Das Buch der denkwürdigsten Entdeckungen auf dem Gebiete der Länder. Neue illustrirte Jugend- und^Hausbibliothek. Das Illustrirte goldene Kinderbuch. N e u e Jugend - und Hausbibliothek. Mit zahlreichen in den Tert gedruckten Abbildungen, colorirten Bilvern rc. Vierter Band. Das Buch der denkwürdigsten Entdeckungen. Herausgegeben von Louis Thomas, conf. Lehrer an der dritten Bnrgerschute in Leipzig. Zweite umgearbeitete Auflage. Leipzig. Verlag von Otto Spamer. \ 8Bö.Das Buch der Entdeckungen 8. 48. . Z weite Au (läge.Das Buch der denkwürdigsten Entdeckungen auf dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde in Erzählungen für die reifere Jugend. Herausgegeben von Louis Thomas. Zweite vermehrte Auflage mit 80 Abbildungen und einer Polarkarte.>Such der denkwürdigsten Entdeckungen. Inhalt. Seite Einleitung. Die Schifffahrt. (S. 1—26.) Die Schifffahrt der Alten 1 Der Comp aß 4 Das Schiff und seine Th eile 6 Das Dampfschiff 12 Der Leuchtthurm .14 Erbauung des Leuchtthurms von Eddystone 15 Der Schiff'bruch des Birkenhead .... 19 - Einfluß der Schifffahrt auf die Cultur der Menschheit. . . : 25 I. Die Entdeckung des Seewegs nach Indien. (S. 21—46.) Prinz Heinrich dei^Seefahrer 28 Die Entdeckung von Porto Santo ... 29 Gilinea — Das Vorgebirge der guten Hoffnung . . 30 Vasco de Gama und die Umschiffung des Vorgebirges — Entdeckung Indiens 31 Ein Blick auf dasselbe und den frühem Han del mit ihm 32 Vasco de Gama in Kalikut 33 Die Rückreise .......... 34 Cabral in Indien 36 Neue Unternehmungen und Kämpfe ... 37 d'Almeyda 39 Albuquerque 40 Die Eroberung von Malacca ..... 41 Silveyra 44 Seite Die oftindische Compagnie 44 Die Folgen der Niederlassung — II. Die Entdeckung von Amerika. (S. 46 bis 96.) Christoph Columbus 47 Seine erste Entdeckungsreise . . . . . 50 Guanahani 52 Die zweite Reise 56 Die dritte Reise. . . . . .' . . .' . 58 Entdeckung des süd amerikanischen Festlandes — Columbus in Ketten . - — Vierte und letzte Reise .59 Rückreise und Tod .61 Balbao. — Magelhaens 63 Ferdinand Cortez und die Eroberung von Mexico 64 Eroberung von Peru, Franz Pizarro . . 68 Seine Erywrdung 72 , Entdeckung im Osten Nordamerika's . . . — Die Indianer .......... 73 Wei-dschun-dschu und seine Steife nach dem Osten 76 Die Colonisirungen der Vereinigten Staa ten von Nordamerika 33 Nordamerikanische Kolonisten 86 Die Goldsucher in Californien 90 Die Neger 91 Ein Blick auf Südamerika 93VI Inhalt. Seite III. Die Entdeckung von Australien und Oceanien. (S. 97—145.) Die früheren und späteren Entdecker. . . 98 Neuholland und' seine Merkwürdigkeiten . 99 Seine eingeborene Bevölkerung 100 Die Eingewanderten und die Sträflinge . 102 Die Goldsucher 104 Neu-Guinea 107 Die Louisiade — Die Admiralitätsinseln — Die Salomonsinseln . . — Die Charlotteninseln 108 La Perouse . 109 Die neuen Hebriden . . - • * • • .111 Neucaledonien 112 Norfolk — Neuseeland . . . - .113 Die Bevölkerung und ihre Kämpfe . . .114 Die Missionaire auf Neuseeland . ... . 117 Waimate .' . . . . 120 Götzendienst der Neuseeländer 122 Handelsproducte und Handel 123 Die Pelew-Jnseln 124 Die Carolinen oder neuen Philippinen. . 125 Koralleninseln — Mulgrav es-Archipel 107 Kotzebue auf Otdia Die Fidschi-Inseln Dillon's Kampf. Freundschaftsinseln Die Schifferinseln de Langle's Tod — Die Cooksinseln.......... 135 Die Gesellschafts in se ln .136 König Pomare als Verbreiter des Christen thums 137 Pomatu, oder Archipel der niedrigen Inseln 138 Mendana's-Archipel 139 Die Sandwich-Inseln.;f 140 Seite Cook's Landung und Tod — König Tameamea 144 IV. Die Entdeckung der Nord - und Süd- polarländer. (S. 146—182.) Der Polarkreis . . 147 Cabot, Cortereal, Frobisher 148 Gilbert 149 Davis — Hudson 150 Sein Tod 151 Baffin 153 Veit Behring, der Entdecker der Behrings straße — Hearne's und Mackenzie's Landreisen nach dem Polarmeere . 155 John Roß' erste Reise 155 Parry's Reise Sein Aufenthalt auf der Melville-Jnsel. . 157 Parry's Reise über das Eis nach dem Nord pole 159 John Roß' zweite Reise 160 Eis und Eisberge 161 Einwinterung. 162 Bärenjagd . — Schiffsordnung 154 Nordlicht .165 Polarsonne '..... 167 Umgang mit Eskimos — Guter Appetit der Eskimos 159 Auffindung des magnetischen Nordpols . . — Beschwerden und große Noth ..... .172 Rettung Capitain I. Franklin 174 Versuche zu Franklin's Auffindung ... — Die westliche Durchfahrt gefunden . . . 175 Die Südpolarländer . . . . . . 177 - Entdeckungsreisen Der Wallfisch und sein Fang James Roß und Crozier isoEinleitung. Die Schifffahrt. Volk bei - Erde übertrifft oder erreicht «Ec 'tltäSHMiSMC England in der Bedeutung seines Seehandels und der Größe seiner Seemacht. Seine Flotte» beherrsche» die Weltmeere, seine Handelsschiffe u /^ - eilen geschäftig von Zone zu Zone, von Volk zu Volk, seine Dampfer unterhalten mit den Filius sjfm'ä äliiitintg an ltt wti^cii siüiit. fernsten Punkten des Erdballs regelmäßige Ver bindungen. Was würden die Vorfahren dieses Kalkes, die alten Briten, zur Lhätigkeit ihrer Söhne sagen, sie, die in Stau und Bewunderung ausbrachen, als im August des Jahres 5!) vor Christi , "eburt der römische Feldherr Julius Cäsar mit großen bewaffneten Fahr- ^ugen a» ihrer Küste landete. In von Weidenruthen geflochtenen, bisweilen j! ut Thierhäuten überzogene» kleinen Nachen ruderten sie damals den Fremd stfsten entgegen, während andere ihres Volkes von den steilen Kalkufern der u'ste das noch nie gesehene Schauspiel betrachteten. Und was ist England UU. Doch wie die gewaltige Britannia, die Beherrscherin der Meere, in f.r!* U ^ a 3 m die Vorbilder seiner Zukunft ans dem ewig bewegten Oeeane er- f° hatten schon längst vor jener Zeit ' v - •••••yr • «oft. Kinderbuch. IV. 2. Allst. einzelne Küstenvölker sich zu 12 Einleitung. r ZD Schifffahrt treibenden Nationen erhoben, und namentlich sind es die Phönizier und ihre Abkömmlinge, die Karthager, welche im Alterthnme eine lange Zeit die Herrschaft auf dem Meere behaupteten. Kein Geschichtschreiber des Alterthums hat uns den Namen des Mannes ausgezeichnet, welcher zuerst es wagte, auf zerbrechlichem Fahrzeuge sich den tückischen Wellen des Stromes oder Meeres anzuvertrauen, doch bewahrt uns die heilige Schrift in der Arche Noah genauere Nachricht von einem Fahr zeuge, welches sowohl durch Größe wie Bestimmung äußerst merkwürdig ge nannt zu werden verdient. Dasselbe war nach Mosis Angaben 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch, und so dauerhaft, daß es den alles- verheerenden Fluthen Widerstand leistete und so eine Menschenfamilie und die Geschlechter der Thiere rettete, als alles klebrige dem Tode versiel. Das Maasverhältniß dieses Schiffes aber ist, wie ein in Holland nach demsel ben gebautes Fahrzeug bewiesen hat, ein für die Schifffahrt sehr zweck mäßiges, seine Größe, obwohl die jüdische Elle nur 1% Fuß lang war, un geheuer, da Englands größtes Kriegsschiff, der Schraubendampfer Welling ton, nur eine Länge von 280 Fuß, bei einer Breite von 60 Fuß hat. Allein noch lange vor jener Zeit hatte schon ein zartes Thierchen aus dem Geschlechte der Weichthierc, der Papier-Nautilus, das Weltmeer befahren. Sein schneckenhausartiges Gehäuse, dünn wie Papier, war sein Nachen, seine empor gestreckten Arme waren die Segel, und sechs andere die Ruder. So schwamm es auf den Wogen des Oceans. Sollte durch solche Vorbilder der denkende Mensch nichl auch auf den Gedanken gekommen sei», sich in einem ausgehöhl- ten Baumstamme den Wogen anzuvertrauen, und sich von ihnen dahin führen zu lassen, oder mittelst der Hände und der noch kräftigeren Ruder ihnen ent gegenzusteuern? Finden wir doch noch heute Aehnliches bei den Insulanern des stillen Oceans oder den Indianern Amerikas. Freilich konnte man mit solchen zerbrechlichen Fahrzeugen sich nicht weit in den Ocean wagen, daher waren auch die ältesten Schiffer nur Küstenfahrer, wie hätten sic auch sonst die heimischen Gestade wiederfinden wollen? Doch diese schwachen Versuche, Herren des beweglichen Elementes, des Wassers, zu werden, waren die Keime zu jener staunenswerthen Vollendung, welche die Schifffahrt unserer Zeit er reicht hat. Bald suchte man die Kähne zu vergrößern, man machte sie dauer hafter und lernte so nach und nach Fahrzeuge bauen, welche man mit dem Namen Schiff belegte, so wenig auch dieselben denen unserer Tage ähnlich sein mochten. Zu der Bewegkraft durch Ruder gesellte sich mit der Zeit eine weit kräftigere und nicht anstrengende durch Segel. Man nahm den Wind in sei nen Dienst und nöthigte ihn, den Menschen von Küste zu Küste zu führen. Da waren es vor Allen die Phönizier, welche auf ihren Schiffen, theils leichteren Fahrzeugen, theils ovalen Lastschiffen, an beiden Seiten abgerun det, einen großen Theil der Küsten Asrika's, Asiens und Europa's umfuhren.Schifffahrt. 3 Der Handel spornte sie zu Thätigkeit und Erfindungen an, und die Alten er zählen uns, daß sie nicht allein die Säulen des Herkules, die heutige Meer enge von Gibraltar, umfuhren, sondern sich selbst bis an die Küste von Eng land und Norddeutschland wagten, von dort Zinn und Blei, von hier Bernstein herbeischafften. Auf diesen Meerfahrten lernten sie schon früher die Küsten von Spanien und Frankreich kennen, und als der Handel des Mutterlandes sank, da schwangen sich die Söhne desselben, die Karthager, zum ersten handeltrei benden Volke der alten Welt empor, und gründeten Niederlassungen, welche sich bis auf die Gegenwart erhalten haben. Wie konnte es wohl anders kommen, als daß dieses kühne Volk die Auf- merksamkeit und den Neid der nach Weltherrschaft strebenden Römer erweckte? Erst nach drei Kriegen ward es besiegt und seiner Macht auf dem Meere be raubt. Schon vorher hatten die Römer den karthagischen Handelsschiffen an bere nachgesandt, um die Fundörter und Gestade jener Länder kennen zu ler- uen, aus denen die Karthager so köstliche Handelsartikel brachten, und es wird erzählt, daß der karthagische Seemann, um sein Geheimniß nicht zu verrathen, frin Schiff zwischen Felsen und Sandbänke führte/ wo es gleich dem ibm^nach- , setzenden römischen den Untergang fand. So geschah es, daß erst im Jahre vor Christus die britische Küste von den Römern erreicht und das Land des Bernsteins, jenes kostbaren Lurusartikels der Römer, erst noch weit später "ufgefunden wurde. Unter dem Kaiser Nero gelang es, ihnen, bis an die Bcrnsteinküste Norddeutschlands vorzudringen und eine beträchtliche Menge dieses wnem Ursprünge nach noch heute ziemlich räthselhasten Naturerzeugnisses als Beute heimzubringen. 1"4 Einleitung. Bei den alten nordischen Völkern stand die Schiffsbaukunst hoch in Ehren. Begrub man doch angesehene Todte in Schiffen oder gab wenigstens ihren Grabstätten die Gestalt eines Schiffes. Sowohl diese als der Bau derselben waren von den römischen Schiffen sehr verschieden. Waren diese meist schwach, niedrig und flach, so liebte der Nordländer mehr hohe, aus dem stärksten Eichenholze gezimmerte Fahrzeuge. Mit ihnen wagte er sich weit ins Meer, fiel als Seeräuber andere Schiffe an und drang sogar auf seinen weiten Meer fahrten im Norden bis nach dein von ihm entdeckten Island vor; ja cS ist geschichtlich höchst wahrscheinlich, daß nordische Seefahrer schon lange vor Co- lumbus Amerika an seiner Nordostküste ausgefundcn haben. Allein was dem Einen gelang, wagten in gleicher Kühnheit nicht Alle. Die Meisten hielten sich in der Nähe der Küsten auf; sie, sowie im Nothfalle Sonne, Mond und der Sternenhimmel mußten ihnen Führer nach der Heimat sein. Erst im Mittel- alter gelang cs durch Erfindung eines kleinen unbedeutenden Instrumentes, ein Mittel gefunden zu haben, durch dessen Gebrauch man sich knhnlich ans den Ocean hinauswagen und doch sicher den Heimweg finden konnte — wir meinen den Co mp aß. Wer der Erfinder desselben gewesen ist, wird immerdar verbor gen bleiben, denn obwohl man den Italiener Flavio Gioja im 13. Jahr hundert als solchen bezeichnet, so ist doch mehr als wahrscheinlich, daß dieses gleich einfache wie nützliche Instrument sowohl den Bewohnern Vorder- wie Hinterastens noch weit früher bekannt war. Als im Jahre 1260 der durch seine kühnen Reisen bekannte Venetianer Marco Polo sich in China aufhielt, fand er bereits den Gebrauch der Magnetnadel als Compaß, und die chinesische Geschichte erzählt von einem Könige Ching, welcher 1070 Jahre vor Christus gelebt hat, daß derselbe den Gesandten von Cochinchina eine künstliche Maschine geschenkt habe, die sich von selbst bewegte, den Reisenden zu Wasser und zu Lande sicher führt und Chinan hieß, welches Wort noch heute bei den Chine sen einen Compaß bedeutet. Aber nicht blos den Ost-, sondern auch den Westbewohnern Asiens, sowie denen des nördlichen Afrika war der Gebrauch des Compasses weit früher als den Europäern bekannt. So fanden ihn der Cardinal Vitrey und Vincent von Beauvais im Jahre 1190 bereits in den Händen eines arabischen Beduinen; denn als sie sich ans ihrer Wüstenwande- rung verirrt hatten, zeigte ihnen derselbe an einem Compaß, den er bei sich führte, die einzuschlagende Richtung. Ja selbst am Hoflager des Kaisers Friedrich I. befand sich im Jahre 1181 ein Mann, der in dem Besitze eines derartigen Instrumentes war. Der gewöhnliche Schiffs- oder Steucrcompaß befindet sich in einem viereckigen höl zernen Kasten, welcher oben mit einem Glasdeckel versehen ist. Er besteht aus einer magnetisch gemachten Nadel, welche sich in ihrem Mittelpunkte auf einem äußerst feinen Zapfen über einer kreisförmigen Papierscheibe erhebt, welche in 32 Theile getheilt ist und die Windrose genannt wird. Diese 32 TheileSchifffahrt. • 5 jctgcit die vier Haupt- und die übrigen Nebenhimmelsgegenden an, indem die ^eadel mit der einen Spitze beständig nach Norden gerichtet ist und durch.Fest stellung dieses Punktes in den Stand setzt, die übrigen mit Leichtigkeit zu flu- Gehäuse aber ist auf der Seite, welche nach dem Vordcrtheile f gewendet ist, ein schwarzer Strich angebracht. Will nun der Schiffer nach einem gewissen Orte segeln, so hat er auf der Seekarte genau nachzusehen, unter welchem Himmelsstriche derselbe von sei nein Abfahrtsorte liegt, und nun wendet er das Schiff mit dem Steuerruder immer so, daß der schwarze Strich mit dem auf der kreis förmigen Papierscheibe der Windrose bezeichne- ten Windstriche genau zusammentrifft, und während seiner ganzen Fahrt nicht wesentlich von.demselben abweicht. Der das Schiff len kende Steucrinann hat dieses wichtige Instru ment beständig vor Augen, und richtet de» Lauf seines Fahrzeu ges nach den durch dasselbe bestimm ten Punkten. Dieses Instru ment, daö man wegen seiner Un- scheinbarkcit und Einfachheit leicht für ein Spiclwerk halten könnte, und dasmitunsernoft künstlich zusam- mcngesetzten Ma schinen kaum ver glichen werden Der erste Compaß. -r i» , kann, gehört zu den großartigsten Erfindung^ des nunMichen^Geiste heunnißvollen Wirken unverkennbar den Stemp , tausend Meilen vor «i- nchig gl,»„ d.,s Schiff »-> M ihm liegt das ferne Ziel seiner Reise. RtNgsum.st Wa , nsorm g un gekräuselt. Wo ist der Finger, welcher das Zeel beze.chuet, nach dun der Steuer6 Einleitung. mann den Lauf zu wenden hat? Als Israel, das auserwählte Volk des Herrn, durch die Wüste zog, da leuchtete ihm am Tage eine Wolken- und des Nachts eine Feuersäule, aber hier ist weder Wolken- noch Feuersäule. Wohl steht das große Gestirn des Tages am Himmel, allein düstere, dicke Wolken verberge» sein Angesicht, „grau das Wasser, grau die Luft", fern aber jegliches Land, während oft unter der Oberfläche des Oceans die Verderben bringenden Risse und Untiefen drohen; da bricht die Nacht noch herein, das Schiff aber, vom Winde getrieben, setzt seinen Lauf fort. Wer kann helfen und den Weg zeigen? Es ist der Finger des Herrn, dort im stillen Compaßhäuschen, er zeigt nach Norden oder Süden und sichert die Fahrt. Vom Gebrauche des Compasses her schreiben sich alle großen Entdeckun gen auf dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde, von seiner Einführung der immer größere Aufschwung der Schifffahrt, der sich in Erdumsegelungen und Entdeckungsreisen, sowie in außerordentlicher Belebung des Handels und der Verbreitung der Bildung und Gesittung kundgibt. Durch diese Entdeckungs reisen, meist zur Aufsuchung neuer und günstiger Handelswege unternommen, hat sich anfänglich besonders Portugal verdient gemacht, und namentlich war es ein Prinz aus königlichem Stamme, Heinrich der Seefahrer, welcher immer kühnere Fahrten unternahm. Andere Völker folgten in ihren Unter nehmungen nach, und namentlich befleißigte man sich immer mehr, große, zweck mäßig eingerichtete und dauerhafte Schiffe für die Meeresfahrt herzurichtcn. Die Schiffsbaukunst und die Schifffahrtskunst, erstcre früher mehr hand werksmäßig und ohne bestimmte Grundsätze dem Herkommen gemäß ausgeübt, erhoben sich zu Wissenschaften, traten mit anderen Wissenschaften, als Geo graphie, Natur- und Sternkunde u. s. w., in sich gegenseitig unterstützende Ver bindungen, und legten so den Grund zu den Scewiffenschaften, welche gegen wärtig vom künftigen.Seemanne auf besonderen See- oder nautischen Schu len, wie sie sich oft an berühmten Hafenplätzen vorfindcn, erlernt werden. Doch bevor wir weiter gehen, achten wir noch auf die Beschreibung, welche ein neuer Reisender vom Anfänge seiner Reise und von dem Schiffe giebt, welchem er sein Leben eine Zeit lang anvertraute. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Lust vom Donner eines schweren Geschützes erbebte und die Fenster an meinem Schlafzimmer erklirrten. Es war das Zeichen, daß die Passagiere sich zur Abfahrt versammeln sollten. Ich machte mich schnell bereit und eilte zu dem großen Seehafen. Die Luft war etwas nebelig und hatte dadurch ein geheimnißvollcs Aussehen. ' Mast baum an Mastbaum stieg wie ein entblätterter Wald aus den ungeheuren Schiffen empor. Fahnen und Wimpeln von allen erdenklichen Farben flat terten in der Luft, und zwischen den hohen schwarzen Rümpfen der Seeschiffe wimmelte eine Menge kleiner Kähne und Boote. - Dazu schrien und lärmten die Matrosen, die Packknechte, Sackträgcr und was sonst sich aus Neugier ge-Schifffahrt. 7 Schiffe auf offenem Meer. Stunde war Alles zur Abfahrt bereit. Der Capitain nahm seinen Hut ab und betete; die Matrosen und alle'Anwesenden folgten seinem Bespiele. ^ Dann wurden Weingläser arrst Tellern herumgereicht und Alle tranken, mit einander ankiingend, aus glückliche Fahrt. Die Treppe an der Seite des Schiffes wurde abgenommen; die Boote wurden eingewunden und festgemacht. Der Steuer mann und der Lootse traten an das Steuerrad. Der Befehl zum Aufwinden des Ankers wurde gegeben. Die Matrosen steckten hölzerne Riegel durch den Werbebaum und gingen singend und im Takte um denselben herum. Knar, rend hob sich der schwere Anker aus dem Grunde empor, und sofort begann sammelt hatte, daß man kaum zu bleiben wußte vor dem Geräusche und Ge- wirre. Schnell hatten wir auf einem Boote das Schiff erreicht, das uns in die weite, grünlich schimmernde See tragen sollte, und auf einer zierlichen Treppe, die an der Außenwand bis zum Wasser herabhing, stiegen wir auf das Verdeck. Mit der größten Schnelligkeit brachten die Matrosen einem Jeden sein Gepäck und stellten und ordneten es nach Wunsch und Willen. Ein kühler Morgenwind hauchte in die Segel; die aufgehende, aber noch im Nebel ver borgene Sonne setzte die Luft in eine leichte Bewegung. Nach Verlauf einer8 Einleitung. das Schiff, sich langsam und majestätisch fortzubewegen. Zwölf Kanonenschüsse erdröhnten von unserm Verdecke und aus dem Hafen wurde von den umher liegenden Schiffen salutirt. So nahm das atlantische Weltmeer unfern ohn mächtigen Kahn auf seinen RücM; denn so klein erscheint selbst das größte Linienschiff in Pnrade. Schiff, wenn man die hohe See in so endloser Weite vor sich sieht. Die Ein richtung unseres Schiffes aber war folgende. Es war eine große, schöne Kauffahrtei-Fregatte von 120 Fuß Länge und 30 Fuß Breite. Sie hatte, wie jedes Seeschiff, drei Masten, von denenSchifffahrt. der Mittelmast der stärkste ist, der vordere wird Fockmast, der Hintere Be- sanmast genannt. Der mittlere Mast war 80 Fuß hoch, und die aufgesetzten Stangen betrugen ungefähr eben soviel, so daß das Ganze wohl die Höhe eines bedeutenden Kirchthurms erreichte. Auf dem großen Maste wehte ein farbiger Wimpel, und am Hintermaste, am sogenannten Flaggenstocke, die Flagge von Hamburg mit seinen Thürmen. Außer den drei genannten Masten, die in ungleicher Entfernung von einander ausgestellt sind, ragt am Vordertheile des Schiffes in ganz schiefer Lage noch ein anderer langer Mast über das Wasser hinaus. Dieser wird das Bugspriet genannt und ist für das Schiff ungefähr dasselbe, was für den Vogel beim Fliegen der Schnabel ist; denn seine Bestimmung ist, die Luft zu spalten, damit der nachfolgende Rumps dev Schiffes leichter durchdringen könne, llebrigens trägt auch er seine Segel. Unter dem Bugspriet ist gewöhnlich in schöner vergoldeter Arbeit dav Zeichen des Schiffes angebracht. Wir hatten einen Adler, der seine Flügel ausgebreitet hielt, als wollte er eben emporfliege». Die Masten ruhen auf dem Schiffs kiele, d. h. auf dem untern Grunde des Schiffes, welcher aus den stärksten eichenen Balken zusannncngcsetzt ist. Sie werden oben noch verlängert drnch aufgesetzte Baumstämme, damit desto mehr Segel angebracht werden können. An dm Masten querüber sind starke Baumstangen befestigt, welche man Raacn nennt. An ihnen hängen die Segel. Mehrere hundert dicke Taue, so heißen die Schiffsseile, halten Masten und Segel zusammen, daß sie nicht aus ihrer Stellung weichen können, und kreuzen sich durch einander, wie die Fäden eines Gewebes. Der Ort im Schiffe, an welchem sich der Cvmpaß befindet, heißt das^ Compaßhäuschen. Das Verdeck ist gleichsam wie das flache Dach eines Hauses. Rund her um ist cs mit einem starken Geländer eingefaßt. Vierzehn Kanonen blickten rings um unser Verdeck $u den Schießscharten hinaus. Beun Vordennaste war die Küche, die wie eine hölzerne Hütte aussah, inwendig aber ganz mit Blech beschlagen war, damit kein Feuer ausbrechen könnte. Sie war sehr klein, und doch konnte nvthigenfalls für -150 Menschen das Esten geliefert werden. Weiter nach vor» befindet sich der sogenannte Werbe- oder Tum melbaum, um welchen die Ankerkettc geschlungen ist. Der Anker- wiegt ge wöhnlich 25 bis 50 Centner, und jedes Schiff hat deren mehrere zu seiner Befestigung. Vor und hinter der Ankerwinde führen Oeffnunge» zu den Schlafstellen der Matrosen hinab. Die Treppen sind durch ein kleines Treppen haus gesichert, und können verschlossen werden. Zu beiden Seiten des Mittel maßes kommen die Ankerketten herauf, die um eine starke eiserne Sperre lau ft". Vor und hinter dem Mittelmaste sind zwei große Oeffnunge», durch welche die Ladung in das Schiff hinabgclasscn wird. Sie werden durch schwere, hölzerne Deckel so fest verschlossen, daß kein Wasser hindurchdringen kann. Bei dem Besanmaste sind ähnliche Oeffnunge»; über diese erheben sich große Rah-10 Einleitung. men, die auf allen vier Seiten mit Fenstern versehen sind, um die große und kleine Cajiite mit Licht und Lust zu versehen. Die Fenstergläser sind durch messingene Gitter vor dem Zerbrechen geschützt. Außerdem sind zu ander weitiger Bestimmung noch mehrere große, dicke, runde Glasscheiben mit messingenem Rande in die Decke des Schiffes eingeschraubt. Hinter dem Be- sanmaste sind das Steuerrad, durch welches das Steuerruder gelenkt wird, und die Compasse angebracht, die bei jeder Bewegung des Schiffes immer horizon tal schweben, damit die Richtung der Magnetnadel nicht gehindert wird. Das CompWmlöchen. Vom Verdecke nun fuhren rechts und links Treppen in das Zwischen deck hinab. Links hinter dem Besan kam man bei unserem Schiffe i» die große Cajute. Sie war ganz mit fein polirtem Mahagoniholz getäfelt. Außer dem Lichte, das durch deu großen Glasrahmen vom Verdecke hereinfiel, hatte sie noch an der Hinterwand des Schiffes vier Fenster, die auf dem. Meere meist mit Laden geschlossen bleiben müssen, weil die Wogen sie sonst zerschlagen wür den. Die Wände der Cajüte waren mit Pistolen und Gewehren verziert, die so künstlich anfgehangt waren, daß sie allerlei Figuren bildeten. Gerade unter dem Glasrahmen stand der Tisch. Er war mit einem kostbaren Teppiche be legt und am Fußboden festgemacht, so daß er nicht gerückt werden konnte.Schifffahrt. Uefar dem Tische hing eine schön vergoldete Lampe. Außerdem waren an passenden Stel len noch Thermometer und Barometer aus gehängt. ' Rechts und links führten auf jeder Seite drei Thüren zu den Schlafstellen und Veguemlichkeitsgemächern der Passagiere. Die Thüren gehen gewöhnlich nicht in Angeln auf und zu, sondern werden seitwärts aus- und eingeschoben und laufen auf Rädchen in metallenen Rinnen. Jede Schlafstelle bekommt durch eine von £ den oben erwähnten runden Glasscheiben des Verdecks ihr eigenes Licht. Die Betten kön nen an die Wand geschlagen werden, so daß hinlänglicher Raum zum Ankleiden gewon nen wird. Jeder Reisende hat seine beson dere Schlafstelle, und da stellt er denn unter' das Bett seinen Koffer und seine sonstigen kleineren Habseligkeiten. Die zweite Cajüte ist meist eben so ein gerichtet, wie die erste, nur nicht so kostbar. In der Mitte stand eine lange Tafel. Et was vor derselben fiel durch den Glasrah men das Licht herein. In den Schlafhütten dieser Cajüte wohnen der Capitain, die Steuermänner und diejenigen Passagiere, welche ein geringeres Fahrgeld bezahlen. Im Vordertheile ist in der Mitte die Kammer für Segel und Segeltuch, und rechts und links von ihr befinden sich kleine Speisekammern. Durch eine derselben führt eine Treppe hinab in den Mittlern Raum, wo ein Theil der Ladung liegt. Unter den Cajüten und den Kammern bei dem Fockmaste ist der eigentliche Schiffs- l '«um. Durch ihn gehen die drei Masten bis auf den Kiel herab. Vor dem Fock maste ist der Steinkohlenvorrath für die Küche. Um den Mittelmast liegen die großen Ankertaue, vor und hinter demselben viele große Wasserfässer und ein bedeutender Theil12 Einleitung. der Ladung. Im hintern Theile beim Besanmaste befindet sich der Wein keller, die Kammern für Mundvorräthc und in einem verschlossenen Winkel die Pulverkammer. Allein so merkwürdig Bau und Einrichtung eines gewöhnlichen Segel schiffes, wie das eben beschriebene, immerhin sein mögen, so hat die Schiffsbau- künde der Neuzeit mit der Erbauung der Dampfschiffe einen Fortschritt gemacht, durch welchen fast alle bisherigen Schiffe in - den Hintergrund gestellt wer den. Dieser Umschwung ward durch deu Amerikaner Robert Fulton, den Erfinder des Dampfschiffes, herbeigeführt, und führte wiederum auf die Er findung der Dampfmaschine durch James Watt, indem Fulton die, be wegende Kraft derselben als fortbewegende verwandte, als welche wir sie in den Locomotivcn der Eisenbahnen und auf den Dampfschiffen in Anwen dung finden. Wir würden nur allzu weit in die Geschichte des Dampfes oder auch nur der Dampfschifffahrt eingehen müssen, wenn wir die stufenweise Ausbildung des Dampfschiffes bis zu seiner gegenwärtigen Höhe darlegen wollten. Nur das Nothwendigste möge hier eine Stelle finden. Der Gedanke, Dampfmaschinen auf die Schifffahrt anzuwenden, ward bald nach Erfindung dieser wichtigen Maschinen überhaupt in Vorschlag gebracht; allein dein bereits genannten Ro bert Fulton gelang es erst, ihn 1807 in dem von ihm erbauten Dampf schiffe, mit welchem er den Hudson befuhr, in Ausführung zu bringen. So leicht und einfach die Sache erscheint, so wenig konnten sich selbst die tüchtig sten Köpfe mit derselben vertraut machen, so daß Fulton's Plan zur Benutzung der Dampfkraft in Bewegung der Schiffe, als er denselben dem Kaiser Na poleon vorlegte und dieser ihn einer Gesellschaft angesehener Gelehrter Frank reichs zur Prüfung überwies, von denselben geradezu verworfen ward; Durch seine Ausführung wäre ^Napoleon die Eroberung Englands vielleicht möglich, und die Machtstellung desselben, sowie sein Ansgang ein ganz anderer geworden. Der Plan wurde verworfen, dessenungeachtet erschien aber 1813 auf der Themse das erste Dampfschiff. Seit jener Zeit hat man an der Verbesserung und Umgestaltung der durch die Dämpfe bewegten Maschinentheile unablässig ge arbeitet, so daß schon 1819 der atlantische Ocean von einem Dampfer durch schifft ward, während gewaltige, fast^ Häuser artige Dampfschiffboote den Vater der Ströme Nordamerikas, den Mississippi, majestätisch da durchfurchten, wo einst der einfache Canot der Indianer schwamm. Die ersten Dampfboote waren, wie auch das vorstehende Mississippischiff, mit Ruderrädern an beiden Seiten versehen, welche, von Eisen gefertigt, den unterschlächtigcn Mühlrädern gleichen und in der Mitte mit Schaufelbretern von starkem Bleche versehen sind. Durch den Gang der Maschine werden sicin Bewegung gesetzt, greifen ins Wasser ein und treiben das Schiff dadurch vorwärts. Nur etwa der vierte Thcil des Rades befindet sich im Wasser. Allein so günstig für die Schifffahrt diese Einrichtung auch immerhin sein mochte, so erkannten Männer vom Fach gar bald die Mängel derselben, be sonders die leichte Zerbrechlichkeit der Ruderräder, die bei Kriegsdampfern so gar für das ganze Fahrzeug verderblich werden konnte, sobald vielleicht ein einziger Schuß die Räder zertrümmerte. Da machte sich in neuester Zeit ei» anderer Mechanismus geltend: die archimedische Schraube, und es hat derselbe bereits bei der englischen Kriegsmarine ausgedehnte Verbreitung gefun- MUsilsippid-mlpsboot. den. Das größte Linienschiff der Welt, der Wellington, ist mit derselben versehen, während gewaltige Handclsschraubendampfer nach seinem Vorbilde von englischen Gesellschaften erbaut werden sollen. Der Wellington führt 151 Ka- nonen, 1000 Mann Besatzung, hat einen Gehalt von 4209 sonnen Last, lohne eine Länge von 280 Fuß, bei einer Breite von 60, einer vordern Tiefe von 87, und einer hintern von 68 Fnß, so daß sein gesammter Inhalt wehr als eine Million Kubikfuß beträgt, lind solch ein Riesenschiff bauten die Nachkommen jener Männer, die, von staunender Neugier getrieben, den einfachen Kriegsfahrzeugen Cäsar's in von Ruthen geflochtene» Kähnen ent gegenfuhren !14 Einleitung. Unter den vielen Gefahren, welche dem Schiffe in der Nähe der Küsten, besonders zur Nachtzeit, drohen, stehen die Klippen und Sandbänke oben an. Gar manches Schiff hatte glücklich die fernsten Meere durchschifft und scheiterte endlich an den heimatlichen Gestaden. Drum trug man schon in alten Zeiten Sorge, den ansegelnden Schiffen durch Feuerzeichen die Nähe des Ufers, so wie die gefährlichsten Stellen desselben anzuzeigen. Aus solch einfachen Anfän gen entstanden nach und nach die Leuchtthürme, und die Geschichte erzählt uns von einem äußerst prachtvollen, welchen König Ptolemäus Philadelphus von Aegypten bereits im Jahre 283 vor Chr. Geburt auf der Insel Pharus am Lcilchtllmrm auf der Insel Pb-ruS. hddl j» r-ge. Eingänge des Hafens von Alexandrien mit ungeheuren Summen erbauen ließ. Er soll ursprünglich für eine Höhe von 1000 Ellen angelegt worden sein, und war so eingerichtet, daß sich ein Stockwerk über dem andern in pyramidaler Abstufung erhob. Hat er auch jene ungeheure Höhe nicht erreicht, so ward er doch allgemein als ein Weltwunder angestaunt, und obwohl in der Gegen wart keine Spur mehr von ihm erhalten ist, so erhob er sich doch bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts in einer Höhe von 150 Ellen. Ja sein Ruhm war so groß, daß man noch heute jeden Leuchtthurm nach ihm Pharus nennt. Die neuere Zeit hat an der Vermehrung wie Verbesserung der Leucht-15 Schifffahrt. thürme gleich sehr gearbeitet. In erstcrcr Beziehung hat man sic an allen für die Schifffahrt wichtigen Küstenpunkten, sowie nicht selten auf Klippen und Untiefen errichtet, und dabei weder Anstrengung noch Kosten gescheut; dagegen in letzterer Hinsicht die in früheren Zeiten übliche Erleuchtung durch Fackeln oder Holz durch Gas oder andere starke Beleuchtungsinittel ersetzt, ja man ist be müht gewesen, diese an und für sich schon weitstrahlenden Flammen noch Lurch besondere optische Vorrichtungen zu verstärken. Doch bevor wir weiter gehen, wollen wir die Erbauung des Leuchtthurmes von Eddystone, des merkwürdig sten der ganzen Erde, etwas ausführlicher erzählen. Am Eingänge des Hafens von Plymouth erhebt sich der scharfe Grat einer Klippe, die beständig von Wogen umbraust ist und ihre Zacken noch weithin unter der Fläche erstreckt, so daß das Ein laufen der Schiffe nicht nur be schwerlich, sondern bei stürmischem Wetter sogar unmöglich wird. Die Brandung ist hier so fürch terlich, daß sie wohl mit keiner an dern an den europäischen Küsten verglichen werden kann. Hier einen Leuchtthurm zu errichten, der dem mit Nacht und Wellen kämpfenden Schiffen ein rettender Stern würde, war schon oft Gegenstand sehr ernster Bera thungen gewesen; aber cs schei terten alle Entwürfe und Vor schläge an der Unbezähmbarkeit des Elements. Selbst wenn man bei ruhigem Wetter nach den Felsen segelte, die ungefähr 1% putsche Meile vom Lande entfernt sind, mußte man sich überzeugen, daß weder Stein noch Cement im Stande wären, dieser Gewalt zu trotzen. Ein Mann nur widersprach. Es war Winstanley, einer der reichsten Bür ger von Plymouth und der größten Sonderlinge, die England jemals hervor gebracht. Seine Zeit und sein Geld wendete er auf allerlei mechanische Selt samkeiten, und was er nicht im Stande war, allein auszuführcn, das ließ er "ach seiner Angabe genau von den geschicktesten Meistern verfertigen. Ihn hat- cn lange schon die Felsen von Eddystone beschäftigt. Schweifte sein Blick über en Hafen und sah er die malerischen Formen der Klippen bald höher, bald Leuchtthurm von Eddystone.1(5 Einleitung. niedriger aus dem Wasser hervorragen, so zogen Wolken über seine Stirn, und er sprach laut mit sich selbst, knirschte mit den Zähnen und murmelte' „Dich sollte ich nicht überwinden können?" — Endlich rückte er mit dein Anträge hervor, er wolle es unternehmen, auf eigene Kosten einen Lcuchtthurm auf Eddystone gu bauen. Man war freudig überrascht, allein man wunderte sich nicht darüber, da der Antrag von dem merkwürdigen Manne kam, der nicht nur mit großem Neichthume, sondern fast mit übernatürlichen Kräften aus gerüstet schien. Winstanley machte sich bald ans Werk. Arbeiter kamen von allen Seiten herbei; die tüchtigsten Ingenieure führten den von ihm entworfenen Plan aus, und da nur bei ruhigem Wetter gearbeitet werden konnte, so ist leicht abzu nehmen, wie langwierig die Vollendung des Unternehmens war. Allein der schönste Erfolg schien diese rühmliche Anstrengung gu krönen, und mit inniger Theilnahme sahen die Einwohner von Plymouth, wenn die See nicht hoch ging, die weißen Mauern beS Wunderbaues auf dem schwarzgraucn Felsen emporsteigen, eine Zierde der Gegend, ein Trost der Handelnden und Schiffen den. Bald wollte man das Fest der Einweihung feiern, an welchem von der Kuppel die Flammenkronc über das wilde Gewässer erstrahlen sollte. Der Ban war auf eigene Art beschafft worden. Man hatte dazu das härteste Ma- terial verwendet. Der ganze Grund in sehr beträchtlicher Höhe war durchaus massiv, und weder Gemach noch Treppe darin. Es war ein Bau, der die Pyramiden zurückließ und in Festigkeit wol nie überboten war. Auf diesem Grunde erhoben sich nun weit aus einander stehende, feste Pfeiler, welche den Thurm trugen, worin die Zelle für den Wächter und die Glashaube für die Lampen waren. Man hatte die Pfeiler gewählt, um dem brandenden Meere, wenn es bei großem Sturme diese Höhe erreichen sollte, keinen" trotzenden Widerstand entgegenzustellen, sondern den Wellen freien Durchzug gu gestalten. So glaubte man dem obcrn Theile des Thurmes die nöthige Sicherheit zu ge währen. Winstanley sah sein Werk und war damit zufrieden, und Alle, die es sahen, glaubte», die Aufgabe sei auf das Zweckmäßigste gelöst worden. Ein Wächter war bestimmt, den Thurm zu beziehen, und die Zeit war nicht mehr- fern, diesen Pharus segenbringend durch die Nacht leuchten zu sehen. Winstanley, der Sonderling, ging, wie es hieß, mit dem Gedanken um, in dem Meeresbaue gu wohnen. Er selbst hatte zwar nichts Bestimmtes dar über geäußert, allein der Seltsamkeit wegen konnte man ihm dieses Gelüst wol zuschreiben. Nur das sagte er laut, daß er es für die höchste Lust ansähe, auf Eddystone einem Orkane zuzuschauen. Die Jahreszeit war indessen so mild und beständig, daß er lange vergebens auf die Erfüllung dieses Lieblings- Wunsches harren mußte. — Es war im Jahre 1703. Der Sommer neigte sich dem Herbste zu, und die gewaltigen Stürme der Tag- und Nachtgleichc begannen ihre Vorboten zu17 Schifffahrt. senden. Winstanlep's Augen belebten sich von einem innern Fmer Höher rollten die Wogen, gräßlich Pfiff der Sturm, man horte von Unglucksfallen an der Küste; Winstanley schien dies Alles nur Kleinigkeit; er "wartete eu c furchtbaren Kampf und war gewiß, daß er nicht auMieb En lch erschien der ersehnte Augenblick. Nachmittags schon lagerte sich tiefe Na ) 9 her; der Wind heulte so seltsame Melodien, und tief mitten un Meere vernahm man ein Brüllen wie von losgebrannten Batterien. Die See N»g ) w- der weiße Schaum, der an den Strand trieb, zeigte an , wc für ) Wogenberge hoch oben im Meere zu jeder Stunde zerschellten. • $'‘ im Blicks stand Winstanlep am Ufer. Der weiße Thurm ragte aus »er Bram düng, die zwischen den Pfeilcröffnungen hindurchströmte; von dem hohen M - damente war Nichts mehr zu sehen. „Heute soll sich seine Festig e> lichkeit nun ersten Male bewahren", rief der Erbauer; ,,'ch selbst wUl y> - über, um die Lampen in der Kuppel anzuzünden!" Man^bemerkte ihm, scheine, als ob der Thurm hin- und herschwanke wie der Mast emes 6ifcher- kahnes. „Narrheit!" rief er, „das macht der Wellentanz!" Plötzlich schru man, der Thurm sei verschlungen; denn die Wellen hatten ihn ganz bedeut. Da erbleichte Winstanlep, aber gleich lächelte er wieder, denn wie ein badender Niese sprang der Bau aus dem Gischt empor: die Wellen hatten ihn wol aus einen Augenblick überragen können, aber seine Festigkeit trotzte. „Sie ha en ihm die Kuppel abgespült, damit die Lampen besser glänzen", rief Winstanlev und-stieg in ein Boot. — m Mit Gefahr setzte er zum Thurme über, und die versammelte Menge blickte ihm nach und stand so lauge, bis die Loorsen heil und glnckli) zürne - gekehrt waren; dann sah man balv darauf die Lampen im Thurme leuchten, die der muthvolle Sonderling mit eigener Hand anzündete. Trotz des wutyen- den Orkans blieben noch viele Stunden die Leute auf dem Platze, um nach Eddpstone zu schauen, und sie zerstreuten sich i» der angenehmen Hoffnung, an andern Tage eine- recht lebhafte Schilderung aus dem Aiun>.e dev ,e i at ' Waghalses zu vernehmen. Bis dahin hatte noch Niemand auch nur cm danken Raum gegeben, auf jenem Felsen eine Nacht zu verweilen, W für )- terlich war selbst bei ruhigem Wetter die Gewalt der Brandung, " Morgen, als die Wuth des Sturmes noch immer zunahm, sahen die fl ) plötzlich die Lichtlein auf Eddpstone verschwinden, und als es, -W, war t die See ruhiger ging, sah man zwar die Klippe wieder deutlich wie soi s einer Unzahl Mövcn umschwirrt, aber von dem stolzen Gebau e, vran e so vielen Monaten gebaut worden war, erblickte man keine pur. an frag .sich halb überrascht, halb zweifelnd entsetzt, ob das Ganze nur ein Traum gewesen. Es war aber die erschütterndste Wahrheit; Wmstanley un se Leuchtthurm lagen im Grunde des Meeres begraben. — Für immer schien nun das Project eines solchen Lcuchtthurmes auf )- Jll. gold. Itlnderi-uch. IV. 2. Ausl. "18 Einleitung. stone aufgegeben, als ein reicher Seidenhändler von London mit Sachver ständigen nach Plymouth kam, um sich von der Oertlichkeit zu unterrichten und den Bau, wenn es anginge, zu wagen. Der Mann hieß Rudyerd. Man überzeugte sich, daß das Unglück Winstanley's hauptsächlich durch die Form, die man dem Bane gegeben, und durch die Sprödigkeit des Materials herbei geführt worden sei. Die vier Ecken boten den Wellen eben so viele günstige Angriffspunkte; daher kam man überein, den neuen Ban rund ansznführen. Die Eiche ist rund und trotzt dem Sturme, und deshalb sollte das Gebäu seine Gestalt von der Eiche entlehnen. Um die Sprödigkeit des Steines zu mildern, wurde derselbe mit starken Bohlen bekleidet, deren Elastieität den Wellen nachgab und , den Grundbau schützte. Man ging nach dieser Ansicht ans Werk, und hatte die Freude, den Leuchtthurm ohne sonderliches Hindcrniß aufzuführen. Der Bau stand vierzig und einige Jahre, als 1755 der Blitz einschlug und die Flammen ihn verzehr ten. Ein Gebäude, das dem Unter gänge durch Wasser ausgesetzt war, durch das Feuer nntergehen zu sehen! — Es schien, als hätten sich die Elemente ver schworen, keinen Leuchtthurm aufEvdy- stone bestehen zu lassen. Ein muthiger Mann, der Oberst Smeaton, ließ sich jedoch hierdurch nicht schrecken. Durch die bereits gewonnenen Erfahrungen, sowie durch eigenes Nach denken geleitet, führte man nun den Bau auf eine ganz eigenthümliche Weise aus, wie vielleicht kein ähnlicher auf der Erde sich findet. Man behielt die runde Form bei und baute zwei hohe Stockwerke durchaus massiv. Weder die kleinste Treppe, noch sonst ein leerer Raum sind in diesem Theile des Baues vorhanden. Es ist eine wetterfeste Masse aus Steinen, Holz und Eisen, aus das Innigste verbunden. Starke Marmorquadern hängen durch gewaltige Eisenklammern an einander, die bedeutend tief in die Quadern hinein gehen; dazwischen ist Alles mit Cement ausgefüllt. Um das Ganze liegt eine Riesenkette von Eisen, die rothglühend in die Rinne des Steines eingelassen, dann mit Blei ausgegossen wurde, im Erkalten sich zusammenzog und so den ganzen Bau mit ungeheurer Kraft zusammenschnürte. Erst aus diesem Grunde erhebt sich die Wohnung der Wächter, aus welcher eine Treppe in die Laterne Durchschnitt dl» Lcnchtthuimc»Schifffahrt. 19 führt. Drei Männer wohnen beständig hier oben. Der Thurm hat eine Höhe von 93 Fuß. Sei es, daß die Festigkeit jetzt wirklich so wohl berechnet als ausgeführt ist, oder daß Sturm und Wellen noch nicht Ernst machten: der Leuchtthurm auf Eddystone steht seit 1760 noch bis zu dieser Stunde, obgleich die Wogen ihn manchmal um 200 Fuß überragen. Wahr ist es, daß der Bau im Sturme zittert und schwankt; dies aber verbürgt vielleicht seine Dauer, denn auch die Bäume bleiben ja bekanntlich stehen, die sich vom Sturme beugen lassen. — Ein deutscher Reisender, welcher an einem Morgen nach einer wil den Nacht stch einmal nach Eddystone schiffen ließ, fand die Wächter beim Früh stücke und wohlgemuth. „Die Wellen kamen wol bis-zu Eurem Fenster und 3Hr werdet Schaum im Zimmer gehabt haben", bemerkte er. „Mein Herr, Allein trotz aller Leucht- thürme gehen noch alljähr lich viele Schiffe unter, theilö weil Tausende von Klippen im Oeean noch unbekannt und darum auf: de» Seekarten nicht ver zeichnet sind, theils weil die Schiffer nicht immcr auf die selbst bekannten ©iit mcmcfyeö (Schiff Ein Dreimaster auf ein Felsenriff anrcnnend. Ml seinem Ziele oft bis aus . - v-'enige Meilen nahe und geräth noch auf ein Felsenriff, wird leck, und die Mannschaft kann sich nur durch die schleunige Flucht vor dem sichern Tode ret- ten. Dann ertönen die Nothschüffe in weite Fernen, um Schiffe zur Rettung herbeizurufen, und wohl der Mannschaft, wenn ein solches sich in nicht zu großer Entfernung befindet. Doch nur zu häufig ist alle Hilfe für den Augen blick fern, und jedes Jahr bringt Ereignisse, welche die Herzen aller Menschen freunde mit tiefem Mitleid erfüllen, nicht zu gedenken der großen Trübsal, welche über viele näher betheiligte Familien gebracht werden. Welche Schreckensseenen M) aber bei einem Schiffbruche ereignen, mag der Untergang des englischen Dampfschiffes ..Birkenbead" ausführlich zeigen. das grüne, helle Wasser", gab ihm der Eine kalt zur Antwort, indem er ein Glas Wcrmuth hinterstürzte.20 Einleitung. Pferdekraft, bestimmt, britische Truppen zur Vermehrung der Streitmacht am Cap überzuführen, verließ, geführt von dem Master Commander Salmond, einem tüchtigen Seemanne, der zu den Verunglückten gehört, am 2. Januar 1852 Portsmouth, am 7. Queenstown bei Dublin, und hatte noch viele Rei sende, zumal Frauen und Kinder, ausgenommen, welche diese als völlig sicher geachtete Gelegenheit zu ihrer Ncberfahrt benutzen wollten. Nach einer glück lichen Fahrt von 47 Tagen erreichte das Schiff am 25. Februar die Simons bai, und sah sich somit fast am Ziele seiner Bestimmung. Ein Offizier und 18 Mann wurden hier au daS Land gesetzt, während 15 Offiziere und 476 Mann an Bord blieben. Von dort lief das Schiff am Abend des 25. Februar bei günstigem Wetter wieder aus, und um die Trnppcnverstärkung möglichst schnell nach der Algoabai, wo sie gelandet werden sollte, zu bringen, fuhr der Capitain zu nahe am Lande hin, wo sich von dem Point Dauger (deutsch: Punkt der Gefahr) verborgene Riffe bis 5 englische Meilen in die See erstrecken. Ungefähr 2 englische Meilen von der, einen Theil der soge nannten falschen Bai bildenden Simonsbai stieß das Fahrzeug, während es mit einer Schnelligkeit von 8% Knoten in der Stunde dampfte, am 26. Fe bruar früh um 2 Uhr auf eines jener unsichtbaren Riffe und der spitze Felsen drang gerade hinter dem Fockmast in den Schiffsboden ein. Die See war ruhig und hätte die Rettung erleichtert, wäre das Leck nicht gar so gewaltig gewesen; so aber strömte das Wasser gleich mit einer solchen Stärke ein, daß die meisten der im untern Truppen-Zwischendeck befindlichen Menschen bereits in ihren Hängematten ertranken. Der Rest der Mannschaft und alle Offiziere sammelten sich auf dem Deck, wo der Major Seaton die. Offiziere auf die Nothwendigkeit aufmerksam machte, Ordnung und Stille unter ihren Leuten zu erhalten. Diese Mahnung wurde mit einer unter solchen Umständen wahr haft ergreifenden Pünktlichkeit befolgt. Der gelassene Muth, mit dem diese jungen, meist noch wenig geübten Soldaten ihrem Tode entgegengingen, ist ein seltener Beweis der außerordentlichen Mannszucht und des Heldenstnncs dieser Krieger, worauf England mit Recht stolz sein darf, und worin es einen Trost für diesen schweren Unfall findet. Alle Befehle, welche Capitain Wright vom 91. Regiment ertheilte, wurden sofort mit der größten Ordnung und Regelmäßigkeit ausgeführt; die Mannschaften stellten sich in Reih und Glied auf, wurden eingetheilt und begaben sich auf die ihnen zugewiesenen Posten mit einer Kaltblütigkeit, als ob sie sich auf dem Erercirplatze befänden. Jeder verrichtete ohne Murren, was ihm befohlen war, und lautlos versanken die Pflichttreuen in den Wellen. Geräuschloser als bei einer gewöhnlichen Ein schiffung wurde im Angesichte der gähnenden Tiefe zu Werke gegangen. An die Kettenpumpen des untern Hinterdecks traten 60 Mann, die sich gegenseitig abzulösen hatten; 60 andere waren an die Takeln der Rudergehäus-Boote beordert, die übrigen zur Erleichterung des Schiffes auf das Hintertheil ge-22 Einleitung. bracht worden. Der Capitain ließ die Pferde über Bord werfen und für die Frauen und Kinder, die sich alle ängstlich unter dein Zelte des Hintertheils zu sammengedrängt hatten, den Kutter in Bereitschaft setzen. Kaum aber war er 150 Ellen vom Schiffe entfernt, so brach der ganze Bug am Fockmast ab, das Bugspriet richtete sich gegen den vorder» Topmast empor, der Schlot stürzte ein, erschlug die an den Tauen der Radgehäus-Boote beschäftigten Leute und riß das Steuerbord-Radgehäuse und das daran liegeirde Boot mit sich fort. Ein herabgelasscncs anderes Boot schlug um und zu dem großen Boote in der Mitte des Schiffes konnte man nicht mehr gelangen. Das Drängen nach dem Hinterthcile des Schiffes wurde jetzt allgemein; etwa 15 Minuten hatte der grausenhafte Vorgang gedauert und nach 5 weiteren Minuten brach das Schiff, gerade hinter dem Maschinenraum, kreuzwcis entzwei, worauf sich der Stern mit Wasser füllte und sank. Einige Mann sprangen noch auf den Mittlern Rumpf hinüber, aber die Mehrzahl der Offiziere und Mannschaften ging unter; eben so ertranken die, an den Pumpen arbeitenden Mannschaften, ohne das Deck erreichen zu können. Äls das Schiff im Sinken begriffen war, rief der Commandant: „Wer schwimmen kann, der springe über Bord und suche die Boote zu erreichen!" Capitain Wright und Lieutenant Girardot vom 45. Regiment baten die Leute, den Rath des Commandanten, dem Kutter nachzuschwimmen, nicht zu befolgen, da dieser sonst überladen werden und sinken würde. Wirklich machten auch nur drei den Versuch, die Frauen und Kinder dieser Gefahr auszusetzen; alle klebri gen suchten sich zu helfen, so gut es gehen wollte, und Jeder trachtete nur da nach, eins der schwimmenden Holzstücke zu erhaschen, um es als Fahrzeug zu benutzen. Die Einen klammerten sich an die Taue des Hauptmastes an, der noch über das Wasser hervorragte; Andere, die hier keine Rettung hofften, vertrauten sich den Wellen an. Viele, um leichter zu schwimmen, hatten sich entkleidet; es war ihr Verderben. Die Haifische, welche zu Hunderten das Schiff umkreuzten, suchten sich gerade diese Opfer aus, während sie die mit Kleidern Versehenen bei der Auswahl verschmähten. Die Offiziere hielten bis zuletzt aus, und erst, nachdem sic Allen die Hilfe geleistet hatten, die unter solchen Umständen möglich war, stürzten sie ihren Leuten ohne Angstruf in das Meer nach. Capitain Wright war so glücklich, mit fünf Anderen ein großes Stück Sparrwerk zu erreichen; sie fischten noch 9 oder 10 der Schiffbrüchigen auf und wurden von den Wogen in der Richtung des Point Langer fort getrieben. Die Last wurde jedoch zu groß, das Holz wollte nicht Alle mehr tragen, und als das Ufer bereits nahe war, ließ Capitain Wright das schützende Sparrwerk fahren, um schwimmend das Land vollends zu erreichen. Es ge lang ihm dies früher, als seinen Genossen, dennoch kamen auch diese, sowie Andere auf ähnlichen Schiffstrümmern wohlbehalten auf festen Grund, nur waren Mehrere davon nackt und Alle ohne Schuhe. Das mit dickem Dorn-Schifffahrt. 23 gebüsch bedeckte Gestade gestattete der Gesellschaft nur langsam durchzudringen und landeinwärts ein Obdach zu suchen. Nach drei mühseligen Stunden trafen sie auf einen Fuhrmann, der sie in eine an der kleinen Bucht Stansord's Cove gelegene Fischerhütte wies. Die Sonne war bereits untergegangen, bevor dieser Zielpunkt erreicht wurde; zum Unglück besaß aber der Fischer gar keine Le bensmittel, weshalb Capitain Wright sich von Neuem ausmachte und in einer Entfernung von 8 bis 9 englischen Meilen eine Farm antraf, von der aus er seinen Gefährten Mundvorrath senden konnte. Weiter landeinwärts, etwa 12 bis 14 englische Meilen, besitzt Capitain Smales eine andere Farm, und Dieser nahm die ganze Gesellschaft, die außer Herrn Wright noch aus Lieutenant Girardot, dem Cornet Bond vom 12. Lancierregiment und 68 Mann, darunter 18 Matrosen, bestand, gastfreundlich bei sich auf. Capitain Wright begab sich aber sogleich wieder an die Küste, und berichtet darüber Folgendest „Drei Tage lang durchsuchte ich die Klippen in der Hoffnung, einige Menschen zu finden, die unter sie hineingerathen wären. Zum Glück traf ich auf die Mannschaft eines Wallfischjägers, der Robbenfang am Dyers- Eiland trieb, und bewog sie, mich mit ihrem Boote bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Das Seegras am Gestade ist sehr dick und von ungeheurer Länge, so daß cs das Treibholz großtentheils auffangen mußte. Das Boot war so glücklich, zwei Schiff brüchige zu entdecken, und ich selbst fischte zwei andere auf, die bereits 38 Stunden im Wasser zngebracht hatten. Natürlich waren sie sehr er schöpft, aber sie gewannen ihre Kräfte, einige kleine Verletzungen abgerechnet, schon i» den nächsten Tagen wieder. Meine Nachforschungen an der Küste und an allen Felsen setzte ich 86 Stunden lang mit der größten Sorgfalt fort; das Dyers-Eiland wurde nicht minder genau von den Wällfischjägern durchsucht, daher sich mit Bestimmtheit annehmen ließ, daß Niemand weiter von den Schiffbrüchigen des Birkenhead nach dieser Rich tung hin verschlagen worden sei. Fünf von den über Bord geworfenen Pfer den, darunter mein eigenes, hatten das Ufer ebenfalls gewonnen; ich stellte die anderen den Offizieren zu, denen sie gehörten; an das Land gespülte Leichen 6af ich jedoch nicht an und blos einige zwischen den Felsen zerbrochene Kisten ">it Habseligkeiten wurden entdeckt." Von den an Bord gewesenen Frauen' und Kindern waren einige zu ihrem Glücke schon in Simvnsstadt ausgeschifft worden, aber auch die auf dem Kutter geretteten hatten die Freude, ungefähr 7 Meilen von dem untergegangenen Birkenhead einem englischen Schooner, Lioncß, zu begegnen, der sie aufnahm. Dieses Fahrzeug kehrte um 3 Uhr Nachmittags an das Wrack zurück, rettete V£*v5r.-V-V- Die letzten Schiffbrüchigen im Rettungsboote.24 Einleitung. .dort noch 40 bis 50 Menschen, die an dem Takelwerke des noch immer aus den Finthen herausragendcn Hauptmastes hingen, und brachte sie nach Simonsbai. Eines von den Booten des gescheiterten Schiffes landete mit dem Unterärzte und 8 Mann ungefähr 15 Meilen vom Wrack. Von den Geretteten mußten 18, theils wegen" Quetschungen, theils wegen Wirkung der Sonnenhitze, in das Marinehospital gebracht werden, die übrigen, die alle freilich nur'das nackte Leben gerettet, befanden sich wohl. Der bereits genannte Cvrnet Bond war mit dem brechenden Hintcrtheile in das Wasser versunken, verdankte es aber seinem mackintoschnen Lebensbe wahrer, den er angelegt hatte, daß er augenblicklich wieder auf die Oberfläche kam. Rings umher sah er Leute, die sich um ihre Rettung abarbeiteten, und vernahm ihr Jammergeschrei nach den Booten. Er selbst versuchte ein solches, das nur 60 Ellen von ihm entfernt war, zu gewinnen, aber sein Rufen ward überhört; er ruderte weiter. Da schwamm er endlich der Küste zu, die er ohne andere Hilfsmittel erreichte. Zwei Männer, die neben ihm schwammen, versanken mit einem Schrei; wahrscheinlich waren sie von Haifischen gepackt worden. Er selbst traf einen günstigen Landungsplatz, arbeitete sich mühsam durch das dichte Seegras und kam auf das Trockene. Rückschauend sah er sein armes Pferd am Ufer und half ihm heraus. Zur . selben Zeit schwamm das von uns oben erwähnte Floß heran, uiid Cornet Bond trug zur Rettung desselben bei, indem er Lieutenant Girardot und den Anderen eine zur Landung geeignete Stelle andeutete. Noch ein anderer Sparren mit drei Leuten wurde in seinem Beisein an die Felsen geschleudert, aber sie gewannen glücklich das Land und kamen mit Quetschungen davon. Einige Flöße trieben mit Tvdten ans Ufer; manche Personen, die es erreichten, starben in Folge der über mäßigen Anstrengung; auch von Haifischen gräßlich verstümmelte Leichen warf die Brandung an das Land. Bond traf, wie gemeldet, später mit Capitain Wright zusammen; der „Rhadamanth" nahm am 29. Februar die Geretteten auf und brachte sie in die Simonsbai. Noch Mancher hätte sich retten können; aber der Instinkt der Pflichr und der Mannszucht überwand den sonst stärksten Trieb der Selbsterhaltung. Man mag diese britischen Männer beklagen, daß sie, wenn sie sterben sollten, nicht den nach gewöhnlicher Schätzung ruhmvol ler» Tod auf dem Schlachtfelde fanden; aber wohlerwogen, es war ein noch größerer Heldenmuth, der die besten Eigenschaften der Menschennatur, ein füh lendes Herz und entsagende Selbstopferung, in sich vereinigte. Das Benehmen dieser „britischen Eisenherzen" wird unvergessen im Andenken der Nation fortleben. Nicht ein einziger, sondern fünfhundert Männer haben sich, von einem und dem selben Gefühl gehoben, ausgeopfert, um hilflose Frauen und Kinder zu retten. , Mem ungeachtet aller dieser Unfälle zur See betritt der Mensch mit'zuver- sichtlichem Vertrauen auf seine Kraft das zerbrechliche Fahrzeug, um auf ihm dieSchifffahrt. 