im Norden. Von dem grünenden Meer der Gewächse an den Ufern der Flüsse kann man sich durchaus keine Vorstellung machen, wenn man so Etwas nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Da leuchtet das brennende Roth und glän zende Gelb der Hibiskus (Rosenflitten), da erfüllt der Duft der Plumieren die Luft, da entzückt das Gewinde der Clitorien, die sich am weißen Stamme des Brotfruchtbaumes hoch hinanranken, während höher als sie alle die Wipfel der Palmen über den sma ragdenen Teppich des Gebüsches und Niederholzes hinaufragen. Und im Wasser selbst die seltsame Lotus, eine Seerose, ähnlich unserer Nhmphaa. Diese heilige Pflanze Indiens hat 1—2 Fuß breite Blätter und hebt ihre rosenrothen, auch weißen, gelben oder- blauen, mit anis- oder zimmetartigem Geruch versehenen, 5—7 Zoll großen Bluinen stolz über den Wasserspiegel hervor. Die Blatt- und Blüthenstengel haben eine Länge von 6—8 Fuß und enthalten eine Menge Spiralgefäße; Stengel und Blätter sind mit Luft gefüllt. Das luftgefüllte Gewebe der Stengel und Blät ter ist so eingerichtet, daß dadurch das Eindringen des Wassers verhindert wird. Ein feiner, die Oberfläche der Blätter bedecken der Filz silberfarbener Häärchen verhindert das Eindringen des Wassers von oben her. Dieses silzartige Gewebe hält in seinen Maschen die hereinziehende Luft zurück und giebt dem Blatt in so hohem Grade die Fähigkeit, sich schwimmend über dem Wasser171 Nach Indien. zu erhalten. Es ist diese Einrichtung des Gewebes ähnlich zu der unserer Nelken, der jungen Kohlblätter u. s. w., welche da durch in den Stand gesetzt sind, den Than in Perlenform zu rückzuhalten. Nach dem Glauben der Hindu schläft der Liebes gott in der Lotusblume; überhaupt spielt sie im Brahmathume eine wichtige Rolle. Mit der Lotus in der Hand begiebt man sich zu den Morgenwaschungen in den Flüssen; am Ufer legt mau die heilige Blume ab, wenn man sich in die Fluchen taucht. Zu diesem Reichthum und dieser Pracht in der Pflanzen welt kommt nun eine eben so reiche Thierwelt. In den Wäldern treiben Elephanten, Rhinoccrosse, Tiger, Wölfe und zahllose Affen ihr Wesen, und Pagagehcn, Kakadn's und Spechte führen hier das große Wort. Der weißköpfige Ibis trägt im Schwänze prächtige rosenrothe Federn, welche meistens ans den Kopf indischer Damen wandern. Der Pfau hat hier seine Urheimath. Bon höchster Wichtigkeit sind die Geier, welche das Amt der Todtengräber au den ans der Straße liegen bleibenden gestorbenen Pilgern und anderen Wanderern verrichten. Sie haben sehr scharfe Sinne; denn wenn man auch in der ganzen Umgegend keinen Geier gesehen hat, so sind dennoch wenige Minuten nach dem Tode eines Thieres oder eines Menschen schon etliche um den Leichnam beschäftiget. Ein anderer, unserm Storch ähnlicher Vogel, der 6 bis 7 Fuß hoch ist und Adjutant heißt, hat sein Amt an lebendigem Ungeziefer. Schlangen, Eidechsen, Katzen, Hasen, kleinere Füchse u. s. w. sind für seinen dehnbaren Hals nur einzelne Bissen. . Kommen die Adjutanten in größerer Schaar mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Flusse gezogen, so kann man sie für eine Flotte von Böten halten; wenn sie aber auf dem Strande wandern, um Muscheln und Fische aufzupicken, so glaubt man in der Entfcr nung eine Gesellschaft stattlicher Herren zu sehen. Aber auch viele höchst gefährliche Thiere birgt das indische Paradies; so Wim-172 Nach Indien. mein manche Flüsse von Krokodillen, die zuweilen an 30 Fuß lang sind. Gegen 50 Arten von Schlangen bedrohen das Volk in und außer dem Hause mit jähem Tode. Darunter sind Un- gethüme von 30—40 Fuß Länge, wie die Boa. Von da stuft es sich ab bis zu der kleinen Cobra de Aurellia, welche wie eine Federspule dick und 6 Zoll lang ist und durch ihren Biß Raserei und den Tod bewirkt. Der Biß einer andern, etwa 1 Fuß lau gen Schlange, der Cobra Manilla, tödtet in einer Viertelstunde. Diese Thiere schleichen sich in die Wohnungen der Menschen, zwängen sich durch die Fensterritzen und nisten wohl auch in einem aufgehängten Turban. Man ist nie sicher vor solchen Thieren. So saß einst eine Gesellschaft englischer Offiziere im Gespräch um den Tisch herum. Plötzlich verfärbt sich das Gesicht des Einen, wie wenn er vor brennendem Spiritus säße. Mit fast erstorbener Stimme theilt er der Gesellschaft mit, daß sich eine Cobra unter dem Beinkleide um seinen Fuß gewunden habe. Er bittet, daß sie sich ja nicht regen. Nur Einer soll gehen, ein Ge fäß mit Milch holen und dieses in einen entfernten Theil des Zimmers setzen. Es geschieht; die Schlange läßt sich dadurch fortlocken, sie wird getödtet und der Mann ist gerettet. — Einen gewaltigen Feind haben diese Thiere an dem indischen Ichneu mon. Dieser wird jung eingefangen, gezähmt und schließt sich sehr eng an die Menschen, an. Er besitzt die merkwürdige Eigen schaft, die giftigen Schlangen zu vernichten; denn beim Anblick eines solchen Ichneumon windet sich die Cobra zusammen und bleibt in einem erstarrten Zustande liegen. Das Thierchen be trachtet dann sein Schlachtopfer mit durchdringendem Blicke, stürzt sich bei der geringsten Bewegung auf dasselbe, ergreift die Schlange beim Kopfe und tödtet sie. Soviel im Allgemeinen über das Land, seine Naturprodukte und seine Bewohner. Sehen wir uns nun noch' in einzelnenNach Indien. 173 Gebieten desselben näher um. Wenden wir uns zunächst noch einmal nach Bombay, wo wir Gelegenheit haben, Ueberreste der -alten Perser in den Parsi's kennen zu lernen. Unter den 560,000 Einw. der Stadt machen die Parsi's fast den sechsten Theil aus. Ihre Vorfahren sind einst nach Indien gezogen, als die Muhamedaner im 7. Jahrhundert Persien unterjochten; nach Bombay kamen sie erst vor etwa 130 Jahren. Hier spielen sie die Rolle der großen Kaufleute, Bankiers, Schisfsbauer, Zwi schenhändler, Unternehmer, und Viele sind auch Krämer und Handwerker. Es sind sehr betriebsame und spekulative Leute, die fast bei jedem Handelsgeschäft die Hand im Spiele haben. Unter einem Tuche giebt man dem Parsi-Mäkler durch gewisse Händedrücke Forderung und' Gebot kund, und wenn das Geschäft zu Stande kommt, so erstattet ihm der Verkäufer und der Käufer 3 Prozent für die gehabte Mühe. Sonst führen in Indien die hinduischen Däninnen die Handelsgeschäfte, und zwar ans eine nicht minder seltsame Weise. Käufer und Verkäufer setzen sich, nachdem die Maaren genau untersucht worden, mit verschränkten Beinen einander gegenüber, reichen sich die Hände und machen die Gebote durch Darreichung einzelner Finger, von denen jeder eine gewisse Summe anzeigt; nur zuweilen wird ein Wort ausgestoßen. Ist aber die Forderung oder das Gebot außergewöhnlich hoch oder niedrig, dann springen sie wie ein Paar kämpfende Hähne mit großem Geschrei in die Höhe, setzen sich indeß bald wieder, uin von Neuem in dem stuin- men Handel fortzufahren. Auch sie haben gewöhnlich eine Decke über ihre Hände gebreitet. Der erwachsene Parsi trägt als Gürtel eine heilige Schnur aus 72 Fäden. Dieselbe muß von dem Priester oder dessen Frau geflochten sein und soll den Leib dreimal umspannen. Außer dieser Schnur, Kusti genannt, haben sie als Kennzeichen noch den174 Nach Indien. Sadra d. i. ein weißes Unterkleid von Musselin; so angethan glaubt der Parsi allen Übeln Einflüssen von dem bösen Urwesen, dem Ahriman, trotzen zu können. Ans dem Kopfe haben allk Parsi's eine tschaköförmige Mütze, die ein wenig schräg nach hin ten zu stehend getragen wird. Am Tage wendet sich die Andacht dieser Leute der Sonne zu; tritt der Parsi Abends in die er leuchtete Stube, so murmelt er der freundlichen Hauslampe sein Gebet entgegen. Wenn aber Sonne und Lampe fehlen, da rich tet er seine Blicke zu Mond und Sternen empor. Die recht gläubigen Parsi erblicken in dem Feuer das Wesen der Gottheit, die freidenkenden dagegen betrachten dasselbe nur als ein Erinne rungszeichen der gegenwärtigen Gottheit. In Tempeln unterhalten sie das ewige Feuer; Bombay hat deren zwei, ganz Indien sechs. Außerdem giebt es auch noch gelegentliche heilige Feuer, die sich in jeder Ortschaft befinden, wo Parsi's leben. Es ist ihnen ver boten, Porzellan und Glas zu berühren, weil beides im Feuer bereitet ist. ’ Der strenggläubige Parsi hält dies Gebot in Ehren; der freisinnige nimmt indessen ohne Weiteres ein seidenes Tuch, saßt damit das <Äas und gießt den Wein mit solcher Geschick lichkeit in den Mund, daß das Glas die Lippen nicht berührt. Somit meint er das Gebot auch erfüllt zu haben. Stirbt ein Parsi, so muß der Priester das heilige Buch der Parsi's von Anfang bis zu Ende lesen. Das thut er mit einer solchen Ge wandtheit und Schnelligkeit, daß es fast scheint, als wehe der Wind die Blätter um. Zu dieser Eile hat er auch alle Ursache, denn erbekommt nur -£ Rupi, d. i. 12 gute Groschen, für seine Arbeit. Nach der Taxe richtet sich die Länge der Gebetswaare. Die Leiche des Parsi wird nicht begraben, auch nicht verbrannt; sondern man setzt sie in einem thurmartigen, oben offenen Ge bäude den Raubvögeln zur Speise vor; denn die Mutter Erde ist » als Naturelement heilig und darf nicht durch eine modernde LeicheNach Indien. 175 verunreinigt werden. In ängstlicher Spannung schauen die Ver wandten zu, welcher Theil des Körpers zuerst von einem Raub vogel gepackt wird: denn das ist von Vorbedeutung für das jen seitige Loos des Vorstorbenen. Das Quartier der Europäer in Bombay erinnert durch seine statt lichen Gebäude an Europa; wollen wir dagegen das indische Leben ge nauer betrachten, so müssen wir uns nach dem Quartier der Ein geborenen begeben. Dasselbe zeigt zwar auch einige stattliche nach europäischem Muster angelegte Häuser/ aber die Mehrzahl der Hinduwohnungen sind ächt indisch, kleine Erdhütten, so niedrig, daß man darin kaum aufrecht stehen kann, und mit einer so kleinen Oeffnung, daß man hineinkriechen muß. Der bloße Anblick ist malerisch; nur in der Regenzeit, wo sich die armen Leute in ihre Hütten förmlich einspinnen, sieht cs hier traurig aus. Allerdings ist das Unglück eben nicht groß, wenn eine solche Behausung von den Regenströmen hinweggespült wird, denn um einen oder zwei Gulden läßt sich ein solches Hüttchen wieder Herstellen. Ein hoch stämmiger Mangobaum oder eine breitüstige Banane beschatten ge wöhnlich die Hütte. Die bessern Häuser sind aus getrockneten Backsteinen erbaut, haben flache Dächer, sind aber auch niedrig und finster, jedoch nicht ohne Fenster. Letztere sind sehr klein, weil man vor der Wärme und dem Lichte geschützt sein will. Bei guten Häusern hat man wohl auch große Fenster ange bracht; diese werden aber durch besondere aus den Wurzeln wohlriechender Gräser verfertigte Schirme — Tatths genannt — die stets zur Erfrischung und Abkühlung mit Wasser benetzt sind, insoweit geschlossen, daß die Hitze nicht belästigend in die Räume der Wohnung eindringen kann. Jedes, einigermaßen gute Hauö hat auch hier, wie in Ceylon, einen offenen Säulengang oder eine Veranda, die einen kühlen, vor dem Regen schützenden Vor platz bildet, auf welchem man sich vergnügt und unterhält.176 Nach Indien. Treten wir in ein indisches Haus ein, so erblicken wir einen äußerst einfachen Hausrath. Auf dem Fußboden liegen Matten und Decken, die dieselben Dienste verrichten müssen, als unsere Tische und Stühle. Auch dienen diese Decken statt der Unter betten und der Deckbetten, dergleichen man in Indien nicht kennt. Hölzerne und irdene Gefäße, einiges Kupfer und Messing- geräth, Töpfe und Schalen zum Reiskochen und eine hölzerne Keule zum Stampfen des Reises, endlich einige Körbe und höl zerne Kasten zum Bewähren des Geldes und der Kleinodien — dies zusammen macht das ganze Mobiliar, selbst bei nicht unver mögenden Familien, aus. Nur bei angesehenen Hindufamilien sieht man leichte Bettstellen von Rohr. Die ganze Wohnung ist überhaupt mehr zum Schlafen da, als zur Hantirung und zum behäbigen Wohnen. So einfach wie in Wohnung und Hausrath ist der Hindu auch in seiner Kleidung.. Die Hauptstoffe der Bekleidung sind Baumwolle und Seide. Der arme Hindu macht aus einem Stück baumwollenen Zeuge einen Gürtel um die Hüften; der übrige längere Theil wird zwischen den Beinen durchgeschlagen und hängt bis über die Kniee herab. Die Wohlhabenderen hän gen noch eilt. 6—7 Ellen langes Stück von ähnlichem Zeuge um den übrigen oberen Körper. Sonst ist jedoch die Tracht der Hindu's sehr verschieden. Hier kommt Einer mit bloßem Gürtel am nackten Leib, dort ein Anderer mit leicht über die Schulter geworfenem Baumwollenzeug, hier wieder ein Anderer in langem weißen, rothen oder blauen Gewand. Des Einen Kopf ist ganz kahl geschoren, ein Zweiter hat einen Büschel auf dem Wirbel stehen lassen, dem Dritten hängt ein langer Zopf vom kahlen Haupte, der Vierte ist ein schöner schwarzer Lockeukopf. Bunt ist die Livree des Morgenlandes überhaupt. Eben so bunt sieht es in der Farbe der Haut aus; auf der einen Seite fast euro-Nach Indien. 177 päische Weiße, aus der andern fast Negerschwärze und dazwischen alle Abstufungen vom Lichtbraun bis zum dunkelsten Braun. Statt der Schuhe oder Stiefeln tragen die Hindu's wol hie und da Sandalen, d. h. schmale Bretter mit Absätzen, welche vermit telst eines knopfsörmigen Holzes zwischen den beiden ersten Zehen festgehalten werden. Andere befestigen sie mit einem schwarzen, ledernen Riemen quer über den Fuß, und bei den angesehenen Hindu's sind sie von rothem oder gelbem Leder. Die Frauen lieben sich sehr zu putzen. Zunächst tragen sie ein sehr kurzes Jäckchen aus bunter Seide, das sehr kurze Aermel hat. Um die Hüften haben sie ein großes Stück Zeug, das bis auf die Füße reicht, und dessen einer Zipfel über die Schulter geworfen wird. Bei vornehmen Frauen ist das Alles sehr schön bunt gestickt. Hemd, Strümpfe, Handschuhe, Haube u. s. w. kennen die Jndierinnen nicht. Dagegen treiben sie gro ßen Luxus im Schmuck mit Perlen, Gold, Silber und Edelsteinen. Arme nehmen mit Eisen, Blei, Lack und Glas vorlieb. Die Frauen durchbohren sich nicht allein die Ohren, sondern auch die Nascnscheidewand und die Nasenflügel, in welche dann metallene, oft mit Edelsteinen und Perlen versehene Ringe eingehangen wer den, die sich ans die Lippen und auf die Wangen ablagern. Das Haar wird mit Gold- und Perlenschnüren reich geschmückt, des gleichen der Hals. Die Oberarme zieren zuweilen besondere Armringe; auch um die Handwurzel legen sich mehrere goldene, emaillirte oder mit Perlen und Edelsteinen versehene Ringe, an die sich noch andere Ringe anschließen, die aus Kugeln von Gold, Steinen u. s. w, bestehen. Die Finger, selbst die Daumen sind mit Ringen bedeckt, ebenso die Fußknöchel und die Fußzehen. In der Gegend um Agra und Delhi fand Prinz Waldemar von Preußen die Kleidung also: Der Oberkörper ist nur mit einem schmalen Leibchen bedeckt; um die Hüften fängt ein breiter, langer Kutzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder.178 Nach Indien. Rock, wie unsere Damenkleider an, den die Frauen beim Gehen aufgeschürzt tragen. Hinten über dem Kopf hängt ein langer Schleier, gewöhnlich roth oder gelb, bis zu den Knöcheln herab. Vom Ellenbogen bis zur Hand tragen sie fast ein Armband neben dem andern, auf den Zehen aber große Ringe und über den Knöcheln oft schwere silberne Spangen, die, wenn mehrere Frauen zusammengehen, rasseln, als wenn Baugefangene mit ihren Ketten gehen. Oeffnet eine Hindufran ihren Mund, so zeigen sich schwarze Zähne. Diese Farbe giebt man den Zähnen durch Spießglanz, weil man hier der Ansicht ist, daß sich weiße Zähne nicht für Menschen schicken; dergleichen haben nur Hunde, Assen und Tiger. Auch die Augenbrauen färbt man auf diese Weise schwarz. Da gegen liebt man es, die inneren Hände und Füße, besonders aber die Nägel, orangeroth zu färben. Es geschieht dies vermittelst der Henna. Die zu Pulver geriebenen Blätter der Hennapflanze werden mit Wasser in einen Teig verwandelt, den man sodann auf die Theile legt, welche man färben will. Hier läßt man ihn eine Nacht liegen, worauf die. Farbe sich so fest eingesogen hat, daß sie Wochen lang trotz des Waschens auhält. Salben und Wohlgerüche sind sehr beliebt, insbesondere bedient man sich des Moschus und des Sandelholzes. Sonst gehört zur vollständigen Toilette noch ein Fächer und ein Sonnenschirm, die in ihrer einfachsten Form aus zurechtgeschuittenen Blättern der Talipot- oder Schirmpalme bestehen. Gewöhnlich hat der Hindu nur eine Frau, indessen ist es ihm erlaubt, mehrere zu besitzen. Im Allgemeinen besteht wol zwischen den Eheleuten ein nicht eben hartes Berhältniß, aber dennoch ist das Loos der Frauen kein leichtes. Von einer freien Wahl der Frau ist nicht die Rede, sondern die Kinder werden nach der Uebereinkunft der Aeltern verheirathet. Gewöhnlich ge-Nach Indien. 179 schieht dies schon, wenn die Brautleute in der That noch kleine Kinder sind. Denn obwohl ein tamnlisches Sprichwort sagt: „Das Weib ist eine Fuß-Fessel, das Kind eine Mund-Fessel," so ist doch der junge Hindu sehr eilig, sich diese Doppelfessel an- legen zu lassen, und die jungen Mädchen sind noch eifriger darauf aus, irgend einen jungen Mann in jene Fesseln zu schmieden. Giebt es doch für ein indisches Mädchen kein größeres Unglück, als unverheirathet zu bleiben. Daher denn die unbeschreibliche Aengstlichkeit der Aeltern, für die Heranwachsende Tochter einen Mann ausfindig zu machen, und sie so gegen Schmach, Elend und Versuchung aller Art zu sichern. Diese Sorge um die Zu kunft der Tochter fängt mit der Geburt derselben an, und wenn sie nicht mindestens iin 12. Lebensjahre derselben erledigt ist, so giebt man sich schon der Hoffnungslosigkeit hin. Ein anderes tamnlisches Sprüchwort sagt: „Ist ein Mädchen über die Zehn, so werfe man sie nur dem ersten besten Pariah zu!" So wird mancher arme Vater von seinem heirathssüchtigen Töchterlcin fast zu Tode geplagt. Oft muß er große Reisen zu Verwandten unternehmen und nicht selten sind auch diese noch vergebens. Ge- heirathet wird, selbst wenn das junge Paar nichts zu beißen und zu brechen und nichts zum Anziehen hat. Die Schwiegereltern müssen einstweilen helfen. Begreiflicher Weise giebt es da viel häusliches Elend und muß die junge Frau oft viele Schläge hinnehmen. Das allgemeine Familien-Elend wird durch eine ungluabliche Liebe zum Pomp noch vermehrt. Was kostet nicht allein eine Hochzeit! Selbst der Bräutigam muß, mit Juwelen überladen, daherprunken; was man nicht hat, wird geborgt. Rauschende Musik, brillante Feuerwerke und prächtige Aufzüge dürfen nicht fehlen. So fangen denn die meisten Fainilien gleich mit Schulden an und nicht selten häufen sich dieselben immer mehr. 12*180 Nach Indien. Die Trauungsfcierlichkeiten selbst sind meist ziemlich einfach. Das kleine Paar, das Mädchen verschleiert, wird auf Sänften zum Brahminen getragen. Dieser legt die Hände der Braut leute zusammen, lüftet den Schleier der Braut, die der Bräuti gam jetzt zum ersten Mal sieht, spricht gewisse Gebetsformeln im Sanscrit und damit ist die Verbindung geschlossen. Ist das Bräutchen noch sehr jnng — oft ist es erst 6 Jahr —, so kehrt es vorläufig zu den Aeltern zurück, wo es bis zum 11. oder 12. Jahre bleibt. In dieser Zeit wird das Kind von der Mutter zur Köchin und Hausfrau zngestutzt. Darauf wird sie in das Haus des angetrauten Mannes gebracht, der sie das erste Jahr sehr kalt behandelt, denn man hält sich an das Sprüchwort: „Eine derbe Faust im ersten Jahre macht eine gute Frau." Erst nach der Geburt des ersten Kindes gestaltet sich das Verhältnis; freundlicher. Indessen spricht die Frau niemals mit dem Manne- Jn rcspectsvoller Ferne sieht sie diesem beim Essen zu und ge nießt nur die Neste. Diese Forderung ist den Hindufrauen so zur Gewohnheit geworden, daß sie sich äußerst schwer dazu ver stehen, mit ihrem Manne zu essen, inachdem sie Christen gewor den sind. Gleich nach der Geburt legt man an manchen Orten dem Kinde eiserne Ringlein um die Hand- und Fußgelenke zum Schutz vor bösen Geistern. Diese Ringe sind der fürchterlichen Göttin Kali geweiht. Ist ein Knabe 12 Jahr alt geworden, so geht er zum Brahminen; dieser giebt ihm ein Gebet im Sanscrit und zwar an irgend einem einsamen Orte auf dein Felde. Dieses Gebet muß der Knabe vor aller Welt geheim halten. Auf diese Weise ist er unter die Zahl der Erwachsenen ausgenommen worden. Viele der größeren Orte Indiens haben ihre besondern Orts gottheiten; so auch Bombay. Diese Gottheiten sind meist teuf-Nach Indien. 181 lischer Natur und irgendwie mit Schiwa verwandt; so auch die Bombay-Göttin, Munba Dei. Die recht-gläubigen Brah- minen verschmähen ihren Dienst; sie verrichten weder in ihrem Tempel Opfer, noch bringen sie ihr welche dar. Ein Laienprie ster, Pndjari genannt, besorgt den Tempel und nur Leute aus niederen und mittleren Kasten verehren die Göttin öffentlich. Da sind z. B. einige Nnpi's (ü 20 Sgr.) gestohlen worden. Der Bestohlene eilt sogleich zu dem Pndjari und vertraut ihm sein Unglück sowohl als seinen Verdacht. Dieser Edle, der seine Göttin möglichst oft in eine „milchende Kuh" zu verwandeln sucht, ist für ein Paar Rupi's zu helfen bereit. Der Betrogene trommelt etwa seine Kastenleute zusammen und die Angeschnldigten müssen einzeln vor die Göttin hintreten und sprechen: „Mutter, ich bin nicht in sein Haus gegangen, um zu stehlen; wenn dn mich aber schnldig weißt, wohlan, so laß von den beiden Betelnüssen, welche der Priester auf dich legen wird, die auf der linken Hand abgleiten. Da das Götzenbild von dem Oel der Verehrer ein wenig schmie- rig ist, so hat es der Pndjari so ziemlich in seiner Gewalt, die Betelnuß durch stärkeres oder schwächeres Ausdrücken fallen oder hangen zu lassen. Diejenigen, welche die Göttin für schuldig er- erklärt, werden vorläufig dafür angesehen und aus der Kaste ausgestoßen. Abgemacht aber ist die Sache noch nicht. Der Schuldige muß vor allen Dingen eine zureichende Quantität spi- rituösen Getränkes herbeischaffen. Erst wenn dieses hinunterge- trunken ist, wird der Fall von der betreffenden Kaste noch ein mal besehen, denn in Indien heißt es bei solchen Kastengerichten immer: „Ei, wenn ich judiciren soll, verlang' ich auch das Maul recht voll." Auch die Güte des Getränkes ist für die schließliche Entscheidung vielleicht nicht ohne Einfluß; wer Gutes in Menge vorsetzt, hat jedenfalls viel Aussicht, frei gesprochen zu werden. Die Leichtgläubigkeit der Hindu's ist ohne Grenzen. Findet182 Nach Indien. irgend ein Brahmine nicht ein so gutes Unterkommen, als er sich wünscht, so nimmt er zuletzt seine Zuflucht zu einer List. Wie leicht ist nicht ein einträgliches Tempelchen errichtet! Man geht an einen Ort, vergräbt daselbst irgend ein elendes Götzenbild und verkündet nun mit rollendem Auge und schäumenden Munde: Die große Göttin hat mir gesagt: „An jener Stelle wirst du mein Bildniß finden. Dort baue mir einen Tempel oder ich verwüste euer ganzes Dorf!" Nun wird gesucht und gegraben und siehe da! das Bildniß der „Flanuneugöttin, die den Löwen reitet und den Dreizack schwingt", kommt zu Tage. Das Volk betet schauernd an und überschüttet den Pfiffigen Pfaffen mit seinen Gaben. Wer längere Zeit in einer indischen Stadt lebt, erfährt noch andere Proben indischer Leichtgläubigkeit. Das viele Pilgern und Betteln erzeugt fortwährend eine Masse umherziehender Abenteurer, die meist unter dem Scheine der Frömmigkeit den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Dahin gehört besonders der sogenannte Zaubere r. Ein Reisender, der ein solches Sub jekt in Bombay kennen lernte, schildert uns das Verfahren dessel ben also: Zuerst sucht sich der Zauberer im ganzen Orte beliebt zu machen: er schenkt dem Einen ein wenig Rosenwasser, dem Andern etwas Sandelöl, dem Dritten ein wohlriechendes Pülver- chen, dem Vierten Confect — alles Dinge, die der Hindu leiden schaftlich liebt. Im Uebrigen hält er mit seiner Kunst zurück, um desto mehr zu reizen. Man bittet ihn; er warnt. „Wie, wenn Vetala, der König der Dämonen, mit seiner grausigen Schaar in Person erschiene? Seid ihr dazu vorbereitet? Das ist aber das Geringste. Ich selbst könnte Euch schützen. Aber wie, wenn ihr bei der Verrichtung der langwierigen und hochschwie rigen Zauberceremonien nicht bis zu Erde aushieltet? So wür den wir, — ich und ihr — Alle mit Wahnsinn geschlagen wer den." — Mit solchen und ähnlichen Reden hält er die Leute hin,Nach Indien. 183 indem er sie gleichwol durch ein Paar gelegentliche Taschenspieler pröbchen noch stärker lockt. Endlich aber läßt sich die ungeduldige Schaar, die sich allmählich um ihn gesammelt hat, nicht länger halten. Sie bittet mit Ungestüm und der „weise" Guru giebt nach. Er bestimmt Tag und Stunde, Alle haben sich an einem einsamen Orte versammelt. Mit einem rochen Pulver porträtirt nun der Zauberer zuerst den Dämonenkönig auf die Erde. Alle müssen die Hand darauf legen und schwören, daß sie die mitzu- theilende Zauberformel Niemandem verrathen wollen. Dann schreibt er dieselbe nieder. Sie muß von einem Jeden etwa 21,000 Mal wiederholt werden, und zwar ohne den geringsten Anstoß. Kein Wort aus dem Munde einer unreinen Person darf während dieser Zeit das Ohr berühren; kein unpassender Gedanke darf bei Befriedigung gewisser natürlicher Bedürfnisse in die Seele kommen. Sonst ist, — und wenn man die Formel bereits 20,999 Mal wiederholt hätte, — die wochenlange Mühe rein vergebens. — Wenn nun Alles fertig ist, so kommt die Probe. Der Schüler muß etwas Erde in die Hand nehmen. Giebt diese nicht' einen Wohlgeruch von sich, so ist irgend ein Fehler mit untergelaufen. Natürlich riecht die Erde — wie Erde, und der Schüler muß von vorn anfangen. — An einen: noch einsameren Orte verrichtet er nun vorschriftsmäßig allerlei Sühn- und Rei nigungsgebräuche, schürt ein Feuer an und wirft, während er seine Formel wiederholt, zu Ehren des Feuergottes fort und fort But ter, Zucker und ähnliche Dinge hinein. Der Feuergott bläst natür lich einen gewaltigen Rauch daher, um den Glauben seines Ver ehrers zu prüfen. Da fängt denn dem geplagten Jüngling Herz und Auge an zu weinen: „Mein lieber, lieber Lehrer, ich kann nicht mehr; giebt es denn keine andere Weise, den Zauber zu vollenden?" Der barmherzige Lehrer antwortet: „Ja, aber ich muß dann eine Nacht auf dem Todtenacker zubringen und die184 Nach Indien. Cereinomen, die ich dort zu verrichten habe, sind — etwas kost spielig. Da der Schüler nicht gern mit Wahnsinn geschlagen sein möchte, so muß er sich wohl zur Darangabe von noch einigen Gulden verstehen. Allein der Lehrer weiß zur rechten Zeit neue Schwierigkeiten in den Weg zu werfen, — und wenn er Geld genug gewonnen hat, sich aus dein Staube zu machen. Doch werfen wir linn auch noch einen schärfern Blick auf die ländliche Bevölkerung. In den Dörfern bestehen die Häuser nur aus Pfahlwerk, mit Lehm und Stroh verbunden und ge wöhnlich mit Palmblättern überdeckt. Die Häuser selbst stehen ziemlich weitläufig, haben aber größtentheils eine hölzerne Ein fassung oder Umzäunung. In dein Gärtchen an seiner Hütte pflanzt der Landmann gern den Flaschenkürbis, ein Gewächs aus der Faniilie der Gurkenpflarizen, das ihm in seinen Früchten verschiedene Geschirre giebt. Die Flaschenkürbisse haben kugelige oder auch langrunde Form und vor unfern Gurken und Kürbissen das voraus, daß ihre Schale mäßig stark und leicht, dabei aber holzig, hart und nicht leicht zerbrechlich ist. Manche von ihnen eignen sich zu Töpfen, andere, welche in einen langen, verdünnten Hals enden, gleichen täuschend den Gestalten unserer Flaschen, manche ahmen sogar die Trompetcnform nach. Die Dorfbewoh ner beschäftigen sich zumeist mit Ackerbau und Viehzucht; doch hat auch jedes Dorf seine Handwerker. Die Viehzucht ist dem Hindu von großer Wichtigkeit, indem ihm das Rind theils durch seine Milch, theils als Zugvieh statt des Pferdes nützt; endlich ist es ihm ja auch ein Gegenstand religiöser Verehrung. Man sieht daher in Indien Heerden von vielen Tausenden starker Zugochsen beisammen. Das Land hat größtentheils reiche Weiden, so daß der Unterhalt der Heerden leicht fällt und keine großen Heuschläge wegen des warmen Winters nöthig sind. Die Weiden sind Eigenthum der ganzen Dorfge-Nach Indien. 