Livingstone der Missionär Malerische Feierstunden. Erste Serie. Zweite Abtheilung. Illustrirtc Bibliothek der Kinder- und Völkerkunde. Afrika. i. JirlNgLionr'L Grforjrklmgtiielj'en.UÄmsche Feierstunden. kr Häsen und Entkekungen. Neue i l l u st ri r t e Bibliothek -er Länder- und Völkerkunde zur Erweiterung der Kenntnis; der Fremde. Herausgegeben unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmänner von Hermann Wagner. Afrika. i. Dr. David Liviugstone. Erforschungsreisen im Innern Afrikas. Bearbeitet von Dr. Tr. Kirfrwrttcr. Mit zahlreichen in den Text gedruckten Abbildungen, niclcn Tonbilder», Karten in l. w. Leipzig, Verlag von Otto Spanier. • 1859 .Wild-Aülc. Livingstone, Reisen in Afrika. S. 219. (Titelbild.) Leipzig: Verlag von (Dito Spanier.IjmnWtone. der AAsmonär. In Schilderungen der bckaimtesteil älteren und neueren Reisen insbesondere der grossen Lntdrcknngeii im Züdiichlll ZllriKl, xuntjmiii der Ilchre MO — 3856 durch Dr. David Livingstone. Mt 92 in den Tert gedruckten Abbildungen, sieben Tondrucbtuleln und einer Nebcrsichts -Hurte des südlichen Alribu. Leipzig, Verlag von Otto Spanier. 1859ZnlmltMLrMclmM. Einleitung. Seite Früheste Bekanntschaft mit Afrika. (Mit 3 Illustrationen.) 1 Blütezeit des Sklavenhandels. (Mit 1 Illustration.) 11 D i e Kämpfe gegen den Slave »Handel. (Mir 3 Illustrationen.) 17 Mungo Park. (Mit 2 Illustrationen.) 19 Neuere Reisen in Nord- und Central -Afrika. (Mit 6 Illustrationen.) .... 31 (Harris in Schoa. — Weit 1 Illustration.) 32 (Dr. Barth und seine Gefährten. — Mit 4 Illustrationen.) 36 Reisen im Suden Afrika's. (Mit 1 Illustration.) 46 Di e Natur und der Mensch in Afrika. (Mit 6 Illustrationen.) 51 (Das Knochengerüst Afrika's. — Mit 3 Illustrationen.) — (Wüste, Wasser und Wind. — Mit 3 Illustrationen.) 57 Natur itnb Völker in Nordafrika. (Mit 4 Illustrationen.) 65 (Die Gärten der Wüste. — Mit 3 Illustrationen.) 71 Natur und Völker in Mitte lafrika. (Mit 13 Illustrationen.) 77 (Die Länder am Tschad. — Mit 5 Illustrationen.) — (An der Westküste. — Mit 3 Illustrationen.) 93 (Die Länder an der Ostküste. — Mit 5 Illustrationen.) 101 Natur imb Völker Südafrika' s. (Mit 6 Illustrationen.) - 113 (Die Thierwelt Südafrika's. — Mit 1 Illustration.) 119 (Die Völker Südafrika's. — Mit 2 Illustrationen.) 123 Der Missionär Dr. Livingftone. (Mit Livingstonc's Portrait.) 129 Seine Jugend, Vorbereitung und sein Wirken. Livingstonc's erste Reise zu den Betschuanen und dem Rgami-Sce. Die Betschuanen. (Mit 2 Illustrationen.) Kuruman (134). Moffat, Livingftone's Schwiegervater (134). — Die Betschuanen (135). Ihre Sitten (135). — Verfassung (137). — Aberglauben (139). — Rcgendoctor (140). — Religiöse Gebräuche (144). — Todtcnbcstattung (145). — Bctschuancnstämme (146). — Die Bakuena's (146). — Sitschill (146). — Aufbruch nach dem Ngami-Sce (148) 133 Das Reisen in Südafrika. Die Wüste Kalihari. (Mit 4 Illustrationen.) Dchsen als Zug- und Lastthiere (150). — Sand, Dornen und Grascbcncn (151). — Trockene Flußbetten (151). — Wasser- und Nahrungsmangel (152). — Wüstcnkost: Straußcncier ( 152 ), Heuschrecken ( 153 ), Honig* (154), Insekten (155), Gewächse (155). — Die Vakalihari ( 157 ). — Buschmänner (159) 149 Der See Ng am i. (Mit 6 Illustrationen.) Livingstonc's Abreise von Kolobeng (161). — Sicvmi (i6i). — Der Zouga ( 162 ). — Der Ngami-See (163). — Häupt-VI Inhalt. Seite ling Letschulatebc (164). — Sebituani (164). — Die Bajiji (165). — Der Reisende Andersson (166). — Damara's (167). — Ovambo's (170). — Andersson bei Letschu- latebe (174). — Thier - und Pflanzenwelt am Ngami (176). — Anderfson's Reise nach Libebe (177) 161 Afrikanische Jagdbilder. Nach Wahlbcrg und Eumminz. (Mil IS Illustratio nen.) Wahlberg und Cumming (180). — Elkpliantenjagd (181). — Das Nashorn (190). — Das Flußpferd (194). — Der afrikanische Büffel (199). — Die Giraffe (203). — Antilopenarten : Elennantilope (206). — Oryr (206). — Kuduantilope (208). — Gnu (208). Springbock (210). — Kuhantilvpc, Zebra, Quagga (213). — Strauß (214). — Jagden der Afrikaner (281). — Wildfallgrubcn (219). — Der Löwe ( 221 ) 179 Livingstonc's zweite und dritte Reise nach dem Norden. (Mit 2 Illustrationen.) Livingstone's Reise zu Sebituane (231). — Die Tsetsefliege (233). — Sebituane und die Makololo (234). — Mosilikatse (236). — Die Matebelc (236). — Sklavenhandel (238). Livingstone in der Kapstadt (239). — Die Boers, und die Betschuanen (239) 231 Livingstone's große Reise an die Weüküste. (Mit 9 Jllstrationen.) Livingstone's Abreise von den Bakuena^S (241). — Die Bamangwatoberge (241). — Bufchmänncrland jenseits des Zouga (242).— Der Sanschureh und Tschobi (243).— Linyauti (244). — Die Makololo's (245). — Die Banjeti (246). — Das Barotscthal (247). — Scschekc am Liambai (248). — Der Libafluß (250). — Die Valonda's (251). — Der Häuptling Schinti (252). — ätatema (254). — Sec Dilolo (255). — Gebiet der Tschiboke (256). — Wegczoll in Inner-Afrika (257). — Die Baschinji's (259). — Das Ouangothal (260). — Caffangc (260). — Luanda (263). — Angola (266). — Pungo Adonga (268). — Der Cvanza (268). — Der Matiamvo (271). — Muata Cazembc (27i). — Rückreise nach dem Innern. (273). — Der Kasaifluß (277). — Ankunft in Linyauti (279) 241 Livingstone's Reise an die Ostküste. (Aiit 3 Illustrationen.) ReiscauSstattnng (280). — Abreise von Sekeletu (280). — Der Victoriafall (281). — Reise am Zambefl (282). — Die Batoka'S (282). — Das Hochland (283). — Der Häuptling Mpende (286). — Die Banyai'S (288). — Ankunft in Tete (289). — Scnna und Kilimane (290). — Abschied von den Negern (292). — Sckwebu's Tod (293). — Livingstone auf Mauritius (293). — Seine Ansichten über die Zukunft Süd afrikas (294). .— Reise nach London und Rückkehr nach Tete (295) 280 Uebersichtskartc des süblichen Afrika. Die hierzu gehörigen 7 Tondruckbilder sind eiiizuheften wie folgt: Wildfalle (gehörig zu S. 219) Titelbild Wulia, Dorf im Sudan Seite 40 Vegetationsbild vom Golf von Guinea ,, 96 Kampf zwischen Büffel und Löwen ,, 225 EmPfang bei Schinti 252 Rast unter dem Baobab... ,, 268 Wasserfall des Zambesi , 28tA c tru a 1 Jülitrrqihdsr) C 0 N G 0 ?!. eZo K 2[atMmcrso ff FayltfcLo ancla^ Lucenifn Jfengtuü Jfasüco '• jL ia m 4 ' ' 1 — - M;A x/lÖ E )0 X. O . JWtrtcte . M O'tVAHPO 0-'SlE;L E KATS E’ S Wallisc/flf^ Scfujj cAorufj\ fVeJuftJcr. d\5iei>i6ochs jfy^inmlenu’ JGöIoluig ^\1V\ GvJTsejiua^- Ztir . Na m.a qna; JtlftarröpU. C'upd.ijEnffi :s Ran-ip lit'inqsfo/ nu v. OTcenvjch Uebersichts - Karte des südlichen Afrika, mit den Entdeckungen und der Reiseroute Dr. Livingstone’s.Gjnleitu n g. Lrülieste Bekanntschaft mit Afrika. Aegyptens Blüte. Karthago's Entdeckungen. Die Römer in Afrika. König Juba Die erste wissenschaftliche Reise. Einfall der Araber. Das Christenthum in Abeffynien. Verkehr der Araber und Indier mit der Südostküste Afrika's. Portugiestsche Entdeckungen Heinrich der Seefahrer. Gilianez. Das Reich des Priesters Johannes. Die ersten Neger sklaven. König Beinoy. Vascv de Gama am Kap. Covilham in Abeffynien. Die ^ ^ Portugiesen am Zambesi. Gallashorden. ^^E frika, das riesige, heiße, ruht dem lebensfrischen Europa gegenüber wie die gewaltige Sphinx vor dem jugendlich kräftigen Wanderer! Es legt Dem, welcher kühn sich naht, verworrene, dunkle Räthselfragen vor, und nimmt ihm sein Leben zur Sühne, wenn er sie nicht lost! Doch auch zu ihm wird einst der OedipnS treten, welcher ihm seine tödtlichcn Schrecken entreißt und dieselben im Meere der Vergangenheit begräbt! Livingstonc. Reisen i» Afrika. 12 Einleitung. Obschon nur durch das schmale Mittelmeer von der schiffebelebten Süd- kuste Europa's getrennt, an vielen Stellen von hier aus sogar dem unbe waffneten Auge erreichbar, ist uns der nahe Erdtheil in vielen Theilen doch unbekannter als das spät entdeckte Amerika, ja von einem weiten Gebiete in seinem Innern wissen wir weniger als — von der Oberstäche des weitent fernten Mondes! Tritt dem kühnen Schiffer, welcher den Kiel seines gebrechlichen Fahr zeugs nach dem nördlichen Pole lenkt, die Kälte als grimmiger Feind entgegen, macht sie in der Nähe des höchsten Nordens die klare Flut rings um ihn erstarrend und schmiedet das Schiff, von dem des Pilgers Rettung einzig abhängt, in meilenweite Fesseln aus Eis — so droht in Afrika in schroffem Gegensatz die übergroße Glut mit gleichen Schrecken! Der Sonne senkrechte Strahlen treffen vom ewigklaren Himmel verderbend den Reisenden und sein Thier, das „Schiff der Wüste", das ihn trägt. Statt der gehofften Quelle trifft er Sand und starre Felsen, umstreut von bleichenden Gebeinen früherer Karawanen und lieft aus diesen grausen Hieroglyphen sein eigenes Schicksal. Und selbst zur Regenzeit, wenn sich gleich Katarakten vom schwarz umhüllten Firmament die Fluten stürzen, wenn sich weite Flächen in Sümpfe wandeln und Bäche und wasserleere Thäler zu Strömen werden, — selbst dann steigt, durch den Glutstrahl der Sonne ausgebrütet, aus diesen Wassern ein Heer von Fiebern, viel furchtbarer noch als jene Legionen stechender In sekten und jenes giftgeschwollene kriechende Gewürm, das dort dem Menschen und seinem treuen Thiere droht. Nicht ohne Grund bezeichneten die Reisenden die äußersten Spitzen des unnahbaren Erdtheils mit bedeutungsreichen Namen: „das Thor des Todes " (Bab el Mandeb) öffnet sich ernst dem Ankömmling im Osten; die „Pforte des Kirchhofs" passirt der Schiffer an der Niger mündung, und selbst durch den schönen Namen „Kap der guten Hoffnung" versuchte er nur sich Muth einzusprechen, um so schnell als möglich vom Kap „der Stürme" und seiner Nadelbank weiter zu ziehen. Der Gedanke an den Tod trat dem Acgypter auf der hohen Stufe seiner Bildung so nahe, wie die bleiche Wüste dem grünen Thale des Nils, so daß er größern Fleiß darauf verwendete, den Todten wohnliche Stätten zu bereiten, als den Lebenden. Jene wunderbare Nordostcckc Afrika's, an welcher gleich einer Pulsader der Pfad vom nachbarlichen Asien herüber fiihrt und die gleichzeitig durch die Mündung des Nils und gute Häfen das Schiff des Europäers willkommen heißt, das reichgesegnete Aegypten war es, das in der frühesten Zeit zu einer Höhe der Kultur emporstieg, zu welcher der heutige Bewohner jenes Landes sich nicht einmal in seiner bilderreichen Phantasie zu erheben vermag. Als Abraham noch ohne feste Hütte nomadisirend von Flur zu Flur mit seinen Herden wanderte, als Europa's Name noch nicht iui Buche der Geschichte ver zeichnet war, residirten in herrlichen Riesenstädten am Nil ruhmreiche Könige, späte Enkel vorangegangener Herrscher; in Prachlgebäuden versammelten sichFrüheste Bekanntschaft mit Afrika. 3 1* geweihte Priester zu Mysterien und strenggeschiedene Kasteneintheilungen legten Zeugniß ab, daß manchfach eingewanderte Völker die früheren Bewohner unter jochten. Aegypten war in der alten Welt der Inbegriff der Weisheit, der Kunst und meisterhafter Staatsgesetze. Hierher wallfahrtete der Lernbegierige aus fernen Gegenden, hier schöpfte er Erfahrungen, enträthselte die heiligen Schriften und kehrte als ein Weiser angestaunt in sein Vaterland zurück. Das riesige Afrika trieb gleich der Aloe, die ihm eigenthümlich ist, in Aegypten eine einzige, aber herrliche Blüte. Sie welkte allmählich, und ihre Tie zwei Pyramiden am See Möns. gereiften Samen keimten im nahen Griechenland zu weiteren Sprossen, wäh rend der alternde Stamm kränkelnd dahinstarb. Karthago, durch unternehmende Asiaten angelegt, schwang sich rasch empor. Seine Waarenzüge wandelten ins Innere des Continents, seine Schiffe besuchten die fernen Küsten. Keck wagten sich die phönizischen und panischen Fahrzeuge, noch nicht mit dem leitenden Kompaß ausgerüstet, durch die Säulen des Herkules. Schreckten die schlauen Schiffer andere Völker auch durch über triebene Schilderungen von den drohenden Gefahren, so segelten sie selbst doch kühn von Bai zu Bai, ja zu entfernteren Inseln. Jenseits der Meerenge, erzählten sie, sei das Wasser dick wie geronnene Gallert, Seeungeheuer zögen4 Einleitung. dort den armen Sterblichen mit langen Krallen aus dem Fahrzeug, das in dicker Flut nicht weiter könne, und südwärts steigere sich die Glut der Sonne bis zu dem Grade, daß Segel und Planken Feuer fingen und die Mannschaft elendiglich verdürbe. Handelspolitik bewog die Karthager, die Er gebnisse ihrer Reisen zu verheimlichen, und das Wenige, welches ja zur Kenntniß anderer Völker drang, war so von einer Märchenwelt durchwebt, daß es un möglich war, den kleinen Kern der Wahrheit herauszufindcn. Die Inseln der Seligen (Fortunaten) wurden von ihnen entdeckt, ja selbst um's Kap herum sollen ihre Segel den Weg bis nach Ostindien gefunden haben. Je nach drei Jahren sollen ihre Schiffe reich mit Gold, Elfenbein, Perlen, Pfauen und Gewürzen beladen in die Heimath zurückgekehrt sein. Die Römer verstanden es wol, Karthago zu zerstören, aber nicht, auf dessen angebahnten Wegen weiter fortzuwandeln. Zwar dehnten sie ihre Herrschaft ziemlich weit nach Süden aus und legten, durch militärische Rück sichten geleitet, weithin Kunststraßen an, die sie durch Meilensteine regel mäßig gliederten, schassten auch Massen von Elephanten, Löwen, Straußen und anderen wilden Bewohnern Afrika's mit ungeheuren Kosten nach Rom, um sie — zu morden, aber die vielfachen Fäden, welche die handeltreibenden Punier mit entlegenen Völkerschaften geknüpft hatten, zerrissen in der Hand der rauhen Krieger. Die Entdeckungen der Karthager sanken in Vergessenheit. Selbst an der Schwelle der berüchtigten Hammada (der Wüste in der Wüste) fand Barth noch unter dem 30° 40' n. B. Trümmer eines römischen Kastells, und als südlichstes Zeichen von der Anwesenheit der Römer unter dem 26° 20' eine Grabkammer. Wahrscheinlich waren die Eroberer bis Fezzan eingedrungen, da sich dieses Denkmal dicht an der Schwelle der genannten Oase befindet. Als einzige Ausnahme wird König Juba namhaft gemacht, der als Vasall des Augustus Mauritanien beherrschte. Beseelt von Liebe zu den Wissenschaften, besonders zur Erdkunde, taucht er als eine höchst angenehme Erscheinung auf, in einer Zeit, wo die Herren der Erde ihre Größe oft genug nur durch die enormen Preise ihrer Gastmahle und durch die Grausamkeit der öffentlichen Spiele, die sie veranstalteten, bekunden zu können glaubten. König Juba sandte kundige Männer aus, um die Fortunaten wieder aufzusnchen. Vielleicht ist dies die früheste Entdeckungsweise, welche durch einen Fürsten aus rein wissenschaftlichem Interesse veranstaltet wurde! Als hauptsäch lichste wissenschaftliche Ausbeute und als Trophäe brachten die zurückkehrenden Gesandten zwei außerordentlich große Hunde mit, denen die Inseln ihren heutigen Namen Kauarien, d. i. Hunde-Jnscln verdanken. Die sonstigen Nach richten über den Erfolg der Expedition sind ziemlich dürftig. Man hatte auf deu Eilanden reiche Palmenwälder gefunden, menschliche Bewohner werden aber nicht erwähnt. Im Kriegsgetümmel, das beim Sturz des römischen Weltreiches ringsum tobte und in den unruhevollen Zeiten der Neugestaltungen, die dann folgten, versank die Kunde von dem Dasein jbner entlegenen Gegenden fast in Ver-Araber. Christenthum in Abeffynien. 5 gessenheit, die Inseln der Seligen lebten mehr in den Märchen der Dichter als in dem Munde der Schiffer, bis sich nach errungener politischer Ruhe im Innern Europa's der Drang nach Abenteuern wieder nach außen wandte. In der Geschichte Afrika's war durch den Einfall der Araber ein neuer Abschnitt begonnen. Das von der neuen Lehre begeisterte Heer über- schwenimte ganz Nordafrika. Die siegs- und bentetrunknen Schaaren der fanatischen Muhamedaner vernichteten die letzten Spuren der altklassischen Bildung und die Reichthümer Aegyptens; die kostbare Bibliothek von Alexandrien ging in Flammen auf; den nahenden Christen erwartete unfreundlicher Em pfang. Aber trotz dieser Uebel, welche der Islam mit sich führte, brachte er doch auch gleichzeitig ein neues Element der Bewegung in die starren For men des einförmigen, abgeschlossenen Binnenlandes, dessen letzte Folgen jetzt noch kaum abzusehen sind. Dadurch, daß Mnhamed es als ein Verdienst bezeichnte, nach dem heiligen Mekka zu wallfahrten, ward ein Strom eröffnet, der periodisch, wie Ebbe und Flut des Oceans, durch jene Lande zieht. Tau sende von frommen Pilgern kamen aus den fernsten Gegenden nun in Be rührung, schöpften in den neuen Ländern neue Anschauungen, und brachten eine Welt neuer Ideen in das einförmige, bisher abgeschlossene Leben der Heimat 'zurück. Der europäische Reisende erstaunt heutigen Tages freudig, wenn er tief im Herzen Bornu's oder Adamaua's einen jener Mekkapilger findet, über die liebreiche Aufnahme, die ihm als „Sohn des Weges" zu Theil wird und über die überraschende Klarheit der Weltanschauung da, wo er nur grasse Beschränktheit und Barbarei vermuthete. Nicht zu gering ist es außer dem anzuschlagen, daß der Islam die Menschenopfer, die bei vielen jener Ur- völker gebräuchlich waren, vernichtete und die Sorge für die Reinlichkeit zum Gottcsvicnst erhob. Das Christenthum hatte sich besonders im Alpenlande der Ostküste Afrika's einer günstigen Aufnahme zu erfreuen gehabt. Zwei Glaubensboten, Frumentius und Aedesius, hatten, durch einen Sturm verschlagen, an der Küste von Tigre' Schiffbruch gelitten und sich mit Noth und Mühe ans Land gerettet. Ihr heiliger Eifer fand am Hofe zu Axum beim König Aizanas gute Aufnahme, und in kurzer Zeit war ganz Tigre zu der neuen Lehre be kehrt. Frumentius ward der erste Bischof von Axum, die Stadt Fremona ward ihm zu Ehren benannt. Aus dem tiefer gelegenen Aegypten zogen viel fromme Männer ins neubekehrte Abessynien, besonders in den Jahren 470— 480, und von ihnen wurden zahlreiche jener Felsenkirchen in den lebendigen Stein gemeißelt, die noch heutiges Tages Endpunkte begeisterter Wallfahrten sind. Zwischen den Abessyniern und den gegenüber wohnenden Arabern war es schon vor Mnhamed's Auftreten zu vielfachen Reibungen gekommen. Die Abessynier hatten den Christen mit bewaffneter Hand Beistand geleistet, und als nachmals der große Prophet sein Volk zum begeisterten Kampfe führte, fanden seine flüchtig gewordenen Widersacher bereitwillige Aufnahme und Schutz in Habesch.6 Einleitung. Jene Feindschaft währete Jahrhunderte hindurch und brach in Hellen Fehden aus, sobald sich Gelegenheit dazu bot. Friedlicherer Natur waren die Berührungen zwischen den Arabern und den südlicher wohnenden Küstenvölkern. Durch die regelmäßig wehenden, von Halbjahr zu Halbjahr umspringenden Winde (Monsune) begünstigt, entwickelte sich hier eine lebhafte Schifffahrt. Indische und arabische Fahrzeuge zogen, mit dem Nordost-Monsun mit Baumwollenstoffen, Gewürzen und anderen Gütern ihrer Heimat belastet, bis nach der Straße von Mosambik. Be sonders lebhaft war der Handelsverkehr an der Mündung des Zambesi. Goldkörner, Elfenbein und Sklaven bildeten den Hauptartikel der Ausfuhr. Sklavenhandel fand hier schon lange statt, bevor ein Europäer das Land be sucht hatte. Auch die Eisen- und Stahlwaaren der Neger waren geliebt, und die noch jetzt gebräuchlichen kleinen Muscheln (Kanries) dienten zum Theil schon in jenen frühen Zeiten als Münze. . Der arabische Schriftsteller Mahudi schildert nm's Jahr 967 umständlich die Küstenlandschaft Ostafrika's bis So- falan til Dhab als weich an Gold, Getreide, Städten und Flüssen, doch ohne Schiffe, ohne Rege» und ohne Schnee. 1403 entwirft Bakui bereits ein lebhaftes Bild vom Kaffernlande. Der König von Zingi gebot zu seiner Zeit zu Masudi und hatte ein stattliches Heer von 3000 Streitern, alle auf Ochse» reitend, wie es bei den Kaffern der Gegenwart noch gebräuchlich ist. An den Ufern des Zambesi hatten sich zahlreiche Araber und Banianen angcsiedelt, und richteten besonders auf den Goldsand ihr Augenmerk, der an den sechs Zuflüssen dieses Stromes auf dürren Feldern ausgegraben wird. Aus jener Zeit stammen wahrscheinlich die sonderbaren, noch nicht enträthselten Gebäude aus Stein, deren Ruinen sich in den Golddistrikten, weit innerhalb des Lnpata- gebirges befinden, und die wahrscheinlich von einem Fürsten angelegt wurden, der jene Gegenden eine Zeit lang in Besitz genommen hatte, ohne sie behaupten zu können. Aus mächtigen Werkstücken sind die Mauern zusammengesetzt, ohne daß eine Spur von Mörtel an ihnen zu bemerken wäre. Eine Tafel mit einer noch unerklärten Inschrift ist über der Eingangspforte. Mehrere ähn liche Gebäude stehen auf den Höhen umher, auch ein mäßig hoher Thurm — Alles Werke des Teufels, nach der Meinung der jetzigen Bewohner der Land schaft, die nur Holz zum Bau ihrer Hütten verwenden. Im Anfang deö fünfzehnten Jahrhunderts begann man in Europa die Aufmerksamkeit auf den nachbarlichen Erdtheil und besonders auf die West küste desselben zu lenken. Hauptsächlich waren es die Portugiesen, an ihrer Spitze der Jnfant Heinrich und in seinem Dienste Italiener, welche hier als kühne Entdecker vordrangen. Man zog aus den Archiven der Klöster die Schriften der Alten hervor, und schöpfte aus zahlreichen Bemerkungen in den selben die Vermuthüng, daß das Weltmeer doch nicht so ganz undurchdringlich sei, als es der Volksglaube behauptete. Die Mauren waren von der pyre- näischen Halbinsel vertrieben worden, und die Portugiesen setzten durch die Schlacht bei Ceuta 1415 den Kampf gegen ihre religiösen und politischen7 Entdeckungsfahrten der Portugiesen. .Feinde auf afrikanischem Gebiete mit Erfolg fort. Kühne Abenteurer schifften die afrikanische Küste entlang, um Mauren zu fangen und gegen hohes Löse geld wieder loszugeben, oder, wenn dieses Geschäft sparsam ausfiel, in den stillen Buchten Robben zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man 1420 die kanarischen Inseln von Neuem, und der Flottenführer Gilianez gewann den Muth, das Vorgebirge Non (Lup Non plus ultra), welches als die äußerste Weltgrenze galt, 1433 zu umsegeln. Ohne genügende Hülfsmittel in der Schifffahrt wagte man sich nur sehr behutsam vorwärts, gelangte zum Kap Bojador, und erhielt nach dessen Umschiffung eine Ahnung von der gewaltigen Ausdehnung des Erdtheils und des ihn umspülenden Oceans. In wenigen Jahren rückte man bis zum Wendekreis des Krebses vor. Die Erfindung des Kompasses und seine Benutzung bei der Schifffahrt gab neuen Muth, und au die bisherigen Zwecke, den Manrcnfang und den Robbenschlag, schloß sich jetzt ein neuer, der zwar sonderbar genug klingt, der aber doch die Portu giesen zu den äußersten Anstrengungen anspornte. Schon seit längerer Zeit hatte in den Erzählungen der phantasiereichen Pilger, welche aus dem Morgenlande zurückkehrten, das Reich des Priesters Johannes eine geheimnißvolle Rolle gespielt. Es galt als der Inbegriff aller Herrlichkeiten und Meichthümer, als der paradiesische Sitz irdischer Glück seligkeit unter dem milden Scepter eines ehrwürdigen Priestcrfürsten. 1445 sandte der abessynische Kaiser Zara Jakob einen Gesandten nach Florenz an den Senat, und schrieb gleichzeitig merkwürdige Briefe an seine Priester in Jerusalem, welche glänzende Schilderungen von den im Westen und Süden Afrika's liegenden Reichen und ihren Handelsschätzen enthielten. Diese Nach richten steigerten den Glauben an jenes gesegnete Märchenreich zur Gewißheit, und bezeichnetcn Südwest-Afrika, Aethiopien, als die Stelle, an der es zu finden sei. König Hcinrich's IV. Schiffer entdeckten in der Mitte des fünf zehnten Jahrhunderts das Kap Verd und die Mündung des Senegal. Der Papst Eugen IV. stellte den Portugiesen eine Urkunde aus, durch die er sie zu Herren aller Länder machte, welche sie bis Ostindien entdecken würden. Die Augen des übrigen Europa begannen sich auch auf Afrika zu lenken; die rrlten Ptolomäischen Karten, bisher die einzigen Quellen für die geographische Kenntniß dieses Erdtheils, waren bereits unbrauchbar geworden. So lange die Entdeckungsfahrten der Portugiesen noch au der Küste der Sahara entlang gingen, bot sich ihnen Nichts, was den Wunsch nach einer Niederlassung hätte aufkommen lassen. Sic sahen Nichts als eine unendliche Fläche, bedeckt mit losem, todtem Sande. Sowie sie aber südlich vom Kap Blanco kamen, ward die Küste wirthlicher, und sofort siedelten sie sich auf der Insel Arguin 1452 an, um hier Schutz gegen widriges Wetter und feiudliche Ueberfälle zu finden und einen sichern Ausgangspunkt für ihre künftigen Unter nehmungen zu haben. Bis dahin hatten die Portugiesen noch ununterbrochen ihre Fehden gegen die muhamedanischcn Araber fortgesetzt. Für eine Anzahl dieser braunen Gefangenen, welche sie 1440 nach Lissabon geschleppt hatten,8 Einleitung. waren ihnen von den Anverwandten derselben 1442 außer einem hohen Löse geld in Goldstaüb eine entsprechende Anzahl schwarze Sklaven gegeben worden. Dies gab die erste Veranlassung zu dem Sklavenhandel, der wie eine furchtbare Epidemie um sich griff. Von Arguin aus begann man Handels verbindungen mit den südlicher wohnenden Negerstämmen anzuknüpfen, welche den Portugiesen bald aus dem Innern des Continents Sklaven und Gold staub in ansehnlichen Mengen zuführten. Um diese Zeit beanspruchte der Negerkönig Bemoy, der von den Seinen vertrieben worden war, die Hülfe der Portugiesen, um durch ihren Beistand wieder in den Besitz seines Thrones zu gelangen. Man nahm ihn mit nach Lissabon, taufte ihn daselbst, erhob ihn zum portugiesischen Granden und gab ihm ein Wappen schild. Er erzählte von Völkern, die weiter im Süden wohnen sollten, und die nicht Heiden, nicht Muhamedaner und nicht unähnlich den Europäern seien. Durch diese Mittheilungen glaubte man sichere Nachweise des gesuchten Reiches des Johannes zu haben, ließ Bemoy den Vasalleneid leisten, und begleitete ihn mit 20 Caravclen, vielen Landungstruppen, Werkzeugen u. s. w., um am Senegal zunächst eine sichere Niederlassung zu gründen, Festungen anznlegen und dann mit Bemoy's Beistand nach dem geheimnißvollen Priesterstaate vorzudringen. Unterwegs veruneinigte sich aber der Flottenanführer Pero Vaz mit Bemoy, und ließ Letzter» auf seinem Schisse ermorden. Eine ausbrechende Pest vernichtete kurze Zeit darauf das Heer, und von der angelegten Festung blieben nur die Mauern übrig. Noch eine geraume Zeit hindurch setzten die Portugiesen von Arguin, vom Senegal und von einer dritten Ansiedelung an der Goldküste, del Mina, ihre Erkundigungen nach dem Priester Johann fort, schickten zahlreiche Gesandtschaften ins Innere, und fanden überall gastfreund liche Aufnahme. Da sie das vielgesuchte Reich nirgends finden konnten, wen deten sie um so größere Aufmerksamkeit dem Gold und dem Sklavenhandel zu. Schon 1444 hatte man 200 Sklaven ausgeführt. Heinrich der See fahrer, dieser wissenschaftlich hochgebildete Mann, hatte vor seinem Tode noch die Freude, daß seine Fahrzeuge den Golf von Guinea durchkreuzten. Unter König Johann II. erreichte Bartholomäus Diaz das Kap, und 1498 ward das gefürchtete Vorgebirge durch Vasco de Gama das erste Mal umschifft;, am 19. Mai desselben Jahres legten seine Schiffe in Calicut an, und hatten die große Aufgabe gelöst, den Wasserweg nach Ostindien aufzufinden. Gleichzeitig waren die Portugiesen auch mit der Ostküste Afrika's in Verbindung getreten. Ein kühner Abenteurer, Peter Covilham, drang 1490 bis nach Abessynien vor, und fand an dem Hofe des Kaisers oder Negush, der damals in Schoa residirte, gastliche Aufnahme. Durch ihn wurde die Mutter des Regenten, Iteghe, bewogen, den Armenier Matthäus als Ge sandten nach Portugal reisen zu lassen, um unmittelbare Handelsverbindungen mit diesem Lande anzuknüpfen. Dieser erregte in Lissabon großes Aufsehen und eine Gegengesandtschaft erfolgte, welche 1520 glücklich Massowah erreichte. Nach sechsjährigem Aufenthalt kehrte Alvarez, der Kaplan der Gesandtschaft,9 Niederlassungen am Zambess. Gallashorden. nach Portugal zurück, und überbrachte seinem König Johann die Briefe des Kaisers David. Als kurz darauf der Fanatiker Gragne den Kaiser von Abessy- nien mit seinen Kriegsschaaren bedrängte, zogen 400 Portugiesen unter An führung des Gama den Abessynicrn zu Hülfe, und retteten jenes Reich vor seinem Untergange. Am Kap der guten Hoffnung ließen sich 1500 die ersten Ansiedler nieder, und in demselben Jahre fanden der Admiral Pedro Alvarez und Abrilus Fidalcus bei Sofala zwei maurische Schiffe, welche Goldstaub geladen hatten. Hierdurch wurden sie auf die Gegenden von Südost-Afrika aufmerksam ge macht, welche die Geldquelle für die ehemals sprichwörtlichen Reichthümer der Araber waren. Ein Schiffbruch, den ein portugiesisches Fahrzeug an dieser Küste erlitt, gab Veranlassung, daß die ans Land geretteten Schiffer die Gegend um den Zambesi näher kennen lernten und hier eine Niederlassung gründeten. Durch Berrath gelangten die Portugiesen 1506 in den Besitz der Feste Sofala und eroberten 1508 Mosambique. Leider zerstörten die neuen Besitzer durch Gewaltthätigkeiteu das freundschaftliche Verhältnis', das zwischen der Küste und den Völkern im Innern bestanden hatte. Sic wollten sich nicht mit dem Goldhandel befassen, wie er von den Mauren getrieben worden war, sondern sich in Besitz der Golddistrikte selbst setzen, in denen sie das edle Metall massenhaft vermutheten. 1540 unternahm Franz Bareto unter der Regierung Sebastian I. einen Raubzug den Zambesi stromaufwärts, traf in den Gebirgen zwei kriegerische Stämme, bei welchen noch das Schlachten und Verzehren der Gefangenen gebräuchlich war, und gelangte endlich zu dem Gold distrikt. Keineswegs war aber hier der Goldstaub mühelos in Empfang zu nehmen, sondern mußte mit Anstrengung gegraben und aus Erde und hartem Geröll ausgesondert werden, — Arbeiten, zu denen die Eroberer keine große Lust verspürten. Sie ließen eine Besatzung in einem errichteten Fort zurück, die freilich bald darauf durch einen Ueberfall der Neger vernichtet wurde, dann schlossen sie einen Vertrag mit dem Oberhaupt von Monomotapa, und schickten jährlich an diesen Fürsten eine Gesandtschaft, welche die ausbedungenen 200 Stück feines Tuch unter großen Ceremonien zu dessen Füßen legen mußte. Gewaltsame Ereignisse bezeichnen in der Geschichte Afrika's die Mitte des 16. Jahrhunderts. Vielleicht durch Uebervölkerung, vielleicht durch politische Mißverhältnisse veranlaßt, entströmen den Hochländern des innern Afrika, welche uns bis jetzt noch unbekannt geblieben sind, zahllose Schaaren kriege rischer Negervölker. Die Bergneger (Gallas), fahren in Booten den weißen Nil herab, andere Horden fallen vernichtend in Abefsynien ein und werden hier allmählich, ähnlich wie die Indianer des neuen Contincnts, zu einem gewandten Reitervolk. In ihrer äußern Erscheinung, mehr aber noch in ihren Sitten erinnern diese Gallas an die Tatarenhorden, welche Europa über schwemmten. Die Haare in zahlreiche Zöpfe geflochten, dick mit Fett und Butter eingesalbt, der Körper fast nackt, die Faust mit vergiftetem Wurfspieß bewaffnet, zogen sie unter Anführung fanatischer Priester einher, welche unter10 Einleitung. dem heiligen Wanzabaume günstigen Erfolg des Raubzuges aus den Ein- geweiden des Opferthieres gelesen hatten. Die glückverheißenden Gedärme trugen jene Zauberer dabei um den Nacken geschlungen, abgeschnittene Körper- theile der überwundenen Feinde hingen sie als Siegeszeichen in ihren Zelten auf, und machten dadurch einen ungleich widerwartigern, scheußlichem Eindruck, als die Rothhäute Amerika's und deren Medizinmänner. Auch ihre von stin kenden Salben träufelnden Frauen, mit kurzem Lederwams und einer größt möglichen Menge von Glasperlen geschmückt, bildeten sich zu fertigen Reite- rinnen heran. Wären diese wilden Horden unter einem gemeinschaftlichen Führer ver einigt geblieben, wie dies Anfangs bei ihnen der Fall war, hätte ihr Ver tilgungseifer gegen die christlichen Nachbarn sich nicht abgekühlt in demselben Grade, als sie in Eroberung fruchtbarer Länder glücklich waren, leicht hätte durch sie die ganze Geschichte des nördlichen Afrika eine andere Gestaltung er halten können. So aber geriethen sie unter einander selbst in Unfrieden über den Besitz der erworbenen Gebiete und machten es ihren Feinden leichter, ihnen erfolgreich zu widerstehen. Dieser Uneinigkeit ist es zuzuschreiben, daß die meisten ihrer Stämme sich heutzutage im Zustande der Schwäche und Auf lösung befinden.Sllaveutransport in Afrika. Slüicftit des Sklavenhandels. Der Sklavenhandel. Die holländisch-ostindische Compagnie. Die Engländer am Gambia. Georg Thompson. Richard Jobson. Die französisch-westindische Compagnie. Ambrosius Brue. James Bruce. Seit Ferdinand der Katholische 1511 den Sklavenhandel bestätigt und die Einfuhr der schwarzen Arbeiter in Hispaniola (Hayti) erlaubt hatte, ent wickelte sich dieser Zweig der Speculation in kurzer Zeit zu einer riesigen Aus dehnung. Engländer und Franzosen beeilten sich, noch eines guten Theiles der Beute habhast zu werden, welche die Portugiesen bis dahin ausschließlich in Besitz hatten. Auch sie legten, besonders unter Elisabeth und unter Louis XIV., Faktoreien an der Westküste Asrika's an und gründeten Compagnien. Es wurden zwar schon früher, ehe Europäer mit den Küstenvölkern Asrika's in Verbindung traten, in diesem Lande die Kriegsgefangenen und die Verbrecher als Sklaven verkauft, aber durch die außerordentlich vermehrte Nach frage nach dieser Waare und besonders noch durch die entsittlichenden Mittel, welche man anwendete, wurde dem Sklavenhandel und dadurch den gesammten Völker verhältnissen eine veränderte Gestalt gegeben. Vermittelst Einführung starker12 Einleitung. Branntweine schuf man dem schon reizbaren Neger neue Leidenschaften und neue Bedürfnisse. Bei den Völkern im Innern ist Europäer, Christ und Branntweinsäufer gleichbedeutend geworden, und es ist daher nicht zu verwun dern, wenn besonders der mnhamedanische Theil der Bevölkerung, dem die Enthaltung von Spirituosen durch seine Religion zur Pflicht gemacht wird, mit Verachtung und Mißtrauen auf den nahenden Europäer blickt. Da die bisher gelieferte Menge Sklaven nicht ausreichte, unternahm man Kriegs^ und Raubzüge, und stellte förmliche Jagden an, nur zu dem Zwecke, um Sklaven zu erhalten. Der einzelne Reisende wurde räuberisch überfallen und verkauft. Noch heut zu Tage wuchert das alte Uebel fort. Der Reisende Barth war z. B. gezwungen, sich mehrfach Kriegerzügen anzuschließen, welche auf den Sklaven fang auszogen, und von Aegypten aus werden fast jährlich Kommandos nach dem Innern geschickt, welche die friedlichen Bewohner der nicht muhamedanischen Gebiete überfallen, diejenigen niedermetzeln, welche sich widersetzen und die übrigen in die Sklaverei schleppen. Der Transport wird gewöhnlich auf eine höchst rohe, und für die armen Unglücklichen höchst qualvolle Weise bewerk stelligt. Zwischen eine Gabel, von einem gespaltenen Baumast gebildet, wird der Hals geklemmt und festgeschnürt, die rechte Hand außerdem noch an den Ast befestigt und das andere Ende dieses Holzes an das Reitthier des Krie gers festgebunden. Der Sklave ist bei dieser Art des Transports nicht nur gezwungen, mit dem Tbiere gleichen Schritt zu halten, er fühlt auch jeden Tritt des letztem durch einen erschütternden Ruck in seinem Körper und ver mag keinem Dornbusch, keinem Steine auszuweichen. Schrecklich ist die Zerrüttung, welche durch den gesteigerten Sklaven handel in allen Verhältnissen der Afrikaner hervorgebracht wurde. Der trun kene Neger verhandelt das eigene Weib und Kind. Die Heiligkeit der Ehe, die Familienbande waren an allen jenen Küstengebieten längst zerstört, an denen rohe europäische Matrosen mit den Eingeborenen in Berührung kamen. Ein Volk betrachtete das andere mit Mißtrauen. So zerstörten sich die Europäer selbst die Möglichkeit, weiter in das Innere des Erdtheils zu dringen, und die jetzigen Geschlechter Europa's, welche in liebevollen Absichten ihre Reisenden nach jenem Continente senden, ernten die üblen Früchte des Miß trauens, welches die Vorfahren gesäet haben. Gleichzeitig wurde der Wunsch in Europa immer lebhafter, Ausführlicheres von dem geheimnißreichen Erd- theile zu erfahren. Zu dem Handelsinteresse, das nach Gold und Sklaven forschte, gesellten sich der religiöse Eifer christlicher Missionäre und das rein wissenschaftliche Interesse. Von allen Seiten wurden Versuche zum Vordringen gemacht, die wir natürlich nicht alle in ihren Einzelheiten aufführen können, sondern blos in ihren hervorragendsten Erscheinungen hier andeuten wollen. Die Versuche des Jesuiten Lobe 1624, unter dem Aequator au dem Fluffe Jubo an der Ostseite Afrika's stromaufwärts ins Innere zu dringen, mißlangen durch die feindliche Haltung der Gallastämme, welche gerade um jene Zeit ihre Einfälle in Abessynien begonnen. Dagegen ward am Kap ein13 Sklavenhandel. Engländer. Franzosen. sicherer Punkt dadurch gewonnen, daß die ostindisch-holländische Com pagnie hier 1652 ein Festungswerk anlegen ließ, um die Schisse zu schützen, welche bereits seit 1601 auf ihrem Wege nach Ostindien hier anlegten und Erfrischungen einnahmen. An der Westseite waren die Engländer und Franzosen eifrig ans Werk gegangen, um durch Thätigkeit und Anstrengung das zu ersetzen, was sie den Portugiesen gegenüber durch bisherige Sämnniß zurückgeblieben waren. Die Engländer gingen besonders am Gambia, die Franzosen am Senegal stromaufwärts. Schon 1591 hatten Richard Rainold und Thomas Dassel versucht landein zu dringen, um unmittelbare Handelsverbindungen mit den entlegeneren Völkern anzuknüpfen, waren aber durch die Eifersucht der Portugiesen daran gehindert worden. Als im Anfang des 17. Jahrhunderts der Kapitän Georg Thompson einen ähnlichen Zug unternahm, hatte das Unternehmen einen noch traurigem Ausgang. Er ließ sein Schiff mit einer schwachen Bemannung im untern Lauf des Gambia zurück, und fuhr mit seinen Waaren in Booten stromaufwärts, lieber die Ströme und deren Verlauf in Afrika herrschten damals noch gänzlich irrige Vorstellungen. Durch Namen- ähnlichkeiten veranlaßt war man zu dem Glauben gekommen, der Niger, Kongo, Gambia, ja selbst der Nil ständen im Innern durch größere Seen in schiff baren Verbindungen mit einander. Leo Afrikanus, der den Niger selbst be fahren, hatte sich dadurch gänzlich über die Richtung, in welcher dieser Strom fließt, täuschen lassen, daß zur Regenzeit von dem großen Landsee, durch welchen der Fluß geht, in Folge des Wasserüberflusses wirklich eine Rück strömung eintritt. Mit deren Hülfe hatte Leo die stromaufwärts von Tim- buktu gelegenen Handelsstädte erreicht und lebte der Meinung stromabwärts gefahren zu sein. Thompson hoffte deshalb bis Timbuktu Vordringen zu können, um hier dessen Goldreichthum ans erster Quelle zu schöpfen. Wäh rend er unverzagt vorwärts geht, überfallen die Portugiesen verrätherisch die zurückgelassene Mannschaft, ermorden dieselbe und vernichten das Schiss. Man sendet nach England um Hülfe, aber ehe Richard Jobson 1620 mit drei Schiffen ankommt, um die Unthat zu rächen, ist Thompson selbst -erschlagen und die Portugiesen sind entflohen. Jobson dringt stromauf wärts bis nach Jerakonda und Oranto, wo Thompson eine Faktorei an gelegt hatte. Salz bildete hier die Hauptmünze beim Handel. Im Januar 1621 schifft Jobson bis Barrakonda zu den Felskatarakten des Gambia und wagt sich noch zwölf kleine Tagereisen zu Lande weiter. Allenthalben erfreut er sich guter Aufnahme und treibt besonders in Tenda, dem äußersten Punkte, bis zu welchem er gelangt, eine eigenthümliche Art stummen Handels, indem er dem Verkäufer Salz gegen Gold hinlegt. 1723 wurden durch StibbS, 1732 durch Harrison und 1738 durch Moore Gambiafahrten veranstaltet.14 Einleitung. Ambrosius Brue. Der unternehmende Louis XIV. hatte 1664 eine Privathandelsgesellschaft in Rouen in eine neue Westindische Handelscompagnie umgeschafsen, welche ihren Bedarf an Sklaven hauptsächlich vom Senegal bezog. Unter den Direktoren dieser Compagnie zeichnete sich besonders Ambrosius Brue ans, welcher durch mehrere Reisen im Stromgebiet des Senegal den französischen Handel in Flor zu bringen suchte und die geographische Kennt nis; jener Gegenden bereicherte. Seine erste Reise unternahm er 1697 mit drei Schiffen und mehreren kleinen Booten vom Fort Louis, der französi schen Hauptfaktorei, ans. Bei seiner Fahrt auf dem Senegal stromauf, un mittelbar nach der Regenzeit, Ende Juli, traf er die reizenden Ufer des Flusses voll zahlreicher, glücklich lebender Menschen, die Auen voll Felder und Plan tagen, die herrlich grünen Wälder voll lärmender, bunter Papageien und Affen. Große Elephantenherden durchzogen sumpfige Schilfdickichte, und Fluß pferde tauchten schnaubend ans dem Strome ans. So gelangte Brue bis zur Insel Bilbas, nach Kahayde und Ghiorel. In Gumel ans dem rechten Sene- galufer begrüßte er den König der Fulah's, der ihn herzlich mit Händeschütteln aufnahm. Reiche Geschenke öffneten ihm den Weg bis zur Grenzstadt im Gebiet jenes Fürsten, Lahde. Die Franzosen machten glänzende Handels geschäfte und gründeten in Ghiorel eine Faktorei. Schon im folgenden Jahre (1698). machte Brue eine zweite Reise in einer großen Schaluppe voll Waaren, um bis zum obern Senegal vor zudringen. Er kam an Tuato, Grenzstadt der Fulah's, gegen Galam vor bei bis Dramanet, welche letztere wichtige Stadt ihren Handel bis nach Timbuktu erstreckte. Die Felukatarakten setzten dem weitern Vordringen eine Schranke. Welche glücklichen Zeiten damals noch für den europäischen Handelsmann waren, crgiebt sich, wenn man erfährt, daß die Reisenden für einen Bogen Papier die fetteste Henne kaufen konnten. Außerdem machte Brue noch mehrere andere Reisen, durch welche er besonders den Handel mit sogenanntem arabischem Gummi in Schwung brachte. Der Senegal bildet da, wo er sich in den Ocean ergießt, mehrere Arme und zwischen denselben ein äußerst fruchtbares niederes Land. An diesen Stellen, von den Franzosen „Escale du Desert" genannt, stößt die sonnedurchglühte Sahara unmittelbar an das üppig bewachsene Delta, und hier liefern ausgedehnte Akazienwaldungen bedeutende Mengen von jenem klaren, durchsichtigen Gnmmisaft. Durch Ber bern (Mauren), welche jährlich zweimal zu bestimmten Zeiten, einmal im März und einmal im Dezember, herbeizogen, wurden den Franzosen große Quanti täten davon zugeschafft. Unter den nachfolgenden Direktoren der französischen Besitzungen am Senegal wurde besonders Adanson bekannt, der als Natur forscher 1749—1750 das Gebiet am Unterlauf dieses Stromes bereiste, und dessen Andenken durch den nach ihm genannten Niesenbaum Adan-sonia, den Affenbrodbaum oder Baobab der Eingeborenen, verewigt ward.James Bruce. 15 James Bruce. Während durch den Handel im Westen Afrika's sich ein ziemlich reges Leben und Verkehren entwickelte, war der Osten halb in Vergessenheit gerathen, bis derselbe durch den unternehmenden Schotten Brnce dem Interesse Euro- pa's wieder nahe gerückt wurde. James Bruce war den 14. Dec. 1730 in Schottland geboren. Mit regem Eifer für Durchforschung fremder Länder dnrchglüht, benutzte er seine Stellung als Consul in Algier dazu, um sich mit den orientalischen Sprachen vertraut zu machen und ging zunächst 1767 nach Asien, um die Ruinen von Baalbek und Palmyra zu besuchen. Nach der Beendigung dieser Reise war sein Hauptstreben auf. die Kenntniß der Länder am Nil gerichtet. Die geheimnißvollen Ruinen der untergegangenen ägyptischen Städte mit ihren räthsclhaften Götterstatuen, ihren Gräberstraßen und ihrer unerklärten Bilderschrift übten ans die Ideenwelt des Europäers, der sich dem Studium des AlterthumS gewidmet hatte, einen unwiderstehlichen Reiz aus. Hand in Hand mit dem Streben, in der Kenntniß des gegenwärtigen und alten Aegyptens weiter schreiten, ging das Interesse für den Nil, die Lebensader und den alten Gott des wunderreichen Landes. Sein regelmäßiges jährliches Anschwellen und Sinken, von dem die Fruchtbarkeit Aegyptens, die Existenz aller Völker an seinen Ufern abhing, war Folge von Ursachen, welche in den Gebieten an seinem Oberlauf liegen mußten. In der Nähe der Nilquellen sollte der wunder bare „Tropfen vom Himmel" fallen, der jene Veränderungen bewirkte. Auf jene Länder wies gleicher Weise die Geschichte der Aegypter vielfach hin. Von dort her mußten wiederholt Einwanderungen und Einfälle von Völkern statt- gefnnden haben; dorthin hatten sich umgekehrt Tausende ans der Kriegerkaste geflüchtet, als sic Psammenit vertrieb. In den Ländern am obern Nil ver- muthete man die Schlüssel zur Erklärung vieler Räthsel von Aegypten zu fin- deu. „Die Quellen des Nils!" wurden zum Losungswort. Bruce ging 1768 von Kairo den Nil stromaufwärts, um jene gehcimniß- vollen Quellgebicte des großen Flusses zu erforschen; allein er vermochte nur bis Syene vorzudringen. Er fährt wieder bis Kenna zurück, und schließt sich einer Karavane an, welche nach Kosseir am rothen Meere zog. Von hier aus nimmt er seinen Weg an der Küste dieses Meeres hin, bis er im September 1769 in Masowah an der afrikanischen Küste eintrifft. Unter unsäglichen Beschwerden und Gefahren dringt er in das Innere Abcs- syniens vor. Nachdem er das dürre Wüstengebiet der Küste, das nur sparsam mit armleuchterartigen Euphorbien und dornigen Akaziengebüschen bewachsen ist, durchzogen hat, klimmt er mühsam die waldigen Gebirge des abessynischen Alpenlandes empor. Verschlungene Riesenbäume breiten ihre Wurzelgeflechte über einen Sumpfboden, den die von den Höhen herabstürzenden Gießbäche ununterbrochen wässern. Eine erstickend schwüle Atmosphäre brütet Fieberluft aus dem Schlammgrunde, in welchem zusammengestürzte Adansonien modern16 (Einleitung. und das dicht verschlungene Laubdach hundertstämmiger Feigen den austrock- nenden Strahl der Sonne zurückhält. Die Fußspuren zeigen dem von der feuchten Glut erschlafften Wanderer den Reichthum von Elephanten, Nas hörnern, Antilopen und Hyänen, die hier ungestört hausen, sie zeigen ihm die Existenz der Schangallas, eines Volkstammes, der widerwärtiger und ge fährlicher als das Raubthier hier sein fast thierisches Leben führt. Mit ver giftetem Pfeile mordet er aus sicherem Hinterhalt den ungeschützten Fremden, um mit dessen abgerissenen Gliedern seine Höhle zu schmücken und die Braut zu erkaufen. Von schrecklichem Vergeltnngsrechte getrieben, beginnen die um wohnenden Völkerstämme die allgemeine Jagd auf dieses Menschenwild, sobald die trockene Jahreszeit den Boden auf größere Strecken wegsam macht; die Einen fallen als blutige Opfer, die Anderen schleppt man gefesselt, als Sklaven, in die Ferne. Bruce entging glücklich den Gefahren dieser Region; sein Weg führte ihn immer höher durch jene Gebiete, in denen Eremiten, welche das Volk mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wähnt, in schwerzugänglichen Felsenklausen wohnen. Die Hyänen, welche dort im Steingeklüft in größter Menge hausen, drangen keck selbst bis in Bruce's Zelt und er kämpfte mitten zwischen Instrumenten und Büchern gegen die gefräßigen Bestien mit Pike und Pistolen, um — seine Talglichte aus ihren Zähnen zu retten. So dringt er bis nach der Hauptstadt Abessyniens, nach Gondar, vor, dessen christliche Bewohner ihn friedlich aufnehmen. Die Blattern brechen als verheerende Seuche während Bruce's Aufenthalt in der Stadt aus. Bruce entwickelt unermüdlich und unerschrocken eine rastlose Thätigkeit, indem er den Leidenden beispringt und ihnen durch europäisches Heilverfahren vielfach Rettung bringt. Dadurch gelangt er sowol bei Hofe als auch bei dem Volke zu hohem Ansehen. Nachdem er so drei Jahre in Abessynien verweilt hat, setzt er seinen Weg fort durch Gegenden, welche vor ihm noch kein Europäer wan delte, und dringt bis zu den Quellen des westlichen Nilarmes vor. Von hier aus bedarf er ein ganzes Jahr, um durch Nubien nach Alexandrien zurück zukehren, wo er im Mai 1773 ankommt. Nachdem er elf Jahre in fremden Ländern gewandert, sehnt er sich wieder nach der Heimat. Erst längere Zeit nachher beschreibt er seine abenteuerreichen Fahrten und — ward deshalb all gemein der Lüge und Uebertreibung beschuldigt, bis erst in späteren Zeiten seine Mittheilungen in demselben Grade bestätigt wurden, als andere Reisende er folgreicher vordrangen. Aber noch keiner seiner vielen Nachfolger hat die Nil quellen wieder erreicht, keiner ist von so glücklichen Nebenumständen begünstigt worden, welche es ermöglicht hätten, eben so weit in das Innere Ccntral- afrika's von Osten her vorzudringen wie er.Die Karawane. Die Kämpfe gegen den Sklavenhandel. Die Quäker 1783. Kolonie an der Küste Sierra Leona. Freetown. Sklavenbill 1788. Dänemark giebt seine Sklaven frei. Die „ Afrikanische Gesellschaft." Lucas. Ledyard. Honghton. Die Niger- und Kongo-Expedition. Mungo Park. Salt. Tukey am Kongo. Peddie. Campbell. Kummer. Dorchard. Die Dänen in Guinea. Isert. Bowdich. Hutchinson. Ctapperton, Oudncy, Denham. Pearec. Lander. Baing. Die Gebrüder Lander auf dem Niger. Allen. Becroft. Ladislaus Magyar. Afrika hatte bisher vorzugsweise dazu dienen müssen, dem Handelsinteresse Gold, Elfenbein und Sklaven als Maare zu liefern; mit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann man den gemißhandelten Erdtheil von ganz anderen Gesichtspunkten aus anzusehen. Von dieser Zeit an ward als heilsamer Gegen satz zu der Leidenschaftlichkeit, mit welcher der Handel mit Menschenfleisch ge trieben wurde, das Interesse der Philanthropen auf den geknechteten Menschen stamm gerichtet, und die Stimmen, welche sich für die Menschenrechte desselben erhoben, wurden lauter und lauter. Fast gleichzeitig bildete sich der weiter unten näher zu besprechende Afrikanische Verein, der sich rein wissenschaftliche Interessen als Ziel setzte, indem er Reisen ins Innere jenes Erdtheils ver anlagte oder unterstützte. Die Quäker in Amerika waren die Ersten, welche 1783 in einer Stunde religiöser Begeisterung ihre sämmtlichen Sklaven für frei erklärten. In Folge dessen entwarf Dr. H. Smeathman bereits einen Plan, von btefen frei- gelassenen Schwarzen in dem Vaterlande derselben sofort eine Kolonie an der Sierra Leona anlegen zu lassen. Jenes Vorgebirge war von den ersten Livingftone, Reisen in Afrika. , 218 Einleitung. Entdeckern deshalb mit dem Namen „Löwengebirge" belegt worden, weil die Tornados mit ihren Donnerstürmen in den Felsen wirklich Löwen gleich brüllen und toben. Im folgenden Jahre 1783 lenkte I. Ramsay die all gemeine Aufmerksamkeit durch Veröffentlichung von Schriften auf die grausame Behandlungsweise, welche sich die amerikanischen Pflanzer gegen die Sklaven erlaubten; die Universität Cambridge setzte einen Preis aus über die beste „Geschichte des Negerhandels", den T. Clarkson gewann. Durch diese und ähnliche Bestrebungen ward das allgemeine Interesse in Europa und den Kolonien auf diesen Gegenstand gelenkt, so daß es kurz darauf Wilberforee gelang, eine Debatte gegen die Tyrannei der Pflanzer und Negerhändler in den Unterhandlungen des Parlaments einzuführen. Zwischen England und seinen nordamerikanischen Kolonien brach jener Kampf aus, dessen Folge die Gründung der Vereinigten Staaten war. Durch diesen Kampf selbst wurden zahlreiche Negersklaven frei, traten in die Regimenter und fochten gegen ihre ehemaligen Herren; andere verließen mit ihren roya- listisch gesinnten Herren das Festland und siedelten sich mit denselben auf den Bahama-Inseln und Ncuschottland an. Da eine große Anzahl Neger sich nach Beendigung des Krieges nach London gewendet hatte und hier als Bettler beschwerlich ward, so bildete sich bald ein Verein, der es sich zur Aufgabe setzte, diese Freigelassenen zu unterstützen. I. Hanway und Granville Sharp standen an der Spitze dieses Comitc. Jetzt nahm 0r. Smeathman seinen schon früher entworfenen Plan wieder auf, legte ihn dem Verein vor und fand dessen Beifall. Man erließ eine Aufforderung an freiwillige Ansiedler und sandte im Mai 1787 400 Neger und 60 Weiße als Kolonisten nach Sierra Leona. Nach mehrfachem Fehlschlagen des Unternehmens durch Träg heit und Schlechtigkeit der Ansiedler, durch Krankheiten, Ueberfälle von be nachbarten Negerstämmen und französischen Kriegsschiffen half sich die Kolonie doch immer wieder empor und um die Hauptstadt Freetown entwickelte sich allmählich erfreulicher Wohlstand durch einträgliche Plantagen. Auch in Schwe den hatte sich eine „philanthropische Gesellschaft" gebildet, welche ähnliche Ab sichten wie der englische Unterstützungsverein verfolgte, in seinen Erfolgen aber durch ansbrechcnde Kriege gehindert ward. 1788 den 10. Juli ging im Londoner Parlament in Folge von Sir William Dolber's Bestrebungen eine Sklavenbill durch, welche dafür sorgte, daß die Sklaven am Bord ausreichende Pflege erhielten. Der König von Dänemark ist der Erste, welcher 1792 seinen Unterthanen Kauf und Transport von Sklaven verbietet. 1794 untersagen die Vereinigten Staaten die Wiederausfuhr der Sklaven, 1807 verbieten sie auch die Einfuhr derselben. England hatte 1806 die Ein fuhr in seinen Kolonien untersagt und 1807 für jeden Sklaven 100 Pfd. Sterling Strafe gesetzt. Hand in Hand mit jenen menschenfreundlichen Be strebungen, geeignete Plätze zur Ansiedelung der freigelassenen Sklaven zu finden, gingen die Zwecke der oben genannten „Afrikanischen Gesellschaft", die sich 1788 aus den vornehmsten und edelsten Gliedern der höheren Klassen der Be-Mungo Park. 19 webner Englands gebildet hatte. Zwar hatte sich dieselbe ohne weitere Neben zwecke nur die wissenschaftliche Erforschung Afrika's als Ziel gesetzt, allein es konnte nicht fehlen, daß bei einem so durch und durch praktischen Volke, wie es die Engländer sind, sofort auch anderweitige Beziehungen berücksichtigt wurden. So lag es sehr nahe, bei Reisen, welche die Afrikanische Gesell schaft veranlaßte, dem Sklavenhandel entgegen zu arbeiten und auderntheils sowol die Eingeborenen auf Erzeugnisse ihrer Heimat hinzuweisen, welche sich zu Handelsgegeustäuden eigneten, als auch den englischen Manufakturen neue Absatzwege zu eröffnen. Lucas war der Erste, welcher im Aufträge der Afrikanischen Gesellschaft es versuchte, durch Fezzan nach dem Sudan zu gehen. Fehden, die zwischen den Araberstämmen ausgebrochen waren, zwangen ihn sehr bald zur Umkehr, und die meisten, zum Theil sehr interessanten Auf schlüsse, welche durch ihn veröffentlicht wurden, verdankte er einem angesehenen Scherif, Imhammed, der selbst weite Reisen nach den Negerläudern gemacht hatte und der ihn begleitete. Ledyard reiste gleichzeitig mit Lucas von Senaar nach Westen, und wollte mit Letzterem im Innern des Landes zusammentreffen, starb aber in Folge des ungewohnten Klima's. Der Major Houghton sollte versuchen, vom Gambia aus den Niger zu erreichen. Im Königreich Bambuk ward er von räuberischen Horden, die sein Waarenreichthum angelockt hatte, überfallen, vollständig ausgeplündert, und kam in Folge dessen um, da er aller Existenzmittel beraubt war. Mungo Park, Der erste größere Schritt in der Kenntniß des östlichen continentalen Afrika ward, ähnlich wie wenige Jahre früher auf der Ostseite, durch einen Schotten gethan, durch den muthigen und unternehmenden Mungo Park. Dieser höchst interessante Mann ward am 10. Scpt. 1771 zu Fowls- hiels bei Selkirk in Schottland geboren, studirte in Edinburg und ging dann als Wundarzt in Diensten der Ostindischen Compagnie nach Indien. Zu derselben Zeit, als er ans jenem Lande zurückkehrte, trafen in London die Nachrichten, von dem Tode und dem verunglückten Unternehmen des vorhiu- genannten Major Houghton ein. Mungo Park erbot sich die Durchführung jenes Planes zu versuchen, und fand die Gesellschaft bereit ihn zu unterstützen. Am 22. Mai 1795 ging er nach der englischen Faktorei Pisaina am Gambia ab, und bereitete sich auf letzterer einige Monate lang besonders durch Erler nung der Mandiugosprache zu seiner Weiterreise vor. Als er danach, eben falls mit reichen Waarenvorräthen versehen, die Reise am Gambia stromauf autritt, gerath er unweit jener Stelle, wo sein Vorgänger Major Houghton den Tod fand, in die Gefangenschaft des maurischen Königs Ali. Vollständig ausgeplündert, i)t Mungo Park hier fortwährend der rohesten Behandlungs weise und Lebensgefahren in dem Grade ausgesetzt, daß er voll Verzweiflung20 Einleitung. den Entschluß faßt, landeinwärts zn fliehen. Mit den größten Mühseligkeiten, Entbehrungen und Anstrengungen kämpfend dringt er durch Waldungen und Gebirge weiter. Der sumpfige Saum der weiten Waldgebiete wimmelt von Elephanten, zahlreiche Nebenflüsse des Gambia brausen schäumend über schwarze Felsenklippen, vielleicht Basalte, und durch enggerissene, romantische Thäler. Wie anderwärts in solchen Gegenden, in welchen die feuchte Luft keinen Abzug hat, waren die Bewohner jener Gebiete durch Kröpfe verunstaltet. In den öden Bergthälern, welche durch Gebirgsbäche vielfach durchschnitten waren, entdeckte der irrende Europäer jene Golddistrikte, aus denen jährlich ansehnliche Massen Goldstanb sowol in den innern als in den auswärtigen Handel kamen und das Material zu den berühmten Filigranarbeiten Timbuktu's lieferten. Die Hügel, in welchen die Goldgruben angelegt waren, fand Park bestehend aus farbigen Thonschichten, die, je tiefer, desto goldhaltiger wurden. Die Goldminen waren Löcher bis 25 Fuß Tiefe und von 10—12 Fuß Umfang. Gegen 1500 solcher Schachte sollten in jenen Distrikten vorhanden sein. Be sonders Weiber waren zahlreich beschäftigt, um in Korben von Palmblättern die goldhaltige Erde zu Tage zu fördern und in Kalabassen zu schlemmen. In der Provinz Konkadu sah Park auch Gold in Quarzmassen cingeschlvsscn, die mit Hämmern zerschlagen wurden und unter dem Namen Goldstcin be kannt waren. So dringt Park fast drei Wochen lang halb krank und mit den größten Entbehrungen kämpfend nach Osten vorwärts. Endlich am 20. Juli (1796), als er, ein armer ausgeplünderter Mann, sein Pferd in trüber Stimmung vor sich hintreibt, wird er durch den Ausruf der mitleidigen Neger, die ihn begleiten, aus seiner Schwermuth aufgeweckt: „Siehe das Wasser!" und der lange vergeblich gesuchte, majestätische Nigerström glänzt ihm wie ein Silber spiegel in der Morgensonne entgegen. Park trinkt von seinem Wasser, er naht sich der Hauptstadt Sego, der Residenz des Königs von Bambarra. Hohe Erdmauern umgeben sie, die Häuser, ein bis zwei Stockwerke hoch, bilden breite Straßen, und vielleicht 30,000 Einwohner entwickeln eine rege Geschäftigkeit. Hohe Moscheen überragen das Häusermeer. Ein außerordentliches Gedränge von Menschen herrschte an der Ueberfahrtsstelle. Lange, ausgehöhlte Kähne, zu zwei und zwei zusammengebunden, dienten als Fähren. Zwei volle Stunden lang saß der Fremdling wartend am Ufer und sah dem sonderbaren Schauspiele zn, das noch keines Europäers Auge vor ihm erblickte. Reizende Dörfer zeigten sich in der Ferne, mitten im Riesenstrome schimmerten lachend grüne Inseln, auf denen friedliche Hirten ihre Herden weideten, sicher vor den röth- lichen Löwen, durch welche die Buschufer des Flusses so gefährlich sind. Rei cher Fischfang beschäftigte Andere, wieder Andere der Landbau, der Handel oder die Ausübung der mancherlei Gewerbe. Park dringt stromabwärts am Niger bis in die Nähe von Sillah. Angesichts dieser großen Stadt muß er sich, von Krankheit gebeugt und durch feindseliges Benehmen der Einwohner- gezwungen, zur Umkehr entschließen. Die Regenzeit tritt ein, der Strom be ginnt seine Ufer zu überschwemmen, allenthalben bilden sich Sümpfe, und nurMungo Park. 21 wie durch ein Wunder entkommt Park den Gefahren, welche ihm die Raub- thiere, die immer höher wachsenden Gewässer und die Witterung drohen. Im September kommt er im Königreich Mandingo zu Kanula an; dort bleibt er sieben Monate lang krank liegen. Die Menschlichkeit der dortigen Mandingo's rettete den armen Verlassenen. Park nennt diesen Stamm wegen seiner Sanft-' muth und Intelligenz die Hindu's von Afrika. Mehr gelblich in der Haut farbe als die übrigen Neger haben die Mandingo's gewöhnlich eine schlanke, schöne Gestalt, tragen Bärte und kleiden sich in Baumwollenstoffe. Die meisten von ihnen sind dem Islam zugethan, der bei ihnen besonders deshalb leichten Eingang fand, da er ihnen die Vielweiberei gestattete. Eine Kolonie dieser muhamedanischen Mandingo's, welche sich am obern Laufe deS Rio Grande niedergelassen, war bei den übrigen Volksstämmen in den Ruf besonderer Heiligkeit gekommen. Man achtete sic in demselben Grade, wie in Nordafrika die Marabuts. — Ein Sklavenhändler, mit dem Mungo Park nach seiner Genesung einen Contract abschloß, brachte ihn am 10. Juni 1797 wieder »all) der englischen Faktorei am Gambia. Die Gastfreundschaft der Mandingo's lohnte er — mit dem Vaterunser, das er als Zaubermittel auf ein Blätt chen Papier schrieb. Zehn Jahre lebte er in England glücklich im Schooße seiner Familie, bis ihn die alte Reiselust trieb, seinen frühern Plan, den weitern Verlauf des Niger zu erkunden, nochmals aufzunehmen. Da man immer noch an dem Glauben festhielt, daß der Kongo der Unterlauf des Niger sei, so beabsichtigte Park, ans dem Niger entlang zu schiffen und durch die Mündung des Kongo wieder in den Ocean zu gelangen. Die Expedition ward durch die Afrikanische Gesellschaft ziemlich bedeutend ausgerüstet. Mungo Park ward diesmal be gleitet von seinem nahen Verwandten Anderson, dem Maler Scott, 4 Schiffszimmerleuteu, 2 Matrosen und 35 Freiwilligen von der Garnison in Goren. Kein einziger Neger der Kolonie war dahin zu bringen gewesen mitzugehen. Der König von England hatte Park zum Kapitän von Afrika ernannt und 5000 Pfd. Sterling zu der Reise bewilligt. Am Kap Verd kauft Park 41 Esel und schifft den Gambia stromaufwärts bis Kasten, von wo er auch seine erste Reise begann. In letzterem Orte gelingt es ihm, einen sehr tüchtigen und treuen Mandingopriester, Jsaako, zu gewinnen, der bereit ist, ihn als Führer und Dolmetscher zu begleiten. Unglücklicher Weise ist durch eine zahlreiche Menge kleiner Unfälle die Weiterreise verzögert worden, bis die Regenzeit vor der Thür ist. Selbst eingeborene Neger pflegen dann nicht zu reisen, aus Furcht vor den uachtheiligcn Wirkungen deS Klima's. Park reist dennoch ab, und eS beginnt nun ein entsetzlicher Kampf mit allen mög lichen Widerwärtigkeiten, der mit dem Untergange der ganzen Karawane endigt. Die Regenschauer werden von Tage zu Tage stärker, mehr und mehr von wüthenden Donnerstürmen und Gewittern (Tornados) begleitet. Auf mehr malige^ Durchnässung beginnen sich bei Einzelnen Fieberanfälle einzustellen. Die Wiederholung derselben steigert den Zustand der Kranken bis zur Raserei,22 Einleitung, auf welche der Tod folgt. Mehrere Lastthiere sterben in Folge der Anstren gungen. Die Flüsse schwellen durch die anhaltenden Regen, und in gleichem Grade wird es gefährlich, sie zu passiven; Negerstämme, deren Gebiet man durchwandern muß, machen Schwierigkeiten, und einmal macht sogar ein ge reizter Bienenschwarm beinahe der ganzen Expedition ein Ende, indem er sieben Packesel tödtet, viele Menschen schmerzhaft verwundet und die ganze Karawane zersprengt. Zwar führt der" weitere Verlauf des Weges durch Granitgebirge von wunderbarer, romantischer Schönheit; wilde Felsenzacken wechseln mit sanften, lachend grünen Thälern, aber Niemand von der Karawane ist in der Verfassung, landschaftliche Reize zu genießen. Spätere Reisende, welche unter günstigeren Verhältnissen die Gebirge Senegambiens besuchten, haben uns durch Wort und Bild lebhafte Schilde rungen von den landschaftlichen Reizen entworfen, welche sich hier entfalten. Besonders bringen die Gebirgsbäche, welche durch die schroffen Abstürze der Felsen zu Katarakten gezwungen werden, in Gemeinschaft mit der üppigen Pflanzenwelt, frisches Leben in die großartige Scenerie. Die beigefügte Ab bildung, welche einen jener Wasserfälle, denjenigen von Kambagaga darstellt, ward von H. Hecquard, einem ehemaligen Offizier der Spahis, entworfen, der in den Jahren 1850 und 1851 diese Gebiete besuchte*). Das Durchsetzen der reißenden, angeschwollenen Strome war für Mungo Park's Reisezug mit den unerhörtesten Anstrengungen verbunden. Bei einer solchen Passage ward Jsaako, der Führer, von einem Krokodil gefaßt, und konnte sich, obschon schwer verwundet, nur durch seine furchtlose Unerschrocken heit vom sichern Tode dadurch erretten, daß er dem Thiere mit den Daumen die Augen eiustieß. Die Neger, durch deren Gebiet der Zug ging, bezeich- neten die Karawane als „ Dummulafang" d. i., ;, ein zum Auffressen Aus gesandtes". Mungo Park muß der Treiber seines Pferdes sein, das mit Reis beladen, matt und kraftlos vor ihm herschleicht. Die Hyänen und Löwen werden in ihren nächtlichen Anfällen immer dreister, so daß am 30. Juli alle Lastthiere aufgefresscn oder durch Ermattung gefallen sind. Am Strome des Ba Wulli muß Park, obwol selbst erniattet und siech, seinen kranken Vetter Anderson auf dem Rücken durch die Fluthen tragen und noch 10 mal hin und her waten, um alle Geräthschaften des Zuges hinüberschaffen zu Hel sen. Bei jeder Station bleiben Kranke oder Todte zurück, und nur der An blick des letzten Gebirgszuges und der Gedanke, daß der jenseitige südliche Fuß desselben vom Niger bespült wird, erfüllt Park mit Hoffnung und Kraft zur Ausdauer. Mit Mühe steigen am 19. Ang. die letzten Reste der Ex pedition bei Bammaku die steilen Höhen hinab. Von 34 Soldaten und 6 Zimmerleuten kamen 6 Soldaten und 1 Zimmermann am Ufer des Niger an. Scott war gestorben, Anderson war todtkrank. Park sendet seinen Führer *) Eine ausführlichere Schilderung dieses prächtigen Naturphänomens findet sich in den „Buschjägern", S. 6. (Verlag von Otto Spanier in Leipzig, 1858.)24 Einleitung. mit den Tagebüchern zurück nach der Gambiamündung, und schifft sich den 16. Nov. 1805 mit dem letzten noch übrig gebliebenen Soldaten in einem selbstgezimmerten Boote, das er Sr. Majestät Schooner Ioliba nannte, auf dem Niger (dort Ioliba genannt) ein. Die Erzählungen von seinem Tode weichen von einander ab. Bei einem feindseligen Ueberfall durch Neger soll er versucht haben, sich durch Schwimmen zu retten und dabei ertrunken sein. An der Ostseite hatte Henry Salt (geboren 1771 zu Lichfield) im Jahre 1802 den Lord Valentin auf dessen Reisen in Aegypten, Abessynien und Ostindien als Beobachter und Zeichner begleitet, und 1809 besuchte er mit einem reichbeladenen Schiffe die abcssynische Küste abermals, besonders um Handelsverbindungen zwischen letzterem Lande und England herzustellen. Wenn er letztern Zweck auch nur zum kleinsten Theile erreichte, so verdankte man ihm doch viele Nachrichten über die Inseln und Küstenstriche des rothen Meeres und die Bestätigung vieler schon vor Bruce gemachten und bezweifelten An gaben. Seit 1817 zum ägyptischen Consul erwählt, stellte er im untern Nil gebiet eifrigst Nachgrabungen nach Alterthümcrn an. Im Jahre 1816 rüstete die Afrikanische Gesellschaft zwei Expeditionen gleichzeitig ans. Die eine unter Kapitän Tuckey, begleitet von dem Natur forscher Smith, beabsichtigte den Kongo stromaufwärts zu gehen und wo möglich mit der zweiten znsammenzutreffen, welche Mungo Park's Weg cin- schlagen und weiter verfolgen wollte. Beide schlugen leider fehl. Am Aus fluß des Kongo fand Tuckey das Uferland weithin durch die Schlammabsätze des Flusses gebildet und mit unendlichen Mangrovedickichten (Rhizophora) bewaldet. Zwischen ihnen wucherten besonders Chrysobalanen und bildeten undurchdringliche Waldmassen, über welche sich der üppigste Hochwald von Palmen, Cäsalpinien und anderen tropischen Bäumen in den reizendsten For men erhob. Der Botaniker vermochte nicht, durch das verworrene Unter- holz in das Innere der Waldung einzudringen und mußte, um Pflanzen zu sammeln, in den Kanälen entlang waten, welche sehr zahlreich wie ein Ader netz daö Sumpfland durchzogen. Unzählige kleine Inseln wurden auf diese Weise durch den Strom gebildet, und nicht selten geschah es, daß mehrere dieser Waldinseln bei hohem Wasserstand vom Strome loSgerissen und fortgeführt wurden. Die Mangrovebäume sind durch ihr eigenthümliches Wachsthum sowol mit Wurzeln als mit Zweigen eng verschlungen, so daß sie, mitten im Strome hintreibend, bedeckt mit zahllosen Wasser- und Sumpfvögeln^ dem staunenden Schiffer begegnen, lieber ruhigere Lachen breiteten Seerosen (Nymphaeaceen) und Zottenblumen (Menyanthes) ihre Blätter und prachtvoll gefärbten Blüten wie gestickte Teppiche ans, förmliche Wälder deö berühmten Papyrus wogten wie Saaten an den Ufern, und die merkwürdige Dumpalme (Hyphaena) mit zertheilter Krone wechselte mit den massigen Gestalten des riesigen Baobab. Zwar ward die Stille dieser üppigen Waldungen selten durch die Stimme eines Singvogels, desto mehr aber durch das gellende Kreischen zahlreicher25 Tuckey und Smith am Kongo. Papagaienschwärme unterbrochen, welche besonders am Morgen ihre Schlaf stellen in den Wipfeln der Bäume verließen, um plündernd in die Mais plantagen der anwohnenden Neger einzufallen. Die Sumpfdickichte wurden bewohnt von Elephantenherden und Flußpferden, welche Niemand störte, als die Ueberfälle der größeren Katzenarten, denn der Mensch schlug hier nur zeit- Mangrovebäume. weise seine Hütte auf hohen Pfählen über dem Wasser auf, um zu fischen oder Palmenwcin zu gewinnen. Wo sich per Kongo in seine drei Hauptarme theilt, bespült er den Fuß der geheiligten Fetischfelsen, einer mächtigen Granitmasse, in welche Feldspathmassen von 100 bis 200 Fuß Umfang eingebettet liegen. Ein geengt bildet der Strom dort Wirbel und regt die Phantasie des durch sie bedrohten Schiffers zu ähnlichen Bildern an, wie den Fischer des Rheins26 Einleitung. an der Lorelei. Einzelne Adansonien krönen sonderbar die sonst nackten Anhöhen der Umgebung, und bezeichnen die geheimnißreiche Wohnung des großen Geistes. Weiter stromauf traf die Expedition allgemein bebautes Land. Mais, zwei Hirsearten, spanischer und echter Pfeffer, Bataten, Tabak, Ana nas, Bananen und Dam, Zuckerrohr, Limonen, Orangen und Kassava brachte das üppige Klima in reichlichem Maße zum Gedeihen, trotz dem daß die anwohnen den Neger durch den Verkehr mit den Sklavenhändlern, durch Trunksucht und andere Laster entsittlicht waren und einen Verdienst durch Sklavenhandel dem Ge winn aus Plantagen vorzogen. Tuckeh passirte zahlreiche Orte, in denen er, als eine merkwürdige Erinnerung an die Gebräuche Ostindiens, stets einen großen heiligen Feigenbaum ans dein Marktplatz als Versammlungsort ange pflanzt fand. An den Katarakten mußten die Reisenden ihre Fahrzeuge zurück lassen, versuchten zu Fuße tiefer landeinwärts zu dringen, wurden aber durch die Anstrengungen in einem ungewohnten Klima bald so geschwächt und ent kräftet, daß sie sich zur Umkehr gezwungen sahen, worauf sie im September wieder bei ihrem Schiffe an der Mündung ankamen. Mancher blieb als Opfer an den Ufern des Kongo zurück. Der andern Expedition unter Major Peddie war es nicht besser er gangen. Mit einem Militärcommando verfolgte er im Frühling 1816 den von Mungo Park cingcschlagenen Weg, unterlag aber bald den tödtlichen Wirkungen des Klima's. Nach seinem Tode übernahm Leutnant Campbell die Leitung des Zuges. Der deutsche Naturforscher Kummer begleitete ihn bis zu den Quellen des Rio Robagga, dort starb Letzterer. Nur der Chirurg Dorch ard drang mit einigen wenigen Begleitern bis an den Niger vor, und gelangte ohne Hindernisse bis Jamina in der Nähe von Jabbi. Hier sollte er, bevor er weiter reiste, die Erlanbniß deS Königs abwarten. Da er aber letztere nach sechs Monaten noch nicht erhalten, mußte er sich zur Rückkehr bequemen und gelangte nach Bammakn. Von hier stammen seine letzten Nachrichten vom Mai 1819. Unglücklicher Weise war gerade zwischen dem König von Scgo und seinen östlichen Nachbarn, wahrscheinlick den Fel- latah's, ein Krieg ausgebrochen, und kurz nach Dorchard's Ankunft in Bam- maku starben das Oberhaupt von dieser Stadt und die beiden ersten Minister. Dies reizte den Aberglauben und Fanatismus der Einwohner gegen den Weißen, den man als die Ursache dieser Todesfälle bezeichnete, da bei Mungo Park's früherer Ankunft ähnliches Erkranken vornehmer Personen cingetreten war. Um dieselbe Zeit gelangte die Afrikanische Gesellschaft in London ans abenteuerliche Weise zu einigen Aufschlüssen über jenes Innere Afrika's, zu welchem noch keine der bisherigen Expeditionen vorzudringen im Stande war. Ein gemeiner Matrose A. Scott hatte sich bei einem Schiffbruch zwischen dem Kap Nun und Bojador an die Küste gerettet und war von den Mauren zum Sklaven gemacht worden. Sechs Jahre lang durchzog er mit seinem Herrn die große Wüste, und gelangte unter Anderem mit demselben auch anIsert. SBetobicl). Hutchinson. 27 den See Dibbie, welcher vom Niger durchströmt wird. Hier lernte er den berühmten Wallfahrtsort Sibna Muhamed's kennen, das Mekka der west afrikanischen Muhamedaner. Nach seiner Rückkehr zur Küste glückte es ihm, seinem grausamen Herrn zu entfliehen und wieder nach England zu gelangen. Im Golf von Guinea waren besonders die Dänen vorgedrungen und zwar, im schroffen Gegensatz zu den Portugiesen, in einer höchst humanen Weise. Isert gelangte durch die flache, fruchtbare, weite Küstenlandschaft bis in die gesundere Bergregion und gründete schon 1792 anfänglich auf einer Insel im Rio Volto, später in der Landschaft Aquapim eine Kolonie für freie Neger. Letztere wurden durch Europäer belehrt, der Pflug ward bei ihnen eingeführt und Jsert's Nachfolger, Flint, legte eine zweite nähere Kolonie bei Akrah an und ließ hier die Negerinnen iin Baumwollespinnen und in weiblichen Arbeiten unterrichten. Bowdich besucht den König der Aschautees in seiner Residenz, und bringt mit demselben ein Bündniß zu Stande. Hut chinson, sein Nachfolger, wiederholt 1817 mit reichen Geschenken versehen die Gesandlschaftsreise. Er durchzieht bei dieser Gelegenheit ein fruchtbares Thal, welches von Annamaboe nach Norden führt und das mit prächtigen Waldungen bedeckt ist. Die höheren Berge zeigen losen Kiesboden mit großen Steinblöcken bestreut, die Thalebene ist von schwarzem Humus gebildet. Baum wollenbäume und Eisenholzbäume bilden hier dichte Hochwaldungen, und die Reisenden müssen über hoch hervorstehendes Wurzelwerk, über umgestürzte, ver modernde Stämme, mit Schmarotzergewächsen überwuchert, mehr klettern als gehen. Die einheimischen Führer und Lastträger betreten diese finsteren Wal dungen nur widerstrebend mit Zittern und Furcht vor den Waldgeistern, und das vielfache Geheul der Raubthiere und Legionen leuchtender Insekten, welche die nächtlichen Lagerfeuer umschwirren, erinnern lebhaft an Sceuen aus Dante's Hölle. Man gelangt nach der Stadt Prasoo, mitten zwischen Bergen aus Eisen steinen gelegen, überschreitet den Grenzfluß Böhmen, dessen Wasser, nach dem Glauben der Neger, Beredtsamkeit verleihen soll, weshalb jährlich Biele zu ihm wallfahren. Endlich erreicht man die Residenz Cumassie, und knüpft Handelsverbindungen zwischen derselben und dem Kap Coast Castle an. Als Kulturgewächse trifft man besonders außer den vorherrschenden Hirsearten Batate» und Dam. Die Sklaven sind wegen ihrer großen Menge so niedrig im Preise, daß einer für nur 2000 Kauries (Muscheln) oder für eine Hülse voll Gurunüsse (Sterculia acuminata) weggegeben wird. Letztere Rüste sind besonders deshalb beliebt, da sie dem brakigen Wasser, welches zur trockenen Jahreszeit streckenweise nur zu haben ist, einen angenehm bitter» Geschmack verleihen und es dadurch trinkbar machen. Christliche und muhamedanische Missionäre, von entgegengesetzten Seiten kommend, treffen in Cumassie zu sammen, und so sehr sic auch sonst in ihren Lehren von einander abweichen, arbeiten sie doch gemeinschaftlich und unermüdlich an der Abschaffung der Menschen opfer. Eigeuthümlich erinnern die hier wohnenden Aschantineger durch ihre Gestalten und manche Sitten, selbst durch Sagen, welche bei ihnen fortleben,28 Einleitung. an die Bewohner des obern Nilstromes, so daß man darauf gekommen ist, in ihnen ansgewanderte Stämme jener Gegenden zu vermuthen. Im Jahre 1822 durchreisten Clapperton, OuVney und Denham die Sahara von Tripolis aus. Sie entdeckten das Königreich Bornu und den Tschad-See. Bei Kuka hätte Clapperton beinahe das Ende seiner Reise und seines Lebens gefunden. Er hatte sich hier, um weiter Vordringen zu können, einem Kriegszugc angeschlossen, welcher gegen die Fellatah's ausrückte. Nachdem von den beutelustigen Kriegern mehrere kleinere Orte überrumpelt waren, fand man vor Musfeia heftigen Widerstand. Clapperton wird bei der Flucht seiner Begleiter mit fortgerissen, sein Pferd stürzt; bereits mehrfach verwundet, reißt er sich von seinen Verfolgern, welche ihn schon ausplündern, los und sucht im Walde Schutz. Ein Waldbach mit hohem, steilem Felsenufer versperrt den Weg, die Verfolger sind dem Europäer auf den Fersen. Er versucht sich an einem Baumzweige hinabzulassen, sieht aber zu seinem Entsetzen, wie dicht neben seiner Hand sich eine Giftschlange aufrollt, um ihn zu beißen. Er läßt den Zweig los und stürzt in die Tiefe. Glücklicher Weise wird er von seinen Begleitern jenseits aufgefischt und gerettet, obschon er in Folge jener Vorfälle Wochen lang an Geist und Körper krank darniederliegen muß. Clapperton drang durch Sudan nach Sackatu, der Hauptstadt der Fulbe (Fellatah's) vor, und erfuhr dort, daß der Niger nicht weit davon entfernt sei. Dadurch ermuthigt ging derselbe Reisende 1825 mit Kapitän Pearce und zwei anderen Männern von Badagry an der Küste von Oberguinea ( 6 ^/ 2 ° n. Br.) aus nach Sackatu. Alle starben unterwegs bis auf Clapperton und seinen Diener, Richard Lander. In Sackatu starb Clapperton auch, viel leicht an Gift, und Lander kehrte mit seines Herrn Papieren allein zurück. Während dem glückte es dem Major Baing, quer durch die Wüste nach Timbuktu zu gelangen, als der erste Europäer, der diesen Mittelpunkt des östlichen afrikanischen Handels erreichte. Leider ward er auf dem Rückwege von den Arabern ermordet. Nach ihm gelangte der Franzose Caillie nach demselben Orte. Richard Lander erklärte sich bereit, zu versuchen, wie weit er von Bnssah aus den Niger stromabwärts gelangen könne. Reichlich von der eng lischen Regierung unterstützt, machte er sich mit seinem Bruder John von Badagry ans aus den Weg. Schon der erste Besuch bei einer schwarzen Majestät, dem König Aduley von Badagry, kostete den Reisenden einen großen Theil ihrer mitgenommenen Waaren, um sich durch diese Geschenke die Er- laubniß zu erkaufen, weiter reisen zu dürfen. Sie trafen ^den König in einer Hütte von Bambus auf einer Kiste sitzend. Zu seiner Lwite waren einige Flinten und Säbel, schmuzige Sonnenschirme und Pferdeschweife aufgehangen. Seine Majestät rauchte fortwährend aus einer ungeheuren Pfeife, und genoß in den Pausen öfters zur Stärkung ansehnliche Mengen vom stärksten Branntwein. Aduley durchsuchte alle Kisten der Reisenden, und nahm, was ihm gefiel — und ihm behagte alles Mögliche, selbst kleine Kinderpfeifen bat er sich aus, um „in der29 Lander's Nigererpeditionen. Einsamkeit sich zu unterhalten." Bei einem Besuche, welchen die Reisenden dem König machten, fanden sie diesen auf einem Tische sitzend und mit den Beinen schlenkernd. Dabei verzehrte er mit vielem Behagen rohe Zwiebeln, und vertheilte mit vieler Huld den Rest unter die Vornehmen. Zur Unter haltung waren in dem Gemach drei Kätzchen, an deren Schwänzen mit einem langen Faden Glöckchen befestigt waren, auch drehte ein kleiner Junge eine Orgel, um die Musik vollständig zu machen. Lander gelangte glücklich nach Bussah, und begann von hier aus mit vier Negern in einem offenen Boote seine Fahrt. Durch aufgespannte Regenschirme suchten sich die Reisenden gegen die verderblichen Wirkungen der Sonnenstrahlen zu schützen. Sie kamen an der Stelle vorbei, wo der Benne seinen breiten Strom in den Niger ergießt. Man hielt diesen Neben fluß irrthümlich für einen Abzugskanal des Tsckad-See und nannte ihn des halb Tschadda. In dem Marktorte Kiri wurden sie von den Handelsleuten aus Eboe zu Gefangenen gemacht und vor den König Obi gebracht. Der König Boy von Braßtown, unfern der Nigermündung, kaufte sie frei. Diese glückliche Gefangenschaft schaffte ihnen eine sichere Beförderung den Fluß hinab, und bewahrte sie besonders auch vor der Gefahr, in ihrem Kahn durch irgend einen unbesuchten Mündungsarm hnlflos in den weiten Ocean zu treiben. Lander war sonach der Erste, welcher den Lauf des Niger bis zum Meere verfolgte und so das bisherige Dunkel über die Mündung des großen Stromes aufhellte. In England lauschte man entzückt, als die beiden Brüder von dem Reich thum an Elfenbein und Goldstaub erzählten, den sie in den durchreisten Län dern getroffen hatten. Liverpooler Kaufleute fanden sich dadurch veranlaßt, eine Handelsexpedition nach jenen Gegenden zu senden. Unter der Oberaufsicht von M'Gregor Laird und Richard Lander ging 1832 eine Brigg mit zwei Dampfbooten, dem Quorra (nach dem Unterlaufe des Niger also be- benannt) und Albttrkah, nach der Mündung des Niger. Die Brigg sollte dort warten, während die beiden Dampfboote stromaufwärts gingen und die Ladung herbeischafften. Leider kamen sie so spät an, daß der Fluß bereits im Abnehmen war, und als sie die Einmündung des Benne erreichten, blieb eines der Schiffe sitzen und konnte erst mit der nächstjährigen Anschwellung des Stromes seine Reise fortsetzen. Von 47 Mann Besatzung blieben nur acht am Leben. Laird kehrte, todtkrank und ganz entmnthigt, mit der Brigg nach Europa zurück. Lander blieb noch. Kapitän Allen nahm den Lauf des Niger bis nach Rabbah hin ans und erforschte auch den Benne bis 80 Meilen von der Mündung. Lander rüstete den Albürkah zu Fernando Po aus, und schickte ihn unter Oldfield, dem überlebenden Wundarzt, den Niger hinauf. Er selbst folgte in einem offenen Kahn mit einem Ergänzungsvorrath von Gütern, gerieth aber schon im Delta auf eine Sandbank. Um das Boot wie der flott zu machen, lud er die Maaren aus, ward dabei von den Eingebore nen räuberisch angegriffen, und erhielt eine Schußwunde in den Oberschenkel, an welcher er wenige Tage darauf zu Fernando Po starb. Oldfield ver-Einleitung. 30 zichtete auf alle weiteren Unternehmungen. Der nvrdamerikanische Kapitän Becroft kam später nach 50 Meilen weit über Nabbah hinaus. Im Jahre 1841 veranstaltete die englische Regierung eine neue Unter nehmung nach dem Niger. Man beabsichtigte, daselbst sogar eine Niederlassung zu gründen und mit Hülfe einer Musterwirthschaft die umwohnenden Neger zur Civilisation zu erziehen. Ausserdem sollten mit den verschiedenen Fürsten Handelsverträge abgeschlossen werden. Es waren zwei große Dampfer, der Wilberforce und Albert, ein kleiner, der Sudan, und das Lastschiff Amelia zu dieser Erpedition ausgerüstet. Sie führten unter Anderem auch eine Anzahl Maschinen für den Ackerbau. Am 15. August lief man in den am besten zu befahrenden Nigerarm, den Nun, ein, und kam stromaufwärts bis zur Mün dung des Benue. Von hier kehrten der Sudan und der Wilberforce unter Kapitän W. Allen am 19. Scpt. nach der Küste zurück; fast die ganze Mann schaft war krank. Der Albert ging unter Trotler's und Bird Allen's Leitung bis Egga. Die Aethiope unter Kapitän Becroft traf ihn an, und nahm ihn ins Schleptan, da die Mannschaft durch Krankheiten dienstunfähig geworden war. Die Amelia hatte man bei der Musterfarm gelassen. Larr, dem man die Leitung derselben übertragen, hatte sich zur Herstellung seiner Gesundheit nach der See begeben müssen und ging dann in Negerkähnen, mit Maaren versehen, wieder nach der Farm zurück. Man hat nie wieder Etwas von ihm erfahren, vermutlich ist er schon im Mündungsgebiet ermordet worden. Leut nant Webb ging noch einmal den Niger hinauf, um die Leute auf der Nieder lassung wieder einzunehmen, wenn cs nöthig sein sollte. Wirklich fand er daselbst Alles so in wildester Unordnung, daß er die Mannschaften au Bord nahm. 53 Menschen hatten bei dieser Expedition ihr Leben verloren. Den Kongo hat neuerdings, 1848, Ladislaus Magyar bereist und seine Erlebnisse und Beobachtungen veröffentlicht. Er erzählt, daß die Be wohner des Mündungsdelta's ein kräftiges, schön gebautes Geschlecht sind, besonders geschickt im Schiffbau und gewandte Seeleute. Manche ihrer Schiffe trausportiren 400 bis 500 Sklaven nach Brasilien. Pferde und Rinder sind bei ihnen unbekannt, dagegen pflegen sic Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner, und bauen Mais, Mandioka, Mandubi, Tabak und Bohnen. Die meisten tragen Baumwollenstoffe als Kleider, welche sie von den Sklavenhändlern als Tauschmittel erhielten. Die Frauen schmücken sich besonders mit Glasperlen. Der Kabendastamm bildet unter mehreren Häuptlingen eine aristokratische Republik, in welcher die bevorzugte Kaste eine weiße, ans den Wurzeln einer smilaxartigen Pflanze verfertigte, sehr schöne Mütze alsAbzeichen trägt. Je vornehmer ein Todter ist, desto später wird er begraben. Häuptlinge läßt man wol ein volles Jahr lang ans einem Gerüst, mit Klei dern bedeckt, liegen. Menschenopfer finden hierbei nicht statt, wol aber sucht man durch die Wahrsager die Ursache und den Urheber des Todes zu erforschen.Fata Morgana. Neuere Reisen in Nord- und Central-Afrika. Französische Erpedition unter Napoleon. Ehrenberg. Lepsius. Nüppel, Russegger, Heuglin. Harris. Richardson, Overweg, Barth, Vogel. Die nördlichen Länder Afrika's sind von Europäern vielfach besucht wor den, besonders seit der Besitznahme Algiers und seit dem Ueberwiegen euro päischen Einflusses am Hofe von Alexandrien. Schon als Napoleon 1801 Aegypten besetzte, war gleichzeitig seine Aufmerk samkeit darauf gerichtet, den altklassischen Boden auch wissenschaftlich erobern zu lassen. Eine Abtheilung französischer Gelehrter untersuchte das interessante Land nach den verschiedensten Beziehungen hin und lenkte den Strom der reiselustigen Europäer nach den Ufern des Nil. Der bekannte Professor Ehrenberg bereiste gemeinschaftlich mit Hem- prich das nördliche Wüstengebiet und pilgerte von Oase zu Oase. Sein Forscherauge machte auf ein Leben innerhalb des öden Gebietes aufmerksam, das bisher von den Handelsreisenden übersehen worden war. In Sandstein gebirgen, ähnlich den Bildungen der Sächsischen Schweiz, fielen ihm zahlreiche versteinerte Palmenstämme ans, von denen viele als Wegzeiger aufgerichtet waren. Auch Dikotyledonenstämme, von Quarz durchdrungen, fanden sich häufig; sie ähnelten sehr der noch jetzt daselbst wachsenden Mimose Aolhe. Selbst in dürrer Sand- und Felsengegend begrüßten die Reisenden erfreut die viel bcfabcltc Rose von Jericho, die Auferstehungsblnme (Anastatica liiero- chuntica), deren trockene Stengel das Lagerfeuer trefflich unterhielten, und zahl-32 Einleitung. reiche Flechtenlager bedeckten die Steingerölle. Ganze Strecken waren von ihnen schneeweiß gefärbt (besonders durch Parinelia saxatilis und mehrere Arten Urceolaria). Unterstützt durch den kunstliebenden König von Preußen stellte Professor Lepsius vielfache Ausgrabungen in den Städte- und Tempelruinen Aegyp tens an, und den vereinten Anstrengungen der alterthumskundigen Gelehrten Europa's gelang es, den Schlüssel zu der geheimnißvollen heiligen Bilder schrift der alten Priester aufzufinden. Auch Abessynien ward wieder vielfach in Angriff genommen. Rüppell und Nussegger haben die dortigen Alpen und die Umgebungen des See Tsana gründlich durchforscht und Heuglin durch seine Reise neuerdings in teressante Beiträge über jene Gegenden geliefert. Er begleitete eine Gesandt schaft, welche im Aufträge der österreichischen Regierung freundschaftliche Beziehungen und Verträge mit den einzelnen Fürsten in Abessynien herzustellen beabsichtigte, um dem Handel neue Wege zu öffnen. Kriegsunruhen zwangen auch diese Expedition, wie so viele frühere afrikanische, zur Umkehr, und der Chef der Gesellschaft fiel der nachtheiligen Einwirkung der Regenzeit zum Opfer. Harris in Schoa. Um einen Blick auf die Art der afrikanischen Reisen zu werfen, wie sie selbst in der Gegenwart noch stattfinden, begleiten wir die Gesandtschaftsreise, mit welcher Harris in den Jahren 1841—1843 nach Schoa, an der Ost seite des Continents, vordrang. Von Bombay aus waren die Abgesandten der englischen Nation mit einer Dampffregatte nach Tadschura an der Aden gegenüberliegenden Küste gesegelt. Diese Residenzstadt eines arabischen Sultans liegt am Fuße des steilen Berges Ras Dekhan „das rauchende Vorgebirge", dessen Scheitel ge wöhnlich flockige Wolken krönen und an dessen Fuß eine warme Quelle sprudelt. Der Ort besteht aus ungefähr 200 kegelförmigen Häusern, von unbehauenen Stämmen aufgeführt und von Mattenwerk, aus Palmenblättern geflochten, bedeckt. Die Umgebung wird von terrassenförmig aufsteigendem Korallenkalkstein und basaltischem Trapp gebildet und ist höchst malerisch. Die Brunnen mit süßem Wasser waren von Dattelpalmen überschattet und der weiße sandige Meercsstrand von einem Streifen saftiggrüner Makanni (Zwergmimosen) gesäumt. Der Sultan, bei welchem die Reisenden ihre Aufwartung machten, bot eine höchst unfürstlichc Erscheinung dar. Er war eine altersschwache, aus gemergelte und todtenblasse Gestalt, auf einen langen, hexenmeisterlichen Stab gestützt. Ein grober Baumwollenzeugmantel, ein blaues gewürfeltes Umschlage- tuch um die Hüfte und ein umfangreicher, gerade auf dem Gipfel seines ab geschorenen Scheitels aufsitzender Turban bildeten seinen Anzug. Er und sein Gefolge starrten von Fett und Schmuz. Ein mächtiger Koran in Quart ruhte unter dem linken Arme auf einem messingbeschlagenen Säbelmesser undHarri's Nielse in Schon. 33 seine erlauchte Person schirmte weiter noch gegen bösen Einfluß ein mit my stischen Amuleten und allerwirksamsten Bannsprüchen dicht besäter Gürtel. Das tiefgefurchte,lebenholzschwarzglänzende Gesicht befranste ein stoppeliger, weißer Bart, in allen Zügen war Grausamkeit, Verschlagenheit und schmuzige Hab sucht auf's Deutlichste ausgeprägt. Schauerlich ist die Schilderung, welche Harri von einzelnen Stellen des Weges entwirft, welchen der Reisezug einschlagen mußte, um nach dem Innern zu gelangen. „Als der abnehmende Mond", so erzählt er, „in der folgenden Nacht um 2 Uhr aufging, erhoben wir uns von unserem Lager, um durch den klaffendcii Schlund des Rah Jsah zu ziehen. Er hat seinen Namen „die Straße der Jsah", weil ihn gewöhnlich jener feindliche Stamm des Somali volkes zu häufigen Fehde- und Nanbzügen in das Land der Danakil zu seinem Pfade wählt. Ein tief gezackter Riß in der Hochebene windet sich wie ein Drache der alten Mährchenwelt durch die Eingeweide der Erde über drei Meilen weit hin mittagswärts. Dunkle brandbraune Basaltmassen thürmen sich senk recht zu beiden Seiten über einander, und ragen bis zu einer Höhe von 500— 600 Fuß auf. Der gefährliche Steig gewährt kaum Weite genug für eines Kameels Tritt und führt auf einem Abfall von lst/i, Fuß auf je drei sich fortdrehend in die düstere Tiefe unten. In der schauerlichen Schlucht warf das unsichere Mondlicht zuweilen bei Windungen der Straße einen glitzernden Blick auf die Speerspitzen der Krieger. Kein Laut ließ sich hören außer der Stimme der Kameeltreiber, die ihre stolpernden Thiere zum Weitergehen mit den liebkosendsten Ausdrücken beredeten. Oben von Felszacke zu Felszacke huschten die verstohlenen Gestalten etlicher wilden Beduinen, deren Waffen und wirre Locken im Mondstrahle leuchteten. Glücklich indessen in die taghelle Freie gelangt, begrüßten wir bald dar auf zum letzten Male den Spiegel der innern Bai. Dann wandte sich die Straße durch das einsame, vulkanisch zerklüftete Marmorisothal und über ausgebrannte Basaltkrater, bis am Fuße des hohen kegelförmigen Dschebel Siaro funkelnd und glitzernd, umgeben von tanzender Luftspiegelung, der weitberühmte Assalsee sich unseren Blicken aufthat. Ein länglich rundes Becken, sieben Meilen im Durchschnitt, halb mit glattem Wasser vom tiefsten Himmelblau angefüllt und halb mit einer ge diegenen Masse von glitzerndem, schneeweißem Salz, auf drei Seiten von gewaltigen kahlen Bergen eingegürtet, welche ihre Sohlen in diesen weiten Nlapf hineintauchen und auf der vierten von rohen, durch die unbegreiflichsten Spalten zerklüfteten und getheilten Lavafelsen, ruht dieser tobte See mit seiner von keinem Lüftchen gekräuselten starren Oberfläche 570 Fuß tief unter dem Spiegel der benachbarten Bai, von der es einst, che die Wand der Lava sich dazwischen legte, einen Theil bildete. Eine dicke Schicht von krystallisirtem Salz erstreckt sich von den Ufern tief hinein in die See, und ersetzt sich, wo sie entfernt wird, in Kurzem wieder aus dem salzübersättigten Wasser. Living frone, Reisen in Afrika. 334 Einleitung. lieber schroffe Abstürze von Basalt und Lava, mit Tafeln schneeweißer Kreide besetzt, von denen die erbarmungslosen Strahlen der Sonne mit ver nichtender Glut zurückgeworfen wurden, führte der Steig uns in die Dsche- henna (Hölle) des Salzsees hinab. Ein dumpfiger, giftiger, den Athem ver setzender Gestank stieg aus dem Pfuhl herauf. Die Luft war entzündet von Säulen brennenden Sandes, die in schneller Aufeinanderfolge sich hoch in den blendenden Dunstkreis aufthürmten, und die zornige Sonne stand, einer Metallkugel in weißer Glut gleich, in voller Lohe des Mittags am wolken losen Himmel. Menschen und Thiere litten in dieser Stickluft von 43° R., die kein Lufthauch kühlte, kein Schatten erträglicher machte, entsetzlich. Die Augen schmerzten unerträglich und ein unbezähmbarer Durst stellte sich ein, der von dem vorhandenen Vorrath faulenden Wassers in frischen, stinkenden, mit altem Talg und Lohrinde beschmierten Bockshäuten mehr angefacht als gelöscht wurde. Zwölf schreckliche Stunden brachte die Reisegesellschaft in diesem Vorhose der Hölle zu, bis endlich nach Mitternacht das Mondlicht in die bewegungslose Oberfläche des verfluchten Sees tauchte und die Kara- vane den jähen Kamm des vulkanischen Beckenrandes hinanstieg. Aber über wältigt von Hitze und Durst sanken Menschen und Thiere am Wege nieder, und als der Tag wieder anbrach mit dörrender Glut, wurden selbst die Muthigsten verzagt. Da erschien ein Retter in der Noth in Gestalt eines KamccltrciberS mit wohlgefülltem Wasserschlauch. Der kleine Borrath reichte hin, um davon jedem sterbend hingestreckten Leidenden über das Gesicht und in die vertrocknete Kehle zu gießen und neues Leben einzuflößen, und in später Stunde kamen, geisterhaft hohläugig, erschöpft gleich Männern, welche soeben dem Todes rachen entrannen, nach und nach Alle ins Lager gewankt. Bei Gungunteh, einem tiefen Bergriß mit einem klarrinnenden Bächlein, war es, wo der Schauderzug durch das grause Tehama endete, und Thieren und Menschen ge stattet war, in ungemessenen Zügen ein kühles, wenn schon etwas salzig schmecken des Naß zu schlürfen. Bon der Hitze am Salzsee kann der Umstand einen Begriff geben, daß 50 Pfd. wohlverpackter Walrathlichter so vollkommen aus der Kiste wegschmolzen, daß blos ein Bündel Dochte übrig blieb. Im engen Thale von Gungunteh rasteten wir die Nacht und den fol genden Tag. Aber in der zweiten Nacht ergellte nach Mitternacht plötzlich ein wilder Angstschrei, der das ganze Lager anfschrecktc. Zwei Soldaten unseres Truppengeleites und ein portugiesischer Dieuer lagen in ihrem Blute, von einem Jsahbeduinen im Schlafe ermordet. Kein Raubvcrsuch lag der scheußlichen That zu Grunde, sondern die Sucht nach Ruhm, denn unter den rohen Horden Ostafrika's wird der Mnth des Mannes nach der Zahl der von ihm Getödteten gerechnet, gleichviel ob das Blut im Kampfe oder durch Meuchelmord geflossen ist. Jedes neue Opfer gicbt dem Mörder das Recht, eine weiße Straußenfeder im wolligen Haar sehen zu lassen, am Arme eine kupferne Spange mehr zu tragen, und den Griff seines bluttriefenden Dolches mit noch einem Beschlag von Silber oder Zinn zn schmücken."Harn s Reise in Schon. 