25 äßogeu des Occanä ju durchfurchen, bald in fernen Erdthcilen eine neue Heimath suchend, bald die Erzeugnisse seines GewcrbfleißeS gegen die ferneren Zonen aus- - tauschend. So hat er den Grund zu seiner Herrschaft über die Erde gelegt. Gr |galtet wie ein Gebieter aus dem grauffgen Elemente; die Wogen müssen ih» tragen, die Winde sein Fahrzeug forttreibe», die Dämpfe, gleichfalls Wasser, seine Maschinen bewegen. DaS Steuerruder in der Hand des Menschen schlagt segliche Bahn ein, und der Compaff richtet den Laus und bezeichnet das Ziel, "ach welchem er mit kräftigem Willen strebt. Da segelt er. in den Polarlän- kt’m, muthig den zackigen Eismassen gegcnübertretend, da durchfurcht er die Strömungen des Meeres, ohne von ihnen ergriffen und gegen seinen Willen mit fortgeuommen zu werden, da durchschifft er vermittelst der Dampfkraft selbst jene windstillen Gegenden des Qeeans, in denen Tauwcrk und Segel »»aufgebläht, schlaff herabhängen. Und diese Herrschaft auf dem Meere er leichtert, verschafft ihm die Herrschaft aus dem Laude. So war cs in den Zeiten des Alterthums, so ist es noch heute. Weite Länderstrecken, Wüsten und Einöden erheben sich als Scheidewände zwischen den Völker»; nicht aber der brausende Occan mit seinen stürmenden Wogen und seiner furchtbaren Tiefe. Wa (RimmtsmTf inmitten großer Erdtheile ist von dem geschäftigen Verkehr - l~-y-v bewohner, der Insulaner, oft in wenigen Jahrzehenren zur um. ;u gewonnen werden kann. Fragen wir in der Eulturgefchichtc der Menschheit, worin jener gewaltige Aufschwung, welchen die Menschheit in den letzten drei Jahrhunderten genommen, seinen Grund hat, so must als Hauptbeförderer des selben der durch die Vervollkommnung der Schifffahrt erleichterte größere Ver ehr in erster Stelle genannt werden. Alle anderen geistigen Hebel sind von ... m ,s verlieren ' ' ' :f ‘ MMnhm Kinstust, tVul Ml VUIW; uic ehr in erster Stelle genannt werden. Alle anderen geistigen Hevu >nn Verkehre abhängig und verlieren ohne denselben ihren fesselnden Einfluß, steichwie auch das reinste Quellwasser, in plätschernder Welle dem Mutterberge -»tsprudelt, in Fäuluiß übergeht, sobald cs in Stocken geräth. So. sind durch den vergrößerten und durch die Schifffahrt ungemeinerlelch- lerten Völkerverkehr die Segnungen der europäischen Cultur auch allen übrigen Erdthcilen zu Theil geworden. Keiner, sei er auch noch so fern von uns, liegt wahrhaft fern; der Dampfer erreicht in Kürze seine Gestade und jede neue Lan dung ist ei» Land, welches Heimath und Fremde fester aneinanderknüpft. llnd gleichwie der Mensch von Erdtheil zu Erdtheil wandert, so begleiten auf solcher Wanderung ihn nicht allein die hcimathlichcn Hausthiere, sondern auch jene Gewächse, welche seinen Vätern Nahrung, Kleidung und Arznei gehen, wäh lend die Culturpflanzen der Fremde das Bürgerrecht auf dem heimathlichen Bo- ben erlangen, sobald Klima und Boden cs gestatten, llnd selbst die Gefahren, welche dem Menschen auf dem tückischen Oceanc drohen, haben sich bei solchem zum Weltverkehre gewordenen Völkerverkehre in Folge großer Erfindungen der Neuzeit vermindert.26 Einleitung. Drei große Entdeckungen sind es, welche vom Ende des 15. Jahrhunderts an auf dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde von Europa aus gemacht wurden. Da war es zuerst die Entdeckung des Seeweges nach Indien, sowie die durch gleiches Streben gemachte Entdeckung des großen Erdthcilcs Amerika; endlich aber die Entdeckung von Australien und allen jenen In seln, welche im stillen Occan gelegen unter dem Gesammtnamcn von Ocea- nien bekannt sind. So ist uns endlich fast die ganze Erde bekannt geworden, und nur das unwirthliche Innere des heißen Afrika, sowie die Länder am Nord - und Südpole warten noch ihrer Enthüllung. Wie aber der Mensch mit Hilfe der Schifffahrt seit den letzten Jahrhun derten die bedeutendsten Entdeckungen an Land und Meer gemacht hat, soll in dem vorliegenden „Buche der Entdeckungen" dargelegt werden. Die Leuchtthürme bei Havre.I. Die Entdeckung der. Seewegs nach Indien. Die beiden Halbkugeln der Erde. nf der östlichen Halbkugel der Erde liegt Auen, der gewaltigste unter den fünf Erdthcilen, jenes große ^-Festland, von welchem unser Erdtheil Europa nur ein l^^westlicher Ausläufer, eine Halbinsel ist. Hier in Asien . , 77^ und zwar in der Mitte des südlichen gebirgigen Thei- te» ^lstwen, stand einst die Wiege deS Menschengeschlechts. Die größten Tha- ,® er geschichtlichen Vorzeit haben diesen Boden zum Schauplatz, und lange orhin-.^ ehe die Völker des Abendlandes die ersten Culturanfänge machten, ha- u te Staaten Asiens sich bereits zu einer bedeutenden Stufe von Bildung28 Entdeckung des erhoben. Ans dem Innern dieses Erdtheils verbreiteten sich die Lehren einer lautern Gotteserkenntniß, von hier aus zog Abraham gegeu Westen, hier endlich, an der Markscheide von Asien, Europa und Afrika, lebte Christus, der Ein geborene Gottes und Stifter unserer Religion. Welche hohe Bedeu tung hat dieser Erdtheil für jeden denkenden Menschen, und dennoch waren sein Inneres, sowie seine Ost-, Süd - und Nordgrenzen dem gebildeten Europa fast gänzlich unbekannt. Die Heerzüge eines Alexander von Macedonicu waren fast in Vergessenheit gerathen, und jene wilden Schaaren, welche in verschiedenen Zeiten des Mittelalters Europa überschwemmten und zum Theil verwüsteten, konnten den Reisenden nur abhalten, sich tiefer in diesen Erdtheil zu wagen. Durch das Völkerthor im Norden des kaspischen Meeres waren asiatische Hor den gebrochen; die Hunnen hatten sich aus Asien über Europa ergossen und in den Kreuzzügen hatte das Blut europäischer Heere asiatische Gefilde getränkt. Die Capstadt. Gleichwol stand man mit dem Südosten desselben, dem a» Naturschätzen aller Art reich gesegneten Indien in einigen Handelsverbindungen, allein dieselben wurden meist durch die Araber vermittelt und waren deshalb für Europa we niger fordernd, als cs bei unmittelbaren Bezügen der Fall geiveseu sein würde. Reisen nach Indien aber waren langwierig, gefährlich und kostspielig. Da war es ein königlicher Prinz von Portugal, Heinrich der Seefahrer, Sohn des Königs Johann, welcher durch die von ihm erlernten Wissenschaften befähigt und von Wißbegierde ergriffen den Gedanken erfaßte, einen Seeweg nach'Jndien durch Umschifsung von Afrika aufzusuchen. So einfach nun derselbe beim gegenwärtigen Standpunkte der Erdkunde, bei unseren vorzüglichen Karten ist, so ungemein schwierig war seine Durchführung für ein Zeitalter, welches alleSeewegs nach Indien. 2 » diese Hilfsmittel nicht nur nicht besaß, sondern dem sogar jede Kenntniß über Afrika nach seiner Längen- und Brcitenausdehnung geradezu abging. Nur ein so gebildeter und kühner Mann, wie Prinz Heinrich, konnte ihn erfassen, "ur ein Mächtiger an seilte Ausführung schreiten und ihn Zeit seines Lebens "ls Lieblingsplan verfolgen. Zwei Ritter seiner Umgebung, Gonsalvez und Vaz, erboten sich zur Ausführung jenes Planes, und wirklich waren sie so glücklich, die «SJifcl Porto Santo zu finden. Nachdem man dieselbe mit Pfianzern bevölkert hatte, gedachte man weiter südlich zu fahren, besonders da man an heiteren Tage» einen fernen Nebelfircif am Horizonte bemerkte, welchen man für Land hielt. Schon im nächsten Jahre gelang es, nicht ohne Widerstand der Schiffer, welche in der größer» Nähe der heißen Zone von den Sonnenstrahlen verbrannt zu werden fürchteten, die Insel Madeira aufzufiiiden. Da sie mit dem dichtesten Gehölz bewachsen war, so zündete man den Wald an und es brannte derselbe 7 Jahre und zerstörte alles Holz der Insel. Der mit Asche gedüngte Boden ward aber für den Anbau so äußerst günstig, daß Alles vortrefflich gedieh, und heute noch erzeugt man hier den feurigen Madeirawein, sowie den feinen Ca- narienzucker. ~ rtTfurr» i y yu»|uy uti vai|vivj vn. WHnvMv r ... w gehörte doch nicht wenig Muth und Beharrlichkeit von seiner ©me u« 6 u, -- selben fortzusetzen, denn die Furcht vor der heißen Zone spukte gewaltig m den Köpfen der Seeleute. Erst im Jahre 1452 ging ein neues Schiff unter An führung des Hofjunkcrs Gilianez auf Fortsetzung der Entdeckungen aus, und da es sich näher der Küste von Afrika hielt, so gelang es ihm, das Eap -Lo- ) ud v r z» umschiffen, eine That, welche damals allgemeines Aussehen erregte. Jetzt stellte der Papst auch eine Urkunde aus, durch welche den Portugiesen das ausschließliche Recht auf alle Entdeckungen bis nach Indien hi» zngesprochcn ward. Man setzte nun die Reisen weiter fort, landete an der Westküste Afrika's und vertrieb die feindlich entgegentrctenden Wilden mit Schußwagen. Auch erlegte man eine Anzahl Robbe», deren Felle der einzige Ertrag der Ent deckungsreisen wurden. Schon 1442 brachten die heimkchrenden Schisse zum Erstaunen aller Bewohner von Lissabon eigentliche Neger, eine von^ der Be völkerung Nordafrika's sehr verschiedene Mcnschcnrace, und da dasselbe Schiss auch Goldstaub bei sich führte, so verstummte bald alles Murren wider dw " ' ~ ~ L.snoviifti-t. und schon 1444 entdeckte volterung Atordasrita's sehr verschleveuc —, cmch Goldstaub bei sich führte, so verstummte bald alles Murren .. Unternehmungen. Neue Schiffe wurden ausgerüstet, und schon 14 t i entdeckte wan Cap Blaneo, sowie zwei Jahre später, 1446, daS grüne Vorgebirge (Cap Verd) und die »ach ihm benannten nordwestlich davon liegenden eap- verdischen Inseln. Als Prinz Heinrich 1460 starb, hatte er noch die Freude zu sehe», daß seine Schiffe bis Guinea gekommen waren u»o von dem bis setzt stets südwestlich gerichteten Lause nach Südosten adlenken konnten.30 Entdeckung des Leider geriethen nach seinem Tode die bisherigen Unternehmungen ins Stocken, namentlich während der Regierung des Königs Alphons V.; doch ging schon zu dieser Zeit ein Seefahrer über den Aeguator hinaus und widerlegte thatsächlich das alte Vorurtheil, daß der mittlere Strich der heißen Zone un- durchschiffbar sei. Erst König Johann II. nahm Prinz Heinrich's Plane wie der auf, und I486 gelang es dem kühnen Bartholomäus Diaz, im Vor gebirge der guten Hoffnung die Südspitze Afrikas zu erreichen. Schon damals wäre es vielleicht dem wackern Seemanne gelungen, Indien zu erreichen, hätten sich seine Begleiter nicht wider ihn empört, da sie auf dem unbekannten Meere Hungcrö zu sterben fürchteten. Niederlassung am Cap der guten Hoffnung. Die außerordentliche Wichtigkeit dieses für den Handel mit Asien so äu ßerst wichtigen Punktes erkannten zuerst die Holländer und sicherten sich seinen Besitz 1652 durch Festungswerke und eine Besatzung. So blieb es bis zum Jahre 1806, in welchem das Cap in die Hände der Engländer kam; doch haben die Kämpfe mit den Ureinwohnern, Kaffern und Hottentotten, bisher nicht aufgehört. König Emanuel von Portugal theiltc mit seinem Vater Johann II. den Eifer für Fortsetzung der unternommenen Entdeckungsfahrten, und rüstete ein Geschwader von 4 Schiffen aus, welches den 9. Juli 1497 unter dem Befehle des trefflichen Seemannes Vaseo de. Gama anslief. Leider war dies gerade eine sehr ungünstige Zelt; aber sowol die Stürme wie die Meutereien der SeeleuteSeewegs nach Indien. <»-l wurden von dem Anführer mit Ruhe und Standhaftigkeit überwunden, und »ach einer Fahrt in den bisher entdeckten Meeren bereits den 20. November die Südspitze von Afrika anfgefunden und in östlichem Laufe umfchifft. Nun Ü'geltc man nordöstlich weiter längs der Küste von Sofala nach Mozam bique, Monclazza und Melinde, und fand überall schon einen ziemlichen Die Landung in Indien. ^irad von Cultnr und einen blühenden Handel. Die Bewohner dieser Gegen den bekannten sich zur Lehre Muhamed's, und während man an den beiden besten Orten mit Verrath und Nachstellungen zu kämpfen hatte, so ward Gama do»r Könige von Melinde nicht allein freundlich anfgenommen, sondern es gab chni auch Derselbe einen Lootsen mit, welcher die Schiffe 700 Meilen quer über vnr Oeean gerade in ben Hafen von ©altcut an bcv Küste von Malaliar32 Entdeckung des führte, wo man den 19. Mai 1498 nach einer mehr als zehnmonatlichen Fahrt ankerte. So hatte man also den Seeweg nach dem vielgepriesenen Indien aufge funden. Freudenschüffe begrüßten den langersehnten Boden, der von der Mann schaft auf einem ausgcsetzten Boote Lalv betreten werden sollte. Wie staunte man über den blühenden Zustand des Handels und der Fabriken, sowie über die Bildung der Eingeborenen. Ein Maure aus Tunis, welcher Spanisch ver stand und sich des Handels wegen hier aufhielt, ward den neuen Ankömmlin gen durch Nachrichten und gute Rathschläge sehr nützlich. Doch bevor wir unsere Seefahrer weiter begleiten, um Zeugen Dessen zu sein, was sie erfuhren, wollen wir unseren Lesern Einiges über dieses merkwür dige Land miltheilen. — Indien liegt im Süden Asiens und umfaßt die bei den großen Halbinseln Vorder- und Hinterindien und die dazu gehörigen In seln, Länder mit einem Gcsammtflächeninhaltc von 125,000 O-uadratmeilen und 200 Millionen Menschen. Im Norden wird Vorderindien, das man auch Hin- dvstan oder Ostindien nennt, von dem höchsten Gebirge der Erde, dem Himalaya, begrenzt und von den nördlicher gelegenen Nachbarländern China's getrennt. Aber auch beide Halbinseln, besonders Vorderindien, sind Hochebenen. Die Fruchtbarkeit des Landes, obwol nach der Beschaffenheit des Bodens ziem lich verschieden, ist im Ganzen außerordentlich, besonders die große Gangesebene im Nordosten von Vorderindien. Das Klima ist heiß oder doch sehr warm, wird jedoch durch die höhere Lage der Orte etwas gemildert. Die Winter, nur in den Thälern des.Mittel- und Vorgebirges des Himalaya als solche auftretend, äußern sich auf der Halbinsel nur noch durch heftigere Regengüsse, während die Sommerhitze oft drückend heiß ist. Die Natur dieser Länder ist ungemein reichhaltig; das Thierreich liefert die nach Indien benannten und von den afrikanischen verschiedenen indischen Elephanten, Rhinocerosse, Bären, Tiger, Leoparden, Hirsche, Gazellen, Kaschemirziegen, Buckelochsen, wilde Büffel, Affen, Vampyre, Riesenschildkröten, Pferde und alle Hausthiere, aber auch eine große Menge giftiger Schlangen, soivie endlich Perlenmuscheln; das Pflanzenreich da- . gegen, außer den Getreidearten in außerordentlicher Menge, die kostbarsten Ge würze, Pfeffer, Ingwer, Zimmet; desgleichen Baumwolle und die Indigopflanze, sowie endlich das Mineralreich auf den Inseln Gold, Zinn, Kupfer und unter den Edelsteinen besonders Diamanten, Rubine und Saphire. Kurz, Indien ist eine der reichsten Schatzkammern der Natur, so daß wenig Länder sich mit ihm messen können. Daher aber auch die außerordentlich starke Bevölkerung und der bedeutende Handel mit Gegenständen des Lnrns. Indien war schon im hohen Alterthume das wegen seiner reichen Schätze, Specereien und kostbaren Waaren begierig gesuchte Land. Aegypter, Phöni zier, Babylonier, Perser, Griechen und Römer standen mit ihm im Handels verkehr, der theils auf Seen, theils aus Landwegen getrieben ward. Zwar wardSeewegs nach Indien. 33 derselbe im Mittelalter durch die Araber und andere muhamedanischc Völker ziemlich gehemmt, allein ihn zu unterdrücken vermochten sie nicht, und nament lich war Constantinopel der Hauptmarkt für alle indischen Waaren. Dieselben wurden den Indus abwärts nach dem Meere und von da den persischen Meer busen hinauf bis zum Euphrat und Tigris, dann aber über Bagdad auf Kame len durch die Wüste nach Aleppo, Tripolis, Constantinopcl gebracht, von wo aus sie durch Genueser und Vcnetianer nach den Handelsplätzen des Abend landes verführt wurden. Die Gegenwart hat sich kürzere Handelswege gesucht, und namentlich ist der Weg durch's rothe Meer und über die Landenge von Suez derjenige, welcher die schnellste Verbindung mit jenem wichtigen Lande herstellt. Die Bewohner desselben gehören zum größten Theile dem Heidenthume au, andere bekennen sich zum Muhamedanismus und nur eine geringe Zahl zum Ehristenthume, obwol dasselbe seit Jahrhunderten unablässig daselbst gepredigt wird. Indien zerfällt in viele Staaten, doch stehen dieselben fast alle unter der Oberhoheit Englands, so daß man dieses Land als den eigentlichen Herrn dieses gewaltigen Reiches betrachten kann, eines Reiches, von welchem Vorderindien allein 100 Millionen Menschen zählt. Welche Bedeutung diese Colouie für Englands Handel hat, bedarf keiner besondcrn Erwähnung, deshalb sind aber auch seine Armeen stets bemüht, die Oberherrschaft über das Land aufrecht zu erhalten, wie hinwiederum seine Behörden mit kluger Vorsicht alle Zustände der Bevölkerung beachten. Andere Nationen Europa's besitzen nur unbedeu tende Colonien. Doch wir kehren zu unfern Entdcckungsreisendcn zurück. So war also der 19. Mai des Jahres 1498 der denkwürdige Tag, an welchem Europäer den seit 80 Jahren gesuchten Seeweg nach Indien gefunden und ihre Bemühungen durch den besten Erfolg gekrönt sahen. Gleichwie ihre Aufmerksamkeit von allen sie umgebenden Dingen erregt ward, so waren sie hinwieder nicht weniger der Gegenstand der Bewunderung der Eingeborenen. Schon die europäischen Schiffe waren Diesen etwas noch nie Gesehenes, und ^ald kamen Indier mit ihren Fahrzeugen an dieselben herangerudert. ^ Gama nahm sie freundlich auf und kaufte ihnen Fische ab. Aber auch der König des Landes hatte von den Fremdlingen gehört und schickte eine Gesandtschaft an Eiama, die ihn zu einem Besuche nach Calicut einlud. Obwol der vorsichtige Gama Anfangs Bedenken trug, diese Einladung anzunehmen und sich von sei nen Schiffen zu entfernen, so bestieg er zuletzt doch mit 12 tapferen Soldaten eine mit Kanonen bewaffnete Schaluppe und fuhr ans Land, wo er bereits von einem Boten des Königs und einer zahlreichen Menge Volks erwartet wurde. mußte sich in einen prachtvollen Palankin setzen und sich darin nach der Hofhaltung des Königs tragen lassen. Je mehr man sich dem Palaste des Königs näherte, um so größer ward «uch die Menge Derer, welche Zeugen des ungewöhnlichen Schauspiels sein woll- 2lt. gotd. Kinderbuch. IV. 2. Aufl. 534 Entdeckung des ten. Hier in seiner Nähe hatte der König seine Soldaten versammelt und Gama mußte durch die aufgestellten Reihen hindurch, bis er am Palaste von den Großen desselben empfangen und in den Saal des Königs oder Samorin geleitet ward. Nachdem Gama den König begrüßt hatte, erzählte er ihm durch seinen Dolmetscher den Zweck seiner weiten Reise, und daß derselbe kein an derer sei, als mit ihm in Handelsverbindungen zu treten, sowie ihn ein- zuladen, mit dem Könige von Portugal einen Handelsvertrag abzuschließen. Obwol der Samorin diesen Vorschlag recht freundlich aufnahm und Gama gnädig entließ, so war er schon am andern Tage auch anderer Meinung, denn der Neid der muhamedanischen Handelsleute, die bisher im alleinigen Besitze des Handels mit Indien gewesen waren und von einem Handelsbündnisse für sich großen Nachtheil fürchteten, hatte das gute Einvernehmen zwischen dem Gama und dem Samorin so gestört, daß Ersterer in nicht geringe Gefahr gc- rieth. Namentlich hatten die Verleumder vorgegeben, die Seefahrer seien Ver bannte, die auf Seeraub ausgingen. Gama mußte deshalb auf den Rückweg bedacht sein, und trat diesen auch, nachdem alle seine Verhandlungen mit dem mißtrauischen Könige gescheitert waren, im August desselben Jahres an. Nur eins konnte er von demselben noch erlangen: ein Schreiben an den König von Portugal. Dieser Brief war auf ein Palmblatt geschrieben und lautete also: „Vaseo de Gama, Edelmann deines Hauses, ist in meinem Lande gewesen. Seine Ankunft hat mir Vergnügen gemacht. Mein Land ist reich an Zimmet, Gewürznelken, Pfeffer und kostbaren Steinen. Von dir wünsche ich Gold, Sil ber, Korallen und Scharlach zu besitzen." So verließ Gama den Hafen von Calicut und schlug dabei dieselbe Rich tung ein, in der er gekommen. Seine Reise war nicht ohne Gefahren, denn kaum hatte er den Hafen verlassen, so mußte er schon an einer kleinen Insel vor Anker gehen, um hier eine Ausbesserung an seinen Schiffen vorzunehmen. Und selbst diese Arbeit war kaum begonnen, als mehrere Fahrzeuge, mit See räubern besetzt, auf Gama zuruderten. Allein gegen solch Gelichter waren die auf europäische Art bewaffneten Schiffe hinlänglich gerüstet: Gama empfing die Räuber mit einer vollen Ladung seiner Kanonen, wodurch sie in die wildeste Flucht getrieben wurden. Sie kamen nicht wieder. Doch andere Nebel stellten sich in Folge der fürchterlichen Hitze ein, namentlich erkrankte ein großer Theil der Mannschaft am Scorbut oder Scharbock so gefährlich, daß in wenigen Ta gen 30 Mann starben. Da die Todesfälle immer zahlreicher wurden und es an den erfoderlichen Matrosen zur Bemannung fehlte, so war Gama genöthigt, eines seiner Schiffe zu verbrennen. Längst hatte er schon die indischen Gewäs ser verlassen und das Cap der guten Hoffnung umsegelt, aber noch immer wich die furchtbare Krankheit nicht; selbst sein Bruder erlag derselben. Erst im Sep tember 1499 kam Vaseo de Gama in Lissabon wieder an, allein mehr als die Hälfte seiner Leute war auf der Reise gestorben, denn von den 108, welcheIndischer Festzug.36 Entdeckung des mit ihm auszogen, kehrten nur 50 zurück. Gleichwol erregte seine Rück kehr die freudigste Bewunderung; der König empfing den kühnen Seemann glänzend, und verlieh ihm eine jährliche Penston von 3000 Ducaten, sowie den ° Titel: „Herr der Eroberungen und der Schifffahrt in Ackhiopien, Arabien, Persien und Indien." Man brachte viele Merkwürdigkeiten aus dem fernen Lande mit, unter ihnen auch eine Indianerin, welche man auf einer Znsel aus- . gesetzt angetroffcn hatte. Die glücklichen Erfolge der Unternehmungen Gamäs erregten in ganz Europa das größte Aufsehen. Der König Emanuel eilte, von der erlangten Kenntniß des Seewegs nach Indien den schnellsten Gebrauch zu machen und für sich und sein Land auszubeuten. Schon nach einem halben Jahre, im März 1500, war eine Flotte von 13 Schis-, fen beisammen, um unter dem Befehle des Admiral Pedro Alvarez Cabral nach Indien auszulaufen. 1200 Mann befanden flch am Bord, außerdem noch acht Franziskanermönche und eine gleiche Zahl Weltgeistltche, indem man mit der Anstedelung in Indien zugleich die Ver breitung des Christenthums beginnen wollte. Cabral erhielt den gemessenen Befehl, sollten die gütlichen Unterhand lungen Nichts fruchten, durch Hülfe der Waffen festen Fuß in Indien zu fassen. Die Flotte ging am 8. März 1500 unter Segel, steuerte jedoch zu westlich und fand ungesucht das heutige Brasilien in Südamerika. Man nahm das Land mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten für den König von Portugal in Besitz, und fertigte ein Schiff mit der Nachricht von der neuen Entdeckung in die Heimath ab. Mit den übrigen brach Cabral am 5. Mai von Brasilien auf und wandte sich nun dein Vor gebirge der guten Hoffnung zu. Auf diesem Wege ereilte ihn ein entsetzlicher Sturm, welcher nicht allein mehrere seiner Schiffe in den Wellen begrub, sondern mit denselben auch den Entdecker des Caps, Bartholomäus Diaz. Zwanzig Tage wüthete das Unwetter. Am 20. Julius gelangte man in den Hafen von Mozambik und am 13. September mit nur noch sechs Schiffen in den von Calicut. Cabral trat mit dem Samorin in Verbindung, und erlangte, daß Derselbe wäh rend seiner Anwesenheit ihm Geißeln zur Sicherheit übergab. Nun erst, am 23. December, fand eine Zusammenkunft mit Jenem am Ufer statt. Cabral ward dabei festlich empfangen, nachdem er vorher in einer Sänfte zu dem Sa-Seewegs nach Indien. 37 worin getragen worden war. Er- überreichte den ihm vom König von Por tugal übergebenen und in arabischer Sprache geschriebenen Brief, und erklärte Zugleich, daß er hergesandt sei, für Gold und Silber indische Waaren einzu kaufen. Hierzu bedürfe er aber einer Niederlage für die Waaren. Der Sa- morin nahm diese Vorschläge bereitwillig und freundlich auf, aber die Ränke t>er Muhamedaner verhinderten nicht blos die Abschließung dieses Vertrages, sondern vergrößerten, auch das gegenseitige Mißtrauen. Zuletzt griff ,man die Portugiesen in dem eingeräumten Hause an und erschlug mehrere. Hierfür nahm Cabral blutige Rache, verbrannte mehrere den Indiern gehörige Schiffe und beschoß endlich Calicut. Im Januar 1501 trat er die Rückreise an, und be schilfte dabei nicht allein die malabarische Küste, sondern besuchte auch die Kö nige von Cochin und Cananor. Dieselben waren schon lange auf die Macht des Samorin, dem sic Tribut zu zahlen hatten, eifersüchtig. Deshalb nahmen ße Cabral freundlich auf, und versahen ihn mit einer reichen Ladung von Pfef- f re und Ingwer, mit welchen Waaren er nach einer glücklichen Umschiffung des Vorgebirges der guten Hoffnung am 21, Juli 1501 wohlbehalten wieder in Lissabon anlangte. Diese beiden Unternehmungen hatten den Portugiesen hinlänglich bewiesen, daß mit jenem Lande nur dann günstige Handelsverbindungen angeknüpft wer den konnten, wenn man die Expeditionen durch die Waffen nachdrücklich unterstützte. Nicht Alle waren freilich derselben Ansicht, amd es fehlte keineswegs an Solchen, welche meinten, es sei gerathener, das ganze Unternehmen wieder aufzugeben. Gegen solchen Rath lehnte sich der Nationalstolz ans. Man war eifersüchtig auf den erworbenen Ruhm, und beschloß, kein Hinderniß zu scheuen, welches die be absichtigten Handelsverbindungen erschweren oder gar unmöglich machen könnte. Zudem kam, daß der aus Indien schon jetzt gezogene Gewinn die gehabten Verluste weit überwog. Selbst die Geistlichkeit sprach sich günstig für die Fort setzung der Unternehmungen aus, indem sie das hohe Verdienst darlegte, wel kes man sich durch Bekehrung der Heiden erwerben würde. Da gab der Kö- "ig den Ausschlag und erklärte, daß keine Kosten gescheut werden dürften, wenn gelte, seinem Namen Achtung zu verschaffen. Im März des Jahres 1502 gingen gleichzeitig drei Geschwader ab: das '^'ste aus zehn Schiffen bestehend unter dem Befehl Gama's, das zweite von sechs Schiffen unter Vincent Sodre und endlich das dritte von fünf Schiffen unter Etienne de Gama. Die gesammte Flotte ward unter den Oberbefehl Vasco de Gama's gestellt und war hinreichend, dem portugiesischen Namen Achtung zu verschaffen. Noch vor seiner Abreise mußte der Admiral in der Kathcdralkirche zu Lissabon den Eid der Treue leisten, worauf er am 3. März unter Segel ging. Auf dem Admiralschiffe Gama's befanden sich auch die Ge sandten des Königs von Cochin und Cananor, welche Cabral mitgebracht hatte. Sie kehrten jetzt reichbeschenkt in ihre Heimath zurück. Nach Umschiffung des38 Entdeckung des Vorgebirges der guten Hoffnung theilte (Santa die Flotte, und vereinigte-sie erst in Mozambik wieder. Hier gelang es ihm, mit dem Könige ein Bündniß ab zuschließen, nach welchem ihm gestattet war, ein Comptoir anzulcgen, welches die portugiesischen Flotten auf ihrer Durchfahrt mit den nöthigen Vorrathen versorgte. Noch vor Gama's Ankunft hatte der Samorin bereits Kenntniß von der selben erhalten und war in großer Vesorgniß. Eine seiner Barken, mit einer Friedensfahne geschmückt, fuhr (Santa entgegen. Allein die Friedensvorschläge wurden von Demselben verworfen, da der Admiral nur zu klar erkannte, daß man nur Zeit gewinnen wollte, um gehörig rüsten zu können. Er verlangte deshalb bestimmte Antwort, und als dieselbe nicht erlheilt ward, ließ er fünfzig an der Küste gefangen genommene Malabaren an den Masten seiner Schiffe aufhängen und ihnen nach ihrem Tode Hände und Füße abhauen. Diese schickte er dem Samorin mit der Drohung, ihn für seine Treulosigkeit auf gleiche Weise zu strafen. Schon am andern Morgen donnerten die Schiffskanonen gegen die Stadt, eine Menge Häuser ward zerstört und der Palast des Königs in einen Schutthaufen verwandelt. Nun verließ (Santa mit einem Theile seiner Schiffe Calicut und segelte nach Cochin, wo er von dem Könige freundlich empfangen ward. Ec beschenkte Diesen sehr reichlich und schloß mit ihm einen neuen Han delsvertrag. Auf der Rückreise nach Calicut kam ihm die feindliche Flotte ent gegen; (Santa griff sie muthig an, zerstörte den einen Theil und eroberte den andern. Dies waren meist sarazenische Schiffe, auf denen er eine so reiche Beute selbst an Gold, Perlen und Edelsteinen fand, daß er für seine Fahrt überreich belohnt ward. Von hier aus segelte er nun nach Cananor, wo er gleichfalls vom Könige sehr freundlich ausgenommen ward. Er schloß auch hier ein Bündniß und befahl Sodre, mit seinen Schiffen bis nächstes Frühjahr an der Küste zu bleiben, indem er selbst nach Portugal zurückkehren müsse. Nach einer glücklichen Fahrt kam er hier den 10. November 1503 an und wurde überall, namentlich vom Könige, der ihn zum Grafen von Videgueyre ernannte, mit den größten Ehrenbezeigungen empfangen. Noch vor Gama's Rückkehr waren drei andere Geschwader nach Indien gesegelt. Sie kamen zur rechten Zeit, denn der Samorin hatte den König von Cochin eben aus seinem Reiche vertrieben. Die Portugiesen setzten ihn nunmehr wieder ein, und aus Dankbarkeit erlaubte er ihnen, ein kleines Fort an seiner Küste zu erbauen. Dies war die erste Niederlassung der Portugie sen in Indien. Als die Flotten heimfuhren, ward die Vertheidigung derselben einem Manne von ausgezeichnetem Heldenmuthe, dem Eduard Pacheco Pereira, anvertraut, der, obwol nur drei Schiffe und 160 Mann zu seiner Verfügung standen, hier Thaten verrichtete, welche an das Wunderbare grenzen. Kaum waren nämlich die Flotten abgesegelt, so erschien der Samorin mit seiner ganzen Land - und Seemacht, um den König von Cochin völlig zu vertilgen. SeinSeewegs nach Indien. 39 Heer bestand aus 60,000 Man» und war mit Feuergewehren versehen. Die Truppen des Königs Trimumpare von Cochin konnten hiergegen theils wegen ihrer geringen Zahl, theils wegen der Unzuverlässigkeit ihrer Gesinnung wenig in Betracht kommen, so daß Pereira säst nur auf sein kleines portugiesisches Haustein beschränkt war. Doch die erstaunenswürdige Tapferkeit desselben, sein kühner Geist und die Ueberlegenheit der europäischen Kriegskunst retteten ihn. Alle Angriffe des Samorin waren vergeblich, und nach sechs Monaten gab er voll Scham und Unmuth einen Krieg auf, welcher ihm allein 18,000 Men schen gekostet hatte. Pcreira's That fand in seinem Vaterlande die allgemeinste Bewunderung, und als er später nach demselben zurückkehrte, ward er von ganz Lissabon mit lautem Jubel empfangen. Und solchen Ruhm verdiente er nicht allein wegen seiner Tapferkeit, sondern auch wegen seiner Uneigennützigkeit. Als ihn der König von Cochin für seine Thaten reichlich belohnen wollte, so schlug er Alles aus und bat nur um ein schriftliches Zeugniß über seine dort ver nichteten Thaten. Der König Emanuel gab ihm später eine Befehlshaberstelle >n Guinea, allein hier erlag seine Redlichkeit den Ränken seiner Feinde. Auf ihre Anklage ward er in Ketten nach Lissabon gebracht und hier in den Kerker geworfen. Zwar kam seine Unschuld an den Tag, man gab ihn wieder frei, allein seiner Verdienste gedachte man nicht weiter und ließ ihn in Armuth sterben. Portugal hatte die hohe Bedeutung Jndien's nur zu klar erkannt, um nicht darauf bedacht zu sein, durch Niederlassungen die Handelsverbindungen theils zu erhalten, theils zu erweitern. Don Francesco de Almeyda ward daher 1505 mit 22 Schiffen nach Indien geschickt und erhielt dabei den Auftrag, ünr die Lastschiffe reich beladen zurückzusenden, dagegen die übrigen Fahrzeuge als stehende Flotte in Indien zu behalten. Auch sollte er darauf bedacht ü'in, an einigen näher bezeichneten Orten Festungen anzulegen; der Titel eines Bicekönigs solle sein Lohn sein. Er schloß deshalb mit den eingeborenen Für- Iten Verträge, deren erste Bedingung jederzeit war, daß sie die Oberhoheit des Königs von Portugal und ihre Zinspflichtigkeit anerkannten und die Anlage von Factorcien, ja selbst von Citadclien, in ihren eigenen Hauptstädten zuließen. Allein noch andere Bedingungen stellte man den Eingeborenen: man zwang sie, die Waaren für einen gewissen Preis abzulassen und sie nur dann erst Anderen verkaufen, wenn die Portugiesen nach ihrem Gutdünken sich mit Vorräthen hin- länglich versehen hätten. Es konnte nicht fehlen, daß derartige Anmaßungen den Unwillen der Indier erweckten, zumal da Almeyda die Bedrückungen habsüchtiger klnterbefehlshaber nicht nachdrücklich bestrafte. Allein alle Versuche, das fremde ^vch abzuwerfen, scheiterten an der unbezwinglichen Tapferkeit Almeyda's und Winer Krieger. Gleich tapfer wie Jener war auch sein Sohn Lorenzo, der erste Portugiese, der nach Ceylon, dein Vaterlande des Zimmets, kam. An der Spitze von eilf Schiffen schlug er zweihundert feindliche in die Flucht, welche vom Samorin mit Aufbietung aller Kraft ausgerüstet worden waren. Letzterer40 Entdeckung des wandte sich hierauf an den Sultan Kanzu von Aegypten und Syrien, dessen Länder durch die Ausbreitung des portugiesischen Handels beträchtlich litten. Die Venctianer, die durch Auffindung dieses tieuen Handelsweges in ihren alt hergebrachten Verbindungen nicht wenig beeinträchtigt wurden, ermunterten den Sultan gleichfalls zum Kriege und unterstützten ihn mit Kanonen und anderen Bedürfnissen. Die Flotte des Sultans segelte vom rothen Meere aus den indischen Gewässern zu; der Vicekönig sandte seinen Sohn an der Spitze weni ger Schiffe dem neuen Feinde entgegen; Lorenzo blieb in diesem ungleichen Kanipfe trotz aller Wunder der Tapferkeit. Schon hatte ihm eine feindliche Stückkugel den halben Schenkel weggerissen und noch immer ließ er sich nicht vom Verdeck wegbringen, sondern fuhr in Erthetlung seiner Befehle fort, bis endlich eine zweite Kugel ihn tödtete. Der Rest der Mannschaft war seiner würdig, sie vertheidigte sich, bis kein Unverwundeter mehr an Bord und alles Pulver verschlossen war. Der Vater rächte den Tod des Heldensohnes, denn nachdem er Verstärkungen aus Portugal erhalten hatte, griff er die Feinde an und vernichtete durch einen glänzenden Sieg die muhamedanische Flotte gänzlich (den 3. Februar 1509). Noch in demselben Jahre rief man ihn nach Por tugal zurück, und er hatte auf seiner Rückreise das Unglück, mir noch Vielen seiner Mannschaft an der Küste von Afrika von den Hottentotten erschlagen zu werden. Die neuen Erwerbungen sollten von den Portugiesen um jeden Preis er halten werden. Darum folgte dem Almeyda in der Statthalterschaft Alfons von Albuquergue, ein Mann, welcher den Größten seines Jahrhunderts beigesellt zu werden verdient. Schon früher war derselbe mit seinem Bruder Franzisco in ■ Indien gewesen und mit reichen Schätzen beladen nach Lissabon zurück- ÖfiÄliP gekehrt, während Dieser in Folge von Hch Schiffbruch in den Wellen sein Grab fand. Albuquerque's großer Geist beschäf tigte sich mit den kühnsten Entwürfen, Portugal zum Herrn der Küsten und der Gewässer Indiens zu erheben. Bei Durchführung seiner Pläne traten ihm Schwierigkeiten aller Art entgegen, un ter denen das Mißtrauen des portugiesischen Hofes nicht die geringste war. Man fürchtete hier seinen kühnen Geist, und um ihn nicht zu mächtig wer den zu lassen, wollte man mehrere Statthalterschaften errichten. Seine Klug heit und Standhaftigkeit siegten jedoch über alle Hindernisse. Da galt cs zu vörderst, einen bequemen Mittelpunkt der Herrschaft in Ostindien aufzufinden, Schiffbruch des Franzisco d'Albuquerque.Seewegs nach Indien, 41 und mit großer Einsicht erwählte er hierzu Goa, dessen Lage auf einer kleinen Insel in der Mitte der Küste von Malabar sich trefflich zur Beherrschung des gcsammten Handels eignete. Die Stadt ward eingenommen, aber bald erschien auch der Beherrscher derselben, Hidalchan, ein Vasall des Königs von Dekan, und mit ihm 60,000 Mann. Da mußte Albuqucrque die Stadt räumen und sich auf seine Schiffe begeben, bis ihn die Anknnft von Verstärkungen aus Europa in den Stand setzte, einen abermaligen Angriff zu machen. Diese blie- ben nicht aus, und schon am 25. November -1510 eroberte er Goa zum zwei en Male. Er traf nun alle Anstalten, es zu er- halten und zuin Hauptsitze portugiesischen Macht >u Ostindien zu machen. Die Stadt ward anf'S Aeußerstc befestigt, und nur allein diesem großen Waffenplatze haben die Portugiesen die Erhal tung ihrer Herrschaft i» Indien zu danken. Goa allein war der Stütz punkt der Herrschaft zur See, worauf schon Al- uieyda sein Augenmerk gerichtet hatte. Im nächsten Jahre unternahm er einen Hce- teszug gegen Malacca, pen wichtigsten Stapel platz des hinterindischen Handels, an welchem die arabischen Kaufleute mit den chinesischen verkehr- Ansicht»»» s°o. teil. Seine Flotte, welche «Ni 2. Mai 1511 von Cochin absegelte, bestand aus 19 Schiffen, auf denen sich gegen 2000 Soldaten befanden. Den 1. Julius langte man im Hasen von Malacca a». Der Donner der Geschütze setzte die Einwohner in die größte Bestürzung. Man war zu Allem erbötig, " lieferte einige dort gefangene Portugiesen aus, erbot sich zu einem vortheilhaften Frieden, und gestattete selbst die Erbauung eines Forts. Nur der Sohn und der Schwiegersohn des Königs waren hiermit tticht einverstanden, und versuchten ihr Heil in der Fortsetzung des Krieges.42 Entdeckung des Zweimal mußte Albuquerque den Sturm auf die Stadt unternehmen, indem Dieselbe mit einer zahllosen Menge von Geschütz vertheidigt ward; sa, als man schon in sie eingedrungen war, ward noch neun Tage in ihrem Innern gefach ten. Tapferkeit, Wuth und Grausamkeit wechselten mit einander ab. Die Ver- theidiger der Stadt wurden in die Flucht geschlagen, und noch auf derselben »ahm man ihnen die Elephanten ab. Albuquerque ließ die Stadt stark be festigen, erbaute das nach seiner Schönheit Formosa benannte Fort, und um den Handel zu befördern, errichtete er wie in Goa eine Münze. So kam cs, daß die Schiffe noch zahlreicher als vorher Malacca zusteuerten. Jetzt ward auch den mächtigsten Königen Indiens der portugiesische Name furchtbar. Ihre Gesandten fanden sich bei Albuquerque ein, theils um ihn zu beglückwünschen, theils um seine Freundschaft zu suchen. Die portugiesische Flotte drang aber weiter vor und kam bis zu den Molukken, dem Vaterlande der feinsten Gewürze. Glück und Sieg waren die. Begleiter des rastlos thätigen Mannes. Er eilte nach Goa zurück und fand eö von den Feinden angegriffen und hart be drängt. Er siegte auch hier und vergrößerte die Macht und das Ansehen sei nes Königs so, daß die Gesandten asiatischer und Afrikanischer Könige sich um die Freundschaft des Königs von Portugal bewarben. Auf ausdrücklichen Be fehl des Königs Emanucl und zufolge eines schon im Jahre 1507 gethanen Gelübdes, sich nicht eher den Bart abnehmen zu lassen, bis er den Herrscher von Ormus für bewiesene Treulosigkeit gezüchtigt und seine Hauptstadt erobert habe, unternahm Albuquerque 1515 einen KriegSzug gegen denselben. Sein schneeweißer Bart war in diesen acht Jahren so lang geworden, daß er ihm bis über den Gürtel hinabreichte. Mit 27 Schiffen, von 1500 Portugiesen und 700 Indiern bemannt, erschien er vor Ormus, und zwang den König, ihm nicht blos die Festung zu überliefern, sondern auch sein eigenes Geschütz zur Bewaffnung derselben herzugeben. Dies war seine letzte Kriegsthat, denn auf der Rückkehr nach Goa ward ihm seine Entlassung aus den Diensten des Königs angekündigt. Mancherlei Nebenumstände machten ihm diesen Schlag noch schmerzlicher. Schon von einer gefährlichen Krankheit entkräftet, versetzte diese Nachricht dem kühnen Helden vollends den Todesstoß. Mit zitternder Hand schrieb er noch auf dem Schiffe an den König: „Dies ist der letzte Brief, Tenor, den ich an Eure Hoheit in tödtlichen Zuckungen schreibe, nachdem ich so viele mit froherem Herzen an Sie 'geschrieben habe, so oft es mir gelungen war, Ihnen Dienste zu leisten. Ich habe in diesem Lande einen Sohn, Namens Blas d'Albuquerque. Ich flehe Eure Hoheit an, ihn den Lohn für die Dienste seines Vaters ernten zu lassen. Was Indien betrifft, so wird eS selbst für sich und mich sprechen." Noch einmal wollte er Goa, den Schauplatz seiner schön sten Thaten, sehen. Er sah es, aber es zu betreten, war ihm nicht vergönnt; ehe sein Schiff noch in den Hafen einlief, entschlummerte er, den 16. Septem ber 1515. Albuquerque war von schöner Gestalt, seine Züge freundlich undSeewegs nach Indien. 43 einnehmend, sein Blick im Zorne furchtbar. Die Soldaten bedauerten in ihm ihren Vater, die Bewohner der von ihm eroberten Städte verdankten ihm die Einführung von Ordnung und besseren Gesetzen, und selbst die bestegten Völker rühmten seine Menschlichkeit und Mäßigung. Zwar wurden nach Albuguerque's Tode die Entdeckungen und Eroberun gen der Portugiesen in Indien noch weiter ausgedehnt, allein den Höhepunkt der Macht hatten sie bei seinen Lebzeiten erreicht, und wir sehen sie unter sei nen Nachfolgern nur wieder herabsteigen. Schon unter Lope Soarez bemerkte man, daß der Geist des großen Mannes die Unternehmungen nicht mehr durch wehe. An die Stelle des alten Heldeneifers war ein höchst verderblicher Kauf mannsgeist getreten, und Stolz, Hochmuth und Habsucht untergruben immer mehr und mehr das Vertrauen der Indier. Dazu kamen Mißbräuche in der Ver waltung; erschlaffende Weichlichkeit und Ueppigkeit nahmen überhand, wodurch k« Grund zum spätem Sturze der portugiestschen Macht gelegt ward. Unter den großen Inseln, welche die Portugiesen im Süden Asiens ent deckten, sind besonders Celebes und Borneo zu nennen. Letztere, die größte Änsel der asten Welt, ist das Vaterland des Orang-Utang und des Nashorns. Die Fruchtbarkeit dieser Insel, welche vom Aeguator in fast zwei gleiche Theile gethcilt wird, ist außerordentlich. Werfen wir noch einen Blick auf die Bc- sttzungen der Portugiesen in Afrika und Asten, so erstreckten sich dieselben von dem Vorgebirge der guten Hoffnung bis zur Provinz Ciampo in China in44 Entdeckung des einer Länge von 4000 Meilen. Aus ihnen flössen der Schatzkammer des Kö nigs ungeheuere Schätze zu, während auch die Vicekönige nach immer höchst bedeutende Summen sür sich erwarben. Die letzte glänzende Waffcnthat der Portugiesen ist die mannhafte Bertheidigung der Stadt Diu gegen Soliman, den türkischen Pascha, im Jahre 1538. Der Vicekönig Silveyra hielt sie zwei Monate aus, nach deren Verlaufe sich Soliman zurückziehen mußte. Mit der Macht der Portugiesen in Europa sank auch ihre Herrschaft in Ostindien, und als das Stammland 1580 unter die Herrschaft Spaniens kam, so blieben ihnen nur noch wenige Städte als traurige Reste ihrer früheren Besitzungen. Vorzüglich thätig in Verfolgung gleicher Bestrebungen und als Nebenbuh ler der Portugiesen zeigten sich die Holländer. Schon 1598 gründeten diesel ben eine Niederlassung aus Java, und da die Portugiesen von den Eingeborenen als ihre Unterdrücker tödtlich gehaßt wur den, so leistete man den Holländern gern die wichtigsten Dienste. Eben so errichtete auch Frankreich eine ostindische Compagnie nach dem Muster der holländischen, aber die bedeutendste von allen ward die unter der Königin Elisabeth von England im Jahre 1000 gestiftete vstindische Com pagnie. Obwohl dieselbe in den ersten 58 Jahren ihrer Gründung nicht einen Fuß breit Landes besaß, so gehören ihr gegenwärtig fast ganz Vorder - und be deutende Theilc von Hinterindien, s Nach langem blutigen Kriege gelang es England erst im Jahre 1760, seine Macht in In dien bleibend zu befestigen und in den Besitz jener Länder zu gelangen, welche vormals theils den eingeborenen Fürsten, theils den Portugiesen und Holländern ge hört hatten. Und diese Kämpfe haben bis in die neueste Zeit fast ohne Unterbrechung fortgedauert. Englands Macht in Indien hat ihres Gleichen nirgends auf der Erde. Unter die wohlthätigen, Einflüsse, welche die Gründung der portugiesischen Herrschaft aus Indien geäußert hat, gehört auch die Verbreitung des Christen thums daselbst. Schon die Portugiesen waren ernstlich darauf bedacht, Indien zu einem christlichen Lande umzugestalten. Man errichtete Klöster, verheirathete stch mit den Eingeborenen und sendete Missionäre unter Dieselben aus. Hierbei entwickelten besonders die Jesuiten eine große Thätigkeit, und es drangen die-Seewegs nach Indien. 45 selben auf ihren Bekehrungsreisen sogar bis Japan vor. Leider fand auch mit ihnen die Inquisition Eingang, und wüthete unter den Bewohnern Indiens, welche von den Grundsätzen des Christenthums kaum eine Ahnung hatten, mit so unerhörter Grausamkeit, daß Dieselben lieber in die Wälder zogen, statt unter ihren christlichen Peinigern zu leben. Unter den mehr als dreißig verschiedenen Nationen, welche Ostindien be wohnen, machen die Hindus, die ursprünglichen Einwohner des Landes, den größten Theil der ganzen Bevölkerung, vielleicht fünf Sechstel aus. Sie gehören Zu den ältesten Völkern der Erde, denn schon vor Jahrtausenden hatten sie die selbe bürgerliche Einrichtung, dieselbe Religion, welche sie heut zu Tage noch bekennen. Von ihnen aus haben sich Religion und Bildung nach Europa verbreitet. Die Hindus haben ihre eigene Sprache, und zwar erstens sine heilige Sprache, das Sanskrit, in welcher ihre Religionsbücher ge schrieben sind, die aber längst schon ausgestorben ist, und eine Volks sprache, die zwar die erstere zur Mutter hat,-sich aber in viele Dia lekte und Sprachen spaltet. Allein die Ursprache der Indier ist nicht nur die Mutter der gegenwärtig in In dien üblichen, sondern auch der mit teleuropäischen Sprachen, und nicht wenige Spuren unserer deutschen Muttersprache weisen nach den For schungen der Gelehrten auf die alt- indische als den ursprünglichen Stamm hin. §Seit den ältesten Zei ten theilen sich die Hindus in Ka sten ab, und es sinv dieselben so fest in sich abgeschlossen, daß Keiner, welcher zu einer Kaste gehört, in eine andere heirathen oder zu ihr übergehen kann. Man zählt vier edle Kasten oder Stände: die Brammen, die Tschetci's oder Kschattria's, die Waischi's oder Massier, und die Schubers oder Sudras. Außer diesen vier edlen Kasten, die jedoch noch eine große Menge Unter ab theilungen haben, giebt es noch eine ganz verachtete oder Unedle, die der Pariah's. So hochgestellt auch der Bramine nach den Grund sätzen seiner Religion und so tief verachtet dagegen nach denselben Grundsätzen der Pariah ist, so schwinden diese Unterschiede doch gänzlich vor den Augen der muhamedanischen Fürsten oder der christlichen Gebieter. Einem Pariah, Ein Krieger der Sikhö.46 Entdeckung des Seewegs nach Indien. welcher in den Augen der Indier so verachtet ist, daß er kein Thier schlachten, sondern nur das Fleisch von gefallenem Vieh essen darf, steht unter den mu- hamcdanischen Fürsten, wie es die meisten ine Lande sind, der Weg zum Fort kommen in der Armee offen. So kommt es nicht selten vor, daß ein Bramine als gemeiner Soldat unter einem Pariah-Hauptmanne steht, welcher ihn nach Gefallen durchprügelt. Solche kleine Dienstunannehmlichkeiten nimmt der Bra mine ruhig hin, ohne sich dadurch in seinem Range beeinträchtigt zu fühlen. Aber er würde unfehlbar aus seiner Kaste ausgestoßen werden, wenn er sich nur einmal herabwürdigte, mit seinem Vorgesetzten zu essen. Auf der Küste von Malabar, wo man die Pariah's Pulia's nennt, giebt es noch eine Klasse, die Pulichi's, welche tiefer als Jene stehen, und denen sogar der Gebrauch des Feuers untersagt und nicht einmal gestattet ist, auf dem Erdboden zu wohnen. Sie müssen sich auf den Bäumen in den Wäldern Nester bauen. Von diesen luftigen Wohnungen herab heulen sie, wenn sie der Hunger plagt, so lange, biö mitleidige Menschen ihnen Nahrung bringen, welche sie eiligst herauf- holcn. Wie hoch erhaben stehen hiergegen die Grundsätze des Christenthums! Mochte es dem gewaltigen Einflüsse Englands gelingen, den erhabenen Lehren desselben allgemeinen Eingang zu verschaffen und die Altäre der Götzen zu stürzen. Europäische Cultur hat auch hier schon sich Bahnen gebrochen; Dampf schiffe durchfurchen die Hauptströme Indus und Ganges, Eisenbahnen erstehen und verbreiten sich immer weiter; Indien selbst kann gegenwärtig von uns fast in so viel Tagen als vormals Wochen durch die ostindische Ueberlandpost (durch das rothe Meer, über Suez) erreicht werden. Möchten diese vielfachen Ver bindungen mit Europa doch dazu beitragen, den Bramaismus Indiens aus zurotten und das Christenthum zur allgemeinsten Geltung zu bringen. Buddha-Priester.Die Entdeckung van Amerika. •BMMK- ' hristoph Columbus, der Eindecker von Amerika, hat seinen J/ ' Namen mit unverlöschlichen Zügen in die Bücher der Ge schichte der Menschheit eingeschrieben, und so lange jener getval- tige Erdtheil im Westen der alten Welt, umfluthet von den Ge- (S"7 wässern des atlantischen und stillen Oceans, aus der Tiefe des l Meeres hervorragt und seine Berge gen Himmel gipfeln, so lange l wird auch sein Name in dem Gedächtnisse der Menschheit bleiben, ^ obgleich das von ihm entdeckte Land, wie es wol der Fall sein ihn nicht trägt. Die Geschichte der Menschheit beginnt mit ihm die neue und in allen Jahrhunderten wird sein Name unter denen der hervor ragendsten Männer aller Zeiten genannt werden. Da ist es nicht zu verwun- ~f v », daß mehr als ein Ort Italiens sich rühmt, sein Geburtsort zu sein. Forschungen der neuesten Zeit haben zweifellos dargethan, daß Genua es ist, bein diese Ehre gebührt. Selbst sein Geburtsjahr ist noch nicht sicher bestimmt, bezeichnet die allgemeine Annahme die Jahre 1455 oder 14501 Sein, -untcv, Dominieo Columbus, war ein rechtschaffener aber armer Mann, und sollte, Zeit,48 Entdeckung von ernährte seine vier Kinder mit Wollekämmcn. Christoph war der älteste Sohn der Familie, Bartholomäus der zweite, Jakob, in Spanien später Diego ge nannt, der dritte. Außer diesen drei Söhnen war noch eine Schwester vor handen. So weit die geringen Mittel der Familie cs erlaubten, ward den Kindern Nichts entzogen, was ihre Bildung befördern konnte, und der junge Christoph lernte in seiner Jugend lesen und schreiben, rechnen, zeichnen und malen. Doch schon in früher Jugend war es dem Knaben eigenthümlich, Al les, was er machte, gut zu liefern, und dies bewog auch die Aeltern, ihn der gelehrten Schule zu Pavia zu weiterer Ausbildung zu übergeben. Hier lernte er tüchtig Latein und trieb besonders alle die Wissenschaften, die einem künftigen Seemann nützlich werden konnten, als Geometrie, Geographie, Stern- und Schifffahrtskunde. Der große Schiffsverkehr im heimathlichen Hafen hatte schon in früher Jugend den Wunsch, einst Seemann zu werden, in ihm erweckt, und als ihn daher sein Vater im vierzehnten Jahre von der von ihm bis jetzt besuchten Schule zurückempfing, so ward der junge Columbus ans einem Schiffe untergebracht, und machte mit demselben seine erste Seereise. Bis in sein fünf unddreißigstes Jahr blieb er weiter Nichts als ein braver Seemann, von dessen Kraft und Geschicklich keit die Mannschaft seines Schiffs schon Allerlei, aber die Welt Nichts zu erzählen wußte. Im Jahre 1470 war er Capitain eines Schiffes und bei einem hei ßen Seegefechte unfern der portugiesischen Küste ge genwärtig. Sein Schiff kämpfte mit einer großen Galeere, man enterte, und die Mannschaften fochten Mann gegen Mann. Brennende Wurfpfeile entzün deten endlich beide Schiffe, so daß die Leute zu ihrer Rettung ins Meer springen mußten; Colum bus ergriff ein Ruder, und schwamm mit demselben bis an die zwei Meilen entfernte portugiesische Küste. Christoph Columbus verließ im Jahre 1476 sein Vaterland, und wendete sich nach dem durch seine kühnen Entdeckungsreisen damals so berühmt gewor denen Portugal. Sein Bruder Bartholomäus war ihm bereits vorausgegan gen, und lebte in Lissabon von der Verfertigung von Seekarten. Schon im folgenden Jahre machte er eine sehr schwierige Reise nach Island, sowie einige Zeit darauf nach Guinea und den spanischen Inseln im westlichen Ocean. Seine Kenntnisse in der Schifffahrtskunde, sowie in der Gestalt des Erdkörpers und den Eigenthümlichkeiten von Wind und Wasser wurden hierdurch immer um fassender, und die Alles lenkende Vorsehung, welche den kühnen Seemann zu einem besonderer Werkzeuge ausersehen hatte, wußte es so zu lenken, daß er durch seine Verheirathung mit der Tochter des berühmten portugiesischen See- Christoph Columbus.Amerika. 