185 meinde und haben daher keine Einfriedigung. Jeder Dorfbewoh ner sucht so viel Rinder, Schafe und Ziegen daraus zu treiben, als sein Besitzstand erlaubt. An künstliche Wiesen und Gras gärten denkt man nicht, darum bleibt das Vieh auch im Ganzen genommen mager. Die Hirten sind aus den untersten Volks klassen. Die Milch wird theils als solche genossen, theils wird Butter daraus gewonnen. Die Butter bereitet man aber nicht so, wie bei uns; man läßt nämlich die Milch zuvor halb gerinnen und quirlt sie dann mit einem Quirl von Bambusrohr in einem irdenen Gefäß vermittelst eines Zugriemens uin. Auch wird die Milch zuvor noch gekocht, weshalb auch die Butter einen räuche rigen Geschmack erhält. Der Ackerbau ist in hohem Grade lohnend; denn die Natur ist hier so freigebig, daß man in Dekhan z. B. vom Reis eine doppelte, in anderen Gegenden sogar vier Ernten in einem Jahre zieht. Der Anbau umfaßt Reis, Baumwolle, Mohn, Mais, Weizen, Gerste, Erbsen, Bohnen, Hirse, Rettige, Rüben. Die europäischen Gewächse baut man jedoch nur mehr im Norden und auf den kühlern Höhen. Jährlich sind zwei bestimmte Zeiten zum Pflügen; die eine, wenn im Juni der Regen anfängt, die andere, wenn er im November aufhört. Die Erntezeit fällt für die höher gelegenen Gegenden in den März und April, vorzüglich in Rücksicht auf Weizen und Gerste. Das Ausdreschen ist ein Austreten und geschieht sofort auf dem Felde, auf ebenen Stellen, die zu einer Tenne geglättet sind. Die Ernte selbst gewährt ein sonderbares Schauspiel. Mehrere hundert Menschen laufen un ordentlich durch einander, fast völlig nackt, den Kopf mit schmu tzigen Tüchern umwunden, in der Morgenkälte zitternd. Hier schneiden Einige mit kurzen Sicheln Flachs oder Korn, Andere sammeln Senf ein — denn es werden auf einem Acker immer zwei Früchte auf einmal gesät, so z. B. auch Gerste und Erbsen —,186 Nach Indien. während wiederum Andere die Bündel zur Dreschtenne tragen. Eingefahren wird das Getreide nie, sondern nach Hause getragen. Auch von dem ausgedroschenen Stroh wird nie mehr auf einmal genommen, als geschnitten ist, und das ist immer nur wenig. Der B a u m w o l l e n b a u ist sehr umfangreich; Indien erzeugt die schönste Baumwolle auf der ganzen Erde; aus ihr werden die allerschönsten und feinsten Tücher gemacht. Die seidenartige, reine und langhaarige Baumwolle von Bengalen wird gänzlich auf die Mousseline und die feinsten Zitze verwendet! — Die Baumwolle ist die Wolle, in welcher die Samen der fünffächerigen Kapsel der Baumwollenstaude eingebettet liegen. Der zu ihrem Bau bestimmte Boden muß vor der Aussaat der zu diesem Be- hufe eingeweichten Samen bewässert werden. Hat die junge Pflanze 5 bis 6 Blätter, die 3- bis öspaltig sind, getrieben, so wird sie behackt und mit den Fingern abgekneipt, damit sie Aeste treibt. Später wird sie noch einmal behackt, um das Unkraut wegzuschaffen und im September und Oktober werden die Kapseln abgepflückt. Nachdem sie auf Schilfmatten getrocknet worden, nimmt man die Wolle mit den Samen heraus, und treibt sie zwischen zwei durch eine Kurbel in Bewegung gesetzten Walzen hindurch, um die Samen zu entfernen, welche als Viehfutter be nutzt werden und auch ein Oel geben. In Ballen gepackt kommt dann die Wolle auf den Markt. Der Mohn wird behufs des Opiums in solcher Menge ge baut, daß jährlich an 13 Millionen Pfund Opium aus Hindo- stan ausgeführt werden. Äer gesuchteste ist wegen seiner Milde und seines angenehmen Geruches der aus der Provinz Bahar gewonnene, sogenannte Patna-Opium. (Im Ganges - Tieflande liegt die Stadt Patna). Die Bereitung des Opiums geschieht auf folgende Weise. Wenn der Mohn abgeblüht ist, so werden die grünen Köpfe in der Mittagsstunde rund herum mit einemStach Indien. 187 spitzen Eisen eingeritzt; dies wird nach einigen Tagen wiederholt und der herausfließende Saft je am nächsten Morgen abgekratzt, in Töpfe gethan und wenn er eine bestimmte Dicke erlangt hat, in die trockenen Blumenblätter eingeschlagen und in große, irdene Gefäße gelegt, die versiegelt nach der Faktorei geschickt werden. Hier prüft man den Gehalt an Opium und Wasser, setzt danach den Preis fest, und dickt den zu schwach befundenen nochmals durch Abdampfung ein. Dann ballt man ihn in Kugeln von 4 Pfund zusammen und versendet ihn in die Ferne, insbesondere nach China. Der schlechtere Opium bleibt im Lande und wird gleich dem zu medizinischen Zwecken bestimmten in Würfelform verkauft. Die Chinesen rauchen den Opium, indem sie ganz kleine Quan titäten davon in die Aushöhlung eines oben geschlossenen Pfeifen kopfes legen, die Hindu's aber lösen ihn in Wasser auf und trin ken ihn. Auf die Gesundheit wirkt der Opiumgenuß in hohem Grade zerstörend. Der Hindu hat sich denselben erst in neuerer Zeit angewöhnt. Ferner wird auch Pfeffer in Menge gezogen, desgleichen Oelpflanzen, woraus Oel in Massen gewonnen wird. Von Handwerkern finden sich in jedem Dorfe Schmiede, Zimmerleute, ein Barbier, ein Töpfer und ein Lederarbeiter, d. i. ein Schuster. Letzterer gehört zu der untersten und verachtetsten Kaste, weil er Kuhhäute verarbeitet. Fällt ein Stück Vieh, so gehört ihm die Haut. Die städtischen Schuhmacher müssen in einem besonderen Stadtviertel wohnen und leben sehr dürftig. Der Schmied wandert mit seiner Werkstätte zu dem, der seiner bedarf. Als Ambos dient ein Stein, vor dem der Meister mit verschränkten Beinen arbeitet, während der Geselle oder Lehr bursche durch zwei grob gemachte Blasebälge das Feuer anbläst, welches vor einem aufrechten, zum Schutz dienenden Stein ange macht ist. Der Zimmermann, Tischler und Holzsäger arbeiten188 Nach Indien. auch mit sehr wenigen und einfachen Instrumenten und daher ziemlich langsam. Was bei uns in wenigen Tagen fertig wird, dauert dort einige Monate. Der Holzsäger setzt das zu zersägende Holz lothrecht zwischen zwei Balken und zerlegt es von oben herab in Bretter. Um so flinker ist der Schuster mit ein Paar Schuhen fertig, obwol er nie Vorrath an Leder hat. Wer ein Paar Schuhe haben will, bezahlt diese im Voraus. Mit diesem Gelde kauft der Schuster die Ziege oder den Hund, wovon er das Leder gebrauchen will. Er nimmt aber nicht wie bei uns das Maß, sondern es genügt ihm, den Fuß in die Hand zu nehmen und hier und da zu befühlen. Hieraus bereitet er die Haut so fort durch sehr starke Beize, bearbeitet mit mehreren Schneide- und Schabinstrumenten das Ganze, näht aber die Sohlen nur mit Baumwollenfäden an. Schon am folgenden Tage hat man ein Paar gut passende und sauber gemachte Schuhe; aber sie halten auch nur ein Paar Tage. Das fast ganz frische Leder und die Baumwollenfäden bewirken, daß sie weder einem Anstoß, noch der Nässe widerstehen. Wenn ein Europäer auf den Ball geht, so nimmt er sich von solchen Schuhen gleich ein Paar mit. Ferner hat jedes Dorf seine Wäscher und Schüsselmacher. Die Anzahl der Waschmänner ist vorgeschrieben und es erhält jeder von ihnen von jedem Bauer ein Gewisses an Getreide. Im heißen Bengalen bedient man sich zu Schüsseln des Pisang- blattes; in den kühleren Gegenden setzt man dagegen aus meh reren Blättern Teller und Schüsseln zusammen. Der Barhi, d. i. der Schüsselmacher, nimmt hierzu 5 bis 6 Pflanzenarten und liefert das Hundert Teller für etwa 3 Groschen unseres Geldes. So billig müssen diese Pffanzengeschirre sein, weil man sie nur ein Mal gebrauchen darf. Am bewunderungswürdigsten sind die Weber. Sie schlagen ihren urweltlich einfachen Webestuhl in jeder Stube, ja sogarNach Indien. 189 unter jedem Baum in: freien Felde auf und legen ihn dann ge wöhnlich Abends wieder auseinander. Der Stuhl besteht aus zwei Walzen, welche auf vier in die Erde gesteckten Pfählen ruhen. Zwei Stöcke laufen quer durch die Kette des Aufzuges der Fäden und werden oben von zwei Stricken an den Baum, in dessen Schatten der Weber arbeitet, befestiget, unten hingegen an zwei anderen Stricken, welche an die großen Zehen des Arbeiters ge bunden sind, wodurch er die Fäden der Kette auseinander und den Einschlag dazwischen bringt. Trotz der Unvollkommenheit dieses Instruments fertigen die zartfingerigen Hindu's darauf die vielartigsten Zeuge in bewunderungswürdiger Feinheit. Wer sich bei einem Weber etwas machen lassen will, bezahlt ebenfalls voraus, wie beim Schuhmacher, weil die Weber auch sehr arm sind. Nicht selten findet man in dem Dorfe auch noch einen ein zigen Dorfdichter, Bhaut genannt. Dieser Natnrpoet besingt die Thaten einzelner Gemeindeabtheilungen, dichtet Hochzeits- und Geburtslieder und wenn zwei Bhauts vorhanden sind, besingt der Eine die Vorzüge der Braut, der Andere die des Bräutigams. Ein Ochs oder ein Stück Zeug ist der Lohn für den Poeten. Die wichtigste Person des Dorfes aber ist der Dorfbrah- mine. Ist die Erndte beendiget, so läßt der Bauer den Brah- minen kommen, um durch Gebete und Ceremonien öffentlich für die Erndte zu danken. Der Geistliche verbrennt hierbei gereinigte Butter von Büffelmilch und spricht über den Getreidehaufen mit lauter Stimme gewisse Gebete, worein die Anwesenden einstimmen. Dafür erhält der Brahmine ein Maaß Getreide. Zu dieser Ein nahme kommen noch andere, so z. B. bei der Heirath fünf Pro zent von dem Vermögen der Braut oder dem Bräutigam. Die Dörfer stehen unter einem Grundherrn oder Zemin- dar, dem sie unterthan sind. Dieser verpachtet seine Güter, und ein Faktor, Putwari genannt, führt die Rechnung zwischen190 Nach Indien. dem Zemindar nnd dem Pächter. Ueber den Grundherren stehen die Bezirksherren, auf welche die Fürsten folgen. Das Volk hat es zunächst nur mit dein Zemindar zu thun und in der That kümmert sich daher seit jeher jedes Dorf nur für sich. Ein Natio nalgefühl hat bei dieser feudalistischen Einrichtung in Indien nicht aufkommen können. Dem hohen Begriffe Vaterland steht der Hindu fern; er gehorcht dem Herrn, der ihn in seinem Glau ben und bei seiner Arbeit gewähren läßt. Sehr eigenthümlich ist die Sitte, daß jeder Indier der höhern Kasten eine große Menge von Dienern im Solde haben muß, wenn er von seinen Landlenten nicht verachtet sein will. Ursprünglich ist dieser Luxus, der mit der Dienerschaft getrieben wird, Wohl durch die klimatischen Verhältnisse bedingt, die es unmöglich machen, daß der Einzelne in der Weise unter dem glühenden Strahl der Sonne arbeitet, wie es in der gemäßigten Zone möglich ist. Die Begüterten umgaben sich mit Dienern, ihre Kinder halten sich bereits an die Annehmlichkeit der fremden Arbeit für sie so gewöhnt, daß sie ihnen unentbehrlich wurde. Der Staat mischte sich endlich mit der Gesetzgebung hinein und formulirte Bestimmungen über die Zahl der vor den Einzelnen zu haltenden Dienstboten. So ist man endlich nach Hunderten von Jahren dahin gekommen, daß cs jedem mit indischen Sitten Vertrauten als ganz natürlich erscheint, wenn ein Fürst mehrere hundert Diener hält. Diese Dienerschaft bildet eine eigene Kaste; sie erhalten Wohnung, Nahrung und Kleidung von der Herr schaft; ihr Lohn ist verhältnißmäßig unbedeutend. Die eindrin genden Europäer waren der Gleichheit wegen gezwungen, diese Sitten der indischen Großen nachzuahmen; auch sie lernten das Nichtsthun liebgewinnen, und auch bei ihnen ward die Sitte Gesetz. Nicht selten ist sie aber, für den Europäer wenigstens, eine große Plage. Um das zu begreifen, dürfen wir nur hören,Nach Indien. 191 daß ein gewöhnlicher Kaufmann mindestens 20 männliche Dienst boten halten muß. Zuerst der Haushofmeister, der Kammerdie ner, zwei obere Diener, einer für die Pfeifen des Herrn, ein zweiter für den Kaffee, mehrere für das Mittagessen, gar viele für die Pferde, von denen der Einzelne stets nur eine und die selbe Verrichtung hat: ein Mann besorgt das Füttern, ein zwei ter die Reinigung, ein anderer legt die Zügel an, ein vierter führt das Pferd hinaus für den Herrn, ein fünfter hält die Steigbügel. Niemals wird die bestimmte Person etwas Anderes, als die ein mal ihm zugetheilte Arbeit verrichten. Eine untere Art von Die nern sind die Lastträger, die ebenfalls eine große Rolle spielen, da man sich ihrer in vielen Fällen bedient, wo man bei uns Lastthiere verwenden würde. Namentlich werden sie für die Armeen verwendet, wodurch sich die Personenzahl derselben auf eine unendliche Weise vermehrt. Jeder Soldat ans einer bessern Kaste hat mindestens zwei bis drei Diener in seinem Gefolge. — Läßt der Herr sich in seinem Palankin austragen, so muß ein bestimmter Diener voranlaufcn und den Namen und Titel des Herrn ausrufen; ebenso ruft er im Hause die Visiten ans, welche ankom men. Ein anderer Diener, der seinen beständigen Platz auf der untersten Stufe der Treppe im Hause hat, ist angewiesen, die Besuche dem Herrn anzuzeigen und zuzuführen. Der Pfeifen träger folgt dem Herrn überall hin und hat für Alles Sorge zu tragen, was Bezug auf's Rauchen hat. Kindermägde findet man fast in allen Häusern. Sie überwachen die Kinder und kleiden die Dame und die Töchter vom Hause an. In der Nase tragen sie, wie alle indische Frauen, einen Ring; auch kauen sie bestän dig Betel. Unter den städtischen Bediensteten bilden die Straßenbespren- ger eine große Zahl. Da die Straßen ohne Pflaster sind, so ist es vor Staub kaum auszuhalten; daher sieht man schon früh am192 Nach Indien. Morgen eine große Zahl von Wasserträger an dem großen Was serbecken damit beschäftigt, ihre Schläuche zu füllen und sie dann in die Straßen entleeren. Ein solcher Schlauch ist aus einer Schafshaut gemacht, die wasserdicht zusammengenäht ist. Die Theile, welche die vier Füße bedecken, dienen als Riemen, um den Schlauch über die Schultern zu hängen. Der Kopf oder Hals bildet die Mündung oder Schneppe des ledernen Kruges. Mehrmals des Tages muß auf die Straßen Wasser gesprengt werden; insbesondere im Juli und August, wo die heißen Winde vorherrschen. Schon nach wenig Stunden ist dann die Feuchtig keit verschwunden und in den Straßen und auf den Plätzen sieht man Wolken von Staub umherwirbcln, der wie ein gelber, ersticken der Nebel die Nächstliegenden Gegenstände verschleiert und durch Thüren und Fenster dringt, so daß auf allen Möbeln sich Hau fen davon ansammeln, für deren Beseitigung der Herr auch einen eigenen Diener hält. Nachdem wir somit einen Blick in das Leben der Hindu's im Allgemeinen gethan haben, wollen wir uns in einzelnen Lan- destheilen nach weiteren Einzelheiten Umsehen. Begeben wir uns zu ^diesem Behufe zuvörderst auf die Westküste der Halbinsel, die in drei Theile, nämlich Konkan, Kanara und Malabar unterschieden wird. Zu unserm Führer wählen wir den Or. Graul, der als Director der evangelisch-lutherischen Mission zu Leipzig, im Jahre 1850 diese Küste bereiste. Es war im Januar, als er in Bombay eintraf. Hier machte er die erste Bekannt schaft mit der indischen Natur, die ihn Anfangs fast berauschte und ihn noch besser begreifen lehrte, wie leicht der Mensch, der dem Leben aus Gott entfremdet ist, unter der Pracht und Fülle einer solchen Schöpfung dazu kommen mag, das Geschöpf über den Schöpfer zu erheben und von der Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit in schnöden Natnrdienst hinabzusinken. „EsNach Indien. 193 ist," sagt er, „als wenn hier die ganze Natur allenthalben Schlin gen und Bande nach dem Menschengeiste auswürfe. Die Schling pflanze, die hier eine große Rolle spielt und manchen gewaltigen Baum wie zum Ersticken umstrickt, erinnerte mich oft daran. Es ist, als wenn sich der Geist nur deßhalb so hoch aufgeschwungeu hätte, um recht tief in die Welt hinabsinken zu können; der Banianeubaum lBobaum), der König der hiesigen Bäume, der aus ungeheuerer Höhe herab seine Luftwurzeln in die Erde senkt, um sich auf's Neue zu erheben und dann auf's Neue der Erde zuzuneigen, ist wol geeignet, diese traurige Wahrheit zu versinn bildlichen." Dieser Baum, der, wo er freies Spiel hat, zuletzt einen förmlichen Wald bildet, fällt dem europäischen Ankömmling zu meist auf. Wir kennen ihn bereits von Ceylon her. Die,kleinen feigenartigen Früchte desselben sind nur für Affen. Also viel Fleisch und wenig Geist! Neben dem Bobaum sticht besonders die Kokospalme hervor, die am liebsten den salzigen Meeresstrand umsäumt. Die Banane wuchert in jedem Garten. Ein eigenes Vergnügen für den Fremden ist es, die Palmweinzieher am frü hen Morgen oder am Abend an dem schlanken Kokosstamme so geschmeidig wie Affen und so geräuschlos wie Katzen hinanlaufen zu sehen. Abends und Morgens begegnet man fort und fort Leuten mit Gefäßen voll des köstlichsten Palmensaftes auf dem Kopfe. Man bereitet Zucker und Arak daraus. Die Palmyra prangt in ihrer stolzen königlichen Haltung neben andern statt lichen Bäumen und entzückt den Wanderer nicht minder als die dunkelgrünen Gärten mit ihren doniartigen Laubgängen. Als Or. Graul in Bombay war, traf es sich, daß gerade der Gaikwar von Baroda, der eben auf einer Wallfahrt begriffen war, der Stadt einen Besuch abstattete. Sein Gefolge belief sich auf 11000 Mann mit 2000 Pferden und 106 Elephanten. Nur mit Kühner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder.194 Nach Indien. einem Theil dieses Gefolges zog der Gaikwar in die Stadt ein, aber die Erscheinung war dennoch großartig genug. Ein und zwanzig Kanonenschüsse begrüßten Seine Hoheit „Gunput Row Gaikwar Scna Khas Khel Schumscher Bnhadoor." Es war ein kleiner Mann mit offenem, verständigem Auge; er trug eine fließende Tunika von grünem Satin, goldgestickt; seine Purpur- Satin-Beinkleider waren so dicht mit Gold durchwirkt, daß die Grundfarbe kaum sichtbar wurde. Goldbeladene Sandalen von grünem Marokko saßen an seinen Füßen. Sein von solidem Golddraht durchwirkter Kaschmir-Turban wurde auf 1000, und der Werth der Juwelen an seinem Leibe auf 200,000 Rupi's geschätzt. An der Vorderseite des Turbans glänzte ein doppelter Halbmond prächtiger Brillanten von auffallender Größe, und da zwischen blühte ein rosiger Diamant, fast f Zoll breit, eingefaßt von zwei großen Emeralden. Eine Schnur von ungeheuren Per len schlang sich zweimal über den Turban weg und hing ans die Schultern hinunter. Den kostbarsten Perlen, die sich in mehreren Reihen um den Hals wanden, waren Edelsteine aller Art beige fügt. Ringe mit Diamanten, Emeralden und Rubinen bedeckten alle Finger, und in den Ohrringen hingen „Valli's": goldene Ringe mit fünf gewaltigen Perlen. Sobald seine Hoheit den Fuß an's Land setzte, erhob sein Gefolge ein betäubendes Geschrei: „Seht, seht! Hier kommt der Mahradjah Gunput Row Bahadur. Herzu und schaut den gro ßen, guten, erhabenen, unvergleichlichen, schönen, reichen, mächtigen, furchtbaren König! Willkommen in diesem fremden Lande dem großen Fürsten Gunput Row Gaikwar!" Dann aber kreischten und rasselten die Pfeifen und Trommeln des königlichen Musik chores mit solcher Macht dazwischen, daß die überlaute Stimme des Lobes vollkommen erstickt wurde. So ging es mit kurzen Pausen bis zur Stadthalle, wo der englische Gouverneur inNach Indien. 195 Staats-Gala des erlauchten Gastes harrte. Der Zug bewegte sich ungefähr in folgender. Ordnung. Vorweg eine Bombay- Kavallerie-Garde; dann die Leibgarde des Königs selbst, etwa 100 Mann Infanterie in rothen Röcken, mit einem sonderbaren Helm, daran vorn ein Stück Messing fast in Form einer Mauer kelle saß, mit Musketen, Bayonnetten, Hirschfängern und Pistolen. Darauf folgte eine königliche Musikbande mit Pfeifen, Tamtams, Schallbecken und hochaufkreischenden Hörnern. Nun wieder ein bewaffnetes Gefolge, eine zweite Musikbande, ein Trupp mit lan gen Lanzen, an deren Spitze eine Anzahl stets klingender Glöck chen saß, eine dritte Gruppe von Begleitern, und dann auch eine dritte Musikbande mit noch vollcrn und schauderhaftern Har- monieen. Am Ende des langen Zuges folgte der Gaikwar selbst in dem Wagen des Gouverneurs, begleitet von dein englischen Residenten in Baroda und zwei andern englischen Beamten. — Als später der General - Gouverneur der Provinz Bombay dem Gaikwar seinen Besuch machte, nahm seine indische Hoheit einen Prachtpollen Diamant-Ring von seinem Finger und zwei Reihen kostbarer Perlen von seinem Nacken und beschenkte damit seinen europäischen Gast, während er Shawls, Ringe und Geld über das Gefolge desselben hinstreute. — Da haben wir ein Pröbchen von indischem Fürsten-Luxus. Von seiner Verschwendungssucht gab derselbe Herr bald noch einen Beweis, indem ° er für die Veranstaltung einer Puppenhochzeit, deren Pomp vierzehn Tage dauerte, 25,000 Rnpi's (ä. 20 Sgr.) hergab. Freilich war das noch immer nicht so viel, als ein anderer-Radjah ausgab, der im Jahre 1790 den Spaß einer Affenvermählnng für 100,000 Rnpi's nicht zu theuer erachtete. Dergleichen Verschwendung wird auch von andern Hindu's getrieben, namentlich bei Hochzeiten. Man liebt Glanz, Tumult und Gaumenkitzel und das kostet ein gut Stuck Geld. Vor Allem 13*196 Nach Indien. kostet die Abfütterung der Brahminen viel. Die Hochzeit,-welche der reiche Goldschmied Djagauath Sankersett in Bombay zur Zeit der Anwesenheit des Or. Graul ausrichtete, kostete ihm fürstliche Summen. Er hielt 30 Tage lang hintereinander offene Tafel und ließ an jedem derselben etwa tausend Pfund Sterling darauf gehen. Krischna wird hier und noch mehr weiter im Lande unter dem Namen Bithoba verehrt. Bei dem Bithobadienste, der im Freien stattfindet, versammeln sich die Pilger in Haufen von 200 bis 1500 Mann. Jeder Haufe hat sein eigen Banner und auf allen Seiten läßt sich Gesang und Musik vernehmen. Bald bricht die eine, bald die andere Abtheilung in den betäubenden Chorus aus: Vithal, Vithal, Djaja, Djaja, Vithal! Nähert man sich einem der Zirkel, so sieht man die Meisten auf Teppichen sitzen, die man über den Sand gebreitet hat. Der Haridasa (Wischnu- Diener), der an zwanzig Spielleute hinter sich hat, tritt vor und hält mit lauter Stimme und heftigen Gebcrden eine Ansprache über die Kürze des menschlichen Lebens und die unbefriedigende Natur der Weltfreude. Nachdem dies geschehen, spricht er die erste Zeile einer wohlbekannten Ode, fällt dabei in die Saiten des Instrumentes ein, das er in der Hand hält, und giebt den Spielleuten einen Wink. Diese stimmen sofort ein und suchen die Wirkung ihrer geräuschvollen Kunst von Zeit zu Zeit durch Tanz und Geb erdenspiel noch zu erhöhen.' Zuweilen bricht auch die Menge händeklatschcnd in eine Art Chorus aus. Endlich giebt der Haridasa das Zeichen zur Ruhe und fährt mit neuge sammelten Kräften in seiner Ansprache fort. So geht es mehrere Stunden fort, und obwol Einer nach dem Andern in der Gesell schaft eiuschläft, so nimmt die Sache dennoch kein Ende. Leute gehen umher und schreien, rütteln und schütteln und rufen: Auf, steh auf! Als ein Fremder einst den Haridasa erinnerte, daß197 Nach Indien. seine Leute schliefen, sagte er: „Herr, ich thue das nicht der Leute, sondern des Gottes wegen." In einer andern Form tritt Krischna als Djaganatha oder Djaggcrnat auf: Wie ihm in Djaggernat in dieser Gestalt ge huldigt wird, haben wir bereits erfahren; in Bombay genießt er ähnliche Verehrung. „Wenn man das scheußliche Bild des jugend lichen Herrn der Welt" — einen Hand- und fußlosen schwarzen Klumpen mit weißen Aügen — an einem bestiminten Tage im Jahre auf einem gewaltigen Wagen nmhcrfährt, so sucht ein Jeder aus dem begleitenden Haufen eines der Zugseile zu fassen, und diejenigen, die trotz alles Drängens nicht dazu kommen, sprechen etwa zu einem ihrer beglückter« Brüder: „Du hast genug gethan; laß mich nun auch mitziehen und so den Zweck meines Lebens erfüllen." Daß aber irgend Jemand unter den Rädern des Wagens sich dem Gotte selbst geopfert hätte, ist hier noch nicht vorgekommen. Bei aller Frömmigkeit treiben die Gläubigen indessen auch viel Unfug. So kommt es noch immer vor, daß mit manchen Hindutempeln Spielhäuser verbunden sind. Wenn im August die Geburt des Krischna begangen wird, so erwartet man den „glück lichen Augenblick" unter Gebet, Fasten und Hazardspiel, und bei dem sogenannten Lampenfeste, das im Oktober gefeiert wird, macht das Hazardspiel ebenfalls einen Thcil der heiligen Gebräuche aus. Die christlichen Völker der alten und neuen Welt suchen, wie in allen.Heidenländern, so auch in Indien, das Heiden thum auszurotten. In Bombay begegnen wir daher auch verschiedenen Anstalten zu diesem Zwecke. Die Missionäre von Nordamerika wirken hier neben englischen und deutschen. Die Amerikaner haben eine bedeutende Druckerei angelegt, in welcher sie zweckentsprechende Schriften in 7 verschiedenen Sprachen drucken. Die schottischen Missionäre arbeiten besonders durch Schulunter-198 Nach Indien. nicht. Diese Schulen haben zunächst nur den Zweck, die ihnen anvertrauten Kinder für das praktische Leben vorzubereiten, denn nur um dieses Zweckes willen schicken Hindu's, Parsi's und Mu- hamedaner ihre Kinder in dieselben. Nebenbei sucht man so viel wie möglich dem Christenthume vorzuarbeiten. Daß es in einer solchen Schule sehr bunt aussieht, läßt sich denken. Da sitzt ein europäisch gekleideter Kleiner mit einem schmutzig braun gefärbten Gesicht; das ist ein Hinduportugiese, ein- Mischling von Hindu's und Portugiesen; jener Knabe mit der rückwärts gelehnten tschako ähnlichen Mütze aus kleingeblümtem Calico ist der Sohn eines Feueranbeters; dieser mit dem dunkeln Turban ist ein Muslim; das schmutzige Bürschlein neben ihm ist trotz der ganz hindu- mäßigen Kleidung, ein ächter Nachkomme Abrahams; seine Züge verrathen ihn. Die große Masse der Schüler aber sind Hindu's aus den verschiedensten Kasten, besonders der brahminischen. Das verrathen die verschiedenen abgöttischen Zeichen auf der Stirne, eben so auch die mannichfaltigsten Trachten. — Eben so bunt ist auch das Lehrerpersonal. Der eine Lehrer ist ein Brahmine, der andere ein Jude, der dritte ein Muselmann, der. vierte ein Hindu brite. Die wenigsten der Lehrer sind Christen; der Missionär steht mit den Hindubriten in dieser Hinsicht allein inmitten der Heidenschaar. Auch durch Predigten sucht man dem Evangelium Bahn zu brechen. Das ist aber eine sehr schwierige Aufgabe in Indien. Da wandert ein Missionär mit einem bekehrten Brahminen zu dem zur Predigt ausersehenen Platze am Meere. „Der abgefallene Brahmine!" so schreit hier ein Gassenbube und da einer. Bald sind wir zur Stelle. Dort sehen wir einen Hindu, um sich zu waschen, bis zum halben Leibe in's Meer waten; hier nähert sich ein Parsi dem Rande und verrichtet, gegen die untergehende Sonne gewandt, seine Andacht. Er löst die heilige Schnur,Nach Indien. 