35 3 * Fünfunddreißig Tagemärsche waren erforderlich, ehe die Reisenden nach Farri, der Grenzstadt Schoa's in der Provinz Jsat, gelangten. Hier in Abessynien zeigte die Landschaft den schroffsten Gegensatz zum glühenden Küstengebiet. Man betrat ein grüneS, liebliches Alpenland. Jeder fruchtbare Hügel erschien von einem Dörfchen gekrönt, jedes Thal lieblich von einem kristallklaren Bache durchströmt und von Viehherden bevölkert. Die kühle Berglnst wehte Düfte der Hainrose und des Jasmin, von dem mit Kleeblüten, Maßliebchen und Ranunkeln geschmückten saftigen Rasen stieg bei jedem Tritte des Wanderers der Würzegeruch des Thymians und der Pfefsermiinze auf. In der Marktstadt Alio Amba mußte die von 600 Lastträgern begleitete Gesandtschaft lange Zeit liegen bleiben, bis die Erlaubniß des Königs eintraf, daß sie vor ihm erscheinen dürften. Endlich waren die Engländer so glücklich, ihre reichen Geschenke, unter denen 300 Bajonnctflinten und zwei Kanonen waren, seiner allerchristlichsten Majestät von Schoa überreichen zu dürfen. Harri und seine Gefährten begleiteten den König sowol auf seinen Jagden, als auch ans einem Raubzuge gegen die Gallas, bei welcher Gelegenheit der König selbst, beschützt von einem Gefolge von 5000 Mann, einen umstellten Gallas, welcher sich auf einen Baum geflüchtet hatte, verwundete und zum Gefangenen machte. Da auf der einen Seite die Priester des Landes den Engländern als Ketzern entgegenarbeiteten, auf der andern, durch einen Par lamentswechsel veranlaßt, die weiteren Unterstützungen von der Heimat aus aufhörten, so war die Gesandtschaft genöthigt, wieder den Heimweg anzutreten, nachdem man vielfach Gelegenheit gehabt, die barbarischen Sitten jenes Volks- stammes, sowie die Natur des Landes kennen zu lernen. Dem Missionar Dr. Krapf, welcher nachher abermals nach Schoa eindringen und sein be gonnenes Bekehrungswerk fortsetzen wollte, ward die Erlaubniß dazu beharrlich verweigert, und er selbst sah sich gezwungen, sich nachmals südlicher zu'wenden, um eine Bekehrung der Gallas zu versuchen.36 Einleitung. Dr. Barth und seine Gefährten. Am berühmtesten und erfolgreichsten ist neuerdings die Expedition geworden, welche, durch die englische Regierung veranlaßt, die Reisenden Richardson, Overweg, Barth und Vogel in das Innere von Sudan unternahmen. Sie beabsichtigten gleichzeitig, die Völker, welche sie berührten, zur Abschaffung des Sklavenhandels zu veranlassen, Handelsverbindungen anderer Art mit ihnen anzuknüpfen und die Beschaffenheit ihrer Wohnplätze, sowie ihre Ge schichte kennen zu lernen. Am 24. März 1850 traten die ersten drei der genannten Reisenden ihren Weg von Tunis aus an und durchschnitten die Sahara, um in die Negerstaaten im Innern einzudringen. Am 6. Mai er reichten sie Mursuk, die ansehnliche Hauptstadt von Fezzan und versuchten bei dem anarchischen Zustande, welcher in den nun zu durchwandernden Ländern herrschte, den Schutz der angesehensten Häuptlinge zu erlangen. Auf dem Weitermarsche nach Rhat kam man an einem phantastisch geformten Gebirge, der sogenannten Geisterburg, vorüber, in welchem Barth Sculpturen oder sonstige Alterthümer vermuthete und deren Untersuchung ihn deshalb so reizte, daß er sich zu einer Fußpartie dorthin entschloß, da ihn die Araber aus Ge spensterfurcht um keinen Preis zu Kameel begleiten wollten. Mit einigen Le bensmitteln und einem Wasserschlauch versehen brach er am 15. Juli des Morgens allein auf. Er gelangte, dort angckommen, au eine tiefe Schlucht. Durch das Hinab- und Hinaufklettern wurden seine Kräfte bei der drückenden Hitze erschöpft. Da er seine Erwartungen an den erklommenen Felsen ge täuscht fand, sein Wasservorrath zu Ende und seine trockene Speise ihm bei seinem Zustande ungenießbar war, versuchte er.mit dem letzten Aufgebot von Kraft einen Brunnen aufzufinden, von dessen Dasein er gehört hatte. Er verirrte sich, gab mit Pistolenschüssen Nothsignale, die aber unbeantwortet blieben und schleppte sich endlich ganz erschöpft zu einem mächtigen, aber in dieser Jahreszeit blätterlosen Ethelbaume, um hier die Nacht zuzubringen. Die Hütten, welche er hier antraf, waren leider ohne Bewohner. Während er am Horizont die Lagerfeuer der Kafla wahrnehmen konnte, hatte er nicht die Kraft mehr, ein Signalfeucr anzuzünden. Wiederholte Pistolenschüsse blieben abermals unbeantwortet; den erquickenden Schlaf verscheuchte die fieber hafte Aufregung. Mit dem neuen Morgen kam auch die verzehrende Glut der schrecklichen Sonne. Wilde Phantasien umgaukelten den Unglücklichen; da drang um Mittag der Schrei eines Kameels in sein Ohr, ein Reiter, der ihn suchte, zeigte sich und rettete im entscheidenden Augenblick den Verschmachtenden. Am 23. August hatten die drei Christen einen sehr ernsthaften Raubanfall der Tuaricks auszuhalten, der Nichts weniger als ihren Tod und die Plünderung ihrer Güter zmn Zweck hatte. Die Furcht, welche die Räuber vor den Bajonnet- flinten der Reisenden hatten, ein theilwcises Preisgeben ihrer Reiseeffccten und be sonders das rechtzeitige Erscheinen einer Reiterschaar, welche ein befreundeter Fürst als Escorte sandte, rettete die Bedrängten vor dem drohenden Untergange.37 ; Richards»», Overweg und Barth. Unter dem Schutze dieser Begleiter erreichten die Reisenden am 4. Sept. die lieblichen Thäler von Air, dieses Alpenlandes der Wüste, dessen Bewohner aus einer Vermischung der Berber und Neger entstanden sind. Nach den vorher durch wanderten Oeden erschien die Natur hier doppelt schön. Der üppige Pflanzen wuchs athmete tropische Fülle, und durch die dichtbelaubten Kronen mächtiger Mi mosen schwirrten Ammern und Finken mit fröhlichem Gezwitscher. Zu der kleinen Tuaricks der Sahara. ägyptischen Taube gesellte sich der Wiedehopf, und die zahlreichen Affen stiegen f° llch unbemerkt glaubten, von ihren sicheren Verstecken herab, um einen Trunk Wasser zu erhalten. Zur Nacht ließen sich freilich auch die Stimmen der Hyänen und Schakale vernehmen, und zwischendurch hallte das ferne Ge brüll eines döwen. Barth machte einen Abstecher nach AgadcS, das einst so wichtig war wie Timbuktu. Er war daselbst Zeuge von dem Abmarsch der38 Einleitung. jährlichen großen Salzkaravane, welche angeblich 10,000 Kameele zählte. Die drei Reisenden hatten sich getrennt, um desto ausgedehnter Land und Leute kennen zu lernen. Richardson erlag aber bald dem verderblichen Einfluß des Klima's und Barth traf nur sein Grab und später sein Gepäck. In Kukaua erhielt Barth von einem Araber Nachrichten über das Reich Adamaua, das im Süden von Bornu und dem Tschadsee an beiden Ufern des Benne sich ausbreitet. Dieses Reich ist eine der jüngsten Eroberungen der Fellatah (Fulbe, Pullo), deren Emir el Mumenin oder Chalif in Wornu zwar seinen Hof hält, von Sokoto auö aber das große Reich seiner Stämme regiert. Es trafen zufällig einige Botschafter des Fulbe-Statthalters von Adamaua beim Sultan von Bornu zu derselben Zeit ein, als Barth den lebhaftesten Wunsch hegte, mit jenem Lande näher bekannt zu werden. Diesen Gesandten ward Barth anvertraut, sie verbürgten sich für seine Sicherheit. Am 30. Mai 1851 brach Barth mit seinen Reisegefährten nach Iola auf, und lernte einen eigenthümlichen Theil der Bevölkerung von Bornu kennen, die Schua, welche 20,000 Reiter ins Feld stellen können, also etwa 200— 250,000 Köpfe zählen werden. Dieses Volk ist ein Araberstamm, welcher vor dritthalb Jahrhunderten von Nubien und Kordofan aus hierher einwan- derte. Barth's Reise ging zunächst durch das Gebiet dieser Ansiedler und zwar zunächst durch die Landschaft Udje, in welcher Städte von 9 —10,000 Einwohnern berührt wurden. Die ganze Ebene war ein zusammenhängendes Kornfeld, ans welchem zahlreiche Dörfer sich erhoben, und welches hier und da von einzelnen Affenbrodbäumen mit ihren ungeheuren Stämmen, Aesten und kleinem Laubwerk, vielen Sycomoren mit ihren dicken, dunkelgrünen Blät tern, und von Baures, einer andern Art Feige mit großen fleischigen Blättern von frischgrüner Farbe, beschattet wurde. Am 6. Juni betrat man die Grenzlandschaft der Marghi, eines Volks stammes, der mit den Mußgu verwandt ist. Die Gegend war durch Raub züge der Bornuaner verödet. Die Hautfarbe jenes Volksstammes wechselte seltsamer Weise ohne schattirende Uebergänge zwischen glänzendem Schwarz und leichter Kupfer- oder Rhabarberfarbe. Die Gesichtszuge und Gestalten zeigten auffallende Schönheit und Regelmäßigkeit. Obgleich das Haar kraus war, ließ sich doch nichts Anderes von Negerthpus bemerken, außer mäßig aufgeworfene Lippen. Die Frauen waren dadurch entstellt, daß sie sich eine dreieckig zugespitzte Metallplatte mittelst eines Stiftes von 1 Zoll Länge in der Unterlippe befestigt hatten. Viele Marghi's gingen vollständig nackt und mach ten durch ihre Helle Farbe einen solchen überraschenden Eindruck, daß selbst Barth's Pferd, das aus dem gesitteten von tiefschwarzen Einwohnern bevölkerten Bornu stammte, davon scheu wurde. Trotz ihrer Nacktheit befinden sich die Mar ghi's keineswegs in dürftigen Verhältnissen. Ihre Gehöfte enthielten fünf bis sechs saubere Hütten und im innern Raum ein Schattendach. Am 8. Juni zeigte sich zur Linken der Straße der mit einem Doppel^ gipfel versehene Kegelberg, Mcudefi oder Mendif, unter dem 10° 35' n. Br.39 Barth in Adamaua und Sola. gelegen. Er ist ungefähr 4000 Fuß über der Ebene, gegen 5000 über dem Meere gelegen. Am 10. Juni betrat der Reisezug das freundliche Adamaua mit Aussichten auf seine wohlgestalteten Hügelketten, frischen Weidegründe und Herden, oder auf sorgsam angebaute Kornflächen mit behaglichen Gehöften. Die Wohnungen bestehen hier wie überall in Innerafrika aus einem durch eine Mauer abgeschlossenen Hofraum, welcher eine Anzahl von Hütten enthält. Im Innern jener Hütten sind gewöhnlich ein oder zwei Lager zum Schlafen. Die eiförmigen Thüren haben nur zwei Fnß Hohe. Eine Querwand aber, welche von der Thür aus das Bett verdeckt, giebt dem Raume seine Behaglich keit und die mancherlei Geräthschaften an den Wänden bringen ein wohnliches Ansehen hervor. Die Fellatah's fielen hier Barth besonders durch ihr freundliches Wesen und durch ihre Reinlichkeit auf. Sie bereiteten und verbrauchten viel Seife, und erschienen stets in schneeweiß gewaschenen Hemden. Die Ufer des Benne, welche sich schon von weitem durch die zahlreichen großen Ameisenhaufen bemerklich machten, wurden am 18. Juni erreicht. In blauer Ferne zeigte sich der hohe Bergrücken des Alantika, der 8000 Fuß die Ebene, etwa 9000 Fuß den Spiegel des Oceans überragt. Bei Ueber- schreitung des zur trockenen Jahreszeit 1200 Schritt breiten und 11 Fuß tiefen, goldführenden Benne („Mutter der Gewässer" von den Eingeborenen genannt), bemerkte man, wie sehr der Fluß zur Zeit seiner Anschwellung seinen jetzigen Stand übersteige. Hohe Bäume, die mehr als 50 Fuß seinen Spiegel über ragten, schauen dann nur mit den Spitzen aus seinen Fluten. Die Karavane näherte sich dem Berge Bagele mit seinem in Wolken dunst gehüllten Haupte, und der schöne frische Weideboden belebte sich mit grasendem Vieh und heiteren Dörfern. Am 20. Juni erreichte Barth halb krank die Hauptstadt Jola und befand sich in großer Spannung, mit welchen Gesinnungen ihn der Statthalter der Fulbe in Adamaua aufnehmen werde. Jola ist ohne Befestigungswerke ; die Hütten haben Lehmwände und Stroh dächer und sind von so geräumigen Hofräumen umgeben, daß man dieselben während der Regenzeit bestellt und in Kornfelder verwandelt. Am folgenden Tage übergab Barth seinen afrikanischen Empfehlungsbrief, der zwar bekrittelt wurde, aber doch keinen üblen Eindruck hervorbrachte. Alles ließ Barth hoffen, er werde die Erlaubniß erhalten, durch Adamaua weiter nach Südosten reisen zu dürfen und so vielleicht durch das völlig unbekannte äquatoriale Afrika nach der Mosambikseite des Festlandes zum indischen Ocean vorzudringen. Leider wurden seine Hoffnungen gänzlich zerstört durch das Dazwischentreten des Offiziers von Bornu, welcher ihn begleitet hatte, und der jetzt ein zu Adamaua gehöriges Grenzgebiet für Bornu beanspruchte. Man hatte Barth in diese Angelegenheit zu verflechten gesucht'und ihn als Vertreter Englands als Drohmittel verwendet. Im höchsten Grade darüber aufgebracht verweigerte jetzt der Statthalter Barth die geringste Erlaubniß.— Jola ist der südlichste Punkt, bis zu welchem überhaupt bis jetzt in Jnnerafrika ein Europäer40 Einleitung. vorgedrungen. Bei der vorhin angedeuteten Bauart der Häuser darf es nicht Wunder nehmen, daß die Stadt sich von Ost nach West drei deutsche Meilen weit ausdehnt und nur 12,000 Einwohner zählt. Sie liegt in einer sumpfigen Ebene und wird von einem todten Arm des Benne berührt, der bei Hoch wasser sogar einen Theil der Stadt überschwemmt. Außer Schmiedearbeiten entdeckte Barth keine örtlichen Gewerböerzeugnisse. Als Handelsartikel sind bunte Tücher aus Kano, Glasperlen und Salz sehr gesucht. Sklaverei herrscht in Adamaua im größten Maßstabe. Es giebt Privatleute, die über 1000 Sklaven besitzen. Diese Leibeigenen bewohnen besondere Dörfer, und werden durch Aufseher zum Ackerbau angetrieben. Die Hanptbrodfrüchte sind Durrahirse (Sorghum vulgare) und Erdeicheln (Arachis hvpogaea). Baumwollenbau findet ebenfalls statt. Die Fleischproduktion ist so gering, daß eine Ziege oft mehr kostet als eine Sklavin. Größere Gebirgsmassen fehlen in Adamaua; der Alantika ist nur ein vereinzelter Stock von etwa 50 Meilen im Umfang. Im Allgemeinen ist das Land flach, und steigt von 8—900 Fuß Erhebung am Mittlern Benne weiter nach Süden nur bis 1500. Der Statthalter von Adamaua ist ziemlich unabhängig von dem Sultan von Sokoto, und befiehlt über eine Anzahl von untergeordneten Häuptlingen. Letztere mögen etwa 3 — 4000 Reiter und das Zehnfache an Fußvolk stellen können. Die Hanptwaffe der Fellatah ist Bogen und Pfeil, die Reiterei führt Speer, Schild und ein gewöhnlich gerades Schwert. Bei der Rückreise von Zola, welche Barth am 25. Juni antrat, be merkte er zu seiner Verwunderung in dem Gebiet der Marghi, welches er wieder passirte, daß hier die Schutzpockenimpfung allgemein gebräuchlich war. Auch ein eigenthümliches Gottesgericht fiel ihm auf. Kläger und Beklagter gingen zur Entscheidung auf den heiligen Granitfelsen und ließen dort zwei Hähne mit einander kämpfen. Barth beabsichtigte jetzt, das im Nordosten des Tschad gelegene Gebiet von Kanem zu besuchen, konnte dies aber auf keine andere Weise ermöglichen, als daß er sich einer Raubhorde anschloß, welche vom 11. Scpt. bis zum 14. Nov. 1851 einen Streifzug in jenes Gebiet unternahm. Die Land schaft, welche auf diese Weise durchzogen wurde, war eine Sandebcne mit Bäumen von mäßiger Größe, meistens Mimosen besetzt und bei günstiger Jahreszeit zum Anbau von Sorghum wohl geeignet. In den tiefen Boden einsenkungen findet sich Wasser genug für Pflanzungen, allein in Folge der politischen Verwahrlosung des Landes sind sie nur mit üppiger Walewildniß angefüllt. Weiterhin ward die Gegend durch manchfachen Wechsel von Berg und Thal schöner. Man erreichte Palmenhaine und angebautes Land, und die Araber fielen plündernd und verheerend in die Ortschaften ein, bis die erbitterten Ucberfallencn' sich zu ernsthaftem Widerstande sammelten. Barth und sein Begleiter Overweg waren im Lager zurückgeblieben, als nach einigen gewechselten Schüssen die Beduinen in wilder Flucht davonjagten. Barth mußte ihnen folgen, und es fielen bereits hinter ihm Schüsse, als die Araberm Willis, Mark im Sildsii. Zu Seite 40. Verlag von Otto Spanier in Leipzig.Barth und Overweg unter den Knnembu's. 41 sich wieder gesammelt hatten und den bereits im Lager plündernden Feind zurücktrieben. Nach einem abgeschlagenen zweiten Angriff beschloß man mit der geringen Beute den Rückzug anzutreten. Des wüsten Treibens der Räuberschaar überdrüssig, trennten sich Barth und Overweg von derselben und schlossen sich einer Karavane an, welche Ein Kanembuhäuptling. nur aus Kanembu's bestand. Diese schafften ihre wenigen Habseligkeiten auf Packochsen und Kamcelcn fort. Außer den beiden Europäern waren nur zwei Reiter bei dem Reisezüge, trotzdem, daß einige angesehene Leute und selbst mehrere Frauen sich mit dabei befanden. Diese Letzteren zeigten ihren großen Mangel an Bildung besonders durch die Unmassen von Glasperlen, mit denen sie sich behängt hatten, während andererseits ihre angenehmen Züge und schlan-42 Einleitung. feit Formen einen lebendigen Gegensatz gegen die häßlichen Bornnfranen bildeten. Die auffallende Verschiedenheit zwischen den Bornu und Kanembu rührt wahrscheinlich von der Vermischung des nach Bornu ansgewanderten Volkes mit den früher hier angesiedelten Negerstämmen her. Der Zug nach Knkaua war nicht ganz ohne Abenteuer, die aber glücklich genug mit dem blosen Schrecken abliefen. Als die Karavane sich der Stadt Beri näherte, traf sie plötzlich an einem Engpaß die sämmtliche Bewohner schaft des Ortes in Schlachtordnung ausgestellt. Schild und Speer bildeten die Hauptbewaffnung; außer dem Kopftuch, das einen Theil des Gesichts mit verhüllte, war aber meistens ein Lederschnrz die einzige Bekleidung. Der Häuptling selbst saß hoch zu Roß. Auf beiden Seiten erhob sich ein gewal tiger Lärm und Schlachteuruf, bis sich der Irrthum glücklich aufhellte. Die Bewohner von Beri hatten nämlich die Reisenden für Tuaricks gehalten und sich zu einem feindlichen Empfang derselben vorbereitet. Eine zahlreiche Raub- Horde dieses Stammes hatte kurze Zeit vorher 200 Kameele und Pferde Hinweg getrieben, die sämmtlich nach Beri gehört hatten. Kaum nach Knkaua zurückgekehrt, schloß sich Barth einem andern Raub- zuge an, welchen die bornuanische Kriegsmacht nach dem Süden des Tschadsee in das Gebiet der heidnischen Mußgu ansführte. Der Heereszug umfaßte 20,000 Menschen, 10,000 Pferde und eben so viele Lastthiere.. Der bunt- gekleidete Hanfe gewährte ein malerisches Bild. Die schwere Kavallerie unterlag beinahe der Last der dickwattirten Röcke, der Panzerhemden oder der Ketten panzer und ihrer in der Sonne blitzenden Helme. Leichter gekleidet folgte dagegen der Schna auf hagerem, aber rüstigem Gaule mit einer Handvoll Wurfspeere. Während das Kanembu-Fußvolk, mit Schild uno Speer be waffnet, nur mit einem zerrissenen Schurz und einer Kopfbedeckung nach Art der Berber einherzog, prunkten die Sklaven des Hofhaltes selbstgefällig im Putz ihrer seidenen Hemden. Am 23. Dezember wurde das nördlichste Mußgudorf erreicht. Die Mußgu gehören zu der großen Familie der Massastämme, zu denen auch die Bewohner von Marghi und die unterworfenen Batta in Adamana gerechnet werden. Sie sind Heiden, und ihr Fetisch soll eine lanzenartige Holzstange sein, welche aber viel leicht nur symbolisch den heiligen Hain vertritt. Die Mußgu sind fleißige Land bebauer, auch geschickt im geschmackvollen Ban ihrer bienenkorbförmigen Thon hütten und schöngerundeten Grabgewölbe, welche eine Urne tragen, in denen muthmaßlich ein Theil der Gebeine befindlich ist. Obschon die, meist ganz nackt gehenden Mußgu ihren Feinden, welche rings ihr Land umgeben, an Muth wenigstens gleich sind, so stehen sie doch im Nachtheil, da sie nur den Speer und für den Kampf im Gedränge ein Handeisen als Waffe führen. Ihre Pferde reiten sie ohne Sattel und Bügel, und haben deshalb den bar barischen Gebrauch eingeführt, auf dem Rücken der Reitpferde eine offene Wunde zu erhalten, um dadurch festern Sitz zu gewinnen. Der Kriegszug gelangte bis zu 10° 5'n. Br. und Barth schaute sehnsüchtig43 Thierlebeu. Reisehinderniffe. hinüber nach den Hainen aus Delebpalmen, welche das jenseitige Ufer des Serbewel schmückten. Dieser Serbewel ist der reichste Seitenfluß des Schari. Der Reisende war bis zu dem innerafrikanischen Hochlande gekommen, aber statt des Mondgebirges, das man sich hier massenhaft und großartig gedacht hatte, fand er wenige vereinzelte Berghohen und kaum 1000 Fuß über dem Meere ein fruchtbares Flachland von unzähligen breiten Wasserrinnen durch zogen. Nur nach Südwesten erblickte er in einer Entfernung von etwa 16 Meilen die vereinzelte Felshöhe der Tuburi. Nachdem brach Barth ans, um das noch gänzlich unbekannte Reich Baghirmi im Südosten des Tschad zu be suchen. Nachdem er die Landschaft Lo- gone durchzogen, glückte es ihm, trotz des Widerstandes der jenseitigen Be wohner, über den Schari zu setzen, und er fand ein fruchtbares Gebiet, eine fast ununterbrochene Reihe von Dör fern, inmitten von üppigen Anpflan zungen. Ans sumpfigen Wiesen gründen wateten Viehherden, nicht selten bis zur Hälfte im Wasser stehend und das junge, frische Grün abweidend. Hier rauschte der riesige Pelikan vom benachbarten Baume nieder, dort stand der Marabustorch, einem alten Manne ähnelnd, mit dem Kopfe zwischen den Schultern; hier stolzierte der gewaltige, blau- gefiederte Dedegami einher, indem er seiner Beute nachspürte, weiterhin der PlotuS mit seinem schlangen artigen Halse: dort forschte der weiße Ibis begierig nach Futter, und da zwischen watschelten allerlei Enten, D-r M»i-bust°rch. flogen und flatterten zahlreiche kleine Vögel in größeren und kleineren Schwärmen umher. Dann und wann brach ein Wildschwein ans dem Dickicht hervor, von einem zahlreichen Ge folge von Ferkeln begleitet und rannte eilends in das kühle Wasser. Bald wurde Barth gezwungen anzuhalten, um erst die Erlanbniß des Reichsver- wescrs zur Weiterreise zu erwirken. Der Sultan selbst war ans einem Kricgs- zuge. Sein Stellvertreter befahl Barth, nach Bugoman zu gehen und dort des Herrschers Rückkehr abzuwarten; der Präfcct letzterer Stadt weigerte sich aber ihn aufzunehmen, und als Barth, des Hin- und Herschickens endlich über drüssig, wieder über den Schari zurück wollte, ward ihm auch dies verwehrt44 Einleitung. und er sogar in Ketten gefangen gelegt. Wieder in Freiheit gesetzt, erreichte er am 27. April Massen«, die Residenz des Sultan, dessen feierlichen Einzug er mit ansah. Bei diesem erzwungenen, langen Aufenthalte ward besonders Geldmangel für Barth sehr unangenehm. Er hatte Nichts mehr als Lyoner Ein-Sou-Spiegel und Nähnadeln. Letztere verschafften ihm bald den Spitz namen „der Nadelprinz". Die Baghirmier übertreffen an stattlichem Wuchs, an Muskelkraft, an Muth und Thatkraft die Bornuaner. Noch weit größere Vorzüge besitzen ihre Frauen, welche sich vor den vierschrötigen Bornuanerinnen durch ebenmäßigen' Gliederbau, regelmäßige Züge und angenehmen Gesichts ausdruck auszeichnen. Viele besitzen große dunkle Augen, und die Schönheit der Baghirmierinnen wird mit Recht im Sudan hoch gepriesen. Sie zieren ihre hohe Gestalt durch eine helmbuschförmige Haarfrisur. Sonst besteht ihre Kleidung aus einem langen Gewände, welches um die Brust befestigt wird. Sehr großes Interesse gewährte Barth ein Fulbe-Neger, der Faki Ssambo, welcher ans beiden Augen erblindet war und der gleich beim ersten Begegnen Barth durch die Frage in Erstaunen setzte, ob die Christen zu den Ben Israel gehörten. Sein Vater, ein Schriftsteller, der über Haussa geschrieben hatte, sendete seinen Sohn zur wissenschaftlichen Ausbildung nach Aegypten. Der Negerstudent war im Begriff, von diesem Lande nach der Stadt Sebid im jemischen Arabien zu ziehen, weil dort in besonderer Vortrefflichkeit die logarithmische Mathematik gelehrt wurde, aber die Bürger kriege in Arabien nöthigten ihn zur Umkehr nach dem Sudan. Mit diesem Manne konnte Barth über Platon und Aristoteles sprechen, welche der ge lehrte Neger aus arabischen Uebersetzungen kannte. Als unser Landsmann einst vom Astrolabium sprach, horchte Ssambo in höchster Erregung auf, denn sein Vater hatte ein solches astronomisches Instrument besessen, und er selbst „war seit 20 Jahren keinem Menschen begegnet, welcher gewußt hätte, was für ein Ding ein Astrolabium sei." Als höchste Kleinodien bewahrte er noch einige alte arabische Handschriften, die er freilich nur noch betasten konnte. Massen« wird durch eine muldenförmige Einsenkung in zwei Abtheilungen getrennt. Dieses Thal füllt sich in der Regenzeit mit Wasser, ist sonst aber niit frischem Grün bedeckt. Die Stadt zeigt in ihren vielen zertrümmerten Lehm wohnungen, sowie durch die eingesunkene und in sehr hinfälligem Zustande befindliche Stadtmauer die zerrütteten Verhältnisse, in welche das ganze Land durch die vielfachen Bürgerkriege gerathen ist. Der zurückgekehrte Sultan erwartete von Barth als Geschenk eine Ka none, gewährte ihm aber doch, trotz der getäuschten Hoffnung, 40 Stück Hem den, die dort statt Geld dienen, da er das angebotene Geschenk einer schönen Sklavin hatte ausschlagen müssen. Das Reich Baghirmi liegt zwischen Bornu und Wadai, und hat eine nvrdsüdliche Länge von 240 Meilen und eine Breite von 150. Es bildet eine' große Ebene; nur an den Quellen des Schari und Benue sollen Gebirge von solcher Höhe sein, daß auf ihnen Schnee und Hagel fällt, lieber Sokoto reiste Barth 1853 durch die Pullo-Overweg stirbt am Fieber. Dr. Vogel 45 oder Fellatah-Reiche nach dem altberühmten Timbnktu und trat von hier aus 1854 seinen Rückweg nach Europa wieder an, indem er vom Tschad aus die östliche Straße nach Mursuk wählte. Barth's Reisegefährte Overweg hatte das Fahrwasser des Tschad in dem mitgenommenen Boote näher erforscht, und war mit den Bewohnern der Inseln jener gewaltigen Lagune bekannt geworden. Vielleicht durch seine Gewohnheit, Nachts außerhalb der Hütte zuzubringen, um die nach den tropischen Regen eintretende Kühle zu genießen, sowie durch die geringe Beachtung, welche er Durchnässungen und Erkältungen schenkte, hatte sich Overweg ein tödtliches Fieber zugezogen. Er selbst bezeichnete die Stelle am Ufer deS Tschad, an welcher das Boot geborgen war, als den Platz, an welchen! er wünschte begraben zu werden, und schläft dort den lan gen Schlaf als ein im Kampfe nrit dem feindlichen Klima gefallener Streiter. Der gelehrte und unternehmende Reisende De. Eduard Vogel, welcher der Expedition etwas später nachfolgte und mit Barth zusammentraf, ver suchte in östlicher Richtung vorzudringen, um wo möglich den Nil zu erreichen. Er gelangte 1856 bis nach Wara, der Hauptstadt von Wadai, von wo aus die weiteren Nachrichten über ihn abweichen. Das Zelt des Beduinen.Niederlassung am Kap. Reisen im Süden Afrika's. Vasco de Gama. Diaz. Riebeck. Lichtenstein. Gerden. Paters»». Truler'und Sommervilte. Campbell. Krapf. Haug. Anderson. Cumming. Wahlenbcrg. Livingstone. Derjenige Punkt, an welchem die Europäer sich am sichersten fest setzten, und von. wo aus sie erfolgreich nach dem Innern drangen, zugleich eine der interessantesten Stellen des ganzen Erdtheils, ist das Kap der guten Hoff nung. Bei der ersten Umschiffung unter Vasco de Gama 1497 hatten die Portugiesen es nicht gewagt, hier zu landen, obschon das Land bereits vier Jahre früher durch Bartholomäus Diaz entdeckt worden war. Erst 1498 wurde eine Landung und Niederlassung versucht; stets fürchteten aber die Portugiesen die vergifteten Pfeile der Eingeborenen, durch welche 1509 selbst der Vicekönig von Brasilien getödtet ward. Die Holländer beabsichtig ten an dem für ihre Schifffahrt nach Ostindien höchst wichtigen Punkte eine dauernde Niederlassung zu gründen, und in ihrem Aufträge kaufte der Chirurg Riebeck für Tabak, Branntwein und allerlei Kleinigkeiten von den Eingeborenen ein bedeutendes Stück Land, ans welchem er die ersten Bauten zur jetzigen Kapstadt ausführte. Es entspann sich bald ein lebhafter Handel mit den Ein geborenen, doch auch feindliche Reibungen blieben nicht aus, die damit endeten, daß den Hottentotten 1661 alles Land innerhalb drei Stunden von der Kap stadt abgenommen wurde. 1685 wandten sich zahlreiche Franzosen hierher, welche des Glaubens wegen aus ihrem Vaterlande vertrieben wurden. Gleich zeitig wurden durch Simon van der Stel die berühmten Weinberge von Constantia angelegt, die er nach seiner Gattin benannte. Im Innern der Kolonie siedeltenLichtenstein. Gordon. Paterson. Truter und Sommerville. Campbell. 47 sich besonders holländische Viehzüchter an, von denen Jeder bedeutende Flächen, so weit er sie übersehen konnte, als Besitzthum erhielt und sich in seiner Ab geschiedenheit bald auch als unabhängig betrachten lernte. Diese Boers nahmen allmählich das Land und die Herden der Hottentotten in Besitz nnd machten letztere selbst zu ihren Sklaven. Die Kunde von der Revolution in Frankreich drang auch in diese Gebiete und erweckte republikanische Bestrebungen. Die Engländer machten sich die hierdurch entstandene Verwirrung zu Nutzen und nahmen 1705 das Land in Besitz. Sie traten es zwar 1801 wieder an ihre früheren Herren ab, eroberten es aber 1806 durch ein Gefecht in der Nähe der Kapstadt von neuem. Lichtenstcin, welcher Hauslehrer bei dem holländischen Gouverneur der Kapstadt und nachher Chirnrgen-Major der dortigen Hottentottischen Dragoner war, machte eine Reise als Begleiter des holländischen Regierungsbeamten nach dem Innern der Kolonie, und wagte sich später, 1805, allein bis zum Orangeflnß vor. Schon früher, 1777, war Kapitän Gordon bis zu diesem Strome gelangt, nnd hatte ihn seinem Fürsten zu Ehren benannt. Paterson hatte 1778 die Mündung zuerst besucht und bald darauf passirtenihn zwei unternehmende Kaufleute, Truter undSommer- v ille, 1801. Seitdem haben sich die christlichen Missionare von allen Seiten in dieses Gebiet vorgewagt und eine Niederlassung nach der andern gegründet. 0m Jahre 1813 erhielt Campbell von dem Londoner Missions-Verein den Auftrag, diese sämmtlichen Stationen zu besuchen und eine Verbindung unter ihnen herzustellen. Seinem frommen, anspruchslosen Sinne gelang das ge fährliche Unternehmen, und es glückte ihm, den Orangeriver fast von dem Ouellgebicte bis zur Mündung zu verfolgen. Die Quellen dieses Flusses liegen auf der hohen Gebirgsfläche, welche nördlich von den Schneebergen die Grenze des Kafferngebietes bildet. Es sind besonders vier Hanptzuflüsse, welche durch ihre Vereinigung den Orange bilden. Während weite Flächen ringsum Wüstencharakter tragen, bietet das Land am obern Orange gesundes Wasser, herrliche, schattige Bäume und grüne Rasenflächen. Campbell schildert den Anblick desselben als den schönsten des ganzen Kaplandes. ' Dort liegt Griquastadt (früher Klaarwater genannt) in der Nähe der Furten durch den Strom, der an vielen anderen Stellen so reißend ist, daß er Wagen und Zugvieh mitnimmt. Wahrscheinlich war dieser ganze obere Landestheil ehedem ein See, dessen Gewässer sich allmählich mühsam einen Weg durch die Sand steinterrassen bahnten, denn der Orange zwängt sich bis in die Nähe seiner Mündung fortwährend in einer Schlucht entlang, welche sich stellenweise so ein schnürt, daß fortgerifsene Bäume und Steine hier Dämme bilden, die durch Aufstauen des Wassers Ueberschwemmungen und wüthende Durchbrüche veranlassen und den Strom für Schiffe gänzlich unpassirbar machen. Wo das Thal sich weitet, ist es mit Kiesgeröll und losen Steinen bedeckt, ohne angesetzte fruchtbare Erde, nur stellenweise mit genügsamen Heidekräutern be standen. Das fatale Dornengestrüpp, wegen seiner langen, zurückgekrümmten Haken „Wart' ein Weilchen" genannt, versperrte hier öfters den Weg, Löwen48 Einleitung. schreckten die Reisenden, nackte Klippenzüge setzten vielfach unübersteigliche Hindernisse im Thale entgegen und gewährten den feindlich gesinnten Busch männern sichere Berstecke, um mit vergifteten Pfeilen jeden Nahenden zu be drohen. Ein Glied der Reisegesellschaft ward auf diese Weise getödtet. Ein mal krachten die Räder der Reisewagen über entsetzliches Steingeröll, ein andermal versanken sie wieder bis an die Achsen in tiefen Sand. Einzelne spärliche Saftpflanzeu klammern sick, in dieser wilden Einöde an die sonnedurchglühten Blöcke, Kokerbäume mit saftigen Aloeblättern, unten am Fuße 10 — 12 Fuß im Umfang, pyramidal aufsteigend, nur 16 Fuß hoch, krönen die Spitzen der Klippen. In den Winternächten wird es hier nicht selten so kühl, daß es Eis gefriert, und am Tage dagegen wiederum unerträglich heiß. Eine Hälfte des Jahres fehlt Regen und Thau. So traurig und ein sam aber auch das Land hier ist, fehlt es doch an den stillen und tiefen Lagunen, die der angeschwollene Strom sich seitwärts wühlt und die er gefüllt verläßt, wenn er in sein Bett wieder zurücksinkt, nicht an regem, buntem Leben. An den Aestcu wehender Weiden (Salix Gariepina), den üppigen Gebüschen und hohen Gräsern (Juncus serratus) hängen die zierlich ans Halmen geflochtenen Nester der Webervögel, bunte kolibriähnliche Vogel wiegen sich ans den leichten Federbüschen der Schilfe, von Zeit zu Zeit taucht ein träges Flußpferd ans und streckt mit behaglichem Grunzen seine Schnauze über den Grasrand empor. Plötzlich kracht das Schilf und eine düstere Masse braust hindurch und dreht sich schnaubend nach allen Seiten: ein Rhinozeros, das aus der dürren Ebene gekommen, um hier seinen Durst zu löschen und an den grünen, saftigen Zweigen sich zu sättigen. Dort steigt eine Herde Affen herab; die Aefflein reiten auf dem Rücken der Alten, und mit stoßweisem Gebrüll, das aus einem gewaltigen Sprachrohr hervorzugehen scheint, rufen sie einander. Auch sie, gesättigt mit Skorpionen und Spinnen, die sie unter losen Steinen aufgejagt und mit kleinen Zwiebelgewächsen, die sie aus dem Sande gescharrt, kommen zum Wasser. Antilopen schleichen verstohlen durch Binsen und Schilf und prüfen mit großen fragenden Augen die Umgebung: der braune, runde Duikcr- bock (Antilope mergens), der langgehörnte Gemsbock ( Antilope oryx), der ungestaltete Kudu (Antilope equina) und viele andere mehr. Ringsum blühen zwischen breiten saftigglänzenden Blättern die blauen Seerosen (Nymphaea capensis), und Kalmusarten würzen die Luft mit erquickendem Aroma. Nachts ertönt das seltsame Gewimmer der gefleckten Hyäne, die faulenden Thieren nachspürt, welche etwa das Wasser anspült. Löwe und Leopard liegen am frühen Morgen in dem dicken Gewirr der riesigen Binsen und Schilfe auf der Lauer nach Rehen und Springböcken, welche zur Tränke kommen. Auch der wilde Büffel findet sich ein, jedoch, die gefährlichen Gäste witternd, stampft er wüthend den Boden, neigt das mächtige Gehörn wie zum Angriff, besinnt sich aber eines Bessern, und fliegt pfeilschnell herum, peitscht seine Flanken mit der langen Weißen Quaste seines Schwanzes, und verschwindet in einer Staubwolke in der Ebene. Hier und da steckt eine schöngcflecktcGriqua'S, .Raffern und Buschmänner. 49 Zibetkatze den Kopf aus dem Gebüsch und schaut klug umher; dann folgt vorsichtig und zögernd ein feines, sammetschwarzes Füßchen, aber sie erspäht etwas Verdächtiges, ihre Augen leuchten und mit einem verdrießlichen Geknurr verschwindet sie wieder. Nicht minder lebendig ist es im Strome selbst. Hier taucht ein Biber auf und zimmert unter den Hölzern, dort schiebt sich schwer fällig und träge eine große Schildkröte einher; tief flattern wilde Enten und furchen die spiegelnde Fläche; Schnepfen schießen in jähem Fluge von einem Rohrgebüsch zum andern, und das flinke Volk der Becassinen scherzt zwischen Schilf und taucht in die klare Flut. Auf seichten Stellen stolzirt der lang beinige, purpurne Flamingo zur Seite des schimmernden Anhinga; am Rande der Lagunen steht einbeinig in philosophischer Ruhe der graue Kranich, und schaut unbeweglich in das stille Wasser. Von den Gebüschen, umsäumt mit zahllosen weißen Glocke» der Calla aethiopica, ertönt der schrille Ton des Perlhuhns, der laute Ruf der Rebhühner und Fasane. Kaum giebt es vielleicht irgend ein stumpfsinnigeres Geschlecht Menschen, als dasjenige, welches die Ufer des Orange bewohnt. Campbell traf die Schwarzen hier ohne Ackerbau. Mit ihren Hunden gemeinschaftlich lagen sie im Grase und überließen die weidenden Herden meistens sich selbst. Nur der Hunger zwang sie zu einer zeitweisen Thätigkeit. Ohne Laster, ohne Tugenden, ohne bemerkbare Religion, ließen sie sich willenlos lenken, wie Kinder. „Wir sind ein getrenntes, getheiltes Geschlecht, wir können Nichts entscheiden!" antworteten sie auf Eampbell's Vorstellungen. Es bedurfte einer fünfjährigen Anstrengung von Seiten der Missionare, ehe sie die Griqua's dahin bewogen, sich zu festen Wohnplätzen zu bequemen und Ackerbau zu treiben; 1812 zog man aber bereits Trauben, Pflaumen, Pfirsichen, Kürbisse, weißen Kohl, Bohnen, Erbsen, Hirse, Mais und Kartoffeln. Die Leiden schaft der Ansiedler für's Tabakrauchen hat sie bewogen, sich besonders mit dem Anbau des geliebten „edlen Krautes" zu befassen. Seit jener Zeit haben sich die dortigen Verhältnisse freilich mehrfach geändert. Leider haben auch nicht alle Missionsanstalten Südafrika's den richtigen Takt gehabt, wie ihn Campbell, Livingstone und Andere an den Tag legten. Anstatt die Schwarzenn durch ihr Beispiel zu einem arbeitsamen, thätigen Leben zu gewöhnen, quälten sie sich, den schwerbegreifenden Söhnen Afrika's schwierige Dogmen faßbar und verständlich zu machen. Kaffern und Buschmänner sind schlau genug gewesen, und haben Missionen nur zu dem Zwecke besucht, oder die Grün dung solcher Anstalten in ihren Gebieten veranlaßt, um in Besitz von Feuergewehren zu kommen und die Klugheit der Weißen zu erlernen. Viel fach haben blutige Reibungen stattgefunden, zu denen die Schuld, wie häufig, auf beiden Seiten vertheilt war. Der holländische Bauer hatte Land und Vieh. der Eingeborenen in Besitz genommen und in einer Weise für sich als Eigenthum beansprucht, von welcher die Schwarzen früher keine Ahnung hatten. Er hatte die ehemaligen Herren selbst zu Sklaven ge macht,sjund schoß den noch unabhängig lebenden Stämmen das Wild weg Livingstone, Reisen in Afrika. 450 . Einleitung, von denen ihr Unterhalt ausschließlich übhing.- - Pie Buschmänner und Hottentotten erlaubten sich ihrerseits oft genug räuberische Ueberfälle, bei .denen Mordthaten nicht zu. den Seltenheiten gehörten. Zu diesen Wirren ge sellten sich noch vielfache Mißhelligkeiten zwischen den Holländern.des-Innern -und der neuen englischen Regierung. Letztere erklärte 1829 alle Leibeigenen «für frei, und die Boers sahen sich mit einem'Schlage ihren Dienerschaft be- .-raubt, da der Eingeborene yicht ohne die.höchste Noth arbeitet, lieben hungert, j jagt oder stiehlt. Die Koinmando's-, durch welche die Eiuzelnwohncnden sich -auf eigene Faust Ruhe vor ihren räuberischen Nachbarn verschafft hatten, -wurden untersagt und dem Boer zugemuth'et, bei vorkommenden Streitigkeiten -mit dem Gegenpart meilenweit zum Richter zu reisen, vielleicht zur Zeit der 'Ernte, in welcher jede Minute Goldes werth ist. Die.Schwarzen waren -.andererseits durch die neuen Gesetze vor vielen Ungerechtigkeiten in Schutz ge nommen, die sie bisher hatten erdulden müssen. Durch Verrätherei wurden .einst-40-Boers durch einen Kaffernhäuptling mit einem Male ermordet, ihre -Niederlage aber durch die Ueberlebenden unter der Anführung eines gewissen 'Pretoriüs blutig'gerächt. Auch mit den Truppen der Regierung hatten die Boers.'ernste Züsammeutreffen, wurden aber von denselben in offener Feld- -schlacht-geschlagen und zu einem Uebersiedeln in entferntere Distrikte veranlaßt. '-Die.Köloilie? ani Port Natal, an der Ostseite des Kaplandes, entstand auf .diese? Weife.'' Hier bildete das Gebiet des Fischflusses mit seinen undurch- "dringlicheN DorNendickichten lange Zeit hindurch den Kampfplatz zwischen den Europäern 'und den kriegslustigen Kaffernstämmen, bis letztere der Ucbcrmacht der Schießivaffen weichen lmußten. In den letzten Jahren hat England diese Grenzbezirke noch '-dnrch eine bedeutende Anzahl jener Krieger verstärkt, welche in denn Fsldlager'vor Sewastopol die Fremdenlegion bildeten. Nördlich davon, an der Sträßs von Mosambik sammelte neuerdings der Missionar l)r. Kraps interessante Nachrichten über die Wakuafi und Masai, diese Stämme des inner» Hochlandes, und dem Iw. Hang verdanken wir Mitthcilungen vom Jahre 1856 über die Znlukaffern, auf welche wir schließlich wieder zurück kommen. Sind auch Anderson, Cumming und Wahlberg tief ins Innere des südlichen Continents von Afrika gedrungen, so ist es doch Keinem so glänzend gelungen, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, der bisher über diesen Gegenden ruhte, als Or. Livingstone, dessen Reisen und Erlebnisse den Inhalt des vorliegenden Werkes bilden.Der Tafelberg. Die Natur und der Mensch in Afrika. Das Knochengerüst Afrika's. Will man die geognostische Beschaffenheit und das davon ab hängige Profil Afrika's mit wenigen Strichen bezeichnen, so fühlt man sich versucht, den ganzen Erdtheil mit einer mächtigen Sandsteinplatte zu ver gleichen, welche durch Granite und Basalte aus den Fluten des Oceans emporgehoben wurde. Diese Erhebung ist im Süden des Contincnts größer als in seiner Nordhälfte, obschon auch letztere keineswegs eine so ununter brochene wagerechte Fläche bildet, wie man sich oft, durch undeutliche Karten- zeichnuugen und unklare Schilderungen veranlaßt, vorgestellt hat. Auch die Sahara hat ihre Hochländer und HLhenzüge. Die Küsten Afrika's sind auf diese Weise vorzugsweise schroff terrassenförmig aufsteigend, das Innere da gegen ist vorwiegend Ebene in verschiedener Höhe über dem Meeresspiegel, meistens bassinartig eingesenkt und an den tiefsten Stellen mit größeren oder kleineren Wasserbecken, entweder bloscn Brunnen oder ansehnlichen Sümpfen und Seen erfüllt. Nur an wenigen Punkten erheben sich die durchgedrungenen plutonischeu Gesteine zu höheren Gebirgsstöcken, welche mit ihren Spitzen bis zu solchen Regionen emporragen, daß ewiger Schnee und Gletscherbildungen auf ihnen möglich wären. Die vulkanische Thätigkeit der Erde ist auffallender 4*52 Einleitung, Weise gerade in Afrika außerordentlich schwach gewesen. Wenn man auch weite Flächen des Binnenlandes noch nicht kennt, so würde doch wahrscheinlich die Kunde von einem größern thätigen Vulkane durch Erzählungen der Eingeborenen zur Kenntniß der Europäer gekommen sein, und die Küstengebiete sind, bis auf wenige Stellen, ausreichend erforscht. Oestlich von der Niger mündung, unter dem 4° 12' N. Br. befindet sich, nach den Mittheilungen des Kapitän Allan ein Vulkan im Camerun-Gebirge, westlich von dem gleich namigen Flusse, welchen die Eingeborenen Mongo-ma Leba nennen. Der selbe gab 1838 einen Lavaausbruch, und scheint auf derselben vulkanischen Spalte zu stehen, wie die vulkanischen Inseln Anobon, St.-Thomas, Prinzen- Insel und Fernando Po. Er steigt bis 12,200 Fuß hoch empor. Der Missionar Dr. Krapf erhielt 1849 Kunde von einem mächtigen Berge, welcher im südöstlichen Afrika unter 1° 20' S. Br. nahe an den Quellen des Dana- flusseS, westlich von dem Schneeberge Kignea liegt. Ungefähr 1—2 Grad südlicher von letzterem entdeckte 1847 der Missionar Rebmann einen zweiten Schneeberg, den Kilimandjaro, vielleicht kaum 50 geogr. Meilen von dem Litoral von Mombas. Etwas westlicher davon liegt ein dritter Schnecberg, der Doengo Engai, dessen Entdeckung man dem Kapitän Schoot verdankt. Etwas zahlreicher sind die Beweise von Spuren vorhistorischer vulkanischer Thätigkeit besonders in den Gebieten zwischen dem 7° N. und 12° S. Br., zwischen dem Parallel von Adamaua und dem Lubalo - Gebirge. Die Um gebung des Tzana in Abessynien läßt schließen, daß dieser See selbst den erloschenen Krater eines Vulkans füllt; aus Schoa brachte Röchet d'Hericourt zahlreiche Proben von Basalt, Trachyt und Obsidian mit, welcher dort massen haft auftritt. Auch in Cordofan wird der Kegelberg Koldghi als ein Vulkan bezeichnet, der zwar gegenwärtig nicht thatig ist, aber doch schwarzes, poröses und verglastes Gestein zeigt. Die einzeln stehenden Bergmassen des Bagele und Alantika, welche Dr. Barth auf seiner Reise in Adamaua südlich vom großen Benucstusse sah, erinnerten ihn durch ihre domartige Form lebhaft an Trachytberge. Sein Reisegefährte Dr. Overweg fand in der Gegend von Gudscheba, westlich vom Tschad, olivinrciche, säulenförmig abgetheilte Basalt kegel, welche bald die Schichten des rothen thonartigen Sandsteines, bald quarzigen Granit durchbrochen haben. Das Hochland der Berberei, das mitt lere und untere Stufenland des Nil und die Sahara sind besonders durch die jüngeren Gebirgsformationen des Tertiärgebirges, der Kreide und des bunten Sandsteins gebildet, die stellenweise von Granit, Porphyr, Trachyt und Basalt durchbrochen werden. Die lebhaften Färbungen, in welchen mehrere dieser Gesteine auftreten, müssen den Wanderer in Etwas dafür entschädigen, was den Landschaften an Pstanzenschmuck abgeht. Wahrscheinlich in Folge von früheren vulkanischen Erschütterungen ist das Sandsteinplateau der Sahara durch zahlreiche Schluchten zerrissen, sogenannte Wadi's, welche sich bei ein tretenden Regengüssen in kurzer Zeit in Flüsse verwandeln, außerdem aber vielfach die Straßen bilden. Diese Wadi's sind oft ansehnlich tief, da z. B.Die Hammada. 53 die berüchtigte Hammada, diese Wüste in der Wüste, 1000—1500 Fuß ab solute Höhe erreicht. In ihrem rauhesten Theile hat der Sandstein eine voll kommen schwarze Farbe, so daß er nur durch den frischen Bruch von Basalt zu unterscheiden ist. lieber den mächtigen Sandsteinflötzen lagern Mergel schichten und als oberste Kruste Kalkstein mit Kieselgeröll. Der lose Sand Wadi Egen. bildet sich durch Verwitterung des Gesteines und verändert seine Anhäufungen se nach den herrschenden Winden. Meistens stellt er lange Streifen zwischen dem Kiesboden dar. Die Thalsohle der Wadi's ist vielfach mit Blöcken und zertrümmerten Felsen bedeckt, und die Seitenwände zeigen gleichfalls manch- faltige Zerklüftungen, in denen Hyänen, Leoparden und Schakals ihre sicheren Schlupfwinkel finden. Andere Theile der Landschaft sind in Braun schattirt,54 Einleitung. und gehen in den übereinanderliegenden Kalk- und Gypsflötzen von den dun kelsten Tinten bis zu dein hellsten, grellen Gelb über. In den Gegenden Afrika's, wo der bunte Sandstein mehrfach gehoben und dadurch gebrochen worden ist, bildet er ähnliche groteske Felsenlabhrinthe, Säulen, Wände, Kegel und abenteuerliche Figuren, wie sie uns in Deutschland die sächsische Schweiz, sowie die Adersbacher und Weckelsdorfer Felsen zeigen. Die Schilderungen, welche Bruce von diesen Bildungen in Abcssynien entwarf, hielt man ehedem geradezu für erlogen, bis seine Nachfolger sie, wenigstens in den Grundzügen, bestätigten. Steile, unersteigliche Wände ziehen wie künstliche Mauern, mit Buschwerk gekrönt, weite Strecken entlang, Analogien zu der Teufelsmauer unsers Harzes bildend. Von ihren Zinnen schallt das kläffende Gebell der Paviane, welche dort ungestört hausen. Auf Felskegeln mit weiten, fruchtbaren und bebauten Hochflächen wohnen Gemeinden in glücklicher idyllischer Abge schiedenheit, und der Zugang zu ihnen ist durch lange Leitern und mühsam eingehauene Stufen zu ermöglichen. An anderen Stellen zeigen sich Felsen, oben massenhaft entwickelt, unten ans schmaler Basis ruhend, so daß sie um- znstürzen drohen. Sehr verwandt treten die Gebirgsbildungen auch am Kap- lande auf. Die berüchtigte Nadclbank bildet daselbst wahrscheinlich die unterste Stufe des Sandsteingebirges, welche nicht über den Spiegel des Oceans ge hoben wurde, die Küste selbst ist von losem, tiefem Sande bedeckt. Steigt man von hieraus in einer Schlucht nach der Höhe des Tafelberges, den die Anfangsvignette unsers Kapitels zeigt, empor, so stößt man vielfach ans lose, herab gestürzte Granitblöcke, der untere Theil des Berges selbst zeigt deutlich die Schichtungen des Grauwacken-Thonschiefers. Diese sind hier stark geneigt, oder geradezu senkrecht gestellt. Weiter" hinauf trifft man zahlreiche Granit gänge, welche den Schiefer durchsetzen und an den Berührungsstellen ver ändert haben. Die Granitgänge haben eine sehr verschiedene Mächtigkeit, von wenigen Zoll und Linien nehmen sie zu bis 6 Fuß, sie breiten sich in der manchfaltigsten Verzweigung aus, schneiden oft Grauwackenmassen ab und wickeln sie in sich ein. Bei 900 Fuß Höhe endlich bildet der Granit eine gleichartige compakte Masse von ungefähr ebenfalls 900 Fuß Mächtig keit. Dann hört er plötzlich auf und wird von wagerechten Sandsteinschichten überdeckt, welche wahrscheinlich in ungestörter Ruhe sich ans dem Urmeerc ab setzten und sehr allmählich und gleichmäßig gehoben wurden. Etwa bis 200 Fuß aufwärts ist der Sandstein durch Eisengehalt roth gefärbt, von da an aber bis zum Gipfel in seiner ganzen Mächtigkeit weiß. Zugleich ist der obere Stein härter als der tiefere, und enthält viel Quarzgeröll von der Größe einer Erbse bis zu derjenigen einer Faust. Da das Bindungsmittel leichter- verwittert als diese eingeschlossencn Massen, so fallen letztere dann heraus und bilden loses Geröll. Vom Gipfel des Tafelberges aus zeigen sich eine größere Anzahl ähnlich gestalteter Berge, welche ganz verwandten Bau und dieselbe Höhe besitzen, so daß der Gedanke nahe liegt, sie sämmtlich für Ueberreste eines einzigen Hochlandes zu halten. Je weiter man die Gebirge der KapkolonieGeogiwstische Beschaffenheit von Südafrika. 55 nach Norden verfolgt, desto geringer-ist die Höhe, bis zu welcher der Granit emporgestiegen-; kaum erhebt er-sich-dort bis 20 Fuß über den Spiegel des-Meeres-- Am Eingänge der kleinen Simonsbai, innerhalb der Falsbäi/-zeigen sich-an dem>Felsen,'der daselbst unter dem Namen „die Arche-Noah^ bekannt ist, Basaltgänge, welche den Granit von dev Tiefe aufwärts durchsetzen. Sotvie^man seine Wanderung von der Kapstadt nach Norden fortsetzt, ist man gezwungen, von Terrasse-zu-Terrasse emporzusteigen. Die Roggevelds, Bockevelds, schwarzen Berge, Schneeberge und das Karreegebirge bezeichnen die einzelnen 'Absätze. Nach Süden zu zeigen die sämmtlichen ge nannten Bergzüge hohe steile Abfälle, während sich im Norden stufenförmig höher gelegene Hochflächen ausbreiten. Eine der größten davon ist die Karroo, jene aus rothem Thonboden be stehende weite Ebene. Auch das nördlichere Gebiet Südafrika's in der Breite des Ngami-Sees besitzt dieselbe Bildung. Die Mitte jenes Landes, dessen Kenntniß uns durch Livingstone erschlossen ist, besteht zum größern Drittheil der ganzen Ausdehnung von Ost nach West ans einem großen Plateau, das sich nach der Mitte zu mulden förmig einsenkt und hier den Ngami-See an seiner tiefsten Stelle trägt. Letzterer ist nur 2500 Fuß über dem Spiegel des OceanS erhaben, die Ränder- der Hochebene crrreichen eine Höhe von 5000 Fuß. Letztere besteht aus ursprünglich horizontalen Schichten von Tuf, eisenhaltigen Conglomeraten, Sandsteinen und Madre- porenkalk. An der Ostseite brechen Basalte durch, die Hanpthebung ist aber auch hier durch Gneiß und Granitmassen hervorgerufen wor den, deren Gipfel als 5000 Fuß hohe Züge zu Tage ausgehcn. Im Westen fällt der hohe Rand der Hochebene schroff in tiefe Thal schluchten ab, an deren entgegengesetzter Seite-sich der Pungv An- dongo, aus Conglomeraten gebildet, bis 4000 Fuß erhebt. Dolo mit und Trapgcsteine folgen dann, bis die kalkigen Tufbildungen die' Küste säumen. In den Sandsteinen der Ostküste kommen Steinkohlenlager vor,-die bis jetzt freilich noch unbenutzt sind. Eisen kommt reichlich vor, und schöne schwere Erze werden an der Kap stadt zu Straßenbauten verwendet, da der Mangel an Brennmaterial einer größern Ausbeute dieses Metalles hinderlich im Wege steht. Auch Kupfer kommt stellenweise vor. Im Innern von Sudan ist besonders dasjenige von dem Bergwerk el Hofrah und von Runga bekannt. Die Westküste besitzt reiche Kupferminen in den Serras Cashindeabar, unweit von den Wasserfällen des Coanze. Die Goldgewinnung haben wir bereits am obern Zambesi und am Gambia kennen gelernt. Die Gebiete am Kongo enthalten außer Gold auch Silber. An den Karreebergen bilden zwar W Idealer geognostischer Durchschnitt von Südafrika. sRach Livingstone.i56 Einleitung. Achate und ähnliche Halbedelsteine bedeutende Geröllmafien, auch haben die Asbesthügel bei Griquastadt für den Mineralogen und die Ochergruben für den Betschuanen daselbst eine Berühmtheit erhalten; eigentliche Edelsteine, wie deren sowol Asien als Amerika aufzuweisen haben, sind aber bis jetzt noch nicht aus Afrika bekannt geworden. Nirgends finden sich dergleichen unter dem Schmuck der Fürsten und Sultane im Innern. An der Südspitze ist der Boden so reich mit Salzen, besonders Bittersalz und Glaubersalz durchdrungen, daß viele Quellen unbrauchbar werden. An den Ufern des Mittlern Orange krhstallisiren diese Salze nach dem Regen an der Oberfläche aus, so daß die Gegend bereist erscheint. An der Küste des rothen Meeres wird, wie erwähnt, Steinsalz gebrochen und von der dortigen muhamedanischen Bevölkerung als Handelsartikel in bedeutenden Karawanen nach dem Sudan bis Timbuktu versendet. Daß Schoa Seen besitzt, von deren Rande man jährlich bedeutende Mengen Salz sammelt und verführt, haben wir bereits bei Harri's Reise kennen gelernt. Diese inneren Länder sind so arm an diesem gesuchten Mineral, daß die Bewohner der Tschadufer die Asche von den Wurzeln des Salz- Kapernstrauches (Lappsris sockots) auslaugen und die so gewonnene Pottasche an die Speisen verwenden, und die benachbarten Stämme, denen jener Strauch fehlt, verbrennen sogar den Kuhdünger zu diesem chemischen Experiment. Der dem Europäer so widerliche Gebrauch, die Butter mit dem Urin der Kühe zu versetzen, der sich mit wenigen Ausnahmen durch ganz Centralafrika findet, hat seinen Grund in dem Mangel an Salz, das man auf diese Weise zu ersetzen bemüht ist. Zur Schießpulverbereitung findet man in Abes- synien große Mengen von ziemlich reinem Schwefel. Während an der Westküste Afrika's die vulkanischen Kräfte bei der Bil dung neuer Inseln thätig waren, machten sich an den Küsten und Inseln des rothen Meeres besonders die Polypen bemerklich, jene zwar winzigen, aber unermüdlichen Baumeister, welche durch ihre Korallenstöcke den Menschen neue Wohnplätze bereiten. Diese noch in der Gegenwart fortgehende Erzeugung neuer Untiefen, Klippen, Riffe und Inseln lenkt besonders die Aufmerksamkeit der Schisser auf sich, da sich auf dem Rothen Meer vielleicht in naher Zu kunft ein lebhafter Verkehr entwickeln dürfte, sobald die Kanalisirung der Landenge von Suez ausgeführt sein wird. Der Name „rothes" Meer be zieht sich übrigens nicht etwa auf rothe Edelkorallen (diese werden häufiger an Afrika's Nordküste gefischt), sondern auf das zeitweilige massenhafte Auf treten kleiner Infusorien und mikroskopischer Algenformen, welche dem Meer- waster jene Färbung verleihen, die sich mitunter vom Ziegelsteinrothen bis ins Dunkelblutrothe steigert.Die Wüste. Wüste, Wasser und Wind. Die auffallend schwache vulkanische Thätigkeit, welche bei der Bildung Afrikäs nur an verhältnißmäßig wenigen Punkten ansehnlichere Bergketten emportrieb, ist die Hauptursache für die eigenthümlichen Abänderungen, welche der Kreislauf des allbelebenden Wassers in diesem Erdtheile angenommen hat. Da der größere Theil der Flötzschichten ziemlich gleichförmig gehoben ist, so steigen die Küstenländer meistens einförmig und unzertheilt aus den Fluten des Oceans auf. Wenig Buchten und schützende Häfen dringen in den Riesen leib des massigen Continents ein. Der Küstensaum ist im Verhältmß zu dem Flächeninhalt äußerst sparsam und dürftig entwickelt. Sowie hervorragende Spitzen das elektrische Fluidum am sichersten leiten, so hat auch der Geistes funke der fortschreitenden Kultur, welcher über den Erdball schreitet, stets die hervorragenden Halbinseln besonders bevorzugt. An ihnen birgt der Schiffer am sichersten sein Fahrzeug, hier berühren sich die verschiedenartigsten Völkerschaften am- lebhaftesten, hier erhält das Klima am ehesten das angenehme Maß, welches geistiger und körperlicher Entwickelung der Nationen zuträglich ist. Afrika ist außerordentlich arm an Halbinseln, und bildet dadurch den schroffsten Gegensatz zu dem vielzertheilten Europa. Wie ein Riesenrumpf ohne Glieder liegt es58 Einleitung. in einförmiger Erstarrung. Größere Wassermassen, welche als umfangreiche Buchten oder bedeutende Binnenmeere in ein Continent hineingreifen, mäßigen die übergroße Hitze derjenigen Länder, welche unter den heißen Himmelsstrichen liegen. Afrika entbehrt dieses Vorzugs. Es besitzt ein durchaus continentales Klima, glühend heiße Tage wechseln mit sehr kühlen Nächten. Der Unter schied zwischen beiden Tageszeiten wird um so auffallender, da die Länge bei beiden ziemlich während des ganzen Jahres gleich bleibt. Durch diese schroffen Gegensätze werden gerade in Afrika die täglich mnsetzenden Land- und See winde in hohem Grade entwickelt, die durch selbige entspringenden Vortheile kommen aber nur schmalen Küstengebieten zu Gute. Hand in Hand mit der geringen Entwickelung ausgedehnterer Gebirgs ketten aus Urgesteinen, deren Gipfel sich mit ewigem Schnee krönen, wirkt die in größter Ausdehnung ausgebildete Sandsteinformation auf die Witterungs und Bewässerungsverhältnisse Afrika's ein. Die Leichtigkeit, mit welcher die Sandsteinflötze, die den größten Raum des Binnenlandes bedecken, den auf fallenden Regen durchsinken lassen, ist Ursache, daß weite Strecken ohne Quellen und Flüsse sind. Nur auf den tiefer gelegenen Thonschichten oder Urgesteinen vermag sich das Wasser zu sammeln, und tritt an den begünstigten Stellen als Quell auf, wo eine solche Gebirgsschicht zu Tage ausgeht. Wo Granit gebirge massenhaft Vorkommen, zeigt sich auch sofort größerer Wasserreichthum und in Folge dessen größere Fruchtbarkeit. Die weiten Flächen aus losem Sand oder Sandsteinflötzen, welche einen Bestandthcil der Sahara bilden, erhitzen sich bei dem ewig klaren Himmel bis zu einem unerträglichen Grade. Richardson schildert einen Marsch über eine solche sonnedurchglühte Fläche in malerischer, ergreifender Weise: „Der Marsch am 1. Mai", sagt er, „war vielleicht der pciulichstc wäh rend der ganzen Reise. Die Kafla (Karawane) bewegte sich volle 14 Stunden auf einem weichen Sande, bei einem glühenden Winde, welcher mit großer Heftigkeit wehte. Die Karawane bot einen der seltsamsten Anblicke, den man sich denken kann. Menschen und Kameele waren da und dort auf dem Pfade zerstreut, und schleppten sich träge weiter, ohne daß ein Fortrücken wahrnehmbar- gewesen wäre. Kein Laut war hörbar. Niemand hatte Kraft genug zu sprechen, geschweige zu singen, die Tritte so zahlreicher Wesen störten kein Echo auf in der grenzenlosen sandigen Einöde. Wolken rothgelben, blendenden Staubes umhüllten uns mit ihren Wirbeln, die bei jedem Schritte anfflogen. Da und dort breiteten sich große, schwarze Flecke eines in der Geburt erstickten Pflanzenwnchses ans. Jeder Gegenstand, vergrößert durch die umlagernden Dunstmassen, verändert sich und wechselt vor unseren Augen. Die Hitze und das Schaukeln auf dem Kameel erzeugt einen leisen Schwindel, und die uns umgebende Natur scheint auf einem dichten Nebel zu schwimmen, wie etwa die in Träumen an uns vorüberziehenden Landschaften. Das ist der Wüstenrausch, den man erleben muß, um eine klare Vorstellung davon zu besitzen." — „Der Sand war so glühend heiß", berichtet Dr. Barth, „daß es kaum möglich war,Die Sahara. 59 langsam zu gehen, so merklich brannte er durch die Schuhe. Ein Thermo meter, welches in den Sand gegraben wurde, stieg ohne Verzug auf 45° C." Die erhitzten Luftschichten, welche über den dnrchglühten Flächen lagern, brechen die auffallenden Sonnenstrahlen in verwandter Weise, als wenn die selben durch einen Wasserspiegel zurückgeworfen würden. Am häufigsten ge schieht dieö bei stiller Luft. (Siehe die Abbildung S. 31, Fata Morgana.) Der durstende Reisende sieht dann Wasserbecken, Teiche, Seen und Flüsse vor sich, ohne sie je erreichen zu können. „Das Meer des Satans" nennt der Beduine das täuschende Trugbild. Die wenigen Gegenstände, welche die Wüste bietet, erscheinen unter solchen Umständen verzerrt oder vervielfacht. Aus einem unansehnlichen Gestrüpp bildet die Fata Morgana einen Palmenhain, aus einigen Felsenblöcken eine Stadt, die begegnenden Wanderer strecken Ricsen- glieder und reiten auf Ungeheuern! Rnssegger, der die nubische Wüste durch reiste, hatte öfters Gelegenheit, Luftspiegelungen zu beobachten. „Auf der wei ten Sandcbene," erzählt er, „die wir nun betraten, und die außer einigen kleinen und ganz isolirten Bergen dem Auge keinen Ruhepunkt darbietet, sahen wir von 10 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends herrliche Fata Morgana. Wir sahen um uns her auf dem wasserlosen Sande Wasser in Menge und in den verschiedensten Formen: da waren Flüsse, Teiche, Seen und unabsehbares hohes Meer dessen Wellen vom Winde bewegt wurden. Die Berge, welche in der Wüste zerstreut liegen, erschienen uns als Inseln, und in dem Wasserspiegel, der uns umgab, erblickten wir ihre Bilder in verkehrter Lage. Ferne, einzeln stehende Felsen erschienen uns, mit Hülfe einiger Einbildungskraft, als Schiffe mit vollen Segeln, die sich vergebens bemühten, vom Flecke zu kommen. Unter besonders günstigen Umständen wurde diese Luftspiegelung so stark, daß wir uns dem vermeintlichen Wasser bis auf weniger als hundert Schritt nähern konnten — da zerfloß das Bild Plötzlich wie durch einen Zaubcrscklag, und Nichts lag vor uns, als der gelbe, heiße Sand der Wüste. Welche Höllenqual muß eine solche Täuschung dem armen Wanderer verursachen, der im Todeskampfe der Ermattung nach einem Tropfen Wasser lechzt! Besonders schön zeigte sich diese Luftspiegelung um die Mittagszeit. Wir waren ungefähr eine Stunde hinter der Karawane zurückgeblieben und eben im Begriff, ihr nachzueilen; langsam zog sie vor uns her, alle Kameele in eine Fronte gereiht, wie es die Nubier gern thun, wenn es das Terrain erlaubt; da sahen wir plötzlich Menschen und Thiere mehrere Klafter- hoch in der Luft oder vielmehr auf einem Wasserspiegel gehen. Je näher wir kamen, desto tiefer sank die Er scheinung; der Höhenunterschied zwischen uns und der Karawane wurde ge ringer, der Sehwinkel größer, und als wir ganz nahe kamen, gingen die Kameele wie andere Kameele auf der Erde, und ihre Führer schlenderten singend nebenher." Zu diesen optischen Ursachen gesellen sich Sinnestäuschungen, welche der krankhafte Zustand des Wanderers hervorruft. Jetzt scheint es ihm, als ritte er zwischen engen Mauern hindurch, er glaubt den ersehnten Rastort, den Brunnen, die Stadt, bereits zu sehen, welche seine Phantasie60 Einleitung. ihm ausmalt. Er hört das Klappern einer Mühle — es ist Nichts als der Riemen seines Säbels, welcher an den Sattel klopft; er hört das Rauschen eines Baches — es ist nur das Nieseln des Sandes, den der Wind weht. Er hat nur einen Gedanken: „kühles Wasser", und die überreizten Sinne übersehen alle Eindrücke mit Uebertreibungen seinem Wunsche gemäß. Selbst der Geschmackssinn kann bei gesteigertem fieberhaftem Zustande an dieser Täuschung Theil nehmen. Ein Reisender traf einen verirrten Neger, welcher fast verschmachtet und im Fieberdelirium war. Er glaubte Wasser um sich zu sehen, schöpfte mit der Hand und behauptete den kühlenden Trank zu schmecken. Die eingeathmete Luft dünkte ihm bei seiner Aufregung erfrischen des Getränk zu sein. In den Einsenkungen und Wadi's finden sich meistens Brunnen, freilich von sehr verschiedenem Reichthum und abweichender Beschaffenheit des Wassers. Durch die Benutzung der Wassermengen, welche sich in der Tiefe, unter der obern Sand- oder Gestcinschicht befinden, kann vielen Landstrichen Afrika's noch ein Ertrag abgewonnen werden, der sonst unmöglich wäre. Seit alten Zeiten ist es in Suf, am Südfuße des Atlas, gebräuchlich, bei Anlegung eines Dattelgartens in die Tiefe zu graben. Etwa 40 Fuß tief muß man die geräumige Grube anlegen, ehe man auf nasse Schichten stößt. Der aus geworfene Sand bildet einen hohen Damm ringsum. In der Tiefe Pflanzt man die Datteln, zwischen ihnen Orangen, Mais, Bohnen, Melonen und andere kleinere Gewächse, und hat als Hauptarbeit täglich in den frühesten Tagesstunden die Sandmassen in Körben hinauszuschaffen, welche der Wind ununterbrochen wieder hineinwirft. Durch artesische Brunnen wird jenem „unterirdischen Meere", d. h. den niedergesunkenen Wassern, die sich auf dich teren Flötzen in der Tiefe gesammelt haben, der Austritt an die Oberfläche ge öffnet und dadurch mitten im Wüstengebiet ein Garten ermöglicht. Je reicher ein solcher Brunnen strömt, desto mehr können Datteln gepflanzt und erhalten werden. Durch Wassermangel wird der Eingeborene gezwungen zu nomadisiren, durch den Brunnen wird ans dem herumschweifendcn, kulturfeindlichen Hirten ein seßhafter Pflanzer. Eine kleine Abtheilung französischer Truppen hat in diesem Sinne für das südliche Algerien am Saume der Sahara Eroberungen mittelst des Erdbohrers ausgeführt, welche glänzender, humaner und segen bringender sind, als jene durch Kanonen und Schwert. Man hatte im April 1856 einen Bohrapparat in Philippe-Ville ansgcschifft und nach Ueberwindnng der größten Hindernisse und Schwierigkeiten denselben bis zur Oase Wad Rir nach Tamerna transportirt. Anfang Mai konnte man mit dem Bohren be ginnen, und war so glücklich, schon am 19. Juni einem Wasserstrom Austritt zu verschaffen, welcher in jeder Minute 4,100 Litrcs von 21° C. gab und von den Eingeborenen den Namen „Friedensbrunnen" erhielt. Nachdem man mehrere andere Brunnen erbohrt hatte, bot die Ausschließung des sogenannten Dankesbrunnens in der Oase Sidi-Nasched eine besonders rührende Scene. Auf die Nachricht, daß das Wasser steige, waren die Einwohner in MengeDer Samum62 Einleitung. herbeigeströmt, und warfen sich auf das gesegnete Element. Mütter badeten ihre Kinder in dem Wasser, und der alte Scheich konnte, als er die Flut er blickte, welche der Oase, dem schon halb verlorenen Erbstück seiner Väter, die alte Blüte wiedergeben sollte, seine Aufregung nicht bewältigen, sondern warf sich auf die Knie, und dankte Gott und seinen französischen Wohlthätern. Auch im Kaplande pflegt oft der Reisende am Ruheplatz im ausgetrock neten Flußbett mit dem Wild in Gemeinschaft nach Wasser zu scharren. Die einzelnen Pfützen, welche die letzten Ueberreste des Flusses bilden, sind dort oft so concentrirte Salzlösungen, daß selbst das Zugvieh sie verschmäht; unter dem Geröll trifft nian aber häufig genießbares Wasser, im schlimmsten Falle wenigstens nasse Thonerde, von welcher man Kugeln zur Erquickung in den Mund nimmt. Obschon Afrika rings von Meeren umgeben ist, verlieren doch aus den oben angedeuteten Ursachen die vom Ocean kommenden Winde viel von ihren segenbringenden Ursachen, und Dürre erscheint als ein Hauptzug der meisten Gegenden dieses Erdtheilö. Die über das Mittelmcer kommenden Nordwinde geben cinestheils ihre» Feuchtigkeitsgehalt an den Bergen des Atlas ab, an derntheils nehmen sie in ihrem weitern Verlauf eine höhere Temperatur an, und lösen deshalb die bereits gebildeten Wolken viel öfter wieder auf, als daß sie ihren Wasservorrath in Regentropfen ausschieden. Es vergehen in Unteräghpten und vielen Gegenden der Sahara nicht selten niehrere Jahre, ehe eS einmal regnet. Der Nordostpaffat hat seinen Weg zu vorherrschend über Ländermassen zurückgelegt, als daß er viel Regen bringen könnte; der feuchte Südost dagegen, der besonders am Kap wegen seiner Heftigkeit und Gefährlichkeit von den Schiffern gefürchtet wird, setzt seine Wolken vorzugs weise an den Küstengebirgen ab, und die im Innern fallenden Regen werden, wie gesagt, durch die Saudsteinflötze in ihren segensreichen Folgen sehr be einträchtigt. Die Gewitterbildungen von Madagaskar sind so heftig, daß die Schiffer das „Madagascar-Blitzeu" als den höchsten Grad dieser elektrischen Erscheinungen bezeichnen, da es durch Häufigkeit und Stärke alles sonst Be kannte übertrifft. Am Tafelberge giebt der erwähnte Südost zu der inte ressanten Erscheinung Veranlassung, welche unter dem Namen „das Tafeltuch" bekannt ist. Der mit Feuchtigkeit überladene Wind ist durch die steilen Wände des Gebirges gezwungen, aufwärts in kältere Regionen zu steigen. Durch die hierbei erfolgende Abkühlung scheidet sich der aufgelöste Wasserdampf als weißlich graue Wolkenmasse aus und überzieht den ganzen flachen Gipfel. Jenseits der Platte sinkt der Passat eben so rasch wieder in wärmere Regionen hinab, und die gebildeten Wolkenmassen lösen sich in demselben Grade wieder auf. Jährlich fallen diesem heftigen Winde am Kap Schiffe zuni Opfer. Am reichsten sind die Länder um den untern Niger (Kuorra) durch den Passat des Atlantischen Occans mit Regen gesegnet; desto ärmer ist dagegen die Nordwestküste, da hier der Wind vorzugsweise vom Lande seewärts weht. Ueber den erhitzten Flächen des Innern findet eine sehr starke LuftströmungWüstenwinde. 63 nach oben statt., die am bedeutendsten, ist, wenn die Sonne den Zenith einer Gebend passirl.. .Mit - diesen örtlichen Strömungen trifft der obere zurück kehrende PassÄ. zusammen, und heftige.Wirbelstürme, von Windstillen unter brochen-, sowie'Gewitter mit Regengüssen sind die ,Folge davon. Durch Oertlich- keiten können hierbci.vielfach Abweichungen herbeigeführt werden. In Abessynien trifft der-erste: öfegen im April'ein und bringt den Nil nur wenig zum Steigen, im September dagegen - ist., bei der zurückkehrenden Sonne der Regenfall so stark, daß- du.rch ihn das bekannte Steigen des Nil hervorgerufen wird. Dem Eiritvitt der Regenzeit gehen heftige Stürme, meist aus Süden, vorher. Sie sind" ps,s welche , der Wüstenwanderer als Samum fürchtet. Der ägyptische Chamsin. ist mehr'elektrischer Natur, Der Samum bindet sich an keine ..be stimmte- Zeit des Jahres und halt keine bestimmte Richtung. Er kommt oft aus ganz 'entgegengesetzten Weltgegenden. Er ist durch seine.Hitze, durch seine Gechali als..Stürm,- durch die Menge von Sand und Staub, die er mit sich führt, furchtbar. Die Gefahr, die sich mit dem Chamsin verknüpft, ist eine ganz anderer;, häufig ist-er gar .kein Sturm, er wirkt hauptsächlich durch die .außerordentliche Anhäufung von Luftelektricität schädlich auf den menschlichen Körper. Ist der Samum stark, so, ist er als Wind der Wüste, indem er, hinfahrend über den brennend heißen Sand, , sich sehr erhitzt, an und für sich fast nngusstehljch und durch die Sandmassen, die er oft zu .Hügeln anhäuft, den- Kär-awancn.gefährlich. Die Thiere werden wild, werfen, ihre Ladung ab, dep' Mensch verliert seine Besinnung, auf die Art, wie auf.hohen Bergen bei heftigen 'S.chneestürmen^ er,findet, sich nicht mehr zurecht, er',ermattet und er liegt endlich im Kampfe" mit 'HitzeSand und Sturm. 'Die Anfälle des Chamsin sind dagegen gewöhnlich bald vorüber, lange aber bleibt die Atmo sphäre außerordentlich heiß (38 — 40° R. im Schatten), die Luft ist er füllt mit ganz feinem Sand und Staub, der überall durchdringt, gegen den keine Hülle, kein Fenster schützt, das Athmen ist erschwert, das Blut dringt zu Kopfe, und Personen, die, sehr vollblütig sind, oder schwache Nerven haben, laufen Gefahr, am Schlagfluß zu sterben. Die Chamsine folgen meist einer- drückenden Hitze, und die Luft ist jederzeit außerordentlich trocken. Ein fahles, röthlich gelbes Licht verbreitet sich, drückende Hitze, Windstille, eine peinliche Rühe herrscht in der ganzen Natur, Thiere und Menschen verbergen sich; ein dumpfes Brausen und Knistern läßt sich hören, die Sandwolken ziehen, sich auf der Erde hinwälzend, heran, und in einem Augenblick ist der Sturm da; man befindet sich in einem Meere von Sand und Staub, gegen die man sich durch Verhüllen nur schwer schützt. Der Samum ist cs, den der Be wohner des Mittelmeeres als Sirocco kennt, der noch in seinen Ausläufern in der Schweiz als Föhn und in Deutschland als warmer Thauwind bemerkbar wird. Er bringt die Datteln, auf denen der Unterhalt der Nordafrikaner beruht, zur völligen Reife und führt, besonders im Innern des Erdtheils, die regenbringenden Wolken herbei. Da diese Wolkenbildung mit dem Stand der Sonne zusammenhängt, so treten die täglichen Gewitter auch zu bestimmten64 Einleitung. Tageszeiten ein. Eine schwarze, wildzerrissene Wolkenmasse zieht am Horizont herauf. Ihre Ränder leuchten unheimlich gelbroth wie der Rauch über einer brennenden Stadt. Heftige Sand- und Staubwirbel gehen vorher und hüllen die Landschaft in Finsterniß, welche nur spärlich durch die unaufhörlich zucken den Blitze erleuchtet wird. Endlich fällt der Regen, und gleichzeitig mildert sich die Heftigkeit des Sturmes. Die Tropfen erreichen einen Zoll im Durch messer, während sie in unseren Breiten nur wenige Linien messen. Sie fallen aus Wolken, welche ansehnlich höher sind, und durcheilen eine mit Feuchtigkeit überladene Atmosphäre. Die Erde vermag nicht die herabstürzende Wasser masse aufzusaugen. In wenigen Minuten bilden sich in allen Senkungen der Landschaft Wildbäche, welche sich in den größeren Thalmulden und Wadi's zu förmlichen Flüssen und Strömen vereinigen. Letztere setzen ihren Weg oft weithin fort, erreichen in manchen Fällen das Meer oder bilden noch öfter stellenweise Seen, welche nach wenigen Wochen sich in die lockeren Flötzen des Bodens verzogen haben und von der Sonne aufgesogen sind. Nach dem Regen erfolgt eine auffallende Kühle. Da die Tropfen sehr hochstehenden Wolken entsprangen, so weicht ihre Temperatur bedeutend von derjenigen der Oberfläche des Bodens ab. Gerade jene Nachtkühle ist es, welche den Reisen den verlocken möchte, die schwüle, oft widerwärtige Atmosphäre der Negerhütte mit einer Hängematte im Freien zu vertauschen, die ihm aber, wenn er der Versuchung folgt, tödtliche Fieber bringt. Mungo Park's zweite Expedition ging durch den nachtheiligen Einfluß jener Gewitterstürme zu Grunde, und l>r. Barth glaubt, daß sein Gefährte Overweg durch dieselbe Ursache erlegen sei. Pyramiden.Natur und Völker in Nordafrika. Gewächse Rordafrika'S. Völker. Die versteinerte Hochzeit. Thierleben. Löwenjagd in Algerien. Dic Garten der Wüste. Aegyptens Kulturgewächse. Dattelpalme. Oasen. Von der Beschaffenheit des Bodens und vom Klima ist die Pflanzendecke eines Erdtheils innig abhängig, welche der Landschaft freundlichen Schmuck verleiht und Thier- und Menschenleben ermöglicht. Je nachdem die Erdtheile in ihren klimatologischeu und geognostischen Eigenthümlichkeiten von einander abweichen, je nachdem zeigt auch das organische Leben charakteristische, be sondere Züge. Wir können bei Afrika in dieser Beziehung drei große streiche unterschei den: das nordafrikanische, das mittlere, welches der Zone der tropischen Regen entspricht, und dasjenige des südlichen Kontinents. Die Inseln bieten zwar viel Interessantes, sind aber für unsere Darstellung von zu untergeordneter Bedeutung, um ihnen mehr als eine nur flüchtige Berührung widmen zu können. Die Nordgrenze der Tropenregcn, welche das nord- und mittelafri- kanische Gebiet von einander trennt, ist nicht scharf gezogen. In den meisten Livlngstone, Reisen in Afrika. 566 Einleitung. Jahren reichen die tropischen Regen bis höchstens zum 18° n. Br., d. h. 30 Meilen nördlich von Kartum, am Zusammenfluß der beiden Nilarme. Wehen die Südwinde, von denen die dortige Sommerregenzeit abhängt, heftiger ttnd dringen weiter nach Norden, so tritt auch mitunter für etwas nördlicher gelegene Gegenden eine kürzere Regenzeit ein. Am Rothen Meere gehen die Tropenregen, durch die Nähe des Meeres begünstigt, bis zum 21°, am Nil und nördlich vom Tschad bis zum 16°, und in Senegambien bis zum 20°. Die Küste des Mittelmeeres wird, besonders soweit der Einfluß des Atlasgebirges reicht, durch Winterregen und starke Thaue erquickt. Kühlere Seewinde mildern die Hitze der flacheren Landschaften, und im Gebirge ver treten Localwinde ihre Stelle. Von Mitte Mai bis Ende September ist trockene Witterung vorherrschend. Selten übersteigt die Sommerwärme 35°, im Winter dagegen kühlt es sich kaum unter +5° ab. Unter den Baumgestalten fallen dem Fremdling die Zwergpalme und Dattelpalme als die bezeichnendsten zuerst auf, besonders hat die elftere hier ihre eigentliche Heimat. Sie bildet, ähnlich wie mancke Ginster und Pfriemenarten anderwärts, auf unfruchtbaren Strecken ausgebreitete Gestrüppe, welche wegen ihrer zähen, weitreichenden Wurzeln und wegen der Leichtigkeit, mit welcher sie sich wieder erzeugen, fast unausrottbar sind. Manche Stämme der Araber benutzen die Fasern dcö Stammes, um sie mit Kamcelhaaren vermischt zu Zeltdccken zu verarbeiten. Die Blätter dienen als Flechtwerk zu Körben, eben so werden Stricke und Tauwerk aus den Fasern bereitet. Neuerdings hat man in den französischen Besitzungen aus den Palmenblättern mit großem Erfolg Papier, sowie aus den Fasern eine roßhaarähnliche Substanz dargestellt, welche zum Ausstopfen von Matratzen u. s. w. verwendet wird und unter dem Namen „afrikanisches oder vegetabilisches Pferdehaar" in den Handel kommt. Die jungen Sprossen dienen als Gemüse, die geschmacklosen Früchte werden, in Ermangelung bessern Futters, von den Schafen gefressen. Die Dattel reift hier ihre Früchte oft nicht, ihre eigentliche Heimat ist das südlichere Wüstengebiet. An den Berg abhängen macht sich schon auffallend der Charakter des vorherrschend trockenen Klima's geltend. Dornengesträuche oder Pflanzen mit harten, lederartigen Blättern werden vorherrschend. Die Korkeiche bildet in Gemeinschaft mit der Stecheiche ( Quere,is Ilex) und der Kermesciche Gebüsche. Bei allen diesen Eichenarten sind die immergrünen Blätter lederig hart; diejenigen der letzter» Art sind oft mit rothen Schildläuseu, den sogenannten Kermesbeeren, besetzt, welche die beliebte schönrothe Farbe liefern, mit denen die Eingeborenen ihre Kopfbedeckungen färben. Der Lotusstrauch ist hier zu Hause. Hier ist daö Land, in welchem die Gefährten des Odysseus im Genuß der Lotusfrüchte ihre Heimat vergaßen. Auch eine Eichenart, die Ballote (Quere,,.? Ballota), wird ihrer schmackhaften Eicheln wegen als Obstbaum gepflegt. Der Mastix- strauch liefert ein wohlriechendes Harz, und wilde Oelbäume gesellen sich zu den gepflegten. Weiß oder gelb blühende Cistusrvschen bilden als kleine zierliche Halbsträuchcr das Unterholz, umschwärmt von buntfarbigen Schmetter-Die Küste des Mittelmeeres. 67 5* lingen und abenteuerlich gestalteten Käfern. An anderen Stellen sind weite Strecken von Myrtenbüschchen bedeckt. Zahlreiche Fliegenarten summen in Myriaden um die Amaryllis und Lilien, Narzissen, Affodil und andere Zwiebel gewächse, welche mit dem Eintritt der Winterregen ihre honigreichen Blüten kelche öffnen, gerade um die Zeit, wenn von Europa aus die Schaaren der insektenfressenden Nachtigallen und anderer Zugvögel ankommen, um hier zu überwintern. In der Nähe der Wohnungen sind vielfach Orangen, Granaten, Feigen, Maulbeeren, Weinreben und Kermesbeeren angepftanzt. Unser europäisches Knäulgras und das blaue Glanzgras webt an den Flußgeländen entlang einen saftigen Wiesengrund. Die 4 Zoll laugen purpurnen Blütentrauben des Kronen-Esparsett ragen wie Stickereien daraus hervor. Ulmen, Weißpappeln und Weiden (Salix. pediccllata) überschatten diese idyllischen Plätzchen, und würden an deutsche Landschaften erinnern, wenn nicht die üppigblühenden Oleandergebüsche ein fremdländisches Gepräge hervorriefen. Andere Stellen tragen freilich schon den Charakter der Wüste. Wo Wasser fehlt, ragt kahler Felsen, oder es breitet sich die Sandfläche aus, hier und da mit Gypsflötzen wechselnd oder mit Salz durchdrungen. Die von Amerika zuerst nach der europäischen Südküste gebrachten Opuntien und Agaven haben auch an Afrika's Nordrande einen so günstigen Boden für ihr Gedeihen gefunden, daß sie in verwildertem Zustande massenhaft Vorkommen. Der Name Christenfeigen, mit welchem man die saftigen Beeren der Opuntie bezeichnet, erinnert noch an die Herkunft dieses Gewächses. Kleine Kressen, Frankcnicn, Sonnenröschen und stechende Gräser (.-loistida pungens) bezeichnen den Salzboden. Tamarisken bilden hier das seinblättrige Gesträuch. Pfriemengräser (Stipa barbata und gigantea), von den Arabern Alsa genannt, bilden in Gesellschaft mit Beifuß gewächsen Steppen, welche an die ähnlichen in Südrußland erinnern und Weide plätze für die genügsamen Hausthiere der Araber abgeben. " Die Vorberge des Atlas sind theilweise mit der atlantischen Pistazie und einem stattlichen Wachholder (Juniperus macrocarpa) bewaldet, die hohe baum artige und vielblütige Heide treibt wunderhübsche Pyramiden, während der Äohannisbrodbaum und der Erdbeerbaum angenehmen Schatten bieten, da ihr gefiedertes Laub sich zu Lauben ansbrcitet. Bei 2 — 3000 Fuß Erhebung über dem Meere treten herrliche Nadelwälder am Atlas auf, aus derselben Ceder gebildet, welche ehedem den Libanon bedeckte. Besonders an den süd lichen Abhängen bestehen diese Waldungen aus prächtigen Stämmen, welche mitunter bei einem Umfang von 21 Fuß eine Höhe von 120 Fuß haben. Die Hirten haben hier zwar die Sitte, jährlich das dürre Gras anzuzünden, und führen dadurch nicht selten Zerstörungen von ansehnlichen Waldstrecken herbei, allenthalben sprießt aber junger Anflug wieder empor. Die Bewohner dieser Berge, die Kabylen, sind wahrscheinlich Abkömm linge der unterdrückten Pnnier und späterer Völkerstämme, die eindringenden Eroberern unterlagen und sich auf die sicherem Höhen flüchteten. GenügsamG8 Einleitung. bauen sie um ihre sehr einfache Hütte etwaS Gerste und Weizen, auch wol Mais oder Durrah, und gründen ihren Unterhalt außerdem auf eine Herde Ziegen und Schafe. Flinte und Säbel beschützen sie. Sie entbehren Pferde, welche ihnen an ihren steilen Wohnplätzen wenig nützen könnten, und unter scheiden sich dadurch, sowie durch die angedeutete Abstammung, ihre festen Wohnplätze und mancherlei Abweichendes in ihren Sitten von den Beduinen stämmen des Liefern Landes und der Oasen, die vorzugsweise beritten sind. Das Gebiet der Kabylen ist reich an interessanten Naturscenen. Heiße Ouellen mahnen hier und da noch an die platonischen Gewalten der Tiefe, welche das Atlasgebirge emportrieben. Wir besuchen eine der Thermen, und machen im Geiste einen Ausflug in die Thäler des Gebirges. Der Führer verspricht, uns zu den Hammam Meskhutin, „den verfluchten Quel len", zu geleiten. An steilen Abgründen mit losem Steingeröll vorbei führt uns der Weg durch Dornendickichte und endlich nach vielfachen Beschwerlich keiten in ein herrlich grünes, schönes Bergthal voll lieblicher Gebüsche. Ringsum gewahren wir pyramidenförmige Felskegel, die einen schneeweiß, die anderen grau, welche man von fern für eine Zeltstadt ansehen könnte. Ihre Höhe wechselt von 2 bis 20 Fnß. Ringsum steigen dichte Rauchsäulen von kochenden Wasser dämpfen empor, wir hören das Brodeln und Zischen des wallenden Wassers, das hier und da als Quellsprudel zu Tage bricht und 70—80° R. Wärme besitzt. Schwefelgeruch macht uns darauf aufmerksam, daß wir auf vulkanischem Boden stehen. Der begleitende Beduine erzählt uns, daß einst hier ein fruchtbarer Ort war, von übermüthigen Arabern bewohnt, deren Scheikh in Verhöhnung aller göttlichen und menschlichen Gesetze sich mit seiner Schwester ehelich ver band. Allah erzürnte über den Frevel und verwandelte alle Theilnehmer des verruchten Gelages in die weißen Kalkfelsen, der große Kessel aber, in welchem man das Hochzeitsmahl kochte, ward verflucht, bis in Ewigkeit fortzukochen. Das Wasser jener Quellen ist außerordentlich kalkhaltig und setzt sehr viel Kalksintcr ab. Dadurch bildet es die sonderbarsten Figuren, welche der lebhaften Phantasie des Arabers reichen Stoff zu Mährchen und Sagen liefern. Am imposantesten zeigen sich diese fortwährend weiterwachsenden Kalkgebilde dort, wo der aus den Quellen entstandene heiße Bach einen Wasserfall bildet. Die Steinfiguren ähneln hier täuschend einem schneeweißen Gletscher mit ewigem Firn bedeckt, mit starrenden Eiswänden und tausend ragenden Zacken. Hier und da verursacht der abgesetzte Schwefel einen gelblich röthlichcn Anflug. Man glaubt, in den manchfachen Steingcbilden versteinerte Thiere, Muscheln, Seesterne und Pflanzengruppen erkennen zu können. Uebcr diese wunderbaren Gebilde stürzt das siedende Wasser zischend, dampfend und donnernd in den Abgrund. Von jedem Felsenzacken prallt der heiße Wasserstrahl zurück, peitscht mit seinem Sprudel dann wieder den liefern Abhang, und fällt so, Dampf wolken ausspeiend, von Stufe zu Stufe. Jene einsamen Thäler sind noch Schauplätze eines reichen Thierlebens, das den nördlichen Küstengebieten sonst abgeht. Im sparrigcn DornbuschThierleben. Löwenjagden. 69 spannt eine große Spinne ihr weites, festes Netz aus, um — Heuschrecken statt Fliegen zu fangen. Unter dem Steine versteckt schläft der Skorpion; erst zur Nachtzeit wird er seinen Raubzug beginnen. Lebhaftes Vogelgezwitscher be kundet den Reichthum, welcher sich in den Formen der gefiederten Sänger ent wickelt, und drunten im sumpfigen Thale bewegen sich mit unübertrefflicher Grazie schlankgebaute Reiher, „numidische Jungfrauen" wegen ihrer unver wüstlichen Tanzlust genannt. Zwischen ihnen stolziren Flammingos mit feuri gem, rothem Gefieder. Dorthin lenkt beim Einbruch der Dämmerung das Wildschwein seinen Weg, und geräth nicht selten mit dem „falben Sultan", dem Löwen oder seiner „kurzhaarigen" Genossin in blutige Kämpfe. Die verschlungenen Strauchdickichte gewähren dem letzter» gefürchteten Raubthiere sichere Schlupfwinkel, aus denen es im Schutze der Nacht hervorbricht, um seinen Tribut von den Herden der nahegelegenen Araberstämme zu entnehmen. Der Schaden, welchen ein Löwenpaar anzurichten vermag, besonders wenn es Junge hat, ist so erheblich, daß das ganze Lager aufgeboten wird, um sich der lästigen Gäste zu entledigen. Alle zur Jagd fähigen Männer versanimeln sich zu Fuß und zu Roß, und rücken gegen das Dickicht vor, in welchem man den Löwen vermuthet. Sobald man sich dem Gebüsch bis auf etwa 50 Schritt genähert hat, macht man Halt und ordnet die Fußjäger In drei Treffen hinter einander. Die zweite Kolonne hält sich bereit, um, wenn es nöthig wird, in die Zwischenräume der ersten einzutreten, und die dicht zusammengedrängte, aus trefflichen Schützen gebildete dritte Kolonne bildet eine zuverlässige Re serve. Das erste Treffen versucht, den Löwen aus seinem Versteck heraus zutreiben. Man schickt einige Kugeln in das Dickicht, höhnt die Feigheit des Löwen und schimpft vor Allem auf die Großmutter deö Gefürchteten, sowie auf seine sämmtlichen Ahnen der Reihe nach. Mitunter zeigt sich das be unruhigte Thier majestätisch vor der Front der Schützen, welche es mit einer gemeinschaftlichen Salve empfangen, ein ander Mal dagegen ist es mit einigen wohlberechneten Sätzen mitten unter.ihnen, hat einige durch geschickte, mächtige Krallenhiebe zu Boden gestreckt und ist wieder verschwunden, ehe die Ueber- raschten zu sicherem Schüsse gekommen sind. In solchem unglücklichen Falle suckt der Anführer seine Leute mit unendlichen Ermahnungen so gut als möglich wieder zu ordnen, denn er weiß, daß der Löwe kurz darauf wieder kommen wird. Fällt der Löwe nicht durch die Schüsse der ersten Kolonne und stürzt sich verwundet und wüthend auf dieselbe, so empfangen ihn die Kugeln des zweiten Treffens. Nur ein Schuß durch's Herz oder durch's Gehirn tobtet ch" plötzlich. Ist der Löwe auf eine freie Fläche getrieben, so beginnt der Angriff durch die berittenen Jäger. Jeder Reiter, je nach seiner Behendigkeit und Kühnheit, setzt sein Pferd in Galopp, schießt auf kurze Entfernung sein Gewehr auf den Löwen ab und schwenkt dann rasch sein Pferd, um in weiter Entfernung wieder zu laden. Der Löwe, von allen Seilen angegriffen und jeden Augenblick verwundet, macht überall Front, springt vorwärts, flieht, kehrt wieder und unterliegt erst nach einem hartnäckigem Kampfe. Er kann70 Einleitung. nur drei fürchterliche Sätze machen, sonst entrinnt ihm ein gewöhnliches Pferd ohne große Blühe. Diese Art des Kampfes gewährt einen eigenthümlichen Anblick. Jeder Reiter stößt seine Verwünschungen aus, die Rufe durchkreuzen sich, die Burnus flattern hoch empor, die Gewehre knallen, Alles drängt sich blitzschnell vor und zurück; der Löwe brüllt, die Kugeln pfeifen; es ist ein Lärm zum Betäuben. Stets endigt aber solcher Kampf mit der Nieder lage des Löwen. Der ganze Nordrand Afrika's, mit Ausnahme von Unterägypten, wird ge wöhnlich mit dem Hamen „die Berberei" bezeichnet. ES werden hiermit die Staaten Tripoli, Tunis, Algier und Marokko zusammengefaßt. Eben so nennt man den alten Volksstamm, der hier seßhaft ist, besonders die umher ziehenden Horden desselben, Berbern, die auf dem hohen Atlas Woh nenden heißen Schillu oder Schellöchen, die vorhin erwähnten Kabylen be wohnen die Berge des kleinen Atlas. Außerdem bildet der halb arabische Maurenstamm einen großen Theil der Bevölkerung, besonders im Westen, dem alten Mauritanien. Sie sind sämmtlich Muhamedaner. Der Despotismus, der verderblich seit Jahrhunderten auf diesen Völkerschaften drückend lastet, hat kein frisches Entwickeln ihrer sonst nicht geringen Geisteskräfte möglich werden lassen. Trotz der Nähe Enropa's wird gerade von den Berbern europäischer Einfluß meist um so beharrlicher zurückgewiesen, da seit der Vertreibung der Mauren aus Spanien der erbittertste Kampf zwischen den sich gegenüber wohnenden Völkern Jahrhunderte lang fortdauerte. Die Kreuzritter ans Malta trugen das Ihrige auch mit bei, die Feindschaft der Berbern in Algier, Tunis und Tripoli fortwährend aufzustacheln, da sie ja durch Ordensgelübde zu ewi gem Kampfe gegen die Ungläubigen verpflichtet waren. Die Nachtheile, welche die Berbern durch dieselben erlitten, vergalten sie reichlich durch den ununter brochenen Krieg, den ihre Ruderschiffe gegen alle christlichen Fahrzeuge führten, und der, bis in ziemlich neue Zeiten fortgesetzt, die europäischen Seemächte oft genug veranlaßte, durch einen schimpflichen Tribut sich Frieden von den kühnen Korsaren zu erkaufen. Nur erst durch Eroberung Algiers durch die Franzosen und durch Besitznahme jenes Staates sind die Nachbarländer so weit eingeschüchtert worden, daß sie den Seeraub einstellten; wie aber ein zelne Funken deö langen Kampfes noch fortglühen, hat daS Verhalten der so genannten Riffpiraten im Marokkanischen deutlich gezeigt.Die Gärten der Wüste. Aegypten und die südlich vom Atlas gelegenen Länder tragen bis zur Nordgrenze der tropischen Sommerregen, welche wir oben andeuteten, den selben Charakter in Bezug ans ihre Pflanzen- und Thicrwelt. Sie bilden ein weites Wüstengebiet, in welchem sich der mitunter nicht über 1 — 2 Meilen breite Thalgrund Aegyptens nur dadurch anszeichnet, das; ihn die jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen zum Anbau fähig machen. Aegypten bildet ans diese Weise selbst die größte der afrikanischen Oasen. Da dieses berufene Land seit undenklichen Zeiten bebaut worden ist, so kann hier von einem ursprünglichen Pflanzenwuchs kaum noch die Rede sein. Selbst das berühmte Papyrus, das ehedem wahrscheinlich die Ufer des Nil schmückte, ist daselbst verschwunden. Gegenwärtig beschränkt sich das Vor kommen dieser Pflanze auf die Sümpfe, welche den See von Menzale um geben; ehedem ward sie aber, der Papierbereitung wegen, in großem Maß stabe gepflegt. Sic erreichte gewöhnlich eine Höhe von 10 Fuß, und die Stengel wurden zwei bis drei Zoll dick. Man thcilte die letzteren der Länge nach in zwei Theile, und breitete die sich umschließenden Häute, welche die Stengel Silben, ans einander. Jede dieser Häute gab ein Blatt, und zwei derselben wurden so zusammengeleimt, daß ihre Fasern sich kreuzten. Durch Klopfen, Pressen, Glätten und andere Zubereitungen erhielt man ver- Nilül'ersckwemmung.72 Einleitung. schiedene Sorten Papier, von den inneren Häuten das feinste. Soweit die lleber- schwemmungen gehen und der Fleiß der Bewohner durch Schöpfräder und Kanäle das Wasser leitet, gedeihen Reis, Weizen und Sorghum. In den Gärten zieht man Südfrüchte und Feigen, zur Schminke den Hennastrauch, dessen Saft gelb- roth färbt und dessen starkriechende Blütensträuße man bei festlichen Gelegenheiten in den Zimmern aufstellt. Die Manlbeerfeige (Sycomore) liefert ein beliebtes Obst und das hauptsächlichste Nutzholz. Baumwolle gedeiht neben Hanf und Flachs. Die Kultur des letztem ist uralt. Auch den blaufärbenden Indigo zieht und benutzt man seit vielen Jahrhunderten. An Stellen, welche man bewässern kann, pflegt man Colocasie ihrer mehligen, eßbaren Knollenwurzeln wegen, und trocknere Stellen liefern die beliebten Melonen oder den Saflor, welcher be sonders nach Südenropa ausgeführt wird, um dort als Schönheitsmittel ver wendet zu werden. Als Oelpflanzcn sind Sesam und Ricinus gebräuchlich. Die Marktplätze der größeren ägyptischen Städte bieten deshalb einen ziemlichen Reichthum verschiedener Nahrungsmittel, welcher dem Fremden noch dazu interessant wird durch die Art und Weise, in welcher die Verkäufer ihre Waaren empfehlen. Die Händler, welche Wolfsbohnen (Lupinen) in den Straßen Kairo's feil bieten, schreien gewöhnlich: „Hilf! O Imbabi! Hilf!" Dieser Ruf bezieht sich auf den Scheik Et Imbabi, einen berühmten Hcili gen, dessen Gebeine bei dem Dorfe Jmbambeh, am Wcstnfer des Nils, wo die besten Lupinen wachsen, begraben sind. Zuweilen schreit der Lupinen verkäufer auch: „O, wie süß sind die kleinen Kinder des Flusses!" Dieser Ruf bezieht sich auf die Art, wie die Bohnen genießbar gemacht werden. Um sie nämlich von ihrer natürlichen Bitterkeit zu befreien, werden sie ein Paar- Tage lang in Wasser eingeweicht, dann, gekocht, hierauf in einen dichten Korb von Palmblättern eingenäht und mit diesem noch einige Tage lang in den Nil gehängt. Dann trocknet man die Frucht und ißt sie kalt mit etwas Salz. Die Rosenverkäufer schreien: „Die Rose war ein Dorn; der Schweiß des Propheten hat sie geöffnet! Dies bezieht sich ans ein Wunderwerk, welches man von Muhamed erzählt. Die Blunicn des Henna-Strauches werden durch den Ruf angekündigt: „Wohlgerüche des Paradieses! O Blumen der Henna!" Ein besonders bezeichnender Zug dieses Gebietes ist der Mangel an Bäu men und Waldungen. Die Wüstenbewohner sind gezwungen, den Kameel und Kuhdünger als Feuernngsmaterial zu verwenden. Auch die berühmten Brütöfen für Hühnereier werden mit diesem Brennstoff geheizt. Sie sind in Aegypten seit langen Zeiten in Gebrauch, da dort die Hennen sich ungern zum Ausbrüten ihrer Eier bequemen. , Holzmangel bezeichnet wasserlose Striche eben so wie jene Gebiete, in welchen der anhaltende Frost der Entwickelung von Bäumen hinderlich ent gegentritt. Diese Gewächse verlangen mindestens drei Monate im Laufe des Jahres Feuchtigkeit, gleichviel, ob ihnen dieselbe durch periodische Regen, Thaue, oder durch Bewässerung zugeführt werde. Nur binnen einer solchen Frist ver mögen sie das Holz der neuen Triebe so weit zu kräftigen und die angesetztenDie Dattelpalme, 73 Knospen so weit vorzubereiten, daß dieselben im Stande sind, in der folgenden ungünstigen Jahreszeit in längerer Ruhe zu verharren, ohne die Lebensfähig keit einzubüßen. Höchst bezeichnend sind für das afrikanische Wüstengebiet zwei Palmen arten: die Dattel- und die Dnmpalme. Dattelpalmenwald. Die Dattelpalme ist mit der Lebensweise der Araber, welche diesen nördlichen Theil Afrika's bewohnen, so eng verschmolzen, daß die Gläubigen erzählen: Allah habe bei der Erschaffung des Menschen Etwas von dem Thon übrig behalten, ans welchem er Adam erschaffen hatte, und dies sei zur Bcr- fertigung der Dattel verwendet worden; sie sei also die Schwester des Men-Einleitung. n schen. Auf einem 2 bis 3 Fuß dicken Stamme, der bis 50 Fuß hoch empor strebt, breitet sich eine Prachtvolle Krone von 40 bis 80 Blättern ans. Jedes der letzteren hat 4 bis 5 Ellen lange Blattstiele, an denen zahlreiche schmale Fiederblättchen sitzen. Da die zur Befruchtung unentbehrlichen Staubblüten sich auf besonderen Stämmen entwickeln, so muß der Araber Sorge tragen, daß in seiner Pflanzung dergleichen Bäume auf der Windseite vorhanden sind; im" andern Falle ist er gezwungen, von anderwärts her Pollenblüten zu be schaffen und über Len Blütentrauben seiner Fruchtbäunie aufzuhängen. Die Früchte senken die Anfangs aufrecht stehende, vielverzweigte Traube bei vor- rüchendem WachSthum weiter abwärts, und bilden dann unter der Blattkrone einen zierlichen dottergelben Kranz. Im April werden dieselben gelb, im Mai sind sie so groß wie Kirschen und grünlich, im Juni wie Oliven und im Juli haben sie ihre volle Größe. Die nöthige Reife verleihen ihnen erst die heißen Wüstenwinde, welche im August wehen. Zuin Anbau der Dattel eignet sich am besten ein sandiglehmiger, leichter, aber wasserreicher Boden. Beim An legen von jungen Pflanzungen giebt man Sprößlingcn den Vorzug, da diese viel schneller zum Fruchttragen kommen, als wenn man Kerne legt. Im Süden, wo der 42° n. Br. die Südgrenze der Dattel bildet, kommen Stellen vor, an denen der Baum zwei Ernten in einem Jahre hervorbringt. Die Früchte werden ans die verschiedenartigste Weise bereitet und genossen, so daß die Beduinen eö als eine Eigenschaft einer guten Hausfrau rühmen, wenn sie im Stande ist, während eines Monats täglich ein anderes Dattelgericht .herzustellen. So weit sich östlich und westlich die Grundwasser des Nil ziehen und in den Einsenkungen den Boden feuchten, oder wo in den Thälern der weiten Sahara die Gewässer wieder zu Tage treten, welche bei den zwar seltenen, aber dann desto heftigeren Regengüssen in die Tiefe sanken — allenthalben bilden sich an solchen Stellen Oasen. Hirtenstämme pflegen in ihnen mehr oder weniger dieselben Kulturgewächse, wie sie Aegypten besitzt, die Hauptrolle spielt aber durchgehend die Dattel, auch hier noch die treue Genossin des Arabers. Die Oase Siwah z. B., die sich seit alten Zeiten wegen des Jupiter-Ammon- Tempels eines weitverbreiteten Rufes erfreute, bildet ein muldenförmiges Thal von einer Stunde Breite und vier Stunden Länge. Es zeigt große Aehnlichkeit mit dem Becken eines cingetrockneten Sees, und die Menge von Seethierresten, welche man in versteinertem Zustande ringsum antrifft, unter stützt jene Ansicht. Der Boden besteht an der Oberfläche besonders auS Sand, nach der Tiefe zu ist er salzreich. Die umgebenden Berge von 200 bis 500 Fuß Höhe sind entweder Mnschelkalkstcin oder Sand. Die zahl reichen Quellen, die in verschiedenen Höhen den Flötzen entspringen, sind entweder süß oder salzig. Der stellenweis sumpfige Boden enthält hier und da kleine Salzseen. Aus einigen derselben steigen eigenthümlich fruchtbare Jnselchen hervor, welche süße Quellen enthalten und mit den reichsten Pflanzun gen prangen. Ueberall wechseln Wiesen, Gesträuche, Palmwäldchen, GärtenDie Oasen. 