Bilder und Scenen aus Afrika : nach vorzüglichen Reisebeschreibungen Bilder und Scenen aus dem Natur- und Menschenleben in den fünf Haupttheilen der Erde. Nach vorzüglichen Reisebeschreibungen für die Jugend ausgewählt und bearbeitet von A. W. Grube. Eine Festgabe in 4 Teilen mit Bildern und feinen Holzschnitten. II. Theil: Afrika. Zweite Auflage. Stuttgart, 1854. Druck und Verlag von I. F. Stcinkopf-DilLer «nd Ice«e« aus A f v i k a. Nach vorzüglichen Neisebeschreibungen für die Jugend ausgewählt und bearbeitet von W. Grube. M i t Abbildungen. Zweite Auflage. Stntigart, 1854. Druck und Verlag von I. F. SteinkoPf.Afrika Die Kultur Asrika's, wie arm erscheint sic, wenn mau sic mit der von Asien vergleicht! Auf Äsien's Erde ruht noch immer der Segen des Paradieses, und die Despotie erscheint dort noch mild und menschlich im Vergleich zu der Sklaverei, unter welcher Millionen der schwarzen Bewohner Afrikas leben. Man möchte sagen, Afrika trage schwer den Fluch Ham's. Der Mensch ist hier zur Waare herabgesunken, Menschenopfer bluten noch fort zu Tausenden; die Hitze tobt in dem Blute der Menschen und macht sie grimmig wie die wilden Thiere, von denen sie überall umgeben sind. Wenn inan die Südspitze und die hohen Berge abrechnet, ist jeder Punkt Afrika's heißer, als die wärmsten europäi schen Länder; nirgends hatte die Menschheit eine mildere Luft und einen günstigen Boden, wo der Geist sich sammeln und seine Kräfte entwickeln lernte. Nur der nördliche und nordwestliche Rand ist frühzeitig Kultur land geworden; aber der hochgebildete und civilistrte ägyptische Staat war seinem Wesen nach asiatisch, gleich wie noch jetzt die Mauren arabisch sind. Arabien und das indisch-arabische Meer ist das natürliche Mittelglied zwischen Asien und Afrika, und die Halbinsel Arabien ist in ihrer natürlichen Beschaffenheit ein kleines Afrika.6 Äfrika. Karthago hat einst eine Rolle in der Geschichte gespielt, aber es war eine Kolonie der Phönizier, hatte von Asten seinen Lebensodcm erhalten; Algier im Norden, die Kapkolonie im Süden können wieder eine Rolle in der Geschichte spielen, aber nicht durch afrikanischen Geist, sondern durch europäische Kraft, von den Fran zosen und Engländern in den fremden Welttheil ge tragen. Afrika hat von allen Erdthcilcn die ungünstigste Lage und Gestaltung seiner Oberfläche erhalten; denn es liegt fast ganz in der heißen Zone, und nur seine äußersten Nord- und Südspitzen erreichen etwa im 35. Breitengrade den gemäßigten Erdgürtel. Die Hitze ver sengt und verbrennt daher nicht bloß den Pflanzcnteppich der Erde, sie tödtct auch den Europäer, der cs wagt, den furchtbaren Pfeilen des Sonnengottes Trotz zu bie ten. Nur eine Negerhaut vermag die afrikanische Hitze ohne Schaden zu ertragen und den heißen alle Lebens säfte ausdörrenden Wüstenwinden zu widerstehen. Selbst zu Kairo in der Nähe der kühlenden Lüfte des mittel ländischen Meeres, ist die mittlere Jahrestemperatur fast 32° des hundertthciligen Thermometers, während sie in Berlin noch nicht 10° erreicht. Dabei ist der Wechsel zwischen Tageshitze und Nachtkühle höchst empfindlich, und mancher Reisende ist schon an den Folgen der Er kältung gestorben. Die Jahreszeiten kennen nur den Wechsel zwischen Trockenheit und Regen, und während des über ein halbes Jahr dauernden trockenen Sommers erquickt kein Thau, kein Regen die öde, lechzende Flur; ein wolkenloser tiefblauer Himmel wölbt sich über der dürstenden Erde. Schnell steigt die Sonne senkrecht über den Rand der Wüste empor, und wie die Jahres-Afrika. 7 jetten, so folgen auch Tag und Nacht in schroffem Wechsel. Eine Dämmerung erquickt I;icv nicht das von den grellen Farben geblendete Auge. Selbst die Regen der kühleren sogenannten Winterszeit bringen wenig Er- guickung, und die Gewitter, so heftig sie auch sind, reinigen die Luft nicht, wie bei uns. Und wenn dann, nach achtmonatlicher Dürre, der tropische Pflanzenschmuck mit aller Farbenpracht und üppigen Fülle schnell wie durch Zauberei aus dem verkohlten Boden aufschießt: so ist wieder der Körper des Menschen so erschlafft, daß ihm die Freude au der schönen Natur vergeht. Der Mensch Afrikas ist immer nur an sein leibliches Da- seyn gemahnt, der Hunger, die Furcht oder die Rache treiben ihn allein zum Handeln, und der Gedanke an eine höhere Welt erleuchtet nicht seine Seele. Doch mehr noch als das heiße Klima ist der Auf bau des großen Erdtheils einem regen und frischen Gei stesleben hinderlich gewesen. Afrika ist auf allen Seiten verschlossen, es hat den allereinförmigsten Küstensaum, die allcrdürftigste Jnselbildung, die unzugänglichsten Kü sten — cs ist ein Stamm ohne Zweige, ein Rumpf ohne Glieder. Nur da wo das Meer zum Innern dringt und Halbinseln bildet, wird das Bcdürfniß nach gegenseitigem Verkehr unter den Völkern angcfacht. In Afrika ist aber da, wo sich die Wüsten in's Meer er strecken und niedere Küsten bilden, an den sogenannten Syrten, das Schiff der Gefahr des StraudcnS ausge- sctzt, an der Südhälfte des Erdtheils fällt aber fast überall die Küste schroff ab und das Meer brandet, als wollte es jedem Reisenden den Zugang versperren. Der guten Hafenbuchten ist nur eine geringe Zahl, und diese bringen dann noch andere Klippen dem Europäer ent--8 Äsciktl. gegen, nämlich Fieber und Krankheiten aller Art. Im Innern des Kontinents ist kein anmuthiger Wechsel zwi schen Bergländern und Tiefebenen, zwischen Hochflächen und Stufenländern: bald auf den wechselreichen Saum der Bcrberei folgt die schreckliche Sahara, ein Sand- mecr fast so groß als Europa, und größer als jede andere Wüste des Erdballs; südlich von dieser Wüsten zone erhebt sich wiederum schroff, fast 6000 Fuß über dem Meere das gewaltige Hochland, das von den Kar- roostuscn am Kap terrassenartig sich aufthürmt, als eine zusammenhängende unermeßliche Platte, im Osten und Westen gleichförmig steil gegen das Meer abstürzt, und auch gegen Norden ohne ausgezeichnete kulturfähige Stn- senläudcr zur Wüste sich senkt. Dieses unwirthliche Hoch land bildet ein Dreieck, das nur an seinen drei Spitzen ein regeres Leben zeigt; unten im Süden das Kapland, auf dem einen Flügel die Alpenlandschaft des Kong- Gebirges mit den Stufenländern des Senegal, Gambia und Niger, auf dem andern die Alpenlandschaft des Moudgcbirgcs mit den Stufenländern des Nil. Bei so ungünstiger Gestaltung der Oberfläche konnten sich keine großen Wasscrsystcme entwickeln, wie cs in Asien und Amerika der Fall ist. Afrika ist wasserarm; manche sei ner Flüsse vertrocknen auf längere Zeit, oder verlieren sich, wie der Oranje, bei ihrem Ausfluß im Sande, oder sind wieder so reißend und Wasserfälle bildend, daß sie die Beschiffung unmöglich machen. Alles ist heftig und gewaltsam, und wie die Heftige kcit der Vegetation fast das Wachsen der Pflanzen sicht bar macht, so gibt cs hier auch die größten Kolosse unter den Gewächsen. Die Adansonie, auch Boabab oder Affenbrotbanm genannt, ist der Elephant der Ge-Afrika. 9 wachse; ihr Stamm übertrifft vielleicht alle Baumarten a>l Stärke, und nur die australischen Eucalypten (Bgl. Theil I.) können mit ihr wetteifern. Denn der Stamm des Boabab hat einen Umfang von 80 bis 82 Fuß, und eine Krone von 130 Fuß im Durchschnitt. Die Waldungen strotzen von unzählbaren Gattungen der feurigsten Gewürze, der nahrhaftesten Früchte und der schönsten Farbhölzer. Der Schih oder Butterbaum im westlichen Binneulande ersetzt die fehlende Thierbutter so gut, daß man diese Pflanzenbutter fast nicht von der unsrigen zu unterscheiden vermag. Alle Arten von Pal- Aen, Pisang, Ananas, Tamarinden, Feigen, die nahr hafte Kassave, auö deren Wurzel Brot geröstet wird, die Manglcbäume, deren jeder in einem fruchtbaren Boden wieder einen kleinen Wald um sich bildet, gleich den asiatischen Banianen, gedeihen in den fruchtbaren Erd strichen zu besonderer Vollkommenheit. Im Innern der Gebirge finden sich die kostbarsten Steine und Metalle, und im Sand der meisten Flüsse wird Goldstanb ge funden. Was aber Afrika vor Asien und Amerika vor aus hat, ist der Reichthum des Thierreichs an mannig faltigen Formen, namentlich unter den Vierfüßern. Auch hier finden sich die unförmlichsten Kolosse; das plumpe Flußpferd ist nur in Afrika zu Hause. Wer könnte die Thierformen alle herzählen! Du wirst, mein lieber Leser, uicht wenigen in den folgenden Lebensbildern begegnen, von der grausamen Hyäne bis zum wohlthätigen Ibis. Wie zwei auffallende Gegensätze der Pflanzenwelt Afrika's aigenthümlich sind, nämlich die dickstämmigen Affeubrot- stäume und die schlanken leuchterartigen Aloegewächse, fa stehen sich auch im afrikanischen Thierreich das NN-10 Äftika. förmlich plumpe Flußpferd und die schlanke langhalsige Giraffe gegenüber. Was endlich die Menschen betrifft, so ist der schwarze Neger der Kernstamm von Afrika'S eingeborncr Bevöl kerung, und Sudan mit Nigritien sein Wiegenland. Der Blick auf diese schwarzhäutigen Menschen ist aber kein erfreulicher. Nicht zu gedenken der Tausende, die bis jetzt alljährlich in die Sklaverei geschleppt wurden, rei ben sich die kräftigeren Stämme untereinander selbst auf in Kriegen und Menschenopfern. Wohl ein begabtes Volk sind die Ashantis, aber wie roh und grausam, wie so abgestumpft für die edlere Menschlichkeit! Andere Schwarze sind wieder so stumpfsinnig, > so schwach und träge, daß man an ihrer Bildnugsfähigkeit verzweifeln mochte. Du wirst eine Reihe von Negerstämmen kennen lernen ans dem Westen und Osten und ans der Mitte des Erdtheils, so weit kühne Reisende bis jetzt vorge drungen sind. Im Süden wohnen die kleinen Busch- männer, die starken Hottentotten und grausamen Kafscrn, welche den Kolonisten so viel zu schaffen machen. Bei diesen Völkern zeigt sich schon der Uebergänz zur ma- lavischen Race und eine schmutzig gelbe Hautfarbe. Auch an der Ostküste mildern sich die Farben und Gesichts züge der Völker. Die Abysflnier sind ein arabisch äthiopischer Stamm; von ihnen stammen die schon stark mit Negerblut vermischten Nubier. Auch die Acgypticr sind wahrscheinlich Mischlinge indischer Einwanderer. Die Berbern (in der Berberei oder den Barbareskcn- staaten) sind Nachkommen jener alten Numidier und Karthager, mit denen Griechen, Römer und Vandalen sich vermischten. Die Mauren, welche die Sahara und den Sudan bis an den Senegal durchschwärmen, studAfrika. 11 c üte arabische Spielart. Während am Ostende das Feuer des Islam fast erloschen ist und religiöse Mat tigkeit mehr und mehr hervortritt, glühen diese äußersten Westenden in Afrika noch von dem heißesten Fanatis- mus. Das müssen die Franzosen zu ihrem Schrecken auch hei den Kabylen in Algier erfahren. Daö Christenthnm hat noch wenig festen Fuß in Afrika gewonnen, und wie sollte es anders seyn, da die Natur selber gegen alle höhere Bildung ankämpst! Wohl war es bei den Kopten (in Aegypten) und bei den Abhssiniern vor alten Zeiten heimisch, ist aber jetzt so entartet, daß eö keinen Einfluß auf das Leben übt. Wo früher der Islam und das Christenthum zusammenge troffen, behielt jener meist die Oberhand. Jetzt sind wieder die Anstrengungen der Christen groß, den Segen ihres Glaubens dein finstern Afrika zu bringen, nament lich das Kapland und die Negerländer der Westküste find an vielen Punkten von Missionaren besetzt, im Kap land aber hat der Krieg und an der Goldküste das dem Europäer tödtliche Klima noch keine großen Erfolge erstehen lassen. Die Hauptmasse der afrikanischen Völker ist einem fratzenhaften Götzendienste ergeben, die Ungeheuer der Lüfte, des Meeres und der Erde sind die Bilder für die Gottheit, Zauberei und Fetischdienst stehen noch in voller Blüthe. So hell und grell das irdische Licht, so finster ist das Licht des Geistes und der Seele bei den afrikanischen Menschen.12 Erster Abschnitt. Ausflüge in die Umgegend von Konstantine.*) Während der ersten vierzehn Tage nach meiner An kunft hatte ich die Stadt nach allen Richtungen durch streift; keine Lokalmerkwürdigkeit blieb unbctrachtet, keine alte Inschrift ungelesen. In Konstantine lebte ein alter genncsischer Kaufmann, Herr Paolo di Palma, der erste europäische Einwohner dieser Stadt, und der einzige, den die verschiedenen Bey's nicht nur duldeten, sondern sogar unter ihren besonderen Schutz nahmen, da erden Markt mit europäischen Maaren versah. Dieser 72jäh- rigc, noch frische und lebenskräftige Greis bewohnt die Stadt schon seit mehr als 32 Jahren, und ich durste mich glücklich preisen, einen solchen Cicerone gefunden zu habe». Baba Paolo, wie er allgemein von den Ein heimischen genannt wird, ist nicht allein innerhalb der Stadtmauern, sondern auch bei allen Araberstämmen ans 20 Meilen in der Runde wohlbekannt und geachtet, und ich freute mich ungemein auf meinen ersten Ausflug, den ich in einigen Tagen in seiner Gesellschaft nach einem 15 Meilen nordostwärts von Konstantine, zwischen der Straße von Philippeville und dem alten Wege nach Bona gelegenen Duar machen sollte. *) Von Karl Zill (Ausland 1849, 39.)Ausflüge in die Umgegend vcm Aoilflautinc. 13 Unterdessen machte ich einen Gang nach dem die Stadt rings umziehenden Abgrund, über welchem ich zwar keine Kraniche, wie das „Handbuch für Reisende in Algerien" von Richard sehr naiv berichtet, wohl aber ungebeure Geier (Yullur fulvus) und goldbrüstige Läm mergeier (Gypsaiitus barbatus meridionalis) schweben sah, während die Tiefe mit Schwärmen krächzender Dohlen und flüchtiger Tauben (Columbia livia) erfüllt war. Dann erstieg ich die Felsen von Sidi-Merid, wo mich die herrlichste Aussicht für die kleine Anstrengung reichlich belohnte. Zu meinen Füßen die alte Hauptstadt der Numiden; gegen Nordwesten der Weg nach Milah und bas prächtige Bild der Kabylcnberge; gegen Westen der hohe mit einem Marabut gekrönte Djcbel - Kaghara, flogen Süden die Straße nach der Wüste und gegen Osten der Weg nach Bona. Auf dem Rückwege wagte ich mich in einen kleinen aus sechs Zelten bestehenden Duar, wo ich von einem Dutzend bissiger Hunde aus bas Unhöflichste, empfangen wurde. Die Bewohner des kleinen Dnars suchten in wahrscheinlich sehr verbindlichen Worten ein Gespräch mit mir anzuknüpfen; allein da zu einer Unterhaltung wenigstens zwei sprechende Per sonen von beiden Seiten erforderlich sind, und ich aus triftigen Gründen ein hartnäckiges Stillschweigen beob achtete: so begnügten sie sich, mir aus vollem Halse in'S Gesicht zu lachen, und ich trat, für dich Mal befriedigt, meinen Rückzug an, den ich, meiner bellenden rauhhaa rigen Widersacher wegen nicht ohne Schwierigkeit be werkstelligte. Ich kam äußerst zufrieden mit meiner ersten Entdeckungsreise nach meiner Wohnung zurück; ^uf Sidi-Merid hatte ich einen unvergleichlichen Ort ge sunden zum Anstand auf die Lämmergeier, welche den14 Ausflüge in die Umgegend ganzen Tag die Fclsenfpitze umkreisen. Der ganze zer klüftete Berg hegt eine Menge von Füchsen und Scha kals, denen ich alsobald den Krieg erklärte, mit dem festen Entschluß, nächster Tage einige davon durch Meister Waldmann, meinen kleinen krummbeinigen Landsmann, aus ihren Schlupfwinkeln herauszujagen. Ich habe seit dem mehrere dieser Thiere getödtet: der Schakal ist der gewöhnliche „Goldwols," von seiner goldgelben mit Grau vermischten Farbe so genannt, aber bei weitem nicht so groß als ein Wolf, sondern dem Fuchse ähnlich, von welchem er sich jedoch durch kürzeren Kops und stumpfere Nase, wie auch durch etwas längere Beine unterscheidet. Der Fuchs ist in Konstantine bedeutend kleiner als der unsrige, und es gibt in Deutschland Hasen, die gewiß größer und schwerer sind, als der nordafrikänische Fuchs. Dagegen sind die hiesigen Ha sen gleichfalls um ein Drittel kleiner, als die deutschen, wodurch das gestörte Verhältniß zwischen den beiden „guten Freunden" wieder hergestellt wird. Es war ein schöner Novembermorgen, als ich mit meinen beiden Freunden Paolo und Delacroix und dem arabischen Diener des letzter», Mohammed, die längst besprochene Fahrt nach El-Gharsen antrat, wo Sidi- Hamuda,, der ehemalige Kaidar von Konstantine, einen Duar nebst einem kleinen Landhaus besaß, wohin er uns eingeladen hatte. Die Gegend hatte noch den eigcn- thümlichen Reiz, den ihr hier der Spätherbst verleiht; die Tristen prangten in frischem Grün, freundliche Rin- gelblümchen sproßten am Wege, und breite Acanthus- blätter bekleideten auf's Neue die während des Som mers von der glühenden Hitze versengten Räume z"^ scheu den knorrigen Stämmen der Kaktusfeigen. Menschenvon Konstantine. 15 und Thiere fühlten den Einfluß des lieblichen Morgens, Delacroix spornte sein milchiges Pferd zu kühnen Lufl- sprüngen an; unsere Maulthiere gingen ihren flinksten Paß; Mohammed schmauchte mit ernstem Wohlbehagen seine Morgenpseifc, und Tschenko, Paolo's stattlicher Hühner hund, sprang unter den mannigfachsten Komplimenten in die Wette mit meiner koketten Germanierin Flora, zum großen Verdruß seiner grämlichen Gattin Dido. Auf dem Anger von Sidi-Mabruk weidete die Vieh heerde des Militärparkes, worunter sich ein schönes, junges Kamecl befand, auf das meine Begleiter zurit ten, um cs in der Nähe zu betrachten. Ich wollte ein Gleiches thun, allein mein Esel, von Geburt ein Kabyle, der erst seit Kurzem seine heimischen Berge verlassen Und vielleicht noch niemals ein solches Monstrum ge sehen hatte, fuhr wie vom Blitz getroffen zurück, und als ich ihn dennoch vorwärts nöthigen wollte, drehte er sich schnaubend und hinten und vorn ausschlageud wie ein Kreisel um sich selbst herum, und er würde mich gewiß abgeworscn haben, wenn ich ihm nicht Mit tel zur schleunigsten Flucht gelassen hätte. Ich ließ ihm den Zügel schießen, und das Entsetzen beflügelte seinen Laus; deßwcgen war ich aber noch nicht aus der Verlegenheit, denn das muthwillige Kameel, dem die Feigheit meines laugöhrigcn Kleppers den höchsten Spaß wachte, trabte hartnäckig und tiefbrummend hintendrein. Ich riß meinen Geängstigten rechts, ich riß ihn links herum, allein vergebens — immer das schadenfrohe Un- gethüm uns aus der Ferse! Schon begann ich für mich kincn tragischen Ansgang dieser Hetze zu befürchten, uls glücklicherweise eine große Snmpflache das Thier t'on seiner Verfolgung abzustehen bewog. Für meine16 Ausflüge in die Umgegend Begleiter gab dieses Schauspiel, worin ich eine so kläg liche Nolle spielte, einen königlichen Spaß ab, und noch lauge nachher hatte ich ihre Neckereien zu erdulden. Unser Weg führte uns geraume Zeit über trockene, mit rauhem Gras bedeckte Anhöhen, worauf nur selten ein verkrüppelter Weißdorn zu sehen war; zwei der selben, die fast baumartig Heraugewachsen waren, standen am Wege, und waren über und über mit wollenen und baumwollenen Läppchen behängen. Paolo erklärte mir, daß diese Bäume irgend einem muselmännischen Heili gen, der in der Gegend besonders verehrt wird, geweiht seien, und daß jeder vorübergehende Gläubige einen Fetzen seiner Kleidung daran aufhinge, um demselben seine Ehrfurcht zu beweisen; daß in besonderen Fällen manchmal Wachslichter zwischen die Aeste befestigt oder bunte Tücher an die Zweige gehängt würden, ohne daß man je, trotz dem angebornen Hange- zum Stehlen bei den Arabern, von der Entwendung solcher Opfergabcn gehört hätte. Von Zeit zu Zeit zogen wir an großen am Weg aufgcschichtetcn Steinhaufen vorüber, von welchen jeder einen Ort bezeichnet, wo einst ein Mord verübt wurde. Jeder Vorübergehende trägt zur Bildung und Erhaltung eines solchen Denkmals bei, indem er jedes Mal einen Stein auf die Unglücksstelle wirft. Da noch heute, un geachtet der strengen französischen Gerechtigkeitspflege, Mord und Straßenraub eben keine Seltenheiten sind, um wie viel öfter mußten solche Verbrechen Vorkommen, zu einer Zeit, wo man die Erlassung einer Blutschuld mit einigen Dnros erkaufen konnte. Wir waren unterwegs oft abgestiegen, um unsere Jagdlnst zu befriedigen, obgleich wir uns vorgenommcnvon LonNnittiiie. 17 hatte», »ns nirgends aufzuhalten; allein ich möchte den Jäger scheu, der hier zu widerstehen vermocht hätte! Jeden Augenblick prrr! — zwei, sechs, zwanzig Roth- hühner aus dem hohen Gras heraus! und dann polterte bald hier ein erschrockener Hase davon, bald schlich sich dort ein vorsichtiges Füchslein durch die Felsen fort, oder setzte sich ein dreisterer Schakal auf 100 Schritte von uns entfernt auf einen Erdhügel. Die Hunde fuhren wie verrückt im Gestrüpp umher; meine sonst so feste Flora begann allerlei dummes Zeug zu machen und ihr Herr machte es nicht besser, denn die ersten Schüsse gingen alle nlls Blaue. Dennoch hatten wir in kurzer Zeit, ohne regelmäßig zu jagen, über zwei Dutzend Hühner und zwei Hasen erlegt, und da wir von der Schwachheit der Jäger, ihre Empfindungen in mehr vdcr minder melodischen Tönen zu äußern, keineswegs frei waren, so erschallte bald ein grausenhaftes Quartett mit arabischem, italienischem, französischem und deut schem Text. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir ein wild romantisches von bewaldeten Bergen umschlossenes Thal; Zwischen grünen Weideplätzen zogen sich frisch gepflügte Felder hin, mehrere sehr betretene Seitenpfade deuteten Uns die Nähe eines Dnars, während hohe aus dem Wald aufsteigeude Rauchsäulen die an den Bcrghängen Zerstreuten Köhlerhütten vcrricthcn. An einem sanft an steigenden Hügel stand ein freundliches, von schwarzen Zypressen und immergrünen Orangen- und Citrvncn- bäuincn beschattetes Landhaus. Wir waren am Ziel unserer Reise; das Thal war El-Gharscn und das Haus die Wohnung Hamuda'.s. Der Hufschlag unserer Thiere hatte unsere Ankunft Grube, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.) 218 Ausflüge in die Umgegend verkündet; mehrere Diener erschienen mit Wachskerzen; die einen nahmen unsere Waffen und unser Gepäck in Empfang, andere führten unsere Klepper in die Stal lungen des Erdgeschosses. Eine enge Wendeltreppe brachte uns in eine von mehreren Säulen getragene Gallerte, wo ein Dutzend Araber in schmutzigen Bur nussen um ein in einer Ecke angezündetes Feuer hcrum- gelagert waren. Eine kleine Doppelthür öffnete sich, und heraustrat Hamuda, unser Gastfreund, ein schöner Mann von hohem Wuchs, in die reiche Tracht der vor nehmen Mauren von Konstantine gekleidet. Er hieß uns mit freundlichem Anstande willkommen in seinem Hause, bat uns einzutreten und cs uns so bequem zu machen als möglich; er bediente sich dabei der französi schen Sprache, in welcher er sich geläufig ausdrückte. Seine Unterhaltung war angenehm; er war längere Zeit in Paris gewesen, wo seine fremdartige Tracht wie seine männliche Schönheit großes Aufsehen gemacht hatten. Vater Paolo hatte Seefische mitgebracht, die er als alter Seemann vortrefflich zuzubereiten wußte; die Küche Hamuda's liefert einen meisterhaften Kuskussu mit jun gen Hahnen. Honig, Butter, Orangen und späte Kak- tnsfcigen machten den Nachtisch aus. Die beste Laune würzte das Mahl; Jagdgeschichten wechselten mit Er zählungen auö der guten alten Zeit, in deren Rückcrin- nerung Paolo und Hantuda schwelgten. Hier eine dieser Geschichten zur Probe: „Es war zur Zeit der Regierung des Bcy Achmct- el-Mamcluk, als ein ungeheurer Löwe die Hcerden des Stammes der Bcni-K'tid heimsuchte; jede Nacht wurde ein Rind erwürgt, und die ganze Nacht hindurch »mi? tcn Feuer zum Schutz der Zelte unterhalten werde».3 * von Konstantine. 19 In dieser Noch wendete sich der Stamm an den Bey von Konstantine mit der Bitte, ihm seinen Diener Ali zu senden, der trotz seines hohen Alters als kühner Jäger iil hohem Rufe stand. Ali erschien, mit seiner Flinte und seinem Uatagan bewaffnet, ließ sich den Ort zeigen, wo sich der Löwe täglich um dieselbe Stunde blicken ließ, setzte sich daselbst unter einer Korkeiche und erwartete ruhig die Ankunst seines Gegners. Währen- dieser Zeit war im Duar Alles in banger Erwartung; Niemand hatte beim Anblick des gebückten Greises Glau ben an den glücklichen Ausgang seines Wagestücks. Eine Viertelstunde um die andere verstrich, die Unruhe war auf's Höchste gestiegen und man begann das Schlimmste zu befürchten, aber Keiner hätte sich hinausgewagt, um sich von dem Stande der Dinge zu unterrichten. End lich fiel ein Schuß; bald darauf kam der Alte nach dem Duar zurück; auf seinem Gesichte sah man keine Spur von Bewegung und ruhig befahl er den Männern, mit zwei Maulthieren nach der Wahlstatt zu gehen, um das erlegte Raubthicr hereinzuholen. Die ganze Bevölke rung stürzte hinaus. Der Löwe ward im Triumph in den Duar gebracht, und sogleich machten sich eine Menge flinker Hände an's Werk, um demselben die Haut ab zustreifen. Deö Frohlockens und Jnbelns mar kein Ende, aber Niemand dachte an den armen Alten, der stumm und in sich gekehrt in einiger Entfernung seine Pfeife tauchte, als wenn ihn die ganze Begebenheit nichts an ginge. Erst nachdem sich der Enthusiasmus etwas ge legt hatte, fiel cö dem Scheich des Stammes ein, daß der alte Jäger seit seiner Ankunft noch keinen Bissen genossen hatte, und er befahl, einen Hahn zu schlachten, was aber der alte Mann ausschlug, indem er sagte, daß20 Äusflügc in die Umgegend er Lebensmittel mitgebracht habe und nur auf die Löwen--' haut warte, die er seinem Herrn zum Geschenk machen wolle, um seinen Rückweg nach Constantinc anzutreten. Und wirklich schwang er sich alsbald auf sein Pferd und ritt davon, ohne auch nur das Mindeste angenommen zu haben. „Gleich nach seiner Ankunft zu Konstantine begab er sich zu dem Bey, dem er die Haut des Löwen als Siegeszeichen zu Fußen legte und ihn dann um Er- laubniß bat, sich zurückziehen zu dürfen. „Nicht also," sprach dieser, „erzähle mir dein Abenteuer mit demLöwen, und zeige mir das Geschenk, das dir die Beni-K'tid zum Zeichen ihrer Erkenntlichkeit gemacht haben." „Effendi," erwiederte der Alte, „erlaube mir nach Haust zu gehen, denn ich habe beinahe zwei Tage gefastet und sterbe vor Hunger und Müdigkeit. Die Beni-K'tid glaubten die Dissa sparen zu können, da sie mich schon zum Voraus für eine Beute des Löwen hielten; den Hahn, den sic mir nach Erlegung des Unthiers schlach- ten wollten, glaubte ich nicht annehmen zu dürfen, da der Gebrauch erheischt, daß man den Abgesandten des mächtigen Bey ein Kalb zur Dissa (Belohnung) schlachte. Die Beni-K'tid sind Hunde und sollten eher Beni-Jhvdi (Jndensöhne) heißen." „Da ergrimmte der Bey und ließ sogleich dreihundert Reiter auffitzen, mit dem Befehl, den Beni-K'tid einen achttägigen Besuch zu machen, sich dort während dieser Zeit nichts abgehen zu lassen und die Rinder zu ver zehren, welche der Löwe übrig gelassen habe. Zum Ab schied sollten sie noch 15,000 Bndschus als Strafgeld für das Beylik (die Herrschaft) und 5000 BudschuS als Schußgeld für den alten Ali erheben.von Konstantine. 21 „Die Araber verwünschten den Löwen, den Jäger 'lammt dem Bey, aber sic zahlten und das war die Hauptsache. Seitdem sollen sie sehr höfliche zuvorkom mende Leute geworden seyn." Diese Erzählung brachte natürlich die Rede ans die einheimischen großen Raubthiere. Hamuda berichtete uns darüber Folgendes: „Die Hyäne ist ziemlich häufig, wird aber gar nicht gefürchtet, da ste sehr feig ist; sie thut auch den Heer- den wenig Schaden, da sie sich ausschließlich von Aas nährt, und von Hunger getrieben nur dann raubt, wenn es sich mit ihrer Sicherheit verträgt. Der Panther N'ird hie und da einzeln angetroffen; er liegt gern in sumpfigen Schluchten, die mit hohem Schilf und Far nkraut bewachsen sind, und geht des Nachts seinem Raube nach, der ihm auch nicht mangelt, bei dem Uebcr- flnß an wilden Schweinen; er reißt nur dann ein Hai» Hier nieder, wenn ihm dieses durch Zufall in den Weg kommt. So hatte vor 14 Tagen ein Panther einen Esel zerrissen, der sich verloren hatte, und wahrschein lich nach einer Quelle am Saum des Dickichts, worin das Raubthier sich versteckt hielt, zur Tränke gegangen war. , „Vor vier Jahren ward eine Löwin erlegt, die das Schrecken der Thalbewohner war. Man hatte Fallgru ben gegraben, allein sie wollte sich nicht darin fangen. Endlich brachte man auf vier nahe beisammen stehenden Bäumen vermittelst Querstangen eine Art von Gerüst an, worauf fünf Männer bequem Raum hatten; in einiger Entfernung davon wurde eine Ziege an fest in die Erde gerammten Pfählen mit starken Stricken be festigt, und gegen Abend erstiegen fünf der besten Jä- fier ihren lustigen Posten.22 Ausflüge in die Umgegend „Es war Heller Mondschein; die Jäger saßen fiumitv mit spähendem Blick und lauschendem Ohr. Die Ziege wurde unruhig und stieß ein klägliches Geschrei ans, aber noch immer sah und hörte man keine Löwin. Auf einmal machte einer der Männer eine zuckende Bewe gung, allein sich sogleich wieder fassend, reckte er lang sam seinen Arm aus und Aller Blicke folgten der gege benen Richtung. Die Löwin war, ohne sich wie ge wöhnlich durch ihr markerschütterndes Brüllen anzukün digen, ganz still heran gekommen, und dort lag, sie, in einer Entfernung von etwa 15 Schritten, wie eine Katze an die Erde gedrückt. Die Araber rührten sich nicht, denn sie waren übereingekommen, den Augenblick abzu- warten, wo die Löwin die Ziege ergreifen würde, uni dann zusammen Feuer zu geben. Allein Plötzlich that das Thier einen ungeheuren Sprung, und wie ein brau sender Sturmwind riß sie Ziege, Pfähle und Stricke mit sich fort. Die verblüfften Jäger hatten den Augen blick verpaßt, sie warteten noch eine Weile und gewan nen dann ihre Zelte wieder, voll Verdruß über die ent schlüpfte Beute. „Die folgende Nacht aber waren sie wieder auf ihrem Posten, allein sie harrten vergebens, die Löwin kam nicht. Erst am dritten Abend kündigte ein donncrähn- liches Gebrüll, das sich anfangs in der Ferne, dann immer näher und näher hören ließ, das ungeduldig er wartete Raubthier an. Dießmal aber warteten die ge witzigten Jäger den Sprung nicht ab; sobald das Thier auf Schußweite herangekommen war, ward es von fünf Schüssen niedergestreckt; dumpf brüllend wälzte eS sick in seinem Blute, biß sich mit Wuth in den zerschmetter ten Hinterschenkel und blieb endlich liegen, um sich nichtvon Konstaiitinc. 23T mehr zu erheben. Noch einmal wurde ans Vorsicht ein Pelvtonfeuer auf dasselbe gegeben, dann stiegen die Ent zückten von ihrem Standort herab, um dem Duar ihren Triumph zu verkündigen. Am folgenden Morgen zog. Jung und Alt hinaus, um die todte Löwin zu sehen, die Haut derselben ward Scheich Hamuda, als demEigen- thümer des Duars, verehrt und liegt jetzt als Fußtep pich in seinem Schlafzimmer. Seit dieser Zeit ließ sich kein Löwe mehr in der Umgegend sehen, höchstens ein verirrter oder vertriebener, die nicht viel von sich schauen lassen." Da cs schon spat war und wir am andern Morgen mit dem Frühesten aufbrcchen wollten, um uns nach den Hühnern, Schnepfen und Hasen umzusehen, so wünschten wir uns wechselseitig gute Nacht, hüllten uns in unsere Burnusse und suchten auf den Teppichen, die man auf dem Fußboden ausgebrcitet hatte, so gut es gehen wollte den Schlaf, was mir als Neuling schlecht gelang, da ich eine Matratze gar sehr vermißte und alle meine Nippen fühlte auf der durchaus harten Unterlage. Um 5 Uhr Morgens war Alles auf den Beinen; um 6 Uhr waren wir schon unterwegs nach den Ber gen, wo Paolo eine Menge Schnepfen anzutreffen hoffte; Mohammed folgte mit Mundvorrath und einem kleinen Kessel für unsere Feldküche. Gleich hinter dem Hause gab es schon Hühner in Menge, allein cs wurde nicht abgestiegcn, und wir begnügten nns vom Pferde herab auf Alles zu schießen, was schnßgerecht kam. Paolo brannte vor Begierde, sein Lieblingswildpret, die Schne pfen, zu jagen, ich aber freute mich auf-die seltenen Vögel der Waldregion. Ein gellender, regelmäßig wiederholter Pfiff, dem-24 ÄUsMgc in die Umgrgend jenigen des Goldregcnpfcifers nicht unähnlich, hatte mich schon lange aufmerksam gemacht; ich eilte nach der Rich tung hin, von welcher der Laut zu kommen schien, und auf eurer Anhöhe angclangt, entdeckte ich endlich den Vogel mit dem fremdartigen Gesang. Es war ein pflü gender Araber, der seine Ochsen auf morgenländische Art mit einer zugespitzten Stange antrieb und dabei den Laut vernehmen ließ, der meine Aufmerksamkeit rege ge macht hatte. Sein Pflug war sehr einfach und ich bin geneigt zu glauben, daß derselbe wenig oder gar nicht von dem Pfluge der Alten abweicht. Er bestand aus einem krumm gewachsenen Aste, dessen dünnes Ende als Handhabe diente, an dessen dickem Theile aber die Pflng- schaar befestigt war. Das Joch der Zugthiere war nicht minder einfach; es bestand bloß aus einem quer über ihren Nacken befestigten starken Prügel, an dessen bei den Enden die Zugstränge festgebnuden waren. Das Getreide wird zuerst gesäet und dann leicht unterge- pflügt; von Dünger ist keine Rede, denn die Sonne mit den Winterregen thun das ihrige. Wir hatten bis gegen Mittag gejagt und beschlossen einen Halt zu machen, um Anstalten zu treffen, unsere ungestüm pochenden Mägen zu befriedigen. Mohammed brachte seinen, von Wildpret strotzenden Qucrsack; der Umsichtige hatte, während wir jagten, einige Rvthhühucr gerupft, die bald lustig im Kessel prasselten, während Paolo einen Hasen au einem improvisirtcn Spieße briet. Das Jägermahl war herrlich und den Schluß machte ein wohlthätiger Kaffee, mit der obligaten Begleitung von einem halben Dutzend Pfeifen. Paolo, der Schnepfeutödter, gab das Zeichen zum Aufbruch, immer weiter ging's in's Waldgebirg, mvon jUnßantinc 25 welchem der Knall unserer Gewehre von Thal zu Thal wiederhallte. Hier und da trafen wir aus Hirten oder Kohlenbrenner, die uns mit Ungestümm um Pulver und Blei anbettelten, aber nichts erhielten. Diese Leutchen scheinen, trotz ihrer Armnth, ein sehr zufriedenes Leben zu führen; eine Handvoll saures Korn und ein Trnnk, den sie mit einem dütenartig zusammengerollten Blatt der Meerzwiebel (Scylla maritima) ans der nächsten be sten Quelle schöpfen, ist hinreichend ihren Appetit bis zur Stunde des Abend-Knskussn zu beschwichtigen. Auch verhindert sie die Abgeschiedenheit, zu der ihr Be ruf sie zwingt, keineswegs an wechselseitigen Mitthci- lungen, denn kein Volk ist geschickter als die Araber, auf eine halbe Stunde Wegs von einem Berggipfel zum andern der Unterhaltung zu pflegen, und ich hatte oft Gelegenheit, die Vortrefflichkeit ihrer Lungen zu be wundern. Die Jagd hatte den ganzen Tag gedauert und die Sonne begann sich zu neigen, als wir in einem kleinen Thale zusammentrasen, in welchem einige von Kaktus- pflanze» umgebene Hütten standen. Jeder von uns hatte Ursache, mit seiner Jagd zufrieden zu scyn, denn wir hatten unter den Hasen, Hühnern und Schnepfen ein schreckliches Blutbad angerichtet. Die Naturge schichte war auch nicht leer ansgegange»; ich hatte cin Ichneumon (Herpesles Ichneumon) und mehrere Vögel unter andern den schönen gehaubten Würger (Lanius cucullalus) und den dunkeln Drößling (Ixos obscurus) erlegt. Die Gesammtbente des Tages wurde auf Mo- hamed's Maulthier gepackt, und der Rückmarsch zum Nachtquartier angetreten. Wir hatten noch ungefähr zwei Meilen bis zu un-26 Äusflüge in !>ic Umgegend ferer Herberge und sputeten uns weiter zu kommen; bald waren wir aus der Waldgegend heraus und nä herten uns den steilen Ufern eines Baches, über den wir setzen mußten. Da glaubte Delacroix zwei weiße Gestalten hinter einen Felsenvorsprung gleiten zu sehen und machte die Gesellschaft darauf aufmerksam. In einem Nu war Alles schnßfertig, Paolo spornte sein Thier zu zwei gewaltigen Sprüngen vorwärts, indem er mit drohender Stimme in arabischer Sprache aus- rics: „Was habt ihr zu dieser Stunde hier zu thun. ihr Diebe! Schießt die Hunde nieder!" Und blitzschnell kollerten zwei Gestalten den Abhang hinab und ver schwanden im Dickicht der Schlucht. Paolo blieb am diesseitigen Ufer, bis wir alle hinüber waren, da nach seiner Meinung das Sprüchwort: „die Nacht ist keines Menschen Freund" besonders in diesem Lande eine Wahr heit ist, wo man stets ans der Hut sehn muß. Endlich erblickten wir in mäßiger Entfernung ein Licht, dessen erfreulicher Schein uns das gastfreundliche Dach Hamuda's verkündigte, dessen Wohnung wir in einer halben Stunde erreichten, zur großen Beruhigung unseres Gastfreundes, der schon um uns besorgt worden war. Nach gethaner Arbeit schmeckte die Ruhe vortreff lich , und ich vergaß dicßmal ganz den harten Teppich. Am folgenden Morgen besuchten wir die Kohlen meiler ans den Besitzungen Hamuda's. Die Kohlcube- rcitung ist nicht verschieden von der in Europa üblichen; wohl aber gibt es in der Provinz Konstantine »och viele Köhler, die das Holz abhaue» und verkohlen, wo und wann es ihnen beliebt. Auf dem Rückweg kamen wir durch zwei von den Ghanies und Felhas von El-Gharsen bewohnten Duars. Diese Duars bestehen thcils ausvon Konstantine. 27 Zelten, theils ans Hütten (Gurbics), die einen KreiS bilden, worin die Hcerden übernachten; das Leibroß, die Füllen und die jungen Kälber wohnen mit ihren Herren in demselben Zelte, das zugleich Wohnung, Küche, Vor- rathskammcr und Stall ist. Die zahlreichen halbwilden, zum Schutz des Duars gehaltenen Hunde werden nie gefüttert, sie zehren das gefallene Vieh auf und nähren sich in der Zwischenzeit kümmerlich vom Gewürm, von Eidechsen, Heuschrecken und frischem Pfcrdcmist. Den ganzen Sommer sehen sie ans wie die theure Zeit, aber der Spätherbst und Winter ist ihr Freund, da in dieser nassen Jahreszeit eine Menge Vieh abstirbt, der rauhen Witterung wie des schlechten Futters willen. Im Duar sahen wir nur die Weiber arbeiten; die einen woben grobe Zeuge zu Zelten und Tragsäcken, andere setzten die Handmühle in Bewegung, wieder andere schleppten Lasten Holz und volle Wasserschläuche herbei, während ihre Eheherren den ganzen Tag auf der faulen Haut lagen. Die Männer arbeiten überhaupt unr zur Zeit des Pflügcns und der Ernte, sie reiten mitunter ans den Markt, aber alle übrigen Arbeiten sind dem schönen Geschlecht überlassen, das nur in der ersten Jngendblüthe der Gegenstand einiger Aufmerksam keit von Seiten seiner Tyrannen ist. Die Ackerbau und Viehzucht treibenden Araber, die nicht selbst Eigenthum besitzen, sind entweder Ghamcs oder Felhas. Elftere bauen das Land um den fünften Theil des Ertrages, der Eigenthümer liefert ihnen die Saatfrucht, den Pflug und das Zugvieh, wofür sie die Aussaat und Ernte, das Austreten des Getraides durch Pferde oder Maulthiere, die Anfertigung der unterirdi schen Behälter und die Aufschichtung des Strohes zu28 Äusstügc in dic Umgegend besorge» haben. Die Fclhas haben das von ihnen ge- baucte Land in Pacht und zahlen dafür dem Eigcn- thümer die Tuisa, den herkömmlichen Zins, nämlich: 1) Sieben Dueros (35 Franken) für die Gebda (das Stück Land, das mit einem Pfluge bearbeitet werden kann); 2) vier Arbeitstage während der Saatzeit; 3) acht Tage während der Ernte; 4) den Transport der Ernte mit drei Lastthieren; 5) das Austrcten des Ge- traidcö, wofür jeder Felha täglich ein Maulthier liefert; 6) die Lieferung von einer Maulthierlast Holz, einem Lamm, einem Huhn und zehn Eiern. Dazu haben die Felhas noch die Abgaben an die Regierung zu zahlen, den sogenannten Absur, der aus acht Scheffel Waizcn, eben so viel Gerste und einer Maulthicrlast Stroh für jede Gebda besteht. — Auf den Abend wurden Vorkehrungen zur Abreise getroffen, und am folgenden Morgen früh, nachdem wir von unserem freundlichen Wirthe Abschied genommen, traten wir unser» Rückzug an. Am Ausgange des Tha- les von El-Gharscn trafen wir auf zwei Araber, die beschäftigt waren, Rothhühner aus den Schlingen zu nehmen, worin die Vogel sich am Morgen gefangen hatten. Die Vorrichtung war sehr einfach: ein kleiner Zaun von Dornsträuchern umschloß einen Raum von etwa 100 Quadratfuß; in dieser Umzäunung befanden sich zu 3 bis 4 Fuß entfernt kleine Lücken, in deren jeder zwei Schlingen aus Pferdchaar befestigt waren, ans dieselbe Art, wie wir sie in unserem Dohnenstieg aufhängen. Früh Morgens vor Tagesanbruch stellen die Araber einen Käfig mit einem gezähmten Rothhnhn- männchcn in den Kreis, auf den Ruf des Vogels kom men die Hühner herbeigerannt und fangen sich leicht intion Aonstaniinc. 29 den Schlingen. Aber man fängt diese Vögel noch ans andere Weise. Anfangs Herbst, wenn noch die meisten Quellen ausgetrocknet sind, gehen die Hühner truppweise nach einer Quelle, oder einem Gewässer um zu trinken. An den Orten, von denen man weiß, daß sie die Tränke für die Hühner bilden, wird ein Weg in verschiedenen Wendungen bis zur Quelle oder dem Tümpel mit Dor- nenreisern besteckt, anfangs sehr breit und offen, aber allmählig immer enger werdend und endlich in eine ans Binsen geflochtene Reuse sich endend. Der Jäger liegt nicht weit davon in einem Busch oder hinter einem Steinwall verborgen; die Hühner, die von keiner andern Seite zur Tränke kommen können, laufen zwischen der Dornallee der Reuse zn. Sogleich erhebt sich der Jäger und treibt sic erst langsam unter das Reiflgdach, und dann laut schreiend und in die Hände klatschend in die Reuse hinein. Das ist eine sehr zerstörende Jagd, und die ans solche Art gefangenen und lebendig ans den Markt gebrachten Hühner werden von Polizeiwegcn weggenommen. Die Hasenjagd der Mauren ist noch einfacher: der Jäger ist blos mit einem derben Knittel bewaffnet und schleicht still ans den dürren mit niederen Vogclkops- büschcn (Passerina bissuta) bewachsenen Anhöhen herum, auf welchen sich der Hase am liebsten aufhält. Bei ge nauer Ortskcnntniß wird leicht das Lager des Hasen gefunden, dem man sich vorsichtig nähert um ihn mit einem gut angebrachten Streiche zu erschlagen. Im Winter beim ersten Schnee, der in der Gegend von Konstantine gewöhnlich 1 — 2 Tage liegen bleibt, werden viele Hasen auf diese Art getödtet. Rechnet30 Äusstüge in dic Hlmgcgcnd rtnitt dazu die vielen Füchse und Schakals, welche diesem Wildpret nachstellen, so darf man sich nicht wundern, daß cs nicht sehr häufig mehr vorkommt. Jedem von den Arabern erlegten Wild, vom Hirsche an, der auf der Gränze von Tunis nicht selten ist, bis auf den kleinsten Vogel, wird sogleich unter den gebräuchlichen Formeln des muhamedanischen Ritus die Kehle abge schnitten, ein Gebrauch, der für den Sammler höchst unangenehm ist. Eine andere Jagd, für welche besonders die Mauren von Konstantine die größte Leidenschaft haben, ist die jenige des Igels und Stachelschweins; das Fleisch die ser Thiere wird von ihnen, und nicht mit Unrecht, für eine wahre Delikatesse gehalten. Dic Jagdlicbhaber der Stadt bilden eigene Korporationen, welche in einem zu diesem Zweck bestimmten Gemach ihre Zusammenkünfte und gemeinschaftliche Schwelgereien halten. Dieser Ver sammlungsort ist mit Waffen und Jagdgeräthschafteu aller Art ausgeschmückt, und eine Menge Hunde, meist Bastarde von Jagdhunden, Windspiele und Spitze wer den von der Gesellschaft ans ihre Kosten unterhalten. Die Jagd des Igels ist eine nächtliche. An mond hellen Abenden sicht man manchmal sechs bis zehn Jä ger mit ihren Hunden auf den Fang ausgehen. Der Igel geht des Nachts seiner Nahrung nach; die Hunde spüren ihn auf, schlagen an, vor dem zusammengerollteu Thiere stehen bleibend, und der Jäger kugelt dasselbe ohne Mühe in seinen Burnus. Alljährlich wird eine große Menge von Igeln gefangen. Die Stachelschweine sind in der Nähe von Konstan tine selten. Die Jäger gehen bis in dic Zvrdcgas oder in dic Berge nordwärts von El-Haria, wo es derenvon Aonstantint. 31 noch viele gibt, und bleiben gewöhnlich über eine Woche aus; dann bringen sie fast immer eine Maulthierladung von Stachelschweinen nach der Stadt. Der Abgang so wie der Einzug, dann die Tracht dieser afrikanischen Nimrods ist einer gewissen waidmännischen Etikette un terworfen, von welcher Keiner im mindesten abweichen kann, ohne seine Würde auf's gröblichste zu verletzen. Ein Paar braune bis an die Kniee reichende Pluder hosen aus grobem wollenen Zeuge, ein dergleichen Kaf tan mit einer Kaputze, worüber eine rothe Leibbinde, und über dich Alles ein Burnus, so ist das vfsizielle Jagdkostüm in Konstantine. Die Vorkehrungen zur Jagd werden unter Mitwirkung der sämmtlichen Mit glieder der Zunft im bestimmten Lokal getroffen, und von hier aus setzt sich der Zug in Bewegung. Die Jäger gewöhnlich 4 bis 6 an der Zahl, gehen gemesse nen Schrittes, einer hinter dem andern, jeder ist mit einem Stock oder auch mit einem kurzen Spieß, der Widerhaken hat, bewaffnet und führt eine Koppel Hunde an der Leine. Diese ceremonielle Ordnung wird natürlich nur so lange beobachtet, als sie in der Stadt sind; im Freien werfen sie die lästige Form ab und schreiten rüstig nach der Gegend zu, wo sie ihr Wild- Pret anzutrcffen versichert sind. Obschon die Jagd während der Nacht ergiebiger ist, so ziehen die Araber doch vor, am Tage zu jage», da sie im ersten Falle eben so leicht einem Panther als einem Stachelschwein begegnen könnten. Wenn die Alles durchstöberndcn Hunde ein Stachelschwein ausgespürt ha ben, so können sie ihm zwar bei dem besten Willen nichts anthun, da sich daö Thier durch Aufspreizung seiner Stacheln tapfer zur Wehre setzt; ste verhindern32 Ausflüge in >ic Umgegend es aber au der Flucht und ihr fortwährendes Bellen ruft die Jäger herbei, welche ihre Beute mit einem Schlag auf den Kopf oder mit einem Lanzenstich tödten. Die sehr lose in der Rückenhaut sitzenden Stacheln flie gen während des Kampfes oft weit fort, durch das plötz liche Aufsträubcn abgerissen; das hat zu der Sage Ver anlassung gegeben, das Thier könne seine Stacheln nach Belieben forrschießen, was doch rein unmöglich ist. Die Araber aber, die wie alle orientalischen Völker große Freunde von Hyperbeln (Uebcrtrcibungcn) sind, behaup ten steif und fest, daß die Hunde mit den fortgeschossc- nen Stacheln oft schwer verwundet würden und daß man diese Pfeile oft in Bäumen ja in Felsen steckend gefunden habe. Bei der Rückkehr von einer glücklichen Jagd wird auf der Anhöhe vor dem Thor El-Kantara Halt ge macht und ein Bote nach der Stadt abgcsandt, um die respektiven Mitglieder der Innung von der Ankunft der Waidgesellcn zu benachrichtigen. Daö Wildprct wird indeß zur Schau anSgelegt, und bald erscheinen die Be theiligten, um die wichtige Ceremonie des Einzuges in die Stadt vorznbereiten. Ein Kreis von Neugierigen bildet sich um die Schlachtopfer, aber kein unziemlicher Laut wird vernommen, und nur mit gedämpfter Stimme theilen sich die Zuschauer ihre gegenseitigen Bemerkun gen mit. Jetzt wird jedem der Jäger ein Stachelschwein auf den Rücken gegeben, der Burnus darüber geschla gen , dessen beide Zipfel vorn auf der Brust werden zu- sammengeheftct und über und über mit Stacheln be steckt. Sind nicht genug Jäger vorhanden, so werden etliche Jungen aus den Zuschauern requirirt, und in die Uniform der Jäger gekleidet. Nach beendigter Toi-von Lonstnntinc. 33 leite setzt sich die Prozession ebenso wie beim Auszug w Bewegung; statt aber ihren nächsten Weg durch das Thor El-Kantara zu nehmen, macht dieselbe den wei len Weg durch das Thor Bab-el-Wad, um von dort ihren pompösen Einzug erst durch das sranzösische Quar- iier, und dann durch arabische Stadtviertel zu halten. Am folgenden Tage wird in der Jagdstnbe ein fa belhaftes Festmahl gehalten, wobei eine Unmenge von Tabak und Hanf ggraucht wird, der Kaffee in Strömen stießt, und eine lärmende Musik die Fröhlichkeit bis zur ungebundensten Ausgelassenheit steigert. Der Ue- derschuß wird den Weibern nach Hanse geschickt, die dann ihrerseits mit den Ihrigen einen fetten Schmaus halten. Die wilden Schweine sind sehr gemein in allen Waldgegenden der Provinz, und man sicht sie Morgens früh bei Tages Anbruch rudelweise an den Berghängen hinziehen. Ungeachtet ihrer großen Anzahl hat man wenig Beispiele von Verwüstung der Felder, wie solche an der Gränze der großen Waldungen Deutschlands und Frankreichs zu sehen ist. Die afrikanischen Schweine sind nicht sehr groß und lassen sich leicht zähmen; ihr Fleisch schmeckt weniger wildpretartig als das der euro päischen, und nähert sich dem Geschmack der zahmen Schweine. Die Araber, welche kein Schweinefleisch essen, benutzten dieß Wildprct früher bloß zur Fütte rung der Hunde, machen jetzt aber öfter darauf Jagd, da es auf den Märkten guten Absatz findet. Nach einem zehnstündigen, nur einmal durch das Frühstück unterbrochenen Ritte kamen wir Nachmittags wn halb 5 Uhr zu Konstantine an, wo mir ein glück- stcher Umstand näheren Aufschluß über eine Jagd gab, Grube, Bilder uub Scencn. Afrika. (2. A.) 334 Äusflüge in dir Umgcgcnd die mir immer an das Fabelhaste zu glänzen schien, obwohl glaubwürdige Reisende mehrfach davon erzählt haben. Die Jäger einer Waidmannszunft in unserer Nach" barschaft hatten ein altes Hyänenweibchen mit vier Jun gen gefangen, und wir waren eingeladcn, das Thier anzuschauen. Wir säumten nicht lange hinzugchen und fanden das Haus von Neugierigen erfüllt. Ein dichter Kreis von Jagdliebhabern umgab einen alten Mann, der die Hyäne an einem Stricke hielt; sie hatte einen Knebel im Maul, der mit einer wollenen Schnur um Schnauze und Nacken befestigt war, an den Hinterläu fen waren die Achillessehnen stark zusammengeschnürt. Das Thier war sehr niedergeschlagen, ließ sich geduldig hin und her ziehen, und machte nicht den geringsten Versuch, sich zur Wehre zu setzen. Der Alte erzählte uns die Art und Weise, wie er sich seiner Beute be mächtigt hatte: „Ich hatte vor acht Tage» die Höhle der Hyäne in den Felsen des Hamma ausfindig gemacht; an verschiede nen Zeichen erkannte ich, daß sie Junge haben müsse, und beschloß sogleich, sie mit ihrer ganzen Sippschaft zu fan gen. Gestern Abend ging ich mit meinem Bruder und meinem hier gegenwärtigen Nachbar Sliman dahin ; Sli- man ist jung und stark und der größten Hyäne gewach sen. Ich bin alt und steif; doch schmeichle ich mir, daß noch Keiner schneller eine Hyäne fesselte als ich, und zur Zeit des Bey Hadsch-Achmed habe ich manches schöne Thier in den Palast geführt. Wir zündeten un sere Laternen an und Sliman stieg zuerst in die Grotte, in welcher sich der Eingang zur Hohle befand; ich und mein Bruder stiegen ihm nach, ich hielt die Stricke, er3» tifftt Konstantine. 35 einen alten Burnns in Bereitschaft. Sliman war allen Vieren mit vorgehaltener Laterne in die Höhle gekrochen, und kam bald mit guter Nachricht wieder heraus: er hatte die funkelnden Augen des Thieres ge sehen und die Jungen knurren hören. Jetzt war es Zeit die Worte zu sprechen, die das Thier zu bethörcn vermögen, und ohne welche der Fang übel ablaufen würde. Sliman ergriff den Knebel, an dessen einem Ende eine starke Schnur befestigt ist, und kroch lang sam voran, ich mit hochgchaltener Laterne ihm nach: Er begann: „„Es ist kein anderer Gott als Gott, und Dkahomed ist sein Prophet! Komm, du schönes Thier, haß ich dein gestreiftes Fell zur Bewunderung aller Gläubigen mit einer golddurchwirktcn Maharma schmücke, haß ich deine zierlichen Pfoten mit Henna färbe und Heine glänzenden Zähne mit der Wurzel des Nußbaums reibe! Allah ist groß! Allah ist barmherzig!"" Bei hiesen Worten waren wir allmählig bis zur Hyäne vor- gedrungen. Sliman hielt ihr den Knebel vor, den sie sogleich zwischen den Zähnen festhielt und nicht mehr sahren ließ: zu gleicher Zeit fuhr er ihr mit der Schnur schnell um Schnauze und Hals, ich legte ihr die Stricke Mn die Beine, und wir zogen sie so bis an den Ein gang der Höhle, wo mein Bruder den Burnus über sie warf, was uns erlaubte, den Knebel fester zu binden Und die Sehnen znsammeiizuschnüren. Nachdem wir die Jungen herausgeholt hatte», machten wir uns auf den Rückweg, und trugen das Thier in dem Burnus nach Hause." Dicß ist Wort für Wort die Erzählung des alten Jagers, die vollkommen übereinstimmt mit den Erkun-36 Äusstüge iit die Umgegend digungen, die ich bei andern Jägern sowohl in der Stadt als in den Duars. einzog. Die Hyänenfänger ließen sich aus dem arabischen Bureau die von der Regierung festgesetzte Prämie zu 20 Franken für die Mutter uud 5 Franken für jedes der Jungen auszahlen, und dann trafen sie Anstalt zu einer Hetze, die am folgenden Tage vor dem Thore El- Kantara Statt haben sollte. Ich verfehlte nicht, mich zur bestimmten Zeit cinzu- finden. Alle Jäger und Hundeeigenthümer des arabi schen Stadttheilcs warteten ungeduldig mit ihren Hun den ans die Ankunft des unglücklichen Thiercs, und die Blicke des zahlreichen Publikums waren sehnsuchtsvoll auf das Stadtthor gerichtet. Endlich erschien SlimaN mit seinen Genossen, die Hyäne an einer Kette führend unter einem großen Geleite jubelnder Jungen. 