49 fahrcrs Pedro Perestrella die Tagebücher und Karten desselben in die Hände bekam. Diese Papiere, sowie die Reise des berühmten Venetianers Marco Polo waren es wahrscheinlich, welche den Gedanken in ihm erweckten, daß man Lurch Umschiffung der Erdkugel bei westlich gerichtetem Schiffslaufe endlich die Ost küste Asiens und mit derselben die Reiche China, in denen der Großchan der Tatarei herrsche, und Cipango (Japan) erreichen müsse, Länder, in denen ein solcher Uebcrfluß an Gold und Edelsteinen sei, daß der König des letztern sei nen Palast statt mit Blei, oder Schiefer mit lauter Goldplatten gedeckt habe. Nach diesen Ländern verlangte ihn, und sein frommer Sinn, auf Bekehrung der heidnischen Völker jener Länder gerichtet, war es ganz besonders, welcher ihn unablässig zu neuer Thätigkeit anspornte. Immerwährend studirte er die Berichte der Seefahrer im atlantischen Ocean, sowie die seines Schwiegervaters. Durch dieselben erfuhr er, daß ein Seefahrer im Dienste des Königs von Por tugal einst von einem heftigen Sturme westwärts verschlagen worden und aus dem Wasser ein schwimmendes, geschnitztes Holz aufgestscht hatte, welches offenbar von keinem eisernen Werkzeuge bearbeitet worden war. Ja, die Be wohner der Azoren hatten ColumbuS selbst erzählt, daß ungeheuere Fichten- stämme, einer nicht auf den Azoren wachsenden Gattung angehörig, von West winden an ihre Küsten gespült und daß aus die Insel Flores einstmals von Fluthen aus gleicher Richtung zwei männliche Leichname geworfen worden seien, deren Gesichtsbildung von allen bisher bekannten Menschenarten völlig verschie den war. Dies erhob seine bisherigen Meinungen, daß westlich vom atlan tischen Ocean Land und zwar China und Japan, die Ostküste von Asien, an zutreffen sei, fast zur Gewißheit und er sprach mit einer solchen Bestimmtheit von diesem Lande, als ob es seine Augen bereits geschaut hätten. Er schritt nunmehr zur Ausführung des gefaßten Planes, das vermuthete Land aufzusuchen, und der König von Portugal sollte ihm bei seiner Armuth hierzu behülflich sein. Dieser zeigte sich auch willfährig, verlangte einen um ständlichen Plan zu einer derartigen Reise, und sandte hierauf ein Schiff heim lich auf Entdeckung aus. Allein der portugiesische Seemann hatte weder Kopf noch Herz des kühnen Genuesers; er kam bald zurück und die Mannschaft er klärte, der Ocean gehe in einer unermeßlichen Fläche voll tobender Wellen bis in's Unendliche fort. Nach dieser Treulosigkeit verließ Columbus Portugal, und wandte sich nach und nach mit demselben Anträge an Venedig, Frankreich und England, aber überall ward er abgewiesen, da man seinen Plan für Träume reien eines irrsinnigen Kopfes hielt. Durch mancherlei Verbindungen, welche fr fast ungesucht gefunden, bekam er Empfehlungen an den damaligen spani schen Hof, den König Ferdinand und seine Gemahlin Isabelle. Allein ersterer war zu jener Zeit zu sehr mit dem gegen die Mauren geführten Kriege beschäftigt, "ls daß er den Plänen des einfachen Seemannes groß Gehör hätte schenken sollen. Auch fehlte es nicht an Männern, welche Columbus Plan als wider- 3ll. gold. Kinderbuch. IV. 2. Ausl. > 450 Entdeckung von sinnig verwarfen, so die Gelehrten der berühmten spanischen Universitätsstadt Salamanca. Antworteten doch dieselben, die Idee von der runden Gestalt der Erde sei eine Thorheit, denn es müßten ja dann in den Ländern, die uns gc- genüberliegen, die Leute auf dem Kopfe und mit den Beinen in die Höhe ge kehrt stehen; die Bäume müßten mit ihren Zweigen abwärts, mit ihren Wur zeln aber aufwärts wachse», und wenn cs auch einem Schiffe gelänge, das äußerste Indien zu erreichen, so werde es doch nie wieder zurückkehren, weil es !vol die Rundung bergunter, aber nimmermehr bergauf fahren könne. Dies waren die Ansichten der gelehrten Leute von Salamanca, und so feurig auch Columbus' Augen in Verteidigung des von ihm für wahr Gehaltenen glänzen mochten, so waren es doch nur wenige, welche seinen Gründen folgten und. ihm Beifall gaben. Gleichwol vergingen sechs Jahre in Unterhandlungen, und nur nach der glücklichen Besiegung der Mauren wurden dem Columbus die noth- dürfligsten Mittel zur Ausführung seines Planes gereicht. Die Königin Isa belle, deren hohes Gemüth für den kühnen Seemann lebhaft bewegt wurde,, erklärte entschlossen: ich will die Fahrt für meine Rechnung unternehmen, meine Juwelen verpfänden, um die nöthigen Summen zu bekommen. Allein Colum bus war bereits abgereist, da man die von ihm gestellten Bedingungen ver worfen hatte. Ein Eilbote erreichte ihn zwei Meilen hinter Granada bei der Brücke von Pinos, und führte ihn zurück. Der Vertrag ward abgeschlossen, die Ausrüstung der Schiffe betrieben, der Tag zur Abfahrt bestimmt. Die Schiffe, von denen zwei nur leicht gebaute Barken, Caravellen genannt, hinten und vorn hvchgcbaut und mit Vorderkastellen und Kajüten versehen, aber in ver Mitte ohne Verdeck waren, wurden ihm zugestellt. Das größte Schiff,, die Santa Maria, war Columbus Admiralschiff; Pinta und Nina waren die Namen der anderen, von denen die erste von dem kühnen Seemann Alonzo Pinzon geführt ward. So ausgerüstet übergab man sich am 3. August des Jahres 1492,- einem Freitag früh, vom Hafen von Palos aus dem Meere. Die Anker wurden gelichtet, die Wimpel flatterten lustig im Winde, die Segel bläheten sich auf und alle Die, welche dem Schauspiele zuseheud am Hafen stan den, betrachteten die Seefahrer mit Thränen und Jammergeschrei als dem Tode geweihete Opfer. Columbus dagegen saß in der Kajüte, und begann sein mit größter Genauigkeit über die ganze Reise geführtes Tagebuch mit den Worten: In nomine Domini nostri Jesu Christi! '(Im Namen unsers Herrn Jesu Christi.) Nicht lange währte die Fahrt, denn schon am dritten Tage zog die Pinta die Nothflagge auf. Das Steuerruder war zerbrochen, und wie Columbus argwohnte, auf Veranstaltung der wider ihren Willen mitgenommenen Mann schaft. Columbus beschloß deshalb, in einen Hafen der canarischen Inseln zur Ausbesserung des Schiffes einzulaufen, und dort wurde man drei volle Wo chen autgehalten. Eine große Muthlvsigkeit hatte sich bereits eines beträcht lichen Theiles der Mannschaft bemächtigt und es steigerte sich dieselbe von Tag;Amerika. 51 zu Tag, je weiter man in den unbekannten Meeren, vorwärts kam. Columbus mußte die Mannschaft über die Länge des zurückgelegten und des nach seiner Vermuthung noch zurückzulegenden Weges täuschen, um einem Ausbruch ihrer Muthlosigkeit und Verzweiflung zu begegnen. Mehr als einmal glaubte man in den zwischen Amerika und Europa von Süd nach Nord reichenden Seegras- bänken Inseln zu erblicken; aber immer zeigte sich zum Verdruß der Seeleute, die Täuschung. Columbus' Lage ward mit jedem Tage schwieriger, besonders als sich in Folge der Stellung der Schiffe zu den Polen eine Abweichung der Magnetnadel zeigte. Es fehlte nicht an Treulosen, die dem ungehorsamen Schiffsvolke zuriefen: „Ist nicht der Schiffsbvrd niedrig und das Meer tief? Kann man doch in Spanien sagen, der Admiral sei, als er die Sterne und Himmelszeichen zu ämsig betrachtete, in das Meer gefallen und ertrunken. " Obwohl Columbus seine Lage genau erkannte,, so erschien er stets mit heiterem Angesichte vor dem Schiffsvolke; Hoffnung und Zuversicht auf vas Gelingen seines Planes erhoben ihn immer, wieder von Neuem. Schon war der Sep tember zu Ende und nur wenige Anzeichen von der Nähe eines Landes ließen sich auf dem endlos weiten Oceane erblicken. Da waren es Büsche von Schilf, grüne Gewächse, kleine Vögel mit buntfarbigem Gefieder/' wie sie auf den Fel dern zu singen pflegen, Thunfische, Reiher, Pelikane, Enten, und, was das Ermuthigendste war, alle nahmen ihren Lauf nach Südwest. Selbst der in der Nähe der fruchtbaren Acquatorialländer eigcnthümliche angenehme Landgeruch erfüllte die Lust. Allein all' diese günstigen Anzeichen vermochten die Mann schaft kaum zu beruhigen; eine Gewaltthat, gegen Columbus verübt, war zu befürchten. In dieser großen Noth mehrten sich die günstigen Vorzeichen. Fri- lches Gras, wie es am Ufer der Flüsse wächst, schwamm auf dem Wasser, ein grüner Fisch, der sich nur zwischen Klippen aufhält, ließ sich blicken, ein Dorn strauch mit frischen Beeren trieb vorüber und die Matrosen fischten bald ein Schilfrohr, bald ein kleines Brct, bald einen künstlich geschnitzten Stab auf. Da wich der Trübsinn endlich', auch der unerfahrenste Seemann erblickte hierin die sicheren Anzeichen des nahen Landes, und die Gemüther schwelgten in den schönen Träumen von einem Lande des Goldes und der Edelsteine. Es war "nr 11. October des Jahres 14112. Der Abend nahte heran, die Mannschaft chatte nach der täglichen Ordnung das salve regina oder die Vesperhymne ge lungen, als der Admiral sic anredete, die Güte Gottes zu preisen und auf Alles wohl Acht zu haben, da sie wahrscheinlich noch in dieser Nacht Land an- i>ffffe» würden. Der Wind ging frisch; die Schiffe durchschnitten die Wellen »ut rascher Fahrt; die Pinta als der beste Segler war voran. Alles war in ^ er gespanntesten Erwartung, kein Auge schloß sich zum Schlummer; Colnm- vus aber stand auf dem höchsten Punkte des Hintertheiles seines Schiffes und lchweiste mit scharfem Auge über den weltenbewegten Ocean. Des Abends W Uhr glaubte er ein Licht in weiter Entfernung schimmern zu sehen. Da 4*52 IEntdeckung von Amerika. er Täuschung fürchtete, rief er einen seiner Begleiter, so wie nach ihm noch Andere herbei. Alle erblickten es, Allen verschwand es wieder. Da Plötzlich Morgens 2 Uhr erdröhnte ein Kanonenschuß von der Pinta, Alles stürmte aus das Verdeck und in einer Entfernung von zwei Meilen erkannte man deut lich die Küste. Man zog die Segel ein, legte bei und wartete ungeduldig den Anbruch des Tages ab. Mit welchen Gedanken und Gefühlen aber Christoph Columbus in diesen Stunden auf seinem Verdecke stand, das ist weder zu sa gen noch zu beschreiben. Cs war wieder an einem Freitage, am 12. Ortober 1492, als Columbus früh Morgens zum ersten Male die neue Welt erblickte. Eine schöne, stäche Insel, die stch mehrere Meilen weit ausdehnte, lag vor seinen Augen, prangend im wunderfrischen Grün und mit Bäumen gleich einem fortlaufenden Obstgarten bedeckt. Sie war bewohnt und die Eingeborenen kamen unter den Bäumen hervor und eilten von allen Seiten dem Ufer zu. Sie waren völlig nackt und ihren Geberden nach zu urtheilen höchlich erstaunt. Columbus aber gab das Zeichen zum Landen; die Anker wurden ausgeworfen, die Boote bemannt und bewaffnet. Er selbst stieg,, reich in Scharlach gekleidet, die königliche Fahne in der Hand, auf deren Mitte ein grünes Kreuz, zu beiden Seiten aber die Buch staben F. und I. (Ferdinand und Isabelle) und darüber die königlichen Kronen gestickt waren, in sein Boot. Ihm folgten in ihren Booten die Capitaine der Pinta und Nina mit gleichen Panieren in den Händen. Da flohen die In dianer erschrocken in den Wald zurück, der Avmiral aber stieg ans Land, warf sich auf die Knie nieder, küßte den Erdboden, dankte und lobte Gott mit Thränen. So nahm er feierlich von jener Insel Besitz, welche die Eingebore nen mit dem Namen Guanahani, er St. Salvador belegte. Alle seine Ge fährten drängten sich in großem Eifer und in grenzenlosem Entzücken um ihn herum, und die am trotzigsten gewesen, baten ihn fußfällig um Vergebung. Die Eingeborenen der neuentdeckten Insel, Kinder der Natur, waren mehr als Columbus' Begleiter von der Außerordentlichkeit des Vorfalls betroffen. Als sie am frühen Morgen die drei Fahrzeuge der Küste zueilen sahen, da meinten sie, es seien drei große Seeungeheuer mit gewaltigen weißen Flügeln aus der Tiefe des Meeres emporgestiegen; als sie aber gar die Boote aussetzen sahen und mit fliegenden Fahnen der Küste zurudern, da flohen sie voll Entsetzen in ihre Wälder, und nur als sie sich langsam von ihrem Schrecken erholten, näherten sie sich eben so furchtsam als neugierig den noch nie von ihren Augen erblickten fremden Gestalten. Sie beteten aber die Männer in glänzendem Stahl und in farbigen Gewändern wie wunderbare göttliche Wesen an, näher ten sich ihnen immer mehr und mehr, und betasteten endlich erstaunt Kleider und Gesicht derselben, so wie die schöne weiße Farbe ihrer Haut. Doch auch ihr Anblick war den Spaniern befremdend. Ihr Körper war braun und wohl gebaut, eine hohe Stirn und schöne Augen zierten ihr Haupt, über welches die54 Entdeckung von straffen Haare hinten in einigen Lacken bis über den Nacken hinabhingen. Sonderbare farbige Linien gingen ihnen über das Gesicht und zum Theil über den ganzen Körper, und gaben ihnen ein wildes, schreckliches Aussehen. Ihre Harmlosigkeit ging aus ihren Waffen hervor, welche in hölzernen Spießen be standen, die entweder an der Spitze im Feuer gehärtet, mit einem scharfen Steine oder einer spitzigen Fischgräte versehen waren. Columbus vertheilte mancher lei Kleinigkeiten, wie bunte Mützen, Glasperlen, Schellen rc. unter sie, sie aber nahmen dies Alles als unschätzbare Geschenke, und waren über die Dinge, welche ans den Händen der weißen Männer kamen, ganz entzückt. Einige dieser In sulaner trugen einen kleinen Goldschmuck in der Nase, und als man sie durch Zeichen darüber befragte, woher derselbe sei, so deuteten sie nach Mittag. Co lumbus, noch immer in dem Wahne stehend, die von ihm entdeckte Insel ge höre zu Hinterasien, meinte, daß wahrscheinlich jener König der Insel Cipango ganz in der Nähe wohne, dessen Palast mit Gold bedeckt sei. Er segelte des halb schon am dritten Tage, den 14. October, in Begleitung von sieben Ein geborenen, deren man sich als Dolmetscher bedienen wollte, weiter. Die Fahrt ging zwischen den schönen grünenden Bahämainseln hindurch und war äußerst angenehm. Tausend Fische schwammen in prächtigen Farben durch die grünen Wellen um die Schiffe her, bald im Glanze der Edelsteine, bald im Schimmer von Gold und Silber. Der Meeresgrund leuchtete durch das durch sichtige Wasser und von einer blumenreichen waldigen Insel zur andern fahrend fragten die Spanier unablässig nach dem gepriesenen Goldlande. Da ward der Name Cuba oster genannt, und wirklich schon am 28. October langte Colum bus auf der Höhe dieser größten westindischen Insel an. Die Natur schien hier noch reicher als auf den übrigen Inseln zu sein und von ihrer Schönheit in Landschaft, Baumschmuck, Blumen und Thierwelt betroffen, schrieb Columbus in sein Tagebuch: „Hier möchte man ewig leben. Es ist die schönste Insel, die je ein Auge sah, sie hat treffliche Häfen und tiefe Flüsse." Das war aber auch Alles; den König, unter golvencm Dache wohnend, fand man nicht, und als er ihn zu suchen eine Gesandtschaft mit Geschenken abordnete, da ward man endlich zum Häuptling gebracht, der ein nackter Kazike, Herr einer nackten, wil den Horde war. Gold fand man nur wenig und nicht in der von den Spa niern erträumten Weise, wol aber die unscheinbare Kartoffel, jene bescheidene Frucht, die einstmals so manche Hungersnoth von Europa abwenden sollte, so wie noch eine zweite Pflanze, deren dürre Blätter die Wilden zusammengerollt im Munde hielten und vorn anzündetey, worauf sie beständig in dicken Wolken den Rauch zum Munde ausstießen. Man nannte diese Rollen Tabak. Hier vor Cuba entwich dem Admiral eines Tages die Pinda. Der treu lose Alonzo Pinzon, Befehlshaber des entronnenen Schiffes, hatte schon lange nur ungern eine untergeordnete Rolle bei der glorreichen Unternehmung ge spielt; jetzt wollte er, von Geiz und Ehrbegierde verlockt, auf eigene FaustAmerika. 55 voraneilen, die Goldländer entdecken und mit dem kostbaren Metalle reich be laden der Erste nach Spanien zurückkehren. Während des Novembers verweilte Columbus vor Cuba, und verließ diese Insel erst am 3. Dccember. Als er über die Ostküste weit hinausgesegelt war und eben überlegte, ob er noch wei ter in das offene Meer steuern solle, da erblickte er im Südosten Land: schöne Gebirge, die wie mit einem Zauberpinsel in das tiefe Blau des Himmels gemalt zu sein schienen. Die Insel Hayti (Hispaniola oder St. Domingo), das Paradies von Westindicn, lag vor des Weltentdeckers Blicken. Dieselben Sce- nen der Verwunderung und des Erstaunens von Seiten der Eingeborenen wie derholten sich, gleichwie auch die Spanier sich überall goldlüstern umschauten. Lewer erlitt Columbus einige Zeit nachher an dieser Insel einen schweren Un fall, denn als er am Tage vor Weihnachten unter Segel ging, um den Kazi- ken Guaeanagari zu besuchen, und das Meer ganz ruhig war, legte sich der Admiral einen Augenblick nieder zu schlafen. Der Matrose aber, der am Steuer ruder stand, überließ trotz des strengen Befehls, das Steuer nicht zu verlassen, dasselbe einem Schiffsjungen und legte sich gleichfalls nieder. Der unerfahrene Junge aber stand am Ruder und steuerte in die Nacht hinaus und achtete nicht der Strömungen, welche das Schiff nach einer wilden Brandung führten. Erst als er fühlte, daß das Steuerruder den Grund berührte, hörte er auf das Tosen der See und schrie um Hülfe. Es war zu spät. DaS Admiralschiff, die Santa Maria, strandete und war rettungslos verloren, nur die Ladung ward von den freundlichen Indianern mit größter Gewissenhaftigkeit und uner- müdeter Thätigkeit geborgen. Columbus ließ auf Hayti die Mannschaft des gestrandeten Schiffes, 36 Personen, einen Arzt und einige Zimmerleute zurück, und baute von den geretteten Schiffstrümmern ein Fort, La Navidad. Ehe er aber die Insel verließ, gab er den Eingeborenen, welche ihm bei Bergung der gestrandeten Schiffstrümmer so behülflich gewesen waren, ein Fest, wobei er ihnen die Furchtbarkeit der europäischen Schußwaffen zeigte. Schon die Schüsse mit Pfeil und Bogen, sowie mit der Armbrust, erregten das Staunen der Wilden; als er aber gar eine Büchse und zuletzt eine Kanone abfeuern ließ, und die Wilden sahen, wie diese Feuerschlünde in weiter Ferne die Bäume zerrissen und Zersplitterten, da waren sie von Angst und Schrecken gänzlich übermannt, und hielten die Fremdlinge für überirdische Wesen. Am 4. Januar 1495 verließ Evlumbus Hispaniola und traf schon zwei Tage nachher mit Pinzon, dem Be fehlshaber der Pinta, zusammen. Das Ziel der Seefahrer war Spanien, und die Reise schien Anfangs sehr glücklich zu gehen, denn' das Meer war bis zum ■?2. Februar ruhig, wenn auch der Wind nicht immer günstig war. Aber am folgenden Tage fing die See heftig zu wogen an, ein schreckliches Unwetter brach herein, und die schweren Wellen schienen die leichten Fahrzeuge jeden Augenblick zerschmettern zu wollen. Der Admiral gab zwar der Pinta durch Signallichter Zeichen, daß sie soviel als möglich nach Nordost halten sollte, aber die ant-56 Entdeckung von wortenden Signallichter verloren sich immer mehr und mehr nach Norden, und als endlich nach einer schweren Nacht die Morgendämmerung anbrach, sah man allenthalben nichts als wild schäumende, tobende Wellen, aber die Pinta war verschwunden. Das Schiff war in der größten Gefahr und ward, wie ein Spielball, aus dem Meere auf und nieder geworfen, während die Mannschaft in feierlichen Gelübden sich zu allerlei Wallfahrten verpflichtete. In solcher Noth, wo mit der Mannschaft zugleich die Kunde von dem neuentdeckten Lande im Meere versank, fand Columbus zuletzt einen Ausweg, daß, wenn er auch mit seinem Schiffe Untergänge, doch wenigstens die Kunde von seiner Entdeckung der Menschheit erhalten bliebe. Er schrieb deshalb einen kurzen Bericht seiner Reise auf Pergament, versiegelte ihn, machte die Aufschrift an den König und die Königin und schrieb dabei nebenan, daß Derjenige tausend Ducaten erhalten solle, der dieses Paket uneröffnet abliefern würde. Hierauf schlug er Wachs tuch darum, legte cs in einen Wachskuchen, verschloß daZ Ganze in ein großes Faß und warf dasselbe ins Meer. Eine zweite Tonne, welche die Abschrift dieses Briefes enthielt, befestigte er am Hintertheile der Caravelle, daß sie, wenn daS Schiff von den Wellen zerrissen worden, mit den Trümmern an eine Küste getrieben werde. Doch die Stürme legten sich, und bei günstigem Winde erscholl mit Tages anbruch vom Mastkorbc herab der Ruf: Land! Land! Eine der Azoren war in Sicht und nachdem man hier, so lange als gerade nöthig, verweilt, verließ man den Hafen und steuerte auf Portugal los, wo man nach einer fürchter lichen Nacht am Morgen des 4. März in der Nähe von Lissabon ankam. Der Admiral ward vom Könige mit großer Auszeichnung ausgenommen und seine Erzählung nicht ohne geheimen Verdruß und stille Reue, diesen Mann einst so schnöde weggewiesen zu haben, angehört. Am 14. März des Jahres 1493 aber lief Columbus in den spanischen Hafen von Palos ein, aus welchem er vor sieben und einem halben Monat abgefahren war. Seine Ankunft erregte Staunen, man hatte ihn und seine Begleiter längst verloren gegeben. Desto größer war jetzt die Freude und die Thcilnahme, als er unter dem Geläute aller Glocken in einer unermeßlichen Procession nach der Hauptkirche zog, um Gott für seine wunderbare Rettung und für seine gnädige Führung zu danken. Erst am Abend desselben Tages langte der zum zweiten Male treulos entwichene Pinzon gleichfalls in Palos an, landete aber vor Scham insgeheim, und hielt sich solange verborgen, bis Columbus gen Barcelona zu den castilifchen Monar chen abgereist war. Hier langte er in feierlichem Zuge und unter Ehrenbezei gungen aller Art an und wurde von dem König und der Königin auf das Prunkvollste empfangen. Columbus war für eine Weile glücklich, aber nur für eine Weile. Sollte er doch in reichem Maße erfahren, wie vergänglich die Gunst der Welt ist. Schon am 25. September 1493 lichtete der Admiral mit seinem BruderAmerika. 57 und einer Flotte von zwölf größeren und fünf kleineren Fahrzeugen, welche von 1500 Menschen bemannt waren, die Anker, und war nach einer äußerst glücklichen und schnellen Fahrt schon am 4. November bei einer der westindi schen Inseln angekommen, die man nachher Marie de Guadeloupe nannte. Er entdeckte bei dieser Gelegenheit, wo er eine südlichere Richtung angenommen hatte, die caraibischen Inseln, und zwar außer der bereits genannten noch D ominique und Portorieo. Die Natur hatte diese Inseln mit Reichthum und Schönheit ausgestattet, aber ihre Bewohner waren wild. Bei ihnen herrschte die grausame Sitte, ihre gefangenen Feinde zu schlachten und zu verzehren. Bei solch einem blutigen Mahle fand man gerade die Wilden auf Guadeloupe; blu tige Schädel und Menschenknochen lagen überall umher. Die Sorge für seine Hispaniola. Kolonie ließ Columbus hier nicht verweilen, und schon am 22. November kam ^r auf Hayti an. Aber wie erschrak er, als er weder Colonie noch Fort fand; i>ie Grausamkeit der Spanier hatte die Insulaner zur Nothwehr gereizt; sie batten ihre Bedrücker sämmtlich erschlagen, daö Fort zerstört und verbrannt und waren dann in daö Innere geflohen. Columbus ließ eine neue Festung aulegen, die er zu Ehren seiner Königin Jsabella nannte und unter die Auf sicht seines Bruders Diego stellte. Er selbst aber segelte weiter und entdeckte Insel Jamaica. Als er nach fünfmonatlicher Abwesenheit nach Hayti zu rückkehrte, hatte er die Freude, seinen unterdeß angekommenen Bruder Bartho- lomeo daselbst zu finden. Jetzt aber entstand Unzufriedenheit unter den Ge lahrten des Columbus. Sie waren ihm in dem Wahne gefolgt, in der neuen58 Entdeckung von Welt nur goldene Schätze aufzulesen, fanden aber meistens Arbeiten und Be schwerden. Viele kehrten deshalb nach Spanien zurück und rächten sich durch Verleumdungen, indem sie die gehässigsten Schilderungen von den neuentdeckten Ländern, ihren Bewohnern und Columbus machten. Es dauerte nicht lange, so erschien ein Abgesandter des Königs von Spanien, um die Sache an Ort ! und Stelle zu untersuchen. Da Derselbe aber ein Persönlicher Feind Columbus' war, so hielt es Dieser für gerathen, nach Spanien zurückzukehren und sich vor dem Könige zu rechtfertigen. Dies geschah, der König erkannte seine Unschuld an; doch dauerte es fast ein Jahr, ehe er die nöthigen Schiffe zu einer drit ten Fahrt hergab. Am 30. Mai 1498 stach er mit acht Schiffen zum dritten Male in See. Man hatte ihm eine große Menge grober Verbrecher mitgegeben, welche in den Bergwerken der neuen Welt arbeiten sollten. Dieses widerspenstige Gesindel machte ihm in der Folge vielen Gram und Kummer. Da er diesmal noch südlicher steuerte, so entdeckte er nicht nur die große Insel Trinidad am Ausflusse des Orinoco, sondern erreichte auch endlich das feste Land von Amerika und zwar in der Gegend, wo jetzt die Stadt Cartagena liegt. Man hat ihm zu Ehren diesen nördlichen Theil von Südamerika später Columbien genannt. Doch er ver weilte hier nicht lange, sondern begab sich wieder nach seiner Lieblingsinsel 'Hayti, wo sein Bruder indessen an günstiger Stelle die Stadt St. Domingo angelegt hatte, nach welcher späterhin die ganze Insel benannt ward. Leider fand er die Kolonie in einem höchst traurigen Zustande. Die Grausamkeit der Spanier hatte die Indianer zur höchsten Rache gereizt. Sie hatten alle An bauungen verwüstet und so ihren Peinigern die Lebensmittel entzogen. Da vermochte Columbus die Ruhe nur durch das harte Mittel herzustellen, daß er die Ländereien unter die Spanier vertheilte und die Eingeborenen ihnen als Sclaven zur Bearbeitung beigab. Während seine Lage in Amerika so schwie rig sich gestaltete, waren auch seine Feinde in Spanien nicht müßig gewesen. Hier hatte man Anklagen auf Anklagen gehäuft, und der König, welcher Co- lumbus nie zu Macht und Ansehen gelangen lassen wollte, schickte jetzt den schändlichen Bovadilla, dessen persönlichen Feind, als-Bevollmächtigten mit un umschränkter Gewalt, um die gegen Columbus angebrachten Klagen zu unter suchen. Aus Rachegefühl ließ diese gemeine Creatur, auf die Aussage einiger .nichtswürdigen Zeugen hin, den großen Mann verhaften, nebst seinen Brüdern in Ketten legen und zur Verantwortung nach Spanien abführcn. Als das Schiff nicht weit von der Küste von Spanien war, rührte die Lage des gro ßen Admirals des Befehlshabers Herz, und eS befahl Derselbe, ihm die Ketten abzunehmen. Allein Columbus litt es nicht, sondern schrieb in männlicher Kühnheit an seinen Monarchen, daß er und seine Brüder aus der von ihm entdeckten neuen Welt in Ketten angekommen seien. Darüber waren Ferdinand und Jsabella beschämt, und gaben sofort Befehl zur Befreiung des ColumbusAmerika. 59 und seiner Brüder, worauf sie am Hofe eine ehrenvolle Aufnahme fanden. Man erstattete Columbus zwar sein von Bovadilla geraubtes Eigenthum wie der, aber in so ungenügender.Weise, daß der Entdecker der andern Erdhälfte dem größten Mangel ausgesctzt war. Der Ketten entlastet und noch immer an die Menschheit glaubend, deren Undank er doch auf so empörende Weise empfunden hatte, gedachte Colnmbus eine vierte Reise nach Amerika anzutreten. Die Meinung, hinter den ent deckten Ländern den Seeweg nach Indien dennoch zu finden, war bei ihm zur festen Ueberzeugung geworden; die Vortheile aber, welche die Portugiesen aus ihrem Handel mit dem von ihnen wirklich aufgefundenen Indien zogen, waren zu groß, als daß Columbus dieselben nicht auch für sein Königshaus erwerben sollte. Noch war sein Werk erst halb gethan, er wollte es krönen und die vermuthete Durchfahrt nach dem Indischen Meere aufsuchen. Sein Plan fand bei Ferdi nand und Jsabella Gehör; wurde man doch so des Mahners los, dem man Versprechungen gemacht, die man nicht zu halten gedachte! Man gab ihm vier ziemlich schlechte Schiffe, mit denen er am 9. Mai 1502 von Cadir aus unter Segel ging. Sein Bruder Bartholomäus und sein Sohn Ferdinand waren seine Begleiter. Da die Schiffe leck geworden, so steuerte er, um das schlechteste Schiff gegen ein besseres zu vertauschen, auf Hispaniola los, das er übri gens vermeiden sollte; aber man versagte dem Entdecker die Aufnahme in den Hafen, so daß er genöthigt war, westlich zu segeln. . Hier suchte er einen Aus weg aus dem caraibischen Meere, allein seine Bemühungen waren erfolglos, . ev gelangte an die Küsten von Uukatan und Panama, und entdeckte senen Theil Ns Festlandes, der sich zwischen Trurillo und der Landenge von Panama Hin sicht, das schöne Land, welches einen Theil des heutigen Mittelamerika aus wacht und in vielleicht nicht ferner Zeit eine Eisenbahn, wenn nicht einen gro- fm> Canal erhalten wird, durch welchen der stille Ocean mit dem caraibischen u»v atlantischen Meere verbunden werden soll, während sich in der Gegenwart »och pjx langen Wagenzüge über die sechs Meilen breite Landenge bewegen. Die 3»»ze Reise unseres Columbus >var eine Kette von Unglücksfällen. Stürme »nd schreckliche Gewitter drohten tagtäglich mit dem Tode im Meere; zwei der senden Fahrzeuge waren schon untergegangen und die beiden anderen wurden Mehrere Male mit solcher Gewalt an einander geworfen, daß sie fast zerschmetter- te». So erreichten sie endlich Jamaica, wo die zertrümmerten Schiffe ausgebessert werden sollten. Allein dies war unmöglich, und dem großen Weltentdecker ver- vlieb keine andere Aussicht als die, mit der ganzen Schiffsmannschaft, fern und ^"'gessen von Europa und mitten unter Wilden, sein Leben bei Mais und Maniokmurzeln kläglich beschließen zu müssen. Ein kühner, edler Mann, Diego Mendez, warf sich auf, solch Unheil von ihm abzuwenden; ein großes Wagstück sollte Hilft bringen. In zwei ausgehöhlten Baumstämmen, deren die Wilden fliS Nachen sich bedienten, ruderte Mendez in Begleitung des Genuesers Fiesco60 Entdeckung von und mehrerer Indianer nach dem vierzig Meilen entfernten Hispaniola ^mitten durch das empörte Weltmeer. Zehn Tage war man auf dem Wasser; meh rere Indianer unterlagen der Anstrengung; das Trinkwaffer war längst ausge gangen und man war dem Verschmachten nahe, als endlich die Insel 'erreicht wurde. Der inzwischen neu eingesetzte Statthalter Ovando war nichtswürdig genug, die auf Jamaica ängstlich Harrenden ein ganzes Jahr hinzuhalten. Diese Waarenzüge durch die Ebene der Landenge von Panama. Zeit war für Kolumbus die unglücklichste, die er je verlebt hatte. Alter und unaufhörliche Sorgen hatten seine Kräfte aufgezehrt, heftige Gichtanfällc war fen ihn auf's Krankenlager. Eine Empörung brach unter den Seinen aus, aller Gehorsam schwand; die Indianer wurden trotz seiner Warnungen belei digt, und ein Theil der Mannschaft verließ ihn ganz, um sich auf eigene Hand davonzumachen. Da dies nicht gelang, so streiften sie auf der Insel herum,Amerika. 61 erbitterten aber dadurch die Eingeborenen so sehr, daß Diese sich weigerten, den schlimmen Gästen noch ferner Lebensmittel zu bringen. In dieser Noth rettete die Sternkunde den kranken Eolnmbus und seine Begleiter. Ec halte berechnet, daß sich in wenigen Tagen eine Mondfinsterniß ereignen müsse, und er verkündigte den Indianern, daß sie den Zorn Gottes »n dem Gesichte des Vollmondes erblicken würden. Ungläubig, doch nicht ohne bange Sorge, blickten sie nach der hellerleuchteten Mondscheibe, bis sie endlich äu ihrem größten Schrecken die Verdunkelung wahrnahmen. Da baten sie den furchtbaren Fremdling um Vermittelung, und versprachen so viel Vorrath zu bringen, als er nur verlange. Dessenungeachtet machte die verlaufene Rotte noch einen Anschlag gegen die Person des Columbus, so daß sein Bruder ih nen ein förmliches Treffen liefern mußte, in welchem er die Anführer gefangen nahm. Endlich kamen auch zwei Schiffe zu seiner Erlösung, das eine von Biendez gemiethet, das andere von Ovando gesandt. Columbus verweilte nur k»rze Zeit auf Hispaniola, und schiffte sodann nach Spanien, welches er den November erreichte. Noth verließ er, Kummer traf ihn von Neuem; schon 19 Tage nach seiner Ankunft starb seine einzige Beschützerin, Königin Jsabella. Eine Wiedereinsetzung in seine Würden und Aemter, der versprochene Lohn, Ovaren nun nicht Mehr zu erwarten, alles Bitten war vergebens, man gab kalte, ausweichende Antworten. Die erlittenen Strapazen, Gram und Undank verzehrten seine Lebenskraft. Der 20. Mai 1506 war sein Todestag. Ec starb zu Valladolid, wo man hbn zuerst beisetzte, dann brachte man seinen Leichnam nach Sevilla, 1526 nach ^t. Domingo auf Hispaniola, jetzt Hayti genannt. Hier ruhten seine Gebeine öls 1795; als aber die Spanier diese Insel an Frankreich abtraten, brachte 'Uan die Ueberreste nach der Kathedrale von Havanna auf Cuba, wo sie noch ruhen. So lohnte man dem großen Manne, ja die Mitwelt war so un- bankbar gegen ihn, daß sie den entdeckten Erdtheil nicht einmal nach ihm be- nannte, während diese Ehre einem unbedeutenden Zeitgenossen, dem Ämerigo ^UPneri, zu Theil ward, welcher die erste Beschreibung von dem Lande lieferte. Durch Columbus war ein neuer Heldengeist erweckt worden. Unterneh- Mende, muthvollc Männer zogen von jetzt an zu neuen Entdeckungen ans. Wer ~ - wollte da müßiger Zuschauer sein, wo für Geld-, Ruhm- und Ehrbe- gwrde ein so weites Feld offen stand? Üeberbrachte doch fast jedes in Spanien "»langende Schiff bald Schätze, bald Kunde von neuen Entdeckungen! Es gab keine Gefahr, vor welcher die kühnen Seefahrer und Helden zurückschreckten, hinter unglaublichen Beschwerden, die die Beschaffenheit des Landes, die wilden ^-hiere und die feindseligen, von kriegerischen Häuptlingen (Kaziken) beherrsch te» Indianer den verwegenen Abenteurern bereiteten, überstieg Balbao in Be gleitung einer kleinen Schaar die Landenge von Panama. Der Zufall zeigte llnn den Weg dahin. Er hatte von den Indianern so viel Goldbleche einge-62 Entdeckung von trieben, als er bekommen konnte. Einst stritten sich seine Leute bei der Thei- lung, als ein junger Kazike dies bemerkend ausrief: „Wie könnt ihr euch nur wegen so unnützen Tandes zanken? Wenn euch so sehr darnach verlangt, so will ich euch ein Land zeigen, wo es im größten Ueberflusse vorhanden ist, es liegt an dem andern Ocean, der nur sechs Sonnen (Tagereisen) von hier ent fernt ist." Er meinte Peru; der andere Ocean war das stille Meer. Sofort sandte Balbao Botschafter an den Statthalter von Hispaniola, um durch ihn Thetlnehmer für seine Unternehmung gegen das stark bevölkerte Peru zu er halten. An Diesen sollte es-nicht lange fehlen, denn bald konnte er sich mit > 190 kühnen Männern auf den Weg nach dem bezeichneten Ziele machen. Tau send Indianer, welche er durch befreundete Kaziken erhalten hatte, folgten ihm > und trugen die Lebensmittel. Sein Weg war höchst beschwerlich, er ging durch feuchte Niederungen, über breite Ströme und hohe Berge; dicht verwachsene Wälder, zahllose giftige Schlangen und anderes Ungeziefer vermehrten nur noch die Mühen. Statt der sechs hatte man schon fünfundzwanzig Sonnen gebraucht; das Volk fing an zu murren, feindliche Häuptlinge nvthigten zu Treffen, in denen Dieselben jedoch stets besiegt wurden. Endlich kamen sie aus einen hohen Berg. Sie bestiegen ihn, Balbao war der Erste, und — der stille Ocean lag vor ihren Füßen und breitete sich unabsehbar am Horizonte aus. Da klopfte vor Freude das Herz in der Brust dieser rauhen Männer; unwillkürlich bog sich das Knie und die Hand faltete sich zum Gebete. Balbao aber eilte nach dem Strande, watete hinein mit Schild und Speer bis an die Brust und nahm das Weltmeer für den König von Spanien in Besitz. Doch er fühlte sich zu schwach, mit so geringen Mitteln südlich vorzudringen und das reichbevölkerte Peru anzugreifen. Darum sammelte er wenigstens so viel Gold, als er ver mochte, und sandte es seinem Könige, ihn um Unterstützung an Leuten bittend. Doch der König war mißtrauisch, und statt ihn wohlverdient in der Statthalter schaft zu bestätigen, sandte er einen unfähigen Mann, den Pedrarias Da- vila, zu dieser Stelle und mit ihm 1200 Mann, denen sich 1500 Spanier noch freiwillig angeschlossen hatten. Balbao, in ein grobes leinenes Wamms und in Schuht von geflochtenen Hanfstricken gekleidet, war eben mit einigen Indianern beschäftigt, seine Hütte mit Rohr zu decken, als Offiziere des Pedrarias auf ihn zukamen und ihm dessen Ankunft und Ernennung zum Statthalter verkündeten. Die erste Hand lung des neuen Statthalters war, Balbao vor Gericht zu stellen, daS ihn zu schwerer Geldstrafe verurtheilte. Doch die Unternehmungen gingen schlecht, und obwol der König nun seinen Fehler einsah und Balbao zum Statthalter über die Länder an der Südsee ernannte, so stellte ihn Pedrarias dennoch vor Ge richt, klagte ihn der Empörung an, und verurtheilte ihn, trotz der inständigen Bitten der ganzen Kolonie, zum Tode. Der Henker trennte sein Haupt vom Rumpfe.Amerika. 63 In derselben Zeit versuchte Diaz de Sol iS, indem er südlich fuhr, in den stillen Occan und von da nach Indien zn gelangen. Schon glaubte er er stem gefunden zu haben, als er beim Weiterfahren bemerkte, daß er in einen Fluß, den La Plata, gerathen war, dessen riesenmäßige Breite freilich an sei ner Mündung 65 Meilen beträgt. Bei einem Versuche, in diesen Gegenden zu landen, ward er mit mehreren seiner Leute von den Wilden ergriffen, erschla gen, gebraten und verzehrt. Die übriggebliebene Mannschaft segelte cutmuthigt nach Hause. Doch was dem Spanier mißglückte, gelang- dem Portugiesen Magel- hacns. Er war lange in Ostindien gewesen, war mit Undank belohnt wor den, und trat voll Mißmuth in die Dienste des Königs Karl von Spanien. Er hatte versprochen, einen Weg nach Ostindien durch de» Westen zu entdecken, und hielt Wort. Mit fünf Schiffen verließ er den 10. April 1519 Spanien, und erreichte erst im Januar 1520 den La Plata. Nachdem er die Küste ge- uau untersucht hatte, fuhr er südlich, da er bestimmt erwartete, endlich eine Meerenge zu finden. Es war im März, der Winter brach mit Schnee und Kälte herein, und er irrte noch vergeblich herum, bis er genöthigt war, in ei- ucn Meerbusen zur Uebe'rwinteruug einzulaufen. Schon hatte er eines seiner Schiffe verloren, und auf drei anderen brach eine Empörung aus. Mit Hilfe "Niger Getreuen und durch die größte Klugheit dämpfte er sie, ließ die Em pörer hinrichten oder an wüsten Orten aussetzen. Der Winter der südlichen Erdhälfte war vorbei, da machte er sich auf den Weg. Bald gelangte er an mie westliche Durchfahrt. Zwanzig Tage segelte er in dieser an Klippen und Inseln so reichen, höchst gefährlichen Straße; ein zweites Schiff ging ihm ver- ^rcu, bis er endlich am 27. November 1520 mit Thränen der Freude nud Daukes gegen Gott die unermeßliche Südsee erblickte. Ein günstiger Wind 0'ffb ihu nordwestlich vorwärts, er entdeckte die Ladronen und die Philip- ^'Ulcn, ward aber hier den 26. April 1521 erschlagen. Die Mannschaft setzte * c Reise weiter fort, erreichte den 8. November Borneo unv traf hier schon Portugiesen, die nicht wenig erstaunt waren, die Spanier aus Osten kommen ^ ^hen. Mit indischen Gewürzen beladen langte das einzig übriggebliebenc den 7. September 1522 glücklich in Spanien an, nachdem es die erste e Me um die Erde gemacht hatte. Doch wir müssen nach dieser Abschweifung wieder nach Amerika zurück, noch zwei kühne Männer auf ihren Entdeckungs- und Eroberungszügen zu ''gleiten. Der eine von ihnen ging mehr nordwärts, der andere südlich. Nörd- nJ 0011 der großen Landenge, welche Süd - von Nordamerika trennt, liegt ,,"ric°. Obwol cs von der schon 1492 von Columbus entdeckten Insel Cuba . l ? r ^0 Meilen weit entfernt ist, so vergingen doch 25 Jahre, che die Euro- - Icr k* e J en östlichen Theil des Landes auffanden. Spanier besuchten es in zwei ">eszügen, ohne gegen das reich bevölkerte und gebildete Land Etwas aus-64 Entdeckung »on richten zu können. Da rüstete man sich auf Cuba zu einem stärkern Zuge, und übertrug dem jungen Fernando Cortez die Anführung. Man konnte kaum eine glücklichere Wahl treffen, denn Cortez war einer der ausgezeichnet sten Männer seiner Zeit. Er verband mit nicht gemeinen Kenntnissen eine große persönliche Tapferkeit, hohe Ruhmbegierde und eine unerschütterliche An hänglichkeit an König, Nation und Kirche. Sein Heer war klein, denn er landete den 4. März 1519 mit nicht mehr als 508 Infanteristen, 16 Reitern und 109 Matrosen. An Waffen hatte man nur 10 Kanonen, 13 Flinten und 30 Armbrüste; 'alle übrigen Soldaten waren nur mit Schwertern und Spießen bewaffnet. Nach neuer Wiedcreinschiffung landete er am 21. April auf der kleinen Insel San Juan d'Ulloa, schiffte hier seine Truppen aus, baute Hütten und verschanzte sich. Dorthin kamen die Abgesandten des Königs Montezuma mit Freundschaftsoersicherungen und Geschenken. Da Cortez dar auf bestand, mit dem Könige selbst zu unterhandeln, so suchte man ihn durch immer größere Geschenke von der Hauptstadt abzuhalten, und die Mericaner schienen nicht zu ahnen, daß durch den Reichthum ihrer Gaben die Begierde der Spanier nur vermehrt würde. Endlich gedachte Cortez von Vera-Cruz aufzubrechen. Um seiner Mannschaft nur die Wahl zwischen Sieg oder Tod zu lassen, verbrannte er die kleine Flotille, und so begann er, nur 50 Mann zur Deckung von Vera-Cruz zurücklassend, seinen abenteuerlichen Zug nach der Hauptstadt der Azteken. Sein Zug ging durch mehrere ihm feindlich gesinnte Gebiete; doch schlug er stets die Bewohner und machte sie zu Verbündeten ge gen Montezuma. So zogen außer dem Kaziken der Totonaken noch 6000 Tlaskalaner mit ihm. Man langte nach einem langen Marsche in der großen Stadt Cholula an, wo sein Untergang durch Verrätherei beschlossen war. Cortez erhielt Kenntnis hiervon, und richtete unter den Einwohnern ein ent setzliches Blutbad an, indem er 6000 derselben tödten ließ. Mit diesem bluti gen Lorbeer erschien er in dem herrlichen Thale von Mexico. Wie ein Traum erschienen den Spaniern die prachtvollen Gefilde, die wohlangebauten Felder und die schöne Stadt um den herrlichen See. Noch vor den Thoren von Mexico kam ihm der König entgegen, begleitete ihn in die Stadt, und wies ihm ein Gebäude zur Wohnung an, das Cortez schnell in ein Fort verwandelte. Die Azteken betrachteten die neuen Ankömmlinge als Wesen höherer Art, den Cortez selbst als jenen von ihnen schon längst erwarteten mächtigen Geist. Mexico, oder eigentlich Tenochtitlan genannt, war jedoch für die Spanier ein gefährlicher Aufenthalt; es war sehr groß, wie man berechnet hat, von 300,000 Einwoh nern bewohnt und lag mitten in einem See, der-nur durch drei Hauptstraßen, welche Stadt und Ufer mit einander vereinigten, durchschnitten ward. Pracht volle Tempel, ansehnliche Paläste fanden sich in der Stadt in großer Zahl, und Alles zeugte davon, daß ihre Bewohner Glieder eines hochgebildeten Vol kes wären.Das heutige Mexico.66 Entdeckung von Cortez erkannte die Gefährlichkeit seiner Lage, und glaubte nur dann sicher zu sein, wenn er sich des Königs bemächtigte. Ec lockte denselben in seine Wohnung, legte ihn in Fesseln und zwang den unglücklichen Fürsten, die Re gierung den Spaniern abzutreten. Eben so wußte sich Cortez der übrigen vor nehmen Häuptlinge zu bemächtigen. Da drohte ihm Plötzlich von einer Seite Gefahr, von welcher er es am wenigsten erwartet hatte. Velasguez, der spanische Statthalter von Cuba, blickte schon längst mit Neid auf die Er folge des Cortez. Deshalb sandte er unter Anführung des Narvaez ein Heer von 800 Mann Infanterie, 80 Reitern und 12 Kanonen. Sobalv Cortez hier von Nachricht erhielt, rückte er mit seinem Heere, nur 150 Mann in Mexico zurücklassend, dem Narvaez entgegen, überfiel ihn während der Nacht, schlug ihn und war so glücklich, die Soldaten auf seine Seite zu ziehen. Mit Diesen rückte er wieder nach Mexico. Hier waren unterdessen Unruhen ausgebrochen; die Azteken waren gegen ihren König wie gegen ihre Unterdrücker aufgestan den und hatten Cortez in seinem eigenen Hause belagert. Um sie zu beruhi gen, zeigte er von der Zinne seines Daches herab dem Volke den König in seinem Schmucke; Dieser redete die Menge auch an, allein ein Hagel von Steinen und Pfeilen folgte als Antwort, so daß Montezuma tödtlich verwundet niedersank und einige Tage nachher starb. Cortez Lage wurde nun mit jedem Tage ge fährlicher, und da er wohl einsah, daß er die Stadt gegen solche Uebermacht nicht behaupten konnte, so beschloß er einen Rückzug. Derselbe war von den größten Gefahren begleitet; alle Ausgänge waren besetzt, und als er in der sogenannten Trauernacht vom 1. zum 2. Julius 1520 sich dennoch durchschlug, so kostete ihm dieser Rückzug 450 Spanier und 4000 Mann Hilfstruppen, so daß er bei Anbruch deö Tages kaum mit der Hälfte seiner Mannschaft die Ufer des Sees erreichte. Die übrigen Spanier waren theils erschlagen, theils gefangen an die Altäre der blutigen Gottheiten der Mexicaner geschleppt worden, um ihnen das klopfende Herz aus lebendigem Leibe zu reißen und es rauchend zu opfern. Cortez, von allen Seiten beunruhigt und oft nur wie durch ein Wunder von der augenscheinlichsten Gefahr gerettet, zog sich gen Tlaskala zurück. Er hatte mit seinen Soldaten alle Entsagungen und Beschwerden getheilt, war stets von dichten Feindeshaufen umschwärmt, und sah sich hier vor einer Armee von 100,000 Mericanern. Sieg oder Tod konnte jetzt nur Losung sein. Die kleine Schaar verschwand in der unzählbaren Menge der Feinde, doch dies ent- muthigte den Helven nicht. Mit Todesverachtung sprengte er, von wenigen Getreuen umgeben, der Reichssahne der Mexicaner zu, streckte den Anführer zu Boden, ergriff die Fahne und hob sie hoch empor. Da staunten die Meri- caner und von Angst und Furcht ergriffen, stürzten sie sich in die sinnloseste Flucht. Schon am andern Tage rückten die Spanier in Tlaskala ein. Obwol ge fährlich verwundet, wollte doch Cortez von der Eroberung Merico's nicht abstehen.Amerika. 67 Neue Truppen, eigentlich zu Narvaez" Verstärkung bestimmt, stießen von Cuba und Jamaica zu ihm. Von Neuem rückte er auf Mexico los, das er auch nach einer 75tägigen Belagerung den 21. August 1521 eroberte. Die Stadt ward zu einem großen Theile zerstört, der König Guatimozin hatte fich tapfer gewehrt, suchte sich aber endlich durch die Flucht zu retten. Er wurde eingeholt, gefangen und vor Cortez gebracht. „Ich habe gethan", sprach er Mit Würde, „was einem König ziemte; ich habe mein Volk aufs Aeußerste vertheidigt, jetzt bleibt mir Nichts übrig als der Tod. Fasse diesen Dolch und Cortez Kampf mit den Mexicanern. stoße ihn mir ms Herz!" Man hatte reiche Beute gehofft, allein man fand die Wohnungen der Mericaner leer von Schätzen. Um zu erfahren, wo sie dieselben verborgen hatten, folterte man in Cortez Abwesenheit den König und einen Freund Desselben; allein alle Martern waren vergeblich, und als Cortez dazu kam, befahl er den Leuten, den König zu befreien. Jetzt wurde eine Provinz nach der andern unterworfen, Mexico ward prächtig wieder aufgebaut, und Cortez hatte das Verdienst, der Krone Spanien eines der reichsten und größten Länder zu erwerben. Man ertheilte ihm dafür pie Würde als Statthalter und idas sruchtreiche Thal von Oaxaca zu einem 5 *68 Entdeckung von erblichen Lehen, das auch von seinen Nachkommen bis auf die neueste Zeit be sessen worden ist. Derselbe Undank und Neid, der den großen Columbus bis ans Grab verfolgt hatte, ruhte nicht, auch den großen Cortez zu stürzen. Im Jahre 1528 erschien er in Spanien inmitten einer Reihe mericanischer Edlen mit einer Pracht, die seiner Würde angemessen war, um sich hier zu vertheidigen.. Kaiser Karl V. empfing ihn mit Auszeichnung, ließ ihn aber nicht in dem Besitze seiner frühern Macht. Nach mancherlei Reibungen, und um Beschäf tigung für seinen thatendurstigen Geist zu suchen, unternahm Cortez neue Eroberungszüge, auf denen er 1556 Californien entdeckte. Mer Jahre später ging er noch einmal nach Spanien, um sich gegen die fortdauernden Beein trächtigungen Recht zu verschaffen. Er fand eine kalte Aufnahme; der Undank, der Columbus traf, ward auch sein Theil. Dies beugte seinen stolzen Sinn; er starb in einem Alter von 61 Jahren den 2. December 1547 aus einem Landgute bei Sevilla. Das Unternehmen des Balbao, die Länder südlich von Panama zu ent decken und zu erobern, ward von zwei kühnen Männern, dem Pizarro und Almagro, fortgesetzt und durchgeführt. Beide waren von geringer Abkunft, ja der Erstere soll früher sogar die Schweine gehütet haben; späterhin trieb ihn sein feuriger Geist zur Theilnahme an den Kämpfen in Italien, zuletzt nach Amerika, wo er Balbao und Cortez kennen lernte. Nachdem Erstercr hingerichtet worden war, verlegte zwar Pedrarias die Colonie auf die andere Seite der Landenge von Panama, allein er war ein zu unfähiger Mann, um etwas Tüchtiges ausführen zu können; deshalb stellten Pizarro und Almagro sich an die Spitze eines Unternehmens nach dem verheißenen Goldlande Peru. Es war im November 1524, als man gen Süden abfuhr. Erst 1526 ge langte man an die Küste von Peru, allein das feuchtheiße Klima der niedrigen Tropengegenven hatte einen großen Theil der Mannschaft hinweggerafft, so daß noch nicht ganz lOO^das Land betraten. An eine Niederlassung war nicht zu denken, darum begnügte sich Pizarro damit, goldene und silberne Gefäße, so wie Proben ihres Kunstfleißes von den Eingeborenen einzutauschen und damit beladen nach etwa 5 Jahren zurückzureistn. Er langte glücklich in der Colonie ' auf Panama an, fand aber den Statthalter, Pcdraria's Nachfolger, ab geneigt, ihn bei weiteren Unternehmungen zu unterstützen, weshalb er nach Spanien zu Karl V. reiste und. Diesem eine so rührende Darstellung von den. ausgestandenen Drangsalen und eine so reizende Schilderung von den zu er wartenden Reichthümern Peru's machte, daß Dieser ihn zum Statthalter des zu erobernden Landes ernannte; die Kosten der Unternehmung mußte er jedoch selbst übernehmen.Amerika. 69 Diese begann nun 1531 mit drei kleinen Schiffen, 180 Mann zu Fuß und 36 Reitern. Man landete nach einer schnellen Fahrt an der Küste von Peru, und da man überall Gewalt anwandte, so wurden die Bewohner entweder verscheucht oder unterworfen. Die Beute war reich; auch legte man am Flusse Piura die erste Colonie St. Michael an. Von hier aus begann Pizarro den Angriff auf den Mittelpunkt des Reiches, wobei er einen Streit des Königs mit seinem Stiefbruder gut zu benutzen verstand. Pizarro lud den König Atahualpa zu sich, und ließ ihm sagen, er sei der Abgesandte eines großen Königs und geneigt, ihm beizustehen. Der Unea erschien auf das Reichste und Prachtvollste geschmückt auf einem Trag- seffel, begleitet von seinem Hofstaate und einem Heere von 30,000 Mann. Da trat ein spanischer Geistlicher heran, hielt in spanischer Sprache eine An rede an ihn, und entwickelte die Lehrö von der Schöpfung, dem Sündenfalle, der Menschwerdung, dem Leiden und der Auferstehung Christi, der Ernennung des Petrus zum Statthalter Christi in Rom u. s. w. Der König möchte nun sofort die christliche Religion annehmen, so würde man ihn schützen, sonst aber mit Krieg überziehen und hart bestrafen. Waren schon diese Dinge den Pe ruanern an und für sich höchst unverständlich, so wurden sie es noch mehr durch die ungeschickte Uebertragung eines unwissenden Dolmetschers. Der König antwortete, daß er seinen Glauben für den wahren hielte, berief sich auf sein ererbtes Reich und seine Gewalt und fragte, woher der Priester dies Alles habe. Dieser antwortete, daß dies Alles in dem Buche stehe, in wel chem Gottes Wort enthalten sei, und reichte ihm das Buch. Der Unca, un bekannt mit der europäischen Schreibekunst, hielt es ans Ohr und sagte: „Es schweigt und sagt mir Nichts!" worauf er es glcichgiltig zur Erde warf. „Ha," tief der erzürnte Priester, „das Evangelium ist entweiht! zu den Waffen, Chri sten! Rächet diese Entheiligung an den ruchlosen Heiden!" Pizarro gab das Zeichen zu dem verabredeten Angriff; die nächste Umgebung des Königs ward uiedergehauen, er selbst gefangen genommen, seine Soldaten aber durch An wendung der Kanonen und das Einhauen der Reiter niedergemctzelt oder in die Flucht geschlagen, so daß 4000 Todte auf dem Platze blieben. Unter sol chem Blutvergießen begann die Eroberung des Landes. Als der König sah, baß man nach Gold lüstern sei, versprach er, das ganze Zimmer, in welchem sich befand, damit so hoch zu füllen, als er reichen könne, sobalv man ihn t" Freiheit setzen wolle. „Wie", rief Pizarro mit freudigen Blicken staunend „das wolltest du?" Sogleich nahm er ein Stück Kohle und zog in ber angegebenen Höhe ringsum einen schwarzen Strich. Das Zimmer aber war 22 Fuß laug und 16 breit. Kaum hörten die Peruaner, daß ihr König durch Golv befreit werden könne, als sie alle Schätze herbeibrachten und dem Unterdrücker anboten; ja, der seinem Bruder, dem Könige, feindlich gesinnte Huascar bot, um Pizarro für seine Partei zu gewinnen, noch größere70 Entdeckung von Amerika. Schätze an, weshalb ihn Atahualpa sofort ermorden ließ. Wegen Ermordung seines Bruders, sowie als Heide, ward nun der Unglückliche König vor Gericht gestellt, schuldig befunden und zum Scheiterhaufen verurtheilt. Vergebens bat der Nnca, man mochte ihn nach Spanien senden, wo der König über ihn urtheilen könnte, allein sein Tod war beschlossen, der Scheiterhaufen aufgerichtet und seine Bekehrung zum Christenthume hatte keine anderen Erfolge, als daß er, statt verbrannt, am Pfahle erdrosselt ward. Selbst unter Pizarro's ent arteter Rotte fehlte es nicht an Männern, welche dieses Verfahren als eine Schändung des spanischen Namens verdammten. Die Hauptstadt Cuzko ward nun von Pizarro ohne Schwierigkeiten er obert; allein er gerieth in heftige Streitigkeiten mit Almagro, welcher von dem spanischen Hofe gleichfalls eine Statthalterschaft südlich von Pizarro's Ge biete erhielt. Da Almagro Chile erobern sollte, trat er seinen Zug über die wildesten und höchsten Gebirge an; er litt Mangel an Lebensmiteln, und hierzu kam noch eine so strenge Kälte, daß viele Spanier erfroren. Pizarro richtete sich indessen in Peru ein, baute das heutige Lima, und hielt sich für so sicher, daß er vielen seiner Offiziere erlaubte, mit kleinen Haufen das Land nach Gold zn durchsuchen. Da machte Manco Capac, ein Bruder Huascar's, den Versuch, die Peruaner von ihren Unterdrückern zn befreien. Auf seinen Ruf versammelten sich viele Tausende um ihn; Alle waren für die Freiheit ihres Vaterlandes begeistert und schienen weit tapferer und streitbarer als sonst ge worden zu sein. Sie griffen Lima und Cuzko an und trieben die Spanier so in die Enge, daß sie dem Verhungern nahe waren-. Plötzlich erscheint Almagro, schlägt die Peruaner, bemächtigt sich der Stadt Cuzko und nimmt die zwei Brüder Pizarro's, Ferdinand und Gonzalo, gefangen. Von alle Diesem wußte Franz Pizarro Nichts; er batte die Peruaner bei Lima geschla gen, und gedachte nunmehr Cuzko zu entsetzen. Da stieß sein Heer auf Almagro, und wurde von Demselben gänzlich geschlagen. So war Dieser Herr, doch Franz Pizarro entriß ihm durch List den Lorbeer; es kam von Neuem zum Kampfe zwischen Beiden, Almagro wurde geschlagen, vor Gericht gestellt, zum Tode verurtheilt, im Gefängnisse erdrosselt und dann noch öffentlich enthauptet. Kaum hatte die spanische Regierung diese Schandthat Pizarro's erfahren, als sie Christophal Vaea del Castro nach Peru sandte, um die Sache streng zu untersuchen und, falls Pizarro nicht mehr am Leben sei, als königlicher Statt halter aufzutreten. Franz Pizarro hatte indeß seinen Haß auf alle Freunde des Hingerichteten Almagro ausgedehnt und, während er bei der Landcsverthei- lung seine Anhänger mit Gütern überhäufte, Jene ausgeschlossen. Seine Stel lung ward immer unsicherer, nur er allein erkannte dies nicht und wies jede freundschaftliche Warnung mit stolzem Vertrauen auf seine Furchtbarkeit zurück. Der junge Almagro wurde der Mittelpunkt aller Mißvergnügten und unter seiner Leitung ein Plan zur Ermordung des Statthalters entworfen.72 Entdeckung von Es war Montag, den 26. Juli 1541, Mittags, als der Hauptmann H er rat« (Herreta), der Erzieher des jungen Almagro, an der Spitze von 18 Ver schworenen auf die Straße stürzte und ausrief: „Lang' lebe der König, aber Tod dem Tyrannen!" Schon drang man in den Palast des Pizarro ein, als Dieser eben von der Mittagstafel aufstand und, auf die Anzeige eines Evelkna- ben, einem Offiziere den Befehl ertheilte, sofort die Thür zu verriegeln. Aber dieser Offizier hatte schon durch des Pagen Nachricht den Kopf verloren, und da er die Verschworenen bereits kommen hörte, ging er ihnen verwirrt ent gegen und fragte sie, was sie wollten. Ein Todesstoß durch den Leib war die Antwort. Als sie nun unaufgehalten in das Zimmer eindrangcn, sprangen einige der Anwesenden aus den Fenstern, während andere mit Pizarro sich in ein inneres Zimmer zurückzogen. Ein hitziges Gefecht entspann sich hier; der alte Pizarro vertheidigte den Eingang mit Schwert, und Schild und fast mit allem Feuer eines jungen Kämpfers. „Getrost, Kameraden!" rief er, „un serer sind noch immer genug, diese Vercäther zu züchtigen!" Da fiel nach langem Kampfe sein Stiefbruder Alcantara neben ihm, dann seine übrigen Begleiter, und zuletzt empfing auch er, an Kräften erschöpft und fast athemlos, einen tövtlichen Lanzenstoß in die Kehle. Mit blutigen Schwertern zogen die Mörder hierauf durch die Straßen von. Lima und machten den Vorfall be kannt. Die tüchtigsten Krieger schaarten sich um Almagro, und bald stand Die ser an der Spitze einer so ansehnlichen Macht, daß er seine Ansprüche auf die Statthalterschaft durchzusetzen gedachte. Aber die Freunde der Ermordeten wiverstrebten diesem Plane. Schon rüsteten sich die Parteien zum Kampfe, als Vaca del Castro ankam und als Statthalter auftrat. Dies gab der Gestal tung der Dinge eine neue Wendung. Vergeblich 'widersetzten sich Almagro und seine Partei; es kam zwischen ihnen und den Truppen des Königs (1542) zu einem entscheidenden Kampfe. Almagro wurde geschlagen, auf der Flucht ver- rathen, ergriffen und, nach Cuzko gebracht, daselbst öffentlich enthauptet. Die alte Erfahrung, daß durch keine Frevelthat gleicher Frevel gesühnt werden kann, fand auch hier von Neuem ihre Bestätigung. Nachdem wir den wichtigsten Entdeckungen in Mittel- und Südamerika einige Aufmerksamkeit gewidmet haben, so ist es nöthig, daß wir noch einen, wenn auch nur flüchtigen Blick ans Nordamerika und zwar vorzüglich ans diejeni gen Staaten werfen, welche, unter dem Namen der „Vereinigten Staaten" be kannt, gegenwärtig den ersten Rang in Amerika einnehmen und für Millionen unserer Landsleute eine zweite Heimat geworden sind. Wir haben es hier meist mit den viel friedlicheren Eroberungen der Engländer zu thun. Das Gebiet der nordamerikanischen Freistaaten war schon 1497 von dem Venetianer Johann Cabot im Aufträge des Königs Heinrich Vll. von Eng-!Amerika. 