75 und Saatfelder mit einander ab. Groß ist der Ueberfluß an Datteln, Gra natäpfeln, Feigen, Oliven, Pflaumen, Aprikosen, Melonen, Trauben. All jährlich erntet man 5—9000 Kameelladungen, jede zu drei Centnern gerech net. Man düngt hier die Datteln mit dem Mannaklee (Hedysarum Alhagi) und wässert ihn zu bestimmten Zeiten. Die Ufer der Salzseen sind durch freundlichgrüne Dickichte des „spanischen" RohreS (Arundo Donax) eingefaßt und durch Wasserhühner, Enten und mancherlei anderes Geflügel belebt. Flüchtige Gazellen schweifen am Rande der Oase scheu hin und her, mit Mursuk. ihnen gemeinschaftlich der Strauß. Im Sandboden selbst finden Spring mäuse, Ameisen, Skorpione und der heilige Strahlenkäfer Wohnung und Schutzs Nur ans den kahleren Hügelkämmen, auf denen Achate, Kiese und Rollsteim den Kalkfelsen überlagern, fehlt alles Pflanzenleben und alles Gethier. Die vorstehende Abbildnng versetzt uns in die größte der Oasen, nach Fezzan, imd zeigt uns eine der ansehnlichsten, bedeutendsten Ortschaften daselbst, die L>tadt Mursuk. Zwar ist das Aeußere der letztern wenig versprechend, ihre Straßen sind krumm und enge, aber ein reges Handelsleben, herbeigeführt durch die zahlreichen Karawanen, welche von Aeghpten und Tripolis nach deni »ll76 Einleitung. Sudan ziehen und von dort zurückkehren, führt Wohlstand unter den Bewohnern herbei. Ihre süßen Datteln sind dem Wüstenreisenden eine erwünschte Speise auf dem bevorstehenden langen, einsamen Wege. Selten ist selbst die eigentliche Wüste auf weitere Strecken vollständig pflanzenleer. Stellenweise treten Trüffeln, anderwärts, wie schon erwähnt, massenhaft Flechten, hier und da sogar Sträucher und Kräuter ans, wenn auch letztere den Stempel der Dürre an sich tragen. Besonders ziehen der gleichen Krautstreifen in den Senkungen und Wadi's entlang, die deshalb auch vorzugsweise von den Reisenden als Straßen gewählt werden. Erlaubt es der Raum, so breitet sich die Karawane zur Front ans und langsam weidend schreiten an den bewachsenen Stellen die Lastthiere vorwärts. Wohlriechendes Beifnßgestrüpp (Artemisia odoratissima), das Schia der Araber, mit Retem (Vincetoxicum) gemischt, bildet die Lieblingsspeise der Kanieele. Neben ihm ist der Aghul (Hedvsarum Alluigi) eine Leckerei für dieselben. Dieses niedere kleeähnliche Halbsträuchlein mit bläulichen Schmetterlingsblumen schwitzt im Strahl der sengenden Sonne an seinen dünnen Aestchen kleine Perlen eines wohlschmeckenden Manna aus und wird von Einigen für das Gewächs gehalten, welches dein Volke Gottes am Sinai das „Brod vom Himmel" spendete. Andere sehen die Tamariske (Tamarix orientale) für den Brodlieferanten an. Auch sie, den Beduinen als Ethelbaum bekannt, erwächst • in den Wadi's der Sahara zu einem baumähnlichen Strauche mit dünnen Zweigen, welche mit ihren äußerst feinen, schuppigen Blättchen und kleinen rosenrothen Blüten an riesige Heidekräuter erinnern. Mehr als den Ethel baum liebt der Reisende den Batum (Pistacia), welcher ihm Schatten zur Rast verleiht. Akazien und Siddersträucher (Rhamnus Nabeca), beide mit Dornen bewehrt, bieten den Schakals'Verstecke und sind Nisteplätze für jene kleinen Bögelchen, die in ähnlicher Weise das plagende Ungeziefer von den Füßen der vorbeiziehenden Kameele ablesen, wie der rothschnäblige Maden hacker im Süden Afrika's von dem Rücken der Büffel. Unter dem niedern Gestrüpp der Krautstreifen, zwischen den Büscheln des Halfa-Grases (Lyuo- surus durus) treten stellenweise freilich auch Giftgewächse ans, deren Genuß den weidenden Thieren den Tod bringt. In den Gebirgen, welche im Gebiete von Tripoli den Nordsaum der großen Wüste bilden, pslegen die Bergbewohner neben dem Oelbaum besonders Feigenbäume in solchen Mengen, daß getrocknete Feigen hier Hauptnahrung bilden, wie die Datteln im Belndulscherid und die Erdmandel im Sudan. So weiß die Natur Mittel und Wege genug, selbst in den verrufensten Strecken der Wüste noch thierisches Leben durch eigenthümliche Pflanzengebilde zu ermöglichen und dadurch für den Menschen einen, wenn auch nur vorüber gehenden Aufenthalt vorzubereiten.Papyrus. Natur und Völker in Mittelafrika. Am Tschad. Bodenbeschaffenheit. Bezeichnende Gewächse des Sudan. Kulturgewächse. Völker in Centralafrika. Industrie und Handel derselben. Kairo. An der Westküste. Waldungen an der Küste. Angebante Gewächse. Völker Gntnea's. Ausfuhrartikel in Freetown. An der Ostküste. Der weiße Nil. Vegetation und Thierlebeu. Abeffy- nische Alpen. Gewächse und Thiere derselben. Völker am weißen Nil und in Abessynicn. Inseln Aftika's. Madagaskar. Sechellen. Die Länder am Tschad. Sehr unähnlich den großen Binnenseen Nordamerikas, welche, durch den mächtigen Lorenzo mit dem Ocean verbunden, rings an ihren Ufern ein reges, üppiges Leben anfblühen sehen und die Veranlassung werden, daß Städte ^ie Pilze schnell emporschießen, Dampfer und Boote wie Zugvögel sie be völkern und den Austausch der Erzeugnisse der umliegenden Länder gegen die Produkte der Fremde ermöglichen, — sehr unähnlich diesen ist der afrikanische chschad im Herzen des abgeschlossenen Erdtheils. Nirgends sendet er eine Wasserader nach den Küsten des Continents, welche ihn mit der Außenwelt in Verbindung setzte; gleich einem unverbesserlichen Egoisten nimmt er die Ge-78 Einleitung. Wässer, welche die Flüsse der Umgegend ihm spenden, in sich auf, und breitet sie zu einem weiten, meist flachufrigen Sumpfe aus. Nur die hier freilich mächtig wirkende Sonne vermag ihm das Empfangene zu entreißen. Sie trocknet ihn stellenweise aus, läßt seine ^Ufer zur dürren Jahreszeit meilen weit einschrumpfen und löst ihn selbst in zahllose unter einander verbundene Sumpflachen auf. Nur schmal ist das Fahrwasser, daS sich zwischen seinen vielen Inseln hindnrchzieht, und noch ist es nur von den leichten, flachgc- bauten Booten der wilden Bewohner jener Inselwelt befahren worden, welche letztere, mit allen Stämmen der Umgebung in unversöhnlicher Fehde, ihre Fahrzeuge nur zu kecken Naubzügen oder zur schnellen Flucht vor ihren Ver folgern benutzen. Wie bedeutend der Unterschied zwischen dem Wasserstande des Tschad in der trocknen und in der nassen Jahreszeit sein muß, erhellt zur Genüge, wenn man erfährt, daß der Benue, der Quorra (Niger) jährlich beim Regen um 50, ja bis 80 Fuß hoch über ihren niedern Stand anschwellen, eine Eigeu- thümlichkeit, welche sie im höhern Grade besitzen, als selbst der deshalb viel berufene Nil und die Flüsse des Kaplandes, und welche jene Wasseradern, die den Tschad speisen, annähernd mit ihnen theilen. Wie die Ufer unserer Sümpfe ist der Tschad vorherrschend von Schilf dickichten nmsäumt, in denen daö hohe, mit schwärzlichen Blütenköpfen ge krönte „Bore" unseren Binsenformen ähnelt, während das altberühmte Pä- pyrus hier noch in üppigen Massen die zarten Kronen wiegt. Eine andere hohe Schilfart, das „Mele", sammelt der Neger, um ihr weiches, saftiges, wenn auch nicht gerade besonders schmeckendes Mark zu sangen, und der Reis, welcher hier wild wachsend auf tritt, bildet die Lieblingsspeise der wilden Ele- phanten. Or. Barth zählte einst 96 dieser Riesenthiere, welche in dem Tschad ein Morgenbad genommen und in wohlgeordnetem Zuge, starke Männchen Spitze und Schluß bildend, Weibchen und Junge in der Mitte, nach dem Walde zurückwandelten. Kleinere Buchten sind bedeckt mit der „heimatlosen Fauna" (Pistia Stratiotes), welche einen grünen, leicht beweglichen Ueberzug bildet. An anderen Stellen erhebt die Lotosblume (Nymphaea Lotos) ihre weißen großen Blü ten zwischen den wagrecht ausgebreiteten, schwimmenden Blättern, und im Schilfdickicht umher leuchten die gelben Blumen des Borbudje, einer Schling pflanze, die an den Rohrstengeln emporklettert. Schaaren von Wasservögeln tummeln sich in munterem Treiben zwischen dem Geröhricht, laufen mit langen, dünnen Zehen über die grüne, schwimmende Pflanzendecke wie über festen Grund, während andere, nach Würmern suchend, in die Tiefe tauchen. Zahl reich sind die plump gestalteten Flußpferde, diese dickhäutigsten aller Dickhäuter, fast gleich zahlreich die schwergepanzerten Krokodile. Auf den Untiefen sonnen sie sich, halb im Schlamm vergraben, oder schwimmen langsam durch die trüben Fluten, und scheuchen die schnellfüßigen Wasserantilopen ans dem Geröhricht. In der Nähe von dem Städtchen V 7K' traf Dr. Barth in dem Komadugo,79 Der Tschad und seine Umgebung. einem der Zuflüsse des Tschad, elektrische Fische von 10 Zoll Länge, ans dem Rücken aschgrau, auf dem Bauche weiß gezeichnet, mit rothem Schwanz und rothen Flossen. Zur trockenen Jahreszeit gewährt die Landschaft in weiter Umgebung des Tschad einen trostlosen, melancholischen Anblick. Die dürre, verbrannte Ebene ist fast nur mit plumpen Aschurbüschen (Aselepias gigantea) bedeckt, welche der Landbebauer zwar alljährlich abhaut, die aber eben so hartnäckig jährlich 10, ja 20 Fuß hoch aufschießen, dem Reisenden gleich unangenehm, wie seinem Thiere, da der ätzende Milchsaft die Kleider des erstern ver dirbt und die Haare des letztern ausfallen macht. Retem (Spaotiuw jun- ceum und monospermum) überzieht stellenweise als kurzes, dürres Gestrüpp den unbebauten Boden, die zarteren Gräser und Kräuter sind verdorrt und in Staub zerfallen. Legionen Mückenschwärme bevölkern die Luft, eben so zahlreiche Flöhe den Sand, und die unermüdlichen Termiten verzehren, in selbstgebauten, verdeckten Gängen sich nähernd, dem Reisenden möglichenfalls das Lager unter seinem Haupte. Eben so unerquicklich erscheinen die Waldungen. Zwei Akazienartcn (Aca- cia nilotica und A. Girnffa) und Kapernsträucher (Capparis sodata) bilden fct|t den ausschließlichen Bestand, alle mit Dornen bewehrt und ohne den ge ringsten Blatt- oder Blütenschmuck. Die Riesen-Kuka's, die Baobabs Wcst- afrika'S (Adansonia digitata), stehen mit ihren kolossalen Stämmen und dem eben so mächtigen ausgebreiteten Astwerk gleich Gespenstern der Pflanzenwelt ohne das geringste Zeichen von Leben. Die ansehnlich großen Früchte hän gen an langen, rattenschwanzähnlichen Stielen wie zahllose aufgehangene Geldbeutel herab. Nur die Kautschuk-Feige (Ficus elastica) bietet bei ihrer mächtigen Entwickelung Schatten und einiges Grün. Bei einem Stamm durchmesser von 4 Fuß trägt sie eine Krone, welche.nicht selten 120—150 Fuß Durchmesser erreicht. Erfreulicher wird der Anblick der Landschaft, sobald der massenhaft her abstürzende Regen die verbrannte Ebene benetzt, den Spiegel des Tschad er höht und die Ufergelände des letztern meilenweit in Sumpfgefilde verwan delt. Die Akazien entfalten dann die zartgefiederten Blättchen neben duf tenden Blüten, der Tulpenbaum öffnet die großen Blumen, wilde Kaffee- sträucher grünen neben Gondagebüschen (Annona palustris), und der saftige Rasen der Wiesen durchwebt sich mit violetten Lilien und Tradescantien. Gleichzeitig wird der Termitenplage durch die Wasserfluten Einhalt gethan. Zahllose dieser Plagegeister ertrinken. ^ Die mit Flügeln versehenen, ansge bildeten Insekten, die in förmlichen Wolken dann die Luft bevölkern, werden nur noch dadurch lästig, daß sie, nach kurzem Tanze schnell ihr flüchtiges Leben beschließend, massenhaft auf den Menschen und seine Speise herabfallen. So dürftig die Pflanzenwelt Innerafrika's erscheint, wenn man die Zahlen ihrer Arten mit denjenigen vergleicht, die das Innere des unter den-80 Einleitung. selben Breitengraden gelegenen Brasiliens bietet, so erzeugt sie doch Alles, um die Bedürfnisse des einfachen Bewohners jener Landschaften zu befriedigen. Der Negerhirse „Massakua" (Ilolcus cernuus) bildet auf feinkörnigem Boden das hauptsächlichste Wintergetreide. Außer ihm wird auch das Permise- tum typhoicum vielfach gebaut. Letzterem verwandt ist die abscheuliche Ka- rengia (P. distichum), ein Gras, das durch seine Stacheln dem Menschen höchst lästig wird. Den von Westen kommenden Lastthieren ist es eben so widerwärtig, den Bornupferden dagegen Bedingung ihres Gedeihens. Boh nen (besonders Vicia Faba) werden massenhaft gebaut und verbraucht, aber ausgedehnter noch als sie die Erdnuß (Aräcacha hypogaea), aus deren angenehm schmeckender Frucht der Haussa sich sein Lieblingsgericht: „lachende Jungen," bereitet. Wasser- und Brodmelonen, Tomatums, Zwiebeln, Riesen kürbisse grünen und reifen in der Umgebung der Hütten. Auch Bäume werden vielfach gepflegt. Neben seiner Wohnung pflanzt der Bewohner des Sudan gern die schöne Gonda (Carica Papaya) oder eine hochgeschätzte Dattel. Die jungen Blätter des Tabaro (Baiamtes aegyptia- cus), diejenigen der Kuka (Adansonia), des Karaß (Hibiscus esculentus) die nen als Gemüse. Sesam und Ricinus liefern Oel, die ausgedehnten Baum wollenpflanzungen geben Material zu Kleiderstoffen, die Blätter der Te- phrosia toxicaria enthalten einen schätzbaren Indigo. Die zähen Fruchtschalen der Fucillea trilobata liefern Kalabassen, Riesenkürbisse, mitunter 18 und mehr Zoll im Durchmesser, sind als Gefäße in Gebrauch, in denen Hirse- und Mehlbrei bereitet, Maaren und Kleidungen transportirt und aus wel chen tragbare Fähren über Flüsse hergestellt werden. An die Stelle der nordafrikanischen Zwergpalme tritt hier die schon in Aegypten beginnende und durch ganz Centralafrika verbreitete Dumpalme (Hvphaena tliebaica), leicht kenntlich an dem mehrfach gabelig geteilten Stamme mit üppigen Fächerblattkronen und Früchten, welche dem Lebkuchen im Geschmack ähneln. Ausgedehnte dürre Flächen sind von Gestrüpp aus Dumpalmendickicht ganz so bedeckt, wie in Algerien durch die Zwergpalme. Die bezeichnendste Palme für den Süden ist die Deleb (Borassus aethiopica), deren schlanker, hoch emporstrebender Stamm durch eine bauchige Aufschwellung in der Mitte aus gezeichnet ist. Ihre Früchte werden zwar auch genossen, der Hauptnutzen wird aber auf andere Weise von dem Baume gezogen. Man legt die Sa menkerne in geeigneten Boden und verzehrt die weißen Wurzeln der auf- schießenden Sprößlinge; auch wird ein Mehl auö denselben bereitet. Syco- moren (Fieus Sycömora) sind über die Getreidefelder zerstreut angepflanzt und die wohlschmeckenden Früchte derselben geschätzt, auch werden südlich vom Benue mehrere Arten Sterculien gepflegt, welche die allgemein gebräuchlichen Gurunüsse liefern. In letzteren Gebieten bilden Platanen einen Hauptbe- standtheil der Waldungen. Die oben genannten Gondasträucher (Annona palustris) tragen pfirsichcnähnliche, schön gelb und roth gezeichnete Früchte von ausgezeichnetem Wohlgeschmack, und mehrere andere Waldsträucher liefern81 Pflanzenwelt in Jnncrafrika. in kirschen- und pflaumenähnliches Obst. Die nußgroße Wurzel der Kadjidji dient als Räuchermittel, die Katakirri, welche sich durch einen, zwei Spannen laugen Sprossen auf schwerem Waldboden leicht kenntlich macht, birgt 1—1 Va Fuß Tiefe eine faustgroße Zwiebelknolle, die an erfrischendem Wohl geschmack und Nahrhaftigkeit den schwarzen Rettig weit übertrifft und aus- reichend ist, einen Menschen für einen ganzen Tag zu er halten. Als holzliefernder Baum ist die eine der erwähn ten Akazien (A. nilotica) am geschätztesten. Ihr Holz ist leicht und wird deshalb zur Fabrikation der Sättel, des Schießpulvers, der Zeltstan gen u. s. w. benutzt. Die Früchte dienen als Medizin, auch ist der Baum unent behrlich als Gerbemittcl bei Herstellung der Wasserschläuche für die Wüstenreiscndcn. Die schönste Zierde der Landschaft ist die Tamarinde, ein ansehnlicher Baum mit weit ausgebreitcter Krone, gefiederten Blättern und safti gen Schoten, die ein sehr angenehmes, kühlendes Mark enthalten. Letzteres liefert niit Wasser in der heißen Jahreszeit ein erfrischendes und zugleich fieberwidriges Getränk. Wegen ihres breit ästigen Baues ist die Tama rinde cin Lieblingsaufenthalt und Nisteplatz der Pelikane und vieler anderer Vögel. Durch letztere wird der Bo den rings um dieselbe ge düngt und gleichzeitig manches Samenkorn, das unverdaut ausgeschieden ward, hier zum Keimen gebracht. Es bildet sich deshalb um die Tamarinde gern ein Gebüsch auserlesener Fruchtsträucher, während der freundliche Baum seinerseits gern auch die Gesellschaft anderer Bäume liebt und hier seine Livingstone. Reisen in Afrika. , ß Dumpalme.82 Einleitung. Zweige zwischen diejenigen einer riesigen Kuka einflicht, dort einen schmucken Unterbau um eine hochstrebende Deleb bildet. Als heiliger Baum war den Ureinwohnern der Rimi (ßombax gui- neensis) verehrt; dieser, ein Verwandter der brasilianischen Wollenbäume, findet sich noch jetzt an den Thoren der Städte angepflanzt, und dient mit seiner riesigen Krone dem fernherkommenden Wanderer als Marke und Wegzeiger; unter ihm versammelte man sich ehedem zum Opfer und zum Gericht. Ausgebreitete Dornendickichte aus Soda-Kapernsträuchern werden zum Salzbrennen ausgebeutet. Trotzdem aber, daß der Boden vorherrschend fruchtbar ist, die Wit terungsverhältnisse günstig sind, um eine blühende Kultur zu gestatten, läßt letztere noch außerordentlich viel zu wünschen übrig. Der Reis, der hier und da von selbst wächst, wird doch so spärlich angebaut, daß die einheimischen Fürsten ihn nur als besondere Gunstbezeugungen in kleinen Quantitäten ihren Höflingen schenken. Zwar tritt beim Anfang der Regenzeit, gerade dann, wenn der Ackerbauer am thätigsteu sein muß, häufig eine Krankheit ein, welche deshalb das Elend genannt wird, weil sie die Betroffenen arbeitsun fähig inacht und ihnen dadurch den Unterhalt raubt; das Hauptübel aber, an dem der Sudan krankt, ist die Unsicherheit des Besitzes. Die einzelnen Völkerschaften und Reiche sind fortwährend unter einander in Fehde begriffen und die Schwäche der Herrscher befördert Raubzüge, welche benachbarte Frei beuter auf ihre Faust hin unternehmen. Besonders stehen sich drei verschiedene Elemente hierbei feindlich gegenüber: die echten Neger, die Fulbc und die Araber. Die Ureinwohner stehen gewöhnlich in gleichem Grade auf niederer Stufe des menschlichen Daseins, in welchem die Merkmale der Negerrace an ihnen deutlicher und entschiedener ausgesprochen sind. Besonders ist dies bei jenen Völkerstämmen der Fall, die jetzt nach den Gebirgen Znnerafrika's zurückge drängt, sich noch in ursprünglicher Reinheit und Rohheit erhalten haben. Das kurzgekräuselte, wollige, schwarze Haupthaar, die eigenthümlich sammctweiche, aber dicke Haut, die aufgestülpte Nase und breite, aufgeworfene Lippen bezeichnen den Negertypus. Die Färbung bleibt sich durchaus nicht gleich; obschon die Meisten schwarz oder schwärzlichgrau erscheinen, besitzen Viele, oft unter dem selben Stamme, ein rhabarbcrfarbiges Ansehen, daS bei fast gänzlichem Man gel an Kleidung einen sonderbaren Anblick gewährt. Eigenthümlicher Weise erachten jene Stämme, bei denen ein gewisses Anstandsgcfllhl zu erwachen beginnt, für Männer eine, wenn auch sparsame Bedeckung erforderlicher als für Frauen. Letztere schmücken sich gern niit Glasperlen, und mehrere Völker tragen als besondere .Zierde ein rundes Knochenstück in der Unterlippe. Ihre Hütten pflegen die Neger vorzugsweise aus Lehm- oder Thonziegcln aufzuführen, die sie an der Luft getrocknet. Sie wölben diese Wohunngen entweder kuppelförmig, oder versehen sic mit einem spitzzulaufenden Dache, dessen Gerüste aus den leichten Stengeln des Aschur zusammengebunden und84 Einleitung. mit Stroh gedeckt ist. Fenster und Schornsteine sind nicht gebräuchlich. Die Eingangsthür ist bei manchen Stämmen so klein, daß man nur kriechend in den innern Raum gelangen kann. Hier befindet sich das Nachtlager und eine Anzahl Töpfe aus Thon oder Kalabassen, welche die Stelle der ersteren ver treten. Rings um die Hütte ist ein Hofraum, eingehegt durch einen hohen Zaun aus Dnrrastengeln oder Schilf. Meistens finden sich ein oder mehrere Baume besonders gehegt, um ihre Fruchte und ihren Schatten zu genießen. Die Gonda (Carica Papaya, Melonenbaum) mit schöner Krone aus zackig eingcschnittenen Blättern spielt hierbei eine Hauptrolle; die Käutschukfeigc (Siphonia elastioa) kommt ebenfalls häufig vor, ohne daß man ihren Saft zu benutzen gelernt hätte; die Deleb, Dumpalme und einzeln selbst die hoch geschätzte Dattel, so wie die Maulbeerfeige (Ficus Sycomora) sind zu gleichen Zwecken verwendet, in den Gebieten am Benne dagegen Kornelkirschen. Mit Fetthöckern versehene Rinder und Ziegen sind die Hausthicre. Hühner sind in einzelnen Distrikten so häufig, daß ein fettes Huhn für eine Steck- oder Nähnadel verkauft wird. Das Kameel ist dagegen erst von den Arabern in Afrika eingeführt worden und wird in den südlicher gelegenen Ländern viel mehr angestaunt als in Europa. Auch in der Sahara fand in den früheren Zeiten der Waarentransport nur mittelst Packochsen statt. Als Waffen haben die Neger gewöhnlich Spccre, Bogen und Pfeile oder Handeisen. In ihren religiösen Ansichten spielen wie gewöhnlich die un- heildrohcnden Dämonen eine Hauptrolle; Viele verehren auch Steine, Thiere u. s. w. als Fetische, welche die Ucbel abznwendcn vermögen. Der westlichste jener Negerstämme in Mittelafrika bewohnt das Land Wadai (Mobba), Er ist in seiner Färbung weniger dunkel und der mnhame- danischen Religion angehörig. Die benachbarten Begharmi, die Marghi, Kanembu, Mußgu und die Bewohner von Adamaua haben wir bei Mitthei lungen über die Reisen des Dr. Barth bereits namhaft gemacht, und verweisen hier nur auf jene Stellen. Das Reich Bornu bildet die Umgebung des Tschad. Die Bewohner desselben sind schwärzer, plumper und mit stärker ausgeprägten Zügen des Negertypus. Weiter westlich, im eigentlichen Sudan, werden zahlreiche klei nere Stämme, durch Sprache, Ansehen, Sitten und ehedem auch durch ein gemeinsames Oberhaupt verbunden, als das Haussavolk bezeichnet. Sie sind weniger schwarz als die Bornnaner und machen in ihrer körperlichen Erschei nung einen angcnehmern Eindruck, ja unter ihren Frauen kommen wirkliche dunkle Schönheiten vor. Im westlichen Sudan, im Lande um Timbnktu, wohnte ursprünglich das Volk der Kissurer, das sich schon früh durch feine Sitten und freundliches, duldsames Entgegenkommen gegen Fremde den euro päischen Reisenden bekannt machte. In dieses weite Gebiet der Negerländer drangen von Norden her die Araber, von Westen die Fellatah's oder Fulbe, beide Stämme als begeisterte Muhamedaner ihre Religion den überwundenen Völkern aufdringend. ZwischenDie Fulbe. 85 den Arabern, die von Oase zu Oase, von Nord nach Süd vorrückten, und den Haussa's fanden höchst manchfache Vermischungen statt. Es giebt dort Stämme, bei denen in ähnlicher Weise wie bei einigen ostindischen Völkerschaf ten die Regentschaft nicht, auf die Söhne des Fürsten, sondern auf diejenigen von dessen Schwester übergeht. Interessanter noch sind die mehrerwähnten Fulbe. In ihrer körperlichen % Erscheinung den Kaffern sehr ähnlich, hält dieses intelligente Volk die Mitte zwischen dem Neger und dem Araber. Die schwarzen Haare sind weniger kraus und ähneln mehr denjenigen der Europäer, die Nase ist weniger stumpf, die Lippen sind gewöhnlich dunkel gefärbt. Das Ansehen der Haut wechselt zwischen bronze und kupferröthlich, ja bei Einzelnen kommt sogar ein Weiß vor, das an die Farbe der Europäer erinnert. Besonders angenehm werden die Fulbe dem Europäer durch ihre Reinlichkeitsliebe; weißes oder buntes Banmwollenzeng, stets reinlich gehalten, bildet die Kleidung; die Wohnungen sind nett und durch einen Hellen Anstrich ungemein einladend. Die Fulbe sind ein sehr kriegerisches, gewandtes Hirtenvolk und eifrige Bekenner Muha- medö. Sie betrachten deshalb gleichzeitig das Unterwerfen und Bekehren der heidnischen Negerstämme als Sache des Gottesdienstes. Die Ueberwundenen nahmen meistens den neuen Glauben bereitwillig auf, besonders mit deshalb, da er ihnen erlaubt, mehr als eine Frau zu heirathen und deshalb ihren bisherigen Sitten nicht widerstritt. Früh gelangen beide Geschlechter zur Reife, die Frauen altern freilich auch eben so früh. Die Familien sind gewöhnlich reichlich mit Kindern ge segnet, so daß eine alte Sage erzählte: die Vermehrung der Völker im In nern Afrika's wäre so enorm, daß Gott je nach 60 Jahren einen mächtigen Sandstnrm sende, um die Mehrzahl der Leute zu bedecken, weil ihrer sonst gar zu viele würden. Die Städte Innerafrika's haben ein originelles, von dem europäischen völlig abweichendes Ansehen. Eine hohe und dabei 15—20 Fuß dicke Lehm- oder Thonmauer umgiebt meistenstheils den Ort. Thürme sind gewöhnlich nicht vorhanden. Dagegen wird das wohlbewachte Thor, das bei Sonnenunter gang geschlossen wird, fast immer von einem mächtigen Rimibaume (Erioden- dron guineensis) überschattet. Dieser Baum spielt für die Bewohner deö Sudan dieselbe Rolle, wie der heilige Wanzabaum (Cordia abessinica) in den Gebieten der Galla's. Die Häuser sind, wie bereits erwähnt, entweder gewölbte Thonhütten oder mit Strohdächern versehen. Manche von den besseren der Fulbehäuser besitzen auch ein zweites Stockwerk, das freilich nur ans einem einzigen Zimmer besteht. Zn letzterem führt dann die Treppe von außen. Die Araberwohnungen dazwischen machen sich sogleich durch ihre flachen Dächer kenntlich. Den Palast des Statthalters von Kano schildert Dr. Barth als ein Labyrinth von Hofräumen, die durch zwei geräumige Lehmhütten von einander getrennt waren. Letztere besaßen gegenüberliegende Thüröffnungen und dienten als Wartezimmer. Außerdem waren die Höfe86 Einleitung. durch gewundene Gänge mit einander in Verbindung gesetzs. Das, Gemach des Statthalters war so dunkel, daß Barth einige Zeit bedurfte, um Etwas in demselben erkennen zu können; dann aber fand er die Einrichtung desselben sehr schön, sogar für dieses Land entschieden großartig. Der ganze Charakter des Saales machte einen um so liefern Eindruck, da die Tragbalken der Decke nicht zu sehen waren, während zwei große Kranzbogen aus demselben Material wie die Wände, überaus sauber geglättet und reich verziert, das Ganze zu tragen schienen. In der hintern Wand waren zwei geräumige und ebenfalls reich geschmückte Nischen angebracht, in deren einer der Fürst auf einem Gado, über welchem ein Teppich ausgebreitet war, in halb sitzender, halb liegender Stellung ruhte. Das Innere einer solchen Stadt zeigt gewöhnlich einen bunten Wechsel: grüne, freie Plätze, auf denen Rinder, Pferde, Kameele, Esel und Ziegen in vertraulicher Gemeinschaft mit einander weiden, breiten sich neben großen, tiefen Wassergruben oder Teichen aus, deren Oberfläche eine Decke von Wasser pflanzen trägt. Die Hütten selbst, in den verschiedensten Stadien des Ver falles, von Zäunen umhegt und von schöngeformten Fruchtbänmen überschattet, nehmen sich überaus malerisch aus. Eben so bunt ist das Gemisch der Men schen, die sich hier begegnen. Hier erscheint ein reicher Araber in Seide und glänzende Gewände gekleidet, ans einem edlen und reichverzierten Rosse, ge folgt von einer zahlreichen Schaar übermüthiger und träger Sklaven, dort fühlt ein Blinder langsam seinen Weg durch die Menge, welche sich nach dem belebten Marktplatze drängt, jeden Augenblick fürchtend, daß er nieder getreten werde. Weiterhin wankr ein kranker Ausgestoßener über die Straße, mit Beulen oder der furchtbaren Elephantiasis behaftet, jener Krankheit, bei welcher Glied nach Glied bis zur schreckenerregenden Unförmlichkeit aufschwillt, um dann abzusterben. An jenem Zaune lagert eine Gruppe lässiger, träger Vagabunden im Sonnenschein. Ein Zug einheimischer Handelsreisender naht; er kehrt aus dem, fern im Westen gelegenen Lande Gardja zurück, beladen mit den allbeliebten Gurunüssen (8tsreulia apuminata), welche in Innerafrika allgemein die Stelle des Kaffee's vertreten und allgemeines Bedürfnis; sind. Dort bricht eine Karavane eben auf, um Natron weiter zu schaffen, ein Trupp Tuaricks zieht zur Stadt hinaus und transportirt Salz nach den Ortschaften in der Nähe. Eine andere Schaar Araber ladet die schwerbe- lasteten Kameele ab. Eine Gruppe Sklaven schleppt einen gestorbenen Lei- deusgenosscn hinaus und wirft ihn in den Sumpf am End? der Stadt. Zwischendurch sprengt eine Schaar bewaffneter Reiter nach dem Palaste des Statthalters, um ihm eine wichtige Nachricht aus dem Reiche zu überbringen. Alle Nationen bewegen sich im bunten Gemisch durch einander: der oli- venbranne Araber, der röthere Targi, der schwarze Bornuaner, der leicht und schlank gebaute Fellani mit kleinen, schürfen Gesichtszügen; dort die breiten Gesichter der derben Wangaraua (Mandiugo's), oder eine große, starkknochige Frau aus Nyffi; hier die wohlgebaute, freundlichlächelnde Ba-Hauscherin.87 Häusliche Einrichtung und Gewerbe in Jnnerafrika. Werfen wir noch einen Blick in das Innere der Wohnungen. Während in Timbnktu und Gades die Häuser, ringsum von luftigen, hellen, viereckigen Höfen umgeben, sehr an die Gebäude der alten Griechen und Römer erin nern, sind sie in Kano finsterer ohne besondere Rücksicht auf frische Luft, nur darauf eingerichtet, die größtmögliche Abgeschlossenheit zu erzielen, trotz dem aber durch ihre Reinlichkeit einladend. Die Thür, welche den Hofraum verschließt, ist aus Rohr geflochten; durch sic cintrctend gelangt der Ankom mende auf den wohlgeglätteten Platz, in dessen einem Winkel unter dem Schatten der Bäume ein reinlicher Schuppen das Lieblingsplätzchen der Fa milie bezeichnet. Die Hausfrau ist mit einem schwarzen, aber reinlichen Baumwollenkleide umhüllt; ein Knoten hält dasselbe um die Brust fest. Das Haar ist niedlich geflochten. Sie ist geschäftig, für den abwesenden Mann die Mahlzeit zu bereiten oder Baumwolle zu spinnen, oder treibt die Sklavinnen an, mit dem Stampfen des Kornes zu eilen. Die nackten Kinder spielen fröhlich im Sande umher oder jagen hinter einer eigenwilligen, abschweifenden Ziege her. Ringsum stehen irdene Topfe, hölzerne Schüsseln und Schalen, alle reinlich ausgewaschen, jede am bestimmten Platze. Das Nachbarhaus ist eine Färberei. Hier herrscht reges Leben und Treiben. Eine offene Terrasse aus Lehm, zwei oder drei Fuß über dem Boden erhöht, mit einer größer» oder geringern Anzahl von Farbetöpfen, bildet die Werkstatt. Ein Mann rührt hier die Flüssigkeit um und mischt mit den gestampften Indigoblättern ein geeignetes Farbeholz, um dem Stoffe die rechte Tinte zu geben; ein anderer zieht ein wohlgesättigtes Hemd aus dem Topfe und hängt es an einem Baume oder an einem Seile ans; zwei andere Männer schlagen ein gefärbtes und getrocknetes Hemd in regelmäßigem Takte, um ihm den feinsten Glanz zu verleihen. Weiterhin ist ein Grobschmied geschäftig, mit seinem rohen Werkzeuge, über welches der Europäer lächeln würde, einen Dolch zu verfertigen, dessen Schärfe dem Beschauer Erstaunen einflößt. Andere Erzeugnisse der Kunst stehen umher: Sperre mit Widerhaken, Ackergcräthe u. dergl. Die vielfach aufgehängten Baumwollenstoffe mahnen an die rege Thätig- feit, welche durch Verfertigung dieser Zeuge hervorgerufen wird. Weiterhin begegnen wir einer Reihe Läden voll einheimischer und frem der Waaren mit Käufern und Verkäufern in allen Abstufungen von Gestalt, Farbe und Kleidung, aber alle als Handelsleute eifrigst bemüht, irgend einen Gewinn zu erhaschen und den Andern zu übervortheilen. Einen unbehaglichen Anblick gewährt dagegen eine große Schattenbude, in welcher eine Schaar halbnackter und halbverhungerter Sklaven ausgestellt tzt. Ihrer ^ Heimat, ihren Weibern oder Männern, Kindern oder Eltern entrissen, sind sie wie Vieh zum Verkauf vorgeführt und warten, verzweifelnd auf die Käufer^ starrend, in wessen Hände ihr Schicksal sic führen wird. o.ic Haussa- und Bornu-Neger sind vorzüglich Ackerbauer, die Fulbe und Araber dagegen sowol Viehzüchter als Handelsleute. Reichlich tragende88 Einleitung. Getreidefluren lohnen den Fleiß des Landmanns, und machen es möglich, mit ver- hältnißmäßig geringen Kosten den Lebensunterhalt einer Familie zu' bestreiten, während die ausgedehnten Baumwollenpslanzungen, durch ihr grünes Laubwerk eine wahre Zierde der Landschaft, eine rege Industrie Hervorrufen und dem Kauf mann gesuchte Artikel zur Ausfuhr und zum Umtausch für seine Waaren bieten. Um uns eine Vorstellung von dem Handel und dem industriellen Ver kehr dieser Völker in Centralafrika machen zu können, führen wir uns bei spielsweise das vor, was Dr. Barth in dieser Beziehung über die Stadt Kano mittheilt. Diese Stadt ist der Hauptort einer Provinz gleiches Na mens, westlich vom Tschad. Anfänglich wahrscheinlich aus der Vereinigung mehrerer Dörfer entstanden, hat sie jetzt einen Umfang von mehr als fünf zehn englischen Meilen. Ein großer Sumpf, von Ost nach West sich er streckend, schneidet sie in zwei Theile, dessen nördlicher besonders von dem ur sprünglichen Haussavolke bewohnt wird, während die herrschenden Fulbe (Pullo oder Fellani) sich vorzugsweise in den südlichen Quartieren nieder gelassen haben. Für gewöhnlich kann die Bevölkerung Kano's auf 30—40,000 Einwoh ner veranschlagt werden, in den Monaten Januar bis April aber, in denen der regste Handelsverkehr herrscht, steigert sich diese Zahl durch die herbci- geströniten Fremden auf 60,000. Der Haupthandel von Kano besteht in einheimischen Fabrikaten, beson ders in Banmwvllenzeugen, die in der Stadt selbst oder den umher liegenden kleineren Ortschaften der Provinz aus einheimischer Baumwolle ge webt und mit selbstgczogenem Indigo gefärbt werden. Handel und Manu faktur gehen hier Hand in Hand, und fast jede Familie nimmt daran Antheil; es erreicht dieser Industriezweig etwas wahrhaft Großartiges. Während er sich im Norden bis nach Mursuk und Rhat, ja selbst bis Tripoli verbreitet, erreicht er im Westen nicht nur Timbuktu, sondern selbst die Küsten des Atlantischen Oceans; gegen Osten erstreckt er sich über ganz Bornn, obwol er dort mit der eigenen Manufaktur der Eingeborenen in Berührung kommt. Die Ausfuhr von gefärbten Baumwollenwaaren ans Kano nach Tim buktu allein beträgt mindestens 300 Kameelladungen zum Werthe von 60 Millionen Kurdi (Muscheln, Kauri). Die durchschnittliche jährliche Gesammt- ausfuhr kann zum Werthe von 300 Millionen Kurdi veranschlagt werden. Welche Quelle nationalen Reichthums dies ist, ergiebt sich leicht daraus, wenn man erfährt, daß eine Familie alle Ausgaben, auch für Kleidung, die sie jedoch meist selbst fabricirt, mit 60,000 Kurdi jährlich anständig bestreiten kann. Auch die in Nyffi verfertigten Kleidungsstoffe, theils aus Baumwolle, theils aus Seide gearbeitet, auf die verschiedenste, oft angenehme Weise ge färbt oder gestickt, bilden einen Gegenstand des Zwischenhandels. Eine beson dere Art Seide wird von einer Raupe gewonnen, welche im Tamarinden baume llebt. Ein gutes Hemd von Nyffi wird mit 18—20,000 Kurdi bezahlt. Nächstdem sind Sandalen Haupterzeugniß der Industrie von Kano. SieKairo.00 Einleitung. werden mit großer Nettigkeit und höchst billig aus Riemen und Bändern gefertigt. Die von arabischen Schuhmachern hier gemachten Schuhe werden in großer Menge nach Nordafrika geführt, eben so die aus Leder gearbeiteten und mit manchfacher Stickerei gezierten Reisetaschen. Sehr schön gegerbte Häute und rothe, mit einem aus dem Halm des Ilolous (Mohrenhirse) gewonnenen Safte gefärbte Schaffelle bilden ebenfalls einen Ausfuhrartikel. Die schon erwähnte Guru- oder Kolanuß,.die Frucht der Ltsroulia aou- miimta, bildet einen der wichtigsten Artikel auf dem Kanomarkt; aber während dieser Artikel auf der einen Seite einen bedeutenden Transithandel erweckt und dadurch den Bewohnern Vortheile bringt, kostet er ihnen doch auf der andern Seite bedeutende Summen, da dessen Genuß den Eingeborenen eben so sehr zum Bedürfniß geworden ist, wie uns Kaffee und Thee. Im Laufe des Jah res werden mindestens 500 Eselsladungen Gurunüsse nach Kano eingeführt, von denen jede, wenn sie unversehrt, gegen 200,000 Kurdi Werth ist. Die Nuß ist sehr empfindlich und verdirbt leicht. Ein anderer, höchst wichtiger Zweig des einheimischen Handels ist der Sklavenhandel. Es mögen vielleicht jährlich 5000 solcher Unglücklichen nack außen geführt werden, eine bedeutende Menge bleibt im Lande selbst. Viele Kanaua beschäftigen sich mit der Spedition des Natron von Bornu nack Nupe oder Nyffi. Diese Maare ist zwar sehr billig, wird aber in desto größeren Quantitäten verführt. Jährlich passiren gegen 20,000 Packochsen, Saumpferde und Esel, damit beladen, durch Kano. Von der 3000 Kameele zählenden Karawane, welche Kochsalz zuführt, bleibt etwa der dritte Theil für den Bedarf der Provinz und wird für einheimische Erzeugnisse umge tauscht. Elfenbein spielt gegenwärtig eine sehr untergeordnete Rolle. Sehr zu bedauern ist es, daß die Engländer sich durch die ersten un glücklichen Expeditionen auf dem Kuorra (Niger), welcher Fluß die Hochstraße des Handels nach diesen Gegenden bildet, abschrecken ließen. Die Amerikaner haben bis jetzt den alleinigen Vorthcil daraus gezogen und zwar nur, um gegen ihre Banmwollenwaaren und Dollars — Sklaven einzutauschen. Europäische Maaren gelangen verhältnißmäßig wenig nach Kano. Rohe, in kleinen Paketen verschickte Seide bildet noch den Hauptbestandtheil. Sie wird in Tripoli gefärbt und ist der Hauptartikel der meisten Karawanen der Ghadamsier. Der Betrag der jährlichen Einfuhr ist nicht unter 3 — 4OO Kanieelladungcn. Der größte Theil dieser Seide wird im Lande zur Aus schmückung der Kleidungsstücke, Sandalen, Schuhe u. s. w. verwendet. Rothes Tuch wird auch in ziemlicher Menge eingeführt. Perlen aller Art sind gleichfalls sehr gesucht. Von Zucker dürften etwa 100 Kanieelladungcn jährlich eingeführt werden. Jede Ladung besteht aus 80' kleinen Broden zu je 2-/2 Pfund Gewicht und 1500 Kurdi im Werth. Grobes Papier wird zwar in bedeutender Menge eingeführt, aber nicht als Mittel zu geistiger Bildung, sondern zum Einschlagen von Zeugen be-Handelsartikel und Zahlungsmittel in Centralafrika. 91 nutzt. Nadeln, anfänglich von Nürnberg aus, in letzterer Zeit von Livorno, ferner kleine runde Spiegelgläser, in Kasten verpackt, sind auch nicht ganz unwichtig, und zwar verlangt man in Kano am liebsten ziemlich feine Sor ten, da das Baumwollenzeug fein ist. Die gröberen Stopfnadeln gehen da gegen mehr nach den östlichen Negerländern, mit Einschluß von Bagirmi, bis Abessynien. Schwertklingen, fast lauter Solinger Fabrikat, werden jährlich etwa 50,000 Stück, die Klinge gegen 1000 Kurdi gerechnet, in Kano cin- geführt und hier gefaßt. Feuerwaffen dagegen sind noch selten vorhanden, obschon Amerikaner dergleichen über Nyfft in den Handel gebracht haben. Die in Steiermark verfertigten gemeinen Nasirmesscr mit schwarzen hölzernen Griffen sind, trotz ihrer schlechten Qualität, bei den Eingeborenen des Sudans sehr beliebt. Sie wissen diesen Klingen eine wunderbare Schärfe zu geben und den Griff durch einen Beschlag von Kupfer dauerhafter zu machen. Ein wichtiger Artikel der Einfuhr sind auch arabische Anzüge, namentlich Burnusse, Kaftane, Westen, Beinkleider, rothc Mützen und Kopfbindcn. Am gesuchtesten sind die weißen Kopfbinden mit rother Borde. Sie kommen fast ausschließlich von Aegypten. Weihrauch und Gewürze, besonders Djani, Ssimbil (Valeriana Celtica) und Nelken bilden einen nicht unbedeutenden Ein fuhrposten, etwa gegen 15 Millionen Kurdi. Rosenöl allein wird zu ansehn lichen Preisen eingeführt, kommt aber fast gar nicht in den Verkehr, son dern wird den großen Herren unter der Hand verkauft. Ein interessanter Artikel aber, der weit von einander getrennte Gegen den Afrika's mit einander verbindet, ist das Kupfer. Von Tripoli wird viel altes Kupfer eingeführt. Der hauptsächlichste Vorrath aber dieses hübschen und nützlichen Metalls wird durch die zu Nimro in Wadai wohnenden Djcl- laba eingeführt, die es von der berühmten, im Süden von Darfor gelegenen Kupfermine El Hofra bringen. Gold und Silber wird nur in mäßigen Mengen zugeführt und, wie die übrigen Metalle, von den Grobschmieden bearbeitet. Das Eisen der Provinz Kano, das in großen Quantitäten zu Lanzenspitzen, Hacken und anderen Geräthschaften verwendet wird, ist von keiner besondcru Güte. Das gewöhnliche Tausch- und Zahlmittel sind die Kauri oder Kurdi (Cypraea Moneta), kleine weiße Muscheln, bei uns unter dem Namen Schlangen köpfchen bekannt. Sie werden als bedeutender Handelsartikel dort einge führt. Je weiter nach der Meeresküste zu, desto niedriger steht ihr Werth, je weiter nach dem Innern, desto höher; 2500 sind in Kano etwa einem österreichischen oder spanischen Thaler gleich. Kanfleute nehmen hier lieber die letzteren, Frauen dagegen begehren gern die breiten, schön und blank aus sehenden Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1788, welche für den afrikani schen Markt stets neu geprägt werden. In das Innere des Sudan gelan gen die Kauri's vorzugsweise von der Ostküste her, und werden besonders von Indien und Zanzibar aus gegen Palmöl und andere Erzeugnisse aus getauscht. In manchen Gegenden sind die Muscheln durchbohrt und an92 Einleitung. Schnuren gereiht, je 40 Kauri an einer. 50 Schnuren (2000 Muscheln) sind ein Kopf und 10 Köpfe ein Sack. Der innere Werth der Kauri ist dem jenigen ziemlich gleich, welchen gute Muscheln dieser Sorte ungefähr auch in Europa haben, und das Eisengcld des Lykurg war nicht schwerer als fc sie, denn ein solcher Mattensack mit ® 20,000 Kauri, im Werth von / 10—-15 Thaler, wiegt 50 — 60 Pfund. Der gewöhnliche Preis eines Huhnes beträgt 200—250 Kauri, eines Schafes 4 — 6000, eines ge wöhnlichen Pferdes 60—120,000. In Distrikten, in welchen es ge bräuchlich ist, Kauri nicht an Schnuren zu haben, sondern ein zeln zu zählen, ist eö eine förm liche Arbeit. Oe. Barth erzählt, wie zum Abzählen von 500,000 Muscheln, etwa 200 Thaler an Werth, 6 bis 7 Personen erforderlich waren, welche die Muscheln in Griffen von je 5 zu Haufen von je 10 Zwanzigern und dann zu 1000 vereinigten. Nach seiner Angabe sind die an Schnuren gereihten von der Westküste, die von der Ostkiiste dagegen lose. Der Handelsaufschwung Kano's datirt von verhältnißmäßig jungen Zei ten; sollte eö aber den Bemühungen der Engländer gelingen, Verbindungen mit Jnnerafrika in jener Weise herzustellen, wie es so lebhaft gewünscht wird, so könnte diesen rasch aufstrebenden, in so fruchtbaren Gegenden gelegenen und von bildungsfähigen Bewohnern bevölkerten Industrie- und Handelsstädten wol eine Zukunft erblühen, welche den alten Flor des nntergegangenen Kar thago dem ernsten, sonnednrchglühten Erdtheile wiederbrächte. Sehr hinderlich ist der häufige Wechsel der Herrscherhäuser in jenen Staaten, die Schwäche der einen und der leidenschaftliche Fanatismus der anderen. Kaum ist es geglückt, mit einem jener Fürsten ein Bündnis; durch ansehnliche Opfer zu Stande zu bringen, so vernichtet eine plötzliche Revolte alle errungenen Vortheile. Sollten sich jene Gerüchte bestätigen, welche den Sultan von Wadai als Freund europäischer Kultur bezeichnen, so dürfte sich viel leicht in nicht fernen Zeiten auch der innerste Theil Afrika's für uns erschließen.Bewohner von Guinea fischend. An der Westküste. Allenthalben, wo ausreichend Wasser zur afrikanischen Sonnenglut sich gesellt, entwickelt sich auch üppige Vegetation. Obschon die Waldungen und Kräuterwiesen Afrika's nie die massige Ausdehnung der amerikanischen er halten und auch nie den gleichen Reichthum an Arten auf kleinem Raum zei gen, wie jene Gebiete, so erscheinen solche Stellen doch doppelt kräftig durch den Gegensatz der umgebenden Dürre und Einförmigkeit des übrigen Landes. Die großen Ströme schwellen jährlich zur Regenzeit ganz außerordent lich au. Der Benne übersteigt noch um ein Ansehnliches seine llO Fuß hohen Ufer, 50, 60 Fuß steigt auch der Niger, ähnlich die anderen. Weithin ver wandelt sich das Land in einen Sumpf, umschlossene Thäler werden zu Seen. Die durch die gewaltigen Hochwasser mitgerissene Erde setzt sich beim all mählichen Sinken und dem dadurch entstehenden Verlangsamen des Laufes in der Umgebung, besonders aber da zu Boden, wo die Flußwasser mit dem durchs Ebbe und Flut bewegten Ocean zusammentreffen. Hier bildet sich an fänglich ein noch beweglicher Schlammgrund, der allmählich solider wird und später ausgezeichnete Kulturebenen bietet. Berühmt ist ja seit der Urzeit das im Norden auf ähnliche Weise entstandene Delta des Nil; eben so fruchtbar und ausgedehnt, dabei aber vom Menschen noch nicht unterworfen und des halb den ursprünglicher:! Charakter von tropischer Fülle und Ueppigkeit tra gend sind die unter ähnlichen Bedingungen gebildeten Küstenstriche im Golf94 Einleitung. von Guinea. Verweilen wir bei den letzteren einige Augenblicke. An den Mündungen des Niger, Kongo u. s. w. sind, wie dies gewöhnlich innerhalb der Tropen der Fall ist, Mangrovewaldungen in großem Maßstabe vorhan den. Die weithinlaufenden Wurzeln der Rhizophoren verweben sich zu einem Geflecht, von den Aestcn der mäßig hohen Bäume mit glänzend grünen, saf tigen Blättern senken sich zahlreiche Luftwurzeln als Stützen herab, die bei manchen Arten blattlos sind und täuschend gedrechselten Pfeifenrohren gleichen. Fußlange Keimwurzeln strecken sich schon aus den Früchten hervor, die, noch durch ihre Stiele gehalten, an den Zweigen festsitzen. Das Zweigwerk flicht sich oben so dicht ineinander, wie unten die Wurzeln, so daß der ganze ausgedehnte Uferwald ein zusammengefilztes Ganzes bildet, das täglich bei der Flnt zweimal steigt und sich wieder senkt. Hinter diesem nieder» Mangrovewald ragen zahlreiche Banmgeschlechter in bunter Abwechselung als zweite höhere Etage empor. Nirgends bemerken wir unter diesen Gestalten ein Nadelholz, nirgends eine Eiche oder Buche, überhaupt ist in der Pflanzenwelt Guinea'S Weniges zu finden, das Gattun gen europäischer Bildung angehörte. Ebenso fremd sind hier Formen Süd- afrika's. Am vorherrschendsten sind die mit gefiederten Blättern und lebhaft gefärbten Schmetterlingsblüten geschmückten Hülsenfrüchtler hier vertreten. 160 Arten davon sind bereits beschrieben, die meisten Bäume, andere Sträucher, 17 Mimosenarten hauchen aus ihren zierlichen Blumen Wohlgeruch in die schwüle, mit Feuchtigkeit überladene Luft. Hier erheben sich neben den Blüten. Massen, welche den einen Baum gänzlich goldgelb, den zweiten roth, den drit ten schneeweiß erscheinen lassen, die Stämme der Terminalien, deren Baum schlag sich auf höchst zierliche Weise in horizontal ausgebreiteten Stockwerken gliedert. Chrysobalanen und Iambnscn lachen mit gelb und roth gemalten appetitlichen Früchten, Rosenäpfeln und Palmenpflaumen, dem Wanderer ent gegen. Als gewaltiger Dom in der grünen Wildniß wölbt sich das Lanbdach der Adansonie, dieses für Mittelafrika so bezeichnenden Baumriesen. Große weiße Malvenblüten leuchten zwischen seinen schön zertheilten weißen Blättern hervor, die in jungem Zustande ein beliebtes schleimiges Gemüse geben. Myrtenbäume und die denselben in Blattgestalt und Blütenban verwandten Melastomeen (von crsteren 0, von letzteren 23 Arten bekannt) machen sich durch ihr straffes Laubwerk, ihre ganzrandigen, unzertheilten Blätter, und letztere besonders durch die herrliche Färbung ihrer zahlreichen Blumensträuße bemerklich. Bombax- und Wollenbäume (llriockonclron), Verwandte des Bao bab, erheben sich mit dicken Stämmen und massenhaften Kronen. Flügel fruchtbäume strecken sich dort zwischen ihnen hervor und schaukeln ihre span nenlangen Fruchtflügel im Luftzug, und Palmen wiegen daneben die schön gefiederten Blätter. Besonders ist es die Wein-Sagopalme (Sagus vinifera), welche den Neger anzieht, in die Wildniß einzudringen, um aus dem gegohre- nen Safte dieses Baumes sich ein angenehm schmeckendes, champagnerähnliches Getränk zu bereiten.Bäume und Sträuchcr. 95 Wir würden ermüden, wenn wir hier eine Aufzählung aller Baumformen versuchen wollten, welche die Baumwaldungen Guinea's zusammensetzen, nur des Teakholzbaumes (Oldfieldia africana), einer Euphorbiacee, müssen wir noch gedenken, dessen hartes Holz an Gewicht selbst dasjenige dom asiati schen Teakbaum (Tectonia grandis) und bei weitem das unserer Eiche übcr- trifst. Während derKubikfuß Ei chenholz durch schnittlich . 49 Pfund wiegt, hat die gleiche Menge Holz der Oldfieldia 60 — 70 Pfund. Fast 20 Ar ten Kapern sträucher, die meisten mitDor- ncn bewaffnet, bilden das Un terholz in Ge meinschaft mit 114 Arten Nn- biaceen, Ver wandten des ech ten Kaffecstran- ches (Lollea ara- bica), der hier ebenfalls viel fach wild vor kommt. Auffal lend spärlich im Berhältniß zu der großen Men ge der Rubia- ceen sind in Guinea die Ge wächse mit zu- Wein, Sagopalme. sammengesctztcn Blüten vorhanden. Man kennt von ihnen bis jetzt nur 44 Ar ten, wahrend in Abessynien auf 36 Rubiaceen 181 Korbblütige kommen. Einige 20 verschiedene Sorten Jndigosträucher, von denen drei als Färbepflanzen külti- virt werden, mischen sich mit Citronenbäumchen und großen Nachtschattenarten. 4-ie Wolssmilchgewächse sind durch ein halbes Hundert Arten vertreten. Gegen06 Einleitung. 30 Arten Orchideen öffnen ihre wunderlich gestalteten Blumen; die abenteuer liche Gestalt des Pandang (Pandanus) spreizt ihre Stelzenwurzeln über das rieselnde Bächlein, das von schöngefiederten Farrnwedeln und den riesigen Saft blättern der Äaronstabgewächse überdeckt ist. Unsere Abbildung führt uns eine nach der Natur gezeichnete Scene vor Augen, wie solche sich dem Reisenden auf den Prinzeninseln im Golf von Guinea malerisch zeigen. Der erwähnte Pandang steht auf dieser Darstellung in der Mitte des Bildes. Pfeilwurz und Verwandte des Ingwer gedeihen in Guinea neben den schönen Formen der Musa. An den kleinen Lagunen bilden die schildförmigen Blätter des Wassernabel (Hydrocotyle), die einzigen Vertreter unserer Dolden, und hübsche Teichrosen (Nymphaea) üppige Teppiche, aus denen die zart- gewimperten Sonnenthanarten und die himmelblauen Commelinen Hervor schauen. Große Schneckenarten, sonderbare Käfer ziehen langsam zwischen den Binsen- und Riedgräsern hindurch. Besonders reichlich sind von letzterer Pflanzengruppe die Chpergräser, die Verwandten des Papyrus, hier vor handen. Von 63 Riedgräsern kommen 27 allein auf die Gattung Cyperus. Das berühmte Papyrus selbst gedeiht hier noch üppig. Auch die echten Gräser sind zahlreich vorhanden. Man kennt 127 Arten ans Guinea. Von ihnen sind es besonders die Hirsearten (Panieuni, 39 Species), welche vor herrschen und von denen mehrere als Brodfrüchtc gebaut werden. Besondere Berühmtheit hat ein Strauch jenes Gebietes, die Napoleona, durch die Schönheit seiner Blüten erhalten, die, von ansehnlicher Größe, große Aehnlichkeit mit dem Orden der Ehrenlegion besitzen. Als Schlingpflanzen und Lianen sind besonders Winden (31 Species) in großer Neppigkeit vorhanden, doch fehlen auch die Passionsblumen (9 Arten, Modecca) nicht; Mondsaamrankcn und süßduftende Uvarien schlingen sich zwischen ihnen hindurch, und- die Rohrpalmen (Calamus), bei uns als Ma terial zu Rohrstühlen und Crinolinen bekannt, flechten ihre zähen Halme gleich riesigen Spinnfäden von Baum zu Baum, dem Nahenden obcnein noch zahlreiche Stacheln von jedem Blatte entgcgenstreckend, so daß stellenweise Dickichte entstehen, welche nur dem Elephanten durchdringlich sind. Den häu figen Asien dienen die Ranken zu bequemen Brücken, und die verschiedenartigen saftigen oder mehligen Früchte bilden eine reichgedeckte Tafel für die sehr manchfach vorhandenen schönen Bögclartcn, unter denen besonders Finken und Papageien durch ihren Farbenschmnck hervortrcten. Interessant sind die zahlreichen Vexirgurken, ebenfalls Rankenpflanzen, durch ihre sonderbaren Früchte. Bei einige^ von ihnen fallen letztere bei geringer Berührung vom Stiele ab, und aus dem entstehenden Loche spritzt der schleimige Inhalt mit den kleinen Samenkernen dem Beobachter ins Ge sicht; bei anderen reicht ebenfalls eine geringe Verletzung der Fruchtschale schon hin, um letztere in ähnlicher Weise zum Zertrümmern zu bringen, wie dies bei Versuchen mit den sogenannten Bologneser Glasfläschchen bekannt ist., V i;Vegetation in Guinea. 97 Der Bewohner Guinea's erhielt seine Kulturpflanzen theils aus den eigenen Waldungen, theils von Osten her aus Innerafrika oder aus Indien. Nur wenige Unkräuter hat Mittelafrika mit dem tropischen Amerika gemein, und da diese vorzugsweise auf die Seeküsten beschränkt sind, so liegt es sehr nahe, an einen Austausch der Gewächse zwischen beiden Continenten durch den Golfstrom zu denken. Je weiter von der Küste weg, desto mehr ver schwinden die amerikanischen Formen, und zwar in demselben Grade, als die indischen auftreten. An Bäumen Pflegt man besonders die Sterculie (8t. acuminata) ihrer mehrfach erwähnten Nüsse wegen. Eugenien und Psidien, sowie der Pandang und die Annona, geben ein schätzbares Obst. Die Banane spielt, wie in allen Tropengegenden, welche Feuchtigkeit besitzen, eine hervorragende Rolle, neben ihr die Pfeilwurzgewächse (Maranta arundinacea), deren Knollen Arrow-root liefern. Der ausgedehntern Kultur der Kokospalme, welche hier ganz gut gedeiht, hat vielfach noch ein Aberglaube der Neger ein Hinderniß in den Weg gelegt. Letztere wähnen nämlich, wer eine Kokosnuß pflanze, müsse, noch ehe der Baum Früchte trage, was in 7— 9 Jahren zu geschehen pflegt, eines sichern Todes sterben. Die aufgeklärtesten unter ihnen sollen jetzt werthloses Vieh über die Stelle der Saat hintreiben lassen, indem sie so den Fluch von sich auf das Haupt der Thiere abzuwenden hoffen. Die hier häufig verkommende Oelpalme (ELais güineerisis) hat meist einen niederliegenden Stamm, gesägte Blattstiele, fiederförmige Blätter mit schmalen Fiederblättchen und eckig eiförmige, einsamige gelbe Früchte, deren Fleisch ölhaltig ist. Außer diesem Oel stellen die Afrikaner auch aus den Früchten Palmsuppe her, welche sehr gut schmecken soll, sobald sie nur ans gekochten Palmnüssen bereitet wird. Die Eingeborenen pflücken dazu die Nüsse von jungen Bäumen, die noch keines ihrer Blätter verloren haben, und betrachten diese als den Früchten älterer Palmen an Güte überlegen. Auch hauen sie die Stämme ab, um Palmwein zu gewinnen. Das Palmöl wird in Flaschenkürbissen an die Europäer verkauft und verspricht ein Mittel zu werden, dem spekulirenden Neger reichen Gewinn zu gewähren und dadurch dem Sklavenhandel eine Schranke zu setzen. Auch der Butterbaum (Bassia Parkii) liefert aus seinen Früchten eine sehr angenehm schmeckende Butter, die vor der thierischen das voraus hat, daß sie sich, ohne ranzig zu werden, das ganze Jahr hindurch frisch erhält. Die Bewohner des ausgedehnten Gebietes der Westküste sind sämmtlich cck-tc Neger, die unter sich wieder in sehr zahlreiche kleinere oder größere Staaten und Stämme zerfallen und dabei sowol in ihrer körperlichen Er- scheinung, als auch in ihren Sitten sehr von einander abweichen. Manche jener Negervölker, wie z. B. die zwischen der Sierra Leona und dem Gambia wohnenden Balanten, Bissago's, Zapen, Fuli's, Cocoli's und Nalez, werden als häßliche Wilde mit groben und unangenehmen Gesichtszügen, platter Nase und schmuziger, bleicher Hautfarbe geschildert; die Basaren beschuldigt man Livingsione, Steifen i» Afrika. 798 Einleitung. sogar, daß sie Menschenfresser seien. Andere Stämme sind glänzend schwarz und schöner gebaut. Sie alle sind sinnlich leicht erregbar, eben so schnell zur Freude geneigt, als zur thierischen Wuth übergehend. Nicht ungeschickt in allerlei Handfertigkeiten, bauen sie sich aus Matten und Flechtwerk einfache Hütten, deren mehrere, von gemeinschaftlichem Zaun umgeben, einer Familie angehören. Sie stellen ferner allerlei Eisenarbeiten dar, und verstehen zierliche Sachen aus Bast und Grashalmen zu flechten. Gern verrichten sie diese Arbeiten singend und, wenn es sich thun läßt, sogar tanzend und hüpfend. Der Mondwechsel giebt ihnen Veranlassung, behufs nächtlicher Tänze und pantomimischer Vorstellungen zusammenzukommen, wie unsere Abbildung einen Religiöser Tanz der Odschi-Neger. solchen feierlichen Tanz der Odschi-Neger darstellt. Eben so leidenschaftlich sind manche Stämme Glücksspielen ergeben. In Bezug auf ihre religiösen Vorstellungen herrscht eine gleiche Verschiedenheit. Während die einen in stumpfer Gleichgültigkeit sich gar nicht bis zur Gottcsidee zu erheben vermö gen, verehren andere Fetische und bringen diesen sogar Menschenopfer dar. Besonders zahlreich werden die letzteren gewöhnlich beim Tode eines Fürsten veranstaltet. Wieder andere sind durch die Missionare zum Christenthum be kehrt, und mehrere Stämme sind begeisterte Muhamedaner. Zu diesen letzteren gehören, außer den genannten Fellatah's, deren ursprüngliches Gebiet an der Mündung des Senegal beginnt, besonders die Mandingo's, nächst jenen der99 Negerstämme der Westküste. zahlreichste und mächtigste Stamm. Sie bewohnen die Länder am obern Se negal, am Gambia und am Mittelläufe des Niger (Dscholiba, Quorra). Schön gebaut, mit ausdrucksvollen Gesichtszügen, gehören sic zu den gebil detsten und besten aller Negerstämme. Ihr Charakter, von dem wir einzelne- Züge bereits in Mungo Parks Reisen kennen lernten, ist vorherrschend miE gefühlvoll und wohlwollend, und durch die vielseitigen Berührungen, in welckD sie als Kaufleute init anderen Völkerschaften kommen, erlangen sic Gewandt heit im Umgänge und geschmeidige Sitten. Durch ihre Priester werden die^ meisten von ihnen im Lesen und Schreiben unterrichtet. Außer Handel, Viehzucht und ausgedehntem Ackerbau treiben sie auch Fischerei, und ihre Leder- und Eisenarbeiten zeigen einen ziemlichen Grad der Vollkommenheit. Der Reichthum des Landes an Gold gab schon in ziemlich frühen Zeiten Veranlassung zur Bearbeitung dieses edlen Metalles, und verlieh einem weiten Küstengebiet den Namen Goldküste. In dem Küstenlande zwischen Senegal und Gambia wohnten die Dscho- loffS, ähnlich gebaut wie die Mandingo'S, und durch ihre Macht und ihr kriege risches Wesen, freilich auch durch ihren Hochmuth, ihre Unzuverlässigkeit und Rachsucht bekannt. Das Nigerdelta, das von einem vielverzweigten Netz von Kanälen und Stromrinnen durchzogen ist, wird durch die Ibncr, Jgans, Mosko's, und zahl reiche andere Stämme bevölkert, von denen die an der Küste seßhaften Kru- männer besonders den Nigerexpeditionen durch ihre Bereitwilligkeit, treue Hingabe und aufopfernden Hülfeleistungen lieb und Werth geworden sind. Eine Aufzählung aller jener Stämme, sowie der vielfachen Abweichungen, welche sie in ihrem Ansehen und in ihren Sitten von einander zeigen, würde ermüden. Nochmals müssen wir es betonen, daß gerade diejenigen Neger völker, die am meisten mit den Europäern in Berührung gekommen und durch sie für den Sklavenhandel und — den Branntwein gewonnen worden sind, auch sittlich und moralisch am tiefsten gesunken erscheinen. Noch ver kauft hier' und da der Vater den Sohn, um sicher zu sein, daß Letzterer nicht ihn selbst verkaufe, sobald er erwachsen ist. Um so erfreulicher ist uns des halb das Aufblühen deö Freistaates Liberia, und wir hoffen in ihm den An fang zu einer neuen Epoche für die westafrikanischen Küstenvölker begrüßen zu dürfen. Mit regem Ackerbau, dieser soliden Grundlage jedes Staates, geht er als Muster den Nachbarländern voran, und bietet dem Schiffer schon jetzt vielfache Maaren, die werthvoll genug sind, um mit dem entehrenden, unmenschlichen Sklavenhandel zu concurriren. Um nur Einiges von Vielem anzuführen, machen wir aufmerksam, daß hier der Anbau des Kaffee, der ja in den Waldungen daselbst wild vor- kommt, mit Glück versucht worden ist. Ein Baum giebt jährlich 4 Pfund Bohnen und gut gepflegte sogar bis 10 Pfund. Ein Baum in dem Garten des Kolonel Hick zu Monrovia trug sogar 31 Pfund. Die Kaffeepslanzungen zweier Ansiedler, Moore und Benson, bestanden schon 1850 aus Wäldern100 Einleitung. von.8000 Bäumen, die eine reichliche Ernte gewährten. An Güte soll dieser Kaffee dem aus Java und der Mokkabohne fast gleichkommen. Mais wird vielfach gebaut, in feuchten Niederungen gedeiht der Reis so gut, daß er zum bedeutenden Handelsartikel werden könnte, wenn seine Kultur ausgedehnter betrieben würde. Zuckerrohr wächst hier in üppigster Fülle. Am St. Pauls flusse zu Millsburg hatte der Ansiedler Willis in einem Jahre 3000 Pfund des schönsten Zuckers erzeugt und erwartete für die nächste Ernte 8000 Pfund Gewinn. Anfangs des Jahres 1853 hatte A. Backlege auf seiner Pflanzung in Monrovia 12,000 Pfund Zucker, 100 Gallons Melasse und Syrup er zeugt. Die Jndigokultur würde ebenfalls reichen Gewinn geben, wenn sie ausgedehnter betrieben würde. Von sehr großer Bedeutung ist die Pflege der Grundnuß (Aracliis hypogaea), aus welcher man treffliches Oel dar stellt. Im Jahre 1848 wurden aus Liberia für 103,778 Pfund Sterling von diesem Erzeugniß ausgeführt. Der Ingwer, welchen die Küstengebiete erzeugen, ist von vorzüglichem Aroma und bedürfte nur der geeigneten Zu bereitung, um als Handelsartikel für Europa gesucht zu werden. Die Kultur der Baumwolle könnte diesen ganzen Länderstrichen eine reiche Zukunft berei ten, wenn ihr Anbau in großartigerem Maßstabe getrieben würde; eben so besitzen die Waldungen an schönen Hölzern und Färbegewächsen einen reichen, noch unbenutzten Schatz. Von letzteren ist besonders das Camwood, ein Rothholz, gesucht und in großen Mengen vorhanden. Ein einziges Haus in Liverpool führte in einem Jahre 600 Tonnen Camholz, an Werth für 50,000 Dollars, aus; auch erreicht der Preis des von Liberia ausgeführten Gummi (G. arabicum) den Jahresbetrag von 600,000 Dollars. Elephanten sind noch so zahlreich vorhanden, daß für mehr als 200,000 Dollars Elfen bein jährlich ans jenem Freistaat versendet wird. Leider haben sich einer blühenden Kultur auch hier sowol die Bequem lichkeitsliebe der Ureinwohner, als auch die durch den Sklavenhandel zerrütte ten Verhältnisse entgegengesetzt. Nach den angedeuteten günstigen Versuchen, welche im Freistaate Liberia begonnen sind, dürfte sich aber wol hoffen las sen, daß die angestrengten Bemühungen der Engländer, durch Einführung eines reellen Handels und Unterstützung der Kolonisation die Bewohner der Westküste Asrika's einer gesitteten, humanen Existenz und einem materiellen Wohlstände entgegenzuführen, von segensreichem Erfolg gekrönt werden mögen, so daß dem seit lange krankenden Continente vielleicht einst noch eine heitere Zukunft erblüht.Der Kaffeestrauch. Die Länder an der Ostküstc. Noch ist es leider nicht gelungen, vom Innern Afrika's, vom Sudan ans, bis nach der Ostküste des Erdtheils oder bis zu den Armen des Nils vorzudringen; eben so wenig sind die Quellen des Weißen Nils, des westlichen Hauptarmes, bekannt. Am weitesten drang Ferdinand Werne 1840 hier südwärts. Nach seinen Mittheilungen bildet anfänglich, südlich von Chartum, die Thalrinne des Flusses nur ein grünes Band in der dicht herantretenden Wüste, je weiter südlich aber, desto abwechselnder, ausgedehnter und großartiger wird der Pflanzenwuchs, desto fruchtbarer und belebter die Landschaft. Losgcrissenc Wassergewächsc bilden größere oder kleinere schwinimende Inseln, welche oft einen überraschenden Anblick gewähren. Die Grundfläche derselben ist ein fahlgrünes, durch Röhren unter sich verbundenes Gewächs; stengelartiges, unter dem Wasser sich verbreitendes Moos macht einen andern Hauptbestand- theil aus; dazu kommt eine Art Wasserwinde mit lilafarbigen Blumen. All- gewinnt die Vegetation ans den Inseln umher den schönsten bunten Anstrich. Ganze Strecken sind mit blühendem Lotos (Nymphaea Lotos) be- LCC ra x ^0 letzteren gewähren einen prachtvollen Anblick. Die Blätter, welche oft weit ausgedehnte, dunkelgrünglänzende Flächen auf dem Spiegel des Stromes bilden, sind an ihren Rändern gekerbt, ans ihrer Unterseite102 Einleitung. braun und von durchsichtigem Geäder durchzogen. Die schneeweißen Blumen ragen wie gefüllte Lilien über das Wasser empor, jede besitzt mehr als 20 Blütenblätter und ist von einem goldgelben Kelche umschlossen. Die Frucht senkt sich beim Reifen in die Tiefe. Die einem zusammengedrückten Mohn kopf ähnelnde Samenkapsel enthält in bräunlicher, wollartiger Umhüllung zahlreiche kleine, weiße Samen, die in Gemeinschaft mit Sesam unter das Brodkorn gemischt werden. Auch die im Schlamme liegenden faustdicken Wurzelstöcke sind genießbar, nachdem man ihnen durch Abkochen den Sumpf geschmack genommen hat. Ueber die Lotosflächen neigen sich an den Ufern dunkle, hohe Mimosen, Schilfmassen wogen im Winde und neuaufsprossende Gräser schauen aus dem Hochwasser heraus. Ueber schönen Tamarinden erheben Dumpalmen ihr Haupt, und prächtige, laubenartige Gewebe von Schlingpflanzen bilden Blu menhügel mit Guirlanden umschlungen. Einzelne kaktusähnliche Euphorbien machen sich bemerklich, Dclebpalmen bilden majestätische Gruppen und der Elephantenbaum zieht durch seine Blü tenpracht schon von weitem die Aufmerksamkeit auf sich. Seine Blumcn- tranben hängen mehr als fünf Fuß laug herab; jede einzelne Blüte ähnelt einer gelben Lilie, ist aber bedeutend größer, und 40 — 50 solcher Pracht lilien stehen beisammen. Die Früchte, eine Lieblingsspeise der Elephanten, sehen wie dicke, graugrüne Gurken aus. Auch die riesige Ädansonie, die wir bereits im Sudan und in Guinea begrüßten, spielt hier die Beherrscherin des Waldes; um sie gruppiren sich Sykomoren und verschiedene Arten von gummireichen Suntbäumen, deren Holz gern zu Kähnen verarbeitet wird, da cs im Wasser zur Unverwüstlichkeit verhärtet. Au ihren Aesten steigen in zahllosen Windungen, gleich Riesenschlangen, die oft mannsdicken Schling pflanzen bis in die höchsten Gipfel und wieder herab zur Erde, wo sie ver eint mit dem Buschwerk jeden Raum zwischen den Stämmen füllen. Dazu kommt, daß hier unter zehn Bäumen oder Sträuchern kaum einer ist, der nicht Dornen trüge. Einige dieser Dornenbäume nehmen sich äußerst zierlich aus. Schlank wachsen sie an freieren Stellen empor und ähneln jungen Bir ken. Zwei Arten derselben, die mit einander untermischt zu stehen Pflegen, fallen besonders in die Augen, und unterscheiden sich nur dadurch, daß die Rinde der einen wie ein Gewächs von Blutadern glänzend roth, die der andern tiefschwarz ist; beide haben schimmernde Dornen. Ein großartiges Thierleben regt sich in diesen Waldungen. Schaareu von Elephanten weiden am Ufer. Der heilige Ibis sucht nach Würmern und Mollusken im Uferschlamme. Reiher spazieren sonderbar auf den Rücken jene Kolosse herum, um ihnen das plagende Ungeziefer abzulesen. Einen gleichen Liebesdienst erweist der sogenannte Kuhvogel dem wilden Büffel, der tief in das seichte Wasser hineinwatet. Flußpferde und Krokodile tauchen hier und da auf. Letztere liefern den Eingeborenen starkriechenden Moschus, der als Parfüm von den Negern geliebt wird, weil sie damit die eigene unange-103 Thiere und Gewächse an der Ostküstc Afrikas. nehme Transpiration verdecken. Silbergraue Falken schwimmen in der klaren Luft, Perlhühner mit Hornhöckern auf der Nase und blauen Lappen zu beiden Seiten des Kopfes huschen durch das Gebüsch. Auf den Zweigen wiegen sich schwarze und weiße Nashornvögel mit mächtigen Schnäbeln, sowie ver schiedene Arten von größeren oder kleineren braunen und weißen Adlern. Am Ufer zeigen sich häufig schwarze und weiße Regenpfeifer mit schwarzen, gekrümmten Stacheln an den Flügelgelenken. Der Pfauen-Kranich, mit schwarzer Kappe und goldener Strahlenkrone, schreitet majestätisch zwischen ihnen hindurch. An hellem Tage flattern große Fledermäuse durch das Ge büsch. Ihre langen, goldbrännlichen Flügel machen sie leicht bemerklich, und plötzlich hängen sie dann wie große, gelbe Birnen an den Aesten, den Kopf mit langen Ohren und trompetenförmiger Nase nach unten. Affen sprin gen von Baum zu Baum, und das Gebrüll des Löwen klingt feier lich durch den weit sich ausdehnenden Wald. Am meisten und zu gleich ain unangenehm sten machen sich aber für den Menschen die Banda-Mücken bemerk lich. Besonders bei Windstillen können sie den armen, halbnackten Schiffer fast rasend ma chen. Sie ähneln un seren langbeinigen Mük- kenarten, haben einen blauen Kopf, fahlen Rücken und weiß punktirte Beine; ihr Säugrüssel scheint jedoch länger zu sein, da sie dreifach zusammengelegte Leinwand mit dem selben durchbohren. Schwer ist es deshalb, sich gegen diese Plagegeister zu schützen. Gesicht und Körper wird bald mit Beulen wie besäet und aufge schwollen. Wie Ameisen finden sie den Weg durch jede Lücke der Kleidung, und machen selbst das Athemholen beschwerlich. Werne gelangte bis zu 5° 30' n. Br. und erblickte nach Südost einen weiten Kranz malerischer Gebirge. Dem weitern Vordringen wehrte eine Felsenbarre im Flusse und stromaufwärts zahlreiche Felsklippen, über welche bei dem eintretenden Tiefwasser das Fahrzeug nicht mehr zu transportiren war. Eben so drohten kriegerische Bewegungen der Eingeborenen den Rei senden. Es wurde ihnen wahrscheinlich, daß der weiße Nil nicht aus Osten Der heilige Ibis.104 Einleitung. oder Südosten durchbreche, sondern daß seine Quellen im Süden zu suchen seien. Es wurde ihnen erzählt, daß man von hier aus innerhalb 30 Tagen gegen Süden zum Lande Anjan komme, wo sich der Fluß in vier seichte Arme theile und das Wasser nur bis an die Knöchel reiche. Dort sollen auch hohe, eisenreiche Gebirge sein. Eine Expedition unter Leitung von I. Knoblecher, Mosgan und Angelo Vinco gelangte noch südlicher und errichtete unter 4° 35' n. Br. zu Gondo- cora eine Missionsstation. Acht Meilen von Gondocora fangen Strom schnellen zwischen Inseln an, die sehr tief nach Süden hinaufreichen. Kno blecher konnte nur die ersten Inseln mit seinem Boote passiren, und begab sich von da zu Fuße auf einen 100 Fuß hohen Felsen. Bei jedem Schritte wurde sein Staunen durch den üppigen Pflanzenwuchs, durch riesige Feigen und andere Bäume gesteigert. Die weitesten Punkte, welche er nach Süden zu erkennen konnte, waren die Gipfel des Rego, dessen Fuß der Strom be spülen soll. Ganz ähnlich zeigt sich die Vegetation weiter östlich im Sennaar und an den Ufern des blauen Nils. Wüste, öde Steppen wechseln mit tropischem Hochwald. Auf dem sonst kahlen Rücken der Bergzüge, welche als Aus läufer der abessynischen Alpen das Land durchschneiden, fallen besonders die erwähnten Euphorbien auf. Gewöhnlich stehen diese sonderbaren, gegen 24 Fuß hohen Bäume einzeln, und fallen schon von weiten! durch ihre massenhaften, schwerfälligen Umrisse auf. Wenn in der trockenen Jahreszeit Alles umher verdorrt, behalten sie ihre grüne Färbung. Die Krone, aus blattlosen, zu einem dichten Dach verschlungenen Zweigen bestehend, ist gegen 20 — 24 Fuß im Durchmesser. Der Stamm und die stärkeren Aeste haben hartes Holz, und ihre Rinde ist mit Kork bedeckt, während die Schale der jungen Zweige grün gefärbt, wie bei den Kakteen, den Dienst der Blätter versieht. Ein sehr giftiger Milchsaft, von den Eingeborenen als Pfeilgift benutzt, entquillt den Einschnitten der Rinde. Wegen ihrer hohen Lage und wegen des Schattens, den sie gewähren, sind die Euphorbien Lieblingsplätze der Neger. Sie versammeln sich gern daselbst zu ihren Spielen, bauen aber dann noch ein besonderes Strohdach unter den Baum, weil sie die Aus dünstung desselben fürchten. Eine reiche Manchfaltigkeit an Formen und dadurch ein gesteigertes In teresse wird der Ostküste Mittelafrika's durch die abessynischen Alpen ver liehen, die sich schon wenige Stunden von der Küste zu erheben beginnen und gegen 9000 Fuß mittlere Höhe besitzen. Der Hauptsache nach be stehen jene Gebirge aus Schiefer- und Gneisfelsen, hier und da erblickt man Lavaströme; einige vulkanische Kegel tauchen bereits aus der aufgeschwemmten Uferftäche auf und zeugen für die Verbreitung einer vulkanischen Thätigkeit längs der Küste hin. Diese Schieferformation ist mit einem weit verbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau überdeckt, das aber durch spätere vul kanische Thätigkeit auf eine merkwürdige Weise theils senkrecht gespalten und105 Abefsynische Pflanzen und Thiere. verschoben, theils verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und erhob sich, isolirte, zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe; anderwärts entstan den durch diese Lavaergießungen zusammenhängende, vulkanische Hügelzüge, z. B. bei Axum; stellenweise endlich senkte sich, eine weite Strecke entlang, die ganze Sandsteinformation, und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von Giralda und theilweise von Temben, deren mittlere Erhebung über das Meer gegen 6000 Fuß beträgt. Der Ostabhang der abes- synischen Küstengebirge ist in den niederen Regionen durchgehends mit lichtem Gesträuch bewachsen und. enthält in seinen Thal schichten da, wo fließendes Was ser ist, Gruppen von hochstäm migen Bäumen, unter welchen sich besonders die Sycomoren-Feige auszeichnet. Höher hinauf sind dicht stehende, riesenhafte Kron leuchter-Euphorbien und aloe artige Pflanzen vorherrschend; nach diesen kommt dorniges, rankendes Gesträuch, und auf der Gebirgshöhe selbst steht eine Art lichten WaldeS von großen Wachholderbäumen, die zuwei len 10 Fuß im Durchmesser ha ben, und deren Zweige mit langen Flechten überdeckt sind. Solche Verflachungen aus der Arzneiliche Wolfsmilch (Gupliorbia oflicinanim). Höhe des Gebirges, welche regel mäßig von Regen benetzt werden, benutzt man zum Ackerbau; einzelne Stellen, von denen der Wasserabfluß durch die umgebenden Gebirgszüge gehindert wird, gewähren als üppig grünende Wiesen, rings von kahlen Felsen umgeben, einen überraschenden Anblick. Sehr reiche Mittheilungen über die abefsynische Pflanzenwelt verdankt man besonders dem thätigen Schimper, der sich seit einer Reihe von Jahren dort häuslich niedergelassen hat. Einzelne jener Gebirgsthäler enthalten ein üppiges thierisches Leben. Zahlreiche Hyänen hausen in den zerklüfteten Felsen; Luchse, Leoparden, Bären und zahlreiche Rudel von wilden Schweinen mit ungeheuren Hauzähneu bevölkern die Waldstriche, welche den Lauf der Gcbirgsflüsse be-106 Einleitung. gleiten. Hier und da sind Elephanten, Nashörner und Büffel an Sumpf stellen häufig, während Hasen, größere Antilopen und kleinere Gazellen in lichteren Gebüschen sich tummeln. Den größten Reiz gewähren aber die Mengen schöner Vögel, welche jene Thäler bevölkern. Den schillernden In sekten, welche sich um honigreiche, große Blumen tummeln, jagen eben so bunte Bienenfresser schaarenweise nach. Die metallisch glänzenden Honig sanger übertreffen sie noch weit an Farbenpracht. In den Zweigen der Bäume lebt es von Papageien und Glanzstaaren, unten in den Büschen von Paradiessperlingen, allerliebsten Finken und Fliegenfängern mit ungewöhnlich langen, sich wellenförmig bewegenden Schwanzfedern. Tauben girren im dunklen Laubwerk, Trappen eilen über freiere, sandige Waldblößen, und der fremdartige, gleichsam aus Cadenzen bestehende Flug des Nashornvogels macht uns auf diesen großschnabeligen Gesellen aufmerksam. Eulen streifen durch das Gebüsch, Adler und Geier schwimmen droben in blauer Luft. Bei weiterem Aufsteigen zu höheren Gebirgsregionen findet man den durch zahlreiche Bäche befruchteten vulkanischen Boden mit schönen Alpen weiden überdeckt. Eigentliche Waldungen sind hier sparsam, dagegen findet sich viel Strauchwerk und Zwerggehölz. Gegen die Schneeregion hin wird die Vegetation durch die in ihrem Wüchse an die Palmen erinnernde Dji- barrapflanze (Rhynchopetalum montan um) bezeichnet. Auf einem 15 Fuß hohen, hohlen Schafte, aus dem die Hirten sich Schalmeien darstellen, trägt diese Lobeliacee eine schöne Krone von rothgeaderten Blättern. Zahlreiche Kleearten bilden die saftigen Alpenwiesen, und hier und da tritt noch eine hübsche Erica (Erica acrophya) auf, bis bei 12,000 Fuß Erhebung der Pflanzenwuchs spärlicher wird, und bei 13,000 Fuß die nackten Felsflächen sich mit Schnee bedecken. Unter den Kulturpflanzen ist außer dem Kaffeestrauch, welcher vielfach noch wild vorkommt und hier feine eigentliche Heimat hat, auch der Kat- strauch (Celastrus edulis) zu nennen, dessen junge Blätter sowol hier, als auch an der gegenüberliegenden arabischen Küste, frisch genossen werden und eine aufheiternde Wirkung, ähnlich wie der chinesische Thee, besitzen. Die Verwandtschaft der afrikanischen Ostküste mit dem benachbarten Ara bien wird auch noch durch das Auftreten der Myrrhen und Balsambäuine ausgesprochen, die beiden Gebieten eigenthümlich sind, in Arabien aber vor herrschen. Die Gegenden westlich und südlich von den abessynischen Alpen bis zu den oben erwähnten Reichen Wadai und Bornu werden von verschiedenen Negerstämmen bewohnt. Die Gebirge selbst und die Gebiete der Ostküste nehmen vorherrschend Völker semitischer Abkunft ein. Viele von ihnen sind geradezu Nachkommen von eingewanderten Arabern und Juden. Der vorhin genannte Reisende Werne traf an den Ufern des weißen Nils unter 9° 16' n. Br. einen Negerstamm, Jengäh genannt, der sich durch Aufritzen oder Aufschneiden der Haut zu tätowiren pflegt. Die da-107 Jengäh, Keks und andere Negerstämme. durch entstehenden Narben quellen wie halb erhabene Arbeit hervor. Diese Iengäh sollen Mondanbeter sein. In einem ihrer Dörfer fand man in einer großen Wohnung aufgehangene Köcher von ganz antiker Form, außerdem große Filzhanben, ganz den altägyptischen Priesterhauben gleichend, sowie breite, mit eisernen Zierrathen besetzte Stierhalsbänder. Weiter südlich traf man das Negervolk Kek, daS sich durch hohe Statur vortheilhaft auszeich- netc. Die Hautfarbe dieser Leute war schwarzbrann; da sie aber zum Schutz gegen die quälenden Mücken sich täglich mit Nilschlamm beschmieren, so wa ren sie gewöhnlich von der Farbe des letztcrn, nämlich blaugrau. Auch der Kopf erhält einen solchen Ueberzug, so daß die knrzgckräuselten Haare nicht zu sehen sind. Elfenbeinringe um Kopf und Hals bildeten den Schmuck. Der Charakter dieser Keks wird als gutmüthig bezeichnet. Um keine Aehn- lichkeit mit reißenden Thieren zu haben, reißen sie sich theilweise die Schneidezähne aus. An den Handknöcheln tragen sie Elfenbein-, Leder- und stachelbesetzte Eisenringe, letztere, um im Kampfe nicht leicht festgehalten zu werden. Andere verzieren den Kopf mit einer Straußenfeder, mit einem Holzreif oder Riemen von Pelz; im Ohrläppchen führen einige ein Stäb chen. Nur hin und wieder haben manche die Hüften mit Fellen bedeckt. Mädchen und Kinder hält man aus Furcht vor Raub eingesperrt. Es fan den die Reisenden hier einen mächtigen Stier, dem an seinen hohen Hörnern zwei Thierschweife anfgehangen waren und der auch sonst vielfach geschmückt war. Der Ochs soll überhaupt diesen Völkern heilig sein. Auch hier herrscht die Sitte/ welche im Sudan vielfach wiederkehrt, daß man den Urin der Kühe der Milch und Butter zusetzt, um das Salz zu ersetzen. Weiter südlich, zwischen dem 6 und 7° n. Br. verlieren die Völker am weißen Nil den Negertypus, doch bleibt die schwarze Hautfarbe, sowie das Ausbrechcn der vier unteren Schneidezähne allen gemeinsam. Auf dem rech ten Ufer wohnen die Tutni und Bohe, auf dem linken (im Westen) die Bun- durials. Letztere sind reich an Rinderherden, und haben eine Statur von 6 —7 Fuß Länge. Ein westlich gelegener Berg, Arol, mit Eisen-und Kupfer minen, liefert ihnen das Material zu ihren Waffen, Ohrringen und Gcräth- schaften. Fast durchgehends führen sie eine weiße Feder auf dem schwarzen Haarbarret des Kopfes. Große Elfenbeinringe schmücken ihren Oberarm. Nächst der Rinderzucht treiben jene Völker Fischfang mittelst Fischreusen und Körben. Noch südlicher traf man auf dem rechten Nilufer den Stamm der Schiere, und fand diese Leute mit freundlichen, mehr gerundeten Gesichtern, mit eisernen Ringen an Händen und Füßen geschmiickt. Einzelne Männer, die sich kürzlich verheirathet hatten, waren am ganzen Körper roth ange- jtrichen. . Männer und Frauen rauchten Tabak aus schwarzen Thonköpfen mit Schilfrohren und langer eiserner Spitze. Das Land ist außerordentlich dicht bevölkert und reich an Weideland und Viehherden. Die Schafe haben hier theils Wolle, theils Haare, und unter dem Halse lange Mähnen, auch zurückgebogene Hörner.108 Einleitung. Werne kam bis zum Königreich Bari, dessen riesenmäßige Bewohner eine Höhe von 6^/2 — 7 Fuß haben. Die Gesichtsformen dieses Volkes, die ge wölbte Stirn, die gerade oder gebogene Nase mit weiten Nasenlöchern, die etwas eingedrückten Schläfe gleichen ganz denen der alten Aegypter. Die Haare sind nicht wollartiger als bei den Arabern; im Ganzen waren sie halblang oder kurz gehalten, oft aber gar keine zu sehen; der Bart fehlt bei Allen. Einige tragen die Haare hahnenkammartig von der Stirn bis in den Nacken hinab, andere haben blos den Scheitel bedeckt. Das Reich Bari soll sich noch vier Tagereisen weit am Flusse hinauf erstrecken. Die vornehmeren Bari's haben einen kugelförmigen Kopfputz, von schwarzen Straußenfedern zusammengestellt, deren untere Enden in einem faustdicken Körbchen einge flochten sind. Dieses die Federn haltende Geflecht steht mitten auf dem Kopfe, durch zwei Schnüre im Nacken festgehalten. Einige haben die etwas längeren Haare mit Ocher so dick einbalsamirt, daß lauter kleine Troddeln umherhängen. Auch werden zum Schutz gegen die Sonne dem Schädel ge nau anpassende Lederkappen getragen, mit kurzen oder längerenTroddeln, welche sich von den gefärbten Haaren kaum unterscheiden lassen. Um die Hüften schlingt man Lederschnüre oder auch Schnüre, die aus dicht an einander gereihten, von den Schalen der Straußeneier angefertigten Plättchen bestehen. Die an dem Leibgürtel herabhängenden, fingerlangen Fäden sind aus Baumwolle gedreht. Obschvn die Mehrzahl der Bewohner von Abesshuien Bekenner des Christenthums sind, so fühlt sich der ankommende Europäer bei ihnen doch keines wegs viel behaglicher, als bei den heidnischen Negervölkern. Abgeschieden von der übrigen christlichen Welt, entartete die herrliche Lehre Jesu in aber gläubische Ceremonien und gedankenloses Mbnchswesen. Der Nilschlamm, der für den Bewohner des weißen Nils Parfummittel des Haupthaares ist, wird hier durch nicht appetitlichere, oft ranzige Butter oder Fett ersetzt. Besonders wird das Fett aus dem dicken Schwänze des abessynischen Schafes dazu verwendet. Derjenige, welcher einem abesspnischen Stutzer den Liebesdienst des Fettpuderns erweisen will, läßt eine Schale Fett zergehen, nimmt dann den Mund voll und sprudelt den Inhalt über die emporgekämmten Haare des Märtyrers der Mode, der sich mit zugehaltenen Augen vor ihm niedergekauert hat. Das gerinnende Fett hängt in Gestalt von Tropfen an den Haaren und verleiht dem ganzen Kopfe täuschend das Ansehen eines riesigen Blumenkohls. Bei steigender Tageshitze perlen die schmelzenden Tropfen freilich am braunglänzenden Körper herunter. In wel cher Verfassung sich in Folge dessen die vorherrschend dunkelblau gefärbten baumwollenen Kleidungsstücke befinden, kann man sich leicht vorstellen. Ein lebhaftes Bild der verschiedenen Bewohner Abessyniens erhalten wir, wenn wir uns etwa das Treiben eines Wochenmarktes in einer der südöstlichen Städte jenes Landes vorführen. Der Gouverneur der Stadt sitzt beaufsichtigend unter einem alten Akazienbaume. Kleidungsstoffe, Lebensmittel, Rohstoffe, Schmucksachen und HauSthiere wandern hier im dichtesten GewühlWochenmarkt in Abeffynien. 109 unter dem entsetzlichsten Lärmen aus einer Hand in die andere. Hier bewegt sich im schmierigen Gewände der Bebauer des Bodens kriechend heran und überreicht mit entblößten Schultern, in den Koth sich niederwerfend, dem Steuerempfänger das Maß Körnerfrucht aus dem Lederbeutel, oder höhlt die vorgeschriebene Gabe Butter aus dem Kruge aus; dort schreitet der finster blickende Adali in übermüthiger Gleichgültigkeit durch das Gedränge, und sein mörderisches Säbel messer sichert ihm von den Umstehenden ge waltige Ehrfurcht. Ne ben seinen ausländi schen Waaren und glitzernden Glasperlen kauert der verschla gene Höker aus Hur- rur mit seinem Tur ban und blau gewür feltem Schurz und feilscht um die Stücke schwarzen Salzes (Amoli's), welche er als Kleinmünze ein nimmt, mit einem Lärm und Eifer, als ob es sich um Tau sende der Maria- Theresia-Thaler han delte. In kurzem Galopp hinsprengend betritt der wilde Galla den Schauplatz des Marktgewirres, die langen Haarstränge im Winde flatternd und das Gewand blau vom Fettschmuz von Jahren. Ein Honig krug und ein Butter korb sind hinten an seinem hochgespitzten Sattel aufgeschnallt. Das Roß ist mager und rauh wie sein Reiter. Durch daö Markttreiben huschen Christenweiber mit Eiern und Geflügel. Ihre häßlichen Züge werden nicht verschönert durch das Aus rupfen der Augenbrauen, noch durch den kahlgeschorenen, von ranziger Butter Banane und Strehlitzia.110 Einleitung. triefenden Scheitel oder die große, bienenkorbförmige Haarhaube, und ihre schmuzigen Gestalten sind durchgängig in noch schmuzigere Hüllen gewickelt. Gleich schmierig, aber hellfarbiger und weniger häßlich, als die plumpen Da men Schoa's, sind die Muhamedanerinnen Argobba's und Jfats. Man er kennt sie sogleich an ihren langen, über die Schultern wallenden Haarflechten und an ihren vielen Rosenkranzkügelchen und Amuleten. Christen und Mu- hamedaner unterscheiden sich wenig in der Tracht; , erst wenn das vermum mende Umhängetuch abgenommen ist, zeigt sich der Rosenkranz der Muhamedaner von hellgefleckten Kugeln, und die blaue Schnur um den Hals des Christen. Die Sitten der Abessynier geben leider nicht viel Stoff zum Loben. Falsch und treulos zeigen sich die meisten jener christlichen Bewohner, grau sam und feige im Kriege, üppig, schwelgerisch und träge im Frieden, vor Allem dem Europäer durch ihre Unreinlichkeit und Habsucht beschwerlich wer dend. Auch hier sind die häufigen Fehden, durch Schwäche, Ungerechtigkeit oder Habsucht der Fürsten herbeigeführt, ein Hauptübelstand, der es verhin dert, daß die freundschaftlichen Beziehungen der europäischen Völker zu ihren Glaubensgenossen sichere Grundlagen erhalten, und daß die Abessynier in Kultur und Sitte frisch und erfreulich weiter schreiten. Gleichzeitig arbeitet auch die intolerante Geistlichkeit mit allen Kräften gegen den Einfluß der Fremden, denen sie als Ketzern mißtraut. Die größte und wichtigste Insel, welche an Afrika's Ostseite sich aus den Fluten des indischen Oceans erhebt, ist Madagascar. Gebirge von be trächtlicher Höhe gewähren hier den interessanten und für Afrika so seltenen Anblick noch thätiger Vulkane. An den Seiten der Hochgebirge vertheilen sich die Temperaturen und Vegetationsformen der verschiedenen Klimate, und rufen dadurch eine Fülle des organischen Lebens hervor, welche sonst diesem Erdtheile fremd ist. Wie die mächtige Insel selbst zwischen Afrika und In dien liegt, so mischen sich auch in ihren ausgedehnten Waldungen die Pflanzen gestalten beider Continente. Die riesige Adansonie begegnet uns hier in Ge sellschaft von Ebenholzbäumen und Sapotaceen, zwischen denen zahlreiche Palmen und Pandanusformen hervorragen. Reich ist Madagascar an der edlen Form der Bananen; die schöne Strehlitzia gedeiht neben der viel- kultivirten Ilranie, deren hohle Stengel und Blattstiele wie lebendige Quellen angenehm schmeckendes Wasser enthalten. Farrnkräuter und Orchideen nicken als Schmarotzer, erstere mit herrlichem Laubwerk und letztere mit köstlichem Blütenschmuck, von den Bäumen, während zahllose Schlinggewächse undurch dringliche Dickichte bilden. Interessant sind unter diesen Lianen die Nepenthes- Arten, deren Blätter, in kleine, mit Deckeln versehene Töpfchen umgewandelt und mit trinkbarem Naß gefüllt, sonderbar von den rankenden Stengeln her abhängen. Trockene Gegenden des niedern Uferlandes tragen denselben Ve getationscharakter, wie das gegenüberliegende südafrikanische Gebiet. Die hö heren, üppig grünenden Bergwiesen zeigen viele Gewächsformen, welche an europäische Gestalten erinnern.112 Einleitung. Manches wichtige Produkt würde vielleicht die reiche Pflanzenwelt der gesegneten Insel dem Handel liefern können, wenn ein geregelter und fried licher Verkehr mit den Einwohnern hergestellt wäre. So ist z. B. die Yahea gummifera (eine Apocynee) reich an kautschukhaltigem Milchsaft, und die Samen der nahe verwandten Tanghinia venenilera sind so stark giftig, daß ein einziges Korn davon ausreichen soll, 20 Personen zu tödten. Auch die Bevölkerung der Insel ist gemischt. Malaien wanderten von Indien her ein, und wohnen hier unter dem Schatten des gepflegten Brod- fruchtbaumes. Araber gesellten sich schon in Zeiten zu ihnen, welche vor dem Auftreten Muhamed's liegen, und mit beiden mischt sich der einheimische Menschenschlag, der zwar dem Negerthpus ähnelt, dabei aber olivenbräunlich gefärbt ist. Reges geistiges Leben herrscht auf dem von der Natur geseg neten Eilande, auf dem es den Europäern noch nicht hat gelingen wollen, sichern Fuß zu fassen. Sowie die im Westen Afrika's gelegenen Inseln, namentlich Teneriffa, durch ihre riesigen Drachcnbäume (Dracaeno Draco), Madeira und ihre Nach barinseln durch den Wein und neuerdings durch ihre Cochenillenzucht in Ruf gekommen sind, so haben die östlich gelegenen Sechellen-Eilande durch die Meerkokos-Palmen (Lodoicea sechellarurn), die ausschließlich ans ihnen ge deihen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die großen Nüsse dieses schönen Baumes wurden von den Meeresströmungen an den indischen Gestaden in einzelnen Exemplaren angespült, und kamen wegen ihrer Selten heit und wegen ihres räthselhaften Ursprungs in den Ruf, eine ausgezeich nete Universalnwdicin zu sein. Abenteuerliche Märchen wurden von den phantasiereichen Orientalen über ihr Herkommen ersonnen, bis Franzosen die wahre Sachlage aufklärten. Sowie man in jenen Wundernüssen aber nur die Früchte einer auf den Sechellen häufigen Palmenari erkannte, war auch sofort die ganze Heilkraft derselben verschwunden. Auf sämyitliche zu Afrika gehörige Inseln näher einzugehen, liegt hier außer dem Bereiche unserer Darstellung. Das zu den Maskarenen gehörige Eiland Jsle de France wird dem Leser aus Saint Pierre's reizender Erzählung „Paul und Virginie" bekannt sein. Hier genügt es uns, mit einigen Feder strichen die wichtigsten Contouren jenes Erdtheils zu bezeichnen, in dessen nä herer Kenntnis; uns die Reisen des verdienten 0c. Livingstone so ansehnlich förderten. Wir wenden uns schließlich zu einem Ueberblickc jenes Gebietes, welches dem Schauplatz von Livingstone's Thätigkeit am nächsten gelegen ist, zur Südspitze Afrika's, um dann ihn selbst mit gesteigertem Interesse zu begleiten.Die Ebene von Mosega, mit Antilopen, Mimosen und Webcrvogelkolonien. Natur und Völker Südafrika's. Die Pflanzenwelt des Kaplandes. Die Thierwelt. Die Völker Südafrika's. Kaum findet sich auf der Erde ein zweites Land, dessen Pflanzendecke so reich an Arten und zugleich so eigenthümlich, von dem Gewöhnlichen ab weichend wäre, als dies bei dem Kaplande der Fall ist. Während bei den übrigen Erdtheilen die größte Artenzahl der Gewächse sich innerhalb der Wendekreise entfaltet, ist sic bei Afrika an seiner gemäßigten Südspitzc entwickelt. Der Boden, theils ans losem Sand, theils aus Thon, oder endlich aus Sandstein oder Granitsels gebildet, bedingt eine gewisse Einförmigkeit. Die verschiedene Erhebung der Terrassen, sowie die ungleiche Vertheilung der atmosphärischen Niederschläge, geben eine größere Manchfaltigkcit zu. Die unterste Terrasse deö Kaplandes erhebt sich etwa 500 Fuß über den Meeres spiegel, die mittlere 2000 , die obere gegen 3500 und die Gipfel der eigent lichen Gebirge thürmen sich bis zu 8000 Fuß empor. Der Hauptcharakter des Kaplandes liegt in der Trockenheit der Witte rung. Der. meiste Regen fällt noch an der Südwestküste; von Stufe zu Stufe aufwärts vermindert er sich dagegen, und an der Mündung deö Ga- ricp hören die Winterregen des Kap fast ganz auf und die Sommerregen fallen selten; an der Ostküste hingegen zeigt sich der Einfluß der Passat winde dadurch, daß die Winter trocken und die Sommer tropisch feucht sind. Livingstone, Reisen in Afrika. 8114 Einleitung. Von der Kapstadt aus hat man an der Küste entlang durch den tiefen Flugsand, in dem sonst die schweren Lastwagen bis fast an die Achsen einsan ken, eine Kunststraße aus herrlichem Eisenstein gebaut. Da aber jeder neue Südost auch neue Sandmengen herbeiführt, so würde das kostspielige Werk in kurzer Zeit verschüttet und nutzlos sein, wenn man nicht den Flugsand an den Seiten der Straßen auf weite Strecken hin durch Pflanzungen zu be festigen suchte. In Europa verwendet man die Sandgerste oder das Sand riet zu demselben Zwecke; am Kap hat man besonders in der Sauerfeige und dem Wachsstrauch geeignete Mittel hierzu erhalten. Die Sauerfeige (Mesembryanthemum edule), dem bekannten Eiskraut nahe verwandt, breitet ihre buschig verzweigten Aestc mit fleischigen, saftigen Blättern weithin aus, und ist eine von den sehr wenigen Kappflanzen, deren Früchte genießbar sind. Die rothen, saftigen Beeren haben einen angeneh men, kühlend säuerlichen Geschmack. Der Wachsstrauch (Myrica cordifolia), unserer deutschen Gagel ähnlich, erhielt sei nen Namen von dem Wachs, das seine Beeren enthalten, und das man, mit Talg vermischt, zur Anfertigung von Kerzen ver wendet. Die außerordentliche Trockenheit, welche in den meisten Landschaften des Kaplandes während der größten Zeit des Jahres herrscht, hat in der Pflanzenwelt ganz be sondere Formen hervorgerufen. Die zarte Welt der Gewächse, welche das Wasser zu ihrem Bestehen nicht entbehren kann, sucht sich ans eine verschiedene Weise gegen die verderbende Dürre zu schützen. Eine sehr reiche Anzahl Kappflanzen bilden, ähnlich wie die Kakteen Amerika's, den Stengel dickfleischig aus, überziehen denselben mit lederiger, zäher Ober haut ohne Spaltöffnungen, und entwickeln entweder gar keine oder höchst wenige Blätter. Eigentümlich treten hier, wie in ganz Afrika, an ähnlichen Lokalen die Euphorbien, Gattungsgenossen unserer Wolfsmilch, auf. Nur die Blüten und Fruchttheile unterscheiden die Kronleuchter- und die arznei liche Wolfsmilch von den Formen des Säulenkaktus, wie sie in Peru und Chile auftreten. Die kantigen Stengel sind auch bei Euphorbien oft genug mit scharfen Stacheln besetzt, der Saft ist weiß, milchähnlich und gewöhnlich scharf giftig. Er wird zwar von den Eingeborenen auch als Bestandtheil des Pfeilgiftes, mehr aber noch zum Vergiften der kleinen Wassertümpel verwen det, um so auf' bequeme Weise das Wild zu erhalten und sich der Raub- hiere zu entledigen. Das Kapland besitzt 135 Arten Euphorbien, mehr oder Mesembryanthemum.115 Pflanzenarten im Kaplande. weniger von dem angegebenen Baue. Ein Gewächs dieser Familie wird wegen seiner Benutzung besonders Hyänengift genannt. Mit sehr ähnlichem Bane, aus lauter dicken, cylinderförmigen Stengel gliedern ohne Blätter zusammengesetzt, schließen sich die Aasblumen den Eu phorbien an. Prachtvolle Blüten von eigenthümlicher Schönheit brechen aus den unförmlichen Massen hervor. Auf gelbem Grunde zeigen die weichhaa rigen, großen Blumenblätter dichte, violette Tigerflecken, scheuchen aber vom längern Betrachten zurück durch den durchdringenden Aasgeruch, den sie ver breiten. Letzterer gleicht demjenigen von faulendem Fleische so sehr, daß Fleischfliegen, durch ihn irre geleitet, ihre Maden an den Blüten absetzen. Diesen blattlosen Saftpflanzen schließt sich eine reiche Auswahl sol cher an, deren Blätter, ähnlich wie bei unserm einheimischen Mauerpfeffer (8sckuw),. dickfleischig angeschwollen sind, und die Rolle der Saftbehälter über nehmen. In der genannten Sauer feige haben wir bereits ein Glied die ser Gruppe kennen gelernt, welche hier ihre größte Manchfaltigkeit entwickelt. 108 Dickblattarten (Crassulaceen), 69 Eisgewächse (Mesembryanthemeen), alles wenig Spannen hohe Kräuter, überziehen sowol den dürren Dünen sand, als auch die ausgedehnten, trockenen Hochflächen und die Fels blöcke der abenteuerlich zerrissenen Sandsteingebirge. Besonders zur Mit tagszeit öffnen sie ihre höchst zahl reichen, vorherrschend purpurroth ge färbten Blüten, und weite Strecken erscheinen dann gleich einem leuchten den Purpurteppich, während wenig Stunden nachher, wenn sich beim tiefer» Stande der Sonne die Blumen schließen, die ganze Fläche einen mattgranen Farbenton annimmt. Zahlreiche Arten dieser interessanten Gruppe sind wegen ihrer Blütenpracht in unsere ^bwächshänser übcrgegangen. Für^ viele Thiere jener Gegenden werden diese Saftpflanzen zu wahren vegetabilischen Quellen; manche Antilopen und die genügsamen Schafe der ooe r l 'f,, öu manchen Zeiten auf sie, als Speise und Trank gleichzeitig, ansschlietzlich angewiesen. Gewisse Gewächse dieser Abtheilung, z. B. das. gewöhnliche Eiskraut, enthalten in ihrer Asche so viel Salz, daß man Lauge zur Seifenbereitung daraus darstellt. 8*116 Einleitung. Auf den hochragenden, kahlen Felsenrücken, sowie an freiliegenden, dür ren Blöcken starren die düsteren Gestalten der Aloeformen, manche davon krautartig klein, andere baumartig hoch, wie der sogenannte Kokerbaum der Kolonisten. Alle sind mit prachtvollen Blütentrauben geschmückt, viele pur purn, andere scharlach oder bunt. Der eingedickte Saft einiger Sorten kommt als intensiv bitteres Arzneimittel in den Handel. Eine große Menge der Kappflanzen wird dadurch befähigt, der anhal tenden Dürre erfolgreichen Widerstand zu leisten, daß ihre Blätter zur schma len Nadelform zusammengezogen sind, und deshalb wenig verdunstende Ober fläche bieten. Gegen 400 verschiedene Heidekräuter (Erica) bedecken die Südwestküste des Kaplandes. Der Tafelberg selbst besitzt eine reiche Aus wahl davon. Diese Eriken bilden meistens kleine Büschchen, deren feines Laub zur Blütezeit von zahlreichen Blütenglöckchen überdeckt wird. Die einen ha ben zolllange, goldgelbe Nöhrenblumen mit heraushängenden, braunen Staub beuteln, die anderen durchlaufen alle Schattirungcn des Roth bis zum dunklen Purpur und zum reinen Weiß, und ersetzen durch Menge der Blüten, was den letzteren an Größe abgeht. Die eigenthümliche Familie der Proteen, an 200 Formen besitzend, bietet in etwa der Hälfte davon dieselbe Nadel form des Laubes. Von der andern Hälfte ist der Silberbaum am beliebte sten geworden, da seine zweifarbigen Blätter einen schönen, wechselnden An blick gewähren, je nachdem der Wind die eine oder die andere Seite der selben dem Beschauer bietet. Die Blüten der Proteen sind eben so schön gefärbt als groß und honigreich. Um das blühende Gebüsch aus Arten dieser Familie, sowie aus Diosma (Göttcrgeruch), Aspalathus, Rhino zerosstrauch (Stoebe, mit zusammengesetzten Blüten) und zahlreichen an deren kleinen, aber schönblumigen Sträuchern gebildet, schwärmen prächtige Schmetterlinge und sonderbar gestaltete Käfer. Wilde Bienen und Fliegen suchen summend den reichen Honig, und werden von den metallisch schim mernden, herrlich gefärbten Nektarvögeln in ihren süßen Bestrebungen ge stört, da diese Vertreter der amerikanischen Kolibri's dieselbe Speise begehren. Die meisten größeren natürlichen Pflanzcnfamilien, welche das Kapland be wohnen, besitzen eine Anzahl Arten, welche die Heidekrautform nachahmen. Das Auftreten von Vögeln, welche sich fast ausschließlich während des ganzen Jahres von Honig ernähren, läßt darauf schließen, daß ein Reich thum solcher Gewächse vorhanden ist, welche während aller Jahreszeiten blü hen und ansehnliche Mengen Nektar absondern. Am reichlichsten findet dies vielleicht bei jenem, zu einem mäßigen Strauch sich erhebenden „Kräutchen rühr' mich nicht an" der Kapkolonisten (Melianthus) statt, dessen angenehm gefärbte Blütentrauben so üppig mit süßen Tropfen gefüllt sind, daß eine un sanfte Berührung genügt, um einen gewiß sehr interessanten Regen hervor zurufen. Man sammelt in untergehaltenen Blättern die wohlschmeckende Flüssigkeit auf und verwendet sie in gleicher Weise, wie den reichlich von wilden und gepflegten Bienen eingetragenen Honig zur Darstellung einesPflanzenarten im Kaplande. 