Livingstone der Missionär. 48., vermehrte Auflage. Mit 92 m bm fet gebmditm §t(j(jtlbun0tir, Hlmr Tonbrucktakekr nivb Nrbcrsrchts - Karte bes süblichen Alrilm. ^°«ä ooc - Leipzig, Verlag von Otto Shamer. 1860 . der grosse» L»tdrckimge»'im siidlichen Zlfrik» raiiljrßnii der Snljrc J8-10—.1856 durch Dr. David Livingstone. Einleitung. Seile §rü hefte Bekanntschaft mit Afrika. (Mit 3 Illustrationen ) 1 Blü lez e i t des Skla vc n h an fe es. (Mit 1 Illustration.) 11 D.ie Käinpfe gegen den Sklavenhandel Eit 3 Illustrationen.) 17 M un g o P a r k. (9Nit 2 Illustrationen.) > 19 Nenere Reisen in Nord- und Central-Äfr ika (Mit 6 Illustrationen.) 31 (Harris in Schoa — Mit 1- Illustration.) 32 (Dp. Barth und seine Gefahr 'en. — Mit 4 Illustrationen ) 36 Reisen i in Sü deu Afrika's. (Mit 1 Illustration.) 46 D ie Natur und der Mensch in Afrika. (Mit 6 Illustrationen.) 51 (Das Knochengerüst Afrika's — Mit 3 Illustrationen.) — (Wüste, Wasser und Wind. — Mit 3 Illustrationen.) 57 Natur niife Völker tu Nordafrika. (Mit 4 Illustrationen.) 65 (Die Gärten feer Wüste. — Alit 3 Illustrationen.) 71 Natur itiife Völker in Mittelnfrika. (Mit 13 Illustrationen.) 77 (Die Länder am Tschad. — Mit 5 Illustrationen.) — (An der Westküste. — Mit 3 Illustrationen.) 93 (Die Länder an feer Ostküste. — Mit 5 Illustrationen.) 101 Natur und Völker Süd afrika's. (Mit 6 Illustrationen.) 113 (Die Thierwelt Süfeafrika's. — Mit 1 Illustration.) 119 (Die Völker Süfeafrika's. — Mit 2 Illustrationen.) 123 D er Missionär IJr. Livingston e. (Mit Livingstone's Portrait.) 129 Seine Jugend, Vorbereitung und sein Wirken. Livingstone's Reise zu feen Vetschuanen nach feem Ngami.See Die Vetschuanen. (Mit 2 Illustrationen.) Kurnman (134). Moffat, Livingstone's Schwiegervater (135). — Die Vetschuanen (135). — Ihre Sitten (136).—Verfassung (138). — Aberglauben (139). — Regenfeoctor (143). — Religiöse Gebräuche (146). — Toferenbe- stattung (148). — Vetschuanenstämme (148). — Die Vakuenas (149). — Sitschili (149). — Aufbruch nach feem Ngamisee (152) 133 Das Reisen iu Südafrika. Die Wüste Kalahari. (Mit 4 Illustrationen.) Ochsen als Zug- und Lastthiere (154). —Sand, Dornen und Grasebcnen (155). —Trockene Flußbetten (156). — Wasser-und Nahrungsmangel (157). — Wüstenkost: Straußcncier (158), Heuschrecken (159), Honig (160), Insekten (160), Gewächse (161). — Die Vakala- hari (163). — Buschmänner (166) 153 Der See Ngami. (Niit 6 Illustrationen.) Livingstone's Abreise von Kolobeng (168). — Salzpfannen (169).— Der Zouga (169). —Der Ngamisee (170).—Häuptling Lctschula-YI Seite Inhalt. tebc (171). — Sebituane (172). — Die Bajiji (172). — Der Reisende AndcrSso» (171). — DamaraS (175). — £>».(iiÄw^m76), — Andcrsson bei Letschulatcbe (184). — Thier- und Pflanzenwelt am Ngami (I8l).^ AnderSson'S Reise nach Libebc (185) 168 Afrikanische Jagdbilder. (Nach Wahlberg und Eumming.j (Mit 18 Zllnstrationen.) Wahlbcrg und Eumming (187). — Elephantcnjagd (181). — Das Nashorn (100). — Das Flußpferd (204). — Der afrikanische Büffel (208). — Die Giraffe (212). — Antilopenar- tcit: Elcnnantilopc (215). — Oryr (210). — Kuduantilope(217). — Gnu (218).— Spring bock (220). — Kuhantilope, Zebra, Quagga (222). — Strauß (222). — Jagden der Afri kaner (228). — Wild.fallgrubcn (220). — Der Löwe (230) 187 Lidingstonc's zweite nnd dritte Reise nach dem Norden. (Mit2Illustrationen.) Livingstonc's Reise zu Sebituanc (240). — Die Tsctjesticgc (243). — Sebituane und die Ma- kololv's (245). — Mosilikatsc (247). — Die Matebelc (248). — Sklavenhandel.(250). — Livingstone in der Kapstadt (250). — Die BoerS und die Vctfchuancn (251) 240 Livingstone'S große Reise an die Westküste. (Mit S Illustrationen.) Livingstone'S Abreise von den BakucnaS (253). — Die Bamangwalobcrge (253). — Busch- männcrland jenseits des Zonga (254). — Der Sänfchureh »nd Tschobi (255). — Linyanli (250).—Die Makololo'S (257) — Die Makalaka'S ( 201 ). — Das Barotfethal (201). — Sc- schckc am Liambai (202). — Der Libastuß (200). — Die Balonda's 207). — Der Häupt ling Schinti (208). — Katen,a (271). — Sec Dilolo (271). — Gebiet der Tfchiboke (273). — Wegczoll in Jnnerafrika (273) — Die Vaschinjis (270). — Das Quangothal (277). — Eaffangc (277). — Loanda ( 280 ). — Angola (282). — PuiiHo Adonga (285). — Der Coanza (285). — Der Matiamvo (288). — Muata Cazcmbc (280). — Rückreise nach dem Innern (202). — Der Kasaifluß (200). — Ankunft in Linyanti (207) 253 .Livingstone'S Reise au die Ostküste. (Mit 3 Illustrationen.) ReiseauSstattung (208). — Abreise von Sckclet» ( 200 ). — Der Victoriafall (300). — Reise out Zambcsi (301). — Die Batokn (302). — Das Hochland (302). — Der Häuptling Alpende (305). — Die Banpai's (308).— Ankunft in Tete (300). — Scnna »nd Kilimane (312). — Abschied von den Negern (313). — Sekwcbu's Tod (314). — Livingstone auf Mauritius (314). — Seine Ansichten über die Zukunft Südafrika'- (310). — Reise nach London und Rückkehr nach Tete (317) 298 llcbersichtSkartc des südlichen Afrika 319 Die hierzu gehörigen 7 Tondruckbilder sind cinzuhcstcu wie folgt W i l d f a l l c (gehörig zu Seite 210 ) Wulia, Dorf im Sudan VegetationSbild vom Golf von Guinea Kampf zwischen Büffel und Löwen Empfang bei Schinti R a st unter dem Baobab Wasserfall des Sambesi Titelbild Seite 40 „ 96 „ 235 „ 268 „ 286 „ 300Die Obelisken von Luxor. G i n 1 e i t u n g. Früheste Bekanntschaft mit Afrika. Aegyptens Blüte. Kartbagv's Entdeckungen. Die Römer in Afrika. König Juda. Die erste wissenschaftliche Reise. Einfall der Araber. Das Christenthiim in AWffynie». Verkehr der Araber und Indier mit der Sndostknste Afrika's. Portngicstfche Entdeckungen. Heinrich der Seefahrer. Giliancz. Das Reich des Priesters JoWnnes. Die erste» Neger sklaven. König Beinoy. Vasco de Gania am Kap. Covilham in Abessynien. Die ' Portugiesen am Zambsst. Gallahorden. ^^^frika, das riesige, heiße, ruht dem lebensfrischen Europa gegenüber wie die gewaltige Sphinx vor dem jugendlich kräftigen Wanderer! Es legt Dem, welcher kühn sich naht, verworrene, dunkle Räthselfragcn vor und nimmt ihm sein Leben zur Sühne, wenn er sie nicht löst! . Doch auch zn ihm wird einst der Oedipnö treten, welcher ihm seine todtlichen Schrecken entreißt und dieselben im Meere der Vergangenheit begräbt! Buch der Reisen. II. 12 Einleitung. Obschon nur durch das schmale Mittelmeer von der schiffbelebten Süd küste Europa's getrennt, an vielen Stellen von hier aus sogar dem unbe waffneten Auge erreichbar, ist uns der nahe Erdthcil in vielen Thcilcn doch unbekannter als das spät entdeckte Amerika, ja von einem weiten Gebiete in seinem Innern wissen wir weniger als — von der Oberfläche dcö wcitent- fernten Molches! Tritt dem kühnen Schiffer, welcher den Kiel seines gebrechlichen Fahr zeugs nach dem nördlichen Pole lenkt, die Kälte als grimmiger Feind entgegen, macht sic in der Nähe des höchsten Nordcils die klare Flut rings um ihn erstarrend und schmiedet das Schiff, von dem des Pilgers Rettung einzig abhängt, in meilenweite Fesseln auö Eis, so droht in Afrika in schroffem Gegensatz die übergroße Glut mit glcichcu Schrecken. Der Sonne senkrechte Strahlen treffen vom ewig klaren Himmel verderbend den Reisenden und sein Thier, das „Schiss der Wüste", das ihn trägt. Statt der gehofften Quelle trifft er Sand und starre Felsen, umstreut von bleichenden Gebeinen früherer Karawanen, und liest aus diesen grausen Hieroglyphen sein eigenes Schicksal. Und selbst zur Regenzeit, wenn sich gleich Katarakten vom schwarz- umhüllten Firmament die Fluten stürzen, wenn sich weite Flächen in Sümpfe wandeln und Bäche und wasserlcerc Thäler zu Strömen werden, — selbst dann steigt, durch den Glutstrahl der Sonne ausgcbrütet, aus diesen Wassern ein Heer von Fiebern, viel furchtbarer noch als jene Legionen stechender In sekten und jenes giftgeschwollcne kriechende Gewürm, das dort dem Menschen und seinem treuen Thierc droht. Nicht ohne Grund bczcichnctcn die Reisenden die äußersten Spitzen des unnahbaren Erdthcilö mit bedcutungsrcichen Namen: „das Thor des Todes" (Bab el Mandeb) öffnet sich ernst dem Ankömmling im Osten; die „Pforte des Kirchhofs", passirt der Schiffer an der Niger- mündtmg, und selbst durch den schönen Nansen „Kap der guten Hoffnung" versuchte er nur sich Muth einzusprcchen, um so schnell als möglich vom Kap „der Stürme" und seiner Nadelbank weiter zu ziehen. Der Gedanke an den Tod trat dem Aegypter auf der hohen Stufe seiner Bildung so nahe, wie die bleiche Wüste dem grünen Thale deö Nils, so daß er größer» Fleiß darauf verwendete, den Todten wohnliche Stätten zu bereiten, als den Lebenden. Jene wunderbare Nordostcckc Afrika's, an welcher gleich einer Pulsader der Pfad vom nachbarlichen Asien herüber führt und die gleichzeitig durch die Mündung des Nils und gute Häfen das Schiff dcö Europäers willkommen heißt, das reichgesegncte Aegypten war cs, das in der frühesten Zeit zu einer Höhe der Kultur emporsticg, zu welcher der heutige Bewohner jenes Landes sich nicht einmal in seiner bilderreichen Phantasie zu erheben vermag. Als Abraham noch ohne feste Hütte nvmadisirend von Flur zu Flur mit seinen Herden wandcrte, als Europa's Name noch nicht im Buche der Geschichte ver zeichnet war, residirten in herrlichen Riesenstädten am Nil ruhmreiche Könige, späte Enkel vorangegangener Herrscher; in Prachtgebändcn versammelten sichFrüheste Bekanntschaft mit Afrika. Z 1* geweihte Priester zu Mysterien, und streuggeschiedene Kasteneintheilungen legten Zeugniß ab, daß manchfach eingcwanderte Völker die früheren Bewohner unter jochten. Aegypten war in der alten Welt der Inbegriff der Weisheit, der Knnst und meisterhafter StaatSgesctze. v Hierher wallfahrtctc der Lernbegierige aus fernen Gegenden, hier schöpfte er Erfahrungen, enträthselte die heiligen Schriften und kehrte als ein Weiser angcstaunt in sein Vaterland zurück. Das riesige Afrika trieb gleich der Aloe, die ihm eigenthümlich ist, in Aegypten eine einzige, aber herrliche Blüte. Sic welkte allmälig, und ihre Die zwei Pyramiden am Sec MöiiS. gereiften Samen keimten in: nahen Griechenland zu weiteren Sprossen, wäh rend der alternde Stamm kränkelnd dahinstarb. Karthago, durch unternehmende Asiaten angelegt, schwang sich rasch empor. Seine Waarenzüge wunderten ins Innere des Continents, seine Schiffe besuchten die fernen Küsten. Keck wagten sich die phönizischen und punischen Fahrzeuge, noch nicht mit dem leitenden Kompaß ausgerüstet, durch die Säulen des Herkules. Schreckten die schlauen Schiffer andere Völker auch durch über triebene Schilderungen der drohenden Gefahren, so segelten sie selbst doch kühn von Bai zu Bai, ja zu entfernteren Inseln. Jenseits der Meerenge, erzählten sic, sei das Wasser dick wie geronnene Gallert, Sceungeheuer zögen4 Einleitung. dort den armen Sterblichen mit langen Krallen aus dem Fahrzeug, das in dicker Flut nicht weiter könne, und südwärts steigere sich die Glut der Sonne bis zu dem Grade, daß Segel und Planken Feuer fingen und die Mannschaft elendiglich verderbe. Handelspolitik bewog die Karthager, die Er gebnisse ihrer Reisen zn verheimlichen, und das Wenige, was ja zur Kenntnis; anderer Völker drang, war so von einer Märchenwelt durchwebt, daß es un möglich war, den kleinen Kern der Wahrheit herauszufinden. Die Inseln der Seligen (Fortunaten) wurden von ihnen entdeckt, ja selbst ums Kap herum sollen ihre Segel den Weg bis nach Ostindien gefunden haben. Je nach drei Jahren sollen ihre Schiffe, reich mit Gold, Elfenbein, Perlen, Pfauen und Gewürzen beladen, in die Heimat zurückgekehrt sein. Die Römer verstanden eö wol, Karthago zu zerstören, aber nicht, ans dessen angebahnten Wegen weiter fortzuwandeln. Zwar dehnten sie ihre Herrschaft ziemlich weit nach Süden ans und legten, durch militärische Rück sichten geleitet, weithin Kunststraßen an, die sie durch Meilensteine regel mäßig gliederten, schafften auch Massen von Elephantcn, Löwen, Straußen und anderen wilden Bewohnern Afrika's mit ungeheuren Kosten nach Rom, um sie — zn morden, aber die vielfachen Fäden, welche die handeltreibenden Punier mit entlegenen Völkerschaften geknüpft hatten, zerrissen in der Hand der rauhen Krieger. Die Entdeckungen der Karthager sanken in Vergessenheit. Selbst an der Schwelle der berüchtigten Hammada (der Wüste in der Wüste) fand Barth noch unter 30° 40' n. B. Trümmer eines römischen Kastells und als südlichstes Zeichen von der Anwesenheit der Römer unter 26° 21' eine Grabkammer. Eine Zeit lang waren sie sogar im Besitz des großen Wadi Cherbi in Fessan, in dem Dschernia (Germa) liegt und das von dem alten Volk der Garamanten bewohnt ward. Als einzige Ausnahme wird König Juba namhaft gemacht, der als Vasall des Augustns Mauritanien beherrschte. Beseelt von Liebe zu den Wissenschaften, besonders zur Erdkunde, taucht er als eine höchst angenehme Erscheinung auf, in einer Zeit, wo die Herren der Erde ihre Größe oft genug nur durch die enormen Preise ihrer Gastmahle und durch die Grausamkeit der öffentlichen Spiele, die sie veranstalteten, bekunden zu können glaubten. König Juba sandte kundige Männer aus, um die Fortunaten wieder aufzusuchen. Vielleicht ist dies die früheste Entdeckungsreise, welche durch einen Fürsten aus rein wissenschaftlichem Interesse veranstaltet wurde. Als hauptsäch lichste wissenschaftliche Ausbeute und als Trophäe brachten die zurückkehrenden Gesandten zwei außerordentlich große Hunde mit, denen die Inseln ihren heutigen Namen Kanarien, d. i. Hunde-Jnseln, verdanken. Die sonstigen Nach richten über den Erfolg der Expedition sind ziemlich dürftig. Man hatte ans den Eilanden reiche Palmenwälder gefunden, menschliche Bewohner werden aber nicht erwähnt. Jni Kriegsgetümmel, das beim Sturz des römischen Weltreichs ringsum tobte, und in den unruhevollen Zeiten der Neugestaltungen, die dann folgten,Araber. Chrtstenthum in Abcffymen. 5 versank die Kunde von dem Dasein jener entlegenen Gegenden fast in Ver gessenheit, die Inseln der Seligen lebten mehr in den Märchen der Dichter als in dem Munde der Schiffer, bis sich nach errungener politischer Ruhe im Innern Europa's der Drang nach Abenteuern wieder nach außen wandte. In der Geschichte Afrika's war durch den Einfall der Araber ein neuer Abschnitt begonnen. Das von der neuen Lehre begeisterte Heer über schwemmte ganz Nordafrika. Die sieg- und beutetrnnkcnen Schaaren der fanatischen Muhamedaner vernichteten die letzten Spuren der altklassischen Bildung und die Reichthümer Aegyptens; die kostbare Bibliothek von Alexandrien ging in Flammen ans; den nahenden Christen erwartete unfreundlicher Em pfang. Aber trotz dieser Uebel, welche ver Islam mit sich führte, brachte er doch auch gleichzeitig ein neues Element der Bewegung in die starren For men des einförmigen, abgeschlossenen Binnenlandes, dessen letzte Folgen jetzt noch kaum abzusehen sind. Dadurch, daß Muhamed eS als ein Verdienst bezeichnete, nach dem heiligen Mekka zu wallfahrten, ward ein Strom eröffnet, der periodisch, wie Ebbe und Flut des Oceans, durch jene Lande zieht. Tau sende von frommen Pilgern kamen ans den fernsten Gegenden nun in Be rührung, schöpften in den neuen Ländern neue Anschauungen und brachten eine Welt neuer Ideen in das einförmige, bisher abgeschlossene Leben der Heimat zurück. Der europäische Reisende erstaunt heutigen Tages freudig, wenn er tief im Herzen Bornu's oder Adamana's einen jener Mekkapilger findet, über die liebreiche Aufnahme, die ihm als „Sohn des Weges" zu Thcil wird, und über die überraschende Mirheit der Weltanschannng da, wo er nur graste Beschränktheit und Barbarei vermuthetc. Nicht zu gering ist cs außer dem anzuschlage», daß der Islam die Menschenopfer, die bei vielen jener llr völker gebräuchlich waren, vernichtete und die Sorge für die Reinlichkeit znm Gottesdienst erhob. Das Christenthum hatte sich besonders im Alpenlande der Ostknstc Afrika's einer günstigen Aufnahme zu erfreuen gehabt. Zwei Glanbcnsboten, Frumentius undÄedesins, hatten, durch einen Sturm verschlagen, an dcr Küste von Tigrc Schiffbruch gelitten und sich mit Noth und Mühe aus Land gerettet. Ihr heiliger Eifer fand am Hofe zu Axum beim König Aizanas gute Aufnahme, und in kurzer Zeit war ganz Tigrc zu der neuen Lehre be kehrt. Frumentius ward der erste Bischof zu Axum, die Stadt Fremona ward ihm zu Ehren benannt. Aus dem tiefer gelegenen Aegypten zogen viel fromme Männer ins neubekehrte Abessynien, besonders in den Jahren 470— 480, und von ihnen wurden zahlreiche jener Felsenkirchen in den lebendigen Stein gemeißelt, die noch heutigen Tages Endpunkte begeisterter Wallfahrten sind. Zwischen den Abessyniern und den gegenüber wohnenden Arabern war es schon vor Muhamed's Auftreten zu vielfachen Reibungen gekommen. Die Abessynier hatten den Christen mit bewaffneter Hand Beistand geleistet, und als nachmals der große Prophet sein Volk zum begeisterten Kampfe führte, fanden seine flüchtig gewordenen Widersacher bereitwillige Aufnahme und Schutz in Habesch.0 Einleitung. Jene Feindschaft währte Jahrhunderte hindurch und brach in Hellen Fehden ans, sobald sich Gelegenheit dazu bot. Friedlicherer Natur waren die Berührungen zwischen den Arabern und den südlicher wohnenden Küstenvölkern. Durch die regelmäßig wehenden, von Halbjahr zn Halbjahr umspringenden Winde (Monsune) begünstigt, entwickelte sich hier eine lebhafte Schiffahrt. Indische und arabische Fahrzeuge zogen, mit Banmwollenstoffen, Gewürzen und anderen Gütern ihrer Heimat bela- stet, mit dem Nordost-Monsun bis nach der Straße von Mosambik. Be sonders lebhaft war der Handelsverkehr an der Mündung des Zambesi. Goldkörner, Elfenbein und Sklaven bildeten die Hauptartikel der Ausfuhr. Sklavenhandel fand hier schon lange statt, bevor ein Europäer das Land be sucht hatte. Auch die Eisen- und Stahlwaaren der Neger waren beliebt, und die noch jetzt gebräuchlichen kleinen Muscheln (Kauri) dienten zum Theil schon in jenen frühen Zeiten als Münze. Der arabische Schriftsteller Mahudi schildert ums Jahr 967 umständlich die Küstenlandschaft Ostafrika's bis So falan til Dhab als reich an Gold, Getreide, Städten und Flüssen, doch ohne Schiffe, ohne Regen und ohne Schnee. Bereits 1403 entwirft Baku! ein lebhaftes Bild vom Kaffcrnlande. Der König von Zingi gebot zn seiner Zeit zn Masudi und hatte ein stattliches Heer von 3000 Streitern, alle ans Ochsen reitend, wie es bei den Kaffern der Gegenwart noch gebräuchlich ist An den Ufern des Zambesi hatten sich zahlreiche Araber und Banianen (Indier) angesic- delt und richteten besonders auf den Goldsand ihr Augenmerk, der an den sechs Zuflüssen dieses Stroms ans dürren Feldern ausgegraben wird. Aus jener Zeit stammen wahrscheinlich die sonderbaren, noch nicht enträtselten Gebäude aus Stein, deren Ruinen sich in den Golddistrikten, weit innerhalb des Lupata- gebirges befinden und die wahrscheinlich von einem Fürsten angelegt wurden, der jene Gegenden eine Zeit lang in Besitz genommen hatte, ohne sic behaupten zu können. Ans mächtigen Werkstücken sind die Mauern zusammengesetzt, ohne daß eine Spur von Mörtel an ihnen zn bemerken wäre. Eine Tafel mit einer noch unerklärten Inschrift befindet sich über der Eingangspforte. Mehrepe ähnliche Gebäude stehen ans den Höhen umher, auch ein mäßig hoher Thurm — Alles Werke des Tenfels nach der Meinung der jetzigen Bewohner der Landschaft, die nur Holz zum Ban ihrer Hütten verwenden. Im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts begann man in Europa die Aufmerksamkeit auf den nachbarlichen Erdtheil nnd besonders auf die West küste desselben zu lenken. Hauptsächlich waren es die Portugiesen, an ihrer Spitze der Jnfant Heinrich .und in seinem Dienste Italiener, welche hier als kühne Entdecker vordrangen. Man zog anö den Archiven der Klöster die Schriften der Alten hervor und schöpfte ans zahlreichen Bemerkungen in dem selben die Vcrmuthnng, daß das Weltmeer doch nicht so ganz undurchdringlich sei, als cs der Volksglaube behauptete. Die Mauren waren von der Phrc- näischen Halbinsel vertrieben worden, und die Portugiesen setzten durch die Schlacht bei Centa 1415 den Kampf gegen ihre religiösen nnd politischenEntdeckmigsfahrtcil der Portugiese». 7 Feinde auf afrikanischem Gebiete mit Erfolg fort. Kühne Abenteurer schifften die afrikanische Küste entlang, um Mauren zn fangen und gegen hohes Löse geld wieder loszngeben, oder, wenn dieses Geschäft sparsam ansstel, in den stillen Buchten Robben zn schlagen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man 1420 die Kanarischen Inseln von neuem, und der Flottenführer Gilian ez gewann den Muth, das Vorgebirge Non (Cap Non plus ultra), welches als die äußerste Weltgrcnze galt, 1433 zu umsegeln. Ohne genügende Hülfsmittel in der Schiffahrt wagte man sich nur sehr behutsam vorwärts, gelangte zum Kap Bojador und erhielt nach dessen Umschiffung eine Ahnung von der gewaltigen Ausdehnung des Erdtheils und des ihn umspülenden Occans. In wenigen Jahren rückte man bis zum Wendekreis des Krebses vor. Die Erfindung des Kompasses und seine Benutzung bei der Schiffahrt gab neuen Muth, und an die bisherigen Zwecke, den Maurenfang und den Robbenschlag, schloß sich jetzt ein neuer, der zwar sonderbar genug klingt, der aber doch die Portu giesen zn den äußersten Anstrengungen anspornte. Schon seit längerer Zeit hatte in den Erzählungen der phantasiercichen Pilger, welche ans dem Morgenlande zurückkehrten, das Reich des Priesters Johannes eine gehcimnißvolle Rolle gespielt. Es galt als der Inbegriff aller Herrlichkeiten und Reichthümer, als der paradiesische Sitz irdischer Glück seligkeit unter dem milden Scepter eines ehrwürdigen Priestcrfürsten. Im Ä. 1445 sandte der abesshnische Kaiser Zara Jakob einen Gesandten nach Florenz an den Senat und schrieb gleichzeitig merkwürdige Briefe an seine Priester in Jerusalem, welche glanzende Schilderungen von dem im Westen und Süden Afrika's liegenden Reichen und ihren Handelsschätzen enthielten. Diese Nach richten steigerten den Glauben an jenes gesegnete Märchenreich zur Gewißheit und bczcichnetcn Südwest-Afrika, Aethiopien, als die Stelle, an der es zn finden sei. König Heinrich's IV. Schiffer entdeckten in der Mitte des fünf zehnten Jahrhunderts das Kap Verd und die Mündung des Senegal. Der Papst Engen IV. stellte den Portugiesen eine Urkunde aus, durch die er sie zn Herren aller Länder machte, welche sie bis Ostindien entdecken würden. Die Angen des übrigen Europa begannen sich auch ans Afrika zn lenken; die asten Ptolcmäischcn Karten, bisher die einzigen Quellen für die geographische Kenntnis; dieses ErdtheilS, waren bereits unbrauchbar geworden. So lange die Entdeckungsfahrten der Portugiesen noch an der Küste der Sahara entlang gingen, bot sich ihnen nichts, was den Wunsch nach einer Niederlassung hätte anfkommen lassen. Sie sahen nichts als eine unendliche Fläche, bedeckt mit losem, todtem Sande. So wie sie aber südlich vom Kap Blanco kamen, ward die Küste wirthlicher, und sofort siedelten sie sich ans der Insel Arguin 1452 an, um hier Schutz gegen widriges Wetter und feindliche llcbcrfällc zu finden und einen sichern Ausgangspunkt für ihre künftigen Unter nehmungen zn haben. Bis dahin hatten die Portugiesen noch ununterbrochen ihre Fehden gegen die mnhamedanischen Araber fortgesetzt. Für eine Anzahl bieser braunen Gefangenen, welche sie 1440 nach Lissabon geschleppt hatten,8 Einleitung. War ihnen von den Anverwandten derselben 1442 außer einem hohen Löse geld in Goldstaub eine entsprechende Anzahl schwarzer Sklaven gegeben worden. Dies gab die erste Veranlassung zu dem Sklavenhandel, der wie eine furchtbare Epidemie um sich griff. Von Arguin ans begann man Handels verbindungen mit den südlicher wohnenden Negerstämmen anzuknüpfen, welche den Portugiesen bald aus dem Innern des Continents Sklaven und Gold- stanb in ansehnlichen Mengen zuführten. Um diese Zeit beanspruchte der Negerkönig Bemoy, der von den Seinen vertrieben worden war, die Hülfe der Portugiesen, um durch ihren Beistand wieder in den Besitz seines Thrones zu gelangen. Man nahm ihn mit nach Lissabon, taufte ihn daselbst, erhob ihn zum portugiesischen Granden und gab ihm ein Wappen schild. Er erzählte von Völkern, die weiter im Süden wohnen sollten und die nicht Heiden, nicht Muhamedatter und nicht unähnlich den Europäern seien. Durch diese Mittheilungen glaubte man sichere.Nachweise des gesuchten Reiches des Johannes zu haben, ließ Bemoy den Vasallcncid leisten und begleitete ihn mit 20 Caravelen, vielen Landungstruppen, Werkzeugen n. s. w., um am Senegal zunächst eine sichere Niederlassung zu gründen, Festungen anzulegen und dann mit Bemoy's Beistand nach dem gcheimnißvollcn Priesterstaate vorzudringen. Unterwegs veruneinigte sich aber der Flottenführer Pcro Vaz mit Bemoy und ließ ihn auf seinem Schiffe ermorden. Eine auSbrcchende Pest vernichtete kurze Zeit darauf das Heer, und von der angelegten Festung blieben nur die Mauern übrig. Noch eine geraume Zeit hindurch setzten die Portugiesen von Arguin, vom Senegal und von einer dritten Ansiedelung an der Goldküstc, dcl Mina, ans ihre Erkundigungen nach dem Priester Johannes fort, schickten zahlreiche Gesandtschaften ins Innere und fanden überall gastfreund liche Aufnahme. Da sic das vielgesuchte Reich nirgends finden konnten, wen deten sic um so größere Aufmerksamkeit dem Gold und dem Sklavenhandel zu. Schon 1444 hatte man 200 Sklaven ausgeführt. Heinrich der See fahrer, dieser wissenschaftlich hochgebildete Mann, hatte vor seinem Tode noch die Freude, daß seine Fahrzeuge den Golf von Guinea durchkreuzten. Unter König Johann II. erreichte Bartholomäus Diaz das Kap, und 1498 ward das gefürchtete Vorgebirge durch Vasco de Gama das erste Mal umschifft; am 19. Mai desselben Jahres legten seine Schiffe in Calicnt an und hatten damit die große Aufgabe gelöst, den Wasserweg nach Ostindien aufzufinden. Gleichzeitig waren die Portugiesen auch mit der Ostküste Afrika's in Verbindung getreten. Ein kühner Abenteurer, Peter Covilham, drang 1490 bis nach Abessynien vor und fand an dem Hofe des Kaisers oder Negush, der damals in Schoa residirte, gastliche Aufnahme. Durch ihn wurde die Mutter des Regenten, Jteghe, bewogen, den Armenier Matthäus als Ge sandten nach Portugal reisen zu lassen, um unmittelbare Handelsverbindungen mit diesem Lande anzuknüpfen. Dieser erregte in Lissabon großes Aufsehen, und eine Gcgengcsandtschaft erfolgte, welche 1520 glücklich Massowah erreichte. Nach sechsjährigem Aufenthalt kehrte Alvarcz, der Kaplan der Gesandtschaft,Niederlassungen am Zambesi. Gallahorden. 9 nach Portugal zurück und überbrachte seinem König Johann die Briefe des Kaisers David. Als kurz darauf der Fanatiker Gragne den Kaiser von Abessy- nien init seinen Kricgsschaaren bedrängte, zogen 400 Portugiesen unter An führung des Gama den Abesspnicrn zu Hülfe und retteten jenes Reich von dem Untergänge. Am Kap der guten Hoffnung, ließen sich 1500 die ersten Ansiedler nieder, und in demselben Jahre fanden der Admiral Pedro Alvarez und Abrilus Fidalcus bei Sofala zwei maurische Schiffe, welche Goldstanb geladen hatten. Hierdurch wurden sic auf die Gegenden von Südost-Afrika aufmerksam ge macht, welche die Geldquelle für die ehemals sprüchwörtlichen Reichthümer der Araber waren. Ein Schiffbruch, den ein portugiesisches Fahrzeug an dieser Küste erlitt, gab Veranlassung, daß die ans Land geretteten Schiffer .die Gegend um den Zambesi näher kennen lernten und hier eine Niederlassung gründeten. Durch Verrath gelangten die Portugiesen 1506 in den Besitz der Feste Sofala und eroberten 1508 Mosambik. Leider zerstörten die neuen Besitzer durch Gewaltthätigkeiten das freundschaftliche Verhältniß, das zwischen der Küste und den Völkern im Innern bestanden hatte. Sic wollten sich nicht mit dem Goldhandcl befassen, wie er von den Arabern getrieben worden war, sondern sich in Besitz der Golddistriktc selbst setzen, in denen sic das edle Me tall massenhaft vermutheten. Im I. 1540 unternahm Franz Bareto unter der Negierung Sebastian's I. einen Raubzug beit Zambesi stromaufwärts, traf in den Gebirgen zwei kriegerische Stämme, bei welchen noch das Schlachten und Verzehren der Gefangenen gebräuchlich war, und gelangte endlich zu dem Gold distrikt. Keineswegs war aber hier der Goldstanb mühelos in Enipfang zu nehmen, sondern mußte mit Anstrengung gegraben und ans Erde und hartem Geröll ausgcsondcrt werden, Arbeiten, zu denen die Eroberer keine große Lust verspürten. Sic ließen eine Besatzung in einem errichteten Fort zurück, die freilich bald darauf durch einen Uebcrfall der Neger vernichtet wurde; dann schlossen sie einen Vertrag mit dem Oberhaupt von Monomotapa und schickten jährlich an diesen Fürsten eine Gesandtschaft, welche die ansbedungenen 20« > Stück feines Tuch unter großen Ceremonien zu dessen Füßen legen mußte. Gewaltsame Ereignisse bezeichnen in der Geschichte Afrika's die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Vielleicht durch Ucbcrvölkerung, vielleicht durch poli tische Mißverhältnisse veranlaßt, entströmen den Hochländern des inner» Afrika, welche uns bis jetzt noch unbekannt geblieben sind, zahllose Schaaren kriege rischer Negervölker. Die Bergneger (Galla) fahren in Booten den Weißen Nil herab, andere Horden fallen vernichtend in Abessynien ein und werden hier allmälig, ähnlich wie die Indianer des neuen Contincnts, zu einem gewandten Reitervolk. In ihrer äußern Erscheinung, mehr aber noch in ihren Sitten erinnern diese Galla an die Tatarenhorden, welche Europa über schwemmten. Die Haare in zahlreiche Zöpfe geflochten, dick mit Fett und Butter eingesalbt, der Körper fast nackt, die Faust mit vergiftetem Wurfspieß bewaffnet, zogen sic unter Anführung fanatischer Priester einher, welche unter10 Einleitung. dem heiligen Wanzabaume (Ooräia absss^nioa) günstigen Erfolg des Raub- zuges aus den Eingeweiden des Opferthieres gelesen hatten. Die glückver heißenden Gedärme trugen jene Zauberer dabei um den Nacken geschlungen, abgeschnittene Körpertheile der überwundenen Feinde hingen sic als Sieges zeichen in ihren Zelten auf und machten dadurch einen ryigleich widerwärti gen:, scheußlicher» Eindruck, als die Nothhäute Amcrika's und deren Medi zinmänner. Auch ihre von stinkenden Salben träufelnden Frauen, mit kur zem Lederwams und einer größtmöglichen Menge von Glasperlen geschmückt, bildeten sich zu fertigen Reiterinnen heran. Wären diese wilden Horden unter einem gemeinschaftlichen Führer ver einigt geblieben, wie dies anfangs bei ihnen der Fall war, hätte ihr Ver tilgungseifer gegen die christlichen Nachbarn sich nicht abgckühlt in demselben Grade, als sie in Eroberung fruchtbarer Lander glücklich waren, leicht hätte durch sie die ganze Geschichte des nördlichen Afrika eine andere Gestaltung er halten können. So aber geriethen sic unter einander selbst in Unfrieden über den Besitz der erworbenen Gebiete und machten es ihren Feinden leichter, ihnen erfolgreich zu widerstehen. Dieser Uneinigkeit ist es zuznschreiben, daß die meisten ihrer Stämme sich heutzutage im Zustande der Schwäche und Auf lösung befinden.Sklaventransport in Afrika. Blüte;rit des Sklavenhandels. Der Sklavenhandel. Die holländisch -ostindische Compagnie. Die Engländer am Gambia. Georg Thompson. Richard Jobson. Die spanzösisch-westindische Compagnie. Ambrosius Brnc. James Bruce. Seit Ferdinand der Katholische 1511 den Sklavenhandel bestätigt nnd die Einfuhr der schwarzen Arbeiter in Hispaniola (Hahti) erlaubt hatte, ent wickelte sich dieser Zweig der Spekulation in kurzer Zeit zu einer riesigen Aus dehnung. Engländer nnd Franzosen beeilten sich, noch eines guten Theils der Beute habhaft zu werden, welche die Portugiesen bis dahin ausschließlich in Besitz hatten. Auch sic legten, besonders unter Elisabeth und unter Louis XIV., Faktoreien an der Westküste Afrika's an und gründeten Compagnien. Es wurden zwar schon früher, ehe Europäer mit den Küstenvölkern Afrika's in Verbindung traten, in diesem Lande die Kriegsgefangenen nnd die Verbrecher als Sklaven verkauft, aber durch die außerordentlich vermehrte Nach frage nach dieser Waare und besonders noch durch die entsittlichenden Mittel, welche uian anwendetc, wurde dem Sklavenhandel und dadurch den gcsammtcn Volker- Verhältnissen eine veränderte Gestalt gegeben. Vermittelst Einführung starker12 Einleitung, Branntweine schuf man dem schon reizbaren Neger neue Leidenschaften und neue Bedürfnisse. Bei den Völkern ini Innern ist Europäer, Christ und Branntweinsäufer gleichbedeutend geworden, und es ist daher nicht, zu ver wundern, wenn besonders der muhainedanischc Theil der Bevölkerung, dem die Enthaltung von Spirituosen durch seine Religion zur Pflicht gemacht wird, mit Verachtung und Mißtrauen ans den nahenden Europäer blickt. Da die bisher gelieferte Menge Sklaven nicht ausrcichtc, unternahm man Kriegs- und Raubziige und stellte förmliche Jagden an, nur zu dem Zwecke, um Sklaven zu erhalten. Der einzelne Reisende wurde räuberisch überfallen und verkauft. Noch heutzutage wuchert das alte Ucbcl fort. Der Reisende Barth wap z. B. gezwungen, sich solchen Kriegcrziigen anzuschließen, welche ans den Sklavcn- fang auszogcn, und von Aegypten ans werden fast jährlich Kommandos nach dem Innern geschickt, welche die friedlichen Bewohner der nicht mnhamedanischcn Gebiete überfallen, diejenigen nicdcrmctzeln, welche sich widcrsetzen, und die übrigen in die Sklaverei schleppen. Der Transport wird gewöhnlich auf eine höchst rohe und für die armen Unglücklichen höchst qualvolle Weise bewerk stelligt. Zwischen eine Gabel/ von einem gespaltenen Baumast gebildet, wird der Hals geklemmt und fcstgeschnürt, die rechte Hand außerdem noch an den Ast befestigt und das andere Ende dieses Holzes an das Reitthier des Krie gers festgcbundcn. Der Sklave ist bei dieser Art des Transports nicht nur gezwungen, mit dem Thiere gleichen Schritt zu halten, er fühlt auch-jeden Tritt des letzter» durch einen erschütternden Ruck in seinem Körper und ver mag keinem Dornbusch, keinem Steine auszuweichen. Schrecklich ist die Zerrüttung, welche durch den gesteigerten Sklaven handel in allen Verhältnissen der Afrikaner hcrvorgcbracht wurde. Der trun kene Neger verhandelt daö eigene Weib und Kind. Die Heiligkeit der Ehe, die Familicnbande waren an allen jenen Küstengebieten längst vernichtet, an denen rohe europäische Matrosen mit den Eingeborenen in Berührung kamen. Ein Volk betrachtete das andere mit Mißtrauen. So zerstörten sich die Europäer selbst die Möglichkeit, weiter in das Innere des Erdthcils zu dringen, und die jetzigen Geschlechter Europa's, welche in liebevollen Absichten ihre Reisenden nach jenem Continente senden, ernten die üblen Früchte des Miß trauens, welches die Vorfahren gcsäet haben. Gleichzeitig wurde der Wunsch in Europa immer lebhafter, Ausführlicheres von dem gehcimnißreichen Erd- thcile zu erfahren. Zn dem Handelsinteresse, das nach Gold und Sklaven forschte, gesellten sich der religiöse Eifer christlicher Missionäre und das rein wissenschaftliche Interesse. Von allen Seiten wurden Versuche zum Vordringen gemacht, die wir natürlich nicht alle in ihren Einzelheiten anfführen können, sondern blos in ihren hervorragendsten Erscheinungen hier andeuten wollen. Die Versuche des Jesuiten Lobe 1624, unter dem Acqnator an dem Flusse Jubv an der Ostscite Afrika's stromaufwärts ins Innere zu dringen, mißlangen durch die feindliche Haltung der Gallastämmc, welche gerade um jene Zeit ihre Einfälle in Abessynicn begannen. Dagegen ward am Kap einSklavenhandel. Engländer. Franzosen. 13 sicherer Punkt dadurch gewonnen, das; die holländisch-oftindische Com pagnie hier 1652 ein Festungswerk anlegcn ließ, um die Schiffe zu schützen, welche bereits seit 1601 ans ihrem Wege nach Ostindien daselbst anlegten und Erfrischungen einnahmen. An der Westseite waren die Engländer und Franzosen eifrig ans Werk gegangen, um durch Thätigkeit und Anstrengung Das zu ersetzen, was sie den Portugiesen gegenüber durch bisherige Sänmniß zurückgeblieben waren. Die Engländer gingen besonders am Gambia, die Franzosen am Senegal stromaufwärts. Schon 1591 hatten Richard Rainold und Thomas Das sel versucht landeinwärts zn dringen, um unmittelbare Handelsverbindungen mit den entlegneren Völkern anzuknüpfen, waren aber durch die Eifersucht der Por tugiesen daran gehindert worden. Als im Anfang des siebzehnten Jahrhun derts der Kapitän Georg Thompson einen ähnlichen Zug machte, hatte das Unternehmen einen noch trauriger» Ansgang. Er ließ sein Schiff mit einer- schwachen Bemannung im untern Lauf des Gambia zurück und fuhr mit seinen Waaren in Booten stromaufwärts, lieber die Strome und deren Verlauf in Afrika herrschten damals noch gänzlich irrige Vorstellungen. Durch Namen ähnlichkeiten veranlaßt, war man zu dem Glauben gekommen, der Niger, Kongo, Gambia, ja selbst der Nil ständen im Innern durch größere Seen i» schiff baren Verbindungen mit einander. Leo Afrikanus, der den Niger selbst be fahren, hatte sich dadurch gänzlich über die Richtung, in welcher dieser Strom fließt, täuschen lassen, daß zur Regenzeit von dem großen Landsee, durch welchen der Fluß geht, in Folge des Wasserüberftnsses wirklich eine Rück strömung cintritt. Mit deren Hülfe hatte Leo die stromaufwärts von Tim- buktn gelegenen Handelsstädte erreicht und lebte der Meinung, stromabwärts gefahren zn sein. Thompson hoffte deshalb bis Timbuktu Vordringen zu können, um hier dessen Goldreichthum ans erster Quelle zn schöpfen. Wäh rend er unverzagt vorwärts geht, überfallen die Portugiesen verräterisch die zurückgelassene Mannschaft, ermorden dieselbe und vernichten daß Schiff. Man sendet nach England um Hülfe, aber ehe Richard Iobson 1620 mit drei Schiffen ankommt, um die Unthat.zn rächen, ist Thompson selbst erschlagen und die Portugiesen sind entflohen. Iobson dringt stromaufwärts bis nach Icrakonda und Oranto, wo Thompson eine Faktorei angelegt hatte. Salz bildete hier die Hauptmünze beim Handel. Im Januar 1621 schifft Iobson bis Barrakonda zu den Felskataraktcn des Gambia und wagt sich noch zwölf kleine Tagereisen zn Lande weiter. Allenthalben erfreut er sich gu ter Aufnahme und treibt besonders in 'Tenda, dem äußersten Punkte, bis zn welchem er gelangt, eine eigenthümliche Art stummen Handels, indem er dem Verkäufer Salz gegen Gold hinlegt. Im I. 1723 wurden durch Stibbs, 1732 durch Harrison und 1738 durch Moore Gambiafahrten veranstaltet.14 Einleitung. Ambrosius Brno. Der unternehmende Louis XIV. hatte 1664 eine Privathandelsgcsellschaft in Rouen in eine neue Westindische Handelscompagnie umgeschasfcn, welche ihren Bedarf au Sklaven hauptsächlich vom Senegal bezog. Unter den Direktoren dieser Compagnie zeichnete sich besonders Ambrosius Brue ans, welcher-durch mehrere Reisen im Stromgebiet des Senegal den franzö sischen Handel in Flor zu bringen suchte und die geographische Kenntnis; je ner Gegenden bereicherte. Seine erste Reise unternahm er 1607 mit drei Schiffen und mehreren kleinen Booten vom Fort Louis, der französischen Hauptfaktorei, aus. Bei seiner Fahrt auf dem Senegal stromauf, unmittel bar nach der Regenzeit, Ende Juli, traf er die reizenden Ufer des Flusses voll zahlreicher, glücklich lebender Menschen, die Auen voll Felder und Plantagen, die herrlich grünen Wälder voll lärmender bunter Papageien und Affen. Große Elcphantenherden durchzogen sumpfige Schilfdickichtc, und Flußpferde tauchten schnaubend aus dem Strome auf. So gelangte Brue bis zur'Jnsel Bilbas, nach Kahahde und Ghiorel. In Gumel auf dem rechten Senegal- nfer begrüßte er den König der Fulla's, der ihn herzlich mit Händeschütteln anf- nahm. Reiche Geschenke öffneten ihm den Weg bis zur Grenzstadt im Ge biet jenes Fürsten, Lahde. Die Franzosen machten glänzende Handelsgeschäfte und gründeten in Ghiorel eine Faktorei. Schon im folgenden Jahre (1698) machte Brue eine zweite Reise in einer großen Schaluppe voll Waarcn, um bis zum obern Senegal vorzn- dringcn. Er kaui an Tuato, Grenzstadt der Fulla's, gegen Galam vorbei bis Dramanet, welche letztere wichtige Sradt ihren Handel bis nach Timbnktn erstreckte. Die Felukataraktcn setzten dem weitern Vordringen eine Schranke. Welche glückliche Zeiten damals noch für den europäischen Handelsmann wa ren, ergiebt sich, wenn man erfährt, daß die Reisenden für einen Bogen Papier die fetteste Henne kaufen konnten. Außerdem machte Brue noch meh rere andcr.e Reisen, durch welche er besonders den Handel mit sogenanntem arabischem Gummi in Schwung brachte. Der Senegal bildet da, wo er sich in den Oeean ergießt, mehrere Arme und zwischen denselben ein äußerst frucht bares niederes Land. An diesen Stellen, von den Franzosen „Escale du desert“ genannt, stößt die sonncdurchglühte Sahara unmittelbar an das üppig bewach sene Delta, und hier liefern ausgedehnte Akazienwaldungcn bedeutende Men gen von jenem klaren, durchsichtigen Gummisaft. Durch Berbern (Mauren), welche jährlich zweimal zu bestimmten Zeiten, einmal im März und einmal im Dezember, herbeizogcn, wurden den Franzosen große Quantitäten davon zu- geschafft. Unter den nachfolgenden Direktoren der französischen Besitzungen am Senegal wurde besonders Adanson bekannt, der als Naturforscher 1749 —1750 das Gebiet am Unterlans dieses Stroms bereiste, und dessen An denken durch den nach ihm genannten. Niesenbaum Xdansonia, den Affen- brodbaum oder Baobab der Eingeborenen, verewigt ist.James Bruce. 15 James Bruce. Während durch den Handel im Westen Afrikas sich ein ziemlich reges Leben und Verkehren entwickelte, war der Osten halb in Vergessenheit gerathcn, bis derselbe durch den unternehmenden Schotten Bruce dem Interesse Euro- pa's wieder nahe gerückt wurde. James Bruce war den 14. Dez. 1730 in Schottland geboren. Von regem Eifer für Durchforschung fremder Länder durchglüht, benutzte er seine Stellung als Konsul in Algier dazu, um sich mit den orientalischen Sprachen vertraut zu machen, und ging zunächst 1767 nach Asien, um die Ruinen von Baalbek und Palmyra zu besuchen. Nach der Beendigung dieser Reise war sein Hauptstreben auf die Kenntnis; der Länder am Nil gerichtet. Die geheimnißvollcn Ruinen der untergegangenen ägyptischen Städte mit ihren rätselhaften Göttcrstatucn, ihren Gräberstraßen und ihrer unerklärten Bilderschrift übten ans die Ideenwelt des Europäers, der sich dem Studium des Alterthums gewidmet hatte, einen unwiderstehlichen Reiz aus. Hand in Hand mit dem Streben, in der Kenntuiß des gegenwärtigen und alten Aegypten weiter zu schreiten, ging daS Interesse für den Nil, die Lebensader und den alten Gott des wunderreichen Landes. Sein regelmäßiges jährliches Anschwellen und Sinken, von denn die Fruchtbarkeit Aegyptens, die Existenz aller Völker an seinen Ufern abhing, war Folge von Ursachen, welche in den Gebieten an seinem Obcrlgnf liegen mußten. In der Nähe der Nilgnellcn sollte der wunder bare „Tropfen vom Himmel" fallen, der jene Veränderungen bewirkte. Ans jene Länder wies gleicherweise die Geschichte der Aegypter vielfach hin. Von dort her mußten wiederholt Einwanderungen und Einfälle von Völkern statt- gesunden haben; dorthin hatten sich umgekehrt Tausende aus der Kriegcrkaste geflüchtet, als sie Psammenit vertrieb. In den Ländern am ober« Nil ver- muthete man die Schlüssel zur Erklärung vieler Näthscl von Aegypten zu fin den. „Die Quellen des Nils" wurden zum Losungswort. Bruce ging 1768 von Kairo den Nil stromaufwärts, um jene gcheimniß- vollcn Quellgebietc des großen Flusses zu erforschen; allein er vermochte nur bis Syene vorzudringen. Er fährt wieder bis Kenna zurück und schließt sich einer Karawane an, welche nach Kosseir am Rothen Meere zog. Von hier ans nimmt er seinen Weg an der Küste dieses Meeres hin, bis er im September 1769 in Masowah an der afrikanischen Küste eintrifft. Unter unsäglichen Beschwerden und Gefahren dringt er in das Innere Abcs- synicns vor. Nachdem er daö dürre Wüstengebiet der Küste, das nur sparsam mit armleuchterartigen Euphorbien und dornigen Akaziengebüschen bewachsen ist, durchzogen hat, klimmt er mühsam die waldigen Gebirge des abessynischen Alpenlandcs empor. Verschlungene Riesenbäume breiten ihre Wurzelgeflechte über einem Sumpfboden, den die von den Höhen herabstürzenden Gießbäche ununterbrochen wässern. Eine erstickend schwüle Atmosphäre brütet Fieberlust ans dem Schlammgruude, in welchem zusammengcstürztc, Adansonien modern16 Einleitung. und das dicht verschlungene Laubdach hundertstämmiger Feigen den nuötrock- nenden Strahl der Sonne zurückhält. Die Fußspuren zeigen dem von der feuchten Glut erschlafften Wanderer den Reichthum von Elephantcn, Nas hörnern, Antilopen und Hyänen, die hier ungestört hausen, sie zeigen ihm die Existenz der Schaugalla's, eines Volksstamms, der, widerwärtiger und ge fährlicher als das Raubthier, hier sein fast thierisches Leben führt. Mit ver giftetem Pfeile mordet er aus sicherm Hinterhalt den ungeschützten Fremden, um mit dessen abgerissenen Gliedern seine Höhle zu schmücken und die Braut zu erkaufen. Von schrecklichem Vergeltungsrechte getrieben, beginnen die um wohnenden Völkerstämme die allgemeine Jagd auf dieses Menschenwild, sobald die trockene Jahreszeit den Boden auf größere Strecken wegsam macht; die Einen fallen als blutige Opfer, die Anderen schleppt man gefesselt als Sklaven in die Ferne. Bruce entging glücklich den Gefahren dieser Region; sein Weg führte ihn immer höher durch jene Gebiete, in denen Eremiten, welche das Volk mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wähnt, in schwerzugänglichcu Felsenklausen wohnen. Die Hyänen, welche dort im Steingeklüft in größter Menge hausen, drangen keck selbst bis in Bruce's Zelt und er kämpfte mitten zwischen Instrumenten und Büchern gegen die gefräßigen Bestien mit Pike und Pistolen, um ■— seine Talglichte ans ihren Zähnen zu retten. So dringt er bis nach der Hauptstadt Abessyniens, nach Gondar, vor, dessen christliche Bewohner ihn friedlich aufnehmen. Die Blattern brechen als verheerende Seuche während Bruce's Aufenthalt in der Stadt ans. Bruce entwickelt unermüdlich und unerschrocken eine rastlose Thätigkeit, indem er den Leidenden beispringt und ihnen durch europäisches Heilverfahren vielfach Rettung bringt. Dadurch gelangt er sowol bei Hofe als auch bei dem Volke zn hohem Ansehen. Nachdem er so drei Jahre in Abessynien verweilt hat, setzt er sei nen Weg fort durch Gegenden, welche vor ihm noch kein Europäer wandelte, und dringt bis zu den Quellen des westlichen Nilarms vor. Von hier aus bedarf er ein ganzes Jahr, um durch Nubien nach Alexandrien zurückzukehren, wo er im Mai 1773 ankommt. Nachdem er elf Jahre in fremden Ländern gewandert, sehnt er sich wieder nach der Heimat. Erst längere Zeit nachher beschreibt er seine abenteuerreichen Fahrten und — ward deshalb allgemein der Lüge und Uebertreibung beschuldigt, bis erst in späteren Zeiten seine Mit theilungen in demselben Grade bestätigt wurden, als andere Reisende erfolgreicher vordrangen. Aber noch keiner seiner vielen Nachfolger chat die Nilquelleu wieder erreicht, keiner ist von so glücklichen Nebenumständen begünstigt worden, welche es ermöglicht hätten, ebenso weit in das Innere Ceutralafrika's von Osten her vorzudringcn wie er.Die Kämpfe gegen den Sklavenhandel. Die Quäker 1783. Kolonie' an der Küste Sierra Leons. Freetown. Sklavenbill 1788. Dänemark giebt seine Sklaven frei. Die Afrikanische Gesellschaft. LucaS. Ledyard. Hougtho». Die Niger- und Kongo-Erpedition. Mungo Park. Salt. Tukcy am Kongo. Peddie. Campbell. Kummer. Dorchard. Die Dänen in Guinea. Isert. Bowdich. Hutchinson. Clapperton, Oudney. Denham. Dearcc. Lander. Laing. Die Gebrüder Lander auf dem Niger. Allen. Bccrost. Ladislaus Magyar. Afrika hatte bisher vorzugsweise dazu dienen müssen, dem Handelsinteresse Gold, Elfenbein und Sklaven als Maare zu liefern j mit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann man den gemißhandelten Erdtheil von ganz anderen Gesichtspunkten aus anzusehem Von dieser Zeit au ward als heilsamer Gegen satz zu der Leidenschaftlichkeit, mit welcher der Handel mit Menschenfleisch ge trieben wurde, das Interesse der Philantropen auf den geknechteten Menschen stamm gerichtet, und die Stimmen, welche sich für die Menschenrechte desselben erhoben, wurden lauter und lauter. Fast gleichzeitig bildete sich die weiter unten näher zu besprechende Afrikanische Gesellschaft, die sich rein wissenschaft liche Interessen als Ziel setzte, indem sie Reisen ins Innere jenes Erdtheils veranlagte oder unterstützte. Die Quäker in Amerika waren die Ersten, welche 1783 in einer Stunde religiöser Begeisteru-ng ihre sämmtlichen Sklaven für frei erklärten. In Folge dessen entwarf vr. Smeathman bereits einen Plan, von diesen frei- gelassenen Schwarzen in dem Vaterlande derselben sofort eine Kolonie an der Sierra Leona anlegen zu lassen. Jenes Vorgebirge war von den ersten Buch der Reisen. II. 218 Einleitung. Entdeckern deshalb mit dem Namen „Löwengebirge" belegt worden, weil die Tornados mit ihren Donnerstürmen in den Felsen wirklich Löwen gleich brüllen und toben. Im folgenden Jahre 1783 lenkte I. Ramsay die all gemeine Aufmerksamkeit durch Veröffentlichung von Schriften auf die grausame Behandlnngswcise, welche sich die amerikanischen Pflanzer gegen die Sklaven erlaubten; die Universität Cambridge setzte einen Preis ans über die beste Geschichte des Nege-rhandels, den T. Clarkson gewann. Durch diese und ähnliche Bestrebungen ward das allgemeine Interesse in Europa und den Kolonien ans diesen Gegenstand gelenkt, so daß es kurz darauf Wilberforce gelang, eine Debatte gegen die Tyrannei der Pflanzer und Negerhändler in den Verhandlungen des Parlaments einzuführen. Zwischen England und seinen nordamerikanischen Kolonien brach jener Kampf aus, dessen Folge die Gründung der Vereinigten Staaten war. Durch diesen Kampf selbst wurden zahlreiche Negersklaven frei, traten in die Regimenter und fochten gegen ihre ehemaligen Herren; andere verließen mit ihren roya- listisch gesinnten Herren das Festland und siedelten sich mit denselben auf den Bahama-Jnseln und Nenschottland an. Da eine große Anzahl Neger sich nach Beendigung des Krieges nach London gewendet hatte und hier als Bettler beschwerlich ward, so bildete sich bald, ein Verein, der cs sich zur Aufgabe setzte, diese Freigelassenen zu unterstützen. I. Hanway und Granville Sharp standen an der Spitze dieses Comite. Jetzt nahm Dr. Smeathman seinen schon früher entworfenen Plan wieder auf, legte ihn dem Verein vor und fand dessen Beifall. Man erließ eine Aufforderung an freiwillige Ansiedler und sandte im Mai 1787 gegen 400 Neger und 60 Weiße als Kolonisten nach Sierra Leona. Nach mehrfachem Fehlschlagcn des Unternehmens durch Trägheit und Schlechtigkeit der Ansiedler, durch Krankheiten, Ueberfälle von benachbarten Negerstämmen und französischen Kriegsschiffen half sich die Kolonie doch immer wieder empor, und um die Hauptstadt Freetown entwickelte sich allmälig erfreulicher Wohlstand durck einträgliche Plantagen. Auch in Schwe den hatte sich eine Philantropische Gesellschaft gebildet, welche ähnliche Ab sichten wie der englische Untcrstützungsverein verfolgte, in ihren Erfolgen aber durch ausbrechende Kriege gehindert ward. Am 10. Juli 1788 ging im englischen Parlament in Folge von Sir William Dolber's Bestrebungen eine Sklavenbill durch, welche dafür sorgte, daß die Sklaven am Bord ausreichende Pflege erhielten. Der König von Dänemark ist der Erste, welcher 1792 seinen Unterthanen Kauf und Transport von Sklaven verbietet. Jm J. 1794 untersagen die Vereinigten Staaten die Wiederausfuhr der Sklaven, 1807 verbieten sie auch die Einfuhr derselben. England hatte 1806 die Ein fuhr in seinen Kolonien untersagt und 1807 für jeden Sklaven 100 Pfd. Sterling' Strafe gesetzt. Hand in Hand mit jenen menschenfreundlichen Be strebungen, geeignete Plätze zur Ansiedelung der freigelassenen Sklaven zu finden, gingen die Zwecke der oben genannten Afrikanischen Gesellschaft, die sich 1788 aus den vornehmsten und edelsten Gliedern der höheren Klassen der Be-19 Mungo Park. 2* wohner Englands gebildet hatte. Zwar hatte sich dieselbe ohne weitere.Neben zwecke nur die wissenschaftliche Erforschung Afrika's als Ziel gesetzt, allein es konnte nicht fehlen, daß bei einem so durch und durch praktischen Volke, wie es die Engländer sind, sofort auch anderweitige Beziehungen berücksichtigt wurden. So lag es sehr nahe, bei Reisen, welche die Afrikanische Gesell schaft veränlaßte, dem Sklavenhandel entgegen zu arbeiten und anderntheils sowol dit Eingeborenen auf Erzeugnisse ihrer Heimat hinzuweisen, welche sich zu Handelsgegenständen eigneten, als auch den englischen Manufakturen neue Absatzwege zu eröffnen. Lucas war der Erste, welcher im Aufträge der Afrikanischen Gesellschaft es versuchte, durch Fessan .nach dem Sudan zu gehen. Fehden, die zwischen den Araberstämmen ausgebrochen waren, zwangen ihn sehr bald zur Umkehr, und die meisten, zum Theil sehr interessanten Auf schlüsse, welche durch ihn veröffentlicht wurden, verdankte er einem angesehenen Scherif, Imhammed, der selbst weite Reisen nach den Rcgerläudern gemacht hatte und der ihn begleitete. Ledhard reiste gleichzeitig mit Lueas von Senaar nach Westen und wollte mit Letzterem im Innern des Landes znsammentreffen, starb aber in Folge des ungewohnten Klinias. Der Major Houghton sollte versuchen, vom Gambia aus den Niger zu erreichen. Im Königreich Bambuk ward er von räuberischen Horden, die sein Waarenreichthum augelockt hatte, überfallen und vollständig ausgeplün dert, und kam in Folge dessen um, da er aller Existenzmittel beraubt war. Mungo Park. Der erste größere Schritt in der Kenntniß des östlichen continentalen Afrika ward, ähnlich wie wenige Jahre früher auf der Ostseite, durch einen Schotten gethan, durch den muthigen und unternehmenden Mungo Park. Dieser höchst interessante Mann ward am 10. Sept. 1771 zu Fowls- hicls bei Selkirk in Schottland geboren, studirtc in Edinbnrg und ging daun als Wundarzt in Diensten der Ostindischen Compagnie nach Indien. Zu derselben Zeit, als er aus jenem Lande zurückkehrte, trafen in London die Nachrichten von dem Tode und dem verunglückten Unternehmen des vorhin genannten Major Houghton ein. Mungo Park erbot sich, die Durchführung jenes Planes zu versuchen, und fand die Gesellschaft bereit, ihn zu unterstützen. Am 22. Mai 1795 ging er nach der englischen Faktorei Pisaiua am Gambia ab und bereitete sich auf letzterer einige Monate lang besonders durch Erler nung der Mandingosprache zu seiner Weiterreise vor. Ms er danach, eben falls mit reichen Waarenvorräthen versehen, die Reise am Gambia stromauf antritt, geräth er unweit jener Stelle, wo sein Vorgänger, Major Houghton, den Tod fand, in die Gefangenschaft des maurischen Königs Ali. Vollständig ausgeplündert, ist Mungo Park hier fortwährend der rohesten Behandlungs weise und Lebensgefahren in dem Grade ausgesetzt, daß er voll Verzweiflung20 Einleitung. den Entschluß faßt, landeinwärts zu fliehen. Mit den größten Mühseligkeiten, Entbehrungen und Anstrengungen kämpfend dringt er durch Waldungen und Gebirge weiter. Der sumpfige Saum der weiten Waldgebiete wimmelt von Elephanten, zahlreiche Nebenflüsse des Gambia brausen schäumend über schwarze Felsenklippen, vielleicht Basalte, und durch enggerissenc, romantische Thäler. Wie anderwärts in solchen Gegenden, in welchen die feuchte Luft keinen Abzug hat, waren die Bewohner jener Gebiete durch Kröpfe verunstaltet. In den öden Bergthälern, welche durch Gebirgsbäche vielfach durchschnitten waren, entdeckte der irrende Europäer jene Golddistrikte, aus denen jährlich ansehnliche Masten Goldstaub sowol in den innern als in den auswärtigen Handel kämen und das Material zu den berühmten Filigranarbeiten Timbuktn's lieferten. Die Hügel, in welchen die Goldgruben angelegt waren, fand Park bestehend aus farbigen Thonschichten, die, je tiefer, desto goldhaltiger wurden. Die Goldminen waren Löcher bis 25 Fuß Tiefe und von 10—12 Fuß Umfang. Gegen 1500 solcher Schachte sollen in jenen Distrikten vorhanden sein. Be- sonoers Weiber waren zahlreich beschäftigt, um in Körben von Palmblättern die goldhaltige Erde zu Tage zu fördern und in Kalabassen zu schlemmen. In der Provinz Konkadu sah Park auch Gold in Quarzmassen eingeschlossen, die mit Hämmern zerschlagen wurden und unter dem Namen Goldstein be kannt waren. So dringt Park, fast drei Wochen laug halb krank und mit den größten Entbehrungen kämpfend, nach Osten vorwärts. Endlich am 20. Juli 1796, als er, ein armer ausgeplünderter Mann, sein Pferd in trüber Stimmung vor sich hintreibt, wird er durch den Ausruf der mitleidigen Neger, die ihn begleiten, aus seiner Schwermuth aufgeweckt: „Siehe das Wasser!" und der lange vergeblich gesuchte majestätische Nigerstrom glänzt ihm wie ein Silber spiegel in der Morgeusonne entgegen. Park trinkt von seinem Wasser, er naht sich der Hauptstadt Sego, der Residenz des Königs von Bambarra. Hohe Erdmaucrn umgeben sie; die Häuser, ein bis zwei Stockwerke hoch, bilden breite Straßen, und vielleicht 30,000 Einwohner entwickeln eine rege Geschäftigkeit. Hohe Moscheen überragen das Häusermeer. Ein außerordentliches Gedränge von Menschen herrschte an der Ueberfahrtsstelle. Lange ausgehöhlte Kähne, zu zwei und zwei zusammengebunden, dienten als Fähren. Zwei volle Stunden lang saß der Fremdling wartend am Ufer und sah dem sonderbaren Schauspiele zu, das noch keines Europäers Auge vor ihm erblickte. Reizende Dörfer zeigten sich in der Ferne, mitten im Niesenstrvme schimmerten lachend grüne Juieln, auf denen friedliche Hirten ihre Herden weideten, sicher vor den röth- lichen Löwen, durch welche die Buschufer des Flusses so gefährlich sind. Rei cher Fischfang beschäftigte Andere, wieder Andere der Landbau, der Handel ober die Ausübung der mancherlei Gewerbe. Park dringt stromabwärts am Niger bis in die Nähe von Sillah. Angesichts dieser großen Stadt muß er sich, von Krankheit gebeugt und durch feindseliges Benehmen der Einwohner gezwungen, zur Umkehr entschließen. Die Regenzeit tritt ein, der Strom be ginnt seine Ufer zu überschwemmen, allenthalben bilden sich Sümpfe, und nurMungo Park. 21 wie durch ein Wunder entkommt Park den Gefahren, welche ihm die Raub- thiere, die immer höher wachsenden Gewässer und die Witterung drohen. Im September kommt er im Königreich Maudingo zu Kamula an; dort bleibt er sieben Monate laug krank liegen. Die Menschlichkeit der dortigen Mandingo's rettete den armen Verlassenen. Park nennt diesen Stamm wegen seiner Sanft- muth und Intelligenz die Hindu's von Afrika. Mehr gelblich in der Haut farbe als die übrigen Neger, haben die Mandingo's gewöhnlich eine schlanke, schöne Gestalt, tragen Bärte und kleiden sich in Baumwollenstoste. Die meisten von ihnen sind dem Islam zugethan, der bei ihnen besonders deshalb leichten Eingang fand, weil er ihnen die Vielweiberei gestattete. Eine Kolonie dieser muhamedanischen Mandingo's, welche sich am oberen Laufe des Rio Grande niedergelassen, war bei den übrigen Volksstämmen in den Ruf besonderer Heiligkeit gekommen. Man achtete sie in demselben Grade, wie in Nordafrika die MarabntS. •—- Ein Sklavenhändler, mit dem Mungo Park nach seiner Genesung einen Contract abschloß, brachte ihn am 10. Juni 1797 wieder nach der englischen Faktorei am Gambia. Die Gastfreundschaft der Mandingo's lohnte er — mit dem Vaterunser, das er als Zanbcrmittel auf ein Blätt chen Papier schrieb. Mehrere Jahre lebte Park in England glücklich im Schooße seiner Familie, bis ihn die alte Reisclnst trieb, seinen früher» Plan, den weitern Verlauf des Niger zu erkunden, nochmals aufzunehmen. Da man immer noch an dem Glauben festhielt, daß der Kongo der Unterlauf des Niger sei, so beabsichtigte Park, ans dem Niger entlang zu schiffen und durch die Mündung des Kongo wieder in den Ocean zu gelangen. Die Expedition ward durch die Afrikanische Gesellschaft ziemlich bedeutend ausgerüstet. Mungo Park ward diesmal be gleitet von seinem nahen Verwandten Anderson, dem Maler Scott, 4 Schiffszimmerleuten, 2 Matrosen und 35 Freiwilligen von der Garnison in Goren. Kein einziger Neger der Kolonie war dahin zu bringen gewesen, mitzngehen. Der König von England hatte Park zum Kapitän von Afrika ernannt und 5000 Pfd. Sterling zu der Reise bewilligt. Am Kap Verd kauft Park 44 Esel und schifft den Gambia stromaufwärts bis Katzen, von wo er auch seine erste Reise begann. In letzterem Orte gelingt es ihm, einen sehr tüchtigen und treuen Mandingopricster, Isaako, zu gewinnen, der bereit ist, ihn als Führer und Dolmetscher zu begleiten. Unglücklicher Weise ist durch eine zahlreiche Menge kleiner Unfälle die Weiterreise verzögert worden, bis die Regenzeit vor der Thür ist. Selbst eingeborene Neger pflegen dann nicht zu reisen, aus Furcht vor den nachthciligen Wirkungen des Klimas. Park reist dennoch ab, und es beginnt nun ein entsetzlicher Kampf mit allen mög lichen Widerwärtigkeiten, der mit dem Untergange der ganzen Karawane endigt. Die Regenschauer werden von Tage zu Tage stärker, mehr und mehr von wütheuden Donnerstürmen und Gewittern (Tornados) begleitet. Auf mehr malige Durchnässung beginnen sich bei Einzelnem Fieberanfällc cinzustellen. Die Wiederholung derselben steigert den Zustand der Kranken bis zur Raserei,22 Einleitung. auf welche der Tod folgt. Mehrere Lastthiere sterben in Folge der Anstrengungen. Die Flüsse schwellen durch die anhaltenden Regen, und in gleichem Grade wird eS gefährlich, sie zu passiren; Negerstämme, deren Gebiet man durchwandern muß, erheben Schwierigkeiten, und einmal macht sogar ein gereizter Bienenschwarm beinahe der ganzen Expedition ein Ende, indem er sieben Packesel tödtet, viele Menschen schmerzhaft verwundet und die ganze Karawane zersprengt. Zwar führt der weitere Verlauf des Weges durch Granitgebirge von wunderbarer romantischer Schönheit; wilde Felsenzacken wechseln mit sanften, lachend grünen Thälern, aber Niemand von der Karawane ist in der Verfassung, landschaftliche Reize zu genießen. Spätere Reisende, welche unter günstigeren Verhältnissen die Gebirge Scnegambiens besuchten, haben uns durch Wort und Bild lebhafte Schilde rungen von den landschaftlichen Reizen entworfen, welche sich hier entfalten. Besonders bringen die Gebirgsbäche, welche durch die schroffen Abstürze der Felsen zu Katarakten gezwungen werden, in Gemeinschaft mit der üppigen Pflanzenwelt frisches Leben in die großartige Scenerie. Die bcigefügte Ab bildung, welche einen jener Wasserfälle, denjenigen von Kambagaga darstellt, ward von H. Hccquard, einem ehemaligen Offizier der Spahis, entworfen, der in den Jahren 1850 und 1851 diese Gebiete besuchte.*) Das Durchsetzen der reißenden, angeschwvllcncn Ströme war für Mungo Park's Reisezug mit den unerhörtesten Anstrengungen verbunden. Bei einer solchen Passage ward Jsaako, der Führer, von einem Krokodil gefaßt und konnte sich, obschon schwer verwundet, nur durch seine furchtlose Unerschrocken heit von, sichern Tode dadurch erretten, daß er dem Thiere mit den Daumen die Augen einstieß. Die Neger, durch deren Gebiet der Zug ging, bezeich- neten die Karawane als „Dummulafang", d. i. „ein zum Auffressen Aus gesandtes". Mungo Park muß der Treiber sejnes Pferdes sein, das, mit Reis beladen, matt und kraftlos vor ihm herschleicht. Die Hyänen und Löwen werden in ihren nächtlichen Anfällen immer dreister, so daß am 30. Juli alle Lastthiere aufgefressen oder durch Ermattung gefallen sind. Am Strome des Ba Wulli muß Park, obwol selbst ermattet und siech, seinen kranken Vetter Anderson auf dem Rücken durch die Fluten tragen und noch sechzehnmal hin und her waten, um alle Geräthschaften des Zuges hinüberschasfen zu hel fen. Bei jeder Station bleiben Kranke oder Todte zurück, und nur der An blick des letzten Gebirgszuges und der Gedanke, daß der jenseitige südliche Fuß desselben vom Niger bespült wird, erfüllt Park mit Hoffnung und Kraft zur Ausdauer. Mit Mühe steigen am 19. Aug. die letzten Neste der Ex pedition bei Bammaku die steilen Höhen hinab. Von 34 Soldaten und 6 Zimmerleuten kamen 6 Soldaten und 1 Zimmermann am Ufer des Niger an. Scott war gestorben, Anderson war todtkrank. Park sendet seinen Führer mit den Tagebüchern zurück nach der Gambiamündung und schifft sich den *) Eine ausführlichere Schilderung dieses prächtigen Naturphänomens findet sich in den „Buschjägern", S. 6. (Verlag von Otto Spamer in Leipzig, 1858.)'24 Sintettung. 16. Nov. 1805 mit bem letzten noch übrig gebliebenen Soldaten in einem selbstgezimmerten Boote, das er Sr. Majestät Schooner Dscholiba nannte, ans dem Niger (dort Dscholiba genannt) ein. Die Erzählungen von seinem Tode weichen von einander ab. Durch das feindliche Benehmen der Eingeborenen hatte er sich gezwungen gesehen, endlich auf alle Nahenden zu feuern, und war schließlich bei seiner Fahrt zwischen den Felsenriffen hindurch von den ge- reizten Schwarzen gelobtet worden. An der Ostseite hatte Henry Salt (geboren 1771 zuLichtfield) im Jahre 1802 den Lord Valentin ans dessen Reisen in Aegypten, Abessynien und Ost indien als Beobachter und Zeichner begleitet, und 1800 besuchte er mit einem reichbeladene» Schiffe die abessynische Küste abermals, besonders um Handelsver bindungen zwischen letzterem Lande und England herznstellen. Wenn er letztern Zweck auch nur zum kleinsten Theile erreichte, so verdankte man ihm doch viele Nachrichten über die Inseln und Küstenstriche des Rothen Meeres und die Bestäti gung vieler schon von Bruee gemachten und' in Europa bezweifelten Angaben. Seit 1817 zum ägyptischen Konsul erwählt, stellte,er im untern Nilgebiet eifrigst Nachgrabungen nach Alterthümerü an. Im Jahre 1816 rüstete die Afrikanische Gesellsehaft zwei Expeditionen gleich zeitig aus. Die eine unter Kapitän Tuckey, begleitet von dem Naturforscher Smith, beabsichtigte den Kongo stromaufwärts zu gehen und wo möglich mit der zweiten zusammenzntreffen, welche Mungo Park's Weg betreten und weiter verfolgen wollte. Beide schlugen leider fehl. Am Ausfluß des Kongo fand Tuckey das Uferland weithin durch die Schlammabsätze des Flusses gebildet und mit unendlichen Mangrovedickichten (Rhizopliora) bewaldet. Zwischen ihnen wucher ten besonders Chrysobalanen und bildeten undurchdringliche Waldmassen, über welche sich der üppigste Hochwald von Palmen, Cäsalpinien und anderen tro pischen Bäumen in den reizendsten Formen erhob. Der Botaniker vermochte nicht, durch das verworrene Unterholz in das Innere der Waldung einzudringen, und mußte, um Pflanzen zu sammeln, in den Kanälen entlang waten, welche sehr -zahlreich wie ein Adernetz das Sumpfland durchzogen. Unzählige kleine Inseln wurden ans diese Weise durch den Strom gebildet, und nicht selten ge schah es, daß mehrere dieser Waldinselu bei hohem Wasserstand vom Strome losgerissen und fortgeführt wurden. Die Mangrovebänme sind durch ihr eigen- thümliches Wachsthnm sowol mit Wurzeln als init Zweigen eng verschlungen, so daß sie, mitten im Strome hintreibend, bedeckt mit zahllosen Wasser- und Sumpf vögeln, dem staunenden Schiffer begegnen, lieber ruhigere Lachen breiteten See rosen (Nymphäaceen) und Zottenblnmen (Nsn^antlro«) ihre Blätter und pracht voll gefärbten Blüten wie gestickte Teppiche aus, förmliche Wälder des berühmten Papyrus wogten wie Saaten an den Ufern, und die merkwürdige Dumpalme (Hyphaena) mit zertheilter Krone wechselte mit den massigen Gestalten des riesi gen Baobab. Zwar ward die, Stille dieser üppigen Waldungen selten durch die Stimme eines Singvogels, desto mehr aber durch das gellende Kreischen zahlreicherTuckeh tmb Smith am Kongo. 25 Papageienschwärme unterbrochen, welche besonders am Morgen ihre Schlaf stellen in den Wipfeln der Bäume verließen, um plündernd in die Maisplan tagen der anwohnenden Neger einzufallen. Die Sumpfdickichte wurden be wohnt von Elephantenherden und Flußpferden, welche Niemand störte als die Ucberfällc der größeren Katzenarten, denn der Mensch schlug hier nur zeit- Mangrovebäume. weise seine Hütte auf hohen Pfählen über dein Wasser auf, um zu fischen oder Palmenwein zu gewinnen. Wo sich der Kongo in seine drei Hauptarme theilt, bespült er den Fuß der geheiligten Fetischfelsen, einer mächtigen Granitmasse, in welcher . Feldspathmassen von 100 — 200 Fuß Umfang eingebettet liegen. Ein geengt bildet der Strom dort Wirbel und regt die Phantasie des durch sie bedrohten Schiffers zu ähnlichen Bildern an, wie den Fischer des^Rheins26 Einleitung. an der Lorelei. Einzelne Adansonien krönen sonderbar die sonst nackten An höhen der Umgebung und bezeichnen die geheimnißreiche Wohnung des großen Geistes. Weiter stromauf traf die Expedition allgemein bebautes Land. Mais, zwei Hirsearten, spanischer und echter Pfeffer, Bataten, Tabak, Ananas, Bananen und Dam, Zuckerrohr, Limonen, Orangen und Kassava brachte das üppige Klima in reichlichem Maße zum Gedeihen, trotzdem daß die anwohnen den Neger durch den Verkehr mit den Sklavenhändlern, durch Trunksucht und andere Laster entsittlicht waren und einen Verdienst durch Sklavenhandel dem Ge winn aus Plantagen vorzogen. Tuckeh passirte zahlreiche Orte, in denen er, als eine merkwürdige Erinnerung an die Gebräuche Ostindiens, stets einen großen heiligen Feigenbaum auf dem Marktplatz als Versammlungsort an- gepflanzt fand. An den Katarakten mußten die Reisenden ihre Fahrzeuge zurück lassen, versuchten zu Fuße tiefer landeinwärts zu dringen, würben aber durch die Anstrengungen in einem ungewohnten Klima bald so geschwächt und ent kräftet, daß sie sich zur Umkehr gezwungen sahen, worauf sie im September wieder bei ihrem Schiffe an der Mündung ankamen. Mancher blieb als Opfer an den Ufern des Kongo zurück. Der andern Expedition unter Major P cd die war es nicht besser er gangen. Mit einem Militärkommando verfolgte Peddic im Frühling 1816 den von Mungo Park eingcschlagenen Weg, unterlag aber bald den tödtlichen Wirkungen des Klimas. Nach seinem Tode übernahm Leutnant Campbell die Leitung des Zuges. Der deutsche Naturforscher Kummer begleitete ihn bis zu den Quellen des Rio Robagga; dort starb Letzterer. Nur der Chirurg Dorchard drang mit einigen wenigen Begleitern bis an den Niger vor und gelangte ohne Hindernisse bis Jamina in der Nähe von Jabbi. Hier sollte er, bevor er weiter reiste, die Erlaubnis; des Königs abwarten. Da er aber letztere nach sechs Monaten noch nicht erhalten, mußte er sich zur Rückkehr bequemen und gelangte nach Bammaku. Von hier stammen seine letzten Nachrichten vom Mai 1819. Unglücklicher Weise war gerade zwischen dem König von Sego und seinen östlichen Nachbarn, wahrscheinlich den Fel- lata's, ein Krieg ausgebrochen, und kurz nach Dorchard's Ankunft in Bam maku starben das Oberhaupt von dieser Stadt und die beiden ersten Minister. Dies reizte den Aberglauben und Fanatismus der Einwohner gegen den Weißen, den man als die Ursache dieser Todesfälle bezeichnete, da bei Mungo Park's früherer Ankunft ähnliches Erkranken vornehmer Personen cingetreten war. Um dieselbe Zeit gelangte die Afrikanische Gesellschaft in London auf abenteuerliche Weise zu einigen Aufschlüssen über jenes Innere Afrika's, zu welchem noch keine der bisherigen Expeditionen vorzudringen im Stande war. Ein gemeiner Matrose A. Scott hatte sich bei einem Schiffbruch zwischen dem Kap Nun und Bojador an die Küste gerettet und war von den Mauren zum Sklaven gemacht worden. Sechs Jahre lang durchzog er mit seinem Herrn die große Wüste und gelangte unter Anderem mit demselben auch anIsert. Bowdich. Hutchinson. . 27 den See Dibbie, welcher vom Niger durchströmt wird. Hier lernte er den berühmten Wallfahrtsort Sibna Muhamed's kennen, das Mekka der west afrikanischen Muhamedaner. Nach seiner Rückkehr zur Küste glückte es ihm, seinem grausamen Herrn zu entfliehen und wieder nach England zu gelangen. Im Golf von Guinea waren besonders die Dänen vorgedrungen und zwar, im schroffen Gegensatz zu den Portugiesen, in einer höchst humanen Weise. Isert gelangte durch die flache, fruchtbare, weite Küstenlandschaft bis in die gesundere Bergregion und gründete schon 1792, anfänglich auf einer Insel im Rio Volto, später in der Landschaft Aquapim, eine Kolonie für freie Neger. Letztere wurden durch Europäer belehrt, der Pflug ward bei ihnen eingeführt und Jsert's Nachfolger, Flint, legte eine zweite nähere Kolonie bei Akrah an und ließ hier die Negerinnen im Bauniwollespinnen und in weiblichen Arbeiten unterrichten. Bowdich besucht den König der Aschanti'S in seiner Residenz und bringt mit demselben ein Bündnis; zu Stande. Hut chinson, sein Nachfolger, wiederholt 1817 mit reichen Geschenken versehen die Gesandtschaftsreise. Er durchzieht bei dieser Gelegenheit ein fruchtbares Thal, welches von Annamaboe nach Norden führt und mit prächtigen Waldungen bedeckt ist. Die höheren Berge zeigen losen Kiesboden mit großen Steinblöckcn bestreut, die Thalebene ist von schwarzem Humus gebildet. Baum wollen- und Eisenholzbäume bilden hier dichte Hochwaldungen, und die Rei senden müssen über hoch hervorstchendcs Wnrzelwerk, über nmgestürzte, ver modernde Stämme, mit Schmarotzergewächsen überwuchert, mehr klettern als gehen. Die einheimischen Führer und Lastträger betreten diese finsteren Wal düngen nur widerstrebend, mit Zittern und Furcht vor den Waldgeistern, und das vielfache Geheul der Raubthiere und Legionen leuchtender Insekten, welche die nächtlichen Lagerfeuer umschwirren, erinnern lebhaft an Scenen aus Dante's Hölle. Man gelangt nach der Stadt Prasoo, mitten zwischen Bergen aus Eisen steinen gelegen, überschreitet den Grenzfluß.Böhmen, dessen Wasser, nach dem Glauben der Neger, Beredtsamkeit verleihen soll, weshalb jährlich Biele zu ihm wallfahrten. Endlich erreicht man die Residenz Cumassie und knüpft Handelsverbindungen zwischen derselben und dem Kap Coast Castle an. Als Kulturgewächse trifft man besonders außer den vorherrschenden Hirseartcn Bataten und Dam. Die Sklaven sind wegen ihrer großen Menge so niedrig im Preise, daß einer für nur 2000 Kauri (Muscheln, ungefähr 8 Stück zu 1 Pfennig) oder für eine Hülse voll Gnrunüsse (Ktoroulin acuminata) weg- gegeben wird. Letztere Nüsse sind besonders deshalb beliebt, da sie dem bra- kigen Wasser, welches zur trockenen Jahreszeit streckenweise nur zu haben ist, einen angenehmen bittertt Geschmack verleihen und es dadurch trinkbar machen. Christliche und mnhamedanische Missionäre, von entgegengesetzten Seiten kom mend, treffen in Cumassie zusammen, und so sehr sie auch sonst in ihren Lehren von einander abweichen, arbeiten sie doch gemeinschaftlich und unermüd lich an der Abschaffung der Menschenopfer. Eigenthümlich erinnern die hier wohnenden Aschantineger durch ihre Gestalten und manche Sitten, selbst durchEinleitung. 28 . Sagen, welche bei ihnen fortleben, an die Bewohner des ober» Nilstroms, so daß man darauf gekommen ist, in ihnen ausgewanderte Stämme jener Gegen-, den zu vermnthen. Im Jahre 1822 durchreisten Clapperton, Oudney und Denham die Sahara von Tripoli aus. Sic entdeckten das Königreich Bornu und den Tschad-See. Südlich von Kuka, im Lande der Müßgu, hätte Denham beinahe das Ende seiner Reise' und seines Lebens gefunden. Er hatte sich hier, um weiter Vordringen zu können, einem Kriegsznge angeschlossen, welcher gegen die Fellata's ausrückte. Nachdem von den beutelustigen Krie gern mehrere kleinere Orte überrumpelt waren, fand man vor Mnsfcia hef tigen Widerstand. Denham wird bei der Flucht seiner Begleiter mit fort gerissen, sein Pferd stürzt; bereits mehrfach verwundet, reißt er sich von sei nen Verfolgern, welche ihn bereits ganz nackt ausgezogeu haben, los und sucht im Walde Schutz. Ein Waldbach mit hohem, steilen Felsennfer ver sperrt den Weg, die Verfolger sind dein Europäer auf den Fersen. Er ver sucht sich an einem Bänmzwcigc hinabzulasscn, sieht aber zn seinem Entsetzen, wie dicht neben seiner Hand sich eine Giftschlange aufrollt, um ihn zu beißen. Er läßt den Zweig los und stürzt in die Tiefe. Glücklicher Weise trifft er jenseits seine Begleiter und wird gerettet, obschon er in Folge jener Vorfälle Wochen lang an Geist und Körper krank darniederliegen muß. Clapperton drang durch Sudan nach Sokoto, der Hauptstadt der Fnlbe (Fellata's), vor und erfuhr dort, daß der Niger nicht weit davon entfernt sei. Dadurch ermuthigt ging derselbe Reisende 1825 mit Kapitän Pearce und zwei ande ren Männern von Badagrch an der Küste von Oberguinea (6^° n. Br.) aus nach Sokoto. Alle starben unterwegs bis ans Clapperton und seinen Diener, Richard Lander. In Sokoto starb Clapperton auch, und Lan der kehrte mit seines Herrn Papieren allein zurück. Während dein glückte es dem Major Laing, quer durch die Wüste nach Timbuktn zn gelangen, als der erste Europäer, der diesen Mittelpunkt dcö östlichen afrikanischen Handels erreichte. Leider ward er auf dem Rückwege von den Arabern ermordet. Nach ihm gelangte der Franzose Caillic nach demselben Orte. Richard Lander erklärte sich bereit, zu versuchen, wie weit er von Bnssah ans den Niger stromabwärts gelangen könne. Reichlich von der eng lischen Regierung unterstützt, machte er sich mit seinem Bruder John von Badagrh ans auf den Weg. Schon der erste Besuch bei einer schwarzen Majestät, dem König Adulets von Badagry, kostete den Reisenden einen großen Theil ihrer mitgenommenen Waaren, um sich durch diese Geschenke die Er laubnis; zn erkaufen, weiter reisen zn dürfen. Sie trafen den König in einer Hütte von Bambus ans einer Kiste sitzend. Zn seiner Seite waren einige Flin ten und Säbel, schmuzige Sonnenschirme und Pferdeschweifc aufgehangen. Seine Majestät rauchte fortwährend aus einer ungeheuren Pfeife und genoß in den Pau sen öfters zur Stärkung ansehnliche Mengen vom stärksten Branntwein. AduleyLander's Nlgererpeditione». 29 durchsuchte alle Kisten der Reisenden und nahm, was ihm gefiel •— und ihm behagte alles Mögliche; selbst kleine Kinderpfeifen bat er sich aus, um „in der Einsamkeit sich zu unterhalten". Bei einem Besuche, welchen die Reisenden dem König machten, fanden sie diesen ans einem Tische sitzend und mit den Beinen schlenkernd. Dabei verzehrte er mit vielem Behagen rohe Zwiebeln und vertheilte mit vieler Huld den Nest unter die Vornehmen. Zur Unter haltung waren in dem Gemach drei Kätzchen, an deren Schwänzen mit einem langen Faden Glöckchen befestigt waren; auch drehte ein kleiner Junge eine Orgel, um die Musik vollständig zu machen. Lander gelangte glücklich nach Bussah unh begann von hier aus mit vier Negern in einem offenen Boote seine Fahrt. Durch aufgespannte Regen schirme suchten sich die Reisenden gegen die verderblichen Wirkungen der Son nenstrahlen zu schützen. Sie kamen an der Stelle vorbei, wo der Benue seinen breiten Strom in den Niger ergießt. Mau hielt diesen Nebenfluß irr- thümlich für einen Abzugskanal des Tschad-See und nannte ihn deshalb Tschadda. In dem Marktorte Kiri wurden sie von Handelsleuten aus Eboc zu Gefangenen gemacht und vor den König Obi gebracht. Der König Boy von Braßtown, unfern der Nigermündung, kaufte sie frei. Diese glückliche Gefangenschaft schaffte ihnen eine sichere Beförderung den Fluß hinab und bewahrte sie besonders auch vor der Gefahr, in ihrem Kahn durch irgend einen unbesuchtcn Mündungsarm hülflos in den weiten Oeean zu treiben. Lander war sonach der Erste, welcher den Lauf des Niger bis zum Meere verfolgte und so das bisherige Dunkel über die Mündung des großen Stroms aufhellte. In Euland lauschte mau entzückt, als die beiden Brüder von dem Reich- thum an Elfenbein und Gvldstaub erzählten, den sie in den durchreisten Län dern getroffen hatten. Liverpoolcr Kauflcnte fanden sich dadurch veranlaßt, eine Handelsexpedition nach jenen Gegenden zu senden. Unter der Oberaufsicht von M'Gregor Laird und Richard Lander ging 1832 eine Brigg mit zwei Dampfbooten, dem Quvrra (nach dem Unterlaufe des Niger also be nannt) und Albürkah, nach der Mündung des Niger. Die Brigg sollte dort warten, während die beiden Dampfboote stromaufwärts gingen und die Ladung herbeischafften. -Leider kamen sie so spät an, daß der Fluß bereits im Abneh men war, und als sie die Einmündung des Benne erreichten, blieb eines der Schiffe sitzen und konnte erst mit der nächstjährigen Anschwellung des Stromes seine Reise fortsetzen. Bon 47 Mann Besatzung blieben nur acht am Leben. Laird kehrte, todtkrank und ganz entmuthigt, mit der Brigg nach Europa zw rück. Lander blieb noch. Kapitän Allen nahm den Lauf des Niger bis nach Rabbah hin auf und erforschte auch den Benue bis 80 Meilen yon der Mündung. Lander rüstete den Albürkah zu Fernando Po aus und schickte ihn unter Oldfield, dem überlebenden Wundarzt, den Niger hinauf. Er selbst folgte in einem offenen Kahn mit einem Ergänzungsvorrath von Gütern, ge- rieth aber schon im Delta auf eine Sandbank. Um das Boot wieder flott zu machen, lud er die Maaren aus, ward dabei von den Eingeborenen räu-30 Einleitung. berisch angegriffen und erhielt eine Schußwunde in den Oberschenkel, an welcher er wenige Tage darauf zu Fernando Po starb. Oldfield verzichtete auf alle weiteren Unternehmungen. Der nvrdamcrikanische Kapitän Becroft kam später noch 50 Meilen weit über Rabbah hinaus. Im Jahre 1841 veranstaltete die englische Regierung eine neue Unter nehmung nach dem Niger. Man beabsichtigte daselbst sogar eine Niederlassung zu gründen und nnt Hülfe einer Musterwirthschaft die umwohnenden Neger zur Civilisation zu erziehen. Außerdem sollten mit den verschiedenen Fürsten Handelsverträge abgeschlossen werden. Es waren zwei große Dampfer, der Wilberforce und Albert, ein kleiner, der Sudan, und das Lastschiff Amelia zu dieser Expedition ausgerüstet. Sie führten unter Anderem auch eine Anzahl Maschinen für den Ackerbau. Am 15. August lief man in den am besten zu befahrenden Nigerarm, den Nun, ein und kam stromaufwärts bis zur Mün dung des Benne. Bon hier kehrten der Sudan und der Wilberforce unter Kapitän W. Allen am 19. Sept. nach der Küste zurück; fast die ganze Mann schaft war krank. Der Albert ging unter Trotter's- und Bird Allen's Leitung bis Egga. Die Aethiope unter Kapitän Becroft traf ihn an und nahm ihn ins Schlepptau, da die Mannschaft durch Krankheiten dienstunfähig geworden war. Die Amelia hatte man bei der Mnsterfarm gelassen. Larr, dem man die Leitung derselben übertragen, hatte sich zur Herstellung seiner Gesundheit nach der See begeben müssen und ging dann in Negerkähnen, mit Waaren versehen, wieder nach der Farm zurück. Man hat nie wieder etwas von ihm erfahren, vermuthlich ist er schon im Mündungsgebiet ermordet worden. Leut nant Webb ging noch einmal den Niger hinauf, um die Leute auf der Nieder lassung wieder einzunehmen, wenn es nöthig sein sollte. Wirklich fand er daselbst Alles so in wildester Unordnung, daß er die Mannschaften an Bord nahm. 53 Menschen hatten bei dieser Expedition ihr Leben verloren. Den Kongo hat neuerdings, 1848, Ladislaus Magyar bereist und seine Erlebnisse und Beobachtungen veröffentlicht. Er erzählt, daß die Be wohner des Mündungsdeltas ein kräftiges, schön gebautes Geschlecht sind, besonders geschickt im Schiffbau und gewandte Seeleute. Manche ihrer Schiffe transportiren 400—500 Sklaven nach Brasilien. Pferde und Rinder sind bei ihnen unbekannt, dagegen pflegen sie Schafe, Ziegen, Schweine und Hüh ner und bauen Mais, Mandioka, Mandubi, Tabak und Bohnen. Die mei sten tragen Baumwollenstoffe^ als Kleider, welche sie von den Sklavenhändlern als Tauschmittel erhielten. Die Frauen schmücken sich besonders mit Glasperlen. Der Kabendastamm bildet unter mehreren Häuptlingen eine aristokratische Re publik, in welcher die bevorzugte Kaste eine weiße, aus den Wurzeln einer smilaxartigen Pflanze verfertigte sehr schöne Mütze als Abzeichen trägt. Je vornehmer ein Todter ist, desto später wird er begraben. Häuptlinge läßt man wol ein volles Jahr lang auf einem Gerüst, mit Kleidern bedeckt, liegen. Menschenopfer finden hierbei nicht statt, wol aber sucht man durch die Wahr sager die Ursache und den Urheber des Todes zu erforschen.Fata Morgaiia, Neuere Reisen in Nord -- und Central - Afrika. Französische Expedition utitev Napoleon. Ehrenberg. Lepsius. Nüppell, Ruffegger, Heuglin. Harris. Richardson, Overweg', Barth, Vogel. Die nördlichen Länder Afrika's sind von Europäern vielfach besucht wor den, besonders seit der Besitznahme Algiers und seit denl Ucberwiegen euro päischen Einflusses am Hofe von Alexandrien. Schon als Napoleon 1801 Aegypten besetzte, war gleichzeitig seine Auf merksamkeit darauf gerichtet, den altklassischen Boden auch wissenschaftlich er obern zu lassen. Eine Abtheilung französischer Gelehrter untersuchte das in teressante Land nach den verschiedensten Beziehungen hin und lenkte den Strom der reiselustigen Europäer nach den Ufern des Nil. Der bekannte Professor Ehrenberg bereiste gemeinschaftlich mit Hem- prich das nördliche Wüstengebiet und pilgerte von Oase zu Oase. Sein Forscherauge machte auf ein Leben innerhalb des öden Gebietes aufmerksam, das bisher von den Handelsreisenden übersehen worden war. In Sandstein gebirgen, ähnlich den Bildungen der Sächsischen Schweiz, sielen ihm zahlreiche versteinerte Palmenstämme auf, von denen viele als Wegzeiger aufgerichtet waren. Auch Dikotyledonenstämme, von'Quarz durchdrungen, fanden sich häufig; sie ähnelten sehr der noch jetzt daselbst wachsenden Mimose Aolhe. Selbst in dürrer Sand- und Felsengegend begrüßten die Reisenden erfreut die vielfach befabelte Rose von Jericho, die Auferstehungsblume (^.nastatioa hiero- chuntica), deren trockene Stengel das Lagerfeuer trefflich unterhielten, und32 Einleitung. reiche Flechtenlager bedeckten die Steingerölle. Ganze Strecken waren von ihnen schneeweiß gefärbt (besonders durch Parmelia saxatilis und mehrere Arten Urceolaria). Unterstützt durch den kunstliebenden König von Preußen stellte Professor Lepsius vielfache Ausgrabungen in den Städte- und Tempelruinen Aegyp tens an, und den vereinten Anstrengungen der alterthumskundigen Gelehrten Europa's gelang es, den Schlüssel zu der geheimnißvollen heiligen Bilder schrift der alten Priester aufzufinden. Auch Abessynieu ward wieder vielfach in Angriff genommen. Rüppell und Russegger haben die dortigen Alpen und die Umgebungen des Sees Tsana gründlich durchforscht und Heuglin durch seine Reise neuerdings in teressante Beiträge über jene Gegenden geliefert. Er begleitete eine Gesandt schaft, welche im Aufträge der österreichischen Regierung freundschaftliche Be ziehungen und Verträge mit den einzelnen Fürsten in Abessynien herznstellen beabsichtigte, um dem Handel neue Wege,zu öffnen. Kriegsunruhen zwangen auch diese Expedition, wie so viele frühere afrikanische, zur Umkehr, und der Chef der Gesellschaft fiel der nachtheiligen Einwirkung der Regenzeit zum Opfer. Harris in Schon. Um einen Blick auf die Art der afrikanischen Reisen zu werfen, wie sie gelbst in der Gegenwart noch stattfinden, begleiten wir die Gesandtschaftsreise, mit welcher Harris in den Jahren 1841 —1843 nach Schoa, an der Ost seite des Continents, vordrang. Bon Bombay aus waren die Abgesandten der englischen Nation mit einer Dampffregatte nach Tadschura an der Aden gegenüberliegenden Küste gesegelt. Diese Residenzstadt eines arabischen Sultans liegt am Fuße des steilen Berges Ras Dekhan („das rauchende Vorgebirge"), dessen Scheitel ge wöhnlich flockige Wolken krönen und an dessen Fuß eine warme Quelle sprudelt. Der Ort besteht aus ungefähr 200 kegelförmigen Häusern, von unbehauenen Stämmen aufgeführt 'und von Mattenwerk, aus Palmenblättern geflochten, bedeckt. Die Umgebung wird von terrassenförmig aufsteigenden Korallenkalkstein und basaltischem Trapp gebildet und ist höchst malerisch. Die Brunnen mit süßem Wasser waren von Dattelpalmen überschattet und der weiße sandige Meeresstrand von einem Streifen saftiggrüner Makanni (Zwergmimosen) gesäumt. Der Sultan, bei welchem die Reisenden ihre Aufwartung machten, bot eine höchst unfürstliche Erscheinung dar. Er war eine altersschwache, aus gemergelte und todtenblasse Gestalt, auf einen langen, hexenmeisterlichen Stab gestützt. Ein grober Baumwollenzeugmantel, ein blaues gewürfeltes Umschlage- tuch um die Hüfte und ein umfangreicher, gerade auf dem Gipfel seines ab geschorenen Scheitels aufsitzender Turban bildeten seinen Anzug. Er und sein Gefolge starrten von Fett und Schmnz. Ein mächtiger Koran in Quart ruhte unter dem linken Arme auf einem, messingbeschlagenen Säbelmesser undHarris' Steife iit Schoo. 33 feine erlauchte Person schirmte weiter noch gegen bösen Einfluß ein mit my stischen Amuleteu und allerwirksamsten Bannsprüchen dicht besäter Gürtel. Das tief^efurchre, ebenholzschwarzgläuzende Gesicht befranste ein stoppliger weißer Bart; in allen Zügen war Grausamkeit, Berschlagenheit und schmuzige Hab sucht aufs Deutlichste ausgeprägt. Schauerlich ist die Schilderung, welche Harris von einzelnen Stellen des Weges entwirft, welchen der Reisezug einschlagen mußte, um nach dem Innern zu gelangen. „Als der abnehmende Mond", so erzählt er, „in der folgenden Nacht um 2 Uhr aufging, erhoben wir uns von unserem Lager, um durch den klaffenden Schlund das Nah Isah zu ziehen. Er hat seinen 'Namen „rie Straße der Isah", weil ihn gewöhnlich jener feindliche Stamm des Somali volkes zu häufigen Fehde- und Raubzügen in das Land der Danakil zu seinem Pfade wählt. Ein tiefgezackter Riß in der Hochebene windet sich wie ein Drache der alten Märchenwelt durch die Eingeweide der Erde über die! Meilen weit hin mittagwärts. Dunkle brandbranne Basaltmassen khürmen sich s.Ut recht zu beiden Seiten über einander und ragen bis zu einer Höhe von 5— 600 Fuß auf. Der gefährliche Steig gewährt kaum Weite genug für eines Kameels Tritt und führt auf einem Abfall von l l / 2 Fuß auf je drei sich fortdrehend in die düstere Tiefe unten. In der schauerlichen Schlucht warf das unsichere Mondlicht zuweilen bei Windungen der Straße einen glitzernden Blick auf die Speerspitzen der Krieger« Kein Laut ließ sich hören außer der Stimme der Kameeltreiber, die ihre stolpernden Thiere zum Weitergehen mit den liebkosendsten Ausdrücken beredeten. Oben von Felszacke zu Felszacke huschten die verstohlenen Gestalten etlicher wilden Beduinen, deren Waffen und wirre Locken im Mondstrahle leuchteten. Glücklich indessen in die taghelle Freie gelangt, begrüßten wir bald dar auf zum letzten Male den Spiegel der inneru Bai. Daun wandte sich die Straße durch das einsame, vulkanisch zerklüftete Marmorikothal und über ausgebrannte Basaltkrater, bis am Fuß des hohen kegelförmigen Tschebel Siaro funkelnd und glitzernd, umgeben von tanzender Luftspiegelung, der weltberühmte Assalfee sich unseren Blicken aufthat. Ein länglich rundes Becken, sieben Meilen im Durchschnitt, halb mit glattem Wasser vom tiefsten Himmelblau augefüllt und halb mit einer ge diegenen Masse von glitzerndem schneeweißen Salz, auf drei Seiten von gewaltigen kahlen Bergen eingegürtet, welche ihre Sohlen in diesen weiten Napf hineintauchen, und auf der vierten von rohen, durch die unbegreiflichsten Spalten zerklüfteten und getheilten Lavafelsen, ruht dieser tobte See mit seiner von keinem Lüftchen gekräuselten starren Oberfläche 570 Fuß tief unter dem Spiegel der benachbarten Bai, von der er einst, ehe die Wand der Lava sich dazwischen legte, einen Theil bildete. Eine dicke Schicht von krystallisirtem Salz erstreckt sich von den Ufern tief hinein in den See und ersetzt sich, wo sie entfernt wird, in kurzem wieder aus dem salzübersättigten Wasser. Buch dcr Rcisc», II. Z34 Einleitung. > UeBer schroffe Abstürze von Basalt und Lava, mit Tafeln schneeweißer Kreide Besetzt, von denen die erBarninngslosen Strahlen der Sonne mit ver nichtender Glut zurückgcworfen wurden, führte der Steig uns in die Dsche- hcnna (Hölle) des Salzsees hinab. Ein dumpfiger, giftiger, den Athem ver setzender Gestank stieg ans dem Pfuhl herauf. Die Luft war entzündet von Säulen brennenden Sandes, die in schneller Aufeinanderfolge sich hoch in den Blendenden Dunstkreis anfthürmten, und die zornige Sonne, stand, ^riner Metallkugel in weißer Glut gleich, in voller Lohe des Mittags am wolken losen Himmel. Menschen und Thiere litten in dieser Stickluft von 43° R., die kein Lusthauch kühlte, kein Schatten erträglicher machte, entsetzlich. Die Angen schmerzten unerträglich, und ein unbezähmbarer Durst stellte sich ein, der von dem vorhandenen Vorrath faulenden Wassers in frischen, stinkenden, mit altem Talg und Lohrinde beschmierten Bockshäuten mehr angefacht als gelöscht wurde. Zwölf schreckliche Stunden brachte die Reisegesellschaft in diesem Vorhofe der Hölle zu, bis endlich nach Mitternacht das Mondlicht in die bewegungslose Oberfläche des verfluchten Sees tauchte und die Karawane den jähen Kamm des vulkanischen Beckenrandes hinanstieg. Aber überwältigt von Hitze und Durst sanken Menschen und Thiere am Wege nieder, und als der Tag wieder anbrach mit dürrender Glut, wurden selbst die Muthigsten verzagt. Da erschien ein Retter in der Noth in Gestalt eines Kameeltreibers mit wohlgefülltem Wasserschlauch. Der kleine Vorrath reichte hin, um davon jedem sterbend hingestrecktcn Leidenden über das Gesicht und in die vertrocknete Kehle zu gießen und neues Leben einzuflößen, und in später Stunde kamen, geisterhaft hohläugig, erschöpft gleich Männern, welche so eben dem Todes- rachcn entrannen, nach und nach Alle ins Lager gewankt. Bei Gnnguntch, einem tiefen Bergriß mit einem klarrinncndcn Bächlein, war es, wo der Schanderzug durch das grause Tchama endete und Thicren und Menschen gestattet war, in ungemessencn Zügen ein kühles, wenn schon etwas salzig schmecken des Naß zu schlürfen. Von der Hitze am Salzsee kann der Umstand einen Begriff geben, daß 50 Pfd. wohlvcrpackter Walrathlichter so vollkommen ans der Kiste wegschmolzen, daß blos ein Bündel Dochte übrig blieb. Im engen Thale von Gnngnnteh rasteten wir die Nacht und den fol genden Tag. Aber in der zweiten Nacht crgcllte nach Mitternacht plötzlich ein wilder Angstschrei, der das ganze Lager aufschrcckte. Zwei Soldaten unseres Trnppengeleites und ein portugiesischer Diener lagen in ihrem Blute, von einem Jsahbeduincn im Schlafe ermordet. Kein Raubversuch lag der scheußlichen That zu Grunde, sondern die Sucht nach Ruhm, denn unter den rohen Horden Ostafrika's wird der Mnth des Mannes nach der Zahl der von ihm Getödteten geschätzt, gleichviel ob das Blut im Kampfe oder durch Meuchelmord geflossen ist. Jedes neue Opfer gicbt dem Mörder das Recht, eine weiße Straußenfeder im wolligen Haar sehen zu lassen, am Arme eine kupferne Spange mehr zu tragen und den Griff seines bluttriefenden Dolches mit noch einem Beschlag von Silber oder Zinn zu schmücken."Harris' Reise in Schon. Zs> Fünfunddreißig Tagemärsche waren erforderlich, ehe die Reisenden nach Farri, der Grenzstadt Schoa's in der Provinz Jsat, gelangten. Hier in Abessynien zeigte die Landschaft den schroffsten Gegensatz zum glühenden Küstengebiet. Man betrat ein grünes, liebliches Alpenland. Jeder fruchtbare Hügel erschien von einem Dörfchen gekrönt, jedes Thal lieblich von einem krystallklaren Bache durchströmt und von Viehherden bevölkert. Die kühle Bcrgluft wehte Düfte der Hainrose und des Jasmins, von dem mit Kleeblüten, Maßliebchen und Ranunkeln geschmückten saftigen Rasen stieg bei jedem Tritte des Wanderers der Würzegeruch des Thymians und der Pfeffcr- münze ans. In der Marktstadt Mo Amba mußte die von 600 Lastträgern begleitete Gesandtschaft lange Zeit liegen bleiben, bis die Erlanbniß des Königs eintraf, daß sie vor ihm erscheinen dürften. Endlich waren die Engländer so glücklich, ihre reichen Geschenke, unter denen 300 Bajonnetflintcn und zwei Kanonen waren, seiner allerchristlichsten Majestät von Schon überreichen zu dürfen. Harris und seine Gefährten begleiteten den König sowol auf seinen Jagden, als auch auf einem Raubzuge gegen die Galla, bei welcher Gelegenheit der König selbst, beschützt von einem Gefolge von 5,000 Mann, einen umstellten Galla, welcher sich auf einen Baum geflüchtet hatte, verwundete und zum Gefangenen machte. Da auf der einen "Seite die Priester des Landes den Engländern als Ketzern entgegenarbcitcten, auf der andern, durch einen Par- lamcntswechsel veranlaßt, die weiteren Unterstützungen von der Heimat ans aufhörten, so war die Gesandtschaft genöthigt, wieder den Heimweg anzutreten, nachdem man vielfach Gelegenheit gehabt, die barbarischen Sitten jenes Volks stammes, sowie die Natur des Landes kennen zu lernen. Dem Missionär Di'. Kr apf, welcher nachher abermals nach Schoa cindringen und sein be gonnenes Bekchrnngswerk fortsetzen wollte, ward die Erlanbniß dazu beharr lich verweigert, und er selbst sah sich gezwungen, sich nachmals südlicher zu wenden, um eine Bekehrung der Galla zu versuchen.36 Einleitung. Dr. Barth und seine Gefährten. Am berühmtesten und erfolgreichsten ist neuerdings die Expedition geworden, welche, durch die englische Regierung veranlaßt, die Reisenden Nichardson, Overweg, Barth und Vogel in das Innere von Sudan unternahmen. Sie beabsichtigten gleichzeitig, die Völker, welche sie berührten, zur Abschaffung des Sklavenhandels zu veranlassen, Handelsverbindungen anderer Art mit ihnen anzuknllpfen und die Beschaffenheit ihrer Wohnplätze, sowie ihre Ge schichte kennen zu lernen. Am 24. März 1850 traten die ersten drei der genannten Reisenden ihren Weg von Tripoli aus an und durchschnitten die Sahara, um in die Negerstaaten im Innern einzudringen. Am 6. Mai er reichten sie Mursuk, die ansehnliche Hauptstadt von Fessan, und versuchten bei dem anarchischen Zustande, welcher in den nun zu durchwandernden Ländern herrschte, den Schutz der angesehensten Asgar-Häuptlinge zu erlangen. Auf dem Weitermarsche nach Rhat kam man an einem phantastisch geformten Gebirge, der sogenannten Geisterburg, vorüber, in welchem Barth Sculpturcn oder sonstige Alterthümer vermuthete und deren Untersuchung ihn deshalb so reizte, daß er sich zu einer Fußpartie dorthin entschloß, da ihn die Araber aus Ge spensterfurcht um keinen Preis zu Kamcel begleite» wollten. Mit nur unzu reichenden Lebensmitteln und einem Wasserschlauch versehen, brach er am 15. Juli des Morgens allein auf. Er gelangte, dort angekommen, an eine tiefe Schlucht. Durch das Hinab- und Hinaufklettern wurden seine Kräfte bei der drückenden Hitze erschöpft. Da er seine Erwartungen an den erklommenen Felsen ge täuscht fand, sein Wasservorrath zu Ende und seine trockene Speise ihm bei seinem Zustande ungenießbar war, versuchte er mit dem letzten Aufgebot von Kraft einen Brunnen aufzufinden, von dessen Dasein er gehört hatte. Er ver irrte sich, gab mit Pistolenschüssen Nothstgnale, die aber unbeantwortet blieben, und schleppte sich endlich ganz erschöpft zu einem mächtigen, aber in dieser Jahreszeit blätterlosen Ethelbaume, um hier die Nacht zuzubringen. Die Hüt ten, welche er hier antraf, waren leider ohne Bewohner. Während er aui Horizont die Lagerfeuer der Kafla wahrnehmen konnte, hatte er nicht die Kraft mehr, ein Signalfeuer anzuzünden. Wiederholte Pistolenschüsse blieben aber mals unbeantwortet; den erquickenden Schlaf verscheuchte die fieberhafte Auf regung. Mit dem neuen Morgen kam auch die verzehrende Glut der schreck lichen Sonne. Wilde Phantasien umgaukelten den Unglücklichen; da drang um Mittag der Schrei eines Kameels in sein Ohr, ein Reiter, der ihn suchte, zeigte sich und rettete im entscheidenden Augenblick den Verschmachtenden. Am 23. August hatten die drei Christen einen sehr ernsthaften Raubanfall der Tuariks auszuhalten, der nichts weniger als ihren Tod und die Plünderung ihrer Güter zum Zweck hatte. Die Furcht, welche die Räuber vor deu Bajonnetflinten der Reisenden hatten, ein theilweises Preisgeben ihrer Reiseeffekten und besonders das rechtzeitige Erscheinen einer Rciterschaar, welche ein befreundeter Fiirst als Eskorte sandte, rettete die Bedrängten vor dem drohenden Untergange.37 Nichardsou, Overweg und Barth. Tuariks der Sahara. ägyptischen Taube gesellte sich der Wiedehopf, und die zahlreichen Affen stiegen, so oft sie sich unbemerkt glaubten, von ihren sicheren Verstecken herab, um einen Trunk Wasser zu erhalten. Zur Nacht ließen sich freilich auch die Stimmen der Hyänen und Schakale vernehmen, und zwischendurch hallte das ferne Ge brüll eines Löwen. Barth machte einen Abstecher nach Agades, das einst so wichtig war wie Timbuktu. Er war daselbst Zeuge von dem Abmarsch der Unter dem Schutze dieser Begleiter erreichten die Reisenden am 4. Sept. die lieblichen Thäler von Air, dieses Alpenlandes der Wüste, dessen Bewohner aus einer Vermischung der Berber und Neger entstanden sind. Nach den vorher durch wanderten Oeden erschien die Natur hier doppelt schön. Der üppige Pflanzen wuchs athmete tropische Fülle, unv durch die dichtbelaubten Kronen mächtiger Mi mosen, schwirrten Ammern und Finken mit fröhlichem^Gezwitscher. Zu der kleinen38 Einleitung. jährlichen großen Salzkarawane, welche angeblich 10,000 Kanieele zählte. Die drei Reisenden hatten sich beim Eintritt in den eigentlichen Sudan getrennt, um desto ausgedehnter Land und Leute kennen zu lernen. Richardson erlag aber bald dem verderblichen Einfluß des Klimas und Barth traf nur sein Grab und später sein Gepäck. In Kuka erhielt Barth von einem Araber Nachrichten über das Reich Adamaua, das im Süden von Boruu und dem Tschad-See an beiden Ufern des Benue sich ausbreitet. Dieses Reich ist eine der jüngsten Eroberungen der Fellata's (Fulbe, Pullo), deren Emir el Mümenin oder Chalif in Woran zwar seinen Hof hält, von Sokoto aus aber das große Reich seiner Stämme regiert. Es trafen zufällig einige Botschafter des Fulbe-Statthalters vom Adamaua beim Sultan von Bornu.zu derselben Zeit ein, als Barth den lebhaftesten Wunsch hegte, mit jenem Lande näher bekannt zu werden. Diesen Gesandten ward Barth anvertraut, sie verbürgten sich für seine Sicherheit. Am 30. Mai 1851 brach Barth mit seinen Reisegefährten nach Jola auf und lernte einen eigenthümlichen Theil der Bevölkerung von Bornn kennen, die Schua, welche 20,000 Reiter ins Feld stellen können, also etwa 200— 250,000 Köpfe zählen werden. Dieses Volk, ist ein Araberstamm, welcher vor dritthalb Jahrhunderten von Nubien und Kordofan aus hierher eiuwan- dcrte. Barth's Reise ging durch das Gebiet dieser Ansiedler und zwar zunächst durch die Landschaft Udje, in welcher Städte von 9—10,000 Einwohnern berührt wurden. Die ganze Ebene war ein zusammenhängendes Kornfeld, ans welchem zahlreiche Dörfer sich erhoben, und das hier und da von einzelnen Affenbrodbäumen mit ihren ungeheuren Stammen, Acsten und kleinem Laubwerk, vielen Shkomoren mit ihren dicken, dunkelgrünen Blät tern und von Baures, einer andern Art Feige mit großen fleischigen Blättern von frischgrüncr Farbe, heschattet wurde. Am 6. Juni betrat man die Grenzlandschaft der Marghi, eines Volks stamms, der mit den Musgo verwandt ist. Die Gegend war durch Raub- züge der Bornuaner verödet. Die Hautfarbe jenes Volksstamms wechselte seltsamer Weise ohne schattirende Uebergänge zwischen glänzendem Schwarz und leichter Kupfer- oder Rhabarberfarbe. Die Gesichtszügc und Gestalten zeigten auffallende Schönheit und Regelmäßigkeit. Obgleich das Haar kraus war, ließ sich doch nichts Anderes vom Negcrtypus bemerken, außer mäßig aufgeworfene Lippen. Die Frauen waren dadurch entstellt, das; sie sich eine dreieckig zugespitzte Metallplatte, mittelst eines Stiftes von 1 Zoll Länge in der Unterlippe befestigt hatten. Viele Marghi's gingen vollständig nackt und mach ten durch ihre Helle Farbe einen solchen überraschenden Eindruck, daß selbst Barth's Pferd, das aus dem gesitteten, von tiefschwarzen Einwohnern bevölkerten Bornu stammte, davon scheu wurde. Trotz ihrer Nacktheit befinden sich die Mar ghi's keineswegs in dürftigen Verhältnissen. Ihre Gehöfte enthielten 5—6 saubere Hütten und im innern Raum ein Schattendach. Am 8. Juni zeigte sich zur Linken der Straße der mit einem Doppel-Barth in Adainaua und Jola. 39 gipfel versehene Kegelberg Mendefi oder Mendif, unter 10° 35^ n. Br. gelegen. Er ist ungefähr 4000 Fuß über der Ebene, gegen 5000 über dem Meere gelegen. Am 10. Juni betrat der Reisezug das freundliche Adamaua mit Aussichten auf seine wohlgestalteten Hügelketten, frischen Weidegründe und Herden, oder auf sorgsam angebaute Kornflächen mit behaglichen Gehöften. Die Wohnungen bestehen hier wie überall in Innerafrika aus einem durch eine Mauer abgeschlossenen Hofbanm, welcher eine Anzahl von Hütten enthält. Im Innern jener Hütten sind gewöhnlich ein oder zwei Lager zum Schlafen. Die ei förmigen Thüren haben nur zwei Fuß Höhe. Eine Querwand aber, welche von der Thür ans das Bett verdeckt, gicbt dem Raume scineBehaglichkeit, und die mancher lei Geräthschaften an den Wänden bringen ein wohnliches Ansehen hervor. Die Fellata's sielen hier Barth besonders durch ihr freundliches Wesen und durch ihre Reinlichkeit auf. Sie bereiteten und verbrauchten viel Seife und erschienen stets in schneeweiß gewaschenen Hemden. Die Ufer des Benne, welche sich schon von weitem durch die zahlreichen großen Ameisenhaufen bemerklich machten, wurden ani 18. Juni erreicht. In blauer Ferne zeigte sich der hohe Bergrücken des Alantika, der 8000 Fuß die Ebene, etwa 9000 Fuß den Spiegel des Oceans überragt. Bei Ueber- schreitnng des zur trockenen Jahreszeit >200 Schritt breiten und 11 Fuß tiefen, goldführenden Benne („Mutter der Gewässer" von den Eingeborenen genannt) bemerkte man, wie sehr der Fluß zur Zeit seiner Anschwellung seinen jetzigen Stand übersteige. Hohe Bäume, die mehr als 50 Fuß seinen Spiegel über ragten, schauen dann nur mit den Spitzen aus seinen Fluten. Die Karawane näherte sich dem Berge Bagcle mit seinem in Wolken- dunst gehüllten Haupte, und der schöne frische Weidcboden belebte sich mit grasendem Vieh und heiteren Dörfern. Am 20. Juni erreichte Barth halb krank die Hauptstadt Jola und befand sich in großer Spannung, mit welchen Gesinnungen ihn der Statthalter der Fnlbc in Adamaua aufnehmcn werde. Jola ist ohne Bcfcstigungswcrke; die Hütten haben Lehmwände und Stroh dächer und sind von so geräumigen Hofräumen umgeben, daß man dieselben während der Regenzeit bestellt und in Kornfelder verwandelt. Am folgenden Tage übergab Barth seinen afrikanischen Empfehlungsbrief, der zwar bekrittelt wurde, aber doch keinen üblen Eindruck hervorbrachte. Alles ließ Barth hoffen, er werde die Erlanbniß erhalten, durch Adamaua weiter nach Südosten reisen zu dürfen und so vielleicht durch das völlig unbekannte äquatoriale Afrika nach der Mosambikseite des Festlandes zum Indischen Ocean vorzudringen. Leider wurden seine Hoffnungen gänzlich zerstört durch das Dazwischcntreten des Offiziers von Bornu, welcher ihn begleitet hatte und der jetzt ein zu Adamaua gehöriges Grenzgebiet für Bornu beanspruchte. Man hatte Barth in diese Angelegenheit zu verflechten gesucht und ihn, den Vertreter Englands, als Drohmittel verwendet. Im höchsten Grade darüber aufgebracht, verweigerte jetzt der StaHhalter Barth die geringste Erlanbniß. — Jola ist der südlichste Punkt, bis zu welchem überhaupt bis jetzt in Innerafrika ein Europäer40 Einleitung. vorgedrungen. Bei der vorhin angedeuteten Bauart der Häuser darf es nicht Wunder nehmen, daß die Stadt sich von Ost nach West drei deutsche Meilen weit ausdehnt und nur 12,0,00 Einwohner zählt. Sie liegt in einer sumpfigen Ebene und wird von einem todtcn Arm des Benue berührt, der bei Hoch wasser sogar einen Theik der Stadt überschwemmt. Außer Schmiedearbeiten entdeckte Barth keine örtlichen Gewerbserzeugnisse. , Als Handelsartikel sind bunte Tücher aus Kano, Glasperlen und Salz sehr gesucht. Sklaverei herrscht in Adamaua im größten Maßstabe. Es gicbt Privatleute, die über 1000 Sklaven besitzen. Diese Leibeigenen bewohnen besondere Dörfer und werden durch Aufseher zum Ackerbau angetriebeu. Die Hauptbrodfrüchte sind Durrahirse (Loegllum vulgare) und Erdeicheln (Arachis hypogaea). Baumwollenbau fin det ebenfalls statt. Die Fleischproduktion ist so gering, daß eine Ziege oft mehr kostet als eine Sklavin. Größere Gebirgsmassen fehlen in Adamaua; der Alantika ist nur ein vereinzelter Stock von etwa 12 Meilen im Umfang. Im Allgemeinen ist das Land flach und steigt von 8—900 Fuß Erhebung am Mittlern Benue weiter nach Süden nur bis 1500. Der Statthalter von Adamaua ist ziemlich unabhängig von dem Sultan von Sokoto und befiehlt über eine Anzahl von untergeordneten Häuptlingen. Letztere mögen etwa 3—4000 Reiter und das Zehnfache an Fußvolk stellen können. Die Hauptwaffe der Fcllata's ist Bogen und Pfeil, die Reiterei führt Speer, Schild und ein gewöhnlich gerades Schwert. Bei der Rückreise von Iola, welche Barth am 26. Juni antrat, be merkte er zu seiner Verwunderung in beut Gebiet der Marghi's, welches er wieder passirte, daß hier die Schutzpockenimpfung allgemein gebräuchlich war. Auch ein cigenthümliches Gottesgericht fiel ihm auf. Kläger und Beklagter gingen zur Entscheidung auf den heiligen Grauitfelseu und ließen dort zwei Hähne mit einander kämpfen. Barth beabsichtigte jetzt, das im Nordosten des Tschad gelegene Gebiet von Kanem zu besuchen, konnte dies aber auf keine andere Weise ermöglichen, als daß er sich einer Raubhorde anschloß, welche vom 11. Sept. bis zum 14. Nov. 1854 einen Streifzug in jenes Gebiet unternahm. Die Land schaft, welche auf diese Weise durchzogen wurde, war eine Sandebene-mit Bäumen von mäßiger Größe, meistens Mimosen, besetzt und bei günstiger Jahreszeit zum Anbau von Sorghum wohlgccignet. In den tiefen Bodcn- einsenkungen findet sich Wasser genug für Pflanzungen, allein in Folge der politischen Verwahrlosung des Landes sind sie nur mit üppiger Waldwildniß augefüllt. Weiterhin ward die Gegend durch manchfachen Wechsel von Berg und Thal schöner. Man erreichte Palmenhaine und angebautes Land, und die Araber fielen plündernd und verheerend in die Ortschaften ein, bis die erbitterten Ueberfallenen sich zu ernsthaftem Widerstande sammelten. Barth und fein Begleiter Overweg waren im Lager zurückgeblieben, als nach einigen gewechselten Schüssen die Beduinen in wilder Flucht davonjaAen. Barth mußte ihnen folgen, und es fielen bereits hinter ihm Schüsse, als die Araber,41 Barth und Overweg unter den Kanembu's. die sich wieder gesammelt hatten, den bereits im Lager plündernden Feind zurücktrieben. .Nach einem abgeschlagenen zweiten Angriff beschloß man mit der geringen Beute den Rückzug anzutreten. Des wüsten Treibens der Räuberschaar überdrüssig, trennten sich Barth und Overweg von derselben und schlossen sich einer Karawane an, welche Ein Kaneml'nhiinptling. nur aus Kanembu's bestand. Diese schafften ihre wenigen Habseligkeiten auf Packochsen und Kameelen fort. Außer" den beiden Europäern waren nur zwei Reiter bei dem Reisezüge, trotzdem daß einige angesehene Leute und selbst mehrere Frauen sich mit dabei befanden. Diese letzteren zeigten ihren großen Mangel an Bildung besonders durch die Unmassen von Glasperlen, mit denen sie sich behängt hatten, während andererseits ihre angenehmen Züge und schlau-42 ' Einleitung. f'en Formen einen lebendigen Gegensatz gegen die häßlichen Bornusranen bildeten. Die auffallende Verschiedenheit zwischen den Bornu's und Kanembu'S rührt wahrscheinlich -von der Vermischung des nach Bornu ausgewanderten Volkes mit den früher hier angesiedelten Negerstämmen her. Der Zug nach Kuka war nicht ganz ohne Abenteuer, die aber, glücklich genug mit dem bloßen Schrecken abliesen. Als die Karawane sich der Stadt Beri näherte, traf sie plötzlich an einem Engpaß die sämmtliche Bewohner schaft des Ortes in Schlachtordnung ausgestellt. Schild und Speer bildeten die Hauptbewaffnung; außer dem Kopftuch, das einen Theil des Gesichts mit verhüllte, war aber meistens ein Lederschnrz die einzige Bekleidung'. Der Häuptling selbst saß hoch zu Roß. Ans beiden Seiten erhob sich ein gewal tiger Lärm und Schlachtruf, bis sich der Irrthum glücklich aufhellte. Die Bewohner von Beri hatten nämlich die Reisenden für Tuariks gehalten und sich zu einem feindlichen Empfang derselben vorbereitet. Eine zahlreiche Ranb- horde dieses Stammes hatte kurze Zeit vorher 200 Kameele und Pferde Hin weggetrieben, die sämmtlich nach Beri gehört hatten. Kaum nach Kuka zurückgekehrt, schloß sich Barth einem andern Raub- zuge an, welchen die bornuanische Kriegsmacht nach dem Süden des Tschad-See in das Gebiet der heidnischen Musgo ausführte. Der Heereszug umfaßte 20,000 Menschen, 10,000 Pferde und ebenso viele Lastthiere. Der bnnt- gekleidete Haufe gewährte ein malerisches Bild. Die schwere Kavallerie unterlag beinahe.der Last der dickwattirten Rocke, der Panzerhemden oder der Ketten panzer und ihrer in der Sonne blitzenden Helme. Leichter gekleidet folgte dagegen der Schna auf hagerem, aber rüstigem Ganle mit einer Handvoll Wurfspeere. Während das Kanembu-Fußvolk, mit Schild und Speer be waffnet, nur mit einem zerrissenen Schurz und einer Kopfbedeckung nach Art der Berber einherzog, prunkten die Sklaven des Hofhaltes selbstgefällig im Putz ihrer seidenen Hemden. Am 23 .Dezember wurde das nördlichste Mnsgodorf erreicht. Die Musgo gehören zu der großen Familie der Massastämme, zu denen auch die Bewohner von Marghi und die unterworfenen Batta in Adamana gerechnet werden. Sie sind Heiden, und ihr Fetisch soll eine lanzenartigeHolzstauge sein, welche aber viel leicht nur symbolisch den heiligen Hain vertritt. Die Musgo sind fleißige Laud- bebauer, auch geschickt im geschmackvollen Bau ihrer bienenkorbförmigen Thon- hiitten und schöngerundeten Grabgewölbe, welche eine Urne tragen, in der muthmaßlich ein Theil der Gebeine befindlich ist. Obschon die meist ganz nackt gehenden Musgo ihren Feinden, welche rings ihr Land umgeben, an Muth wenigstens gleich sind, so stehen sie doch im Nachtheil, da sie nur den Speer und für den Kampf im Gedränge ein Handeisen als Waffe führen. Ihre Pferde reiten sie ohne Sattel und Bügel und haben deshalb den bar barischen Gebrauch eingeführt, auf dem Rücken der Reitpferde eine offene Wunde zu unterhalten, um dadurch festeru Sitz zu gewinnen. Der Kriegszug gelangte bis zu 10° 5' n. Br. und Barth schaute sehnsüchtigThierlcben. Neisehinderniffe. 