73 land entdeckt worden, allein da England damals nicht die Mittel besaß, für diese Entdeckung mehr zu thun und unternehmende Seemänner kräftig zu unterstützen, so wurde dieselbe auch nicht weiter verfolgt. Das Gold, welches man in den weiten Länderstrecken längs der Westküste Südamerika's fand, ward da vergeblich gesucht, wo nur gewaltige Urwälder den mehr ebenen Boden bedeckten, und wo der Norden, allein für Fischfang und höchstens für Jagd geeignet, durch seine grimmigen Winter den Anbau des Landes, sowie die Colonisation unendlich erschweren mußte. Man ließ daher diese weiten Strecken ziemlich unbeachtet, und obwohl seit der ersten Entdeckung durch Cabot noch manches Schiff die nördlichen Küsten berührte, ja die Franzosen 1524 bereits im Na men ihres Königs Franz I. vom Lande Besitz nahmen, so ward dennoch die eine englische Niederlassung erst fast hundert Jahre nach der Entdeckung gegründet. Es war der berühmte Seefahrer Sir Walter Raleigh, welcher auf Entdeckun gen in diese Gegenden ausgezogen war und, gleich seinem Schwager, Sir Humphrey Gilbert, von der Königin einen Gnadenbrief empfangen hatte, der ihn im Namen der Krone von England ermächtigte, in allen Ländern Entdeckungen zu machen, die noch nicht im Besitze anderer christlichen Fürsten oder Völker seien, sie zu erobern, zu Gunsten anderer englischen Unterthanen darüber zu verfügen und sie zu besitzen als Lehen von der Königin von Eng land. Schon 1587 gründete Raleigh die erste Niederlassung, Virginien. Rach und nach entstanden neben diesem mehrere Staaten, so Massachusetts, Maine, Newhampshire, Connecticut und Nhode-Jsland; sie wurden Meist von den Engländern bevölkert, welche theils des Handels, theils der Verfolgungen wegen ihr Vaterland verließen. Niemand hätte damals geglaubt, don welcher Bedeutung dieses Land für Europa einst werden würde, Niemand geahnct, daß jene unscheinbare Frucht, die Kartoffel, welche der berühmte englische Seeheld, Franz Drake, als, wie ihm schien, zum Anbau für Europa Eignet, nach Irland an Walter Raleigh sandte, jemals eines der wichtigsten ^hrungsmittcl für Europa, ja vielleicht für die ganze Erde werden würde. Mal ertheilte ihm seine große Königin Elisabeth zur Belohnung seiner hohen veldenthaten im Kriege gegen die große spanische Armada den Ritterschlag, allein in unseren Tagen würde man in die größte Verlegenheit kommen, wollte "wn ihn dafür gebührend belohnen, daß er uns auf jene einfache Frucht auf- werkfam gemacht und sie zum Anbau nach Europa gesandt hat. -.»Doch bevor wir unsere Wanderung durch die weiten Strecken Nord- und adamerika's antreten, wollen wir noch einen übersichtlichen Blick auf das ei '|we und zwar auf Land und Bewohner, eigene und eingewanderte, werfen ww bei dem vor uns aufgerollten Bilde, von dem wir jedoch nur einige harnen betrachten können, etwas verweilen. Wir haben in jenem Theile e ordainerika's, der noch von den Eingeborenen, den Indianern, bewohnt wird, u weites Land voll grüner Felder zu schildern, wo die Menschenstämmc74 Entdeckung von alle roth sind, wo Fleisch das Hauptnahrungsmittcl bildet, wo es keine Gesetze als die der Ehre giebt, wo an die Stelle der Eichen- nnd Nadelhölzer der Baumwollenbaum und der Pekkan treten, wo der Büffel, das Bergschaf, das Elenn und die windschnelle Antilope Herumschweifen, wo Elstern und plau dernde Papageien statt des Rothkehlchens und der Bachstelze erscheinen, wo die Wölfe weiß und die Löwen grau, wo die Fasanen die Hühner der großen, weiten Prairicn sind und die Frösche Hörner haben, wo die Flüsse gelb sind und die civiliflrten Menschen das Aussehen von Wilden erhalten. In diesen wunderbaren, noch wenig bekannten Ländcrstrichen sind alle Hunde Wölfe, alle Männer Gebieter und ihre Frauen Sclavinnen. Bon den alten Be kannten erkennt man nur die Sonne, den Mond und die — Ratten wieder. Jene sendet ihren wohlbekannten, belebenden Strahl herab, der Mond leuchtet durch das Laub der Riesenbäume in seinem Silberlichte, und die — Ratte, obwohl etwas wilder als die heimathliche aussehend, wird als ein aller Bekannter begrüßt. Doch wir brechen vom Osten auf, um uns nach dem fernen Westen, der Heimat der Urbewohner, zu begeben. Wohl findest du Abkömmlinge jener Indianer, welche vor mehreren Jahrhunderten mit den Europäern in Verkehr traten, auch noch unter ihnen zerstreut und in Osten wohnen, allein sie sind verdorben, Ungerechtigkeit und Laster der eingewanderten Colonisten haben sie entartet, ihre Gewohnheiten verändert, ihren Stolz gebrochen, ihr Land geplün dert, die Besitzthümcr ihnen entrissen und Trunkenheit und europäische Krank heiten, besonders die Blattern, sie zu Millionen hingerafft. Du mußt New-Uork verlassen, das Alleghanygebirge übersteigen, den Mississippi durchschiffen, mit mir weit jenseit des mächtigen Missouri und selbst bis an den Fuß und auf die Gipfel des Felsengebirges, eine Strecke von 4—500 Meilen, wandern, wenn du sie in ihrer Urkraft sehen willst und, um Muth zum weitern Vor dringen zu bewahren, alles Das vergessen, was du in den Büchern über in dianische^ Grausamkeit, über muthwillige Metzeleien und Mordthatcn gelesen hast. So gelangst du zu den Indianern Nordamerikas. Sie, die jetzt bis auf weniger als 2 Millionen zusammengeschmolzen stnd, waren einst die unbestrit tenen Besitzer des Bodens, auf dem der „große Geist" sie erschaffen, ein glück liches, blühendes Volk, das sich aller ihm bekannten Bequemlichkeiten und Genüsse des LcbcnS erfreute, und täglich Dankgebete zu dem großen Geiste für seine Güte und seinen Schutz cmporsandte. Sie zählten damals 16 Millionen. Da kam vor noch nicht dreihundert Jahren der „weiße blasse Mann" in ihr Land, er kam als Gast und machte sich zum Herrn des Landes. Jetzt ist er gegen 30 Millionen stark, und diese mühen sich ab für die Güter und Genüsse des Lebens über den Gebeinen und der Asche von 12 Millionen freier Män ner, von denen die Hälfte durch die Blattern, die übrigen durch's Schwert, das Bayonnet und den Branntwein dahingerasst worden sind. Alle dieseAmerika. 75 Mittel des Todes wurden von dem „weißen Manne" eingeführt, dessen Vor fahren der arme Indianer freundlich ausnahm und „mit Aehrcn von grü- Ein Indianerhäuptling zu Pferde. Korn und Pemmikan bewirthete." Und von den noch vorhandenen Millionen sind 1,400,000 bereits lebend der Habgier des weißen Mannes76 Entdeckung von Amerika. als Opfer verfallen, entartet und entmuthigt durch den Genuß des Brannt weins und die denselben begleitenden Laster. Die übrigen, noch uneingeschüch- tert von Drohungen und unverlockt von Schmeicheleien, leben unter ihren Häupt lingen in ihren Schlupfwinkeln nach der Väter Weise. Dort am obcrn Missouri, am Dellow-Stoneflusse bis tief ins und selbst über's Felsengebirge, sowie nördlich bis über den Winnipegsee, südlich bis gen Teras findet man die Stämme noch in ihrer Natureinfachheit. Da wohnen die Schwarzfüße, die Krähenindianer, die Assinniboiner und Odschibbewäer, die Krihs und die Mandaner, die Mönnitarrier, die Sioux, die Pahnis, die Osagen, die wilden Kamantschen und wie sie alle heißen. Es sind meist hoch gewachsene, mehr oder minder rothbraune Menschen, befinden sich in dem Zu stande ursprünglicher Wildheit, und haben in ihrem indianisch reichgeschmückten Anzuge, in der Reinlichkeit ihres mit Hellen Farben bemalten Körpers etwas Malerisches und Schönes, das sich kaum beschreiben läßt. Jeder dieser Söhne des Walvcs oder der Prairie ist ein freier Mann; die Frauen sind seine Sela vinnen. Das Einzige, was er seiner würdig hält, ist, sich mit Bogen, Köcher, Schild und Speer auf sein schnaubendes Roß zn schwingen und ohne allen Schmuck sich auf die fliehenden Büffelherden zu stürzen und von seinem selten fehlen den Bogen den tödtlichen Pfeil zu entsenden. Die Jagd auf Büffel und Bären, das Ein fangen und Bändigen wilder Pferde, der Krieg der Stämme unter einander sind die liebsten Beschäftigungen der Männer,' während die Frauen daheim im Wigwam, einer balo einer umgekehrten Schüssel ähnlichen, bald zuckerhutför migen Hütte, die Felle der Hirsche, Schafe und Büffel gerben, Kleider fertigen, Mais erbauen und die einfachen, meist aus Büffelfleisch bestehenden Speisen be reiten. Die verwegensten Reiter, die kühnsten Jäger, die tüchtigsten Bogen schützen findest du unter diesen Indianern. Ihre Waffen sind die 6 Fuß lan gen Bogen, von welchen der mit einer eisernen oder Feuersteinspitze versehene Pfeil abschwirrt, der oft 15 bis 16 Fuß lange Speer, oben mit den Scalpen oder gegerbten Kopfhäuten erschlagener Feinde verziert, der Schild, die Streitaxt oder der Tomahak und endlich noch das Sealpmeffer, ein gewöhnliches ein schneidiges Messer, das im Gürtel getragen und vorzüglich beim Ablösen der Kopfhäute angewandt wird. Die Zahl der Kopfhäute, mit denen ein Krieger sich zu schmücken vermag, sind seine höchste Ehre. Sie werden feierlich unter Festen und Tänzen geweiht, sie zieren Speer und Kleidung und selbst der geringe Mann vermag sich durch sie zu hohen Ehren aufzuschwingen. Zu die sem kriegerischen Schmucke kommt noch der mit den Federn des Kriegsadlers verzierte Kalumet oder die Friedenspfeife, die nur bei feierlichen Friedens schlüssen, nachdem die gegenseitigen Bedingungen festgestellt worden sind, zur Besiegelung der Verträge von den Häuptlingen geraucht werden darf, worauf sie wieder sorgfältig eingewickelt und im Wigwam des Häuptlings aufbcwahrt wird. Als leidenschäsklicher Raucher hat der Indianer eine gewöhnliche Pfeife78 Entdeckung von stets bei sich; sie ist seine Begleiterin und wird nebst Tomahak und Kriegskeule mit ihm begraben, um ihm auch in die lang ersehnten „milden und schönen Jagdgefilde" zu solgen. So feierlich-ernst, scharfsinnig und nachdenkend der Indianer auch ist, so ist sein Gedankenkreis doch sehr beschränkt, und staunend steht er vor Allem, was er noch nie sah und sein Fassungsvermögen nicht zu begreifen vermag. Für alles ihm Unbekannte und Geheimnißvolle hat er nur einen Ausdruck, es ist ihm „Medicin", Seine Zauberer und Kranken beschwörer in ihrem geheimnißvolle» Anzuge sind „Medicinmänner", das Scal- pirmesser eines gewaltigen Kriegers eine „große Medicin", und das erste Dampf schiff, welches mit rauchendem Schornstein und rauschenden Rädern die Fluthen seiner Ströme durchschnitt, was konnte es in den Augen der am Ufer stehenden staunenden Indianer wol anders als eine große „Medicinhütte" sein? Der „weiße Mann" mit seinen Werkzeugen mancher Art ist ein großer „Medicinmann", und als der amerikanische Maler Catlin einst viele Häuptlinge in Oel sprechend treu gemalt hatte, betrachteten sie ihn mit Staunen als „großen Medicinmann", und die Häuptlinge und Medicinmänner stellten ihm zu Ehren einen Tanz an, was sie jedem Andern gegenüber unterlassen haben würden; allein seine Medicin war zu groß, da konnten auch die Häuptlinge nicht zögern. Fünfzehn bis zwanzig derselben nahmen an diesem Tanze Theil, unter ihnen einige sehr alte, ehrwürdige Männer, Alle waren nrit dem Kopfputze aus den Federn des Kriegs adlers geschmückt, trugen in der linken Hand einen Speer und in der rechten eine Raffel, Das Schauspiel war ein so ungewöhnliches, daß sich alle Be wohner des Dorfes versammelt hatten, und selbst vier Frauen, die außerdem nie von solchen Festlichkeiten Zeuge sein dürfen, sangen in Gemeinschaft mit einem Medicinmanne, welcher zugleich die Trommel schlug. Ja, Medicin führt in einem Beutelchen jeder Indianer stets bei sich. Es sind dies amulettartige Geheimmittel, die er um Alles nicht hingeben würde, und bei denen man am wenigsten an Arzneimittel denken darf. Seine „Medicin" verloren zu haben, macht den Sohn der Prairie ehrlos, und er bleibt es so lange, bis er dem Feinde im Kampfe die „Medicin" entreißen kann. Biete dem Indianer, was du willst, so gern er europäische Gegenstände von dir auch eintauscht, und wobei du oft für einen werthlosen Gegenstand einen andern von hohem Werthe er halten wirst, seine Medicin giebt er um Alles in der Welt nicht hin, sie ist ihm Begleiter noch in die andere Welt zum großen Geiste, Alles Europäische, womit wir das den gebildeten Völkern Eigenthümliche bezeichnen wollen, erregt seine Neugierde und ist ihm seinem Wesen nach Me dicin. Staunend lauscht er dem weißen Manne, der als Pelzjäger oder Händ ler seine Dörfer berührt, wenn Dieser von den „blassen Männern" des fernen Ostens spricht; doch sein kindlicher Verstand kann die Wunder unserer Zustände nicht begreifen, und „lügen wie ein weißer Mann" ist sein Sprichwort. Schon lange hatte Wet-dschun-dschu oder Taubeneikopf, ein Krieger derAmerika. 79 Asstnniboiner und Sahn des auf S. 78 abgebildeten mächtigen Häuptlings, ein junger, stolzer, schöner, tapferer Mann voll Anstand, den Erzählungen von der großen Medicin und' dem großen Häuptlinge der bleichen Gesichter gelauscht. Sein Entschluß war endlich gefaßt. Ec, der Sieger in manchem Kampfe gewesen, den zahlreiche Sealpe von den Köpfen seiner Feinde schmückten und der gerechten Anspruch auf die höchsten Ehrenstellen des Landes hatte, er mußte gen Osten reisen und mit dem großen Häuptlinge eine Friedenspfeife rauchen. Es war im Winter des Jahres 1832, als er stch mit einer Gesandtschaft der Assinni- boiner nach Washington begab. Als diese nun von der Mündung des Uellow- Stonestusses den Missouri hinabfuhr und die ersten Ansiedelungen der Weißen erreichte, fingen Wei-dschan-dschu und ein anderer Indianer seines Stammes an, für jedes Haus, bei welchem sie vorübcrkamen, einen Einschnitt in das Rohr ihrer Pfeifen zu machen, um bei der Ruck lehr ihren Landsleuten zeigen ZU können, wie viele Häuser der weißen Männer sie auf ihrer Reise, gesehen hätten. Dies ging Anfangs ganz gut. Aber je weiter sie hinabfuhren, um so Zahlreicher wurden die Wohnungen und bald waren nicht nur die Pfeifenrohre, sondern auch der Handgriff ihrer Kciczskeulen mit Einschnitten über und über bedeckt. Unser armer Wei-dschun-dschu kam in Verlegenheit, allein er wußte stch zu helfen. Als das Boot eines Tages am Ufer anlegte, verließ er dasselbe mit seinem Begleiter und schnitt sich eine Anzahl langer Stäbe ab, entfernte die Riade, und Alle waren nun eifrig bemüht, die bisher gemachten Einschnitte auf die Stäbe sorgfältig überzutragen, zugleich aber auch für jedes Haus, an bei« sie vorüberfuhren, ein neues Zeichen hinzuzufügen. Das ging wieder ei; ^ige Tage; allein balv waren die Stäbe mit Einschnitten überdeckt; man nahm zu neuen Stäben seine Zustucht, und da die Häuser von Stunde zu Stunde stch mehrten, so reichten auch diese nicht mehr aus. Da kamen sie gar vor St. ^ouis, einer Stadt von 15,000 Einwohnern und gegen 2000 Häusern an. ^as wurde unfern guten Indianern zu arg. Sie steckten die Köpfe zu ern; ster Berathung zusammen, und nach kurzer Zeit warfen sie ihre Stäbe in den oRß. Jetzt betraten sie die Stadt und erregten nicht geringes Aufsehen, denn ^"-dschun-dschu war in Wahrheit ein prächtiger Kerl. Ec stolzirtc in seiner Rationaltracht einher; die Beinkleider und der Rock waren vom Fell deS Berg- lchafez und reich mit Stachelschweinstacheln und Scalplocken verziert; darüber *«8 sein langes Haar in Flechten herab; den Kopf bedeckte ein reicher Schmuck °u den Federn des Kriegsadlcrs; sein Mantel war die Haut eines jungen uffelthterz und enthielt die Abbildungen seiner Kriegsthaten. Köcher und Hütte er umgehängt und selbst seinen Schild nicht vergeffen. Doch in »,• Louis war für ihn kein Bleiben, das ferne Washington war das Ziel Reise. Sein Staunen vergrößerte sich mit jedem Tage. Er kam von zu Stadt, Dampfschiffe über Dampfschiffe brausten an ihm vorüber, nD die „große Medicin" ward nun stündlich größer. Er setzte seine Reise80 Entdeckung von auf dem Ohio fort, kam vor dem großen Cincinnati vorbei, und erblickte nunmehr die Eisenbahnen mit den schnaubenden Locomotiven. Sein Erstaunen war keiner Steigerung mehr fähig, als ste, dem Sturmwinde gleich, mit einem langen Wagenzuge dahin eilten. Er langte, nachdem er endlich die reich angebauten Gegenden und das Alleghanygcbirge durchschnitten hatte, vor Washington an. Sein erster Gang war zu dem Präsidenten. Er reichte ihm ■ die Hand und rauchte die Friedenspfeife an, der Letzte, der das Haus der bleichen Männer verließ. Doch Washington blieb das Ziel nicht. Er besuchte noch viele reichbcvölkerte Städte Amerika's, sah das Meer mit seinen vielen Schiffen und endlich das gewaltige New-Pork. Tausende von Häusern sind hier dicht an einander gedrängt, Hunderttausendc von Menschen bewegen sich auf den Straßen, und im Hafen starrt der Schiffe masten reicher Wald. Schiffe kommen, Schiffe gehen, der Donner der Kanonen grüßt und wird erwidert, ein Dampfschiff schießt neben dem andern vorbei, und zwischen ihnen bewegt sich das gewaltige Linien schiff mit seinen hundert Kanonen, seinen Riesenmasten. Er sah die Forts, die bleichen Krieger und ihre Kanonen, die Feuerwerke und Luftballons, und kehrte nun im nächsten Frühjahre nach Wa shington zurück. Von Neuem erregte er das allgemeine Aussehen, und um ihn zu erfreuen, hatte ihm der Präsident gegen sein prächtiges Nationulcostüm einen vollständigen Militairanzug geschenkt. Er Taubeneikopf bei seiner Abriii- nach Washington. trug jetzt einen Rock vom feinsten blauen Tuch mit Goldtreffen besetzt, auf den Schultern zwei gewaltige Epauletten, um den Hals eine glänzend schwarze Binde, und seine Füße waren in ein Paar wasserdichte Stiefeln mit hohen Ab sätzen gezwängt, wodurch sein Gang unsicher und schwankend ward. Auf dem Kopfe trug er einen großen Biberhut mit breiten Silbertreffen und einen zwei Fuß langen rothen Federbusch; der steife gerade Rockkragen reichte ihm bis über die Ohren hinaus, und über den Rücken hing sein langes mit rothcr Farbe geschmücktes Haar in Flechten herab. Um den Hals trug er an einem blauen Baude eine große silberne Medaille, an einem um den Leib gehenden Gürtel einen langen Schleppsäbel, der ihm nicht selten zwischen die Füße gerieth.Amerika. 81 Doch auch die Hände waren nicht ohne Cultur geblieben; ziegcnlederne Hand schuhe bedeckten sie, in der rechten hatte er einen großen Fächer und in der linken einen blauen Regenschirm. So ausstaffirt verließ der arme Wei-dschnn- dschu Washington, so stolzirte er auf dem Verdeck des Dampfbootes herum, und pfiff das amerikanische Nationallied: „Yankee Doodlel“ St. Louis hatte die Freude, ihn in seiner zweiten Verpuppung zu sehen, aber sein Herz sehnte sich nach der heimathlichen Prairie. Da endlich landete das Dampfschiff. Er ergriff seine Siebensachen, vergaß auch nicht ein Fäßchen Branntwein unterm Arme mit fortzunehmen, so wie zwei Flaschen, angefüllt mit demselben edlen Trank, in den Taschen. Die staunende Jndianerbevölkerung des Dorfes hatte sich vor dem Landungsplätze gesammelt, so daß unser verwandelter Freund sie durchschritt. Die Anwesenden, und un ter ihnen sein Weib, seine Freunde und Verwandten gaben nicht das mindeste Zeichen der Erkennung, obwol sie wuß ten, wer durch sic hinstolzire. Sie lang ten im Dorfe an, er setzte sich unter sie, sie um ihn herum. Kein Laut ward gehört; er sah die Seinen wie Fremde an, und erst nach einer halben-Stunde starren Anschauens begann ein ällmäh- licßcg, aber höchst langsames und förm liches Bekanntwerden. Seine Ankunft wurde unter den rothen Männern seines Stammes bekannt; man strömte nun von asten Seiten herbei und Tag und Vacht war die Masse lautlos um ihn versammelt. Hier hielt er Vorträge über Sa „ 6e „ elt0 „ f Sll fe ,„„ „„„ ,JL„„. c,c Sitten und Gebräuche der „bleichen ^estchwr", und erzählte die wunderbaren Scenen, deren Zeuge er auf seiner ^effe gewesen. Aber seine einfache Erzählung erschien den Söhnen der Prairie w unglaublich, daß sie ihn für einen großen Lügner erklärten. Er ist, sagten ' le ' unter den Weißen gewesen, die große Lügner sind, und Alles, was er °vt gelernt hat, stnd Lügen. Er verfiel schnell in Ungnade, verlor alle Aus- bcht auf eine bedeutende Stellung, wurde von den Häuptlingen gemieden und als ein verlorenes Glied seines Stammes betrachtet. Nur der große Haufen auschte noch am Feuer seinen Erzählungen. Schon am Tage nach seiner Ankunft fertigte seine Frau aus den Schößen 3ll. gold. Kinderbuch. IV. 2. Stuft. 682 Entdeckung von seines Fracks ein Paar Beinkleider und aus der silbernen Huttresse prachtvolle Strumpfbänder. Den verkürzten Rock trug nunmehr sein Bruder, während er selbst mit Köcher und Bogen, aber ohne Rock, erschien und nur im Hemde herumwanderte. Der Säbel behauptete noch immer seinen Platz, dagegen wur den schon um Mittag die Stiefeln mit Mokassins, Schuhen von Hirschleder, ver tauscht. Dem Branntwein sprach er reichlich zu, bis das Fäßchen nach zwei Tagen geleert und von dem ganzen stattlichen Aufzuge Nichts als der Regen schirm geblieben war, den er nun aber auch bei jedem Wetter bei sich führte, während er übrigens wieder seine Lederkleidung trug. In diesem Aufzuge, mit dem Regenschirme als einzigem übrig gebliebenem Beweise seiner ehemaligen Größe in der Hand, fing er nun an, in nüchternen Augenblicken seinem Volke einfach und wahr zu erzählen, was er auf seiner Reise im Osten gesehen und erlebt hatte; aber das war für sie zu wunderbar und unwahrscheinlich, als daß sie es hätten glauben können; erzählte er doch von der großen Menge Häuser, den großen und kleinen Städten mit all' ihrem Reichthum und Glanze, von den Reisen auf Dampfwagen, Postwagen und Dampfbooten. Er beschrieb die großen Schlösser, die großen Schiffe, die Brücken, das große. Rathhans in Washington und was darin geschehe, die wunderbaren Maschinen, welche in einem Hause daselbst angehäuft waren, weshalb er auch dasselbe die größte „Medicinhütte" nannte, die er je gesehen. Er.schilderte die große Militair- parade in New Aork, das Aufsteigen der Luftballons, die unermeßliche Menge der weißen Menschen und die Schönheit der weißen Squahs (Frauen). Aber dies überstieg das Fassungsvermögen seiner staunenden Zuhörer.in solchem Grade, daß es unmöglich wahr sein konnte, und er mußte daher der größte Lügner in der ganzen Welt sein. Doch ein Ruhm anderer Art erwartete ihn. Man nannte ihn den Me- dicinmann, denn wer solche Sachen zu erfinden und heraufzubeschwören im Stande sei, der könne kein gewöhnlicher Mensch sein. Selbst die Häuptlinge erwiesen ihm wegen seiner großen Medicin die höchsten Ehrenbezeigungen; allein seine Medicin war doch von ganz besonderer Art, und er erhielt deshalb den zwei deutigen Namen: „der Lügenmediciner." Achtung und Bewunderung gingen bald in Schauder, dann in Furcht und zuletzt in Schrecken über, so daß man endlich übereinkam, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien, welches so übermenschliche Fähigkeiten besitze. Ein junger Mann seines Stammes über nahm die Ausführung dieses Vorhabens, nur das Wie? war ihm noch unbe kannt, denn daß einen so gewaltigen Lügner eine Flintenkugel nicht tödten könne, erschien ihm als ausgemachte Sache. ^ Ein Traum half ihm aus aller Verlegenheit. Der Vorschrift desselben gemäß begab er sich an das Fort an der Mündung des Uellow-Stoneflusses und trieb sich so lange um das dor tige Vorrathshaus herum, bis es ihm gelungen war, den Henkel eines eisernen Topfes zu stehlen; denn dieser allein vermochte das Ungeheuer zu tödten. NunAmerika. ging er in den Wald, feilte so lange an dem Henkel, bis derselbe i» den Flinten- lauf paßte und lauerte nun dem armen Wei-dschun-dschu auf. Er straf ihn, als dieser eben mit einem Pelzhändler sprach, stellte sich hin ter ihn und zerschmet- texte ihm den Kopst So endete der arme Sohn der Prairie, der die Welt gesehen und Nichts als Wahrheit erzählt hatte, aber erst verachtet und zuletzt als Zauberer ermor det ward. Neben und zü einem geringen Theile inmit ten dieser Jndianerbe- völkcrnng wohnt die große Zahl der euro- häischen Abkömmlinge und der erst jüngst Ein- gewandertcn, sowie im Süden eine nicht un beträchtliche Negerbe völkerung. Die meisten Länder Europa's ha ben zu den beiden er sten Elasten ihre Theile geliefert, ganz vorzüg- üch England, Deutsch land und Frankreich. ^rsteres begann die Eolonisation in jenen Zeiten, als bürgerliche und religiöse Verfolgungen Tausende veranlaßten, jenseit bfs Oceans eine Freistätte zu suchen. Von vorzüglicher Wichtigkeit war damals die Gründung von Pcnnshlvanien durch Wilhelm Penn im Jahre 1681. Mit der Regierung Wilhelm's III. von England im Jahre 1688 begann das ununterbrochen schnelle Wachsthum der damaligen britischen Colonie von Nord amerika, und schon zu Anfänge des 18. Jahrhunderts finden wir das ganze Der Medicinmann.84 Entdeckung von Amerika, Küstenland von der Mündung des Lorenzo bis zur Halbinsel Florida herab von Colonisten bevölkert, deren Zahl mit jedem Jahre zunahm. Eben so begannen die Ansiedelungen au den großen Strömen des Innern, nur das Binnenland zwischen diesen und der Küste lag unbebaut und diente den umherschweifenden Indianern zum Jagdgebiete, Doch auch hier erschien der Ansiedler, es entstanden die Niederlassungen in Vermont (1724), in Georgien (1733), in Tennessee (1768), in Kentucky (1773), in Ohio (1788); während die Franzosen andere in Mis sissippi, Illinois und Indiana gründeten. Die britische Regie rung begün stigte die Ansie delungen, und ertheilte jeder Provinz das Recht, ihre Vcr- selbst zu Die ruchtbarkeit des Bodens, so wie die Gleich- der Rechte thatendas , und die Zunahme und den Wohlstand Colonisten. Selbst der sie benjährige er bitterte Kampf der Nordame rikaner gegen England in den Jahren 1776—1783 vermochte die Blüthe der Ansiedelung nicht zu brechen. Dreizehn Staaten, damals Colonien genannt, unternahmen .ihn, indem sie den Oberbefehl über ihr Heer dem Obersten Washington anvertrauten. Eine glücklichere Wahl konnte der junge Staat nicht leicht treffen, denn Washington war ein Mann von großen Talenten, vielseitig und hochgebildet, ernst, fest, klug, uneigennützig und frei von Ehrgeiz, kurz ein Mann, wie die Geschichte wenige seines Gleichen hat. Ihm, sowie den Franklin's, Jefferson's, Adams' u, m, A,, dankt der Staat den sieg- Eine Ansiedelung im Westen.New - York.86 Entdeckung von reichen Ausgang jenes Kampfes, sowie seine Gegenwart, und so sehen wir in den „Vereinigten Staaten von Nordamerika" ein Land, welches seit 1793 — 1851 von 15 auf 31 Staaten, von 3,929,328 auf 23,267,500 Bewohner sich erhoben hat, ein Wachsthum, wie es in der Geschichte einzig dasteht. Der Strom der deutschen Auswanderung nahm erst in diesem Jahrhun derte seine Richtung nach den Vereinigten Staaten, ein Strom, der in der Gegenwart fast einer Völkerwanderung nahekommt. Wo ist wol noch eine Familie, die nicht Verwandte, Freunde und Bekannte jenseit des at lantischen Oceans hätte? Und man muß in der Nähe der Hafenstädte Hamburg, Bremen, oder auch an den Hauptstraßen und Eisenbahnen nach jenen Städten wohnen, um die große Zahl Derer vorbeiziehen zu sehen, die in Amerika eine neue Heimat suchen. Doch treten wir zu dem Ansiedler, um Anfang und Fortgang seiner Niederlassung kennen zu lernen. Da müssen wir schon mehr westlich ziehen, denn der Osten mit seinen Riesenstädten, wie New- Uork, Boston, Baltimore, Philadelphia, die Gegenden längs des atlantischen Oceans haben keinen Raum mehr für die fleißigen Hände des Ansiedlers; aber der Westen mit seinen ungeheueren Waldstächen wartet ihrer. Unter den Strei chen der Art schwinden die unwirthbaren Urwälder, und es erheben sich dort im Verlaufe weniger Jahre Wohnungen, Dörfer und Städte, wo noch jüngst der Bär und der Wolf, sowie im dichten Urwalde des Südens der Panther hauste und den Ansiedler bedrohte. In den Wildnissen der südwestlichen Staaten läßt sich Dieser meist noch mehr der Viehzucht und der Jagd, als des Ackerbaues wegen nieder. Ist er an Ort und Stelle angekommen, hat er sein Land gekauft, was im Westen nur eine äußerst geringe Summe erfordert, so ist, sein erstes Geschäft die Er richtung eines Blockhauses, wobei ihm seine Nachbarn, wenn er deren hat, bereitwillig beistehen und ihn mit der Erbauung desselben bekannt machen. Da werden 'schwache Bäume von festem Holze gefällt und zu gleicher Länge ge hauen, darauf vier starke Stämme mit über einander stehenden Enden im Viereck auf einander gelegt und dadurch zusammengefügt, daß in die oberen eine Kerbe und in die unteren ein sogenannter Sattel gehauen wird, die beide in einander greifen. Auf dieser Grundlage erhebt sich eine Lage von Stämmen in gleicher Weise; ein jeder wird an den andern befestigt, bis das Haus die bestimmte Höhe erreicht. Jetzt ist es ein von allen Seiten unzugängliches Viereck, bis die Art sich in dasselbe Bahn bricht und eine Oeffnung hinein haut, welche die Thür bildet, worauf eine zweite noch für den aus Lehm auf zuführenden Schornstein gehauen wird. An Fenster wird nicht gedacht, das nöthige Licht muß durch die Thür hineindringen. Zuletzt werden noch gespal tene Breter als Dach darauf gelegt und mit Steinen oder Stangen bedeckt, damit der Wind sie nicht herabwerfe. Nun macht sich der Ansiedler an die Einfenzung seiner Niederlassung, das heißt, er geht in seinen Wald, fälltAmerika. 87 das beste Nutzholz, zerschneidet es in zehn bis eilf Fuß lange Klötze, und spal tet vier bis fünf Zoll starke Stangen aus denselben. Diese werden im Zick zack um den einzufenzenden Ort so hoch über einander gelegt, daß weder Kuh noch Pferd sie zu überspringen vermögen. Mit der Einfenzung des Hauses und Hofes wird begonnen, die der Felder folgt nach. Man geht zuvor, meist im Herbst, an die Urbarmachung des Waldbodens, und diese beschwerliche Ar beit schreitet nur langsam vorwärts und wird jahrelang fortgesetzt. Nachdem die stärksten und schlanksten Eichen zu Fenzstangen umgehauen und gespalten worden sind, schlägt inan die jungen Bäume einen Fuß über der Erde ab und tödtet die übrigen größeren dadurch, daß man mit der Art einen Ning durch die Rinde des Stammes schlägt, wodurch sie in kurzer Zeit absterben. Die Wurzeln der Büsche und des Unterholzes werden ausgerodet und alles nicht weiter nutzbare Holz auf Haufen-gebracht und verbrannt. Hat die schwere Hacke bei Urbarmachung des Bodens vorgearbeitet, so thut der Pflug das Weitere; freilich müssen die Wurzeln zuvor in der Erde verfaulen, was oft in sechs bis zehn Jahren erst geschieht. Die eingeringelten Bäume werden von Frühjahrs- und Herbststürmen nicht selten umgestürzt, und das Ackerland des Ansiedlers mehrt sich. Eingefcnzt.ist cs schon lange, denn sonst würden die im Freien weidenden Pferde und Kühe seine Saaten nur zu bald zerstören. Im Blockhause sieht cs noch höchst einfach aus; ein Paar roh gearbeitete Bettstellen, eine Bank und ein Tisch, statt der Schränke einige „Gums", d. h. mehrere Fuß lange Stücke eines hohlen Baumes, welche unten mit Bretstückchen vernagelt sind und zur Aufbewahrung von Mehl, Salz und dergleichen dienen, sind das einzige Hausgeräth; außerdem etwas Wäsche, die Büchse mit Pulverhorn, einige Teller und Töpfe sind die ganzen Habseligkeiten, welche das Auge gewahrt. Allein das Gehöft wächst, die Mais- und Weizenernte macht neue Gebäude nöthig. und selbst das alte Blockhaus will nicht mehr gefallen. Man baut ein neues, verwendet mehr Zeit darauf und richtet es bequemer ein. Gar manchen land- wirthschaftlichen Bedürfnissen wird auf die einfachste Weise abgeholfen, denn der Hinterwäldler, wie man den Ansiedler in den westlichen Wäldern zu nennen pflegt, ist Gerber, Schuhmacher, Schneider, Tischler, Zimmermann, Fleischer, Alles in einer Person; wohnt doch sein nächster Nachbar nicht selten eine halbe Tagereise von ihm entfernt! Die Noth macht den Menschen erfinderisch, und >vas man in der Heimat für unmöglich hält, wozu man zwanzig und mehr verschiedene Personen bedarf, das macht sich in der Einöde ohne diese ganz vor trefflich. Dabei pflegen sich die Nachbarn gern zu unterstützen, obwol sie nicht Ickten drei bis vier Meilen zu einander haben. Gieüt's eine besonders schwere Arbeit, sollen auf dem Felde riesige Baumwurzeln und Klötze zusammengerollt und verbrannt werden, ist die Zeit gekommen, wo der Mais geschnitten wer den muß, damit er nicht fault, ist ein neues Haus zu errichten, wozu starke Arme gehören, so ruft eine bittende Einladung sämmtliche Nachbarn, Männer88 Entdeckung von und Frauen, zusammen, und Keiner bleibt zurück. Nach beendigtem Werke machen sich die Frauen ans Kochen, wobei der Stew (sprich: Stsu) — ejn Getränk aus Whiskey, Wasser, Zucker, Gewürz und Butter — eine Rolle spielt. Zuletzt macht man ein Tänzchen, das bisweilen von einem Pfänder spiele unterbrochen wird. Bei diesen Gelegenheiten zeigt die Hinterwäldlerin auch ihren ganzen Putz, denn außerdem fehlt es an Gelegenheit. Und das müßte ein sehr armes Mäd chen sein, welches sich nicht zweimal umziehen konnte; die wohlhabenden thun es fünf bis sechs Mal. Der Stoff ist keineswegs kostbar, nur muß der Schnitt neumodisch und städtisch sein, denn hier fällt der Unterschied zwischen Stadt- und Landbewohner ganz hinweg. Das Gefühl seiner Unabhängigkeit und Frei heit giebt Letzterem eine Ungezwungenheit, welche unter uns meist nur bei den vornehmen Klassen zu sehen ist. Doch ich muß dich noch in ein Blockhaus führen, ein ungewohnter An blick erwartet dich. Das Haus sieht wie alle anderen Blockhäuser, liegt mitten im Walde und ist gleichfalls von eingefenzten Feldern umgeben. Fenster und Fußboden wären Verschwendung, das Licht fällt durch die Thür, und nur an einer Stelle ist die lange Lücke, welche durch das Uebereinanderlegen zweier Stämme entstehen mußte, nicht mit Moos ausgestopft. Es ist ein Schulhaus, in welches ich dich führe, denn gleich neben jener Lücke befindet sich ein langes Vret, welches als Schreibtisch dient. Hier sitzen die Schüler, meist junge Leute von -18 bis 20 Jahren, und beschäftigen sich mit den Anfangsgründen des WissenS, mit Bnchstabiren, Lesen, Schreiben und Rechnen. Gar manche von ihnen kamen zwei bis drei Meilen weit zur Schule, daher nur zu Pferde, und während der Reiter darin sich an diesen schwierigen Dingen den Kopf zerbricht, grasen die Pferde draußen. In den Zwischenstunden wird auch zur Erholung ein Ballspiel gemacht, an welchem der Lehrer gleichfalls Antheil nimmt. Dieser ist nicht selten selbst ein unwissender Mensch, der außer den eben genannten Gegenständen Nichts weiter versteht. Man hat ihn angenommen und verab schiedet ihn wieder, sobald man einen meist nicht bessern bekommen kann. Doch noch auf eine Erscheinung muß ich dich aufmerksam machen, die von unfern Einrichtungen ziemlich abweicht. Wol sind Obrigkeiten und Gerichts behörden in allen Staaten zu finden, allein da es bisweilen zu weit zu denselben ist, da man für manche Verbrecher auch noch nicht die augenscheinlichsten Be weise ihrer Unthat hat, so sucht man sich meist selbst Recht zu verschaffen, und das sogenannte Lynchgesetz kommt in Anwendung. Dasselbe ist eine ver- dammliche Volkswillkür, welche nur den Schein eines Rechtsverfahrens hat, und zuerst unter dem Vorsitze eines gewissen Lynch geübt worden sein soll. Die Volksrache äußert sich meist darin, daß man den Verurtheilten am ganzen Körper mit Theer bestreicht und dann in Federn herumwälzt und fortprügelt, doch ist es keine Seltenheit, daß das in seiner Rache maßlose Volk auch zurAmerika. 89 Zerstörung seines Eigenthums, wohl gar zum Mord greift. Ein Reisender, Friedrich Gerstäcker, welcher einem solchen Gerichtsverfahren einst beiwohnte, erzählt Folgendes darüber: „Ich war bei einem gewissen Hozart, um mit ihm einige-Tage zu jagen, als am Morgen fünf Reiter am Thore hielten, die uns aufforderten, sie zu einer Handlung der Gerechtigkeit, wie sie es nannten, zu begleiten. Es hatten sich nämlich an einem Flnsse, etwa 20 Meilen im Um kreise, eine Anzahl Menschen angesiedclt, welche häufig Pferdediebstähle begingen. Gegen Zwei lagen fast die unumstößlichsten Beweise vor, allein dieselben ge nügten noch nicht, sie vor Gericht zu stellen, und deshalb übernahm das Volk die Aburtheilung selbst. Wir folgten der Aufforderung, ohne an derselben ei gentlich thätig Theil nehmen zu wollen. 40 bis 50 Personen hatten sich gleich uns eingefunden, und nun brachte man auch die Angeklagten, zwischen zwei Pferden gebunden. Die Richter (Geschworene) wurden erwählt, die Zeugen traten vor, und die Verhandlung begann. Der eine der Angeklagten, Namens Curli, war sehr niedergeschlagen, der andere, Brogan, sah wild und bösartig drein : beide läugneten beharrlich. Da band man Elstern an einen Baum, und schlug den entblößten Rücken mit Ruthen, worauf Derselbe auch gestand, daß er nur den Hehler geinacht, Brogan aber der eigentliche Dieb sei. Da Letzte rer noch immer läugnete, so ward der Erstere wieder losgebunden; Jener kam an seine Stelle und ward von zwei Männern schrecklich zerhauen. Anfangs siuchte und schimpfte er, dann ward er ruhiger, und rief endlich stöhnend aus: Mein armes Weib und meine Kinder! Während dessen begannen schon zwei Neger ein Grab zu graben, und ein Weißer bestrich mit der kaltblütigsten Miene ein Seil mit Talg, an dem der Unglückliche aufgehangen werden sollte. Das ging uns zu weit, und wir verwandten uns nun für ihn, indem wir bemerk en, daß man, wenn man ihn mit dem Tode bestrafen wollte, ihn nicht erst 1v gräulich mißhandeln dürfe. Unsere 'Ansicht fand Eingang., die Volkswuth hatte sich abgekühlt, und man schenkte ihm unter der Bedingung das Leben, daß er binnen vier Wochen die Grafschaft verließe. Er versprach Nichts, son dern sank, als man ihn losband, ohnmächtig zur Erde." Die Zahl der Deutschen ist in den Vereinigten Staaten sehr beträchtlich, man rechnet deren 6 Millionen. Der deutsche Ansiedler ist allgemein geschätzt, dmn fast nirgends sind die Aecker schöner als bei ihm; doch eignet sich der Amerikaner zur ersten Gründung einer Farm, zur Erbauung des Blockhauses, zum Ausroden des Waldbodens und zur Einsenzung besser als Jener, weshalb viele sich damit beschäftigen, und die so hergestellten Farmen alsdann an ^"Uche verkaufen. Andere Deutsche, oft in größeren Städten wohnend, sind uicht geeignet, das Ansehen ihrer Nation zu erhöhen, denn in Amerika liebt man das Arbeiten. Nur wer weit mehr als in Europa arbeitet, umsichtig uub sparsam ist, wird cs sicher zu einiger bald größer», bald geringer» Wohlhabenheit bringen. Zu beklagen bleibt cs, daß der Deutsche sich als90 Entdeckung von solcher zu wenig geltend zu machen weiß, und deutsche Sprache und Sitte, ja selbst die Liebe zu seinem Vaterlande, nur zu bald vergißt oder verläugnet. Außer diesen hat die Gegenwart noch eine neue Klasse von Auswanderern geschaffen, die Goldsucher in Californien, ein weites Gebiet, das durch den amerikanisch-mexikanischen Krieg in den Besitz der Vereinigten Staaten gekommen war. Was dem Spanier verborgen gewesen war, ward dem Amerikaner nur zu bald bekannt. In dem Bette und an den Ufern des Sacraistentoflusses fand sich Gold, theils in kleinen Schuppen, theils in größeren Stücken. Es ward wahr scheinlich aus dem schieferigen Gesteine der Felsen von dem herabströmenden Regen Goldrväsche. gewaschen und blieb im Schwemmlande liegen. Diese Entdeckung geschah in der er sten Hälfte des Jahres 1848, und schon nach wenigen Wochen strömten Spanier, Amerikaner und Indianer von allen Seiten herbei, um Gold zu graben. Ihr Gewinn war äußerst beträchtlich; doch mit äußerster Schnelligkeit verbreitete sich auch die Nachricht von dem merkwürdigen Funde. Auf Sec- und Landwegen eilten große Schaaren voll Reisenden herbei, und eine Unzahl von Menschen verließ selbst das ferne Europa, um an der entlegenen Westküste, an den Ufern des stillen Oeeans, ihr Glück im Goldgraben zu suchen. San Franziseo ward das Ziel aller dieser Menschen. Wenige Jahre haben seitdem hinge-Amerika. 91 reicht, um diesen noch vor kurzer Zeit zum größten Theile von Indianern be wohnten Landstrich zu einem äußerst bevölkerten zu machen. Ein Gang durch die Straßen von Franzisco oder nach dem Hasen zeigt uns eine Bevölkerung aus allen Erdtheilen. Deutsche und Engländer, Spanier, Franzosen und Ita liener, Amerikaner und Indianer arbeiten in Gemeinschaft mit den Bewohnern China's, Japan's, der Inseln des stillen Oceans und der Sundainseln. San Franzisco wächst unter solchen Umständen täglich, nicht Häuser und Straßen, nein, ganze Stadttheile scheinen wie aus der Erde zll wachsen, und obwol schon mehr als einmal die heftigsten Feuersbrünste wütheten, immer ersteht die Stadt, dem Phönix gleich, aus ihrer Asche wieder. In den Minen ist ein wil des Leben; Breterbuden beherbergen die Goldgräber, Raub, Mord und Lynch justiz sind an der Tagesordnung, und letztere ist vielleicht unter diesen Umstän den noch für eine Wohlthat anzusehen. Das Verfahren bei den Goldgräbereien ist eben so einfach, als für die Gesundheit nachtheilig und anstrengend. Man bringt das goldhaltige Erdreich in eine Vorrichtung, die mit unfern Wiegen die größte Aehnlichkeit hat. Durch darauf geschüttetes Wasser wird das Erd reich aufgelöst und abgewaschen, nur Steine und Gold bleiben zurück. Drei bis zehn Dollars sind der gewöhnliche tägliche Verdienst eines nicht ganz un glücklichen Goldsuchers. Große, oft mehrere Pfund und noch schwerere Gold klumpen werden nicht selten gefunden. Die Goldgewinnung der letzten Jahre ist außerordentlich beträchtlich gewesen, und mit kalifornischem Golve beladene Schiffe kommen regelmäßig in den östlichen Häfen an. Doch noch eine vierte Bevölkerung bleibt uns zu erwähnen übrig. Es ist die Negerbevölkerung. Diese armen Menschen sind in früherer oder späte rer Zeit als Sclaven aus ihrem Heimatlande, dem Mittlern Afrika, verkauft worden, um hier in den südlichen Staaten, sowie auf den Antillen, Arbeiten zu verrichten, denen der Europäer wegen des ungewohnten feuchtheißen Klima's nur zu bald .erliegen würde. So schmachvoll dieser Handel immerhin sein mag, so außerordentlich die Anstrengungen sind, welche England in menschenfreund lichster Absicht zu seiner Unterdrückung gemacht hat, so ist ihm dies bis jetzt noch nicht gelungen. Ungeachtet der genauesten Aufsicht entkommen noch immer alljährlich viele Sclavcuschiffe. In ihnen liegen im engsten Raume die Be- dauernswerthen reihenweise ausgestreckt, oft sechs bis achthundert und mehr beisammen. Ist schon die Ueberfahrt eine große Qual, so erwarten den Neger nach seiner Ankunft noch größere Martern. Gleich dem Schlacht- und Zugthiere verkauft man ihn an die Pflanzer und hier wird er oft bei dem geringsten Versehen mit den härtesten Strafen belegt. Aber nur ver südliche Theil des Gebiets der Vereinigten Staaten besitzt eine -äußerst beträchtliche Sclavenbevölkerung; in den nördlichen Staaten ist die Sklaverei verboten. Wie gefährlich die große Anhäufung von Sclaven für ein Land werden kann, das konnte man im Anfänge dieses Jahrhunderts auf einer der größten92 Entdeckung von der westindischen Inseln, auf dem schon früher erwähnten Hispaniola, später San Domingo, jetzt Hayti genannt, sehen. Dieselbe gehörte früher zu Spanien, allein 1697 mußte dieses den westlichen Theil davon an Frank reich abtreten, und durch eine weise Verwaltung gelang es letzterem, Wohlstand und Cultur in seiner neuen Besitzung in einem so hohen Grade zu verbreiten, daß alle übrigen Kolonien dadurch verdunkelt wurden. Die Hauptbevölkerung bestand zu jener Zeit aus Sclaven, nur die Pflan zer waren Franzosen; 'Ordnung, Ruhe und Thätigkeit herrschten in allen Thei- len der Colonie. Da brach die französische Revolution herein, die Mulatten (Nachkommen der Weißen und Neger) griffen zu den Waffen, die Neger traten auf ihre Seite, und Beide fielen über die Weißen her. Die furchtbarsten Greuel- sceneu ereigneten sich, deren Ende eine fast allgemeine Ermordung der Weißen war. Die von der französischen Regierung gesandte Armee von 30,000 Mann unterlag furchtbaren Krankheiten und dem Schwerte der vereinigten Neger und Mulatten bis auf ein kleines Häufchen, das sich, um dem sichern Verderben zu entgehen, den Engländern ergab. Eine Negerrepublik ward gegründet, allein der hochherzige Neger Toussaint Louverture mußte schon nach wenigen Jahren dem wilden Stammgenossen Dessalines weichen, da Dieser 1804 sich unter dem Namen Jacob I. zum Kaiser ausrufen ließ. Schon nach zwei Jahren ward er ermordet, und der Staat zerfiel wieder in zwei Reiche, die sich fortwährend anfeindcten. Unter mancherlei Verwickelungen hat sich dasAmerika , 93 Negerreich erhalten, und Faustin I. ist die schwarze Majestät, welche gegen wärtig zum Ergötzen Europa's den von schwarzen Herzogen und Markgrafen umgebenen Thron von Hayti einnimmt. Alle westindische Inseln erfreuen sich einer außerordentlichen Fruchtbarkeit, werden aber nicht selten von den, furchtbarsten Stürmen heimgesucht, die sich eben so plötzlich erheben, als sie in ihren Wirkungen verwüstend sind. Wandern wir nach Südamerika, so begegnen wir einer noch weit gewal- tigern Natur als im Norden. Da sind es die hohen Rücken der Cordilleren mit ihren 22—25,000 Fuß hoch emporragenden Riesenhäuptern, die sich oft auf einer 6—11,000 Fuß hohen Hochebene erheben, lvie die von Quito, Ein Orkan in Neuholland. und es ist die Wirkung, welche diese größtentheils in ewigen Schneeschleiern schimmernden Riesenpyramiden auf den allgemeinen Charakter der Landschaft ausüben, die einer unnennbaren Größe und Erhabenheit. Düstere Bergzüge ^gegnen allenthalben dem Blicke und begrenzen nach allen Richtungen den Gesichtskreis. Alle diese gewaltigen Berggipfel tragen die unverkennbaren Spu- sen ihres vulcanischen Ursprungs, oder der noch fortdauernden vulcanischen Thätigkeit. Einige erheben sich mit abgestumpften Spitzen in Kegelgestalt, während andere in zackigen Kämmen und schiefen Spitzen als eingesunkene und Zerborstene Kraterwände sich darstellen, und nur die dritte Form zeigt sich in94 Entdeckung von hochaufstrebender Kuppel, wie sie der Chimboraffo trägt, als die majestätischste von allen. Mächtige Riesenströme entspringen auf den östlichen Hochflächen und Abhängen dieser Gebirge, und senden ihre gewaltigen Wassermassen, zuletzt in einige wenige Ströme vereinigt, ostwärts dem atlantischen Ocean zu. So im nördlichen Theile der Orinoeo und Marannon, im Süden der- La Plata. Von ihren Fluthen werden die weiten, thcils bewaldeten, thcils grasreichen Ebenen, nördlich die LlanoS, südlich die Pampas, durchströmt; ihre Ufer wehren in bei- Der.,. Panther. spieklos üppiger Vegetation dem kühnen Restenden das weitere Vordringen, und in ihren gewaltigen Urwäldern erheben sich Riesenbäume, wie sie nur die Gluth rer Tropensonne zu erzeugen vermag. Hier in diesen Wäldern sind die Tum melplätze einer mannichfachen Thierwelt; hier wiegen sich in ewigem Geschrei zahllose Affen und Papageien, kaum dem Auge erkennbar, auf dem Gezweig der hohen Laubdächer, während an Waldrändern und Flußufern Tigerkatzen und Panther ihrer Beute nachschleichen, und riesige Schlangen an Bäumen sich aus- und abwinden, ihre Ringe bald öffnend, bald schließend. Dieser mächtige halbe Erdthcil war Europa, war der gebildeten Welt fast gänzlich unbekannt. Jahrhunderte lang hatte er unter spanischem undAmerika. 93 Ansiedelung am La Plata. Ersteigung vorhanden war. Unter den wilden indianischen Völkerschaften be zähm sich Humboldt mit Menschenfreundlichkeit und Unerschrockenheit — mehr "ls einmal war er in Lebensgefahr —, die großen Wasserströme durchfuhr er ^ald aus-, bald abwärts, und überall, sei es im Reiche der Pflanzen oder Thiere, "r der Bildung des Erdkörpers, am glanzvollen südlichen Himmel, oder in ^er Geschichte der einzelnen Völkerschaften, stellt er die großartigsten Untersuchun gen an. Wol noch nie unterzog sich ein Gelehrter von so hoher Wissenschaft lolcheu Beschwerden und Gefahren, allein die schönsten Erfolge krönten fein Unternehmen. Seit seiner Rückkehr im Jahre J 804 verehrte Europa in ihm ten zweiten Columbus; durch ihn ward der Welt klar erschlossen, was jener portugiesischem Joche geschmachtet, und es hatten diese Nationen ein zu be sonderes Interesse daran, als daß sie nicht jede nähere Bekanntschaft Euro- pa's mit demselben und seinen Zuständen zu verhindern bemüht gewesen wären. Da gelang cs dem berühmten deutschen Gelehrten Alexander von Humboldt, von Spanien die Erlaubniß zu einer wissenschaftlichen Reise zu erhalten, und er trat sie den 5. Junius 1799 nach vielen Bemühungen und unter mancherlei Gefahren an. Der Franzose B onpland reiste mit ihm, und es giebt keine Gefahr, vor welcher die kühnen Reisenden zurückschreckten. Die mächtigen Anden und Cordilleren wurden überschritten, die höchsten Berge über stiegen, der Gipfel des Chimborasso so weit erklimmt, als die Möglichkeit einer96 Entdeckung von Amerika. große Mann im Ausgange vcs 15. Jahrhunderts entdeckt hatte. Große Ge lehrte sind in Humboldts Fußstapfen getreten, und cs mögen hier aus der Zahl vieler anderer berühmter Reisender die deutschen Namen, wie Martius und Spir, der Prinz von Wied, Robert Schomburgk und Pöppüg heraus gehoben werden. Sie Alle süßten aus Humboldt's Grundlagen, und Manches, was Dieser nicht erkannt, ist durch sie gesehen worden. ’>! Wie gern, lieber Leser, möchte ich Einiges von Dem erzählen, was diese Reisenden in jenen Ländern gefunden haben. Wir würden gemeinschaftlich den Chimborasso besteigen, in das Innere der gewaltigen feuerspeienden Vulcane ein- dringen, soweit ein Mensch es vermag; in den Nebeln längs der peruanischen Meeresströmung den hier nicht seltenen Anblick von Nebensonnen und Nebenmon den haben; bei einer Fahrt auf dem Maraunon und seinen gewaltigen Nebenströ- meu die nunmehr in unsere großen Prachtgärten und Treibhäuser von daher ver pflanzte Wunderblume Viotoria regia in ihrem Heimatlande sehen; wir würden das Leben in einem gewaltigen Urwalde schauen, oder die Schrecken eines Erd bebens vernehmen, wie es auf den Antillen, in Mexico und Peru nicht zu den Seltenheiten gehört (denn hat eine Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides) — allein dies und noch vieles, vieles Andere muß für ein späteres Bändchen verbleiben, wenn wir uns einmal Wiedersehen.Aie Entdeckung von Australien und Oceanien. , „Jiefev Erdtheil ist zuletzt entdeckt worden und könnte daher mit einigem Rechte, wenn man Amerika die neue Welt nennt, die neueste genannt werden. Er besteht ans lauter Inseln, welche zwischen der Westküste Amerika's und der Ostküste Asiens nebst den dazu gehörigen Inseln zu beiden Seiten des Aequa- tors liegen. Die Zahl dieser Inseln ist ungemein groß, doch sind die meisten Lon ihnen ziemlich klein und unbedeutend, manche in solchem Grade, daß sie noch gar nicht bewohnt, ja vielleicht manche der vorhandenen kleineren In seln wol »och nicht einmal zu unserer Kenntniß gelangt sind. Nur wenige Inseln unterscheiden sich durch ihre Größe von allen übrigen, und ich will du hnr namentlich Neuholland oder Australien, Neuguinea und Neuseeland nennen. Es versteht sich von selbst, daß diese Inseln unmöglich von einem einzigen gold. Kinderbuch. IV. 2. Au fl. i98 Entdeckung von Seefahrer oder zu einer und derselben Zeit entdeckt worden sind, obwol nicht zu verkennen ist, daß einzelne Seefahrer, sowie besondere Jahrzehende vorzüglich viel zur Entdeckung oder genanern Kenntniß dieser Inselwelt beigetragen haben. Schon im vorigen Abschnitte habe ich dir von Ferdinand Magelhaens erzählt, und er war allerdings der Erste, der am 6. März 1521 ans seiner Reise um die Welt die Marianen oder Ladronen und bald darauf die Philippinen ent rechte, auf denen er den 21 . April 1521 in einem Gefechte mit den Eingebore nen das Leben verlor. Sein Geschwader, welches freilich zuletzt bis auf ein einziges Schiff zusammengeschmolzen war, setzte die Reise fort, und kam endlich den 7. September 1522 von Osten her nach Spanien zurück. So hatte cö den unbestreitbarsten Beweis von der Kugelgestalt der Erde und der Möglich keit ihrer Umschiffung gegeben und viele Seefahrer haben seitdem jene erste Reise um die Welt nachgeahmt, indem sie entweder den Weg um das Cap Horn oder um das Vorgebirge der guten Hoffnung nahmen. Ich will dir unter den früheren Seefahrern und Entdeckern ganzer Inselgruppen nur die Spanier Saavedra, Gaetan und besonders den berühmten Mentana nennen. Das siebzehnte Jahrhundert erweiterte die Entdeckungen des sechzehnten, und nament lich waren es der Portugiese Ouiros,.sowie die Holländer Dirk Hardigh, Schoutcn, Witt, van Edcls, Nuits und Tasman, welche bedeutende Entdeckungen in diesem Theile der Erde gemacht haben. Auf diese Zeit der Anstrengung erfolgte, nachdem der Brite Dampier am Schluffe des siebzehnten Jahrhunderts noch einige Entdeckungen gemacht, ein fast 60jähriger Zeitraum der Abspmmung. Nur die Bemühungen des Holländers Roggeween in den Jahren 1721 und 1722 sind noch von eini ger Bedeutung, bis endlich 1765 die Briten auf's Neue begannen, den stillen Oeean aus das Eifrigste zu untersuchen. Auf die Vorläufer Byron, Wallis und Carteret, sowie den Franzosen Bougainville folgte endlich James Cook, der berühmteste Entdecker Australiens. Von der englischen Regierung ausgesandt, umschiffte er dreimal die Erde, bis er endlich 1779 noch ein Opfer seines Berufes auf der Insel Hawaii ward. Er hat viele Inseln neu entdeckt, andere bereits früher entdeckte, aber wieder in Vergessenheit gerathene neu auf gesunden und durch seine äußerst sicheren Vermessungen die genaue Kenntniß der Erde außerordentlich erweitert. Andere Seefahrer sind ihm nachgefolgt, und ich will dir unter ihnen nur die Engländer Vligh, Wilson, Marshall, Gil bert, Edwards, Vancouver, Hunter, Bnttler und Baß, ferner die Franzosen la Perouse, D'Entrecasteaur und Marchand, sowie in die sem Jahrhundert den Franzosen Baudi» und die Engländer Flinders, Grant und Turnbull nennen. Auch die Russen unter Kotzebue und Krusenstern, sowie die Franzosen unter Freycinet, Dumont d'Urville und die Engländer unter Hunter, Beechey und Cosfin haben in unserw Jahrhunderte viel zur genauem Kenntniß. dieses Erdtheils beigetragen. EsAustralien und Ocecmien. 