117 berauschenden Getränkes. Es muß jedoch hierbei mit einer gewissen Vorsicht verfahren werden, da in manchen Strichen der Honig giftige Eigenschaften besitzt, wenn die Bienen ihn theilweise Giftpflanzen entnommen haben. Von den übrigen mehrjährigen Pflanzen verkümmern die einen ihre Zweige oder Nebenblätter zu Dornen, die anderen besitzen kräftige Wurzel stöcke, entweder von holziger Beschaffenheit, oder saftige Zwiebeln, und dauern in der Tiefe während der trockenen Jahreszeit, in Sommerschlaf versunken, aus, während ihre oberen Theile absterben und sich zur Regenzeit durch rasch emporgeschobene Stengel ersetzen. Hierher gehören die früher schon ge nannten Gesträuche, welche die Boerö als „Wart' ein Weilchen" bezeichnen. Meistens sind cö Mimosen und Akazienarten, die sich durch zolllange, mit unter hakenförmig gekrümmte Dornen unangenehm bemerklich machen. Eine schlanke Art bildet daS Lieblingsfutter der langhalsigen Giraffe, welche mit der Zunge die hervorsprießenden zarten Blätter von den hochstrebenden Zweigen abpflückt; andere sind als Nisteplätze interessanter Vogelarten bekannt gewor den. Der gesellige Webervögel befestigt an ihnen daS große Strohdach, an dessen unterer Seite jedes Vogelpärchen sein besonderes, flaschenförmiges Nest aufhängt, bis der Ast unter der Last bricht, oder ein heftiger Wind das Ganze herabwirft. Der Pinkpink befestigt an den Dornen der Mimosen sein sonderbar gestaltetes, mit Vorzimmer versehenes Nest, und der „Gouver neur", ein Vögelchen, welches in seinem Bau und seinen Sitten unseren Wür gern ähnelt, spießt an den scharfen Spitzen die gefangenen Heuschrecken und and.ere Insekten auf, um sie dann bequemer verzehren zu können. Das Material zu ihrem Nestbau erhalten die genannten Webervögel durch das sogenannte Buschmannsgras (llostio tectorum). Dieses Gewächs gehört einer interessanten Gruppe, den Restiaceen, an, welche dein Kap fast ausschließlich eigen ist und hier 190 Arten zählt. Doch sind die nahe verwandten Fami lien der echten Gräser und Rictgräser zahlreich genug vertreten, da erstere 312, letztere 184 Spezies aufweisen. Auffallender al6 die bescheidenen Formen der Gräser sind die eben so prächtigen als zahlreichen Liliengewächse, welche weite Strecken des Kap- landes zu wahren Blumenbeeten umgestalten, sobald der lebenbringende Regen eintritt. Während der dürren Jahreszeit trocknet der Thonboden jener Flächen, die zwischen den Bergzügen der Kolonie sich ausbreiten, zur Härte der Backsteine ans. Tiefe Risse klaffen ans, und die erhitzten Luft schichten über der staubigen Fläche bilden hier Wirbel, welche als gespenstige Heersäulen weiter rücken und vertrocknete Pflanzenstengel und Staub in sich emporreißen, um dieselben in beträchtlicher Entfernung als einen sonderbaren Regen auszustreuen. An anderen Stellen bietet die ruhige Luft bei ungleich- massiger Erhitzung das Schauspiel täuschender Spiegelung, ähnlich wie im Norden des Erdtheiles. In den harten Thon und dürren Sand eingeschlossen, halten Millionen Zwiebeln und Knollen, durch elastische und zähe Schalen geschützt, ihren langen Sommerschlaf. Sie enthalten reichliche Vorräthe von118 Einleitung. Nahrungsstoffen und angelegten Knospen, und bedürfen nur Regen, um sich rasch zu entfalten. Aus den unzugänglichen Klüften der steilen Bergwände kommt der Pavian herab und scharrt die verborgenen Schätze aus. Die Springmäuse graben von Zwiebel zu Zwiebel, durch den Geruchssinn ge leitet, ihre Gänge, und auch der Mensch bequemt sich der Eigenthümlichkeit der Natur an. Der besitzlose Buschmann, dem Ackerbau und festem Wohn sitze abgeneigt, erkennt an unbedeutenden Merkmalen, welche dem Auge des europäischen Reisenden entgehen, das Vorhandensein der unterirdischen Speise. Freilich gräbt er auch eben so gern nach den „Giftbollen", giftigen Zwiebel arten, mit deren Safte er die Spitzen seiner Pfeile bestreicht. Wie durch einen Zauberspruch verwandelt sich die traurige, rothbraune Wüste, sobald der Regen eintritt. Kaum ist das erste Naß in den Boden eingedrungeu, so entfalten so fort die dürren Mimosengesträuche zahllose, hängende Blütenköpfchen, welche gelb oder rosenroth an dünnen Stielen zwischen dem hervorquellenden gefie derten Laube herabhängen und lieblichen Wohlgeruch verbreiten. Der dunkle Boden überzieht sich, mit einem grünlichen Schimmer. Tausende von Blatt spitzen und Knospen bohren sich empor zum Lichte. Nach wenig Tagen ist Alles ein Blumenflor. Weiße Krokus, goldfarbene Schwertel, mennigrothe Moraeen, purpurne Gladiolen wechseln mit den grell kolorirten Lachenalien und blutrothen Amaryllen. Gegen 300 echte Lilien, eben so viele Schwer teln (Jrideen), 122 Orchideen wetteifern mit einander, sowol durch Pracht der Farben, als durch Sonderbarkeit und Schönheit der Formen. Durch ihren Duft und die schön gefärbten Blumen fallen zwischen ihnen die Pelar gonien angenehm auf, deren viele uns aus unseren Gewächshäusern bekannt sind. An wasserlosen Sandstrecken, die nur vorübergehend durch den Regen gefeuchtet werden, treten eben so häufig die „Siebenjahresblumen" der Boers auf, Verwandte unserer Immortellen, die wegen der Unvergänglichkeit ihrer trockenen, lebhaft gefärbten Blütenspelzen in ihrer Heimat vielfach zur Aus schmückung der Zimmer verwendet werden. Wir würden ermüden, wollten wir versuchen, nur annäherungsweise den Blumenreichthum des Kap aufzuzählen. Gegen 9000 Arten Pflanzen hat man bereits aus jenem Lande kennen gelernt. Die meisten von ihnen sind Kräuter oder niedere Büsche. Verhältnißmäßig wenige erreichen eine beträcht lichere Höhe, und sehr wenige sind Bäume. Waldungen kommen meistens nur iu Schluchten vor, deren Felswände von herabrieselndem Wasser genetzt werden. Hier sind drei Nadelhölzer, das Geelhout ( Podoearpus ), eine Feigenart (Ficus Lichtensteinii) , drei Arten Oelbaum, unter diesen das Userhout (Olea exasperata), der stärkste Baum der Kolonie, aber nur etwa 30 Fuß hoch, und sechs bis acht andere Baumarten Alles, was das Kapland an Gewächsen aufznweisen hat, welche über 20 Fuß hoch werden. Das Pavianstau (Cynanchum obtusifolium) schlingt sich von BaumPflanzenarten im Kaplaiide. 119 zu Baum, gleich geflochteneu Seilen, und treibt gewöhnlich nur an der Spitze einige wenige, paarweise stehende Blätter. Das Holz der einheimischen Bäume ist sehr fest und zähe, während ein geführte europäische Holzgewächse, denen die Winterruhe hier fehlt, lockeres, zu Wagenbauten u. dergl. nicht brauchbares Holz erzeugen. Trotz dem, daß schon jetzt den sammelnden Naturforschern 9000 Pflanzen arten im Kaplande bekannt geworden sind, obgleich viele Thäler, weite Landstrecken noch undurchsucht liegen, gewährt das Gebiet doch in den meisten Jahres zeiten den Anblick einer öden, unerfreulichen Wüste. Es hat dies seinen Grund cinesthcils darin, daß, wie bereits angcdentet, die meisten jener Ge wächse ein nur kurzes Leben führen und die übrige Zeit verschwinden, andern- theils aber auch in der auffallenden Seltenheit geselliger Pflanzen. Nur wenige Arten treten in größerer Anzahl von Exemplaren auf. Von mancher zierlichen Erica, manchem schönen Pelargonium existiren in den europäischen Gewächshäusern eine bei weitem größere Menge Individuen, als in der ur sprünglichen Heimat derselben. Die Pflanzenarten haben am Kap durch schnittlich einen fünfmal kleinern Verbreitungsbezirk, als dies in Europa der Fall ist. . So sehr die Pflanzenwelt auch der Bodenbeschaffenheit und den rnanch- fach wechselnden Witterungsverhältnissen des Kaplandes angepaßt erscheint, so bietet sie doch in Zahl, Vertheilung und sonstigen Beziehungen noch eine reiche Menge Erscheinungen, welche aus dem gegenwärtigen Zustande des Landes allein nicht wol erklärlich sind. Der Naturforscher vermuthet den Schlüssel hierzu in Verhältnissen, welche in vorgeschichtlicher Zeit verborgen liegen mögen, und auf deren Lösung er vorläufig noch verzichten muß. Die Thierwelt Südafrika's. ^ Mustern wir in Kürze die auffallendsten Thiergestalten der Südspitze Afrika's, so fällt es uns auf, daß wir hier vielen Formen begegnen, die wir bereits in Mittelafrika, ja im Norden des Erdtheiles trafen. An einen Ueber- blick der Thierwelt des Kaplandes knüpft sich deshalb sehr natürlich eine zoologische Rundschau des ganzen Continentes an. Massenhaft, riesig, mitunter sogar ungeschlacht, wie die Gestaltung des ganzen Erdtheiles, sind die Thierformen, welche uns in Afrika am auffallend sten entgegentreten. Herden wilder Stephanien lustwandeln im Sumpfe, und zerstampfen den Schlammgrund dergestalt, daß er, zur trockenen Jahreszeit verhärtend, für den Menschen und sein Lastthier unwegsam wird. Die ansehnlichen Mengen Elfenbein, welche jährlich von den verschiedenen Theilen Afrika's ausgeführt werden, geben Zeugniß von den Zahlen, in denen noch heute jene Riesenthiere hier vorhanden sind.120 Einleitung. Nicht viel minder gewaltig und gleich massenhaft erscheinen die verschie denen zweihörnigen Nashornarten, deren Waffen nicht selten schreckeneinflößende Länge bei entsprechender Festigkeit und Schärfe erreichen. Schnaubend tau chen plumpe Flußpferde neben mächtigen Krokodilen auf, die Baumstämmen ähnlich im Wasser treiben, um das getäuschte Wild am Tränkplatze zu erhaschen. Auch einen Verwandten des Manati entdeckte Dr. Vogel im Benue. Langhalsige Giraffen, Büffel mit furchtbaren Hörnern und eine Unzahl Arten von Antilopen schließen sich diesen.Riesengestalten an, und der kräftige afri kanische Löwe, der schnelle Panther überwachen mit blutigem Ernste den ge waltigen Staat und fordern ihren Tribut. Noch zahlreicher ist das Heer der Vögel vertreten, und zwar sind beson ders an der Westküste auffallend viele und schöne Formen vorhanden. Eine reiche Menge Singvögel bevölkert die Waldungen Guinea's und theilt ihr Gebiet mit dem menschenähnlichen Chimpanse, welcher nach der kindlichen An schauungsweise der Neger nur deshalb sich nicht der menschlichen Sprache be dient, um nicht — arbeiten zu müssen. Außer dem genannten Chimpanse ist das Geschlecht der kurzschwänzigen, felsenbewohnenden Paviane ein hervor tretender Schriftzug in dem Thiernamen Afrika's. Prächtig gefärbte Bienenvögel, Raken und Pisangfresser (Helmvögcl) überbieten einander an Färbenschmelz, während die bescheidener kolorirte Perl huhnherde sich desto lauter durch ihr gellendes Geschrei bemerklich macht. Auch unter den Vögeln tritt eine Riesengestalt cmf: der Strauß. Auffallend ist besonders der Unterschied zwischen der Thierwelt an der Ostküste und derjenigen au der Westküste. Höchst gesegnet ist letztere unter Anderm auch an Insekten von den schillernden Faltern, die mit den brasilia nischen an Farbenschmelz wetteifern, bis zu den auffallend gestalteten Käfern, den stechenden Moskito's, todbringenden. Tsetsefliegen und verwüstenden Ter miten nebst ihren Genossen, den schwarzen Ameisen. Von ihren kegelförmigen, inwendig hohlen Wohnungen, welche den Negerhütten oftmals an Größe gleichen und dieselben an Festigkeit übertreffen, beginnen die zahllosen, nimmer- satteu Insekten ihre Wanderungen, die meisten von ihnen in schnellverfertigten überdeckten Gängen, welche das ihnen unerträgliche Licht abhalten. Sie zeh ren den Eingeborenen den geborgenen Vorrath von Lebensmitteln, gleichzeitig aber auch das lästige Ungeziefer, die plagenden Mäuse u. s. w., auf, und werden zur Revanche von dem hungrigen Neger verspeist. Eben so greift der wenig ekle Schwarze, der ja seiner Butter oft genug den Urin der Kuh zusetzt und seine Milchgefäße mit ähnlichen Substanzen präparirt, auch zu der Heuschrecke, die ihm die Saaten abfraß, und bereitet aus ihr sein täg liches Brod. Zur Vervollständigung der Tafelfreuden bietet die Westküste zahlreiche Walzenschnccken (.Volute') und die größten Landschnecken, welche überhaupt bekannt sind. Letztere, zu der Gruppe der Achatschnecken gehörig, erreichen eine Länge von acht Zoll. In ansehnlichen Mengen entnimmt man demDie Thierwelt Südafrikas. 121 Meere, welches die Münzstätte des ganzen Erdtheiles ist, die zierlichen Por zellanschnecken, die mehrfach erwähnten Kauri's, welche die Stelle der Scheide münze vertreten. Das Kapland hat außer den vielen Antilopenarten ebenfalls einen be- sondern Reichthum an Vögeln, und zwar fallen hier die zahlreichen Dick schnäbler und Raubvögel ans. Die kleineren Raubvögel zeigen eine sonder bare Mischung zwischen europäischen und einheimischen Formen. Unter den SLuaethicren verdient besonders der KliPPdas (Hyrax) Erwähnung. Dieses niedliche Thierchen bewohnt die Felsenspalten der steilen Sandsteingebirge, ähnlich wie das Murmelthier unserer Alpen, kommt aus Furcht vor dem Geieradler meistens nur bei Nacht aus seinen Schlupfwinkeln, und nährt sich dann von den saftigen Spitzen der gewürz- reichen Sträucher und Kräuter. Während es so an äußerer Gestalt und Lebensweise ganz einem Nagethiere äh nelt, bezeichnet es die anatomische Untersu chung unzweifelhaft als einen Verwandten des Nashorns und des Flußpferdes, und erin nert dadurch an die ganz ähnlichen Formen von vielhufigen Säuge- thieren in Kaninchen größe, die in früheren Erdperioden auch das mittlere Europa be wohnten, und deren Gebeine der Paläontolog jetzt z. B. im Montmartre bei Paris auffindet. Die dürren, sandigen Ebenen werden vielfach von Spring mäusen und Springhasen bevölkert, und auch eine Gruppe Insektenfresser tritt mit verwandten Körperformen hier auf, der Rohrrüßler (Macroscelides), dessen zahlreiche Arten vom Tafelberge an bis zum Atlas vertheilt sind. Die lange, rüsselförmige Schnauze macht ihn als Verwandten unserer Spitzmaus kenntlich, die langen Hinterbeine dagegen geben ihm ein fremdartiges Ansehen, sind ihm aber vom größten Vortheil, wenn er auf die ebenfalls langbeinigen Heu schrecken Jagd macht. Die abweichendste und unter sich abgeschlossenste Thierwelt hat Mada- gascar, das sich in dieser Beziehung ganz wie ein besonderer, selbständiger Erdtheil verhält. Alle größeren Raubthiere fehlen, nur kleine Katzenarten Die Springmaus.122 Einleitung, (Felis madagascarensis) und Manguste» treten auf, Bon den Nagethieren ist nur ein Eichhörnchen vorhanden, und die Wiederkäuer sind gänzlich unbe kannt; dagegen tritt die Familie der Halbaffen (Lemuren) in ungefähr zwanzig Arten auf, und die Fledermausthiere sind gleichfalls zahlreich. Die größeren Arten davon, besonders zwei fliegende Hunde, werden gegessen. Auffallend ist die weite Verbreitung, welche zahlreiche afrikanische Thiere in der Richtung von Süd nach Nord haben. So gehen Strauße, viele Antilopen, Zebra's, Giraffen u. s. w. von den Ebenen des Kaplandes bis zum Fuße des Atlas. Elephanten, Nashörner, Flußpferde, Krokodile bewoh nen die Sumpfniederungen und Flüsse im Süden so gut, wie im Norden. Die gestreifte Hyäne ist dagegen nur dem nördlichen Theile bis etwa zum 17° n. Br. eigen; südlich tritt die gefleckte und der Erdwolf ans. Das Dromedar ist nicht ursprünglich afrikanisch, sondern ward durch die eindrin- gcnden Araber mit eingeführt. Jene weite Verbreitung hängt bei vielen der genannten Thiere, beson ders bei den Steppenbewohnern, mit den ausgedehnten Wanderungen zusam men, zu denen dieselben gezwungen sind. Wie die Regenwolken von Süd nach Nord und wieder rückwärts ihren Zug autreten, beginnt auch die Pflan zenwelt, durch den Regen geweckt, sich zu entfalten. Die Antilopen sammeln sich an den futterreichen Stellen in Erstaunen erweckenden Zahlen. Viele Tausende von Springböcken bilden lebendige Ströme, welche weite Flächen überfluten. Elennantilopen, Blauböcke, Gnu's, Zebra's, Strauße, Quagga's u. s. w. schließen sich ihnen an, und wandern in ähnlicher Weise vorwärts, wie die weitziehenden Wolken die Kräuter anderer Gegenden tränken. Ihnen nach ziehen die Raubthiere, und erheben unter dem Nachtrab ihren Zehnten. In noch größeren Zahlen wandern am Boden Termiten und durch die Luft wolkengleiche Heuschreckenschwärme. Große Mengen kleiner Raubvögel ziehen ihrer lebendigen Speise nach. Auch die vorzugsweise auf Honignahrung an gewiesenen Honigvögel, welche an Pracht des Gefieders und in ihrer Lebens weise die Kolibri'S der neuen Welt hier vertreten, müssen sich in gleicher Weise zu Wanderungen entschließen, wie die Blumen einmal auf den Hochebenen und, wenn sie dort verwelkt sind, in den Gebirgsthälern sich öffnen. Selbst der Mensch, im Innern deS Landes oft ausschließlich auf seine Herden angewiesen, muß sich zum Wanderleben bequemen, um hinreichendes Futter für seine Thiere aufzutreiben. Vielfach ist in diesem Umstande die geringe geistige Kultur begründet, auf welcher zahlreiche afrikanische Völkerschaften verblieben, und ein natürlicher, wasserreicher Quell wird auch für Geistesleben und Gesittung ein segenspen dender Brunnen, indem er den unstäten Wanderer zunächst zur Gründung fester Wohnstätten veranlaßt.Kaffenchäuptlinge. Die Bölkcr Südafrika's. Dic Heimat der eigentlichen Nezerstämme ist jenes heiße Gebiet zwischen dem 20. Grade nördlicher und dem 20. Grade südlicher Breite. Südlich davon ist Afrika von zwei Volksstämmen bewohnt: den Hottentotten und den Kasfern; die ersteren finden sich im westlichen, die letzteren im östlichen Theile des Gebiets. Beide Völker zerfallen unter sich wieder in zahlreiche, mehr oder weniger scharf von einander geschiedene Stämme. Der Name Hottentot gehört keinem Stamme eigenthümlich an, sondern ist den Eingeborenen des Kaplandes von Europäern beigelegt worden. Die Hottentotten erscheinen nach europäischen Begriffen als Muster der Häßlich keit. Der abgeplattete Schädel giebt der Form ihres Kopfes etwas widerlich Thierisches. Das Kopfhaar ist so spärlich und so kurz gekräuselt, daß dic glatte Kopfhaut mit kleinen Warzen oder Pfefferkörnern dünn übersäet er scheint. ^ Die Nase ist außerordentlich kurz und abgestumpft, und ihre In haber sind bemüht, diese Eigenthümlichkeit ihrer Nace durch Drücken noch zu erhöhen. Die Nasenlöcher scheinen in Folge dessen fast senkrecht zu stehen, und die Lippen sind so dick aufgeworfen, daß sie beinahe den dritten -rheil des Gesichts einnehmen. Dazu ist der ganze Körper schwächlich gebaut und124 Einleitung. bleibt meistens unter 5 Fuß Höhe. Nur die Hände und Füße sind wegen ihrer Kleinheit zierlich zu nennen, obschon die letzteren in hohem Grade jene Eigentümlichkeit des Baues besitzen, welche ein amerikanisches Spottlied durch den Vers geißelt: „Er tritt mit der Höhlung des Fußes ein Loch in den Boden!" Die Färbung der Haut giebt den Hottentotten das Ansehen, als seien sie alle im höchsten Grade mit der Gelbsucht behaftet, und die schief geschlitzten Augenlider verleihen ihnen viel Aehnlichkeit mit den asiatischen Mongolen. Am widerlichsten erscheinen dem Europäer die Hottentotten durch den unangenehmen Geruch, den sie verbreiten, sobald die Transpiration ihrer Haut irgend gesteigert wird. Ihre Bedürfnißlosigkeit läßt bei ihnen.wenig Streben nach Erlernung einträglicher Beschäftigungen aufkommen. Ein Schaffell und ein Knüttel sind oft ihr ganzer Reichthum; ein Gurt aus Leder um die Lenden, an dem vorn oder auch hinten ein Büschel Riemen von 1 — l a / 2 Fuß Länge hängt, sind bei den anständigeren ein Schmuck, welchen die noch einfacheren im Binnenlande als Luxus bei Seite lassen. Jene Einfachheit, welche dem Diogenes als Ideal vorschwebte, erreicht bei ihnen die Blüte; jedoch verfer tigen sie sich, da sie weniger an philosophischen Grübeleien, als an Musik Geschmack finden, auö einem hohlen Kürbis (einer Kalabasse) gern ein Saiten instrument, dem sie nicht unangenehme Melodien zu entlocken verstehen, die jedenfalls besser klingen, als ihre schnalzende Sprache. Die Blätter deö Hanfes, welche stark berauschend wirken, werden von ihnen leidenschaftlich geliebt; als Pfeife zum Rauchen derselben dient dann ein hohler Knochen oder ein Anti lopenhorn. Auch die Löwenwurz (Leontice Leontopetalum) wird von ihnen so lebhaft als narkotisches Mittel begehrt, daß die Pflanzer der Kolonie jenes Gewächs eigens zu dem Zwecke anbauen, um die Hottentotten zu bewegen, bei ihnen in Arbeit zu treten. Die Frauen der Hottentotten gehören nach europäischen Ansichten noch weniger zum „schönen Geschlecht" als die Männer. Sie besitzen anatomische Eigenthümlichkeiten, welche sie geradezu widerlich erscheinen lassen. Trotzdem sind Mischlinge von Weißen und Hottentotten in der Kapkolonie gegenwärtig häufiger, als die ursprüngliche reine Race. Der südliche Theil der Hottentottengebiete im westlichen Kaplande wird von den Namaqua's und Grigua's (ein Mischvolk von Europäern und Ein geborenen), der mittlere von den Buschmännern, und der nördliche von den Korauna's und Betschuanen bewohnt. Am weitesten von menschlicher Gesit tung entfernt erscheinen die Buschmänner. Tage lang vermögen sie herum zustreifen, den Riemen zur Besänftigung des Heißhungers fest um den Leib gezogen, bis der Zufall ihnen ein Wild oder die Herde eines Nachbars zu führt. Ihre Pfeile aus leicktem Rohr, aber mit Spitzen aus Knochen oder Eisenstückchen - versehen, welche in Euphorbienharz, in den Saft einer Gist- zwiebel oder in eine Substanz, aus Insekten bereitet, getaucht sind, wirkenDie Hottentotten, Namaqua'S und Korauna's. 125 schon bei leichten Verwundungen tödtlich. Hat der Buschmann ein Thier erlegt, so verläßt er dasselbe selten, bevor er cs anfgezehrt. Nur ausnahms weise legt er sich einen Vorrath an. Aus dem Honig wilder Bienen bereitet er gern ein berauschendes Bier, und hat er durch Berührung mit den Europäern den Branntwein kennen gelernt, so ergiebt er sich dem Genüsse desselben meistens mit zerstörender Leidenschaftlichkeit. Größer im Körperbau, als die Kaphottentotten und Buschmänner, sind die Namaqua'S, welche die ausgedehnten, meist unfruchtbaren Sandebenen westlich von den Grenzen der Kapkolonie bis zum Wendekreis des Krebses bewohnen. Die Unfruchtbarkeit ihrer Wohnorte zwingt sie, als Nomaden mit ihren kleinen Rindern von einem Weideplatz zum andern zu wandern. Die Namaqua'S und die weiter nördlich wohnenden Damarara's haben die klein sten Rinder, die auf der Erde existiren. Ackerbau treiben sie nicht, und In dustrie aller Art ist ihnen fremd. Sie treiben daher auch keinen Handel, ausgenommen daß sie, jedoch nur höchst selten, und nur wenn sie der kolonialen Grenze nahe wohnen, Felle wilder Thiere, Stücken Rhinozeros haut und Straußfedern verkaufen, oder gegen einige, auch ihnen nothwendige Artikel, wje Messer, Beile u. dergl., zu vertauschen suchen. Die Namaqua'S bedienen sich zur Jagd und zum Krieg, außer des Bogens und der Pfeile, wie die Buschmänner, auch deS Kirie, eines Wurfstockes aus hartem Holze, den sie mit solcher Kraft und Geschicklichkeit zu schleudern verstehen, daß sie aus einem Fluge Namaquas-Rebhühner (sehr kleine wohlschmeckende Reb hühner, die dort sehr häufig sind) oft ein Dutzend zu Boden bringen. Wenn es ihnen irgend möglich ist, suchen sie sich aber doch in Besitz eines Feuer gewehres zu setzen. Die Statur der Namaqua'S ist dünner, schmächtiger und hagerer, als diejenige ihrer Nachbarn, der Buschmänner. Dabei erscheinen Brust und Kopf mehr in die Breite gezogen, waö dem letztern bei den sehr vortretenden Backenknochen und schiefen Augen noch mehr Aehnlichkeit mit dem mongoli schen Typus verleiht. Die warzenähnlichen Haarkräusel stehen bei ihnen noch vereinzelter, als bei den Kaphottentotten. Leider hat die ganze Küste des weiten Namaqualandes keine Bai, in welcher ein großes Schiff sicher vor Anker gehen könnte, mit einziger Aus nahme etwa der Angoa Peguina im 26. Breitengrade. In letzterer sind die von Pinguins und anderen Sccvögcln bedeckten Inselgruppen Anziehungs punkte für europäische Schiffer gewesen. Etwas nördlich davon haben auch die dick mit Vogeldünger bedeckten Bird-Island und Jchaboe-Jnseln Guano- Schiffer angelockt. Das Innere des Namaqualandes enthält zwar reiche Kupfererze, letztere mußten aber wegen Mangel an Feuerungsmaterial bis jetzt noch unbenutzt bleiben. Die Korauna's machen schon dadurch einen angenehmen Eindruck auf den Fremden, daß bei ihnen ein ziemlicher Grad von Liebe zur Reinlichkeit nicht zu verkennen ist, während die Buschmänner und Hottentotten sich nie126 Einleitung. waschen. Ueberhaupt läßt sich bei ihnen, wie wir schon Lei der Schilderung von Griquastadt (Klaarwater) erwähnten, ein erfreulicher Beginn von Civi- lisation erkennen, der durch den regen Eifer unverdrossener Missionäre her beigeführt worden ist. Es ist eine Freude, die Schulen unter den Griqua's und Korauna's zu besuchen, in denen eine neue Generation herangebildet wird, welche die Kinder gleichen Alters in manchen europäischen Schulen überragen möchte. Statten wir bei unserer Rundschau über die farbigen Bewohner der Südspitze Afrika's den östlich wohnenden Kaffern einen Besuch ab, so treffen wir hier ein ganz von den Hottentotten verschiedenes Volk, das sich in vier Hauptstämme gliedert. Im Küstenlande wohnen die Amakosa's bis zum 30. Breitengrade; an diese schließen sich die Sitze der Zulnh's bis zur De- lagoa-Bai, und nördlich von diesen bis zum Wendekreise des Steinbocks rei chen die Ortschaften der U'Haubaua's. Obschon unter einander in Sprache, Sitten und selbst in ihrer äußern Erscheinung manchfach abweichend, bilden sie doch eine einzige Nation. Wir besuchen einen Kraal der Amakosa's, des kräftigsten der Stämme. Das Dorf ist auf einem flachen Hügel in Kreisform angelegt. Das Innere der Erhebung ist ausgehvhlt und zum Aufbewahrungsplatz für Gartenfrüchte, sowie zur Pulverkammer eingerichtet. Die Decke über diesem gemeinschaft lichen Keller ist aber mit einer Lage von Lehm sorgfältig geschützt, da hier, durch den Ring der Hütten geschützt, zur Nachtzeit das Vieh weilt. Die ein zelnen Wohnungen selbst ähneln großen Bienenkörben, aus einem Gerüst von Hvlzwerk und Lehm dauerhaft gearbeitet und mit Kuhmist gefestigt. Fenster sind freilich nicht zu bemerken, und die Thür ist sehr klein, so daß man in das Innere nur kriechend gelangen kann. Durch sauber geflochtene Binsenmatten erhält aber der ganze Raum den Ausdruck von Sauberkeit und Nettigkeit. Das Feuer zur Bereitung der Speisen wird in einiger Entfernung von den Gebäuden unterhalten. Milchgefäße, wasserdicht aus Grashalmen geflochten, stehen ringsum. Wurfspieße, auö hartem Holz gearbeitet, oder häufig auch gute Percussionsgewehre, von auswärtigen Kaufleuten erhandelt, lehnen an der Wand. Neben dem Häuschen ist ein Garten; dort arbeiten kräftige Frauengestalten, über sechs Fuß hoch und von angenehmen Formen. Sie bauen Hirse und'Kaffernkorn, besonders aber auch viel Tabak. Ranken von Flaschenkürbissen kriechen zwischen den schlanken Halmen der Kornfrüchte hin durch, und liefern durch die Schalen ihrer Früchte das kleinere Hausgeräth. Dort neben dem Nachbarhause fertigt ein Mann aus rothem Thon einen Topf. Weiterhin schmieden ein Paar Andere Spitzen zu Wurfspeeren und Ringe znm Arm- und Fußschmuck für die Frauen; unter dem Schatten einer aufgespannten Strohmatte sitzt eine kräftige Mannsgestalt und flicht aus den gespaltenen, weiß und schwarz geringelten Stacheln des Stachelschweins ein allerliebstes Körbchen, während sein Weib daneben mit Zwirn aus Flechsen einen Pelz aus bunten Streifen von Pelzwerk in zierlichen Mustern zusam-Die Kaffer». 127 mennäht. Eine Gruppe von bejahrteren Kaffern zieht jetzt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die muskelstarken, kräftigen und großen Gestalten sind rings um ein Wasserloch gelagert, in welches sie lange Schilfhalme als Pfeifenrohre gesteckt haben. Eine Höhlung daneben enthält den angezündeten Tabak, und sie schlür fen aus dieser Wasserpfeife in einfachster Form den wohlriechenden, kühlen Rauch mit besonverem Behagen. Zwar ist ihr Haupthaar wollig und schwarz, ähnlich wie dasjenige des Negers; zwar sind auch ihre Lippen dick und auf geworfen , aber ihre hohe Stirn verräth Intelligenz, und die Adlernase erin nert auffallend an den Araber. Sie unterhalten sich von den Angelegen heiten des Stammes, und wenn wir ihr Gespräch belauschen könnten, würden wir mit Verwunderung hören, wie gut sie über europäische Verhältnisse und über die Beziehungen anderer Länder unter einander, sowie zu ihnen, unter richtet sind. Fast bei allen bemerken wir im Haar einen höchst zierlich gear beiteten Elfenbeinlöffel stecken, der nicht beim Essen, sondern beim Schnupfen gebraucht wird. Statt Schnupftabakdosen benutzen sie kleine Flaschenkürbisse, äußerlich mit hübschen geschnitzten Figuren geziert. Den Schnupftabak bereiten sie sich selbst durch Pulverisiren der Blätter zwischen harten Steinen. Auf gleiche Weise fertigen sie auch aus dem Kasfernkorne das Mehl, wenn sie nicht vor ziehen, einen hölzernen Mörser mit hölzerner Keule dazu zu verwenden. Dieses Mehl, mit Milch zu einem Brei gearbeitet, oder die letztere in sauerem Zu stande allein sind ihre Lieblingsgerichte. Nur sehr ungern schlachten sie eines ihrer Herdenthiere, die ihren Hauptreichthum bilden. Desto größere Portionen Fleisch verzehren sie, sobald ein Wild oder beim Kriegszug ein Rind ihrer Feinde ihnen zur Beute wird. Die Hautfarbe der Kaffern geht vom tiefsten Kohlschwarz bis zur Bronze; auch rothe Färbungen treten auf, die aber sehr von dem Roth der amerika nischen Indianer verschieden sind. Als Seltenheiten bemerkt man unter ihnen Albino's, deren schneeweiße Haut und rosige Wangen sonderbar von den dunkeln Gestalten ihrer Gefährten abstechen. Verkrüppelte Personen sieht man kaum unter ihnen; man sagt, daß mißgestaltete Kinder getödtet würden. Nicht selten trifft man Leute, denen das vordere Glied des kleinen Fingers fehlt, welches ihnen die Eltern als kleinen Kindern bei schweren Erkrankungen abnahmen, um dadurch den bösen Geist, als dessen Werk sic die Krankheit betrachten, zu versöhnen. Die Beschneidung ist bei ihnen allgemeine Sitte. In ihrer Haltung und in jeglicher Bewegung zeigen die für ihr Vaterland begeisterten und tapferen Kaffern eine solche Anmuth und Eleganz, daß ein englischer Reisender sie a natlon ok gentlemen nannte. Außer den Holländern, Franzosen und Engländern, welche die Kap- kolonie bewohnen, sind dort auch ziemlich zahlreiche Malaien seßhaft, deren Vorfahren von den Holländern unfreiwillig hierher versetzt wurden, und die ihrer muhamedanischen Religion, sowie ihrer heimatlichen Tracht und Sitte fast ganz treu geblieben sind.128 Einleitung. Interessante Nachrichten sind neuerdings durch den Missionär Di-, Krapf über die wilden Masai- und Wakuafi-Stämme mitgetheilt worden, die nord westlich gegenüber den ausgedehnten Ebenen wohnen, welche etwa 80—100 Stunden von der Mündung des Panganiflusses beginnen. Diese Volks stämme erstrecken sich im Norden bis zum Aequator und im Westen bis fast zu dem großen Binnensee in Uniamesi, behaupten also ein ausgedehntes Ge biet in Mittelafrika, dem eine wichtige Zukunft bevorsteht, wenn es sich be stätigt, daß die Quellen des Nils am Fuße des Schneeberges Kenia im Wakuafilande zu finden sind. Die Wakuafi sind große und kräftige Leute von schwarzbrauner Farbe und ähneln in ihrer Gesichtsbildung sehr den Somauli's und Arabern. Beide Völkerstämme sind Hirten, und glauben, daß Gott ihnen die Rinder als ausschließliches Eigenthum gegeben habe; daher sie meinen, in ihrem völligen Rechte zu sein, wenn sie bei Mangel den benachbarten Gallas oder anderen Negerstämmen die Viehherden wegtreiben. Wakuafi's, welche als Gefangene von anderen Völkern zu Sklaven ge macht werden, würden lieber sterben, als sich zum Ackerbau oder überhaupt zu einer Arbeit bequemen, die sie nicht von Jugend auf gewohnt sind, und die ihnen eben so entehrend scheint, als das Tragen von Lasten auf dem Rücken. Nach dieser kurzen Umschau über jene Völkerschaften, welche die inneren Länder Südafrika's umgrenzen, in welche uns der kühne Reisende Ur. Living- stone, der Held nnsers Buches, führt, begleiten wir ihn selbst und lassen uns von ihm eine für unS neue Welt, eine eigenthümliche Natur und Bölker- stämmc mit Sitten, Ansichten, Gebräuchen und Einrichtungen vorführen, welche gänzlich von den unserigen abweichen, die aber eben deshalb um so inter essanter und belehrender für uns sind. Die Kapstadt.Pr. Livingftone. Der Missionär vr. Livinqstone. Wir haben gesehen, das; im Lause der Zeit eine ganze Reihe kühner Männer es sich zur Anfgabe gemacht, vom Norden und Westen her in das geheimnißvolle Innere Afrika's einzudringen, haben von ihren Erfolgen und ihrem Ruhme gehört, den Einzelne von ihnen mit dem Leben bezahlen muß ten. Ein großer Theil des weißen Schleiers, der die älteren Karten von Afrika in weiter Ausdehnung bedeckte, ist jetzt zurückgeschoben, und die Namen von Königreichen, Völkerschaften, Flüssen und Seen sind an die Stelle ge treten. Aber auch von der entgegengesetzten Seite her sind uns inzwischen Aufschlüsse von nicht geringerer Wichtigkeit geworden, und zwar großentheils durch die Anstrengungen eines einzelnen Mannes, des Mislionärs Dr. mvnig- Livingstone, Reisen in Afrika. ' 9130 Dr. Snungjlone. stone, der uns ueulichst in einem starken Bande ein reiches Gemälde seiner merkwürdigen Entdeckungen und Erlebnisse vorgeführt hat. Es ist gesagt worden: Wer die Wildnisse Afrika's bereisen will, muß den Muth des Lö wen und die Ausdauer des Kameels mitbringen. Diese Tugenden zu be- thätigen hatte Livingstone in tausend Fällen Gelegenheit; aber er brachte mehr mit: als einen echten Apostel voller Güte und Menschenliebe sehen wir ihn ans Schritt und Tritt bemüht, Gutes zu stiften, Frieden zu vermitteln, den Eingeborenen Anweisungen zur Verbesserung ihrer Lage zu geben und freundliche Beziehungen, ehrlichen Handel zwischen ihnen und den Weißen an zuknüpfen; wir sehen, welchen Einfluß der würdige Mann unter halbwilden Stämmen gewinnt, welche Achtung und Liebe sie ihm zollen, und wir ahnen, daß das Auftreten Livingstone's in jenen Ländern von den weitgreifendsten Folgen für dieselben sein werde. Erfreulich ist dabei der Gedanke, daß der ehrenwerthe Apostel der Civilisation noch nicht am Ende seiner Laufbahn, sondern nur an einem Abschnitte derselben steht, daß er mit frischen Kräften und Mitteln bereits wieder an die Erfüllung seines schönen Berufes ge gangen ist. Die ausgedehnten Reisen Livingstone's in unbekannten Breiten Afrika's, die sich schließlich zu einer Ueberschreitung des ganzen Erdtheils von der West- bis zur Ostküste gestalteten, sind schon physisch betrachtet wahre Helden- thaten von Seiten dieses einzelnen, weder groß noch stark gebauten Mannes. Denn es ist sicher kein Geringes, Wochen- und mondenlang durch glühende Wüsten voll tiefen Sandes oder undurchdringliche Dornen, durch Urwalds dickicht, Sümpfe oder Schilfwälder sich Wege zu bahnen, dabei nicht selten um Speise und Trank Noth zu leiden, das Zugvieh durch Wassermangel oder Stiche giftiger Insekten zu verlieren, jeden Abend sich erst ein Obdach zu bauen und es am Morgen wieder abzubrechen und weiter zu ziehen. Selbst die Reisen in den neuentdeckten fruchtbaren und bewässerten Ländern haben ihre Beschwerden und Gefahren, denn dort giebt es häufig des Wassers viel zu viel, um zu Lande unbehindert vorwärts zu kommen; die Kahnfahrten sind durch Dickichte von Wassergewächsen, durch Nilpferde und Krokodile ge fährdet, und zu alledem gesellen sich nunmehr tückische, hartnäckige Sumpf fieber. Aber trotz dem Fieber und einem halb gelähmten, schlecht geheilten Arme, den ihm ein Löwe gleich zu Anfang seiner afrikanischen Laufbahn wie zum Willkommen entzwei gebissen, muß Livingstone, so gut es gehen will, den Jäger machen, um sich und seine Begleiter zu ernähren, muß die Kranken pflegen, den Verzagten Muth machen, kurz Alles in Allem sein. Indeß auch andere Reisende haben ähnliche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt; worin aber Livingstone fast einzig dastehen möchte und was ihn unbedingt als außerordentlichen Mann erscheinen läßt, ist die gute Art und Weise, in der er überall mit wildfremden Menschen fertig wird, die größtentheils nie zuvor einen Weißen sahen. Nur von einigen Eingeborenen begleitet, ohne imponi- rende Waffengewalt, weiß er sich seine Bahn zu brechen und jede vorkom-Dr. Livmgstone. 131 tttenbe Schwierigkeit in freundlicher und ktuger Weise zu ebnen. So hat er in dem, was er geleistet, zugleich einen glänzenden Beleg dafür geliefert, wie groß das moralische Uebergewicht des civilisirten Menschen ist gegenüber dem rohen Sohne der Natur. So sehr dem wackern Livmgstone sein Missionswerk überall die Haupt sache ist, so wenig würde auf ihn die Vorstellung passen, die man sich ge wöhnlich von einem Missionär macht, indem man ihn sich denkt als „einen Mann, der mit der Bibel unter dem Arme herumgeht." Nach seiner aus gesprochenen Ueberzeugung gehört zu einer erfolgreichen Heidenmission weit mehr. „Christenthum und Civilisation," sagt er, „sind unzertrennlich; keines kann ohne das Andere fortgepflanzt werden. Civilisation, Handel und Ge werbe, das Verlangen nach einem behaglicher» Leben und den höher» Freu den und Genüssen desselben sind gerade die Grundlage und Vorbedingung der Bekehrung zum Christenthume. Auf die Anbahnung eines ordentlichen Handels legt er einen ganz besonder» Werth, weil dadurch rascher, als durch jedes andere Mittel, der dem Heidenthume eigene Hang zur Absonderung und Vereinzelung gebrochen wird, und die verschiedenen Stämme durch den Ver kehr sich gegenseitig brauchen und schätzen lernen. Die neuen Völker, welche Livmgstone in dem schönen, fruchtbaren Innern Afrika's kennen lernte, sind reich an natürlichen Anlagen und alle sehr begierig, Kultur anzunehmen und Handel zu treiben. Livmgstone setzt auf sie große Hoffnungen. Man braucht nur eine gute, dauernde Handelsstraße in's Innere zu eröffnen und Statio nen zu errichten, wohin die Bewohner der benachbarten Gegenden ihre Lan desprodukte bringen, und ein Verkehr zwischen den Weißen und Schwarzen wird erblühen, der segensreich für beide Theile ist. Was die Weißen an der Westküste verdorben haben, wo sie fast nur als Sklavenhändler aufgetreten sind, kann von Osten her gesühnt werden, wo eine schöne Wasserstraße in das vielversprechende Binnenland führt. Ich habe einen doppelten Zweck im Auge," sagt Livmgstone, „ich suche die Wohlfahrt dieser Heiden zu unserm eignen Besten. Sie mögen uns Rohstoffe für unsere Fabrikate liefern. Ihre Länder eignen sich besonders für die Baumwollenkultur; man gebe ihnen guten Samen und die Gewißheit des Absatzes, und sie werden sofort unsere Freunde sein. Sie erkennen ohne Schwierigkeit, wie viel vortheilhafter es sei, die Kattune und andere hochgeschätzte europäische Waarcn gegen Landes- produkte anstatt mit lebendem Menschenfleisch einzuhandeln. Durch ordent lichen Handel würden selbst die durch Bckriegung feindselig gewordenen Küsten völker sich zu Freunden machen lassen, der Sklavenhandel würde schnell ein Ende nehmen, und die Negerstämme könnten in den allgemeinen Völkerverband mit ausgenommen werden, in welchem kein Glied leiden kann, ohne daß die anderen es mitfühlen." Das ist die Sprache eines einsichtsvollen, warm fühlenden Menschen freundes, eine Politik, die ohne Eroberung, ohne Kriegsschiffe, ohne einen132 Dr. Livingstone. einzigen Soldaten oder Beamten bessere Erfolge verspricht als die Engländer bisher in fremden Ländern zu erringen wußten. Livingstone stammt seinen Mittheilungen zufolge aus einer armen, braven Familie eines Fabrikdorfes in der Nähe von Glasgow. Im Alter von zehn Jahren that man ihn, damit er Etwas verdienen helfe, als Anstückler in die Baumwollenspinnerei. Mit seinen ersten Sparpfennigen kaufte er eine latei nische Grammatik, und fing an, eifrig zu lernen, nicht nur in der Abend schule, sondern bis Mitternacht und darüber hinaus, wenn nicht seine Mutter ihm die Bücher wegnahm und ihn zu Bette trieb, denn um 6 Uhr Morgens begann bereits wieder sein Dienst in der Fabrik. So machte sich der junge Livingstone nicht allein mit den Klassikern vertraut, sondern verschlang über haupt. jede Lectüre, deren er habhaft werden konnte, Romane ausgenommen. Selbst in die Fabrik nahm er Etwas zu lesen mit, und gab dem Buche auf der Maschine einen solchen Platz, daß er während der Arbeit dann und wann einen Satz daraus erhaschen konnte. Wissenschaftliche Werke und Reise beschreibungen gewährten ihm den meisten Genuß; sein Vater aber erklärte die ersteren für religionsfeindlich und empfahl dringend die Lectüre orthodoxer Religionsbücher, die der Sohn beharrlich von sich wies, obwol er dafür zu weilen Schläge bekam. In der Folge jedoch wurde er mit Schriften bekannt, die seinem Sinne besser zusagtcn und ihn in seiner Ueberzengung bestärkten, daß Wissenschaft und Religion sich nicht feindlich gegenüberstehen. Ein neues religiöses Leben wurde in ihm wach, und er faßte den Entschluß, sein Leben der Linderung menschlichen Elends zu widmen und Missionär zu werden. In seinem 19. Jahre wurde Livingstone Spinner in der Fabrik, eine Arbeit, die ihm bei seinem schwächlichen Körperbau sauer genug ankam, aber gut bezahlt wurde. Was er hierbei in der Sommerzeit verdiente, setzte ihn in den Stand, während des Winters in Glasgow die griechischen und medi zinischen Klassen zu besuchen, und so bereitete er sich ganz ohne fremde Bei hülfe auf seinen selbstgewählten Beruf vor, den er in China auszuüben be schlossen hatte. Freunde riethen ihm sich bei der londoner Missionsgesell schaft zu melden, und er that es nachdem er erfahren, daß dieselbe alles Confessionswesen ausschließe und nur das reine Evangeliuni den Heiden sende. Er wurde angenommen und reiste im Jahre 1840 an seinen Bestimmungsort ab, nicht nach China, das währenddem durch den Opium krieg unzugänglich geworden war, sondern nach Südafrika, wo sich durch die Arbeiten des Missionärs Moffat ein neues, einladendes Arbeitsfeld eröffnet hatte. Hier lebte und wirkte Livingstone 16 Jahre, von 1840—56, als Lehrer und Arzt, als geistlicher und leiblicher Berather halbwilder, aber gut- müthiger und bildungsfähiger Menschen, und im Verfolg seines Strebens fiel ihm ungesucht der Ruhmeskranz eines glücklichen Länderentdeckers zu.Betschuanenhütte. Die Betschuanen. Das keilförmige südliche Ende Afrika's kann man sich in drei Längs streifen abgetheilt denken, deren jeder seine Besonderheiten hat in Hinsicht auf physische Beschaffenheit, Klima und Bevölkerung. Die Verschiedenheiten treten vorzüglich jenscit der Grenzen der Kapkolonie deutlich hervor. Der östliche Streifen ist großentheils gebirgig, reichlich bestanden mit immergrünen, safti gen Bäumen, denen weder Feuer noch afrikanische Hitze viel anhaben kann; die Seebuchten sind mit riesigen Banmwäldern umsäumt. Das Land ist durch Flüsse und Bäche bewässert; der jährliche Rcgcnsall ist beträchtlich. Die Be wohner sind Kaffern, von schwarzer bis brauner Farbe, schlanke, muskulöse und wohlgebaute Leute, verschlagen und tapfer. Ihr räuberisches Wesen und die unaufhörlichen Conslicte zwischen ihnen und den Kapkolonisten sind be kannt genug. Weiter nördlich wohnen die Zuluhkasfern, die von milderem Charakter sind und als ehrbare Leute geschildert werden. Alle Kafferstämme treiben Landban und Viehzucht. Der nächste oder mittlere Länderstreif ist kaum hügelig zu nennen, und besteht größtentheils ans weiten, sanft wellenförmigen Ebenen. Quellen sind hier nicht viele und noch weniger Flüsse, da wenig Regen fällt und nicht selten lange Perioden der Dürre eintreten. Fast alle Regenwolken kommen von Osten ans dem indische» Meere und geben ihre Niederschläge schon im134 Llvingstone in Kuruma». Kafferlande ab, so daß wenig für die hinterliegenden Landstriche übrig bleibt. Europäisches Getreide kann hier nur mit Hülfe künstlicher Bewässerung ge zogen werden. Die Bewohner dieser Region sind Betschuanen; ihre Wohn sitze erstrecken sich weit nach Norden hinauf. Sie sind, wie die Kaffern, ein Landbau und Viehzucht treibendes Volk, und haben mit Jenen offenbar einerlei Abstammung, sind aber körperlich weniger entwickelt als Diese, und von Cha rakter mehr schüchtern als kriegerisch. Der westliche der drei Abschnitte ist noch ebener als der mittlere, und wird nur in der Nähe der Westküste wieder etwas bergig. In ihm liegt die große, spärlich bewohnte Ebene, welche man die Kalahariwüste nennt. Jenseit derselben sind längs der See hin die weiten Länderstriche der Na- maquahottentotten und der Damara's, wegen Wassermangel nur zum kleinsten Theile bewohnbar. Höher nach dem Aequator hinauf, von dem Breitengrade an, unter welchem der See Ngami liegt, nehmen Land und Leute einen völlig andern Charakter an; hier liegen die Länder, welche vor Livingstone noch keines Weißen Fuß betreten hatte, der Schauplatz seines Ruhmes als kühner Reisender, während die längste Zeit seines Aufenthaltes in Afrika durch seine Missionsarbeiten unter den Betschuanen ausgefüllt wird. In Afrika angekommen begab sich Livingstone ohne Verzug an den Ort seiner Bestimmung, und zwar zunächst nach Kuruman, der nördlichsten Mis sionsstation von der Kapkolonie aus, wo seit fast 40 Jahren der würdige Missionär Moffat, Livingstone's nachmaliger Schwiegervater, sich einen Wir kungskreis geschaffen hat. Kuruman ist ein reizender Punkt inmitten unabsehbarer Grasebeneu. Ein mächtiger Quell, der sogleich ein Flüßchen bildet, rauscht aus einem na türlichen Keller hervor und giebt das Mittel zur Unterhaltung ausgedehnter Gärten, in denen neben Getreide und Gemüsen Wein, Aepfel, Pfirsichen, Feigen, Citronen und andere Südfrüchte in üppiger Fülle gedeihen. Die Mission besitzt hier eine hübsche kleine Kirche, Schulräume und eine Druckerei, in der die Bibel und kleinere Erbauungsschriften in der Sprache der Be tschuanen gedruckt werden. Diese weiche und wohllautende Sprache besitzt einen so merkwürdigen Wortreichthum, daß Moffat nicht selten noch neue Wörter entdeckte, nachdem er bereits 30 Jahre lang sich mit dem Studium derselben beschäftigt hatte. Der würdige Sendbote hat nicht nur der Sprache ihr Alphabet gegeben und damit das Schreiben und Lesen unter den Einge borenen eingeführt; auch die ungeheure Arbeit der Bibelübersetzung ist lediglich sein Werk. Die Betschuanen in den Umgebungen von Kuruman haben all gemein das Christenthum angenommen. Sie halten selbst an Orten, wo kein Missionär lebt, regelmäßig gottesdienstliche Versammlungen, unterrichten einander im Lesen, und kaufen gern die Schriften der Mission. Zu den Versammlungen kommen sie möglichst in europäischer Kleidung, da die Mis sionäre die Landestracht als unschicklich verwerfen; jedes alte Kleidungsstück ist daher ein gesuchter Artikel, und die Eingeborenen nehmen es mit derKleidung und Sitten der Betschuanen. 135 Vollständigkeit nicht sehr genau: der Eine begnügt sich mit einem Hemde, der Andere mit einer Hose, ein Dritter nur mit einem alten Hute. Die Betschuanen im Allgemeinen sind ein aufgewecktes, intelligentes, gut gelauntes Volk. Sie sind von guter Körperbildung, haben gefällige Züge, besonders schöne Augen und Zähne; ihr Haar ist kurz und wollig, und ihre Hautfarbe ist ein helles Kupferbrann. Ihre Tracht besteht der Hauptsache nach aus einem Mantel von Fellen, Karoß genannt, den sie in geschmackvoller Weise um die Schultern werfen. Der Karoß wird von beiden Geschlechtern getragen; daneben dient den Männern ein Lendengürtel und den Frauen zimmern ein kurzes Röckchen oder Schurz, ebenfalls von Fellen gemacht. Das Schuhwerk besteht aus Sandalen von Büffel- oder Giraffenhaut. An Ar men und Beinen tragen sie kupferne, messingene oder eiserne Ringe und an dere selbstgefertigte Zierrathen; die Weiber beladen sich außerdem noch mit so viel und so dick gewundenen Schnuren von Glasperlen, daß ihnen ihr Putz zur wahren Last wird. Aber diese Last wird gern ertragen, denn sie ist ein Zeichen von Wohlhabenheit, und die Aermeren, die sich weniger belaven kön nen, suchen ihren bevorzugten Schwestern wenigstens in so weit gleich zu kommen, daß sie den watschelnden Gang künstlich nachahmen, welchen jene wegen der Belastung der Beine gezwungen annehmen müssen. Die Weiber sind zudem von untersetzter Statur und starkem Knochenbau, also ihre Er scheinung schwerlich eine sehr anmuthige. Die Männer tragen nur wenig Perlen um Halö und Arme, behängen sich aber mit einer Unzahl der ver schiedensten Kleinigkeiten, welche größtentheils Amulette sind, deren jedes zu irgend einem Zwecke gut sein soll; dazu kommt schließlich die unentbehrliche Schnupftabaksbüchse, denn der Betschuane ist ein leidenschaftlicher Schnupfer, und ein Präsent an Tabak ist ihm fast das Liebste, was man ihm bieten kann. Hat einer ein Stück Tabak erlangt, so mahlt er ihn sogleich sorg fältig zwischen zwei Steinen und vermischt ihn sodann mit Holzasche, die erst die rechte Würze giebt. Wenn das Fabrikat fertig ist, so drängt sich Alles nach einer Prise herbei. Sie schütten das Pulver in die hohle Hand, und mit einem eisernen oder elfenbeinernen Löffelchen, das sie ebenfalls stets am Halse tragen, führen sie es bedächtig in ganz kleinen Partikelchen so lange in die Nase, bis ihnen dicke Thränen über die Backen laufen, wo dann das Ver gnügen den höchsten Grad erreicht hat. Eine solche Schnnpfgesellschaft zu stören würde als größte Ungezogenheit betrachtet werden. Die Tabaksbüchsen bestehen entweder aus einer ausgehöhlten Palmfrucht oder einem ganz kleinen Kürbiß. Auch das Rauchen wird geübt, doch weniger leidenschaftlich, was die Männer betrifft; dagegen sind die Weiber darin ausgelernt. Beide Geschlechter gehen barhaupt und vollenden ihren Aufputz dadurch, daß sie den Kopf und den ganzen Körper reichlich mit Fett oder Butter ein salben. Manche Stämme vermischen das Fett mit rothem Ocher und geben sich so das Ansehen rother Indianer. Andere benutzen als Zusatz oder als Puder die schillernden Schüppchen einer Art Glimmerschiefer, und werfen sich136 Putz, Waffen und Wohnungen der Betschuanen. so buchstäblich iu Glanz. Die Männer gehen gern in Waffen; sie führen einen Schilv aus Büffel- oder Giraffenhaut, ein Bündel Assageien, eine Streitaxt und einen Kerri, d. h. eine Art Keule zum Werfen. Die Form des Schildes ist bei einigen Stämmen oval, bei anderen rund; die Assageien sind theils leicht gearbeitet und dienen als Wurfspieße, womit ein geschickter Krieger seinen Mann auf hundert Schritte tödlich zu treffen weiß, oder sic sind stärker in Schaft und Klinge und werden als Lanze gehandhabt. Die Streitaxt ist sauber gearbeitet und hat einen Stiel aus dem Horn des Rhi- noceros. Waffen und sonstige Werkzeuge werden von einheimischen Schmieden gearbeitet, und die Eisenerze dazu werden in den bergigen Gegenden gefun den. In der Schmiedekunst zeichnet sich besonders der Stamm der Bakatla's aus, welcher großentheils die Nachbarstämme mit Eisenwaaren versorgt. Die Erze werden in irdenen Tiegeln geschmolzen, ein großer Theil des Bietalls kommt in Abgang und nur das beste und reinste wird verwendet. Mau benutzt eine Art doppelten Blasebalg, der aus zwei Säcken von Thierfelleu besteht, woran das lange Horn der Oryx-Antilope als Windrohr dient. Der Blase balgführer kauert zwischen den beiden Säcken und bewegt sie wechsclsweisc auf und nieder. Hammer und Ambos vertreten zwei Steine. Trotz dieser Urform einer Schmiede sind ihre Speereisen, Streitäxte, Messer, Nähnadeln u. s. w. ganz nett gearbeitet. Die Männer dieses Stammes schneiden auch aus festem Holz große Schüsseln aus. Die verschiedenen Stämme wohnen in größeren und kleineren Dörfern beisammen; die Wohnungen sind runde, mit Schilf oder Binsen gedeckte Hut ten. Fußboden und Wände sind, letztere auf der Innen- und Außenseite, mit einem Gemisch von Thon und Kuhdünger bekleidet, der Eingang ist nicht höher als 3 Fuß bei 2 Fuß Breite. Jedes Haus ist mit einem geflochtenen Zaun und das ganze Dorf mit einer dichten Hecke von dornigen Akazien zum Schutz gegen Löwen und andere wilde Thiere umgeben. Die Kinder bauen sich rund um die väterliche Hütte an, und je größer die Nachkommen schaft, desto stolzer ist der Bater darauf, denn Kinder werden als der größte Segen angefehen und stets mit vieler Liebe behandelt. Gegen die Mitte eines solchen Kreises von Familieuhütten ist der Kotla, ein Platz mit einer Feuerstelle, wo Alles beisammensitzt, arbeitend, essend oder plaudernd. Ein Armer hält sich zu dem Kotla eines Reichen, und wird von diesem wie sein Kind behandelt. Ein Kreis solcher Hüttenkreise (denn der Betschuane legt Alles rund an), mit einem großen Kotla oder Versammlungsplatz in der Mitte, bildet das Dorf oder die Stadt. Rindvieh ist das Hauptbesitzthum und der Stolz des Betschuanen, und kann er hierzu noch ein „wanderndes Haus", d. h. einen Wagen, erschwingen, ein Ding, das ihm vor seiner Bekanntschaft mit den Weißen fremd war, so ist er ein reicher Mann. Die Rinder werden lediglich von den Männern gewartet und gemolken; ein Weib darf nie einen Fuß in die Viehhürde setzen. Außerdem beschäftigen sich die Männer, wenn sie nicht in Fehde mit irgendFamilienleben und Skaatsverfassiing der Betschuanen. 137 einem Nachbarstamme liegen, mit der Jagd nnd der Znrichtung der Häute wilder Thiere. Die Karosse oder Fellmäntel sind ein beliebter Tausch- und Handelsartikel. Die Weiber verwenden ihre Zeit hauptsächlich auf die Abwartnng ihrer Felder und Gärten, in denen sie Mohrhirse, Kürbisse, Massermelonen n. dgl. ziehen. Das Einbringen der Ernte, das Mahlen der Körnerfrüchte gehört ebenfalls zu ihren Obliegenheiten, nicht minder das Anfbanen der Hütten und das Herbeischaffen von Brennstoffen. Ähre Feldbestellung ist eine höchst einfache: mit einem Werkzeuge, das sich als eine Kranthacke mit einem oder zwei Stielen beschreiben läßt, hacken sie hier und da den Boden auf, und werfen den Samen hinein. So sieht man die Weiber reihenweise in den Feldern ihre Hacken im Takte schwingen, und hört die munteren Gesänge, mit denen sie sich ihre Arbeit würzen. Vielweiberei ist unter den Betschuanen erlaubt, und ein Mann kann so viele Weiber nehmen, als er ernähren kann; doch bleibt es in der Regel bei einer, und nur die Häuptlinge umgeben sich mit einem Harem. Die Frauen müssen gekauft werden; unter den reicheren Stämmen besteht der Preis einer solchen in 10 Stück Vieh, während unter den ärmeren schon ein Paar Feld hacken für den Zweck genügen. Die Verfassung der Belschuanenstämme ist zugleich monarchisch und pa triarchalisch. Jeder Stamm hat seinen König oder Häuptling, der gewöhn lich in dem größten Dorfe wohnt. Die Hänptlingswürde ist erblich, und es ist diese Erblichkeit nach den Begriffen des Volkes so selbstverständlich, daß sie es mit besonderem Wohlgefallen aufnahmen, als ihnen Liviugstone sagte, seine Landsleute hätten eine junge Frau zum Häuptling gemacht, um das königliche Blut zu erhalten. Zu einem Stamme gehören eine größere oder geringere Anzahl Dörfer, deren jedes seinen Vorsteher oder Unterhäuptling hat; diese bilden gewissermaßen den Adel der Nation, und erkennen alle die Herrschaft des obersten Häuptlings an. Dieser, obwol seine Macht groß und zuweilen despotisch ist, unterliegt dennoch einer Controle von Seiten der älte sten Unterhänptlinge, und muß es sich gefallen lassen, wenn sie ihm in öffent lichen Volksversammlungen oder Pitscho's, in denen eine große Redefreiheit herrscht, unumwunden sagen, was sie an seiner Regierung zu tadeln finden. Solche Pitscho's werden nur bei wichtigeren Angelegenheiten zusammenberufen, wenn es gilt, Streitigkeiten zwischen Stämmen auszugleichen, einen Beutezug zu unternehmen, einen benachbarten Stamm zu verjagen n. s. w. ®ie Rede der Betschuanen bei öffentlichen Angelegenheiten, besonders die Häuptlinge, ist »ft so mächtig, gewandt und fließend, daß sie dem best- geschulten Europäer Ehre machen würde. Die folgende Probe giebt einen Beleg hiervon. Es ist die Ansprache des berühmten Königs der Basuto's, Moschesche, au sein Volk, wodurch er diesem Glück wünscht über die Ankunft dreier würdigen Missionäre unter ihnen. „Freuet euch, Makare und Mokatschani, ihr Beherrscher der Städte,138 Volksredner der Betschuanen. freuet euch. Wir haben alle Ursache zur Freude über die Neuigkeiten, die wir gehört haben. Es gehen gar vielerlei Reden unter den Menschen. Einiges ist wahr, Anderes falsch; aber das Falsche ist bei uns geblieben und hat sich vervielfältigt, und darum sollten wir sorgfältig die Wahrheiten auf sammeln, die wir hören, damit sie nicht in dem Schwall der Lügen verloren gehen. Man hat uns gesagt, daß wir Alle durch ein höchstes Wesen ge schaffen sind, daß wir alle von Einem Manne abstammen. Die Sünde kam in des Mannes Herz, als er von der verbotenen Frucht aß, und wir haben seine Sünde geerbt. Diese Männer sagen, daß sie gesündigt haben, und was bei ihnen Sünde ist, ist es auch bei uns, weil wir eines Stammes, ihre und unsere Herzen einerlei Ding sind. Ihr, Makare, habt diese Worte ge hört und sagt, es seien Lügen. Wenn diese Worte euch nicht überzeugen, so Volksversammlung der Betschuanen. liegt die Schuld an euch. Ihr sagt, ihr wolltet Nichts glauben, was ihr nicht einsehen könnet. Sehet ein Ei an: zerbricht man dieses, so kommt nur eine weiße und gelbe Substanz heraus; legt man es aber unter die Flügel eines Vogels, so kommt ein lebendes Wesen heraus. Wer kann dieses ein sehen? Wer wußte je, wie die Wärme der Henne das Küchlein im Ei zu Stande bringt? Das ist uns unbegreiflich, und doch leugnen wir die That- sache nicht. Laßt uns thun wie die Henne — laßt uns diese Wahrheiten in unser Herz legen, wie die Henne die Eier unter ihre Fittige nimmt, laßt uns sitzen über ihnen mit demselben Fleiß, und etwas Neues wird herauskommen." Die ersten Missionäre trafen bei den Betschuanen keinen Begriff von einem höchsten Wesen, in ihrer Sprache kein Wort an, das auf eine Gott heit bezogen werden konnte. Religiöse Gebräuche und Ueberlieferungen fehl-Religion der Betschuanen. 139 ten ihnen gänzlich. Ihre ganze Schöpfungsgeschichte beschränkte sich, wie bei den Damara's, darauf, daß die Menschen aus einer Höhle an einem gewissen Orte des Landes hervorgegangen seien, wo man noch die Fußspur des ersten Menschen im Fels abgedrückt sehen könne. Die christlichen Dogmen erschienen ihnen fabelhast, ausschweifend und so lächerlich, wie manche Gewohnheiten der Weißen, z. B. der Gebrauch sich zu waschen, die Glieder in Säcke zu stecken und die Knöpfe zum Einschnüren des Körpers zu verwenden, statt sie als Zierrathen um den Hals zu hängen. „Was für ein Unterschied," sagte ein mal ein Eingeborener zu Moffat, „ist zwischen mir und diesem meinem Hunde? Du sagst, ich sei unsterblich ■— warum nicht auch mein Hund oder Ochs? Sie sterben, kannst Du ihre Seelen sehen? Welcher Unterschied ist zwischen Mensch und Thier? Keiner, außer daß der Mensch der größere Spitzbube ist." Jndeß erkannten die Betschuanen doch willig an, daß die Weißen ein höher stehendes Geschlecht seien als sie selbst, und einige ihrer besten Köpfe suchten nach einer Erklärung, woher dies käme; aber sie konnten sie doch nur geben unter Znhülfenahmc des Grundsatzes, daß Gott die Menschen ge macht habe. So sprach einst ein pfiffiger Bursche, der das Orakel seines Dorfes war, zu dem Missionär, nachdem Dieser die Lehre von der Schöpfung auseinandcrgesetzt hatte: „Wenn Du wirklich glaubst, daß Ein Wesen alle Menschen geschaffen hat, so mußt Du auch glauben, daß dasselbe, indem es Weiße schuf, sein Werk vervollkommnete. Erst versuchte er sich an den Buschmännern, aber sie gefielen ihm nicht, weil sie so häßlich sind und ihre Sprache der der Frösche gleicht; dann machte er Hottentotten, aber sie ge fielen ihm auch nicht; dgrauf nahm er seine Macht und Kunst zusammen und machte Betschuanen, was ein großer Fortschritt war, und zuletzt machte er die Weißen. Deshalb sind die Weißen so viel klüger als wir; sie machen wandelnde Häuser, lehren dic^ Ochsen sie über Berg und Thal ziehen, lehren sie auch den Garten pflügen, anstatt ihre Weiber dazu zu gebrauchen, wie wir es thun." Aberglauben, den beständigen Begleiter der Unkultur, trifft man auch bei den Betschuanen in ausgedehntem Maße, und da sich immer Leute fin den, die solchen auszubeuten wissen, so giebt es unter ihnen nicht wenig Schwarzkünstler, die zugleich auch Aerzte sind, deren Anssprüche und Vor schriften stets das vollste Vertrauen finden. Besonders die Regenmacher haben einen Einfluß ans die Gemüther, der selbst über den des Königs geht. Das Regencitiren ist eine förmliche Kunst oder Profession, und jeder Stamm hat einen oder mehrere dieser Wunderthäter; aber nach dem Grundsätze, daß der Prophet in seinem Vaterlande Nichts gilt, üben sie ihre Kunst immer nur bei entfernt wohnenden Stämmen aus, und werden oft aus weiten Entfernungen herbeigeholt. Sie verheimlichen in der Regel ihre eigentliche Heimat sorg fältig, und geben wol gar vor, sie seien in einer einsamen Höhle oder ans einem Berggipfel plötzlich entstanden. Die Beschwörungsformeln und Zau bermittel der Regenmacher sind sehr manchfaltig. Eine der gewöhnlichsten Me-140 Regenmacher der Betschuancn. thoden besteht darin, daß von jeder Baumart im Walde einige Blätter genom men werden, welche der Zauberer über einem langsamen Feuer schmoren läßt, während er einem Schafe eine lange Nadel ins Herz stößt und eine Menge Beschwörungen vorbringt. Der von den Blättern aufsteigende Dampf soll bis an die Wolken steigen und sie versöhnen. Der Rest des Tages wird mit Tänzen zugebracht, die bis Mitternacht dauern, und an denen der ganze Stamm Theil nimmt; sie sind von Gesängen begleitet, in denen die Macht und das Geschick des Regenkünstlers gefeiert wird. Sind die Wolken hart herzig genug, sich nicht erbitten zu lassen, so wird zu anderen Zaubermitteln gegriffen. Eine Anzahl junger Bursche rennt dann fort, umzingelt an irgend einer Berglehne eine felsige Partie, wo sich eine Art kleiner Antilopen, Klippspringer genannt, vermuthen lassen. Indem sie den Kreis immer mehr verengen, gelingt es ihnen meistens, einige von den armen Thieren lebendig zu fangen; diese werden nun in Prozession im Dorfe herumgetragen, und der Regendoctor zwingt sie durch Kneipen immerfort zum Schreien; das Ge schrei soll den Regen herbeiziehen. Bleiben alle Zanbermittel erfolglos, so muß der Zauberer sehen, wie er sich auf gute Art ans dem Staube macht, denn alsdann wird der Handel für ihn gefährlich; es sollen sogar alle Regendoctoren eines gewaltsamen Todes sterben, denn bei irgend einer Ge legenheit schäumt doch die Volkswuth über, und derselbe Mann, der vorher als Wunderthäter hoch gefeiert wurde, wird nun verwünscht und am Leben gestraft. Trotzdem finden sich immer wieder Nachfolger zu dem gewagten, aber einträglichen Geschäft. Kann der Regendoctor den versprochenen Regen nicht schassen, so ge braucht er dieselbe Ausflucht wie alle Schwarzkünstler der Welt: er giebt vor, es sei irgend ein geheimer Einfluß, ein Gegenzauber vorhanden, der seine sonst unfehlbaren Mittel unwirksam mache. So soll Elfenbein im hohen Grade die Kraft besitzen, den Regen zu vertreiben, weshalb denn diese Waare im Sommer nur nach Sonnenuntergang, sorgfältig eingeschlagen, zum Vorschein kommt. Moffat erzählt eine Regenmachergeschichte, welche das Treiben dieser Leute noch mehr ins Licht setzt. Die Betschuanen um Kuruman hatten schon seit einigen Jahren sehr von Dürre gelitten, und berathschlagten endlich in einer Volksversammlung, wie dem Uebel abzuhelfen sei. Es kam zu dem Be schlüsse, daß ein berühmter Regenmacher aus einer weit entlegenen Gegend ge holt werden solle. Durch glänzende Versprechungen bewogen erschien er. Bis dahin war der Himmel einer Glühpfanne gleich gewesen; aber am Tage der Ankunft des Regenmachers thürmten sich dicke Wolken auf, Blitze flammten und der Donner rollte mächtig, auch fielen einige Regentropfen. Die Freude des Volkes und die Unverschämtheit des Regendoctors wuchsen dadurch ins Uebermäßige; er verkündete, daß dieses Jahr die Weiber die Gärten auf den Hügeln anlegen müßten, denn die Flächen würden überschwemmt werden; er erzählte, wie er die Dörfer der Feinde seines Stammes verwüstet habe, in-Der Regenmacher in Kuruman. 14! dem er den Wolken befohlen, sich auf sie herabzustürzen; wie er eine starke Armee aufhielt, indem er so viel Regen fallen ließ, daß ein mächtiger Strom auf ihrem Wege entstand u. s. w. Leider aber vergingen Tage und Wochen, ohne daß die Betschuanen ihren Regen bekamen; trotz allem Hokuspokus ga ben die Wolken keinen her. Endlich einmal fiel ein leichter Schauer; erfreut liefen die Obmänner nach der Hütte des Zauberers, um ihm zu seinem Er folge Glück zu wünschen. Er erwachte eben aus einem festen Schlafe und wußte gar nicht, was vorging. Verwundert riefen die Männer: „Wir dach ten, Du machtest Ziegen?" Der verschmitzte Bursche sah, wie sein Weib eben einen Milchsack schüttelte, um etwas Butter für ihre Toilette zu gewin nen. Augenblicklich replicirte er: „Seht Ihr nicht, daß meine Frau Regen buttert, so viel sie kann?" -— Man fand diese Antwort vollkommen genü gend, und die Neuigkeit, daß der Regendoctor den Regen gebuttert habe, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Aber auf's Neue folgte Woche nach Woche ohne einen Tropfen Regen. Die bestellten Felder gingen nicht auf- das Vieh starb ans Mangel an Nahrung, und Hunderte ausgemergelter Men schen durchstöberten die Gegend nach ungesunden Wurzeln und Reptilien. Der Regenmacher kam immer mehr ins Gedränge und hatte auf immer neue Auswege zu sinnen. So verordnete er, daß ihm ein Pavian cingcfangcn werde; er wußte, daß dies an sich keine leichte Sache war, fügte aber noch die Be dingung hinzu, daß das Thier vollkommen fehlerfrei sein müsse. Der Affe wurde mit Mühe und Noth gefangen und im Triumphe eingebracht. Kaum hatte ihn aber der Zauberer erblickt, so rief er aus: „Mein Herz ist in Stücke gerissen, ich bin stumm vor Kümmerniß! Sagte ich Euch nicht, daß ich keinen Regen machen könne, wenn dem Thiere auch nur ein Haar fehlt?" Dabei zeigte er auf das Ohr des Affen, an welchem eine Stelle ein wenig gekratzt, und auf den Schwanz, an welchem etwas Haar verloren gegan gen war. Um eine neue Frist zu gewinnen, verlangte nun der Betrüger nichts Geringeres als das Herz eines Löwen, denn nur so starke Medizin könne jetzt noch anschlagen. Diese Bedingung zu erfüllen war für die armen Schelme keine Kleinigkeit; der Zufall wollte es aber, daß sie bald darauf wirklich einen Löwen erlegten, und die Freude war groß. . Der Zauberer zündete von neuem seine Feuer an und ließ seine stärksten Beschwörungen, Drohungen und Befehle gegen die fernen Wolken los •— sie kamen zur Ver wunderung der Zuschauer nicht näher, und es mußte ein neuer Streich er- sonnen werden. Der Zauberer trat nun mit der Entdeckung hervor, ein kürzlich Begrabener habe die übliche Begießung des Grabes nicht in gehöri gem Maße erhalten; derselbe müffe ausgegraben, abgewaschen und von neuem begraben werden. Er kannte den Abscheu seiner Landsleute gegen Leichen und hielt es für unmöglich, daß sie darauf eingehen könnten; aber sie über wanden sich und führten daö greuliche Werk richtig aus. Nunmehr war sein Witz ziemlich zu Ende, und er verfiel darauf, die Missionäre, mit denen er142 Der Regenmacher und der Missionär. sich bis dahin auf freundlichen Fuß gesetzt hatte, als die Ursache des Regen mangels anzuklagen. Anfänglich geschah dies durch leise Andeutungen, die nach und nach zu offenen Anschuldigungen wurden. „Seht Ihr nicht," sagte er seinen Zuhörern, „daß, wenn Wolken kommen, Moffat und Hamilton nach ihnen aufsehen? Ihre weißen Gesichter verscheuchen die Wolken — Ihr werdet keinen Regen bekommen, so lange sie hier sind." — Das war ein Meisterstreich; das Volk richtete nun seinen Unmuth und seine Verwünschun gen gegen die armen Missionäre; die Betglocke, hieß es, verscheuche die Wol ken; selbst das Beten kam einigermaßen in Verruf, und der Häuptling fuhr die Missionäre eines Tages mit den Worten an: „Bückt Ihr Euch nicht in Euern Häusern und sprecht und betet zu irgend einem bösen Dinge unter der Erde?" Endlich jedoch, nachdem die Missionäre solchergestalt viel Gefahr und Angst ausgestanden hatten, wendete sich das Blatt zu ihren Gunsten: der Verdacht kehrte sich nun gegen den Regenmacher selbst; seine groben Täu schungen wurden aufgedeckt; er war nahe daran, seine Frevel mit dem Tode zu büßen, und verdankte es nur Moffat's dringender Verwendung, daß er mit heiler Haut davon kam. Der Tod ereilte ihn indeß doch bald, indem er in der Folge von dem Stamme der Bawangketsi erschlagen wurde. Wie alle Geheimkünstler scheinen auch die Regenmacher großentheils selbst an ihre Kunst zu glauben, und es möchte schwer zu sagen sein, wo der Selbstbetrug aufhört und der gewöhnliche anfängt. Auch der Häuptling Sitschili, Livingstone's Freund und sonst ein ausgezeichneter Mann, galt für einen großen Regenmacher und hielt sich selbst dafür. Sie alle wissen ihre Kunst gegen Einwürfe zu vertheidigen, und uni zu zeigen, wie schwer ihnen beizukommen, giebt uns Livingstone das Schema eines Zwiegesprächs, wie sie sich durchweg gestalten, wenn ein Missionär und ein Regenmacher zusammen- treffen. Der Letztere sei eben beschäftigt, seine Tausendfachen auszukramen und zu ordnen: Kohle von verbrannten Fledermäusen, Auswürfe und Ein geweide verschiedener Thiere, Haarballen von Kühen, Häute und Wirbel von Schlangen, und Alles, was sich an Pflanzen, Knollen, Zwiebeln und Wur zeln in der Gegend vorfindet. Der Missionär tritt hinzu. M. Guten Tag, Freund! Heute hast Du viel Medizinen um Dich; das müssen ja alle sein, die es giebt. R. Sehr richtig, Freund, ist auch nöthig, denn die ganze Gegend braucht den Regen, den ich machen will. M. Glaubst Du wirklich, daß Du die Wolken regieren kannst? Ich denke, das kann nur Gott. R. Da denken wir überein. Gott macht den Regen, aber ich erbitte ihn durch diese Medizinen, und wenn er kommt, so ist es natürlich mein Regen. Ich habe lange Jahre den Regen für die Bakucna's gemacht; auch wurden ihre Weiber durch meine Wissenschaft fett und glänzend — frage sie nur.Der Regenmacher und der Missionär. 143 M. Aber der Erlöser hat uns bestimmt angewiesen, daß wir Dott nur in seinem Namen bitten sollen, und nicht durch Medizinen. R. Mit uns ist das - etwas Anderes. Gott machte zuerst schwarze Menschen, aber er liebte uns nicht so wie die weißen. Euch machte er schön, gab euch Kleider, Flinten, Pulver, Pferde und Wagen und viele andere Dinge, wovon wir Nichts verstehen. Uns gab er Nichts als die Assagai, das Vieh und das Regenmachen. Er gab uns nicht solche Herzen wie euch: wir lieben uns nicht unter einander; andere Stämme stellen Medizinen auf gegen unser Land, damit es hier nicht regne, daß wir durch Hunger zerstreut werden und zu ihnen kommen, um ihre Macht zu verstärken. Dieser Zauber muß durch unsere Medizinen gelöst werden. Gott hat uns ein kleines Ding gegeben, von dem ihr nichts versteht: er gab uns die Kenntniß gewisser Me dizinen, womit man Regen machen kann. Wir verachten die Dinge nicht, die ihr habt, obwol wir Nichts davon verstehen. Wir verstehen euer Buch nicht, aber wir verwerfen es nicht; ihr solltet unser bißchen Wissen auch nicht ver achten, wenn ihr es auch nicht versteht. M. Ich verachte Nichts, was ich nicht-kenne; ich denke nur, daß Du Dich irrst, wenn Du Medizinen zu besitzen glaubst, die auf den Regen irgend einen Einfluß haben. R. Gerade so reden die Leute, wenn sie von einer Sache nichts ver stehen. Als wir unsere Augen zuerst öffneten, sahen wir unsere Väter Re gen machen, und wir folgten ihren Fußstapfen. .Ihr, die ihr von Kuruman Getreide holen laßt und eure Gärten bewässert, könnt euch ohne Regen be helfen — wir aber nicht. Hätten wir keinen.Regen,-so-hätte das Vieh keine Weide, die Kühe gäben keine Milch, unsere Kinder würden mager werden und sterben, unsere Weiber liefen weg zu anderen Stämmen, welche Regen machen und Korn haben, und der ganze Stamm wäre zerstreut und verloren — unser Feuer würde verlöschen. M. Ich bin ja ganz damit einverstanden, daß der Regen seinen großen Werth hat; aber Du kannst keinen machen, Du wartest bis Wolken kom men, machst dann Deine Beschwörungen und rechnest Dir etwas zum Ver dienst an, was nur von Gott kommt. R. Ich wende meine Medizinen an, Du die Deinigen; wir sind beide Doctoren, und Doctoren sind keine Betrüger. Du giebst einem Kranken Medizin; zuweilen gefällt es Gott, ihn dadurch zu heilen, zuweilen nicht — er stirbt. Wenn er geneset, so rechnest Du Dir das zum Verdienst an, was Gott gethan. Ich mache es eben so. Zuweilen gewährt uns Gott Regen, zuweilen, nichts Giebt er welcken, so hat unser Zauber geholfen. Wenn Dir ein Patient stirbt, so giebst Du deshalb den Glauben an Deine Medizin aU( ^ ich, wenn der Regen ausbleibt. Warum setzest Du Deine Medizinen fort, wenn Du wünschest, daß ich meine aufgeben soll? M. Ich gebe Medizin an lebende Wesen, die in meinem Bereich sind, und kann die Wirkung sehen, auch wenn keine Heilung erfolgt; Du aber144 Der Regenmacher und der Missionär giebst vor die Wolken bezaubern zu können, die so hoch über uns sind, daß Deine Medizinen niemals hinanreichen. Die Wolken ziehen gewöhnlich in einer Richtung, und Dein Rauch in einer andern. Gott allein kann den Wolken gebieten. Versuch's nur und warte geduldig; Gott wird Regen geben ohne Deine Medizin. R. Dacht' ich doch bisher, die Weißen seien kluge und weise Leute. Wer wird den Versuch machen wollen, zu verschmachten! Ist das Sterben etwa so angenehm? M. Kannst Du Regen machen, daß er nur auf einen bestimmten Fleck fällt? R. Fällt mir nicht ein zu versuchen. Ich lobe mir, wenn das ganze Land grün ist und alles Volk fröhlich, wenn die Weiber in die Hände klat schen und mir zum Dank ihr Geschmeide geben und vor Freude singen. M. Ich denke, Du betrügst sic und Dich selbst. R. Gut, so sind wir zwei ein Paar. So schrankenlos ist der Glaube an Zaubermittel bei den Betschuanen, daß Livingstone, trotz aller Mühe, niemals einen Einzigen von der Trüglich- keit der Regenmacherei überzeugen konnte. Ein eifriger Bekämpfer derselben erreicht Nichts, als daß die Leute zu der Ansicht gelangen, es liege ihm am Regen, also auch au ihrem Wohl und Wehe überhaupt Nichts. Die Betschuanen zeigen im Umgänge ein offenes, zutrauliches und ein nehmendes Wesen, was jedoch mehr in einer Art Etikette und in Gewöhnung zu liegen scheint, denn oft verbergen sie hinter einem würdevollen Aeußern ein gutes Theil List und Ränke. Wie die meisten Wilden haben sie einen starken Hang zu stehlen, und der Reisende Andersson hatte in dieser Hinsicht unter den Betschuanen am See viel zu leiden. Sie übten an seiner Habe die Kunst des Verschwindenlassens so gründlich als meisterhaft, und als der selbe sich beim Häuptling über diese ewige Plünderung bitter beschwerte, lachte ihn dieser aus und sagte: „Da kann ich Dir nicht helfen — mich bestehlen meine eigenen Verwandten; aber einen Rath will ich Dir geben: hänge nur den Ersten, den Du ertappst, am nächsten Baume auf." — Die Betschuanen sagen, sie raubten kein Vieh, außer im Kriege; aber ihre kleinen Kriege haben eben in der Regel keinen andern Zweck, als den schwächer» Nachbar mit möglichst wenig Gefahr für sich selbst seines Viehes zu entledigen. Sie sind auch sehr rachsüchtig; wird aber der Beleidigte durch ein Geschenk versöhnt und gesteht der Gegner sein Unrecht ein, so erfolgt Versöhnung und anschei nend aufrichtige Herzlichkeit. Die Betschuanen üben, wie andere Afrikaner, die Beschneidung aus, ohne daß irgend welche religiöse Begriffe damit verknüpft wären; vielmehr erscheint dieselbe lediglich als eine überkommene sanitätische Maßregel. Die damit verbundenen Ceremonien halten sie sehr geheim. Die herangewachsene männliche Jugend hat eine Periode der Abhärtung und Kasteiung durchzu machen, avobei Ruthenhiebe bis auf's Blut eine Hauptrolle spielen. Ist diese145 , Jugenderziehung und Todtenbestattung. Prüfungszeit beendet, so wird der junge Mensch eingesalbt, nimmt sofort das Benehmen und die Tracht der Männer an und gilt für waffenfähig. Auch für die Mädchen giebt es eine Feierlichkeit, durch die sie ans der Klasse der Kinder in die der Erwachsenen aufrücken. Sie kommen eine Zeit lang unter die Aufsicht alter Weiber, welche sie über die Pflichten des Weibes belehren, unter denen passiver Gehorsam oben anstcht. Als eine Probe läßt inan sic ein Stück heißes Eisen tragen, um darzuthun, daß ihre Hände hart genug zur Arbeit sind. Sie werden dann mit Fett eingesalbt und die untere Partie des Kopfhaares abgeschnitten, die obere dagegen reichlich mit Butter und Ocher beschmiert. Sie legen nun mit vieler Selbstgefälligkeit die Tracht der Weiber an, und rechnen darauf, bald einen Mann zu bekommen. Die Todten werden Lei den Betschuanen gewöhnlich begraben. Die hierbei vorkommenden Ceremonien sind nach der Ocrtlichkeit wie nach dem Range des^ Verstorbenen verschieden; in der Regel verlaufen sie folgender maßen. Wenn die letzten Momente des Kranken herannahen, so bedeckt man den Körper mit einem Fell oder Netz, und hält ihn in sitzender Stellung, die Knie unter dem Kinn, bis das Leben erloschen ist. Dann wird sofort das Grab gemacht, oft gleich in der Viehhürde oder in der Hütte des Verstorbe nen. . Nachdem die Wände des Grabes mit einem gewissen Zwiebelgewächs abgericben worden sind, wird die Leiche in sitzender Stellung, mit dem Ge sichte nach Norden, hineingebracht und das Grab mit Erde aufgefüllt, welche >wei Männer fcsttreten. Sowie die Auffüllung vorschreitet, wird die Decke von der Leiche allmählich weggezogen. Einige Zweige, Wurzeln n. dgl. kom men mit in das Grab. Ist der Hügel fertig, so bücken sich die Umstehenden, und streichen mit den Händen die umherliegenden Erdreste auf denselben zu sammen. Dann kommt ein großes Wassergefäß mit einer Zwiebelabkochung; Männer und Weiber waschen sich die Hände und Füße, und rufen dazu Pnla! Pula! (Regen). Eine alte Frau bringt dann die Waffen des Ver storbenen, Bogen, Pfeile, Streitaxt, Lanzen, auch verschiedene Gartensämereien und andere Dinge; die Anwesenden wenden sich nun zum Grabe und sagen: „Da sind alle Deine Sachen." Schließlich werden diese Dinge wieder weg gebracht, Gefäße mit Wasser werden über das Grab ausgeleert und Alles zieht sich unter den Klagetönen der Weiber zurück. Nach Livingstone's Angaben benutzt man nicht selten, um die Mühe des Grabmachens nicht zu haben, die Höhle eines Ameisenfressers als Grabstätte, und er hat es zweimal erlebt, daß der so eilig Begrabene in seinem Loche aus einer schweren Ohnmacht erwachte und wieder nach Hause kam. Livingstone, Reisen in Afrika. 10146 Livingstonc bei den Bakuena's. Der Gesammtname Betschuanen, der bei allen Stämmen in Anwendung ist, soll nach Livingstone's Vermuthung soviel bedeuten als die „Gleichen", die „Genossen". Die Namen der einzelnen Stämme sind von gewissen Thieren hergenommen; so z. B. bedeutet der Stammesname Bakatla „die vom Affen", Bakuena „die vom Krokodil", Batlapa „die vom Fische". Es scheint dieser Umstand um so mehr auf einen ehemaligen Thierkultus schließen zu lassen, als auch der Begriff „tanzen" mit diesen Namen in Verbindung gebracht ist; will man nämlich einen Betschuanen fragen, welchem Stamme er angehört, so ist die Formel dafür: „Was tanzest Du?" Jeder Stamm hegt eine abergläubische Furcht vor dem Thiere, nach welchem er benannt ist, und ob- wol sie dasselbe tödten, essen sie doch niemals davon. Livingstone schloß sich an den Stamm der Bakuena's an, der etwa 200 englische Meilen nördlich von Kuruman seine Wohnsitze hat. Er begann da mit, daß er sich sechs Monate lang von allem Umgänge mit Europäern ab schloß, um sich ganz dem Studium der Sprache, der Sitten und Ansichten dieses Volksstammes widmen zu können. Er fand von Seiten des Häuptlings der Bakuena's, Namens Sitschili, eine herzliche Aufnahme, und beide Männer wurden bald innig befreundet. Sitschili lernte bald das Lesen und begann so fleißig die Bibel zu studiren, daß er, der sonst als großer Jagdfreund ziemlich mager war, bald ganz korpulent wurde. Er erklärte sich aufrichtig überzeugt von den Wahrheiten des Christenthums, gab sich viele Mühe, auch seine Untergebenen dafür zu gewinnen, und hätte sie am liebsten mit der Peitsche bekehrt; „denn," sagte er, „auf bloses Zureden glauben sie doch nicht, nur durch Prügel kann ich von ihnen etwas erreichen." In der Hoff nung, durch sein Beispiel zu wirken, ließ er sich einen Hausgottesdienst ein richten; aber außer den Seinigen nahm Niemand Theil. So blieb es längere Zeit. Eines der Haupthindernisse neben der dem Afrikaner eigenen Unlust, sich mit Dingen zu befassen, die außer seiner gewöhnlichen Sphäre liegen, war eben der Wahn, daß die neue Lehre Unheil bringe, daß in „dem Buche" ein schlimmer Zauber stecke. Gleich im Jahre der Niederlassung Livingstone's war eine auffallende Dürre eingetreten mit ihrem Gefolge von Mangel und Noth. Der Doetor gab den Rath, sich nicht länger auf Regenmacher zu verlassen, sondern das einzige wirksame Mittel gegen Wassermangel zu ergrei fen, nämlich einen guten, nicht austrocknenden Fluß aufzusuchen, einen Damm und Kanal anzulegen, und so das angrenzende Land zu bewässern. Der Plan fand Beifall, und der ganze Stanim zog sich nun eine Strecke weiter nach Süden an die Ufer eines Flusses, Kolobeng genannt. Hier richtete Livingstone zum dritten Male — denn er hatte inzwischen auch unter dem be nachbarten Stamme der Bakatla eine Station gegründet — mit eigenen Hän den sein Haus auf. Schon längst hatte er neben seinem Berufe als Arzt und Prediger den Maurer, Schmied, Schlosser, Zimmermann, Gärtner machen müssen. Das neue Dorf, ein Schulhaus, der Damm und der Kanal wurden fertig, und Alles ging im ersten Jahre ausgezeichnet. Aber im zwei-147 Livingstone bei den Bakuena's. ten Jahre fiel wieder kein Regen und im dritten eben so wenig. Der Fluß trocknete aus, und alle Schakals und Hyänen der Umgegend waren nicht im Stande, die Masse abgestorbener, faulender Fische zu bewältigen. Auch das vierte Jahr brachte nicht Regen genug, um das Korn zur Reife zu bringen. Oft Zug sich ein Gewitter zusammen, und der Donner schien einen erquicken den Regen anzukündigen, aber er blieb dennoch aus. Daß der Regenmacher unter solchen Umständen immer eine wichtige Person im Volke sein muß, ist erklärlich. Die Stammältestcn drangen oft in den Doctor, daß er dem Häuptling das Regenmachen erlauben möge. Das Korn kommt um, sagten sie, und wir werden zerstreut; laß ihn nur ein einziges Mal Regen machen, und wir wollen Alle in die Schule kommen und beten und singen, so lange es dir gefällt. Aber Sitschili hatte sich selbst schon des Glaubens an seine Kunst entschlagen, so schwer ihm dies nach seinem eigenen Geständnisse auch geworden war. Nachdem der Häuptling seine Anhänglichkeit an die neue Lehre drei Jahre lang offen bekannt und seine Untergebenen dafür zu gewinnen ge sucht hatte, verlangte er endlich für sich und seine Kinder die Taufe. Die nothwcndige Folge dieses Schrittes war, daß er sich von seinen Weibern, bis auf eine, trennen mußte. Er gab ihnen neue Kleider und Alles, waö sie in ihren Hütten von ihm in Gebrauch hatten, und schickte sic ihren Ver wandten zurück mit der Erklärung, daß er Nichts gegen sie habe, sondern nur seinem Glauben gemäß handeln wolle. Diese unerhörte Maßregel vermehrte natürlich die Zahl der Gegner beträchtlich; nichts desto weniger blieb das Benehmen der Leute gegen den Missionär freundlich und achtungsvoll. Die Haltung des Volkes während der unfruchtbaren Jahre war eine sehr gute. Die Weiber gaben ihr Geschmeide hin, uni von anderen, mehr begünstigten Stämmen Korn zu kaufen; die Kinder durchstöberten die Gegend nach allerlei Knollen und Wurzeln, und die Männer gingen aus die Jagd. Glücklicherweise fehlte es in der Gegend nicht an Wild. Büffel, Zebra's, Giraffen und vielerlei Antilopen waren in der Nähe, und da es zu den Pri vilegien der Häuptlinge gehört, daß sie von jedem von ihren Unterthanen geschlachteten oder erlegten Thiere das Bruststück bekommen müssen, so befand sich Sitschili in der Lage, auch die Missionärfamilie mit Fleisch zu versorgen, was er auf's Bereitwilligste that, so lange ihr dortiger Aufenthalt dauerte. Die reine, werkthätige Menschenliebe ist der Schlüssel auch zum Herzen des Wilden. Durch unermüdliche Arbeit und Sorge auch für das leibliche Beste seiner Gemeinde, durch Thcilnahme an dem Schicksale des Geringsten, durch Pflege der Kranken und Unterweisung in allerlei nützlichen Dingen wurde Livingstone ihr wahrer Wohlthäter, und sie lohnten es ihm durch dank bare Anhänglichkeit. Des Vormittags wurde Schule gehalten, zu der Alt und Jung Ungeladen waren. Des Nachmittags hielt die Frau des Missionärs ihre Kleinkinderschule, zu der die Kleinen, die sich sonst ohne Aufsicht umhertrieben, ungemein gern kamen, so daß ihrer oft hundert beisammen waren. Nicht 30*148 Livingstoiie's Abreise »ach dem ö!gami - See. weniger beliebt war eine Nähschule für Mädchen. Die Abende, Nächte und Morgen waren in jener Gegend außerordentlich erquickend, und der Gottesdienst wurde regelmäßig in den Abendstunden abgchalten. Für immer wollte jedoch Livingstone in diesem Stillleben nicht verhar ren; als christlicher Sendbote mußte er ans die Erweiterung des Arbeitsfeldes bedacht sein. Eine solche war den Umständen nach nur in der nördlichen Richtung möglich, da die feindlich gestimmten Transvaal-Boers, von denen weiterhin die Rede sein wird, unter den östlich wohnenden Stämmen keine Missionäre dulden wollten. In nördlicher Richtung lag, wie man längst wußte, der große See Ngami in einem fruchtbaren und bevölkerten Lande, und Livingstone beschloß, dieses noch von keinem Europäer gesehene Gewässer aufzusuchen. Um aber in gerader Richtung dahin zu gelangen, mußte ein Theil der großen, wasserlosen Kalihariwüste durchschritten werden, ein Unter nehmen, das schon öfters versucht, aber bis dahin noch nicht gelungen war, obwol die Eingeborenen in früheren Zeiten, wo die Regen in der Wüste häufiger waren, mit den Stämmen am See in fortgesetzter Verbindung ge standen hatten. Livingstone zog die genauesten Erkundigungen bei den Ein geborenen ein, und kam zu dem Entschlüsse, sich mehr am Saume der Wüste zu halten und so seinem Ziele auf einem Umwege entgegenzuziehen, Eine Reise an den Sec hatte auch für die Eingeborenen viel An sprechendes, denn es liefen märchenhafte Erzählungen uni von den dort zu findenden Reichthümern; das Elfenbein sollte dort so häufig sein, daß man die Umzäunungen aus Elephantenzähncn mache. Sitschili selbst wäre gern von der Partie gewesen, hätte er nicht einen feindlichen Angriff von den Boers zu besorgen gehabt, mit dem er auch nicht verschont bleiben sollte. Schon vor der Abreise begannen die Schwierigkeiten. Der nächste Be- tschuanenstamm gegen Norden ist der der Bawangwato mit dem Häuptling Sicomi. Zu diesem sandte Sitschili, um für die Gesellschaft die Erlaub- niß zur Reise durch sein Gebiet zu erhalten; es erfolgte eine abschlägliche Antwort. Sicomi wußte einen Weg nach dem See, ans dem er viel Elfen bein bezog, und damit gute Geschäfte machte; diesen Vortheil mochte er nicht aus den Händen lassen. Aehnliche handelspolitische Hindernisse des Fort kommens, neben den vielen natürlichen, sind in Afrika nicht selten, und haben ohne Zweifel viel dazu beigetragen, daß das Innere desselben so lange unbekannt geblieben. Die Stämme an den Grenzen mögen lieber selbst mit den Bewohnern des Innern Handel treiben, als Fremde zu ihnen lassen. Livingstone jedoch kehrte sich an Sicomi's Weigerung nicht, und die Reise wurde am 1. Juni 1849 angetreten, nachdem sich noch zwei Engländer, Oswell und Murray, angeschlossen hatten.Straubenjagd. Das Reisen in Südafrika. Die Wüste Kalihari. Das «Ireisen in den mensllwnlcercn oder wenig bevölkerten Theilen Süd afrika's ist selbst im glücklichsten Falle ungemein beschwerlich nnd zeitraubend. Die Nothwendigkeit, allen Reise- nnd Bivouakbedarf mit sich zu führen, er heischt starke und feste Wagen, und um diese auf ungebahnten Wegen, meisten- theils in weichem, nachgiebigem Sande fortzubringcn, ist wieder eine unge heure Zugkraft nöthig; die Bespannung eines beladenen Reisewagens ist da her in der Regel nicht unter 12 Stück Ochsen, ungerechnet die Reserve- thiere, die bei den so leicht möglichen Verlusten immer bereit gehalten werden müssen. Die Abwartung und Führung dieser Thierc erfordert dann wieder eine Anzahl Menschen, und so kommt es, daß eine Reisekarawane im mer zu einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft anschwillt. Der Ochs ist wegen seines ruhigen und geduldigen Ganges das vorzugsweise benutzte Zugthier, daher denn auch die Reise nur im Ochsenschritt gehen kann. Ein Paar Pferde werden indeß immer mitgenommen, da man ihrer zur Jagd bedarf; denn ohne Jäger und ohne ab und zu eine Mahlzeit von frischem Wild- pret — Giraffen, Zebra's, Antilopen u. s. w. — zu haben, wäre eine Land reise in Afrika kaum denkbar. Für das Pferd jedoch ist das Innere Süd-150 Das Reisen in Südafrika. afrika's eine unwirthliche Region; denn obwol sich in der Kapkolonie eine sehr gute Race ausgebildet hat, so steht doch das Pferd auf feindlichem Ge biet, sobald es den Orangefluß überschreitet, denn von hier bis zu einer un bekannten Grenze im Norden sind die Pferde — zuweilen auch Rinder, selbst Wild — in den Monaten November bis April einer Seuche unterworfen, die ihnen oft in ein Paar Stunden den Tod bringt. Selbst das Fleisch der so gefallenen Thiere ist giftig; es erfolgen auf seinen Genuß böse Karbunkel, nicht selten mit tödtlichem Ansgange. Hierzu kommt in gewissen Distrikten noch die gefürchtete Giftfliege, die sowol Pferden als Rindern verderblich wird. Der OchS ist vermöge seiner großen Ausdauer für Reisen in Afrika unschätzbar; er läßt sich sowol als Zug- und Lastthier, wie zum Reiten ge brauchen; nur kostet es nicht wenig Zeit und Mühe, das störrige Thier für seinen Dienst abzurichten. Hat man einen Ochsen zum Dressiren ansgewählt, so schleicht sich ein Mann in die Herde und fängt ihn niit einer starken ledernen Schlinge am Hinterfuße, während mehrere Männer den langen Fang riemen halten. Es beginnt nun ein harter Kampf zwischen dem wüthenden, schäumenden und brüllenden Thiere und seinen Häschern, der zuweilen für Letztere so gefährlich wird, daß sie dasselbe wieder loslassen müssen; in der Regel jedoch gelingt es, nachdem dasselbe sich einigermaßen abgetobt hat, eine andere Schlinge an seine Hörner zu bringen, seinen Schwanz zu er fassen und ihn zu Boden zu werfen. Nunmehr wird ihm ein kurzer, starker Pflock von besonderer Form in den Nasenknorpel eingezogen, und an dessen Enden zwei Riemen befestigt, die als Zaum dienen. Bei der großen Em pfindlichkeit seiner Nase läßt er sich nunmehr leichter behandeln; ist er noch bösartig, so wird er auf's Neue geworfen und geknebelt. Die angehenden Packochsen werden gewöhnlich zwischen zwei zahme Ochsen gebunden, neben welchen zwei Männer gehen. Anfänglich wird ihnen nur ein leerer Sack oder dergleichen auf den Rücken gelegt und festgebunden; nach und nach wird das Gewicht vermehrt, und obwol daS Thier wüthend darüber wird und sich alle Mühe giebt, die ungewohnten Dinge abzuwerfen, so muß es sich schließlich doch darein finden. Haben sich aber endlich die Ochsen auch an den Pack oder an den Sattel gewöhnt, so bleibt noch die Hauptsorge für einen guten Leitachsen. Nur sehr wenige Thiere eignen sich für dieses Amt. Gewohnt an ein truppweises Beisammensein, will kein Ochse vor seinen Ka meraden viel vorausgchen oder wesentlich Zurückbleiben. Das Vorangehen des Anführers allein kann verhüten, daß nicht die ganze Karawane plötzlich stillsteht. Das Reiten auf Ochsen ist für den Neuling eine sehr unbequeme Sache. Das Fell des Ochsen ist lose und trotzdem, daß der Sattel festge gürtet ist, schaukelt man hin und her wie ein Kind in der Wiege. Der Zaum darf nicht wie beim Pferde gehandhabt werden, denn bei jedem einseitigen Zuge würde der Pflock aus dem Nasenknorpel herausspringen; man muß beide Riemen gleichzeitig anziehen und nach der Seite führen, wohin manDas Reisen in Südafrika. 151 bas Thier lenken will. Mit der Zeit gewöhnt man sich auch an das Reiten auf Ochsen und findet endlich, daß es gar nicht so unangenehm sei. Je nach der Beschaffenheit der Gegend sind auch die zu überwindenden Schwierigkeiten verschieden. Äst das Land offen, d. h. mit wenig oder gar keinem Pflanzen- und Holzwuchs besetzt, so hat man gewöhnlich weichen Sand oder zuweilen auch scharfes Gestein unter den Füßen. Die Karawane schleicht mühsam durch die schatten- und wasserlose Einöde hin; vom wolkenlosen Him mel schießt die Sonne glühende Strahlen auf den nackten Sand oder Fels herab, brennender Durst und verzehrende Hitze quälen Menschen und Vieh, ja plötzlich tödtlicher Sonnenstich ist unter solchen Umständen nichts Seltenes. Eine andere Gegend ist vielleicht etwas reichlicher mit Wasser gesegnet; Bäume und Buschwerk überziehen den Boden mit einer Art niedrigem Walde, der doch dem Reisenden tausendmal willkommener sein sollte, als die glü hende Sandsteppc. Aber die Wege in diesem Walde sind eitel Dornenpfade; ganz Südafrika ist die Heimat abscheulicher Dornen; die überall wachsende Acacia detinens, die von den Holländern den drolligen, aber bezeichnenden Namen „Wart' ein Bißchen" erhalten hat, ist nicht das einzige derartige Muster. Andersson sah auf seinen Reisen im Damaraland nicht weniger als sieben verschiedene Arten von Büschen und Bäumen, die sämmtlich vollkom mene Wart' ein Bißchen waren, wahre Quälgeister für den vorwärtsstrebeu den Reisenden, der trotzdem, daß er eine kräftige Axt führt, doch oft am Durchkommen verzweifelt. Nimmt man mit Andersson an, daß eine einzige dieser starken, naturwüchsigen Fischangeln etwa 7 Pfund zu tragen vermag, so läßt sich denken, was die Folge sein muß, wenn auch nur ein Paar- Dutzend gleichzeitig auf den Eindringenden Beschlag legen. Die Kleider in Fetzen verwandelt, die Haut bei Menschen und Thieren blutend, entzündet und mit Dornen gespickt, das Wagenzeug zerrissen — so geht man aus dem Kampfe mit diesen stummen Hütern der Wildnis; hervor. Selbst der Marsch über weite, wogende Grasebenen, wo also das Ter rain sich scheinbar am günstigsten gestaltet, hat seine besonderen Beschwerlich keiten. Je höher das Gras sich erhebt — und es wird oft über inanns- hoch — desto furchtsamer und unlenksamer werden die Zugthiere, so daß die Treiber oft alle Herrschaft über dieselben verlieren. Ihr Instinkt sagt ihnen, baß es in diesem Graswalde nicht geheuer sei, daß sic hier am leichtesten die Beute von Raubthieren werden können. Dieselbe wohlbegründete Furcht theilt auch das grasende Wild: alle Antilopen u. dgl. fliehen die aufschießen den Savannen und ziehen eine magere Weide vor, auf der sie sich frei Um sehen können. Nicht selten, besonders in den an der Westküste gelegenen Landstrichen, wählt man gleich das Bett eines periodisch oder für immer ausgetrockneten Flusses als Straße, weil man in ihm vergleichsweise noch die wenigsten Terrainschwierigkeiten antrifft. Hier findet mau auch n»ch am ersten eine übrig gebliebene Wasserpsütze oder eine feuchte Stelle, an der man mit eini-152 Das Reisen in Südafrika. gem Erfolg nach Wasser graben kann, wobei es freilich eine unangenehme Zugabe bleibt, daß in dem Geröhricht solcher Flußbetten Löwen und andere Bestien sich aufhalten nnd die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß in dem entfernten Hügellande ein heftiges Ungewitter sich entladet nnd die trockene Wasserstraße plötzlich zum wüthenden Strome wird. Hat man endlich des Tages Last und Hitze getragen und ist, vielleicht unter Führung verdächtiger Buschmenschen, glücklich an einem Orte angekom- men, wo sich ein Weiher oder eine gute Quelle befinden soll, an der man ein Zigeunernachtlager anfschlagen könnte, so kann man abermals von Glück sagen, wenn man nicht statt trinkbaren Wassers ein ausgetrocknetes Loch oder eine» widrigen Sumpf findet, den die zur Nachtzeit hier zur Tränke kommen den Elephanten, Rhinocerosse u. s. w. eingerührt haben. In solchem Falle bleibt dann freilich Nichts übrig, als zum Spaten zu greifen, um durch stun denlanges Graben nnd Ausräumen eine weniger dicke Brühe zu gewinnen, während die verschmachtenden Zugthiere in ihrer Ungeduld immer zudring licher und unbändiger werden. Hat man endlich das ersehnte Wasser gefun den, die Thiere getränkt nnd festgemacht, und für ein tüchtiges Feuer die Nacht hindurch zur Verschenchung der Raubthiere gesorgt, so gehört schon eine sehr abgehärtete Natur dazu, wenn man trotz der Nachtmusik, welche vielleicht von einigen Löwen in sehr bedenklicher Nähe angestimmt wird, es zu einigem Schlafe bringt, ans dem man möglicher Weise mit steifen Glie dern erwacht, denn es kann sich ereignen, daß es die Nacht über bitter kalt geworden ist. Aber nicht der Durst allein, sondern auch die Eßlust macht sich in dem austrocknenden Klima von Südafrika recht lebhaft geltend. Ganz im Gegen satz zu den Bewohnern feuchtheißer Länder sind die Eingeborenen hier uner sättliche Fleischfresser; aber der Reisende findet bald, daß auch ihm eine starke Fleischkost unentbehrlich ist. Demnach bildet die Jagd die Hauptsubsistenzquelle des Wüstenwanderers; doch bietet die Natur gelegentlich auch noch einige an dere Aushülfen gegen Hunger und Durst. Ein stets willkommener Fund ist z. B. ein Stranßnest, in dem zuweilen 30— 40 und mehr Eier angetroffen und nach Bedürfniß auf sehr einfache Weise in Straußeneierkuchen verwandelt werden. Man macht an dem einen Ende ein kleines Loch, thut etwas Pfeffer und Salz hinein, schüttelt das Ei, bis Weißes und Gelbes gut gemischt ist, und legt es in heiße Asche. Der Inhalt eines Eies, obwol er dem von 24 Hühnereiern gleichkommen mag, wird doch für einen Mann in Afrika nicht als zu viel befunden, und der Umstand, daß das Ei einen starken un angenehmen Geschmack hat, schließt cs nicht von der afrikanischen Küche aus. Eine andere gelegentliche Gabe der Natur bilden die Heuschrecken. Diese Landplage, obwol von Jedem gefürchtet, der nur ein Fleckchen Boden bebaut, ist doch andererseits für Mensch und Thier ein wahrer Segen. Nicht allein der arme Buschmann, auch alle anderen wilden und civilisirten BewohnerDie Heuschrecken. 