199 schwenkt das Ende derselben einige Mal hin und her, um sich der unsaubern Geister zu entledigen, upd legt sie dann wieder an- Nun ist seine volle Gemeinschaft mit dem guten Unwesen herge stellt. Unterdessen haben sich unsere beiden Freunde auf den Sand niedergelassen und ihre Bibeln aufgeschlagen. Der Haupt gegner, ein Parsi, der wol den Mund, aber nicht das Herz ans dem rechten Flecke hat, hat sich auch bereits auf seinem gewöhn lichen Platz den Beiden gegenüber eingefunden. Er sitzt mit untergeschlagenen Beinen und streicht sich wohlgefällig den Bart. Noch ein Paar Minuten, und ein Kranz von Zuhörern aus Hindu's, Parsi's und Mnslim's umsitzt oder umsteht die Drei. Es dauert nicht lange, so.hat sich der Kranz verdoppelt und ver dreifacht, und es lauschen Alle der immer lebhafter werdenden Unterredung. Du darfst dir aber nicht denken, daß diesen Allen die Ermittelung der Wahrheit am Herzen liegt. Die Eingeborenen schwatzen gern und hören gern schwatzen; sie disputiren gern und hören gern disputiren, und dazu macht der Parsi, der im Namen des. Parsismus, des Hinduismus und Islams das Wort führt, die Versaminlung einmal über das andere lachen. Sieh nur, wie er bei jedem Worte, das er spricht, den eitlen Blick in der Versammlung umherschweifen läßt. Ueber dem Hin- und Her- disputiren ist die völlige Nacht hereingebrochen und der Missionär kann unverrichteter Sache nach Hause gehen. Segeln wir mit vr. Graul nach dem Tululande auf Kanara ab. Es ist Anfang Februar. Die Fahrt geht nach Süden hin der Küste entlang, die wir nicht aus den Augen verlieren. Am nächsten Morgen sind wir bei Goa, der alten Hauptstadt der portugiesischen Niederlassungen in Vorder- und Hinterindien und dem letzten Reste der portugiesischen Herrschaft in Indien. Wir sehen nichts als den Leuchtthnrm, indem die Stadt selbst mit ihren dunkeln Kirchen und ihren noch dnnklern Jngnisitionsgefäng-200 Nach Indien. uissen zu weit landeinwärts liegt. Des folgenden Tages gelangen wir nach Mangalore, dem Hauptorte des Tululandes. Wir steigen an's Land und begeben uns nach dem schönen, grünen, luf tigen Hügel Balmatta, wo die Basler Missionäre eine Mis- sionsstation haben. Alles duftet, so frisch und die Vögel singen so lustig. Welch eine üppige Mannigfaltigkeit des Baum- und Pslanzenwuchses! Zierliche Kokospalmen, riesige Bobäume, groß blätterige Jackbäume, rothblüthige Kadschu's, zitterlaubige Pippala's dazwischengedrängt, kerzengerade dunkelgrüne Samprasi's, Papa's nnt kronenartig gruppirten, gefingerten Blättern an langen Stie len, laublose Baumwollenbäume mit weißen, duftigen Blüthen, schattige Mango's mit braungrauer Rinde und langen, schmalen, spitzigen Blättern. Daneben noch viele andere Bäume, manche ebenfalls blätterlos und manche äußerst feinblätterig, mit hoch- rothen, rosafarbigen und jasminartigen Blumen. In dem Garten, der zu dem Missionshause gehört, wuchern neben den wohlbe kannten Küchenpflanzen des Abendlandes, als Salat, Kohl, Selene, ganze Beete voll Ananas mit langen, schmalen, stachel- randigen Blättern, und Bananen mit so riesigen Trauben, daß wir dreihundert Stück fingerlange und drei Finger dicke Früchte an einem einzigen Stengel zählen können. Wir kosten die Früchte der edlen Palmyra, die von der Größe eines Stettiner Apfels, johannisbeertraubeuartig an einem starken Stengel sitzen. In jedem Viertel der Frucht steckt ein großes gallertartiges Auge von ziemlich süßem Geschmacke. Die Aussicht von unferm Hügel ist reizend. Am Fuße desselben nach Mittag liegt ein dunkelgrüner Palmenwald und darüber hinaus das blaue Meer mit seinen stets webenden Far ben. Aus dem erstern blickt hie und da eine freundliche Woh nung heraus, auf dem letztem fliegt dann und wann ein schwellen des Segelschiff vorüber. Dahinab schaut es sich gar zu schönNach Indien. 201 aus der kühlen Veranda, und die Mahlzeiten, die wir in der luftigsten Ecke einuehmen, munden vortrefflich. Schaaren von Krähen sammeln sich dort zur Mittagszeit um unsere Tafel und mischen ihre kreischenden Stimmen in unsere Gespräche. Auf Balmatta haben die Missionäre ein Seminar behufs Heranbildung christlicher Lehrer. Das Missionshaus ist unten in der Stadt Mangalore. Diese selbst mit ihrer Umgebung ist nichts Anderes, als ein ungeheurer Park von Palmcnhainen, Reisfeldern und Zuckerpflanzungen. Allenthalben schattige, in vielen Farben blühende Bäume, Hecken von Aloe und Ananas, grasbedeckte Hütten der Eingebornen ans Bambus. Eine zauber hafte Landschaft. Wandern wir ein wenig in und bei Manga- lorc. Siehe da mehrere Bergbewohner von den benachbarten Ghats; sie tragen wilden Honig zu Markte. Frauen, zum Theil mit einem Kinde auf dem Arme, umgehen feierlich die heilige Pippal am Wege. Im Hafen sehen wir gewaltige Haufen von Betelnüssen und Reis, dem Hauptstapel von Mangalore. Weiter hin verkündet uns eine alte graue Moschee, daß auch hier die Jünger Muhamed's sich eingenistet haben. Dort steht ein Durga- Tempel-der Goldschmiede, da ein Schiwa-Tempel der Saras- vata's, hier ein Gancsa-Tempcl der Tulu's, da ein Heiligthum der Maha-Devi und ein Heiligthum des Rama, dort ein Hospiz für Concani's und ein anderes für Sarasvata's. Wir treten in eine Herberge für umherziehende Religiösen ein; da begegnen, wir einein Jogi nebst Frau aus Benares. Die Sonne hat ihn kohl schwarz gebrannt und da ihm das Haar struppig vom Kopse hängt, so könnten wir ihn leicht eher für einen Dämon, als einen Heiligen halten. Auch einen Bhutatempel schauen wir, d. i. einen Teufelstempel, dessen.Dienst wir schon kennen lernten. Diese Teuselstempel liegen stets neben Hainen. An einem andern Orte begegnen wir dem Tempel der Mangala Devi, d. i. der Gemah-202 Nach Indien. litt Schiwa's; das ist das eigentliche Mangalore, d. h. Man- gala-Ort. Die ganze Stadt birgt an 40,000 Einwohner. Mangalore liegt fast in der Mitte des Tulu-Landes. Wan dern wir von der Küste aus landeinwärts, so betreten wir zu nächst flachen Sandboden, .der sich in einem schmalen Streifen längs der Küste hinzieht, die von Buchten des Meeres und von Gebirgsflüssen vielfach durchschnitten und von mächtigen Kokos hainen beschattet wird. Daraus kommen wir in das hügelige Vorland, dessen wellenförmiger Rücken eine ziemlich nackte Ober fläche zeigt, aber auch nach allen Seiten hin von tiefen Schluch ten mit dem üppigsten Baum- und Pflanzenwuchs durchfurcht ist. Fruchtbare Reisfelder ziehen sich sowohl in diesen Schluchten, als am Fuße des hügeligen Vorlandes hin und stechen durch ihren hellgrünen Sammetteppich gegen die dunkelgrüne Wölbung der Kokoswälder angenehm ab. Hier wie dort liegen die Gehöfte der Bauern vereinzelt im Schatten schlanker und dichter Baum gruppen, und selbst über die ärmlichen Hütten der Fischer in der nächsten Nähe des Strandes breitet die gesellige Kokospalme ihr majestätisches Dach. Reis und Kokos, Zuckerrohr und Pfeffer, Betelnußpalme und Betelblattrebe sind die Haupterzeugnisse des Landes. Den Kern der Bevölkerung bilden die Reisbauer und die Palmenbauer. Die Besitzungen sind hier, wie überhaupt auf der ganzen Westküste der Halbinsel, fast überall Privateigenthum; nur. der unbebaute, wenig fruchtbare Steinboden gehört der eng lischen Regierung. Begleiten wir den Or. Graul im Geiste auf seiner interes santen Reise von Mangalore nach Bolma, wo die Basler Mis sion ein Stück Land hauptsächlich zur Ansiedelung eingeborener Christen besitzt. Es ist Ende Februar früh am Morgen. Der Weg führt zunächst auf den dürren Rücken des Vorlandes, hinter dem sich die Ghats erheben. Eben blickt die Sonne in ihrerNach Indien. 203 ganzen tropischen Feuerschöne über die Riesenschultern der Ghats, als unser mit zwei weißen Ochsen bespannter Wagen an dein südlichen Mangalore - Fluß nach einer halbstündigem Fahrt still hält. Ein Boot nimmt uns auf, ein Boot, so lang und schmal zugleich, daß wir uns nur durch strenge Beobachtung des Gleich gewichtes vor dem Umschlagen sichern können. Je tiefer, ■ desto romantischer werden die Ufer des Flusses. . Natürlich begleitet ihn die Kokospalme am Ufer soweit landeinwärts, als das Salz wasser reicht; wo immer diese eben so schmucken als nützlichen Bäume sich zu einem Haine gruppiren, da kann man auch sicher darauf rechnen, daß ein Bauerngehöfte darin geborgen liegt. Hie und da erblicken wir auch das zarte Grün des Zuckerrohres, das den angeschwemmten Lehmboden liebt. Der Fluß selbst ist mit Booten mit Reis belebt, deren täglich 50 bis 200 von Bunt wala, einem Stapelplatz in der Nähe der Ghats, nach Mangalore ziehen. Nachdem wir eine Stunde lang den Fluß hinaufgefahren sind, steigen wir am andern Ufer aus und gehen rechts in das Land hinein. Nun stellt sich ans den Hügeln umher die königliche Palmyra ein, und grüne Reisfelder, fast ganz unter Wasser ge setzt, breiten sich durch kleine, schmucke, windungsreiche Thälcr hin. Unser Weg führt uns kreuz und quer darüber weg. Hier sehen wir Frauen an dem Schöpfrade beschäftiget, dort pflügt ein kleiner Knabe, indem er, auf ein Brett gestellt, sich von ein Paar Büffeln über den Acker ziehen läßt; hier steht ein dunkel farbiger Sklave mit langem, schwarzem Haar und macht sich, von der Arbeit feiernd, sein Betelblatt zurecht. Wie bedächtig und wohlgefällig er die drei für jeden Hindu so kostbaren Würzen, etwas Betelnuß, Kalk und Tabak, darein wickelt. Holeher heißen diese Sklaven; früher wurden sie mit dem Grundstück wie das liebe Vieh ver- und gekauft; seit einiger Zeit haben jedoch die Engländer diese Leibeigenschaft aufgehoben, und sie dürfen nun204 Nach Indien. nach Gefallen den Herrn wechseln. Das hat sie denn eben so stolz gemacht, als sie dumm sind. — Wir treten in das Hans eines Schulzen ein. Hier haben wir Gelegenheit, Etwas von dem Dämonendienste zu sehen, dem alle niederen Kasten ergeben sind. Dem Eingänge des Gehöftes gegenüber steht ein kleiner Hanstempel, zu dem ein überdeckter Gang führt. An den je fünf Pfählen, die den letztem zu beiden Seiten stützen, sind je fünf Hähne festgebunden. Hähne nämlich werden unter andern den Dämonen geopfert. Dicht vor der Thür der Kapelle findet sich ein heiliger. Tulashstranch. Wir gehen weiter. Neben dem Banergehöfte sehen wir unter minder dichten Baumgrnppen einzelne Lehmhütten, oben mit spärlichem Blätterwerk bedeckt, und sehr schwarze und fast ganz nackte Weiber sind mit Besor gung des einfachen Hauswesens beschäftigt, während eben so schwarze und ganz nackte Kinder umher spielen. Das sind die Häuser und Familien der Holehers. Dort steht auch ein Dämo nentempel für sie. Dicht davor ist ein etwas hoher und schmaler Sitz für den Besessenen und daneben liegen mehrere Steine, dar auf die zu opfernden Kokosnüsse zerschlagen werden. Es ist hier durchaus nichts Schönes zu sehen, als ein gewaltiger Mango baum, der über all diesen Greuel seine schattigen Aeste breitet. Wir wandern weiter und gelangen zu einer Pflanzung von selte ner Ueppigkeit. Kokos- und Arekapalmen, Bananen u. s. f. bil den mit einander ein fast undurchdringliches Dickicht, und dazwi- chen rankt die epheuartige Pfefferrebe, die den Schatten liebt und sucht, allenthalben an Baum und Strauch hinan. Je tiefer wir rechts hin in die Thäler und Hügel hineinschreiten, um so vernehmlicher machen sich rings um uns her die wilden Tauben mit ihrem gemüthlichen Girren. Noch eine halbe Stunde und wir sind auf dem Grundstück der Basler Mission, das rings von Bergen umschlossen ist. Es wohnen drei protestantische Christen-Nach Indien. 205 familien und etwa 23 andere Pächter aus den Muhamedanern, Katholiken und Wohl auch Heiden. Seiten und Rücken der Berge umher laden zum Anbau der Palmhrapalme ein, die freilich erst den Nachkominen die gehabte Mühe vergilt; der größte Theil des Thalgrundes aber verspricht dem fleißigen Bebauer eine doppelte Reiserntc, da von den umliegenden Bergen her noch lange nach dem Monsun Wasser in größerer oder geringerer Fülle niedcr- rinnt. Wir kehren in dem bäuerlichen, aber netten Hause eines protestantischen Christen ein, der früher Dämonen gedient hat und dessen Bruder noch Dämonenpriester ist. Seine Frau, die sich als Heidin besessen geglaubt und als Besessene sich so arg geberdet hat, daß der Priester den Teufel mit Schuh und Besen vergebens auszntreiben gesucht hat, empfängt uns schüchtern, aber freundlich. Wir lassen uns auf dem von Kokos- und Palmhra- palmen beschatteten Hofe nieder. Erwachsene und Kinder sind eben mit dem Zuckerrohr beschäftiget, die erster» daran arbeitend, die letztem, mit seitwärts auf uns weiße Fremdlinge gerichteten Blicken, daran kauend und saugend. Siehe da, lieber Leser, das ist ein Lebensbild aus dem Tulu-Lande. Die Äasler Mission besteht hier seit 1834. Die Zahl der Bekehrten ist auch hier im Ganzen gering; die meisten gehören den Mittlern und niedern Klassen der Gesellschaft an, insbesondere sind es Palmweinzieher, Reisbauer, Oelmacher, Weber und Fischer. Außer gewöhnlichen Schulen hält man auch eine Katechetenschnle. Von Zeit zu Zeit unternehmen die Missionäre aber auch Mis sionsreisen. In Mangalore selbst bietet blos das unter die Auf sicht der Missionäre gestellte, von Privatbeiträgen unterhaltene Krankenhaus eine Predigtgelegenhcit. Hier wird nämlich allwöchent lich an mehr als 200 Arme Reis vertheilt, nachdem ihnen vor her ein Kapitel aus der Schrift vorgelesen, erklärt und an's Herz gelegt werden. — Die Gesellschaft bietet einen traurigen Anblick.206 Nach Indien. So viele Krüppel und Aussätzige aus den Hindu's, Mapilla's, Muhamedaner und Katholiken, einige mit abgefaulten Gliedern, da hinkauern und der Reisvertheilung entgegenschmachten zu sehen, ist in der That ein betrübender Anblick. Bon der Wir-, kung der damit verbundenen Predigt ist wenig zu spüren. Im Tululande unweit Mangalore liegt Karkala, ein Ort mit berühmten Hindu-Heiligthümern, welche einst von der Reli gionspartei der Djaina's errichtet wurden. Vor Allem berühmt ist der „Löwe" von Karkala, die kolossale Bildsäule Gautama Swami's. Ans einem Hügel von schwärzlichem Granit erhebt sie sich an 40 Fuß hoch und schaut weit in's Land hinein. Selbst die mächtigen Ghats in der Nähe nehmen der gewaltigen Bild säule nichts von ihrer eigenthümlichen Majestät. Sie ruht aus einem steinernen -Postament. Die Hände hängen gerade herab und liegen steif an; die Lippen sind aufgeworfen und die Ohren lang; das Haar ist künstlich gekräuselt. Unten an der Stein lehne, welche die Statur etwa bis zur Hälfte stützt, finden sich Schlangen und Schlingpflanzen dargestellt; die letztem winden sich um Beine und Hände hinauf. Am Fuße des Berges, der die Bildsäule trägt, steht eine Priesterwohnung. Dorthin brin gen die Wallfahrer beim jährlichen Feste die Kokosnüsse, nachdem sie das „junge Wasser" derselben auf einem Steine vor dem Standbilde des Gautama ausgespritzt haben. Oben aber vor dem Heiligthume hält auf hoher Säule ein brahminischer Gott Wache. — Die ganze Gegend um Karkala enthält noch viele Djainaheiligthümer. Einst, im Mittelalter, waren die Djaina's im Tululande die herrschende Partei; indessen haben sie später den Brahminen wieder weichen müssen. Setzen wir unsere Reise von Mangalore südwärts nach Tschirakal fort und zwar zu Lande. Als Transportmittels be dienen wir uns des Mantjil's. Das ist nichts weiter als eineNach Indien. 207 an einer langen Stange aufgehängte Matte mit einem Dache von Leinwand, das man vermittelst einer Leine nach der jeweiligen Sonnenseite fallen läßt. Vier Träger aus der Fischerkaste neh- men die Stange auf die Schulter und rennen unter einförmigem Gesänge oft schneller mit dem sonderbaren Gefährt davon, als es dem darin liegenden Reisenden lieb ist. Eine Reise im Mant- jil ist bedeutend billiger, als im Palankin oder Palki, den wir be reits in Madras kennen lernten; denn ersterer ist viel leichter und braucht kaum halb so viel Träger. Indessen bedient man sich des Mantjil nur auf der Westküste Indiens. Das erstmalige Ein steigen in das seltsame Ding hat seine besondern Schwierigkeiten. Wem es nicht zuvor gesagt wird, daß er vor allen Dingen oben die Stange fest zu fassen habe, ehe er sich hineinzuschwenken ver sucht, der fällt sicherlich auf der andern Seite wieder hinaus. Liegt man aber einmal fest, so ist die „Aufrechterhaltung des Gleichgewiches" ohne alle Schwierigkeit und die Lage selbst eben so neu als ergötzlich, indem Kopf und Füße etwas hoch zu liegen kommen und der ganze Leib von der baumelnden Bewegung des Mantjils beständig gewiegt Wird. Man kann dabei sehr wohl lesen und noch besser träumen und schlafen. Wir schwenken uns so geschickt wie möglich in das schaukelnde Gefährt und vorwärts geht's an Hütten und Gärten mit rankenden Pfefferreben vorüber. Sind wir wohl beleibt, so hören wir wohl die Bemerkung: Sahib bhot bara hai, d. h. der Herr ist sehr schwer, oder die poetisch verblümte Rede: „Das ist eine wahre Jackfrucht." Da mit ist die Frucht des schon öfters erwähnten Jackbaumes gemeint, die wie ein grauer Schwamm in der Form einer Rieseneichel aus dem Stamme des Baumes herauswächst und die größte und schwerste aller indischen Früchte ist. Ist der Abend hercingebro- chen, so gehen einige der Leute mit Fackeln vorweg. Schluchten, Flüsse, Buchten, Wassergänge, Höhen, Ebenen und sandige Küsten-208 Nach Indien. striche ziehen mit wechselnden Bildern an uns vorüber. So ge langen wir an den Tschandragiri-Fluß, der die Grenze zwischen Tulu und Malabar oder Malajalam macht. Wir setzen auf einer Fähre über den Fluß und sind nun in dem eigentlichen Lande, wo der Pfeffer wächst. Die Träger traben wie ungeduldige Rosse; nicht minder schnell eilt ein indischer Merkur mit klingen der Schelle, ein Postbote, mit ehrerbietigem Gruße an uns vor über! Bei der nächsten Station wechseln unsere Träger; Ma- pilla's leisten uns nun den Dienst. der Pferde; das zeigt das Käpsel auf dem Kopfe und das brutale Gesicht. Haben die früheren Träger getrabt, so galloppiren diese, und zwar in so übermüthiger Weise, unter so wildem Toben, Singen und Stoßen, daß wir nur durch Drohungen mit dem Stocke die wilde Bande im Zaun halten können. Im Nothfall müssen wir uns an einen Polizeisoldaten halten, der längere Zeit neben dem Mantjil her läuft, gleichfalls wacker schreit und dazu noch die Burschen ge bührend zurechthaut. Indessen weicht die Ungehörigkeit des wilden Trabes nur einer andern. Auf der nächsten Station wird das verdiente Geld eben so hastig vertrunken, wie es verdient wurde. Wehe uns, wenn wir der durch Palmwein begeisterten Rotte im Mantjil überliefert werden. Begegnet uns dies Unglück, dann wird der Polizeisoldat mit dem Prügeln allein nicht fertig; wir müssen ihm helfen und überhaupt gut auf dem Platze sein, denn sonst kann es uns wohl begegnen, daß uns bei Nacht einer der Fackelträger das Haar auf dem Kopfe in Brand steckt. Unsere Reise hat uns an die Küste geführt, an ein sogenanntes Back- water, d. h. Hinterwasser, das ist ein mit dem Meere selbst parallel laufender Arm desselben. Dergleichen Bildungen zeigt die Westküste Indiens zum Oefteru. Am Backwater angekommen, werden wir sammt dem Mantjil in einen Kahn geladen, der so lang und schmal ist, daß er bei der geringsten nicht ganz gleich-Nach Indien. 209 mäßigen Bewegung umznschlagen droht. Diesen Uebelstand ab gerechnet, ist es eine kostbare Fahrt, die wir eben machen. Nichts ist malerischer, als die windungsreichen, kokosbepflanzten Ufer eines solchen Meerganges im Schein einer indischen Mondnacht. Unter den Kokosgruppen am Ufer taucht hie und da eine hell erleuchtete Hütte auf; hie und da begegnen wir auch einem Kahn mit Lichtern, die über das Wasser auf uns zuzuwandcln scheinen. Hinter uns am Horizont glüht ein rother Schein. Allmählig überkommt uns der Schlummer. Beim Ertvachen am nächsten Morgen erblicken wir das Vorgebirge Eli-Male, wo einst die Portugiesen ihre erste große Greuel- und Schandthat an ihren Erzfeinden in Ostindien verübten. Hier begegnete Gama (1502) einem arabischen Schiff, das mit 300 Pilgern, dazu noch Wei bern und Kindern, von Mecka kaiu und nach Kaliknt ging. Der reiche ägyptische Consul befand sich auch auf dem Schiff. Dieser bot eine ganze Flottenladung zur Rettung seines Lebens. Ver gebens. Vasko de Gama ließ das Schiff und die Passagiere durch Feuer vernichten. Mit der Erinnerung an jene schreckliche Thal umsegeln wir das Kap. Bald ziehen von der uns umgebenden Natur wieder liebliche Bilder in's Herz. Siehe da die Palmengruppen, wie friedlich sie sich im sanften Abendwinde neigen! Hier weiße See vögel, die bis nahe heran erst ruhig daherschwimmen und daun plötzlich anffliegen, dort aufschnellende Silbersische, allenthalben flammende Wellen, Hütten-Lichter und Ghat-Feuer. Kaum haben wir das berüchtigte Vorgebirge hinter uns, so machen wir in einem engen Kanäle Halt, nicht weit von der Stelle, wo ein breiter Wassergang mit dem Meere in Verbin dung steht. Unsere segelnden Muselmänner erheben ihre Stim men zu lautein Gebet und strecken sich dann zur Ruhe; denn der Abend ist hereingebrochen. Am nächsten Morgen, welch ein Son- Kutzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. 14210 Nach Indien. nenaufgang! Wie eine purpurfarbene Scheibe von der Größe eines Rades kommt das herrliche Tagesgestirn zwischen den Pal men herauf. Nach wenigen Stunden fahren wir in den Hafen von Berliapatnam ein, den der dichteste Kokoswald umsäumt. Hier steigen wir wieder an's Land und besuchen das Basler Missionshaus zu Tschirakal. Hier hat nämlich der jetzige Radjah den Basler Missionären einen Hügel geschenkt, auf wel chem sie ein Missionshaus errichtet haben. Dabei hat er die seltsame Bedingung gestellt, daß man Lente aus einer gewissen, sehr niedrigen und verachteten Kaste (die Puleijer) hier ansiedeln lassen solle, wenn sie sich nur taufen lassen. Die Sache verhält sich damit also. Nach der Vorstellung der Eingebomen nimmt die christliche Taufe eben so wie die muhamedanische Beschneidung die atmosphärische Unreinigkeit der niedern Kasten weg, und da dieselben für den Brahmanismus doch einmal verloren sind, so ist es dem Hindu schon recht, wenn sie durch Annahme des Chri- stenthnms oder des Islam ihre Luft verpestende Art ablegen und so den hohem Kasten auf Weg und Steg beschwerlich zu fallen aufhören. Seltsamer Weise sind aber gerade die untersten Kasten am schwersten zum Uebertritt zu bewegen, obwol sie dadurch im Ansehen steigen. Den Missionären begegnet man unfreundlich, ja man hat schon öfters versucht, ihnen das Leben zu nehmen. Es ist eins der interessantesten Gebiete Indiens, die Küste Malabar. Hier gründeten die einwandernden brahminischen Hindu's ihre Staaten und mischte dieses Volk sich mit den Ur bewohnern, hier sammelten sich der Reihe nach die Völker des nahen und entfernten Westens, Juden und Araber, syrische Chri sten und persische Manichäer, Portugiesen und Holländer und zu letzt auch noch Engländer. Trotzdem steht das Brahminenthum hier noch in Kraft und Blüthe. Der Islam wie das Evangelium sind seit Jahrtausenden ohne allen Einfluß auf die Hindu's ge-. Nach Indien. 