99 kann mir nicht in den Sinn kommen, die einzelnen Entdeckungsreisen dieser kühnen Männer dir zu erzählen; dafür sollst du von den Ländern und Insel gruppen, sowie den Bewohnern derselben Einiges hören. Wir treten daher auf der vor uns liegenden Karte eine Entdeckungsreise an, indem wir mit der uns am nächsten nach Osten gelegenen großen Insel Neuholland beginnen. Das erste Schiff, welches dieses gewaltige Land erblickte, war ein hollän disches, der Duyfhen, 1606. Es fuhr 300 Seemeilen längs der Küste hin, ohne wegen des wilden Sinnes der Bewohner es wagen zu können, das Land tiefer hinein zu untersuchen. Noch in demselben Jahre ward die Torresstraße entdeckt, welche Neuguinea von Neuholland trennt. Von jetzt an wurde Neu holland besonders von Holländern ausgesucht und daher auch nach ihrem Lande benannt; ja, mehrere Theile desselben bekamen Namen von ihren Entdeckern. 1645 entdeckte Tasman die große im Süden von Australien liegende Insel Van-Diemensland und benannte sie nach dem damaligen Generalstatthalter Van Diemen. Man hielt ste lange für die Südspitze von Neuholland, bis der See fahrer Baß die nach ihm benannte Baßstraße ausfand. James Cook hat zur nähern Kenntniß von Neuholland viel beigetragen; er befuhr 1770 die ganze Ostküste, entdeckte Botany-Bai und Port Jackson und nahm von diesem Theile der Insel für die britische Krone feierlich Besitz. Die Beschreibung, welche Cook nach der Rückkehr hiervon in seinem Vaterlande machte, lenkte die Auf merksamkeit der britischen Regierung auf diesen unbekannten Winkel der Erde, den man zu einer Niederlassung höchst geeignet hielt. 1788 ward Arthur- Philipp als erster Gouverneur mit einem Geschwader an die Ostküste gesandt, um hier eine Verbrechereolonie zu gründen. Von dieser Colonie gingen nun mehr die neuen Erforschungen aus, doch erstreckten sie sich Anfangs nur auf die Küstenebene. Dieser Theil ist auch heute noch der bekannteste der gewaltigen Insel. Das Innere derselben ist noch unbekanntes Land und wird es vielleicht noch länger bleiben, wenn die europäische Einwanderung nicht durch ungewöhn liche Ereignisse, wie z. B. Ue Auffindung reicher Goldlager in der Nähe von Sidney, ihre Aufmerksamkeit daraus lenkt. Die ganze Thier-und Pflanzenwelt ist eine von den übrigen Erdtheilen vollständig abweichende. Da findet sich als größtes Säugethier das Känguruh, der Wombat, der große fliegende Hund und der bösartige Dingo oder neuholländische wilde Hund; ferner unter den Ben- telthieren die merkwürdige Beutelratte, welche ein Känguruh im Kleinen ist, gleichfalls auf den beiden Hinterbeinen hüpft, in hohlen Bäumen lebt und sich mit großer Geschwindigkeit bewegt. Die Jagd auf dieses Thier macht viel Ver gnügen. Merkwürdiger noch, ja das merkwürdigste Thier der ganzen Schöpfung, N das Schnabelthier. Es vereinigt die Eigenschaften eines vierfüßigen Thie ls mit denen eines Vogels und eines Fisches. Seine Schnauze gleicht voll kommen einem Entenschnabel und an den Füßen hat es Schwimmhäute. Es gat einen kurzen, breiten Schwanz, dem des Bibers ähnlich, der mit borsti- 7*100 Entdeckung von gen Haaren dicht besetzt ist. Man findet es häufig in den Flüssen; tiefes Wasser liebt es nicht, badet gern in einem seichten Pfuhle, bleibt aber selten länger als eine Viertelstunde darin. Seine Nah rung besteht in kleinen Fischen und Jnseeten. Unter die merkwürdig sten Vögel Neuhol lands gehören der Emu oder Kasuar. Er ist ein Riesenvogel, sieben Fuß hoch, und seine borstenartigen Federn sind ein Mittelding zwischen Federn und Haaren; fliegen- kann er nicht, doch läuft er schnell, daß man :hr flüchtiger Hunde bedarf, um ihn einzu holen. Er soll ein Gewicht von 120 Pfd. erreichen. Außer ihm verdienen noch der schwarze Schwan und der prachtvolle Leierschwanz besondere Erwähnung. In der Pflanzenwelt er blicken wir in außerordentlicher Verbreitung die Eukalypte und Akazie, von den Colonisten Gummibäume genannt. Das europäische Auge betrachtet letztere nur mit Verwunderung, wenn die Zeit eintritt, wo sich die alte Rinde von dem Stamme trennt; ein Vorgang, der mit dem Mausern der Vögel am besten vergli chen werden kann. Die alsdann von Neuem sich bildende Rinde giebt ihnen voll kommen das Aussehen abgestorbener Bäume, bis ein Blick nach den Wipfeln die grüne Blättersülle zeigt, das Staunen mehrt und die Frage verursacht, wie es möglich sei, daß Bäume ohne Rinde noch wachsen können. Sie schwitzen das reinste Gummi und zwar zu gewissen Zeiten in großer Menge aus. Doch werfen wir noch einen Blick auf die Bevölkerung. Sie ist äußerst schwach, denn die Zahl der Ureinwohner Neuhollands beläuft sich wol schwerlich auf 100,000. Dieselben lieben ein herumschweifendes Leben, sind in allen Theilen des Landes einander gleich und nichts weniger als schön zu nennen. Ihre Farbe ist ein dunkles Schwarz, das Haar nicht wollig, sondern kraus und das Gesicht der abschreckendste Theil des Körpers. Das milde Klima macht sie gegen Der Schweifbeutler, die merkwürdigste OpposumartAustralien und Ocecmie». 101 die Kleidung sehr gleichgiltig, ja in der heißen Zone sieht man sie in den Wäldern völlig nackt, und Mancher, der als Dienstbote in den Colonien gelebt, wohl gar dort aufgezogen worden ist, ergreift die Gelegenheit mit Freuden, in Schnabclthier. die^Wildniß zurückzukehren und sich als Zeichen der Freiheit seiner seit Jahren getragenen Kleidung zu entledigen. Dagegen bemalen sie den Körper roth, weiß und schwarz, und da sie den Farben Thran beimischen,, so macht sie dies eben so schmuzig als übelriechend. Statt des Thranes bedienen sie sich auch des Fettes, und das, Nierenfett ist das große Siegeszeichen, das sie ihren über wundenen Feinden entreißen, indem sie glauben, durch Einreiben mit demselben die geraubte Stärke des Besiegten auf sich übertragen zu können. Wie.der uordamerikanische Wilde seinen zu Boden geworfenen Feind nicht augenblicklich tobtet, sondern ihm nur der Kopfhaut beraubt (scalpirt), so beraubt der Au stralier denselben des Nierenfettes. Allgemein ist auch die Sitte, die Haare mit Thron und Ocker zu bestreichen und mit Baumharz Zähne, Knochen und Federn daran zu befestigen. Um die Nase besonders zu schmücken, durchbohrt man die mittlere Wand, und steckt bei feierlichen Gelegenheiten Stücken Holz oder Knochen, lowie seltene Federn'hinein. Unter den Männern herrscht noch die besondere ^>tte, sich mit einem- Steine zwei Vvrderzähne der ober» Kinnlade auszuschla- 3™., In der Auswahl der Speisen ist der Neuholländer nicht ekel; er ver schmäht Nichts, sobald es nur eßbar ist: Wurzeln, Blätter, Früchte verschiedener102 Entdeckung von Australien und Oceanien. Bäume, Säugethiere und Vögel; Schildkröten, Fische, Muscheln, Eidechsen, Frö sche, Raupen, Ameiseneier, Käfer und das ekelste Ungeziefer aller Art sind ihm Lieblingsspeisen. Selbst die Menschenfresserei kommt unter ihnen vor, doch ist sie nicht allgemein. So wild der Neuholländer aussteht, so geringe Vildungs- fähigkeit er zeigt, so ist er seinem Charakter nach ursprünglich doch mehr ein gutmüthiger Mensch. Wo der Europäer landet, findet man ihn stets auffallend scheu und mißtrauisch; zeigt man sich aber ihm freundlich, so wird er zuvorkom mend und zutraulich. Der Engländer Stört, welcher eine Zeit lang unter ihnen lebte, erzählt uns Folgendes: „Als wir eines Tages auf dem Murray fuhren, erblickten wir einen großen Haufen Eingeborener, die sich, als wir näher kamen, zum Kampfe vorbereiteten und mit geschwungenen Lanzen nur auf die Gelegenheit zu warten schienen, sie gegen uns werfen zu können. Der Fluß war breit, wir von ihnen so weit entfernt, daß uns ihr Drohen nicht kümmerte. Da plötzlich erschien am entgegengesetzten Ufer eine neue Abtheilung; doch schwamm sie leicht und behend ans andere Ufer hinüber. Der ganze Hause folgte uns nun unter fürchterlichem Gebrüll, Schilder und Lanzen zusammenschlagend. In dieser gefährlichen Lage legte ich mit unserm Fahrzeuge am linken Ufer an, und während unsere Leute die Zelte aufschlugen, ging ich mit einem Begleiter ans Ufer hinab, um mit unfern Gegnern so gut als möglich über das Wasser hin über zu unterhandeln. Ich hielt eine lange pantomimische Unterredung mit den Wilden und streckte ihnen als Friedenszeichen einen Olivenzweig entgegen. Da legten sie ihre Lanzen weg, traten zu einer Berathung zusammen, die damit endigte, daß zwei oder drei in den Fluß sprangen, denen die übrigen folgten und herüberschwammen. Sie hatten bald das entgegengesetzte Ufer erreicht, wir aber zogen uns ein wenig zurück und setzten uns nieder, was bei den Einge borenen im Innern das gewöhnliche Zeichen einer Unterredung ist. Als sie dies bemerkt hatten, kamen sie näher und setzten sich zu uns, ohne jedoch die Augen aufzuschlagen. Sie wurden indeß zutraulicher, zeigten sich außerordentlich neu gierig und starrten uns unverwandt an. Wir führten sie nun zu unserm La ger und gaben ihnen einige Geschenke, worauf sie uns den andern Tag verließen." Doch wenden wir unsere Blicke von den Urbewohnern noch auf die von England hieher nach Botany-Bai gebrachten Sträflinge, deren Zahl etwa 30,000 betragen mag. Nur eine kleine Anzahl besitzt eine zeitweilige Freiheit, denn der Sträfling kann nur dann eine Begnadigung erhalten, wenn er den größer» Theil, seiner Strafzeit überstanden hat. Uebrigens können auch diese Begna digten kein Eigenthum besitzen; sie bleiben immer in einer Art Vormundschaft. Die größte Anzahl der Sträflinge wird von der Ortsbehörde Privatleuten überlassen, die den Dienst derselben verlangen und sich verpflichten, ihnen Klei dung und Nahrung nach Vorschrift zu liefern. Die auf Kosten der Regie- rung unterhaltenen Sträflinge werden zu öffentlichen Arbeiten gebraucht; in den Städten wohnen sie alsdann in Kasernen, auf dem Lande in hölzernen Ba-Stilieä Wasser am Zusammenfluss- des Murray und Murrumlutsschl >m gliistlichen Australien.104 Entdeckung von racken; Widerspenstige erhalten Peitschenhiebe und müssen bisweilen mit Eisen an den Füßen an Straßen arbeiten; wegen größerer Verbrechen aber, sobald diese die Todesstrafe nicht nach sich ziehen, werden sie in die Strafanstalten auf der Insel Norfolk oder an der Moreton-Bai gebracht, wo eine außer ordentliche Strenge ihrer harrt. Sie. ziehen deshalb auch oft dieser zweiten Deportation den Tod vor. Bisweilen, entfliehen Sträflinge in die Wälder und wählen ein unabhängiges Leben statt des ehrlichen und regelmäßigen; Raub anfälle und Plünderungen beunruhigen alsdann die Reisenden und Colonisten, doch werden die Flüchtlinge von einer reitenden Polizei entweder zurückgebracht oder noch tiefer ins Land verjagt. Der Haupttheil der Bevölkerung besteht aus freien Ansiedlern, deren Zahl sich mit jedem Jahre sehr beträchtlich mehrt. Da der Boden Australiens meist sehr fruchtbar ist, so haben sich unter den drei letzten thätigen englischen Gou verneurs wohlhabende englische Familien dahin gewandt; Deutsche sind ihnen gefolgt; sie haben Colonien gegründet, weite, wüste Strecken in ergiebiges Ackerland verwandelt, und mit solchem Erfolge die Schafzucht betrieben, daß gegenwärtig die australische Wolle eine vorzügliche Stelle unter den gesuchtesten Handels artikeln des Weltverkehrs einmmmt. Man baut dort mit gleichem Erfolge alle europäischen Getreidearten, eben so auch die Südfrüchte, und selbst, mit-Wein, Baumwolle und Tabak sind gelungene Versuche gemacht worden. Am wichtig sten aber .bleibt die Schafzucht, und schon 1848 war die Zahl der Schafe auf beinahe 15 Millionen gestiegen, welche mehr als 40 Millionen Pfund Wolle lieferten. Seit Entdeckung der reichen Goldlager Australiens hat allerdings diese nützliche Thätigkeit nicht zugenommen. Trotzdem, daß in den letzten Jahren der Lohn eines Schäfers auf eine solche Höhe stieg, um den Vergleich mit der Besoldung eines Ministers in manchem kleinen deutschen Staate aushalten zu kön nen, so haben sich doch viele tüchtige Leute nach den Goldlagern gewandt, wo sie hoffen, statt durch Fleiß und Ausdauer, über Nacht durch Glück und Zufall zum reichen Manne zu werden; ganz besonders seit der Zeit, wo einem Schäfer, wäh rend des Schafhütens, gewissermaßen im Schlafe ein großes Glück zu Theil ward. Von den Glanzstellen eines O-uarzblockes angezogen, hatte er mit seiner Art an denselben angeschlagen, und war nicht wenig erstaunt, als ihm das blanke Gold ins Gesicht sprang. Sein Fund, zwei ungeheure Goldklumpen, im Ge wicht von 300 Pfund, enthielten 106 Pfund reines Gold! Schon im Jahre 1848 war der Regierung von einem gewissen Smith die Anzeige gemacht worden, daß in Australien Orte seien, an denen man Gold in großer Menge fände, und daß er diese Gegenden gegen eine hohe Be lohnung näher bezeichnen wolle, worauf man jedoch nicht einging. Da er neuerte sich diese Anzeige im April 1851 von einer andern Seite. Da die Bedingungen günstiger waren, ging die Regierung darauf ein, untersuchte die bezcichneten Gegenden, und fand bereits nach 3 Stunden sich von der Wahr-Australien und Oceanien. 105 heit der Angabe vollkommen überzeugt. Man hatte Gold fast in jedem auf gehobenen Stück Erde gefunden. Die goldreichstcn Gegenden sind in der Nähe von Bathurst, Melbourne und Geelong, meist im Schwemmlande und Quarze, 50—40 Fuß unter der Ober fläche. Doch statt alles Andern will ich dir, lieber Leser, ein Stück aus einem Briese mitthcilcn, welchen einer meiner Freunde von einem zuverlässigen Manne aus den Golddistricten unlängst erhielt. „Als ich am Wunderplatze ankam, hatte ich so etwas Merkwürdiges noch nie gesehen. Denkt euch ein Thal von hundert bis fünfhundert Ellen in der Breite wechselnd, zu beiden Seiten von dichtbewaldeten hohen Hügelreihen eingefaßt und von einem reißenden Flüßchen durchflossen. Längs des Ufers und zwischen den Bäumen der angrenzenden Abhänge waren Zelte errichtet, oder Hütten aus Acsten, wie mau sie sich in einer oder zwei Stunden aufbauen kann. Ihre Zahl was sehr bedeutend, in dem auf dem Raume von einer Viertelstunde mindestens 5000 Menschen in vollster Thätigkeit waren. Dieselben hatten sich in wenigen Wochen zusammen gefunden. Auch wir errichteten uns eine Hütte, und gingen alsdann auf's Gold suchen aus. Die Stelle, die das reinste Goldlagcr enthielt, lag am Abhange eines an der Ostseite des Flusses terrassenförmig gegen die Quelle zu auf steigenden Hügels, was ich deshalb erwähne, weil cs bemerkenswerth ist, daß die hauptsächlichsten Goldfelder eine solche Lage haben. Der Boden war „auf geschwemmtes Land", und bestanv aus Schichten von feinem Sand, Kies, gro ßen Quarzstücken und weißem Thon. -In diesem Thönc, unmittelbar unter dem Quarze, lag das Gold. An einigen Stellen, wo es zuerst gesehen wurde, lag der Quarz oben drauf, an anderen lag er wol fünf bis dreißig Fuß tief. Wir mußten, um Gold suchen zu dürfen, einen Erlaubnißschein bei der Negierung einlösen, welcher nur auf einen Monat ausgestellt wird, 50 Schilling (10 Thaler) kostet und nach Ablauf des Monats gegen Erlegung derselben Summe wieder er neuert werden mußte. Kein Goldgräber durfte über 8 - ^uadratfuß Land auf einmal ^n Arbeit nehmen, doch könn en mehrere zusammen tre te». Es war daher jener «eine Hügel, in welchem sich lins meiste Gold vorfand, gleich einem Siebe durch- vchert; die Einen gruben, te Anderen wuschen mit Wie gen vag Gold am Ufer aus. Die Zahl der Goldsucher wuchs und wächst noch mit jedem Tage; der Hafen von Sidney ist seit dem ersten Bckanntwerden mit106 Entdeckung von Schiffen ungefüllt, denn Alles verläßt seine bisherige Beschäftigung und. geht dem Goldsuchen nach. Zwei bis drei Pfd. Sterl. (14 — 21 Thlr.) ist der Wochenverdienst eines nicht ganz unglücklichen Goldsuchers; die glücklichsten haben aber schon 100 bis 1000 Pft. Sterl. in einer Woche verdient, da man Gold quarz vou zwische» 7—27 Pfd. Gewicht nicht selten findet, ja ein Stück gefun den haben soll, welches man mit 1155 Pfd. Sterl. bezahlte. Ueberall entdeckt man goldhaltigen Boden und der Zug nach demselben befreit oft eine bereits in Angriff genommene Gegend von der zu großen Menge der Goldsucher." Ehe wir uns zu dem benachbarten Neu-Guinca wenden, benutzen wir Das Postamt auf der Boob, >Z„fel. die Gelegenheit, einem in seiner Weise neuen Etablissement eine» Besuch ab- zustatten. In der Torresstraße, zwischen Australien und Neu-Guinea, liegt das in letzter Zeit oft genannte Boobv-Jsland, eine kleine Insel, welche der praktische Sinn der Engländer zu einem Postamte — ohne Postmeister und Brief träger — eingerichtet hat. Es befindet sich dort ein Magazin von Provisionen unv einer Briefniederlage. Die hier vorüberkommenden Schiffe landen, nehmen die Briefe und Notizen, die sie für sich vorfinden, an sich, und lassen dagegenAustralien und Oceanien. 107 ihre Korrespondenz und die Angabe, woher sie gekommen und wohin sie weiter gesteuert, zurück. Auf diese einfache Weise wird ein ziemlich geregelter Brief wechsel nach allen Seiten der schiffsahrttreibenden Welt hin unterhalten. Doch wir begeben uns von Australien nach dem .nördlich davon gelegenen Neu-Guinea. Dasselbe wurde schon 1526 von den Portugiesen aufgefunden, allein man hielt es für einen Theil von Neuholland und nur erst seit 1774, wo es von den Seefahrern Forrest und Cook besucht ward, hat man von dieser großen Insel nähere Kenntniß. Ihre Bewohner sind theils Papuas, Verwandte der Australier, theils Malaien, theils Arsaks. Sie sind von mitt ler Große, nicht sehr kräftig und von bläulich -schwarzer Farbe. Die Ohr lappen sind durchstochen und über einen Zoll lang, indem sie dicke Stäbe und Knochen als Ringe darin zu tragen pflegen. Als die Holländer 1828 ihnen Geschenke gaben, wurden sie ziemlich zutraulich; man sing einen Tauschhandel mit ihnen an, doch balo benahmen sie sich so treulos, daß sie eine Flintensalve in die Flucht jagen mußte. Am folgenden Tage kehrten sie zurück und tanz ten am Strande herum; ihre Frauen und Kinder trugen Baumzweige und luden mit lautem Geschrei ein, ans Land zu kommen. Tabak und Branntwein waren Lieblingsgegenstände für sie; ihre Waffen aber Vogen, Pfeile, Lanzen, hübsch geschnitzte Keulen und Beile, an deren Ende sich ein scharfer Stein be fand. Ihre Fahrzeuge sind vier bis acht Ellen lang und sehr schmal, haben aber gegen das Umschlagen auf beiden Seiten Vorrichtungen von Bambus. Nachdem die Holländer von der Südwestküste Besitz genommen hatten, be- fchenkten sie die Häuptlinge mit rothen Uniformen; diese waren darüber so er freut, daß jeder Holländer, der in ihre Nähe kam, sich die zärtlichsten Umar mungen gefallen lassen mußte. Dicht an Neu-Guinea liegt nach Osten die Louisiade. Diese Inselgruppe ward von Bougainville 1769 entdeckt. Nur wenige Seefahrer haben sie seit N'r ZUe besucht; die Bewohner waren Papuas, gingen fast völlig nackt, ver wendeten viele Sorgfalt auf ihre Fahrzeuge, die wohl 50 Fuß lang waren 'uw 23 Mann fassen konnten, zeigten sich aber gegen die Europäer sehr miß trauisch und zum Stehlen geneigt. Mehrere Anzeichen gaben der Bermuthung Nauin, daß sie Menschenfresser seien. Die Avmiralitätsinseln und der Archipel von Neu-Bcitannien wurden schon 1617 von den Holländern Le Maire und Schouten entdeckt. Sie sind seitdem von jpäteren Seefahrern Mehrmals besucht worden, doch ziemlich unbekannt geblieben. Die Bewohner hefinden sich auf einer tiefen Stufe der Bildung. Oestlich von Neu-Britanicn liegen die Salomonsinseln, 1567 vom spanischen Seefahrer Mentana entdeckt. ■ 28 Jahre später suchte sie derselbe noch einmal auf, konnte sie aber 'ucht wieder finden, und so vergingen gerade 200 Jahre, bis sie 1767 von Earteret, 1768 von Bougainville und das folgende Jahr von Surville besucht würde», ohne daß diese wußten, daß sie die früher entdeckten Salomonsinseln108 Entdeckung von wiedergefunden hatten. Dieselben sind hohe Eilande, von Kettengebirgen durch zogen, deren Spitzen eine bedeutende Höhe erreichen und worunter einige als Vulkane erscheinen. Die zahlreichen Einwohner gehören zu den Papuas. Ein Gürtel um den Unterleib ist das einzige Kleidungsstück; dagegen tätowiren sie Gesicht, Arme und Beine, bemalen sich wol auch mit Roth und Weiß, und färben ihre Haare gleichfalls roth. Ihre Fahrzeuge oder Piroguen sind aus mehre ren Stücken zusammengesetzt und wahre Meisterstücke der Kunst. Um sie zu zieren, legen sie dieselben mit farbigem Holze oder Perlmutter aus. Von ih ren Kriegsfahrzeugen war eines der größten 56 Fuß lang und 5’/ 2 Fuß breit. Merkwürdig sind ihre Begräbnißfeierlichkeiten. Wenn ein Reicher stirbt, so wird seine Leiche aus einem hohen Gerüste ausgestellt und darunter eine Grube ge macht, welche das abgelöste Fleisch, das die Raubvögel übrig lassen, auffängt. So liegt der Leichnam, bis alles Fleisch entfernt und nur das Skelett noch vorhanden ist. Dieses bringt man alsdann in ein gemeinschaftliches Begräbniß, bedeckt die Grube mit einer Flechte und führt eine Hütte darüber auf. Die Gräber der Kinder bestreut man blos mit Blumen. Die Oberhäupter, welche sich durch Zierathen, besonders durch einen aus zwei Federn bestehenden Schmuck auszeichnen, stehen in hohem Ansehen. Tritt ein Unterthan unvorsichtig in den Schatten seines Häuptlings, so wird dies auf der Stelle mit dem Tode be straft und nur die Reichen oder Vornehmen können sich mit Aufopferung ihres Vermögens davon loskaufen. Die Häuptlinge der verschiedenen Inseln leben mit einander oft in Krieg, die Gefangenen werden Sclaven und dienen dem Sieger. Von der Hinterlist der Bewohner dieser Inseln zeugt folgendes Bei spiel: „1828 ankerte ein britischer Wallfischfänger in einem ihrer Häfen; man kam ihm mit der größten Freundlichkeit entgegen und brachte Uams und andere Eßwaaren zum Geschenk. Schon war der Capitain im Begriff, eine geröstete Uamswurzel zum Munde zu führen, als ein junger Eingeborener, der zufälli ger Weise schon länger auf dem Schiffe war, hinzusprang und mit hefti gen Geberden andeutete, daß der Genuß der Wurzel tödten würde. Man verstand ihn sofort, untersuchte die Wurzel, und fand sie mit einem schnell- tödtenden Gifte überzogen. Die Eingeborenen ergriffen sogleich die Flucht, wurden aber von einem Wallfischboot verfolgt, das mehrere von ihnen ver wundete und tödtetc." Doch wir verlassen die wunderschönen Salomonseilande, um den Archipel von Santa Cruz zu besuchen. Der Entdecker desselben ist gleichfalls der Spanier Mentana, welcher auf seiner dritten Reise im Jahre 1595 beim Auf suchen der von ihm entdeckten Salomonsinseln jenen statt dieser fand. Nur noch einmal wurden sie von dem berühmten Seefahrer Ouiros eilf Jahre spä ter gesehen, dann gänzlich vergessen, bis sie Carteret 1767 auf's Neue fand und mit dem Namen Königin Charlotteninseln belegte. Alle zu diesem Ar chipel gehörigen Inseln sind klein und mit höchst gefahrvollen Korallenriffen^Australien und Oceanien. 109 umgeben. Ihre Bewohner sind entweder Papuas oder Oceanier, so daß man unter ihnen ein Gemisch von den Gebräuchen beider Völkerschaften findet. Ihre Wohnungen sind reinlich' und bequem, stehen auf Pfählen und sind mit Kokos blättern bedeckt. Obwol die Einwohner sich den Europäern freundlich und empfänglich zeigten, ja sogar einen Tauschhandel mit ihnen eröffneten, so waren sie doch ebenso diebisch, wie die meisten Südsee-Jnsulaner. Alle Schiffe, welche an diesen Inseln anlegen, muffen sehr auf ihrer Hut sein, denn es fehlt den Bewohnern nicht an Muth, Kühnheit und kriegerischem Sinne. Eine von den entfernteren Inseln dieses Archipels ist in der neuesten Zeit dadurch merkwürdig geworden, daß man hier endlich nach vieljährigem Suchen die Spuren der verunglückten beiden französtschen Schiffe, welche unter dem Commando des La Perouse standen, aufgefunden hat. Derselbe, ein aus gezeichneter Seeoffizier, wurde 1785 von der französischen Regierung mit den beiden schönen Fregatten Astrolabe und Boussole auf eine Seereise um die Erde geschickt. Mau hatte keine Kosten gespart und namhafte gelehrte Män ner waren mitgereist. So erreichten sie nach manchen wichtigen Erfolgen am 26. Januar 1788 Port Jackson und waren von da Ende Februar wieder un ter Segel gegangen. Da man 1789 und 1790 noch keine Nachrichten von den Seefahrern erhalten, so fing man endlich au, ernstlich besorgt zu werden. Die französische Regierung rüstete im ,Februar 1791 zwei Fregatten aus, um La Perouse aufzusuchen; allein alle Bemühungen waren vergeblich, obwol diese Schiffe, wie sich späterhin ergab, bei Wanikoro, dem Schauplatze des Unglücks, vorbeigesegelt waren. Im Sturme der französischen Revolution, sowie des dar auf folgenden Kaiserreichs waren die verschwundenen Seefahrer vergessen wor den, und jene 10,000 Franken, welche man für Den ausgesetzt hatte, der die erste sichere Nachricht von La Perouse brächte, wurden von Niemand verdient. Erst im Jahre 1825 rüstete die französische Regierung unter Anführung deS Eapitain d'Urville ein neues Schiff aus und beauftragte Denselben, das Schicksal La Perouse's zu erforschen. So kam er bis nach Tonga Tabu, wo er erfuhr, daß La Perouse, nachdem er Port Jackson verlassen, zu Namuka angelegt habe, ^tls er nun gegen das Ende des Jahres 1827 nach Hobarttown kam, erfuhr er, daß der englische Capitain Dillon auf einer seiner Reisen eine wichtige Ent deckung gemacht habe. Dieser war nämlich den 15. Mai 1826 auf einer Reise dun Valparaiso nach Bengalen bei Tikopia vorbetgefahren, und es war dort eine der Piroguen mit einem preußischen Matrosen aus Stettin, Buchart, und dem Lascare (indischen Seemann) Joe an sein Schiff gekommen. Beide hatte er vor 13 Jahren an dieser Insel unabsichtlich zurückgelassen. Joe, trieb Han- mit der Mannschaft und verkaufte unter Anderen auch einen silbernen Degen griff, auf dem sich Schristzeichen befanden. Als man ihn darüber befragte, antwortete er, diesen Degengriff sowol, als andere Gegenstände von europäi scher Arbeit, die sich auf Tikopia befänden, kämen von einer benachbarten Insel,110 Entdeckung von Namens Wanikoro, .an der einmal zwei große Schiffe gescheitert seien; ja, er versicherte sogar, daß er vor sechs Jahren noch zwei bejahrte Männer gesehen habe, welche zu den Schiffen gehört hätten. Dillvn schloß richtig, daß diese beiden Schiffe die Fregatten des La Perouse gewesen sein könnten. Er bestimmte Buchart, ihn nach Wanikoro zu begleiten, aber Strömungen und Windstille ver hinderten sein Unternehmen, so daß er seine Reise weiter fortsetzen mußte. In dessen kam er im Jahre 1827 wieder nach Tikopia, kaufte von den Einwohnern mehrere Gegenstände, die gleichfalls zu jenen Schiffen gehört hatten, und ge langte auch bald von da nach Wanikoro. Die Insel war klein und von einem Kreise der gefährlichsten Klippen und Korallenriffe eingeschlossen; kein Wunder also, wenn La Perouse hier verunglückt war. Von einem alten Be wohner der Insel erfuhr er aber Folgendes: „Vor vielen Jahren, als die alten Bewohner der Insel noch Kinder waren, entstand einst zur Nachtzeit ein schrecklicher Sturm. Als die Bewohner dieser Insel am folgenden Morgen aus ihren Häusern kamen, bemerkten sie vor Pa in einen Theil eines Schiffes auf einem Riffe. Große Stücke von den Trümmern schwammen an die Küste. Das Schiff war während der Nacht durch den schrecklichen Sturm, der einen großen Theil unserer Obstbäume zerbrach, auf das Riff geworfen worden. Den Tag vorher hatten sie daS Schiff nicht gesehen. Vier Männer entkamen und stie gen hier ans Land; sie machten dem Häuptlinge Geschenke und Dieser rettete ihnen das Leben. Sie wohnten unter uns eine kurze Zeit, worauf sie sich zu ihren anderen mit dem Leben davon gekommenen Gefährten nach Pam begaben. Hier bauten sie ein kleines Schiff und fuhren in demselben davon. Keiner von den vier Männern war ein Häuptling; sie waren alle Gemeine. Mehrere Bruchstücke des gescheiterten Schiffes trieben an die Küste und die Eingeborenen retteten verschiedene Gegenstände; aber nach einiger Zeit wurde Nichts mehr von dem Schiffe gesehen, weil cs verfault und von dem Meere fortgetrieben worden war." Die Insulaner behaupteten, keinen Mann von dem Schiffe um gebracht zu haben. „In derselben Nacht scheiterte ein anderes Schiff bei Wann und sank. Die Menschen darauf retteten sich. Sic bauten ein kleines Fahrzeug und fuhren fünf Monate nach dem Verluste des großen darauf fort. Während sie das kleine Schiff bauten, hatten sie Paliffaden von Baumstämmen rund herum aufgepstanzt, um sich vor den Insulanern zu schützen.. Diese ihrerseits fürckteten sie, so daß wenig Verbindungen zwischen ihnen stattfanden. Die weißen Männer, so erzählten die Eingeborenen, pflegten die Sonne durch ge wisse Dinge zu betrachten, welche sie aber nicht beschreiben konnten, weil ste reine solchen Gegenstände hätten. Nur zwei der Schiffbrüchigen blieben zurück- Einer war ein Häuptling und der andere ein Mann, der den Häuptling bediente. Der Elftere starb vor ungefähr drei Jahren; ein halbes Jahr nachher mußte sich der eingeborene Häuptling, bei welchem sich der andere weiße Mann befand, von der Insel flüchten und der weiße Mann ging mit ihm. Der Bezirk, wel-Australien und Oceanien. 111 chm sie verließen, hieß Paukori, aber der Erzähler wußte nicht, was aus dem Volke geworden ist, welches ihn damals bewohnte. Die einzigen Weißen, welche die Bewohner dieser Insel jemals gesehen haben, sind erstens die Leute von dem verunglückten Schiffe und dann diejenigen, welche sie heute sehen." Dillon ging nun selbst nach dem Orte, wo das kleine Fahrzeug gebaut worden war. Die Eingeborenen brachten ihm eine Menge Gegenstände, die sie durch den Schiffbruch erhalten hatten und nun gegen Spiel- und Hausgeräth ver kauften. Die meisten dieser Gegenstände waren unzweifelhaft französischen Ur sprungs, allein das Wichtigste war eine große bronzene Schiffsglocke. Auf der einen Seite derselben befand sich ein Erncifir zwischen zwei Figuren, auf der andern strahlte eine Sonne, und um Alles lief die Umschrift: «Larin in'a fait» (Vazin hat mich gefertigt). Spätere Untersuchungen haben bewiesen, daß diese Zeichen die der Gießerei des Arsenals von Brest um das Jahr 1785 waren. Man fand noch andere Gegenstände, und gewann die feste Ueberzeugung, daß das Alles Ueberreste der La Perouse'schen Verlassenschaft seien. Dillon begab üch mit ihnen nach Frankreich, erhielt das Ordenskreuz der Ehrenlegion, eine Summe von 10,000 Franken und eine lebenslängliche Pension von 4000 Fran ken. Dies Alles erfuhr indessen Dumont d'Urville. Er segelte sofort nach Wanikoro, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, fand noch mancherlei Gegen stände im Wasser, als Anker, Kanonen, Kugeln, Bleiblöcke und Platten, und errichtete seinen unglücklichen Landsleuten ein Denkmal, einen steinernen Würfel, auf welchem sich ein sechs Fuß hoher hölzerner Obelisk erhebt. Auf einer der Seiten desselben befand sich eine Bleiplatte mit der Inschrift: „Dem An denken La Peronse's und seiner Gefährten der Astrolabe am 14. März 1828." Spätere Seefahrer, welche Wanikoro besuchten, fanden das Denkmal unverletzt. Fährt man von dem Archipel von Santa Cruz südöstlich, so gelangt man auf den Heiligen-Geist-Archipel oder die neuen Hebriden. Dieselben wurden von den Spaniern Torres und Q-niros bereits 1600 entdeckt, gericthen jedoch in der Folge in Vergessenheit und wurden erst 1768 don Bongainville wieder aufgefunden. Der berühmte Cook entdeckte die süd liche Insel und gab der ganzen Gruppe den Namen: Nene Hebriden. Sie sind vulkanischen Ursprungs, haben ziemlich viele Berge, unter denen auch einige ihätige Vulkane. Der Boden ist äußerst fruchtbar und die Inseln an Ge wächsen sehr reich gesegnet. Da wachsen die Uams, Pisangs, die Arum- wurzel, die eigentliche Brodfrucht und die Cocosnuß. Auch das Zuckerrohr lludeh sich. Die Bewohner gehören zu den Papuas, sind ziemlich schwarz, ge- ? en last unbekleidet, überstreichen aber den ganzen Körper mit einer Mischung von Ruß und Oel, welcher sie noch rothen Ocker beimischen. Von Reinlichkeit und dem dieselbe bedingenden Waschen scheinen sie keine Freunde zu sein, denn Iw waschen sich selten oder niemals. Als besonderer Schmuck gilt ihnen eine112 Entdeckung von eigenthümliche Tätowirung, indem sie in den Leib ziemlich tiefe Furchen schnei den und die Wunden am Zusammenheilen hindern. Ihre Wohnungen sind einfach, ungefähr fünf Fuß hoch und zehn bis zwanzig Fnß lang-, ihre Waffen Keulen, Äogen, Pfeile und Lanzen. Außerdem sind sie in Handhabung der Schleudern sehr geschickt, und man sieht sie immer mit denselben um den Arm oder Leib gewickelt ausgehen. Die Bewohner der verschiedenen Inseln leben in beständigen Kriegen mit einander, und so freundschaftlich sie den Europäern auch oft entgegenkamen, so konnten dieselben doch nicht genug auf ihrer Hut sein, da Treulosigkeit ein hervorstechender Zug ihres Charakters zu sein scheint. Südwestlich von den neuen Hebriden liegt die 300 Quadratmeilen große Insel Neucaledonicn. Dieselbe ward nebst mehreren daran liegenden Jnsel- chen 1774 von Cook entdeckt, indem er von dem Heiligen-Geist-Archipel süd westlich schiffte. Der genannte große Seefahrer entwirft ein ziemlich freundliches Bild von den Bewohnern dieses Landes, indem während seines Aufenthaltes nichts Unangenehmes sich zutrug. Später, 1792, kam der Franzose D'Entre- casteaur hieher und sprach sich im entgegengesetzten Sinne über sic aus. Sie gehören gleichfalls zu der Papuasracc, und wurden von dem letztgenannten Reisenden als freche Diebe, wild und streitsüchtig und als Menschenfresser erkannt. Man fand benagte Menschenknochen bei ihnen und entdeckte jenes abscheuliche In strument, womit sie ihren Schlachtopfern den Bauch aufreißen. Mit menschcn- frefferischer Lüsternheit betrachteten sie den kräftigen Körper der Fremden, wobei sic ausriefen: «Kap parec», d. h. sehr gut. Ein Gürtel war ihre ein zige Kleidung. Ihre Wohnungen gleichen den Bienenkörben -und bestehen aus eingeram melten Pfählen, zwischen denen Reiser geflochten sind, worauf ein Dach von Cocosblättern sich befindet. Man trifft solche Wohnungen theils einzeln, theils in Dorfschaften beisammen. Der fruchtbare Pvdcn, welcher besonders mit vor züglichen Wäldern bedeckt ist, wird von ihnen regelmäßig bearbeitet, und man kommt an Pflanzungen von Brod- und Cocosbäumen, Pisangs, Arum, Panis und Zuckerrohr. Kriege sind unter einzelnen Stämmen häufig, ihre Waffen aber Speere, Keulen und Schleudern. Fährt man von Neucaledonien südöstlich, so gelangt man auf die von Cook 1774 entdeckte Insel Norfolk. Man fand sie öde und unbewohnt, aber einen äußerst trefflichen Pflanzenwuchs. Die Fichte erscheint hier in ausgebil deter Riesenform, denn man trifft Stämme, welche einen Durchmesser von 11 Fuß, und in einer Höhe von 75 Fuß noch immer 8 Fuß, dabei die fast unglaubliche Länge von 251 Fuß haben. Die Europäer haben Limonien- und Citronenbäume, Granatäpfel-, Feigen- und Kaffeebäume, sowie den Weinstock hieher verpflanzt. Es befindet sich eine englische Strafcolonie hier, und zwar für solche Verbrecher, welche in der Colonie Port Jackson neueAustralien und Oceanien. 113 Verbrechen begehen, oder sich unverbesserlich zeigen. Südöstlich von Norfolk liegt Neuseeland, die größte Insel Australiens nach Neuguinea, und 1642 von dem berühmten Seefahrer Tasman entdeckt und von ihm Staatenland genannt. Mehr als ein Jahrhundert verging nach ihrer Entdeckung, bis sie 1769 von Cook auf seiner ersten Reise um die Erde wieder besucht und unter sucht ward. Er fand, daß Neuseeland nicht aus einer, sondern aus zwei Inseln bestehe, welche durch eine Meerenge, die man zum Andenken an ihren Ent decker Cooksstraße nennt, von einander getrennt sind. Derselbe Seefahrer be suchte sie noch mehrere Male, Andere sind ihm nachgefolgt, und so ist sie uns ziemlich bekannt geworden. Eine Kette schneebedeckter Gebirge, meist vuleani- sche Kegelberge, bis zu 14,000 Fuß Höhe, durchzieht beide Inseln. Die Kü sten sind reich an weiten Buchten ^ und schönen Häfen. Tiefe Flüsse münden ins. Meer und zahlreiche Wasserfälle stürzen sich von den Abhängen der Berge in die Tiefe. Dichte Wälder bedecken die Abhänge der Berge, und die riesen mäßige Kauri-Fichte findet sich häufig. Nirgends trifft man ein giftiges Ge würm oder ein den Menschen gefährliches Raubthier. Die Luft ist gesund, feucht und mild. Der fruchtbare Boden trägt nicht allein eine Menge inlän discher Gewächse, unter denen ich nur den von uns in Menge verbrauchten neuseeländischen Flachs nennen will, sondern auch fast alle europäischen Getreidearten und Früchte. Die Wälder Neuseelands sind wahrhaft pracht voll, und von denen von Neuholland gänzlich verschieden. Merkwürdig ist die außerordentliche Menge von Farnkräutern, welche den Boden beider Inseln überwuchern, und die oft 9 bis 10 Fuß hoch werden, sa es giebt sogar einen Farnkrautbaum, welcher die Höhe von 20 bis 30 Fuß erreicht. Beide Inseln haben einen Flächenraum von 2900 Quadratmeilen. Die nördliche (Eahahainomauwe) ist am bekanntesten und macht den schönsten Theil Neuseelands aus. Die südliche, eigentlich mittlere, da eine kleine Insel die Gruppe schließt, bildet gegen die erstere einen auffallenden Gegensatz. Sobald Man den Fuß über die Cooksstraße gesetzt hat, welche beide von einander schei bet, verändert sich das Panorama. Ungeheure Gebirgsmaffen, deren nackte Gipfel hoch in die Wolken reichen und meist unter ewigem Schnee vergra ben sind, decken die Oberfläche. Die Abhänge schmückt ein herrlicher Pstanzen- wuchs, aber jäh und drohend ist ihr Sturz in das Meer hinab. Kein Fluß vermag auf diesen schroffen Abhängen ein Bett zu ziehen, das znsammenge- baufene Quell- und Schneewasser stürzt als Wildbach von Cascade zu Cascade m das Meer hinab. Man muß Augenzeuge eines so furchtbaren Anblicks ge wesen sein, um die Semen von Unordnung und Wildheit, die wahrscheinlich durch unterirdische Feuer und Erdbeben hervorgebracht worden sind, zu ^ be reifen. Am furchtbarsten auf der südlichen großen Insel ist die Westküste. Sie. zeigt sich „ur als öde Strecke, über ihr ein trauriger Himmel, stete Stürme um.sie, und fürchterliche Strömungen peitschen ihre Gestade. Doch Jll. gold. Kinderbuch. IV. 2 . Aufl. 8114 Entdeckung von ich muß dir von den Bewohnern dieses furchtbaren und in seinem nördlichen Theile doch so schönen und reichen Landes erzählen. Wie könnten sie wol anders als die Natur ihres Landes sein, rauh und wild? Ihr Sinn ist fest und starr, wie das Gestein ihrer Felsen, ihre Leiden schaften schäumen jach und unbändig, wie ihre Wasserfälle. Doch begleite mich,, ich will sie dir zeigen. Es ist ein großer, wohlgebildeter, kraftvoller Men schenschlag, das Auge schwarz und lebhaft, die Zähne schön und weiß wie El fenbein, die Gesichtszüge regelmäßig und angenehm. Das schwarze Haar fällt in reicher Lockenfülle herab, die Hautfarbe ist hellbraun, fast wie bei den Bewohnern des südlichen Europa. Der Neuseeländer ist tätowirt, und zwar besonders schön und reich, sobald er ein vornehmer Mann ist. Gleichwol ist diese Tätowirung eine ziemlich schmerzhafte Operation, da sie nicht in Stichen, sondern in Schnitten ausgeführt wird. Gesicht und Brust sind die vorzüglichsten Stellen, und große Krieger lassen sich nach jedem Feldzuge neue Tätowirungen am Körper an bringen, um noch in späteren Zeiten eine Erinnerung an ihre Thaten zu ha ben. Man hat eigene Künstler, welche sich nur mit Tätowirungen abgeben unv eine vorzügliche Gewandtheit in der Herstellung regelmäßiger Formen besitzen. Sie bedienen sich hierzu eines scharfen Knochens, der bisweilen nockp mit einigen Zähnen versehen ist. Man setzt ihn auf die Haut und schlägt mit einem Stäbchen auf den Rücken desselben, damit er tief genug eindringe. Da hierbei häufig Blutungen entstehen, so wartet man, bis dieselben gestillt sind, worauf man die Furchen mit einem in Farben getauchten Pinsel bestreicht. Mit der Tätowirung hat es ungefähr dieselbe Bewandtniß, wie mit unseren Wappen. Bei Verträgen mit Häuptlingen vertritt die Abzeichnung ihrer Tä towirung, Mo ko genannt, die Stelle der Unterschrift. Frauen dürfen sich nur wenig tätowiren, Sclaven gar nicht. Diese Operation wird nicht auf einmal,, sondern nach und nach gemacht. — Der Charakter eines Neuseeländers ist ein Verein von guten und schlechten Eigenschaften, eine Mischung von Sanftmuth und Grausamkeit, die ihn zum furchtbarsten Cannibalen macht. Ist er ruhig,, so zeigt sein Gesicht Gutmüthigkeit und Freundlichkeit, geräth er in Zorn und Wuth, so ist jeder Zug, jede Geberde völlig entstellt. Rachsucht ist seine erste Leidenschaft und bildet den Hauptzug des Charakters. Die kleinste Be leidigung — er kann sie nicht vergessen; vergilt er sie nicht, so geschieht's durch- Kinder und Kindeskinder. Von Geschlecht zu Geschlecht erbt das Andenken daran fort und wird noch in späteren Zeiten als Vorwand zu einem feind lichen Angriffe benutzt. Dem Tode trotzt er mit Kaltblütigkeit und Muth, doch ist er in seinen Kämpfen weniger tapfer, namentlich den europäischen Waffen gegenüber, als verschlagen und gewandt. Menschenfleisch ist seine Lieblings- speise. Ein Missionair sah einst nach einem hitzigen Treffen 60 Oesen errich tet und in allen lagen Menschcnleichname zum Schmausen. Es giebt Beispiele^ daß sich Krieger in der Wuth des Kampfes über den gefallenen Feind stürztenAustralien und Oceanien. 115 und das aus der klaffenden Wunde herausströmende Blut mit der Gier eines Raubvogels aufschlürften. Gefangene band man nicht selten an einen Baum, um das von den Gliedern abgeschnittene, noch zuckende, warme Fleisch zu essen und das in Bechern aufgefangene Blut dabei zu trinken. Die Köpfe erschlagener Feinde steckte man auf Stangen und trug sie als Siegeszeichen herum, der Hände bediente man sich als Haken in den Hütten. Schon die Kinder werden gegen den Anblick menschlicher Glieder abgestumpft, und man sah dieselben mit abgeschnittenen Gliedern spielen oder den Kopf eines Sclaven sich als Ball zu werfen. So werden sie gefühllos gegen die eigenen Freunde. Stirbt ein Mann, so beraubt man die Weiber alles ihres Eigenthums; daher nehmen sich viele das Leben oder sitzen an seinem Grabe und stoßen und schneiden sich tiefe Wunden in den Leib. Neugeborene Kinder, besonders die Mädchen, werden häufig getödtet, und vielleicht ist unter drei Weibern Neuseelands stets eine, welche eines oder mehrere Kinder getödtet hat. Der Mann hat das Recht über das Leben seiner Frau. Dasselbe Recht oder vielmehr Unrecht besitzt eine jede Herrschaft über das Leben der Sclaven, deren Loos im klebrigen leidlich ist. ' Aber wehe ihnen, wenn sie den Versuch machen, sich durch die Flucht zu be freien! Ein englischer Kaufmann war Zeuge einer solchen Seene. Ein IZjäh- riges Sclavenmädchen war drei Tage ohne Erlaubniß weggeblieben. Da trat sie wieder in die Hütte, die Frau aber rief einen Knecht und befahl ihm, sie zu tödten. Ein Kculenschlag auf die Stirn streckte fie nieder, ihr Leichnam aber ward an demselben Abende zur Mahlzeit gebraten. Alles menschliche Gefühl empört sich in uns, wenn wir derartige Vorfälle, welche zu den gewöhnlichen gehören, von den zuverlässigsten Personen erfahren. Leidenschaft, Haß, Ver achtung von Menschenleben und Aberglaube fordern unzählige Opfer. Da ist der Sohn eines Häptlings krank, kein Mittel fruchtet, die Krank heit will nicht weichen. Man räth zartes Menschenfleisch. Der Vater tödtet einen 14jährigen Knaben und setzt das Fleisch dem kranken Sohne vor, und da es nicht hilft, so gedenkt man eben es noch mit Mädchenfleische zu versu chen, als ein christlicher Missionair dazwischen tritt und das arme Opfer vom sichern Tode rettet. Man.glaubt, daß die Gesundheit des Getödteten auf den Kranken übergehe, und zwar besonders, wenn man Gehirn und Augen desselben verzehre, in welchem Falle man auch von seinem Geiste in der andern Welt nicht gemartert werden kann. Der Handel mit tätowirtcn Menschenköpfen war vor etwa 20 Jahren gar nicht unbedeutend, und ich habe deren selbst gesehen. Die Gestchtszüge sinv höchst wohl erhalten, Haare und Bart ganz unversehrt, nur die geschlossenen Augen geben dem Ganzen das Ansehen einer Leiche. Ehemals beschränkte man sich darauf, die Köpfe verstorbener Freunde aufzuheben; als man aber merkte, daß Europäer danach als Merkwürdigkeiten begierig waren und man diese Familienheiligthümer nicht gern weggeben wollte, so bereitete man die 8 *116 Entdeckung von Köpfe der Feinde oder der anderen Erschlagenen auf ähnliche Weise, und brachte sie öffentlich auf die von Europäern besuchten Märkte, selbst nach Sidney. Die Köpfe der Häuptlinge hebt man besonders aus Kommt ein Freund oder naher Verwandter des Todten in vas Dorf, so holt man sie hervor, stellt sie hoch aus, z. 33. auf Dachgiebel, über die Hausthür, auf Stangen, und führt nun die Fremden an die Stelle. Diese weinen über den Todten, lieb kosen den Kopf und brechen beim Gedanken an die ehemaligen Feinde und Beleidiger desselben in die furchtbarste Wuth aus. Alle Sclaven suchen sich setzt vor dem Fremdlinge zu verbergen; erblickte er einen, so könnte es leicht geschehen, daß er dem Haupte des erschlagenen Freundes eilten oder den an dern zum Sühnopfer brächte. Obwol die Kriege unter den Stämmen noch häufig genug sind, so werden sie dennoch in Folge der durch den Umgang mit Europäern herbeigeführten fort schreitenden Gesittung seltener. Uebrigens scheint man die furchtbare Bedeutung der Kriege gar nicht gehörig zu würdigen, denn als einst ein Missionair fand, daß ein Häuptling sich mir seinem Stamme zum Kriege rüstete, daß die Flin ten gereinigt und geputzt und die Patronen fertig waren, so sprach er mit ihm lange über die Nutzlosigkeit des Krieges und den geringfügigen Anlaß dazu. fenwerkstätten war seine größte Freude. Auf der Rückreise traf er in Sidnep Der Häuptling Schangi in England. Der Häuptling ward in seinem Ent schlüsse erschüttert und schien zu schwan ken, erinnerte sich aber in demselben Augenblicke, daß ein Faß Pulver in schlechtem Zustande sei und sich nicht länger halten werde. Dies änderte seinen Entschluß und der Krieg begann. Diese Kriege erben von den Aeltern auf die Kinder, und oft schwören die Ersteren feierlich, daß die Heranwachsen den Kinder die Beleidigung' niemals vergeben und vergessen sollen. So Schangi, einer der berüchtigtsten Krie ger Neuseelands. Sein Stamm, des sen erster Häuptling er war, war früher von einem andern Stamme am Themsefluß unterdrückt worden. Sein Plan war, diesen Schimpf zu rächen. Er reiste deshalb nach England, um sich mit den nöthigen Waffen zu versehen, denn nur allein diese hatten für ihn einen Werth. Der Besuch der Waf-Australien und Oceanien. 117 mit dem feindlichen Häuptlinge von der Themse zusammen; Beide waren höflich gegen einander, aber Schangi sagte ihm, daß er nie aufhören werde, ihn zu bekriegen, sobald er wieder in Neuseeland wäre. Er hielt sein Wort nur zu sehr und wüthcte mit furchtbarster Grausamkeit. Der Stamm an der Themse ward zerstreut, sein Häuptling getödtct. Und dieser Schangi, welcher Hunderte von getrockneten Menschenköpfen lieferte, soll im Ganzen ein „gutmüthiger" Mann gewesen sein! Ehe es zum Kriege geht, führen ste den Kriegstanz auf. Ein Reisender beschreibt denselben also: „Es waren 3—-100 Eingeborene mit ihren Wei bern versammelt. Mein Freund, der Häuptling Pomare, theilte die Männer in einzelne Trupps, und stellte dieselben in einiger Entfernung von einander auf. Sie vereinigten stch alsdann in eine dichte Schaar und begannen zu stampfen, zu schreien, zu springen und ihre Gewehre, Keulen und Ruder unter heftigen Gesten nach einer Art wilden Taktes in der Luft zu schwingen. Dieser Hau fen von bekleideten, halbbekleideten und nackten Menschen machte stch höchst widerlich. Nach einiger Zeit rannten sie Alle mit einem so wilden Geschrei zu einem Kriegsanlaufe fort, daß nicht allein die in der Nähe weidenden Thicre erschreckt davon liefen, sondern selbst den Zuschauern bange wurde. Nachdem sie etwa 300 Schritte weit gerannt, feuerten sie ihre Gewehre ab und hielten dann unter lautem Geschrei an. Daraus kehrten sie gegen uns um und hiel ten aus gleiche Weise an. Wir erblickten in ihnen eine von der schrecklichsten Wuth ergriffene Masse, welche alle Bewegungen durchmachte', Feinde zu ver stümmeln und zu tödten, um sich dann erschöpft aus den Boden zu werfen und wie ermüdete Hunde zu verschnaufen." Ich konnte mich nicht enthalten, dir dieses Volk nach seiner Wildheit, ob- wol noch immer mit schwachen Farben, zu schildern, denn wollte ich es in seiner ganzen Wahrheit thun, so müßte ich alles menschliche Gefühl verleug nen. Allein setzt muß ich ein freundliches Bild vor deine Seele stellen. Christus sagte einst: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt." Sage, lieber Leser, gicbt es wol noch ärmere Menschen, als die so eben ge schilderten? Bei natürlicher Gutmüthigkeit, bei Sanstmuth und einem lebendi gen, regsamen, bildungsfähigen Geiste solche Wuth, solcher Cannibalismus, solch ewige Kämpfe, solcher Mord im Kriege wie im Hause? Ist da nicht die bitterste Armuth unter uns noch immer der höchste Reichthum zu nennen? Doch solchen Armen soll durch die Predigt des Evangeliums, der Lehre Christi, geholfen werden. Du wirst sagen: Das ist unmöglich, hierzu ist der Neusee länder zu entmenscht. Allein höre, was ich dir erzähle. Es hat nicht an Menschenfreunden gefehlt, die von warmer Menschenliebe, von Begeisterung für das Christenthum getrieben, den Entschluß faßten, nach Neuseeland zu gehen und den Eingeborenen die Segnungen des Christenthums anzubieten. Anfangs hatten die Missionairc mit den größten Schwierigkeiten118 Entdeckung von zu kämpfen. Sie stellten Häuser auf, die man auf Neuholland gezimmert hatte, und konnten sie nur mit Mühe vor der Einäscherung beschützen; in ihren Gärten erbauten sie europäische Gewächse, aber die Eingeborenen kamen, zertraten sie und verwüsteten .die Anlagen; oft drangen sie sogar bis in ihre Wohnungen, verschlangen gierig alles Eßbare darin, zerschlugen die Geräth- schaften oder nahmen sie mit sich. Während der Nacht brachen Diebe bei ihnen ein, und einmal hatte ein solcher den Sohn des Missionairs an den Haaren gefaßt und drohte ihn sofort mit der schon erhobenen Art zu tödten, sobald der Vater ein Wort sprechen werde. Nicht selten schleuderte man einen Hagel von Steinen gegen die Häuser, stahl Vieh und Geflügel, riß die Umzäunun gen nieder und zog dann lärmend davon. Hunderte von Eingeborenen über fielen zuweilen einen einsamen Missionair mit fürchterlichem Gebrüll, hielten ihre Spieße gegen seine Brust, erhoben die Aerte und Streitkolben über seinen Kopf und verließen ihn nicht eher, bis sie zu bemerken glaubten, daß der ge- ängstigte Mann eine gewaltige Meinung von ihrer Überlegenheit nunmehr ge wiß haben werde. War es wol ein Wunder, daß viele dieser trefflichen Män ner Neuseeland mit zerrüttetem Körper verließen, um in der Heimath zu ge nesen? Andere blieben trotz alles Spottes und Hohnes. Nachdem sie die Sprache erlernt hatten, versuchten sie es, eine Schule zu errichten. Es fehlte nicht an Kindern, aber alle forderten Bezahlung für ihr Kommen und Zu hören, und verweigerte man dies, so liefen sie lachend oder schimpfend davon. Oft, wenn der Gottesdienst beginnen sollte und die Missionaire durch eine Glocke dazu einluden, ging man Fische fangen, und gelang es ihnen auch mit vieler Mühe, ein Häuflein zusammen zu halten und sie um sich zu sammeln, so stand Einer oft mitten in der Predigt auf und rief: „Das ist Lüge! Das ist Lüge! Kommt, laßt uns alle gehen!" Fünfzehn lange Jahre arbeiteten die frommen Männer des Evangeliums ohne irgend einen ermuthigenden Erfolg, bis sich endlich ein kriegerischer Häuptling für sie erklärte und sie unter seinen Schutz nahm. Erst im Jahre 1830 konnte man acht Eingeborene taufen, denen nun mehr viele Tausende nachgefolgt sind. Seitdem haben die blutigen Streitigkeiten sich gemindert, ja in vielen Di- stcicten fast gänzlich aufgehört und die Beispiele von Mordlust und Verrätherei werden selbst bei denen seltener, die sich noch nicht zum Christenthume bekehrt haben. Der Jude Palack, welcher lange mit den Neuseeländern in Handels angelegenheiten verkehrt hatte, erklärte sich über das Werk der Missionaire also: Die Mission hat für die bürgerliche Gesittung der Insel mehr geleistet, als alle europäischen Kaufleute zusammen, ja ohne sie wäre es für die Kaufleute zu unsicher gewesen, im Lande zu wohnen. Wenn Neuseeland einst zum Christenthume bekehrt ist und seine Bewohner ein anderes Geschlecht geworden sind, dann wird man mit dankbarer Vereh rung den Namen jenes Mannes nennen, der das Missionswerk im Jahre 1814Australien und Oceanien. 