153 des Landes wissen sic zu schätzen; Rindvieh, Schafe, Schweine, Löwen, Ele- phanten, Hyänen, eine Menge Vögel, Alles schmaust und gedeiht davon. Die Heuschrecke entwickelt sich nach einem Regen in sandigen Grasebenen aus den dort niedergelegten Eiern. In ihrem unvollkommenen oder Larven zustande hat sie noch keine Flügel, sondern erscheint als ein hüpfendes, an kleine Frösche erinnerndes Wesen, das die Kapkolonisten Läufer nennen. In diesem Zustande durchzieht es, Alles verwüstend, ungeheure Länderstrecken, selbst Weiher und Flüsse können es nicht aufhalten. Millionen kommen auf diesen Wanderungen um, ohne daß eine Abnahme ihrer Menge zu bemerken (Siu Heuschreckenzug. wäre. Selbst Feuer, wodurch die Kolonisten die gefürchteten Gäste anfzu- halten suchen, werden durch die Menge derselben erstickt. Im vollkommenen, geflügelten Zustande erheben sich die Heuschrecke» in solchen Massen, daß sie buchstäblich die Luft verdunkeln. Das Geräusch ihrer Flügel wächst dabei zu solcher Stärke an, daß es klingt, als ob ein Sturm durch das Takelwerk eines vor Anker liegenden Schiffes sauste. Interessant ist cs, ans einiger Entfernung den fortwährenden Formenwechsel zu beobachten, in welchem die bald sänken-, bald wolkenförmigen Züge begriffen sind. Während sie über eine Gegend hinziehen, lassen sich immer eine Menge derselben zur Erde nie der, was einem Schneefall oder Blätterregen nicht unähnlich sieht; die allge154 Heuschrecken und wilder Honig. meine Rast jedoch findet gegen Abend statt, und dann wehe der Gegend, die sie sich zum Nachtquartier ausersehen haben; so reich an Vegetation sie sein mag, wenn die Heuschrecken mit Sonnenaufgang weiter ziehen, ist sie in eine Wüste verwandelt. Ihre Gefräßigkeit erstreckt sich nicht allein auf alles Vegetabilische, sondern sie verzehren nach Moffat's Anführen selbst Flanell und Leinen und schonen einander selbst nicht, denn wenn eine Heuschrecke matt oder zum Krüppel wird, so fallen sofort andere darüber her und fressen sie auf. Heuschrecken sind jedenfalls sehr nahrhaft, wenn sie auch den Euro päern, verschiedenen Aeußerungen zufolge, nicht so gut munden als den Ein geborenen. Der Eine vergleicht ihren Geschmack mit dem von Krabben oder Krebsen, der Andere findet ihn vegetabilisch. Man verzehrt sie entweder so gleich halb geröstet, oder dörrt sie völlig in heißer Asche ans und hebt sie so für künftigen Bedarf auf. Heuschrecken und wilder Honig bilden eine alttestamentliche Zusammen stellung, die in Afrika noch heute für zweckmäßig befunden wird. Die Heu schrecken stellen sich von selbst ein, und den Honig zeigt der berühmte Honig vogel an. Wenn auch die Erzählung von diesem merkwürdigen Vogel ge wöhnlich und hergebrachtermaßen mit zu den naturgeschichtlichen Brocken ge hört, welche den Kindern in unseren Volksschulen verabreicht werden, so bleibt es doch interessant, eine alte Geschichte von einem neuern Beobachter wicder- erzählt, respectivc bestätigt zu sehen, da man bekanntlich jetzt die Natur mit anderen Augen anzuseheu gelernt hat und viele erstaunliche Erzählungen sich im Laufe der Zeit als blose Märchen erwiesen haben. „Dieser kleine hell graue Vogel/' sagt Cumming, „leitet den, der ihm folgt, unfehlbar zu einem wilden Bienenstöcke. Zwitschernd und in lebhafter Erregung setzt er sich auf einen Zweig neben den Reisenden, und sucht durch allerhand kleine Manöver dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ist ihm dies gelungen, so fliegt er in gewundenem Fluge fort nach der Gegend des Bienenstockes zu, läßt sich da und dort nieder und sieht sich um, ob auch der Reisende folgt, und unterhält dabei ein fortwährendes Zwitschern. Ist er endlich bei dem hohlen Baum oder verlassenen Ameisenbau angekommen, der den Honig enthält, so läßt er sich einen Augenblick darauf nieder, deutet mit dem Schnabel auf die Stelle, nimmt dann seinen Platz auf einem benachbarten Zweige und wartet mit Spannung auf den Theil der Beute, der ihm zufallen wird. Ist der Honig herausgenommen, was nach Ausräucherung der Bienen mit an gezündetem Gras geschieht, so führt der Vogel oft nach einem zweiten und dritten Bau." Allgemein ist der Glaube, daß der Vogel seinen Nachgänger zuweilen in Gefahr bringe und in die Nähe wilder Miere führe, und auch Cumming kam auf diese Weise einmal hart an ein riesiges Krokodil; indeß lassen sich solche Fälle doch gewiß als blose Zufälligkeiten erklären. Der genannte Jäger hatte übrigens oft Ursache, den geschwätzigen Vogel zu ver wünschen, wenn er mit Eingeborenen der frischen Fährte eines Elephanten folgte, denn sobald der Vogel seine Locktöne erschallen ließ, überließen sieNahrungsmittel aus der Pflanzenwelt. 155 Jäger und Elephanten ihrem Schicksal und liefen nach der leichtern und süßern Beute. Ueberhaupt wird die Jnsektenwelt, die dem Europäer als Nahrungs quelle so wenig zusagt, von dein Afrikaner niehrfach in Anspruch genommen. So leben auf gewissen Bäumen und Buschen große Raupen, die sich im natürlichen Verlaufe zu schönen Schmetterlingen entwickeln, so weit sie nicht schon im Raupen- oder Puppenzustande, wo sie von den Eingeborenen noch weit mehr als Heuschrecken geschätzt werden, ihres Daseins Ende finden. Selbst gewisse Spinnen und große weiße Ameisen haben ihre Liebhaber, de nen sie als Leckerbissen gelten. Weit lieber jedoch dürfte es dem europäischen Reisenden sein, auf seinem Wege Landschildkröten anzutreffen, die hier so gut munden wie überall, und vielleicht lernt er den von Livingstone eingeführten großen Frosch noch höher schätzen, da er gekocht die Größe und den Wohl geschmack eines jungen Huhnes hat. Dieses respektable Wild bewohnt die Wüste, wo sein Brüllen dem Neulinge als eine Ankündigung nahen Was sers erscheint, was sich jedoch oft als eine Täuschung erweist, denn der Frosch kann sich sehr lange ohne Wasser behelfen, und verbringt solche Trockenperioden mit Stillsitzen in Erdlöchern. Das Pflanzenreich liefert in den verschiedenen Jahresperioden eine große Anzahl der verschiedensten Wurzeln, Knollen, Zwiebeln, Schoten, Beeren u. s. w., von denen einige genießbar, andere unbedingt schädlich sind, wieder andere durch Kochen ihre schädlichen Eigenschaften verlieren. Hier wie überall im fremden Lande gilt daher die goldene Regel, Nichts zu kosten, wovon man nicht zuvor Eingeborene hat essen sehen. Gewisse dornige Büsche schwitzen ein Gummi aus von zuckersüßem Geschmack, von dem man große Quanti täten ohne Schaden zu sich nehmen kann. Eine Gurkenfrucht mit orange farbenem Fleisch, sehr saftig und angenehm schmeckend, die Nara, ist besonders an der sandigen Westküste einige Monate im Jahre der Hanptlebcnserhalter für Mensch und Thier. Sie überzieht den sterilsten Sandboden, und nützt nicht allein durch ihre Frucht, sondern auch dadurch, daß sie mit ihren tau sendfältigen Verzweigungen de» Boden zusammenhält, der ohnedies reiner Flugsand sein würde. Ein weit größeres Areal nimmt eine besondere Me- loncnfrucht (Cucumis calTer), die sogenannte Wassermelone, ein. Sie be wohnt besonders die Wüste Kalihari und ähnliche Ebenen, entwickelt sich aber in ihrer ganzen Fülle nur in Jahrgängen, die reichlicher als gewöhnlich mit Regen gesegnet sind. Dann überzieht sie den Boden mit einem dicken Vege tationsteppich, und bringt einen großen Theil des Jahres hindurch tausend faltige Frucht; die ganze vierbeinige Schöpfung von Elephanten, Rhinoceros- sen, Antilopen, Hyänen, Löwen, Mäusen n. s. w. schwelgt dann gleich dem Menschen in dem Segen der Natur. Sonst ganz unausführbare Reisen über wasierlose Steppen werden in solchen Melonenjahren möglich, da Men schen, Pferde und Ochsen kein Bedürfniß nach Wasser empfinden, so lange die Melone sie mit Speise und Trank zugleich versorgt. Es giebt aber auch156 Die Wüste Kalihari. viel ungenießbare, schädliche Melonen, die sich durch einen bittern Geschmack verrathen. Sie sind äußerlich nicht von den anderen unterscheidbar, gehören überhaupt zu derselben Art, und es scheint sonach dasselbe Berhältniß obzu walten wie bei uns zwischen süßen und bitteren Mandeln. Die merkwürdigste Eigenthümlichkeit der Flora Sttdafrika's aber, obwol ganz in Uebereinstimmung mit den natürlichen Verhältnissen des Landes, ist wol die, daß zahlreiche Pflanzenarten, um die Perioden großer Dürre über dauern zu können, sich gleichsam einen Wasservorrathskeller anlegen, indem sie tief in der Erde außerordentlich große saftreiche Wurzelknollen bilden. Solche natürliche Keller sind für Menschen und Thiere ein unschätzbares Labsal und schon oft das letzte Rettungsmittel vom Tode des Verschmach- tens gewesen. Aber es gehört ein geübter Blick dazu, um die Gegenwart dieses Schatzes jederzeit zu erkennen. Ein wenige Zoll hoher dürftiger Sten gel, etwas niedriges Kriechkraut deutet an, daß in der Tiefe von 1—iy 2 Fuß, unter einer wie Ziegelstein hart gebrannten Erdrinde eine saftige er quickende Knolle von Kindes- bis Manneskopfgröße zu finden ist. Gewisse Arten breiten sich von einem Punkte nach allen Seiten aus, und. in diesem Falle führt die Entdeckung einer Knolle auf einen ganzen Kreis anderer. Der arme verschmachtende Wüstenbewohner kennt alle die unterirdischen Schätze, und hebt sie mit Hülfe eines spitzen hartgebrannten Stockes. Wo äußere Zeichen fehlen, klopft er mit Steinen an den harten Boden und urtheilt nach dem Klange. Auch das Wild, namentlich verschiedene Antilopcnarten, ver steht sich auf das Aufsuchen und Aufgraben solcher vegetabilischen Brunnen. Die Knollen sind meistens weiß, von wenig Geschmack, etwa wie Wasser rüben, und besitzen vermöge ihrer tiefen Lagerung eine höchst erquickende Frische. Die in mehrfacher Hinsicht merkwürdige Ebene, welche sich vom Orange- flnß bis hinan gegen den See Ngami erstreckt, entspricht nicht dem Bilde, das wir uns gewöhnlich von einer Wüste machen, denn sie ist keineswegs ohne Vegetation und Bewohner, obwol sie keine Flüsse und nur sehr wenig Quellwasser hat. Nur einzelne ausgetrocknete Flußbetten beweisen, daß hier wie in ganz Südafrika das Wasser einst viel weniger selten war als heutigen Tages; sonst ist dieser Landstrich in seiner ganzen Ausdehnung merk würdig eben. Der Boden ist im Allgemeinen leicht gefärbter weißer Sand, fast reiner Kiesel. Trotzdem aber bietet die Gegend nicht den Anblick einer Sandsteppe, sondern zeigt einen viel höher» Grad von Fruchtbarkeit, als sich unter solchen Umständen erwarten ließe. Dies kommt nach Livingstone's Vermuthung daher, daß die Wüste ein Bassin bildet, dessen Ränder von Felsenriffen und Hügelland eingesänmt sind, so daß aus weiter Ferne her sich unterirdische Wasseradern unter der Ebene hinziehen mögen. Die Möglichkeit hierzu gewährt eine nicht tief unter der Oberfläche streichende Schicht harten Sandes oder jungen Sandsteins, welche beim Graben nachDie Wüste Kalihari. 157 Wasser sorgfältig geschont werden muß, denn wird dieselbe aus Unvorsichtig keit durchbrochen, so verschwindet das Wasser unwiederbringlich in der Tiefe. An einer solchen Wüstenquelle angekommen, die einen dreitägigen Durst löschen und für weitere drei wasserlose Tage Stärkung geben sollte, fand Li- vingstone's Reisegesellschaft zu ihrer großen Bestürzung nur einen mit Busch werk umwachsenen Platz mit aufgewühlten Löchern, fast ohne alles Wasser. Auf die Versicherung der Führer jedoch, daß Wasser genug vorhanden sei, ging es an ein Graben und Ausräumen des Sandes mit Spaten und bloßen Händen, bis ein Paar 6 Fuß tiefe Gruben fertig waren und man auf der festen Sandschicht angekommen war. Hier sickerte nun das Wasser von allen Bakalihari- Weiber Wasser holend. Zeiten herein, obwol so langsam, daß die Gesellschaft ein Paar Tage liegen bleiben mußte, um ihren vollen Bedarf für Menschen und Vieh einnehmen zu können. In welcher Art die Eingeborenen solche Wasserplätze ausbeuten, werden wir weiterhin sehen. Die Kalihariwüste ist größtentheils mit Gras bewachsen, das eine erstaun liche Höhe erreicht. Es steht in getrennten Gruppen; die Zwischenräume sind, so weit sie nicht kahle Stellen bilden, mit jener schon erwähnten so manch- faltigen Flora von kriechenden, knollenführenden Pflanzen, Wassermelonen und Kürbissen überzogen; an anderen Stellen finden sich große Gruppen von Gebüsch und selbst Baumwuchs. Dieses ungeheure sandige, durstige Flachland wird von zwei Menschen-158 Die Bakalihari. stammen spärlich bewohnt, die sich in allen Stücken unähnlich sind, außer daß Hitze und Durst, dürftige Nahrung und anstrengende Lebensweise ihnen in der Regel eine so magere, sehnige, skelettartige Körperbeschaffenheit ver liehen haben, wie sie sich höchstens bei australischen Eingeborenen wieder findet, die sie aber gleichwol befähigt, große Anstrengungen und Entbehrungen auszuhalten. Diese Leute sind Bakalihari d. h. „die in der Wüste" und Buschmänner. Die Bakalihari sind augenscheinlich ein alter Betschuanenstamm, und sollen sich vor Zeiten in guten Umständen befunden haben, bis neu einge wanderte Schaaren ihres eigenen Stammes ihnen ihr Vieh und ihre Ländereien raubten und sie in die Wüste drängten. Sie haben trotz dieses Schicksals wechsels ihre alte Liebe zu Ackerbau und Viehzucht nicht verloren, können aber freilich in der Wüste nicht viel mehr thun, als ein Fleckchen mit Melo nen und Kürbissen bebauen und einige Ziegen aufziehen, für die sie das Wasser oft löffelweise sammeln müssen. Die Bakalihari sind friedsame, schüchterne Leute, die sich darauf beschrän ken ihrem Unterhalte nachzugehen, und nicht einmal Häuptlinge brauchen. Ueber einen langen Wüstenstrich hin verstreut, suchen sie sich in der Regel unter benachbarten Betschnanen einflußreiche Gönner, damit sie im friedlichen Tauschhandel sich Speere, Messer, Tabak und Hunde verschaffen können, wo für sie als Gegenwerth allerlei Thierfelle liefern, unter denen besonders die Felle einiger kleinen katzenartigen Raubthiere als schönes Pelzwerk geschätzt sind und in weite Ferne Absatz finden. Die Betschnanen gerben diese Felle, nähen sie in Karosse (Pelzmäntel) zusammen, für die sie stets willige Ab nehmer finden und die eigentlich' der Haupthandelsartikel jener Gegenden sind. Für die Karosse tauscht der Betschuane Rindvieh ein, denn der höchste Reich- thum sind ihm Kühe, und so würden alle Theile sich gut bei dem Handel stehen, wenn nicht die menschliche Verderbtheit überall Unheil stiftete. Nicht selten nämlich gehen Betschnanen eines Stammes in die Wüste zu den Ba- kalihari-Schützlingen eines andern, und nehmen diesen ihre Vorräthe an Fellen weg, und der beleidigte Stamm übt dann vielleicht das Wiedervergeltungs recht nach dem Grundsätze: Prügelst Du meinen Juden u. s. w. Die Furcht vor solchen Besuchen veranlaßt die armen Menschen sogar ihre Wohnplätze weitab von Wasser anzulegen; nicht selten auch verbergen sie das Wasser, das sie sich ergraben haben, indem sie das Loch wieder mit Sand füllen. Soll aus solchen unterirdischen Vorräthen Wasser entnommen werden, so kommt die Frau mit einem Sack oder Netz leerer Straußeneier und höhlt eine Vertiefung aus, so weit der Arm reichen will. Hierein stellt sie ein Schilfrohr, an welches unten ein Büschel Gras gebunden ist, rammt das Loch mit dem herausgenommenen feuchten Sande wieder fest zu und fängt an an dem Rohr zu saugen. Das in dem Grasbüschel sich sammelnde Wasser tritt allmählich in dem Rohr in die Höhe und die Pumpe kommt in Gang. Ein Mund voll nach dem andern wird herausgezogen und an einem Stroh-Die Buschmänner. 159 Halme in ein daneben liegendes Straußenei abgelassen. Sind in dieser Weise 20—30 Eier gefüllt und die Oeffnung derselben mit Gras verstopft, so trägt man sic nach Hause und vergräbt sie sorgfällig. Der Buschmann ist der eigentliche Wüstenbewohner, der hier nicht wie die Bakalihari als Ausgestoßener, sondern auf seinem angestammten Dominium lebt. Möglich jedoch, daß diese verschriene Nation einmal die einzige Einwohnerschaft Südafrika's ge bildet hat und erst von eingewan derten Stämmen m die Wüsten und Wälder des In nern gedrängt wurde. Hier fin den sie sich aus die ungeheure Ausdehnung von der Kapkolonie an bis hoch über die Breite des Ngamisees über all zerstreut, mei stens in Todfeind schaft mit den be nachbarten an ders gearteten Stämmen lebend. Selbst die Na- maqua's undDa- mara's an der Westküste dünken sich höhere We sen zu sein als die Buschmän ner, tödten sie, wo sie sie finden, oder machen sie zu ihren Sklaven. Die mehr nördlich wohnenden Busch männer, die ein gesegneteres Land inne haben und daher in besseren Ver hältnissen leben, scheinen mit ihren Nachbarn auf friedlicherem Fuße zu ste hen, und unterscheiden sich von ihren südlicher wohnenden Brüdern nicht nur in der Mundart, sondern auch sonst zu ihrem Vortheil. Der Buschmann baut weder das Land, noch hält er sich irgend ein Vieh, Der Buschmann.lfiO Die Buschmänner. einen häßlichen Hund ausgenommen. Er lebt lediglich von Wild und von dem, was die Weiber au Wurzeln und Früchten zusammensuchen. Er kennt alle Lebensgewohnheiten des Wildes auf das Genaueste und folgt ihm auf seinen Wanderungen auf dem Fuße, eben so wie der Löwe und andere rei ßende Thiere. Löwe und Buschmann haben ferner das mit einander gemein, daß sie auch das zahme Rindvieh ihrer seßhaften Nachbarn für eine Art Wild ansehen, und zwar für ein sehr gutes: sie sind beide gefürchtete Bieh- räuber. Kapbauern, Griqua's und Betschuanen werden gleicherweise von den Buschmännern in Contribution gesetzt. Namentlich in der Kapkolonie, wo das Wild immer mehr abnahm und die Viehherden immer häufiger wur den, haben sie sich ihr schlechtes Renommee erworben. Aber sie haben auch dafür büßen müssen. Der ganze Landstrich innerhalb der Kolonie, der auf den Karten gewöhnlich noch als Buschmannsland bezeichnet wird, ist bis auf wenige Reste von ihnen gesäubert. Die Kapbauern haben einen förmlichen Vernichtungskrieg gegen sie geführt, sie in ihren Verstecken aufgesucht und ohne Gnade niedergeschosseu. Nur die Kinder wurden verschont, um sie zu zähmen und zu Haussklaven zu erziehen. Die Kaffern sind ebenfalls freche Viehdiebe; aber sie entführen das Vieh, um ihre Herden damit zu vergrößern, und wenn sie so hart verfolgt werden, daß sie ihre Beute nicht fortbringen können, so lassen sie dieselbe im Stiche, ohne dem Vieh Etwas zu Leide zu thun. Der bösartige Buschmann dagegen hat in solchen Fällen die Gewohnheit, das Vieh, das er aufgeben muß, auf grausame Weise zu schädigen. Er schießt vergiftete Pfeile auf dasselbe, schneidet ihm die Sehnen durch oder große Stücke vom lebendigen Leibe. Es ist begreiflich, daß sich unter solchen Umständen die Wuth der Eigenthümer gegen die Buschmänner auf das Aenßerste steigern muß. Entkommt der Buschmann mit dem geraub ten Vieh, so weiß er eben nichts Besseres damit anzufangen, als daß er es an dem ersten sichern Orte schlachtet und davon so lange zehrt und schlingt, bis das Fleisch faul geworden ist. Kann der Buschmann mit seiner Beute die Wüste gewinnen, so ist ihm selten beizukommen, selbst wenn die Verfolger beritten sind. Denn diese können nur bei Tage folgen, müssen oft absteigen, um die Spur nicht zu verlieren und leiden mit ihren Pferden bald an Wasser mangel. Die Buschmänner bagegen treiben Tag und Nacht vorwärts; sie ha ben vorher in großen Zwischenräumen mit Wasser gefüllte Straußeier in der Erde verborgen, die ihre Weiber aus erstaunlichen Entfernungen herbeiscklep- pen, und ihre Lokalkenntniß ist so sicher, daß sie diese Vorräthe stets bei Nachl wie bei Tage wieder auffinden. Wenn der Buschmann in die Enge getrieben wird, so ist er kein ungefährlicher Gegner und leistet verzweifelte Gegenwehr. Mit einem kleinen Bogen, der mehr einem Spielzeug als einer Waffe gleicht, schießt er vergiftete Pfeile, deren Wirkung eine höchst gefährliche ist, wenn nicht schleunig Gegenmittel angewandt werden. Das Gift wird theils von Schlangen, theils von giftigen Raupen und Pflanzen genommen, und in den Gegenmitteln spielt meist Fett eine Hauptrolle.Der Sec Ngami. Es war am 1. Juni 1849, als Livingstone und seine Begleiter von Kolobeng aufbrachen, um den vielberufenen, noch von keinem Weißen gesehe nen See Ngami aufzusuchen. Die Karawane zählte mit den Führern und Treibern etwa ein Dutzend Menschen, dazu einige 80 Ochsen und 20 Pferde. Anfänglich durchzogen sie bekannte Gegenden auf dem Wege, der zu den Ba- mangwato's führt, bis sie in der Nähe derselben links in die Wüste einbogen. Vergeblich sandte Sicomi Boten, um die Reisenden von ihrem Vorsätze ab zubringen. Bald bekamen sie auch einen Vorschmack von den Mühseligkeiten und Entbehrungen, die ihnen noch bevorstehen sollten. Das Land war in der Regel durchaus eben und der Boden bestand aus tiefem, weißen Sande, in welchem sich die Zugochsen nur mit größter Mühe und Langsamkeit fort arbeiten konnten, lieber Tages war vor Hitze, obgleich es jetzt Winter war, mit dem Vieh gar nicht fortzukommen, und nur am Morgen und Abend konnte eine kurze Strecke zurückgelegt werden. Weit und. breit zeigte die pfadlose Gegend eine fast beängstigende Gleichförmigkeit; die endlosen, über die Sandsläche verstreuten Busch- und Baumgruppen waren sich stets so ähn lich, daß schon bei einer geringen Entfernung von der Karawane der Einzelne Livingfrone, Reisen in Afrika. 11162 Die Salzpfanne. Der Fluß Zonga. in Gefahr kam sich zu verirren. Dabei war es ein Glück, daß wenigstens der eingeborene Führer seiner Sache sicher war nnd die wenigen Plätze, wo überhaupt Wasser zu finden oder zu hoffen war, nicht verfehlte. Gegen Ende des Monats gestalteten sich die Dinge etwas besser; man war in ein altes Flußbett nnd in eine Gegend gekommen, wo Wasser und Graswuchs weniger selten waren und man die Ueberzeugung hegen durfte, daß die Zeit des Durstleidens vorüber sei. Jetzt fingen die Reisenden an, fleißig nach dem zu entdeckenden See sich umzuschauen, nicht ahnend, daß sie noch über 300 engl. Meilen davon entfernt waren. Einmal glaubten sie ihn leibhaftig vor sich liegen zu sehen, aber der Entdeckungsjubel verstummte bald wieder. Die Ge sellschaft war in der Nähe einer sogenannten Salzpfanne angekommen, wor unter man sich einen Weiher oder See zu denken hat, der durch die Sonnen hitze ausgetrocknet ist, während die im Wasser aufgelösten Salze, entweder wirkliches Kochsalz oder Salpeter, sich niedergeschlagen haben und den Boden mit einem Ueberzuge von Krhstallisationen bekleiden. Eine solche Salzpfanne von mehrstündigem Umfange lag vor den Reisenden. Ein breiter Baum gürtel säumte die Ufer ein, und die weiße Salzebene des Grundes erschien durch die Luftspiegelung bei untergehender Sonne in den schönsten blauen See verwandelt. „Nicht das Mindeste," sagt Livingstone, „brauchte die Phan tasie hinzuzuthun, um das treffende Bild , einer großen Wassermasse zu haben. Die Wogen tanzten auf und nieder, und die Bäume spiegelte» sich in ihnen so klar und tief, daß nicht allein Rinder, Pferde und Hunde, sondern selbst die Eingeborenen dem Trugbilde entgegenrannten. Eine Herde Zebra's er schien in der Luftspiegelung so genau wie Elephanten, daß Herr Oswell schon sein Jagdpferd zu satteln begann. Einen Moment später war die täuschende Erscheinung zerronnen. In den ersten Tagen des Juli endlich, nach vielfach getäuschten Erwar tungen, erreichten die berittenen Mitglieder der Karawane wirkliches Wasser: es war der Zouga, ein schöner, wasserreicher Fluß mit südöstlicher Richtung. Bon den freundlichen Anwohnern erfuhren sie, daß das Wasser aus dem Ngamisee komme, den sie, dem Flusse entgegengehend, in etwa vier Wochen erreichen würden. Nunmehr konnte das Gelingen der Entdeckungsreise als gesichert angesehen werden, und in ganz anderer Stimmung, als bei dem Durchkreuzen der Wüste, folgte die Gesellschaft den Windungen des schönen, ruhigen Stromes, dessen Lauf so langsam war, daß er mehr dem Arme eines Sees glich. Eine sehr manchsaltige, üppige und oft reizende Vegetation be kleidete seine Ufer. Majestätische Bäume, unter ihnen der riesige Affenbrod- baum, traten oft bis dicht an den Wasserrand heran, während anderwärts breite Saume von Rohrdickicht die Mitte zwischen Land und Wasser hielten. Den Fluß entlang fanden sich ziemlich zahlreiche Dörfer der Eingeborenen. Der Betschuanenhäuptling am See, Letschulatebe, hatte ihnen Befehl ertheilt, den zu erwartenden Gästen jeden Vorschub zu leisten, und so wurden diese denn überall freundlich ausgenommen, ungeachtet Sicomi ihnen ein PaarDer Ngamisee. 163 Späher nachgeschickt hatte, die ihnen nun voraufgingen und die Fabel ver breiteten, die Fremden kämen als Räuber ins Land. Die Eingeborenen hat ten den Zusammenhang der Dinge bald durchschaut. Livingstone fand es nach einiger Zeit bequemer, den Landweg zu verlassen und sich den einfachen Kähnen der Uferbewohner anzuvertrauen. Je weiter er dem Flusse entgegen ging, desto breiter und tiefer wurde derselbe. Bei dieser Fahrt erhielt der Doctor die erste sichere Bestätigung dafür, daß es über den See hinaus ein Land voller Flüsse gebe, so viele, daß man sie nicht zählen könne, ein Land voller Einwohner und großer Bäume, und die Idee, auf bequemen Wasser wegen diese noch ganz unbekannten Gegenden zu erreichen, nahm ihn von Stund' an so gefangen, daß ihm die so heiß erstrebte Entdeckung des Sees fast zur Nebensache wurde.' Man sah diesen zum ersten Male am 1. August 1849. Er bildet eine schöne Wasserfläche, die nur der Breite, nicht aber der Länge nach übersehen werden kann. Man hat die letztere auf etwa 60 engl. Meilen geschätzt, und nach den Aussagen der Eingeborenen soll man den See in drei Tagen umgehen können. Die Ufer desselben sind im Gan zen äußerst flach, sandig, schlammig und schilfig, und auch das Wasser ist so seicht, daß die Kähne stundenweit mit Stangen gestoßen werden können. Sein Nutzen als eine Handelsstraße erschien dadurch sehr zweifelhaft. Doch erhält er nach der Regenzeit beträchtliche Zuflüsse, ist dann bedeutend größer und sein Wasser ist süß, während es bei niedrigem Stande brackig und salzig schmeckt. Auch eine tägliche Ebbe und Flut macht sich in dem See und sei nem Anhängsel, dem Zouga, bemerklich. Die Umgebungen sind reichlich mit Busch und Wald bestanden, und gewähren einer Menge von Land- und Wasser- thieren Aufenthalt. Die Entdeckung des Ngamisees erregte nicht nur in der Kapkolonie, son dern in der ganzen gebildeten Welt ein hohes Interesse. Geographen, Na turforscher, Jagdfreunde und kaufmännische Spekulanten sahen ein neues Feld mit reicher Ausbeute vor sich. Die geographische Wissenschaft zumal erhielt Plötzlich eine ungeahnte Bereicherung. Statt eines hohen, sandigen, wasser losen Tafellandes, das man hier vorauszusetzen geneigt war, fand sich in Wahrheit ein beträchtliches Tiefland von mächtiger Ausdehnung und einer Ueberfülle von Wasser. Der Ngamisee bildet nur die südliche Grenze dieser großen Einsenkung. Von Kolobeng bis zu diesem Punkte war man nach barometrischer Messung unvermerkt um mehr als 2000 Fuß dem Meeres spiegel näher gekommen, denn der See liegt nur etwa 2800 Fuß über dem selben. Im Norden des Sees zieht sich diese Niederung in weite Ferne hin; sie ist mit einem Netzwerk von Flüssen durchzogen, die ans höheren Gegenden des Nordens und des Nordwestens herabsteigen, bildet in trockenen Zeiten meist sumpfige Schilfebenen, von April bis Juli aber, wenn die Flüsse anschwellen, entstehen Ueberschwemmungen, die meilenweit das Land unter Wasser setzen. Von den Wassermengen, die sich hierher ergießen, gelangt nur ein kleiner Theil in den südlichen Behälter, den Ngamisee. Der Fluß, 11*164 Die Häuptlinge Letschulatebe und Sebituani. welcher diesen von Norden her speist, heißt der Teoge, sein Ausfluß an der andern Seite, wie schon bemerkt, der Zouga. Dieser letztere wird in seinem Verlauf immer kleiner und endet, nachdem er ein Paar hundert englische Mei len östlich geflossen ist, in einem See oder Schilfmorast, und es ist zweifel haft, ob jemals von seinem Gewässer etwas ins Meer gelangt, obwol er weiter nach Osten hin ein tiefes, felsiges Bett haben soll. In geringer Entfernung von dem Austritt des Zouga aus dem See befindet sich das Dorf des Häuptlings Letschulatebe. Livingstone, wie Andere nach ihm, fand in demselben einen filzigen, habsüchtigen und unzuverlässigen jungen Mann, der Nichts weiter wollte, als Elfenbein an die Weißen ver kaufen, da er gehört habe, daß dieselben alle sehr versessen auf diese Knochen seien. Livingstone aber trieb nie Handel, sondern hatte die Absicht, von hier noch ein Paar hundert englische Meilen weiter nördlich zu gehen, um wo möglich den mächtigen und berühmten Häuptling Sebituani aufzusuchen, bei dem er als Sitschili's Freund gute Aufnahme zu finden hoffte, denn zwischen den beiden Häuptlingen bestanden alte freundliche Beziehungen. Sitschili's Vater war, als dieser noch im Knabenalter stand, von seinen eigenen Leuten in einer Empörung erschlagen worden; Sebituani, der damals noch in der Nach barschaft der Bakueens hauste, eilte, von den Anhängern der Herrscherfamilie zu Hülfe gerufen, herbei, überfiel die Bakueens und sicherte dem rechtmäßigen Erben Sitschili die Häuptlingswürde. In der Folge zog er als Eroberer in ferne nördliche Gegenden. Der Häuptling am See war gegen den mächtigen Sebituani ein kleines Licht und seine Gesinnung gegen ihn daher nicht die freundlichste. Er besorgte, die Weißen möchten seinem Nachbar Feuerwaffen liefern und dieser dadurch nur noch mächtiger werden, und hoffte dagegen, wenn er allein sich Flinten erhandeln könne, es seinerseits dahin zu bringen, daß Sebituani sich vor ihm fürchte. „Ihr braucht nicht dorthin zu gehen," sagte er, „ich liefere Euch so viel Elfenbein als Ihr haben wollt." So ver weigerte er nicht allein Führer, sondern ließ auch den Anwohnern des Flusses streng verbieten, die Reisenden überzusetzen. Der Versuch, ein Floß zu bauen, mißlang, und so blieb, da auch die Jahreszeit schon weit vorgerückt war, für jetzt nichts übrig als sich auf den Rückweg zu machen. Die Beherrscher der Umgegend des Sees sind ein kleiner Betschuanen- stamm, ein Ableger der Bamangwato's. Sie kamen erst unter Letschnlatebe's Vater als Eroberer hier an, nahmen den Bewohnern des Landes ihr Vieh ab, machten sie zu ihren Vasallen und nannten sie Bakoba, Knechte, während diese selbst sich als Bajiji, Menschen, bezeichnen. Sie sind schwärzer als die Bctschuanen, haben überhaupt mehr von: Negertypus und ähneln nach An- dersson's Bemerkung in vielen Stücken den auf der Westseite wohnenden Da- mara's und Ovambo's. Ihre Wohnsitze haben sie nicht allein längs des Zouga, sondern weithin auch an den übrigen zu der Seegegend gehörigen Flüssen und Marschen. Sie erkennen alle Letschulatebe als ihren Oberherru an. Ihr Abhängigkeitsverhältniß scheint übrigens kein lästiges zu sein; sieDer Stamm Bajiji. 165 leben in ihrer Weise unbehindert und sind, außer daß sie zum Lügen und Stehlen so aufgelegt sind wie ihre Oberherren, sehr leidsame, gutgelaunte und gutmüthige Leute, die sich bei einem Topf voll Fleisch und einer Pfeife Tabak als die glücklichsten Geschöpfe der Welt fühlen, gern tanzen und wie alle farbigen Völker dem Trünke ergeben sind; denn wie es wol kaum eine Völker schaft giebt, die nicht gelernt hätte, sich irgend ein berauschendes Getränk zu bereiten, so besitzen auch die Afrikaner weit und breit die Kunst, anS einem ihrer Hauptnahrungsmittel, der Moorhirse, ein starkes Bier zu machen. Die Männer der Bajiji sind emsige und gewandte Jäger und Fischer, und wissen hierbei ihren Wurfspieß geschickt zu handhaben, aber Krieg führen ist nicht ihre Sache; sie haben sich stets gefügt, wenn irgend ein fremder Haufe in ihr Land fiel. Als ihnen der Häuptling, um sie zu Kriegern zu machen, einmal Schilde gab, sagten sie: „Ja, solche Dinger haben uns ge fehlt, darum sind wir immer unterlegen — jetzt wollen wir schon kämpfen." Als sie aber ihren Mnth gegen eine eingefallene plündernde Horde bewähren sollten, warfen sie sich in ihre Kähne und ruderten Tag und Nacht, ohne sich umzusehen, den Zouga hinab. Wenn der Bajiji nicht jagt oder fischt, so geht er müßig, denn alles Andere ist ihm Weibersache. Die Weiber ziehen einige Ziegen und bauen den Boden, der übrigens sehr fruchtbar ist und die wenige Arbeit reichlich vergütet. Man baut die gewöhnliche Moorhirse, ein dem Kanariensamen ähnliches Getreide, Tabak, Melonen, Kürbisse u. s. w. Verschiedene wild wachsende Fruchtbäume geben auch ihren Beitrag zu den Unterhaltungsmit teln. Einer derselben, mit sehr hohem, geradem Stamme und ein steter Be gleiter der Flüsse, liefert zudem noch ein gutes Material für Kähne, die stets aus einem einzigen Stamme geschnitten werden. Der Zouga ist so fischreich, daß die Anwohner nicht weniger als 10 Arten zählen, worunter einige von ungewöhnlicher Größe. Auch eine große Wasserschlange wird erlegt und als Delikatesse verzehrt. Das Fischen ge schieht theils mit Netzen, theils mit Wurfspießen. Auch in der Harpunirung des Flußpferdes entwickeln die Bajiji großes Geschick, und die Ufer des Flusses sind mit Fallgruben übersäet für das Wild, das zahlreich dahin zur Tränke kommt.Damara's. Unter den Besuchern des Sees bald nach seiner Entdeckung durch Livingstone befand sich auch der schwedische Naturforscher Andersson, der, von Forschungs eifer getrieben, vier Jahre lang, von 1850—54, den Süden Afrika's bereiste und eine interessante Beschreibung seiner Erlebnisse veröffentlicht hat. Auch ihm gelang es, in einer andern Richtung in unbekannte Gegenden vorzu dringen und schließlich von Westen her nach dem Ngamisee sich einen Weg zu bahnen, den man gar nicht für möglich gehalten hatte. Mit seinem Begleiter, dem Engländer Galton, am Kap angelangt, er fuhr Anderson, daß die aufständischen Boers den geraden Weg nach dem See verlegt hätten nnd sie nicht durchlassen würden; sie entschlossen sich dem nach, die Küste wieder zurückzufahren und von der Walfischbai aus ins In nere vorzudringen. Die Bewohner des unwirthlichen Namaqualandes, das sie hier betraten, sind noch immer die alten unfläthigen, verhungerten und bettelhaften Hottentotten, behaftet mit allen Lastern der Wilden. Die im Lande zerstreuten Missionsanstalten, meistens deutsche, haben trotz allem Eifer fast noch Nichts über diese Wildlinge vermocht; so lange sie vom Missionär zu essen und Kleider bekommen, sammeln sie sich wol um ihn und hören seine Ermahnungen mit an; sowie aber diese Spenden aufhören, wenden sie ihm den Rücken und vergelten ihm mit Undank und Schimpf. Die Lage der Missionen ist noch mißlicher geworden, seitdem die Namaqua's durch einigeHottentotten und Damara's. 167 raubsüchtige Häuptlinge dazu angeleitet worden sind, gegen ihre nördlichen Nachbarn, die Damara's, einen unaufhörlichen Raub- und Vertilgungskrieg zu führen. Diese Damara's sind in Vergleich mit ihren Feinden ein schöner Menschenschlag; als reine Nomaden ziehen sie mit ungeheuren Rinderherden im Lande umher und lassen, gleich den Heuschreckenschwärmen, kahlgefressene Gegenden hinter sich. Sie scheinen aus östlichen Gegenden eingewandert zu sein und die früheren Bewohner verdrängt zu haben, welche theils Hotten totten, theils ein anderer eigenthümlicher Stamm gewesen sein mögen, von welchem in den mehr bergigen Gegenden noch einzelne Stämme, die sogenannten Hügeldamara's, hausen, die natürlich auch die Todfeinde der Damara's in den Ebenen sind. Aber der Stern dieser Letzteren ist im Erbleichen; es scheint unvermeidlich, das; sie durch die unaufhörlichen Ueberfälle der Hotten totten in nicht langer Zeit bis auf einen Rest besitzloser Flüchtlinge aufge rieben werden. Die Damara's sind große, stark und regelmäßig gebaute Leute, mit Assageien, Pfeil und Bogen und Wurfstock bewaffnet, aber ihre Neigungen sind mehr friedlicher Art, Mienen und Blick haben einen sanften Ausdruck. Ihre geringfügige Körperbedeckung mit etwas Fell, den Gebrauch, sich mit Fett und Oelen einzuschmieren, die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für eine Last von metallenen Ringen und anderen Zierrathen, haben sie mit den meisten afrikanischen Stämmen gemein. Die Männer umwinden sich außer dem die Hüften in nachlässig-geschmackvoller Weise mit einer Unmasse lederner Riemen, oft viele hundert Fuß Länge haltend. Diese Art Gürtel dient lheils als ein Stück Kleidung, theils zum Einstecken der Pfeile, des Wurf stocks u. s. w. Am besten wissen sie mit der letzter« Waffe umzugehen, welche Kern heißt und einen Stock mit kolbigem Ende darstellt. Er findet sich auch bei anderen Stämmen, und sie wissen ihn alle mit großem Geschick und Er folg zu gebrauchen. Ein einziger gut gerichteter Wurf ist im Stande, den stärksten Mann niederzustrecken. Vögel, selbst im Fluge, und kleinere Vier füßer werden durch das Kerri mit einer Sicherheit erlegt, die in Erstaunen setzt. Die Missionäre haben auch bei diesen Leuten noch wenig oder gar keine Fortschritte machen können. Beim ersten Erscheinen derselben zogen sie sich mit ihrem Vieh in eine andere Gegend, und überließen eS den neuen An kömmlingen, wie sie sich gegen Mangel und Hunger schützen wollten. Der Gedanke, daß Fremde aus reiner Menschenliebe zu ihnen kommen könnten, war ihnen unfaßbar; sie argwöhnten irgend eine finstere Absicht und es war nahe daran, daß der Vorschlag durchging, die neuen Ansiedler todtzuschlagen. Mit der Zeit hat sich die Stimmung zwar, gebessert, aber von einem geistigen Einfluß war noch kaum die Rede, am wenigsten bei den Wohlhabenden, wäh rend die Armen, die hier sehr dürftig und gedrückt sind und sich meist dadurch nähren, daß sie für ihre günstiger gestellten Landsleute Tabak bauen, sich gern in der Nähe der Mission halten, wo sie Anweisung und Ermunterung finden, durch etwas Fleiß und Ausdauer ihre materielle Lage zu verbessern.168 Getäuschte Erwartung. Reise zu den Ovambo's. Andersson und sein Begleiter waren in der Walfischbai ohne einen be stimmten Reiseplan gelandet; endlich zeigte sich ein Ziel, dessen Erreichung der Mühe werth schien: sie hörten von einem in nördlicher Richtung gelege nen großen Südwassersee, der Omanbonde heißen sollte. Von der Station Barmen ab gegen Norden lag aber lauter unbekanntes Land; die dort woh nenden Damaraleute wurden von den Eingeborenen als ungastlich, mißtrauisch und verrätherisch geschildert. Doch die Reise wurde unternommen, und nach mancherlei Erlebnissen und Schwierigkeiten gelangte die Reisegesellschaft nach mehreren Wochen an den ersehnten Omanbonde, der, wie ihnen unterwegs gesagt wurde, eine Wasserfläche „so groß wie der Himmel" haben sollte. Aber groß war nur ihre Enttäuschung. Der große Omanbonde erwies sich als ein kleiner ausgetrockneter Schilfweiher ohne einen Tropfen Wasser! Allerdings ergab sich aus der ganzen Oertlichkeit, daß früher viel Wasser hier gewesen sein konnte; ein neuer Beleg zu der merkwürdigen Verarmung Süd afrika's an Wasser. Dahin war nun die Hoffnung, an einem lachenden See, umgeben von Elephanten, Rhino cerossen, Nilpferden u. s. w., ein fröh liches Iägerleben zu führen; man war auf's Neue ohne Reiseplan und wußte nicht, ob man vor- oder rückwärts gehen sollte. Endlich entschied man sich für das Erstere. Die Reisenden hatten Kunde erhalten, daß fern im Norden eine Völkerschaft wohne, welche feste Wohnsitze habe, das Land baue, fleißig, zuverlässig und sehr gastfreundlich sei. Sie hießen Ovambo's, was eben ihre Eigenschaft als Ackerbauer bezeichnen soll, und trieben mit den Damara's Tauschhandel, indem sie Vieh gegen Eisenwaaren einhandelten. Es sei eine sehr zahlreiche und mächtige Nation und stehe unter einem König, der ein un geheurer Riese sei. lieber die Entfernung dieses Landes und die Beschaffen heit der zu durchreisenden Gegenden gaben die Damara's freilich nur un sichere, abenteuerliche Berichte zum Besten. Obgleich man sich auf eine mehr monatliche Reise gefaßt zu machen hatte, wurde doch beschlossen, das Wag stück zu unternehmen, und man ließ den verunglückten See hinter sich. Die Gegenden, durch welche die Reise ging, waren wenigstens keine Sandwüsten; man mußte sich meistens durch Gebüsch, hohes Gras und Wald den Weg bahnen. Wasser gab es zur Genüge und an Wild war kein Mangel, so daß die beiden europäischen Reisenden der immerwährenden Fleischkost endlich herzlich müde wurden, die eingeborenen Begleiter allerdings um so weniger. Einige Tage nach der Abreise vom Omanbonde wurden die Reisenden durch das erste Auftreten von Palmen in freudige Stimmung versetzt. Eine Art schlanker Fächerpalmen war in großer Zahl über die Gegend verstreut und verlieh ihr einen ganz ungewohnten Reiz. Eben an der letzten Damaraniederlassung angekommen, traf die Reisen den das Mißgeschick, daß eine Achse ihres größten Wagens brach. Sie ent schlossen sich daher, unter Zurücklaffung der Fuhrwerke die Reise zu den Ovambo's mittelst Reit- und Packochsen' zu bewerkstelligen. Der Häuptling aber wollte nicht nur keine Führer dazu geben, sondern verweigerte auch jede sonstigeNeisehinderiliffe. Die Handelskarawane. 169 Auskunft, stellte jedoch den Reisenden anheim, sich an eine Handelskarawane anzuschließen, welche man nächstens aus dem Ovambolande erwarte. Die Karawane erschien auch glücklicher Weise bald; es waren 23 große, starke, sehr dunkelfarbige, ernsthafte Leute, von Charakter sehr unähnlich den Da- mara's. Sie brachten Lanzeneisen, Messer, Ringe, kupferne und eiserne Die Fächerpalme. perlen u. s. w., Alles eigener Fabrik, die sie theuer genug an die Damara's absetzten, z. B. eine Lanzenspitze für einen Ochsen. Die Leute willigten ein, die Fremden mit in ihr Land zu nehmen, und als endlich die Rückreise an- getreten wurde, war die Karawane nicht weniger als 170 Köpfe stark, denn es hatten sich viele Damara's, unter ihnen 70 — 80 Frauenzimmer, ange-170 Das Land der Ovambo's. schlossen. Die Ovambo's hatten eine schöne Rinderherde zusammengebracht, das Reiseziel sollte 14 starke Tagemärsche weit sein. Auf eine angenehme Landschaft folgten bald wieder Dorndickichte und höchst traurige Gegenden, die Wasserplätze wurden sehr selten, und die Reisenden lernten einsehen, wie un möglich es sei, ohne einen gründlich erfahrenen Führer sich in solchen Wild nissen zurecht zu finden. Buschmänner, denen die Reisenden allerwärts be gegnet waren, fanden sich auch hier, und es war den Reisenden wohl- thuend zu sehen, wie auch diese überall verachteten und verhaßten Menschen von den Ovambo's gütig behandelt wurden. Sie tauschten ihnen Kupfererze ab, die jene aus den benachbarten Hügelgegenden brachten. Nach achttägigem Marsche gelangten die Reisenden ans die ersten den Ovambo's gehörigen großen Viehweiden und rasteten ein Paar Tage. Das landesübliche Willkommen bestand darin, daß jedem Ankömmling das Gesicht tüchtig mit Butter beschmiert wurde. Es wurden Boten voraufgeschickt, um die Fremden bei dem König Nangaro anzumelden, und dann ging die Reise wei ter, die ersten Tage durch ungeheure, mit Bäumen umgürtete „Salzpfannen," und dann über eine endlose Savanne, gänzlich baumlos und selbst ohne Büsche. Um so freudiger war ihre Ueberraschung, als sie endlich die schönen fruchtbaren Ebenen Ondonga's, des eigentlichen Ovambolandes, vor sich sa hen. Statt der ewigen Dickichte und Sandwüsten lagen jetzt vor ihnen end lose Getreidefelder, übersäet mit friedlichen Wohnungen, einzelnen riesigen Wald- und Fruchtbäumen und unzähligen Palmen. Die Reisenden glaubten in ein Paradies zu treten, das immer anmuthiger und fruchtbarer wurde, je weiter sie vorwärts kamen. Dörfer giebt es hier nicht; jede Familie wohnt patriarchalisch in der Mitte ihrer Besitzung auf einem Gehöfte, das mit starken Palissaden eingezäunt ist, denn auch diese friedlichen Bauern haben einen feindlich gesinnten Stamm in der Nachbarschaft, der ihnen fortwährend zu schaffen macht. Das Getreide besteht hier aus Moorhirse und einer andern Pflanze mit sehr kleinem Samen, der ein sehr gutes Mehl giebt. Beide er reichen eine Höhe von 8 — 9 Fuß. Im Herbste werden die Samenbüschel abgeschnitten und der Rest dem Vieh überlassen. Ihren großen Viehbestand halten die Ovambo's auf entlegenen Weideplätzen, wo sie auch Schweine von ungeheurer Größe ziehen sollen, lieber die Ausdehnung des Landes und die Stärke deö Stammes konnten die Reisenden Nichts erfahren. Am zweiten Tage kamen sie an die Resivenz des gefürchteten Nangaro, ohne jedoch sogleich Zutritt in die Einfriedigung zu erlangen; vielmehr wurde ihnen eine Baumgruppe in der Nähe als Warteplatz angewiesen. Das Wartenlassen, das auch in Afrika für vornehm gilt, währte ganzer drei Tage. Endlich erschien seine Majestät, ein Riese allerdings, aber nur dem Quer durchmesser nach. Es war ein unförmlich dicker, häßlicher Mann, aber in den Augen seiner Unterthanen doch jeder Zoll ein König, denn das Fettsein gilt dem Afrikaner für ein Attribut, hier und da selbst für ein Vorrecht der Königswürde, während es einem Unterthanen geradezu als Verbrechen angerechnetDer König der Ovambo's. 171 wird. Die Antwort des dicken Königs auf die glänzende Anrede der Fremden bestand lediglich darin, daß er einigemal wohlgefällig oder mißfällig grunzte. Von Feuerwaffen hatte er so wenig wie seine Leute einen klaren Begriff; sie meinten, es seien unschädliche Dinger, sobald man nur oben in die Mündung blase. Sie erstaunten nicht wenig über die Wirkungen einer Spitzkugelbüchse, und mehrere Neugierige fielen bei jedem Schüsse flach auf das Gesicht nieder. Der König verlangte in der Folge, die Fremden möchten für ihn Elephanten schießen, derenjes in nicht weiter Ferne viele gebe und die oft viel Verwüstungen Ovambo's. in den Feldern anrichteten. Die Schützen zogen es jedoch vor, diesen Antrag abzulehnen, da sie besorgten, der Gestrenge möchte das Elfenbein, dessen Werth er recht gut kannte, für sich allein behalten und sie vielleicht nicht eher wie der fortlassen, b s es Nichts mehr zu schießen gäbe. Der Alte vergaß ihnen dies nicht. Uebrigens wurden sie allerwärts freundlich und gastfrei empfan gen. Der König bewirthete sie zuweilen mit Bier und allabendlich war Hof- Hall, wo die jungen Leute nach dem Tamtan und einer Art Guitarre tanz ten. Die Frauenzimmer haben' in der Jugend zwar grobe, doch gar nicht unangenehme Züge, verwerfen sich jedoch später und werden sehr plump und172 Lebensweise der Ovambo's. stämmig, theils in Folge der schweren Ringe und der übrigen massenhaften Behänge an Armen und Beinen, theils in Folge angestrengter Arbeit, denn auch hier arbeiten sie viel, obwol die Männer auch nicht müßig gehen; beide Geschlechter sind vielmehr fleißig von Sonnenaufgang bis Untergang. Den wolligen Negerhaarwuchs vergrößern die Frauenzimmer künstlich durch Be kleben und Steifen mit Fett und Oker, der beliebten afrikanischen Universal pomade, womit sie sich auch den Körper einreiben. In die Haare flechten sie außerdem lang über den Rücken herabhängende Fäden oder Fasern. Das Hauptnahrungsmittel der Ovambo's ist ein grober Mehlbrei, der stets heiß mit Butter oder saurer Milch aufgetragen wird. Obwol sie auch die Fleischkost sehr lieben und ihr Viehstand sehr groß ist, sind sie doch mit dem Schlachten sparsam und scheinen das Vieh fast zum Vergnügen zu hal ten. Die Einrichtung der Gehöfte in Innern ihrer Palissadenzäune ist eine ziemlich verwickelte; man trifft da Wohnhäuser für Herren und Knechte, offene Plätze für Erholung und Besprechung, Scheuern, Schweineställe, Viehstände, Geflügelschläge u. s. w. Die Häuser oder Hütten sind rund, zellförmig und kaum über Mannshöhe, lediglich zum Einkriechen und Schlafen geeignet. Die Getreidespeicher sind große, aus Palmblättern und Thon gearbeitete Körbe, die eine ähnliche Binsenbedachuug haben wie die Häuser. Außer Rindvieh und Schweinen besteht der Hausthierstand aus einigen Schafen, Ziegen, Hühnern und Hunden. Viele Buschmänner haben sich als Hintersassen zwischen den Ovambo's angesiedelt. Ein guter Zug dieser wirklich auf einer gewissen Stufe der Gesittung stehenden Völkerschaft ist es, daß sie nicht stehlen, vielmehr den Diebstahl für ein todeswürdiges Verbrechen halten. Während die Reisenden bei den Na- maqua's und Damara's sich vor Diebereien nicht genug schützen konnten, durften sie hier ihre Habseligkeiten getrost ohne Aufsicht herumliegen lassen. Der König hat alle Strafgewalt, und es sind hier und da im Lande Perso nen angestellt, welche alle vorkommenden Vergehen zur Anzeige zu bringen haben. Die sorgfältige Pflege, welche sie Gebrechlichen und Altersschwachen angedeihen lassen, ist ebenfalls ein schöner Zug der Ovambo's; ihre Nach barn, die Damara's, überlassen Erwerbsunfähige entweder ihrem Schicksale, oder treiben sie in Wald und Wüste, wo sie die Beute wilder Thiere wer den, oder fertigen sie ohne Weiteres mit ein Paar Keulenschlägen ab. Die Ovambo's lieben ihr Vaterland ungemein und sind stolz darauf. Sie nehmen es übel, wenn man sie nach der Zahl ihrer Häuptlinge fragt, und sagen: „Wir erkennen nur Einen König an; bei den Damara's freilich will jeder ein Häuptling sein, wenn er nur ein Paar Kühe besitzt." Flücht linge von anderen Stämmen werden ausgenommen und dürfen im Lande heirathen, sind aber dann zum Dableiben verpflichtet. Vielweiberei herrscht unter den Ovambo's wie unter allen übrigen Stämmen und Jeder darf so viel Weiber nehmen als er bezahlen kann. >Ein Mann mit wenig Ver mögen bekommt eine Frau für zwei Ochsen und eine Kuh, während für den173 Schwierigkeiten bei der Rückreise. Reichern auch die Preise höher sind. Nur der König zahlt Nichts, indem die Ehre, mit ihm verwandt zu sein, als hinreichender Gegenwerth gilt, und der derzeitige dicke Monarch hatte sein Vorrecht so weit ausgebeutet, daß er einen Harem von 106 Schönheiten besaß. Die Handelsleute unter den Ovambo's machen jährlich vier Expeditio nen nach dem Süden, wo sie Vieh, sowie Kupfer- und Eisenerze eintauschen, die in ihrem Lande nicht Vorkommen; sie geben dafür, nächst ihren Metall fabrikaten, Elfenbein, das. sie sich durch Fangen der Thiere in Fallgruben verschaffen, und nehmen nächst Vieh am liebsten Glasperlen in Tausch, die eine Art Universalmünze bei allen südafrikanischen Stämmen bilden, und ohne welche ein Reisender kaum fortkommen kann. Dabei muß man aber unum gänglich wissen, welche Sorten und Farben in den einzelnen Fällen bevor zugt werden, indem andere als diese gar nicht anzubringen sind. Nachdem die Reisenden sich ein Paar Wochen lang die Dinge im Ovambolande angesehen hatten, wünschten sie weiter zu reisen. Nur vier Tagereisen weiter im Norden sollte ein schöner großer Fluß mit bewohnten Ufern liegen, welchen die Reisenden vor ihrer Umkehr natürlich gern besucht hätten. Aber der König verweigerte seine Erlaubniß hierzu bestimmt, und er klärte, wenn sie nicht Elephanten für ihn schießen wollten, so könne daraus Nickts werden. Sie entschlossen sich daher um so rascher zur Umkehr, als sie nicht wußten, wie es dem bei den Damara's zurückgelassenen Theilc der Ex pedition ergangen sei. Ihre Rückreise nach Barmen auf dem alten Wege dauerte über sechs Wochen (15. Juni bis 4. August), und war schier noch beschwerlicher als die Herreise, denn es war nun Winter, die Nächte waren eisig kalt, die Wässer und die Weide großentheils vertrocknet und das Wild selten geworden. Im Norden gab es nun für die Reisenden Nichts mehr zu thun, und so kamen sie auf ihren alten Plan zurück, in östlicher Richtung wo möglich bis an den Ngamisee vorzudringen. Nach fünfmonatlichen Anstrengungen und Leiden gelangten sie an den Punkt, der auf den Karten mit Tunobis bezeichnet und lediglich ein Wasserplatz ist, wo sich um eine starke umwaldete Quelle Schaaren von Elephanten und anderem wilden Gethier sammeln und Buschmänner Hausen. So angenehm an dieser Oertlichkeit sich leben ließ, so hatte die Reisegesellschaft doch durch unsägliche Hitze und Dürre und daraus folgenden Mangel an Wasser und Weide bis dahin schon zu viel gelitten, um noch mehr wagen zu können, wenn auch der See nicht mehr allzu ent legen war. Sie erfuhren von den Eingeborenen, daß von hier ab in meh reren Tagen kein Wasser mehr zu finden sei, daß sie sammt ihrem Vieh unfehlbar in der dornigen Wüste umkommen würden. Man stand demnach um so mehr von weiterem Vordringen ab, als das Vieh ohnehin zu Ske letten abgemagert war, und kehrte nach der Westseite zurück. Herr Galton hatte Afrika zur Genüge genossen, und schiffte sich in der Walfischbai nach England ein; Andersten blieb allein zurück, um nach der Regenzeit einen174 Wassermangel. neuen Versuch zu machen. Um sich jedoch besser mit Reisemitteln und Tausch- waaren zu versehen, unternahm er zunächst eine Spekulation in Rindvieh, das er aufkaufte und zum Wiederverkäufe nach der Kapkolonie schaffte, wozu aller dings eine mehrmonatliche beschwerliche Landreise erforderlich war. Das Unter nehmen gelang leidlich, und nachdem die nöthigen Einkäufe gemacht, die nöthigen Leute in Dienst genommen waren, segelte man auf's Neue der Walfischbai zu. Als die Karawane den Umkehrpunkt der vorjährigen Expedition, Tuno bis, wieder erreichte, hatte sie schon viel Ungemach, namentlich Hunger, auszustehen gehabt, denn diesmal war das Wild wider Erwarten selten, und die Umkehr war daher nicht weniger mißlich als das Weitergehen. Die Landschaft in gerader Richtung auf den See zu erklärten die Eingeborenen auch diesmal für unpassirbar: es sei eine dornige Wildniß und weit und breit kein Wasser zu finden. Wolle die Karawane einige Tage ostwärts den Otjambinde (ein Fluß ohne Wasser) entlang gehen und sich dann links wen den, so sei keine Gefahr. Der Plan wurde angenommen; aber es kostete Andersson unsägliche Mühe und Zeit, ehe nur der Zug in Bewegung kam, denn die geworbenen Leute wurden störrig und wollten nicht weiter; die Ochsen, die nunmehr tra gen sollten, was sie bisher gezogen hatten, widersetzten sich gleichfalls. Men schen und Vieh mußten erst förmlich gezähmt und geschult werden. Die Reise, welche Mitte Juni angetreten wurde, ging theils in, theils neben dem trockenen Flußbette in tiefem, blendend weißem Sande langsam vorwärts. Doch fehlte es nicht an Gras und üppigem Pflanzenwuchs, und zuweilen zeigten sich kleine Weiher mit etwas schlammigem Wasser, belebt von garsti gen Reptilien und Jnsektenschwärmen, zuweilen noch von Elephanten und Rhinocerossen eingesumpft und verunreinigt. Doch die Reisenden tranken oder schlangen vielmehr begierig das Zeug hinunter. Man traf auch auf eine große Anzahl alter, künstlich und geschickt angelegter Brunnen von beträcht licher Tiefe, von denen einzelne, wenn auch nicht Wasser, doch noch feuchten Grund hatten, aus denen man nach BuschmannSart mit einem Schilfrohr etwas Wasser ziehen konnte. Es mußte demnach diese Gegend, wo jetzt nur einzelne Buschmänner zu sehen waren, in früheren Zeiten von mehr kulti- virten Leuten, die zahlreiche Viehherden besaßen, bewohnt gewesen sein. Im weitern Verlauf fanden sie das ganze Flußbett mit verdeckten Fallgruben unterminirt, ein sehr häufig angewandtes Mittel der Afrikaner, um Wild in ihre Gewalt zu bekommen. Endlich mußte man doch, um nicht zu weit aus der Richtung zu ge- rathen, sich von dem Otjambinde ab und nach Norden wenden, wieder in den Naturpark von Dornhecken hinein. Andersson hatte Leute voraufgesandt, um dem Häuptling am See, Herrn Letschulatebe, seine Ankunft zu melden. Eines Tages nun stieß die Karawane in der Wildniß plötzlich auf einen Trupp Betschuanen; es war ein Geleite, das ihnen der Häuptling entgegen gesandt hatte. Die stattlichen, kriegerisch aussehenden Wilden mit ihren Schilden undDie Wilden als Reisebegleitung. 175 Sieger, aber verloren viel Leute, die sic mit ihren breiten Assagaien nicdcr- sticßen. Hier steckt Etwas dahinter — ist Euer Herr reicher als sie?" „Herr ist nicht reich," hatte der Schwarze geantwortet, „aber er hat Etwas — Damara's haben gar Nichts." Und nun hatte er dem Häuptling zu seinem Erstaunen erzählt, wie weit die Damara's heruntergekommen seien. Mit den neuen Führern ging es nun in gerader Richtung ans den See zu, immer in tiefem Sande durch undurchdringliche „Wart' ein Bißchen", zwischen denen sich hier und da der Riese unter den Bäumen, der merkwür dige Affenbrodbaum, erhob. Trotz des waldigen Charakters bot die Gegend Assagaien machten einen sehr guten Eindruck auf Andersson, der in ihnen viel Aehnlichkeit mit den Damara's fand. Auch waren sich beide Stämme nicht fremd, denn die Damara's hatten, wie sich fand, in früheren Jahren ihre Wanderungen bis an den See ausgedehnt, und waren dabei mit den Betschua- nen, die ihnen Vieh raubten, oft handgemein geworden. „Wie kommt es," hatte der Häuptling Andersson gefragt, „daß die Damara's Eure Diener sind? Sie sind ein mächtiges Volk mit viel Vieh; ich kenne sie wohl, denn mein Vater hat ihnen manche blutige Schlacht geliefert. Wir blieben allemal Wasserböcke.176 Umgebung des Ngamisees. reiche Viehweide, und zahlreiche alte Brunnen gaben Zeugniß, daß dieselbe nicht immer so unbewohnt gewesen. Noch ein Paar Tage und der belebende Ruf: „Ngami!" erscholl an der Spitze des Zuges. Andersson stand an dem längst ersehnten Ziele — eine schöne unübersehbare Wasserfläche lag im Osten vor seinen Blicken. Obwol krank und halb zum Krüppel geworden in zu naher Berührung mit Rhinocerossen und anderem Gethier, vergaß er doch in diesem Augenblick alle ausgestandenen Leiden. Nachdem sie dem See näher gekommen und an seinem Ufer hinzogen, schwand freilich manche Illu sion, und die erwarteten Schönheiten der Landschaft und Vegetation wollten nicht zum Vorschein kommen. Das Wasser war ungemein flach, von bitterem, widrigem Geschmack und nur an wenigen Orten zugänglich, indem man theils vor Schlamm, theils vor Schilfdickicht nicht Nachkommen konnte. Man mußte noch zweimal an dem südlichen Ufer bivouakiren, bevor man in die Nähe von Letschulatebe's Residenz kam, die für jetzt am jenseitigen Ufer des Zouga lag. Der Häuptling, der nach der gewöhnlichen afrikanischen Praxis weder Auskunft über das Land geben, noch die Durchreise gestatten wollte, gab nach einigen Tagen unvermuthet Leute und Kähne her zu einer Fahrt gegen Norden, und zwar so willig, daß Andersson irgend einen geheimen Streich des Häuptlings ahnte, und die Folge lehrte, daß sein Verdacht kein ungerechter war. Die Bootleute wußten mit Ruder und Stange geschickt umzugehen, aber da sie sich nie weit vom Ufer ab wagen, so dauerte es zwei Tage, ehe man an die Einmündung des Teoge auf der Nordseite kam. Das Thierleben am See und an den Flußufern ist in der That so reich als manchfaltig. Alle Großthiere, Elephant, Rhinoceros, Flußpferd, Büffel, Giraffe, haben hier ihre Niederlassungen, außerdem mehrere Antilopen arten, worunter zwei früher unbekannte, Nakong und Letsche, welche als aus gezeichnete „Wasserböcke" für diese sumpfigen Niederungen wie geschaffen sind. Das Wasser wimmelt von Krokodilen, die zuweilen eine riesige Größe erreichen. In den ersten Tagen war die Fahrt den Teoge hinauf ziemlich einför mig. Das Wasser war an vielen Stellen, über die Ufer getreten, so daß an beiden Seiten sich ausgedehnte Schilfmoräste hinzogen, die nur hier und da durch eine hübsche Gruppe von Dattel- oder Fächerpalmen gehoben wurden. Am vierten Tage nahm die Landschaft einen gefälliger» Charakter an; die Ufer wurden höher, und waren mit üppiger Baumvegetation reich bedeckt. Palmen, Mimosen, Sykomoren und viele andere, oft für den Reisenden ganz neue Bäume, zum Theil mit wohlschmeckenden Früchten, bildeten eine Scenerie, die zuweilen kaum schöner gedacht werden konnte. Tage lang hätte der Rei sende unter dem dichten Schatten dieser Prachtbäume zubringen mögen, die oft von der wilden Musik der Vögel wiederhallten, während man vielleicht in der Ferne Herden der schönsten Antilopen weiden sah. Aber die Klugheit gebot, sich nicht zu lange aufzuhalten; denn wenn die jetzt hochgehenden Wasser sich zu verlaufen ansingen, so wurden, wie das in den feuchten Gegen den Afrika's selbstverständlich ist, die Ufer mit tödtlicher Fieberluft vergiftet.177 Thier- und Pflanzenwelt. Eben so reich wie die Flora der Flußufer blieb auch der Thierstand vertreten. Man hatte fast beständig Wild in Sicht, und Andersson konnte genug schießen, um seine heißhungrige Begleitung zu füttern, die nach und nach durch das Anschließen Freiwilliger auf 50—60 Köpfe angewachsen war. Die Reise war eine Wasserreise in des Wortes weitester Bedeutung; die ganze Gegend bestand aus einem Labyrinth von Flußarmen, Bächen, Teichen und Sümpfen, das zuletzt so verwickelt wurde, daß selbst die hier geborenen. Kahnleute sich häufig verirrten; und da diese die Paar Kähne, die der Häuptling gegeben hatte, mit ihren eigenen Dingen vollgestopft hatten, so befand sich Andersson fast beständig im Wasser, bald schwimmend, bald watend, und war froh, wenn er bei Nacht seine Kleider an einem Feuer trocknen konnte. Bei alledem erfreute er sich an der seltenen Schönheit der Gegend. Wo das Land sich auch nur ein Paar Fuß hoch über den Wasser spiegel erhob, war es bedeckt mit einer reichen und großartigen Vegetation. Endlich nach etwa zwölftägiger Reise gelangten sie an ein großes Dorf, wo der Häuptling der Bajiji wohnte, denn alle Bewohner der Gegend ge hören diesem Stamme an und gehorchen dem Betschuanenhäuptling am See. Es war dies ein vorzugsweise reizender Platz. Etwas über hundert Hütten lagen auf einer kleinen Insel des Flusses inmitten einer Gruppe schöner Fächerpalmen und riesiger Waldbäume. Nach allen Seiten breitete sich das Wasser wie ein See ans, mit zahlreichen, üppig bewachsenen Jnselchen übersäet. Hier wurde endlich die Schelmerei Letschulatebe's offenbar: die Einge borenen ließen jetzt den Reisenden plötzlich im Stiche, und es wurde ihm er klärt, der Häuptling habe befohlen, ihm keine Kähne oder Führer weiter ver abfolgen zu lassen. Sie wurden erst wieder zugänglich und behülflich, nach dem Andersson erklärt hatte, daß er umkehren wolle. Eigentlich hatte er hö her oben am Strome einen Platz Namens Libebe aufsnchen wollen, angeblich Hauptort eines ackerbauenden Volkes Bawicko, wo sich Handelsleute aus allerlei Stämmen begegnen sollten. In seinem Verdrusse über die erfahrene Täuschung erschien es Andersson als eine neue Beleidigung, daß sie ihn zur Rückreise statt auf einen Kahn ohne Weiteres auf ein bloses Schilffloß setzten. Er fand aber nachher, daß diese Art Fahrzeuge angenehmer waren, als es den Anschein hatte. Sie bestehen einfach aus einem kreuzweise geschichteten Haufen Rohrstengel oder Palmzweige; ein Zusammenbinden ist gar nicht nöthig, und man hat nur zuweilen in dem Maße, wie die unteren Lagen Wasser ziehen, eine neue Schicht oben aufzulegen. Diese Urform von Gondel wird in jenen Gewässern allgemein angewendct, wenn es sich um eine Fahrt stromabwärts handelt. Drei oder vier Mann können sich in einer Stunde eine solche Fähre bauen, groß genug, um sie und ihr Gepäck zu tragen. Auch die Jagd auf Flußpferde wird von den Eingeborenen auf solchen Flößen, die immer ein Bugsirboot bei sich haben, ausgeübt, und sie bieten hier den großen Vortheil, daß sie, weil sie überall nachgeben, von den Thieren nicht nmgeworfen werden können. Livingsione, Reisen in Afrika. 12Rückfahrt auf einem Schilffloffe. Das Herabflößen im Teoge dauerte 9 Tage, und nach einer vier wöchentlichen Abwesenheit langte Andersson wieder bei seinem Lager am See an, wo er Alles in guter Ordnung fand, nur daß seine Leute durch das ewige Betteln und Mausen der Eingeborenen und die Zudringlichkeit des Häupt lings sehr belästigt worden waren. Andersson hatte sich vorgenommen, diesen Letztem wegen des ihm gespielten Streiches tüchtig anzulassen; als aber Der selbe nun erschien und mit süßlächelnder Miene und einem Blick voller Unschuld fragte, ob er in Libebe gewesen und wie ihm die Reise überhaupt gefallen habe, da konnte sich Andersson nicht enthalten, hell aufzulachen, und sein ganzer Groll gegen den Schelm war im Nu geschwunden. Es waren nun die gesammelten Naturgegenstände und das eingehandelte Elfenbein nach der Kapstadt zu schaffen, und da hierzu ein Wagen unum gänglich nöthig war, so reiste Andersson auf dem von ihm eröffneten Wege nach dem Namaqualande zurück und schasste einen solchen herbei, worüber allerdings beinahe vier Monate vergingen. Die Reise ging bald zu Fuß, bald zu Pferd oder Ochsen vor sich, mit der Reisende war theils ganz allein, theils von einem einzigen Manne begleitet. Oft ging es durch Strecken, welche an Unwirthlichkeit der Wüste Sahara nicht nachstanden. Aergere Feinde noch als die Löwen und andere wilde Bestien waren Hunger und Durst. Der Reisende hatte zuweilen zwei ganzer Tage Nichts zu essen, oder kaum einmal des Tages Gelegenheit die vertrockneten Lippen zu befeuchten. Zuweilen blieb er erschöpft und ohnmächtig ans der sandigen Steppe liegen. So reist sich's in den Wüsten Afr'ika's!Afrikanische Zagdbilder. (Wahlberg. Cumming.) Die Fülle und Manchfaltigkeit des Thicrlebens in Südafrika ist un streitig für die meisten europäischen Besucher des Landes das Hauptanziehungs- mittel gewesen, sei es mm, daß dieselben im rein wissenschaftlichen Interesse, oder mehr um des Iagdgenusses oder des Gewinnes willen hierher kamen. Gewinnbringend ist im Grunde nur die Elephantenjagd, während man frei lich der Lebensfristnng halber auch das übrige eßbare Wild nicht verschmähen darf. Das Elfenbein steht nicht nur in den Küstenstädten, sondern auch im Innern überall im Werthe, und bietet ein jederzeit angenehmes Tauschmittcl. Hat der Reisende seine Ochsen verloren, oder braucht er Führer und Diener, und es gelingt ihm ein Paar Elephantcn zu erlegen, so kann er sich für die Zähne Menschen, Ochsen und Lebensmittel eintauschen. Deshalb steht ein glück licher Elephantenjägcr auch bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, während sie sich keinen Begriff davon machen können, wie man die Jagd des blosen Vergnügens halber, als noble Passion betreiben könne. „Haben diese Jäger," wurde Livingstone öfter gefragt, „die so weit Herkommen und sich so abmühen, kein Fleisch zn Hause?" — „O ja, sie sind reich und könnten alle Tage einen Ochsen schlachten," — „Und doch kommen sie hierher und leiden so viel Durst um dieses trockenen Fleisches willen, das lange nicht so gut i|t180 Der Naturforscher Wahlberg. als Rindfleisch?" — „Es geschieht des Vergnügens halber." — Ein schal lendes Gelächter folgte regelmäßig auf eine solche Antwort, und es scheint, als seien die jagenden Engländer dem Schicksal nicht entgangen, von den Eingeborenen für eine besondere Art Narren gehalten zu werden. Natürlich halten die Afrikaner selbst sich für die Klugen, wenn sie Jenen auf dee Jagd nachlaufen und möglichst viel von dem sich anzueignen suchen, was die Nar ren niederschießen. Die Feuergewehre der Europäer haben in den wenigen Jahren, seit sie in das Innere des afrikanischen Südens vorgedrnngen sind, unter den Be wohnern der Wildniß bedeutend aufgeräumt; es sind Elephanten, Rhino- cerosse u. s. w. in so erstaunlicher Anzahl erlegt worden, daß man sich sagen muß, eine solche Erntezeit könne nicht wiederkehren, und die Erzählungen von den Thaten der berühmtesten Jäger werden späteren Geschlechtern wie Mär chen klingen. Zwei afrikanische Nimrode von besonderem Ruf waren der schwedische Naturforscher Wahlberg und der Schotte Gordon Cumming, von denen Ersterer hekanntlich inmitten seiner Erfolge ein so beklagenswerthcs Ende fand. Wahlberg, einer der kühnsten und aufopferndsten Arbeiter ans dem Felde der Wissenschaft, hat sich in zwei Perioden, von 1839—44 und von 1854 bis zu seinem am 6. März 1856 erfolgten Tode in Afrika aufgehalten. Zn diesem fast zehnjährigen Zeiträume arbeitete er mit unerhörter Anstrengung daran, eine vollständige Sammlung der Thier- und Pflanzenwelt des afrikanischen Südens zusammenzubringen, vom Größten bis zum Kleinsten, vom Riesen- elephanten bis zum winzigsten Insekt. Die Stadt Port Natal zum Aus gangs- und Ruhepunkte nehmend, hat er alle im Norden der Kapkolonie und westlich von Natal liegenden Länder durchstreift und größtentheils erst für die Geographie neu aufgeschlossen. Wochen lang brachte er zuweilen auf einem erschöpfenden Jagdzuge zu, um irgend ein schönes oder seltenes Thier für seine Sammlungen zu gewinnen, und es hat dieser einzige Mann so viel naturhistorisches Material nach seinem Vaterlande gefördert, daß mehrere Ge lehrte auf Jahre lang daran Arbeit finden, lind mit welchen Schwierigkeiten mußte oft ein solcher Besitz errungen werden! „Den 13. September 1844," schreibt Wahlberg, „lagerten wir zu Cepanula, in einem an Perlhühnern, Affen, Krokodilen und Elephanten reichen Lande. Am 14. schoß ich einen wundervollen Elephanten, groß, nervig, in voller Jugendkraft. Obgleich ich nur vier Neger bei mir hatte, beschloß ich doch, das Gerippe zu präpariren. Es war keine leichte Sache. Wir schlugen unser Lager unter stacheligen Akazien in der Nähe des Aases auf, und errichteten eine Hütte ans Zweigen, die wir dann mit der Elephantenhaut bedeckten; hierauf gingen wir an die Arbeit. Nach zwei Tagen war daS Thier zerlegt, die dicken Fleischtheile zerschnitten, und ich schickte in mein Hauptlager nach einem Karren. Während der acht Tage bis zu dessen Ankunft vollendete ich mit drei Leuten die mühsame Ar beit, und dann bahnten wir einen Weg für das Fuhrwerk. Die Hyänen,Elephanlcniagb. Die Elephantcnjagd trieb Wahlberg, um sich Subsistenzmittel zu ver schaffen, und er hatte dabei sc> großen Erfolg, daß er bei den Eingeborenen als einer der berühmtesten Elephantentödter galt. Er war für sie ein Gegen stand ehrfurchtsvollen Staunens, und sie sagten von ihm: der große Geist hat dem Elephantentödter ein großes Herz gegeben — er ist klein von Wuchs, aber sein Herz ist größer als das des größten Menschen. — Er soll an 400 Elephanten getödtet haben, und es hatte somit der Elephant, der endlich seiner Laufbahn ein Ziel setzte, in der That viele seiner Brüder zu rächen- Wahlberg's Jagden und Tod. 181 von dein Verwesungsgeruch angezogen, setzten uns freilich hart zu, und ich verwundete und tödtete viele. Auch Löwen fanden sich ein, besonders bei Nacht. Ich hatte das Gerippe in die Hütte eingeschlossen; die Thiere kamen haufenweise und umschlichen sie. Das Feuer, das ich ununterbrochen unter hielt, verscheuchte sie endlich, und sie begnügten sich mit den umherliegenden Fleischresten." — Dieses Elephantengerippe ist jetzt in Stockholm in dem Mu seum deS Karolineninstituts aufgestellt, und seine Beschauer ahnen nicht, mit welchen Mühen es erworben wurde. Sechs Tage vergingen über dem Trans port des Gerippes aus der Hütte ins Hauptlager; dann bedurfte es einer Reise von zwei Monaten, um es auf den Schultern nach Port Natal zu tragen, wo es eingeschifft wurde, und das Alles wurde mit drei bis vier- faulen und unzuverlässigen Negern vollbracht.182 Gordon Cumming. Wahlberg griff die Elephanten stets zu Fuß ent, ohne von Pferden und Hunden Gebrauch zu machen, weil er diese Arr zu jagen für die sicherste hielt. Mag er hierin Recht gehabt haben, so beweist sein klägliches Ende doch, daß es r.üt der Jagd auf Elephanten überhaupt eine gefährliche Sache ist. Wahlberg jagte im. Februar 1856 mit zwei Engländern, Green und Castrh, in den Gegenden nordwestlich vom Ngamisee. Am 28. entfernte er sich von der Karawane in Begleitung eines Dieners und einiger Einge borenen. Es vergingen 10 Tage, ehe die beiden Engländer, die in kleinen Abständen Jeder auf eigene Hand jagten, etvas Weiteres von ihm vernahmen. Am 11. März kehrten seine Leute ins Lager zurück, leider ■— ohne ihn. „Bald nach unserem Abgänge," berichteten sie, „fanden wir die Spur eines Elephanten, und begannen ihr zu folgen. Kurz darauf kamen uns mehrere zu Gesicht, und Wahlberg schoß täglich einen. Wir lebten von Nilpferde fleisch, Elephantenrüsseln und Füßen. Alles verhieß einen glücklichen Jagd zug; allein am 6. Abends jagte Wahlberg einen jungen Elephanten, den wir auf einer kleinen, von einem Morast begrenzten Ebene umstellten. Auf seinen Befehl feuerten wir mehrere Schüsse auf das Thier, als dieses Plötzlich wü- tyend sich auf Wahlberg stürzte, ehe er feuern konnte, ihn zu Boden warf, die Flinte in Stücke brach, als wüßte es, was die Waffe zu bedeuten habe, einen entsetzlichen Schrei ausstieß, den Herrn mit den Füßen zerstampfte und darauf die Flucht ergriff." Den armen Leuten blieb Nichts übrig, als für die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche ihres Herrn eine Gruft zu graben. Glücklicher als Wahlberg vollendete der fast noch berühmter gewordene Gordon Cumming seinen fünfjährigen Kreuzzug in den Wildnissen Afrika's. Ihm war cs mehr um die Befriedigung einer abenteuerlichen Jagdlust und die Sammlung von Jagdtrophäen zu thun, doch erweiterte er durch seine Kreuz- und Querzüge gleichzeitig auch die naturwissenschaftliche und geogra phische Kenntniß Afrika's, denn indem er sich vorgenommen, tiefer als Einer vor ihm in das Innere einzudringen, erschloß er die Gegend von Bamang- wato mit ihren ausgedehnten Waldungen, wo er seine Lieblingsjagdplätze wählte, denn hier giebt es oder gab es für den von Süden kommenden Jä ger zuerst Aussicht, nebst dem andern Großwild auf den nobelsten Wald- bcwohner, den Elephanten zu treffen. Während des ganzen Zeitraumes, den Gordow in den afrikanischen Wildnissen zubrachte, war, wie er sagt, sein Wagen seine einzige Wohnung, und selbst diesen verließ er oft, um allein oder in Begleitung von Wilden auf Jagdunternehmungen in weite Ferne zu ziehen, während seine Leute mit dem Gepäck ein Lager bezogen. Oft brachte er bei solchen Gelegen heiten Tage und Nächte einsam in einer Schießgrnbe neben irgend einem Tränkplatze zu, und beobachtete daö majestätische Wesen des Löwen, das kluge Benehmen des Elephanten und die merkwürdigen Instinkte der zahlreichen Ar ten von Wild, welche, ohne die Nähe des Menschen zu ahnen, oft im Be reich weniger Schritte an ihm vorüberkamen.©ertön Cumming. 183 Die äußere Erscheinung G. Cumming's war eigenthünilich und malerisch und verfehlte ihren Eindruck ans die Wilden nicht. Seine Arme waren ge wöhnlich bis zu den Schultern entblößt, nur ein Hemd bedeckte ihn und ein breitrandiger, federgeschmückter Hut seinen Kopf. So trat er mit der sicher treffenden doppelläufigen Büchse in den Händen den Beherrschern des Waldes kühn entgegen. Bei anderen Gelegenheiten verfolgte er seine Beute, aus dem Sattel schießend, auf tüchtigen Jagdrennern, wenn solche ihm zu Gebote standen, denn das Hinsterben seiner Ochsen und Pferde war ein sehr gewöhn liches Ereigniß und das hauptsächlichste Hemmniß in seinen Unternehmungen. Ein afrikanischer,,Herumstreicher". Cumming hat die Schilderungen seiner zahlreichen Jagderlebnisse, wie er sie in den Stunden der Ruhe unmittelbar niederschrieb, veröffentlicht, und eine, Gewähr dafür, daß hier nicht blose Jägerhistorien vorliegen, fin den wir in dem Buche des braven Livingstone, indem er angiebt, daß er die Erzählungen von Cumming's Thaten im Ganzen eben so, wie sie im Buche stehen, auch ans dem Munde der Eingeborenen vernommen habe. Bei weitem das edelste Jagdobjekt bleibt immer der Elephant, dieses majestätische, kluge und gewaltige Geschöpf; aber er ist weit schwieriger zu sin-184 Elgenthümlichkeiten des Elephanten. den und zu besiegen, als irgend ein anderer Bewohner der Wildniß. Die Ste phanien ziehen sich am liebsten in die einsamsten Tiefen des Waldes zurück, weit ab von den Flüssen oder Quellen, an welche sie zur Tränke zu kommen pflegen; aber sie kennen und begehen ungeheuer große Distrikte, indem sie fortwährend wechseln und immer die frischesten und grünsten Stellen des Waldes auf suchen und eine Gegend, die von Dürre befallen wird, für immer mit einer oft weit entlegenen bessern vertauschen. Ihre Spuren sind daher in den von ihnen bewohnten Gegenden nichts weniger als selten; gleichwol muß der Jäger einer aufgenommenen frischen Spur zuweilen mehrere Tage lang folgen, ehe es ihm nur gelingt, sein Wild zu Gesicht zu bekommen. Die alten männ lichen Elephanten gehen zuweilen einzeln, und solche Einsiedler (sogenannte „Herumstreicher") gelten für besonders bösartig und gefährlich; in der Regel halten sie sich paarweise oder in kleinen Trupps beisammen. Ihnen begegnet der Jäger um ihrer mächtigen Stoßzähne willen am liebsten, wiewol sie, als die bei weitem größten und stärksten Thiere, auch weit schwieriger als die weiblichen zu erlegen sind. Die jungen männlichen Elephanten bleiben meh rere Jahre lang in Gesellschaft ihrer Mütter, und bilden mit diesen grö ßere Herden von 20—100 Stück. Die Kost der Elephanten besteht nicht allein aus Zweigen, Blättern, Baumwurzeln, sondern auch ans verschiedenen Knollen und Zwiebeln, die sie durch ihren scharfen Geruch aufspüren und mit ihren Stoßzähnen ausgraben, so daß man zuweilen auf große Flächen stößt, die wie umgeackert aussehen. Welche Massen von Nahrungsstoff ein Elephant bedarf, erscheint unglaublich, auch wenn man seiner Größe die ge hörige Rechnung trägt. Er bringt aber auch den größten Theil des Tages und der Nacht mit Fressen zu, und viel mehr noch, als er zu sich nimmt, verwüstet er. Eine zahllose Menge junger und selbst alter Bäume zer bricht und zerstört eine Elephantenherde auf ihrem Weidegange durch einen Wald, scheinbar mehr zum Spiel und Vergnügen, denn oft naschen sie von einer ganzen ausgerissenen Gruppe nur ein Paar kleine Zweige und setzen dann ihr Zerstörungswerk weiter fort. Die Plätze, wo sie so gewirthschaftet haben, sehen wie Verhaue aus und sind schwer oder gar nicht zu passiren. Bei Nacht weiden sie in offenen Ebenen oder wenig bestandenem Terrain und ziehen sich mit Tagesanbruch wieder in daö Waldesdunkel oder in un durchdringliche Dorndickichte zurück, wo sie während der heißesten Tagesstun den, in einen Trupp eng zusammengezogen, uuthätig stehen bleiben. In Folge dieser Lebensgewohnheiten ist der Elephant weniger zugänglich und kommt dem Jäger seltener zu Gesicht als irgend ein anderes Wild, einige seltene Antilopen ausgenommen, und die europäischen Jäger haben in neuerer Zeit das Nachtschießen lohnender gefunden, indem sie sich in Erdgruben neben den Tränkeplätzen ans die Lauer legen. Der Elephant geht bei trockenem heißen Wetter allnächtlich seinen weiten Weg zur Tränke, bei kühlem Wetter und bewölktem Himmel nur jeden dritten und vierten Tag. Mit Sonnenunter gang verläßt er seine Waldverstecke und sucht das Wasser auf; hat er seinenElt'phanrenjagd. 185 Durst gestillt und seinen Körper mittelst des Rüssels reichlich mit Wasser über- gossen, so kehrt er an seinen Standort zurück, und schlaft um Mitternacht ein Paar Stunden, gewöhnlich stehend, und nur wenn er sich ganz sicher glaubt, auf der Seite liegend oder an einen Baum oder Ameisenbau angelehnt. Gleich nach genommener Rast fängt er wieder an, über alle Maßen zu fressen. Kommt ein Trupp Elephanten zu der nächtlichen Tränke, so zieht sich alles übrige Gethier, wenigstens wenn die Tränkstätte von geringem Umfange ist, in ehrfurchtsvoller Scheu zurück, bis die Riesenthiere ihren Durst ge löscht haben. Selbst noch ehe diese in Sicht sind, haben jene erlauscht, was da kommen wird, und geben Zeichen von Unruhe. Die Giraffe wirft ihren langen Hals hin und her; das Zebra läßt halb unterdrückte Klagelaute hö ren, das Gnu stiehlt sich lautlosen Schrittes hinweg, und selbst das streit bare schwarze Rhinoceros stutzt und lauscht, bis es sich überzeugt hat, woraus es boshaft schnarchend das Feld räumt. Ein unprovocirter Angriff des Elephanten auf den Menschen scheint we nigstens bei der afrikanischen Art niemals vorzukommen; vielmehr hegt er vor diesen, eine außerordentliche Furcht; es darf nur ein einzelner Mensch, ein Kind sich von der Windseite nähern, so wittern es die Elephanten aus eine Viertelstunde weit, und Hunderte ziehen sich zurück, um erst in weiter Ferne wieder Halt zu machen. Die Ankunft eines Jägers in ihrem Distrikt entdecken sie ungemein schnell, und wenn ein Trupp angegriffen wurde, so ist der Fall in zwei bis drei Tagen allen Thieren der weiten Umgegend bekannt, und Alles wandert fort in die Ferne; dem Jäger aber bleibt nur die Wahl, ob er umkehren oder eine lange Reise hinter den Flüchtlingen her machen will. Nur ein Meister in der Elephantenjagd, wie etwa Cumming, vermag zuweilen einen Elephanten mit einem oder zwei Schüssen zu erlegen, aber es gehört dazu nächst den schwersten Büchsenkugeln auch Muth genug, sich bis auf wenige Schritte an das Thier heranzuschleichen oder es herankommen zu lassen und dann mit fester Hand auf die verwundbarste Stelle abzudrücken. Ein nicht tödtlich verwundeter Elephant kann, wie Wahlberg's Beispiel zeigt, höchst gefährlich werden; in den meisten Fällen, besonders wenn er nicht allein war, sucht er jedoch mit den klebrigen zu entkommen, welche fast immer, so bald ein Schuß gefallen ist, auf und davon eilen. Nur einmal erlebte es Cumming, daß ein Elephant von einer fliehenden Truppe umkehrte, um sei nem verwundeten Kameraden zu Hülfe zu kommen, wodurch natürlich der Jäger und sein Pferd in eine gefährliche Klemme geriethen. Pferde sind zur Verfolgung eines angeschossenen Elephanten wol sehr gut zu gebrau chen, weniger jedoch beim Angriff selbst, wo sie gewöhnlich in die äußerste Furcht gerathen und ganz unlenksam werden. Merkwürdig aber ist der Ein druck, den einige kläffende Hunde ans den Elephanten machen. Das große Thier fühlt sich durch dieselben so belästigt und in Anspruch genommen, daß es alle Aufmerksamkeit für den Jäger verliert. Es macht ungeschickte Ver suche die Peiniger zu zerquetschen, indem es entweder ans die Knie fällt oder186 Elephanten - Fallgruben. sich mit dem Kopfe gegen einen Baum stellt und diesen, nachdem es rechts und links nach den Hunden geschaut, über den Haufen wirst und auf sie zu schiebt. Währenddem kann der Jäger leicht zum Schuß gelangen, und es ist bei dem Jagen mit Hunden nur die Gefahr, daß diese möglicher Weise ein- mal auf den Jäger zulaufen und dadurch den Elephanten nach Diesem hinleiten. Als die verwundbarste Stelle gilt beim Elephanten die Gegend hinter dem Schulterblatt oder oberhalb desselben; der beste Fall jedoch ist der, wenn es dem Jäger gelingt, mit einer starken Kugel einen Vorderfuß zu zerschmet tern; dann ist der Koloß gewöhnlich ganz in seine Gewalt gegeben, und em pfängt in stiller Ergebung die ferneren tödtlichen Geschosse, bis er sterbend zusammenbricht. Zuweilen bohrt das schwerverwundete Thier seine Stoß zähne als Stütze in den Boden, und diese brechen dann ab, wenn es seit wärts umfällt. Hierdurch verringert sich der Werth der so sehr gesuchten Jagdbeute bedeutend, denn die Zähne sind mitten durchgebrochen, da die hin tere Hälfte in den Kieferknochen verborgen liegt und jederzeit mit Meißeln frei gemacht werden muß. Die Eingeborenen fangen den Elephanten entweder in Fallgruben, oder erlegen ihn durch Wurfspieße. In Bezug auf die Fallgruben sind jedoch die Thiere sehr auf ihrer Hut, und die Eingeborenen versichern, daß wenn ein junges unerfahrenes Thier in eine Grube fällt, die Alten ihm wieder heraus helfen. Sie gehen durch eine wegen Fallgruben unsichere Gegend stets einer hinter dem andern, im Gänsemarsch, und zerstreuen sich nicht eher, als bis sie die verdächtigen Stellen weit hinter sich haben. Mit Wurfspießen können die Eingeborenen natürlich nur Etwas ausrichten, wenn der Jäger viele bei sammen sind. Sie benutzen hauptsächlich die Momente, wenn der gehetzte Elephant eben einen Anlauf auf sie gemacht hat und nun erschöpft stillsteht. Livingstone sah eine Elephantenmutter mit ihrem Jungen den langsamen Tod durch Wurfspieße sterben, denn hier ist natürlich) nur der allmähliche Blut verlust, nicht die Verletzung eines edlen innern Theiles die Todesursache. Rührend war die Sorgfalt, mit welcher die Elephantin ihr Junges gegen die Wurfgeschosse zu schirmen suchte. Sic kehrte sich drei- oder viermal mit einem Wuthschrei gegen ihre Verfolger und machte einen verzweifelten Anlauf gegen sie auf etwa 100 Schritt Länge. Sie rannte stets gerade aus, und die Verfolger brachten sich durch Seitensprünge in Sicherheit, immer neue Sperre nach ihr werfend. Mit der Zeit wurden ihre Bewegungen matter, und schließlich sank sie tobt in die Knie. Begleiten wir Gordon Cumming ein wenig ans einem seiner vielen in teressanten Jagdzüge. Er jagte mit Pferden und Hunden in den Wäldern des Bamangwatolandes, begleitet von einem halben Hundert Betschuanen. Es war schon gegen Abend und noch hatte man keine Jagd gehabt; da stieß man auf einen kürzlich von Elephanten zertrümmerten Dornbaum. Die Wil den untersuchten Alles genau und fanden, daß ein männlicher Elephant erster Größe hier gewesen sei. Man nahm seine Spur auf und die EingeborenenInteressanter Jagdzug. 187 folgten ihr mit vielem Geschick. Weiterhin kam man an Orte, wo die Ele- phanten in gewohnter Weise mächtige Aeste abgerissen, ganze Bäume ent wurzelt, den Boden tief aufgewühlt hatten, bis endlich ein Spürer athemlos meldete, daß das Wild in Sicht sei. Nicht lange, und der Jäger erblickte in einer Entfernung von etwa 150 Schritt einen ganzen Trupp mächtiger Elephantenbullen unter einem schattigen Baumdach dicht beisammen stehend. Der Jäger ritt leise näher, wurde aber endlich bemerkt. Die Thiere erho ben die Rüssel, machten rechtsum und brachen unter Prasseln und Krachen durch den Wald, dichte Staubwolken hinter sich lassend. Doch der Jäger Ein Elefantenweibchen, sein Junges beschützend. war ihnen vermöge seines guten Renners bald auf den Fersen. Es waren sechs Thiere, vier davon völlig ausgewachsen. Während der Flucht kam das größte Thier von den übrigen ab und der Jäger hielt sich nun diesem zur iseite. Aber eben als er feuern wollte, wandte sich der Elephant, stieß einen erschütternden Trompetenton aus, und stürzte einige Hundert Schritte weit sei nem Verfolger nach, nicht im mindesten behindert von den Waldbäumen, die wie Rohr nachgaben. Endlich kehrte er um und ging, obgleich er in diesem Augenblicke einen Schuß ins Schulterblatt bekam, mit einem freien, imposanten Schritte seines Weges. Auf den Schuß waren einige Hunde herbeigekommen,188 Interessanter Jagdzug. und ihr Gebell hatte einen neuen wüthenden Angriff zur Folge, der ihm einen zweiten Schuß eintrug, von welchem er jedoch eben so wenig als vom ersten Notiz nahm. Cumming verließ jetzt sein unruhiges Pferd, um sicherer schießen zu können, schlich sich hinter Bäumen heran, und schoß das Thier in die Schläfe. Mit einem Wuthschrei, daß der Wald zitterte, stürzte sich das Thier hierauf unter die Hunde, und nahm nachher eine Stellung in einem Dorndickicht, mit der Vorderseite nach dem Jäger zu. Dieser hatte damals noch den Glauben, daß man mit einem Schüsse in den Vorderkopf den Ele- phanten erlegen könne, während solche Schüsse in Wirklichkeit keinen andern Er folg haben, als das Thier in gräßliche Wuth zu bringen. Er ging dem Ele- phanten demnach entgegen; das Thier brach heraus, und der Jäger schoß es aus einer Entfernung von 15 Schritten in die Vertiefung des Vorderkopfes. Zu seinem Schrecken sah er aber, daß der Schuß den Elephanten weder zuni Stürzen noch zum Stehen brachte; mit rasender Schnelle schoß er auf den Jäger los und beide kamen in so bedenkliche Nähe, daß die von weitem stehen den Betschuanen in Klagegeschrei ausbrachen, da sie fest glaubten, der Jäger sei todt. Dieser hatte aber im letzten Augenblicke noch hinter eine Dornhecke schlüpfen können. Wieder ging nun der Elephant mit starken Schritten durch den Wald dahin, obwol aus vielen Wunden blutend, verfolgt von dem Reiter, der Schuß auf Schuß ihm in die Flanken jagte. Noch immer schien das Thier nicht sehr angegriffen, vielmehr beantwortete es jede Salve regelmäßig mit einem Angriff. Der Jäger stieg wieder ab, um ein Ende zu machen, denn die Nacht war nahe, und gab ihm aus beträchtlicher Nähe noch eine Anzahl Kugeln in den Kopf und hinter die Vorderblätter. Noch ein Paar wüthende Angriffe des Thieres erfolgten, dann blieb es unter einem Baume stehen, von der Hundemente wüthend angebellt, und Zeichen seines nahen Endes wurden bemerkbar. Als endlich das majestätische Thier seitwärts umstürzte und seinen letzten Athemzug that, waren die hungrigen Wilden vor Freuden außer sich. In wenigen Minuten hatten sie ein Dutzend Feuer angezündet und einen halbrunden Schutzzaun gegen den Wind errichtet, worauf sie sich dem Schlafe in die Arme warfen. Die Zerlegung des Elephanten am frühen Morgen gab eine Scene voll Blut, Lärm und Getümmel, die keine Beschreibung wiederzugeben vermag. Jeder Eingeborene warf seinen Karoß ab und rannte mit geschwungener Assagai herbei, um sich beim Ausschlachten zu betheiligen. In weniger als zwei Stunden war jeder Zoll des Riesenthieres fort und nach den verschie denen Lagerplätzen geschafft. Zuerst wird von der oben liegenden Seite die dicke Haut in breiten Streifen abgeledert. Unter ihr liegen mehrere Schichten einer zähen und geschmeidigen Schleimhaut, aus welcher die Eingeborenen Wasserschläuche machen, und die sie daher sehr in Acht nehmen; dann wird das Fleisch in mächtigen Stücken von den Rippen geschnitten und letztere mit den Streitäxten ausgehauen. Nun sind die Eingeweide bloßgelegt und dieAusschlachten des erlegten Elephanten. 189 Bormänner der Wilden beginnen lebhaften Antheil an der Sache zu nehmen, denn hier findet sich das meiste Fett des Elephanten; Fett aber ist eine Sache, die dem Afrikaner über Alles geht; es dient ihm eben so universell als Schmalz wie als Pomade. Ein erwachsener Elephant liefert eine ungeheure Menge Fett. Um es ganz zu bekommen, muß erst der größere Theil der Eingeweide entfernt sein; dann steigen mehrere Personen in den Riesen leib hinein, arbeiten mit ihren Assagaien alles Fett ab, und reichen es ihren Kameraden heraus. Schließlich kommt die andere Seite des Thieres in Arbeit. Die Betschnanen haben bei solchen Gelegenheiten die sehr un liebenswürdige Gewohnheit, sich vom Kopf bis zum Fuß mit dem schwar zen geronnenen Blute einzusalbcn. Die ganze Arbeit des Ausschlachtens er folgt unter einem betäubenden Schreien und Schwatzen, Stoßen und Drän gen, und der Anblick dieser aufgeregten, blutigen und nackten Wilden mit den blitzenden Assagaien ist ein so ergreifender, daß man jeden Augenblick meint, sie müßten sich theilen und ein Gefecht auf Leben und Tod beginnen. Der Rüssel des Elephanten und die im Kniegelenk abgelösten Beine erfahren als besondere Delikatessen auch eine specielle Behandlung; sie werden alsbald gebacken. Man gräbt für jedes der enormen Stücke eine Grube und überbaut sie mit einem mächtigen Haufen dürren Holzes, welches vielleicht der selbe Elephant einige Zeit vorher gefällt hat. Sind die Holzstöße nieder gebrannt, so werden die Fleischstücke in die heiße Asche gebracht und mit derselben völlig zugedeckt. Obenauf bringt man die zur Seite gezogenen glühenden Kohlen und zündet ein neues Feuer an; nachdem dieses nieder gebrannt, ist das ungeheure Schlachtstück bis ins Innere gar geworden; man zieht es heraus, säubert und schält es und treibt einen starken Pfahl als Handhabe hindurch. Rüssel und Füße sind nach dieser Zubereitung selbst für civilisirte Gaumen sehr annehmbar und sollen im Geschmacke den Büffel zungen auffallend nahe kommen. Aber auch die übrigen ungeheuren Fleisch massen des Elephanten werden von den Eingeborenen bestens zu Nutze ge macht. Die ganze Masse wird in zwei Finger breite, 6—20 Fuß lange Streifen zerschnitten. Dann werden 8 Fuß lange, oben gegabelte Pfähle ausgehauen und in die Erde gepflanzt, Querstangen darauf gelegt und diese Gerüste über und über mit den geschnittenen Fleischstreifen behängen. Sieht man eine solche Trockenanstalt fertig, so erscheint es fast unglaublich, daß diese ganze Masse von einem einzigen Thiere herrühren soll. Nach zwei- bis dreitägigem Hängen an der Sonne sind die Streifen völlig trocken und starr geworden. Sie werden nun zusammengeknickt und wie Reisigbündel mit Bast geschnürt. Damit ist das Waidwerk im Walde beendet; die Wilden bepacken sich Schultern und Köpfe mit ihrer Jagdbeute und kehren nach ihren heimat lichen Hütten zurück, während der Jäger die Krone des Sieges, die Stoß zähne, in Sicherheit bringt. Einmal traf Cumming auf einen wahren Riesenelephanten und machte ihn auf den ersten Schuß fest; die Kugel hatte ihm das Schulterblat. zer-190 Das schwarze und das weiße Nashorn. schmettert und ihn völlig gelähmt. Der Jäger betrachtete das majestätische Thier eine Weile, ging dann nahe und that mehrere Probeschüsse auf den Ungeheuern Kopf, um die verwundbarste Stelle zu ermitteln. Aber zu seinem Erstaunen sah er von seinen Schüssen kaum eine Wirkung auf daS Thier; dasselbe machte beim Empfang jeder Kugel nur eine gleichsam grüßende Be wegung mit dem Rüssel und fühlte mit der Spitze desselben nach der getrof fenen Stelle. Um die Leiden des armen Thieres nicht ohne Noth zu ver längern, gab ihm der Jäger nunmehr sechs Kugeln hinter das Vorderblatt, und sandte, da diese noch keine besondere Wirkung zeigten, noch drei Sechs- pfünder, d. h. Kugeln, von denen sechs auf das Pfund gehen, hinterher. Jetzt rannen große Thränen aus des Thieres Augen, die es langsam schloß und öffnete; Schauer durchrieselte den Koloß, er fiel um und starb. Die Zähne dieses Exemplars wogen nicht weniger als 90 Pfund jeder. Ueber einen größer» Raum als der Elephant findet sich in Afrika das Rhinoceros verbreitet, das in früheren Zeiten selbst in der Nähe der Kap stadt angetroffeu wurde. Die beiden dickhäutigen Vettern lieben sich nicht sonderlich, und obwol sie sich in der Regel aus deni Wege gehen, so weiß man doch auch von erbitterten Kämpfen zwischen ihnen, bei welchen meist der kleinere und behendere Gegner der Sieger blieb, indem er dem großen tödt- liche Stöße in den Unterleib beibrachte; eben so hat man Beispiele von Duellen zwischen Rhinocerossen selbst. Merkwürdiger Weise ist gerade die kleinere Art der Nashörner die bösartigste und streitbarste. Es giebt nämlich in Afrika zweierlei Arten, eine kleinere mit schwärzlicher, und eine beträchtlich größere mit weißlicher Haut. Jede derselben wird gewöhnlich wieder in zwei Arten geschieden, die in der Richtung der Hörner (sie besitzen sämmtlich zwei hinter einander stehende) und in der Große einige Unterschiede zeigen. Livingstone hält dagegen diese Unterschiede für unwesentlich und nur im Alter u. s. w. begründet. Die schwarze und die weiße Art aber weichen in vieler Hinsicht beträchtlich von einander ab. Letztere erreicht zuweilen eine solche Größe, daß sie dem Elephanten wenig nachgiebt; sie nährt sich von Gras, während das schwarze Nashorn sich fast ausschließlich an die dornige Akazie hält, und analog der verschiedenen Natur dieser Nahrungsmittel ist die schwarze Art bösartig, hat ein übelschmeckendes Fleisch und nie eine Unze Fett auf dem Leibe, während die weiße schüchterner ist, ein als vorzüglich geschätztes Fleisch hat und sehr fett wird. Es ist daher natürlich, daß man dem Thiere dieser guten Eigenschaften halber, und da es verhältnißmäßig leicht zu erlegen ist, weil eS auch nicht die Schnelligkeit des schwarzen besitzt, fleißig nachstellt, und daß es schon jetzt ziemlich selten geworden ist. Als ein Maßstab seiner Größe und Ergiebigkeit an Nahrungsstoff kann es dienen, daß man das Er- trägniß eines Weißen Nashorns' dem von drei tüchtigen Ochsen gleichzuschätzen pflegt. Das vordere Horn des weißen Rhinoceros erreicht eine Länge von drei bis vier Fuß, und trotz seiner im Ganzen friedlichen Stimmung kommt es doch zuweilen vor, daß es diese respektable und sehr scharfe Waffe gegenGefährliche Nashornjagd. 