211. blieben; beide haben bisher nur auf die unteren Kasten hie und da gewirkt. Aber auch die Natur des Landes hat ihre interessanten Seiten. Seine Gestalt ist der des Tululandcs ähnlich, doch ist es zerrissener und zerschnittener, und die mit dem Meere in Ver bindung stehenden und mit demselben parallel laufenden Binnen wasser (Backwater) gewinnen namentlich im Süden des Landes eine solche Ausdehnung, daß man von Cochin bis Travankorc ununterbrochen auf dem Backwater reisen kann. Diese Binnen- Wasser gewähren nicht blos"eine natürliche Canalverbindnng, sie helfen auch dem Boden selbst seine Schätze ablocken, indem sie von den Regengüssen des Monsun mit einein solchen Zufluß von Süßwasser gespeist werden, daß man große weite Strecken ganz unter Wasser zu setzen im Stande ist. Kein Wunder, daß das Land so überaus fruchtbar ist. Eine Wanderung bis Kalikut hin zeigt uns einen fast ununterbrochenen Ungeheuern Wald von Fruchtbäumen, unter deren Schatten die einzelnen Orte meist i» einzelnen Gehöften zerstreut liegen. Die das Land durchziehenden Berge erreichen durchschnitt lich die Höhe von 3000 Fuß; sie laufen unter verschiedenen Namen in einer Entfernung von 6 bis 12 Meilen von Norden nach Süden und verschanzen so das ganze Land gegen den Osten Indiens bis auf einen offenen Durchgang in den Ghats. Ihre hohen Scheitel ziehen die Wolken an, die vom Südwest-Winde gejagt, gegen Ende Mai daher gestürmt kommen und nöthigen sie, ihre reichen Schätze über das Land auszugießcn, dem dann eine solche Fülle befruchtenden Regens zu Theil wird, wie keinem andern Gebiete Indiens. Doch das ist nicht der einzige Segen, den die Berge dem Lande bringen. Denn während sie selbst stracks nach Süden eilen, entsenden sie nach Westen viele Zweige dein Meere entgegen, und zwischen diesen, in tief eingewühlten 14*212 Nach Indien. Schluchten hinlaufend, sucht eine Menge von Monsuugenährten Küsteuflüssen ihren Weg in das benachbarte Meer. An dem kaum eine Meile breiten sandigen Strich des Meeresufers, das unter dem Einfluß von reißenden Bergströmeu auf der einen Seite, und von mächtigen Secstürmen auf der andern Seite fortwährenden Veränderungen unterworfen ist, ge deiht vor Allem die Kokospalme, hier Tengu oder Südbäum ge nannt, ohne Zweifel darum, weil sie aus Ceylon hierher ver pflanzt worden ist. Diese Palme ernährt einen großen Theil der Bevölkerung, wie sie denn nebeir-dem Reis fast alle Bedürf nisse der Eingebornen befriediget. Letzterer gedeiht in dem Striche, der sich hinter der flachen Südküste erhebt und allmählig in das. hügelige Vorland der Ghatgebirgc übergeht. Da giebt der Reis zwei Ernten im Jahre, wovon die eine in den September, die andere in den Januar fällt. Der höher gelegene Boden und die Abhänge der Hügel sind so weit als möglich terassenförmig an gebaut und bilden so einen großen hängenden Garten. Hier wohnt der angesehenere Theil der Bevölkerung, während ganz dicht am Meeresufer armselige Hütten, namentlich der Fischer, malerisch unter Kokosgruppen und Hainen versteckt liegen. Frei lich sind auch die große Mehrzahl der Häuser auf dem Hügel lande ziemlich elend aus Lehm gebaut und mit Palmblättern ge deckt. Dazwischen aber thut sich hie und da ein steinernes Haus mit Ziegeldach vortheilhaft hervor. Hinter hohen Wällen und lebendigen Hecken aus Milchpflanzen wohnt ein Jeder iu dem ererbten Parambu oder Bauergute. Neben der Kokos wächst die Arekapalme mit ihren Betelnüssen, der hochstämmige Jack baum mit seinen Riesenfrüchten, ferner die Zimmetcassie; da rankt die epheuartige, dunkelblätterige Pfesferrebe, da wuchern Bananen aller Art mit gewaltigem Blätterwerk von dem schönsten Hell grün und mit langherabhäugendeu, traubenartigen Fruchtbündeln,213 Nach Indien. desgleichen die Betelpfefferrebe, deren Blatt mit der Arekanuß gekaut wird; hie und da schießt auch ein Bambusstrauch seine geringelten, armstarken Schäfte in die Höhe. Prächtige Papa gehen dnrchschwärmen diese Parambu's, aber freilich auch kräch zende Raben in großer Menge. Bor den Tempeln prangt der heilige Bobaum mit seinen fast unaufhörlich lispelnden Blättern und über die Landstraße breiten andere Banianen ihre schattigen Aeste, die, wenn man sie mit ihren wuchernden Luftwurzeln frei gewähren ließe, bald ganze Straßen in unwegsame Wildniß ver wandeln würde. Affenschaaren treiben ihr neckisches Wesen tiefer landeinwärts auf den Gipfeln der Waldbäume umher, und wäh rend man auf der Höhe der vorgeschobenen Hügel fast nur ver branntes Gras antrifft, sind die Ghats selbst bis auf den Schei tel hinauf mit den herrlichsten Teckbäumen überwaldet, die das unverwüstliche Schiffbauholz liefern. Dort gedeiht auch neben Mimosen und Ebenhölzern die Cassia, sowie der Cardamon, dessen magenstärkende Kapseln die wilden Bergvölker sammeln. Die Bewohner, nämlich die Hindu's, zerfallen hier in 72 Kasten, die durch strenge Regeln von einander geschieden sind, auf der andern Seite aber auch wieder eng zusammenhalten. Die Brahminen stehen oben an und genießen hier ein Ansehen, wie nirgend in Indien. Dasselbe wird durch das zurückgezogene Leben, das sie führen, noch gesteigert. Sie gehen zwischen den Erdwällen der Häuser trippelnd umher, für die nackten Füße eine reinliche Spur suchend. Während sich die Brahminen anderwärts in Wischnu- und Schiwa-Verehrer spalten, halten sie hier mehr zusammen, indem hier beide Parteien sich nur in Kleinigkeiten von einander unterscheiden. Auf die Brahminen folgen gleich die Sudra's, die hier gewissermaßen die Stellvertreter der Kscha- trija's und Waisha's sind und Najer heißen, d. h. Führer. Sie sind dies sowohl im Civil- als auch Militärfach.214 Nach Indien. Vom 7. Jahre an wird der junge Najer in die Ring- und Fechtschule geschickt, um vom Paniker, dem hochverehrten Waffen meister, mit Oel eingerieben und unter seinen geübten Füßen und Händen an allen Gliedern bearbeitet zu werden. Hat er die 18 Waffenübungen mit Schild und Schwert erlernt, so stellt er sich dem Lehnsherrn vor und bietet ihm ein Geschenk. Der gürtet ihm das Schwert um, umarmt ihn und spricht: „Schütze Brahminen und Kühe!" Nun ist er gebunden, dem Aufgebote seines Lehns herrn Folge zu leisten. Er zieht in den Krieg fast nackt, wirft den Speer vorwärts und rückwärts weithin, schießt Pfeil auf Pfeil mit solcher Sicherheit, daß er wohl mit dem zweiten den Schaft des ersten spaltet, und sicht in der Nähe mit dem zweischneidigen geraden Schwert. Seine außerordentliche Gelenkigkeit macht ihn zum furchtbaren Gegner im Wald- und Heckengefecht. Gehört er aber gar zu den Todes-Geweihten, so sicht er Wohl gegen Hundert ganz allein, und da der Lehnsherr ihn in seinem bestän digen Solde hält, so stirbt er über dem Leichnam seines Ver sorgers. — Dafür genießt aber auch der Najer das Vorrecht, daß er nie in's Gefängniß gesetzt werden darf. Von Anklagen, die nicht zu erweisen sind, mag er sich durch Tragen von glühen dem Eisen, durch Eintauchen der Hand in siedendes Oel oder durch Schwimmen über einen Alligatoren-Teich unter den Ge beten der Brahminen reinigen. Ist aber die Anklage erwiesen, so dürfen ihn dazu ausgesandte Najer, wo sie ihn finden, erschla gen, nur müssen sie das Palmblatt, darauf des Königs Befehl geschrieben steht, aus den Leichnam legen. Der kriegerische Sinn ist indessen schon etwas gewichen. Das nackte Schwert wird von einem kurzen Messer verdrängt, das Einige sogar in einer künstlichen Scheide, zusammen mit dem friedlichen Schreib-Griffel und dem zierlichen Zünglein zum Rei nigen von Nase und Ohren, zu tragen sich gewöhnt haben. Die215 Nach Indien. seinen Manieren gehen auch allmählig immer mehr im Trunk unter. Die Najers beschäftigen sich besonders mit Dienst an den Tempeln und an den Höfen, sowie im Militär und in der Ver waltung. Unter ihnen stehen alle übrigen Kasten, so z. B. Wäscher, Barbiere, Töpfer, Maurer, Oelprcsscr, Kaufleute. Dann be ginnen die untern Kasten, als Weber, Palmbauer, Fischer, Zimmer leute, Schreiner, Gold- und Silberarbeiter, Grobschiniede, Bogen- und Pfeilverfertiger, Schwertseger, Schild- und Lederarbeiter. Nur der Glaube, daß über diesen Leuten fast zauberartige Kräfte walten, giebt ihnen eine größere Bedeutung. Kein Haus kann ohne die Einsegnung des Zimmermanns, der geradezu Priester, nämlich Atschari, heißt, vollendet werden; dazu muß das ganze Haus und der ganze Hausrath der Brahminen und Edlen int Sinne der alten Schastra's gefertigt sein. Beim Guß der Götzen bilder kommt gar viel auf richtige Mischung der vier Metalle, sowie auf Wahl des glücklichsten Momentes an; selbst der Ohren schmuck des weiblichen Geschlechtes ist bedeutungsvoll und die Waffen werden, je nach der Einwirkung böser oder guter Mächte, sehr verschieden ausfallen. Sie müssen überdies mit einem Spruche geweiht werden. — Die Sitte der Vielmännerei, die auf Malabar üblich ist, herrscht unter diesen Kasten am meisten. Oft haben fünf bis sechs Brüder nur eine Frau, die das ge meinsame Hauswesen führt. Nun folgen die eigentlich niedern Kasten; dazu gehören die Pan er, die sich in Dämonen verkleiden, Geister austreiben und überhaupt für Tausendkünstler gelten; ferner die niedrigen Wascherlente, die aller ceremoniellen Befleckung ein Ende machen und durch feierlichen Umzug schädliche Insekten und Mißwachs von den Feldern abzuhalten vorgcben; ferner die geschwätzigen Kauijer, die sich nie ohne den Sack mit Kawidi-Muscheln, die216 Nach Indien. als Rechenpfennige dienen, öffentlich sehen lassen', gute und böse Stunden bestimmen, die Jugend unterrichten und für jede Noch Rath wissen; endlich die Kräutersammler, die Arzneikräuter suchen und selbst Arzneien daraus machen, im Nothfall auch sich als Tagelöhner mit Graben und dergl. kümmerlich durchbringeu. Nun folgen die alleruntersten Kasten, die freien Gebirgs- und Waldbewohner, die sich fern von dem Brahmanenthum gehalten haben und als Zauberer gelten, die Pulijer, die Kardamon sammler, Honigsucher u. s. f. Die Kurawer streichen zigeuner mäßig im Lande umher, spielen mit Schlangen und Affen, treiben Gift ab, wahrsagen aus der Hand, prügeln den einsam durch die Wälder ziehenden Brahminen aus lauter Uebermuth und essen, — dem Hindu, der in den Raben seine Voreltern sieht, ein wahrer Greuel! — Rabenfleisch. Die Parajer (Pariah's) verfertigen Matten, Schirme, Wannen und Körbe und essen jedes Fleisch, — auch das der „heiligen" Kuh. Die Pulajer sind Leibeigene, die meistentheils in den sumpfigen Reisfeldern ihrer Herren wohnen. Ihre Hütten sind für die Regenzeit nur durch kleine Erhöhungen gegen die allgemeine Ueberschwemmung schlecht gesichert. Von Morgens 8 Uhr bis 4 Uhr Nachmittags mit etwa 1 Stunde Ruhe am heißen Mittag, müssen diese Leute meist bis über die Knie im Schlamme auf den umliegenden Fel dern arbeiten. Besonders sauer ist ihre Arbeit im Süden, wo sie wegen des gar zu niedrigen Bodens durch Treten eines Schöpfradcs die Felder zur Saat entwässern müssen. In der spärlichen freien Zeit können sie sich durch Flechten von Matten eine Kleinigkeit verdienen. Der Mann erhält täglich nicht mehr als 3 Bambusröhren voll Nellu (d. i. unausgehülster Reis) etwa 2 Pfund, das Weib die Hälfte, und Beide ein Kleid, im Werth von 12 Kreuzern, an den zwei großen jährlichen Festen. Außerordentlicher Weise läßt ihnen der Herr auch wohl desNach Indien. 217 Morgens die Ueberbleibsel vom gestrigen Abend reichen, statt sie den hochverehrten Krähen hinzuwerfen; denn in Malabar darf gestern gekochter Reis nicht zum Frühstück genossen, werden, wie anderswo in Indien. Zuweilen werden sie mit Palmenwein trak- tirt und dann hat ihre irdische Glückseligkeit den Gipfel erreicht. Des Nachts machen sie nicht selten Jagd auf Kokosnüsse, wobei sie sich eben nicht vor den amulettartigen Blättern, womit die Palmbauer ihre Bäume umwinden, fürchten. Vor Haussuchung sind sie sicher; denn sie verunreinigen, dazu gelte» sie für tüchtige Hexenmeister. Sie sind übrigens so stumpfsinnig, daß sie an ein Rechtsuchen bei Gericht nicht denken, sie lassen sich zur Strafe meist Ohr und Nase geduldig abschneiden, ohne an Sckbstrache zu denken. Noch geringer als die Pulajer sind die Naja di's. Das sind die Letzten der Letzten. Ein Sudra verunreinigt den Brahminen auf 3 bis 6 Schritt; ein Mapilla auf 6 — 12; ein Kammaler auf 24; ein Wäscher auf 36; ein. Pulajer auf 64 und ein Najadi gar auf 74 Schritt Entfernung. Der Sage nach stammen diese Elenden von verstoßenen Brahminen, die sich in das wüste Walddickicht geflüchtet. Dort leben sie allerdings. Aber wie? Ohne allen andern Schirm und ohne alle andere Hülle, als die Blätter und Zweige gewähren, so ziemlich wie das liebe Vieh. Das Uinherstreifen im Dickicht des Urwaldes ist so recht ihre Freude, und ihre ganze Thätigkeit besteht darin, daß sie dann und wann auf einen Alligator Jagd machen oder sich der Landstraße in soweit nähern, um den Vorüberziehendcn eiu Almosen abzunöthigen, das auf die Straße hingeworfen wird. Sucht man sich ihnen zu nähern, so entfliehen sie, keines Zurufs achtend, in das Dickicht. Sie können essen und fasten wie nicht leicht ein anderer Mensch. Eine Kugel gelockten Reises macht sie stundenweit laufen. Sie wissen ihn nämlich gar nicht ein mal zu kochen. Körperlich sind sie elend und sie gehen offenbar218 Nach Indien. ihrem Untergange entgegen. Trotz ihres Elends haben sie dennoch Kastenstolz. Sie betrachten ihre Pflicht als ihr Recht, ihr Elend als ihr Glück, ihre Schwäche als ihre Stärke. Noch wunder barer ist es, daß der arme Najadi von dem vornehmeren Theil der Bevölkerung gefürchtet wird. Man hält ihn für einen mäch tigen Zauberer, dessen Gunst man sich zu erwerben bemüht. Wird nämlich ein Eingeborener krank, so geschieht es gar häufig, daß er einen Najadi zum Essen ladet und zwar dreimal nach einander. Läßt sich der Najadi die Einladung alle drei Mal ge fallen, so gilt dies als ein Zeichen von der besten Vorbedeutung. Da iudcß den Najadi's sehr viel daran liegt, ihr Ansehen als Zauberer aufrecht zu erhalten, so werden sie zuweilen doch Herren ihres nicht geringen Appetits und murmeln, oft schon nach der Been digung der ersten Mahlzeit, die für den abergläubischen Kranken un- hcilsvollen Worte zum Abschied hin: „Ihr braucht mir keinen Reis wieder zu kochen." — So tief in Aberglauben ist das indische Volk durch und durch versunken. — Die Basler Missionare haben es sich besonders zur Aufgabe gemacht, die beiden letztge nannten Kasten zu bekehren. Diese Missionare haben hier an verschiedenen Orten Sta tionen, unter andern auch in den Nilagiris oder Blauen Ber gen. Statten wir diesem interessanten Gebiet auch einen Besuch ab. Wir begeben uns zuvörderst nach Kalikut, wo Vasko de Gama einst landete und mit dem Samudrija (Zamorin) verhan delte. Auch diese Stadt finden wir in Grün begraben; Kokos, Bananen und wie alle die saftstrotzenden Gewächse heißen, sie bilden ein Pflanzenmeer, aus dem die Wohnungen der Menschen kaum hervorleuchten. Es ist Anfang April. Fast an jedem Abend hören wir das Getöse eines fernen Donners; das ist das Anzeichen der herannahenden Regenzeit, die namentlich auf dieser Küste die Luft zu einem nassen Schwamme macht. Die schwü-Nach Indien, 219 len Nächte sind jetzt fast unerträglich. Von allen Seiten hört man Klagen über Bisse von tollen Hunden. Es giebt hier sehr viel herrenlose Hunde, deren Zahl um so größer ist, als die Hindu's kein Thier tödten und die Mapllila's mit dem „unreinen" Thiere auch nichts zu schaffen haben mögen. — Zur Reise nach den Nilagiris bedürfen wir zwölf Mantjilträger und noch einige Lastträger, indem der Weg nach den auf 7 bis 8000 Fuß hoch ansteigenden Bergen viele Schwierigkeiten zu überwinden bietet. Zunächst schiffen wir uns auf dein Kaleiflusse ein, um auf dem selben ein Stück stromaufwärts zu fahren. Das Boot, dessen wir uns bedienen müssen, ist so unbequem gebaut, daß wir des niedrigen Daches wegen aus Händen und Füßen hineinkriechen und uns in den schmalen Raum der Länge nach hiulegen müssen. Je armseliger aber das Fahrzeug, desto prächtiger der Stroin und seine Ufer, die mit Kokos- und Betelpalmen überwuchert sind, darunter hie und da auch eine Fächer- und Sagopalme auftaucht. Der Fluß wird je weiter hinauf, je enger und win dungsreicher; weißblühende Sträucher mit citroncuartigen Früch ten Überhängen zuweilen den schmalen Wasserlauf. Nach einiger Zeit biegen wir in den Beypur-Fluß ein, der beträchtlich breiter ist. Boote init Töpfen, Palmblättern, Jackfrüchten, Holz, Kokos nüssen, Bambus und rothem Pfeffer beladen, streichen an uns vorüber. Die Abende werden bei immer näher rückendem Monsun immer schwüler. Der Himmel steht vor uns in unaufhörlichem Feuer; ein wellenförmig hinlausendes Wetterleuchten lichtet die Nacht zum Tage. Bald sind wir an dem Punkte augelangt, wo wir wieder das Land betreten und unsre vorausgescndeten Mant jilträger — Hamals genannt — schon auf uns warten. Kaum sind wir in den Mandjil geladen, — es ist Nacht — so treiben uns furchtbare Donnerschläge und Blitze in das nächste Banga- low — so heißen die von der englischen Negierung angelegten220 Nach Indien. Rasthäuser, Zum Gluck sind wir noch rechtzeitig in die schützende Veranda cingetreten, denn schon gießt eine gewaltige Regensiuth hernieder. Es ist 2 Uhr Morgens, als wir zur Weiterreise auf brechen. Einige Hamals laufen mit Fackeln aus Palmenblättern voran und hinterdrein stürzen unsre Träger, — eine wahre wilde Jagd! Es geht bergauf und bergab, über schwindelnde Stege an tiefen Gründen, und durch reißende Gicßbäche, — zuweilen so tief, daß die Hamals den Mantjil über den Kopf hinausheben müssen. So nähern wir uns dem Orte Vandur. Die Kokos verschwindet allinählig, aber in dem Gebüsch um uns singen die Vögel ihr Morgenliedchen. Die Bulbnl oder die indische Nach tigall übertönt sie alle. Noch vor 6 Uhr werfen wir die ersten Blicke auf die Berge, die in der schönsten Bläue vor uns liegen und um 8 nimmt uns das Rasthaus zu Vandur vor der bereits sehr mächtig gewordenen Sonne in Schutz. Hier ruhen wir bis zum nächsten Morgen und betrachten uns in der Zwischenzeit die majestätischen Formen der Khnnda-Berge, die den Nilagiris als ein ungeheueres Bollwerk in südwestlicher Richtung vorgeschoben sind. Indessen müssen wir auch die ganze Macht der malabari schen April-Sonne in der Ebene noch einmal bis auf den Grund kosten. Als ginge es zum Weltgericht, — so kracht und flammt es gegen Abend wieder von allen Seiten. Der nächste Tag bringt uns eine lange beschwerliche Reise, denn da soll es auf engen, steilen, windnngsreichen Pfaden bergan gehen bis an's Ende der Fieberregion, innerhalb welcher eine Nacht ohne Lebensgefahr sich nicht zubringen läßt. Wir brechen daher schon um 4 Uhr Morgens auf. Nach einem Stündchen umfängt uns das Jungte oder Djnngle, d. i. wüster, mit un durchdringlichem Walddickicht besetzter und nur von wilden Thie- ren bewohnter Sumpfboden. Herrliche Bambusgruppen — oft 50 bis 60 armstarke, pappelhohe Ruthen, unten verschlungen und- 221 Nach Indien. verwachsen, oben aber frei aus einander strebend —, hochstäm mige Waldbätzme aller Art und hie und da auch rothe und weiße Blümchen — die letztern fast wie unsre Schneeglöckchen — ziehen das Auge an, und das Ohr ergötzt sich am Gezwitscher der Vögel, vas zuweilen auch von rechten Schreihälsen durch brochen wird, und am Gezirp von fröhlichen Grillenschwärmen; allein die schwere Djunglelnft drückt gewaltig auf die Brust. Nach zwei Stunden frühstücken unsre Träger an einem Gieß bach, dessen tiefes und breites Bett ein darüber gestürzter Bauin stamm überbrückt. Das Jungte wird allmählig hügelig. Gegen 8 Uhr rasten wir ein Weilchen in einem kleinen Rasthause schon am Abhange der Berge. Auf der Weiterreise unterhalten uns die mannich- fachen Formen, in welchen die Schlingpflanzen auftreten. Da ist eine, die wie eine Schlange an dem Baum hinanläuft; dort klammert sich eine andre wie ein Krebs an dem Stamme fest; hier hängen sie wie Stricke, dort wie Netze. Zuweilen schießt auch eine gapz frei neben einem Baume auf und faßt ihn erst oben beim Schopfe oder setzt ihm eine Perrücke auf. Oft um spinnt ein ganzes Heer von Schlingpflanzen mehrere Bäume und bildet so eine Naturlaube, zuweilen auch ein so undurchdringliches Dickicht, daß von den Bäumen rein gar nichts zu sehen ist. Jndeß geht die feuchte Djunglelnft allmählig ganz zu Ende. Ein frisches Alpenwehen umfängt uns, so oft'wir ans der Waldesnacht hinaus an eine lichte Stelle treten. Dann schweift auch der Blick frei auf die Berge hinaus und zwischen denselben hindurch, — zuweilen auf fünf bis sechs Orten zugleich, — in's farbendnftige Tiefland hinunter. Ein Nebelmeer umhüllt auf eine Weile Alles bis ans die nächste Nähe, indem wir noch vor 12 Uhr im zweiten Nasthause Halt machen. Kaffeebänme stehen vor diesem Hause, in welchem wir unser Mittagsmahl einnehmen.222 * Nach Indien. Nach zweistündigem Aufenthalt reisen wir weiter. Das Dickicht wird immer üppiger, die Bäume werden immer riesiger, die Gießbäche — kalt wie Eis — stürzen sich je länger je toben der in die Tiefe, und bald zeigen sich auch Farrenkräuter als stämmige Bäume in überaus anmuthiger Palinenform. Aus der schwarzen Rinde des Stammes sehen wir zuweilen Blumen her auswachsen. — Um 5 Uhr erreichen wir das einsame Rasthaus zu Sispara, wo wir bei zerbrochenen Fensterscheiben trotz Wind, Regen und Ranch sanft zu schlafen uns bemühen müssen. Am nächsten Morgen brechen wir um 6 Uhr abermals aus. Die Scene ist nun ganz verändert. Wir sind aus dein hohen, freilich mit ziemlichen Hügelreihen durchzogenen Tafellande der Khunda's angelangt; rundliche, faltige, sanftgeformte, an einander gelehnte und über einander gelagerte, von grün bewachsenen Schluchten durchfurchte und mit einem Grasteppich überzogene Berge umfangen uns, und so wie der Weg sich bald in die Höhe hinauf-, bald in die Tiefe hinabwindet, wechselt Alpenkühle mit Tropenschwüle. Hie und da öffnet sich auch eine Purchsicht auf die Berge umher — ein blaues Meer mit erstarrten Wogen. Rings von allen Höhen herab rauschen frische, klare, volle Bäche und sammeln sich in den Gründen, und da nun gar ein mildes Thal sich aufthut, in welchem ein von hochstämmigen Rhododen drons umblühtes Flüßchen dahin murmelt, so wollen uns Blu men und Vögel, Lüfte und Düfte gar an Europa erinnern. Gegen 10 Uhr halten wir in einem Rasthanse. Büffelheerden, die uns niit dummer Verwunderung anstieren, nehmen endlich auch das Gefühl der Wüste hinweg, und gegen 1 Uhr steigen wir den letzten steilen Abhang der Khunda's hinunter, der uns von dem nahen Rastort scheidet. Von den Höhen links stürzen Gießbäche in großer Menge über unfern Weg in das tiefe, grüne Thal zur Rechten, das von hohen, steilen, sammetartig begrasten» 223 Nach Indien. und reichbewaldeten Bergen überragt wird. Um 2 Uhr langen wir in dem Avatanche - Bangalow an, der fast europäisch einge richtet und von Tamulhütten umgeben ist. Die Lust ist sehr mild in der Tiefe; doch thut uns am Abend ein gemüthliches Kaminfeuer recht wohl; während der Nacht will uns gar frieren. Der nächste Tag soll unsrer Reise ein Ende machen. Wir brechen um 7 Uhr ans und erreichen in Kurzem die Brücke über den Khundafluß, der die fast ganz unbewohnten Khundagebirge von den eigentlichen Nilagiris trennt. Um 11 Uhr machen wir in einer halbverfallenen Karavanserei Halt und ergötzen uns an den rings umher wuchernden Erdbeeren. Wir befinden uns nun in den eigentlichen „Hills" oder Hügeln; in Einem fort geht es jetzt bergauf, bergab bis Kaiti, wo die Basler Missionäre ein Missionshaus haben. Um 1 Uhr sind wir zur Stelle. Dieses Haus, das ein reicher Engländer geschenkt hat, liegt, rings von Bergen umgrenzt, still und heimlich im Thale. Es ist eben von Reseda, Mhrthen und Rosen bis ans Dach hinan bewachsen. In dem Garten dahinter blühen Kalla's und Mhrten- bäume, wuchern Heliotrop und Geranium. Einzelne Pfefferreben wachsen wild und sogenannte Stachclbeerbäume umsäumen das nahe Wäldchen. Die letztern blühen fast wie Pfirsiche und haben dabei auch reife Früchte; die den Stachelbeeren nicht blos ähnlich sehen, sondern auch schmecken, obwohl Stamm, Zweig, Blatt und Blüthe durchaus verschieden sind. Der Tausch der luftigen Höhen mit dem heißen Tieflande von Malabar behagt uns sehr wohl. Das Wasser, darin wir uns am Morgen waschen, kommt uns wahrhaft eisig vor und stimmt nicht blos die Haut, sondern auch das Herz europäisch. Wir unternehmen einen Ritt nach der Stadt Uta camund, die fast im Mittelpunkte der „Hills", 7200 Fuß hoch über der224 , Nach Indien. Meeresfläche liegt und viel von leidenden Engländern besucht wird. Es ist der 16. April und uns zu Muthe wie an einem deutschen Maimorgen. Nach wenigen Stunden begrüßen wir die ersten weißen Häuser der Europäerstadt. Es ist eben Markt. Wir freuen uns neben Reis, Kokosnüssen und Bananen auch wieder einmal minder poetische, aber mehr anheimelnde Früchte zu gewahren: Kartoffeln und Rüben, Weiß- und Blumenkohl, Radieschen und Pfirsichen. Die erstgenannten Früchte werden ans dem Tieflande heraufgebracht. Die Missionäre haben hier in den Blauen Bergen insbe sondere die Bekehrung der Badaga's im Auge, die in etwa 300 Dörfern zerstreut wohnen und an 6 bis 7000 Seelen zäh len. Sie bilden nicht nur die zahlreichste, sondern auch die be deutendste Bevölkerung der Blauen Berge, denn sie allein bauen den Acker fleißig und regelmäßig. Die Dörfer liegen meist am Abhange eines Hügels und bestehen aus 10—15 Häusern, die aus Lehmerde oder auch halb aus Stein erbaut und mit Gras gedeckt sind. Jedes Dorf hat zwei Biehhürden, die der Tiger wegen von hohen Steinmauern verschlossen und mit verrammten Eingängen versehen sind. Die Bagada's zerfallen ebenfalls in mehrere Kasten, behüben sich aber lange nicht so kastenstolz und steif als im Unterlande: sind doch hier die Brahminen, ander wärts die Hauptträger, -Heger und -Pfleger der Kaste, Aus gestoßene. Der Religion nach sind die Badaga's Verehrer Schi- wa's. Ihre jährlichen Festtänze ans glühenden Kohlen zu Ehren des mondlockigen Gottes sind ihnen über Alles theuer. Dennoch ist es mit ihrem Schiwadienst nicht weit her. Ihre Stamm- Götzen streifen geradezu an rohen Fetismus. Darunter nämlich befinden sich ein Trinkgefäß, eine Metallplatte und ein Spiegel — wahrscheinlich Reliquien aus der Zeit der ersten Einwanderung. Auch die Flüsse stehen bei ihnen in großer Verehrung. Wer225 Nach Indien. den Bach auf seinem Wege nicht grüßt oder gar hineinspeiet, begeht eine große Sünde. Man speist ihn alle Jahre feierlichst mit Milch. An einer reißenden Stelle des Khundaflusses werfen sie zur Besänftigung alljährlich vier Groschen hinein. Ein ordent liches Brücklein darüber zu bauen, daran denken sie jedoch nicht. Am Nordostrande der Blauen Berge erhebt sich ein einzel ner Bergkegel, der Nilagiri. Von dort schweift nach dem Glau ben der Badaga's das Auge in die obere Welt hinauf und hinein. Dort ist auch der Fluß, der diese untere „Sterbens welt" mit der obern Welt verbindet; aber die Brücke, die dar über hinwegführt, ist nichts als ein dünner Faden, und den Bö sen, der darüber will, schrecken Feuerflammen und Ungeheuer. Berge und Thäler, Felder, Büffel und Kühe spielen in den Vor stellungen vom Paradiese die Hauptrolle: ein treues Abbild der Welt, in der sie leben. Sobald ein Badaga gestorben ist, gehen Boten nach allen benachbarten Dörfern, wo Verwandte des Ver storbenen leben, und rufen den Bewohnern des Dorfes von ferne zu:'Der und der ist gestorben. Der Leichnam wird alsbald ans eine Bahre von ganz eigenthümlicher Gestalt an das Hans ge setzt. Die Bewohner des Dorfes und die benachbarten Freunde sammeln sich, und nun beginnt die Todtenklage, wobei sich der Tamtam neben andern Instrumenten vernehmen läßt. Die Män ner tanzen, bis die Sonne über den Scheitelpunkt hinunter ist, und machen dabei so sonderbare und so gewaltsame Geberden, blicken sich so tief und greifen so krampfhaft umher, als lägen sie mit einer unsichtbaren Macht im Kampfe und als wollten sie die bösen Geister von der Leiche zurückhalten. Nun wird eine Büffelkuh in den Kreiö hereingeführt oder vielmehr mit Gewalt hcreingetricben, man melkt sie ein wenig und schüttet dein Ver storbenen ein Paar Tropfen Milch in den Mund. Diese Scene wiederholt sich 10 bis 15 Mal: eine Büffelkuh nach der andern Kutzner, Natur-, Reise- u, Lebeurbilder. ^5226 Nach Indien. muß dem Verstorbenen die letzte Labung reichen. Denn es ist ja der Büffel das Lieblingsthicr der ackerbauenden Badaga's und zwar in so hohem Grade, daß selbst der stnmpfeste Greis, wenn Abends die Büffel heimkehren, wieder auflebt und sie mit leuch tenden Augen in die Pferche hineinzählt. Nachdem man dem Tobten nur noch eine letzte Gabe auch von der Lieblingsfrucht des Feldes in den Mund gesteckt hat, setzt sich der Leichenzug in Bewegung. Einige der Versammelten nehmen die Bahre vom Boden auf und machen sich auf den Weg nach dem Platze, wo die Leichen verbrannt zu werden pflegen. Das Musikchor schreitet der Leiche voraus, die weiblichen Verwandten gehen fächernd neben ihm her, die Männer aber laufen stets eine kurze Strecke vorweg, wenden sich schnell um und werfen sich vor der Bahre der Länge nach auf den Boden. Nicht weit vom Scheiterhaufen wird die Leiche niedergesetzt. Darauf werden zwei Büffelkälber herbeigebracht und angebunden. Auf das eine derselben legt man alle Sünden des Verstorbenen und seines ganzen Geschlechts, läßt es dann los und jagt es spornstreichs in die Wüste. Diese Sitte erinnert uns lebhaft an das Alte Testament, an die Feier des großen Versöhnungsfestes (3. Mos. 16). Die Weise, wie man die Sünden des Verstorbenen und seines ganzen Geschlechtes auf das Büffelkalb legt, ist feierlich. Einer sagt dabei eine Art Litanei her, die mit einem Sündenregister anhebt und mit einem Tugendregister schließt. Ein Zweiter aber giebt ein bekräftigen des Ja und Amen dazu. Zuletzt wird der Leichnam, das Ge sicht nach unten und das Haupt nach Norden gekehrt, auf den Scheiterhaufen gelegt und verbrannt. Außer den Badaga's wohnen hier die I r u l e r, d. i. Dunkel männer; sie haben ihren Aufenthalt im Walddickicht, kommen jedoch gelegentlich auf die freien Höhen herauf, um eine Art Mäuse oder Natten zu fangen und ganze Lasten dieser leckern227 Nach Indien. Speise mit hinunterzunehmen. — Wieder eine andere Sorte von Menschen sind die Kurumber, die auf den wald- und grasreichen Gebirgsabhängen ihr Hauptquartier haben und sich viel mit Zaubern beschäftigen. Die aberglänbischen Badaga's trauen ihnen die Fähigkeit, selbst durch das Schlüsselloch einzuschlüpfen, unbe- sehens zu. Bei ihren Hauptfesten lassen die Badaga's einen Kurumben kommen; namentlich macht ein solcher den ersten Pfluggang, indem er den Ochsen beim Horne faßt; sonst bleibt ja der Segen der Ernte aus. Der arme Bauer bezahlt diesen Hokus-Pokus theuer genug. Die interessantesten Menschen auf diesen Höhen sind aber die Todava's, die bis auf 600 zusammengeschmolzen sind und eine Art Nomadenleben führen. Ein Dörfchen zählt au 3 bis 5 Hütten und wird in der Regel von einem Familienganzen be wohnt. Durch ein ziemlich enges Loch dicht am Boden kriecht man auf Händen und Füßen in die kleinen Hütten. Eine von den Wohnhütten etwas abgesonderte, mit einer Steinmauer um gebene Hütte ist das Familienheiligthum, darin die Männer but tern und wohinein kein weiblicher Fuß kommen darf. Zur Seite steht ein kreisförmiges, mit Felsstücken ummauertes Gehege, in welchem die Büffel, die auch des Todava's. Schatz sind, ihre Nachtherberge nehmen. Was unter den Hindu's nie geschieht, die Frauen der Todava's kommen uns freundlich und frei ent gegen, schlanke Gestalten mit ausdrucksvollen Gesichtern und fast europäischer Weiße. Das üppige kohlschwarze Haar fällt in langen Locken den Nacken hinab, und messingene Zierrathen von ziemlichem Gewicht schmücken Arme. und Beine. Die Männer sind eben so kräftige Gestalten mit edlem Ausdruck. Ihrem Gottesdienst dienen kleine heilige Haine, die zwei kleine Wohnun gen enthalten, eine wahrscheinlich für den Priester, die andere für den Gehülfen. Der Priester führt den Namen Palal d. i. 15*228 Nach Indien. Milchmann. Zu jedem heiligen Haine gehört nämlich eine Heerde milchender Büffelkühe. Ein Theil derselben ist heilig und wird nie gemolken. Jeden Morgen melkt der Palal einige Büffelkühe, und nachdem er die heilige Glocke in der Tempel- Hütte damit gewaschen, verbuttert er den Nest, den er und sein Gehülfe nicht brauchen. Der Gehülfe dagegen führt die Büffel auf die Weide und verrichtet überhaupt alle untergeordneten Ge schäfte. So heilig aber wird der Milchmann geachtet, daß, falls man ihm außerhalb des heiligen Haines begegnen sollte, man entweder schnurstracks vor ihm flieht oder mit niedergeschlagenem Auge vorübereilt. Es dreht sich hier Alles um die Büffelheerde; die Milch kammer ist, wie wir gehört haben, das Heiligthum; Büffelmilch ist die Opferspende. Das hat guten Grund, denn die Todava's sind Hirten, die Büsfelheerde ist ihr ganzer Reichthum, die Milch ihre Hauptnahrung. Was aber die Todava's am meisten interessant macht, ist der Umstand, daß sie reine Ueberreste jener Urbevölkerung In diens sind, die durch die einwandcrnden brahminischen Hindu's verdrängt wurden. Diese Urbevölkerung war außer dem Fisch fang besonders dem Hirten- und Jägcrleben ergeben. Derjenige Theil derselben, welcher sich den Hindu's unterordnen mußte und mit ihnen zum Ackerbau überging, wurde in die unterste der vier ursprünglichen Kasten, die Sudra- oder Schudra-Kaste, zusam mengefaßt und verschmolz mit den Hindu's zu einem Volks ganzen. Ein nicht unbedeutender Theil jener Ureinwohner suchte sich indessen von den Brahminischen Hindu's unabhängig zu er halten und retirirte sich in die Berge, Wälder und Wüsten. Hie und da wurden die Widerstrebenden zu Leibeigenen gemacht, so z. B. die uns bekannten Pulajer in Malabar und die Holeijer im Tululande; hie und da trat man in ein freiwilliges Verhält-Nach Indien. 