43 hinüber nach den Hainen aus Dclebpalmen, welche das jenseitige Ufer des Serb'ewel schmückten. Dieser Scrbcwel ist der reichste Seitenfluß des Schari. Der Reisende war bis zu dem innerafrikanischen Hochlande gekommen, aber statt des Mondgebirgeö, das man sich hier massenhaft und großartig gedacht hatte, fand er wenige vereinzelte Berghohen und kaum 1000 Fuß über dem Meere ein fruchtbares Flachland, von unzähligen breiten Wasserrinnen durch zogen. Nur nach Südwesten erblickte er in einer Entfernung von etwa 16 Meilen die vereinzelte Felshöhe der Tubori. Hierauf brach Barth auf, um das noch gänzlich unbekannte Reich Baghirmi im Südosten des Tschad zu be suchen. Nachdem er die Landschaft Lo- gone durchzogen, glückte es ihm, trotz des Widerstandes der jenseitigen Be wohnet, tiber den Schari zu setzen, und er fand ein fruchtbares Gebiet, eine fast ununterbrochene Reihe von Dör fern inmitten von üppigen Anpflan zungen. Ans sumpfigen Wiesen gründen wateten Viehherden, nicht selten bis zur Hälfte im Wasser stehend und das junge frische Grün abwcidcnd. Hier rauschte der riesige Pelikan vom benachbarten Baume nieder, dort stand der Marabnstorch, 'einem alten Manne ähnelnd, mit dem Kopfe zwischen den Schultern; hier stolzirte der gewaltige blau- gefiederte Dedegami einher, indem er seiner Beute nachspürtc, weiterhin der Plotus mit seinem schlangen- artigen Halse; dort forschte der weiße Ibis- begierig nach Futter, und da zwischen watschelten allerlei Enten, m flogen und flatterten zahlreiche kleine icl " uU ' u " ,|Und ’- Vögel in größeren und kleineren Schwärmen umher. Dann und wann brach ein Wildschwein ans dem, Dickicht hervor, von einem zahlreichen Ge folge von Ferkeln begleitet, und rannte eilends in daS kühle Wasser. Bald wurde Barth gezwungen anzuhaltcn, um erst die Erlaubniß des Reichsvcr- wesers zur Weiterreise zu erwirken. Der Sultan selbst war auf einem Kriegs zuge. Sein Stellvertreter befahl Barth, nach Bngoman zu gehen und dort deö Herrschers Rückkehr abzuwarten; der Präfekt letzterer Stadt weigerte sich aber ihn aufzunehmen, und als Barth, des Hin- und Hcrschickcns endlich über drüssig, wieder über den Schari zurückwollte, ward ihm auch dies verwehrt V44 Einleitung. und er sogar in Keilen gefangen gelegt. Wieder in Freiheit gesetzt, erreichte er am 27. April Massena, die Residenz des Sultans, dessen feierlichen Einzug er mit ansah. Bei diesem erzwungenen langen Aufenthalte ward besonders Geldmangel für Barth sehr unangenehm. Er hatte nichts mehr als Lyoner Ein-Sou-Spiegel und Nähnadeln. Letztere verschafften ihm bald den Spitz namen „der Nadelprinz". Die Baghirmier übertreffen an stattlichem Wuchs, an Muskelkraft, an Muth und Thatkraft die Bornuaner. Noch weit größere Vorzüge besitzen ihre Frauen, welche sich vor den vierschrötigen Bornuanerinnen durch ebenmäßigen Gliederbau, regelmäßige Züge und angenehmen Gesichts ausdruck auszeichnen. Viele besitzen große dunkle Augen, und die Schönheit der Baghirmierinnen wird mit Recht im Sudan hoch gepriesen. Sie zieren ihre hohe Gestalt durch eine helmbuschförmigd Haarfrisur. Sonst besteht ihre Kleidung aus einem langen Gewände, welches um die Brust befestigt wird. Sehr großes Interesse gewährte Barth ein Fulbe-Neger, der Faki Ssambo, welcher auf beiden Augen erblindet war und der gleich beim ersten Begegnen Barth durch die Frage in Erstaunen setzte, ob die Christen zu den Ben Israel gehörten. Sein Vater, ein Schriftsteller, der über Haussa geschrieben hatte, sendete seinen Sohn zur wissenschaftlichen Ausbildung nach Aegypten. Der Negerstudent war im Begriff, von diesem Lande nach der Stadt Sebid im jemischen Arabien zu ziehen, weil dort in besonderer Vortrefflichkeit die logarithmische Mathematik gelehrt wurde, aber die Bürger kriege in Arabien nöthigten ihn zur Umkehr nach dem Sudan. Mit diesem Manne konnte Barth über Plato und Aristoteles sprechen, welche der ge lehrte Neger aus arabischen Uebersetznngeu kannte. Als unser Landsmann einst vom Astrolabium sprach, horchte Ssambo in höchster Erregung auf, denn sein Vater hatte ein solches astronomisches Instrument besessen, und er selbst „war seit .20 Jahren keinem Menschen begegnet, welcher gewußt hätte, was für ein Ding ein Astrolabium sei". Als höchste Kleinodien bewahrte er noch einige alte arabische Handschriften, die er freilich nur noch betasten konnte. Massena wird durch eine muldenförmige Einsenkung in zwei Abtheilungen getrennt. Dieses Thal füllt sich in der Regenzeit mit Wasser, ist sonst aber mit frischem Grün bedeckt. Die Stadt zeigt in ihren vielen zertrümmerten Lehm wohnungen, sowie durch die eingesunkene und in sehr hinfälligem Zustande befindliche Stadtmauer die zerrütteten Verhältnisse, in welche das ganze Land durch die vielfachen Bürgerkriege gerathen ist. Der znrückgekehrte Sultan erwartete von Barth als Geschenk eine Ka none, gewährte ihm aber doch, trotz der getäuschten Hoffnung, 40 Stück Hem den, die dort statt Geld dienen, da er das angcbotene Geschenk einer schönen Sklavin hatte ausschlagen müssen. Das Reich Baghirmi liegt zwischen Bornu und Wadai und hat eine nordsüdliche Länge von 240 Meilen und eine Breite von 150. Es bildet eine große Ebene; nur an den Quellen des Schari und Benue sollen Gebirge von solcher Höhe sein, daß auf ihnen Schnee und Hagel fällt. Ueber Sokoto reiste Barth 1853'durch die Pullo-45 Overweg stirbt am Fieber. Di’. Vogel. ober Fellata-Reiche nach dem altberühmten Timbuktu und trat von hier aus 1854 seinen Rückweg mach Europa wieder an, indem er vom Tschad aus die östliche Straße nach Mursnk wählte. Barth's Reisegefährte Overweg hatte das Fahrwasser des Tschad in dem mitgenommenen Boote näher erforscht und war mit den Bewohnern der Inseln jener gewaltigen Lagune bekannt geworden. Vielleicht durch seine 'Gewohnheit, Nachts außerhalb der Hütte zuzubringen, um die nach den tropischen Regen cintretende Kühle zu genießen, sowie durch die geringe Beachtung, welche er Durchnässnngen und Erkältungen schenkte, hatte sich Overweg ein tödtliches Fieber zugezogen. Er selbst bezeichnete die Stelle am Ufer des Tschad, an welcher das Boot geborgen war, als den Platz, an welchem er wünschte begraben zu werden, und schläft dort den lan gen Schlaf als ein im Kampfe mit dem feindlichen Klima gefallener Streiter. Der gelehrte und unternehmende Reisende Or. Eduard Vogel, welcher der Expedition etwas später nachfolgte und mit Barth zusammentraf, ver suchte in östlicher Richtung vorzudringen, um wo möglich den Nil zu erreichen. Er gelangte 1856 bis nach Wara, der Hauptstadt von Wadai, von wo aus die weiteren Nachrichten über ihn abweichen. Der dritte Band dieses „Buches der Reisen" wird einer Schilderung seiner Reise, sowie den Verhältnissen des Innern von Nordafrika ausschließlich gewidmet sein. gelttaacr eines Scheichs der Tuarlks.Niederlassung am Kap. Reisen im Süden Afrikas. Basco de Gama. Diaz. Riebeck. Lichtenstein. Gordon. Paterson. Trutex und Sommcrvillc. Campbell. Krapf. Hang. Anderöson. Cumming. Wahlenberg. Livingstone. Derjenige Punkt, an welchem die Europäer sich am sichersten festsetzten und von wo aus sic erfolgreich nach dem Innern drangen, zugleich eine der interessantesten Stellen des ganzen Erdtheils, ist das Kap der guten Hoff nung. Bei der ersten Umschiffung unter Basco de Gama 1497 hatten die Portugiesen es nicht gewagt, hier zu landen, obschon das Land bereits vier Jahre früher durch Bartholomäus Diaz entdeckt worden war. Erst 1498 wurde eine Landung und Niederlassung versucht ; stets fürchteten aber die Portugiesen die vergifteten Pfeile der Eingeborenen, durch welche 1509 selbst der Bicekönig von Brasilien gelobtet ward. Die Holländer beabsichtig ten an dem für ihre Schiffahrt nach Ostindien höchst wichtigen Punkte eine dauernde Niederlassung zu gründen, und in ihrem Aufträge kaufte der Chirurg Rieb eck für Tabak, Branntwein und allerlei Kleinigkeiten von den Eingeborenen ein bedeutendes Stück Land, auf welchem er die ersten Bauten zur jetzigen Kapstadt ausführte. Es entspann sich bald ein lebhafter Handel mit den Ein geborenen; doch auch feindliche Reibungen blieben nicht aus, die damit endeten, daß den Hottentotten 1661 alles Land innerhalb drei Stunden von der Kapstadt abgenommen wurde. Ick I. 1685 wandten sich zahlreiche Franzosen hierher, welche des Glaubens wegen aus ihrem Vaterlande vertrieben wurden. Gleich zeitig wurden durch Simon van der Steel die berühmten Weinberge vonConstantia angelegt, die er nach seiner Gattin benannte. Im Innern der Kolonie siedeltenLichtenstein. ©otboit. Paterson. Truter und Sommerville. Campbell. 47 sich besonders holländische Viehzüchter an, von denen jeder bedeutende Flächen, so weit er sie übersehen konnte, als Besitzthum erhielt und sich in seiner Ab geschiedenheit bald auch als unabhängig betrachten lernte. Diese Boers nahmen allmälig das Land und die Herden der Hottentotten in Besitz und machten letztere selbst zu ihren Sklaven. Die Kunde von der Revolution in Frankreich drang auch in diese Gebiete und erweckte republikanische Bestrebungen. Die Engländer machten sich die hierdurch entstandene Verwirrung zu nutze und nahmen 1795 das Land in Besitz. Sie traten es zwar 1801 wieder an die früheren Herxen ab, eroberten es aber 1806 durch ein Gefecht in der Nähe der Kapstadt von neuem. Lichtenstein, welcher Hauslehrer bei dem holländischen Gouverneur der Kapstadt und nachher Chirnrgen-Major der dortigen Hottentottischen Dragoner war, machte eine Reise als Begleiter des holländischen Regierungsbeamten nach dem Innern der Kolonie und wagte sich später, 1805, allein bis. zum Orangcfluß vor. Schon früher, .1777, war Kapitän Gordon bis zu diesem Strome gelangt und hatte ihn seinem Für sten zu Ehren benannt. Patcrson hatte 1778 die Mündung zuerst besucht, und 1801 passirten ihn zwei unternehmende Kanflente, Truter und Som mer» ille. Seitdem haben sich die christlichen Missionäre von allen Seiten in dieses Gebiet vorgewagt und eine Niederlassung nach der andern gegründet. Im Jahre 1813 erhielt Campbell von dem Londoner Missionsverein den Auftrag, diese sämmtlichen Stationen zu bcsilchen und eine Verbindung unter ihnen herzustcllen. Seinem frommen, anspruchslosen Sinne gelang das ge fährliche Unternehmen, und es glückte ihm, den Orgngcrivcr fast von dem Quellgebiete bis zur Mündung zu verfolgen. Die Quellen dieses Flusses liegen auf der hohen Gebirgsfläche, welche nördlich von den Schncebcrgcn die Grenze des Kafferngebietes bildet. Es sind besonders vier Hauptznflüsse, welche durch ihre Vereinigung den Orange bilden. Während weite Flächen ringsum Wüstencharakter tragen, bietet das Land am ober» Orange gesundes Wasser, herrliche schattige Bäume und grüne Rasenflächen. Campbell schildert den Anblick desselben als den schönsten des ganzen Kaplandes. Dort liegt Grignastadt (früher Klaarwater genannt) in der Nähe der Furten durch den Strom, der an vielen anderen Stellen so reißend ist, daß er Wagen und Zugvieh mitnimmt. Wahrscheinlich war dieser ganze obere Landcsthcil ehedem ein See, dessen Gewässer sich allmälig mühsam einen Weg durch die Sand steinterrassen bahnten, denn der Orange zwängt sich bis in die Nähe seiner Mündung fortwährend eine Schlucht entlang, welche sich stellenweise so einschnürt, daß fortgerissene Bäume und Steine hier Dämme bilden, die durch Aufstauen des Wassers Ueberschwemmungen und wüthende Durchbrüche veranlassen und den Strom für Schiffe gänzlich unpassirbar machen. Wo das Thal sich weitet, ist es mit Kiesgeroll und losen Steinen bedeckt, ohne angesetzte fruchtbare Erde, nur stellenweise mit genügsamen Heidekräutern be standen. Das fatale Dornengestrüpp, wegen seiner langen, zurückgekrümmten Haken „Wart' ein Weilchen" genannt, versperrte hier öfters den Weg)' Löwen48 Einleitung. schreckten die Reisenden, nackte Klippenzüge setzten vielfach unübersteigliche Hindernisse im Thale entgegen und gewährten den feindlich gesinnten Busch männern sichere Verstecke, um mit vergifteten Pfeilen jeden Nahenden zu be drohen. Ein Glied der Reisegesellschaft ward auf diese Weise getödtet. Ein mal krachten die Räder der Reisewagen über entsetzliches Steingeröll, ein andermal versanken sie wieder bis an die Achsen in tiefen Sand. Einzelne spärliche Saftpflanzen klammern sich in dieser wilden Einöde an die sonnedurchglühten Blöcke, Kokerbäume mit saftigen Aloeblättern, unten am Fuße 10 — 12 Fuß im Umfang, pyramidal aufsteigend, nur 16 Fuß hoch, krönen die Spitzen der Klippen. In den Winternächten wird es hier nicht selten so kühl, daß es Eis gefriert, am Tage dagegen wiederum unerträglich heiß. Eine Hälfte des Jahres fehlt stiegen und Thau. So traurig und ein sam aber auch das Land hier ist, fehlt es doch an den stillen und tiefen Lagunen, die der «„geschwollene Strom sich seitwärts wühlt und die er gefüllt zurückläßt, wenn er in sein Bett wieder zurücksinkt, nicht an regem, buntem Leben. An den Aesten wehender Weiden (Salix Gariepina), den üppigen Gebüschen und hohen Gräsern (llunou8 sarratus) hängen die zierlich aus Halmen geflochtenen Nester der Webervögel, bunte kolibriähnliche Vögel wiegen sich auf den leichten Federbüschen der Schilfe, von Zeit zu Zeit taucht ein träges Flußpferd auf und streckt mit behaglichen. Grunzen seine Schnauze über den Grasrand empor. Plötzlich kracht das Schilf und eine düstere Masse braust hindurch und dreht sich schnaubend nach allen Seiten: ein Rhinozeros, das aus der dürren Ebene gekoimncn, um hier seinen Durst' zu löschen und an den grünen saftigen Zweigen sich zu sättigen. Dort steigt eine Herde Affen herab; die Aefflein reiten auf dem Rücken der Alten, und mit stoßweisem Gebrüll, das aus einem gewaltigen Sprachrohr hervorzugehen scheint, rufen sie einander. Auch sie, gesättigt mit Skorpionen und Spinnen, die sie unter losen Steinen aufgejagt, und mit kleinen Zwiebelgewächsen, die sie aus dem Sande gescharrt, kommen zum Wasser. Antilopen schleichen verstohlen durch Binsen und Schilf und prüfen mit großen fragenden Augen die Umgebung: der braune runde Duiker- bock (Antilope mergens), der langgehörnte Gemsbock (Antilope oryx), der ungestaltete Kudu (Antilope equina) und viele andere mehr'. Ringsum blühen zwischen breiten, saftig glänzenden Blättern die blauen Seerosen (Nymphaea capcnsis), und Kalmusarten würzen die Luft mit erquickendem Aroma. Nachts ertönt das seltsame Gewimmer der gefleckten Hyäne, die faulenden Thieren nachspürt, welche etwa das Wasser anspült. Löwe und Leopard liegen am frühen Morgen in dem dicken Gewirr der riesigen Binsen und Schilfe auf der Lauer nach Rehen und Spriugböckcn, welche zur Tränke kommen. Auch der wilde Büffel findet sich ein, jedoch, die gefährlichen Gäste witternd, stampft er wüthend den Boden, neigt das mächtige Gehörn wie zum Angriff, besinnt sich aber eines Bessern und fliegt pfeilschnell herum, peitscht seine Flanken mit der langen weißen Quaste seines Schwanzes und verschwindet in eine!* Staubwolke in der Ebene. Hier und da stecht eine schöngeflecktcGriqua's, Kasfern und Buschmänner. 49 Zibetkatze den Kopf aus dem Gebüsch und schaut klug, umher; dann folgt vorsichtig und zögernd ein feines, sammctschwarzes Füßchen, aber sic erspäht etwas Verdächtiges, ihre Augen leuchten und mit einem verdrießlichen Geknurr verschwindet sie wieder. Nicht minder lebendig ist es im Strome selbst. Hier taucht ein Biber auf und zimmert unter den Hölzern, dort schiebt sich schwer fällig und träge eine große Schildkröte einher; tief flattern wilde Enten und furchen die spiegelnde Fläche; Schnepfen schießen in jähem Fluge von einem Nohrgcbüsch zum andern, und das flinke Volk der Becassinen scherzt zwischen Schilf und taucht in die klare Flut. Auf seichten Stellen stolzirt der lang beinige, purpurne Flamingo zur Seite des schimmernden Anhinga; am Rande der Lagunen steht einbeinig in philosophischer Ruhe der graue Kranich und schaut unbeweglich in das stille Wasser. Von den Gebüschen, umsäumt mit zahllosen weißen Glocken der Calla aethiopica, ertönt der schrille Ton des Perlhuhns, der laute Ruf der Rebhühner und Fasane. Kaum giebt es vielleicht irgend ein stumpfsinnigeres Geschlecht Menschen, als dasjenige, welches die Ufer des Orange bewohnt. Campbell traf die Schwarzen hier ohne Ackerbau. Mit ihren Hunden gemeinschaftlich lagen sic im Grase und überließen die weidenden Herden meistens sich selbst. Nur der Hunger zwang sic zu einer zcitweiscn Thätigkeit. -Ohne Laster, ohne Tugenden, ohne bemerkbare Religion, ließen sie sich willenlos lenken, wie Kinder. „Wir sind ein getrenntes, gctheiltes Geschlecht, wir können Nichts entscheiden!" antworteten sie auf Campbell's Vorstellungen. Es bedurfte einer fünfjährigen Anstrengung von Seiten der Missionäre, che sie die Griqna's dahin bewogen, sich zu festen Wohnplatzen zu bequemen und Ackerbau zu treiben; 1812 zog man aber bereits Trauben, Pflaumen, Pfirsichen, Kürbisse, weißen Kohl, Bohnen, Erbsen, Hirse, Mais und Kartoffeln. Die Leiden schaft der Ansiedler für's Tabakraucheu hat sie bewogen, sich besonders mit dem Anbau des geliebten „edlen Krautes" zu befassen. Seit jener Zeit haben sich die dortigen Verhältnisse freilich mehrfach geändert. Leider haben auch nicht alle Missivnsanstaltcn Südafrika's den richtigen Takt gehabt, wie ihn Campbell, Liviugstone und Andere an den Tag legten. Anstatt die Schwarzen durch ihr Beispiel zu einem arbeitsamen, thätigen Leben zu gewöhnen, quälten sie sich, den schwcrbegreifendcn Söhnen Afrika's schwierige Dogmen faßbar und verständlich zu machen. Kaffern und Buschmänner sind schlau genug gewesen, und haben Missionen nur zu dem Zwecke besucht, oder die Grün dung solcher Anstalten in ihren Gebieten veranlaßt, um in Besitz von Fcuer- gewehren zu kommen und die Klugheit der Weißen zu erlernen. Vielfach haben blutige Reibungen stattgcfunden, zu denen die Schuld, wie häufig, ans beiden Seiten vertheilt war. Der holländische Bauer hatte Land uyd Vieh der Eingeborenen in Besitz genommen und in einer Weise für sich als Eigenthum beansprucht, von welcher die Schwarzen früher keine Ahnung hatten. Er hatte die ehemaligen Herren selbst zu Sklaven gemacht, und schoß den noch unabhängig lebenden Stämmen das Wild weg, von dem ihr Buch der Reisen, H. ' 450 Einleitung. Unterhalt ausschließlich abhing. Die Buschmänner und Hottentotten erlaub ten sich ihrerseits oft genug räuberische Ueberfälle, bei denen Mordthaten nicht zu den Seltenheiten gehörten. Zu diesen Wirren gesellten sich noch vielfache Mißhelligkeiten zwischen den Holländern des Innern und der neuen englischen Regierung. Letztere erklärte 1829 alle Leibeigenen für frei, und die Boers sahen sich mit einem Schlage ihrer Dienerschaft beraubt, da der Eingeborene nicht ohne die höchste Roth arbeitet, lieber hungert, jagt oder stiehlt. Die Kommando's, durch welche die Einzelnwohnenden sich auf eigene Faust Ruhe vor ihren räuberischen Nachbarn verschafft hatten, wurden unter sagt und dem Boer zugemuthet, bei vorkommenden Streitigkeiten mit dem Gegenpart meilenweit zum Richter zu reisen, vielleicht zur Zeit der Ernte, in welcher jede Minute Goldes Werth ist.. Die Schwarzen waren anderer seits durch die neuen Gesetze vor vielen Ungerechtigkeiten in Schutz genommen, die sie bisher hatten erdulden müssen. Durch Verrätherei wurden einst 40 Boers durch einen Kaffernhänptling mit einem Male ermordet, ihre Nieder lage aber durch die Ueberlebenden unter der Anführung eines gewissen Pretorius blutig gerächt. Auch mit den Truppen der Regierung hatten die Boers .ernste Zusammentreffen, wurden aber von denselben in offener Feld schlacht geschlagen und zu einem Uebersiedeln in entferntere Distrikte veranlaßt. Die Kolonie am Port Natal, an der Ostseite deS Kaplandes, entstand ans diese Weise. Hier bildete das Gebiet des Fischflnsses mit seinen undurch dringlichen Dornendickichten lange Zeit hindurch den Kampfplatz zwischen den Europäern und den kriegslustigen Kaffernstämmen, bis letztere der Uebermacht der Schußwaffen weichen mußten. In den letzten Jahren hat England diese Grenzbezirke noch durch eine bedeutende Anzahl jener Krieger verstärkt, welche in dem Feldlager vor Sewastopol die Fremdenlegion bildete». Nördlich davon, an der Straße von Mosambik sammelte neuerdings der Missionär Dr. Krapf interessante Nachrichten über die Waknafi und Masai, diese Stämme des inner» Hochlandes, und dem Dr. Hang verdanken wir Mittheilungen vom Jahre 1856 über die Zulukaffern, ans welche wir schließlich wieder zurück kommen. Sind auch Andersson, Cumming und Wahlberg tief ins Innere des südlichen Continents von Afrika gedrungen, so ist es doch Keinem so glänzend gelungen, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, der bisher über diesen Gegenden ruhte, als Dr. Livingstone, dessen Reisen und Erlebnisse den Hauptinhalt des vorliegenden Werkes bilden.4 "' War,' (s-gcri. Die Natur und der Mensch in Afrika. Das Knochengerüst Afrika's. Will man die geognostische Beschaffenheit und daß davon ab hängige Profil Afrika's mit wenigen Strichen bezeichnen, so fühlt man sich versucht, den ganzen Erdtheil mit einer mächtigen Sandsteinplatte zu ver gleichen, welche durch Granite und Basalte ans den Fluten des Oceans emporgehoben wurde. Diese Erhebung ist im Süden des Continents größer als in seiner Nordhälfte, obschon auch letztere keineswegs eine so ununter brochene wagerechte Fläche bildet, wie man sich oft, durch undeutliche Karten- zeichnungen und unklare Schilderungen veranlaßt, vorgestellt hal. Auch die Sahara hat ihre Hochländer und Höhenzüge. Die Küsten Afrika's sind auf52 Einleitung, diese Weise vorzugsweise schroff terrassenförmig aufsteigend, das Innere da gegen ist vorwiegend Ebene in verschiedener Höhe über dem Meeresspiegel, meistens bassinartig eingesenkt und an den tiefsten Stellen mit größeren oder kleineren Wasserbecken, entweder blosen Brunnen oder ansehnlichen Sümpfen und Seen erfüllt. Nur an wenigen Punkten erheben sich die Urgesteine, Granit und Gneis, zu höheren Gebirgsstöcken, welche mit ihren Spitzen biö zu solchen Regionen emporrageu, daß ewiger Schnee und Glctscherbildnngeu auf ihnen möglich wären. Die vulkanische Thätigkeit der Erde ist auffallender Weise gerade in Afrika außerordentlich schwach gewesen. Wenn man auch weite Flächen des Binnenlandes noch nicht kennt, so würde doch wahrschein lich die Kunde von einem größer» thätigen Vulkane durch Erzählungen der Eingeborenen zur Kenntniß der Europäer gekommen sein, und die Küsten gebiete sind, bis auf wenige Stellen, ausreichend erforscht. Oestlich von der Nigermündung, unter dem 4° 12' dl. Br. befindet sich, nach den Mittheilungen des Kapitän Allan, ein Vulkan, im Camerun-Gebirge, westlich von dem gleich namigen Flusse, welchen die Eingeborenen Mongo-Ma Leba nennen. Der selbe gab 1838 einen Lavaausbrnch, und scheint ans derselben vulkanischen Spalte zu stehen, wie die vulkanischen Inseln Anobon, St.-Thomas, Prinzcn- Jnscl und Fernando Po. Er steigt bis 12,200 Fuß hoch empor. Der Missionär l)r. Krapf erhielt 1849 Kunde von einem mächtigen Berge, welcher im südöstlichen Afrika unter 1° 20' S. Br. nahe an den Quellen des Dana- flnsses, westlich von dem Schneeberge Kignea liegt. Ungefähr 1—2 Grad südlicher von letzterem entdeckte 1847 der Missionär Rebmann einen zweiten Schneeberg, den Kilimandjaro, vielleicht kaum 50 geogr. Meilen von dem Litoral von Mombas. Etwas westlicher davon liegt ein dritter Schneebcrg, der Docngo ^Engai, dessen Entdeckung man dem Kapitän Schoot verdankt. Da aber keiner der genannten Reisenden einen der als Schneeberge bezeich- neten Gipfel wirklich bestiegen, sondern im besten Falle nur von fern deren weißleuchtende Spitzen gesehen hat, so ist es noch keineswegs über allen Zweifel erhoben, vb nicht hier durch ein weißes Gestein, wie dergleichen in Afrika vielfach anftritt, eine Täuschung herbeigeführt wurde. Im Innern Südafrika's sind Erdbeben eine gänzlich unbekannte Erschei nung; nur an der Straße von Madagaskar werden mitunter leichte Erschüt terungen, „Schauder" von den Bewohnern bezeichnet, bemerkt, die von Osten her ihren Ursprung zu nehmen scheinen. Etwas zahlreicher sind die Beweise von Spuren vorhistorischer vulka nischer Thätigkeit besonders in den Gebieten zwischen dem 7° 9f. und 12° S. Br., zwischen dem Parallel von Adamaua und dem Lubalo- Gebirge. Die Umgebung des Tzana in Abessynicn läßt schließen, daß dieser See selbst den erloschenen Krater eines Vulkans füllt; aus Schoa brachte Röchet d'Hericourt zahlreiche Proben von Basalt, Trachyt und Obsidian mit, welcher dort massen haft anftritt. Auch in Kordofan wird der Kegelberg Koldghi als ein Vul kan bezeichnet, der zwar gegenwärtig nicht thätig ist, aber doch schwarzes,Die Hammada. 53 poröses und verglastes Gestein zeigt. Die einzeln stehenden Bergmasscn des Bagele und Alantika, welche vr. Barth auf seiner Reise in Adamaua südlich vom großen Benueflussc sah, erinnerten ihn durch ihre doinartige Form lebhaft an Trachhtberge. Sein Reisegefährte Dr. Overweg fand in der Ge gend von Gudscheba, westlich vom Tschad, olivenreichc, säulenförmig abgctheilte Basaltkegel, welche bald die Schichten des rothen thonartigen Sandsteines, bald quarzigen Granit durchbrochen haben. Das Hochland der Berberei, das mittlere und untere Stufenland des Nil und die Sahara sind besonders durch die jüngeren Gebirgssormationen des Tertiärgebirges, der Kreide und des bunten Sandsteins gebildet, die stellenweise von Granit, Porphyr, Trachyt und Basalt durchbrochen werden. Das Sandsteiuplateau der Sahara, welche letztere man bisher als nur wenige Fuß über dem Spiegel des Oceans erhaben sich dachte, ist neuerdings als ein Gebiet von ungefähr 1200 bis 1300 Fuß mittlerer Erhebung erkannt worden, in welchem wiederum ausge dehnte Distrikte noch ansehnlichere Hohen erreichen. Nach dem Tschad-See senkt sich die Hochfläche bis zu 800 Fuß über Meer. In der Wüste selbst scheiden sich scharf von einander mehrere Untergattungen der Landschaftsbil- dungcn. Am geläufigsten sind unserer Vorstellung jene mit losem Flugsand und einzelnem Stcingeröll, Feuersteinen, Achaten, Sandsteinbrocken bedeckten Flächen, wie die Umgebung der Natronseen in Fcssan ein Beispiel bietet. Der Flugsand, veränderlich vor dem Winde wie der Schnee im Wintersturm, thürmt sich zu ansehnlichen Hügeln auf und erschwert das Fortkommen außer ordentlich. Eine zweite Art der Wüste wird aber durch die ausgedehnte Hochebene mit Felsboden gebildet. Der westliche Wüstenweg über Misda überschreitet eine derselben, die berüchtigte Hammada, die „Wüste in der Wüste", welche nur an ihrem Südrande einen einzigen Brunnen aufzuweise» hat. Die dritte Form der Bodcngestaltnng endlich wird durch die Gebirge dargestellt, die vorzugsweise aus Sand- und Kalkgestcinen, nur an wenigen Stellen aus Granit gebildet werden. In ihren Schluchten gehen die Kara- wancnwcge häufig entlang und werden mitunter so eng, daß kaum ein belade nes Kamcel noch hindurch kann. Unsere Abbildung zeigt uns einen dieser Engpässe, das Wadi Egeri, der sich ans der westlichen Straße von Fessan nach dem Sudan, im Gebiete der Tuariks befindet. Die lebhaften Färbungen, in welchen mehrere dieser Gesteine anftretcn, müssen den Wanderer in Etwas dafür entschädigen, daß den Landschaften der Pflanzenschmuck abgeht. Das Plateau der Sahara ist durch zahlreiche flachere Thäler oder engere Schluch ten zerrissen, sogenannte Wadi's, welche sich bei eintretenden Regengüssen in kurzer Zeit in Flüsse verwandeln, außerdem aber vielfach die Straßen bilden. An vielen Stellen hat der Sandstein eine vollkommen schwarze Farbe, so daß er nur durch den frischen Bruch von Basalt zu unterscheiden ist. Die schwar zen Berge bei Sokna verdanken diesem Umstande ihren Namen. An andern Stellen erscheint er roth, grellgclb oder blendend weiß; mancher Hügel hat einen schneeweißen Fuß und eine schwarze Kuppe, bei andern ist die Färbung54 Einleitung. gerade umgekehrt. Die Thalsohle der WadLs ist vielfach mit Blöcken und zertrümmerten Felsen bedeckt, und die Seitenwände zeigen gleichfalls manch- faltige Zerklüftungen, in denen Hyänen, Leoparden und Schakals ihre sicheren Schlupfwinkel finden. In den Gegenden Afrika's, wo der bunte Sandstein mehrfach gehoben und dadurch gebrochen worden ist, bildet er ähnliche groteske Felsenlabyrinthe, Säulen, Wände, Kegel und abenteuerliche Figuren, wie sie uns in Deutschland die sächsische Schweiz, sowie die Adersbacher und Wcckels- dorfer Felsen zeigen. Die Schilderungen, welche Bruce von diesen Bildungen in Abessynien entwarf, hielt man ehedem geradezu für erlogen, bis seine Nach folger sie, wenigstens in den Grnndzügen, bestätigten. Steile, unersteigliche Wände ziehen sich wie künstliche Mauern, mit Buschwerk gekrönt, weite Strecken entlang, Analogien zu der Tenfelsmaner nnsers Harzes bildend. Bon ihren Zinnen schallt das kläffende Gebell der Paviane, welche dort ungestört ha'usen. Ans Felskegeln mit weiten, fruchtbaren und bebauten Hochflächen wohnen Ge meinden in glücklicher idyllischer Abgeschiedenheit, und der Zugang zu ihnen ist nur durch lange Leitern und mühsam cingehauene Stufen zu ermöglichen. An anderen Stellen zeigen sich Felsen, oben massenhaft entwickelt, unten ans schmaler Basis ruhend, so daß sie umzustürzen drohen. Sehr verwandt treten die Gebirgsbildungen auch am Kaplande auf. Die berüchtigte Nadelbank bildet daselbst wahrscheinlich die unterste Stufe des Sandsteingebirges, welche nicht über den Spiegel deö OceanS gehoben wurde, die Küste selbst ist von losem, tiefen Sande bedeckt. Steigt man von hieraus in einer Schlucht nach der Höhe des Tafelberges empor, so stößt man vielfach ans lose, herabge stürzte Granitblöcke, der untere Theil des Berges selbst zeigt deutlich die Schichtungen des Grauwacken-Thonschiefers. Diese sind hier stark geneigt,, oder geradezu senkrecht gestellt. Weiter hinauf trifft man zahlreiche Granit gänge, welche den Schiefer durchsetzen und an den Berührnngsstellen ver ändert haben. Die Granitgänge haben eine sehr verschiedene Mächtigkeit, von wenigen Zoll und Linien nehmen sic zu bis 6 Fuß, sie breiten sich in der manchfaltigsten Verzweigung ans, schneiden oft Granwackenmassen ab und wickeln sie in sich ein. Bei 900 Fuß Höhe endlich bildet der Granit eine gleichartige compakte Masse von ungefähr ebenfalls 900 Fuß Mächtigkeit. Dann hört er plötzlich ans und wird von wagerechten Sandsteinschichten über deckt, welche wahrscheinlich in ungestörter Ruhe sich aus dem Urmeere absetzten und sehr allmälig und gleichmäßig gehoben wurden. Etwa bis 200 Fuß auswärts ist der Sandstein durch Eisengehalt roth gefärbt, von da an aber bis zum Gipfel in seiner ganzen Mächtigkeit weiß. Zugleich ist der obere Stein härter als der tiefere, und enthält viel Quarzgeröll von der Größe einer Erbse bis zu derjenigen einer Faust. Da das Bmdnngsmittel leichter verwittert als diese eingeschlossenen Massen, so fallen letztere dann heraus und bilden loses Geröll. Von, Gipfel des Tafelberges aus zeigen sich eine größere Anzahl ähnlich gestalteter Berge, welche ganz verwandten Bau und dieselbe Höhe besitzen, so daß der Gedanke nahe liegt, sie sämmtlich fürGeogiwstische Beschaffenheit von Südafrika. Ueberreste eines einzigen Hochlandes zn halten. Je weiter man die Gebirge der Kapkolonie nach Norden verfolgt, desto geringer ist die Höhe, bis zu welcher der Granit emporgestiegen; kaum erhebt er sich dort bis 20 Fuß über den Spiegel des Meeres. Am Eingänge der kleinen Simonsbai, innerhalb der Falsbai, zeigen sich an dem Felsen, der daselbst unter dem Namen „die Arche Noah" bekannt ist, Basaltgänge, welche den Granit von der Tiefe aufwärts durchsetzen. Sowie man seine Wanderung von der Kapstadt nach Norden fortsetzt, ist man gezwungen, von Terrasse zu Terrasse emporznsteigen. Die Roggevelds, Bockevclds, schwarzen Berge, Schneebcrge und das Karrecgcbirge bezeichnen die einzelnen Absätze. Nach Süden zn zeigen die sämmtlichcn genannten Bergzüge hohe steile Abfälle, während sich im Norden stufenförmig höher gelegene Hochflächen ansbreiten. Eine der größten davon ist die Karroo, jene aus rothem Thonboden be stehende weite Ebene. Werfen wir nun einen Blick ans die Bildung des Landes im eigentlichen Herzen des Erdtheils, so weit sich dieselbe wenigstens vermnthen läßt, so erscheint eö als das Nächstliegende, sich die Ge biete vom 800 Fuß über dem Mittelmeer gelegenen Tschad an nach Süden ebenfalls allmälig ansteigend zu denken. Der südlichste Punkt, über welchen wir wirklich Messungen (durch Or. Vogel) besitzen, ergab 900 Fuß Höhe und befand sich im Lande der Musgu südlich vom Tschad. Die Hebung des Landes geht muthmaßlich in ähnlich mäßiger Weise fort bis zum 6. Grade südlicher Breite. Zwischen diesem und dem 12. Grade dehnt sich ein Landrücken von 5000 Fuß Meereshöhe aus und scheidet die große Mulde des Tschad von jener des Ngami. Diese viele Meilen weite Hochfläche, von schwachen Hügelzügen umsäumt, ist so vollkommen wagerecht, daß sie sich zur Regenzeit mehrere Fuß hoch mit Wasser bedeckt. Dieses findet einen so langsamen Abfluß, daß es sich zwischen den hohen Gräsern, die hier Wälder eigenthüm- licher Art bilden, vollständig klärt und es Seerosen und ähn lichen Wasserpflanzen möglich wird, ihre ganze Entwickelung zu durchlaufen. Von dieser Hochfläche strömen zahlreiche Flüsse nach dem Süden; hier möchten vielleicht auch die Quellen des weißen Nil zu finden sein. Südlich von dieser Wasserscheide bildet das ganze Südafrika eine großartige Mulde, deren tiefste Stelle, der Kumadau-See, etwa 2000 Fuß Meereshöhe hat, also ungefähr 2000 Fuß tiefer als jene Hochlande liegt. Nach Osten und Westen findet die Hebung auch sehr allmälig statt und beträgt erst in den Rand gebirgen gegen 5000 Fuß über Meer. Der östliche Höhenzug 55 idealer geo'gwjhföcr Durchschnitt »on Tüdufrika. <Ruch Ltt'ingstonc.)56 Einleitung. ist aber von dem westlichen ungefähr 150 Meilen entfernt. In früheren Zeiten bildete muthmaßlich die weite Umgebung des Ngami einen großen Süßwassersee, dessen Grenzen an dem Höhenzug westlich von Libebc, im Osten jenseits Ntschokotsa und im Süden bis zum Zuga sich erstreckt haben mögen. Dieser ganze Raum ist mit einem Tufflager bedeckt, das mehr oder weniger weich ist. Ueberall, wo Ameisenfresser tiefe Löcher in diesen alten Boden graben, werden Süßwassermuscheln zu Tage geworfen, die ganz denjenigen gleichen, welche jetzt im Ngami und Zambesi leben. Vielleicht floß damals aus diesem großen See der alte Fluß Mokoko in den See Butschap. Das Barotse-Thal war ein anderer See von ähnlicher Beschaffenheit, ein dritter scheint jenseits Masiko, ein vierter in der Nähe des Orangeflusses existirt zu haben. Später wurde den angesammelten Wassern durch Spalten Abfluß verschafft, die entweder in Folge von Basaltdurchbrüchen sich bildeten, oder von den Wassern selbst ansgespült wurden, und die jetzigen Seen Inner- afrika's sind nur ein kleiner Ueberrest der ehemaligen Binnenmeere. Die Umgebung des Ngami scheint ihr Wasser durch jene Spalte ergossen zu haben, in welche jetzt die Victoriafälle sich stürzen. Eine zweite Stelle, an welcher sich Wasserfluten aus dem Innern einen Ausweg gesucht haben, ist muthmaßlich im Nordwesten das Thal des Qnango, in dessen Mitte säulenförmige Stücken des ehemaligen Plateaus auf einen zerrissenen Felsendamm Hinweisen. Der Hauptgrundstock Südafrika's ist durch mächtige Granit- und Gneismassen gebildet, die auch in den höheren Thcilcn der Sejtenketten nackt zu Tage treten. Ueber denselben lagern dann die Se dimentgesteine der silurischcn Formation, während neuere Bildungen fehlen, — ausgenommen natürlich die erwähnten Tnfflager, die der jüngsten Vergangen heit angehören. Südafrika würde sonach als der älteste (oder wenigstens einer der ältesten) Erdtheil zu betrachten sein und hiermit stünden alle übrigen Ver hältnisse: der Artenreichthnm in der Flora des Kog, — die Formen seiner Thierwelt (die Knochen des Dicynodon aus der silnrischen Periode zeigen die auffallendste Aehnlichkeit mit dem jetztlebcnden Flußpferd) und vielleicht auch die Eigcnthümlichkciten seiner Urbevölkerung im Einklang. Die Steinkohlen formation fehlt im ganzen Innern, nur nach der Mündung des Zambesi hin glaubt Livingstone Anzeichen eines Kohlenlagers gefunden zu haben. In der Umgebung des letzter» findet sich auch vielfach Gold in Körnern und feinen Blättchen. Silber scheint wenig vorhanden, vielleicht fehlt es gänzlich, da die Eingeborenen Silber und Zinn nicht von einander zu unterscheiden ver mögen und ihre Aussagen deshalb geringen Werth haben. Eisen kommt reichlich vor, und schöne schwere Erze werden an der Kapstadt zu Straßen bauten verwendet, da der Mangel an Brennmaterial einer größer:: Ausbeute dieses Metalles hinderlich im Wege steht. Auch Kupfer kommt stellenweise vor. Im Innern von Sudan ist besonders dasjenige von dem Bergwerk cl Hofrah und von Nunga bekannt. Die Westküste besitzt reiche Kupferminen in den Serras Cashindeabar, unweit von den Wasserfällen des Coanze. An57 Gevguostische Beschaffenheit von Südafrika. dm Karreebergen bilden zwar Achate nnd ähnliche Halbedelsteine bedeutende Geröllmassen, auch haben die Asbesthügel bei Griqnastadt für den Mineralo gen nnd die Ochergruben für den Betschuanen daselbst eine Berühmtheit erhal ten; eigentliche Edelsteine, wie deren sowol Asien als Amerika aufzuwcisen haben, sind aber bis jetzt noch nicht ans Afrika bekannt geworden. Nirgends finden sich dergleichen unter dem Schmuck der Fürsten und Sultane im Innern. An der Südspitze ist der Boden so reich mit Salzen, besonders Bittersalz und Glaubersalz durchdrungen, daß viele Quellen unbrauchbar werden. An den Ufern des Mittlern Orange krystallisiren diese Salze nach dem Regen an der Oberfläche aus, so daß die Gegend bereift erscheint. An der Küste des rothen Meeres wird, wie erwähnt, Steinsalz gebrochen nnd von der dortigen muha- medanischcn Bevölkerung als Handelsartikel in bedeutenden Karawanen nach dem Sudan bis.Timbuktu versendet. Daß Schoa Seen besitzt, von deren Rande man jährlich bedeutende Mengen Salz sammelt und verführt, haben wir bereits bei Harri's Reise kennen gelernt. Die Sudanländer beziehen ihren Hanptbedarf von Salz aus Bilma, welches Thal eine einzige große Saline darstellt. In ähnlicher Weise ist auch Fessan überreich an Salz. Die inne ren Länder dagegen sind so arm an diesem gesuchten Mineral, daß die Be wohner der Tschadufer die Asche von den Wurzeln des Salz-Kapernstrauches (Capparis sodata) auslaugen und die so gewonnene Pottasche an die Speisen verwenden, und die benachbarten Stämme, denen jener Strauch fehlt, ver brennen sogar den Kuhdünger zu diesem chemischen Experiment. Der dem Europäer so widerliche Gebrauch, die Butter mit dein Urin der Kühe zu ver setzen, der sich mit wenigen Ausnahmen durch ganz Centralafrika findet, hat seinen Grund in dem Mangel an Salz, das man auf diese Weise zu ersetzen bemüht ist. Zur Schießpulvcrbereitnng findet man in Abessynien große Mengen von ziemlich reinem Schwefel. Während an der Westküste Afrika's die vulkanischen Kräfte bei der Bil dung neuer Inseln thätig waren, machten sich an den Küsten nnd Inseln des. rothen Meeres besonders die Polypen bemerklich, jene zwar winzigen, aber unermüdlichen Baumeister, welche durch ihre Korallcnstöcke den Menschen neue Wohuplätze bereiten. Diese noch in der Gegenwart fortgehende Erzeugung neuer Untiefen, Klippen, Risse und Inseln lenkt besonders die Aufmerksamkeit der Schiffer auf sich, da sich auf dem Rothen Meer vielleicht in naher Zu kunft ein lebhafter Verkehr entwickeln dürfte, sobald die Kanalisirung der Landenge von Suez ausgeführt sei».wird. Der Name „rothes" Meer be zieht sich übrigens nicht etwa auf rothe Edelkorallen (diese werden häufiger an Afrika's Nordküste gefischt), sondern ans das zeitweilige massenhafte Auf treten kleiner Infusorien und mikroskopischer Algenformen, welche dem Meer wasser jene Färbung verleihen, die sich mitunter vom Ziegclsteinrothen bis ins Dunkelblutrothe steigert.Die Wüste. Wüste, Wasser und Wind. Die auffallend schwache vulkanische Thätigkeit, welche bei der Bildung Afrika's nur an verhältnißmäßig wenigen Punkten ansehnlichere Bergketten emportrieb, ist die Hauptursache für die eigenthümlichen Abänderungen, welche der Kreislauf des allbelebenden Wassers in diesem Erdtheile angenommen hat. Da der größere Theil der Flötzschichten ziemlich gleichförmig gehoben ist, so steigen die Küstenländer meistens einförmig und unzertheilt aus den Fluten des Oceans auf. Wenig Buchten und schützende Häfen dringen in den Riescn- leib des massigen Continents ein. Der Küstensanm ist im Verhältniß zu dem Flächeninhalt äußerst sparsam und dürftig entwickelt. Sowie hervorragende Spitzen das elektrische Fluidum am sichersten leiten, so hat auch der Geistcs- fnnke der fortschreitenden Kultur, welcher den Erdball durchkreuzt, stets die hervorragenden Halbinseln besonders bevorzugt. An ihnen birgt der Schisser am sichersten sein Fahrzeug, hier berühren sich die verschiedenartigsten Völker schaften am lebhaftesten, hier erhält das Klima am ehesten daö angenehme Maß, welches geistiger und körperlicher Entwickelung der Nationen zuträglich ist. Afrika ist außerordentlich arm an Halbinseln, und bildet dadurch den schroffsten Gegensatz zu dem vielzertheilten Europa. Wie ein RiesenrumpfDie Sahara. 59 ohne Glieder liegt es in einförmiger Erstarrung. Größere Wassermasscn, welche als umfangreiche Buchten'oder bedeutende Binnenmeere in ein Conti- nent hineingreifen, mäßigen die übergroße Hitze derjenigen Länder, welche unter den heißen Hiiniuelsstrichcn liegen. Afrika entbehrt dieses Vorzugs. Es besitzt ein durchaus continentales Klima, glühend heiße Tage wechseln mit sehr kühlen Nächten. Der Unterschied zwischen beiden Tageszeiten wird um so auffallender, da die Länge bei beiden ziemlich während des ganzen Jahres gleich bleibt. Durch diese schroffen Gegensätze werden gerade in Afrika die täglich uinsctzenden Land- und Seewinde in hohem Grade entwickelt, die durch selbige entspringenden Vortheile kommen aber nur schmalen Küstengebieten zu Gute. Hand in Hand mit der geringen Entwickelung ausgedehnterer Gebirgs ketten aus Urgesteinen, deren Gipfel sich mit ewigem Schnee krönen, wirkt die in größter Ausdehnung ausgebildete Sandstcinformation auf die Witterungs und Bewässernngsverhältnisse Afrika's ein. Die Leichtigkeit, mit welcher die Sandstcinslötze, die den größten Raum des Binnenlandes bedecken, de» auf fallenden Regen dnrchsinken lassen, ist Ursache, daß weite Strecken ohne Quellen und Flüsse sind. Nur auf den tiefer gelegenen Thonschichten oder Urgesteinen vermag sich das Wasser zu sammeln, und tritt an den begünstig ten Stellen als Quell ans, wo eine solche Gebirgsschicht zu Tage ausgeht. Wo Granitgebirge massenhaft Vorkommen, zeigt sich auch sofort größerer Wasserreichthum und in Folge dessen größere Fruchtbarkeit. Die weiten Flächen aus losem Sand oder Sandsteinflötzen, welche'einen Bestandtheil der Sahara bilden, erhitzen sich bei dem ewig klaren Himmel bis zu einem uner träglichen Grade. Richardson schildert einen Marsch über eine solche sonnc- durchglühte Fläche in malerischer, ergreifender Weise: „Der Marsch ain 1. Mai", sagt er, „war vielleicht der peinlichste wäh rend der ganzen Reise. Die Kafla (Karawane) bewegte sich volle 14 Stunden ans einem weichen Sande, bei einem glühenden Winde, welcher mit großer Heftigkeit wehte. Die Karawane bot einen der seltsamsten Anblicke, den man sich denken kann. Menschen und Kameele waren da und dort ans dem Pfade zerstreut, und schleppten sich träge weiter, ohne daß ein Fortrücken wahrnehm bar gewesen wäre. Kein Laut war hörbar. Niemand hatte Kraft genug zu sprechen, geschweige zu singen, die Tritte so zahlreicher Wesen störten kein Echo auf in der grenzenlosen sandigen Einöde. Wolken rothgclbcn, blenden den Staubes umhüllten uns mit ihren Wirbeln, die bei jedem Schritte anf- flogen. Da und dort breiteten sich große, schwarze Flecke eines in der Geburt erstickten Pflanzenwuchses ans. Jeder Gegenstand, vergrößert durch die um lagernden Dunstmassen, verändert sich und wechselt vor unseren Angen. Die Hitze und das Schaukeln ans dem Kameel erzeugt einen leisen Schwindel, und die uns umgebende Natur scheint auf einem dichten Nebel zu schwimmen, wie etwa die in Träumen an uns vorüberziehenden Landschaften. Das ist der Wüstenrausch, den man erleben muß, um eine klare Vorstellung davon60 Einleitung. zu besitzen." — „Der Sand war so glühend heiß", berichtet Dr. Barth, „daß es kaum möglich war, langsam zu gehen, so merklich brannte er durch die Schuhe. Ein Thermometer, welches in den Sand gegraben wurde, stieg ohne Verzug ans 45° C." „ Die erhitzten Luftschichten, welche über den d'nrchglühten Flächen lagern, brechen die auffallenden Sonnenstrahlen in verwandter Weise, als wenn die selben durch einen Wasserspiegel zurückgeworfcn würden. Am häufigsten ge schieht dies bei stiller Luft. (Siehe die Abbildung oben: Fata Morgana.) Der durstende Reisende sieht dann Wasserbecken, Teiche, Seen und Flüsse vor sich, ohne sie je erreichen zu können. „Das Meer des Satans" nennt der Beduine das täuschende Trugbild. Die wenigen Gegenstände, welche die Wüste bietet, erscheinen unter solchen Umständen verzerrt oder vervielfacht. Aus einem unansehnlichen Gestrüpp bildet die Fata Morgana einen Palmen hain, aus einigen Felsenblöcken eine Stadt, die begegnenden Wanderer strecken Niesenglieder und reiten ans Ungeheuern! Nussegger, der die nubische Wüste durchreiste, hatte öfters Gelegenheit, dergleichen Luftspiegelungen zu beobachten. „Auf der weiten Sandebene," erzählt er, „die wir nun betraten, und die außer einigen kleinen und ganz isolirten Bergen dem Auge keinen Ruhepnnkt darbietet, sahen wir von IO Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends herrliche Fata Morgana. Wir sahen um uns her ans dem wasserlosen Sande Wasser in Menge und in den verschiedensten Formen: da waren Flüsse, Teiche, Seen und unabsehbares hohes Meer/ dessen Wellen vom Winde bewegt wurden. Die Berge, welche in der Wüste zerstreut liegen, erschienen uns als Inseln, und in dem Wasserspiegel, der uns umgab, erblickten wir ihre Bilder in ver kehrter Lage. Ferne, einzeln stehende Felsen erschienen uns, mit Hülfe einiger Einbildungskraft, als Schiffe mit vollen Segeln,» die sich vergebens bemühten, vom Flecke zn kommen. Unter besonders günstigen Umständen wurde diese Luftspiegelung so stark, daß wir uns dem vermeintlichen Wasser bis auf weniger als hundert Schritte nähern konnten —- da zerfloß das Bild plötz lich wie durch einen Zauberschlag, und Nichts lag vor uns, als der gelbe, heiße Sand der Wüste. Welche Höttcnqnal muß eine solche Täuschung dem armen Wanderer verursachen, der im Todeskampfe der Ermattung nach einem Tropfen Wasser lechzt! Besonders schön zeigte sich diese Luftspiegelung um die Mittagszeit. Wir waren ungefähr eine Stunde hinter der Karawane zurückgeblieben und eben im Begriff, ihr nachzueilen; langsam zog sie vor uns her, alle Kameelc in eine Fronte gereiht, wie es die Nubier gern thnn, wenn es das Terrain erlaubt; da sahen wir plötzlich Menschen und Thiere mehrere Klafter hoch in der Luft oder vielmehr ans einem Wasserspiegel gehen. Je näher wir kamen, desto tiefer sank die Erscheinung; der Höhenunterschied zwischen uns und der Karawane wurde geringer, der Sehwinkel größer, und als wir ganz nahe kamen, gingen die Kameele wie andere Kameele auf der Erde, und ihre Führer schleuderten singend nebenher." Zu diesen optischen Ursachen gesellen sich Sinnestäuschungen, welche der krankhafte Zustand desWüstcnwaffer. 61 Wanderers hervorruft. Hetzt scheint cs ihm, als ritte er zwischen engen Mauern hindurch, er glaubt den ersehnten Rastort, den Brunnen, die Stadt, bereits, zu scheu, welche seine Phantasie ihm auömalt. Er hört das Klappern einer Mühle — es ist Nichts als der Riemen seines Säbels, welcher an den Sattel klopft; er hört das Rauschen eines Baches — es ist nur das Rieseln des Sandes, den der Wind weht. Er hat nur einen Gedanken: „kühles Wasser", und die überreizten Sinne übersetzen alle Eindrücke mit Uebertrci- bungen seinem Wunsche gemäß. Selbst der Geschmackssinn kann bei gestei gertem fieberhaften Zustande an dieser Täuschung Thcil nehmen. Ein Reisender traf einen verirrten Neger, welcher fast verschmachtet und im Fieberdelirinm war. Er glaubte Wasser um sich zu sehen, schöpfte mit der Hand und behauptete den kühlenden Trank zu schmecken. Die eingcathmete Luft dünkte ihm bei seiner Aufregung erfrischendes Getränk zu sein. In den Einsenkungen und Wadi's finden sich meistens Brunnen, freilich von sehr verschiedenem Reichthum und abweichender Beschaffenheit des Wassers. Durch die Benutzung der Wassermengen, welche sich in der Tiefe, unter der obern Sand- oder Gesteinschicht befinden, kann vielen Landstrichen Afrika's noch ein Ertrag abgewonnen werden, der sonst unmöglich wäre. Seit alten Zeiten ist es in Suf, am Südfnße des Atlas, gebräuchlich, bei Anlegung eines Dattelgartcns in die Tiefe zu graben. Etwa 40 Fuß tief muß man die geräumige Grube anlcgen, ehe man auf nasse Schichten stößt. Der ans- geworfene Sand bildet einen hohen Damm ringsum. In der Tiefe pflanzt man die Datteln, zwischen ihnen Orangen, Mais, Bohnen, Melonen und andere kleinere Gewächse, und hat als Hauptarbeit täglich in den frühesten Tagesstunden die Sandmassen in Körben hinauszuschaffen, welche der Wind ununterbrochen wieder hineinibirft. Durch artesische Brunne» wird jenem „unterirdischen Meere", d. h. den niedergesunkenen Wassern, die sich ans dich teren Flötzen in der Tiefe gesammelt haben, der Austritt an die Oberfläche geöffnet und dadurch mitten im Wüstengebiet ein Garten ermöglicht. Je reicher ein solcher Brunnen strömt, desto mehr können Datteln gepflanzt und erhalten werden. Durch Wassermangel wird der Eingeborene gezwungen zu nomadisiren, durch den Brunnen wird ans dem herumschweifenden, kultur feindlichen Hirten ein seßhafter Pflanzer. Eine kleine Abtheilung französischer Truppen hat in diesem Sinne für das südliche Algerien am Saume der Sahara Eroberungen mittelst des Erdbohrers ausgcführt, welche glänzender, humaner und segenbringender sind, als jene durch Kanonen und Schwert. Man hatte im April 1856 einen Bohrapparat in Philippe-Ville ausgcschifft und nach Ueberwindnng der größten Hindernisse und Schwierigkeiten denselben zur Oase Wad Rir nach Tamerna transportirt. Anfang Mai konnte man mit dem Bohren beginnen, und war so glücklich, schon am 19. Juni einem Wasscrstroni Austritt zu verschaffen, welcher in jeder Minute 4,100 Litres von 21* (L gab und von den Eingeborenen den Namen „Friedens brunnen" erhielt. Nachdem man mehrere andere Brunnen erbohrt hatte, bot62 Einleitung. die Ausschließung des sogenannten Dankcsbrunnens in der Oase Sidi-Rasched eine besonders rührende Scene. Ans die Nachricht, daß das Wasser steige, waren die Einwohner in Menge herbeigeströmt, und warfen sich auf das ge segnete Element. Mütter badeten ihre Kinder in dem Wasser, und der alte Scheich konnte, als er die Flut erblickte, welche der Oase, dem schon halb verlorenen Erbstück seiner Väter, die alte Blüte wiedergeben sollte, seine Anf- regung nicht bewältige», sondern warf sich ans die Knie, und dankte Gott und seinen französischen Wohlthätern. Auch im Kaplande pflegt oft der Reisende am Ruheplatz im ansgetrock- neten Flußbett mit dem Wild in Gemeinschaft nach Wasser zu scharren. Die einzelnen Pfützen, welche die letzten Ueberreste des Flusses bilden, sind dort oft so concentrirte Salzlösungen, daß selbst das Zugvieh sie verschmäht; unter dem Geröll trifft man aber häufig genießbares Wasser, im schlimmsten Falle wenigstens nasse Thouerde, von welcher man Kugeln zur Erquickung in den Mund nimmt. Obschon Afrika rings von Meeren umgeben ist, verlieren doch aus den oben angedeutcten Ursachen die vom Ocean kommenden Winde viel von ihren segenbringenden Ursachen, und Dürre erscheint als ein Hanptzug der meisten Gegenden dieses Erdtheils. Die über das Mittclmecr kommenden Nordwinde geben einestheils ihren Feuchtigkeitsgehalt an den Bergen des Atlas ab, an- derntheils nehmen sic in ihrem weitern Verlauf eine höhere Temperatur an und lösen deshalb die bereits gebildeten Wolken viel öfter wieder ans, als daß sie ihren Wasservorrath in Regentropfen ausschicven. Es vergehen in Unter ägypten und vielen Gegenden der Sahara nicht selten Jahre, ehe es einmal regnet. Der Nordostpassat hat seinen Weg zu vorherrschend über Länder- massen zurückgelegt, als daß er viel Regen bringen könnte; der feuchte Südost dagegen, der besonders am Kap wegen seiner Heftigkeit und Gefährlichkeit von de» Schissern gefürchtet wird, setzt seine Wolken vorzugsweise an den Küsten- gcbirgen ab, und die im Innern fallenden Regen werden, wie gesagt, durch die Sanvsteinflötze in ihren segensreichen Folgen sehr beeinträchtigt. Die Ge- witterbildungen von Madagaskar sind so heftig, daß die Schisser das „Mada- gaskar-Blitzen" als den höchsten Grad dieser elektrischen Erscheinungen bezeich nen, da es durch Häufigkeit und Stärke alles sonst Bekannte übertrifft. Ani Tafelberge giebt der erwähnte Südost zu der interessanten Erscheinung Ver anlassung, welche unter dem Namen „daö Tafeltnch" bekannt ist. Der mit Feuchtigkeit überladene Wind ist durch die steilen Wände de§ Gebirges gezwungen, aufwärts in kältere Regionen zu steigen. Durch die hierbei erfol gende Abkühlung scheidet sich der aufgelöste Wasserdampf als weißlich graue Wolkeumasse aus und überzieht den ganzen stachen Gipfel. Jenseits der Platte sinkt der Passat eben so rasch wieder in wärmere Regionen hinab, und die gebildeten Wolkenmassen lösen sich in demselben Grade wieder auf. Jährlich fallen diesem heftigen Winde am Kap Schiffe zuni Opfer. Am reichsten sind die Länder um den untern Niger (Kuorra) durch den PassatWüstenwinde. , 63 des Atlantischen Oceans mit Regen gesegnet; desto ärmer ist dagegen die Nordwestküste, da hier der Wind vorzugsweise vom Lande seewärts weht. Ueber den erhitzten Flächen des Innern findet eine sehr starke Luftströ mung nach oben statt, die am bedeutendsten ist, wenn die Sonne den Zcnith einer Gegend passirt. Mit diesen örtlichen Strömungen trifft der obere zu rückkehrende Passat zusammen, und heftige Wirbelstürme, von Windstillen unterbrochen, sowie Gewitter mit Regengüssen sind die Folge davon. Durch Oertlichkeiten können hierbei vielfach Abweichungen herbeigeführt werden. In Abessynien trifft der erste Regen im April ein und bringt den Nil nur wenig zum Steigen, im September dagegen ist bei der zurückkehrenden Sonne der Regenfall so stark, daß durch ihn das bekannte Steigen des Nil hervorgerufen wird. Dem Eintritt der Regenzeit gehen heftige Stürme, meist aus Süden, vorher. Sie sind es, welche der Wüstenwanderer als Samum fürchtet. Der ägyptische Chamsin ist mehr elektrischer Natur. Der Samum bindet sich an keine bestimmte Zeit des Jahres und hält keine bestimmte Richtung. Er kommt oft aus ganz entgegengesetzten Weltgegendcn. Er ist durch seine Hitze, durch seine Gewalt als Sturm, durch die Menge von Sand und Staub, die er mit sich führt, furchtbar. Die Gefahr, die sich mit dem Chamsin verknüpft, ist eine ganz andere; häufig ist er gar kein Sturm, er wirkt hauptsächlich durch die außerordentliche Anhäufung von Luftelektricität schädlich auf den menschlichen Körper. Ist der Samum stark, so ist er als Wind der Wüste, indeni er, hinfahrend über den brennend heißen Sand, sich sehr erhitzt, an und für sich fast unausstehlich und durch die Sandmassen, die er oft zu Hügeln anhänft, den Karawanen gefährlich. Die Thiere werden wild, werfen ihre Ladung ab, der Mensch verliert seine Besinnung, auf die Art, wie ans hohe» Bergen bei heftigen Schncestürmcn, er findet sich nicht mehr zurecht, er ermattet und erliegt endlich im Kampfe mit Hitze, Sand und Sturm. Die Anfälle des Chamsin sind dagegen gewöhnlich bald vorüber, lange aber bleibt die Atmosphäre außerordentlich heiß (38 — 40° R. im Schatten), die Luft ist erfüllt mit ganz feinem Sand und Staub, der überall durchdringt, gegen den keine Hülle, kein Fenster schützt, das Athnien ist erschwert, das Blut dringt zu Kopfe, und Personen, die sehr vollblütig sind, oder schwache Nerven haben, laufen Gefahr, am Schlagfluß zu sterben. Die Chamsine folgen meist einer drückenden Hitze, und die Luft ist jederzeit außerordentlich trocken. Ein fahles, röthlich gelbes Licht verbreitet sich, drückende Hitze, Windstille, eine peinliche Ruhe herrscht in der ganzen Natur, Thiere und Menschen verbergen sich; ein dumpfes Brausen und Knistern läßt sich hören, die Sandwolken ziehen, sich auf der Erde hinwälzend, heran, und in einem Augenblick ist der Sturm da; man befindet sich in einem Meere von Sand und Staub, gegen die man sich durch Verhüllen nur schwer schützt. Der Samum ist es, den der Bewohner des Mittelmceres als Sirocco kennt, der noch in seinen Ausläufern in der Schweiz als Föhn und in Deutschland als warmer Thauwind bemerkbar wird. Er bringt die Datteln, ans denen der64 Einleitung, Unterhalt der Nordafrikaner beruht, zur völligen Steife und führt, besonders im Innern des Erdtheils, die regenbringenden Wolken herbei. Da diese Wolkenbildnng mit dem Stand der Sonne zusammenhängt, so treten die täg lichen Gewitter auch zu bestimmten Tageszeiten ein. Eine schwarze, wild zerrissene Wolkenmasse zieht am Horizont herauf. Ihre Ränder leuchten unheimlich gelbroth wie der Rauch über einer brennenden Stadt. Heftige Sanv- und Staubwirbel gehen vorher und hüllen die Landschaft in Finster nis, welche nur spärlich durch die unaufhörlich zuckenden Blitze erleuchtet wird. Endlich fällt der Regen, und gleichzeitig mildert sich die Heftigkeit des Sturmes. Die Tropfen erreichen einen Zoll im Durchmesser, während sie in unseren Breiten nur wenige Linien messen. Sie fallen aus Wolken, welche ansehnlich hoher sind, und durcheilen eine mit Feuchtigkeit überladene Atmosphäre. Die Erde vermag nicht die herabstnrzende Wasscrmasse aufznsaugen. In wenigen Minuten bilden sich in allen Senkungen der Landschaft Wildbäche, welche sich in den größeren Thalmulden und Wadi's zu förmlichen Flüssen und Strömen vereinigen. Letztere setzen ihren Weg oft weithin fort, erreichen in manchen Fällen das Meer oder bilden noch öfter stellenweise Seen, welche nach weni gen Wochen sich in die lockeren Flötzen des Bodens verzogen haben und von der Sonne aufgesogen sind. Nach dem Regen erfolgt eine auffallende Kühle. Da die Tropfen sehr hochstehenden Wolken entsprangen, so weicht ihre Tem peratur bedeutend von derjenigen der Oberfläche des Bodens ab. Gerade jene Nachtkühle ist es, welche den Reisenden verlocken möchte, die schwüle, oft widerwärtige Atmosphäre der Negerhütte mit einer Hängematte im Freien zu vertauschen, die ihm aber, wenn er der Versuchung folgt, todtliche Fieber bringt. Mungo Park's zweite Expedition ging durch den nachtheiligen Ein fluß jener Gewitterstürme zu Grunde, und l)r. Barth glaubt, daß sein Ge fährte Overweg durch dieselbe Ursache erlegen sei.Liiwcnjagd in Algerien. Natur und Völker in Nordafrika. Gewächse Nordafnla's. Böller. Die versteinerte Hochzeit. Thierleben. Löwenjaqd in Algerien. Die Gärten der Wüste. Aegyptens Kultnrgewächse. Dattelpalme. Oasen. Von der Beschaffenheit des Bodens und vom Klima ist die Pflanzendecke eines Erdtheils innig abhängig, welche der Landschaft freundlichen Schmuck verleiht und Thier- und Menschenleben ermöglicht. Je nachdem die Erdtheile in ihren klimatologischen und geognostischcn Eigenthümlichkeiten von einander abweichen, je nachdem zeigt auch das organische Leben charakteristische, be sondere Züge. Wir können bei Afrika in dieser Beziehung drei große Reiche unterschei den: das nordasrikanische, das mittlere, welches der Zone der tropischen Regen entspricht, und dasjenige des südlichen Continents. Die Inseln bieten zwar viel Interessantes, sind aber für unsere Darstellung von zu untergeordneter Bedeutung, um ihnen mehr als eine nur flüchtige Berührung widmen zu können. Die Nordgrenze der Tropenregen, welche das nord- und mittelafri kanische Gebiet von einander trennt, ist nicht scharf gezogen. In den meisten * Buch der Reisen, II. 566 Einleitung. Jahren reichen die tropischen Regen bis höchstens zum 18° n. Br., d. h. 30 Meilen nördlich von Kartum, am Zusammenfluß der Leiden Nilarme. Wehen die Südwinde, von denen die dortige Sommerregenzeit abhängt, heftiger und dringen weiter nach Norden, so tritt auch mitunter für etwas nördlicher gelegene Gegenden eine kürzere Regenzeit ein. Am Rothen Meere gehen die Tropenregen, durch die Nähe des Meeres begünstigt, bis zum 21°, am Nil und nördlich vom Tschad bis zum 16°, und in Scnegambien bis zum 20°. Die Küste des Mittelrneeres wird, besonders soweit der Einfluß des Atlasgebirges reicht, durch Winterregcn und starke Thaue erquickt. Kühlere Seewinde'mildern die Hitze der flacheren Landschaften, und im Gebirge ver treten Lokalwinde ihre Stelle. Von Mitte Mai bis Ende September ist trockene Witterung vorherrschend. Selten übersteigt die Sommerwärme 35°, im Winter dagegen kühlt sich die Temperatur kaum unter -l- 5° ab. Unter den Baumgestalten fallen dem Fremdling die Zwergpalme und Dattel palme als die bezeichnendsten zuerst auf, besonders hat die erstere hier ihre eigentliche Heimat. Sie bildet, ähnlich wie manche Ginster und Pfriemen- ar:en anderwärts, auf unfruchtbaren Strecken ausgebreitcte Gestrüppe, welche wegen ihrer zähen, weitreichende» Wurzeln und wegen der Leichtigkeit, mit welcker sie sich wieder erzeugen, fast unausrottbar sind. Manche Stämme der Araber benutzen die Fasern des Stammes, um sie, mit Kameelhaaren vermischt, zu Zeltdecken zu verarbeiten. Die Blätter dienen als Flechtwerk zu Körben, eben so werden Stricke und Tauwerk ans den Fasern bereitet. Neuerdings hat man in den französischen Besitzungen aus den Palmenblättern mit großem Erfolg Papier, sowie aus den Fasern eine roßhaarähnliche Sub stanz dargestellt, welche zum Ausstopfen von Matratzen u. s. w. verwendet wird und unter dem Namen „afrikanisches oder vegetabilisches Pferdehaar" in den Handel kommt. Die jungen Sprossen dienen als Gemüse, die ge schmacklosen Früchte werden, in Ermangelung bessern Futters, von den Scha fen gefressen. An den Bergabhängen macht sich schon auffallend der Cha rakter deS vorherrschend trockenen Klima's geltend. Dorncngesträuchc oder Pflanzen mit harten, lederartigcn Blättern werden vorherrschend. Die Korkeiche wird in gutgepslcgten Forsten gezogen und liefert ansehnlichen Gewinn. Die Kermeseiche bildet in Gemeinschaft mit der Stecheiche (Quer- cus Ilex) Gebüsche. Bei allen diesen Eichenarten sind die immergünen Blätter lederig hart; diejenigen der letzter« Art sind oft mit reihen Schildläusen, den sogenannten Kermesbeeren, besetzt, welche die beliebte schönrothe Farbe liefern, mit denen die Eingeborenen ihre Kopfbedeckungen färben. Der Lotusstrauch ist hier zu Hanse. Hier ist das Land, in welchem , die Gefährten des Odysseus im Genuß der Lotusfrückte ihre Heimat ver gaßen. Auch eine Eichenart, die Ballote (Husrous Ballota), wird' ihrer schmackhaften Eicheln wegen als Obstbaum gepflegt. Der Mastixstrauch liefert ein wohlriechendes Harz, und wilde Oelbäume gesellen sich zu den gepflegten. Weiß oder gelb blühende Cistusröschen bilden als kleine zierliche HalbsträucherDie Küste des MittclmeereS. 67 das' Unterholz, umschwärmt von buntfarbigen Schmetterlingen und abenteuer lich gestalteten Käfern. An anderen Stellen sind weite Strecken mit Myr- tenbüschcn bedeckt. Zahlreiche Fliegenarten summen in Myriaden um die Amaryllis und Lilien, Narzissen, Affodil und andere Zwiebelgewächse, welche mit dem Eintritt der Wintcrregen ihre honigreichen Blutenkelche öffnen, gerade um die Zeit, wenn von Europa aus die Schaaren der insektenfressenden Nach tigallen und anderer Zugvögel ankommen, um hier zu überwintern. In der Nähe der Wohnungen sind vielfach Orangen, Granaten, Feigen, Maulbeeren, Weinreben und Kermesbeeren angepflanzt. Unser europäisches Knaulgras und das blaue Glanzgras webt an den Flußgeländen entlang einen saftigen Wiesengrund. Die 4 Zoll langen purpurnen Blütentrauben des Kronen-Esparsett ragen wie Stickereien daraus hervor. Ulmen, Weißpappeln und Weiden (Salix pedicellata) überschatten diese idyllischen Plätzchen, und würden an deutsche Landschaften erinnern, wenn nicht die üppigblühenden Oleandergebüsche ein fremdländisches Gepräge hervorriefen. Andere Stellen tragen freilich schon den Charakter der Wüste. Wo Wasser fehlt, ragt kahler Felsen, oder es breitet sich die Sandflächc aus, hier und da mit Gypsflötzen wechselnd oder mit Salz durchdrungen. Die von Amerika zuerst nach der europäischen Südküste gebrachten Opuntien und Agaven haben auch an Afrika's Nordrande einen so günstigen Boden für ihr Gedeihen gefunden, daß sic in verwildertem Zustande massenhaft Vorkommen. Der Name Christenfeigen, mit welchem man die saftigen Beeren der Opuntie bezeichnet, erinnert noch an i>ie Herkunft dieses Gewächses. Kleine Kressen, Frankenien, Sonnenröschen und stechende Gräser (Aristida pungens) bezeichnen den Salzboden. Tamarisken bilden hier das feinblättrige Gesträuch. Pfriemengräser (8tipa barbata und gigantea), von den Arabern Alfa genannt, bilden in Gesellschaft mit Bcifuß- gewächsen Steppen, welche an die ähnlichen in Südrußland erinnern und Weideplätze für die genügsanien Hausthiere der Araber abgcben. Die Vorberge des Atlas sind theilwcisc mit der atlantischen Pistazie und einem stattlichen Wachholder (lluniporus macrocarpa) bewaldet, die hohe baumartige und viclblütige Heide treibt wunderhübsche Pyramiden, während der Iohannisbrodbauni und der Erdbccrbanm angenehmen Schatten bieten, da ihr gefiedertes Blattwerk sich zu Lauben ausbreitct. Bei 2—3000 Fuß Er hebung über dem Meere treten herrliche Cedcrnwälder am Atlas auf. Beson ders an den südlichen Abhängen bestehen diese Waldungen aus prächtigen Stämmen, welche mitunter bei einem Umfang von 21 Fuß eine Höhe von 120 Fuß haben. Die Hirten haben hier leider die Sitte, jährlich das dürre Gras anzuzünden, und führen dadurch nicht selten Zerstörungen von ansehn lichen Waldstrecken herbei, allenthalben sprießt aber junger Anflug, wieder empor. Die Bewohner dieser Berge, die Kabylcn, sind wahrscheinlich Abkömm linge der unterdrückten Punier und späterer Bölkerstämme, die cindringenden Eroberern unterlagen und sich auf die sicherern Höhen flüchteten. Genügsam bauen sie um, ihre sehr einfache Hütte etwas Gerste und Weizen, auch wol68 Einleitung. Mais oder Durrah, und gründen ihren Unterhalt außerdem auf eine Herde Ziegen und Schafe. Flinte und Säbel beschützen sie. Sie entbehren Pferde, welche ihnen an ihren steilen Wohnplätzen wenig nützen könnten, und unter scheiden sich dadurch, sowie durch die angedeutete Abstammung, ihre festen Wohnplätze und mancherlei Abweichendes in ihren Sitten von den Araber- stämmen des liefern Landes und der Oasen, die vorzugsweise beritten sind. Das Gebiet der Kabylen ist reich an interessanten Natursceneu. Heiße Quellen mahnen hier und da noch an die Plutonischen Gewalten der Tiefe, welche das Atlasgebirge emportrieben. Wir besuchen eine der Thermen, und machen im Geiste einen Ausflug in die Thäler des Gebirges. Der Führer verspricht, uns zu den Hammam MeSkhutin, „den verfluchten Quel len", zu geleiten: An steilen Abgründen mit losem Steiugeröll vorbei führt uns der Weg durch Dornendickichte und endlich nach vielfachen Beschwerlich keiten in ein herrlich grünes, schönes Bergthal voll lieblicher Gebüsche. Ringsum gewahren wir pyramidenförmige Felskegel, die einen schneeweiß, die anderen grau; man könnte sie von fern für eine Zeltstadt ansehen. Ihre Höhe wechselt von 2 bis 20 Fuß. Ringsum steigen dichte Rauchsäulen von kochenden Wasser dämpfen empor, wir hören das Brodeln und Zischen des wallenden Wassers, das hier und da als Quellsprudel zu Tage bricht und 90—100° C. Wärme besitzt. Schwefelgeruch macht uns darauf aufmerksam, daß wir auf vulka nischem Boden stehen. Der begleitende Beduine erzählt uns, daß einst hier ein fruchtbarer Ort war, von übermüthigen Arabern bewohnt, deren Scheikh in Verhöhnung aller göttlichen und menschlichen Gesetze sich mit seiner Schwester ehelich verband. Allah erzürnte über den Frevel und verwandelte alle Theil- nehmer des verruchten Gelages in die weißen- Kalkfelsen, der große Kessel aber, in welchem man das Hochzeitsmahl kochte, ward verflucht, bis in Ewig keit fortzukochen. Das Wasser jener Quellen ist außerordentlich kalkhaltig und setzt sehr viel Kalksinter ab. Dadurch bildet es die sonderbarsten Figuren, welche der lebhaften Phantasie des Arabers reichen Stoff zu Mährchen und Sagen liefern. Am imposantesten zeigen sich diese fortwährend weiterwachsenden Kalkgebilde dort, wo der aus den Quellen entstandene heiße Bach einen Wasserfall bildet. Die Steinfiguren ähneln hier täuschend einem schneeweißen Gletscher mit ewigem Firn bedeckt, mit starrenden Eiswänden und tausend ragenden Zacken. Hier und da verursacht der abgesetzte Schwefel einen gelb lich röthlichen Anflug. Man glaubt, in den manchfachen Steingebilden ver steinerte Thiere, Muscheln, Seesterne und Pflanzengruppen erkennen zu können, lieber diese wunderbaren Gebilde stürzt das siedende Wasser zischend, dampfend und donnernd in den Abgrund. Von jedem Felsenzackcn prallt der heiße Wasserstrahl zurück, peitscht mit seinem Sprudel dann wieder den Liefern Ab hang, und fällt so, Dampfwolken ausspeiend, von Stufe zu Stufe. Jene einsamen Thäler sind noch Schauplätze eines reichen Thierlebens, das den nördlichen Küstengebieten sonst abgeht. Im sparrigen DornbuschThierleben. Lvivenjagden. 69 spannt eine große Spinne ihr weites, festes Netz aus, um — Heuschrecken statt Fliegen zu fangen. Unter dem Steine versteckt schläft der Skorpion; erst zur Nachtzeit wird er seinen Naubzng beginnen. Lebhaftes Vogelgezwitscher bekundet den Reichthum, welcher sich in den Formen der gefiederten Sänger- entwickelt, und drunten im sumpfigen Thale bewegen sich mit unübertrefflicher Grazie schlankgebautc Reiher, „nnmidische Jungfrauen" wegen ihrer unver wüstlichen Tanzlust genannt. Zwischen ihnen stolzircn Flammingos mit feu rigem, rothen Gefieder. Dorthin lenkt beim Einbruch der Dämmerung das Wildschwein seinen Weg,, und geräth nicht selten mit dem „falben Sultan", dem Löwen, oder seiner „kurzhaarigen" Genossin in blutige Känipfe. Die verschlungenen Stranchdickichte gewähren dem letztern gefürchteten Raubthierc sichere Schlupfwinkel, ans denen cs im Schutze der Nacht hervorbricht, um seinen Tribut von den Herden der nahegelegenen Araberstämme zu entnehmen. Der Schaden, welchen ein Löwcnpaar anznrichtcn vermag, besonders wenn es Junge hat, ist so erheblich, daß das ganze Lager anfgeboten wird, um sich" der lästigen Gäste zu entledigen. Alle zur Jagd fähigen Männer versammeln sich zu Fuß und zu Roß, und rücken gegen das Dickicht vor, in welchem man den Löwen vermuthet. Sobald man sich dem Gebüsch bis auf etwa 50 Schritt genähert hat, macht man Halt und ordnet die Fußjäger in drei Treffen hin ter einander. Die zweite Kolonne hält sich bereit, um, wenn es nöthig wird, in die Zwischenräume der ersten einzutreten, und die dicht zusammcngedrängte, aus trefflichen Schützen gebildete dritte Kolonne bildet eine zuverlässige Re serve. Das erste Treffen versucht, den Löwen ans seinem Versteck herans- zutreiben. Man schickt einige Kugeln in das Dickicht, höhnt die Feigheit des Löwen und schimpft vor Allem auf die Großmutter des Gefürchteten, sowie auf seine sämmtlichen Ahnen der Reihe »ach. Mitunter zeigt sich das be unruhigte Thier majestätisch vor der Front der Schützen, welche cs mit einer gemeinschaftlichen Salve empfangen, ei» ander. Mal dagegen ist eS mit einigen wohlberechneten Sätzen mitten unter ihnen, hat einige durch geschickte, mächtige Krallenhicbe zu Boden gestreckt und ist wieder verschwunden, che die Ueber- raschten zu sicherem Schüsse gekommen sind. In solchem unglücklichen Falle sucht der Anführer seine Leute mit unendlichen Ermahnungen so gut als möglich wieder zu ordnen, denn er weiß, daß der Löwe kurz daraus wieder kommen wird. Fällt der Löwe nicht durch die Schüsse der ersten Kolonne und stürzt sich verwundet und wüthend auf dieselbe, so empfangen ihn die Kugeln des zweiten Treffens. Nur ein Schuß dnrch's Herz oder durch's Gehirn tobtet ihn plötzlich. Ist der Löwe ans eine freie Fläche getrieben, so beginnt der Angriff durch die berittenen Jäger. Jeder Reiter, je nach seiner Behendigkeit und Kühnheit, setzt sein Pferd in Galopp, schießt auf kurze Entfernung sein Gewehr ans den Löwen ab und schwenkt dann rasch sein Pferd, um in weiter Entfernung wieder zu laden. Der Löwe, von allen Seiten angegriffen und jeden Augenblick verwundet, macht überall Front, springt vorwärts, flieht, kehrt wieder und unterliegt erst nach einem hartnäckigen Kampfe. Er kann70 Einleitung. nur drei fürchterliche Sätze machen, sonst entrinnt ihm ein gewöhnliches Pferd ohne große Mühe, Diese Art des Kampfes gewährt einen eigenthümlichen Anblick. Jeder Reiter stößt seine Verwünschungen auö, die Rufe durchkreuzen sich, die Burnus flattern hoch empor, die Gewehre knallen, Alles drängt sich blitzschnell vor und zurück; der Löwe brüllt, die Kugeln pfeifen; cs ist ein Lärm zum Betäuben. Stets endigt aber solcher Kampf mit der Niederlage des Löwen. Der ganze Nordrand Afrika's, mit Ausnahme von Unterägypten, wird gewöhnlich mit deni Namen „die Berberei" bezeichnet. Es werden hiermit die Staaten Tripoli, Tunis, Algier und Marokko zusammengefaßt. Eben so nennt man den alten Volksstamm, der hier seßhaft ist, besonders die umher ziehenden Horden desselben, Berbern; die auf dem hohen Atlas Wohnenden heißen Schilln oder Schelllschen, die vorhin erwähnten Kabylen bewohnen die Berge des kleinen Atlas. Außerdem bildet der halb arabische Maurenstamm einen großen Thcil der Bevölkerung, besonders im Westen, dem alten Man ritanien. Sie sind sämmtlich Mnhamcdaner. Der Despotismus, der, ver derblich seit Jahrhunderten ans diesen Völkerschaften drückend lastet, hat kein frisches Entwickeln ihrer sonst nicht geringen Geisteskräfte möglich werden lassen. Trotz der Nähe Enropa's wird gerade von den Berbern europäischer Einfluß. meist um so beharrlicher znrückgewiesen, da seit der Vertreibung der Mauren ans Spanien der erbittertste Kampf zwischen den sich gegenüber woh nenden Völkern Jahrhunderte lang fortdaucrte. Die Kreuzritter ans Malta trugen das Ihrige auch mit bei, die Feindschaft der Berbern in Algier, Tunis und Tripoli fortwährend aufznstachcln, da sic ja durch Ordcnsgelübde zu ewigem Kampfe gegen die Ungläubigen verpflichtet waren. Die Nachthcilc, welche die Berbern durch dieselben erlitten, vergalten sie reichlich durch de» ununterbrochenen Krieg, den ihre Rnderschiffe gegen alle christlichen Fahrzeuge führten, und der, bis in ziemlich neue Zeiten fortgesetzt, die europäischen See mächte oft genug vcranlaßte, durch einen schimpflichen Tribut sich Frieden von den kühnen Korsaren zu erkaufen. Nur erst durch Eroberung Algiers durch die Franzosen und durch Besitznahme jenes Staates sind die Nachbar länder so weit eingeschüchtert worden, daß sie den Seeranb einstellten; wie aber einzelne Funken des langen Kampfes noch fortglühen, hat das Verhal ten der sogenannten Riffpiraten im Marokkanischen deutlich gezeigt. Durch die von Osten her vordringenden Araber wurde die Berbernation theilweise genöthigt, sich nach den südlicher» Theilen der Sahara zu ziehen. Hier unterwarfen sic sich zum Theil die frllhern schwarzen Bewohner, die an fänglich sogar Tauat inne hatten, und durchziehen noch jetzt nomadisirend als Tuariks die Wüste, oder sic verschmolzen auch mit den Negern und gaben zur Entstehung eigenthümlicher Mischvölker Veranlassung, wie z. B. die Kelowi eines dergleichen ist. Den östlichen Theil der Sahara bewohnen die Tibu, ein Volk, das den Einwohnern Bornu's nahe verwandt ist.Nilüberschwemmung. Die Gärten der Wüste. Aegypten und die südlich vom AtlaS gelegenen Länder tragen bis zur Nordgrenze der tropischen Sommerregen, welche wir oben andeuteten, den selben Charakter in Bezug ans ihre Pflanzen- und Thierwclt. Sie bilden ein weites Wüstengebiet, in welchem sich der mitunter nicht über 1—2 Meilen breite Thalgrund Aegyptens nur dadurch auszeichnet, daß ihn die jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen zum Anbau fähig machen. Aegypten bildet auf diese Weise selbst die größte der afrikanischen Oasen. Da dieses berufene Land seit undenklichen Zeiten bebaut worden ist, so kann hier von einem ursprünglichen Pflanzenwuchs kaum noch die Rede sein. Selbst das berühmte Papyrus, das ehedem wahrscheinlich die Ufer des Nil schmückte, ist daselbst verschwunden. Gegenwärtig beschränkt sich das Vor kommen dieser Pflanze auf die Sümpfe, welche den See von Menzale um geben; ehedem ward sie aber, der Papierbereitung wegen, in großem Maß stabe gepflegt. Sic erreichte gewöhnlich eine Höhe von 10 Fuß, und die Stengel wurden zwei bis drei Zoll dick. Man theilte die letzteren der Länge nach in zwei Theilc, und breitete die sich umschließenden Häute, welche die Stengel bilden, aus einander. Jede dieser Häute gab ein Blatt, und zwei derselben wurden so zusammeugeleimt, daß ihre Fasern sich kreuzten. Durch Klopfen, Pressen, Glätten und ändere Zubereitungen erhielt man verschiedene Sorten Papier, von den inneren Häuten das feinste. Soweit die Ueberschwem-72 Einleitung. mittigen gehen und der Fleiß der Bewohner durch Schöpfräder und Kanäle das Wasser leitet, gedeihen Reis, Weizen und Sorghum. In den Gärten zieht man Südfrüchte und Feigen, zur Schminke den Hennastrauch, dessen Saft gelbroth färbt und dessen starkriechende Blütensträußc man bei festlichen Gelegenheiten in den Zimmern aufstellt. Die Manlbeerfeige (Shcomore) lie fert ein beliebtes Obst und das hauptsächlichste Nutzholz. Baumwolle gedeiht neben Hanf und Flachs. Die Kultur des letztern ist uralt. Auch den blau färbenden Indigo zieht und benutzt man seit vielen Jahrhunderten. An Stellen, welche man Lewäffern kann, pflegt man Eolocasie ihrer mehligen, estb rcn Knollenwurzeln wegen, und trocknere Stellen liefern die beliebten Melonen oder den Saflor, welcher besonders nach Südeuropa ausgeführt wird, um dort als Schönheitsmittel verwendet zu werden. Als Oelpflanzcn sind Sesam und Ricinus gebräuchlich. Die Marktplätze der größeren ägyptischen Städte bieten deshalb einen ziemlichen Reichtbum verschietener Nahrungsmittel, welcher dem Fremden noch dazu interessant wird durch die Art und Weise, in welcher die Verkäufer ihre Waaren empfehlen. Die Händler, welche WolsSbohnen (Lupinen) in den Straßen Kairo's feil bieten, schreien gewöhnlich: „Hilf! O Jmbabi! Hilf!" Dieser Rnf bezieht sich auf den Scheck El Jmbabi, einen berühmten Heiligen, dessen.Gebeine bei dem Dorfe Jmbambeh, am Westufcr des Nils, wo die b sten Lupinen wachsen, begraben sind. Zuweilen schreit der Lupinenverkäufcr auch: wie süß sind die kleinen Kinder des Flusses!" Dieser Ruf bc- ze chnet die Art, wie die Bohnen genießbar gemacht werden. Um sie näm lich von ihrer natürlichen Bitterkeit zu befreien, werden sie ein Paar Tage lang in Wasser eingeweicht, dann gekocht, hierauf in einen dichten Korb von Palmblättern eingenaht und mit diesem noch einige Tage lang in den Nil gehängt. Dann trocknet man die Frucht und ißt sie kalt mit etwas Salz. Die Noseliverkänfer schreien: „Die Rose war ein Dorn; der Schweiß des Propheten hat sie geöffnet!" Dies bezieht sich auf ein Wunderwerk, welches man von Muhamed erzählt. Die Blumen des Henna-Strauches werden durch den Rnf angekündigt: „Wohlgerüche des Paradieses! O Blumen der Henna!" Ein besonderer Zug dieses Gebietes ist der Mangel an Bäumen und Wal dungen. Die Wüstenbcwohner.sind gezwungen, den Kamecl- und Kuhdünger als Fenerungsmaterial zu verwenden. Auch die berühmten Brütöfcn für Hühnereier werden, mit diesem Brennstoff geheizt. Sie sind in Aegypten seit langen Zeiten in Gebrauch, da dort die Hennen sich ungern zum Ausbrüten ihrer Eier bequemen. Holzmangel bezeichnet wasserlose Striche eben so wie jene Gebiete, in welchen der anhaltende Frost der Entwickelung von Bäumen hinderlich ent gegentritt. Diese Gewächse verlangen mindestens drei Monate im Laufe des Jahres Feuchtigkeit, gleichviel, ob ihnen dieselbe durch periodische Regen, Thaue, oder durch Bewässerung zugeführt werde. Nur binnen einer solchen Frist ver mögen sie das Holz der neuen Triebe so weit zu kräftigen und die angesetzten Knospen so Weit vorzuberciten, daß dieselben im Stande sind, in der folgendenDie Dattelpalme. 73 ungünstigen Jahreszeit in längerer Ruhe zu verharren, ohne die Lebensfähig keit einzubüßen. Höchst bezeichnend sind für daS afrikanische Wüstengcbiet zwei Palmen arten: die Dattel- und die Dumpalme. Dattelpalmemvald. Die Dattelpalme ist mit der Lebensweise der Araber, welche diesen nördlichen Theil Afrika's bewohnen, so eng verschmolzen, daß die Gläubigen erzählen: Allah habe bei der Erschaffung des Menschen Etwas von dem Thon übrig behalten, aus welchem er Adam erschaffen hatte, und dies sei zur Ver fertigung der Dattel verwendet worden; sie sei also die Schwester des Men schen. Ans einem 2 bis 3 Fuß dicken Stamme, der bis 50 Fuß hoch empor-74 Einleitung. strebt, breitet sich eine prachtvolle Krone von 40 bis 80 Blättern aus. Jedco der letzteren hat 4 bis 5 Ellen lange Blattstiele, an denen zahlreiche schmale Fiederblättchen sitzen. Da die zur Befruchtung unentbehrlichen Staubblüten sich auf besonderen Stämmen entwickeln, so muß der Araber Sorge tragen, daß in seiner Pflanzung dergleichen Bäume auf der Windseite vorhanden sind; im andern Falle ist er gezwungen, von anderwärts her Pollenblütcn zu be schaffen. Man öffnet dann die Blutenscheide der Samenbäume und steckt ein Stückchen von der Rispe der Staubblüten hinein. Ein Baum mit Staub blüten reicht für 100 Fruchtbäume aus. Die Früchte senken die Anfangs auf recht stehende, vielverzweigte Traube bei verrückendem Wachsthum weiter ab wärts, und bilden dann unter der Blattkrone einen zierlichen dottergelben Kranz. Im April werden sie gelb, im Mai sind sie so groß wie Kirschen und grünlich, im Juni wie Oliven und im Juli haben sie ihre volle Größe. Die nothigc Reife verleihen ihnen erst die heißen Wüstenwinde, welche im August wehen. Zum Anbau der Dattel eignet sich am besten ein sandig- lehmiger, leichter Boden. Beim Anlegen von jungen Pflanzungen giebt mau Sprößlingen den Vorzug, da diese viel schneller zum- Fruchttragen komme», als wenn man Kerne legte Im Süden, wo der 12° u. Br. die Südgrenze der Dattel bildet, kommen Stellen vor, an denen der Baum zwei Ernten in einem Jahre hervorbringt. Die Früchte werden auf die verschiedenartigste Weise bereitet und genossen, so daß die Beduinen es als eine Eigenschaft einer guten Hausfrau rühmen, wenn sie im Stande ist, während eines Monats täglich ein anderes Dattelgericht herzustelleu. So weit sich östlich und westlich die Gruudwasser des Nil ziehen und in den Einseukungen den Boden feuchten, oder wo in den Thälcrn der weiten Sahara die Gewässer wieder zu Tage treten, welche bei den zwar seltenen, aber dann desto heftigeren Regengüssen in die Tiefe sanken — allenthalben bilden sich an solchen Stellen Oasen. Hirtenstämme Pflegen in ihnen mehr oder weniger dieselben Kultnrgewächse, wie sie Aegypten besitzt, die Hauptrolle spielt aber durchgehend die Dattel, auch hier noch die treue Genossin beö Arabers. Die Oase Siwah z. B., die sich seit alten Zeiten wegen des Jupiter-Ammon-Tempels eines weitverbreiteten Rufes erfreute, bildet ein mul denförmiges Thal von einer Stunde Breite und vier Stunden Länge. Es zeigt große Aehnlichkeit mit dem Becken eines eingetrockneten Sees, und die Menge von Seethierrestcn, welche man in versteinertem Zustande ringsum antrifft, unterstützt jene Ansicht. Der Boden besteht an der Oberfläche beson ders ans Sand, nach der Tiefe zu ist er salzreich. Die umgebenden Berge von 200 bis 500 Fuß Höhe sind entweder Muschelkalkstein oder Sand. Die . zahlreichen Quellen, die in verschiedenen Höhen den Flötzen entspringen, sind entweder süß oder salzig. Der stellenweis sumpfige Boden enthält hier und da kleine Salzseen. Aus einigen derselben steigen eigenthümlich fruchtbare Jnselchen hervor, welche süße Quellen enthalten und mit den reichsten Pflan zungen prangen. Ueberall wechseln Wiesen, Gesträuche, Palmwäldchen, GärtenDie Oasen. 