191 den Menschen kehrt, wenn es hart verfolgt oder verwundet wird, oder ein Junges zu vertheidigen hat. Diese Erfahrung mußte auch Livingstone's Reise gefährte Oswell machen. Bei einem Jagdzuge auf Elephanten stieß er plötz lich auf ein ungeheures Weißes Rhinoceros, ritt ihm ganz nahe auf den Leib und gab ihm eine Kugel, ohne cs jedoch tödtlich zu treffen. Zuni großen Er staunen des Jägers floh aber das Thier nicht, sondern wendete rasch um und marschirte auf ihn los. Bei diesem Anblicke wurde Oöwell's Pferd vor Schreck unlenksam, und während er sich mühte dasselbe zu wenden, hatte das Rhinoceros den kurzen Zwischenraum durchschritten, senkte den Kopf und stieß dem Pferde sein Horn mit solcher Gewalt in die Rippen, daß es auf Nashornjagd. der andern Seite noch den Sattel durchdrang und Oswell die scharfe Spitze am Beine fühlte. Roß und Reiter überschlugen sich in Folge des heftigen Stoßes förmlich in der Luft und kamen mit schwerem Fall zu Boden, wo letzterer das Horn des wüthenden Thieres dicht neben sich erblickte. Dieses schien aber nun seine Rache gekühlt zu haben und trabte davon. Mit Blut überschüttet arbeitete sich der Jäger, der keine ernstliche Beschädigung er litten, unter dem tobten Pferde hervor, nahm Pferd und Gewehr seines Reit knechts und jagte dem Rhinoceros nach, daö er endlich durch, einen zweiten Schuß glücklich erlegte. — Schlimmeres erlebte der Jäger noch mit dem schwarzen Rhinoceros. Bei einer Gelegenheit, wo er gerade zu Fuße war,192 Eigenthümlichkeiten des Nashorns. sah er zwei dieser Thiere weiden und kauerte sich hin, um ihr Näherkommen abzuwarten. Sie kamen auch bald in Schußweite; da sie ihn aber alsbald erblickten und Front gegen ihn machten, so konnte er nicht zum Schuß kom men, denn eine Kugel ins Gesicht fruchtet bei dem massiven Bau des Schä dels, der dicken Kopfhaut und der auffallenden Kleinheit des Gehirns in der Regel nichts; dagegen ist die Sage von der Unverwundbarkeit des Rhinoceros im Allgemeinen, wenigstens bei den afrikanischen Arten, die eine verhältniß- mäßig glatte, faltenlose Haut haben, ohne Grund; sie sind vielmehr durch einen Schuß in die Seite, wenn derselbe in 30 — 40 Schritt Nähe gegeben wird, ziemlich sicher zu erlegen, besonders mit harter Kugel und doppelter Pulverladung. Oswell wußte das Alles sehr wohl, nicht so wohl aber, was er mit den daher stürzenden Thieren beginnen sollte; es war keine Gelegenheit da sich zu verstecken, und zu feuern wagte er auch nicht; denn erlegte er auch im glücklichsten Falle das eine Thier, so wurde er um so wahrscheinlicher ein Opfer des andern. Da kam ihm der Gedanke, sich das schlechte Gesicht deS Rhinoceros zu Nutze zu machen und an den Thieren vorbei und hinter die selben zu schlüpfen. Schon war das vorderste Thier dicht vor ihm, als er aufsprang und den Satz nach hinten ausführte. Aber es half ihm nichts: das Thier war schneller als er dachte, und nach wenig Augenblicken hörte er sein entsetzliches Geschnarche bereits dicht hinter sich; in demselben Augenblicke, wo er ihm auf gut Glück eine Kugel in den Kopf schoß, fühlte er sich von dem schrecklichen Horne erfaßt und niedergeworfen, und alle Sinne vergingen ihm. Er wurde von seinen Leuten für todt aufgehoben und es dauerte lange, ehe er sich des Vorgefallenen wieder entsinnen und sich klar machen konnte, daß er in Hüfte und Seite eine bedeutende Verwundung erhalten, die nur schwierig heilte und ihm Narben für zeitlebens hinterließ. Auch Andersson wurde von einem, angeschossenen Rhinoceros jämmerlich zerarbeitet. Geruch und Gehör des Nashorns sind vorzüglich, und es wittert einen Feind aus weiter Ferne, wenn es den Wind hat. Sein Gesichtssinn dagegen ist mangelhaft, da es mit den tief im Kopfe liegenden kleinen Augen, denen noch die breiten Hörner im Wege stehen, nicht viel auf einmal übersehen kann. Daher kann es wol gelingen, sich durch einen Seitensprung aus dem Bereiche eines daherschnaubenden Thieres zu bringen, sofern nur Mittel zur Deckung, zum Verbergen vorhanden sind. Dagegen ist es eine höchst verzweifelte Sache, auf ganz freiem Platze mit einem Nashorn anzubinden oder von ihm angegriffen zu werden. Das schwarze Nashorn nämlich wartet oft einen An griff nicht erst ab, sondern stürzt sich ohne Weiteres auf Alles, was ihm auf- oder mißfällig ist, sei es Mensch oder Thier oder ein lebloser Gegenstand. Man hat es zuweilen bemerkt, wie es sich unter gräulichem Schnarchen und Pusten angelegentlich damit beschäftigt, Büsche und Bäume zu zertrümmern, Holz, Steine u. dgl. umherzuschleudern, den Boden mit seinem Horne auf zureißen u. s. w., und hat daraus schließen wollen, daß es zuweilen förmlichen Wuthanfällen ausgesetzt sei; es ist aber nicht abzusehen, warum dieses Be-Rhinocerosjagd, 193 tragen nicht in einer blosen üblen Laune, oder auch, wie Livingstone vermu- thet, in einer recht rosenfarbenen Laune seinen Grund haben könne, in wel cher es dem starken Thiere beliebt, sich etwas Motion zu machen, wie z. B. der Hund auch nichts weniger als wüthend ist, wenn er mit den Hinterfüßen die Erde hinter sich schleudert. Den Tag über liegt das Rhinoceros entweder schlafend, oder steht müßig auf irgend einem versteckten, schattigen Platze. Erst am Abend beginnt es herumzulaufen und durchstreift oft große Reviere. Bon 9 Uhr etwa bis Mitternacht besucht es irgend eine Quelle oder sonstigen einen Tränkplatz, denn Wasser braucht es wenigstens in 24 Stunden einmal, sowol zur Tränke, als Rhinocerosjagd. ■' P' um sich darin zn schwemmen, oder wenigstens im Schlamme zu wälzen. Bei diesen Wasserplätzeu sie aus einem Hinterhalte zu schießen, ist verhältniß- mäßig die leichteste Art, ihrer habhaft zu werden. Außerdem beschleicht man sie an ihren Ruhe- oder Weideplätzen, und wenn man sich gut unter Wind hält und etwas Deckung da ist, so kann man ohne Schwierigkeit nahe genug kommen, um durch eine gut dirigirte Kugel das Wild auf der Stelle zu er legen. Das Jagen zu Pferde wird nur selten betrieben, denn die Schnellig keit und Ausdauer des schwarzen Rhinoceros ist so groß, daß man ihm schwer mit dem Pferde beikommt, nicht zu gedenken des Unglücks, das ein blos verwundetes Thier anrichten kann. ' Ein schlafendes oder in Gedanken vertieftes Rhinoceros zu beschleichen Livingstone. Reisen in,Afrika. 13194 Der Buphago. Benutzung der Rhinoceroshörner. mißlingt öfter deshalb, weil das Thier einen guten Freund hat, der es von der nahen Gefahr in Kenntniß setzt. Der Freund ist der Buphago, ein grauer Vogel von der Größe einer Drossel. Solche Vögel sind die beständi gen Begleiter sowol der Nashornarten als des Flußpferdes, denn sie nähren sich von den Zecken und anderem Ungeziefer, das sich auf diesen, wenn auch haarlosen Dickhäutern dennoch festsetzt. Sobald diese stets wachsamen Vögel eine Gefahr merken, stecken sie ihrem Verpfleger die Schnäbel in die Ohren und schreien wie toll; der Schläfer weiß sehr gut, was das sagen will, springt sofort auf die Beine, sieht sich nach allen Seiten um und rennt von dannen. Cumming jagte manches Nashorn zu Pferde Stunden weit, und gab ihm manchen Schuß, ehe es zum Fallen kam. Aber in der Regel blie ben während der ganzen Dauer der Jagd einige Buphago's bei dem Thiere, die sich in seine Haut festgeklammert hatten. Wenn eine Kugel einschlug, so flogen sie ein wenig in die Höhe, stießen ihren schrillenden Alarmruf aus und nahmen dann sofort ihre Position wieder ein. Letzteres thaten sie auch, wenn sie auf ihrem Ritte zufällig durch niederhängende Zweige abgestreift wurden. Wenn der Jäger die Rhinocerosse zur Nachtzeit an der Tränke schoß, so gingen die Vögel nicht eher weg, als bis derselbe am ändern Morgen sich bei seiner Beute einstellte und sie sich auf's Aeußerste angestrengt hatten, ihren dicken Freund wachzurufen. — „Eines Tages," erzählt Wahlberg, „sah ich plötzlich den Buphago auffliegen, und im Nu stürzte sich auch ein schwarzes Rhi- noceros auf mich. Da ich nur meine gewöhnliche Flinte bei mir hatte, so ergriff ich eiligst die Flucht. Schon fühlte ich den starken glühenden Athem des Un- gethüms im Rücken, als ich an einen quer über den Weg liegenden dicken Baum kam und hinübersprang. Das verdutzte Thier blieb stehen, schnaubte laut, warf den Kopf nach rechts und links, drehte sich dann rasch um und ging davon." Die Rhinoceroshörner bestehen ans einer feinen, sehr polituxfähigen Masse, und sind als Material zu Griffen, Stielen, Ladestöcken und allerlei anderen Artikeln sehr gesucht. In der Kapstadt werden die Hörner mit der Hälfte des gewöhnlichen Elfenbeinpreises bezahlt. Ehedem waren und sind vielleicht hier und da noch jetzt die Trinkbecher aus Rhinoceroshorn hochge schätzt, weil man glaubte, sie litten kein Gift, sondern sprängen in Stücke, sobald sie mit einer giftigen Substanz in Berührung kämen. Auch als in neres Arzneimittel hatte das geschabte Horn großen Rus. Die Haut des Rhinoceros wird wie die des Flußpferdes zu Reitpeitschen, besonders aber zu jener FolioauSgabe der Reitpeitsche benutzt, welche Schambock heißt, sechs bis sieben Fuß lang ist und bei keinem afrikanischen Ochsengeschirr fehlen darf, da sie das wirksamste Ileberredungsmittel für störrige Ochsen abgiebt. Ein gar mcht zu verachtendes Wild auö der Klasse der Dickhäuter ist ferner das Flußpferd (Hippopotamns), von den Kolonisten Seekuh genannt, denn es ist dem Leibe nach nicht viel kleiner als der Elephant, und erscheint nur wegen seiner sehr kurzen Beine von geringerer Statur; das Fleisch und der Speck sind äußerst wohlschmeckend, die Haut viel geschmeidiger und halt-Das Flußpferd. 195 sie die Witterung und bleibt verdutzt stehen, und wird in dieser hülflosen Lage leicht von den Eingeborenen mit Sperren erlegt. Zuweilen scheint das Thier sich doch weiter vom Wasser zu entfernen, sei es nun, daß es sich verirrt oder vielleicht Umzüge in ein anderes Gewässer vornimmt. So begegnete es einmal Andersion, daß in einer Gegend, wo man es gar nicht vermuthet hatte, plötzlich ein Nilpferd seinen ungeheuren Kopf ins Bwouak hineinsteckte, wahrscheinlich blos um zu sehen, was es da gebe, denn es that keinen Schaden. Uebrigens lernt auch das Flußpferd sich den Umständen anbequemen. Wo es Reisfelder, Zuckerplantagen u. s. w. zu plündern giebt und die Einwohner 13 * barer als Rhinoceroshaut, und die großen Hauzähne liefern ein sehr geschätztes Elfenbein — um so schlimmer für die Seekuh, denn sie ist von Natur furcht sam, und sucht ihr Heil am liebsten in der Flucht ins Wasser, von dem sie sich niemals weit entfernt, und wenn sie auch in diesem ihrem Elemente unter Umständen gefährlich werden kann, so ist sie dagegen zu Lande sehr unbe holfen. Sie findet ihren Rückweg zum Wasser mit Hülfe des Geruchs; wenn daher ein starker Regen fällt, während sie am Ufer grast, so verliert Das Flußpferd wirst einen Kahn »in.196 Das Flußpferd. feine Mittel haben, das Wild abzuhalten oder zu erlegen, ist es dreist, und richtet durch seine Gefräßigkeit und durch Zertreten großen Schaden an; anderwärts, wo es mehr gejagt wird, besonders wo das Feuergewehr hin gedrungen ist, entwickelt das plumpe Thier ungemein viel Vorsicht und Schlauheit. Die gewöhnliche Nahrung des Flußpferdes sind Gräser, Büsche und Wurzeln, die am Ufer wachsen; es weidet nur bei Nacht, und steht oder liegt bei Tage entweder ruhig im Schilf und Wasser, oder schwimmt und plätschert in kleineren oder größeren Herden in demselben herum. Das Schwim- nien und Tauchen verstehen diese Thiere vortrefflich, und können 10 Minuten und länger unter Wasser bleiben, und selbst wenn sie zum Athemholen auftauchen, sieht man, besonders wenn sie sich nicht ganz sicher wähnen, nur wenig von ihnen, da Augen, Ohren und Nase nach oben gerichtet fast in einer Ebene liegen, und sie sich also nur ein Paar Zoll über Wasser zu erheben brau chen, um sehen, hören und athmen zu können. Sie haben in den Flüssen gewisse stille Lieblingsplätze, wo sie sich gern versammeln. Das beständige Verschwinden und Auftauchen von Köpfen macht es dann unmöglich, über die Zahl einer Herde ins Klare zu kommen. Man sieht bei solchen Ge legenheiten die Jungen auf dem Rücken ihrer Mütter stehen, so daß immer erst der kleine Kopf vor dem großen auftaucht und nach ihm verschwindet. Bei diesem Zeitvertreib grunzen und schnarchen sie gewaltig, und blasen das Wasser nach allen Seiten umher. Zu anderen Zeiten stehen sie so regungs los im Wasser, daß mau ihre Rücken für Felsblöcke halten möchte. Aber obgleich sie sich den ganzen Tag im Wasser aufhalten, scheint dies mehr aus Vorsicht, als aus besonderer Neigung zu geschehen, denn man hat in abgelegenen, menschenleeren Gegenden bemerkt, daß sie ihre Mußestunden lieber im Schatten der Bäume liegend, im Schilfe oder unter einem Uferabhange versteckt zubringen. Das Flußpferd vom Lande aus in seinem nassen Elemente zu schießen ist mit keinerlei Gefahr verbunden; man hat sich nur ungesehen und geräusch los heranzuschleichen und dafür zu sorgen, daß die geschossenen Thiere nicht verloren gehen. Wird ein schwimmendes Thier auf der Stelle todtgeschossen, so versinkt es und es dauert einige Zeit, zuweilen einen halben Tag, bis es wieder zum Vorschein kömmt. Nicht immer reicht eine einzelne Kugel hin, dem Flußpferde den Tod zu geben; oft schwimmt es mit schon zerschmetter tem Schädel noch wie toll im Kreise herum. Den Hippopotamus zu Kahne anzugreifen ist jedenfalls weit gefährlicher, als das Schießen vom Lande aus. Zwar fliehen die Thiere, wenigstens die truppweise beisammenlebenden, regelmäßig bei Annäherung eines Kahnes, und wenn ein solcher zwischen eine Herde geräth und dennoch zuweilen einen Stoß erhält oder umgeworfeu wird, so hat das meistens seinen Grund darin, daß die Thiere geschlafen hatten und nun erschreckt auffahren. Zuweilen mag auch der Stoß daher rühren, daß ein Flußpferd beiui Auftauchen aus der Tiefe mit einem Kahn in unfreiwillige und unsanfte Berührung kommt. Um solchen Begegnissen vorzubeugen, ist es bei Kahnfahrten auf den mit Fluß-Flußpferdjagden der Bajiji. 197 Pferden bevölkerten Strömen Regel, sich bei Tage nahe am Ufer, bei Nacht mitten im Wasser zu halten. Wird aber der Hippopotamus verwundet oder durch Verfolgung gereizt, so kann er freilich fürchterlich werden und zer trümmert nicht blos Kähne, sondern ist im Stande, einen Menschen mitten durchzubeißen. Schon der Anblick seines weit aufgerissenen Rachens voller Han- und Schneidezähne ist fürchterlich. Das Innere desselben sieht aus wie eine Masse Schlachtfleisch und hat für einen Menschen übrig Raum. Da§ untere Paar Hauzähne kann eine Länge von zwei Fuß er reichen. Die Bajiji um den Ngamisee, die so zu sagen un ter den Flußpferden anfwach- sen und ihnen auch herzhaft den Krieg machen, haben gleich- wol eine sehr begründete Furcht vor denselben. Sie benutzen ans ihren Flußpferdjagden be sonders die schom erwähnten Rohrflöße in so großem Maß stabe, daß vier bis sechs Men schen und noch ein oder zwei Kähne ans einem derselben Platz haben. Diese Flöße ge währen in Folge ihrer Nach giebigkeit eine viel größere Sicherheit gegen die Angriffe des Thieres. Die Iagdme- thode besteht in einem Har- puniren, und gleicht in merk würdiger Weise der Art, wie im hohen Norden der Eskimo dem Seehund und Walroß zu Leibe geht. In das eine Ende eines 10 —12 Fuß langen und 3 — 4 Zoll dicken Pfah les ist ein scharfes, mit einem Widerhaken versehenes Lanzen- cisen lose eingesetzt und wird durch mehrere zusammengedrehte Schnüre, die einerseits an dem Eise», anderer seits am Schafte sitzen, an seiner Stelle gehalten. Ist nachher die Har pune in das Thier eingedruugeu und die wird Wurflcine durch das gegen- seitige Ziehen straff, so dehnen sich jene Schnüre so weit, daß das Eisen aus seiner Hülse im Schafte heransglitscht und jetzt frei an den Schnüren Die Flußpferdfallc.198 Flußpferdjagden der Bajiji. hängt, wodurch sein Sitz im Fleische um so sicherer wird. Au das andere Ende des Schaftes ist eine starke und lange Leine geschlungen, an welcher ein Schwimmer hängt. Die Waffe ist zu schwer, um geworfen werden zu können; sie ist bestimmt, in senkrechter Richtung in den Körper des Thie- res gestoßen zu werden. Ist auf dem Iagdflosse Alles in Bereitschaft gesetzt, so stößt man es vom Ufer ab und überläßt es dem Strome, der die unförm liche Masse sanft und geräuschlos fortführt. Gelangt man in die Nähe eines Lieblingsplatzes der Thiere, so lugen und horchen die Jäger scharf auf, denn oft hört man das Wild, schon ehe es in Sicht kommt, an dem lauten Schnar chen und Grunzen, Blasen und Platschen. Je näher man den Thieren kommt, desto stiller wird es auf dem Flosse; jedes Geräusch wird vermieden und die Unterhaltung verwandelt sich in ein Geflüster. Die geschicktesten und unerschrockensten Jäger stehen mit der Harpune ans der Lauer, die übrigen halten die Kähne bereit, um sie im Fall deS Gelingens ins Wasser zu stoßen. Endlich, vielleicht beim Umbiegen um eine Ecke, kommen mehrere dunkle Gegenstände auf dem Wasserspiegel zum Vorschein, die mehr versunkenen Fel sen als lebenden Wesen gleichen. Bald hier, bald da versinkt eine solche formlose Masse, während andere wieder an die Oberfläche treten. Weiter treibt das Floß mit seiner jetzt auf's Höchste gespannten Mannschaft — end lich schwimmt cs mitten unter der Herde, die keine Gefahr ahnt, denn waS sollten die Thiere von einem schwimmenden Grasklumpen zu fürchten haben? Plötzlich kommt ein Flußpferd in unmittelbare Berührung mit der Flöße — der kritische Augenblick ist gekommen! Der nächste Harpunirer erhebt sich zu voller Länge, um seinem Stoße die ganze Kraft zu geben, und im nächsten Augenblicke fährt das todbringende Eisen mit nie fehlender Sicherheit dem Thiere in den Leib. Dasselbe beginnt sofort ein wüthendes Umsichschlagen und Untertauchen, aber seine Bemühungen sich loszumachen sind vergeblich, und selbst wenn der Schaft brechen oder die Leine reißen sollte, wird es das schlimme Eisen mit dem Widerhaken in seinem Körper nicht wieder los. Sobald das Flußpferd getroffen ist, setzen einige Leute einen Kahn aus und eilen mit dem freien Ende der Wurfleine an das Ufer, um sie um einen Baum oder einen andern passenden Gegenstand zu schlingenund so den Gefange nen festznlcgen. Im glücklichsten Falle läßt sich derselbe nunmehr gleich her anholen und abschlachten; gewöhnlich aber stemmt er sich viel zu sehr gegen sein Schicksal, und crgiebt sich erst, wenn er vor Blutverlust und Ermattung nicht anders kann. Fehlt es an Zeit oder Gelegenheit, die Fangleine am Ufer festzulegen, so wirft man sic ins Wasser und läßt das Flußpferd gehen, wohin es will. Jetzt wirft sich Alles in die Kähne, um Jagd auf das arme Thier zu machen. Es mag untertauchen, wie es will, der Schwimmer zeigt stets an, wo es sich befindet und von Zeit zu Zeit muß es doch heranf- kommen, um Athem zn schöpfen. So oft sein Kopf sichtbar wird, spicken ihn die Jager mit leichten Wurfspießen; dunkle Blutstreifen vcrrathen jetzt die Richtung, die es unter Wasser nimmt, und das gewöhnliche Ende diesesDie Flußpferdfalle. 199 Trauerspiels ist leicht zu ersehen. Nicht selten aber geht das ans den Tod gehetzte, wüthende Thier zur Rolle des Angreifers über, nnd stürzt sich auf die Boote, wirft vielleicht eines mit einem gewaltigen Kopfstoße um, zermalmt ein anderes oder gar einen der Jäger mit seinem horriblen Gebiß, und be weist somit, daß es in der That kein Spaß ist, mit ihm in seinem Elemente anzubinden. Die Eingeborenen in Südafrika haben noch verschiedene Mittel zur Er legung des Flußpferdes ersonnen. Zuweilen fängt es sich in einer Fall grube, aber in der Regel weiß es dieselben zu vermeiden. Wirksamer ist eine bei mehreren Volksstämmen gebräuchliche Falle, wie sie unsere Abbildung zeigt. -3n ein schweres Holzscheit, dessen Last noch durch angehängte Steine vermehrt wird, ist ein scharfes Lanzeneisen eingesetzt. Diese Vorrichtung wird 25—30 Fuß über dem Boden an einen Baumast gerade über einen der Pfade aufgehangen, welche das Flußpferd auf seinen nächtlichen Streifereien auszutreten pflegt. Die Leine, an welcher das Fallwerk hängt, ist erst seitwärts hernieder und dann nahe am Boden quer über den Pfad geführt und wird durch Spring- Pflocke dergestalt befestigt, daß sie beim geringsten Anstoß losschnellt, das Fall werk herniedersaust und das Eisen sich tief in den Rücken des Thieres be gräbt. Die tödtliche Wirkung ist um so unfehlbarer, da das Eisen in der Regel vergiftet wird. Cumming gerieth einmal ganz unversehens in die Nähe eines solchen respecteinflößenden Instituts, nnd die zahlreich hernmliegenden Knochen zeigten ihm, daß dasselbe nicht umsonst dahing. Gleich wie unter den Elephanten giebt es auch unter den Flußpferden Einsiedler, alte vereinsamte männliche Thiere, die entweder aus dem ge selligen Leben ansgestoßen sind oder sich freiwillig zurückgezogen haben. Sie halten sich an besonderen Plätzen des Ufers auf, die von den Anwohnern sehr gut gekannt sind, denn nur solche einzelne Thiere sind so bösartig oder- übellaunig, daß sie ungereizt angreifen und sich auf jeden Kahn oder auch auf Fußgänger stürzen, die an ihnen vorbeikommen. Geschieht ein solcher Angriff auf ein Boot, so sucht sich die Mannschaft dadurch zu retten, daß sie tief untertaucht nnd einige Sekunden unter Wasser bleibt, denn der Feind hat die Gewohnheit, sich sogleich, nachdem er ein Boot gestürzt oder zertrümmert hat, auf der Wasserfläche nach den Menschen umzusehen, und wenn er keine erblickt, so macht er sich bald davon. Livingstone sah einige Fälle von gräß lichen Bissen in die Beine, welche Leute, die nicht rasch genug im Tauchen waren, von dem bösen Flußpferd erhalten hatten. Dem riesigen afrikanischen Büffel mit seinen gewaltigen Hörnern kann man schon ohne Weiteres zutrauen, daß es kein Spiel sei, ihm feindlich ent- gegenzutreten, und in der That bringt die Jagd auf den Büffel und das schwarze Rhinoccros mehr Unfälle mit sich, als die auf den Löwen. Der Büffel ist zwar nicht sonderlich größer, als unser gewöhnlicher Hausochs, besitzt aber einen viel kräftigern Körperbau, der bei seiner bedeutendern Schwere auch von stämmigeren Beinen getragen wird. Die erwähnten Hör-200 Der afrikanische Büffel. ner sind sehr schwer und bilden an der Stelle, an welcher sie aus der Stirn zusammenstoßen, einen harten Wulst, der gleich einem Helme jeden feindlichen Schlag oder Stoß unschädlich macht. Sie messen an der Wurzel acht bis zehn Zoll in der Breite, und erreichen eine Länge von fünf Fuß. Die langherab- hängenden Ohren sind gewöhnlich in Folge häufiger Gefechte oder des Durch brechens durch die dicht verwachsenen Akaziendickichte mit langen Dornen arg zerfetzt und mit zahlreichen Narben bedeckt. Die jüngeren Thiere sind dichter- behaart, besonders auch durch eine Mähne längs des Rückens ausgezeichnet, die älteren haben zahlreiche kahle Stellen. Die vorherrschende Färbung ist schwarz. Iki menschenleeren Gegenden oder solchen, wohin das Feuergewehr noch nicht Der afrikanische Büffel. gedrungen ist und die Eingeborenen keine kühnen Jäger sind, erscheint der Büffel nicht eben bösartig; man kann da die Büffelherden in mehr offenen Gegenden in Gesellschaft von Antilopen, Zebra's u. s. w. furcht- und harm los weiden sehen. In der Regel aber ist der Büffel bereits scheu geworden, haust dann im Waldesdickicht, weidet nur bei Nacht und zeigt sich, wenn er angegriffen oder verfolgt wird, als ein eben so schlaues wie bösartiges Thier. So lange er sich vor dem Jäger zurückzieht, weiß er das Fliehen, Haken schlagen und Verstecken so geschickt mit einander zu verbinden, daß man selten Etwas von ihm zu sehen bekommt, obschon er vielleicht nur wenige Schritte seitwärts im Buschdickicht steht. Zuweilen wird er der angreifende Theil, amGefahren der Büffeljagd. 201 sichersten dann, wenn er verwundet worden. Das große schwerfällige Thier macht gleichwol einen raschen und fürchterlichen Angriff, entweder offen oder nach Umständen aus einem Hinterhalte, indem es die Kriegslist gebraucht, auf seiner Spur, wieder ein Stück zurückzugehen, sich seitwärts zu verstecken und dann seinen Verfolgern in die Flanke zu fallen. Sonach ist die Büffeljagd wenigstens ohne Hunde eine gefährliche Sache. Dies erfuhr auch Cumming, Büffel rache. als er einmal einen alten Bullen zu Pferde mit einem Nachreiter hart ver folgte. . Das Thier hatte sich bis an den Hals in ein Wasserloch gelegt, den Kopf hinter überhängendes Gras verborgen. Als die Reiter, ihre ganze Auf merksamkeit auf die Spur gerichtet, bis auf wenige Schritte heran waren, sprang es mit einem wüthenden Gebrüll, dem eines Löwen nicht unähnlich, auf die Füße und warf den Nachreiter, Roß und Mann, mit mächtiger Ge walt über den Haufen. Der Letztere kam wieder zum Stehen, und begann2 ' Gefahren der Büfscljagd. um sein Leben zu rennen, der Büffel hinterdrein; glücklicher Weise aber glitschte derselbe aus, und plumpte heftig in den Schlamm, und als er höchst verdrießlich wieder aufstand, erhielt er aus Cumming's Büchse eine wirksame „Beruhigungspille". Dem armen Pferde war das Fleisch bis auf den Knochen vom Schenkel losgerissen. Ein ganz ungesuchtes Rencontre mit Büffeln erlebte Livingstone bei sei ner Reise an den Ufern des Zambesi. Er zog mit seiner Begleitung zu Fuße durch dichten Busch- und Baumwald dahin, wobei man, ohne es zu wissen, einigen Büffeln zu nahe kam, die sich von Jägern umstellt glauben mochten und daher um auszubrechen auf die Linie der Fußgänger losstürzten. Als der Doctor sich umwandte, sah er einen seiner Leute fünf Fuß hoch über einen Büffel in der Luft schweben, und das Thier bluttriefend dahinrasen. Der Mann stürzte herunter auf das Gesicht, hatte aber, obwol ihn der Stier we nigstens 20 Schritte weit auf den Hörnern fortgeführt hatte, bevor er ihn in die Luft schleuderte, weder eine Wunde noch einen Knochenbruch, und konnte in acht Tagen wieder mit auf die Jagd gehen. Der Wilde hatte, als ihm der Büffel zu nahe kam, sein Gepäck abgeworfen und ihm einen Lanzenstich in die Seite gegeben, denn die dortigen Eingeborenen gehen in dieser Weise dem Thiere herzhaft zu Leibe, und bezwingen es auch, sofern sie sich nur vor seinen Angriffen hinter einen Baum zurückziehen können; dies war aber dem Manne mißlungen. Bei einer andern Gelegenheit schossen die Jäger einen schönen großen Büffel aus einer Herde, an die sie sich unbemerkt herangeschlichen hatten. Er stürzte, und die übrigen sahen sich verwundert um, wo die Gefahr liegen möge, denn die Gegend war ein wahres Büffelparadies; man sah überall große Herden bei Tage weiden, ein Beweis, daß sie das größte Raubthier der Schöpfung und seine Waffen noch nicht kennen gelernt hatten. Als die Jäger sich zeigten, führten die Thiere eine sonderbare Scene auf: sie hatten ihren halbtodten Kameraden mit den Hörnern gefaßt, brachten ihn in die Höhe und drängten ihn fliehend eine Strecke mit fort. Es sollte dies aber keineswegs ein Nettungswerk sein. Sowol die Büffel als andere wilde Thiere haben die Gewohnheit, einen verwundeten Kameraden entweder zu tobten oder aus der Herde auszustoßen. Im vorliegenden Falle waren sie eben daran, den Verwundeten mit den Hörnern zu verarbeiten, als der An blick der Menschen sie in die Flucht trieb. Da nun das Fliehen und Sto ßen in den ersten Augenblicken gleichzeitig vor sich ging, so gewann es ganz den Anschein, als sei es auf die Rettung des Gefallenen abgesehen. An den waldigen Ufern des Teoge fand Andersson viele Büffel, und die Eingeborenen halten vor diesen Thieren eine so große Furcht, daß schon das blose Wort Büffel hinreichte, das ganze Jagdgefolge in tolle Flucht zu treiben. Einmal begegnete ihm plötzlich eine Herde von mindestens 200 Stück; wie ein Orkan raste sie an ihm vorbei, Alles vor sich niederbrechend und einen Staub aufwühlend, der sie fast unsichtbar machte. Der Jäger that ansDie Giraffe. 203 gut Glück einen Schuß unter sie und sah eine Kuh fallen. Der Schuß brachte die ganze Herde augenblicklich zum Stehen; einer Mauer gleich hielten sie dem Jäger gegenüber und maßen ihn mit finsteren, drohenden Blicken. Dieser nahm einen Baum, etwa 150 Schritte weit von der furchtbaren Pha lanx entfernt, als Deckung, legte sein Gewehr auf einen Zweig und feuerte mit sichern: Visir auf den Leitbullen. Das Einschlagen der Kugel war deut lich zu hören, aber das Thier blieb unbeweglich wie ein Fels. Einer der Eingeborenen hatte inzwischen so viel Muth gesammelt, daß er sich heran stahl und eine zweite Flinte brachte; Andersson that einen Schuß auf ein zweites Thier, aber mit eben so wenig Wirkung. Wenigstens sechs Schüsse gab er noch auf die beiden Thiere ab, ohne daß eines derselben oder ein an deres aus der Herde um einen Zoll gewichen wäre. Sie waren wie durch einen Zauber auf die Stelle gebannt, sämmtlich ihre unheimlichen Blicke fest auf den Jäger gerichtet. Obwol derselbe Aussicht hatte, sich im Fall eines Angriffs, den er jeden Augenblick erwartete, auf den Baum retten zu können, so war ihm doch bei dem sonderbaren Benehmen der Thiere nicht wohl zu Muthe. Da plötzlich machte die ganze Herde Kehrt, und mit einem absonder lich schrillenden - Laut, mit peitschenden Schweifen und zur Erde gesenkten Köpfen rannten sie im rasenden Laufe davon. Auch der Büffel hat, gleich dem Rhinoceros, seinen gefiederten Begleiter und Leibwächter, der ihm das Ungeziefer absucht und durch Aufstiegen dro hende Gefahren anzeigt, die er bei seinem schärfer» Gesicht viel eher wahr nimmt als der Büffel selbst. Er ist eine von dem Buphago verschiedene Art. Bei jeder Herde befinden sich mehrere dieser Vögel, die sie selbst auf der Flucht nicht verlassen. Weit verbreitet im südlichen Afrika, doch nirgends sehr zahlreich, ist die riesig hohe, schlanke und zierliche Giraffe. Dieses edle, eigenthümlich schöne Thier ist ganz dazu gemacht, die dornigen, aber malerischen Wälder von Aka zien zu zieren, welche über die endlosen Ebenen des Innern zerstreut sind, und deren obere junge Triebe ihre hauptsächliche Nahrung bilden. In Ge genden, wo sic von Menschen nicht beunruhigt werden, leben sie gewöhnlich in Trupps von 10 — 20 Stück beisammen, Jung und Alt, vom lOfüßigen Füllen bis zu dem alten dunkelkastanienbraunen Leithengst, der alle seine Ge fährten überragt und gewöhnlich bis 18 Fuß hoch wird. Die weiblichen Giraffen sind kleiner und zarter gebaut und erreichen eine Höhe von 16—17 Fuß. Die Jagd auf diese sanftmüthigen und etwas neugierigen Thiere ist mit keiner Gefahr verbunden, sofern man sich hütet, ihnen von hinten allzu nahe zu kommen, denn alsdann erfolgt doch ein Schlag mit dem Hinterfuße, der an Wirkung dem eines Windmühlstügels nicht sehr nachstchcn dürfte. Sonst hat das Thier seine schlanken Beine nur zum Fliehen, und sein Lauf ist rasch genug, um einem guten Rennpferde vollauf Arbeit zu geben. Eine län ger anhaltende Verfolgung regt die Giraffe so auf, daß sie sckon nach einer geringen Verwundung oder auch ohne eine solche todt zusammenstürzt.204 Giraffenjagd. Eine Herde Giraffen im vollen Laufe zu sehen, wie ,fie ihre langen Hälse taktmäßig nach. vorn und hinten balanciren und mit ihren langen buschigen Schweifen die Luft peitschen, gewährt einen seltsamen, mit Nichts zu verglei chenden Anblick. Cumming erklärt es für einen unbeschreiblichen Hochgenus?, inmitten einer solchen Herde einherzujagen. Eines Abends kurz vor Sonnen untergang gewahrte er plötzlich zehn Thiere vom mächtigsten Wüchse in ge ringer Entfernung, wie sie, mit den Köpfen die kleineren Bäume über ragend, die Reisenden und die Wagen anschauten. Es waren die ersten Thiere der Art, die ihm überhaupt zu Gesicht kamen. Eilig bestieg er sein Jagdpferd und ritt auf sie an; sie gingen im leichten Paßschritt von dannen, aber das Pferd mußte wohl ausgreifen, um nachzukommen. „Meine Em pfindungen bei dieser Gelegenheit," sagt Cumming, „waren verschieden von Allem, was ich bei den Erlebnissen eines vieljährigcn Jägerlebens je gefühlt hatte. Ich war so versunken in das Prachtschanspiel vor mir, daß ich dahin ritt wie in einem Zauber befangen. Der Boden war fest und znm Reiten günstig, und ich gewann den Giraffen immer mehr Terrain ab; endlich kam ich durch ein verstärktes Ansprengen mitten unter sie und ritt die schönste Stute aus der Herde heraus. Diese, sich nun vereinzelt und hart verfolgt sehend, beschleunigte ihre Flucht und inachte Sätze von staunenerregender Länge; das dürre Holz, das sie dabei mit Brust und Hals von den Bäu men abstieß, flog fortwährend umher. Nach einigen Minuten hatte ich sie bis auf etwa fünf Schritte eingeholt und schoß ihr eine Kugel in den Rücken; dann gewann ich ihr die Seite ab und gab ihr aus großer Nähe einen zweiten Schuß hinter das Vorderblatt, aber die Schüsse schienen nur wenig Wirkung zu haben. Nun stellte ich mich ihr direkt entgegen, worauf sie in Schritt fiel und ich abstieg und eiligst beide Läufe mit doppelter Ladung ver sah; aber ehe ich fertig wurde, war sie schon wieder im Trabe davonge gangen. Nach kurzer Zeit brachte ich sie in einem trockenen Wasserlaufe wie der zum Stehen und feuerte nach der Stelle, wo ich das Herz vermuthete, worauf sie wieder davonlief. In der weitern Verfolgung hätte ich sie bei nahe verloren, denn sie hatte eine plötzliche Wendung gemacht und war zwi schen ven Bäumen ganz außer Sicht gekonnnen. Noch einmal brachte ich sie zum Stehen, stieg ab, und schaute mit Bewunderung das herrliche Thier an, das mit seinem sanften, dunklen, seidenbewimperten Auge wie um Gnade flehend auf mich niedersah. Das arme Thier dauerte mich wirklich, aber die Jagd leidenschaft behielt die Oberhand, und mit nach dem Himmel gerichtetem Rohre sandte ich ihr eine Kugel durch den Hals. Jetzt bäumte sie sich ans den Hinterbeinen hoch empor und schlug hintenüber mit einer Wucht, daß der Boden zitterte; ein dunkler, dicker Blutstrom schoß ans der Wunde; die ko lossalen Glieder schauerten einen Monient, dann war es aus mit ihr." Das Fleisch der Giraffe ist gut zu essen, wenn sie gut genährt und fett ist; außerdem ist es vor Härte und Zähigkeit kaum zu gebrauchen. Die Knochen enthalten viel Mark, das von den Eingeborenen meistens gleich rohAntilopenarten. 205 als Delikatesse genossen, in zweckmäßiger Zubereitung aber auch von kul- tivirten Gutschmeckern hochgeschätzt wird. Einen reichen Beitrag zu der Fülle des Thierlebens in Südafrika liefern die dem Antilopengeschlecht angehörigen Thiere. Es finden sich daselbst mehr als 30 Arten, die an Größe, Form, Farbe und Lebensweise sehr von einan der abweichen. Von den stattlichen Gestalten der Elennantilope und des Oryx, die an Körpergröße dem Pferd oder Esel gleichkommcn, bis zu dem niedlichen Klippspringer herab, finden sich alle möglichen Größen- und Form verhältnisse. Einige Arten stehen dem Ziegengeschlechte nahe, andere dem Reh; einige haben Etwas vom Pferde, Rinde oder wilden Schafe; das bekannte, Giraffenjagd. sonderbar aussehende Gnu trägt eine Büffelmaske. Auch die Frequenz ihres Vorkommens ist so verschieden als möglich; während einzelne Arten fast überall und oft in großer Menge zu finden sind, leben andere, z. B. die prächtige schwarz und weiße Zobelantilope, so verborgen und vereinzelt, daß der Jäger es für einen besondern Glücksfall ansieht, einem solchen Thiere zu begegnen, und gern ein Paar Tage an seine Verfolgung setzt. Die Kapkolonisten haben einzelnen Antilopenarten, von geringen Aehn- lichkeiten geleitet, europäische Namen bcigelegt, und so findet man die Namen Steinbock, Rehbock, Hirsch, Gemsbock u. s. w. in Verbindung mit Thieren wieder, die nichts weniger als alles dieses sind. Gewiffe Arten dieser Thiere206 Antilopenarten. halten sich gern im Wald und Busch, andere am Wasser, andere lieber auf weiten grasigen Ebenen oder in felsigen Einöden auf, und selbst die wasser lose Wüste beherbergt mehr Antilopen, als man erwarten sollte. Elenn, Oryx, Kudu und einige andere Arten können sich Monate lang ohne Wasser in gutem Stande erhalten, und man würde sehr irren, wenn man aus der Anwesen heit dieser Thiere auf die Nähe von Wasser schließen wollte, wie man dies z. B. beim Elephanten, Rhinoceros, Büffel, Gnu, Giraffe mit Sicher heit thun kann, wenn man den Begriff Nähe nicht zu eng nimmt. Die we nige Feuchtigkeit in den Gräsern der Wüste, so lange sie noch frisch sind, und der Saft der Knollen, welche die Thiere mit ihren scharfen Hufen aus dem Boden scharren, scheinen den Antilopen für gewöhnliche Zeiten das Wasser entbehrlich zu machen, während sie bei großer Dürre allerdings auch in Noth gerathen. Die stattlichste Antilopenart ist die Elennantilope, denn sie hat die Größe eines Rindes von mittlerem Schlage; auch wird ihr Fleisch gleich dem Rindfleische oder noch höher geschätzt. Ihr Körperbau ist mehr schwer fällig als zierlich und da sie in der Regel auch sehr fett wird, so ist sie kein schnelles Thier und eine verhältnißmäßig leichte Jagdbeute, besonders für einen Jäger zu Pferde, denn sie hat mit den meisten anderen Antilopen das gemein, daß sie trotz empfangener tödtlicher Schüsse oft noch lange lebt und weite Strecken zurücklegt. Die Buschmänner Hetzen sie durch bloses Laufen nieder. Es ist unter solchen Umständen natürlich, daß diese Art in bewohn teren Gegenden selten ist und das Leben in den Einöden vorzieht, wo Her den von 10 —100 Stück angetroffen werden. Eine andere schöne und merkwürdige Antilopenspecies ist der Oryx (siehe Schlußvign.), der Gemsbock der holländischen Ansiedler. Er besitzt manche Eigenthümlichkeit, die ihn vor anderen Antilopen auszeichnet. Vom Pferde hat er die Mähne und den buschigen Schweif, vom Esel Größe und Farbe, Kopf und Beine sind antilopenartig. Das Auffälligste an ihm sind die drei Fuß langen, fast ganz geraden schwarzen Hörner, welche sich von der Seite ge sehen zuweilen so vollkommen decken, daß man ein einziges zu sehen glaubt. Im östlichen Theile Südafrikas soll der Oryx gar nicht gefunden wer den, und nur die Mitte und die Westseite bewohnen. In dem Gebiete der Kapkolonie war er früher ein gewöhnliches Wild, hat sich aber vor den Ver folgungen der Menschen längst zurückgezogen gleich dem Elephanten, Büffel und anderen verständigen Thieren; nur die bornirteste Antilope und der dümmste Vogel, Gnu und Strauß, verharren in ihren alten Wohnplätzen. Obgleich ziemlich stämmig und vierschrötig gebaut, ist die Haltung des Gemsbockes doch eine noble und die Schnelligkeit seines Laufes eine solche, wie sie ihm kaum zugetraut werden sollte. Er gilt geradezu als der schnellste und ausdauerndste unter allen größeren Vierfüßlern Afrika's; seine Geschwindig keit giebt der des Pferdes wenig nach, und nur durch die beharrlichste Ver folgung auf einem tüchtigen Renner kann er endlich niedergeritten werden.207 Der Oryr. Mit der gewöhnlichen Pürschjagd, die bei anderen Antilopenarten meistens gut angewandt ist, läßt sich dem in hohem Grade scheuen und wachsamen Oryx gar nicht beikommen, sagt Cumming, wogegen Andersson die Jagd zu Fuße fast vorzieht, der seiner Angabe nach eine große Menge dieser Thiere auf der Pürschjagd erlegt hat. Jedenfalls findet dieser Widerspruch seine Lösung in der allgemeinen Wahrnehmung, daß ein und dieselbe Art von Wild eine verschiedene Lebensweise führt, je nachdem es der Verfolgung von Seiten des Menschen mehr oder weniger ansgesctzt ist. Wunderbar ist es, wie dieses Thier trotz seines Aufenthaltes in den traurigsten Einöden, wo anscheinend kaum eine Heuschrecke zu leben finden sollte, doch so wohl gedeiht und Kuh - und Eleuuuutilopen. in gewissen Jahreszeiten selbst so fett wird, daß eS sich dann um Vieles leichter jagen läßt. Das Fleisch wird fast eben so hoch geschätzt als daS der Elennantilope. Obgleich der Gemsbock vielleicht nie einen Menschen angegriffen hat, so weiß er doch von seinen mächtigen Hörnern einen wirksamen Gebrauch zu machen, und führt nicht allein nach hinten, sondern auch, was weniger er wartet werden sollte, nach vorn so mächtige Stöße aus, daß selbst der Löwe sich ihnen nicht anszusetzen wagt und ihn nur aus dem Hinterhalte anfällt. Wird der Gemsbock mit Hunden in die Enge getrieben, so steckt er den Kopf so tief zwischen die Beine, daß die Spitzen der Hörner fast den Boden be rühren, und wenn ein Hund es wagt, ihn von vorn anzugreifen, so bezahlt er seine Kühnheit gewöhnlich mit dem Leben: er wird aufgeschlitzt oder in die208 Die Kuduantilope. Luft geschleudert. Jung läßt sich der Oryx leicht zähmen, zeigt sich aber zu weilen boshaft und falsch. Eiues der schönsten Thiere der afrikanischen Wildniß ist unstreitig die Kuduantilope. Sie vereinigt mit der Größe und Stärke der vorigen ein ungemein graziöses und nobles Ansehen. Das Männchen trägt den schön geformten Kopf mit den zierlich gewundenen, drei Fuß und darüber langen Hörnern stolz aufrecht gleich dem Edelhirsch. Man sieht dieses schöne Thier seltener als andere Antilopen, denn es führt ein mehr zurückgezogenes Leben, hält sich gern an steinigen, buschigen Berglehnen auf, und nur in unbe wohnten Gegenden oder am frühen Morgen zeigt es sich an offenen Plätzen, an Waldrändern, an den Ufern von Flüssen und Weihern. Sein Gang ist graziös und sein Lauf, wenn es verfolgt wird, ungemein schnell. Es macht erstaunliche Sätze über Büsche, Steine und andere Hindernisse. Zu Pferde ist das Kudn nicht schwer zu erjagen, dafern es auf günstigem Terrain be troffen wird, was aber eben nicht oft der Fall ist. Dasselbe zu Fuß in sei nen Schlupfwinkeln aufzusuchen und zu beschleichen, erfordert natürlich viel mehr Umsicht und Ausdauer, denn das Thier ist äußerst wachsam und durch sein vorzügliches Gehör befähigt, selbst das kleinste verdächtige Geräusch schon von weitem wahrzunehmen. Die Buschmänner wissen auch ohne Feuergewehr und Pferde dieser und anderen flüchtigen Antilopen beizukommcn, indem sie dieselben im Treibjagen erlegen. Zwar können sie es in der Schnelligkeit des Laufes nicht mit dem Wilde aufnehmen, aber sie folgen seiner Spur so lange, bis es vor Er schöpfung nicht weiter kann. Die Jäger lösen einander ab, indem andere die Spitze nehmen, wenn die ersten erinüdet sind. Weiber und Kinder schleppen Wasser nach. Zuweilen wird der Zweck im Laufe weniger Stunden erreicht, ein andermal dauert das Jagdtreiben einen ganzen Tag und selbst noch länger. Alles kommt auf die Beschaffenheit des Terrains an. Ist dasselbe steinig und felsig, so hat der Mensch einen großen Vortheil über das Thier, das unter solchen Umständen bald hufwund wird, sich dann und wann zum Ausruhen niederlegt und endlich so abgetrieben ist, daß es nicht mehr auf stehen kann. Auch diese Antilope, wenn sie von guter Leibesbeschasienheit ist, liefert ein gutes Fleisch und delikates Mark. Geschätzter noch ist ihre Haut, die ziemlich dünn, aber äußerst zähe und geschmeidig ist und der Abnutzung besser widersteht als irgend ein anderes Leder. Sie dient vorzüglich zu Schuhwerk, Pferdegeschirr, Schnallriemen und anderen Zwecken, wo es auf besondere Haltbarkeit ankommt. Gute nach Landesart zugerichtete Kuduhäute sind da her ein stets gesuchter Artikel und werden das Stück mit 7—10 Thaler bezahlt. Ein sonderbares Mittelding zwischen dem Antilopen- und Büffelgcschlecht ist das Gnu, von den Kapleuten Wildbecst oder wilder Ochse genannt. Das gewöhnliche schwarze Gnu — denn es giebt noch zwei andere, seltenere Ar ten — ist eine der alltäglichsten Erscheinungen in den Ebenen des afrikanischenDas @uu. 209 Südens, und wo immer eine Landschaft mit Antilopen, Zebra's, Straußen u. s. w. bevölkert ist, da fehlt es sicher auch an Gnu's nicht, die sich ge wöhnlich in Herden von 20 — 50 Stück Zusammenhalten. Das auffallende Aeußere dieses Thieres verräth einen wilden und störrischen Charakter; ob- wol seine Größe nicht eben bedeutend ist, so geben ihm doch die hohen Vorder beine, die grobe struppige Mähne, die Haarbüschel auf der Brust und im Gesicht, der Büffelkopf mit den drohenden Hörnern und wildblickenden Angen ein frappantes, selbst furchtbares Ansehen. Indes; so furchtbar ist das Gnu in der Wirklichkeit nicht, weilen stößig wird und angreift, so hat es dies mit mancher sanfter» Antilopenart gemein. Das Gnu hat mehr eine Bocksnatur; es ca- pricirt sich darauf zu bleiben, wo es ist, will weder dem Jäger noch dem Ansiedler weichen, und hält sich selbst in der Kapkolonie noch immer. Betritt ein Jä ger einen Platz, wo Gnu's weiden, so fan gen die Thiere alsbald an, in endlosen Kreisen und Verschlingungen, in den wunderlichsten Sätzen und Capriolen um ihn her zu springen und zu rennen; während er vielleicht scharf aus eine Herde einreitet, um zum Schuß zu kommen, stürzen links und rechts an dere Herden an ihm vorüber, und nehmen, nachdem sie eine Anzahl Kreise geschlagen haben, genau dieselben Plätze ein, die er eben erst durchritten hatte. Einzeln oder in kleinen Trupps von vier oder fünf Stück über die Ebene vertheilt kann man alte Gnustiere halbe Tage lang auf einem Flecke stehen sehen, wie sie in stoischer Ruhe die Bewegungen des andern Wildes betrachten. Dabei lassen sie ein fortwährendes lautes Grunzen und dazwischen einen eigenthümlichen kurzen und scharfen Laut vernehmen. Nähert sich ein Jäger diesen Veteranen, so beginnen sie mit ihren langen weißen Schwän zen ein tolles Peitschenconcert, springen hoch in die Luft, bäumen sich und bocken, und rennen wie besessen hinter einander im Kreise herum. Oft ge- Li vingstone, Reisen in Afrika. 14 denn wenn es auch, durch Derwnnoung gereizi, zu- seinen Gegner mit den Hörnern und Vorderfüßen Kuduantilope.210 Jagd auf das Gnu. Der Sprmgbock. rathen hierbei zwei Bullen in Kampf, den sie mit solcher Wnth führen daß bei jedem Stoße beide Gegner in die Knie sinken. Plötzlich macht dann die ganze Gesellschaft Kehrt, schlägt mit den Hinterbeinen aus, wirbelt mit den Schwänzen und jagt in einer Staubwolke über die Ebene hin. Die Jagd auf das Gnu ist ein Lieblingsvergnügen der Kapkolonisten In einem Kesseltreiben werden ihrer oft viele erlegt; auch lassen sie sich durch eine rothe Fahne auf Schußweite heranlocken, da sie gleich dem wirk lichen Rindvieh alles Rothe nicht leiden mögen und gleich darauf losgehen. Ihr Fleisch ist sehr gut, besonders das der jüngeren Thiere; die Haut giebt gute Riemen u. dgl., und selbst der lange seidenartige Schweif ist Handels artikel. Bei jedem Kolonistenhause sieht man in der Regel die gehörnten Schädel von Gnu's und Springböcken als Trophäen erfolgreicher Jagden aufgethürmt. Der Buschmann weiß sich auch ohne Feuergewehr einen Gnubraten zu verschaffen. Er verkleidet sich so gut als es gehen will, in der Art wie cs hier gegenüber bildlich vorgestellt ist, in einen Strauß, das Thier, welches dem Gnn eine alltägliche Erscheinung ist, nicht geeignet sein Mißtrauen zu erregen. Da der Wilde in der That die Gangarten und das ganze Benehmen des Straußen getreu nachzuahmen versteht und das Gnu übrigens dumm genug ist, so gelingt die Täuschung in der Regel, und der Schütze vermag sich nahe genug heran zuspielen, daß er sich seiner Beute durch einen Schuß mit einem vergifteten Pfeile versichern kann. Uebrigens mag es dem Gnu zu einiger Entschuldi gung dienen, daß sogar der Strauß selbst sich durch solche nachgemachte Strauße berücken läßt. Gewisse Antilopen sind nicht sowol durch imponirende Körpergröße, als vielmehr durch die Zierlichkeit ihrer Erscheinung, durch schöne Färbung oder durch die erstaunliche Menge interessant, in welcher sie auftreten. Ausge zeichnet in dieser verschiedenen Hinsicht ist vor Allem der Springbock, ein reizendes Thier, das der berühmten Gazelle des afrikanischen Nordens nahe verwandt ist, mit zimmetbrauner Färbung und vielen schneeweißen Flecken und Streifen. Diese harmlosen Thiere sind über einen großen Theil des süd afrikanischen Flachlandes verbreitet; sie finden sich selbst innerhalb der Ko lonie, auf den wüsten Ebenen der Ostseite, noch in großen Herden; ihr Hauptquartier aber ist die große Kalihariwüste. Sie sind ein beliebtes Wild, das aber trotz seiner oft großen Menge nicht gerade leicht zu schießen ist, denn die Thiere sind scheu, wachsam und behend, und wissen sich gut außer Schußweite zu halten. Man schießt sie daher am bequemsten aus Hinter halten. Werden sie verfolgt, besonders mit Hunden, so zeigen sie, daß sie ihren Namen mit vollem Rechte verdienen, denn sie vollführen ihre Flucht in den ersten Momenten in unglaublichen Bogensätzcn bis zu 12 Fuß Höhe und 15 Fuß Weite; mit gekrümmtem Rücken scheinen sie für Augenblicke wirklich in der Luft zu hängen, bis sie mit allen Vieren gleichzeitig wieder den Boden berühren. Das flatternde, schneeweiße Haar längs den SeitenDer Springbock. 211 und dem Rücken giebt ihnen bei ihrem Fluge durch die Luft ein fast feen artiges Ansehen. Sind sie so, ohne , sich anscheinend im mindesten anzu strengen, einige hundert Schritte gleich Gummibällen hinweggeschnellt, so fallen sie in einen leichten Trab, krümmen den Rücken zierlich in die Höhe und führen die Nase gleich Spürhunden an dem Boden hin. Plötzlich fahren sie wieder in die Höhe und sehen sich mit langen Hälsen nach dem Gegenstände um, der sie in die Flucht trieb. Kommen sie an eine Straße oder einen Weg, auf dem kürzlich Menschen gegangen sind, so wittern sie dies sofort und legen ihre Scheu dadurch an den Tag, daß sie alle, und wären es Tau sende, mit einem einzigen Satze hinüberspringen, ein Schauspiel so schön und Jagd dsr Buschmänner auf das Gnu. reizend, wie es sich die Einbildung kaum ausmalen könnte. Dieselben unbändigen Sätze vollführt der Springbock, wenn er ein Raubthier in der Nähe wittert. So überraschend aber auch die Menge dieser Thiere in ihren heimatlichen Ebenen zuweilen sein kann, wo vielleicht eine ganze Landschaft von lauter Springböcken ziemlich weiß erscheint, unterbrochen von schwarzen Flecken, welche von dazwischen verstreuten Gnuherden gebildet werden, so wächst doch ihre Menge geradezu ins Unglaubliche, wenn sie auf einer ihrer gewöhn lichen größeren Wanderungen begriffen sind. Es dürfte kaum ein zweites Bei spiel geben, daß Vierfüßler sich in solcher Unzahl beisammen finden; nur mit einem Heuschreckenschwarme läßt sich ein Zug der Springböcke vergleichen, 14*212 Wanderungen der Springböcke. Der Biäßbock. und gleich diesem vertilgen sie auf ihrem Wege jede Spur von Gras und Kraut und Strauch, nnd wehe der Ansiedelung, über die sie sich ergießen — eine Nacht reicht hin, um den Farmer aller Früchte seines Fleißes zu berauben. Cumming sah die ersten Springbockherden im Osten der Kolonie, jenseit Colesberg. Dort nimmt man an, daß die Thiere ihre Wanderungen der gestalt einzurichten Pflegen, daß sie, ein ungeheures Oval oder Viereck be schreibend, schließlich, nach einem halben bis ganzen Jahre, wieder in die Gegend zurückgelangen, aus der sie hergekommen. Hieraus könnte man schließen, daß Nahrungsmangel in der Heimat die Triebfeder zur Auswande rung gewesen sei; Livingstone sah aber Springbockherden aus der Kalihari- wüste kommen nnd in das Koloniegebiet eindringen zu Zeiten, wo das Gras in der Wüste am üppigsten stand, und zwar sind diese Besuche keine außer gewöhnlichen, sondern regelmäßige. Hier also halte nicht Mangel an Futter oder Wasser, denn diese Antilope bedarf dessen kaum, die Thiere zum Orts wechsel vermocht, sondern gerade das Gegentheil, der üppige Graswuchs hätte sie vertrieben; sie wollen sich lieber in Ebenen mit kurzem Graswuchse auf halten, wo sie gegen Naubthiere besser ans der Hut sein können. Da jedoch diese mageren Plätze bald abgeweidet sind und der Ankömmlinge immer mehr werden, so müssen sie nothgedrungen immer weiter vorwärts und gelangen so an den großen Orangefluß, schwimmen hindurch, nnd fallen zu vielen Tau senden in die Kolonie ein, wo sie dem Schafznchter die Weide, dem Acker bauer die Felder jämmerlich kahl fressen und großentheils zur Vergeltung wieder gegessen werden, denn die Jagd auf diese ungebetenen Gäste wird eifrig betrieben; andere Tausende kommen um aus Mangel an Nahrung oder zerstreuen sich in dem großen und weiten Lande, und es ist hier noch frag lich, ob überhaupt einige dieser Thiere den Rückweg in ihre Heimat finden, denn noch nie soll eine zurückkehrende Herde gesehen worden sein. Die Ba- kaliharimänner wenden die Vorliebe des Springbockes für freies, offenes Ter rain zu ihrem Nutzen, indem sie von großen Flächen das Gras wegbrennen. Nicht allein der. nachher aufschießende junge Graswuchs lockt die Thiere an, sondern auch schon die kahlen Stellen, in denen sie jederzeit ihre Heer straße nehmen. Aehnlich dem Springbock in der Lebensweise, aber beträchtlich größer und von wundervoller Schönheit und Grazie ist der Bläßbock. Er lebt aus einem beschränktern Terrain als jener, und kommt nur in den südöstlich ge legenen Einöden vor, wo er in Gesellschaft mit Springböcken und Gnu's die Landschaft oft in erstaunlich reichem Maße belebt. Die Farbe seines Vorder körpers ist ein reizendes Gemisch von Purpur, Violett und Braun in jeder Schattirung; Bauch und Hinterkörper sind vom reinsten Weiß, und ein breiter weißer Streif läuft über die ganze Länge des Gesichts. Der Bläßbock ist noch wachsamer und schwerer zu jagen als der Springbock. Während eine Herde dieser letzteren beim Herannahen einer Gefahr nach allen. Richtungen aus einander stiebt, dann bald wieder, wie im Bewußtsein ihrer ungeheuren213 Die Kuhamilope. Das Zebra. Das Quagga. Schnelligkeit, sich sorglos herumtreibt, nimmt die Bläßbockherde unfehlbar ihre Flucht geradlinig dem Winde entgegen; alle anderen Herden, so viel ihrer das Beispiel sehen, schließen sich an, der Alarm Pflanzt sich mit dem Winde stundenweit zu anderen Herden fort, die nun ebenfalls nachrücken, und so bedeckt sich endlich die Gegend mit einem wahren Strome daherjagender An tilopen, dessen Enden unabsehbar, dessen Breite vielleicht 500—1000 Schritte beträgt und der manchmal eine Stunde und länger dauert. Zu den häufiger vorkommenden und vom fremden wie vom eingeborenen Jäger gern gesehenen Arten gehört auch die Knhantilope, eine Nehgestalt mit Kuhhörnern, von den Kapkolonisten Hartbeest genannt. Wir begnügen uns, sie hier nebst vielen ihrer Verwandten nur flüchtig zu erwähnen, eben so wie die afri- Springböcke. konischen „wilden Pferde", das Zebra nämlich und das Quagga. Beide schöne, flüchtige Thiere gehören in Südafrika keineswegs zu den seltenen; zumal das Zebra erscheint in kleinen Herden oft in Gesellschaft von Gnu's, Straußen u. s. w.; aber außer dem Buschmann und dem Löwen dürfte sie Niemand leicht zum Jagdwild rechnen, denn ihr Fleisch ist übelriechend, von unange nehm öligem Geschmack, und es gehört ein starker Hunger dazu, um mit Hülfe von vielem Salz und Pfeffer einige Zebraschnitte zu bezwingen. Eine charakteristische, nicht zu übergehende Figur in der afrikanischen Thierwelt bildet der altberühmte „Vogel Strauß", dieses merkwürdige Mittel ding zwischen Vogel und Säugethier, der sich selbst mehr zur letzter» Klaffe zu rechnen scheint, indeni er sich nie mit anderen Vögeln abgiebt, wohl aber214 Der Strauß. häufig in Gesellschaft von Zebra's, Gnu's, Antilopen u. s. w. angetroffen wird. In der That erinnern manche Eigenthümlichkeiten dieses Thieres, seine gespaltenen Hufe, seine löwenmäßige Stimme u. s. w. so sehr an ein großes Säugethier, daß der Name Kameelvogel, den ihm schon die Völker des Alter thums beilegten, gar nicht unpassend erscheint. Auch darin hat die alte Sage Recht, daß die Geistesgaben der Straußen nicht die glänzendsten sind; indeß so dumm ist er nicht, seine Rettung vor Verfolgern darin zu suchen, daß er seinen Kopf in einen Busch steckte; seine scharfe Wachsamkeit und sein schneller Lauf sind viel wirksamere Mittel, ihn außer Gefahr zu bringen. In einzelnen Familien oder größeren Truppen bis zu 50 Stück sieht man den Strauß seiner Nahrung nachgehen, die aus allerlei Schoten, Knol len, Melonen, Gesäme und Gräsern besteht. Stets wählt er dazu solche Stellen, wo er eine freie Umsicht hat und alles Verdächtige schon von wei tem erspähen kann. Flieht er, so folgt alles in Sicht befindliche andere Wild seinem Beispiel. Seine Schritte verlängern sich auf der Flucht bis zu 14, 15 Fuß, und folgen sich so schnell, daß man sie eben so wenig zählen kann wie die Speichen einer vorbeirollenden Kutsche. Unter solchen Umständen ist es selbst mit dem besten Pferde in der Regel unthunlich, den Strauß zu er jagen. Auch die Araber im Norden Afrika's mit ihren guten Pferden unter nehmen dies nicht, sondern reiten gemächlich hinterdrein und halten den Vogel so lange in Bewegung, bis er erschöpft ist, was freilich oft erst nach einem tagelaugen Ritt der Fall ist. Nur gegen den Anfang der Regenzeit, wenn die Luft so unerträglich heiß und schwül ist, daß der 7—8 Fuß hohe Vogel riese bewegungslos auf seinem Blachfclde steht, die Flügel ausgebrcitet und den Schnabel weit aufgesperrt haltend, ist es möglich, ihn durch eine kurze Hetze bis zum ohnmächtigen Stillstand zu bringen. Ein Schlag auf den Kopf mit einem Stock oder Schambock genügt dann, ihm den Rest zu geben. Freilich kommt es bei solchen Gelegenheiten auch vor, daß das Pferd eher vor Erschöpfung niederstürzt als der Strauß. Eine Anzahl Reiter, sofern es ihnen gelingt, die Strauße von weitem zu umzingeln und nach und nach in die Enge zu treiben, haben natürlich mehr Aussicht auf Erfolg und auf ein Jagdvergnügen, denn um des Nutzens willen, der lediglich in den Schmuck federn liegt, werden solche Straußenjagden schwerlich unternommen; diese In dustrie fällt den Eingeborenen, den Buschmännern und Bakalihari anheim; sie treiben die Jagd in ihrem eigenen Style, und daß sie alljährlich nicht we nig Strauße erlegen, beweist die Quantität Federn, die auf den Markt kom men. Den kleinen vergifteten Pfeilen des Buschmanns hat die vornehme Welt den größten Theil dieses Luxusartikels zu verdanken. Uebrigens haben die Eingeborenen allerlei Mittel, sich des Straußes zu bemächtigen; man legt ihm z. B. Schlingen, in denen er sich mit dem Halse oder Beine fängt; man hetzt ihn selbst zu Fuße, wie Andersson namentlich am See Ngami sah. Dort pflegten die Buschmänner einen Trupp Strauße plötzlich zu umringen, sie durch Schreien bestürzt zu machen und dann ins Wasser zu treiben, wo215 Straußenjagd. sie ohne Mühe erlegt werden konnten. Der Strauß nimmt seine Flucht gern gegen den Wind, und weicht von der einmal angenommenen Richtung nie ab, sondern vergrößert, wenn er hart verfolgt wird, nur die Schnelligkeit sei nes Laufes. Sieht er in der Ferne einen Wagen gegen den Wind fahren, so bildet er sich ein, daß man ihn umzingeln wolle, und rennt nun ebenfalls gegen den Wind um an dem Fuhrwerk vorbeizukommen, dem er damit oft so nahe kommt, daß ein Schuß angebracht werden kann. Diese eigenthüm- liche Marotte machen sich die Eingeborenen ebenfalls zu Nutze. Wenn sich die Strauße in einer an beiden Seiten offenen Thalmnlde befinden, so fan gen eine Anzahl Menschen an zu laufen, als wollten sie ihnen den Ausgang dort abschneiden, wo der Wind hereinkommt. Der Strauß überlegt nun nicht, daß ihm nach jeder andern Richtung die Welt offen steht: er will schlechterdings an den Leuten vorbei kommen, und da widerfährt es ihm denn freilich nicht selten, daß er bei dem Versuche gespießt wird. Der einzelne Buschmann kriecht vielleicht eine halbe Stunde weit auf dem Bauche, und kommt damit den Straußen trotz ihrer Wachsamkeit nahe genug, um seinen Schuß anbringen zu können. Findet er ein Nest, das die Alten zeitweilig verlassen haben, so trägt er die Eier in Sicherheit, und legt sich selbst im Neste auf die Lauer; gewöhnlich gelingt es ihm so, von den zurückkehrenden Alten sich eines oder auch beide durch einen Pfeilschnß zu sichern. Der Strauß kann nicht ohne Wasser bestehen, wenn er auch wahrschein lich lange Durst zu ertragen vermag. Wo er es haben kann, geht er täglich einmal an einen Quell oder Weiher zur Tränke. An solchen Plätzen ver stecken sich dann die Jäger gern und lauern ihre Beute ab, und der Erfolg ist hier ein verhältnißmäßig leichter, denn die armen Thiere vergessen im Drange, ihren Durst zu stillen, einen guten Theil ihrer gewöhnlichen Vor sicht, und nehmen es nicht so genau, wenn auch nicht Alles ganz geheuer sein sollte. Das geistreichste Jagdmanöver des Buschmanns ist aber gewiß das bereits vorgeführte, die Verkleidung in einen Strauß. Es scheint aber als müsse, um den Strauß selbst durch sein Ebenbild zu berücken, die Toilette etwas sorgfältiger gemacht werden, als unser Bild sie zeigt. Nach Moffat wird eine Art Kissen hergerichtet, das etwa die Form eines Sattels hat. Dieses wird mit Federn besetzt, so daß es den Rücken des Thieres nach bildet, und in dem Hohlraume verbirgt der Jäger den Kopf. Die Beine der Schwarzen bekommen irgend einen weißen Anstrich, der ausgestopfte Kopf und Hals des Straußen wird mit der rechten Hand dirigirt. So ausge rüstet begiebt sich der Mensch-Vogel auf die Weide, pickt auf dem Boden herum, sieht sich dazwischen scharf um, schüttelt die Federn, geht und trabt, und zwar Alles so natürlich, daß auf ein Paar hundert Schritt Entfernung der unechte Vogel von dem echten nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Strauße lassen ihr Ebenbild unbesorgt heraukommen, fahren es auch wol an und schlagen mit den Flügeln nach ihm, denn ein Fremder ist es ihnen jedenfalls. Solche Schläge, deren einer schon hinreicht, einen Mann zu Bo-216 Der listige Strauß. den zu strecken, müssen eben so sorgfältig vermieden werden, wie der Jäger sich unter dem Winde halten muß, um sich nicht durch den Geruch zu ver- rathen. Hat er einen Pfeil angebracht und die Truppe rennt fort, so rennt er mit und sucht einen zweiten zu treffen. Jedenfalls dauert dieses Bei sammensein nicht lange, denn entweder bekommen die Thiere endlich den Ge ruch des Schwarzen, und dann ist der Zauber augenblicklich gebrochen, oder er kommt als vermeintlicher Fremder so ins Gedränge, daß er die Maske abwerfen und sich zeigen muß, wie er wirklich ist. Nicht vor jedem Feinde flieht der Strauß wie vor dem Menschen; er hält im Nothfall gegen kleinere Raubthiere, Hyänen, Schakals, Panther, wilde Hunde, auch Jagdhunde, tapfer Stand, und wenn es ihm gelingt, einem sol chen Feinde mit seinem enorm kräftigen Fuße einen Schlag zu versetzen, so hat derselbe für lange Zeit oder auch für immer genug daran. Ein solcher Schlag giebt dem eines Pferdes nicht das Geringste nach, wiewol ersterer jederzeit nach vorn gerichtet ist. Nur der Löwe ist schlau genug, um den Strauß nicht nur zu beschleichen, sondern ihn auch abzufangen. Die ängstliche Sorgfalt, mit welcher der Strauß seine Nachkommenschaft vor Gefahren zu schützen sucht, und die kleinen Kunstgriffe, die er zu diesem Zwecke ins Werk setzt, sind rührend und komisch zugleich. Ein auf dem Neste sitzender Vogel flieht nicht, wenn Menschen vorbeikommen, sondern duckt sich gewöhnlich, bis er platt auf dem Boden liegt. Ein andermal fährt er gleich einem Hunde heraus und spielt den angreifenden Theil, macht aber bald wieder Kehrt und flieht in einer Richtung, welche vom Neste ablenkt. Trifft man auf einen Strauß, der Junge in seiner Obhut hat, so stellt er sich lahm, um die Verfolgung auf sich zu lenken, oder er macht in diesem Sinne irgend ein anderes Manöver, wie in einem Falle, welchen Andersson und sein Freund Galton erlebten. Diese trafen einmal in einer von Vegetation gänz lich entblößten Einöde des Damaralandes ein Straußenpaar mit einigen zwanzig Jungen an. Da es ihnen darum zu thun war, zu naturhistorischen Zwecken einige Junge einzufangen, so machten sie alsbald mit ihren vier beinigen Rennern auf die zweibeinigen Jagd. Die Alte hatte die Spitze ge nommen, die Jungen folgten und der Hahn deckte den Rückzug. Als dieser sah, daß die Jäger Terrain gewannen, mäßigte er seine Schritte und schlug eine etwas abweichende Richtung ein; sobald er jedoch gewahrte, daß die Jäger nicht auf ihn achteten, fing er wieder an zu rennen, und umkreiste nun mit herabhängenden Flügeln die Jäger erst in weiten, dann in immer enger werdenden Zirkeln, bis er endlich auf Pistolenschußweite nahe kam. Da stürzte er plötzlich zu Boden und fing an verzweifelt mit den Beinen zu strampeln, als sei es ihm unmöglich, wieder in die Höhe zu kommen. Die Jäger glaub ten nicht anders, als es habe ihn ein vorher abgefeuerter Schuß getroffen, und näherten sich rasch; aber bald sahen sie, daß sein Benehmen nur eine List war, denn nun konnte er gleich aufstehen und rannte davon in der von seiner Familie direkt abgewandten Richtung. Letztere hatte während dem einenNester und Eier der Straußen. 217 bedeutenden Vorsprung gewonnen, und die Jäger mußten eine volle Stunde scharf galoppiren, ehe sie einige der Jungen in ihre Gewalt bekamen. Selbst die jungen, kaum ausgekrochenen Strauße wissen bereits ein sehr gutes Sicherheitsmittel: sie drücken sich platt an die Erde, und da ihre Pfeffer- und Salzfarbe merkwürdig mit der des Bodens harmonirt, so ist es oft, als wenn sie vor den Augen des Zuschauers wie durch Zauber ver schwunden wären. Haben sie erst die Größe eines Huhnes erreicht, so lau fen sie schon meisterhaft. Die Nähe von Ansiedelungen vertreibt den Strauß nicht von seinem an gestammten Territorium, sondern macht ihn nur vorsichtiger. So fällt er dann gelegentlich auch in die Felder der Bcers ein, und richtet durch Abweiden und Niedertreten des Getreides nicht geringen Schaden an. Der jung einge fangene Strauß läßt sich leicht zähmen, aber man mag ihn nicht gern als Hausgenossen, da er keinen Nutzen stiftet, vielmehr manchen Schaden an richtet und zuweilen auch bösartige Launen hat. Wer wollte auch gern einen Gast beherbergen, dem Nichts unverdaulich scheint, der mit gleicher Gier jun ges Geflügel, wie Holz, Steine, Löffel und Messer verschlingt! Das Fleisch des Straußen findet kaum mehr Liebhaber als das des Zebra's, und kommt im besten Falle, wenn das Thier jung und wohl ge nährt tft, etwa einem zähen Truthahn gleich. Desto geschätzter sind die Eier, mit denen die Straußhenne nichts weniger als karg ist. Sie sind für Ein geborene und Reisende ein gleich willkommener und nahrhafter Fund, denn über den kleinen Uebelstand, daß sie einen widrigen Dust und Beigeschmack haben, hilft der gesunde Appetit, den die Wüstenluft verleiht, unschwer hin weg. Die Straußnester sind Nichts als flache Mulden im Sande, gewöhnlich zwischen Heide oder anderem Gestrüpp. Hier finden sich gewöhnlich 20—25, zuweilen aber 30, 40 und mehr Eier, so daß es scheint, als bedienten sich mehrere Hennen eines und desselben Nestes; die Eier sind aufrecht gestellt, als gelte es möglichst viele in einem gegebenen Raume unterzubringen; um das Nest herum liegen immer noch einige Eier verstreut, von denen man glaubt, daß sie zur ersten Nahrung für die Straußenküchlein bestimiut seien: aber auch in der ganzen von Straußen bewohnten Gegend liegen einzelne Eier herum, eine Beute für Mensch und Thier, denn die Straußhenne ent scheidet sich erst dann, wenn das Legen schon begonnen hat, für einen Platz zur Anlage des Nestes. Ungegründet ist, daß der Strauß das Ausbrüten der Eier der Sonne überlasse; beide Alte wechseln vielmehr in dem Brlltgeschäft ab, und lassen nur in den heißesten Tagesstunden das Nest allein, um ihrer Nahrung nachzugehen. Findet Jemand ein Nest voll Eier, und schafft sie nicht alle ans einmal fort, so kann er sicher sein, bei seiner Rückkunft die übri gen von den Straußen zerschlagen zu finden. Selbst wenn der Besucher das tchst nicht beraubt, sondern nur die Eier berührt oder Fußspuren zurückge- lajsen hat, sollen sie das Zerstörungswerk ausüben und das Nest verlassen. Aber der Buschmann weiß sich mit dem Straußen auf einen bessern Fuß zu218 Sonnenschirme aus Straußfedern. Afrikanische Feucrschützen. stellen. Findet er ein Nest, so hütet er sich die Eier anzurühren; er nähert sich ihm vorsichtig von der Unterwindseite her, hakt mit einem langen Stocke ein Paar Eier heraus, sorgt dafür, daß er keine verdächtigen Spuren hinter läßt, und ist sicher, daß er in dieser Weise noch oft wiederkommen darf. Die Straußmutter merkt die kleinen Verluste nicht und fährt Monate lang fort zu legen; der Buschmann hat sie in -der That zu seiner Legehenne gemacht. Nicht der Mensch allein weiß die Straußeneier zu schätzen, auch ver schiedene Thiere, wie Schakals, Geier, sind begierig darnach, und man erzählt mancherlei von den Kunstgriffen, die sie anwenden, um die harte Schale zu öffnen. Aus den schwarzen Straußfedern verfertigen die Betschuanen und an dere Stämme hübsche Sonnenschirme, und es ist, wie Harris bemerkt, ein ko mischer Anblick, einen Wilden zu sehen, dessen Haut noch etwas gröber ist, als die des Rhinoceros und dessen Teint mit einem Stiefel wetteifern könnte, wie er sich gleichwol seine Physiognomie mit einem Sonnenschirme beschattet. Die Stimme des Straußen gleicht nach Livingstone so vollkommen der des Löwen, daß, wenn das Gebrüll aus einiger Entfernung kommt, Niemand, selbst nicht ein Eingeborener, mit völliger Sicherheit den Urheber bestimmen kann. Das sicherste Unterscheidungszeichen ist, daß der Strauß bei Tage brüllt, der Löwe aber Nachtmusik macht. Die Stimme des letztern umkleidet die Phantasie mit allen Schrecken der Wildniß, während das getreue Facsi- mile, das der dumme Strauß liefert, von Niemandem beachtet wirb. So wahr ist das alte Sprichwort: Wenn auch zwei Dasselbe thnn, es ist nicht Dasselbe. Hatten wir bisher schon Gelegenheit, verschiedene Jagdkünste der Afri kaner kennen zu lernen, so wollen wir jetzt diesen Gegenstand noch etwas näher ins Auge fassen, denn es ist immer interessant zu sehen, wie selbst gei stig wenig entwickelte Völkerschaften und besonders solche, die ihr Leben kümmerlich fristen müssen, oft überraschend scharfsinnig zu Werke gehen, wenn es sich um Befriedigung der ersten Bedürfnisse handelt, denn der Hunger, der beste Koch, ist auch ein vorzüglicher Lehrmeister. Wenn man sieht, daß die Afrikaner gewandt und muthig genug sind, um Elephanten, Büffel, Flußpferde u. s. w. mit Wurf- und selbst mit Hand waffen siegreich anzugreisen, daß sie unter Umständen sogar mit dem Löwen wenig Umstände machen, so liegt die Frage nahe, was wol das von allen Stämmen so eifrig begehrte Feuergewehr ihnen besonders nützen könne. In der That scheint ihnen diese Waffe hauptsächlich nur für Kriegszwecke als Schreckmittel gegen ihre Feinde Werth zu haben, wobei ihnen denn, wie den Chinesen, auch der Knall etwas gar nicht Unwesentliches zu sein scheint; denn sie zielen schlecht, liegen nicht ruhig im Feuer, wenden sogar den Kopf beim Losdrücken meistens weg, und wenn dann der erwartete Erfolg aus bleibt, so liegt das daran, daß das Gewehr oder das Pulver nicht die ge hörige „Medicin" hat. Allerlei Dinge sollen helfen, daß der Schuß geräth; besonders soll etwas Schwefel, womit man sich vorher die Hände reibt, große Dinge thun. Die Griqua's documentiren den höhern Standpunkt ihrer Ci-219 Schießmedicin. Fallgruben für bas Wild. vilisation gern dadurch, daß sie den Betschuanen für einen enormen Gegen werth ein wenig Schwefel als Schießmedicin aufhängen. Auch das Pulver taugt nach Ansicht der Schwarzen von Haus ans nichts, oder verliert doch bald seine Kraft, die ihm durch Zaubermittel wiedergegeben werden muß. Eine solche Procedur lief nach Cumming's Erzählung schlecht geilug ab. In einem Betschuanendorfe sollte eine starke Quantität Pulver, mit dem sich Nichts treffen ließ, zurecht gedoktert werden. Es wurde auf einen großen Pelzmantel ansgeschüttet, die Männer setzten sich rings umher, und es began nen eine Menge Ceremonien und Beschwörungen. Endlich kam einer der Beschwörer auf den unglücklichen Einfall, daß zur Vollbringung des Werkes Feuer nöthig sei; es wurde ein Feuerbrand gebracht und häufig über dem Pulverhaufen hin und her bewegt. Was kaum ausbleiben konnte, geschah: ein Funke fiel in die Pulvermasse, die armen Teufel wurden nach allen Sei ten weggeblasen und mehrere, darunter der Häuptling, erlitten so starke Ver brennungen, daß sie bald darauf starben. Eine ganz allgemeine, vielleicht von allen südafrikanischen Stämmen aus geübte Jagdmethode ist das Fangen des Wildes in Fallgruben. Sie finden sich oft in erstaunlicher Menge an Fluß- und Teichufern, in Pässen zwischen Hügeln und sonst überall, wo Wildfährten häufig sind. Die Bedeckung dieser Gruben mit Zweigen, Erde u. s. w. ist immer so geschickt und sorgfältig ausgeführt, daß der Reisende ihr Dasein nicht eher inne wird, als bis einmal der Boden unter seinen Füßen weicht, worauf dann Kundschafter an die Spitze des Zuges treten und fleißig sondiren müssen. Die Gruben sind zuweilen für eine gewisse Thierart, für den Elephanten, die Giraffe, besonders eingerich tet. Die Wände der Aushöhlung nähern sich einander unten, wie die Flächen eines Keils und die Grube ist züweilen, besonders wenn sie für die Giraffe berechnet ist, doppelt, d. h. man läßt in der Mitte einer langen Grube eine Querwand stehen, die man etwas niedriger macht als die angrenzende Boden fläche. Diese Einrichtung ist für die armen Thiere eine sehr verhängnißvolle. Fällt eines derselben in die eine Abtheilung, so sucht es natürlich wieder her auszukommen und wählt dazu die anscheinend günstigste Seite: es sucht über die Mittelwand hinwegzukommen, da sie niedriger ist als die übrigen Gruben- wände. Ist ihm dies aber zur Hälfte gelungen, so hat es bei der Tiefe der Grube sowol hinten als vorn den Grund verloren, die ganze Last ruht auf dem Bauche, und das arme Thier hängt gänzlich hülflos zwischen Himmel und Erde. Nicht selten werden Fallgruben in der Absicht angelegt, das Wild hinein zu treiben, und diese Anstalten erhalten dann einen wahrhaft großartigen Maßstab. Von einer großen Fallgrube oder einer Reihe derselben aus wer den dann Wildzäune angelegt, die aus einander laufend einen Keil oder einen Halbmond bilden und sich eine halbe Stunde und weiter ins Land er strecken. Hier hinein wird das Wild von einer großen Anzahl Menschen mit wildem Geschrei gejagt und den verhängnißvollen Löchern zugetrieben. Die Fallen sind entweder blos am Ende der Einzäunung angelegt, oder diese220 Hovojagd. Jägermasken. ist auf längere Strecken mit Lücken durchbrochen, in welchen ebenfalls ver borgene Gruben liegen. Die Mühe und Ausdauer, welche die Herstellung einer solchen Anlage — von den Betschuanen Hopo genannt — erheischt, ist jedenfalls nicht klein, zumal die ärmsten Stämme, wie Bakalihari und Hügel- damara's, nicht einmal die nöthigsten Werkzeuge dazu besitzen. Die Bäume, welche die Palissaden des Zaunes bilden sollen, müssen erst niedergebrannt und dann auf den Schultern in die meist wasserlosen Einöden geschafft wer den, wo Elenn, Kudu, Gnu, Zebra u. s. w. Hausen; zwischen den Palissaden ist ein dichtes Flechtwerk von Dornen herzustellen, und auch die Ränder der Fallgruben sind mit Baumstämmen einzufassen, damit sie nicht einstürzen. Eine solche Hopojagd bildet, wie sich denken läßt, eine Scene der auf regendsten Art. Hunderte von Menschen treiben mit Schreien und Lärm aller Art eine bunt zusammengesetzte Herde geängsteter Thiere in die llm- zäunung tiefer und tiefer hinein. Je weiter es nach der Spitze des Keils vorwärts geht, desto enger schließen sich die Treiber, desto höher und dichter sind die Zäune und desto unmöglicher das Ausbrechen. Jetzt erheben sich zu beiden Seiten Jäger, die bisher versteckt lagen, und schleudern ihre Wurf spieße unter die dichtgedrängten Schaaren, die nun in ihrer Todesangst den letzten scheinbaren Rettungsweg einschlagen und durch die enge Gasse stürzen, die sie gerade ins Verderben hineinführt. Bald füllt sich die Grube mit lebendem, halb und ganz zu Tode gequetschtem Gethier so an, daß einzelne über die von ihren unglücklichen Genossen geschlagene lebendige Brücke hin weg wirklich ins Freie gelangen; in toller Lust arbeiten die Wilden mit ihren Speeren unter den armen Geschöpfen — kurz es ist die wildeste Schlächterei, die sich nur denken läßt, meistens gefolgt von nicht minder aus schweifenden Freßgelagen, in denen sich die Wilden für eine möglicherweise vorhergegaugene lange Periode unfreiwilligen Fastens schadlos halten. Die Praxis der maskirten Jägerei scheint ebenfalls von mehreren Stäm men ausgeübt zu werden. An den Ufern des Zambesi fand Livingstoue das Jagdstückchen in Anwendung, daß die Jäger die Maske einer Wasserantilope mit natürlichen Hörnern, oder auch die eines großen weißköpfigen, langge- schnabelten Reihers aufsetzten, und sich in dieser Verkleidung dem Wilde be quem auf Bogenschußweite nähern konnten. Die Hügeldamara's vergiften nach Andersson nicht selten die Quellen oder Tümpel, aus denen Büffel und anderes Wild zu saufen pflegen, mit dem Safte der Euphoiiiin dandelabrum, und 'die Reisenden hatten alle Vorsicht anzuwenden, um nicht an so gefähr lichen Schankstätten ihr zahmes Vieh zu verlieren. Glücklicherweise verräth sich das vergiftete Wasser durch eine cigenthümlichc Trübung. Endlich kommt es dem Afrikaner nicht gerade darauf au, daß er das Wild, das er verzehrt, auch selbst erlegt habe; er ist es vielmehr ganz zu frieden, wenn ein Anderer sich für ihn bemüht. Dies gilt nicht allein in Bezug auf die fremden Nimrode, welche Südafrika durchzogen oder noch durchziehen, sondern die Eingeborenen haben einen schon viel länger sungi-221 Der Löwe als Leibjäger der Afrikaner. renden Leibjäger an dein Löwen. Mehr oder minder glückliche Versuche, dem König der Thiere seine Beute abzujagen, sind im innern Afrika etwas ganz Gewöhnliches. Eine Anzahl Eingeborener legt sich in den Hinterhalt bei einer Quelle oder einem Weiher, wo Antilopen und anderes Wild zur Tränke kommen, und wo denn auch der Löwe sich in der Regel einstellt, um einem seiner Unterthanen das Genick zu brechen. Zuweilen ist der Löwe so ge fällig, sich durch die plötzlich mit Geschrei hervorbrechenden Menschen von seiner Beute wegtreiben zu lassen; ein andermal hat er vielleicht größern Hunger, nimmt die Störung sehr übel und fällt über die Angreifer her, von denen dann zuweilen einer das Leben einbüßt oder doch eine Verstümmelung, einen Biß oder Hieb als Denkzettel davonträgt. Andersson schildert uns eine solche lebensvolle Scene, die wenigstens ohne Unglück ablicf. Als er in einer finstern Nacht von einem Besuche der Missionsstation Richterfeld im Damara- lande nach seinem Lager zurückkehrte, hörte er plötzlich ergreifende Klagelaute, als wenn ein Mensch auf dem Punkte sei zu ertrinken. ES fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn, ein Löwe könne irgend einen armen Eingeborenen überfallen haben, der an einem Tränkplatze auf Wild gelauert habe. Un fähig, Etwas zu erkennen, arbeitete er sich, in der Hoffnung vielleicht einen Menschen zu retten, durch dichtes Tamariskengebüsch nach der Stelle hin, wo das immer schwächer werdende Gewimmer sich hören ließ, als er von einer andern Seite eilige Fußtritte und Stimmen von Menschen vernahm, die nach demselben Punkte hinzueilen schienen, was ihn in seiner Annahme nur bestärken konnte Plötzlich sah er in einer kleinen Lichtung eine große dunkle Masse vor seinen Füßen, über die er fast hinwegstürzte, und hörte dicht au seinem Ohre das Schnappen einer Bogensehne und das Schwirren des Pfeiles. In demselben Moment erscholl wenige Schritte von ihm das versteinernde Wuthgebrüll eines Löwen, dem das wilde Siegesgeschrei einer Anzahl Ein geborener antwortete. Als er sich von seinem Erstaunen erholt, bemerkte er, daß das Hinderniß vor ihm ein Eingeborener gewesen war, der sich über ein so eben von dem Löwen getödtctes Zebra hinweggebcugt hatte. Erst jetzt erfuhr er zu seiner großen Beruhigung, daß die Sterbelaute nicht von einem Men schen, sondern von dem armen Zebra gekommen waren. Die Wilden Hatten sie sogleich richtig erkannt; sie waren eben in keiner andern Absicht herbei geeilt, als um das todte Thier für sich in Beschlag zu nehmen, was ihnen auch vollständig gelang. Während ihrer einige rasch ein Feuer anzündeten, führten die übrigen um das Zebra unter den wildesten Gcberden und Gesten eine Art Kriegstanz auf, gänzlich unbekümmert um den Löwen, der nur we nige Schritte zurückgewichen war. Als das Feuer zu lodern begann, konnte man ihn in der That deutlich sehen, wie er zwischen den Büschen am Ufer rande auf und ab marschirte. Einem kleinen Hunde, welcher ihm unvorsichtig zu nahe gekommen war, gab er einen Wink mit der Tatze, der ihm den Leib der ganzen Länge nach aufriß. Das arme Thier vermochte noch bis zum Feuer zurückzukriechcn, wo es ein Paar Minuten darauf starb. Die fremd-222 Scheu des Löwen vor dem Menschen. artige Physiognomie der Eingeborenen, denen der Feuerschein etwas unge wöhnlich Wildes verlieh, der sterbende Hund mit seinem über ihn gebeugten jammernden Herrn, das verstümmelte Zebra und wenige Schritte davon der zornige Löwe, alles dies gab eine merkwürdig seltsame Scene. Andersson er wartete jeden Augenblick einen Angriff des Löwen auf die Eingeborenen, aber es erfolgte keiner, obgleich dieselben schließlich das ganze Zebra zerlegten und wegschafften. Während dieser Arbeit schleuderten sie dann und wann einen Feuerbrand nach dem beraubten Räuber hin, aber dieses Bombardement, weit entfernt ihn in die Flucht zu treiben, erhöhte nur seine Wuth. In bewohnteren Gegenden pflegt der Löwe seine Beute nach einem sicherern Versteck zu schleppen und entwickelt hierbei eine staunenerregende Kraft. Der ältere afrikanische Reisende Sparrmann sah einen Löwen ohne Schwierigkeit eine Kuh davonschleppen, ja sogar mit ihr belastet einen breiten Graben überspringen und Thompson, ein anderer südafrikanischer Reisender, erzählt, daß einst mehrere Jäger fünf Stunden lang zur Einholung eines Löwen bedurften, der ein zweijähriges Kalb im Maule davontrug. Bei einer andern Gelegenheit, auf der Reise von der Westküste nach dem See, ging Andersson mit einigen eingeborenen Begleitern der Spur eines Löwen nach, den er Abends zuvor angeschossen hatte. Bald geriethen sie auf die Spuren eines ganzen Trupps von Löwen, mit der einer einzelnen Giraffe dazwischen. Bei diesem Anblicke wurden die Buschmänner wie elekirisirt; sie rannten in höchster Eile vorwärts und einen Moment später hallte der Wald von ihrem Triumphgeschrei wieder. Andersson, in der Mei nung, der gesuchte Löwe sei gefunden, eilte nach; aber zu seinem höchsten Er staunen erblickte er statt einer todten Bestie fünf lebende, zwei Löwen und drei Löwinnen; zwei derselben waren beschäftigt eine prächtige Giraffe zu Boden zu reißen, die übrigen harrten dicht dabei mit gierigen Blicken deö Ausganges. Alle aber ergriffen vor den mit dem durchdringendsten Geschrei auf sie losstürzen den Wilden eilig die Flucht und überließen ihnen die sterbende Giraffe, die denn such in einem auf der Stelle improvisirten Festmahle gründlich aufgezehrt wurde. Wie vorstehende Beispiele lehren, hat auch der Löwe gleich den anderen wilden Thieren eine instinktmäßige Furcht vor dem Menschen. Es ist nach Livingstone's Meinung in der Regel nicht die mindeste Gefahr dabei, einem Löwen, wenn er nicht gejagt oder sonst gereizt wird, bei Tage oder im Hel len Mondschein zu begegnen. Gewöhnlich macht er dann Halt, schaut den Menschen eine oder zwei Sekunden lang an, wendet hierauf langsam um, und geht eben so langsam ein Dutzend Schritte fort, wobei er nach hinten über die Schulter lugt; dann fallt er in einen Trab, und wenn er außer Sicht zu sein glaubt, so springt er in Sätzen davon wie ein Windhund. Wird er verwundet oder sonst gereizt, oder hat er Junge zu beschützen, dann allerdings ist sein Auftreten in der Regel ein anderes. Wie verschieden die Ansichten über einen und denselben Gegenstand sein können, zeigt sich auch bei der Schilderung des Löwen. Cumming, der bei223 Das Aeußere und die Stimme des Löwen. Tag und Nacht so viel mit diesem Jagdrival zu schassen gehabt, erblickt in ihm dasselbe imposante und würdevolle Thier mit der donnergleichen, mark durchdringenden Stimme, wie die meisten Beschreibungen es abschildern; Li- vingstone dagegen meint, wenn man den Löwen ohne vorgefaßte Meinung betrachte, werde man nichts besonders Nobles oder Majestätisches in seiner Erscheinung finden; es sei eben ein Thier von etwas größerem Wuchs als der größte Hund, und seine Umrisse erinnerten sehr stark an diese Thier- gattnng; das Gesicht sei nicht ganz das bei den Malern herkömmlich gewor dene, das manchmal wie eine alte Frau in der Nachtmütze aussehe, sondern Schnauze und Nase trete wie beim Hunde horizontal heraus. Einigermaßen Die Löwenfamilie an der Quelle, vermittelnd sagt Andersson, ebenfalls auf Grund vielfacher persönlicher Be kanntschaft: „Die Erscheinung des Löwen ist immerhin eine imposante, beson ders wenn er stutzt oder eine herausfordernde Stellung annimmt." Die Stimme deö Löwen macht begreiflicherweise je nach der Scenerie, in der sie sich hören läßt, einen verschiedenen Eindruck. Das Löwengebrüll in einer Menagerie kann weder schrecklich noch unvergleichlich genannt wer den, während es an Ort und Stelle, in den afrikanischen Wäldern und Wildnissen, bei rabenschwarzer Nacht, vielleicht unter Blitzen und strömen dem Regen in bedenklicher Nähe gehört, ohne Zweifel ganz andere Ge fühle wach rufen wird. Nicht selten bekommt man ein ganzes Nachtconcert zu hören, indem einer aus einer Truppe den Vorsänger macht, und zwei,224 Das Löwengebrüll in verschiedenen Tonarten. drei, vier andere ihm regelmäßig folgen. Sie brüllen am lautesten in frosti gen Nächten; aber bei keiner andern Gelegenheit erheben sie ihre Stimme so gewaltig und ausdrucksvoll, als wenn zwei oder drei einander fremde Par teien gleichzeitig an demselben Tränkplatze aplangen. Dann brüllen sich , alle Gegner in herausforderndem Trotze an, und jeder Einzelne scheint bemüht, die anderen im llortissimo zu übertreffen. Bei solchen Gelegenheiten allein in stiller Mitternacht und tief im Walde, in nächster Nähe der Quelle in einer Schießgrube verborgen zu sein, wie das bei Cumming's Iagdabenteuern et was Gewöhnliches war, und dem Concert nicht mit Zittern, sondern in freudiger Aufregung zu lauschen, dürfte wol nur einer so waghalsigen Jägernatur möglich sein. Nicht selten entsteht zwischen zwei einander fremden männlichen Löwen, die sich an einer Quelle begegnen, ein Kampf, der mit dem Tode des einen endet. Der Löwe fängt gleich nach Dunkelwerden zu brüllen an und fährt da mit in Zwischenräumen die Nacht hindurch fort, in abgelegenen Einöden auch wol in den Tag hinein bis 9 oder 10 Uhr, während man ihn bei düsterem und regnerischem Wetter zu allen Tagesstunden, obwol mit gedämpf terer Stimme, hören kann. Bei Tage liegt der Löwe in Busch-, Gras- oder Schilfdickicht verborgen und geht nach Sonnenuntergang ans Raub aus; bei einem am Tage jagenden Löwen kann man stets voraussetzen, daß er sehr hungrig sei. Hat er bald Anfangs eine gute Jagd gehabt und seine Beute in Sicherheit gebracht, so brüllt er in dieser Nacht nicht mehr viel; auch ist ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem mehr singenden Tönen eines gesättigten Löwen und den tiefen grollenden Gebrüll eines recht hungri gen. In recht finsteren und stürmischen Nächten ist der Löwe für die geschäf tigsten und verwegensten, und die Reisenden haben dann am meisten auf ihrer Hut zu sein. Die Löwin ist in der Regel wilder und lebhafter als der Löwe, und solche weibliche Thiere, die nie Junge hatten, werden am gefähr lichsten von allen gehalten. Glaubt ein Löwe seine Jungen in Gefahr, so kennt er keine Furcht und stellt sich in entschlossenster Weise einer noch so großen Menschenmenge entgegen. Er weicht in dieser Beziehung auffallend von dem naheverwandten asiatischen Tiger ab, der seinen eigenen Jungen nachstellt und sie auffrißt, wenn sie die Tigerin vor ihm nicht sorgsam verbirgt und wüthend vertheidigt. Der Löwe hält dagegen treu mit sei ner Familie zusammen. Passirt Jemand in der Nähe eines Löwenlagers über dem Winde vorbei, so kann es geschehen, daß beide Alte gleich Hun den aus dem Dickicht fahren und ihn oder sein Pferd mit Zähnen und Klauen anfallen. Cumming erlebte ein Beispiel dieses durch die Sorge für die Jungen gesteigerten Löwenmnthes. Mit 250 Betschuancn ans der Ele- phantenjagd begriffen, sah er zu seinem großen Erstaunen Plötzlich einen ma jestätischen Löwen, der langsamen festen Schrittes auf den Menschenhaufen losmarschirte; das glühende Auge fest auf seine Gegner geheftet, die Seiten mit dem Schweife peitschend, zeigte er grimmig knurrend eine Zahngarnitur, die allen Respect einzuflößen geeignet war. Sämmtliche Eingeborene stürzten225 Kämpfe zwischen Löwen und Büffeln. auch sofort in wilder Flucht hinweg; dabei kamen aber acht Hunde von der Leine loS, die sofort den Löwen umringten. Wahrscheinlich aus Besorgnis; für seine im Hintergründe sich zurückziehende Familie machte dieser jetzt Kehrt und folgte ihr stolzen Schrittes nach, unter grimmigem Knurren gegen die Hunde, die ihm eine Strecke das Geleit gaben. Der Löwe ist der beständige Begleiter des Wildes, von dem er seinen Unterhalt bezieht, und wird selten in größerer Anzahl als zu vier bis sechs zusammen angetroffen, die vielleicht ursprünglich eine Familie ausmachten. Er scheint unter seinem Wild keine besondere Auswahl zu treffen; er jagt Zebra's, Gnu's, Antilopen, Giraffen u. s. w., und überfällt gelegentlick, Pferde, Rinder und Maulthiere. Bei Erlegung solcher größeren Beutestücke betheiligen sich wol meistens mehrere Löwen. Vom Elephantcn und Büffel scheint sich der Löwe dann und wann mit einem Kalbe zu begnügen, denn au den erwachsenen Büffel kann er sich nur in stärkerer Gesellschaft wagen, und es scheint selbst der Büffelkuh bei Vertheidigung ihres Kalbes zuweilen ein Hornstoß zu gelingen, der den Feind unschädlich macht. Vor dem Rhino- ceros läuft der Löwe beim bloscn Anblick davon. Oswell und Vardon hat ten ein merkwürdiges Jagdabenteuer, bei welchem drei Löwen eine Zeit lang sich vergeblich anstrcngten, einen Büffel niederzureißen, obschon er bereits durch eine Zweiunzenkugel tödtlich verwundet war. Sie hatten am Ufer des Limpopo einen Büffel angeschossen und ritten eben hinter ihm drein, als plötzlich drei Löwen auf ihn einsprangen. Der Büffel empfing sie mit einem herzhaften Gebrüll und vertheidigte sich im Fliehen einige Zeit, wurde aber natürlich niedergerissen und die Löwen machten sich mit wahrem Heißhunger über ihre Beute her. Die Jäger schlichen heran und feuerten. Ein Löwe siel fast auf dem Büffel todt nieder, während der zweite sich davon machte; der dritte jedoch hob nur den Kopf in die Höhe, sah sich einen Moment kalt blütig um und begann dann von Neuem in den Büffel hincinzubeißen und zu reißen. Einige weitere Schüsse brachten auch ihn zu Falle, und so hatten die Jäger in der kurzen Zeit von etwa 10 Minuten zwei Löwen und einen Büffel erlegt, der jenen, als er hinkend und blutend daher kam, ohne Zwei fel als eine leichte Beute erschienen war. Die Furchtbarkeit und Verwegenheit des Löwen im afrikanischen Norden ist entweder sehr übertrieben worden, oder er hat dort in der That eine an dere Lebenspraxis, was wol möglich ist, da jenen Gegenden der reiche Wildstand mangelt, und der Lowe hauptsächlich als Viehräuber sich durchhclfen muß. Im Süden zeigt er sich oft so vorsichtig und mißtrauisch, daß es wie Feigheit aussieht. Wo er eine Menschenspur wittert, weicht er und kommt daher den Dörfern der Eingeborenen nicht zu nahe. Zugthicre getraut er sich selbst im Walde nicht anzugreifen, wenn sie angeschirrt oder angebunden sind, und nicht selten wird eine Karawane die Nacht hindurch in nächster Nähe von Löwen umbrüllt, ohne daß. einer einen Sprung wagt; denn sie fürchten, es sei ihnen eine Falle gelegt. Einem Engländer war ein Pferd weggelaufen Livingfrone, Reisen in Afrika. 15226 Löwenjagd. und nachgehends mit dem Zaume an einem Baumstumpf hängen geblieben. In dieser zufälligen Gefangenschaft mußte es zwei ganze Tage ausharren, und als es wiedergefunden wurde, war der Boden rings umher mit den Fußspuren der Löwen bedeckt, das Pferd aber unbeschädigt. Die Jagd auf den Löwen ist natürlich keine ungefährliche Sache, denn so gern er vor dem Menschen das Feld räumt, so geht er doch, wenn er verwundet oder hart bedrängt wird, zum Angriff über und kann dann fürch terlich werden. Selbst Cummiug, der das Löwenschießcu sehr im Großen trieb, sagt, daß man, um solche Abenteuer zu bestehen, außer der Geschick lichkeit im Schießen auch Todesverachtung, völlige Kaltblütigkeit und Selbst beherrschung mitbringen und die Gewohnheiten, das Benehmen des gejagten Löwen genau kennen müsse. Jndeß kommt selbst der vom Löwen Angefallene manchmal noch leidlich genug weg, sei es, daß ihm der Sprung mißlingt, oder daß er seine Rache nicht bis auf's Aeußerstc treibt. Andersson kroch einmal in ein Dickicht, worin ein Löwe sich versteckt hatte; es war zu An fang seiner afrikanischen Fährten, wo er, wie er sagt, in seiner Unerfahren heit vor dem Löwen viel zu wenig Respect hatte. Nach einigem Suchen sah er wenige Schritte vor sich an einem etwas gelichteten Platze das Thier plötzlich aufspringen und den Ort wechseln. Die Bewegungen desselben wa ren so rasch, leise und geschmeidig, daß der Jäger nicht eher feuern konnte, als bis der Löwe zum Theil schon wieder im Gebüsch verschwunden war. Beim Empfang der Kugel kehrte das Thier rasch um und sprang mit fürch terlichem Brüllen auf seinen Gegner zu. Wenige Schritte vor ihm legte es sich wie eine Katze nieder, den Kopf zwischen die Vorderpfoten drückend. An dersson zog ein großes Jagdmesser, ließ sich auf ein Knie nieder und erwar tete den Angriff, denn er wollte nicht schießen, da er den Kopf des Thieres im Grase und in dem Staube, den es mit dem Schwänze aufpcitschte, nicht deutlich sehen konnte. Nach einer Pause voller Spannung that der Löwe plötzlich einen Sprung; aber sei cs daß er das Maß nicht richtig nahm oder auch den Jäger im Grase.nicht genau sah, er sprang über seinen Mann hinweg und kam erst drei oder vier Schritte jenseits auf den Boden. An dersson drehte sich rasch auf dem Knie um und gab ihm seinen zweiten Schuß, wodurch ihm das Vorderblatt völlig zerschmettert wurde. Er machte trotzdem noch einen wüthenden Angriff, dem aber der Jäger glücklich aus wich, und verkroch sich dann im Dickicht, wo er später todt gefunden wurde. Auch Livingstone kam einmal in so nahe Berührung mit einem Löwen, daß seine afrikanische Laufbahn schon bald nach ihrem Anfänge hätte zu Ende sein können. Ein Dorf der Bakatläs wurde zu einer Zeit sehr von Löwen heimgesucht; sie sprangen nicht allein zu Nacht in die Viehhürden und zer rissen die Kühe, sondern griffen die Herden selbst bei hellem Tage an. Ein solches Gebühren der Löwen war etwas ganz Unerhörtes und die Leute glaubten nicht anders, als es sei Hexerei im Spiel, ein feindlicher Stamm habe ihnen diese Plage über den Hals geschickt. Wenn aus einer Löwen-Livingstone auf der Löwenjagd. 