5)^ von ihren Herren gehaltenen Hunde, 30 bis 40 an der Zahl, zerrten wie rasend an ihren Leinen, und man hätte glauben sollen, sie würden das Thier in weniger als einer Minute in Stücke zerrissen haben. Man stellte die Hunde in einem Halbzirkcl auf eine Entfernung von etwa sechs Schritten hinter die Hyäne, und suchte ihren Muth durch den Anblick derselben auf's Acußcrste zn entflammen. Unterdessen wurde die Kette uud der Kne bel behutsam losgebundcn, und als sich das Thier frei fühlte, stürzte es trotz seiner zusammcngcschnürtcn Seh nen wie ein Pfeil davon. Alle Hunde waren dicht auf seiner Ferse, und in einem Nu war es sammt seinen Verfolgern in den Kaktuswaldungen verschwunden. Ein Paar tüchtige deutsche Saufängcr hätten der Jagd bald ein Ende gemacht, allein was konnte man von diesen Igel- und Stachelschweinfindcrn erwarten?von Konstantinc. 37 Schon begann ich einige Hoffnung für das Entkom men der Verfolgten zu hegen, und die Jäger mochten wohl dasselbe befürchten, denn sie liefen wie unsinnig den Berg hinan, um ihr den Weg abzuschneiden; aber bald erschien die geängstete Hyäne an dem Abhang von Scdi Mabruk, den sie mit der äußersten Anstrengung ju erklimmen suchte, doch sie fiel erschöpft nieder, und da gaben ihr einige der beherztesten Hunde ein paar unschädliche Bisse. Mittlerweile waren mehrere Män- uer hcrbcigecilt, die sie durch Schläge auf den Kopf betäubten; einige Augenblicke darauf fiel es ihnen ein, sie noch einmal zur Flucht zu bewegen, was aber ohne Erfolg blieb, und so sahen sie sich genöthigt, der Mar ter ein Ende zu machen. Die Zuschauer waren nur halb zufrieden, murrten über die Jäger und über die Feig heit ihrer Hunde.38 Zweiter Abschnitt. Die Fantes. Die Fantfls wohnen auf der Westküste von Afrika, der sogenannten Goldküste, zwischen dem 6. u. 7. Brei tengrade. Physisch betrachtet sind sie unter den Neger- Völkern sehr begünstigt, denn sie sind gut gebaut, mus kulös, kräftig und gewandt, sie haben im Allgemeinen hübsche Züge, ihre Backenknochen sind minder vorstehend, die Nase minder flach und die Lippen minder dick, als bei dem reinen Neger. Die Weiber sind im Allgemei nen minder hübsch, und sie habe» hier wie in allen un- civiliflrten Ländern, alle schwere Feldarbeit zu verrichten, während sie überhaupt von ihren Männern und männ lichen Verwandten so ziemlich nur wie nutzbare Hans- thiere betrachtet werden. Die Stadt Cap Coast an der Küste ist in vier Quar tiere getheilt, von denen jedes durch einen besonder» Clan oder Familie eingenommen ist, einen untergeordneten Häuptling oder Kapitän über sich hat, und seine eigenen Fahnen und Musikanten besitzt. Dieselbe Einthcilung in Familien herrscht auch in andern Städten und Dörfer» in diesem Theil der Küste, und manchmal werden die sn gebildeten Clans sehr mächtige Genossenschaften, die nichtPie jFiJiiti’s. 39 nur aus den Abkömmlingen einer Familie, sondern auch aus den Sklaven und andern Angehörigen bestehen. Im Laufe der Zeit wird es wegen des Wachsthums der Familie und den verschiedenen Beschäftigungen, welche die Mitglieder ergreifen müssen, nothwendig, daß sie sich trennen; damit sie aber in den kleinlichen Streitig keiten, die unter den Eingeborenen so häufig sind, nicht in gegenseitigen Kampf und Feindseligkeiten gerathen, hat jede Familie eine besondere Art Wappen angenom men, das zwar von der möglichst rohen Art ist, aber vielleicht aus älterer Zeit sich her schreiben mag, als manche stolze Familie Enropa's ihren Stammbaum zu- rückführcn kann. Das Mahlzeichen einer Familie, nach welchem man sie auch benennt, ist gewöhnlich die Dar stellung eines.Thieres; so treffen wir den Stamm des Patatschu oder Leoparden, der Katze, des Hundes, des Falken, des Papageien u. drgl. Während der Jahres zeit der Festlichkeiten halten diese Stämme große Auf züge, bei welchen der Häuptling in einem langen schma len Korbe auf dem Kopfe zweier Männer umhergetragen wird, während je nach seiner Macht ein bis vier große, aus den buntesten Zeugen verfertigte Sonnenschirme über ihn gehalten und mehrere Sklaven mit Fliegen wedeln aus Pferdeschweifen, die man aus dem Innern herbringt, umher fuchteln, um die Fliegen von seiner schwarzen Person abzuwehren. Ein kräftiges Stamm gefühl herrscht unter den Stämmen, und macht, daß ste in Kriegszeiten rühmlich mit einander wetteifern. Nach dem Verhältnis der Zahl der menschlichen Kinn backenknochen an des Häuptlings Kriegspferd gilt der Stamm unter den andern. Dieß in Fanti's Art lo- benswerthe Gefühl führt zu schlimmen Folgen, denn40 Dir imiti's. wenn sich zwei verschiedene Stämme bei ihren Aufzügen in der Straße treffen, will keiner dem andern »ach- geben, ein Zank ist dann unvermeidlich, und, wie dieß kürzlich zu Elmina und Akkra geschah, Blutvergießen ist nichts Seltenes. Unter den Mitgliedern jeder Familie herrscht eine große Anhänglichkeit, und wenn einer in Noth geräth, unterstützen ihn unwandelbar seine glück lichen Brüder, so daß an diesem Theil der Küste kein Bettler zu sehen ist, außer hie und da einer der Unglück lichen, die durch schlechte Aufführung sich solchen Mit leids unwerth gemacht haben, und aus dem Dorfe ver trieben wurden. Das Volk hegt ein tiefes Gefühl der Verehrung für seine Tobten, und dieß mag zu den eigenthümlichen Begräbnißceremonien Veranlassung gegeben haben, welche sich bis auf den jetzigen Tag erhielten und in gewissem Grade an die Gebräuche der Etrurier erinnern. Tritt ein Todesfall im Hause eines der reichen Eingeborenen ein, so wird der Körper des Todten in reiche Gewänder gekleidet, mit einer Menge Juwelen geschmückt und in einer sitzenden Stellung auf einen hohen Sitz in einer Zim merecke oder in den nach dem Hofe zu offenen Theil des Hauses gebracht. Ein mit Süßigkeiten, Branntwein, Wein, Bier, Tabak u. drgl. wohlvcrsehcuer Tisch wird zu den Füßen des Verstorbenen aufgestellt. Alle Verwandten und Anhänger der Familie versammeln sich und halten dabei Wache, wo es freilich ziemlich lärmend zugeht. Daö Klima Guinea's macht es nöthig, daß die Trancr- feierlichkeiten vergleichsweise kurz sind, da man die Leiche nach 24 Stunden beerdigen muß. Die Leiche wird mit allem ihrem Schmuck in eine länglich-viereckige Kiste gelegt, in welche auch eine für hinreichend geachteteDie /mtti's. 41 Menge Goldstaub, Branntwein, Süßigkeiten, Tabak, Küchengeräthe und Waffen gelegt werden, um dem ent wichenen Geist bei seinem Eintritt in die unbekannte Welt Unabhängigkeit, Bequemlichkeit und Sicherheit zu verschaffen. Unter den Eingeborenen, die schon mehr Mit Europäern verkehrten, wird der Körper ruhig in ein im Familienhause gegrabenes Grab gelegt, und das Ereigniß ist so bald vergessen, als unter Christen. Un ter denjenigen Bewohnern aber, welche keiner europäi schen Regierung untergeben find, sind die Begräbuißgc- bräuche gewöhnlich von Ceremonien der empörendsten Art begleitet. Ist der Verstorbene ein Mann von Be deutung gewesen so hält man es sür unerläßlich, daß der Sarg nicht unmittelbar auf der kalten Erde ruht, sondern von Sklaven getragen wird, zu welchem Ende, da Verwandte und Anhänger sich um das offene Grab drängen, eine gewisse Anzahl Sklaven, gewöhnlich vier, Plötzlich durch einen von hinten mit einer schweren Keule auf den Kopf geführten Schlag betäubt gemacht werden; die noch lebenden Leiber werden in's Grab hinabgc- stürzt, der Sarg sogleich daraus niedergelassen und mit Erde zugeworfen. Der Ursprung des schrecklichen Ge brauchs ist der Glaube, daß die Sklaven auch in der Geisterwelt zu Diensten des Verstorbenen seyn werden. In einigen Fällen wird der größte Theil der Juwelen, womit die Leiche verziert ist, vor der Beerdigung weg- genommcn, oder der Körper zu diesem Zwecke nach einem Jahre ausgegrabe». Dieß gilt aber als eine Art Entheiligung, und die allgemeine Sitte ist, alle ver- sügbaren Juwelen und Goldkörner mit werthgeschätzten Verwandten zu begraben; nicht selten stürzen sich die überlebenden Mitglieder der Familie in Schulden, nur42 Die Fanti's. um einen Vater oder eine Mutter zu zieren. Aus die ser Art, die Todten zu beerdigen, ergiebt sich, daß in den Häusern der älteren und mächtigeren Familien nicht nur die Knochen mehrerer Generationen, sondern auch eine bedeutende Menge Gold und anderer wcrthvoller Gegenstände unter dem Boden liegt, so daß in Kricgs- zeiten die Sieger nicht selten durch die Beraubung der Gräber eine reiche Beute davontragcn. Bon den Ar men, namentlich denen, die keine festen Wohnungen ha ben, gilt alles dieß freilich nicht, man bewacht die Todten so gut cs eben die Ucberbleibeudcu leisten können, und begräbt sie dann in dichtem Buschwerk, wo bald jede Spur deö Grabes unter der üppigen Vegetation ver schwindet. Das alte Kind. Es herrscht in Comantine, der Stadt der Fautsis, die Ucberlicscrnng oder trügerische Sage, daß daö Volk einen Knaben besitze, welcher schon seit Anfang der Welt am Leben sei. Dieses Kind nimmt angeblich we der Speise noch Trank oder sonst eine Nahrung zu sich, bleibt aber fortwährend im Zustande der Kindheit. Der englische Reisende, Hr. Duncan*) kam mit einigen Freun- *) Duncan's Reisen in Wcstaftika, von Lindau. I. (Dres den 1848).Das alte Kind. 43 den in Comantine an, und machte sich über die alberne Geschichte lustig. Das schien seinen Freund Brown, einen unter den Fanti's angcsiedeltcn englischen Kauf mann, etwas zu beleidigen, denn dieser versicherte ihm, er und sein Vater hätten das Kind wirklich gesehen. „Ich war daher begierig," erzählt Hr. Duucan, „es eben falls zu schauen, und während der halben Stunde, die erforderlich war, das Wundergeschöpf auf diesen Besuch vorznbereiten, ließ man uns in das Fetischhaus treten, wo wir auf einem im Winkel stehenden Stuhle eine kleine ans Thon gebildete Figur des Götzen sitzen sahen, den man, je nach Umständen, bald anrnft, bald mit Drohungen überhänft und bestürmt. In demselben Hanse stand ein hohler, mit weißen Flecken bedeckter Kokus- stamm an die Wand gelehnt, der nach den Versicherun gen dieser Leute vom Himmel herabgekommen war und nun als Zeichen, daß ihr Fetisch für sie lebe, hier ans bewahrt wurde. Als ich ihnen wegen ihres Glanbens an solche Geschichten einige Vorwürfe machte, schien man höchlich erstaunt nnd entrüstet zu seyn, vor Allen das Fetischweib, eine Priester!», die zuweilen für die Bereitung gewisser, nach der Meinung des Volkes sehr wirksamer Zaubermittel große Summen erpreßt. Wenn Jemand erkrankt, so schicken seine Verwandten nach dem Fetischmann, der gewöhnlich, wenn die Familie um ihren Kranken sehr besorgt ist, eine bedeutende Gabe und hierzu eine Gallone Rum verlangt, um auf das Wohl des Fetisches zu trinken. Häufig läßt er auch einige Flaschen Rum an verschiedenen Stellen bis an den Hals in die Erde graben, und wie man glaubt, nimmt diese dann der Gott als Belohnung für sein dem Kranken erwiesenes Wohlwollen. Stirbt aber der Letztere, so44 Die iiinti's. gibt der Fetischmann den Verwandten die Versicherung, daß die Gunst des Gottes durch eine so kleine Quanti tät Rum nicht wäre zu gewinnen gewesen. Ich wurde immer begieriger, jenen wunderbaren Zwerg oder jenes alte Kind zu sehen, erhielt aber aufs Neue den Bescheid, ich müßte noch eine Weile warten. Wir mußten aber an die Fortsetzung unserer Reise den ken, und brachen daher aus. Glücklicherweise führte unser Weg an der Wohnung des Wunderkindes vorüber. In der Hoffnung cs doch noch zu sehen, machten wir Halt; als wir aber auch dicßmal wieder vertröstet wurden, ver lor ich die Geduld, und beschloß den Eintritt zu er zwingen. Meine afrikanischen Freunde und das Volk, das sich aus allen Theilen der Stadt versammelt hatte, warnten mich vor dem Verderben, das mich zuverlässig treffen müßte, wenn ich ohne Erlaubniß in das Heilig thum dringen würde. Aber ich zeigte ihnen als meinen Fetisch, meine Doppelflinte, und drängte mich durch die Menge. Indem ich hieraus durch eine sehr enge Thür in einen Kreis von 30 Ellen Durchmesser trat, welcher mit einem dichten Pfahlzaun umschlossen und auf der Außenseite mit langem, ungefähr 9 Fuß hohem Grase verdeckt war, so daß von dem, was sich im Innern be fand, Niemand etwas sehen konnte: fiel mein Mick zu erst auf ein altes Weib, das ich ohne ihr Geschlecht und ihre Gestalt fast für das geheimnißvolle Wesen hätte halten können, das seit Erschaffung der Welt hier Hausen sollte. Diese Frau war jedenfalls das cckclhaf- teste Geschöpf, das ich je gesehen habe; sie trug wie alle Eingeborenen dieses Orts außer einem unsaubern, um die Lenden geschlungenen Lappen nicht die mindeste Kleidung. Ihre äußerst schmutzige Haut war tief ge-Das alte Kind. 45 furcht und ihr Körper fast fleischlos. Dieses alte Weib war die vermeintliche Amme des ewigen Kindes. Bei meinem Eintritt kam die Fetischfrau — dieß war ihr hoher Titel — wüthend auf mich zu, und suchte mich mit den drohendsten Geberdcn fortzutreiben, damit ich nicht in das Hans des Gottes träte; aber ich schob sie trotz ihres Widerstandes ans die Seite und bahnte mir den Weg zu dem Hause, das in der Mitte der Um zäunung stand, und von Außen die Form eines Kegels hatte. Es war mit einem Dache von langem Grase versehen und ans hölzernen Pfosten zusammcngelegt. . Im Innern fand ich eine Lehmbank in der Gestalt eines Stuhles; aber der Bewohner war abwesend, nnd das alte Weib gab vor, sic hätte durch ihre Zaubermacht ihn verschwinden lasten. , Bei meiner Rückkehr fand ich meine Freunde voll Besorgniß, daß mir etwas Entsetzliches widerfahren feyn möchte. und das Volk war wüthend, wagte jedoch nicht, mich anzugreisen, denn cs gibt keine größeren Feiglinge als diese Menschen, sobald man ihnen den geringsten Widerstand zeigt. Sie sind so abergläubisch, daß sich Keiner von ihnen ohne die Erlaubniß der alten Amme erkühnt, über die Schwelle des Hauses zu treten und in jenes Heiligste zu schauen. Als ich ihnen auseinandcr- setzte, welches Posscnspiel das alte Weib mit ihnen trieb, waren sie sehr aufgebracht. Ohne Zweifel wird jedes Mal, wenn ein Fremder das Wunderkind zu sehen wünscht, von dem Nachbar ein Kind geborgt, gehörig hcrausge- Putzt, nnd durch verschiedene Thonfarbeu unkenntlich ge macht. Die Fanti's sind so abergläubisch, daß sie gar nicht über ihre Unwissenheit belehrt seyn wollen.46 Die ianti's. Der Schibutterbanm. *) Dieser merkwürdige Baum wurde zuerst durch die Reise des berühmten Mungo Park, der ziemlich weit in daö Innere von Afrika vordrang, bekannt. In der Gegend von Kabba, einer ansehnlichen Stadt, kam er gerade zur Zeit der Butterernte an, und sah, wie man eine unsägliche Menge von Früchten ans den Schibaum- wäldern zusammeutrng, um ans ihrem Kerne die But ter auszusieden. Die Bntter war-, außerdem, daß sie sich ohne Salz über Jahr und Tag hielt, weißer, fester und schmackhafter als die beste Kuhbutter, die Park je genossen hatte, und machte einen der wichtigsten Han delsartikel dieser Gegenden ans. So verhält sich's noch heutzutage mit der Schibut ter; sie ist für manche Gegenden unschätzbar. Nicht bloß als Schmalz und Würze für die Speisen, auch als Oel zum Einreiben deö Körpers und zum Brennen der Lampen muß sie dienen. Diese Lampen bestehen ans einfachen irdenen Schaalen, in denen sich ein Docht befindet, der ans der einheimischen Baumwolle gedreht wird. Ans diesen znsammengervlltcn Docht drückt man ein Stück Schibntter, die fast so fest ist' wie unser Schweineschmalz. Die Butter zerschmilzt an dem an gezündeten Dochte in eine ölartige Flüssigkeit und gibt eine sehr helle, nicht im Mindesten übelriechende Flamme. Der merkwürdige Baum hat große Aehnlichkeit mit *) Nach John Dunccm.Dcr Kchibutterbaum. 47 dem Lorbeer, und erreicht eine Höhe von achtzehn bis zwanzig Fuß. Seine saftgrünen Blätter sind etwas kürzer und an der Spitze etwas - breiter als ein Lorbeer blatt. Die Nuß hat die Größe und Gestalt eines Taubeueies, und wenn sie reif ist, eine dunkel- oder hellbraune Farbe. Der Inhalt der von ihrem Kern vollkommen ausgefüllten Schaale ist ziemlich von der selben Art wie der eines Eies. Um die Butter zu ge winnen, drückt man die Kerne in ein irdenes Gefäß mit Wasser, und läßt sie eine halbe Stunde langsam kochen. Hierauf seihet man die Masse durch eine Gras matte, worauf sie gehörig abgekühlt, eine butterartige Festigkeit erhält. Die Nüsse hängen in Bündeln an den verschiedenen Zweigen, doch hat jede Nuß ihre eigene sieben bis acht Zoll lange Faser, an welcher sie in sehr eigenthümlicher Weise befestigt ist. Das Ende der Faser ist in einer dünnen, einen halben Zoll breiten und drei Vicrtelzoll langen Haut verborgen. Diese Haut hängt an der Seite der Nuß, die sich, so bald sie reif wird, von ihr ablöst und zu Boden fällt. Ein großer kräftiger Baum dieser Art gibt ungefähr einen Scheffel Nüsse, ist also noch ergiebiger wie die Olive. Wer sollte glauben, daß man in Dahomey nahe daran war, diesen segensreichen Baum zu vertilgen! Zur Vertilgung des Schibutterbaumes hatten sich nämlich die einheimischen und portugiesischen Sklavenhändler vereinigt, weil sie fürchteten, die Schibutter möchte auch in den europäischen Handel kommen, und die Eingebore nen auf diesen Erwerbszweig zum Nachtheil des Skla venhandels aufmerksam machen. Die Sklavenhändler von Whyda suchten es daher beim König von Dahomey48 Die jfrtiUi's. ausznwirken, daß er die auf den Märkten feilgebotcne Schibutter mit einer bedeutenden Steuer belastete. Der Artikel blieb aber dennoch so gesucht, daß sich die Ein geborenen selbst durch die Steuer nicht abschrecken ließen, Butter zu erzeugen. Da wurde die Steuer verdoppelt. Diese Auflage war zu schwer und zwang das Volk zu einer Art von Schmuggel-System; um diesem Einhalt zu thun, wurde streng befohlen, sowohl im Königreiche Dahomey als auch in dem dem König unterworfenen Mahilaude alle Bäume dieser Art niederzubrennen. Die schnelle und mächtige Vegetation ließ sich aber nicht ausrotten, und so wurde dennoch der Artikel, freilich in geringer Mnge, erzeugt. Nachdem die Bereitung der Butter für ungesetzlich erklärt war, wurden dem König zahlreiche Petitionen -— mündlich vorgetragen, worin man auf die medizinischen Eigcuschaftcu der Schibut- tcr, auf ihre Heilkraft als Salbe und Magenmittel aufmerksam machte, und nun erließ Se. schwarze Maje stät in musterhafter Herzensgüte, trotz allen Bitten der Sklavenhändler, die Verordnung, daß die Berei tung einer gewissen Menge von Schibutter für jene heilsamen Zwecke in seinem ganzen Laude gesetzlich er laubt scyn sollte.49 Vom Lande und Volke der Ashantsis.*) Das Land. Das Land der Ashanti's liegt nur etwa 7 Grade im Norden des Aequators in der Mitte der heißen Zone. Nichtsdestoweniger ist das Klima nur an der niedrigen und sandigen Meeresküste drückend heiß. Da sich das Land von der Küste aus in's Innere ziemlich hoch emporhebt und das Königreich der Ashanti's dem nach gleich seinen Nachbarländern auf einer Bcrgterrasse liegt, so ist sein Klima gemäßigt und die Temperatur im größten Theile des Jahres mild und angenehm, ähnlich wie in Italien. Da den Leuten die Sonne im Laufe des Jahres zwei Mal über dem Kopfe weggeht, so haben sie zwei Sommer und zwei Winter, d. h. zwei Mal heißeste und eben so oft regnichte Zeit, aber wie bei uns treffen die heißesten Tage nicht mit dem höchsten Stande der Sonne zusammen, sondern folgen später. Die Regengüsse sind häufig mit wüthcnden Stürmen verbunden, auch gibt eö Hagelschauer, bei denen oft große Eisstücke uiederfallen; die Gewitter wie in allen tropischen Ländern sind auch hier ebenso heftig als häufig, und entladen sich sogar bei blauer klarer Luft ohne Regen. Das Land ist sehr fruchtbar; in den Ebenen ist die *) Vrgl. Ausland 1849, 87. Grube, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.1 450 Die Äshanti's- Erde schwarz, schwer und fett und trägt 4 Fuß hohe Gräser und Kräuter. An Fruchtbäumen, Wäldern, Wie sen, Produkten aller Art ist Ueberfluß; ebenso reich und üppig ist die Thierwelt. Unter den Bäumen der Wäl der zeichnen sich durch ihren großen Nutzen vor Allem die Palmen aus; von einigen Arten genießt man die Früchte, von dem Safte anderer wird das National- getränk, der Palmwein bereitet; noch andere liefern vorzugsweise das Ocl, wieder andere die Butter. Auch von den Gnmmibäumen gibt cs mehrere Gattungen; eine größere Art wird sehr alt und ihr Stamm sehr dick. Dieser große Gummibanm hat eine so dichte und schattige Laubküppel, daß die Ashanti's seine Blätter z»m Bilde des Unzähligen gemacht haben. Wo die Araber sagen: So unzählig wie der Sand am Meer, sprechen die Ashanti's: So unzählig wie die Blätter des Gummi baumes, welche Phrase in ihrer Sprache so lautet: Bua- bua-ga-gain. Bis 100,000 können sie genau zählen, was aber über 100,000 hinausgeht, ist: „Bua-bua-ga- gain." Der Baumwollenstrauch wird wie Reis auf den Fel dern gepflanzt, und gibt die gewöhnliche zu Geweben und Gespinnsten benutzte Baumwolle. Auch Flachs und Hanf wird gebanet, gesponnen und gewoben. Der „Seidenbaumwollenbanin" — wie ihn die Engländer nennen — wird sehr hoch und stark, hat große Fruchte, die einen Fuß und darüber lang werden, aber seine Wolle ist zu kurz, um versponnen zu werden. Sie ist . aber so weich und zart wie Seide und wird zu Kissen und Pfühlen benutzt. An eßbaren schönen Früchten hat das Land Ueber- flnß, wie ganz Guinea überhaupt. Zuerst die CitroneNDas Land. 5t 4* und Apfelsinen, von denen man vermuthet, daß sie durch die Portugiesen hieher verpflanzt sind und sich rasch im ganzen Lande verbreitet haben; sie gedeihen zu außer ordentlicher Größe und Schmackhaftigkeit. Alsdann die Banane (Musa sapientum) und Ananas. Den Weiu- stvck kultivircn die Ashanti's nicht, doch gibt es wilde Trauben in den Wäldern, sowie auch wilde Feigenbäume. Das Zuckerrohr wird gebaut und genossen, indem man es aussaugt. Auch haben sie eine Knollenpflanze im Lande, die ganz unserer Kartoffel ähnlich sieht, und viel leicht auch unsere Kartoffel, deren Heimath wir bis jetzt bloß in Amerika glaubten, selber ist. Das Hauptnahrungsgewächs aber, das die Stelle der Kartoffel und des Getreides zugleich versteht, das Man auf allen Feldern sorgfältig angebaut findet, ist die Aamswurzel, ein längliches ziemlich großes Knollengewächse. Die Ordnung und Größe der Aams- pflanzungcn bei diesen Völkern, die wir irrthümlich für noch wilder hielten, als die Nomaden der Steppen, ha ben jenen Reisenden überrascht. Diese Pflanzungen sehen anS wie ein regelmäßiger Hopfengarten. Die Pflanzen sind nach der Schnur in Reihen gesetzt, rings mit einem breiten Gange versehen und wohl eingezäunt. Die Umzäunung hat zwei Thüren, und bei jeder Thüre haust ein Sklave, der die Pflanzung bewacht. Mau kocht und bratet die Aamswurzel, macht Suppe davon, ißt sie getrocknet und in den verschiedensten Gestalten, und legt Vorräthe davon an für den Fall der Roth. Da sie das wichtigste Geschenk ist, was die Götter und Vorfahren den Ashanti's machten, so ist auch das Fest bei der Ernte der Aamswurzel, die „Aamsfeier," das ceremonienreichste und prächtigste Fest im ganzen Jahre!52 Die Äshaiili's. Bei dieser Feier müssen alle Cabosirs (Häuptlinge), Ge nerale, Statthalter und tributpflichtige Könige dem Herr scher von Ashanti ihre Aufwartung machen. Und bei dieser Gelegenheit bildet sich dann auch die allgemeine, alljährlich wiederkehrende Reichsversammlung, von wel cher große Staatsverträge und Reichsgesetze bestätigt und ausgefertigt werden. Auch den Reis verstehen die Ashanti's zu bauen, und endlich müssen auch die verschiedenen Arten von Kürbis erwähnt werden, die hier trefflich gedeihen- Wie die Bewohner vieler anderer tropischen Länder höh len die Ashantfls ihre Kürbisse aus und benutzen die harten Schaalcn derselben als Flaschen, Schüsseln, Tel ler und Körbe. Die Kürbisse oder Kalebassen werden so groß, daß sie oft die größten Gesäße, als Körbe, Kisten, Kasten, Mehlsäcke, ja Wagen zu ersetzen im Stande sind. Fast Alles wird in Kalebassen transpor- tirt, Kleider und Lebensmittel und Geräthschastcn. Selbst vom Acker werden die Früchte in Kalebassen heimgetragen. Aber vielleicht noch üppiger und zahlreicher ist das Thicrreich in diesen Ländern. Die Wälder wimmeln von Affen allerlei Art, von Leoparden, Tigern, Löwen, Hyänen, deren Geheul in jeder Nacht die Fluren er füllt, wie bei uns das Gezirpe der Heuschrecken, Aus den wilden Wiesen weiden Hirsche und Rehe, in den Sümpfen und Schilfen hausen der Elephant, das Rhi- noceros, sei» unversöhnlicher Feind, und Schaaren von wilden Schweinen. Die Laubgewölbe der Bäume sind mit großen Vögeln aller Art gefüllt, mit Papageien, wilden Tauben, ,Adlern und zahllosen kleine» gefiederten Thieren. In den Flüssen, selbst in den kleineren, wiw- nielt es von Fischen und Amphibien, namentlich nonVas Land. 53 Krokodilen, auch von Nilpferden, die man hier Wasser« Elephanten nennt. Auch der Schlangen gibt es hier eine große Menge, von den kleinen Hausschlangen, die man in der Hütte jedes Guinea-Negers findet, bis zu der riesigen Boa Constriktor, der Abgottsschlange in den Wäldern, die gerade in diesem Theile von Afrika am Besten zu gedeihen scheint. Der englische Reisende Duncan tvdtete in Dahomey eine solche Boa von 25 Fuß Länge. Von den vierfüßigen Raubthieren sind Löwe und Tiger die größten und gefürchtetsten, doch ist der Tiger häufiger als der Löwe. Die Einwohner jagen den Tiger seines Felleö wegen, auch — wie eö scheint — um ihren Großen ein interessantes Schauspiel zu bereiten. Wenn der König der Ashanti's eine große Tigerjagd ver anstaltet, so geht es dabei so zu: Zuerst wird des Ti gers Aufenthalt ausgckundschaftet und sein Wald mit Wachen umstellt. Alsdann sucht man einen erhöhten Platz oder Felsen auf, welchen der König einnehmen und von wo er ohne Gefahr der Jagd zuschauen kann. Dieser Felsen, auf welchem sich der König niederläßt, bildet dann den Mittelpunkt der Jagd, und man be müht sich den Tiger dahin zu treiben und so viel als möglich in der Nähe des Felsen zu tödten. Die Treiber und Jäger scheuchen das Thier auf, vertreiben cs mit Feuer und Rauch aus der Höhle, in die cs sich etwa verkrochen hat, oder fällen den Baum, wenn es ihn er kletterte. Dann ziehen sie es in einen immer engern Kreis und bringen eö so zu jenem Hügel heran, wo sie alsdann unter dem Zuruf des Königs und seiner Söhne auf den Tiger eindringen, der sich nun einen Ausweg sucht und nach einer Seite hin einen Angriff wagt.54 Vit Äshanti'r. Gewöhnlich fallen dabei starke Verwundungen, auch Todes fälle vor, aber auch der Tiger entkommt selten; er fällt unter den Pfeilen, Musketenkugeln, Lanzen- und Dolch stichen, welche ihm die Neger beibringen, je nachdem die Umstände ihnen erlauben und anrathen, von dieser oder jener Waffe Gebrauch zu machen. Jedes Jahr stellt der König wenigstens Einmal eine solche Jagd in der Nähe von Kumasst an. Den Tiger tödtcn sie nur; den in ihrem Lande ein heimischen Leoparden (felis jubata) sangen die Ashanti's aber auch lebendig und zähmen ihn. Die Reichen hal ten nicht selten solche Leoparden, die so groß werden, wie ein tüchtiger Hühnerhund, in ihren Häusern. Diese Thiere werden vollkommen zahm, und man treibt gern einigen Luxus mit ihnen. Der Sohn des jetzigen Kö nigs von Ashanti brachte, als er nach Holland ging, zwei solche gezähmte Leoparden mit an Bord des Schif fes, um sie dem König von Holland als Geschenk zu überreichen. Durch die Wälder seines Heimath- landes folgten sie ihm wie die Hunde. Da aber das holländische Schiffsvolk Furcht vor ihnen hatte und man sie in zwei Käfige einsperrte, so verwilderten sie natürlich während der Reise gleich den Hunden, die man an die Kette legt, und kamen böse und wild in Holland an. Auch ans die Elcphanten machen die Ashanti's Jagd, theils des Fleisches, thcils der Zähne wegen. Das El fenbein bildet nämlich neben dem Golde einen Haupt handelsartikel dieser Länder, von den Europäern und Mauren gleich sehr geschätzt. Doch verbrauchen cs die Eingeborenen selbst in ihrem Haushalte in ziemlich großer Menge; namentlich haben alle ihre Musikcorps Elephan-Das Land. 55 tenzähne als Posaunen und Trompeten. Das Elephan- tcnfleisch ißt man geräuchert oder frisch. Im letzteren Falle muß aber erst seine harte Faser etwas lange ge hangen und viel haut goüt angenommen haben. Auch außer dem Elcphantenfleisch essen die Ashanti's viele Thiere, die wir verschmähen; so die Papageien, die in ihren Palmwäldern in zahlreichen Schaaren Hausen und die Lust mit ihrem Geschrei erfüllen. Auch die Affen essen sie gern, sowie die Hunde, endlich zum Aergcr der Mauren die Schweine. Dagegen schließen sie wieder eine Menge Dinge ans abergläubischem Widerwillen von ihrer Küche ans, z. B. Hühnereier, die sic bloß opfern und auch Kuhmilch. Der größte unter den Vögeln, das „gefiederte Ka- Meel der Wüste," der Strauß ist auch in diesem Land strich zu Hanse. Bei der Jagd auf diesen Vogel sucht Man ihn wo möglich dem Walde znzutreiben, wo er nicht leicht sortkommen kann und leicht zwischen den Bäumen erlegt wird. Die Straußscdcrn werden theilö an die Mauren und Europäer verhandelt, theils zur Toilette der Eingcborncn selbst verwendet; die weißen Federn sind am meisten geschätzt, und der König trägt auf seinem goldenen Helme nur solche. Mit den Krokodilen und Nilpferden lassen sich die Ashanti's ungern ein, vermuthlich, weil von ihnen wenig zu gewinnen ist. Unter den Krokodilen haben sie sogar Fetische, und sie bezeichnen gewisse Gegenden in ihren Flüssen als den Wohnplatz von Fetisch-Krokodilen, denen kein Mensch zu entrinnen vermöge. Uebrigens sind die Einwohner geschickt im Fischfang. So zahlreich die wilden Thiere sind, so dürftig sieht es jedoch mit der Zucht der zahmen ans. Vorerst ha-56 Die Äshanti's. ben diese Afrikaner es nicht verstanden, das edelste aller Thiere ihres Landes, den Elephanten, zu bändigen und zu zähmen, und wie die Indier es mit so vielem Er folge thaten, in ihren Dienst zu nehmen. Hier wie in ganz Afrika ist der Elephant ein bloßes Jagdthier, und doch birgt dieses Thier außer seinen Zähnen und seinem Fleisch noch viel ergiebigere Kapitalien in seiner geisti- gen Kraft. Auch die Erziehung der Pferde ist gänzlich vernachlässigt; es gibt zwar bei ihnen einige Pferde, aber höchst wenige, und diese sind dann im Besitz der angesiedelten Mauren und Araber, oder doch von diesen iills Land gebracht. Die Pferde gelten bei den Ashan- ti's für sehr wilde und böse Thiere. „Sie schlagen und beißen," sagen sie, wenn sie etwa eins in'den Stra ßen sehen, und die meisten fliehen vor dem ungewöhn lichen Anblick. Sehr selten versteht einer zu reiten. Der jetzige Thronfolger aber ist ein sehr wilder und kühner Mensch, denn — „er reitet." Bei den Nach barn der Ashantllö, den Dahomey's, ist es fast ebenso. Die Pferde sind zwar bei ihnen etwas häufiger, auch reitcn die Vornehmen, jedoch äußerst vorsichtig, und immer nur im Schritt, indem zwei Sklaven auf beiden Seiten das Pferd halten. Als der englische Reisende Duncan sein Pferd bestieg und ohne Begleitung der beiden Sklaven allein davon gallopirte, schrieen sie auf und gaben ihn für einen tollkühnen Menschen ans, der seinen Fetisch versuchen wollte. Weiter im In nern deö Erdtheils gibt es aber auch Negervölker, bei denen daö Pferd wie bei den Arabern zur Familie gehört, und die in ihren Armeen sogar ganze Abthei- fimgen von Cavallerie haben. Allein dieß ist selten, und als Regel kann mau annehmen, daß in AfrikaDas Land. 57 nicht die Neger, sondern die Mauren die Freunde, Er zieher und Pfleger des Pferdes und die Lehrer der Reitkunst sind. Eben dasselbe läßt sich von dem Kameele sagen. Dieß nützliche Thier ist nicht bei den Negern von Gui nea heimisch. Doch erscheint es zuweilen mit den mau rischen Handelsleuten, als treuer Begleiter ans allen ihren Wegen durch das Innere von Afrika. Ueberhaupt haben die Ashanti's kein einziges Zngthicr, nicht ein mal ein Lastthier, obgleich in ihrem Lande ein Ueber- fluß von starkgebauten Thieren vorhanden ist. Alles wird bei ihnen auf dem Kopfe der Sklaven in Kalebas sen oder Korben transportirt, sowohl die Ernte der Fel der und Waaren aller Art, als auch die reisenden Men schen. — Gleich betrübt steht es um die Rindviehzucht, sie besitzen zwar sowohl Ochsen und Kühe als Schafe, haben sie gezähmt, halten deren zuweilen viele aus ihren Krums, errichten Stallungen und bedecken diese wäh rend der Regenzeit mit Palmblättern; allein die Rin der sind außerordentlich klein, und von Käse- oder But- terbereitung ist keine Rede. Sie bedienen sich statt der Kuhbutter jener bereits erwähnten Pflanzenbutter und dann des Palmöls. Die Pflanzenbutter wird alle Tage auf den Märkten ihrer größeren Städte feil geboten, und ähnelt unserer frischen ungesalzenen Kuhbutter. Von den Kühen die frische Milch zu trinken, gilt für eine abscheuliche Gewohnheit. Ein vornehmer Ashanti- hänptling bat einmal den englischen Residenten in Ku- massi, als er bei einem Besuche wieder einen Napf mit Milch bei ihm bemerkte, inständigst, er möchte ihm doch einen Freundschaftsdienst thun und dieß abscheuliche Milchtrinkcn lassen, was den Menschen so herabwürdigc,58 DIc Ashaitti's. indem es ihn auf Eine Stufe mit den Lämmern und Kälbern setze. Sie haben unter den zahmen Thieren zwar auch Hunde, allein diese spielen bei ihnen nicht die Rolle der treuen wachsamen Hausfreunde, wie bei uns, son dern sie sind bloß für die Jagd abgerichtet, wo sie sich zuweilen im Dienste des Menschen sehr muthig gegen den Tiger und andere wilde Bestien benehmen. Außer dem bilden aber auch die Hunde bei den Ashanti's wie fast bei allen Negern eine Lieblingsspeise, und dieß mag wohl die Hauptnrsache sehn, daß sich hier kein intimeres Verhältniß zwischen Hund und Mensch ansgebildct hat, denn bekanntlich haben die Hunde einen unüberwind lichen Abscheu vor ihren Schlächtern und Köchen, die sie nie verkennen. Uebrigens sind die Guinea-Hunde fast nackt, und ohne den hübschen Pelz, der sie in käl teren Gegenden bekleidet. Auch bellen sie in der Nach barschaft des Aeguators eben so wenig als in der Nähe des Nordpols. Häufiger als die Hunde sind die Katzen; man findet sie fast in jedem Hause. Da es eine Unzahl von Rat ten und Mäusen in den Häusern der Ashanti's gibt, so sind ihnen diese Hausthiere sehr dienlich. Auch eine Menge ungiftiger Schlangen nisten in ihren Häusern, und kriechen auf allen Dinkeln, selbst auf dem Dache herum. Die Hausbewohner verfolgen und tödten sie aber nicht, da es unschädliche Thiere sind, die ihnen die Insekten wegfangen. Was das Mineralreich betrifft, so ist vor allen Din gen das Metall, dem ihr Land seine große Berühmtheit verdankt, das Gold, das wichtigste. Fast jeder Cabosir hat in seinem Krum einen Ofen und die nöthigen Ge-Das Land. 59 räthschaften zum Goldschmelzen und dazu seine Skla ven , welche sich ans die Bearbeitung des Goldstvffes verstehen. Das meiste Geld kursirt im Laude in Klümp chen und Staubform. Auch das Eisen, das nützlichste aller Metalle, ist häufig, und zwar glücklicherweise in einem Zustande, der seine Gewinnung und Bearbeitung sehr leicht macht. Mau findet nämlich Magneteisenstein auf de» Feldern in verschiedenen großen und kleinen Stücken, und auch in Blocken. Einige mit den Ashan- tsis verbündete Völker verstehen das Eisen zu schmelzen, von den Schlacken zu reinigen, zu schmieden und zu verarbeiten. Vor allen Dingen machen sie auö dem Eisen ihre Natioualwaffen, Schwerter, Dolche und lange Messer von verschiedener Gestalt und Größe; dann Lanzen und Pfeile. Auch das Schmieden von Nägeln verstehen sic; sie verfertigen sich Hacken, Schau feln, Karste und Beile zu den Ackerbau- und Wald- arbeitcn. Wie tüchtig ihre eisernen Schneidewcrkzeuge seyn müssen, beweist die Verarbeitung eines so harten Stoffes wie das Elfenbein. Sie verfertigen für ihre Cabostrs elfenbeinerne Stäbe, bei denen ein großer Elephantenzahn so weit abgedrcchselt wird, bis jener Stab herauskommt. Das Kupfer bekommen sie, wie eS scheint, meistens durch den Handel. Nichtsdestoweniger findet man bei ihnen eine große Menge kupferner Gefässe; Kessel, mu sikalische Instrumente und sogar Badewannen. Kanonen aber, Pistolen und Flinten, diese bei ihnen am meisten gesuchten Waffen, verstehen sie nicht aus ihrem Kupfer and Eisen zu Stande zu bringe». Sie werden schon seit längerer Zeit von den Portugiesen, Holländern und Dritten mit diesen Maaren versehen. Auf dem Markte60 Die Äshanti's. von Kumassi stehen zwar Kanonen, welche die Ashan- ti's den Engländern abnahmen, und ein Paar andere, welche sie von den Holländern zum Geschenk erhielten; doch wissen sie sich ihrer nicht zu bedienen, und feuern sie bloß bei Festlichkeiten ab. Die Hauptstadt Kumassi. Kumassi ist, wie alle Negerstädte, ein sehr weit läufig gebauter Ort mit breiten aber regelmäßigen Straßen. Es gibt eine eigentliche Stadt und vier Vorstädte. In diesen Vorstädten steigen zuerst alle Fremden ab und warten, ob die Befehlshaber ihnen den Eintritt in die Stadt selbst erwirken können. In den Vorstädten sind Gasthäuser für die Fremden; auch haben hier die maurischen Kaufleute ein eigenes Quartier. Die Häuser sind gar nicht so übel gebaut, es fehlt selbst nicht an architektonischem Schmucke. Die verschie denen Zimmer oder Abtheilungen des Hauses liegen UM einen viereckigen Raum in der Mitte herum, worin sich der Hcerd befindet. Durch Vorhänge sind sie von die ser Mitte geschieden und von Außen führen Thüren her ein; auch haben sic zuweilen mit Gold eingerahmte Fenster, die mit Gitterwcrk verschlossen werden. Der Boden der Zimmer ist durch eine fest ange schlagene Lehmschichte etwas erhöhet, so daß man auf einigen Stufen hinaufstcigt. In der Regenzeit zündet man auf diesem Boden ein Feuer an.JDic Hauptstart Lumasst. 61 Die Mauern der Häuser werden so bereitet: man steckt zwei Reihen Bambusflechtwerk so weit von ein ander, als die Mauer dick werden soll, füllt den Zwi schenraum mit Lehm und überstreicht das Ganze mit einer rothen oder weißen Thonerde. So lange die Wand noch weich ist, steckt man allerlei bunte Rohr stückchen hinein und bildet daraus eine Art Wandschmuck oder Tapisserie. Selbst Bögen und Gewölbe werden ans den Bambusrohren gemacht und artiges Schnitz werk wird angebracht, das an gothische Steinmetzarbeit erinnert. Die Häuser der Großen stnd oft sehr weit läufig und haben eine Menge Abtheilungen, Zimmer Und Gehöfte. Die Einwohnerzahl von Kumasfi ist schwer zu er mitteln und wird verschieden angegeben; einige schätzen ste auf 30,000, andere auf 120,000. Zuweilen, wenn die Großen mit ihren Sklaven auf den Krum'S (Land fitzen) stnd, ist sie ganz leer; zuweilen aber bei großen Volksfesten oder Heerschauen ist sie wieder überfüllt. Als die letzte holländische Gesandtschaft dort war, hatte Man allein 68,000 Mann Truppen in der Stadt ver sammelt. Kumasst liegt nicht an einem Flusse, sondern zwi schen einem Sumpfe und einem Berge; außer diesen Natürlichen Befestigungen hat sie sonst keine Mauern oder Gräben. Obwohl die Wälder rings umher ge lichtet sind, so ist die Stadt doch beständig von Raub- thieren umschwärmt, die zuweilen sogar in den Ort selbst eindringeu. Da hier beständig so viele Thiere und Menschen geschlachtet werden, deren Ueberreste man den wilden Thicren Preis gibt: so Hausen die Bestien da am meisten, wo die meisten Menschen wohnen, wie62 Die AsiiaMi's. den» auch den so viel Blut vergießenden Armeen der Ashanti's eine Menge wilder Thiere Nachfolgen, als wollten sie mit in den Krieg ziehen. Es ist ein sehr großer öffentlicher Platz in Kumasst, der Marktplatz, ans welchem alltäglich gehandelt wird, wo aber auch zu gleicher Zeit viele öffentliche Feierlichkeiten, Opfer, Hinrichtungen und Trnppenrevuen Statt finden. Auch setzt sich der König zuweilen ohne besondere Ver anlassung mit seinen Hof- und Hauptleuten ans die sen Markt hin und trinkt Palmwein. Der Marktplatz ist in Kumassi wie in allen Städten Guineas der eigentliche Sprechort, die Börse, der Paradcplatz und der Gesellschaftssaal. Die Mauren haben in Kumasst ihren eigenen Marktplatz; sie gehen nie ans den der Neger, um ihre Bedürfnisse einzukanfeu, wahrscheinlich ans religiösen Rücksichten. Die früheren Könige der Ashanti wohnten in einem Palaste, der von inländischen Baumeistern nach einhei mischer Weise eingerichtet war. Dem jetzigen Könige haben holländische Baumeister im Anfänge der dreißiger Jahre einen zweistöckigen Palast nach europäischer Weise gebaut. Es ist ein steinernes Gebäude mit mehreren Abtheilungen. Das Dach ist flach und der König er geht sich gern darauf. Gewöhnlich läßt er von diesem Dach die holländische Fahne herabwehen, zum Zeichen seiner Freundschaft und Vorliebe für die Holländer. Das Ameublement in dem königlichen Palaste be steht theils ans einheimischem Hausgeräthe, theils aus Geschenken, welche die Mauren oder ^Europäer, nament lich die Engländer und Holländer darbrachten. Darunter fehlen nicht morgenländische Teppiche, auch nicht euro päische Spiegel, einige der letzteren sind sogar manns-Hauptstadt Lumasst. 63 Bei feierlichen Gelegenheiten laßt der König diese Spiegel heraustragen und auf freiem Markt unter den übrigen königlichen Schaustücken, unter den Schädeln, Menschengerippen und Waffen, neben den eroberten Ka nonen aufstcllen. Auch hat der König eine ziemliche Menge von Uhren in seinem Palast anfgchänft; er be sitzt eine Menge von Taschenuhren, und verschiedene Pendeluhren, meistens Geschenke von Europäern, schmü cken seine Zimmer. Sonst besitzen jedoch die Ashanti's keine einzige Art selbst erfundener Chronometer (Zeit-. Messer), weder Sanduhren noch Sonnenuhren; sie be stimmen die Tageszeit bloß nach dem Stande der Sonne. Das vornehmste Gcräthe des Königs ist sein Stuhl oder Thron. Derselbe besteht aus Holz und ist mit dickem Goldblech überzogen; doch kommen in der Ge schichte der Ashanti's auch massiv goldene Königsstühle vor. Der Thron wird dem Könige überall, wohin er sich auch begeben mag, nachgetragcn, theils damit er da, wo es ihm beliebt, Gelegenheit zum Sitzen finde, theils aber auch zum Zeichen seiner Würde. Selbst wenn er nur einen Gang in der Stadt macht, und z. B. einen seiner Kabosirs besucht, wird ihm sein Stuhl nachgetragen. Alle anderen Vornehmen haben jedoch die gleiche Gewohnheit. Ohne ihren Stuhl kön nen sie so wenig seyn, wie der Araber ohne sein Pferd. Der Stuhl ist das Hauptkennzeichen ihres Ranges und ihrer Würde. Daher auch bei den Ashanti's die Phrase »jemanden seinen Stuhl nehmen" so viel bedeutet, als ihn „seines Ranges oder seiner Würde entsetzen." Wenn der König einen Vasallenkönig absetzen will, schickt er Zu ihm und läßt ihm seinen Stuhl abfordern. Wird64 Vic Ashanü's. der Stuhl nicht eingesandt, so ist dieß ein Zeichen der Rebellion und es wird dann statt des Stuhles der Kopf gefordert. Stirbt einer von den Hauptleuten, welche der König beerbt, fo eignet er sich vor allen Dingen den hinterlassenen Stuhl zu. Die Frauen. Der König hat eine ziemliche Anzahl von Frauen, nämlich nicht mehr und nicht weniger als 3333, welche Zahl sorgfältig beibehalten wird und nicht überschritten werden darf, weil sie eine mystische Zahl ist. Bei allen Guinea-Völkern herrscht die Vielweiberei im höchsten Grade. Jeder reiche Mann hält so viele Frauen als er ernähren kann; doch sind diese Frauen nicht alle von demselben Rang. Wie bei den Mohamedanern theilen sie sich in eigentliche Ehegattinnen, deren wenige sind, und in Kebsweiber, deren Anzahl sich beim König ans mehrere Tausend beläuft. Die Kebsweiber stehen unter Aufsicht, von Sklaven - Eunuchen, und dürfen nur unter Begleitung dieser Wächter ausgehen; auch werden sia von ihren Kindern getrennt, die sie nur mit Erlaubniß des Königs sehen dürfen. Die eigentlichen Gattinnen dagegen können ohne Aufsicht der Eunuchen den Palast verlassen und dürfen in Begleitung ihrer Sklavinnen in der Stadt umher gehen. Sie haben eine Menge von Sklavinnen zu ihremMc Frauen. 65 Dienst, während die Kebsweiber ohne Bedienung sind; auch wird ihnen bei'm Ansgehen ein Stuhl nachge tragen, während die Kebsweiber auch dieser Ehre ent behren. Unter den eigentlichen Ehefrauen ist aber wie derum eine die vornehmste und höchste, die Königin; doch ist die Königin keineswegs die erste Frau im Lande. Dieß ist vielmehr des Königs älteste Schwester, deren Sohn präsumtiver Thronfolger ist. Von den Gemah linnen des Königs ist fast nie die Rede, immer nur von feiner Schwester. Wenn die Könige von den europäi schen Gouverneuren Geschenke empfangen, so sprechen sie in ihren Danksagungöschrciben auch nur von ihrer Schwe ster: „Der König ist sehr zufrieden mit den Geschenken, die Ihr ihm gesandt habt" — so heißt cö in solchen Briefen — „auch des Königs Schwester hat sie gesehen, findet sie sehr hübsch und dankt Euch." Des Königs Schwester ist die einzige Frau im Lande, welche Sitz und Stimme im Staatsrathe einnimmt — ei» Recht, das der Königin nicht zusteht, das sic aber mit dem Tode des Königs verliert. Die Königin-Mutter kann man als die zweite Frau des Landes betrachten. Es kommen Königs-Mütter vor, welche bei Unmündigkeit ihres Sohnes auch Rcgentinnen des Landes waren. Es erscheinen auch in der Geschichte dieser Völker Königs-Mütter oder Königs-Schwestern, welche klüger und energischer waren als die Könige selber, und dann eigentlich das Sceptcr führten. Bei den Dahomctsts thun die Frauen sogar Solda tendienste. Der König von Dahomey hat nicht nur einige hundert mit Musketen bewaffnete Frauen als Leib garde in seinem Palaste, sondern auch ein Theil seiner gewöhnlichen dienstthnenden Linicntruppen besteht aus Grube, Bilder und Sceneu, Afriku. (2. 51.) 566 Die Ashamti'o. Frauen. Diese Negeramazonen exerciren mit einer be- wundernswerthen Gewandtheit und Präcision, und sollen sogar noch mehr Muth als die Männer beweisen. Bel Bestürmung feindlicher Städte werden sie vorzugsweise verwandt. Die Adelige« der Ashanti's. Der allgemeine Name für einen angesehenen Mann ist „Cabosir" — Hauptmann, Oberhaupt. Die Cabo sir's bilden den eigentlichen Adel des Landes, und sind sehr stolz ans ihr Geschlecht. Doch kann der König jeden freien Mann, namentlich wenn er sich im Kriege ausgezeichnet hat, zum „Cabosir" erheben. Die ganze Anzahl aller Cabosir's oder Edeln, die der König zu- weilen in seine Hauptstadt bernst, bilden die Neichsver- sammlnng, ohne welche der König keine Nationalangele genheit abmacht. Aus der großen Masse der Cabosir's, die nur bei außerodentlichen Veranlassungen zusammen kommen, wählt der König seine Minister und seinen fast täglich um ihn versammelten Staatsrath, zu dem auch die Generale und Vizekönige gehören. Der Oberpriesicr oder Ober-Fetischmann sitzt nicht im Staatsrathe, da gegen nehmen zuweilen einige einflußreiche Mauren, die überhaupt bei den Ashanti's in großer Achtung stehen, daran Theil. Der vorletzte König von Ashanti hatte die Absicht ausgesprochen, einem Hauptmann seinen Stuhl und seinDie Adeligen. 67 Vermögen zu nehmen. Da erhob sich Einer in der Naths- versammlung und sprach: .„Nein, König das ist nicht recht, der Mann that Dir nie etwas zu Leide. Das Gold Deiner Unterthanen ist zwar nach ihrem Tode Dein, wenn Du aber ihnen schon bei Lebzeiten Alles nimmst, so werden die Fremden sagen „im Lande der Ashanti's hat nur der König Gold und sonst Niemand," und das wird nicht gut seyn; wenn sie aber sagen, der König hat Gold und alle seine Unterthanen haben Gold, dann wird Dein Land hübsch aussehen, und die Völker werden Dich ehren." Der König hörte auf den Rath und folgte ihm. Indessen, wenn die Cabosir's oder Gouverneure der Provinz die Unzufriedenheit des Herrschers erregt haben, läßt er sie nach Knmassi kommen, um ihren Prozeß selbst zu leiten, und selten entgeht da Einer der Hinrichtung. Nach den Hinrichtungen bleiben die Leichname eine Zeit lang auf dem Nichtplatze liegen, dann werden sie hinaus geschafft in einen benachbarten Wald, in welchem alle Hingerichteten der Verwesung und den wilden Thieren überlassen werden. Dieser Wald, ein Aufenthalt des Grausens, ist beständig voll von Gerippen, halb ver faulten und frischen Menschcnleichen, am Tage von Geiern, des Nachts von Tigern und Hyänen besucht, die hier ihre Mahlzeit halten. Zuweilen indes; schicken die Könige ihren Cabostr's oder Vizekönigen auch bloß die Botschaft zu, sie möchten sich selber um's Leben bringen, einen Befehl, dem diese nie widerstehen, da sie wohl wissen, daß der einmal aus gesprochene Wille deS Königs unabänderlich ist. Die Engländer berichten von einem Ashanti-Cabosir, der, als er einen solchen Befehl empfing, sich nur noch 8 Tage Frist vom Könige erbat: er verbrachte diese Zeit mit 5 "68 Die Ashnnti's. Singen und Tanzen, und ließ sich dann den Kopf ab schneiden, welchen er dein Könige zu überschicken befahl. So wie der König gaben auch die Cabosir's den ausgezeichneten Fremden in der Stadt zuweilen Diners und Feste, bei denen es an den schönsten Früchten und einer Fülle wohlschmeckender Gerichte nicht fehlte. Auch ist es ihnen erlaubt, zur Genngthuung ihres Familien- stolzes alle Jahre einmal ein großes Schaugepränge zu veranstalten, wobei sie allen ihren Goldreichthum öffent lich zeigen, viel trinken, und selber tanzend in der Mitte ihrer singenden und musicirenden Sklaven nmherziehcn. Bei solchen Gelegenheiten spielen dann die Sonnen schirme eine große Nolle; sic sind von außerordentlicher Größe und Pracht. Oft können 12 bis 20 Personen darunter Platz finden. Sie bestehen aus verschiedenen Lunten Zeugen, und rund um den Rand hängen allerlei Quasten, Auszackungen und Verzierungen herab. Oben aus der Spitze sind verschiedene Embleme angebracht, welche sich ans die Würde und das Amt des Besitzers beziehen. So z. B. hat der oberste Scharfrichter die Figur einer menschlichen Hand darauf, mit einem daran befestigten langen Schwert; der Schatzmeister oder Fi- nanzminister hat eine goldene Schaale mit zwei kreuz- ,weiö darin ausgestellten goldenen Schlüsseln. Auch soll es aristokratische Familienzeichen an den Sonnenschir men geben, wie es bei den Schilden unserer Vorfahren der Fall war.Die mclißioit. 69 Von der Religion der Ashanii's. Die Ashanti's sind wie alle Neger dem Fetischdienst ergeben. Das Wort „Fetisch" kommt von dem portn- gisischen Feitioo (englisch „Fetisch" ausgesprochen), wel ches Zauberei bedeutet. Die Neger kennen dieses Wort nicht, wenn sie es nicht von Europäern gelernt haben. Aber der Ausdruck bezeichnet doch ganz gut ihren Götzen dienst. Sie glauben nämlich an ein höchstes Wesen, das sie Jan-Kompuna nennen, und welches den Himmel bewohnt; aber daneben fürchten sie noch eine Menge böser Geister, die ans der Erde hausen, und gegen den Willen Gottes ihnen Schaden zufügen. So z. B. glauben sie, wenn sie im Finstern über einen Stein fallen, ein böser Geist habe sich in diesem Steine versteckt, um ihnen wehe zu thun. Wenn nun der oberste Gott zürnt ■— im Ge witter oder in Krankheiten oder sonst bei Unglücksfällen—- so wenden sie sich an die untern Gottheiten, die Fetische, denen sie eine große Macht zutrauen, und die ihre Sachen bei der Hanptgottheit vermitteln. Diese untergeordneten Gottheiten wohnen in gewissen Flüssen, Bergen, Wäldern, namentlich aber in den „vom Himmel gefallenen" Me teorsteinen. Jede Familie hat überdieß noch ihre Haus fetische, die sie von den Priestern empfängt, und welche den Laren und Penaten der Griechen und Römer ent sprechen. Einige sind hölzerne Figuren, andere aus Thon oder sonst einem Stoffe geformt. Auch Thiere werden als Fetische verehrt, darum essen einige Familien r>ie Rindfleisch, andere enthalten sich des Schweine-70 Die Ashanti's. fleisches, wieder andere verspeisen bloß weiße Hühner, andere blos schwarze, und opfern dann die andersfarbigen ihrer Gottheit. Der jetzige König gehört zur Parier derer, welche die schwarzen Hühner opfern, während der vorige König zu denen gehörte, die weiße Hühner und Rinder znm Opfer brachten. Heilige Thiere aber zur Anbetung haben die Ashanti nicht. Wenn sie trinken, gießen sie zuvor einige Tropfen auf den Boden zum Opfer für den Fetisch, und wenn die Herren von ihren Stühlen aufstehen, sind die Sklaven gleich bei der Hand, einen Fetisch auf den verlassenen Sitz zu stellen, um zu verhindern, daß sich der böse Geist nicht auf ihres Herrn Platz schleiche. Der auffallendste Aberglaube der Ashanti's ist ihr Vertrauen auf die Fctisch-Amulets, die sie von den Mauren kaufen, und von denen sie glauben, daß sie un verletzlich im Kriege würden, wenn sie ein solches Zauber- mittel tragen. Gewisse, von den Arabern oder Mauren beschriebene Papiere stehen bei ihnen im höchsten An sehen; überhaupt haben sie vor allem Geschriebenen den höchsten Respekt. Der jetzige König hat sogar ein gc- geschriebeues Exemplar des Koran, das ihm einst von maurischen Kaufleuten geschenkt wurde, in seinem Palast. Es ist das einzige Buch, was er besitzt, und obwohl er selbst nicht zu lesen versteht, bewahrt er den Koran doch als Heiligthum, holt ihn in gefährlichen Momenten her vor, und hebt ihn hoch in die Höhe, um die Gnade des Himmels dadurch zu erflehen. Die Priester stehen nicht in hoher Achtung, denn sie werden eigentlich nur als Zauberer benützt, reisen auch wvhl gleich Wunderdoktoren umher, um zu sehen, wo sich die besten Geschäfte machen lassen. Die höhere KlaffeDic Hcliflion. 