229 niß zu den Hindu's, wie z. B. die Pariah's im Tau^lenlande. Die Todava's haben ihre innerste Bolksthümlichkeit auf der hohen Alpenburg der Nilagiris gerettet. Vergebens hat die englische Negierung bis jetzt Versuche gemacht, die Todava's zu einer nützlichen Beschäftigung heranzu ziehen. Obgleich ihrer Zwei einen ganzen Baum auf ihren Schultern mit Leichtigkeit hinwegtragen, obgleich ihrer Drei bis Bier mit den riesigsten und wüthendslen Büffeln kämpfen, sic beim Schweif und den Hinterfüßen ergreifen und umwerfen, hinter dem Pfluge stetig hergehen oder auch nur einen Baum fällen wollen sie nicht. Wie nimmt sich doch der leichte Hirten stab in der riesigen Hand so eigen aus und wie schlecht steht der außergewöhnliche Schmutz zu den außerordentlich schönen Körper formen, die der über das faltige Unterkleid malerisch geworfene Laken keineswegs verbirgt. Auch die Missionäre haben sich bis jetzt vergebens an diese wilden Natnrsöhnc gemacht. Man hat ihnen Schulen angeboten, man hat ihnen Geld obendrein ver sprochen, doch eben so wenig, wie sich der Wind einmauern läßt, eben so wenig der junge Tovada. Werfen wir, ehe wir Dekhan verlassen und nach Nord-In dien oder Hindostan uns wenden, auch noch einen Blick auf den Osten des dekhanischen Hochlands, namentlich auf die T amu len, welche das große von Madras südlich gelegene Gebiet bewohnen. Betrachten wir hier insbesondere das Leben der Brahminen, der „Erdengötter", wie man sie zu nennen beliebt, die hier besonders zahlreich vertreten sind. Ein Stündchen etwa, bevor sich der Sonnengott erhebt, verläßt der Erdengott, der Brahmine, sein Lager und putzt sich die Zähne. Gegen Sonnenaufgang eilt er zum Wasser, um dem armen Sonnengotte beizuspringen, dein die bösen Dämonen (offenbar Personifikationen der Wolken) gleich im Anfänge seiner Laufbahn in den Zügel fallen. Das Wasser230 Nach Indien. nämlich , das der badende Brahmine, sein Angesicht der Sonne zukehrend, in die Hand faßt und über sich spritzt, sammelt sich gleichsam zu einem mächtigen Streitheere, vor welchem die bösen Dämonen, die der Welt das liebe Sonnenlicht nicht gönnen, die Flucht ergreifen. Derselbe Kampf entspinnt sich wieder um Mittag, wo der Sonnenwagen den Scheitelpunkt erreicht, so wie am Abend, wo die sieben Sonnenpferde zu Rüste gehen. Da helfen dann die Erdengötter den himmlischen Kampf zum Besten der Erde wiederum ausfechten. Kein Wunder daher, daß das Haupt auch des ärmsten, unwissendsten und lasterhaftesten Brahminen ein unaustilgbarer Heiligenschein umgiebt. Drei Stücke gehören zu einem vollständigen Brahminen: die Lesung der Veda's, die Haarlocke und die aus 21 Fäden bereitete heilige Schnur, das Abzeichen der „Zweigeborenen." Mit der letzter» vermählt man sich im 5. oder 7. Lebensjahre. Dann wird das heilige Feuer geschürt und die heilige Schnur davor aufgehängt; die dazu geladenen Brahminen murmeln ihre Formeln her und berühren segnend die heilige Schnur. Das Letztere thun auch die verheiratheten Frauen aus der Verwandt schaft. Endlich wird sie dem jungen Brahminen angelegt und mit ihr zugleich das heilige Saffrangewand. Derselbe darf nun an das Lesen der vier Geheimnisse, d. i. der Veda's, gehen. Von großer Wichtigkeit ist es nun, den jungen Brahminen so zeitig als möglich zu verheirathen, damit sein heiliges Ge schlecht, ohne das die Erde nicht einen Tag ordentlich bestehen kann, nur ja nicht aussterbe. So lange der Brahmine noch unverheirathet ist, darf er sein Essen nicht im eigenen Hause nehmen, sondern muß es sich stets aus dem Hause seiner Ver wandten holen. Er faßt es in sein Gewand und breitet es auf ein Bananenblatt.Nach Indien. 231 Von freier Wahl ist bei der Verheirathung nicht sehr die Rede; hat des Vaters Bruder eine Tochter, so ist sie und keine andere die Braut; wo nicht, so hilft die übrige Verwandtschaft aus. Wo möglich wählt man so, daß das Familienvermögen beisammen bleibt; denn bei aller Frömmigkeit wissen die Erden götter .den Mammon doch sehr gut zu würdigen. Das Hochzeitsfest ist, wie für jeden Hindu, so auch für den Brahminen, und für ihn ganz besonders, ein hohes Fest. Der Hochzeit-Pandal wird im Hofraum mit großem Fleiße hcrgerich- tet; je längere Zeit daran gebaut wird, desto ehrenvoller. .Der Hanptfnß des Pandals wird mit Mangoblättern, Kusagras u. s. w. umwunden und mit Sandel, Saffran und dergl. bestrichen; dicht dabei steht das sich selber schnäuzende Hochzeitslicht mit gewal tigem Docht, und rings um den Fuß werden neunerlei Korn arten gesäet, die, weil die Erde reichlich mit Milch getränkt wird, schon am dritten Tage aufgehen, dem neuen Hauswesen fröhliches Gedeihen verheißend. In demselben Sinne wird auch der Ein gang zum Pandal mit Fruchtbüscheln der Areka, Kokos und na mentlich der Banane geschmückt. — Hochzeitszeugen sind die beiderseitigen Väter, die heiligen Beda's, die heilige Schnur, der Feuergott, der höchste Gott, die „Wolkenstimme", die Erdengöttin und die versammelten Erdengötter. In dieser Zeugen Gegen wart reichen denn die beiderseitigen Väter Reis, Betel, Areka und Geld einander dar, und gießen sich aus einem geschnepften Kupfer-Topf ein wenig Wasser in die Hand. Zuletzt weihen die Brahminen sasfrangesärbten Reis. Die Anwesenden fassen der Reihe nach Etwas davon in beide Hände, falten die Rechte über die Linke und legen es dem Bräutigam zuerst auf den Schooß, sodann auf die Schulter und endlich ans das Haupt. Somit ist die Trauung vollzogen. Nicht minder eigenthümlich sind die Gebräuche bei Sterbe-232 Nach Indien. fällen. Liegt der Vater im Sterben, so holt man schnell einen Brahminen, der gegen das übliche Geschenk an Geld oder an Geldeswerth das heilige Feuer unter Gebet anzündet. Die Ver wandten schassen die Leiche hinweg; der Sohn aber schreitet, einen Topf mit Feuer tragend, dem Leichenzuge voran. Dort hat der dazu bestellte Pariah allbereits einen Scheiterhaufen aus 2000 Stücken getrockneten Kuhdüngers aufgeschichtet. Man um schreitet denselben dreimal und legt die Leiche darauf. Nun wird der Sohn von Kopf bis zu Fuß geschoren, und nachdem er ge badet, zündet er dem Rndra, als dem Gotte des Leichen-Ackers, ein Opferfeuer an und spritzt unter Gebeten. Oel und Wasser darein. Darauf nimmt er ein ^Gefäß mit Wasser auf seine Schulter, und umkreist die Leiche von der Rechten zur Linken und umgekehrt, indem er bei jeder Runde mit einem Feuerbrande aus seinem Topfe ein Loch in das Wasser - Gefäß auf seiner Schulter stößt. Zuletzt legt er den Feuerbrand dem Leichnam zu Häupten; der dazu Verordnete aber wendet den brennenden Leichnam von Zeit zu Zeit um, und darf nicht eher von der Stelle weichen, als bis dieser ganz zu Asche geworden. Am nächsten Tage sammelt dieselbe Person die Gebeine in ein Gefäß, netzt sie mit Milch und versenkt sie in fließendes Wasser. War der Verstorbene ein begüterter Mann, so behält vielleicht der Sohn einiges Gebein zurück, und befördert es durch die Hand eines Brahminen entweder nach dem heiligen Benares oder nach Ramesseram, dem Benares des Südens. Da kann der Hingeschiedene der engen Pforte znm himmlischen Kailaha — wenn er ein Verehrer des Schiwa war —, oder zum Vaikuntha — wenn er ein Wischnuanbetcr war — nicht verfehlen. Es ist daher wichtig, daß man sich auf Erden vor allen Dingen Schätze sanmwlt, wenn man des Eingangs zum Himmel ganz sicher sein will.Nach Indien. 233 Noch schneller, wie man den jungen Brahminen in den Ehe stand treibt, trachtet man die Mädchen zu verheirathen. Wo möglich muß das Brahmincnmädchen im 5, oder 7. Lebensjahre einen Mann haben; derjenigen, der es auch im 10. Jahre noch nicht gelungen ist, ein Tali, d. i. ein Ornament am Halse, das die Stelle des Trauringes vertritt, zu erjagen, ist alle weitere Hoffnung auf Verehelichung rund abgeschnitten; sie ist und bleibt ein Gegenstand der Mißachtung und keine Brahminenfrau wird mit ihr essen oder trinken. Wenn es ihr nun aber auch gelingt, noch vor Ablauf der anberaumten Zeit in den Hafen der Ehe einzulanfen, die Gefahr bleibt immer, daß sie ihren Gemahl über kurz oder lang verliert, — vielleicht noch ehe sie selbst das Kindesalter hinter sich hat, — und dann ist ewige Wittwenschaft mit all ihren Schrecken ihr Loos. Das treibt dann Viele dieser Elenden in ein unordentliches Leben hinein. Daher ist die frühe Verheirathung und das Verbot der Wiederverheirathnng für die Wittwen von sehr sittenverderbendem Einflüsse. In den Veda's steht Nichts von diesem Verbote und die andern Kasten wissen auch Nichts davon; aber es ist einmal so Brauch und da läßt man nicht- davon. Der Brahmine kann sich übrigens so viel Mal verheirathen als er will. Zwar haben sich unter den Hindu's selbst schon Stimmen gegen jenen Mißbrauch erhoben, indessen vergebens. Selbst wenn ein Brahmine es versucht, seine verwittwete Tochter zum zweiten Male zu verheirathen, es geht dennoch nicht an. Diesen Versuch machte vor einiger Zeit ein großer Sanscrit-Gelehrter. Er hatte alle Schriften durchforscht, um herauszubringen, ob denn einer Brahminenwittwe die Wieder- verheirathung in der That verboten sei, und gefunden, daß dem nicht so ist. Als er nun den Entschluß faßte, seine unglückliche Tochter wieder zu verehelichen, da fielen alle seine Verwandten über ihn her und bearbeiteten ihn so lange, bis er von seinem Vorhaben abließ.234 Nach Indien. Begeben wir uns nunmehr nach dem Tieflande Hindostan und zwar zuerst nach der dem Meere zunächst gelegenen Stadt Kalkutta. Wir verfügen uns zu diesem Zwecke nochmals nach Madras, von wo uns ein Dampfschiff nach Kalkutta überführt. Dreißig und einige Seemeilen vor der Gängesmündung begegnen wir einem der Pilotenschiffe, welche hier im Dienste der ostindi schen Kompagnie vor den die Mündungen des Ganges umgeben den Sandbänken kreuzen. Bald darauf passiren wir das Leucht schiff, das 30 Seemeilen von der Südspitze der Insel Sagor liegt, und nun reiht sich bald in kurzen Zwischenräumen Schiff an Schiff, gleichsam eine Straße bildend. Unter fortwährendem Sondiren, was sich wegen der bereits die Farbe des Meeres verändernden Sandbänke und Angesichts der warnend über den Spiegel des Meeres hervorragenden Masten eines gescheiterten Schiffes als sehr nöthig erweist, kommen wir endlich auf der Höhe des Leuchtthurms von Sagor Island an. Es ist Anfang Januar Abends; die Anker werden niedergelassen. Mit Tages anbruch geht es weiter; unter Benutzung der Morgenfluth wer den einige gefährliche Sandbänke überwunden und gegen Mittag erreichen wir den Westarm des Ganges, den Hugly, in den wir einfahren. Da die Ebbe eingetreten ist, erblicken wir die Uferränder in einer Höhe von 15 bis 20 Fuß. Mächtige Geier, unfern der Dörfer am Ufersand sitzend, Raubvögel, die die Luft durchschwirren und sich dreist auf dem- Takelwerk niederlassen, darunter sogar eine weiße Eule, die sich auf den großen Mast pflanzt, zahlreiche Boote der Eingeborenen von stark geschweifter Bauart und dadurch sehr graziös, aber auch sehr kippelig aus sehend, beleben den majestätischen Strom. Bei weiterm Vor dringen erblicken wir zu beiden Seiten große bebaute Ebenen und trockene Wiesenflächen mit weidendem Vieh; zuweilen sehen wir auch Strecken niedrigen Strauchjungles und hie und da ein Lehm-Nach Indien. 235 dorf. Die Tempel und Tempelchen überschatten große Banianen; die prächtige Palmyra aber ist die Krone der Landschaft. Ein grauröthlicher Dunst lagert über derselben. Der Abend naht heran, schon sinkt die Sonne dunkelroth glühend hinter einem grauen Schleier, dem feuchten, ungesunden Dunste des Ganges- delta's, hinab; da erreichen wir die ersten Gärten mit stattlichen Landhäusern, trefflichen Rasenflächen, schlanken Kasuarinen und Mangobäumen. Zur Linken bleibt uns der botanische Garten und ein geistliches Kollege, zur Rechten wird eine Kettenbrücke passirt. Schon erkennen wir die Linien des Forts William und die Häuserreihen der Stadt, da plötzlich stopft die Maschine und nieder rasselt der Anker auf den Grund. Wir sind in Kalkutta. Am nächsten Morgen beschauen wir den majestätischen Hugly bei Tageslicht. Welch ein Leben! Ein wahrer Mastcnwald von Handels- und Kriegsschiffen'bedeckt den Strom; fast alle Natio nalfarben der Welt sind hier vertreten und zwischen den europäischen Riesen wimmelt cs von Tausenden der kleinen Boote der Einge borenen. Dazu noch die Unzahl von Badenden beiderlei Geschlechts, die sich schon früh am Morgen in den heiligen Strom begeben, nachdem sie die blank geputzte Lotos am Ufer abgelegt haben. Aber mitten in dies glänzende Bild des regsten Lebens drängt sich auch der Tod in seiner abschreckendsten Gestalt. Leichname von armen Hindu's, deren Angehörige zu unbemittelt sind, um sie zu verbrennen und dann die Asche in den Ganges streuen zu lassen, wie ihnen eigentlich vorgeschrieben ist, gleiten langsam den Strom hinab, bepickt von hungrigen Raubvögeln und einen häßlichen Geruch verbreitend. Wir wenden unfern Schritt nach der Stadt. Welch ein Häusermeer! An 66 Tausend menschliche Wohnungen liegen hier beisammen, einer Menschenmasse von über l Million Schutz und Bequemlichkeit gewährend. Im Jahre 1717 lagen nur zwei elende236 Nach Indien. Dörfer an der Stelle, wo jetzt die „Stadt der Paläste" sich er hebt. Am prächtigsten ist das Quartier der Engländer, Tscho- ringi genannt. Es zählt über 250,000 Bewohner. Die Stadt der Eingeborenen ist wie alle indischen Städte unschön und besteht zum größten Theile aus unansehnlichen Häusern und Hütten. Dafür kann man aber auch hier das Leben der Eingeborenen am besten beobachten, was um so leichter ist, als die Indier, mit Aus nahme der heißen Mittagszeit, fast beständig auf den flachen Dächern ihrer ein-, selten zweistöckigen Häuser sich qufhalten. Hier sieht man eine Familie patriarchalisch vereinigt, dort einen Kreis, aus dem Zithern, Pauken und Becken erklingen, welche den Takt für ein Paar graziöse Tänzerinnen angeben. Nicht minder interessant ist das Treiben in den Bazar's, die erst gegen 10 Uhr Morgens geöffnet werden. Da steht unter einer Art Marquise der Käufer auf der Straße, indeß der Verkäufer, in seiner offenen Zelle hockend, ruhig sitzen bleibt und seine Hucka raucht, scheinbar erst prüfend, was wol an dem Kunden zu ver dienen sei. Fällt diese Prüfung günstig aus, so entfaltet sich sein ganzes Handelstalent auf die lebendigste Weise; Jeder sucht den Andern nach Kräften zu übervortheilen. Einen eigenthümlichen Eindruck macht das Bei- und Neben einander der Kultur von Asiaten und Europäern. Der erste Anblick Kalkutta's ist glänzend; aber sobald man sich iiber die eleganten Viertel hinausbegiebt, stößt man auch auf sehr miserable Hütten. Hier Europa in allem Glanze der modernen Civilisation, dort Asien int Zustande der Urzeit. Dieser Kontrast tritt beson ders alle Donnerstage am Abend auf der Promenade am Ufer des Hugly hervor. Mitten in einem hübschen Garten läßt die Musik eines Regiments der englischen Armee die Melodieen Ros sinis oder Meyerbeer's ertönen. Rings herum bewegt sich ein Schwarm Dandies zu Pferde, sowie Pritschka's und PhaLton's237 Nach Indien. voll eleganter Frauen, welche zugleich die Abendkühle und die europäischen Klänge einschlürfen/ Aber wir wenden uns ein wenig rechts und wir erblicken eine kupferfarbige Menge ihre Waschun gen im heiligen Wasser verrichten. Auch die Art der Straßen reinigung ist ächt asiatisch, denn sie ist der thierischen Bevölkerung überlassen. Die Raben zählt man zu Hunderten und Tausenden; überall auf Bäumen und Terrassen pflanzen sie sich auf und krächzen, daß es eine Art hat. Nichts, respektieren diese Unver schämten; sie tragen kein Bedenken, sich in Zimmer und Salons zu begeben und dort ein unaussprechliches Andenken zurückzulassen; noch lieber suchen sie die Speisekammern auf. Ja sogar auf den Rücken der in den Ebenen weidenden Rinder und Schafe lassen sie sich nieder und versuchen, diesen Thieren ein Stückchen Fleisch aus ihrem Leibe zu hacken. In der Regenzeit ziehen die „Phi losophen oder Ardschilla's" ein, das sind Vögel von der Größe kleiner Menschen; sie haben einen langen Schnabel, röthlichen Kopf, kahlen Schädel und schwarze'Flügel und helfen den Raben bei dem Reinigungsgeschäft. Da es gesetzlich verboten ist, sich an diesen Thieren zu vergreifen, so sieht man die Philosophen mit majestätischem Schritt in den Straßen, auf den Promenaden, mitten unter den Karossen und der Menge einherspazieren. Außer diesen nützlichen Thieren leben in der Stadt der Paläste noch unzählige Schaben, Eidechsen, Ratten und Schakals; letztere überschwemmen die Stadt bei Nacht bandenweise und geben den Einwohnern Serenaden, deren widerwärtige Töne beinahe die Tageskonzerte der Naben zurückwünschen lassen. In der Umgebung der Stadt plagen uns die Musquito's, kleine, mücken große Thierchen, vor denen man sich zur Nacht durch einen Flor, die Musquitogardine, schützt. Ihre schlimmsten Feinde sind die Eidechsen, welche beständig aus Musquito's, Ameisen und Wan zen Jagd machen. Daß auch die übelriechende Spitzmaus oder238 Nach Indien. Moschusratte nach Belieben im Zimmer ein- und ausspaziert, müssen wir uns in Indien gefallen lassen, denn man hat hier Thüren und Fenster in der warmen Zeit Tag und Nacht offen. Schlimmer noch sind die Pariahunde, die auch, ohne anzufragen, in die menschlichen Wohnungen eindringen und sich nicht ohne Anstrengung vertreiben lassen. Das Schlimmste sind die vielen giftigen Thiere. Man ist in seiner Stube nie sicher vor Skor pionen und Schlangen, .weßhalb man auch die ganze Nacht in den Schlafzimmern ein Licht brennen läßt. Die Schlangen kommen besonders in der warmen Jahreszeit zum Vorschein. Am gefürchtetsten ist die Brillenschlange (Cobra Capella). Die Schlangenbeschwörer verstehen es, diese Thiere aus ihren Schlupf winkeln hervorzuräuchern; sobald sie aber Hervorkommen, fassen sie die Schlange beim Schwänze, schwingen selbige so stark um den Kopf immer im Kreise, bis die Thiere ganz betäubt sind, worauf sie in ein Gefäß gesteckt und durch Hunger zahm gemacht werden. Es ist ein gar interessantes Schauspiel, diese furcht baren Schlangen, wenn sie der chinesische Gaukler vorzeigt, sich in der Form eines Schwanenhalses emporheben zu sehen, wie sie pfeifend und zischend einen Halbkreis bilden und die breite Nacken haut, worauf -das Zeichen der Brille deutlich ausgeprägt ist, aus- spaunen. Die Schlange gehorcht auf Kommando und folgt mit ihren Bewegungen der Musik; sobald diese aufhört, kriecht sie in ihr Gefäß zurück. — Zwischen den zahlreichen Mündungen des Ganges, in den wilden Sunderbunds, leben diese Thiere neben andern wilden Thieren in zahlloser Menge; dort entwickeln sich auch die entsetzlichsten Kampfesscenen unter den großen Raub- thieren; dort kämpft der Königstiger mit der Abgottsschlange und brüllt, in ihren Rachen gefesselt; dort fällt der schreckliche Alli gator den Djungel-Büffel an und über den Cadavern sammeln sich die Adler und Geier und theilen ihre Beute mit den Scha-239 Nach Indien. kal's und Krokodilen — Gegen den Biß der Brillenschlange scheint alle Kur vergeblich zu sein, wenn das Blut sich mit dem Gifte gemischt hat. Für den Skorpionstich hat man dagegen eine eigene Masse, Skorpionstein genannt, die eine aussaugende Kraft zu haben scheint, und die sogleich die Schmerzen lindert, wenn man sie bei Zeiten anwendet. Sonst bedient man sich des Kajeputöls. Ein sehr glänzendes Schauspiel hat man oft Abends in den Gärten durch die sogenannten Feuerfliegen, welche die. Gipfel der Bäume illuminiren. Dieselben sind Käfer, deren Larven gleichfalls leuchten und die im Grase des Nachts einen so starken Schein verbreiten, daß man dabei lesen könnte. An die Quälgeister aus dem Thierreiche schließen sich in Indien überall, und so auch in Kalkutta, die Schaaren von Dienst boten, die der Landessitte gemäß gehalten werden müssen. Für jedes kleine Geschäft muß ein besonderer Diener gehalten werden, wenn das Haus einigermaßen anständig anftreten will. Kein Be dienter unterzieht sich den Arbeiten eines andern; zudem sind es meist schlaue Burschen, die nicht ein Wort einer europäischen Sprache verstehen oder vielmehr verstehen wollen, meist weder den Namen einer Straße, noch den ihres Herrn kennen und da bei von einem höchst zudringlichen.Eifer besessen sind. Die Be ziehungen zwischen Herren und Dienern gehen nicht iiber die Grenzen des Dienstes hinaus; man kennt selten die Wohnung von Leuten, die man seit Jahren in seinem Dienste hat, und die Diener hängen keineswegs mit Treue und Dankbarkeit an ihrer Herrschaft. Des Morgens kommen sie und Abends gehen sie wieder, ohne daß man iveiß, woher sie kommen, noch wohin sie gehen, denn zwischen dem Europäer und dem Hindu besteht mehr als eine chinesische Mauer, welche tagtäglicher Verkehr selbst wäh rend mehrerer Jahre nicht zu beseitigen vermag.240 9lad) Indien. Es sind nicht viel über hundert Jahre her, daß die Stelle, wo sich die Stadt der Paläste erhebt, mit einem dichten Jnngle bedeckt war, beit nur Tiger und wilde Büffel bewohnten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verlegte der damalige Direktor der ostindischen Kompagnie den Sitz seiner Negierung nach Kal kutta, das, wie wir schon hörten, seinen Namen nach der Göttin Kali erhalten hat. Die Denkmäler der ersten Zeit Kalkutta's sind fast ganz verschwunden, so unter Anderm die Säule, welche den Opfern der schwarzen Höhle von den Ueberlebendew jener schrecklichen Nacht errichtet wurde. Es war im Jahre 1756, als der Nabob von Bengalen, Suradschah Daulah, sechszig brit- tische Gefangene in einem engen Wagenspeicher, seitdem schwarze Höhle .genannt, einsperrte, worin dieselben nach einer heißen Nacht wegen Mangel an frischer.Luft fast sämmtlich den Erstickungstod starben. Wollen wir nicht zu Fuß die Ebenen Hindostans durchwan dern, so müssen-wir uns des Palankins bedienen. Das ist ein enger an beiden Seiten offener Kasten, der an Stangen getragen wird. Eine andere Art zu reisen kennt man hier nicht, und wie schwer es uns auch ankommt, uns von Menschen tragen zu lassen, wir müssen uns darein fügen. Zu jedem Palankin ge hören acht Träger, welche hier Kulies sind. Außer den' Trägern bedarf es noch eines Fackelträgers, der diesen den Weg erhellen muß und nebenbei den Getragenen blendet und beräächert. Fer ner müssen wir noch besondere Träger für die Wäsche und Klei der haben, welche zum Schutz gegen die Insekten, insbesondere der Ameisen, in Blechkastcn verpackt werden. Ein Mann trägt immer zwei solcher Kästen, die zusammen 40 Pfund schwer und an den Enden einer Bambus-Stange befestiget sind, die. über die Schulter gelegt wird. Das Reisen in diesem Kasten ist durchaus nicht angenehm, denn derselbe ist zu niedrig, um darin sitzen zuNach Indien. 