227 Livingstone unter dem Löwen. wen immer enger einschließend. Aber sie ließen die Thiere, auf die Living stone wegen der Nähe der Menschen nicht schießen konnte, alle aus dem Kreise entschlüpfen, ohne sie bei dieser Gelegenheit mit den Spießen anzu greifen, wie es die dortige Iagdregel fordert. Das Unternehmen wurde demnach als verfehlt anfgegeben und man ging nach dem Dorfe zurück, als Livingstone am Ende des Hügels einen Löwen hinter einem kleinen Busch 15 * gesellschaft einer getödtet wird-, so verstehen die anderen den Wink und ver lassen die Gegend. Es wurde demnach eine Jagd veranstaltet und Living stone zog mit aus, um den nicht sehr muthigen Leuten zu helfen. Man fand die Uebelthäter auf einem kleinen mit Bäumen bestandenen Hügel; die Eingeborenen umzingelten diesen und rückten von allen Seiten vor, die Lö-228 Löwenbeute. Der alte Löwe. auf einem Felsblock sitzen sah. Aus einer Entfernung von einigen dreißig Schritten feuerte er beide Läufe durch den Busch und sah, wie der Löwe sei nen Schwanz zornig in die Höhe streckte. Beschäftigt auf's neue zu laden, hatte er das Thier aus dem Gesichte verloren, als ein plötzlicher Aufschrei der Leute ihn veranlaßt aufzusehen und er den Löwen bereits int vollen Sprunge auf sich zu gewahrte. Einen Augenblick später waren Mann und Löwe am Boden; letzterer hatte seinen Gegner im Sprunge bei der Schulter gefaßt. Jetzt knurrte er grimmig dicht an dem Ohre seines Opfers, und gab ihm einen Stoß in der Weise, wie ein Dachshund eine Ratte bearbeitet. Livingstone verfiel seiner Aussage nach unter den Klauen des Löwen in einen Geisteszustand, in dem er weder Schmerz noch Angst fühlte, eine Art Traum leben, in welchem er jedoch, seiner Lage sich völlig bewußt blieb. Indem er sich umdrehte, um sich von dem Drucke zu befreien, mit welchem die Tatze des Löwen auf seinem Hinterkopfe lastete, sah er diesem ins Gesicht und be merkte, daß seine Augen auf einen Eingeborenen geheftet waren, welcher aus einer Entfernung von 10—15 Schritt auf ihn zu schießen versuchte, dem aber beide Läufe versagten. Auf ihn stürzte sich jetzt das Thier und biß ihn ins Bein und gleich darauf einen andern, der ihn bei der Gelegenheit mit dem Spieße angreifen wollte, in die Schulter. Jetzt thaten aber die vorher empfangenen Kugeln ihre Wirkung und der Löwe fiel todt nieder. Die ganze Affaire hatte nur wenige Secunden gedauert. Dem Doctor war der Ober armknochen zersplittert und das Fleisch von elf Zahnwunden durchlöchert. Er genas jedoch ohne weitere üble Folge, als daß er ein falsches Gelenk bekam, was ihn freilich an der sichern Führung der Jagdflinte beständig hinderte; denn er mußte sich gewöhnen, über die Achsel zu schießen, und so traf er auf seinen späteren Reisen mit lauter Eingeborenen oft dann am schlechtesten, wenn gerade Mangel war. In der Regel machen die Bisse des Löwen schlimme Wunden mit starken Eiterungen und Abstoßungen, und in den be troffenen Theilen stellen sich auch in der Folge noch oft periodische Schmerzen ein. Bei dem in die Schulter Gebissenen brach gerade nach Jahresfrist die Wunde wieder auf. Livingstone glaubt es seiner wollenen Jacke verdanken zu müssen, daß er von diesen Nachwehen frei blieb; denn wenn man eine Art Giftigkeit des Löwenbisses annehmen will, so mußte diese geschwächt oder aufgehoben werden, indem die Zähne an dem durchgebisseuen Stoffe sich reinigten. Das Loos eines alten Löwen ist kein beneideuswcrthes. Es wird ihm end lich das Gebiß so defect, daß er kein Wild mehr jagen kann; das ehedem so ge fürchtete Thier magert daun zu einem Schatten ab und geht jämmerlich zu Grunde. In bewohnten Gegenden überwindet dann ein solch invalides Thier oft seine Menschenfurcht, schleicht bei Nacht in die Dörfer ein und stiehlt Ziegen. Trifft der vom Hunger gequälte Löwe hierbei statt einer Ziege vielleicht auf ein Kind oder Frauenzimmer, so tobtet er auch dieses und bald wird er, da ihm keine andere Wahl bleibt, ein Menschenfresser von Profession und ein SchreckenDes alten Löwen Kost. 229 seines Districts. Die gewöhnliche Annahme, daß der Löwe, der einmal Men schenfleisch gekostet habe, diese Kost jeder anderen vorziehe, ist hierdurch er klärt; der Menschenfresser ist jederzeit ein solcher alter Löwe. Fängt ein sol cher an, Ziegen zu stehlen, so sagen die Eingeborenen: seine Zähne sind ab genutzt — bald wird er Menschen fressen. In unbewohnten Gegenden oder den wehrhafteren Busch- und Bakaliharimännern gegenüber entschließt sich der alte Löwe endlich zum'Fangen von Mäusen und anderen kleinen Nagethieren und selbst zum Grasfressen. Sobald die Eingeborenen unverdaute Pslanzen- reste in seinen Abfällen bemerken, so verfolgen sie seine Spur in der sichern Aussicht, ihn irgendwo in so hülflosem Zustande anzutreffen, daß sie ihn ohne Schwierigkeit abfertigen können. Der Menschenfresser. Ein solcher Menschenfresser brachte eine traurige Episode in Cumming's Jägerleben. Als dieser einmal mit seinen afrikanischen Begleitern an den Ufern des Limpopo neben einem Bakaliharidorfe übernachtete, wurden sic durch das Angriffsgcbrüll eines Löwen aufgeschrcckt, und ehe sie die Gefahr zu ermessen im Stande waren, hatte der Löwe schon einem der am Feuer liegenden Männer das Genick durchgebissen und schleppte ihn weg, ohne viel danach zu fragen, daß ein anderer Mann ihm mit einem brennenden Holz stücke den Kopf bearbeitete. Man fand den Armen am andern Morgen größtentheils verzehrt; der Räuber aber wurde in seinem Versteck aufgespürt230 Der Löwe und die Buschmänner. und todtgeschossen. Die Eingeborenen waren über die Erlegung des Men schenfressers vor Freuden außer sich; sie führten Freudentänze und Gesänge auf und nannten Cumming ihren Vater. Der Löwe kennt seine Leute und hat eine besondere, wohlbegründete Furcht vor den Buschmännern. Diese warten mit ihrem Angriffe nicht bis er alt wird, sondern nur bis sie einmal merken, daß er sich recht satt ge fressen hat. Dann folgen sie seiner Spur und nähern sich ihm so leise, daß er gar nicht in seinem Schlummer gestört wird. Während Einer aus näch ster Nähe einen vergifteten Pfeil auf ihn abschießt, wirft ihm ein Anderer seinen Pelzcapot an den Kopf, und diese Ueberraschung bringt ihn so ans der Fassung, daß er voll Schreck und Verwirrung davonspringt. Der Tod, den das Pfeilgift bewirkt, ist ein schrecklicher bei Mensch und Thier, denn es tritt vor dem Ende eine förmliche Tollwuth ein. Auch der angeschossene Löwe irrt unter klagendem Gebrüll im Walde umher und wird endlich so wüthend, daß er sich in Bäume oder in den Erdboden verbeißt. Cumming sah öfter, daß die Eingeborenen das Fleisch der von ihm er legten Löwen kochten und mit Wohlgefallen verzehrten; er war aber selbst bei großem Mangel nie im Stande, es ihnen nachzuthun. Das Einzige, was einigen Werth haben könnte, wäre sonach die Haut des Löwen; jedoch auch diese ist bei manchen älteren Thieren so vernarbt und beschädigt, daß sie sich zu gar nichts verwenden läßt. Der Orux.Livingstone's zweite und dritte Reise nach dem Norden. Die Tsetsefliege. * Sebituane und die Makololo. Die Matebele. Der Zambest. Im April 1850 brach Livingstone auf's Neue von Kolobeng auf, um das im vorigen Jahre abgebrochene Unternehmen weiterzuführen und zunächst den Häuptling Sebituane aufzusuchen. In der Hoffnung, Gelegenheit zur Gründung einer Missionsstation zu finden, nahm er gleich Frau und Kinder mit sich und auch der Häuptling Sitschili begleitete ihn. Man schlug eine mehr östlich abweichende Richtung durch den Bamangwatodistrikt ein, um den Zonga an seinem schmälern Theile überschreiten zu können. Dann sollte die Reise am nördlichen Zouga-Ufcr aufwärts gehen bis zum Einflüsse des Ta- manakle, eines aus dem Norden kommenden Flusses, der sie dem Häuptling Sebituane zuführen sollte. Die Fortbewegung des Zuges mit den. Ochsen wagen in den Uferwäldern des Zonga war eine äußerst mühsame, wobei es gar manchen Baum umzuhauen gab, während nicht selten ein Zugthier durch einen Sturz in eine Fallgrube verloren ging. Als man aber dem Tama- nakle nahe gekommen war, erfuhr man zu allem Leidwesen noch, daß die Giftfliege Tsetse an seinen Ufern grassire. Dies wäre der sichere Tod der Zugthiere gewesen, und so war hier an weiteres Vordringen nicht zu denken.232 Reise zu Sebituane. Der Häuptling Letschulatebe war inzwischen endlich durch Sitschili vermocht worden, Führer- zu stellen, damit der Doktor, unter Zurücklassung seiner Fa milie am See, mit Reitochsen zu Sebituane gelangen könne. Doch bevor dies ins Werk gesetzt werden konnte, erkrankten Livingstone's Kinder und Die ner sämmtlich am Sumpffieber, wogegen es kein besseres Mittel gab, als die reine Luft der Wüste und den Heimweg aufzusuchen. Der Häuptling Sebituane, der so gern mit Weißen in Verkehr getreten wäre, hatte inzwischen von Livingstone's Bemühungen, zu ihm zu gelangen, gehört und an die drei Häuptlinge mit einem Geschenke von 13 Kühen für jeden das Ersuchen stellen lassen, den Weißen bei ihrem Vorhaben allen möglichen Vorschub zu leisten. So war man bei der Reise im folgenden Frühjahre wenigstens eines guten Empfanges sicher. Diesmal wurde vom Zouga aus nicht die westliche Richtung genommen, sondern auf gut Glück, da es an kundigen-Führern fehlte, gerade nach Norden vorgcgangen. Die Reise ging durch völlig ebene, zum Theil mit süßem kurzem Gras über wachsene und mit Mopane- und Affenbrodbäumen bestandene Gegenden. Hin und wieder traf man große „Salzpfannen", darunter eine von 100 englischen Meilen Länge und 15 Meilen Breite. Schöne, nie versiegende Quel len kamen da, wo der Boden aus Kalktuff bestand, häufig vor, und diese bevorzugten Strecken waren von zahlreichen Buschmannsfamilicn bewohnt. Es waren dies große und starke dunkelfarbige Leute, ganz unähnlich den kur zen schmuziggelben Figuren in der Kalihariwüste. Einer derselben, Schobo, willigte ein, den Führer zu machen, denn die Reisenden waren jetzt, Anfang Juni, am Rande einer traurigen Wüste angelangt, jenseit welcher im Nord westen Sebituane's Gebiet liegen sollte. Wasser, hieß es, sei in den nächsten vier Wochen gar nicht zu erwarten; doch fand man glücklicherweise schon eher einige Regentümpel. Der Boden dieser Wüste bestand lediglich aus tiefem Sande mit einem niedrigen Strauch bestanden; kein Vogel, kein Insekt be lebte die unwirthlichen Einöden. Zum Unglück- war der Führer schon am zweiten Tage seiner Sache nicht mehr sicher und verschwand am Morgen des vierten ganz, nachdem er seine völlige Unwissenheit erklärt hatte. Die kleine Karawane hielt es für's Beste in der Richtung fortzugehen, wo nian den Führer zuletzt bemerkt hatte; man sah um Mittag Vögel und machte die verschmachtenden Ochsen los, damit sie, ihrem Instinkte folgend, nach Wasser suchen möchten; sie stürzten in westlicher Richtung fort. Die Gesellschaft mußte aber noch weiter dursten bis zum folgenden Nachmittag, und die Kin der — denn der Doctor hatte seine Familie abermals mitgenommen — schie nen dem Tode nahe. Endlich kehrten die Leute, die dem Vieh nachgcgangcn waren, mit Wasser zurück. Die Ochsen hatten einen kleinen Fluß Namens Mababe gefunden, eine Abzweigung des Tamanakle, die in einen großen Sumpf ausgeht. An dem Flusse wohnten Bajijileute, unter denen sich auch der entwichene Führer Schobo wiederfand. Des andern Tages traf man, am Rande des Sumpfes hinziehend, auf die ersten Wohnungen eines neuenDie Tsetsefliege. 233 Negervolkes, Banajoa genannt. Sie unterhalten unter ihren Hütten, die auf Pfählen stehen, während der Nächte Feuer zum Schutze gegen die Muskito- schwärme, von denen hier die Luft wimmelt. Ein von diesen Leuten gestellter Führer brachte die Reisenden wohlbehalten über einen andern Fluß, Sonta, und endlich an die Ufer des Tschobi, des Grenzflusses von Sebitnane's Ge biet. Der Tsetsefliege halber, die am südlichen Ufer hauste, setzte die Kara wane sofort auf das nördliche über, welches von dieser Plage frei war, und man glaubte das Vieh im Allgemeinen gut durchgebracht zu haben, da man bis dahin nur wenige dieser Insekten bemerkt hatte; trotzdem gingen auf dieser Reise 43 schöne Ochsen durch den Biß derselben zu Grunde. Dieses unscheinbare Wesen — es ist kaum größer als eine Stubenfliege, an Färbung mehr der Biene ähnlich — ist für gewisse Theile Südafrika's wahrhaft verhängnißvoll; es bringt dem Pferde, dem Rindvieh, dem Schafe und dem Hunde unausbleiblichen Tod, bilvet also für die Viehzucht, die Jagd und das Fortkommen auf Reisen ein gleich verderbliches Hinderniß. Und während jene Hausthiere durch den Stich der Fliege dem sichern Tode verfallen, bleiben sowol die wilden Thiere, als die eigentlichen Ernährer der Tsetse, wie auch der Mensch von allen Übeln Folgen verschont, und Maulthiere, Esel und Ziegen erfreuen sich desselben Privilegiums. Ganze Volksstämme am Zambesi können sich dieses Insektes wegen in der That kein anderes Vieh halten als Ziegen. Noch merkwürdiger ist der Umstand, daß das Rindvieh nur im erwachsenen Zu stande für das Gift empfänglich ist, während Saugkälbern der Stich nicht im geringsten schadet. Auch der Hund geht frei aus, sobald seine Fütterung aus Wildfleisch besteht. Die Tsetse hat keinen Stachel, sondern impft ihr Gift durch den Säug rüssel ein. Der Stich mit demselben ist nicht empfindlicher als ein Floh oder Mückenstich, und man kann, wenn man sie-ungestört läßt, bequem beob achten, wie sie sich vollsaugt und wieder wegfliegt. Auch Rinder und Pferde haben beim Aufsetzen der Fliege keine Ahnung der Gefahr; sie scheuen nicht wie vor der Bremse und bleiben auch nachgchends noch eine Zeit lang munter. Aber mit der Zeit beginnen sie, trotzdem daß sie noch fortsressen, abzumagern, die Muskeln verlieren ihre Spannkraft, Durchfälle treten ein und das Thier stirbt in längstens zwei bis drei Monaten an Erschöpfung. Dies ist der Verlauf, wenn das Thier nur von wenigen Insekten befallen wurde; drei oder vier sollen schon hinreichend sein, den Tod eines Pferdes oder Ochsen zu Die Tsetsefliege (dreifach vergrößert).234 Die Tsetsefliege, Ankunft bei Sebituane, verursachen. Setzt sich aber ein ganzer Schwarm aus ein Thier, so kann durch die Menge des beigebrachten Giftes der tödtliche Ausgang in wenigen Tagen erfolgen. Die Opfer schwellen dann vor dem Tode zuweilen furcht bar an und werden blind. Die innere Beschaffenheit der gefallenen Thiere ist eine in vieler Hinsicht krankhaft veränderte und alles deutet darauf, daß eine Blutvergiftung stattgefnnden hat wie bei dem Biß der gefährlichsten Schlange. Die Giftfliege hält sich nur in ganz bestimmten, scharf abgegrenzten Lo kalitäten auf. Sie wohnt in Baumgrnppen, Gebüschen oder Geschilfen und wechselt ihre Plätze anscheinend niemals. Daß, wie am Tschobi, das eine liker eines Flusses von ihr inficirt ist, während am andern das Vieh unge fährdet weiden kann, ist ein Vorkommnis', das sich öfters wiederholt. Der trennende Fluß braucht durchaus kein breiter zu sein, wiewol das Insekt so rasch und gewandt fliegen kann, daß es über jeden Fluß leicht hinwegkom men könnte. Ja Livingstone sah nicht selten, wenn die Eingeborenen rohes Fleisch von dem befallenen Ufer nach dem gesunden überfuhren, zahlreiche Tsetsen als Passagiere ans deinselben sitzen, und doch gab es jenseits keine. Weiter südlich giebt es Tsetsedistrikte in den bergigen Gegenden, die von der Kalihariwüste ostwärts liegen, namentlich an den Ufern des Lim popo. Hier verlor einmal Cumming, als er eben mit zwei Wagen voll Elfenbein und anderer Jagdbeute nach der Kapstadt zurückkehren wollte, in kurzer Zeit all' sein Zugvieh am Tsetsestich, und stand so mit seinen Wagen allein, wol 1000 englische Meilen von jeder Wohnung civilisirter Menschen entfernt. Er umgab sein Lager mit einer dichten Schanze von Dornen und mehrere Wochen blieben die Wagen hier eingeschlossen, bis von Dr. Living stone aus Kolobeng zwei Gespann frischer Zugochsen anlangten. Die Tsetse hat einen starken Widerwillen gegen thierische Auswürfe und diese Stoffe bilden daher eine Hauptingrediens zu den Salben, welche die Medicinmänner zum Schutze gegen den Tsetsestich anfertigen. Die Schutz kraft ist indeß nur eine vorübergehende. Die Leute am Tschobi waren über die Ankunft der Weißen hoch erfreut nnv man erfuhr von ihnen, daß ihr Häuptling Sebituane in der Nähe sei; er war aus einer andern Gegend seines Gebietes zu ihrem Empfange herbei geeilt. Nachdem man eine Strecke den Fluß hinuntergefahren war, traf man den Häuptling ans einer Insel, umgeben von seinen Vornehmsten, die einen Begrüßungsgesang vortrngen. Beide Hauptpersonen waren natürlich über die Maßen erfreut, einander zu sehen. „Euer Vieh," sagte der Häuptling, „ist sämmtlich von der Tsetse gebissen und wird sicher nmkommen: aber das macht nichts, ich habe Ochsen genug und werde euch soviel geben, als ihr braucht." Sebituane war ein schlanker, straffer Mann in den Vierzigen, von vliven- oder milchkaffeebrauner Farbe und einnehmendem, freimüthigem Wesen. Zn geistiger Begabung übertraf er alle Häuptlinge, die Livingstone kennen gelernt hat. Schon früh am andern Morgen kam er an den Schlafplatz seines neuen Freundes, setzte sich ans Feuer nieder und erzählte seine merk-Sebüuane's Schicksale. 235 würdigen Schicksale. Seine eigentliche Heimat war tief unten im Süd osten im Lande der Basuto's. Als etwa 20 Jahre früher ein Theil seines Stammes von Feinden vertrieben wurde, floh er mit einer kleinen Zahl Leute in die Gegend von Kolobeng und weiter nördlich. Bakuena's, Bangwaketse und andere Stämme sammelten sich, um die Fremdlinge aufzureiben, aber er warf sie über den Hansen und nahm von dem Hauptorte des geschlagenen Bangwaketsehänptlings und all' seiner Habe Besitz. Dann wurde er von den Matabele angegriffen und mehrmals geplündert, hielt aber stets seine Leute beisammen und wußte wiederzugewinnen, was er verloren hatte. So wurde er ein gefürchteter Kriegsmann, obwol er nichts lieber als eine ruhige Stätte gewünscht hätte. Unähnlich den anderen Eroberern, Mosilikatse, Dingan n. s. w., führte er stets seine Leute in der Schlacht persönlich an. Wenn er den Feind erblickte, befühlte er die Schneide seiner Streitaxt und sagte: „Ja sie ist scharf, und wenn einer dem Feinde den Rücken kehrt, so soll er die Schneide fühlen." Und er hielt in solchen Dingen Wort und hieb den Flie henden ohne Gnade nieder und kein Laufen konnte ihn retten, denn Sebituane war schneller als jeder Andere. Zuweilen ließ er, wenn der Schuldige sich verkroch, denselben heimgehen. Dann rief er ihn herbei und sagte: „Ach Du wolltest lieber zu Hause als vor dem Feinde sterben, nicht wahr? Dein Wunsch soll erfüllt werden." — Dies war das Zeichen zur augenblicklichen Hinrichtung. In der Folge zog Sebituane unt seinen Kriegern noch weiter nördlich, überschritt auf ziemlich demselben Wege wie Livingstone und unter dem Ver- luste seines ganzen Viehes die Kalihariwüste und unterwarf sich alle um den See wohnende Stämme. Sein lebhaftester Wunsch war schon damals, mit den Weißen in Verbindung zu treten und sich eine Kanone zu verschaffen, weil er glaubte, dieses Instrument werde ihm den Frieden sichern. In diesem Sinne unternahm er einen Zug südwestlich, um die Küste zu er- erreichen, verlor aber im Lande der Damara's all' sein Vieh und kehrte är mer an den See zurück wie er gegangen war. Dann zog er den Teoge hinauf, ging östlich durch das große feuchte Becken und immer weiter den Zambesi entlang, bis er, nachdem er zahlreiche sich ihm entgegenstellende Feinde niedergeworfen, eine schone gesunde Gegend fand, die zur Viehhaltung geeignet schien. Hier aber hatte er wieder die Matabele zu Nachbarn, die den Zambesi überschritten und ihn mit grimmigen Raubzügen überfielen. Ob- gleick er ihnen nichts schuldig blieb und sie mehrmals demüthigte, so war er doch der immerwährenden Kriege müde und zog sich in die feuchten Gegen den zwischen den breiten und tiefen Strömen Tschobi und Zambesi zurück, die ihm eine verhältnißmäßige Sicherheit gewährten. Seine ursprünglichen Begleiter aus den verschiedenen Betschuanenstämmen waren großeutheils den hier herrschenden Fiebern erlegen, aber Sebituane hatte die besiegten schwar zen Stämme, Boschubia, Batoka, Barotse u. s. w., und ihre Häuptlinge mild behandelt, sie erkannten ihn als ihren Oberherru an und so war er ein236 Mofilikatse. großer und reicher Häuptling geworden über ein fremdes Volk, unter dem die übriggebliebenen Betschuanen und ihre Nachkommen unter dem Stammes namen Makololo eine Art Adel bildeten. Krieg und Eroberung, die Verdrängung oder Unterjochung eines Stam mes durch den andern, das Zerfallen größerer Stämme in kleinere und das gelegentliche Aufkommen einer neuen Macht unter einem länderstürmenden Eroberer scheinen in Afrika von jeher an der Tagesordnung gewesen zu sein, wenn -wir auch über die dortigen Vorgänge im Innern aus früheren Zeiten kaum Andeutungen besitzen. Besonders der Südosten der afrikanischen Spitze erscheint als ein Ausgangspunkt afrikanischer Länderstürmer. Von dorther kam Sebituane, dort trat der blutige Dingaan auf, und unter denen, die vor seinem Schwerte flohen, erhob sich der gefürchtete Mofilikatse, der sich durch eine Reihe von Unterwerfungs- und Vernichtungskriegen den Ruf eines afrikanischen Napoleon erwarb. Dieser Napoleon setzte sich schließlich mit seinen Leuten in dem großen Landstriche östlich vom Ngamisee fest, der bis an den Zambesistuß reicht, und noch immer ist sein Volk, die schon öfters er wähnten Matebcle, mit ihren räuberischen Ueberfällen der Schrecken der Nachbarstämme. Diese Leute sind von Hans ans Zulukaffern, obwol mit anderen Elementen stark gemisckt, denn Mofilikatse hatte die Politik, die Kin der der Besiegten zu künftigen Soldaten aufzusparen. Der altgewordene Mofilikatse lebte noch 1854, wo ihm der Missionär Mvffat von Kuruman aus einen Besuch machte. Dieser wünschte nämlich seinem Schwiegersöhne Dr. Livingstone, der sich damals auf seiner letzten großen Reise hoch im Nor den befand, allerlei Reisebedarf zukommen zu lassen und benutzte dazu seine Bekanntschaft mit Mofilikatse, die sich schon von 1829 herschrieb. Von Ku ruman bis an die Grenzen des Matebelelandes ist eine Entfernung von 400 englischen Meilen; die Richtung ist nordöstlich und die Reise ging anfangs durch den Ostrand der Kalihariwüste. Nach vierwöchentlichem Marsche betrat man Mosilikatse's Gebiet und 12 Tage später zog der Missionär in das Hoflager seines königlichen Freundes ein. Das Land ist sehr bergig, aber schön und äußerst fruchtbar und das Volk betrieb fleißig Ackerbau. Mofilikatse hatte sich seinen Besuchern in einem Sessel entgegentragen lasten; der Held so vieler Schlachten war nicht wieder zu erkennen; er war sehr gealtert und wegen Lähmung der Beine zum Gehen und Stehen un fähig. Als er Moffat's ansichtig wurde, ergriff er seine Hand mit eineni bedeutsamen Blick; dann zog er sein Gewand über die Augen und weinte. Nachdem er sich von seinem Schmerze erholt, wiederholte er Moffat's Na men öfter mit dem Zusatze: „Gewiß träume ich nur, daß Du Moffat bist." Auf seine wassersüchtigen Beine zeigend, die ihn, wie er sagte, nmbrächten, bemerkte er: „Dein Gott hat Dich mir gesendet zur Hülfe und Heilung." Moffat nahm ihn auch in die Kur und mußte ihm immer die Arzneien selbst reichen, denn der Beherrscher eines mächtigen Gebietes hatte beständig Furcht, vergiftet zu werden und traute selbst seinen Weibern nicht. Unter Moffat'sMoffat bei Mosilikatse. Livingstoue's Reisevorräthe. 237 Behandlung erhielt er bald den Gebrauch seiner Beine wieder und nun drang dieser darauf, daß man ihn ziehen lasse, um seine Borräthe in die Hände Livingstone's zu bringen. Mosilikatse begleitete den Missionär selbst mit 100 Mann. Beim Uebernachten schlief der Monarch in Moffat's Wagen und nicht unter seinen Leuten, vielleicht um einmal im Gefühl völliger Sicherheit zu schlummern. Nach 18 Tagen kam die Karawane zum Stillstand, da man in dieser Weise nicht wohl weiter konnte. Das große Gebiet Mosilikatse's erscheint in seiner nördlichen Absenkung migastlich und wenig oder gar nicht bevölkere Es fehlte an Wasser für die Ochsen, und die nächsten Quellen lagen im Gebiete der Tsetsefliege. Man entschloß sich daher die zu über- bringenden Borräthe in so kleine Stücke zu verpacken, daß sie von Menschen fortgetragen werden konnten. Der Häuptling wählte dazu 20 der tüchtigsten Leute aus, die unter dem Befehle eines Offiziers nach dem Norden weiter gingen und in 20 — 30 Tagen am Orte ihrer Bestimmung sein konnten, während Moffat mit seinem fürstlichen Freunde wieder umkehrte. Die Leute hatten, wie sich später fand, ihren Auftrag richtig vollführt. Sie waren in der Nähe der Bictoriasälle an den Zambesi gekommen und hatten die Makololo am andern Ufer angerufen, daß sie herüberkommen und die Sachen für den Doctor in Empfang nehmen möchten. Jene trauten aber ihren Todfeinden nicht und vermutheten eine Falle oder einen Versuch, ihnen verderbliche Zaubermittel in die Hände zu spielen. „Geht Eurer Wege," rie fen sie, „wir kennen Euch schon; wie kann der Doctor, der weit fort nach dem Norden gegangen ist, bei Moffat diese Dinge bestellt haben?" Die Matebele antworteten: „Hier sind die Sachen; wir legen sie vor Euren Au gen her, und wenn Ihr sie verderben laßt, so ist das Eure Schuld." Nach dem sie sich entfernt, ermannten sich die Makololo in etwas, holten mit Zit tern und Zagen die verdächtigen Dinge ab, legten sie auf einer Insel des Flusses nieder und überbauten sie mit einer Hütte. Hier lagen die Pallete ein ganzes Jahr, vom Sept. 1854 — 55, wo der Doctor sie unangetastet vorfand. Kehren wir jedoch nach dieser Abschweifung zurück zu den neuen Freun den Livingstone und Sebituane nach des letztern Residenz am Tschobiflusse, die den Namen Linyanti führt. Sebituane war sehr erfreut, daß der Doctor gleich seine Familie mitgebracht hatte und seinen bleibenden Aufenthalt bei ihm nehmen wollte. Er versprach ihm sein Land zu zeigen, damit er nacb Belieben^ sich einen Platz zur Ansiedelung auswählen könne. Aber unglück licherweise wurde der Häuptling wenige Tage darauf von einem Lungenübel ergriffen, das seinem Leben bald ein Ziel setzte. Er wurde begraben wie alle Betschnanenfürsten, nämlich in seiner Viehhürde und so, daß nach Auffüllung des Grabes das Vieh eine oder zwei Stunden lang darüber hinweggetrieben wurde, bis es ganz der Erde gleich war. Der Doctor und seine Frau sprachen nun dem Volke zu, daß cs zu- sammenhalten und getreulich zu dem Erben der Häuptlingswürde stehen möge. Sie nahmen es gut auf und sagten ihrerseits, die Fremden möchten sich nicht238 Livin gstcne bei Ccbituarie. beunruhigen, denn sie dächten nicht daraus daß ihre Ankunft Schuld an Se- bituane's Tode sein könne; er ist den Weg seiner Bäter gegangen, äußerten sie, aber er hat Kinder hinterlassen und wir hoffen, daß ihr gegen diese eben so freundlich seid, als ihr es gegen den Vater sein wolltet. Sebitnane war nicht allein von seinen Unterthanen geliebt, sondern weit und breit als gütiger und weiser Mann berühmt. Kamen arme Fremde in seine Stadt, um Felle oder sonst etwas zu verhandeln, so sprach er auf's leutseligste mit ihnen, ließ sie gut bewirthcn und beschenkte beim Weggange Jeden ohne Ausnahme. So gewann er sich nicht nur die Herzen Aller, son dern erfuhr auch Alles, was sich im Lande zutrug, auf's Genaueste. Nach Sebitnane's Wunsch ging die Hänptlingswürde ans eine Tochter von ihm über, die 12 Tagereisen weiter nördlich in der Stadt Nalieli wohnte. Im Sinne ihres Vaters gab sie den Fremden völlige Freiheit, sich überall im Lande nach einem Ansiedelnngsplatze umzusehen. So machte denn der Doctor mit Herrn Oswell einen Ausflug von 130 englischen Meilen in nordwestlicher Richtung, bis man (Ende Juni 1851) auf den Zambesistrom stieß, ein prachtvolles Gewässer von 1000—2000 Fuß Breite, trotzdem es eben seinen niedrigsten Stand hatte und nach der Regenzeit um 20 Fuß steigt. Man kannte diesen Fluß bisher nur in seinem untern Laufe nach der See hin, und hatte seinen Ursprung und obcrn Conrs ganz wo anders, viel weiter südlich angenommen; die Entdeckung seiner wirklichen Lage, als Haupt pulsader eines großen Beckens mitten im Continente, war daher gewiß eine interessante und wichtige. Das Land zwischen Tschobi und Zambesi war mit Ausnahme zahlreicher Termitenbautcn völlig eben und meistens mit wilden Dattelbäumen, Palmen, Mimosen u. s. w. bestanden. Die starken Ucbcr- schwemmungen der beiden Flüsse hinterließen ausgedehnte Sümpfe, die das Land so ungesund machten, daß der Missionär nicht daran denken konnte, hier niit seiner Familie einen bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Er entschloß sich also Frau und Kinder nach England zu senden, da in Kolobcng wegen der Feindseligkeiten der Bocrs keine bleibende Statt mehr für sie zu hoffen war. Nach einem Aufenthalte von wenigen Wochen unter den Makololo's verließ er das Land, um in der Folge allein wiederzukehren, sich weiter nach einem gesunden Distrikte für eine Missionsanstalt umzusehen und wo möglich einen Verbindungsweg für diese Binnenländer nach der See, sei es nach Ost oder West, zu eröffnen. Eine Straße für regelmäßigen Handel erschien um so wünschenswerther, als bereits die Pest des Sklavenhandels bei den Makololo's eingezogen war, und zwar nicht früher als im Jahre 1850. Die Mambari, ein auf der Westseite in der Nähe von Bihe ansässiger Stamm, durchziehen als Handelsleute weite Strecken dieses Theiles von Afrika und waren endlich auch zu den Makololo's gekommen, wo sic für alte Flinten, Kattun u. dgl., unter Ablehnung von Vieh oder Elfenbein, vierzehnjährige Knaben verlangten. Das Verkaufen von Menschen war bis dahin etwas Unerhörtes gewesen; aber Sebitnane konnte dem Reize der Feuerwaffen nichtFeindseligkeiten der Boers. 230 widerstehen und gab die Knaben aus seinen Dienstleuten her. Ja die Mam- bari brachten ein förmliches Compagniegeschäft zn Stande, indem sic den Makololo's Gewehre liehen, damit sie gegen einen benachbarten Stamm einen Beutezug unternehmen konnten, von welchem das geraubte Vieh den Mako lolo's verbleiben, die Gefangenen den Händlern gehören sollten. Der Streich brachte den Händlern wenigstens 200 Sklaven ein. Dieses kaum erst eingerissene Uebel durch Ermöglichung eines ehrlichen Austausches von Fa brikaten und Produkten zn ersticken war natürlich des Missionärs eifriger Wunsch. Im April 1852 befand sich Livingstone in der Kapstadt, um seine An gehörigen heimzuschicken und sich auf seine letzte und größte Reise vorzube reiten. Die Direktoren der Mission hatten seine Pläne vollkommen gebilligt und ihm völlig freie Hand gegeben. Kurz vor seiner Abreise hatte er noch den Schmerz, das längst drohende Unglück eines Ueberfalles seiner Freunde, der Bakuena's, durch die holländischen Boers über dieselben hereinbrechen und mit eigenen Augen die Greuel zn sehen, welche die Sklaverei im Gefolge hat. Bon den zahlreichen holländischen Kolonisten, welche sich bekanntlich der englischen Herrschaft durch Auswanderung ans der Kolonie entzogen, weil sie ohne Sklaven nicht glaubten auskommen zn können, hat sich ein Theil über den Vaalfluß zurückgezogen (daher Transvaalboers genannt) und in den Kaschan- oder Magalisbergen, der alten Heimath Mosilikatse's, festen Fuß gefaßt. Hier haben sie gegen die armen benachbarten Betschuanenstämme ein greuliches Sklavereisystem ins Werk gesetzt; denn nicht nur daß sie dieselben zu Feldfrohndiensten zwingen, sie stellen auch förmliche Treibjagden an, um Kinder in ihre Gewalt zn bringen und aus ihnen Haussklaven zn machen. Die Kinder raubt man am liebsten so jung als möglich, damit sie um so eher ihre Eltern und ihre Muttersprache vergessen. Es wäre unglaublich, wenn es nicht der ehrliche Livingstone erzählte, wie abscheulich die Boers bei solchen Gelegenheiten zu Werke gehen. Hat man einen solchen Mord- und Raubzug vor, so ist gewöhnlich der Vorwand zur Hand, der zn überfallende Stamm gehe mit Rebellion um; die unmenschlichsten Schlächtereien geschehen so „um des Friedens willen". Die bewaffneten und berittenen Bauern rücken nie ans ein solches Unternehmen aus, ohne einen Hansen unterworfene Betschua- nen zum Mitgehen zu zwingen. An dem dem Verderben geweihten Dorfe angekommen, werden Letztere reihenweise in der Fronte als Schild ausgestellt, und die Bauern feuern nun kaltblütig so lange über ihre Köpfe weg, bis die Angegriffenen fliehen und Weiber, Kinder und Vieh den Angreifern zur Beute überlassen. Natürlich fühlt sich diese kleine Gemeinschaft von Uebelthätern inmit ten so vieler Tausende wenn auch energieloser Wilden nie recht sicher, besonders als nach der Entdeckung des Ngamisces die Straße dahin sich mit Fremden und Händlern belebte, welche Gewehre und Munition an die Eingeborenen verkauften. Sic sperrten auch mehrmals den Weg an der Wüste entlang und trieben die Händler zurück oder plünderten sie aus. Namentlich waren ihnen die Bakuena's ein Dorn im Auge und sie forderten Sitschili unablässig auf,240 Die Boers und Livingstone. ihre Oberherrschaft anzuerkennen und den Engländern und Griqua's den Ein tritt und Durchgang durch sein Gebiet zu verwehren. Sitschili antwortete stets: „Ich bin ein unabhängiger Häuptling und von Gott hierher gesetzt, nicht von Euch. Mich hat Mosilikatse nie besiegt, wie die, die Euch gehor chen. Die Engländer sind meine Freunde, ich kann sie nicht hindern zu kom men und zu gehen wie es ihnen beliebt." So wuchs die Spannung von Jahr zu Jahr, und Livingstone selbst war ein großer Stein des Anstoßes für die Bauern. Ein eiserner Topf, den er dem Häuptlinge geliehen, sollte schlechterdings eine Kanone sein; die we nigen Flinten, welche in die Hände der Bakuena's kamen, wuchsen durch das Gerücht auf so viele Hunderte. Endlich kam, 1852, der längst ge hegte Plan, die Bakuena's und die Missionäre zu vertreiben und dadurch die Straße nach dem Norden ungangbar zu machen, zur Ausführung. Vier hundert Bauern mit einer Kanone überfielen Sitschili's Kraal, tödteten 60 Leute, verbrannten den Ort und führten gegen 200 Schulkinder und mehrere Erwachsene, sowie alles Vieh mit sich fort. Livingstone's Haus wurde rein ausgeplündert, auch eine große Waarenniederlage ausgeraubt, welche fremden Engländern gehörte. Sitschili vertheidigte sich mit seinen Leuten vom Mor gen bis Abend, wo sie in die Berge flohen. Von den Bauern sielen 28, ein unerhörter Fall, denn bei allen früheren Naubzügen hatte nie ein Bauer einen Tropfen Blut verloren. Um so höher stieg die Wuth gegen Livingstone, denn wer anders als er konnte den Bakuena's gelehrt haben Bauern zu tödten! Der Doctor befand sich zur Zeit der Katastrophe noch in Kuruman; sie verbreitete einen solchen Schrecken in der Gegend und die Drohungen der Bauern gegen ihn waren so feindselig, daß Niemand in seinen Dienst treten mochte und er somit genöthigt war, die Reise in den Norden um ein Paar Monate aufzuschieben. Endlich war auch dies' Hinderniß beseitigt und am 20. November konnte die Reise angetreten werden, welche zunächst zu dem jämmerlich verwüsteten Kolobeng und dann nach Litubaruba, dem Orte führte, wohin die von aller Habe entblößten, decimirten und im Elend schmachtenden Bakuena's sich zurückgezogen hatten. Früher sckon war man Sitschili begeg net, der auf einer Reise nach dem Süden begriffen war und alles Ernstes vorhatte, nach England zu gehen und die Bauern bei der Königin zu ver klagen. Er ließ sich auch durch die Vorstellung der Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht von seinem Entschlüsse abbringen und kam wirklich bis nach der Kapstadt, wo die Erschöpfung seiner Mittel ihn zur Heimkehr nöthigte. Was Sitschili und seine Leute durch die Boers an Menschen und Ver mögen cingebüßt hatten, gewannen sic an Vertrauen bei ihren unter der Botmäßigkeit jener lebenden Landsleuten. Schaarenwcisc flohen diese von ihren Unterdrückern und schlossen sich dem Stamme der Bakuena's an, und Sitschili's Macht wurde bald größer als sie vordem gewesen war.Livingstone's große Reift an die Westküste. Am 15. Jan. 1853 verließ Living- stvne die unglücklichen Bakucna's und lenkte der Wüste zu. Das vergangene Jahr war ein ungewöhnlich regenreiches gewesen und die Wüste hatte sich da durch in ein unendliches Melonenfeld ver wandelt. Man konnte sie in jeder be liebigen Richtung überschreiten, denn die Zngthiere bedurften bei der saftigen Kost kein Wasser und verlangten gar nicht darnach. Der Reisezug nahm im Allgemeinen die vorjährige Richtung. Die Bamang- watoberge bilden die letzte Bodenerhebung nach Norden zu und hinter ihnen breitet sich wieder die endlose Ebene, welche Raum giebt für Monate lange Reisen. Diese Berge sind etwas Besonderes für den afrikanischen Süden: sie bestehen aus schwarzem Basalt, der in 7—800 Fuß hohen Wänden steil aus dem Flachlandc aufsteigt. Ihre labyrinthischen Zerklüf tungen und Spalten dienen Sikomi und seinen Leuten als Schlupfwinkel und na türliche Festungen gegen die Ueberfälle der Matebele. Itebrigens sind sie mit schönem Banmwald bewachsen. Das große Flachland ist trostlos cm ouig gelber weicher Sand, mit Grasbüscheln von Hutgröße und Dornen besetzt, und hier und da mit salzigen Ausblühungen überzogen. Hier werden von den Livingftone, Reisen i„ Afrika.242 Das Buschmännerland jenseit des Zouga. Bamangwato's großartige Schaf- und Ziegenherden gehalten, die bei Gras und Salz trefflich gedeihen. Die in Lederschläuchen aufbewahrte geronnene Ziegenmilch bildet ein vortreffliches Nahrungsmittel. Nchokotsa, Kubi und andere Punkte, die man berührte, sind Halte- und Tränkplätze, wo man aus Schlamm Wasser zu gewinnen verstehen muß. Weiter ging es über die un geheure Salzpfanne Ntwetwe, die so eben ist, daß man auf ihr, wie auf der See, astronomische Aufnahmen machen kann. Dann kam man in eine Re gion von Affenbrodbäumen, jener durch Größe, Lang- und Zählebigkeit so merk würdigen Produkte des Pflanzenreichs. Man mag den Baum noch so oft abschälen — was die Eingeborenen häufig thun, um aus dem Baste Stricke zu machen — er schwitzt eine neue Rinde aus und grünt fort als sei nichts geschehen. Weder Feuer, noch Aushöhlung, noch selbst Umhauen tödtet ihn, denn er wächst noch am Boden liegend fort. Als Gesellschafter dient ihm dort der Eisenholzbaum, eine Banhinia, auf deren Blättern eine Insekten larve unter einem Deckel oder Hüttchen aus einer selbst bereiteten Zuckermasse lebt. Die Eingeborenen sammeln und verzehren dieses natürliche Confect in großen Massen und eine fette große Raupe, welche derselbe Baum beherbergt, bildet die animalische Zukost. Die Einwohner hier und in der ganzen Gegend biö nach dem Tschobi hin sind die früher erwähnten Buschmänner erster Klasse, große dunkelfarbige Leute von recht heiterer Gemüthsart, denen ihr Land Wasser und Nahrung in Fülle liefert. Sie waren gegen die Reisenden stets freundlich und behnlflich. Im weitern Vorrücken kam man in immer reicher mit Wasser, Wäldern, Busch und riesigem Gras ansgestattete Gegenden. Auch das Großwild wurde immer häufiger und zeigte fast gar keine Furcht; Ku- du's, Gnn's, Zebra's, Büffel u. s. w. standen umher und schauten verwun dert die fremden Eindringlinge an. Aber nun kam auch daS leidige Fieber über die Reisenden; in den ersten Tagen dcS März kamen außer dem Doctor die meisten seiner Gefährten zum Erliegen und die ganze Karawane für längere Zeit zum völligen Stillstände. Noch langsamer als gewöhnlich, die Kränksten auf die Wagen gepackt, ging eS in der Folge weiter, größten- theils durch Wälder, in denen die Axt beständig in Thätigkeit sein mußte, um Durchgänge für die Fuhrwerke zu schaffen. Dazu gab es häufige und hef- rige Regengüsse, die wenigstens keine zu große Hitze aufkommen ließen. Die Vegetation bot manchen interessanten Wechsel. So traten plötzlich und ganz nnvermnthet Weinstöcke auf, die mit schweren Trauben beladen an den Bäu men ausrankten. Die Trauben oder vielmehr die Kerne waren aber sehr herb. Es kamen indische Feigen, Palmen, Datteln und manche neue Bäume zum Vorschein; das Gras war oft höher als die Wagen. Die ganze Reise ging aber durch so ebene Gegenden, daß ein einzelner 3 — 400 Fuß hoher, banmbewachsener Hügel, Ngwa genannt, den Reisenden eine wahre Herz- stärkung gewährte. Tie beim weitern Vordringen immer zahlreicher auftre- tenden stehenden Gewäffer ließen erkennen, daß man sich jetzt auf Ucber- schwemmungsboden und in Flußnähe befand, und endlich stand die KarawaneAnkunft und Irrfahrten am Tschobistuß. 243 16* am Sanschureh, der ein Seitenzweig deS Tschobi, aber für sich schon ein breiter- tiefer Fluß voller Nilpferde ist. Unter einem prächtigen Baobab wurde ein Lager bezogen, und nachdem man sich einige Tage vergeblich ab gemüht, eine Furth durch dieses Gewässer zu finden, bestieg der Doctor mit noch einem Manne einen mitgebrachten Ponton, fuhr hinüber und nun be gann ein drei Tage langes abenteuerliches Herumarbeiten in nassen Wiesen, Gewässer und Geschilfe. Zwar wurde schon am ersten Tage das Ufer des Hauptstromes gefunden, aber die größte Schwierigkeit war eben, durch die Schilfwälder hindurch ins freie Wasser zu gelangen. Auf und ab zogen die beiden Wanderer, um eine günstige Gelegenheit zu erspähen; hier und da gab ihnen ein einzelner großer Baum oder ein Ameisenbau, welche sich hier von einigen dreißig Fuß Höhe vorfanden, Gelegenheit zu einer Umschau. Es waren nicht allein riesige Geschilfe, die überall sich in den Weg stellten, son dern dazwischen gab es noch besondere sägeförmig gezackte Gräser, die die Hände wie Schermesser zerschnitten, und alles dies war noch von Winden gewächsen durchflochten und faschinenartig zusammengeschnürt. Kamen zur Abwechselung statt der Geschilfe einmal Papyrusstaudeu, die sich wie kleine im Wasser stehende Palmenwälder ausnahmen, so war dadurch nicht .das Mindeste gebessert. Die Reisenden mußten zweimal in dieser Umgebung übernachten, und konnten sich nicht genug wundern über die seltsamen Laute, die in nächtlicher Weile aus dem Dickichte herausdrangen. Da vernahm man unheimliches Flattern, Plantschen, Gurgeln, Quiken, Töne, die bald Menscheu stimmen ähnlich, bald mit gar nichts Irdischem zu vergleichen waren, so daß es schien alö trieben Kobolde in diesen dunkeln Verstecken ihre tollen Scherze. Einmal kam Etwas ganz nahe, das wie ein Nilpferd oder ein Boot platschte: man vermuthete Eingeborene, stand ans, lauschte und rief, und that endlich mehrere Signalschüsse; aber das unbekannte Wesen setzte sein Platschen, ohne sich stören zu lassen, noch eine ganze Stunde lang fort. Am dritten Tage hatten die Beiden ihren Ponton in'S Wasser lassen können und befanden sich am Abend noch rudernd aus dem Strome, als sie im letzten Moment vor Dunkelwerden glücklich ein Makololodorf auf einer Insel erblickten. Es gehörte einem Manne, den der Doctor schon im vori gen Jahre kennen gelernt hatte. Die Leute waren von der Erscheinung der Fremden so überrascht, als ob sie Geister sähen, und sagten in ihrer bilder reichen Sprache: Er ist aus den Wolken gefallen, ovcr auf einem Flußpferde hergeritten. Wir glaubten, daß Niemand ohne unser Wissen über den Tschobi kommen könne, und dieser kommt wie ein Vogel unter uns. Nach einigen Tagen kamen mehrere Vornehme aus der Hauptstadt mit vielen Leuten, um rie Reisenden mit Vieh und Geschirr über den Strom zu holen. Die Wagen wurden zerlegt und stückweise auf Kähne gepackt, die Zugochsen von Schwimmern hinühergeführt. Man war nun unter Freunden und auf einem großen Umwege, um aus dem Bereiche der Ueberfluthung zu244 Ankunst zu Linyanti. kommen, ging der Zug nach der weiter oben am Strome gelegenen Haupt stadt Linyanti, wo die Reisenden am 23. Mai 1853 glücklich eintrafen. Die ganze Bevölkerung von Linyanti, 6 — 7000 Menschen, war heraus gekommen, weniger um die Fremden, als ihre Wagen im Gange zu sehen, die ihnen wie ein halbes Wunder erschienen. Der neue Häuptling, Sekeletu, ein Sohn Sebituane's, erst 18 Jahre alt, empfing den Doctor wie einen sehr geehrten Gast. Die Regentschaft seiner altern Schwester war nur eine kurze gewesen, da diese Anordnung des verstorbenen Fürsten sich mit der all gemeinen Anschauungsweise gar nicht vertrug. Ein Weib als Häuptling war eine unerhörte Neuerung; dieselbe konnte keine ordentliche Heirath eingehen, denn damit wäre sie Unterthanin des Mannes geworden. Diese Schwierigkeit zu umgehen, hatte Sebituane seiner Tochter gesagt, alle Männer gehörten ihr, sie möge nach Belieben wählen und brauche keinen zu behalten. Sie that dies auch, aber der Gewählte wurde nun nicht anders als des Häuptlings Weib genannt, und die Weiberzungen verarbeiteten das Verhältnis; dermaßen, daß die Fürstin in öffentlicher Versammlung erklärte, sie übertrage die Würde auf ihren Bruder Sekeletu, und wolle einen Mann und Familie haben wie andere Weiber. Schon die blose Nachricht, daß der Doctor im Anzuge sei, hatte eine gute Wirkung: eine Gesellschaft Mambari und Halbportngicscn, die sich des Sklavenhandels halber im Lande eingcfunden hatte, packte eiligst auf und machte sich fort. So groß war bereits das Ansehen und der Ruf Livingstone's. Die Makololo selbst erwarteten große Dinge von ihm; denn längst waren Ge rüchte zu ihnen gedrungen von großen Vortheilen, welche ihren Stamm genossen im Süden aus den Unterweisungen der Missionäre erwüchsen. Die Beherrscher des weiten Landes zwischen den Flüssen, die gelbbraunen Makololo's, sind, wie schon bemerkt, sehr dünn verthcilt; nur eine oder ein Paar Familien finden sich in jedem Dorfe. Das Klima sagt ihnen offenbar nicht zu und die Fieber haben schon bedeutend unter ihnen aufgeräumt, be sonders unter den Männern, während die Frauenzimmer wenig davon leiden und demzufolge in auffallender Ueberzahl vorhanden sind, ein Verhältniß, das sie selbst am meisten beklagen. Die unterworfenen Stämme werden von den Makololo's im Allgemeinen Makalaka's, Knechte oder Diener geheißen, wahrend diese den Namen ablehnen und selbst auch Makololo's sein wollen. Ihre Knechtschaft ist jedenfalls eine sehr leichte und muß cs sein, da Niemand sie halten könnte, wenn sie wegen übler Behandlung auswandern wollten. Sie haben haupisächlich bei der Feldbestellung mit zu helfen, besitzen übri gens ihre eigenen Felder und Wirthschaften und leben sonst ziemlich unab hängig. Daneben bestehen, je nach der Leistungsfähigkeit der einzelnen Stämme, Abgaben von allerlei Bodenfrüchten, Tabak, Honig, hölzernen Ge fäßen, Kähnen, Feldhacken, Speercn, Fellen, Elfenbein u. s. w. Alles muß dem Häuptlinge gebracht werden, der übrigens das Wenigste für sich behält, sondern fast Alles au seine Leute vertheilen muß, weil hauptsächlich hieraufDie Makololo's. 245 seine Popularität beruht. Die Makololoweiber haben sich in die Rolle der Landedeldamen bald gefunden; ungleich ihren Schwestern im Süden arbeiten sie nur wenig, beschäftigen sich dagegen fleißig mit ihrem Putz und trinken gern in abgeschlossenen Zirkeln viel Hirsebier, das sehr nahrhaft ist und ihnen die gewünschte und für vornehm geltende Wohlbeleibtheit giebt. Die Makololo sowol als die Makalaka bebauen große Flächen um ihre Dörfer mit allerlei Bodenfrüchten. Dabei besitzen Erstere die ganze angeborene Vorliebe des Betschuanen für schönes Rindvieh, wovon es zwei Racen im Lande giebt. Sie verwenden viel Zeit auf die Pflege und Verschönerung desselben. So lange die Hörner noch im Wachsen sind, schaben sie an einer Seite des Horns etwas weg und veranlassen es dadurch, sich nach dieser Seite zu krümmen. Je phantastischer die Krümmungen ausfallen, für um so schöner hält man das Vieh. Einigen Rindern sind mit glühenden Messern über den ganzen Körper Streifen eingebrannt, um eine andere Haarfärbung hervorzubringen, so daß sie wie Zebra's aussehen. Andere haben um den Kopf Behänge aus ihrer eigenen Haut, die man in der Form von zwei bis drei Zoll langen Hängeohren ablöst und so verheilen läßt. Die Makololo's verarbeiten alle ihre Ochsenhäute entweder zu Mänteln oder zu Schilden. Für den erster» Zweck wissen sie die Felle durch Scha ben, Einfetten, Ausrauhen u. s. w. so gut herzurichten, daß sie so weich wie Tuch werden. Die sehr dauerhaften Schilde bieten ihnen im Gefecht eine gute Schutzwaffe gegen Wurfspeere, wiewol sie einzeln ankommende Spcere auch ohne Schild nicht fürchten, sondern ihnen durch Seitensprünge auszu weichen wissen. Ihre Geschicklichkeit im Speerwerfen ist groß. Sie werfen dieselben aufwärts, damit sic von oben kommend eine um so größere Kraft ausüben. Gastfreundschaft gegen Fremde halten die Makololo's für eine Pflicht, der sich besonders der Häuptling und die Unterhäuptlinge nicht entziehen dürfen. Ein so bedeutender Mann wie Livingstone war daher eines zuvor kommenden Empfanges sicher. Man hatte schon vorher ein Maisfeld für ihn angepflanzt, damit er zu leben habe. Der Häuptling gab ihm Ochsen, Milchkühe und andere Lebensmittel und frug beständig nach seinen Wünschen. Aber bei aller Zuvorkommenheit wollte er anfänglich von christlicher Unter weisung nichts hören. Er möge, äußerte er, „das Buch" nicht lesen lernen, denn er fürchte, es möge sein Herz umwandeln wie Sitschili's, der jetzt nur inU einem Weibe lebe, während er selbst wenigstens fünf Weiber haben müsse. Livingstone drängte ihn nicht, überließ vielmehr alles seinem eigenen Ermessen. Aiit der Zeit brachte der Doctvr doch regelmäßige Versammlungen zu Stande, denen die Leute, durch einen Ausrufer aufgefordert, sich zahlreich einfanden. Die Versammlungen waren kurz und wurden durch Vortrag und' Auslegung einer Bibelstclle und ein Gebet ausgefüllt. Daneben wirkte Livingstone als Arzt, aber immer im Einverständnisse mit den einheimischen Doetoren, oder wo diese einen Patienten schon aufgegeben hatten.246 Ausflug ins Barotsethal. Nach einiger Zeit entschlossen sich auch einige Männer zu dem Wagstückc des Lesenlernens, denn die Schrift erschien Allen als etwas gan; Unbegreifliches und daher Unheimliches. Eine Anzahl Männer lernten das Alphabet in kur zer Zeit und wurden verwendet, ihre Kenntniß weiter zu verbreiten, und als der Häuptling sah, daß das Lesenleruen ohne Unglück ablief, fing er selbst an sich darin zu versuchen. Nachdem Livingstone sich einige Wochen zu Linhanti aufgehalten, machte er sich in weiterer Verfolgung seines Hauptzweckes wieder auf die Reise gegen Norden. Bis Nalieli, der Hauptstadt des Landes der Barotse, das den Makololo's ebenfalls unterworfen ist, ging der Doctor in Gesellschaft des Häuptlings Sekeletu, der etwa 160 Begleiter bei sich hatte. Es ge währte einen heitern Anblick, diese Reisegesellschaft in der Ebene sich hin schlängeln zu sehen in ihren mancherlei Trachten und Kopfputzen von Strauß federn, Ochsenschwänzeu oder Löwenmähnen. Die Reise ging durch zahl reiche Dörfer der Makalaka, deren Vorsteher stets ein Makololomann war. Der fette Anschwenimuugsboden gestattet eine ausgedehnte Viehzucht und die Zahl der hier lebenden Antilopen — Nakong und Letsche — ist ungeheuer, obwol alljährlich große Mengen erjagt werden. An dem großen Flusse angekommen, hatte die Gesellschaft einige Rast tage, da erst die benöthigten Kähne aus den verschiedenen Dörfern re- quirirt werden mußten. Der Fluß heißt in dieser Gegend Liambai, ander wärts je nach den Dialekten der Anwohner Luambesi, Ambesi, Ojimbesi, Zambesi u. s. w.; aber die Bedeutung dieser verschiedenen Namen ist stets dieselbe: der große Fluß, oder der Fluß schlechthin. Der Wildstand an sei nem nördlichen User ist noch reicher und manchfaltiger als auf den Ebenen nach dem Tschobi hin; es giebt da zahlreiche. Herden von Büffeln, Zebra's, Elenn- und anderen Antilopen, unter diesen eine sehr zierliche von nur 18 Zoll Höhe. Dieses Ufergelände wird zwar auch alljährlich überschwemmt, aber es giebt zahlreiche mit Bäumen bewachsene kleine Hügel, die über Wasser bleiben. Auf einer Flotte von 33 großen Kähnen ging nun die Reise rasch den majestätischen Strom aufwärts, der öfter eine halbe Stunde breit und mit vielen bewaldeten Inseln geschmückt ist. Die Makalaka sind ausgezeichnete Ruderer, Schwimmer und Taucher, die Makololo, ihre Oberherren, verstehen von alledem nichts, und finden sich auf dem Wasser durchaus unbehaglich. Die landschaftlichen Scenerien des Flusses gestalteten sich, je weiter man kam, immer reizender; das Uferland wurde bald hügelig und felsig und Ufer wie Inseln bedeckten schöne Waldungen. An beiden Flußufern zeigten sich zahl reiche Dörfer der Banjeti, eines fleißigen armen Völkchens, das wegen der Tsetseplage kein Vieh halten kann, aber emsig den Boden bebaut, Nilpferde mit Geschick jagt und sich durch nette Holz-, Töpfer- und Eisenarbeitcn aus zeichnet. Weiter hinauf hat der Fluß in seinem felsigen Bette mehrere Wasserfälle, darunter einen von 30 Fuß Höhe. Noch weiter oberhalb treten247 Ausflug ins Baroisethal. die hohen bewaldeten Ufer des Flusses zurück und lassen.ein Wiesenthal von fast 100 englischen Meilen Länge zwischen sich, in dessen Mitte sich der Fluß zwischen Geschilfe langsam hinwindet. Dies ist das eigentliche Barotsethal, das alljährlich, wie Aegypten, von seinem Strome völlig überschwemmt wird und dann einen großen See bildet, aus dem die Dörfer der Bewohner wie Inseln emporragen. Die kleinen Hügel, auf denen diese Wohnungen stehen, sollen zum Theil künstlich angelegt sein. Auch der Hauptort, Nalieli, steht auf einem solchen. Alle Ortschaften sind nur klein, da die Leute als Vieh züchter über das Land zerstreut leben. Die Eingeborenen ziehen in dem fruchtbaren Boden jährlich doppelte Ernten; das Rindvieh gedeiht in den Marschen wundervoll. Außer den anderwärts gebräuchlichen Feldfrüchten baut man hier, da die größere Wärme es gestattet, auch Bataten, Uams, Manioc und Zuckerrohr, welches letztere gekaut wird, denn vom Zucker weiß man nichts. Der Fluß und die Weiher wimmeln von Fischen und Wasser vögeln. Das Barotsethal ist sonach ein Land des Neberflusses, und die Ein wohner sagen mit Stolz: „Bei uns kennt man den Hunger nicht." Dafür kennt man aber ein anderes Nebel, die Fieber, nur zu sehr. Wenn die Ueberschwemmungcn sich zurückziehen, wird die Luft von faulenden Pflanzen stoffen so verpestet, daß selbst ans den benachbarten Anhöhen keine gesunde Stelle anzutreffen ist. Livingstone konnte sich also bald überzeugen, daß auch hier die Gelegenheit zu einer bleibenden Ansiedelung nicht gegeben sei. Er beschloß, die oberen Gegenden des Flusses zu iuspiciren und trennte sich zu Ralieli von Sekeletn. Dieser hatte ihm Ruderer und andere Begleiter mit gegeben, worunter einer einen Herold vorstellte, damit der Doctor mit den gehörigen Würden in die Dörfer einziehen könne. Bei solchen Gelegenheiten schritt er voran und brüllte aus vollem Halse: „Der Herr kommt, der große Löwe!" Der Doctor wurde überall auf's zuvorkommendste empfangen. Ohne eine gesündere Gegend anzutrefsen, ging er über die Makolologrenze hinaus bis an den Vereinigungspunkt der beiden Flüsse, welche nebst vielen kleineren den Liambai bilden. Der eine Zufluß scheint von Osten herzukommen, der andere, der Liba, fällt von Norvwesten ein. Der Doctor kehrte um mit der Absicht, später den Libafluß aufwärts zu gehen, um wo möglich das portu giesische Loanda an der Westküste zu erreichen. Da der junge Häuptling zum ersten Male diesen Theil seines Gebietes besuchte, so gab es viele festliche Tage. Die Dorfvorsteher brachten an Ochsen, Milch und Bier mehr herbei als die zahlreichen Begleiter des Fürsten ver tilgen konnten, obwol sie hierin Erstaunliches leisteten. Die Freude des Vol kes äußerte sich hauptsächlich in Tänzen und Gesängen, oder eigentlicher ge sagt, in Trampeln und Brüllen. Die Männer stehen dabei halbnackt im Kreise, eine Keule oder eine Streitaxt in der Hand, stampfen mit den Füßen abwechselnd den Boden, werfen Köpfe und Arme nach allen Richtungen um her und unterhalten dabei ein entsetzliches, ununterbrochenes Gebrüll. Der Schweiß strömt den Tänzern vom Leibe und dicke Staubwolken steigen unter248 Beginn der großen Reise. ihren Füßen auf; aber der Tanz gefällt ihnen dennoch und Sekeletu gab solchen Künstlern jedesmal einen Ochsen zum Besten. Mit rasender Schnelle fuhr endlich die kleine Flotte wieder den Strom herunter bis zur Stadt Sescheke, und der Landweg bis Linyanti war dann bald abgethan. Der Ausflug hatte nenn Wochen gedauert, und obwol der Häuptling wie das ganze Volk den Doetor stets mit größter Rücksicht be handelten, so waren ihm doch die Manieren dieser rohen Naturkinder recht lästig geworden, und er lernte nun die erziehenden Wirkungen der Missions arbeiten um Vieles höher schätzen, da er den jetzigen Zustand der südlichen Betschuanenstämme mit ihrem frühern vergleichen konnte, von dem die Mako- lolo's das Muster abgaben. Die Idee eines direkten Verkehrs mit der Seeküste hatte bei den Ma- kololo's einen sehr günstigen Boden gefunden. Sie merkten wohl, daß sie gemißbraucht wurden, wenn sie von den herumziehenden Mambarihändlern für Elephantenzähne nur kleine Stücke Kattun oder grobes Wollenzcug in Tausch erhielten. Aus verschiedenen Gründen entschied sich der Doetor kei nen nähern Küstenpunkt als Loanda aufzusuchen. Man wartete nur auf das kühlere Novemberwetter, um eine Expedition abzufertigen. Der Häuptling überwies 27 Männer als Begleiter; zwei derselben waren echte Makololo, die übrigen gehörten den verschiedenen unterworfenen Stämmen an. Da die Reise nur Anfangs in Kähnen gehen konnte und später zu Fuß fortgesetzt werden mußte, so war der Reisebedarf höchst compendiös und tragbar einzu richten. Außer einigen Gewehren und Schießbedarf nahm man nur kleine Vorräthe von Zwieback, Thce, Kaffee und Zucker mit, daneben die astrono mischen Instrumente und Bücher, Arzneien und eine Zauberlaterne, die in der Folge recht ersprießliche Dienste that. Für außerordentliche Fälle war noch ein Rest von 20 Pfund Glasperlen als geheimer Schatz vorhanden. Am 11. November 1853 verließ die Karawane Linyanti und bestieg die Kähne, um den außerordentlich gewundenen Tschobi hinunter in den Lianibai zu fahren, was in 42 Stunden gethan war. Die Tschobiufer zeigen nicht überall die beschriebenen Schilfwälder, sondern sind in gewissen Strichen hoch und gleich denen des Zouga mit schönen Wald- und wilden Fruchtbäumen bestanden. Den Liambai aufwärts fahrend kamen die Reisenden wieder nach Sescheke, einer am nördlichen Ufer gelegenen belebten Ortschaft, wo ein Schwager Sebitnane's befehligt und verschiedene Makalakastämme einer Hand voll Makololo's gehorchen. Nach einigem Aufenthalte hier, welchen der Doetor zu religiösen Vorträgen an die sich zahlreich versammelnden Schwar zen benutzte, ging es stromaufwärts weiter, wenn auch nicht sehr eilig, da man vor den verschiedenen Uferdörfern warten mußte, bis die Bewohner, den Befehlen Sekcletn's zufolge, die Flotte mit Eßwaaren versorgt hatten. Unter diesen befand sich immer die orangenähnliche Frucht, welche die giftigen Brechnüsse in sich schließt; auch die Schale ist giftig, aber das Fleisch zwi schen den Kernen ist gesund, wohlschmeckend und sehr erfrischend.249 Beginn der großen Reise. Die schwarzen Völkerschaften, unter denen sich der Doctor nun bewegte, zeigen nicht mehr eine so gänzliche Unbekümmertheit um übersinnliche Dinge wie die Betschuanen; sie scheinen einen andern Zustand nach dem Tode an- zuerkennen; der Tag nach dem Wiedererscheinen des Mondes ist für sie eine Art Feiertag und sie warten mit Spannung ans den ersten Schimmer des neuen Mondlichtes, um es mit lautem Geschrei zu begrüßen und ihm ihre Bitten oder Wünsche zuzurufen. So riefen des Doctors Begleiter: „Laß unsere Mondscheinranz der Betschuanen. Reise mit dem weißen Manne glücklich sein — laß unsere Feinde unter gehen — laß des Doctors Kinder reich werden!" u. s. w. Das reiche Thierleben, die prachtvolle Vegetation und Scenerie gaben dem Doctor während der Fahrt Stoff zu vielen interessanten Beobachtungen. Am 9. Deccmbcr war man wieder in Nalieli. Es hatte sich aber inzwischen ein fataler Fall ereignet. Die Makololo's hatten, unter Gutheißung von Seke- letu's Onkel und Stellvertreter im Barotsethal, einen kleinen Kriegszug250 Auf dem Libaffusse. stromaufwärts unternommen, gerade in der Richtung der projektirten Reise, und ein zweiter Zug war bereits in: Werke. Dort wohnten unter einen: Sohne des ehemaligen Häuptlings des Thales Barotseleute, welche vor den Makololo's zurückgewichen waren nnd nun auch andere ihrer Landsleute aus den: Thale nach sich zu ziehen suchten. Livingstone hatte hier wieder einmal Gelegenheit zu einem Friedcnswerke. In einem Pitscho stellte er den Leuten vor, wie unrecht ein solches Verfahren sei, wie sehr es den Absichten Scke- letu's widerstreite. Man gab ihm recht und stellte ihn: einige bei dem Zuge gemachte Gefangene zur Verfügung, um sic unterwegs ihren Angehörigen wieder zuzustellen und den Angriff, als ohne Wissen des Häuptlings vorge nommen, zu entschuldigen. Nachdem sich die Reisenden noch mit einer Anzahl Ochsen zun: Reiten und zu Geschenken für die anzutreffenden Häuptlinge versehen hatten, fuhren sie unter den Segenswünschen der ganzen Bevölkerung weiter. Unmassen von Fett und Butter waren zusammengebracht und ihnen ebenfalls aufge laden worden, da diese Artikel überall zu den willkommensten Geschenken gehören. Oberhalb des Barotsethales kommt eine unbewohnte Uferstrecke; aber Wild und Wasservögel waren in Unmassen vorhanden, so daß die Karawane in fortwährendem Ueberflusse lebte. Herden von Flußpferden bevölkerten den Strom, und noch häufiger waren Krokodile, welche von den wassergewohnten Barotsen wenig gefürchtet werden; denn ein erwachsener Mann weiß sich in der Regel selbst dann noch, wenn er schon unter Wasser gezogen ist, durch einen Stoß mit einem kurzen Speer, welchen er stets bei sich führt, wieder loszu machen. Die Krokodilcier werden von den Anwohnern der Flüsse fleißig aus gesucht und gegessen. Sie haben die Größe der Gänseeier und nur der Dotter gilt für genießbar. — In der Nähe der Einmündung des Liba wurden die mitgebrachten Gefangenen an verschiedenen Punkten in ihre Heimath ent lassen unter den passenden Erklärungen und Friedensermahnungeu an Ma siko, den Häuptling der freien Barotse. Das Gewässer des Liba ist schwarz in: Vergleich mit den: des Haupt flusses und fließt langsam in vielen Windungen durch reizende Wiesengeläude, die, mit schönen Baumgruppen bestanden, oft so sehr einem künstlichen Parke gleichen, daß es schwer wird an ihre reine Naturwüchsigkeit zu glauben. Ausgedehnte Waldstriche wechseln häufig mit diesen mehr offenen Gegenden ab. Die Ufer des Liba würden eine reiche Ausbeute für den Botaniker ge ben. Die schönsten Blumen und Sträucher waren in Blüte und dufteten köstlich, während weiter im Süden Alles geruchlos oder übelriechend ist. Bald aber wurde die Reise weniger angenehm, denn um Neujahr tra ten heftige, fast unaufhörliche Regengüsse ein, und man hatte außerdem manchen Aufenthalt dadurch, daß der Landessitte gemäß an die Vorsteher der Dörfer, an denen man vorbeikam, Boten vorausgesendet werden mußten, welche über die Reisenden und ihre Zwecke Auskunft zu geben hatten. Man war den Liba aufwärts bald unter ein anderes Volk, in eigentliches Mohren-Im Lande der Valonda's. 251 land gekommen; die Gegend gehörte schon zu dem großen Gebiet Londa oder Lnnda, über welches ein weit im Norden wohnender Mohrenkaiser Ma- tiamvo die Oberherrschaft führt. Die Balonda's (Londalente) zeigten sich als friedsame Menschen, obwol sie sich viel mit Waffen herumtragen. Sie leben vorzüglich von ihren Bodenerzeugnissen; die Hauptfrucht bilden die Manioca oder Cassava und Mais. Es waren die ersten Götzendiener, die der Doctor antraf. Sie formen aus Holz oder Thon rohe Menschen- oder Thierbilder, die sie bei verschiedenen Anlässen um Hülfe anrufen. Einen Weißen hatten die Leute zuvor nie gesehen, wußten aber von den Mambari- händlern, daß die weißen Leute im Meere wohnen und daß die Kattune, Glasperlen u. s. w. direkt aus dem Meere stammen. So mußte denn Li- vingstone ein Meermaun sein, und den vollgültigen Beweis dafür trug er nach ihrer Ansicht auf dem Kopfe. „Seht nur seine Haare," hieß es, „das Meerwasser hat sie ja ganz schlicht gemacht." Weibliche Häuptlinge, deren Männer die Würde nicht mit ihnen theilcu, sind bei den Balonda's nicht selten; Livingstone traf zwei derselben, Mutter und Tochter, und auf ihre Veranlassung gab er es auf, den Liba weiter hinauszufahren; denn es lag jenen daran, daß der weiße Mann ihren Bruder und Schwager Schinti, den größten Balondahäuptling in jenen Gegenden, besuche, welcher seitab vom Flusse wohne. Die Wasserreise, behaupteten sic, sei ohnehin nicht mehr thunlich, denn es kämen bald schwer zu umgehende Wasserfälle, und dann wohnten weiter oben die Balobale, die wenigstens seine Begleiter sicher um bringen würden, denn sie seien den Makololo's todtfeind. Letztere hatten sich demnach weithin in Übeln Ruf gebracht, aber alle Häuptlinge, auch die bei- vcn Weiber und der Barotsehäuptling Masiko, empfingen Livingstone's Friedens botschaft und die Versicherung, daß Sekeletu Ruhe und Freundschaft wünsche und die früheren Unbilden vergessen sein möchten, mit großer Genugthuung. Manenko, der jüngste der beiden weiblichen Häuptlinge, ein schwarzes Prachtexemplar von Zank- und Eigensinnsteufel, ließ es sich nicht nehmen, die Fremden in Person ihrem Onkel Schinti zuzuführen. Völlig nackt schritt sie der Karawane so rasch voran, daß die Begleiter und der Doctor auf seinem Ochsen kaum folgen konnten. Befragt, warum sie bei dem beständigen Regen nichts auf dem Leibe trage, erklärte sie, sie sei ein Häuptling, und ein solcher dürfe nicht weichlich sein. Die Gegend blieb sich in ihrem Charakter gleich und bestand aus dichten Wäldern von natürlichen Wiesen unterbrochen. Die Bewohner lebten in Dörfern, umgeben von Mais- und Cassavafeldcrn. Jede Hütte war mit einer Einfriedigung von starken Pfählen ohne sichtbaren Eingang umgeben. Die Bewohner heben einen oder ein Paar Pfähle aus, schlüpfen hindurch und setzen die Lücke wieder zu. Die Reise hatte in letzter Zeit viel Unangenehmes; der Doctor bekam bei der ewigen Nässe sein Fieber wieder, das ihn schon gleich nach seiner An kunft in Linyanti befallen hatte; das Wild war selten und im Dickicht ver-252 Der Häuptling Schinti. steckt, Pulver und Gewehre versagten vor Nässe den Dienst; die sehr schlecht mundende Cassava bildete fast den einzigen Unterhalt und zuweilen war auch dieser nicht zu haben und die Reisenden mußten einfach hungern. Die Wäl der wurden, je weiter man nördlich vorging, immer dichter und die riesigen Bäume waren von Schlinggewächsen so dnrchflochten, daß man sich beständig mit der Axt forthelfen mußte. In diesen Wäldern sah der Doctor zum er sten Male künstliche Bienenstöcke aus Baumrinde hoch auf Bäumen ange bracht. Große Quantitäten Wachs, die in Benguela und Loauda verschifft werden, sind die Produkte dieser in ausgedehntem Maße von den Schwarzen getriebenen Wildbieuenzucht. Aus dem Honig bereiten sie Meth, der nun als ein viel stärkeres Getränk an die Stelle des Hirsebieres tritt. Wo irgend der Wald eine Lichtung hatte, fand sich ein Dörfchen; aus einzelnen waren die Bewohner bei Annäherung der Fremden geflohen, obwol Mauenko's Trommler beständig Lärm machte um anzudeuten, daß vornehme Leute im Anzuge seien. In anderen Dörfern waren die Einwohner zutraulicher und wenn bei einem solchen übernachtet werden sollte, so hoben sie die kegelförmi gen Dächer von ihren Hütten ab und liehen sie den Fremden als Zelte. Endlich war man in der Nähe von Schinti's Stadt angekommen und dieser schickte Abgeordnete um die Frenideu willkommen zu heißen. Der Ort liegt, von schattigen Bäumen umgeben, auf einer kleinen Anhöhe in einem romantischen Thale und hat viereckige Häuser und gerade Straßen, eine bei den Betschuancn ganz unbekannte Bauart; die Höfe oder kleinen Hausgärten um die Wohnungen sind von sehr sauber geflochtenen Zäunen umgeben und von indischen Feigenbäumen und Zuckerrohr beschattet. Eine Gesellschaft rei sender Sklavenhändler campirte bereits vor der Stadt mit einer Anzahl jun ger Mädchen in Ketten, ein Anblick, der den meisten von Livingstoue's Leuten so neu als empörend war. Am folgenden Tage war großer Empfang bei Schinti. Der Häuptling saß auf einem mit Leopardcnfell behangenen Sessel unter einem der Bäume des Kotla oder Audienzplatzes; hinter ihm kauerten etwa hundert Weiber, eine neue Erscheinung, denn bei den südlicheren Stämmen dürfen Frauen zimmer den Kotla nicht betreten. Der übrige Raum füllte sich mit Soldaten und Publikum und als Alles sich geordnet hatte, traten Mauenko's Mann und noch ein anderer ihrer Leute auf und erzählten mit schallender Stimme alles, was sie unterwegs über den Doctor hatten erfahren können, seine früheren Schicksale, sein Auftreten unter den Makololo's, seine Bemühungen Frieden zu stiften, seine Reisezwecke u. s. w. „Vielleicht," hieß es am Schlüsse, „ist er ein Flausenmacher, vielleicht auch nicht — das erste ist wahrscheinlicher — aber die Balonda's haben gute Herzen und Schinti hat keinem Menschen je weh gethan; er wird besser thun den weißen Mann gut zu empfangen und ihn seines Weges ziehen zu lassen." Es traten noch eine ganze Reihe Redner nach einander auf; in den Zwischenpausen sangen die Weiber irgend ein wei nerlich klingendes Liedchen, und. wenn ein Redner ihnen gefiel, so klatschtenne , Reisen in Afrika. S. 252.Sklavenhandel. 253 und lachten sie ihm Beifall. Eine Musikbande von drei Trommlern und vier Marimbaspielern machte während der Audienz mehrmals die Runde im Kotla, bis endlich Schinti, der die ganze Zeit über in schweigender Würde dagcsessen, sich erhob und damit das Zeichen zum Schluß der Versamm lung gab. Die Marimba, ein ganz angenehm klingendes Instrument, ist, wie ein Blick auf die Abbildung lehrt, eine Art Holzharmonika, bei welcher ein jedes der abgcftimmtcn Klanghölzer einen hohlen Kürbis als Resonnanzboden hat. Je rascher der Künstler arbeitet, uni so höher wird seine Künstlerschaft geschätzt. In den folgenden Tagen war der Verkehr zwischen dem Doctor und Schinti weniger ceremoniell. Alles was Ersterer dem Häuptlinge hinsicht lich seiner Reisezwecke vortrug, billigte dieser dann regelmäßig durch Hände klatschen und alle Anwesende sielen in das Klatschen ein. Die Geschenke Sekeletn's, ein Ochs und große Kala bassen mit Butter und Fett, machten ihm so viel Freude, daß der Doctor ihm rieth, sich doch von den Mako- lolo's Vieh einznhandeln, da sich sein Land so gut dafür eigne. Schinti that das auch sehr bald. DaS Verkaufen von Kindern und jungen Leuten in die Sklaverei kommt bei den Balonda's nicht selten vor. Die Sklavenhändler reisen immer mit starker Bewaffnung und bauen an ihren Haltpunkten große Hütten, wo sie ihre Opfer einsperren. Schon ein geringes Vergehen von Seiten eines Armen scheint hinreichenden Grund zu geben, daß der Häuptling ihn oder seine Kinder verkaufen läßt. Das heimliche Wegfangen von Kindern wird nicht feiten prakticirt und es sollen die Großen des Hofes bei diesen Diebstählen keine reinen Hände haben. Die Pfahlwerke um die Hütten der Dörfer fin den hierin ihre Erklärung. Einmal ließ der Häuptling den Doctor kommen und bot ihm ein kleines Mädchen zum Geschenk an. Die Ablehnung dessel ben und die Auslassungen des Doctors gegen die Sünde des Sklavenmachens verstand der Häuptling dahin, daß jenem das Mädchen nicht groß genug sei, und so befahl er eine größere herbeizubringen. Der Abstand zwischen Vornehm und Gering ist unter diesen Schwarzen bedeutend, und der Kleine grüßt den Großen dadurch, daß er ans die Knice Marlmbaspieler.254 Der Häuptling Katema. fällt und sich Brust und Oberarme mit Staub einreibt. Die Balonda- häuptlinge schätzen es sich zur Ehre, wenn Fremde in ihren Ortschaften Quar tier nehmen, und die Etiquette verlangt dann von diesen, daß sie nicht allzu eilig wieder abziehen. Dieser Umstand im Verein mit dem Fieber und den täglichen Regengüssen verzögerte die Abreise bis zum 26 . Januar. Schinti zeigte sich in der That höchst leutselig und freundlich gegen den Doctor; er gab ihm einen Hauptführer und acht Träger mit, die ihn nicht eher verlassen sollten, bis er die See erreicht habe. Zuletzt schenkte er dem Doctor, als unzweifelhaftes Freundschaftszeichcn, einen dort im höchsten Werthe gehaltenen Muschelschmuck, und beide Parteien schieden unter den herzlichsten Segenswünschen. Nachdem die Gesellschaft das Thal der Hauptstadt verlassen und am andern Tage den Anblick einer schonen Hügelkette gehabt hatte, woselbst eine starke eisengewinnende und verarbeitende Bevölkerung leben sollte, kam man wieder durch Wälder mit zwischenliegcnden Dörfchen. An alle an: und neben dem Wege liegenden Ortschaften ließ der Führer Schinti's Befehl ergehen, Lebensmittel herbeischaffen, damit des Häuptlings Freunde nicht hungern müßten. Es wurde auch genug gebracht, aber es war immer wieder Cassava, freilich die Hauptnahrung der Bevölkerung selbst. Die getrocknete und ge stoßene Cassava ist aber eben Stärkmehl und folglich, wenn in heißes Wasser gerührt, Stärkekleister, ein ganz schmackloses Gericht, das nur aus Hunger verschlungen werden konnte und das Hungergefühl nicht auf zwei Stunden zu stillen vermochte. Die Reise ging nach Norden oder etwas nordwestlich und man über schritt endlich den Liba, wo Schinti's Gebiet und das Reisen auf Landes- unkosten aufhörte. Jenseits mußte man über endlose Wiesenflächen wandern oder vielmehr bis an die Knöchel im Regcnwasscr waten. Die Regenzeit hielt mit aller Hartnäckigkeit Monate lang an; alle Nächte goß es, meistens auch Morgens und Abends, und nur über Mittag gab es ein Paar ruhige Stunden. Zelte, Kleidungsstücke und Schlafzeug faulten in Stücken, Metall sachen zerfraß der Rost; für den Chronometer fand der Doctor keinen an dern Zufluchtsort als die Achselhöhle. Oft erreichte das Wasser selbst von unten hinauf die Schlafplätze,, wenn man unterlassen hatte, einen Graben darum zu ziehen. Nachdem man wieder höheres, bewohntes Land erreicht hatte, befand man sich im Gebiete eines andern Häuptlings, Katema. Hier gab es eine Menge kleiner Zuflüsse des Liba zu durchwaten. Das Land ist da so schön und fruchtbar, daß die Bewohner zu allen Zeiten deS Jahres säen und ernten, und Mais, Hirse u. s. w. in allen Wachsthumsperioden gleichzeitig zu sehen waren. Die Einwohner fangen viele Fische und räuchern sie. Wild, daS mit seinen Fellen den Bewohnern deS Südens so reichlichen Bckleidungsstofs liefert, ist hier schon selten geworden; daher sind englische Kattune weit ge suchter als Perlen und Zierrathen. Livingstone fand unter diesen Negern manchen sehr verständigen Mann, und gutmüthig waren sie alle und gabenWeiterreise. 255 gern etwas von ihren Lebensmitteln ab, ohne einen Gegenwerth zn erwarten, sonst hätte die 27 Mann starke Karawane in schlimme Lagen kommen müssen, da der Doctor kaum noch etwas zu geben hatte. Katema lebte weniger in einer Stadt als in einem Complex von Dör fern. Er gewährte den Fremden einen ähnlichen ceremoniellen Empfang wie Schinti, gab dann reichlich Lebensmittel und die Weisung: „Geht in Euer Lager und kocht und eßt Euch satt, damit Ihr morgen besser mit mir sprechen könnt." Die kleinen Geschenke, die ihm verabreicht werden konnten, machten ihm große Freude, und als er befragt wurde, was man ihm von Loanda mitbringen solle, meinte er, sein Rock werde alt, und er hätte gern einen neuen. In Bezug auf die Reiseroute erklärte er, die gewöhnliche Straße, auf der die Händler kämen, sei jetzt ungangbar, das Wasser stehe auf den Ebenen in halber Mannshöhe; er wolle aber die Reisenden einen andern, von den Händlern nicht gekannten Weg führen lassen. Katema war ein wohlgelaunter Mann und behandelte die Reisenden mit vieler Güte. Er rühmte sich, nie einen Fremden aetödtet zu haben. Den Doctor schien er doch für eine Art Hexenmeister zn halten, wie überhaupt der Aberglaube unter den Schwarzen zunahm, je tiefer man ins Land kam. Die Zauberlaterne, womit der Doctor bei Schinti und anderwärts so viel Sensation erregte, mochte Katema gar nicht sehen. Die Weiterreise ging am schmalen Ende des Sees Dilolo vorbei und bald befand man sich wieder ans wasserbedeckten Grasebenen, die sich bald als eine wirkliche Wasserscheide auswiesen; denn jenseits liefen die Flüsse alle nördlich, entgegengesetzt allen, die man bisher angetroffen halte. Die Ge gend nahm, da man nun die westliche Richtung einznschlagen hatte, einen andern Charakter an; denn man hatte nun beständig tiefe bewaldete Thälcr zu überschreiten, wie sie ans der ganzen Reise bis dahin noch nicht vorge kommen waren. Jedes Thal hatte seinen Fluß, und da diese Gewässer größten- theils nicht zu durchwaten waren, so hatte man sich beständig an die Ein geborenen wegen der Ucberfahrt zu wenden. Aber auch die Menschen waren hier andere geworden durch den Einfluß der nahen portugiesischen Kolonie und der Sklavenhändler. Bon Gastfreundschaft und Liebesgaben war hier keine Rede mehr; hier galt nur Kauf und Verkauf, und die Menschen zeigten einen so schmuzigen Eigennutz, daß sie sogar die Erlaubniß zur Durchreise bezahlt haben wollten. Für Alles verlangten sie Schießpulver; aber der Doctor besaß weder dies noch sonst etwas mehr von Werth, und so sab man noch einer schlimmen Zeit entgegen. Geld kannten die Leute nicht und Gold hielten sie für Messing. Für etwas Mehl oder Maniok machten sie die unverschämtesten Gegenforderungen, und so waren die Reisenden förmlich in Gefahr zu verhungern, da Wild gar nicht cxistirte. Die Eingeborenen gruben selbst Maulwürfe ans, um sie zu essen. Der erste Häuptling ver langte für die Erlaubniß zur Durchreise entweder einen Mann, einen Elephantenzahn, eine Flinte oder einen Ochsen, ließ sich aber zuletzt mit256 Conflicte mit den Eingeborenen. einem alten Hemd abfinden. Das gleiche Ansinnen wurde in der Folge noch manchmal gestellt. Einmal kam man an ein Flüßchen, über welches ein Steg geschlagen war. Davor stand ein Neger und erklärte, die Brücke und ver Weg seien sein, und wer nicht bezahle, dürfe nicht weiter. Die Er scheinung eines Brückengeldeinnehmers mitten im Mohrenlande versetzte den Doctor in größeres Erstaunen als irgend ein Begegniß zuvor. Die Gesell schaft löste sich mit ein Paar kupfernen Armringen aus. Die Gegenden, die die Gesellschaft zu durchwandern hatte, waren ver- hältnißmäßig.stark bevölkert, aber noch lagen überall Strecken des schönsten Bodens unbenutzt, und die Betschuaneu riefen beständig: „Welch schönes Land für Vieh! Schade um den schönen Kornboden!" Das Volk hatte aber kein Vieh, sei es wegen der Unsicherheit des Besitzes gegenüber den Häuptlingen, oder aus anderen Ursachen. Es ist nicht einmal Wild da, die schönen Weiden abzufressen, denn die Einwohner besitzen Flinten und haben mit dem Großwild längst aufgeräumt. Die Reisenden trafen, auf ihrem langen Zuge nicht lauter schwarze Menschen, sondern auch bronzefarbige, gelbbraune u. s. w. In den verschie denen Dialekten fanden sich viel weniger Abweichungen, so daß man sich überall mit den Leuten über gewöhnliche Dinge verständigen konnte. Dies wurde allerdings nur dadurch möglich, daß sowol Liviugstone die Betschnanen- sprache gut verstand, als auch die in seiner Begleitung befindlichen Barotse u. s. w. neben ihrer Muttersprache die ihrer Oberherren gelernt hatten, so daß an Dolmetschern kein Mangel war. In dem Gebiet der Tschiboke versuchte der Häuptling seinen unver schämten Anforderungen mit Gewalt Folge zu geben und umringte das Lager der Reisenden mit Bewaffneten, die sich furchtbar bärbeißig stellten. Sic haben nur fünf Gewehre, hörte man sie sagen, mit denen werden wir schon fertig werden. Die Makololo's, Krieger ans Scbitnane's Schule, griffen kaltblütig nach ihren Spießen und ein Blutbad schien unvermeidlich, wurde aber doch durch Livingstone's Ruhe und Festigkeit glücklich abgewendet: Er ließ den Häuptling und seine Rathgeber herbeirufen und frug, was man ihnen zu Leide gethan, daß sie in dieser Weise aufträten. Die Antwort war, es werde der gewöhnliche Tribut verlangt, ein Mann, oder eine Flinte, ein Ochs n. s. w. Hierauf erklärte ihnen der Doctor, er habe lauter freie Leute bei sich, und alle würden lieber sterben als einen in die Sklaverei geben; die Flinten brauche mau selber. Um doch etwas zu geben, reichte man ihnen endlich ein Hemd, ein Schnupftuch, einige Perlen; aber bei jeder neuen Gabe wurden die Anforderungen ungestümer und das Brüllen und Drohen mit den Waffen ärger. Da erklärte ihnen der Doctor, er sähe nun, daß sie es ans Kampf abgesehen hätten und so möchten sie nur anfangen, sie sollten die Verantwortlichkeit deö ersten Streiches haben. Darauf legte er sich seine Ge wehre zurecht und es folgte eine spannungsvolle Pause. Der Häuptling und die Räthe sahen, daß sie sich in eine Falle begeben hatten, denn die Mako-257 Wegezoll in Inner-Afrika. lolo's hatten sie in aller Ruhe umringt und der Anfang des Kampfes wäre zugleich ihr eigenes Ende gewesen. Sie stimmten nun einen andern Ton an und beantragten einen Austausch von Lebensmitteln, damit sie sich überzeugen könnten, daß die Fremden wirklich friedliche Leute seien. „Gebt uns einen Ochsen," hieß es, „und wir geben Euch dafür was Ihr nur haben wollt." Darauf hin wurde der Ochse gegeben und als endlich die Gegengabe zum Vorschein kam, bestand sie aus ein wenig Mehl und einem Stückchen Fleisch von demselben Ochsen, begleitet von der Entschuldigung, daß nichts weiter da sei. Wenn auch der Geprellte, war der Doctor doch froh, daß der Handel ohne Blutvergießen abgelaufen und der Weg für dies Mal frei war. Aber man hatte auch in Erfahrung gebracht, daß weiter westlich überall die Skla venhändler hausten und ähnliche Collisionen sich noch oft wiederholen wür den; denn die Händler pflegten in der That jedem Häuptlinge, dessen Gebiet sie berührten, einen Sklaven als Tribut abzugeben, und so war es eigentlich nicht zu verwundern, wenn die Wilden ihr vermeintliches Recht geltend zu niachen suchten. Unter solchen Umständen entschloß sich der Doctor, seine Route zu ändern und gerade nördlich zu gehen, um weiter oben einen Durch gang nach dem portugiesischen Cassange zu suchen. Die gleise ging noch immer durch dichte Wälder mit bewohnten Lichtungen, durch viele kleine, aber vom Regen hochgeschwollene Flüsse. Der Doctor war in seinem Gesund heitszustände durch die immerwährenden Fieberanfälle so herabgekommen, daß er einem Skelette glich, und in diesem desolaten Zustande hatte er noch die schlimmste Periode der ganzen Reise durchzumachen. Denn die Collision mit den Tschiboke war nur die Einleitung zu einer ganzen Reihe ähnlicher Drang sale, wobei Blutvergießen mehrmals in nächster Aussicht stand. Immer und immer wieder kam die Anforderung: Einen Mann, oder einen Elephanten- zahu, oder einen Ochsen u. s. w., und als die Gesellschaft schließlich gar nichts mehr zu geben hatte und alles an Kleidern und Effekten nur irgend Entbehrliche bereits geopfert war, hieß es gewöhnlich: „Dann müßt Ihr zurück wo Ihr hergekommen seid." Für ein wenig Mehl u. dgl. wurden die unverschämtesten Gegenforderungen gemacht; Führer ließen sich voraus bezahlen und verschwanden dann; beim Uebersetzen über einen Fluß wurde manchmal dreimalige Zahlung erpreßt. Das Lager der Reisenden mußte jedesmal, um nur einigen Schutz zu haben, mit einer Umpfählung versehen werden und bei dem Marsche durch die Wälder glaubte man jeden Augen blick in einen Hinterhalt zu fallen. Livingstone's Leute waren so entmuthigt, daß sie in ihre Heimat zurückkehren wollten. Nachdem er vergebens ver sucht hatte, ihnen den Gedanken auszureden, erklärte er ihnen: „Nun so geht, ich werde allein weiter reisen." Da waren die Leute wie umgewandelt. „ Wir verlassen Dich nicht," riefen sie, „wir folgen Dir wo Du hingehst, wir sind alle Deine Kinder und wollen für Dich sterben. Gieb uns nur die Erlanb- uiß zu fechten wenn diese Feinde wiederkommen, und Du sollst sehen was wir können." Sitiugfnnie, Reift» iit Anika. 17258 Ochsen mit Stutzschwänzen. Mäuse als Wild. Der große Unterschied zwischen diesen und den tiefer im Innern woh nenden Stämmen hat ohne Zweifel seinen Grund in dem Sklavenhandel. Die reisenden Händler mußten sich auf jede mögliche Weise die Gunst der Häuptlinge zu erwerben suchen; denn wenn die transportirten Sklaven bei den Häuptlingen unterweges Vorschub zur Flucht fänden, oder diese sie für sich in Beschlag nehmen wollten, so würden die Händler wenige oder keine bis an die Küste zu schaffen vermögen. Natürlich ist, daß diese Häuptlinge stolz und anmaßend werden und ihre Anforderungen immer höher schrauben, und daß ihre Untergebenen es ihnen darin nachthun. Ein Weißer ist ihnen ein Gegenstand der größten Verachtung, weil sie dieselben alle für Sklavenhändler halten, die sich gutwillig scheren lassen, indem das Geschäft ihnen doch noch genug abwirft. Es sind Fälle bekannt, wo die portugiesischen Händler sogar Wasser, Holz und Gras den Wilden bezahlen mußten. Bei einer Gelegenheit, wo selbst zwei geniicthete Führer und ein Trupp fremder Händler mit den Einwohnern eines Dorfes gemeinsckaftliche Sache machten um dem Doctor etwas Werthvolles abzupressen, wurde ein als Aus lösung angebotener Ochs zurückgewiesen, weil ihm etwas am Schweife fehlte. Die Schwarzen meinten, das Stück könne abgeschnitten sein um einen bösen Zauber auszuüben. Der Wink kam fast zu spät, denn es waren in: Ganzen nur noch vier Ochsen übrig, aber Livingstone's Leute benutzten ihn doch; bald waren auch die übrigen in Stutzschwänze verwandelt und von da ab verlangte man nie wieder einen Ochsen ab. So war auch einmal der Aberglaube zu etwas gut. Dann und wann kamen die Reisenden an Dörfer, deren Bewohner freundlich waren und sie unbehindert ziehen ließen. Dann kamen gewöhnlich Schaaren von Kindern mit ihren Müttern heraus, staunten die Fremden an, und liefen wol auch große Strecken mit. Der weiße Mann war ihnen kein so großes Wunder wie seine Ochsen. Der Mangel an Fleischnahrung ist in ganz Londa so groß, daß die Mäuse allgemein zur nieder:: Jagd gehören und die Reisenden zahllose Fallen überall in den Wäldern aufgestellt fanden. Das Wild ist gänzlich ausgerottet und mit ihn: die Tsetsefliege, die nach des Doctors Vermuthung früher in diesen Breiten gehaust und die Viehzucht in diesen fruchtbaren, reich bewässerten Ländern unmöglich gemacht haben mag. An Pflanzenkost dagegen haben die Leute Ueberfluß und führen ein müheloses Leben, da der Boden nur ganz geringe Sorgfalt beansprucht. Die Neger dörfer wurden, je weiter man vorrückte, immer zahlreicher; einzelne sahen wild und verwahrlost ans, andere zeigten eine große Sauberkeit und Nettigkeit; die Hütten waren nüt Baumwolle, Tabak u. dgl. umpflanzt und in den Gär ten standen Körner- und Hülsenfrüchte mancherlei Art in jeder Periode des Wachsthums. Der Boden wird nie gedüngt. Wenn ein Garten endlich so erschöpft ist, daß er Mais, Hirse u. s. w. nicht mehr trägt, so rückt der Eigenthümer etwas weiter in den Wald vor, haut die kleineren Bäume umDie Baschinji's uud ihre Erpreffungsvcrsuche. 259 und tödtet die größeren durch Feuer, und hat so für lange Zeit einen neuen fruchtbaren Garten, während in dem alten die Cassava ohne alle Pflege fortwuchert. Nachdem die Karawane endlich auf einen betretenen Handelspfad ge kommen, der direct nach Cassenge führte, kam sie am 30. März an den steil abfallenden Rand des bis jetzt überschrittenen, mit tiefen engen Thälern durch zogenen Hochplateaus, und das große und mächtig breite Thal des Quango- flusses lag vor ihnen. Freier athmeten sie auf, denn jenseits begann das Territorium, das unter portugiesischer Herrschaft steht, und das sie nun in einigen Tagen zu betreten hoffen durften. Aber bevor sie dazu gelangten, hatten sie doch noch ein Stück Prüfungszeit durchzumachen. Die Leute im Thale waren zwar andern Stammes — sie hießen Baschinji — aber nicht andern Sinnes wie die im Obcrlande. Auch hier war wieder die Losung: „Ein Mann, ein Ochs, eine Flinte — oder umkehren!" Zur Abwechse lung hieß es dazwischen: „Gebt nur, morgen machen wir euch todt und da bekom men wir ja doch alles!" Der Doctor und seine Leute verloren endlich doch auch etwas von ihrer laug be währten Geduld uud traten ' zuletzt entschiedener auf, und so kamen sic auch noch von den beiden im Thale wege lagernden Häuptlingen glück lich weg, obgleich die Leute des Letzter» ihnen eine An zahl Kugeln nachsandten. Li- vingstonc führt uns diesen jungen Mann im Bilde vor mit feinem sonderbaren Häuptlingskopfputz. Er sieht einem blutdürstigen Wilden durchaus unähnlich und war auch keiner, sondern nur ein lästiger Ouälgeist, der wie alle übrigen ein gutes Recht geltend zu machen glaubte. Livingstone's Begleiter wurden überall für Sklaven gehalten, trotz aller gegenthciligen Versicherungen. Das Quangothal ist mit einem Wald von Riesengräseru bedeckt, der selbst dem Reiter über den Kopf reicht und in dessen Mitte der starke Fluß sich hinzieht. Nachdem sich die Reisenden von dem letzten Häuptlinge losgc- macht, war der Weg zum Ueberfahrtsplatze frei und sie betraten am 4. April das jenseitige Ufer mit dem erhebenden Gedanken, daß nun das Schlimmste vorüber sei. Man gelangte bald an eine kleine Niederlassung mit dem Anstrich europäischer Kultur. Es war eine der Militärkolonicn, welche die Portugiesen an diesem Theile der Grenze unterhalten. Der befehligende Sergeant und 17 * Bafchinjihäuvtlirg.260 Ankunft und Aufenthalt in Ccwange. seine Leute, lauter Halbportugiesen, nahmen die Fremden auf's gastfreund lichste auf; man hielt einige Rasttage und erreichte dann nach drei Tagereisen durch Graswald Cassange, die am tiefsten im Innern gelegene Handelsstation der Portugiesen. Sie liegt auf einer Erhöhung in der allgemeinen Ebene und besteht aus 30 — 40 Kaufmannshäusern, mit reichen Gärten umgeben. Die Reisenden wurden hier wie Brüder empfangen; man gab dem auf's äußerste reducirten Doctor Kleidung, und bewirthete ihn und seine Leute eine ganze Woche lang als liebe Gäste, obgleich man nicht wußte, was man aus dem Doctor eigentlich machen sollte und ihn eher für einen englischen Militär und geheimen Agenten hielt. Denn ein Missionär, der zugleich Arzt war, einen Schnurrbart trug, die geographische Länge aufnehmen konnte, ein Geistlicher mit Frau und Kindern zu Hause war ihnen etwas Unerhörtes. Das Quangothal ist unerschöpflich fruchtbar und zur Viehzucht wohl ge eignet, aber seine Schätze liegen größtentheils unbenutzt, denn die Kolonisten sind Händler in Elfenbein und Wachs, und die Eingeborenen bauen nur ihren geringen Bedarf. Der Doctor verkaufte hier das mitgebrachte Elfenbein und die Makololo waren anf's höchste erstaunt und erfreut zu sehen, was für Preise diese Waare hier trug. Während sie zu Hause für ein Gewehr zwei Zähne geben mußten, erhielt man hier für einen einzigen zwei Gewehre, drei Füßchen Pulver, große Bündel Glasperlen und so viel Kattun und Wollen zeug, daß die ganze Mannschaft sich neu kleiden konnte. Um so niederschla gender war ihnen die von den Schwarzen gehörte Neuigkeit, daß der Doctor sie an der Küste verkaufen werde, und sie dann auf den Schiffen gemästet und aufgegessen würden, denn die Weißen seien Menschenfresser. Sie wünsch ten am liebsten umzukehren, faßten aber doch wieder Vertrauen zu ihrem Führer und erklärten ihm folgen zu wollen wohin er sie auch führen werde. Von Cassange bis zur Küste waren noch immer etwa 300 engl. Meilen. Der Gouverneur dieses Platzes gab den Reisenden einen schwarzen Corpora! als Begleiter mit, und die Kaufleute versahen sie mit Empfehlungsbriefen an Freunde in Loanda, damit sie dort, wo es keine Gasthöfe gibt, doch Unterkommen finden könnten. Die westliche Begrenzung des etwa 100 engl. Meilen breiten Quango- thales bildet eben so wie die östliche anscheinend ein steiles Felsgebirge; als aber die Reisenden hinaufgestiegen waren, sahen sie, daß sie sich wieder auf einer Hochebene mit Wald und Wiesen befanden, der Fortsetzung der jenseit des Thales verlassenen. Die Bewohner der Negerdörfer waren von nun an durchgängig freundlich und zuvorkommend. Hin und wieder waren auf Ver anstaltung der Negierung, gleich den Khans in der Türkei, Hütten ans Lehm und Flechtwerk errichtet, in denen die Reisenden zur Nacht wenigstens ein besseres Unterkommen finden konnten als im Freien. Die Gegend wurde weiter hin offener, blieb aber immer schön und fruchtbar. Bei den Negerdörfern stand gewöhnlich das viereckige Lehmhaus eines Händlers. Diese Leute hat ten mitunter schöne Gärten, in denen auch Weizen und andere europäischeLagerplatz in Angola.262 Lagerplätze und Verkehr in Angola. Kulturgewächse vorzüglich gediehen. Der Kaffeebaum, früher von den Jesuiten eingeführt, hatte sich einheimisch gemacht und ist auf den Höhen in großer Ausdehnung wild anzutreffen. Die Einwohner besitzen Rindvieh und Schweine. An den öffentlichen Lagerhütten oder Schuppen, wie sie in Abständen an der Straße stehen, geht es meist sehr lebhaft zu, denn es ist ein bestän diges Kommen und Gehen von Leuten zwischen der Küste und dem Innern. Die Güter werden auf Kopf oder Schulter in einer Art Korb getragen, an welchein zwei Stangen von fünf bis sechs Fuß Länge angebracht sind, die beim Tragen geradeaus stehen. Will der Träger etwas verschnaufen oder die Last für einige Zeit ablegen, so stemmt er die Stangen gegen den Boden und hält den Korb entweder oben in der Schwebe oder lehnt ihn an einen Baum, und erspart sich somit das Niederlegen und Wiederaufnehmen der Last. Kommt eine Gesellschaft an einen Halteplatz, so nimmt sie sofort von den Schuppen Besitz. Wer später kommt und alles besetzt findet, muß sich selbst ein Obdach errichten, was bei dem überall vorhandenen langen Gras auch nicht viel Umstände macht. Kaum sind die Reisenden zur Stelle, so kommen die Weiber aus den benachbarten Dörfern hervor und bringen in Körben Maniocmehl und Wurzeln, AmnS, Erdnüsse, Orangen u. s. w. zum Verkauf. Der Handel und Verkehr geht mit großer Lebhaftigkeit und unter viel Geschwätz und Gelächter vor sich. Als Haupttanschmittel dient Kattun. Die Gegend wurde weiter nach Westen immer schöner und malerischer; hohe Berge erhoben sich beim Eintritt in den Distrikt Ambaia und begrenzten die Ebene rings herum. Das üppig fruchtbare Land trug eine Fülle von Produkten; alle Lebensmittel waren ungemein wohlfeil. Ans einem roman tisch schönen Hügellande führte der Weg endlich auf einen unfruchtbaren Küsten saum herab und Loanda zu. Livingstone konnte zu seinem Bedauern allem, was um ihn vorging, nur die halbe Aufmerksamkeit widmen, denn Fieber und Dysenterie hatten ihn so aufgerieben, daß er vor Mattigkeit, Schwindel und Gedächtnißschwäche oft sich selbst vergaß. Ein Glück war es unter solchen Umständen noch für ihn, daß die Kolonisten, obrigkeitliche wie Privatpersonen, sich ohne Ausnahme so un gemein gastfreundlich erwiesen; alles bemühte sich ihm irgend eine Erleichte rung oder Erquickung zu verschaffen. Es war dieses Entgegenkommen um so unerwarteter, als es einem Engländer und Gegner des Sklavenwesens galt. Denn Sklaverei und Sklavenhandel besteht in Angola wie in den übrigen portugiesischen Besitzungen. Der letztere ist seit 1845, wo die Bewachung der Küsten durch englische Kreuzer verschärft wurde, allerdings ins Stocken gera- then, aber es ist in Folge dessen eine neue Arr von Dienstbarkeit für die Schwarzen ins Leben getreten. Früher brachten die Händler Elfenbein und Wachs, von erkauften Sklaven getragen, nach der Küste und verkauften hier sowol Maaren als Menschen. Da aber die Ausfuhr der letzteren so sehr erschwert worden war und ihr Werth fast ans Null sank, so hat die Kolo nialregierung die Einrichtung getroffen, daß die Eingeborenen, so oft es ver-263 Livingstone in Loanda. langt wird, Frohnträger zum Transport der Maaren stellen müssen, denn Fahrstraßen gibt es nicht. Verlangt ein Kaufmann 2—300 Träger, so wer den sie von den Dörfern requirirt und der Miether zahlt pro Mann etwa einen Thaler an die Regierung; der Mann selbst hat außerdem eine ge ringe Auslösung zu erhalten. Körperlich und geistig niedergedrückt näherte sich Livingstone der Stadt Loanda, nicht wenig besorgt wie es ihm ergehen werde, zumal da er erfahren, daß unter den 12,000 Einwohnern nur ein einziger Engländer lebe. Seine Leute theilten seine Stimmung, denn sie konnten sich der Befürchtung, daß die Weißen Meernixen und Menschenfresser seien, noch immer nicht ganz erweh ren. Der erste Anblick des großen Oceans machte natürlich einen überwäl tigenden Eindruck auf sie, und wenn sie späterhin ihre Gefühle beschrieben, äußerten sie: „Wir hatten geglaubt wie unsere Väter, daß die Welt kein Ende habe; aber plötzlich sagte die Welt: hier ist's aus mit mir." Am 31. Mai langte der Doctor mit seinen Leuten in Loanda an. Sein wohlwollender Landsmann, der englische Negierungsagent Herr Gabriel, brachte den Kranken alsbald zu Bett. „Ich werde niemals," schreibt der Letz tere, „das wonnige Behagen vergessen, das ich in einem guten englischen Bett genoß, nachdem ich sechs Monate lang auf bloßer Erde geschlafen." Der Bischof und derzeitige Gouverneur von Angola und die angesehensten Kauflente von Loanda beeiferteu sich dem Doctor ihre thätige Thcilnahme zu erweisen; aber bei aller Ruhe und Pflege bedurfte es doch einiger Wochen, bevor er sein böses Fieber völlig ausgearbeitet hatte. Einige englische Ma rineoffiziere, welche mit ihren Kriegsbriggs anliefeu und ihn auf dem Schmer zenslager fanden, erboten sich ihn nach Helena oder nach England zu brin gen, aber Livingstone lehnte das verlockende Anerbieten standhaft ab. Er er achtete sein Werk erst als halb gethan. Einen Weg nach der Westküste hatte er zwar gefunden, aber die vielen zu passirenden Flüsse, Wälder und Sümpfe machten ihn für Fuhrwerke ungangbar und somit konnte er keine Haupt handelsstraße werden. Sein Entschluß umzukehren stand daher fest; er wollte, nachdem er in Linyanti einige Zeit ausgeruht, den Zambesistrom hinabgehen und die östliche Küste zu erreichen suchen. Wenn dies gelang, so hatte man wenigstens die Wahl zwischen zwei Handelswegen. Außerdem lagen ihm seine Makololo's viel zu sehr am Herzen, als daß er ihnen hätte zumuthen kön nen, ohne ihn die Rückreise zu versuchen. Sie hatten in allen Widerwärtig keiten und Gefahren treulich bei ihm ausgeharrt, und so wollte auch er sie nicht verlassen. — Diese guten Leute, die sich hier in eine ganz neue Welt versetzt sahen, hatten natürlich in der ersten Zeit gar Manches anzustaunen und zu bewundern. Die Häuser und Kirchen verglichen sie mit auögehöhlten Felsen, ein Kriegsschiff niit einer ganzen Stadt. Ihre Begriffe von der Macht der Weißen stiegen ins Ungeheure; aber auch in Hinsicht ihrer Her zenseigenschaften konnten sie nur günstige Eindrücke mit hinwegnehmen, denn fie wurden von allen Seiten liebreich behandelt und vielfach beschenkt. Ihre264 Rückreise von Loanda nach deni Innern. Hochachtung gegen den Doctor stieg bis zur Verehrung, da sie sahen, welche große Theilnahme er bei seinen Landsleuten und den Portugiesen sand. Ein Glanzpunkt für sie war der Besuch der englischen Kriegsschiffe und das brüderliche joviale Benehmen der Matrosen gegen sie. Es wurde eine Ka none vor ihnen abgefeuert und der Doctor sagte ihnen: Das sind die Dinger, womit wir den Händlern wehren wollen, farbige Menschen zu verkaufen. Die Zeit, in welcher der kranke Doctor seine Leute sich selbst überlassen mußte, wußten diese aus eine verständige Weise ausznfüllen. Anfänglich hol ten sie aus dem Walde Brennholz, das sie in der Stadt gut verkauften. Später verdingten sie sich zum Ausladen eines Kohlenschiffes, eine Arbeit, die sie über einen Monat mit angestrengtem Fleiße fortsetzten. Die Menge der „brennenden Steine", die das einzige Fahrzeug enthielt, war ihnen rein unbegreiflich, denn es enthielt noch sehr viel Vorrath, als sie die Arbeit auf- gaben. Von ihrem Verdienst kauften sie Zeuge, Perlen und andere Artikel, die ihnen wünschenswerth schienen. Sie bewiesen dabei mehr Einsicht als die Afrikaner an der Küste, denn sie griffen nicht nach den buntesten Lappen, sondern ihre Wahl fiel stets auf die solideste und dauerhafteste Waare. Die Behörden und Kaufleute zu Loanda zeigten sich dem Plane einer Handelsanknüpfung mit dem Innern sehr günstig und als die Zeit der Abreise hcrannahte, wurden durch Subscription und aus öffentlichen Mitteln schöne Probestücke aller hier geführten Waaren und Geschenke für Sekelctu, von freundlichen Briefen begleitet, zusammengebracht; die Makololo's erhielten neue Kleidung und Livingstone gab jedem eine Muskete. Unter den mitzunehmenden Geschenken befand sich auch ein Eselpaar. Diese Thierart ist im Innern ganz unbekannt, und mußte in Gegenden, in denen kein Pferd fortkommen kann, eine große Wohlthat sein. Die ganze Karawane war jetzt so reich an Waaren, Waffen und Munition, daß sie 20 fremde Träger annehmen mußte. Der Bischof hatte allen Distriktsvorständen die Weisung ertheilt, den Reisen den in jeder Weise behülflich zu sein, und so trennten sich diese von ihren Freunden in Loanda am 20. September. Völlig wieder gesundet konnte sich der Doctor nun Land und Leute mit mehr Theilnahme ansehen und machte mehrere Umwege um interessante Punkte aufzusuchen. Dies und die lang same Vorwärtsbewegung zu Fuß, die bald wieder eintretenden Regen und das neue Erkranken seiner selbst und der meisten seiner Leute, nicht weniger die ausgezeichnete Gastfreundschaft der verschiedenen portugiesischen Bezirks amtleute, hielt ihn an mehreren Plätzen so fest, daß die Gesellschaft erst Ende Februar die portugiesischen Besitzungen verlassen konnte und an der frühern Stelle den Quangofluß überschritt. Wie auf der ganzen Reise machte der Doctor, wo es thunlich war und oft unter den größten Schwierigkeiten, astronomische Beobachtungen zur Be stimmung der wahren Lage der Gewässer, Gebirge und anderer wichtiger Oertlichkeiten, eine sehr aufhältliche, aber höchst verdienstliche Arbeit, indemPaul da Svanda.266 Das portugiesische Angola. es ihm gelang, große Jrrthümer in den vorhandenen Karten von Angola und den benachbarten Ländern zu berichtigen. Das Portugiesische Angola fand der Doctor in einem Zustande des Hinvegetirens; es ist Niemand da, der die reichen natürlichen Schätze aus zubeuten Lust und Unternehmungsgeist hätte, und nur erst in jüngster Zeit, wo der Sklavenhandel in Stillstand gekommen ist, fangen die Portugiesen an, ihr Augenmerk auf andere Reichthumsquellen zu richten. Die Besitzung wird gewissermaßen wie eine Strafkolonie angesehen; die aus Portugal Ein wandernden kommen mit der Absicht, möglichst rasch etwas zu erwerben und dann in die Heimat zurückzukehren. Offenbar hatten die früher» Verwalter des Landes, die Jesuiten, zur Emporbringung desselben mehr gethan. Man ches erinnerte noch an die Jesuitenzcit, nicht blos mehrere zerfallene Kirchen und vereinsamte Klöster, sondern auch anderes, was sich lebendig erhalten hat. In mehreren Ortschaften hatte sich aus jener Zeit die Kunst des Le sens und Schreibens bis auf die Gegenwart fortgeerbt. Der Kaffeestrauch, den die Jesuiten aus Arabien hierher verpflanzt, wuchert allein fort und hat sich, wo er passenden Boden gefunden, Tagereisen weit verbreitet. Mau ent deckt fortwährend in den Gehölzen neue Stellen mit Kaffeestauden; es braucht blos das fremde Gebüsch zwischen ihnen weggeräumt zu werden (die höheren Bäume bleiben der nöthigen Beschattung wegen stehen), und man hat eine einträgliche Kaffeepflanzung. Eben so haben die vor Alters eingeführten Ananas, Bananen, Aams, Orangen und verschiedene südamerikanische Frucht bäume hier ein zweites Vaterland gefunden und pflanzen sich selbst fort, so auch die amerikanische Baumwolle, die sich überall an Wohnungen, Wegen und Campirplätzen ausgesäet hat und häufig ausgerodet wird, um Gartenfrüchten Platz zu machen; denn die Eingeborenen sammeln nicht mehr Baumwolle als sie für den eigenen Bedarf verspinnen und verweben können; Gelegenheit zum Verkauf nach auswärts gibt es nicht. Die Weiber der Schwarzen verspin nen die Baumwolle mit Spindeln und die Männer weben sie zu Zeugen, indem sie zwischen senkrecht aufgespannten Fäden andere quer durchziehen. Ein Stück Zeug erfordert in dieser Weise eine Arbeit von mehreren Wochen, ist aber dennoch, wie alle übrige Handwerks- und Lohnarbeit und wie die Boden produkte, fabelhaft billig. Das Gewebe vertritt größtentheils die Stelle des Geldes. Die Eingeborenen machen auch hübsche billige Messer und andere Eisenwaren aus einheimischen Erzen und diese Industrie ist eine alte einhei mische. Hier wie in andern Gegenden Afrika's wurde der Doctor oft leb haft au das alte Aegypten erinnert, wie es in den Abbildungen seiner Denk mäler sich darstellt. Spinnen, Weben, Fischen, die häuslichen Geräthe und Arbeiten erschienen oft auf ein Haar so, wie sie nach jenen Denkmälern dort vor Jahrtausenden gewesen, und zuweilen waren eS sogar dieselben Men schenfiguren, lebendige alte Aegypter mit gelber Haut und schräg stehenden Augen; denn wie schon bemerkt, sind die Leute in Angola und Loanda keines wegs alle schwarz, und der echte Mohrenkopf ist sogar selten.Die Bevölkerung Angolas. 