71 der Fetischmänner muß aber bei ihrem Fetisch wohnen bleiben. Der Tempel ist ein kleines rundes Haus, wo rin der heilige Stein anfbewahrt wird. Will sich Je mand als Priester etabliren, so muß er sich vor Allem einen solchen Stein verschaffen. Uebrigens ist die Prie sterwürde in de» Priesterfamilien erblich. Hat ein Prie stersohn seinen Stein empfangen, so legt er ein weißes Gewand an; er darf nicht mehr gleich den Andern das Haupthaar scheeren und den Bart wachsen lassen, sondern muß nun diesen rasircn und die Haare so lang tragen, als sic bei einem Neger wachsen mögen. In Kumassi ist der Oberpriester, doch übt derselbe keineswegs eine große Herrschaft über die ganze Priester- schaft aus. Schulen zur Bildung der jungen Priester kennt man nicht. Wohl aber können auch Weiber als Priesterinnen auftrcten und großen Ruf erlangen. So ist die Religion der Ashanti — eine traurige Verirrung des menschlichen Geistes. Sie glauben zwar an eine Unsterblichkeit der Seele, aber denken sich jenes Leben als eine bloße Fortsetzung des irdischen, so daß ein Cabosir wieder Häuptling oder ein Sklave wieder Sklave wird. Darum werden bei dem Tode eines Kö nigs oder Vornehmen eine Menge von Sklaven ge schlachtet, damit der Herr gleich wieder mit Dienern ver sorgt sei. Selbst der unbemittelte freie Mann, wenn er stirbt, erhält ein Paar Sklaven nachgesandt. Wenn aber ein König, oder des Königs Mutter oder Schwester stirbt, steigt die Anzahl der Opfer auf mehrere Tausende und das Schlachten währt Monate lang. Der vorletzte König der Ashanti gab bei seiner Mutter Tode 3000 Kriegsgefangene zum Opfer her, mehrere Große lieferten jeder 100 Opfer und jede der kleineren Städte zehn.72 Die Äshanti's. Das Blut der Menschen wird da viel weniger geschont, als das der Thiere. Man kann sagen es wird bei jeder wichtigen Gelegenheit, ja täglich vergossen. Nicht nur die beständigen Kriege, welche diese Nationen unter einander führen, sind äußerst blutig, nicht nur ihre Ge setzgebung ist blutig — denn wer z. B. auf dem Markte Goldstaub fallen läßt, und ihn selbst wieder aufhebt, ist dem Tode verfallen, denn das Verlorene gehört dem König — ; sondern sie nehmen sich auch selbst bei den geringsten Veranlassungen das Leben. Wie könnte die Kraft dieser tapfern Nation zum Guten sich wenden, wenn das Evangelium diesen armen Menschen verkündigt würde! Doch, um in das trübe Bild auch einen erfreu lichen Zug zu bringen, so erwähne ich noch, daß die Ashanti's zwei Sittengebote treulich befolgen: erstens, daß sie nie lügen, und zweitens, daß sic das Alter ehren. Der König nähert sich dem ärmsten alten Bettler, wenn er ihm auf der Straße begegnet, freundlich, redet mit ihm und gibt ihm einen Platz an seiner Seite. Die Mütter bringen ihren Kindern frühzeitig Abscheu vor der Lüge bei; steht Jemand vor Gericht, und bekennt offen die Wahrheit, so vermindert das die Strafe, lügt er aber, wird die Strafe verdoppelt.Tanz, JHuftk und Pocstc. 73 Von dem Tanz, von der Musik und Poesie der Ashanti's. Unter den schönen Künsten spielt entschieden der Tanz die vornehmste Rolle bei den Ashanti's, wie bei allen Negern. Es ist bekannt, daß selbst die Sklavcn- Negcr in Amerika dem Tanze eifrig ergeben bleiben. So sehr der Tanz bei den gravitätischen Asiaten, die bloß ihre Sklaven tanzen lassen, als etwas Unschickliches und den Mann Entwürdigendes verachtet wird, so hoch schätzen ihn die heiteren und sanguinischen Neger. Selbst die Cabosir's und Vornehmen taugen bei ihnen, wenn sich Gelegenheit bietet. Sogar der König führt auf öffentlichem Markte oder in der Rathsversammlung bei dem Empfange einer frohen Botschaft einen Tanz aus. Nicht selten tanzen die Könige vor ihren Gästen, wenn sie dieselben ehren wollen. Bei den Schaugeprängen und Aufzügen, welche die Cabosir's zuweilen anstellen, pflegen sie tagelang in Begleitung ihrer Sklaven durch die Stadt zu tanzen, und auch vor den Thören ihrer Freunde einen Solotanz zu deren Ehre auszuführen. Sie unterscheiden besonders zwei Tänze. Erstlich einen, wo der Tänzer auf derselben Stelle bleibt und bloß Sprünge, Pantomimen und allerlei Glicdcrvcr- renkungcn macht, und dann einen zweiten, wobei er die Stelle wechselt, in einem mehr oder weniger bedeuten den Kreise herumhüpft und eine Art Kastagnetten ge braucht. Diese Kastagnetten sind sehr beliebt und be stehen aus Eisen. Man trägt sie am Zeigefinger und Daumen und trägt sie etwa so, wie wir unsere Hand-74 Die Äshanli's. schuhe, um bei jeder sich darbietenden Gelegenheit ge rüstet zu seyn. Der König trägt für beständig ein Paar goldene Kastagnetten an seinen Fingern, die er aber nicht bloß beim Tanze gebraucht, sondern auch wenn er reden will, um das Zeichen zum Stillschweigen zu ge ben. Reigentänze der Männer und Weiber zusammen sind selten. Bei Gelegenheit tanzen sie auch um Men- schenskelette oder um die Schädel ihrer erschlagenen Feinde, die wie beim Eiertänzen in einer gewissen Ordnung auf den Boden gelegt werden. Der Tänzer hat dabei wohl einen mit Menschenschädeln scheußlich geschmückten Stab in der Hand. Gewöhnlich ist ihr Tanz mit Gesang und Musik begleitet und dabei kommt oft auf einen einzigen Tän zer ein ganzes Chor Sänger und Musikanten. Die Worte ihrer Gesänge sind zum Thcil improvisirt, die Melodieen dagegen meist alt und fest bestimmt. Mit gewissen Melodieen sind auch gewöhnlich gewisse Worte verbunden, wie bei uns. Und sowohl der König als jeder seiner Obcrhanptleute hat seine besonderen Lieder und Melodieen die Jedermann kennt. So blasen des Königs Musikanten des Abends aus dem Markte von Kumasst das Lied: „Der König Sai dankt seinem gan zen Volk und allen Cabosir's für heute." Auch haben seine Musikanten noch dieses Lied: „Ich übertreffe alle Könige der Welt." Ein anderes Lied eines Cabofir's fieng so an: „Ashanti's, betragt Ihr Euch recht?" Ein zweites so: „So lange ich lebe, kann mir nichts Schlim mes begegnen." Ein drittes so: „Niemand darf mich beleidigen!" Ein viertes: „Ich bin eines großen Königs Sohn!" Es erinnert dieß an die Denksprüche und Motto's der großen Familien des Mittelalters.Tanz, Musik und Pocllc. 75 Man singt sowohl einzeln als im Chor, nnd manche Melodieen klingen gar nicht übel. Fast alle öffentlichen Feste, Staatsceremonien, Anszüge, Hinrichtungen und Darreichungen von Menschenopfern werden mit Musik und Gesang begleitet. Man hat sowohl Blas- als Saiteninstrumente, welch' letztere entweder mit dem Finger gegriffen oder mit dem Bogen gestrichen werden. Doch die Trommeln, Pfeifen, Gonggon's oder Becken und Hörner sind immer die Hauptinstrumente; auch wer den große trockene Kalebassen mit Körnchen oder Stein- chen gefüllt, im Takte zu der Musik geschüttelt. Jeder Cabosir hat in seinem Hause sein eigenes Musikkorps, und bei großen Auszügen zählt man wohl Hunderte von solchen Chören, die einen entsetzlichen Lärm verursachen. Zu den Hörnern nehmen sie ganze Elephantenzähne, deren Höhlung inwendig noch ein wenig erweitert wird, und in die mau an der Spitze ein Loch bohrt. Diese Elfenbeinhörner geben einen sehr starken tiefen durch dringenden Ton von sich, etwa wie die großen Stier- hvrner, welche bei den Landsgemeiuden von Uri und Unterwalden geblasen werden. Sogleich nach dem Tode eines Königs oder einer vornehmen Person erdröhnen diese herzerschütternden Hörner, die das Zeichen zum Opfern und Blutvergießen geben. Auch bedient man sich ihrer in der Schlacht. Der König hat in seinem Palast eine besonders große mit der Haut einer Riesenschlange überzogene Trommel, eine Art Staats- oder Reichstrommel, die nur bei besondern Gelegenheiten geschlagen oder ihm vorgetragen wird, z. B. bei Eröffnung eines Feldzugs oder bei Hinrichtungen. An dieser Trommel hängen die76 Die Äshanti's. Köpft mehrerer von den Äshanti's besiegten Könige, und unter andern auch der Schädel des englischen Ge nerals Mac-Cartncy, den die Äshanti's in ihrem letz ten Kriege gegen die Britten gefangen nahmen und köpften. Was die Poesie der Äshanti's betrifft, so läßt sich davon wenig sagen, da sie die poetischen Ergüsse des Augenblicks nicht festzuhalten wissen, und weder Buch stabenschrift noch Hieroglyphen kennen. Es ist merk würdig, daß sie nicht schon längst von den Mauren, die so lange mit ihnen Verkehren, die Schreibkunst erlernt haben. Ihre eigene Geschichte, ihre Eroberungen und Kriege, die Ereignisse in ihrem Lande, als Ankunft von Gesandten u. drgl. behalten sie durch Tradition, und die Mütter erzählen daö Alles schon frühzeitig ihren Kindern. Auf diesem mündlichen Wege haben sich auch manche kleine poetische Erzählungen erhalten, die des Abends beim Mondenschein, wenn die Mütter mit ihren Kindern vor den Häusern sitzen, erzählt und zuweilen mit Chor gesängen begleitet werden. Eine Erzählung dieser Art ist z. B. folgende Fabel, in welcher alle Thiere von Guinea figuriren, und worin zugleich die Lehre veranschaulicht wird, daß man den Großen nicht zu hoch, den Kleinen nicht zu klein er achten solle, und daß Verstand oft mehr werth sei als leibliche Kraft. „Ein gewaltiger König •— so lautet das Ashanti- Mährchen — wünschte einst in den Besitz eines kostba ren Edelsteines zu kommen; der zugleich ein mächtiger Fetisch war. Diese Pretiose war aber in einer festen Burg, welche einsam in einem Walde lag, verschlossen. Der König rief sämmtliche Thiere seines Landes zusam-Tanz, Jillllik und Porste. 77 men, that ihnen seinen Willen kund und bot hohe Prä mien aus für de», welcher ihm das Gewünschte brächte. Da blickten alle Thiere ans den Elephanten; der trat hervor und sprach zum König: „Ich will die feindliche Burg erbrechen, und mein Rüssel soll dir flugs den Edelstein darreichcn!" Mit schnellem Schritt eilte das mächtige Thier davon, beim Anrennen aber an die Pforte stieß es sich Kopf und Rüssel wund, zersplitterte seine Zähne, und klagend kehrte cs zurück. Alle Thiere lachten den Elephanten aus. Da trat der Löwe vor mit den Worten: „Bin ich doch König im Walde und muß doch vor meinem kühnen Sprunge selbst der Ele- phant sich fürchten! Meine Tatze, o König, wird Dir das Kleinod übcrbringen!" Mit einigen muthigen Sprüngen galloppirte er munter zum Walde hin; allein nicht lange darauf kam er lahm und hinkend zurück. Sein Maul blutete, er hatte sich seine spitzen Zähne stumpf gebissen und mußte bekennen, daß seine Kraft zu schwach gewesen sei. „Der König wurde mißmuthig und klagte über treu lose Unterthanen. Der Tiger und nach ihm der Büffel suchten mit schönen Worten den Herrn zu trösten, aber ihre Thaten waren schwächer als das Wort, sie kamen leer zurück. Der König wurde immer ungeduldiger, die Thiere mißmuthigcr; der gewandte Leopard, der leicht füßige Hirsch waren fortgeraunt, aber ohne das Kleinod zurückgekehrt. „Jetzt gericth der König in Zorn, die Thiere zitter ten vor Angst und Schrecken, als ans einmal eine kleine Schildkröte hervorwatschelte, ihren Hals emporreckte und den König bat, er möchte auch ihr erlauben, daß sie ein mal die Zauberburg sich anschauen und ihr Heil versuchen78 Ute Afhant't'r. dürft. Als der König diese kleine verächtliche und töl- pische Zwergin sv keck und vertrauensvoll sah, fieng er an zu lachen und alle Thiere konnten trotz ihrer Noth sich des Lachens nicht erwehren über das eingebildete Ding. „Doch der König, weil er wieder guter Laune ge worden war, willigte endlich ein und sagte, die Schild kröte möchte nur hingehen, und wenn sie könne, alle Große des Reichs beschämen. Und das kleine Thier watschelte nun ganz langsam und bedächtig fort, ohne Sprünge zwar, aber vorsichtig und in gerader Linie, unbekümmert um das Gelächter der Thiere, das ihr spottend uachschallte. Es dauerte zwar etwas lange, bis sic den Wald erreichte, aber sie kam doch an, fand die Burg und beschaucte sie von allen Seiten. Sie bemerkte nun wohl, daß die Mauern viel zu hoch seien, als daß eine schwerfällige Schildkröte, die nie hüpft, sie überspringen könnte; auch daß die Thüreu viel zu fest seien, als daß eine zahnlose Schildkröte sie zu zernagen vermöchte. Nachdenkend und beobachtend kroch sie um die Burg herum, bis sie auf einmal, als das Gras unter ihren Füßen sich beugte, ein kleines Loch unter einer Thüre erspähete. Dieses Loch hatte keiner ihrer Vorgänger bemerkt. Die kleine Schildkröte schlüpfte bald hindurch und kam so glücklich in den Palast. Sie kroch aus einem Zimmer in das andere, und da sie ihre Augen stets aufmerksam aus den Boden richtete, entging ihr nichts. Endlich, im letzten Zimmer, fand sie das Kleinod, welches der König verlangte; sie nahm es üLs Maul, und schlüpfte wieder durch dasselbe Loch, das ihr den Eintritt verstattet hatte. Unterwegs überfiel sie ein Gewitter, aber sie achtete nicht auf Donner oderTanz, Musik und Pocsic. 79 Blitz, und setzte ihren Weg rüstig fort, bis sie die Ver sammlung wieder erreichte und dem Könige das Juwel zu Füßen legte. Von da an spottete Niemand mehr über die kleine Schildkröte." In der Art des Vortrags solcher Fabeln ist noch dieß besonders hübsch, daß der Erzählende jedem Thiere, so wie es in der Geschichte auftritt, eine Lobrede hält, in welcher auf sehr poetische Weise seine Eigenschaften gelobt werden, und seine Gestalt vom Kopf bis zu den Füßen beschrieben wird. So z. B. bei dem Elephanten seine kolossalen Beine, seine Zähne gleich Baumästen, die Kraft und Gelenkigkeit seines Rüssels; so bei'm Lö wen das Feuer seiner Augen, sein furchtbares Gebiß; bei den Gazellen ihr sanfter bezaubernder Blick und ihre graziösen Bewegungen. Der Tiger bekommt eine Menge von Beinamen: der kräftige und schöne, der wilde und glänzende, der funkensprühende, morddürstende, dampfathmende, bluttriefende. Ebenso wird auch für die kleine Schildkröte: die kleine, schmutzige, auf der Erde hinkriechende, hornbedeckte, aus Furcht versteckte, den Kopf hervorreckende, vom Boden leckende re. von dem ganzen Chor der Anwesenden erst ein Spott- und dann ein Loblied gesungen. Die Neger zeigen sich als sehr gute Beobachter und treffende Maler bei der Auffassung natürlicher Dinge. Gewöhnlich macht das Loblied der Thiere ein anderer, als der gewöhnliche Erzähler, und die andern singen das von ihm Gesprochene im Chore nach. Eine andere in der Guinea-Literatur bekannte und oft angeführte Sage ist die von der Erschaffung der Menschen und der Trennung der weißen und schwarzen Nace. Sie lautet bei den Ashanti's so: „Im Anfänge80 Dic Äshnnti's. der Welt schuf Gott sechs Männer, drei weiße und drei schwarze mit eben so viel Weibern. Er beschloß, damit sie sich künftig nicht über ihr Schicksal beklagen möchten, sie Gutes und Böses selber wählen zu lassen. So brachte er denn zwei verschiedene Dinge herbei, eine große ver schlossene Kalebasse oder Schachtel und ein versiegeltes Stück Papier; beides legte er vor ihnen hin auf den Boden. Dic schwarzen Männer ließ er zuerst wählen. Diese verachteten das Stück Papier, und griffen nach der Kalebasse, worin ein Stück Gold, ein Stück Eisen und verschiedene andere Metalle lagen, mit denen sie nichts anznsangcn wußten. Die klugen weißen Männer aber nahmen das Papier auf, und als sie es öffneten, hatte Gott ihnen darin einen Brief geschrieben, der sie Alles lehrte, was nöthig war. Nun wurden dic Weißen die Lieblinge Gottes, während es vorher die Schwarzen gewesen waren. Diese ließ er im Walde, jene führte er nach der Wasscrseite zu. Da kam er mit ihnen jede Nacht zusammen, und lehrte sie ein Schiff bauen, damit fuhren die Weißen in ein fremdes Land, wo sie viel klüger und mächtiger wurden als die Schwarze», und woher sie viel schöne Maaren brachten, um sic den Schwarzen zu verkaufen, die selber das Alles hätten be sitzen können, wenn sie sich zeitig besonnen hätten." Und allerdings hat der liebe Gott de» „weißen Menschen" einen Freibrief ausgestellt, einen Adelsbries des Geistes und der sittlichen Kraft, um den uns wohl dic „schwarzen Menschen" beneiden mögen.81 Dritter Abschnitt. Skizzen aus Aegypten.*) Der erste Morgen in Kairo. Wiesen Morgen erwachte ich in einer neuen Welt. Die Sonne, die glühende Sonne Aegyptens warf ihre goldenen Strahlen durch die weiten hcrvorstchcnden Fenster meines Schlafgemaches; seltsame ungewohnte Töne ließen sich unten auf der Straße vernehmen und störten mich in meinen Träumen von der Heimath. Schon in dieser frühen Stunde war der Raum vor un serem Hötel voller Leben, Bewegung und Geräusch ■—- denn ohne Lärm geht hier nichts vor sich! An der Thür knieetcn zwei mit Steinen beladene Kameelc, welche heftig murrten und trotz aller Schläge nicht aufstehen wollten; man hatte sie überladen oder schlecht beladen, und sic waren nicht von der Stelle zu bringen, bis ihre Lasten gleichmäßiger vertheilt wurden. Dort hockte un ter dem Schatten einer Mauer eine Gruppe von alten Arabern in ungeheuren weißen Turbans, ihre Fliegen wedel über die Haufen von flachen Brodkuchcn und *) Mistrcsi Römer „Pilgerfahrten zu den Tempeln und Grä bern von Aegypten, Nubien und Palästina." - Grube, Bilder und Sceiien. Afrika. <2. A.) 682 Kkizzcn nur Äcgypten. reifen Datteln schwenkend, die auf der Erde vor ihnen zum Verkauf ausgebrcitet lagen. Weiterhin stand ein Schlangenbeschwörer mit einer großen lebendigen Schlange, die zweimal um seinen Hals geschlungen war, und in jeder Hand einen Sack voll lustig spielender Nattern; er war zum Dienst eines Jeden bereit, der seine Wohnung von so unliebsamen Gästen gesäubert wünschte. In der Mitte des Platzes waren zwanzig bis dreißig Miethsesel versammelt, fertig gezäumt, mit Sätteln von rothem Maroquin versehen, und mit Tep pichen bedeckt, um von Herren oder Damen bestiegen zu werden; ihnen zur Seite standen die Treiber, sich ans eine Weise zuschreiend, wie es nur Araber vermö gen. Ihre dunkeln, schlankgeformten Glieder waren bloß in ein blaues baumwollenes Hemde gehüllt, dessen Aer- mel mit Stricken zierlich um die Schultern geschlungen sind; ihre finstern schwärzlichen Gesichter wurden durch die weißen faltigen Turbane noch mehr hervorgehoben. Kaum Einer unter ihnen besaß zwei Augen, so groß sind die Verheerungen, welche die Ophthalmie*) in die sem Klima anrichtet! Unmittelbar vor meinem Fenster erhob sich das spitze Minaret einer benachbarten Moschee, von deren Zinne jetzt die Stimme des Murzzim ertönte, der die Gläu bigen zum Mvrgengebet rief. Ein halbnackter Araber eilte in vollem Laufe vorbei, mit einer langen Peitsche knallend, um den Weg für seinen Herrn zu säubern, der in seidenen Gewändern auf einem reich gezäumten, mit *) Augenweh — durch den feinen Sand und die blendende» Lichtcffekte hervorgebracht, denen das Auge im Freien fortwäh rend ausgesetzt ist-Ein SUiciitaur in Kairo. 83 Stimmet, Gold und Troddeln behangenen Pferde vor beiritt; dicht neben ihm sein Pfeifenträger. Und horch! welches Geheul, welches Gekreisch ist das, welches von Zeit zu Zeit daö lärmende Treiben dort unten über tönt? Es ist das Morestan oder öffentliche Tollhaus von Kahira, das in der Nähe liegt, und dessen unglück liche Bewohner ihr wildes Geschrei und wahnsinniges Gelächter in schneidender Dissonanz mit dem heitern und geschäftigen Alltagsleben vermischen. Ei« Abenteuer in Kairo. Wir ritten en fite durch eine enge Straße, Herr P., ein Quäker, war unmittelbar vor mir, als ich zu mei nem Schrecken einen Mann mit einer langen Karbatsche bewaffnet aus dem Haufen der Menge hcranstürzen und unserem harmlosen Freunde einen Schlag versehen sah, dem er einen zweiten, seinem ebenso harmlosen Esel applizirtcn, folgen ließ. Der erste Antrieb des Herrn P. war, seine Peitsche zu erheben und den Schlag zu erwiedern; aber der Einfluß jener Grundsätze, die den Mitgliedern seiner Religionssekte alle gewaltsame Hand lungen, oder die Vergeltung erlittener Beleidigungen verbieten, gewann bald in ihm die Oberhand, und er ließ seinen Arm fallen, ohne die ihm zugefügte Schmach gerächt zu haben, obgleich ich an seinen glühenden Wan gen und funkelnden Augen erkennen konnte, daß seine christliche Ueberzeugung nicht ohne Kampf den Sieg über die Leidenschaft erfochten hatte. Dieses Alles war je-84 Skizzen nus Aegypten. doch mit solcher Schnelligkeit vorgefallen, daß wir keine Zeit hatten, über den Vorfall nachzudenken und ich wartete schon meinen Antheil an den Prügeln zu be kommen, die von dem vermeintlichen Tollhäuslcr ans- getheilt wurden, als unser Dragoman auf mich zneilte, meinen Esel beim Zügel faßte und in eine Ecke Hinein riß indem er die ganze Sache durch die paar Worte „Mohammed Ali!" erklärte. Der Volkshaufe wich zu rück; die Herren von unserer Gesellschaft stiegen sogleich ab und entblößten daö Haupt — mit Ausnahme nn- fers Freundes P., dessen eigenthümliche Lehrsätze ihvk ein anderes Verfahren vorschrieben. Zwei Männer zu Pferde galoppirten an uns vorüber, hinter ihnen eine auf Dromedaren reitende Eskorte, von welcher der Vordermann den Bet - Teppich des Vicekönigs trug; dann kam der Vicekönig selbst, in einer europäi schen, von vier schönen Grauschimmeln gezogenen Ka lesche sitzend, mit seinem Kutscher und zwei Lakaien in Mameluckentracht von Scharlach und Gold. Der Zug ward von einer zweiten Dromedar-Eskorte geschlossen, welche die Tschibuck's (Pfeifen) des Pascha trug, die sich in karmoistnrothen mit Gold durchwirktcn Futteralen be fanden und von dem zu ihnen gehörige» Feuerapparat in großen silbernen Kohlenbecken begleitet waren. Die Schnelligkeit, mit der Se. Hohheit fuhr, nöthigte die Dromedare, sich im Trabe zu bewegen, waö bei diesen ungeschlachten Thieren einen höchst lächerlichen Anblick gewährte. Wir konnten indeß nicht läugnen, daß sie recht gut für den Hofstaat eines afrikanischen Macht habers paßten.85 Der verstohlene Moschee-Besuch. Gestern habe ich ein gewagtes Unternehmen ausge führt — ich habe die Moscheen von El-Azhar, und Has- saneyn besucht, die beide von den Moslemin so heilig gehalten werden, daß cs dem Christen bei Todesstrafe -verboten ist, sie zn betreten. Bis vor wenig Jahren war es einem Europäer nicht einmal gestattet, an diesen Tempeln vorbeizugehen, ohne sich derselben Strafe ans- zusctzen. Es gab für mich nur Ein Mittel, den Zu tritt zu erlangen; dieses bestand darin, die muselmän nische Tracht anzuziehen und mich für eine Aegypterin auszugeben, obgleich mein Begleiter Mohammed Furcht hatte, bei Entdeckung des Betruges als erstes Opfer der Volkswuth zn fallen. Am Thor von El-Haffaneyn angekommen, stieg ich ab, ließ meine Pantoffeln an der Außenthür und über schritt keck die Schwelle, von einer Dienerin gefolgt, während Mohammed in einiger Entfernung zurückblieb, da es bei den MoSlemin nicht Sitte ist, daß Weiber dem Gottesdienste in männlicher Gesellschaft beiwohnen; er trug jedoch Sorge, uns im Auge zu behalten, um so gleich Hülfe leisten zu können, im Fall sich etwas Un angenehmes ereignen sollte. Die Moschee war ganz voll, weil es gerade der Tag war, wo die heulenden Derwische ihre seltsamen Gebräuche begehen. Wir lenk ten unsere Schritte zuerst nach der Kubbah oder dem Saale des Grabmals, in welchem sich der Schrein be findet, worin das Haupt des Märtyrers El-Hassaneyn86 Skiern aus Äcgypttn. (Enkels des Propheten) aufbewahrt wird, und nach dem Beispiel meiner Gefährtin berührte ich das ihn umge bende Gitter mit der Stirn, und küßte die Thürklinke, worauf wir uns auf dem Boden neben den Frauen nie derfetzten, die sich in der Nähe des Heiligthums zum Gebet'versammeln. Nachdem wir einige Zeit hier ver weilt hatten, begaben wir uns in das Innere der Mo schee, wo sich die männlichen Beter einfinden, und in dessen Mitte die heulenden Derwische ihr Zikr ver richteten. Etwa vierzig von ihnen bildeten einen Kreis und gaben sich die Hände, indem sie ihren Körper von einer Seite zur andern bewegten, und Allah hu hail schrieen bis ihre Geberden so heftig wurden und ihre- Aufregung bis zu einer solchen Höhe stieg, daß mehre ren von ihnen der Schaum vor dem Munde stand und ein Paar, wie von der Fallsucht betroffen, niedersanken. Einige Soldaten und andere Fanatiker schlossen sich ihnen an, und wetteiferten mit ihnen in wilder Ausgelassenheit. Wir wagten jedoch nicht, uns lange bei den Derwischen aufzuhalten, da wir keine Weiber in diesem Theile des Gebäudes bemerkten. Nachdem wir also die Runde um die Moschee gemacht hatten, kehrten wir nach der Kub- bah zurück, drückten die Stirn von Neuem gegen das Gitter und entfernten uns. Die Moschee El-Hassancyn ist wegen der Reliquien, die sie besitzt, die heiligste von allen religiösen Anstalten Kahira's; waö aber ihre Bau art anlaugt, so ist sic nicht mit der Moschee des Sul tans Hassan zu vergleichen. Da ist der Fußboden mit persischen Teppichen bedeckt, und der Schrein mit dem Haupte des Märtyrers schien mir, soweit ich ihn bei dem Halbdunkel, das in der Kubbah herrscht, durch das Gitter unterscheiden konnte, mit Platten von Gold oderDer verstohlene Moscheebesuch. 87 vergoldetem Metall beschlagen zu seyn. Unter dem Dome (der Kuppel) hängen kleine Lampen an Drähten, wie in allen andern mnhamedanischen Gotteshäusern, und zwischen ihnen sind Straußeneier, das Symbol der Auf erstehung, angebracht. Eine Predigt wurde nicht gehal ten, und die Anwesenden schienen ihre Zeit zwischen Gebet und frcnndschastlichem Geplauder zu theilen. So wohl beim Eintritt als beim Ansgang umringten mich die Wasserträger, die an den Thüren der Moscheen stehen, und von allen anständig gekleideten Leuten Geld erbetteln, unter dem Vorwände, den Armen unentgelt lich Trinkwasser zu verabreichen. Mein Führer gab ihnen etwas Scheidemünze, worauf sie mir gestatteten, in Ruhe meinen Esel zu besteigen, und inich nach der Moschee von El-Hazhar zu verfügen. Dieses Gebäude liegt im Herzen der Stadt, und ist von einem solchen Labyrinth enger und stark bevölkerter Straßen umgeben, daß die Ansicht von Außen fast verdeckt wird. Der Haupteingang —- es sind deren fünf — führt zu einem großen, mit Marmor gepflaster ten Hof, wo wir eine zahlreiche Studentenschaar erblick ten, die auf den Steinen umhersaßen und unter Leitung ihres Professors studirten. Ich muß bekennen, daß ich nicht ohne Zittern durch ihre Reihen schritt; ich fürch tete, daß meine hellen Augen und ungefärbten Angen- brannen ihnen verrathen könnten, daß sie eine Europäerin und gar eine Engländerin vor sich hätten; es ereignete sich jedoch nichts von der Art und ungefährdet gelangte ich in das Innere der Moschee. Ihre großartigen Di mensionen und die Menge von kleinen, schmalen Pfei lern, welche den Plafond stützen und sich in allen Rich-88 Skizzen aus Aegypten. tungen gleich einem Walde ausdehnen, erinnerten mich an die maurische Moschee zu Cordova. Wir setzten uns am Fuße eines Pfeilers nieder, und ich ließ dann meine Blicke nach Herzenslust umher schweifen. Das Innere der Moschee war eben so voll als der äußere Raum; an jedem Pfeiler war eine ma lerische Gruppe versammelt, die in das Studium deö Korans und seiner Kommentare vertieft schien. Einzelne horchten mit halbgeschlossenen Augen in einem Zustande halber Verzückung den geheiligten Worten, Andere schau kelten sich hin und her oder wackelten mit den Köpfen, wie es bei den Muhamedanern gebräuchlich ist, wenn sie ihren religiösen Uebungen obliegen. Ihnen zur Seite saßen mehrere Katzen, die ebenso feierlich und recht gläubig aussahen, wie ihre Herren, und ich bin über zeugt, daß sie mir die Augen ausgekratzt hätten, wenn sie um den Schabernack gewußt, den ich den Anhängern des Propheten spielte. In den Zwischenräumen der Pfeiler standen Hun derte von Betenden in Andacht versunken, Viele lagen aber auch auf den Matten und schliefen, mit den Ko rans neben ihnen, deren Lektüre sie in das Reich der Träume entführt hatte. Es waren nur wenig Frauen in der Moschee, aber doch genug, um unserer Gegen wart alles Auffallende zu benehmen. Nachdem ich eine Zeitlang im Schatten meines Pfeilers gesessen und Mo hammed in meiner Nähe seine Andacht verrichtet hatte, machte ich die Runde durch die Moschee, und entfernte mich dann durch den Vorhof und die Hauptthür, wo ich meine Pantoffeln gelassen hatte. So hoch erfreut ich war, meinen Rückzug uuentdeckt zu bewerkstelligen, wagte ich doch nicht eher frei zu athmeu, bis mehrereDie Fahrt iil'cr vic Mlsällc. 89 Straßen zwischen jenem Brennpunkt des muselmänni schen Fanatismus und meiner ungläubigen Person lagen; ja, ich wagte nicht einmal über die Geschicklichkeit in's Fäustchen zu lachen, mit der ich die ehrwürdigen, bärti gen Ulema's und Mullah's hinter's Licht geführt hatte. Die Fahrt über die Nilfälle. Um zehn Uhr nahm der Re'is des Nilfalls mit zwanzig seiner Leute von unserem Nilbvot Besitz, indem er noch achtzig Mann nach dem Punkte voraussandte, wo wir ihrer Hülfe am meisten bedürfen würden. Wir spannten alle Segel auf, und sobald wir Assuan verlassen hatten, lagen die Katarakten vor uns in aller ihrer wil den Pracht, die nach dem zahmen Charakter, der das ganze Nilnser von Alexandrien bis Assuan auszeichnet, einen um so größeren Eindruck hervorbringt. Es that unfern Augen wohl, eine rauhe Natur zu erblicken, die sich von den ewigen Durrafeldern und Palmbäumen un terschied. Am Anfang der Stromschnellen sieht man einen wahrhaften Archipel von rothen und schwarzen Granit felsen, die in der Sonne glänzen und zwischen denen die zahllosen Gießbäche in allen Richtungen dahinschäu- Men: am westlichen Ufer erstrecken sich die Sandflächen der großen Wüste, gelb wie Gold und durch den Wind wie in Wogen des Oceans gekräuselt, bis an den Rand90 Skflzcn «U 0 Acgypten. des Wassers vordringend, wo sich große Massen von schwarzem Basalt erheben. Nach Osten thürmen sich Granitfelsen bis zn den Wolken empor, und zwar in so regelloser und seltsamer Form, daß man veranlaßt wird, ihren Ursprung einem vulkanischen Ausbruche zu- zuschreiben. In der That scheint diese chaotische Wild- niß aus einer jener Naturrevolutionen hervorgegangen, die einst unserem Erdboden seine gegenwärtige Gestalt verliehen. Die Brise hielt zn unserem Glück noch immer an und führte uns bisweilen zwischen Felsen, die so nahe zusammenstießen und bis zn einer solchen Höhe empor- ragte», daß sic den Wind anffingen, und es einen Augen blick zweifelhaft ließen, ob wir durch den Engpaß kom men würden oder nicht. In solchen Augenblicken trat eine kurze Pause ein, wo das Boot völlig stillstand und die Segel gleich dem Puls eines Sterbenden zitterten. — Dann füllten sie sich von Neuem, und das Angst geschrei unserer Mannschaft verwandelte sich in ein trium- phirendeS Hnrrah! So oft sich dergleichen Zwischenfälle ereigneten, pflegte unser guter Reis-Ali seinen Posten im Vordcrthcil des Schiffes zu verlassen, um mich zu ver sichern, daß keine Gefahr vorhanden sei. Er ermuthigte mich immer mit einem freundlichen ta^d, w^b! (sehr wohl, sehr gut!) durch welches Verfahren ich nicht nur über zeugt wurde, daß wir eine Gefahr überstanden hatten, sondern auch, daß uns noch mehrere erwarteten — eine Ueberzengung, die nur allzu gegründet war. Ich hatte einen Maaßstab für unsere Sicherheit fest gestellt, der mir größeres Zutrauen einflößte als die freundschaftlichen Besuche Reiis-Ali's — ich meine unfern vortrefflichen Koch, Hadschi-Mnstapha, dessen kleine trag-Die Fahrt über die MlMe. 91 bare Küche, in der er so Großes vollbringt, sich meiner Zeltdecke gegenüber befand. Hier saß er unbeweglich an seinem Posten und beschäftigte sich mitten unter dem betäubenden Lärm und der Verwirrung, die ihn um gab, ganz ruhig mit den Vorbereitungen zu unserem Mittagsmahl, obwohl cs mir zweifelhaft schien, daß wir es je verzehren würden. Sein unzerstörbarer Glcich- mnth galt mir jedoch als Beweis, daß er, ein geborner Nilvogel, an keine Gefahr dachte, und in meiner trüge rischen Sicherheit verlor ich de» Umstand ans den Augen, daß er als Muselmann und Fatalist, vor Allem aber als Koch, durch Religion und Gewerbe verbunden war, die unerschütterlichste Fassung zu behaupten •— daö Boot seinem Schicksale zu überlassen und nur seine Kasserollen im Auge zu behalten. So standen die Sachen um Mittag, und auf meine dringenden Fragen, die ich an Mahomcd, den Drago- man richtete, erklärte er, daß wir in Kurzem bei jenem Thcil des Falles anlangen würden, der das Bab oder „das Thor" heißt, und wo die achtzig Mann stationirt waren, um uns die Stromschnelle hinaufzuziehen; nach Beendigung dieser Operation würden wir die Insel Philä erreichen, wo alle Gefahr anfhört. Kaum waren diese Worte gesprochen, als die Dahabich (Nilboot) in einen jener kurzen aber rauschenden Gießbäche ein- lcnkte, durch welche der fahrbare Kanal führt. Es er folgte eine Scene der furchtbarsten Verwirrung; ich hörte die Stimmen der ganzen Mannschaft im wüthcnd- stcn Geschrei durcheinander — am lautesten das heisere Brüllen des Nci's; ich sah Mohamcd seinen Säbel ziehen And nach der Seite rennen, wo der Lootse des Reis po- stirt war. Ich bemerkte augenblicklich, daß wir nicht mehr92 Skizzen aus Aegypten. vor-, sondern rückwärts gingen, denn die zur Seite lie genden Felsen, die wir so eben hinter uns gelassen hat ten, schienen jetzt vor uns zurückzuweichen. Ich blickte aufwärts und sah die Segel flattern; ich blickte vor wärts, und — Schrecken aller Schrecken! ich sah, wie der Koch eine Puddingsorm aus der Hand fallen ließ, eine Stange ergriff, um mit der übrigen Mann schaft an's Werk zu gehen und das Schiff am Umdrehen zu verhindern. Alles ist verloren, dachte ich, wenn Hadschi-Mustapha seinen Pudding im Stich läßt! Im nächsten Augenblick vernahm ich einen hohlen knarren den Ton, der meine schlimmsten Befürchtungen rechtfer tigte: das Boot war gestrandet. Glücklicherweise saß es am Hintertheil fest, so daß es nicht gegen die Felsen abfallen konnte, die es unfehlbar zerschmettert hätten. Nachdem man die Vorsichtsmaßregeln getroffen, die un sere gegenwärtige Lage erforderte, warfen zwei von un fern Leuten sich in den Strom und schwammen nach einem Felsen, an den sie einige Taue befestigten, damit das Boot sich nicht wenden und an das Ufer treiben möchte. Der Lootse, dessen nachlässiges Steuern uns in diese verzweifelte Lage gebracht hatte, verließ inzwischen das Steuerruder und schwamm c»?s Ufer, von wo er seine Flucht in die Wüste fortsetzte. Während wir uns in einer so kritischen Lage befan den, und der Tod au unsere Thüre zu klopfen schien, so oft der Kiel an einen Felsen stieß, bedeckten sich die Anhöhen um uns her plötzlich mit nackten Nubiern, die wie schottische Clansmänner aus der vor einem Augen blick noch so stillen Einöde hervorstürzten. Wie man mir sagte, stehen diese Leute immer auf der Lauer und erscheinen in dem verhängnißvollcn Augenblicke der Ge-Eine Wanderung zu den Pyramiden von Eizch. 93 fahr, sei es um Hülfe zu leisten und ein Bakschisch (Trinkgeld) zu gewinnen, sei es um das Wrack zu plündern im Falle das Boot zu Grunde geht. Viele von ihnen näherten sich der Dahabich, aus Baumstäm men reitend und mit den Händen rudernd — ihre ge wöhnliche Art, über den Fluß zu schiffen. Wir lehnten aber ihre Dienste ab, da wir Leute genug selber hatten. Nach unerhörten Anstrengungen gelang es endlich, das Boot von dem Riff abzubriugen, aus dem es festsaß; doch nur, um aus der Scylla in die Charybdis zu kom men. Denn kaum hatte sich das Fahrzeug von der Stelle bewegt, als es wieder auf den Grund stieß, und einen Leck bekam. Nun blieb nichts Anderes übrig, als es auf den Sand einer benachbarten Insel laufen zu lasten und Wcrklcnte auö dem nächsten Dorfe herbeizu holen, um den erlittenen Schaden auszubesscru. Wir richteten uns ein, den Rest des Tages und die Nacht auf dem Sande zu kampiren, und verzehrten den Pudding des Hadschi-Mustapha auf dem Festlande. Eine Wanderung zu den Pyramiden von Gizeh.*) Wir beschlossen für den folgenden Tag unsere Aus flüge bis zu den Pyramiden auszudehnen, und zugleich das in der Nähe von Kairo gelegene Schlachtfeld zu Nach Alex. Dumas.94 SkttM au- Acgyptcn. besichtigen, auf welchem vor einem halben Jahrhundert Napoleon die Mamelucken in die Flucht geschlagen hatte. Mit Tagesanbruch wurden die Esel vvrgeführt, die uns in weniger als 10 Minuten nach Bnlack trugen; hier setzten wir über den Nil und befanden uns bald da rauf aus der Saudebene, die kein Denkmal weiter hat, als die Nähe der Pyramiden, welche wie der kühne Feldherr seiner Armee zurief, auf das Schlachtfeld nie- derschauten. Und zu diesen Pyramiden ritten wir so schnell uns die Thiere fortzubringen vermochten. Wir glaubten, in einer Viertelstunde diese Steinhügel zu er reichen, hatten uns aber sehr getäuscht. Die Esel san ken bis an die Kniee in den Sand, und es dauerte wohl 5 Stunden, ehe wir bei der ersten Pyramide anlangten. Es sind bekanntlich im Ganzen 40 Pyramiden vor handen, alle auf der Westseite des Nil erbaut, und in 5 Gruppen gesondert. Uns war cs aber um die größte, nordwestlich von Memphis gelegene zu thun, welche man auch vorzugsweise besteigt. Sie und ihre Schwe stern führen von dem nahegelegenen Dorfe Gizeh den Namen, und diese Gruppe ist durch die Massenhaftig- kcit ihres Baues die berühmteste. Die Pyramiden von Gizeh sind wie alle übrigen Grabmaler für die Könige; jede Pyramide bildet den Mittelpunkt eines Gräberfel des, auf welchem die Verwandten, Priester und hohen Beamten des königlichen Erbauers begraben liegen, theils in Kammern in den Felsen ausgehauen, theils in hohen Malen, die in oblonger Gestalt mit schrägen Wän den und flachen Decken meist 12 Fuß hoch aufgcbaut sind, als solide Würfel aus gewaltigen Quadern. Zwischen den südlichen Pyramiden von Gizeh und«Eilte Wanderung M den Pyramiden von «Mjejj. 95 den nördlichen von Sakkarah ist nur eine geringe Strecke, und zwar ein Arm der Wüste. Zn Sakkarah ist der alte Kirchhof von Memphis, die Mumienebene genannt, besäet mit Pyramiden und Grabmalen. Sein Anblick ist heutzutage niederschla gend und sehr düster. Die Naubsucht der Nachgrabenden hat überall Verwüstung verbreitet, die mit Skulpturen verzierten Grabmäler sind verstört, der Boden ist mit Sandhügeln bedeckt, welche durch die Umwühlungcn ent standen, und überall liegen die gebleichten Todtcnge- beine umher. Vor der größten Pyramide von Gizeh machten wir Halt. Sie steht auf einem Felsen, der noch 100 Fuß über die höchsten Gewässer des Nils hervorragt. Seine Oberfläche ist eine von allem Pflanzenwuchs entblößte Wüste. Die erste Steinschicht ist in den Felsen einge lassen, und über dieser zählt man noch 202 andere, von denen die obere immer zurückweicht, so daß eine Ricsen- treppe entsteht, die 428 Fuß 3 Zoll Höhe hat. Die Basts des gewaltigen Baues ist 716*/ 3 Fuß lang. Diese große Pyramide ist genau nach allen vier Weltgcgenden gestellt; jede ihrer vier Ecken sieht genau nach einem Hauptpunkte des Himmels; heutzutage würde Man nur mit großer Schwierigkeit einen Meridian von so großer Ausdehnung, ohne abzuweichen, zeichnen kön nen. Aus dieser Stellung der Pyramiden hat man eine Thatsache von großer Wichtigkeit sür die Geschichte un seres Erdkörpers gezogen, nämlich, daß die Stellung der Erdaxe sich seit mehreren tausend Jahren ans keine merk liche Weise verändert hat: die große Pyramide ist das einzige Denkmal auf der Erde, das vermöge seines Altcr- thums Gelegenheit zu einer solchen Beobachtung geben kann.96 Skizzen aus Aegypten. Es war keine ganz leichte Arbeit, unter dem Strahl der heißen ägyptischen Sonne die Pyramide zu erklet tern, und wir brauchten ziemlich eine halbe Stunde dazu. An der Spitze sind wenigstens zwei Steinschichteu ab geschlagen. Ich erging mich auf der Platte, die etwa 30 bis 35 Fuß lang ist; einige noch aufrecht stehende ungeheure Steine kamen mir vor wie zerrissene Gipfel eines Gebirgskammes. Diese Steine waren mit Namen von europäischen Reisenden ganz bedeckt. Der Blick in die Umgegend ist höchst ergreifend. Indem ich der Stadt Kairo den Rucken wandte, hatte ich zu meiner Linken den unermeßlichen Palmenwald, der bis nach Memphis reicht; hinter diesem Walde die Pyramiden von Sak- karah, und jenseits derselben die Wüste, — mir gegen über die Wüste, und zu meiner Rechten die Wüste, eine weite feucrgelbe Fläche, die keinen Punkt bietet, woran der Blick haften könnte, als höchstens ein Paar vom Winde gebildete Sandhügel, die bloß erscheinen, um bald wieder zu verschwinden. Auf der entgegengesetzten Seite dehnt sich Aegypten, d. h. der Nil aus, welcher in seinem smaragdgrünen Thalgrnnde dahinfloß, dann Kairo die lebende Stadt inmitten der todtcn. Jenseits von den Gräbern der Kalifen zog die Kette -von Mo- kattan mit ihren dürren Felstnabhänge», welche einer Granitmauer gleich den Horizont schließen. Als ich hierauf meinen Blick nach unten richtete, erschienen unsere Esel und Eseltreiber so klein wie Schnecken und Ameisen; ich versuchte, ihnen einen Stein zuzuwerfen, aber mit welcher Kraft ich ihn auch fort schlendern mochte, er kam doch nicht über die Seiten wand der Pyramide hinaus, und langte nur dadurch auf den Boden, daß er von Stufe zu Stufe hinabrollte.Eine Wanderung M den Pyramiden von Eizch. 97 Diese Steine erinnerten auch mich an das Hinabsteigen, mnd ich muß gestehen, das erschien mir noch gefährlicher und schwerer als das Hinaufklettern. Jedoch, als ich die erste Stufe hinter mir hatte, folgte bald auch die zweite und dritte, und ich gelangte schneller auf den Boden als ich dachte. Uebrigens möchte ich Allen, die un Schwindel leiden, die Ersteigung der Pyramiden «brachen. Wir gingen nun um das mächtige Gebäude herum, um etwas Schatten zu finden, wo wir ohne Gefahr den Sonnenstich zu bekommen, unser Frühstück verzehren könnten. Aber die Sonne stand fast im Zenith, und die Hitze rieselte auf allen vier Seiten des Cheops- Denkmals gleichmäßig herab. Da zeigten uns die Ara ber auf der Nordseite der Pyramide eine Oeffnnng, durch welche man in das Innere des großen, Gebäudes gelangt. Dieses Thor ist etwa 45 Fuß hoch über dem Grunde und führt in eine enge Galleric, die sich nach abwärts neigt, dann kommt ein Gang, 102 Fuß lang, der wieder aufwärts führt. Am Ende desselben ist ein horizontaler Kanal, der säst 100 Fuß lang ist; er führt in eine Kammer, das Zimmer der Königin genannt, von 18 Fuß Länge und 16 Fuß Breite, Diese Kam mer ist jetzt leer. Eine andere Gallerie führt von dem Eingänge des horizontalen Kanals aufwärts zur Kam mer des Königs, und dieser Gang ist 125 Fuß lang, 25 Fuß hoch. Auf jeder Seite sind Bänke von 21 Zoll Hohe und 19 Zoll Breite. Acht vorstehende Stein- schichteu bilden die Mauern dieser Gallerie und geben ihrer Decke das Ansehen eines Gewölbes. Am Ende derselben befindet sich ein Ruheplatz, und da kommt man auf einen Vorplatz, der zu einer 3 Fuß 2 Zoll Grude, Bilder und Sceiien. Afrika. (2. 31.) 798 Ski^en aus Aegypten. breiten und 7 Fuß 10 Zoll langen Oeffnung führt: dieß ist der Eingang zu der oberen Kammer, welche die königliche heißt, die aber ursprünglich durch Steiublöcke verschlossen und verborgen war. Diese Kammer ist ganz von schönen pvlirten Gra- nitblöckcu erbaut, und an ihrem westlichen Ende steht der Sarkophag, ebenfalls von Granit; seine Stellung ist von Norden nach Süden. Der Deckel dieses Sarges ist aber nicht mehr vorhanden. Hier machten wir Halt, aber der Dampf der Fackeln und der aufgewühlte Staub machten die Luft, trotz ihrer Kühle, nicht sehr angenehm. Als wir zurückkamen, besichtigten wir noch den am Ein gang der horizontalen Gallcrie bcsindlichcn Brunnen; er ist bedeutend tief und steigt noch unter das Niveau(Eine Mmdcrung zu den Pyramiden von Gizch. gg des Nils herab. Bis auf 200 Fuß ist man hinab ge drungen, und dieß Hinabstcigen ist durch die unregel mäßigen in den Wänden angebrachten Einschnitte sehr erleichtert. Ich verzichtete indessen gern auf diese Höllen fahrt, und war herzlich froh, als ich wieder das helle Sonnenlicht erblickte. Unser Besuch galt nun der wunderbaren Sphinx, die einige hundert Schritt näher dem Nil zu liegt, und gleich einem Riescnwächter ihre Pyramidenhcerde be wacht. Mit Hülfe meiner Araber gelang es mir, der Sphinx aus den Rücken zu klettern, und von da auf den Kopf zu steigen, wo ich mich in die Höhlung setztA in der früher die heiligen Zierrathen und der königliche Kopfschmuck angebracht gewesen seyn soll. Der Koloß wurde aus dem Felsen des Gebirgszuges selber ausge hauen, und da er sich 40 Fuß über den Boden erhebt, so kann man denken, welche ungeheure Steinmasse fort gehauen werden mußte, bis man nur die Ebene gewann. Die ganze Länge der aus Einem Stein gehauenen Sphinx ist 117 Fuß, der Umfang des Kopses bis zur Stirne beträgt nicht weniger als 81 Fuß, die Höhe vom Bauch bis zur Spitze des Kopfes ist 51 Fuß. Sie ist in Wahrheit ein Räthsel, eine der geheimnißvollcn Hie roglyphen, die das wunderbare Volk der Aegyptier uns hinterlassen hat und die ganz zu entziffern uns noch lange nicht gelingen wird.100 Die Oasen Aegyptens.*) Man nennt Oasen mehr oder weniger ansgcdehnte Strecken Landes mitten im Sand, die eine Quelle ha ben, welche sie fruchtbar macht — grüne Inseln in dem Sandmeer der Wüste. Sie liegen im Westen der libyschen Kette, auf dem linken Ufer des Nils und sind aus dem höchsten Alterthum bekannt, wo man sie als zu Aegypten gehörig betrachtete. Erst nach mehreren Tagereisen durch die Wüste gelangt man in diese abge- schiedenen Reviere, doch haben sich neuere Reisende nicht abschrecken lassen, bis dahin vorzudringen. Der Name „ Oase" stammt aus der altägyptischen Sprache, in weicherer „Wohnung" bedeutete. Es waren, wie ein griechischer Geograph sagt, bewohnte Gegenden, umgeben von ungeheuren Wüsten, ein anderer griechi scher Schriftsteller fand ihre Reize so groß, daß er sie „ Inseln der Seligen " nannte. Die große Oase der Alten ist diejenige, welche man heutzutage El-Chargah nennt, aus der Hohe von Theben; sie ist die südlichste der Oasen Aegyptens. Gegen das Delta zu trifft man die Oasen Dachel, Farafrah, El-Behrych, von wo man, in nordwestlicher Richtung zu der berühmtesten der Oa sen, dem jetzigen Siwa, weiland der Oase des Jupiter Ammon, gelaugt. Hier war es, wo das berühmte Orakel sich befand, zu dem das ganze Alterthum wallfahrtete, *) Aegyptmvon Champollivn- Figcac (Wcltgemalde-Gallcrie, Afrika.)Ute Oasen. 101 das aber wie alle übrigen Rath zu erthcilcn und zu weissagen aufhörte, als die politische Wichtigkeit des Landes, dem cs augehörte, vernichtet war. Die Mythe schreibt die Entstehung des Ammon-Orakels einer höhe ren Dazwischenkunft zu. Eine Taube, so erzählt man, vom großen Tempel zu Theben in Aegypten ausgeflo- geu, bezeichnete deutlich die Stelle, wo das Orakel sei nen Sitz ausschlagen sollte. Wirklich wurde dem Am mon, dem großen Gott Thebens, bei den Griechen Zeus genannt, in dem fruchtbarsten Theile der Oase ein Tem pel gebaut. Das Standbild des Gottes war aus Bronze, mit Smaragden und Edelsteinen reich verziert. Es ward getragen von einer goldenen Barke, wie die andern großen Götter Aegyptens. Mehr als hundert Priester waren im Tempeldienst angestellt und durch den Mund des Aeltesten that der Gott Ammon seine Orakel kund, welche die berühmtesten waren im ganzen Altcrthum. Herkules und eine Menge in den historischen Sagen Griechenlands gefeierte Helden pilgcrten andächtig rath- fragend zu seiner heiligen Wohnung. Unfern vom Tem pel war ein anderes Wunder ■— eine Quelle, der Brunnen der Sonne genannt. Dieser Wasserguell war nach Herodot, am Morgen lau, Mittags kalt, um Sonnenuntergang wieder lau, und um Mitternacht sie dend. Alexander der Große wollte dieses Orakel Ju piters, des Urhebers seines Geschlechts, wie er sagte, besuchen und befragen. Aus den Umgebungen von Memphis begab er sich hinab nach Niederägypten in die Nähe des Sees Marevtis, und von da schickte er sich mit seinem Gefolge an zum Zuge in die Wüste. Die zwei ersten Tagereisen, erzählt Quintus Curtius, ging es erträglich, obwohl man nie solche Einöden102 Aegypten. gesehen. So wie man sich in das Sandmeer vertiefte, war alles fruchtbare Land verschwunden, kein Baum, kein Strauch mehr zu sehen; der Wasservorrath, den die Kameele trugen, hatte sich erschöpft, und in dem glühenden Sande war kein Tropfen zu finden. Zum Glück kam ein kleiner Regens und gierig haschte man nach dieser Erquickung, indem man das vom Himmel niederfallende Wasser mit dem Munde auffing. Man brauchte 4 Tage um die ungeheure Einöde zu durch ziehen. Als man dem Ziele der Fahrt nahete, diente ein Schwarm von Raben Alexanders Heere zum Führer. Endlich langte er in der Oase au, und fand den Tem pel, umgeben von einem schattigen Haine, wo zahlreiche Quellen die Frische und das Wachsthum unterhielten. Er besuchte dann den wunderbaren Brunnen, von dessen Daseyn bereits hundert Jahr zuvor Herodot den Grie chen Kunde gebracht, und als er das Orakel befragte, nahm dieses keinen Anstand, ihn für Jupiter's Sohn zu erklären. Die neueren Reisenden trafen in der Oase von Si- wah die Reste ägyptischer Tempel, die intermittirende (zu Zeiten ausbleibende) Quelle, welche Herodot und Alexander schon kannten, in Felsen gehauene Gräber, Ueberbleibsel von Mumien, und mehrere fruchtbare Län dereien, mit ihren Dörfern. Die Stadt Siwa, welche der Oase ihren Namen gibt, ist der Hauptort; steift auf dem Gipfel-eines Felsen erbaut, und besteht aus zwei abgesonderten Theilen. In dem östlichen wohnen *) Der Regen in der Wüste ist etwas höchst Seltenes, da die Hitze der Luft den Wasserdampf auflöst und cs zu keinem Niederschlage kommen läsit.Kordosan. 103 die verheiratheten Leute mit ihren Weibern und Kindern und in dem westlichen, tiefer gelegenen, die Wittwcn und Junggesellen. Die Gassen sind bedeckt, und man geht in der Stadt herum von einem Haus in's andere, wie die Bienen in einem Korbe, — am hellen Mittage mit den Lampen in der Hand. Die Bevölkerung von Suva ist etwa 2500 Seelen. Jetzt sind die Oasen von Aegypten getrennt, und stehen mit diesem Lande bloß in Handelsverkehr. Sie sind die Stationen, die Erfrischnngsorte für die Kara wanen, die jedes Jahr aus dem Innern von Afrika durch die große Wüste nach Aegypten ziehen. Sie sind für die Sicherheit und den Erfolg dieser Reisen eine unschätzbare Hilfsquelle. Lebensbilder ans Kardofan?) Lage und Klima. Kordofan, eine der südlichsten Provinzen des Vi zekönigs von Aegypten, erstreckt sich von Haraza im Norden bis Kodero und dem Nubagebirge im Süden; ostwärts bilden die Shelukberge die Gränze, im Westen die Wüste von Darfur, im Norden die Wüste von Don- *) Nach I. Pallme's Beschreibung von Kordosan (Stuttgart, Cotta, 1843 .)104 Aortofitn. gola. Im Süden nimmt das Gebiet bald zu bald ab, je nachdem die Bewohner freiwillig oder mit Gewalt tributpflichtig werden oder nicht. Am Bahr el Abbiad oder weißen Nil hat Kordofan keine Orte, und das nächste Dorf ist noch vier Stunden von demselben entfernt. Im Ganzen besteht Kordofan ans sehr vielen, theils großen, theils kleinen Oasen, welche jedoch nicht, wie es in der großen Wüste der Fall ist, von einander weit entfernt sind. Der Boden, obwohl durchgehends san dig, ist doch sehr fruchtbar, denn sobald die Regenzeit beginnt, drängt sich Alles wie durch einen Zauberschlag aus der Erde hervor, und die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Fülle und Pracht. Ueberall duften Wohlgerüche, die fast berauschend auf die Sinne wirken, und mau glaubt sich zuweilen in die Feengärten von Tausend und einer Nacht versetzt. Fließende Gewässer sind in Kordofan keine, und nur in der Regenzeit entstehen einige Wildbäche, welche je doch eben so schnell versiegen als sie entstehen. Kleine Seen gibt es mehrere, von denen einige reich an Blut egeln sind, und das ganze Jahr Wasser behalten; einige trocknen in der heißen Jahreszeit aus. Das Klima ist vorzugsweise in der nassen Jahres zeit sehr ungesund, und mau findet daun keine Hütte, in der nicht ein Kranker wäre; hingegen verschwinden alle Krankheiten in der trockenen Jahreszeit. Doch lei den dann wieder Menschen und Thiere durch die über aus große Hitze. Trauernd weilt dann das Auge auf den öden ausgebrannten Steppen, die als Trophäen des Sieges, den sie über die lebende Natur errungen haben, nichts aufweisen können, als gebleichte Knochenjffitgc und Klima. 