241 können; überhaupt ist er so eng, daß man nur noch für ein paar Bücher, Gewehr und Säbel Raum findet. Unter heftigem Keuchen und einem schrecklichen, monotonen Gesänge schleppen uns die Armen eilig vorwärts; in die Lieder flechten sie am liebsten den Bangalo (Ruheort) ein, sonst aber jeden beliebigen Gegenstand. So oft der Punkt der Abwechselung herbeigekommen ist, stoßen sie ein langgezogenes Ah! aus, worauf die vier Träger, welche bisher Dienste leisteten, von den vier anderen, einstweilen leer gehenden, abgelöst werden. Der Anblick dieser erbarmungswür digen Menschen ist recht betrübend; häufig sind ihre Schultcrtt wund gescheuert, und daß ihre Tage gezählt sind, sieht man ihnen auf den ersten Blick an. Gasthäuser in unserm Sinne trifft man in Indien nir gends an. Die englische Regierung hat daher auch hier in der Entfernung von 4—6 Meilen Bangalo's, gewöhnlich in der Nähe von Dörfern und Städten, anlegen lassen, die dein Reisen dem wenigstens einige Bequemlichkeit bieten. In jeden: solchen Rasthause befindet sich ein Aufseher, der zugleich Koch ist, aber in dieser letzteren Eigenschaft fast Nichts weiter als Kurrh be reitet. Kurrh aus Huhn mit Reis und ein gekochtes Huhn, und wieder Kurrh aus Huhn mit Reis, das ist die ganze Abwechse lung, die man hier genießt. Außerdem sind nur noch Milch, Eier, und statt des Brodes „Schipatties", das sind flache, aus Weizen- und Gerstenmehl gebackene Kuchen, zu haben. Daher versorgen sich die Reisenden gewöhnlich selbst noch mit Thee, Kaffee und Zucker. Statten wir zunächst der Stadt Gahah einen Besuch ab. Es ist Mitte Januar; indessen haben wir viel durch Hitze zu leiden. Der Weg ist chaussirt, aber die Gegend ist wegen der trockenen Jahreszeit öde und traurig; ringsum sehen wir Nichts als trostlose, verbrannte Stoppelfelder; nur selten taucht eine Kutzner, Natur-, Neisr- u. StfmiSMKr. 16242 Nach Indien. Jndigopflanzung auf. Wäre nicht hie und da eine Gruppe lang ästiger Bananen oder eine hochstämmige Palmyra, wir könnten glauben, durch unsere heimathliche lüneburger Haide zu reisen, so dürr und staubig ist das Land. Die Dörfer an der Straße sind dem ganz entsprechend; nichts als Lehmhütten, aber fast in jeder ein Kramladen. Indessen fehlt es auch nicht an interessan ten Abwechselungen. Da begegnet uns eine große aus zahlreichen Kameclen bestehende Karavane, geleitet von hohen, kräftigen Männern mit weißem Turban, Jacken und Beinkleidern und langem lockigen Nabenhaar, das ihnen ein jüdisches Ansehen gicbt. An einer andern Stelle erblicken wir den Bivouak eines Hackerh d. i. eines Ochsenkarrenzuges, eine wahre Wagenburg, in deren Mitte die Ochsen im Kreise eng zusammengekoppelt liegen, um geben von den Fuhrleuten, die um glimmende Feuer hocken. Weiter hin beobachten wir wohl auch einmal ein Nachtlager eines reisenden indischen Vornehmen. Da steht ein großes Zelt; daneben brennt ein Kochfeuer, um welches sich die zahlreiche Die nerschaft gruppirt hat; weiter sehen wir ein Paar zweiräderige Karren, einen Palankin, einige kleine, gedrungene Pferde und einen großen, langzähnigen Elephanten, der mit seinem Rüssel die Rinde junger Bäume abschält und sie dann behaglich aussaugt. — Nach drei Tagen ist unser Ziel erreicht. Das Merkwürdigste in der Gegend von Gahah ist ein Tem pel, der zu den berühmtesten Wallfahrtsorten Indiens gehört. Die Anhänger Wischnu's meinen, daß hier Wischnu über den Niesen Gahah den Sieg davongctragen und diesen in die Tiefen der Hölle hinabgestoßen habe. Die Buddhisten dagegen glauben, daß Gautama Buddha hier geboren worden sei. Jene erblicken in einem hier gelegenen Felsblock die Fußtapfe Wischnu's, und diese diejenige des Buddha, woher es denn kommt, daß das Heilig- thnin zahlreich bewallfahrtet wird. Der Tempel, welcher dasselbeNach Indien. 243 birgt, hat dm Umfang eines kleinen Dorfes und ist aus einem schönen glänzenden, grauschwarzen Stein erbaut. Zu jeder Zeit erblickt man unter den Säulenhallen des Tempels eine Menge fremder Pilger, die hier ihrer Sünde und — Habe entledigt werden; denn die Priester verstehen es, die Gläubigen gründlich zu erleichtern. Sieh nur da den wohlgenährten, rundbauchigen Mann mit niedergeschlagenen Beinen; vor ihm steht der fromme Pilger und deutet auf die mitgebrachten kostbaren Geschenke, die Jener mit gierigen Augen schätzt. Sie genügen aber nicht; es muß noch Geld zugelegt werden, dann erst beginnt die Ceremonie. Dem Pilger werden nun zuerst die Füße gewaschen, dann mit gelber Salbe eingerieben und auf jeden Fuß wird eine Jasmin- bluine gelegt. Dieselbe Salbung und Waschung nimmt ein kleiner Knabe, der die Familie des Priesters repräsentirt, und noch ein dritter Gehülfe vor. Darauf bekommt der Pilger noch einen Topf mit brauner Salbe, womit er dem Priester und nach ihm auch den beiden Andern Stirn, Brust und Arme einreibt. Dann zieht er aus einem Sacke Blumenkränze, einige von Todtcnblumen, andere von Jasmin, alle reich verziert mit Silberflittern; er wirft dem Priester einen über den Kopf und einen zweiten über die gefalteten Hände; eben so auch den beiden Andern, wobei Gebete und Sprüche hergemurmelt werden. Nach diesen Cere- monien ist der Pilger seines Geldes, seiner Geschenke und wenn er gläubig genug ist, auch seiner Sünden ledig und zieht mit leichtem Herzen und Beutel davon. Einen abscheuerregenden Eindruck machen die überall in Indien, insbesondere aber an den heiligen Oertern sich zeitweise aufhaltenden Fakire, eine Art Mönche, die ihr ganzes Leben mit Anschauung der Götter in Faulenzen und Betteln zubringcn und von den Gläubigen wie Heilige verehrt werden, obwohl sie zu den rohesten und sittenlosesten Menschen gehören. Sie tragen244 Nach Indien. nichts als einen Schurz, lassen die Haare wachsen, daß sie ihnen wild um den Kops hängen, und den Bart, daß er bis zur halben Brust reicht, und um sich das büßende Ansehen zu geben, be decken sie sich von oben bis unten, selbst Gesicht und Haare, mit Asche. Wohl tauchen sie sich bisweilen in das Wasser eines Flusses; aber kaum sind sie gereiniget, so beginnen sie auch schon wieder das Aschebcstrcnen und bald nach dem Bade sehen sie daher wieder so schmudelig aus, als vorher. Manche haben wohl auch einen Farbentopf bei sich, um sich das Gesicht von Zeit zu Zeit gelb anzustreichen, wodurch sie ein noch diabolischeres Aus sehen erhalten. Die vorgeschriebenen Waschungen verrichten, kochen, essen und in den Tempeln einen gräßlichen Lärm, den man Musik nennt, vollführen: das sind die Thaten, welche das Leben eines Fakirs aufzuwciscn hat. Wenden wir uns nördlich nach Patna, einer großen Stadt am Ganges, da gelegen, wo sich der vom Himalaha herkommende Gandak mit dem heiligen Strome vereinigt. Hier beginnt das kühlere Frühlingsklima der obern Stufenländer des Ganges, in welchen Tamarinden und Mangobäume , die vorherrschende Wal dung bilden, während auf beiden Stromufern weite Flächen voll Reis-, Indigo-, Opium- und Baumwollenpflanznngen ausgebreitet liegen. Durch solche Gebiete führt uns der Weg nach der Stadt Benares. Das ist die reichste, heiligste und nach Kalkutta auch die volkreichste Stadt Indiens. Was den Muhamedanern Mekka, das ist den Hindu's Benares. Denn wer nur irgend kann, pilgert wenigstens ein Mal nach dieser berühmten Brah- minenstadt. Das Bad im Ganges ist ja überhaupt ein entsüh nendes; der Ganges muß die Asche oder gar den Leichnam des Verstorbenen ausnehmen; im Ganges suchen die Kranken ihre Genesung; sein Wasser soll lieblich schmecken und sehr gesund lein; es ist in allen Pagoden und Tempeln das kostbarste OpferNach Indien. 245 und wird daher auf den Schultern bis zur Südspitze Indiens getragen; jeder Vornehme nimmt Gangeswasser mit auf die Reise und auf Gangeswasser legt man seinen Eidschwur ab, wie bei uns auf die Bibel. Wo möchte man sich aber das Ganges wasser lieber holen, als aus Benares, wo es für ein Glück gilt, zu sterben, weil von dort eine große Königsstraße direkt in den Himmel führt! Darum ziehen auch hier täglich an 10,000 Men schen aus allen Theilen Indiens ein und aus, und an hohen Festen steigert sich diese Zahl bis auf 100,000. Die Lage der Stadt ist nichts weniger als glänzend, denn die Ufer sind sandig und flach, und das Wasser des Flusses ist sehr schmutzig. Einen imposanten Anblick gewährt sie indessen doch, wenn man sie voni Flusse aus sieht. Am rechten Ufer zieht sich eine unabsehbare Ebene hin, während das linke Ufer der Stadt sich amphitheatralisch erhebt und eine lange Reihe großartiger Gebäude zeigt, die einen majestätischen Eindruck machen. Diese Gebäude, Paläste, Tempel sind von Thürmen flankirt, haben ein hohes Portal, lange, schmale Fenster, oben darauf gleichsam einen Strauß von Thürmen oder chinesischen Pavillons und stehen mit dem Flusse durch riesenhafte 50—60 Fuß hohe Treppen, Ghants genannt, in Verbindung. Hunderte von Tempeln, in grellen Farben bemalt, mit Kuppeln in der Form von Bischofsmützen, seltsamen Verzierungen und verschwenderisch angebrachter Ver goldung begegnen unserm überraschten Blick. Eine Morgenspazier- sahrt auf dem heiligen Wasser ist eins der interessantesten Ver gnügen, das man sich gewähren kann. Alle Treppen sind von oben bis unten lebendig; die letzten Stufen unten steht Kopf an Kopf gedrängt; auch in kleinen Hallen auf Vorsprüngen in dem Flusse und unter großen Sonnenschirmen befinden sich viele Gläu bige. Die Frauen sind in buntfarbige Tücher gehüllt und tauchen sich, Blumen streuend, graziös unter. Die schöngebaten Mäun-246 Nach Indien. ner steigen oder springen in die Fluthen hinab und tummeln sich darin munter umher. Das Ganze macht keineswegs den Ein druck einer religiösen Handlung, sondern vielmehr den einer gro ßen Abwaschung. Noch weniger heilig erscheint uns das Treiben, wenn wir hören, daß es im Tauchen sehr geschickte Schurken giebt, die Frauen und Kinder erwischen und unter das Wasser hinabziehen, um sich der Ohrringe und Armbänder zu bemächtigen. Ein solcher Verbrecher steckte sich sogar einmal in eine Krokodilhaut. Indessen fehlt es auch an heiliger Stimmung nicht. Nicht selten suchen Fanatiker freiwillig den Tod in dem heiligen Flusse, indem sie sich große irdene Krüge an den Hals binden. Einen höchst seltsamen Anblick gewährt die Stadt von dem Minaret der Moschee Aurengzebs. Ein Meer von 30,000 Häu sern, darunter 1000 Tempel und 8000 Priesterwohnungen, breitet sich vor dem Beschauer aus. Die Höhe der plattdachigen Häuser ist so gering, die Straßen sind so schmal, daß der unermeßliche Steinhaufen fast wie eine Einöde erscheint, in der man nur einige Papagehen und Tauben bemerkt. Die engsten, fiustersten und widerwärtigsten Straßen von London und Paris können aber noch keine Vorstellung von den Straßen in der Stadt Benares geben. Hohe, düstere, fast gänz lich fensterlose Häuser mit niedrigen Thüren stehen traurig an dem feuchten Pflaster, auf das nie ein Sonnenstrahl fällt. Ueberall verräth ein Kloakengeruch, etwas Schweres in der Luft, daß man sich an einem Orte befindet, den die Pest und Cholera nie mals verlassen. Da sicht man erdfahle Menschen herumgehen, die sich mit unbeschreiblichen Lumpen umhüllt haben, während inan fast mit jedem Schritt auf den uns schon bekannten heiligen Stier trifft, der stets bereit ist, mit den Hörnern sich Bahn zu brechen. Niemand erlaubt sich, diesen verehrten Vierbeinern anders als höchst respektvoll zu begegnen. Die Hindu glauben,Nach Indien. 247 wenn sie bei dem Tode eines Freundes oder Verwandten einen heiligen Stier loslassen, daß derselbe auf der Spitze seiner Hör ner alle Sünden des Verstorbenen fortträgt. Das hat die gute Folge, daß der Entschlafene nicht nöthig hat, als Wurm oder Kröte wieder in's Leben zu kommen und noch Tausende von Jahren zu leben. Dies sichert den heiligen Stieren eine so große Verehrung, daß die englische Negierung es nicht wagen darf, die Stadt von der Thiernoth zu befreien. Nur in der Nacht wagen es Polizeidiener, einige dieser vierbeinigen Heiligkeiten zu packen und in benachbarte Dickichte zu transportiren, wo die weit weniger rücksichtsvollen Tiger sie in Empfang nehmen. Durch solche enge Straßen, vorüber an verschleierten Frauen, halbnackten Pilgern und fast ganz nackten Fakiren, Aussätzigen, Blinden und Bettlern von dem allerwiderwärtigsten Aussehen, gelangen wir zu dem Wischwehesa, einem der besuchtesten Orte der Stadt, der aus mehreren Pavillons von rother Erde mit wunderlichen Skulpturen und vergoldeten Kuppeln besteht, die zu sammen eine hohe Mauer umschließt. Das Innere des Gebäudes gewährt die seltsamste Vereinigung von heiligen Rindern und halb viehischen Gläubigen, welche letztere umherlaufen, sich be spritzen und unaufhörlich unter den allerwunderlichsten Modu lationen schreien: Ram! Ram! Ein dicker Koth bedeckt das Stein pflaster und zwanzig Glocken läuten; dies reicht aus, auch den nervenstärksten Europäer bald zu vertreiben. Wir reisen nun weiter aufwärts im Gangestieflande und kommen zunächst nach einem Marsch von 15 deutschen Meilen nach Allahabad, d. i. Allah's Wohnung, das am Zusammen flüsse des Djamna und Ganges liegt. Auch diese Stadt ist voll Staub und Kuhmist. An der Bercinigungsstelle beider Gewässer treffen wir eine Unzahl von Pilgern und Priestern, die einzelne Stellen der Bedas ihren andächtigen Zuhörern erklären; Andere248 Nach Indien. lassen sich fast alles Haar abscheeren, denn jedes Haar, das in den Ganges fällt, verheißt zum Mindesten tausend Jahre Glück seligkeit im Jenseits. Weiter führt uns der Weg über Kanpur nach Lackno, der Hauptstadt des vor Kurzem den Besitzungen der Engländer ein verleibten Königreiches Audh. Hier schwelgte der unlängst ent thronte König und seine Vorfahren in fabelhaftem Luxus. Um meinen Lesern einen Begriff von indischem Fürstenluxus zu geben, will ich ihnen etliche Einzelheiten aus dem Leben des entthronten Geschlechts mittheilen. Als der zn Anfang dieses Jahrhunderts regierende Nabob von Audh seinen 13jährigen Sohn an eine 10jährige Prinzessin verheirathete, hatte er viele Gäste, darunter auch mehrere Engländer eingeladen. Auf der Ebene bei Lackno hatte er für die Gäste viele Zelte aufschlagen lassen, von denen sich be sonders zwei durch ihre Pracht auszeichneten. Sie waren aus starkem baumwollenen Stoff gemacht und mit dem feinsten eng lischen Tuch gefüttert, sowie mit dicken Seidenschnüren befestiget und geziert. Beide Zelte hatten 50,000 Pfd. Sterling (h 7 Thlr. Pr.) gekostet. Der Nabob blitzte von Juwelen und man schätzte den Werth seiner Kleidung aus mindestens 2 Will. Pfund. Der Nabob führte seine Gäste unter ein breites Vordach, das von 60 mit Silberblech beschlagenen Stangen getragen wurde. Dasselbe wurde — es war am Abend — durch 200 zierlich gearbeitete, europäische Wandleuchter und eben so viele unter Glas gestellte Wachskerzen, sowie durch Hunderte von wohlriechenden Fackeln erleuchtet, so daß die Augen fast geblendet wurden. Hier befan den sich über 100 reichgekleidete Bajaderen ober Nlltsches oder Nütschmädchen, welche die Hochzeitsgäste mit ihren üppigen Tän zen und sanften Gesängen angenehm unterhielten. Kunstvoll zu sammengelegter rother Mousselin umhüllt solche im Lande herum wandernde Tänzerinnen dicht in tausend Falten vom Scheitel bis249 Nach Indien. zur Zehe; Ueberwürfe von Gold- und Silbergaze verbergen die zierliche Form ihres Körpers; Ringe von Gold hängen an Nase und Ohren, Silberringe mit buntem Emaille schmücken die Arme und selbst an den Füßen tragen sie Geschmeide mit silbernen Schellen, deren Geklingel den Takt zu dem Tanze angiebt, den sie ausführen. Das schöne, dunkle große Auge blickt ausdrucks voll aus den mit Antimonium geschwärzten Augenlidern, wie ein Lichtfunken. Jede Bewegung der Arme, womit sie die Zipfel des langen Gewandes bald entfalten, bald umwickeln, jede zierliche Bewegung des Kopfes, bei welcher sie die feurigen Blicke auf die Zuschauer werfen, jede Drehung der kleinen Füße, wie sie unter den langen Kleidern Hervorkommen, kurz Alles ist darauf berechnet, die Zuschauer zu ergötzen. Dergleichen Tanzmädchen giebt es zwei Sorten in Indien. Die einen gehören dem Tempeldienst; die Brahminen wählen die schönsten Mädchen des Landes schon int kindlichen Alter zu Dienerinnen der Gottheit und bilden sie förmlich zu ihrem Be rufe aus, um die Wallfahrer durch ihre Schönheit und Kunst zu entzücken, und so reichlichere Opfergaben von ihnen zu empfan gen. Die anderen sind die Natsches oder weltlichen Tänzerinnen; dergleichen hatte der Nabob eingeladen. Nach solchen Vorbereitungen erschien der jugendliche Bräu tigam, mit Juwelen so beladen, daß er kaum gehen konnte. Seine Ankunft war das Zeichen, daß die Gesellschaft ihre Elephanten besteigen sollte, um nach einem etwa 1 / 2 Stunde entfernten großen schönen Garten sich zu begeben. Es geschah dies in Form einer Prozession, die unbeschreiblich prachtvoll und feenhaft war. Sie bestand aus mehr denn 1200 Elephanten, auf das Glänzendste und Verschwenderischeste ausgerüstet, die wie eine geregelte Reiterei in gerader Linie marschirten. Etwa 100 dieser Elephanten in250 Nach Indien. der Mitte des Zuges trugen mit Silberblech reich beschlagene Haudah's oder Sättel auf ihrem Rücken und in der Mitte dieser Gruppen saß der Nabob auf einem ungewöhnlich großen mit Goldstosfen behangenen Elephanten, und sein Sattel war ganz mit Goldblech beschlagen und reich mit Edelsteinen geziert. Zu seiner Rechten saß der englische Resident, zur Linken der Bräuti gam. Zu beiden Seiten der Straße hatte man hohe Gerüste aus Bambusrohr errichtet, welche Bastionen, Bogen, Minarcts und andere thurmähnliche Gebäude vorsteltten; alle waren mit Lampen bedeckt, die eine wahrhaft zauberische Illumination dar boten. Aus jeder Seite des Zuges, sowie vor den Elephanten, waren die Bajaderen, welche von Palankinträgern auf leichten hölzernen Plattformen getragen wurden, die einen reichen Schmuck von Gold- und Silberstoffen hatten und zu beweglichen Bühnen dienten, ans deren jeder zwei Bajaderen fortwährend tanzten und ein Musikant die Musik dazu machte. Auf jeder Seite der Prozession waren an 100 solcher getragener Tanzbühnen. Der ganze Boden von den Zelten bis zu dem großen Garten war mit Feuerwerk bepflanzt, so daß bei jedem Schritt, den die Ele phanten vorwärts thatcn, sich die Erde zu öffnen schien und .Tausende von Feuersternen und Leuchtkugeln in die hohe Luft sprühte, die mit den Sternen des klaren Abendhimmels wetteifer ten; von allen Seiten sausten Raketen empor und donnerten höl zerne Bomben aus, die in der Höhe zerplatzten und zahlreiche feurige Schlangen auswarfen, die den hellsten Tagesschein über die Gegend verbreiteten. Die Prozession bewegte sich nur lang sam vorwärts, um den Feuerwerken Zeit zu lassen, sich im Weiter rücken zu entzünden. Außerdem wurde der Zug noch durch 3000 Fackelträger begleitet. So erreichte der Zug mit stolzem Ge pränge den Garten; es waren an zwei Stunden vergangen, ob wohl der Garten nur Stunde entfernt war. Im Thore dessel-Nach Indien. 251 Bett angekommen, verließen die Gäste ihre Elephanten und traten in den feenhaften Park ein, der mit unzähligen, aus durchscheinen den, gefärbten Papieren gemachten Laternen erleuchtet war, welche überall an den Zweigen der Bäume hingen. In der Mitte des Gartens befand sich ein großes Gebäude, zu dem die Gesellschaft Hinaufstieg und in einen großen Saal gelangte, der mit unzäh ligen Wand- und krystallenen Hängeleuchtern von englischer Fabrik geziert war, die sämmtlich brennende Wachskerzen trugen. Hier bewirthete der Nabob seine Gäste mit einer ausgewählten, elegan ten Mahlzeit, die aus vortrefflich bereiteten einheimischen und europäischen Gerichten bestand, nebst allen Gattungen von Fruch ten und Zuckerwerk; während der Mahlzeit tanzten über hundert Bajaderen und unterhielten die Gäste mit ihren fröhlicheir Ge sängen. So verfloß die Zeit, bis die Sonne des kommenden Tages aufstieg und an den Aufbruch mahnte. Man zog in der selben Ordnung und Pracht auf den Elephanten wieder zurück, und der Nabob, in der Eigenliebe seines orientalischen Stolzes und Prachtgefühles, entließ seine Gäste mit der zufriedenen Be merkung, daß man nie in Indien ein solches Schauspiel gesehen habe und auch niemals wieder sehen werde. Diese Hochzeitsfeier lichkeit dauerte auf die nämliche Weise drei Nächte hinter einander fort; die Gäste fanden sich jeden Abend von Neuem ein und die ganze Lustbarkeit kostete dem Nabob blos 300,000 Pfund Sterling! Dadurch war er indessen noch keineswegs arm geworden. Er besaß über 100 Lustgärten, 20 Paläste, 1200 Elephanten, 3000 schöne Reitpferde, 1000 schöne Doppelflinten, 1700 prächtige Kronleuchter, 30,000 große Gläser ohne Boden von verschiedener Form und Farbe, in die man die Wachskerzen steckte, um sie im Freien vor dem Winde zu schützen; er hatte mehrere Hundert große Wandspiegel, Wandleuchter, Wanduhren u. s. w. Seine Juwelen wurden auf 8 Millionen Pfund geschätzt.252 Nach Indien. Prinz Waldemar besuchte im Jahre 1845 den damaligen, 1856 entthronten König. Einst war der Prinz zu einem Früh stück zum Könige geladen. Da gab es auch ein sehr interessantes Bild zu sehen. Umgeben von einer bunten Neiterschaar fuhr der Prinz nach einem der vielen königlichen Paläste, der zu diesem Zwecke bestimmt war. Es war ein buntes Bild, was sich da entfaltete. Die flatternden weißen Gewänder, die Kaschmir- Shawls, die glänzenden Turbans, die reichgeschirrten Pferde und die schönen braunen Gesichter; Reiter in Panzerhemden und Stahl hauben, mit Spießen, Schwertern und Schilden, Reiter auf Kameelen, dem Zuge voranreiteud; Elephanten mit bunten Scha bracken und reichen, silbernen und goldenen Haudah's, sich mit langen Schritten vordrängend und den Wirrwarr vermehrend; die gedrängten Straßen voll staunenden, schreienden Volks, in solcher liebenswürdigen Unordnung zogen die Erscheinungen vorüber. Vor einem arabischen Thorwege wurde still gehalten. Der Prinz und seine Begleiter stiegen ab und setzten sich auf vergoldete Trag sessel, die für sie bereit gehalten worden, und so gelangten sie in den Garten des Palastes, der mit seinen Vlumenanlagen und klaren Wasserbassins ein recht frisches Ansehen hatte. Zwischen präsentirendcn Wachen zu Fuß und zu Pferde, mit Musik- und Trompeterchören, die ohne Sinn und Verstand durch einander bliesen, zwischen Reitern, Kaineelen, Elephanten, Wagen und was sonst Alles den Gartenhof füllte, zogen sie vor die Treppe des Palastes, wo sie vom Könige empfangen wurden. „Von dem Reichthum", schreibt der Prinz, „an Perlen und Edelsteinen, mit dem diese königliche Familie bedeckt ist, hat man gar keinen Be griff." — Es wurde nach der üblichen Grüßung zu Tafel gegan gen, die auf der einen Seite mit Indiern, auf der andern mit Engländern besetzt war. In mehreren Reihen hinter einander standen die Diener, hinter dem Könige zu einer förmlich undurch-253 Nach Indien. dringlichen Masse grnppirt. Während des Frühstücks ging das Tanzen und der Ncktschgcsang unaufhörlich fort und Possenreißer sprangen in Menge herum. Der König legte dem Prinzen und einigen Auserwählten die Speisen selbst vor. Zuletzt wurden prächtige Pfeifen, Hucka's, znm Rauchen gebracht. Nach dem Frühstück ging es zu einer Veranda über einen Zwinger, in dem drei oder vier starke Büffel mit prachtvollen, weitgeschwungenen Hörnern erwartungsvoll hin- und herschritten. Der König befahl, das Kampfspicl zu beginnen. Da thaten sich zwei Klappen auf, hinter deren jeder ein Tiger saß, die aber erst nach vielem Anstacheln hervorkamen. Der Anblick der Büffel trieb die Hervorgesprungenen bald wieder zurück. Da öffnet sick- plötzlich auf einer andern Seite ein neuer Käfig und mit erhobe nem Schweife, brüllend, in ein paar mächtigen Sätzen, fliegt ein großer Tiger hervor. Blitzschnell hat er seine Tatzen und seine Zähne in den Hinterkopf des stärksten Büffels eingeschlagen, sich unbeweglich, krampfhaft daran festhaltend. Einen Augenblick außer Fassung gebracht, da er, nach den beiden andern Tigern sehend, den Angriff von hinten nicht erwartete, bleibt der Büffel mit gesenktem Kopfe, durch die schwere Last niedergedrückt, wie sich besinnend stehen. Dann aber fängt er an, sich zu schütteln und gegen die Wand zu arbeiten; seine Genossen, Kourage be- . kommend, eilen ihm zu Hülfe und fahren mit ihren Hörnern wie mit eingelegter Lanze gegen den Körper des Tigers und nun geht eö an ein Gebrüll, ein Zerren und Stoßen von allen Seiten. Einige Affen, die sich auch in dem Zwinger befanden, aber in völliger Sicherheit auf hohen Stangen saßen, an denen sie mit Ketten befestiget waren, vollendeten die Scene. Sie stürzten herunter und in Todesangst lagen sie platt auf dem Boden des Platzes, sich todt stellend, und über sie fort wälzte sich der Kampf. Doch um einen Moment dauerte derselbe} der Tiger wurde vom254 Nach Indien. Kopfe des Gegners heruntergeworfen und einige kräftige Stöße hatten ihn in die Ecke geschleudert. Dann wurden noch zwei Bären in den Zwinger gebracht und es entstand ein kurzer Kampf zwischen Tiger und Bär, dem aber der verwundete Büffel bald ein Ende machte, indem er beide über den Haufen warf. Der Büffel ging glorreich aus dem Kampfe hervor; Bären und Tiger hatten keine Lust mehr zum Angreifen. Letztere saßen ängstlich und heulend an den Wänden, und alles Stechen mit Stöcken half nichts; sie waren nicht mehr vorzubringen. In der Mitte der Büffel befand sich ein Junges und diesem Umstande schrieb man es zu, daß sie sich so tapfer vertheidigten. — Von diesem Kampfplatze begab man sich nach einer andern Bogenhalle. Jen- seit des Flusses auf einem freien Platze wurden Elephanten gegen einander geritten. Nachdem sie sich gegenseitig mit den Rüsseln befühlt, fuhren sie mit den Zähnen in einander und schlangen die Rüssel förmlich zu einem Knoten zusammen. Dein einen wurde der Zahn ausgebrochen, was ihn dermaßen in Wuth brachte, daß er die andern wie rasend angriff und in die Flucht schlug. Reiter und Fußgänger mit Lanzen warfen sich dazwischen, sie aus einander zu bringen; das erforderte natürlich viel Gewandtheit; es war eine gefährliche Aufgabe, zumal hier auf offenem Platze, mit Tausenden von Menschen bedeckt, die von allen Seiten aus einander fuhren, doch es gelang. — Außerdem fanden noch eine Menge anderer Gefechte statt, z. B. zwischen Widdern und Anti lopen, was sehr gut aussah. Auch Reiter tummelten ihre Rosse, Mohren rangen mit einander und sogar Schwerttänze wurden ausgeführt. Beim Abschiede hing der König einem jeden seiner Gäste eine Guirlande von Flittersilber mit eigener Hand um; dies ist die gewöhnliche indische Sitte. Man mag in Indien hingehen, zu wem man will, auch zu Kauflcuten, beim Abschied geben sie Einem Sandelholz, oder träufeln sie Rosenöl in dieNach Indien. 