119 begann. Von glühender Menschenliebe und dem wahren Geiste des christlichen Glaubens getrieben, verließ damals Samuel Marsden Neusüdwales und landete auf Neuseeland. Nur von einigen Gehülfen begleitet begab er sich unter dieses entmenschte Volk, um das Werk der Gesittung durch das Christen- Samuel Marsden predigt das Evangelium. khum zu beginnen. Rangihoua, ein neuseeländisches Dorf an der Westseite ^er Jnselbai, welche unter der Herrschaft des Marsden schon bekannten Häupt- ^ugs'Tuatara stand, war der Ort, wo er die erste Mission errichtete. Von seinen Gefahren und Aengsten habe ich bereits gesprochen. Jetzt umgiebt eine An-120 Entdeckung von zahl nach europäischer Art erbauter Häuser, Gärten und Felder die Colouie. Das Land ist den Eingeborenen ehrlich und redlich abgekaust worden. Capellen und Schulen finden sich an vielen Orten. Die Häuptstation ist jetzt Waimate und es ist rühmend zu erwähnen, daß die Eingeborenen dieses stark bevölkerten und am Eingänge in das Innere gelegenen Districtes selbst kamen und die Missio- naire ersuchten, das Evangelium ihnen zu predigen. In den meisten Dör fern erheben sich bereits Capellen und Schulen, von denen, die ersteren meist 150—200 Personen fassen, und wo an jedem Sonntage Gottesdienst gehalten wird. Schon haben die Misstonaire eine ziemliche Anzahl Eingeborener zu Leh rern und Predigern heraufgebildet. Die Feld- und anderen Arbeiten werden von Eingeborenen verrichtet, europäsche Gewächse gedeihen auf's Schönste und Pflug und Egge unterstützen und vollenden das Werk des Christenthums. Es ist von den Missionairen ganz richtig gehandelt, daß sie mit der christ lichen Religion zugleich alle unsere Künste und bürgerlichen Einrichtungen in die neubekehrten Länder zu verpflanzen suchen, denn dadurch wird es ihnen um so leichter gelingen, das Heidenthum gründlich zu vertilgen. Alle jene Naturvölker finden bald Gefallen an den Einrichtungen der cultivirten christ lichen Nationen, und bringen dieselben mit dem Christenthume in ein unauf lösliches Verhältniß. Dies zeigt uns Waimate auf das Unwiderleglichste. Ein Reisender schildert diesen Ort mit folgenden Worten: „Es giebt hier drei große Häuser, in denen die Misstonaire wohnen, und nahe dabei stnd die Hütten der eingeborenen Arbeiter. Auf einem benachbarten Abhange standen schon Gerste und Weizen in voller Aehre, an einem andern sah man Felder mit Kartoffeln und Klee. Auch hatte man Gärten mit jeder Frucht und jedem Küchengewächs, das England hervorbringt; andere gehörten schon einem wär meren Klima an. Ich nenne Spargel, Bohnen, Gurken, Rhabarber, Aepfel, Birnen, Feigen, Aprikosen, Wein, Oliven, Stachel- und Johannisbeeren, Hopfen und selbst mehrere Arten Blumen, lim den Hof standen Ställe, eine Scheune zum Dreschen, sowie eine Maschine zum Reinigen des Getreides und eine Schmiede. Auf dem Boden lagen Pflüge und andere Ackerwerkzeuge, in der Mitte sah man jene ländliche Mischung von Schweinen und Geflügel, wie man sie auf jedem englischen Hofe so gemächlich beisammen sieht. Einige hun dert Schritte davon hatte man das Wasser zu einem Teiche abgedämmt und eine große, dauerhafte Wassermühle errichtet und dies Alles an einer Stelle, an welcher vor fünf Jahren Nichts als Farnkraut wuchs. Die Ar beit der Eingeborenen, von den Missionairen gelehrt, hat diese Umwandlung hervorgebracht. Der Neuseeländer hat das Haus gebaut, den Fensterrah men gemacht, die Felder gepflügt, die Bäume gepfropft. Ju der Mühle sieht man einen mit Mehl gepuderten Eingeborenen als Knappen. Man hat auf diese Weise die Künste der gebildeten Menschheit mit der Erziehung zum Chri stenthume verbunden. Einige junge Leute, die auf dem Gute beschäftigt undAustralien und Oceanieu. 121 erzogen wurden, waren von Missionairen auS der Sclaverei erkauft worden. Sie trugen Hemde, Jacke und Beinkleid, und hatten ein ordentliches Aussehen. Ein junger Arbeiter brachte während unserer Anwesenheit ein Messer und einen Bohrer, Beides auf der Straße gefunden, da er von ihnen nicht wußte, wem sie gehörten. Alles war fröhlich und wohlgemuth, und am Abend sah ich Mehrere mit Ballschlagen beschäftigt, während die Knaben einen Drachen stei gen ließen. Die jungen, Mädchen, welche als Mägde im Hause waren, hatten ein reinliches Aussehen, nur von der Tätowirnng wollten sie noch nicht lassen, indem sie meinten: Wir müssen wenigstens einige Linien auf unfern Lippen Wnimate vor der Niederlassung der Misflonaire. haben, sonst schrumpfen sie zusammen, wenn wir alt werden, und dann sind d>ir häßlich. Ich übernachtete bei dem Missionair Williams, und da es ge rade Christtag war, so fand ich eine Menge Kinder versammelt, welche um den Tisch saßen und Thee tranken. Ich sah nie eine hübschere und fröhlichere Gruppe, und man bedenke, was dies in einem Lande sagen will, in welchem noch rwr wenigen Jahren Mord, Cannibalismus und alle schrecklichen Verbrechen herrschten. Am andern Morgen betete die ganze Familie in neusceländi- lcher Sprache. Die Missionsgcsellschast hat jetzt unter einem Bischof vier große Missionsbezirke, in denen sich 108 Arbeiter, worunter 12 Missionaire, 16 Ka- wcheten, 210 Schulen mit 11,000 Schülern und 35,000 eingeborenen Erwach- >>-Nen, welche den Gottesdienst besuchen, befinden. Diese Wunder, diese Seg-122 Entdeckung von nungen sind in wenigen Jahren über dieses arme Volk durch die Predigt des Evangeliums gebracht worden. Wir sprechen vom Ruhme der Helven, aber wahrlich, in diesen armen Boten des Christenthums sind größere Helven als alle unsere Schlachtengewinner! Wol ist noch vieles Mangelhafte an den New bekehrten, aber schon das künftige Geschlecht wird ein ganz anderes als das gegenwärtige werden, denn das ist nicht zu läugneu, daß eine Menge von Vor- urtheilen und Rohheiten zu tief eingewurzelt sind, um sofort vom Christen- thume vertilgt werden zu können." Doch ich muß dir Einiges von ihren religiösen Vorstellungen erzählen. Der heidnische Neuseeländer verehrt vergötterte Menschen, welche Atuas heißen und in jedem Stamme andere, aber überall abscheuliche Wesen sind. Als man einen Neuseeländer fragte, wie er sich Ätna vorstellte, antwortete er: wie einen unsterblichen Schatten. Der höchste unter ihnen, der König des Himmels, heißt Mawa. Seinem Wesen nach ist er unversöhnlich und rachsüchtig, und von ihm kommt alles Uebel; daher wird sein Name nur mit Angst und Zittern genannt. Um seinen Zorn zu besänftigen, schlachtet man ihm Menschen. Außer dem kann jeder Fisch, jeder Vogel, selbst jeder Wurm zu einem Gotte erhoben werden; ist's geschehen, so zürnen sie alle den Menschen und sind ihre Mörder. Sie fahren in die Menschen, machen sie wahnsinnig und besessen, erregen un erträgliche Schmerzen in ihren Eingeweiden, und bringen zuletzt den Tod, in dem sie bei ihrem Gelüst nach Menschensleisch dieselben von innen aufzehren. Außerdem wird der Mensch von ihnen noch durch Wassersnoth, Feuersbrunst oder die tödtliche Streitart eines Feindes verfolgt. Dies Alles geschieht aus Willkür und nach Laune, nicht aber, um die Menschen als Missethäter zu stra fen, denn die Götter waren ja einst selbst Missethäter, und man erzählt sich von ihnen allerlei Schandthaten, die der Neuseeländer nur mit dem Tode be strafen oder wegen deren er Vernichtungskriege beginnen würde. Man betet auch Wasserfälle, Sturmwinde und Vulcane an; viele Orte, namentlich die Gipfel der ehemaligen feuerspeienden Berge, sind tabu, d. i. heilig; wer sie betritt, den trifft die Todesstrafe. Die Sitte des Tabu ist über ganz Oeea- nien verbreitet, von Neuseeland bis zu den Sandwichsinseln, und ist ein reli giöser Bann. Nach ihm kann von den Häuptlingen oder Priestern Alles für tabu erklärt werden; so wurden z. V. auf verschiedenen Inseln die Schiffe der Europäer tabuirt und sofort stoh das gestammte diebische Gesindel, welches mit Begierde jeden Gegenstand im ersten Augenblicke betrachtete, im andern stahl. Fast mehr als jeder andere Insulaner ist aber der Neuseeländer dem Tabu unterworfen. Er hat keine Ahnung von der dabei zu Grunde liegenden Idee, allein er glaubt blos, daß die Beobachtung des Tabu den Atuas angenehm sei, und dies ist Grund genug. Selbst die neubekehrten Christen sind noch nicht vom Tabu frei. Die Priester (Tohungas) der Neuseeländer betrachteten über haupt die christlichen Misflonaire für Atua-Tohungas, d. i. Diener Gottes.Australien und Oceauien. 123 Sie brachten dem Gotte der Christen ebenfalls die ihm gebührenden Huldigun gen, als man aber verlangte, sie sollten ihre Atuas aufgeben, weigerten sie sich und sagten: Ohne Zweifel ist der Gott der Christen mächtig, er kann ihnen genügen, aber wir brauchen auch unsere Atuas; würden wir sie verlassen, so träfen uns tausend Uebel. Selbst leblose Gegenstände sind tabu. Dies erfuhr der amerikanische Schiffslieutenant Wilkes, als er versuchte, den Vordertheil eines Canoe an sich zu bringen. Derselbe war zierlich geschnitzt, stellte ein Thier mit einem Menschenkopfe vor, der die liebenswürdige Gewohnheit der Neuseeländer, die Zunge weit herauszustccken, zeigte, und hatte ehemals einem berühmten Häuptlinge gehört, lag aber setzt unbenutzt in einem Vorrathshause. Man machte der Witwe Anerbietungen, und endlich ward man über 6 Dollars einig; allein da er mit dem ersten Grade des Tabu belegt war, so wollte sich kein Neuseeländer dazu hergeben, ihn fortzuschaffen. Als der Transport ans Wasser dennoch geschehen war, konnte man es nicht durch das Wasser nach s dem Boote schaffen, denn dies war gleichfalls gegen das Tabu. Nur die Dro hung, das Geld wieder herausbezahlen zu müssen, wirkte endlich auf einen alten Häuptling, er willigte in die Fortschaffung. Doch ich muß dir noch Einiges über die Handelsverbindungen mittheilen, ! in denen wir mit den Neuseeländern stehen. Neuseeland ist eine Allgemein wichtige Station für unsere Wallfischfahrer auf der südlichen Halbkugel. Fast alle legen hier an, obwol nicht zu verschweigen ist, daß die Sitten vieler die- llr rohen Menschen den Misstonairen geradezu entgegenarbeiten und europäische Zaster unter den Insulanern verbreiten, sie wol auch gar mit Feuerwaffen un terstützen, die nur Veranlassung zu noch heftigeren Kriegen sind und die Ueber- iegenheit europäischer Schiffe den Angriffen der Eingeborenen gegenüber zweifel haft machen. Doch kommen auch viele europäische Schiffe an die Küste, um den berühmten neuseeländischen Flachs zu laden. Derselbe wächst am Ufer der Waldbäche und in Gründen, wird fünf bis sieben Fuß hoch und hat Aehn- llchkeit mit unserer Schwertlilie, doch ist der Stengel weit dicker. Die Blätter Und schwertförmig, aber dunkelgrün, unten roth gestreift, zwei bis vier Fuß kang und einen bis zwei Zoll breit. Aus den Fasern der Blätter gewinnt man ben Flachs oder Hanf. Derselbe hat ein seidenartiges Ansehen und die daraus ^fertigten Taue sollen von doppelter Haltbarkeit sein. Fehlte es nicht an Ar- eitern und Werkzeugen zum Anbau und zur Bereitung dieses Produetes, so wurde der Flachshandel eine unberechenbare O-uelle des Reichthums für Neu- eeland werden; jetzt ist die Arbeit zu mühsam und zeitraubend. Man erbaut .Ulm Flachs schon seit längerer Zeit im südlichen Frankreich mit dem glück- Msteu Erfolge, und in Pont Remy ist eine Fabrik, welche denselben allein Erarbeitet. Die daraus gefertigten Zeuge sind eben so schön, aber viel fester, michmeidiger und leichter als unsere Leinenzeuge. Dabei hat das Gewebe den w)en Werth, daß es ein halbes Jahr im Wasser liegen kan», ohne die min-124 Entdeckung von deste Veränderung zu erleiden. Die Neuseeländer bringen den Flachs ans Ufer, und verhandeln ihn gegen europäische Zeuge und andere Waaren. Ein anderer Handelsartikel sind Schweine, und ich will dir ein lustiges Pröbchen von diesem Handel mittheilen. Ein Reisender schreibt: „Wir landeten in der großen Bai von Taone- Roa und wollten uns hier mit Schweinen versorgen, die überflüssig und wohl- seil sein sollten. Die Eingeborenen kamen, als sie uns vor Anker gehen sahen, zahlreich zusammengelaufcn, da sie wol dachten, daß es Etwas zu verdienen geben würde. Sie trieben eine große Menge Rüsselvieh vor sich her, und bald begann der sonderbarste Handel, den ich je gesehen. Da nur einige Schritte von uns sich eine elende Hütte ohne Dach befand, so bestimmte ich dieselbe zu unserm Bazar, und ließ die zum Tauschhandel mit Tüchern angefüllte Kiste da hin bringen. Im Vordergründe führten wir eine Art Gerüst auf, und einer unserer Matrosen, der Gascogner Tausier, begann die Waaren trotz dem besten Marktschreier auszubietcn. Seht doch, sagte Tausier zu allen diesen be malten und tätowirten Wilden, seht doch diesen Ucberwurf, ich verkaufe ihn nicht, ich verschenke ihn für zwei Schweine. Die Ueberwürfe fanden unge heuren Beifall; in einem Augenblicke waren sie vergriffen und eine gute An zahl Schweine grunzte bereits auf dem Boden unsers Fahrzeugs. Nun kamen die Tücher an die Reihe. Die Eingeborenen wollten Nichts davon wissen, doch unser Gascogner hielt ihnen eine so eindringliche und von so überzeugenden Grimassen und Geberden begleitete Rede, daß sie sich bald um die Tücher rissen. Für fünf Ellen Zeug bekamen wir ein fettes Schwein. Bevor der Wilde den Handel abschloß, prüfte er das Zeug mit der Vorsicht einer Hausfrau, und um das Bild unsers Verkehrs zu vervollständigen, stolzirtcn auch noch einige Englän der brummend und verdrießlich umher, indem sie behaupteten, daß wir die Preise in die Hohe trieben, und dieses sei höchst unrecht." Doch wir verlassen Neuseeland, schiffen nordwestlich, gehen zwischen Neu- Calcdonien nnd Ncuhoüand durch, passiren hierauf die Dawpier-Straße zwi schen Neuguinea und Neubritannien und erreichen endlich, nachdem wir den Aequator überschritten haben, unterm achten Grade nördlicher Breite die wenig bekannten Pelew-Jnseln, alle klein und für die Schiffer sehr gefährlich. Obschon sie 1696 entdeckt worden sind, so waren sie gänzlich in Vergessenheit gerathen, bis sie 1783 von dem britischen Seefahrer Wilson wieder gefunden wurden. Wilson litt in diesem Archipel Schiffbruch, rettete sich jedoch mit sei nen Leuten auf die Insel Orulong, fand sic von Wilden bewohnt, welche noch in völligem Naturzustände lebten, und wurde von ihnen äußerst menschen freundlich aufgenvmmen. Dieselben hatten noch niemals Europäer gesehen, hiel ten die Kleidung derselben für mit dem Körper verbunden, und waren ganz erstaunt, als Wilson den Hut abnahm. Da der Häuptling mit einem andern der Nachbarinseln sich im Kriege befand, so unterstützten ihn die Engländer durchAustralien und Oceanien. 125 einige mit Feuergewehr versehene Matrosen. Sechs Flinten gewannen die ganze Schlacht, in welcher gegen 4000 Insulaner von den Kähnen aus gegen einander kämpften, erfüllten die Freunde mit hoher Verehrung, die Feinde mit dem furchtbarsten Schrecken. Man besah die Verwundeten, ste bluteten heftig und dennoch keine Spur vom Wurfspieß, womit man allein gekämpft hatte. Dazu der donnerähnliche Knall, der Pulverblitz und Rauch. Alles floh heulend nach den Inseln, die Sieger aber waren in Benutzung ihres Sieges sehr be scheiden; man raubte einige Cocosnüsse und fuhr mit den Verwundeten nach dem heimatlichen Gestade zurück. Unterdeß hatte Wilson ein neues Schiff ge baut und mit Zurücklassung eines einzigen Europäers verließ er die Insel, nach dem er auf Bitten des Häuptlings noch dessen Sohn mitgenommen hatte, damit er in England die Künste der Weißen lernen möge. Leider starb der junge, sanfte Mann in London an den Blattern, als er bereits einige recht hübsche Anfänge gemacht hatte. Die günstige Schilderung, welche Wilson von den Insulanern machte, stand jedoch in grellem Widerspruche mit den Beschrei bungen, welche uns von den die Insel spater besuchenden Spaniern, Briten und Nordamerikanern gemacht wurden. Segelt man von den Pelew-Jnseln westlich, so gelangt man zu den Ca rolinen oder neuen Philippinen, einem fast 400 Meilen langen Archipel von eben so vielen und nur kleinen Inseln, welche wiederum vier besondere Gruppen bilden. Obschon bereits 1686 von dem spanischen Capitain Lazeano zu ei- u«n geringen Theilc entdeckt, sind sie doch erst durch Seefahrer unsers Jahr hunderts, durch Duperrey und Dumont d'Urville, besonders aber durch ben russischen Capitain Litke, welcher sich während seiner Reise um die Welt ü> den Jahren 1826—29 ein halbes Jahr mit der genauen Untersuchung die- Inseln beschäftigte, bekannt geworden. Seine Arbeit ist so vorzüglich, daß wir kein Jnselgebiet der Südsce besitzen, welches mit der Ausführlichkeit und Genauigkeit erforscht worden ist, als die Carolinen, und der russischen Marine gebührt der Ruhm, dieses Gebiet der Thätigkeit zuerst betreten zu haben, ^icse Inseln sind theils höhere, theils niedrigere. Die ersteren sind meist durch ^uleane oder Erdbeben entstanden und zeichnen sich durch hohe Berge aus, welche mit dichten Waldungen besetzt sind, so daß die Bewohner mehr am strande leben, und nur selten in das geheimnißvollc Dunkel der Wälder tiefer ctndringen. Merkwürdig dagegen ist die Bildung der niedrigen Inseln, und ba wir dieselben theils schon auf den Pelew-, theils aber auf vielen von den Inseln finden, von denen ich noch später erzählen werde, so kann ich nicht um- h'u, Einiges davon mitzutheilen, bevor ich noch von den Bewohnern spreche. ^ Die niedrigen Inseln sind Korallengebilde und bestehen aus lauter Jnsel- «-sen und Inselketten, welche als ehemalige feuerspeiende Berge bis fast an °sn Rand des Wassers emporragten. Das innere Feuer ist erloschen, allein te Kraterwände sind geblieben und haben ihre frühere Kreisform unverändert126 Entdeckung von beibehalten. Auf diesen Wänden setzen sich nun Polypen fest, und obwol die selben nur klein und unbedeutend sind, so sind sie doch so zahlreich, daß sie im Laufe der Jahrhunderte die Kraterwände durch Ansetzung ihrer kalkartigcn Stöcke immer mehr erhöhen, bis diese zuletzt als Riffe und Inseln sich erheben und ganze Felsenketten oder unermeßlich große unterseeische Bänke bedecken und Massen bilden, deren Ausdehnung durch die Entstehung neuer Thierc, welche den Bau der alten fortsühren, unaufhörlich zunimmt. So baut nun eine Colonie aus der andern fort, die Hülle der erster» bleibt unverletzt und dient der zwei ten als Grundlage, diese wieder der dritten und so fort. Haben sie end lich die Meeresoberfläche überschritten, so können diese kleinen Thierchen nicht mehr leben, und der durch ihre Trümmer entstandene Boden hört auf, sich zu erheben. Die Atmosphäre setzt das Werk der Polypen fort, sie wirkt auf diese Korallenmassen ein, das Meer füllt den inner» ehemaligen Krater mit Sand und Erde aus, schwemmt Pflanzensamen in die Bucht, erhebt den Boden immer mehr und läßt nun in der Mitte, als der tiefsten Stelle des vormali gen Kraters, einen kleinen und oft ziemlich tiefen See zurück, welcher durch eine Oeffnung mit dem Meere meist in Verbindung bleibt. Bald wachst» Bäume aller, Art aus dem angeschwemmten Pflanzensamen heraus, Vögel be leben sie und bauen ihre Nester, und auch der Mensch bleibt nicht aus, das neugebildete Eiland als Wohnstätte zu beziehen, so unfreiwillig dies auch nicht selten geschehen fein mag. Siehe, da landet eine Pirogue mit ihrer kupfer braunen Bemannung am neuen Eilande. Es ist eine ganze Familie, aus Ael- tcrn und Kindern bestehend, der Sturm schleuderte sie von den heimischen Ge staden tief in den Ocean hinein, die Meeresströmung ergriff und führte sie weit fort. Da erblicken sie endlich das neue Eiland, legen bei demselben an, frische Cocosnüsse sollen sie erquicken; sie finden die Insel unbewohnt — und bleiben auf derselben. Ihr Heimatland wieder zu suchen würde vergebliche Bemühung sei». Nach 2—500 Jahren ist die Bevölkerung vielleicht schon mehrere hundert Köpst stark, allesammt Nachkommen jener ersten oder von Nachbarinseln dazu gewan derter Bewohner. Die Bevölkerungsgeschichte der meisten Inseln jener Gegend ist keine andere, findet man daselbst doch nicht selten Menschen so verschieden an Farbe und Körperbau, daß man nothwendig eine doppelte Abstammung auf einer und derselben Insel annehmen muß. Die Bewohner des Carolinen-Archipels zeigten sich den Schiffern vo» einer weit vortheilhaftern Seite als die der Pelew-Jnseln. Sie waren nicht kriegerisch gesinnt, hatten nur wenige Waffen, waren ernst und mild und zeich neten sich besonders durch einen Handelsgeist aus, der sie zu weiten, staunen- erregenden Seereisen antrieb. Der gestirnte Himmel war ihnen nach Anblick und Erscheinungen nicht unbekannt, denn nach ihm leiteten sie den Lauf ihrer ziemlich großen Fahrzeuge. Der Franzose Lesson, welcher Duperrey aus seinen Entdeckungsreisen begleitete, macht uns von den Bewohnern von Wala»Australien und Oceanien 127 eine äußerst vorteilhafte Beschreibung, indem er sagt: „Soweit wir die Ein geborenen während unsers Llufenthalts an ihren Küsten kennen lernten, erschie nen sie uns als einfache, sittsame, gutmüthige und gastfreundliche Menschen. Diebstahl ist bei ihnen nicht gemein, den Krieg und seine Nebel kennen sie nicht, sie genießen die Früchte ihres Bodens. Kein Walaner zeigte vor unfern Augen irgend eine barbarische Sitte. Ihr außerordentliches Erstaunen, worein sie bei unserer Ankunft geriethen, die Aufmerksamkeit, mit welcher sie unsere Handlun gen begleiteten, und die Unbekanntschaft mit Allem, was wir an und um uns Unterseeischer Vulean. hatten, bewies, daß wir die ersten Europäer waren, die sie gesehen oder wenig es in ihrer Nähe gehabt hatten. Unser Schiff, unsere Kleidung, unser Be- ssagen, unsere weiße Farbe — Alles schien ihnen so unerhört und fremd, daß Ük jeden Augenblick ein neues Wunder zu erblicken glaubten." m man bei Verfolgung der langen Reihe der Carolinen-Inseln seine s et 1 e "°ch weiter nach Osten fort, so gelangt man in den Lord Mulgra- aes-Archipel, welcher wieder in eine nördliche Gruppe, die Marshalls-, und n elnc südliche, die Gilberts-Inseln, zerfällt. Die erste Entdeckung geschah schon128 ' Entdeckung von 1529 durch den Spanier Saavedra, und zwar durch Zufall, bis die englischen Seefahrer Gilbert und Marshall sie wieder auffanden. Vorzüglich bekannt sind sie uns durch den russischen Capitain Kotzebue und seinen Begleiter, den Dichter Chamisso, geworden, welche eine äußerst anziehende Schilderung von den liebenswürdigen Bewohnern, besonders denen von Radack machten. Das Volk zeigte sich den Seefahrern freundlich und harmlos, munter, für Frohsinn und Geselligkeit gestimmt, gescheidt und sinnreich. Man kam den Russen nach Ueberwindung der ersten Besorgniß vor ihrer Ucberlegenheit freundschaftlich ent gegen, war nie zudringlich und überlästig; das Eigenthum ward geehrt, von Diebstahl keine Spur. Ms Kotzebue 1817 mehrere. Wochen auf den Rarick- Jnseln, namentlich Otdia verweilte, so schlossen sich der Häuptling Rarick und ein anderer Einwohner, Lagediak, ihm besonders an. Letzterer, welcher den Namen Kadu führte, hatte Kotzebue so lieb gewonnen, daß er sich von ihm nicht wieder trennen wollte. Er führte seinen Entschluß wirklich aus, betrug sich auf dem russischen Schiffe so gesittet und bescheiden, als ob er mit gebildeten Menschen schon lange Umgang gehabt hätte, und gewann die Liebe Aller. Kadu machte mit Kotzebue die Fährt bis Unalaschka und bis an die Behringsstraße; als aber die Schiffe wieder südlich fuhren, die Sandwichsinseln berührten und der Tro penbewohner nach der Kälte des Nordens und seinen verkrüppelten Bäumen hier die heimat liche Palme auf's Neue erblickte, so war er über ihren Anblick so erfreut, daß das Heimweh mit seiner ganzen Gewalt erwachte und er gegen Ende des Jahres 1817 wieder nach Otdia znrückkehrte. Er ward von Kotzebue noch reichlich beschenkt, allein beim Abschiede schien Kadu erst recht zu fühlen, wie schwer ihm die Trennung von seinen russischen Freunden werde. Er weinte wie ein Kind und bat sie flehentlich, wiederzukommen. Mit Innigkeit schloß er sich an Kotzebue an, und fragte oft, ob er denn auch wirklich wiederkäme. Män ner, Weiber und Kinder begleiteten die Abreisenden bis zur Schaluppe, und nachdem sie vom Lande abgestoßen waren, setzten sich die armen Insulaner ans Ufer und stimmten ein Lied an, in welchem die Namen der Freunde oft vor kamen. Noch durch das Fernrohr konnte man Kadu mit einigen Anderen vor Rarick's Hause sitzen und dem Schiffe nachblicken sehen. Das weiße HeindAustralien und Oceanien. 129 verrieth ihn und er wehte mit einem Tuche so lange, als man ihn nur zu erkennen vermochte. Acht Jahre später kam Kotzebue auf seiner zweiten Reise um die Welt wieder nach Otdia. Anfangs waren die Eingeborenen bestürzt und flohen, allein er bestieg mit noch drei anderen Gefährten sogleich ein Boot und rief ihnen zu: „Aidarah Totabu" (Freund Kotzebue, denn so hatten sie seinen Namen gerad- brecht). Da blieben sie regungslos stehen und schienen auf die Wiederholung des Zurufs zu warten, um zu wissen, ob sie wirklich recht gehört hätten. Doch du sollst selbst lesen, was uns Kotzebue erzählt. Auf mein abermaliges „Aidarah Totabu" überließen sie sich dem lebhaftesten Ausbruche der Freude, schrien nach dem Lande zu: hei-Totabu! ließen ihren schwerfälligen Kahn tut Stiche, schwammen ans Land und wiederholten ihren Ausruf. Die Bewohner von Otdia hatten uns, hinter Gebüschen versteckt, beobachtet. Jetzt, da der wohlbekannte Name erscholl, sprangen sie hervor und gaben durch fröhliche Geberden, Tanz und Gesang ihre Freude zu erkennen. Ein großer Haufe drängte sich an den Landungsplatz, Andere kamen, bis auf die Hüften im Wasser gehend, auf uns zu, um uns zu bewillkommnen. Ich ward nun all gemein erkannt und Narick genannt, weil ich nach der hier üblichen Sitte mei nen Namen zum Siegel des Freundschaftsbundes mit Rarick getauscht hatte. Vier Insulaner trugen mich ans Land, wo mich Lagediak mit offenen Armen erwartete und gerührt an seine Brust drückte. Nun erschollen die kräftigen Tone des Muschclhorns, um Rarick zu rufen, der auch im vollen Laufe herbei- kam, mich umarmte und mir seine Freude an den Tag zu legen suchte. Junge Mädchen breiteten unter einem schattenreichen Baume Matten aus, auf denen wir Platz nehmen mußten. Rarick und Lagediak setzten sich uns gegen über, Rarick's alte Mutter mir zur Seite. Die übrigen Insulaner bildeten einen dichten Kreis um uns. Die uns zunächst waren, ließen sich nieder, und die sich hinter ihnen Befindenden blieben stehen, um uns besser betrachten zu können. Ein Theil kletterte auf die Bäume, die Väter nahmen die Kinder auf den Arm, und diese zeigten mit ihren kleinem Fingern auf mich und riefen ,,Totabu". Welcher Unterschied zwischen diesen liebenswürdigen Kindern der Ratur und den Bewohnern von Neuseeland oder der Fidschi-Inseln, welche 400 Meilen südlich von den Radacks liegen! Diese von Tasman 1643 zuerst gesehenen Inseln werden Wegendes aus ihnen Wachsenden Sandelholzes öfters besucht, gehören aber wegen der Wildheit ihrer Bewohner, die die der Neuseeländer noch weit übertrifft, zu den am wenigsten bekannten. Die Bewohner dieser zahlreichen Inselgruppe sind ungemein krie- gerisch und leben mit einander in fast endlosen Kämpfen. Die erschlagenen Feinde werden gegessen; liefert der Krieg das wohlschmeckende Menschenflcisch ein mal nicht, so giebt der Häuptling Befehl, Diesen oder Jenen zu tödten und n-u als Speise zuzubereiten, ein Befehl, der mit derselben Ruhe gegeben wird, 2ll. goft. Kinderbuch. IV. 2. Stuft. 9130 ■ Entdeckung von mit welcher wir zum Fleischer sagen, er solle das oder jenes Stück unserer Herde schlachten. Die Gebräuche ver Insulaner sind äußerst roh. Die Frau ist Nichts als das Lastthier ihres Mannes, sie gräbt, säet, Pflanzt, leitet das Erntegeschäft und bereitet die Speisen ihres strengen Gebieters, der, außer dem Kriege, in beständigem Nichtsthun seine Zeit verlebt. Stirbt er, so wird sie erdrosselt. Sie legt sich selbst den Strick um den Hals und bereitet sich auf ihr Schicksal vor, das von einigen Männern an ihr vollzogen wird, indem einer derselbew die Hand auf ihr, Haupt legt und sie fest hält, während die anderen am Stricke ziehen, bis der Tod erfolgt. Anders, doch nicht besser, er geht es den alten Aeltern. Sie werden lebendig begraben, und dies bisweilen aus ihr Verlangen. Man gräbt eine Grube, setzt sie hinein und überschüttet sie mit Erde, welche von den eigenen Verwandten fcstgetreten wird. Merkwürdig ist der Kampf, welchen der Handelscapitain Dillon im Jahre 1812 hier zu bestehen hatte. Da er eine Ladung Sandelholz einneh men wollte, so weilte er schon längere Zeit an der Küste, allein die Einwohner gaben vor, daß sie wegen eines ausgebrochenen Kampfes mit den Bewohnern einer Nachbarinsel jetzt nicht ans Holzfällen denken könnten; es möge jedoch Dillon sie im Kampfe durch mit Feuergewehr bewaffnete Männer unterstützen. Dieser that es, trug zum Siege und zur Beendigung des Krieges bei, konnte aber nicht mehr als ein Drittel der Ladung erhalten. Endlich riß ihm die Geduld, er unternahm mit einer Anzahl seiner Leute einen Streifzug in das Innere der Insel, um Geiseln zu ergreifen, und war dabei so unklug, seine Leute in kleine Häuflein von drei bis sechs Mann zu trennen. Anfangs hatten sich die Eingeborenen zurückgezogen, dann aber griffen sie auf ein gegebenes Zeichen die Streisposten an und überwältigten sie. Bei diesem Lärm will sich Dillon nach dem Schiffe zurückziehen, allein man versperrt ihm den Weg, tötetet einige seiner Leute, die man auch sofort zum Braten zurecht macht, ihm aber mit fünf Anderen gelingt es noch, einen in der Nähe der Küste gelegenen und nur von einer Seite zugänglichen Hügel zu erreichen, welcher von den Pfeilen der In sulaner" nicht erreicht werden konnte. Diese stürmen den Hügel, allein die Feuerwaffen wirkten zu furchtbar, so daß sie davon «blassen mußten und Frie densvorschläge machten. Zwei von Dillon's Begleitern gingen auch wirklich darauf ein und trauten den Versprechungen der Treulosen, welche sie tödteten, forttrugen und aufzehrten, so daß nur noch er mit drei Gefährten übrigblieb. Da man auf dem Schiffe acht Gefangene bewahrte, unter denen der Sohn des Oberpriesters sich befand, so machte Dillon den Vorschlag, diese gegen ihn und die drei Gefährten auszutauschen. Man ging darauf ein, und ein verwundeter Gefährte begab sich nach dem Schiffe, nachdem ihm Dillon erklärt hatte, er solle dem Befehlshaber sagen, nur die Hälfte frei zu geben, die Anderen aber, wenn er selbst auf das Schiff zurückkehrte. Dieser beging jedoch die Unklugkeit, sämmtliche acht Gefangene auszuliefern, und nun jubelten dieAustralien und Ocecmien. 131 Treulosen, denn Dillon sollte ihr Opfer werden. Während der Zeit war der Kampf fortgesetzt worden, Dillon und der eine Gefährte schoß, der andere lud. So nahte der Abend; die Wilden, die Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen ein sehend, zogen sich außerhalb der Schußlinie zurück, der Oberpriester aber machte einen Versuch, Dillon zu täuschen, und versprach, ihn wohlbehalten ans Ufer zu bringen. Da ergriff ihn Die ser und drohte, ihn sofort zu erschie ßen, sobald er nicht voranschreite, da mit sie ihm ungehindert folgen könn ten. Diese Drohung wirkte. Die Wil den machten jetzt keinen Versuch zum Dillon'6 Kampf gegen die Wilden. Widerstande; der Oberpriester geleitete sie bis ans Ufer, sie erstiegen ihren Kahn und "Men wohlbehalten auf dem Schiffe an. Oestlich vorffden Fidschi-Inseln liegen die Freundschaftsinseln oder der Tonga-Archipel. Sie sind weit be- annter, als alle die obengenannten und andere Gruppen Oceaniens, und schon ' o von Tasman in ihrem südlichen Theile entdeckt, wurden aber auch, 9 *132 Entdeckung von wie die meisten Gruppen, fast ganz vergessen, und erst von Cook 1773 und 1777 wieder neu aufgesunden. Fast sämmtliche Seefahrer haben fle nach ihm besucht, ja der Brite Mariner, welcher sich von 1806 — 1811 auf der Hauptinsel aufhielt, hat uns eine ausführliche Beschreibung von der ganzen Gruppe und ihren Bewohnern gegeben. Nach ihrer Hauptinsel heißen sie Tongainseln, den Namen „Freundschaftsinseln" erhielten sie von Cook wegen des freundschaftlichen Benehmens gegen ihn und seine Leute. Der Charakter der Insulaner ist im Ganzen achtungswerth; die Seefahrer schildern sie als gutherzig, arglos, zuvorkommend gegen Fremde, gastfreundlich, und Anderen Das gern mittheilend, was sie besitzen. Bennet, ein Brite, welcher die Hauptinsel 1829 besuchte und durchwanderte, ward von allen Bewohnern mit Liebe und Freundschaft ausgenommen, man brachte ihm überall die schönsten Früchte, und auf seinen Wanderungen durch ihre Dörfer begleitete ihn eine Menge Personen, um sein Gepäck zu tragen. Jedes Dorf hatte ein Haus zur Aufnahme der Fremden. Man ehrt die Könige und Häuptlinge, beweist eine große Liebe und Ehrfurcht gegen das Alter, und kommt den Frauen mit Ach tung entgegen, Alles Merkmale, an denen man die größere oder geringere Bildung der Bewohner eines Landes erkennen kann. Gleichwol kommen auch gegentheilige Züge und Erscheinungen vor, und 1827 kam der französische Seefahrer Dumont d'Urville in nicht geringe Verlegenheit, als man plötzlich eines seiner Boote überfiel und die neun Personen zählende Bemannung gefan gen mit sich führte. Er beschloß deshalb, um diese Leute zurückzuerhalten, Manfanga, den heiligen Begräbnißort der Häuptlinge, anzugreifen. Die Ein geborenen hatten bereits Verschanzungen davor angelegt, gegen welche die Schiffskanonen zwei Tage lang Nichts ausrichten konnten, und die Insulaner, von denen Alles, was Waffen tragen konnte, auf den Beinen war, verthei- digten sich durch Kleingewehrfeuer. Man bemühte sich daher, sie beständig zu beunruhigen, und dies hatte den erwünschten Erfolg. Sie lieferten die Fran zosen, denen indeß Nichts zu Leide gethan worden war, aus, und hoben da durch die Streitigkeiten. Unter die merkwürdigen Gebräuche der Bewohner gehört eine sonderbare Verstümmelung des kleinen Fingers an der linken Hand. Den meisten Insu lanern fehlt das erste Glied daran, vielen auch das zweite, ja bei nicht weni gen wiederholt sich dieselbe Erscheinung selbst an der rechten Hand. Ist näm lich ein Bewohner sehr krank, so hat man die Gewohnheit, ihm zu seiner Genesung das bezeichnete Fingerglied abzuschneiden, ein Gebrauch, der auch beim Tode eines geliebten Verwandten oder eines verehrten Häuptlings stattfindet. Das abgeschnittene Fingerglied weiht man dem Geiste des Landes als Opfer. Das Christenthum ist in den letzten 30 Jahren mit gutem Erfolge auch diesen Insulanern durch die Engländer verkündigt worden, und hat seitdem mancherlei Veränderungen hervorgebracht. Die Getauften unterscheiden sichAustralien und Oceanien. 133 schon durch eine hemdartige Bekleidung von den übrigen Bewohnern, welche entweder nur einen Gürtel oder einen kurzen Rock tragen. Durch Annahme des Christenthums haben sich die Zustände bedeutend verändert und verbessert, man hat Schulen errichtet, den Feldbau eingeführt und wohnt in guten Häusern. Nördlich von der Tonga-Gruppe und Schiffer-Inseln. Ihre Form ist von der der meisten oceanischen Inseln verschieden, sie sind weniger rund als lang gedehnt und liegen in einer Reihe neben einander. Rvg- geween entdeckte sie 1722 wahrscheinlich zu erst, später erblickte sie Bougainvillc und gab ihnen, wegen der guten Fahrzeuge, welche die Bewohner besaßen, und der Fertigkeit in der Lenkung derselben, den gegenwärtigen Na men. Später besuchte sie La Perouse und war so unglücklich, einen Theil seiner Mann schaft auf Ma-una zu verlieren. Nachdem man am 6. Dec. 1787 vor dieser Insel an- gelangt war, schifften sich mehrere Offiziere auf drei bewaffneten Booten ein, um ein in der Nähe liegendes großes Dorf kennen zu lernen. Man fand freundschaftliche Aufnahme, und beschloß daher, am andern Tage zurück zukehren. Es ging Anfangs recht gut, ein Tauschhandel begann, man gab für Lebens mittel Glasperlen und Eisenstücke. Doch schon an diesem Tage kam es zu einer Schlägerei, ein Wilder hatte sich ins Boot geschlichen und versetzte mit seiner Keule einem Matrosen einen Schlag. Statt den Mann streng zu strafen und ihm das Uebergewicht europäischer Waffen fühlen zu lassen, begnügte sich La Perouse damit, ihn ins Wasser zu werfen, in welchem der Wilde einer Wasserratte gleich zu schwimmen vermochte. Dennoch ging man, von einigen Bewaffneten begleitet, wieder in das von Brodfruchtbäumen versteckte Dorf. Die Insulaner waren freundlich und luden die Fremden zum Besuche ihrer Hütten °m, in denen man Alles nett und reinlich fand. Auf den Schiffen war es dagegen ziemlich unruhig zugegangen, die Wilden hatten trotz aller Verbote dieselben erklettert und Mehreres gestohlen, so daß, man endlich seine Zuflucht zur Gewalt nehmen mußte. So verging noch ein Tag, bis am 11. Dec. der Gapitain de Langle an der Küste eines hübschen Dorfes Wasser einnchmen wollte, obwöl ihm La Perouse bereits Gegenvorstellungen machte. Er ließ sich nicht abhalten und fuhr mit 61 Mann, alle wohl bewaffnet, in zwei Booten nach der Küste, fand aber dieselbe, wegen der eingetretenen Ebbe, verändert. dem Aequator näher liegen die Christen aus Tonga im Missionshemd.134 Entdeckung von Man brachte die Wafferfässer ans Land, und Alles ging in der ersten Stunde gut, denn die Zahl der Eingeborenen belief sich auf höchstens 200 Mann. Allein sie wuchs mit jedem Augenblicke, und bald bedeckten 1500 das Ufer und die kleine Bucht. Unordnung und Verwirrung begann. Um sie zu beendigen, theilte de Langle an Diejenigen, welche er für Häuptlinge hielt, Geschenke aus. Jetzt ward man bis zur Raserei neidisch und streitsüchtig und ein Kampf war nicht mehr zu vermeiden. De Langle gebot die Rückkehr, und die Wil den hinderten ste nicht, sondern begleiteten die Franzosen, welche nach ihren Schaluppen waten mußten, bis ins Wasser. Man bestieg die Fahrzeuge, allein in demselben Augenblicke wurden einige Steine geschleudert, worauf de Langle unkluger Weise mit einem blinden Schüsse antwortete. Dies war das Signal zum Angriff. Kaum hatte er zum zweiten Male geschossen, als 50 Wilde auf ihn losstürzten. Ein Keulenschlag warf ihn zu Boden, andere erschlugen ihn vollends, und noch im Tode erhielt er wol 200 Keulenschläge, woraus die Wüthenden seinen Leichnam an die Schaluppe befestigten. Der Kampf ward allgemein, die Mannschaft, von allen Seiten angegriffen, konnte ihre Waffen nicht gut gebrauchen, so daß in diesem Gemetzel der Vortheil der Lage die Waffenüberlegenheit vernichtete. Um großes Unglück zu verhüten, verließ man die Schaluppen und gelangte an die zum Glück schon schwimmenden Boote. Jetzt erwachte die Stehlsucht der Wilden. Alle eilten, den Raubvögeln gleich, zur Plünderung herbei, während die Mannschaft sich auf den Booten entfernte, jedoch durch das Ausstößen eines derselben bald in neue Gefahr gerieth. Einige ivirkungsreiche Schüsse, sowie das Flottwerden des Bootes retteten sie. Man kam ungehindert an den Schiffen an; als man aber hier die mit Verwundeten ge füllten Boote sah und den Tod de Langle's und seiner zehn Gefährten er fuhr, ertönte ein Schrei des Unwillens von eineni Bord zum andern, und man war nicht abgeneigt, die hundert Piroguen, gefüllt mit Männern, Weibern und Kindern, welche sich in der Nähe der Schiffe befanden, jedoch am Kampfe keinen Antheil genommen hatten, den Manen de Langle's zu opfern. So grausam eine solche That, so wäre sie diesen Kannibalen gegenüber nicht am Unrechten Orte gewesen und hätte späteren Schiffen den gehörigen Respeet ver schafft. .Der milde La Perouse zügelte den Zorn der Mannschaft, und ließ unter das Gesindel blind feuern, worauf sich dasselbe auch eiligst davon machte, um — am folgenden Tage wiederzukommen. Den Russen unter Kotzebue wäre es 1824 fast eben so ergangen. Die Eingeborenen hatten sich auf's Schiff gedrängt, und einer derselben war so dreist, daß er bei der zufälligen Entblößung des weißen, muskulösen Armes eines Russen darnach schnappte und zu verstehen gab, daß ein solches Fleisch ein wahrer Leckerbiffen sein müsse. Kotzebue ließ mit gefälltem Bavonnete das Verdeck räumen; dennoch krallten sich die Wilden mit ihren langen Nägeln in die Seiten des Schiffes so ein, daß man sich nur vermittelst langer StangenAustralien und Oceanien. 135 von Ihnen befreien konnte. Derselbe Seefahrer beschreibt die Bewohner von Ma-una als das verworfenste Gesindel, das die Südsee beherbergt. Die Be wohner anderer Inseln dieser Gruppe, die übrigens unendlich reich an Natur- schvnheiten sind, waren weit besser, namentlich die von Ojalava. Auch auf dieser Gruppe sind die englischen Missionaire thätig. Die Tod des Capitain de Langle auf Ma-una. Cooks-Inseln, welche südöstlich von den vorhergehenden liegen und nach ihrem Entdecker (1777) benannt wurden, sind dadurch merkwürdig, daß das Christenthum fast auf allen vollständig Eingang gefunden und die Gesammtlage der Bewohner ungemein verbessert hat. Gleich neben dieser Gruppe, nach Osten zu, liegen die tit der Geschichte der oeeanischen Inselwelt berühmten136 Entdeckung von Socictäts- oder Gesellschaftsinseln, eine schöne Gruppe, unter welcher Taiti und Eimco die größten Inseln sind. Beide sind bergig, stei gen nach ihrem Mittelpunkte zu in einen bedeutenden Berg auf, von denen der auf Taiti über 8000 Fuß hoch ist und sich durch die Wildheit seiner For men, die Wasserfälle und tiefe, schluchtähnliche Thalrisse nach dem Meeresufer zu auszeichnet. Nur die Küstengegenden sind, und zwar sehr zahlreich, bewohnt, im Innern der Inseln leben nur noch einzelne Bewohner, welche an ihrem frü hem heidnischen Glauben festhalten und keine Gemeinschaft mit der zahlreichen, zum Christenthume bekehrten Bevölkerung haben wollen. Die Societätsinseln mögen schon von dem spanischen Seefahrer Quiros 1606 entdeckt worden, aber wieder inBergeffcnheit gerathen sein, bis sie 1767 der Capitain Wallis für den König von England in Besitz nahm, wor aus im folgenden Jahre Bou- gainville und 1769 Cook an ihnen landeten. Während die Er- steren uns reizende Schilderungen von ihnen entwarfen, erforschte sie der Letztere ,auf's Gründlichste, und besuchte sie auf seiner zweiten und dritten Reise in den Jahren 1773 und 1777. Er wurde von den Eingeborenen stets freundlich ausgenommen, sogar trotz mancher Härten, welche er sich gegen sie zu Schulden kommen ließ. Man war gleich wieder versöhnt und feierte Feste, Tänze u. s. w. ihm zu Ehren. Biele Seefahrer haben sie seitdem, ebenfalls besucht und in der neuesten Zeit verdanken wir den Missionairen die gründlichsten Nachrichten. Die Bewohner von damals und jetzt sind sehr verschieden. Obwol diebisch, waren sie dennoch von einem sanften und milden Charakter, dabei fröhlich und zutraulich, aber leichtsinnig und äußerst sinnlich. Die Missionaire trieben hier ihr frommes Werk bereits 1797, jedoch An fangs ohne allen Erfolg. Erst im Jahre 1812 wurde das Chrisienthum auf diesen Inseln eingeführt, wodurch die Bevölkerung völlig umgewan delt worden ist. Die ganze Inselgruppe ist für das Christenthum gewonnen, .überall erheben sich christliche Kirchen, Schulen und Kapellen, auf Eimeo be steht sogar eine höhere Schule, aus.welcher bereits recht geschickte christliche Tänzerin von Taiti bei einem Cook gegebenen Feste.Australien und Oceanien. 137 Missionaire zur Verbreitung des Christenthums unter den Bewohnern der Süv- see hervorgegangen sind. Dem Könige Pomare gebührt der Ruhm der Ein führung des christlichen Glaubens. Nachdem er für denselben durch Ueberzeu- gung gewonnen war, ließ er es sich angelegen sein, auch seine Landsleute zu bekehren, was freilich nicht ohne blutige Kämpfe abging, da eine andere mäch tige Partei es mit dem Heidenthume hielt. Sie ward besiegt, und das christ liche Benehmen der Sieger vollendete für den neuen Glauben Das, was die Waffen begonnen hatten. Denn schon wollten sie sich auf die Flüchtlinge stürzen, und das Gemetzel nach der Väter Weise sollte beginnen, als Pomare Einhalt gebot. Man hob die zitternden Verwundeten auf, verband die Wun den und pflegte sic; die Todten begrub man und den gefallenen Anführer der Gegenpartei begrub man feierlich in seinem Morai. Dann verzieh man allen Denen, welche die Waffen gegen den König ergriffen hatten, und Alles eilte nun herbei, gelobte ihm Gehorsam und ließ sich taufen. Die Buchdruckerkunst vollendete das große Bekehrungswerk, und man kann nicht ohne Rührung le sen, mit welcher Begeisterung diese europäische wunderbare Kunst von den Ein geborenen ausgenommen wurde. Die Missionaire hatten den Bekehrten schon früher Schreiben und Lesen gelehrt, diese auch auf Palmenblätter und Felle sich Vielerlei abgeschrieben; jetzt erhielt man von Europa die erste Druckerei. König Pomare ließ es sich nicht nehmen, die ersten Seiten eines ABC-Buches zu setzen, und konnte nicht erwarten, bis der Satz der ersten 16 Seiten zum Drucke fertig war. Nachdem man ihm den Gebrauch der Handballen und der Presse ge zeigt, druckte er die ersten drei Bogen, lief darauf zu seinen vor der Druckerei harrenden Unterthanen hinaus, und zeigte ihnen seine Arbeit, hüpfte, sprang und jubelte wie ein Kind. Die Druckerei blieb Wochen lang belagert, Alles wollte Bücher haben, und man kam von fernen Inseln herbei, brachte Cocosnüsse und andere Erzeugnisse, um sie gegen.Bücher einzutauschen, die mit wahrer Begierde gelesen und wieder gelesen wurden. Pomare übersetzte das Neue Testament selbst in die Tahitische Sprache, und jetzt hat die Insel ihre geschriebenen Ge setze, eine Gerichtsordnung, sowie einen regelmäßigen Gottesdienst, der von vie len Hunderten, ja Tausenden allsonntäglich besucht wird. Die Menschenopfer, die blutigen Kriege, die Vielweiberei, der Kindermord, kurz alles heidnische Leben hat aufgehört. Statt aller Schilderung will ich dir nur einWeispiel geben. Als ein Reisender einst einen Missionair über diese Umänderungen be fragte, so hob dieser besonders den Kindermord hervor. Es waren drei Tahi- tische Frauen bei der Gattin des Missionairs zugegen, und beschäftigten sich mit Fertigung europäischer Kleidungsstücke. Ihr Ansehen war ein äußerst sittsames, und seitdem sie Christen waren, konnte ihnen kein Vorwurf über ihren Lebens wandel gemacht werden. Da nahm der Hauswirth das Wort und sprach: Es sollte mich wundern, wenn diese Frauen nicht mehrere Kinder ermordet hätten, und, sich in das andere Zimmer mit dem Fremden begebend, redete er138 Entdeckung von die älteste an: Meine Freundin, wieviel Kinder hast du als Heidin gemor det? Die arme Frau ward verlegen, und ihr bittender Blick schien zu sagen, der Missionair möge ihr die Antwort erlassen; doch Dieser beruhigte sie, und so gestand sie mit bebender Stimme: Ich habe neun getödtet. Und du? sich zu der andern wendend. Sieben. Du aber? die dritte und jüngste anredend. Fünf. Dies, lieber Leser, sind Ereignisse aus dem Leben dieser armen Men schen, von denen die Reisenden nicht genug rühmen können, wie mild und freundlich ihr Wesen war; allein ihre Religion gebot den Kindermord. Kotzebue, welcher diese Inseln 1824 besuchte, erzählt Folgendes: „Kaum hatten die Bewohner unsere Fregatte gesehen, so wimmelte eZ am Ufer von Neugierigen, die uns mit jubelndem Freudengeschrei begrüßten. Eine Menge Canots, mit allerlei Lebensmitteln beladen, stieß eiligst vom User, und bald war unser Schiff von jauchzenden Tähitern umgeben. Ich ertheilte ihnen die auch augenblicklich benutzte Erlaubniß, das Schiff zu ersteigen. Mit ihren Maa ren auf dem Rucken erkletterten sie unter Scherzen und Lachen schnell das Ver deck', welches sich nun in einen lebhaften Markt verwandelte. Scherz und Freude nahm kein Ende. Lachend, wurden die Waarcn angepriesen, lachend der Handel geschlossen. Bald hatte jeder Tahiter sich einen russischen Freund gewählt, dem ec unter den zärtlichsten Umarmungen den Wunsch begreiflich machte, seinen Namen mit ihm zu tauschen. Indessen hatte die schnell gefaßte Zuneigung allen Anschein der Aufrichtigkeit und Herzlichkeit. Kaum war eine Stunde ver flossen, als man auf dem Verdeck Nichts als die zärtlichsten Freunde paarweise Arm in Arm verschlungen herumwandern sah. Man hätte glauben sollen, wir wären schon Jahre lang hier gewesen. Unter Allem, was wir den Tähitern zu bieten hatten, schienen Kleidungsstücke den höchsten Werth für sie zu haben. Wer ein solches erhandelt hatte, sprang wie ein Besessener umher." Durch die Einführung des Christenthums sind Leben, Wohnungen, Haus- geräthe, Handel u. s. w. aus den Gesellschaftsinseln anders geworden. Ehemals waren die Bewohner schon tätowirt, jetzt sind es nur noch die älteren Perso nen; die Morais, Orte, wo man den Todten eine göttliche Verehrung bewies, sind zerstört, die Götzenbilder verbrannt oder zerhackt (Pomare benutzte zum Beweise, daß die Götzen machtlos seien, das Bild des Hauptgötzen eine Zeit lang als Hackeklotz), und das Tabu oder der heilige Bann ist abgeschafft. Doch wir begeben uns weiter östlich und gelangen auf die Pomatu oder den Archipel der niedrigen Inseln. Dieselben sind für die Seefahrer ungemein gefährlich, indem sowol die Inseln als das ganze Meer in Folge vulcanischer Erhebungen und der fortgesetzten Thätigkeit der Korallenpolypen reich an Riffen und Untiefen sind. Ein Sturm, spricht Kotze bue, bringt in diesen Gegenden den unvermeidlichen Untergang des Schiffes, und selbst die genaueste Karte kann keine Rettung gewähren, da die Strömung stark das Land niedrig und der Wind zu heftig ist, um zurück zu laviren,Australien und Oceanien. 139 wenn man das Unglück hätte, einem Riffe zu nahe zu kommen. Die Tiefe des Meeres ist in der Entfernung von tausend Fuß nicht zu ergründen, folg lich kann das Senkblei nicht zeitig genug vor der Gefahr warnen; auch sind die Anker ohne Nutzen, denn schon in einer ganz geringen Entfernung von der Insel findet man 300 Fuß Tiefe und gleich darauf gar keinen Grund mehr. Schon O-uiros entdeckte diese Inseln; die übrigen Seefahrer haben noch mehr gefunden, allein wahrscheinlich ist noch Manche Insel den Europäern unbekannt. Ihre Bewohner gleichen denen der Gesellschaftsinseln, sind aber in der Cultur weit zurück und zum Theil noch Menschenfresser; doch hat auch hier die Ver breitung des Christenthums begonnen. Die merkwürdigste Insel ist Pitcairn, bevölkert von europäischen Schiffsleuten, welche sich mit Frauen von Tahiti ver- heirathet und auch noch einige andere männliche Eingeborene von da mit hie- her genommen hatten. Als diese früher unbevölkerte Insel 1803 von dem englischen Capitain Folgier betreten ward, war er nicht wenig erstaunt, eine ziemlich starke Bevölkerung anzutreffen, die ihn in gutem Englisch begrüßte. — Doch wir gehen, uns nördlich wendend und dem Aequator nähernd, zu dem Mendana's-Archipel, benannt nach dem Spanier Mendana, seinem Entdecker im Jahre 1505, obwol sie auch unter dem Namen der Marguesas- Jnseln Vorkommen. Dieselben sind hoch, und tragen mehr oder weniger ansehn liche' Berge; Korallenriffe umgeben die Gestade, und kleine Bäche und Flüsse, welche häufig Wasserfälle bilden, bewässern das Innere. Auf Nukahiwa soll ein Wasserfall sein, welcher eine Höhe von 2000 Fuß hat. Die Bewohner dieser Inseln, in Hinsicht ihres Charakters sanftmüthig, freundschaftlich und zu vorkommend, aber auch als höchst sinnliche und leichtfertige Naturmenschen ge schildert, stehen unter Häuptlingen, führen häufig Kriege unter einander und braten und verspeisen alsdann die erschlagenen Feinde. Doch ist dies seit Ein führung des Christenthums, welches besonders auf der größten Insel, auf Nukahiwa, den meisten Eingang gefunden hat, anders geworden. Die Bewoh ner gehören der oceanischen Menschenrace an und sind von großer Schönheit und herrlichem Körperbau. Die Frauen haben eine ziemlich helle Körperfarbe; die der Männer und Jünglinge, wahrscheinlich in Folge ver Tätowirung, ist dunkler, denn nirgends sind wol die Tärowirungen schöner und reicher als hier. Außer einem Gürtel um den Unterleib geht man unbekleidet, was die Nähe des Aeguators gar wohl erlaubt; deshalb müssen aber auch die Tätowirungen die Stelle des Pntzes vertreten. Die Männer tragen im Barte noch einen Schweinszahn und üm den Hals rothe Bohnen. Den Kopf ziert ein Auf satz von schwarzen Vogelfedern, sowie ein Reif von weichem Holze oder einer Binde von Perlmutter; in die Ohren hängt man mit Sand ausge füllte Muscheln. Ehe ich diese Inseln verlasse, kann ich nicht umhin, dir eine ergötzliche Geschichte zu erzählen, weil sie dazu beilragen kann, den Geist dieser Wilden140 Entdeckung von noch besser zu schildern. Der Koch des Capitains Dumont d'Urville war in der Hoffnung, sich einige Vorräthe für den Tisch seines Herrn zu verschaf fen, nach einem Thalgrunde gegangen. Er trug in einem Korbe einige Tausch artikel, und ein Eingeborener, welcher von dem kostbaren Inhalte des Korbes Kenntniß erhalten hatte, beeilte sich, dem Europäer seine Dienste als Bote an- zubieten. Der Koch faßte zu Demselben so viel Vertrauen, daß er ihn den Korb tragen ließ. Dieser nahm die Last mit Vergnügen auf sich, und Alles ging eine Zeit lang gut. Aber allmählich entfernte sich der Wilde von dem Herrn des Korbes, und urplötzlich begab er sich mit aller Schnelligkeit seiner Beine auf die Flucht, alles ihm Anvertraute mit sich nehmend. Nun hatte aber der Koch kurz vorher dem Ausreißer seine Uhr gezeigt und ans Ohr ge halten. Die Bewegung derselben hatte ihn sogleich erschreckt, da er einen Gott darin vermuthete. Dieser Umstand fuhr dem Koch sogleich durch den Kopf, er zog die Uhr heraus und richtete sie mit drohender Miene nach dem Deserteur, indem er ihm auf der andern Seite die vor Anker liegende Corvette zeigte. Bei dieser Geberde blieb der Wilde zuerst ganz bestürzt stehen, dann näherte er sich allmählich Demjenigen, den er bestehlen wollte, auf Umwegen, wie ein Hund sie macht, wenn ihn sein Herr zurückruft, um ihn zu züchtigen. Endlich setzt er den Korb vor des Koches Füßen nieder, ergreift aber auch zu gleicher Zeit ein Rasirmesser und läuft so schnell als möglich davon. Doch Jener hat noch immer die furchtbare Uhr in den Händen und wiederholt seine Drohun gen. Da bringt der Wilde auch dieses zurück, und scheint am ganzen Leibe zu zittern. Er birtet nun um ein Stück Zwieback, und nachdem er cs erhalten, drückt er dem milden Geber die Hand, und geht nach einem nahen Bache, um sich daselbst zu baden. Indem wir nordwestlich schiffen, und 20'—23 Grad nördlich über den Aequator hinaus gehen, gelangen wir mit den Sandwich-Inseln an das Ende unserer Reise, die wir nirgends besser als gerade hier, auf der cultivirtesten Inselgruppe, beschließen können. Diese Inseln, welche einen Flächenraum von 243 Ouadratmeilen cinnehmen, und un ter denen Hawaii die größte ist, hatten sich bis zum Jahre 1778 den Blicken aller Seefahrer entzogen (obwol es möglich ist, daß die 1542 vom Spanier Gaetan entdeckten Königs - oder Gartcninseln keine anderen als diese sind), bis sie im erstgenannten Jahre der berühmte englische Seefahrer Cook entdeckte, um schon das Jahr darauf hier seinen Tod zu finden. Er kam von.den Gc- sellschaftsinseln und schiffte nach der Behringsstraße, als er zuerst auf Tauai ge langte, wo man ihn und seine Leute wie Götter aufnahm. Man entdeckte noch zwei benachbarte Inseln, und ging alsdann weiter gegen Norden, ohne jedoch lange zu verweilen, da die Mannschaft zu sehr durch Krankheiten litt. Schon am 26. November 1778 entdeckte er die Sandwich-Insel Mauwie und den l.December Hawaii. Man warf an der Südseite im Angesicht der großen Ortschaft Kea-Australien und Oceanien. 