105 Von Menschen lind Thieren. Der Himmel ist während dieser ganzen Zeit, welche ungefähr 8 Monate dauert, wolkenlos und rein, die Hitze aber besonders in den Monaten April und Mai unerträglich. Von 11 Uhr Vormittags bis 3 Uhr Nachmittags, wo das Thermo meter bis aus 40° R. steigt (im Schatten), ist es kei nem athmeuden Geschöpfe möglich, sich im Freien auf zuhalten. Alles, Menschen und Vieh, sucht Schatten, um sich vor der Gluth der Sonnenstrahlen zu schützen. Der Mensch sitzt während dieser Stunden wie in einem Schwitzbade, die Heiterkeit des Geistes schwindet dahin, und man ist beinahe unfähig, etwas zu denken. Stumpf und fast geistesabwesend, stiert ein Jeder vor sich hin, und schmachtet mit seinem Blick nach irgend einem kühlen Plätzchen. Die Luft, die man einathmet, ist so heiß, als wenn sie ans einem glühenden Ofen hcraus- strömte, und wirkt so erschlaffend auf die Nerven, daß mau Mühe hat, ein Glied zu bewegen. Alle Geschäfte ruhen, und Alles liegt wie in einem Todesschlafe, bis nach und nach die Sonne sinkt und eine kühlere Luft die Menschen und Thiere wieder zum Leben erweckt. Doch sind die Nächte wieder so kühl, daß man sich gegen Erkältung wohl in Acht nehmen muß, denn die Folgen sind hier gefährlicher als in Europa. Tag und Nacht sind mit einer fast unmerklichen Ab weichung das ganze Jahr hindurch sich gleich, und wie in allen heißen Ländern gibt cs keine Morgen- und Abenddämmerung, die Sonne ist plötzlich da, und wenn sie sinkt, ist es Nacht. Im Freien sieht man in der trockenen 'Jahreszeit Alles wüst und öde, die Pflanzen verkohlen, die Bäume verlieren ihre Blätter und stehen wie Besen da; keinen Vogel hört man singen, kein Thier106 Lordosen. sieht man im freudigen Gefühl seines Daseyns sich er götzen, Alles verkriecht und verbirgt sich in den Wäl dern , um Schutz zu finden gegen die schreckliche Hitze. Nur dann und wann sieht man einen Strauß im Ftug- schritte die wüsten Felder durchschreiten, oder eine Gi raffe von einer Oase zur andern eilen. Doch erheben sich in dieser Jahreszeit zuweilen furchtbare Orkane, durch die Jeder, der noch keine solche Naturerscheinun gen erlebte, in das größte Entsetzen geräth. Sie be stehen in einem erstickend heißen Luftstrome, der von einer Gegend zur andern seinen Strich hält, und Alles, was ihm in den Weg tritt, verheert. Gewöhnlich ist die Atmosphäre dann grau und mit seinem Sande ge schwängert, die Sonne verliert ihren Glanz, cs wird dunkel, so daß man kaum aus drei Schritte weit sehen kann; die Luft ändert plötzlich ihre Farbe, sie wird erst gelblich, dann röthlich, die Sonne aber erscheint blnt- roth. Der Wind saust, reißt Alles, was er erreicht — Häuser, Zäune, Bäume sammt den Wurzeln aus dem Boden linb mit sich fort, deckt Sandhügcl ab und wirft neue auf, kurz, er fährt als ein Verwüster da her. Schlimm iffs für den, welcher sich während eines solchen Sturmes in der Wüste befindet; es bleibt ihm nichts Anderes zur Rettung übrig, als sich mit dem Gesicht auf die Erde zu werfen, damit er von dem Luftdruck nicht erstickt werde; das Athemholen wird ge hemmt, die Brust möchte zerspringen, weil es ihr an reiner Luft fehlt, alle Nerven ziehen sich zusammen. Ein schwacher Mensch, der von einem solchen Orkan überrascht wird, kommt selten mit dem Leben davon; doch auch ganz gesunde in voller Lebenskraft stehende Menschen befinden sich mehrere Stunden wie geschlagenLage und Klima. 107 in den Gliedern nnd können sich nur nach und nach wieder erholen. Die Thiere fliehen und suchen sich zu verbergen. Die Kameele, welche sich unterwegs befin den, zeigen diesen Sturm schon immer früher an, bevor er losbricht: ihre Schritte werden unruhig, und sie lassen den Kopf zur Erde hängen. Eine andere nicht minder merkwürdige Naturerschei nung ist die Luftspiegelung (mirago), d. h. der Anschein von Seen und Flüssen, welche man mitten in der Wüste zu sehen glaubt, und die durch die aufsteigenden Dünste und die Brechung der Sonnenstrahlen dem Auge so täu schend vorgespiegelt werden. Wenn man nach einigen Mühseligen Tagrcisen durch die Wüste nichts als Him mel und Sonne geschauet bat und nach dem Anblick des Wassers lechzt: dann kann es nichts Reizenderes geben, als solch' einen Anblick, man wünscht sich Flügel, um das so lang entbehrte Element so schnell als mög lich zu erreichen, und verwendet kein Auge von dem lieblichen Gegenstände. Doch wie sinkt der Muth, wie schmerzlich ist die Enttäuschung, wenn alle die blenden den Gewässer sich in Dunst und Nebel auflvsen, und Uur wieder den einen, heißen, trockenen Sand zeigen, ln welchem man wie verzaubert ist. Sieht man indeß diese Erscheinung öfters, und gewöhnt sich an solche, so ergötzt sich das Auge und labt sich daran, voll Dank gegen den Schöpfer, der auch in reizlosen Gegenden den Blick des Menschen zu erfreuen weiß. Sehr poe tisch nennt man im Lande die vorgespiegeltcn Flüsse >, Gazellcnflüsse" (Bacher el Gazal), vermuthlich, weil ße so schnell wie Gazellen dem Auge wieder ver schwinden. Im Monat JuuiuS tritt die nasse Witterung ein.108 Lar-ofan. und endigt im Anfänge Oktobers. Es kann sich, wer diese Jahreszeit in den Tropenländer» nicht erlebte, keinen Begriff von den Schlagrcgen machen, welche dann fallen. Gewöhnlich steigen die Gewitter im Osten und Süden auf. Man sicht von ferne eine kleine schwarze Wolke, welche je näher sie kommt desto grö-- ßer wird und sich in den letzten Minuten mit einer unglaublichen Schnelligkeit über die ganze Gegend aus-' breitet, um dann zu sinken. Nun bricht ein furchtbares Gewitter los, Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag, ein fürchterliches Krachen als ob der Himmel im Feuer stünde und der Erdboden bersten wollte, Ströme von Wasser stürzen herab und so reichlich, daß die Erde all' das Wasser nicht aufnehmen kann und Bäche sich bilden, welche freilich bald wieder im Sand versiegen- Gewöhnlich dauert ein solcher Regen nur eine Viertel-- stunde, selten länger, und noch seltener wiederholt er sich in Einem Tage, ja er setzt öfters zwei, drei, st-' gar sechs Tage ans, und dieses ist die gefährlichste Zeit für die Fremden sowohl wie für die Eingeborenen- Doch leiden die von weißer Hautfarbe immer mehr als die Schwarzen. Wie durch einen Zauber erwacht die Natur ans ihrem Todesschlafe, denn gleich »ach dem ersten Regen fängt dev Boden an zu grünen, die Bäume knospe» auf's Nene und nach und nach verbreitet sich ein Bl»'- mentcppich über das ganze Land. Einzelne Gegenden in Kordvsan, welche etwas tief liegen, können dann >» der That ein Paradies genannt werden. Alles fielst da in voller Ueppigkeit, alle Bäume und Sträuche sind mit Blüthen und Früchten überschüttet, so daß man daö Laub kaum erblickt. Das Gras erreicht eineLage Uli» Klima. 109 Höhe, daß es einen Reiter fast verbirgt. Schlingpflan zen winden sich bis zum Gipfel der höchsten Bäume, die Vegetation ist üppig und kräftig. Das Auge er götzt sich wie an dem Farbcnspiel der Papageyen und Kolibri'ö, so au der Farbenpracht der Blumen und Blü- then. Die Wüste ist wie aus ihrem Zauber befreit; wetteifernd lassen die schönbefiederten Sänger ihre me lodischen Töne von den Zweigen erschallen, und ich vergaß bei diesen Melodieen die Lerchen und Nachti gallen meiner Hcimath. Doch diese Silbertöne sind nicht von langer Dauer; der Gesang ist zu süß, als daß er lange währen könnte. Wie sich der Schleier der Morgendämmerung hebt, fängt er an, wird stärker mit dem sich verbreitenden Lichte; doch sobald die Sonne über den Rand der Wüste emporgerückt ist und mit ih ren Strahlen die Berge vergoldet, so verstummt ein Sänger nach dem andern, und man vernimmt nur noch einzelne Töne. Es erscheinen nun Schwärme von Schmetterlingen und schönen Insekten, die wiederum das Auge mit ihrem Farbenwechscl ergötzen; Giraffen, Antilopen und andere Vierfüßer weiden im hohen Grase und freuen sich ihres Lebens. Doch all' dieser Reiz schwindet bald, denn ohne daß man es will wird durch die Einwirkung des un gesunden Klima's die frohe Laune verscheucht; den Men schen befällt eine Bangigkeit, die ihm alle Kräfte raubt. Schwäche im Magen, Eckel vor allen Speisen, kurz die Vorboten einer Krankheit verleiden jeglichen Genuß, den die Schönheit der Natur gewähren könnte, und in Kurzem liegt man auf dem Krankenlager, welchem ein Fremder nie ganz entrinnt. So weit jetzt die Erfah rung reicht, sind von den Europäern, welche diese Ge-110 Kordofan. gcnden bereist und längere Zeit sich dort aufgehalten haben, wenige mit dem Leben davon gekommen. Die aus den Morästen aufsteigenden Pestdünste, welche die ganze Lust schwängern, der Mangel an gutem Trink- wasscr, die feuchten Südwinde, welche die Nerven an- greifen ■—- Alles dieses vereinigt sich, den Faden des Lebens bald möglichst abzuspinnen. Man glaube ja nicht, daß durch den Regen die Atmosphäre gereinigt werde, wie cs der Fall in Europa ist; denn so bald die Regengüsse aufhören, tritt wieder eine starke Hitze ein, und von erfrischender Luft ist nichts zu spüren- Die Monate Dezember und Januar sind noch die ge- sundesten, aber auch so kühl, daß vor Sonncnansgang das Thermometer bis auf 8", zuweilen sogar bis auf 1 o fällt. Dieser schnelle Wechsel wird für den Euro päer, selbst für den aus dem nördlichen Aegypten kom menden Einwanderer leicht verderblich, und es gibt we nig Eingewanderte, die sich ganz akklimatiflren. Sitten und Gebräuche. Die Wohnungen werden in Kordofan Tnkkoli ge nannt, und sind von einer ganz einfachen Konstruktion. Das Haus, gewöhnlich 10 bis 12 Fuß im Durchmesser haltend, ist rund; es hat nur eine einzige Oeffnung, welche als Thür, Fenster und Rauchfang zugleich dient, und nur so groß ist, daß ein Mann ganz gebückt hin-Sitten und Gebräuche. 111 einschlüpsen muß. Ein jedes Haus sieht dem andern so ähnlich, wie ein Ei dem andern; wie vor Jahrhun derten, so werden noch fort und fort diese Negcrwoh- nungen in gleicher Form und aus gleichem Material aufgeführt. Man steckt in die Runde die für die Größe des Hauses erforderlichen Holzstäbe, welche oben eine Gabel bilden; in diese Gabel wird ein zweites Stück Holz eingeschoben, die Enden aber bindet man in einer Spitze zusammen, so daß diese zweite Lage von Stä ben eine Zuckerhutform erhält und das Dach bildet. Das Ganze wird dann verflochten, mit Stroh belegt, und die Spitze des Daches bildet einen Korb, welcher dem schwarzen Storche zum Neste dient, einem Vogel, der gewöhnlich im Mai und Julius von seiner Wan derung zurückkehrt, um in dem für ihn bereit stehenden Neste seine Jungen auszubrüten. Ist aus einem oder dem andern Tukkoli kein Storchennest vorhanden, so werden zur Zierde ans die Spitze des Daches zwei bis drei Straußencier gesteckt. Diese Häuser sind trotz ihrer Einfachheit im Durch schnitt doch sehr fest gebaut, so daß in der Regenzeit kein Wasser eindringt, und man immer noch Schutz darin findet. Für eine Familie werden zwei bis fünf solcher Tukkoli erbaut und sodann mit einem Dornen- zaun cingchegt. In dem Dorngehege läßt man eine Oeffnung, welche das Thor bildet und ebenfalls mit einem Dornstrauche verschlossen wird, den man gewöhn lich beim Ein- und Ausgehen wieder an seinen Ort stellt. Dieses geschieht nicht aus Furcht vor Dieben oder sonstigem Einbruch, sondern bloß um die hungri gen Kameele von den Häusern entfernt zu halten, welche sonst in ganz kurzer Zeit ein Haus bis auf das Gerippe112 Kordosan. auffressen würden. Diese Dornenzäune sind für einen Fremden sehr lästig, denn wenn sie auch nicht immer die Haut ritzen, so haben sie doch große Liebe zu den Kleidungsstücken, und behalten zum Andenken dieses und jenes Stücklein zurück. Die Tukkoli sind so leicht zu bauen, daß auch der Aermste'ein eigenes Haus besitzt, außerdem haben sie aber noch den Vortheil, daß wenn es dem Bewohner nicht mehr an einem Platze zusagt, er mit Hülfe von sechs bis acht Männern seine Residenz verlegen und Las ganze Hans sorttrageu kann, um es in Tagesfrist an einer bequemeren Stelle wieder aufrichten zu lassen. Bricht in einem oder dem anderen Orte ein Feuer aus so wird da nicht gelöscht ■— das wäre vergebliche Mühe; sondern die der Brandstätte zunächst gelegenen Häuser werden fortgetragen, und damit wird auch dem Feuer Einhalt gethan. Auch geschieht es wohl, daß ganze Dörfer sortgetragen werden, weil ein Insekt den Aus- enthalt an der Stelle unerträglich macht. Es ist der Ricinus, im Lande Kurat genannt, ein Thierchen, das sich stark vermehrt und im Sande lebt. Legt sich ein Mensch oder ein Thier mit bloßem Körper auf den Sand, so kommt das Insekt sogleich herbei nnd beißt empfindlich. Die Kameele fürchten das kleine Thier st sehr, daß sie an einem Orte, wo es in Menge sich fin det, nicht mehr zu halten sind und Reißaus nehmen. Nur wenn man sich auf Strohmatten legt, ist man vor dem Bisse des Ricinus sicher, denn es kriecht selten auf Stroh. Jede Familie hat übrigens noch eine Hütte, Moraka genannt, worin das erforderliche Mehl gerieben wird- Dieß geschieht in einer ausgehöhlten steinernen Platte,Kitten unr Gedräuchc. 113 welche in die Erde fest eingegraben ist, und in welcher das Mädchen, gewöhnlich eine Sklavin, das Getraide (Dochen) mit einem walzenartig geformten Steine zu Mehl reibt. In einer Familie von acht Personen ist so ein Mädchen das ganze Jahr lang beschäftigt, das erforderliche Mehl zu reiben, und die Arbeit ist sehr mühsam. Dennoch hört man die Sklavinnen den gan zen Tag singen; es sind Lieder freilich, worin sie ihre Sehnsucht nach der Hcimath ausdrücken. Diese Lieder haben etwas ganz Eigenthümliches, und sind fast immer der Erguß eigener Gefühle. Man findet nur wenig Lieder, die einer von dem ander» lernt; denn Jeder singt, was er eben denkt und fühlt, ohne Sylbenmaß im Takte. Nur zu ihren Tänzen haben sie eigene Me- lodieen, die jedoch auch öfters mit Variationen eigener Empfindung abwechseln. In Molltönen und mit ge dämpfter Stimme hört man dann diese Mädchen singen: „Die Sonne versteckt sich hinter die Berge, kommt Leutchen zum fröhlichen Tanze, die Kühe sind gemolken, die Arbeit ist vollbracht, zündet das Feuer an, mein Geliebter kommt und holt mich nach Hause rc." Man chem Mädchen läuft bei diese» Gesängen eine Thräne über die Wangen, wenn sie sich in ihre heimathlichen Berge zurückversetzt; doch auch hier muß die Zeit das ihrige beitragen, um den Kummer der armen Geschöpfe zu lindern, denn find nur zwei bis drei Jahre vorüber, so gedenken sie kaum noch ihrer Heimath. In Aegyp ten habe ich sehr oft Sklaven und Sklavinnen gespro chen, die sich kaum mehr ihres Vaterlandes erinnerten, Namentlich wenn sie eine Behandlung erfuhren, wie sie ihnen im väterlichen Hause nie zu Thcil werden konnte. Sie nehmen gar bald die Sitten der Völker an, unter Grude, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.) 8114 Kordosa». denen sie leben müssen, und lachen dann wohl selbst über die einfältigen Gebräuche ihrer Heimath. Die innere Einrichtung in den Tukkoli ist ebenso einfach wie diese Hänschen selber, und außer einem Angareb (Bettstelle mit Riemen überzogen) einem leder nen Schild und einigen Lanzen finden sich bloß folgende Gegenstände: ein Topf, Burma genannt, zur Aufbe wahrung des Wassers, ein zweiter zum Kochen und ein dritter zur Bereitung der Melissa (berauschender Pflan zensaft); ferner eine flache Thonschüssel, Doka, zu« Brodbacken, einige halbe Kürbiöschaalen zum Trinken, eine hölzerne Schüssel, Gedda genannt, für die gekocht ten Speisen, und eine Strohschüssel von Dompalmen gewunden, Tabake genannt. Lebensmittel und andere Sachen werden an den Wänden aufgehängt, um sie vor den Mäusen, und vorzüglich vor den Termiten zu schützen. Diese weißen Ameisen sind eine wahre Land plage und eö ist nichts vor ihnen sicher; ja sogar das Holzwerk zernagen sie, bis es so morsch wird, daß das ganze Häuschen einstürzt. Die Wohlhabenderen wissen übrigens ihre Tukkoli auch zu schmücken und zu verzieren, denn sie hängen an den Seitenwänden buntfarbige Strohmatten auf, die auch auf das Angareb gebreitet werden, welches dann zugleich als Sopha dient. An einem Stricke hängen gläserne schwarze Flaschen, die mit Goldpapicr verziert sind; ein Theil derselben ist gewöhnlich leer, der andere aber mit den Toiletteugegenständen der Frauen, als Fett, Oel und drgl. gefüllt. Dann hängen ferner an der Wand die Waffen der Männer, nämlich ei» Schild, ein zweischneidiges ^Schwert und einige Lanzen. Bor dem Tukkoli ist öfters ein aus Kuhmist geformter hoh-8 * Sitten und Wcbmuchc. 115 ser Cyliuder, welcher auf Steine gestellt und mit einem Deckel fest verschlossen ist; darin befindet sich das Ge- traide. Viele vergraben solches aber auch in die Erde, Nachdem die Wände des Loches zuvor mit Strohmatten ausgclegt sind. Für das Hausvich hat man keine Ställe; man treibt es in eine Dornenbnsch-Hürde, doch muß die Hecke sehr dicht sein, damit die wilden Thiere nicht so leicht durchdringen; und doch geschieht es nicht selten, daß Hyänen und Löwen, wenn sie stark vom Hunger ge plagt werden, durch die dichteste Einzäunung dringen, um sich ein Schaaf, eine Ziege oder ein Kalb zu holen. Die Lebensweise der Menschen ist sehr einfach; ihre Hauptnahrung ist Dochenbrod, Assida und Woika. So bald die Dochen auf einer steinernen Platte zu Mehl gerieben ist, wird solches in einen Topf geschüttet, und sodann mit Wasser zu einem dünnen Brei angerührt; darauf wird unter einer aus Lehm gebrannten oder einer eisernen Platte ein Feuer angezündct, auf die Platte, wenn sie heiß geworden, Butter gestrichen, und der Teig in Form von Kuchen daraus geschüttet. Ist die eine Seite gar, so wird das Brod gewendet, die Platte aber nochmals mit Butter bestrichen. Diese Brodkuchen sind einen Finger dick, aber für einen Europäer schwer ver daulich und sehr aufblähend, da die Hülsen vom Mehl nicht gesondert werden, uno das Ausbacken nie vollstän dig geschieht. Es erfordert viel Zeit, bevor für den Hausbedarf alles Brod fertig wird, und es braucht mehr als eine Stunde, um nur für zwei Personen das zum Mittagsmahl uöthige Brod zu bekommen. Die Assida und Woika sind das gewöhnliche Gericht der Kordvsaner; jene ist gekochtes Mehl nach Art der116 Aordosan. italienischen Polenta, die Woika aber wird auf folgende Art zubereitet. Man nimmt getrocknetes Rindfleisch, welches zu diesem Behnfe in fingersdicke Streifen ge schnitten wird, um besser von der Sonne trocknen zu können. Dieß stößt man in einem Mörser zu grobem Pulver, sodann werden in einem andern Topfe Zwie beln mit Butter geröstet, Wasser zugeschüttet, das, wenn es kocht, unter beständigem Quirlen jene zerstoßene Masse empfängt. Dieß Ragout wird nun ans die Al- sida geschüttet und aufgetragcn, und es schmeckt gar nicht übel. Hier und da wird auch dicke saure Milch mit eingebrocktem Brod in der Schüssel aufgetragen. Die ärmere Klasse hat nicht immer die Assida, sondern nur die Woika mit Milch und Brod. Obwohl von Abyssinien und selbst von Jemen (in Arabien) das mit Kordofan in Verbindung steht, der Kaffee sehr billig zu haben ist, so genießt doch außer einigen Türken und Djelabi Niemand dieses Getränke; im ganzen Lande ist nur Ein Kaffeehaus, das von Türken besucht wird. Ich wurde eines Tages bei einem Djelabi zum Frühstück eingeladen, und fand mich zur bestimmten Zeit ein. Ich erhielt meinen Platz auf einem mit schönen Teppichen belegten Angareb ange wiesen, und wurde zunächst mit Pfeife und Merissa be dient. Als ich später bemerkte, daß auf dem Feuerherde noch kein Feuer angezündet war, noch sonst eine Vor bereitung getroffen wurde, wunderte ich mich, denn es war mir bekannt, daß es nicht bei der Merissa fein Bewenden hat. Ohne weitere Komplimente fragte ich, wo das Frühstück sei? Der Djelabi antwortete, es werde sogleich bereit seyn und ich würde für den Vor mittag noch Zeit genug haben, meine Geschäfte zu bc-Kitten lind Gebräuche. 117 sorgen. Meine Neugierde stieg immer mehr, als ich das zum Opferlamme bestimmte Schaf erblickte, und doch kein Feuer angezündet wurde. Auf den Wink sei nes Herrn faßte plötzlich ein Sklave das Schaf, schnitt ihm den Kopf ab, schlitzte den Bauch auf, ohne erst das Fell abzuziehen, nahm dann den Magen heraus, reinigte diesen und zerschnitt ihn in Stückchen, die in eine hölzerne Schüssel gelegt wurden: darauf wurde die Gallenblase des Thiereö genommen, wie eine Citrone über den dampfenden Magenstrcifen ausgequetscht, und zuletzt Alles mit einem tüchtigen Quantum rothen Pfef- sers bestreut. Sobald alles dieses und zwar mit einer unbegreiflichen Geschwindigkeit geschehen war, nöthigte man mich schnell zuzugreifen, und zwar bevor das Ge richt abkühle. Ich holte aber tief Athem und bedankte mich recht schon, indem ich mich entschuldigte, daß ein europäischer Magen nicht im Stande sei, so delikate Speise zu vertragen, und ich mich bloß mit dem Zu sehen begnügen wolle. Man lächelte mitleidig über meine Blödigkeit, und ließ sich den Leckerbissen herrlich schmecken. Später versuchte ich, ein wenig von dem in hohem Rufe stehenden Gerichte zu kosten; es schmeckte weniger übel, als ich dachte, aber zum eigentlichen Essen konnte ich cs doch nicht bringen. Die Arbeit, welche die Kordofaner zu verrichten ha ben , erfordert nur sehr geringe Mühe, und ich habe in keinem Lande eine größere Faulheit gesehen als in Kor- dofan, denn jeder nur etwas Bemittelte trachtet, sich einen Sklaven zu verschaffen, der alle schwierigeren Ar beiten für ihn thut, damit nur der Herr den ganzen Tag im Schatten liegend der Faulheit pflegen kann. Diejenigen, welche Ackerbau treiben, haben dabei wenig118 Kordofan. Sorge, denn sie haben nichts Anderes zu thun, als znr bestimmten Zeit den Samen zu säen und sodann nach drei Monaten das Gctraide einznernten. Hand-' Werker gibt es sehr wenige. Ihre Häuser werden alle drei oder flinf Jahre ausgebessert oder überbaut, und so hat Niemand viel zu thun. Dabei sehlt es den Männern auch an Unterhaltung; von den Dongolawt rauchen nur wenige Tabak, von den Negern freilich desto mehr. An dem Tanze des weiblichen Geschlechts nehmen sie keinen oder sehr geringen Authcil, und ha ben sie auf ihrem Angareb sich müde gelegen und ausgeschlafen, so kommen einige Nachbarn zusammen, und nach langen Begrüßungen und Fragen, wie "inan sich befinde, wird höchstens vom Gouverneur und den Oberbeamten, sowie von einigen kranken Kameelen und Eseln gesprochen. Die Politik kümmert sie sehr wenig, nur die Entrichtung der Steuern macht ihnen alljähr lich einige kummervolle Tage. Da wird dann Rath ge halten, wie man diese znsammenbringe, und wenn die Ernte gut war, folglich in Ueberflnß Melissa gebraut worden ist, so wird der Unmuth mit dem beliebten Getränke ver waschen und das klebrige läßt man gehen, wie es geht- Das weibliche Geschlecht ist viel arbeitsamer als die Männer, denn außerdem, daß die Weiber alle häus lichen Arbeiten zu verrichten haben, beschäftigen sie sich auch noch mit Anfertigung von Strohmatten, mit Flech ten von Körben zur Aufbewahrung der Milch, von Trichtern zum Durchseihen der Merissa, sogar mit dein Gerben der Thierhäute. Bei aller Arbeit sind sie fröh lich und wohlgemuth, aber sie altern rasch, ein zehn jähriges Mädchen heirathct schon, und eine vierund- zwanzigjährige Frau ist eine alte Matrone.Sitten und Vcbräuchc. 119 Die Kleider der Männer sowohl als der Frauen sind sehr einfach, denn nur die Dongolawi, als die wohlhabendsten unter allen Stämmen, tragen lange Hemden mit weiten Aermcln und auf dem Kopf ein weißes Käppchen mit einem weißen Shawl nach Art des türkischen Turbans; doch wird dicß „Takkir" durch Schmutz und Fett bald so schwarz als der Herr selbst. Die übrigen Stämme gehen fast ganz nackt, und b.in- den bloß um die Lenden ein Baumwollentuch, dessen langes Ende sie über die Schultern werfen. An dem linken Oberarm trägt jeder Mann einen zweischneidigen Dolch in einem Futteral und außer diesem auch einige in rothes Leder cingenähete Zauberformeln, welche die Fakirs schreiben und verkaufen. Ans Reisen hängen die Kordofaner über die linke Schulter ein langes zweischnei diges Schwert, dessen Griff ohne Bügel bloß mit einem Leder umnähet ist. Nur die Schcchs haben silberne Griffe an ihren Schwertern, und die Scheide ist hier und da mit Agat- und Glassteinen geziert. Auch tra gen die Männer große längliche Schilde, die sie aus Antilopcnhaut verfertigen und beim Gehen ans dem Rücken tragen. Eine Zahl Wurflanzen führen sie in einem ledernen Säckchen beisammen, das gleichfalls auf der Schulter ruht. Ihre Reisen, wenn sic kurz sind, machen sie zu Esel, längere Reisen zu Kameel oder Dromedar, und die Bauern, welche keine Kameele ha ben, machen kleine Reisen ans Ochsen. Die Weiber tragen nicht bloß Ohr- sondern auch Nasenringe, meistentheils von Silber oder Messing; jene von Gold sind verschwunden oder doch sehr selten geworden. Manche tragen auch Armspangen und Ringe an den Füßen; diese Fußringe sind von Kupfer und120 Lordosaii. sehr schwer. An den Kopf und Hals hängen sie Schnüre von böhmischen Glasperlen; die Lieblingsfarbe ist lasur blau. Die Reicheren tragen auch an der Stirne runde Goldplättchen, einen Zoll im Durchmesser, oder runde Bernsteine von dieser Größe. Männer und Frauen schmieren ihren Körper fleißig ein mit Butter, Oel und andern fetten Substanzen, nicht um dem Körper eine glänzende Farbe zu geben, sondern mehr um die Haut vor dem Aufspringcn zu bewahren, das bei diesen Leu ten, die fast ganz nackt gehen, wegen der stechenden Hitze oft genug erfolgen würde. Die Fußbekleidung sind Sandalen aus rohem Leder, mit Riemen sestge- bunden. Auf Reisen tragen einige ein Schaffell, sowie die Bergleute das Hinterleder, damit sie nicht mit dem bloßen Leibe auf den heißen Boden zu sitzen kommen. Die Kordofaner sind ein sehr gutmüthiges Volk, und man findet überall auf der Reise eine herzliche und srenndschastliche Aufnahme. Langt man des Mittags oder Abends in einem Dorfe an, so sucht man sich nach Be lieben eine Hütte aus, welche die Bewohner auch so gleich verlassen und ganz zur Disposition des Gastes stellen. Sic selbst begnügen sich zu ihrem nächsten Nach bar zu gehen, oder sie bringen, wenn es das Wetter erlaubt, die ganze Zeit im Freien zu. Wenn man-ihre Kost nicht verachtet, hat man keinen Pfennig Auslagen, weder für sich noch den Bedienten, noch die Kameele, welche ihr Futter unweit des Dorfes finden. Alle Dienste, die man von ihnen verlangt, leisten sie gern und ohne Widerspruch. Das Einzige, was dem Fremden lästig fällt, ist, daß sie bald nach seiner Ankunft sich in Menge eiufinden und ihren Besuch abstatten. Der Richter und die angesehenen Personen des Dorfes treten in die HütteKitten und Gebräuche. 121 ein und die Uebrigen lagern sich im Freien herum. Nun fangen vorerst die Begrüßungen an, und sodann wer den hundert Fragen gestellt, woher man komme, wohin man reise, was einem unterwegs begegnet sei, ob man von keinem neuen Kriege gehört habe u. s. w., kurz sie lassen den Gefragten gar nicht zu Arhem kommen, und kaum ist man mit einer Antwort fertig, so sind schon wieder zehn Fragen gestellt. Noch ärger ergeht es aber dem Bedienten, von welchem man Alles zu erforschen sucht; man fragt ihn, was der Fremde sei, ob eine vor nehme Person, von welcher Nation, und was ihnen noch wissenswerth seyn mag. Hören sie, daß es ein Franke sei, so wird der Zudrang erst recht groß. Alle Kranken deS Dorfes werden herbeigeschleppt, und für selbige Rath und Medizin verlangt. Alles Protestiren, man sei kein Arzt, hilft nichts, denn ein Franke muß ein Arzt seyn, und es bleibt nichts Anderes übrig, wenn man keine Medicin mehr hat, als mit der Hoffnung die Leute zu trösten, es werde dem Kranken schon besser gehen. Eine besondere Freude wird ihnen gemacht, wenn man Kaffee mit Zucker aufwartet, oder wenig stens eine Pfeife guten Tabak bringen läßt. Ein Jeder thnt nur einige Züge aus der Pfeife, reicht sie dann seinem Nachbar und so geht sie in der Runde herum. Doch darf man nicht glauben, daß sich die Gäste, wenn der Kaffee getrunken und die Pfeife ausgeraucht ist, wieder entfernen; im Gegentheil, sie werden nur ge sprächiger, da sich die erste Scheu verloren hat. Es bleibt kein anderes Mittel, sich des lästigen Besuchs zu entledigen, als die Miene anzunehmen, wie wenn man vom Schlaf befallen würde. Sehen sie nun, daß man die Augen schließt, so stehen Alle auf und entfernen sich122 Lortwfan. ganz leise aus der Hütte. Der Männer ist man nun freilich los, aber das Aergste hat man doch nicht über standen, denn nun kommen die Weiber, welche von der Neugierde geplagt sind, einen Franken zu sehen. Sie sammeln sich gewöhnlich in einiger Entfernung von der Hütte, und warten mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo man heraustritt. Sobald man sich zeigt, halten sie sich zwar noch in ehrfurchtsvoller Entfernung, aber bald sind sie vertraulich geworden, und kommen nun gleich einem Bienenschwarm, den wunderbaren Fremdling zu umringen. Diejenigen Dörfer, welche auf der Straße nach Don- gola oder Kartum liegen, sind wegen der häufigen Durchmärsche der Truppen, und besonders bei den im merwährenden Reisen der türkischen Offiziere sehr ge plagt. Letztere, wenn sie in einem Orte ankommen, nehmen sogleich von der besten Hütte Besitz, und den Einwohnern wird keine Zeit gelassen, ihre Sachen erst herauszunehmen, denn mit Peitschenhieben und allen möglichen Schimpsworten jagt man sie heraus. Dann wird in barschem Ton Alles verlangt, was an Lebens mitteln zu haben ist, und ist es nicht gleich zu haben, regnet es von Neuem Hiebe. Hühner, Tauben und dergleichen werden ohne Weiteres von dem Offizier oder dessen Bedienten auf der Straße zusammengeschossen und deßhalb trifft man auch in diesen Orten sehr wenig Ge- siügcl. Und doch sind die Kordofaner, wenn man sic nur ein wenig freundlicher behandeln würde, das gut- müthigste Volk von der Welt, das freiwillig gern von dem ©einigen mittheilt, aber freilich durch die türkischc Herrschaft mißtrauischer und störrischer werden muß.Produkte. 123 Produkte. P fl anzcn. Der Ackerbau beschränkt sich blos anfDochen, eine Feldfrucht, welche mit der Hirse verglichen werden kann mit dem Unterschied, daß der Stengel mit der Kolbe 7 bis 8 Fuß hoch wird. Der Dochen ist das einzige Ge treide, das die Einwohner Kordofans und der Grenz- gegcnden haben, und es wird in der ganzen Provinz angebaut. Viele Dochenfclder befinden sich in den Wäl dern; um solche Stellen urbar zu machen, werden die Bäume bis zur Manneshöhe abgehauen, das andere Jahr ist der Stamm dürr, man zündet Feuer an und verbrennt das kleine Gesträuch mit. Dann bedarf es nur geringer Anstrengung, um den Boden urbar zu machen. Man kennt keinen Pflug, keine Egge, oder sonstige Ackergeräthe, ein einziges sichelförmiges an bei den Enden zugespitztes Eisen, in dessen Mitte ein Stiel angebracht ist, vertritt alle nothwendigen Geräthschaften. Man nennt cs Haschasch und jede Hütte ist damit ver sehen, denn daö ganze Ackergeräthe eines Kordosaner Bauern kostet nur 3 Kreuzer. Sobald nun die ersten -Regen gefallen sind, wird das Gras auf dem Acker ans gekratzt, und sogleich zur Aussaat geschritten, zu welcher nicht mehr als zwei Personen erforderlich sind. Einer geht voraus, macht in der Entfernung von zwei zu zwei Schritten mit dem Haschasch ein Loch in den san digen Boden, in welches der Nachfolgende einige Körner124 Kordofan. legt, und dann das Loch mit dem rechten Fuße zntritt. Dieß Alles geschieht mit einer außerordentlichen Schnel ligkeit. Der nachfolgende Regen gibt dem Boden die nöthige Feuchte, und sobald die Regenzeit vorüber ist, wird die Frucht reif. Damit aber der zu viele Regen der Frucht nicht schade, wird das Feld auf einem Ab hang angelegt, damit das Wasser ablaufen kann. Aus dem Stroh werden die Tukkoli gebaut, das Uebrige ver wendet man zum Viehfutter; ansgeklopft wird die Frucht auf dem Acker selbst, und dann auf Kameelen oder mit Ochsen in das Dorf geschafft, in Gruben geschüttet, mit Strohmatten zugedeckt und sodann mit Sand überschüt tet, theils wegen des Ungeziefers, theils aber auch, um sich vor der Regierung zu sichern. Es gibt Jahre, wo der Mangel an Regen Miß wachs erzeugt, dann sind öfters ganze Dörfer gezwun gen, sieh in die Wälder zu begeben und von der Ege- litfrucht zu zehren. Diese sieht gelblich aus, ist fleischig und hat einen nicht unangenehmen Geschmack. Trotz seiner Armnth ist Kordofan doch mit fruchtbringenden Bäumen reich gesegnet, und könnte bei geringer Nach hilfe noch mehr gewinnen. Doch die Einwohner sind für jede Industrie zu faul und zu beschränkt, und die Regierung versteht bloß zu rauben. Zu den nützlichsten, wildwachsenden Bäumen gehört der Gummibaum, die Tamarinde und der schone Ta baldi. Der Gummibaum (Winosa nilotica) verdiente - wohl in Kordofan noch einen anderen Namen, da seine Gestalt, die Blätter und selbst die Dornen ganz ver schieden sind von der Nimosa nilotica, die nur ordinä res Gummi liefert, während das kvrdöfanische die feinste Sorte ist, und mit Unrecht Oummi arabicum genanntProduklc. 125 wird. In einigen Gegenden bildet der Gummibaum die umfangreichsten Wälder der schönsten Bänme von 18 bis 20 Fuß Höhe. Regnet es viel, so schwitzen die Bäume auch viel Gummi aus, sowohl aus der Rinde des Schaftes wie der starken Aeste. Die Regierung zieht großen Gewinn aus der Gummi-Ernte, die in den Monaten Dezember und Januar vor sich geht. — Der Tamarindenbaum (Tamarindus indica) ist zwar auch nicht selten, aber doch nicht so häufig als der Gummi baum. Die schotenartigcn Früchte werden gesammelt und dann gestampft, um eine Art Brodknchen daraus zu bereiten, die man trocknet, und sowohl zum eigenen Gebrauch als auch für den Handel bestimmt. Leider fressen oft die Heuschrecken Blüthe und Frucht der Ta marinde gänzlich ab. Der Tabaldibaum ist eines der schönsten Gewächse des Landes. Wenn er in Blüthe steht, und diese in Form einer rothen vollen Pappel rose den majestätischen Baum beinahe ganz bedeckt, so glaubt man aus der Ferne lauter Rosenhügel zu erblicken, und das Auge kann sich nicht satt sehen. Der Baum blüht Anfangs August; seine Frucht ist 3 / 4 Schuh lang, und inwendig in Markzellen abgctheilt, welche jede einen Kern einsck)licßt. Der Stamm hat zuweilen über 40 Fuß im Umfange, und das Holz ist so hart wie Ebenholz. Thiere. An Thieren ist kein Mangel; von zahmen finden sich Pferde, Kamccle, Esel, Maulthiere, Kühe, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner, Tauben rc.; von wilden: Löwen, Giraffen, Leoparden, Panther, zwei Arten von Hyänen, Schakals, gegen zehn Arten Antilopen, Affen, drei Ar-126 Kordosan. teil wilde Katzen, Hasen, Igel, schwarze und gelbe Mäuse, Ratten re. Elephanten und Rhinocerosse sind eine große Seltenheit. An Schlangen und Insekten ist das Land reich. Man findet Vögel von den schönsten Farben; selbst viele europäische Vögel halten hier Win terquartier, worunter manche deutsche Vögel, z. B. die graue Bachstelze, die in zahllosen Schaaren sich einstcllt. Die Wüste, die Wälder, sogar die Hütten in den Dör- sern sind mit den gefiederten Luftbewohnern erfüllt. Die schwarzen Störche, dann die den Aegypticrn so heiligen Ibis, spielen nebst den Straußen die Hauptrolle unter den Vögeln Kordofans. Die Pferde sind nicht von reiner Race und nicht so schön gebaut, wie die arabischen, aber sehr gute Läufer und äußerst dauerhaft. Die Bakkara halten Alles auf ihre Pferde, und sind mit ihnen so zu sagen verwach sen. Sie geben ihnen fortwährend Milch zu trinken, was die Pferde ungemein stärkt und sie zur Ertragung der größten Strapatzen fähig macht. Die schönste Gabe aber, welche die heißen Länder Afrika's vom lieben Gott empfangen haben, ist unstreitig das Kamcel. Der Nutzen ist gar nicht zu berechnen, den dieses Thier dem Laude bringt, denn es schleppt Lasten, die außer dem Elephanten kein anderes Thier tragen oder fortziehen konnte. Die Nahrung verursacht dem Kameelführer die geringste Sorge, denn mit der allerschlechtesten, die man in wüsten Gegenden findet, nämlich mit Disteln und trockenen Baumblättern nimmt das Kamee! fürlieb, das übcrdieß vier Tage ohne zn fressen und acht Tage ohne zu saufen aushalten kann, und doch seine Kräfte behält. Es hat einen sichern Tritt, und fällt fast nie, daher auch zerbrechliche WaarenProdukte. 127 mit Kcmicclen viel leichter und sicherer fortzubringen sind, als es mit andern Thieren oder im Wagen mög lich wäre. Beim Aus- und Abladen legt sich das Ka- meel nieder, ebenso wenn es ein Reiter besteigt. Wenn die Ladung zu schwer ist, gibt es solches alsbald durch ein Stöhnen zu erkennen; man braucht cs gar nicht zu schlagen, es geht seinen bedächtigen Schritt fort, ohne irgend aus dem Takte zu kommen. Ein beladenes Kameel macht in zwei Stunden eine deutsche Meile. Des Morgens und Abends, wenn es kühler geworden ist und die Kameeltreiber Lieder singen, werden auch diese Thiere lebhafter und vergrößern um ein Drittel ihre Schritte. Sie haben äußerst seine Seh- und Ge- ruchsorgane, und schon eine halbe Tagereise weit wit tern sie die Nähe des Wassers und geben solches durch ein freudiges Schnuppern der Oberlippe zu erkennen. Des Nachts vertritt das Kameel die Stelle eines wach samen Hundes, denn wenn sich in der weitesten Ent fernung der Karawane ein Mensch oder ein Thier nä hert, so merken cs die Kameele gleich, spitzen die Oh ren und strecken ihre langen Hälse nach der verdächtigen Gegend hin, um ihren Wärter ans das aufmerksam zu machen, was kommt. Von gleich großem Nutzen ist das Dromedar (nicht zu verwechseln mit dem asiati schen Trampelthier, das zwei Höcker hat), das zum Rei ten bestimmte Kameel. Es werden nämlich unter den jungen Kameelen die etwas zarter geformten und leicht füßigeren Thiere ausgesucht, denen man nie eine Last aus legt als bloß den Reitsattel, und die man zu ihrem wichtigen Dienst eigens abrichtet. Kein Pferd vermag dem Drome dar, welches nur in gestrecktem Trabe läuft, auf die Dauer nachzukommen. Der Reiter, welcher seinenWeg schnell fort-128 Lardosan. setzen will, muß sich vor das Gesicht ein Tuch binden, damit die Luft, welche eutgegeukommt, ihm nicht heftige Schmerzen verursache. Wenn man in der Wüste in großer Entfernung einen dunkeln Punkt wahrnimmt, und dieser sich in kurzer Zeit vergrößert, so kann man gewiß seyn, einem Dromedarreiter in wenigen Minuten zu begegnen, und die Einwohner sagen auch, wenn sie den Fremden die Schnelligkeit eines Drvmcdarreitcrs recht begreiflich machen wollen: Wenn du einem guten Dromedar begegnest, und der Reiter dir „Salam alei- kum" (den Friedensgruß) zurust, ist Dromedar und Rei ter dir schon aus dem Gesicht verschwunden, noch ehe du „aleikum salam" geantwortet hast. Es gehört aber viel Uebung dazu, das Reiten aus diesen Thieren zu er tragen. Die Briefe aus den südlichen Ländern werden gewöhnlich durch Dromedar-Kouricre nach Kairo beför dert, wozu auf die Entfernung von 17 Breitegraden (fast 300 Meilen) nur 8 Tage erforderlich sind. Ge wöhnlich wechseln drei bis vier Kouriere ab, doch macht de» Weg auch wohl ein Kourier allein, und wechselt nur auf den bestimmten Stationen die Dromedare. Ein Reiter ist leicht gerüstet; außer seinen Waffen, bestehend in einem Säbel, einem Paar Pistolen und (zuweilen) einer langen Flinte, hat er nur noch zwei mäßig große Taschen für Lebensniittel und einen Wasserschlauch am Sattel hängen. Das Fleisch der jungen zwei- bis vierjährigen Ka- meele wird von den Einwohnern gern gegessen, und macht die vorzüglichste Nahrung der Nomaden aus. In Lvbeid werden viele Kameele geschlachtet, und das Fleisch wird zu demselben Preise wie daö Rindfleisch verkauft. Auch die Milch ist ein Hauptnahrungsmittel.Produkte. 129 Die Giraffe, eines der schönsten Thiere Afrika's, trifft man in Kordofan nicht selten, und fast alle bis jetzt über Aegypten nach Europa und Amerika gesandten Thiere dieser Art wurden in Kordofan gefangen. In der nassen Jahreszeit trifft man keine an, und man glaubt, daß sie sich sehr weit von Kordofan entfernen. Die Landeseinwohner sind der Meinung, daß sie sich in Gegenden begeben, wo es nur sehr wenig reg net, denn es ist unter den wilden Thieren der heißen Zone allerdings keins so empfindlich gegen die Witte rung, als die Giraffe, und man muß, wenn man eines gefangen hat, mit aller Vorsicht zu Werke gehen, damit es nicht umkomme. Selbst wenn die Giraffen nach Aegypten gebracht werden, müssen sie während der Win- termonate vor jeder Erkältung sorgfältig geschützt wer den, und auch bei ihrer Nahrung ist große Sorgfalt nöthig: durch den geringsten Fehler bei ihrer Wartung gehen sie zn Grunde. Sobald die trockene Jahres zeit eintritt, kehren die Giraffen wieder in das Land Kordofan zurück. Sie leben nicht in großer Anzahl bei sammen, wie eö bei den Antilopen der Fall ist, und man sicht immer nur höchstens zwei Stück beisammen. Das Einfangen geschieht zu Pferd, doch werden immer nur die Jungen lebend eingefangen, weil es bei den Al ten fast gar nicht möglich ist, da diese Roß und Reiter über den Haufen werfen und übel zurichten würden. Man erlegt die alten Giraffen mit dem Säbel, verkauft die Haut und verzehrt das Fleisch, das nicht vorzüglich aber auch nicht schlecht schmeckt. Wenn man ein Thier für eine Menagerie einfangen will, so muß man vor her einen Ferman von dem Minister des Innern in Kairo zu erhalten suchen, und am besten ist cö, sich gleich Grube, Vildcr und Sccncn. Afrika. (2. A.) 9130 Aordofan. an den Scheik Abdel Had in Haraga zu wenden; dieser gibt dann besonderen Auftrag seinen Leuten, welche sich eigens mit dieser Jagd beschäftigen; zu solcher Jagd gehört nicht bloß ein gewandter Reiter, sondern auch eM gut abgerichtetes Pferd, und insbesondere mehrfache Erfahrung. Gewöhnlich gehen zwei Reiter mit einem oder zwei Kameelen, die Lebensmittel und Wasser für einige Tage geladen haben, in die Wüste, wo man weiß, daß sich Giraffen aufhalten. Da erfordert es nun eine genaue Sachkenntniß, um zu erkennen, ob die Fährte von heute oder gestern oder noch älter ist; im crsteren Falle wird die Fährte, namentlich die eines jungen Thieres, sogleich verfolgt, und man kann versichert sehn, daß man die Giraffe in wenigen Stunden zu Gesicht bekommt. Ist dicß der Fall, so wird die Jagd augenblicklich vor- genommen; das Thier ohncdieß sehr scheu, sucht sein Heil in der Flucht, und zwar mit einer außerordent lichen Schnelligkeit. Hier ist cs nun der Reiter und die Behendigkeit des Pferdes, welche das Ihrige thun müs sen, dem aufgescheuchten Wild den Weg abzngcwinnen, was bei der Giraffe um so leichter wird, als dieses Thier nie geradeaus läuft, sondern in der Schüchtern heit und Furcht bald rechts bald links sich wendet, und so in der Regel schnell von den Reitern eingcholt wird. Der Reiter nun, in der Nähe des jungen Thieres an gelangt, wirft ihm eine Schlinge über den Kopf, wel cher Wurf höchst selten mißlingt und im schlimmsten Fall auch öfters wiederholt werden kann. Das Ende des Seils ist am Sattclknopf befestigt, und das gefan gene Thier wird so nahe als möglich an das Pferd her angezogen. Aber es muß ein gutes und geduldiges Pferd scyn, das dem nach allen Richtungen ziehendenProdukt«. 131 vnd springenden Thiere halb widerstrebt, halb nachgibt, Um es nach dem nächsten Orte zu bringen, den man so schnell als möglich zu erreichen strebt. Hier steht schon ein Mutterkameel bereit, welches der jungen Giraffe die erste Zeit Milch gibt, ehe man es an Gras und Heu gewöhnt. Aber auch später, wenn die Giraffe ausge wachsen ist, muß sie zuweilen Milch erhalten, wenn sie wohl bleiben soll. Hat nun das junge Thier etwas ausgeruht, so wird es nnverweilt nach Dongola weiter transportirt; allein auch jetzt ist alle mögliche Vorsicht uud Aufsicht vonnöthen. Man legt der Giraffe einen Zaum an den Kopf, und bindet vier Stricke daran, zwei Männer gehen voraus und zwei nach, und jeder nimmt ein Ende des Strickes in die Hand um das Thier in ruhigem Gang zu erhalten, was in den ersten Tagen eine außeror dentliche Anstrengung erfordert. Auch ein Mutterkameel muß immer dabei seyn, um die nöthige Milch zu reichen. In Dongola rastet das junge Thier wieder eine Zeit lang, und wird hier an Kuhmilch und Gras gewöhnt. Wenn man die großen Anstrengungen erwägt, die nö- thig sind, um eine gefangene Giraffe am Leben zu er halten, so wird man über den hohen Preis eines sol chen Thiers sich nicht wundern. Selbst in Aegypten, z. B. in Kairo kommt ein lebendes Exemplar ans 500 bis 600 Thaler zu stehen. VonH hauen sind drei Gattungen in Kordofan ; die gestreifte, welche auch in Aegypten und Syrien zu Hause ist, trifft man am häufigsten, sie ist aber kleiner als die getigerte. Diese Thiere bilden ganze Heerden von zehn bis, zwanzig Stück, halten sich während des Tags in Höhlen und Schluchten der nahen Gebirge auf, und 9 "132 Kordosan. gehen bloß des Nachts auf ihren Raub aus, indem sie sich dann einzeln vertheilen. Am liebsten scharren sie die Leichen ans den Gräbern heraus, und wittern cs gleich, wenn ein Tvdter in der Wüste oder auf einem Friedhof begraben wurde. Auch holen sic sich gern ein junges Schaf aus den Heerden, obgleich diese des Nachts sich in einer Umzäunung von Dornen befinden. Doch die Hyäne weiß die Dornen gut zu untergraben und in die Heerde einzudringen. Dem Menschen fugt sie nie ein Leid zu, höchstens dann, wenn sie angegriffen oder gereizt wird. Sie ist keineswegs das grausamste Thier; nur der Hunger zwingt sie, Leichname zu ver zehren, wenn sie aber Schafe, Gazellen oder Ziegen überraschen kann, frißt sic diese lieber. Durch Prügel kann man sie zähmen. In einem Hanse zu Lobeid lies eine Hyäne ganz zahm im Hof herum, die Kinder vom Hause neckten sie, rissen ihr das zum Futter vorgewor fene Fleisch ans dem Nachen, ja steckten sogar ihre Hände hinein, ohne daß die Bestie ihnen nur das geringste Leid zngefügt hätte. Wenn wir am Abend im Freien saßen, näherte sich dieses Thier ohne Scheu unserem Tisch, fing die ihm zugeworfenen Brocken wie ein Hund aus, und zeigte nicht die geringste Furcht. Zehn Hyä nen lassen sich früher zahm machen, als ein einziger Schakal. Löwen trifft man seltener, doch kommen sie zuweilen in die Dörfer und rauben, ehe man cs sich versieht, ein oder das andere Stück Vieh. Des Tages sieht und hört man sie fast gar nicht, denn da liegen sic gewöhn lich unter einem dichten Gestrüpp oder in einer Felsen höhle und schlafen; aber vor Sonnenaufgang erhebt sieh der König der Thicre von seinem Lager, um seine BeuteProdukte. 133 Zu erjagen. Man hört schon von Weitem seinen Laut, welcher Anfangs in einem leisen Gemurmel besteht, das sich aber nach und nach verstärkt und zuletzt in ein donncrähnlichcs, fürchterliches Gebrüll sich verwandelt, das man auf eine halbe Stunde Weges vernimmt. Alles zittert, wenn das königliche Thier sich vernehmen läßt; die Schafe beben, als hätte das kalte Fieber sie befallen, sie stecken die Köpfe zusammen und suchen sich zu verbergen; die Pferde schwitzen vor Angst und die Hunde können nicht genug eilen, einen sicheren Zufluchts ort zu finden. Ist eine Karawane in der Nähe, so ist es nicht möglich die Kameele beisammen zu halten, sie springen hin und her, und wissen vor Furcht weder aus noch ein. Der geheiligte Ibis der alten Acgyptier scheint in Kordofan sein Vaterland zu haben; er nistet in den Dörfern auf Bäumen und ich zählte oft 20 bis 50 Ne ster ans einem einzigen Baume. Wenige Thiere möch ten so friedlich beisammen leben als die Ibis. In der Regenzeit werden die Jungen, zwei, selten drei Stück ausgebrütet: man hat von ihnen dieselbe Meinung wie vom Storch, und fast noch mehr Hochachtung vor den selben, denn als ich eines Tages vor dem Hanse des Sultan Themo von Lobeid mir einige dieser Vögel schie ßen wollte, sagte er zu mir ganz ernsthaft: „Schieße lieber einige Hühner in meinem Hanse zusammen, als nur einen von diesen Ibis, welche ans meine Bäume ge kommen sind, um bei mir Schutz zu finden." Sind die Jungen groß, ziehen die Alten mit ihnen fort und kehren mit dem ersten Regen zurück. Zu den vorzüglich nutzreichen Vögeln gehört der Strauß, denn sein Fleisch wird gegessen und istbeijungen134 Lor-ofan. von besonders gutem Geschmack. Ein junger Strauß kostet 5 Piaster (30 Kreuzer Konv.-M.) Die Eier wer den ebensalls gegessen, und ein einziges kann vier Per sonen vollkommen sättigen. Die Eierschaalen werden im Handel ausgeführt, allein den Hauptgewinn geben die Federn. Ein ausgewachsener Strauß gibt immer 3 Rottoli*) schwarze und 1 / 3 Rottoli weiße Federn. Die meisten Strauße werden in Caccie gefangen; dieß geschieht in Schlingen, welche man in einen von einer Art Weidenholz geflochtenen Teller legt, welcher durch löchert ist und in den Sand gegraben wird. Die Schlinge selbst, welche in die Mitte dieses. Tellers gelegt wird, bindet man sodann an den nächststehenden Baum oder an ein Stück Holz. Auf einen gewissen Raum legt man bis 50 Stück solcher Teller. Kommt nun ein Strauß oder auch eine Gazelle in diese Gegend und tritt mit dem Fuße in einen der Teller, so öffnet sich die Schlinge, und sobald das Thier den Fuß zurück zieht, geht sie zusammen und das Thier ist gefangen. Auf eine andere Weise deö Vogels habhaft zu werden ist sehr schwer, da er schon die Flucht ergreift, wenn er von Weitem einen Menschen erblickt, und so schnell läuft, daß es selbst mit dem besten Renner Mühe kostet, ihn einzuholen. Der Lauf ist so rasch, daß die Füße des Vogels kaum die Erde zu berühren scheinen, und wenn man die Bewegung der kurzen Flügel, die ihm als Ru der dienen, schaut, glaubt man, der Strauß fliege auf der weiten Fläche dahin. *) 3 Rottoli sind 100 Oncc, also 1 Rottoli etwa l*/s Pa riser Pfund.Charakter -er Einwohner. 135 Charakter der Einwohner. Man findet nicht leicht ein Land, in welchem die Einwohner so verschiedene und gegen einander abstechende Charaktere haben, als in Kordofan, denn öfters, wenn man nur eine halbe Tagereise weit von einer Gegend zur andern gelangt, so geräth man in Versuchung zu glauben, daß es schon ein anderes Land sei mit ganz anderer Regierung und Religion. Nur ein kleiner Un terschied in der Race der Einwohner, und der Charak ter ist schon ganz anders. Man findet aber eigentlich drei von einander scharf getrennte Raccn, nämlich die eigentlichen Neger als Ureinwohner, dann die Araber oder freien Leute mti> endlich die aus Dongola Einge wanderten. Die Neger, welche sich mit Ausnahme vieler Skla ven zum Islam bekennen und über das ganze Land vertheilt angetroffen werden, treiben vorzüglich Acker bau, wcßhalb sie auch weniger Bedürfnisse haben und kennen, als die, welche Handel treiben und durch Reisen auf manche Bequemlichkeit hingewiesen werden, die ihnen zum Bedürfniß wird. Diese Neger, vorzugsweise Nuba, haben einen gutmüthigen Charakter, sind sehr gastfreund lich, lieben ihre Kinder außerordentlich und besitzen ein gewisses Ehrgefühl; in ihrem Verkehr sind sie redlich, und der Fremde wird von ihnen nicht betrogen. Sie hängen sehr an ihrem Vaterland, und nur die äußerste Bedrückung von Seiten des Vicekönigs von Aegypten konnte sie bewegen, hier und da ein Dorf gänzlich zu verlassen. Werden sie jedoch erzürnt, so achten sie dann136 Aordofan. auch ihr Leben nicht, NM sich nur rächen zu können; doch ist dicß bei ihrer Gutmütigkeit oder Trägheit ein äußerst seltener Fall, und wenn man sieht, daß ein solcher Neger in Wuth geräth, so darf man nur gute Worte und keines falls Strenge anwenden, um ihn wieder zu besänftigen; es ist daher uöthig, diese Menschen wie kleine Kinder zu behandeln. Ihre Gcistcsfähigkciten sind jedoch sehr beschränkt, und sic stehen fast ans der untersten Stufe der Ausbildung. Es ist auch für jetzt nicht die geringste Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß diese Neger in ihrer Bildung fortschreiten werden, denn wie sie cs vor hundert Jahren machten, so machen sie es-noch jetzt. Ihre Wohnungen und Geräthe und alle ihre Einrichtungen haben sich in Jahrhunderten um gar nichts geändert. Man sollte denken, da diese Kordofaner meist Ackerbauer sind, feste Wohnsitze haben und aus dem Punkte stehen, von welchem aus alle Kultur beginnt, daß sie gleich andern Völkern, die ans einer ähnlichen Stufe der Bildung standen, sich vervollkommnen könnten; allein dem ist nicht so, sie stehen in ihrer Bildung still. Mau trifft unter ihnen wohl Einzelne an, die ein wenig le sen oder schreiben können, doch will das nicht viel sa gen. Hauptsächlich trägt das Klima zu dieser Stumpf heit des Geistes sehr viel bei, denn cs ist eine erwie sene Thatsache, daß Europäer, wenn sie mehrere Jahre in diesen Ländern zugebracht haben, an ihren Geistes kräften sehr leiden, und mit der Zeit Vieles vergessen- Den Negern steckt überdieß ihre geistige Trägheit schon im Blute, sie bleiben in vieler Beziehung immer Kin der, und es ist daher unwahrscheinlich, daß sie je auf eine höhere Stufe der Civilisation gelangen werden. Westafrika könnte vielleicht eine Ausnahme machen.Charakter der Einwohner. 