75 und Saatfelder mit einander ab. Groß ist der Ueberflnß an Datteln, Gra natäpfeln, Feigen, Oliven, Pflaumen, Aprikosen, Melonen, Trauben. Alljähr lich erntet man 5 — 9000 Kameelladungen, jede zu drei Centnern gerechnet. Man düngt hier die Datteln mit dem Mannaklee (Hedysarum Alhagi) und wässert sie in der Jugend. In Fessan werden die Dattclpflanznngen nicht gewässert, ja länger anhaltende Regengüsse werden ihnen sogar tödtlich, da durch dieselben das Salz int Boden aufgelöst und ihnen in zu großen Mengen zngeführt wird. Die Ufer der Salzseen sind durch srenndlichgrüne Dickichte Mursur. des „spanischen" Rohres (Arnnck» Donax) eingefaßt mib durch Wasserhühner, Enten und mancherlei anderes Geflügel belebt. Flüchtige Gazellen schweifen am Rande der Oase scheu hin und her, mit ihnen gemeinschaftlich der Strauß. Im Sandboden selbst finden Springmäuse, Ameisen, Skorpione und der hei lige Strahlenkäfer Wohnung und Schuh. Nur ans den kahleren Hügel kämmen, auf denen Achate, Kiese und Rollsteine den Kalkfelsen überlagern, fehlt alles Pflanzenleben und alles Gethier. Die vorstehende Abbildung ver setzt uns in die größte der Oasen, nach Fessan, und zeigt nnö eine der an sehnlichsten, bedeutendsten Ortschaften daselbst, die Stadt Mursuk. Zwar ist das Aeußere der letztern wenig versprechend, aber eilt reges Handclsleben,76 Einleitung. herbeigeführt durch die zahlreichen Karawanen, welche von Aegypten und Tri- poli nach dem Sudan ziehen und von dort zurückkehren, führt Wohlstand unter den Bewohnern herbei. Ihre süßen Datteln sind dem Wüstenrcisenden eine erwünschte Speise auf dem bevorstehenden langen, einsamen Wege. Selten ist selbst die eigentliche Wüste ans weitere Strecken vollständig pflanzenleer. Stellenweise treten Trüffeln, anderwärts, wie schon erwähnt, massenhaft Flechten, hier und da sogar Sträucher und Kräuter auf, wenn auch letztere den Stempel der Dürre an sich tragen. Besonders ziehen der gleichen Krautstreifen in den Senkungen und Wadi's entlang, die deshalb auch vorzugsweise von den Reisenden als Straßen gewählt werden. Erlaubt' es der Raum, so lassen die reisenden Araber die Karawane sich zur Front ausbrciten und langsam weidend schreiten an den bewachsenen Stellen die Lastthiere vorwärts. Die Tuariks (Berber) dagegen binden ein Kameel an den Schwanz des andern und lassen die Thiere bei Nacht weiden. Wohlriechendes Beifusigestrüpp (Artemisia odoratissima) , das Schia der Araber, mit Retem (Vineetoxiourn) gemischt, bildet die Lieblingsspeise der Kameele. Neben ihm ist der Aghul (Hedysarum Alhagi) eine Leckerei für dieselben. Dieses niedere kleeähnliche Halbsträuchlein mit bläulichen Schmetter- lingsblumeu schwitzt im Strahl der sengenden Sonne an seinen dünnen Aest- chen kleine Perlen eines wohlschmeckenden Manna aus und wird von Einigen für das Gewächs gehalten, welches dem Volke Gottes am Sinai das „Brod vom Himmel" spendete. Andere sehen 'die Tamariske (Tamarix orientale) für den Brodliefcrantcn an. Auch sic, den Beduinen als Ethelbaum bekannt, erwächst in den Wadlls der Sahara zu einem baumähnlichen Strauche mit dünnen Zweigen, welche mit ihren äußerst feinen, schuppigen Blättchen und kleinen rosenrothen Blüten an riesige Heidekräuter erinnern. Mehr als den Ethelbaum liebt der Reisende den Batum (Pistacia), welcher ihm Schatten zur Rast verleiht. Akazien und Siddersträucher (Rhamnus Nabeca), beide mit Dornen bewehrt, bieten den Schakals Verstecke und sind Nisteplätze für jene kleinen Vögelchen, die in ähnlicher Weise das plagende Ungeziefer von den Füßen der vorbeiziehenden Kameele ablesen, wie der rothschnäblige Ma denhacker im Süden Afrika's von dem Rücken der Büffel. Unter dem niedern Gestrüpp der Krautstreifen, zwischen den Büscheln des Halfa-Grases (Cyno- surus durus) treten stellenweise freilich auch Giftgewächsc auf, deren Genuß den weidenden Thieren den Tod bringt. In den Gebirgen, welche im Gebiete von Tripoli den Nordsaum der großen Wüste bilden, pflegen die Bergbewohner neben dem Oelbaum besonders Feigenbäume in solchen Mengen, daß getrocknete Feigen hier Hauptnahrung bilden, wie die Datteln im Belndulscherid und die Erdmandel im Sudan. So weiß die Natur Mittel und Wege genug, selbst in den verrufensten Strecken der Wüste noch thierisches Leben durch eigenthümliche Pflanzengebilde zu ermöglichen und dadurch für den Menschen einen, wenn auch nur vorüber gehenden Aufenthalt vorzubereiten.Papyrus. Natur und Völker in Mittrtafrika. Am Tschad. Bodenbeschaffenheil. Bezeichnende Gewächse des Sudan. Kulturgewächse. Völker in Centralafrika. Industrie und Handel derselben. Kano. An der Westküste. Waldungen an der Küste. Angebaute Gewächse. Völker Guinea'S. Ausfuhrartikel in Freetown. An der Ostküste. Der weiße Nil. Vegetation und Thierlcben. Abeffy- nische Alpen. Gewächse und Thiere derselben. Völker am weißen Nil und in Abeffynien. Inseln Afrika'S. Madagaskar. Sechellen. Die Länder am Tschad. Sehr unähnlich den großen Binnenseen Nordamerika'^ welche, durch den mächtigen Lorenzo mit dem Ocean verbunden, rings an ihren Ufern ein reges, üppiges Leben aufblühen sehen und' die Veranlassung werden, daß Städte wie Pilze schnell cmporschießen, Dampfer und Boote wie Zugvogel sic be völkern und den' Austausch der Erzeugnisse der umliegenden Länder gegen die Produkte der Fremde ermöglichen, — sehr unähnlich diesen ist der afrikanische Tschad im Herzen des abgeschlossenen Erdtheils.' Nirgends sendet er eine Wasserader nach den Küsten des Continents, welche ihn mit der Außenwelt in Verbindung setzte; gleich einem unverbesserlichen Egoisten nimmt er die78 Einleitung. Gewässer, welche die Flüsse der Umgegend ihm spenden, in sich auf, und breitet sie zu einem weiten, meist flachufrigen Sumpfe aus. Nur die hier freilich mächtig wirkende Sonne vermag ihm daS-Empfangene zu entreißen. Sie trocknet ihn stellenweise aus, läßt seine Ufer zur dürren Jahreszeit mei lenweit einschrumpfen und löst ihn selbst in zahllose unter einander verbundene, theils Süßwasser haltende, theils brakische Sumpflachen auf. Nur schmal ist das Fahrwasser, das sich zwischen seinen vielen Inseln hindnrchzieht, und noch ist es nur von . den leichten, flachgebanten Booten der wilden Bewohner jener Inselwelt befahren worden, welche letztere, mit allen Stämmen der Umgebung in unversöhnlicher Fehde, ihre Fahrzeuge nur zu kecken Raubzügen oder zur schnellen Flucht vor ihren Verfolgern benutzen. Wie bedeutend der Unterschied zwischen dem Wasscrstande des Tschad in der trocknen und in der nassen Jahreszeit sein muß, erhellt zur Genüge, wenn man erfährt, daß der Benne, der Quorra (Niger) jährlich beim Regen um 50, ja bis 80 Fuß hoch über ihren nieder» Stand anschwellen, eine Eigen- thllmlichkeit, welche sie im höher» Grade besitzen, als selbst der deshalb viel berufene Nil und die Flüsse des Kaplandes, und welche jene Wasseradern, die den Tschad speisen, annähernd mit ihnen theilen. Wie die Ufer unserer Sümpfe ist der Tschad vorherrschend von Schilf dickichten umsäumt, in denen das hohe, mit schwärzlichen Blütenköpfen gekrönte „Bore" unseren Binsenformen ähnelt, während das altberühmte Papyrus hier noch in üppigen Massen die zarten Kronen wiegt. Eine andere hohe Schilfart, das „Mele", sammelt der Neger, uni ihr weiches, saftiges, wenn auch nicht gerade besonders schmeckendes Mark zu saugen, und'der Reis, welcher hier wild wachsend auftritt, bildet die Lieblingsspeise der wilden Ele- phanten. Dr. Barth zählte einst 96 dieser Riesenthiere, welche in dem Tschad ein Morgenbad genommen und in wohlgeordnetem Zuge, starke Männchen Spitze und Schluß bildend, Weibchen und Junge in der Mitte, nach dem Walde zurückmandeltcn. Kleinere Buchten sind bedeckt mit der „heimatlosen Fanna" (Pistia Stratiotes), welche einen grünen, leicht beweglichen Ueberzug bildet. An an deren Stellen erhebt die Lotosblume (Nymphaea Lotos) ihre weißen großen Blüten zwischen den wagrecht ausgebreiteten, schwimmenden Blättern, und im Schilfdickicht umher leuchten die gelben Blumen des Borbudje, einer Schling pflanze, die an den Rohrstcngeln emporklettert. Schaaren von Wasservögeln tummeln sich in munterem Treiben zwischen dem Geröhricht, laufen mit langen, dünnen Zehen über die grüne, schwimmende Pflanzendecke wie über festen Grund, während andere, nach Würmern suchend, in die Tiefe tauchen. Zahlreich sind die plump gestalteten Flußpferde, diese dickhäutigsten aller Dickhäuter, fast gleich zahlreich die schwergepanzerten Krokodile. Auf den Un tiefen sonnen sie sich, halb im Schlamm vergraben, oder schwimmen langsam durch die trüben Fluten, und scheuchen die schnellfüßigen Wasserantilopen aus dem Geröhricht.79 Der Tschad und seine Umgebung. In der Nähe von dem Städtchen Io traf Dr. Barth in dem Komadugo, einem der Zuflüsse des Tschad, elektrische Fische von 10 Zoll Länge, auf dem Rücken aschgrau, auf dem Bauche weiß gezeichnet, mit rothem Schwanz und rothen Flossen. Zur trockenen Jahreszeit gewährt die Landschaft in weiter Umgebung des Tschad einen trostlosen, melancholischen Anblick. Die dürre, .verbrannte Ebene ist fast nur mit plumpen Aschurbüschen (Asclspias gigantea) bedeckt, welche der Landbebauer zwar alljährlich abhaut, die aber eben so hartnäckig jährlich 10, ja 20 Fuß hoch aufschießen, dem Reisenden gleich unangenehm, wie seinem Thiere, da der ätzende Milchsaft die Kleider des crstern verdirbt und die Haare des letzter« ausfallen macht. Retem (Spartium junceum und monospermum) überzieht stellenweise als kurzes, dürres Gestrüpp den unbe bauten Boden, die zarteren Gräser und Kräuter sind verdorrt und in Staub zerfallen. Legionen Mückenschwärme bevölkern die Luft, eben so zahlreiche bissige Insekten den Sand, ,und die unermüdlichen Termiten verzehren, in selbstgebauten, verdeckten Gängen sich nähernd, dem Reisenden möglichenfalls das Lager unter seinem Haupte. Gleich unerquicklich erscheinen die Waldungen. Zwei Akazienarten (Aca- cia nilotica und A. Giraffae) und Kapernsträucher (Capparis sodata) bilden fast den ausschließlichen Bestand, alle mit Dornen bewehrt und ohne den ge ringsten Blatt- oder Blütenschmuck. Die Riesen-Kuka's, die Baobabs Wcst- afrika's (Adansonia digitata), stehen mit ihren kolossalen Stämmen und dem eben so mächtigen ansgebreitcten Astwerk gleich Gespenstern der Pflanzenwelt ohne das geringste Zeichen von Leben. Die ansehnlich großen Früchte hän gen an langen, rattcnschwanzähnlichen Stielen wie zahllose aufgchangene Geldbeutel herab. Nur die Kautschuk-Feige (Ficus elastica) bietet bei ihrer mächtigen Entwickelung Schatten und einiges Grün. Bei einem Stammdnrch- messer von 4 Fuß trägt sie eine Krone, welche nicht selten.120 —150 Fuß Durchmesser erreicht. Erfreulicher wird der Anblick der Landschaft, sobald der massenhaft herab stürzende Regen die verbrannte Ebene benetzt, den Spiegel des Tschad erhöht und die Ufcrgelände des letzter« meilenweit in Sumpfgcfildc verwandelt. Die Akazien entfalten dann die zartgesiederten Blättchen neben duftenden Blüten, der Tulpenbaum öffnet die großen Blumen, wilde Kaffeesträucher grünen neben Gondagebüschen (Annona palustris), und der saftige Rasen der Wiesen dnrch- webt sich mit vielen violetten Lilien und Tradescantieiw Gleichzeitig wird der Termitcnplage durch die Wasserfluten Einhalt gethan. Zahllose dieser Plagegeister ertrinken. Die mit Flügeln versehenen, ausgebildeten Insekten, die in förmlichen Wolken dann die Luft bevölkern, werden nur noch dadurch lästig, daß sie, nach kurzem Tanze schnell ihr flüchtiges Leben beschließend, massen haft auf den Menschen und seine Speise herabfallen. Sv dürftig die Pflanzenwelt Jnnerafrika's erscheint, wenn man die Zah len ihrer Arten mit denjenigen vergleicht, die das Innere des unter denselben80 Einleitung. Breitengraden gelegenen Brasiliens bietet, so erzeugt sie doch Alles, um die Bedürfnisse des einfachen Bewohners jener Landschaften zu befriedigen. Der Negerhirse „Massakua" (Holcus cernuus) bildet auf feinkörnigem Boden das hauptsächlichste Wintergetreide. Außer ihm wird auch das Psn- nissturn typboiourn vielfach gebaut. Letzterem verwandt ist die abscheuliche Karcngia (P. distichum), ein Gras, daS durch seine Stacheln'dem Menschen höchst lästig wird. De» von Westen kommenden Lastthieren ist es eben so widerwärtig, den Bornupferdcn dagegen Bedingung ihres Gedeihens. Boh nen (besonders Vicia Faba) werden massenhaft gebaut und verbraucht, aber ausgedehnter noch als sie die Erdnuß (Aracacha hypogaea), aus deren an genehm schmeckender Frucht der Haussa sich sein Lieblingsgericht: „lachende Jungen", bereitet. Wasser- und Brodmeloncn, Tomatums, Zwiebeln, Ricsen- kürbisse grünen unF reifen in der Umgebung der Hütten. Auch Bäume werden vielfach gepflegt. Neben seiner Wohnung Pflanzt der Bewohner des Sudan gern die schöne Gouda (Carica Papaya) oder die hochgeschätzte Dattel. Die jungen Blätter des Tabaro (Lalanitss aegyptia- cus), diejenigen der Kuka (Aäansonia), des Karaß (Hibiscus esculentus) dienen als Gemüse. Sesam und Ricinus liefern Oel, die ausgedehnten Baumwollenpsianzungen geben Material zu Kleiderstoffen, die Blätter der Depbrosia tvxioaria enthalten einen schätzbaren Indigo. Die zähen Frucht schalen der Fucillea trilöbata liefern Kalabassen, Riesenkürbisse, mitunter 18 und mehr Zoll im Durchmesser, sind als Gefäße im Gebrauch, in denen Hirse- und Mehlbrei bereitet, Maaren und Kleidungen transportirt und aus welchen tragbare Fähren über Flüsse hergestellt werden. An die Stelle der nordafrikanischen Zwergpalme tritt hier die schon in Aegypten beginnende und durch ganz Centralafrika verbreitete Dumpalme (Hypbaena tbsbaioa), leicht kenntlich an dem mehrfach gabelig getheilten Stamme mit üppigen Fächerblattkronen und Früchten, welche^ vem Lebkuchen im Geschmack ähneln. Ausgedehnte dürre Flächen sind t>oiP Gestrüpp aus Dumpalmendickicht ganz so bedeckt, wie in Algerien durch die Zwergpalme. Die bezeichnendste Palme für den Süden ist die Deleb (Lorassus astbiopioa), deren schlanker, hoch emporstrebendcr Stamm durch eine bauchige Aufschwellung in der Mitte ausgezeichnet ist. Ihre Früchte werden zwar auch genossen, der Hauptnutzen wird aber auf andere Weise von dem Baume gezogen. Man legt die Samenkerne in geeigneten Boden und verzehrt die weißen Wurzeln der aufschießenden Sprösslinge; auch wird ein Mehl ans denselben bereitet. Sycomoren (Ficus 8yconrora) sind über die Getreidefelder zerstreut angepstanzt und die wohlschmeckenden Früchte derselben geschätzt, auch werden südlich vom Benue mehrere Arten Sterculien gepflegt, welche die allgemein gebräuchlichen Gurunüsse liefern. In letzteren Gebieten bilden Platanen einen Hauptbe- standtheil der Waldungen. Die oben genannten Gondasträucher (Annona palustris) tragen psirsichenähnliche, schön gelb und roth gezeichnete Früchte von ausgezeichnetem Wohlgeschmack, und mehrere andere Waldsträucher liefernPflanzenwelt in Jnnerafrika. 81 kirschen- und pflaumenähnliches Obst. Die nußgroße Wurzel der Kadjidji dient als Näuchermittel, die Katakirri, welche sich durch einen, zwei Spannen langen Sprossen auf schwerem Waldboden leicht kenntlich macht, birgt in 1 — 1V 2 Fuß Tiefe eine faustgroße Zwiebelknollc, die an erfrischendem Wohl geschmack und Nahrhaftigkeit den schwarzen Rettig weit übertrifft und aus reichend ist, einen Menschen für einen ganzen Tag zu erhalten. Als holzliefernder Baum ist die eine der erwähn ten Akazien (A. nilotica) am geschätzteste». Ihr Holz ist leicht und wird deshalb zur Fabrikation der Sättel, des Schießpulvers, der Zeltstan gen u. s. w. benutzt. Die Früchte dienen als Medizin, auch ist der Baum unentbehr lich als Gerbemittel bei Her stellung der Wasserschläuche für die Wüstenreisenden. Die schönste Zierde der Landschaft ist die Tamarinde, ein ansehnlicher Baum mit weit ausgebreiteter Krone, gefiederten Blättern und saf tigen Schoten, die ein sehr angenehmes, kühlendes Mark enthalten. Letzteres liefert mit Wasser in der heißen Jahreszeit ein Erfrischendes und zugleich fieberwidriges Getränk. Wegen ihres breit ästigen Baues ist die Tama rinde ein Lieblingsanfenthalt und Nisteplatz der Pelikane und vieler anderer Vögel. Durch letztere wird der Bo den rings um dieselbe ge düngt und gleichzeitig manches Samenkorn, das unverdaut ansgeschieden ward, hier zum Keimen, gebracht. Es bildet sich deshalb um die Tamarinde gern ein Gebüsch auserlesener Fruchtsträncher, während der freundliche Baum seinerseits gern auch die Gesellschaft anderer Bäume liebt und hier seine Dumpalme. Buch der Reisen, II. 6 t82 Einleitung. Zweige zwischen diejenigen einer riesigen Kuka einflicht, dort einen schmucken Unterbau um eine hochstrebende Deleb bildet. Als heiliger Baum war den Ureinwohnern der Nimi (Bombax gui- neensis) verehrt; dieser, ein Verwandter der brasilianischen Wollenbäume, findet sich noch jetzt an den Thoren der Städte angcpflanzt, und dient mit seiner schlanken Krone denl fernherkommenden Wanderer als Marke und Weg zeiger; unter ihm versammelte man sich ehedem zum Opfer und zum Gericht. Ausgebreitete Dornendickichte aus Soda-Kapernsträuchern werden zum Salzbrcnncn ausgebeutet. Trotzdem aber, daß der Boden vorherrschend fruchtbar ist, die Wit- tcrnngsverhältnisse günstig sind, um eine blühende Kultur zu gestatten, läßt letztere noch außerordentlich viel zu wünschen übrig. Der Reis, der hier und da von selbst wächst, wird doch so spärlich angebaut, daß die einheimischen Fürsten ihn nur als besondere Gunstbezeugungen in kleinen Quantitäten ihren Höflingen schenken. Zwar tritt beim Anfang der Regenzeit, gerade dann, wenn der Ackerbauer am thätigsten sein muß, häufig eine Krankheit ein, welche deshalb das Elend genannt wird, weil sie die Betroffenen arbeitsun fähig macht und ihnen dadurch den Unterhalt raubt; das Hauptübel aber, an dem der Sudan krankt, ist die Unsicherheit des Besitzes. Die einzelnen Völkerschaften und Reiche sind fortwährend unter einander in Fehde begriffen und die Schwäche der Herrscher befördert Raubzüge, welche benachbarte Frei beuter auf ihre Faust hin unternehmen. Besonders stehen sich drei verschiedene Elemente hierbei feindlich gegenüber: die echten Neger, die Fulbe (Fellata) und die Aräber. Die Ureinwohner stehen gewöhnlich in gleichem Grade auf niederer Stufe des menschlichen Daseins, in welchem die Merkmale der Negerrace an ihnen deutlicher und entschiedener ausgesprochen sind. Besonders ist dies bei jenen Völkerstämmen der Fall, die, jetzt nach den Gebirgen Innerafrika's zurückge drängt, sich noch in ursprünglicher Reinheit und Rohheit erhalten haben. Das kurzgekräusclte, wollige, schwarze Haupthaar, die cigenthümlich sammetweiche, aber dicke Haut, die aufgestülpte Nase und die breiten, aufgeworfenen Lippen bezeichnen den Negertypus. Die Färbung bleibt sich durchaus nicht gleich; ob schon die Meisten schwarz oder schwärzlichgrau erscheinen, besitzen Viele, oft unter demselben Stamme, ein rhabarberfarbiges Ansehen, das bei fast gänz lichem Mangel an Kleidung einen sonderbaren Anblick gewährt. Eigenthüm- licher Weise erachten jene Stämme, bei denen ein gewisses Anstandsgefühl zu erwachen beginnt, für Männer eine, wenn auch sparsame Bedeckung erforder licher als für Frauen. Letztere schmücken sich gern mit Glasperlen, und mehrere Völker tragen als besondere Zierde ein rundes Knochenstück in der Unterlippe. Ihre Hütten pflegen die Neger vorzugsweise aus Lehm- oder Thonziegeln aufzuführen, die sie an der Luft getrocknet. Sic wölben diese Wohnungen entweder kuppelförmig, oder versehen sie mit einem spitzzulaufenden Dache, dessen Gerüste aus den leichten Stengeln des Aschur zusammengebunden83 Die Tamarinde. §jh||||! ^MK §l|ii§pij|i§pj* 6 »84 Einleitung. und mit Stroh gedeckt ist. Fenster und Schornsteine sind nicht gebräuchlich. Die Eingangsthür ist bei manchen Stämmen so klein, daß man nur kriechend in den innern Raum gelangen kann. Hier befindet sich das Nachtlager und eine Anzahl Topfe aus Thon oder Kalabassen, welche die Stelle der ersteren vertreten. Rings um die Hütte ist ein Hofraum, cingehegt durch einen hohen Zaun aus Durrastengeln oder Schilf. Meistens finden sich ein oder mehrere Bäume besonders gehegt, um ihre Früchte und ihren Schatten zu genießen. Die Gonda (Carica Papaya, Melonenbaum) mit schöner Krone aus zackig eingeschnittenen Blättern spielt hierbei eine Hauptrolle; die Kautschukfeige (Siphonia elastica) kommt ebenfalls häufig vor, ohne daß man ihren Saft zu benutzen gelernt hätte; die Deleb, Dnmpalme und einzeln selbst die hoch- geschätzte Dattel, so wie die Maulbeerfeige (Pions Sycomora) sind zu gleichen Zwecken verwendet, in den Gebieten am Benne dagegen Kornelkirschen. Mit Fetthöckern versehene Rinder und Ziegen sind die Hausthiere. Hühner sind in einzelnen Distrikten so häufig, daß ein fettes Huhn für eine Steck- oder Nähnadel verkauft wird. Das Kameel ist dagegen erst von den Arabern in Afrika eingeführt worden und wird in den südlicher gelegenen Ländern viel mehr angestaunt als in Europa. Auch in der Sahara fand in den früheren Zeiten der Waarentranspört nur mittelst Packochsen statt. Als Waffen haben die Neger gewöhnlich Sperre, Bogen und Pfeile oder Handeisen. In ihren religiösen Ansichten spielen wie gewöhnlich die unheil drohenden Dämonen eine Hauptrolle; Viele verehren auch Steine, Thiere u. s.w. als Fetische, welche die Uebel abzuwenden vermögen. Der westlichste jener Negerstämme in .Mittelafrika bewohnt das Land Wadai (Mobba). Er ist in seiner Färbung weniger dunkel und der muha- medanischen Religion angehörig. Die benachbarten Begharmi, die Marghi, Kanembu, Mußgu und die Bewohner von Adamana haben wir bei Mitthei lungen über die Reisen des Or. Barth bereits namhaft gemacht, und ver weisen hier nur auf jene Stellen. Das Reich Bornu bildet die Umgebung des Tschad. Die Bewohner desselben sind schwärzer, plumper und mit stärker ausgeprägten Zügen des Negertypns. Weiter westlich, im eigentlichen Sudan, werden zahlreiche klei nere Stämme, durch Sprache, Ansehen, Sitten und ehedem auch durch ein gemeinsames Oberhaupt verbunden, als das Haussavolk bezeichnet. Sie sind weniger schwarz als die Bornuaner und machen in ihrer körperlichen Erschei nung einen angenehmer» Eindruck, ja unter ihren Frauen kommen wirkliche dunkle Schönheiten vor. Im westlichen Sudan, im Lande um Timbuktu, wohnte ursprünglich das Volk der Kissurer, das sich schon früh durch feine Sitten und freundliches, duldsames Entgegenkommen gegen Fremde den euro päischen Reisenden bekannt machte. In dieses weite Gebiet der Negerländer drangen von Norden her die Berber, von Westen die Fellatah's oder Fulbe, beide Stämme als begeisterte Muhamedaner ihre Religion den überwundenen Völkern aufdringend. ZwischenDie Fulbc. 85 den Berbern, die, ihrerseits von den Arabern gedrängt, von Oase zu Oase, von Nord nach Süd verrückten, und den Haussa's fanden höchst manchfache Vermischungen statt. ES giebt dort Stämme, bei denen in ähnlicher Weise wie bei einigen ostindischen Völkerschaften die Regentschaft nicht ans die Söhne des Fürsten, sondern auf diejenigen von dessen Schwester übergeht. Interessanter noch sind die mehrerwähnten Fulbc, In ihrer körperlichen Erscheinung den Kaffern sehr ähnlich, hält dieses intelligente Volk die Mitte zwischen dem Neger und dem Berber. Die schwarzen Haare sind weniger kraus und ähneln mehr denjenigen der Europäer, die Nase ist weniger stumpf, die Sippen sind gewöhnlich dunkel gefärbt. Das Ansehen der Haut wechselt zwischen bronze und kupferrvthlich, ja bei Einzelnen kommt sogar ein Weist vor, das an die Farbe der Europäer erinnert. Besonders angenehm werden die Fulbe dem Europäer durch ihre Reinlichkcitsliebe; weißes oder buntes Baumwollenzeug, stets reinlich gehalten, bildet die Kleidung; die Wohnungen sind nett und durch einen Hellen Anstrich ungemein einladend. Die Fulbe sind ein sehr kriegerisches, gewandtes Hirtenvolk und eifrige Bekenner Mnha- meds. Sie betrachten deshalb gleichzeitig das Unterwerfen und Bekehren der heidnischen Negerstämme als Sache des Gottesdienstes. Die Uebcrwundenen nahmen meistens den neuen Glauben bereitwillig ans, besonders mit deshalb, weil er ihnen erlaubte, mehr als eine Frau zu heirathen und also ihren bisherigen Sitten nicht widerstritt. Früh gelangen beide Geschlechter zur Reife, die Frauen altern freilich auch eben so früh. Die Familien sind gewöhnlich reichlich mit Kindern gc- segnet, so daß eine alte Sage erzählte: die Vermehrung der Völker im In nern Afrika's wäre so enorm, daß Gott je nach 60 Jahren einen mächtigen Seestnrm sende, um die Mehrzahl der Leute zu bedecken, weil ihrer sonst gar zu viele würden. Die Städte Inncrafrika's haben ein originelles, von dem europäischen völlig abweichendes Ansehen. Eine hohe und dabei 15—20 Fuß dicke Lchm- oder Thonmauer nmgicbt mcistentheils den Ort. Thürme sind gewöhnlich nicht vorhanden. Dagegen wird das wohlbewachte Thor, das bei Sonnen untergang geschlossen wird, fast immer von einem mächtigen Rinnbanme (Eriodendron guineensis) überschattet, der im Wüchse an die Eyprcsse erin nert. Dieser Baum spielt für die Bewohner des Sudan dieselbe Rolle, wie der heilige Wanzabaum (Ooräia abassinioa) in den Gebieten der Galla's. Die Häuser sind, wie bereits erwähnt, entweder gewölbte oder mit Stroh dächern versehene Thonhütten. Manche von den besseren der Fulbehänser haben auch ein zweites Stockwerk, das freilich nur aus einem einzigen Zimmer be steht. Zn letzterem führt dann die Treppe von außen. Die Araberwohnungcn dazwischen machen sich sogleich durch ihre flachen Dächer kenntlich. Den Palast des Statthalters von Kano schildert Dr. Barth als ein Labyrinth von Hof- ränmcn, die durch zwei geräumige Lehmhütten von einander getrennt waren. Letztere, mit gegenüberliegenden Thüröffnungen, dienten als Wartezimmer.86 Einleitung. Außerdem wären die Höfe durch gewundene Gänge mit einander in Verbin dung gesetzt, Das Gemach des Statthalters war so dunkel, daß Barth einige Zeit bedurfte, um Etwas in dcinselben erkennen zu können; dann aber fand er die Einrichtung desselben sehr schön, sogar, für dieses Land, entschieden großartig. Der ganze Charakter des Saales machte einen um so liefern Ein druck, da die Tragbalken der Decke nicht zu sehen waren, während zwei große Kranzbogen ans demselben Material wie die Wände, überaus sauber geglättet und reich verziert, das Ganze zu tragen schienen. In der hintern Wand waren zwei geräumige und ebenfalls reich geschmückte Nischen angebracht, in deren einer der Fürst auf einem Gado, über welchem ein Teppich ausgebrcitet war, in halb sitzender, halb liegender Stellung ruhte. Das Innere einer Stadt des Sudan zeigt gewöhnlich einen bunten Wechsel: grüne, freie Plätze, ans denen Rinder, Pferde, Kameele, Esel und Ziegen in vertraulicher Gemeinschaft mit einander weiden, breiten sich neben großen, tiefen Wassergruben oder Teichen aus, deren Oberfläche eine Decke von Wasserpflanzen trägt. Die Hütten selbst, in den verschiedensten Stadien des Verfalles, von Zäunen umhegt und von schöngeformten Fruchtbäumen überschattet, nehmen sich überaus malerisch ans. Eben so bunt ist das Gemisch der Menschen, die sich hier begegnen. Hier erscheint ein reicher Araber in Seide und glänzende Gewände gekleidet, ans einem edlen und reich verzierten Rosse, gefolgt von einer zahlreichen Schaar übermüthiger und trä ger Sklaven, dort fühlt ein Blinder langsam seinen Weg durch die Menge, welche sich nach dem belebten Marktplatze drängt, jeden Augenblick fürchtend, daß er nicdergetreten werde. Weiterhin wankt ein kranker Ansgestoßener über die Straße, mit Beulen oder der furchtbaren Elephantiasis behaftet, jener Krankheit, bei welcher Glied nach Glied bis zur schreckcnerregenden Unförm lichkeit aufschwillt, um dann abzusterben. An jenem Zaune lagert eine Gruppe lässiger, träger Vagabunden im Sonnenschein. Ein Zug einheimischer Han delsreisender naht; er kehrt aus dem fern im Westen gelegenen Lande Gardja zurück, beladen mit den allbeliebten Gurunüssen (von Sterculia acuminata), welche in Innerafrika die Stelle des Kaffee's vertreten und allgemeines Ve- dürfniß sind. Dort bricht eine Karawane eben auf, um Natron weiter zu schaffen, ein Trupp Tuariks zieht zur Stadt hinaus und transportirt Salz nach den Ortschaften in der Nähe. Eine andere Schaar Araber ladet die schwerbclasteten Kameele ab. Eine Gruppe Sklaven schleppt einen gestorbenen Leidensgenossen hinaus und wirft ihn in den Sumpf am Ende der Stadt Zwischendurch sprengt eine Schaar bewaffneter Reiter nach dem Palaste des Statthalters, um ihm eine wichtige Nachricht aus dem Reiche zu überbringen. Alle Nationen bewegen sich im bunten Gemisch durch einander: der oli- venbranne Araber, der röthere Targi, der schwarze Bornuancr, der leicht und schlank gebaute Fellani mit kleinen, scharfen Gesichtszügen; dort die breiten Gesichter der derben Wangaraua (Mandingo's), oder eine große, starkknochige Frau aus Nhffi; hier die wohlgebaute, freundlich lächelnde Ba-Hauscherin.Häusliche Einrichtung und Gewerbe in Juuerafrika. 87 Werfen wir noch einen Blick in das Innere der Wohnungen! Während in Timbuktu und Gades die Häuser, ringsum von luftigen, hellen, viereckigen Höfen umgeben, sehr an die Gebäude der alten Griechen und Römer erin nern, sind sic in Kano finster, ohne besondere Rücksicht auf frische Luft nur darauf eingerichtet, die größtmögliche Abgeschlossenheit zu erzielen, trotzdem ' äber durch ihre Reinlichkeit einladend. Die Thür, welche den Hofraum ver schließt, ist aus Rohr geflochten; durch sie eintretcnd gelangt der Ankommende ans den wohlgeglätteteu Platz, in dessen einem Winkel unter dem Schatten der Bäume ein reinlicher Schuppen das Lieblingsplätzchen der Familie be zeichnet. Die Hausfrau ist mit einem schwarzen, aber reinlichen Baumwollen kleide umhüllt; ein Knoten hält dasselbe um die Brust fest. Das Haar ist niedlich geflochten. Sic ist geschäftig, für den abwesenden Mann die Mahl zeit zu bereiten oder Baumwolle zu spinnen, oder treibt die Sklavinnen an, mit dem Stampfen des Korneö zu eilen. Die nackten Kinder spielen fröhlich im Sande oder jagen hinter einer eigenwilligen, abschweifcnden Ziege her. Ringsum stehen irdene Töpfe, hölzerne Schüsseln und Schalen, alle reinlich ausgewaschen, jede am bestimmten Platze. Das Nachbarhaus ist eine Färberei. Hier herrscht reges Leben und Treiben. Eine offene Terrasse aus Lehm, zwei oder drei Fuß über dem Bo den erhöht, mit einer größer» oder geringer» Anzahl von Farbctöpfeu, bildet .die Werkstatt. Ein Mann rührt hier die Flüssigkeit um und mischt mit den gestampften Jndigoblättern ein geeignetes Farbcholz, um dem Stoffe die rechte Tinte zu geben; ein anderer zieht ein wohlgcsattigtes Hemd aus dem Topfe und hängt es an einem Baume oder an einem Seile auf; zwei andere Män ner schlagen ein gefärbtes und getrocknetes Hemd in regelmäßigem Takte, um ihm den feinsten Glanz zu verleihen. Weiterhin ist ein Grobschmied geschäftig, mit seinem rohen Werkzeuge, über welches der Europäer lächeln würde, einen Dolch zu verfertigen, dessen Schärfe dem Beschauer Erstaunen einflößt. • Andere Erzeugnisse der Kunst stehen umher: Speere mit Widerhaken, Ackergeräthe u. dergl. Die vielfach aufgehängten Baumwollenstoffc mahnen an die rege Thätig- keit, welche durch Verfertigung dieser Zeuge hcrvorgerufeu wird. Weiterhin begegnen wir einer Reihe Läden voll einheimischer und frem der Waaren mit Käufern und Verkäufern in allen Abstufungen von Gestalt, Farbe und Kleidung, aber alle als Handelsleute eifrigst bemüht, irgend einen Gewinn zu erhaschen und den Andern zu übervortheilen. Einen unbehaglichen Anblick gewährt dagegen eine große Schattcnbude, in welcher eine Schaar halbnackter und halbverhungerter Sklaven ausgestellt ist. Ihrer Heimat, ihren Weibern oder Mänüern, Kindern oder Eltern ent rissen, sind sic wie Vieh zum Verkauf vorgeführt und warten, verzweifelnd auf die Käufer starrend, in wessen Hände ihr Schicksal sie führen wird. Die Haussa- und Bornu-Neger sind vorzüglich Ackerbauer, die Fulbe und Araber dagegen sowol Viehzüchter als.Handelsleute. Reichlich tragende88 Einleitung. Getreidefluren lohnen den Fleiß des Landmanns, und machen es möglich, mit verhältnißmäßig geringen Kosten den Lebensunterhalt einer Familie zu be streiten, während die ausgedehnten Baumwollenpflanzungen, durch ihr grünes Laubwerk eine wahre Zierde der Landschaft, eine rege Industrie Hervorrufen und dem Kaufmann gesuchte Artikel zur Ausfuhr und zum Umtausch für seine Waaren bieten. Um uns eine Vorstellung von dem Handel und dem industriellen Ver kehr dieser Völker in Centralafrika machen zu können, führen wir uns bei spielsweise das vor, was Dr. Barth in dieser Beziehung über die Stadt Kano mittheilt. Diese Stadt ist der Hauptort einer Provinz gleiches Namens, westlich vom Tschad. Anfänglich wahrscheinlich aus der Vereinigung mehrerer Dörfer entstanden, hat sic jetzt einen Umfang von mehr als fünfzehn englischen Meilen. Ein großer Sumpf, von Ost nach West sich erstreckend, schneidet sie in zwei Theile, dessen nördlicher besonders von dem ursprünglichen Haussa- volke bewohnt wird, während die herrschenden Fulbe (Pullo oder Fellani) sich vorzugsweise in den südlichen Quartieren niedergelassen haben. Für gewöhnlich kann die Bevölkerung Kano's auf 30—40,000 Einwoh ner veranschlagt werden, in den Monaten Januar bis April aber, in denen der regste Handelsverkehr herrscht, steigert sich diese Zahl durch die herbei geströmten Fremden ans 60,000. Der Haupthandel von Kano besteht in einheimischen Fabrikaten, beson ders in Baumwollenzeugen, die in der Stadt selbst oder den umherliegen den kleineren Ortschaften der Provinz aus einheimischer Baumwolle gewebt und mit selbstgezogenem Indigo gefärbt werden. Handel und Manufaktur gehen hier Hand in Hand, und fast jede Familie nimmt daran Antheil; es erreicht dieser Industriezweig etwas wahrhaft Großartiges. Während er sich im Norden bis nach Mursuk und Rhat, ja selbst bis Tripoli verbreitet, erreicht er im Westen nicht nur Timbuktu, sondern selbst die Küsten des Atlantischen Oceans; gegen Osten erstreckt er sich über ganz Bornu, obwol er dort mit der eigenen Manufaktur der Eingeborenen in Berührung kommt. Die Ausfuhr von gefärbten Baumwollenwaaren aus Kano nach Tim buktu allein beträgt mindestens 300 Kämeelladungen zum Werthe von 60 Millionen Kurdi (Muscheln, Kauri). Die durchschnittliche jährliche Gesammt- ausfuhr kann zum Werthe von 300 Millionen Kurdi veranschlagt werden. Welche Quelle nationalen Reichthnms dies ist, ergiebt sich leicht daraus, wenn man erfährt, daß eine Familie alle Ausgaben, auch für Kleidung, die sie jefloch meist selbst fabricirt, mit 60,000 Kurdi jährlich anständig bestreiten kann. Auch die in Nhffi verfertigten Kleidungsstosfe, theilö aus Baumwolle, theils aus Seide gearbeitet, auf die verschiedenste, oft angenehme Weise ge färbt oder gestickt, bilden einen Gegenstand des Zwischenhandels. Eine beson dere Art Seide wird von einer Raupe gewonnen, welche im Tamarinden baume lebt. Ein gutes Hemd von Nhffi wird mit 18 — 20,000 Kurdi bezahlt. Nächstdem sind Sandalen Haupterzeugniß der Industrie von Kano. SicKcino.«90 Einleitung. werden mit großer Nettigkeit und höchst billig aus Niemen und Bändern gefertigt. Die von arabischen Schuhmachern hier gemachten Schuhe werden in großer Menge nach Nordafrika geführt, eben so die aus Leder gearbeiteten und mit manchfacher Stickerei gezierten Ncisetaschen. Sehr schön gegerbte Häute und rothc, mit einem aus dem Halm des Iloleus (Mohrenhirse) gewonnenen Safte gefärbte Schaffelle bilden ebenfalls einen Ausfuhrartikel. Die schon erwähnteGuru- oder Kolanuß, die Frucht der Ltaroulia aoumiimta, bildet einen der wichtigsten Artikel auf dem Kanomarkt; aber während dieser Artikel auf der einen Seite einen bedeutenden Transithandel erweckt und dadurch den Bewohnern Vortheile bringt, kostet er ihnen doch auf der andern Seite bedeutende Summen, da dessen Genuß den Eingebore nen eben so sehr zum Bedürfniß geworden ist, wie uns Kaffee und Thee. Im Laufe des Jahres werden mindestens 500 Esclsladungen Gurunüsse nach Kano eingeführt, von denen jede, .wenn sie unversehrt, gegen 200,000 Kurdi Werth ist. Die Nuß ist sehr empfindlich und verdirbt leicht. Ein anderer, höchst wichtiger Zweig des einheimischen Handels ist der Sklavenhandel. Es mögen vielleicht jährlich 5000 solcher Unglücklichen nach außen geführt werden, eine bedeutende Menge bleibt im Lande selbst. Viele Kanaua beschäftigen sich mit der Spedition des Natron von Bornu nach Nupc oder Nyffi. Diese Maare ist zwar sehr billig, wird aber in desto größeren Quantitäten verführt. Jährlich passiren gegen 20,000 Packochsen, Saum pferde und Esel, damit beladen, durch Kano. Von der 3000 Kameele zäh lenden Karawane, welche Kochsalz zuführt, bleibt etwa der dritte Theil für den Bedarf der Provinz und wird für einheimische Erzeugnisse umgetauscht. Elfenbein spielt gegenwärtig eine sehr untergeordnete Nolle. Sehr zu bedauern ist es, daß die Engländer sich durch die ersten un glücklichen Expeditionen auf dem Quorra (Niger), welcher Fluß die Hochstraße des Handels nach diesen Gegenden bildet, abschrecken ließen. Die Amerikaner haben bis jetzt den alleinigen Vortheil daraus gezogen und zwar nur, um gegen ihre Baumwollenwaaren und Dollars — Sklaven einzutauschen. Europäische Maaren gelangen verhältnißmäßig wenig nach Kano. Rohe, in kleinen Paketen verschickte Seide bildet noch den Hauptbestandtheil. Sie wird in Tripoli gefärbt und ist der Hauptartikel der meisten Karawanen der Ghadamsier. Der Betrag der jährlichen Einfuhr ist nicht unter 3 — 400 Kameelladungen. Der größte Theil dieser Seide wird im Lande zur Aus schmückung der Kleidungsstücke, Sandalen, Schuhe u. s. w. verwendet. Rothes Tuch wird auch in ziemlicher Menge eingeführt. Perlen aller Art sind gleich falls sehr gesucht. Von Zucker dürften etwa 100 Kameelladungen jährlich ein geführt werden. Jede Ladung besteht aus 80 kleinen Broden zu je 2% Pfund Gewicht und 1500 Kurdi im Werth. Grobes Papier wird zwar in bedeutender Menge eingeführt, aber nicht als Mittel zu geistiger Bildung, sondern zum Einschlägen von Zeugen benutzt.91 Hcindelsartikcl und Zahlungsmittel in Centralafrika. Nadeln, anfänglich von Nürnberg aus, in letzterer Zeit von Livorno, ferner- kleine runde Spiegelgläser, in Kasten verpackt, sind auch nicht ganz unwichtig, und zwar verlangt man in Kano von den ersteren am liebsten ziemlich feine Sor ten, da das Baumwollenzeug fein ist. Die gröberen Stopfnadeln gehen dagegen mehr nach den östlichen Negcrländern, mit Einschluß von Bagirmi, bis Abessynien. Schwertklingen, fast lauter Solinger Fabrikat, werden jährlich etwa 50,000 Stück, die Klinge gegen 1000 Kurdi gerechnet, in Kano eingeführt und hier gefaßt. Feuerwaffen dagegen sind noch selten vorhanden, obschon Amerikaner dergleichen über Nyffi in den Handel gebracht haben. Die in Steiermark verfertigten gemeinen Nasirmesser mit schwarzen hölzernen Griffen sind, trotz ihrer schlechten Qualität, bei den Eingeborenen des Sudans sehr beliebt. Sie wissen diesen Klingen eine wunderbare Schärfe zu geben und den Griff durch einen Beschlag von Kupfer dauerhafter zu machen. Ein wichtiger Artikel der Einfuhr sind auch arabische Anzüge, nament lich Burnusse, Kaftane, Westen, Beinkleider, rothe Bl,ritzen und Kopfbinden. Am gesuchtesten sind die weißen Kopfbinden mit rother Borde. Sie kommen fast ausschließlich von Aegypten. Weihrauch und Gewürze, besonders Djani, Ssimbil (Valeriana Celtica) und Nelken bilden einen nicht nnbedcntcnden Einfuhrposten, etwa gegen 15 Millionen Kurdi. Noscuvl wird zu ansehn lichen Preisen eingeführt, kommt aber fast gar nicht in den Verkehr, sondern wird den großen Herren unter der Hand verkauft. <§m interessanter Artikel aber, der weit von einander getrennte Gegen den Afrika's mit einander verbindet, ist das Kupfer. Von Tripoli wird viel altes Kupfer cingcführt. Der hauptsächlichste Vorrath aber dieses hübschen und nützlichen Metalls wird durch die zu Nimro in Wadai wohnenden Djel- laba eingeführt, die cs von der berühmten, im Süden von Darfnr gelegenen Kupfermine El Hofra bringen. Gold und Silber wird nur in mäßigen Mengen zngcführt und, wie die übrigen Metalle, von den Grobschmieden bearbeitet. Das Eisen der Provinz Kano, das in großen Quantitäten zu Lanzcnspitzcn, Hacken und anderen Gcräthschaftcn verwendet wird, ist von keiner besondern Güte. Das gewöhnliche Tausch- und Zahlmittel sind die Kauri oder Kurdi, kleine weiße Muscheln (Cypraea Moneta), bei uns unter dem Namen Schlan- genköpfchcn bekannt. Sie werden als bedeutender Handelsartikel dort eingc- führt. Je weiter nach der Meeresküste zu, desto niedriger steht ihr Werth, je weiter nach dem Innern, desto höher; 2500 sind in Kano etwa einem österreichischen oder spanischen Thaler gleich. Kaufleute nehmen hier lieber die letzteren, Frauen dagegen begehren gern die breiten, schön und blank ans- sehendcn Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1788, welche für den afrikani schen Markt stets neu geprägt werden. In das Innere des Sudan gelan gen die Kauri's vorzugsweise von der Ostküste her, und werden besonders von Indien und Zanzibar aus gegen Palmöl und andere Erzeugnisse aus getauscht. In manchen Gegenden sind die Muscheln durchbohrt und anEinleitung. Schnuren gereiht, je 40 Kauri an einer. 50 Schnuren (2000 Muscheln) sind ein Kopf und 10 Köpfe ein Sack. Der innere Werth der Kauri ist demjenigen ziemlich gleich, welchen gute Muscheln dieser Sorte auch in welche die Muscheln in Griffen von je 5 zu Haufen von je 10 Zwanzigern und dann zu 1000 vereinigten. Nach seiner Angabe sind die an Schnuren gereihten von der Westküste, die von der Ostküste dagegen lose. Der Handelsaufschwnug Kano's datirt von verhältnißmäßig jungen Zei ten; sollte es aber den Bemühungen der Engländer gelingen, Verbindungen mit Jnnerafrika in jener Weise herzustellen, wie es so lebhaft gewünscht wird, so könnte diesen rasch aufstrebenden, in so fruchtbaren Gegenden gelegenen und von bildungsfähigen Bewohnern bevölkerten Industrie- und Handels städten wol eine Zukunft erblühen, welche den alten Flor des untergegange- uen Karthago dem ernsten, sonnedurchglühten Erdtheile wiederbrächte. Sehr hinderlich ist der häufige Wechsel der Herrscherhäuser in jenen Staaten, die Schwäche der einen und der leidenschaftliche Fanatismus der anderen. Kaum ist es geglückt, mit einem jener Fürsten ein Bündniß durch ansehnliche Opfer zu Stande zn bringen, so vernichtet eine plötzliche Revolte alle errungenen Vortheile. Dazu kommt endlich noch die Eifersucht der Völ kerstämme der nördlichen Gebiete, durch deren Länder die Straßen führen. Die Häuptlinge der Wüstenvölker entnehmen von jedem beladenen Kameel, das ihr Reich passirt, einen ansehnlichen Durchgangszoll und sind deshalb auf alle Weise bemüht, den Zug der Reisenden durch ihr eigenes Land zu lenken. Sie suchen dies leider dadurch zu erreichen, daß sie die Straßen der Nachbarländer unsicher machen, und da Jeder dasselbe thut, so werden alle Straßen gefährdet, nur nach der Energie und dem Glück der Stämme ab wechselnd mehr oder weniger. Europa haben, und das Eisengeld des Lykurg war nicht schwerer als eines Schafes 4—6000, eines ge wöhnlichen Pferdes 60—120,000. In Distrikten, in welchen es ge bräuchlich ist, Kauri nicht an Schnuren zu haben, sondern ein zeln zu zählen, ist. es eine förm liche Arbeit. Dr. Barth erzählt, wie zum Abzählen von 500,000 Muscheln, etwa 200 Thaler an Werth, 6 bis 7 Personen erforderlich waren,Bewohner von Guinea fischend. An der Westküste. Allenthalben, wo ausreichend Wasser zur afrikanischen Sonnenglut sich .gesellt, entwickelt sich auch üppige Vegetation. Obschon die Waldungen und Kräuterwiesen Afrika's nie die massige Ausdehnung der amerikanischen erhal ten und auch nie den gleichen Reichthum an Arten auf kleinem Raum zeigen, wie jene Gebiete, so erscheinen solche Stellen doch doppelt kräftig durch den Gegensatz der umgebenden Dürre und Einförmigkeit des übrigen , Landes. Die großen Ströme schwellen jährlich zur Regenzeit ganz außerordenb lich an. Der Benue übersteigt noch , um ein Ansehnliches seine 40 Fuß hohen llfer, 50, 60 Fuß steigt auch der Niger, ähnlich die anderen. Weithin ve» wandelt sich das Land in einen Sumpf, umschlossene Thäler werden zu Seen. Die durch die gewaltigen Hochwasser mitfortgcrissene Erde setzt sich beim allmäli gen Sinken und dem dadurch entstehenden Verlangsainen des Laufes in der Umgebung, besonders aber da zu Boden, wo die Flußwasser mit dem durch Ebbe und Flut bewegten Ocean Zusammentreffen. Hier bildet sich ein anfäug lich noch beweglicher Schlammgrund, der allmälig solider wird und später ausgezeichnete Kulturebenen bietet. Berühmt ist ja seit der Urzeit das im Norden auf ähnliche Weise entstandene Delta des Nil; eben so fruchtbar und ausgedehnt, dabei aber vom Menschen noch nicht unterworfen und deshalb den ursprünglichem Charakter von tropischer Fülle und Ueppigkeit tragend, sind die unter ähnlichen Bedingungen gebildeten Küstenstriche im Golf von94 Einleitung. Guinea. Verweilen wir bei den letzteren einige Augenblicke! An den Mün dungen des Niger, Kongo u. s. w. sind, wie dies gewöhnlich innerhalb der Tropen der Fall ist, Mangrovcwaldungen in großem Maßstabe vorhanden. Die weithinlaufenden Wurzeln der Rhizophoren verweben sich zu einem Ge flecht, von den Aesten der mäßig hohen Bäume mit glänzend grünen, saftigen Blättern senken sich zahlreiche Luftwurzeln als Stützen herab, die bei manchen Arten blattlos sind und täuschend gedrechselten Pfeifenrohren gleichen. Fuß lange Keimwurzeln strecken sich schon aus den Früchten hervor, die, noch durch ihre Stiele gehalten, an den Zweigen festsitzen. Das Zweigwerk flicht sich oben so dicht ineinander, wie unten die Wurzeln, so daß der ganze ausge dehnte Uferwald ein zusammengesilztes Ganzes bildet, das täglich bei der Flut zweimal steigt und sich wieder senkt. Hinter diesem nieder» Mangrovewald ragen zahlreiche Baumgeschlechter in bunter Abwechselung als zweite höhere Etage empor. Nirgends bemerken wir unter diesen Gestalten ein Nadelholz, nirgends eine Eiche oder Buche, überhaupt ist in der Pflanzenwelt Guinea's Weniges zu finden, das Gattun gen europäischer Bildung angehörte. Eben so fremd sind hier Formen Süd- afrika's. Am vorherrschendsten sind die mit gefiederten Blättern und lebhaft gefärbten Schmetterlingsblüten geschmückten Hülsenfrüchtler hier vertreten. 160 Arten davon sind bereits beschrieben, die meisten Bäume, andere Sträucher, 17 Mimosenarten hauchen aus ihren zierlichen Blumen Wohlgeruch in die schwüle, mit Feuchtigkeit überladene Luft. Hier erheben sich neben den Blüten- ulassen, welche den einen Baum gänzlich goldgelb, den zweiten roth, den drit ten schneeweiß erscheinen lassen, die Stämme der Terminalien, deren Baum- schlag sich ans höchst zierliche Weise in horizontal ausgebreiteten Stockwerken gliedert. Chrysobalanen und Jambusen lachen mit gelb und roth gemalten appetitlichen Früchten, Rosenäpfeln und Palmenpflaumen, dem Wanderer ent gegen. Als gewaltiger Dom in der grünen Wildnis; wölbt sich das Lanbdach der Adansonie, dieses für Mittelafrika so bezeichnenden Baumriesen. Große weiße Malvenblüten leuchten zwischen seinen schön zertheilten weißen Blättern hervor, die in jungem Zustande ein beliebtes schleimiges Gemüse geben. Myrtenbäume und die denselben in Blattgestalt und Blütenbau verwandten Melastomeen (von elfteren 9, von letzteren 23 Arten bekannt) machen sich durch ihr straffes Laubwerk, ihre ganzrandigcn, unzertheilten Blätter, und letztere besonders durch die -herrliche Färbung ihrer zahlreichen Blumensträuße bemerklich. Bombax- und Wollenbänme (biriockoirckron), Verwandte des Baobab, erheben sich mit dicken Stämmen und massenhaften Kronen. Flügcl- fruchtbäume strecken sich dort zwischen ihnen hervor und schaukeln ihre span nenlangen Fruchtflügel im Luftzug, und Palmen wiegen daneben die schön- gefiederten Blätter. Besonders ist cs die Wein-Sagopalme (Sag»« vinifera), welche den Neger anzieht, in die Wildniß einzudringen, um aus dem gegoh- renen Safte dieses Baumes sich ein angenehm schmeckendes, champagnerähn liches Getränk zu bereiten.*1 Bäume und Sträuchcr. 95 Wir würden unsere Leser ermüden, wenn wir hier eine Aufzählung aller Baumformen versuchen wollten, welche die Baumwaldnngen Guinca's zusam mensetzen, nur des Tckholzbaumes (Oldlieldia africana), einer Euphorbiacee, müssen wir noch gedenken, dessen hartes Holz an Gewicht selbst dasjenige vom asiatischen Tekbauni (Tectonia grandis) und bei weitem das unserer Eiche übertrifft. Während der Kubikfuß Ei chenholz durch schnittlich 49 Pfund wiegt, hat die gleiche Menge Holz der Oldfieldia 60 —70 Pfund. Fast 20 Ar- tenKaPcrnsträu- cher, die meisten niit Dornen be waffnet, bilden das Unterholz in Gemeinschaft mit 114 Arten Rubiacecn,Ver wandten des ech ten Kaffecstrau- ches (Coffea arabica), der hier ebenfalls vielfach wild vorkommt. Auf fallend spärlich im Verhältniß zu der großen Menge der Ru- biaccen sind in Guinea die Ge wächse mit zu sammengesetzten Blüten vorhanden. Man kennt von ihnen bis jetzt nur 44 Arten, während in Abessynien auf 36 Rubiacecn 181 Korbblütige kommen. Einige 20 verschiedene Sorten Indigosträucher, von denen drei als Färbe pflanzen kultivirt werden, mischen sich mit Citronenbäumchcn und großen Nacht schattenarten. Die Wolfsmilchgewächse sind durch ein halbes Hundert Arten9f> Einleitung. vertreten. Gegen 30 verschiedene Orchideen öffnen ihre wunderlich gestalteten Blumen; der abenteuerliche Pandang (Pandanus) spreizt seine Stelzenwurzel» über das rieselnde Bächlein, das von schöngefiederten Farrnwedeln und den riesigen Saftblättern der Aaronstabgewächse überdeckt ist. Unsere Abbildung führt uns eine nach der Natur gezeichnete Scene vor Augen, wie solche sich dem Reisenden auf den Prinzeninseln im Golf von Guinea malerisch zeigen. Der erwähnte Pandang steht auf dieser Darstellung in der Mitte des Bildes. Pfeilwurz und Verwandte des Ingwer gedeihen in Guinea neben den schönen Formen der Musa. An den kleine» Lagunen bilden die schildförmigen Blätter des Wassernabel (Hydrocotyle), des einzigen Vertreters unserer Doll den, und hübsche Teichrosen (Nymphaea) üppiche Teppiche, aus denen zart- gewimperte Sounenthauarten und himmelblaue Commeliyen Hervorschauen. Große Schneckenarteu und sonderbare Käfer ziehen langsam zwischen den Binsen- und Riedgräsern hindurch. Besonders reichlich sind von letzterer Pflanzengruppe die Cypergräser, die Verwandten des Papyrus, hier vor handen. Von 63 Riedgräsern kommen 27 allein auf die Gattung Cypsrus. Das berühmte Papyrus selbst gedeiht hier noch üppig. Auch die echten Gräser sind zahlreich vorhanden. Man kennt 127 Arten aus Guinea. Bon ihnen sind es besonders die Hirsearten (Panioum, 39 Species), welche vor herrschen und von denen mehrere als Brodfrüchtc gebaut werden. Besondere Berühmtheit hat ein Strauch jenes Gebietes, die Napoleona, durch die Schönheit seiner Blüten erhalten, die, von ansehnlicher Größe, große Aehnlichkeit mit dem Orden der Ehrenlegion besitzen. Als Schlingpflanzen und Lianen sind besonders Winden (31 Species) in großer Ueppigkeit vorhanden, doch fehlen auch die Passionsblumen (9 Ar ten, Modecca) nicht; Mondsamen ranken und süßduftende Uvarien schlingen sich zwischen ihnen hindurch, und die Rohrpalmen (Calamus), bei uns als Material zu Rohrstühlen bekannt, flechten ihre zähen Halme gleich riesigen Spinnfäden von Baum zu Baum, dem Nahenden obenein noch zahlreiche Stacheln von jedem Blatte entgegenstreckend, so daß stellenweise Dickichte ent stehen, welche nur dem Elephanten durchdringlich sind. Den häufigen Affen dienen die Ranken zu bequemen Brücken, und die verschiedenartigen saftigen oder mehligen Früchte bilden eine reichgedeckte Tafel für die sehr manchfach vorhandenen schönen Vögelarten, unter denen besonders Finken und Papa geien durch ihren Farbenschmuck hervortreten. Interessant sind die zahlreichen Bexirgnrken, ebenfalls Rankenpflanzen, durch ihre sonderbaren Früchte. Bei einigen von ihnen fallen letztere bei geringer Berührung vom Stiele ab, und aus dem entstehenden Loche spritzt der schleimige Inhalt mit den kleinen Samenkernen dem Beobachter ins Ge sicht; bei anderen reicht ebenfalls eine geringe Versetzung der Fruchtschale schon hin, um letztere in ähnlicher Weise zum Zertrümmern zu bringen, wie dies bei Versuchen mit den sogenannten Bologneser Glasfläschchen bekannt ist.Vegetation in Guinea, 97 Der Bewohner Guinea's erhielt seine Kulturpflanzen lheils ans den eigenen Waldungen, theils von Osten her ans Innerafrika oder anS Indien. Nur wenige Unkräuter hat Mittclafrika mit dem tropischen Amerika gemein, und da diese vorzugsweise ans die Seeküsten beschränkt sind, so liegt cs sehr nahe, an einen Austausch der Gewächse zwischen beiden Continenten durch den Golfstrom zu denken. Je weiter von der Miste weg, desto mehr ver schwinden die amerikanischen Formen, und zwar in demselben Grade, als die indischen auftreten. An Bäumen Pflegt man besonders den Gurunnßbaum (Sterculia acumi- nata) seiner mehrfach erwähnten Früchte wegen. Eugenien und Psidicn, sowie der Pandang und die Annona geben ein schätzbares Obst. Die Banane spielt, wie in allen Tropcngcgenden, welche Feuchtigkeit besitzen, eine hervorragende Rolle, neben ihr die Pfeilwurzgewächse (Maranta arundinacea), deren Knollen Arrow-root liefern. Der ausgedehntern Kultur der Kokospalme, welche hier ganz gut gedeiht, hat vielfach noch ein Aberglaube der Neger ein Hindernis; in den Weg gelegt. Letztere wähnen nämlich, wer eine Kokosnuß pflanze, müsse, noch che der Banne Früchte trage, was in 7—0 Jahren zu geschehen pflegt, eines sichern Todes sterben. Die Aufgeklärtesten unter ihnen sollen jetzt wcrthloscS Vieh über die Stelle der Saat Hintreiben lasten, indem sie so' den Fluch von sich ans das Haupt der Thierc abznwenden hoffen? Die hier häufig vorkömmende Oelpalme (Mais guineensis) hat meist einen niederliegendcn Stamm, gesägte Blattstiele, fiederförmige Blätter mit schmalen Ficderblnttchen und eckig eiförmige, einsamige gelbe Fruchte, deren Fleisch ölhaltig ist. Außer diesem Ocl stellen die Afrikaner auch aus den Früchten Palmsuppe her, welche sehr gut schmecken soll, sobald sic nur ans gekochten Palmnüssen bereitet wird. Die Eingeborenen pflücken dazu, die Nüsse von jungen Bäumen, die noch keines ihrer Blätter verloren haben, und betrachten diese als den Früchten älterer Palmen an Güte überlegen. Auch hauen sie die Stämme ab, um Palmwein zu gewinnen. . Das Palmöl wird in Flaschenkürbissen an die Europäer verkauft und verspricht ein Mittel zu werden, dem spekulirenden Neger reichen Gewinn zu gewähren und dadurch dem Sklavenhandel eine Schranke zu setzen. Auch der Butterbaum (Ikassla Parkii) liefert ans seinen Früchten eine sehr angenehm schmeckende Butter, die vor der thierischen das voraus hat, daß sie sich, ohne ranzig zu werden, das ganze Jahr hindurch frisch erhält. Die Bewohner des ausgedehnten Gebietes der Westküste sind sämmtlich echte Neger, die unter' sich wieder in sehr zahlreiche kleinere oder größere Staaten und Stämme zerfallen und dabei sowol in ihrer körperlichen Er scheinung, als auch in ihren Sitten sehr von einander abweichen. Manche jener Negervölker, wie z. B. die zwischen der Sierra Leona und dem Gambia wohnenden Balanten, Bissago's, Zapen, Fnli's, Cocoli's und Nalez, werden als häßliche Wilde mit groben und unangenehmen Gesichtszügen, platter Nase und schmuziger, bleicher Hautfarbe geschildert; die Basaren beschuldigt man Buch der Reisen, 1l. 7 «98 Einleitung. sogar, daß sic Menschenfresser seien. Andere Stämme sind glänzend schwarz und schöner gebaut. Sie alle sind sinnlich leicht erregbar, ebenso schnell zur Freude geneigt, als zur thierischen Wuth übergehend. Nicht ungeschickt in allerlei Handfertigkeiten, bauen sie sich ans Matten und Flechtwerk einfache Hüt ten, deren mehrere, von einem gemeinschaftlichen Zaun umgeben, einer Familie angehören. Sie stellen ferner allerlei Eisenarbeiten dar und verstehen zierliche Sachen aus Bast und Grashalmen zu flechten. Gern verrichten sie diese Arbeiten singend und, wenn es sich thun läßt, sogar tanzend und hüpfend. Der Mondwechsel giebt ihnen Veranlassung, behufs nächtlicher Tänze und pantomimischer Vorstellungen znsammenzukommen, wie unsere Abbildung einen Religiöser Tanz der Odschi-Neger. solchen feierlichen Tanz der Odschi-Neger darstellt. Ebenso leidenschaftlich sind manche Stämme Glücksspielen ergeben. In Bezug auf ihre religiösen Vorstellungen herrscht eine gleiche Verschiedenheit. Während die einen in stumpfer Gleichgültigkeit sich gar nicht bis zur Gottesidee zu erheben vermö gen, verehren andere Fetische und bringen diesen sogar Menschenopfer dar. Besonders zahlreich werden die letzteren gewöhnlich beim Tode eines Fürsten veranstaltet. Wieder andere sind durch die Missionäre zum Christenthum be kehrt, und mehrere Stämme sind begeisterte Muhamedaner. Zn diesen letzteren gehören, außer den genannten Fellata's, deren ursprüngliches Gebiet an der Mündung des Senegal beginnt, besonders die Mandingo's, nächst jenen derNegerstämme der Westküste. 99 zahlreichste und mächtigste Stamm. Sic bewohnen die Länder am ober» Se negal, am Gambia nnd am Mittelläufe des Niger (Dscholiba, Quorra). Schön gebaut, mit ausdrucksvollen Gesichtsziigcn, gehören sic zu den gebil detsten nnd besten aller Negerstämme. Ihr Charakter, von dem wir einzelne Züge bereits in Mungo Park's Reisen kennen lernten, ist vorherrschend mild, gefühlvoll nnd wohlwollend, nnd durch die vielseitigen Berührungen, in welche sie als Kaufleutc mit anderen Völkerschaften kommen, erlangen sic Gewandt heit im Umgänge nnd geschmeidige Sitten. Durch ihre Priester werden die meisten von ihnen im Lesen nnd Schreiben unterrichtet. Außer Handel, Vixh-^ 7 ?-^ zucht und ausgedehntem Ackerbau treiben sie auch Fischerei, und ihre nnd Eisenarbeiten zeigen einen ziemlichen Grad der Vollkommenheit. Der Reichthum des Landes an Gold gab schon in ziemlich frühen Zeiten Ver anlassung zur Bearbeitung dieses edlen Metallcs und verlieh einem weiten Gebiet den Namen Goldküste. In dem Küstengebiet zwischen Senegal nnd Gambia wohnten die Dscho- loffs, ähnlich gebaut wie die Mandingo's, und durch ihre Macht nnd ihr kriegerisches Wesen,> freilich auch durch ihren Hochmuth, ihre Unzuverlässigkeit nnd Rachsucht bekannt. Das Nigerdclta, das von einem vielverzweigten Netz von Kanälen und Stromrinnen durchzogen ist, >vird durch die Ibuer, Igans, .Mosko's »nd zahlreiche andere Stämme bevölkert, von denen die an der Kiiste seßhaften Krumänner besonders den Nigerexpeditionen durch ihre Bereitwilligkeit, treue Hingabe und aufopfernden Hülfelcistnngen lieb nnd werth geworden sind. Eine Aufzählung aller jener Stämme, sowie der vielfachen Abweichungen, welche sie in ihrem Ansehen und in ihren Sitten von einander zeigen, würde ermüden. Nochmals müssen wir es betonen, daß gerade diejenigen Neger- völker, die am meisten mit den Europäern in Berührung gekommen nnd durch sie für den Sklavenhandel nnd — den Branntwein gewonnen worden sind, auch sittlich und moralisch am tiefsten gesunken erscheinen. Noch verkauft hier und da der Vater den Sohn, um sicher zu sein, daß letzterer nicht ihn selbst verkaufe, sobald er erwachsen ist. Um so orfreulicher ist uns deshalb das Auf blühen des Freistaates Liberien nnd der Nachbarrepublik „Maryland in Liberia", nnd wir hoffen in ihm den Anfang zu einer neuen Epoche für die westafrika nischen Küstenvölker begrüßen zu dürfen. Mit regem Ackerbau, dieser soliden Grundlage jedes Staates, geht er als Muster den Nachbarländern voran nnd bietet dem Schiffer schon jetzt vielfache Maaren, die werthvoll genug sind, nni mit dem entehrenden, unmenschlichen Sklavenhandel zu concurriren. Um nur Einiges von Vielem anzuführen, machen wir aufmerksam, daß hier der Anbau deS Kaffees, der ja in den Waldungen daselbst wild vor kommt, mit Glück versucht worden ist. Ein Baum giebt jährlich 4 Pfund Bohnen und gut gepflegte sogar bis 10 Pfund. Ein Baum in dem Garten des Kolonel Hick zu Monrovia trug sogar 31 Pfund. Die Kaffeepflanzungen zweier Ansiedler, Moore und Bcnson, bestanden schon 1850 ans Wäldern100 Einleitung. von 800 Bäumen, die eine reichliche Ernte gewährten. An Güte soll dieser Kaffee dem ans Java und der Mokkabohne fast gleichkommcn. Mais wird vielfach gebaut, in feuchten Niederungen gedeiht der Reis so gut, daß er zum bedeutenden Handelsartikel Werden konnte, wenn seine Kultur ausgedehnter betrieben würde. Zuckerrohr wächst hier in üppigster Fülle. Am St. Panls- flusse zu Millsburg hatte der Ansiedler Willis in einem Jahre 3000 Pfund des schönsten Zuckers erzeugt und erwartete für die nächste Ernte 8000 Pfund Gewinn. Anfangs des Jahres 1853 hatte A. Backlege auf seiner Pflanzung in Monrovia 12,000 Pfund Zucker, 100 Gallons Melasse und Shrup er halten. Die Judigokultur würde ebenfalls reichen Gewinn geben, wenn sic ausgedehnter betrieben würde. Von sehr großer Bedeutung ist die Pflege der Grundnuß (Arachis hypogaea), aus welcher man treffliches Ocl darstellt. Im Jahre 1848 wurden aus Libericn für 103,778 Pfund Sterling von die sem Erzeugnis; ausgeführt. Der Ingwer, welchen die Küstengebiete erzeugen, ist von vorzüglichstem Aroma und bedürfte nur der geeigneten Zubereitung, um als Handelsartikel für Europa gesucht zu werden. Die Kultur der Baum wolle konnte diesen ganzen Länderstricheu eine reiche Zukunft bereiten, wenn ihr Anbau in großartigerem Maßstabc betrieben würde; ebenso besitzen die Waldungen an schonen Hölzern und Färbegewächsen einen reichen, noch un benutzten Schatz. Von letzteren ist besonders das Camwood, ein Rothholz, gesucht und in großen Mengen vorhanden. Ein einziges Haus in Liverpool führte in einem Jahre 600 Tonnen Camholz, au Werth für 50,000 Dollars, aus; auch erreicht der Preis des von Liberien ausgeführten Gummi' (G-. ara bicum) den JahrcSbctrag von 600,000 Dollars. Elcphanten sind noch so zahlreich vorhanden, daß für mehr als 200,000 .Dollars Elfenbein jährlich aus jenem Freistaat versendet wird. Leider haben sich einer blühenden Kultur auch hier sowol die Bequem- lichkeitsliebe der Ureinwohner, als auch die durch den Sklavenhandel zerrütte ten Verhältnisse entgegengesetzt, Nach den angcdcutctcn günstigen Versuchen, welche im Freistaate Liberien begonnen sind, dürfte sich aber wol hoffen lassen, daß die angestrengten Bemühungen der Engländer, durch Einführung eines reellen Handels und Unterstützung der Kolonisation die Bewohner, der West küste Afrika'ö einer gesitteten, humanen Existenz und einem materiellen Wohl stände entgegenzuführen, von segensreichem Erfolg gekrönt werden mögen, so daß dem seit lange krankenden Continentc vielleicht einst noch eine heitere Zukunft erblüht.Die Länder an der Ostküste. Noch ist cs leider nicht gelungen, vom Innern Afrika's, vom Sudan aus, bis nach der Ostküste des Erdthcils oder bis zu den Armen des Nils vorzudringen; ebenso wenig sind die Quellen des weißen Nils, des west lichen Hauptarmes, bekannt. Am weitesten drang Ferdinand Werne 1840 hier südwärts. Nach seinen Mittheilungen bildet anfänglich, südlich vpn Kartum, die Thalrinne des Flusses nur ein grünes Band in der dicht herantrctenden Wüste, je weiter südlich aber, desto abwechselnder, ausgedehnter und großartiger wird der Pflanzenwuchs, desto fruchtbarer und belebter die Landschaft. Losgerisscne Wassergewächse bilden größere oder kleinere schwimmende Inseln, welche oft einen überraschenden Anblick gewähren. Die Grundfläche derselben ist ein fahlgrünes, durch Röhren unter sich verbundenes Gewächs; stengelartiges, unter dein Wasser sich verbreitendes Moos macht einen andern Hauptbestand- theil auö; dazu kommt eine Art Wasserwinde mit lilafarbigen Blumen. All- mälig gewinnt die Vegetation auf den Inseln umher den schönsten bunten Anstrich. Ganze Strecken sind mit blühenden Lotospflanzen (Nymphaea Lotos) bedeckt. Diese letzteren gewähren einen prachtvollen Anblick. Die Blätter, welche oft weit ausgedehnte, dunkelgrün glänzende Flächen ans dem Spiegel des Stromes bilden, sind an ihren Rändern gekerbt, auf ihrer Unterseite102 Einleitung, braun und von durchsichtigem Geäder durchzogen. Die schneeweißen Blumen ragen wie gefüllte Lilien über das Wasser empor; jede besitzt mehr als 20 Blütenblätter und ist von einem goldgelben Kelche 'umschlossen. Die Frucht senkt sich beim Reifen in die Tiefe. Die einem zusammengedrückten Mohn kopf ähnelnde Samenkapsel enthält in. bräunlicher, wollartiger Umhüllung zahlreiche kleine, weiße Samen, die in Gemeinschaft mit Sesam unter das Brodkorn gemischt werden. Auch die im Schlamnte liegenden faustdicken Wurzelstöcke sind genießbar, nachdem man ihnen durch Abkochen den Snmpf- geschmack genommen hat. lieber die Lotosflächen neigen sich an den Ufern dunkle, hohe Mimosen, Schilfmassen wogen im Winde und ncuaufsprossendc Gräser schauen ans denr Hochwasser heraus, lieber schonen Tamarinden erheben Dtimpalmen ihr Haupt, und prächtige, laubenartige Gewebe von Schlingpflanzen bilden Blu menhügel mit Guirlanden umschlungen. Einzelne kaktusähnliche Euphorbien mache» sich bemerklich, Delcbpalmen bilden majestätische Gruppen und der Elcphantenbaum zieht durch seine Blü tenpracht schon von weitem die Aufmerksamkeit auf sich. ^Seine Blumen trauben hängen mehr als fünf Fuß lang herab; jede einzelne Blüte ähnelt einer gelben Lilie, sst aber bedeutend größer, und 4 0 — 50 solcher Pracht lilien stehen beisammen. Die Früchte, eine Licblingsspcisc der Elephanten, sehen wie dicke, graugrüne Gurken aus. Auch die riesige Adansonic, die wir bereits im Sudan und in Guinea begrüßten, spielt hier die Beherrscherin des Waldes; um sie grnppiren sich Shkomoren und verschiedene Arten von gummireichen Snntbäumcn, deren Holz gern zu Kähnen verarbeitet wird, da es im Wasser zur Unverwüstlichkeit verhärtet. An ihren Acstcu steigen in zahl losen Windungen, gleich Riesenschlangen, die oft mannsdicken Schlingpflanzen bis in die höchsten Gipfel und wieder herab zur Erde, wo sie vereint mit dem Buschwerk jeden Raum zwischen den Stämmen füllen. Dazu kommt, daß hier unter zehn Bäumen oder Sträuchern kaum einer ist, der nicht Dor nen trüge. Einige dieser Dornenbäume nehmen sich äußerst zierlich aus. Schlank wachsen sie an freieren Stellen empor und ähneln jungen Birken. Zwei Arten derselben, die mit einander untermischt zu stehen pflegen, fallen besonders in die Augen und unterscheiden sich nur dadurch, daß die Rinde der einen.wie ein Gewächs von Blutadern glänzend roth, die der andern tiefschwarz ist; beide haben schimmernde Dornen. Ein großartiges Thierleben regt sich in diesen Waldungen. Schaaren von Elephanten weiden am Ufer. Der heilige Ibis sucht nach Würmern und Mollusken im Uferschlamme. Reiher spazieren sonderbar auf den Rücken jener Kolosse herum, um ihnen das plagende Ungeziefer abzulesen. Einen gleichen Liebesdienst erweist der sogenannte Knhvogel dem wilden Büffel, der tief in das seichte Wasser hineinwatet. Flußpferde und Krokodile tauchen hier und da auf. Letztere liefern den Eingeborenen starkriechcnden Moschus, der als Parfüm von den Negern geliebt wird, weil sie damit die eigene unange-Thiere und Gewächse an der Ostküste Afrika's. 103 nehme TranSspiratioil verdecken. Silbergraue Falken schwimmen in der klaren Luft, Perlhühner mit Hornhöckern auf der Nase und blauen Lappen zu beiden Seiten des Kopfes huschen durch das Gebüsch. Auf den Zweigen wiegen sich schwarze und weiße Nashornvögel mit mächtigen Schnäbeln, sowie ver schiedene Arten von größeren oder kleineren braunen und weißen Adlern. Am Ufer zeigen sich häufig schwarze und weiße Regenpfeifer mit schwarzen, gekrümmten Stacheln an den Flügelgelenken. Der Pfauenkranich, mit schwarzer Kappe und goldener Strahlenkrone, schreitet majestätisch zwischen ihnen hindurch. Am Hellen Tage flattern große Fledermäuse durch das Ge büsch. Ihre langen, goldbräunlichen Flügel machen sie leicht bemerklich, und plötzlich hängen sie dann wie große, gelbe Birnen an den Aesten, den Kopf mit langen Ohren und trompetenförmiger Nase nach unten. Affen sprin gen vonBaumznBanm, und das Gebrüll des Löwen klingt feierlich durch den weit sich ans dehnenden Wald. Am meisten und zu gleich am unangenehm sten machen sich aber für denMenschen dieBanda- Mücken bemerklich. Be sonders bei Windstillen können sie den armen, halbnackten Schiffer fast rasend machen. Sic ähneln unfern langbei nigen Mückenarten, ha ben einen blauen Kopf, fahlen Rücken und weiß pnnktirte Beine; ihr Säugrüssel scheint jedoch länger zu sein, da sie dreifach znsammengelegte Leinwand mit demselben durchbohren. Schwer ist es deshalb, sich gegen diese Plagegeister zu schützen. Gesicht und Körper werden bald mit Beulen wie besäet und schwellen auf. Wie Ameisen finden sie den Weg durch jede Lücke der Kleidung und machen selbst das Athemholen beschwerlich. Werne gelangte bis zu 5° 30' n. Br., und erblickte nach Sndost einen weiten Kranz malerischer Gebirge. Dem weitern Vordringen wehrte eine Felsenbarre im Flusse und stromaufwärts zahlreiche Felsklippen, über welche bei dem eintretenden Tiefwasser das Fahrzeug nicht mehr zu transportiren war. Ebenso drohten kriegerische Bewegungen der Eingeborenen den Rei senden. Es wurde ihnen wahrscheinlich, daß der weiße Nil nicht aus Osten104 Einleitung. oder Südosten durchbreche, sondern daß seine Quellen im Süden zü suchen seien. Es wurde ihnen erzählt, daß man von hier aus innerhalb 30 Tagen gegen Süden zum Lande Anjan komme, wo sich der Fluß in vier seichte Arme iheile und das Wasser nur bis an die Knöchel reiche. Dort sollen auch hohe, eisenreiche Gebirge sein. Eine Expedition unter Leitung von I. Knoblecher, Mosgan und Angelo Vinco gelangte noch südlicher und errichtete unter 4° 35' n. Br. zu Gondo- cora eine Missionsstation. Acht Meilen von Gondocora fangen Strom- schnellen zwischen Inseln an, die sehr.tief nach Süden hinaufreichen. Knoblecher konnte nur die ersten Inseln mit seinem Boote passiren, und begab sich von da zu Fuße auf einen 100 Fuß hohen Felsen. Bei jedem Schritte wurde sein Staunen durch den üppigen Pflanzenwnchs, durch riesige Feigen und andere Bäume gesteigert. Die weitesten Punkte, welche er nach Süden zu erkennen konnte, waren die Gipfel dcö Rego, dessen Fuß der Strom be spülen soll. Ganz ähnlich zeigt sich die Vegetation weiter östlich im Sennaar und an den Ufern des blauen Nils. Wüste, öde Steppen wechseln mit tropischem Hochwald. Auf dem sonst kahlen Rücken der Bergzüge, welche als Ausläufer der abessynischen Alpen das Land dnrchschneiden, sind besonders die erwähnten Euphorbien benierkenöwerth. Gewöhnlich stehen diese sonderbaren, gegen 24 Fuß hohen Bäume einzeln und fallen schon von weitem durch ihre massenhaften, schwerfälligen Umrisse auf. Wenn in der trockenen Jahreszeit Alles umher verdorrt, behalten sie ihre grüne Färbung. Die Krone, ans blattlosen, zu einem dichten Dach verschlungenen Zweigen bestehend, hält gegen 20—24 Fuß im Durchmesser. Der Stamm und die stärkeren Aeste haben hartes Holz, und ihre Rinde ist mit Kork bedeckt, während die Schale der jungen Zweige, grün gefärbt, wie bei den Kakteen, den Dienst der Blätter versieht. Ein sehr giftiger Milchsaft, von den Eingeborenen als Pfeilgift benutzt, entquillt den Einschnitten der Rinde. Wegen ihrer hohen Lage und wegen des Schattens, den sie gewähren, sind die Euphorbien Lieblingsplätze der Neger. Sie ver sammeln sich gern daselbst zu ihren Spielen, bauen aber dann noch ein be sonderes Strohdach unter den Baum, weil sie die Ausdünstung desselben fürchten. Eine reiche Manchfaltigkeit au Formen und dadurch ein gesteigertes In teresse wird der Ostküste Mittelafrika's durch die abessynischen Alpen verliehen,, die sich schon wenige Stunden von der Küste zu erheben beginnen und gegen 9000 Fuß mittlere Höhe besitzen. Der Hauptsache nach bestehen jene Ge birge aus Schiefer- und Gneisfelsen, hier und da erblickt man Lavaströme; einige vulkanische Kegel tauchen bereits ans der anfgeschwemmten Uferfläche auf und zeugen für die Verbreitung einer vulkanischen Thätigkeit längs der Küste hin. Diese Schicferfobmation ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau überdeckt, das aber durch spätere vulkanische Thätigkeit ans eine merkwürdige Weise theils. senkrecht gespalten und verschoben, theils verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten durchbrach105 Abessynische Pflanzen nnd Were. die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandstcindecke und erhob sich, isolirte, zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe; anderwärts entstanden durch diese Lavaergießungen zusammenhängende vulkanische Hügelzüge, z. B. bei Axum; stellenweise endlich senkte sich, eine weite Strecke entlang, die ganze Sandstcinforniation und bildete die ans ihrer einen Seite durch steile Fels wände begrenzte Verflachung der Landschaften von Giralda nnd theilweise von Temben, deren mittlere Er hebung über das Meer gegen 6000 Fuß beträgt. Der Ostabhang der abes- synischen Küstengebirge ist in den niederen Regionen durch- gehends mit lichtem Gesträuch bewachsen nnd enthält in sei nen Thalschichten da, wo fließendes Wasser ist, Grup pen von hochstämmigen Bäu men, unter welchen sich bc-- sonders die Sykomoren-Feige auszeichnet. Höher hinauf sind dicht stehende riesenhafte Kronleuchter-Euphorbien und aloeartige Pflanzen vorherr schend; nach diesen kommt dorniges,rankendes Gesträuch, nnd auf der Gebirgshöhe selbst steht eine Art lichten Waldes von großen Wach holderbäumen, die zuweilen 10 Fuß im Durchmesser ha bcn, und deren Zweige nüi langen Flechten überdeckt sind. Solche Verflachungen auf der Höhe des Gebirges, welche regelmäßig von Regen benetzt werden, benutzt man znm Ackerbau; einzelne Stellen, W°lfsnRba>,ck. von denen der Wasserabfluß durch die umgebenden Gebirgszüge gehindert wirb, gewähren als üppig grü nende Wiesen, rings von kahlen Felsen umgeben, einen überraschenden Anblick. Sehr reiche Mittheilungen über die abessynische Pflanzenwelt verdankt man besonders dem thätigen Schimper, der sich seit einer Reihe von Jahren dort häuslich niedergelassen hat.106 Einleitung. Einzelne jener Gebirgsthäler enthalten ein üppiges thierifches Leben. Zahlreiche Hyänen hausen in den zerklüfteten Felsen; Luchse, Leoparden, Bären und zahlreiche Rudel von wilden Schweinen mit ungeheuren Hauzähnen be völkern die Waldstriche, welche den Lauf der Gebirgsslüsse begleiten. Hier und da sind Elephanten, Nashörner und Büffel an Sumpfstellen häufig, während Hasen, größere Antilopen und kleinere Gazellen in lichteren Ge büschen sich tummeln. Den größten Reiz gewährt aber die Menge schöner Vögel, welche jene Thäler bevölkern. Den schillernden Insekten, welche honigreiche große Blumen umschwärmen, jagen ebenso bunte Bienenfresser schaarenweise nach. Die metallisch glänzenden Honigsauger übertresfen sic noch weit an Farbenpracht. In den Zweigen der Bäume lebt es von Pa pageien und Glanzstaaren, unten in den Büschen vop Paradiessperlingen, allerliebsten Finken und Fliegenfängern mit ungewöhnlich langen, sich wellen förmig bewegenden Schwanzfedern. Tauben girren im dunklen Laubwerk, Trappen eilen über freiere, fandigc.Waldblößen, und der fremdartige, gleich sam aus Cadenzen bestehende Flug des Nashornvogels macht uns auf diesen großschnäbligen Gesellen aufmerksam. Eulen streifen durch das Gebüsch, Adler und Geier schwimmen droben in blauer Luft. Bei weiterem Aufsteigen zu höheren Gebirgsregioncn findet man den durch zahlreiche Bäche befruchteten vulkanischen Boden mit schönen Alpenweiden überdeckt. Eigentliche Waldungen sind hier sparsam, dagegen findet sich viel Strauchwerk und Zwerggehölz. Gegen die Schncercgion hin wird die Vege tation durch die in ihrem Wüchse an die Palmen erinnernde Djibarrapflanzc (Rhynehopetalum montanum) bezeichnet. Auf einem 15 Fuß hohen, hohlen Schafte, aus dem die Hirten sich Schalmeien darstellen, trägt diese Lobeliaccc eine schöne Krone von rothgeadertcn Blättern. Zahlreiche Klecarten bilden die saftigen Alpenwiesen, und hier und da tritt noch eine hübsche Erica (Erica acrophya) auf, bis bei 12,000 Fuß Erhebung der Pflanzenwuchs spärlicher wird und bei 1.1,000 Fuß die nackten Felöflächen sich mit Schnee bedecken. Unter den Kulturpflanzen ist außer dem Kaffeestrauch, welcher vielfach noch wild vorkommt und hier seine eigentliche Heimat hat, auch der Katstrauch (Celastrus cdulis) zu nennen, dessen junge Blätter sowol hier als auch an der gegenüberliegenden arabischen Küste frisch genossen werden und eine auf- heiternde Wirkung, ähnlich wie der chinesische Thee, besitzen. Die Verwandtschaft der afrikanischen Ostküste mit dem benachbarten Ara bien wird auch noch durch das Auftreten der Myrrhen und Balsambäume aus gesprochen, die beiden Gebieten eigenthümlich sind, in Arabien aber vorherrschen. Die Gegenden westlich und südlich von den abessynischen Alpen, bis zu den oben erwähnten Neichen Wadai und Bornn werden von verschiedenen Negerstämmen bewohnt. Die Gebirge selbst und die Gebiete der Ostküste nehmen vorherrschend Völker semitischer Abkunft ein. Viele von ihnen sind geradezu Nachkommen von eingewandertcn Arabern und Inden.107 Jengähs, ÄcFd und andere Negerstämmc. Der vorhin genannte Reisende Werne traf an den Ufern des weißen Nils unter 9° 16' n. Br. einen Negerstamm, Jengäh genannt, der sich durch Aufritzen oder Aufschneiden der Haut zu tätowiren pflegt. Die dadurch entstehenden Narben quellen wie halberhabcne Arbeit hervor. Diese Iengähs sollen Mondanbeter sein. In einem ihrer Dörfer fand man in einer großen Wohnung aufgehangene Köcher von ganz antiker Form, außerdem große Filzhauben, ganz den altäghptischen Priesterhauben gleichend, sowie breite, mit eisernen Zierrathen besetzte Stierhalsbändcr. Weiter südlich traf man das Negervolk Kek, das sich durch hohe Statur vorthcilhaft auszeichnetc. Die Hautfarbe dieser Leute war schwarzbraun; da sie aber zum Schutz gegen die quälenden Mücken sich täglich mit Nilschlamm beschmieren, so sind sie gewöhnlich von der Farbe des letztern, nämlich blaugraü. Auch der Kopf erhält einen solchen Ucberzng, so daß die kürzgekräuselten Haare nicht zu sehen sind. Elfeubeinringe uni Kopf und Hals bildeten den Schmuck. Der Cha rakter dieser Keks wird als gutmüthig bezeichnet. Um keine Aehnlichkeit mit reißenden Thieren zu haben, reißen sie sich theilwcise die Schncidezähne aus. An den Handknöcheln tragen sie Elfenbein-, Leder- und stachelbesetzte Eisen ringe, letztere, um im Kampfe nicht leicht fcstgehalten zu werden. Andere verzieren den Kopf mit einer Straußenfeder, mit einem Holzreif oder Riemen von Pelz; im Ohrläppchen führen einige ein Stäbchen. Nur hin und wieder haben manche die Hüften mit Fellen > bedeckt. Mädchen und Kinder hält man aus Furcht vor Raub eingesperrt. Es fanden die gleisenden hier einen mäch tigen Stier, dem an seinen- hohen Hörnern zwei Thierschwcifc aufgehangcn waren und der auch sonst vielfach geschmückt war. Der Ochs soll überhaupt diesen Völkern heilig sein. Auch- hier herrscht die Sitte, welche im Sudan vielfach wicderkehrt, daß mau den Urin der Kühe der Milch und Butter bci- mischt, um das Salz zu ersetzen. Weiter südlich, zwischen 6 und 7° n. Br., verlieren die Völker am weißen Nil den Negertypus, doch bleibt die schwarze Hautfarbe, sowie das Ansbrechen der vier unteren Schncidezähne allen gemeinsam. Auf dem rech ten Ufer wohnen die Tutui und Bohe, auf dem linken (im Westen) die Bun- durials. Letztere sind reich an Rinderherden und haben eine Statur von 6 — 7 Fuß Länge. Ein westlich gelegener Berg, Arol, mit Eisen- und Kupferminen, liefert ihnen das Material zu ihren Waffen, Ohrringen und Geräthschaften. Fast durchgehcndS führen sic eine weiße Feder auf dem schwarzen Haarbarctt des Kopfes. Große Elfenbeinringe schmücken ihren Oberarm. Nächst der Rinderzucht treiben jene Völker Fischfang mittelst Fisch reusen und Körben. Noch südlicher traf man auf dem rechten Nilufer den Stamm dcr Schiere und fand diese Leute mit freundlichen, mehr gerundeten Gesichtern, mit eisernen Ringen an Händen und FüsM geschmückt. Einzelne Männer, die sich kürzlich verheirqthct hatten, waren am ganzen Körper roth ange strichen. Männer und.Frauen rauchten Tabak aus schwarzen Thonköpfen108 Einleitung. mit Schilfrohren und langer eiserner Spitze. Das Land ist außerordentlich dicht bevölkert und reich an Weideland und Viehherden. Die Schafe haben hier thcils Wolle, theils Haare und unter dem Halse lange Mähnen, auch zurückgebogene Hörner. Werne kam bis zum Königreich Bari, dessen riesenmäßige Bewohner eine Höhe von 6'/^—7 Fuß haben. Die Gesichtsformen dieses Volkes, die ge wölbte Stirn, die gerade oder gebogene Nase mit weiten Nasenlöchern, die etwas eingedrückten Schläfe gleichen ganz denen der alten Acghpter. Die Haare sind nicht wollartiger als bei den Arabern; im Ganzen waren sie halblang oder kurz gehalten, oft aber gar keine zu sehen; der Bart fehlt bei allen. Einige tragen die Haare hahnenkammartig von der Stirn bis in den Nacken hinab, andere haben blos den Scheitel bedeckt. Das Reich Bari soll sich noch vier Tagereisen weit am Flusse hinauf erstrecken. Die vornehmeren Bari's haben einen kugelförmigen Kopfputz, von schwarzen Straußenfedern zusammengestellt, deren untere Enden in einem faustdicken Körbchen einge flochten sind. Dieses die Federn haltende Geflecht steht mitten auf dem Kopfe, durch zwei Schnüre im Nacken festgehaltcu. Einige haben die etwas längeren Haare mit Ocher so dick einbalsamirt, daß sie als lauter kleine Troddeln umherhängen. Auch werden zun: Schutz gegen die Sonne dem Schädel genau unpassende Lederkappen getragen, mit. kurzen oder längeren Troddeln, welche sich von den gefärbten Haaren kaum unterscheiden lassen, lim die Hüften schlingt man Lederschnüre oder auch Schnüre, die aus dicht au einander ge reihten, von den Schalen der Straußencier augefertigte» Plättchen bestehen. Die an dem Leibgürtel herabhängenden fingerlangen Fäden sind ans Baum wolle gedreht. Obschon die Mehrzahl der Bewohner von Abessynien Bekenner des Christenthums sind, so fühlt sich der ankommende Europäer bei ihnen doch keineswegs viel behaglicher als bei den heidnischen Negervölkern. Bei diesen von der übrigen christlichen Welt abgeschiedenen Christen entartete die herr liche Lehre Jesu in abergläubische Cereuiouicn und gedankenloses Mönchswescu. Der Nilschlamm, der für den Bewohner des weißen Nils Parfümmittel des Haupthaares ist, wird hier durch nicht appetitlichere, oft ranzige Butter oder Fett ersetzt. Besonders wird das Fett aus dem dicke» Schwänze deö abeffpnischcn Schafes dazu verwendet. Derjenige, welcher einem abessyuischen Stutzer den Liebesdienst des Fettpudcrns erweisen will, läßt eine Schale Fett zergehen, nimmt dann den Mund voll und sprudelt den Inhalt über die emporgekämmten Haare des Märtyrers der Mode, der sich mit zugehaltenen Augen vor ihm niedergekauert hat. Das gerinnende Fett hängt in Gestalt von Tropfen an den Haaren und verleiht dem ganzen .Kopfe täuschend das Ansehen eines riesigen Blumenkohls. Bei steigender Tageshitze perlen die chmelzenden Tropfen freilich am braunglänzcnden Körper herunter. In welcher Verfassung sich iu Folge dessen die vorherrschend dunkelblau gefärbten baum wollenen^ Kleidungsstücke befinden, kann man sich leicht vorstellen.Abessymsches Gastmahl. 109 Die Abbildung, lücld)c wir anbei unfern Lesern geben, führt uns ein Fest- gelag am Hofe des Königs in Ankobar vor Augen. Widerwärtig wird dem Fremden die Vorliebe der Abessynicr für rohes Rindfleisch, daS von dem frisch gctodtetcn Thicre erst während des Gastmahles abgerissen und noch zuckend und lebenswarm in großen Stücken aufgctragcn wird. Dazu gicbt man eine Brühe aus dem beißendscharfen spanischen Pfeffer und trinkt so große Mengen Honigbier, daß besonders von der Tafel des Königs selten einer nüchtern anfstcht. Will man den Gast besonders ehren, so stopft man ihm eigenhändig das Fleisch in großen Bissen in den Mund. Komisch nimmt sich für den Festmahl am Hofe des Königs von- Ankobar in Abessynien. Europäer dabei das eulenhafte Gesicht der Abessynicr ans, wie es sich über den niedern Flechttisch herabbeugt, um in die anfgerissenen Kinnbacken das hingestreckte Stück Fleisch zu empfangen, das oft mit beträchtlicher Fingerkraft hineingezwängt wird. Das Kauen wird mit lautem Geschmatze begleitet, denn nur „Bettler essen, als schämten sie sich dessen". Das Schloß des Königs, dessen Inneres uns die Abbildung zeigt, ist übrigens ein unscheinbares, durch Palissaden befestigtes Gebäude, das, von Wirthschaftshäusern umgeben, auf dem äußersten Gipfel einer steilen Berg halde liegt. Da es wegen seiner hohen Stellung sehr den Blitzen und den110 Einleitung: Verwüstungen des Sturmes ausgesetzt ist, so feiert während der Regenzeit der Hof seine Gelage am liebsten auswärts. In Folge des Genusses von vielem Rohfleisch haben die Abessynier sehr am Bandwurm zu leiden, und jährlich setzt man sich deshalb einen Tag fest, um Kusso, ein auch bei uns in Gebrauch gekommenes wurmwidriges Arzneimittel, zu trinken. Ein lebhaftes Bild der verschiedenen Bewohner Abessyniens erhalten wir, wenn wir- iniö etwa das Treiben eines LVochenmarktcs in einer der südöstlichen Städte jenes Landes verführen. Der Gouverneur der Stadt sitzt beaufsichtigend unter einem alten Akazicnbaume. K'leidungsstvffe, Lebensmittel, ■ Rohstoffe, Schmucksachen und Hausthiere wandern hier im dichtesten Gewühl, unter dem entsetzlichsten Lärmen ans einer Hand in die andere. Hier bewegt sich im schmierigen Gewände der Bebauer des Bodens kriechend heran und überreicht mit entblößten Schultern, jn den Koth sich niederwcrfend, dem Stcuer- empfänger das Mas; Körnerfrucht aus dem Lederbeutel, oder höhlt die vorgc- schricbene Gabe Butter aus dem Kruge aus; dort schreitet der sinsterblickende Adali in übermüthiger Gleichgültigkeit durch das Gedränge, und sein mörderisches Säbclmesser sichert ihm von den Umstehenden gewaltige Ehrfurcht. Neben seinen ausländischen Maaren und glitzernden Glasperlen kauert der verschlagene Höker aus Hurrur mit seinem Turban und blaugewürfeltem Schurz und feilscht um die Stücke schwarzen Salzes (Amoli), welche er als Kleinmünze einnimmt, mit einem Lärm und Eifer, als ob eö sich um Tausende von Maria-Thcresia- Thalern handelte. In kurzem Galopp hinsprengend betritt der wilde Galla den Schauplatz des Marktgewirres, die langen Haarstränge im Winde flat ternd und das Gewand blau vom Fettschmuz von Jahren. Ein Honigkrug und ein Butterkorb sind hinten an seinem hochgespitztcn Sattel anfgcschnallt. Das Roß ist mager und rauh wie sein Reiter. Durch das Markttreiben huschen Christenweiber mit Eiern und Geflügel. Ihre häßlichen Züge werden nicht verschönert durch das Ansrupfcu der Augenbrauen, noch durch den kahl geschorenen, von ranziger Butter triefenden Scheitel oder die große, bicnen- torbförmige Haarhaube, und ihre schmuzigcn Gestalten sind durchgängig in noch schmuzigere Hüllen gewickelt. Gleich schmierig, aber hellfarbiger und weniger häßlich als die plumpen Damen Schoa's sind die Muhamedanerinnen Argobba's und Ifats. Man erkennt sic sogleich an ihren langen, über die Schultern wallenden Haarflechten und an ihren vielen Roscnkranzkügelchen und Amulcten. Christen und Mnhamcdaner unterscheiden sich wenig in der Tracht; erst wenn das vermummende klmhängctuch abgenommen ist, zeigt sich der Rosenkranz der Muhamedaner von hellgefleckten Kugeln und die blaue Schnur um den Hals des Christen. Die Sitten der Abessynier geben leider nicht viel Stoff zum Loben. Falsch und treulos zeigen sich die meisten jener christlichen Bewohner, grau sam und feig im Kriege, üppig, schwelgerisch und träge im Frieden, vor Allem dem Europäer durch ihre Unreinlichkeit und Habsucht beschwerlich wer dend. Auch hier sind die häufigen Fehden, durch' Schwäche, UngerechtigkeitMadagaskar. 111 oder Habsucht der Fürsten herbeigeführt, ein Hauptübelstand, der es verhin dert, daß die freundschaftlichen Beziehungen der europäischen Völker zu ihren Glaubensgenossen sichere Grundlagen erhalten, und daß die Abessynier in Kultur und Sitte frisch und erfreulich weiter schreiten. Gleichzeitig arbeitet auch die intolerante Geistlichkeit mit allen Kräften gegen den Einfluß der Fremden, denen sie als Ketzern mißtraut. Die größte und wichtigste Insel, welche an Afrika's Ostseite sich ans den Fluten des Indischen Oceans erhebt, ist Madagas kar. Gebirge von be trächtlicher Höhe ge währen hier den in teressanten und für Afrika so seltenen An blick noch thätiger Vul kane. An den Seiten der Hochgebirge ver- theilen sich die Tem peraturen und Vege- tationsformcn der ver schiedenen Kliniate und rufen dadurch eine Fülle des organischen Lebens hervor, welche sonst diesem Erdtheile fremd ist. Wie die mächtige Insel selbst zwischen Afrika und Indien liegt, so mischen sich auch in ihren ausge dehnten Waldungen die Pflanzengestalten beider Continente. Die riesrge Avansome be- gegnet uns hier in Gesellschaft von Ebenholzbäumen und Sapotaceen, zwischen denen zahlreiche Palmen und Pandanusformen hervorragen. Reich ist Mada gaskar an der edlen Form der Bananen; die schöne Strehlitzia gedeiht neben der vielkultivirten Uranie, deren hohle Stengel und Blattstiele wie lebendige Quellen angenehm schmeckendes Wasser enthalten. Farrnkräuter und Orchideen nicken112 Einleitung. als Schmarotzer, erstere mit herrlichem Laubwerk und letztere mit köstlichem Blütenschmuck, von den Bäumen, während zahllose Schlinggewächse undurch dringliche Dickichte bilden. Interessant sind unter diesen Lianen die Nepenthes- Arten, deren Blätter, in kleine, mit Deckeln versehene Töpfchen umgewandelt und mit trinkbarem Naß gefüllt, sonderbar von den rankenden Stengeln her- äbhängcn. Trockene Gegenden des nieder» Uferlandcs tragen denselben Vege- tationscharakter, wie das gegenüberliegende südafrikanische Gebiet. Die höheren, üppig grünenden Bergwicscn zeigen viele Gewächsformen,' welche an euro päische Gestalten erinnern. Manches wichtige Produkt würde vielleicht die reiche Pflanzenwelt der gesegneten Insel dem Handel liefern können, wenn ein geregelter und fried licher Verkehr mit. den Einwohnern hcrgestellt wäre. So ist z. B. die Vahea gummifera (eilte Apocynee) reich an kautschnkhaltigcm Milchsaft, und die Samen der nahe verwandten Tangbinia venenifera sind so stark giftig, das; ein einziges Korn davon ausreichen soll, 20 Personen zu tobten. Auch die Bevölkerung der Insel ist gemischt. Malaien wandertcn von Indien her ein und wohnen hier unter dem Schalten des gepflegten Brod- frnchtbanmes. Araber gesellten sich schon in Zeiten zu ihnen, welche vor dem Auftreten Muhamed's liegen, und mit beiden mischt sich der einheimische' Menschenschlag, der zwar dem Negertppus ähnelt, dabei aber olivenbräunlich gefärbt ist. Reges geistiges Leben herrscht auf dem von der Natur geseg neten Eilande, ans dem es den Europäern noch nicht hat gelingen wollen, sichern Fuß zu fassen. Sowie die im Westen Afrika's gelegenen Inseln, namentlich Tpneriffa durch seine riesigen Drachenbänme (Dracaena Draco), Madeira und seine Nachbarinseln durch den Wein und neuerdings durch die Cochenillenzucht in Nus gekommen sind, so haben die östlich gelegenen Seschellen-Eilande durch die Meerkokos-Palmen (Lodoicea Sechellarum), die ausschließlich auf ihnen gedeihen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die großen Nüsse dieses schönen Baumes wurden von den Meeresströmungen an den indischen Gestaden in einzelnen Exemplaren angespült und kamen wegen ihrer Selten heit und wegen ihres räthselhaften Ursprungs in den Ruf, eine ausgezeichnete Universalmedizin zu sein. Abenteuerliche Märchen wurden von den phantasie- reichen Orientalen über ihr Herkommen ersonnen, bis Franzosen die wahre Sachlage aufklärten. Sowie man in jenen Wnndernüssen aber nur die Früchte einer ans den Seschellen häufigen Palmenart erkannte, war auch so fort die ganze Heilkraft derselben verschwunden. Auf sämmtlichc zu Afrika gehörige Inseln näher einzugehen, liegt außer dem Bereiche dieser Uebersicht. Wir widmen ihnen eine besondere spätere Ab- theilnng deö „Buch der Reisen" und fügen hier nur noch einige Bemerkungen über jenes Gebiet hinzu, welches dem Schauplatz von Livingstone's Thätigkeit am nächsten gelegen ist, über die Südspitze Afrika's, um dann ihn selbst mit gesteigertem Interesse zu begleiten.Der Tafelberg. Natur und böliier Südafrikas. Die Pflanzenwelt des KaplandeS. Die Thierwelt. Die Völker Südaftika'S. Kaum findet sich auf der Erde ein zweites Land, dessen Pflanzendecke so reich an Arten und zugleich so eigenthümlich, von dein Gewöhnlichen ab weichend wäre, als dies bei dem Kaplandc der Fall ist. Während bei den übrigen Erdtheilen die größte Artenzahl der Gewächse sich innerhalb der Wendekreise entfaltet, ist sic bei Afrika an seiner gemäßigten Südspitzc an, stärksten entwickelt. Der Boden, theils ans losem Sand, thcils ans Thon, oder endlich ans Sandstein oder Granitfels gebildet, bedingt eine gewisse Einförmigkeit. Die verschiedene Erhebung der Terrassen, sowie die ungleiche Vertheilüng der atmosphärischen Riederschläge geben eine größere Manchfaltigkeit zu. Die unterste Terrasse des Kaplandcs erhebt sich etwa 500 Fuß über den Meeres spiegel, die mittlere 2000, die obere gegen 3500 und die Gipfel der eigcnt lichen Gebirge thürmen sich bis zu 8—10,000 Fuß empor. Der Hauptcharakter des Kaplandcs liegt in der Trockenheit der Witte rnng. Der meiste Regen fällt noch an der Südwestknstc; von Stufe zu Stufe aufwärts vermindert er sich dagegen, und an der Mündung des Ga- riep hören die Wintcrregen des Kap fast ganz auf und die Sommerregcn Buch der Reisen, II. 8Einleitung. 114 fallen selten; an der Ostküste hingegen zeigt sich der Einfluß der Passatwinde dadurch, daß die Winter trocken und die Sommer tropisch feucht sind. Von der Kapstadt aus hat man die Küste entlang durch den tiefen Flugsand, in dem sonst die schweren Lastwagen bis fast an die Achsen einsan ken, eine Kunststraße ans herrlichem Eisenstein gebaut. Da aber jeder neue Südost auch neue Sandmengen herbeiführt, so würde das kostspielige Werk in kurzer Zeit verschüttet und nutzlos sein, wenn man nicht den Flugsand an den Seiten der Straßen ans weite Strecken hin durch Pflanzungen zu be festigen suchte. In Europa verwendet man die Sandgerstc oder das Sand riet'zu demselben Zwecke; am Kap hat man besonders in der Sanerfeige und dem Wachsstrauch geeignete Mittel hierzu erhalten. Die Sanerfeige (Mesembryanthemum edule), dem bekannten Eiskraut nahe verwandt, breitet ihre buschig verzweigten Aestc mit fleischigen, saftigen Blättern weithin aus und ist eine von den sehr wenigen Kappflanzen, deren Früchte ge nießbar sind. Die rothen saftigen Beeren haben einen angenehmen, kühlend säuerlichen Geschmack. Der Wachsstranch (Nyriva cordifolia), unserer deutschen Gagel ähnlich, erhielt sei nen Namen von dem Wachs, das seine Beeren enthalten und das man, mit Talg vermischt, zur Anfertigung von Kerzen ver wendet/ Die außerordentliche Trockenheit, welche in den meisten Landschaften des Kaplandcs während der größten Zeit des Jahreö herrscht, hat in der Pflanzenwelt ganz besondere For men hervorgerufen. Die zarte Welt der Ge wächse, welche das Wasser zu ihrem Bestehen nicht entbehren kann, sucht sich ans verschiedene. Weise gegen die verder bende Dürre zu schützen. Eine sehr reiche Anzahl Kappflanzen bilden, ähnlich wie die Kakteen Amerika's, den Stengel dickfleischig ans, überziehen denselben mit lederiger, zäher Oberhaut ohne Spaltöffnungen und entwickeln entweder gar keine oder höchst wenige Blätter. Eigenthümlich treten hier, wie in ganz Afrika an ähnlichen Lokalen, die Euphorbien, Gattnngsgenossen unserer Wolfsmilch, ans. Nur die Blüten und Fruchttheilc unterscheiden die Kronleuchter- und die arz neiliche Wolfsmilch von den Formen deö Säulenkaktus, wie sie in Peru und Chile auftreten. Die kantigen 'Stengel sind auch bei Euphorbien oft genug mit scharfen Stacheln besetzt, der Saft ist weiß, milchähnlich und gewöhnlich scharf giftig. Er wird zwar von den Eingeborenen auch als Bcstandtheil des Pfeilgiftes, mehr aber noch zum Vergiften der kleinen Wasscrtümpel verwendet,Pffmizeinn'le» im Änjjfnnbc. 115 8* UNI so auf bequeme Weise das Wild zu erhallen und sich der Naubthiere zu entledigen. Das Kapland besitzt 135 Arten Euphorbien, mehr oder weniger von dem angegebenen Baue. Ein Gewächs dieser Familie wird wegen seiner Benutzung besonders Hyänengift genannt.. Mit sehr ähnlichem Baue, auS lauter dicken, cylinderformigen Stcngel- gliedcrn ohne Blätter zusammengesetzt, schließen sich die AaSblnmen den Euphorbien an. Prachtvolle Blüten von eigenthümlicher Schönheit brechen aus den unförmlichen Massen hervor. Auf gelbem Grunde zeigen die weich haarigen großen Blumenblätter dichte violette Tigerflecken, scheuchen aber vom länger» Betrachten zurück dnrch^den durchdringenden AaSgernch, den sic verbreiten. Letzterer gleicht demjenigen von faulendem Fleische so sehr, daß Fleischfliegen, durch ihn irre geleitet, ihre Maden an den Blüten absetzen. Diesen blattlosen Saftpflanzen schließt sich eine reiche Auswahl solcher an, deren Blätter, ähnlich wie bei nnserm einheimischen Mauerpfeffer (8s- ckum), dickfleischig angeschwollcn sind und die Rolle der Safibehältcr über nehmen. In der genannten Sauer- feige haben wir bereits ein Glied die ser Gruppe kennen gelernt, welche hier ihre größte Manchfaltigteit entwickelt. 108 Dickblattarten (Crassnlaccen), 69 Eisgewächse (Mesembryanthe- meen), Alles wenig Spannen hohe Kräuter, überziehen sowol den dürren Dünensand, als auch die ausgedehn ten trockenen Hochflächen und die Felsblöcke der abenteuerlich zerrissenen Sandsteingebirge. Besonders zur Mit- Mm»»,- (sta po ii„). tagszcit öffnen sie ihre höchst zahl reichen, vorherrschend pnrpnrroth gefärbten Blüten, und weite Strecken erschei nen dann gleich einem leuchtenden Purpurteppich, während wenig Stunden nachher, wenn sich beim liefern Stande der Sonne die Blumen schließen, die ganze Fläche einen mattgrauen Farbenton annimmt. Zahlreiche Arten dieser interessanten Gruppe sind wegen ihrer Blütenpracht in unsere Gewächshäuser übergegangen. Für viele Thiere jener Gegenden werden diese Saftpflanzen zu wahren vegetabilischen Quellen; manche Antilopen und die genügsamen Schafe der Boers sind zu gewissen Zeiten auf sie, als Speise und Trank gleichzeitig, ausschließlich angewiesen. Mehrere Gewächse dieser Abtheilnng, z. B. das116 Einleitung. gewöhnliche Eiskraut, enthalten in ihrer Asche so viel Salz, dasi man Lauge zur Seifenbereitnng daraus darstellt. Auf den hochragenden kahlen Felscnriicken, sowie an freiliegenden dürren Blöcken starren die düsteren Gestalten der Aloeformen, manche davon kraut artig klein, andere baumartig hoch, wie der sogenannte Kokerbaum der Kolo nisten. Alle sind mit prachtvollen Blütentrauben geschmückt, viele purpurn, andere scharlach oder bunt. Der eingedickte Saft einiger Sorten kommt als intensiv bitteres Arzneimittel in den Handel. Eine große Menge der Kappflanzen wird dadurch befähigt, der anhal tenden Dürre erfolgreichen Widerstand zu leisten, daß ihre Blätter zur schma len Nadelform zusammengezogen sind und deshalb wenig verdunstende Ober fläche bieten. Gegen 400 verschiedene Heidekräuter (Erica) bedecken die Südwcstküste des Kaplandes. Der Tafelberg selbst besitzt eine reiche Auswahl davon. Diese Eriken bilden meistens kleine Büschcheu, deren feines Laub zur Blütezeit von zahlreichen Bliitenglöckchen überdeckt wird. Die einen haben zolllange goldgelbe Rvhrcnblumcn mit heraushängenden braunen Staubbeu teln, die andern durchlaufen alle Schattirungen des Roth bis zum dunklen Purpur und zum reinen Weiß und ersetzen durch Menge der Blüten, was den letzteren an Größe abgcht. Die eigenthümliche Familie der Proteen, an 200 Formen besitzend, bietet in etwa der Hälfte davon dieselbe Nadelform des Laubes. Von der andern Abtheilung ist der Silbcrbaum am beliebtesten geworden, da seine zweifarbigen Blätter einen schönen, wechselnden Anblick gewähren, je nachdem der Wind die eine oder die andere Seite derselben den: Beschauer bietet. Die Blüten der Proteen sind ebenso schön gefärbt als groß und honigreich. Um das blühende Gebüsch, aus Arten dieser Familie, sowie ans Diosma (Gottergeruch), Aspalathus, Rhinozerosstrauch (Stoebe, mit zusammengesetzten Blüten) und zahlreichen andern kleinen, aber schön blumigen Stränchern gebildet, schwärmen prächtige Schmetterlinge und sonder bar gestaltete Käfer. Wilde Bienen und Fliegen suchen summend den reichen Honig und werden von den metallisch schimmernden, herrlich gefärbten Nektar vögeln in ihren süßen Bestrebungen gestört, da diese Vertreter der amerika nischen Kolibris dieselbe Speise begehren. Die meisten größeren natürlichen Pflanzenfamilicn, welche das Kapland bewohnen, besitzen eine Anzahl Arten, welche die Heidekrautform nachahmen. Das Auftreten von Vögeln, die sich fast ausschließlich während des ganzen Jahres von Honig ernähren, läßt darauf schließen, daß ein Reichthum solcher Gewächse vorhanden ist, welche während aller Jahreszeiten blühen und ansehnliche Mengen Nektar absondern. Am reichlichsten findet dies vielleicht bei jenem zu einem mäßigen Strauch sich erhebenden Kräutchen „Rühr' mich nicht an" der Kapkolonisten (Meliantlius) statt, dessen angenehm gefärbte Blütentrauben so üppig mit süßen Tropfen gefüllt sind, daß eine unsanfte Berührung genügt, um einen sehr interessan ten Honig-Regen hervorzurufen. Man sammelt in nntergehaltenen Blättern die wohlschmeckende Flüssigkeit auf und verwendet sic in gleicher Weise wiePftanzenartcil im Kaplandc. 117 den reichlich von wilden und gepflegten Bienen eingetragenen Honig zur Dar stellung eines berauschenden Getränkes. ES muß jedoch hierbei mit einer gewissen Vorsicht verfahren werden, da in manchen Strichen der Honig giftige Eigenschaften besitzt, wenn die Vierten ihn theilweisc Giftpflanzen entnom men haben. Von den übrigen mehrjährigen Pflanzen verkümmern die einen ihre Zweige oder Nebenblätter zu Dornen, die andern besitzen kräftige Wurzel stöcke, entweder von holziger-Beschaffenhcit, oder saftige Zwiebeln, und dauern irr der Tiefe während der trockenen Jahreszeit, in Sommerschlaf versunken, aus, während ihre oberen Theile absterben und sich zur Regenzeit durch rasch ernporgcschobcne Stengel ersetzen. Hierher gehören die früher schon genannten • Gesträuche, welche die Bocrs als „Wart' ein Weilchen" bezeichnen. Meistens sind cö Mimosen und Akazienartcn, die sich durch zolllange, mitunter haken förmig gekrümmte Dornen unangenehm bemerklich machen. Eine schlanke Art bildet das Lieblingsfutter der langhalsigen Giraffe, welche mit der Zunge die hervorspießenden zarten Blätter von den hochstrcbcndcn Zweigen abpflückt; andere sind als Nisteplätze interessanter Vogelartcn bekannt geworden. Der gesellige Webervögel befestigt an ihnen das große Strohdach, an dessen unterer Seite jedes Vogelpärchen sein besonderes flaschcnförmiges Nest aufhängt, bis der Ast unter der Last bricht oder ein heftiger Wind das Ganze herabwirft. Der Pinkpink befestigt an den Dornen der Mimosen sein sonderbar gestaltetes, mit Vorzimmer versehenes Nest, und der „Gouverneur", ein Vögelchen, wel ches in seinem Ban und seinen Sitten unfern Würgern ähnelt, spießt an den scharfen Spitzen die gefangenen Heuschrecken und andere Insekten ans, um sie dann bequemer verzehren zil können. Das Material zu ihrem Nestbau erhalten die genannten Webervögel durch das sogenannte Buschmannsgras (Roütio tectomni). Dieses Gewächs gehört einer interessanten Gruppe, den Restiaceen, an, welche dein Kap fast ausschließlich eigen ist und hier 190 Arten zählt. Doch sind die nahe verwandten Familien der echten Gräser und Riedgräser zahlreich genug vertreten, da erstere .112, letztere 184 Spccies anfweisen. Auffallender als die bescheidenen Formen der Gräser sind die ebenso prächtigen als zahlreichen Liliengewächse, welche weite Strecken des Kaplandes zu wahren Blumenbeeten umgestalten, sobald der lebenbringende Regen ein- tritt. Während der dürren Jahreszeit trocknet der Thonboden jener Flächen, die zwischen den Bergzügen der Kolonie sich ausbreiten, zur Härte der Back steine aus. Tiefe Risse klaffen ans, und die erhitzten Luftschichten über der staubigen Fläche bilden hier Wirbel, welche als gespenstige Heersäulen weiter rücken und vertrocknete. Pflanzenstengel und Staub in sich emporreißen, um dieselben in beträchtlicher Entfernung als einen sonderbaren Regen auszu streuen. An andern Stellen bietet die ruhige Luft bei ungleichmäßiger Er hitzung das Schauspiel täuschender Spiegelung, ähnlich wie im Norden des Erdtheils. In den harten Thon und dürren Sand eingeschlossen, halten118 Einleitung. Millionen Zwiebeln und Knollen, durch elastische und zähe Schalen geschützt, ihren langen Sommerschlaf. Sic bergen reichliche Vorräthc von Nahrungs stoffen und angelegten Knospen und bedürfen nur Regen, um sich rasch zu entfalten. Aus den unzugänglichen Klüften der steilen Bergwände kommt der Pavian herab und scharrt die verborgenen Schätze aus. Die Springmäuse graben von Zwiebel zu Zwiebel, durch den Geruchssinn geleitet, ihre Gänge, und auch der Mensch bcquemt sich der Eigenthümlichkeit der Natur an. Der besitzlose Buschmann, dem Ackerbau und festem Wohnsitze abgeneigt, erkennt an unbedeutenden Merkmalen, welche dem Auge des europäischen Reisenden entgehen, das Vorhandensein der unterirdischen Speise. Freilich gräbt er auch ebenso gern nach den „Giftbollen", giftigen Zwiebclartcn, mit deren Safte er die Spitzen seiner Pfeile bestreicht. Wie durch einen Zanberspruch verwandelt sich die traurige rothbraune Wüste, sobald der Regen eintritt. Kaum ist das erste Naß in den Boden eingedrungen, so entfalten sofort die dürren Mimosengesträuche zahllose kugelige Blütcnköpfchen, welche gelb oder rosenrotst an dünnen Stielen zwischen dcni hervorquellenden gefiederten Laube herabhängen und lieblichen Wohlgernch verbreiten. Der dunkle Boden überzieht sich mit einem grünlichen Schimmer. Tausende von Blattspitzen und Knospen bohren sich empor zum Lichte. Nach wenigen Tagen ist Alles ein Blumenflor. Weiße Krokus, goldfarbene Schwertel, mennigrothe Moräcn, purpurne Gladiolen wechseln mit den grell kolorirten Lachenalicn.und blut- rothen Amaryllen. Gegen 300 echte Lilien, ebenso viele Schwerteln (Jrideen), 122 Orchideen wetteifern mit einander, sowol durch Pracht der Farben, als durch Sonderbarkeit und Schönheit der Formen. Durch ihren Duft und die schon gefärbten Blumen fallen zwischen ihnen die Pelargonien angenehm ans, deren viele uns aus unfern Gewächshäusern bekannt sind. An wasserloscn Sandstrccken, die nur vorübergehend durch den Regen gefeuchtet werden, treten ebenso häufig die „Siebenjahresblnmcn" der Bocrs aus, Verwandte unserer Immortellen, die wegen der Unvergänglichkeit ihrer trockenen, lebhaft gefärb ten Blütenspelzen in ihrer Heimat vielfach zur Ausschmückung der Zimmer verwendet werden. Wir würden ermüden, wollten wir versuchen, nur annäherungsweise den Blumcnreichthnm des Kap aufzuzählen. Gegen 9000 Arten Pflanzen hat man bereits aus jenem Lande kennen gelernt. Die meisten von ihnen sind Kräuter oder niedere Büsche. Verhältnißmäßig wenige erreichen eine beträcht lichere Höhe, und sehr wenige sind Bäume. Waldungen kommen meistens nur in Schluchten vor, deren Felswände von herabrieselndcm Wasser genetzt werden. Hier sind drei Nadelhölzer, das Geelhout (Podocarpus), eine Feigenart (Ficus Lichtensteinii), drei Arten Oelbaum, unter diesen das Hserhont (Olea exasperata), der stärkste Baum der Kolonie, aber nur etwa 30 Fuß hoch, das Stinkholz (eine Eichenart) und sechs bis acht andere Baumarten Alles, was das Kapland an GewächsenPflanzenarte» im Kaplande. 