267 Die Bevölkerung von Angola ist eine friedliche und lebt, wie es scheint, wenig behelligt von den Portugiesen, nach afrikanischer Weise. Vielweiberei ist herrschend, die Weiber werden von den Aeltern gekauft und haben hier wie überall für den Unterhalt der Familie zu sorgen und führen nicht nur die Spindel, sondern auch die Feldhacke fleißig. Nur in den unteren Klassen, bei den Handwerkern, Trägern u. s. w. arbeitet der Mann; in den höheren Rangstufen, deren es nicht wenige gibt, beschäftigt er sich größtentheils mit Palmweintrinken. Die eingeborenen Häuptlinge sind von den Portu- Felsen von Pungo Adongr. Siefen an ihrer Stelle gelassen worden; sie haben natürlich wenig zu befehlen, begnügen sich mit der Würde und sind glücklich, wenn sie von der Regierung irgend einen Titel erlangen können. Die Hauptergötzlichkeit der Schwarzen in Angola bilden nicht allein die Hochzeiten, sondern auch die Begräbnisse. Bei beiden Gelegenheiten dauert das Tanzen, Essen und Trinken mehrere Tage hinter einander; splendide Hochzeits- und Leichenschmänse zu geben gilt Jedem für eine Ehrensache, und sollte er Jahre darauf verwenden müssen, den dadurch verursachten Aufwand268 Die Umgebung des Coanza. zu decken. Setzt man einen Betrunkenen über seine Unmäßigkeit zur Siebe, so kann es kommen, daß er antwortet: „Meine Mutter ist eben gestorben;" und diese Entschuldigung ist in den Augen seiner Landsleute vollgültig. Am Südrande der portugiesischen Besitzungen, nicht weit von dem Grenzflüsse Coanza liegt die schöne offene, zur Viehzucht besonders geeignete Gegend Pungo Adonga, deren Hanptdorf mitten in einem Walde von merk würdigen thurmartig geformten, gegen 300 Fuß hohen Felsen liegt. Hier hat ein Portugiese, der in seiner Jugend Schiffsjunge gewesen, durch Fleiß und Ausdauer sich eine fast fürstliche Existenz gegründet. Er besitzt mehrere Tausend Stück Rindvieh und vermag im Nothfall einige Hundert bewaffnete Sklaven inö Feld zu stellen. Unter dem gastfreundlichen Dache dieses Man nes, Colonel Pires, nahm Livingstone einen mehrwöchentlicheu Aufenthalt. Die benachbarten Stämme nach Süden hin sind nicht sehr freundlich gesinnt, doch bietet der Coanza eine hinreichende Bertheidigungslinie. Nach Südosten wohnen andere Leute, Kimbvnda oder Ambonda, in einem bergigen Lande, die als ein tapferes sreiheitliebcndes Volk geschildert werden, und dabei gastfreundlich und ehrlich im Verkehre sind. Sie besitzen zahlreiche Vieh herden und sammeln viel Wachs, das sie an die Portugiesen verkaufen, mit welchen sic stets auf gutem Fuße gelebt haben. Auch auf der Nordscite des Coanza lebt weiter oben ein Stamm, der sich den Portugiesen nicht unterwerfen mag. Sie nennen sich Kisama's und nach den wenigen zu schließen, die dem Doctor zu Gesicht kamen, stehen sie den Buschmännern oder Hottentotten sehr nahe. Sie kleiden sich in einen Rundschurz von weichen Baststreifen. Ihr Land ist wasserarm und sie be wahren ihre Wasservorräthe in ausgehöhlten Baobabbanmen auf. Wenn die portugiesischen Soldaten in ihre Wälder verdrängen, so ließen sic diese Be hälter auslaufen und zogen sich zurück und die Portugiesen mußten bald ans Wassermangel das Gleiche thun. Das Land der Kisama's ist sehr salzreich und sic treiben einen starken Handel mit diesem Artikel, der in Krystallen von 12 Zoll Länge und 1'/.> Zoll Dicke besteht. Diese Salzzapfen sind nächst dem Kattun das gebräuchlichste Tauschmittel; beide sind überall eben so will kommen als baare Münze. Voll angenehmer Erinnerungen an die Gastfreundschaft der Portugiesen und die natürlichen Schönheiten des Landes verließ Livingstone endlich Angola wieder. „Oft," schreibt er, „fand ich bei meinen Wanderungen landschaft liche Gemälde, über die sich ein Engel freuen müßte. Oft sah ich in stillen Morgenstunden Scenen von höchster Schönheit, alles gebadet in köstliche warme Luft, die mit ihren leisen Bewegungen gleich einem Fächer sanfte Küh lung anwehte. Auf üppig grünenden Wiesen weidendes Rindvieh, springende Ziegen, Gruppen von Hirtenknaben mit ihren kleinen Spießen, Bogen und Pfeilen, Weiber mit auf dem Kopfe schaukelnden Wassertöpfen zum Flusse gehend, Männer säend unter dem Schatten der Bananen, alte grauköpfige Greise auf dem Boden sitzend und der Morgenunterhaltung lauschend, andereLeipzig: Verlag von (Dito Spanier.Die Portugiesen und die Eingeborenen in Angola. 269 ihre Zäune oder Hütten ausbessernd, alles umflossen von dem Glanze der afrikanischen Sonne und der Musik der Vogel, die in den Zweigen ihr Lied singen bis die höhere Tageshitze sie verstummen macht — aus solchem Stoff weben sich Bilder, die nie vergessen werden können." Oft beklagte es der Doctor, daß die Kultur auf so günstigem Boden so wenig Raum gewinnt. Die Eingeborenen begnügen sich für ihren täglichen Unterhalt zu sorgen, was mit wenig Mühe gethan ist, und die Portugiesen leben nur für den Handel. Ein übler Umstand ist freilich, daß das Land für Fremde nicht eben gesund ist. Die Fieber stellen sich nicht allein in den Niederungen, sondern auch in den bergigen Gegenden periodisch ein und der Doctor und seine Gefährten hatten bald wieder daran zu leiden. Die hier lebenden Portugiesen haben ein krankhaftes Ansehen und leiden in Folge zahlreicher Fiebcranfällc meist an Milzvergrößerung. Die Kinder, die sie mit ihren eingeborenen Weibern haben, sterben häufig weg. Sie bringen nie Weiber mit, sondern behelfen sich mit afrikanischen Ehen, indem sie, wie schon bemerkt, ihren Aufenthalt nicht auf die Dauer-nehmen, sondern nur so lange bleiben, bis. sie sich mit einigem Vermögen zurückziehen können. Das Verlangen nach raschem Er werb führt die Gouverneure der verschiedenen Stationen nicht selten zu Be drückungen gegen die Eingeborenen; sie werden, wenn Klagen laut werden, abgesetzt und erhalten Nachfolger, die es vielleicht eben so machen. Im All gemeinen aber ist bte' Behandlung der Schwarzen von Seiten der Portu giesen eine sehr leutselige, vielleicht schon aus Politik und in Anbetracht ihrer geringen Anzahl gegenüber einer ganzen Bevölkerung. Schwarze-Commis arbeiten in den Comptoiren der Kaufleute und essen an ihrem Tische, und die Mischlingskinder werden väterlich behandelt. Nicht so gut sind die unglück lichen Sklaven daran: sie gelten für eine Art Vieh, selbst in den Augen der freien Eingeborenen. Für die moralische Hebung der Schwarzen geschieht von Seiten der Portugiesen freilich nichts; die Leute sind selbst physisch herunter gekommen gegen die Stämme im Innern, hauptsächlich in Folge des vielen Branntweins, der von den Kaufleuten eingeführt wird und dessxn verderbliche Wirkungen auf die Schwarzen nur zu ersichtlich sind. Die Angolesen wie alle Stämme bis au den Zambesi sind in dein kras sesten Aberglauben befangen und ihre Begriffe von überirdischen Dingen sind so gleichförmig, daß es scheint als seien alle ursprünglich ein einziges Volk gewesen. Ihre Religion, wenn man cs so nennen kann, ist eine Religion der Furcht. Der Barimo, die Geisterwelt, läßt ihnen keine Ruhe. Diese scheint ihnen hauptsächlich aus den Seelen Verstorbener zusammengesetzt und allgemein ist der Glaube, daß diese Seelen sich noch fortwährend in die irdi schen Angelegenheiten einmischen und beständig darauf ausgeheu, die Leben digen nach sich zu ziehen. Sterben aber, das Leben und seine Freuden ver lassen, gilt dem Schwarzen für das größte Unglück. Daher werden bei Er krankungen und anderen Unfällen Opfer zur Besänftigung der erzürnten Gei ster in Fülle gebracht; bald wird eine Ziege, bald ein Huhn geschlachtet, bald270 Aberglauben und Handel der Angolesen. irgend eine Eßwaare geopfert, und überall an Wegen, Hütten, selbst im Walde findet man rohe Götzenbilder und Opfergaben. Sogar der Todt- schläger eines Andern unterläßt nie, sich mit dessen Geiste durch ein Opfer abzufinden. Aber auch lebende Menschen können den Tod anthun durch Zau berei, und dagegen werden nun eine Unmasse Amulette und Gegenzauber an- gcwendet. Nichts ist unter den Schwarzen leichter als der Hexerei beschul digt zu werden, und die afrikanischen Hexenprozesse sind nicht milder, sondern nur kürzer als die ehemaligen europäischen: der Angeschuldigte erbietet sich oder wird aufgefordert zu einer Hexenprobe; der Wahrsager, natürlich eine wichtige Person unter solcher Art Leuten, reicht einen Gifttrank und der Be schuldigte stirbt, womit zugleich der Beweis seiner Schuld geliefert ist. In solcher Weise verschwinden selbst im portugiesischen Gebiet alljährlich nicht wenig Leute, und die Behörden können nichts dagegen thun; denn die Wahr sager oder Priester sorgen dafür, daß diese Urtheile und andere heidnische Ce- remonien ganz in der Stille abgemacht werden. Einzelne Häuptlinge in der Nachbarschaft der Portugiesen wenden solche Klagefälle auch zu ihrem eigenen Vortheil und verkaufen die angeblichen Zauberer oder ihre Kinder in die Skla verei, als Ersatz für den Schaden, den sie angerichtet haben sollen. — Als ein sehr wirksames Mittel zur Besänftigung der Geister gilt die Trommel. Je des Negerdorf besitzt dergleichen Instrumente; bei Begräbnissen sind sie beson ders in Activität und oft hört man ihre Schläge ans einem Dorfe vom Mor gen bis Abend mit der Regelmäßigkeit einer Dampfmaschine erschallen. Einem Schwarzen seinen Aberglauben ausreden zu wollen ist eine vergebliche Mühe, denn sie sind regelmäßig mit der Abfertigung bei der Hand: die Weißen ver stehen von solchen Dingen gar nichts, die Schwarzen sind hierin die Klügeren. Es ist eine Regierungsmaxime der Portugiesen, jenseit des Quango- stromes keine Niederlassungen zu haben; ihr ganzer Handel mit dem Innern wird durch Vermittelung einheimischer Händler, Pombeiro's, besorgt. Etwa 150 englische Meilen östlich liegt die Hauptstadt des Oberchefs aller Ba- londa's, der den erblichen Titel Matiamvo oder eigentlich Muata jamvo führt; Muata ist die Bezeichnung für Oberherr, Kaiser oder dergleichen. Dieser Fürst, mit dem die Portugiesen durch zeitweilige Geschenke ein gutes Einvernehmen unterhalten, läßt keine weißen Kaufleute zu und die schwarzen Händler müssen in der Tracht der geringen Londalente, d. h. im bloßen Hemd erscheinen. Die Hauptartikel des Matiamvo sind Elfenbein und Skla ven. Die Elephanten werden von seinen Unterthanen mit Spießen oder ver gifteten Pfeilen erlegt, auch in Gruben gefangen. Es sind diese Thiere hier kleiner als in den Ländern weiter südlich, aber ihre Stoßzähne sind merk würdigerweise ansehnlich größer. Livingstone sah ein Paar Zähne, von dem selben Thiere, die zusammen 256 Pfund wogen und 8 Fuß 6^2 Zoll Länge hatten. Es ist vorgekommen, daß ein einzelner Zahn 158 Pfund gewogen hat. Kurz vor Livingstone's Ankunft war ein neuer Matiamvo zur Regie rung gekommen, der als ein mildgesinnter Mann geschildert wurde und sogar271 Der Matiamvo von Loanda und die Cazembe's. die Absicht ausgesprochen haben sollte, die Tschiboke für ihr übles Benehmen gegen den Doctor zu bestrafen. Die Unterhäuptlinge des weiten Gebietes von Londa erkennen, obwol faktisch so gut wie unabhängig, alle die Ober herrlichkeit des Matiamvo an, und manchem schien bei der neuen Regierung nicht wohl zu Muthe zu sein, denn der Matiamvo kann sie wegen Mißregie rung nach Belieben absetzen, d. h. köpfen lassen. Der alte Matiamvo trieb das eigenhändige Köpfen, wie erzählt wurde, gleichsam als fürstliches Ver gnügen, denn er rannte zuweilen in seiner Stadt herum und schlug jedem Begegnenden den Kopf ab, bis er einen ganzen Haufen Köpfe beisammen hatte. Er pflegte dies damit zu erklären, daß seine Leute zu zahlreich wür den und er sie etwas lichten müsse. Möglich daß der Mann verrückt war; aber auch dann noch liefert er ein Beispiel der nach Norden immer mehr zu nehmenden Grausamkeit der Häuptlinge und Versunkenheit deS Volks, das nicht einmal als einzig dasteht. Mehrere Tagereisen gegen Osten liegt an einem See die Residenz eines andern Mohrenkaisers, Muata Cazembe. Sein Reich ist ein Tochterstaat des Matiamvo, aber diese östlichen Fürsten sind vom Mutterlande unabhängig und es herrscht nur noch das Herkommen, daß sie ihre Weiber aus dem westlichen Regentenhause entnehmen. Die Ea- zembe's stehen schon lange als grausame Wnthriche in üblem Rufe. Schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts unternahm der Portugiese Dr. Lacerda das Wagstück, von Tete ans bis hierher vorzudringen, mit der Absicht, so dann weiter nach Angola an der Westküste zu gehen; aber der Tod ereilte ihn auf seinem abenteuerlichen Zuge. Im Jahre 1831 beschloß der Gou verneur der östlichen portugiesischen Besitzungen einen neuen Versuch zu machen, sich mit dem Innern in Verbindung zu setzen, und der Bericht über diese nichts weniger als glänzend ausgefallene Unternehmung ist erst kürzlich ver öffentlicht worden. Es wurde eine Anzahl entschlossener Leute unter dem Be fehl eines Majors und eines Kapitäns ausgerüstet und die Karawane durch 20 Soldaten und gegen 200 schwarze Träger vervollständigt zum Transport der Lebensmittel und der Geschenke für den schwarzen Kaiser. Die Reise, anfangs nicht unangenehm, führte bald in weniger wirthliche Gegenden und nach dreimonatlichem Marsche war die Karawane bereits in tiefes Elend ge- rathen, nicht eben durch die Feindseligkeiten der Eingeborenen, die den von Livingstone besuchten Balonda's wol ziemlich gleichen mochten, sondern durch den Hunger, der sie oft nöthigtc wilde Früchte zu cffcn, deren verderbliche Natur sie nicht kannten. Möglich, daß die Eingeborenen in der That für so viele Fremde nichts zu leben hatten, denn wir sahen, daß auch Livingstone bei den Balonda's mit viel weniger Mannschaft zuweilen hungern mußte. Verzweifelnd warfen die schwarzen Träger ihre Kisten weg und flohen, und man mußte sie entweder mit Gewalt zum Bleiben zwingen, oder, wo dies nicht gelang, die Maaren selbst anfladen, da ja von den Geschenken der Em pfang bei der schwarzen Majestät lediglich abhing. Oft mußten die Portu giesen ihre Todten heimlich begraben, um nicht den abergläubischen Gesetzen272 Muata Cazembe. der Eingeborenen zu verfallen. So verlor die Karawane in den fünf Mo naten, welche die Reise dauerte, durch Tod und Flucht über 70 Mann, nur selbst schon am Orte ihrer Bestimmung angelangt, wurden sie noch von einer Blatternepidemie und schließlich vom Skorbut befallen. Auch in anderer Hin sicht waren die Leiden der Armen mit ihrem Eintritt in die Residenz des Muata Cazembe noch keineswegs zu Ende; der habsüchtige und doppel züngige Monarch versorgte sie nur höchst nothd.ürftig mit Lebensmitteln, schob die zugesagte feierliche Audienz unter allerlei Listen und Ausflüchten fortwäh rend hinaus und zeigte durch sein Benehmen deutlich, daß er nicht Lust habe, die Fremden eher ziehen zu lassen, als bis er sie recht gründlich ansgezogcn. Die Audienz fand denn endlich auch mit allem möglichen barbarisch-afrikischen Pomp statt, aber die halbe Gefangenschaft der Portugiesen beim Muata Ca zembe hatte sechs Monate gedauert und sie athnieten erst wieder frei als sie die Stadt im Rücken hatten, obgleich sie sich sagen mußten, daß sie einen Rückweg voll fürchterlicher Drangsale vor sich hatten, die ihnen denn auch in reichem Maße zu Theil wurden. Sie hatten neben andern Lastern dieses Despoten auch von seiner Grausamkeit Proben genug erlebt. Menschen schlächtereien und Verstümmelungen waren etwas ganz Gewöhnliches, und es> war als wenn die Natur selbst sich der armen Opfer erbarmen wolle, denn wenn einem armen Teufel wegen der geringsten Veranlassung oder aus bloßer Laune eine Hand, ein Bein abgeschlagen oder eine sonstige Verstümmelung angethan wurde, so wusch er sich im Wasser, verkroch sich und erschien nach wenigen Tagen geheilt wieder. Daß der Cazembe jedes Frauenzimmer, das ihm gerade gefiel, in seinen Harem steckte, wäre noch nicht so schlimm als die daran sich knüpfende unmenschliche Barbarei, daß alle Männer oder Lieb haber, welche die Erwählte bis dahin gehabt haben mochte, wegen ihrer un bewußten Concurrenz mit dem Kaiser dem Tode verfallen waren. Ein sol ches Frauenzimmer mußte alle ihre früheren Verhältnisse bekennen und was sie etwa zu verschweigen suchte, das brachte die Spionage, die an jedem Despotenhosc in Flor ist, schon noch heraus. Livingstone's Reiseroute ging nicht allzu weit von Muata Cazembe'S Stadt vorbei und die Leute in Katema'S Gebiet gaben die Entfernung bis dahin auf etwa fünf Tagereisen an. Es bestand von hier aus ein Verkehr mit jener Stadt zum Bezug kupferner Schmucksachen, die daselbst gefertigt werden. Auf des Doctors Frage, ob dort noch immer so viele Menschen umgebracht würden, gab man ihn: zur Antwort: so gar schlimm möge es wol nie gewesen sein; zuweilen werde allerdings einer abgeschlachtet, wenn der Ca zembe ein Menschenherz oder sonst einen innern Theil zu einem Amulet brauche; Hexerei und Dieberei werden selbstverständlich mit dem Tode bestraft. Andere Erkundigungen über die Beschaffenheit des Landes schienen mit ziem licher Sicherheit zu ergeben, daß der südliche Ausfluß des bei Cazembe'S Stadt gelegenen Sees derselbe Fluß sei, welcher mit dem Liba zusammen den Zam- besi bildet.Der Njaffa- See. Reisen der Araber, 273 Das innere Afrika wird schon längst von arabischen Kaufleuten weit und breit durchzogen; sie gehen nach Loanda und kommen selbst bis Linyanti zn Sebituane. Ihr Ausgangspunkt ist immer die Insel Zanzibar. Von sol chen erfuhr Livingstone, daß Land und Leute in dieser Richtung hin dieselben seien wie im übrigen Londa, daß die Häuptlinge friedlich gesinnt wären und das Reisen nach Zanzibar keine Schwierigkeiten habe. Zehn Tagereisen hinter Cazembe's Stadt berührt die gewöhnliche Reiselinie das Südende des großen Sees Tanganienka, der in anderen Mittheilungen auch Njasia und noch ver schiedentlich anders genannt wird. Dieses Gewässer soll nach auf Zanzibar eingezogenen Erkundigungen eine solche ungeheure Ausdehnung haben, daß es eher ein Meer als ein See zu nennen wäre. ES scheint bis an den Aequa- tor oder noch etwas höher hinauf zn reichen; seine Form ist eine sehr lang gestreckte, und die Breite soll im Allgemeinen eine solche sein, daß die Piro- guen, wenn täglich sechs bis acht Stunden gerudert wird, drei Tage brauchen, um hinüberzukommen. Man übernachtet aus Inseln, deren es sehr viele in dem See geben soll. Die streife von der Meeresküste bis zu diesem innern Wasserbecken soll etwa 24 Tage dauern. Die Gegenden um den Sec sind von mehreren Volksstämmen so dicht bevölkert wie ein Ameisenhaufen, sagen die Händler. Es giebt hübsche Städte am Wasser und viel Verkehr ans demselben. Auch Araber haben sich dort niedergelassen und den Reisbau ein geführt. Hier eröffnet sich somit ein großes Feld für die wissenschaftliche Forschung und vielleicht ein leichterer Zugang zu dem noch unbekannten In nern als von irgend einer andern Seite her. Es sind schon mehrfach die raschen Fortschritte des Muhamedanismus in Afrika erwähnt worden; nach Livingstone's Erfahrungen sind es eben die arabischen Kaufleute, die neben ihrem Geschäft zugleich die Apostel machen. Sie pflegen sich in einem Stamme dadurch Connexionen und Einfluß zu ver schaffen, daß sie eine Tochter oder sonstige Verwandte des Häuptlings zum Weibe nehmen, und wissen so geschickt zn operiren, daß sie zuweilen einen ganzen Stamm zu ihrem Glauben hinüberziehen. Ienseit des Quango war Livingstone mit seiner Gesellschaft so zn sagen wieder in Feindesland, unter den brandschatzenden Baschinjen. Er hatte aber diese unbedeutenden Dorfmonarchen jetzt richtiger schätzen gelernt, und so kam er im Allgemeinen besser durch als auf dem Herwege, wo er gar nichts zu geben hatte. Jetzt gab er mäßig und mit der festen Erklärung, daß mehr nicht gereicht werde. Und sie begnügten sich, sobald sie Ernst sahen; denn das Volk ist im Grunde feig; aber cs wächst ihnen der Muth und die Unver schämtheit in dem Maße, wie sie Erfolg davon sehen. Einen komischen Anblick und ein großes Gaudium für Livingstone's Leute gewährte die Art, in welcher "die Häuptlinge sich zuweilen zur Besprechung Livingstone, Reisen in Afrika. 10274 Zurechtweisung eines Dorfhäuptlings. einfanden oder zurückzogen. Sie ritten nämlich auf den Schultern eines Be gleiters, denn was bei uns eine Unterhaltung für Schulknaben ist, bildet in Londa ein Vorrecht und Würdezeichen für die Häuptlinge. Auch Freund Katema liebte es, in solchem Aufzuge zu erscheinen, und der Doctor hat ihn in dieser erhabenen Position im Bilde verewigt. Bald nachdem die Karawane das Quangothal verlassen, stellten sich so heftige Regengüsse ein, daß sie einmal zwei ganze Tage auf einer Stelle lie gen bleiben mußte, obwol diese gerade sich sehr wenig hierfür eignete; denn es war nichts als eine weite, unter Wasser stehende Wiese, und die Wan derer konnten zur Verbesserung ihrer Lage nichts weiter thun, als daß sie Erdhaufen gleich Gräbern aufführten, diese mit Gras bedeckten, sich darauf niederlegten und geduldig die Schleußen des Himmels auf sich herabströmcn ließen. In Folge solcher Experimente verschlimmerte sich des Doctors Ge sundheitszustand dergestalt, daß er gänzlich zum Erliegen kam und drei Wochen lang neben einem Negerdorf das Lager aufschlagen mußte. Hier ge- rieth er beim Abzüge in eine Collision, die gefährlich werden konnte, wenn der Volkscharakter ein anderer gewesen wäre. Der Dorfhäuptling hatte we gen unaufhörlichen Tribulirens um Fleisch eine wohlverdiente Maulschelle be kommen. Als Schmcrzengeld erhielt er zwar sogleich einige Stück Zeug und eine Flinte, aber das genügte ihm nicht und seine Forderungen gingen ins Ungeheure. Als er sah, daß er nichts weiter durchsetzen konnte, sandte er an die umliegenden Dörfer um Hülfe; denn der Schimpf, ihn auf den Bart geschlagen zu haben, müsse schwer gerächt werden. In der That wurde die Karawane in einem Walde von einer Menge Bewaffneter eingeholt und ein Gewehrfeuer auf sie eröffnet, das jedoch wegen der vielen Bäume nicht ge fährlich war. Zugleich wurden den hintersten Trägern die Gepäcke von den Schultern gerissen. Ohne Zweifel hatten die Schwarzen erwartet, daß die Fremden ihr Gepäck wegwerfen und fliehen würden; aber es kam anders als sie dachten: der Doctor rannte, von einigen Leuten begleitet, rückwärts, fand den Häuptling und setzte ihm einen sechsläufigen Revolver auf die Brust. Da begann der Mann zitternd um Frieden zu rufen. „Gut," sagte Livingstone, „mir liegt ebenfalls am Frieden — 'so kehre um und laß uns ziehen." — „Aber Du wirst mich in den Rücken schießen." — „Wenn ich Dich schießen wollte, so ginge das eben so gut inö Gesicht. Aber damit Du siehst, baß ich mich vor Dir nicht fürchte, so will ich Dir den Rücken kehren." — Und damit zog die Karawane unangefochten weiter; aber ihr Fortschritt war ein so oft unterbrochener, daß cs im Allgemeinen im Monat nur zehn Reisetage gab. Die Aufenthalte wurden theilS durch das Aufkäufen von Lebensmitteln in den Dörfern, theils durch Krankheitsfälle verursacht, die um so hinderlicher waren, da die gemieteten Träger aus Angola sich stets weigerten, die Tracht eines erkrankten Kameraden mit auf sich zu nehmen. Desto williger waren sie zum Stehlen und mußten beständig scharf im Auge behalten werden.Reise durch die Graswälder. 275 So lange die Karawane den Sklavenhändlerweg zog, waren die Ein wohner durchweg anmaßend und habsüchtig; freiwillige Geschenke an Lebens mitteln, die sonst in Afrika zum guten Ton gehören, kamen nicht vor, und wenn einer etwas gab, so geschah es nur, um einen viel großem Gegenwerth zu verlangen. Um billiger leben zu können, schlug der Doctor eine mehr südliche, von den Händlern weniger durchzogene Richtung ein, und bald war man unter bescheidenen und freundlichen Leuten. Die Reise ging fortwährend durch Thäler mit größeren und kleineren Flüssen, die sich alle in den Kasai er gießen, und über dazwi schen liegende Hochebenen mit finsteren Wäldern und mehr als mannshohem Gras. Die Wege von einem Dorfe zum andern durch diese Graswälder waren förmliche Schaf wege, nicht über einen Fuß breit und überall mit Schlingen und Fallen an den Seiten, denn auch das kleinste Thier wird von den Eingeborenen ge fangen und gegessen. Die Hütten stehen gewöhnlich in den Wäldern, umgeben von Pflanzungen, und jede Wohnung hat einen er höhten Schlag für Ge flügel. Die Einwohner, größtentheils olivenfarbige Leute, zeigten alle die größte Lust, einen kleinen Handel zn machen, und Der Häuptling Kateinu. allerorten erfolgten die dringendsten Aufforderungen an die Reisenden, einen Tag oder wenigstens ein Paar ^Stunden zu rasten und ihnen etwas abzukaufen. Ihre Waaren, Eier, Hühner, Mehl, waren aber so ungemein wohlfeil, daß mit einem Stück chen Zeug, ein wenig Rindfleisch oder einem Schuß Pulver schon ansehnliche Quantitäten cingctauscht werden konnten. Die Balonda's in diesen Gegenden sind ein harmlos heiterer Menschen- schlag, der sich auch im Aeußern vortheilhaft von den der Küste näher woh- 18 *276 Die Balonda's. Neue Ansichten über das Rindvieh. nenden Stämmen unterscheidet. Sie lassen ihre schönen weißen Zähne unbe schädigt, während die Baschinje u. a. sie spitz feilen, was ihnen ein greuliches Ansehen giebt und selbst das Lächeln junger Mädchen wie das Grinsen eines Alligators erscheinen läßt. Sie arbeiten nicht schwer und finden Zeit genug, sich allerhand Liebhabereien hinzugeben. Es giebt da Stutzer, die den ganzen Tag gesalbt und geputzt umherspazieren; andere quälen wieder Tag und Nacht irgend ein musikalisches Instrument; wieder andere zeigen sich nur mit Bogen und Pfeilen oder einer Flinte beladen, ausgeputzt mit Fellstreifen von allerlei Thieren, die sie geschossen haben oder haben wollen; manche können nicht auSgehen, ohne ihren Singvogel im Käsig bei sich zu führen; denn cs giebt im Walde eine Art angenehm singender Kanarienvogel, für die man eine große Liebhaberei hat. Die Damen pflegen mit großer Vorliebe eine Sorte Schoßhunde, die, wenn sie fett sind, verspeist werden. Namentlich ist den Ba londa's auch das Arrangement ihres überreichen Wollenhaars ein Gegenstand großer Aufmerksamkeit, und sie lassen dabei ihrer Phantasie viel Spielraum. Einige Ladies machen lauter kleine Zäpfchen und befestigen die Enden an den Umfang eines oder auch zweier Reifen, die um Kopf und Gesicht gelegt sind, wodurch eine förmliche Heiligenglorie entsteht; andere tragen aus Büffclhaut und Perlen geformte Aufsätze, die bald Kronen ähnlich sind, bald zwei Hör ner auf der Seite oder eines gerade auf der Stirn bilden. Dazu kommen meistens noch eine Menge gerade herabhäugender Haarrollen, und oft ist diese Fülle noch durch Einflechten von Haaren aus Büffelschwänzen vermehrt. Li- vingstone giebt uns einige Muster hiervon mit dem Bemerken, daß die ge wählten Physiognomien zwar nicht durchweg, aber doch häufig genug vor- kämen. Die Bevölkerung sitzt in ganz kleinen Weilern im Lande oder Walde zerstreut; denn es gehört ebenfalls zu den volksthümlichen Liebhabereien, daß jeder wenigstens ein Dörfchen für sich besitzen und einen kleinen Häuptling spie len möchte. Daher muß Cabango, die Residenz eines Untermatiamvo, welche die Gesellschaft am 21. Mai verließ, schon als ein „Klein Paris" erscheinen, denn sie zählt etwa 200 runde und 10 —12 viereckige Hütten, letztere die Woh nungen einiger Halbportugiesen, die hier als Agenten für die Kaufleute in Cassange wirken. Livingstcn? hatte sich in Angola wieder mit dem nöthigen Schlachtvieh versorgt und ein Stück von dem Fleische eines ab und zu geschlachteten Och sen war überall hoch willkommen gewesen. Um so mehr überraschte es ihn, jenseit Cabango auf einen Kauz von Häuptling zu stoßen, der ein Stück Fleisch mit der Erklärung ablehnte, daß weder er noch seine Leute dergleichen äßen, indem sie die Ochsen für menschliche Wesen hielten, die in ihrer Hei mat ganz wie Menschen lebten. An anderen Orten, wo man sich das Fleisch gern gefallen ließ, hatte man doch eine Ausrede wegen des Nichthaltens von Vieh, die ihren historischen Grund haben mag, indem man sagte, Ochsen bringen Krieg und Feinde ins Land.Der Häuptling Kawawa. 277 Am 2. Juni kam bin Reisegesellschaft in der Nähe des Kasaiflusses wie der zu einem bedeutender« Dorfmagnaten, Herrn Kawawa, der so ausneh mend freundlich und höflich war, daß die Fremden bei ihm einen sehr ange nehmen Rasttag hatten. Als es aber zum Aufbruch kam, änderte er ganz unerwartet den Ton und verlangte in kaltblütigster Weise einen Mann oder Haartrachten in Londa. Ochsen, daneben aber noch eine Flinte, Pulver, einen Rock und, not» bene: eiii Buch, aus welchem er sehen könne, wie der Matiamvo gegen ihn gesinnt sei, und das ihn warnte, wenn derselbe den Entschluß fassen sollte, ihn köpfen zu laiscn. Einen solchen Warner hätte er wol brauchen können, denn er war als ein excentrischer Mensch verschrien und mochte Ursache genug haben, den Matiamvo zu fürchten. Livingstone wies ihn mit seinen Anfcr-278 Ankunft bei Katema und Schluck. derungen kurz ab, der Häuptling rief seine Leute zu den Waffen, und wieder einmal schien es zum Kampfe kommen zu sollen. Aber auch diese letzte der artige Scene lief ohne Blutvergießen ab, denn der Doctor hielt wie immer darauf, daß seine Leute nicht zuerst zum Angriff schritten und auch die Gegen partei griff nicht an und ließ die Fremden unverfolgt abziehen. Unten am Flusse hatte aber der Häuptling inzwischen schon seine Maßregeln genom men; die Fährleute verweigerten die Üeberfahrt, bis das Verlangte ausgelie fert sei, und die Kähne wurden vor den Augen der Reisenden abgefahren, die sich nun vor dem breiten und tiefen Strome in nicht geringer Verlegen heit befanden. Einer von des Doctors Begleitern aber hatte schlau erspäht, wo die Kähne im Schilfe versteckt wurden, und als es dunkel geworden und die Fährleute weggegangen waren, machte man an diesen Kähnen eine Zwangs anleihe und kam somit glücklich ans der gelegten Falle heraus. Den Kasai im Rücken fühlte sich Livingstone, wie er sagt, fast wie zu Hause, denn er hatte nun lauter gute alte Freunde vor sich. Auch sonst war er froh, endlich so weit zu sein, denn seine von Loanda mitgenommenen Tauschartikel waren in Folge der vielen und langen Aufenthalte fast sämmt- lich erschöpft und auch seine Leute hatten sich bereits aller Dinge entäußert, die sie mit nach Hause zu bringen gehofft hatten, und fast stand man wieder auf dem Punkte, wie auf dem Hinwege zu betteln oder besser zu fechten; denn die Makololo's hatten dies Geschäft immer in ganz guter Handwerks burschenmanier betrieben. „Wir sind arme Reisende," war ihr Spruch, „wir kommen sehr weit her — gebt uns etwas zu essen." Um sich noch besser in Gunst zu setzen, hatten sie zuweilen den Weibern irgend einen Nationaltanz zum Besten gegeben und unter den Männern suchten sie so viel als möglich Kameradschaften oder Verwandtschaften zu schließen; denn sie rech neten alle darauf, daß diese Reise nicht die letzte sein werde. Diese afrika nische Sitte sieht unserm Brüderschafttrinken ganz ähnlich, nur daß Jeder einen Tropfen Blut vom Andern mittrinkt, den er durch einen Nadelstich aus dessen Arme genommen hat. Nach dieser Ceremonie betrachten sich beide als echte Blutsverwandte und sind sich alle Hülfe und Aufopferung schuldig, die man von solchen erwartet. Die Karawane durchzog nun wieder die unabsehbaren, wasserreichen Ebe nen, welche die Wasserscheide bilden zwischen dem Kasai und dem Liba, und so merkwürdig ist das System abgewogen, daß der dort liegende kleine See Dilolo thatsächlich einen nördlichen und südlichen Ausfluß hat, also in beide Flüsse und somit in den atlantischen wie in den indischen Ocean Wasser abgiebt. Am 14. Juni langten die Reisenden wieder in Katema's Residenz an, genossen einige Tage Rast und Wohlleben bei dem wahrhaft liebreichen Manne, erfreuten sich später eines ähnlichen herzlichen Empfangs bei dem al ten Schinti und kamen endlich wieder an die Stelle, wo sie bei ihrer Her reise die Fahrt auf dem Liba mit dem Landwege vertauscht hatten. JetztFreude in Lmyuuti. Neisevorbereitungeiu 279 war die so beschwerliche und überaus langsame Landreise zu Ende und leichte Kähne trugen die Pilger raschen Laufes den Fluß hinunter nach der Heimat. Die Fahrt im Barotsethal hinab war ein wahrer Trinmphzng und die Freude des Volkes eine wahrhaft rührende. Die Ankömmlinge wurden be grüßt wie vom Tode Erstandene, denn die Reise hatte ja zwei Jahre gedauert und die Wahrsager hatten längst den Untergang der Karawane verkündet. Jedes Dorf, das man berührte, gab einen oder zwei Ochsen zum Besten, und Milch, Mehl und Butter im Ueberfluß. Aus. entlegenen Gegenden strömte Volk zusammen, um die Ankömmlinge zu sehen und selten kam einer mit lee ren Händen. Das Volk begeisterte sich an den Erzählungen der Rückgekehr- ten vom Ende der Welt, an das sie gekommen sein wollten, von alle den Wundern, die sie gesehen, von der Güte des Doctors und der Weißen überhaupt; Livingstone, schon früher ein außerordentlicher Mann in ihren Angen, war es nun noch vielmehr, und nicht hoch genug wußten sie seine Bemühungen um den Frieden mit den Nachbarstämmen anzuschlagen. Daß die Reisenden fast mit leeren Händen zurückgekommen, wurde als uner heblich angesehen; die streife war dennoch nicht vergebens, sagten des Doctors Begleiter, und alsbald fing man an Nilpferd- und Elephantenzähne zum Behuf einer zweiten Expedition zu sammeln. In der Hauptstadt Linyanti war natürlich die freudige Erregung am größten und das ganze Volk war lebhaft ergriffen von dem Gedanken, mit den Weißen in Verbindung zu treten, deren Länder man als die Heimat alles Schönen und Wünschenswerthen sich schon längst vorzustellen pflegte. Groß war die Freude des Häuptlings über die Geschenke der Portugiesen, worunter eine Staatsuniforni das Hanptstück bildete; schier das größte Wun der aber im ganzen Lande waren die beiden Esel und ihre natürliche Musik. Livingstone bereitete sich inzwischen emsig auf die zweite Hälfte seines Reiseunternehmens vor/ Es wurde viel verhandelt und erwogen, wie die Reise nach der Ostküste am besten einznrichten sein möchte. Die schöne Wasser straße des mächtigen Zambesi behielt aber vor allen anderen Plänen den Vorzug, obwol ein ungeheurer Wasserfall im Wege liegen sollte und die an den beiden Ufern wohnenden Stämme den Makololo's nicht günstig gesinnt sein konnten. Trotzdem aber, daß keine Spazierfahrt in Aussicht stand, bo ten sich Hunderte von Makololo's zu Begleitern an, und der Hauptfrage, wo Mittel hernehmen zur Reise, begegnete der Häuptling einfach durch die Erklä rung: „Alles Elfenbein im Lande ist Dein — wenn Du etwas davon zurück- lässest, so ist es Deine Schuld." Dazu gab er ein Dutzend Ochsen und mehrere andere Lebens- und Tanschmittel, und ernannte Sekwebu, einen ver ständigen und gereisten Mann, der die Ufer des Stromes und die an den selben gesprochenen Dialekte auf eine ziemliche Entfernung hin kannte, zum Anführer der Reisebegleitung. Alles war bereit, um mit dem Eintritt der ersten kühlenden Regen abreisen zu können; denn eine Temperatur von 34 0 R. im Schatten, wie sie dort im Oktober gewöhnlich war, halten selbst Afrikaner für kein gutes Reisewetter.Livingstone's Reise an die Ostküstc. Am 3. November verließ eine zahlreiche, manchfach zusammengesetzte Karawane die Hauptstadt Linyauti, begleitet von dem Häuptling selbst und mehreren vornehmen Makololo's. Das mitzunehmende Elfenbein wurde von nicht weniger als 114 Trägern transportirt. Die Reise ging zunächst über Land nach Sescheke, wo ein Theil der Reisenden Kähne bestieg, während ein anderer mit dem Vieh das Ufer entlang zog. Der Fluß hat auf der Strecke bis 3:1 den Wasserfällen hin mehrere große Inseln, die früher, vor Ankunft Sebituane's, in bösem Dfufe standen; denn die ehemaligen Batokahänptlinge hatten sie zu Raubnestern gemacht, und arglose Fremde, die über den Strom gesetzt werden wollten, verloren auf denselben Leben und Eigenthum. Sebi- tuane, nachdem er die sämmtlichen Batoka im Norden des Zambesi mit einer Hand voll Leuten unterjocht hatte, warf auch diese Inselpiraten mit einem Schlage aus ihren Verstecken heraus und setzte ihrem Treiben ein gewalt sames Ende. Die Batoka's sind ein wenig entwickelter Negerstamm und mochten ihr Schicksal, in die Hände eines Eroberers zu fallen, wohl ver dient haben, denn ihre früheren gesellschaftlichen Zustände müssen schauerlich genug gewesen sein. Es war ein besonderes Vergnügen der Häuptlinge, in3u Livingstone's Hufen3u Liviligstone's Hcifrn.Reise nach dem Zambesi. 281 ihren Dörfern Menschenschädel auf Pfählen aufzupflanzen, und jeder bestrebte sich, solcher Trophäen mehr zu besitzen als seine Nachbarn. Dabei kam cs gar nicht darauf au, wo die Köpfe her waren, und wenn -Jemand sich bei einem Häuptling recht zu insinuiren wünschte, so durfte er nur einem Fremden auf lauern und seinen Kopf in die Sammlung des Häuptlings einlicfern. Li- vingstone sah noch eine solche Schädelstätte im Stande erhalten; der Häupt ling des Dorfes betrachtet sie als ein hoch zu schätzendes väterliches Erbstück. Die Batoka's haben den sonderbaren Gebrauch, sich beim Eintritt der Mann barkeit die oberen Vorderzähne auszubrechen, und wer seine vollständigen Zähne besitzt, wird allgemein für häßlich gehalten. Sebituane konnte selbst durch Androhung schwerer Strafen cs nie dahin bringen, dag die Leute eine Grille aufgegeben hätten, für welche sie selbst keinen Grund anzugeben wuß ten. Die Gräber der alten Häuptlinge fand der Doctor in mehreren Fällen mit den stärksten Elephantenzähnen cinpalissadirt. Bis zu 70 solcher werth- vollen, jetzt freilich schon halb vermoderten Stücke zählte er an einem Grabe. Am 20. entließ Sckeletu die Reisegesellschaft an der Stelle, wo diese dem Plane gemäß den Strom auf einige Zeit zu verlassen und eine nordöstliche Richtung einzuschlagen hatte. Es geschah dies sowol, um den großen Wasser fall als auch so viel als möglich die Quartiere der Tsetsefliege am Ufer zu umgehen. Der Zambesi selbst nimmt unterhalb des Falles einen nordöst lichen Lauf, und erhält von der Nordseite her mehrere Zuflüsse, deren einen man benutzen wollte, um wieder auf den Hauptstrom einzulenken. Vor dem Aufbruche machte der Doetor noch einen Abstecher, um die nicht mehr fernen Wasserfälle zu besichtigen, von denen ihm schon Sebituane als von einer großen Merkwürdigkeit erzählt hatte. Die Eingeborenen nennen dieses Natur wunder, dem sie aus Furcht nicht gern nahe kommen, den lärmenden Rauch, und der Doctor konnte diese Benennung nicht anders als passend finden; denn das Erste, was er aus einer Entfernung von etwa zwei Stunden erblickte, glich in der That ganz und gar den riesigen Rauchsäulen, wie sie bei dem in Afrika so gewöhnlichen Wegbrennen des dürren Graswuchses auftrcten. Es waren ihrer fünf, unten hell, oben dunkler, vom Winde gebogen und sich anscheinend mit den Wolken vermischend — leibhaftiger Rauch. Die Scc- ncrie oberhalb deö Falles, die sich jetzt zum erstenmal im Auge eines Euro päers spiegelte, war eine überaus schöne. Die Ufer und die im Strome lie genden zahlreichen Inselchen waren mit prachtvollen, größtentheils blühenden Bäumen der manchfaltigsten Art geschmückt; riesige Baobabs, luftige Palmen und andere Bekannte standen vermischt mit neuen Formen, die bald an die Ccder, bald an die Eiche oder den Nußbaum erinnerten. Der jetzt niedrige Wasserstand erlaubte cö, daß der Doctor auf einem kleinen Kahne, wiewol nicht ohne Gefahr, durch die Stromschnellen nach einer kleinen Insel gebracht werden konnte, die mitten im Strome und hart an der Felskante liegt, über welche die Wasser sich Hinabstürzen. „Kein Mensch," sagt Livingstone, „wird auf dieser Stelle begreifen, wo die Menge Wasser auf einmal hinkommt; der282 Die Victoriafälle. Strom scheint von der Unterwelt ausgenommen zu werden; denn die Hügel reihen an beiden Ufern werden durch einen querüberlaufenden Hügelwall scheinbar verbunden und abgeschlossen, und der jenseitige Rand des Schlun des, worin das Wasser verschwindet, ist nur 80 Fuß weit entfernt." Der Doctor kroch so weit als möglich vor, und gewann so einen ziemlichen Ein blick in die Sachlage. Die ganze erstaunliche Scene ist das Werk einer ehe maligen Bodenerhebung, in Folge deren sich ein tiefer Sprung in dem unten liegenden harten Basaltfels aufgethan hat, der quer über das Bett des Stromes hinläuft und sich nach links etwa 30— 40 englische Meilen weit durch ein hügeliges Land fortsetzt. In diesen Schlund stürzt sich der Strom in einer Breite von wenigstens 1000 Schritt etwa 100 Fuß tief hinunter, um dann plötzlich in eine Enge von 15 — 20 Schritt zusammen gekeilt zu werden und dann brüllend und tosend in veränderter Richtung in dem schmalen und tiefen Felsenbett fortzuschießen, wo ihn das Auge weithin wie ein weißes Band verfolgen kann. Das durch den Ungeheuern Sturz in Staub sich auflösende und 200 300 Fuß hoch in die Lüfte getriebene Wasser fällt in der Umgebung als ein ewiger Regen nieder. Das pracht volle Schauspiel wurde bei Livingstone's Besuch noch durch einen doppelten Regenbogen verschönert, der sich in den in der Luft schwebenden Wassermassen wunderschön abmalte. Die ganze großartige Scene spielte noch dazu bei kleinem Wasserstande, während in der Flutzeit, wo der Strom um mehrere Ellen höher geht und es unmöglich ist, den Fällen so nahe zu kommen, nach der Versicherung der Eingeborenen das Wasser dergestalt arbeitet, daß man die Wassersäulen und den Katarakteudonner selbst von Kalai aus sehen und hören könne, einer Insel, die 10 englische Meilen höher oben im Strome liegt. Livingstone, der sich der Unsitte der englischen Reisenden, jedes Jnsel- chen, jede Landspitze u. s. w. mit einem englischen Personennamen zu belegen, grundsätzlich enthielt, machte doch hier eine sehr zulässige Ausnahme und nannte seine neue Entdeckung nach seiner Königin die Victoriafälle. Vom Zambesi ab ging nunmehr die Reise nordöstlich durch ein schönes von Batoka's bewohntes Land; man reiste aber anfänglich der hier hausen den Giftfliege wegen größtentheils zur Nachtzeit. Das Land stieg, je weiter sie vorwärts kamen, allmählich immer mehr an, die Vegetation gewann einen andern Charakter und man befand sich endlich ans einer Hochebene, ans dem Rücken der Bodenerhebung, welche das tiefe Becken Centralafrika's nach Osten einsäumt. Es war eine Abwechselung von. Wäldern und ausgedehnten schö nen Grasweiden. Vieles erinnerte hier wieder an die Hochflächen von An gola und Londa; manche dort gefundene Baumarten, erschienen hier auf's neue und die Batoka's hier oben waren ebenfalls milchkaffeefarbig, während ihre Brüder im Flußthale schwarz sind. Livingstone glaubt nach seinen viel fachen Beobachtungen über die Hautfarbe annehmen zu dürfen, daß nicht ein heißes Klima an und für sich, sondern nur ein heißes und zugleich feuchtes die Menschen schwärze. Nach einiger Zeit hörten die Wälder auf und manAufnahme bei den Batoka'S. 283 kam auf hügelige nur mit Gras und einzelnen Baumgruppen bedeckte An höhen, die von den Makololo's als ein wahres Paradies gepriesen wur den. Dieses Hochland mit seinen schönen Weiden, seiner herrlichen gesunden Luft war es gewesen, das sich Sebituane mit seinen Kriegern zur bleibenden Stätte erwählt hatte, das er aber, weil cs an natürlichen Vertheidigungs- mitteln mangelte, gegen die Matebele nicht behaupten konnte. Hier hatte der Doctor endlich gefunden, was er bis jetzt vergebens gesucht, einen gesunden Aufenthalt, und er knüpft an diese Gegend große Hoffnungen, da sie sich zur Niederlassung von Missionären und europäischen Kaufleuten so vorzüglich eig nen würden. Obgleich diese Höhen wenig Regen erhalten und keine Quellen haben, so war doch eine frische und reizende Vegetation vorhanden und das Land war voll von Großwild; Büffel, Elenn- und Kuhantilopen, Elephanten und Gnu's weideten iiberall furchtlos umher, denn Niemand störte sie; die Kriege zwischen den Makololo's und Matebele hatten die Einwohner nach ent fernteren Hügelgegenden hingctrieben und überall stieß man ans verlassene Ortschaften. Die Wanderung über diese luftigen, eine weite Umsicht gewährenden Höhen gewährte nach dem ewigen Herumkriechen in den feuchten Baum- und Graswäldern der Niederungen einen unbeschreiblichen Reiz. Schöner und reicher noch wurde die Gegend, als man Ende November anfing, über die östlichen Abhänge des Landrückens, wohin mehr Regen kommt, wieder hinab- znsteigen. Aber man hatte nun jene Batokastämmc vor sich, die von der Oberherrschaft der Makololo's nichts wissen mochten und von diesen daher als Rebellen angesehen werden, und es war nun die Frage, welche Auf nahme man hier finden werde. Der erste Dorfhänptling war höflich; aber es kam Volk auö anderen Dörfern herbei, dessen Reden und Benehmen das Schlimmste befürchten ließen. Ein Verzückter oder vielleicht ein Hanfberausch ter (denn es giebt überall in Afrika viele Hanfraucher) drang sogar in voller Furie mit einer Streitaxt auf den Doctor ein und die Reisenden hatten alle Ursache, sich ans einen nächtlichen Ueberfall vorzubereiten. Er erfolgte indeß nicht, und am andern Tage lief der freundliche Häuptling vor der Kara wane her unter die Leute, die sich in Hansen in ven Wäldern versammelt hatten, durch welche der Zug ging, und beschwichtigte sie durch Erklären und Zureden so weit, daß sie die Reisenden ungehndelt ließen. Die ungünstige Stimmung des Volkes zeigte sich übrigens nur in den Grenzdörfern und ver schwand weiterhin bald. Die Leute wurden vielmehr sehr liebreich, strömten in Schaarcn ans den Dörfern herzu und brachten Geschenke an Mais und anderen Früchten. Alles freute sich über die Maßen, den äfften weißen Mann zu sehen, besonders da sie hörten, daß er die Makololo's dahin gebracht habe, daß sie künftig Frieden halten wollten. „Gieb uns Frieden," riefen sie, „wir sind des ewigen Fliehens müde." Die Leute waren in der . That nicht nur von Sebituane und Mosilikatse, sondern auch in früheren Zeiten nicht selten von irgend einent- erobernden Abenteurer überlaufen und ihres zahllosen Vieh-2%4 Die Gegend am ober» Zambesi. Afrikanisches Gasthaus. standes entledigt worden. Sie haben jetzt nur noch Ziegen und Hühner und leben als fleißige Feldbauer. Der Begrüßungsmodus in dieser Gegend ist wol der anstrengendste, der je erfunden wurde; der Begrüßende wirft sich rücklings auf den Boden, wälzt sich herüber und hinüber und schlägt dabei aus allen Kräften mit den Händen auf die Schenkel, während er zugleich seinen Gruß „Kina bomba" brüllt. Dem Doctor wurde es jedesmal schwül bei einem solchen Auftritt, aber sein Zuruf, daß die Leute aufhören möchten, hatte keinen andern Erfolg, als daß sie in ihrem Exercitium mit verdoppelten Kräften fortfuhren. Die Männer gehen hier fplindernackt, während sich die Frauenzimmer verhältniß- mäßig anständig kleiden. Uebrigens war das Reisen unter den gutherzigen Leuten ganz angenehm; aus jedem Dorfe kamen Leute und brachten eine ' Fülle von Lebensmitteln. Während der Reise über die Höhen hatte man fast beständig im fernen Südosten die Hügelkette int Auge behalten, welche den Zambesi begleitet; end lich kam man wieder in tieferes, von romantischen Thälern und Flüßchen durchzogenes Land, wo es Elephanten und Büffel in Ueberfluß gab, und er reichte und überschritt den 250 Schritte breiten, mit Flußpferden angefüllten Stroni Kafue, der sich in den Zambesi ergießt. Erst die jenscit des Kafue wohnenden Leute halten sich vor feindlichen Uebcrfällen sicher und treiben einen ausgedehnten Landbau zwischen den Hügeln, mit denen das Land über säet ist. Nach dem Uebergange über den Fluß hatte die Karawane noch drei Tage lang über steile Hügel zu klettern, bis man endlich von den Höhen herab den Zambesi hocherfreut von neuem begrüßte. Die niedere Gegend am Zusammenflüsse der beiden Ströme war an allem möglichen, nicht die mindeste Furcht zeigenden Großwild so reich, wie der Doctor noch nie eine gesehen hatte. Es war als sähe man sich in die Urzeit vor Erschaffung der Menschen zurückversetzt. Man mußte den Elephanten förmlich zurufen, etwas aus dem Wege zu gehen, und' die Büffel kamen und betrachteten verwundert das zahme Rindvieh, bis man sie mit Schüssen wegtrieb. Hier traten wie der heftige Regen ein, aber die Gesellschaft blieb von Krankheiten verschont. Man machte nach jedem Regen ein großes Feuer, um sich abzutrocknen und keine Erkältung aufkommen zu lassen. Eine Pacht kehrte man in einem al ten, aber recht hübschen Gasthofe ein: es war ein mächtiger Baobab, in dessen Höhlung 20 Mann bequem Unterkommen fanden. Der Zug ging nun an dem linken Ufer des wiedergefundenen Zambesi weiter, der hier nach Aufnahme ansehnlicher Zuflüsse um Vieles breiter und reißender war als oberhalb der Fälle. Das Flußthal ist hier von beträcht licher Breite, die Hügelreihen beider Seiten ziehen sich weit in der Ferne hin. Das linke Ufer bewohnen Batoka, das rechte Banhai; auch bewohnte Inseln finden sich allerwärts im Strome. In den Hügelgegenden wird eine sehr- ergiebige Elephantenjagd getrieben. Man erlegt die Thiere cinestheils mit telst der bekannten Vorrichtung, die aus einem Fallklotz mit- vergiftetem EisenReise am Zambesi. Ruinen einer Portugiesischen Niederlassung. 285 besteht, außerdem dadurch, daß man aus Jagdhütten, die auf starken Bäu men angebracht sind, Speere mit großen breiten Klingen herabwirft, an de nen die Thiere sich bald verbluten. Das Volk in der Flußebene treibt star ken Feld- oder Gartenbau und bewies sich durchgeheuds als gastfreundlich und gutmüthig. Die Vegetation in der heißen Stromniederung war natür lich wieder tropisch-üppig und machte bald das Fortkommen der Karawane schwierig; man konnte sich nur mit Hülfe der glücklicherweise sehr zahlreichen Wildpfade forthelfen, und die Leute gaben bereitwillig Führer von einem Dorfe zum andern, während sie selbst ihre Verbindungen mit Flußkähnen unterhalten. Die zambesischen Weiber haben wieder eine andere Art, sich das Ange sicht zu verstellen: sie machen einen Einschnitt in die Oberlippe und erweitern ihn so lange, bis sie eine Muschel hineinzwäugen können. So verschaffen sie sich eine Art künstlichen Entenschnabel und ein Lächeln ist ihnen für ihr Le ben lang unmöglich. Die Reise in dieser Gegend des Zambesi war verhältnißmäßig eine com- fortable zu nennen. ES gab immer Wild genug, um den Unterhalt zu decken, und die Eingeborenen brachten bereitwillig Gastgeschenke an Lebensmitteln. In den ersten Tagen des Januar aber stieß man unerwartet auf ein Dorf, dessen Häuptling und Bewohner Furcht, Mißtrauen und feindliche Gesinnung zeigten und sich schwer beschwichtigen ließen. Es war dies, wie man erfuhr, gerade der letzte Punkt, bis wohin vor mehreren Jahren ein abenteuernder und sklaven- raubendcr Europäer von Osten her vorgcdrnngen und endlich von den Eingebo renen erschlagen worden war. Dieselben Schwierigkeiten des Verkehrs wieder holten sich - nun bei jedem Dorfe. Die Weiber und Kinder flohen und die Männer näherten sich nur in starken bewaffneten Haufen. Man suchte die Reisenden mehrfach zu trennen oder aufzuhalten, während sie gerade jetzt Eile nöthig hatten; denn man war wieder in das Bereich der Tsetsefliege gekom men, die Ochsen wurden täglich gebissen und ihr naher Verlust war unaus bleiblich. So kam die Karawane am 14. Januar an den in den Zambesi fallenden Fluß Loangwa, und setzte über denselben unter dem Zusammenlauf zahlreicher Bewaffneter ans beiden Seiten. Es war schließlich kein Zweifel, daß Dr. Livingstone für einen Bazunga oder Mozunga (Portugiesen) gehalten wurde und daß feindselige Beziehungen zwischen diesen Stämmen und der portugiesischen Kolonie bestanden. Am Vereinigungspunkte der beiden Flüsse fand man die Ueberreste einer alten portugiesischen Niederlassung, die, wie sich später ergab, den Namen Znmba geführt hatte. Eö waren die schon mit Bäumen überwachsenen Rui- nen von steinernen Häusern und eine zerfallene Kirche, in der noch die zer brochene, mit dem Jesuitenzeichen versehene Glocke lag; Auch die Mauern eines kleinen Forts auf dem jenseitigen hohen Ufer des Zambesi waren noch sichtbar.286 Der Häuptling Mpende. Die ehemaligen Ansiedler hatten sich einen für den Handel sehr gut ge eigneten und auch höchst romantischen Platz ausgewählt. Sie hatten zuni Vordergründe den prachtvollen Anblick der beiden zusammentretenden Ströme, die Kirche lag auf der erhabenen Landspitze zwischen denselben, im Hinter gründe erhebt sich ein dunkles bewaldetes Gebirge und seitwärts zieht sich eine schöne, mit einzelnen malerischen Hügeln besetzte Gegend hin. Warum die Weißen diese schöne Niederlassung aufgegeben, konnten oder wollten die Eingeborenen nicht sagen. Im weitern Verfolg der Reise erfuhr der Doctor, daß die Umwohner der portugiesischen Niederlassung Tete seit zwei Jahren mit diesem Platze im Kriege begriffen seien, aber daß er vielleicht doch dahin gelangen könne, wenn er dem Häuptlinge Mpende aus dem Wege gehe, denn dieser werde ihn keinesfalls passiren lassen. Der Häuptling aber hauste ans derselben Fluß seite wo, die Karawane zog, und da aus Furcht vor ihm Niemand Kähne zum Uebersetzen auf das andere Ufer herleihen wollte, so blieb nichts übrig, als dem Löwen in den Rachen zu laufen. Ein Laufen war indeß das Vor rücken der Karawane gerade nicht, vielmehr ein fortwährendes mühsames Durchbrechen dichten dornigen Gebüsches längs dem Ufer hin, denn das außerordentlich fruchtbare Thal ist nur zum kleinsten Theile angebaut und die Dörfer und Gärten, liegen größtentheils auf Inselchen im Strome. Endlich waren die Reisenden vor dem Dorfe des gefürchteten Mpende angekommen und machten Halt, um abzuwarten, welche Wirkung die vorauf gesandte Botschaft haben würde. Es erfolgte aber zunächst gar keine Ant wort; dagegen erschienen eine Menge Menschen, die ein großes Feuer an zündeten und unter fürchterlichem Geschrei eine Menge Ceremonien Vornah men, ohne Zweifel um die Fremden dadurch machtlos zu machen. Dabei war eine beständige Bewegung Bewaffneter zwischen den Bäumen und Büschen der Gegend, selbst die Nacht über, so daß kein Zweifel war, daß der Häupt ling seinen ganzen Stamm aufbot und versammelte. Es war alle Aussicht auf ein blutiges Scharmützel, und des Doctors Begleiter, alle in Krieg und Raubzügen ausgewachsen, freuten sich dessen gar sehr. „Du hast gesehen," sagten sie ihm, „waö wir gegen Elephanten vermögen; nun gieb Acht, wie wir es mit den Männern machen." Der Sieg sollte ihnen nicht allein neue Kleider eintragen an Stelle ihrer abgerissenen und im Regen verfaulten, son dern die zu hoffenden Gefangenen sollten ihnen auch das Elfenbein schleppen und selbst des Häuptlings Weiber betrachteten sie im Stillen schon als ihr Eigenthum. Der Conflict löste sich indeß auf eine angenehmere Weise. ES erschie nen zwei Abgeordnete des Häuptlings, die sich bald überzeugen ließen, daß der Fremde kein Portugiese sei. Den Namen Engländer (Lekoa) kannten sie nicht; als sie aber frugen: „Bist Du vielleicht von dem weißen Stamme, der ein Herz für die schwarzen Leute hat?" und die Frage natürlich sofort bejaht wurde, lösten sich bald alle Schwierigkeiten. Daß ein weißes VolkWeitere Reise am Zambesi. 287 sich Mühe gebe, den Sklavenhandel auszurotten, war ihnen wohl bekannt. Die beiden Männer gehörten zu den Rathen des Häuptlings, der sich nun bald zu Gunsten der Fremden stimmen ließ, besonders da Sekwebu ihm eine warme Schilderung von des Doctors Gesinnungen und Absichten machte und ihm sagte: „Kenntest Du ihn so wie wir, die wir mit ihm gelebt haben, so würdest Du wissen, daß er Deiner Freundschaft im höchsten Grade würdig ist." Mpende that nun alles Mögliche, was den Reisenden Vorschub leisten konnte, und der Abschied war so freundlich als der Empfang düster und un heildrohend gewesen war. Er ließ die Karawane über den Strom bringen, da der Weg nach Tete ans der Südseite kürzer und weniger rauh sei. Das gute Abkommen mit diesem Häuptlinge hatte auch seine guten Nach wirkungen bei denen, die man später zu passiren hatte, indem immer einer sich gern nach dem Benehmen des andern richtete, so daß die Reisenden nun überall eine gute Aufnahme fanden. Livingstone's Ansehen als Engländer und Gegner der Sklaverei wuchs von Tag zu Tag mehr, denn obwol die Eingeborenen selbst Leute an die Portugiesen verkauften, so erklärten sie cs doch für ein Unrecht, daß man sic zu solchem Handel verleitet habe. „Die Sklaven, zu Tete," sagten sic, „sind alle unsere Kinder; die Portugiesen ha ben eine Stadt auf unsere Kosten gebaut." Alle Anwohner des Flusses lebten als fleißige Landbauer im Ueberfluß und thcilten den Reisenden mit größter Freundlichkeit von ihren Lebensmitteln mit. In den weiten Ebenen, in die man dem Strome folgend gekommen war, standen die Hütten der Bewohner meistens auf Pfahlwerk zur Siche rung gegen Hyänen, Löwen und Elephanteu. Letztere waren nicht die stillen Waldbrüder wie in Jnnerafrika, sondern hatten gelernt, mit und trotz den Menschen zu leben. Mit viel Geschick durchschwammen sie den reißenden Zambesi, gingen von Insel zu Insel, fraßen die Gärten aus und kehrten sich nicht viel an die Gegenmaßregeln der Leute. Die häufigen Regen und das Anschwellen der vielen in den Zambesi fallenden Gewässer veranlaßten Livingstonc endlich den Strom links zu lassen und in niehr südöstlicher Richtung gerade auf sein Ziel loszugehen, besonders da er erfuhr, daß weiter unten am Flusse noch Häuptlinge säßen, die von Reisenden schweren Tribut zu nehmen pflegten. Bald ging die Reise durch widerspenstiges Dickicht, bald fand nian wieder Erholung auf offenen mit Mopanebäumen überwachsenen Ebenen oder in schönen Wäldern. Die Dörfer waren dünn über das Land gesäet, die Einwohner freundlich, aber die Dorf häuptlinge zeigten auch hier um so mehr Tributgelüste, je näher man dem Reiseziel kam; denn dieselben Ursachen haben hier gewirkt wie an den Gren zen von Angola und dieselben Folgen erzeugt. Die Reise ging so langsam vorwärts, daß nur ein Paar Wegstunden täglich zurückgelegt wurden, denn die Hitze war furchtbar drückend und die Träger legten fortwährend ihr Ge päck weg, um, dem Honigvogel folgend, einen Bienenstock oder große fette Vögel ans hohlen Bäumen auszunehmen. . Die Bewohner sammeln viel288 Sitten der Banyaüs. Wildhonig, aber das Wachs werfen sic weg. Die portugiesische Ansiedelung war nun nicht mehr fern, aber der Ueberfluß an Stephanien und anderem Großwild nahm darum nicht ab. Die Eingeborenen können mit ihren Pfei len keine merkliche Lücke in den mächtigen Wildstand machen. Gegen die vorhandenen vielen Löwen und Hyänen unternehmen sie gar nichts. Sic glauben, daß die Seelen verstorbener Häuptlinge in die reißenden Bestien fah ren, und daß sogar ein Häuptling bei Lebzeiten vorübergehend die Gestalt eines Löwen annehmen könne, um Leute zu zerreißen, denen er gerade nicht wohlwill. Ein Löwe wird daher, wenn er sich sehen läßt, ganz wie ein Häuptling mit Händeklatschen begrüßt. Diese Banyaileute hatten noch manche andere besondere Schrulle, obwol sie nach Einrichtungen, Sitten und Aberglauben ganz der großen mittelafrika nischen Negerfamilie angehören. Die Häuptlingswürde z. B. erbt nie von Vater auf Sohn fort, sondern geht regelmäßig ans eine Seitenlinie über. Eine andere Merkwürdigkeit ist eigentlich keine, sondern nur ein Beleg dafür, daß die Menschen im Grunde überall gleich sind. Bei den Banyai, heißt cs, befehlen von Rechtswegen die Frauen, und die Männer müssen gehorchen. In der That kamen den Reisenden Fälle vor, wo Jemand nicht als Weg weiser dienen wollte, bis er seine Frau darüber befragt habe. Es kommt aber diese Abhängigkeit des Mannes nur in solchen Fällen vor, wenn er arm ist und den Schwiegereltern die Tochter, oder wie es die Leute selbst ansehen, die elterlichen Ansprüche an dieselbe nicht abkaufen kann. Ein solcher muß in das schwiegerelterliche Haus und resp. Dorf ziehen, und hat nicht nur der Frau zu gehorchen, sondern schuldet auch der Schwiegermutter» bestimmte Rücksichten. Ist er des Pantoffelrcgimcnts müde, so kann er gehen, aber die etwaigen Kinder verbleiben der Frau; denn Kinder sind hier wie überall, wo nicht Nahrungssorgen den Menschen drücken, als ein Segen betrachtet, auf dem das Gedeihen und Wachsen der Dörfer beruht. Diese Banyai sind ein vorzüglich schöner Menschenschlag, und man findet auch unter ihnen viele von der Milchkaffeefarbe, die allerorten für nobel und vornehm gilt. Um aller voraussichtlichen Tributansprüche auf einmal überhoben zu sein, richtete der Doctor in den letzten Reisetagen den Marsch so ein, daß gar keine Dörfer mehr berührt, sondern alle auf weiten Umwegen umgangen wurden. Wald und Busch lieferten den nothdürftigsten Lebensunterhalt in Honig, Knollengewächsen, großen sehr schmackhaften Pilzen und wilden Obstfrüchtern Schon glaubte die Karawane sich glücklich durchgeschlagen zu haben, als sie zu guterletzt noch von einem Trupp Leute angehalten wurde, die dem Häuptlinge Anzeige zu machen drohten, daß die Fremden ohne Er laubnis; das Land durchzögen. Froh so weit gekommen zu sein, fertigte man sie mit zwei kleinen Elephantenzähnen ab und zog weiter. Um Tete zu erreichen, mußte nun noch eine kleine pfadlose Sand- und Steinwüste überschritten wer den. Ein Paar Stunden vor. dem Orte war die Erschöpfung des DoctorsBegrüßung und Aufenthalt in Tete. 289 so groß geworden, daß er nicht weiter konnte; er schickte seine Empfehlungs briefe aus Loanda nach der Stadt und streckte sich zur Ruhe nieder. Am andern Morgen, den 3. März, erschienen zwei Offiziere mit einer Compagnie Soldaten, zum großen Schrecken für des Doctors Leute, die sich schon als Gefangene betrachteten. Die Portugiesen brachten aber ein herz liches Willkommen und die Materialien zu einem „civilisirten Frühstück", für den Doctor ein wahres Manna in der Wüste. Der Kommandant von Tete benahm sich auf das Zuvorkommendste gegen Livingstone und seine Leute und veranlaßte ihn bis zum nächsten Monat au Ort und Stelle zu bleiben, da jetzt die Reise durch die Stromniederungen nach der Küste zu ungesund sei. Tete besteht aus etwa 40 europäischen Häusern, roh aus Stein gebaut und mit Schilf gedeckt, und gegen 1200 afrikanischen Hütten. Die Stadt liegt ans einer Felsbank am Strome, überragt von höheren Felscnnfern; das kleine Fort steht dicht am Wasser. Der beste Theil der Stadt ist mit einer 12 Fuß hohen Mauer umgeben. Es leben außer der Garnison kaum 20 Portugiesen hier, und die ganze portugiesische Besitzung au der Ostlüste ist in Verfall geratheu. Die Erzeugung und Ausfuhr von Weizen, Hirse, Mais, Kaffee, Zucker, Oel, Indigo, so wie das Goldwäschen in mehreren Flüssen hat aus dem einfachen Grunde aufgehört, weil die Unternehmer die Geschichte von der Henne mit den goldenen Eiern wiederholt und, um schneller reich zu werden, ihre schwarzen Arbeiter nach Brasilien verkauft haben. Kriege nnd Reibungen mit den umwohnenden Stämmen, die eben erst durch einen Friedens schluß beendigt worden waren, hatten das Ihrige zum Verfall beigetragen. Der jetzige Kommandant ist bei den Stämmen als „Mann mit einem guten Herzen" beliebt und seine blose Anwesenheit scheint hinreichend, den Frieden zu erhalten. Livingstone benutzte seine Muße, um sich die Umgegend von Tete nnd die reichen natürlichen Hülfsguellen des Landes anzusehen, welche für unter nehmende Leute vieles Verlockende haben müßten. Steinkohlenflötze standen an mehreren Punkten in den Flußufern zu Tage und Livingstone vermuthet, daß nicht allein ein ungeheures Kohlenfeld dort liege, sondern daß, nach dem Vorkommen des Goldes in den Flüssen zu schließen, diese Kohlenlager vielleicht von Goldlagcrn umgeben sein dürften, was zusammcngenommcn mit dem Ueber- flusse an Holz, Eisenerzen, Wasserstraßen und Lebensmitteln eine Combina- tion bildet, wie sie nicht oft Vorkommen möchte. Die Fieber sind in Tete weniger gefährlich als weiter unten an der Meeresküste. Livingstone erholte sich von einem Anfalle bald, aber der Kommandant legte sich für längere Zeit auf's Krankenlager und der Doctor pflegte ihn nach Möglichkeit, und konnte so die genossene unbegrenzte Gastfreundschaft einigermaßen vergelten. Die Begleiter des Doctors wurden ihm von hier ab größtentheils ent behrlich, und so ließ er die meisten in Tete bis zu seiner Wiederkehr, und zwar unter Verhältnissen, die ihr Auskommen sicherten und wo sie auch noch etwas für die Heimat erübrigen konnten. Der Kommandant hatte ihnen Livingstone, Reisen in Afrika. 19290 Mündungsgebiet des Zambesi. nicht allein Kleidung und Nahrung, sondern auch ein Stück Feld zum An bau gegeben; die meisten aber fanden als kühne Elephantenjäger eine will kommene und einträgliche Verwendung, während andere Dienste als Boots leute nahmen. Dankerfüllt verließ Livingstone am 22. April das gastfreundliche Tete, um sich nach Kilimane an der Seeküste zu begeben. Diesmal ging die Reise rasch in großen Booten mit Zeltbedachung den Strom hinunter. Niemand von den Portugiesen hatte in der That eine Idee von dem obern Laufe des Zambesi; jenseit Zumbo war ihnen alles terra incognita geblieben. In eini gen Tagen kam man nach der Station Senna am rechten Stromufer. Hier zeigte sich der Verfall der portugiesischen Herrschaft in seiner ganzen Nackt heit. Der Ort ist kaum noch ein Dorf zu nennen; die Kirche ist zerfallen und die Häuser sehen Ruinen ähnlich. Ein kleines Fort aus Luftziegeln ist der Halt des Kommandanten, der nur eben noch sicher ist, und selbst bei seinen eingeborenen Soldaten keinen Gehorsam findet, wenn es gilt, das Dorf vor einem feindlichen Ueberfall zu schützen. Die hier zuweilen chrand- schatzenden Marodeure sind Kaffern, die man hier Landihns nennt, und die das ganze Territorium südlich vom Flusse bis an die See im Besitz haben. Die allgemeine Ansicht der Eingeborenen geht dahin, daß die Portugiesen ein unterjochter Stamm seien. Bis Senna erheben sich aus den Ebenen zu beiden Seiten des Stro mes verschiedene Berge und Höhenzüge, die gesund und von Schwarzen stark bevölkert sind; weiter nach der See zu ist alles mit Wald bedeckte Ebene. Der Strom ist sehr gewunden und so breit, daß man oft keines der beiden Ufer erblickt, aber er umfaßt viele Inseln, die vor dem Kriege alle bewohnt und fleißig augebaut waren. Man erreichte endlich die Spitze des Stromdelta's oder den Punkt, wo der Zambesi sich in mehrere Arme zu zertheilen beginnt. Es sollen fünf Ausflüsse vorhanden sein. Der südlichste heißt Luabo und ist der wasser reichste ; seine Ausmündung ist zwar mit Sandbänken verbarrikadirt, doch soll nach dem Zeugniß englischer Seeleute selbst bei niedrigem Wasser das Ein laufen kleiner Dampfschiffe und anderer flacher Fahrzeuge möglich sein; übri gens hat der Zambesi wenigstens 5 Monate im Jahre Hochwasser. Living stone konnte dieser Wasserstraße nicht folgen, da die einzige Station Kilimane am Aufluß des nördlichsten Stromarmes liegt. Dieser war also vor Zeiten der praktikabelste gewesen, während man ihn jetzt kaum aufzufinden vermochte und so verstopft fand, daß man die Kähne im Stich lassen und zu Fuß 15 Meilen weit durch Schilf und Sumpf sich mit der Bagage in dumpfen heißen Niederungen schleppen mußte; der Doctor wurde dabei wieder heftig fieberkrank. Weiterhin erhielt der ausgetrocknete Stromarm Speisung durch ein Paar von Norden kommende Flüsse und wurde fahrbar. Ein portugiesi scher Senhor lieh Livingstone einen großen Nachen mit Kajüte, worin er sich pflegen und vor den furchtbaren Moskito's retten konnte, die ihn in denLivingstone in Kilimane. 291 Niederungen fast umgebracht hatten, und so konnte er wenigstens das letzte Stück bis Kilimane mit Bequemlichkeit zurücklegen, und am 20. Mai 1856 daselbst anlangen. Bei den Portugiesen von Kilimane fand Livingstone wieder die gast freundlichste Aufnahme. Der Ort, aus Ziegeln sauber gebaut, liegt noch 12 englische Meilen oberhalb der eigentlichen Flußmündung oder der davor liegenden Sandbarre. Er ist auf einer großen Schlammbank gebaut; überall stö.ßt man zwei bis drei Fuß unter der Oberfläche auf Wasser und die Um gegend besteht aus weiten sumpfigen Ebenen und Reisfeldern. Wie sich hier nach von selbst ergiebt, ist Kilimane einer der ungesundesten Wohnplätze, be sonders für Fremde, die sich auch ohne Noth schwerlich lange hier aufhalten werden; aber cs scheinen Schiffbrüche an der Barre nicht zu den Selten heiten zu gehören, wodurch Mancher zu einem unfreiwilligen Gaste in Kili mane gemacht werden mag. Ist ein solcher Ankömmling ein starker voll blütiger Mann,. so stellen ihm die Einwohner gleich das Prognostiken: „der wird's nicht lange treiben!" Livingstone aber hatte sich auf seinen Pilger fahrten so mit der Fieberplage vertraut gemacht, daß er gewöhnliche Anfälle ganz ignorirte nnd sich dadurch in Fortsetzung seiner Reise nicht stören ließ, und er erholte sich in Kilimane, das Anderen so verderblich ist, von dem letz ten schweren Anfall so ziemlich. Zuweilen hatte er sich im Innern des Versuchs halber in die Kur einheimischer Aerzte gegeben nnd ihre Schwitz bäder, Räucherungen und Beschwörungen ausgehalten; aber er fand doch, daß die europäische Kunst mehr leiste, und daß das Chinin, in Verbindung mit einem eröffnenden Mittel verordnet, bei Weißen wie bei Eingeborenen Aus gezeichnetes wirkte. Glücklicherweise scheint die Natur den so ungesunden Ländern der afrikanischen Ostküste ein ähnliches Heilmittel verliehen zu haben, denn der Doctor erfuhr und sah, daß die Rinde eines gewissen dem China baum verwandten, in ganzen Wäldern verkommenden Baumes bei Europäern wie Schwarzen als sehr gutes Fiebermittel in Gebrauch steht. Es war, wie Livingstone bei seiner Ankunft in Kilimane vernahm, schon wiederholt durch Schiffe, die vou der Kapregierung beauftragt waren, Nach frage nach ihm gehalten worden; dies gab ihm Gewißheit, daß man auch in der Folge an ihn denken werde, und so harrte er geduldig in dem gar nicht anmuthigen, aber durch die Freundlichkeit seiner Wirthe erträglich gemachten Aufenthalte sechs Wochen lang, bis endlich zu seiner Freude die englische Brigg „Frolie" vor der Barre erschien um ihn aufzunchmen. Sie brachte reichliche Abhülfe aller Bedürfnisse und Geld zur Heimreise von Seiten der Missionsgesellschaft. Man machte ihm den sehr willkommenen Vorschlag, ihn nach der'Insel Mauritius überzusetzen, und so nahm er am 12. Äuli von seinen gastfreundlichen Wirthen in Kilimane Abschied und landete vier Wochen später auf Mauritius, in dessen schönem Klima, umgeben von den Bequem lichkeiten englischer Häuslichkeit, er die Nachwehen der überstandenen Krank heiten überwand und sich zur Reise ins Vaterland stärkte. 19 *292 Der Abschied. Vier volle Jahre waren somit vergangen, seit der Doctor das letztemal von der Kapstadt ausrückte, um seinen großen Wanderzug in dem unbekann ten Innern Afrika's anzutreten. Er war fast selbst zum Afrikaner geworden und seine Muttersprache war ihm so entfremdet, daß er anfänglich auf dem Schiffe zwar verstand, was gesprochen wurde, aber selbst nicht mehr zusammen hängend reden konnte, da ihm so viele Worte aus der Erinnerung geschwun den waren. Bor seiner Abreise von Afrika hatte der Doctor noch wegen seiner Be gleiter aus dem Innern die nöthigen Anordnungen zu treffen. Obwob zum Theil niedrigstehenden Negerstämmen angehörig, hingen sie doch alle mit aufrichtiger Ergebenheit an ihm, liebten ihn wie ihren Vater und nannten ihn auch so. Sie alle wären ihm gern übers Meer nach England gefolgt, wie es auch Sekeletu, ihr Häuptling gewünscht hatte. Acht von ihnen waren mit bis nach Kilimane gegangen, um, wie sie sagten, wenigstens das Meer zu sehen, eigent lich aber in der Hoffnung, vielleicht doch noch mitgenommen zu werden. Es kostete viel Mühe, ihnen begreiflich zu machen, welchen Gefahren sie sich in einem so kalten Klima und bei einer ganz veränderten Lebensweise anssetzten. Namentlich der Letzte wollte sich gar nicht abweiscn lassen und als ihm der Doctor sagte: „Du wirst sterben, wenn Du in ein so kaltes Land gehst," rief er ans: „Das macht nichts, dann will ich zu Deinen Füßen sterben." Livingstone ward indeß schon durch seine beschränkten Mittel genöthigt, sich auf einen einzigen Begleiter zu beschränken. Sekwebu, der einsichtsvolle, tüch tige Mann, der der Reisegesellschaft auf dem ganzen Wege durch seine takt volle Führung und seine Sprachkenntnisse von so großem Nutzen gewesen war, sollte England sehen, damit doch Einer wäre, der seinen Landsleuten schildern könne, wie es in einem civilisirten Lande aussähe. Den Anderen versprach der Doctor, daß er wiederkommen und sie in ihre Heimat zurück führen wolle; nur der Tod könne ihn an der Ausführung dieses Vorhabens hindern; sie dagegen versprachen in Tete seine Rückkehr in Geduld abzu warten. Mit. einem Theil des von Sekeletu überkommenen Elfenbeins kaufte er für seine Leute noch Kattun für Bekleidungsbedürfnisse, und deponirte den Rest von 20 Zähnen bei seinen Freunden in Kilimane, mit der Weisung sie im Fall seines Todes zu verkaufen und den Erlös den Leuten Sekeletn's anszuliefern. Diese Waare mit nach England zu nehmen fand er nicht für gerathen, denn es hätte in den; Falle, daß ihm die Rückkehr unmöglich wurde, der Verdacht aufkommen können, daß er Sekeletu um sein Eigenthum be trogen habe. Die „guten und nützlichen Dinge", die dieser sich gewünscht hatte: eine Zuckermühle, Pferde u. s. w., ließen sich in England vorschuß weise kaufen und nachträglich durch den Verkauf des Elfenbeins decken. Der brave Sekwebu sollte leider weder England noch seine Heimat Wieder sehen. Er, der bis zum Moment der Einschiffung nie das Meer erblickt hatte, sah es jetzt in einem Aufruhr, der selbst für den Seemann fürchterlich war. Die Einschiffungsboote tanzten bald auf den Gipfeln der empörten Wo-293 Sekwebu's Tod. Livingstone's Ankunft in England. gen, bald stürzten sie in die tiefen Mulden.zwischen ihnen; die Sturzwellen schlugen über sie hin als wollten sie alles im Meeresgründe begraben und die Schöpfeimer hatten vollauf Arbeit. Höchlich erschrocken rief Sekwebu einmal über das andere: „Ist das unser Reiseweg?" Als man endlich das Schiff glücklich erreicht hatte und die Passagiere an Bord gehißt waren, sah er sich natürlich von nen^n Wundern umgeben, so viel ihrer ein Kriegsschiff einem Afrikaner ans dem Innern nur immer bieten kann. Doch gewöhnte er sich ein, fand an Livingstone's Landsleuten Gefallen und sie nicht minder an ihm. Er fing während der Ueberfahrt. nach Mauritius an etwas Englisch aufzu lesen und wurde der Liebling der Offiziere wie der Mannschaft. Bei Mau ritius sah er zu den vielen Wunderdingen ein neues: das Dampfschiff, wel ches die Brigg in den Hafen holte. Diese Erscheinung aber mochte bei den vielen Regungen des Staunens und wol auch der Furcht, die er in so kurzer Zeit erfahren, zu gewaltsam spannend auf seinen Geist wirken, denn er hatte bald darauf Anfälle von Wahnsinn, weigerte sich ans Land zu gehen und stürzte sich endlich in einem neuen Anfalle, den Tod suchend, über Bord. Es war nicht möglich ihm zu Helsen oder auch nur seinen Leichnam aufzufinden. Was unfern Livingstone selbst betrifft, so genügt es zu sagen, daß er im November das rothe Meer hinauffuhr und am 12. Dezember die Heimat wiedersah, der er schon für immer Lebewohl gesagt hatte, denn er hatte Eng land mit dem Vorsatze verlassen, sein ganzes Leben dem Dienste des Evan geliums in Afrika zu widmen. Und eben dieses freigewählte hohe Amt führte ihn jetzt an seinen Ausgangspunkt zurück, um Theilnahnie und Mittel zu ge winnen für sein ferneres Wirken zum Wohle der afrikanischen Völker. Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen war er zum geographischen Ent decker geworden; an das Ende der Entdeckungen meint er, müsse sich nun der Anfang der eigentlichen Missionsarbeiten anknüpfen, nämlich der Mission, wie er sie auffaßt in dem möglichst weiten Begriffe, zu der Jeder gehört, der an der Civilisation, an der Veredlung des Menschengeschlechts bewußt oder unbewußt mitwirkt, sei er Gelehrter, Kaufmann, Schiffer, Soldat oder Geistlicher. Ein geordneter, für alle Theile vorteilhafter Verkehr mit dem neuerschlossenen Innern soll die Brücke bilden, auf der Belehrung und Bildung in jene Länder einziehen, die wie ihre Bewohner größtentheils reich an natürlichen Anlagen und wohl befähigt sind, eine gewisse Kultur stufe zu erreichen. Die Hochlande, welche das große Binnenbecken umsäu men, sind gesund und für Europäer bewohnbar; die erste Sorge, sagt Living stone, sollte sein, einen guten dauernden Weg dahin zu bahnen, damit Euro päer so rasch als möglich durch die ungesunden Küstenniederungen zu ihnen gelangen können. Der Zambesifluß hat vier bis fünf Monate im Jahr voll auf Wasser für große Fahrzeuge und gestattet auch zu den Zeiten des nie- dern Wasserstandes noch die Fahrt in Booten und kleinen Dampfern, wie sie auf der Themse gehen. Die südliche Ausmündung des Zambesi ist nach den besten eingezogenen Nachrichten für die Schiffahrt praktikabel; die portugiesische294 Dr. Avmgslone's Ansichten Regierung dürfte sich nur entschließen, einen Leuchtthurm und ein Pilotendorf dort anzulegen. Zur Zeit des Hochwassers würde man, ohne auf Hindernisse zu stoßen, bis Tete und darüber hinaus, im Ganzen eine Strecke von über 300 englischen Meilen Vordringen können. Dreißig Meilen oberhalb Tete liegt eine kleine noch zu untersuchende Stromschnelle; aber oberhalb derselben liegen wieder 300 Meilen fahrbares Wasser. Dies bringt an den Fuß der östlichen Höhen. Man muß sich aber nicht einbilden, daß Schiffe hier ohne Weiteres Elfenbein und Goldstaub laden könnten. Die Portugiesen von Tete lesen alles zusammen, was sie unter den benachbarten Stämmen an verwerthbaren Handelsartikeln auftreiben können; diese Stämme sind durch den Verkehr und die Kriege mit ihren portugiesischen Nachbarn demoralisirt worden und es läßt sich nicht voraussetzen, daß Jeder so unangefochten durch sie hinkommen würde als Livingstone, der nichts hatte was ihre Habsucht reizen konnte. Diese Leute müßten zur Ruhe verwiesen und ihnen eingeschärft wer den, daß sie eine Wasserstraße nicht belästigen dürfen, die sie nicht gemacht haben. Jenseit dieser feindlichen Bevölkerung kommt man zu einer ganz an dern Art von Menschen, auf die Livingstone vorzüglich seine Hoffnungen bauete. Sie alle sind sehr geneigt und selbst begierig Handel zu treiben, aber nichts hat sie bis jetzt ermuthigt, Rohmaterialien für den Handel zu kultivircn. Ihr Land eignet sich sehr wohl für den Baumwollenbau; wenn man ihnen bessern Samen und die Sicherheit eines Absatzmarktes für alles gäbe, was sie erzeu gen können, so würden wir und sie vielleicht bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß wir uns gegenseitig gut brauchen können. „Ich habe," sagt Livingstone, „den doppelten Zweck im Auge, den Heiden und dadurch uns selbst zu nützen. Wir müssen die Afrikaner ermuthigen für unsere Märkte zu arbeiten, dies ist nächst dem Evangelium das beste Mittel sie zu heben. Man müßte eine Kette von Stationen längs des Zambesi begründen, so weit er jenseit des portugiesischen Gebietes liegt, und die Verbindungen mit der Küste durch die Portugiesen unterhalten. Diese werden, wie sich hoffen läßt, im wohlverstandenen eigenen Vortheil dem Verkehre und dem Unternehmungsgeiste möglichst freien Spiel- raum und Vorschub gewähren; sie würden dadurch ihrer eigenen Colonie neue Blüte und neues Leben verleihen. Die zu bildende Stationenkette würde sich auf dem Hochlandsrücken nach links und rechts so weit als thunlich fortzu setzen und die Hauptader des Verkehrs zu bilden haben. Die londoner Missionsgesellschaft hat bereits die Anlegung von Missionen unter den Ba- toka's am nördlichen und unter den Matebele am südlichen Stromufer be schlossen. Prediger aller Sekten, Wesleyaner, Baptisten, Freikirchliche u. s. w. würden überflüssig Raum für ihre Thätigkeit finden, ohne einander hinderlich zu sein, wenn man auch nur die gesunden Gegenden im Auge behält. Kurz, ist man erst glücklich im Innern, so hat man gesundes Land, die vollkom menste Sicherheit für Leben und Eigenthum, und befindet sich unter Menschen, die gern hören und Vernunft nicht nur haben, sondern auch anuehmen.über die Zukunft Südafrika'S. 295 Die Eröffnung dieser neuen Länder für europäische Kultur wird nach den verschiedensten Seiten hin ein Vortheil und ein Segen sein. Sie kann nicht ohne Einfluß auf das fürchterliche Uebel des Sklavenhandels und Skla venhaltens bleiben. Es ist ein Jammer, wenn man bedenkt, daß ein Theil unserer amerikanischen Brüder Sklavenhalter, find und wir selbst die Sünde dadurch verewigen helfen, daß wir immer mehr Baumwolle und Zucker, Pro dukte der Sklavenarbeit, von ihnen verlangen. Die Insel Mauritius ist ein bloses Fleckchen im Ocean, aber sie liefert mittelst Guano, verbesserter Maschi nerie und freier Arbeit eine Zuckerproduktion, die dem Viertel des ganzen Be darfs von Großbritannien gleichkommt. Der Boden ist auf Mauritius enorm theuer und nichts weniger als reich; er giebt ohne Guano keine Ernte undsämmt- liche Arbeitskräfte müssen aus dem fernen Indien herbeigeschafft werden. In Afrika dagegen ist der Boden wohlfeil und gut, und freie Arbeit ist an Ort und Stelle zu haben. Wenn die Errichtung gesunder innerer Stationen zu Stande kommt, in denen die Bewohner der Umgegenden ihre Produkte ver- werthen können, wie dies mit Erfolg in Angola geschieht, ist zu hoffen, daß nach Ablauf einiger Jahre die Sklaverei bei unseren Verwandten in Nordamerika den Anschein der Nothwendigkeit verlieren wird, selbst in den Augen der Sklavenhalter." Man wird anerkennen müssen, daß diese einfachen Vorschläge und An sichten Livingstone's eben so sehr von praktischer Einsicht als von wahrer Menschenliebe Zeugniß ablegen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß gerade die Baumwolle einmal der Hauptausfuhrartikel Afrika's werden wird, um so mehr als es auf dem ungeheuren Weltthcile jedenfalls nicht wenig Gegenden giebt, wo ihr Anbau mit Erfolg betrieben werden könnte. Interessant ist in dieser Hinsicht eine Mittheilung neuern Datums von einem andern Punkte Afrika's her. Der britische Consul Herr Campbell in Lagos an der West küste giebt über jene Weltgegend folgende Notizen. Der Palmölhandel aus der Bucht von Benin hat sich seit 6 Jahren um 600,000 Pfd. St. ver mehrt; warum sollte sich der Baumwollhandel nicht eben so leicht entwickeln lassen? Die Eingeborenen haben eine ausnehmende Vorliebe für den Land bau. In Abeokutu ziehen sie die Plantagenarbeit für einen Tagelohn von 3 Pence jeder andern mit 9 Pence bezahlten Beschäftigung vor. Der Niger würde bei einiger Entwickelung des Baumwollhandels zum Mississippi Afri ka's werden. Jener Theil Afrika's enthält Städte mit 40 —120,000 Ein wohnern. . Die Eingeborenen bauen nicht nur Baümwolle, sondern verarbeiten sie auch, und es sind im Jahre 1857 von dort 200,000 Stück Kattun von einheimischer Arbeit nach Brasilien und anderswohin ausgeführt worden. Was die einheimischen Pflanzer nöthig haben, ist ein wohlfeiles und rasches Mittel, die Baumwolle zu reinigen. Unbegründet ist die so allgemein herrschende Vorstellung, daß der freie Afrikaner eine angeborene Arbeitsscheu habe. Es giebt kein fleißigeres Volk als die Leute in jener Gegend; in Lagos gehen sie mit dem frühesten Morgengrauen an die Arbeit. Der Boden ist so wohlfeil296 Livingstone'S Rückkehr nach Tete. wie die Arbeitslöhne und die Europäer finden überall freundliche Aufnahme. Das Klima hat für diese bei einer mäßigen Lebensweise keine Gefahr. So Herr Campbell, der selbst schon seit 35 Jahren in jener Gegend lebt. Da gegen ist es allerdings richtig, daß man von solchen Stämmen, wo die Boden arbeit herkömmlich den Weibern obliegt, weder Baumwolle noch andere Pro dukte in einem nennenswerthen Belange wird erwarten dürfen. Dies hat namentlich die Kapregierung in Bezug auf die Zulukaffern erfahren, bei de nen alle Anregungen zur Baumwollenkultur ohne Resultat geblieben sind. Die große und warme Theilnahme, welche Livingstone und seine unge wöhnlichen Leislungen wie in seiner Heimat, so in der ganzen gebildeten Welt gefunden haben, hat ihn auch zurückbegleitet auf den Schauplatz seines Wirkens. Anfang März 1858 hat sich der für seinen Beruf begeisterte Apostel Afrika's wieder dahin eingeschisft, begleitet von Weib und Kind, einem Bruder, der ihm in seinem Berufe Helfer sein will, und den übrigen für die Expedition ausgewählten Personen. Zur Befahrung des Zambesi hat ihn die Regierung mit einem eigens für diesen Zweck hergestellten kleinen eisernen Dampfboote versehen, welches nöthigenfalls in Stücke zerlegt und so über Land transportirt werden kann, und die jüngste Kunde aus Afrika meldet, daß die Einfahrt in den Zambesi bewerkstelligt worden war und der kleine Dampfer den Doctor seinem nächsten Ziel Tete zuführte. Möge er die Freude erleben, noch einen großen Theil des von ihm Angestrebten und Gehofften mit eigenen Augen sich verwirklichen zu sehen! Druck vvn F. A> BrockhauS in Leipzig.Vertag von (püo Spa wer in Leipzig. Das Buch der Reisen und Entdeckungen. ilmerillu: Erster Band. . Mur der Nordpol - Fahrer. Arktische Fahrten und Entdeckungen der zweiten Grinnell-Expedition zur Anfsnchn»g Sir John Franklins in öcn Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. Glisha 5tent Kane. Beschrieben vvn ihm selbst. U!ii über 120 in de» (tat gcbfurfilcit AMkdimgen mul) Zeichnungen des Nersassers, acht Tondrncktasckn nnd einer Natle der NordpoNänder, mit den Entdeckungen Kiiiic’s. Zweite Auflage. In 6 Heften, für die Sudferidenten auf „Das Buch der Reise»" ü 5 Sgr. Separat-Auögabc. In einem Bande, clcg. brochirt 1 1 / 3 Thir. — Dieselbe in englischem, reich vergoldetem Einbande l 2 / 3 Thlr. Dr. Äauc'a einfache, wahrheitsgetreue und anziehende Schilderungen übertreffe» oft 'Alles, was die Phantasie des Romanschreibers je ersinne» könnte. Die Erzählung seiner Heldenfahrt enthält gleichsam die Quinteffcuz aller früher» arktischen Reisebeschreibungen, und unter Zuhilfenahme charakteristischer Abbildungen verseht sie uns so lebhaft in die Regionen des ewigen Eises, inmitten der Wunder und Gefahren des unwirihlichen und doch so interessanten Nordens, baß dem Leser eine anziehendere Belehrung über diesen Gegenstand schwerlich gcbolen werden konnte. Mehr als alle Anpreisungen zeugt übrigens für den Werth und die Beliebtheit des Buches, dag in kaum sechs Monaten die erste Auflage von mehrern Tausend Exemplaren vergriffen wurde: ein in der Geschichte des Buchhandels seltener Erfolg. ilfiiliu: Erster Band. NiiiiiiMüne der Missionär. In Schilderungen -er licfnmttcftcu ältere» und nettere» Reisen insbtsnttbtvt btt grossen Gntbeckmigen im siibiicheii Akriira niährtnb ber Jahre Dr. David Livillgstone. Mil 120 in den Text gedruckten Abbildungen, acht Tondrncktafeln und einer UcbcrsichtSkarte deS südlichen Afrika, vollständig in sechs heften, für die Abnehmer des „Buchs der Veilen" ü 5 ägr. Separat-Ausgabe in einem Bande eleg. broch. 1^/3 Thlr. — Dieselbe eleg. geb. 12/3 Thlr. Was begeisterte Liebe zur Menschheit im Bunde mit unermüdlicher Ausdauer und männlich kühner Ent schlossenheit vermag, das beweist der britische Reisende und Missionär Vr. Livinaftone. Allein, ohne Mittel, ohne schützendes Geleit hat er Größeres vollbracht als die kostbarsten und bestansgerüstcten Expeditionen. Tausende von Meilen bisher unzugänglich nnd unbewohnbar geglaubten Landes erschliegl er der wissenschaftlichen Kennlniß und einer zukünftigen Kultur; von einer neuen höchst interessanten Thier- und Pflanzenwelt zieht er den bergenden Vorhang hinweg; große, Meere verbindende Ströme entdeckt und verfolgt er in ihrem Lgufe; zu Völkerstämmen endlich, deren Geistesdunkel bisher kein Strahl von oben erhellte, trägt er den ersten ahnenden Dämmerscheip von des Welten- schöpfers allumfassender Liebe. Unsere Ausgabe dieser denkwürdigen Reisen in dem so fremdartigen und noch so geheimnißvollen afrikanischen Kontinente zeichnet sich durch Gedrängtheit des Inhalts, beispiellos billigen Preis, neben vorzüglicher Ausstattung ans.Herbstmesse] liclchrungs - und Uiitcrlialtuugsschriftcn t 1868 - aus dem Gebiete des gewerblichen und industriellen Lebens. Gewerbe und Industrien. Erster und zweiter Band. In vier Abtlieilungen nebst einem Anhang. Dritte gänzlich umgearbcitetc Auflage. Iierausg-eg-eben in Verbindung- mit J. Engelmann, F.W. Grüner, Dr.H.Hirzel, Fr. Kohl, Fr. Luckenbacher, Udo Schwarzwäller, H. Stahl und G. Fr. Wieck. Mit 600 in tun Terl gedruckten Abbildungen, niclcn Tonbildern etc. Vollständig in 84 Heften. Pränum.-Preis pro Heft von 3—4 reich illustr. Bog-en: 5 Sgr. — 18 Kr. rh. Ladenpreis für das vollständige Weih elegant geheftet 4% Thlr. — Fl. 8. 30 Kr. rh. In 4 englischen Prachlbändcn 0 Thlr. = FI. 10. 48 Kr. rh. i?l^©Sr|>lI©T5J)§a Als wir im vorigen Jahre die dritte Auflage unsers „Buch der Erfin dungen“ begannen, versprachen wir, in ihm eine Umschau auf dem Ge biete der Erfindungen, Gewerbe und Industrien zu liefern, wie solche in gleich populärer Darstellung und Durchführung unsers Wissens noch keine Volksliteratur aufzuweisen hat. Der erste Band unseres Werkes, welcher in den bedeutsamsten Er findungen eine Rundschau über den Fortschritt auf dem Bereiche des ge werblichen und technischen Lebens darstellt und damit die wichtigsten Momente im Entwicklungsleben, insbesondere der europäischen Cultur- völker, zur Anschauung bringt, entspricht dem, was wir beabsichtigen und, wie wir heute sagen dürfen, auch den Erwartungen unserer Leser; denn sonst wäre diese neue, mit Bezug auf den zweiten Band gänz lich umgearbeitete und umgestaltete Auflage der vorhergegangenen nicht so rasch auf dem Fusse gefolgt, dass wir kaum die dringendsten Bestel lungen zu befriedigen vermochten. Die Umarbeitung dieses Bandes war so tüchtigen Händen anvertraut, dass er vor dem sachverständigen Publikum wird ehrenvoll bestehen können. Derselbe enthält gewissermaassen eine Wanderung durch die Werkstätten des Gewerbfleisses, und im Verlauf die ser Umschau werden so ziemlich alle bedeutsameren menschlichen Thätig- keiten, welche wir in früheren Ausgaben unter dem Titel: „das Buch der Arbeit“ vereinigten, in das Gebiet der Betrachtung hereingezogen. Die fast gänzliche Umarbeitung der einzelnen Fächer ist durch Män ner erfolgt, deren Name für die sachgemässe Lösung der meist sehr schwie rigen Aufgabe Bürgschaft bietet. Dabei ist freilich, der Umfang dieser neuen Auflage der frühem gegenüber um mehrere Hefte stärker gewor den; aber nur dadurch ist es möglich gewesen, das Buch zu dem zu ma chen, was es sein will und soll. Ein Blick in das umstehende Inhaltsver- zoichniss zeigt die Reichhaltigkeit des Werkes, dessen billiger Preis fast unübertroffen dasteht.INHALTSVERZEICHNIS. Erster Band. Die denkwürdigsten Erfindungen aller Zeiten enthaltend. Erste A blhei lung. 1. Heft. Einleitung. — Die Menschheit in ihrer kulturge schichtlichen Entwickelung. Nebst einer alphabetisch - chronologischen Uebersicht der denkwürdigsten Erfindungen. I. Die Geschichte des Papiers. (Mil Einschluss des Papiergeldes.) 2 Die Erfindung der Buchdruclierkuiist. Ein Dcsuch in der Staatsdrucke rei in Wien. Schnellpressen. Stereo? 3. Die Erfindung des Naturselbstdrucks und der Chcmitypic. 2. Heft. 4. Die Holzschneidekunst. (Der chinesische Bücherdruck.) 5. Der Kupier- und Stahlstich und der Kuplcr- und Stahldruck. ii. Die Erfindung des Steindrucks. 7. Die Erfindung der Stenographie. S. Die Dagucrrcotypic und Photographie. Die Camera obscura. Das Stereoskop etc. 3. Heft. i). Die Erfindung des Schiesspulvcrs und der Feuer waffen. Pulvermühlen. Schiessbaumwolle. Neue Sehiesswaffen. 10. Der Magnetismus und die Elcktricitiit und ihre praktische Anwendung. (Galvanismus, Galvanoplastik, Elektromagnetismus .etc.) II. Die Erfindung des Blitzableiters. Zweite Abtheilung. 4. Heft. 12. Die Geschichte der Telegraphen. 13. Das Teleskop und Mikroskop. 5. Heft. 14. Die Geschichte des Luftballons. 15. Das Leuchtgas und die Leuchtstoffe. 6. und. 7. Heft. 10. Die Erfindung der Dampfmaschinen einschliess lich der Eisenbahnen, Dampfwagen und Dampfschiffe. Zweiter Band. Gewerbe und In dustrien. Erste Abtheilung. Einleitung. Die Würde der Arbeit. Das Hand werk und sein Vcrhältniss zur Wissenschaft und Kunst. 8. Heft. 1. Baukunst und Bauhandwerke und ihre Ge schichte. 9. Heft. 2. Die Töpferei und das Porzellan. Die Poizellanmanufacturen von Levi es und von Meissen. Das chinesische Porzellan. 3. Das Glas. Die Glasfabrikation. Der Glaser. Glasmanufactur. Glasmalerei. 10. und ll. Heft. 4. Weberei und Spinnerei. Natur und Gewinnung der zum Spinnen und Weben dienenden Faserstoffe. Ge schichte und Verarbeitung derselben. Me chanische Spinnerei. Die Baumwollenmanufactur. Hand-, Kunst- und Maschinen - Weberei. 12. bis 14. Heft. 5. Der Landbau uud die landwirthschaftlichen Beschäftigungen. 0. Die landwirthschaftlichen Gewerbe: Die- Zuckerfabrikation. Weinbereitung (Champagner). Bier. Branntwein. Spiritus. Zweite A b t h e i 1 u n g. 15. und 16. Heft. Berg - und Grubenbau und Hüttenwesen. I. 2. Der Bergmann und der Hüttenarbeiter. Geschichte und Technik des Bergbaus. Die Gewinnung der Erze. Kupfer. Blei. Queck silber. Zinn. Arsenik. Zink etc. 3. Die fossilen Brennstoffe. 4. Die Gewinnung der Edelsteine 17. Heft. 5. Die Gewinnung des Kochsalzes Ü. Der Steinbrecher. Marmor. Quadersandslein. Basalt. Porphyr. Prass. Ceinent. Guss. Serpentin. Schiefer. Bernstein etc. 7. Die Bcrgholiriing. Die artesischen Brunnen. 18. und 19. Heft. 8. Gold, Silber und Platin. Ihre Verarbeitung zu Warn en und Geld. Vergolden. Platiren. 9. Verarbeitung der unedlen Metalle im Grossen. Erzguss. Kunstguss. Messing. Bronze. Glockenguss. Kanonenmetall. Legiren etc. 10. Der Maschinenbauer. II. Der Uhrmacher. 20. Heft. 12. Optikus und Mcchanikus. Die Brillengläser. Die Fertigung wissen schaftlicher Instrumente; Barometer. Ther mometer. Luftpumpe. Schluss. Maschinen- und Menschenarbeit. Diesen Bänden schliesst sich an als Heft 21—24: ' Das Meer und die Hebung seiner Schätze. — Schifffahrt und Welthandel. Der Mensch und das Element. Compass. Leuchtthürme. Taucherglocke und Taucherboot. Rettungsboote. Rellungsanstallen. Verkehrserleichterungen. Das Gesetz der Winde und Stürme etc. Fischfang, Seejagd und Fischerei. — Schifffahrt und Seewesen. Geschichte der Schifffahrt. Der Schiffsbau vormals und heute. Segelschiffe, Dampfer, Schraubenschiffe. Klipper. Arsenale, Docks und Häfen. Die Kiistenschiffiahrt. Die Schifffahrt nnd der Welthandel. Vollständig in 4 Heften ä 5 Sgr. — 18 Xr. rh. — 10 Xr. C.-M. Hering nun (Ottn Spanier in Leipzig.Otto Spllmer's Neue Jugend - und Hunslnbliothek. III. Serie. Erster und zweiter Band. Das Land und Volk der alten Griechen. Bearbeitet für Freunde des klassischen Alter thmiis, insbesondere die deutsche Jugend von Or. Wilhelm Wcigncr. Zwei Wände. SDiit zwölf Tonbildern nach Origincilzeichnunqen von Leutemann n. A., sowie mit :)00 in den Text gedruckten Abbildungen, nebst einer Karte des alten Griechenlands. preis: Eleg. geheftet pro Land 1 1 / 2 Cljfr. Dasselbe in englischem reich vergoldelem Einband 2 Tylr. pro Band. ^ . Diese Serie aufs Sorgsfältigste ausgestatteter Geschichtswerke soll idem Bedürfnisse des höher» I Schulunterrichts, wie ihn unsere Jugend in Gymnasien und verwandten Unterrichtsanstalten genießt, entsprechen, u»d die vorausgegangenen Serien der Jugend- und Hausbibliothek weiter sortführen, indem insbesondere solche Stoffe behandelt werden, welchen zu allen Zeiten vorzugsweise das Interesse der aufstrebenden Jugend, wie überhaupt aller Gebildeten int Volke zugewendet war. Unser „Hellas", welches den Reihen beginnt, löst die gestellte Aufgabe in würdigster Weise. Es ist im Innern wie int Aeußcrn als ein Musterbuch von comperenten Seiten bezeichnet worden. Der erschienene erste Band kann in allen Buchhandlungen des In - und Auslandes in Einsicht genommen werden, und wird man aus dem Inhalt dieses Bandes ersehen, was man von dem Anfangs Mitte d. I. erscheinenden zweiten Bande, womit die Geschichte von Hellas schließt, zu erwarten hat. Die nächsten Bände werden in gleicher Weise Geschichte, Leben und Sitte der alten Römer durch Wort und Bild zur lebendigen Anschauung bringen, und 'somit das Gemälde der dem Christenthume vorangegangenen Cultur-Epoche vollenden. Verlag von Otto Spanier in Leipzig.' ■——.A4 «L v - 'S ' V - : ’j-y.-fggf !IwinMone, der WiöÄonär. In Schilderungen der bekaiiiltcstcil älteren und neueren Reisen