137 Die Neger der angränzendcn Länder sind von der selben Gutmüthigkeit wie die in Kordofan, was man an den Sklaven, die von dort her gebracht werden, sehen kann. Diese Sklaven sind meistens Heiden, und werden deßhalb auch härter behandelt, als die, welche sich zum Islam bekennen. Ihr Loos ist schrecklich; des besten Gutes, der Freiheit, beraubt, müssen sie alle schwe ren Arbeiten und zwar in Fesseln verrichten, welche man ihnen anlegt, um die Flucht in ihre oft sehr nahen hci- niathlichen Gebirge zu verhindern. Diese Fesseln sind jedoch nicht wie bei uns die sogenannten Springeisen der Sträflinge, sondern bestehen ans einem Ringe an beiden Füßen, die durch eine eiserne Stange auseinan der gehalten sind, welche sich in zwei kleinen an die grö ßeren angebrachten Ringen bewegt und den Sklaven nur einen Schritt machen läßt, ohne daß er je die Füße zusammenbringen kann. Die großen Ringe sind auf einer Seite so weit offen, daß das Fußgelenk hinein- gehcn kann, und werden sodann in Ermangelung eines Hammers mit einem Stein zusammengcschlagen, bei welcher Operation man den Sklaven auf die Erde legt und ihm unter den Fuß einen Stein schiebt, der als Ambos dient. Es wird zwar alle mögliche Vorsicht hierbei angewendet; allein jeder Schlag ist doch schmerz voll für den Sklaven. Selten findet man auch Schlösser an den Ringen. Die zu Sklaven gemachten Neger sind im Anfänge sehr düster, sprechen nur, wenn sie gefragt werden und ihre Gedanken sind fortwährend an die Heimath gefes selt; sie ersinnen alle möglichen Mittel, um sich flüchten zu können, und darum legt man ihnen auch die Eisen an. Die Männer sind durchgehends stark, und werden138 Aorvosail. zum Ackerbau verwendet; einige kommen nach Aegypten. Sie haben in Erfahrung gebracht, daß der Urin mit der Zeit das Eisen durchfrißt, und so gelingt cs wohl, daß sie nach und nach sich der Fesseln entledigen und die Flucht ergreifen. Ein Neger, der auf solche Weise sich befreite', erzählte mir dieses selbst, doch mißlang seine Flucht, denn er wurde eingcholt und wieder zu- rnckgebracht. Er hatte 14 volle Monate gebraucht, bis das Eisen so mürbe geworden war, daß er es mit einem Stein abschlagen konnte. Es gibt auch Sklaven, welche keine Fesseln tragen, vorzüglich jene, welche schon länger bei ihrem Herrn gedient haben und Zutrauen genießen, und doch trifft es sich, daß diese »ach vielen Jahren vom Heimweh ergriffen die Flucht ergreifen. Während meiner Anwesenheit geschah es selbst, daß ein solcher, der 7 Jahre lang im Hause ohne Fesseln ging, plötz lich, ohne eine bestimmte Ursache zu haben, davonlief. Ein anderer Sklave, welcher Fesseln trug, bot sich bei seinem Herrn an, den Entlansenen znrückzubringen, wenn er dann keine Fesseln mehr tragen dürfe, und betheuerte hierbei, daß er sein Lcbenlang Sklave bleiben wolle und die Freiheit nicht verlange. Der Herr war frcilich etwas unschlüssig, doch wagte er es, ließ den Sklaven, dem er noch sein Kameel mitgab, ausziehen! und wirk lich brachte dieser in kurzer Zeit den Flüchtling zurück. Der Herr hielt sein Wort, nahm ihm die Fesseln ab, und kaufte ihm eine Sklavin zum Weibe, wogegen der Entlaufene in Fesseln geschmiedet wurde. Die Mädchen gehen frei herum, weil man nicht fürchten darf, daß sie entlaufen, da sie zu furchtsam sind und in den nächsten Orten auch erkannt würden. Doch kommt es auch vor, daß ihnen zuweilen die Flucht gelingt, was ich einmalCharakter der Einwohner. 139 selbst erlebte. Ein Sklavenhändler in Lobeid hatte acht Mädchen in einem Hanse beisammen, welche nach Kairo bestimmt waren und welche er in einem Zimmer, das keine Fenster hatte, eingesperrt hielt. Um jedoch noch sicherer zu sein, stellte er Nachts sein Angareb*) guer Vor die Thür und schlief darauf; doch wie erschrack er, als in der Frühe alle Mädchen ans dem Zimmer ver schwunden waren! Er lief wie unsinnig herum, ging zu allen Nachbarn und bat sie ihm suchen zu helfen; doch Alles war vergebens und der Mann glaubte nicht anders, als der Böse habe sie geholt. Allein er wurde bald eines Bessern belehrt, als er später bei genauer Nachforschung in der Wand des Zimmers ein großes Loch fand, durch welches die Mädchen hindurchgeschlüpft waren, und vor welches sie eine Strohdccke gehängt hat ten. Bereits einige Tage zuvor hatten sie Wasser an die Lehmwand geschüttet, und hierauf mit leichter Mühe das Loch gegraben, denn diese Art Häuser schmelzen leicht wie Zucker, auf den man Wasser gießt. Kcins Von den Mädchen kam wieder zum Vorschein; die Flucht war ihnen gelungen. Die Kordosaner behandeln ihre Sklaven sehr mensch lich, dagegen aber sind es die Türken, welche sich kein Gewissen daraus machen, an ihnen die größten Grau samkeiten zu üben, ja ihre Hände mit dem Blute der Unglücklichen zu besudeln. Die Arah oder freien Leute, zu welchen auch die Bakkara (Nomadeustämme) gehören, sind von den Ureinwohnern gänzlich verschieden, obschon sie ebenfalls von schwarzer Farbe sind, mit Ausnahme eines Bakkara- *) Bettstelle.140 Kordosan. Stammes, dessen Hautfarbe kupfcrroth ist. Sie haben keine hervorstehenden Backenknochen, wie die Neger, und keine aufgeworfenen Lippen, ihre Haare sind mehr glatt als gerollt, und viele tragen Zöpfe. Sie treiben Vieh zucht, besonders in Kameelheerden, und bekümmern sich wenig um den Ackerbau. Die Männer gehen ans den Sklavenraub aus, wozu ihnen die wenigen, aber aus gezeichnet schönen und dauerhaften Pferde, besonders dienlich sind. Wenn ein Bakkarastamm sich in der Nähe der Negerberge befindet, so wird die berittene Mann schaft ansgesandt, um Knaben und Mädchen einzufan- gen. Sie begeben sich an Orte, wo sie Kinder zu fin den glauben, z. B. bei einzelnen Viehheerden oder Brun nen, lagern sich daselbst in einem Hinterhalt, und neh men, sobald eines der Kinder sich unvorsichtig ihnen nähert, solches zu sich ansö Pferd und jagen im Ga lopp davon. Geschieht dieß auch in der Nähe einer Ortschaft oder einer Negerschaar, und entsteht auch Lärin darüber, so sind sie doch immer ihres Raubes sicher, weil die Schnelligkeit ihrer Pferde sie bald ans dem Bereiche ihrer Verfolger bringt, die gar keine Pferde haben. Die Neger hassen natürlich diese Räuberstämme ans's tiefste, und würden in Masse aufstehen, wenn ir gend eine Bakkaratrnppe sich in ihrer Nähe niederlassen wollte. So sind denn letztere gezwungen, fortwährend ihren Wohnsitz zu ändern und zuweilen sich in die Hände ihrer Unterdrücker, der Türken, zu liefern, von denen sie mit der größten Härte behandelt werden. So bald nämlich die Bakkara an den Gränzen Kordofan's erscheinen, sendet die Regierung ihnen Truppen entge gen, um den üblichen Tribut einzufordern. Ich war selbst Augenzeuge, wie dieses geschah, und konnte dasCharakter der Einwohner. 141 höchst grausame Verfahren beobachten, mit dem die Re gierung zu Werke geht. Ein Major mit drei Unterof fizieren und 200 Mann Infanterie nebst einigen Bedui nen zu Pferd und etwa 50 Manu Landvolk wurde von der Hauptstadt Lobcid aus beordert, von den nächsten Bakkara den jährlichen Tribut, bestehend in 1000 Stück Ochsen, einzuholen. Die Bakkara von der Ankunft ihrer Feinde bereits in Kenntniß gesetzt, boten Alles aus, sie bei ihrer Ankunft zu bewirthen. Es wurden täglich mehrere Rinder und Schafe geschlachtet, Merissa in Ueberfluß verabreicht, alle Arten Lustbarkeiten veran staltet, kurz Alles angewendet, ihren Peinigern den Auf enthalt möglichst angenehm zu machen. Offiziere so wohl als Gemeine befanden sich bei diesem Leben vier Tage recht wohl, doch am fünften Tage änderte sich plötzlich die Szene. Der Major ließ einen Scheck) zu sich rufen. Mit allen möglichen Schimpfworten ihn be grüßend, sagte er zu ihm in barschem Ton: „Weißt du noch, daß du mir voriges Jahr das allerschlcchteste und magerste Vieh gegeben hast, von welchem mir ein großer Thcil unterwegs krepirte, und daß ich aus meinem eige nen Beutel Muhamed Ali den Schaden ersetzen mußte? Damit ich vor einem ähnlichen Schaden dieses Jahr bewahrt bleibe, erinnere ich dich daran und will dafür sorgen, daß dein Gcdächtniß es gut behalte. Hierauf befahl er dem Scheck), sich auf die Erde zu legen; alles Bitten und Flehen von Seiten des Häuptlings half nichts. Zwei Korporale ergriffen den Verurthcilten, warfen ihn mit Gewalt zu Boden und machten fich be reit, mit ihren Peitschen aus Nilpferdhaut an dem Scheck) die Strafe zu vollziehen, die der Major diktirt hatte. Der Sträfling bot nochmals Alles auf, den Major mit142 Kordosmi. Bitten zu erweichen, und versicherte endlich, er werde dieß Mal nicht nur das beste Vieh anssuchen, sondern auch noch dem Major ein Geschenk machen. Das war es, worauf der Major gewartet hatte; doch, um den Schech noch etwas mehr zu ängstigen, stellte er sich un erbittlich, bis er endlich dem Flehenden erlaubte aufzu stehen und nach Hause zu eilen, um die versprochenen Geschenke zu holen. Dieser erfüllte sein Versprechen, und brachte dem Major vier große massive goldene Naseuringe, und jedem Offizier zwei Sklaven. Dadurch wurde die frühere Harmonie wieder hergestellt, die verlangte An zahl Ochsen, und zwar von den besten, ward ausgesucht, und sodann der Rückmarsch nach Lobeid angetretcu. Oeftlich vom weißen Nil wohnt das Nomadenvölk chen der Kab o bisch, deren Stammverwandte sich auch in der benachbarten Provinz Dougola finden. Sie ver bleiben das ganze Jahr in Kordofan, wechseln aber öf ters ihre Weideplätze, und treiben fast gar keinen Acker bau , ja auch wenig Viehzucht. Denn ihre Hauptbe schäftigung besteht darin, die Transporte, welche die Regierung nach Dougola und Sennaar sendet, auszu führen, und die Karawanen der Djalabi (Kaufleute), die nach allen Richtungen von Afrika abgehen, mit den nöthigen Kameelen zu versorgen. Diese Kabobisch sind ächte Kinder der Wüste, und man kann sich keine Vor stellung machen, welche genaue Kenntniß von allen We gen und Richtungen der Wüste sie haben. Bei Tag oder bei Nacht orientireu sie sich so leicht, daß sie auf das Genaueste die Entfernung von dem Punkte, wo sie sich befinden, bis zu jedem andern Ort angeben können. Gegenstände, die ein Europäer kaum mit dem Fernrohr erkennt, entdecken sie leicht mit bloßen Augen, und inCharakter der Eimrohncr. 143 großen Entfernungen hören sie in der Nacht die Schritte der Kameele, ja, sie wissen oft sogar die Zahl der Thiere zu bestimmen. Ihre Schech's nennen sich Sultane der Wüste. Noch ist das Völkchen der Dar-Ha mm er zu nen nen , das vor mehreren Jahren ans Darfur nach Kor- dofan einwanderte. Ihre Beschäftigung ist Kameelzucht und Ackerbau, doch machen sie keine Transporte wie die Kabobisch, sondern treiben bloß Handel mit den Kamee- len , von denen sie alljährlich für die Regierung eine be stimmte Anzahl zu den Sklavenjagden und andern gro ßen Expeditionen nach Kairo liefern müssen. Sie bilden die Grenzwache gegen Darfur, indem immer einige tau send kampffähige Männer mit Schild und Lanzen be waffnet, zum Thcil auch mit großen zweischneidigen Schwertern, in Bereitschaft stehen, einen Angriff zurnck- zuweisen. Oft, wenn die Dar-Hammer nicht die An- zahl der Kameele, die von der Regierung verlangt wer den, auftreiben können, unternehmen sie einen Raubzug nach Darfur, und holen was sie brauchen. Wo kein Wasser ist, kann Mensch und Tbier nicht leben, ein großer Distrikt von Dar-Hammer macht aber eine Ausnahme; es scheint unbegreiflich, und doch ist es so. Jedes Jahr, gewöhnlich drei Monate lang, ist in verschiedenen Gegenden kein Trinkwasser vorhanden, nachdem das in kleinen Teichen, welche sie „Fnla" nen nen, gesammelte Regenwasser ausgetrocknet ist. Zieh brunnen oder Eisternen gibt es keine, mit Ausnahme der Brunnen Ncdger. Diejenigen Ortschaften nun, welche von diesen Brunnen weit entfernt liegen, sind genöthigt, für drei Monate alle Weiber, Kinder, alte und kränkliche Leute, die Ziegen, Schafe, Kameele144 Lordosa». rach den Brunnen Ncdgsr zu bringen, nur die erwach senen Männer bleiben zurück mit einigen auserlesenen Kameelen. Um das ihnen schlcnde Trinkwasser zu er setzen, machen sic es also: Sie bauen große Felder mit Wassermelonen an, welche zur Zeit des Wassermangels zu reifen beginnen. Die reifen werden täglich abge schnitten, der Saft wird ausgepreßt aber nicht getrun ken, sondern zur Mcrissa benützt, so wie zum Kochen der Assida und Woika. Kleider brauchen sie sich keine zu waschen, denn sie haben keine, und diejenigen, welche ein Hemd tragen, waschen es auch bei dem größten Ueberfluß an Wasser nicht. Die zurückgebliebenen Ka- meele erhalten täglich zwei Mal frische Mclonenschaalcn anstatt des Wassers, in der Regel läßt man dieKameele nur alle drei bis vier Tage ein Mal saufen; da sie täglich durch die Fruchtschaalen so viel Wasser erhalten, als sie brauchen, so leiden sie keinen Durst. Sklavenjagden in Kordofan. Im Jahre 1825, also vier Jahre nach der Erobe rung des Landes durch die Türken, schätzte man die Zahl der in die Sklaverei abgcführten Menschen gegen 40,000 und bis zum Jahre 1839 hat sich diese Zahl auf 200,000 gesteigert. Am meisten trifft das traurige Loos die Bewohner der Berge Nuba's. Sobald die Regenzeit vorüber ist, wird der Naubzug, Gasua genannt,Sklavciistigdrn. 145 begonnen und hierzu die nöthige Anzahl von Kameelen aufgetriebcn. Wie groß bte Anzahl dieser Thiere seyn muß, kann man daraus entnehmen, wenn man erfährt, daß jeder einzelne Infanterist ein Kamcel erhält und außer diesen zum Reiten bestimmten, noch eine gleiche Anzahl zum Fortschaffen der Vorräthe, Waffen, Zelte u. st w. erforderlich wird. Doch dieses verursacht dem, Kommandanten die geringste Sorge, denn da in dem ägyptischen Ländern Alles als ein Eigenthum der Re- gierung betrachtet wird, so nehmen die Soldaten Alles weg, was sic finden, und in wenig Tagen ist das Er forderliche beisammen. Auf Lebensmittel wird nicht viel Bedacht genommen, da mit der Regenzeit auch die Ernte vorüber ist und die Soldaten aus mehrjähriger Erfahrung bereits wissen, wo sie die von den armen Negern mit saurem Schweiß erworbenen Vorräthe auf- suchen müssen. Die Provinz Dar-Hammcr wird be sonders für die Stellung der erforderlichen Kamecle hart mitgenommen; da jedoch die Mehrzahl der requirirten Thiere aus jungen Kameelen besteht, die noch keine Last auf dein Rücken getragen haben und daher zum Auf- und Abladen, zum Aus- und Absitzen völlig abgerichtet werden müssen: so erhälr ein jeder Soldat sein Kamee! 10 bis 14 Tage vor dem Ansmarsche, und in dieser Zeit wird das nöthige Exerzieren täglich Vor- und Nachmittags vorgenommen. Es gewährt einen wirklich imposanten Anblick, so viel hundert Kamcele auf einer- großen Strecke beisammen zu sehen, und zu schauen, wie diese Thiere das Exerzitium lernen müssen. Ein bereits abgerichtetes Kamcel macht das Niederlegen vor, zeigt aber bei der vftern Wiederholung den größten Zorn, und stößt ein grausenerregendes Geschrei aus. Grube, Bilder und Scenen. Afrika. (2. 51.) 10146 Aordofa». Nun denke man sich die bedeutende Zahl der noch nicht geschulten Thicrc, die öfters mit Stricken zur Erde ge zogen werden müssen, daher den größten Zorn zeigen und ein widriges Gebrüll auSstoßcn — und man wird sich ein Bild von solchem Exerzierplätze entwerfen kön nen. Sehr oft geschieht eö, daß beim Aufsitzen, das heißt beim Aufstehen des Kameels, ein unbeholfener Reiter abgcworfen wird und Schaden leidet. Doch auch hier bewährt sich's, daß dem Willen des Menschen die Thierc unbedingt gehorchen müssen, und in wenigen Ta gen sieht man diese vorher so unbeholfenen und unwil ligen Geschöpfe auf ein kleines Zeichen den Reitern gehorchen. Die Expedition zur Sklavcnjagd besteht gewöhnlich aus 1000 bis 2000 Mann regulärer Infanterie, 400 bis 800 Magrebinen mit Flinten und Pistolen bewaff net, 300 bis 1000 Landeseinwohnern zu Fuß, die mit Schild und kleinen Wurfstangen bewaffnet sind, und 300 bis 500 Landeseinwohnern auf Dromedaren, gleich falls mit Schild und Lanzen. Besonders gut nehmen sich die Dromedarreiter aus; nackend, bloß mit einem Stück Bänmwollenzeng um den Lenden, zeigen sic eine Behendigkeit, die fast unglaublich scheint. Auch diese exerzieren eine bestimmte Zeit vor dem Aüsmariche, und ihr Schreien beim Angriff, der stets in Masse und im stärksten Laufe der Dromedare geschieht, das Pfeifen der Lanzen in der Luft, die Haare, welche im Winde flat tern und dem Reiter ein fürchterliches Aussehen 8^ ben, so wie die länglichen Schilde, welche ihren Kör per zum größten Theil bedecken: Alles dieß zusammen- genommen — könnte auch den beherztesten Mensche" aus der Fassung bringen. Ich war bei ihren Uebunge"KklavenM-cn. 147 stets zugegen und kann versichern, daß es mir nur mit der Zeit möglich ward, diesen Anblick ohne ein gehei mes Granen zu ertragen, ungeachtet ich unter diesen Menschen lebte, und nie das Geringste von ihnen zu befürchten hatte. In solchen Augenblicken sind diese Menschen wie außer sich, und man hat Mühe, auch den Bekanntesten von ihnen zu erkennen: so sehr ent stellen sich ihre Gesichtszüge. Sobald Alles gehörig vorbereitet ist, setzt sich der Zug in Marsch. Gewöhnlich werden noch 2 bis 4 Stück Feldkanoncn, und Brod nur für die ersten 8 Tage mitgenommen. Ochsen, Schafe und sonstiges Schlacht vieh wird schon in Kordofan, das doch seine Abgaben bereits geleistet hat, mit Gewalt genommen. Wo eine Heerde eben weidet oder bei der Tränke ist, wird das Vieh geraubt, und dabei keine Rücksicht genommen, ob es bloß einem Einzelnen gehört oder Mehreren zu sammen; man macht keine Vertheilung über den Be darf — wen es trifft, den trifft cs, und keiner Klage oder Einwendung wird Gehör geschenkt. Sobald man an die ersten Berge Nnba's gelangt, werden die Einwohner aufgefordcrt, die erforderliche Anzahl Sklaven als Kontribution zu stellen. Gewöhn lich geschieht solches gutwillig, weil diese armen Men schen zu nahe an Kordofan wohnen und zu sehr davon überzeugt sind, daß sie durch hartnäckigen Widerstand sich einem viel schlimmeren Schicksale aussetzen würden. Geschieht nun die Abgabe der Sklaven gutwillig, so wird dieser Berg verschont. Gewöhnlich mangelt cs schon jetzt an Brod, und da muß denn auch dieses in großen Massen herbeigeschafft werden, gleichviel, ob die Neger eine gute oder schlechte Ernte gehabt haben.148 Kordosan. Sodann geht es weiter zu den andern Bergen. Hier betrachtet sich das Strcifkorps als in Feindes Land; inan lagert sich in der Nähe desjenigen Berges, den man zunächst stürmen will. Bevor aber der Sturm wirklich geschieht, sucht man noch die Sache in Güte abzumachen, ein Parlamentär wird zum Scheikh aus dem Berge abgesandt, um ihn aufzusordern, sich in's Lager zu verfügen und die von dem Kommandanten bestimmte Anzahl Sklaven mitzubringen. Ist nun dieser mit seinen Untergebenen in Uebereinstimmung oder glaubt er sich für seine Vertheidigung zu schwach, so wird, um fernerem Blutvergießen vorzubeugen, der Aufforderung Gehorsam geleistet und die bestimmte Anzahl von Sklaven geliefert. Bei der Aushebung fallen rührende Szenen vor, denn manche der Neger stellen sich freiwillig für ihre Verwandte imb Ge schwister, und opfern sich auf, indem sie ohne Mur ren dem fürchterlichsten Schicksale entgegengehen. Unter Thränen und Seufzern trennen sich die Scheidenden; öfters streitet sich der Vater mit dem Sohne, der Bruder mit dem Bruder, wer dem andern die Freiheit retten solle. Oft muß man die Armen, die sich zum letzten Mal umarmen, mit Gewalt von einander rei ßen, um sie den Händen der gefühllosen Türken zu überliefern. Der Scheikh erhält gewöhnlich ein Kleid zum Geschenk für seine bereitwillig geleisteten Dienste. Es sind aber nur sehr wenige Berge, welche so gutwillig sich dem Willen ihres Despoten fügen. Die meisten Dörfer, welche eine vortheilhafte Lage haben und gewöhnlich an steilen Abhängen erbaut sind, die nur mit der äußersten Mühe erstiegen werden können, vertheidigcn sich auf das kräftigste und kämpfen für ihreKklaveissagdtn. 149 Freiheit mit einem Muthe, einer Ausdauer und Auf opferung, die eines bessern Erfolgs würdig wäre. Nur sehr wenige Neger fliehen bei der Annäherung ihrer Verfolger, obschon sie durch eine Flucht in andere Ge birge sich mit aller Habe retten könnten, um so mehr, als sie jedes Mal bei Zeiten von der Ankunft ihrer Feinde Kenntniß erhalten. Doch Flucht ist ihnen schimpf lich, und sic sterben lieber im Kampfe für ihre Freiheit. Wenn also der Schcikh der an ihn gestellten Forderung kein Gehör gibt, so wird beschlossen, das Dorf zu stür men. Die Reiter und Lanzenträger umzingeln den gan zen Berg, und die Infanterie sucht die Höhen zn er klimmen. Früher beschoß man die Dörfer und jene Plätze, wo die Neger sich versammelt hatten, mit Kanonen; da aber bei der Ungeschicklichkeit der Kanoniere wenige Schüsse Wirkung thaten, so achteten auch die Neger dieses Vorspiel nicht, wurden vielmehr zu noch größerer Wuth aufgcstachelt. Alle Eingänge zum Dorf wurden mit Steinen verrammelt, Vorrälhe an Wasser in's Dorf selber geschafft, da die wenigsten Berge Quellen haben und das Wasser vom Fuße derselben geholt werden muß, das Vieh ward zusammengetrieben, und sonstiges Eigenthum auf den Berg gebracht, kurz — nichts außer Acht gelassen, was zu einer zweckmäßigen Vertheidigung nöthig ist. Die Männer, bloß mit Lanzen bewaffnet, besetzen alle Punkte, und die Weiber selbst bleiben nicht unthätig, sondern nehmen entweder persönlich an dem Kampfe Theil oder ermuthigen durch ihr Schreien und Wehklagen die Männer, bringen ihnen Waffen zu, — Alles, mit Ausnahme der Greise und Kranken ist in Thatigkeit. Die Spitzen ihrer hölzernen Lanzen tauchen150 Lordosen. sie Vorher in Gift, das sie neben sich in einem irdenen Gefässe stehen haben, und welches aus dein Safte einer Pflanze gepreßt wird. Das Gift sieht weißlich ans, wie geronnene Milch; die Pflanze selbst wird von ihnen geheim gehalten. Sobald der Kommandant den Befehl zum Angriffe crtheilt, wird bei der Infanterie Sturm geschlagen und der Berg erstiegen. Tausende von Wnrflanzen, große Steine und Holzklumpen werden den Angreifern entge- gengcschlcudert, hinter jedem Stein ist ein Neger ver steckt, welcher entweder seine vergiftete Lanze ans den Feind wirft oder den Augenblick erlaucrt, wo sein Feind sich dem Verstecke nähert, um ihm dann die Lanze durch den Leib zu rennen. Die Soldaten, welche nur mit genauer Noth die Anhohe erklimmen können und ihre Gewehre auf den Rücke» hängen müssen, um sich mit den Händen beim Aufsteigen zu helfen, sind öfters die Beute der Neger, bevor sie selbige noch zu Gesicht be kommen. Allein nichts schreckt diese Menschenräuber; von Raubsucht und Rache, angefeuert, achten sie kein Hinderniß, selbst nicht den Tod; auf die Leiche seines Kameraden tritt sein Nachfolger und hat für nichts An deres Sinn als für Raub und Mord. Sv ivird end lich das Dorf ungeachtet der tapfersten Vertheidigung genommen. Und nun ist auch die Rache schrecklich: Greise, Kranke und Weiber'werden niedergemacht, ja selbst der Säugling wird nicht verschont; die Hütten werden geplündert oder verbrannt, und was lebend in die Hände der Würger fällt, wird fortgeführt in die Sklaverei. Oft wählen die Neger, wenn sie sehen, daß man sie nicht beobachtet, den Tod, um ihrem bösen Schicksal zu entgehen, und es geschieht nicht selten, daßSklcwenMdcn. 151 der Leiter seinem Weibe, dann seinen Kindern und endlich sich selbst den Bauch aufschlitzt, um sich nicht lebend den Händen seiner Tyrannen zu überliefern. Andere suchen sich nach dadurch zu retten, daß sie die Flucht ergreifen, um sich in Erd- und Felshöhlen zu verkriechen, wo sic unbeweglich auf dem Rücken sich ausstrcckcn. Allein auch aus diesem Versteck wissen die Unmenschen sie herauszuholen oder darin zu ver nichten. Denn mit Brennmaterialien, Pech und Schwe fel versehen, suchen die Soldaten vor dem Eingänge der Höhlen ein Feuer anzuzünden und den stinkenden Rauch hincinzutreiben. Die armen Geschöpfe müssen nothgedrungcn heranskriechen oder umkommen. Ist nun Alles gethan, um sich der Lebenden zu be- mächtigen, so werden die Gefangenen iu's Lager ab geführt, die Häuser vollends geplündert, das Vieh wird mitgenommen, und einige hundert Soldaten bleiben zurück um die versteckten Getreidevorräthe auszuspüren und zu rauben, damit die etwa glücklich Entronnenen bei ihrer Rückkehr nichts mehr finden, was ihr Leben fristen könnte. Indessen hatte eine vieljährige Erfahrung die zu dieser Sklavenjagd verwendeten Truppen allmählig klü ger gemacht; früher verlor wenigstens ein Dritthcil, bei einigen Gelegenheiten selbst die Hälfte derselben das Leben, gegenwärtig beschränkt man sich meistens auf eine bloße Blokade, und nur im äußersten Fall wird ge stürmt. Da, wie schon erwähnt, die wenigsten Berge Quellen haben und sonst jede Zufuhr ihnen abgcschnit- teu ist, so werden die armen Neger gezwungen, sich zu ergeben. Doch bevor dieses geschieht, erleiden sie die härtesten Qualen. Da diese Leute sich höchstens auf152 Aordoftn. zwei Tage mit Wasser versehen, theils aus Mangel an Gefäßen oder sonstigen Wasserbehältern, theils weil sie glauben, nicht längere Zeit belagert zu werden: so geschieht es, daß schon am dritten Tage der Blokade die Wassernoth eintritt. Man kann sich nichts Schreck licheres denken, als die Lage dieser Unglücklichen. Die Angst in die Hände der Türken zu fallen auf der einen Seite, und der sichere Tod des Verdurstens auf der andern, muß diese armen Leute zur Verzweiflung brin gen. Man bemerkt im Lager sogleich diese Noth; denn das Schreien der Kinder, das Blöken des Viehes ver- räth die traurige Lage des Dorfes. Das Vieh läuft un ruhig hin und her, und wird am zweiten oder dritten Tage so gefährlich, daß man es tvdten muß. Die Men schen ringen verzweiflungsvoll mit dem Tode und suchen einen Ausweg zur Rettung, doch vergebens: die Blut jäger umgarnen ihr Wild viel zu sicher, als daß ihnen eine lebende Seele entrinnen könnte. Manche geben sich selber den Tod, die andern halten Versammlungen, um wegen der Uebergabe des Platzes zu berathen. Die Würger unten sehen Allem ruhig zu, voll froher Er wartung, ihre Beute bald zu verschlingen. Doch einige. Berge besitzen auch Quellen und kön nen darum nicht so leicht eingenommen werden. Hier muß man Gewalt anwenden und es fallen von beiden Seiten blutige Opfer. Der Berg Daher, zwei Tagereisen von Lobeid, war schon dreimal angegriffen, jedoch nie eingenommen, und die Truppen hatten den größten Ver lust erlitten. Aber auch in solchen Fällen weiß man mit teuflischer List den Negern beizukommen. Als Kur- schid Pascha, Gouverneur von Belled - Sudan, einen Berg im Lande der Schvluck angriff, jedesmal mit Der-SklnrcnMden. 153 lnst zurückgeschlagen wurde und endlich die Ucberzeugung gewann, daß jeder Angriff nutzlos und der Verlust zu empfindlich scyu würde, ersann er folgende List, die bei einem weniger gutmüthigen Volke freilich nicht gelungen wäre. Doch hier gelang sie. Er lagerte sich am Fuße des Berges, ohne denselben einzuschließen, und blieb mehrere Tage ruhig. Hierauf sandte er einen Soldaten in's Dorf, mit dem Ersuchen, seinen Leuten im Lager, welche an allen Lebensmitteln Mangel litten, 400 Schüs seln mit Speisen zn verabfolgen, dann hätten sie von seiner Seite nichts mehr zu fürchten und er wolle sich sogleich mit seinem Corps entfernen. Die guten Neger vergaßen allen Haß gegen ihre Feinde, sahen nur deren scheinbar unglückliche Lage, und erklärten sich zur Liefe rung der Lebensmittel bereit. Die Speisen wurden zu bereitet und 400 erwachsene Personen brachten die ge forderte Anzahl von Schüsseln zu ihren Verfolgern in's Lager. Doch nun wurden sie schrecklich getäuscht, denn sobald sie auf erhaltenen Befehl die Schüsseln zur Erde setzten, wurden sie von allen Seiten umringt, und ohne daß nur an eine Gegenwehr gedacht werden konnte, zu Gefangenen gemacht. Der Zustand derjenigen Bewohner, welche sich ver- theidigt oder einige Zeit die Blokade ausgehalten ha ben, ist schrecklich. Theils von den Mühseligkeiten des Kampfes, noch mehr aber durch den Mangel an Wasser gänzlich entkräftet, können sie sich kaum aufrecht halten und müssen im strengsten Sinne des Worts fortgeschlcppt werden; unten angelangt werden sie zwar mit dem Er forderlichen erquickt, doch eö bleibt ihnen nur kurze Zeit zur Erholung. Für diejenigen aber, welche so kraftlos sind, daß sie nicht einmal fortgeschafft werden können,154 Äortiofan. hat man doch so viel Barmherzigkeit und Mitleiden, das nöthige Wasser hinaufzusenden. Man muß diesen Un glücklichen vorerst etwas Wasser über den Kopf gießen und sie nach und nach nur ein wenig trinken lassen, damit sie nicht durch einen schnellen Genuß getvdtet werden. Doch die größten Leiden sind noch nicht Über stunden, und öfters würden wohl diese armen Geschöpfe, wenn sie ihre Zukunft voraussehen könnten, einen frei willigen Tod dem schrecklichen Loose, das sie erwartet, vorziehen. Alle Arten von Mißhandlungen müssen sic von ihren Peinigern erdulden: Kolbenstoße, Bajonuet- stiche und Peitschenhiebe sind die gewöhnliche Aufmun- terung, wenn so ein Elender, durch physische und mo ralische Leiden geschwächt, sich nicht aufrecht erhalten kann. Die Djelabi (Kaufleute, Sklavenhändler) behandeln wohl ihre Sklaven mit mehr Sorgfalt, aus Eigennutz, damit ihre Waare nicht an Werth verliere, oder ihnen ganz verloren gehe durch den Tod; aber die Türken, welchen cS gleich ist, ob unterwegs eine Menge der ge raubten Menschen umkoinmen, behandeln sie schlimmer als die ihren. Sobald die 600 oder 1000 Sklaven bei sammen sind, werden sie unter Eskorte des Landvolks und etwa von 50 Soldaten unter Kommando eines Of fiziers nach Lobeid gesandt. Um aber dem Entweichen Vorzubeugen, wird den Erwachsenen eine Scheba um den Hals gelegt. Diese Scheba ist ein junges Bäum chen von ungefähr 6 bis 8 Fuß Länge Und 2 Zoll Dicke, welches vornen eine Gabel behält; diese wird nun dein Sklaven so an den Hals gebunden, daß der Stamm des Bäumchens nach vorn kommt, die Gabel selbst wird hinten mit einem Querholz geschlossen, und in dieser Lage ist der Sklave genöthigt, um nur gehen zu können,Sklaveiisagdeii. 155 bcn Baum in die Hände zu nehmen und vor sich her zu tragen. Doch kann dieses keiner eine längere Zeit aushalten, und so nimmt zur Erleichterung der Vorder mann den Baum des Hintermannes, und so einer den des andern ans die Schultern. Es ist eine Unmöglich keit, den Kopf herauszuziehen, dagegen wird bei allen der Hals wund gerieben, was sehr oft Entzündungen hervorbringt, die den Tod zur Folge haben. Knaben von 10 bis 16 Jahren, welche eine solche Scheba nicht ertragen können, werden zwei zu zwei mit hölzernen Klammern an den Händen aneinandergebnnden, und die ses geschieht, indem man dem einen das Holz an der rechten und dem andern an der linken Hand oberhalb des Handgelenks anlegt und dieses sodann fest znschnnrt. Die Hölzer sind an den Enden etwas ausgehöhlt, da mit die Hand hineinpaßt; diese Aushöhlung ist aber gewöhnlich so enge, daß die Haut aufgericben wird uud dadurch bösartige Geschwüre entstehen. Doch wenn auch die Hand abfauleu würde, es folgt doch keine Erleich terung, und die Klammer wird vor der Ankunft in Lo- bcid nicht abgenommen. Andere von diesen Knaben werden ebenfalls mit Riemen, je zwei und zwei an ein ander, znsammengekoppelt. Nur die Kinder, Weiber, Mädchen und Greise, läßt man frei gehen. Manche Mutter trägt ihren Säugling am Arm, der kaum seit wenigen Tagen zur Welt kam, eine andere muß wohl 3 Kinder, die zu schwach zum Laufen sind, selber tra gen. Greise, die am Stabe wanken, Kranke und Ver wundete werden von ihren Töchtern, Weibern oder Ver wandten in die Mitte genommen, und so langsam fort geschleppt, ja wohl abwechselnd getragen; bleibt einer von diesen Unglücklichen einen Schritt hinter der Kolonne156 Kordofan. zurück, so wird er sogleich mit Kolbenstoßen und Peit schenhieben zum Weitergehcn cmfgemuntert. Wird es aber einem solchen auch dann nicht mehr möglich sich fortzuhelfen, so werden 10 bis 20 der Schwachen mit der Hand an einen Strick gebunden, das eine Ende desselben wird an den Sattelkopf eines Kameels befe stigt, und so schleppt man die Halbtodten weiter. Stirbt einer unterwegs, so macht man deßhalb noch nicht Halt, man schleppt ihn bis zur nächsten Station weiter. Ein Tropfen Wasser würde den Ermatteten wieder zu sich bringen, aber der fühllose Türke reicht unterwegs we der Speise noch Trank, und läßt lieber seine Sklaven um- kommen, als daß er ihnen die mindeste Handreichung böte. Kommt man zu dem Platze, der zum Ausruhen be stimmt war, so werden die Geschleiften losgcbnudcn, die Tobten und die völlig Entkräfteten wirft man ohne Weiteres abseits in den Sand, und überläßt sie ihrem Schicksal. Kein Bitten, kein Flehen erweicht das Herz der Peiniger; es ist nicht einmal dem Weibe oder dem Kinde er laubt von ihrem sterbenden Vater Abschied zu nehmen, ihm den letzten Schcidekuß ans die Lippen zu drücken. Keiner darf sich den Zurückgelassenen nähern, oder ihnen ein Stück Brod und einen Trunk Wasser reichen; sie müssen verschmachten, und werden eine Beute der wilden Thicre. Wohl ein Zehntel der Gefangenen büßt unterwegs sein Leben ein. Nach 8 bis 14 Tagen langt der Transport in Lo- bcid an, und hier bleiben die Sklaven so lange beisam men, bis alle Transporte angckommen sind. Die Taug lichsten von ihnen werden zum Militär genommen und die anderen Erwachsenen im Werthe von 300 Piaster (ca. 50 Gulden) an die Soldaten in Kordofan stattNciscschUderungcu aus H-rschas und Äbtjfftnicn. 157 des rückständigen Soldes zurückgegeben; die jüngern Sklaven haben verschiedene Preise. Die Soldaten ihrer seits verkaufen ihre Sklaven wieder an die Djelabi, um baares Geld oder Geldeswerth zu erhalten; öfters stirbt aber der allzumatte und abgequälte Sklave, oder hat wegen sonstiger Gebrechen nicht den vollen Werth, und so verliert denn der Soldat seinen ganzen Verdienst, auf den er ein halbes Jahr zuvor schon gehofft hat. Zu weilen kommt cs auch vor, daß der Vater seinen Sohn, oder der Bruder seinen Bruder zum Sklaven erhält, und uothgedrungen ist, ihn zu verkaufen, um dem Kamera den, mit dem er theilcn muß, seinen Antheil herauszu geben. Vierter Abschnitt. Reiseschilderungen aus Hedjchas und Abyffinien.*) Der abyssinische Uferstrich des rothen Meeres ist vielleicht einer der merkwürdigsten Theile Afrika's, und doch ist die Zahl der Reisenden gering, welche die Neu gierde oder die Liebe zur Wissenschaft nach diesen ge- heimuißvollen, der Aufmerksamkeit Europas so würdigen Gegenden zieht. Namentlich Franzosen waren es, denen man die neuesten und vollständigsten Nachrichten über die Länder verdankt, welche auf der einen Seite an's *) Revue des deux niondes, Oktober. Vgl. Ausland 1850, X.160 NkiseschildcrunjM fische, zweimal so groß als unsere Barke, und nur 20 oder 30 Klafter von uns entfernt iin Wasser spielend. Zuweilen schwammen sie in voller Unbeweglichkeit da hin, und ich begriff jetzt, wie der Seemann Sindbad in den Mährchen der „Tausend und Eine Nacht" ihren Rücken einmal für eine schwimmende Insel nehmen konnte; dann schwangen sie sich auf einmal über die Wogen hin, auf deren Rücken sie sortgetragen wurden. Manchmal erhob sich durch einen kräftigen Schlag mit dem Schweif ihre ganze ungeheure Masse völlig über die Wogen, durchfuhr einen Raum von etwa 60 Fuß in der Lust, und stürzte daun mit donuerähnlichem Ge töse wieder in die Wellen. Ucber dem Punkte, wo die ungeheuren Thiere in's Wasser stürzten, bildete sich ein Wirbel, der die Strömung rauschend nach sich zog. Jeder beeilte sich, dem Mann am Kessel nachzuahmen, so daß ei» betäubender Lärm entstand, den wir noch durch einige Gewehrschüsse in die Luft — aber nicht nach den Levia thans , um diese nicht zu reizen — vermehrten. Als sie an dem Konzert, das man ihnen gegeben, genug hatten, entfernten sie sich und wir schlugen eine andere Rich tung ein, da der Nachodah behauptete, die Erscheinung dieser Thiere verkündige ein Unglück. Lauge sahen wir sie noch über die Wogen dahiugleiten. „Gott sei ge lobt," riefen die Matrosen, „wir sind glücklich cutkom- men!" — Ist cs denn so gefährlich? fragten wir. —- „Ob cs gefährlich ist?" entgegnete der Nachodah, „aller dings; hätte sich der Buthan*) nur an der Saia**) gerieben, so hätte er sie umgestürzt." *) Dieser arabische Name des Walfisches scheint einerlei Stam mes mit dem Wort „Leviathan". **) So nennt man die größeren aber ungedeckten Barken.aus Hcdschns und Äbysstnicn. 161 Gegen 3 Uhr Nachmittags sahen wir endlich den Gipfel eines Berges über den Fluthen erscheinen, all- mählig wuchs er empor, nach einer halben Stunde wurde er deutlich, und bald zeigten sich auch die gelben Dünen, die seinen Fuß umgaben. Wir steuerten nach der Süd spitze der Insel Kamaran, und zwei Stunden nachher kamen wir an den kleinen Jnselchen vorüber, die vor dem engen und stets ruhigen Kanal liegen, welcher die große Insel von der Küste trennt. Um diese Zeit waren die Sandbänke ganz wörtlich mit Vögeln bedeckt, und von allen Himmelsgegenden kamen noch immer Schaaren von Mövcn herbei. Wir konnten das lärmende Ge schrei, das von diesem lustigen Babel herrührte, deutlich vernehmen; die Seemöven klagten oder bellten wie hei sere Hunde, die Reiher, Rohrdommeln und Straudlänfer stießen ihr seltsames Geschrei aus, die Pelikane gurgel ten in ernsterem Tone, und der Sturmwind und Regen diente als harmonischer Paß zu dem Sturm von scharfen, traurigen Tönen. Die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten die weißen Klippen der Küste und spielten auf dem zier lichen Gipfel einer Dattelpalme. Eine Stunde später trieben die letzten Stöße des ersterbenden Sturmes das Schiff in den Hafen von Kamaran, wo wir Anker war fen. Die Rhede war ruhig; einige Sombaks lagen neben uns Vor Anker, einige Lichter glänzten im Hin tergrund des Dorfes oder an den Schießscharten der alten Beste, welche die Insel bewacht. An dem Ufer saß eine Gruppe von Männern, welche Lieder in einer unbekannten Sprache sangen zum Klang einer Schilfrohr- flotc/ während der Tamburin und große eiserne Becken den Takt schlugen zu der wilden, charakteristischen, nicht Grube. Bilder und Seenen. Afrika. (2. 51.) tt162 Nciscfchildcrungcn ganz anmuthlosen Musik. Eine andere Gruppe tanzte; das waren unglückliche, schwarze Sklaven, die sich durch Tanzen und Absingen heimathlicher Lieder über ihre harte Arbeit trösteten. Da wir während des schrecklichen Tages nur etwas Brod gegessen hatten, so nahmen wir unsere Gewehre und ließen uns an's Land setzen. Fünfzig Schritte von unserem Landungsplätze sprang eine Sandzunge in's Meer vor, die wir während eines früheren Aufenthaltes durchwandert und von der wir beobachtet hatten, daß sie die Zuflucht zahlloser Vogel, namentlich der Schnepfen sei, die hier Pvsto faßten, so lange die Fluth im Steigen begriffen war. Zwei Schüsse schreckten einen Schwarm von Vögeln auf, wir holten die gewonnene Beute, mußten freilich einige getroffene Möven wegwerfen, hatten aber doch mehrere Schnepfen glücklich erlegt. Diese wurden sogleich gerupft, an einen langen Spieß gesteckt und gc- braten. Die Seeluft hatte unfern Appetit geschärft, und unsere Jagdbeute war bald genug vollständig verschlungen. Um nicht mit den Matrosen theilen zu müssen, hatten wir uns wohl gehütet, einen einzigen unserer Vogel aus- zuweiden. Diejenigen Leute der Mannschaft, welche her- beikamen, um unsere Kochcrei zu inspiziren, gingen, als sie uns Blut und Eingeweide sorgsam ans eine Brod- scheibe streichen sahen, murrend mit den Worten weg: Inhal dinkum! (Gott verdamme eure Religion!) Ein solches Mahl war für sie abscheulich unrein; um sie »n trösten, versprachen wir ihnen bei nächster Gelegenheit einen recht harten, öligen Pelikan zu schießen. Die Mannschaft hatte am folgenden Tage genug ^ thun, um einen Leck zu stopfen, der uns in 24 Stunden den Untergang gebracht haben würde; es gab zwar nochaus Hcdfchae und Äliyslinicn. 163 eine Menge anderer, der Nachodah versicherte uns aber, diese hätten wenig zu bedeuten, und da er Sorge dafür trage, um die Barke beständig trocken zu erhalten, so könnten wir Massowah ohne Schwierigkeit erreichen. Wir unsererseits brachten den Tag am Laude zu. Als wir unsere Jagd begannen, drang kaum eine zweifel hafte Helle durch den Nebel, die letzte Spur des gestri gen Sturmes. Dem blassen Schimmer folgte ein rothes Licht, und die Sonnenscheibe, einen Augenblick durch die hohen Berge Arabiens gedeckt, erschien endlich durch einen der Einschnitte der Kette; dann streiften ihre schrägen Strahlen jeden Gipfel und entzündeten hier gleichsam eine Flamme, während die Masse jeder Höhe noch in ein Azurmeer getaucht war. Bald aber ergoß sich ein Licht strom über den Abhang der Kette, und verbreitete sich über die Küste, über das Meer und die Insel, wo jeder Fels übergossen war mit blendendem Schimmer. Jetzt erwachten auch die am Ufer eingeschlafenen Vogel, und flogen auf, um mit ihrem Frendengeschrei das strahlende Gestirn zu begrüßen. Die Tombaks (leichteren Fahr zeuge) rüsteten sich, das Weite zu gewinnen, aus jeder Hütte des Dorfes drang ein blauer Rauch und stieg mit den Liedern der Matrosen und Hunderten von ge schwätzigen Lerchen zum Himmel empor. Etwas später rippte ein Windstoß auch die Gewässer der Rhede, in deren Grunde eine andere Welt ihre Lebenszeichen gab. Zwei Hayfische, deren Rückenflossen die Oberfläche des Meeres furchten, trieben eine ungeheure Menge von Fischen vor sich her. Auf dicß Zeichen eilten Schwärme von Tauchervögeln mit lang gezogenem Geschrei herbei und Peitschten die kleinen Wellen, deren bewegliche Kurven die ganze Bay durchzogen, mit ihren Flügeln. Verfolgt 11 »164 Vciseschilderungen von den Haystschen und den Vögeln eilte die Fischmasse immer vorwärts, gefolgt von der gefräßigen Schaar, nnd eine lange, von Tausenden von Schnäbeln durch furchte und durch den kräftigen Schwung der Haye jeden Augenblick durchschnittene Schaumfurche bczcichuete weit hin ihren Zug. Etwas nördlich von der kleinen Bay, welche der jetzige Hafen ist, zwischen zwei mit alten Gräbern be deckten Vorgebirgen und ganz nahe bei den Ruinen eines alten Fleckens öffnet sich eine andere, kürzlich vom Meer verlassene Ebene, deren Boden sich unter dem Wasser in so schwachem Abhang hinzieht, daß man fast allenthalben eine Viertelstunde weit hineingchcn kann, ohne tiefer als bis aiUs Knie im Wasser zu scyn. Dieser Uferstrich ist von zahlreichen Vögclschaaren bewohnt, die sich um die Reste der Seethicre streiten, welche das sich zurückziehende Meer liegen läßt. Weiße und blaue Greben laufen, tauchen, fliegen, um sich dann abermals auf das ruhige Meer niederzulassen; Löffelreiher patschen im Schlamm; Pelikane schwimmen in Schaarcn umher nnd fangen Weißfische, die von den größeren Fischen im Meere der Küste zugetrieben werden. Weiterhin stehen rothe Fla- mingo's aufrecht auf ihren langen Stelzen, mit ihren feuerfarbenen Flügeln einem Flammenstrahl gleich, der sich ans der Oberfläche des Wassers bewegt. Wir such ten unser Frühstück in diesem Gcflügelhofe des lieben Gottes, der allen seinen Kreaturen Speise gibt zu seiner Zeit. Gern hätten wir einige Flamingo's geschossen, aber das war schwer, denn diese Rothflüglcr beobachteten aufmerksam jede unserer Bewegungen und ließen n»s nie ganz nahe kommen. Der Zufall ließ uns ein Brett, den Rest eines Schiffbrnchs finden, ans dem wir einigtaus Hrdschas und Alipssinicn. 165 Reisigbüschel befestigten, und auf diesem Floß hinter der schützenden Wand der Reisigbüschel fuhren wir sachte in's Meer hinaus. Wir thaten unser Bestes, allein ein un glückliches Schwanken des Flosses störte unfern Feldzngs- plan im Augenblick, wo wir die schimmernde Gruppe, auf die wir unser Auge geworfen, zu überraschen gedach ten. Wir erlegten nur ein einziges Thier, das unter unferm Bleie sank, nachdem es die großen Flügel ent faltet, die machtlos herabsanken und auf dem Wasser wie ein Stück rother Seide sich ausbreiteten. Wir mußten auf die Jagd verzichten, denn die ganze rothe Schaar war plötzlich verschwunden und die Hitze begann uner träglich zu werden. Nachdem wir noch einige Schüsse gethan, die unsere großen Taschen mit kleinem Wild füll ten, kehrten wir nach der Rhede zurück, wo unsere Barke vor Anker lag. Am folgenden Morgen vor Tagesanbruch gingen wir wieder unter Segel. Ein schwacher Wind wehete, fiel aber völlig, als wir uns neben einer kleinen Insel be fanden, die bei den Arabern Ukeban heißt. Wir hofften mit dem ersten Luftzug durch den nicht sehr breiten Ka nal zu kommen, aber die Barke war unbeweglich, als lägen wir vor Anker; unsere Segel hingen schlaff nie der, das Meer lag wie ein Spiegel da und glänzte in den Strahlen der Sonne wie ein See von geschmolze nem Blei. Wer einmal eine lange Fahrt aus einem neapolitanischen Fahrzeug gemacht hat, wird bemerkt haben, daß, so lange die Fahrt gut geht, die Matrosen sich des Himmels nur zu erinnern scheinen, um ihm zu fluchen; kommt aber der Sturm mit seinem Gefolge von Schrecken, dann ist Jeder erfüllt von einer schwärmerischen und nicht sehr erbaulichen Frömmigkeit, dann zündet man166 NeislschUdkruiigen zehn Kerzen statt einer vor dem Angesicht der Madonna an, die auf dem Hinterkastell ihre Nische hat, und es folgen nun auf die frechen Flüche und unheiligen Lieder Gelübde an die Madonna und alle Heiligen. Diesen Kontrast fanden wir hier noch schärfer ausgesprochen. Der schon erwähnte Dschellab von der Danakil-Küste brachte drei oder vier junge Gallamädchen und einen fast blödsinnigen kleinen Neger nach seiner Heimat!); cs war der Nest seiner Sklavenheerde, dessen er sich in Jemen nicht hatte entledigen können. Dieser Mann war zwei Tage zuvor, als der Sturm das Meer aufwühlte, außerordentlich fromm und hatte ein Gelübde der Ent haltsamkeit gethan; jetzt aber erzählte er den Matrosen seine Lebensgeschichte, voll abscheulicher Einzelheiten über Kinder, die er verstümmelte, um ihren Werth zu ver doppeln oder zu verdreifachen, über scheußliche Scenen von Ausschweifungen und furchtbare Qualen, denen die Sklaven-Karawanen auf ihrem fünf bis sechs Monate andauernden Zuge aus dem Innern Afrikas bis au die Ostküste ausgesetzt sind. Diese ungeheure Reise müssen die Unglücklichen zu Fuß machen; wer nicht gehen kann, wird sür's Erste grausam geschlagen, und man schlägt ihn auch dann noch, wenn die verzweifelte Anstrengung, zu der er durch den Schmerz getrieben wird, sich er schöpft hat. Wenn aber endlich Mattigkeit, Krankheit und Durst seine Kräfte gebrochen und seine zerrissenen Füße steif gemacht haben, dann zerschlagt sein Herr, che er ihn auf der Straße liegen läßt, ihm den Kopf zwi schen zwei Steinen. „Die Furcht vor einem solchen Schicksal," äußerte sich der Dschellab, „erhöht den Mnth der Andern." — Dieser Mensch flößte uns einen solchen Abscheu ein, daß wir an das andere Ende der Barkeaus Hcdschas und Äbysltnien. 167 uns flüchteten, neben einen Matrosen aus den Dahlak- Jnseln, der, die Füße hinaus über das Wasser hängend, ein abyssinischcs Lied von eigenthümlicher Weise sang. Wir hatten bereits den Dschellab vergessen, als wir auf einmal Schmerzensrufe vernahmen; es war der Mcnschen- händlcr, der den Rücken des kleinen Negers mit einer Peitsche aus Flußpferdshaut zerfleischte. In zwei Sprün gen waren wir zwischen dem Opfer und seinem Henker, dessen Strafinstrument wir in's Meer warfen. „Ist das nichr mein Sklave?" brüllte der Herr, wü- thcnd über unser Dazwischcntreten, „und kann ich nicht mit ihm machen, was ich will?" Aber die Leute an Bord waren nicht sehr schnell, für ihn Partei zu nehmen, und da unsere Hände seine Schul tern etwas unsanft streichelten, so entschloß er sich end lich zu schweigen. Er zitterte wie ein Espenblatt, und wagte sich nicht zu rühren, als ich zum Nachodah sagte: „Gib diesem Hund zu verstehen, daß, so lange wir hier auf dem Schiffe sind, cs keine Sklaven unter uns gibt!" — „Und sag' ihm," fügte mein Reisegefährte hinzu, „daß ich ihn beim ersten Schrei dieser Kinder über Bord werfe." Von diesem Tage an benahm sich der Dschellab außerordentlich achtungsvoll gegen uns, und seine Skla ven bezahlten den Schutz, den wir ihnen gewährten, durch eine Menge kleiner Dienste, mit denen sie immer unser» Wünschen znvorkamen. Bei Sonnenuntergang hatte unsere Barke kaum hun dert Klafter zurückgelegt; wir hatten immer noch Ukoban im Gesicht, so wie eine Menge Sandinsclchcn, auf die gleichsam ein Regen von Vögeln herabfiel. Himmel und Meer verschmolzen in einer Scharlachfarbe, den Osten ausgenommen, wo eine violette Linie den äußersten168 Veiseschilderungcir Saum des Horizontes bezeichnete. Nach und nach schwächten sich alle diese Farbentöne ab; ein leuchtender Streifen, der schräg in den Himmel hinein cmporstieg, als hätte das leuchtende Tagesgcstirn hier seine Spur zurückgelassen, war bald Alles, was von diesem Glanze übrig blieb. In dem Maaße, als die Sterne am Fir mament sichtbar wurden, erwachte ein ähnlicher Glanz ans dem ruhig daliegenden Meere; dann stieg der Mond auf, seine ruhige Klarheit füllte den Himmel und fiel wie eine lange Silberfurche auf die Oberfläche der Wel len. Nach einem glühenden Tage wurde endlich die Luft wieder lau, in der Atmosphäre war eine unbeschreibliche Ruhe verbreitet, und in dieser so heitern, durchsichtigen Tropennacht fühlte man geheimnißvollc Stimmen vorübcr- ziehen, die von Gottes Allmacht sprachen. — Seit einigen Stunden beklagte sich eine der Skla vinnen des Dschcllab über heftige Kopfschmerzen; cs war dieß ein schmächtiges, schwächliches Kind von 10 Jahren. Ihr schwarzes Haar zerfiel in zwei große Flechten, die durch eine gelbe Seidcnschnur zusammengehalten wurden, welche wie ein Goldfaden von einer Flechte zur andern lief. Diese beiden Flechten fielen über ihr hageres, durch eine lange Krankheit ansgehöhltes Gesicht. Sie trug ein Halsband von blauen Glasperlen, eine armselige Zierrath', womit der Herr sie vor dem Verkaufe anfge- putzt hatte, etwa wie die Priester des Alterthums die Hörner der Opferthiere, ehe sie solche vor den Altar führten, vergoldeten und mit reichen Blumenkränzen und Bändern schmückten. Ihre Kleidung bestand in einem groben, an mehreren Enden durchlöcherten Stück Zeugs, kaum zureichend, die Glieder, welche der Fieberfrost durchlief, zu umhüllen. Der Dschellab nannte sieaus Hcdschas und Äliystinien. 