119 aufzuweisen hat, welche über 20 Fuß hoch werden. Das Pavianstau (Cy- nanchum obtusifolium) schlingt sich von Baum zu Baum, gleich geflochtenen Seilen, und treibt gewöhnlich nur an der Spitze einige wenige, paarweise stehende Blätter. Das Holz der einheimischen Bäume ist sehr fest und zähe, während diu geführte europäische Holzgewächse, denen die Wintcrruhe hier fehlt, lockeres, zu Wagcnbanten n. dgl. nicht brauchbares Holz erzeugen. Trotzdem daß schon jetzt den Naturforschern eine außerordentliche Menge Pflanzenarten im Kaplande bekannt geworden ist, obgleich weite Land strecken noch nndnrchsncht liegen, gewährt das Gebiet doch in den meisten Jahreszeiten den Anblick einer öden, unerfreulichen Wüste. Es hat dies sei nen Grund einestheils darin, daß, wie bereits angedcutct, die meisten jener Gewächse ein nur kurzes Leben führen und die übrige Zeit verschwinden, anderntheils aber auch in der auffallenden Seltenheit geselliger Pflanzen. Nur wenige Arten treten in größerer Anzahl von Exemplaren ans. Bon mancher zierlichen Erica, manchem schönen Pelargonium existiren in den euro päischen Gewächshäusern eine bei weitem größere Menge Individuen, als in der ursprünglichen Heimat derselben. Die Pflanzenarte» haben am Kap durchschnittlich einen fünfmal kleinern Vcrbreitnngsbezirk, als dies in Europa der Fall ist. So sehr die Pflanzenwelt auch der Bodcnbcschaffcnhcit und den manch- fach wechselnden Wittcrnngsverhältnisscn des Kaplandes angcpaßt erscheint, so bietet sie doch in Zahl, Verthcilnng und sonstigen Beziehungen noch eine reiche Menge Erscheinungen, welche aus dem gegenwärtigen Zustande dcö Landes allein nicht wohl erklärlich sind. Der Naturforscher vermnthet den Schlüssel hierzu iit Verhältnissen, welche in vorgeschichtlicher Zeit verborgen liegen mögen und ans deren Lösung er vorläufig noch verzichten muß. Die Thierwelt Südafrika's. Mustern wir in Kürze die auffallendsten Thicrgestaltcn der Südspitze Afrika's, so fällt es uns ans,' daß wir hier vielen Formen begegnen, die wir bereits in Mittelafrika, ja im Norden des Erdtheils trafen. An einen Ueber- blick der Thierwelt des Kaplandes knüpft sich deshalb sehr natürlich eine zoologische Rundschau des ganzen Continents'an. Massenhaft, riesig, mitunter sogar ungeschlacht sind die Thierformcn, welche uns in Afrika am auffallendsten cntgegentretcn. Herden wilder Ele- Phanten lustwandeln im Sumpfe und zerstampfen den Schlammgrund derge stalt, daß er, zur trockenen Jahreszeit verhärtend, für den Menschen und sein Lastthier unwegsam wird. Die ansehnlichen Mengen Elfenbein, welche jährlich von den verschiedenen Theilen Afrika's ausgeführt werden, geben Zeugniß von den Zahlen, in denen noch heute jene Riesenthiere hier vor-120 Einleitung. Händen sind. Nicht viel minder gewaltig und gleich massenhaft erscheinen die verschiedenen zweihörnigcn Nashornarten, deren Waffen schreckeneinflößcndc Länge bei entsprechender Festigkeit nnd Schärfe erreichen. Schnaubend tauche» plumpe Flußpferde neben mächtigen Krokodilen ans, die Baumstämmen ähnlich im Wasser treib.cn, um das getäuschte Wild am Tränkplatze zu erhaschen. Auch einen Verwandten des Manati entdeckte I)>. Vogel im Benne. Langhalsigc Giraffen, Büffel mit furchtbaren Hörnern nnd eine Unzahl Arten von Antilopen schließen sich diesen Riesengestalten an, nnd der kräftige afri kanische Lowe, der schnelle Panther überwachen mit blutigem Ernste den ge waltigen Staat nnd fordern ihren Tribut. Noch zahlreicher ist das Heer der Vogel vertreten, nnd zwar sind bcson ders an der Westküste auffallend viele nnd schöne Formen vorhanden. Eine reiche Menge Singvogel bevölkert die Waldungen Guinca's und thcilt ihr Gebiet mit dem menschenähnlichen Tschimpansc, welcher nach der kindlichen Anschauungsweise der Neger nur deshalb sich nicht der menschlichen Sprache bedient, um nicht — arbeiten zu müssen. Außer dem genannten Tschimpansc ist daö Geschlecht der knrzschwänzigen, felsenbewohnenden Paviane ein hervor tretender Schriftzng in dem Thiernamen Afrika's. Prächtig gefärbte Biencnvögel, Raken nnd Pisangfresser (Hclmvögel) überbieten einander an Farbcnschmclz, während die bescheidener kolorirtc Perl huhnherde sich desto lauter durch ihr gellendes Geschrei bcmcrklich macht. Auch unter den Vögeln tritt eine Riesengestalt ans: der Strauß. Auffallend ist besonders der Unterschied zwischen der Thicrwelt an der Ostküste und derjenigen an der Westküste. Höchst gesegnet ist letztere unter Andern: auch an Insekten, von den schillernden Faltern, die mit den brasilia nischcn an Farbcnschmclz wetteifern, bis zu den auffallend gestalteten Käfern, den stechenden Moskitos, todbringenden Tsetsefliegen und verwüstenden Ter nuten nebst ihren Genossen, den schwarzen Ameisen. Der wenig ekle Schwarze, der ja seiner Butter oft genug den Urin der Kuh znsctzt nnd seine Milchgcfäßc mit ähnlichen Substanzen präparirt, verzehrt außer den Termiten auch die Heu schrecke, welche ihm die Saaten abfraß, und bereitet auö ihr sein tägliches Brod. Zur Vervollständigung der Tafclfreudeu bietet die Westküste zahlreiche Walzenschnecken (Voluta) mtb die größten Landschncckcn, welche überhaupt be tonnt sind. Letztere, zu der Gruppe der Achatschnecken gehörig, erreichen eine Länge von acht Zoll. In ansehnlichen Mengen entnimmt man dein Meere, der Münzstätte des ganzen Erdtheils, die zierlichen Porzcllanschnecken, die mehrfach erwähnten Kauris, welche die Stelle der Scheidemünze vertreten. Das Kapland hat außer de» vielen Antilopenarten ebenfalls einen be sonder» Reichthum an Vögeln, nnd zwar fallen hier die zahlreiche» Dick schnäbler und Raubvögel auf. Die kleineren Raubvögel zeigen eine sonder bare Mischung zwischen europäischen und einheimischen Formen. Unter de» Säugethieren verdient besonders der Klippdas (Hyrax) Erwährtung. Dieses niedliche Thicrchcn bewohnt die Felsenspaltcn der steilen Sandsteingebirge,Di« Thierwelt Snbafrikäs, 121 ähnlich wie das Murmelthier unserer Alpen, kommt ans Furcht vor dem Geieradler meistens nur bei Nacht aus seinen Schlupfwinkeln und nährt sich dann von den saftigen Spitzen der gewürzreichen Stränchcr und Kräuter. Während eö so au äußerer Gestalt und Lebensweise ganz einem Nagethiere ähnelt, bezeichnet cs die anatomische Untersuchung unzweifelhaft als einen Verwandten des Nashorns und des Flußpferdes und erinnert dadurch an die ganz ähnlichen Formen von vielhnfigcn Sängcthicren in Kaninchengrößc, die in früheren Erdperioden auch das mittlere Europa bewohnten und deren Ge beine der Paläontolog jetzt z. B. im Montmartre bei Paris ansfindct. Die dürren, sandigen Ebenen werden vielfach von Springmäusen (s. das Schlnßbild S. 128 ) und Springhasen bevölkert, und auch eine Gruppe Insektenfresser tritt Die El-cne von Moscga, mit RiNUopc», Mimosen »nd WcbcrvoWkolonie». mit verwandten Körperformen hier ans, die Nohrrüßler (Naerosoelickss), deren zahlreiche Arten vom Tafelberge an bis znm Atlas vertheilt sind. Die lange, rüssclförmigc Schnauze macht sic als Verwandte unserer Spitzmaus kenntlich, die langen Hinterbeine dagegen geben ihnen ein fremdartiges Ansehen, sind ihnen aber vom größten Vortheil, wenn sie ans die ebenfalls langbeinigen Heuschrecken Jagd machen. Die abweichendste und unter sich abgeschlossenste Thierwelt hat Mada gaskar, das sich in dieser Beziehung ganz wie ein besonderer, selbständiger Erdtheil verhält. Alle größeren Raubthiere fehlen, nur kleine Katzenarten122 Einleitung, (Felis madagascarensis) und Manguste» treten auf. Bon den Nagethieren ist nur ein Eichhörnchen vorhanden*, und die Wiederkäuer sind gänzlich unbe kannt; dagegen tritt die Familie der Halbaffen (Lemuren) in ungefähr zwanzig Arten auf, und die FledermauSthiere find gleichfalls zahlreich. Die größeren Arten davon, besonders zwei fliegende Hunde, werden gegessen. Auffallend ist die weite Verbreitung, welche zahlreiche afrikanische Thierc in der Richtung von Süd nach Nord haben. So gehen Strauße, viele An tilopen, Zebras, Giraffen u. s. w. von den Ebenen des Kaplaudcs bis zum Fuße.des Atlas. Elephanten, Nashörner, Flußpferde, Krokodile bewohnen die Sumpfniederungen und Flüsse im Süden so gut wie im Norden. Die gestreifte Hyäne ist dagegen nur deni nördlichen Theile bis etwa 17° n. Br, eigen; südlich tritt die gefleckte und der Erdwolf auf. Das Dromedar ist nicht ursprünglich afrikanisch, sondern ward durch die eindringenden Araber mit eingeführt. Jene weite Verbreitung hängt bei vielen der genannten Thiere, besonders bei den Steppenbewohnern, mit den ausgedehnten Wanderungen zusammen, zu denen dieselben gezwungen sind. Wie die Regenwolken von Süd nach Nord und wieder rückwärts ihren Zug antreteu, beginnt auch die Pflanzen welt, durch den Regen geweckt, sich zu entfalten. Die Antilopen sammeln sich an den futterreichen Stellen in Erstaunen erweckenden Zahlen. Viele Tausende von Springböcken bilden lebendige Ströme, welche töeitc Flächen überfluten. Elennantilopen, Blauböcke, Gnus,-Zebras, Strauße, Quaggas u. s. w. schließen sich ihnen an Und wandern in ähnlicher Weise vorwärts, wie die weitereilenden Wolken die Kräuter anderer Gegenden tränken. Ihnen nach ziehen die Ranbthierc und erheben unter dem Nachtrab ihren Zehnten. In noch größeren Zahlen wandern am Boden Termiten und durch die Luft wolkengleiche Heuschreckenschwärme. Große Mengen kleiner Raubvögel ziehen ihrer lebendigen Speise nach. Auck> die vorzugsweise auf Honignahrung an gewiesenen Honigvögel, welche an Pracht des Gefieders und in ihrer Lebens weise die Kolibris der neuen Welt hier vertreten, müssen sich in gleicher Weise zu Wanderungen entschließen, wie die Blumen einmal auf den Hochebenen und, wenn sie dort verwelkt sind, in den Gebirgsthälcrn sich öffnen. Selbst der Mensch, im Innern des Landes oft ausschließlich auf seine Herden ange wiesen, muß sich zum Wanderleben bequemen, um hinreichendes Futter für seine Thiere anfzutreiben. Vielfach ist in diesem Umstande die geringe geistige Kultur begründet, auf der zahlreiche afrikanische Völkerschaften verblieben, und ein natür licher wasserreicher Quell wird auch für Geistesleben und Gesittung ein segcn- spendender Brunnen, indem er de» unstätcn Wanderer zunächst zur Gründung fester Wohnstätten veranlaßt.Kaffei'lihüuptlingc. Die Völker Südafrika's. Die Heimat der eigentlichen Negerstämme ist jenes heiße Gebiet zwischen dem 20. Grade nördlicher und dem 20. Grade südlicher Breite. Südlich davon ist Afrika von zwei Volksstämmen bewohnt: den Hottentotten und den Kaffern; die crsteren finden sich im westlichen, die letzteren im östlichen Theile des Gebiets. Beide Völker zerfallen unter sich wieder in zahlreiche, mehr oder weniger scharf von einander geschiedene Stämme. Der Name Hottentott gehört keinem Stamme eigenthümlich an, sondern ist den Eingeborenen des Kaplandes von Europäern beigelegt worden. Die Hottentotten erscheinen nach europäischen Begriffen als Muster der Häßlichkeit. Der abgeplattete Schädel giebt der Form ihres Kopfes etwas widerlich Thic- risches. Das Kopfhaar ist so spärlich und so kurz gekräuselt, daß die glatte Kopfhaut wie mit kleinen Warzen oder Pfefferkörnern dünn übersäet erscheint. Die Nase ist außerordentlich kurz und abgestumpft, und ihre Inhaber sind bemüht, diese', Eigentümlichkeit ihrer Race durch Drücken noch zn erhöhen. Die Nasenlöcher scheinen in Folge dessen fast senkrecht zu stehen, und die Lippen sind so dick aufgeworfen, daß sie beinahe den dritten Theil des Ge sichts einnehmen. Dazu ist der ganze Körper schwächlich gebaut und bleibt124 Einleitung. meistens unter fünf Fuß Höhe. Nur die Hände und Füße sind wegen ihrer Kleinheit zierlich zu nennen, obschon die letzteren in hohem Grade jene Eigen- thümlichkeit des Baues besitzen, welche ein amerikanisches Spottlied durch den Vers geißelt: „Er tritt mit der Höhlung des Fußes ein koch in den Boden!"' Die Färbung der Haut gicbt den Hottentotten das Ansehen, als seien sie alle im höchsten Grade mit der Gelbsucht behaftet, und die schief geschlitzten Augenlider verleihen ihnen viel Achnlichkeit mit den asiatischen Mongolen. Am widerlichsten erscheinen dein Europäer die Hottentotten durch den unangenehmen Geruch, den sic verbreiten, sobald die Transspiration ihrer Haut irgend gesteigert wird. Ihre Bedürfnißlosigkeit läßt bei ihnen wenig Streben nach Erlernung einträglicher Beschäftigungen anfkommen. Ein Schaffell und ein Knüttel sind oft ihr ganzer Reichthum; ein Gurt aus Leder um die Lenden, an dem vorn oder auch hinten ein Büschel Riemen von 1—1 J /a Fuß Länge hängt, sind bei den anständigeren ein Schmuck, welchen die noch einfacheren im Binnen lande als Luxus bei Seite lassen. Jene Einfachheit, welche dein Diogenes als Ideal vorschwebte, erreicht bei ihnen die Blüte; jedoch verfertigen sic sich, da sie weniger an philosophischen Grübeleien als an Musik Geschmack finden, ans einem hohlen Kürbis (einer Kalabasse) gern ein Saiteninstrument, den, sic nicht unangenehme Melodien zu entlocken verstehen, die jedenfalls besser klingen als ihre schnalzende Sprache. Die Blätter des Hanfes, welche stark berau schend wirken, werden von ihnen leidenschaftlich geliebt; als Pfeife zum Rauchen derselben dient dann ein hohler Knochen oder ein Antilopenhorn. Auch die Löwenwnrz (Leontice Leontopetalum) wird von ihnen so lebhaft als narkoti sches Mittel begehrt, daß die Pflanzer der Kolonie jenes Gewächs eigens zu dem Zwecke anbanen, um die Hottentotten zu bewegen, bei ihnen in Arbeit zu treten. Die Frauen der Hottentotten gehören nach europäischen Ansichten noch weniger zum „schönen Geschlecht" als die Männer. Sic besitzen anatomische Eigenthümlichkeiten, welche sic geradezu widerlich erscheinen lassen. Trotzdem sind Mischlinge von Weißen und Hottentotten, in der Kapkolonie gegenwärtig häufiger als die ursprüngliche reine Race. Der südliche Thcil der Hottentottengebiete im westlichen Kaplandc wird von den Namaqua's und Griqua'S (ein Mischvolk von Europäern und Ein geborenen), der mittlere von den Buschmännern und der nördliche von den Koranna's und Betschnanen bewohnt. Am weitesten von menschlicher Gesit tung entfernt erscheinen die Buschmänner. Tagelang vermögen sie herum- znstreifen, den Riemen zur Besänftigung des Heißhungers fest um den Leib gezogen, bis der Zufall ihnen ein Wild oder die Herde eines Nachbars zu führt. Ihre Pfeile aus leichtem Rohr, aber mit Spitzen aus Knochen oder Eisenstückchen versehen, welche in Euphorbienharz, in den Saft einer Gift- zwiebel oder in eine Substanz, aus Insekten bereitet, getaucht sind, wirken schon bei leichten Verwundungen tödtlich. Hat der Buschmann ein Thier erlegt, so verläßt er dasselbe selten, bevor er es aufgezehrt. Nur ausnahms-Die Hottentotten, Namaqua's und Korauna's. 125 weise legt er sich eine» Vorrath an. Ans dem Honig wilder Bienen bereitet er gern ein berauschendes Bier, und hat er durch Berührung mit den Euro päern den Branntwein kennen gelernt, so crgicbt er sich dem Genüsse desselben meistens mit zerstörender Leidenschaftlichkeit. Größer im Korpcrbäu als die Kap-Hottentotten und Buschmänner sind die Namaqua's, welche die ausgedehnten, meist unfruchtbaren Sandebenen westlich von den Grenzen der Kapkolonie bis zum Wendekreis des Krebses bewohnen. Die Unfruchtbarkeit ihrer Wohnorte zwingt sic, als Nomaden mit ihren kleinen Rindern von einem Weideplatz zum andern zu wandern. Die Namaqua's und die weiter nördlich wohnenden Damarara's haben die klein sten Rinder, die auf der Erde existiren. Ackerbau treiben sie nicht, und In dustrie aller Art ist ihnen fremd. Sie treiben daher auch keinen Handel, aus genommen daß sie, jedoch nur höchst selten, und nur wenn sie der kolonialen Grenze nahe wohnen, Felle wilder Thicrc, Stücke Rhinozeroshaut und Strauß federn verkaufen, oder gegen einige auch ihnen nothwendige Artikel, wie Messer, Beile u. dgl., zu vertauschen suchen. Die Namaqua's bedienen sich zur Jagd und zum Krieg, außer Bogen und Pfeil, wie die Buschmänner, auch deö Kiric, eines Wurfstockes ans hartem Holze, den sie mit solcher Kraft und Geschicklichkeit zu schlendern verstehen, daß sic ans einem Fluge Nämaqua-Rebhühner (sehr kleine wohlschmeckende Rebhühner, die dort sehr häufig sind) oft ein Dutzend zu Boden bringen. Wenn es ihnen irgend mög lich ist, suchen sic sich aber doch in Besitz eines Feuergewehres zn setzen. Die Statur der Namaqua's ist dünner, schmächtiger und hagerer als diejenige ihrer Nachbarn, der Buschmänner. Dabei erscheinen Brust und Kopf mehr in die Breite gezogen, was dem letzter» bei den sehr vertretenden Backenknochen und schiefen Angen noch mehr Aehnlichkeit mit dem mongoli schen Typus verleiht. Die warzenähnlichcn Haarkräusel stehen bei ihnen noch vereinzelter als bei den Kap-Hottentotten. Leider hat die ganze Küste des weiten Namaqualandes keine Bai, in welcher ein großes Schiff sicher vor Anker gehen könnte, mit einziger Ans nähme etwa der Angoa Peguina im 26 . Breitengrade. In letzterer sind die von,Pinguinen und andern Sccvögcln bedeckten Inselgruppen Anziehungs punkte für europäische Schiffer gewesen. Etwas nördlich davon haben auch die dick mit Vogeldünger bedeckten Bird-Jsland und Jchaboe-Jnseln Guano schiffcr angclockt. Das Innere des • Namaqualandes ' enthält zwar reiche Kupfererze, letztere mußten aber wegen Mangel an Fencrungsmatcrial bis jetzt noch unbenutzt bleiben. Me Koranna's machen schon dadurch einen angenehmen Eindruck auf den Fremden, daß bei ihnep ein ziemlicher Grad von Liebe zur Reinlichkeit nicht zu verkennen ist, während die Buschmänner und Hottentotten sich nie waschen. Uebcrhaupt läßt sich bei ihnen, wie wir schon bei der Schilderung von Griquastadt (Klaarwatcr) erwähnten, ein erfreulicher Beginn von Civili- sation erkennen, der durch den regen Eifer unverdrossener Missionäre herbei-126 Einleitung. geführt worden ist. Es ist eine Freude, die Schulen unter den Griqua's und Korauna's zu besuchen, in denen eine neue Generation herangebildet wird, welche die Kinder gleichen Alters in manchen europäischen Schulen überragen möchte. Statten wir bei unserer Rundschau über die farbigen Bewohner der Südspitze Afrika's den östlich wohnenden Kaffern einen Besuch ab, so treffen wir hier ein ganz von den Hottentotten verschiedenes Volk, das sich in mehrere Hanptstämme gliedert. Im Küstenlande wohnen die Amakosa's bis zum 30. Breitengrade; an diese schließen sich die Sitze der Zuln's bis zur Dc- lagoa-Ba.i, und nördlich von diesen bis zum Wendekreise des Steinbocks reichen die Ortschaften der U'Haubaua's. Obschon unter einander in Sprache, Sitten und selbst in ihrer äußern Erscheinung manchfach abweichend, bilden sie doch eine einzige Nation. Wir besuchen einen Kraal der Amakosa's, des kräftigsten der Stämme. Das Dorf ist auf einem flachen Hügel in Kreisform angelegt. Das Innere der Erhebung ist ausgehöhlt und zum Aufbewahrnngsplatz für Gartenfrüchte, sowie zur Pulverkammer eingerichtet. Die Decke über diesem gemeinschaft lichen Keller ist aber mit einer Lage von Lehm sorgfältig geschützt, da hier, durch den Ring der Hütten geschützt, zur Nachtzeit daö Vieh weilt. Die ein zelnen Wohnungen selbst ähneln großen Bienenkörben, aus einem Gerüst von Holzwerk und Lehm dauerhaft gearbeitet und mit Kuhmist gefestigt. Fenster sind freilich nicht zu bemerken, und die Thür ist sehr klein, so daß man in das Innere nur kriechend gelangen kann. Durch hübsch geflochtene Binsen matten erhält aber der ganze Raum den Ausdruck von Sauberkeit und Net tigkeit. Das Feuer zur Bereitung der Speisen wird in einiger Entfernung von den Gebäuden unterhalten. Milchgefäße, wasserdicht aus Grashalmen geflochten, stehen ringsum. Wurfspieße, ans hartem Holze gearbeitet, oder häufig auch gute Percussionsgewehre, von auswärtigen Kanfleuten erhandelt, lehnen an der.Wand. Neben dein Häuschen ist ein Garten; dort arbeiten kräftige Frauengestalten, über sechs Fuß hoch und von angenehmen Formen. Sie bauen Hirse und Kaffernkorn, besonders aber auch viel Tabak. Ranken von Flaschenkürbissen kriechen zwischen den schlanken Halmen der Kornfrüchte hindurch und liefern durch die Schalen ihrer Früchte das kleinere Hansgeräth. Dort neben dem Nachbarhanse fertigt ein Mann ans rothem Thon einen Topf. Weiterhin schnneden ein Paar Andere Spitzen zu Wurfspeeren und Ringe zum Arm- und Fußschmuck für die Frauen; unter dem Schatten einer aufgespannten Strohmatte sitzt eine kräftige Mannsgestalt und flicht aus den gespaltenen, weiß und schwarz geringelten Stacheln des Stachelschweins ein allerliebstes Körbchen, während sein Weib daneben mit Zwirn aus- Flechsen einen Pelz ans bunten Streifen von Pelzwerk in zierlichen Mustern zusam mennäht. Eine Gruppe von bejahrteren Kaffern zieht jetzt unsere Aufmerk samkeit auf sich. -Die muskelstarken, kräftigen und großen Gestalten sind rings um ein Wasserloch gelagert, in welches sie lange Schilfhalme als Pfeifenrohre gesteckt haben. Eine Höhlung daneben enthält den angezündeten Tabak, undDie Kaffem. 127 sie schlürfen ans dieser Wasserpfeife in einfachster Form den wohlriechenden, kühlen Ranch mit besonderem Behagen. Zwar ist ihr Haupthaar wollig und schwarz, ähnlich wie dasjenige des Negers; zwar sind auch ihre Lippen dick und aufgeworfen, aber ihre hohe Stirn verräth Intelligenz, und die Adler-- nase erinnert auffallend an den Araber. Sie unterhalten sich von den An gelegenheiten des Stammes, und wenn wir ihr Gespräch belauschen konnten, würden wir mit Verwunderung hören, wie gut sic über europäische Verhält nisse und über die Beziehungen anderer Länder unter einander, sowie zu ihnen unterrichtet sind. Fast bei allen bemerken wir im Haar einen höchst zierlich gearbeiteten Elfenbeinlöffel stecken, der nicht beim Essen, sondern beim Schmu pfen gebraucht wird. Statt Schnupftabakdosen benutzen sie kleine Flaschen kürbisse, äußerlich mit hübschen geschnitzten Figuren geziert. Den Schnupf tabak bereiten sic sich selbst durch Pulverisiren der Blätter zwischen harten Steinen. Ans gleiche Weise fertigen sie auch aus dem Kaffernkorne das Mehl, wenn sie nicht vorziehen, einen hölzernen Mörser mit hölzerner Keule dazu zu verwenden. Dieses Mehl, mit Milch zu einem Brei gearbeitet, oder die letztere in sauerem Zustande allein sind ihre Licblingsgerichte. Nur sehr ungern schlachten sie eines ihrer Hcrdcnthiere, die ihren Hauptreichthum bilden. Desto größere Portionen Fleisch verzehren sie, sobald ein Wild oder beim Kriegszug ein Rind ihrer Feinde ihnen zur Beute wird. Die Hautfarbe der Kaffern geht vom tiefsten Kohlschwarz bis zur Bronze; auch rothe Färbungen treten auf, die aber sehr von dem Roth der amerika nischen Indianer verschieden sind. Als Seltenheiten bemerkt man unter ihnen Albinos, deren schneeweiße Haut und rosige Wangen sonderbar von den dun keln Gestalten ihrer Gefährten abstcchcn. Verkrüppelte Personen sicht man kaum unter ihnen; man sagt, daß mißgestaltete Kinder getödtet würden. Nicht selten trifft man Leute, denen das vordere Glied des kleinen Fingers fehlt, welches ihnen die Eltern als kleinen Kindern bei schweren Erkrankungen ab- nahmen, um dadurch den bösen Geist, als dessen Werk sie die Krankheit betrachten, zu versöhnen. Die Beschneidnng ist bei ihnen allgemeine Sitte. In ihrer Haltung und in jeglicher Bewegung zeigen die für ihr Vaterland begeisterten und tapferen Kaffern eine solche Anmuth und Eleganz, daß ein englischer Reisender sie „n Nation of gentlernen“ nannte. Außer den Holländern, Franzosen und Engländern, welche die Kap- kolonie bewohnen, sind dort auch ziemlich zahlreiche Malaien seßhaft, deren Vorfahren von den Holländern unfreiwillig hierher versetzt wurden und die ihrer muhamedanischen Religion, sowie ihrer heimatlichen Tracht und Sitte fast ganz treu geblieben sind. Interessante Nachrichten sind neuerdings durch den Missionär vr. Krapf über die wilden Masai- und Waknafi-Stämme mitgetheilt worden, die nord westlich gegenüber den ausgedehnten Ebenen wohnen, welche etwa 80 —100 Stunden von der Mündung des Panganislusses beginnen. Diese Volksstämme erstrecken sich im Norden bis zum Aequator und im Westen bis fast zu dem128 Einleitung. großen Binnensee in Uniainesi, behaupten also ein ausgedehntes Gebiet in Mittclafrika, dein eine wichtige Zukunft bevorstcht, wenn cs sich bestätigt, daß die Quellen des Nils am Fuße des Schncebcrgcs Kenia im Wakuasilandc zu finden sind. Die Wakuafi sind große und kräftige Leute von schwarz- brauner Farbe und ähneln in ihrer Gesichtsbildung sehr den Somaüli's und Arabern. Beide Völkerstämme sind Hirten und glauben, daß Gott ihnen die Rinder als ausschließliches Eigenthum gegeben habe; daher sie meinen, in ihrem völligen Rechte zu sein, wenn sie bei Mangel den benachbarte» Galla oder andern Negerstämmen die Viehherden wegtreiben. Wakuasi's, wAche als Gefangene von andern Völkern zu Sklaven ge macht werden, würden lieber sterben, als sich zum Ackerbau oder überhaupt zu einer Arbeit bequemen, die sie nicht von Jugend ans gewohnt sind, und die ihnen ebenso entehrend scheint, als das Tragen von Lasten auf dem Rücken. Nach dieser kürzen Umschau über jene Völkerschaften, welche die inneren Länder Siidafrika's umgrenzen, in welche uns der kühne Reisende Dr. Living- stone, der Held unsers Buches, führt, begleiten wir ihn selbst und lassen uns von ihm eine für uns neue Welt, eine eigcnthümliche Natur und Volkcrstämme mit Sitten, Ansichten, Gebräuchen und Einrichtungen vorführen, welche gänz lich von den unserigcn abweichen, die aber eben deshalb um so interessanter und belehrender für uns sind. Die SpriugmauS.Dr. Livingstonc. Der Missionär vr. Livingstonc. KW" Wir haben gesehen, daß im Laufe der Zeit eine ganze Reihe kühner Männer es sich zur Aufgabe gemacht, vom Norden und Westen her in das geheimnißvolle Innere Afrika's einzudringen, haben von ihren Erfolgen und ihrem Ruhme gehört, den Einzelne von ihnen mit dem Leben bezahlen muß ten. Ein großer Thcil des weißen Schleiers, der die älteren Karten von Afrika in weiter Ausdehnung bedeckte, ist jetzt zurückgeschoben, und die Namen von Königreichen, Völkerschaften, Flüssen und Seen sind an die Stelle ge treten. Aber auch von der entgegengesetzten Seite her sind uns inzwischen Aufschlüsse von nicht geringerer Wichtigkeit geworden, und zwar großentheils durch die Anstrengungen eines einzelnen Mannes, des Missionärs Or. Living- stone, der uns nenlichst in einem starken Bande ein reiches Gemälde seiner Bikch -er Reisen, IL 9130 Dr. Livingstone. merkwürdigen Entdeckungen und Erlebnisse vorgeführt hat. Es ist gesagt worden: Wer die Wildnisse Afrika's bereisen will, muß den Mnth des Lö wen und die Ausdauer des Kameels mitbringen. Diese Tugenden zu bethä- tigen hatte Livingstone in tausend Fällen Gelegenheit; aber er brachte mehr mit: als einen echten Apostel voller Güte und Menschenliebe sehen wir ihn auf Schritt und Tritt bemüht, Gutes zu stiften, Frieden zu vermitteln, den Eingeborenen Anweisungen zur Verbesserung ihrer Lage zu geben und freund liche Beziehungen, ehrlichen Handel zwischen ihnen und den Weißen anzu- kuüpfen; wir sehen, welchen Einfluß der würdige Mann unter halbwilden Stämmen gewinnt, welche Achtung und Liebe sie ihm zollen, und wir ahnen, daß das Auftreten Livingstone's in jenen Ländern von den weitgreifcndstcn Folgen für dieselben sein werde. Erfreulich ist dabei der Gedanke, daß der ehrenwerthe Apostel der Civilisation noch nicht am Ende seiner Laufbahn, sondern nur an einem Abschnitte derselben steht, daß er mit frischen Kräften und Mitteln bereits wieder an die Erfüllung seines schönen Berufes ge gangen ist. Die ausgedehnten Reisen Livingstone's in unbekannten Breiten Afrika's, die sich schließlich zu einer Ucberschreitung des ganzen Erdtheils von der West- bis zur Ostlüste gestalteten, sind schon physisch betrachtet wahre Helden taten von Seiten dieses einzelnen, weder groß noch stark gebauten Mannes. Denn es ist sicher kein Geringes, Wochen- und mondenlang durch glühende Wüsten voll tiefen Sandes oder undurchdringliche Dornen, durch Urwalds dickicht, Sümpfe oder Schilfwälder sich Wege zu bahnen, dabei nicht selten um Speise und Trank Roth zu leiden, das Zugvieh durch Wassermangel oder Stiche giftiger,Insekten zu verlieren, jeden Abend sich erst ein Obdach zu bauen und es am Morgen wieder abzubrcchen und weiter zu ziehen. Selbst die Reisen in den neuentdccktcn fruchtbaren und bewässerten Ländern haben ihre Beschwerden und Gefahren, denn dort giebt es häufig des Wassers viel zu viel, um zu Lande unbehindert vorwärts zu kommen; die Kahnfahrten sind durch Dickichte von Wassergewächsen, durch Nilpferde und Krokodile ge fährdet, und zu allem dem gesellen sich nunmehr tückische, hartnäckige Sumpf- fiebcr. Aber trotz dem Fieber und einem halb gelähmten, schlecht geheilten Arme, den ihm ein Löwe gleich zu Anfang seiner afrikanischen Laufbahn wie zum Willkommen entzwei gebissen, muß Livingstone, so gut es gehen will, den Jäger machen, um sich und seine Begleiter zu ernähren, muß die Kranken pflegen, den Verzagten Muth machen, kurz Alles in Allem sein. Indeß auch andere Reisende haben ähnliche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt; worin aber Livingstone fast einzig dastehcn möchte und was ihn unbedingt als außerordentlichen Mann erscheinen läßt, ist die gute Art und Weise, in der er überall mit wildfremden Menschen fertig wird, die größtentheils nie zuvor einen Weißen sahen. Nur von einigen Eingeborenen begleitet, ohne imponi- rendc Waffengewalt, weiß er sich seine Bahn zu brechen und jede vorkom mende Schwierigkeit in freundlicher und kluger Weise zu ebnen. So hat erDr. Livingstone. 131 in dem, was er geleistet, zugleich einen glänzenden Beleg dafür geliefert, wie groß das moralische Uebergewicht des civilisirten Menschen ist gegenüber dem rohen Sohne der Natur. So sehr dem wackern Livingstone sein Missionswerk überall die Haupt sache ist, so wenig würde auf ihn die Vorstellung passen, die man sich ge wöhnlich von einem Missionär macht, indem man ihn sich denkt als „einen Mann, der mit der Bibel unter dem Arme herumgeht." Nach seiner aus gesprochenen Ueberzeugnng gehört zu einer erfolgreichen Heidenmission weit mehr. „Christenthum und Civilisation," sagt er, „sind unzertrennlich; keines kann ohne das Andere fortgepflanzt werden. Civilisation, Handel und Ge werbe, das Verlangen nach einem behaglichern Leben und den Hähern Freu den und Genüssen desselben sind gerade die Grundlage und Vorbedingung der Bekehrung zum Christenthnmc." Ans die Anbahnung eines ordentlichen Handels legt er einen ganz besondern Werth, weil dadurch rascher, als durch jedes andere Mittel, der dem Heidenthumc eigene Hang zur Absonderung und Vereinzelung gebrochen wird, und die verschiedenen Stämme durch den Ver kehr sich gegenseitig brauchen und schätzen lernen. Die neuen Völker, welche Livingstone in dem schönen/ fruchtbaren Innern Afrika's kennen lernte, sind reich an natürlichen Anlagen und alle sehr begierig, Kultur anzunehmen und Handel zu treiben. Livingstone setzt auf sie große Hoffnungen. Man braucht nur eine gute, dauernde Handelsstraße in's Innere zu eröffnen und Statio nen zu errichten, wohin die Bewohner der benachbarten Gegenden ihre Lan desprodukte bringen, und ein Verkehr zwischen den Weißen und Schwarzen wird erblühen, der segensreich für beide Theile ist. Was die Weißen an der Westküste verdorben haben, wo sic fast nur als Sklavenhändler ausgetreten sind, kann von Osten her gesühnt werde», wo eine schöne Wasserstraße in das vielversprechende Binnenland führt. „Ich habe einen doppelten Zweck im Auge," sagt Livingstone, „ich suche die Wohlfahrt dieser Heiden zu nnserm eignen Besten. Sie mögen nnö Rohstoffe für unsere Fabrikate liefern. Ihre Länder eignen sich besonders für die Baumwollenkultur; man gebe ihnen guten Samen und die Gewißheit des Absatzes, und sic werden sofort unsere Freunde sein. Sie erkennen ohne Schwierigkeit, wie viel vortheilhaster es sei, die Kattune und andere hochgeschätzte europäische Waaren gegen Landes- produkte anstatt mit lebendem Menschenfleisch einzuhandeln. Durch ordent lichen Handel würden selbst die durch Bekriegung feindselig gewordenen Küsten völker sich zu Freunden machen lassen, der Sklavenhandel würde schnell ein Ende nehmen, und die Negerstämme könnten in den allgemeinen Völkerver band mit ausgenommen werden, in welchem kein Glied leiden kann, ohne daß die anderen es mitfühlen." Das ist die Sprache eines einsichtsvollen, warm fühlenden Menschen freundes, eine Politik, die ohne Eroberung, ohne Kriegsschiffe, ohne einen einzigen Soldaten oder Beamten bessere Erfolge verspricht, als die Engländer bisher in fremden Ländern zu erringen wußten.132 Dr. Livingstone. Livingstone flammt seinen Mittheilungen zufolge aus einer armen, braven Familie eines Fabrikdorfes in der Nähe von Glasgow. Im Alter von zehn Jahren that man ihn, damit er Etwas verdienen helfe, als Anstückler in eine Baumwollenspinncrei. Mit seinen ersten Sparpfennigen kaufte er eine latei nische Grammatik, und fing an, eifrig zu lernen, nicht nur in der Abend schule, sondern bis Mitternacht und darüber hinaus, wenn nicht seine Mutter ihm die Bücher wegnahm und ihn zu Bette trieb, denn um 6 Uhr Morgens' begann bereits wieder sein Dienst in der Fabrik. So machte sich der junge Livingstone nicht allein mit den Klassikern vertraut, sondern verschlang über haupt jede Lectüre, deren er habhaft werden konnte, Romane ausgenommen. Selbst in die Fabrik nahm er Etwas zu lesen mit, und gab dem Buche auf der Maschine einen solchen Platz, daß er während der Arbeit dann und wann einen Satz daraus erhaschen konnte. Wissenschaftliche Werke und Reisebeschrei- bnngen gewährten ihm den meisten Genuß; sein Vater aber erklärte die elfteren für religionsfeindlich und empfahl dringend die Lectüre orthodoxer Religionü- bücher, die der Sohn beharrlich von sich wies, obwol er dafür zuweilen Schläge bekam. In der Folge jedoch wurde er mit Schriften bekannt, die seinem Sinne besser zusagtcn und ihn in seiner Ueberzeugung bestärkten, daß Wissenschaft und Religion sich nicht feindlich gegenüberstehcn. Ein neues religiöses Leben wurde in ihm wach, und er faßte den Entschluß, sein Leben der Linderung menschlichen Elends zu widmen und Missionär zu werden. In seinem 19. Jahre wurde Livingstone Spinner in der Fabrik, eine Arbeit, die ihm bei seinem schwächlichen Körperbau sauer genug ankam, aber gut bezahlt wurde. Was er hierbei in der Sommerzeit verdiente, setzte ihn in den Stand, während des Winters in Glasgow die griechischen und niedi- zinischen Klassen zu besuchen, und so bereitete er sich ganz ohne fremde Bei hülfe auf seinen selbstgewählten Beruf vor, den er in China auszuüben beschlossen hatte. Freunde riethen ihm sich bei der londoner Missionsgesell schaft zu melden, und er that es, nachdem er erfahren, daß dieselbe alles Confessionswesen ausschließe und nur das reine Evangelium den Heiden sende. Er wurde angenommen und reiste im Jahre 1840 an seinen Bestimmungsort ab, nicht nach China, das während dem durch den Opiumkrieg unzugänglich geworden war, sondern nach Südafrika, wo sich durch die Arbeiten des Missionärs Moffat ein neues, einladendes Arbeitsfeld eröffnet hatte. Hier lebte und wirkte Livingstone 16 Jahre, von 1840 — 56, als Lehrer und Arzt, als geistlicher und leiblicher Berather halbwilder, aber gntmüthiger und bil dungsfähiger Menschen, und im Verfolg seines Strebens fiel ihm nngesucht der Ruhmeskranz eines glücklichen Länderentdeckers zu.Die Betschuanenhütte. Livinqstone's Reise zu den Betschuanen und nach dem Ngami-See. Die Oetschuancn. Das keilförmige südliche Ende Afrika's kann man sich in drei Längs- streifen abgetheilt denken, deren jeder seine Besonderheiten hat in Hinsicht ans physische Beschaffenheit, Klima und Bevölkerung. Die Verschiedenheiten treten vorzüglich jenseit der Grenzen der Kapkolonie deutlich hervor. Der östliche Streifen ist großentheils gebirgig, reichlich bestanden mit immergrünen, safti gen Bäumen, denen weder Feuer noch afrikanische Hitze viel anhaben kann; die Seebuchten sind mit riesigen Laubholzwäldern umsäumt. Das Land ist durch Flüsse und Bäche bewässert; der jährliche Regenfall ist beträchtlich. Die Bewohner sind Kaffern, von schwarzer bis brauner Farbe, schlanke, muskulöse und wohlgebaute Leute, verschlagen und tapfer. Ihr räuberisches Wesen und die unaufhörlichen Konflikte zwischen ihnen und den Kapkolonisten sind bekannt genug. Weiter nördlich wohnen die Zulukaffern, die von mil derem Charakter sind und als ehrbare Leute geschildert werden. Alle Kaffer- stämme treiben Landbau und Viehzucht. Der nächste oder mittlere Länderstreif ist kaum hügelig zu nennen, und besteht größtentheils aus weiten, sanft wellenförmigen Ebenen. Quellen sind hier nicht viele und noch weniger Flüsse, da wenig Regen fällt und nicht134 Livingstone in Knrnman. selten lange Perioden der Dürre eintreten. Fast alle Regenwolken kommen von Osten aus dem indischen Meere und geben ihre Niederschläge schon im Kafferlande ab, so daß wenig für die hinterliegenden Landstriche übrig bleibt. Europäisches Getreide kann hier nur mit Hülfe künstlicher Bewässerung ge zogen werden. Die Bewohner dieser Region sind Betschuanen; ihre Wohn sitze erstrecken sich weit nach Norden hinauf. Sie sind, wie die Kaffern, ein Landban und Viehzucht treibendes Volk, und haben mit Jenen offenbar einerlei Abstammung, sind aber körperlich weniger entwickelt als Diese, und von Cha rakter mehr schüchtern als kriegerisch. Der westliche der drei Abschnitte ist noch ebener als der mittlere, und wird nur in der Nähe der Westküste wieder etwas bergig. In ihm liegt die große, spärlich bewohnte Ebene, welche man die Kalahariwüste nennt. Ienseit derselben sind längs der See hin die weiten Länderstriche der Namaquahotten- totten und der Damara's, wegen Wassermangel nur zum kleinsten Theile be wohnbar. Hoher nach dem Aequator hinauf, von dem Breitengrade an, unter welchem der See Ngami*) liegt, nehmen Land und Leute einen völlig andern Charakter an; hier liegen die Länder, welche vor Livingstone noch keines Weißen Fuß betreten hatte, der Schauplatz seines Ruhmes als kühnen Reisenden, während die längste Zeit seines Aufenthaltes in Afrika durch seine MissionSarbeiten unter den Betschuanen ansgefüllt wird. In Afrika angekommen begab sich Livingstone ohne Verzug an den Ort seiner Bestimmung, und zwar zunächst nach Knrnman, der nördlichsten Mis sionsstation von der Kapkolonie aus, wo seit fast 40 Jahren der würdige Missionär Moffat, Livingstonc's nachmaliger Schwiegervater, sich einen Wir kungskreis geschaffen hat. Knrnman ist ein reizender Punkt inmitten unabsehbarer Grascbenen. Ein mächtiger Quell, der sogleich ein Flüßchen bildet, rauscht aus einem na türlichen Keller hervor und giebt das Mittel zur Unterhaltung ausgedehnter Gärten, in denen neben Getreide und Gemüsen Wein, Aepfel, Pfirsichen, Feigen, Citronen und andere Südfrüchte in üppiger Fülle gedeihen. An einigen wenigen Stellen dieser Gegend finden sich auch Ueberreste ehemaliger Wälder von wilden Olivenbäumen (Oka similis) und Kameeldorn (Acacia giraffe), die aber dem Anssterben entgegen zu gehen scheinen. Den letz teren, dessen Holz von außerordentlicher Härte ist, hält Livingstone für den Baum, aus welchem die Bundeslade und die Stiftshütte der Israeliten ge zimmert waren. In seiner Nähe traf er fast immer eine merkwürdige Gift- *) Die Anfangsbuchstaben Ng bezeichnen einen cigenlhümlicheu Gamnenlant, mit welchem viele afrikanische Worte beginnen. Er lautet wie bei uns das ng am Ende eines Wortes. Um die rechte Aussprache zu treffen, solle man, sagt Livingstone, vor dem Ng stch noch ein i denken, dasselbe aber so wenig wie möglich hören lassen. Er vergleicht den Laut mit dem spanischen ö.Die Betschuane». 135 pflanze an, Ngotuane genannt, mit einer Fülle starkriechender gelber Blumen, deren Duft die ganze Luft erfüllte, während in der Regel die in den dürren Gegenden Afrika's wachsenden Pflanzen nur geruchlose oder übelriechende Blü ten haben. Ein Franzose, der ein Paar Schlucke von einem Aufgüsse auf diese Blumen als Thee getrunken hatte, fühlte sich alsbald fast ohnmächtig. Doch ist Weinessig, innerlich wie äußerlich, ein vollständiges Gegenmittel gegen dieses Gift. Mit Weinessig vermischt kann man es ohne alle Gefahr trinken, während es außerdem ein brennendes Gefühl in der Kehle erzeugt. Ein einziges Glas Weinessig, hatte jener Franzose erzählt, welches er in sei nem fast ohnmächtigen Zustande getrunken, brachte eine Wirkung hervor, als ob ein elektrischer Strom durch alle seine Nerven führe und sofort fühlte er sich vollständig geheilt. Eine Menge noch sichtbarer ansgctrockneter Flußbetten und Rinnsale beweisen übrigens, daß dieser LandeStheil früher ebenso wasserreich gewesen sein müsse, als noch jetzt die Gegend nördlich vom Ngami-Sec. Manche Quellen, deren mit dicker Tuff-Ablagerung eingefaßte ovale Qcffnungen sich erhalten haben, fließen gegenwärtig deshalb nicht mehr, weil entweder der Rand um dieselben zu hoch geworden, oder weil dem Erdboden durch die Erhebung des westlichen Thciles des Landes der unterirdische Wasserzufluß entzogen worden ist. Durch passend angebrachte Durchstiche sind sie dann leicht wieder zun. Fließen zu bringen, was stellenweise auch schon von den Betschnancn versucht worden ist. Die Mission besitzt hier eine hübsche kleine Kirche, Schulräume und eine Druckerei, in der die Bibel und kleinere Erbanungsschriften in der Sprache der Betschnancn gedruckt werden. Diese weiche und wohllautende Sprache hat einen so merkwürdigen Wortreichthum, daß Moffat nicht selten noch neue Wörter entdeckte, nachdem er bereits 30 Jahre lang sich mit dein Studium derselben beschäftigt hatte. Der würdige Sendbote hat nicht nur der Sprache ihw Alphabet gegeben und darnit das Schreiben und Lesen unter den Einge borenen eingeführt; auch die ungeheure Arbeit der Bibelübersetzung ist ledig lich sein Werk. Die Betschnancn in den Umgebungen von Kuruman haben allgemein das Christenthum angenommen. Sie halten selbst an Orten, wo kein Missionär lebt, regelmäßig gottesdienstliche Versammlungen, unterrichten einander im Lesen, und kaufen gern die Schriften der Mission. Zu den Versammlungen kommen sie möglichst in europäischer Kleidung, da die Mis sionäre die Landestracht als unschicklich verwerfen; jedes alte Kleidungsstück ist daher ein gesuchter Artikel, und die Eingeborenen nehmen cs mit der Voll ständigkeit nicht sehr genau: der Eine begnügt sich mit einem Hemde, der Andere mit einer Hose, ein Dritter nur mit einem alten Hute. Die Betschuanen im Allgemeinen sind ein aufgewecktes, gut gelauntes Volk. Sie sind von guter Körperbildung, haben gefällige Züge, besonders schöne Augen und Zähne; ihr Haar ist kurz und wollig, und ihre Hautfarbe ist ein helles Kupferbraun. Ihre Tracht besteht der Hauptsache nach aus136 Kleidung und Sitten der Betschuanen. einem Mantel von Fellen, Karoß genannt, den sie in geschmackvoller Weise um die Schultern werfen. Der Karoß wird von beiden Geschlechtern getra gen; daneben dient den Männern ein Lcndcngürtcl und den Frauenzimmern ein kurzes Röckchen oder Schurz, ebenfalls von Fellen gemacht. Das Schuh werk besteht aus Sandalen von Büffel- oder Giraffenhaut. An Armen und Beinen tragen sie kupferne, messingene oder eiserne Ringe und anvere selbst gefertigte Zierrathen; die Weiber beladen sich außerdem noch mit so viel und so dick gewundenen Schnuren von Glasperlen, daß ihnen ihr Putz zur wah ren Last wird. Aber diese Last wird gern ertragen, denn sie ist ein Zeichen von Wohlhabenheit, und die Aermeren, die sich weniger beladen können, suchen ihren bevorzugten Schwestern wenigstens in so weit gleich zu kommen, daß sie den watschelnden Gang künstlich nachahmen, welchen jene wegen der Belastung der Beine anzunehmen gezwungen sind. Die Weiber sind zudem von untersetzter Statur und starkem Knochenbau, also ihre Erscheinung schwer lich eine sehr anmuthige. Die Männer tragen nur wenig Perlen um Hals und Arme, behängen sich aber mit einer Unzahl der verschiedensten Kleinig keiten, welche größtentheils Amulette sind, deren jedes zu irgend einem Zwecke gut sein soll; dazu kommt schließlich die unentbehrliche Schnupftabaksbüchse, denn der Betschuane ist ein leidenschaftlicher Schnupfer, und ein Präsent an Tabak ist ihm fast das Liebste, was man ihm bieten kann. Hat einer ein Stück Tabak erlangt, so mahlt er ihn sogleich sorgfältig zwischen zwei Stei nen und vermischt ihn sodann mit Holzasche, die erst die rechte Würze giebt. Wenn das Fabrikat fertig ist, so drängt sich Alles nach einer Prise herbei. Sie schütten das Pulver in die hohle Hand, und mit einem eisernen oder elfenbeinernen Lvffelchcn, das sie ebenfalls stets am Halse tragen, führen sie es bedächtig in ganz kleinen Partikelchen so lange in die Nase, bis ihnen dicke Thränen über die Backen laufen, wo dann das Vergnügen den höchsten Grad erreicht hat. Eine solche Schnnpfgesellschaft zu stören würde als größte Ungezogenheit betrachtet werden. Die Tabaksbüchsen bestehen entweder aus einer ausgehöhlten Palmfrucht oder einem ganz kleinen Kürbis. Auch das Rauchen wird geübt, doch weniger leidenschaftlich, was die Männer betrifft; dagegen sind die Weiber darin ausgelernt. Beide Geschlechter gehen barhaupt und vollenden ihren Aufputz dadurch, daß sie den Kopf und den ganzen Körper reichlich mit Fett oder Butter ein salben. Manche Stämme vermischen das Fett mit rothcm Ocher und geben sich so das Ansehen rother Indianer. Andere benutzen als Zusatz oder als Puder die schillernden Schüppchen einer Art Glimmerschiefer, und werfen sich so buchstäblich in Glanz. Die Männer gehen gern bewaffnet; sie führen einen Schild aus Büffel- oder Giraffenhaut, ein Bündel Assageien, eine Streitaxt und einen Kerri, d. h. eine Art Keule zum Werfen. Die Form des Schildes ist bei einigen Stämmen oval, bei anderen rund; die Assageien sind theils leicht gearbeitet und dienen als Wurfspieße, womst ein geschickter Krieger seinen Mann auf hundert Schritte tödlich zu treffen weiß, oder sieWaffen und Wohnungen der Betschuanen. 137 sind stärker in Schaft und Klinge und werden als Lanze gehandhabt. Die Streitaxt ist sauber gearbeitet und hat einen Stiel aus dem Horn des Rhi- noccros. Waffen und sonstige Werkzeuge werden von einheimischen Schmieden gearbeitet, und die Eisenerze dazu werden in den bergigen Gegenden gefun den. . In der Schiniedeknnst zeichnet sich besonders der Stamm der Bakatla's ans, welcher grosientheils die Nachbarstänime mit Eisenwaaren versorgt. Die Erze werden in irdenen Tiegeln geschmolzen, ein großer Theil des Metalls kommt in Abgang und nur das beste und reinste wird verwendet. Man be nutzt eine Art doppelten Blasebalg, der ans zwei Säcken von Thierfellen besteht, woran das lange Horn der Orhx-Antilope als Windrohr dient. Der Blasebalgführer kauert zwischen den beiden Säcken und bewegt sie wechscls- wcise auf und nieder. Hammer und Ambos vertreten zwei Steine. Trotz dieser Urform einer Schmiede sind ihre Speereisen, Streitäxte, Messer, Näh nadeln u. s. w. ganz nett gearbeitet. Die Männer dieses Stammes schneiden auch aus festem Holz große Schüsseln aus. Die verschiedenen Stämme wohnen in größeren und kleineren Dörfern beisammen; die Wohnungen sind runde, mit Schilf oder Binsen gedeckte Hüt ten. Fußboden und Wände sind, letztere ans der Innen- und Außenseite, mit einem Gemisch von Thon und Ku.hdünger bekleidet, der Eingang ist nicht höher als 3 Fuß bei 2 Fuß Breite. Jedes Haus ist mit einem geflochtenen Zaun und das ganze Dorf mit einer dichten Hecke von dornigen Akazien zum Schutz gegen Löwen und andere wilde Thicre umgeben. Die Kinder bauen sich rund um die väterliche Hütte an, und je größer die Nachkommen schaft, desto stolzer ist der Vater darauf, denn Kinder werden als der größte Segen angesehen und stets mit vieler Liebe behandelt. Oft nehmen die Aeltern den Namen ihrer Kinder an, und nennen umgekehrt diese Ma (Mutter), oder Na (Vater). Gegen die Mitte eines solchen Kreises von Familienhütten ist der Kotla, ein Platz mit einer Fcnerstelle, wo Alles bei sammensitzt, arbeitend, essend oder plaudernd. Ein Armer hält sich zu dem Kotla eines Reichen, und wird von diesem wie sein Kind behandelt. Ein Kreis solcher Hüttenkreise (denn der Bctschnane legt Alles rund an), mit einem großen Kotla oder Versammlungsplatz in der Mitte, bildet das Dorf oder die Stadt. Rindvieh ist das Hauptbesitzthum und der Stolz des Betschuanen, und kann er hierzu noch ein „wanderndes Hans", d. h. einen Wagen, erschwingen, ein Ding, das ihm vor seiner Bekanntschaft mit den Weißen fremd war, so ist er ein reicher Mann. Die Rinder werden lediglich von den Männern gewartet und gemolken; ein Weib darf nie einen Fuß in die Viehhürde setzen. Außerdem beschäftigen sich die Männer, wenn sie nicht in Fehde mit irgend einem Nachbarstannne liegen, mit der Jagd und der Zurichtung der Häute wilder Thiere. Die Karosse oder Fellmäntel sind ein beliebter Tausch- und Handelsartikel. Die Weiber verwenden ihre Zeit hauptsächlich ans die Abwartung ihrer138 Familienleben und Staatsverfassung der Betschuanen. Felder und Gärten, in denen sie Mohrhirse, Kürbisse, Wassermelonen u. dgl. ziehen. Das Einbringen der Ernte, das Mahlen der Körnerfrüchte gehört ebenfalls zu ihren Obliegenheiten, nicht minder das Aufbanen der Hütten und das Herbeischaffen von Brennstoffen. Ihre Feldbestellung ist eine höchst einfache: mit einem Werkzeuge, das sich als eine Krauthacke mit einem oder zwei Stielen beschreiben läßt, hacken sie hier und da den Boden auf und werfen den Samen hinein. So sieht man die Weiber reihenweise in den Feldern ihre Hacken im Takte schwingen, und hört die munteren Gesänge, mit denen sic sich ihre Arbeit würzen. Vielweiberei ist unter den Betschuanen erlaubt, und ein Mann kann so viele Weiber nehmen, als er ernähren kann; doch bleibt cs in der Regel bei einer, und nur die Häuptlinge umgeben sich mit einem Harem. Die Frauen müssen gekauft werden; unter den reicheren Stämmen besteht der Preis einer solchen in 10 Stück Vieh, während unter den ärmeren schon ein Paar Feld hacken für den Zweck genügen. Die Verfassung der Betschuanenstämme ist zugleich monarchisch und pa triarchalisch. Jeder Stamm hat seinen König oder Häuptling, der gewöhn lich in dem größten Dorfe wohnt. Die Häuptlingswürde ist erblich, und cs ist diese Erblichkeit nach den Begriffen des Volkes so selbstverständlich, daß sie es mit besonderem Wohlgefallen aufnahmen, als ihnen Livingstone sagte, seine Landsleute hätten eine junge Frau zum Häuptling gemacht, um das königliche Blut zu erhalten. Zu einem Stamme gehören eine größere oder- geringere Anzahl Dörfer, deren jedes seinen Vorsteher oder Unterhäuptling hat; diese bilden gewissermaßen den Adel der Nation, und erkennen alle die Herrschaft des obersten Häuptlings an. Dieser, obwol seine Macht groß und zuweilen despotisch ist, unterliegt- dennoch einer Controle von Seiten der älte sten Unterhäuptlinge, und muß eS sich gefallen lassen, wenn sic ihm in öffent lichen Volksversammlungen oder Pitschv's, in denen eine große Redefreiheit ' herrscht, unumwunden sagen, was sie an seiner Regierung zu tadeln finden. Solche Pitschv's werden nur bei wichtigeren Angelegenheiten zusammenberufen, wenn es gilt, Streitigkeiten zwischen Stämmen auszugleichen, einen Beutezug zu unternehmen, einen benachbarten Stamm zu verjagen u. s. w. Die Rede der Betschuanen bei öffentlichen Angelegenheiten, besonders die der Häuptlinge, ist oft so mächtig, gewandt und fließend, daß sie dem best geschulten Europäer Ehre machen würde. Die folgende Probe giebt einen Beleg hiervon. Es ist die Ansprache des berühmten Königs der Basnto's, Moschcsche, an sein Volk, wodurch er diesem Glück wünscht über die Ankunft dreier wiirdigen Missionäre unter ihnen. „Freuet euch, Makare und Mokatschani, ihr Beherrscher der Städte, freuet euch. Wir haben alle Ursache zur Freude über die Neuigkeiten, die wir gehört haben. Es gehen gar vielerlei Reden unter den Menschen. Eini ges ist wahr, Anderes falsch; aber das Falsche ist bei uns geblieben und hat sich vervielfältigt, und darum sollten wir sorgfältig die Wahrheiten aussam-Volksrcdner der Betschuanen. 139 mein, die wir hören, damit sie nicht in dem Schwall der Lügen verloren gehen. Man hat uns gesagt, daß wir Alle durch ein höchstes Wesen ge schaffen sind, daß wir alle von Einem Manne abstammen. Die Sünde kam in des Mannes Herz, als er von der verbotenen Frucht aß, und wir haben seine Sünde geerbt. Diese Männer sagen, daß sic gesündigt haben, und was bei ihnen Sünde ist, ist es auch bei uns, weil wir eines Stammes, ihre und unsere Herzen einerlei Ding sind. Ihr, Makare, habt diese Worte ge hört und sagt, es seien Lügen. Wenn diese Worte euch nicht überzeugen, so liegt die Schuld an euch. Ihr sagt, ihr wollet Nichts glauben, was ihr nicht einsehen könnet. Sehet ein Ei an: zerbricht man dieses, so kommt nur eine weiße und gelbe Substanz heraus; legt man eö aber unter die Flügel eines Vogels, so kommt ein lebendes Wesen heraus. Wer kann dieses ein- Volksversammlung der Betschuanen. sehen? Wer wußte je, wie die Wärme der Henne das Küchlein im Ei zu Stande bringt? Das ist uns unbegreiflich, und doch leugnen wir die That- sache nicht. Laßt uns thun wie die Henne — laßt uns diese Wahrheiten in unser Herz legen, wie die Henne die Eier unter ihre Fittige nimmt, laßt uns sitzen über ihnen mit demselben Fleiß, und etwas.Neues wird herauskommen." Die ersten Missionäre trafen bei den Betschuanen keinen Begriff von einem höchsten Wesen, in ihrer Sprache kein Wort an, das ans eine Gott heit bezogen werden konnte, Religiöse Gebräuche und Ueberlieferungen fehl ten ihnen gänzlich. Ihre ganze Schöpfungsgeschichte beschränkte sich, wie bei den Damara's, darauf, daß die Menschen ans einer Höhle an einem gewissen Orte des Landes hcrvorgegangen seien, wo man noch die Fußspur des ersten Menschen im Fels abgedrückt sehen könne. Die christlichen Dogmen erschienen140 Religion der Betschuanen. ihnen fabelhaft, ansschweifend und so lächerlich, wie manche Gewohnheiten der Weißen, z. B. der Gebrauch sich zu waschen, die Glieder in Säcke zu stecken und die Knöpfe zum Einschnüren des Körpers zu verwenden, statt sie als Zierrathen um den Hals zu hängen. „Was für ein Unterschied," sagte ein mal ein Eingeborener zu Moffat, „ist zwischen mir und diesem meinem Hunde? Du sagst, ich sei unsterblich — warum nicht auch mein Hund oder Ochs? Sie sterben, kannst Du ihre Seelen sehen? Welcher Unterschied ist zwischen Menschen und Thier? Keiner, außer daß der Mensch der größere Spitzbube ist." Indeß erkannten die Betschuanen doch willig an, daß die Weißen ein höher stehendes Geschlecht seien als sie selbst, und einige ihrer besten Köpfe suchten nach einer Erklärung, woher dies käme; aber sie konnten sie doch nur geben unter Zuhnlfenahme des Grundsatzes, daß Gott die Menschen gemacht habe. So sprach einst ein pfiffiger Bursche, der das Orakel seines Dorfes war, zn dem Missionär, nachdem Dieser die Lehre von der Schöpfung aus- cinandergesetzt hatte: „Wenn Du wirklich glaubst, daß Ein Wesen alle Menschen geschaffen hat, so mußt Du auch glauben, daß dasselbe, indem es Weiße schuf, sein Werk vcrvollkommnete. Erst versuchte er sich an den Busch männern, aber sie gefielen ihm nicht, weil sie so häßlich sind und ihre Sprache der der Frösche gleicht; dann machte er Hottentotten, aber sie gefielen ihm auch nicht; darauf nahm er seine Macht und Kunst zusammen und machte Betschuanen, was ein großer Fortschritt war, und zuletzt machte er die Weißen. Deshalb sind die Weißen so viel klüger als wir; sie machen wan delnde Häuser, lehren die Ochsen sie über Berg und Thal ziehen, lehren sie auch den Garten pflügen, anstatt ihre Weiber dazu zu gebrauchen, wie wir es thun." Äin Allgemeinen koinmen sie, wie auch alle übrigen afrikanischen Völker schaften, die Livingstone besuchte, nur langsam zn einer Entscheidung über religiöse Gegenstände; dagegen in allen Fragen, die ihre weltlichen Angelegen heiten berühren, zeigen sie sich sehr scharfblickend und auf ihren Vortheil wohl bedacht. Mögen sic auch in Bezug auf Gegenstände, die außerhalb ihres Gesichtskreises liegen, dumm zn nennen sein, so verrathen sie doch in allen andern Dingen eine größere Intelligenz, als bei unserem ungebildeten Bauern stände angetroffen wird. Sie verstehen sich vortrefflich ans die Rinder-, Schaaf- und Ziegcn-Zucht, wissen genau, welches Weideland für eine jede dieser Thiergattnngen das geeignetste ist und wählen mit richtiger Einsicht für jede einzelne Gattung von Getreide die ihr zukommende Bodenart aus. Ebenso vertraut sind sie mit den Gewohnheiten der wilden Thiere, und im Allge meinen auch sehr gewandt in Anwendung der Grundsätze, welche ihre poli tische Weisheit ausmachen. Aberglauben, den beständigen Begleiter der Unkultur, trifft man auch bei den Betschuanen in ausgedehntem Maße, und da sich immer Leute finden, die solchen auszubeuten wissen, so giebt es unter ihnen nicht wenig Schwarz künstler, die zugleich auch Aerzte sind, deren Anssprüche und Vorschriften stetsRegenmacher der Betschuancn. 141 das vollste Vertrauen finden. Besonders die Regenmacher haben einen Ein fluß auf die Gemüther, der selbst über den des Königs geht. Das Regcn- citiren ist eine förmliche Kunst oder Profession, und jeder Stamm hat einen oder mehrere dieser Wnnderthäter; aber nach dem Grundsätze, daß der Pro phet in seinem Vaterlande nichts gilt, üben sie ihre Kunst immer nur Lei entfernt wohnenden Stämmen auö, und werden oft aus weiten Entfernungen herbcigeholt. Sie verheimlichen in der Regel ihre eigentliche Heimat sorg fältig, und geben wol gar vor, sie seien in einer einsamen Höhle oder auf einem Berggipfel plötzlich entstanden. Die Beschwörungsformeln und Zauber- mittel ddr Regenmacher sind sehr manchfaltig. Eine der gewöhnlichsten Me thoden besteht darin, daß von jeder Baumart im Walde einige Blätter ge nommen werden, welche der Zauberer über einem langsamen Feuer schmoren läßt, während er einem Schafe eine lange Nadel ins Herz stößt und eine Menge Beschwörungen vorbringt. Der von den Blättern aufstcigcndc Dampf soll bis an die Wolken steigen und sic versöhnen. Der Rest des Tages wird mit Tänzen zngebracht, die bis Mitternacht dauern, und an denen der ganze Stamm Theil nimmt; sie sind von Gesängen begleitet, in denen die Macht und das Geschick des Regeukünstlcrs gefeiert wird. Sind die Wolken hart herzig genug, sich nicht erbitten zu lassen, so wird zu anderen Zaubermitteln gegriffen. Eine Anzahl junger Bursche rennt dann fort, umzingelt an irgend einer Berglehne eine felsige Partie, wo sich eine Art kleiner Antilopen, Klipp springer genannt, vermnthen lassen. Indem sic den Kreis immer mehr ver engen, gelingt cs ihnen meistens, einige von den armen Thieren lebendig zu fangen; diese werden nun in Prozession im Dorfe herumgetragen, und der Regendoctor zwingt sie durch Kneipen immerfort zum Schreien; daö Geschrei soll den Regen herbeiziehen. Bleiben alle Zaubermittel erfolglos, so muß der Zauberer sehen, wie er sich ans gute Art ans dem Staube macht, denn alsdann wird der Handel für ihn gefährlich; es sollen sogar alle Regen- doctoren eines gewaltsamen Todes sterben, denn bei irgend einer Gelegenheit schäumt doch die Volkswuth über, und derselbe Mann, der vorher als Wnn- derthäter hoch gefeiert wurde, wird nun verwünscht und am Leben gestraft. Trotzdem finden sich immer wieder Nachfolger zu dem gewagten, aber ein träglichen Geschäft. Kann der Regendoctor den versprochenen Regen nicht schaffen, so ge braucht er dieselbe Ausflucht wie alle Schwarzkünstler der Welt: er giebt vor, es sei irgend ein geheimer Einfluß, ein Gegenzauber vorhanden, der seine sonst unfehlbaren Mittel unwirksam mache. So soll Elfenbein im hohen Grade die Kraft besitzen, den Regen zu vertreiben, weshalb denn diese Waare im Sommer nur nach Sonnenuntergang, sorgfältig eingeschlagen, zum Vor schein kommt. Moffat erzählt eine Regenmachergeschichte, welche das Treiben dieser Leute noch mehr ins Licht setzt. Die Betschuanen um Kuruman hatten schon seit einigen Jahren sehr von Dürre gelitten, und berathschlagten endlich in142 Der Regenmacher in Kurnmcm, einer Volksversammlung, wie dein ließet abzuhelfen sei. Es kam zu dem Be schlüsse, daß ein berühmter Regenmacher ans einer weit entlegenen Gegend . geholt werden solle. Durch glänzende Versprechungen bewogen erschien er. Bis dahin war der Himmel einer Glühpfanne gleich gewesen; aber am Tage der Ankunft des Regenmachers thürmten sich dicke Wolken ans, Blitze flamm ten und der Donner rollte mächtig, auch fielen einige Regentropfen. Die Freude des Volkes und die Unverschämtheit des Regendoctors wuchsen da durch ins Uebermäßige; er verkündete, daß dieses Jahr die Weiber die Gär ten ans den Hügeln anlegeu müßten, denn die Flächen würden überschwemmt werden; er erzählte, wie er die Dörfer der Feinde seines Stammes 'verwüstet habe, indem er den Wolken befohlen, sich auf sie herabzustürzen; wie er eine starke Armee anfhielt, indem er so viel Regen fallen ließ, daß ein mächtiger Strom auf ihrem Wege entstand u. s. w. Leider aber vergingen Tage und Wochen, ohne daß die Betschuanen ihren Regen bekamen; trotz allem Hokus pokus gaben die Wolken keinen her. Endlich einmal fiel ein leichter Schauer; erfreut liefen die Obmänner nach der Hütte des Zauberers, um ihn: zu sei nem Erfolge Glück zu wünschen. Er erwachte eben aus einem festen Schlafe und wußte gar nicht, was vorging. Verwundert riefen die Männer: „Wir dachten, Du machtest Regen?" Der verschmitzte Bursche sah, wie sein Weib eben einen Milchsack schüttelte, um etwas Butter für ihre Toilette zu gewin nen. Augenblicklich replicirte er: „Seht Ihr nicht, daß meine Frau Regen buttert, so viel sie kann?" — Man fand diese Antwort vollkommen genü gend, nnd die Neuigkeit, daß der Negendoctor den Regen gebuttert habe, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Aber auf's Neue folgte Woche nach Woche ohne einen Tropfen Regen. Die bestellten Felder gingen nicht auf, das Vieh starb aus Mangel an Nahrung, und Hunderte ansgemergelter Menschen dnrchstöberteu die Gegend nach ungesunden Wurzeln und Reptilien. Der Regenmacher kam immermehr ins Gedränge und hatte auf immer neue Aus wege zu sinnen. So verordnete er, daß ihm ein Pavian eingcfangen werde; er wußte, daß dies an sich keine leichte Sache war, fügte aber noch die Be dingung hinzu, daß das Thier vollkommen fehlerfrei sein müsse. Der Affe wurde mit Mühe und Noth gefangen und im Triumphe eingebracht. Kaum hatte ihn aber der Zauberer erblickt, so rief er aus: „Mein Herz ist in Stücke gerissen, ich bin stumm vor Kümmerniß! Sagte ich Euch nicht, daß ich keinen Regen machen könne, wenn dem Thiere auch nur ein Haar fehlt?" Dabei zeigte er ans das Ohr des Affen, an welchem -eine Stelle ein wenig ge kratzt, und auf den Schwanz, an welchem etwas Haar verloren gegangen war. Um eine neue Frist zu gewinnen, verlangte nun der Betrüger nichts Geringeres als das Herz eines Löwen, denn nur so starke Medizin könne jetzt noch anschlagen. Diese Bedingung zu erfüllen war für die armen Schelme keine Kleinigkeit; der Zufall wollte es aber, daß sie bald darauf wirklich einen Löwen erlegten, und die Freude war groß. Der Zauberer zündete von neuem seine Feuer an und ließ seine stärksten Beschwörungen,143 Der Regenmacher und der Missionär. Drohungen und Befehle gegen die fernen Wolken los — sie kamen zur Ver wunderung der Zuschauer nicht näher, und es mußte ein neuer Streich er sonnen werden. Der Zauberer trat nun mit der Entdeckung hervor, ein kürzlich Begrabener habe die übliche Begießung des Grabes nicht in gehöri gem Maße erhalten; derselbe müsse ausgegraben, abgewaschen und von neuem begraben werden. Er kannte den Abscheu seiner Landsleute gegen Leichen und hielt es für unmöglich, daß sie darauf eingehen könnten; aber sie überwanden sich und führten daö greuliche Werk richtig aus. .Nunmehr war sein Witz ziemlich zu Ende, und er verfiel darauf, die Missionäre, mit denen er sich bis dahin auf freundlichen Fuß gesetzt hatte, als die Ursache des Negen- mangels anzuklagen. Anfänglich geschah dies durch leise Andeutungen, die nach und nach zu offenen Anschuldigungen wurden. „Seht Ihr nicht," sagte er seinen Zuhörern, „daß, wenn Wolken kommen, Moffat und Hamilton nach ihnen aufsehen? Ihre weißen Gesichter verscheuchen die Wolken — Ihr werdet keinen Regen bekommen, so lange sie hier sind." — Das war ein Meisterstreich; das Volk richtete nun seinen Unmuth und seine Verwünschun gen gegen die armen Missionäre; die Betglocke, hieß es, verscheuche die Wol ken; selbst das Beten 'kam einigermaßen in Verruf, und der Häuptling fuhr die Missionäre eines Tages mit den Worten an: „Bückt Ihr Euch nicht in Euern Häusern und sprecht und betet zn irgend einem bösen Dinge unter der Erde?" Endlich jedoch, nachdem die Missionäre solchergestalt viel Gefahr und Angst ausgcstanden hatten, wendete sich das Blatt zu ihren Gunsten: der Verdacht kehrte sich nun gegen den Regenmacher selbst; seine groben Täu schungen wurden aufgedeckt; er war nahe daran, seine Frevel mit dem Tode zu büßen, und verdankte cs nur Moffat's dringender Verwendung, daß er mit heiler Haut davon kam. Der Tod ereilte ihn indeß doch bald, indem er in der Folge von dem Stamme der Bawangketsi erschlagen wurde. Wie alle Geheimkünstlcr scheinen auch die Regenmacher großcutheils selbst an ihre Kunst zu glauben, und es möchte schwer zu sagen sein, wo der Selbstbetrug aufhört und der gewöhnliche anfängt. Auch der Häuptling Sitschili, Livingstone's Freund und sonst ein ausgezeichneter Mann, galt für einen großen Regenmacher und hielt sich selbst dafür. Sie alle wissen ihre Kunst gegen Einwürfe zu vertheidigcn, und um zn zeigen, wie schwer ihnen beizukommen, giebt uns Livingstone das Schema eines Zwiegesprächs, wie sie sich durchweg gestalten, wenn ein Missionär und ein Regenmacher Zusammen treffen. Der Letztere sei eben beschäftigt, seine Tausendfachen auszukramen und zu ordnen: Kohle von verbrannten Fledermäusen, Auswürfe und Ein geweide verschiedener Thiere, Haarballen von Kühen, Häute und Wirbel von Schlangen, und Alles, was sich an Pflanzen, Knollen, Zwiebeln und Wur zeln in der Gegend vorfindct. Der Missionär tritt hinzu. M. Guten Tag, Freund! Heute hast Du viel Medizinen um Dich; das müssen ja alle sein, die es giebt.144 Der Regenmacher und der Missionär. N. Sehr richtig, Freund, ist auch, nöthig, denn die ganze Gegend braucht den Regen, den ich machen will. M. Glaubst Du wirklich, daß Du die Wolken regieren kannst? Ich denke, das kann nur Gott. R. Da denken wir überein. Gott macht den Regen, aber ich erbitte ihn durch diese Medizinen, und wenn er kommt, so ist es natürlich mein Regen. Ich habe lange Jahre den Regen für die Baknena's gemacht; auch wurden ihre Weiber durch meine Wissenschaft fett und glänzend — frage sie nur. M. Aber der Erlöser hat uns bestimmt angewiesen, daß wir Gott nur in seinem Namen bitten sollen, und nicht durch Medizinen. N. Mit uns ist das etwas Anderes. Gott machte zuerst schwarze Menschen, aber er liebte uns nicht so wie die weißen. Euch machte er schon, gab euch Kleider, Flinten, Pulver, Pferde und Wagen und viele andere Dinge, wovon wir Nichts verstehen. Uns gab er Nichts als die Assagai, das Vieh und das Regenmachen. Er gab uns nicht solche Herzen wie euch: wir lieben uns nicht unter einander; andere Stämme stellen Medizinen auf gegen unser Land, damit es hier nicht regne, daß wir durch Hunger zerstreut werden und zu ihnen kommen, um ihre Macht zu verstärken. Dieser Zauber muß durch unsere Medizinen gelöst werden. Gott hat uns ein kleines Ding gegeben, von dem ihr nichts versteht: er gab uns die Kenntniß gewisser Medizinen, womit man Regen machen kann. Wir verachten die Dinge nicht, die ihr habt, ob- wol wir Nichts davon verstehen. Wir verstehen euer Buch nicht, aber wir verwerfen es nicht; ihr solltet unser bißchen Wissen auch nicht verachten, wenn ihr cs auch nicht versteht. M. Ich verachte Nichts, was ich nicht kenne; ich denke nur, daß Du Dich irrst, wenn Du Medizinen zu besitzen glaubst, die auf den Regen irgend einen Einfluß haben. R. Gerade so reden die Leute, wenn sic von einer Sache nichts ver stehen. Als wir unsere Augen zuerst öffneten, sahen wir unsere Väter Re gen machen, und wir folgten ihren Fußtapfen. Ihr, die ihr von Knruman Getreide holen laßt und eure Gärten bewässert, könnt euch ohne Regen be helfen — wir aber nicht. Hätten wir keinen Regen, so hätte das Vieh keine Weide, die Kühe gäben keine Milch, unsere Kinder würden mager werden und sterben, unsere Weiber liefen weg zu anderen Stämmen, welche Regen machen und Korn haben, und der ganze Stamm wäre zerstreut und ver loren — unser Feuer würde verlöschen. M. Ich bin ja ganz damit einverstanden, daß der Regen seinen großen Werth hat; aber Du kannst keinen machen, Du wartest bis Wolken kommen, machst dann Deine Beschwörungen und rechnest Dir etwas zum Verdienst an, was nur von Gott kommt. R. Ich wende meine Medizinen an, Du die Deinigcn; wir sind beide Doctoren, und Doctoren sind keine Betrüger. Du giebst einem Kranken145 Der Regenmacher und der Missionär. Medizin; zuweilen gefällt es Gott, ihn dadurch zu heilen, zuweilen nicht — er stirbt. Wenn er geneset, so rechnest Du Dir das zum Verdienst an, was Gott gethan. Ich mache es ebenso. Zuweilen gewährt uns Gott Regen, zuweilen nicht. Giebt er welchen, so hat unser Zauber geholfen. Wenn Dir ein Patient stirbt, so giebst Du deshalb den Glauben an Deine Medizin nicht auf; so auch ich, wenn der Regen ansbleibt. Warum setzest Du Deine Medizinen fort, wenn Du wünschest, daß ich meine anfgeben soll? M. Ich gebe Medizin an lebende Wesen, die in meinem Bereich sind, und kann die Wirkung sehen, auch wenn keine Heilung erfolgt; Du aber giebst vor, die Wolken bezaubern zu können, die so hoch über uns sind, daß Deine Medizinen niemals hinanreichen. Die Wolken ziehen gewöhnlich in einer Richtung und Dein Rauch in einer andern. Gott allein kann den Wolken gebieten. Versuch's nur und warte geduldig; Gott wird Regen geben ohne Deine Medizin. R. Dacht' ich doch bisher, die Weißen seien kluge und weise Leute. Wer wird den Versuch machen wollen, zu verschmachten! Ist das Sterben etwa so angenehm? M. Kannst Du Regen machen, daß er nur ans einen bestimmten Fleck fällt? R. Fällt mir nicht ein zu versuchen. Ich lobe mir, wenn das ganze Land grün ist und alles Volk fröhlich, wenn die Weiber in die Hände klat schen und mir zum Dank ihr Geschmeide geben und vor Freude singen. M. Ich denke, Du betrügst sie und Dich selbst. R. Gut, so sind wir zwei ein Paar. So schrankenlos ist der Glaube an Zaubermittel bei den Betschuanen, daß Livingstonc, trotz aller Mühe, niemals einen einzigen von der Trüglich- keit der Regenmacherei überzeugen konnte. Ein eifriger Bekämpfer derselben erreicht nichts, als daß die Leute zu der Ansicht gelangen, cs liege ihm am Regen, also auch an ihrem Wohl und Wehe überhaupt nichts. Die Betschuanen zeigen im Umgänge ein offenes, zutrauliches und ein nehmendes Wesen, was jedoch mehr in einer Art Etikette und in Gewöhnung zu liegen scheint, denn oft verbergen sie hinter einem würdevollen Aenßern ein gutes Theil List und Ränke. Wie die meisten Wilden haben sie einen starken Hang zu stehlen, und der Reisende Andcrsson hatte in dieser Hinsicht unter den Betschuanen am See viel 31t 1 leiden. Sic übten an seiner Habe die Kunst des Verschwindcnlasscns so gründlich als meisterhaft, und als der selbe sich beim Häuptling über diese ewige Plünderung bitter beschwerte, lachte ihn dieser- ans und sagte: „Da kann ich Dir nicht helfen — mich bestehlen meine eigenen Verwandten; aber einen Rath will ich Dir geben: hänge nm den Ersten, den Du ertappst, am nächsten Baume ans." — Die Betschuanen sagen, sie raubten kein Vieh, außer im Kriege; aber ihre-kleinen Kriege haben eben in der Regel keinen andern Zweck, als den schwächern Nachbar mit möglichst wenig Gefahr für sich selbst seines Viehes zu entledigen. Sic sind Buch der Reisen. II. - 10Gebräuche der Betschuanen. 146 - 4 Sf 'p'iM auch sehr rachsüchtig; wird aber der Beleidigte durch ein Geschenk versöhnt und gesteht der Gegner sein Unrecht ein, so erfolgt Versöhnung und anschei nend aufrichtige Herzlichkeit. Die Betschuanen üben, wie andere Afrikaner, die Beschueidung aus, ohne daß irgend welche religiöse Begriffe damit verknüpft wären; vielmehr erscheint dieselbe lediglich als eine überkommene sanitätische Maßregel. Sic wird an den bereits erwachsenen jungen Leuten vorgenommen und zugleich mit einer feierlichen Mündigsprechung in Verbindung gebracht. Die damit verbundenen Ceremonien halten sie sehr geheim. Einmal war aber Livingstone so glücklich, wenigstens Zeuge des zweiten Theils der Ceremonie sein zu können, „Setschu" genannt, ein Akt der Mündigsprechung und Wehrhaft- machung, der lebhaft an ähnliche Gebräuche bei den alten Griechen und Römern oder im Ritterthume und Lehnsweseu des Mittelalters erinnert. Mit Tagesanbruch stellte sich eine Reihe vierzehnjähriger nackter Knaben auf dem Versammlungsplatze (Kotla) auf, jeder ein Paar Sandalen wie ein Schild vor sich haltend. Ihnen gegenüber standen die Männer der Stadt, gleich falls nackt, alle mit laugen dünnen Ruthen von dem Strauche Moretloa (Gre- wia flava) bewaffnet, und richteten unter eigenthümlichen Tanzbewegungen, „Koha" genannt, au die Knaben die Fragen: „Wollt ihr den Häuptling gut bewachen?" „Wollt ihr das Vieh wohl hüten?" und dergleichen mehr. Während nun die Knaben mit „Ja" antworteten, sprangen die Männer auf sie zu und ein jeder suchte einem der Knaben einen tüchtigen Rückenstreich bci- zubringen, und indem die Knaben sich mit den über dein Kopf gehaltenen Sandalen zu decken suchen, schnellt das dünne Ende der elastischen Ruthe sich darüber weg nach dem Rücken, jedesmal eine blutige, etwa einen Fuß lange Strieme hinterlassend, deren Narben das ganze Leben hindurch sichtbar blei ben. Die jungen Krieger sollen auf diese Weise abgehärtet und für den Be ruf des Mannes vorbereitet werden. Erst nach dieser Ceremonie und nach dem sie sodann ein Rhinozeros erlegt haben, ist es ihnen verstattet, sich zu verheirathen. Bei diesen: „Koha" zeigt sich dieselbe Achtung vor dem Al ter, welche die Betschuanen auch bei anderen Gewohnheiten an den Tag legen. Wenn ein jüngerer Mann aus der Reihe herausläuft, um seinen Streich anzubringen, hat er von einem der älteren die gleiche Züchtigung zu gewärtigen. Als ich mit einigen der jüngeren Männer über den Mangel an Muth scherzte, den sie trotz ihrer vielen blutigen Striemen bewiesen hätten, und die Bemerkung machte, daß unsere Soldaten tapfer wären, ohne solche Streiche zu erdulden, erhob sich einer und sagte: „Frage ihn, ob, wenn er und ich durch einen Löwen genöthigt werden, Halt zu machen und ein Feuer anzu- zünden, ich mich nicht ebenso ruhig uiederlege und schlafe wie er." Der „Setschu" kommt nur bei drei Stämmen vor, die Beschneidung aber bei allen Betschuanen und Kaffern, nicht aber bei den Negern jen seits 20° s. Br. Alle Knaben in: Alter zwischen 10 und 14 oder 15 Jahren werden ausgewählt als die lebenslänglichen Genossen eines derHinweis DIN 1677 ISO 0081 Fehlende Seite(n) oder AngabenDie Heuschrecken. 159 solcher Stärke an, daß es klingt, als ob ein Sturm durch das Takelwerk eines vor Anker liegenden Schiffes fauste. Interessant ist es, aus einiger Entfernung den fortwährenden Formenwechsel zu beobachten, in welchem die Ein Henschrcckenzug. bald faulen-, bald wolkenförmigeu Züge begriffen sind. Während sic über eine Gegend hinziehen, lassen sich immer eine Menge derselben zur Erde nie der, was einem Schneefall oder Blättcrrcgcn nicht unähnlich sicht; die allgc meine Rast jedoch findet gegen Abend statt, und dann wehe der Gegend, die sic sich zum Nachtquartier ausersehen haben; so reich an Vegetation sie sein mag, wenn die Heuschrecken mit Sonneüanfgang weiter ziehen, ist sie in eine Wüste verwandelt. Ihre Gefräßigkeit erstreckt sich nicht allein auf alles Vegetabilische, sondern sie verzehren nach Moffat's Anführen selbst Flanell und Leinen und schonen einander selbst nicht, denn wenn eine Heuschrecke matt oder zum Krüppel wird, so fallen sofort andere darüber he/und fressen sie ans. Heuschrecken sind jedenfalls sehr nahrhaft, wenn sic auch den Europäern, verschiedenen Aeußerungen zufolge, nicht so gut munden als den Eingebore nen. Der Eine vergleicht ihren Geschmack mit dem von Krabben oder Kreb sen, der Andere findet ihn vegetabilisch. Man verzehrt sie entweder sogleich halb geröstet, oder dörrt sie völlig in heißer Asche ans und hebt sie so für künftigen Bedarf auf.160 Heuschrecken und wilder Homg. Heuschrecken und wilder Honig bilden eine alttestcmicntlichc Zusammen stellung, die in Afrika noch heute für zweckmäßig befunden wird. Die Heu schrecken stellen sich von selbst ein, und den Honig zeigt der berühmte Honig vögel an. Wenn auch die Erzählung von diesem merkwürdigen Vogel ge wöhnlich und hergebrachtermaßen mit zu den naturgeschichtlichen Brocken ge hört, welche den Kindern in unseren Volksschulen verabreicht werden, so bleibt es doch interessant, eine alte Geschichte von einem neuern Beobachter wiedcr- erzählt, rcspective bestätigt zu sehen, da man bekanntlich jetzt die Natur mit anderen Augen anzusehen gelernt hat und viele erstaunliche Erzählungen sich im Laufe der Zeit als blosc Märchen erwiesen haben. „Dieser kleine hell graue Vogel", sagt Cumming, „leitet Den, der ihm folgt, unfehlbar zu einem wilden Bienenstöcke. Zwitschernd und in lebhafter Erregung setzt er sich ans einen Zweig neben den Reisenden und sucht durch allerhand kleine Manöver dessen Aufmerksamkeit ans sich zu ziehen. Ist ihm dies gelungen, so fliegt er in gewundenem Fluge fort nach der Gegend des Bienenstockes zu, läßt sich da und dort nieder und sieht sich um, ob, auch der Reisende folgt, und unterhält dabei ein fortwährendes Zwitschern. Äst er endlich bei dem hohlen Baum oder verlassenen Ameisenban angekommen, der den Honig enthält, so läßt er sich einen Augenblick darauf nieder, deutet mit dem Schnabel auf die Stelle, nimmt dann seinen Platz auf einem benachbarten Zweige und wartet mit Spannung auf den Thcil der Beute, der ihm znfallen wird. Äst der Honig heransgcnommen, was nach Ausräucherung der Bienen mit an- gezündctem Gras geschieht, so führt der Vogel oft nach einem zweiten und dritten Ban." Allgemein ist der Glaube, daß der Vogel seinen Nachgänger zuweilen in Gefahr bringe und in die Nähe wilder Thiere führe, und auch Cnmming kam ans diese Weise einmal hart an ein riesiges Krokodil; indcß lassen sich solche Fälle doch gewiß als blosc Zufälligkeiten erklären. Der genannte Ääger hatte übrigens oft Ursache, den geschwätzigen Vogel zu ver wünschen, wenn er mit Eingeborenen der frischen Fährte eines Elephanten folgte, denn sobald der Vogel seine Locktöne erschallen ließ, überließen sie Jäger und Elephanten ihrem Schicksal und liefen nach der leichtern und süßer» Beute. Ueberhanpt wird die Änsektenw'elt, die dem Europäer als Nahrungs quelle so wenig zusagt, von dem Afrikaner mehrfach in Anspruch genommen. So leben auf gewissen Bäumen und Büschen große Raupen, die sich im natürlichen Verlaufe zu schönen Schmetterlingen entwickeln, so weit sie nicht schon im Raupen- oder Pnppenznstandc, wo sie von den Eingeborenen noch weit mehr, als Heuschrecken geschätzt werden, ihres Daseins Ende finden. Selbst gewisse Spinnen und große weiße Ameisen haben ihre Liebhaber, de nen sic als Leckerbissen gelten. Weit lieber jedoch dürfte cs dem europäischen Reisenden sein, auf seinem Wege Landschildkröten anzutreffen, die hier so gut munden, wie überall, und vielleicht lernt er den von Livingstone beschriebenen großen Frosch noch höher schätzen, da er gekocht die Größe und den Wohl-Nahrungsmittel aus der Pflanzenwelt. 161 geschmack eines jungen Huhnes hat. Dieses respektable Wild, welches 5V2 Zoll lang wird und von den' Eingeborenen „Matlametlo" genannt wird, bewohnt die Wüste, wo sein Brüllen dem Neulinge als eine Ankündigung nahen Wassers erscheint, was sich jedoch oft als eine Täuschung erweist, denn der Frosch kann sich sehr lange ohne Wasser behelfen und ver bringt solche Trvckenperioden mit Stillsitzen in Erdlöchcrn. Da er aber selten herauSkommt, so pflegt eilte gewisse große Spinne ihr Netz über die Oeffnung zu weben, und dadurch wird sein Versteck den Buschmännern ver- rathen. Beim Regen kommen die Frösche plötzlich zum Vorschein, und da die etwas verwöhnten Betschnanen sich dann unter ihre Fellmäntcl verbergen und deshalb sein Hervorschlüpfen nicht beobachten, so hat sich bei ihnen der Glaube erzeugt, die Frosche fielen ans den Wolken. Das Pflanzenreich liefert in den verschiedenen Iahrespcrioden eine große Anzahl der verschiedensten Wurzeln, Knollen, Zwiebeln, Schoten, Beeren n. s. w., von denen einige genießbar, andere unbedingt schädlich sind, wieder andere durch Kochen ihre schädlichen Eigenschaften verlieren. Hier wie überall im fremden Lande gilt daher die goldene Regel, nichts zu kosten, wovon man nicht zuvor Eingeborene hat essen sehen. Gewisse dornige Büsche schwitzen ein Gummi ans von zuckersüßem Geschmack, von dem man große Quanti täten ohne Schaden zu sich nehmen kann. Eine Gurkcnfrucht mit orange farbenem Fleisch, sehr saftig und'angenehm schmeckend, die Nara, .ist besonders an der sandigen Westküste einige Monate im Jahre der Hauptlcbenserhalter für Mensch und Thier. Sic überzieht den sterilsten Sandboden und nützt nicht allein durch die Frucht, sondern auch dadurch, daß sie mit ihren tau sendfältigen Verzweigungen den Boden zusammenhält, der ohnedies reiner Flugsand sein würde. Ein weit größeres Areal nimmt eine besondere Me- lonenfrncht (Cucumis caffer), die sogenannte Wassermelone, ein. Sic be wohnt besonders die Wüste Kalahari und ähnliche Ebenen, entwickelt sich aber in ihrer ganzcii Fülle nur in Jahrgängen, die reichlicher als gewöhnlich mit Ziegen gesegnet sind. Dann überzieht sie den Boden mit einem dicken Vege- tationöteppich und bringt einen großen Thcil des Jahres hindurch tausend fällige Frucht; die ganze vierbeinige Schöpfung von Elcphanten, Rhinozeros sen, Antilopen, Hyänen, Löwen, Mäusen n. s. w. schwelgt dann gleich dem Menschen in dem Segen der Natur. Sonst ganz nnansführbarc Reisen über wasserlose Steppen werden in solchen Melonenjahren möglich, da Menschen, Pferde und Ochsen kein Bedürfniß nach Wasser empfinden, so lange die Melone sie mit Speise und Trank zugleich versorgt. Es gicbt aber auch viel ungenießbare, schädliche Melonen, die sich durch einen bittern Geschmack verrathen. Sic sind äußerlich nicht von den andern unterscheidbar, gehören überhaupt zu derselben Art, und es scheint sonach dasselbe Verhältniß obzu walten wie bei uns zwischen süßen und bitteren Mandeln. Die merkwürdigste Eigenthümlichkcit der Flora Südafrika's aber, obwol ganz in slebereinstimmung mit den natürlichen Verhältnissen des Landes, ist Buch der Reisen. II. 11162 Sic Wüste Kalahari. wol die, daß zahlreiche Pflanzenartcn, um die Perioden großer Dürre über dauern zu können, sich gleichsam einen Wasscrvorrathskellcr anlcgen, indem sie tief in der Erde außerordentlich große saftreiche Wurzclknollen bilden. Solche natürliche Keller sind für Menschen und Thicre ein unschätzbares Labsal und schon oft das letzte Retinngsmittel vom Tode des Verschmach- tens gewesen. Aber es> gehört ein geübter Blick dazu, um die Gegenwart dieses Schatzes jederzeit zu erkennen. Ein wenige Zoll hoher dürftiger Sten gel, etwas niedriges Kriechkraut deutet an, daß in der Tiefe von 1—iy 2 Fuß unter einer wie Ziegelstein hart gebrannten Erdrinde eine saftige, er quickende Knolle von Kindes- bis Manneskopfgröße zu finden ist. Gewisse Arten breiten sich von einem Punkte nach allen Seiten aus, und in diesem Falle führt die Entdeckung einer Knolle auf einen ganzen Kreis anderer. Der arme verschmachtende Wüstcnbewohner kennt alle die unterirdischen Schätze und hebt sic mit Hülfe eines spitzen hartgebrannten Stockes. Wo äußere Zeichen fehlen, klopft er mit Steinen an den harten Boden und urtheilt nach dem Klange. Auch das Wild, namentlich verschiedene Antilopenartcn, ver steht sich auf das Aufsuchen und Aufgraben solcher vegetabilischen Brunnen. Die Knollen sind meistens weiß, von wenig Geschmack, etwa wie Wasser rüben, und besitzen vermöge ihrer tiefen Lagerung eine höchst erquickende Frische. Selbst eine an manchen Stellen Südafrika's vorkommende Weinrcbcnart ist mit solchen Knollen versehen, die hier länglich sind, 3 — 4 Zoll von einander abstehen und große Aehnlichkeit mit denen des Spargels haben. Die in mehrfacher Hinsicht merkwürdige Ebene, welche sich vom Orangc- flnß bis hinan gegen den See Ngami erstreckt, entspricht nicht dem Bilde, das wir uns gewöhnlich von einer Wüste machen, denn sic ist keineswegs ohne Vegetation mnd Bewohner, obwol sic keine Flüsse und nur sehr wenig Quellwasser hat. Nur einzelne ansgetrockncte Flußbetten beweisen, daß hier wie in ganz Südafrika.das Wasser einst viel weniger selten war als heutigen Tages; sonst ist dieser Landstrich in seiner ganzen Ausdehnung merk würdig eben. Der Boden ist im Allgemeinen leicht gefärbter weißer Sand, fast reiner Kiesel. Trotzdem aber bietet die Gegend nicht den Anblick einer Sandsteppe, sondern.zeigt einen viel höheren Grad von Fruchtbarkeit, als sich unter solchen Umständen erwarten ließe. Dies kommt nach Livingstone's Bcrmuthnng daher, daß die Wüste ein Bassin bildet, dessen Ränder von Felsenriffen und Hügelland eingesänmt sind, sodaß aus weiter Ferne her sich unterirdische Wasseradern unter der Ebene hinziehen mögen. Die Möglichkeit hierzu gewährt eine nicht tief unter der Oberfläche streichende Schicht harten Sandes oder juirgsn Sandsteins, welche beim Graben nach Wasser sorgfältig geschont werden muß; denn wird dieselbe aus Unvorsichtig keit durchbrochen, so verschwindet das Wasser unwiederbringlich in der Tiefe.11 * Die.Wüste Kalahari An einer solchen Wüstenquelle angekommen, die einen dreitägigen Durst löschen und für weitere drei wasserlose Tage Stärkung geben sollte, fand Livingstone's Reisegesellschaft zu ihrer großen Bestürzung nur einen mit Buschwerk umwachsenen Platz mit aufgewühlten Löchern, 'fast ohne alles Wasser. Auf die Versicherung der Führer jedoch, daß Wasser genug vor handen sei, ging es an ein Graben und Ausräumen des Sandes mit Spaten und blosen Händen, bis ein Paar sechs Fuß tiefe Gruben fertig waren und man auf der'festen Sandschicht angekommen war. Hier sickerte nun das Wasser von allen Seiten herein, obwol so langsam, daß die Gesellschaft ein Paar Tage liegen bleiben mußte, um ihren vollen Bedarf für Menschen und Wasser holend. Vieh einnehmen zu können. In welcher Art die Eingeborenen solche Wasserplätze auSbeuten,, werden wir weiterhin sehen. Die Aalahariwüste ist größtentheils mit Gras bewachsen, das eine erstaun liche Höhe erreicht. Es steht in getrennten Gruppen; die Zwischenräume sind, so weit sie nicht kahle Stellen bilden, mit jener schon erwähnten so mauch- faltigen Flora von kriechenden, knollenführenden Pflanzen, Wassermelonen und Kürbissen überzogen; an andern Stellen finden sich große Gruppen von Gebüsch und selbst Baumwuchs.164 Die Bakalahari. Dcr an den östlichen Rand der Wüste angrenzende Landstrich von Kuruman bis Kolobeng und auch noch weiter, fast bis zum Ngamisce, zeich net sich nach Livingstone's Beobachtung durch ein besonders gesundes Klima aus. ■ Namentlich für an Abzehrung und an den Folgen eines länge ren Aufenthalts in Indien Leidende hat dasselbe sich außerordentlich heil sam bewährt. Es bildet den vollkommensten Gegensatz gegen das englische Klima, und Livingstone glaubt eS daher vorzugsweise Lungenkranken em pfehlen zu sollen. Bei dem Mangel an Salz macht sich jedoch eine ziem lich reichliche Fleischkost erforderlich, die hier keineswegs von den Übeln Folgen begleitet, ist, wie in andern, heißen Gegenden. Dcr Winter ist vollständig trocken, und da während dieser Zeit, nämlich von Anfang Mai bis Ende August, nicht ein Tropfen Regen fällt, so ist nie Kälte mit Feuchtigkeit gepaart. Selbst bei der größten Hitze hat die Atmosphäre nie das Erschlaffende und Niederdrnckcnde wie in Indien. Die Abende sind von angenehmer Kühle und eine erfrischende Nacht folgt auch den heißesten Tagen. Nichts geht über die wohlthuende Temperatur dcr Abende und Morgen das ganze Jahr hindurch; bis Mitternacht kann man im Freien sitzen, ohne Er kältungen und Rheumatismen befürchten zu müssen, oder im Freien schla fen, und bis die Augen zufallen, in den Mond sehen, ohne die leiseste Spur von Mondblindheit sich zuzuziehen. Während mehrerer Monate des Jahres fällt kaum einmal etwas Thau. In gleicher Weise empfiehlt Livingstone den von den großen Zambesifällcn ans nach Nordost sich erstreckenden Höhenzug, den er später bereiste. Hier, meint er, konnten Diejenigen, welche im Dienste dcr Wissenschaft, des Handels oder der Gesittung sich Afrika als ein Feld bahn brechender Wirksamkeit erkoren, sich zeitweilig zur Wiederherstellung ihrer Ge sundheit aufhalten. Die Makololo behaupteten, hier nie Kopfweh zu be kommen. Das ungeheure sandige, durstige Flachland dcr Kalahariwüstc wird von zwei Menschenstämmen spärlich bewohnt, die sich in allen Stücken unähnlich sind, außer daß Hitze und Durst, dürftige Nahrung und anstrengende Lebens weise ihnen in der Regel eine höchst magere, sehnige, skelettartige Körperbc- schaffenheit verliehen haben, wie sic sich höchstens bei australischen Eingebore nen wiederfindet, die sie aber gleichwol befähigt, große Anstrengungen und Entbehrungen auszuhalten. Diese Leute sind Bakalahari, d. h. „die in der Wüste", und Buschmänner. Die Bakalahari sind augenscheinlich ein alter Betschuancnstamm und sollen sich vor Zeiten in guten Umständen befunden haben, bis neu eingc- waudcrte Schaareu ihres eigenen Stammes ihnen ihr Vielstund ihre Ländereien raubten und sie in die Wüste drängten. Sie haben trotz dieses Schicksals wechsels ihre alte Liebe zu Ackerbau und Viehzucht nicht verloren, können aber freilich in der Wüste nicht viel mehr thun, als ein Fleckchen mit Melo nen und Kürbissen bepflanzen und einige Ziegen aufzieheu, für die sie das Wasser oft löffelweise sammeln müssen. In Folge ihrer schlechten unvcr-Die Bakalahari. 165 baulichen Kost haben sic meist aufgedunsene Bäuche, dabei dünne Arme und Beine. Ihre mattäugigcn Kinder sah Livingstone nie unter sich spielen. Die Bakalahari sind friedsame, schüchterne Leute, die sich darauf beschrän ken, ihrem Unterhalte nachzugehen, und nicht einmal Häuptlinge brauchen, lieber einen langen Wüstcnstrich hin verstreut, suchen sie sich in der Regel unter benachbarten Betschnancn einflußreiche Gönner, damit sic im friedlichen Tauschhandel sich Spcere, Messer, Tabak und 1 Hunde verschaffen können, wo für sie als Gegenwerth allerlei Thierfclle liefern, unter denen besonders die Felle einiger kleinen katzenartigen Ranbthiere als schönes Pelzwerk geschätzt sind und in weite Ferne Absatz finden. Den wärmsten Pelz liefert eine Scha- kalart, „Motlose" genannt (Megalotis capensis oder Kap-Fenneks, den schönsten der Pukuye (Canis mesomelas und Canis aureus). Nächst- dem gelten als die werthvolleren Felle die des Tsipa oder kleinen Oze lot (felis nigripös), des Luchses (Tnane), der wilden und der ge fleckten Katze. Aber auch Felle vom Pnti (Duiker) und Pnrnhurn (Steinbock), sowie von Löwen, Leoparden, Panthern und Hyänen suchen sich die Bakalahari zu verschaffen. Die Betschnancn gerben diese Felle und nähen sie in Karosse (Pelzmäntel) zusammen, für die sie stets willige Ab nehmer finden und die eigentlich der Hanpthandclsartikcl jener Gegenden sind. Für die Karosse tauscht der Betschuane Rindvieh ein, denn der höchste Reich- thum sind ihm Kühe, und so würden alle Theile sich gut bei dem Handel flehen, wenn nicht die menschliche Verderbtheit überall Unheil stiftete. Nicht selten nämlich gehen Betschnancn eines Stammes in die Wüste zu den Ba- kalahari-Schtttzlingen eines andern und nehmen diesen ihre Vorräthe an Fellen weg, und der beleidigte Stamm übt dann vielleicht das Wicdervcrgcltnngs- recht. Die Bakalahari sehen cs ruhig und ohne allen WidcrstandSvcrsnch an, wenn wenige Betschnancn plötzlich ein ganzes Dorf in Beschlag nehmen und darin nach Gutdünken schalten und walten. Bis' zur kriechendsten Schmeichelei geht aber ihre Unterwürfigkeit den Buschmännern gegenüber, wenn diese sich Tabak von ihnen holen; denn sic wissen, daß ihnen im Berwci- gernngsfalle mit vergifteten Pfeilen geantwortet werden würde. Die Furcht vor solchen Besuchen veranlaßt die armen Menschen sogar, ihre Wohnplätze weitab von Wasser anzulegen; nicht selten auch verbergen sie das Wasser, das sie sich ergraben haben, indem sie das Loch wieder mit Sand füllen. Soll ans solchen unterirdischen Vorräthen Wasser entnommen werden, so kommt die Frau mit einem Sack oder Netz leerer Stranßtneier und höhlt eine Vertiefung aus, so weit der Arm reichen will. Dahinein stellt sie ein Schilfrohr, an welches unten ein Büschel GraS gebunden ist, rammt das Loch mit dein herausgcnommenen feuchten Sande wieder fest zu und fängt an, an dem Rohre zu sangen. Das in dem Grasbüschel sich sammelnde Wasser tritt allmälig in dem Rohr in die Höhe und die Pumpe kommt in Gang. 'Ein Mund voll nach dem andern wird herausgezogen und an einem Stroh halme in ein Daneben liegendes Straußenei abgelassen. Sind in dieser Weise166 Die Buschmänner. 20—30 Eier gefüllt und die Oeffnung derselben mit Gras verstopft, so trägt man sie nach Hause und vergräbt sic sorgfältig. Der Buschmann ist der eigentliche Wüstenbewohncr, der hier nicht wie die Bakalahari als Ausgcstoßcner, sondern auf seinem angestammten Domi nium lebt. Möglich jedoch, daß diese verschriene Nation einmal die einzige Einwohnerschaft Südafrika's gebildet hat und erst von eingewauderten Stäm men in die Wüsten und Wälder des Innern gedrängt wurde. Hier finden sie sich, ans die ungeheure Ausdehnung von der Kapkolonie an biH hoch über die. Breite des Ngamisecs überall zerstreut, meistens in Todfeindschaft mit den benachbarten anders gearteten Stämmen lebend. Selbst die Namaqna's und Damara's an der Westküste dünken sich höhere Wesen zu sein als die Busch männer, tobten sie, wo sie sie finden, oder machen sie zu ihren Sklaven. Die mehr nördlich wohnenden Buschniänner, die ein gesegneteres Land inne haben und daher in besseren Verhältnissen leben, scheinen mit ihren Nach barn auf friedlicherem Fuße zu stehen, und unterscheiden sich von ihren süd licher wohnenden Brüdern nicht nur in der Mundart, sondern auch sonst zu ihrem Vortheil. Der Buschmann baut weder das Land, noch hält er sich irgend ein Vieh, einen häßlichen Hund ausgenommen. Er lebt lediglich von Wild und von Dem, was die Weiber an Wurzeln und Früchten zusammensuchen? Er kennt alle Lebeusgewohnheiten des Wildes auf das Genaueste und folgt ihm auf seinen Wanderungen auf dem Fuße, ebenso wie der Löwe und andere rei ßende Thiere. Löwe und Buschmann haben ferner das mit einander gemein, daß sie auch - das zahme Rindvieh ihrer seßhaften Nachbarn für eine Art Wild ansehen, und zwar für ein sehr gutes: sic sind beide gefürchtete Vieh räuber. Kapbauern, Grigua's und Betschuanen werden gleicherweise von den Buschmännern in Contribution gesetzt. Namentlich in der Kapkolonie, wo das Wild immer mehr abuahm und die Viehherden immer häufiger wur den, haben sie sich ihr schlechtes Renommee erworben. Aber sie haben auch dafür büßen müssen. Der ganze Landstrich innerhalb der Kolonie, der aus den Karten gewöhnlich noch als Buschmannslaud bezeichnet wird, ist bis auf wenige Reste von ihnen gesäubert. Die Kapbauern haben einen förmlichen Vernichtungskrieg gegen sie geführt, sie in ihren Verstecken ausgesucht und ohne Gnade niedergeschossen. Nur die Kinder wurden verschont, um sie zu zähmen und zu Haussklaven zu erziehen. Die Kaffern sind ebenfalls freche Viehdiebe, aber sie entführen das Vieh, um ihre Herden damit zu vergrößern, und wenn sie so hart verfolgt werden, daß sie ihre Beute nicht fortbriugen können, ^so lassen sie ^dieselbe im Stiche, ohne dem Vieh etwas zu Leide zu thun. Der bösartige Buschmann dagegen hat in solchen Fällen die Ge wohnheit, das Vieh, das er aufgcben muß, auf grausame Weise zu schädigen. Er schießt vergiftete Pfeile auf dasselbe, schneidet ihm die Sehnen durch oder große Stücke vom lebendigen Leibe. Cs ist begreiflich, daß sich unter solchen Umständen die Wuth der Eigenthümer gegen die BuschmännerDie Buschmänner. 167 auf das Aeußerste steigern muß. Entkommt der Buschmann mit dem geraub ten Vieh, so weiß er eben nichts Besseres damit anzufangen, als daß er. es an dem ersten sichern Orte schlachtet und davon so lange zehrt und schlingt, bis das Fleisch faul geworden ist. Kann der Buschmann mit seiner Beute die Wüste gewinnen, so ist ihm selten beizukommen, selbst wenn die Verfol ger beritten sind. Denn diese kön nen nur bei Ta ge folgen, müsse» oft absteigen, um die Spur nicht zu verlieren, und leiden mit ihren Pferden bald an Wassermangel. Die Buschmän ner dagegen trei ben Tag und Nacht vorwärts; sie haben vorher in großen Zwi schenräumen mit Wasser gefüllte Straußcneicr in der Erde ver borgen, die ihre Weiber aus er staunlichen Ent fernungen her beischleppen, und ihre Lokalkennt- niß ist so sicher, daß sie dicseVor-' räthc stets bei ■ Nacht wie bei Ta ge wieder auf- Der Buschmau». t finden. Wenn der Buschmann in die Enge getrieben wird, so ist er kein un gefährlicher Gegner und leistet verzweifelte Gegenwehr. Mit einem kleinen Bogen, der mehr einem Spielzeug als einer Waffe gleicht, schießt er vergiftete Pfeile, deren Wirkung eine höchst gefährliche ist, wenn nicht schleu nig Gegenmittel angewandt werden. Das Gift wird theils von Schlangen, theils von giftigen Raupen und Pflanzen genommen, und In den Gegenmitteln spielt meist Fett eine Hauptrolle.Der See Ngami. Es war am 1. Juni 1849, als Livingstoue und seine Begleiter von Kolobeng aufbrachen, um den vielberufenen, noch von keinem Weißen gesehe nen See Ngami aufzusuchen. Die Karawane zählte mit den Führern und Treibern etwa ein Dutzend Menschen, dazu einige 80 Ochsen und 20 Pferde. Anfänglich durchzogen sie bekannte Gegenden auf dem Wege, der zu den Ba- mangwato's führt, bis sie in der Nähe derselben links in die Wüste einbogen. Vergeblich sandte Sicomi Boten, um die Reisenden von ihrem Vorsätze ab- zubringen. Bald bekamen sie auch einen Vorschmack von den Mühseligkeiten und Entbehrungen, die ihnen noch bevorstehen sollten. Das Land war in der Regel durchaus eben und der Boden bestand aus tiefem weißen Sande, in welchem sich die Zugochsen nur mit größter Mühe und Langsamkeit fort arbeiten konnten. Ueber Tages war vor der Hitze, obgleich es jetzt Winter war, mit dem Vieh gar nicht j fortzukommen, und nur am Morgen und Abend konnte eine kurze Strecke znrückgelegt werden. Weit und breit zeigte die pfadlose Gegend eine fast beängstigende Gleichförmigkeit, die endlosen, über die Sandfläche verstreuten Busch- und Baumgruppen waren sich stets, so ähn lich, daß schon bei einer geringen Entfernung von der Karawane der EittzelneSic Salzpfanne. Der Fluß Zouga. 