255 Hand und behängen Einen mit Nosenguirlanden. — Zu Ehren des Prinzen ließ der König auch noch Jagden anstellen, darunter auch eine int Park mit abgerichteten Fallen, Tschi- tas, Antilopen und Luchsen auf Reiher, Schnepfen, Zibethkatzen, Antilopen und Nilgais oder Pferde-Antilopen. Unter den ver schiedenen Thierkämpfen war auch einer zwischen Schafböcken und ein anderer zwischen einem Esel und einer Hyäne, gewiß eine wunderliche Zusammenstellung. In seinen Ställen hielt der König gegen 200 kostbare Pferde, ferner mehrere Rhinozerosse, Elephanten, Tiger, Büren, Gazellen, Hyänen, Leoparden, Luchse u. a. Thiere, letztere behufs der Thierkämpfe. — Lackno selbst besteht nur zum Theil aus Lehmhütten; die eigentliche Stadt enthält schöne zweistöckige Backsteinhäuser, ja ein Theil derselben bietet prächtige, nach europäischem Style gebaute Häuser und Paläste. Zahlreiche Moscheen mit kunstvoll gebauten Minarets und vergoldeten Kuppeln erheben sich. Die Moscheen erinnern daran, daß hier die Muselmänner geherrscht haben. Gegenwärtig leben in Indien gegen 20 bis 25 Millionen Bekenner des Islams. Ihre Niederlassung in diesem Lande reicht bis zum Jahre 1000 hinauf. Sultan Mahmud der Große war es, der die Fahne des Propheten siegreich über den Indus trug. Theils durch die Begierde nach den Schätzen Indiens, theils durch Thatendurst, besonders aber durch seinen Religionseifer angetrieben, unternahm er' die Eroberung des Lan des, die ihm auch nach 12 glorreichen Feldzügen von 1000 bis. 1025 gelang. Keine Schwierigkeit schreckte ihn von dem großen Unternehmen zurück; die Widerwärtigkeit der Jahreszeit, die Höhe der Gebirge im Westen Indiens, die Breite der Ströme, die Nacktheit der Wüste süd-östlich am Indus, die Zahl seiner Feinde und die furchtbare Schlachtordnung der Elephanten — Nichts hielt den Helden aus. Ex hatte einen Schwur daraus ge-256 Nach Indien. than, für den Islam zu kämpfen, und diesen hielt er mit uner schütterlicher Standhaftigkeit. Er begnügte sich daher nicht mit der Unterwerfung der Radjah's, sondern trachtete auch darnach, überall die Religion der Brahminen auszurotten. Doch gelang ihm dies nur zuin Theil. Es gelang ihm auch nicht, eine dauernde Herrschaft zu begründen. Jedoch hinterließ er bei seinem Tode dem Lande in seinen Statthaltern (Nabobs) eben so viele Des poten. Einem von diesem glückte es, den größten Theil Hindo- stan's zu unterjochen und die große Stadt Delhi zu unterwerfen. Das war Mohammed Ghurri. Seine Nachfolger erweiter ten das Reich immer mehr, doch wurde es bereits zu Anfang des 13. Jahrhunderts zu verschiedenen Malen von den Mongolen beunruhigt. Der Hof zu Delhi war damals der glänzendste der Welt; die Stadt selbst übertraf Rom an Umfang. Da nahte sich der Welterstürmer Timur, der grausame Tartarenfürst, der bereits die halbe Welt erobert hatte und am Ende seiner Tage (1405) 27 Kronen auf seinem blutbeladenen Haupte trug. Im Jahre 1397 brach er in das Land ein und verwüstete es mit Feuer und Schwert. Am 3. Januar 1398 schlug er eine Schlacht bei Delhi, die Hauptstadt wurde erobert und Alles, was Jahrhunderte geschaffen unk? gesammelt hatten, wurde in kurzer Zeit ein Raub der Flammen oder eine Beute räuberischer Horden. Zwar verließ Timur das Land bald wie der, aber der einmal eingetretene Zustand der Auflösung und Zerrüttung dauerte unter den nachfolgenden Sultanen das ganze 16. Jahrhundert hindurch fort. Um dessen Mitte war Indien bereits in 18 Königreiche zerfallen, die in beständigen Fehden unter einander lagen und deren kleinstes das einst so mächtige Delhi war. So blieb es bis zum Auftreten des Sultan Baber von Kabul, zu Anfang des 16, Jahrhunderts. Dieser Mann, einNach Indien. 257 Enkel Timurs, war der Alexander seiner Zeit; er unternahm von 1519—1526 fünf Feldzüge über den Indus und eroberte zunächst das seit Timur's Zeit von Tartaren beherrscht gebliebene Pandjab oder Fünfstromland, und endlich auch den Kaiserthron von Delhi und Agra, und stiftete somit das später sogenannte Reich des G r o ß - Mo g u l s, das bis zu Anfang unsers Jahrhunderts (1806) bestanden hat. Die Macht und das Ansehen der Groß-Mogule waren sehr- groß; sie galten neben dem König von Persien und dem Kaiser von China für die mächtigsten Fürsten Asiens; von ihren Unter* thanen wurden sie wie Götter verehrt. Der größte Fürst der Baburiden war Akbar, der 1556 schon als 14jähriger Knabe den Thron bestieg. Mit Recht nennt ihn die Geschichte den Großen und den „Weisen des Orients;" denn er war der größte Fürst der neuern Zeit in ganz Asien. Er regierte bis 1605 das Land mit Gerechtigkeit und machte der barbarischen Zerstörung des Brahmancnthums ein Ende. Zu seiner Zeit umfaßte das Reich ein Gebiet, das so groß war wie halb Europa; es hatte 40 Millionen Einwohner, eine Armee von 900,000 Mann und 225 Millionen Thaler Einkünfte. Er war ein milder Regent, dem es in hohem Grade gelang, die große Kluft anszufüllen, die bis dahin zwischen dem Orient und Occident, Brahmanen- thum und Islam bestanden hatte. Wissenschaften und Kunst wur den durch ihn befördert, Baukunst, Straßen- und Ackerbau, wie auch unter Einführung vieler neuer Obstarten der Garteilbau, nahmen den glänzendsten Aufschwung. Sein Sohn Jehangir (1605—1627) und noch mehr sein Enkel Schah Djehan (1627—1656) folgten im Allgemeinen dem Vorbilde des großen Mannes. Die Residenzen des Groß-Mognls waren die Städte Delhi, Agra und Lahore. In diesen Städten waren auch die käiser- Kutzner, Natur-, Reise- », Lebensbilder. 17258 Nach Indien. lichen Begräbnisse, glänzende Schlösser und prächtige Landhäuser in der Umgebung. Außerdem hatte der Kaiser fast in jeder größern indischen Stadt einen Palast, der ihn aufnahm, wenn er auf seinen Zügen dahin kam. Am Hofe herrschte ein strenges Ceremoniell, und es war schwer, bis zum Kaiser zu dringen. Dies war nur möglich im Durbar oder Gerichtshöfe. Dort mußte aber Jeder, und wenn er auch noch so vornehm war, sich vor dem Großmogul der Länge nach auf den Bauch werfen und in dieser Stellung verbleiben, so lange der Herrscher mit ihm sprach. Wer recht demüthig erscheinen wollte, schlug noch mit der Stirn auf den Boden. Bei feierlichen Gelegenheiten lagen auch die Minister in gleicher Weise um den Thron herum. Ohne reiche Geschenke durfte Niemand vor dem Kaiser erscheinen; gol dene oder silberne Gefäße, Edelsteine, Perlen, kostbare Waffen mußten stets in ungerader Zahl gegeben werden. So häufte sich denn der Reichthum dieser Fürsten bis in's Unglaubliche. Da mit im Einklänge stand die Pracht, die in den kaiserlichen Palästen grenzenlos war. Die schönsten Teppiche Persiens bedeckten den Fußboden, an den Wänden prangten herrliche Tapeten, die größ ten Spiegel, die kostbarsten Gemälde. Ueberall standen goldene ’ und silberne Gefäße, mit Edelsteinen reich bedeckt. Zum Hofstaat gehörten an 6000 Personen, die Leibwache und Elephantcnwärter nicht mit gerechnet; in den Ställen fanden sich 12,000 Pferde und 500 Elephanten. Letztere hatten kostbaren Schmuck und einer von ihnen trug einen kaiserlichen Thron, dessen Stangen von Gold und Silber, die Vorhänge und Polster von Atlas mit Gold dnrchwirkt waren. Seine Audienzen gab der Mogul in einem Saale seines majestätischen Schlosses zu Delhi. Dieser Saal ruhte mit seinem Dach auf 32 Marmorsäulen. In der Mitte desselben stand aus einer Erhöhung der Thron. In den reichen Schatzkammern befand sich unter andern Thronen auchNach Indien. 259 der berühmte Pfauenthron. Er war aus schweren Goldtafeln gemacht, mit Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen über- zogen und hatte an jeder Seite einen goldenen Pfau, der seinen Edelsteinschweif ausbreitete; über jedem schwebte ein aus einem einzigen Smaragd in natürlicher Größe geschnittener Papageh. Den ganzen Thron schätzte man auf 45 Millionen Thaler an Werth. Bei Reisen im Lande entfaltete der Mogul einen Ungeheuern Aufwand, die größte Pracht aber entwickelte sich an seinem Hofe am Geburtstage der Majestät. An diesem Tage wurde der Kaiser in Gegenwart des ganzen Hofes öffentlich gewogen; die Wage balken der Wage waren natürlich wieder mit Goldblech beschlagen, die Wagschalen von gediegenem Golde und mit Edelsteinen ver ziert. Die Ketten, woran >die Schalen hingen, mußten ebenfalls von Gold sein. Wenn der Kaiser in der einen Wagschale saß, so legte man in die andere zuerst Geld; dann wurde der Kaiser mit Edelsteinen, Goldstoffen, feinem Gewürz, auch mit Honig und Butter, und endlich mit Getreide gewogen. Gewöhnlich wurden diese werthvollen Gewichte am Schlüsse der Feierlichkeit unter das Volk ausgetheilt. Kein Wunder, wenn das Volk dem Kaiser- Zunahme an Leibesfülle wünschte. Wo ist heut' all' diese Herrlichkeit ? Besuchen wir Delhi und sehen wir zu, wie cs heut' dort aussicht. Wir treffen eine große Stadt an, die ziemlich regelmäßig gebaut ist und breite Straßen hat; aber es herrschen Armuth und Schnmtz darin; viele Viertel be stehen aus Lehmhütten. Aus und über Hindutempeln sind Mo scheen erbaut und aus den Moscheen bauen sich die Engländer Bangalos. Wohin wir den Blick auch richten, überall begegnet er Trümmern und Schutthaufen. Gärten und Paläste, Moscheen und Monumente, Alles was das Auge erblickt, predigt das ernste Sic transit gloria mundi ! (So vergeht die Herrlichkeit der Welt!) 17*260 Nach Indien. In einem der Paläste lebte bis vor Kurzem der letzte Groß mogul als ein besoldeter Privatmann. Sein Reich dehnte sich aber nur so weit aus, als die Mauern des Forts. Gegen wärtig befindet sich dieser Nachkomme des Timur in den Händen der Engländer, die ihm den Prozeß wegen Betheiligung an dem Aufstande machen, der ihre Herrschaft über Indien stark zu er schüttern droht. Prinz Waldemar besuchte auch Delhi und gelangte unter Anderem auch in die Marmorhalle, wo der berühmte Pfauen thron stand. Von der alten Herrlichkeit ist da nicht mehr viel zu sehen; denn der Schmuck an Gold und Edelsteinen ist längst verschwunden. Der heutige Thronsessel ist sehr einfach; oben an den Bögen steht in persischen Buchstaben die stolze Inschrift: „Wenn ein Paradies auf Erden ist, so ist cs hier! so ist es hier! so ist es hier!" Der Prinz fand es aber eben so wenig wie andere Reisende. Im Pandjab leben die vielgenannten Siekhs, die erst vor wenigen Jahren (1849) von den Briten unterworfen wurden. Diese Völkerschaft ist in vieler Hinsicht von großem Interesse, weshalb ich meinen Lesern, über sie noch Einiges mittheilen will. Es war im Jahre 1469, als in einem Dorfe bei Lahore ein Hindu aus der Kriegerkaste, Namens Nauak, der die Religion seines Volkes, sowie den Islam für großen Jrrthum erkannte, mit einer neuen Lehre hervortrat. Er verkündigte einen einigen, ewigen, allschaffenden Gott, predigte die Gleichheit der Menschen vor dem höchsten Wesen und hielt auf das Verdienst guter Werke. Bald fand er viele Anhänger, die er Siekhs, d. i. Schüler nannte; sich selbst nannte er Guru, d. i. Lehrer, und nahm für sich nur den Rang eines demüthigen Abgesandten des Allmächti gen in Anspruch, keineswegs aber göttliches Ansehen und Wunder kraft; auch forderte er für seine Schriften nicht die Anerkenntniß alsNach Indien. 261 unmittelbar göttliche Eingebungen. Vor seinem Tode ernannte er einen seiner Schüler zu seinem Nachfolger, wobei er behaup tete, daß sein Geist auf diesen übergehen werde, wie die Flamme einer Lampe auf eine andere. In der Folgezeit wuchs die neue Religionsgesellschaft immer mehr, bis endlich einer der Guru's (um 1700) den Gedanken faßte, die Schüler Nanaks zu einer selbstständigen Nationalität zu vereinigen und mit ihnen auf den Trümmern des seiner Auflösung sich nähernden Groß-Mogul- reiches ein neues Reich zu stiften. Zu diesem Zwecke predigte er gegen die unter den andern Religionsparteien herrschende Sittenlosigkeit, forderte Einfachheit der Sitten, verlangte kriege rische Tugenden und forderte zu religiösem Enthusiasmus auf. Ferner hob er alle Kastenunterschiede auf und erklärte, daß die Gemeinschaft der Siekhs das auserwählte Volk Gottes sei. Jeder Siekh führte beständig eine Stahlwaffe bei sich und fügte von nun an das Wort Singh, d. h. Löwe, seinem Namen bei. Die Siekhs zerfielen nun in mehrere Stämme, die unter Häuptlingen standen und nur durch den Glauben verbunden waren. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts betrug ihre Wehrkraft bereits 70,000 Reiter. Da geschah es, daß ein Häuptling sich zum Herrn sämmtlicher Stämme aufwarf und einen mächtigen Staat schuf, der 6- bis 7000 Quadratineilen umfaßte und gegen 6 Millionen Einwohner hatte, worunter 1 Million Siekhs waren. Lachore war die Hauptstadt desselben. Muth und kriegerisches Geschick zeichnete die Siekhs aus, und sie waren die einzige Völkerschaft Indiens, welche den Engländern kräftigen Widerstand leisteten. Als endlich Uneinigkeit unter ihnen entstand, kam es 1845 zu einem Kriege mit den Engländern, in welchem die letzter» Sie ger blieben. An diesen glorreichen Kämpfen nahm Prinz Walde mar thätigen Antheil. In welch' hohem Maaße sich der Prinz durch Muth und Unerschrockenheit auszeichnete, können wir schon262 Nach Indien. daraus entnehmen, daß in der Schlacht bei Ferozeschah einer seiner Begleiter unmittelbar in seiner Nähe von feindlichen Ku geln getroffen, den Tod fand. Eine Kartätschladung, auf kurze Entfernung abgefeuert, traf den Or. Hoffmeister und sein Pferd zugleich mit mehrern Kugeln, und als der Prinz zu seinem Bei stände vom Pferde sprang, war der Doktor bereits verschieden. Nach beendigtem Kampfe wurden dem muthigen Prinzen die ehrenvollsten Anerkennungen von Seiten der Engländer zu Theil, und wer einmal ins Riesengebirge kommt und Fischbach besucht, der wird am Eingänge des prinzlichen Schlosses zwei Kanonen stehen sehen; diese seltsamen Geschütze sind Siegestrophäen, die, den Siekhs abgenommen, dem eben so tapfern als liebenswür digen Prinzen von der Königin von England zum Geschenk ge macht wurden. — Im Jahre 1849 wurde das Gebiet der Siekhs den Besitzungen der Engländer einvcrleibt, mit denen sie jetzt in gutem Einvernehmen stehen. Es sind tapfere Männer und stattliche Gestalten die Siekhs. Längliche, ovale Gesichter mit kühnem scharfem Auge, langem Bart und Schnurrbart, geben den kräftigen Kriegern ein unter nehmendes Aeußere. Ihr Anzug paßt trefflich dazu; er besteht aus einfarbigen engen Beinkleidern, einer bis .an die Hüften reichenden enganschließenden Jacke aus demselben Stoff und einem Gürtel, der um die Hüften geschlungen ist; auf dem Kopfe tragen sie eine Art Turban, dessen eines Ende über die Schultern herab hängt, und zuweilen dient noch ein Talar als Ueberwurf. In dem Gürtel steckt stets ein Taluar, d. i. ein breiter krummer Säbel mit engem Handgriff und über den Rücken hängt ein Schild von Büffellcder. Nachdem wir uns im Osten, Westen und im Innern In diens umgeschen haben, will ich meine Leser schließlich auch noch nach dem Norden führen. Hier thront bekanntlich das größte263 Nach Indien. Gebirge der Erde, der Himalaha (Heina-Schnee, Alaya-Ort). In der riesenhaften Länge von 370 Meilen zieht sich die „Woh nung des ewigen Schnees" vom Indus bis zum Brahmaputra; dabei ist es 30 bis 40 Meilen breit, so daß es einen Flächen raum von 15,000 Quadratmeilen bedeckt. Himmelhoch thürmen sich seine Berge, denn mehrere sind 20 bis 26 Tausend Fuß, ja einer, der Mount Everest, ist gar über 27,000 Fuß hoch,— eine Höhe, die sonst kein Punkt der Erde erreicht. Der Berg- wull scheidet das Hochland Mittelasiens von den Tiefländern des Indus und Ganges oder Hindostan. Von diesen aus sehen die Hindus die schneeigen Spitzen nur selten glänzend und leuch tend in den blauen Himmel hineinragen; indessen ist ihnen das Gebirge darum nicht minder ehrwürdig; im Gegentheil, das Ziel ihrer sehnlichsten Wünsche sind die Berge. Denn von dort herab rinnen die Adern des Lebens, die Ströme, dorthin verlegen sie darum den Sitz ihrer Götter, dorthin wallfahrten sie, um Seligkeit für sich, Seligkeit und Vergebung der Sünden für ihre ihnen vorangegangenen Verwandten und Freunde zu erflehen, unter den größten Schwierigkeiten und Entbehrungen. Letztere vermindern, hieße die Verdienstlichkeit des Werks verkümmern, weshalb man sich auch in der Ebene keiner Erleichterungsmittel bei Wallfahrten bedient. Ganz folgerichtig hat daher auch ein Hindu im Voraus vor dem Gebrauch der Eisenbahn gewarnt, div erst gebaut werden soll. .Seine Warnung kleidete er in fol gendes ergötzliche Geschichtchen ein. „Es war einmal ein reicher Mann, der wollte doch auch eine Pilgerfahrt nach Benares machen; sie sollte ihm aber nicht gar zu sauer werden. Er setzte sich daher zu Pferde. Sein Lieblingshund begleitete ihn. Alle drei starben in dem Sitze aller Heiligkeit. Als nun der Wagen der Götter kam, um die Abgeschiedenen in den Himmel einzu holen, wurden dem Pferde und dem Hunde die Ehrensitze ange-264 ‘Ulai) Indien. wiesen; dasselbe geschah bei ihrer Ankunft im Göttersaale. Und was war der Grund? Pferd und Hund hatten die Pilgerreise, den heiligen Büchern gemäß, barfuß gemacht und dabei Hitze und Kälte ausgestandeu, während der reiche Mann in aller Be quemlichkeit geritten war. — Merkt euch das, ihr Hindupilger, und hütet euch vor den Verdienst-schmälernden Eisenschienen der Barbaren!" — Wenn wir von der hindostanischcn Tiefebene aus dem Riesenwalle uns nähern, so treffen wir zunächst auf eine Wald- und Sumpfregion, die den Namen Tarrai führt. Die Breite derselben wechselt zwischen wenigen Stunden und ein bis zwei Tagemärschen. Die Luft in diesem Gebiete ist höchst ungesund; in der Zeit vom Juni bis November sind die Ausdünstungen so gefährlich, daß sie Jedem, der dort eine Nacht zuzubringen wagt, den Tod bringen. Hier leben in dem fast undurchdringlichen Jungle und Walddickicht Tiger, Elephanten, Rhinozerosse neben unzählbaren Schaaren von jagdbarem Wild und Geflügel. Hier vergnügen sich die jagdlustigen englischen Offiziere mit Jagd- abentenern. Während der Regenzeit, welche hier im Juni be ginnt und vier Monate dauert, können sie deni Raubgezücht in dessen nicht beikommen, theils weil es dann fast unmöglich ist, in die schlüpfrigen Wälder und sumpfigen Theile einzudringen, theils weil der Aufenthalt daselbst die Gesundheit zerstört. Selbst die folgenden fünf Monate dauern diese Gefahren noch fort und es sind deshalb die drei Monate der heißen Jahreszeit, welche ans die Jagd verwendet werden müssen. Insbesondere stellt man dem Tiger nach. Die englischen Offiziere bilden dann ge wöhnlich Jagdgesellschaften, welche für längere Zeit ausziehen und außer dem Vortheil der gegenseitigen Hülfe zugleich das Vergnügen des gesellschaftlichen Verkehrs gewähren. Mit mehre ren guten Doppelbüchsen versehen, begiebt man sich in BegleitungNach Indien. 265 von Eingeborenen, welche die Büchsen stets in Bereitschaft hal ten müssen, auf das Jagdgebiet. Pfauen und Affen, die natür lichen Feinde des Tigers, verkünden beim ersten Lärm der Trei ber, daß sich Tiger oder wilde Katzen in ihrem Reviere aufhalten. Wenn Hirsche und Bären durch das Gebüsch streifen, schweigen die Verräther. Auch das Geschrei der Krähen kündiget mitunter den Tiger an; Nachts dagegen verrathen ihn die Schakals, in dem sie dieses Raubthier begleiten, um sich der von ihm übrig gelassenen Jagdbeute zu bemächtigen. Vielleicht beabsichtigen sie, dem Tiger durch ihr Geheul die Nähe von Menschen und Vieh zu verkünden, um ihn zum Raubzug gegen diese zu stacheln. Um das gewaltige Thier zu erlegen, bedarf es gut gezielter Schüsse ins Gehirn oder ins Blatt; indessen gelingt dies nicht immer und dann ist der Jäger nicht selten in Lebensgefahr. Für ihre Raubzüge beschränken sich die Tiger gewöhnlich auf ein Gebiet von wenig Meilen, das sie dadurch genau kennen lernen. Beim Nahen der Nacht erschallt ihr Gebrüll an ver schiedenen Stellen in einiger Entfernung von einander, um das in der Nähe liegende Wild nach dem Sumpfgebüsch zu treiben, dem sich der Tiger darauf zuwendet. Wenn er sich dann dort an den Stellen, welche das Wild zuur Saufen aussucht, auf die Lauer legt, seine Opfer zu Boden reißt und tödtetj hat er nicht halb so viel Mühe, als wenn er sie auf einer großen Fläche jagt. Zu den Feinden des Tigers gehören übrigens auch die wil den Hunde. Wo es deren giebt, jagen sie den Tiger, der vor ihnen furchterfüllt flieht, bis er einen Baum findet, durch dessen Erklimmen er sich vor ihnen retten kann. Die Hunde belagern ihn jedoch darauf und erheben einen so furchtbaren und fortge setzten Lärm, bis gewöhnlich Schützen erscheinen und das gehetzte Thier erlegen. Hat der Tiger einen Stier getödtet, so folgt ein interes-266 Nach Indien. santes Schauspiel. Schon während seiner Jagd kreisen die Geier, welche den Mord wittern, und ist er geschehen, so setzen sie sich ruhig auf die nächsten Bäume, um zu warten, bis der Tiger seinen Durst und Hunger aus dem Blut und Fleisch seines Opfers gestillt hat. Ebenso sitzen die Schakals in ehrfurchts voller Entfernung. Erhebt sich der Tiger dagegen, so stürzen sie hinzu und zanken sich dabei auf eine höchst komische Weise mit den Vögeln, sobald diese ein Stück Eingeweide oder Fleisch weg hacken. Die Geier wissen jedoch dem Schnappen der Schakals sehr geschickt auszuweichen. Entfernen sich die letzteren mit einem Knochen, so beginnt erst das wahre Mahl der Geier. Oft fressen sie sich so voll, daß sie nachher kaum fliegen können. Zuweilen rächen sich die Kuhhirten auf raffinirte Weise an den Tigern, welche sie ihres Viehes berauben. Nachdem sie von einem Baume aus zugesehen, wie der Tiger ein Stück Vieh er würgt und seine erste Gier an diesem gestillt hat, steigen sie nach dessen Entfernung herab, machen Einschnitte in die Keulen des erwürgten Stiers, und streuen Arsenik oder das Mehl einer gif tigen rothen Beere hinein, welche in den Junglen wächst. Jede dieser Giftarten ist geschmacklos, und wenn der Tiger nach eini ger Zeit zurückkehrt, und auf's Neue zu schwelgen beginnt, merkt er nicht, daß er den sichern Tod einsaugt. Auf das Tarrai folgt ein Bergwall von etwa 2000 Fuß Höhe, der schroff und steil gegen die Ebene abfällt und den die dem Hochgebirge entströmenden Gewässer an verschiedenen Stellen durchbrechen. Darauf erhebt sich das eigentliche Hochgebirge meist in aufsteigender Höhe bis hin zum höchsten Rücken, dex sich an das Hochland von Mittelasien aulegt. Zunächst kommt ein wildes Gebirgsland mit Spitzen von l 0,000 bis 12,000 Fuß Höhe. Dasselbe hat keine bestimmte Richtung, sondern es besteht meist aus Gebirgsmassen, die im Allgemeinen von Süden nach267 Nach Indien Norden streichen und in dieser Richtung auch meist an Höhe zu- nehmen. Darauf folgt eine an 15 Meilen breite noch höhere Gebirgsmasse, die wie die folgende Hauptkette im Allgemeinen von Westen nach Osten sich hinzieht. Jene Masse wird durch die Quellenthäler der Hauptströme Hindostans in gewaltige Grup pen von Riesen-Piks, Schneefelder und Gletscher geschieden, wäh rend die nördlichste Hauptkette ein zusammenhängendes Ganzes bildet. Wenige und hohe Pässe führen über diese erhabensten Theile des Gebirges, die von wilden Schluchten durchsetzt sind. In den Thälern am Nordabhange des Himalaha liegen eine Reihe von Landschaften und Reichen in einer Höhe von 5—7000 Fuß. Da treffen wir, wein; wir von Ost nach West gehen, Bhotan, Nepal, Kemaon, Ghurwal, Sirmur und Bissahir, Länder, die dem indobritischen Reiche theils un mittelbar, theils mittelbar angehören; weiter westlich (vom Sutledj) folgen noch eine Menge kleiner Bergstaatcn, die zum großen Theil zu dem Lande der Siekhs zählen und die im Westen am Indus mit dem lieblichen Kaschmir schließen. Der Prinz Waldemar besuchte von Patna aus das König reich Nepal und brachte von da interessante Nachrichten mit nach Hause. Wir wollen ihm dahin nicht folgen, sondern ihn lieber auf seiner Reise zu der Quelle der heiligen Ganga, zu dem be rühmten Wallfahrtsorte Gangotri begleiten. Der Prinz be suchte diesen Ort von Delhi aus, indem er über Mirat und Rampur nach Naini-Tal seinen Weg nahm, das (zwischen dem Gogra und der Ganga) bereits 5900 Fuß über dem Meere liegt und in seinem Klima schon stark an Deutschland erinnert. Der kleine Ort liegt in einem Kesselthale, dessen Wände 7 — 8000 Fuß hoch sind. Wie in den deutschen Alpen Tannen, einzeln und in Gruppen an den Felsen sich hinaufziehen, so hier eine aus der Ferne wie unsere Tanne aussehende Chpresse. Neben268 Nach Indien. der Steineiche, wilden Kirschbäumen, Birnbäumen, Ahorn und Weißbuche prangt ein baumhoher Rhododendron, dessen dunkel- rothe Blüthen den Boden umher bedecken. In den Schluchten wuchert ein volles und hohes Buschwerk, worunter sich gelbe und prächtig duftende Jasminarten und weiße Rosenbüsche nebst Weiß dorn auszeichnen. Die Temperatur ist hier bereits mäßig; die Wärme erreicht im Mai nur noch 15 bis 20 Grad, während sie in der Tiefebene nicht selten bis zu 34 Grad Reaum. sich steigert. Gegen Ende Mai brach Prinz Waldemar von Naini Tal auf und wanderte zunächst durch die englische Provinz Kemaon. Die großen Beschwerden einer Himalaha-Reise stellen sich bald ein; man muß öfters auf fast unjvegsamen Nebenstegen, auf wel chen die Pferde nur geführt werden können, vorwärts zu kom men suchen. Indessen entschädigt die Natur durch ihre Reize für die gehabten Mühen. Durch herrliche Waldungen von Rhodo dendron, Eichen und Fichten geht es bis zum Kohila - Fluß, einein Nebenfluß der Ram-Ganga. Hier hören die Wälder auf, jedoch nur in Folge der Sitte der Eingeborenen, während der trockenen Jahreszeit Feuer an sie zu legen, damit aus der Asche des zwi schen den Bäumen wachsenden Rohres und Grases frische Spröß- linge aufschießen und den Heerden eine saftige Nahrung gewäh ren, wodurch der Wuchs der Bäume nicht allein beeinträchtiget, sondern diese fast ganz zerstört und zu Krüppelholz herabgedrückt werden. An die Stelle der Waldungen sind fleißig bebaute und mit vieler Kunst an den Bergabhängen terrassirte und bewässerte Felder getreten, und zwischen diesen stehen eine Menge großer und kleiner Tempel und wohlhabend aussehender, reinlicher Dorf- schaften, die von herrlichen Gruppen von Mangos, Platanen, Palmen, Granatbäumen u. s. w. beschattet sind. Nach einigen Tagemärschen gelangen wir auf die große Pilgerstraße, die von Almora nach Badri Nat, einem berühmten,Nach Indien. 