169 „Danguleh," der abyssinische Name für die Blume eines prächtigen Chicus, dessen Blüthenkrone durch lange Dor nen geschützt ist. In dem Namen lag eine bittere Ironie. Von der glänzenden Blume des Erdbeerbaums im Ge birge bis zu dem durch Hunger, durch üble Behandlung und Krankheit herabgekommenen Kinde war ein Unter schied, wie von der Freude zum Schmerz, von der Hoff nung zur finsteren Verzweiflung. Die Spiele der An dern reizten sie niemals auch nur zum Lächeln; oft weinte sie im Stillen, und im Klang ihrer Stimme war etwas Unsägliches, das dem Herzen weh that — es war der hinter der Jugend lauernde Tod. Diesen Abend klagte die junge Sklavin mehr als gewöhnlich; mehrmals schluchzte sie und rief ihrer Mnt- ter, oder antwortete ihren Gefährtinnen, die sie zu trö sten suchten: „Sagt ihr mir darum, weil ich jung bin, ich würde nicht sterben? Fallen die Früchte der Do,ra*) niemals, ehe sic reif werden? Reißt nicht der Wind auch die jungen Blätter von den Bäumen?" Während der Nacht erhob sich einer der wunderlichen Winde, welche in so schwachen Stoßen wehen, daß sie kaum die Oberfläche des Meeres kräuseln. Bei Tages anbruch erblickten wir den Dschebel-Theer, eine vulka nische Insel, deren Lavasciten unaufhörlich von den Fluthcn gepeitscht werden, und deren Spitze zuweilen schwarze Rauchwolken ausstößt, welche beweisen, daß der Vulkan, welcher die Insel hervorhob, unter den Mecres- wcllen noch nicht erkaltet ist. Lange Züge von Möven verließen den Berg und zerstreuten sich in allen Rich tungen; sie strichen dabei so hart über die Wogen hin, *) Amharischer Name für die Sykomore.170 Vciseschildcttlngen. daß ihre schneeweißen Flügel sich im prächtigen Wider schein des Meeres färbten. Tropikvögel durchschossen den Himmel in solcher Höhe, daß sie ohne die Sonnenstrah len, die ihr helles Gefieder vergoldeten, unsichtbar ge wesen wären. Danguleh befand sich schlimmer; sie war im Deli rium, und zweimal hielten die Matrosen sic ab, daß sie sich nicht in's Meer stürzte; ohne unsere Anwesenheit hätte vielleicht der Herr sie wegen ihrer Krankheit ge straft. Das Kind saß nun mitten unter ihren sie be wachenden Schwestern. Ihre großen schwarzen Augen nahmen einen so seltsamen Glanz an, und sie begann ein Lied ihres Landes mit einer so traurigen Melodie zu summen, mit dem Tone eines so schmerzlichen Heim wehs, daß die andern Sklavinnen ihre Thränen nicht zurückhalten konnten, und wir uns von der Gruppe ent fernen mußten, so krampfhaft preßte uns diese Scene die Brust zusammen. Das Lied rief in der Phantasie der Kranken alle Bilder des geliebten Vaterlandes zu rück. Ihre untröstliche Mutter, die Hütte unter den blühenden Zweigen des Wangeh, des verehrten Baumes der Gallasneger, die von milden Schatten verschleierten Quellen, an die um die Mitte des Tages die schlanken Antilopen und großen Vögel zum Trinken kamen; die Maisfclder, um welche die jungen Mädchen singend Wache halten, die Tauben zu verscheuchen; — der Wald, in welchem Löwen und schwarze Panther streifen und unermeßliche Elephantenheerden ziehen; die Nacht, welche die Rinder- und Pferdeheerden um das Lager des Stam mes versammelt — alle diese süßen Erinnerungen er wachten im Grunde ihres Herzens, bis sie endlich, durch die Aufregung ganz erschöpft, in sich zusammensank. Ihreans Hcdschas und Abysllnicn. 171 Augen wurden wieder glanzlos, sie erhob sich nicht mehr; sie klagte seltener, und obwohl das Leben ihre abgema gerten Glieder noch nicht verlassen hatte, war doch sicht lich ihr Geist schon entwichen in die jenseitigen Fluren. Kurz vor Mittag wurde der Wind frischer, das Meer bedeckte sich mit weißen Schafen, wie die Seeleute sagen; die Tropikvögel verließen die höheren Regionen der Luft, und der Nachodah schüttelte mit unzufriedener Miene das Haupt. Einige Stunden später befanden wir uns mitten in dem Gewirre von Inseln, Sandbänken und Klippen, wo cs unmöglich gewesen wäre, die Nacht wei ter zu fahren, und vor Sonnenuntergang warfen wir eine halbe Meile vor einem „Metbuah" genannten Fel sen Anker. Der ganze nächste Tag verging damit, daß wir vorsichtig an einer ungeheuer« Bank von Madrepo- ren*) hinfuhren, auf welche der Wind Samen von Gummibäumen und von einem dürren, wie Eisendrath steifen Grase hingewehet hatte. Einige Fischerfamilien haben sich auf dieser von der Sonne verbrannten Insel niedergelassen, die kein anderes Wasser hat, als was vom Regen in den Höhlungen des Felsen stecken bleibt. Sic ist von vielen Gazellen bevölkert, welche sich unter die von den Eingebornen gezogenen Zicgcnhcerden mi schen, und ihnen oft bis in's Innere der Dörfer folgen, wo sie halb zahm werden. Dieß ist Dahlak, berühmt durch die Geschicklichkeit seiner Taucher und den Rcich- thum seiner Perlausternbänke, **) die in geringer Entfer nung liegen. Am Morgen war der Wind plötzlich nach *) Weiße Sternkorallen. , **) Eine der schönsten bekannten Perlen, die einst die Krone der Dogen von Venedig schmückte, stammte von Dahlak, wo einst die Venetianer eine Pcrlenfischerei angelegt hatten.158 Pc'iscschitderungcn rothe Meer, auf der andern an Central-Abysfinien stoßen. Zwei wackeren Männern, Arnaud (ehemaliger Offizier der ägyptischen Armee) und Baissiörc (Beamter in der Militärverwaltung zu Cairo), verdanken wir folgende Nachrichten. I. Am 18. Januar 1848 verließen wir bei Sonnen-- Untergang Hobeidah (an der arabischen Küste Deinen) und boten dem Mousson") Trotz, der damals in seiner ganzen Heftigkeit wehete, um nach dem gegenüberliegen den afrikanischen Ufer, nach Massowah zu fahren. Unser Fahrzeug war eine ungedeckte und übermäßig beladene Barke, mit der wir trotz der Anstrengungen unserer Ma trosen erst mit Tagesanbruch uns von der Küste entfer nen konnten. Der Wind hatte etwas nachgelassen, und obwohl die See immer noch ziemlich hohl ging, war doch die Fahrt bis gegen 10 Uhr glücklich. Unser Nackodah (Kapitän), für einen Araber ein geschickter Seemann, verfolgte den geraden Weg, d. h. er wollte etwas südwärts vom Archipel von Dahlak in die Nähe des Landes kommen, und dann den Engpaß hinauf- fahrcn, der diese Jnselhanfen vom festen Lande trennt. Wir machten ihm wiederholt die Bemerkung, daß selbst auf dem Meere der gerade Weg nicht immer der kür zeste sei; er gab nicht nach, bis ein furchtbarer Verbün deter uns zu Hülfe kam — der Sturm. Zwei Stunden vor Mittag twuchs der Wind und das Meer wurde fürch- *) In den Aeguatorgegenden des indischen Meeres wehen die Monsuns oder Mussons (von dem malayischen Wort „Mussin", d. i. Jahreszeit, gebildet), und zwar so: Nördlich vom Acgua- tor vom April bis Oktober aus Südwest mit Sturm und Regen, und in den übrigen Monaten sanfter aus Nordost. Südlich vom Acguator ist im Winter Nordwest, im Sommer Südwest.aus Hrdscha's und Äbysstnien. 159 terlich; der Steuermann hatte alle Kraft anzuwenden, daß die anprallenden Wogen uns nicht voll in die Sei ten trafen, und die Baumwollenballen, mit denen unser Schiff beladen war, zu Grunde richteten. Die am Hintertheil versammelten Seeleute verdop pelten ihre Stoßgebete, von denen einige nichts waren, als Flüche gegen die Ungläubigen. Einer von uns hatte einen schlechten Witz über die Litaneiensänger gemacht, der uns ein Lächeln abnöthigte; alsbald aber bemerkten wir, daß die Moslems wilde Blicke auf uns richteten, und das Beiwort „Knfar" (Ungläubige, Heiden) von einem Sklavenhändler (Dschellab) ausgesprochen, dringt selbst zu unfern Ohren. „Wenn du von uns in diesem Tone sprichst," bemerkte sogleich mein Gefährte, „so läufst du Gefahr, zuerst ein Bad zu nehmen." Der Dschellab schlug heuchlerisch die Augen nieder, und behauptete, das Wort, dessen er sich bedient, sei keineswegs gegen uns gerichtet gewesen. Der Vorfall hatte keine weiteren Fol gen, denn wir waren gut genug bewaffnet, um nöthigen- sallö der ganzen Mannschaft Trotz zu bieten. Bisher hatte der Nachodah hartnäckig gegen das Un wetter gekämpft, bald aber vermehrte eine neue Gefahr den Ernst unserer Lage. Plötzlich sprang ein Matrose nach einem ungeheuren kupfernen Kessel, den er wie einen Tamtam mit dem Handgriff seines Messers bear beitete, und Alles um uns her sprach die Formel: „Allah akbar" aus, womit jeder gute Muselmann bei einer drohenden Gefahr den Beistand Gottes anruft. Wir begriffen nichts von der Musik und dem plötzlichen Wiederansbruch der Furcht, entschlossen uns aber, einen Augenblick die schützende Stätte zwischen zwei Baum wollenballen zu verlassen, und erblickten nun vier Wal-172 Neiscschildcrungcn Norden, dann nach Nordwcsten umgesprungen, d. h. er war uns gerade entgegen; wir kamen deßhalb nur we nig vorwärts, und ankerten zeitig neben einer Sandbank. ' Die kranke Sklavin war Nachmittags gestorben. Kaum hörbar war der Klageton gewesen, der aus ihrer Brust stch rang, als das Herz zu schlagen aufhörte. Man beerdigte sie unter dem Sande dieser namenlosen Insel. In der Nacht baten uns die andern Sklavinnen um etwas Butter, die sie in einen zerbrochenen Topf gossen, einige Baumwollenfäden hineinlegten, und so eine Lampe machten, die sie auf dem Grabe Dangulch's nie- dersetztcn. Die Lampe brannte fast bis zum Tage, und mit der letzten Flamme erlosch auch das Andenken.der Todtcn. Doch nein, ihre Unglücksschwestern versammel ten sich fern von Allen am Vordertheil der Barke, und improviflrten ein langes Todtcnlied, dessen Worte die, welche der Tod frei gemacht hatte, noch im Grabe trö sten sollten. Jede recitirte eine Strophe, an deren Ende Alle schluchzend in einen Ncfrain einfielen, der unwan delbar mit einem trübseligen woye, woye! endigte. Am nächsten Tage warfen wir gegen Mitternacht in einem kleinen runden Bassin Anker, an dessen Umkreis die Bewegung der ab- und zugehenden Wellen durch einen phosphoreszirenden Streifen bezeichnet wurde. Durch die Regennacht hindurch unterschieden wir einige Hütten am Rande der Bucht. Insulaner kamen schwim mend an's Schiff, stiegen an Bord und fragten nach Neuigkeiten. Sie schüttelten das Wasser ab, wie Pudel nach einem Bad, um sich zu trocknen. Diese Miniaturbucht, die uns gegen einen heftigen Nordwind schützte, ist der einzige Hafen von Dossat, der Perle der Inseln im rotheu Meer; wir brachten da-aus Hcdschns und Äl'yssiuicii. 173 selbst den folgenden Tag zu, und legten gerade im Krater eines erloschenen Vulkans vor Anker, weil die Wandung des Berges ans der einen Seite eingesunken war und so dem Meere Zugang verschafft hatte, das den Grund des Kraters erfüllte. Einige Hütten und zwei oder drei ans dem Strande liegende Pirognen, nackte Kin der, welche Ziegen hüteten, schwarzbraune Männer, Wei ber, deren Arme mit Glas- oder Elfenbcin-BraceletS be laden sind, und deren ganze Kleidung in einer roh ge gerbten Ochsenhaut besteht, die sie um den Körper rol len; einige Hunde, schwarze Kraniche, blaue und weiße Reiher, haarige Ibisse, diese geheimnißvollen Vögel des alten Aegyptens, endlich große auf dem Felsen am Ein gang des Hafens unbeweglich stehende Störche, rund um das Bassin Granitberge, die mit Segal-Mimosen (Gummi-Zwergbäumen) besäet sind, im Hintergründe eine Schlucht, die durch die ganze Insel geht und einen in's Meer reichenden Wald von Wurzclträgern sehen läßt: das ist der Gesammtanblick, den diese niedliche Bucht gewährt. Wir verließen sie am zweiten Tage, um nach Massowah zu fahren, das wir in der Nacht erreichten. II. Einige Tage nach unserer Ankunft in Massowah schlug uns der französische Konsularagent an diesem Hafen eine Jagdpartic in der Umgegend vor, wo es von Gazellen- hccrdcn wimmelt. Zwei im Lande ansässige Griechen, ein türkischer Kanonier, ein Hiudnkanfmann, sieben bis acht abyssinische Diener und drei oder vier Kamceltrei- ber sollten uns begleiten. Das Stelldichein war zu Mokollo, einem Dorfe ans dem festen Lande, eine Stunde174 Vciscschildcrungeii nordwestlich von dem Jnselchcn, auf welchem Maffowah gebaut ist. Der Aufbruch fand am 8. Januar Abends Statt. Wir machten an diesem Tage bloß noch zwei Stunden im Grunde eines breiten Thales zwischen zwei Bergen, deren magere Gummibäume die Felswände schlecht verhüllten. Dennoch hatten einige Regentage die ärmliche Vegetation sehr erfrischt, die Zweige der Segal-Mimosas zeigten ein prächtiges Grün, ebenso die spärlichen Grasbüschel, die aus diesem steinigen Boden keimten. Euphorbien breiteten ihre großen fahlen Blü- then an der Sonne aus, Winden schmückten mit ihren weißen und gelben Glocken die Zweige des Nobnks (rhamnus lotus), die Nocksbüsche waren blättcrrcich, die Wüste hatte ihr Festkleid ungezogen, es war die Zeit der Brunst für die Gazellenschaarcn, welche diese Einöden durchwandern. Mit Einbruch der Nacht erreichten wir das Bett eines Wildbaches, Tadali genannt, der eben trocken war und nur an einer Stelle Wasser zeigte, wo die Hirten einen tiefen Brunnen gegraben hatten. Das Zelt wurde aus dem Saude aufgeschlagcn, und bald stießen die Die ner, welche uns eine halbe Stunde voransgcgangen wa ren, mit Wild beladen wieder zu uns. Wir selber hat ten keinen Schuß gethan, weil wir nicht einmal einen Vogel gesehen. Eine Stunde später trug man uns das Essen aus. Das Fleisch schmeckte vortrefflich, um so mehr, da wir während eines achtmonatlichen Aufenthalts an der arabischen Küste täglich nichts als Pillau und schlechte Fische, hier und da Kameelfleisch, oster noch nach Unschlitt riechendes Ziegen - oder Hammelfleisch gegessen hatten. Am andern Morgen waren wir frühzeitig aus demaus Hcdschns und Abyginien. 175 Marsch, und da wir das Land nicht kannten, wagten wir geraume Zeit nicht, uns vom Wege zu entfernen, auch hatte der Konsularagent gerathen, nicht zu sehr in's Dickicht einzudringe», da zu dieser Tageszeit die Panther an den Gazellenpfaden sich aufstellten. Uebrigens brauchte man, um Wild zu finden, nicht vom gewöhnlichen Wege abzuweichen; die Haselhühner hatten bereits ihre Nachtsitze verlassen und liefen ans dem Saude der Wildbäche herum; die Gipfel der großen Bäume waren besetzt mit Perlhühnern, die schaarcnweis unter ohrzerreißendem Geschrei daran flogen. Hier und dort konnten wir große Gazellen ans dem Kamm der Hügelkette unbeweglich stehend erblicken. Hinter einem Busche stand ein Paar Beni-Jsrail, zierlich kleine An tilopen, deren Beine nicht viel dicker waren als ein Federkiel, und deren Kopf mit einem Büschel langer, gelbbrauner Haare geschmückt war, die unter dem Ein druck der Furcht emporstanden. Sie sahen uns einen Augenblick mit koketter Neugier zu, flohen dann aber und stießen ein scharfes, fast pfeifendes Geschrei aus. An Vögeln ist dicß Thal weniger reich, wahrscheinlich, weil es an Quellen fehlt, doch ruchsteu zwei oder drei Turteltauben und eine große Holztaube im Walde. Spechte mit scharlachrothem Kopf wiederholte» ihren traurigen Nus, und suchten die abgestorbenen Bäume; Knkal's (Kukuks) mit korallenrothen Augen liefen von einem Dickicht in's andere, um Schlangen und Eidech sen zu fangen, von denen sie sich nähren. Auch einige glänzende Suis-mangas (ozmniris splöncliäus) flogen an einer im Sande treibenden Asklepiasart umher, deren beflügelte aus den großen reifen Früchten sich heraus windende Saamen der Wind umhertreibt, und deren176 Beiscschilderungen rosige Blüthen stets ein Tröpfchen Honig für diese afrikanischen Kolibri's haben. Gegen sieben Uhr Morgens erreichte unsere kleine Karawane ein anderes Thal, Namens Saati, das wir zum Jagd-Rendezvous ausersehen hatten. Eine Stunde, nachdem wir im Schatten des Thales uns gelagert, war Alles zusammengetroffeii, zwei Leute ausgenommen, der Grieche Stephan, unser Gastfreund in Massowah, und Herr Arnaud. Sie hatten sich ans der Jagd verirrt, waren statt auf Gazellen auf einen Löwen gestoßen, mit welchem sie den Kamps nicht hatten aufnehmen wollen, und mußten endlich durch Beduinen sich zurückgeleiten lassen. Das Saati-Thal ist von Kalkfclsen umgeben; im Grunde dieses öden Schlundes ist ein Sumpf, der durch unsichtbare Quellen genährt wird, und auf der andern Seite ein Bach, der in geringer Entfernung sich im Sande verliert; in der Mitte stehen einige verbrannte und verkrüppelte Gummibäume. Der Sumpf ist von Schildkröten bevölkert, die von Zeit zu Zeit ans der Oberfläche des Wassers schlafen. Etwas vor Sonnen untergang kam eine Menge von Vögeln herbei, die sich den Platz streitig machten, und wenn sie getrunken hatten, wieder fortflogcn nach den öden Strichen, wo es ihnen so gut gefällt. Wir hatten Wild genug, so daß wir einige zierliche Gazellen, die sich scheu bis zum fernsten Ende des kleinen Sees hervorwagten, ungestraft ihren Durst löschen ließen. Als aber mit den ersten Schat ten der Nacht Hyänen und Schakals kamen, und in unsauberen Gruppen von zehn bis zwölf heranschlichen, da krachten alle unsere Gewehre zugleich, und Schakals wie Hyänen flohen beulend vor dem mörderischen Blei. Später wurde der See noch von furchtbareren GästenNUS Hcdschns und Äl'yssinicn. 177 besucht. Einer von uns, der sich etwas vom Bivouak entfernt hatte, sah zwei Panther wie Schatten durch die Segalbüsche schleichen, und in der Mitte der Nacht wur den wir aufgeweckt durch das rauhe Gebrüll des Löwen, welches das ganze Thal erfüllte. Unsere Lastthiere, un ruhig und zitternd vor Furcht, standen auf, um sich den Menschen und Wachtfeuern zu nähern. Die Abyssinier warfen sogleich einige Arme trockenen Holzes auf das Feuer, dessen rother Widerschein einen Augenblick mitten in der Finstcrniß die trübselige Fclscnlandschaft aufwcckte. Nachdem sich das Gebrüll des Löwen in der Einöde ver loren hatte, begann wieder ein seltsames Konzert von unbestimmten Tönen, daö nur von Zeit zu Zeit durch das heisere Geschrei der Hyänen unterbrochen wurde. Trotz dieser wilden nächtlichen Harmonie streckten wir ans unfern Teppichen uns aus, und Jeder suchte, so gut es gehen wollte den Schlaf. Als wir Saati mit dem Grauen des Tages verließen Versprachen wir uns, belehrt durch daS Beispiel unserer beiden Gefährten, möglichst nah unfern Kameeltreibern zu folgen; der Jäger ist aber nicht Herr seiner Jagdlust: wir marschirten kaum seit einer Stunde, und schon hatte unsere kleine Truppe den Pfad verlassen, um sich in Ver folgung von Gazellen und Beni-Jsrait in den Wald zu vertiefen. Es versteht sich von selbst, daß ich es machte wie die Andern, und am Eingang einer Schlucht, durch welche der nach Abyssinien hinaufführende Weg eine Hü gelkette übersteigt, dem letzten Abhang gegen das rothe Meer zu, befand ich mich nicht in der angenehmsten Lage. Zum Glück führte der Zufall drei unserer Leute in die Nähe dieses Ortes, unter denen auch Mohammed Kotten, der Anführer der Kameeltrciber war. Grube, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.) 12178 Ntiscschildtrungm „Weißt du, woderKhawadsche*) Aruaud ist?" fragte ich Mohammed Kotten, und erhielt zur Antwort, er habe ihn mit Herrn D., dem Konsularagenten, weiter ziehen sehen. Beruhigt über meinen Reisegefährten drang ich mit den Abyssiniern in das enge, schwierige Defile, das sich vor uns öffnete. Hier verband sich bereits die Alpen- natur mit der traurigen Vegetation der niedrigen Lände reien. Riesenhafte Basilienkräuter, Münzenkraut, das zu Büschen heranwächst, tausend Gebirgspflanzen, mit prächtigen Blumen und bevölkert von schöngefärbten In sekten, trieben in kräftigen Büscheln zwischen den Felsen blöcken hervor, die in den Grund der Schlucht hinabge rollt waren. Der Berg stieg an manchen Seiten des Wegs wie eine Mauer hinan, und die Vorsprünge dieser Mauer waren mit Geier- und Adlernestern besetzt. Wir waren schon über die Mitte des Engpasses gelangt, als wir ein Gebell vor uns hörten wie von einer Meute Hunde. „El Gurnt!" (die Affen), sagte Mohammed Kotten, und bei einer Wendung des Wegs konnten wir eine lange dichte Schaar der sogenannten hundskvpfigen Affen auf uns zukommen sehen. Es mochten wohl einige Hun dert seyn, die allem Anschein nach die Quellen von Saati aufsuchten, in deren Nähe wir die letzte Nacht znge- bracht hatten. Die Vordersten, welche unsere Schritte auf dem kiesigen Boden vernahmen, stießen einen Schrei der Besvrgniß aus, der sich bald der ganzen Heerde mitthcilte. Die Alten und Erwachsenen zogen zerstreut in der Menge, beaufsichtigten die Bewegungen, halfen *) Dicsc Benennung wird nur für Christen gebraucht, das Wort „Sid" (Herr) nur, wenn cs sich um Moslemin handelt.aus Hcdschas und Äbysstnien. 179 den mit ihren Säuglingen beladenen Weibchen, und trieben die Trägen mit Ohrfeigen weiter. Streitigkeiten unter den Jungen wurden durch Stöße beschwichtigt, welche der Angreifer als Strafe, der Angegriffene als Warnung empfing. Als der Ruf der Gefahr ertönte, gingen die Alten voran, um Trotz zu bieten; die Kleinen, welche den Rücken der Mutter verlassen hatten, um aus dem Sand zu spielen, hingen sich wieder an den Leib ihrer Ernährerinnen, und ließen sich so den Abhang des Bergs hinauftragen. In einem Augenblick war der Weg, der vorher für die Menge zu eng gewesen war, völlig frei; die beiden Seiten der Schlucht bedeckten sich so zu sagen mit einer beweglichen Masse von Rücken und gar stigen Köpfen, und der Kamm der Felsen krönte sich in wenigen Minuten mit mehreren Schildwachen, die nicht aufhörten zu bellen und Grimassen zu schneiden. Das quickte und schrie, und wimmelte durch einander wie in einer verzauberten Fecnwelt. Dann erst begannen die Männchen, denen ihre lange Mähne, ihre derbe kraftvolle Gestalt und namentlich die langen über die Schnauze hervorragenden Hundszähne ein wildes Ansehen gaben, langsam sich zurückzuziehen, aber rücklings und stets bereit zum Angriff. Gazain, der Jäger des Herrn Agenten, that einen Schuß nach ihnen, und einer der größten fiel mit zerschmettertem Kopse. Der Knall machte einen Augenblick allem Ge schrei ein Ende, und alle an der Spitze der Fellen oder an einem Abhang sitzenden Affen machten auf einmal einen Sprung in die Höhe, als hätte ein elektrischer Schlag den Boden berührt und sie alle getroffen. Die zahlreiche Gruppe, zu welcher der Todte gehörte, drohte sich auf uns zu stürzen, als der dritte meiner Begleiter,180 Rciscschil-crungcn der kleine Neger Gabrio, einen Schnß mit grobem Schrot unter den dicksten Haufen that, woraus sich einige wüthend aus dem Sand wälzten. Geheul des Schmerzes, Geschrei der Wuth, Aechzen und Schluchzen erfüllten das Thal. Als sich die Hinterhut endlich zur Flucht entschloß, nahm sie nicht nur die Verwundeten, sondern selbst den Todten mit. Jeder schleppte ein wenig daran; an schwierigen Punkten vereinigten zwei, drei, ja vier Affen ihre Anstrengung, um den todten Körper hinüber zu bringen, während die Jungen und die Weibchen sich rund herum drängten und lange Klagctöne aus stießen. „Der Stamm beweint den Todten," sagte Moham med Kotten; in der That lag in der Scene etwas vom Schmerz eines Menschen, wenn er die Seinigen durch den Tod sich entrissen sieht; ich hätte dem von Gazain begangenen Mord durchaus keinen zweiten hinzufügen mögen. Gabrio aber war noch nicht zufrieden, sondern lud sein Gewehr abermals, legte cs aus einen großen Stein ans und zielte lange und mit großer Vorsicht. Der Schuß ging los, und ein auf dem höchsten Kamme des Gebirges sitzender Affe rollte von Fels zu Fels bis zu einem Baume, der in einer Spalte zwischen zwei senkrechten Felsen emporwnchs. Von diesem Baum bis zum Boden der Schlucht war es wenigstens noch 50 Fuß. Dem unglücklichen Thiere waren die Hüften et was oberhalb der Schenkel durchbohrt, und da somit das Hintertheil alle Bewegung verloren hatte, konnte das Thier sich nur noch mit den Vorderhändcn an dem Baum festhalten. Ans seiner Wunde sah man das Blut tropfenweis abfließen. Es war ein Weibchen, auf des sen Rücken sich ein Junges mit allen Zeichen einer un-aus Hevschas und AbWnien. auösprechlichen Angst anklammerte, während die Mutter einen Nothschrei aussticß, indem sie nach der Höhe hin- aufschauete, von welcher Hunderte von Köpfen zum Ab grund hinabblickten. Der Schrecken hatte die ganze Heerde stumm gemacht, nur einige Männchen trieben sich in allen Richtungen umher, als suchten sie Hülfe für ihre verwundete Schwe ster, deren Kräfte sichtlich abnahmen, und deren Aechzen so kläglich tönte, daß es mich erbarmte. Ich schlug auf sie an, und nach zwei Sekunden stürzte das arme Thier mitten in ein Büschel hohen Grases zur Erde. Der Kleine, der gesund und wohl war, machte sich von der Leiche los und schüttelte sie unter Grimassen und zerrei ßendem Geschrei. Gabrio eilte hin, um den Jungen anf- zunehmen; um ihn gegen die Steine zu schützen, welche Affen von der Höhe des Berges herab gegen ihn schleu derten, schossen Gazain und ich unsere Gewehre in die Luft ab. Der Knall entfernte einen Augenblick die Affen, und der kleine Galla kam mit seinem Gefangenen wieder zu uns. Dann erst setzte sich die ganze Heerde unter mannigfachem Geschrei wieder in Marsch, und auch wir unsrerseits setzten unser» Weg fort. Der kleine Affe, anfangs wild und störrisch, hatte doch bald die furchtbare Scene vergessen und wurde mit seinem Beschützer vertraut. Gabrio war entzückt, und während er seinen Gefangenen wiegte, versprach er ihm tausend Süßigkeiten; dann setzte er halblaut und mit ei nem Blitz in den Augen hinzu: „Wir sind beide Waisen und Sklaven, werden aber vielleicht eines Tages zur Freiheit heranwachsen! Dann gehen wir mit einander in die Kaffeewälder der Borem-Gallas (westliche GallaS), wo der Deinigen viel sind, und wer weiß?" Es war182 Nciscschlldcrungcn sodann die Rede davon, dem Affen einen Namen zn ge ben und Gazain schlug vor, ihn Abba-Bo-Guibo" zu nennen; dieß war der Name des Königs, der den Vater des kleinen Galla mit einem Lanzenstvß hatte tobten und dann ihn selbst an die Sklavenhändler hatte verkaufen lassen. Gabrio widersetzte sich, indem er richtig bemerkte, der verruchte Name klinge ihm ohnedieß oft genug in den Ohren, und er könnte das arme Thier eines Tages würgen in der Meinung, sich an dem Häuptling zu rächen. Endlich wurde der Name „Pfefferkorn" (Fel fel) den man im Lande sehr häufig Kameelen und Hunden gibt, vom Abyssinier und seinem Zögling ange nommen. III. Gegen Mittag durchzogen wir das Thal und das Dorf von Eylat, ohne zu bemerken, daß es von Ein wohnern ganz entblößt war; als wir an einer andern Reihe hoher Berge ankamen, betraten wir ein Fclsen- thal durch das ein Bächlein strömte, welches au seiner Quelle eine sehr hohe Temperatur hat und dcßhalb von den Arabern Moiat-el-Har (das Thal des warmen Was sers), von den Landeseingebornen „el-Mothad" genannt wird. Als wir au den Quellen augekommen waren, die an der Oberfläche des durch Gewitterregen bloßgelegten Felsens rauchten, suchten wir eine passende Stelle, um unser Zelt auszuschlagen, aber erst nach der Gebetstnnde des Asser (um 3V- Uhr Nachmittags) kam der Rest der Karawane und das Gepäck an. Die Kamecltreiber sahen sehr erschrocken aus, undaus Hcdschas und Abysstnicn. 183 erzählten uns, der Häuptling eines Theiles von Hama- can ,*) Weld Gaber, sei mit 3000 seiner Kostanis oder abysstnischen Christen in's moslemitische Land ein- gebrochcn. Am Morgen, setzten sie hinzu, hatte Weld Gaber einen Raubzug gegen die Heerden der Bcduinen- Lager zu Monsa, Gatgat und Myattat ausgeführt, jetzt sei er am Dorfe Assas und marschire gegen Eylat, d'äs wir nur eine Stunde hinter uns hatten. Man sprach von 100 Todten, und von 10,000 Stück Vieh, die ge raubt worden seien. Die Veranlassung zu diesem Raub zuge war freilich gerecht; eines der Kinder Weld Gabers war vor einigen Monaten von den Beduinenstämmen ge raubt und als Sklave nach der andern Seite des rothen Meeres verkauft worden. Nun wurde eine Art Rath gehalten: die Kameel- trciber stimmten für augenblicklichen Rückzug. Selim, der Usta, der türkische Kanonier, zuckte die Achseln und rauchte ruhig seinen Tschibuk fort, nachdem er den beiden kriegführenden Theilen ohne Unterschied den allen Tür ken so geläufigen Ausdruck der Verachtung „perevoiilckös", dessen Ucbersetznng man mir erlassen möge, angehängt hatte. Der Konsularagent behauptete, nicht mir könn ten die Abysstnier uns nicht als ihre Feinde betrach ten, sondern er stehe auch mit ihren Anführern in Ver bindung, und überdieß könnten zehn bis an die Zähne bewaffnete Männer wie wir, wenn sie den steilen Gipfel eines der benachbarten Hügel erstiegen, dem Ras-Ali**) *) Die erste Provinz Abyssinicns, wenn man vom rothen Picere kommt. **) Der Ras-Ali ist das Oberhaupt der Amhara, einer der drei großen Abtheilungen der abyssinischen Lande.184 Ntiscschilderunocn selbst mit 30,000 seiner 9?etter Trotz bieten. So stand die Berathung, als wir am Ende des Thals einen Sand wirbel aufsteigen sahen, hinter dem es einher brauste wie ein Ozean, der den Boden erschüttert. Das Geschrei von Menschen, das Brüllen der Ochsen, das Blöken der Schafe und Ziegen begleitete die Staubwolke- welche mit furchtbarer Schnelligkeit auf uns zukam. Vertrant mit den Schauspielen des Nomadenlebens behaupteten die Kameeltreiber, cs seien dich nur die Heerdcn des Thals und des Dorfes Eylat, von den Hirten in die Berge g-- trieben, um sie dem Feinde zu entziehen; und Mo hammed Kotten versicherte,, wenn eine Verfolgung der Kostanis Statt fände, so würde das Kriegsgeschrei be reits den Lärm übertönen. Dich war richtig: eine Viertelstunde nachher zogen große Heerdcn an uns vor über, begleitet von Männern, die mit Schilden, Lanzen und Ebenholzkeulen bewaffnet waren, und welche, die Thicre durch seltsame Rufe antrieben, wozu der an den Mund gedrückte Schild eine noch seltsamere Intonation abgab. Frauen in Ochsenhäuten, ganz nackte Kinder und große junge Mädchen, deren ganzes Kostüm in einem mit beweglichen Riemen besetzten Gürtel bestand, Alles dieß bildete um die Heerden her einen Kordon, auf daß die Thicre, welche sich entfernen wollten, leichter .zurückgeführt werden konnten. Trotz des schwierigen .Wegs flohen die Heerden und deren Geleit mit einer Schnelligkeit, die der bizarren Scene etwas Phantastisches gab; bald war Alles in den tief eingeschnittenen Schluch ten verschwunden. Hinter den Heerden kamen die Beduinen, etwas besser bewaffnet, zum Theil mit Luntenflinten; dieß waren die besten Leute des Stammes, die unter demaus Hcdschas und Äbysstnicn. 185 Befehl des Scheich einige schwierige Engpässe vertheidi- gen wollten, um den Marsch des Feindes aufzuhalten. Ihr Anführer kam zu uns, faßte den Konsularagenten bei der Hand, schüttelte sie und brachte daun seine eigene Hand an die Lippen, gleichsam um die Stelle zu küssen, welche des Gegrüßten Hand berührt batte; dabei sprach er das Wort „Ohlan" oder „Sahlan" (sei willkommen!) aus. Dieselbe Ceremonie wiederholte er ohne Unter schied bei uns Allen. Mohammed Nurrai so hieß er —• unterschied sich von den Seinigen nur durch einen et was weißeren Taub, *) seinen raflrten Kopf (ein Beweis, daß er die jedem Mohammedaner auferlegte Wallfahrt nach den heiligen Orten gemacht hatte), endlich durch eine flache Mütze, die außen mit kleinen schiefen Vier ecken von vielfarbigem Seidenzeug bedeckt war. Ein schwarzer Sklave trug sein Gewehr und seinen Säbel. Der Scheich gestand offen, daß er sich durch unsere Ge genwart als gerettet ausehe, wegen der Wirkung, die nu- scre Feuerwaffen auf die Kostanis hervorbringcn mußten, angenommen, daß sie kämen, um die Schluchten zu durch suchen, in deren Grund seine Leute so eben die Heerden geflüchtet hätten. Wenn er aber in dieser Beziehung ruhig war, so zeigte er um so mehr Besvrguiß für seinen Bruder Fokad, einen der unerschrockensten Jäger von Samhar. „Vor drei Tagen", sagte der Häuptling von Eylat, „benachrichtigte man uns, daß eine Elephanten- heerde von den Gebirgen in das eine Meile entfernte Citronenthal hinabgestiegen sei, und seit vorgestern ist er mit seinem Sklaven und seinem Dromedar draußen. Das Thier ist allerdings ein vortrefflicher Läufer und *) Bei dcn Abyssinicm der „Suavi".186 VnscschUdcrungtn der Neger ein treuer Mensch, auch sind sie mit Pulver und Blei wohl versehen. Jndeß bin ich nicht ohne Bc- sorgniß; ich habe ihm zwei meiner Leute nachgeschickt, aber diese sind zurückgekehrt, ohne ihn getroffen zu haben. Ich sürchte, er ist den Elephanten aus dem Citroncnthal in das von Massonai gefolgt, wohin diese Thiere wahr scheinlich geflüchtet sind; die Hunde von Kvstanis nehmen bei ihrer Rückkehr den Weg wahrscheinlich über Achuar und dann treffen sie Fokad unterwegs. In diesem Falle ist mein Bruder, der schon so viel von den Ihrigen gc- todtet hat, verloren." Im selben Augenblicke kam ein Beduine keuchend heran; es war dicß eine der Wachen, die der Scheich ans den Höhen ansgestellt hatte, um die Bewegungen des Feindes aufzuspähen. Die Abyssinier hatten bereits den nicht sehr entfernten großen Waldbach am Eingang des „Thals der warmen Wasser" überschritten, aber nur 200 Mann stark; die größere Masse hatte sich nach Achuar gewendet. Dieß war gerade, was Mohammed Nurrai fürchtete, „Gott erbarme sich über meinen Bru der!" rief der Scheich, der nichts mehr hörte, und dessen Gesicht eine furchtbare Aufregung verrieth. Vergebens suchten wir ihn zu trösten. Eine Viertelstunde verfloß, und ein zweiter ausgestellter Posten erschien. Die Abys- siuier waren ganz nahe, und vor ihrem Vortrab zogen sich die zur Spähe ausgestellten Beduinen von Hügel zu Hü gel zurück. „Allah und sein Prophet mögen uns beistehen!" rie fen die Moslems, indem sie sich zum Kampfe rüsteten, d. h. ihre Tanbs um den Körper wickelten, so daß nur Beine und Arme frei blieben, alles andere aber in ziem lich dichten Falten eingehüllt war, um einen Lanzenstoßaus Hcdschas und Äbyfstnicn. 187 zu brechen. Jeder packte fest feinen Schild mit der linken Faust, schwang seinen Wurfspeer mit der Rechten, und nun begann ein Kriegstanz, bei dem jede Bewegung ein Sprung an Ort und Stelle oder zur Seite war, wie um den Hieben und Stößen des Feindes auszuweichen. Während des Tanzes schrie jeder seinen Namen und den seines Vaters mit Begleitung von ziemlich lobrednerischen Beisätzen, dann kam die Aufzählung der Thaten des Stammes, der Familie, des Einzelnen. Bon Zeit zu Zeit wurde dieser Heldenbericht von Kriegsrufen unter brochen, einem wilden Geheul, ähnlich dem Gemisch von Löwenstimmen und Hyänengeschrei. Wir unsrerseits wa ren etwas vor die Beduinen hinausgetreten, setzten uns mitten im Thale auf den Sand nieder, mit Kugeln und Zündhütchen zur Hand, um keine Zeit zu verlieren, wenn es nöthig sehn sollte, Feuer zu geben. Endlich erschienen die Abyssinicr, und rückten vor in mehreren Reihen, welche die ganze Breite der Schlucht einnahmen. Ihr Kostüm unterschied sich von dem der Beduinen nur dadurch, daß sie gleich einem Pelz eine Luchs- oder Pantherhaut, einige auch ein ungegerbtes Schaffell um den Hals trugen. Die Felle waren in ziemlich breite Streifen zerschnitten, die auf den linken Arm herabfielen, und in dem Tanze, der in Abyssinien zu jedem Kampfe das Vorspiel bildet, sich wie Schlangen um den Kopf des Kriegers bewegten. Von beiden Sei ten begann man nun Schimpsredcn gegen einander ans- zustoßen, und es war augenscheinlich, daß wir einen jener homerischen Kämpfe, wo jeder Lanzenstoß und Schwert hieb von höhnischen Bravaden begleitet war, zu gewär tigen hatten. Damit wir aber Herren unserer Bewe gungen blieben, dursten wir die obwohl zahlreichen doch188 Neistschlldcrungen nicht sehr furchtbaren Angreifer nicht näher kommen las sen; wir sahen zu unserer Freude, daß nur Eiu Abyssinier mit einem Schießgewehr bewaffnet war. Deßhalb ließ ihnen der Konsularagent durch einen unserer abyssinischen Diener bedeuten, sie möchten sich sogleich zurückziehen, wenn sie nicht einen guten Theil der Ihrigen zum Mahl für die Hyänen auf dem Boden wollten liegen lassen. Dieser Forderung folgte die Antwort: die Weißen seien Christen, somit dürften sie*) nicht gegen sie kämpfen und den Moslems beistehen. „Allerdings", cntgcg- nete der Dolmetscher; „aber die Weißen lieben nicht die Räuber, selbst wenn sie Christen sind, zumal wenn sie so nahe bei ihrem Zelte sind. Geht fort, ich rathe es Euch, der ich selbst ein Kostani bin, wie Ihr!" Man mußte zum Schluß kommen, denn von beiden Seiten erhitzten sich die Köpfe; wurden nur einige Tropfen Blut vergossen, so brach all der glühende Haß, den die beiden feindlichen Racen seit 12 Jahrhunderten gegen einander hegen, in voller Wuth los. Während übrigens die Abysflnier mit unserm Diener parlamen- tirtcn, nur um unsere Neutralität zu gewinnen, suchten Einige von Fels zu Fels sich fortzuschleichen, und der, welcher ein Gewehr hatte, erstieg eine Anhöhe, von der herab er uns überblicken konnte. Sobald wir die Lunte in seinen Händen rauchen sahen, wurden zwei oder drei Gewehre auf ihn angeschlagen, und auf dicß bloße Zei chen floh der Kostani, indem er ans dem Rücken die *) Die Abvssinier bekennen sich zu einem Christenthum, das aber ganz und gar zerfallen und in bloße Ceremonieen aufge löst ist.Mio H cd sch,IS und Äbyslinicn. 189 Anhöhe hinabrutschte; das war ein gutes Zeichen. „Amen! Amen!" riefen diese Leute, die so tapfer waren, so lange sie nur mit Moslems zu thun hatten, die aber wußten, daß schon unter unserer ersten Salve ein Theil der Ihrigen fallen müßte. Keiner von uns schoß; aber da die schrecklichen Gewehre nicht abgesetzt wurden, so entstand eine allgemeine Flucht, und die Beduinen blie ben zwar hinter uns stehen, verfolgten aber die Flücht linge mit ihrem Hohngeschrei. Von diesem Augenblicke an konnten wir ruhig schlafen. Wcld Gabor wußte wohl, daß die Stämme, die er geplündert, sich bald zu einem Angriff gegen ihn vereinigen würden, er mußte also vor der Nacht in die Berge zurück seyn, und die Dunkelheit benutzen, um die Beute in Sicherheit zu bringen. Nichtsdestoweniger waren die Araber, die wir so eben gerettet hatten, wohl auf ihrer Hut, und stellten ans den Anhöhen wieder Vorposten aus; doch war diese Vorsicht unnütz, denn die Abyssinier kamen nicht wieder. IV. Mohammed Nnrrai, der uns einen Augenblick ver- laffcn hatte, kam in Kurzem wieder, und trieb zwei Schafe vor sich her, die er uns zum Geschenk machte, während seine Leute in inwendig ausgetheerten Kuff's Milch brachten. Nachdem der Scheich diese Pflicht der Gastfreundschaft erfüllt hatte, setzte er sich finster und stumm zur Seite, augenscheinlich mit der Gefahr seines Bruders beschäftigt. Die Nacht wurde finster und reg nerisch. Plötzlich machte der Scheich ein Zeichen, daß Alle schweigen sollten, horchte eine Zeit lang mit borge-190 Vcrscschilderungcn beugtem Kopf und endlich bezeichnete sein Finger einen Punkt am Horizont. Wir horchten gleichfalls und nach einigen Sekunden vernahmen wir in großer Entfernung einen Gewehrschuß. Mohammed Nurrai sprang auf und rief: „Herbei, ihr Söhne Naibs!" Die Beduinen dräng ten sich um ihren Häuptling. „Ich habe das Gewehr Fokads in dieser Richtung vernommen, er muß im Kampfe mit seinen Feinden seyn. Wer zieht ihm zu Hilfe?" — „Wir Alle!" rief's mit Einem Munde, und Mohammed Nurrai entfernte sich rasch mit seiner Schaar. Um uns gegen einen Ueberfall zu schützen, sowohl von Menschen als von Thieren, welche in der Dunkelheit nach dem Wasser gehen, wurde beschlossen, daß zwei Schildwachcn ausgestellt werden sollten, um die Feuer zu unterhalten, deren Schimmer auf hundert Schritte um uns her Alles erhellte. Diese Posten mußten sich von Stunde zu Stunde ablösen, und da für solche Nachtwachen ans die Eingebornen nicht sicher zu zählen ist, so kam an uns der Dienst ausschließlich. Indessen wurden die Wa chen erst spät in der Nacht ausgestellt, denn Niemand dachte vorerst an den Schlaf, und die Beduinen, um nn- sern Kameeltreiber her ans dem Boden hockend, hörten ihm zu, wie er die Saiten seiner Lyra bearbeitete, und allerlei Lieder sang. Als aber der Regen zu fallen be gann, suchte Jeder sein Obdach, und das eintönige Ge räusch der fallenden Tropfen brachte bald alle anderen Stimmen der Wüste zum Schweigen. Als der Tag erschien, hatte der Regen aufgehört, die Sonne erhob sich strahlend am Himmel, nach zwei Stunden war der Boden trocken und wir setzten uns wieder in Marsch. Am Abend hatten wir eine Gazellcn- jagd verabredet; es handelte sich darum, das Thal desaus Hl-dfchas und ÄbPfstnicn. 1g1 wannen-Wassers hinaufzugehen, das zwei Stunden auf wärts, von der Ebene von Assur nur durch eine schmale Kette getrennt war. Jenseits der Kette war ein langes, an mehreren Stellen ein paar Stunden breites Thal, das mit einem wahren Wald von 5 bis 6 Fuß hohen Segalbüschen bedeckt war. Zwei Wildbäche schlängel ten sich durch diesen Zwergwalb, und nur hier und da bezeichneten höhere Bäume den Lauf der ephemeren Flüsse. Es mochte zehn Uhr seyn, als wir den ersten derselben erreichten, und ans seinem Sande zahlreiche Spuren einer Arabatheerde*) entdeckten. Die Gazellen ziehen die breiten Wege ausgetrockneter Flüsse den schma len Pfaden durch den Dickicht vor, wo Löwen, Pan ther, Leoparden und mehrere Lnchsarten ihnen auflauern. Wir jagten Haselhühner und Beui-Jsrail vor uns her, aber Niemand kümmerte sich um sie. Judeß verfloß die Zeit, und die Gazellen ließen sich nicht blicken. Gazain war sichtlich unzufrieden. Endlich entdeckte er, daß das Flußbett sich spalte, und er vermuthete mit Recht, daß die beiden Arme eine Insel umschlössen, auf der die Ga zellen sich verborgen hielten. Auf Gazain's Anordnung zogen wir links und rechts im Flußbette fort, während er selbst auf dem Bauch wie eine Schlange sich in die Mitte hineinstahl. Alles dieß hatte eine ziemliche Zeit erfordert, und ich begann schon ungeduldig zu werden, als ich auf einmal eine Gazelle sich aufrichten und nach der Richtung sich wenden sah, woher der Abysflnier vor- draug. Bei einer neuen Bewegung Gazains, die ver- muthlich ein Rascheln trockener Blätter zur Folge hatte, *) Der arabische Name für die eine Gazcllenart, die andere heißt Schukan.192 Neiseschitderungen verriech sich die Unruhe der noch unbeweglichen Gazelle durch einen Schrei, ähnlich dem Geräusch, das ein Mensch beim Husten macht; Plötzlich erhoben sich auch die andern Gazellen, der Ruf pflanzte sich fort, und die fünf Minuten zuvor noch unsichtbare Heerde war auf den Füßen. Ueber 300 Arabats waren auf dieser frischen grünen Insel, die durch die Gipfel großer Bäume mit starkem Schatten bedeckt war, beisammen. Die Ga zain zunächst stehenden hielten sich unbeweglich, die wei ter rückwärts befindlichen bäumten sich vor Ungeduld, und stampften mit den Vorderfüßen den Boden. Die alten Männchen mit langen gewundenen Hörnern und fast weißem Fell hatten die Größe eines Kalbs, andere die von Ziegen; es war ein schöner Anblick. Als aber Gazains Schuß krachte und andere Schüsse gleich nach folgten, als die ganze Heerde brüllend vor Schrecken floh, die Hörner auf den Hals zurückgelegt und die vier Füße auf einen Raum nicht größer als die Hand zu- fammengezogen, um sie loszuschnellcn wie eine Stahlfe der: da war der Anblick dieser zierlichen Thicre wirklich bewundernswerth. Wir hatten vier nicdergestreckt, und einige andere sahen wir hinter der Heerde sich fortschleppen; Niemand versuchte, sie zu verfolgen, und sie wurden sicherlich die Beute der Panther. Wir liefen nach denen, die auf dem Platze liegen geblieben waren: zwei lebten noch, wälzten sich in ihrem Blut, und Thränen rannen ans ihren Augen; es erweckte in der That Mitlciden, ihre letzten Klagen unter dem Messer Gazain's zu hören, der ihnen die Kehle durchschnitt, ehe er sie answeidetc*). *) Man findet bei den Abyssiniern noch viele Spuren des Zudcnthums, das vor Einführung des Chnstcnthums die Nett-aus Hcdlchas uns Äbyfjinicn. 193 Der Abyffinier selbst war bewegt, und jedes Mal, wenn er sein Geschäft wiederholte, entfuhr ihm, wie eine Art Gewisscnsbiß, daö Wort: insslun! was so viel als „ar mes Thier" bedeutet. Um das Thal des heißen Wassers wieder zu errei chen, muß jeder von uns abwechselnd ein Stück Wild tragen, und erst nach einer starken Stunde trafen wir einen Beduinen, der uns seinen Esel vermiethete, dem alle vier Stücke aufgeladen wurden. Es mochte 2 Uhr Nachmittags sehn, als wir in unserem kleiden Lager an kamen. Ermüdet von der Hitze und der Aufregung und zufrieden mit der gewonnenen Beute freute sich Alles der Ruhe, und Niemand hatte Lust, die Jagd noch fort- zusetzen. Der Rest des Abends verging unter dem Zelt mit Rauchen und Schwatzen. Etwas vor Sonnenuntergang umwölkte sich der Himmel, und bald begann ein feiner aber hartnäckiger Regen, der erst am zweiten Tag aushörte, und uns während dieser ganzen Zeit unter dein Zelte gefangen hielt. Der Boden war zu tief ansgeweicht, als daß wir mit Erfolg hätten die Jagd fortsetzen können. An drerseits hatten unsere Leute keinen andern Schutz gegen den Regen, als ein Dach ans Zweigen, und in diesem Zustande durften wir sie nicht länger lassen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, sie erkranken zu sehen. Am Abend des dritten Regentages zogen wir also nach dem Dorfe Eylat, wo wir sicher seyn konnten leere Hütten zur Unterkunft für die Nacht zu finden. gion des Landes gewesen war; so essen sie z. B. das Fleisch keines Thiers, das sie nicht selbst gctödtet haben, oder das er stickt wäre und nicht verblutet hätte. Wie bei den Juden sind auch beiden Abhssiniern Gänse, Enten und Hasen unreines Fleisch. Grube, Bilder und Sccnen, Afrika. (2.31.) 13194 Neiseschitdcrungcn Eine Trauerscene erwartete uns hier: mitten in dem Kreise, wo die Hütten der Beduinen standen, tanzte eine Schaar fast nackter Frauen mit fliegenden Haaren um eine Alte her, deren Gesicht mit Staub beschmutzt war. Diese Frauen beweinten den Tod Fokads, des Elephan- tcujägers. Die Mutter des Tobten hielt einen bloßen Säbel in der Hand, und wenn das Geschrei des Chors inne hielt, stimmte sie in einem trübseligen Rhythmus einige Verse an, in denen ste die Geschicklichkeit des Jägers, die Tapferkeit und Kämpfe ihres Sohnes gegen die Abyssinier prieö, ein Klagelied, in das die unglück liche Mutter die Ausdrücke ihrer Verzweiflung mischte. Wenn das Schluchzen ihren Gesang hinderte, begann der Chor wieder zu heulen, und um die Mutter des Tobten herumzutanzen. Hier, wie im ganzen Orient und wie bei den Alten, gibt der Tod eines Mitglieds der Familie ebenso wie die Geburt eines Sohnes An laß zu einem Gastmahl, worin die Lebenden dem Tob ten Lebewohl sagen. Mohammed Nurrai hatte zehn Ka- meele für diese Leichenfeier, welche in der Nacht begin nen sollte und wozu er das ganze Dorf eingeladen hatte, schlachten lassen. Obwohl mit der Aufsicht der Zube reitungen beschäftigt, fand er doch einen Augenblick Zeit, um uns einen Besuch abzustatten, da nichts, selbst nicht die Trauer, ihn von den Pflichten der Gastfreund schaft gegen uns lossprach. Wie oben erwähnt, hatte Mohammed Nurrai nach den: Rückzug der Räuber uns in dein Augenblicke ver lassen, wo ferne Gewehrschüsse im Gebirge sich hören ließen. In einigen Stunden erreichte er mit seinen Leuten das Thal, das neue Gewehrschüsse ihm als den Schauplatz des Kampfes zwischen Fokad und den Abys-NUS Hcdschns und Äbyslinien. 195 sintern bezeichneten. Indessen hatten die Schüsse feit geraumer Zeit aufgehört, was seine Besorgnisse nur ver mehrte. Als der Häuptling von Eylat mit seinen Be gleitern am Eingang des Thals anlangte, hatten sie gut rufen, cs erfolgte keine Antwort, und selbst das Echo schwieg. Während sie herumirrten, störten sie eine Hyäne ans, die sic nicht sahen, die sic aber klagen hörten, als sei sie unwillig, ihre Beute verlassen zu müssen. Mo hammed Nurrai konnte sich des Gedankens nicht ent halten, es sei vielleicht die Leiche seines Bruders, die sie verzehre; und dieser Gedanke machte ihn schaudern. Etwas weiterhin stieß er an Etwas auf seinem Wege an, und fiel über ein todtcs Kameel, das noch ganz gesattelt war, und ein Geschirr trug, welches der un glückliche Scheich bald erkannte; es war das Dromedar Fokads. Die Beduinen-stießen einen Schrei der Wuth aus, in Mohammed Nurrai aber entbrannte, nach Maß gabe, als die Gewißheit des Todes seines Bruders ihm klar wurde, ein wüthender Haß gegen dessen Mörder, der dem Schmerze wenig Raum ließ. Die Nachfor schungen dauerten fort, führten aber wegen der Dunkel heit zu keiner ferneren Entdeckung. Erst mit anbrechen dem Tage fand ein Beduine in geringer Entfernung von dem Dromedar die Hälfte einer gebrochenen Säbel klinge, und etwas weiterhin den Körper von Fokads Begleiter. Dieser Körper war in der abscheulichen Weise verstümmelt worden, mit der Abyssinier und Gallas stets gegen den besiegten Feind verfahren. Zwei Lanzenstöße hatten seine Brust geöffnet, der Boden umher war zu- sammcngetretcn und wenn er keine Blutflecken zeigte, so lag der Grund darin, daß der Regen sie abgewaschcn hatte. Einer legte die Hand auf das Herz des Sklaven 13 *196 Aeiscschilverungci, aus Hcdschas und Atysstnic». und bemerkte, daß eö »och schlug; mau richtete ihn auf, um die durch den innern Blutausdruck gedrückte Lunge zu befreien; so kam der Neger wieder zur Besinnung, und konnte kurze Andeutungen über die Vorfälle des gestrigen Tages geben. Wie man vermuthctc, hatten die abyssinischen KostaniS Fokad erschlagen; der Kamps war kurz gewesen. Das Dromedar, ans welchem Fokad und der Sklave saßen, war, statt den Jäger durch die Flucht zu retten, in den dichtesten Haufen der Abvssinicr hineingerannt, und in wenigen Augenblicken war auch Fokad mit seinem Begleiter unter den Lanzen der Feinde gefallen. Durch die Andeutungen des sterbenden Skla ven geleitet, fand Nnrrai den entseelten Körper seines Bruders. Der Scheich hatte uns diese Einzelheiten mit be wegter Stimme erzählt, und seinen Bericht kaum geen det, als trotz der Mühe, die er sich gab, seine Thränen zurückzuhalten, ihni einige Tropfen über die Wangen roll ten. Er beeilte sich, sie zu trocknen, bezwang seinen Schmerz, und sagte: „Es war so geschrieben! Der En gel des Todes schont keinen Menschen, nicht den Säug ling , nicht die Mutter, nicht den Mann, nicht das Kind. Aber wehe denen, die ihre Hand legten an Fokad, die nur einen Tropfen seines Blutes auf ihrem Taub haben!" Wir sahen unser» Zug als beendigt an. Znm Ver gnügen einer Gazellen - tind Affenjagd war für uns jetzt die Gefahr eines Kampfes mit den Christen Abys- siniens gekommen. Nichts hielt uns zurück in den Wü sten von Massowah, und wir kehrten augenblicklich uach der Stadt zurück, um dort das Weitere zu berathen.197 Fünfter Abschnitt. Aus I)r. KnoblecheUs Entdeckungsreisen im inner» Afrika 1849 und 1850?) Afrika ist bis auf den heutigen Tag der „Wclttheil der Geheimnisse" geblieben. Die Räthsel der Nilgnel- Icn, des Mondgebirges, der Goldstaubländer, des Ein horns — sind noch immer ungelöst geblieben, und man cher kühne Reisende hat über ihrer Lösung sein Leben eingebüßt. Unter allen Entdecküngsreiscndcn gebührt aber dem Generalvikar der katholischen Centralmission für Inner-Afrika vr. Ignaz Knoblecher und ein Jahr nach ihm.dem Herrn Vinco der Ruhm, am weitesten in das gcheinmißvolle Innere des gewaltigen massenhaf ten Erdthcils vorgedrungen zu seyn. Er ist dem un bekannten Nilursprung am nächsten gekommen, aber er hat zugleich sich das höhere Verdienst erworben, mit den fernsten wilden Völkern einen freundschaftlichen Ver kehr angeknüpft und den Grund zu einem Missions posten am Ufer des weißen Flusses*) **) im Lande der Bary-Ncgcr gelegt zu haben. Möge es dem Eifer des trefflichen Mannes gelingen, durch Wort und Beispiel *) Bergt. A. A. Z. Nr. 35g. ' ■ **) Bekanntlich heißen die beiden großen Quellflüße des Nil der weiße Floß (Bahr-cl-Abiad) und der blaue Fluß (Bahr- cl-Azrek.)198 Entdeckungen in Inner - Afrika. den Samen des Evangeliums und damit der Bildung unter jenen empfänglichen Wilden ausziistreuen, und dem Ver derben entgegen zu arbeiten, das schon unter ihnen ist und das durch die türkischen Sklavenjäger, die früher oder später unter diese Naturvölker dringen würden, nur ver mehrtwürde. Die größten Hindernisse des Vordringens in das innere Afrika sind nicht die Gefahren des Klima's, nicht die Schwierigkeiten der Beschiffung eines so un regelmäßigen Strombettes wie des B a h r - el - Abi ad voll seichter Stellen, Klippen und Stromschnellen, nicht der feindselige Haß der heidnischen Neger, noch die Tapferkeit einiger tief im Süden wohnenden Völker schaften, sondern der gewaltthätige und grausame Cha rakter, die Treulosigkeit und Falschheit der Türken im Sennaar, welche als Händler und Räuber mit den Schwarzen verkehren. Alle jene heidnischen Neger, welche jenseits der Grenzen des ägyptischen Paschahreichs woh nen, selbst die S chillukh, die Zhir und Bor - Neger waren einst friedliche und gegen die Weißen nicht unfreundliche Menschen, bis sie durch die brutalen türkischen Plünderungen und Menschenjagden die weißen Männer fürchten und hassen lernten. Die türkischen Schiffsleute, welche alljährlich nach den Negerländern fahren, um Elfenbein, Goldstaub und Sklaven gegen Glasperlen einzutauschen, sind zugleich die geschworenen Feinde der gebildeten und uneigennützigen europäischen Reisenden. Sie wissen, daß sie in deren Gegenwart ihr Handwerk nicht mit der offenen Schändlichkeit trei ben können, wie sie cs gewohnt sind, fürchten auch wohl' Anklagen bei dem Paschah, und suchen daher den freund lichen Verkehr von Europäern mit den Negern auf alle. Weise zu Hintertreiben.licifcn non Dr. Lnoblcchcr. 