169 in Gefahr kam sich zu verirren. Dabei war cs ein Glück, daß wenigstens der eingeborene Führer seiner Sache sicher war und die wenigen Platze, wo überhaupt Wasser zu finden oder zu hoffen war, nicht verfehlte. Bei dem oft gänzlichen Wassermangel weit umher war es auffallend, daß häufig zahl reiche Trupps von Elenns (Boselaphus oreas) sich zeigten. Diese prächtigen Thiere können unglaublich lange ohne alles Wasser leben, indem ihnen die geringe Feuchtigkeit, die sic mit ihrer Pflanzennahrung zu sich nehmen, zu genügen scheint. Beim Anblick eines Rhinozeros, Büffels, Gnus, Zebras, einer Giraffe oder Pallah-Antilope kann der Reisende immer darauf rechnen, in einer Entfernung von etwa zwei Beeilen Wasser zu finden; nicht so bei die sen Elenns, sowie Gemsböcken, Tolos oder Kudus (Strepsiceros capensis), Springböcken und Straußen, die er zu Hunderten in Gegenden sehen kann, wo er Gefahr läuft zu verdursten. Gegen Ende des Monats gestalteten sich die Dinge etwas besser; man war in ein altes Flußbett und in eine Gegend gekommen, wo Wasser und Graswuchs weniger selten waren und man die Ueberzeugung hegen durfte, daß die Zeit des Dnrstlcidcns vorüber sei. Jetzt singen die'greifenden an, fleißig nach dem zu entdeckenden See sich umzu schauen, nicht ahnend, daß sic noch über 800 engl. Meilen davon entfernt waren. Einmal glaubten sic ihn leibhaftig vor sich liegen zu scheu, aber der Entdeckuugsjnbcl verstummte bald wieder. Die Gesellschaft war in der Nähe einer sogenannten Salzpfanne angekommen, worunter man sich einen Weiher oder See zu denken hat, der durch die Sonnenhitze ansgetrocknct ist, während die im Wasser aufgelösten Salze, entweder wirkliches Kochsalz oder Salpeter, sich niedergeschlagen haben und den Boden mit einem Ueberzuge von Krhstal- lisationcn bekleiden. Eine solche Salzpfanne von mehrstündigem Umfange lag vor den Reisenden. Ein breiter Baumgllrtel säumte die Ufer ein, und die weiße Salzebene des Grundes erschien durch die Luftspiegelung bei nnter- gehender Sonne in den schönsten blauen See verwandelt. „Nicht das Min deste", sagt Livingstone, „brauchte die Phantasie hiuznzuthun, um das tref fende Bild einer großen Wassermasse zu haben. Die Wogen tanzten auf und nieder, und die Bäume spiegelten sich in ihnen so klar und tief, daß nicht allein Rinder, Pferde und Hunde, sondern selbst die Eingeborenen dem Trng- bilde entgegenrannten. Eine Herde Zebras erschien in der Luftspiegelung so -genau wie Elephanten, daß Herr Oswell schon sein Jagdpferd zu satteln, begann. Einen Moment später war die täuschende Erscheinung zerronnen." In den ersten Tagen des Juli endlich, nach vielfach getäuschten Erwar tungen, erreichten die berittenen Mitglieder der Karawane wirkliches Wasser: es war der Zouga, ein schöner, wasserreicher Fluß mit südöstlicher Richtung. Von den freundlichen Anwohnern erfuhren sie, daß das Wasser aus dem Ngamisce komme, den sie, dem Flusse entgegcugehend, in etwa vier Wochen erreichen würden. Nunmehr konnte das Gelingen der Entdeckungsreise als gesichert angesehen werden, und in ganz anderer Stimmung als bei dem Durchkreuzen der Wüste folgte die Gesellschaft den Windungen des schönen170 Der Ngamisec. ruhigen Stromes, dessen Lauf so langsam war, daß er mehr dem Arme eines Sees glich. Eine sehr manchfaltigc, üppige und oft reizende Vegetation be kleidete seine Ufer. Majestätische Bäume, unter ihnen der riesige Affcnbrod- baum, traten oft bis dicht an den Wasserrand heran, während anderwärts breite Säume, von Nohrdickicht die Mitte zwischen Land und Wasser hielten. Den Fluß entlang fanden sich ziemlich zahlreiche Dörfer der Eingeborenen. Der Betschuanenhänptling am See, Letschulatebc, hatte ihnen Befehl ertheilt, den zu erwartenden Gästen jeden Vorschub zu leisten, und so wurden diese denn überall freundlich ausgenommen, ungeachtet Sicomi ihnen ein Paar- Späher nachgcschickt hatte, die ihnen nun voranfgingen und die Fabel ver breiteten, die Fremden kämen als Räuber ins Land. Die Eingeborenen hat ten den Zusammenhang der Dinge bald durchschaut. Livingstone fand es nach einiger Zeit bequemer, den Landweg zu verlassen und sich den einfachen Kähnen der Uferbewohner anzuvertrauen. Je weiter er dem Flusse entgegen ging, desto breiter und tiefer wurde derselbe. Bei dieser Fahrt erhielt der Doctor die erste sichere Bestätigung dafür, daß cs über den See hinaus ein Land voller Flüsse gebe, so viele, daß man sic nicht zählen könne, ein Land voller Einwohner und großer Bäume, und die Idee, ans bequemen Wasser wegen diese noch ganz unbekannten Gegenden zu erreichen, nahm ihn von Stund an so gefangen, daß ihm die so heiß erstrebte Entdeckung des Sees fast zur Nebensache wurde. Blau sah diesen zum ersten Male am 1. Ang. > 840. Der Ngamisce bildet eine schöne Wasserfläche, die nur der Breite, nicht aber der Länge nach übersehen werden kann. Man hat die letztere ans etwa 60 engl. Meilen geschätzt, und nach den Aussagen der Eingeborenen soll man den See in drei Tagen umgehen können. Die Ufer desselben sind im Gan zen äußerst flach, sandig, schlammig und schilfig, und auch das Wasser ist so seicht, daß die Kähne stundenweit mit Stangen gestoßen werden können. Sein Nutzen als eine Handelsstraße erschien dadurch sehr zweifelhaft. Doch erhält er nach der Regenzeit beträchtliche Zuflüsse, ist dann bedeutend größer und sein Wasser süß, während es bei niedrigem Stande brackig und salzig schmeckt. Auch wine tägliche Ebbe und Flut macht sich in dem See und sei nem Anhängsel, dem Zouga, bcmerklich. Die Umgebungen sind reichlich mit Busch und Wald bestanden und gewähren einer Menge von Land- und Was- serthieren Aufenthalt. Die Entdeckung des Ngamisees erregte nicht nur in der Kapkolonie, son dern in der ganzen gebildeten Welt ein hohes Interesse. Geographen, Na turforscher, Iagdfrcnnde und kaufmännische Spekulanten sahen ein neues Feld mit reicher Ausbeute vor sich. Die geographische Wissenschaft zumal erhielt plötzlich eine ungeahnte Bereicherung. Statt eines hohen, sandigen, wasser- losen Hochlandes, das man hier vorauszusetzen geneigt war, fand sich in Wahrheit ein von Höhenzügen eingefaßtes Becken von mächtiger Ausdehnung und einer Ueberfülle von Wasser. Der Ngamisee bildet nur die südliche Grenze dieser großen Einsenknng. Bon Kolobeng bis zu diesem Punkte warD.'e Häuptlinge Lctschulnlcbc und Sebitnani. 171 man nach barometrischer Messung unvermerkt um mehr als 2000 Fuß dem Meeresspiegel näher gekommen, denn der See liegt nur etwa 2800 Fuß über demselben. Im Norden des Sees zieht sich diese Niederung in weite Ferne hin; sie ist mit einem Netzwerk von Flüssen durchzogen, die ans höheren Gegen den des Nordens und des Nordwestens herabsteigen, und bildet in trockenen Zeiten meist sumpfige Schilfcbencn; von April bis Juli aber, wenn die Flüsse anschwellen, entstehen Ueberschwcmmnngen, die meilenweit das Land unter Wasser setzen. Von den Wassermengen, die sich hierher ergießen, gelangt nur ein kleiner Theil in den südlichen Behälter, den Ngamisee. Der Fluß, welcher diesen von Norden her speist, heißt Teoge, sein Ausfluß an der an dern Seite ist, wie schon bemerkt, der Zouga. Dieser letztere- wird in seinem Verlauf immer kleiner und endet, nachdem er ein Paar hundert englische Mei- len östlich gestossen ist, in einem See oder Schilfmorast, und es ist zweifel haft, ob jemals von seinem Gewässer etwas ins Meer gelangt, obwol er weiter nach Osten hin ein tiefes, felsiges Bett haben soll. Sechs Jahre später fand Livingstone unter einem Pakete Sachen, die ihm der Missionär Dr. Moffat zugcsendet hatte, die Abschrift einer Rede seines Freundes Sir Rvderich Murchison, die derselbe in der Geographischen Gesellschaft zu London im Jahre 1852 über die Confignration des afrikani schen Evntinents gehalten hatte, woraus er ersah, daß jener unter Zuhülfe- nahme der geologischen Karte von Bain und anderer Materialien zu dcmscl- selben Resultate gekommen sei, als er selbst bei seinen Untersuchungen an Ort und Stelle. „Ich mußte mir schon", sagt er, „den kleinen Verdruß gefallen lassen, mich auf diese Weise von dem Manne anSgcstvchen zu sehen, der frü her auch das Vorhandensein von Goldgruben in Australien vor'ihrer Ent deckung verkündet hatte. Von seinem Studirzimmer ans war er mir um drei Jahre znvorgekommcn, während,ich, nachdem ich mich durch Gebüsch, Sümpfe und'Fieber' mühsam durchgeschlagen und mir beiin Dilolo-See endlich ein Licht aufgcgangen war, in der süßen Täuschung gelebt hatte, der Erste zu sein, der die Entdeckung mache, daß das innere Afrika ein wasserreiches Ta felland sei von geringerer Erhebung als die angrenzenden Höhenzüge." Li- vingstone's Höhenangaben waren zwar nur nach den Beobachtungen dcö Kochpunktes (dem Eintritt des Siedens beim kochenden Wasser) bestimmt; da es sich hier aber um Unterschiede von mehreren Tausend Fuß handelt, können sie als vollkounncn ausreichend gelten. In geringer Entfernung von dem Austritt des Zonga aus dem Sec befindet sich das Dorf des Häuptlings Letschulatcbe. Livingstone, wie Andere nach ihm, fand in demselben einen filzigen, habsüchtigen und unzuverlässigen jungen Mann, der nichts weiter wollte, als Elfenbein an die Weißen ver kaufen, da er gehört habe, daß dieselben alle sehr versessen auf diese Knochen seien. Livingstone aber trieb nie Handel, sondern hatte die Absicht, von hier noch ein Paar hundert englische Meilen weiter nördlich zu gehen, um wo möglich den mächtigen und berühmten Häuptling Sebitnani anfzusuchen, bei172 DT Stamm Siijiji. dem er als Sitschili's Freund gute Aufnahme zu finden hoffte, denn zwischen den beiden Häuptlingen' bestanden alte freundliche Beziehungen. Sitschili's Vater war, als dieser noch im Knabenalter stand, von seinen eigenen Leuten in einer Empörung erschlagen worden; Scbituani, der damals noch in der Nachbarschaft der Bakncna's hauste, eilte, von den Anhängern der Herrscher familie zu Hülfe gerufen, herbei, überfiel die Bakncna's und sicherte dem recht mäßigen Erben Sitschili die Häuptlingswürde. In der Folge zog er als Er oberer in ferne nördliche Gegenden. Der Häuptling am See war gegen den mächtigen Sebituani' ein kleines Licht und seine Gesinnung gegen ihn daher nicht die freundlichste. Er besorgte, die Weißen möchten seinem Nachbar Feuerwaffen liefern und dieser dadurch nur noch mächtiger werden, und hoffte dagegen, wenn er allein sich Flinten erhandeln könne, es seinerseits dahin zu bringen, daß Sebitnani sich vor ihm fürchte. „Ihr braucht nicht dorthin zw gehen", sagte er, „ich liefere euch so viel Elbcnbein, als ihr haben wollt." So verweigerte er nicht allein Führer, sondern ließ auch den Anwohnern des Flusses streng verbieten, die Reisenden überznsctzcn. Der Versuch, ein Floß zu bauen, mißlang, und so blieb, da auch die Jahreszeit schon weit vorge rückt war, für jetzt nichts übrig, als sich ans den Rückweg zu machen. Beherrscher der Umgegend des SeeS ist ein kleiner Vetschnanenstamm, ein Ableger der Bamangwato's. Sic kamen erst unter Letschnlatebe's Va ter als Eroberer hier an, nahmen den Bewohnern des Landes ihr Vieh ab, machten sie zu ihren Vasallen und nannten sic Bakoba, Knechte, während diese selbst sich als Bajiji (Baheiye), Menschen, bezeichnen. Sie sind schwär zer als die Bctschuaucu, haben überhaupt mehr vom Negertppns und ähneln nach AnkDrsson's Bemerkung in vielen Stücken den auf der Westseite wohnen den Daniara's und Ovambo's. Ihre Wohnsitze haben sie nicht allein längs des Zouga, sondern weithin auch au den übrigen zu der Seegegend gehörigen Flüssen und Marschen. Sie erkennen alle Letschulatebe als ihren Oberherrn an. Ihr Abhängigkeitsverhältniß scheint übrigens kein lästiges zu sein; sic leben in ihrer Weise unbehindert und sind, außer daß sie zum Lügen und Stehlen so aufgelegt sind wie ihrr Oberherren, sehr lcidsamc, gutgelaunte und gutmüthige Leute, die sich bei einem Topf voll Fleisch und einer Pfeife Tabak als die glücklichsten Geschöpfe der Welt fühlen, gern tanzen und wie alle farbigen Völker dem Trünke ergeben sind; denn wie es wol kaum eine Völker schaft giebt, die nicht gelernt hätte, sich irgend ein berauschendes Getränk zu hereiten, so besitzen auch die Afrikaner weit und breit die Kunst, aus einem ihrer Hauptnahrungsmittel, der Negerhirse, ein starkes Bier zu machen. Die Männer der Bajiji sind emsige und gewandte Jäger und Fischer und wissen hierbei ihren Wurfspieß geschickt zu handhaben, aber Krieg führen ist nicht ihre Sache; sic haben sich stets gefügt, wenn irgend ein fremder Hanfe in ihr Land fiel. Livingstone nennt sie deshalb die Quäker Afrika's. Als ihnen der Häuptling, um sie zu Kriegern zu machen, einmal Schilde gab, sagten sie: „Ja, solche Dinger haben uns gefehlt, darum sind wir im-Der Stamm Bajiji. 173 mer unterlegen —- jetzt wollen wir schon kämpfen." Als sie a-ber ihren Muth gegen eine eingefallene plündernde Horde bewähren sollten, warfen sie sich in ihre Kähne und ruderten Tag und Nacht, ohne sich umzusehen, den Zouga hinab. Letztere selbst sind von der primitivsten, rohesten Form, nichts als ans gehöhlte Baumstämme, zuweilen etwas-krumm, wenn zufällig der Stamm eine Krümmung hatte. Der Kahn ist ihnen Das, was dem Araber das Kamcel: sie unterhalten stets ein Feuer in demselben, und ans Reisen schlafen sie auch des Nachts darin, weil sic sich so, hinter Schilf versteckt, für sicherer halten als auf dem Lande. Wenn der Bajiji nicht jagt oder, fischt, so geht er müßig, denn alles Andere ist ihm Weibersache. Die Weiber ziehen einige Ziegen und bauen den Boden, der übrigens sehr fruchtbar ist und die wenige Arbeit reichlich ver gütet. Man baut die gewöhnliche Negerhirse, ein dem Kanariensamen ähn liches Getreide, Tabak, Melonen, Kürbisse u. s. w. Verschiedene wild wach sende Frnchtbänme geben auch ihren Beitrag zu den Nahrungsmitteln. Einer derselben, mit sehr hohem, geradem Stamme und ein steter Begleiter der Flüsse, liefert zudem noch ein gutes Material für Kähne. Der Motsonri- Baum, mit einer hellrothen Pflaume von angenehm säuerlichem Geschmack, gleicht in seinem dunkeln immergrünen Laube dem Orangenbaum, in seiner Gestalt der Chpresse. Auch der wilde Indigostrauch bedeckt hier, wie ander wärts in Afrika, große Strecken. Die Knaben, die ihren Strohschmuck mit dem Safte desselben färben, nennen ihn „Mohetolo" d. i. der Veränderer (Färber). Der Zouga ist so reich an Fischen, daß die Anwohner nicht weniger als zehn Arten zählen, weshalb cs in einem ihrer Loblieder ans diesen Strom unter Anderm heißt: „Ein Bote, in Eile abgcsandt, wird immer verleitet, eine Nacht unterwegs zuzubringen, wegen der Fülle von Nahrung, die du ihm vorsetzcst." Außerordentlich groß und fett ist namentlich ein breitköpfiger, schnp penloser, bärtiger Fisch (Glanis siluris). Wenn ein Mann ihn ans der Schulter trägt, so reicht sein Schwanz bis auf den Boden. Er nährt sich von Pflan zenkost und gleicht auch sonst in manchen Stücken dem Aal. Er vermag län gere Zeit außerhalb des Wassers zu leben, da er, wie die meisten seiner Art, eine große Menge Wasser in seinem umfänglichen Kopfe zurückhalten kann. Auch eine große Wasscrschlange wird erlegt und als Delikatesse ver zehrt. Das Fischen geschieht theits mit Netzen, thcils mit Wurfspießen. In der Harpunirung des Flußpferdes entwickeln die Bajiji gleichfalls großes Ge schick,. und die Ufer des Flusses sind ntit Fallgruben übersäet für das Wild^ das zahlreich dahin zur Tränke kommt.174 Hottentotten und Damara'S. Unter den Besuchern des Sees bald nach seiner Entdeckung durch Livingstone befand sich auch der schwedische Naturforscher Andersson, der, von Forschungs eifer getrieben, vier Jahre lang, von 1850—54, den Süden Afrika's bereiste und eine intereffante Beschreibung seiner Erlebnisse veröffentlicht hat. Auch ihm gelang es, in einer andern Richtung in unbekannte Gegenden vorzu-' dringen und schließlich von Westen her nach dem Ngamisec sich einen Weg zu bahnen, den man gar nicht für möglich gehalten hatte. Mit seinem Begleiter, dem Engländer Galton, am Kap angelangt, er fuhr Andersson, daß die aufständischen Boers den geraden Weg nach dem See verlegt hätten und sie nicht durchlassen würden; sie entschlossen sich demnach, an der Küste wieder zurückzufahrcn und von der Walfischbai aus ins In nere vorzudringen. Die Bewohner des unwirthlichen Namagualandes, das sie hier betraten, sind noch immer die alten unfläthigen, verhungerten und bet- tclhaftcn Hottentotten, behaftet mit allen Lastern der Wilden. Die im Lande zerstreuten Missionsanstaltcn, meistens deutsche, haben trotz alles Eifers fast noch nichts über diese Wildlinge vermocht; so lange sie vom Missionär zu essen und Kleider bekommen, sammeln sie sich wol um ihn und hören.seine Ermahnungen mit an; sowie aber diese Spenden anfhören, wenden sie ihm den Rücken und vergelten ihm mit Undank und Schimpf. Die Lage, der Missionen ist noch mißlicher geworden, seitdem die Namagua's durch einige raubsüchtige Häuptlinge dazu angelcitet worden sind, gegen ihre nördlichen Nacharn, die Damara'S, einen unaufhörlichen Raub- und Bertilgnugskrieg zu führen. Diese Damara'S sind im Vergleich mit ihren Feinden ein schöner Menschenschlag; als reine Nomaden ziehen sie mit ungeheuren Rinderherden im Lande umher und lassen, gleich den Heuschrcckcnschwärmen, kahlgefrcsscne Gegenden hinter sich. Sie scheinen aus östlichen Gegenden eingcwandert zu sein und die früheren Bewohner verdrängt zu haben, welche thcils Hotten totten, theils ein anderer eigenthümlicher Stamm gewesen sein mögen, von welchem in den mehr bergigen Gegenden noch einzelne Stämme, die sogenannten Hügeldamara's, hausen, die natürlich auch die Todfeinde der Damara'S in den Ebenen sind. Aber der Stern dieser letzteren ist im Erbleichen; es scheint unvermeidlich, daß sie durch die unaufhörlichen Uebcrfälle der Hotten totten in nicht langer Zeit bis auf einen Rest besitzloser Flüchtlinge aufge rieben werden. Die Damara'S sind große, stark und regelmäßig gebaute Leute, mit Assageien, Pfeil und Bogen und Wurfstock bewaffnet, aber ihre Neigungen sind mehr friedlicher Art, Mienen und Blick haben einen sanften Ausdruck. Ihre geringfügige Kvrperbedecknng mit etwas Fell, den Gebrauch, sich mit Fett und Oelen einzuschmieren, die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für eine Last von metallenen Ringen und andern Zierrathen haben sie mit den meisten afrikanischen Stämmen gemein. Die Männer umwinden sich außer dem die Hüften in nachlässig-geschmackvoller Weise mit einer Unmasse lederner Riemen, oft viele Hundert Fuß Länge haltend. Diese Art Gürtel dient theilsDie Damara's. 175 als ein Stück Kleidung, theils zum Einsteckeu der Pfeile, des Wurfstocks u. f. w. Am besten wissen sie mit der letztem Waffe umzugehen, welche Kerri heißt und einen Stock mit kolbigem Ende barfteUt. Er findet sich auch bei andern Stämmen, und sie wissen ihn alle mit großem Geschick und Erfolg zu ge brauchen^ Ein . einziger gut gerichteter Wurf ist im Stande, den stärksten Mann niederznstrecken. Vögel, selbst im Fluge, und kleinere Vierfüßer wer den durch das Kerri mit einer Sicherheit erlegt, die in Erstaunen setzt. Die Missionäre haben auch bei diesen Leuten noch wenig oder gar keine Fortschritte machen können. Beim ersten Erscheinen derselben zogen sie sich mit ihrem Vieh in eine, andere Gegend und überließen es den neuen An- ' _ DamakW. kömmlingen, wie sie sich gegen Mangel und Hunger schützen wollten. Der Gedanke, daß Fremde aus reiner Menschenliebe zu ihnen kommen könnten, war ihnen unfaßbar; sie argwöhnten irgend eine finstere Absicht, und es war nahe daran, daß der Vorschlag durchging, die neuen Ansiedler todtzuschlagen. Mit der Zeit hat sich die Stimmung zwar gebessert, aber von einem geistigen Einfluß war noch kaum die Rede, am wenigsten beiden Wohlhabenden, wäh rend die Armen, die hier sehr dürftig und gedrückt sind und sich meist dadurch nähren, daß sie für ihre günstiger gestellten Landsleute Tabak bauen, sich gern in der Nähe der Mission halten, wo sie Anweisung und Ermunterung finden, durch etwas Fleiß und Ausdauer ihre materielle Lage M verbessern.176 Getauschte Erwartung. Andersson und sein Begleiter waren in der Walfischbai ohne einen be stimmten Neiseplan gelandet; endlich zeigte sich ein Ziel, dessen Erreichung: der Mühe werth schien: sie hörten von einem in nördlicher Richtung gelege nen großen Süßwassersee, der Omanbonde heißen sollte. Von der Station Barmen ab gegen Norden lag aber lauter unbekanntes Land; die dort woh nenden Damaralente wurden von den Eingeborenen als ungastlich, mißtrauisch und vcrrätherisch geschildert. Doch die Reise wurde unternommen, und nach mancherlei Erlebnissen, und Schwierigkeiten gelangte die Reisegesellschaft nach mehreren Wochen an den ersehnten Omanbonde, der, wie ihnen unterwegs gesagt wurde,' eine Wasserfläche „so groß wie der Himmel" haben sollte. Aber groß war nur ihre Enttäuschung. Der große Omanbondc erwies sich als ein kleiner auSgetrocknetcr Schilfweiher ohne einen Tropfen Wasser! Al lerdings ergab sich aus der ganzen Ocrtlichkeit, daß früher viel Wasser hier gewesen sein konnte — ein neuer Beleg zu der merkwürdigen Verarmung Süd- afrika's an Wasser. Dahin war nun die Hoffnung, an einem lachenden See^ umgeben von Elephanten, Rhinozerossen, Nilpferden u. s. w., ein fröhliches Iägerlebcn zu führen;,man war aufs Neue ohne Neiseplan und wußte nicht, ob man vor- oder rückwärts gehen sollte. Endlich entschied man sich für das Erstere. Die Reisenden hatten Kunde erhalten, daß fern im Norden eine Völkerschaft wohne, welche feste Wohnsi^e habe, das Land baue, fleißig, zu verlässig und sehr gastfreundlich sei. Sw hießen Ov amb o's, was eben ihre Eigenschaft als Ackerbauer bezeichnen soll, und trieben mit den Damara's Tauschhandel, indem sie Vieh gegen Eisenwaaren einhandelten. Es sei eine sehr zahlreiche und mächtige Nation und stehe unter einem König, der ein ungeheurer Riese sei. Ucber die Entfernung dieses Landes und die Beschaffen heit der zn durchreisenden Gegenden gaben die Damara's freilich nur un sichere, abenteuerliche Berichte zum Besten. Obgleich man sich auf eine mehr- monatliche Reise gefaßt zn machen hatte, wurde doch beschlossen, das Wag stück zn unternehmen, und man ließ den verunglückten See hinter sich. Die Gegenden, durch welche die Reise ging, waren wenigstens keine Sandwüsten; man mußte sich meistens durch Gebüsch, hohes Gras und Wald den P)eg bahnen. Wasser gab es zur Genüge und an Wild war kein Mangel, so- daß die beiden europäischen Reisenden der immerwährenden Fleischkost endlich herzlich müde wurden, die eingeborenen Begleiter allerdings um so weniger. Einige Tage nach der Abreise vom Omanbonde wurden die Reisenden durch das erste Auftreten von Palmen in freudige Stimmung versetzt. Eine Art schlanker Fächerpalmen war in großer Zahl über die Gegend verstreut und verlieh ihr einen ganz ungewohnten Reiz. Eben an der letzten Damaraniederlassnng angekommen, traf die Reisen den das Mißgeschick, daß eine Achse ihres größten Wagens brach. Sie ent schlossen sich daher, unter Zurücklassung der Fuhrwerke die Reise zu den Ovambo's mittelst Reit- und Packochsen zn bewerkstelligen. Dtt Häuptling aber wollte nicht nur keine Führer dazu geben, sondern verweigerte auch jede sonstige177 Reise zu den Ovambo's. Die Handelskarawaue. Auskunft, stellte jedoch den Reisenden anheim, sich an eine Handelskarawane anzuschließen, welche man nächstens aus dem Ovambolande erwarte. Die Karawane erschien auch glücklicher Weise bald; es waren 23 große, starke, sehr dunkelfarbige, ernsthafte Leute, von Charakter sehr unähnlich den Da- mara's. Sic brachten Lauzenciscn, Messer, Ringe, kupferne und eiserne Die Facherpalme. Perlen u. s. w., Alles eigener Fabrik, die sie thxuer genug an die Damara's absctzten, z. B. eine Lanzenspitze für einen Ochsen. Die Leute willigten ein, die Fremden mit in ihr Land zu nehmen, und als endlich die Rückreise an getreten wurde, -war die Karawane nicht weniger als 170 Kopse stark, denn es hatten sich viele Damara's, unter ihnen 70 — 80 Frauenzimmer, angc- Bilch der Reisen. II. 12178 Das Land.der Ovambo's. schlossen. Die Ovambo's hatten eine schöne Rinderherde zusammengebracht, das Reiseziel sollte vierzehn starke Tagemärsche weit sein. Auf eine angenehme Landschaft folgten bald wieder Dorndickichte und höchst traurige Gegenden, die Wasserplätze wurden sehr selten, und die Reisenden lernten einsehen, wie un möglich cs sei, ohne einen gründlich erfahrenen Führer sich in solchen Wild nissen zurecht zu finden. Buschmänner, denen die Reisenden allerwärts be gegnet waren, fanden sich auch hier, und cs war den Reisenden wohlthuend zu sehen, wie auch diese überall verachteten und verhaßten Menschen von den Ovambo's gütig behandelt wurden. Sie tauschten ihnen Kupfererze ab, die jene aus den benachbarten Hügelgegenden brachten. Nach achttägigem Marsche gelangten die Reisenden auf die ersten den Ovambo's gehörigen großen Viehweiden und rasteten ein Paar Tage. DaS landesübliche Willkommen bestand darin, daß jedem Ankömmling daS Gesicht tüchtig mit Butter beschmiert wurde. Es wurden Boten voraufgeschickt, um die Fremden bei dem König Nangaro anzumelden, und dann ging die Reise wei ter, die ersten Tage durch ungeheure, mit Bäumen nmgürtete „Salzpfannen" und dann über eine endlose Savanne, gänzlich baumlos und selbst ohne Büsche. Um so freudiger war ihre.Ueberraschnng, als sic endlich die schönen fruchtbaren Ebenen Ondonga's, deö eigentlichen OvambolandeS, vor sich sa hen. Statt der ewigen Dickichte und Sandwüsten lagen jetzt vor ihnen end lose Getreidefelder, übersäet mit friedlichen Wohnungen, einzelnen riesigen Wald- und Frnchtbäumen und unzähligen Palmen. Die Reisenden glaubten ig ein Paradies zu treten, das immer anmuthiger und fruchtbarer wurde, je weiter sie vorwärts kamen. Dörfer giebt es hier nicht; jede Familie wohnt patriarchalisch in der Mitte ihrer Besitzung auf einem Gehöfte, das mit starken Palissaden eingezäunt ist, denn auch diese friedlichen Bauern haben einen feindlich gesinnten Stamm in der Nachbarschaft, der ihnen fortwährend zu schaffen macht. Das Getreide besteht hier ans Negerhirse und einer andern Pflanze mit sehr kleinem Samen, der ein treffliches Mehl giebt. Beide er reichen eine Höhe von'8 —9 Fuß. Im Herbste werden die Samenbüschcl abgeschnittcn und der Rest dem Vieh überlassen. Ähren großen Viehbestand halten die Ovambo's ans entlegenen Weideplätzen, wo sic auch Schweine von ungeheurer Größe ziehen sollen. Ueber die Ausdehnung des Landes und die Stärke des Stammes konnten die Reisenden nichts erfahren. Am zweiten Tage kamen sie an die Residenz des gefürchteten Nangaro, ohne jedoch sogleich Zutritt in die Einfriedigung zu erlangen; vielmehr wurde ihnen eine Baumgruppe in der Nähe als Warteplatz angewiesen. Das Wartenlassen, das auch in Afrika für vornehm gilt, währte ganzer drei Tage. Endlich erschien die Majestät, ein Niese allerdings, aber nur denk Ouer- durchmesser nach. Es war ein unförmlich dicker, häßlicher Mann, aber in den Angen seiner Unterthänen doch jeder Zoll ein König, denn das Fettsein gilt dem Afrikaner für ein Attribut, hier und da selbst für ein Vorrecht der Königswürde, während es einein Unterthänen geradezu als Verbrechen angerechnetDer König bet Ovainbo'S. 179 wjrd. Die Antwort des dicken Königs auf die glänzende Anrede der Fremden bestand lediglich darin, daß er einigemal wohlgefällig oder mißfällig grunzte. Von Feuerwaffen hatte er so wenig wie seine Leute einen klaren Begriff; sic meinten, es seien unschädliche Dinger, sobald man nur oben in die Mündung blase. Sic erstaunten nicht wenig über die Wirkungen einer Spitzkngelbüchse, und mehrere Neugierige fielen bei jedem Schüsse flach ans das Gesicht, nieder. Der König verlangte in der Folge, die Fremden möchten für ihn Elephanten schießen, deren es in nicht weiter Ferne viele gebe und die oft viel Verwüstungen in den Feldern anrichteten. Die Schützen zogen es jedoch vor, diesen Antrag abzulehnen, da sie besorgten, der Gestrenge möchte daS Elfenbein, dessen Werth er recht gut kannte, für sich allein behalten und sie vielleicht nicht eher wie der fortlassen, bis es nichts mehr zu schießen gäbe. Der Alte vergaß ihnen dies nicht. Uebrigens wurden sie allerwärts freundlich und gastfrei empfan gen. Der König bewirthcte sic zuweilen mit Bier, und allabendlich war Hof- ball, wo die jungen Leute nach dem Tamtam und einer Art Guitarre tanz ten. Die Frauenzimmer haben in der Jugend zwar grobe, doch gar nicht unangenehme Züge, verwerfen sich jedoch später und werden sehr plump und 12 *180 Lebensweise der Ovambo's. stämmig, theils in Folge der schweren Ringe und der übrigen massenhaften Behänge an Armen und Beinen, theils in Folge angestrengter Arbeit, denn auch hier arbeiten sie viel, obwol die Männer auch nicht müßig gehen; beide Geschlechter sind vielmehr fleißig von Sonnenaufgang bis Untergang. Den wolligen Negerhaarwuchs vergrößern die Frauenzimmer künstlich durch Be kleben und Steifen mit Fett und Ocher, der beliebten afrikanischen Universal pommade, womit sie sich auch den Körper einreiben. In die Haare flechten sic außerdem lang über den Rücken herabhängende Fäden oder Fasern. Das Hauptnahrungsmittel der Ovambo's ist ein grober Mehlbrei, der stets heiß mit Butter oder saurer Milch aufgetragen wird. Obwol sic auch die Fleischkost sehr lieben und ihr Viehstand sehr groß ist, sind sic doch mit dem Schlachten sparsam und scheinen das Vieh fast zum Vergnügen zu hal ten. Die Einrichtung der Gehöfte in Innern ihrer Palissadenzäune ist eine ziemlich verwickelte; man trifft da Wohnhäuser für Herren und Knechte, offene Plätze für Erholung und Besprechung, Scheuern, Schweineställe, Viehstände, Geflügelschlägc u. s. w. Die Häuser oder Hütten sind rund, zeltförmig und kaum über Mannshöhe, lediglich zum Einkriechen und Schlafen geeignet. Die Getreidespeicher sind große, ans Palmblättern und Thon gearbeitete Körbe, die eine ähnliche Binsenbedachnng haben wie die Häuser. Außer Rindvieh und Schweinen besteht der Hansthierstand ans einigen Schafen, Ziegen, Hühnern und Hunden. Viele Buschmänner haben sich als Hintersassen zwischen den Ovambo's angesiedelt. Ein guter Zug dieser wirklich auf einer gewissen Stufe der Gesittung stehenden Völkerschaft ist es, daß sie nicht stehlen, vielmehr den Diebstahl für ein todcöwürdiges Verbrechen halten. Während die Reisenden bei den Na- maqua's und Damara'S sich vor Diebereien nicht genug schützen konnten, durften sic hier ihre Habseligkeiten getrost ohne Aufsicht hcrumliegen lassen. Der König hat alle Strafgewalt, und es sind hier und da im Lande Perso nen angcstcllt, welche alle vorkommenden Vergehen zur Anzeige zu bringen haben. Die sorgfältige Pflege, welche sic Gebrechlichen und Altersschwachen angedeihen lassen, ist ebenfalls ein schöner Zug der Ovambo's; ihre Nach barn, die Damara'S, überlassen Erwerbsunfähige entweder ihrem Schicksale, oder treiben sic in Wald und Wüste, wo sic die Beute wilder Thierc werden, oder fertigen sie ohne Weiteres mit ein Paar Keulcnschlägen ab. Die Ovambo's lieben ihr Vaterland ungemein und sind stolz darauf. Sie nehmen es übel, wenn man sie nach der Zahl ihrer Häuptlinge fragt, und sagen: „Wir erkennen nur einen König an; bei den Damara'S freilich will Jeder ein Häuptling sein, wenn er nur ein Paar Kühe besitzt." Flücht linge von andern Stämmen werden ausgenommen und dürfen im Lande heirathen, sind aber dann zum Dableiben verpflichtet. Vielweiberei herrscht unter den Ovambo's wie Unter allen übrigen Stämmen, und Jeder darf so viel Weiber nehmen, als er bezahlen kann. Ein Mann mit wenig Vermögen bekommt eine Frau für zwei Ochsen und eine Kuh, während für den ReichernSchwierigkeiten bei der Rückreise. 18 l auch die Preise höher sind. Nur der König zahlt nichts, indem die Ehre, mit ihm verwandt zn sein, als hinreichender Gegenwcrth gilt, und der der zeitige dicke Monarch hatte sein Vorrecht so weit ansgebeutet, daß er einen Harem von 106 Schönheiten besaß. Die Handelsleute unter den Ovambo's machen jährlich vier Expeditio nen nach dem Süden, wo sic Vieh, sowie Kupfer- und Eisenerze eintauschen, die in ihrem Lande nicht Vorkommen; sie geben dafür, nächst ihren Metall fabrikaten, Elfenbein, das sie sich durch Fangen der Thiere in Fallgruben verschaffen, und nehmen nächst Vieh am liebsten Glasperlen in Tausch, die eine Art Universalmünze bei allen südafrikanischen Stämmen bilden und ohne welche ein Reisender kaum fortkommen kann. Dabei muß man aber unum gänglich wissen, welche Sorten und Farben in den einzelnen Fällen bevorzugt werden, indem andere als diese gar nicht anzubringcn sind. Nachdem die Reisenden sich ein Paar Wochen lang die Dinge im Ovambolande angesehen hatten, wünschten sie weiter zu reisen. Nur vier Tagereisen weiter im Norden sollte ein schöner großer Fluß mit bewohnten Ufern liegen, welchen die Reisenden vor ihrer Umkehr natürlich gern besucht hätten. Aber der König verweigerte seine Erlaubniß hierzu bestimmt und erklärte, wenn sie nicht Elephanten für ihn schießen wollten, so könne daraus nichts werden. Sie entschlossen sich daher um so rascher zur Umkehr, als sic nicht wußten, wie es dem bei den Damara's zurückgelassenen Theile der Er- pedition ergangen sei. Ihre Rückreise nach Barmen ans dem alten Wege dauerte über sechs Wochen (15. Juni bis 4. August) und war schier noch beschwerlicher als die Herreise, denn es war nun Winter, die Nächte waren eisig kalt, die Wässer und die Weide großcntheils vertrocknet und das Wild selten geworden. Im Norden gab cs nun für die Reisenden nichts mehr zn thuu, und so kamen sie auf ihren alten Plan zurück, in östlicher Richtung wo möglich bis an den Nganiisee vorzudringen. Nach fünfmonatlichen Anstrengungen und Leiden gelangten sie an den Punkt, der auf den Karten mit Tunobis bezeichnet und lediglich ein Wasserplatz ist, wo sich nm eine starke nmwald.ete Quelle Schaaren von Elephanten und anderem wilden Gethier sammeln und Buschmänner Hansen. So angenehm an dieser Oertlichkeit sich leben ließ, so hatte die Reisegesellschaft doch durch unsägliche Hitze und Dürre und daraus folgenden Mangel an Wasser und Weide bis dahin schon zu viel gelitten, um noch mehr wagen zu können, wenn auch der See nicht mehr allzu ent legen war. Sic erfuhren von den Eingeborenen, daß von hier ab in meh reren Tagen kein Wasser mehr zu finden sei, daß sie sammt ihrem Vieh un fehlbar in der dornigen Wüste umkommen würden. Man stand demnach nm so mehr von weiterem Vordringen ab, als daS»Vieh ohnehin zu Skeletten abgcmagert war, und kehrte nach der Westseite zurück. Herr Galton hatte Afrika zur Genüge genossen und schiffte sich in der Walfischbai nach England ein; Andersson blieb allein zurück, um nach der Regenzeit einen neuen Versuch182 Wassermangel. zu machen-. Um sich jedoch besser mit Neisemitteln und Tanschwaaren zu versehen, unternahm er zunächst eine Spekulation in Rindvieh, das er aufkanfte und zum Wiederverkäufe nach der Kapkolonie schaffte, wozu allerdings eine mehrmonat liche beschwerliche Landrcise erforderlich war. Das Unternehmen gelang leid lich, und nachdem die nöthigen Einkäufe gemacht, die nöthigen Leute in Dienst genommen waren, segelte man aufs Nene der Walfischbai zu. Als die Karawane den Umkehrpunkt der vorjährigen Expedition, Tuno bis, wieder erreichte, hatte sie schon viel Ungemach, namentlich Hunger, aus- zustehen gehabt, denn diesmal war das Wild wider Erwarten selten, und die Umkehss war daher nicht weniger mißlich als das Weitergehen. Die Landschaft in gerader Richtung auf den See zu erklärten die Eingeborenen auch diesmal für unpassirbar: es sei eine dornige Wildniß und weit und breit kein Wasser zu finden. Wolle die Karawane einige Tage ostwärts den Otjambinde (ein Fluß ohne Wasser) entlang gehen und sich dann links wen den, so sei keine Gefahr. Der Plan wurde angenommen; aber eö kostete Andersson unsägliche Mühe und Zeit, ehe nur der Zug in Bewegung kam, denn die geworbenen Leute wurden störrig und wollten nicht weiter; die Ochsen, die nunmehr tra gen sollten, was sic bisher gezogen hatten, widersctztcn sich gleichfalls. Men schen und Vieh mußten erst förmlich gezähmt und geschult werden. Die Reise, welche Mitte Juni angetrcten wurde, ging theils in, theils neben dem trockenen Flußbctte in tiefem, blendend weißem Sande langsam vorwärts. Doch fehlte es nicht an Gras und üppigem Pflanzenwnchs, und zuweilen zeigten sich kleine Weiher mit etwas schlammigem Wasser, belebt von garsti gen Reptilien und Jnsektenschwärmen, , zuweilen noch von Elephanten und Rhinozerossen.eingesumpft und verunreinigt. Doch die Reisenden tranken oder schlangen vielmehr begierig das Zeug hinunter. Man traf auch ans eine große Anzahl alter, künstlich und geschickt angelegter Brunnen von beträcht licher Tiefe, von denen einzelne, wenn auch nicht Wasser, doch noch feuchten Grund hatten, auö denen man nach Bnschmannsart mit einem Schilfrohr ptwas Wasser ziehen konnte. . Es mußte demnach diese Gegend, wo jetzt nur einzelne Buschmänner zu sehen waren, in früheren Zeiten von mehr knltivir- ten Leuten, die zahlreiche Viehherden besaßen, bewohnt gewesen sei». Im weitern Verlauf fanden sie das ganze Flußbett mit verdeckten Fallgruben un- terminirt, ein sehr häufig angewandtes Mittel der Afrikaner, um Wild in ihre Gewalt zu bekommen. Endlich mußte man doch, um nicht zu weit aus der Richtung zu gc- rathen, sich von dein Otjambinde ab und nach Norden wenden, wieder in den Naturpark von Dornhecken hinein. Andersson hatte Leute voraufgesandt, um dem Häuptling am Sec, Letschulatebc, seine Ankunft zu melden. Eines Tages' nun stieß die Karawane in der Wildniß plötzlich ans einen Trupp Betschnanen; es war ein Geleite, das ihnen der Häuptling entgegengcsandt hatte. Die stattlichen, kriegerisch aussehenden Wilden mit ihren Schilden undDie Wilden als Rcisebeglcitung. 183 Assagaien machten einen sehr guchn Eindruck ans Andcrsson, der in ihnen viel Aehnlichkeit mit den Damara's fand. Auch waren sich beide Stämme nicht fremd, denn die Damara's hatten, wie sich fand, in früheren Jahren ihre Wanderungen biö an den See ausgedehnt und waren dabei mit den Betschna- nen, die ihnen Vieh raubten, oft handgemein geworden. „Wie kommt es", hatte der Häuptling Andersson gefragt, „daß die Damara's eure Diener sind? Sie sind ein mächtiges Volk mit viel Vieh; ich kenne sie wohl, denn mein Vater hat ihnen manche blutige Schlacht geliefert. Wir blieben allemal Sieger, aber verloren viel Leute, die sie mit ihren breiten Assagaien niedcr- sticßcn. Hier steckt etwas dahinter — ist euer Herr reicher als sic?",, — Herr ist nicht reich", hatte der Schwarze geantwortet, „aber er hat etwas — Da mara's haben gar nichts." Und nun hatte er dem Häuptling zu seinem Er staunen erzählt, wie weit die Damara's heruntergekommen seien. Mit den neuen Führern ging es nun in gerader Richtung auf den Sec zu, immer in tiefem Sande durch undurchdringliche „Wart' ein Bischen", zwischen denen sich hier und da der Riese unter den Bäumen, der merkwür dige Affenbrodbanm, erhob. Trotz des waldigen Charakters bot die Gegend184 Umgebung des Nganüsee-. reiche Viehweide, und zahlreiche alte Brunnen gaben Zeugniß, daß dieselbe nicht immer so unbewohnt gewesen. Noch ein Paar Tage und der belebende Ruf: „Ngami!" erscholl an der Spitze des Zuges. Andersson stand an dein längst ersehnten Ziele — eine schöne unübersehbare Wasserfläche lag im Osten vor seinen Blicken. Obgleich krank und halb zum Krüppel geworden in zu naher Berührung mit Rhinozerossen und anderem Gethicr, vergaß er doch in diesem Augenblick alle ausgestandenen Leiden. Nachdem sie dem See näher gekom men waren und an seinem Ufer hinzogen, schwand freilich manche Illusion, und die erwarteten Schönheiten der Landschaft und Vegetation wollten nicht zum Vorschein kommen. Das Wasser war ungemein flach, von bitterem, widrigem Geschmack und nur an wenigen Orten zugänglich, indem man theils vor Schlamm, theils vor Schilfdickicht nicht nahe kommen konnte. Man mußte noch zweimal an dem südlichen Ufer bivouakiren, bevor man in die Nähe von Letschulatebe's Residenz kam, die für jetzt am jenseitigen Ufer des Zouga lag. Der Häuptling, der nach der gewöhnlichen afrikanischen Praxis weder Auskunft über das Land geben, noch die Durchreise gestatten wollte, gab nach einigen Tagen unvermuthet Leute und Kähne her zu einer Fahrt gegen Norden, und zwar so willig, daß Andersson irgend einen geheimen Streich des Häuptlings ahnte, und die Folge lehrte, daß sein Verdacht kein ungerechter war. Die Bootsleute wußten mit Ruder und Stange geschickt umzugehen, aber da sie sich nie weit vom Ufer ab wagen, so dauerte es zwei Tage, ehe man an die Einmündung des Teogc ans der Nordscite kam. Das Thierleben am See und an den Flußufern ist in der Thal so reich als manchfaltig. Alle Großthiere, Elephant, Rhinozeros, Flußpferd, Büffel, Giraffe, haben hier ihre Niederlassungen, außerdem mehrere Antilopen arten, worunter zwei früher unbekannte, Nakong und Letsche, welche als aus gezeichnete „Wasscrböcke" für diese sumpfigen Niederungen wie geschaffen sind. Man hatte fast beständig Wild in Sicht, und Andersson konnte genug schießen, uni seine heißhungrige Begleitung zu füttern, die nach und nach durch das Anschlicßcn Freiwilliger auf 50—60 Köpfe angewachsen war. Das Wasser wimmelt von Krokodilen, die zuweilen eine riesige Große erreichen. In den ersten Tagen war die Fahrt den Teoge hinauf ziemlich einför mig. Das Wasser war an vielen Stellen über die Ufer getreten, sodaß an beiden Seiten sich ausgedehnte Schilfmoräste hinzogen, die nur hier und da durch eine hübsche Gruppe von Dattel- oder Fächerpalmen gehoben wurden. Am vierten Tage nahm die Landschaft einen gefälligern Charakter an; die Ufer wurden höher und waren mit üppiger Baumvcgctation reich bedeckt. Palmen, Mimosen, Sykomoren und viele andere, oft für den Reisenden ganz neue Bäume, zum Theil mit wohlschmeckenden Früchten, bildeten' eine Scencrie, die zuweilen kaum schöner gedacht werden konnte. Tagelang hätte der Rei sende unter dem dichten Schatten dieser Prachtbänme verweilen mögen, vie oft von der wilden Musik der Vögel wiedcrhallten, während man vielleicht in der Ferne Herden der schönsten Antilopen weiden sah. Aber die KlugheitThier - und Pflanzenwelt. 185 gebot, sich nicht zu lange aufzuhalten; denn wenn die jetzt hochgehenden Was ser sich zu verlaufen anfingen, so wurden, wie das in den feuchten Gegen den Afrika's selbstverständlich ist, die Ufer mit tödtlicher Fieberluft vergiftet. Die Reise war eine Wasserreisc in des Wortes weitester Bedeutung; die ganze Gegend bestand auS einem Labyrinth von Flußarmen, Bächen, Teichen und Sümpfen, das zuletzt so verwickelt wurde, daß selbst die hier geborenen Kahnleute sich häufig verirrten; und da diese die Paar Kähne, die der Häupt ling gegeben hatte, mit ihren eigenen Dingen vollgestopft hatten, so befand sich Andersson fast beständig im Wasser, bald schwimmend, bald watend, und war froh, wenn er bei Nacht seine Kleider an einem Fencr trocknen konnte. Bei alledem erfreute er sich an der seltenen Schönheit der Gegend. Wo das Land sich auch nur ein Paar Fuß hoch über ucm Wasserspiegel erhob, war eö bedeckt mit einer reichen und großartigen Vegetation. Nach etwa zwölftägiger Reife gelangten sie endlich an ein großes Dorf, wo der Häuptling der Bajiji wohnte, denn alle Bewohner der Gegend ge hören diesem Stamme an und gehorchen dem Betschuanenhänptling am Sec. Es war dies ein vorzugsweise reizender Platz. Etwas über hundert Hütten lagen auf einer kleinen Insel des Flusses inmitten einer Gruppe schöner Fächerpalmen und riesiger Waldbänmc. Nach allen Seiten breitete sich das Wasser wie ein See auS, mit zahlreichen, üppig bewachsenen Insclchen übcrsäct. Hier wurde endlich die Schelmerei Letschnlatcbc's offenbar: die Einge borenen ließen jetzt den Reisenden plötzlich im Stiche, und cs wurde ihm erklärt, der Häuptling habe befohlen, ihm keine Kahne oder Führer weiter ver abfolgen zu lassen. Sie wurden erst wieder zugänglich und bchülflich, nach dem Andersson erklärt hatte, daß er umkehren wolle. Eigentlich hatte er hö her oben am Strome einen Platz Namens Libcbc anfsnchen wollen, angeblich Hauptort eines ackerbauenden Volkes Bawicko, wo sich Handelsleute aus al lerlei Stämmen begegnen sollten. In seinem Verdrusse über die erfahrene Täuschung erschien es Andersson als eine neue Beleidigung, daß sie ihn zur Rückreise statt ans einen Kahn ohne Weiteres auf ein bloscs Schilffloß setzten. Er fand aber nachher, daß diese Art Fahrzeuge angenehmer war, als es den Anschein hatte. Sie be stehen einfach aus einem kreuzweise geschichteten Haufen Rohrstengel oder Palm zweige; ein Zusammenbinden ist gar nicht nöthig, und man hat nur zuweilen in dem Maße, wie die unteren Lagen Wasser ziehen, eine neue Schicht oben aufzulegen. Diese Urform von Gondel wird in jenen Gewässern allgemein angewendet, wenn cs sich um eine Fahrt stromabwärts handelt. Drei oder vier Mann können sich in einer Stunde eine solche Fähre bauen, groß genug, um sie und ihr Gepäck zu tragen. Auch die Jagd ans Flußpferde wird von den Eingeborenen auf solchen Flößen, die immer ein Bugsirboot bei sich haben, ausgeübt, und sie bieten hier den großen Vorthcil, daß sie, weil sie überall nachgcbcn, von den Thieren nicht umgeworfen werden können. Das Herabflößen im Teoge dauerte nenn Tage, und nach einer vierwöchent-186 Rückfahrt, lichen Abwesenheit langte AnderSson wieder bei seinem Lager am See an, wo er Alles in guter Ordnung fand, nur daß seine Leute durch das ewige Bet teln und Stehlen der Eingeborenen und die Zudringlichkeit des Häuptlings sehr belästigt worden waren. AnderSson hatte sich vorgcnommen, diesen letzter» we gen des ihm gespielten Streiches tüchtig anzulassen; als aber derselbe nun er schien und mit süßlächelnder Miene und einem Blicke voller Unschuld fragte, ob er in Libebe gewesen und wie ihm die Reise überhaupt gefallen habe, da konnte sich AnderSson nicht enthalten, hell aufznlachen, und.sein ganzer'Groll gegen den Schelm war im Nn geschwunden. Es waren nun die gesammelten Natnrgegcnstände und das cingehandelte Elfenbein nach der Kapstadt zu schaffen, und da hierzu ein Wagen unum gänglich nöthig war, so reiste* AnderSson auf dem von ihm eröffneten Wege nach dem Namaqualande zurück und schaffte einen solchen herbei, worüber allerdings beinahe vier Monate vergingen. Die Reise ging bald zu Fuß, bald zu Pferd oder Ochsen vor sich, und der Reisende war thcils ganz allein, theils von einem einzigen Manne begleitet. Oft ging es durch Strecken, welche an Unwirthlichkeit der Wüste Sahara nicht nachstanden. Acrgerc Feinde noch als die Löwen und andere wilde Bestien waren Hunger und Durst. Der Reisende hatte zuweilen zwei ganzer Tage nichts zu essen, oder kaum einmal des Tagcö Gelegenheit, die vertrockneten Lippen zu befeuchten. Zuweilen blieb er erschöpft und ohnmächtig auf der sandigen Steppe liegen. So reist sich's in den Wüsten Afrika's!Afrikanische Jagdbildcr. (Wahlberg. Ciinnning.) Die Fülle und Manchfaltigkeit dcö Thierlebcns in Südafrika ist un streitig für die meisten europäischen Besucher deö Landes das Hauptanziehungs mittel gewesen, sei cö nun, daß dieselben im rein wissenschaftlichen Interesse oder mehr um des Jagdgenusses oder deS Gewinnes willen hierher kamen. Gewinnbringend ist im Grunde nur die Elephantenjagd, während man frei lich der Lebcnsfristnng halber auch das übrige eßbare Wild nicht verschmähen darf. Das Elfenbein steht nicht nur in den Küstenstädten, sondern auch im Innern überall im Wcrthc und bietet ein jederzeit angenehmes Tauschmittel. Hat der Reisende seine Ochsen verloren, oder braucht er Führer und Diener, und es gelingt ihm ein Paar Elcphantcn zu erlegen, so kann er sich für die Zähne Menschen, Ochsen und Lebensmittel eintauschen. Deshalb steht ein glück licher Elephantcnjägcr auch bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, während sic sich keinen Begriff davon machen können, wie man die Jagd des bloscn Vergnügens halber, als noble Passion betreiben kann. „Haben diese Jäger", wurde Livingstonc öfter gefragt, „die so weit Herkommen und sich so abmühen, kein Fleisch zu Hanse?" — „O ja, sie sind reich und könnten alle Tage einen Ochsen schlachten." —- „lind doch kommen sie hierher und leiden so viel Durst um dieses trockenen Fleisches willen, das lange nicht so gut ist188 Abnahme des Wildes in Südafrika. PferdekranMit. als Rindfleisch?" — „Es geschieht des Vergnügens halber." — Ein schal lendes Gelächter folgte regelmäßig ans eine solche Antwort, und cs scheint, als seien die jagenden Engländer dein Schicksal nicht entgangen, von den Eingeborenen für eine besondere Art Narren gehalten zn werden. Natürlich halten die Afrikaner selbst sich für die Klugen, wenn sie jenen auf der Jagd nachlanfcn und möglichst viel von, Dem sich anzneignen suchen, was die Nar ren niedcrschießcn. Die Feuergewehre der Europäer haben in den wenigen Jahren, seit sie in das Innere des afrikanischen Südens borgedrungen sind, unter den Be wohnern der Wildniß bedeutend aufgeräumt; es sind Clephanten, Rhino zerosse u. s. w. in so erstaunlicher Anzahl erlegt worden, daß man sich sagen muß, eine solche Erntezeit könne nicht wiederkehren, und die Erzählungen von den Thaten der berühmteste» Jäger werden späteren Geschlechtern wie Mär chen klingen. Namentlich von der Südspitzc Afrika's sind in neuerer Zeit die meisten größeren Säugcthiere fast gänzlich verschwunden. Von den ehemals zahllosen Antilopenherden sind nur wenige vereinzelte Bläßböcke (Antilope pygarga), Blanböcke (A. caerulea), Steinböcke (Tragulus rupestris) und Gnus (Catoblepus gnu) übrig geblieben, die kümmerlich ihr Dasein fristen. Desto größer, oft fast unglaublich ist dagegen der Wildrcichthnm in den Ge bieten, die östlich und nördlich an die Kalahari sich anschließen, vor Allem aber in dem neu entdeckten Ccntrallandc, wo die Eingeborenen bisher die Feuer waffen noch nicht kannten. Nur das Rhinozeros fehlt hier, wie es auch nörd lich vom Zambesi nur äußerst selten vorkommt, wie Livingstone meint, weil die Jagd ans dasselbe durch die häufigen Ueherschwemmnngen immer sehr begünstigt worden ist. Merkwürdig ist die gänzliche Abwesenheit der Giraffe und des Straußes nördlich vom Zambesi in dem offenen Hochlande der Ba- toka, die nicht einmal Namen dafür in ihrer Sprache haben. Ein fast gänz licher Mangel an vierfüßigen Thieren tritt wieder ein in den höher gelegenen Gegenden vom Lieba bis zum Qnango-Thal und bis jenseits Cobango. Bon größeren Thieren findet sich übrigens nur das Flußpferd auch in den Ge wässern dieser stillen Gegenden, obwol nicht in solchen Schaaren, wie im Liambye und Tschobc. Pferde sind in größerer Anzahl nur in der Kapkolonie anzutreffen, so wie in Natal und in den Gebieten der holländischen Bocrs, nur selten bei den Hottentotten und in den portugiesischen Besitzungen; gänzlich fehlen sic aber im Lande der Damara's und Ovambo's, im Gebiete des Ngami und Liambye und in Londa. Der Grund davon ist nach Livingstone die soge nannte Pfcrdekrankheit (Peripneumonie), die zwischen 20° und 27° s. Br. vom Dezember bis April mit großer Heftigkeit herrscht und fast immer todtlich ist. Der (mit dem April beginnende) Winter ist die einzige Zeit, während welcher sie zur Jagd benutzt werden können. Das Hornvieh wird wol auch von dieser Krankheit befallen, aber immer nur in Zwischenräumen von mehrerenWahlbcrg's Snybeii und Tod. 189 Jahren und nie in der Ausdehnung, daß der ganze Vieh stand eines Dorfes hingerafft würde. Zwei afrikanische Nimrode von besonderem Zins waren der schwedische Naturforscher Wahlbcrg und der Schotte Gordon Cumming, von denen ersterer bekanntlich inmitten seiner Erfolge ein so bcklngenswerthcs Ende fand. Wahlberg, einer der kühnsten und aufopferndsten Arbeiter auf dem Felde der Wissenschaft, hat sich in zwei Perioden, von 1839 — 44 und von 1854 bis zu seinem am 6. März 1856 erfolgten Tode in Afrika aufgehalten. In diesem fast zehnjährigen Zeiträume arbeitete er mit unerhörter Anstrengung daran, eine-vollständige Sammlung der Thier- und Pflanzenwelt des afrika nischen Südens zusammenzubringen, vom Größten bis zum Kleinsten, von, Riesenelephanten bis zum winzigsten Insekt. Die Stadt Port Natal zum AnSgangs- und Rnhepuukte nehmend, hat er alle im Norden der Kapkolviiic und westlich von Natal liegenden Länder durchstreift und größtentheilö erst für die Geographie neu aufgeschlossen. Wochenlang brachte er zuweilen ans einem erschöpfenden Jagdzuge zu, um irgend ein schönes oder seltenes Thier für seine Sammlungen zu gewinnen, und es hat dieser einzige Mann so viel naturhistorischcs Material nach seinem Vatcrlande gefordert, das; mehrere Ge lehrte ans Jahre hin daran Arbeit finden. Und mit welchen Schwierigkeiten mußte oft ein solcher Besitz errungen werden! „Den 13. September 1844", schreibt Walberg, „lagerten wir zu Cepannla, in einem an Perlhühnern, Affen, Krokodilen und Elephantcn reichen Lande. Am 14. schoß ich einen wundervollen Elephantcn, groß, nervig, in voller Jugendkraft. Obgleich ich nur vier Neger bei mir chitte, beschloß ich doch, das Gerippe zu präpariren. ES war keine leichte Sache. Wir schlugen unser Lager unter stachligen Akazien in der Nähe des Aases ans und errichteten eine Hütte ans Zweigen, die wir dann mit der Elcphantenhaut bedeckten; hierauf gingen wir an die Arbeit. Nach zwei Tagen war das Thier zerlegt, die dicken Fleischtheile zer schnitten, und ich schickte in mein Hauptlager nach einem Karren. Während der acht Tage bis zu dessen Ankunft vollendete ich mit drei Leuten die müh same Arbeit, und dann bahnten wir einen Weg für daS Fuhrwerk. Die Hyänen, von dem BcrwesnngFgernch angezogen, setzten nnö freilich hart zu, und ich verwundete und tödtcte viele. Auch Löwen fanden sich ein, besonders bei Nacht. Ich hatte das Gerippe in die Hütte eingeschlossen; die Thicre kamen haufenweise und umschlichen sic. Das Feuer, daS ich nnnntcrbrocheu unterhielt, verscheuchte sie endlich, und sie begnügten sich mit den umherliegen den Fleischresten." — Dieses Elephantengerippc ist jetzt in Stockholm in dem Museum des Karolineninstitnts ausgestellt, und seine Beschauer ahncg nicht, mit welchen Mühen cs erworben wurde. Sechs Tage vergingen über dem Transport deS Gerippes aus der Hütte ins Hanptlager; dann bedurfte es einer Reise von zwei Monaten, um cs ans den Schultern nach Port Natal190 Gordvn Cumming. zu trage», wo cs eingeschifft wurde. Und das Alles wurde mit 3 — 1 fau len und unzuverlässigen Negern vollbracht. Die Elephantenjagd trieb Wahlberg, um sich Subsistenzmittel zu ver schaffen, und er hatte dabei so großen Erfolg, daß er bei den Eingeborenen als einer der berühmtesten Elephanteutödtcr galt. Er war für sic ein Gegen stand ehrfurchtsvollen Staunens, und sic sagten von ihm: „Der große Geist hat dem Elephanteutödtcr ein großes Herz gegeben — er ist klein von Wuchs, aber sein Herz ist größer als das des größten Menschen." —- Er soll an 400 Elcphanten gctödtet haben, und cs hatte somit der Elephant, der endlich seiner Laufbahn ein Ziel setzte, in der That viele seiner Brüder zu rächen. Wahlberg griff die Elephantcn stets zu Fuß an, ohne von Pferden und Hunden Gebrauch zu machen, weil er diese Art zu jagen für die sicherste hielt. Mag er hierin Recht gehabt haben, so beweist sein klägliches Ende doch, daß eS mit der Jagd ans Elcphanten überhaupt eine gefährliche Sache ist. Wahlberg jagte im Februar 1856 mit zwei Engländern, .Green und Castrh, in den Gegenden nordwestlich vom Ngamisee. Am 28. entfernte er sich von der Karawane in Begleitung eines Dieners und einiger Eingeborenen. Es vergingen zehn Tage, ehe die beiden Engländer, die in kleinen Abständen jeder ans eigene Hand jagten, etwas Weiteres von ihm vernahmen. Am 11. März kehrten seine Leute ins Lager zurück, leider — ohne ihn. „Bald nach unserem Abgänge", berichteten sie, „fanden wir.die Spur eines Elcphan- tcn und begannen ihr zu folgen. Kurz darauf kamen uns mehrere zu Ge sicht, und Wahlberg schoß täglich einen. Wir lebten von Nilpferdflcisch, Elephantenrüsseln und Füßen. Alles verhieß einen glücklichen Iagdzng. Am 0. März Abends jagte Wahlberg einen jungen Elcphanten, den wir auf einer kleinen, von einem Morast begrenzten Ebene umstellten. Auf seinen Befehl feuerten wir mehrere Schüsse ans das Thier, als dieses plötzlich wüthend sich auf Wahlberg stürzte, che er feuern konnte, ihn zu Boden warf, die Flinte in Stücke brach, als wüßte cs, was die Waffe zu bedeuten habe, einen ent setzlichen Schrei aussticß, den Herrn mit den Füßen zerstampfte und darauf die Flucht ergriff." Den armen Leuten blieb nichts übrig, als für die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche ihres Herrn eine Gruft zu graben. Glücklicher als Wahlberg vollendete der" fast noch berühmter gewordene Gordon Cumming seinen fünfjährigen Kreuzzug in den Wildnissen Afrika's. Ihm war es mehr um die Befriedigung einer abenteuerlichen Jagdlust und die Sammlung von Jagdtrophäen zu thun; doch erweiterte er durch seine Kreuz- und Querzüge gleichzeitig auch die naturwissenschaftliche und geogra phische Kenntniß Afrika's, denn indcni er sich vorgenommen, tiefer als einer vor ihm in das Innere einzudringen, erschloß er die Gegend von Bamang- wato mit ihren ausgedehnten Waldungen, wo er seine Lieblingsjagdplätzc wählte. Dort giebt es oder gab cs für den voll Süden kommenden Jä ger zuerst Aussicht, nebst dem andern Großwild auf den nobelsten Wald bewohner, den Elephantcn zu treffen.Gordon Cumming. 191 Während des ganzen Zeitraums, den Cumming in den afrikanischen Wildnissen znbrachtc, war, wie er sagt, sein Wagen seine einzige Wohnung, und selbst diesen verlies; er oft, um allein oder in Begleitung von Wilden auf Jagdunternehmungen in weite Ferne zu ziehen, während seine Leute mit dem Gepäck ein Lager bezogen. Oft brachte er bei solchen Gelegenheiten Tage und Nächte einsam in einer Schießgrube neben irgend einem Tränkplatze zu und beobachtete das majestätische Wesen des Löwen, das kluge Benehmen deö Elephanten und die merkwürdigen Instinkte der zahlreichen Arten von Wild, welche, ohne die Nähe des Menschen zu ahnen, oft im Bereich weniger Schritte an ihm vorüberkamen. . E!cph>intc»j>ied. Die äußere Erscheinung Cummiug's war eigenthümlich und malerisch und verfehlte ihren Eindruck auf die Wilden nicht. Seine Arme waren ge wöhnlich bis zu den Schultern entblößt, nur ein Hemd bedeckte ihn und ein breitrandiger, fcdcrgeschmückter Hut seinen Kopf. So trat er mit der sicher treffenden doppelläufigen Buchse in den Händen den Beherrschern deö Waldes kühn entgegen. Bei andern Gelegenheiten verfolgte er seine Beute, anS dem Sattel schießend, auf tüchtigen Zagdrennern, wenn solche ihm zn Gebote stan den, denn das Hinsterben seiner Ochsen und Pferde war ein sehr gewöhnliches Ereignis; und das hauptsächlichste Hemmniß in seinen Unternehmungen. Cumming hat die Schilderungen seiner zahlreichen Jagderlebnisse, wie192 Eigenthümlichkciten des Elephanten. er sie in den Stunden der Ruhe unmittelbar niederschrieb, veröffentlicht, und eine Gewähr dafür, daß hier nicht blosc Jägerhistorien vorliegen, finden wir in dcni Buche des braven Livlngstoue, indem er angiebt, daß er die Erzäh lungen von Cumming's Thaten im Ganzen ebenso, wie sie int Buche stehen, auch aus dem Munde der Eingeborenen vernommen habe. Bei weitem daö edelste Jagdobjekt bleibt immer der Elephant, dieses majestätische, kluge und gewaltige Geschöpf; aber er ist weit schwieriger zu fin den und zu besiegen, als irgend ein anderer Bewohner der Wildniß. Die Elc- phanten ziehen sich am liebsten in die einsamsten Tiefen des Waldes zurück, weit ab von den Flüssen oder Quellen, an welche sic zur Tränke zu kommen pflegen; aber sie kennen und begehen ungeheuer große Distrikte, indem sie fortwährend wechseln und immer die frischesten und grünsten Stellen des Waldes auf- snchen und eine Gegend, die von Dürre befallen rvird, für immer mit einer oft weit entlegenen bessern vertauschen. Ihre Spuren sind daher in den von ihnen bewohnten Gegenden nichts weniger als selten; gleichwol muß der Jä ger einer anfgcnommcncn frischen Spur zuweilen mehrere Tage lang folgen, ehe es ihm nur gelingt, sein Wild zu Gesicht zu bekommen. Die alten männ lichen Elephanten gehen zuweilen einzeln, und solche Einsiedler (sogenannte „Hcrnmstreichcr") gelten für besonders bösartig und gefährlich; in der Ziegel halten sic sich paarweise oder in kleinen Trupps beisammen. Ihnen begegnet der Jäger um ihrer mächtigen Stoßzähne willein am liebsten, wiewol sic, als die bei weitem größten und stärksten Thicre, auch weit schwieriger als die weiblichen zu erlegen sind. Die jungen männlichen Elephanten bleiben meh rere Jahre lang in Gesellschaft ihrer Mütter und bilden mit diesen größere Herden von 20—100 Stück. Die Kost der Elephanten besteht nicht allein aus Zweigen, Blättern, Baumwnrzeln, sondern auch ans verschiedenen Knollen und Zwiebeln, die sie durch ihren scharfen Geruch aufspüren und mit ihren Stoßzähnen ansgraben, sodkß man zuweilen auf große Flächen stößt, die wie umgeackert anssehen. Welche Massen von Nahrnngsstoff ein Elephant bedarf, erscheint unglaublich, auch wenn man seiner Größe die gehörige Rech nung trägt. Er bringt aber auch den größten Theil des Tages und der Nacht mit Frsssen zu, und viel mehr noch, als er zu sich nimmt, verwüstet er. Eine zahllose Menge junger und selbst alter Bäume zerbricht und zer stört eine Elephantenherde auf ihrem Weidegange durch einen Wald, scheinbar mehr zum Spiel und Vergnügen, denn oft naschen sic von einer ganzen auSgerissencn Gruppe nur ein Paar kleine Zweige und setzen dann ihr Zer- störnngswerk weiter fort. Die Plätze, wo sie so gewirthschaftet haben, sehen wie Verhaue auS und füib schwer oder gar nicht zu passiren. Bei Nacht weiden sie in offenen Ebenen oder wenig bestandeneni Terrain und zie hen sich mit Tagesanbruch wieder in das Waldesdunkcl oder in undurchdring liche Dorndickichte zurück, wo sie während der heißesten Tagesstunden, in einen Trupp eng zusammengezogeu, unthätig stehen bleiben. In Folge dieser Lebensgewohnheiten ist der Elephant weniger zugänglich und kommt dein Jä-193 Elephantenjagd. ger seltener zu Gesicht als irgend ein anderes Wild, einige seltene Antilopen ausgenommen, und die europäischen Jäger haben in neuerer Zeit das Nacht- schießcn lohnender gefunden, indem sie sich in Erdgruben neben den Tränk plätzen auf die Lauer legen. Der Elcphant geht bei trockenem, heißem Wetter allnächtlich seinen weiten Weg zur Tränke, bei kühlem Wetter und bewölktem Himmel nur jeden dritten und vierten Tag. Mit Sonnenuntergang verläßt er seine Waldvcrstecke und sucht das Wasser auf; hat er seinen Durst gestillt und seinen Körper mittelst des Rüssels reichlich mit Wasser übergossen, so kehrt Ein afrikanischer,,'Herumstreicher". er an seinen Standort zurück und schläft um Mitternacht ein Paar Stunden, gewöhnlich stehend, und nur wenn er sich ganz sicher glaubt, auf der Seite liegend oder an einen Baum oder Ameisenbau angelehnt. Gleich nach gc- nonnuener Rast fängt er wieder an über alle Maßen zu fressen. Kommt ein Trupp Elephanten zu der uächtlichen Tränke, so zieht sich alles übrige Gethier, wenigstens wenn die'Tränkstätte von geringem Umfange ist, in ehrfurchtsvoller Scheu zurück, bis die Riesenthiere ihren Durst gelöscht haben. Selbst noch ehe diese in Sicht sind, haben jene erlauscht, was da kommen wird, und geben Zeichen von Unruhe. Die Giraffe wirft ihren lau- Buch der Reisen. II. -t q194 Elephantenjagd. gen Hals hin und her, das Zebra läßt halb unterdrückte Klagetaute hören, das Gnu stiehlt sich lautlosen Schrittes hinweg, und selbst das streitbare schwarze Rhinozeros stutzt und lauscht, bis es sich überzeugt hat, worauf es boshaft schnarchend das Feld räumt. Ein unprovocirter Angriff des Elephanten auf den Menschen scheint we nigstens bei der afrikanischen Art niemals vorzukommcn, vielmehr hegt er vor diesem eine außerordentliche Furcht; es darf nur ein einzelner Mensch, ein Kind sich von der Windseite nähern, so wittern cs die Elephanten auf eine Viertelstunde weit, und Hunderte ziehen sich zurück, um erst in weiter Ferne wieder Halt zu machen. Die Ankunft eines Jägers in ihrem Distrikt entdecken sie ungemein schnell, und wenn ein Trupp angegriffen wurde, so ist der Fall in zwei bis drei Tagen allen Thieren der weiten Umgegend bekannt, und Alles wandert fort in die Ferne; dem Jäger aber bleibt nur die Wahl, ob er umkchren oder eine lange Reise hinter den Flüchtlingen her niachcn will. Nur ein Meister in der Elephantenjagd, wie etwa Cumming, vermag zuweilen einen Elephanten mit einen: oder zwei Schüssen zu erlegen, aber es gehört dazu nächst den schwersten BüchsMkugeln auch Muth genug, sich bis auf wenige Schritte an das Thier hcranzuschlcichen oder es herankommen zu lassen und dann mit fester Hand auf die verwundbarste Stelle abzudrücken. Ein nicht tödtlich verwundeter Elcphant kann, wie Wahlberg's Beispiel zeigt, höchst gefährlich werden; in den meisten Fällen, besonders wenn er nicht allein war, sucht er jedoch mit den übrigen zu entkommen, welche fast immer, so bald ein Schuß gesallcn ist, auf und davon eilen. Nur einmal erlebte cs Cumming, daß ein Elcphant von einer fliehenden Truppe umkehrte, um sei nem verwundeten Kameraden zu Hülfe zu kommen, wodurch natürlich der Jäger und sein Pferd in eine gefährliche Klemme geriethen. Pferde sind zur Verfolgung eines angeschossencn Elephanten wol sehr gut zu gebrauchen, we niger jedoch Geint Angriff selbst, wo sic gewöhnlich in die äußerste Furcht gc- rathen und ganz unlenksam werden. Merkwürdig aher ist der Eindruck, de» einige kläffende Hunde auf den Elephanten machen. Das große Thier fühlt sich durch dieselben so belästigt und in Anspruch genommen, daß es alle Auf merksamkeit für den Jäger verliert. Es macht ungeschickte Versuche, dir Pei niger zu zerquetschen, indem es entweder auf die Knie fällt oder sich mit dem Köpfe gegen einen Bann: stellt und diesen, nachdem cs rechts und links nach den Hunden geschaut, über den Haufen wirft und auf sie zu schiebt. Wäh renddem kann der Jäger leicht zum Schuß gelangen, und es ist bei dem Ja gen mit Hunden nur die Gefahr, daß diese möglicher Weise einmal auf den Jäger zulaufcn und dadurch den Elephanten nach diesem hinleiten. Als die verwundbarste Stelle gilt beim Elephanten die Gegend hinter dem Schulterblatt oder oberhalb desselben; der beste Fall jedoch ist der, wenn cs dein Jäger gelingt, mit einer starken Kugel einen Vorderfuß zu zerschmet tern; dann ist der Koloß gewöhnlich ganz in seine Gewalt gegeben und em pfängt in stiller Ergebung die ferneren tödtlichen Geschosse, bis er sterbendElephäntey-Fallgruben. 195 .13* zusammenbricht. Zuweilen bohrt das schwerverwundetc Thier seine Stoßzähne als Stütze in den Boden, und diese brechen dann ab, wenn es seitwärts umfällt. Hierdurch verringert sich der Werth der so sehr gesuchten Jagdbeute bedeutend, denn die Zähne sind mitten dnrchgebrochen, da die hintere Hälfte in den Kieferknochen verborgen liegt und jederzeit mit Meißeln freigemacht werden muß. Die Eingeborenen fangen den Elcphantcn entweder in Fallgruben, oder erlegen ihn durch Wurfspieße. In Bezug ans die Fallgruben sind jedoch die Thiere sehr auf ihrer Hut, und die Eingeborenen versichern, daß, wenn ein Ein Elephnntcnwtibchcn, sein Junges beschützend. junges unerfahrenes Thier in eine Grube fällt, die Alten ihm wieder heraus helfen. Sie gehen durch eine wegen Fallgruben unsichere Gcgeud stets einer hinter dem andern, im Gänsemarsch, und zerstreuen sich nicht, eher, als bis sie die verdächtigen Stellen weit hinter sich haben. Mit Wurfspießen können die Eingeborenen natürlich nur etwas ausrichten, wenn der Jäger viele bei sammen sind. Sie benutzen hauptsächlich die Momente, wenn der gehetzte Elephant eben einen Anlauf ans sic gemacht hat und nun erschöpft stillsteht. Livingstone sah eine Elephantenmutter mit ihrem Jungen den langsamen Tod durch Wurfspieße sterben, denn hier ist natürlich nur der allmälige Blnt-196 Interessanter Jagdzng, Verlust, nicht die Verletzung eines edlen inner» Theiles die Todesursache. Rührend war die Sorgfalt, mit welcher die Elephantin ihr Junges gegen die Wurfgeschosse zu schirmen suchte. Sie kehrte sich drei- oder viermal mit einem Wuthschrei gegen ihre Verfolger und machte einen verzweifelten Anlauf gegen sic auf etwa hundert Schritt Länge. Sie rannte stets gerade aus, und die Verfolger brachten sich durch Seitensprünge in Sicherheit, immer neue Sperre nach ihr werfend. Mit der Zeit wurden ihre Bewegungen matter und endlich sank sic todt in die Knie. Begleiten wir Cumming ein wenig auf einem seiner vielen inter essanten Jagdzüge. Er jagte mit Pferden und Hunden in den Wäldern des Bamangwatolandes, begleitet von einem halben Hundert Betschuanen. Es war schon gegen Abend, und noch hatte man keine Jagd gehabt; da stieß man auf einen kürzlich von Elephanten zertrümmerten Dornbaum. Die Wil den untersuchten Alles genau und fanden, das; ein männlicher Elephant erster Größe hier gewesen sei.. Blau nahm seine Spur auf, und die Eingeborenen folgten ihr mit vielem Geschick. Weiterhin kam man an Orte, wo die Ele phanten in gewohnter Weise mächtige Aestc abgerissen, ganze Bäume , ent wurzelt, den Boden tief aufgewühlt hatten, bis endlich ein Spürer athemlos meldete, daß das Wild in Sicht sei. Nicht lange, und der Jäger erblickte in einer Entfernung von etwa 150 Schritt einen ganzen Trupp mächtiger Elephantenbullen unter einem schattigen Baumdach dicht beisammen stehend. Der Jäger ritt leise näher, wurde aber endlich bemerkt. Die Thiere erho ben die Rüssel, machten rechtsum und brachen unter Prasseln und Krachen durch den Wald, dichte Staubwolken hinter sich lassend. Doch der Jäger war ihnen vermöge seines guten Nenners bald ans den Fersen. Es waren sechs Thiere, vier davon völlig ausgewachsen. Während der Flucht kam das größte Thier von den übrigen ab und der Jäger hielt sich nun diesem zur Seite. Aber eben als er feuern wollte, wandte sich der Elephant, stieß einen erschütternden Trompetenton*) ans und stürzte einige Hundert Schritte weit sei nem Verfolger nach, nicht im mindesten behindert von den Waldbänmen, die wie Rohr nachgaben. Endlich kehrte er um und ging, obgleich er in diesem Augenblicke einen Schuß ins Schulterblatt bekam, mit einem freien, imposanten Schritte seines Weges. Auf den Schuß waren einige Hunde herbeigekommen, und ihr Gebell hatte einen neuen wüthendcn Angriff zur Folge, der ihm einen zweiten Schuß eintrug, von welchem er jedoch ebenso wenig als vom ersten Notiz nahm. Cumming verließ jetzt sein unruhiges Pferd, um sicherer schießen zu können, schlich sich hinter Bäumen heran und schoß das Thier in *) Livingstonc bezeichnet diesen Trompcrenton als das am meisten Schrecken Ein- flößendc bei der Elephantenjagd und giebt angehenden Jägern den Rath, ihre Nerven dadurch daran zu gewöhnen, daß sie auf den Schienen einer Eisenbahn so lange stehen beiden, bis die pfeifende Lokomotive nur noch wenige Schritte entfernt ist.197 Interessanter Jagdzug. bic Schläfe. Mit einem Wuthschrei, baß ber Walb zitterte, stürzte sich bas Thier hierauf unter bte Hunbe unb nahm nachher eine Stellung in einem Dornbickicht, mit ber Vorderseite nach bem Jäger zu. Dieser hatte bamals noch ben Glauben, baß man mit einem Schüsse in ben Vorderkopf ben Ele- phanten erlegen könne, währenb solche Schüsse in Wirklichkeit keinen anbern Er folg haben, als bas Thier in gräßliche Wnth zu bringen. Er ging bem Ele phanten bemnach entgegen; bas Thier brach heraus, unb ber Jäger schoß es ans einer Entfernung von 15 Schritten in bte Vertiefung bes Vorberkopfes. Zu seinem Schrecken sah er aber, baß ber Schuß den Elephanten Weber zum Stürzen noch zum Stehen brachte; mit rasender Schnelle schoß er auf den Jäger los, und beide kamen in so bedenkliche Nähe, daß die von weitem stehen den Betschuanen in Klagegeschrei ansbrachen, da sie fest glaubten, der Jäger sei tobt. Dieser hatte aber im letzten Augenblicke noch hinter eine Dornhecke schlüpfen können. Wieder ging nun der Elephant mit starken Schritten durch den Wald dahin, obwol aus vielen Wunden blutend, verfolgt von dem Reiter, der Schuß auf Schuß ihm in die Flanken jagte. Noch immer schien das Thier nicht sehr angegriffen, vielmehr beantwortete es jede Salve regelmäßig mit einem Angriff. Der Jäger stieg wieder ab, um ein Ende zu machen, denn die Nacht war nahe, und gab ihm ans beträchtlicher Nähe noch eine Anzahl Kugeln in den Kopf und hinter die Vorderblätter. Noch ein Paar verzweifelte Angriffe des Thieres erfolgten, dann blieb es unter einem Baume stehen, von der Hundemeute wüthend angebellt, und Zeichen seines nahen Endes wurden bemerkbar. Als endlich das majestätische Thier seitwärts umstürzte und seinen letzten Athemzug that, waren die hungrigen Wilden vor Freuden außer sich. In wenigen Minuten hatten sie ein Dutzend Feuer angezündet und einen halbrunden Schutzzaun gegen den Wind errichtet, worauf sie sich dem Schlafe überließen. Die Zerlegung des Elephanten am frühen Morgen gab eine Seene.voll Blut, Lärm und Getümmel, die keine Beschreibung wiederzugeben vermag. Jeder Eingeborene warf seinen Karoß ab und rannte mit geschwungener Assagai herbei, um sich beim Ansschlachten zu betheiligen. In weniger als zwei Stunden war jeder Zoll des Riesenthieres fort und nach den verschie denen Lagerplätzen geschafft. Zuerst wird von der oben liegenden Seite die dicke Haut in breiten Streifen abgeledert. Unter ihr liegen mehrere Schichtei: einer zähen und geschmeidigen Schleimhaut, aus welcher die Eingeborenen Wasserschlänche machen und die ’fie daher sehr in Acht nehmen; dann wird das Fleisch in mächtigen Stücken von den Rippen geschnitten und letztere mit den Streitäxten auSgehauen. Nun sind die Eingeweide blvßgelegt, und die Vormänner der Wilden beginnen lebhaften Antheil an der Sache zu nehmen, denn hier findet sich das meiste Fett des Elephanten; Fett aber ist eine Sache, die dem Afrikaner über Alles geht; es dient ihm ebenso universell als198 Ausschlachtcn des erlegten Elephanten. Schmalz wie als Pommade. Ein erwachsener Elephant liefert eine ungeheure Menge Fett. Um es ganz zu bekommen, muß erst der größere Thcil der Eingeweide entfernt fein; dann steigen mehrere Personen in den Niesenleib hinein, arbeiten init ihren Assagaien alles Fett ab und reichen es ihren Kame raden heraus. Schließlich kommt die andere Seite des Thieres in Arbeit. Die Betschnanen haben bei solchen Gelegenheiten die sehr unliebenswürdige Gewohnheit, sich vom Kopf bis zum Fuß mit dem schwarzen geronnenen Blute einznsalben. Die ganze Arbeit des Ansschlachtens erfolgt unter einem betäu benden Schreien und Schwatzen, Stoßen und Drängen, und der Anblick die ser aufgeregten, blutigen und nackten Wilden mit den blitzenden Assagaien ist ein so ergreifender, daß man jeden Augenblick meint, sie müßten sich theilen und ein Gefecht auf Tod und Leben beginnen. Der Rüssel des Elephanten und die im Kniegelenk abgelösten Beine er fahren als besondere Delikatessen auch eine specielle Behandlung; sie werden alsbald gebacken. Man gräbt für jedes der enorme;, Stücke eine Grube und überbaut sie mit einem mächtigen Hansen dürren Holzes, welches vielleicht derselbe Elephant einige Zeit vorher gefällt hat. Sind die Holzstöße nieder- gebrannt, so werden die Fleischstückc in die heiße Asche gebracht und mit der selben völlig zugedeckt. Obenauf bringt man die zur Seite gezogenen glü henden Kohlen und zündet ein neues Feuer an; nachdem dieses niedergebrannt, ist das ungeheure Schlachtstück bis ins Innere gar geworden; man zieht es heraus, säubert und schält es und treibt einen starken Pfahl als Handhabe hindurch. Rüssel und Füße sind nach dieser Zubereitung selbst für civilisirte Gaumen sehr annehmbar und sollen im Geschmacke den Büffelznngen auffal lend nahe kommen. Aber auch die übrigen ungeheuren Flcischmasscn des Elephanten werden von den Eingeborenen bestens zu Nutze gemacht. Die ganze Masse wird in zwei Finger breite, 6—20 Fuß lange Streifen zer schnitten. Dann werden acht Fuß lange, oben gegabelte Pfähle ansgchanen und in die Erde gepflanzt, Qnerstangen darauf gelegt und diese Gerüste über und -über mit den geschnittenen Fleischstreifen behängen. Sieht man eine solche Trockenanstalt fertig, so erscheint es fast unglaublich, daß diese ganze Masse von einem einzigen Thiere herrühren soll. Nach zwei- bis dreitägigem Hän gen au der Sonne sind die Streifen völlig trocken und starr geworden. Sic werden nun zusammengeknickt und wie. Reisigbündel mit Bast geschnürt. Da mit ist das Waidwerk im Walde beendet; die Wilden bepacken sich Schultern und Köpfe mit ihrer Jagdbeute und kehren nach ihren heimatlichen Hütten zurück, während der Jäger die Krone des Sieges, die Stoßzähne, in Sicher heit bringt. Einmal traf Cumming auf einen wahren Riesenelephantcn und machte ihn auf den ersten Schuß fest; die Kugel 'hatte ihm das Schulterblatt zer schmettert und ihn völlig gelähmt. Der Jäger betrachtete das majestätische Thier eine Weile, ging dann nahe und that mehrere Probeschüsse ans den ungeheuren Kopf, um die verwundbarste Stelle zu ermitteln. Aber zu seinemDas schwarze und das weiße Nashorn. 199 Erstaunen sah er von seinen Schüssen kaum eine Wirkung auf das Thier; dasselbe machte beim Empfang jeder Kugel nur eine gleichsam grüßende Be wegung mit dem Rüssel und fühlte mit der Spitze desselben nach der getroffe nen Stelle. Um die Leiden des armen Thieres nicht ohne Noth zu verlängern, gab ihm der Jäger nunmehr sechs Kugeln hinter das Vordcrblatt und sandte, da diese noch keine besondere Wirkung zeigten, noch drei Scchspfünder, d. h. Kugeln, von denen sechs auf das Pfund gehen, hinterher. Jetzt rannen große Thräuen ans des Thieres Augen, die eS langsam schloß und öffnete; Schauer durchrieselte den Koloß, er siel um und starb. Die Zähne dieses Exemplars wogen nicht weniger als 90 Pfund jeder. Daß Kugeln, in die Stird des Elephanten geschossen, so unbedeutende Wirkungen Hervorbringen, während eine Verwundung an ähnlicher Stelle bei den meisten andern Thieren ge wöhnlich schnellen Tod zur Folge hat, ist in dem eigenthümlichen Schädelban des Elephanten begründet. Zur Stütze für die riesigen Zähne sind die obern Knochenpartien des Kopfes zu solcher Höhe und Stärke entwickelt, daß sie das Gehirn nicht nur außerordentlich schützen, sondern dasselbe auch an einer höher» Stelle vermuthen lassen, als es sich wirklich befindet. Die Kugel schlägt dann blos in den obern Knochen ein und verursacht dem Thiere eine höchst schmerzhafte Erschütterung, ohne cs zu tödten. lieber einen größer» Raum als der Elephant findet sich in Afrika das Rhinozeros verbreitet, das in früheren Zeiten selbst in der Nähe der Kapstadt angetroffen wurde. Die beiden dickhäutigen Vettern lieben sich nicht sonder lich, und obwvl sie sich in der Regel aus dem Wege gehen, so weiß man doch auch von erbitterten Kämpfen zwischen ihnen, bei welchen meist der klei nere und behendere Gegner der Sieger blieb, indem er dem großen tödtliche Stöße in den Unterleib bcibrachtc; ebenso hat man Beispiele von Duellen zwischen Rhinozerossen selbst. Merkwürdiger Weise ist gerade die kleinere Art der Nashörner die bösartigste und streitbarste. Es giebt nämlich in Afrika zweierlei Arten, eine kleinere mit schwärzlicher und eine beträchtlich größere mit weißlicher Haut. Jede derselben wird gewöhnlich wieder in zwei Arten geschieden, die in der Richtung der Hörner (sie besitzen sämmtlich zwei hinter einander stehende) und in der Größe einige Unterschiede zeigen. Livingstone hält dagegen diese Unterschiede für unwesentlich und nur im Alter u. s. w. begründet. Die schwarze und die weiße Art aber weichen in vieler Hinsicht beträchtlich von einander ab. Letztere erreicht zuweilen eine solche Größe, daß sie dem Elephanten wenig nachgiebt; sie nährt sich von Gras, während das schwarze Nashorn sich fast ausschließlich an die dornige Akazie hält, und analog der verschiedenen Natur dieser Nahrungsmittel ist die schwarze Art bösartig, hat ein übelschmeckendes Fleisch und nie eine Unze Fett auf dem Leibe, während die weiße schüchterner ist, ein als vorzüglich geschätzes Fleisck, hat und sehr fett wird. Es ist daher natürlich, daß man dem Thiere dieser guten Eigenschaften halber, und da es vcrhältnißmäßig leicht zu erlegen ist, weil es auch nicht die Schnelligkeit des schwarzen besitzt, fleißig nachstcllt200 Eigenthümlichkeiten des Nashorns. und daß es schon jetzt ziemlich selten geworden ist. Als ein Maßstab seiner Größe und Ergiebigkeit -an Nahrnngsstoff kann es dienen, daß man das Er- trägniß eines weißen Nashorns dem von drei tüchtigen Ochsen gleich zu schätzen pflegt. Das vordere Horn des weißen Rhinozeros erreicht eine Länge von 3 — 4 Fuß, und trotz seiner im Ganzen friedlichen Stimmung kommt es doch zuweilen vor, daß cs diese respektable und sehr scharfe Waffe gegen den Menschen kehrt, wenn es hart verfolgt oder verwundet wird, oder ein Junges zu verthcidigen hat. Diese Erfahrung mußte auch Livingstonc's Reise gefährte Os well machen. Bei einem Jagdzuge ans Elephanten stieß er plötz lich auf ein ungeheures weißes Rhinozeros, ritt ihm ganz nahe auf den Leib und gab ihm eine Kugel, ohne es jedoch tödtlich zu treffen. Zum großen Er staunen des Jägers floh aber das Thier nicht, sondern wendete rasch um und marschirte auf ihn los. Bei diesem Anblicke wurde Oswell's Pferd vor Schreck unlenksam, und während er sich mühte, dasselbe zu wenden, hatte das Rhinozeros den kurzen Zwischenraum durchschritten, senkte den Kopf und stieß dem Pferde sein Horn mit solcher Gewalt in die Rippen, daß es auf der andern Seite noch den Sattel durchdrang und Oswcll die scharfe Spitze am Beine fühlte. Roß und Reiter überschlugen sich in Folge des heftigen Stoßes förmlich in der Luft und kamen mit schwerem Fall zu Bode», wo letzterer das Horn des wüthenden Thieres dicht neben sich erblickte. Dieses schien aber nun seine Rache gekühlt zu haben und trabte davon. Mit Blut überschüttet, arbeitete sich der Jäger, der keine ernstliche Beschädigung erlitten, unter dem todten Pferde hervor, nahm Pferd und Gewehr seines Reitknechts und jagte dem Rhinozeros nach, das er endlich durch einen zweiten Schuß glücklich erlegte. — Schlimmeres erlebte der Jäger noch mit dem schwarzen Rhinozeros. Bei einer Gelegenheit, wo er gerade zu Fuße war, sah er zwei dieser Thicre weiden und kauerte sich hin, um ihr Näherkommen abzu warten. Sie kamen auch bald in Schußweite; da sie ihn aber alsbald er blickten und Front gegen ihn machten, so konnte er nicht zum Schuß kommen, denn eine Kugel ins Gesicht fruchtet bei dem massiven Ban des Schädels, der dicken Kopfhaut und der auffallenden Kleinheit des Gehirns in der Regel nichts; dagegen ist die Sage von der llnverwundbarkeit des Rhinozeros im Allgemeinen, wenigstens bei den afrikanischen Arten, die eine verhältnißmäßig glatte, faltenlose Haut haben, ohne Grund; sie sind vielmehx durch einen Schuß in die Seite, wenn derselbe in 30 — 40 Schritt Nähe gegeben wird, ziemlich sicher zu erlegen, besonders mit harter Kugel und doppelter Pulver ladung. Oswell wußte das Alles sehr wohl, nicht so wohl aber, was er mit den daher stürzenden Thieren beginnen sollte; es war keine Gelegenheit da, sich zu verstecken, und zu feuern wagte er auch nicht; denn erlegte er auch im glücklichsten Falle das eine Thier, so wurde er um so wahrscheinlicher ein Opfer des andern. Da kam ihm der Gedanke, sich das schlechte Gesicht des Rhinozeros zu Nutze zu machen und an den Thieren vorbei und hinter die selben zn schlüpfen. Schon war das vorderste Thier dicht vor ihm, als erEigenthümlichkeiten des Nashorns. 201 aufsprang und dcn Satz nach hinten ausführte. Aber es half ihm nichts: das Thier war schneller als er dachte, und nach wenig Augenblicken hörte er sein entsetzliches Geschnarche bereits dicht hinter sich; in demselben Augenblicke, wo er ihm auf gut Glück eine Kugel in den Kopf schoß, fühlte er sich von dem schrecklichen Horne erfaßt und nicdergeworfen und alle Sinne vergingen ihm. Er wurde von seinen Leuten für todt aufgehoben und es dauerte lange, che er sich des Vorgefallenen wieder entsinnen und sich klar machen konnte, daß er in Hüfte und Seite eine bedeutende Verwundung erhalten, die nur schwierig heilte und ihm Narben für zeitlebens hinterließ. Auch Andersson wurde von einem angeschossenen Rhinozeros jämmerlich zerarbcitet. RaShornjagd. Geruch und Gehör des Nashorns sind vorzüglich, und cs wittert einen Feind aus weiter Ferne, wenn es dcn Wind hat. Sein Gesichtssinn dagegen ist mangelhaft, da cs mit dcn tief im Kopfe liegenden kleinen Augen, denen noch die breiten Hörner im Wege stehen, nicht viel ans einmal übersehen kann. Daher kann eö wol gelingen, sich durch einen Seitensprung ans dem Bereiche eines daherschnaubenden Thieres zn bringen, sofern nur Mittel zur Deckung, zum Verbergen vorhanden sind. Dagegen ist cs eine höchst verzweifelte Sache, auf ganz freiem Platze mit einem Nashorn anzubinden oder von ihm ange griffen zu werden. Das schwarze Nashorn nämlich wartet oft einen Angriff nicht erst ab, sondern stürzt sich ohne Weiteres auf Alles, was ihm anf- odcr mißfällig ist, sei cs Mensch oder Thier oder ein lebloser Gegenstand.202 Rhinozerosjagd. Der Buphago. Wian hat es zuweilen bemerkt, wie es sich unter greulichem Schnarchen und Pusten angelegentlich damit beschäftigt, Büsche und Bäume zu zertrümmern, Holz, Steine u. bgl. umherzuschleudern, den Boven mit seinem Horne auf zureißen u. s. w., und hat daraus schließen wollen, daß es zuweilen förmlichen Wuthanfällen ausgesetzt sei; es ist aber nicht abzusehcn, warum dieses Be tragen nicht in einer bloscn üblen Laune, oder auch, wie Livingstoue vermu- thet, in einer recht rosenfarbenen Laune seinen Grund haben könne, in wel cher es dem starken Thiere beliebt, sich etwas Motion zu machen, wie z. B. der Hund auch nichts weniger als wüthend ist, wenn er mit den, Hinterfüßen die Erde hinter sich schleudert. Den Tag über liegt das Rhinozeros entweder schlafend, oder steht müßig ans irgend einem versteckten/ schattigen Platze. Erst am Abend beginnt es herumzulaufen und durchstreift oft große Reviere. Bon 9 Uhr etwa bis Mitternacht besucht es irgend eine Quelle oder sonst einen Tränkplatz, denn Wasser braucht cs wenigstens in 24 Stunden einmal, sowol zur Tränke, als um sich darin zu schwemmen, oder wenigstens im Schlamme zu wälzen. Bei diesen Wasserplätzen sie aus einem Hinterhalte zu schießen, ist verhältniß- mäßig die leichteste Art, ihrer habhaft zu werden. Außerdem beschleicht mau sie an ihren Ruhe- oder Weideplätzen, und wenn man sich gut unter Wind hält und etwas Deckung da ist, so kann man ohne Schwierigkeit nahe genug kommen, um durch eine gut dirigirte Kugel das Wild auf der Stelle zu er legen. Das Jagen zu Pferde wird nur selten betrieben, denn die Schnellig keit und Ausdauer des schwarzen Rhinozeros ist so groß, daß man ihm schwer mit bcm Pferde beikommt, nicht zu gedenken des Unglücks, das ein bloß verwundetes Thier anrichten kann. Ein schlafendes oder in Gedanken vertieftes Rhinozeros zu beschleichen mißlingt öfter deshalb, weil das Thier einen guten Freund hat, der es von der nahen Gefahr in Kenntnis; setzt. Dieser Freund ist der Bnphago, ein grauer Vogel von der Größe einer Drossel. Solche Vögel sind die beständi gen Begleiter sowol der NaShvrnartcn als des Flußpferdes, denn sie nähren sich von den Zecken und anderem Ungeziefer, das sich auf diesen, wenn auch haarlosen Dickhäutern dennoch festsetzt. Sobald diese stets wachsamen Vögel eine Gefahr merken, stecken sie ihrem Verpfleger die Schnäbel in die Ohren und schreien wie toll; der Schläfer weiß sehr gut, was das sagen will, springt sofort auf die Beine, sieht sich nach allen Seiten um und rennt von dannen. Cumming jagte manches Nashorn zu Pferde Stunden weit und gab ihm manchen Schuß, che es zum Fallen kam. Aber in der Regel blie ben während der ganzen Dauer der Jagd einige Buphagos bei dem Thiere, die sich in seine Haut fcstgeklammert hatten. Wenn eine Kugel einschlug, so flogen sie ein wenig in die Höhe, stießen ihren schrillenden Alarmruf aus und nahmen dann sofort ihre Position wieder ein. Letzteres thateu sie auch, wenn sie ans ihrem Ritte zufällig durch niederhängende Zweige abgcstreift wurden. Wenn der Jäger die Rhinozerosse zur Nachtzeit au der Tränke schoß, soBenutzung der Rhinozeroshörner. 203 gingen die Vögel nicht eher weg, als bis derselbe am andern Morgen sich bei seiner Bente einstellte und sie sich aufs Aeusierste angestrengt hatten, ihren dicken Freund wachzurnfen. — „Eines Tages", erzählt Wahlberg, „sah ich plötzlich den Bnphago auffliegen, und in, Nu stürzte sich auch ein schwarzes Rhi nozeros ans mich. Da ich nnr meine gewöhnliche Flinte bei mir hatte, so ergriff ich eiligst die Flucht. Schon fühlte ich den starken glühenden Athen, des Un- gethnms im Rücken, als ich an einen quer über den Weg liegenden dicken Bann, kam und hinühersprang. Das verdutzte Thier blieb stehen, schnaubte laut, warf den Kopf nach rechts und links, drehte sich dann rasch um und ging davon." Nhinozerosjagh. Die Rhinozeroshörner bestehen ans einer feinen, sehr politnrfähigen Masse und sind als Material zu Griffen, Stielen, Ladestöcken und allerlei andern Artikeln sehr gesucht. In der Kapstadt werden die Hörner mit der Hälfte des gewöhnlichen Elfenbeinpreises bezahlt. Ehedem waren und sind vielleicht hier und da noch jetzt die Trinkbecher ans Rhinozcroshorn hochge schätzt, weil man glaubte, sic litten kein Gift, sondern sprängen in Stücke, sobald sic mit einer giftigen Substanz in Berührung kämen. Auch als in neres Arzneimittel hatte das geschabte Horn großen Ruf. Die Haut des Rhinozeros wird wie die des Flußpferdes zu Reitpeitschen, besonders aber zu jener Folivausgabe der Reitpeitsche benutzt, welche Schambvck heißt, 6 — 7 Fuß lang ist und bei keinem afrikanischen Ochscngeschirr fehlen darf, da sie das wirksamste Ucberrednngsmittel für störrige Ochsen abgicbt.204 Das Flußpferd. Ein gar nicht zu verachtendes Wild ans der Klasse der Dickhäuter ist ferner das Flußpferd (Hippopotamus), von den Kolonisten Seekuh genannt, denn es ist dem Leibe nach nicht viel kleiner als der Elephant und erscheint nur wegen seiner sehr kurzen Beine von geringerer Statur; das Fleisch und der Speck sind äußerst wohlschmeckend, die Haut viel geschmeidiger und halt barer als Rhinozeroshant, und die großen Hauzähne liefern ein sehr geschätztes Elfenbein — um so schlimmer für die Seekuh, denn sie ist von Natur furcht sam und sucht ihr Heil am liebsten in der Flucht ins Wasser, von dem sic sich niemals weit entfernt, und wenn sie auch in diesem ihrem Elemente unter Umständen gefährlich werden kann, so ist sic dagegen zu Lande sehr unbe holfen. Sie findet ihren Rückweg zum Wasser mit Hülfe des Geruchs; wenn daher ein starker Regen fällt, während sie am Ufer grast, so verliert sie die Witterung, bleibt verdutzt stehen und wird in dieser hülflosen Lage leicht von den Eingeborenen mit Sperren erlegt. Zuweilen scheint das Thier sich doch weiter vom Wasser zu entfernen, sei cs nun, daß es sich verirrt oder vielleicht Umzüge in ein anderes Gewässer vornimmt. So begegnete es einmal Andersson, daß in einer Gegend, wo man cs gar nicht vcrmuthet hätte, Plötzlich ein Nilpferd seinen ungeheuren Kopf ins Bivonak hineinsteckte, wahrscheinlich blos um zu sehen, was es da gebe, denn es that keinen Schaden. Ilcbrigens lernt auch das Flußpferd sich den Umständen anbequemen. Wo es Reisfelder, Zuckerplantagen u. s. w. zu plündern gicbt und die Einwohner keine Mittel haben, das Wild abzuhalten oder zn erlegen, ist es dreist und richtet durch seine Gefräßigkeit und durch Zertreten großen Schaden an; anderwärts, wo es mehr gejagt wird, besonders wo das Feuergewehr hinge drungen ist, entwickelt das plumpe Thier ungemein viel Vorsicht und Schlauheit. Die gewöhnliche Nahrung des Flußpferdes sind Gräser, Büsche und Wurzeln, die am Ufer wachsen; es weidet nur bei Nacht und steht oder liegt bei Tage entweder ruhig im Schilf und Wasser, oder schwimmt und plätschert in kleineren oder größeren Herden in demselben herum. Das Schwim men und Tauchen verstehen diese Thiere vortrefflich und können zehn Minuten und länger unter Wasser bleiben, und selbst wenn sie zumAthcmholen auftauchen, sicht man, besonders wenn sie sich nicht ganz sicher wähnen, nur wenig von ihnen, da Angen, Ohren und Nase nach oben gerichtet fast in einer Ebene liegen und sic sich also nur ein Paar Zoll über Wasser zu erheben brau chen, um sehen, hören und athmen zu können. Sie haben in den Flüssen gewisse stille Lieblingsplätzc, wo sie sich gern versammeln. Das beständige Verschwinden und Auftauchen von Köpfen macht es dann unmöglich, über die Zahl einer Herde ins Klare zn kommen. Man sieht bei solchen Ge legenheiten die Jungen auf dem Rücken ihrer Mütter stehen, sodaß immer erst der kleine Kopf vor dem großen anftaucht und nach ihm verschwindet. Bei diesem Zeitvertreib grunzen und schnarchen sie gewaltig und blasen das Wasser nach allen Seiten umher. Zn andern Zeiten stehen sie so regungs los im Wasser, daß man ihre Rücken für Felsblöcke halten mochte. AberDas Flußpferd. 205 obgleich sie sich den'ganzen Tag im Wasser aufhalten/ scheint dies mehr aus Vorsicht als ans besonderer Neigung zu geschehen, denn man hat in abgelegenen, menschenleeren Gegenden bemerkt, daß sie ihre Mußestunden lieber im Schatten der Bäume liegend, im Schilfe oder unter einem Uferabhange versteckt zubringen. Das Flußpferd vom Lande ans in seinem nassen Elemente zu schießen ist mit keinerlei Gefahr verbunden; man hat sich nur ungesehen und geräusch los heranzuschleichen rmd dafür zu sorgen, daß die geschossenen Thiere nicht Da» Flußpferd wirst eine» Kal», um. verloren gehen. - Wird ein schwimmendes Thier auf der Stelle todtgcschosscn, so versinkt es, und es dauert einige Zeit, zuweilen einen halben Tag, bis es wieder zum Vorschein kommt. Nicht immer reicht eine einzelne Kugel hin, dem Flußpferde den Tod zu geben; oft schwimmt es mit schon zerschmetter-. teni Schädel noch wie toll im Kreise herum. Den Hippopotamus im Kahne anzugrcifen ist jedenfalls weit gefährlicher als das Schießen vom Lande aus. Zwar fliehen die Thiere, wenigstens die truppweise beisammenlebenden, regelmäßig bei Annäherung eines Kahnes, und wenn ein solcher zwischen eine Herde geräth und dennoch zuweilen einen Stoß206 Flußpstrdjagde» der sBnjiji. erhält oder umgcworfen wird, sö hat das meistens seinen Grund darin, daß die Thicre geschlafen hatten und nun erschreckt auffahren. Zuweilen mag auch der Stoß daher rühren, daß ein Flußpferd beim Auftauchen aus der Tiefe mit einem Kahn in unfreiwillige und unsanfte Berührung kommt. Um solclwn Begeguissen vorzubeugen, ist es bei Kahnfahrten auf den mit Fluß pferden bevölkerten Strömen Regel, sich bei Tage nahe am Ufer, bei Nacht mitten im Wasser zu halten. Wird aber der Hippopotamus verwundet oder durch Verfolgung gereizt, so kann er freilich fürchterlich werden und zer trümmert nicht blos Kähne, sondern ist im Stande, einen Menschen mitten durchzubeißen. Schon der Anblick seines weit anfgerissenen Rachens voller Hau- und Schneidezähne ist fürchterlich. Das Innere desselben sicht aus wie eine Masse Schlachtfleisch und hat für einen Menschen übrig Raum. Das untere Paar Hauzähne kann eine Länge von zwei Fuß erreichen. Die Bajiji um den Ngamisee, die so zu sagen unter den Flußpferden anfwach- sen und ihnen auch herzhaft den Krieg machen, haben gleichwol eine sehr be gründete Furcht vor denselben. Sie benutzen auf ihren Flußpferdjagden beson ders die schon erwähnten Rohrflößen in so großem Maßstabe, daß 4 — 6 Men- schen und noch ein oder zwei Kähne auf einem derselben Platz haben. Diese Flößen gewähren in Folge ihrer Nachgiebigkeit eine viel größere Sicherheit gegen die Angriffe des Thieres. Die Jagdmethvde besteht in einem Har- pnniren und gleicht in merkwürdiger Weise der Art, wie im hohen Norden der Eskimo dem Seehund und Walroß zu Leibe geht. In das eine Ende eines 10—12 Fuß langen und 3 — 4 Zoll dicken Pfahles ist ein schar fes, mit einem Widerhaken versehenes Lanzeneisen lose eingesetzt und wird durch mehrere znsammengedrehte Schnüre, die einerseits an dem Eisen, anderer seits am Schafte sitzen, an seiner Stelle gehalten. Ist nachher die. Har pune in das Thier eingedrungen und wird die Wurfleine durch daö gegen seitige Ziehen straff, so dehnen sich jene Schnüre ^so weit aus, daß das Eisen aus seiner Hülse im Schafte herausglitscht und jetzt frei an den Schnüren hängt, wodurch sein Sitz im Fleisch um so sicherer wird. An das andere Ende des Schaftes ist eine starke und lange Leine geschlungen, an welcher ein Schwimmer hängt. Die Waffe ist zu schwer, um geworfen werden zu können; sie ist bestimmt, in senkrechter Richtung in den Körper des Thieres gestoßen zu werden'. Ist auf dem Jagdflosse Alles in Bereitschaft gesetzt, so stößt man es vom Ufer ab und überläßt es dem Strome, der die unförm liche Masse sanft und geräuschlos fortführt. Gelangt man in die Nähe eines Lieblingsplatzes der Thiere, so lugen und horchen die Jäger scharf auf, denn oft hört man das Wild, schon ehe es in Sicht kommt, an dem lauten Schnarchen und Grunzen, Blasen und Platschen. Je näher man den Thieren kommt, desto stiller wird es auf dem Floße; jedes Geräusch wird vermieden und die Unterhaltung verwandelt sich in ein, Geflüster. Die geschicktesten und unerschrockensten Jäger stehen mit der Harpune auf der Lauer, die übrigen halten die Kähne bereit, um sie im Fall des Gelingens ins Wasser zu stoßen.Flußpferdjagden bcv SSajiji. 207 Endlich, vielleicht beim Umbiegen nm eine Ecke, kommen mehrere dunkle Gegenstände ans dein Wasserspiegel zum Vorschein, die mehr versunkenen Fel sen als lebenden Wesen gleichen. Bald hier, bald da versinkt eine solche formlose Masse, während andere wieder an die Oberfläche treten. Weiter treibt das Floß mit seiner jetzt aufs Höchste gespannten Mannschaft — end lich schwimmt cs mitten unter der Herde, die keine Gefahr ahnt, denn was sollten die Thiere von einem schwimmenden Grasklumpen zu fürchten haben? Plötzlich kommt ein Flußpferd in un mittelbare Berührung mit der Flöße — der kritische Augen blick ist gekommen! Der nächste Harpnnirer erhebt sich zn vol ler Länge, um seinem Stoße die ganze Kraft zu geb'en, und im nächsten Augenblicke fährt das todbringende Eisen mit nie fehlender Sicherheit dem Thiere in den Leib. Dasselbe beginnt sofort ein wüthendes Umsichschlagen und Untertau chen, aber seine Bemühungen sich loszumachen sind vergeb lich, und selbst wenn der Schaft brechen oder die Leine reißen sollte, wird es das schlimme Eisen mit dem Widerhaken in seinem Körper nicht wieder los. Sobald das Flußpferd getroffen ist, setzen einige Leute einen Kahn ans und eilen mit dern freien Ende der Wurfleinc an das Ufer, nm sie nm einen Baum oder einen andern passenden Gegenstand Bic 5 . [uW{1 . bf(lDc . zu schlingen und so den Gefan genen festzulegen. Im glücklichsten Falle läßt sich derselbe nunmehr gleich her anholen und abschlachten; gewöhnlich aber stemmt er sich viel zn sehr gegen sein Schicksal und ergiebt sich erst, wenn er vor Blutverlust und Ermattung nicht anders kann. Fehlt es an Zeit oder Gelegenheit, die Fangleine am Ufer festznlcgen, so wirft man sie Ins Wasser und läßt das Flußpferd gehen, wohin cs will. Jetzt wirft sich Alles in die Kähne, um Jagd auf daö arme208 Die Flußpferdfalle. Thier zu machen. Es mag untcrtauchen, wie es will, der Schwimmer zeigt stets an, wo es sich befindet, und von Zeit zu Zeit muß es doch heraufkvm- men, um Athem zu schöpfen. Sv oft sein Kopf sichtbar wird, spicken ihn die Jäger mit leichten Wurfspießen; dunkle Blutstrcifcn verrathcn jetzt die Richtung, die es unter Wasser nimmt, und daö gewöhnliche Ende dieses Trauerspiels ist leicht zu ersehen. Nicht selten aber geht das auf den Tod gehetzte wütheude Thier zur Nolle des Angreifers über und stürzt sich auf die Boote, wirft vielleicht eines mit einem gewaltigen Kopfstoße um, zermalmt ein anderes oder gar einen der Jäger mit seinem furchtbaren Gebiß und be weist somit, daß es in der That kein Spaß ist, mit ihm in seinem Elemente anzubinden. Die Eingeborenen in Südafrika haben noch verschiedene Mittel zur Er legung des Flußpferdes ersonnen. Zuweilen fängt es sich in einer Fall grube, aber in der Regel weiß es dieselben zu vermeiden. Wirksamer ist eine bei mehreren Volksstämmen gebräuchliche Falle, wie sie unsere Abbildung zeigt. In ein schweres Holzscheit, dessen Last noch durch angehängte Steine vermehrt wird, ist ein scharfes Lanzcnciscn eingesetzt. Diese Vorrichtung wird 25—30 Fuß über dem Boden an einem Baumast gerade über einem der Pfade aufgehangen, welche das Flußpferd auf seinen nächtlichen Streifereien auszutreten pflegt. Die Leine, an welcher das Fallwerk hängt, ist erst seitwärts hernieder und dann nahe am Boden quer über den Pfad geführt und wird durch Spring- pflöcke dergestalt befestigt, daß sic beim geringsten Anstoß losschnellt, das Fall werk herniedersaust und das Eisen sich tief in den Rücken des Thicrcs be gräbt. Die tödtliche Wirkung ist um so unfehlbarer, da das Eisen in der Regel vergiftet wird. Cnmming gericth einmal ganz unversehens in die Nähe eines solchen Respekt einflvßendcn Instituts, und die zahlreich herumliegenden Knochen zeigten ihm, daß dasselbe nicht umsonst dahing. Gleichwie unter den Elephanten giebt es auch unter den Flußpferden Einsiedler, alte vereinsamte männliche Thiere, die entweder aus dem ge selligen Leben ausgcstoßen sind oder sich freiwillig zurückgezogen haben. Sie halten sich an besonderen Plätzen des Ufers auf, die von den Anwohnern sehr gut gekannt sind, denn nur solche einzelne Thiere sind so bösartig oder übellaunig, daß sie ungereizt angreifen und sich auf jeden Kahn oder auch auf Fußgänger stürzen, die an ihnen vorbeikommen. Geschieht ein solcher Angriff auf ein Boot, so sucht sich die Mannschaft dadurch zu retten, daß sie tief untcrtaucht und einige Sekunden unter Wasser bleibt, den» der Feind hat die Gewohnheit, sich sogleich, nachdem er ein Boot gestürzt oder zertrümmert hat, auf der Wasserfläche nach den Menschen umznsehen, und wenn er keine erblickt, so macht er sich bald davon. Livingstone sah einige Fälle von gräß lichen Bissen in die Beine, welche Leute, die nicht rasch genug im Tauchen waren, von dem bösen Flußpferd erhalten hatten. , Dem riesigen afrikanischen Büffel mit seinen gewaltigen Hörnern kann man schon ohne Weiteres zutrauen, daß es kein Spiel sei, ihm feindlich ent-Dcr afrikanische Büffel. 