141 rakekua Anker und ward von den Bewohnern, wie einst Columbus von den Westindiern empfangen. Ueberall kam man den noch nie gesehenen Weißen mit göttlicher Verehrung entgegen, Cook selbst aber ward für den Gott Rono gehalten, von welchem die Sage ging, daß er, nachdem er auf einem sonderbar gestalteten Schiffe die Insel verlassen hatte, einst dahin wieder zurückkehren werde. Da die Ortschaft Kearakckua gegen 1400 Häuser enthielt, so sehlte es nicht au Schaaren Volkes, die beim Heransegeln der Schiffe ans Ufer eilten. Wol 15,000 Menschen mochten versammelt sein; das Ufer, die Felsen, die angren zenden Berge, die Dächer der Häuser, alle Bäume waren bedeckt, und das Geschrei der Freude und Verwunderung von volltönenden Stimmen der Män ner vermischte sich mit den helleren Ausrufungen der tanzenden und mit den Händen klatschenden Frauen. Man setzte in Canots nach den Schiffen über, und brachte Maaren zum Verkauf oder Tausch. Als nun Cook vollends die Insel betrat, geschah es mit außerordentlicher Feierlichkeit. Zwei Häuptlinge mit langen weißen Stäben machten einen Weg zwischen den Canots für sein Fahrzeug, und während Cook zwischen den Insulanern hindurchruderte, warf sich Alles vor ihm aufs Gesicht; kaum aber war er vorbei, so erhob man sich und folgte ihm nach. Doch er brauchte sich nur einmal umzusehen, sofort warf man sich wieder auf die Erde oder verhüllte das Gesicht, und end lich, um ja den Blicken des vermeinten Gottes nicht zu begegnen, krochen sie auf allen Vieren hinter ihm her. Hierauf führte man Cook nach dem Morai, wohin das Volk nicht fol gen durfte, und wo die von ihm ausgetheilten Geschenke mit der größten Ehr furcht in Empfang genommen wurden. Auf sein Begehr wies man ihm einen Raum am Strande an, begrenzte denselben mit weißen Stäben, und bestimmte, daß er von keinem Insulaner betreten werden durfte, aber auch die Weißen sollten ihn nach Sonnenuntergang nicht verlassen. Das Tabu ward über ihn ausgesprochen und dies hielt jeden Eingeborenen vom Betreten zurück; leider kehrten sich die Matrosen nicht daran, denn sie schlichen bald überall umher, und suchten Verbindungen anzuknüpfen; dies mußte die hohe Meinung der Wilden herabstimmen. Auch Cook benahm sich nicht mit der nöthigen Klugheit, sondern war gewaltthätig wie immer in seinem Verkehre mit den Eingeborenen der Südseeinseln. Da einige Insulaner ihm Kleinigkeiten ent wendet hatten, so ließ er mehrere Unschuldige durchpeitscheu und auf andere sogar schießen, wobei Tödtungcn erfolgten. Dies konnte nur sein Ansehen untergraben, und man war überzeugt, daß er Rono nicht sein könne. Zu 'Feindseligkeiten von anderer Seite war es noch nicht gekommen, doch auch hierzu gab er mehr als reichliche Veranlassung, denn trotzdem, daß er wußte, wie 'heilig den Bewohnern der Südsce (und die nahe Verwandtschaft in Sprache und Sitte der Sandwich-Insulaner mit denen der Gesellschaftsinseln war ihm sogleich klar gewesen) die Morais waren, so erlaubte er sich dennoch, den Holz-142 Entdeckung von vorrath seines Schiffes durch Niederreißung der der Küste am nächsten gelegenen Marais zu vermehren. Dies steigerte die Erbitterung der Insulaner auf's Höchste und dennoch behielten ste Mäßigung genug, sich nicht blutig zu rächen. Endlich verließ Cook Hawaii und segelte fort. Doch da brach ein heftiger Sturvl los, und beschädigte den Hauptmast eines der Schiffe so sehr, daß man sich zur Rückkehr nach dem Ankerplätze genöthigt sah, um hier den Schaden auszubessern. Der Empfang war keineswegs freundlich, kein Canot ließ sich sehen, kein Jauchzen hieß die Schiffe willkommen; man schien nicht Willens zu sein, die Fremdlinge, welche die Gastfreundschaft zu sehr gemißbraucht hatten, noch län- ger zu füttern. Als die Matrosen Wasser holten, warf man ste mit Steinen, und stahl, wo man nur Etwaö erwischen konnte. Es war am 12. Februar, als man Cook meldete, daß nach Durchschneidung eines Taues in der Nacht ein Boot vom Schiffe gestohlen worden sei. Cook, darüber aufgebracht, be schloß sofort den König selbst auf's Schiff zu bringen, und ihn hier so lange zurückzubehalten, bis der Raub wieder erlangt sei. Dies war sein gewöhn liches Verfahren, so hatte er es namentlich auf Taiti mehrmals gemacht. So fort ging er in einem Fahrzeuge mit zehn Bewaffneten ans Land, zwei andere Fahrzeuge mit Seesoldaten und Matrosen folgten ihm. Er verfügte sich nach dem Hause des Königs, traf ihn in der Mitte seiner Weiber an und ward von ihm recht freundlich empfangen. Derselbe zeigte sich bereit, mit an Bord zu gehen, und stand auch sogleich auf, um dies zu thun. Während dieser Zeit hatten sich gegen 400 Insulaner, zur'Hälfte Häuptlinge, um das Haus ver sammelt, und besonders die Weiber warnten den König vor dem Betreten des Schiffs. Da ergriff'ihn Cook beim Arme, um ihn mit Gewalt wegzuführen, wodurch das Volk so erbittert ward, daß ihn Einer aus demselben zu erstechen drohte. Cook schoß ihn sofort nieder und trat mit seinen Leuten den Rückzug an. Dies machte die Insulaner kühner, ein Steinhagel ward ihm nachgeschickt, und da Cook getroffen ward, so erwiederte er den Wurf mit einer tödtlichen Kugel. Jetzt ward der Kampf allgemein; die in den Booten zurückgebliebenen Engländer singen zu feuern an, und Cook eilte mit seinen Leuten vergebens an den Strand, um dem Feuern Einhalt zu thun. Er hob die Hand in die Höhe, um ein Zeichen zu geben, doch in diesem Augenblicke durchbohrte ihn ein Eingeborener mit seinem Spieße von hinten, so daß er auf der Stelle starb. Vier andere Engländer hatten mit ihm das gleiche Schicksal; die übrigen, von denen drei noch schwer verwundet waren, retteten sich auf die Boote, von wo aus man nun zu feuern fortfuhr und eine große Niederlage unter den Einge borenen anrichtete. Diese dagegen brachten die Todten hinweg und tiefer ins Land, trennten das Fleisch von den Knochen und verbrannten es. Man hat geglaubt, daß dies eine Handlung des Cannibalismus gewesen sei, allein dem ist nicht so; man erwies dem Leichname dadurch die höchste Verehrung, denn die Sage vom Gotte Rono erneuerte sich wieder in aller Frische, und manAustralien und Oceanicn. 143 glaubte, daß Cook dennoch derselbe gewesen sei. Die Engländer landeten, mit starker Macht nach dem Tode ihres Capitains, richteten große Verwüstungen an und bestanden' auf der Auslieferung des Körpers, der ihnen auch zum größten Theil als Gerippe gegeben ward. Sie legten ihn in einen Sarg und übergaben ihn mit den gewöhnlichen Ehrenbezeigungen dem Meere. So endete Die Ermordung Cook's. Cook als Opfer einer grausam bestraften Kühnheit, indem er sein für sdie Wissenschaft so kostbares Leben zu wenig schonte. Er war einer der hervor ragendsten aller Entdeckungsreisendcn, und ist zu früh für die Wissenschaft ge storben. Sein Andenken lebt noch unvergänglich auf Hawaii fort, und ehe die Insulaner zum Christenthume bekehrt wurden, ging die Sage, daß er von dem144 Entdeckung von lobe auferstehen, von Neuem auf Hawaii erscheinen und Rache au dem Mör der nehmen würbe. Kurz nach Cook starb auch der alte König, und nachdem sein Sohn ihm in der Regierung gefolgt war, finden wir in einem kleinen Theile von Hawaii seinen Neffen Tameamea als Regenten. Allein schon 1787 war Dieser Regent der ganzen Insel, und unterwarf sich nach und nach bis 1817 die ganze Gruppe. Er war ein verständiger Fürst, und für seine Unterthanen Das, was Peter der Große für Rußland gewesen ist. Den Verkehr mit den Europäern und Amerikanern beförderte er auf jede Weise. Der Hafen von Honoruru füllte sich mit Schiffen aller Nationen, sie waren hier so sicher, wie in jedem euro päischen Hafen, und europäische und amerikanische Kausteute siedelten sich auf jener Inselgruppe an. Drei wackere Männer leisteten dem Könige bei den Reformen den tüchtigsten Beistand, der Eingeborene Karemaku.und die beiden^ Briten Davis und Ooung. Ersterer vermochte mit durchdringendem Geiste in seine Pläne einzugehen, war ihm treu ergeben und unterstützte ihn mit Rath und That. Er war der Erste nach dem Könige. Die beiden Briten waren früher Matrosen, dabei tüchtige, achtbare Männer, und wurden vom Könige veranlaßt, bei ihm zu bleiben. Sie verbreiteten europäische Cultur in seinem Staate, lehrten den Häuser-, Städte- und Schiffbau, legten Häfen an und bereicherten die Inseln mit nützlichen ausländischen Pflanzen. Ihre Dienste wurden reichlich vergolten und ihr Andenken steht in Segen. Im Mai 1819 endete Tameamea seine ruhmvolle Laufbahn. Sein ganzes Volk trauerte, alle Häuptlinge und viele Insulaner stachen sich seinen Namen und den Todestag aus die Arme, rurd sprachen erster« nie ohne eine Art religiöser Ehrfurcht aus. Als Kotzebue auf seiner zweiten Reise um die Welt auf Owahu Nomahanna, eine der Ge mahlinnen Tameamea's, besuchte, sprach Diese: „Wir werden nie wieder einen solchen König haben." Dabei weinte sie, entblößte ihren Arm und zeigte ihm denselben. Es waren mit lateinischen Buchstaben in der Sandwichsprache die Worte darauf tätowirt: „Unser guter König Tameamea ist am 8. Mai 1819 gestorben." Sein ältester Sohn Tameamea II. trat nach ihm die Regie rung an, ließ sich taufen und führte das Christenthum ein, welches jetzt durch die ganze Inselgruppe verbreitet ist. Die Morais sind zerstört, die Götzen bilder verbrannt, das Tabu abgeschafft. 1824 reiste der König mit seiner Ge mahlin nach London, kam glücklich an, ward von der englischen Regierung mit der größten Aufmerksamkeit empfangen, verlor aber schon am 8. Juli seine Gemahlin, und überlebte sie nur sechs Tage, da er den 14. Juli gleichfalls starb. Sein erst zehnjähriger Sohn folgte ihm unter der Regentschaft eines Häuptlings und der Königin Kahumonna. Die Sandwich-Inseln sind vulcanischen Ursprungs und erreichen in ihren höchsten Bergen eine Höhe von 14,000 Fuß, so daß dieselben bis in die Wol ken ragen und in der kälter« Jahreszeit mit Schnee bedeckt sind. Zwei großeAustralien und Oceanien. 145 Vulcane sind »och in voller Thätigkeit. Die Natur ist reich an Erzeugnissen aller Art, die Lage der Inseln als Verbindungsglied zwischen Amerika und Asien äußerst günstig, und wol schwerlich wird eine andere Inselgruppe der Südsee eine den Sandwichs-Jnscln gleiche Zukunft haben. Das Leben auf ihnen gleicht bereits dem der europäischen Völker, alle Bewohner bekennen sich zum Christenthume, überall erheben sich christliche Kirchen und Schulen, höhere Lehr anstalten sind bereits vorhanden, Handelsverbindungen aller Art angeknüpft, Starte und Dörfer nach Art der unfern errichtet, das Militair- und Staats wesen geregelt und dies Alles in einem Lande, das erst im Jahre 1778 zu unserer Kenntniß gekommen ist. Wer könnte hier den schöpferischen Geist des großen Königs Tameamea I. verkennen! Doch wir schließen unsere Wanderung durch das große Jnselland Ocea- nicn, überzeugt, daß in nicht ferner Zeit alle diese noch jetzt zum Theil von Cannibalen bewohnten Eilande sich einer ähnlichen Culturstufe erfreuen werden, wie wir sie bereits auf den Sandwichs- und Gesellschaftsinseln amreffen. Das Christenthum, nach den Worten seines göttlichen Stifters ein Licht, das alles Dunkel durchdringt, wird allerwärts seine Segnungen verbreiten und die Be strebungen jener Männer mit dem schönsten Erfolge krönen, welche auf ihren Entdeckungsreisen Mühen und Gefahren, ja selbst den Tod nichr scheuten. Glaubens - und todesmuthige Misstonaire sind allerwärts bemüht, die Lehren und Grundsätze des Evangeliums weiter zu verbreiten. Geschieht dies mit rastlosem Eifer, dann erobert das neunzehnte Jahrhundert Dasjenige geistig, was das achtzehnte nur erst aufzufindeu vermochte. Der Genius der Mensch heit, verklärt durch das himmlische Licht, geht rastlos seine Bahnen zum glück lichen Ziele! Jll. gelb. Kinderbuch. IV. 2 Auf!. 10Entdeckung der Länder, von denen ich jetzt erzählt habe, verwies unS mehr in die heiße, und nur zu einem geringen Theile in die gemäßigte Zone, allein gewiß wird es dir recht lieb sein, wenn ich nun auch EinigeS von den Entdeckungen im hohen Norde», in der kalten Zone mittheile. Wie wir Nichts von der Glut des Sonnenstrahls in den Tropenländcrn, d. t. den Ländern zwischen den Wendekreisen nördlich und südlich vom Acguator, verspürt haben, so kann ich dir schon im voraus versichern, daß wir eben so wenig von. IV. Entdeckung -er Nord- und Südpolnrländer.J.cipzit/. Irrliuj ra/t O/to Sfjumt'rEntdeckung der Nord - und Südpolarländer. 147 der grimmigen Kälte in den Polarländern zu leiden haben werden. Denn wie wir an einem sehr kalten Wintertage ganz ruhig durch's Fenster schauen, uns am Anblicke der beeisten Bäume und eiszackenreichen Dachtraufen ergötzen, auch wol, gehüllt in den warmen Winterpelz, zur Abwechselung eine Schlitt schuh- oder Schlittenpartie unternehmen, so können wir auch jetzt Einiges von den Mühen, Beschwerden, Gefahren und Schrecken erzählen, welche alle jene Männer ohne Ausnahme erlebt haben, die sich zur Beförderung des Handels oder zur Vervollkommnung der Erdkunde bis in jene Polargegenden wagten, ohne daß wir dieselben anders als durch's Mitgefühl erfahren. So einförmig auch diese Gegenden sein mögen, so bieten sie doch so viel Eigenthümliches, das wir nirgends weiter erblicken können. Doch Eines kann ich dir dabei nicht erlassen, du mußt dich wenigstens so weit reisefertig machen, daß du vorläufig Karten von Nordamerika und Nordasien zur Hand nimmst, oder, noch besser, einen Erdglobus vor dich hinstellst, und dann laß uns unsere Wanderung beginnen. Wenn wir von dem Nordpole 23J/ 2 Grad südlich herabgehen, finden wir in der Breite von 66 '/2 Grad auf Karten und Globen eine in gleicher Entfernung vom Pole gehaltene und um diesen herumgezogene meist punktirte Linie ver zeichnet, welche wir den Polarkreis nennen. Am Südpole findet dasselbe statt, nur liegt diese Kreislinie hier nördlich vom Pole, jedoch in der gleichen Ent fernung von 23/r Grad. Die Länder, welche innerhalb oder wenigstens ganz in der Nähe dieser beiden Kreise bis zu jedem Pole liegen, heißen Polar länder. In sie wollen wir uns begeben. Doch du siehst mich fragend an, und möchtest gern wissen, warum jene Polarlinie genau 23'/- Grad von den Polen entfernt liegt und warum sie nicht höher hinauf oder tiefer herab reichen kann. Auch dies will ich dir in aller Kürze erzählen, man muß es auf einer solchen Reise wissen und es gehört noch zur Reisezurüstung. Das weißt du schon lange, daß die Tage im Winter kürzer, im Sommer länger sind, und daß im Mittlern Deutschland der längste Tag 16 Stunden und einige Minuten, die kürzeste Nacht dagegen noch nicht ganz 8 Stunden währt, der Winter aber »ach Tag-und Nachtlänge das Gegentheil vom Sommer ist. Wären wir da gegen in Petersburg — und ich habe nicht wenige junge Freunde daselbst, welche gleich dir das goldene Kinderbuch lesen, — so würde das anders sein; denn eben diese meine Freunde haben mir geschrieben, daß der längste Tag bei ihnen 18'/-, die kürzeste Nacht nur 5JA Stunden dauert, im Winter dagegen, zu Weihnachten, die Sonne erst JA10 Uhr Morgens aus- und bereits 3 /i3 Uhr Nachmittags untergeht, so daß ein vollendeter Langschläfer 18 '/r Stunden schla fen kann, wenn er sich durch' die Morgensonne wecken lassen will. Doch wir gehen noch nördlicher, und erreichen unter 66JA Grad jene Linie, wo der längste Tag im Sommer gerade 24 Stunden währt, so daß die Sonne an diesem Tage gar nicht untergeht, dagegen ein halbes Jahr später, den 22. December, 10 *148 Entdeckung der gar nicht aufgeht, so daß es in dem erster» Falle gar nicht Nacht, im andern nicht Tag wird. Gehst du nun 11'/» Meile nördlicher, so währt dieselbe Er scheinung schon einen ganzen Monat, 5/s Meile noch weiter nördlich zwei, u» ter 83 Grad 50 Minuten fünf und unter dem 90. Grade, auf dem Pole, sogar sechs Monate oder ein halbes Jahr. Diese merkwürdige Erscheinung har ihren Grund in der schiefen Neigung der Erdachse zu ihrer Bahn, eine Ein richtung des allweisen Schöpfers Himmels und der Erde, welche von den un berechenbarsten Folgen für unfern Erdkörper ist. Was aber der Ausdrucks „schiefe Neigung der Erdachse zu ihrer Bahn" bedeutet, darüber magst du, sollte es dir unbekannt sein, Vater oder Lehrer befragen, ich darf mich bei unserer Reiseausrüstung nicht zu lange verweilen, sondern will die Reise lieber sogleich antreten. Unsere geschichtlich-geographische Reise geht zuerst nach Nordamerika. Kaum war dasselbe entdeckt, als die beiden Venetianer Cabot, Vater und Sohn, unter englischer Flagge eine Entdeckungsreise nach dem Norden desselben unter nahmen und 1497 Neufundland entdeckten. Damit noch nicht zufrieden, segel ten sie weiter nordwärts, um irgendwo offenes Meer zu einem westlichen Durch gang zu finden. Ihre Bemühungen waren vergeblich, doch schon 1500 machten zwei Portugiesen, die Brüder Caspar und Michael Cortereal, von ihrem Vaterlande aus den Versuch, eine Durchfahrt aufzufinden, allein beide sind nach der Entdeckung von Labrador spurlos verschwunden. Nachdem selbst die Spa nier einen Versuch zu Entdeckungsreisen im Norden von Amerika gemacht har ten, blieb es von nun an meistentheils England Vorbehalten, die nördlich gelegenen Länder zu entdecken und genauer zu untersuchen. Die Auffindung eines Seeweges nach, Indien durch eine Nordwestsahrt war das Ziel der Be strebungen, und da diese nordwestliche Durchfahrt noch oft erwähnt werden wird, so will ich dir nur gleich sagen, daß man darunter die Fahrt aus dem atlantischen Meere durch die Hudsons- oder Baffinsbai, in das nördliche Eis oder Polarmeer, um Nordamerika herum und von da durch die Behringsstraße in den großen Ocean versteht. Der kühne Martin Frobisher war der erste Engländer, welcher unter der Königin Elisabeth den Versuch zur Auffindung dieser Durchfahrt auf drei nach einander folgenden Reisen machte. Mit seinen Schiffen, drei kleinen, armseligen Fahrzeugen, wagte sich auf seiner ersten Reise der unerschrockene Seemann in den höhern Norden, und selbst dann noch, als er eines seiner Schiffe bereits an der Küste von Grönland verloren und das andere ihn heimlich verlassen hatte und nach Europa zurückgekehrt war, verlor er den Muth nicht, sondern segelte mitten durch das Eis, und fand die nach ihm benannte Frobisherstraße, in welche er 60 Meilen weit hineinsegelte. Sie führte ihn nach der Hudsonsbai. -Dort traf er mit Eskimos zusammen, und raubte sogar einen, um ihn nach seiner Rückkehr in England als Merk würdigkeit zu zeigen. Frobisher glaubte die gesuchte Durchfahrt gefunden zuNord- und Südpolarländer. 149 haben, da er jene Bai für das offene Meer hielt, allein wahrscheinlich hätte man eine zweite Reise nach jenen Gegenden nicht unternommen, hätte er nicht zufällig an den Küsten von Labrador ein schwarzes Mineral gefunden, welches die Londoner Goldschmiede nach einer Untersuchung für goldhaltig erklärten. Dies brachte in England eine allgemeine Aufregung hervor, es herrschte das „gelbe Fieber" damals so sehr, wie heute das californische oder australische Goldfieber. Man glaubte ein zweites Peru im Norden gefunden zu haben, und berechnete bereits den ungeheuren Gewinn, welcher sich für die Krone von England Herausstellen müsse. Diesmal gab man Frobisher nebst zwei klei neren Schiffen ein königliches von 200 Tonnen Gehalt. Die Königin Elisabeth nannte ihn ihren lieben Freund, und 120 Mann, darunter Bergleute, Gold schmiede, Soldaten und Handwerker, begleiteten ihn. Man langte glücklich an, ein zweiter gleich günstiger Bericht ward erstattet, weshalb 1578 eine Flotte von !5 Schiffen ausgerüstet und abgesandt, aber von Stürmen in die Hudsonsbai verschlagen ward, so daß die hoffnungsreichen, golddurstigen Abenteurer hoch erfreut waren, als sie nach vielen Gefahren den festen Boden von England wie der unter den Füßen hatten, denn Das, was man für Gold gehalten und was in ganzen Bergen vorhanden sein sollte, war — Schwefelkies, eine schwere, glänzende, gelbliche Masse, so hart, daß sie am Stahle Funken gicbt, und aller dings oft mit Kupfer, Arsenik, Silber und Gold gemischt ist! Schon fünf Jahre später, 1585, begann der berühmte Sir Humphrey Gilbert aus Devonshire seine Niederlassungspläne in Amerika zu verwirklichen, fand aber, nachdem er schon mancherlei Fährnissen entronnen, den Tod in den Wellen. Ein fürchterlicher Sturm hatte sich erhoben, sein Schiff—das Eich hörnchen — war nur ganz klein, von zehn Tonnen Gehalt, und obwol man ihn von dem andern Schiffe aus bat, das zerbrechliche Fahrzeug zu verlassen und das größere und bessere zu besteigen, so that er es doch nicht und sprach: „Ich habe so manchen Sturm, so manche Gefahren mit meinen Kameraden am Bord meines Eichhörnchens bestanden und will sie auch jetzt nicht verlassen." Noch vom Verdeck herab sprach er der Mannschaft des andern eben ■ vorbei treibenden Schiffes mit den Worten Muth ein: „Wir sind dem Himmel auf der See eben so nahe wie auf dem Lande." Die kleine Barke war jenem während der Nacht ans dem Gesicht entschwunden, und nur noch wenige Stunden hatte man gesehen, wie das Licht am Maste auf- und niederschwankte. Nach Mit ternacht sah man Nichts mehr, das Schifflein war mit Gilbert eine Beute der Wellen geworden! Doch solches Ende schreckte kühne Männer nicht ab. Nur zwei Jahre wa ren vergangen, da trat ein anderer Seefahrer an Gilbert's Stelle, dessen Namen du auf der Karte von Nordamerika in der nach ihm benannten Straße zwi schen Grönland und Baffinsland mit großen Buchstaben lesen kannst. Master John Davis aus Sandridge war „ein Mann, der sich auf die Grundsätze der150 Entdeckung der Schifffahrt sehr wohl verstand", darum kauften mehrere Londoner Kaufherren „zu Gottes Ruhm und zum Nutzen ihres Landes, alle Gedanken an Gold und Silber bei Seite lassend", und lediglich zu dem Vehufe, eine Durchfahrt nach Indien zu entdecken, die Schiffe „Sonnenschein" und „Mondschein", und über trugen ihm die Leitung derselben. Obwol dieselben nicht größer waren, als tüchtige Fischerbarken unserer Tage, so wagte er sich, nordostwärts schiffend, in die Schnee- und Eismassen hinein, entdeckte die nach ihm benannte Davis straße, den Eingang zur Baffinsbai, kehrte aber wegen dicken Nebels wieder zurück, um 1586 sein Werk sortzusetzcn. Da die Jahreszeit zu weit vorgerückt war, so gerieth er bereits auf so gewaltige Eismassen, daß er sie gar nicht zu schildern wagte, aus Furcht, man möchte ihn der Uebertreibung beschuldigen. Er war nur einen halben Grad über den Polarkreis vorgedrungen, hatte aber mit den Eingeborenen von Grönland, das er eine Einöde nannte, einen Han del mit Seehundsfellen, Rennthierhäuten und weißen Hasenfellen angeknüpst, der wahrscheinlich noch viel bedeutender geworden wäre, hätten sich die Eski mos nicht zu sehr gescheut, mit Zauberern zu verkehren, wofür sie die kühnen englischen Schiffer hielten. Noch eine dritte Reise trat er an, und diesmal, wo die Jahreszeit günstiger gewählt war, gelangte er bis über den 72. Grad hinaus, erblickte westwärts eine große offene Straße, ward aber durch Stürme und Meeresströmungen nach Süden in die Gegend getrieben, die du auf deiner Karte mit „Cumberlandsstraße" bezeichnet findest. Sie geht westlich, ist aber zu einem Theile selbst heute noch nicht vollständig durchforscht. Schnee, Kälte und Eis zwangen ihn zur Heimkehr; zu einer vierteil Reise fand er bei den Lon doner Kaufleuten weder Ohr noch Geldbeutel offen. Sie wollten Gold oder den Weg nach Indien sicher und gewiß abgesteckt wissen. Leider konnte es der ehrliche Mann nicht verbürgen, er trat daher vom Schauplätze ab wie Martin Frobisher. Das siebzehnte Jahrhundert war kaum angetreten, als wieder ein kühner Seefahrer mit Plänen zur Aufsuchung einer nordwestlichen Durchfahrt auftrat. Du findest seinen Namen, Heinrich Hudson, gleichfalls auf der Landkarte, denn nach ihm nennt man die große Bai oder Bucht im Nordosten von Ame rika die Hudsonsbai. Der muthige Mann beschloß eine Fahrt gerade üb er den Pol hinweg auszuführen, hatte aber freilich nur ein kleines, elendes Schiffchen, in welchem sich außer ihm nur noch zwölf Mann befanden. 1607 kam er nach Grönland, und zwar bis zum 75. Grade nördlicher Breite, fuhr dann nordöstlich und erreichte den 27. Juni die Küste von Spitzbergen. Er setzte seinen Lauf längs derselben bis zum 81. Grade nördlicher Breite fort, dann begann es an Lebensmitteln zu fehlen, und er sah sich zur Umkehr ge- nöthigt. Schon im folgenden Jahre, 1608, steuerte er abermals nach Norden, doch wieder östlich, so daß er den 5. Juni den äußersten Endpunkt von Europa, das Nordcap erreichte. Er drang bis zum 75. Grade vor, hatte aber vonNord- und Südpolarländer. 151 jetzt an ununterbrochen mit Eis und dicken Liebeln zu kämpfen, und mußte des halb die Hoffnung, weiter vorzudringen, aufgeben. Wir finden ihn hierauf im Dienste einer holländisch-ostindischen Compagnie, welche ihm den Auftrag ertheilte, noch einen Versuch zur Entdeckung einer nordwestlichen Durchfahrt zu machen. Er hielt sich diesmal weit südlicher und entdeckte die Küste von New-Uork, so wie den Strom, der seinen Namen führt. Da man noch immer an das Vor handensein der gesuchten Durchfahrt glaubte, so rüsteten mehrere reiche Leute ein Schiff von 30 Tonnen aus, und gaben ebenfalls Hudson den Befehl über dasselbe. Im April 1610 »erließ er die Themse, steuerte aber nicht nach dem Nord rap, sondern nach Nordwesten und der schon von Davis gesehenen Insel Reso lution. Da er von nun an seinen Lauf südlich wandte, so gelangte er in die nach ihm benannte Straße. Er ging nun noch weiter südlich, und fand ein weites, offenes Wasserbecken, von welchem er sagte: „Es ist das stille Meer, das Amerika von Asten trennt." Nun vorwärts! rief eine innere Stimme ihm zu. Jetzt wissen wir freilich, daß er sich irrte; er hatte die nach ihm benannte Hudsonsbai aufgefunden. Bereits am 10. August war sein Schiff im Eise eingefroren und die Lebensmittel fast aufgezehrt; als aber nach einigen Tagen wieder Thauwetter eintrat, so brach auf seinem Schiffe eine Meuterei aus. Indessen wurden die Unzufriedenen, unter denen ein junger Mensch, Namens Green, den Rädelsführer machte, niedergehalten, und Hudson schickte sich be reits an, hier zu überwintern. Die Lebensmittel gingen zu Ende, wilde En ten, Gänse, Schweine und Schneehühner, sowie selbst Störche mußten den See fahrern das traurige Leben fristen. Da wurde plötzlich Thauwetter, und Hud son gedachte seine Fährt nach Westen fortzusetzen,' theilte aber noch vorher, mit Thränen im Auge, alle vorhandenen Lebensmittel aus. .Jetzt ward die Unzu friedenheit mit den Plänen Hudson's allgemein; eben trat er aus der Cajüte, da ergriffen ihn die Aufrührer, warfen ihn mit acht kranken Matrosen in ein Boot, gaben ihm noch für zwei Tage den nöthigen Lebensunterhalt nebst etwas Schießbedarf und eine Flinte, überließen die Unglücklichen ihrem Schicksale und segelten fort. Niemand weiß, was aus dem armen Hudson geworden ist, wahr scheinlich ist er im Eise umgekommen. Doch auch die Frevler entgingen nur zu einem geringen Theile ihrer Strafe. Sie plünderten sofort die noch vor handenen Vorräthe, doch da das Eis zu größeren Massen anwuchs, so wurden sie von demselben endlich fortgetrieben und rannten am Cap Diggeß fest. Hier gingen sie ans Land, erbauten sich eine Hütte und verzehrten im wilden Rausche die Nahrungsmittel und die geistigen Getränke. Es ergab sich sehr bald, daß die Küstengegenden von Eskimos bewohnt wären. Die Mannschaft trat mit denselben in Verkehr, ward aber von ihnen nach einem Saufgelage überfallen und beinahe sämmtlich erschlagen. So fanden die eigentlichen Meuterer, welche den großen Seefahrer unbarmherzig dem Tode preisgegeben hatten, die gerechte Strafe. Einer der Haupträdelsführer, welcher hier noch dem Tode entging,152 Entdeckung der starb vor Hunger, und nur Wenigen gelang es nach vielen Gefahren, ausge hungert und abgemagert nach Irland zu gelangen. Die Aufrührer auf Hudson'S Schiffe. Da die Geretteten die Nachricht verbreiteten, daß der Eingang zu einer westlichen Durchfahrt von Hudson gefunden worden sei, so nahm sie der Capi- taiu Thomas Button in seinen Dienst, um die Entdeckungen Hudsvn's wei- ter zu verfolgen. Er fuhr in die Bai hinein, überwinterte darin, und kehrte mit der Ueberzeugung zurück, daß die Durchfahrt wirklich vorhanden sei. Auch. Nord- und Südpolarländer. 153 er hatte sich geirrt, dem, die große Hudsonsbai besitzt keinen westlicken Ausgang. Nur wenige Jahre nachher segelte William Bassin nach der Darsisstraße. Er steuerte immer nordwärts, und suchte mit den Eskimos in Verkehr zu tre ten, allein diese flohen ihn so eilig, daß sie sogar ihre Zughunde zurückließeu, so nvthig dieselben auch bei ihren Wanderungen von einem Orte zum andern sind. Bassin kreuzte immer westlich und nördlich trotz Eis und Stürmen, uno entdeckte eine große Menge Buchten in der großen nach ihm benannten Bas- sinsbai. Jede derselben ward von ihm untersucht, denn er konnte sich von dem Glauben nicht losmachen, den Canal gesunden zu haben, der ins Süd meer nach Asien leite. Allein immer fand er sich getäuscht; drang er tiefer hinein, so fand er statt eines Ausgangs ein überall von Land umgebenes Becken. Dazu kam noch, daß der Scorbut sich unter seiner Mannschaft ein- stelltc, und obwol er endlich den großen und erst zweihundert Jahre später von Parry befahrenen Lancastersund fand, so war derselbe leider mit dickem Eise belegt, und er mußte nur noch froh sein, daß er sich mit seiner Mann schaft an die Küste von Grönland retten konnte, um sich daselbst etwas zu er holen. Als er im September 1616 wieder heimkam, so brachte er die fast un bestreitbare Gewißheit mit, daß sich um Nordamerika herum kein Weg durch's Wasser finden lasse. Später bemühte er sich daher, eine Durchfahrt von Japan aus nach Osten zu suchen, ward aber auf der Hinreise in Indien während eines Gefechtes erschossen. Er gehört zu den kühnsten und umsichtigsten Män nern, welche je die nordischen Meere beschifften. Seit dieser Zeit machte man während eines Zeitraumes von 125 Jahren keinen Versuch zu einer nordwestlichen Durchfahrt, obwol 1668 an der Hud sonsbai eine englische Colonie angelegt und eine Handelsgesellschaft für den Pelzwerkhandel errichtet ward. Die große Straße, die Asien von Amerika trennt, ward von dem in russischen Diensten stehenden Veit Behring 1728 aufgesunden und nach ihm benannt, und erst damals erfuhr man, daß Asien und Amerika nicht mit einander verbunden und demnach die Möglichkeit einer Durchfahrt im Westen vorhanden sei, wenn ihr kein Hindernis; im Osten ent gegenstände. Das Ende dieses Seefahrers giebt uns ein so lebendiges Bild von den Gefahren der Schifffahrt in diesen Gegenden, daß ich nicht umhin kann. Einiges davon mitzutheilen. Den 4. Juni 1741 verließ Behring's Schiff mit einem zweiten den Peter- Pauls-Hafen in Kamtschatka. Ihr Lauf ging nach der Westküste von Amerika; allein bevor sie noch dieselbe erreichen konnten, wurden sie durch Stürme von einander getrennt. Der Anblick von Amerika war von dieser Seite großartig, und schon in einer Entfernung von 16 deutschen Meilen gewahrte man den mächtigen St. Eliasbcrg. Behring setzte die Fahrt nach Norden hin weiter fort, bis die Küste von Amerika eine Richtung mach Südwesten nahm. Allein das Segeln wurde so gefährlich, daß er nicht bis in die Straße hinein gelan-154 Entdeckung der Zen konnte. Dazu kam, daß die Bemannung vom Scorbut heimgesucht ward; selbst Behring erkrankte und war genöthigt, den Oberbefehl an seinen Lieute nant Ware! abzutreten. Während dieser Krankheit Bchring's erhob sich ein so furchtbarer stebzehntägiger Sturm, daß Andreas Hesselberg, der deutsche Steuermann des Schiffes, obwol seit fünfzig Jahren auf der See, erklärte, ein so schreckliches und lang anhaltendes Unwetter noch nicht erlebt zu haben. Fast alle Matrosen erkrankten allmählich, so daß zuletzt nur noch zehn dienst fähig, und auch diese so schwach waren, daß sie die Segel nicht zu handhaben vermochten. In dieser traurigen Lage beschloß man, nach Kamtschatka zurück zukehren. Schon war der November angebrochen und die Kälte fast unerträg lich. Die Leute wurden immer schwächer, viele starben, man hatte kein Wasser mehr und gedachte nun, um jeden Preis und auf jede Gefahr hin sich frische Vorräthe -von einer Insel zu holen. Zwei ausgeworfene Ankertaue brachen, und als man eben zum dritten Male Anker auswerfen wollte, ward da-s Schiff von einer furchtbaren Woge über die Felsen hinweg in ruhiges Wasser ge schleudert. Da lag es nun rings von Klippen umgeben, und obwol man nicht mehr weit von Kamtschatka entfernt war, so mußte man unter solchen Um ständen auf der jetzt nach Behring benannten Insel überwintern. . Man brachte die am schwersten Erkrankten ans Land und manche derselben gaben den Geist sofort auf, sobald sie aus dem Schiffe an die frische Luft kamen. Um Behring nicht gleicher Gefahr auszusetzen, wickelte man ihn in wollene Decken, und vier Mann brachten ihn auf einer Tragbahre ans Land. Die einzigen Bewohner der Insel waren — Seeottern, deren man nach und nach 900 erlegte; auch an blauen und weißen Füchsen war kein Mangel, allein sie zeigten sich im höchsten Grade unverschämt und gefräßig, zerriffen die Leich name, noch ehe sie begraben werden konnten, und schnoberten an den umher liegenden Kranken herum, in denen sie bereits eine willkommene Beute witter ten. Das Sterben der Mannschaft des Schiffes dauerte fort; die Einen erlagen der Kälte, die Anderen dem Hunger. Doch erholten sich Einige, wahrscheinlich in Folge des frischen Wassers und des gesunden Fleisches der Seeottern. Da ward ein Wallfisch an den Strand getrieben, er bildete fortan ihr Speise- magazin; fehlte es an Nahrungsmitteln, so mußte das Fleisch von diesem aushelfen. Endlich am 8. December ging es mit Behring zu Ende. Er starb eines schrecklichen Todes, denn er ward im vollen Sinne des Wortes lebendig begraben. Man hatte ihn in eine Höhle gebracht, aber ohne Unterlaß rollte der Sand auf die erstarrten Glieder nieder. Der arme Sterbende bat, man solle ihn darauf liegen lassen, weil er ihn wärme. Bald war sein Körper beinahe völlig bedeckt, und als er ausgeathmet hatte, mußte man ihn gleichsam aus graben. Sein Leichnam ruht auf diesem wüsten Eilande unter einem Kreuze; dreißig seiner Gefährten hauchten mit ihm hier das Leben aus, und erst iwNord- und Südpolarländer. 155 August des nächsten Jahres konnten die Ueberlebenden das nur dreißig deutsche Meilen entfernte Kamtschatka erreichen. Behring war ein tüchtiger und unter nehmender Seefahrer; die von ihm entdeckte Straße wird für alle Zeiten sei nen Namen tragen. Doch wir kehren zur gesuchten nordwestlichen Durchfahrt zurück. Schon 1713 halte das englische Parlament eine Belohnung von 20,000 Pfd. Sterl. auf die Auffindung einer solchen Durchfahrt durch die Hudsonsbai ausgesetzl, und als man sich vom Nichtvorhandensein derselben überzeugt hatte, so be stimmte man 1776 eine Prämie von 5000 Pfv. für denjenigen Seefahrer, der noch nördlicher eine Durchfahrt finden würde. Dieser Preis war lockend; man versuchte nunmehr auch zu Lande, nach dem nördlichen Eismeere zu gelangen, und Sa muel Hearne that dies von 1769 —1771. Er befuhr den Kupferminenfluß bis zu seiner Mündung, und durch seine Reise wurde eine wichtige Frage ge löst, indem man durch ihn erfuhr, daß Amerika nicht bis zum Nordpol reiche, was man besonders seit Baffin für ausgemacht angesehen hatte; die Nordküste Amcrika's mußte die Südgrenze des Polarmeeres bilven. Alexander Macken zie trat 21 Jahre später eine ähnliche Reise an, und gelangte unter vielen Gefahren, indem er einen westlichern Weg einschlug, bis über den 69. Grad. Der von ihm aufgefundene und nach ihm benannte Mackenziefluß ist ein ewiges Denkmal seines kühnen Wagnisses. Schon vorher, 1778, da der berühmte Cook durch die Behringsstraße in das Eismeer eingedrungen und bis zum Eiscap gekommen war, wo er aber nicht, weiter vorzudringen vermochte, er klärte Georg Förster geradezu: fest steht das Factum, daß die Unmöglichkeit einer nordwestlichen Durchfahrt auf einer schiffbaren Straße erwiesen ist. Damit begnügten sich jedoch die neuen Seefahrer nicht. Kaum waren durch die Besiegung Napoleon's die Blicke der Briten von dem Weltschauplatze abgelenkt worden, als sie dieselben wiederum auf die Erforschung der Nord- Polargegenden richteten. Eine allgemeine Unsicherheit in der Bestimmung jener Länder war eingerissen; die Frobisherstraße verlegte man durch Grönland, und es gab sogar eine Zeit, in welcher man das Dasein der Baffinsbai be zweifelte. Ja selbst die neuesten Seefahrer widersprachen sich nur zu oft. Wo Roß 1818 Gebirge gesehen haben wollte, fand Parry wenige Jahre darauf freies Wasser, und wo Dease und Simpson eine Mceresstraße ent- kerft zu haben vermeinten, hatte Rae festes Land unter seinen Füßen. Soll est du, lieber Leser, im Besitze mehrerer Karten dieser Gegend sein, so wirst du bald finden, daß jede derselben von der andern abweicht. Um diese Zweifel zu heben und der Wirklichkeit auf die Spur zu kom- uieu, war der Secretair der britischen Admiralität in London, Sir John Narrow, ohne Unterlaß bemüht, die Ehre der Entdeckung einer Durchfahrt seinen Landsleuten zu erwerben. Ausgestattet mit einer reichen Fülle von Kenntnissen, suchte er 'das Dasein jener Durchfahrt zu beweisen. Als daher156 Entdeckung der die Wallfischjäger in den Jahren 1815 —1817 feie, Nachricht brachten, das Eis im hohen Norden sei in Folge ungewöhnlich milder Winter und warmer Sommer in allgemeine Bewegung gcrathen und die Jahrhunderte alten Schran ken undurchdringbaren Eises gebrochen, so glaubte Barrow, daß der rechte Zeit punkt für Aufsuchung einer Durchfahrt gekommen sei. Die öffentliche Meinung sprach sich zu Barrow's Gunsten aus, und man beschloß, gleichzeitig zwei Erpeditionen auszusenden nach Nordweflen und nach dem Pole. Die erstere leitete John Roß, die andere der Lieutenant Wil liam Eduard Parry. Beide Fahrzeuge, groß und vortrefflich ausgerüstet, verließen die Themse im April 1818, und mußten an der Westküste von Grön land einige Tage lang in der Gesellschaft von nicht weniger als 40 Wallfiscb- fahrcrn liegen bleiben, da die Eismassen jede Weiterfahrt hemmte». Mittelst Sägen gelang es ihnen endlich, den Weg eine Strecke durch das Eis zu bah nen, gleich nachher wurden sie jedoch wieder eingesperrt, kamen mit Mühe los, hatten Sturm und geriethen in die größte Gefahr. Die Schiffe traten gegen einander, Eisanker und Kabeltaue brachen, ein Boot ward in kleine Stücke ge drückt und nur wie durch ein Wunder entgingen die kühnen Seefahrer der Vernichtung. Endlich ließ der Sturm nach, und sie gewahrten unter einer Breite von beinahe 76 Grad das sogenannte arktische Hochland. Man trat mit dem dort hausenden Eskimostamme in Verbindung, und der Dolmet scher, selbst ein Eskimo aus einem südlichen Lande, konnte sich seinen Stamm verwandten im hohen Norden verständlich machen und unwiderleglich darthun, daß die Schiffe nicht etwa „große Vögel" seien. Roß eilte bei den wichtigsten Punkten flüchtig vorbei, er forschte nicht einmal nach dem Thomas-Smith' Sund, von welchem man annahm, daß er das Ende der Baffinsbai sei. Ob- wol man die Einfahrt zum Lancastersund vollkommen frei von Eise fand, und die ganze Bemannung glaubte, dort den Eingang zur nordwestlichen Durchfahrt gefunden zu haben, so wagte sich Roß doch nur etwa 20 deutsche Meilen in dieses Wasser, und wollte deutlich gebirgiges Land gesehen haben, obwol Parry Nichts be merkt hatte; Jener kehrte darauf nach England zurück, wo er im October anlangte. Als seltene Naturmerkwürdigkeit ist nicht zu vergessen, daß man den 17. Juli auf den Klippen am Ufer einen rothen Schnee fand, bei desst" Untersuchung durch das Vergrößerungsglas man bemerken wollte, daß es ein sehr kleines Gesäme sei; andere Naturforscher halten ihn für unendlich kleine, nur durch starke Mikroskope wahrnehmbare Thierchen. Bei einer genauen Un tersuchung fand man, daß noch in einer Tiefe von 10—12 Fuß Alles roth 1 l '‘- Da man mit Roß' Reise in England nichts weniger als zufrieden was- indem er die wahrscheinliche Durchfahrt durch den Lancastersund nicht gehörig untersucht hatte, so ward sein Begleiter Parry mit zwei Schiffen ausgesandt, um den Weg weiter zu verfolgen, ans welchem Roß umgekehrt war. Er st" gelte ohne Aufenthalt nach dem Lancastersund, und langte hier bereits denNord - und Südpolarläuder. 15? 19. Juli au, drang auch, vbwol mit vieler Mühe, von da iu einem Canale »ach Westen vor, und ertheilte diesem den Namen „Barrowstraße." Da eine gewaltige Eisschranke die Weiterreise sperrte, so schiffte er von hier aus westlich und sand einen zwei Meilen breiten Canal, den er „Prinz- 'Regents-Einfahrt" nannte. Er drang 25 Meilen in demselben vorwärts, gelangte aber endlich wieder an eine Kette von Eisbergen, welche ihm als un durchdringliche Schranke entgegentrateu. Zu seiner nicht geringen Verlegenheit kam noch, daß die Magnetnadel so langsam und unregelmäßig sich bewegte, daß sie fast gar nicht zu benutzen war. Roß entdeckte später durch Auffindung des in der Nähe befindlichen magnetischen Poles, von welchem ich bei Ge legenheit seiner zweiten Reise sprechen will, die Ursache. Den 21. August ward das Meer wieder frei, und Nichts hemmte nunmehr die Weiterfahrt nach Westen. Man fand die Wellingtonstraße, konnte sie jedoch nicht weiter untersuchen, da es darauf ankam, mit Benutzung der günstigen Jahreszeit »röglichst weit nach Westen vorzudringen. Schon am 4. September hatte man den 10. Längengrad von Greenwich erreicht, und damit die vom Parlamente ausgesetzte Prämie von 5000 Pft>. Sterl. verdient. Man befand sich jetzt an der Melvilleinsel unter beinahe 75 Grad nördlicher Breite. Hier ließ Parry, den 5. September, zum ersten Male seit der Abreise von England, die Anker fallen, allein als er kurz darauf wie noch wenigen günstigen Tage zu einer Polarreise benutzen wollte und sich wieder aufmachte, so stürmten bereits den 8. und 9. September solche Eismaffen heran, daß die Schiffe nicht mehr zu lenken waren. Der Winter war mit aller Strenge eingetreten, und um die deiden Fahrzeuge nur iu Sicherheit zu bringen, mußte ein Canal, welcher Reichlich eine halbe Stunde lang war, ins Eis gesägt werden. Dieser Canal ward zum Winterhafen, in welchem 94 Europäer volle zehn Monate liegen snußten, und es gehört diese Ueberwinterung zu den merkwürdigsten Erlebnissen in der Geschichte der Seefahrten. Die grauenhafteste Einöde umgab, monatelange Nacht deckte sie. Sie waren fern von der Heimath, preisgegeben den Stürmen und einer Einsam keit, in welcher ein aus dem Schnee hervorragender Stein Gegenstand von Beobachtungen ward. Parry sorgte für die größte Ordnung und Reinlichkeit Unter der Mannschaft, da hiervon in diesem strengen Klima die Gesundheit der Mannschaft zumeist abhing. Die Schiffe wurden überdacht, Boote, Tauwerk und Segel ans Land gebracht, um so viel Raum zu gewinnen, daß die Ma trosen sich zu jeder Zeit die nöthige Bewegung machen konnten. Die Schlaf stellen wurden trocken und warm gehalten, Parry selbst braute Bier, und theilte ^1» Lebensmittel unter Offiziere und Mannschaft zu gleichen Theilen und von gleicher Güte aus. Ja, zur Erheiterung und Unterhaltung der Mannschaft richtete man sogar ein Theater ein, und die Offiziere gaben eine Zeitung her aus. ES wurde selbst eine Sternwarte erbaut und ein Haus, in welches die ma-158 Entdeckung der thematischen Werkzeuge geschafft und Beobachtungen angestellt wurden. So brach der Oktober herein, die Sonne ging erst 9V- Uhr Morgens aus und 2 JA Uhr Nachmittags unter. Dabei waren Auf- und Untergang so unbeschreiblich schön, daß sich Jedermann darauf freute. Nordlichter, Mondhöfe und Nebenmonde wurden immer häufiger. Parry verstand es, die Mannschaft in beständiger Beschäftigung zu er halten, so daß er einige Male sogar hören mußte, man habe nicht einmal so viel Zeit, seine Kleidung auszubessern. Die Arbeit dauerte sechs Tage, der siebente ward für den Gottesdienst bestimmt. Die Strenge der Witterung stei gerte sich allmählich immer mehr und mehr, der 16. Februar 1820 war der kälteste Tag; an ihm fiel das Thermometer auf 55° Fahrenheit = 38 2 /ä 0 Reaumur, und blieb 15 Stunden lang auf 58° stehen. Bei solcher Kälte war jeder Ton außerordentlich weit zu hören und man vernahm das Gespräch, welches eine halbe Stunde weit vom Schiffe geführt wurde, auf diesem ganz deutlich. Der Hauch eines Menschen sah in geringer Entfernung wie Pulverdampf, und eine auf dem Eise arbeitende Gruppe war stets in eine weiße Hauchwolke gehüllt. Parry machte den Versuch, im April ein Gärtchen anzulegen, und säete Radieschen, Zwiebeln, Senf und Kresse hinein. Die Blätter der elfteren waren,im Juli nur einen Zoll, lang, von den übrigen ging Nichts auf. Vor solcher Kälte hatten sich noch vor dem Schluffe des Oktobers selbst die Rennthiere und Moschusochsen zurück und zwar nach Süden gezogen, nur Wölfe und Füchse blieben. Die Sonne war 84 Tage nicht auf- i gegangen, und erst am 7. Februar erschien sie, um kurze Zeit darauf wieder zu verschwinden. Ende April trat eine mildere Temperatur ein; Vögel und vierfüßige Thiere kamen wieder herbeigezogm; an ein Aufgehen des Eises, das an der Nordküste der Insel Melville 14 Fuß 4 Zoll dick gefunden wurde, war noch nicht zu Lenken. Am 17. Juli endlich erreichte die Wärme 60° F., un gefähr 12/i° R. Dies war der höchste hier beobachtete Temperaturstand. Erst am 1. August wurden die Schiffe aus ihrer zehnmonatlichen Gefangen schaft im Winterhafen erlöst, so daß das Meer an diesen Inseln höchstens sechs Wochen im Jahre und auch dann nur theilweise votn Eise frei ist. Die ganze Jagdausbeute hatte in zehn Monaten nur 5166 Pfund Fleisch ergeben; dies beträgt , für jeden der 94 Mann monatlich 5'/- Pfund. Den 15. August gingen die Schiffe wieder unter Segel, trafen jedoch am südwestlichen Ende der Insel noch dieselbe undurchdringliche Eisschranke, wie im vorigen Jahre, und von einem hohen Berge herab erblickte man nach Westen hin das Meer, so weit der Blick nur reichte, mit Eis bedeckt. Da erkannte Parry, daß die Auffindung einer Durchfahrt unmöglich sei; er kehrte um und hatte das Glück, seine gesammte Mannschaft, mit Ausnahme eines schon in England erkrankten Matrosen, 1° frisch und gesund zurückzubringen, wie sie ausgesahrcn war, nur — die nord westliche Durchfahrt hatte er vergebens gesucht.Nord - und Südpolarländer. 159 Fast um dieselbe Zeit unternahmen John Franklin und Richardson unter den unerhörtesten Entbehrungen eine Landreise bis an die Küste des Polärnreeres. Von 1821—1823 schiffte der unermüdliche Parry mit den Schiffen „Fury" und „Hekla" wieder nach dem Norden, allein alle Versuche zu Auffindung einer Durchfahrt scheiterten, und auf einer im Jahre 1824 uu- lernommenen dritten Reise, wobei er besonders das Innere der Prinz-RegentS- straße genau erforschen wollte, war er so unglücklich, die Fury durch Schiffbruch zu verlieren, so daß die Mannschaft nur am Bord der Hekla wieder nach Eng land zurückkehren konnte. Die „Fury" mit reichen Vorräthen, welche man je doch ans Land gebracht hatte, mußte zurückgelassen werden; letztere retteten sechs Jahre später das Leben der Mannschaft des Capitain Roß,, da sie sich bei guter Verpackung in dem gefrorenen Boden vor züglich erhalten hatten. Obwol man hätte glauben sollen, daß man endlich der erfolglosen Reisen in den Nordpolarländern überdrüssig werden würde, was auch bei jeder andern Nation sicherlich geschehen wäre, so war dies bei der eisernen Festigkeit der Briten noch keineswegs der Fall. Ja, selbst das Unerhörte ward durch Capitain Parry unternommen, daß Derselbe 1827 den Entschluß faßte, über das Eis hinweg den Nordpol aufzusuchen. Der „Hekla" war dazu ausersehen, ihn so weit zu bringen, als er vermöchte. Außerdem wurden ihm noch zwei Boote mitgegeben, zur Wasscrfahrt und zum Ziehen auf dem Eise eingerichtet. Sie waren von dünnen Bretern eines zähen und biegsamen Holzes und mit Filz und wasserdichtem Zeug gefüttert. Von Spitzbergen ans sollte die einzig, in der Geschichte der Seefahrten dastehende Reise unternommen werden; bis dahin war der Hekla gesegelt, und wirklich verließ am 22. Juni die aus 28 Personen bestehende Mannschaft unter dem Hurrahrufen ihrer zurückbleibenden Gefährten das Schiff, und bestieg die Boote, die ans 71 Tage mit Lebens mitteln versehen waren. Die Reise ging Anfangs über die spiegelglatte Sec,, bis man endlich nach einer Fahrt von 17 Meilen eine vor der festen Haupt- eismassc liegende dünne Eisfläche erreichte, über welche man bald gehen, bald- fahren mußte. Sie bildete den llebergang zu einer festen Masse, und auf ihr ward die mühsame Reise nach dem Pole angetreten. Man verwandelte zuerst Tag in Nacht, machte sich Abends auf den Weg und des Morgens Halt, unw hatte dadurch nicht allein den Vortheil, den Schnceglanz und die dadurch er zeugte Augcncntzündung zu vermeiden, sondern auch auf trocknerem und här terem Eise einherzugehen und sich der größten Wärme zu einer Zeit zu er füllen, wo man derselben am meisten bedurfte, nämlich während des Schlafes. Man stand also am Abend auf, machte sieb auf den Weg, und nahm etwas, nach Mitternacht das Mittagsmahl ein; die zweite Hälfte der Tageswanderung ward hierauf gleichfalls zurückgelegt, um sich alsdann zur Ruhe zu begeben. Die weite Eisfläche war der Boden, auf dem die Reisenden ihre Wanderung.160 Entdeckung der machten. Ehe sie sich am Morgen niederlegten, bekleideten sie sich mit trocke nen Strümpfen und Pelzstiefeln, bereiteten ihr Essen, rauchten ihre Pfeifen, hüllten sich in Pelzdecken ein und legten sich dann mit einer Behaglichkeit auf den Boden zum Schlafen nieder, wie man es für unmöglich hielte, würde nicht diese Nachricht von den glaubhaftesten Männern verbürgt. Die Reise ging jedoch nur langsam vor sich. Zuerst mußten offene Stellen umgangen werden, und so geschah es, daß man in fünf Tagen blos etwa zwei Meilen in gerader nörd licher Richtung zurückgelegt hatte. Parry gab daher bald jede Hoffnung auf, den Pol auf diese Weise zu erreichen, war jedoch entschlossen, so weit wie mög lich vorzudringen. Anhaltende Regengüsse, eine für diese Gegenden ganz uner hörte Erscheinung, verdarben den Zustand des Eises immer mehr, und nicht selten mußte die Mannschaft beim Ziehen ihrer Schlittenboote bis an die Knie im Wasser waten, und sich dennoch täglich zehn bis zwölf Stunden anstrengen. Eine allgemeine Entkräftung bemächtigte sich der kühnen Männer, selbst der Scorbut stellte sich ein, und man mußte au die Rückreise denken. Parry war bis 82 2 / 3 ° nördl. Breite vorgedrungen, den 83. Grad zu erreichen war fast zur Unmöglichkeit geworden, da er endlich bemerkte, daß das ungeheure Eisfelv sich nach Süden wende, indem man an einem Tage, an welchem man vier Meilen zitrückgelegt hatte, sah, daß die Reisenden noch um eine Meile weiter zurück- getrieben seien, als sie es zur Zeit der Abfahrt gewesen. Diese Erfolglosigkeit aller bisherigen Reisen nach dem Nordpole veranlaßte den Capitain John Roß, welcher nach seiner mißlungenen Reise von 1818 an Polarerpeditioncu sich nicht mehr betheiligt hatte, noch einmal eine solche zu unternehmen, in den Polarländern zu überwintern und dabei so viel als mög lich gegen Westen vorzudringen. Da er auf eine Unterstützung von Seiten der Admiralität hierbei nicht rechnen konnte, so wandte er sich an einen befreunde ten reichen Privatmann, Felir Booth. Derselbe unterstützte ihn mit 17,000 Pfd. Sterling; Roß legte aus seinem eigenen Vermögen noch 3000 Pfund zu, und so kaufte man ein leider ziemlich untaugliches Dampfschiff, die Victory, sowie ein kleines Fahrzeug, de» Krusenstern. Roß versah sich mit Lebens mitteln für 1000 Tage, und verließ den 23. Mai die Themse. Sein Neffe und früherer Reisebegleiter, der durch seine Südpolarerpeditiou rühmlichst be kannte James (Jakob) Clarke Roß, ein ebenso tüchtiger als wissenschaftlich gebildeter Seemann, begleitete ihn abermals. Schon am 29. Juni waren die Nordlandsfahrer der Südspitze von Grönland nahe gekommen, und erblickten nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel den „Eisblink", einen Wiederschein vom Eise. Es ist ein meiste nebliger Schimmer, welcher gewöhn lich einen nach oben gehenden Bogen bildet. Derselbe ist bisweilen so stark, daß man dadurch eine scharf gezeichnete vollständige Karte von dem gesamm- ten Eise und dem darin vorhandenen offenen Wasser in einem Umkreise von 20—30 Meilen in der Luft zu sehen bekommt. Die größeren und kleinerenNord - und Südpolarländer. 