199 Dr. Knoblecher's Reisetagebuch gibt über die Ränke dieser Türken merkwürdige Ausschlüsse. — Der Plan des Vikars war, das Land der Vary-Reg er zu besuchen, und wo möglich dort einen Missionsposten zu gründen. Er hatte von einem jungen Schwarzen dieses Volks stammes in Chartum die Vary-Sprache ein wenig er lernt. Der einzige günstige Monat zur Reise nach den Negerlandcn ist der November, wegen der Regelmäßig keit der Nordwinde und des günstigen Wasserstandcs. Um diese Zeit schickt der Pascha des Sennaar gewöhn lich seine Handelsschiffe ab. Am 13. November 1849 reiste Vikar Knoblecher mit den Missionaren Don An- gelo Vinco und Don Emanncl Padcmonte aus einer jener türkischen Segelbarken, welche die Reise immer in Gesellschaft zu machen pflegen, von Chartum ab. Ha- led Pascha, der türkische Statthalter, hatte nach langem Zögern und vielen Einwendungen sich bewegen lassen, den türkischen Schiffslcnten Artigkeit gegen die Missio nare zu empfehlen. Daö von den Reisenden gemicthete Schiff war in der kleinen Flotillc von sieben Fahrzeu gen der leichteste Segler und flog allen übrigen voran. In der Nacht, welche dem ersten Reisetag folgte, er blickten die Reisenden' am tiefblauen Himmel zum ersten Mal das südliche Kreuz. Ein halbes Jahrhundert früher hat dieses Sternbild mit seinem ruhig „planeta rischen Lichte" unsern Humboldt auf dem Weltmeere in eine hochbegeisterte Stimmung versetzt. Unter dem 20.° nördl. Breite verließen die mit frischem Nordwind segelnden Schiffe die äußerste Süd- grcnze des weiten Ländergebietes, das unter der Bot mäßigkeit des Pascha von Aegypten steht. Daö linke Stromufer ist von Bakkara-Arabcrn, das rechte von den200 Entdeckungen in Inner-Afrika. schwarzen Dinka - Stämmen bewohnt; auf den mit üp pigem Pflanzenwuchs bedeckten Flußinseln Hausen die heidnischen Schillukh-Neger. Prächtige Urwälder, tau sendjährige Bäume mit schirmförmigen Wipfeln bedecken Stromufer und Inseln. Glänzende Vögel flattern, lu stige Affen springen von Ast zu Ast, während die un förmlichen Nilpferde brausend und schnarchend um die Barken schwimmen, Kopf und Nucken aus dem Wasser emporheben und dann mit gewaltigem Geplätscher wie der untertauchen. So wenig scheu die Thiere in diesen einsamen Stromwildnissen sind, so furchtsam zeigen sich die wenigen Menschen, die den Reisenden begegnen. Fast allenthalben, wo die Barken landeten, flohen die Eingeborenen, und ließen Hütte und Habe im Stich, vr. Knoblecher hatte außerordentliche Mühe, die Zcr- störungsgelüste der türkischen Schiffsleute, so oft sic ein verlassenes Dorf erreichten, im Zaum zu halten. Er konnte nicht hindern, daß ein Türke ans bloßem Ueber- muth auf einer Insel der Schillnkh eine Rohrhüttc in Brand steckte. Ein armer Knabe', der darin schlief, starb an den erlittenen Brandwunden. Mit Mühe konnte der Missionar die Bestrafung des Schuldigen bei dem Führer der Schiffs-Expedition durchsetzen. Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichtem die Ex pedition die festen Ufcrsitze der Schillukh-Neger, die man bisher nur auf den Flußinseln gesehen hatte. Diese Neger bilden ein zahlreiches Volk, das nach der Schä tzung der Bakkara-Araber 7000 Dörfer bewohnen soll; ihre Gesammtzahl schätzt Knoblecher auf 2 bis 3 Mil lionen Seelen. Die Ortschaften sind in der Regel groß vnd liegen nahe beisammen. Die Hütten von Rohr und Lehm sind regelmäßig und fast zierlich gebaut, bildenKeifen tiou Dr. LnolNechee. 201 Von kugelförmigen Dächern überragt, große Vierecke, nnd verrathen sogar einen gewissen architektonischen Ge schmack. Es ist merkwürdig, daß dieselbe Grundform des Hüttenbaues bei allen Ncgervölkern die gleiche ist, und am Niger und Senegal ebenso wie am Nil gesun den wird, obwohl diese Völker in gar keinem Verkehr stehen und sich niemals berührt haben. Seitdem Kaka, die Residenz des Oberhauptes der Schillnkh, von den Türken überfallen, geplündert und zerstört worden, hat der Häuptling seine Residenz nach der Ortschaft Ten ab verlegt. Die Lage derselben un weit des Nils ist eine der schönsten und fruchtbarsten. Auch das Klima scheint nicht ungesund zu sein — da von zeugt der kräftige Körperbau der Eingeborenen. Die Schillnkh gehören wie die Gallas zu der schönen Negerrace; sie haben weder die mißgeformten Leiber noch die affenartige Gesichtsbildung, welche der äthio pischen Race des westlichen Sudan eigen ist. Es sind hohe, fast zu schlanke Gestalten, deren Körperbau mehr zum raschen Laus als zu starker Handarbeit geeignet ist. Die Männer nehmen nach ihrem Vermögen bis sechs Frauen, welche in getrennten Hütten wohnen, Tabak rauchen und die häuslichen Arbeiten verrichten. Die Männer bearbeiten die Durrafelder, führen die Heerden auf die Weide, gehen auf Jagd- und Fischfang aus, nnd sind fast immer außer dem Hause. Die Expedition gelangte bis zum 10." nördl. Breite, ohne einen andern Unfall, als daß ein heftiger Wirbel wind in der Mittagsstunde des 18. Novembers den Mast des Schiffes knickte. In einem so baumreichen Lande brachte dieser Verlust keine Verlegenheit. Man ankerte an einer Insel, hieb einen Baum um und zim-202 Entdeckungen in Inner-Afrika. merte einen neuen Mast. Die Insel glich einem schönen Hain, sic war nebst dem hohen Mantel der Waldgrüne noch mit einem prächtigen niederen Pflanzcnteppich be kleidet. Inmitten der Schilfpflanzen lebte eine Repub lik von Wasservögeln, worunter der hochbeinige afrika nische Storch und der heilige Ibis der Aegyptier. Mit ten durch ihren kreischenden Stimmenchor hörte man die Baßtöne der Riesenfrösche. Am 28. November traf die Expedition zum ersten Mal mit Negern zusammen. Der Versuch mit ihnen in Verkehr zu treten, wollte Anfangs 'nicht glücken. Der Dollmctscher Mohammed Aga, ein geborener Dinka- Negcr, wurde zurückgewiesen. Bald darauf aber erschien am linken Ufer ein mit Lanzen bewaffneter Ncgerhau- fen, mit dem es endlich gelang einen Handel abzuschlie- ßeu. Der einzige Gegenstand, für welchen man bis jetzt den Negern eine große Leidenschaft beizubringen vermochte, ist das Glas in den verschiedenartigsten Farben und Formen als Schmuck und Geschmeide. Diese Schil- lukh waren bereit, gegen Glaswaarcn eine Anzahl Och sen zu liefern. Kaum war der Handel geschlossen, so liefen die Schwarzen mit unglaublicher Schnelligkeit da von, um die Thiere herbeizuholcn. Die Männer liefen wie die Gazellen in großen Sprüngen, wobei die schlan ken Leiber und langen Beine gut zu Statten kamen. Als das Vieh abgcliefcrt und der glasige Schmuck be zahlt war, faßten die Neger so viel Muth, sich den Barken schwimmend zu nähern. Mit dem Dolmetscher plaudernd blieben sie so lange, bis die Ochsen geschlach tet waren. Tags darauf wurde bei der großen Ortschaft Waw Halt gemacht. Die Bevölkerung zeigte keine Furcht.Keifen von Dr. KnolNechee. 203 Die Männer waren nackt vom Scheitel bis zur Zehe, die Weiber aber ziemlich anständig verhüllt mit einem Schafpelz, der über die Schulter befestigt bis zu den Knieen reichte. Die Schiffe versahen sich mit Elephan- tcnzähncii — ein Handelsartikel, welcher bei dem Schil- lnkh in den Händen des Königs ist. Am 2. Dezember schifften die Reisenden an der Mündung des Zobat vorüber, eines der beträchtlichsten westlichen Zuströme des weißen Nils. Die Breite die ses FlußcS an der Stelle, wo er sich in den Bahr-el- Abiad ergießt, beträgt gegen 200 Meter, also über 600 Fuß. Sein Wasser hat einen reineren Geschmack als das Nilwasser. Tags darauf fuhren die Barken au einem Mimoscn- wald vorüber, in welchem eine Heerde von Giraffen weidete. Die kolossalen Thicre streckten ihre Hälse neu gierig empor, ihre Köpfe ragten über die Wipfel der Bäume. Eine Weile betrachteten sie verwundert die mit vollen Segeln sich nähernden Schiffe. Als aber die Fahrzeuge noch näher kamen, gab eine alte Giraffe das Signal zur Flucht, und die übrigen folgten in ge waltigen Sätzen. Weiterhin sah man in der Nähe des Wassers achtzehn Elephautcn gelagert, die im hohen Grase zu spielen schienen. Beim Anblick der Schiffe hoben sie ihre Rüssel empor, spritzten damit Wasser in die Luft und bewegten die klaffenden Ohren. Auf ihren Köpfen und Rücken saßen in aller Gcmüthlichkeit weiße Reiher. Solche Vertraulichkeit zwischen so verschiedenen Thicrgeschlcchtern, den plumpen Dickhäutern und den schlanken leicht beschwingten Waldvögeln ist im Süden nichts Seltenes. Schon im südlichen Europa sieht man Raben und Aasgeier vertraulich auf dem Rücken wei-204 Entdeckungen in Inner-Afrika. dendcr Schweine und Büffel, die sie gern zu dulden scheinen. Jenseits des nennten Grades ändert sich der Natur charakter. Die Wälder und prächtigen Tropenpflanzen verschwinden. Der morastige höchst ungesunde Boden ist mit hohem Gras bedeckt, dessen scharfe und stachlige Halme bis über das Ufer sich in das Strombett senken, und das Landen, ja oft auch die Schiffahrt erschweren. Die mit bösartigen Dünsten geschwängerte Luft ist mit zahllosen Schnacken und großen Schwärmen von Brem sen angefüllt, auf deren Stich gewöhnlich Blut fließt. Statt der großen Ortschaften des Schillukhlandes sieht man nur einzeln stehende Hütten oder höchst elende kleine Dörfer. Dieses traurige Landschaftsbild dauert bis zum siebenten Grade fast ohne Unterbrechung. Die No er und Kyk-Neger bewohnen diese unglücklichen Ufer. Ihr trübseliger Charakter entspricht dem Klima und der trostlosen Natur. Es hielt sehr schwer, von diesen Völkerstämmen Elcphantenzähne zu bekommen, denn die Türken hatten in früheren Zeiten hier Räube reien begangen, Knaben und Mädchen geraubt und da mit die Bewohner auf lange Zeit scheu und mißtrauisch gemacht. Von den Noern wollte sich keiner den Schif fen nähern, von den Kyk kamen nur wenige. Letztere erzählten, daß ein angesehener Kogiur (Wahrsager) im Lande nmherziehe, der seinen Landsleuten verbiete Elephantenzähne anszutauschen und mit den Türken zu verkehren. Jeder, der dawider handle, sei mit dem Tode bedroht. Auf diese Nachricht hin hielten die türkischen Schiffslcute Rath, ob sie das Dorf, in welchem der Kogiur wohne, nicht überfallen sollten, um sich des ein flußreichen Wahrsagers zu bemächtigen. Doch gegenVcisc» von Dr. Anoblechcr. 205 diesen Plan, der nicht ohne Blutvergießen anszuführen war, ward von den Missionaren Einsprache getban. Die Türken gaben ihren Vorstellungen nach aus Furcht, der Vikar Knoblecher möchte sie beim Pascha verklagen. So reichte dicßmal die Gegenwart christlicher Missionare hin, daß der dicßjähriHeZug der Moslem weniger grau sam war. Am 22. Dezember erreichte die Expedition das Dorf Angwen, wo der Häuptling der Kyk refldirte. Der selbe zeigte sich gegen die weißen Männer freundlich und zuvorkommend, denn seine Einsetzung als Ober haupt verdankte er dem Einfluß eines Europäers, der zwei Jahre zuvor in diese Gegenden gekommen war, als gerade Anarchie (Gesetzlosigkeit) untern den Negern herrschte. Dem ältesten der Missionare, welcher einen weißen Bart und Augengläser trug, bezeigte der Häupt ling ungewöhnliche Ehrfurcht, und küßte ihm öfters die Hand. Als man ihn nach dem Grund dieses Be nehmens fragte, sagte der Mann: die Gestalt des Mis sionars erinnere ihn lebhaft an einen ihrer gefeiertsten Wahrsager. Während sonst die Wilden nur um Schmuck sachen und Talismane betteln, bat dieser Schwarze den Missionar, den er für einen weisen und mächtigen Zau berer hielt, um Erfüllung von vier Wünschen. Der erste Wunsch des Negcrhäuptlings war: daß er viele Kinder erzeuge; der zweite, daß die Feinde, welche sei nen Vater getödtet und ihn selbst verwundet hatten, sterben sollten; der dritte, daß er bei jedem Strauße Sieger bleibe; der vierte, daß seine Kopfwunde heilen möchte. Der letzte Wunsch konnte ihm erfüllt werden, indem die Missionare die eiternde Wunde wuschen und mit einem Pflaster bedeckten. Doch schien ihm gerade206 Entdeckungen in Inner-Afrika. an der Gewährung dieses Wunsches am wenigsten gelegen, und er zeigte sich erst zufrieden, als ihm der Vikar ein Muttcrgottcsbild um den Hals hing, das er als einen Talisman gegen das Unglück betrachtete. Im Süden der Kykstämme wohnen die Helyab. Sie sind weniger scheu als die^nördlichen Völkerschaft teilt, da sie mit den Türken in weit seltenere Berührung kommen. Dennoch verbargen sic ihre Kinder, aus Furcht, daß man sie rauben möchte. Unter dem 6 0 16 / nördl. Breite theilt sich der weiße Nil in zwei Hauptarme. Hier trennte sich die Expedition. Vier Fahrzeuge, wo runter die Barke des Vikars, fuhren den östlichen, die drei andern den westlichen Flußarm hinauf. Kurz vor ihrer Trennung ankerten die Schiffe noch vor einem Dorfe der Helyab, welches sogleich von den fliehenden Bewohnern verlassen wurde. Die Ursache dieses Schreckens war erklärlich, denn einige Jahre zuvor hatten die tür kischen Schiffer in dieser Gegend ein Dorf niedcrge- brannt. Je weiter die Schiffe nach jenen Gegenden steuerten, wo der Verkehr zwischen schwarzen und wei ßen Männern selten ist und daher weniger Gräuel ver übt werden, um so freundlicher, zutraulicher, gemüth- lichcr war das Benehmen der Eingeborenen. Am 31. Dcccmber erreichte die Expedition das Land der Zhir-Neger. Diese Wilden wie ihre südlichen Nach- barcn die Vary-Neger waren ihrer Tapferkeit willen von den Türken geschont worden. Beim Anblick der Schiffe eilten die Bewohner der Dörfer in Masse an's Ufer. Selbst Frauen und Mädchen zeigten sich ohne Scheu, und begleiteten die Schiffe mit Händeklatschen und einem Gesänge, der trotz seiner Eintönigkeit nicht ohne Wohl laut war. Der freundliche Charakter dieser WildenKtcifcn von Dr. Anoblcchcr. 207 kam der Expedition sehr zu Statten. Bei dem niederen Wasserstandc des weißen Flusses, der an dieser Stelle ungemein breit und voller Inseln ist, geriethen die Bar ken auf den Grund, und wären wahrscheinlich nicht wieder flott geworden, hätten nicht Hunderte von Wil den an starken Schiffstauen die Barken gezogen, wäh rend die Schiffsmannschaft mit Stangen sie in die Hohe- hob. Für diese Hilfleistnng wurden die Schwarzen mit Glas perlen belohnt, die man ihnen vom Schiff ans zuwarf. Der Neujahrstag 1850 begann mit Donner, Blitz und Regen -— eine ziemlich ungewöhnliche Erscheinung unter diesen Breitegraden, wo die Regenzeit erst im Februar beginnt. Am folgenden Tage erblichten die Reisenden im Südostcn den Berg Nierkanyi. Er liegt im Lande der Bary-Neger, besteht ans Granit und soll viel Eisen enthalten, welches die Eingeborenen bear beiten. Seit dem Berge Tetafan im Lande der Dinka unter dem 10" 35' nördl. Breite war der Nierkanyi der erste Berg, der aus der unermeßlichen Savannen fläche emportauchte. Die Neger dieser Gegenden besitzen neben schönen Heerdcn auch blühende fruchtbare Felder von Sesam und Durra. Von Gartenpflanzen kennen sie nur die Kürbisse, die aber hier nicht größer sind als unsere Gurken. Der Verkehr mit den Eingeborenen wurde immer freundlicher. Die Bary-Neger, die fernste aller Völker schaften Inner -Afrika's, welche jetzt von den türkischen Nilfahrern erreicht wurde, sind überaus schöne Männer von sammetschwarzer Farbe, stark gebaut, von straffen Sehnen, sehr tapfer im Krieg und überaus gutmüthig im geselligen Verkehr. Sie reden aber wieder eine ganz eigenthümliche Sprache. In ihrem Gebiet befinden sich208 Entdeckungen in Inner-Afrika. die gefürchteten Nil-Katarakten, die bisher noch von keinem weißen Mann, weder Christen noch Türken, über schritten wurden. Der französische vr. Arnaud, welcher bisher am weitesten von allen europäischen Reisenden vorgedrungen war, mußte hier umkehren. Am 14. Januar 1850 erreichte vr. Knoblecher und seine Gefährten diese Katarakte unter dem 4." 49'. Ein Ucbcrschreiten der gefährlichen und schwierigen Stelle wäre bei einem ungewöhnlich niederen Wasserstand auch dieß Mal schwerlich gelungen, ohne den kühnen und unternehmenden Piloten am Bord des Schiffes, welches die Missionare trug. Sein Name ■— wohl werth, daß ihn die Geschichte der afrikanischen Entdeckungen für alle Zeiten aufbewahrt — ist Suleiman Abu - Zaid, ein Nubier. Nachdem die schlimmste Stelle glücklich passirt war, hinderte eine Reihe von Sandbänken, welche quer durch den Strom zogen, die Weiterfahrt. Auch dieses Hcmm- niß ward besiegt, nachdem man mit der Sonde am linken User einen schmalen Kanal von hinreichender Breite und Tiefe gefunden. Von dieser Stelle aus ging es vier Meilen weit ohne weitere Hindernisse vorwärts, bis wieder zahlreiche Felsenriffe ans dem Strombette hervortauchten, welche abermals glücklich umschifft wur den. Bei ziemlich langsamer Fahrt hatte» die Reisen den Zeit genug, die ungemeine Schönheit dieser oberen Nillandschaft zu beschauen. Die Gegend ist reich an Bäumen, die aber keine eigentlichen Wälder bilden. Das Land ist stark bevölkert. Ueberall Negerdörfer mit Hütten von symmetrischer Form, über denen die grünen Niesenkronen der Dolebpalmen wie bewegliche Thron himmel schweben.Heise» «oit Dr. lüiuililccijcc. 209 Die Schiffe landeten bei dem Dorfe Tokiman. Als die Schwarzen die Barken zu Gesicht bekamen, liefen sie in Menge an das Ufer, und zeigten beim Anblick der nach ihren Begriffen kolossalen Schiffe und der weißen Männer grenzenloses Erstaunen. Wohl hatten sie durch die Erzählungen ihrer nördlichen Stammge nossen von weißen Männern gehört, welche alljährlich in die unteren Gegenden kämen um Elcphantenzähne einzutauschen, aber gesehen hatten sie diese weißen Män ner nie. Alles Einzelne der fremdartigen Erscheinung erregte ihre äußerste Verwunderung, aber nichts über raschte sie mehr als die Töne einer Harmonika, welche vr. Knoblechcr spielte. Die ganze Bevölkerung bezeugte darüber eine kindische Freude, am stärksten aber schienen die Töne auf den Häuptling p wirken, welcher mit ausdrucksvollen Geberden dem Vikar bedeutete, er wolle ihm gegen dieses zaubcrvolle Instrument die Herrschaft über die ganze Gegend abtreten. Diese Harmonika wurde später einem andern Vary-Häuptling geschenkt, welcher die Schiffe einige Tage begleitete und sich Mühe gab, die Handelszwecke der Türken und die fromme Ab- fficht der Missionare zu unterstützen. Merkwürdig, daß nur diese Bary-Neger so empfänglich für Musik waren; alle nördlicher wohnenden Neger hatten stumpfe Gleich gültigkeit gegen die Töne gezeigt. Am 16. Januar erreichte die Expedition nach kurzer Fahrt das Dorf Logwek am linken Stromufer. Seinen Namen hat dasselbe von einem kegelförmigen isolirten Berge, der etwa 1000 Schritte vom Flusse entfernt über der Ebene sich erhebt, und von seinem Gipfel herab einen weiten Fernblick über das ganze Bary-Land ge währt. Die Lage ist unter dem 4.° 10" nördl. Breite. Grube, Bilder und Scene». Afrika. (2. A.) 14210 Entdeckungen in Inncr-Äfrika. Vikar Knoblechcr bestieg den Gipfel dieses wunderlich geformten Granitbcrges, und konnte von dort den Lauf des Nils noch eine sehr bedeutende Strecke weit mit dem Fernrohr verfolgen. Gegen Südwesten windet sich der Fluß zwischen den Bergen Gego und Kidi hindurch, welche gleichsam die Grenzsteine des Landes der Bary- Neger bilden. Unweit davon erhebt sich gegen Osten der Berg Karcg, der reiche Eisenmincn enthält, die von den Eingeborenen bearbeitet werden. Hinter demselben ragen einzelne hohe Berge, welche die Wohnsitze der Dangwara bezeichnen, die mit den Vary häufig in Fehde sind. Ein anderer der eisenhaltigen Berge im Osten führt den Namen Bolagnan. Hinter diesen Berggrup- pen erblickt man die Gipfel des Logwapa-Gcbirges, in deren Nähe die Beri-Neger wohnen, die wieder ganz verschieden von den Vary-Negern sind, und auch ganz andere Sprache reden. Das Land dieser Neger grenzt an die Wohnsitze der Gallas. Gegen Süden ragten im äußersten Hintergründe des Horizonts die Gipfel einer laugen Bergkette empor, deren Formen aber im blauen Nebel verschwanden. Den Namen dieses Höhen- zuges kannten die Barp-Negcr nicht. Dorf und Berg Logwek sind die fernsten Punkte, welche die Expedition erreichte. Obwohl die Weiter reise keine bedeutenden Hindernisse bot — das Bett des weißen Flusses hat auch hier noch Fahrwasser genug • so wurde doch beschlossen, den Rückzug anzutreten, da die Jahreszeit bereits sehr weit vorgerückt war, die Regenzeit und mit ihr die Ucberschwcmmungcn nahe bevorstanden. Am 17. Januar segelten die Barken wieder stromabwärts. Die Missionare wollten in der Nähe von Logwek eine Niederlassung gründen, undIHtiftn von Dr. KnolUcchcr. 211 14 Zwei Negerhäuptlinge waren ihnen frenndlich entgegen gekommen, ihnen alle Unterstützung zu leisten. Aber die schändlichste Hinterlist und die niederträchtigsten Ränke der Türken vereitelten alle Versuche der christlichen Män ner, sich das Zutrauen der Neger zu erwerben. Die schlauen Türken hatten den Dollmetsch (Dragoman) be stochen und zu ihrem Zweck gewonnen, daß er den Ne gern erzählen mußte, die Weißen seien böse Zauberer, welche, das Land behexen und den Regen verhindern wollten, so daß die Neger weder Durra ernten noch Weideplätze behalten würden. Bei dem abergläubischen Hang der unwissenden Wilden war es ein Leichtes, ihre Phantasie zu'schrecken und ihr Herz mit Mißtrauen gegen die drei weißen Männer zn erfüllen. Die Häupt linge, die erst so freundlich und zutraulich gewesen wa ren, wurden nun plötzlich ernst und argwöhnisch, vr. Knoblecher deckte zwar die List und den Betrug der Türken ans, aber cs war ihm unmöglich, das alte Zu trauen wieder herzustellen. So mußte für dieses Jahr auf eine Niederlassung unter den Bary-Negern verzich tet werden; aber im folgenden Jahre wurde das Werk von Don Augelo Vinco wieder ausgenommen.2 12 Entdeckungen in Inner-Äsrika. Ein Besuch bei den Hary-Negern. *) Der erste Besuch (des vr. Knoblcchcr) bei den Vary-' Negern hatte das Ersprießliche einer baldigen Rückkehr zu ihnen herausgestellt. Hierzu entschloß sich sein Ge fährte auf der ersten Reise, Herr Vinco. Er konnte nur vereinzelt gehen, weil das Personal der Mission all zubeschränkt war, um mehreren ihrer Mitglieder diese nicht ganz gefahrlose und beschwerliche Reise gestatten zu können. So fuhr er am 12. Januar des Jahres 1851 auf dem weißen Flusse, dem westlichen der beiden großen Arme, deren Zusammenfluß bei Chartum den Nil bilden, mit zwei Barken ab, und landete zuerst in dem Gebiete der Noer, welche von dem Führer der Barken als sehr bösartig geschildert wurden. Als die Wilden Herrn Viuco's Absicht landen zu wollen wahrnahmen, flohen sie davon und ließen, nur mit großer Mühe zur Annäherung sich bewegen. Auf ihres Häupt lings Geheiß legten sie zuvor die Waffen nieder, und *) Aus dem zweiten Jahresbericht des Marienvereines zur Beförderung der katholischen Mission in Central-Afrika. (Wien, aus der kaiscrl. königl. Hof- und Staatsdruckerei, 1853). Der Bericht des Herrn Angclv Vinco, der während der Abwesenheit des apostolischen Provikars Dr. Knoblcchcr tiefer in jene noch von keines Europäers Fuß betretenen Landschaften cingcdrungcn ist, als es bei dem ersten Besuch Jenem möglich war, enthält auch in geographischer und ethnograpischcr Beziehung so viel Neues und Anziehendes, daß man den Herausgebern seiner Ncstc- schilderung für weitere Verbreitung derselben sehr dankbar seyn muß.Ein Besuch litt den Vary-Negern. 213 t>a man ihm die Versicherung gab, er habe von den Ankommenden nichts zu befürchten, vielmehr alles Gute zu hoffen, ward dieser Häuptling so treuherzig, daß er beim Abschiede dem Missionar sagte: „Du würdest treu los handeln, wenn du nach deiner Rückkehr nicht bei mir einkehren und verbleiben wolltest; nur darfst du nicht in Begleitung der Türken kommen, mit denen ich nichts mag zu schaffen haben." Hierdurch crmrtthigt, setzte Herr Vinco seine Reise fort zu dem Stamme der Kitt, bei denen der eine Häuptling jene Medaille, welche die Missionare bei dem ersten Besuche ihm angehängt hatten noch am Halse trug. Und wie dankbar erwies er sich nicht in Er innerung, daß er damals durch die Fremdlinge von einer schweren Kopfwunde sei geheilt worden, die er aus -einem Kriege davongetragen! Es bedurfte nicht geringen Mnthes, die Reise fort- zusctzcn, nachdem Herr Vinco im Gebiete der Shir eines großen Theils seiner Kostbarkeiten, Rcisemittel und Glas- waaren durch einen Bary-Neger, der noch dazu den Dol metsch machen sollte, beraubt worden, dieser entflohen war, und er somit bei sparsamer Wortkenntniß auf die Zeichensprache sich beschränkt sah. Am 24. Februar landete er an dem großen Dorfe Marziu des Bary- Stammes. Alsbald erkundigte er sich nach dem, aus Herrn Knoblcchcr's mündlichen und schriftlichen Mit- theilungen wohlbekannten Häuptling, Niphila, der seit jener Zeit öfters mit Sehnsucht nachgefragt hatte, ob denn die fremden Männer" nicht wieder kommen würden? Jetzt befand er sich, um mancherlei Ankäufe zu besorgen, bei dem Stamme Lutnche. Während ihm Herr Vinco durch Boten seine Ankunft melden und durch übersen-214 Entvcckungcn in Imier-Asrika. bete Glaswaaren dieselbe bekräftigen ließ, nahm er seine Wohnung bei einem andern Häuptling, Namens Diubeck, dem das schwierige Amt obliegt, den Regen kommen und weichen zu machen, der daher Häuptling des Regens heißt. „Derselbe," berichtet Herr Vinco, „gibt seinen Landsleuten vor, er besitze die Kenntniß des Himmels, er könne Wolken erschaffen, und den Regen nach Gutdünken beherrschen; für die Ausübung seines Amtes erhebt er jährlich einen Tribut, aus einer be deutenden Menge Viehes bestehend, die ihm sein Stamm entrichten muß, wenn er nicht will daß, wie der Häupt ling versichert, die ganze Saat von der Sonnenglut verbrannt werde. Das unwissende Volk schenkt ihm das größte Vertrauen. Tritt aber dennoch Dürre ein, so versammeln sich Alle um seine Wohnung, trinken sehr viel Kürbisschalen voll des Getränkes, bas sie Hava, und die Araber Melissa nennen, sind sie dann recht betrunken, so schlitzen sie ihm wohl den Bauch mit einer Lanze auf, in der Ueberzeugung, daß aus diesem das Wasser hervorquellen werde, welches er aus irgend einem schlechten Beweggründe nicht von sich lassen wollte. Bei diesem Häuptling verweilte ich, Niphilas Ankunft erwartend, acht bis zehn Tage hindurch; ich machte ihm täglich Glaswaaren zum Geschenke, wofür er für sich und seine Familie Hava, Milch, Sesam, Fleisch kaufte, ich gab mir auch sonst noch alle nur erdenkliche Mühe um seine Zuneigung und sein Wohlwollen zu gewinnen, ich that dieß um so eifriger, als mir, das Ansehen bekannt war, in welchem er unter seinem Volke stand. Ich schenkte ihm auch einen Anzug. Alles dieses machte ihn sehr zufrieden. Er sprach mit allen Negern zu meinen Gunsten, und erwähnte meiner stets nur mit den größtenEin Besuch bei den Bney-Negcrn. 215 Lobeserhebungen." Es mochte jedoch nicht besonders ernstlich gemeint seyn, denn sobald Niphila zurückgekehrt war, ließ Diubek dem Missionar sagen: wenn er ihm noch etwas geben wolle, solle er nicht lange damit zögern, er gedenke sich zu entfernen. Herr Vinco ging denr zurückkehrenden Niphila an's Ufer entgegen. Die Einflüsterungen der Türken hatten dessen Zuneigung zu den Missionaren nicht schwächen können. Bald führte er seine betagte Mutter zu Herrn Vinco, der sie mit Glaskorallen, den Häuptling mit mancherlei andern Gegenständen beschenkte. Weil die Türken den Negern vorgegeben hatten, sofern die Mis- stonare in dem Lande geblieben wären, würden die Vieh herden umgestanden seyn, trug Niphila Bedenken, auf Vinco's Antrag: ein Jahr lang bei ihm bleiben zu wollen, e,inzugehen. Denn, wendete er ein, würde jenes sich doch ereignen, so wären sie beide ihres Lebens nicht sicher. Hingegen erwies er sich alsbald bereit, ihn für einige Wochen zu Bclcnyan, 6 Stunden von Marziu, am Abhange einer langen Bergkette, zu beherbergen. Aber weder die Führer, noch von den Leuten der Bar ken auch nur Einer wollte bleiben, sie fürchteten für ihr Leben, wenn Herr Vinco sich entferne. Doch ausidem Wege nach Belenyan kamen vier von der Schiffsmann schaft nach, mit der Erklärung, ihn begleiten zu wollen. Der Weg dahin führt durch volkreiche Dörfer. Bei der Ankunft an besagtem Orte wurden auf Niphila's Ansuchen einige Flinten abgefeuert, was die Einwohner in das größte Staunen versetzte. Der Häuptling schaffte alsbald Matten und andere Bequemlichkeiten herbei, auch Wasser und Mcrissa. Schwärme von Landesein- gcborncn strömten daher, um die angekommenen Weißen216 CMdcckuligc» tit Inner-Afrika. zu sehen. Jeder wollte cs dem Andern zuvorthun, jeder wollte der Erste sepn, Herrn Vinco zu begrüßen. Der Eine faßte ihn an den Händen und hob sie in die Höhe, ein Zweiter tanzte vor ihm, ein Dritter ries ihm zu: ta dato comonil, was ungefähr so viel sagen will, als: ich begrüße dich, o neuer Reisender. Andere machten sich lustig über seine Farbe; Manche benannten ihn seines Bartes halber: Agueron, ein Wort, das in ihrer Sprache eine schlechte Bedeutung hat, und ungefähr den Begriff „Menschenfresser" wiedergibt. So matt und müde er von der Reise war, er mußte sich alles dieses den ganzen Tag über und durch einen guten Thcil der Nacht hindurch gefallen lassen, mußte diese überaus lästigen Besuche annehmen, ohne essen, trinken, nur einen Augenblick ein Auge schließen zu können. Endlich ver mochte er sich nicht mehr länger aufrecht zu halten; er versank in Schlummer, worauf die Eingeborenen sich nach und nach entfernten, aber am folgenden Morgen das Gleiche von Neuem begannen, nur daß jetzt Keiner mehr mit leeren Händen kam. Der Eine bot Merissa, ein Anderer reichte Honig, ein Dritter gerösteten Sesam und Fleisch; wieder Andere hatten Milch oder dergleichen Dinge gebracht. Mit einem Worte, Alle bemühten sich, Herrn Vinco mit dem Besten zu bcwirthen, was sie be saßen. Er dagegen mußte mit vielen Glaswaarcn her- ansrücken, da er recht gut bemerkte, wie sic nur geben, um wieder zu erhalten. Am dritten Tage begannen die Besuche bei den Vornehmen des Orts. Gute Worte (da Herr Vinco bereits in ihrer Sprache sich ziemlich verständlich machen konnte) und Geschenke gewannen Zutrauen. Bald kamen auch viele Häuptlinge der Nach barschaft und überhäuften den Missionar mit mancherleiEin Besuch bei den Uary-Negcrn. 217 Lebensbedürfnisse». Darauf kehrte er nach Marziu zu rück, seine Geräthschasten von den Barken in Empfang zu nehmen, wogegen die Führer derselben zur Heimkehr nach Chartum sich anschickten. Wieder nach Belcnyan sich wendend, kamen ihm die Bewohner der Dörfer scheuer vor, als das erste Mal; Mädchen an einem Brunnen, denen er ein Zeichen gab, ihn trinken zu lassen, rannten hastig davon, so daß er unter brennendem Durst die Wanderung fortsetzen mußte. Freundlich, wie immer, gewährte ihm beim Eintreffen in Belcnyan Ni- phila die gewünschte Erquickung. Entschlossen, dort längere Zeit sich aufzuhalten, be mühte sich Vinco zu allererst, der Sprache der Neger mächtig zu werden, ihre Gewohnheiten zu beobachten. So verscheuchte er immer mehr jede Abneigung und Furcht, die sie Anfangs gegen ihn gefaßt hatten. „Sie fingen an," sagte er, „mich ungemein zu achten, sprachen bei jedem Anlaß nur Gutes von mir, grüßten mich ehr furchtsvoll, holten meinen Rath über öffentliche 'und Privat-Angelcgenheiten ein, und gingen endlich so weit, daß sie mir den Namen einer ihrer Gottheiten beilegten, von der sie sagten, daß sic im Himmel wohne und Ginoc heiße." Als es aber in der Folge bei neun Tagen nicht reg nete und die Neger um ihr Getreide, Durra genannt, besorgt wurden, erklärten sie dem Häuptling, wenn es binnen drei Tagen nicht regne, würden sie den Weißen tödten. Am folgenden Tage verlangten sie, daß Vinco in eine Versammlung sämmtlicher Häuptlinge gebracht werde, vor welcher Diubek seine Zauberformeln verrich tete und seine Zaubersprüche sprach, welcher die einstim mige Versicherung folgte: heute noch werde es regnen.218 Entdeckungen in Innce-Äsrikn. Nun erfaßte Vinco nach Laudessttte den gabelförmig zulaufenden Rednerstab, und sprach zu den Versam melten: „Bary's! Nachdem ihr mich mit so vieler Güte un ter euch ausgenommen, so viel Vertraue» in mich gesetzt und in jeder Weise gewollt habt, daß ich einer eurer größten Feierlichkeiten beiwohne, so gestattet mir, ich bitte euch, freimüthig zu euch zu sprechen; da ich keineswegs die Absicht habe, irgend Jemand von euch zu beleidigen, sondern euch die Wahrheit mitzutheilen, um deren Be- kanutgebuug willen allein der Himmel mich hieher ge schickt hat. Jener Gott, der mich und euch, der die Sonne, den Mond, die Sterne, eure Heerdcn und Ströme erschaffen hat, der das Gras und alle eure Saaten wach sen läßt, der mit einem Worte aus Nichts Alles gemacht hat, was am Himmel und auf Erden vorhanden ist, jener große Gott ist, obwohl ihr ihn nicht kennt, und daher auch nicht anbetet, nicht fürchtet und ihm nicht dienet, doch so liebevoll und gütig, daß er euch beständig in tausendfacher Weise Gutes erweist und Wohlthatcu an- thut; er laßt Regen für euch vom Himmel fallen, damit eure Saaten nicht von der Souueuglut versengt werden, er erhält euch gesund, verleiht Fruchtbarkeit euren Heer de», gibt euch Sieg über eure Feinde, und thut mit einem Worte euch mehr Gutes, als Vater und Mutter ihren geliebtestcn Kindern gewähren können. Wenn ihr wollt, daß Regen vom Himmel falle, um eure Felder zu befeuchten und eure Saaten zu erfrischen, so macht ein Ende den Zänkereien und Streitigkeiten, die unter euch immerdar herrschen, höret auf, eures Gleichen zu tödtcn, enthaltet euch des Stehlenö und RaubenS und der Un-Ein Besuch lici icn Vary-Negcrn. 219 zucht; höret mit einem Worte auf, Andern das zu thun, waS ihr nicht wollt, daß sie ench thun sollen." Diese Rede setzte die Neger in Staunen. Häupt linge und Volk bekannten, der Weiße habe gut gesprochen, und wie er gesagt, so müsse cs auch scyn. Besonders freute es sie, daß er dieses vor Diubek gesprochen habe, der immerfort so reichen Tribut für den angeblich durch ihn bereiteten Regen von ihnen forderte. Mit dem Zu rufe: „Wandle gut!" ließen sie darauf Herrn Vinco in seine Wohnung zurückkehren. Kaum war er dort wieder angclangt, so brachte einer weinend die Kunde: die Häuptlinge von Laude, von Li- via, sammt den drei von Lokoia hätten sich wider sie zum Kriege verbunden. Solcher Macht wären sic nicht ge wachsen. Vincv's Bemühungen, einige Boten an jene Häuptlinge zu senden, waren lange vergeblich; sie fürch teten sich, ans dem Wege erschlagen zu werden; denn so wie ein Krieg erklärt ist, sind blos Schmiede, als öffent liche Arbeiter, und Weiber, als der schwächere Thcil, sicher. Endlich gelang cs, ihrer drei zu finden, die mit Geschenken an jene vereint sich aufmachtcn. Sie hatten denselben folgende Botschaft auszurichtcn: „Don Angelo, der Weiße, von dessen Ruf ihr vielleicht gehört habt, bittet euch, diese kleinen Geschenke auzuuehmen; gleich zeitig ersucht er euch, die Waffen abzulegeu, keinen Krieg zu unternehmen und euch ruhig zu verhalte». Er ver spricht übcrdicß, bald in eigener Person zu euch zu kom men; er wird die Klagen beider Parteien anhören und das Möglichste sodann anwendcn, um die gebührende Genugthnnug zu schaffen, damit der Friede nicht mehr gestört werde." Nach drei Tagen kehrten die Boten zurück, jeder mit220 Entdeckungen in Inner-Afrika. einem großen Elephantenzahu beladen. Anfangs, er zählten sie, hätten zwei Häuptlinge der Annahme der Geschenke sich geweigert, darauf wären sie jedoch andern Sinnes geworden und der Friede sei für geschlossen zu halten. Sie ließen Vinco zu sich einladen. Zu Belc- nyan wurde von da an sein Name groß; die Angesehenen luden ihn zu einem allgemeinen Feste, sie nannten ihn Vater, priesen ihn, daß er sie ohne Blutvergießen aus großer Gefahr gerettet habe; alles Mißtrauen gegen ihn war verschwunden. Aber doch nicht jede Gefahr. Einst hörten Leute eines Stammes, der den Vary feindlich war, Vinco's Flintenschüsse von der Jagd her. Sogleich hieß es, er sei gekommen, um jenen Hilfe zu bringen. Der feindliche Häuptling schwur, nicht eher zu ruhen, bis er dem Fremdling den Kopf abgeschnitten hätte. So mußte Herr Vinco durch einen ganzen Monat mit seinem Diener Tag und Nacht Wache halten, und dennoch wäre der Anschlag gelungen, hätte ihn nicht die Vorsehung gerettet. Einst hielr jener Häuptling mit ein paar An dern in einem Felde nahe bei Herrn Vinco's Wohnung sich versteckt. Da kam dieser mit Niphila und noch einem Gefährten nahe genug an jenen vorbei, um mit Lan zenstichen tödten zu können. Aber in, dem entschei denden Momente, in welchem sie ihre böse Absicht sehr leicht hätten ausführen können, entging ihnen, wie sie selber später eingestanden, Muth und Kraft zur Voll streckung ihres Vorsatzes. Fortan hatte Herr Vinco nicht mehr viel zu fürchten. Er gedachte nun, eine kleine Um schau bei dem Stamme der Beri's zu halten, deren Ge biet an dasjenige der Vary stößt. Das Vorurtheil der Neger gegen die Weißen, die Feindschaft zwischen den beiden Stämmen, hatten ihnEin Vcsuch bei de» Vary-Mcgcrn. 221 hieran bisher gehindert. Jetzt, da es ihm gelungen war, den Frieden unter ihnen herzustellen, begann er, einen gegenseitigen Handelsverkehr mit diesen Nachbarn einzu leiten, woraus drei Häuptlinge der Bcri ihm mehr als dreißig Männer zum Geleite entgegensandtcn. So reiste er am 24. Juni mit diesen, mit Niphila und vielen Leuten desselben nach dem Gebiet jenes Stammes. Einige der zahlreichen Begleitung trugen kleine Säcke mit Glaswaaren auf den Köpfen, Andere Herrn Vinco's Kleider, wieder Andere einiges Brod aus Hirsenmehl und sonstige Dinge. Das hohe Gras in den Wäldern uö- thigte, die Elephanteupfade zu verfolgen, obwohl diese ziemlich weit von dem Wege abführten. Die Sonne brannte glühend heiß, Vinco verschmachtete fast vor Durst, denn man hatte keine mit Wasser gefüllten Kür- bißschaalen mitgenommen, da die Eingebornen versicherten, es würden sich von Zeit zu Zeit Ansammlungen von Regenwasser finden. Dieses war jedoch von den Ele- phanten und wilden Thieren ausgetrunken worden, so daß diese Plätze völlig trocken da lagen. Mittlerweile wurde der Durst immer quälender, die Schwarzen suchten und fanden eine Art von Citronen und wild wachsenden Trauben. Die Sonne brannte jedoch so heiß, daß sich der Missionar nach der Erquickung nur noch durstiger fühlte. Er war dem Verschmachten nahe und wäre ge wiß umgekommen, hätte Gott nicht in wahrhaft wunder barer Weise sich seiner erbarmt. Der Himmel war ganz rein; da stiegen unerwartet gegen vier Uhr Nachmittags am südöstlichen Horizont einige Wölkchen ans, die rasch heranrückten und reichlichen Regen herabschütteten. Die ganze Karawane schlürfte das Wasser auf, sobald eö sich in den Höhlungen einiger Steine sammelte, und stärkte222 Entdcckungcn iit Inncr-Asrika. sich hinreichend, um den Weg fortsetzen zu können. Ueber- haupt war die Wanderung eine höchst mühevolle. Die Dornen, durch welche der Weg gebahnt werden mußte, zerfetzten Herrn Vinco's Kleider dergestalt, daß sie am Abend in Lappen herunterhingen, die er mit Grasschnü ren an den Leib befestigen mußte, wenn er sie nicht ganz verlieren wollte. Am Abend diente das Gras zur Lager stätte. Die Neger zündeten es an, um den Boden rein zu bekommen, sammelten zugleich Holz zu Nachtfcuern, um die wilden Thicrc ferne zu halten. Aber von Westen her blies der Wind, binnen Kurzem stieg eine ungeheure Lohe znm Himmel empor, welche die Wolken selbst in Brand stecken zu wollen schien, das Gras knisterte, die gewaltigen Baumstämme krachten, wenn sie von den Flammen ergriffen wurden, daS Gebrüll und Geheul der wilden Thiere erfüllte mit Entsetzen. Bei vier Tage hielt der Brand an. Ein fetter Ochse, der aus der Wanderung zur Nah rung dienen sollte, hatte unterwegs sich losgerissen, und so mußte man sich mit einigem gerösteten Brode behelfen. Trotz seiner Ermattung durste Herr Vinco, bei der Sorg losigkeit der Neger, keine Ruhe sich gönnen; er mußte oft durch die Nacht umschauen, ob auch die Wachfeucr gehörig unterhalten würden. Die Wanderung am folgenden Tage war nicht viel gemächlicher. „Wir kämen," heißt es in dem Berichte, „über eine ungeheure, gänzlich baumlose Ebene, auf der aber sehr schönes, oft zwei Mann hohes Gras wuchs, und Elephanten, Giraffen, Gazellen und wilde Ochsen haufenweise herumirrtcn. Wir zogen bis Sonnenunter gang vorwärts; dann mußten wir anhalten, um sowohl vor den wilden Thieren als dem drohenden Regen SchutzEin Besuch bei den Vary-Negern. 223 zu suchen. Bald war der Himmel dicht umwölkt; es wurde außerordentlich finster; der Donner krachte ganz entsetzlich, ein Blitz folgte dem andern, der Regen schoß in Strömen herab, durchnäßte uns bis auf die Haut und hatte bald unsere Feuer ausgelöscht, so daß ich Licht in meiner Laterne anzünden mußte, um nur die wilden Thiere ferne zu halte», von dcucu es in der Gegend wimmelte. Wir flüchteten unter einen Baum, der uns aber ebenfalls keinen Schutz gewährte; völlig durchnäßt konnten wir den Anbruch des Tages kaum erwarten." Für den folgenden Tag hatte der Regen die Bahn fast unwegsam gemacht. Herr Vinco mußte gleich den Negern barfuß gehen. Abends wurde wieder Feuer an gemacht, um sich zu erwärmen, auszurastcn, zu schlafen. Müde, mit geschwollenen Füßen von den verborgenen Dornen und Baumstümpfen, durch das mannshohe, in die Augen schlagende Gras beinahe erblindet, erreichte Herr Vinco gegen Mittag des vierten Tages das Ufer des Flusses Sobat, von den Eingeborncn Liol genannt, jenseits dessen die Landschaft der Beri liegt. Der Fluß ist sehr breit, aber mit vielen in seinem Bette wachsenden Gräsern fast ganz angefüllt. „Ich zog," sagt Herr Vinco, „die Kleider aus, behielt nur das Hemd an, und begann gleich den Schwarzen durch das Wasser zu waten. An einigen Stellen reichte es uns bis an den Hals; hätten wir uns nicht an den Gräsern gehalten, wir wären sicher umgefallen und ertrunken. Als wir in der Mitte des Flusses anlangteu, fanden wir denselben sehr tief und reißend, dort wuchs auch kein Gras mehr. Ich konnte nicht schwimmen; da die Bersss keine Art von Barken besitzen, so war ich in nicht geringer Verlegenheit. Ich wußte mir nicht anders zu Helsen, als zwei leere Kürbisse224 Entdeckungen in Inner-Afrika. zusammen zu binden und mir sie au der Brust zu befesti gen; mit Hilfe eines Dieners, der ein geschickter Schwim mer war, erreichte ich in solcher Weise glücklich das an dere User. Bald darauf hatte ich das Vergnügen, auf drei Häuptlinge des Stammes zu stoßen, die mit zahl reicher Begleitung zum Empfang entgegen gekommen waren. Um meine Ankunft zu feiern, tanzten und sangen sie wetteifernd. Viele unter ihnen hatten Kürbisschalen voll Merissa, Fleisch, Fische, sogar Rauchtabak mitgebracht. Nachdem wir uns ein wenig erfrischt hatten, schlugen wir den Weg nach ihrem Dorfe ein. Ich wurde in der Hütte Uaria's (des Vornehmsten unter ihnen) unterge- bracht. Er ließ sogleich drei Lämmer herbringen, führte sie dreimal im Kreise um mich her, worauf er sie meinen Dienern zum Schlachten gab. Mittlerweile wurde mir ein Sitz aus Rinder- und Löwenfellen zubereitet; die Neger strömten von allen Seiten herbei, um des neuen Ankömmlings ansichtigzu werden und ihn zu bewundern. Gerade so wie in Belanyan mußte ich mich dazu her geben, ihre überaus lästigen Besuche zu empfangen. Sie pflegten auf eine Entfernung von fünfzehn Schritten vor mir niederzuknieen, bis zu mir hcranzurutschen, mich danu an den Armen zu erfassen und sic in die Höhe zu heben; dann rutschten sie wieder zurück, um Andere sich in derselben Weise nähern zu lassen." Als die den Besuchen gewidmeten Tage zu Ende ge gangen waren, wurde Herrn Vinco eine Hütte, auf der halben Höhe eines Berges liegend, eingeräumt. Da er quickten ihn eine reine' Luft und eine weite Aussicht. Des Morgens brachte bald die eine, bald die andere Tochter eines Häuptlings eine schöu verzierte Kürbis schale voll warmen Wassers, um Gesicht und Hände zu«sin Vcsuch bei den Vacy-Ncgcni. 225 waschen; in einer kleinen Schaale trugen sie Wasser um den Mund auszuspülen; dann tischten sie in einer Art hölzernen Schüssel gesottene Fische zum Frühstück auf und setzten eine Schale Merissa dazu, die sie Gnen nannten. Ebenso wurde für das Mittagsmahl und für die Abendmahlzeit gesorgt. Die älteren Leute dieses Stammes gehen in Lamm felle gekleidet, die jungem völlig nackt und tragen aus dem Kopfe eine sehr hübsche, aus Haaren geflochtene Mütze, geschmackvoll mit Straußfedern, Muscheln und Glaskorallen verziert, und an deren Hiutertheil ein eben falls aus Haaren geflochtener Zopf befestigt wird, der bis an die Fersen herabhängt. Die Kleidung der Mäd chen und Frauen besteht aus Lämmer- oder Gazellen- häuten. Die Bary's erkennen eine Art unsichtbarer Gottheit an, die im Himmel und auf Erden wohnen soll, und die sie gewöhnlich Nun, bisweilen auch Djok nennen, um die sie sich aber weiter gar nicht kümmern; von einem zukünftigen Leben wissen sie nichts. Welche Bedeutung sie den Opfern von Lämmern und Ochsen beilegen, die sie bei Leichenbegängnissen und in Erkrankungsfällen dar- bringeu, ist ziemlich unbestimmt. Ihre Opferpriester, Bonit genannt, behalten den besten Theil des Opfer fleisches für sich; diese sind zugleich Aerzte. Die Bo nit lassen in Krankheiten bisweilen zur Ader, d. h. sie saugen mit dem Munde so lange an irgend einem Theile der Haut, bis das Blut kommt, das sie mit dem Munde auffangen und ausspucken. Mit der höchsten Gleichgültigkeit behandeln sie in gleicher Weise Wunden und Geschwüre, die sie ablecken und aussaugen, ob sie auch noch so übel riechen und noch so eckelhaft seien. Grude, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.1 15226 Entdeckungen in Inner-Äsrika. Sie geben in verschiedenen Krankheiten verschiedene Arz neien, die aus Wurzeln und Kräutern bereitet werden; die Mittel erweisen sich mitunter als recht wirksam. Die Bonit erfreuen sich besonderer Autorität bei Berathungen über Gegenstände von allgemeinem und Privat-Jnteresse, und wissen hieraus großen Vortheil zn ziehe». Zur Beantwortung der ihnen gestellten Fragen wenden sie verschiedene Zaubermittel an; bald werfen sie Steinchen und stellen je nach deren Fall Berechnungen an, die ihnen allein bekannt sind; bald zeichnen sie mittelst eines gabelförmigen Stabes unverständliche Zeichen in den Sand. Den Bonit's wird ferner die Gewalt zugcschrie- ben, den Regen herbeizurufen und zu verjagen (obwohl diese Macht vorzugsweise dem Chef des Stammes ein geräumt wird), die Feinde fern zu halten, den Familien und dem Lande Wohlfahrt zu bringen, mit einem Worte, sowohl die leblose Natur als auch die Gemüther der Menschen nach Gutdünken zn beherrschen. Die höchste Leidenschaft dieser Neger ist der Tanz. Der Krieg wird mit Tänzen begonnen, die oft drei Tage dauern, und von den Siegern ebenso beschlossen; sie drehen sich dabei beständig im Kreise, und Jeder springt so hoch er kan», gleichzeitig singen alle, das kleine Kind wie der starke Krieger, und ihr Geheul wird von unauf hörlichem taktmäßigem Getöse der Trommeln und Trom peten begleitet und geregelt. Bei der Aussaat und dem Erndtcfest werden ebenfalls große Tanzfeste gehalten, alle aber unsäglich schamlos; von Zucht und Schamhaf tigkeit scheint ihnen selbst der Begriff zu fehlen. Eines Tages erstieg Herr Vinco mit zahlreichem Ge leite den Gipfel des nahen Berges. Eine unermeßliche Aussicht öffnete sich dort, in weiter Ferne durch andere15 * Ein Besuch bei dcu Vary-Negern. 227 Gebirge begränzt. Oestlich zeigten sich die Berge der Galla's, Gjaba's, Caracra's, diese in Feindschaft gegen jene, alle zwei Tagreisen von den Bary's entfernt. Oest lich, bei fünf Tagreisen, wurde auf das Land der Niaghi gewiesen. Südlich, blos auf eine halbe Tagrcise, erhebt sich eine hohe Bergkette, in welcher der Stamm Lopeit hauset, weiter ostwärts von diesen der Stamm Lutuche. Westwärts laufen parallel zwei Bergketten, und noch ragt, auf zehn Tagreisen entfernt, der Berg Jmadon über sie herauf, berühmt wegen seines guten Rauchtabaks. Auf diesem Berge entspringen drei Flüsse: der größte derselben, der Sobat, mit westlicher Richtung in den weißen Fluß mündend, der Attondi, nördlich gewendet, mit dem blauen Fluß sich vereinigend, der dritte und kleinste, Punguni genannt, nach Süden fließend, über dessen Ausmündung Herr Vinco nichts erfahren konnte. Herr Vinco bereiste sodann die Gebiete mehrerer Stämme, und kehrte, von einem Wechselfieber befallen, in der Mitte September zu den Beri zurück. Mau hat in gemäßigten Klimaten keinen Begriff von der Regenmasse, die im Innern Afrika's alljährlich durch acht Monate vom Himmel strömt. Die Feuchtig keit, womit hiedurch die Luft getränkt wird, ist das vor züglichste Hiuderniß für Europäer, jenen Erdtheil zu bewohnen, zumal wegen der durch die Nässe erzeugten Krankheiten, zn denen namentlich die Fieber gehören. Als sich Herr Vinco einigermaßen von dieser Krankheit erholt hatte, stellten sich andere unüberwindliche Hinder nisse der weiter» Ausdehnung seiner Reise entgegen. Der zwischen den Bcri's und Bary's ausgebrochcne Krieg ver sperrte ihm jeden Weg; er konnte keine Führer mehr finden und war dcßhalb in nicht geringer Verlegenheit.228 Entdeckungen in Inner-Afrika. Um daher einen festen Zufluchtsort zu haben, erhandelte er von einem Häuptling ein Stück Landes, auf welchem er mit Hülfe seiner Diener und der Eingeborenen eine Wohnung zu Stande brachte, dann noch Ausflüge zu einigen Stämmen unternahm, welche insgesammt der Sicherheit wegen auf Bergen angesiedelt sind. Ueberall wurde er sehr gut behandelt. Bei allen diesen Stämmen herrschtfastdieselbe Stufe der Gesittung wie beiden Bary's. Auf der Reise zwischen einem Stamme und dem andern sah er sehr viele Ebenen und hohe Bergketten, die thcils mit dichtem Grase, theils mit sehr hohem Grase, gleich den schönen Wiesen in der Lombardie, bedeckt sind. Ele- phanten, wilde Affen, Giraffen, Gazellen, Löwen, Tiger, Panther, Hyänen und andere reißende Thicre, sowie unzählige Assen der verschiedensten Art sind die Bewoh ner dieser Einöden. Bei der Rückkehr nach Marziu fand er die Barken der Händler ans Chartum und entschloß sich, mit diesen znrückznkehren, wo er am 18. Juni 1852 eintraf. Lötveujagd bei den Azebo-Gallas. Herr L. T. Lefbbre, schon bekannt durch seine Reisen in Abyssinien, erzählt in der Revue äo rOrient. Von einer Löwenjagd, welcher er im Lande der Azebo-GallcllS in der Nähe einer kleinen Stadt, Namens Edda Mahcny, beiwohnte. Er hatte sich dort einen Gastfreund oder Vater — denn ein Fremder muß dort von einem Ein-Eine Löwciljagd. 229 heimischen adoptirt werden, wenn er Schutz genießen soll — erworben, und ging in Begleitung mehrerer «Europäer und einiger Abyssinier nach Edda Maheny, wo sein Gastfrcund ihm bald einen geübten Löwenjäger beigab. Als sie zur Jagd auszogen, bildeten sie eine Gruppe von 30 Reitern und etwa 100 Fußgängern, und bald stießen sie in der Nähe eines Teichs auf die Reste einer in der Nacht verzehrten Antilope, auf die frischen Spuren eines Löwen. Die Pferde wurden nach kurzem Marsch zum sichern Anzeichen, daß ein Löwe nicht fern sei, von einer heftigen Bewegung, ergriffen; mit stets cmporgercckten Ohren und aufgetriebenen Nüstern gingen sie unsichern Schrit tes weiter, und wären ohne Gewöhnung au diese Jagd keinen Schritt vorwärts zu bringen gewesen. Unsere Fußgänger begannen geschlossen zu marschiren, drängten die Schilde zusammen und hielten den Speer zum Wurfe bereit. Jetzt schlugen die Hunde an, und näher ten sich mit gesenktem Schweif und schutzflehendcr Miene. Alles schwieg. „Der Löwe kann nicht weit sehn," sagte jetzt mein Führer, „und es ist zum Erstaunen, daß er sich bei dem Anschlägen der Hunde noch nicht gezeigt hat. Ohne Zweifel ist er recht vollgefressen und faul und wird nicht zuerst angreifen." Einige Minuten gingen in der Erwartung hin, endlich sahen wir langsam einen ungeheuren Löwen herankommen. Seine Augen waren halb geschlossen, als wäre er noch schlaftrunken. Als er auf Schußweite uns nahe gekommen war, hielt er einen Augenblick an, um uns zu betrachten, da er uns aber vermuthlich zu zahlreich fand, stieß er ein dumpfes Gebrüll aus, wandte sich etwas ab und setzte seinen Weg mit derselben ernsten Würde fort.230 Eine Löwcnjagd. Derjenige von uns, welcher den Angriff beginnen sollte, rüstete sich bereits, sein Pferd in Galopp zu setzen, hatte seinen schweren sichelförmigen Säbel gezogen und deckte sich mit seinem Schilde; ich kam ihm jedoch mit einem Flintenschuß zuvor. Der Löwe zitterte und wankte, aber nur einen Augenblick; dann wandte er sich, und stieß ein furchtbares Gebrüll aus, daß alle Pferde sich bäumten. In der That weiß ich auch Nichts, das mehr Schrecken einzuflößen im Stande wäre, als dieses ent setzliche Gebrüll. Die Thiere errathen mit einem wun derbaren Instinkt, wer sie angrcift. In diesem Augen blicke war der Löwe nur uoch 50 Schritte von uns; ich sah den Glanz seines Auges auf mich gerichtet, und da ich nicht zweifelte, daß ich das auserlesene Opfer sei, so legte ich mein jetzt unnützes Gewehr ab und ergriff die Lanze einer meiner Leute, um ihn auf gut abyssinisch zu empfangen. Jetzt aber kam mir der Gallareiter zuvor, sprengte dem Löwe» entgegen und war in seiner Nähe, ehe dieser einen Sprung thun konnte. Zugleich bäumte sich das Pferd, und der Löwe, der sich auf seinen Hin tertatzen aufrichtete, zerriß ihm mit den Vordertatzen die Brust. Beide stürzten nieder, jedoch nicht schnell genug, daß nicht der Galla Zeit gehabt hätte, einen kräftigen Säbelhieb auf den Kopf des Löwen zu führen und dann sogleich abzuspringen. Der Löwe schlug seine Tatzen uoch furchtbarer in den Leib des unglücklichen Pferdes ein, aber der Reiter hieb ihm mit einem zwei ten Streich die Sehnen an einer Hinterpfote ab, was ihn zum Fall brachte. Er stieß einen furchtbaren Schmer zensschrei aus, aber ein geschickt in die Brust geworfener Speer schnitt ihm vollends den Lebensfaden ab. Das Pferd lag sterbend zu seiner Seite, der Galla aber hatteDer afrikanische Elcphant. 