209 gcgenzutretcn, und in der That bringt die Jagd auf den Büffel und das schwarze Rhinozeros mehr Unfälle mit sich als die auf den Löwen. Dcr Büffel ist zwar nicht sonderlich größer als unser gewöhnlicher Hausochs, besitzt aber einen viel kräftigern Körperbau, der bei seiner bedeutender» Schwere auch von stämmigeren Beinen getragen wird. Die erwähnten Hör ner sind sehr schwer und bilden an dcr Stelle, an welcher sic ans dcr Stirn zusammenstoßen, einen harten Wulst, dcr gleich einem Helme jeden feindlichen Schlag oder Stoß unschädlich macht. Sie messen an dcr Wurzel 8 —10 Zoll in der Breite und erreichen eine Länge von fünf Fuß. Die lang hcrab- hängenden Ohren sind gewöhnlich in Folge häufiger Gefechte oder dcö Durch- Dcr afrikanische Büffel. brechens durch die dicht verwachsenen Akaziendickichte mit langen Dornen arg zerfetzt und mit zahlreichen Narben bedeckt. Die jüngeren Thiere sind dichter- behaart, besonders auch durch eine Mähne längs des Rückens ausgezeichnet, die älteren haben zahlreiche kahle Stellen. Die vorherrschende Färbung ist schwarz. In menschenleeren Gegenden oder solchen, wohin daö Feuergewehr noch nicht gedrungen ist und deren Bewohner keine kühnen Jäger sind, erscheint der Büffel nicht eben bösartig; man kann da die Büffelherden in mehr offenen Gegenden in Gesellschaft von Antilopen, Zebras n. s. w. furcht- und harm los weiden sehen. In der Regel aber ist der Büffel bereits scheu geworden, haust dann im Waldesdickicht, weidet nur bei Nacht und zeigt sich, wenn er Buch der Reisen. II. 14210 Gefahren der Büffeljagd. angegriffen oder verfolgt wird, als ein ebenso schlaues wie bösartiges Thier. So lange er sich vor dem Jäger zurückzieht, weiß er das Fliehen, Haken schlagen und Verstecken so geschickt mit einander zu verbinden, daß mau selten etwas von ihm zu sehen bekommt, obschon er vielleicht nur wenige Schritte seitwärts stm Buschdickicht steht. Zuweilen wird er der augreifende Theil, am sichersten dann, wenn er verwundet worden ist. Das große schwerfällige Thier macht gleichwol einen raschen und fürchterlichen Angriff, entweder offen oder nach Umständen aus einem Hinterhalte, indem er die Kriegslist gebraucht, auf seiner Spur wieder ein Stück zurückzugehen, sich seitwärts zu verstecken und dann seinen Verfolgern in die Flanke zu fallen. Sonach ist die Büffeljagd wenigstens ohne Hunde eine gefährliche Sache. Dies erfuhr auch Cumming, als er einmal einen alten Bullen zu Pferde mit einem Nachreiter hart ver folgte. Das Thier hatte sich bis an den Hals in ein Wasserloch gelegt, den Kopf hinter überhängendes Gras verborgen. Als die Reiter, ihre ganze Auf merksamkeit auf die Spur gerichtet, bis auf wenige Schritte heran waren, sprang es mit einem wüthenden Gebrüll, dem eines Löwen nicht unähnlich, auf die Füße und warf den Nachreiter, Roß und Mann, mit mächtiger Ge walt über den Haufen. Der letztere kam wieder zum Stehen und begann um sein Leben zu rennen, der Büffel hinterdrein; glücklicher Weise aber glitschte derselbe aus und plumpte heftig in den Schlamm, und als er höchst verdrießlich wieder aufstand, erhielt er aus Cumming's Büchse eine wirksame Beruhigungspille. Dem armen Pferde war das Fleisch bis auf den Knochen vom Schenkel losgerissen. Ein ganz ungesuchtes Rencontre mit Büffeln erlebte Livingstone bei sei ner Reise an den Ufern des Zambesi. Er zog mit seiner Begleitung zu Fuße durch dichten Busch- und Baumwald dahin, wobei man, ohne es zu wissen, einigen Büffeln zu nahe kam, die sich von Jägern umstellt glauben mochten und daher um auszubrechen auf die Linie der Fußgänger losstürzteu. Als der Doctor sich umwandte, sah er einen seiner Leute fünf Fuß hoch über einen Büffel in der Luft schweben und das Thier bluttriefend dahinrasen. Der Mann stürzte herunter auf das Gesicht, hatte aber, obwol ihn der Stier we nigstens 20 Schritte weit auf den Hörnern fortgeführt hatte, bevor er ihn in die Luft schleuderte, weder eine Wunde noch einen Knochenbruch und konnte in acht Tagen wieder mit auf die Jagd gehen. Der Wilde hatte, als ihm der Büffel zu nahe kam, sein Gepäck abgeworfen und ihm einen Lanzenstich in die Seite gegeben, denn die dortigen Eingeborenen gehen in dieser Weise dem Thiere herzhaft zu Leibe und bezwingen es auch, sofern sie sich nur vor seinen Angriffen hinter einen Baum zurückziehen können; dies war aber dem Manne mißlungen. Bei einer andern Gelegenheit schossen die Jäger einen schönen großen Büffel aus einer Herde, an die sie sich unbemerkt herangeschlicheu hatten. Er stürzte, und die übrigen sahen sich verwundert um, wo die Gefahr liegen möge, denn die Gegend war ein wahres Büffelparadies; man sah überall14 * Gefahren der Büffeljagd. 211 große Herden bei Tage weiden, ein Beweis, daß sie das größte Naubthier der Schöpfung und seine Waffen noch nicht kennen gelernt hatten. Als die Jäger sich zeigten, führten die Thiere eine sonderbare Scene auf: sie hatten ihren halbtodten Kameraden mit den Hörnern gefaßt, brachten ihn in die Höhe und drängten ihn fliehend eine Strecke mit fort. Es sollte dies aber keineswegs ein Rettungswerk sein. Sowol die Büffel als andere wilde Büffclrachc. Thiere haben die Gewohnheit, euren verwundeten Kameraden entweder zu tödten oder aus der Herde ausznstoßen. Im vorliegenden Falle waren sie eben daran, den Verwundeten mit den Hörnern zu verarbeiten, als der An blick der .Menschen sie in die Flucht trieb. Da nun das Fliehen und Sto ßen in den ersten Augenblicken gleichzeitig vor sich ging, so gewann es ganz den Anschein, als sc! es ans die Rettung des Gefallenen abgesehen.212 Die Giraffe. An den waldigen Ufern des Teoge fand Andersson viele Büffel, und die Eingeborenen hatten vor diesen Thieren eine so große Furcht, daß schon das blose Wort Büffel hinreichte, das ganze Jagdgefolgc in tolle Flucht zu treiben. Einmal begegnete ihm plötzlich eine Herde von mindestens 200 Stück; wie .eilt Orkan raste sie an ihm vorbei, Alles vor sich nicdcrbrcchend und einen Staub aufwühlend, der sie fast unsichtbar machte. Der Jäger that auf gut Glück einen Schuß unter sic und sah eine Kuh fallen. Der Schuß brachte die ganze Herde augenblicklich znm Stehen; einer Mauer gleich hiel ten sie dem Jäger gegenüber und maßen ihn mit finsteren, drohenden Blicken. Dieser nahm einen Baum, etwa 150 Schritte weit von der furchtbaren Pha lanx entfernt, als Deckung, legte sein Gewehr auf einen Zweig und feuerte mit sicherem Visir auf den Leitbullen. Das Einschlagen der Kugel war deut lich zu hören, aber das Thier blieb unbeweglich wie ein Fels. Einer der Eingeborenen hatte inzwischen so viel Mnth gesammelt, daß er sich heran stahl und eine zweite Flinte brachte; Andersson that einen Schuß auf ein zweites Thier, aber mit ebenso wenig Wirkung. Wenigstens sechs Schüsse gab er noch auf die beiden Thiere ab, ohne daß eines derselben oder ein anderes auö der Herde um einen Zoll gewichen wäre. Sic waren wie durch einen Zauber auf die. Stelle gebannt, sämmtlich ihre unheimlichen Blicke fest auf deu Jäger gerichtet. Obwol derselbe Aussicht hatte, sich im Fall eines Angriffs, den er jeden Augenblick erwartete, auf den Baum retten zu können, so war ihm doch bei dem sonderbaren Benehmen der Thiere nicht wohl zn Muthe. Da plötzlich machte die ganze Herde Kehrt, und mit einem abson derlich schrillenden Laut, mit peitschenden Schweifen und zur Erde gesenkten Köpfen rannten sie im rasenden Laufe davon. Auch der Büffel hat, gleich dem Rhinozeros, seinen gefiederten Begleiter und Leibwächter, der ihm das Ungeziefer absncht und durch Aufflicgcu „dro hende Gefahren anzeigt, die er bei seinem schärfern Gesicht viel eher wahr nimmt als der Büffel selbst. Er ist eine von dem Buphago verschiedene Art. Bei jeder Herde befinden sich mehrere dieser Vögel, die sic selbst ans der Flucht nicht verlassen. Weit verbreitet im südlichen Afrika, doch nirgends sehr zahlreich, ist die riesig hohe, schlanke und zierliche Giraffe. Dieses edle, eigentümlich schöne Thier ist ganz dazu gemacht, die dornigen, aber malerischen Wälder von Aka zien zu zieren, welche über die endlosen Ebenen deö Innern zerstreut sind und deren obere junge Triebe ihre hauptsächliche Nahrung bilden. In Gegenden, wo sie von Menschen nicht beunruhigt werden, leben sie gewöhnlich in Trupps von .10 — 20 Stück beisammen, alte und junge, vom zehnfüßigen Füllen bis zu dem alten dunkelkastanienbraunen Leithengst, der alle seine Gefährten über ragt und gewöhnlich bis 18 Fuß hoch wird. Die weiblichen Giraffen sind kleiner und zarter gebaut und erreichen eine Höhe von 16 — 17 Fuß. Die Jagd auf diese sanftmüthigen und etwas neugierigen Thiere ist mit keiner Gefahr verbunden, sofern man sich hütet, ihnen von hinten allzu naheGlraffenjÄgd. 213- zu kominen, denn alsdann erfolgt doch ein Schlag mit dem Hinterfuße, der an Wirkung dem eines Windmühlflügels nicht sehr nachstchcn dürfte. Sonst hat daö Thier feine schlanken Beine nur zum Fliehen, und sein Lauf ist rasch genug, um einem guten Rennpferde vollauf Arbeit zu geben. Eine länger anhaltende Verfolgung regt die Giraffe so auf, daß sie schon nach einer geringen Verwundung oder auch ohne eine solche todt zusamincnstürzt. Eine Herde Giraffen im vollen Laufe zu sehen, wie sie ihre langen Hälse taktmäßig nach vorn und hinten balanciren und mit ihren langen buschigen Schweifen die Luft peitschen, gewährt einen seltsamen, mit nichts zu verglei chenden Anblick. Cnmming erklärt es für einen unbeschreiblichen Hochgenuß, Giraffcnjagd. inmitten einer solchen Herde cinherzujagen. Eines Abends kurz vor Sonnen untergang gewahrte er plötzlich zehn Thiere vom mächtigsten Wüchse in ge ringer Entfernung, wie sie, mit den Köpfen die kleineren Bäume überragend, die Reisenden und die Wagen anschautcn. Es waren die ersten Thiere der Art, die ihm überhaupt zu Gesicht kamen. Eilig bestieg er sein Jagdpferd und ritt auf sic an; sic gingen im leichten Paßschritt von dannen, aber daö Pferd mußte wohl anögrcifcn, um nachznkommen. „Meine Empfindungen bei dieser Gelegenheit", sagt Cnmming, „waren verschieden von Allem, was ich bei den Erlebnissen eines vieljährigen Jägerlebens je gefühlt hatte. Ich war so versunken in das Prachtschauspiel vor mir, daß ich dahinritt wie in214 Antilopenarten, einem Zauber befangen. Der Boden war fest und zum Reiten günstig, und ich gewann den Giraffen immer mehr Terrain ab; endlich kam ich durch ein verstärktes Ansprengen mitten unter sie und ritt die schönste Stute aus der Herde heraus. Diese, sich nun vereinzelt und' hart verfolgt sehend, be schleunigte ihre Flucht und machte Sätze von staunenerregender Länge; das dürre Holz, das sie dabei mit Brust und Hals von den Bäumen abstieß, flog fortwährend umher. Nach einigen Minuten hatte ich sie bis auf etwa fünf Schritte eingeholt und schoß ihr eine Kugel in den Rücken; dann ge wann ich ihr die Seite ab und gab ihr aus großer Nähe einen zweiten Schuß hinter das Vorderblatt, aber die Schüsse schienen nur wenig Wirkung zu haben. Nun stellte ich mich ihr direkt entgegen, worauf sie in Schritt fiel und ich abstieg und eiligst beide Läufe mit doppelter Ladung versah; aber ehe ich fertig wurde, war sie schon wieder im Trabe davongegangen. Nach kurzer Zeit brachte ich sie in einem trockenen Wasserlauf wieder zum Stehen und feuerte nach der Stelle, wo ich das Herz vermuthete, worauf sie wieder davonlief. In der weitern Verfolgung hätte ich sie beinahe ver loren, denn sie hatte eine plötzliche Wendung gemacht und war zwischen den Bäumen ganz außer Sicht gekommen. Noch einmal brachte ich sie zum Stehen, stieg ab und schaute mit Bewunderung das herrliche Thier an, das mit seinem sanften, dunklen, seidenbewimperten Auge wie um Gnade flehend ans mich niedersah. DaS arme Thier dauerte mich wirklich, aber die Jagd leidenschaft behielt die Oberhand, und mit nach dem Himmel gerichtetem Rohre sandte ich ihr eine Kugel durch den Hals. Jetzt bäumte sie sich auf den Hinterbeinen hoch empor und schlug hintenüber mit einer Wucht, daß der Boden zitierte; ein dunkler dicker Blutstrom schoß aus der Wunde; die ko lossalen Glieder schauerten einen Moment, dann war es aus mit ihr." Das Fleisch der Giraffe ist gut zu essen, wenn sie gut genährt und fett ist; außerdem ist es vor Härte und Zähigkeit kaum zu gebrauchen. Die Knochen enthalten viel Mark, das von den Eingeborenen meistens gleich roh als Delikatesse genossen, in zweckmäßiger Zubereitung aber auch von knltivir- ten Gutschmeckern hochgeschätzt wird. Einen reichen Beitrag zu der Fülle des Thierlebens in Südafrika lie fern die dem Antilopengeschlecht ungehörigen Thiere. Es finden sich daselbst mehr als 30 Arten, die an Größe, Form, Farbe und Lebensweise sehr von einander abweichen. Von den stattlichen Gestalten der Elennantilope und des Orhx, die an Körpergröße dem Pferde oder Esel gleichkommen, bis zu dem niedlichen Klippspringer herab finden sich alle möglichen Größen- und Form verhältnisse. Einige Arten stehen dem Ziegengeschlechte nahe, andere dem Reh; einige haben etwas vom Pferde, Rinde oder wilden Schafe; das bekannte, sonderbar aussehende Gun trägt eine Büffelmaske. .Auch die Häufigkeit ihres Vorkommens ist so verschieden als möglich; während einzelne Arten fast überall und oft in großer Menge zu finden sind, leben andere, z. B. die präch tige schwarz und weiße Zobelantilope, so verborgen und vereinzelt, daß derDie Elennantilope. 215 Jäger es für einen besonder« Glücksfall ansieht, ftnem solchen Thiere zu be-- gegnen, und gern ein Paar Tage an seine Verfolgung setzt. Die Kapkolonisten haben einzelnen Antilopenarten, von geringen Aehn- lichkeiten geleitet, europäische Namen beigelegt, und so findet man die Namen Steinbock, Rehbock, Hirsch, Gemsbock u. s. w. in Verbindung mit Thieren wieder, die nichts weniger als alles Dieses sind. Gewisse Arten dieser Thiere halten sich gern im Wald und Busch, andere am Wasser, andere lieber auf weiten grasigen Ebenen oder in felsigen Einöden auf, und selbst die wasser lose Wüste beherbergt mehr Antilopen, als man erwarten sollte. Elenn, Oryx, Kudu und einige andere Arten können sich Monate lang ohne Wasser in gutem Stande erhalten, und man würde sehr irren, wenn man aus der Anwesen- Äuh- und Elemiantilopen. heit dieser Thiere ans die Nähe von Wasser schließen wollte, wie man dies z. B. beim Elephantcn, Rhinozeros Büffel, Gnu, Giraffe mit Sicherheit thun kann, wenn man den Begriff Nähe nicht zu eng nimmt. Die wenige Feuchtigkeit in den Gräsern der Wüste, so lange sie noch frisch sind, und der Saft.der Knollen, welche die Thiere mit ihren scharfen Hufen aus dem Bo den scharren, scheinen den Antilopen für gewöhnliche Zeiten das Wasser entbehrlich zu machen, während sie bei großer Dürre allerdings auch in Noth gerathen. Die stattlichste Antilopenart ist die Elennantilope, denn sie hat die Größe eines Rindes von mittlerem Schlage; auch wird ihr Fleisch gleich dem Rindsieische oder noch höher geschätzt. Ihr Körperbau ist mehr schwer-216 Der Ott-r. Die Kudiiantilüpc. fällig als zierlich, und da sie in der Regel auch sehr fett wird, so ist sic kein schnelles Thier und eine vcrhältnißmäßig leichte Jagdbeute, besonders für einen Jäger zu Pferde, denn sic hat mit den meisten andern Antilopen das ge mein, das; sie trotz empfangener tödtlicher Schüsse oft noch lange lebt und weite Strecken zurücklegt. Die Buschmänner Hetzen sic durch bloscö Laufen nieder. Es ist unter solchen Umständen natürlich, das; diese Art in bewohn teren Gegenden selten ist und daS Leben in den Einöden verzieht, wo Her den von 10 —100 Stück angctroffen werden. Eine andere schöne und merkwürdige Antilopcnspccies ist der Oryx (siche S. 225), der Gemsbock der holländischen Ansiedler. Er besitzt manche Eigenthümlichkcit, die ihn vor andern Antilopen auSzcichnct. Vom Pferde hat er die Mähne und den buschigen Schweif, vom Esel Größe und Farbe, Kopf und Beine sind antilopcnartig. Das Auffälligste an ihm sind die drei Fuß langen, fast ganz geraden schwarzen Hörner, welche sich von der Seite ge sehen zuweilen so vollkommen decken, daß man ein einziges zu sehen glaubt. Im östlichen Theilc Südafrika's soll der Oryx gar nicht gefunden wer den und nur die Mitte und die Westseite bewohnen. In dem Gebiete der Kapkolonic war er früher ein gewöhnliches Wild, hat sich aber vor den Ver folgungen der Menschen längst zurückgezogen gleich dem Elephanten, Büffel und andern verständigen Thicrcn; nur die bornirtcste Antilope und der dümmste Vogel, Gnu und Strauß, verharren in ihren alten Wohnplätzcn. Obgleich ziemlich stämmig und vierschrötig gebaut, ist die Haltung des Gemsbockes eine noble und die Schnelligkeit seines Laufes eine solche, wie sie ihm kaum zugctrant werden sollte. Er gilt geradezu als der schnellste und ausdauerndste unter allen größer» Vierfüßlern Afrika's; seine Gcschwindig feit gießt der des Pferdes wenig nach, und nur durch die beharrlichste Ver folgnng ans einem tüchtigen Renner kann er endlich nicdergcrittcn werden. Mit der gewöhnlichen Pürschjagd, die bei andern Antilopenartcn meistens gut angewandt ist, läßt sich dem im hohen Grade scheuen und wachsamen Oryx gar nicht beikommen, sagt Cnmming, wogegen Andersson die Jagd zu Fuße fast vorzieht, der seiner Angabe nach eine große Menge dieser Thicrc auf der Pürschjagd erlegt hat. Jedenfalls findet dieser Widerspruch seine Lö sung in der allgemeinen Wahrnehmung, das; ein und dieselbe Art von Wild eine verschiedene Lebensweise führt, je nachdem cs der Verfolgung von Seiten 'dcö Menschen mehr oder weniger ansgcsctzt ist. Wunderbar ist cö, wie die ses Thier trotz seines. Aufenthaltes in den traurigsten Einöden, wo anschei nend kanm"cinc Heuschrecke zu leben finden sollte, doch so wohl- gedeiht und in gewissen Jahreszeiten selbst so fett wird, daß es sich dann um Vieles leichter jagen läßt. Das Fleisch wird fast ebenso hoch geschätzt als das der Elennantilope. Obgleich der Gemsbock vielleicht nie einen Menschen angegriffen hat, so weiß er doch von seinen mächtigen Hörnern einen wirksamen Gebrauch zu machen und führt nicht allein nach hinten, sondern auch, was weniger er-Die Kiiducmtilope. 217 wartet werden sollte, nach vorn so mächtige Stöße auö, daß selbst der Löwe sich ihnen nicht auszusctzen wagt und ihn nur aus dem Hinterhalte anfällt. Wird der Gemsbock mit Hunden in die Enge getrieben, so steckt er den Kopf so tief zwischen die Beine, daß die Spitzen der Hörner fast den Boden be rühren, und wenn ein Hund cö wagt, ihn von vorn anzngrcifcn, so bezahlt er seine Kühnheit gewöhnlich mit dem Leben: er wird anfgcschlitzt oder in die Luft geschlendert. Jung läßt sich der Oryx leicht zähmen, zeigt sich aber zu weilen boshaft und falsch. Eines der schönsten Thiere der afrikanischen Wildnis; ist unstreitig die Kuduantilopc. Sic vereinigt mit der Größe und Stärke der vorigen ein ungemein graziöses und nobles Ansehen. Das Männchen trägt den schön geformten Kopf mit den zierlich gewundenen, drei Fuß und darüber langen Hörnern stolz aufrecht gleich dem Edelhirsch. Man sieht dieses schöne Thier seltener als an dere Antilopen, denn cs führt ein mehr zurückge zogenes Leben, hält sich gern an steinigen, buschi gen Berglehnen ans, und -nur in unbewohnten Ge genden oder am frühen Morgen zeigt cs sich an offenen Plätzen, an Waldrändern, an den Ufern von Flüssen und Weihern. Sein Gang ist graziös und sein Lauf, wenn cs verfolgt wird, ungemein schnell. ES macht erstaunliche Sätze über Büsche, Steine und andere Hindernisse. Zn Pferde ist das Kudu nicht schwer zu erjagen, dafern es ans günstigem Terrain be troffen wird, waö aber eben nicht oft der Fall ist. Dasselbe zu Fuß in sei- ncn Schlupfwinkeln anfzusnchen und zu beschleichen, erfordert natürlich viel mehr Umsicht und Ausdauer, denn das Thier ist äußerst wachsam und durch sein vorzügliches Gehör befähigt, selbst daS kleinste verdächtige Geräusch schon von weitem wahrznnehmen. Die Buschmänner wissen auch ohne Feuergewehr und Pferde dieser und andern flüchtigen Antilopen beizukommen, indem sic dieselben im Treibjagen erlegen. Zwar können sie es in der Schnelligkeit des Laufes nicht mit dem Kuduantilopc.218 Das Gnu. Wilde aufnehmen, aber sie folgen seiner Spur so lange, bis es vor Er schöpfung nicht weiter kann. Die Jäger lösen einander ab, indem andere die Spitze nehmen, wenn die ersten ermüdet sind. Weiber und Kinder, schleppen Wasser nach. Zuweilen wird der Zweck im Laufe weniger Stunden erreicht, ein andermal dauert das Jagdtreiben einen ganzen Tag und selbst noch- länger. Alles kommt auf die Beschaffenheit des Terrains an. Ist dasselbe steinig und felsig, so hat der Mensch einen großen Vortheil über das Thier, das unter solchen Umständen bald hufwund wird, sich dann und wann zum Ausruheu niederlegt und endlich so abgetrieben ist, daß es nicht mehr auf- stehen kann. Auch diese Antilope, wenn sie von guter Leibesbeschaffenheit ist, liefert ein gutes Fleisch und delikates Mark. Geschätzter noch ist ihre Haut, die ziemlich dünn, aber äußerst zähe und geschmeidig ist und der Abnutzung besser widersteht, als irgend ein anderes Leder. Sie dient vorzüglich zu Schuhwcrk, Pferdegeschirr, Schnallriemen und andern Zwecken, wo es auf besondere Halt barkeit ankommt. Gute, nach Landesart zngerichtetc Kuduhäute sind daher ein stets gesuchter Artikel und werden das Stück mit 7—10 Thalern bezahlt. Ein sonderbares Mittelding zwischen dem Antilopen- und Büffelgeschlecht ist das Gnu, von den Kapleutcn Wildbcest oder wilder Ochse genannt. Das gewöhnliche schwarze Gnu — denn es giebt noch zwei andere seltenere Arten — ist eine der alltäglichsten Erscheinungen in den Ebenen des afrikanischen Südens, und wo immer eine'Landschaft mit Antilopen, Zebras, Straußen u. s. w. bevölkert ist, da fehlt cs sicher auch an Gnus nicht, die sich ge wöhnlich in Herden von 20 — 50 Stück Zusammenhalten. Das ausfallende Aeußere dieses Thieres verräth einen wilden und störrischen Charakter; ob- wol seine Größe nicht eben bedeutend ist, so geben ihm doch die hohen Vor derbeine, die grobe struppige Mähne, die Haarbüschel auf der Brust und im Gesicht, der Büsfelkopf mit den drohenden Hörnern und wildblickeuden Augen ein frappantes, selbst furchtbares Ansehen. Jndeß so furchtbar ist das Gnu in der Wirklichkeit nicht, denn wenn es auch, durch Verwundung gereizt, zu weilen stößig wird und seinen Gegner mit den Hörnern und Vorderfüßen angreift, so hat es dies mit mancher sanfter» Antilopenart gemein. Das Gnu hat mehr eine Bocksnatur; es capricirt sich darauf zu bleiben, wo es ist, will weder dem Jäger noch dem Ansiedler weichen und hält sich selbst in der Kapkolonie noch immer. Betritt ein Jäger einen Platz, wo Gnus weiden, so fangen die Thiere alsbald an, in endlosen Kreisen und Verschlingun gen, in den wunderlichsten Sätzen und Capriolen um ihn her zu springen und zu rennen; während er vielleicht scharf auf eine Herde cinreitet, um zum Schuß zu kommen, stürzen links und rechts andere Herden an ihm vorüber und nehmen, nachdem sie eine Anzahl Kreise geschlagen haben, genau dieselben Plätze ein, die er eben erst durchritten hatte. Einzeln oder in kleinen Trupps von vier oder fünf Stück über die Ebene vertheilt kann man alte Gnustiere halbe Tage lang ans einem Flecke219 Jagd auf das Gnu. stehen sehen, wie sie in stoischer Ruhe die Bewegungen des andern Wildes betrachten. Dabei lassen sie ein fortwährendes lautes Grunzen und dazwischen einen cigenthümlichen kurzen und scharfen Laut vernehmen. Nähert sich ein Jäger diesen Veteranen, so beginnen sie mit ihren langen weißen Schwän zen ein tolles Peitschenkonzcrt, springen hoch in die Luft, bäumen sich und bocken und rennen wie besessen hinter einander im Kreise herum. Oft ge- rathen hierbei zwei Bullen in Kampf, den sie mit solcher Wuth führen, daß bei jedem Stoße beide Gegner in die Knie sinken. Plötzlich macht dann die ganze Gesellschaft Kehrt, schlägt mit den Hinterbeinen aus, wirbelt mit den Schwänzen und jagt in einer Staubwolke über die Ebene hin. Jagd der Buschmänner auf das Gnu. Die Jagd auf das Gnu ist ein Lieblingsvcrgnügen der Kapkolouisten. In einem Kesseltreiben werden ihrer oft viele erlegt; auch lassen sic sich durch eine rothe Fahne auf Schußweite heranlocken, da sie gleich dem wirk lichen Rindvieh alles Rothe nicht leiden mögen und gleich darauf losgeheu. Ihr Fleisch ist sehr gut, besonders das der jüngeren Thiere; die Haut giebt gute Riemen u. dgl., und selbst der lange seidenartige Schweif ist Handels artikel. Bei jedem Kolonistenhause sieht man in der Regel die gehörnten Schädel von Gnus und Springböcken als Trophäen erfolgreicher Jagden aufgethttrmt.220 Dcr Spnngbock. Der Buschmann weiß sich auch ohne Feuergewehr einen Gnubraten zu verschaffen. Er verkleidet sich so gut als cs gehen will in einen Strauß, das Thier, welches dem Gnu eine alltägliche Erscheinung ist, nicht geeignet, sein Mißtrauen zu erregen. Da dcr Wilde in dcr Thal die Gangarten und das ganze Benehmen des Straußes getreu nachzuahmen versteht und das Gnu übrigens dumm genug ist, so gelingt die Täuschung in dcr Regel, und der Schutze vermag sich nahe genug heranzuspielen, daß er sich seiner Beute durch einen Schuß mit einem vergifteten Pfeile versichern kann. Ucbrigens mag es dem Gnu zu einiger Entschuldigung dienen, daß sogar dcr Strauß selbst sich durch solche nachgemachte Strauße berücken läßt. Gewisse Antilopen sind nicht sowol durch imponirende Körpergröße, als vielmehr durch die Zierlichkeit ihrer Erscheinung, durch schöne Färbung oder durch die erstaunliche Menge interessant, in welcher sic auftrctcn. Ausge zeichnet in dieser verschiedenen Hinsicht ist vor allen der Springbock, ein reizendes Thier, das dcr berühmten Gazelle des afrikanischen Nordens nahe verwandt ist, mit zimmetbrauner Färbung und. vielen schneeweißen Flecken und Streifen. Diese harmlosen Thiere sind über einen großen Theil des süd afrikanischen Flachlandes verbreitet; sie finden sich selbst innerhalb dcr Ko lonie, ans den wüsten Ebenen dcr Ostscite, noch in großen Herden; ihr Hauptquartier aber ist die große Kalahariwüste. Sic sind ein beliebtes Wild, das aber trotz seiner oft großen Menge nicht gerade leicht zu schießen ist, denn die Thiere sind scheu, wachsam und behend und wissen sich gut außer Schußweite zu halten. Man schießt sie daher am bequemsten.aus Hinter halten. Werden sic verfolgt, besonders mit Hunden, so zeigen sie, daß sic ihren Namen mit vollem Rechte verdienen, denn sic vollführen ihre Flucht in den ersten Momenten in unglaublichen Bogcnsätzen bis zu 12 Fuß Höhe und 15 Fuß Weite; mit gekrümmtem Rücken scheinen sic für Augen blicke wirklich in dcr Luft zu hängen, bis sic mit allen Vieren gleichzeitig wie -dcr den Boden berühren. Das flatternde schneeweiße Haar längs der Seiten und des Rückens giebt ihnen bei ihrem Fluge durch die Luft ein fast fccn- artiges Ansehen. Sind sie so, ohne sich anscheinend im mindesten anzn- strengcn, einige Hundert Schritte gleich Gnmmibällcn hinwcggeschncllt, so fallen sic in einen leichten Trab, krümmen den Rücken zierlich in die Hohe und führen die Nase gleich Spürhunden an dem Boden hin. Plötzlich fahren sie wieder in die Höhe und sehen sich mit langen Hälsen nach dem Gegenstände um, dcr sie in die Flucht trieb. Kommen sic an eine Straße oder einen Weg, auf dem kürzlich Menschen gegangen sind, so wittern sic dies sofort und legen ihre Scheu dadurch an den Tag, das; sie alle, und wären cs Tau sende, mit einem einzigen Satze hinübcrspringen, ein Schauspiel so schon und reizend, wie es sich die Einbildung kaum ansmalen könnte. Dieselben unbändigen Sätze vollführt dcr Springbock, wenn er ein Ranbthier in dcr Nähe wittert. So überraschend aber auch die Menge dieser Thiere in ihren heimatlichen Ebenen zuweilen sein kann, wo vielleicht eine ganze Landschaft von lauterDer Springlwck. 221 Springböckcu ziemlich weis; erscheint, unterbrochen von schwarzen Flecken, welche von dazwischen verstreuten Gnuherdeu gebildet werden, so wächst doch ihre Menge geradezu ins Unglaubliche, wenn sic ans einer ihrer gewöhn lichen größeren Wanderungen begriffen sind. Es dürfte kaum ein zweites Beispiel geben, daß Vierfüßler sich in solcher Unzahl beisammen finden; nur mit einem Heuschreckenschwarmc läßt sich ein Zug der Springböcke vergleichen, und gleich diesem vertilgen sie ans ihrem Wege jede Spur von Gras und Kraut und Strauch, und wehe der Ansiedlnng, über die sic sich ergießen — eine Nacht reicht hin, um den Farmer aller Früchte seines Fleißes zu berauben. Cumming sah die ersten Springbockherdeu im Osten der Kolonie, jenscit ColeSbcrg. Dort nimmt man an, daß die Thiere ihre Wanderungen dergc- Springböcke. statt einzurichten pflegen, daß sie, ein ungeheures Oval oder Viereck beschrei bend, schließlich, nach einem halben bis ganzen Jahre, wieder in die Gegend zurückgelangen, aus der sic hergekommen. Hieraus könnte man schließen, daß Nahrungsmangel in der Heimat die Triebfeder zur Auswanderung ge wesen sei; Livingstonc sah aber Springbockherdeu aus der Kalahariwüstc kommen und in das Koloniegebiet eindringen zu Zeiten, wo das Gras in der Wüste am üppigsten stand, und zwar sind diese Besuche keine außerge wöhnlichen, sondern regelmäßige. Hier also hätte nicht Mangel an Futter oder Wasser, denn diese Antilope bedarf desselben kaum, die Thiere zum Orts wechsel vermocht, sondern gerade das Gegcuthcil, der üppige Graswuchs hätte sic vertrieben; sic wollen sich lieber in Ebenen mit kurzem Graswuchsc auf-222 Der Bläßbock. Die Kuhantilope. Das Zebra. Das Quagga. halten, wo sie gegen Raubthiere besser auf der Hut sein können. Da jedoch diese mageren Plätze bald abgeweidet sind und der Ankömmlinge immer mehr werden, so müssen sie nothgedrungen immer weiter vorwärts und gelangen so an den großen Orangeflnß, schwimmen hindurch und fallen zu vielen Tan senden in die Kolonie ein, wo sie dem Schafzüchter die Weide, dem Acker bauer die Felder jämmerlich kahl fressen und großentheils zur Vergeltung wieder gegessen werden, denn die Jagd ans diese ungebetenen Gäste wird eifrig betrieben; andere Tausende kommen um ans Mangel an Nahrung oder zerstreuen sich in dem großen und weiten Lande, und cs ist hier noch frag lich, ob überhaupt einige dieser Thiere den Rückweg in ihre Heimat finden, denn noch nie soll eine zurückkehrende Herde gesehen worden sein. Die Ba- kalaharimänner wenden die Vorliebe des Springbocks für freies, offenes Terrain zu ihrem Nutzen, indein sie von großen Flächen das Gras wegbren- nen. Nicht allein der nachher aufschießende junge Graswuchs lockt die Thiere an, sondern anch schon die'kahlen Stellen, in denen sie jederzeit ihre Heer straße nehmen. Aehnlich dein Springbock in der Lebensweise, aber beträchtlich größer und von wundervoller Schönheit mtd Grazie ist der Bläßbock. Er lebt auf einem beschränktcrn Terrain als jener und kommt nur in den südöstlich ge legenen Einöden vor, wo er in Gesellschaft mit Springböcken und Gnus die Landschaft oft in erstaunlich reichem Maße belebt. Die Farbe seines Vorder körpers ist ein reizendes Gemisch von Purpur, VMctt und Braun in jeder Schattirnng; Bauch und Hinterkörper sind vom reinsten Weiß, und ein brei ter weißer Streif lauft über die ganze Länge des Gesichts. Der Bläßbock ist noch wachsamer und schwerer zu jagen als der Springbock. Während eine Herde dieser letzteren beim Herannahen einer Gefahr nach allen Richtungen ans einander stiebt, dann bald wieder, wie im Bewußtsein ihrer ungeheuren Schnelligkeit, sich sorglos herumtreibt, nimmt die Bläßbockherdc unfehlbar ihre Flucht geradlinig dem Winde entgegen; alle andern Herden, so viel ihrer bas Beispiel sehen, schließen sich an, der Alarm pflanzt sich mit dem Winde stun denweit zu andern Herden fort, die nun ebenfalls nachrücken, und so bedeckt sich endlich die Gegend mit einem wahren Strome dahcrjagcnder Antilopen, dessen Enden unabsehbar, dessen Breite vielleicht 500 — 1000 Schritte be trägt und der manchmal eine Stunde und länger dauert. Zu den häufiger vorkommenden und vom fremden wie vom eingeborenen Jäger gern gesehenen Arten gehört anch die Kuhantilope, eine Rehgestalt mit Kuhhörnern, von den Kapkolonistcn Hartbeest genannt. Wir begnügen uns, sie hier nebst vielen ihrer Verwandten nur flüchtig zu erwähnen, ebenso wie die afrikanischen „wilden Pferde", das Zebra nämlich und das Quagga. Beide schöne flüchtige Thiere gehören in Südafrika keineswegs zu den seltenen; zu mal das Zebra erscheint in kleinen Herden oft in Gesellschaft von Gnus, Straußen n. s. w.; aber außer dem Buschmann und dem Löwen dürfte sie Niemand leicht zum Jagdwild rechnen, denn ihr Fleisch ist übelriechend, vonDcr Strauß. Jagd desselben. 223 unangenehm öligem Geschmack, und es gehört ein starker Hunger dazu, um mit Hülfe von vielem Salz und Pfeffer einige Zebraschuitte zu bezwingen. Eine charakteristische, nicht zu übergehende Figur in der afrikanischen Thierwelt bildet der altberühmte „Vogel Strauß", dieses merkwürdige Mittel ding zwischen Vogel und Säugethier, der sich selbst mehr zur letztem Klasse zu rechnen scheint, indem er sich nie mit andern Vögeln abgiebt, wohl aber häufig in Gesellschaft von Zebras, Gnus, Antilopen u. s. w. angetroffen wird. In der That erinnern manche Eigenthümlichkeiten dieses Thieres, seine gespaltenen Hufe, seine löwenmäßige Stimme u. s. w. so sehr an ein großes Säugethier, daß der Name Kameelvogel, den ihm schon die Völker des Alter thums beilegten, gar nicht unpassend erscheint. Auch darin hat die alte Sage Recht, daß die Geistesgaben des Straußes nicht die glänzendsten sind; indeß so dumm ist er nicht, seine Rettung vor Verfolgern darin zu suchen, daß er seinen Kopf in einen Busch steckte; seine scharfe Wachsamkeit und sein schnel ler Lauf sind viel wirksamere Mittel, ihn außer Gefahr zu bringen. In einzelnen Familien oder größeren Truppen bis zu 50 Stück sieht man den Strauß seiner Nahrung nachgehen, die ans allerlei Schoten, Knol len, Melonen, Gesäme und Gräsern besteht. Stets wählt er dazu solche Stellen, wo er eine freie Umsicht hat und alles Verdächtige schon von wei tem erspähen kann. Flieht er, so folgt alles in Sicht befindliche andere Wild seinem Beispiel. Seine Schritte verlängern sich ans der Flucht bis zu 14, 15 Fuß und folgen sich so schnell, daß man sie ebenso wenig zählen kann wie die Speichen einer vorbeirvllenden Kutsche. Unter solchen Umständen ist es selbst mit dem besten Pferde in dcr Regel unthunlich, den Strauß zu er jagen. Auch die Araber im Norden Asrika's mit ihren guten Pferden unter nehmen dies nicht, sondern reiten gemächlich hinterdrein und halten den Vogel so lange in Bewegung, bis er erschöpft ist, was freilich oft erst nach einem tagelangcn Ritt der Fall ist. Nur gegen den Anfang dcr Regenzeit, wenn die Luft so unerträglich heiß und schwül ist, daß dcr 7—8 Fuß hohe Vogel riese bewegungslos ans seinem Blachfelde steht, die Flügel ausgebreitet und den Schnabel weit aufgesperrt haltend, ist cs möglich, ihn durch eine kurze Hetze bis zum ohnmächtigen Stillstand zu bringen. Ein Schlag ans den Kopf mit einem Stock oder Schambock genügt dann, ihm den Nest zu geben. Freilich kommt es bei solchen Gelegenheiten auch vor, daß das Pferd eher vor Erschöpfung niederstürzt als der Strauß. Eine Anzahl Reiter, sofern es ihnen gelingt, die Strauße von weitem zn umzingeln und nach und nach in die Enge zu treiben, haben natürlich mehr Aussicht ans Erfolg und auf ein Jagdvergnügen, denn um des Nutzens willen, der lediglich in den Schmuck federn liegt, werden solche Straußjagden schwerlich unternommen. Diese In dustrie fällt den Eingeborenen, den Buschmännern und Bakalahari anheim; sie treiben die Jagd in ihrem eigenen Style, und daß sie alljährlich nicht we nig Strauße erlegen, beweist die Quantität Federn, die auf den Markt kom men. Den kleinen vergifteten Pfeilen des Buschmanns hat die vornehme224 Stranßjagd. Welt den größten Theil dieses Luxusartikels zu verdanken. Ucbrigens haben die Eingeborenen allerlei Mittel, sich des Straußes zu bemächtigen; man legt ihm z. B. Schlingen, in denen er sich mit dem Halse oder Beine fängt; man hetzt ihn selbst zu Fuße, wie Andcrsson namentlich am Ngamisee sah. Dort pflegten die Buschmänner einen Trupp Strauße plötzlich zu umringen, sie durch Schreien bestürzt zu machen und daun ins Wasser zn treiben, wo sie ohne Muhe erlegt werden konnten. Der Strauß nimmt seine Flucht gern gegen den Wind und weicht von der einmal angenommenen Richtung nie ab, sondern vergrößert, wenn er hart verfolgt wird, nur die Schnelligkeit sei nes Laufes. Sieht er in der Ferne einen Wagen gegen den Wind fahren, so bildet er. sich ein, daß man ihn umzingeln wolle, und rennt nun ebenfalls gegen den Wind, um an dem Fuhrwerk vorbeizukommen, dem er damit oft so nahe kommt, daß ein Schuß angebracht werden kann. Diese eigenthüm- liche Marotte machen sich die Eingeborenen ebenfalls zu Nutze. Wenn sich die Strauße in einer an beiden Seiten offenen Thalmnlde befinden, so fan gen eine Anzahl Menschen an zu laufen, als wollten sie' ihnen den Ausgang dort abschneiden, wo der Wind hereinkommt. Der Strauß überlegt nun nicht, daß ihm nach jeder andern Richtung die Welt offen steht; er will schlechterdings an den Leuten vorbei kommen, und da widerfährt es ihm denn freilich nicht selten, daß er bei dem Versuche gespießt wird. Der einzelne Buschmann kriecht vielleicht eine halbe Stunde weit auf dem Bauche■ und kommt damit den Straußen trotz ihrer Wachsamkeit nahe genug, um seinen Schuß anbringen zu können. Findet er ein Nest, daS die Alten zeitweilig verlassen haben, so trägt er die Eier in Sicherheit und legt sich selbst im Neste auf die Lauer; gewöhnlich gelingt es ihm so, von den zurückkehrendcn Alten sich eines oder auch beide durch einen Pfeilschuß zu sichern. Der Strauß kann nicht ohne Wasser bestehen, wenn er auch wahrschein lich lange Durst zu ertragen vermag. Wo er es haben kann, geht er täglich einmal an einen Quell oder Weiher zur Tränke. An solchen Plätzen ver stecken sich dann die Jäger gern und lauern ihre Beute ab, und der Erfolg ist hier ein verhäktnißmäßig leichter, denn die arnien Thicrc vergessen im Drange, ihren Durst zn stillen, einen guten Theil ihrer gewöhnlichen Vor sicht und nehmen es nicht so genau, wenn auch nicht Astes ganz geheuer sein sollte. Das geistreichste Jagdmanöver des Buschmanns ist aber gewiß das bereits vorgeführte, die Verkleidung in einen Strauß. Es scheint jedoch, als müsse, um den Strauß selbst durch sein Ebenbild zu berücken, die Toilette etwas sorgfältiger gemacht werden, als unser Bild sic zeigt. Nach Moffat wird eine Art Kissen hergerichtct, das etwa die Form eines Sattels hat. Dieses wird mit Federn besetzt, sodaß cs den Rücken des Thieres nach bildet, und in dem Hohlraume verbirgt der Jäger den Kopf. Die Beine des Schwarzen bekounncn irgend einen weißen Anstrich, der ausgestopfte Kopf und Hals des Straußes wird mit der rechten Hand dirigirt. So ausge rüstet begiebt sich der Mensch-Vogel auf die Weide, pickt auf dem BodenDer listige Strauß. 225 herum, sieht sich dazwischen scharf um, schüttelt die Federn, geht und trabt, und zwar Alles so natürlich, daß auf ein Paar Hundert Schritt Entfernung der unechte Vogel von dem echten nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Strauße lassen ihr Ebenbild unbesorgt herankommen, fahren es auch wol an und schlagen mit den Flügeln nach ihm, denn ein Fremder ist es ihnen jedenfalls. Solche Schläge, deren einer schon hinreicht, einen Mann zu Bo den zu strecken, müssen ebenso sorgfältig vermieden werden, wie der Jäger sich unter dem Winde halten muß, um sich nicht durch den Geruch zu ver- rathcn. Hat er einen Pfeil angebracht und die Truppe rennt fort, so rennt er mit und sucht einen zweite» zu treffen. Jedenfalls dauert dieses Bei sammensein nicht lange, denn entweder bekommen die Thiere endlich den Ge ruch des Schwarzen, und dann ist der Zauber au genblicklich gebrochen, oder er kommt als vermeint licher Fremder so ins Ge dränge, daß er die Maske abwerfen und sich zeigen muß, wie er wirklich ist. Nicht vor jedem Feinde flieht der Strauß wie vor ^>em Menschen; er hält im Nothfall ge gen kleinere Nanbthierc, Hyänen, Schakale, Pan ther, wilde Hunde, auch Jagdhunde tapfer Stand, und wenn es ihm ge lingt , einem solchen Feinde mit seinem enorm kräftigen Fuße einen Schlag zu versetzen, so hat derselbe für lange Zeit oder auch für immer genug daran. Ein solcher Schlag giebt dem eines Pferdes nicht das Geringste nach, wiewol erstcrer jederzeit nach vorn gerichtet ist. Nur der Lowe ist schlau genug, um den Strauß nicht nur zu beschleichen, sondern ihn auch abzufangen. Die ängstliche Sorgfalt, mit welcher der Strauß seine Nachkommenschaft vor Gefahren zu schützen sucht, und die kleinen Kunstgriffe, die er zu diesem Zwecke ins Werk setzt, sind rührend und komisch zugleich. Ein auf dem Neste sitzender Vogel flieht nicht, wenn Menschen vorbeikommen, sondern duckt sich gewöhnlich, bis er platt auf dem Boden liegt. Ein andermal fährt er gleich einem Hunde heraus und spielt den angreifenden Theil, macht aber bald wieder Kehrt und flieht in einer Richtung, welche vom Neste ablenkt. Trifft nian auf einen Strauß, der Junge in seiner Obhut hat, so stellt er sieb lahm, um die Verfolgung ans sich zu lenken, oder er macht in diesem Sinne Buch der Reisen. II. 2.5226 Straußenlist. irgend ein anderes Bianöver, wie in einem Falle, welchen Andersson und sein Freund Galten erlebten. Diese trafen einmal in einer von Vegetation gänz lich entblößten Einöde des Damaralandcs ein Straußenpaar mit einigen zwanzig Jungen an. Da es ihnen darum zu thnn war, zu natnrhistorischen Zwecken einige Junge einzufangen, so machten sic alsbald mit ihren vierbei nigen Nennern auf die zweibeinigen Jagd. Die Alte hatte die Spitze ge nommen, die Jungen folgten und der Hahn deckte den Rückzug. Als dieser sah, daß die Jäger Terrain gewannen, mäßigte er seine Schritte und schlug eine etwas abweichende Richtung ein; sobald er jedoch gewahrte, daß die Jäger nicht auf ihn achteten, fing er wieder an zu rennen und umkreiste nun mit herabhängenden Flügeln die Jäger erst in weiten, daun in immer enger werdenden Zirkeln, bis er endlich ans Pistolenschnßweite nahe kam. Da stürzte er plötzlich zu Boden und sing an verzweifelt mit den Beinen zu strampeln, als sei es ihm unmöglich, wieder in die Höhe zu kommen. Die Jäger glaub ten nicht anders, als eö habe ihn ein vorher abgefeuerter Schuß getroffen, und näherten sich rasch; aber bald sahen sie, daß sein Benehmen nur eine List war, denn nun konnte er gleich anfstchcn und rannte davon in der von seiner Familie direkt abgewandten Richtung. Letztere hatte während dem einen bedeutenden Borsprung gewonnen, und die Jäger mußten eine volle Stunde scharf galoppircn, ehe sic einige der Jungen in ihre Gewalt bekamen. Selbst die jungen, kaum ausgekrochencn Strauße wissen bereits ein sehr gutes Sicherhcitsmittel: sic drücken sich platt ans die Erde, und da ihre Pfeffer- und Salzfarbe merkwürdig mit der dcö Bodens harmonirt, so ist cs oft, als wenn sie vor den Angen des Zuschauers wie durch Zauber ver schwanden wären. Haben sie erst die Größe eines Huhns erreicht, so lau sen sie schon meisterhaft. Die Nähe von Ansiedlungen vertreibt den Strauß nicht von seinem an gestammten Territorium, sondern macht ihn nur vorsichtiger. So fällt er denn gelegentlich auch in die Felder der Bocrs ein und richtet durch Abweiden und Nicvertreteu des Getreides nicht geringen Schaden an. Der jung eingc fangene Strauß läßt sich leicht zähmen, aber man mag^ ihn nicht gern als Hausgenossen, da er keinen Nutzen stiftet, vielmehr manchen Schaden an richtet und zuweilen auch bösartige Launen hat. Wer wollte auch gern einen Gast beherbergen, dem nichts unverdaulich scheint, der mit gleicher Gier jun ges Geflügel wie Holz, Steine, Löffel und Messer verschlingt! Das Fleisch des Straußes findet kaum mehr Liebhaber als das des Zebras und kommt im besten Falle, wenn das Thier jung und wohl ge nährt ist, etwa einem zähen Truthahn gleich. Desto geschätzer sind die Eier, mit denen die Straußhcnne nichts weniger als karg ist. Sie sind für Ein geborene und Reisende ein gleich willkommener und nahrhafter Fund, denn über den kleinen Uebelstand, daß sie einen widrigen Duft und Beigeschmack haben, hilft der gesunde Appetit, den die Wüstenluft verleiht, unschwer hin weg. Die Straußnestcr sind nichts als flache Mulden im Sande, gewöhnlich227 Nester und Eier des Straußes. Somienschiri» aus Straußfeder«. zwischen Heide oder anderem Gestrüpp. Hier finden sich gewöhnlich 20—25, zuweilen aber 30, 40 und mehr Eier, sodast eö scheint, als bedienten sich mehrere Hennen eines und desselben Nestes; die Eier sind aufrecht gestellt, als gelte es möglichst viele in einem gegebenen Raume nnterzubringen; um das Nest herum liegen immer noch einige Eier verstreut, von denen man glaubt, daß sie zur ersten Nahrung für die Straußenküchlein bestimmt seien; aber auch in der ganzen von Straußen bewohnten Gegend liegen einzelne Eier herum, eine Beute für Mensch und Thier, denn die Strauschenne ent scheidet sich erst dann, wenn das Legen schon begonnen hat, für einen Platz zur Anlage des Nestes. Unbegründet ist, daß der Strauß das Ausbrüten der Eier der Sonne überlasse; beide Alte wechseln vielmehr in dem Brütgeschäft ab und lassen «nur in den heißesten Tagesstunden daS Nest allein, um ihrer Nahrung nachzugehen. Findet Jemand ein Nest voll Eier und schafft sic -nicht alle auf einmal fort, so kann er sicher sein, bei seiner Rückkunft die übri gen von den Straußen zerschlagen zu finden. Selbst wenn der Besucher das Nest nicht beraubt, sondern nur die Eier berührt oder Fußspuren znrückgc- lassen hat, sollen sie das Zerstörungswerk ausüben und das Nest verlassen. Aber der Buschmann weiß sich mit dem Strauß auf einen bessern Fuß zu stellen. Findet er ein Nest, so hütet er sich die Eier anzurühren; er nähert sich ihm vorsichtig von der Unterwindseite her, hakt mit einem langen Siocke ein Päar Eier heraus, sorgt dafür, daß er keine verdächtigen Spuren hinter läßt, und ist sicher, daß er in dieser Weise noch oft wiederkommen darf. Die Straußmutter merkt diese kleinen Verluste nicht und fährt Monate lang fort zn legen; der Buschmann hat sic in der That zu seiner Legehenne gemacht. Nicht der Mensch allein weiß die Straußcneicr zn schätzen, auch ver schiedene Thiere, wie Schakale, Geier, sind begierig darnach, und man erzählt mancherlei von den Kunstgriffen, die sie anwcnden, um die harte Schale zu öffnen. Aus den schwarzen Straußsedcrn verfertigen die Betschuanen und an dere Stämme hübsche Sonnenschirme, und es ist, wie Harris bemerkt, ein ko mischer Anblick, einen Wilden zu scheu, dessen Haut noch etwas gröber ist, als die des Rhinozeros, und dessen Teint mit einem Stiefel wetteifern könnte, wie er sich glcichwol seine Physiognomie mit einem Sonnenschirme beschttU. Die Stimme des Straußes gleicht nach Livingstone so vollkommen der des Löwen, daß, wenn das Gebrüll aus einiger Entfernung kommt, Niemand, selbst nicht ein Eingeborener, mit völliger Sicherheit den Urheber bestimmen kann. Das sicherste Unterscheidungszeichen ist, daß der Strauß bei Tage brüllt, der Löwe aber Nachtmusik macht. Die Stimme des letzlern nmkleiret die Phantasie mit allen Schrecken der Wildniß, während das getreue Facsi- milc, das der dumme Strauß liefert, von Niemandem beachtet wird. So währ ist das alte Sprichwort: Wenn auch zwei Dasselbe thun, es ist nicht Dasselbe. Hatten wir bisher schon Gelegenheit, verschiedene Jagdkünste der Afri kaner kennen zu lernen, so wollen wir jetzt diesen Gegenstand noch etwas naher ins Auge fassen, denn cs ist immer interessant zn sehen, wie selbst gci- 15* >228 Schießmedizin. Fallgruben für das Wild stig wenig entwickelte Völkerschaften und besonders solche, die ihr Leben küm merlich fristen müssen, oft überraschend scharfsinnig zu Werke gehen, wenn es sich um Befriedigung der ersten Bedürfnisse handelt, denn der Hunger, der beste Koch, ist auch ein vorzüglicher Lehrmeister. Wenn man sieht, das; die Afrikaner gewamdt und muthig genug sind, um Elephanten, Büffel, Flußpferde u. s. w. mit Wurf- und selbst mit Hand waffen siegreich anzugreifen, das; sie unter Umständen sogar mit dem Löwen wenig Umstände machen, so liegt die Frage nahe,^ was wol das von allen Stämmen so eifrig begehrte' Feuergewehr ihnen besonders nützen könne. In der That scheint ihnen diese Waffe hauptsächlich nur für Kriegszwecke, als Schreckmittel gegen ihre Feinde Werth zn haben, wobei ihnen denn, wie den Chinesen, auch der Knall etwas gar nicht Unwesentliches zu sein scheint; denn sie zielen schlecht, liegen nicht ruhig int Feuer, wenden sogar den Kopf beim Losdrücken meistens weg, und wenn dann der erwartete Erfolg ans bleibt, so liegt das daran, daß das Gewehr oder das Pulver nicht die ge hörige „Medizin" hat. Allerlei Dinge sollen helfen, das; der Schuß geräth; besonders soll etwas Schwefel, womit man sich vorher die Hände reibt, große Dinge thun. Die Griqua's dokumentiren den höher» Standpunkt ihrer Ci- vilisation gern dadurch, das; sic beit Betschuanen für einen enormen Gegen- werth ein wenig Schwefel als Schießmedizin anfhängen. Auch das Pulver taugt nach Ansicht der Schwarzen von Haus aus nichts, oder verliert doch bald seine Kraft, die ihm durch Zaubcrmittel wiedergcgeben werden muß. Eine solche Prozedur lief nach Cumming's Erzählung schlecht genug ab. In einem Betschnanendorfe sollte eine starke Quantität Pulver, mit dem sich nichts treffen ließ, zurecht gedoktert werden. Es wurde ans einen großen Pelzmantel ansgeschüttet, die Männer setzten sich rings umher, und es began nen eine Menge Ceremvnien und Beschwörungen. Endlich kam einer der Beschwörer auf den unglücklichen Einfall , das; zur Vollbringung des Werkes Feuer uöthig sei; es wurde ein Feuerbrand gebracht und häufig über dem Pulverhaufen hin und her bewegt. Was kaum ausbleiben konnte, geschah: ein Funke fiel in die Pulvermasse, die armen Teufel wurden nach allen Sei ten weggeblascn und mehrere, darunter der Häuptling, erlitten so starke Ver brennungen, daß sie bald darauf starben. Eine ganz allgemeine, vielleicht von allen südafrikanischen Stämmen aus geübte Jagdmethode ist daö Fangen des Wildes in Fallgruben. Sie finden sich oft in erstaunlicher Menge an Fluß- und Teichufern, in Pässen zwischen Hügeln und sonst überall, wo Wildfährten häufig sind. Die Bedeckung dieser Gruben mit Zweigen, Erde u. s. w. ist immer so geschickt und sorgfältig ausgeführt, daß der Reisende ihr Dasein nicht eher inne wird, als bis ein mal der Boden unter seinen Füßen weicht, worauf dann Kundschafter an die Spitze des Zuges treten und fleißig fondiren müssen. Die Gruben sind zu weilen für eine gewisse Thierart, z.V. den Elephanten, die Giraffe, besonders eingerichtet. Die Wände der Aushöhlung nähern sich einander unten wieHopojagd. Jägermasken. 229 die Flächen eines Keils, und die Grube ist zuweilen, besonders wenn sie für die Giraffe berechnet ist, doppelt, d. h. man läßt in der Mitte einer langen Grube eine Querwand stehen, die man etwas niedriger macht als die an grenzende Bodenfläche. Diese Einrichtung ist für die armen Thiere eine sehr verhängnißvolle. Fällt eines derselben in die eine Abtheilung, so sucht es natürlich wieder herauszukommen und wählt dazu die anscheinend günstigste Seite: es sucht über die Mittelwand hinwegzukommen, da sie niedriger ist als die übrigen Grubenwände. Ist ihm dies aber zur Hälfte gelungen, so hat cö bei der Tiefe der Grube sowol hinten als vorn den Grund verloren, die ganze Last ruht auf dem Bauche, und das arme Thier hängt gänzlich hülflos zwischen Himmel und Erde. Nicht selten werden Fallgruben in der Absicht angelegt, das Wild hinein zu treiben, und diese Anstalten erhalten dann einen wahrhaft großartigen Maßstab. Bon einer großen Fallgrube oder einer Reihe derselben aus wer den dann Wildzänne angelegt, die aus einander laufend einen Keil oder einen Halbmond bilden und sich eine halbe Stunde und tveiter ins Land erstrecken. Hier hinein wird das Wild von einer großen Anzahl Menschen mit wildem Geschrei gejagt und den vcrhängnißvollen Löchern zugetrieben. Die Fallen sind entweder blos am Ende der Einzäunung angelegt, oder diese ist ans längere Strecken mit Lücken durchbrochen, in welchen ebenfalls verborgene Gruben liegen. Die Mühe und Ausdauer, welche die Herstellung einer sol chen Anlage --- von den Betschuanen Hopo genannt — erheischt, ist jeden falls nicht klein, zumal die ärmsten Stämme, wie Bakalahari und Hügelda- mara's, nicht einmal die nöthigsten Werkzeuge dgzn besitzen. Die Bäume, welche die Palissaden des Zanneö bilden sollen, müssen erst niedcrgcbrannt und dann ans den Schultern in die meist wasscrloscn Einöden geschafft wer den, wo Elenn, Kudu, Gnu, Zebra n. s. w. Hansen; zwischen den Palissaden ist ein dichtes Flechtwerk von Dornen herznstellcn, und auch die Ränder der Fallgruben sind mit Baumstämmen einznfasscn, damit sic nicht einstürzen. Eine solche Hopojagd bildet, wie sich denken läßt, eine Scene der auf regendsten Art. Hunderte von Menschen treiben mit Schreien und Lärm aller Art eine bunt zusammengesetzte Herde geängsteter Thiere in die Uin- zäunung tiefer und tiefer hinein. Je weiter es nach der Spitze des Keils vorwärts geht, desto enger schließen sich die Treiber, desto höher und dichter sj^d die Zäune und desto unmöglicher das Ansbrechen. Jetzt erheben sich zu . beiden Seiten Jäger, die bisher versteckt lagen, und schlendern ihre Wurf spieße unter die dichtgedrängten Schaaren, die nun in ihrer Todesangst den letzten scheinbaren Rettungsweg cinschlagcn und durch die enge Gasse stürzen, die sie gerade ins Verderben hineinführt. Bald füllt sich die Grube mit > lebendem, halb und ganz zu Tode gequetschtem Gethier so an, daß einzckne über die von ihren unglücklichen Genossen geschlagene lebendige Brücke hin weg wirklich ins Freie gelangen; in toller Lust arbeiten die Wilden mit ihren Sperren unter den armen Geschöpfen — kurz eS ist die wildeste230 Sa- Löwe als Leibjäger der Afrikaner. Schlächterei, die sich nur denken läßt, meistens gefolgt von nicht minder aus schweifenden Freßgelagen, in denen sich die Wilden für eine möglicher Weise vorhergegangene lange Periode unfreiwilligen Fastens schadlos halten. Die Praxis der maskirten Jägerei scheint ebenfalls von mehreren Stäm men ansqeübt zu werden. An den Ufern des Zambesi fand Livingstone das Iagdstückchen iu Anwendung, daß die Jäger die Maske einer Wasscrantilopc mit natürlichen Hörnern, oder auch die eines großen weißköpfigen, langge- fchnäbelten Reihers aufsetzten und sich in dieser Verkleidung dem Wilde be quem auf Bogcnschußweite nähern konnten. Die Hügeldamara's vergiften nach Andersson nicht selten die Quellen oder Tümpel, aus denen Büffel und anderes Wild zu saufen pflegen, mit dem Safte der Euphorbia candelabrum, und die Reisenden hatten alle Vorsicht anzuwenden, um nicht au so gefähr lichen Schankstätten ihr zahmes Vieh zu verlieren. Glücklicher Weise vcrräth sich das vergiftete Wasser durch eine cigenthümliche Trübung. Endlich kommt es dem Afrikaner nicht gerade darauf an, daß er das Wild, das er verzehrt, auch selbst erlegt habe; er ist es vielmehr ganz zu- frieden, wenn ein Anderer sich für ihn bemüht. Dies gilt nicht allein in Bezug auf die fremden Nimrode, welche Südafrika durchzogen oder noch durch iehen, sondern die Eingeborenen haben einen schon viel länger fungi- renden Leibjäger an dem Löwen. Mehr oder minder glückliche Versuche, dem König der Thiere seine Beute abzujagen, sind im innern Afrika etwas ganz Gewöhnliches. Eine Anzahl Eingeborener legt sich in den Hinterhalt bei einer Quelle oder einem Weiher, wo Antilopen und anderes Wild zur Tränke kommen, und wo denn auch der Löwe sich in der Regel einstellt, um einem seiner Unterthanen das Genick zu brechen. Zuweilen ist der Löwe so ge fällig, sich durch die plötzlich mit Geschrei hervorbrechenden Menschen von seiner Beute wegtreiben zu lassen; ein andermal hat er vielleicht größer» Hanger, nimmt die Störung sehr übel und fällt über die Angreifer her, von denen dann zuweilen einer das Leben einbüßt oder doch eine Verstümmelung, einen Biß oder Hieb als Denkzettel davonträgt. Andersson schildert uns eine solche lebensvolle Scene, die wenigstens ohne Unglück ablief. Als er in einer finsiern Nacht von einem Besuche der Missiousstation Richterfeld im Damara- lande nach seinem Lager zurückkehrte, hörte er plötzlich ergreifende Klagelaute, als wenn ein Mensch ans dem Punkte sei zu ertrinken. Es fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn, ein Löwe könne irgend einen armen Eingeborenen überfallen haben, der au eineni Träukplatze auf Wild gelauert habe. Un- fähig, etwas zu erkennen, arbeitete er sich, in der Hoffnung, vielleicht einen Menschen zu retten, durch dichtes Tamariskengebüsch.nach der Stelle hin, wo das immer schwächer werdende Gewimmer sich hören ließ, als er von einer andern Seite eilige Fußtritte und Stimmen von Menschen vernahm, die nach denisciben Punkt? hinzneilen schienen, was ihn in seiner Annahme nur be stärken konnte. Plötzlich sah er in einer kleinen Lichtung eine große dunkle Masse vor seinen Füßen, über die er fast hinwegstürzte, und hörte dicht anScheu des Löwen vor dem Menschen. 231 seinem Ohre das Schnappen einer Bogensehne und das Schwirren des Pfeiles. In demselben Moment erscholl wenige Schritte von ihm daö versteinernde Wuthgcbrüll eines Löwen, dem das wilde SiegeSgeschrci einer Anzahl Ein geborener antwortete. Als er sich von seinem Erstaunen erholt, bemerkte er, daß das Hinderniß vor ihm ein Eingeborener gewesen war, der sich überein so eben von dem Löwen gctödtetes Zebra hinweggebeugt hatte. Erst jetzt er fuhr er zu seiner großen Beruhigung, daß die Sterbclaute nicht von einem Menschen, sondern von dem armen Zebra gekommen waren. Die Wilden hatten sie sogleich richtig erkannt; sic waren eben in keiner andern Absicht herbeigeeilt, als um das lobte Thier für sich in Bcschag zu nehmen, was ihnen auch vollständig gelang. Während ihrer einige rasch ein Feuer anzün- dcten, führten die übrigen um das Zebra unter den wildesten Gebcrden und Gesten eine Art Kriegstanz ans, gänzlich unbekümmert um den Löwen, der nur wenige Schritte zurückgewichen war. Als das Feuer zu lodern begann, konnte man ihn in der That deutlich sehen, wie er zwischen den Büschen am Nferrandc auf- und abmarschirtc. Einem kleinen Hunde, welcher ihm un vorsichtig zu nahe gekommen war, gab er einen Wink mit der Tatze, der ihm den Leib der ganzen Länge nach anfriß. Daö arme Thier vermochte noch bis zum Feuer zurückzukriechen, wo cö ein Paar Minuten darauf starb. Die fremdartige Physiognomie der Eingeborenen, denen der Feuerschein etwas un gewöhnlich Wildes verlieh, der sterbende Hund mit seinem über ihn gebeugten jammernden Herrn, das verstümmelte Zebra und wenige Schritte davon der zornige Löwe, alles Dies gab eine merkwürdig seltsame Scene. Andersson erwartete jeden Augenblick einen Zbngriff des Löwen auf die Eingeborenen, aber cs erfolgte keiner, obgleich dieselben schließlich daö ganze Zebra zerleg ten und wegschafftcn. Während dieser Arbeit schleuderten sie dann und wann einen Fcnerbrand nach dem beraubten Räuber hin, aber dieses Bombarde ment, weit entfernt, ihn in die Flucht zu treiben, erhöhte nur seine Wuth. In bewohnteren Gegenden pflegt der Lowe seine Beute nach einem sicherern Versteck zu schleppen und entwickelt hierbei eine stauncneryegende Kraft. Der ältere afrikanische Reisende Sparrmann sah einen Löwen ohne Schwie rigkeit eine Kuh davonsckleppen, ja sogar mit ihr belastet einen breiten Gra ben überspringen, und Thompson, ein anderer südafrikanischer Reisender, er zählt, daß einst mehrere Jäger fünf Stunden lang zur Einholung eines Lö wen bedurften, der ein zweijähriges Kalb im Maule davontrug. Bei einer andern Gelegenheit, auf der Reise von der Westküste nach dem See, ging Andersson mit einigen eingeborenen Begleitern der Spur eines Löwen nach, den er Abends zuvor angcschossen hatte. Bald geriethen sie auf die Spuren eines ganzen Trupps von Löwen, mit der einer einzelnen Giraffe dazwischen. Bei diesem Anblicke wurden die Buschmänner wie elektrisirt; sie rannten in höchster Eile vorwärts und einen Moment später hallte der Wald von ihrem Triumphgeschrei wieder. Andersson, in der Meinung, der gesuchte Löwe sei gefunden, eilte nach; aber zu seinem höchsten Erstaunen erblickte er232 Das Aeußere und das Naturell des Löwen. statt einer tobten Bestie fünf lebende, zwei Löwen und drei Löwinnen; zwei derselben Waren beschäftigt, eine prächtige Giraffe zu Boden zn reißen, die übrigen harrten dicht dabei mit gierigen Blicken des Ansgangs. Alle aber ergriffen vor den mit dem durchdringendsten Geschrei auf sie losstnrzen- den Wilde» eilig die Flucht und überließen ihnen die sterbende Giraffe, die denn auch in einem auf der Stelle improvisirten Festmahle gründlich anfgc- zehrt wurde. Wie vorstehende Beispiele lehren, hat auch der Löwe gleich den andern wilden Thicren eine instinktmäßige Furcht vor dem Menschen. Es ist nach Livingstone's Meinung in der Regel nicht die mindeste Gefahr dabei, einem Löwen, wenn er nicht gesagt oder sonst gereizt wird, bei Tage oder im Hellen Mondschein zu begegnen. Gewöhnlich macht er dann Halt, schaut den Men schen eine oder zwei Sekunden lang an, wendet hierauf langsam um und geht ebenso langsam ein Dutzend Schritte fort, wobei er nach hinten über die Schulter lugt; dann fällt er in einen'Trab, und wenn er außer Sicht zn sein glaubt, so springt er in Sätzen davon wie ein Windhund. Wird er verwundet oder sonst gereizt, oder hat er Junge zu beschützen, dann aller dings ist sein Auftreten in der Regel ein anderes. Wie verschieden die Ansichten über einen und denselben Gegenstand sein können, zeigt sich auch bei der Schilderung des Löwen. Cumming, der bei Tag und Nacht so viel mit diesem Jagdrival zn schaffen gehabt, erblickt in ihm dasselbe imposante und würdevolle Thier mit der donncrgleichen, mark- durchdringenden Stimme, wie die meisten Beschreibungen es abschildern; Li- vingstone dagegen meint, wenn man den Löwen ohne vorgefaßte Meinung be trachte, werde man nichts besonders Nobles oder Majestätisches in seiner Er scheinung finden; sei eben ein Thier von etwas größerem Wuchs als der größte Hund, und seine Umrisse erinnerten sehr stark an diese Thiergat tung; das Gesicht sei nicht ganz das bei den Malern herkömmlich gewordene, das manchmal wie eine alte Frau in der Nachtmütze aussehe, sondern Schnauze und Nase trete wie beim Hunde horizontal heraus. Einigermaßen vermittelnd sagt Andersson, ebenfalls ans Grund vielfacher persönlicher Be kanntschaft: „Die Erscheinung des Löwen ist immerhin eine imposante, beson ders wenn er stutzt oder eine herausfordernde Stellung annimmt." Die Stimme des Löwen macht begreiflicher Weise je nach der Scenerie, in der sie sich hören läßt, einen verschiedenen Eindruck. Das Löwengebrüll in einer Menagerie kann weder schrecklich noch unvergleichlich genannt werden, während es an Ort und Stelle, in den afrikanischen Wäldern und Wild nissen, bei rabenschwarzer Nacht, vielleicht unter Blitzen und strömendem Re gen in bedenklicher Nähe gehört, ohne Zweifel ganz andere Gefühle wach rufen wird. Nicht selten bekommt man ein ganzes Nachtkonzert zn hören, in dem einer ans einer Truppe den Vorsänger macht und zwei, drei, vier an dere ihm regelmäßig folgen. Sie brüllen am lautesten in frostigen Nächten; aber bei keiner andern Gelegenheit erheben sie ihre Stimme so gewaltig undDie Stimme des Löwen. 233 ausdrucksvoll, als wenn zwei oder drei einander fremde Parteien gleichzeitig an demselben Tränkplatze anlangen. Dann brüllen sich alle Gegner, in her ausforderndem Trotze an, und jeder einzelne scheint bemüht, die andern im Fortissime zu Übertreffen. Bei solchen Gelegenheiten allein in stiller Mitter nacht und tief im Walde, in nächster Nähe der Quelle in einer Schießgrnbe verborgen zu sein, wie daö bei Cumming's Iagdabenteuern etwas Gewöhn liches war, und dem Konzert nicht mit Zittern, sondern in freudiger Aufre gung zn lauschen, dürfte wol nur einer so waghalsigen Iägernatur möglich sein. Nicht selten entsteht zwischen zwei einander fremden männlichen Löwen, die sich an einer Quelle begegnen, ein Kampf, der mit dem Tode des einen endet. Der Löwe fängt gleich nach Dunkelwerden zu brüllen an und fährt da- Die Löwenfamilie an der Quelle. mit in Zwischenräumen die Nacht hindurch fort, in abgelegenen Einöden auch wol in den Tag hinein bis 9 oder 10 Uhr, während man ihn bei düsterem und regnerischem Wetter zu allen Tagesstunden, obwol mit gedämpfterer Stimme, hören, kann. Bei Tage liegt der Löwe in Busch-, Gras- oder Schilfdickicht verborgen und geht nach Sonnenuntergang auf Raub aus; bei einem am Tage jagenden Löwen kann man stets voranssetzen, daß er sehr hungrig sei. Hat er gleich anfangs eine gute Jagd gehabt und seine Beute in Sicherheit gebracht , so brüllt er in dieser Nacht nicht mehr viel; auch ist ein beträchtlicher Unterschied zwischen den mehr singenden Tönen eines gesät tigten Löwen und dem tiefen grollenden Gebrüll eines recht hungrigen. Die234 Der Löwe als Familienvater. Kabylen am Atlas ahmen das stufenweise anwachsende und abnehmende Ge brüll in Worten nach, die in eigenthtimlichcr Weise ausgesprochen und betont wirklich einige Aehnlichkeit mit demselben haben. Sie sagen, daß der Löwe also spreche: In sehr finsteren und stürmischen Nächten ist der Löwe am geschäftigsten und verwegensten, und die Reisenden haben daun am meisten ans ihrer Hut zu sein. Die Löwin ist in der Regel wilder und lebhafter alö der Löwe, und solche weibliche Thiere, die nie Junge hatten, werden am gefährlichsten von allen gehalten. Glaubt ein Löwe seine Jungen in Gefahr, so kennt er keine Furcht und stellt sich in entschlossenster Weise einer noch so großen Menschen- menge entgegen. Er weicht in dieser Beziehung auffallend von dem nahe- verwandten asiatischen Tiger ab, der seinen eigenen Jungen nachstelll und sie auffrißt, wenn sie die Tigerin vor ihm nicht sorgsam verbirgt und wüthend vcrthcidigt. Der Löwe hält dagegen treu mit seiner Familie zusammen. Passirt Jemand in der Nähe eines Löwenlagcrs über dem Winde vorbei, so kann es geschehen, daß beide Alte aus dem Dickicht sah rcn und ihn oder sein Pferd mit Zähnen und Klauen anfallen. Cum ming erlebte ein Beispiel dieses durch die Sorge für die Jungen gesteiger ten Löwenmuthes. Mit 250 Betschuaneu ans der Elephantcnjagd begriffen, sah er zu seinem -großen Erstaunen Plötzlich einen majestätischen Löwen, der langsamen, festen Schrittes auf den Menschenhaufen lvsmarschirte; das glühende Auge fest auf seine Gegner geheftet, die Seiten mit dem Schweife peitschend, zeigte er grimmig knurrend eine, Zahngarnitur, die allen Respekt einzuflößen geeignet war. Sämmtliche Eingeborene stürzten auch sofort in wilder Flucht hinweg; dabei kamen aber acht Hunde von der Leine los, die sofort den Löwen umringten. Wahrscheinlich ans Besorgnis; für seine im Hintergründe sich zurückziehende Familie machte dieser jetzt Kehrt und folgte ihr stolzen Schrittes nach, unter grimmigem Knurren gegen die Hunde, die ihm eine Strecke das Geleit gaben. Der Löwe ist der beständige Begleiter des Wildes, von dem er seinen Unterhalt bezieht, und wird selten in größerer Anzahl als zu vier bis sechs zusammen angetroffen, die vielleicht ursprünglich eine Familie ausmachten. Er scheint unter seinem Wild keine besondere Auswahl zu treffen; er jagt Zebras, Gnus, Antilopen, Giraffen u. s. w. und überfällt gelegentlich Pferde, Rinder und Maulthiere. Bei Erlegung solcher größeren Beutestücke betheiligen sich wol meistens mehrere Löwen. Vom Elephanten und Büffel „Ana Seid, ou onled el m'r« fftv el ouidenn; Sultanats. Houa kcbar, i eghketer ni, ou harak kalbi, kalbi, fnlM!" Ich der Löwe und der Sohn des Weibes haben kleine Ohren; Wir sind Könige. Er ist der größere, überwindet mich und verbrennt '»ein Herz, Herz, Herz!235 Kämpfe zwischen Löwen und Büffeln. Löwenjagd. scheint sich der Löwe dann und wann mit einem Kalbe zu begnügen, denn an den erwachsenen Büffel kann er sich nur in stärkerer Gesellschaft wagen, und cs scheint selbst der Büffelkuh bei Vcrtheidigung ihres Kalbes zuweilen ein Hornstoß zu gelingen, der den Feind unschädlich macht. Vor dem Rhino zeros läuft der Löwe beim blosen Anblick davon. Oswell und Vardon hat ten ein merkwürdiges Jagdabcntcncr, bei welchem drei Löwen eine Zeit lang sich vergeblich anstrcngten, einen Büffel niederzureißen, obschon er bereits durch eine Zweinnzenkugel tödtlich verwundet war. Sie hatten am Ufer des Limpopo einen Büffel angeschosscn und ritten eben hinter ihm drein, als plötzlich drei Löwen auf ihn einsprangen. Der Büffel empfing sie mit einem herzhaften Gebrüll und vertheidigtc sich im Fliehen einige Zeit, wurde aber natürlich niedergerissen und die Löwen machten sich mit wahrem Heißhunger über ihre Beute her. Die Jäger schlichen heran und feuerten. Ein Löwe fiel fast auf dem Büffel tobt nieder, während der zweite sich davonmachte; der dritte jedoch hob nur den Kopf in die Höhe, sah sich einen Moment kalt blütig um und begann dann von neuem in den Büffel hineinzubcißcn und zu reißen. Einige weitere Schüsse brachten auch ihn zu Falle, und so hatten die Jäger in der kurzen Zeit von etwa zehn Minuten zwei Löwen und einen Büffel erlegt, der jenen, als er hinkend und blutend daher kam, ohne Zwei fel als eine leichte Beute erschienen war. Die Furchtbarkeit und Verwegenheit des Löwen im afrikanischen Norden ist entweder sehr übertrieben worden, oder er hat dort in der That eine an dere Lebenspraxis, was wol möglich ist, da jenen Gegenden der reiche Wild stand mangelt und der Löwe hauptsächlich als Viehräuber sich durchhelfen muß. Im Süden zeigt er sich oft so vorsichtig und mißtrauisch, daß cs wie Feigheit auösicht. Wo er eine Menschenspur wittert, weicht er und kommt daher den Dörfern der Eingeborenen nicht zu nahe. Zugthicrc getraut er sich selbst im Walde nicht anzngreifen, wenn sie augeschirrt oder angebunden sind, und nicht selten wird eine Karawane die Nacht hindurch in nächster Nähe von Löwen nmbrüllt, ohne daß einer einen Sprung wagt; denn sie fürchten, cs sei ihnen eine Falle gelegt. Einem Engländer war ein Pferd wcggelanfen und nachgchends mit dem Zaume an einem Baumstumpf hängen geblieben. In dieser zufälligen Gefangenschaft mußte es zwei ganze Tage ausharrcn, und als es wiedergefundcn wurde, war der Boden rings umher mit den Fußspuren der Löwen bedeckt, das Pferd aber unbeschädigt. Die Jagd auf den Löwen ist natürlich keine ungefährliche Sache, denn so gern er vor dem Menschen das Feld räumt, so geht er doch, wenn er verwundet oder hart bedrängt wird, zuni Angriff über und kann dann fürch terlich werden. Selbst Cnmming, der das Löwenschießen sehr im Großen trieb, sagt, daß man, um solche Abenteuer zu bestehen, außer der Geschick lichkeit im Schießen auch Todesverachtung, völlige Kaltblütigkeit und Selbst beherrschung mitbringen und die Gewohnheiten, das Benehmen des gejagtem Löwen genau kennen müsse. Jndcß kommt selbst der vom Löwen Angefallene236 Livingstone auf der Löwenjagd. manchmal noch leiblich genug weg, sei es, daß ihm der Sprung mißlingt, oder daß er seine Rache nicht bis aufs Aeußerstc treibt. Andersson kroch einmal in ein Dickicht, worin ein Lowe sich versteckt hatte; es war zu An fang seiner afrikanischen Fahrten, wo er, wie er sagt, in seiner llnerfahren- hcit vor dem Löwen viel zu wenig Respekt hatte. Nach einigem Suchen sgh er wenige Schritte vor sich an einem etwas gelichteten Platze das Thier plötz lich aufspringcn und den Ort wechseln. Die Bewegungen desselben waren so rasch, leise und geschmeidig, daß der Jäger nicht eher feuern konnte, als bis der Löwe zum Theil schon wieder im Gebüsch verschwunden war. Beim. Em- pfang der Kugel kehrte das Thier rasch um und sprang mit fürchterlichem Brüllen ans seinen Gegner zu. Wenige Schritte vor ihm legte es sich wie eine Katze nieder, den Kopf zwischen die Vorderpfoten drückend. Andersson zog ein großes Jagdmesser, ließ sich ans ein Knie nieder und erwartete den Angriff, denn er wollte nicht schießen, da er den Kopf des Thieres im Grase und in dem Staube, den cs mit dein Schwänze anfpeitschtc, nicht deutlich, sehen konnte. Nach einer Panse voller Spannung that der Löwe plötzlich einen-Sprung; aber sei cs, daß er das Maß nicht richtig nahm oder auch den Jager im Grase nicht genau sah, er sprang über seinen Mann hinweg und kam erst drei oder vier Schritte jenseits auf den Boden. Andersson drehte sich rasch ans dem Knie um und gab ihm seinen zweiten Schuß, wodurch ihm das Vordcrblatt völlig zerschmettert wurde. Er machte trotzdem noch einen wüthenden Angriff, dem aber der Jäger glücklich answich, und verkroch sich dann int Dickicht, wo er später tobt gefunden wurde. Auch Livingstone kam einmal in so nahe Berührung mit einem Löwen, daß seine afrikanische Laufbahn schon bald nach ihrem Anfänge hätte zu Ende sein können. Ein Dorf der Bakätla'S wurde zu einer Zeit sehr von Löwen heimgesncht; sic sprangen nicht allein des NachtS in die Viehhürdcn und zer rissen die Kühe, sondern griffen die Herden selbst bei hellein Tage an. Ein solches Gebahren der Löwen war etwas ganz Unerhörtes, und die Leute glaubten nicht anders, als cS sei Hexerei im Spiel, ein feindlicher Stamm habe ihnen diese Plage über den Hals geschickt. Wenn ans einer Löwen- gesellschaft einer getödtet wird, so verstehen die andern den Wink und ver lassen, die Gegend. Es wurde demnach eine Jagd veranstaltet und Living- stonc zog mit ans, um den nicht sehr mnthigen Leuten zu helfen. Man fand die Uebelthäter auf einem kleinen mit Bäumen bestandenen Hügel; die Eingeborenen umzingelten diesen und rückten von allen Seiten vor, die Lö wen immer enger einschließend. Aber sie ließen die Thiere, ans die Living stone wegen der Nähe der Menschen nicht schießen konnte, alle ans dem .Kreise entschlüpfen, ohne sic bei dieser Gelegenheit mit den Spießen anzn greifen, wie es die dortige Jagdregel fordert. Das Unternehmen wurde demnach als verfehlt anfgegcben und man ging nach dem Dorfe zurück, als Livingstone am Ende des Hügels einen Löwen hinter einem kleinen Busch auf einem Felsblock sitzen sah. Ans einer Entfernung von einigen dreißig237 Lwingstone auf der Löwenjagd. Schritten feuerte er beide Läufe durch den Busch und sah, wie der Löwe sei nen Schwanz zornig in die Hohe streckte. Beschäftigt aufs Neue zu laden, hatte er das Thier aus dem Gesichte verloren, alö- ein plötzlicher Aufschrei der Leute ihn veranlaßte aufznsehen und er den Löwen bereits im vollen Sprunge ans sich zu gewahrte. Einen Augenblick später waren Mann und Suniiflitouc unter dkm Löwe». Löwe aui Bodens letzterer hatte seinen Gegner iill Sprunge bei der Schulter gefaßt. Jetzt knurrte er grimmig dicht an dem Ohre seines "Opfers und gab ihm einen Stoß in der Weise, wie ein Dachshund eine Ratte bearbeitet. Livingstone verfiel seiner Aussage nach unter den Klauen des Löwen in einen Geisteszustand, in dem er weder Schmerz noch Angst fühlte, eine Art Traum leben, in welchem er jedoch seiner Lage sich völlig bewußt blieb. Indem er238 Der Menschenfresser. sich umdrehte, um sich von dem Drucke zu befreien, mit welchem die Tatze des Löwen auf seinem Hinterkopfe lastete, sah er diesem ins Gesicht und be merkte, daß seine Augen auf einen Eingeborenen geheftet waren, welcher aus einer Entfernung von 10—15 Schritt auf ihn zu schießen versuchte, dem aber beide Läufe versagten. Auf ihn stürzte sich jetzt das Thier und biß ihn ins Bein und gleich darauf einen andern, der ihn bei der Gelegenheit mit dem Spieße augrcifcn wollte, in die Schulter. Jetzt thaten aber die vorher empfangenen Kugeln ihre Wirkung und der Löwe fiel tobt nieder. Die ganze Asfaire hatte nur wenige Sekunden gedauert. Dem Doctor war der Ober- armkuochen zersplittert und das Fleisch von elf Zahnwundcu durchlöchert. Er genas jedoch ohne weitere üble Folge, als daß er ein falsches Gelenk bekam, was ihn freilich an der sichern Führung der Jagdflinte beständig hinderte; denn er mußte sich gewöhnen, über die Achsel zu schießen, und so traf er auf seinen späteren Reisen mit lauter Eingeborenen oft daun am schlechtesten, wenn gerade Mangel war. In der Regel machen die Bisse des Löwen schlimme Wunden mit starken Eiterungen tind Abstoßnugeu, und in den be troffenen Theilen stellen sich auch in der Folge noch oft periodische Schmerzen ein. Bei dem in die Schulter Gebissenen brach gerade nach Jahresfrist die Wunde wieder auf. Livingstvue glaubt cö seiner wollenen Jacke verdanken zu müssen, daß er von diesen Nachwchen frei blieb; denn wenn inan eine Art Giftigkeit des Löwenbisses annehmcn will, so mußte diese geschwächt oder aufgehoben werden, indem die Zähne au dein dnrchgebisscnen Stoffe sich reinigten. Das Loos eines alten Löwen ist kein bencidcnswcrthcs. Es wird ihm cnd lich das Gebiß so defekt, daß er kein Wild mehr jagen kann; das ehedem so ge fürchtete Thier magert zu einem Schatten ab und geht jämmerlich zu Grunde. In bewohnten Gegenden überwindet dann ein solch invalides Thier oft seine Menschenfurcht, schleicht bei Nacht in die Dörfer ein und stiehlt Ziegen. Trifft der vom Hunger gequälte Löwe hierbei statt einer Ziege vielleicht auf ein Kind oder Frauenzimmer, so tobtet er auch dieses, und bald wird er, da ihm keine andere Wahl bleibt, ein Menschenfresser von Profession und ein Schrecken seines Distrikts. Die gewöhnliche Annahme, daß der Löwe, der einmal Men schenfleisch gekostet habe, diese Kost jeder andern vorziche, ist hierdurch er klärt; der Menschenfresser ist jederzeit ein solcher alter Lowe. Fängt ein sol cher an, Ziegen zu stehlen, so sagen die Eingeborenen: Seine Zähne sind ab genutzt — bald wird er Menschen fressen. In unbewohnten Gegenden oder den wehrhafteren Busch- und Bakalaharimännern gegenüber entschließt sich der alte Löwe endlich zum Fangen von Mäusen und andern kleinen Nagethicren und selbst zum Grasfressen. Sobald die Eingeborenen unverdaute Pflanzen reste in seinen Abfällen bemerken, so verfolgen sie seine Spur in der sichern Aussicht, ihn irgendwo in so hülflosem Zustande anzutreffen, daß sie ihn ohne Schwierigkeit abfcrtigcn können. Ein solcher Menschenfresser brachte eine traurige Episode in Eumming'sDer Löwe »nd die Buschmänner./ 239 Iägerleben. Als dieser einmal mit seinen afrikanischen Begleitern an den Ufern des Limpopo neben einem Bakalaharidorfe übernachtete, wurden sic durch das Angriffsgebrüll eines Löwen aufgeschreckt, und che sie die Gefahr zu ermessen im Stande waren, hatte der Löwe schon einem der am Feuer- liegenden Männer das Genick durchgebissen und schleppte ihn weg, ohne viel danach zu fragen, daß ein anderer Mann ihm mit einem brennenden Holz- stiickc den Kopf bearbeitete. Man fand den Armen am andern Morgen größtenteils verzehrt; der Räuber aber wurde in seinem Versteck aufgespürt und todtgcschossen. Die Eingeborenen waren über die Erlegung des Men schenfressers vor Freuden außer sich; sie führten Freudentänze und Gesänge ans und nannten Cnmming ihren Vater. Der Löwe kennt seine Leute und hat eine besondere, wohlbcgründete Furcht vor den Buschmännern. Diese warten mit ihrem Angriffe nicht, bis er alt wird, sondern nur bis sie einmal merken, daß er sich recht satt ge fressen hat. Dann folgen sic seiner Spur und nähern sich ihm so leise, daß er gar nicht in seinem Schlummer gestört wird. Während einer aus nächster Nähe einen vergifteten Pfeil auf ihn abschießt, wirft ihm ein Anderer seinen Pelzcapot an den Kopf, und diese Ueberraschung bringt ihn so ans der Fas sung, daß er voll Schreck und Verwirrung davonspringt. Der Tod, den das Pfeilgift bewirkt, ist ein schrecklicher bei Mensch und Thier, denn cs tritt vor240 Löwenbkaten itub Löwenfell. W H r v 'Iv,v^' dem Ende eine förmliche Tollwuth ein. Auch der angeschossene Löwe irrt unter- klagendem Gebrüll im Walde umher und wird endlich so wuthend, daß er sich in Bäume oder in den Erdboden verbeißt. Cumming sah oster, daß die Eingeborenen das Fleisch der von ihm er legten Löwen kochten und mit Wohlgefallen verzehrten; er war aber selbst bei großem Mangel nie im Stande, cs ihnen nachzuthnn. Das Einzige, was einigen Werth haben könnte, wäre sonach die Haut des Löwen; jedoch auch diese ist bei manchen älteren Thieren so vernarbt und beschädigt, daß sie sich zu gar nichts verwenden läßt. Werthvoller als das Fell des Löwen ist dasjenige des Leonarden, dem deshalb vielfach nachgestellt wird. Man arbeitet aus denselben gern Ka rosse, die theils von den Verfertigern selbst getragen, theils als Handels artikel benutzt werden, und sucht sich dieses Ranbthieres entweder durch offenen Angriff mit Pfeil und Speer oder durch Fallgruben zu bemächtigen, an denen eine angebundene lebende Ziege als Lockspeise dient. Doch kehren wir nach unserer weidmännischen Rundschau über dieses Jägerparadies zu unserem Reisenden zurück.Livingstone's zweite und dritte Reise nach dem Norden. Die Tsetsefliege. SDitnane und die Makvlolo. Die Matebele. Der Zambest. Im April 1850 brach Livingstonc aufs Neue von Kolobeng auf, um das im vorigen Jahre abgebrochene Unternehmen weiter zu führen und zunächst den Häuptling Sebituane aufzusuchen. In der Hoffnung, Gelegenheit zur Gründung einer Missionsstation zu finden, nahm er gleich Frau und Kinder mit sich und auch der Häuptling Sitschili begleitete ihn. Mau schlug eine mehr östlich abweichende Richtung durch den Bamangwatodistrikt ein, um den Zouga an seinem schmälern Theilc überschreiten zu können. Daun sollte die Reise am nördlichen Zouga-Ufer aufwärts gehen bis zum Einflüsse des Ta- manaklc, eines aus dem Norden kommenden Flusses, der sic dem Häuptling Sebituane zuführen sollte. Die Fortbewegung des Zuges mit den Ochsein wagen in den Uferwäldern des Zouga war eine äußerst mühsame, wobei cs gar manchen Baum umzuhauen gab, während nicht selten ein Zugthier durch einen Sturz in eine Fallgrube verloren ging. Als man aber dem Tama- nakle nahe gekommen war, erfuhr man zu allem Leidweisen noch, daß die Giftsliege Tsetse an seinen Ufern grassire. Dies wäre der sichere Tod der Zugthiere gewesen, und so war hier an weiteres Vordringen nicht zu denken. Buch der Reisen. II. jß242 Reift zu Sebituane. Der Häuptling Letschnlatebe war inzwischen endlich durch Sitschili vermocht worden, Führer zu stellen, damit der Doctor, unter Zurücklassung seiner Fa milie am See, mit Reitochscn zu Sebituane gelangen könne. Doch bevor dies ins Werk gesetzt werden konnte, erkrankten Livingstone's Kinder und Die ner sämmtlich am Sumpffieber, wogegen cs kein besseres Mittel gab, als die reine Luft der Wüste und den Heimweg aufzusuchen. Der Häuptling Sebituane, der so gern mit Weißen in Verkehr getreten wäre, hatte inzwischen von Livingstone's Bemühungen, zu ihm zu gelangen, gehört und an die drei Häuptlinge mit einem Geschenke von 13 Kühen für jeden das Ersuchen stellen lassen, den Weißen bei ihrem Vorhaben allen möglichen Vorschub zu leisten. So war man bei der Reise ini folgenden Frühjahre wenigstens eines guten Empfanges sicher. Diesmal wurde vom Zonga aus nicht die westliche Richtung genommen, sondern auf gut Glück, da es an kundigen Führern fehlte, gerade nach Norden vorgegangen. Die Reise ging durch völlig ebene, zum Theil mit süßem, kurzem Gras überwach sene und mit Mopane- und Affenbrvdbäumen bestandene Gegenden. Hin und wieder traf man große „Salzpfannen", darunter eine von 100 englischen Meilen Länge und 15 Meilen Breite. Ohne Ausnahme fand Livingstone stets an der einen Seite solcher Salzpfannen eine Quelle. Das Wasser der letz teren ist immer etwas salzig und enthält Nitrat von Soda; nicht trinkbar ist es aber, wenn der Salzgehalt von einer Unterlage von Steinsalz herrührt. Schöne, nie versiegende Quellen kamen da, wo der Boden ans Kalktuff be stand, häufig vor, und diese bevorzugten Strecken waren von zahlreichen Buschmannsfamilien bewohnt. Es waren dies große und starke dunkelfarbige Leute, ganz unähnlich den kurzen schniuziggelben Figuren in der Kalahari- wüste. Einer derselhen, Schobo, willigte ein, den Führer zu machen, denn die Reisenden waren jetzt, Anfang Juni, am Rande einer traurigen Wüste angelangt, jenseits welcher im Nordwesten Sebitnane's Gebiet liegen sollte. Wasser, hieß es, sei in den nächsten vier Wochen gar nicht zu erwarten; doch fand man glücklicherweise schon eher einige Regentümpel. Der Boden dieser Wüste bestand lediglich aus tiefem Sande, mit einem niedrigen Strauch bewachsen;,kein Vogel, kein Insekt belebte die nnwirthlichen Einöden. Zum Unglück war der Führer schon am zweiten Tage seiner Sache nicht mehr sicher und verschwand am Morgen des vierten ganz, nachdem er seine völlige Unwissenheit erklärt hatte. Die kleine Karawane hielt cs für das Beste, in der Richtung fortzugehen, wo man den Führer zuletzt bemerkt hatte; man sah um Mittag Vögel und machte die verschmachtenden Ochsen los, damit sie, ihrem Instinkte folgend, nach Wasser suchen möchten; sie stürzten in westlicher Richtung fort. Die Gesellschaft mußte aber noch weiter dursten bis zum folgenden Nachmittag, und die Kinder — denn der Doctor hatte seine Fa milie abermals mitgenommen — schienen dem Tode nahe. Endlich kehrten die Leute, die dem Vieh nachgegangen waren, mit Wasser zurück. Die Och sen hatten einen kleinen Fluß Namens Mababe gesunden, eine Abzweigung243 Die Tsetsefliege. 16 * des Tamanakle, die in einen großen Sumpf ansgeht. An dem Flusse wohn ten Bajijileute, unter denen sich auch der entwichene Führer Schobo wicder- fand. Des andern Tages traf man, am Rande des Sumpfes hinziehend, ans die ersten Wohnungen eines neuen Stammes, Banajoa genannt, der sich von da weit nach Osten hin erstreckt. Sic unterhalten unter ihren Hütten, die auf Pfählen stehen, während der Nächte Feuer zum Schutze gegen die Muskitoschwärme, von denen hier die Luft wimmelt. Da sic ihrer ganzen Kornernte verlustig gegangen waren, lebten sie jetzt fast allein von einer Wur zel, „Tsitla" genannt, einer Art Aroidee, die eine große Menge süßschmeckendes Stärkemehl enthält. Sie wird getrocknet, zu Mehl zerrieben.und zum Mäh ren gebracht und gewährt so ein nicht unangenehmes Nahrungsmittel. Die Frauen scheeren sich den Kopf ganz glatt; sie sind von etwas dunklerer Haut farbe als die Betschuanen. Ein von diesen Leuten gestellter Führer brachte die Reisenden wohlbehalten über einen andern Fluß, Sonta, und endlich an die Ufer des Tfchobi, deS Grenzflusses von Sebituane's Gebiet. Der Tsetse fliege (6Io88>n:i. morsitans) halber, die am südlichen Ufer hauste, setzte die Ka rawane sofort auf das nördliche über, welches von dieser Plage frei war, und man glaubte das Bich im Allgemeinen gut dnrchgebracht zu haben, da man bis dahin nur wenige dieser Insekten bemerkt hatte; trotzdem gingen auf die ser Reise 43 schöne Ochsen durch den Stich derselben zu Grunde. Dieses unscheinbare Wesen ■— cs ist kaum größer als eine Stubenfliege, an Färbung mehr der Biene ähnlich, mit drei bis vier gelben Querstreifcn ani hintern Theile des Leibes ■— ist für gewisse Theile Südafrika's wahrhaft verhängnißvoll; es bringt dem Pferde, dem Rindvieh, dem Schafe und dem Hunde unausbleiblichen Tod, bildet also für die Viehzucht, die Jagd und das Fortkommen ans Reisen ein gleich verderbliches Hindernis;, lind während jene Hausthiere durch den Stich der Fliege dem sichern Tode verfallen, bleiben sowol die wilden Thiere, als die eigentlichen Ernährer der Tsetse, wie auch der Mensch von allen Übeln Folgen verschont, und Manlthiere, Esel itnd Zie gen erfreuen sich desselben Privilegiums. Ganze Bolksstanime am Zambesi können sich dieses Insektes wegen in der That kein anderes Vieh halten als Ziegen. Noch merkwürdiger ist der Umstand, daß das Rindvieh nur im er wachsenen Zustande für das Gift empfänglich ist, während Saugkälbern der Stich nicht im geringsten schadet. Auch der Hund geht frei ans, sobald seine Fütterung aus Wildfleisch besteht. Dic Tlciseflicgc (Picifad; »crflrä&crt.)244 Die Tsetsefliege. Dic Tsetse hat keinen Stachel, sondern impft ihr Gift durch den Saug- riissel ein. Der Stich mit demselben ist nicht empfindlicher als ein Floh oder Mückenstich, und man kann, wenn man sie ungestört läßt, bequem beob achten, wie sic.sich vollsangt und wieder wcgflicgt. Auch Rinder und Pferde haben beim Aufsehen der Fliege keine Ahnung der Gefahr; sie scheuen nicht wie vor der Bremse und bleiben auch nachgehends noch eine Zeit lang munter. Aber mit der Zeit, beginnen sic, trotzdem daß sie noch fortfressen, abznmagern, dic Muskeln verlieren ihre Spannkraft, Durchfälle treten ein und das Thier stirbt in längstens 2 — 3 Monaten an ^Erschöpfung. Dies ist der Verlauf, wenn das Thier nur von 'wenigen Insekten befallen wurde; drei oder vier sollen schon hinreichend sein, den Tod eines Pferdes oder Ochsen zu verursachen. Setzt sich aber ein ganzer Schwarm auf ein Thier, so kann durch die Menge des beigebrachtcn Giftes der tödtliche Ausgang in wenigen Tagen erfolgen. Die Opfer schwellen dann vor dem Tode zuweilen furchtbar an und werden blind. Die innere Beschaffenheit der gefallenen Thiere ist eine in vieler Hinsicht krankhaft veränderte, und Alles deutet darauf, daß eine Blut vergiftung stattgefunden hat, wie bei dem Biß der gefährlichsten Schlange. Dic Giftfliege hält sich nur in ganz bestimmten, scharf abgegrenzten Lo kalitäten ans. Sie wohnt in Baumgruppcn, Gebüschen oder Gcschilfen und wechselt ihre Plätze anscheinend niemals. Daß, wie am Tschobi, daö eine Ufer eines Flusses von ihr beherrscht ist, während am andern das Vieh unge fährdet weiden kann, ist ein Vorkommuiß, welches sich öfters wiederholt. Der trennende Fluß braucht durchaus kein breiter zu sein, wicwol das Insekt so rasch und gewandt fliegen kann, daß cs über jeden Fluß leicht hinwegkommen könnte. Ja Livingstone sah nicht selten, wenn die Eingeborenen rohes Fleisch von dem befallenen Ufer nach dem gesunden überfuhren, zahlreiche Tsctscn als Passagiere ans dcnisclbcn sitzen, und doch gab es jenseits keine. Weiter südlich gicbt cs Tsetsedistrikte in den bergigen Gegenden, die von der Kalahariwüste ostwärts liegen, namentlich an den Ufern des Limpopo. Hier verlor einmal Cumming, als er eben mit zwei Wagen voll Elfenbein und anderer Jagdbeute nach der Kapstadt zurückkehren wollte, in kurzer Zeit all sein Zugvieh am Tsctscstich und stand so mit seinen Wagen allein, wol 1000 englische Meilen von jeder Wohnung civilisirter Menschen entfernt. Er umgab sein Lager mit einer dichten Schanze von Dornen, und mehrere Wochen blieben dic Wagen hier cingeschlossen, bis von Di'. Livingstone aus Kvlobeng zwei Gespann frischer Zugochsen anlangten. Dic Tsetse hat einen starken Widerwillen gegen thicrische Auswürfe, und diese Stoffe bilden daher eine Hauptingredicnz zu den Salben, welche dic Medizinmänner zum Schutze gegen den Tsetscstich anfertigen. Die Schutzkraft ist indes; nur eine vorübergehende. Die Leute am Tschobi waren über die Ankunft der Weißen hoch erfreut und man erfuhr von ihnen, daß ihr Häuptling Sebitugnc in der Nähe sei; er war aus einer andern Gegend seines Gebietes zu ihrem Empfange herbei-245 Ankunft bei Sebituane. Sebiutane's Schicksale. geeilt. Nachdem man eine Strecke den Fluß hinuntergefahren war, traf man den Häuptling auf einer Insel, umgeben von seinen Vornehmsten, die einen choralartigen Gesang, wahrscheinlich zur Begrüßung, vortrugen. Beide Haupt personen waren natürlich über die Maßen erfreut, einander zu sehen. „Euer Vieh", sagte der Häuptling, „ist sämmtlich von der Tsetse gebissen und wird sicher umkommen; aber das macht nichts, ich habe Ochsen genug und werde euch so viel geben, als ihr braucht." Sebituane war ein schlanker, straffer Mann in den Vierzigen, von oliven- oder milchkaffeebranncr Farbe und einnehmendem, freimüthigem Wesen. In geistiger Begabung übertraf er alle Häuptlinge, die Livingstone kennen gelernt hat. Schon früh am andern Morgen kam er an den Schlafplatz seines neuen Freundes, setzte sich ans Feuer nieder und erzählte seine merkwürdigen Schick sale. Seine eigentliche Heimat war tief unten im Südosten, im Lande der Basuto's. Als etwa zwanzig Jahre früher ein Theil seines Stammes von Fein den vertrieben wurde, floh er mit einer kleinen Zahl Leute in die-Gegend von Kolobeng und weiter nördlich. Baknena's, Bangwaketse und andere Stämme sammelten sich, um die Fremdlinge aufzureiben, aber er warf sie über den Hansen und nahm von den, Hanptorte des geschlagenen Bangwa- kctsehänptlings und all seiner Habe Besitz. Daun wurde er von den Ma- tebele angegriffen und mehrmals geplündert, hielt aber stets seine Leute bei sammen und wußte wiederzngewinnen, was er verloren hatte. So wurde er ein gefürchteter Kriegsmann, obwol er nichts lieber als eine ruhige Stätte gewünscht hätte. Unähnlich den andern Eroberern, Mosilikatse, Dingaan u. s. w., führte er stets seine Leute in der Schlacht persönlich an. Wenn er den Feind erblickte, befühlte er die Schneide seiner Streitaxt und sagte: „Ja, sie ist scharf, und wenn einer dem Feinde den Rücken kehrt, so soll er die Schneide fühlen." Und er hielt in solchen Dingen Wort und hieb den Flie henden ohne Gnade nieder, und kein Laufen konnte ihn retten, denn Sebituane war schneller als jeder Andere. Zuweilen ließ er, wenn der Schuldige sich verkroch, denselben heimgehen. Dann rief er ihn herbei und sagte: „Ach, du wolltest lieber zn Hanse als vor dem Feinde sterben, nicht wahr? Dein Wunsch soll erfüllt werden." — Dies war das Zeichen zur augenblicklichen Hinrichtung. In der Folge zog Sebituane mit seinen Kriegern noch weiter nördlich, überschritt ans ziemlich deinselben Wege wie Livingstone und unter dem Ver luste seines ganzen Viehes die Kalahariwüste und unterwarf sich alle um den See wohnenden Stämme. Sein lebhaftester Wunsch war schon damals, mit den Weißen in Verbindung zn treten und sich eine Kanone zn verschaffen, weil er glaubt?, dieses ^Instrument werde ihm den Frieden sichern. Ein Wahr sager gab ihm jetzt den Rath, sein Augenmerk wieder nach dem Westen zu richten. Dieser Mann, Tlapäne mit Namen, galt für einen „Senoga", d. h. für einen, der mit den Göttern in Verkehr steht. Vielleicht war es auch in diesem Falle jene cigenthümliche Form des Wahnsinns, die häufig246 Sebüucme's Schicksale bei barbarischen Völkern heißer Länder angctroffen wird und deren Ent stehung' oder wol auch Erheuchelnng vielleicht durch eine gewisse Ehr furcht, die inan dort allgemein gegen Irrsinnige hegt, nicht selten noch begünstigt werden mag. Tlapanc pflegte sich von Zeit zu Zeit in irgend ein Versteck znrückzuziehen, wo kein Mensch ihn entdecken konnte. Mit dem Vollmond kam er dann ganz abgemagcrt wieder zum Vorschein und steigerte nun seinen überreizten Zustand bis zur Eptase, indem er von einzelnen hef tigen Muskelbewegnngen allmälig in ein Stampfen, Hüpfen »nd lautes Anf- janchzen überging, wol auch mit einer Keule ans den Boden schlug und dabei Anssprüche that, von denen er selbst hinterher nichts mehr zu wissen behauptete. So war er auch vor Sebitnane erschienen und hatte ihm wah rend seines prophetischen Paroxismus, indeni er nach Osten deutete, gesagte „Dort, Sebitnane, sehe ich ein Feuer: gehe ihm aus dem Wege; es ist ein Feuer, das dich verzehren wird. Die Götter sagen: Gehe nicht dorthin." Darauf sich nach Westen wendend, fuhr er fort: „Ich sehe eine Stadt und ein Volk schwarzer Männer — Männer des Wassers; ihr Vieh ist roth; dein Stamm, Sebitnane, geht dem Untergänge entgegen und wird gänzlich aufgerieben werden; und du wirst über schwarze Männer herrschen; wenn deine Krieger das rothc Vieh erobert haben, läß die Eigenthnnier desselben nicht gctödtct werden; sic sind dein künftiger Stamm, deine künftige Stadt; schone sie, dainit du dereinst mit ihnen dein Reich auferbaust." So lautete die Prophezeiung, wie sie uns Livingstone mittheilt, mit der Bemerkung, daß sic durch die Uebersetzung viel von ihrem cigenthttmlichen Charakter verliere. Die darin angedeutete Politik war gewiß eine weise, und da der darin vor hergesagte Tod zweier Männer wirklich bald nachher eintraf, so befolgte Se bitnane die warnenden Rathschläge. Mit dein Feuer sollte wahrscheinlich auf die Feuerwaffen der Portugiesen hingedeutet werden, von denen der Prophet vcrmnthlich gehört hatte. Unter den schwarzen Männern sind die Barotse zu verstehen. In diesem Sinne schonte daher Sebitnane die Häuptlinge der Barotse, obgleich sie ihn zuerst angegriffen hatten, und unternahm einen Zug südwestlich, um die Küste zu erreichen, verlor aber im Lande der Damara's all sein Vieh und kehrte ärmer an den See zurück, wie er gegangen war. Dann zog er den Teoge hinauf, ging östlich durch das große feuchte Becken und immer weiter den Zambesi entlang, bis er, nachdem er zahlreiche sich ihm cntgcgenstellendc Feinde niedergeworfen, eine schöne gesunde Gegend fand,, die zur Viehhaltung geeignet schien. Hier aber hatte er wieder die Matebele zu Nachbarn, die den Zambesi überschrit ten und ihn mit grimmigen Ranbzügen überfielen. Obgleich er ihnen nichts schuldig blieb und sic mehrmals demüthigte, so war er doch der immerwäh renden Kriege müde und zog sich in die feuchten Gegenden zwischen den brei ten und tiefen Strömen Tschobi und Zambesi zurück, die ihm eine verhältniß- mäßige Sicherheit gewährten. Seine ursprünglichen Begleiter ans den ver schiedenen Betschuanenstämitien waren großenthcils den hier herrschenden FiebernMosilikatse. 