161 Eisfelder treten innerhalb dieser Grenze mit hellerem, gelblichem Schein in be stimmten Umrissen ihrer Ausdehnung und Gestalt hervor; dichtes oder lockeres Treibeis unterscheidet man an dem dunklern und weniger gelben Schein, wäh rend jede Wasserader und jeder See durch ein tiefes Blau oder einen schwarz blauen Fleck mitten im Eisblink sich kundgiebt. — Die Polargegenden rückten nun näher, zur Linken breitete sich das gewaltige, allein noch ziemlich unbe kannte Grönland aus, und die Mannschaft erhielt die für diese Gegenden be stimmte warme Winterkleidung, bestehend in blauen Jacken und dergleichen Beinkleidern, einem Flanellhemde, einem Latz, einem Paar wattirten und einem Paar flanellencn Unterhosen, einer wollenen Mütze und zwei Paar wasserdich ten Stiefeln, von denen das eine noch mit Pelz gefüttert war. Obwol mitten int Sommer, den 8.Julius, so war die Luft doch so kalt, daß Jeder der Winter kleidung bedurfte. Eisberge kamen die Davisstraße herabgeschwommen, und als die Reisenden, nachdem sie zur Ausbesserung des Vordermastes an der Küste von Grönland eine kurze Zeit verweilt hatten und mit der hiesigen christlichen Eskimobevölkerung in Verbindung getreten waren, wieder abreisten, näherten sie sich mit Anfang des Monats August der Baffinsbai. Die Luft war warm, so daß man glaubte das Mittelmeer zu befahren, hätten nicht die daherschwimmen den, obwol im Zustande der Auflösung begriffenen Eisberge, die nicht selten vor den Augen der Schiffer in Trümmer zusammenprasselten, an die Polar länder erinnert. Die starke Wirkung der Sonnenstrahlen bringt in diesen Brei ten, dem 78. Grade, bei warmem und heiterm Wetter oft eine so ungleiche Dichtigkeit des Dunstkreises hervor, daß sich die außerordentlichsten Erscheinun gen der Luftspiegelung zeigen. Das entfernte Küstenland erscheint am Himmel wie in einem Spiegel und zwar ganz nahe. Das Eis am Horizonte nimmt seltsame Gestalten an, große Blöcke werden zu aufrecht stehenden Säulen und Eisfelder zu massigen Felsenketten; eben so sieht man die verkehrten Bilder entfernter Schiffe mit Masten und Segeln in der Luft schweben. Schon am 6. August schiffte Roß in den Lancastersund ein, den er bereits nach einigen Tagen erreichte, um in die südlich mündende Prinz-Regentsstraße einzulaufen. Das furchtbare Geräusch der sich brechenden Wogen verrieth einen noch in Ne bel gehüllten gewaltigen Eisberg, vor dem man nur mit genauer Noth vor beikam, um gleich dahinter den Ort zu entdecken, an welchem Parry 1825 die „Fury" verloren hatte. Das Wrack war nicht mehr zu sehen, allein die Zelte oder wenigstens ihre Trümmer standen noch immer. Roß setzte ein Boot aus, um die von Parry zurückgelassenen Vorräthe aufzusuchen, und fand sie in zwei Haufen ausgestapelt und.zur größten Freude unverdorben, ja im Geschmacke vollkommen unverändert. Nur Weniges war von Bären, Mäusen und Her melinen aufgezehrt oder verdorben worden, wie Kisten mit Lederwerk und Lichtern, Anderes war unberührt geblieben. Die Eskimos konnten nicht hieher gekommen sein. Man nahm mit, was man gebrauchen konnte, und hob das Al. gold. Kinderbuch. IV. 2. Aufl. 11162 Entdeckung der Ucbrige für spätem Mangel auf. Die Weiterfahrt war Nichts als ein endloser Kampf mit furchtbaren Eismaffen, und ich kann mich nicht enthalten, Einiges von Dem mitzutheilen, was Capitain Roß davon erzählt. „Wer keinen nörd lichen Ocean im Winter, oder vielmehr im Wintersturm gesehen hat, der er innert sich bei den Kämpfen der Schiffer etwa au die treibenden Schollen eines Landsecs oder Canales. Jedoch wer mag sich vorstellen, daß festsitzendes Eis ein Steinblock ist, eine Klippe am Strande, ein Fels im Strome, ein Vor gebirge, eine Insel, ein Land von Granit? Dann mag er sich denken, daß Hunderte solcher Vorgebirge, Inseln und Landmaffen, Tausende solcher Stein blöcke, Klippen und Felsen sich urplötzlich wild durch einander bewegen und in schneller Flucht durch enge Straßen gejagt werden, daß die größeren sich in Berge auflösen, die mit ldonnergetöse Zusammentreffen, ihre Zacken, Hörner und Vorsprünge zersprengen und zermalmen und sich gegenseitig in große Stücke zertrümmern, bis sie endlich das Gleichgewicht verlieren und kopf über stürzen. Die Meereswogen brausen rings umher, schäumen und wirbeln, während die flachen Eisfelder durch Wind und Strömung gegen diese Trümmer oder gegen die Felsen treiben und aus der Brandung emporstcigen. Plötzlich fallen sie rückwärts über einander und ihr Bersten und Krachen vermehrt den betäubenden Aufruhr." Und diesen furchtbaren Gewalten gegenüber betrachte das Schiff in seiner Kleinheit und Zerbrechlichkeit, sowie alle Jene, die sich ihm anvertrauten. Da fühlt der Mensch seine Ohnmacht, aber die Furcht hat nicht Raum zu ihrer Entwickelung; schon der nächste Augenblick versetzt oft in eine der früherer ganz verschiedene Lage. Man ist frei vom Eise, die Wimpel flat tern lustig, doch plötzlich sieht man sich wieder von mächtigen Eismaffen um geben. Es scheint keine Rettung vor einem unvermeidlichen Untergänge zu sein, da erhebt sich der Wind, die Eismassen rücken in, einander und das Schiff ge winnt zu einer Durchfahrt den nöthigen Raum. Unter solchen Erscheinungen nahte das Ende des Septembers, man be fand sich noch immer in dem Meerbusen von Boothia, und zwar dem Felir- Boothialande ziemlich nahe. Das Einwintern war für jeden Tag zu befürch ten, das Thermometer stand bereits am 25. September 6 Grad Reaumur unter 0, die Eisschranken an allen Seiten des Schiffs mehrten sich und die Reisenden mußten daran denken, in Kürze einen geeigneten Winterhafen anf- zufinden. Die langen, traurigen Monate einer unvermeidlichen Gefangenschaft traten vor ihre Seele, vielleicht kamen sie nie wieder zu ihren in Europa har renden Freunden, nur wenige Tage noch, und die Gefängnißthür war hinter ihnen geschloffen. Schon am 8. October erblickte man nirgends mehr einen Tropfen freies Wasser, der Winter war hereingebrochen, das Schiff hatte in einer Bucht einen sichern Hafen gefunden. Gleich in de» ersten Tagen wurde das nunmehr beginnende ewige Einerlei durch eine Bärenjagd belebt. Der Eisbär, jenes gewaltige Landthier, das sichNord - und Südpolarländer. 163 mit ziemlicher Fertigkeit gleichfalls im Meere zu bewegen versteht, bewohnt diese einsamen Gegenden und wird auf den dem Süden zu schwimmenden Feldern und Bergen von Eis nicht selten mit in südlichere Gegenden, namentlich nach Grönland geführt. Sein Fell ist weiß und langzottig, seine Höhe beträgt 5, die Länge aber 8—10 Fuß, und endlich sein Gewicht bis 16 Centncr. See hund und Wallroß sind seine Feinde, und mit letzterm besteht er furchtbare und oft für ihn nachtheilige Kämpfe. Unsere Seefahrer bemerkten, daß ein Bär dem Schiffe sich genähert und dann sich nach der in der Nähe gelegenen Insel Andreas Roß gewandt hatte. Man suchte ihm den Weg abzuschneiden und ihn dann zu »Schwimmende Eisberge. tödten, was auch vollkommen gelang. Gefahr gab's hierbei für die Jagerznicht zu viel, doch ist's nicht immer so leicht, sich mit einem solchen Thiere in einen Kampf einzulassen. Die Kraft der Kinnbacken und der Tatzen ist ungeheuer, und man hat ihn schon eiserne Lanzen von einem halben Zoll Durchmesser entzwei beißen sehen. In der Nähe der grönländischen Küsten hat man die Eisbären in Schaa ken, wie Schafherden auf der Weide, angetroffen. Ihr Fleisch ist lästig und schmackhaft, besonders die Keule, dagegen wirkt der Genuß der Leber nicht allein schädlich, sondern bisweilen sogar tödtlich. Kann man den Bären beim Schwimmen von einer Eisscholle zur andern im Wasser angreifen, so geschieht dies in der Regel mit Vortheil; ist er dagegen am Ufer oder auf einer mit164 Entdeckung der Schnee bedeckten Eisfläche, wo er mit seinen breiten Tatzen noch einmal so schnell fortkommt, so ist selten auf einen glücklichen Erfolg zu rechnen, und die meisten Unglücksfälle haben bei solchen unvorstchtigen Angriffen stattgefunden. So war einst ein Schiff in der Davisstraße vom Eise eingeschlossen, in dessen Nähe man schon seit einiger Zeit einen gewaltigen Bären wahrgenommen hatte. Derselbe war endlich so dreist geworden, bis an das Schiff heranzukommen, und als die Mannschaft eines Tages eben bei der Mahlzeit beschäftigt war, Niemand aber draußen auf dem Verdeck Wache hielt, sah ihn ein Matrose in unmittelbarer Nähe des Schiffes. Ohne ein Wort zu sagen, sprang er, nur mit einer Stange bewaffnet, auf das Eis hinaus, allein der heißhungrige Bär packte ihn, ohne aus die elende Waffe zu achten, mit seinen furchtbaren Zähnen in dem Rücken und schleppte den armen Burschen mit großer Schnelligkeit da von, daß, als seine Kameraden auf sein Geschrei erschrocken vom Tische auf sprangen und sich nach ihm umsahen, der Bär bereits einen solchen Vorsprung hatte, daß es umsonst gewesen wäre, ihm nachzusetzen. Viel glücklicher war die Mannschaft eines Bootes, welches einen Bären in den Gewässern von Spitzbergen angriff. Das Thier ließ sich nicht zurück schrecken, erkletterte vielmehr das Boot, während die Mannschaft ihrer Sicher heit wegen ins Wasser sprang und sich am Kiel festhielt. Der Sieger stieg triumphirend ein und nahm von dem Boote Besitz, bis er von den herbei geeilten Matrosen eines andern Bootes erschossen ward. Während des Octobers richtete man sich nun auf's Zweckmäßigste zur Ueberwinterung ein. Man zerlegte die Dampfmaschine und schaffte sie nebst den Kanonen auf's Land. Auf der nahen Insel ward eine Stelle für das Pul vermagazin herausgesucht, und eine genaue Untersuchung der Feuerung und der Lebensmittel ergab, daß man zwei Jahre und zehn Monate ausreiche.' Der Genuß des Branntweins, der in diesen kalten Gegenden nur schädlich wirkt, und namentlich den Scorbut befördert, ward ganz eingestellt Zum bessern Schutz gegen die Kälte belegte man das Oberdeck des Schiffes noch mit einer 2'/- Fuß dicken Lage Schnee und begoß dieselbe so lange mit Wasser, bis sie eine feste Eismasse bildete, welche man wiederum mit Sand bestreuete. Dar- überhin führte man ein Dach auf und endlich umgab man das ganze Schiff noch mit einer Wand von Schnee und Eis. Feuchtigkeit mußte von dem Wohn- raume im untern Verdeck besonders abgehalten werden, darum wurden kupferne Ableiteröhren angebracht und der Boden jeden Morgen mit heißem Sande be streut. Eine Wache hatte die Aufsicht über das Verdeck zu führen, Ebbe und Fluth, Wind, Wolken und Himmelserscheinungen zu beobachten, und genau darauf zu sehen, ob sich wilde Thiere oder Eingeborene zeigen würden. Um 8 Uhr ward gefrühstückt, wobei es Cacao oder Thee gab, um 12 Uhr zu Mittag und dann wieder um 5 Uhr gegessen und Thee getrunken. Von 6 bis 9 Uhr ward Abendschule gehalten. Nachts schliefen die Leute in den Hänge-165 Nord - und Südpolarländer. matten. Sonntags ward nicht gearbeitet, dagegen die Mannschaft gemustert,' worauf Gebet und Predigt folgte. Die Früchte dieser religiösen und geistigen Uebungen waren nicht zu verkennen, die Leute bewiesen sich wie Glieder einer Der Kampf mit den Eisbären. Familie, alle waren gefällig gegen einander und zeigten in ihrem Verhalten eine musterhafte Ruhe und Ordnung. Es naheten nunmehr die Wintertage heran, an denen die Nordlichter sehr166 Entdeckung der häufig sind. Ein solches brachte der 25. November; es ward gegen Mitter nacht immer prächtiger und hielt bis zum andern Morgen an. Hier im hohen Norden bildete sich ein dem Regenbogen ähnlicher leuchtender Bogen, dessen Enden wie bei einer gewölbten Brücke auf zwei einander entgegengesetzten Ber gen zu ruhen schienen. Die Nordlichter sind magnetische Ungewitter, und wie bei einem gewöhnlichen Gewitter in unfern Gegenden das Gleichgewicht in der Vertheilung der Elektricität wieder hergestellt wird, so geschieht dies hier in Bezug aus die Vertheilung des magnetischen Stoffes ebenfalls durch eine Licht entwickelung. Der Mittelpunkt, gleichsam der Herd dieser Erscheinung, ist nach Mitternacht zu, da, wo der magnetische Pol flch befindet, und es wurden die nachstehenden Erscheinungen fast immer flchtbar. Tief am Horizonte schwärzte sich der vorher heitere Himmel, eine dicke Nebelwand bildete sich, die allmählich zur Wölbung eines dunklen Kreisabschnittes in der Höhe von 8 —10 Grad aufstieg. Die Sterne waren sichtbar in diesem finstern Höhenrauch, der nach und nach aus seinem Dunkel ins Braune oder Violette überstieg. Die Grenze der Wölbung war ein breiter, hellleuchtcnder Bogen, erst weiß, dann gelb.' Die Erscheinung glich jetzt einer großen, im Aufgehen begriffenen dunklen Sonnen- scheibc, deren Rand mit einem glänzenden, breiten Saume eingefaßt ist. Lichter schwebten und ragten beständig über diese Wölbung, stiegen bis zum Scheitel punkte des Firmamentes auf, gingen aus dem Violetten und Bläulichweißen ins Gelbe und Sapphirblaue, aus dem Roth deS Purpurs zum Grün des Sma ragds über, und alle diese Farben spielten unaufhörlich in einander. In dieser Pracht steht der leuchtende Himmelsbogen oft Stunden laug da, ehe die herr liche Erscheinung ihre Vollendung erreicht, was jedoch selten und nur bei der stärksten Entwickelung vorkommt. Die Lichtsäulen steigen nun, gemengt mit schwarzen, rauchähnlichen Streifen, in schlängelnder oder gerader Richtung bald einzeln aus der Wölbung empor, bald erheben sie sich gleichzeitig an vielen entgegengesetzten Punkten des Horizonts, und vereinigen sich in ein zuckendes Flammenmeer, aus welchem schnell hinter einander Strahleubüschel und Helle Blitze hervorschießen. Doch daS zuckende Flammenmeer fließt im Nu Wieder aus einander, alle Feuersäulen, Strahlen und Lichter schieben sich im Mittel punkte zusammen, und bildete hier in dem eigentlichen Brennpunkte der ganzen Erscheinung die sogenannte Krone des Nordlichtes. Dieselbe zeigt flch in mil dem Glanze ohne Wogen und Wellen in Sternenform. Ihr Aufblühen ist der Anfang der Auflösung. Die Strahlungen verlieren an Länge und Farbe, die Krone und alle Lichtbogen fallen aus einander, und man sieht am Himmels gewölbe bald nur noch unregelmäßige breite, fast aschgrau scheinende unbeweg liche Flecken. Auch sie verschwinden endlich, und tief am Himmelsgewölbe steht, einem ausgebrannten Gemäuer gleich, nur noch jene schwarzgraue Nebelwand, von welcher die Luftentwickelung ausging, wie von der Wetterwolke der Blitz. Zuletzt blieb nur noch ein zartes, unfern Schäfchenwolken ähnliches GewölkNord - und Südpolarlcknder. 167 übrig, in welchem man noch am andern Tage die ganze Gestaltung des verschwundenen Nordlichtes erkannte. Dieselbe Erscheinung ward auch von Rei senden am Südpolc beobachtet, und wir haben im zweiten Bande dieses Buchs bereits ein ähnliches prachtvolles Nordlicht dargestellt. Die Sonne ging nun mit Ende des Novembers gar nicht mehr auf, doch konnte man von den höchsten Theilen der Insel herab um Mittag sie noch unmittelbar über dem Horizonte erblicken. Die größte Eintönigkeit herrschte in der ganzen Natur, doch breitete sich jeden Tag um die Mittagszeit ein Dämmerlicht von solcher Stärke über die Landschaft aus, daß man selbst am kürzesten Tage ■— wenn man in einer Zeit, wo man gar keine Sonne erblickt, noch von Tag überhaupt spreche» kann — in der Cajüte vollkommen gut sehen und außerhalb derselben im Freien sogar die kleinste Druckschrift deutlich lesen konnte. Der Horizont zeigte die herrlichsten Farbenspiele, besonders nach Sü den hin, wo der Morgenstern im vollen goldenen Lichte erglänzte. Die Sterne erster Größe konnte man von der Mitte Mai bis zum Juli des Mittags sehen. Noch merkwürdiger ist das Schauspiel, wenn die niedrig stehende Sonne rings um den ganzen Horizont herumwandelt, nicht mehr untergeht und an der ent gegengesetzten Seite der Vollmond ruhig hinterdrein.zieht, während beide mit ihrem Lichte die Gipfel der schneebedeckten Berge streifen und der Wicderschein des Glanzes auf dem blauen Himmel eine so zarte, grüne Lufttinte erzeugt, daß kein Ausdruck sie zu beschreiben vermag. Das Jahr 1829 war vergangen, die Sonne erschien den Reisenden erst am 20. Januar und auch da nur auf einige Minuten, vorher aber, schon am 9. Januar, bemerkten sie, daß sie nicht die einzigen Menschen in dieser Einöde waren, denn einer der Matrosen brachte die Nachricht, daß er von der Höhe herab Fremde gesehen habe. Man ging deshalb in der angedeutcten Richtung, und erblickte bald vier Eskimos in der Nähe eines kleinen Eisberges. Sic versteckten sich hinter den Berg., allein als Roß ohne Scheu auf sie zuging, trat die ganze Schaar, zehn Mann stark, in drei Reihen von je drei Mann, hervor. Da man nicht wußte, von welcher Gemüthsart die Eskimos seien, so ließ man noch einige Mann von den Schissen kommen, die jedoch in eini ger Entfernung bleiben mußten. Roß schritt nun bis auf etwa 100 Ellen von ihnen vor, und sah, daß jeder mit einem Spieße und einem Messer be waffnet war. Er begrüßte sie mit „Tima tima", und bekam einen allgemeinen Ruf derselben Art als Antwort zurück. Da in einiger Entfernung noch ein Mann auf einem Schlitten saß, so riefen die Eskimos Denselben herbei, und er stellte sich vor ihrer Linie ans. Die Begleiter Roß' waren unterdeß gleichfalls näher gekommen; er schritt nun bis auf sechzig Schritte gegen sie vor, und legte mit dem Ausrufe: Aja Tima! die Flinte weg. Man wußte schon, daß auf diese Art esn jedes freundschaftliche Verhältniß eröffnet ward, denn auch sie warfen nun ihre Meffer und Speere nach allen Richtungen durch die Luft,168 Entdeckung der und erwiederten den Ruf: Aja! indem sie die Arme ausstreckten, zum Beweise, daß sie ohne Waffen seien. Roß und seine Begleiter gingen nun näher auf sie zu, umarmten endlich der Reihe nach Alle und streichelten ihre Kleidung von oben nach unten, worauf von ihnen dieser allgemein herrschende Freund- schaftsgebrauch erwiedert wurde. (Siehe die Anfangsvignette.) Roß erzählte nun, sie seien Cablunae, d. i. Europäer, worauf sie antworteten, daß sie Inuit, d. i. Männer, seien. Alle waren in Rennthierhäute gekleidet, die Oberkleider waren gefüttert und lagen an dem Körper an, und zwar vorn vom Knie bis auf die Mitte des Schenkels; hinten war eine Kappe, die als Mütze über den Kopf gezogen werden konnte, während der Besatz, einem Fracke ähnlich, bis auf die Wade herabfiel. Die Aermel hüllten auch die Hände ein, und die bei den Häute, aus denen der ganze Anzug gemacht worden war, waren so ge legt, daß die Haare der innern Seite den Körper berührten, während die der andern nach außen standen. Sie trugen zwei Paar Stiefeln, die Haare von beiden nach einwärts, und darüber Beinkleider von Rennthierhaut. Ihre Waf fen waren Wurfspieße von der Größe unserer Spazierstöcke; außerdem hatten sie noch aus dem Rücken ein längeres Messer, an dessen Spitze bei Einem die Klinge eines englischen Taschenmessers befestigt war. Ihre Zahl hatte sich nach und nach auf 51 erhöht, und da augenblicklich keine Geschenke bei der Hand waren, so sandte Roß einen Matrosen auf's Schiff, der eben soviel Stück eiserne Reifen holen sollte, als nöthig waren, um Jedem einen zu schenken; allein noch ehe Derselbe zurückkam, willigten sie ein, bis an das Schiff mitzu gehen. Es war kein Zeichen der Verwunderung über das Schiff zu bemerken, doch erregten die Geschenke eine allgemeine Freude, und sie boten zur Erwide rung, ihre Wurflanzen und Messer an, und waren gleich sehr erfreut wie er staunt, als diese Geschenke abgelehnt wurden. Drei von ihnen wurden in die Eajüte geführt, und hier endlich äußerten sie ihre Verwunderung in Hohem Maße. Man zeigte ihnen Bilder von ihren Landsleuten, und sie bemerkten, daß es Leute ihres eigenen Stammes seien, aber Nichts ging über das Erstaunen, welches ihr eigenes Spiegelbild hervorrief. Man setzte ihnen von dem aufbewahrten frischen Fleische vor, allein sie fanden keinen Geschmack daran. Ein Trunk Thran war viel köstlicher. Da die Nothwendigkeit der Trennung einleuchtete, schlug man ihnen vor, sic ein Stück Weges nach ihren Hütten zu begleiten. Ja, man bezeichnete beim Abschied auch noch eine Stelle auf dem Eise als den Ort, wo man sie am andern Tage treffen wollte, um ihre Hüt ten zu besuchen, ein Vorschlag, der mit größter Freude angenommen ward. Roß war am andern Tage kaum auf dem bezeichneten Orte angelangt, als sich die Eskimos gleichfalls eingefunden hatten; die Waffen wurden wieder wegge worfen und die gewöhnlichen Grüße gewechselt. Unter den Anwesenden befan den sich auch ungefähr zwanzig Kinder. Run ward der Weg nach dem Dorfe angetreten. Dieses kam bald zum Vorschein, lag etwa eine Stunde vomNord- und Südpolarländer. 169 Schiffe entfernt, und bestand aus zwölf Schneehütten, welche umgekehrten Kes seln nicht unähnlich waren. Jede -derselben hatte ein langes, gekrümmtes An- hängsel, in welchem sich der Eingang befand, und gleich vorn waren die Frauen, Mädchen und Kinder. Die Seefahrer beschenkten diese mit Glas perlen und Nähnadeln, was schnell jene Furchtsamkeit verscheuchte, die sie im Anfänge gezeigt hatten. Von dieser Zeit ab hatte man häufig Umgang mit ihnen; sic waren die Reisebegleiter und Wegweiser im Innern der Insel, und man erfuhr von ihnen mancherlei über die Beschaffenheit der Meere und des Landes, sowie über ihre eigenen Sitten. Nur einmal ward dieser friedliche Verkehr ohne alles Verschulden der Europäer gestört, als ein in der eigenen Hütte ei nes Eskimo während der Nacht herabfallender Stein einen achtjährigen Kna ben erschlug, welchen Unfall der betrübte Vater der Zauberei der Fremdlinge zuschrieb. Doch ward durch daö Dazwischentreten der Brüder des Erschlage nen, sowie das Benehmen einer muthvollen Frau das Zerwürfniß beseitigt. Die Nahrungsmittel der Eskimos bestehen meist in Fleischspeisen, Moschusochsen und Eisbären, besonders aber bilden Fische einen Hauptbestandtheil derselben. Ihr Appetit ist unglaublich, und bei einem Besuche bei der Schiffsmannschaft verzehrte jeder Eskimo nicht weniger als 14 Pfund Lachs. Als man einst aus einem Ausfluge ins Innere der Insel zwei Moschusochsen getvdtct hatte, so schnitr sich jeder Eskimo einen langen Streifen Fleisch herunter, den er in den Mund steckte, so weit es nur anging, um ihn vor demselben mit einem Messer abzuschneiden, damit er desto besser hinunter gewürgt werden könne, worauf die Operation von Neuem begann. Diese schreckliche Ueberfüllung des Magens hatte damals aber doch die Folge, daß sie — die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Der Winter von 1830 —1831 war außerordentlich hart, und zeichnete sich durch zahlreiche und heftige Stürme aus. Die Kälte erreichte eine Höhe von 100, ja sogar 120° 5. ==■ 50 — 40° SR. Auf einer Reise, welche James Roß im Sommer des Jahres 1851 machte, ward der magnetische Nordpol entdeckt. Doch hören wir selbst, was sein Entdecker hierüber be richtet. ,,Jch reiste den 27. Mai ab und ward vom Capltain John Roß bis an das Ufer des westlichen Oceans begleitet. Am 28. Mai Morgens mußten wir Halt machen, da unsere Leute in Folge der Schneeblendung augenkrank wurden. Das bis dahin äußerst schlechte Wetter wurde nun schön, und ge stattete die Beobachtungen mit der Magnetnadel. Sie gab uns das Ziel an, welches wir zu verfolgen hatten. Am 31. Morgens 8 Uhr machten wir Rast, und nach meinen Berechnungen waren wir etwa noch 14 englische Meile» (ungefähr 2'/> deutsche) vom gesuchten magnetischen Pole entfernt. Meine Sehnsucht gestattete mir nicht, irgend Etwas zu unternehmen oder zu dulden, was meine Ankunft an diesem Punkte hätte verzögern können. Ich ließ den größten Theil unsers Gepäcks und der Mundvorräthe zurück, und eilte nach170 Entdeckung der Ein Ausflug bis an das entgegengesetzte Ufer zur Aufsuchung des magnetischen Nordpols. als es meine beschränkten Mittel zu bestimmen nur immer möglich machten. Die Abweichung meiner Magnetnadel zeigte 89° 89', so daß an der lothrechten Neigung der senkrecht aufgehangenen Nadel nur noch eine Minute fehlte. Die Nadel des Kompasses war völlig unthätig, obwol sie auf die zarteste Weise ver fertigt war. Hoch erfreut über meine Entdeckung, theilte ich sie meinen Gefähr ten mit; die britische Flagge ward aufgepflanzt und vom magnetischen Nordpole dem berechneten Platze. Das Land ist nach der Küste hin an dieser Stelle sehr niedrig, erhebt sich aber eine halbe Stunde einwärts zu Hügeln von 60—60 Fuß Höhe. Die Natur hatte kein Denkmal oder Merkzeichen für den Mittelpunkt ihrer großen, geheimnißvolleu Kräfte errichtet, und in Folge der »öthigen Beobachtungen, die diesen ganzen, sowie einen großen Theil des fol gendes Tages fortgesetzt wurden, kam ich dem magnetischen Nordpole so nahe,Nord- und Südpolarländer. 171 im Namen Großbritanniens und des Königs Wilhelm IV. Besitz genommen. (Die als solcher bezeichnete Stelle fand sich an der Westküste von Boothia Felix unter 70° 5' nördlicher Breite und 96° 46%/ westlich von Greenwich. Suche^diesen Punkt auf unserer Karte auf.) Aus den herumliegcnden Bruch- Auspflanzung der englischen Fahne am magnetischen Nordpole. stücken von Kalkstein errichteten wir einen Steinhaufen von einiger Höhe und legten eine Blechbüchse darunter, worin die Nachricht von dieser merkwürdigen Thatsache nicdergelegt war. Hätten wir Zeit und Mittel besessen/ wir hätten in unserer Herzensfreude eine Pyramide erbaut, dauerhafter als die des Cheops. Mehrere Eskimos hatten keinen Begriff von unserer Freude; denn während ich172 Entdeckung der die Lage des Poles nach der Himmelsgegend berechnete, hatten sie einen armen Seehund in einem Eisloche aufgespürt, und spießte» ihn an, um ihn zu verzehren." So theilt auch hier die gütige Hand Gottes ihre Gaben ungleich aus. Erst im Herbste 1831 gelang es, die Victory aus dem Felirhafen her auszubringen, in welchem sie, vom Eis eingeschloffen, überwintert hatte. Alle Bemühungen, die östliche Spitze des neuentdeckten Landes, Boothia Felix genannt, zu umsteuern, waren vergeblich. Es war keine Aussicht vorhanden, das Schiff retten zu können; ja selbst die Lebensmittel reichten nur noch bis zum Junius 1832 aus und man war unrettbar verloren, sobald man nicht den Furystrand erreichte, um hier die zurückgelaffenen Vorräthe des 1828 gestran deten Schiffes zu verzehren. Allein vor dem 1. August ward das Meer nicht frei. Deshalb brachen die Nordmeerfahrer schon am 29. Mai auf, und erreichten nach einer ungemein beschwerlichen Wanderung, eine Strecke von 100 Weg stunden über Land und rauhes Eis, am 1. Julius spät Abends den Furystrand. Hier bauten sie eine Hütte, Somersethouse, und benutzten die Vorräthe von der Fury. Die mitgenommenen Boote wurden ausgebeffert, und am 1. August zeigte sich einiges fahrbare Wasser. Nun füllte man mit den nöthigen Lebens mitteln und den anderen unentbehrlichen Dingen die Boote, und erreichte so am 1. September die Leopoldsinsel am Eingänge in die Prinz-Regentsstraße. Ein weiteres Vordringen in diesem Jahre war unmöglich. Unter mancherlei Gefahren mußte nach Somersethouse am Furystrand wieder zurückgewanderl werden. Die Seefahrer fanden dasselbe von einem Fuchse bewohnt, der jedoch entrann. Es war die höchste Zeit, denn kaum angekommen, begann ein schreck licher Sturm zu wüthen. Keine andere Aussicht blieb übrig, als hier noch ein Jahr zu verweilen, und es war ein Glück für sie, daß sie Mehl, Zucker, Brüh- täselchen, Erbsen, Gemüse und in Essig eingemachte Früchte in hinreichender Menge vorfanden. Nur mit dem Fleische mußten sie sparsam umgehen; doch lieferte der Fang der Füchse gar manches treffliche Mahl. Der Winter 1833 schlich trübe hin, der Zimmermann Thomas starb, zwei andere Matrosen litten am Scharbock, die Nahrung mußte verkürzt werden, und der elenden Wohnung war man herzlich müde. Mit Anbruch der mildern Jahreszeit begann man auf die in der Battybai zurückgelassenen Boote Lebensmittel auf drei Monate zu schaffen. Der Transport war mit vielen Strapazen verknüpft; das zurück gebliebene Fleisch war im Julius aufgezehrt, so daß alles andere von nun an nur durch die Jagd erworben werden konnte. Am 8. Junius sagte Capitain Roß dem traurigen Aufenthalte auf dem Furystrande Lebewohl, nachdem er vorher noch einen Gottesdienst gehalten hatte. Mißlang ihm auch diesmal die Rettung, so waren Alle dem Tode verfallen. Die Wege waren schlecht, und die Kranken erforderten solche Behutsamkeit, daß man erst am 13. Julius bei den Booten anlangen konnte. Noch- einen ganzen Monat mußte man bei der Battybai ausharren; endlich am 14. August zeigte sich zum ersten Male eineNord - und Südpolarländer. 173 Wasserstraße, die nach Norden führte, und schon am 15. um 4 Uhr Morgens war die Mannschaft beschäftigt, das Eis zu durchhauen, welches noch am Ufer sestsaß. Die Boote wurden ins Wasser gelassen; die Vorräthe und die Kranken cingeschifft und um 8 Uhr war Roß wieder unterwegs. Je weiter er kam, desto breiter wurde die Fahrstraße, schwimmende Eismassen begleiteten die auf ihren Booten Dahinschiffenden. Die Prinz-Regentsstraße ward verlassen und in den Lancastersund übergegangen. Mau fuhr bei schnell zunehmendem Winde an der Küste hin, und erst als derselbe zum Sturme ward, mußte man die Boote ans Ufer ziehen, um sie auszubessern. Am 25. August legte sich endlich der Sturm; man ruderte östlich bis gegen den Eingang in den Lancastersund, schlug aber die Zelte wieder am User auf, um die Boote noch etwas auszubessern. Es war am 28. August 4 Uhr Morgens, Alles schlief noch, als der Wach habende, David Wood, im Meere ein Segel zu sehen glaubte. Er weckte sofort den Kommandeur Roß, und Dieser erkannte mit Hülfe seines Fernrohrs, daß es wirklich ein Schiff sei. Alles eilte jetzt aus dem Zelte, die Boote wurden schleunigst in das Meer gelassen und Signale mittelst Verbrennens von nassem Pulver gegeben. Schon um 6 Uhr verließ man den Landungsplatz, kam zwar nur langsam vorwärts, rückte aber dennoch dem Schiffe näher. Da erhob sich ein Wind, das Schiff setzte alle Segel bei und fuhr südöstlich. Um 10 Uhr erblickte man ein zweites Schiff, aber auch dieses entfernte sich rasch. Es war der grausamste Augenblick, den die Verlassenen erlebt hatten. Zwei Schiffe in der Nähe zu wissen und sie davoncilcn zu sehen. Doch der Him mel half; es ward wieder windstill, man konnte schnell vorwärts rudern, und um 11 Uhr erkannte man deutlich, wie das eine Schiff beilegte und ein Boot ins Wasser ließ, das auf die Boote zuruderte. Es war bald in der Nähe, und der befehligende Steuermann fragte, ob man das Schiff verloren habe. Roß nahm das Wort und erkundigte sich nach dem Namen des Schiffes und bat, an Bord genommen zu werden. Man antwortete, es sei die „Jsabella" von Hüll, einst vom Capitain Roß befehligt. Roß erwiderte: Ich bin selbst der Capitain Roß und diese Leute die Mannschaft der „Victory". Erst wollte der erstaunte Steuermann dieser Angabe keinen Glauben schenken, und /bemerkte, Capitain Roß sei schon seit zwei Jahren todt, aber bald' überzeugte er sich an dem bärenähnlichen Anzuge, den langen Bärten, dem abgemagerten Aussehen, daß dem doch so sein könnte. Man fuhr nun nach dem Schiffe zu, und kaum war der vorauseilende Steuermann an Bord gesprungen, als die gesammte Mannschaft des Schiffes auf dem Verdecke erschien und die Ankommenden mit Jubelruf begrüßte. Schnell eilten sie an Bord, Jeder war hungrig und mußte gespeist werden, Jeder war in Lumpen und mußte Kleider haben — es gab Keinen, dem das Waschen nicht unerläßliches Bedürfniß war. Alles geschah zu gleicher Zeit: Waschen, Ankleiden, Essen, Rasiren! Eine Menge Fragen mußten im bunten Durcheinander beantwortet werden. So sehr der Schlaf174 Entdeckung der Vedürfniß war, so war man seit zu langer Zeit an ein kaltes Bett auf dein harten Schnee oder nackten Felsen gewöhnt, um ans einem guten Lager schla fen zu können, und selbst Roß mußte das Bett verlassen und die Nacht auf einem Stuhle zubringen. Der Capitain der „Jsabella", Humphrey, hatte den kühnen Versuch gemacht, durch die Prinz-Regent-Einfahrt bis zu den Leopoldsinseln zu gelangen, wo er Spuren von Roß und der „Victory" zu finden hoffte, denn Mannschaft und Schiff selbst hielten sie längst verloren. Ein Eisfeld hatte ihm das weitere Vordringen unmöglich gemacht. Am 19. October langte Roß nach einer Abwesenheit von länger als vier Jahren in London an. Man kennt durch ihn die Lage des magnetischen Nord pols, das Land Boothia Felir und das Vorhandensein eines Binnenmeeres, von welchem schon Franklin durch die Eskimos Nachricht erhalten hatte. Durch die Forschungen von John Roß noch nicht beruhigt, schifften sich 1845 die beiden Seefahrer Franklin und Crozier, auf den Dampfschiffen ,,Erebus" und „Terror" ein, um die letzten Zweifel bezüglich der nordöstlichen Durchfahrt zu heben und einige noch unerforschte Punkte zu untersuchen. Sie sollten durch den Lancastersund, vor der Insel Melville vorbei, die Behrings straße zu erreichen suche». Die Schiffe waren auf's Reichlichste ausgerüstet und für drei Jahre verproviantirt. Allein leider sind diese Seefahrer, 138 Mann, spurlos verschwunden, und seit dem Julius 1845 ist keine Kunde mehr von ihnen zu uns gekommen. Nur soviel ist zu vermuthen, daß die Expedition den Winter von 1845—46 in einer kleinen Bucht zwischen Cap Riley und der Bcechey-Jnsel, dem Lancastersund gegenüber, zugebracht hat, denn der später zur Aufsuchung der Vermißten ausgesandte Capitain Ommaney entdeckte hier nicht allein drei Gräber von Gliedern der Expedition, sondern auch vielerlei andere Ueberbleibsel, welche einen längern Aufenthalt anzeigten. Ja noch wei ter nördlich, im Wellingtoneanale, entdeckte man einige Spuren; dies aber ist auch Alles, was man von jener Expedition weiß, denn die Angabe des Eskimo Adam Becke von der Ermordung einer Gesellschaft weißer Seefahrer ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erfindung, da die Glieder dieses Volkes nach vielfachen Erfahrungen nur zu sehr geneigt find, so zu reden, wie sie glauben, daß man es wünsche, um nur die erwartete Belohnung so schnell als möglich zu erhalten. Unaufgeklärt ist jedoch noch immer die räthselhafte Erscheinung der zwei verlassenen Schiffe, welche die Brigg Renovation den 20. April 1851 nicht weit von Neufundland auf einem Eisberge sah, und die durch noch unbekannte Canäle aus dem Wellingtoneanale nach der Baffins- bai, und von dort südlich geschwommen sein könnten. Als im Jahre 1847 noch keine Nachrichten von den Reisenden an gekommen waren, so wurde man um ihr Schicksal besorgt, und die britische Regierung begann, eine Anzahl Expeditionen auszurüsten, deren Zweck theils die Aufsuchung der Vermißten, theils ihre Rettung und Versorgung mit Lebens-Nord- und Südpolarländer. 175 Mitteln war. Diese Aufsuchungen wurden gleichzeitig von mehreren Punkten unternommen, und zwar von Osten her durch den Lancastersund, von Westen durch die Behringsstraße, sowie auf einer Landreise durch Richardson und Rae von den Niederlassungen der Hudsonsbaicompagnie bis zu jenem Landstriche, welcher die Nordküste von Amerika zwischen dem Kupferminenstusse bis zum Mackenzie bildet, während Lieutenant Pullen in Booten nach dem Zusammen treffen mit dieser Expedition flch vom Cap Bathurst bis nach Banksland wandte und Rae Wollastou- und Victorialand untersuchte. Durch die außer ordentlichen Bemühungen der drei letztgenannten Männer ward die bis dahin noch theilweise unbekannte Nordküste von Amerika entdeckt und festgestellt, sowie eine Menge von Inseln in dem nördlich der Küste gelegenen Archipele aufgefun den; allein der Zweck aller dieser Expeditionen, die Aufstndung oder Erfor schung von Frankl in's und seiner Gefährten Schicksal ward nicht erreicht. Die tüchtigsten Seefahrer, unter ihnen der mit dem Nordmeere so vertraute James Roß, leiteten die neuen Expeditionen, allein ohne allen Erfolg. Selbst die seit Jahrhunderten gesuchte nordwestliche Durchfahrt ist gefunden, nur von den vermißten Seefahrern fast nirgends eine Spur. Deshalb ver lassen wir sie auch hier, um noch das Nothwendigste von der Auffindung jener Durchfahrt zu erwähnen. Wie bereits bemerkt, ward meist durch die Landerpeditionen die Nordküste von Amerika festgestellt, und dadurch bewiesen, daß dieselbe nicht, wie man ehemals glaubte, bis zum Nvrdpolc reiche, Amerika auch mit Grönland nicht Zusammenhänge. Auf jenen Reisen, welche von Welcher, Kellett und Pul len nun von der Bafstnsbai aus nach Westen, und dann von Colliuson und Mac Clure von der Behringsstraße aus 1830 nach Osten unternommen wurden, mußte sich endlich, wenn nicht alle Umstände ungünstig waren, die Gewißheit einer Durchfahrt Herausstellen. Und so ist's auch geschehen. Nach dem die Schiffe Entreprise unter Collinfon und der Jnvestigator unter Mac Clure unter Segel gegangen waren, so wurden sie bald darauf von einander getrennt. Collinson ward durch's Eis vom weitern Vordringen abgehalten, und mußte zurückkehren, Mac Clure dagegen, zwar lange Zeit für verloren gegeben, ist so weit gegen Osten vorgedrungen, daß die nordwestliche Durch fahrt von ihm befahren worden ist, obwol eö sehr zweifelhaft bleibt, daß sein jetzt vom Eise festgehaltcnes Schiff jemals nach Europa zurückkehren wird. Nach dem er nämlich im August 1850 Cap Parry, südlich vom Cap Bathurst, er reicht hatte, erblickte er offenes Wasser, und versuchte nach Banksland zu ge langen, fand aber unterwegs eine große Insel, die er die Baringinsel nannte. Er drang durch eine Meerenge zwischen dieser Insel und der Küste von Prinz- Alberts-Land, segelte nordwärts und erreichte den 73. Breitengrad, als das Eis den Weiterweg versperrte, so daß er unter 72° 50' nördlicher Breite und 117° 54' westlich von Greenwich unweit der von ihm entdeckten Prinzeß-Royal-176 Entdeckung der Inseln in der Prinz-Wales-Straße überwintern mußte. Im Julius 1851 ver suchte Mac Clure nach der Melvilleinsel vorzudringen, aber auch hier unter 75° 35' nördlicher Breite versperrte ihm das Eis den. Weg. Eben so wenig gelang ihm, um die Baringinsel herum nach der Barrowstraße vorzudringen, obwol dieselbe nur noch 25 Meilen entfernt war, so daß nur erst eine Land- crpedition, welche bis zum Winterhafen vordrang, das Vorhandensein einer nordwestlichen Durchfahrt, die jedoch nur unter den allergünstigsten Um ständen bewirkt werden kann, festgestellt hat. Seit dem September 1851 ist der Jnvestigator, das Schiff des kühnen Seefahrers, in der Gnadenbucht aus der Baringinsel (74t 9 6' nördlicher Breite) eingefroren, und in dem kurzen Som mer von 1852, dem ein sehr strenger Winter folgte, ist cs nicht gelungen, dasselbe flott zu machen. Mac Clure wollte es eben verlassen, als Lieutenant Pim von der Resolute zum Entsatz kam und die Mannschaft nach der Mel villeinsel brachte, da Elfterer so vorsichtig gewesen war, im Winterhafen von seinem Aufenthalte und seiner Lage Nachrichten niederzulegen. Hier hatte sie Capitain Kellett aufgefunden, und schickte Pim jetzt zum Entsatz. Noch immer wird das Schiff vom Eise festgehalten, und es ist kaum noch Hoffnung vor handen, es von demselben loszubringen, indem der gewaltige Druck jener Eis berge, zwischen denen es gefangen steckt, es in die Höhe gehoben hat, so daß es' 50 Fuß hoch über der Eisfläche des Wassers wie in einem Schraubstocke schwebt. Kanu es aus dieser üblen Lage nicht errettet werden, so wird man es in ein Vorrathsbehältniß für künftige Wanderer auf diesem ungastlichen Gebiete verwandeln und seinem Schicksale überlassen. Mac Clure aber würde dann mit der Resolute, dem Schiffe seines Retters, den Rückweg nach Eng land antreten. Bereits hat sich Schiffslieutenant Cr es well von der Admira lität die Erlaubniß erbeten, mit einem Ablösungsschiffe nach der Gnadenbai zu segeln, um seinem heldenmüthigen Capitain beizuspringen. So traurig die Reisen nach den nördlichen Polargegcnden in den letzten Jahren auch immer nach Veranlassung und Erfolg sein mögen, so haben sie doch die genauere Kenntniß jener Gegenden ganz besonders gefördert, und das Dasein von Ländern und Inseln bewiesen, von denen man bisher keine Ahnung hatte. Selbst das Dasein eines großen Polarbasstns im Norden jenes mehrfach erwähnten nördlichen Archipels hat sich bestätigt. Ist Franklin in dasselbe gelangt, so ist sein Tod mehr als zweifelhaft, denn von ihm schreibt E. Welcher in seiner letzten Depesche aus dem Wellingtoncanale: „Wenn unsere unglücklichen Landsleute ihre Schiffe an Eisschollen festgemacht haben, und mit diesen fortgetrieb.en sind, so ist ihre Sache hoffnungslos. Wenn wir die Schol len ansahen, wie sie sich in mehr als 40 Fuß dicken Schichten über einander gethürmt hatten, oder wo sic zusammengestoßen waren, da konnten wir uns der niederschlagendsten Gedanken nicht enthalten. In der Melvillebucht hatten wir nichts Aehnliches gesehen." Jedenfalls bleibt es noch immer ein großes Rath-Nord- und Südpolarländer. 177 fei, Laß sich von jener zahlreichen, von den tüchtigsten Männern geleiteten Expedition weder eine Spur, außer der oben erwähnten am Cap Riley, noch ein Document über ihre Fahrt, noch eine Sparre des Wracks irgendwo vor gefunden hat. Doch wir verlassen nunmehr den Nordpol, um nur noch einiges Wenige von den Entdeckungen am Südpole kennen zu lernen. Unter dem Namen der Südpolarländer verstehen wir alle die Ländermassen und Inseln, die vom Südpolc nordwärts aufsteigend bis gegen den 60. Grad der Breite reichen. Alle diese Länder sind von der traurigsten Be schaffenheit, vom ab schreckendsten Aussehen, und nicht blos für Men schen, sondern selbst für die vierfüßigen Land- thiere unbewohnbar. Denn nirgends, mit alleiniger Ausnahme von Südgeorgien, wo man das zwei Fuß hohe steife Büschelgras findet, erblickst du ir gend ein Gewächs; da gegen ist Alles in ewi gem Schnee und Eis begraben, so daß oft schwer zu unterscheiden ist, ob man an einan der gefrorene Eisberge oder Land vor sich hat. Wol nirgends auf der ganzen Erde erblickt das Auge ein so schrecklich ödes und wüstes Schauspiel von Schnee, Eis, Schluchten und Felsen jeder Art, als in diesen Ländern, deren einzige Bewohner Seevvgel und Wassersäugethicre sind. In ihnen besteht ihre einzige Wichtigkeit, und die Zahl der Briten und Nordamerikaner ist nicht unbeträchtlich, welche hier, unter dem kalten Hauche des Südpols, Schätze sammeln und reichbeladen in die entfernte Heimat zurückkehren. Doch ehe ich dir davon erzähle, sollst du das Nothwendigste von den hier gemachten Entdeckungen hören. Die Südpolarländer sind weit später als die des Nordpols entdeckt worden, Zll. gold. Kinderbuch. IV. 2. Aufl. 12 Flaggenschiff „Erebus", für die Nord - und Südpolarreisen ausgerüstet.178 Entdeckung der und erst die neueste Zeit, besonders die Reise des Capitains James Roß^ hat uns mit den Küsten derselben etwas genauer bekannt gemacht. Weit furcht barer flnd die Gefahren, die dem Schiffe auf diesem Meere drohen, als die aus dem Meere des nördlichen Poles. Da ist es die Menge des Eises und die Kälte, besonders aber sind die Stürme, Windstöße, Nebel und Regenschauer so furcht bar, daß sich nur wenige Schiffer bis an die südlichere Küste heranwagten. Während Wallfischjäger im Norden bis über den 83. Grad vorgedrungen sind, so ist N o ß der Einzige, der an einem Punkte den 78. Grad im Süden überschritten hat. Nachdenr der Franzose La Roche bereits 1675 Südgeorgien entdeckt hatte, brach erst Cook 1773 auf seiner zweiten Reise um die Erde Bahn für spätere Entdeckungsreisen am Südpol. Von allen Seiten versuchte er auf dieser Reise gegen den Südpol vorzudringen, und es gelang ihm an einigen Stellen, den südlichen Polarkreis zu überschreiten und den 71. Grad zu erreichen, allein hier schienen Eisberge und Eisfelder jedem Weiterkommen unübersteigliche Hin dernisse entgegenzustellen, so daß er gegen Norden umwandte. Nirgends fand er das von den Geographen gesuchte südliche Festland. Denn das von ihm Sandwichsland benannte Land hat sich später als Inselgruppe herausgestellt. Vierundvierzig Jahre waren seitdem verflossen, die Entdeckungen im Südpolar meere hatten alles Interesse verloren, als der -Brite William Smith auf seiner Fahrt um das Cap Horn 1819 ein Land entdeckte, das wahrscheinlich, schon früher und zwar bereits 1599 zufällig von dem Holländer Dirk Ger rits gesehen worden war. Capitain Smith hatte nämlich den Einfall, um auf seiner Reise um daS Cap Horn den Stürmen und Gefahren besser ent gehen zu können, weit südlicher zu steuern, als alle bisherigen Seefahrer ge- than hatten. Er entdeckte Neu-Südshetland, wagte aber aus Furcht vor Stür men sich nur bis auf eine Entfernung von zwei Seemeilen an das Land her an. In Valparaiso angekommen, wurde er von den dortigen Engländern ausgelacht, indem man behauptete, er habe Eisberge für Land angesehen. Als- er daher Cap Horn wieder umschiffte, steuerte er muthig darauf zu, und nahm das Land den 15. Oetober 1819 im Namen des Königs von Großbritannien in Besitz. Dies erweckte Lust zu neue» Entdeckungsreisen, und schon 1820 schickte die britische Regierung den Capitain Barnfield zur Erforschung dieses Landes aus. Man sand die Küsten äußerst steil und fast unzugänglich, das Innere aber so unfruchtbar und nackt, daß man kaum einen Namen zur rech ten Bezeichnung solcher Einöden finden konnte. Barnfield spricht sich also darüber aus: „Nichts war zu sehen, als die rauhe Oberfläche unfruchtbarer Felsen, auf welche Tausende von Seevögeln ihre Eier gelegt hatten, die sie gerade brüteten. Diese fürchteten so wenig den Anblick der Menschen oder Thiere, daß fle versuchten, die Landung streitig zu machen." Diese Meere, ungemein reich an Wallfischen und Robben, find nach die ser Zeit von Wallfischfängern sehr oft besucht worden. Während das erste-Nord- und Südpolarländer. 179 wunderbare Meerungeheuer, das halb Fisch, halb Säugethier ist, durch von Holland, England und Frankreich ausgerüstete Flotten alljährlich im Norden immer mehr vertilgt wird, so daß nur unter den höheren Breiten ein ergiebigem Wallstschfaug noch zu erwarten ist, so findet es sich in den Südpolarmeeren in außerordentlicher Menge. Ein ausgewachsener Wallfisch hat eine Länge von 60 — 70 Fuß, ja man hat fie schon von fast 100 Fuß getroffen und von einem Umfange von 30—40 Fuß. Trotz dieser Große schwimmen, sic in einer Stunde fünf deutsche Meile», also mit derselben Schnelligkeit, mit welcher unsere Dampfwagen dahinsausen. Sie leben bald einzeln, bald paarweife, bald in Herden von 50—100 Stück beisammen, schlafen bei ruhigem Wetter oft zwischen dem Eise, oder tummeln sich im Wasser herum. Bisweilen stellt sich solch ein Ungeheuer auf den Kopf, hebt den Schwanz, .hoch in die Luft und peitscht die Meereswogen mit so furchtbarer Gewalt zu Schaum, daß Alles in der Runde mit Staubregen und Dunstgewölk angefülld ist; ja manchmal schießt eS urplötzlich über die ganze Wasserfläche hinaus, cin nicht geringer Schreck dem uuersahrenern Schiffer in der Nähe, zumal wenn der tollkühne Harpunirer gerade in demselben Augenblicke befiehlt, vorwärts zu rudern und einen Angriff zu machen. Ein Schiff, das auf den Wallfischfang ausgeht, hat auf mindestens sechs Monate Zehrung bei sich, außerdem 4—500- große Speckfässer, viele lange Taue, Harpunen, Lanzen und. Spcckmesser, und führt 6—7 Boote oder Schaluppen mit sich, von denen jedes 25 Fuß Länge und 5—6 Fuß Breite hat. Sie sind an beiden Enden spitzig, damit sie leicht zu regieren sind und den Bewegungen des Wallfisches mit Gewandtheit folgen können. Doch eben entdeckt man einen solchen; er liegt an einer Eisscholle,, reibt sich daran, weil Würmer auf seiner Haut ihn Plagen, und so kann mau ihm am besten nahe komme». Ein Boot wird sofort ausgesetzt, mit sechs bis- sieben Leuten bemannt, und diese dringen mit Vermeidung alles Geplätschers bis in seine Nähe. Vorn im Boote steht der Harpunirer, die Harpune oder den Wurfspieß, dessen Stahlspitze die Gestalt eines Pfeiles mit zwei Wider haken hat und zwei Fuß lang und zweischneidig ist, in der Hand. Der Schaft derselben ist sechs Fuß lang, und an ihm befindet sich ein gewaltiges Seil, welches im Boot so zurecht gelegt ist, daß cs sich leicht abwickeln läßt. Der Harpunirer har sich dem Ungeheuer, das von der ihm drohenden' Gefahr noch. Nichts merkt, bis auf drei Klaftern genähert; er ist jetzt in der Nähe der Nasenlöcher, der günstigsten Stelle, und im Nu saust der Wurfspieß durch die- Haut und tief in den Speck hinein. Das Thier fühlt Schmerzen, schlägt wüthend mit dem Schwänze, dem furchtbaren Werkzeuge der Bewegung und Vertheidigung. Käme das Boot ihm jetzt zu nahe, die Mannschaft würde das. Unglück mancher andern theilen, und gleich diesen in die Lust geschleudert oder zerschmettert werden. Der verwundete Wallfisch stürzt sich blitzschnell in die. Tiefe, reißt das Seil der Harpune nach sich, das, um durch solche Schnelligkeit.. 12 "180 Entdeckung der nicht in Brand zu gerathen, stets mit Wasser begossen werden muß.- Nach einiger Zeit kommt das Thier wieder herauf; der Mangel an Lust nöthigt eS dazu, oder es hat sich mit solcher Wuth mit dem Kopfe vorn in die Tiefe ge stürzt, daß es auf den Meeresboden aufgestoßen und den Hals gebrochen hat, worauf es bald todt oben ausschwimmt. Doch bei unserm Wallfisch war das Erstere der Fall. Kaum war er von der Harpune getroffen, als ein rothes Fähnchen auf dem Boote aufgesteckt ward, ein Zeichen und Hülfcruf für das in einiger Entfernung harrende Schiff. Ein Fall! ein Fall! ertönt es auf diesem, und die bereits ausgesetzten und bemannten Boote stoßen nun ab, um Hülfe zu leisten. Sie rudern eilends der Fangstelle zu, und kaum sind sie angekommen, so erhebt sich der Walisisch: neue Harpunen- und Lanzenstiche treffen ihn. Seine Wuth nimmt ab, der geröthete Schaum seiner Strahlen wird blutroth, die Zeichen des nahen Todes treten ein. Das Getöse des Kampfes, das verwor rene Geschrei der Stimmen, die Zuckungen des scheidenden Lebens mit der rothen Fontaine, welche die Sec umher in einen Ocean von Blut verwandelt, und in dem Augenblicke, wo der letzte Athemzug gethan zu sein schien, ein dreimaliger Freu denruf aus den Booten — das Alles bietet einen unbeschreiblichen Austritt. Nun werden die Floßfedern über den Bauch gebunden, das Thier wird am Schwänze fest gemacht und durch die vereinte Kraft aller Boote an das Schiff gezogen. Nach ver Gefahr und Anstrengung, nach der Last kommt nun die Lust. Man hat das Schiff erreicht, und nun beginnt das Spcckausnehmen. Eben besteigen es ein Paar Speckschneider, deren Stiefclsohlen mit eisernen Spitzen versehen sind; das Messer ist zwei Ellen lang, sein Griff noch länger. Man bringt den Speck in Striemen auf das Schiff, eine Maschine zerschneidet ihn sofort in kleine Stücken und läßt dieselben durch einen Ruck in das Specksaß fallen. Mancher Wallfisch giebt fast 30 Tonnen Thran und 1% Tonne (3360 Pfd.) Fischbein. Nach dieser kurzen Abschweifung haben wir unfern jungen Lesern nur noch Weniges zu berichten. Durch den Capitain Vellinghausen, welchen die kaiserlich russische Regierung in den Jahren 1819—1821 zu einer Erforschung der Südsee und d^s Südpolarmeeres aussandte, erfuhr man, daß Neu-Südshetland nicht Fest land, sondern eine Inselgruppe sei. Aehnliche Inseln mehr wurden von ihm noch entdeckt; andere Seefahrer folgten ihm hierin nach, bis der britische See fahrer Weddell in den Jahren 1822 — 1824 seine berühmte Entdeckungsreise in diesen Eisregionen vollführte, neue Inseln entdeckte und bis über den 74. Grad vordrang. Noch südlicher jedoch, fuhr Dumont d'Urville. Er fand 1840 das schon früher gesehene Adelaidenland, litt jedoch durch die gewaltigen schwimmenden Eismassen, große Kälte und dichte Nebel, obwol mitten im Som mer der südlichen Halbkugel, außerordentlich. Zwei kühne Seefahrer, der Ame rikaner Wilkes und der Engländer z; am es Noß, setzten die Entdeckungen fort, und Letzterem ist es mit seinem Begleiter, dem Capitain Crozicr, aufNord - und Südpolarländer. 181 den schon oben erwähnten und später im Nordpolarmeere aller Wahrscheinlich keit nach untergegangenen Schiffen „Erebus" und „Terror" gelungen, südlicher als alle bisherigen Seefahrer vorzudriAen. Beide Schiffe waren zur Segel- und Dampfschifffahrt eingerichtet und vorzüglich dauerhaft gebaut. Der Zweck der gieiie war die Entdeckung des SüdpÄarlandes und die Aufsuchung des südlichen magnetischen Poles. Sie verließen desL29. September 1839 England, berühr ten das Cap der guten Hoffnung und K^rguelensland, und stellten am 29. April 1840 (dem im Voraus zu gleichzeitigen Beobachtungen auf verschiedenen Punkren der Erde bestimmter^ÄIge) genaue Untersuchungen über die magnetischen Strö mungen an. Der Tag war- äußerst günstig gewählt. Es fand an demselben einer jener merkwürdigen magnetischen Stürme statt, die man bereits in Eiumpa beobachtet hatte, und von denen sich ergab, daß sie gleichzeitig in allen Becwuch- tungspunkten bemerkt» wurden. Außerdem zog man große versteinerte Bäume aus der Lavat stnrr vuleanischcn Insel und entdeckte beträchtliche Steinkohlen- massen, die' einst für die Dampfschifffahrt in diesen Aheilen der Erde nützlich sein können. Von da ging's nach Hobartstown aus Van-Diemensland und den Aucklandsinseln. Am 1. Januar 1841 überschritt Roß den Polarkreis, und nachdem er mehr als 40 deutsche Meilen zurückgelegt .hätte, lief er am Morgen des 9. Januar in eine vollkommen ffreie See ein. Schon am 11. stgualisitte man vom Maste des-'Schiffes „Land'^ und fand dasselbe mit aus 9 —12,000 Fuß hohen, oft fast senkrecht abfallende.» Bergen» bedeckt. Nur hier und da erblickte man einige nackte Felsstücken, aber die Küste war mit Eisstücken so besetzt, daß man nicht zu landen vermochte; dasLand war groß und fand nach Süd.- und Nordwest weitere,Fortsetzungen. 9?oß drang bis zum 76. Grad nördlicher Breite vor und entdeckte vulcanische,«Inseln. Am 28. Januar fand er den eben in Thätigkeit begriffenen 12,4(f0 Fuß hohen, eine unermeßliche Flammen - und Rauchsäule ausspeienden Vulcan Erebn,s, ferner- neben ihm den erloschenen Krater Terror, und am 2. Februar erreichter seinen äußersten Punkt unter dem 78., Grad. Vom 70. bis gegen den^M. Grad stieß er auf das vou ihm entdeckte und Victorialand benannte Festland. Eismassen hinderten ein weiteres Vordringen, so daß er dcn«inagD>etischen Pol nicht zu erreichen ver mochte; doch sind seine Forschungen so genau, daß sich dessen Lage mit ziem licher Gewißheit bestimmen läßt. Noch zweimal drang er in den Sommer monaten der südlichen Halbkugel gegen den Pol vor, um Elwao über die west liche Ausdehnung des Victorialandes zu .Erfahren, und wo nwAlich von hier aus nach, dem magnetifchem^-Südpose M^gelangen. Auch hier walken alle Ein buchtungen der Küste, u»iE ststem,,peinige- Hundert Fuß dickem Eise vollständig ausgefüllk, ja die ganze Küstenlmie stelle sich als- eine Weihe 2—300 Fuß hoher EiHippen daG'" vor welchen noch^fis einige Meilen Hinaus in die,See eine MenM auf dem Meeresboden festsiNendM^Eisberge laMte. Selbst in den dem Cap Horn gegenüber liegenden Palargegenden suchte182 Entdeckung der Nord - und Südpolargegendeu. Pm: Nn»-' Roß' unsere,«M^avhischen Kennrniffe zu erweitern, und das von Dumont d'Urville entdeck^WM von Neuhol^nd gelegene, Ludwig-Philippsland näher zu untersuchen. Er Mid es gleichfa« reich. an vulcmnschen ^ bil den, doch zeigten die Berge bei Weitem nicht so kühne Umrisse,die ^^Victoria- land,o und den, Berg Haddington, den hrAsten, fand er nur 7000 ^^hoch. -MerkwüAig ist der geologisch'^CWrakter der Nord-«>üH) Südp^^egcn- ven. Hrstcre-^tzerdanken Ent^ehungAv^Ausbildung mehr neptunischm Ein flüssen, indem nur wenige gMnge Kp»en an vMcanisch^^ätLgkeitcn erinnern, während $ie.'Südpolarlaim überaH nur der«tig«MaWte aufweisen, und - •■ £ >*» ^Meren KeuerrbinweiserM^i» aonbet äußern in ihren tdlktiM KaM den entsHie' die ßfleiisatz Hilden. itte .... " Größere Expeditionen zu weiteren EntdeckungeiMim SüdpV^ind seit jener Zeit nicht unternommen worden. Man hat flch davon- aübL memtt, daß derglci- UilternebmÄisen selbstAür o» WisMischaft keine chen immer sehr kostsp^li im Verhältniß zu oe^ " erwarten lassen. Und L-^wollen auch wir aus dicseiH.tr kehre^BM^Hauslichesö^rde, und; das den MiWi und Gefahren steh Ausbeute schltz^chkeßen, daß wir mis'-- im reich zusammenfinden, von sie eben so bereitwillig sigen und öden Eisfeldern heim schwer Entdeckungen" mit dem Wun- rde. im folgenden Jahre eben so zahl von der andern ßurr T/inko 1B XV 1 52 2 RDas Muftrirte goldene Kinderbuch. zahlrei^ \ 8SS. . -J ft ' \ j