269 dem Wischnu geweihten Wallfahrtsorte am Älakananda Ganga, führt. Züge heimkehrender Pilger und Pilgerinnen bieten uns ununterbrochen Unterhaltung. Sie tragen entweder kleine Scha len mit „Gih", d. i. Butter, oder zu Badri Nat geschnitzte Stöcke, oder Gefäße mit Gangeswasser, das sie zu Kedar Nat, einem andern, weiter oben im Gebirge gelegenen Wallfahrtsorte, geschöpft haben und bis in die entferntesten Theile Indiens mit nehmen. Auf einem' schmalen Reitwege dringen wir an steilen Kuppen und Berghängen und an ärmlichen Dörfern vorüber bis nach Ad Badri vor, einem jener Halteplätze, an denen die Pilger die Nacht zuzubringen pflegen. (Auf der Karte ein wenig südlich vom Älakananda-Ganga zu suchen.) Ein Paar große schattige Bäume, ein rauschender Bach, ein Tempel mit dem Bildniß eines oder mehrerer Götter geziert, ein Wasserbassin, in welchem die Gläubigen ihre Waschungen vornehmen, einige Laubhütten oder gemauerte Schuppen — das ist Alles, was dem Reisenden hier geboten wird. Die Decke, welche jeder Pilger bei sich trägt, dient ihm als Nachtlager, ein Paar neben einan der gelegte Steine bilden den Kochheerd, ein eiserner Teller und ein messingenes Trinkgefäß sind die Geschirre, und ein ans Weizenmehl und Wasser bereitetes Gebäck die gewöhnliche Speise. Selten nur bringen die Bewohner der nächsten Ortschaften Ge müse, Früchte, Znckerwerk oder Milch zum Verkauf herbei, so daß die Pilger ein entbehrungsreiches Leben führen müssen. Trotz dem sehen wir diese genügsamen, frommen Menschen vergnügt bis in die Nacht hinein in einzelnen kleinen Gruppen, wie sie ihre Kasten znsammcnführen, Männer und Frauen gemischt, um mattaufflackernde Feuer sitzend oder vielmehr hockend, ihre Hucka (Pfeife) rauchen und lebhaft plaudern. In ihren mannichfachen Kostümen und mit ihren ausdrucksvollen Gesichtern bieten diese Leute rnalerische und überraschende Bilder für den Europäer.270 Nach Indien. Da wir nicht'nach Badri Nat zu wandern beabsichtigen, so verlassen wir die Pilgerstraße, indem wir links abgehen. Wir gelangen nun zunächst in ein einsames, höchst romantisches Thal, das des Osari Naddi (eines Nebenflusses des Alakananda). Zwi schen zwei 7- bis 8000 Fuß hohen Gebirgsrücken steil und felsig eingeschnitten, windet es sich gleichlaufend mit den Hauptzügen der Schneegebirge von Südost gegen Nordwest. Die Hänge der einschließenden, von Felskuppen und Felsspitzen überhöhten Ge birgsrücken sind vielfach von Schluchten durchfurcht, bald felsig gezackt, bald grasbewachsen, bald init herrlichem Laubholz bedeckt. Der Osari Naddi schlängelt sich in der Sohle des Thales hin, brausend und schäumend über Felstrümmer seinen Weg suchend, und nur selten ist neben ihm Raum genug für einen schmalen Wiesenstreifen. Die wenigen Ortschaften schmiegen entiveder ihre einzeln gelegenen Häuser an die etwas sanfteren Hänge des Thales, oder sie bauen sich auf einem Vorsprunge derselben dicht zusammen und gewähren dann einen gar malerischen Blick. Auf künstlich aufgeführten Terrassen ziehen die Bewohner die wenigen Feldfrüchte, deren sie zu ihrem Unterhalte bedürfen. Die Häuser selbst sind niedrig und schmal; vier Mauern aus Bruchsteinen aufgeführt, oben mit großen Steinplatten eingedeckt, ein Paar Oeffnungen, die als Thür und Fenster zugleich dienen, und im Innern eine Abtheilung, ivelche Stall und Wohnung scheidet, das ist das Wesen der baulichen Einrichtung in diesen abgelegenen Theilen des Gebirges; einige Strohmatten, ein Paar wollene Decken, ein Paar irdene und kupferne Gefäße bilden die Geräth- schaften. Die Bewohner selbst sind roh und ungehobelt, wie ihre Häuser; sie haben eine dunkle, vom den Bewohnern der Ebene wenig verschiedene Hautfarbe und sind wie diese schlank und zierlich gebaut. Ihre Kleidung besteht aus einer groben wollenen Decke von dunkelbrauner Farbe, die sie so umzuschlagen271 Nach Indien. wissen, daß sie ihnen den ganzen Oberkörper bis zur Hälfte der Oberschenkel bedeckt. Nur eine Art Brosche aus Eisen oder Messing hält dies einfache Kleidungsstück über den Schultern zu- sammen. Ein Strick ist um ihre Hüften geschlungen und unter einer kleinen baumwollenen Kappe quillt das struppige, unge kämmte Haar hervor. Aus ihren Gesichtszügen sprechen Furcht und Dummheit. Prinz Waldemar vertheilte kleine Geldmünzen an diejenigen, welche scheu und neugierig ihn umstanden; sie brachten sie aber zurück, und es bedurfte eine lange Auseinander setzung des Dolmetschers, um ihnen begreiflich zu machen, daß es ein Geschenk sein solle. Kaum hatten sie dies verstanden, so liefen sie.freudig fort, um ihre Schätze zu verbergen. Wahr scheinlich war es das erste Mal, daß ihnen Etwas geschenkt wurde, so daß sie den Begriff „schenken" erst jetzt kennen lernten. Nachdem wir einen Paß überschritten, kommen wir in die Nähe des Alakananda Ganga, des östlichen Qnellarmes des Ganges, oder eines Nebenflusses desselben auf der linken Seite. Das Gebirge enthält hier reiche Kupfergruben; aber man arbeitet ohne Plan darauf los in die Kalkfelsen hinein, in welche die Kupferadern cingesprengt sind. Ein Paar eingeklemmte Holz sparren dienen den eingeborenen Bergleuten als Leitern, ein Hammer und ein Meißel sind ihre einzigen Geräthschaften und ein brennender Kienspan ihr Licht. Sie behaupten, höchstens nur 40 Jahr alt zu werden, weil durch das fortgesetzte Einath- men des Kienspanrauches in ihren Eingeweiden Alles so schwarz werde, wie die Felswände im JnNern der Gruben. Bei Bamote überschreiten wir den Fluß auf einer Seil brücke. Schäumend und brausend stürzen die braunen Wogen zwischen dunkelgrünen Felsen dahin, und von Felsen zu Fetscn hinüber schwebt die Seilbrücke (Sangho), etwa 40—50 Fuß hoch über dem Wasserspiegel, lieber hölzerne, steinnntermauerte272 Nach Indien. Widerlagen sind zwei Bündel von Stricken, aus Baumbast und Hanf roh gedreht, als Tragseile in sanftem Bogen von einem Ufer zum andern gespannt und dort durch Pflöcke am Boden befestiget. An diese Tragseile gebunden, in allmählig bis zur Mitte abnehmender, dann wieder zunehmender Länge, tragen andere dünne Stricke die Sohle der Brücke, welche aus zwei wagerecht gespannten Seilen besteht, auf welche gespaltene Bam buszweige geknüpft sind. Die Breite der Brücke beträgt unten auf der Sohle nur 2 Fuß und oben zwischen den Tragseilen 4 Fuß. Es erfordert nicht geringen Muth, sich auf dieses schau kelnde Bauwerk zu begeben, das nur von einzelnen Menschen mit ihrer Bürde, wozu auch Schafe, Ziegen und Kälber u. s. f. gehören, benutzt werden kann. Pferde und Kühe müssen durch den reißenden Fluß transportirt werden, und zwar geschieht dies auf folgende Weise. Man schlingt ihnen einen Strick um Hals und Leib, treibt sie alsdann in den Fluß und sucht so die schwim menden Thiere an das andere Ufer hinüberzuziehen, was indessen nicht immer gelingt. Nicht selten reißt der Strick und dann zer schellen die dem Strome überlassenen Thiere an den Felsen, oder es währt auch das Hinüberziehen so lange, daß die armen Ge schöpfe ertränkt gelandet werden. Welche Tragkraft haben da gegen unsre eisernen Hängebrücken, zu denen die indischen Sanghos als Modell gedient haben mögen! — Auf dem rechten Ufer angelangt, befinden wir uns in dem Gebiete-des Radja von Ghurwal oder GH er Wal, d. h. Land der Burgen. Das Dorf Bamote liegt hier am Ufer des Flusses in reizender Umgebung von Palmen, Bambussen, Nuß-, Apri kosen- und Mangobäumen, was uns nicht ahnen läßt, daß nur noch wenige Tagemärsche weiter an dem Flusse aufwärts an den Fuß der Schneekolosse führen, an denen der Fluß entspringt. Wir lassen die an dem linken Flußufer hinführende PilgerstraßeNach Indien. 273 nach Badri Nat rechts liegen und reisen weiter in nordwestlicher Richtung nach dem Mondagri Gang«, einem Nebenfluß des Alakananda aus der rechten Seite. Schöne kräftige Menschen von hellerer Farbe mit offenem und freimüthigem Ausdruck ziehen an uns vorüber; Schiwa und Wischnn sind ihre höchsten Götter, doch hat jedes Dorf daneben noch seinen eigenen Schutzgott, der die höchsten Götter gleichsam vertritt. Die Natur entfaltet eine überraschende Großartigkeit; zu nächst erblicken wir frische Alpenwiesen mit Anemonen, gelben Veilchen, Erdbeeren und Vergißmeinnicht; dann folgen Thal schluchten mit Wäldern von hohen Tannen und Eichen mit dich tem Unterholz von Lorbeergesträuch und Bambus; weiter aus wärts schauen wir kahle vielgezackte Fclsrücken und Felskuppen, die in ihrer düstern Einförmigkeit nur durch einzelne Wiesen strecken, Schneemassen und Wasserfälle unterbrochen werden, und daran schließen sich endlich die mit ewigem Schnee bedeckten Piks des Himalaha, wie sie von Badri Rat (am Alakananda) bis Kedar Nat (am Mondagri) sich hiuziehen, aus blendend weißen Schncefcldcrn die jungfräulichen Häupter kühn in das Blau des Himmels erhebend und, ein Bild göttlicher Unschuld und Pracht, ruhig und majestätisch hiuabschaueud ans das bunte Gewühl und Gewirr unter ihnen. Auf äußerst beschwerlichem Wege, doch belohnt durch das herrliche Grün der Alpenwicscn und die Pracht der Waldvege tation, in welcher Eichen, Ahorn, Eschen, Kastanien, Tannen, unterwachsen mit blühenden Sträuchern und feinem, graziösem Bambusrohr, prangen, gelangen wir nach Okimat, am Mon dagri Ganga gelegen, wo der Raul oder Oberpriester von Kedar Nat residirt. Der Ort enthält nur gegen 30 strohgedeckte Häu ser und liegt am linken User des reißenden Gebirgsstromcs, den wir auf einer Sangho überschreiten. Der linke Thalhang ist Kutzner, Natur-, Reise- u. Lebensbilder. 1»274 Nach Indien. steil und felsig, der rechte dagegen allmählig abfallend, überaus fruchtbar und dicht mit Dörfern und Feldern bebaut. Wir ver folgen die Pilgerstraße auf dem rechten Ufer und kommen nach Gaurikund. Kurz vor diesem Orte treffen wir ein Tempelchen au, neben welchem ein Haus oder vielmehr ein Stall steht, worin ein Fakir wohnt; nackt, den Körper mit Asche beschmiert, die langen, rothgefärbten Haare in Flechten um den Kopf gewunden, sitzt dieser wunderliche Heilige Tag und Nacht, Jahr aus Jahr ein mit untergeschlagenen Beineu unbeweglich da, anscheinend unbekümmert um Alles, was um ihn her geschieht und nur von dem lebend, was Vorübergehende vor ihm auf eine Matte legen. Von Gaurikund, wo sich heiße Quellen befinden, in denen die Gläubigen entsündigende Bäder nehmen, haben wir noch 4 Stun den aufwärts bis zu den heiligen Quellen des Mondagri zu steigen. Ans dieser Strecke ist das Thal des Stromes nur noch ein Felsenriß; von Katarakt zu Katarakt schäumt er donnernd in demselben fort; über Felsen und unter gewaltigen Schneemassen dahin, welche 'im Winter über ihm zusammenstürzen und auch im Hochsommer ihn noch überbrücken, bricht er sich seine Bahn; nur in den Nebenschlnchten und an den einzelnen Absätzen kann eine spärliche Baumvegetation Wurzel fassen, und nur mit größ ter Anstrengung vermögen wir den in den Felsen gehauenen Steg hinanzuklimmen. Plötzlich ebnet sich der Weg; die Felsen treten zu einem weiten Kessel auseinander; eine feuchte, blumige Wiesen- slur breitet sich unter uns aus; vor uns erhebt sich, den Schluß des Thalkessels bildend, ein gewaltiger, schneebedeckter Bergriese, von dessen zackigem Haupte zwei blendendweiße Gletscher sich herabsenken und da, wo am Fuße jenes Gewaltigen Schnee-, Eis- und Felsgeröll-Massen bis auf die Wiesenflur herabreichen, erblicken wir ein kleines unscheinbares Tempelgebäude, um welches eine Anzahl unansehnlicher Häuser gruppirt ist. Das ist dieNach Indien. 275 heilige Wallfahrtsstätte Kedar Nat, 11,800 Fuß hoch über dem Meeresspiegel gelegen. Jener Bergriese aber ist der Tu Meru, der sein Haupt 21,600 Fuß hoch erhebt und dem sich zu beiden Seiten ähnliche Riesen anschließcn, durch mächtige Schneefelder mit einander verbunden. Wir nahen uns dem Heiligthum. Es ist ein dem Schiwa geweihter Tempel, der als Reliquie einen großen, schwarzen Stein enthält, welcher das — Hintertheil einer Kuh darstellt. Als Un gläubigen wird uns der Eintritt nicht gestattet. Mit dem Bilde aber hat es folgende Bewandtniß. Die fünf heiligen Brüder der Pandawa's wünschten einst von Mahadeo (Schiwa) die Ver gebung ihrer Sünden zu erlangen. Dazu einpfand er indessen keine Lust und floh daher in Gestalt eines wilden Büffels aus den Ebenen Hindostans in das Gebirge. Die fünf Brüder ver folgten aber seine Spur und gelangten nach Kedar Nat, wo sic den ausgerissenen Gott erblickten, als er eben über den Tn Meru entschlüpfen wollte. Mit Blitzesschnelle schleuderte Einer von ihnen seinen Gürtel über die Spitze des Berges, um diesen und mit ihm den „großen Gott" in das Thal herabznreißen. Als dieser die Gefahr erblickt und keinen Ausweg mehr sieht, zeigt er sich zur Unterhandlung mit seinen Verfolgern bereit, die er denn auch mit ihnen in Gestalt einer steinernen Kuh führt. Das Ende der Unterredung ist, daß er ihnen die Sünde vergiebt unter der Bedingung, daß sie sich in der Quelle des Mondagri baden und dort einen Tempel zu seinen Ehren errichten, in wel- chem für alle Zukunft denen, die dahin wallfahrten und dort Opfer bringen, die Sünden vergeben werden sollen. Auch die Form, in der er mit ihnen unterhandelt, gestattet er zu zerschla gen, und befiehlt, Kopf und Hals nach Nepal, den Bordcrtheil nach Tungu Nat, das Hintertheil aber nach Kedar Nat zu bringen.276 Nach Indien. Man muß es den Hindu's lassen, daß sie eine gute Phan tasie haben, denn durch dergleichen Geschichtchen werden den Gläubigen die Quellen des Ganges in der That außerordentlich heilig gemacht. Zu Tausenden kommen aus allen Theilen In diens fromme Pilger nach diesen heiligen Stellen, wo sie durch Baden, Abrasiren des Haupthaares, öfteres Untertauchen, Be malen mit rother Farbe zwischen den Augenbrauen u. s. w. ihrer Frömmigkeit Genüge thun. Wir richten unfern Lauf nunmehr nach dem heiligsten aller Wallfahrtsorte, nach Gangotri, der an dem Hauptarme des Ganges, dem Bagaratti Gang«, liegt, und zwar folgen wir dem Prinzen Waldemar auf dem schlechten obern Wege, statt den leichtern Pilgerweg unterhalb zu gehen. Zunächst wandern wir am Mondagri ein Stück abwärts, dann biegen wir nordwestlich ab und erreichen nach mehreren Tagemärschen den Bagaratti Gang«, dabei müssen wir Pässe von 10,000 Fuß Höhe und darüber überschreiten. In dieser Höhe schwindet bereits die Baumregion, doch sind die Hänge überall mit dem kräftigsten Waldwuchs bedeckt. Dörfer sind selten, und die Flüsse, welche wir auf Sanghoö überschreiten, sind reißende Gebirgswässer. Tempel sehen wir hier fast gar nicht; zwar wird Mahadeo, d. i. der große Gott, nämlich Schüva, auch in diesem abgelegenen Ge- birgstheile verehrt, aber jedes Dörflein hat daneben seinen apar ten Schutzgott, und außerdem bevölkern die Bergbewohner, Pahari genannt, ihre Berge, Ströme und Seen mit einer Menge von Geistern, Feen und Kobolden, die ihn bald wunderbar schützen, bald tückisch ihn verfolgen und foppen und ihm Unglück bereiten. Man opfert ihnen theils zur Sühne, theils zum Dank, und bei den Erzählungen und Unterhaltungen, die selbst nach angestreng tester Arbeit von den Paharis, bis tief in die Nacht hinein rau chend und um ein Flackerfeuer hockend, fortgeführt werden, gebenNach Indien. 277 diese Geister den Stoff her. Die Kleidung dieser Leute ist durch aus von der ihrer südlichen Nachbarn verschieden. Sie besteht aus einer turbanartigen Mütze, einem bis an die Kuiee reichenden, vorn offenen Tunika-Rock und einem an den Knöcheln eng an schließenden Beinkleid; Alles ist aus braunem, grauem oder wei ßem, selbstgesponneuem und gewebtem wollenen Zeuge gemacht. Einen farbigen Shawl, Gürtel oder Strick tragen sie um den Leib gewunden und an den Füßen eine Sandale von ungegerb- tem Leder, die Haare nach außen. Von Reinlichkeit merkt man freilich nicht viel. Bei Bethari überschreiten wir den Bagaratti, den Haupt arm des Ganges, welchen die Hindu's vorzugsweise als den hei ligen Strom betrachten und dessen Quellen sie auf den Sitpuri verlegen, den Sitz ihrer Götter. Aber welch' ein Nebergang! Nur ein Seil von Bambnsbast ist von Ufer zu Ufer, von Baum zu Baum gespannt; das ist Alles, und an dem muß man hin über über den Strom, der seine Finthen tief unten schäumend dahin wälzt. Wie fängt man dies an? Nun, auf das Seil wird ein wie ein Joch geformtes Krummholz gelegt, von Spitze zu Spitze wird ein Strick befestigt und da hinein wird der Rei- sende geschnürt, so daß sein Körper möglichst nahe an das Krummholz herangezogen wird, während Hände und Füße ihm frei bleiben. Nachdem er die horizontale Lage angenommen hat, rutscht er ziemlich rasch hinab bis in die Mitte des Seils, das sich stark nach unten krümmt. Nun geht der Jammer erst an; den Himmel über sich, den reißenden, 80 bis 100 Fuß breiten Strom unter sich, rechts und links Nichts, nur die Schlingen der dünnen Bambusstricke um sich. Der arme Passagier zappelt und strampelt nach Leibeskräften, arbeitet mit Händen und Füßen so gut es gehen will und krabbelt sich endlich wirklich an's jen seitige Ufer. Wem es an Muth gebricht, der zur selbsteigenen278 Nach Indien. Forthülfe erforderlich ist, läßt sich auf ein Brett schnüren und so an das Krummholz befestigen, worauf er denn wie ein Stück Gepäck über den Strom gezogen wird. Diese Passage müssen alle Pilger genießen, denn wir befin den uns bereits wieder auf der allgemeinen Pilgerstraße, die nun an dem Bagaratti hin aufwärts nach Gangotri führt. Es ist ein äußerst schwieriger und mühseliger Pfad, der sich theils am linken, theils am rechten Ufer des reißenden Stromes hinzieht und den man in etwa 5 bis 6 Tagereisen zurücklegt. Der Gan ges- durchbricht hier die hohen Schneerücken des Himalaha; östlich erblicken wir die Schneespitzen des Sri Kanta, westlich die des Bunderpucht und zwischen tausend Fuß hohen, beinahe senk rechten Felswänden dicht zusammengedrängt, schäumt der Strom in fast ununterbrochenen Katarakten und Wasserfällen donnernd hinab. Dörfer und Felder finden wir nur an einzelnen Stellen, ein wenig Raum und der Pilgerpfad geht bald hinüber bald her über unter den tosenden Strom, den nur quer über ihn geworfene Cedernstämme überbrücken; über Felsstürze und an Felswänden hin, in welche Fußtapfen eingehauen oder an welche Leitern fast senkrecht gelehnt sind, bald bergauf, bald bergab an den steilen Hängen der zahlreichen Nebenbäche muß der Pilger unter Auf- wand von viel Kraft und Geschick seinem Ziele zueilen. Etwa ans der Hälfte des Weges erweitert sich das Durchbruchsthal auf eine Strecke, und dort hat der Strom eine Breite von 200 bis 300 Fuß; fünf Dörfer stehen hier, während die Abhänge Wallnuß- und Aprikosenbäume und herrlichen Cedernwald tragen. Aber bald verengt es sich wieder und der Strom wird durch so hohe Felswände zusammengedrängt, daß wir seine schäumenden und stürzenden Wogen zwar noch unausgesetzt unter uns toben hören, sie aber vom Wege aus nicht mehr zu sehen bekommen. Wie auseinander gerissen schließen die grauen Granitmassen den279 Nach Indien. tobenden Gebirgssohn ein; bald steigen sie als ungeheure Mauern senkrecht aus, bald schließen sie sich wie eingestürzte Brückenbogen über dem Strom fast zusammen, bald bilden sie Grotten und Höhlen, die durch das ewige Anstürmen des kühnen Gletscher kindes ausgespült erscheinen. Die Sangho unweit Mackwa ist 71 Fuß hoch über den Strom gespannt und nur 15 Fuß lang, so nähern sich die überhängenden Felsen. Von hier an weiter aufwärts wird die Gegend immer wilder und großartiger; nur noch himmelanstrebende Cedern vermögen hier an den steilen Hängen Wurzel zu fassen; endlich müssen auch sie weichen und es starren uns nur noch graue Felsen als vielgezackte Spitzen, Nadeln, Thürme und Burgen entgegen, die, so hoch sie auch über den Pfad emporragen, doch noch nichts Anderes sind, als das Fußgestcll der weiterhin hoch über ihnen in den Himmels dom hineinragenden Eisriesen. Ein imposantes Schauspiel erwartet uns bei Bairam Ghati, dem Vereinigungspunkte des Bagaratti und des Djahde Gang«. Dort führt nämlich eine Brücke, die aus drei nebeneinander lie genden Cedernstämmen gebildet und 60 Fuß hoch über den Strom gespannt äst, über denselben ans das rechte Ufer; dort angelangt führt der Weg ans einer in einen Cedernstamm gehaltenen Stiege und auf einigen Steinstufen zu einem Felsplateau hinab, von dem aus wir die beiden Gewässer sich vereinigen sehen. Hier her begeben sich die Pilger, die hier eine Pilgerherberge (Daram- salla) finden; hier verrichten sie ihre Andacht bei dein Stein, welcher dem Bairam, dem Wächter des Ganges, geweiht ist; derselbe ist niit rother und gelber Farbe bemalt und mit bunten Fähnchen geziert. Der Blick in die Tiefe hinab, wo die Finthen der beiden Ströme unter Schäumen, Wühlen und Kämpfen sich mischen, der Anblick der gewaltigen Urfelsmassen mit der präch tigen in sie hineingenisteten Vegetation, und endlich der Aufblick280 Nach Indien. zu den in ewiger Ruhe und Klarheit thronenden, für den mensch lichen Fuß unerreichbaren Schueespitzen: das Alles macht einen überwältigenden Eindruck auf das menschliche Gemüth, das hier keines andern Gefühles als der Anbetung des Allerhöchsten fähig ist. Von hier an führt der Pfad sehr steil hinan; mittelst Trep pen und Leitern geht es über Felsenriffe und an Felswänden fort, bis zu einem unter herrlichen Cedern gelegenen Tempel des Bai- ram. Dann geht der Weg an dem Mittlern Abhang des Ber ges über Felsgeröll ostwärts und senkt sich endlich nach etwa ckstündigem Marsch wieder zum Ganges hinab. Das Thal er weitert sich, und zwischen mächtigen Bäumen, darunter großen Silberpappeln, erblicken wir das Ziel unserer Reise, Gangotri. Der Tempel ist sehr unansehnlich und ist auch im Innern höchst ärmlich. Es gelang dem Prinzen, Zutritt zu erlangen, und zwar unter der-Bedingung, daß er sich denselben Ceremo- nien und Opfern unterwürfe, wie die übrigen Pilger. Derselbe wurde zunächst zur heiligen Badestättc geführt und dort mußte er in den nur 3 Grad warmen Strom hinabsteigen. Darauf reichte ihm der Priester in die rechte Hand ein Büschel Gras halme, ließ ihn in die hohle linke Hand Wasser schöpfen und laut Vor- und Zunamen in den Strom hineinrufen. Dann wurde ein Gebet über ihn gesprochen, Wasser und Grashalme in den Strom geschüttet und dreimal unter dessen Wogen getaucht. Damit war das Werk der Entsündigung vollbracht. Es mußte nur noch ein Opfer der Göttin Ganga in klingenden Rupien g'e-v bracht werden, dann konnte der Prinz wieder in die wärmenden Kleider hinein; die Schuhe durfte er indessen nicht anziehen. Nun ging's in den Tempel. Eine kleine Thür führte in die Vorhalle, in der man kaum stehen kann; eine zweite noch kleinere Oeffnung führt in das Innere. Es wurde ein Gebet gesprochen und zuNach Indien. 281 den schon zuvor in den Tempel gesendeten Opfern an Zucker werk, Blumen, Mehl, Getreide mußte jetzt ein anderes in Gelde gefügt werden, dann wurden einige Kienspäne angezündet und das Innere des Allerheiligsten sichtbar gemacht. Und was sah der Prinz? — Einen ans Stein und Lehm aufgeführten Altar, darauf ein mit rother und gelber Farbe beschmiertes Steinstück, ein Stück des Schiwa darstellend, daneben die roh in Stein ge hauenen Götzenbilder des Ganesa, des Bairam und eines Stie res, ferner eine Statuette der Ganga aus Messing, mit alten Silberflittern geschmückt und ein Paar messingene Lampen. Das war Alles! Das ist der letzte, erhabenste Anblick, der dem Pil ger gewährt wird, wenn er aus den fernsten Theilen Indiens unter unzähligen Entbehrungen und Mühseligkeiten bis hierher gewallfahrtet ist, sich in den eisigen Fluthen des Stromes ge- badet'und seinen letzten Nothpfennig als Opfer auf dem Altäre des Gottes niedergelegt hat! In der That, man muß die Hin gebung und Aufopferung der Hindn's bewundern, wenn man sic auch andrerseits wegen ihrer Leichtgläubigkeit und ihres Aberglau bens zu bemitleiden volle Ursache hat. Den Fakiren ist dies Alles natürlich noch nicht genug; die müssen noch etwas Apartes haben, das sie noch mehr heiliget. Sic stellen auf die Felsenvorsprünge des Ufers große, hcllbrcn- ncnde Lampen, die sie vorher im Innern des Tempels angezün det und um denselben herumgetragen haben. Nachdem sie ein stilles Gebet über jede Lampe gehalten haben, nehmen sie am Ufer Platz, wo sie bis tief in die Nacht hinein bcwegungs- und lautlos auf den Felsen dasitzen und in die Gluth der Flammen hineinstieren. So wenig uns der Tempel befriediget, um so mehr die uns umgebende Natur. Wir können in dem muldenförmigen Thalc, dessen Sohle mit gewaltigem Felsgeröll angefüllt ist, aufwärts Kutznrr, Natur-, Nelse- u. Lebensbilder. 19282 Nach Indien. blicken bis dahin, wo der Strom unter einem gewaltigen Glet scher hervorquillt. Auf dem linken Ufer erhebt sich derUdagri Kanta, der Sitz des Wischnu, mit seinen messerscharfen Rücken und Zacken, seinen senkrechlj erscheinenden Schneewänden und sei nen sich in den Wolken verlierenden drei Spitzen. Blicken wir stromaufwärts, so reiht sich Bergrücken an Bergrücken, bedeckt zunächst mit herrlichen, hochstämmigen Cedernwaldungen, dann mit Knieholz von Cypressen, Birken und Alpenrosen, und weiter hin mit blumigen Wiescnmatten, überragt von Felsmassen in den malerischsten Formen, die zu schneebedeckten Rücken und Kuppen ansteigcn. Tief im Hintergründe schließt ein gewaltiger Berg- riese das Thal; ganz weiß und unbefleckt erhebt er sich mit ein samer Pracht hoch in die Bläue des Himmels; es ist der Sit- puri Kanta, der Sitz des Schiwa; 21,490 Fuß ragt dieser Koloß empor, in den der Hindu den Ursprung des Ganges ver legt. „Wischnu durstete einst," so erzählen sie; „er bat Brahma uin einen Trunk Wasser; der reichte ihm seine Lotos. Aber das heilige Wasser entquoll, indem er trank, seinem Fuße wieder, und bahnte sich als Ganges den Weg zum Ocean. Brahma, erschreckt über dies Ereigniß, und fürchtend, die ganze Erde werde über schwemmt werden, rief den Schiwa. Der setzte den Fuß des Wischnu auf sein Haupt, umwand ihn mit seinem langen Haupt haar und verstopfte so den gewaltigen Strom. Den Ebenen In diens aber fehlte nun 12 Jahre lang das Wasser, bis ein frommer König ans der Gegend von Benares hinauf zu den Göttcrsitzen wallfahrtete und den Ganges vom Schiwa erflehte. Er ward erhört und seitdem entquillt vom Sitpuri Kanta herab, dem Haupthaare des Gottes, der heilige Strom. Eine der Inkar nationen oder Avataren des Wischnu baute den Tempel zu Gan- gotri den Göttern zu Ehren. Diese kamen herab, badeten dort in dem Strom und bcstimniten, daß, wer nach ihnen ein GleichesNach Indien. 288 an derselben Stelle zn ihren Ehren thun würde, der solle seiner Sünden los und ledig sein. Den Strom weiter hinauf aber dürfe er nicht gehen." Das thut denn auch kein Hindu und so bleibt es denn bei ihnen dabei, daß der Ganges an dein Sitpuri entquillt. Die ungläubigen Engländer haben sich natürlich an das Verbot der Hindugöttcr wenig gekehrt und sind der Sache auf den Grund gegangen. Alexander Elliot und seine Freunde sind die Ersten gewesen, welche die schwierige Expedition nach den Quellen des Ganges zu Stande gebracht haben. Drei Tagereisen weit auf wärts von Gangotri, südlich vom Sitpuri, entströmt der Fluß mit einem Male reißend schnell in einer Breite von 50 bis 60 Ellen einer kolossalen Höhle eines senkrechten Eiswalles. Dieser bildet einen Thcil eines riesigen Gletschers, der in einer Höhe von 13,700 Fuß Seehöhe liegt, und im Osten und Westen von mehreren Bergriesen, die sich über 20- und 21,000 Fuß erheben, überragt wird. Da thronen die Pyramide (20,000 F.), der Moira (21,390 F.), der Set. George (21,260 F.), der Set. Da vid und Set. Patrik (21,390 F.) und der Set. Andrew (20,430 F.). Welch eine Aussicht eröffnete sich den kühnen Reisenden dort oben ans dem Eisfelde! Elliot selbst sagt: „Schön oder prachtvoll ist kein Ausdruck für diese Aussicht; sie setzt in der That völlig in Verwunderung. Wenn man sich eine Ansicht aus der Vogel perspektive herab auf alle Berge der Welt, in ein Gewirr zu sammengedrängt, vorstellen könnte, und jeden einzelnen derselben wieder mit Schnee bedeckt, so würde dies kaum eine Vorstellung von dem Anblicke gewähren, der sich uns darbot." Auf diesem erhabenen Punkte wollen wir von dem Wunder lande Indien Abschied nehmen. —Von I. G. Kühner sind ferner erschienen: 1. Die Lehre vom Menschen. Glogau bei Flemming. 1854 . 2. Dreizehn anatomische Wandtafeln. Ebendaselbst. 3. Geographische Bilder. 2 Bände. Ebendaselbst. 1857 . 4. Populäre Erdbildungskunde. Mit vielen Holzschnitten. Langensalza. 1857. 3. Reise des Prinzen Waldemar m Preußen nach Indien. Berlin bei Decker. 1856. 6. Die Weltgeschichte in zusammenhängenden Einzelbildern. Berlin bei G. Reimer. 1859. 7. Der Zeichenunterricht in der Volksschule. Langensalza. 1858. 8. Zeittafeln für den Geschichtsunterricht. Für Schüler. Hirschberg beim Verfasser. Preis 9 Pfennige. 1859. i). Der illustrirte Rübezahl. Hirschberg, Rosenthal'sche Buch handlung. 1859. Druck der Hofbuchbruckerei in Altenburg. <H. A. Pierer.»'Ceylon und Vorder-Indien. Natur-, Neise- und Lebensbilder aus