247 erlegen, aber Sebitnane hatte die besiegten schwarzen Stämme, Boschnbia, Batoka, Barotse n. s. w-, nnd ihre Häuptlinge mild behandelt, sie erkannten ihn als ihren Oberherrn an, nnd so war er ein großer nnd reicher Hänpt- ling geworden über ein fremdes Volk, unter dem die übriggebliebenen Bet- schnanen nnd ihre Nachkommen nnter dem Stammesnamen Makololo eine Art Adel bildeten. Krieg nnd Eroberung, die Verdrängung oder Unterjochung eines Stam mes burd) den andern, das Zerfallen größerer Stämme in kleinere und das gelegentliche Aufkommen einer neuen Macht unter einem länderstürmenden Eroberer scheinen in Afrika von jeher an der Tagesordnung gewesen zu sein, wenn wir auch über die dortigen Vorgänge im Innern ans früheren Zeiten kaum Andeutungen besitzen. Besonders der Sndosten der afrikanischen Spitze erscheint als ein Ausgangspunkt afrikanischer Länderstürmer. Bon dorther kam Sebitnane, dort trat der blutige Dingaan ans, nnh untet Denen, die vor seinem Sd-werte flohen, erhob fiel? der gefürchtete Mosilikatse, der fidj durch eine Reihe von Unterwerfnugs- und Vernichtnngskriegen den Ruf eines afrikanischen Napoleon erwarb. Dieser Napoleon setzte sich schließlich mit seinen Leuten in dem großen Landstriche östlich vom Ngamisee fest, der bis an den Zambesiflnß reicht, und nod) immer ist sein Volk, die schon öfters erwähnten Matebele, mit seinen räuberischen Uebershllen der Schrecken der Nächbarstämme. Diese Leute sind von Hans ans Znlnkaffern, obwol mit andern Elementen stark gemischt, denn Mosilikatse hatte die Politik, die Kin der der Besiegten zu künftigen Soldaten anfznsparen. Der altgewordene Mosilikatse lebre noch 1854, wo ihm der Missionär Moffat von Knrnman ans einen Besmch mad)te. Dieser wüusd)te nämlid? seinem Schwiegersöhne Dr. Livingstone, der fid) damals ans seiner letzten großen Reise hock) im Nor den befand, allerlei Reisebedarf znkommen zu lassen und benutzte dazu seine Bekanntschaft mit Mosilikatse, die sich schon von 1829 herschrieb. Von Kn ruman bis an die Grenzen des Matebelelandes ist eine Entfernung von 400 englischen Meilen; die Richtung ist nyrdöstlid) und die Reise ging anfangs dnrck) den Ostrand der Kalahariwüste. Nack) vierwöckjentlichem Marsche betrat man Mosilikatse's Gebiet und zwölf Tage später zog der Missionär in das Hoflager seines königlichen Freundes ei». Das Land ist sehr bergig, aber sck)ön und äußerst fruchtbar und das Volk betrieb fleißig Ackerbau. Mosilikatse hatte sich seinen Besuchern in einem Sessel entgegentragen lassen; der,Held so vieler Schlachten war nid)! wieder zu erkennen; er war sehr gealtert und wegen Lähmung der Beine zum Gehen und Stehen un fähig. Als er Moffat's anfidjtig wurde, ergriff er seine Hand mit einem bedeutsamen Blick; dann zog er sein Gewand über die Angen und weinte. Nachdem er sich von seinem Schmerze erholt, wiederholte er Moffat's Na men oster mit dem Zusätze: „Gewiß träume ick; nur, daß du Moffat bist." Auf seine wassersüchtigen Beine zeigend, die ihn, wie er sagte, nmbrächten, bemerkte er: „Dein Gott hat dich mir gesendet zur Hülfe und Heilung."248 Moffat bei Mosilitatse. Livingstone's Reisevorräthe. Sebttuane's Tod. Moffat nahm ihn auch in die Kur »nd mußte ihm immer die Arzneien selbst reichen, denn der Beherrscher eines mächtigen Gebietes hatte beständig Furcht vergiftet zu werden und traute selbst seinen Weibern nicht. Unter Moffat's Behandlung erhielt er bald den Gebrauch seiner Beine wieder, und nun drang dieser darauf, daß man ihn ziehen lasse, um - seine Borräthe in die Hände Livingstone'S zu bringen. Mosilikatse begleitete den Missionär selbst mit 100 Mann. Beim Uebernachten schlief der Monarch in Moffat's Wagen und nicht unter seinen Leuten, vielleicht um einmal im Gefühl völliger Sicherheit zu schlummern. Nach 18 Tagen kam die Karawane zum Stillstand, da man in dieser Weise nicht wohl weiter konnte. Das große Gebiet Mosilikatse's erscheint in seiner nördlichen Absenkung ungastlich und wenig oder gar nicht bevölkert. Es fehlte an Wasser für die Ochsen, und die nächsten Quellen la gen im Gebiete der Tsetsefliege. Man entschloß sich daher, die zu überbrin genden Borräthe in so kleine Stücke zu verpacken, daß sic von Menschen fortgetragen werden konnten. Der Häuptling wählte dazu 20 der tüchtigsten Leute aus, die unter dem Befehle eines Offiziers nach dem Norden weiter gingen und in 20—30 Tagen am Orte ihrer Bestimmung sein konnten, während Moffat mit seinem fürstlichen Freunde wieder nmkchrtc. Die Leute hatten, wie sich später fand, ihren Auftrag richtig vollführt. Sie waren in der Nähe der Bictoriafällc an den Zambcsi gekommen und hatten die Makololo am ander» Ufer angerufen, daß sie herüberkommen und die Sachen für den Doctor in Empfang nehmen mochten. Jene trauten aber ihren Todfeinden nicht und vcrnmtheten eine Falle oder einen Versuch, ihnen verderbliche Zaubermittel in die Hände zu spielen. „Geht eurer Wege", rie fen sie, „wir kennen euch schon; wie kann der Doctor, der weit fort nach dem Norden gegangen ist, bei Moffat diese Dinge bestellt haben?" Die Matebele antworteten: „Hier sind die Sachen; wir legen sic vor euren Au gen her, und wenn ihr sie verderben laßt, so ist das eure Schuld." Nach dem sie sich entfernt, ermannten sich die Makololo in etwas, holten mit Zit tern und Zagen die verdächtigen Dinge ab, legten sie auf einer Insel des Flusses nieder und überbauten sie mit einer Hütte. Hier lagen die Pallete ein ganzes Jahr, vom September 1854—55, wo der Doctor sie unange tastet vorfand. Kehren wir jedoch nach dieser Abschweifung zurück zu den neuen Freun den Livingstone und Sebitnane nach deS Letzter» Residenz am Tschobiflusie, die den Namen Linhanti führt. Sebitnane war sehr erfreut, daß der Doctor gleich seine Familie mitgebracht hatte und seinen bleibenden Aufenthalt bei ihm nehmen wollte. Er versprach ihm sein Land zu zeigen, damit er nach Belieben sich einen Platz zur Ansiedelung answählen könne. Aber unglück licherweise wurde der Häuptling wenige Tage darauf von einem Lungenübel ergriffen, das seinem Leben bald ein Ziel setzte. Er wurde begraben wie alle Betschnanenfürsten, nämlich in seiner Viehhürde und so, daß nach AuffüllungSUntnane's Nachfolger. Der Zambesi. » 249 des GrabeS das Vieh ein oder zwei Stunden lang darüber Hinweggetrieben wurde, bis es ganz der Erde gleich war. - Der Doctor und seine Frau sprachen nun dcni Volke zu, daß es znsam- menhalten und getreulich zu dem Erben der Häuptlingswürde stehen möge. Sie nahmen cs gut auf und sagten ihrerseits, die Fremden möchten sich nicht beunruhigen, denn sie dächten nicht daran, daß ihre Ankunft schuld an Se- bituanc's Tode sein könne. Er ist den Weg seiner Väter gegangen — äußerten sie — aber er hat Kinder hinterlassen und wir hoffen, daß ihr gegen diese ebenso freundlich seid, als ihr es gegen den Vater sein wolltet. Sebitnane war nicht allein von seinen llnterthancn geliebt, sondern weit und breit als gütiger und weiser Mann berühmt. Kamen arme Fremde in seine Stadt, um Felle oder sonst etwas zu verhandeln, so sprach er auss Leutseligste mit ihnen, ließ sie gut bewirthen und beschenkte beini Weggänge jeden ohne Ausnahme. So gewann er sich nicht nur die Herzen Aller, son dern erfuhr auch Alles, was sich im Lande zntrng, aufs- Genaueste. Nach Sebituane'S Wunsch ging die Hänptlingswürde ans eine Tochter von ihm über, die zwölf Tagereisen weiter nördlich in der Stadt Nalieli wohnte. Im Sinne ihres Vaters gab sie den Frcniden völlige Freiheit, sich überall im Lande nach einem Ansicdelungsplatze umznsehen. Sv machte denn der Doctor , mit OSwcll einen Ausflug von 130 engl. Meilen in nordwestlicher Richtung, bis man (Ende Juni 1851) auf den Zambesistrom stieß, ein prachtvolles Gewässer von 1000 — 2000 Fuß Breite, trotzdem cS eben sei neu niedrigsten Stand hatte und nach der Regenzeit um 20 Fuß steigt. Man kannte diesen Fluß bisher nur in seinem untern Laufe nach der See hin und hatte seinen Ursprung und ober» Cnrs ganz wo anders, viel weiter südlich angenommen; die Entdeckung seiner wirklichen Lage, als Haupt Pulsader eines großen Beckens mitten im Kontinente, war daher gewiß eine interessante und wichtige. Das Land zwischen Tschobi und Zambesi war mit Ausnahme zahlreicher Termitenbauten völlig eben und, meistens mit wilden Dattelbänmen, Palmen, Mimosen n. s. w. bestanden. Die starke» Ueberschwem mnngen der beiden Flüsse hinterließen ausgedehnte Sümpfe, die das Land so un gesund machten, daß derMissinär nicht daran denken konnte, hier mit seiner Familie einen bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Er entschloß sich also, Fra» und Kinder nach England zu senden, da in Kolobeng tvegen der Feindseligkeiten der Boers keine bleibende Statt mehr für sie zu hoffen war. Nach einem Aufenthalte von wenigen Wochen unter den Makvlolo'S verließ er das Land, um in der Folge allein wiederzukehren, sich weiter nach einem gesunden Di strikte für eine Missionsanstalt umznsehen und wo möglich einen Verbindungs weg für diese Binnenländer nach der See, sei es nach Ost oder West, zu eröffnen. Eine Straße für regelmäßigen Handel erschien um so wnnschcns- werther, als bereits die Pest des Sklavenhandels bei den Makololo's eingc- zogen war, und zwar nicht früher als im Jahre 1850. Die Mainbari, ein auf der Westseite in der Nähe von Bihe ansässiger Stamm, durchziehen250 Sie Griqua's. Watcrboer. als Handelsleute weite Strecken dieses Theiles von Afrika und waren endlich auch zu den Makololo's gekommen, wo sic für alte Flinten, Kattun lt. dgl., unter Ablehnung von Vieh oder Elfenbein, vierzehnjährige-Knaben verlang ten. Das Verkaufen von Menschen war bis dahin etwas Unerhörtes gewe sen, aber Sebitnaue konnte dem Reize der Feuerwaffen nicht widerstehen und gab die Knaben aus seinen Dienstleuten her. Ja die Mambari brachten ein förmliches Compagniegeschäft zn Stande, indem sie den Makololo's Gewehre liehen, damit sic gegen einen benachbarten Stamm einen Beutezug unterneh men konnten, von welchem das geraubte Vieh den Makololo's verbleiben, die Gefangenen den Händlern gehören sollten. Der Streich brachte den Händ lern wenigstens 200 Sklaven ein. Dieses kaum erst eingerissene Nebel durch Ermöglichung eines ehrlichen Austausches von Fabrikaten und Produkten zu ersticken, war natürlich des Missionärs eifriger Wunsch. Im April 1852 befand sich Livingstone in der Kapstadt, um seine An gehörigen heimzuschicken und sich auf feine letzte und grösste Reise vorzube reiten. Die Direktoren der Mission hatten seine Pläne vollkommen gebilligt und ihm völlig freie Hand gegeben. Im Juni verließ Livingstone die Kap stadt und durchzog in kurzen Tagemärschen das Gebiet der Kolonie. Die langsame Art mit dem Ochsenwageu zu reisen gewährte den Bortheil, .daß er das reiche Natur- und Völkerleben jenes Gebietes genauer beobachten konnte. So gelangte er über den Oraugefluß in das Land der Griqua's. Griqua's heißen überhaupt alle von Eingeborenen und Europäern abstammenden Misch linge Südafrika's. Die hier erwähnten stammen von Holländern her, die mit Hottentotten- und Buschmäuner-Frauen sich verbunden hatten. Eine Reihe von Jahren waren sie von einem selbstgcwähltcn Häuptling Namens Water boer regiert worden, der auch von der Kolonialregierung vertragsmäßig eine gewisse Summe zur Unterhaltung von Schulen jährlich erhielt, da er als kräftiger Hüter der Nordwestgrenze der Kapkvlonie sich verdient gemacht. So lange er regierte, kam kein Bichraub vor, den er aufs Strengste verboten hatte, so schwer ihm auch die Aufrechthaltung dieses Verbots wurde, denn auf Raub von Viel, auszuzichen, war bei den Griqua's eine ebenso einge wurzelte und so zu sagen herkömmliche und erlaubte Sitte, als bei den Kaf- fern. Da keiner der südafrikanischen Stämme unter einer despotischen Regie rung steht, so gab es immer unter den Vornehmeren oder Unterhäuptlingen der Griqua's einige, die sich nicht an die Vorschriften Waterboer's gebun den erachteten und räuberische Ueberfälle auf die Dorfschaften benachbarter Stämme unternahmen. Sechs solcher Rädelsführer wurden einst vor seine Rathsversammlnng gefordert, verhört, verurtheilt und hingerichtet. Dies hatte einen Aufstand zur Folge, den er muthvoll und nachdrücklichst bezwang, sodaß von nun an während der dreißig Jahre, die er noch regierte, nie wieder ein Ranbzug'stattfand. Mit gleicher Energie setzte er das Verbot-der Einfuhr spiritnöser Getränke durch, als.er sich von der verderblichen Wirkung derselben überzeugt hatte.Ncberfall der Baknena's durch die Bocks. 251 Schon vor feiner Abreise aus der Kapstadt hatte Livingstone bedrohliche Ge rüchte gehört von einem lleberfall, welchen die holländischen Bocrs gegen seine Freunde, die Bakucna's, vorbereiteten, und er sollte leider im später» Verlauf seiner Reise mit eigenen Augen die Greuel sehen, welche die Sklaverei im Gefolge hat. Bon den zahlreichen holländischen Kolonisten, welche sich bekanntlich der englischen Herrschaft durch Auswanderung ans der Kolonie entzogen, weil sic ohne Sklaven nicht glaubten auskounnen zu können, hat fid; ein Theil über den Vaalsluß zurückgezogen'(daher Tranövaalboers genannt) und in den Kä- schan- oder Magalisbergen, der alten Heimat Mosilikatsc's, festen Fnß ge faßt. Hier haben sie gegen die armen benachbarten Betschnanenstämme ein greuliches Sklavereisystem ins Werk gesetzt; denn nicht nur daß sic dieselben zu Feldfrohndiensten zwingen, sic stellen auch förmliche Treibjagden an, um Kinder in ihre Gewalt zu bringen und aus ihnen Haussklaven zu machen. Die Kinder raubt man am liebsten so jung als möglich, damit sic um so eher ihre Eltern und ihre Muttersprache vergessen. Es wäre unglaublich, wenn cö nicht der ehrliche Livingstone erzählte, wie abscheulich die Bocrs bei solchen Gelegenheiten zu Werke gehen. Hat man einen solchen Mord- und Raubzug vor, so ist gewöhnlich der Vorwand zur Hand, der zu überfallende Stamm gehe mit Rebellion um; die nnnicnschlichsten Schlächtereien geschehen so „um des Friedens willen". Die bewaffneten und berittenen Bauern rücken nie auf ein solches Unternehmen aus, ohne einen Haufen unterworfene Betschua- nen znni Mitgehcn zu zwingen. An dem dem Verderben geweihten Dorfe angekommen, werden letztere reihenweise iit der Fronte als Schild anfgestellt, und die Bauern feuern nun kaltblütig so lange über ihre Kopfe weg, bis die Angegriffenen fliehen und Weiber, Kinder und Vieh den Angreifern zur Beute überlassen. Natürlich fühlt sich diese kleine Gemeinschaft von Üebelthätern inmit ten so vieler Tausende wenn auch energieloser Wilden nie recht sicher, besonders seit nach der Entdeckung des Ngamisecs die Straße dahin sich mit Fremden und Händlern belebte, welche Gewehre und Munition an die Eingeborenen verkauften. Sic sperrten auch mehrmals den Weg an der Wüste entlang und trieben die Händler zurück oder plünderten sic ans. Namentlich waren ihnen die Baknena's ein Dorn im Auge und sie forderten Sitschili unablässig ans, ihre Oberherrschaft anzuerkennen und den Engländern und Griqua's den Ein tritt und Durchgang durch sein Gebiet zu verwehren. Sitschili antwortete stets: „ sich bin ein unabhängiger Häuptling und von Gott hierher gesetzt, nicht von euch. Mich hat Mosilikatsc nie besiegt, wie Die, die euch gehör chcn. Die Engländer sind meine Freunde, ich kann sie nicht hindern, zu kom men und zu gehen, wie es ihnen beliebt." So wuchs die Spannung von Jahr zu Jahr, und Livingstone selbst war ein großer Stein des Anstoßes für die Bauern. Ein eiserner Topf, den er dem Häuptlinge geliehen, sollte schlechterdings eine Kanone sein; die we nigen Flinten, welche in die Hände der Baknena's kamen, wuchsen durch das. Gerücht ans so viele Hunderte. Endlich kam, 1852, der längst gehegte Plan,252 Zusammentreffen mit Macabe, die Bakuena's mid die Missionäre zu vertreiben und dadurch die Straße nach dem Norden ungangbar 31 t machen, zur Ausführung. Vierhundert Bauern mit einer Kanone überfielen Sitschili's Kraal, tödtcten 60 Leute, verbrannten den Ort und führten gegen 200 Schulkinder und mehrere Erwachsene, sowie alles Vieh mit sich fort. Livingstone's Hans wurde rein ansgeplündert, auch eine große Waarenniederlage ausgeraubt, welche fremden Engländern gehörte.' Sitschili verthcidigte sich mit seinen Leuten vom Morgen bis zum Abend, wo sic in die Berge flohen. Bon den Bauern fielen 23, ein unerhörter Fall, denn bei allen früheren Nanbzügen hatte nie ein Bauer einen Tropfen Blut vcr- loren. Um so höher stieg die Wuth gegen Livingstone, denn wer anders als er konnte den Bakuena's gelehrt haben, Bauern zu tödten! Der Doctor befand sich zur Zeit der Katastrophe noch in Kuruman. Sie verbreitete solchen Schrecken in der Gegend und die Drohungen der Bauern gegen ihn waren so feindselig, daß Nieniand in seinen Dienst treten mochte und er somit genvthigt war, die Reise in den Norden um ein Paar Monate anfzn- schieben. Endlich war auch dies Hinderniß beseitigt und am 20 . November konnte die Reise angetreten werden, welche zunächst zu dem jämmerlich verwüsteten Koloheng und dann nach Litubäruba, dem Orte führte, wohin die von aller Habe entblößten, decimirten und im Elend schmachtenden Bakuena's sich zu rückgezogen hatten. Früher schon war man Sitschili begegnet, der ans einer gleise nach dem Süden begriffen war und alles Ernstes vorhatte, nach Eng land zu gehen und die Bauern bei der Königin verklagen. Er ließ sich auch durch die Vorstellung der Schwierigkeiten einer solchen gleise nicht von seinem Entschlüsse abbringcn und kam wirklich bis nach der Kapstadt, wo die Er schöpfung seiner Mittel ihn zur Heimkehr uöthigte. Was Sitschili und seine Leute durch die Bocrs an Menschen und Ver mögen eingebüßt hatten, gewannen sie au Vertrauen bei ihren unter der Bot mäßigkeit jener lebenden Landsleuten. Schaarenweisc flohen diese von ihren Unterdrückern und schlossen sich dem Stamme der Bakuena's an, und Sit schili's Macht wurde bald größer, als sie vordem gewesen war. Nach so viel traurigen Erfahrungen ward Livingstone auch eine an genehme Ueberraschung zn Theil, indem er mit dem Reisenden I.' Ma- cabe zusammentraf. Derselbe war von einer Expedition nach dem Ngami- sce zurückgekehrt, die er etwas südlich von Kolobeng ans mitten durch die Wüste hindurch unternommen. Nachdem er zunächst das südöstliche Ufer untersucht, hatte er, den Zonga überschreitend, den nördlichen Theil desselben umgangen und ist so der einzige europäische Reisende, der diesen See von allen Seiten kennen gelernt hat. Auch noch zwei andere Englän der hatten um dieselbe Zeit die Wüste hin und zurück durchzogen. Durch diese verschiedenen Reisenden bestätigte sich übrigens, daß die Angaben der Eingeborenen über die Beschaffenheit der Wüste im Allgemeinen immer rich tig gewesen waren.Livingstone's große Reise an die Westküste. Am 15. Jan. 1853 verließ Living- ftone bic unglücklichen Baknena's und lenkte der Wüste zn. Das vergangene Jahr war ein ungewöhnlich regenreiches gewesen und die Wüste hatte sich da durch in ein unendliches Melonenfeld ver wandelt. Man konnte sic in jeder be liebigen Richtung überschreiten, denn die Zugthiere bedurften bei der saftigen Kost kein Wasser und verlangten gar nicht darnach. Der Reisezug nahm im Allgemeinen die vorjährige Richtung. Die Bamang- watobergc bilden die letzte Bodenerhebung nach Norden zn, und hinter ihnen breitet sich wieder die endlose Ebene, welche Raum gicbt für Monate lange Rei sen. Diese Berge sind etwas Beson deres für den afrikanischen Süden; sie bestehen ans schwarzem Basalt, der, säulenförmig mit sechseckigen Spitzen krystallisirt, in 7 — 800 Fuß hohen Wänden steil aus dem Flachlande anfsteigt. Ihre labyrinthischen Zerklüf tungen und Spalten dienen Sikomi und seinen Leuten als Schlupfwinkel und natürliche Festungen gegen die Ueberfälle der Matebele. Diese Zerklüftungen rühren von der plötzlichen Einwirkung von Kälte ans die durch die Ta geshitze ausgedehnten Thcilc her; diese letzteren, indem sie die Abhänge254 Das Bnschmämierland jenseits des Zouga. der Hügel hinabglitten und sich dann gegen einander lehnten, bildeten oft wieder Höhlen. An vielen Stellen sind auch noch Lavaströme zn erkennen, liefert gens sind die Felsen mit schönem Baümwnld bewachsen. DaS große Flach land ist trostlos eintönig: gelber weicher Sand, mit GraSbüschcln von Hut große und Dornen besetzt und hier und da mit salzigen Ausblühungen überzogen. Hier werden von den Bamangwato's großartige Schaf- und Ziegenherden gehalten, die bei Gras und Salz trefflich gedeihen. Die in Lederschläuchen anfbewahrte geronnene Ziegenmilch bildet ein vorzügliches Nahrungsmittel. Nchvkotsa, Kubi und andere Punkte, die man berührte, sind Halte- und Tränkplätze, wo man aus Schlamm Wasser zu gewinnen ver stehen muß. Weiter ging es über die ungeheure Salzpfanne Ntwetwe, die so eben ist, daß man auf ihr, wie auf der Sec, astronomische Aufnahmen mckcheu kann. Hier gewährten Landschildkröten eine sehr angenehme Speise. Aus den Schalen der Jungen werden Schächtelchen gemacht, welche die Frauen mit wohlriechenden Wurzeln anftilleu und sich umhängen; die Schalen der größeren dienen zu Schüsseln. Dann kam man in eine Region von Baobabs oder Affenbrodbänmen (bei den Betschuanen „Mowana" ge nannt), jener durch Größe, Lang- und Zählebigkeit so merkwürdigen Pro dukte des Pflanzenreichs. Man mag den Baum noch so oft abschälen — was die Eingeborenen häufig thun, um aus dem Baste Stricke zu machen — er schwitzt eine neue Rinde ans und grünt fort, als sei nichts geschehen. Weder Feuer, noch Aushöhlung, noch selbst Umhauen tödtet ihn, denn er wächst noch am Boden liegend fort. Sein Holz ist so schwammig und weich, daß die Axt bei einem kräftig geführten Schlage so tief eindringt, daß sie nur mit Mühe wieder hcrausgxzogen werden kann. Als Gesellschafter dient ihm dort der Eisenholzbanm, eine Bauhinia, ans deren Blättern eine Insektenlarve unter einem Deckel oder Hüttchen ans einer selbstbereitctcn süßschmeckcn den Gummimasse lebt. Die Eingeborenen sammeln und verzehren die ses natürliche Confekt in großen Massen, und eine fette große Raupe, welche derselbe Baum beherbergt, bildet die animalische Zukost. Die Ein wohner hier und in der Gegend bis nach dem Tschobi hin sind die früher erwähnten Buschmänner erster Klasse, große dunkelfarbige Leute von recht hei terer Gemüthsart, denen ihr Land Wasser und Nahrung in Fülle liefert. Sie waren gegen die Reisenden stets freundlich und behülflich. Im weitern Borrücken kam man in immer reicher mit Wasser, Wäldern, Busch und riesigem Gras ausgcstattetc Gegenden. Auch das Großwild wurde immer häufiger und zeigte fast gar keine Furcht; Kudus, Gnus, Zebras, Büffel u. s. w. standen umher und schauten verwundert die fremden Eindringlinge an. Aber nun kam auch das leidige Fieber über die Reisenden; in den ersten Tagen des März kamen außer dem Doctor die meisten seiner Gefährten zum Er liegen und die ganze Karawane für längere Zeit zum völligen Stillstände. Noch langsamer als gewöhnlich, die Kränksten auf die Wagen gepackt, ging es in der Folge weiter, größtentheils durch Wälder, in denen die Axt bestän-Ankunft und Irrfahrten a»i Tschobifluß. 255 big in Thätigkcit sein mußte, MN Durchgänge für die Fuhrwerke zu schaffen. Dazu gab es häufige und heftige Regengüsse, die wenigstens keine zu große Hitze aufkommen ließe». Die Vegetation bot manchen interessanten Wechsel. So traten Plötzlich und ganz nnvcrmnthet Weinstöcke auf, die mit schweren Trauben beladen an den Bäumen aufrankten. Die Trauben oder vielmehr die Kerne waren aber sehr herb. Es kamen indische Feigen, Palmen, Dat teilt und manche neue Bäume zum Vorschein; das Gras war oft höher als die Wagen. Die ganze Reise ging aber durch so ebene Gegenden, daß ein einzelner 3—400 Fuß hoher, baumbewachsener Hügel, Ngwa genannt, den Reisenden eine wahre Herzstärknng gewährte. Die beim weitern Vordringen immer zahlreicher anftretcuden stehenden Gewässer ließen erkennen, daß man sich jetzt ans Ueberschwemmnngsboden und in Flußnähe befand, und endlich stand die Karawane am Sanschureh, der ein Seitenzweig des Tschobi, aber für sich schon ein breiter tiefer Fluß voller Nilpferde ist. Unter einem präch tigen Baobab wurde ein Lager bezogen, und nachdem man sich einige Tage vergeblich abgemüht, eine Furt durch dieses Gewässer zu finden, bestieg der Doctor mit noch einem Manne einen tnitgebrachten Ponton, fuhr hinüber, und nun begann ein drei Tage langes abenteuerliches Herumarbeiten in nassen Wiesen, Gewässer und Geschilfe. 1 Zwar wurde schon am ersten Tage das Ufer des Hauptstroms gefunden, aber die größte Schwierigkeit war eben, durch die Schilfwälder hindurch ins freie Wasser zu gelangen. Ans und ab zogen die beiden Wanderer, um eine günstige Gelegenheit zu erspähen; hier und da gab ihnen ein einzelner großer Baum oder ein Ameisenban, welche sich hier von einigen dreißig Fuß Hohe vorfanden, Gelegenheit zu einer lini schau. Es waren nicht allein riesige Geschilfe, die überall sich in den Weg stellten, sondern dazwischen gab cs noch besondere sägeförmig gezackte Gräser, die die Hände wie Schermesser zerschnitten, und alles Dieswar noch von Windengewächsen durchflochtcn und faschinenartig znsammc,»geschnürt. Kamen zur Abwechselung statt des Schilfes einmal Papyrusstanden, die sich wie kleine im Wasser stehende Palmenwälder ansnahmcn, so war dadurch nicht das Mindeste gebessert. Die Reisenden mußten zweimal in dieser Umgebung übernachten und konnten sich nicht genug wundern über die seltsanien Laute, die in nächtlicher Weile ans dem Dickicht hcrausdrangen. Da vernahm man unheimliches Flattern, Plantschen, Gurgeln, Quiken, Töne, die bald Menschen stimmen ähnlich, bald mit gar nichts Irdischem zu vergleichen waren, sodaß es schien, als trieben Kobolde in diesen dunklen Verstecken ihre tollen Scherze. Einmal kam etwas ganz nahe, das wie ein Nilpferd oder ein Boot platschte; man vermuthete Eingeborene, stand auf, lauschte und rief und that endlich mehrere Signalschüsse; aber das unbekannte Wesen setzte seiü Platschen, ohne sich stören zu lassen, noch eine ganze Srnnde lang fort. Am dritten Tage hatten die Beiden ihren Ponton ins Wasser lassen können und befanden sich am Abend noch rudernd auf dem Strome, als sie im letzten Moment vor Dunkelwerden glücklich ein Makololodorf ans einer256 Sekeletu. Ankunft zu Linyanti. Insel erblickten. Es gehörte einem Manne, den der Doctor schon int vori gen Jahre kennen gelernt hatte. Die Leute waren von der Erscheinung der Fremden so überrascht, als ob sic Geister sähen, und sagten in ihrer bilder reichen Sprache: „Er ist aus den Wolken gefallen oder ans einem Flußpferde hergeritten. Wir glaubten, daß Niemand ohne unser Wissen über den Tschobi kommen könne, und dieser, kommt wie ein Vogel unter uns." Nach einigen Tagen kamen mehrere Vornehme ans der Hauptstadt mit vielen Leuten, um die Reisenden mit Vieh und Geschirr über den Strom zu holen. Die Wagen wurden zerlegt und stückweise auf 5i'äh»e gepackt, die Zugochsen von Schwimmern hinübergeführt. Man war nun unter Freunden, und auf einem großen Umwege, um auö dem Bereiche der Ucbcrflutnng zu kommen, ging der Zug nach der weiter oben am Strome gelegenen Haupt stadt Linyanti, wo die Reifenden am 23. Mai 1853 glücklich eintrafe». Die ganze Bevölkerung von Linyanti, 6—7000 Menschen, war hcranö- gekominen, weniger um die Fremden, als ihre Wagen im Gange zu sehen, die ihnen wie ein halbes Wunder erschienen. Der neue Häuptling, Sekcletu, ein Sohn Sebitnane's, erst 18 Jahre alt, empfing den Doctor wie einen sehr geehrten Gast. Die Regentschaft seiner altern Schwester war nur eine kurze gewesen, da diese Anordnung des verstorbenen Fürsten sich mit der all gemeinen Anschauungsweise gar nicht vertrug. Ein Weib als Häuptling war eine unerhörte Neuerung^ dieselbe konnte keine ordentliche Heirath eingehen, denn damit wäre sie Unterthanin des Mannes geworden. Diese Schwierig keit zu umgehen/hatte Sebitnanc seiner Tochter gesagt, alle Männer gehör ten ihr, sic möge nach Belieben wählen und brauche keinen zu behalten. Sie that dies auch, aber der Gewählte wurde nun nicht anders als des Häuptlings Weib genannt, und die Weibcrzungen verarbeiteten das Vcrhält- niß dermaßen, daß die Fürstin in öffentlicher Versammlung erklärte, sic über trage die Würde ans ihren Bruder Sckelctn und wolle einen Mann und Familie haben wie andere Weiber. Schon die blosc Nachricht, daß der Doctor im Anzüge sei, hatte eine gute Wirkung: eine Gesellschaft Mambari und Halbportugiesen, die sich des Sklavenhandels halber im Lande eingefnnden hattp, packte eiligst ans und machte sich fort. So groß war bereits daö Ansehen und der Ruf Lioing- stone's. Die Makololo's selbst erwarteten große Dinge von ihm; denn längst waren Gerüchte zu ihnen gedrungen von großen Äortheilen, welche ihren Stammgcnossen im Süden ans den Unterweisungen der Missionäre erwüchsen. Einer jener Sklavenhändler, Mpepo genannt, faßte bei dieser Gelegen heit den Plan, seine Gefährten zu bewaffnen und mit ihrer Hülfe sich, nach Ermordung Sckeletn's, zum Beherrscher der Makololo's anfzuwerfen. Er lauerte dem Häuptling auf einem Ansflngc, den dieser in Livingstone's Be gleitung machte, unterwegs auf. Sekctctn aber, als er ihn mit einer kleinen Axt ans sich znstürzen sah, konnte noch zur rechten Zeit sich in ein nahe gelegenes Dorf flüchten, wo er wartete, bis Livingstonc mit den Andern her-Mmdanschlag gegen Sekeleiu. 257 ziigekommen war. Mpepo hatte glcichwol nvch eine Confcrenz mit Sckclctu zu erwirken gewußt; sein Benehmen aber schien dem Reisenden, der Zeuge war, verdächtig, und so gelang cs diesem, den tödtlichen Streich abzuwenden, und nachdem einige der Mitwissenden das Geheimnis; verrathen hatten, wurde der Mörder auf Befehl Sekeletu's sofort hingcrichtct. Dadurch be kam Livingstone Gelegenheit, die cigenthümliche Formalität kennen zu lernen, unter der eine Hinrichtung bei den Makololo's vollführt wird. Der Vcrur- theiltc bittet sich von dem mit seiner Abführung Beauftragten eine Prise Schnupftabak ans, und indem er die Hand darnach ansstreckt, ergreift ihn jener an der einen Hand und ein Anderer an der andern, Beide führen ihn etwa eine Meile weit und stechen ihn dann nieder. Es darf dabei kein Wort gesprochen werden. Das Verfahren in gewöhnlichen Klagesachen, die vor dem Häuptling zur Entscheidung gebracht werden, ist etwas weniger summarisch. Der Klä ger trägt auf dem Versammlnngsplatze dem Häuptling und der Versamm lung seine Sache vor. Nachdem er sodann einige Minuten geschwiegen, um sich zu besinnen, ob er nichts vergessen habe, bringen die Zeugen, ans welche er sich beruft, ihre Aussagen vor. Wieder nach einer kurzen Pause erhebt sich langsam der Beklagte, schlägt seinen Mantel fest um sich und beginnt in möglichst ruhiger und besonnener Weise — gelegentlich auch einmal gäh nend oder sich schnäuzend — seinen Vortrag, den Klagepunkt entwe der leugnend oder zugebcnd. Zuweilen wirft der Kläger, durch ihn gereizt, seine Gegenbemerkungen dazwischen, worauf sich jener ruhig mit den Worten gegen ihn wendet: „Schweige; ich habe geschwiegen, als du sprachst; kannst du dasselbe nicht auch thun? Willst du, daß man nur dich allein höre?" Die Zuhörer verhalten sich dabei ganz ruhig, die Zeugen bringen ihre Be weise vor, aber ein Eid wird nicht geleistet. Zur Bcthcnernug, wenn eine Behauptung angefochtcn wird, dient nur zuweilen die Formel: „Bei meinem Vater", oder: „Beim Häuptling, so ist cs!" Ihre gegenseitige Wahrheitsliebe ist groß. Wenn ein Armer sich einem Reichen gegenüber vertheidigt, so hört man ihn wol sagen: „Ich bin erstaunt, einen so großen Mann eine falsche Anklage machen zu hören!" Die Beherrscher des weiten Landes zwischen den Flüssen, die gelbbraunen Makololo's, sind, wie schon bemerkt, sehr dünn vertheilt; nur eine oder ein Paar Familien finden sich in jedem Dorfe. Das Klima sagt ihnen offenbar nicht zu und die Fieber haben schon bedeutend unter ihnen aufgeräumt, be sonders unter den Männern, während die Frauenzimmer wenig davon leiden und demzufolge in auffallender Ucberzahl vorhanden sind, ein Verhältniß, das sic selbst am meisten beklagen. Die unterworfenen Stämme werden von den Makololo's im Allgemeinen Makalaka's, Knechte oder Diener, geheißen, während diese den Namen ablehnen und selbst auch Makololo's sein wollen. Ihre Knechtschaft ist jedenfalls eine sehr leichte und muß cs sein, da Niemand sic halten könnte, wenn sie wegen übler Behandlung auSwandern wollten. Buch der Reisen. II. i 7258 Die Makololo's. Sie haben hauptsächlich bei der Feldbestellung mit zu helfen, besitzen übri gens ihre eigenen Felder und Wirthschaften und leben sonst ziemlich unab hängig. Daneben bestehen, je nach der Leistungsfähigkeit der einzelnen Stämme, Abgaben von allerlei Bodenfrüchtcn, Tabak, Honig, hölzernen Ge fäßen, Kähnen, Feldhacken, Sperren, Fellen, Elfenbein u. s. w. Alles muß deni Häuptlinge gebracht werden, der übrigens das Wenigste für sich behält, sondern fast Alles unter seine Leute vertheilen muß, weil hauptsächlich hierauf seine Popularität beruht. Die Makololowciber haben sich in die Nolle der Landedeldamen bald gefunden; ungleich ihren Schwestern im Süden arbeiten sie nur wenig, beschäftigen sich aber fleißig mit ihrem Putz und trinken gern in abgeschlossenen Zirkeln viel Hirsebier, das sehr nahrhaft ist und ihnen die gewünschte und für vornehm geltende Wohlbeleibtheit gicbt. Oft, wenn sie zu Livingstone kamen, verlangten sie nach dessen Spiegel, und spaßhaft waren ihre mit hellem Gelächter begleiteten Selbstgespräche, wenn sic zum ersten Male ihr Abbild darin erblickten. Z. B. „Bin ich das?" — „Was für einen großen Mund habe ich!" — „Meine Ohren sind so groß, wie Kürbisblät ter." — „Ich habe gar kein Kinn." — „Ich würde hübsch sein, aber diese vorstehenden Backenknochen verunstalten mich." — „Was für eine Erhöhung hat mein Kopf in der Mitte!" — Sie haben überhaupt ein scharfes Auge für die Mängel der Andern und geben sich darnach untereinander Spitznamen. Die Makololo's sowol als die Makalaka's bebauen große Flächen um ihre Dörfer mit allerlei Bodenfrüchten. Dabei besitzen elftere die ganze ange borene Vorliebe des Betschuanen für schönes Rindvieh, wovon es zwei Nassen im Lande giebt. Sie verwenden viel Zeit auf die Pflege und Verschönerung desselben. So lange die Hörner noch im Wachsen sind, schaben sie an einer Seite des Horns etwas weg und veranlassen es dadurch, sich nach dieser Seite zu krümmen. Je phantastischer die Krümmungen ansfallcn, für um so schöner hält man das Vieh. Einigen Zündern sind mit glühenden Messern über den ganzen Körper Streifen eingebrannt, um eine andere Haarfärbung hervorzubringen, sodaß sie wie Zebras aussehen. Andere haben um den Kopf Behänge ans ihrer eigenen Haut, die man in der Form von 2 — 3 Zoll langen Hängeohren ablöst und so verheilen läßt. Die Makololo's verarbeiten alle ihre Ochsenhäutc entweder zu Mänteln oder zu Schilden. Für den erstern Zweck wissen sie die Felle durch Schaben, Einfetten, Aufrauhen u. s. w. so gut herzurichten, daß sie so weich wie Tuch werden. Die sehr dauerhaften Schilde bieten ihnen im Gefecht eine gute Schutzwaffe gegen Wurfspeere, wiewol sie einzeln ankommendc Sperre auch ohne Schild nicht fürchten, sondern ihnen durch Seitensprünge anszuwcichen wissen. Ihre Geschicklichkeit im Speerwerfen ist groß. Sie werfen dieselben aufwärts, damit sie von oben kommend eine um so größere Kraft ansüben. Gastfreundschaft gegen Fremde halten die Malölolo's. für eine Pflicht, der sich besonders der Häuptling und die Unterhäuptlinge nicht entziehen dür fen. Ein so bedeutender Mann wie Livingstone war daher eines zuvorkom-Die Makololo's. 259 17* inenden Empfanges sicher. Man hatte schon vorher ein Maisfeld für ihn angepflanzt, damit er zn leben habe. Der Hänptling gab ihm Ochsen, Milch kühe nnd andere Lebensmittel und fragte beständig nach seinen Wünschen. Aber bei aller Zuvorkommenheit wollte er anfänglich von christlicher Unterweisung nichts hören. Er möge, äußerte er, das „Buch" nicht lesen lernen, denn er fürchte, cs möge sein Herz umwandeln wie Sitschili'S, der jetzt nur mit einem Weibe lebe, während er selbst wenigstens fünf Weiber haben müsse. Living- stone drängte ihn nicht, überließ vielmehr Alles seinem eigenen Ermessen. Mit der Zeit brachte der Doctor doch regelmäßige Versammlungen zn Stande, zn denen die Leute, durch einen Ausrufer anfgcfvrdert, sich zahlreich einfanden. Die Versammlungen waren kurz nnd wurden durch Vortrag und Auslegung einer Bibelstelle nnd ein Gebet ansgefüllt. Daneben wirkte Livingstvne als Arzt, aber immer im Einverständnisse mit den einheimischen Doctoren, oder wo diese einen Patienten schon anfgegcbcn hatten. Nach einiger Zeit entschlossen sich auch einige Männer zn dem Wagstücke des Lesenlernens, denn die Schrift erschien Allen als etwas ganz Unbegreif liches und daher Unheimliches. Eine Anzahl Männer lernten das Alphabet in kurzer Zeit nnd wurden verwendet, ihre Kenntnis; weiter zn verbreiten, und als der Hänptling sah, daß das Lesenlernen ohne Unglück ablicf, fing er selbst an, sich darin zn versuchen. Von den gebildeteren Einwohnern der Stadt des Häuptlings, die etwa 7000 Köpfe zählte, beklagten sich gegen Livingstonc, wenn er sich über die Lehren des Christenthnms des Abends mit ihnen unterhielt, die älteren Leute, daß ihr Gedächtnis; nicht mehr stark genug sei, diese Dinge zn behalten — „sie laufen uns wieder davon", äußerten sie — während einige jüngere Leute sich wenigstens dafür zn interessiren schienen nnd untereinander darüber spra chen. Auf die große Masse aber machten die Lehren keinen besonder» Ein druck. Nachdem die Leute mit einer gewissen Gleichgiltigkeit zngehört, pfleg ten sie gewöhnlich zn sagen: „Das verstehen wir nicht." Bemerkenswerth ist, was Livingstonc bei dieser Gelegenheit über ihre sittlichen Anschauungen be merkt. „Sie suchen nicht, wie die Menschen so oft zu thun pflegen, das Böse vor ihrem geistlichen Lehrer zn verbergen; doch wurde es mir schwer, zn einer bestimmten Ansicht über ihren eigentlichen sittlichen Charakter zn kommen. Zutveilen ist ihre Handlungsweise ganz vortrefflich, während sic an dere Male merkwürdiger Weise gerade das Gegentheil thnn. Ich konnte nicht hinter den Beweggrund kommen, der sie znm Guten antreibt, und ebenso wenig die Gewissenlosigkeit oder Gefühllosigkeit mir erklären, mit der sic oft das Böse vollbringen. Nach längerer Beobachtung mußte ich jedoch schließlich gestehen, daß sie gerade dieselbe Mischung von gut nnd bös darbieten, wie die Men schen überall. Der unbeirrt andauernde, grundsätzliche Wohlthätigkeitssinn, den bei nies in England die Reichen gegenüber den Hülfsbedürftigen bewäh ren, oder die geräuschlose gegenseitige Unterstützung der Aermeren untereinan der findet sich allerdings nicht bei ihnen, aber dennoch kommen Beispiele echter260 ®io iUirtMolo’i?. Nusslug ins Barotsethal. Herzcnsgütc und Freigebigkeit häufig unter ihnen vor. Die Reichen sind freundlich gegen die Armen, erwarten aber dafür Dienste von denselben; ein Armer, der gar keine Verwandten hat, wird selten auch nur einen Trunk Wasser gereicht bekommen, wenn er krank ist, und stirbt er, so wird sein Leichnam nu beerdigt den Hyänen znm Raube überlassen. Nur Verwandte lassen sich herbei, einen Todten anzurühren." Verstoßene Angehörige eines andern Stammes lassen sie zuweilen ruhig dem Hungertode preisgegeben sein, wäh rend andererseits nnserm Reisenden Beispiele bekannt wurden, daß Männer und Frauen sich verwaister Kinder annahmen und diese so sorgfältig wie ihre eigenen Kinder anfzogen. Dabei wissen sie wohl gutes Benehmen und tadellosen Wandel Fremder, die unter ihnen leben, zu schätzen und Jung und Alt gicbt genau ans deren Handlungen Acht. Keiner würde Einfluß und Ansehen bei ihnen erlangen, der nicht rein dasteht, obgleich sie nie unbillig und lieblos in ihren Urtheilcn sind. Livingstonc hörte Frauen mit bewundern der Anerkennung von einem weißen Manne sprechen, weil er nie sich eine Unsittlichkeit hatte zu Schulden kommen lassen. Geheime Laster wer den alsbald durch den ganzen Stamm ruchbar, lieber Tödtungen, die er in der Schlacht verübt, fühlt ein Makololo nie Gewissensbisse, wenn er aber einen Raubzng ans eigene Faust unternimmt und dabei einen Mann von Ansehen tötetet, so machen die Andern ihre Anmerkungen darüber und bringen die Sache immer wieder von neuem in Erinnerung, was jenem auch stets hinterbracht wird, und diese wiederholte Aufregung des Gewissens erzeugt oft Wahnsinn. Die davon Betroffenen entfliehen dann gewöhnlich ihrem Stamme und nie wird wieder etwas von ihnen gehört. Nachdem Livingstonc sich einige Wochen in Linyanti anfgchalten, machte er sich in weiterer Verfolgung seines Hauptzweckes wieder auf die Reise gegen Norden. Bis Narieli, der Hauptstadt des Landes der Barotsc, das den Makololv's ebenfalls unterworfen ist, ging der Doctor in Gesellschaft des Häuptlings Sekeletu, der etwa 160 Begleiter bei sich hatte. Es ge währte einen heitern Anblick, diese Reisegesellschaft in der Ebene sich hin- schlangeln zu sehen in ihren mancherlei Trachten und Kopfputzen von Strauß federn, Ochsenschwänzcn oder Löwenmähnen. Die Reise ging durch zahlreiche Dörfer der Makalaka's, deren Vorsteher stets ein Makololomann war. Der fette Anschwemmungsbodcn gestattet eine ausgedehnte Viehzucht und die Zahl der hier lebenden Antilopen — Nakong und Letsche — ist ungeheuer, obwol alljährlich große Mengen erjagt werden. An dem großen Flusse angekommcn, hatte die Gesellschaft einige Rast- tagc, da erst die nöthigen Kähne aus den verschiedenen Dörfern reguirirt werden mußten. Der Fluß heißt in dieser Gegend Liambai, anderwärts je nach den Dialekten der Anwohner Lnambesi, Ambesi, Ojimbesi, Zambesi u. s. w.; aber die Bedeutung dieser verschiedenen Namen ist stets dieselbe: der große Fluß oder der Fluß schlechthin. Der Wildstand an seinem nördlichen Ufer ist noch reicher und manchfaltiger als auf den Ebenen nach dem Tschobi hin;Ausflug ins Barotsethal. 261 es gicbt da zahlreiche Herden von Büffeln, ZcbraS, Elenn- und andern Antilopen, unter diesen eine sehr zierliche von nur 18 Zoll Höhe. Dieses Ufcrgeländc wird zwar auch alljährlich überschwemmt, aber cs finden sich zahl reiche, mit Bäumen bewachsene kleine Hügel, die über Wasser bleiben. Ans- einer Flotte von 33 großen Kähnen ging nun die Reise rasch den majestätischen Strom aufwärts, der öfter eine halbe Stunde breit und mit vielen bewaldeten Inseln geschmückt ist. Die Makälaka's sind ausgezeichnete Ruderer, Schwimmer und Taucher, die Makololo's, ihre Oberherren, verstehen von alledem nichts und finden sich ans dem Wasser durchaus unbehaglich. Die landschaftliche Scenerie des Flusses gestaltete sich, je weiter man kam, immer reizender; das Uferland wurde bald hüglig und felsig und Ufer wie Inseln bedeckten schöne Waldungen. An beiden Flnßnfern zeigten sich zahl reiche Dörfer der Banjeti, eines fleißigen armen Völkchens, das wegen der Tsetseplagc kein Vieh halten kann, aber emsig den Boden bebaut, Nilpferde mit Geschick jagt und sich durch nette Holz-, Töpfer- und Eisenarbeiten aus- zeichnet. Weiter hinauf hat der Fluß in seinem felsigen Bette mehrere Wasserfälle, darunter einen von 30 Fuß Höhe. Noch weiter oberhalb treten die hohen bewaldeten Ufer des Flusses zurück und lassen ein Wiesenthal von fast 100 englischen Meilen Länge zwischen sich, in dessen Mitte sich der Fluß zwischen Geschilfe langsam hinwindet. Dies ist das eigentliche Barotsethal, das alljährlich, wie Aegypten, von seinem Strome völlig überschwemmt wird und dann einen großen Sec bildet, ans dem die Dörfer der Bewohner wie Inseln emporragen. Die kleinen Hügel, auf denen diese Wohnungen stehen, sollen zum Theil künstlich angelegt sein. Auch der Hanptort, Naricli, steht ans einem solchen. Alle Ortschaften sind nur klein, da die Leute als Vieh züchter über das Land zerstreut leben. Die Eingeborenen ziehen in dem fruchtbaren Boden jährlich doppelte Ernten; das Rindvieh gedeiht in den Marschen wundervoll. Außer den anderwärts gebräuchlichen Feldfrüchten baut man hier, da die größere Wärme es gestattet, auch Bataten, 9)amß, Manioc und Zuckerrohr, welches letztere gekaut wird, denn vom Zucker weiß man nichts. In einem Dorfe fand Livingstonc auch eine indische Baniane, die die Eingeborenen wegen der von den Zweigen sich herabscnkcnden Wnr zeln, ans denen sich wieder neue Stämme bilden, den „Baum mit Beinen" nennen. Auch von einer eigenthümlichen Art und Weise der Salzgewinnung, die ein Eingeborener mit seinen zwei Weibern und Kindern eben vornahm, ward Livingstonc Zeuge. Sic verbrannten nämlich Binsen und Tsitla-Stcn- gel unter einem aus Baumzweigen gemachten bienenkorbartigen Trichter und tha- ten die Asche dann in eilte- mit Wasser angcfüllte Kalebasse; aus dieser lie ßen sie durch eine kleine Oeffnnng daö Wasser ablaufen und an der Sonne verdunsten, wobei dann gerade so viel Salz zum Vorschein kam, als zu einer Mahlzeit auSrcichte. Der Fluß und die Weiher wimmeln von Fischen und Wasservögcln. Das Barotsethal ist sonach ein Land des llebcrflnsses, und die Einwohner sagen mit Stolz: „Bei uns kennt man den Hunger nicht."262 Ausflug ins Baroisethal, Dafür kennt man aber ein anderes Nebel, die Fieber, nnr zu sehr. Wenn die ausgetretenen Gewässer sich zurückziehen, wird die Luft von faulenden Pflanzen stoffen so verpestet, das; selbst auf den benachbarten Anhöhen keine gesunde Stelle anzutreffen ist. Liöingstone konnte sich also bald überzeugen, das; auch hier die Gelegenheit zu einer bleibenden Ansiedelung nicht gegeben sei. Er beschloß, die oberen Gegenden des Flusses zu inspiciren, und trennte sich zu Narieli von Sekeletn. Dieser hatte ihm Ruderer und andere Begleiter mit» gegeben, worunter einer einen Herold vorstcllte, damit der Doctor mit der gehörigen Würde in die Dörfer einziehen könne. Bei solchen Gelegenheiten schritt er voran und brüllte auö vollem Halse: „Der Herr kommt, der große Löwe!" Der Doctor wurde überall aufs Zuvorkommendste empfangen. Ohne eine gesündere Gegend anzutreffen, ging er über die Makolologrenzc hinaus . bis an den VereinigungSpnnlt der beiden Flüsse, welche, nebst vielen kleineren, netzartig untereinander verbunden, den Liambai bilden. Der eine Zufluß scheint von Osten herzukommcn, der andere, der Liba, fällt von Nvrdwesten ein. Der Doctor kehrte um mit der Absicht, später den Libaflnß aufwärts zu gehen, um wo möglich das portugiesische Loanda an der Westküste zu erreichen. Da der junge Häuptling zum ersten Male diesen Thcil seines Gebietes besuchte, so gab cs wielc festliche Tage. Die Dvrfvorsteher brachten an Ochsen, Milch und Bier mehr herbei, als die zahlreichen Begleiter des Fürsten ver tilgen konnten, obwol sie hierin Erstannliches leisteten. Die Freude des Vol les äußerte sich hauptsächlich in Tänzen und Gesängen, oder eigentlicher ge sagt, in Trampeln und Brüllen. Die Männer stehen dabei halbnackt im Kreise, eine Keule oder eine Streitaxt in der Hand, stampfen mit den Fußen abwechselnd den Boden, werfen Köpfe und Arme nach allen Richtungen um her und unterhalten dabei ein entsetzliches Gebrüll. Der Schweiß strömt den Tänzern vom Leibe und dicke Staubwolken steigen unter ihren Füßen ans; aber der Tanz gefällt ihnen dennoch, und Sekeletn gab solchen Künst lern jedesmal einen Ochsen zum Besten. Mit rasender Schnelle fuhr endlich die kleine Flotte wieder den Strom herunter bis zur Stadt Sescheke, und der Landweg bis Linyanti war dann bald abgcthan. Der Ausflug hatte nenn Wochen gedauert, und obwol der Häuptling wie das ganze Volk den Doctor stets mit größter Rücksicht be handelten, so waren ihm doch die Manieren dieser rohen Naturkinder recht lästig geworden, und er lernte nun die erziehenden Wirkungen der Missions- arbeiten um Vieles höher schätzen, da er den jetzigen Zustand der südlichen Betschnanenstämme mit ihrem frühern vergleichen konnte, von dem die Mako- lolo's das Muster abgaben. Im Ganzen — so äußert sich Livingstone in einem.Briefe — zeigten sie sich als Wilde ersten Ranges; das Tanzen, Lärmen, Singen, Possen machen, Anekdoten erzählen, Murren, Streiten, Morden und die Gemeinheiten, dabei ihren ewigen Bombast fortwährend mit anzuhören und zu sehen, sei für ihn einer ziemlich harten Strafe gleich gekommen.Beginn der großen Reise. 263 Die Idee eines direkten Verkehrs mit der Seeküste hatte bei den Ma- foIolo’S einen sehr günstigen Boden gefunden. Sie merkten wohl, daß sie gemißbraucht wurden, wenn sie von den herumziehenden Mambarihändlern für Elephantenzähne nur kleine Stücke Kattun oder grobes Wollenzeug in Tausch erhielten. — Ans verschiedenen Gründen entschied sich der Doctor, kei nen nähern Küstenpnnkt als Loandir aufzusuchen. Man wartete nur auf das kühlere Novemberwetter, um eine Expedition abznfertigen. Der Häuptling überwies 27 Männer als Begleiter; zwei derselben waren echte Makololo's, die übrigen gehörten den verschiedenen unterworfenen Stämmen an. Da die Reise nur anfangs in Kähnen gehen konnte und später zu Fuß fortgesetzt werden mußte, so war der Reisebedarf höchst compendiös und tragbar einzu richten. Außer einigen Gewehren und Schießbedarf nahm man nur kleine Borräthe von Zwieback, Thce, Kaffee und Zucker mit, daneben die astrono mischen Instrumente und Bücher, Arzneien und eine Zauberlaterne, die in der Folge recht ersprießliche Dienste that. Für außerordentliche Fälle war noch ein Rest von 20 Pfund Glasperlen als geheimer Schatz vorhanden. Am 11. November 1853 verließ die Karawane Linyanti und bestieg die Kähne, um den außerordentlich gewundenen Tschobi hinunter in den Liambai zu fahren, was in 42 Stunden gethan war. , Die Tschobinfcr zeigen nicht überall die beschriebenen Schilfwäldcr, sondern sind in gewissen Strichen hoch und gleich denen des Zouga mit schönen'.Wald- und wilden Wuchtbäumen bestanden. Den Liambai aufwärts fahrend kamen die Reisenden wieder nach Sescheke, einer am nördlichen Ufer gelegenen belebten Ortschaft, wo ein Schwager Sebituane's befehligt und verschiedene Makalakastämmc einer Hand- voll Makololo's gehorchen. Nach einigem Aufenthalte hier, welchen der Doctor zn religiösen Borträgen an die sich zahlreich versammelnden Schwar zen benutzte, ging es stromaufwärts weiter, wenn auch nicht sehr eilig, da man vor den verschiedenen Uferdörfern warten mußte, bis die Bewohner, den Befehlen Sekeletn's zufolge, die Flotte mit Eßwaarcn versorgt hatten. Unter diesen befand sich immer die orangeähnliche Frucht, welche die giftigen Brech Nüsse (eine Art mix vomica) i» sich schließt, ans denen das Strychnin ge wonnen wird; auch die Schale ist giftig, aber das Fleisch zwischen den Ker nen ist gesund, wohlschmeckend und sehr erfrischend. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit noch folgende hier einheimische Fruchtarten, wie sic Li- vingstone beschreibt. Die Mosibe ist eine hellrothe Bohne von einem großen Baume, deren weniges dünnes Fleisch einer Znthat von Honig bedarf, um einigermaßen schmackhaft zn werden. Eine bessere Frucht sind die Mo- bola-Becren, deren reichlicheres Flcisck von dem ziemlich großen Kerne ab gestreift und in Säcken nach Art der Datteln anfbewahrt wird. Ihr Ge schmack ist süß, den Erdbeeren ähnlich, doch etwas weichlich. Die wohl schmeckendste Frucht ist aber die Mamoscho („Mutter des Morgens"), von der Größe einer Wallnuß, mit kleinen Kernen und saftigem, angenehm säuerlichem Fleische.264 Der Fischadler. Die schwarzen Völkerschaften, unter denen sich der Doctor.nun bewegte, zeigen nicht mehr eine so gänzliche Unbekümmertheit um übersinnliche Dinge wie die Betschnanen; sie scheinen einen andern Zustand nach dem Tode an zuerkennen; der Tag nach dem Wiedererscheinen des Mondes ist für sie eine Art Feiertag und sie warten mit Spannung auf den ersten Schimmer des tzenen Mondlichtes, um es mit lautem Geschrei zu begrüßen und ihm ihre Bitten oder Wünsche vorzntragen. So riefen des Doctors Begleiter: „Laß unsere Reise mit dem weißen Manne glücklich sein — laß unsere Feinde unter gehen — laß des Doctors Kinder reich werden!" u. s. w. Das reiche Thierlebcn, die prachtvolle Vegetation und Sceneric gaben dem Doctor während der Fahrt Stoff zu vielen interessanten Beobachtungen. Be sonders zog auch der prächtige Fischadler die Aufmerksamkeit des Reisenden ans sich. Sein Kopf und Hals sind weiß, der Leib chokoladenfarbig. Er sitzt ans den Bäumen am Ufer und späht nach seiner Beute. Da er stets mehr Fische zu tobten pflegt, als er ans einmal verzehren kann, so findet man in seiner Nähe gewöhnlich tobte Fische am Boden liegen, die die vor überfahrenden Barotse als guten Fund mit fortnehmen. Dieser Raubvogel verschmäht es aber auch nicht, den Pelikan für sich fischen zu lasse», lieber ihm in der Luft kreisend, wartet er, bis dieser dumme Vogel einen stattlichen Fisch in seinem Beutel hat, läßt sich dann langsam herab und sucht durch rauschenden Flügelschlag die Aufmerksamkeit deS Pelikans auf sich zu len ken; dieser blickt empor und den drohenden Raubvogel über sich gewah rend, öffnet er den Schnabel, um seinen Angstschrei auszustoßen, welchen Moment nun jener benutzt, um den Fisch rasch aus dein Beutel heraus zuholen. Der Pelikan fischt dann ruhig weiter. Am 9. Dezember war man wieder i» Narieli. Es hatte sich aber inzwischen ein fataler Fall ereignet. Die Makololo's hatten, unter Gutheißung von Seke letn's Onkel und Stellvertreter im Barotsethal, einen kleinen KriegSzug stromaufwärts unternommen, gerade in der Richtung der projcktirten Reise, und ein zweiter Zug war bereits im Werke. Dort wohnten unter einem Sohne des ehemaligen Häuptlings deS ThalcS Barotseleute, welche vor den Makololo's zurnckgewichen waren und nun auch andere ihrer Landsleute aus dem Thale »ach sich zu ziehen suchten. Livingstone hatte hier wieder cininal Gelegenheit zu einem FriedenSwerkc. In einem Pitscho stellte er den Leuten vor, wie unrecht ein solches Verfahren sei, wie sehr es den Absichten Sekelctn's widerstreite. Man gab ihm recht und stellte ihm einige bei dem Zuge gemachte Gefangene zur Verfügung, um sie unterwegs ih ren Angehörigen wieder zurückzugeben und den Angriff, als ohne 3Bif- sen des Häuptlings vorgenommen, zu entschuldigen. Hierbei macht Li vingstone die Bemerkung, daß die Einführung und Verbreitung der Feuer waffen in Afrika dieselbe Wirkung habe, die sie bei uns gehabt, nämlich daß die Kriege seltener oder weniger blutig werde». Acußerst selten nur höre man von Kriegen zwischen zwei Stämme», die im Besitze von Flinten sind,Weiterreise. 265 zumal im Süden, wo dergleichen nur als Raubzüge zur Erbeutung von Vieh unternommen 31t werden pflegten. Nachdem sich die Reifenden noch mit einer Anzahl Ochsen zum Reiten und zu Geschenken für die anzutrcffcnden Häuptlinge versehen hatten, fuhren sie unter den Segenswünschen der ganzen Bevölkerung weiter. Unmassen Mondscheintanz der Betschuanen. von Fett und Butter waren zusammengebracht und ihnen ebenfalls anfge- laden worden, da diese Artikel überall zu den willkommensten Geschenken gehören. Das Bestreichen der Haut mit Butter hemmt den übermäßigen Schweiß und dient zugleich gewissermaßen als Bekleidung in der Sonne fowol als im Schatten. Ein Geschenk begleiteten die Makololo's übrigens stets mit gewis sen Redensarten bescheidener Artigkeit; z. B. wenn einer eine» Ochsen266 Auf brat Libafluffe. brachte, so sagte er: „Hier ist ein kleines Stück Brod für dich" — ganz im Gegensatz zn den Betschnanen, die, wenn sie eine erbärmliche Ziege gaben, dies unter dem großsprecherischen Ausrufe thaten: „Sich hier diesen Ochsen." Oberhalb des Barotsethales kommt eine unbewohnte Uferstrecke; aber Wild und Wasservögel waren in Unmassen vorhanden, sodaß die Karawane in fortwährendem Ucberflusse lebte. Flüge grüner Tauben erhoben sich von den Bäumen, an denen die Reisenden vorüberkamen; der schöne Trogen mit scharlachrother Brust und schwarzem Rücken ließ seinen den Tönen einer Leier gleichenden Ruf ertönen, den die Eingeborenen als gute Vorbedeutung für die Jagd mit „Rama, Nania!" (d. i. Fleisch) beantworteten; viele an dere noch merkwürdigere Vögel wurden gesehen, die aber Livingstone nicht sammeln konnte, weil er nicht durch Vermehrung seines Gepäcks die Raubsncht der Einwohner rege machen durfte. Herden von Flußpferden bevölkerten den Strom, und noch häufiger waren Krokodile, welche von den wassergewohnten Barotsen wenig gefürchtet werden; denn ein erwachsener Mann weiß sich in der Regel selbst dann noch, wenn er schon unter Wasser gezogen ist, durch einen Stoß mit einem kurzen Speer, welchen er stets bei sich führt, wieder loszu- machen. Die Krokodileier, von denen jedoch nur das Dotter für genieß bar gilt, werden von den Anwohnern der Flüsse fleißig ausgesucht und gegessen. Sic haben die Größe der Gänseeier. — In der Nähe der Ein mündung des Liba wurden die mitgebrachtcn Gefangenen an verschiede nen Punkten in ihre Heimat entlassen unter passenden Erklärungen und Friedenserinahnungen an Mastko, den Häuptling der freien Barotse. Das Gewässer des Liba ist schwarz im Vergleich mit dem des Haupt flusses und fließt langsam in vielen Windungen durch reizende Wicsen- gelände, die, mit schonen Baumgruppen bestanden, oft so sehr einem künst lichen Parke gleichen, daß es schwer wird, an ihre reine Naturwüchsigkeit zn glauben. Ausgedehnte Waldstrichc wechseln häufig mit diesen mehr offe nen Gegenden ab. Die Ufer des Liba würden eine reiche Ausbeute für den Botaniker geben. Die schönsten Blumen und Sträucher waren in Blüte und dufteten köstlich, während weiter im Süden Alles geruchlos oder übelriechend ist. Bald aber wurde die Reise weniger angenehm, denn um Neujahr tra ten heftige, fast unaufhörliche Regengüsse ein, und inan hatte außerdem manchen Aufenthalt dadurch, daß der Landcssitte gemäß an die Vorsteher der Dörfer, an denen man vorbeikam, Boten vorausgescndct werden mußten, welche über die Reisenden und ihre Zwecke Auskunft zn geben hatten. Man war den Liba aufwärts bald unter ein anderes Volk, in eigentliches Mohrcn- land gekommen; die Gegend gehörte schon zn dem großen Gebiet Londa oder Lunda, über welches ein weit int Norden wohnender Mohrenkaiscr Matiamvo die Oberherrschaft führt. Die Balonda's (Londalente) zeigten sich als fried- same Menschen, obwol sic sich viel mit Waffen herumtragen. Sic leben vor züglich von ihren Bodenerzeitguissen; die Hauplfrucht bilden die Mauioea oderIm Lande der Balonda's. 267 Cassava und Mais. Daneben giebt es noch allerhand Arten wilden Obstes, die Livingstone noch nie gesehen hatte; unter andern eine bohnenartigesFrucht, deren Fleisch wie Kuchen schmeckt. Auch eine der Palmyrapalme ähnliche Palmenart wächst am Zusammenfluß des Lveti und Liambai und weiter unterhalb in großer Menge. Die Cassava (Manioc) wird ans länglichen, drei Fuß breiten Beeten angcbaut, in welche die Stengel vier Fuß von ein ander hineingepflanzt werden. Dazwischen säet man Bohnen oder Erd nüsse. Nach 10 — 18 Monaten sind die Wurzeln eßbar. Die Blätter werden als Gemüse gekocht. Es giebt auch eine bittere, giftige Art, deren Wurzeln die Eingeborenen dadurch unschädlich zu machen suchen, daß sic sie einen Tag lang in Wasser legen. Die Balonda's waren die ersten Götzendiener, die der Doctor antraf. Sic formen aus Holz oder Thon rohe Menschen- oder Thierbilder, die sie bei ver schiedenen Anlässen um Hülfe anrufen. Einen Weißen hatten die Leute zuvor nie gesehen, wußten aber von den Mambarihändlern, daß die weißen Leute im Meere wohnen, und daß die Kattune, Glasperlen n. s. w. direkt ans dem Meere stammen. So mußte denn Livingstone ein Meerman» sein, und den vollgültigen Beweis dafür trug er nach ihrer Ansicht ans dem Kopfe. „Seht nur seine Haare", hieß es, „das Meerwasser hat sic ja ganz schlicht gemacht." Weibliche Häuptlinge, deren Männer nicht die Würde mit ihnen theilen, sind bei den Balonda's nicht selten; Livingstone traf zwei derselben, Mutter und Tochter, und ans ihre Veranlassung gab er es ans, den Liba weiter hinanf- znfahren; denn cs lag jenen daran, daß der-weiße Mann ihren Bruder und Schwager Schinti, den größten Balondahänptling in jenen Gegenden, besuche, welcher seitwärts vom Flusse wohne. Die Wasserreise, behaupteten sie, sei ohnehin nicht mehr thnnlich, denn cs kämen bald schwer zu umgehende Wasser fälle, und dann wohnten weiter oben die Balvbale, die wenigstens seine Be gleiter sicher nmbringcn würden, denn sic fctcit. den Makololo's todfeind. Letz tere halten sich demnach weithin in Übeln Ruf gebracht, aber alle Häuptlinge, auch die beiden Weiber und der Barotsehänptling Masiko, empfingen Living stone's Friedensbotschaft und die Versicherung, daß Sckclctn Ruhe und Freund schaft wünsche und die früheren Unbilden vergessen sein möchten, mit großer Genugthunng. Manenko, der jüngste der beiden weiblichen Häuptlinge, ein schwarzes Prachtexemplar von Zank- und Eigensinnstenfel, ließ cs sich nicht nehmen, die Fremden in Person ihrem Onkel Schinti znznführen. Völlig nackt schritt sie der Karawane so rasch voran, daß die Begleiter und der Doctor .ans seinem Ochsen kaum folgen konnten. Befragt, warum sic bei dem beständigen Regen nichts ans dem Leibe trage, erklärte sic, sic sei ein Häuptling, und ein solcher dürfe nicht weichlich sein. Die Gegend blieb sich in ihrem Charakter gleich und bestand aus dich ten Wäldern, von natürlichen Wiesen unterbrochen. Die Bewohner lebten in Dörfern, umgeben von Mais- nnd Caffavafcldcrn. Jede Hütte war mit268 Der Häuptling Schinii. einer Einfriedigung von starken Pfählen ohne sichtbaren Eingang umgeben. Die Bewohner heben einen oder ein Paar Pfähle ans, schlüpfen hindurch und setzen die Lücke wieder zu. . Die Reise hatte in letzter Zeit viel. Unangenehmes; der Doctor bekam bei der ewigen Nässe sein Fieber wieder, das ihn schon gleich nach seiner An kunft in Linyanti befallen hatte; das Wild war selten und im Dickicht ver steckt, Pulver und Gewehre versagten vor Nässe den Dienst; die sehr schlecht mundende Cassava bildete fast den einzigen Unterhalt und zuweilen war auch dieser nicht zu babcn und die Reisenden mußten einfach hungern. Die Wäl der wurden, je weiter man nördlich verging, immer dichter, und die riesigen Bäume waren von Schlinggewächsen so durchflochten, daß man sich beständig mit der Axt forthelfen mußte. In diesen Wäldern sah der Doctor zum er sten Male künstliche Bienenstöcke ans Baumrinde hoch auf Bäumen angebracht. Große Quantitäten Wachs, die in Bengucla und Loanda verschifft werden, sind die Produkte dieser in ausgedehntem Maße von den Schwarzen getriebe nen Wildbicnenzucht. Ans dem Honig bereiten sie Meth, der nun als ein viel stärkeres Getränk an die Stelle des Hirsebieres tritt. Wo irgend der Wald eine Lichtung hatte, fand sich ein Dörfchen; aus einzelnen waren die Bewohner bei Annäherung der Fremden geflohen, obwol Manenko's Tromm ler beständig Lärm machte, um anzndeuten, daß vornehme Leute im Anzüge seien. In andern Dörfern waren die Einwohner zutraulicher, und wenn bei einem solchen übernachtet werden sollte, so hoben sie die kegelförmigen Dächer von ihren Hütten ab und liehen sie den Fremden als Zelte. Endlich war man in der Nähe von Schinti's Stadt angekommen und dieser schickte Abgeordnete, um die Fremden willkommen zu heißen. Der Ort liegt, von schattigen Bäumen umgeben, auf einer kleinen Anhöhe in einem romantischen Thale und hat viereckige Häuser und gerade Straßen, eine bei den Betschuanen ganz unbekannte Bauart; die Höfe oder kleinen Hausgärten um die Wohnungen sind von sehr sauber geflochtenen Zäunen umgeben und von indischen Feigenbäumen und Zuckerrohr beschattet. Eine Gesellschaft rei sender Sklavenhändler campirte bereits vor der Stadt mit einer Anzahl jnn ger Mädchen in Ketten, ein Anblick, der den meisten von Livingstouc's Sollten so neu als empörend war. Am folgenden Tage war großer Empfang bei Schiuti. Der Häupt ling saß ans einem mit Leopardcnfell behangenen Sessel unter einem der Bäume deö Kotla oder Audienzplatzes; hinter ihm kauerten etwa hundert Weiber, eine neue Erscheinung, denn bei den südlicheren Stämmen dürfen Frauenzimmer den Kotla nicht betreten. Der iibrige Raum füllte sich mit Soldaten und Publikum, und als Alles sich geordnet hatte, traten Manenko's Mann und noch ein anderer ihrer Leute auf und erzählten mit schallender Stimme Alles, was sie unterwegs über den Doctor hatten erfahren können, seine früheren Schicksale, sein Auftreten unter den Makololo's, seine Bemühun gen Frieden zu stiften, seine Reisezwecke n. s. w. „Vielleicht", hieß es ainLeipzig: Verlag von (Otto Spanier.Die iöJiU'imlm. Skiavcnh>indel. 260 Schlüsse, „ ist er ein Flausenmacher, vielleicht auch nicht -— das Erste ist wahrscheinlicher — aber die Balouda's haben gute Herzen und Schinti hat keinem Menschen je weh gcthan; er wird besser thun, den weißen Mann gut zu empfangen und ihn seines Weges ziehen zu lassen." Es traten noch eine ganze Reihe Redner nach einander auf; in den Zwischenpausen sangen die Wei ber irgend ein«wcinerlich klingendes Liedchen, und wenn ein Redner ihnen gefiel, so klatschten und lachten sic ihm Beifall. Eine Musikbande von drei Tromm lern und vier Marimbaspielcrn machte während der Audienz mehrmals dic Runde im Kotla, bis endlich Schinti, der die ganze Zeit über in schweigen der Würde dagesesscn, sich erhob und damit das Zeichen zum Schluß der Berfammlung gab. Dic Marimba, ein ganz angenehm klingendes Instrument, ist, wie ein Blick auf die Abbildung S. 271 lehrt, eine Art Holzharmonika, bei wel cher ein jedes der abgestimmtcu Klanghölzcr einen hohlen Kürbis als Reso nanzboden hat. Je rascher der Künstler arbeitet, um so höher wird seine Künstlerschaft geschätzt. In den folgenden Tagen war der Verkehr zwischen dem Doctor und Schinti weniger ceremoniell. Alles was erstercr dem Häuptlinge hinsichtlich seiner Rcisezwccke vvrtrng, billigte dieser dann regelmäßig durch Händeklat schen und alle Anwesenden fielen in das Klatschen ein. Dic Geschenke Scke- letu's, ein Ochs und große Kalabassen mit Butter und Fett, machten ihm so viel Freude, daß vcr Doctor ihm rieth, sich doch von den Makololo's Bich cinzuhandeln, da sich sein Land so gut dafür eigne. Schinti that das auch sehr bald. Das Verkaufen von Kindern und jungen Leuten in dic Sklaverei kommt bei den Balouda's nicht selten vor. Die Sklavenhändler reisen immer mit starker Bewaffnung und bauen an ihren Haltpunkten große Hütten, wo sic ihre Opfer einsperren. Scho» ein geringes Vergehen von Seiten eines Armen scheint hinreichenden Grund zu geben, daß der Häuptling ihn oder seine Kinder verkaufen läßt. Das heimliche Wegfangcu von Kindern wird nicht selten prakticirt und cs sollen dic Großen des Hofes bei diesen Dieb stählen keine reinen Hände haben. Die Pfahlwerkc um dic Hütten der Dörfer finden hierin ihre Erklärung. Einmal ließ der Häuptling den Doctor kommen und bot ihm ein kleines Mädchen als Geschenk an. Die Ablehnung dessel ben und die Auslassungen des Doctors gegen die Sünde des SklavenmachenL verstand der Häuptling dahin, daß jenem das Mädchen nicht groß genug sei, und so befahl er eine größere herbeizuführen. Der Abstand zwischen Vornehm und Gering ist unter diese» Schwarzen bedeutend, und der Kleine grüßt den Großen dadurch, daß er ans die Knie fällt und sich Brust und Oberarme mit Staub eiurcibt. Dic Balonda- häuptlinge schätzen cs sich zur Ehre, wenn Fremde in ihren Ortschaften Quar tier nehmen, und die Etiquettc verlangt dann von diesen, daß sie nicht allzn eilig wieder äbziehen. Dieser Umstand im Verein mit dem Fieber und den370 Der Häuptling Katema. täglichen Regengüssen verzögerte die Reise bis zum 26. Januar. Schinti zeigte sich in der That höchst leutselig und freundlich gegen den Doctor; er gab ihm einen Hauptführer und acht Träger mit, die ihn nicht eher verlassen sollten, bis er die See erreicht habe. Zuletzt schenkte er dem Doctor als unzweifelhaftes Freundschaftszeichcn einen dort im höchsten Wcrthc gehalten neu Mnschelschmnck, und beide Parteien schieden unter den herzlichsten Sc^ genswünschen. Nachdem die Gesellschaft das Thal der Hauptstadt verlassen und ain andern Tage den Anblick einer schönen Hügelkette gehabt hatte, woselbst eine starke, Eisen gewinnende und verarbeitende Bevölkerung leben sollte, kam man wieder durch Wälder mit zwischcnliegcndcn Dörfchen. An alle an und neben dem Wege liegenden Ortschaften liest der Führer Schinti's Befehl ergehen, Lebensmittel herbeizuschaffen, damit deö Häuptlings Freunde nicht hungern müßten. Es wurde auch genug gebracht, aber es war immer wieder Cassava, freilich die Hauptnahrung der Bevölkerung selbst. Die getrocknete und gestoßene Cassava ist aber eben Stärkemehl und folglich, wenn in hei ßes Wasser gerührt, Stärkekleister, ein ganz schmackloseS Gericht, -das nur ans Hunger verschlungen werden konnte und das Hungergefühl nicht ans zwei Stunden zu stillen vermochte. Die Reise ging nach Norden oder etwas nordwestlich und man überschritt endlich den Liba, wo Schinti's Gebiet und das Reisen ans Landcsnnkosten aufhörte. Jenseits mußte man über endlose Wicsenflächen wandern, oder vielmehr bis an die Knöchel im Regenwasser waten. Die Regenzeit hielt mit aller Hart näckigkeit Monate lang an; alle Nächte goß es, meistens auch Morgens und Abends, und nur über Mittag gab es einige ruhige Stunden. Zelte, Klei dungSstücke und Schlafzeug faulten in Stücken, Metallsachen zerfraß der Rost; für den Chronometer fand der Doctor keinen andern Zufluchtsort als die Achselhöhle. Oft erreichte das Wasser selbst von unten hinauf die Schlaf plätze, wenn man unterlassen hatte, einen Graben darum zu ziehen. Nachdem man wieder höheres, bewohntes Land erreicht hatte, befand man sich im Gebiete eines andern Häuptlings, Katema. Hier gab eS eine Menge kleiner Zuflüsse des Liba zü durchwaten. Das Land ist da so schön und fruchtbar, daß die Bewohner zu allen Zeiten des Jahres säen und ern ten und Mais, Hirsen, s.w. in allen WachSthumsperioden gleichzeitig zu sehe» waren. Die Einwohner fangen viele Fische und räuchern sie. Wild, das mit seinen Fellen den Bewohnern des Südens so reichlichen Beklcidnngsstoff lie fert, ist hier schon selten geworden; daher sind englische Kattune weit ge suchter als Perlen und Zierrathen. Livingstonc fand unter diesen Negern manchen sehr verständigen Mann, und gntmüthig waren sic alle und gaben gern etwas von ihren Lebensmitteln ab, ohne einen Gegenwerth zu erwarten, sonst hätte die 27 Mann starke Karawane in schlimme Lagen kommen müssen, da der Doctor kaum noch etwas zu geben hatte. Katema lebte weniger in einer Stadt als in einem Complex von Dör-Der ©re Dilolo. 27 J fern. Er gewährte den Fremden einen ähnlichen ceremoniellen Empfang wie Schinti, gab dann reichlich Lebensmittel und die Weisung: „Geht in euer Lager und kocht und eßt euch satt, damit ihr morgen besser mit mir sprechen könnt." Die kleinen Geschenke, die ihm verabreicht werden konnten, machten ihm große Freude, und als er befragt wurde, waö man ihm von Loanda mitbringen solle, meinte er, sein Rock werde alt, und er hätte gern einen neuen. In Bezug ans die Reiseroute erklärte er, die gewöhnliche Straße, ans der die Händler kämen, sei jetzt ungangbar, das Wasser stehe ans den Ebenen in halber Mannshöhe; er wolle aber die Reisenden einen andern, von den Händlern nicht gekannten Weg führen lassen. Katema war ein wohlgelannter Mann und behandelte die Reisenden mit vieler Güte. Er rühmte sich, nie einen Fremden gctödtct zu haben. Den Doctor schien er doch für eine Art Hexenmeister zu halten, wie über haupt der Aberglaube unter den Schwarzen zunahm,, je tiefer man ins Land kam. Die Zauberlaterne, womit der Doctor bri Schinti und anderwärts so viel Sensation er regte, mochte Katcnia gar nicht sehen. Die Weiterreise geschah am schmalen Ende des Sees Dilolo vor bei, und bald befand man sich wie der ans wasscrbedeckten Grasebenen, die sich bald als eine wirkliche Wasser scheide aüswiesen; denn jenseits liefen die Flüsse alle nördlich, entgegenge setzt allen, die man bisher ange troffen hatte. lieber die Entste hung des Sees theilte dem Doctor MarimbM'i-ler. ein Eingeborener, der ihm als Füh rer diente, folgende merkwürdige'Sage mit. Ein weiblicher Häuptling bat einst ans einer Reise in einem Dorfe, das ans der Stelle stand, wo jetzt der See ist, um Lebensmittel; die Bitte wurde ihr abgeschlagen, und als sie hierauf Drohworte wegen des Geizes der Einwohner aussprach, cntgegnetc man ihr spottend mit der Frage: was sie denn thun könnte, um sich zu rächen für die Behandlung, die ihr widerfahren? Da soll sic einen Gesang angestimmt habe», und als sic die letzte Silbe ihres Namens, der am Schlüsse desselben vorkam, langsam betonte, sank das ganze Dorf sammt Einwohnern, Federvieh und Hunden in den Erdboden hinab. Als der Häupt ling des Dorfes von der Jagd zurückkehrte, stürzte er sich in den statt des272 Weiterreise. Dorfes vor ihm liegenden Sec, wo er auch noch immer Hansen soll. Der -Name kommt von dem Worte „Jlolo" her, d. i. Verzweiflung. Die Ge- gcnd nahm, da man nun die westliche Richtung cinzuschlagen hatte, einen andern Charakter' an; denn man hatte nun beständig tiefe bewaldete Thäler zu überschreiten, wie sic auf der ganzen Reise bis dahin noch nicht vorgc- kommen waren. Jedes Thal hatte seinen Fluß, und da diese Gewässer größ- tentheils nicht zu durchwaten waren, so hatte man sich beständig an die Ein geborenen wegen der Ueberfahrt zu wenden. Aber auch die Menschen waren hier andere geworden durch den Einfluß der nahen portugiesischen Kolonie und der Sklavenhändler. Bon Gastfreundschaft und Liebesgaben war hier keine Rede mehr; hier galt nur Kauf und Verkauf, und die Menschen zeigten einen so schmuzigen Eigennutz, daß sic sogar die Erlaubnis; zur Durchreise bezahlt haben wollten. Für Alles verlangten sie Schießpulver; aber der ' Doctor besaß weder dies noch sonst etwas mehr von Werth, und so sah man noch einer schlimmen Zeit entgegen. Geld kannten die Leute nicht und Gold hielten sic für Messing. Für etwas Mehl oder Manioc machten sic die unverschämtesten Gegenforderungen, und so waren die Reisenden förmlich in Gefahr zu verhungern, da Wild gar nicht epistirtc. Die Eingeborenen gruben selbst Maulwürfe ans, um sic zn essen. Der erste Häuptling ver langte für die Erlaubnis; zur Durchreise entweder einen Mann, einen Elephantenzahn, eine Flinte oder einen Ochsen, ließ sich aber zuletzt mit einem alten Hemd abfindcn. Das gleiche Ansinnen wurde in der Folge noch manchmal gestellt. Einmal kam man an ein Flüßchen, über welches ein Steg geschlagen war. Davor stand ein Neger und erklärte, die Brücke und der Weg seien sein, und wer nicht bezahle, dürfe nicht weiter. Die Erschei nung eines Brückengeldeinnehmers mitten im Mohrenlande versetzte den Doctor in größeres Erstaunen als irgend ein Begegniß zuvor. Di Gesell schaft löste sich mit ein Paar kupfernen Armringen ans. Die Gegenden, die die Gesellschaft zu durchwandern hatte, waren vcr- hältnißmäßig stark bevölkert, aber noch lagen überall Strecken des schönsten Badens unbenutzt, und die Betschnanen riefen beständig: „Welch schönes Land für Bich! Schade um den schönen Kornboden!" Das Volk hatte aber kein Vieh, sei es wegen der Unsicherheit des Besitzes gegenüber den Häuptlingen, oder aus andern Ursachen. Es ist nicht einmal Wild da, die schönen Weiden abznfressen, denn die Einwohner besitzen Flinten und haben mit dem Großwild längst aufgeräumt. Auch von der Tsetsc und den andern gewöhnlichen Quälgeistern der Menschen ans der Jnsektenwelt ist diese Ge gend befreit. Dagegen sind die Spinnen sehr zahlreich, meist jedoch harm loser Art. Von einer hellfarbigen, etwa einen halben Zoll langen Spinne, die Livingstone während des Schlafs über die Stirn gelaufen, empfand dieser, als er sie wegnahm, einen stechenden Schmerz, der jedoch bald wieder uach- ließ. Eine schwarze haarige, 1% Zoll lange und % Zoll breite Spinne hat an dem Ende ihrer Vorderzangen einen Fortsatz, dem dcö Skorpion-SpüiM'». Der Häuptling der Tschlboke. 273 schwanzes ähnlich, aus dem, wenn er gedrückt wird, eine giftige Substanz fließt. Das Gewebe einer schönen, großen, gelbgcfleckten Art hat eine Elle im Durchmesser und Fäden, so dick wie grober Zwirn. Manche Arten machen springend Jagd ans ihre Beute, andere in blitzschnellem Hin- und Wiederlaufen nach allen Richtungen. Die letztere Art, von den Bc- tschuancn „Seläli" genannt, ist auch noch dadurch merkwürdig, daß sic ihre Behausung im Erdboden mit einer beweglichen Thürc von der Größe eines englischen Schillings verschließt, welche nach innen blendend weiß und seidenartig glänzend ist, von außen mit Erde bedeckt, so daß sie durchaus nicht zu entdecken ist. Andere, gesellig dicht bei einander ihren Sitz anf- schlagend, überziehen zuweilen einen ganzen Banmstamm rundum so, daß nichts mehr von ihm zu sehen ist. Die Reisenden trafen ans ihrem langen Zuge nicht lauter schwarze Menschen, sondern auch bronzefarbige, gelbbraune u. s. w. In den verschie denen Dialekten fanden sich viel weniger Abweichungen, so daß man sich überall mit den Leuten über gewöhnliche Dinge verständigen konnte. Dies wurde allerdings nur dadurch möglich, daß sowol Livingstonc die Betschuancn- sprache gut verstand, als auch die in seiner Begleitung befindlichen Barotsc u. srw.' neben ihrer Muttersprache die ihrer Oberherren gelernt hatte», so daß an Dolmetschern kein Mangel' war. In dem Gebiet der Tschiboke versuchte der Häuptling seinen unver schämten Anforderungen mit Gewalt Folge zu geben und umringte das Lager der Reisenden mit Bewaffneten, die sich furchtbar bärbeißig stellten. Sic haben nur fünf Gewehre, hörte man sic sagen, mit denen werden wir schon fertig werden. Die Makvlvlo's, Krieger ans Sebitnane's Schule, griffen kaltblütig zu ihren Spießen und ei» Blutbad schien unvermeidlich, wurde aber doch durch Livingstone's Ruhe und Festigkeit glücklich abgcwcndct. Er ließ den Häuptling und seine Rathgebcr hcrbeirufen und fragte, was man ihnen zu Leide gethan, daß sic in dieser Weise anfträtcn. Die Antwort ivar, cs werde der gewöhnliche Tribut verlangt, ein Mann, oder eine Flinte, ein Ochs u. s. w. Hierauf erklärte ihnen der Doctor, er habe lauter freie Leute bei sich, und alle würden lieber sterben als einen in die Sklaverei geben; die Flinten brauche man selber. Um doch etwas zu geben, reichte man ihnen endlich ein Hemd, ein Schnupftuch, einige Perlen; aber bei jeder neuen Gabe wurden die Anforderungen ungestümer und das Brüllen und Drohen mit den Waffen ärger. Da erklärte ihnen der Doctor, er sähe nun, daß sic cs ans Kampf abgesehen hätten, und so möchten sie nur anfangen, sie sollten die Verantwortlichkeit des ersten Streiches haben. Darauf legte er sich _ seine Ge wehre zurecht und es folgte eine spannungsvolle Pause. Der Häuptling und die Räthe sahen, daß sic sich in eine Falle begeben hatten, denn die Mako- lolo's hatten sic in aller Stille umringt und der Anfang des Kampfes wäre zugleich ihr eigenes Ende gewesen. Sic stimmten nun einen andern Ton an und beantragten einen Austausch von Lebensmitteln, damit sie sich überzeugen Buch der Reisen. U. 18274 Veränderte Reiseroute. Erpressungen. könnten, daß die Fremden wirkllich friedliche Leute seien. „Gebt uns einen Ochsen", hieß es „und wir geben euch dafür, was ihr nur haben wollt." Darauf hin wurde der Ochse gegeben, und als endlich die Gegengabe zum Vorschein kam, bestand sie ans ein wenig Mehl und einem Stückchen Fleisch von demselben Ochsen, begleitet von der Entschuldigung, daß nichts wei ter da sei. » Wenn auch der Geprellte, war der Doetor doch froh, daß der Handel ohne Blutvergießen abgelaufen und der Weg für dies Mal frei war. Aber man hatte auch in Erfahrung gebracht, daß weiter westlich überall die Skla venhändler hausten und ähnliche Collisionen sich noch oft wiederholen wür den;-denn die Händler pflegten in der That jedem Häuptlinge, dessen Gebiet sie berührten, einen Sklaven als Tribut abzugeben, und so war es eigentlich nicht zu verwundern, wenn die Wilden ihr vermeintliches Recht geltend zu machen suchten. Unter solchen Umständen entschloß sich der Doetor, seine Route zu ändern und gerade nördlich zu gehen, um weiter oben einen Durch gang nach dem portugiesischen Cassange zu suchen. Die Reise ging noch immer durch dichte Wälder mit bewohnten Lichtungen, durch viele kleine, aber vom Regen hochgeschwollene Flüsse. Der Doetor war in seinem Gesundheits zustände durch die immerwährenden Fieberanfälle so herabgekommen, daß er einem Skelette glich, und in diesem desolaten Zustande hatte er noch die schlimmste Periode der ganzen Reise durchzumachen. Denn die Collision mit den Tschiboke war nur die Einleitung zu einer ganzen Reihe ähnlicher Drang sale, wobei Blutvergießen mehrmals in nächster Aussicht stand. Immer und immer wieder kam die Anforderung: einen Mann, oder einen Elephantcn- zahn, oder einen Ochsen n. s. w., und als die Gesellschaft schließlich gar nichts mehr zu geben hatte utid alles an Kleidern und Effekten nur irgend Entbehrliche bereits geopfert war, hieß cs gewöhnlich: „Dann müßt ihr zurück, wo ihr hergekommen seid." Für ein wenig Mehl u. dgl. wurden die unverschämtesten Gegenforderungen gemacht; Führer ließen sich voraus- bezahlen und verschwanden dann; beim Uebersetzen über einen Fluß wurde manchmal dreimalige Zahlung erpreßt. Das Lager der Reisenden mußte jedesmal, um mir einigen Schutz zu haben, mit einer Umpfählung versehen werden und bei dem Marsche durch die Wälder glaubte man jeden Augen blick in einen Hinterhalt zu fallen. Livingstone's Leute waren so entmuthigt, daß sie in ihre Heimat zurückkehren wollten. Nachdem er vergebens ver sucht hatte, ihnen den Gedanken anszurcden, erklärte er ihnen: „Nun so geht, ich werde allein weiter reisen." Da waren die Leute wie umgewandelt. „Wir verlassen Dich nicht," riefen sie, „wir folgen Dir, wohin Du gehst, wir sind alle Deine Kinder und wollen für Dich sterben. Gieb uns nur die Erlaub- >uß zu fechten, wenn diese Feinde wiederkommen, mtb Du sollst sehen, was wir können." Der große Unterschied zwischen diesen und den tiefer im Innern woh nenden Stämmen hat ohne Zweifel seinen Grund in denn Sklavenhandel.275 Die bezauberten Ochsen. Negerdörfer. Die reisenden Händler mußte» sich ans jede mögliche Weise die Gunst der Häuptlinge zu erwerben suchen; -denn wenn die transportirten Sklaven bei den Häuptlingen unterwegs Vorschub zur Flucht fänden, oder diese sie für sich in Beschlag nehmen wollten, so wurden die Händler wenige oder keine bis an die Küste zu schaffen vermögen. Natürlich ist, das; diese Häuptlinge stolz und anmaßend werden und ihre Anforderungen immer höher schrauben, und daß ihre Untergebenen es ihnen darin nachthun. Ein Weißer ist ihnen ein Gegenstand der größten Verachtung, weil sie dieselbe» alle für Sklaven händler halten, die sich gutwillig scheren lassen, indem das Geschäft ihnen doch noch genug abwirft. Es sind Fälle bekannt, wo die portugiesischen Händler sogar Wasser, Holz und Gras den Wilden bezahlen mußten. Bei einer Gelegenheit, wo selbst zwei gemiethete Führer und ein Trupp fremder Händler mit den Einwohnern eines Dorfes gemeinschaftliche Sache machten, um dem Doctor etwas Werthvolles abznprcssen, wurde ein als Aus lösung angebotener Ochs zurückgewiesen, weil ihm etwas am Schweife fehlte. Die Schwarzen.meinten, daö Stück könne abgefchnittcn fein, um einen bösen Zauber auszuüben. Der Wink kam fast zu spät, denn es waren im Ganzen nur noch vier Ochsen übrig, aber Livingstone's Leute benutzten ihn doch; bald waren auch die übrigen in Stntzschwänze verwandelt und von da ab ver langte man nie wieder einen Ochsen ab. So war auch einmal der Aber glaube zu etwas gut. Dann und wann kamen die Reisenden an Dörfer, deren Bewohner freundlich waren und sie ungehindert ziehen ließen. Dann kamen gewöhnlich Schaaren von Kindern mit ihren Müttern heraus, staunten die Fremden an und liefen wvl auch große Strecken mit. Der weiße Mann war ihnen.kein so großes Wunder wie seine Ochsen. Der Mangel an Fleischnahrung ist in ganz Londa so groß, daß die Mäuse allgemein zur nieder» Jagd gehören und die Reisenden zahllose Fallen überall in den Wäldern ausgestellt fanden. Das Wild ist gänzlich auögerottet und mit ihni die Tsetsefliege, die nach des DoctorS Bermnthnng früher in diesen Breiten gehaust und die Viehzucht in diesen fruchtbaren, reich bewässerten Ländern unmöglich gemacht haben mag. An Pflanzenkost dagegen haben die Leute Ueberflnß und führen ein müheloses Leben, da der Boden nur ganz geringe Sorgfalt beansprucht. Die Neger dörfer wurden, je weiter man vorrückte, immer zahlreicher; einzelne sahen wild und verwahrlost aus, andere zeigten eine große Sauberkeit und Nettigkeit; die Hütten waren mit Baumwolle, Tabak u. dgl. umpflanzt und" in den Gär ten standen Körner- und Hülsenfrüchte mancherlei Art in jeder Periode des Wachsthums. Der Boden wird nie gedüngt. Wenn ein Garten endlich so erschöpft ist, daß er Mais, Hirse u. s. w. nicht mehr trägt, so rückt der Eigenthümer etwas, weiter in den Wald vor, haut die kleineren Bäume um und tödtet die größeren durch Feuer, und hat so für lange Zeit einen neuen fruchtbaren Garten, während in dem alten die Cassava ohne alle Pflege fortwnchert. 18 *276 Die Baschinji mib ihr Häuptling. Ausfallend war es, daß in den Wäldern dieser Gegend die im Süden so häufigen Dornengewächse nur durch zwei Arten vertreten sich vorfanden, nämlich einen Baum mit einer Art Brechnuß und einen der Sassaparilla ähnlichen Strauch mit gelben Beeren. Nachdem die Karawane endlich auf einen betretenen Handelspfad ge kommen, der direkt nach Cassange führte, gelangte sie am 30. März an den steil abfallenden Rand des bis jetzt überschrittenen, mit tiefen- engen Thälern durch zogenen Hochplateaus, und das große und mächtig breite Thal des Qnango- flnsses lag vor ihr. Freier athmeten die Reisenden auf, denn jenseits begann das Territorium, das unter portugiesischer Herrschaft steht und das sie nun in einigen Tagen zu betreten hoffen durften. Aber bevor sie dazu gelangten, hatten sie doch noch ein Stück Prüfungszeit durchznmachcn. Die Leute im Thale waren zwar andern Stammes — sie hießen Baschinji — aber nicht andern Sinnes wie die im Oberlandc. Auch hier war wieder die Losung: ein Mann, ein Ochs, eine Flinte — oder umkehren! Zur Abwechselung hieß cs dazwischen: „Gebt nur, morgen machen wir euch todt und da bekom men wir ja doch Alles!" Der Doctor und seine Leute verloren endlich doch auch etwas von ihrer lang bewährten Geduld und traten zuletzt entschiedener auf, und so kamen sic auch noch von den beiden ini Thale wcgelagernden Häuptlingen glücklich weg, obgleich die Leute des letztern ihnen eine Anzahl Kugeln nachsandten. Livingstone führt uns diesen jungen Mann im Bilde vor mit seinem sonderbaren Kopfputz (siehe S. 277). Derselbe besteht darin, daß das Hinterhanpthaar in einen kegelförmig zugespitzten Zopf geflochten und mit rothen und weißen Schnüren umwunden wird. Auch mehrere benachbarte Stämme tragen das Haar in ähnlicher Weise, z. B. die Baschuknlompv. Der Häuptling sah einem blutdürstigen Wilden durchaus unähnlich und war auch keiner, sondern nur ein lästiger Quälgeist, der wie alle übrigen ein gutes Recht geltend zu machen glaubte. Livingstone's Begleiter wurden überall für Sklaven gehalten, trotz aller gegentheiligen Versicherungen. Das Quangothal ist mit einem Wald von Ricscngräscrn bedeckt, der selbst dem Reiter über den Kopf reicht und in dessen Mitte der starke Fluß sich hinzieht. Nachdem sich die Reisenden von dem letzten Häuptlinge loSge- macht, war der Weg zum Ucberfahrtsplatze frei unb sic betraten am 4. April das jenseitige llfcr mit dem erhebenden Gedanken, daß nun das Schlimmste vorüber sei. Man gelangte bald an eine kleine Niederlassung mit dem An strich europäischer Kultur. Es war eine der Militärkolonien, welche die Por tugiesen an diesem Theile der Grenze unterhalten. Der befehligende Ser geant und seine Leute, lauter Halbportngicsen, nahmen die Fremden aufs Gast freundlichste ans; man hielt einige Rasttage und erreichte dann nach drei Tagereisen durch GraSwald Cassange, die am meisten im Innern gelegene, Handelsstation der Portugiesen. Sie liegt ans einer Erhöhung in der allge meinen Ebene und besteht ans 30—40 Kanfmannshäuscrn, mit reichen Gär ten umgeben. Die Reisenden wurden hier wie Brüder empfangen; man gabCassange. 277 dem aufs Aeußerste reducirten Doctor Kleidung und bewirthete ihn und seine Leute eine ganze Woche lang als liebe Gäste, obgleich man nicht wußte, was man aus den, Doctor eigentlich mache» sollte und ihn eher für einen engli schen Militär und geheimen Agenten hielt. Denn ein Missionär, der zugleich Arzt war, einen Schnurrbart trug, die geographische Länge aufnehme» konnte, ein Geistlicher mit Frau und Kindern zu Hause war ihnen etwas Unerhörtes. Das Qnangothal ist unerschöpflich fruchtbar und zur Viehzucht wohl ge eignet, aber seine Schätze liegen größtentheils unbenutzt, denn die Kolonisten sind Händler in Elfenbein und Wachs, und die Eingeborenen bauen nur ih ren geringen Bedarf. Der Doctor verkaufte hier das mitgebrachte Elfenbein und die Makololo's waren aufs Höchste erstaunt und erfreut, zu sehen, was für Preise diese Waare hier trug. Während sie z» Hanse für ein Gewehr zwei Zähne geben mußten, erhielt man hier für einen einzigen zwei Gewehre, drei Fäßcheu Pulver, große Bündel Glasperlen und soviel Kattun und Wollen zeug, daß die ganze Gesell^ fchaft sich neu kleiden konnte. Um so niederschlagender war ihnen die von den Schwarzen gehörte Neuigkeit, daß der Doc- lor sie an der Küste verkaufen werde und sie dann auf de» Schiffen gemästet und aus gegessen würden, denn die Weißen seien Menschenfresser. Sic wünschten am liebsten nmznkehren, faßte» aber doch wieder Vertrauen zu ihrem Führer und erklärten ihm folgen zu wollen, wohin er sic auch führen werde. Von Cassange bis zur Küste waren noch immer etwa 75 deutsche Meilen. Der Gouverneur dieses Platzes gab den Reisenden einen schwarze» Corporal als Begleiter nüt, und die Kanflente versahen sie mit Empfehlungsbriefen an Freunde in Loanda, damit sie dort, wo es keine Gasthöfe giebt, doch Unter kommen finden könnten. Die westliche Begrenzung des etwa 25 deutsche Meilen breiten Qnango- thales bildet ebenso wie die östliche anscheinend ein steiles Felsgebirge; als aber die Reisenden hinaufgestiegen waren, sahen sic, daß sie sich wieder ans einer Hochebene mit Walv und Wiesen befanden, der Fortsetzung der jenseits des Thaleö verlassenen. Die Bewohner der Negerdörfer waren von nun an durchgängig freundlich und zuvorkommend. Hin und wieder waren auf Ver anstaltung der Regierung, gleich den Khans in der Türkei, Hütten aus Lehm ltnb Flechtwcrk errichtet, in denen die Reisenden zur Nacht wenigstens ein Baschiiijihäuptlüig.278 Das Quaiigothal. Ambaia. besseres Unterkommen finden konnten als im Freien. Die Gegend wurde weiterhin offener, blieb aber immer schön und fruchtbar. Bei den Negerdör fern stand gewöhnlich das viereckige Lehmhaus eines Händlers. Diese Leute hatten mitunter schöne Gärten, in denen auch Weizen und andere europäische Knlturgewächse vorzüglich .gediehen. Der Kaffeebaum, früher von den Jesuiten eingeführt, hatte sich einheimisch gemacht und ist ans den Höhen in großer Ausdehnung wild anzutreffen. Die Einwohner besitzen Rindvieh und'Schweine. An den öffentlichen Lagerhütten oder Schuppen, wie sie in Abständen an der Straße stehen, geht es meist sehr lebhaft zu, denn es ist ein bestäu- . diges Kommen und Gehen von Leuten zwischen der Küste und dem Innern. Die Güter werden auf Kopf oder Schulter in einer Art Korb getragen, an welchem zwei Stangen von 5 — 6 Fuß Länge angebracht sind, die beim Tragen geradeaus stehen. Will der Träger etwas verschnaufen oder die Last für einige Zeit ablegen, so stemmt er die Stangen gegen den Boden rind hält den Korb, entweder oben in der Schwebe oder lehnt ihn an einen Baum und erspart sich somit das Niederlegen und Wiederaufnehmen der Last. Kommt eine Gesellschaft an einen Halteplatz, so nimmt sie sofort von den Schuppen Besitz. Wer später kommt und Alles besetzt findet, muß sich selbst ein Obdach errichten, was bei dem überall vorhandenen langen GraH auch nicht viel Umstände macht. Kaum sind die Reisenden zur Stelle, so kommen die Weiber aus den benachbarten Dörfern hervor und bringen in Körben Maniocmehl und Wurzeln, Jams, Erdnüsse, Orangen u. s. w. zum Verkauf. Der Handel und Verkehr geht mit großer Lebhaftigkeit und unter viel Geschwätz und Gelächter vor sich. Als Haupttauschmittel dient Kattun. Die Gegend wurde weiter nach Westen immer schöner und malerischer; hohe Berge erhoben sich beiin Eintritt in den Distrikt Ambaia und begrenzten die Ebene rings herum. Das üppig fruchtbare Land trug eine Fülle von Produkten; alle Lebensmittel waren ungemein wohlfeil. Ans einem roman tisch schöne» Hügellande führte der Weg endlich auf einen unfruchtbaren Küstensaum herab und Loanda zu. Livingstone konnte zu seinem Bedauern Allem, was um ihn vorging, nur die halbe Aufmerksamkeit widmen, denn Fieber und Dysenterie hatten ihn so aufgerieben, daß er vor Mattigkeit, Schwindel und Gedächtnißschwäche oft sich selbst, vergaß. Ein Glück war es unter solchen Umständen noch für ihn, .daß die Kolonisten, obrigkeitliche wie Privatpersonen, sich ohne Ausnahme so un- gemein gastfreundlich erwiesen; Alles bemühte sich ihm irgend eine Erleichte rung oder Erquickung zu verschaffen. Es war dieses Entgegenkommen um so unerwarteter, als es einem Engländer und Gegner des Sklavenwesens galt. Denn Sklaverei und Sklavenhandel besteht in Angola wie in den übrigen portugiesischen Besitzungen. Der letztere ist' seit 1845, wo die Bewachung der Küsten durch englische Kreuzer verschärft wurde, allerdings ins Stocken ge- rathen, aber es ist in Folge dessen eine neue Art von Dienstbarkeit für die Schwarzen ins Leben getreten. Früher brachten die Händler Elfenbein undLagerplatz in Angola.280 Loanda. SchisfSgelegcnMt. Wachs, von erkauften Sklaven getragen, nach der Käste und verkauften hier sowol Waaren als Menschen. Da aber die Ausfuhr der letzteren so sehr erschwert worden war und ihr Werth fast auf Null sank, so hat die Kolo nialregierung die Einrichtung getroffen, daß die Eingeborenen, so oft es ver langt wird, Frohnträger znm Transport der Waaren stellen müsse», denn Fahrstraßen gicbt es nicht. Verlangt ein Kaufmann 2—300 Träger, so wer den sie von den Dörfern reguirirt und der Miether zahlt pro Mann etwa einen Thaler au die Regierung; der Mann selbst hat außerdem eine geringe Auslösung zu erhalten. Körperlich und geistig niedergedrückt näherte sich Livingstone der "Stadt Loanda, nicht wenig besorgt, wie es ihm ergehen werde, zumal da er erfahren, daß unter den >2,000 Einwohnern nur ein einziger Engländer lebe. Seine Leute theiltc» seine Stimmung, denn sic konnten sich der Befürchtung, daß die Weißen Meernixen und Menschenfresser seien, noch immer nicht ganz erweh ren. Der erste Anblick dcS großen Oeeans machte natürlich einen'überwäl tigenden Eindruck ans sie, und wenn sie späterhin ihre Gefühle beschrieben, äußerten sic! „Wir hatten geglaubt wie unsere Väter, daß die Welt kein Ende habe; aber plötzlich sagte die Welt: Hier ist's ans mit mir." Am 31. Mai langte der Doctor mit seinen Leuten in Loanda an. Sein wohlwollender Landsmann, der englische Rraiernngsagcnt Gabriel, brachte den Kranken alsbald zu Bett. „Ich werde niemals", schreibt Livingstone, „das wonnige Behagen vergessen, das ich in einem guten englischen Bett genoß, nachdem ich sechs Monate lang ans bloßer Erde geschlafen." Der Bischof und derzeitige Gouverneur von Angola und die angesehensten Kanflente von Loanda beeifcrten sich, dem Doetvr ihre thätige Theilnahme zu erweisen; aber bei aller Ruhe und Pflege bedurfte cö doch einiger Wochen, bevor er fein böses Fieber völlig ansgearbeitet hatte. Einige englische Ma rineoffizicre, welche mit ihren Kricgsbriggs anliefen und ihn ans dem Schmer «zenslager fanden, erboten sich, ihn nach St. Helena oder nach Englanv zu brin gen, aber Livingstone lehnte das verlockende Anerbieten standhaft ab. Er er achtete sein Werk erst als halb gethan. Einen Weg nach der Westküste hatte er zwar gefunden, aber die vielen zu passirenden Flüsse, Wälder und Sümpfe machten ihn für Fuhrwerke ungangbar und somit konnte derselbe keine Haupt Handelsstraße werden. Sein Entschluß nmznkehren stand daher fest; er wollte, nachdem er in Linyanti einige Zeit ansgernht, den Zambcsistrom hinabgehen und die östliche Küste zu erreichen suchen. Wenn dies gelang, so hatte man wenigstens die Wahl zwischen zwei Handelswegen. Außerdem lagen ihm seine Makololo's viel zu sehr am Herzen, als daß er ihnen hätte znmuthen kön nen, ohne ihn die Rückreise zu versuchen. Sie hatten in allen Widerwärtig keiten und Gefahren treulich bei ihm ausgeharrt, und so wollte auch er sie nicht verlassen. — Diese guten Leute, die sich hier in eine ganz neue Welt versetzt sahen, hatten natürlich in der ersten Zeit gqr Manches anznstauncn und zu bewundern. Die Häuser und Kirchen verglichen sie mit ansgehöhltenl Di>' Makololo's in Stninba. Rückreise. 281 \ Felsen, ein Kriegsschiff mit einer ganzen Stadt. Ihre Begriffe von der Macht der Weißen stiegen inö Ungeheure; aber auch in Hinsicht ihrer Her- zenseigenschaftcn konnten sie nur günstige Eindrücke mit hinwegnchmen, denn sie wurden von allen Seite» liebreich behandelt und vielfach beschenkt. Ihre Hochachtung gegen den Doctor stieg bis zur Verehrung, da sic sahen, welche große Theilnahine er bei seinen Landsleuten und den Portugiesen fand. Ein Glanzpunkt für sie war der Besuch der englischen Kriegsschiffe und das brü derliche joviale Benehmen der Matrosen gegen sic. Es. wurde eine Kanon» vor ihnen abgefenert und der Doctor sagte ihnen: „Das sind die Dinger, womit wir den Händlern wehren wollen, farbige Menschen zu verkaufen." Die Zeit, in welcher der kranke Doctor seine Leute sich selbst überlassen mußte, wußten diese ans eine verständige Weise ansznsüllen. Anfänglich hol ten sic ans dem Walde Brennholz, das sic in der Stadl gut verkauften. Später verdingten sic sich znm Ausladen eines Kohlenschisfcs, eine Arbeit, die sie über einen Monat mit angestrengtem Fleißc fortsetzten. Die Menge der „brennenden Steine", die das einzige Fahrzeug enthielt, war ihnen rein un begreiflich, denn es enthielt noch sehr viel Borrath, als sic die Arbeit anfga- ben. Von ihrem Verdienst kanflen sie Zeuge, Perlen und andere Artikel, die ihnen wnnschcnswcrlh schienen. Sie bewiesen dabei mehr Einsicht als die Afrikaner an der Küste, denn sie griffen nicht nach den buntesten Lappen, sondern ihre Wahl siel stets auf die solideste und dauerhafteste Waare. Die Behörden und Kanflente zu Loanda zeigten sich dem Plane einer Handclsanknüpfnng mit dem Innern sehr günstig, und als die Zeit der. Ab reise herannahte, wurden durch Snbscription und ans öffentlichen Mittel» schöne Probestücke aller hier geführten Maaren und Geschenke für Sekeletn, von freundlichen Briefen begleitet, zusammengebracht; die Makololo's erhielten neue Kleidung und Livingstone gab jedem eine Muskete. Unter den miizn nehmenden Geschenken befand sich auch ein Eselpaar. Diese Thierart ist im Innern ganz unbekannt und mußte in Gegenden, in denen fein Pferd fort- kommcn kann, eine große Wohlthat sein. Die ganze Karawane war jetzt so reich an Waaren, Waffen und Munition, daß sie zwanzig fremde Träger anneh men mußte. Der Bischof hatte allen Distriktsvorständen die Weisung crthcilt, den Reisenden in jeder Weise bchülflich zu sein, und. so trennten sich diese von ihren Freunden in Loanda ani 20. September. Völlig wieder gesundet, konnte sich der Doctor nun Land und Leute mit mehr Theilnahine ansehen und machte mehrere Umwege, um interessante Punkte nnfzusuchen. Dies und die langsame Vorwärtsbewegung zu Fuß, die bald wieder eintretenden Regen und das 'neue Erkranken seiner selbst und der meisten seiner Leute, nicht weniger die ausgezeichnete Gastfreundschaft der verschiedenen portugiesi schen Bezirksamtleute, hielt ihn an mehreren Punkten so fest, daß die Ge sellschaft erst Ende Februar die portugiesischen Besitzungen verlassen konnte und an der früheren Stelle den Quangoflnß überschritt. Wie ans der ganzen Reise machte der Doctor, wo cö thnnlich war, und2.82 Das portugiesische Angola. oft unter den größten Schwierigkeiten, astronomische Beobachtungen zur Be stimmung der wahren Lage der Gewässer, Gebirge und anderer wichtigerer Oertlichkeiten, eine sehr aufhältliche, aber höchst verdienstliche Arbeit, indem cs ihm gelang, große Jrrthümer in den vorhandenen Karten von Angola und den benachbarten Ländern zn berichtigen. Das portugiesische Angola fand der Doctor in einem Zustande des Hinvegetirens; eö ist Niemand da, der die reichen natürlichen Schätze auszu beuten Lust und Unternehmungsgeist hätte, und nur erst in jüngster Zeit, wo der Sklavenhandel in Stillstand gekommen ist, fangen die Portugiesen' an, ihr Augenmerk ans andere Reichthumsquellen zn richten. Die Besitzung wird gewissermaßen wie eine Strafkolonie angesehen; die aus Portugal Ein wandernden kommen mit der Absicht, möglichst rasch etwas zn erwerben und dann in die Heimat znrückzukehrcn. Offenbar hatten die früheren Verwalter des Landes, die Jesuiten, zur Emporbringung desselben mehr gethan. Man ches erinnerte noch an die Jesnitenzeit, nicht blos mehrere zerfallene Kirchen und vereinsamte Klöster, sondern auch Anderes, was sich lebendig erhalten hat. In mehreren Ortschaften hatte sich aus jener Zeit die Kunst des Le sens und Schreibens bis ans die Gegenwart fortgeerbt. Der Kaffeestrauch, den die Jesuiten aus Arabien hierher verpflanzt, wuchert allein fort und hat sich, wo er passenden Boden gefundeü, Tagereisen weit verbreitet. Man ent deckt fortwährend in den Gehölzen neue Stellen mit Kaffeestauden; cs braucht blos das fremde Gebüsch zwischen ihnen weggeräumt zu werden (die höheren Bäume bleiben der nöthigen Beschattung wegen stehen), und man hat eine einträgliche Kaffeepflanzung. Ebenso haben die vor Alters eingeführten Ananas, Bananen, Hains, Orangen und verschiedene südamcrikanische Frucht-. bäume hier ein zweites Vaterland gefunden und pflanzen sich selbst fort, so auch die amerikanische Baumwolle, die sich überall an Wohnungen, Wegen und Campirplätzen ansgesäet hat und häufig ausgerodet wird, um Gartenfrüchtcu Platz zn machen; denn die Eingeborenen sammeln nicht mehr Baumwolle, als sie für den eigenen Bedarf verspinnen und verwehen können; Gelegenheit zum Verkauf nach auswärts giebt es nicht. Die Weiber der Schwarzen verspin nen die Baumwolle mit Spindeln und die Männer weben sie zu Zeugen, indem sie zwischen senkrecht anfgespannten Fäden andere quer durchziehen. Ein Stück Zeug erfordert in dieser Weise eine Arbeit von mehreren Wochen, ist aber, dennoch, wie alle übrige Handwerks- und Lohnarbeit und wie die Boden-' Produkte, fabelhaft billig. Das Gewebe vertritt größtentheils die Stelle deö Geldes. Die Eingeborenen machen auch hübsche billige Messer und andere Eisenwaaren aus einheimischen Erzen und diese Industrie ist eine alte einhei mische. Hier wie in andern Gegenden Afrika's wurde der Doctor oft leb haft an das alte Aegypten erinnert, wie es in den »Abbildungen seiner Denk mäler sich darstellt. Spinnen, Weben, Fischen, die häuslichen Gerathe und Arbeiten erschienen oft auf ein Haar so, wie sie nach jenen Denkmälern dort vor Jahrtausenden gewesen, und zuweilen waren es sogar dieselben Men-. Paul de Loanda.284 Di,' Bevölkerung von Angola. schenfiguren, lebendige alte Acghpter mit gelber Haut und schräg stehenden Augen; denn wie schon bemerkt, sind die Leute in Angola und Loanda keines wegs alle schwarz, und der echte Mohrenkopf ist sogar selten. Die Bevölkerung von Angola ist eine friedliche nnd lebt, wie cS scheint, wenig behelligt von den Portugiesen, nach afrikanischer Weise. Vielweiberei ist herrschend, die Weiber werden von den Aeltern gekauft nnd haben hier wie überall für den Unterhalt der Familie zu sorge» nnd führen nicht nur die Spindel, sondern auch die Fcldhacke fleißig. Nur in den unteren Klassen, lei den Handwerkern, Trägern n. s. w., arbeitet der Mann; in den höheren Rangstufen, deren es nicht wenige giebt, beschäftigt er sich größtentheils mit Palniweintrinken. Die eingeborenen Häuptlinge sind von teil Portugiesen an ihrer Stelle gelassen worden; sie haben natürlich wenig zu befehlen, begnü gen sich mit der Würde nnd sind glücklich, wenn sie von der Regierung ir gend einen Titel erlangen können. Die Hauptergötzlichkeit der Schwarze» in Angola bilden nicht allein die Hochzeiten, sondern auch die Begräbnisse. Wenn ein Mädchen im Begriff steht, zu hcirathen, wird sie allein in eine Hütte gebracht, wo sie mit ver schiedenen Salben bestrichen wird nnd allerhand Beschwörungen vorgenoin- men werden, mit sie glücklich und fruchtbar werden zu lassen. Hier, wie überall im Süden, gilt eö bei den Frauen für das höchste Glück, Söhne zu haben; nicht selten kommt eö daher vor, daß Frauen, wenn sic nur Töchter bekommen, von ihren Männern gehen. Wenn bei ihren Tänzen die eine die andere verspotten will, so wird in den den Tan; begleitenden Gesang ein Vers eingefügt, welcher etwa lautet: „Die nnd die hat keine Kinder nnd wird auch nie deren bekommen." Diese Beschimpfung ist für die Betroffene so empfindlich, daß oftmals- eine solche davonlänft nnd sich das Leben nimmt. Nachdem die Verlobte einige Tage ans die angegebene Weise in der Hütte zngebracht, wird der erwählte Bräutigam in eine andere Hütte ge bracht, angethan mit den kostbarsten Kleidern nnd Schmncksachen, die seine Verwandten nur irgend anfzutreibcn wissen. Sodann wird die Braut öffent lich vorgeführt, wobei sie als Frau begrüßt wird nnd von allen ihren Be kannten Geschenke, mit sic herum niedcrgclegt werden. Hierauf wird sie in das Gehöft ihres Gemahls geführt nnd ihr eine besondere Hütte angewiesen, wie den übrigen Frauen; denn Vielweiberei ist allgemein. Im Falle der Scheidung kehrt die Frau in die Familie ihres Vaters zurück und der Mann erhält zurück, was er für sie gegeben hat. In der Regel giebt der Mann einen Kaufpreis für die Frau, die er ehelicht, den Aeltern, welcher bei Mu lattinnen namentlich oft bis zu 60 Pfund Sterling beträgt. Diesen Miß brauch abzuschaffen, hat sich der dortige Bischof zur besonder» Aufgabe ge stellt. Bei den Hochzeiten, wie bei den Begräbnissen dauert das Tanzen, Essen nnd Trinken mehrere Tage hinter einander; splendide Hochzeits- nnd Leichcnschmänse zu geben gilt Jedem für eine Ehrensache, nnd sollte er Jahre darauf verwenden müssen, den dadurch verursachten Aufwand zu decken.Pnngo Adonga. 285 Setzt man einen Betrunkene» über seine Unmäßigkeit zur 9iebe, so kann es kommen, daß er antwortet: „Meine Mutter ist eben gestorben"; und diese Entschuldigung ist in den Angen seiner Landsleute vollgültig. Am Südrande der portugiesischen Besitzungen, nicht weit von dem Grenzflüsse Coanza, liegt die schöne, offene, zur Viehzucht besonders geeignete Gegend Puugo Adonga, deren Hanptdorf mitten in einem Walde von merk würdigen, thurmartig geformten, gegen 300 Fuß hohen Felsen liegt. Hier hat ein Portugiese, der in seiner Jugend Schiffsjunge gewesen, durch Fleiß Fclscn von Pnngo Adonga. und Ausdauer sich eine fast fürstliche Existenz gegründet. Er besitzt mehrere Tausend Stück Rindvieh unb vermag im Nothfall einige Hundert bewaffnete Sklaven ins Feld zn stellen. Unter dem gastfrenndlichen Dache dieses Man nes, Colonel Pires, nahm Livingstone einen mehrwochentlichen Aufenthalt. Die benachbarten Stämme nach Süden hin sind nicht sehr freundlich gesinnt, doch bietet der Coanza eine hinreichende Vertheidigungslinie. Nach Südvsten wohnen andere Leute, Kimbonda oder Ambonda, in einem bergigen Laude, die als ein tapferes, freiheilliebendes Volk geschildert werden und dabei286 Die Kisama's. Schönheit der Gegenden. gastfreundlich und ehrlich im Verkehre sind. Sie besitzen zahlreiche Vieh herden und sammeln viel Wachs, das sie an die Portugiesen verkaufen, mit welchen sie stets auf gutem Fuße gelebt haben. Auch auf der Nordseite des Coanza lebt weiter oben ein Stamm, der sich den Portugiesen nicht unterwerfen mag. Sie nennen sich Kisama's, und nach den wenigen zu schließen, die dem Doctor zn Gesicht kamen, stehen sie den Buschmännern oder Hottentotten sehr nahe. Sie kleiden sich in einen Rundschurz von weichen Baststrcifen. Ihr Land ist wasserarm und sic be wahren ihre Wasservorräthe in ausgehöhlten Baobabbäumcn ans. Wenn die portugiesischen Soldaten in ihre Wälder vordrangen, so ließen sie diese Be hälter anslaufen und zogen sich, zurück und die Portugiesen mußten bald ans Wassermangel das Gleiche thun. Das Land der Kisama's ist sehr salzreich und sie treiben einen starken Handel mit diesem Artikel, der in Krhstallen von 12 Zoll Länge und iy a Zoll Dicke besteht. Diese Salzzapfen sind nächst dem Kattun das gebräuchlichste Tauschmittel; beide sind überall ebenso will- kommen als baare Münze. Auch eine eigene Art Hühner gicbt es hier, von den Eingeborenen „Kisafn" genannt, von den Portugiesen „arvipiada", d. h. die Zitternden. Die Federn derselben sind sämmtlich nach aufwärts gekräu selt, so daß sie den Körper hinlänglich beschatten, ohne ihn so zn erwärmen, wie dies bei den gewöhnlichen Hühnern der Fall ist. Die Eingeborenen pfle gen sie auch zn opfern und zahlen dann einen hohen Preis dafür. Voll angenehmer Erinnerungen an die Gastfreundschaft der Portugiesen und die natürlichen Schönheiten des Landes verließ Livingstone endlich Angola wieder. „Oft", schreibt er, „fand ich bei meinen Wanderungen landschaft liche Gemälde, über die sich ein Engel freuen müßte. Oft sah ich in stillen Morgenstunden Scenen von höchster Schönheit, Alles gebadet in köstliche warme Luft, die mit ihren leisen Bewegungen gleich einem Fächer sanfte Kühlung anwehte. Ans üppig grünenden Wiesen weidendes Rindvieh, sprin gende Ziegen, Gruppen von Hirtenknaben mit ihren kleinen Spießen, Bogen und Pfeilen, Weiber mit auf dem Kopfe schaukelnden Wassertöpfen znm Flusse gehend, Männer säend unter dem Schatten der Bananen, alte grauköpfige Greise ans dem Boden sitzend und der Morgcnnntcrhaltung lauschend, andere ihre Zäune oder Hütten ansbessernd, Alles uniflosscn von dem Glanze der afrikanischen Sonne und der Musik der Vögel, die in den Zweigen ihr Lied singen, bis die höhere Tageshitze sie verstummen macht — ans solchem Stofs weben sich Bilder, die nie vergessen werden können." Da hier der Sing vögel gedacht ist, so erwähnen wir noch, daß Livingstone in diesen Gegenden wenigstens die gewöhnliche Annahme, daß die Vögel der Tropen in der Zie gel nicht singen, widerlegt fand. Er hörte ähnliche Sangeswcise» wie dic- seNigcn unserer Lerchen, Drosseln, Buchfinken und Rothkehlchen, nur nicht so harmonisch als in seiner Heimat und häufig unterbrochen durch einzelne eingeschobene fremdartige Laute. Bei einem Vogel klang eö deutlich wie pak, Pok, pik, bei einem andern wie ein Strich auf einer Violinsaite.Livingstone. Reisen in Afrika.287 Insekte». Fieber. Aberglauben. Auch ihr Gefieder ist meist schlicht und prunklos »ud sie unterscheiden sich darin von den brasilianischen Vögeln. Eine andere naturhistorische Beobach tung, die Livingstone machte, betrifft ein sonderbares Insekt, welches sich auf Bäumen von der hier sehr zahlreichen Familie der Feigen aufhält. Gewöhnlich sitzen 7 — 8 derselben an den kleineren Zweigen beisammen und lassen fortwährend' eine durchsichtige Feuchtigkeit herabtropfeu, so daß nach und nach ein kleiner Teich am Boden sich bildet. Ein Gefäß, das am Abend unter einen solchen Zweig gestellt wird, enthält am andern Morgen 3 oder 4 Nöscl von dieser Flüssigkeit. — Oft beklagte es der Doctor, daß die Kultur auf so günstigem Boden so wenig Raum gewinnt. Die Eingeborenen begnügen sich für ihren täglichen Unterhalt zu sorgen, was mit wenig Mühe gethan ist, und die Portugiesen leben nur für den Handel. Ein übler Umstand ist freilich, daß das Land für Fremde nicht eben gesund ist. Die Fieber stellen sich nicht allein in den Niederungen, sondern auch in den bergigen Gegenden periodisch ein, und der Doctor und seine Gefährten hatten bald wieder daran zu leiden. Die hier lebenden Portugiesen haben ein krankhaftes Ansehen und leiden in Folge zahlreicher Fiebcranfällc meist an Milzvergrößerung. Die Kinder, die sie mit ihren eingeborenen Weibern haben, sterben häufig weg. Sie bringen nie Weiber mit, sondern behelfen sich mit afrikanischen Ehen, indem sie, wie schon bemerkt, ihren Aufenthalt nicht auf die Dauer nehmen, sondern nur so lange bleiben, bis sic sich mit einigem Vermögen zurückziehen können. Das Verlangen nach raschem Erwerb führt die Gouverneure der einzelnen Sta tionen nicht selten zu Bedrückungen gegen die Eingeborenen; sic werden, wenn Klagen laut werden, abgesetzt und erhalten Nachfolger, die es viel leicht ebenso machen. Im Allgemeinen aber ist die Behandlung der Schwarzen von Seiten der Portugiesen eine sehr leutselige, vielleicht schon ans Politik und in Anbetracht ihrer geringen Anzahl gegenüber einer ganzen Bevölkerung. , Schwarze Commis arbeiten in den Comptoiren der Kanflente und essen an ihrem Tische, und die Mischlingskindcr werden väterlich behan delt. Nicht so gut sind die unglücklichen Sklaven daran: sie gelten für eine Art Vieh, selbst in den Angen der freien Eingeborenen. Für die moralische Hebung der Schwarzen geschieht von Seiten der Portugiesen freilich, nichts; die Leute sind selbst physisch heruntergekommen gegen die Stämme im . In nern, hauptsächlich in Folge des vielen Branntweins, der von den Kanflcutcn eingeführt wird und dessen verderbliche Wirkungen ans die Schwarzen nur zu ersichtlich sind. Die Angolesen sind, wie alle Stämme bis an den Zambesi, in dem gras festen Aberglauben' befangen und ihre Begriffe von überirdischen Dingen sind so gleichförmig, daß es scheint,, als seien alle ursprünglich ein einziges Volk gewesen. Ihre Religion, wenn uian es so nennen kann, ist eine Religion der Furcht. Der Barimo, die Geisterwelt, läßt ihnen keine Ruhe. Diese scheint ihnen hauptsächlich ans den Seelen Verstorbener zusammengesetzt, und allgemein ist der Glaube, daß diese Seelen sich noch fortwährend in die ir-288 Zauberer ltnb Priester., bischen Angelegenheiten einniischen und beständig darauf anSgchcn, die Leben digen nach sich zn ziehen. Sterben aber, das Leben und seine Freuden ver lassen, gilt dem Schwarzen für das größte Unglück. Daher werden bei Er krankungen und andern Unfällen Opfer zur Besänftigung der erzürnten Gei ster in Fülle gebracht; bald wird eine Ziege, bald ein Huhn geschlachtet, bald irgend eine Eßwaare geopfert, und überall an Wegen, Hütten, selbst int Walde findet man rohe Götzenbilder und Opfergaben. Sogar der Todt- schläger eines Andern unterläßt nie, sich mit dessen Geiste durch ein Opfer abzufindcn. Aber auch lebende Menschen können den Tod anthnn durch Zau berei, und dagegen werden nun eine llmnasse Amnlete und Gegcnzauber an- gewendct. Nichts ist unter den Schwarzen leichter als der Hexerei beschul digt zu werden, und die afrikanischen Hexenprozesse sind nicht milder, sondern nur kürzer als die ehemaligen europäischen: der Angcschnldigte erbietet sich oder wird anfgefordcrt zn einer Hexenprobe; der Wahrsager, natürlich eine wichtige Person unter solcher Art Leuten, reicht einen Gifttrank und der Be schuldigte stirbt, womit zugleich der Beweis seiner Schuld geliefert-ist. In solcher Weise verschwinden selbst im portugiesischen Gebiet alljährlich nicht wenig Leute, und die Behörden können nichts dagegen thnn; denn die Wahrsager sorgen dafür, daß diese Urthcilc und andere heidnische Ccrc- monien ganz in der Stille abgemacht werden. Einzelne Häuptlinge in der Nachbarschaft der Portugiesen wenden - solche Klagcfällc auch zn ihrem eigenen Vortheil und verkaufen die angeblichen Zauberer oder ihre Kinder in die Skla verei, als Ersatz fiir den. Schaden, den sie ungerichtet haben sollen. — Als ein sehr wirksames Mittel zur Besänftigung der Geister gilt die Trommel. Jedes Negerdorf besitzt dergleichen Instrumente; bei Begräbnissen sind sic be sonders in Activität und oft hört man ihre Schläge ans einem Dorfe vom Morgen bis Abend mit der Regelmäßigkeit einer Dampfmaschine erschallen. Einem Schwarzen seinen Aberglauben ausredcn zn wollen, ist eine vergebliche Mühe, denn sic sind regelmäßig mit der Abfertigung bei der Hand: Die Weißen verstehen von solchen Dingen gar nichts, die Schwarzen sind hierin die Klügeren. Es ist eine Regierungsmaxime der Portugiesen, jenseits des Qnango- slroms keine Niederlassungen zn haben; ihr ganzer Handel mit dem Innern wird durch Vermittelung einheimischer Händler, Pombeiros, besorgt. Etwa 150 englische Meilen östlich liegt die Hauptstadt des Oberchefs aller Ba- lvnda's, der den erblichen Titel Matiamvo (Mnata- jamvo) führt; Muata ist die Bezeichnung für Oberherr, Kaiser n. dgl. Dieser Fürst, mit dem die Portugiesen durch zeitweilige Geschenke ein gutes Einvernehmen unterhal ten, läßt nur schwarze Händler zn, die im bloßen Hemd vor ihm er- . scheinen. Die Hanptartikel des Matiamvo sind Elfenbein und Sklaven. Die Elephanten werden von seinen Unterthanen mit Spießen oder vergif teten Pfeilen erlegt, auch in Gruben gefangen. Es sind diese Thiere hier kleiner als in den Ländern weiter südlich, aber ihre Stoßzähne sind merk würdigerweise ansehnlich größer. Livingstone sah ein Paar Zähne, die zu-Elfenbein. Afrikanische Liebhabereien. Cazeinbe. 28k> samineii 250 Pfund wogen und 6 Fuß 6'/z Zoll Länge hatten. Es ist vor gekommen, daß ein einzelner Zahn 158 Pfund gewogen hat. Kurz vor Livingstonc'S Ankunft war ein neuer Matiamvo zur Regie rung gekommen, der als ein »lildgcsinnter Mann geschildert wurde und sogar die Absicht ausgesprochen haben sollte, die Tschiboke für ihr übles Benehmen gegen den Doctor zu bestrafen. Die Unterhäuptlinge des weiten Gebietes von Londa erkennen, obwol faktisch so gnt wie unabhängig, alle die Ober- Herrlichkeit des Matianivo an, und manchem schien bei der neuen Regierung nicht wohl zu Muthe zu sein, denn der Matiamvo kann sie wegen Mißrcgie- rung nach Belieben abfetzen, d. h. köpfen lassen. Der alte Matiamvo trieb das eigenhändige Kopsen, wie erzählt wurde, gleichsam als fürstliches Ver gnügen, denn er rannte zuweilen in seiner Stadt herum und schlug jedem Begegnenden den Kopf ab, bis er einen ganzen Haufen Köpfe beisammen hatte. Er pflegte dies damit zu erklären, daß seine Leute zu zahlreich wür den und er sie etwas lichten müsse. Möglich, daß der Mann verrückt war; aber auch dann uoch liefert er ein Beispiel der nach Norden immer mehr zu nehmenden Grausamkeit der Häuptlinge und der Versunkenheit des Volks, das nicht einmal als einzig dasteht. Mehrere Tagereisen gegen Osten liegt an einem See die Residenz eines andern Mohrenkaisers, Mnata Cazeinbe. Sein Reich ist ein Tochterstaat des Matianivo, aber diese östlichen Fürsten sind vom Mutterlaude unabhängig und eö herrscht nur noch das Herkommen, daß sic ihre Weiber ans dem westlichen Regentenhanse entnehmen. Die Ca zembe stehen schon lange als grausame Wütheriche in üblem Rufe. Schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts unternahm der Portugiese Di-. Lacerda das Wagstück, von Tete ans bis hierher vorzudringen, mit der Absicht, so dann weiter nach Angola an der Westküste zu gehen; aber der Tod ereilte ihn auf seinem abenteuerlichen Zuge. Im Jahre 1831 beschloß der Gou verneur der östlichen portugiesischen Besitzungen einen neuen Versuch zu machen, sich mit dem Innern in Verbindung zu setzen, und der Bericht über diese nichts weniger als glänzeüd ausgefallene Unternehmung ist erst kürzlich ver öffentlicht worden. Es wurde eine Anzahl enlschlossener Leute unter dem Be fehl eines Majors und eines Kapitäns ausgerüstet und die Karawane durch 20 Soldaten und gegen 200 schwarze Träger vervollständigt znm Transport der Lebensmittel und der Geschenke für den schwarzen Kaiser. Die Reise, anfangs nicht unangenehm, führte bald in weniger wirthliche Gegenden, und nach dreimonatlichem Marsche war die Karawane bereits in tiefes Elend ge- rathcn, nicht eben durch die Feindseligkeiten der Eingeborenen, die den von Livingstonc besuchten Balonda's wol ziemlich gleichen mochten, sondern durch den Hunger, der sie oft nöthigte, wilde Früchte zu essen, deren verderbliche Natur sic nicht kannten. Möglich, daß die Eingeborenen in der That für so viele Fremde nichts zu leben hatten, denn wir sahen, daß auch Livingstone bei den Balonda's mit viel weniger Mannschaft zuweilen hungern mußte. Verzweifelnd warfen die schwarzen Träger ihre Kisten weg und flohen, und Buch der Reisen. II. 19290 Die portugiesische Gesandtschaft bei Cazembe. Liringftone's Nachrichten. man mußte sie entweder mit Gewalt zum Bleiben zwingen, oder, wo dies nicht gelang, die Waarcn selbst anfladcn, da ja von den Geschenken der Em pfang bei der schwarzen Majestät lediglich abhing. Oft mußten die Portu giesen ihre Todten heimlich begraben, nin nicht den abergläubischen Gesetzen der Eingeborenen zu verfallen. Lo verlor die Karawane in den fünf Mo naten, welche die Reise dauerte, durch Tod und Flucht über 70 Mann, und selbst schon am Orte ihrer Bestimmung angelangt, wurden sie noch von einer Blatternepidemie und schließlich vom Skorbut befallen. Auch in anderer Hin sicht waren die Leiden der Armen mit ihrem Eintritt in die Residenz de? Muata Cazembe noch keineswegs zu Ende; der habsüchtige und doppelzüngige Monarch versorgte sie nur höchst nothdürftig mit Lebensmitteln, schob die zu gesagte feierliche Audienz unter allerlei Ausflüchten fortwährend hinaus und zeigte deutlich, daß er nicht Lust habe, die Fremden eher ziehen zu lassen, als bis n sie recht gründlich ausgezogcn. Die Audienz fand denn endlich auch mit allem möglichen barbarisch-afrikanischen Pomp statt, aber die halbe Gefangenschaft der Portugiesen beim Muata Cazembe halte sechs Monate gedauert, und sie athmeten erst wieder frei, als sie die Stadt im Rücken hatten, obgleich sie sich sagen mußten, daß sie einen Rückweg voll fürchterlicher Drangsale vor sich hatten, die ihnen denn auch in reichem Maße zu Theil wurden. Sie hatten neben andern Lastern dieses Despoten auch von seiner Grausamkeit Pro ben genug erlebt. Menschenschlächtereien und Verstümmelungen waren etwas ganz Gewöhnliches, und es war, als wenn die Natur selbst sich der arme» Opfer erbarmen wolle; denn wenn einem armen Teufel wegen der geringsten Veranlassung oder aus bloßer Laune eine Hand, ein Bein abgeschlagen oder eine sonstige Verstümmelung angethan wurde, so wusch er sich im Wasser, ver kroch sich und erschien nach wenigen Tagen geheilt wieder. Daß der Cazembe jedes Frauenzimmer, das ihm gerade gefiel, in seinen Harem steckte, wäre noch nicht so schlimm, als die daran sich knüpfende unmenschliche Barbarei, daß alle Männer oder Liebhaber, welche die Erwählte bis dahin gehabt haben mochte, wegen ihrer unbewußten Concurrenz mit dem Kaiser dem Tode verfallen wa ren. Ein solches Frauenzimmer mußte alle ihre früheren Verhältnisse beken nen, und was sie etwa zu verschweigen suchte, das brachte die Spionage, die an jedem Despotenhofe in. Flor ist, schon noch heraus. Livingstone's Reiseroute ging nicht allzu weit von Muata Cazembe's Stadt vorbei, und die Leute in Katcma's Gebiet gaben die Entfernung bis dahin auf etwa fünf Tagereisen an. Es bestand von hier ans ein Verkehr mit jener Stadt zum Bezug kupferner Schmncksachen, die daselbst gefertigt werden. Auf des Doctors Frage, ob dort noch immer so viele Menschen nmgebracht würden, gab man ihm zur Antwort: so gar schlimm möge es wol nie gewesen sein; zuweilen werde allerdings einer abgeschlachtct, wenn der Cazenibe ein Menschenherz oder sonst einen inner» Theil zu einem Amulet brauche; Hexerei und Dieberei würden selbstverständlich mit dem Tode bestraft. Ändere Erkundigungen über das Land schienen mit ziemlicher Sicherheit zuDie Reisen der Araber. Der Njassasce. Der Muhamedanismns. 291 19* . ergeben, daß der südliche Ausfluß des bei Cazeiube's Stadt gelegenen SeeZ derselbe Fluß sei, welcher mit dem Liba zusammen den Zambesi bildet. Das innere Afrika wird schon längst von arabischen Kaufleuten weit und breit durchzogen; sic gehen nach Loander und kommen selbst bis Linyanti zu Sebitnane. Ihr Ausgangspunkt ist innner die Insel Zanzibar. Von sol- chen erfuhr Livingstone, daß Land und Leute in dieser Richtung hin dieselben seien wie im übrigen Londa, daß die Häuptlinge friedlich gesinnt wären und das Reisen nach Zanzibar keine Schwierigkeiten habe. Zehn Tagereisen hinter Cazeiube's Stadt berührt die gewöhnliche Reiselinie das Südende des großen Sees Tanganienka, der in andern Mittheilungen auch Njassa genannt wird. Dieses Gewässer soll eine bedeutende Ausdehnung haben, ja ans vier Seen bestehen. Es scheint bis an den Aequator oder noch etwas höher hinauf zu reichen und die Breite soll im Allgemeinen eine solche sein, daß die Piroguen, wenn täglich 6 — 8 Stunden gerudert wird, drei Tage brauchen, um hin überzukommen. Man übernachtet auf Inseln, deren es sehr viele in dem See geben soll. Die Reise von der Meeresküste bis zu diesem inner» Wasserbecken soll etwa 24 Tage dauern. Die Gegenden um den See sind von mehreren Volksstämmen so dicht bevölkert wie ein Ameisenhaufen, sagen die Händler. Eö giebt hübsche Städte am Wasser und viel Verkehr ans demselben. Auch Araber haben sich dort niedergelassen und den Reisbau ciu- geführt. Hier eröffnet sich somit ein großes Feld für die wissenschaftliche Forschung und vielleicht ein leichterer Zugang zu dem noch unbekannten In nern als von irgend einer andern Seite her. Es sind schon mehrfach die raschen Fortschritte des MnhamedaniSmnS in Afrika erwähnt worden; nach Livingstone's Erfahrungen sind cs eben die arabischen Kauflente, die neben ihrem Geschäft zugleich die Apostel machen. Sie pflegen sich'in einem Stamme dadurch,Connepioncn und Einfluß zu ver schaffen, daß sie eine Tochter oder sonstige Verwandte des Häuptlings znm Weibe nehmen, und wissen so geschickt zu operiren, daß sie zuweilen einen ganzen Stannn zu ihrem Glauben hinüberziehen. Jenseits des Quango war Livingstone mit seiner Gesellschaft so zu sagen wieder in Feindesland, unter den brandschatzenden Baschinjen. Er hatte aber diese unbedeutenden Dorfmonarchen jetzt richtiger schätzen gelernt, und so kam er im Allgemeinen besser durch als ans dem Herwege, wo er gar nichts zu geben hatte. Jetzt gab'er mäßig und mit der festen Erklärung, daß mehr nicht gereicht werde. Und sie begnügten sich, sobald sic Ernst sahen, denn das Volk ist im Grunde feig; aber cs wächst ihnen der Muth und die Unver schämtheit in dem Maße, wie sie Erfolg davon sehen. Einen komischen Anblick und ein großes Gaudinin für Livingstone's Leute gewährte die Art, in welcher die Häuptlinge sich zuweilen zur Besprechung einfanden oder znrückzogcn. Sic ritten nämlich auf den Schultern eines Be-292 Südafrikanische Reiterei. Die Mankscheklc und ihre Folgen. glciters, denn was bei uns eine Unterhaltung für Schulknaben ist, bildet in Londa ein Vorrecht und Würdezeichen für die Häuptlinge. Auch Freund Kätema liebte cs, in solchem Aufzuge zu erscheinen, und der Doetor hat ihn in dieser erhabenen Position im Bilde verewigt. Bald nachdem die Karawane das Qnangothal verlassen, stellten sich so heftige Regengüsse ein, daß sic einmal zwei ganze Tage ans einer unter Wasser stehenden Wiese liegen bleiben mußten. Die Wanderer konnten zur Verbesserung ihrer Lage nichts weiter thun, als daß sic Erdhaufen gleich Gräbern ausftthrten, diese mit Gras bedeckten, sich darauf niederlegten und es geduldig ans sich herab- strömen ließen. In Folge solcher Experimente vcrschliminerte sich des Doctors Gesundheitszustand dergestalt, daß er gänzlich znm Erliegen kam und drei Wochen lang neben einem Negcrdorf das Lager anfschlagcn mußte. Hier ge rietst er beim Abzüge in eine Collision, die gefährlich werden konnte, wenn der Volkscharakter ein anderer gewesen wäre. Der Dorfhäuptling hatte we gen unaufhörlichen Tribnlirens um Fleisch eine wohlverdiente Maulschelle be kommen. Als Schmerzensgeld erhielt er zwar sogleich einige Stück Zeug und eine Flinte, aber daö genügte ihm nicht und feine Forderungen gingen ins Ungeheure. Als er sah, daß er nichts weiter durchsetzen konnte, sandte er an die umliegenden Dörfer um Hülfe, denn der Schimpf, ihn ans den Bart geschlagen zu haben, müsse schwer gerächt werden. In der That wurde die Karawane in einem Walde von einer Menge Bewaffneter eingeholt und ein Gewehrfeuer ans sie eröffnet, das jedoch wegen der vielen Bäume nicht ge fährlich war. Zugleich wurden de» hintersten Trägern die Gepäcke von den Schultern gerissen. Ohne Zweifel hatten die Schwarze» erwartet, daß die Fremden ihr Gepäck wcgwcrfcn und fliehen würden; aber es kam anders als sie dachten. Der Doctor rannte, von einigen Leuten begleitet, rückwärts, fand den Häuptling und setzte ihm einen sechslänftgen Revolver ans die Brust. Da begann der Mann zitternd um Frieden zu bitten. „Gut", sagte Living- stone, „mir liegt ebenfalls am Frieden — so kehre um und laß uns zic hen." — „Aber Du wirst mich in den Rücken schießen." — „Wenn ich Dich schieße» wollte, so ginge daö ebenso gut ins Gesicht. Aber damit Du siehst, daß ich mich vor Dir nicht fürchte, so will ich Dir den drücken kehren." — Und damit zog die Karawane unangefochten weiter; aber ihr Fortschritt war ein so oft unterbrochener, daß cs im Allgemeinen im Monat nur, zehn Reisetage gab. Die Aufenthalte wurden Iheils durch das Anfkanfen von Le bensmitteln in den Dörfern, theils durch Krankheitsfälle verursacht, die um so hinderlicher waren, da die gemietheten Träger ans Angola sich stets weigerten, die Tracht eines erkrankten Kameraden mit auf sich zn nehmen. Desto williger waren sie zum Stehlen und mußten beständig scharf im Auge behalten werden. So lange die Karawane den Sklavenhändlerweg zog, waren die Ein wohner durchweg anmaßend und habsüchtig; freiwillige Geschenke an Lebens mitteln, die sonst in Afrika znm guten Ton gehören, kamen nicht vor, und wenn einer etwas gab, so geschah eö nur, um einen viel größer» GegenwerthDie Graswälder. Handel mit de» Eingeborenen. 293 zu verlangen. Um billiger leben zn können, schlug der Doctor eine mehr südliche, von den Händlern weniger durchzogene Richtung ein, und bald war man unter bescheidenen und freundlichen Leuten. Die gleise ging fortwährend durch Thäler mit größeren und kleineren Flüssen, die sich alle in den Kasai er gieße», und über dazwi schen liegende Hochebenen mit finsteren Wäldern, und mehr als mannshohem Gras. Die Wege von einem Dorfe zum andern durch diese Graswäldcr . waren förmliche Schaf Wege, nicht über einen Fuß breit und überall mit Schlingen und Fallen an den Seiten, denn auch daö kleinste. Thier wird von den Eingeborenen ge fangen und gegessen. Die Hütten stehen gewöhnlich in den Wäldern, umgeben von Pflanzungen, und jede Wohnung hat einen er höhten Schlag für Ge flügel. Die Einwohner, größtcnthcils olivenfarbige Leute, zeigten aste die größte Lust, einen kleinen Handel zn machen, und allerorten erfolgten die dringendsten Anffoderungcn an die gleisenden, einen Tag oder wenigstens ein Paar Stunden zn rasten und ihnen etwas abznkaufen. Ihre Waarc», Eier, Hühner, Mehl, waren aber so ungemein wohlfeil, daß mit einem Stück chen Zeug, ein wenig Rindfleisch oder einem Schuß Pulver schon ansehnliche Quantitäten eingetauscht werden konnten. Die Balonda's in diesen Gegenden sind ein harmlos heiterer Menschen schlag, der sich auch tut Aeußern vortheilhaft von den der Küste näher woh nenden Stämmen unterscheidet. Sic lassen ihre schönen weißen Zähne unbe schädigt, während die Baschinjc u. a. sie spitz feilen, was ihnen ein greuliches Ansehen gicbt und selbst das Lächeln junger Mädchen wie das Grinsen eines Alligators erscheinen släßt. Sic arbeiten nicht gern und finden Zeit genug, Der Häuplling Kaleinq.294 Dic Balonda's. Ncne 'Ansichten über das Rindvieh. sich allerhand Liebhabereien hinzugeben. Es giebt da Stutzer, die den ganzen Tag gesalbt und geputzt umherspazieren; andere quälen wieder Tag und Nacht irgend ein musikalisches Instrument; wieder andere zeigen sich nur mit Bogen und Pfeilen oder einer Flinte beladen, ausgeputzt mit Fellstreifen von allerlei Thieren, die sie geschossen haben oder haben wollen; manche können nicht, ausgehen, ohne ihren Singvogel im Käfig bei sich zn führen; denn cs giebt im Walde eine Art angenehm singender Kanarienvögel, für die man eine große Liebhaberei hat. Die Damen pflegen mit großer Vorliebe eine Sorte- Schoßhunde, die, wenn sie fett sind, verspeist werden. Namentlich ist den Ba- londa'S auch das Arrangement ihres überreichen Wollhaares ein Gegenstand großer Aufmerksamkeit, und sic lassen dabei ihrer Phantasie viel Spielraum. Einige Damen machen lauter kleine Zäpfchen und befestigen die Enden an den Umfang eines oder auch zweier Reifen, die um Kopf und Gesicht gelegt sind, wodurch eine sörniliche Heiligenglorie entsteht; andere tragen ans Bnffelhant und Perlen geformte Aufsätze, die bald Kronen ähnlich sind, bald zwei Hor ner ans der Seite oder eines gerade auf der Stirn bilden. Dazu kommen meistens noch eine Menge gerade herabhängender Haarrollen, und oft ist diese Füllc noch durch Einflechten von Haaren anö-Büffelschwänzen vermehrt. Li- vingstone giebt uns einige Muster hiervon mit dem Bemerken, daß dic ge wählten Physiognomien zwar nicht durchweg, aber doch häufig genug vor kämen. Die Bevölkerung sitzt in ganz kleinen Weilern im Lande zerstreut, denn es gehört ebenfalls zn den volksthüiulichen Liebhabereien, daß Jeder wenig stens ein Dörfchen für sich besitzen und einen kleinen Häuptling spielen mochte. Daher muß Cabango, die Residenz eines Untermatiamvo, welche die Gesellschaft am 21. Mai verließ, schon als ein „Klein-Paris" erscheinen, denn sie zählt etwa 200 runde und 10—12 viereckige Hütten, letztere dic Wohnungen einiger Halb- portngiesen, hie hier als Agenten für die Kaufleute in Cassange wirken. Livingstone hatte sich in Angola wieder mit dem nvthigen Schlachtvieh versorgt, und ein Stück von dein Fleische eines ab und zu geschlachteten Och sen war überall hoch willkommen gewesen. Um so mehr überraschte es ihn, jenseits Cabango ans einen Kauz von Häuptling zn stoßen, der ein Stück Fleisch mit der Erklärung ablehnte, daß weder er noch seine Leute dergleichen äßen, indem sie die Ochsen für menschliche Wesen hielten, die in ihrer Hei mat ganz wie Menschen lebten. An andern Orten, wo man sich das Fleisch gern gefallen ließ, hatte man doch eine Ausrede wegen des Nichthaltens von Vieh, die ihren historischen Grund haben mag, indem man sagte: Ochsen bringen Krieg und Feinde ins Land. Am 2. Juni kam die Reisegesellschaft in der Nähe deö Kasaiflnsics wie der zu einem bedcntcndcrn Dorfmagnaten, Namens Kawawa, der so ausneh mend freundlich und höflich war, daß die Fremden bei ihm einen sehr ange nehmen Rasttag hatten. Als es aber zum Aufbruch kain, änderte er ganz unerwartet den Ton und verlangte in kaltblütigster Weise einen Mann oder Ochsen, daneben aber noch eine Flinte, Pulver, einen Rock und, nota llons:Haartracht,'«. Dcr Häuptling Kawawa 205 ein Buch, aus welchem er sehen könne, wie der Matiamvo gegen ihn gefilmt sei, und das ihn warnte, wenn derselbe den Entschluß fassen sollte, ihil köpfen zu lassen. Einen solchen Warner hätte er wol brauchen können, denn er war als ein excentrischer Mensch verschrien und mochte Ursache genug haben, den Matiamvo zu fürchten. Livingstone wies ihn mit seinen Anfor- Haartrachten in Londa. beruiigen kurz ab, der Häuptling ries seine Leute zu den Waffen, und wie der einmal schien es zum Kampfe kommen zu sollen. Aber auch diese letzte derartige Scene lief ohne Blutvergießen ab, denn der Doctor hielt wie im mer daraus, daß seine Leute nicht zuerst zum Angriff schritten, und auch die Gegenpartei griff nicht an und ließ die Fremden unverfolgt abziehen. Unten am Flusse hatte aber der Häuptling inzwischen schon seine Maßregeln genom-296 Die Ueberfahrt. Neiselist der Makololo's. Blutfreundschasten. men; die Fährleute verweigerten die Ueberfahrt,-bis das Verlangte ansge- liefcrt sei, und die Kähne wurden ver den Augen der Reisenden abgefahren, die sich nun vor dein breiten und tiefen Strome in nicht geringer Verlegen heit befanden. Estier von des Doctors Begleitern aber hatte schlau erspäht, wo die Kähne im Schilfe versteckt wurden, und als cs dunkel geworden und die Fährleute weggegangcn waren, machlc man an diesen Kähnen eine Zwangs anleihe und kam somit glücklich ans der gelegten Falle heraus. Den Kasai im Rücken fühlte sich Livingstone, wie er sagt, säst wie zu Hause, denn er hatte nun lauter gute alte Freunde vor sich. Auch sonst war er froh, endlich so weit zu sein, denn seine von Loanha mitgenommenen Tanschartikcl waren in Folge der vielen nnd langen Aufenthalte fast säniint- lich erschöpft und auch seine Leute hatten sich bereits aller Dinge cntänßert, die sie mit nach Hause zu Bringen gehofft hatten, nnd fast stand man wieder auf dem Punkte, wie auf dem Hinwege zu betteln oder besser zu fechten ;• denn die Makololo's hatten dies Geschäft immer in ganz guter Handwerks- burschenmanier betrieben. „Wir sind arme Reisende", war ihr Spruch, „wir kommen sehr weit her — gebt uns etwas zu essen." Uni sich noch besser in Gunst zu setzen, hatten sie den Weibern irgend einen Nationaltanz zum Besten gegeben nnd unter den Männern suchten sic so viel als möglich Ka meradschaften oder Verwandtschaften zu schließen; denn sic rechneten alle dar auf, daß diese Reise nicht die letzte sein werde. Die dabei stattfindende Feier lichkeit, „Kasendi" genannt, wird folgendermaßen vollzogen: Die beiden Par teien reichen sich die Hände, in welche kleine Einschnitte gemacht werden, so wie auch in die Magengrube, die rechte Wange und Stirn eines Jeden; hier auf wird mit einem Grashalme etwas von dem Bluse ans den verwundeten Stellen anfgefangcn und das eines jeden der Beiden in ein besonderes Ge fäß mit Bier gcthan, worauf jeder das Blut des Andern trinkt, nnd von nun an gelten sie als ewige Freunde oder Blntsvcrwandtc nnd sind verbun den, sich gegenseitig vor drohenden Gefahren zu warnen. Wahrend des Trinkens schlagen hie klebrigen von der Gesellschaft fortwährend mit kleinen Keulen ans den Boden, unter allerlei Sprüchen zur Bekräftigung dcö ge schlossenen Bundes. Das übrige Bier wird sodann von den Anhängern der beiden Parteien ansgetrnnken. Die Karawane durchzog nun wieder die unabsehbaren, wasserreichen Ebenen, welche die Wasserscheide bilden zwischen Kasai und Liba, nnd so merk würdig ist daS System abgewogen, daß der dort liegende kleine Sec Dilvlo thatsächlich einen nördlichen nnd südlichen Ausfluß hat, also in beide Flüsse nnd somit in den Atlantischen wie in den Indischen Occan Wasser abgiebt. Am 14. Juni langten die .Reisenden wieder in Katema's Residenz an, .genossen einige Tage Rast und Wohlleben bei dem wahrhaft liebreichen Manne, erfreuten sich später eines ähnlichen herzlichen Empfangs bei dem al ten Schinti und kamen endlich wieder an die Stelle, wo sie bei ihrer Her reise die Fahrt ans dem Liba mit dem Landwege vertauscht hatten. JetztFahrt im Barotsethal. Ankunft in Linhanti. ' 297 war die so beschwerliche und überaus langsame Landreise zu Ende und leichte Kähne trugen die Pilger raschen Laufes den Fluß hinunter nach der Heimat. Die Fahrt im Barotsethal hinab war ein wahrer Triumphzug. Die An kommlinge wurden begrüßt.wie vom Tode Erstandene, denn die Reise halte ja zwei Jahre gedauert und die Wahrsager hatten längst den Untergang der Kara wane verkündet. JcdcöDoif, das man berührte, gab einen oder zwei Ochsen zum Besten und Milch, Mehl und Butter im Ueberflnß. Ans entlegenen Gegenden strömte Volk znsannncn, um die Ankömmlinge zu sehen, und selten kam einer mit leeren Händen. Das Volk begeisterte sich an den Erzählungen der Riulgekehr- ten vom Ende der Welt, an das sic gekommen sein wollten, von all de» Wundern, die sic gesehen, von der Güte des Doctors n>id der Weißen über haupt; Livingstone, schon früher ein außerordentlicher Mann in ihren Augen, war cs nun noch vielmehr, und nicht hoch genug wußten sic seine Bcmühnn- gcn um den Frieden mit den Nachbarstämmcn anzuschlagen. Daß die Rei senden fast mit leeren Händen znrückgekommen, wurde als unerheblich angc sehen; die Reise war dennoch nicht vergebens, sagten des Doctors Begleiter, und alsbald sing mau an, Nilpferd- und Elephantenzähnc zum Behuf einer zweiten Expedition zu sammeln. In der Hauptstadt Linhanti war natürlich die freudige Erregung am größten und das ganze Volk war lebhaft ergriffen von dem Gedanke», mit den Weißen in Verbindung zu treten, deren Länder man sich schon längst als die Heimat alles Schonen und Wünschcnswerthen vorznstellen pflegte. Groß war die Freude des Häuptlings über die Geschenke der Portugiesen, worunter eine Staatsuniform das Hanptstück bildete; schier das größte Wunder aber im ganzen Lande waren die beiden Esel und ihre natürliche Musik. _ Livingstone bereitete sich inzwischen emsig auf die zweite Hälfte seines Reiseunternehmens vor. Es wurde viel verhandelt und erwogen, wie'die Reise nach der Ostküstc am besten cinznrichten sei» möchte. Die schöne Was scrstraße des niächtigcn Zämbcsi behielt aber vor allen andern Plänen den Vorzug, obwol ein ungeheurer Wasserfall im Wege liegen sollte und die an den beiden Ufern wohnenden Stämme den Makololo's nicht günstig gesinnt sein konnten. Trotzdem aber boten sich Hunderte von Makololo's zu Bcglci tcrn an, und der Hauptfrage, wo Mittel hernehmen zur Reise, begegnete der Häuptling einfach durch die Erklärung: „Alles Elfenbein im Lande ist Dein — wenn Du etwas davon zurücklässcst, so ist cs Deine Schuld." Dazu gab er ein Dutzend Ochsen und mehrere andere Lebens- und Tauschmittel, und er nannte Sckwebn, einen verständigen und gereisten Mann, der die Ufer des Stromes und die an denselben gesprochenen Dialekte ans eine ziemliche Ent fernnng hin kannte, zum Anführer der Reisebegleitnng. Alles war bereit, um mit dem Eintritt der ersten kühlenden Regen abreiscn zu können; denn eine Temperatur von 34° R. im Schatten, wie sic dort im Oktober gewöhn lich war, halten selbst Afrikaner für kein gutes Reisewetter.Liviygstone's Reift an die Ostknste. Am .-5. November verließ eine zahlreiche, manchfach zusammengesetzte >tarawane die Hauptstadt Linhanti, begleitet von dem Häuptling selbst und mehreren vornehmen Mäkololo's. Das mitzunehmende Elfenbein wurde von nicht weniger als 114 Trägern transportirt. Die Reise ging zunächst über Land nach Sescheke, wo ein Theil der Reisenden Kähne bestieg, während ein anderer mit dem Vieh das Ufer entlang zog. Der Flnß hat auf der Strecke bis zu den Wasserfällen hin mehrere große Inseln, die früher, vor Ankunft Sebitnane's, in bösem Rufe standen; denn die ehemaligen Batokahäuptlinge hatten sie zu Ranbnestcrn gemacht, und arglose Fremde, die über den Strom gesetzt werden wollten, verloren auf denselben Leben und Eigenthum. Sein- Inane, nachdem er die sämmtlichen Batoka im Norden des Zambesi mit einer Hand voll Leuten unterjocht hatte, warf auch diese Insclpiraten mit einem Schlage ans ihren Verstecken heraus und setzte ihrem Treiben ein gewalt sames Ende. Die Batoka sind ein wenig entwickelter Negerstamm und mochten ihr Schicksal, in die Hände eines Eroberers zu fallen, wohl verdient haben, denn ihre früheren gesellschaftlichen Zustände müssen schauerlich genug gewesen sein. Es war ein besonderes Vergnügen der Häuptlinge, in ihrenVerzierungen der Batokaddrser. Der Vietoriafall. 299 Dörfern Menschenschädcl auf Pfählen anfznpftanzen, uub jeder bestrebte sich, solcher Trophäen mehr zn besitzen als seine Nachbarn. Dabei kam es gar nicht darauf an, wo die Köpfe her waren, nnd wenn Jemand sich bei einem Häuptling recht zn insinuiren wünschte, so durfte er nur einem Fremden aus lauern nnd dessen Kopf in die Sammlung des Häuptlings einliefern. Li- vingstone sah noch eine solche Schädelstattc im Stande erhalten; der Häupt ling des Dorfes betrachtete sic als ein hoch zn schätzendes väterliches Erb stück. Die Batoka's haben den sonderbaren Gebrauch, sich beim Eintritt der Mannbarkeit die oberen Vorderzähne ansznbrechen, und wer seine vollstän digen Zähne besitzt, wird allgemein für häßlich gehalten. Sebituane konnte selbst durch Androhung schwerer Strafen es nie dahin bringen, daß die Leute eine Grille anfgegeben hätten, für welche sie selbst keinen Grund anzugeben wußten. Die Gräber der alten Häuptlinge fand der Doclor in mehreren Fällen mit den stärksten Elephantenzähnen verpalissadirt. Bis zu 70 solcher werthvollen, jetzt freilich schon halb vermoderten Stücke zählte er an einem Grabe. Am 20. entließ Sekeletn die Reisegesellschaft an der Stelle, wo diese dem Plane gemäß den Strom ans einige Zeit zn verlassen nnd eine nordösl liche Richtung einzuschlagen hatte. Es geschah dies sowol, um den großen Wasserfall als auch so viel als möglich die Quartiere der Tsetsefliege am Ufer zn umgehen. Der Zanibesi selbst nimmt unterhalb des Falles einen nordöstlichen Lauf imb erhält von der Nordscite her mehrere Zuflüsse, deren einen man benutzen wollte, um wieder ans den Hauptstrom einzulenken. Bor den, Ausbruche niachte der Doctor noch einen Abstecher, um die nicht mehr fernen Wasserfälle z» besichtigen, von denen ihm schon Sebituane als von einer großen Merkwürdigkeit erzählt hatte. Die Eingeborenen nennen dieses Naturwunder, dem sie ans Furcht nichh gern nahe kommen, den schallenden Ranch, nnd der Doctor konnte diese Benennung nicht anders als passend finden; denn das Erste, was er aus einer Entfernung von etwa zwei Stun den erblickte, glich in der That ganz nnd gar den riesigen Rauchsäulen, wie sie bei dem in Afrika so gewöhnlichen Wegbrenncn des dürren GraSwnchscS anflrcten. Es waren ihrer fünf,^ unten hell, oben dunkler, vom Winde ge bogen nnd sich anscheinend mit den Wolken vermischend — leibhaftiger'Ranch. Die Scenerie oberhalb des Falles, die sich jetzt zum erstenmal imAuge eines Europäers spiegelte, war eine überaus schöne. Die Ufer nnd die im Strome, liegenden zahlreichen Jnselchen waren mit prachtvollen, größtentheils blühen den Bäumen der manchfältigstcn Art geschmückt; riesige Baobabs, luftige Palmen nnd andere Bekannte standen vermischt mit neuen Formen, die bald an die Ceder, bald an die Eiche oder den Nußbanm erinnerten; hier ist für den sammelnden Pflanzenforscher noch ein weites Feld ansgebreitet, auf dem in vielleicht nicht zu ferner Zeit ein Begünstigter reiche wissen schaftliche Ernte zn halten vermag. Der jetzt niedrige Wasserstand er laubte es, daß der Doctor ans einem kleinen Kahne, wiewol nicht, ohne Gefahr, durch die Stromschncllcn nach einer kleinen Insel gebracht300 Der Fall des Zambcsi. werden konnte, die mitten im Strome und hart an der Felskante liegt, über welche die Wasser sich hinabstürzcn. „Kein Mensch", sagt Livingstone, „wird ans dieser Stelle begreifen, wo die Menge Wasser ans einmal hinkommt; der Strom scheint von der Unterwelt anfgenomme» zu werden, denn die Hügel- reihen an beiden Ufern werden durch einen qncrübcrlansendcn Hügelwall scheinbar verbunden und abgeschlossen, und der jenseitige Rand des Schlun des, worin das Wasser verschwindet, ist nur 80 Fuß weit entfernt." Der Doctor kroch so weit als möglich vor und gewann so einen ziemlichen Ein blick in die Sachlage. Die ganze erstaunliche Scene ist das Werk einer ehe maligen Bodenerhebung, in Folge deren sich ein tiefer Sprung in dem unten liegenden harten Basaltfels aufgethan hat, der quer über daö Belt des Stro mes hinlänft und sich nach links etwa 7—10 deutsche Meilen weit durch ein hügeliges Land fortsetzt. In diesen Schlund stürzt sich der Strom in einer Breite von wenigstens 1000 Schritt etwa 100 Fuß tief hinunter, um bann plötzlich in eine Enge von 15 — 20 Schritt znsanimengckeilt zu werden und dann brüllend und tosend in veränderter Richtung in dem schmalen und tiefen Fclscnbctt fortzuschießen, wo ihn das Auge weithin wie ein weißes Band verfolgen kann. Das durch den Ungeheuern Sturz in Staub sich anflösende und 200 — 300 Fuß hoch in die Lüfte getriebene Wasser fällt in der Um gebnng als ein ewiger Regen nieder. Das prachtvolle Schauspiel wurde bei Livingstone's Besuch noch durch einen doppelten Regenbogen (von den Batoka „Götterstab" genannt) verschönert, der sich in den in der Luft schwebenden Wassermassen wunderschön abmaltc. Die ganze großartige Scene spielte noch dazu bei kleinem Wasser- stande, während in der Flntzcit, wo der Strom um mehrere Ellen höher geht und cs unmöglich ist, den Fällen so nahe zu kommen, nach .der Ver sicherung der Eingeborenen das Wasser dergestalt arbeitet, daß man die Was sersäulen und den Kataraktendonncr selbst von Kalai aus sehen und hören könne, einer Insel, die tsi /2 deutsche Meilen höher oben int Strome liegt. Livingstone, der sich der Unsitte der englischen Reisenden, jedes 'Jnsclcheii, jede Landspitze u. s. w. mit einem englischen Personennamen zu belegen, grund sätzlich enthielt, machte doch hier eine sehr zulässige Ausnahme und nannte seine Entdeckung nach seiner Königin die Victoriafälle. _ . Vom Zambesi ab ging nunmehr die Üicife nordöstlich durch eilt schönes von Batoka's bewohntes Land; man reiste aber anfänglich der hier hausen den Giftfliege wegen größtentheils zur Nachtzeit. Die Gegend ist außeror dentlich reich an allerhand nahrhaften Früchten, und ein Eingeborener ans Livingstone's Begleitung äußerte, daß hier' nie Jemand verhungere. Eine seltsame Frucht sind die Manekos, von denen Livingstone ganze Körbe voll geschenkt erhielt. Sie besteht aus fünf Abtheilüngen mit einer hornigen Schale, die eine klebrige, zuckersüße Masse enthalten; die mit einem gelben, seidenar tigen Flaume bedeckten Kerne sind nicht eßbar. Die ganze Frucht hat etwa die Größe einer Wallnnß. Das Land stieg, je weiter sic vorwärts kamen,Living-stone, Reisen in Afrika. Leipzig: Verlag von (Otto Spanier.E--- Wasserfall des ,Sambesi (Nutorin Entdeckt bon Dabid JiMgstonL I^lvinKstons, R-sissn in ^.krika. Leipzig: Verlag von Otto Spanier.Das Hochland am Zambcsi. Hanfrauchon. 301 allmälig immer mehr an, die Vegetation gewann einen andern Charakter und man befand fick) endlich anf einer Hochebene, anf dem Rücken der Bo denerhebung, welche das tiefe Becken Centralafrika'S nach Osten einsäumt. Es war eine Abwechselung von Wäldern und ansgedehnten schonen Graswei den. Vieles erinnerte hier wieder an die Hochflächen von Angola und Londa; manche dort gefundene Baninarten erschienen hier aufs Nene und die Bato- ka's hier oben waren ebenfalls milchkaffeefarbig, während ihre Brüder im Flußthale schwarz sind. Livingstone glaubt nach seinen vielfachen Beobach tungen über die Hautfarbe annehmen zu dürfen, daß nicht ein heißes Klima an und für sich, sondern nur ein heißes und zugleich feuchtes die Menschen schwärze. Nach einiger Zeit hörten die Wälder anf und man kam anf hü gelige, nur mit Gras und einzelnen Banmgrnppen bedeckte Anhöhen, die von den Makololo's als ein wahres Paradies gepriesen.wurden. Dieses Hoch land mit seinen schönen Weiden, seiner herrlichen gesunden Luft war cs ge wesen, das sich Sebituane niit seinen Kriegern zur bleibenden Stätte erwählt hatte, das er aber, weil cs an natürlichen Bertheidignngsmitteln mangelte, gegen die Matebele nicht behaupten konnte. Hier hatte der Doetor endlich gefunden, was er bis jetzt vergebens gesucht, einen gesunden Aufenthalt, und er knüpft an diese Gegend große Hoffnungen, da sie sich zur Niederlassung von Missionären und europäischen Kanflenten so vorzüglich eignen würde. Obgleich diese Höhen wenig Regen erhalten und keine Quellen haben, so war doch, eine frische und reizende Vegetation vorhanden und daS Land war voll von Großwild; Büffel, Elenn- und Knhantilopen, Elephanten und Gnus weideten überall furchtlos umher, denn Niemand störte sie; die Kriege zwischen den Makololo's und Matebele hatten die Einwohner nach entfernteren Hügel gegenden hingetrieben und überall stieß man aus verlassene Ortschaften. Die Batoka dieser Gegend sind durch ihr leidenschaftliches Hanfranchen (eine überall in Afrika vorkommende Unsitte) geistig und körperlich sehr, her nntergekoinmen. Der dazu benutzte Hanf ist die bei uns gewöhnliche Art (Can- nabis sativa), von ihnen „Mutokwane" genannt, dieselbe, welche auch die Türken zum Rauchen ihres sogenannten Hadschisch verwenden. Der dadurch bewirkte narkotische Rausch äußert sich je nach Persönlichkeit oder Stimmung verschieden. Manchen erscheint dabei Alles in ungeheuer vergrößertem Maß stabe, und um über einen Strohhalm zu schreiten, nehmen sie einen Anlauf, als ob ein Baumstamm in ihrem Wege läge. Die Rancher pflegen dabei den Mund voll Wasser zu nehmen und dasselbe unter nnznsamnienhängenden Reden, meist zu ihrem eigenen Lobe, wieder anSznspritzen. DaS Ranchen ist stets von einem heftigen, widerlich klingenden Husten begleitet. Sebitnane's Krieger pflegten sich anf diese Weise zu berauschen, wenn sie einen Angriff anf de» Feind vorhatten. Bei den Portugiesen in Angola wird den Skla ven das Mntokwanerauchen aufs Strengste untersagt. Die Wanderung über diese luftigen, eine weite Umsicht gewährenden Höhen gewährte nach dem ewigen Herumkriechen in den feuchten Baum- und302 Cicadenmusik. Batoka der Berge. Graswäldern der Niederungen einen unbeschreiblichen Reiz. Gestört wurde derselbe nur — vielleicht blos für den durch die häufigen Fieberanfälle reiz bar gewordenen Livingstonc — durch das wahrhaft betäubende Gezirpc der Cicaden und Grillen. Unser Reisender vergleicht cs bei einer grauen Grille mit dem Gesumme eines schottischen Dudelsacks und begreift nicht, wie ein so kleines Thier einen Lärm verursachen könne, der fast den Erdboden er zittern mache. Schöner und reicher noch wurde die Gegend, als man Ende November anfing, über die östlichen Abhänge des Landrückens, wohin nijchr Regen kommt, wieder hinabzüsteigen. Aber man hatte nun jene Batokastämme vor sich, die von der Oberherrschaft der Makololo's nichts wissen mochten und von diesen daher als Rebellen angesehen werden, und es war 'nun die Frage, welche Aufnahme man hier finden werde. Der erste Dorfhäuptling war höflich; aber es kam Volk aus andern Dörfern herbei,- dessen Reden und Benehmen das Schlimmste befürchten ließen. Ein Verzückter oder viel leicht ein Hanfberauschter drang sogar in voller Furie mit einer Streitaxt auf den Doctor ein, und die Reisenden hatten alle Ursache, sich auf einen nächtlichen Ueberfall vorzubereiten. Er erfolgte indcß nicht, und am andern Tage lief der freundliche Häuptling vor der Karawane her unter die Leute, die sich in Haufen in den Wäldern versammelt hatten, durch welche der Zug ging, und beschwichtigte sie durch Erklären und Zureden so weit, daß sic die Reisenden ungehndelt ließen. Die ungünstige Stimmung des Volkes zeigte sich übrigens nur in den Grenzdörfern und verschwand weiterhin bald. Die Leute wurden vielmehr sehr liebreich, strömten in Schaaren aus den Dörfern herzu und brachten Geschenke an Mais und andern Früchten. Alles freute sich über die Maßen, den ersten weißen Mann zu sehen, besonders da sie hörten, daß er die Makololo's dahin gebracht habe, daß sie künftig Frieden halten wollten. „Gieb uns Frieden", riefen sie, „wir sind des ewigen Flie- hens müde." Die Leute waren in der That nicht mir von Sebituane und Mosilikatse, sondern auch in früheren Zeiten nicht selten von irgend einem erobernden Abenteurer überlaufen und ihres zahllosen Viehstandes entledigt worden. Sie haben jetzt nur noch Ziegen Und Hühner und leben als fleißige Feldbaucr. , Der Begrüßungsmodus in dieser Gegend ist wol der anstrengendste, der je erfunden wurde; der Begrüßende wirft sich rücklings ans den Boden, wälzt sich herüber und hinüber und schlägt dabei aus allen Kräften mit den Hän den an die Schenkel, während er zugleich seinen Gruß „Kina bomba" brüllt. Dein Doctor wurde es jedesmal schwül bei einem solchen Auftritt, aber sein Zuruf, daß die Leute aufhören möchten, hatte keinen Erfolg, als daß sie in ihrem Exercitium niit verdoppelten Kräften fortfuhren. Die Männer gehen hier splindernackt, während sich die Frauenzimmer verhältnißmäßig anständig- kleiden. Uebrigens war das Reisen unter .den gutherzigen Leuten ganz an genehm; aus jedem Dorfe kamen Leute und brachten eine Fülle von Lebens mitteln.Dcr Äflfui'. Versteinerter SCQiitb. Großwild. 303 Während der Reise über die Höhen hatte man fast beständig im fernen Südosten die Hügelkette im Auge behalten, welche den Zambesi begleitet; end lich fam man wieder in tieferes, von romantischen Thälern und Flüßchen durchzogenes Land, wo es Elephanten und Büffel in Ueberfluß gab, und er reichte und überschritt den 250 Schritte breiten, mit Flußpferden angefüllten Strom Kafne, der sich in den Zambesi ergießt. Erst die jenseits des Kafue wohnenden Leute halten sich vor feindlichen lieberfällen sicher und treiben einen ausgedehnten Landbau zwischen den Hügeln, mit denen das Land über säet ist. Nach dem llebergangc über den Fluß hatte die Karawane noch drei Tage lang über steile Hügel zu klettern, bis man endlich von den Höhen herab den Zambesi hocherfreut von neneni begrüßte. Am Fuße einer Hügcl- reihe von Glimmer und Thonschiefer erblickte Livingstone einen Wald großer versteinerter Bäume, die, wahrscheinlich durch das Emporsteigen der Hügel entwurzelt, nach dem Flusse hin nmgestürzt lagen; wie sich aus näherer Un tersuchung ergab, waren es Koniferen, die den-Thpus der Araukarien tru gen. Etwas weiter au dem Flüßchen Tschobe sah er auch einzelne verstei nerte Bäume zerstreut liegen, zum Theil auch, horizontal abgebrochen, auf recht stehen oder in geneigter Richtung und dabei in viele Stücke zersplit tert. Die niedere Gegend am Zusammenflüsse der beiden Ströme war an allem möglichen, nicht die mindeste Furcht zeigenden Großwild so reich, wie der Doctor noch nie eine gesehen hatte. Es war, als sähe man sich in die Urzeit vor Erschaffung der Menschen zurückversetzt. Man mußte den Elc- phanten förmlich zurnfeu, etwas aus dem Wege zu gehen, und die Büffel kamen und betrachteten verwundert das zahme Rindvieh, bis man sie mit Schüssen wegtricb. Hier traten wieder heftige Regen ein, aber die Gesell schaft blieb von Krankheiten verschont. Man machte nach jedem Regen ein großes Feuer, um sich abzutrocknen und keine Erkältung aufkommeu zu las sen. Eine Nacht kehrte man in einem alten, aber recht hübschen Gasthofe ein: es war ein mächtiger Baobab, in dessen Höhlung 20 Mann bequem Unterkommen fanden. Der Zug ging nun an dem linken Ufer des wiedergefundencn Zambesi 'weiter, dcr hier nach Aufnahme ansehnlicher Zuflüsse um Vieles breiter und reißender war, als oberhalb der Fälle. Das Flußthal ist hier von beträcht licher Breite, die Hügelreihen beider Seiten ziehen sich weit in der Ferne hin. Das linke Ufer bewohnen Batoka, das rechte Bauhai; auch bewohnte Inseln finden sich allerwärts im Strome. In den Hügelgegendcn wird eine sehr ergiebige Elephautcujagd getrieben. Man erlegt 'die Thiere einestheils, mit telst der bekannten Vorrichtung, die aus einem Fallklotz mit vergiftetem Eisen besteht, außerdem dadurch, daß man aus Jagdhütten, die auf starken Bäu men angebracht sind, Speerc mit großen breiten Klingen hcrabwirft, an de neu die Thiere sich bald verbluten. Das Volk in der Flußebcnc treibt star ken Feld- oder Gartenbau und bewies sich dnrchgehends als gastfreundlich und gutmüthig. Die Vegetation in dcr heißen Stromniederung war natür-304 Moden am Zambesi. Der Loangwa. Zumbo. lich wieder tropisch-üppig und machte bald das Fortkomiueu der Karawane schwierig; man konnte sich nur mit Hülfe der glücklicherweise sehr zahlreichen Wildpfade forthelfen, und die Leute gaben bereitwillig Führer von einem Dorfe zmn andern, während sic selbst ihre Verbindungen mittelst Flnß- kahnen unterhalten. Die zambcsischen Weiber haben wieder eine andere Art, sich das Ange sicht zn verstellen: sie machen einen Einschnitt in die Oberlippe und erweitern ihn so lange, bis sie eine Muschel hineinzwängen können. So verschaffen sie sich eine Art künstlichen Entenschnabel und ein Lächeln ist ihnen für ihr Le ben lang unmöglich. Die Reise iu -dieser Gegend des Zambesi war verhältnißmäßig eine com- fortablc zn nennen. ES gab immer Wild genug, um den Unterhalt zu decken, und die Eingeborenen brachten bereitwillig Gastgeschenke an Lebensmitteln. In den ersten Tagen des Januar aber stieß man unerwartet auf ein Dorf, dessen Häuptling und Bewohner Furcht, Mißtrauen und feindliche Gesinnung zeigten und sich schwer beschwichtigen ließen. Es war dies, wie man erfuhr, gerade der letzte Punkt, bis wohin vor mehreren Jahren ein abenteuernder und skla venraubender Europäer von Osten her vorgedrnngen und, nachdem er die Tochter eines Häuptlings geheirathct, ans Anstiften dieses seines Schwie gervaters, der es übel vermerkte, daß er die Stelle eines Häuptlings spielen wollte, erschlagen worden war. Dieselben Schwierigkeiten des.Verkehrs wie derholten sich nun bei jedem Dorfe. Die Weiber und Kinder flöhen und die Männer näherten sich mir in starken bewaffneten Haufen. Man suchte die Reisenden mehrfach zu trennen oder aufzuhalten, während sie gerade jetzt Eile nöthig hatten; denn man war wieder in das Bereich der Tsetsefliege gekom men, die Ochsen wurden täglich gebissen und ihr naher Verlust war unaus bleiblich. So kam die Karawane am 14. Januar an den in den Zambesi fallenden Fluß Loangwa und setzte über denselben unter dein Znsännnenlanf zahlreicher Bewaffneter auf beiden Seiten. Es war schließlich kein Zweifel, daß Dr. Livingstone für einen Bazunga oder Mozunga (Portugiesen) gehal ten wurde und daß feindselige Beziehungen zwischen diesen Stämmen und der portugiesischen Kolonie bestanden. Am Bereinignngspnnkte der beiden Flüsse fand man die Ueberreste einer alten portugiesischen Niederlassung, die, wie sich später ergab, den Namen Zumbo geführt hatte. ES waren die schon mit Bäumen überwachsenen Rui nen von steinernen Häusern und eine zerfallene Kirche, in der noch die zer brochene, mit dem Jesuitenzeichen versehene Glocke lag. Auch die Mauern eines kleinen Forts auf dem jenseitigen hohen Ufer des Zambesi waren noch sichtbar. Die ehemaligen Ansiedler hatten sich einen für den Handel sehr gut ge eigneten und auch höchst romantischen Platz ansgewählt. Sie hatten znm Vordergründe den prachtvollen Anblick der beiden zusammentretenden Ströme, die Kirche lag auf der erhabenen Landspitze zwischen denselben, im Hinter-Der Häuvtliug Mpende. 305 gründe erhebt sich ein dunkles bewaldetes Gebirge und seitwärts zieht sich eine scheue, mit einzelnen malerischen Hügeln besetzte Gegend hin. Warum die Weißen diese schöne Niederlassung anfgegcbe», konnten oder wollten die Eingeborenen nicht sage». Im weitern Verfolg der Reise erfuhr der Dvctvr, das; die Umwohner der portugiesischen Niederlassung Tete seit zwei Jahren mit diesem Platze in, Kriege begriffen seien, aber das; er vielleicht doch dahin gelangen könne, wenn er dem Häuptlinge Alpende ans dem Wege gehe, denn dieser werde ihn kei nesfalls passiren lassen. Der Häuptling aber hauste ans derselben Flußseite, wo die Karawane zog, und da ans Furcht vor ihm Niemand Kähne zum Uebersetzen ans das andere Ufer herleihen wollte, so blieb nichts übrig, als dem Löwen in den Rachen zu laufen. Ein Laufen war indeß das Vorrücken der Karawane gerade nicht, vielmehr ein fortwährendes mühsames Durch brechen dichten dornigen Gebüsches längs dem Ufer hin, denn das außeror dentlich fruchtbare Thal ist nur zum kleinsten Thcile angebant und die Dörfer und Gärten liegen größtentheils auf Jnselchen im Strome. Endlich waren die Reisenden vor dem Dorfe des gefürchteten Alpende angekonnnen und machten Halt, itm abzuwarten, welche Wirkung die voraus gesandte Botschaft haben würde. Es erfolgte aber zunächst gar keine Ant wort; dagegen erschienen eine Menge Menschen, die ein großes Feuer an- zündctc» und unter fürchterlichem Geschrei allerlei Ccremonien Vornah men, ohne Zweifel, um die Fremden dadurch machtlos zu machen. Dabei war eine beständige Bewegung Bewaffneter zwischen den Bäumen und Büschen der Gegend, selbst die Nacht über, so daß kein Zweifel war, daß der Häupt ling ' seinen ganzen Stamm anfbot und versammelte. Es war alle Aussicht auf ein blutiges Scharmützel, und dcS DoctorS Begleiter, alle in Krieg und Ranbzügen ausgewachsen, freuten sich dessen gar sehr. „Du hast gesehen", sagten sie ihm, „waS wir gegen Elephanten vermögen; nun gicb Acht, wie wir es mit den Männern machen." Der Sieg sollte ihnen nicht allein neue Kleider eintragen an Stelle ihrer abgerissenen und im Regen verfaulten, son dern die zu hoffenden Gefangenen sollten ihnen anch das Elfenbein schleppen, und selbst des Häuptlings Weiber betrachteten sie im Stillen schon als ihr Eigenthum. Der Conflikt löste sich indeß ans eine angenehmere Weise. Es erschie nen zwei Abgeordnete des Häuptlings, die sich bald überzeugen ließen, daß der Fremde kein Portugiese sei. Den Namen Engländer (Lekoa) kannten sie nicht; als sic aber fragten; „Bist Du vielleicht von dem weißen Stamme, der ein Herz für die schwarzen Leute hat?" und die Frage natürlich sofort be jaht wurde, lösten sich bald alle Schwierigkeiten. Daß ein weißes Volk sich Mühe gebe, den Sklavenhandel auszurotten, war ihnen wohlbekannt. Die beiden Männer gehörten zu den Näthen des Häuptlings, der sich nun bald zu Gunsten der Fremden stimmen ließ, besonders da Sekwebn ihm eine warme Schilderung von dcS Doctors Gesinnungen und Absichten machte und ihm Buch der Reisen. II. 20306 Volksstämmc am untern Zambesi. sagte: „ Kenntest Du ihn so wie wir, die wir mit ihm gelebt haben, so würdest Du wissen, das; er Deiner Freundschaft im höchsten Grade würdig ist." Mpendc that nun alles Mögliche, was den Reisenden Vorschub leisten konnte, nnd der Abschied war so freundlich, als der Empfang düster nnd un- heildrohcnd gewesen war. Er ließ die Karawane über den Strom bringen, da der Weg nach Tete auf der Südseite kürzer und weniger ranh sei. ' Das gute Abkommen mit diesem Häuptlinge hatte auch seine gute Nach wirkung bei denen, die man später zu passircn hatte, indem immer einer sich gern nach dem Benehmen des andern richtete, so daß die Reisenden nun überall eine gute Aufnahme fanden. Livingstonc's Ansehen als Engländer nnd Gegner der Sklaverei wuchs von Tag zu Tag mehr, denn obwol die Eingeborenen selbst Leute an die Portugiesen verkauften, so erklärten sie es doch für ein Unrecht, daß man sic zn solchem Handel verleitet habe. „Die Sklaven zu Tete", sagten sic, „sind alle unsere Kinder; die Portugiesen ha ben eine Stadt auf unsere Kosten gebaut." Alle Anwohner des Flusses lebten als fleißige Landbancr im Ueberfluß und thciltcn den Reisenden mit größter Freundlichkeit von ihren Lebensmitteln mit. In den weiten Ebenen, in die man dem Strome folgend gekommen war, standen die Hütten der Bewohner meistens auf Pfahlwerk zur Siche rung gegen Hyänen, Löwen nnd Elephantey. Letztere waren nicht die stillen Waldbrüder wie in Jnnerafrika, sondern hatten gelernt, mit und trotz den Menschen zn leben. Mit viel Geschick durchschwammen sic den reißenden Zämbesi, gingen von Insel zn Insel, fraßen die Gärten ans nnd kehrten sich nicht viel au die Gegenmaßregelu der Leute. Die nördlich über dem Zambesi wohnenden Stämme leben meist aus feindlichem Fuße mit den Portugiesen. Von ihnen sind die Basenga bcmer- kcnswerth als tüchtige Eisenarbeiter; ihr Land ist reich au dem schönsten Eisenerze. Ein anderer Stamm, die Maravi, bauen süße Kartoffeln (Con- volvulus balata) von ungeheurer Größe, die aber am südlichen llfcr des Flus ses gepflanzt ausartcn. Da sich die Wurzel nicht länger als drei Tage hält, so schneiden die Leute sic in dünne Scheiben, die sic äu der Sonne trocknen und daun in Asche eingehüllt in die Erde vergraben, wo sie daun Monate laug gut bleiben. Die häufigen Regen nnd das Auschwellcn der vielen in den Zambesi fallenden Gewässer vcranläßteu Liviugstonc endlich den Strom links zu lassen und in mehr südöstlicher Richtung gerade auf sein Ziel loszugchcn, besonders da er erfuhr, daß weiter unten am Flusse noch Häuptlinge säßen, die von Reisenden schweren Tribut zu nehmen pflegten. Bald ging die Reise durch widerspenstiges Dickicht, bald fand mau wieder Erholung auf offenen, mit Mopanebäumeu überwachsenen Ebenen oder in schönen Wäldern, die, wie immer nach Beginn der Regenzeit, von zahllosen Jusekteuschaaren wimmelten, mit grünen, goldenen, krhstallhellcn, hochrothep und schwarzen Flügeln; dar unter auch Hundertfüßlcr mit hellrothcm Körper und blauen Füßen. DieWildreichthum. Vegelsiite». Jagdrecht. 307 20» Dörfer waren dünn über das Land gesäct, die Einwohner freundlich, aber die Dorfhäuptlinge zeigten auch hier um so mehr Tributgelüste, je näher man dem Reiseziel kam; denn dieselben Ursachen haben hier gewirkt wie an den Gren zen von Angola und dieselben Folgen erzeugt. Die Reise ging so langsam vorwärts, daß nur ein Paar Wegstunden täglich zurückgelegi wurden; die Hitze war furchtbar drückend und die Träger legten häufig ihr Gepäck weg, um, dcni Honigvogel folgend, einen Bienenstock oder große fette Vögel aus hohle,, Bäumen auszunchmcn. Letztere sind die rothschnäbligcn Hornvögel (Tockus erythrorhynchus), bei den Eingeborenen „Korwe" genannt. Sobald das Weibchen dieses Vogels sein Nest aus seinen eigenen Federn in der Höh lung eines Baumes gcniacht und die Eier gelegt hat, wird es vom Männchen eingesperrt, indem dieses das Nest mit Lehm zubant und nur eine kleine Oeffnung für den Kopf deö Weibchens läßt, damit cs das vom Männ chen hcrzngebrachte Futter in Empfang nehmen kann. Während dieser Ge fangenschaft, die bis zum Flüggewerden der Jungen, etwa zwei bis drei Monate dauert, wird das Weibchen sehr fett und ist daher von den Einge borenen als ein Leckerbissen sehr gesucht. Die Bewohner sammeln viel Wild honig, das Wachs werfen sie jedoch weg. Die portugiesische Ansiedelung war nun nicht mehr fern, aber der Ucbcrfluß an Elcphantcn und anderem Groß wild nahm darum nicht ab. Die Eingeborenen können mit ihren Pfeilen keine merkliche Lücke in den mächtigen Wildstand machen. Gegen die vorhan denen vielen Löwen und Hyänen nntcrnchmcn sic gar nichts. Sic glauben, daß die Seelen verstorbener Häuptlinge in die reißenden Bestien fahren, n,id daß sogar ein Häuptling bei Lebzeiten vorübergehend die Gestalt eines Löwen annehincn könne, um Leute zu zerreißen, denen er gerade nicht wohlwikl. Ein Löw'e wird daher, wenn er sich sehen läßt, ganz wie ein Häuptling mit Händeklatschen begrüßt. Sowie übrigens die Gebiete der einzelne» Häuptlinge genau abgcgrcnzt sind, meistens durch die kleinen Fliissc, die in großer Anzahl sich in den Zambesi ergießen, so ist auch darnach ein gewisses Wildrecht festgcstellt, das streng beobachtet wird. Wenn ein auf dem einen Gebiete verwundeter Ele- phant ans dem andern verendet, so hat der Herr des letzter» Anspruch ans die untere Hälfte des Elephantcn, der Jäger aber muß sofort den Grund herrn davon benachrichtigen und darf das Wild nicht,eher anrührcn, als bis jener einen.Beauftragten geschickt hat, um gemeinschaftlich die Thcilnng vor nehmen zu lassen; im Ucbcrtretungsfalle verliert der Jäger das Recht ans die Zähne und . alles Fleisch. Von einem Büffel muß den, Grundherrn des Bodens, auf dem er weidete, ein Hinterbein abgegeben werden; ein noch größeres Stück von einem Elenn, das überall im Lande für ein rechtmäßiges Häuptlings-Wildpret angesehen wird. Ueber das Flußgebiet des Zumbo hin aus aber, im Innern Afrika's, gicbt eS kein anderes Waidrccht, als daß Derjenige, der zuerst einem Wild eine wenn auch noch so unbedeutende Wunde bcigc- bracht hat, als der Erleger gilt; der nächste hat ein Hinterviertel, der dritte308 Die Banyaileute. Erbrecht. Ändere'Sitten. ein Vorderbein zu bekommen. Die Häuptlinge haben aber überall Anspruch auf einen Antheil; in manchen Gegenden ist es die Brust, in andern das Rip penstück nnd ein Vorderbein. Diese Banhaileute hatten noch manche andere besondere Schrulle, obwol sie nach Einrichtungen, Sitten und Aberglauben ganz der großen mittelafrika- nischcn Negerfamilie angehören. Die Häuptlingswürde z. B. erbt nie von Vater auf Sohn fort, sondern geht regelmäßig und zwar durch Wahl aller freien Männer auf eine Seitenlinie über. Hat der erwählte Häuptling, nach dem herkömmlichen Sträuben, unter Vvrgeben seiner Unmündigkeit, die Würde angenommen, so gehen Weiber, Kinder und alles Besitzthnm seines Vorgängers auf ihn über. Oft, wenn einem Familiengliede des letzter» dieses Abhängigkeitsverhältniß lästig wird, siedelt dasselbe nach einem andern Dorfe über. Der neue Häuptling schickt dann gewöhnlich eine Gesandtschaft an ihn ab; empfängt er diese nicht mit dem üblichen Ergebenheitszeichen des Händeklatschens, so stecken die Abgesandten ohne weiteres sein Dorf in Brand. Die Söhne der freien Männer begeben sich vom 12. bis zum 15. Jahre zu irgend einem Häuptling, gewissermaßen als Knappen oder Pagen, um sich in Allem, was zu einem ächten Banhai gehört, ausznbilden, weshalb dieses Verhältnis; selbst auch „Banhai" genannt wird. Sie verlassen ihren Häupt ling nicht eher und heirathen auch nicht früher, als bis andere Jünglinge be reit sind, ihre Stelle einzunehmen. Von ihren Eltern werden sie mit Skla ven versehen, die für sie die Gärten bebauen, welche zu ihrem Unterhalt dienen, ^nd sic zu ihren Eltern zurückgekehrt, so werden ihnen einige Fragen zur Prüfung vorgelegt, und höchst erfreut sind die Eltern, wenn die Antworten gut ausfallen. Eine andere Merkwürdigkeit ist eigentlich keine, sondern' nur ein Beleg dafür, daß die Menschen im Grunde überall gleich sind. Bei den Banhai, heißt es, befehlen von Rechtswegen die Frauen, nnd die Männer müssen gehorchen. In der That kamen den Reisenden Fälle vor, wo Je mand nicht als Wegweiser dienen wollte, bis er seine Frau darüber befragt habe. Es kommt aber diese Abhängigkeit des Mannes nur in solchen Fällen vor, wenn er arm ist nnd den Schwiegereltern die Tochter oder, wie cs die Leute selbst ansehen, die elterlichen Ansprüche an dieselbe nicht abkaufen kann. Ein solcher muß in das schwicgereltcrliche Haus und resp. Dorf ziehen nnd hat nicht nur der Frau zu gehorchen, sondern schuldet auch der Schwie germutter bestimmte Rücksichten. Ist er des Pautoffelregiments. müde, so kann er gehen, aber die etwaigen Kinder verbleiben der Frau; denn Kinder sind hier wie überall, wo nicht Nahrungssorgen den Menschen drücken, als ein Segen betrachtet, auf dem das Gedeihen und Wachsen der Dörfer bel ruht. Die Frauen, welche für die Speisung des Mannes Sorge zu tragen haben, sind sehr ängstlich für ihren guten Ruf besorgt; sie unterwerfen sich z. B. bei dem geringsten Verdacht, daß eine derselben den gemeinschaftlichen Eheherrn behext habe, freiwillig einer eigeuthümlichen Probe, „Muavi" ge nannt, die den mittelalterlichen Gottesurtheilen sehr ähnlich ist. Von demGottesurteil. Begrüßung durch die Portugiesen. Tete. 309 herbeigerufenen Zauberdoctvr wird nämlich aus der Pflanze „Goho" ein Aufguß bereitet; die Frauen begeben sich zusammen hinaus anfö Felo, und nachdem sie eine Zeit lang gefastet, trinken sic, indem sie unter Aufhebung der Hände ihre Unschuld betheueru, der Reihe nach von dein Tranke. Die jenigen nun, welche ihn wieder ausbrechcn, gelten als unschuldig, für schuldig dagegen die, bei denen der Trank abführend wirkt, und diese werden alsdann zum Feucrtode verurtheilt. Die Unschuldigen kehren nun wieder nach Hause zurück und bringen ihren Schntzgeistern einen Hahn als Dnnkopfcr dar. Allen Negcrstämmen nördlich vom Zambesi soll diese Sitte gemeinsam sein. Diese Banhai sind ein vorzüglich schöner Menschenschlag, und inan findet auch unter ihnen viele von der Milchkaffeefarbe, die allerorten für nobel und vor nehm gilt. . Um aller voraussichtlichen Tributansprüche auf einmal überhoben zu sein, richtete der Doctor in den letzten Reisetagen den Marsch so ein, daß gar keine Dörfer mehr berührt, sondern alle auf weiten Umwegen umgangen wur den. Wald und Busch lieferten den nothdürftigstcu Lebensunterhalt in Honig, Knollengewächsen, großen, sehr schmackhaften Pilzen und wilden Obstfrüchten. -Schon glaubte die Karawane sich glücklich durchgeschlagen zu haben, als sic zu guterletzt noch von einem Trupp Leute angehalteu wurde, die dem Häupt linge Anzeige zu machen drohten, daß die Fremden ohne Erlaubniß das Land durchzogen. Froh, so weit gekommen zu sein, fertigte man sie mit zwei klei nen Elephantenzähnen ab und zog weiter. Um Tete zu erreichen, mußte nun noch eine kleine pfadlosc Sand- und Steiuwüste überschritten werden. Ein Paar Stunden vor dem Orte war die Erschöpfung des Doctors so groß ge worden, daß er nicht weiter konnte; er schickte seine Empfehlungsbriefe aus Loanda nach der Stadt und streckte sich zur Ruhe nieder. Am andern Morgen, den 3. März, erschienen zwei Offiziere mit einer Compagnie Soldaten, zum großen Schrecken für des Doetors Leute, die sich schon als Gefangene betrachteten. Die Portugiesen brachten aber ein herz liches-Willkommen und die Materialien zn. einem „civilisirten Frühstück", für den Doetor ein wahres Manna in der Wüste. Der Kommandant von Tete benahm sich auf das Zuvorkommendste gegen Livingstone und seine Leute und veranlaßte ihn bis zum. Nächsten Monat an Ort und Stelle zu bleiben, da jetzt die Reise durch die Stromniederungen nach der Küste zu ungesund sei. Tete besteht aus etwa 40 europäischen Häusern, roh aus Stein gebaut und mit Schilf gedeckt, und gegen 1200 afrikanischen Hütten. Die Stadt liegt auf einer Felsbauk am Strome, überragt von höheren Felsennfern; das kleine Fort steht dicht am Wasser. Der beste Theil der Stadt ist mit einer 12 Fuß hohen Mauer umgeben. Es leben außer der Garnison kaum 20 Portugiesen hier, und die ganze portugiesische Besitzung an der Ostküste ist in Verfall gerathen. Die Erzeugung und Ausfuhr von Weizen, Hirse, Mais, Kaffee, Zucker, Ocl, Indigo, sowie das Goldwäschen in mehreren Flüssen hat aus dem einfache» Grunde aufgehört, weil die Unternehmer die Ge-310 Nachrichten über Jnnerafrika. Umgegend von Tete. schichte von der Henne mit den goldenen Eiern wiederholt und, um schnefler reich zn werden, ihre schwarzen Arbeiter nach Brasilien verkauft haben. Kriege »nd Reibungen mit den umwohnenden Stämmen, die eben erst durch einen Friedensschlnß beendigt worden waren, hatten das Ihrige znm Verfall beigetragen. Der jetzige Kommandant ist bei den Stämmen alö „Wann mit einem guten Herzen" beliebt und seine blvsc Anwesenheit scheint hinreichend, den Frieden zn erhalten. Einer der in Tete wohnhaften Portugiesen, Senhor Candido, machte Livingstone die interessante Mittheilung, daß er 4.5 Tagereisen nordnordwestlich von der Stadt einen See besucht habe, welchen livingstone für den Moravi- sce der Geographen hält. Die Eingeborenen (am südlichen Ufer die Schiwa, am nördlichen die Mujao) nannten ihn Nhanje, d. i. großes Wasser. In der Mitte desselben stehe ein hoher Berg, Murombo oder Marombola ge nannt, der von Leuten bewohnt sei, welche viel Vieh halten. Die lieber fahrt an einer schmalen Stelle habe 36 Stunden gewährt. Aus der Süd spitze strömten zwei Flüsse, der eine, wie der Sec selbst, Nhanje genannt, der andere Schire oder Schirwa, in welchem letztern aber die von den Portugie sen Alfacinha genannte Wasserpflanze (Pistia stratiotes) in solcher llnmassc wächst, daß er nicht zn befahren ist. Wahrscheinlich ist cs der innerafrika nische See, der nach den neusten Nachrichten ans London glücklich von den beiden Reisenden Bnrton und Spake erreicht »nd nicht als einer, sondern als vier Seen erkannt worden ist, welche sie Ugidschi, Tschiwa, Nhassa und Ukerewa benannt haben. Bon Senhor Candido, der "vollständig vertrant mit der Sprache der Eingeborenen war und bei ihren Streitigkeiten den Richter machte, erfuhr Livingstone auch, daß alle Stämme dieser Gegend eine ganz bestimmte Vorstellung von einem höchsten Wesen als dem Schöpfer und Re gierer aller Dinge haben, welches in den verschiedenen Dialekten Morinio, Mungo, Reza, Mpambe, bei den Barotse Nyampi und bei den Ba londa Zämbi heißt. Alle glauben auch an eine Fortdauer der Seele, nach dem sie vom Körper getrennt ist, und bringen ans den Gräbern ihrer Ange hörigen Opfergcschenke an Nahrungsmitteln, Bier n. s. w. dar. Wenn sie einer Gefahr entgangen oder von einer Krankheit genesen sind, opfern sie ein Schaf oder Geflügel und bringen von dem Blntc der abgeschiedenen Seele irgend eines Angehörigen eine Libation dar. Livingstone benutzte seine Muße, um sich die Umgegend von Tete und die reichen natürlichen Hülfsquellen des Landes anzusehen, welche'für unter nehmende Leute vieles Verlockende haben müßten. Steinkohlcnflötze standen an mehreren Punkten in den Flnßufern zu Tage, und Livingstone vermnthet, daß nicht allein ein ungeheures Kohlcnfeld dort liege, sondern daß nach dem Vorkommen des Goldes in den Flüssen zu schließen, diese Kohlenlager viel leicht von Goldlagern umgeben sein dürften, was- znsammcngenvmmen mit dem Ueberflusse an Holz, Eisenerzen, Wasserstraßen und Lebensmitteln eine Combination bildet, wie sic nicht oft Vorkommen möchte. Die Fieber sindDie Bncize. Das Goldland Manica. 311 in Tete weniger gefährlich als weiter unten an der Meeresküste. Livingstone erholte sich von einem Anfalle bald, aber der Kommandant legte sich für längere Zeit anfs Krankenlager, und der Doctor pflegte ihn nach Möglichkeit und konnte so die genossene unbegrenzte Gastfreundschaft einigermaßen vergelten. Einer Pflanze sei hier noch Erwähnung gcthan, Buaze genannt, de ren Fasern zn Flachs zu verwenden sind und von welcher Livingstone meint, daß sie den Botanikern noch unbekannt zn sein scheine. Jni Maravilandc verwenden sie die Eingeborenen zn den Fäden, an welche sie die Perlen rei hen. Dieselben fühlen sich wie Darmsaiten an und sind von außerordent licher Festigkeit. Die Begleiter des Doctors wurden ihm von hier ab größtentheils ent behrlich, und so ließ er die meisten in Tete bis zn seiner Wiederkehr, und zwar unter Verhältnissen, die ihr Auskommen sicherten und wo sie auch noch etwas für die Heimat erübrigen konnten. Der Kommandant hatte ihnen nicht allein Kleidung und Nahrung, sondern auch ein Stück Feld zum An bau gegeben; die meisten aber fanden als kühne Elcphantcnjäger eine will kommene und einträgliche Verwendung, während andere Dienste als Boots leute nahmen. Dankerfüllt verließ Livingstone am 22. April das gastfreundliche Tete, um sich nach Kilimane an der Sceknste zn begeben. Diesmal ging die Reise rasch in großen Booten mit Zeltbcdachnng den Strom hinunter. Nieniand von den Portugiesen hatte in der That eine Idee von dem obern Laufe des Zambesi; jenseits Znmbo war ihnen ylles torra. inooZnita. geblieben. In eini gen Tagen kam man nach der Station Scnna am rechten Stromnfer. Hier zeigte sich der Verfall der portugiesischen Herrschaft in seiner ganzen Nackt heit. Der Ort ist kaum noch ein Dorf zn nennen; die Kirche ist zerfallen und die Häuser sehen Ruinen ähnlich. Ein kleines Fort ans Luftziegeln ist der Halt des Kommandanten, der nur eben noch sicher ist und selbst bei seinen eingeborenen Soldaten keinen Gehorsam findet, wenn es gilt, das Dor vor einem feindlichen Ueberfall zn schützen. Die hier zuweilen brandschatzen den Marodeure sind Kaffern, die man hier Landrens nennt und die das ganze Territorium südlich vom Flusse bis an die Sec im Besitz haben. Die allgemeine Ansicht der Eingeborenen geht dahin, daß die Portugiesen ein un terjochter Stamm seien. Bis Seniia erheben sich ans den Ebenen zu beiden Seiten des Stro mes verschiedene Berge und Höhenzüge, die gesund und von Schwarzen stark bevölkert sind; weiter nach der See zu ist Alles mit Wald bedeckte Ebene. Der Strom ist sehr gewunden und so breit, daß man oft keines der beiden Nfer erblickt, aber er umfaßt viele Inseln, die vor dem Kriege alle bewohnt und fleißig angcbaut waren. Drei Tagereisen nordwestlich vom Gorongozoberge liegt Manica, das hauptsächlichste Goldland Ostafrika's. Die Portugiesen halten cs für das Ophir des Alterthnms, weil bei der benachbarten Hafenstadt Sofala einige312 Das Sofia des 3'imK'fi. Krankheiten. Bruchstücke von Goldarbeiten ausgegrabcn worden sind. Auch hörte Living- stonc von einigen Eingeborenen, die ans dieser Gegend waren, das; cS da selbst gemauerte Vertiefungen und Gemäuer ans behauenen Steinen gäbe, die von ihren Voreltern herrührtcn. Endlich — was auch zur Unterstützung obiger Ansicht dienen konnte, — giebt es, den Anssagen der Portugiesen zu folge, dort einen kleinen Stamm Araber, die jetzt ganz den» übrigen Einge borenen gleich geworden sind. Man erreichte endlich die Spitze des Stromdeltas oder den Punkt, wo der Zambcsi sich i» mehrere Arme zu zertheilen beginnt. Es sollen fünf Ausflüsse.vorhanden sein. Der südlichste heißt Luabo und ist der wasser reichste; seine Ansmündnng ist zwar mit Sandbänken verbarrikadirt, doch soll nach dem Zeugnis; englischer Seeleute selbst bei niedrigem Wasser das Ein laufen kleiner Dampfschiffe und anderer flacher Fahrzeuge möglich sein; übri = gens hat der Zambest wenigstens fünf Monate iin Jahre Hochwasser. Living- stone konnte dieser Wasserstraße nicht folgen, da die einzige Station Kilimane am Ausfluß des nördlichsten Stromarmes liegt. Dieser war also vor Zeiten der praktikabelste gewesen, während man ihn jetzt kaum aufzufinden vermochte und so verstopft fand, daß man die Kähne im Stich lassen und zu Fuß 15 Meilen weit durch Schilf und Sumpf sich mit der Bagage in dumpfen heißen Niederungen schleppen mußte; der Dvctor wurde dabei wieder heftig fieberkrank. Weiterhin erhielt der ausgetrocknete Stromarm Speisung durch ein Paar von Norden kommende Flüsse und wurde fahrbar. Ein portugie sischcr Senhor lieh Livingstvnc einen großen Nachen mit Kajüte, worin er sich pflegen und vor den furchtbaren Moskitos retten konnte, die ihn in den Niederungen fast umgebracht hatten, und so konnte er wenigstens das letzte Stück bis Kilimane mit Bequemlichkeit znrücklegen und am 20. Mai 1356 daselbst anlangen. Bei den Portugiesen von Kilimane fand Livingstone wieder die gasi- freundlichste Aufnahme. Der Ort, aus Ziegeln sauber gebaut, liegt noch l2 englische Meilen oberhalb der eigentlichen Flußmündung oder der davvr- liegenden Sandbarre. Er ist auf einer großen Schlammbank gebaut; überall stoßt man 2—3 Fuß unter der Oberfläche auf Wasser und die Umgegend besteht ans weiten sumpfigen Ebenen und Reisfeldern. Wie sich hiernach von selbst ergiebt, ist Kilimane einer der ungesundesten Wohnplätze, besonders für Fremde, die sich auch ohne Roth schwerlich lange hier aufhalten werden; aber cs scheinen Schiffbrüche an der Barre nicht zu den Seltenheiten zu ge hören, wodurch Mancher zu einem unfreiwilligen Gaste in Kilimane ge macht werden mag. Ist ein solcher Ankömmling ein starker vollblütiger Mann, so stellen ihm die Einwohner gleich das Prognostiken: „Der wird's nicht lange treiben!" Livingstone aber hatte sich auf seinen Pilgerfahrten so 'mit der Fieberplage vertraut geniacht, daß er gewöhnliche Anfälle ganz igno- rirte und sich dadurch in Fortsetzung seiner Reise nicht stören ließ, und er erholte sich in Kilimaüe, das Anderen so verderblich ist, von dem letztenEmhcmnschc ?(i^cncicn. 9ff’reifo Sii'ingjloue'#. 313 schweren Anfall so ziemlich. Zuweilen hatte er sich im Innern deS Versuchs halber in die Kur einheimischer Aerzte gegeben und ihre Schwitzbäder, Räu cherungen und Beschwörungen ausgehalten; aber er fand doch, daß die eure päischc Knust mehr leiste, und daß das Chinin, in Verbindung mit einem eröffnenden Mittel verordnet, bei Weißen wie bei Eingeborenen Ausgezeich netes wirkte. Glücklicher Weise scheint die Natur den so ungesunden Ländern der afrikanischen Ostküste ein ähnliches Heilmittel verliehen zu haben, denn der Doctor erfuhr und sah, daß die Rinde eines gewissen, dem Chinabaum verwandten, in ganzen Wäldern verkommenden Baumes bei Europäern wie Schwarzen als sehr gutes Fiebermittel in Gebrauch steht. Livingstone zählt außerdem noch 27 Pflanzen ans, ans denen von den Eingeborenen Heil-, Aetz- und Färbemittel bereitet werden. Es war, wie Livingstone bei seiner Ankunft in Kilimane vernahm, schon wiederholt durch Schiffe, die von der Kaprcgiernng beauftragt waren, Nach frage nach ihm gehalten worden; dies gab ihm Gewißheit, daß man anch in der Folge an ihn denken werde, und so harrte er geduldig in dem gar nicht anmuthigcn, aber durch die Freundlichkeit seiner Wirthe erträglich gcrnachten Aufenthalte sechs Wochen lang, bis endlich zu seiner Freude die englische Brigg „Frolic" vor der Barre erschien, uni ihn anfzn'nehmen. Sic brachte reichliche Abhülfe aller Bedürfnisse und Geld zur Heimreise von Seiten der Missionsgescllschaft. Man machte ihni den sehr willkommenen Vorschlag, ihn nach der Insel Mauritius nberzusetzen, und so nahm er am 12. Juli von seinen gastfreundlichen Wirthen in Kilimane Abschied und landete vier Wochen später ans Mauritius, in dessen schönem Klima, umgeben von den Bequem lichkeitcn englischer Häuslichkeit, er die Nachwehcn der überstandcnen Krank heiten überwand und sich zur Reise ins Vaterland stärkte. Vier volle Jahre waren somit vergangen, seit der Doctor daö letzte Mal von der Kapstadt ausrücktc, um seinen großen Wanderzng in dem unbekannten Innern Afrika's anzutrelen. Er war fast selbst znm Afrikaner geworden und seine Muttersprache war ihni so entfremdet, daß er anfänglich ans dem Schiffe zwar verstand, was gesprochen wurde, aber selbst nicht mehr zusammen hängend reden konnte, da ihm so viele Worte ans der Erinnerrng geschwnn den waren. Vor seiner Abreise von Afrika hatte der Doctor noch wegen seiner Be gleiter aus dem Innern die nöthigen Anordnungen zu treffen. Obwol.znm Thcil niedrigstehcnden Negerstämmcn angehörig, hingen sie doch alle mit auf richtiger Ergebenheit an ihm, liebten ihn wie ihren Vater und nannten ihn auch so. Sie alle wären ihm gern übers Meer nach England gefolgt, wie es anch Sckcletn, ihr Häuptling, gewünscht hatte. Acht von ihnen waren mit bis nach Kilimane gegangen, um, wie sie sagten, wenigstens das Meer'zu zu sehen, eigentlich aber in der Hoffnung, vielleicht doch noch mitgenommen zu werden. Es kostete viel Mühe, ihnen begreiflich zu machen, welchen Ge fahren sie sich in einem so kalten Klima und bei einer ganz veränderten Le-314 Livlilgstone's Begleiter. bcnsweise aussetzten. Namentlich der Letzte wollte sich gar nicht abweiscn lassen, und als ihm der Doctor sagte: „Dn wirst sterben, wenn du in ein so kaltes Land gehst", rief er ans: „Das macht nichts, dann will ich zu deinen Füßen sterben." Livingstone ward indes; schon durch seine beschränkten Mittel genöthigt, sich auf einen einzigen Begleiter zu beschränken. Sckwebn, der einsichtsvolle, tüchtige Mann, der der Reisegesellschaft ans dem ganzen Wege durch seine taktvolle Führung und seine Sprachkenntnisse von so gro ßem Nutzen gewesen war, sollte England sehen, damit doch einer wäre, der seinen Landsleuten schildern könne, wie es in einem civilisirten Lande aussehc. Den Andern versprach der Doctor, daß er wiederkommen und sie in ihre Heimat znrückführen wolle; nur der Tod könne ihn an der Ausführung die ses Vorhabens hindern; sie dagegen versprachen in Tete seine Rückkehr in Geduld abzuwarten. Mit einem Theil des von Sekelctu überkommenen El fenbeins kaufte er für seine Leute noch Kattun für Bekleidungsbedürfnisse und deponirtc den Rest von 20 Zähnen bei seinen Freunden in Kilimane, mit der Weisung, sie im Fall seines TodcS zu verkaufen und den Erlös den Leuten Sekeletu'S auszuliefern. Diese Waare mit nach England zu neh men, fand er nicht für gerathen, denn cs hätte in dem Falle, daß ihm die Rückkehr unmöglich wurde, der Verdacht anfkommcn können, daß er Sckcletn um sein Eigenthmn betrogen habe. Die „guten und nützlichen Dinge", die dieser sich gewünscht hatte; eine Znckermühle, Pferde n. s. w., ließen sich in England vorschußweise kaufen und nachträglich durch den Verkauf des Elfenbeins decken. Der brave Sckwebn sollte leider weder England noch seine Heimat Wie dersehen. Er, der bis zum Moment der Einschiffung nie das Meer erblickt hatte, sah cs jetzt in einem Aufruhr, der selbst für den Seemann fürchterlich war. Die Einschiffnngsboote tanzten bald auf den Gipfeln der empörten Wo gen, bald stürzten sie in die tiefen Mulden zwischen ihnen; die Sturzwellen schlugen über sie hin, als wollten sie Alles im Meeresgründe begraben, und die Schöpfeimer hatten vollauf Arbeit. Höchlich erschrocken rief Sckwebn ein mal über das andere: „Ist das unser Reiseweg?" Als man endlich das Schiff glücklich erreicht hatte und die Passagiere an Bord gehißt waren, sah er sich natürlich von neuen Wundern umgeben, so viel ihrer ein Kriegsschiff einem Afrikaner ans dem Innern nur immer bieten kann. Doch gewöhnte er sich ein, fand an Livingstone's Landsleuten Gefallen und sie nicht minder an ihm. Er fing während der Ueberfahrt nach ManritiM an etwas Englisch aufznlcsen und wurde der Liebling der Offiziere wie der Mannschaft. Bei Mauritius sah er zu den vielen Wunderdingen ein ncneS: das Dampfschiff, welches die Brigg in den Hafen holte. Diese Erscheinung aber mochte bei den vielen Regungen des Staunens und wol auch der Furcht, bic er in so kurzer Zeit erfahren, zu gewaltsam spannend ans seinen Geist wirken, denn er hatte bald darauf Anfälle von Wahnsinn, weigerte sich ans Land zu gehen und stürzte sich endlich in einem neuen Anfalle, den Tod suchend, über Bord. Es war nicht möglich ihm zu helfen oder auch nur seinen Leichnam aufznfinden.315 Lwiiigstone's Rückkehr mirf) England und fernere Pläne. Was unfern Livingstone selbst betrifft, so genügt es zu sagen, daß er im November das Rothe Meer hinanffuhr und am 12. Dezember die Heimat wiedersah, der er schon für immer Lebewohl gesagt hatte, denn er hatte Eng land mit dem Vorsatze verlassen, sein ganzes Lehen deni Dienste deS Evan- gelinms in Afrika zn widmen. Und eben dieses freigewähltc hohe Amt führte ihn jetzt an seinen Ausgangspunkt zurück, um Theilnahme und Mittel zu ge winnen für sein ferneres Wirken znm Wohle her afrikanischen Völker. Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen war er zum geographischen Ent decken geworden; an das Ende der Entdeckungen, meint er, müsse sich nun der Anfang der eigentlichen Missionsarbeiten anknüpfen, nämlich der Mission, wie er sie auffaßt in dem möglichst weiten Begriffe, zn der Jeder gehört, der an der Civilisation, an der Veredlung der Menschengeschlechts bewußt oder unbewußt mitwirkt, sei er Gelehrter, Kaufmann, Schiffer, Soldat oder Geistlicher. Ein geordneter, für alle Theilc vvrtheilhaftcr Verkehr mit dem nencrschlossenen Innern soll die Brücke bilden, auf der Belehrung und Bil dung in jene Länder cinziehcn, die wie ihre Bewohner grvßtentheils reich an natürlichen Anlagen und wohl befähigt sind, eine gewisse Kulturstufe zn er reichen. Die Hochlande, welche daö große Binnenbccken umsänincn, sind ge snnd uitb für Europäer bewohnbar; die erste Sorge, sagt Livingstone, sollte sein, einen guten dauernden Weg dahin zn bahnen, damit Europäer so rasch als möglich durch die ungesunden Kllstcnniedernngen zn ihnen gelangen könne». Der Zambcsiflnß hat 4 — 5 Monate im Jahre vollauf Wasser für große Fahrzeligc und gestattet auch zn den Zeiten dcö nieder» Wasser standes noch die Fahrt in Booten und kleinen Dampfern, wie sie ans der Themse gehen. Die südliche Ansmündung des Zambesi ist nach den besten eingezogenen Nachrichten für die Schiffahrt praktikabel; die Portugiesische Regierung dürfte sich nur entschließen, einen Leuchtthnrm und ein Pilotendorf dort anznlegen. Zur Zeit dcö Hochwassers würde man, ohne ans Hindernisse zn stoßen, bis Tete und darüber.hinaus, im Ganzen eine Strecke von über ZOO englischen Meilen Vordringen können. Dreißig Meilen oberhalb Tete liegt eine kleine, noch zu untersuchende Stromschnelle, aber oberhalb derselben liegen wieder 300 Meilen fahrbares Wasser. Dies bringt an den Fuß der östlichen Höhen. Man muß sich aber nicht einbilden, daß Schiffe hier ohne Weiteres Elfenbein und Goldstanb laden könnten. Die Portugiesen von Tete lesen Alles zusammen, was sie unter den benachbarten Stämmen an vcrwerthbaren Handelsartikeln auftreibcn können; diese Stämme sind durch den Verkehr und die Kriege mit ihren portugiesischen Nachbarn demoralisirt worden, und es läßt sich nicht voranssetzen, daß Jeder so unangefochten durch sic hinkommen würde als Livingstone, der nichts halte, was ihre Habsucht reizen konnte. Diese Leute müßten zur Ruhe verwiesen und ihnen eingeschärft' werden, daß sie eine Wasserstraße nicht belästigen dürfen, die sic nicht gemacht haben. Jenseits dieser feindlichenBevölkernng kommt man zu einer ganz an dern Art von Mensche», ans die Livingstone vorzüglich seine Hoffnungen£iuiii 0 jlortc ’0 Vorschläge. 316 baute. Sic alle sind sehr geneigt und selbst begierig, Handel zu treiben, aber nichts hat sic bis jetzt erninthigt, Rohmaterialien für den Handel zu kultiviren. Ihr Land eignet sich sehr wohl für den Baumwollenbau; wenn man ihnen bessern Samen und die Sicherheit eines Absatzmarktes für Alles gäbe, was sie erzeugen können, so würden wir und sic vielleicht bald zu der Ueberzcu- gnng gelangen, daß wir uns gegenseitig gut brauchen könne». „Ich habe", sagt Livingstone, „den doppelten Zlveck im Auge, den Heiden und dadurch uns selbst zu nützen. Wir müssen die Afrikaner ermuthigen, für unsere Märkte zu arbeiten; dies ist nächst dem Evangelium das beste Mittel, sie zu heben. Man müßte eine il'cttc von Stationen längs des Zambesi begründen, so weit er jenseits deö portugiesischen Gebietes liegt, und die Verbindungen mit der Küste durch die Portugiesen unterhalten. Diese werden, wie sich hoffen, läßt, im wohlverstandenen eigenen Vortheil dem Verkehre und dem Unternehmungsgeiste möglichst freien Spielraum und Vorschub gewähren; sic würden dadurch ihrer eigenen Kolonie neue Blüte und neues Leben verleihen. Die zu bildende Stationenkette würde sich ans dem Hochlandsrücken nach links und rechts so weit als thnulich fortzusetzen und die Hanptader deö Verkehrs j zu bilden haben. Die Londoner Missionsgesellschaft hat bereits die Anlegung von Missionen unter den Batoka am nördlichen und unter den Matebelc am südlichen Stromnfer beschlossen. Prediger aller Sekten, Wesleyaner, Bap tisten, Freikirchliche u. s. w. würden überflüssig Raum für ihre Thätigkcit sin den, ohne einander hinderlich zu sein, wenn man auch nur die gesunden Ge genden im Auge behält. Kurz, ist man erst glücklich im Innern, so hat man gesundes Land, die vollkommenste Sicherheit für Leben und Eigenthum und befindet sich unter Menschen, die gern hören und Vernunft nicht allein ha- ; den, sondern auch annehmen. Die Eröffnung dieser neuen Länder für europäische Kultur wird nach den verschiedensten Seiten hin ein Vvrtheil und ein Segen sein. Sic kann nicht ohne Einfluß ans das fürchterliche Uebel des Sklavenhandels und Sklaven Haltens bleiben. Es ist ein Jammer, wenn man bedenkt, daß ein Theil nn- .serer amerikanischen Brüder Sklavenhalter sind und wir selbst die Sünde dadurch verewigen helfen, daß wir innner mehr Baumwolle und Zucker, Pro dukte der Sklavenarbeit, von ihnen verlangen. Die Insel Mauritius ist ein bloses Fleckchen im Ocean, aber sie liefert mittelst Guano, verbesserter Ma schinerie und freier Arbeit eine Zuckerproduktion, die dem Viertel des ganzen Bedarfs von Großbritannien gleichkommt. Der Boden ist ans Mauritius enorm thener und nichts weniger als reich; er giebt ohne Guano keine Ernte und sämmtliche Arbeitskräfte müssen aus dem fernen Indien hcrbeigeschafst werden. In Afrika dagegen ist der Boden wohlfeil und gut, und freie Ar beit ist an Ort und Stelle zu haben. Wenn die Einrichtung gesunder innerer Stationen zu Stande kommt, in denen die Bewohner der Umgegenden ihre Produkte verwerthen können, wie dies mit Erfolg in Angola geschieht, so ist zu hoffen, daß nach Ablauf einiger Jahre die Sklaverei bei unfern VerwandtenEampMl's Wstchtrn über Südafrika., ,'j 17 'in Nordamerika den Anschein der iliotWendigkeit verlieren wird, selbst in den Augen der Sklavenhaltler." Mgn wird anerkennen müssen, das; diese einfachen Vorschläge und An sichten Livingstone's ebenso sehr von praktischer Einsicht als von wahrer Menschenliebe Zeugnis' ablcgen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß gerade die Baumwolle einmal der Hauptausfuhrartikcl Afrika's w,erden wird, um so mehr als cs ans dem ungeheuren Weltthcile jedenfalls nicht wenig Gegenden giebt, wo ihr Anbau mit Erfolg betrieben werden könnte. Interessant ist in dieser Hinsicht eine Mittheilung neuern Datums von einem andern Punkte Afrika's her. Der britische Konsul. Campbell in Lagos an der West küste giebt über jene Weltgegend folgende Notizen. Der Palmölhandel aus der Bucht von Benin hat sich seit sechs Jahren um 600,000 Pfd. St. ver mehrt; warum sollte sich der Banmwvllhandcl nicht ebenso leicht entwickeln lassen? Die Eingeborenen haben eine ausnehmende Vorliebe für den Land bau. In Abeokntn ziehen sie die Plantagenarbeit für einen Tagelohn von drei Pence jeder andern mit neun Pence bezahlten Beschäftigung vor. Der Niger würde bei einiger Entwickelung des Bauinwollhandels znm Mississippi Afri ka's werde». Jener Theil Afrika's enthält Städte mit 40—-120,000 Ein wohnern. Die Eingeborenen bauen nicht nur Baumwolle, sondern verarbei ten sie auch, und cs sind von dort im Jahre 1857 200,000 Stück Kattun von einheimischer Arbeit nach Brasilien und anderswohin ansgeführt worden. Was die einheimischen Pflanzer nöthig haben, ist ein wohlfeiles und rasches Mittel, die Baumwolle zu reinigen. Unbegründet ist die so allgemein herrschende Vorstellung, daß der freie Afrikaner eine angeborene Arbeitsscheu habe. Es giebt kein fleißigeres Volk als die Leute in jener Gegend; in Lagos gehen sie mit dem frühesten Morgengrauen an die Arbeit. Der Boden ist so wohlfeil wie die Arbeitslöhne und die Europäer finden überall freundliche Aufnahme. Das Klima hat für diese bei einer mäßigen Lebensweise keine Gefahr. So Campbell, der selbst schon seit .45 Jahren in jener Gegend lebt. Da gegen ist es allerdings richtig, daß man von solchen Stämmen, wo die Boden arbeit herkömmlich den Weihern obliegt, weder Baumwolle noch andere Pro dukte in einem nennenswerthen Belange wird erwarten dürfen. Dies hat namentlich die Kapregiernng in Bezug auf die Zulnkaffern erfahren, bei de nen alle Anregungen zur Banmwollenknltur ohne Resultat geblieben sind. Die große und warme Theilnahme, welche Livingstone und seine unge wöhnlichen Leistungen wie in seiner Heimat, so in der ganzen gebildeten Welt gefunden haben,- hat ihn auch zürückbegleitet ans den Schauplatz seines Wir kens. In gleicher Weise, wie durch eine unter dem Vorsitze des Gouverneurs in - der Kapstadt abgehaltenc Versammlung mittelst Beschlußfassung die aus gezeichneten Verdienste, die Livingstone um die Sache der Wissenschaft, der318 Livingstvile's neue Reise nach Afrika. Religion, der Zivilisation und des Handels durch seine heroische Reise, und sein energisches Wirken sich erworben, öffentlich anerkannt wurden, fand dies auch in London unter dem Vorsitze des Lord Mayor statt. Um ihm noch außerdem ein Zeichen der Dankbarkeit zu geben, fand bei beiden Vcrsamm- lungen eine Subscription statt, welche in der Kapstadt 200 Pfd. St., in London 400 Pfd. St. eintrug. In der erstcrn Versammlung hatte unter Andern auch der königliche Astronom Maclear erklärt: „Ich darf wol sa gen, daß ich nie einen Mann kennen gelernt habe, der in so kurzer Zeit so viel Beobachtungen des Blondes angestellt hat, nämlich im Ganzen 2812 partielle Beobachtungen. Keiner vor ihm hat so viel für ächte Geographie gethan." Anfang März 1858 hat sich der für seinen Berns begeisterte Apostel Afrika'S wieder dahin eingeschifft, begleitet von Weib und Kind, einem Bruder, der ihm in seinem Berufe Helfer sein will, und den übrigen für die Expedition ausgewählten Personen. Zur Befahrung des Zambesi hat ihn die Regierung mit einem eigens für diesen Zweck hcrgestellten kleinen eisernen Dampfboote versehen, welches nöthigenfallS in Stücke zerlegt und so über Land transportirt werden kann, und cs ist uns bereits die Kunde aus Afrika geworden, daß die Einfahrt in den Zambesi bewerkstelligt worden war und der kleine Dampfer den Doctor seinem nächsten Ziele Tete znführte. Möge er die Freude erleben, noch einen großen Thcil dcö von ihm Angcstrcbten und Gehofften mit eigenen Augen sich verwirklichen zu sehen! Den neuesten Nachrichten zufolge soll er allerdings bis jetzt noch nicht die gewünschten Erfolge erzielt haben. Leider hat sich sein bisheriger Hauptgefährte und nautischer Dirigent, Kapitän Bid- dingficld, in Folge einer Uneinigkeit von ihm getrennt und ist nach London znrückgekehrt. Doch sind deshalb die im Allgemeinen ans die Zukunft Afri- ka's gesetzten Hoffnungen noch' keineswegs aufzugeben, um so weniger, als daS Beispiel eines Livingstone, Barth, Vogel n. s. w. bereits wieder mehrere Nachfolger gefunden. Sv ist seit zwei Jahren eine Nigerexpedition unter Dr. Baikie int Gange. Seit Ende des Jahres 1858 ist ein junger Mann anö Hamburg, Dr. Albert Roscher, auf einer Reise nach Jnnerafrika be griffe». Ein Baron Krafft macht seit derselben Zeit unter dem Namen Hadschi Stander eine Reise nach Timbuktn über Dschcbcl T'sato, Rhadames, Ain Salch (Tauät) und das Alpcnland der Hogär. Ein österreichischer' Löwcnjägcr, Major Graf Thürheim, wird nächstens den Bericht über seine Strcifzügc (1857 und 1858) in den weniger bekannten Strichen des nördlichen Abessy- nicn veröffentlichen. Die streife Burton's und Spakc's nach dem große» innerafrikanischen Sec ist schon oben erwähnt worden. Eitdlich steht eine streife von Natal nach dem Limpopoflusse, dessen Lauf noch' gänzlich unbekannt ist, seitens zweier Missionäre in sicherer Aussicht. ‘ Druck von §. A. Brr'ckhcmS in Lclpstg.Ueii erficht» - Karte des südlichen Afrika, mit den Entdeckungen und der Reiseroute »r. Livttigstolie's.5 ^ 3m Verlage von.Olts Spanier erscheint: Die Wunder der SterncuUielt. Ein in kn Ijimintlsnuun. De» Gebildete» aller Stände »»d alle» Freunden der Natur gewidmet von Dr. Otto lUc, i»U »ielen in den tel gedruckten AlNülbmigcn, einem LileliNlde, einer Ninunelskurte ic. In 4 Heften von 4— 5p Bogen a 10 Rgr, Vollständig in einem Bande. Preis geheftet 1 % Thkr. In eleg. englischem Einband gebunden 1 % Thlr. Das Erscheinen dieses bereits seil längerer Zeit in Aussicht 'gestellten Wertes ist gegen Erwarten durch vielfache unvorhergesehene Hindernisse bis jetzt verzögert worden. Nach langen Bemühungen ist endlich die Vcrlagshandlnng in den Stand gesetzt, die Ausgabe desselben zn beginnen und dein lange harrenden Publikum in, Juli d. I. die ersten beiden Lieferungen ;n übergeben. Die übrigen Lieferungen werden denselben ' rasch folgen. Die geniale Auffassungsweise des berühmten Verfassers, sowie seine fesselnde Dar stellungsfori» sind so allgemein bekannt, daß wir es unterlassen können, etwas Näheres über das Werk selbst hinznznfüge». „Seit die Wissenschaft die. Wege gebahnt hat", sagt der Verfasser, „gehören Ausflüge in den Himmels raum ebenso zn den Erholungs- und Bildungsmitteln des Volks, wie unsere Gebirgswande rungen und Ausflüge über den Ocean. solchem Ansfluge fordere ich den Leser auf, nicht ans den nebelhaften Schwingen der Phantasie, sondern getragen vom Lichtstrahl, an der sicher leitenden Hand der Wissenschaft. An Sonne und Mond, an Planeten, Kometen und Fixsternen vorüber, hier und dort rastend, um die Wunder des Himmels zn schauen und die Gcdankenkerne zu fassen, die sich hinter ihrem blinkenden Scheine bergen, wollen wir hinausschweifen in jene endlosen Fernen des Raumes, wo die Milchstraße mit ihren Millionen Sonnen uns nur noch als der matte Schimmer eines Nebelfleckes von der Größe eines Orionnebels erscheinen wird, den kein Teleskop, mehr in Sterne aufzulösen vermag. Wenn dann diese Eindrücke unaussprechbarer Zahlen und nnausmeßbarer Größen uns mahnen werden an die Kleinheit und physische Schwäche des Menschen und seine ephemere Existenz: dann wird, wie A. v. Humboldt sagt, uns wieder freudtgcnd und kräftigend das Bewußtsein erheben, durch Anwendung und glückliche Selbstentwickelnng der Intelligenz schon so Vieles und so Wichtiges von der Gesetzmäßigkeit der Natur und der siderischen Weltordnung erforscht zn haben. Kehren wir dann endlich zurück zu unserer kleinen irdischen Heimat, so werden wir sie doppelt lieb gewinnen, weil wir ein Verständnis; für sie gefun den. weil wir sie erkannt haben als die concretc Gestaltung ewiger kosmischer Gedanken!''