231 keine Wunde erhalten, und begann sogleich den Triumph- tanz, ein sehr rasches Trippeln, begleitet von einem ans der Kehle vorgestoßcnen Gesang, mit einer Mimik voll wilder Wuth. Der afrikanische Elcphant.*) Obgleich viele Reisende von dem gewaltigen Bau des afrikanischen Elephanten — elephas africanus •— gesprochen haben, ist er der allgemeinen Meinung nach kleiner als der asiatische, von dem er sich besonders durch den Kopf, die Ohren und die Hufe unterscheidet. Er hat einen runderen Kopf und eine konvexe (erhabene) Stirn, während sein asiatischer Bruder eine konkavere (mehr eingedrückte) Stirn hat. Seine Ohren sind bedeu tend länger als bei dem asiatischen, und au jedem Hinter füße hat der afrikanische Elephant nur drei Hufen, wäh rend der andere deren vier hat. Der Major Denham gibt folgende Maße eines fünfundzwanzigjährigen Elephanten an, der bei Brü, ungefähr zehn Meilen von Kauka, getödtet wurde: Länge vom Rüssel bis zum Schweife 25 Fuß 6 Zoll, „ des Rüssels 7 „ 6 „ „ der Stoßzähne . . . . 2 „ 11 „ „ der Füße 1 ,, 7 „ *) Nach dem englischen Bericht des Major Denhain (vrgt. Magazin für Literatur des Auslandes 103, 1850.)232 D«r nsrilvanische Elephant. Länge des Auges — Fuß 2 Zoll, (1 Vs Zoll Breite), „ vom Fuß bis zur Hüfte . . 9 „ 1 „ „ von der Hüfte bis zum Rücken 3 „ — „ „ des Ohres 2 „ 2 „ (2 Fuß 6 Zoll Breite). Indessen hatte der Major weit größere lebende Ele- phanten gesehen, und zwar von 16 Fuß Höhe, mit Hau zähnen von 6 Fuß Länge. Aber ebenfalls gibt es auch wieder viel kleinere Größenverhältnisse als die oben an geführten. Das in Rede stehende unglückliche Thier tvdtcte man, indem man ihm die Kniekehlen durchschnitt. Es hatte vorher eine große Menge Wunden im Bauche und im Rüssel erhalten. Während der Jagd waren ihm fünf Kugeln in die Seite gedrungen, aber sic saßen nur einige Zoll tief im Fleisch. Der zu seinem Körper führende Weg glich am andern Tag einem Markte durch die An zahl der Leute, welche sich beeilten, ein Stück vom Thier fortzutragen. Nach der Angabe des Majors Denham ist das .Fleisch des Elephanten sehr geschätzt, selbst von den Vornehmen des Landes und den Familien der Scheichs, welche es heimlich essen. Es ist wohl zähe, aber doch viel schmackhafter als das dortige Rindfleisch, das in Afrika sehr unschmackhast ist. Auf einer der Jagden bei Kauka, als der Major Denham nach Vögeln schoß, kam einer der Leute des Scheichs spornstreichs mit der Nachricht zu ihm, daß drei enorme Elephanten am Strome waideten. Bis auf einige hundert Schritte von ihnen angckommen, ließ der Major alle Personen zu Fuß und seinen auf einem Maul thier reitenden Bedienten Halt machen; hierauf sprengteDer afrikanische Elephant. 233 er, gefolgt von drei andern Jägern, gegen die kolossalen Thiere vor. Die Leute des Scheichs erhoben ein lautes Geschrei, worauf die Thiere, nachdem sie anfangs die Kavalkade anscheinend mit tiefer Verachtung betrachtet hatten, ihre breiten, bis dahin auf die Schultern herabhängenden Ohren aufrichteten und davon liefen, indem sie ein Brül len ausstießen, welches den Boden unter den Füßen der Reiter erschüttern machte. „Der eine Elephant war ungemein groß," sagt Den- ham, „es war ein Männchen von fast 16 Fuß Höhe; die beiden andern waren Weibchen. Sie entfernten sich ziemlich ruhig, während das Männchen etwas zurück blieb, um den Rückzug zu decken. Dieses umringten wir unverzüglich; Maramy, einer der Begleiter des Scheichs, schoß einen Pfeil auf daö Thier, der es genau unter dem Schwänze traf, es aber nicht stärker zu verletzen schien, als wenn wir uns den Finger mit einer Nadel stechen. Das fürchterliche Thier erhob seinen Rüssel, und, indem es ihn mit schrecklichem Grunzen schwang, warf es eine solche Menge Sand aus uns, daß ich, auf so etwas nicht gefaßt, fast davon blind wurde. Selten oder niemals greift der Elephant an, und überhaupt ist er nur in ge reiztem Zustande gefährlich. Zuweilen kehrt er sich dann gegen Roß und Reiter, und, nachdem er sie mit Staub überschüttet hat, zermalmt er sie in einem Augenblick." Von seinen Gefährten getrennt, wendete sich der Ele phant der Stelle zu, wo das Maulthier und die Leute zu Fuß geblieben waren. Diese flohen sogleich nach allen Seiten, und der Reiter des Maulthiers, welches nicht so schnell davon traben konnte, bekam einen solchen Schrecken, daß er während des ganzen Tages krank davon blieb.234 Der afrikanische Elcphant. Unterdessen rückte der Major mit seinen Begleitern dem Elephanten ganz nahe, aber wenn dieser sich zuweilen nmdrehete, hemmte sein wüthender Blick augenblicklich den raschen Sprung des Pferdes. Sein Lauf, der nur ein ziemlich schweres Traben war, reichte dennoch hin, die Pferde im Galopv zu halten. Der Major schoß zwei mal ans ihn; nur die zweite Kugel, die ihn am Ohr traf, schien ihm Schmerz zu verursachen, die erste, welche seinen Leib getroffen, machte nicht den mindesten Ein druck. Nachdem man noch einen zweiten Pfeil auf ihn abgeschossen, der von seinem dicken Küraß abprallte, ließ man ihn seinen Weg verfolgen. Bei den eigentlichen Elephantenjagden geht es hitzi ger zu. Zehn bis zwanzig Reiter erwählen aus einem Nudel eines der gewaltigen Thiere, trennen es von den übrigen, indem sie es durch ihr Geschrei erschrecken, und zwingen es, in vollem Lauf zu entfliehen. Bei der Ver folgung suchen sie ihm einen Pfeil unter dem Schweif beizubringen; eine solche Wunde macht den Elephanten wüthend. Nun trennt sich ein Reiter von der Gesell schaft, und zieht die Aufmerksamkeit des Elephanten auf sich, der ihn hitzig verfolgt, ohne sich mit den übrigen zu beschäftigen, welche ihn rücklings angreifen. Er verläßt fast niemals den ersten Gegenstand seines Zorns. End lich, mit Wunden bedeckt, von Müdigkeit entkräftet, vom Blutverlust geschwächt, haucht er seinen letzten Seufzer ans unter dem Messer des Verwegensten der Truppe, welcher dasselbe in den verwundbarsten Theilen seines Lei bes am Unterlcibe einstößt. Zu diesem Zweck gleitet der Jäger zwischen die Hinterbeine des Thieres, indem er sich so den größten Gefahren aussetzt. Kann man dieses Mittel nicht anweuden, so schneidet ihm ein Jäger dieUns Nilpferd. 235 Kniekehle entzwei, während ihn die andern von vorn an greifen; der vierfüßige Riese wird eine Beate seiner win zige» Verfolger. Man hält die afrikanischen Elephanten für wilder als die asiatischen, und bis jetzt haben cs die Afrikaner nicht verstanden, das kluge Thier zu zähmen. Aber es ist gewiß, daß die Karthager sich seiner im Kriege bedienten, so wie cs fast außer allem Zweifel ist, daß die Elephanten, welche Cäsar und Pompejus zu den römi schen Spielen schenkten, aus Afrika kamen. Die Jagd auf die afrikanischen Elephanten wird in großer Ausdehnung betrieben und liefert einen höchst gewinnreichen Handelsartikel. Das Elfenbein ist noch immer ebenso geschätzt, wie es zur Zeit der Alten war, die es zu Möbeln, Verzierungen und besonders zu jenen Bildsäulen brauchten, welche man Chrvsolophantinen (goldelfenbeinerne) nannte, wie die prachtvolle der Mi nerva im Parthenon und die des olympischen Jupiter zu Athen. Das Nilpferd. Es ist eine Streitfrage, ob cs heutzutage nur eine einzige Gattung vom Nilpferde gibt, wiewohl man meh rere fossile (versteinerte) Arten desselben kennt; sogar im Ober-Nil will man unter vielen von röthlicher Hautfarbe zwei oder drei von dunkelblauer Farbe bemerkt haben. Aber die Farbe kann sich leicht ändern, wenn das Thier236 Das Mpfcrd. auf dem Grunde des Stromes hinspazicrt und ausschaut wie das blaue Wasser selbst, oder wenn es in freier Lust erscheint. Man unterscheidet übrigens die Nilpferde des Kap, des Senegal und des Nil. Der Knochenbau des großen plumpen Thieres hat einige Aehulichkeit mit dem des Ochsen und des Schwei nes. Die Zähne sind sehr merkwürdig. Die langen ge krümmten Schneidezähne in der untern Kinnlade sammt den starken dicken Augenzähnen in der obern sind furcht bare Vertheidigungswerkzcngc, und verleihen dem geöff neten Rachen ein schreckliches Aussehen. Dieses unge heure Schneidewerk im Nachen dient dem Thier zum Zer reiben und Zermalmen der harten und zähen Pflanzen, von denen es sich nährt. Der Magen kann bei einem ausgewachsenen Nilpferde wohl vier Scheffel ausnehmen; der Darmkanal hat nicht weniger als 8 Zoll im Durch messer; die furchtbare Kinnlade dient dem Thiere zugleich als Vcrtheidignngs- und Angriffswaffe gegen das Kro kodil. Man sagt, daß, wenn es gereizt oder durch Ver wundungen wüthend gemacht wird, es vermittelst seiner Zähne kleine Fahrzeuge in den Grund bohren könne. Wir wollen dieß nicht bestätigen, sind auch nicht der festen Meinung, daß sein Verdaunngssystem niemals thicrische Nahrung gestattet; aber ohne bestimmt an die klägliche Geschichte zu glauben, welche Alexander an Aristoteles berichtete, daß seine leichten Truppen beim Durchschwim men eines Stromes von Nilpferden verzehrt worden sehen, ist es unseres Dafürhaltens sicher, daß, wenn dieses Ungeheuer in seinem hungrigen Zustande auf einige Unglückliche träfe, sein Magen wohl solche Mahlzeit, durch ein oder zwei junge Krokodile vervollständigt, ertragen könnte. —Das Nilpferd. 237 Wenn das Nilpferd nicht aufgeregt ist, sind seine schrecklichen Zähne unter den tief herabhängenden Lippen verborgen. Sein Körper ist von einer dicken Lage Fett umgeben, welche ein dickes, hartes und glänzendes Leder bedeckt, aus dem man unverwüstliche Schilde und Reit peitschen macht. Der Niesenleib, der 16 bis 17 Fuß Länge, im Umfange 15 Fuß, in der Höhe 6^/z Fuß hat, und ein Gewicht von mehr als 2000 Pfund erreicht, wird von vier kurzen stämmigen Füßen getragen, denen man es bald ansicht, daß sie für eine Bewegung ans dem Lande nicht bestimmt sind. Der dicke Wanst schleppt fast auf der Erde, und das Thier ist lieber im Wasser, als auf dem Lande. Das Weibchen, das neun Monate trächtig ist, wirft zwar auf dem Lande, aber beim gering sten Lärm stürzt es mit seinem Jungen in's Wasser. Daher ist es außerordentlich schwierig, sich des Jungen zu bemächtigen. Der berühmte Reisende Sparrmann, der im vorigen Jahrhunderte in Afrika vordrang, erzählt, daß eines Morgens, da er mit seinen Hottentotten eben in die Zelte habe zurückkehren wollen, ein weibliches Nil pferd am Rande des Stromes erschienen sei, wo Sparr mann sich befand. Im Augenblick, wo ans dem ziemlich steilen Ufer die Mutter auf ihr nachkommendes und lahm gehendes Junge wartete, gab ein Hottentotte Feuer auf sie, ohne sie jedoch zu treffen; sie verschwand sogleich im Strome. Ein anderer Hottentotte bemächtigte sich des jungen Thieres und hielt es an den Hinterbeinen solange zurück, bis seine Gefährten ihm zu Hülfe kamen. Es wurde nun gebunden und im Triumph nach den Hütten getragen, wobei es ei» Geschrei ausstieß wie ein Schwein, das geschlachtet werden soll. Obschon die Hottentotten es nicht für älter als vierzehn Tage hielten, war es doch238 Das Nilpferd. 31/2 Fuß lang und 2 Fuß hoch. Nachdem man es los gebunden hatte, hörte es auf zu schreien und begann so gar, sich an die Leute zu gewöhnen, als die Hottentotten mehrmals mit ihren Händen über seine Nase gestrichen hatten. Sparrmann zeichnete es ab, dann wurde es ge- tödtet, zerschnitten und in weniger als drei Stunden Verzehrt. Der Major Denham berichtet, daß er auf seinen Ausflügen nach Mungo und Gambarou mit seinen Be gleitern an den Usern eines von Nilpferden bewohnten Sees kampirte, in der Absicht, einige derselben zu erlegen, und wie er da erfahren habe, daß die plumpen Thiere gleich den Robben gegen musikalische Klänge nicht unem pfindlich seien. Als nämlich die Jäger bei Sonnenauf gang längs der Ufer des Sees hinzogen, folgten die Nil pferde den Trommelschlägern der verschiedenen Häupt linge auf der ganzen Länge des Wassers, und näherten sich zuweilen so sehr, daß das aus ihrem Maul gespritzte Wasser die am Ufer befindlichen Personen erreichte. Der Major Denham zählte einmal fünfzehn, die aus der Ober fläche des Sees bemerkbar waren; sein Diener schoß auf eines und traf es am Kopfe, worauf es im See unter tauchend ein so starkes Brüllen ausstieß, daß alle übrigen augenblicklich verschwanden. Das Fleisch des Flußpferdes wird von den Reisenden als sehr schmackhaft bezeichnet, und die Leute nennen es gern den „Seeochsen", der auf dem Boden der Gewässer weidet. Die unmittelbar unter der Haut liegende Fett schichte wird, getrocknet und gesalzen, von den Fein schmeckern des Kaplandes sehr geschätzt. Die Zähne werden gern benützt zur Anfertigung menschlicher Gebisse. Auch die Alten benutzten dieses Elfenbein, und PausaniasDie Kolonie Port Mual. 239 berichtet, daß man das Bild der Cybele aus Zähnen vom Nilpferde verfertigt habe. Die Bebauer der an einem von Nilpferden bewohn ten Strome liegenden Felder haben aber zu allen Zeiten sich bitter über die Verheerungen und Verluste beklagt, welche diese kolossalen Vielfraße ihnen verursachten. Das Alterthnm hat oft das Nilpferd zum Bilde des Typhon, des zerstörenden Gottes, genommen, und diese Bilder angebetet, wie manche Völker den Teufel anbeten, weil sie sich vor ihm fürchten. Heutzutage führen Eingeborne und Kolonisten einen erbitterten Krieg gegen sie; wo sie sich zeigen, warten ihrer Schlingen, Fallen und knallende Karabiner. Sechster Abschnitt. Scenen aus der Kolonie Port Natal in Südafrika. *) Peter Retief, ein angesehener Pflanzer der Kap- kolonie, war mit einer Schaar anderer Bauern ausge wandert, und hatte sich um Port Natal, wo seit 1828 einzelne Weiße lebten, niedergelassen. Die Auswanderer wünschten, mit den Eingebornen in Frieden zu bleiben, und beschlossen daher, an Dingaan, den König, der *) Ausland 1842. Nro. 97 ff.240 Die Kolonie Zula-Kaffern, der auf den Küstenstrich von Port Natal Anspruch machte, eine Gesandtschaft abzusenden, um durch Kauf und Vertrag einen Grundbesitz zu erlangen. Das Volk der Zulas ist im Allgemeinen nicht grau sam, obgleich sehr kriegerisch; allein unter dem Regiment seiner grausamen Häuptlinge, namentlich des Dingaan, ist es gegen Blutvergießen abgestumpft worden, und die Menschen legen aus ein Menschenleben um so weniger Werth, je mehr ihr eigenes Leben von dem Despoten ans reiner Laune geopfert wird. Wegen des kleinsten Vorwandcs verurtheilte Dingaan oft Hunderte seiner eigenen Leute zum Tode. Was durch die Auswanderer über den Blutdurst Dingaans bekannt geworden, ist kei neswegs übertrieben. Manches ist so abscheulich, daß es gar nicht erzählt werden kann, denn es empört alles menschliche Gefühl. Doch einige Züge mögen hier stehen. Dingaan besaß eine unbegrenzte Anzahl von Weibern. Jährlich versorgten ihn die Anführer seiner Regimenter mit den hübschesten der Mädchen, die sie nur in ihrem Bezirk auftreiben konnten. Aus dieser Menge traf der Häuptling eine Auswahl, und entließ dann eine Anzahl seiner älteren Weiber, die ihm zu häßlich geworden waren. Ungeachtet seines sonst grenzenlosen Mißtrauens gestattete Dingaan den Weibern zu wohnen wo und wie sie woll ten; es fiel ihm nie ein, sie der bessern Aufsicht wegen in einer Art von Serail zu vereinigen, dagegen sprach er aber über jede das Todesurtheil mit unerbittlicher Strenge aus, die im Geringsten seine Befehle übertrat. Aus Furcht Vor dereinstiger Entthronung hatte Dingaan uicht nur alle ermordet, die eine entfernte Anwartschaft auf die Nachfolge haben konnten, sondern auch verordnet, jedes seiner eigenen Kinder sogleich nach der Geburt zuPart Natal. 241 tobten. Eine der Weiber hatte Dingaans Mutter, die mit ihr in derselben Hütte wohnte, überredet, ihrem Säugling das Leben zu schenken und zur Verbergung desselben behülslich zu sehn. Wahrscheinlich war der Vorgang dem Häuptling verrathen worden, der, plötzlich eintretend, seine alte Mutter mit dem Kinde beschäftigt überraschte, sie znm Gestäuduiß brachte, und auf der Stelle mit einem zugespitzten Stabe erstach, sich ent fernte, das Kind und die Mutter desselben mit Keulen todtschlagen und die Körper den wilden Thieren zur Beute vorwerfen ließ. — Mit welcher schrecklichen Launen haftigkeit er Menschen opfern konnte, bewies er bei zwei andern Gelegenheiten. Es fiel ihm ein, drei lebendige Krokodile besitzen zu wollen, und dem Befehle, sie einzu fangen, mußte sogleich Folge geleistet werden. Eine Menge Männer kamen bei dieser Jagd im Flusse um, und eine außerordentliche Zahl mußte sich schwer ver wundet entfernen, ehe es gelang, der Ungeheuer habhaft zu werden und sie vor Dingaan zu schleppen, der sie kaum eines Blickes würdigte, kaltblütig für sehr häßliche Thiere erklärte und ans der Stelle laufen zu lassen be fahl. Der Wunsch Dingaans, einmal Elephanteu in ihrer natürlichen Wildheit zu sehen, kostete vielen Zulas das Leben, denn um ihm zu genügen, war es nöthig, jene furchtbaren Geschöpfe im Dickicht auszusuchen und bis vor den geschützten Kraal zu treiben, in welchem der jeder Bewegung abgeneigte Häuptling seiner Ruhe pflegte. Mit diesem entsetzlichen Menschen, der mit Grausam keit noch Hinterlist verband, kein gegebenes Wort für bindend erachtete, und als erfahrener Anführer und un umschränktes Oberhaupt eines kriegsgewohnten Volkes keineswegs als ein verächtlicher Feind angesehen werden Grube. Bilder und Scene». Afrika. (2. 31.) Iß242 Dic Loloiiic konnte, hatten die Auswanderer zu unterhandeln. Ab geneigt gegen einen Krieg, der, wenn auch mit großen Siegen endend, jedenfalls vielen Weißen das Leben kosten mußte, und die feste Gründung einer Niederlassung auf einige Jahre verhindern konnte, suchten die Emigranten auf jedem Wege sich die Gunst Dingaans zu erwerben, und ließen sich sogar herab, ihm als Bundesgenossen zu dienen. Unter Nctiefs Anführung zogen sechzig Bauern in Begleitung von vierzig Hottentotten, alle wohlbewaff net, gegen einen Häuptling aus, der sich gegen Dingaan erhoben hatte. Sie besiegten ihn, nahmen ihm 7000 Stück Rindvieh ab, und näherten sich mit dieser Beute dem Häuptling der Zula. Dingaan nahm dieses ansehn liche Geschenk mit Freude an und erklärte sich den Weißen geneigt, ja er ging endlich so weit, ihnen die Heerde zu rückzugeben, und ein weit größeres Landstück zu bewilli gen, als anfänglich verlangt worden war. Solche Be reitwilligkeit machte die Bauern völlig sicher, sie gingen in dem Kraal Dingaans unbewaffnet herum, und glaub ten mehr als nöthig gethau zu haben, indem sie ihre Gewehre außerhalb des Dorfes zusammeusctztcn und die Hottentotten als Wachen zurückließen. Wood bemerkte an Dingaans ganzem Wesen, daß irgend ein schlimmer Plan ihn eben beschäftigen müsse, und warnte die Bauern, die jedoch dergleichen Besorgniß für ganz ungegründet hielten. Am dritten Morgen rief Dingaan zwei seiner besten Regimenter zusammen, ließ sie einen Kreis schließen und sendete nach Reties, angeblich um von ihm Abschied zu nehmen. Reties erschien und mit ihm die übrigen Bauern und sogar die Hottentotten, so daß die Gewehre ohne alle Wache blieben. Mit vieler Freundlichkeit trug Dingaan den in denPott Natal. 243 Krcis getretenen Unglücklichen auf, den in Natal geblie benen Bauern seinen nahen Besuch zu verkünden, erneuerte das Versprechen der Landabtretung, und lud sie ein sich hinzusetzen, um mit ihm einen Abschicdsbechcr zu leeren. Die Truppen erhielten Befehl, durch einen großen Kriegs tanz die Bauern zu unterhalten, aber noch hatte diese lebhafte Scene keine Viertelstunde gedauert, als auf den plötzlichen Ruf Dingaans: „ergreift sie," Hunderte auf die Verrathenen stürzten, denen nicht Zeit blieb sich auf- znrichten. An jedem der Bauern hingen so viele Zulas, als Raum finden konnten. Sie schleiften die Gefangenen an de» Füßen ans der Nähe Dingaans, der, wie gewöhn lich im Armstuhl sitzend, nicht aufhörte zu brüllen: „Blala raa tagate,“ „erschlagt die Hexenmeister," und dann be fahl, ans „dem König der Bauern" Herz und Leber zu reißen, und diese auf den Weg der Auswanderer zur Warnung aller hinzulegen. Man schleppte die Unglück lichen ans den Hügel Kloma Amaboota, den immerdar blutigen Nichtplatz des schrecklichen Dingaan, und tödtete sic durch Schläge aus den Kopf mit Knotenstöcken. Retief wurde fcstgehalten und gezwungen, hundert seiner Be gleiter ermorden zu sehen, und empfing von allen zuletzt den Todesstreich. Zwei Stunden später ließ Dingaan eiligst eine starke Streifpartie ausrücken, um das mehrere Meilen entfernte Lager zu überfallen, in welchem sich die ans Vorsicht zurückgelassenen Familien der Ermordeten befanden. Der Angriff war so unerwartet und wurde mit so viel Uebcreinstimmnng ausgeführt, daß die über raschte Bedeckung der Wagenburg viele Leute verlor und die Ermordung einer großen Zahl von Weiber» und Kin dern nicht verhindern konnte. Indessen sammelte sie sich nach und nach, und erschoß nicht allein eine sehr große 16 '244 Dir Kolonie Anzahl der Zulas, sondern zwang die übrigen zum eilig sten Rückzüge. Den Auswanderern kostete dieser Ucber- fall 40 Männer, 56 Frauen, 185 Kinder und 250 Farbige beider Geschlechter, die sich dem Zuge als Vieh treiber und Diener angeschlossen hatten. Diese grausenhasten Ereignisse vermochten jedoch die Auswanderer nicht abzuschreckcn, vielmehr erregten sie glühenden Durst nach Rache. Von allen Seiten kamen Verstärkungen an, und Dingaan wäre schon damals ver loren gewesen, hätten nicht allerlei Rangstreite zwischen den Führern der verschiedenen Gesellschaften eine voll ständige Vereinigung der Streitmacht oder doch überein stimmendes Handeln verhindert. Ein junger, tapferer und gebildeter Emigrant, Piet Uys, wurde endlich vom Volke zum Commandanten erwählt, und zog von Natal an der Spitze von 347 Bauern am 5. April 1838 aus, um Dingaan in seinem Lande aufzusuchen. Man traf nach wenigen Tagemärschen ans eine Macht von 6 bis 7000 Zulas, griff sie jedoch muthig an, und hätte nicht ein Unterkommandant, der früher sich mit Uys um den Oberbefehl gestritten, verräthcrisch seinen Hansen in Un tätigkeit gehalten, statt zur rechten Zeit Succurs zu bringen, so würden die Zulas, welche 800 Mann auf dem Schlachtfelde ließen, vollkommen geschlagen worden seyn. Zum allgemeinen Bedauern aller Emigranten ver lor der wackere Uys in diesem Gefecht sein Leben, und mit ihm blieben noch nenn andere, als sehr tapfere Män ner bekannte Bauern. Dem kleinen Heer gelang cs, ohne Schaden sich zurückzuziehen, denn die Feinde hatten zu sehr gelitten, um zur Verfolgung große Lust zu haben. Zu jener Zeit lagerte die Masse der Auswanderer am Tugala- und Buschmannflusse, in Parteien von 50 bisPort tHrttm. 245 100 Wagen getheilt, und hatten stellenweise begonnen, den Boden urbar zu machen. Im Ganzen zählte man in jenen Lagern, die so vertheilt waren, daß überall Ver bindung herrschte und gegenseitige Hülsslcistung geschehen konnte, 640 waffenfähige Männer, gegen 3200 Weiber und Kinder und Farbige, 1000 Wagen, 3000 Pferde, 40,000 Stück Rindvieh und 300,000 Schafe, mit Einem Wort, der Anfang einer tüchtigen Kolonie schien gelegt, und um diese in kurzer Zeit in blühenden Zustand zu ver setzen, war nichts weiter nöthig, als den unversöhnlichen Dingaan unschädlich zu machen. Man kannte indessen die Gefährlichkeit eines unvorbereiteten Kricgszuges gegen einen über viele Tausende verfügenden Feind, und be schloß daher, nur mit großer Vorsicht zu Werke zu gehen. Eine beträchtliche Anzahl neuer Auswanderer schloß sich an, und täglich mehrte sich die Zahl von kriegsgcübten tüchtigen Männern, die alle sich das Wort gaben, den Mord des Retief und seiner Gefährten und das Hin- schlachten so vieler hülslosen Weiber und Kinder auf das blutigste zu rächen. Unter Vorbereitungen aller Art ver gingen an sechs Monate, und selbst die Zulas unter brachen diese scheinbare Ruhe selten, und dann nie durch größere Angriffe. Unter Anführung eines neuen Com- mandanten, Prctorius, verließen 460 Mann am 2. Dez. 1838 das Lager, zwar eine kleine, aber eine wohlbewaff- uete und entschlossene Schaar, die zum erstenmal zwei Kanonen mit sich führte. Am 16. Dezember traf sie auf die Znlas, die in so erstaunlichen Mengen im Halbkreise über die Berge herbeizogcn, daß es gcrathen schien, eine Art von befestigtem Lager aus Wagen und abgehauenen Bäumen gegen sic zu errichten und nur vertheidigungs- weise zu verfahren. Der Commandant Pretorius gesteht246 Die Kolonie in einem in den Cap-Zeitungen abgedruckten Briefe, daß der Anblick dieser, zwar in Ordnung, aber unter dem lautesten Gebrüll herbeizieheuden Tausende blutdürstiger Wilden selbst auf die am meisten kriegsgewohnten seiner Leute erschütternd und grauenerregend gewirkt habe. Es war ein Sonntag Morgen, und während der Feind sei nen ungeheuren Kreis immer dichter mit neuen Schlacht haufen füllte, sangen die Bauern ein geistliches Lied.. Der erste Angriff der Zulas erfolgte endlich und wurde mit Mühe abgeschlagen, allein die Feinde kehrten stets nach wenigen Augenblicken zum neuen Sturme wieder. Nur das Feuer der Artillerie und der niemals fehlenden Scharfschützen brachte endlich Verwirrung unter die ge drängten Hansen, die manchen Reitcrangriff ausgehaltcn hatten. Prctorius benutzte den Augenblick, machte einen Ausfall und sprengte die Zulas auseinander. Furchtbar war das Blutbad, denn in dieser nur zwei Stunden dauernden Schlacht und während der kurzen, aber mit leidslosen Verfolgung der Fliehenden fielen, laut sorgfäl tiger Zählung der Leichen, 3200 Zulas. Wie groß die Zahl der Verwundeten gewesen, ist nie bekannt worden; die Bauern hatten hingegen keinen Tobten, sondern nur drei leicht Verwundete, zu welchen der Commaudant ge hörte. Nach wenig Tagen erreichte das siegreiche kleine Heer Unkunkiuglore, die Residenz oder vielmehr die Mördergrube Dingaaus. Das Dorf von mehr als tau send Hütten war aus Befehl des entflohenen Wütherichs angezündet worden, der seine Vorräthe an Waffen, Silber und was ihm eine frühere Plünderung von Port Natal und die Ermordung der Emigranten eingetragen, vergra ben und verborgen hatte. Das Meiste wurde entdeckt, lind brachte in öffentlicher Versteigerung 6000 Riks-Port Natal. 247 dollars; über 5000 Stück erbeutetes Vieh vertheilte man unter die durch die Ueberfälle ruiuirten Bauern, und end lich schloß eine religiöse Feier die Bestattung der gebleich ten Gebeine Reticfs und seiner Begleiter, auf würdige Weise ein Unternehmen, welches, mit Heldenmuth durch- gesührt, die junge Kolonie vom Untergänge rettete. Ei nige unbedeutende Gefechte der nächsten Wochen brachten die Zulas zu der Ueberzeugung, daß sie die Bauern schwerlich je vertreiben würden, und unter Vermittlung eines Kapitän Jarvis, welcher eine inzwischen in Port Natal augekommene englische Garnison kommaudirte, schloß am 26. März 1839 Dingaan mit seinen Gegnern Frieden. Er versprach, die Ansiedler ferner nicht zu stören, trat ihnen alles vom Tugala nach Westen ge legene Land ab, und machte sich verbindlich, nicht nur alle den Bauern früher abgenommenen Heerdcn zurück- zugeben, sondern auch eine Kriegskontribution zu erlegen, welche in Elephantenzähnen bestehen sollte. Erfahrung hatte gelehrt, wie wenig jenem Unge heuer und dem von ihm beherrschten Volke zu trauen sei, und daher errichteten die Kolonisten eine Art von bewaffneter Polizei an dem Gränzflusse, um zeitig von verdächtigen Bewegungen ihres Erbfeindes Nachricht zu erhalten. Bald zeigte es sich, wie nothwendig solche Vorsicht sei, und wie sehr mau stets dem Grundsätze anhängen müsse, daß Wilde nur durch Eigennutz geleitet werden, Frieden nur daun halten, wenn Krieg keinen Vortheil verspricht, und durch Furcht allein zu zügeln sind. Dingaan bereitete sich im Geheimen vor, über die ausblühende Niederlassung mit solcher Macht und Schnelligkeit herzufallen, daß cS den Bauern unmög lich werden sollte, mehreren gleichzeitig an verschiedenen248 Die Kolonie Orten erfolgenden Angriffen zu widerstehen. Um ganz sicher zu gehen und für den Fall einer Niederlage einen sichern Zufluchtsort zu besitzen, fiel er über Sapoessa, den Häuptling einer benachbarten großen Kaffcrnhvrde, in der Absicht her, entweder den ganzen Volksstamm sich zu unterwerfen und somit seine eigene Macht zu vergrößern, oder doch ihn aus seinem sehr bergigen und unzugänglichen Heimathslande zu vertreiben, um sich desselben als Stützpunkt aller künftigen Feldzüge gegen die Kolonisten bedienen zu können. Sapoessa widerstand jedoch, und mehrere Tausende fielen in diesem Kriege; allein Dingaan würde endlich doch gesiegt haben, wenn, nicht unter den Zula's selbst große Spaltungen eingc- treten wären. Panda, ein jüngerer Bruder Dingaans, entwich ans Furcht vor drohender Ermordung zu den Kolonisten, die, weit entfernt, ihn auf Treue und Glau- beir als Flüchtling aufzunehmen, eine Verrätherei befürch teten und die genancsteUntcrsuchnng anstellten. Indessen zeigte sich in diesem Fall die Bcsorgniß ungcgründct; da nach und nach die Hälfte der Zula's für Panda sich erklärte, und, des immer zunehmenden Wüthens Din gaans müde, über den Gränzflnß auswanderte, so bildete sich bald eine ansehnliche Macht, die von den Kolonisten offen unterstützt wurde, als ihr alter Feind sich weigerte, die Friedcnsbedingungen zu erfüllen und drohend sich vernehmen ließ. Es kam in den letzten Monaten 1839 wiederum zum Kriege, der jedoch von Panda allein geführt wurde. Selten trafen die Zula's mit den Kolo nisten zusammen, deren Ueberlegenheit sie endlich aner kannten, und da gradweise das ganze Volk von Dingaan abfiel, so irrte dieser endlich nur von einigen Hunderten von Kriegern begleitet herum, führte noch eine Zeit langPort Matal. 249 einen mit den furchtbarsten Grausamkeiten verbundenen Raubkrieg und wurde zuletzt ermordet. Die Kolonisten erkannten Panda als legitimen Nachfolger Dingaans, schlossen mit ihm neue und vortheilhafte Verträge, und machten ihn in manchen Hinsichten fast ganz unabhängig von den Bestimmungen und Befehlen des Volksrathes, der obersten Behörde, die sie in ihrer kleinen Republik bestellt hatten. Späterhin erkannte man, wie uothwen- dig eine solche Ueberwachung auch hinsichtlich Panda's sei, denn wenn auch nicht ein Ungethüm wie Dingaan, entwickelte er, zur Macht gelangt, nicht minder große Neigung, andere VolkSstämme zu überfallen und die Widerstand Leistenden auszurotten. An dem Volke der Joobs stillte er eine alte Rache, und würde vielleicht die Mehrzahl getödtet haben ohne Zwischentreten der mäch tig gewordenen Kolonisten, vor deren Gerichtshof Panda erscheinen und zur Wiederersetzung alles Geraubten sich anheischig machen mußte. Allerdings war die Macht der Kolonisten so rasch gestiegen, daß kein einheimischer Häuptling Neigung haben konnte, mit ihnen anzubinden. Gegen Ende des Jahres 1840 zählte man in dieser neuen Kolonie bereits 5000 wehrhafte Männer. Noch sind freilich nicht alle Gefahren überwunden; doch die Kolonisten haben sich stets tapfer gehalten. Ihre große Ueberlegenheit über die Kaffern und Zula's und ihre wunderbaren Siege gegen mehr als hundertfach zahlreichere Feindeshausen mußten Jedem unbegreiflich dünken, der nur weiß, daß die Ureinwohner von Süd afrika sehr furchtlos und kriegsgewohnt, und ihren An führern blindlings ergeben sind, der aber von der Fecht art der Ansiedler keinen Begriff hat. Die Zulcsss sind nur mit kurzen Lanzen bewehrt, durch Mannszucht und250 Die Kolonie Port Natal. körperliche Stärke daher furchtbare Feinde, sobald cs ihnen gelingt, den Gegner in Handgemenge zu ver wickeln; allein die Sitte, nur zu Fuße zu kämpfen und sich der Wurfspieße nicht zu bedienen, bringt sie beritte nen Schützen gegenüber in großen Nachtbeil. Die Kolo nisten von Natal sind der Mehrzahl nach Bauern von holländischer Abkunft, große und oft unglaublich starke Menschen, und von Jugend auf mit dem Feuergewehr vertraut durch gefährliche Jagden, wo es nicht allein erfordert wird, ein Thier zu treffen, sondern auf der Stelle zu tödtcn oder doch unschädlich zu machen. Sie verfehlen nie das Ziel, sind vortreffliche Reiter und im Besitz eines Schlages von sehr kräftigen Pferden. Den dicht gedrängten Massen der Zula's stellten sie sich in Schußweite gegenüber, unterhielten mit ihren ungewöhn lich große Kugeln schießenden Gewehren ein tödtliches Feuer, und veränderten stets ihre Stellung, sobald jene nahe an sie heranrückten. Selbst das mit vieler Kunst ausgesührte und beliebte Manoeuvre des Umzingelns hals den Zula's wenig, denn die eingeschlossenen Bauern richteten ihr Feuer mit furchtbarer Wirkung auf einen einzigen Punkt, und brachen dann, den Säbel in der Faust, im Galopp durch die dünn gewordenen Reihen. Auch im Handgemenge blieben die für ihre Familien fechtenden Bauern immer siegreich, wenn die Ueber- macht nicht zu groß war, und die Geschichte des Krie ges gegen Dingaan ist reich an Anekdoten und Schilde rungen der Kämpfe, welche Einzelne mit ganzen Haufen der robusten und völlig furchtlosen Schwarzen bestehen mußten.251 Die Stamme der Eingeborenen des Kaplandes. *) 1. Die Buschmänner. Die Baroas bilden jenen Pygmäenstamm, welchen wir unter dem Namen Buschmänner oder Bosjesmans kennen. Sie sind die ursprünglichen Besitzer des Bo dens, wurden jedoch am meisten unter allen sie umgeben den Stämmen von den Europäern als die Parias und als der Auswurf des Hottentottismus gebrandmarkt. Ihre Hand war, wie die der Nachkommen Jsmaels, stets ge gen Jedermann erhoben, und Jedermann setzte sich bis auf den heutigen Tag stets gegen sie in achtsamer Selbstver- theidigung zur Wehr. So stand cs um diesen unglück lichen und kleinen, aber bösartigen und allen seinen ver wandten Nachbarn gefährlichen Stamm schon zu der Zeit, da die Europäer zum ersten Mal anlangten, und so blieb cs in der Folge. Der holländische Bosr, der Griqna, der Betschuana, der Kaffer, Alle theilen sie dieselbe Furcht und denselben Abscheu vor diesen Zwerg horden , welche mit ihren kleinen Bogen und vergifteten Pfeilen bewaffnet, ohne Rücksicht auf Nation oder Farbe plündern und zerstören, während man sie auf der andern Seite zum Entgelt wie die Raubthiere verfolgt und zer streut. *) Nach dem Bericht des Oberst-Lieutenants Napier.252 Die Stamme der Eingeborenen des Kaplandes. Die Zeit und die Berührung mit civilisirten Völkern hat in ihrem Thun und Treiben, wie in ihren Gebräuchen, wenig Veränderung hervorgebracht, der Buschmann plün dert und zerstört, wenn sich ihm die günstige Gelegenheit darbictct, heutzutage noch eben so gern, wie ehemals. Er wohnt heute noch zwischen unzugänglichen Bergen, in rauhen Höhlen oder Felsspalten, auf der ebenen Kar- roo, in seichten Erdlöchern, die mit einem Stock ausge schaufelt und mit einer gebrechlichen Matte bedeckt wer den. Er spannt heute noch seinen kleinen Bogen mit tödtlicher Wirkung, und schießt seine vergifteten Pfeile gegen Menschen und Thiere ab. Er verschmäht jede Arbeit, und bricht statt dessen, wenn er kann, in die Heerden des Pächters ein, zerstört, unbekümmert, was ihm entgegensteht, wälzt sich mit Geiern und Schakalen unter den Leichnamen und Gerippen der Erschlagenen herum, und schläft, wenn er sich bis an die Kehle voll gestopft, in stumpfer Ohnmacht wie ein wildes Thier, bis ihn zuletzt der Hunger aufweckt, sich neue Beute zu suchen. Wenn er kein Heerdenvieh anstreibcn kann, verfolgt er in wilder Wuth die Bewohner der Wüste, thut sich ohne Unterschied an einem Löwen oder an einem Igel gütlich und begnügt sich, wenn ihm solche Lecker bissen fehlen, auch mit Wurzeln, Knollen, Heuschrecken, Ameisen oder einem in Wasser erweichten Stück Fell, legt sich auch wohl, um seinen Hunger zu übergehen, geradezu schlafen. Ob seine so mißliche, gefährliche Lebensweise auf die persönliche Erscheinung und Gestalt der Buschmänner Einfluß geübt hat, ist schwer zu sagen; indessen kann man sich keine elenderen, scheußlicher aus- sehenden Wesen denken als sie. Die durchschnittliche Höhe der Männer ist bedeutend unter 5 Fuß, die derDic Sriquas. Die Hottentotten. 253 Weiber fruitn vier. Ihre schamlose, säst gänzliche Nackt heit, ihre Freßwuth, ihre Unreinlichkcit und ihre Grau samkeit scheinen sie fast ganz und gar auf die Stufe der Thicre zu stellen, um so mehr, als die Töne ihrer Sprache dem Geschnatter der Assen ähnlicher klingen, als den Lauten menschlicher Wesen. 2. Die Griquas. Von dieser niedrigsten Menscheurace kommen wir zu den Griguas oder Bastards, eine Nace, welche sich zu immer größerer Bedeutung für das Kap erhebt, und dereinst ans die Ereignisse in Südafrika sehr wahrschein lich einen großen Einfluß ausüben wird. Dieser Stamm, dessen Name europäischen Ohren noch ziemlich fremd klingen dürfte, hat seine Sitze an den Ufern des Gariep in einer Ausdehnung von 700 engl. Meilen. Er zählt bereits 15 bis 20,000 Köpfe, von denen 5000 mit Schießgewehren bewaffnet sind. Die Griguas treiben Ackerbau und besitzen große Vichheerdcn und viele Pferde. Sie sind außerordentlich kriegerisch, und haben die Ein fälle, der wilden Horden schon mehr als ein Mal auf- gehalten, namentlich jenen gefährlichen Völkersturm im Jahre 1823, als der wilde Chaka mit seinen siegreichen Zulahs alle Stämme des innern Landes in Bewegung setzte. Ein so ritterliches Volk konnte weder von den rohen Nachbarhorden, noch den civilisirten Fremdlingen lange unterworfen bleiben. Die englische Regierung erkannte seine Unabhängigkeit an. 3. Die Hottentotten. Zwischen diesen beiden Racen steht der gemeine Hot- tcntott, der die Faulheit der einen und zugleich die254 Die Stämme der Eingeborenen des Kaplnndcs. Tapferkeit und Anstelligkeit der andern hat. Kein Ge schöpf ist geselliger, als der moderne Totty. Laßt ihn nach dem längsten und beschwerlichsten Marsch durch die dürre Karroo nur eine alte geborstene Geige oder Maul trommel, seine „Vrouw" (Frau), zwei oder drei lustige Gefährten mit einem nöthigen Vorrat!) von Branntwein oder Tabak bei sich haben: so wird er sogleich aller Mühen vergessen und, nur an der Lust des Augenblicks haftend, ein Feuer anzünden und trinken, schwatzen, singen und um die Flamme tanzen und so, ohne an die An- strenguügcn des kommenden Tages zu denken, den größten Thcil der Nacht verbringen. Wiewohl der Hvttentott die Güter des Lebens, wenn er sie zufällig in seinem Besitz hat, außerordentlich zu schätzen weiß, so ist andrer seits seine natürliche Trägheit wieder so groß, daß er sick- selten entschließen wird, mit allen Kräften darnach zu trachten. Er zieht es oft vor, nach einer langen Reise, wenn er halb verhungert ist, sich lieber den „Hunger gurt" enger zu schnallen, sich auf's Lager zu werfen und das Ringen des Magens zu verschlafen, als in einen benachbarten Pächtcrhof zu gehen, und sich von dort den Bedarf seiner Abendmahlzeit zu holen. Jener „Hunger gurt" ist ein lederner Riemen, welchen die meisten Ein geborenen des südlichen Afrika um den Leib tragen. Er wird nach und nach verengt, wenn man Hunger fühlt und keine Mittel hat, ihn augenblicklich zu stillen; und wiewohl ein Kaffer oder Hottentott, wenn es ihm ge boten wird, auf Ein Mal mehr Fleisch herabzuwürgen pflegt, als ein halbes Dutzend Europäer zusammenge nommen zu verzehren im Stande sind, so kann er doch andrerseits im Fall der Noth außerordentlich lange Zeit mit Hülfe jenes Riemens der Speise entbehren. DerDie Lasscrn oder Ämakosö. 255 Hottentott der Gegenwart scheint alle Widersprüche der menschlichen Natur in sich zu vereinigen. Sorglos, liederlich und trunken, wie er gewöhnlich ist, läßt er sich doch leicht handhaben und lenken, wenn man nur irgend seinen Charakter kennt und ihm gegenüber die nöthige mit Güte gemischte Festigkeit zeigt. Obgleich man kein allzngroßes Vertrauen in ihn setzen kann, so gibt er doch unter europäischer Disziplin und Leitung, wenn er nüch tern ist, einen guten und tapsern Soldaten ab. Dieser Stamm ■— obwohl immer schneller seinem Verfall zu eilend — hat doch in den letzten wie in den früheren Kafferkriegen die größten Gefahren und Mühen bestanden. Wie Kaffem oder Ämuckosö.*) Von den drei Völkerschaften, die zum Stamme der Bcschuanen gerechnet werden, den Amatombö, Amapondö und Ainakosö, sind die Letzteren, denen von Rechtswegen allein der sonst allen dreien gegebene Name der Kaffern zukömmt, am meisten bekannt, da sie seit beinahe fünfzig Jahren Einfälle in die östliche Provinz des Kaplaudes machen und erst in der jüngsten Zeit zur Ruhe gebracht worden sind. Ihr gegenwärtiges Gebiet reicht vom Flusse Umtata bis zum Keiskamma, und obgleich der *) Nach dem New Monthiy Magazine.256 Vic Kaffern König Kreili, dessen Residenz jenseits des Kye-Flnsses liegt, als oberster Souvcrain gilt, so theilt sich das Volk der Kaffern doch in mehrere unabhängige Stämme, deren jeder von einem erblichen Häuptling regiert wird, dem das Recht über Leben und Tod seiner Unterthanen zu steht. Die vornehmsten dieser Stämme sind die T'Sambis und Gai'kas, die jeder aus mehr, als 170,000 Seelen bestehen und mindestens 40,000 bis 50,000 Krieger zählen. Die Thronfolge ist, wie schon augedeutet, bei den Kaffern erblich; aber obwohl die Macht des Häuptlings sehr groß ist, da er auch das Amt des obersten Gesetz gebers und Richters versieht, so fragt er doch in allen wichtigen Dingen die Amaxakati, die gewählten Ver trauensmänner des Stammes, um Rath. Die wenigen Gesetze der Kaffern werden durch Tradition vom Vater auf den Sohn übertragen, und da sie weder Archive, noch irgend ein geschriebenes Dokument haben, so gründen sich die Entscheidungen ihrer Richter auf Willkühr oder Vorgänge, deren Erinnerung durch mündliche Ueberliefe- rungen lebendig erhalten wird. Die vorherrschenden Verbrechen sind: Mord, Diebstahl, Ehebruch und Zau berei. Das letztere gilt als das schwerste von allen und dient nicht selten dem Häuptling zu Erpressungen, die mit der empörendsten Rohheit ausgeführt werden. Die anderen der genannten Verbrechen werden fast nie mit dem Tode bestraft; eine verhältnißmäßige Buße an Vieh gilt selbst für vergossenes Blut als hinlängliche Sühne. Was den Glauben der Kaffern an ein höchstes Wesen oder ein zukünftiges Leben betrifft, so ist zu bezweifeln, daß sie davon einen Begriff haben. Der Missionar van der Kemp, der die Kaffern besser kannte, als irgend einoder Ämakosö. 257 Europäer vor ihm, versichert, daß er bei ihnen keine Spur von Religion, noch irgend welche Idee von dem Daseyn eines Gottes hat entdecken können. Trotzdem scheinen sic, wie die meisten wilden Völkerschaften Afrikas, 'eine Art unbestimmter Verehrung für den Mond zu hegen. Bei vollem Monde nämlich haben sic nächtliche Feste, die sic mit Tanzen und Singen feiern. Denselben Gebrauch sollen, nach Kolbe, die alten Hottentotten gehabt haben. Die heutigen Buschmänner befolgen ihn noch. Eben so erzählen Mungo-Park und Lander, daß diese Sitte bei allen schwarzen Völkerschaften an den Ufern des Niger und der Gambia geherrscht habe. Die Kaffern haben noch gewisse andere Gebräuche, die auf verschollene Tra dition religiöser Einrichtungen hindeuten und vcrmnthen lassen, daß ehemals in diesem Stamme ein bei weitem höherer Knlturgrad vorhanden war, als gegenwärtig bei ihm gefunden wird. Hierher gehört ihre strenge Zurück haltung von jeder ehelichen Verbindung mit Verwandten. Sie halten daran mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß, wenn ein Kaffer der Frau seines Bruders begegnet, diese ihm aus dem Wege geht und sich vor ihm zu verstecken sucht. Verwandten dieses und selbst eines ferneren Gra des ist es nicht gestattet, unter einem Dache zu leben, dieselbe Gesellschaft zu besuchen, ja, selbst wenn sie ein ander nahe wohnen, eine gegenseitige Verbindung zu unterhalten. Einige Schriftsteller haben ans dem Um stande, daß bei den Kaffern die Beschneidung Sitte ist, ihre jüdische oder arabische Abstammung beweisen wollen. Wenn sich aber derselbe Gebrauch auch bei einigen schwarzen Völkerschaften im Norden des Aequators findet, so spricht dies doch wohl gegen die Annahme. Mit gleichem Rechte könnte man sagen, die Kaffern stammen Grube, Bilder und Scenen. Afrika. (2. A.) 17258 Die Mffcni von den alten Parsen ab, weil sie mit diesen die Ge wohnheit theilen, ihre Todte» in die Wildniß zu tragen, um sie dort von den wilden Thiercn auffressen zu lassen. Aehnliche Schlüsse hat man aus dem Widerwillen der Kaffern gegen das Schweinefleisch ziehen wollen; aber weder in ihrer Körperbildung, noch in ihrer Sprache (und dies ist der Hauptpunkt, auf den cs bei solchen Unter suchungen ankömmt) läßt sich eine Spur von näherem Zusammenhang mit der kaukasischen Nace entdecken. Die Kaffern sind groß und wohlgestaltet; in Betreff des Körpers und der Gliedmaßen sind sie Muster von Regelmäßigkeit, aber ihr Kopf trägt zu deutlich den afri kanischen Charakter, als daß man sich je darüber täuschen könnte. Krauses, wolliges Haar, dicke Lippen, dicke, platte Nasen sind wahrhaftig keine Beweise eines asiati schen Ursprungs. Obgleich die Kaffern eine gcwißc Kenntniß des Feld baues haben, auch Brod backen und eine Art Bier brauen, so kann man sie doch als ein wesentlich nomadisches Volk betrachten, das vorzugsweise vom Ertrage seiner Herden lebt. Das Bich versieht bei ihnen die Stelle des Gel des, es ist die landgängige Münze, cs stellt sämmtlichcs kapitalisirbares Gut der Kaffern dar und ist daö Mittel bei jedem Handelsgeschäft. -— Wie bei allen wilden Völkern, ist die Frau in ihren Augen nur ein Handels artikel, den man beim Anbau dcö Landes und anderen schweren Arbeiten gebrauchen kann. Will demnach ein Kaffer eine Ehegenossin oder eine Sklavin heimführen, so braucht er sich natürlich nicht um die Neigung seiner Erwählten, sondern nur um die Habgier ihrer Eltern zu kümmern. Der Preis für die Braut ist ans eine gewisse Anzahl von Ochsen festgestellt. Er handelt um sie, alsoder Aüiakosö. 259 ob es eine Stute oder Kuh beträfe, iudem er berechnet, wie viel sie ihm durch ihre Arbeit leisten kann, und wie sie ihm einst durch eine Anzahl verkaufbarer Töchter die Kosten wieder eiubriugeu werde. Was thut nun aber ein Freier, dem es au den nöthigen Ochsen fehlt, um eine Fran zu kaufen? Er verbindet sich mit mehreren jungen Leuten, die in gleichem Falle sind oder seyn werden; sie schleichen sich über die Gränze, überfallen einige europäische Kolonisten und rauben so viel Vieh, wie sie zum Einkauf ihrer respektiven Frauen brauchen. Ich habe schon nachgewiesen, daß man den Kaffern nicht nur nicht die Gränzen ihres Gebietes enger ge zogen hat, als dieselben zur Zeit der holländischen Herr schaft waren, sondern daß sie im Gegentheil in dem öst lichen Theile des Kaplandes weiter vorgedrungen sind. Gewiß ist, daß, trotz aller entgegenstehenden Behaup tungen, die Nachbarschaft der Weißen, anstatt die Kaffern zu dezimiren und arm zu machen, wie gesagt wurde, ans ihre Vermehrung und ihren Wohlstand sehr günstig ge wirkt hat. Zum Beweise genügt folgende Thatsache: Als im Jahre 1797 Barrow zu dem Kaffernhäuptling Ga'ika gesandt wurde, begab sich derselbe, nach Barrow's Erzählung, auf einem Ochsen reitend und von fünf bis sechs seiner Leute begleitet, zur Zusammenkunft. Als dagegen vor dem letzten Kriege der Gouverneur der öst lichen Provinz des Kaplandes mit Sandilla, dem Sohne Galka's, eine Unterredung hatte, erschien derselbe in Be gleitung eines Trupps von Kriegern, unter denen mehrere tausend Reiter (wahrscheinlich auf gestohlenen Pferden), die fast alle mit Feuergewehren bewaffnet waren! Vor fünfzig Jahren ferner hatten die Kaffern weder Hammel, noch Ziegen, während sie jetzt zahllose Ziegenheerden,260 Dir Mssern meist von englischer Race, besitzen; sie müssen also un geheure Mengen von Kleinvieh aus den Koloniecn ge raubt haben. Eben so ist ihr Hornvieh zahlreicher und besser geworden, und wenn es nach alledem noch eines Beweises für die Zunahme ihres Reichthums bedürfte, so ist eS die große Preis-Erniedrigung, die in den letzten Jahren das Vieh bei ihnen erfahren hat. Narrow er zählt uns, daß zu seiner Zeit eine Frau gewöhnlich einen Ochsen oder zwei Kühe kostete; in den letzten Jahren ist der Preis einer Frau auf zehn Ochsen gestiegen. Und dabei gilt dies nur für eine Plebejerin, denn von einem Häuptling, der eine Frau von Stande ehelicht, erwartet man, daß er auö seinem Kraal die fünf- oder sechsfache Anzahl von Ochsen hergeben werde. — Da nun der absolute Werth der Tauschgegenstände, der Rinder wie der Frauen, aller Wahrscheinlichkeit nach in den fünfzig Jahren keine Aenderung erfahren haben wird, so müssen entweder die Frauen zehnmal seltener oder die Rinder zehnmal häufiger geworden seyn, als zur guten alten Zeit, von der wir oben sprachen.' Die Kaffern behandeln, wie alle Wilden, das weib liche Geschlecht mit der größten Härte und Nichtachtung. Die Frauen sind für sie, wie gesagt, eine Geräkhschaft, die sie einkausen; auch zeigen sie oft für ihre Ochsen mehr Milde und Rücksicht, als sie ihren unglücklichen Hälften angedeihen lassen. Denn während jene der Ruhe genießen und gepflegt werden, müssen diese alle möglichen Frohnden leisten. Ihre Herren und Meister aber haben keine andere Beschäftigung, als zu jagen, die Kühe zu melken, oder in Gesellschaft vor ihren Hütten zu liegen und, ihre Pfeifen rauchend, sich die Neuigkeitenoder Amakosö. 261 des Tages zu erzählen, welch letzteren Zeitvertreib die Kaffern über Alles lieben. Die Mäßigkeit, die fortwährende Bewegung im Freien, das schöne und gesunde Klima, die Jagd, statt jeder anderen Beschäftigung, all' diese Umstände und Eigen schaften wirken dahin, der Körpergestalt des Kaffern eine seltene Vollkommenheit zu verleihen. Wäre cs möglich, den Gesichtszügen des kafferschen Kriegers ihren wider wärtig grinsenden Ausdruck zu nehmen, so könnte sein Leib als das lebendige Urbild einer von jenen antiken Bronze-Statuen gelten, die zu allen Zeiten die Muster für unsere Bildhauer gewesen sind. So ein Kaffern- hänptling, mit einer Leopardenhaut über seinen braunen Gliedern, erinnert mich lebhaft an eine Statue des Hercules. Außer dem „Kr.os", einer Art Mantel auö den Fellen wilder oder zahmer Thiere, und dem „Nutschi" hat der Kaffer keine Hülle für seinen Körper. Davon legt er den erstercn im Kriege, auf der Jagd, bei der Sonnenhitze ab, während der zweite kaum den Namen einer Bedeckung verdient. Einen ganz anderen Anblick bietet die arme Gattin des Kaffern. Sie trägt in ihrer Haltung, wie in ihren Zügen, das Gepräge der erniedrigenden und harten Sklaverei, zu der sie unwiderruflich verdammt ist. Im Allgemeinen sind die kafferischen Frauen mager, klein und häßlich. Obwohl die Kaffern kein äußeres Zeichen einer Rcli- gion zur Schau tragen, so sind sie doch, wie viele andere wilde Völkerschaften, sehr abergläubisch, und zwar so weit, daß sie überzeugt sind, eö ständen selbst die Ele mente unter der Aufsicht ihrer Amaquira (Regenmacher), die bei jeder Gelegenheit und zumal, wenn eine zu laug anhaltende Trockenheit die Aerndte der Gärten und Felder262 Die Kaffem in Gefahr bringt, um Rath gefragt werden. In diesem Falle sucht man zuvörderst den Doktor durch ein ange messenes Geschenk au Vieh für die Herbeischafsung des Regens zu interessiren. Kömmt der Regen nicht, so heißt es, daß das Vieh, das man dem Wolkengeist durch seinen Mittler dargcbracht hat, zu winzig an Beschaffen heit und Menge sei. Bleiben aber trotz einer neuen Sendung Rinder die Schlenßen des Himmels verschlossen, so trifft der Vorwurf irgend einen beliebigen armen Kerl, der der Zauberei beschuldigt und ohne Erbarmen hin geopfert wird. Dieses vermeintliche Verbrechen der Zauberei besteht in Abwendung des Regens, Verur sachung von Krankheiten, nächtlichem Umgang mit den Wölfen, um sie in die Heerden zu locken, Verleitung der Affen zur Verwüstung von Feldern und Gärten, und was dergleichen alberne Dinge mehr sind. Diese Beschuldigung der Hexerei, dient bei beiden Kaffcrn zum Vorwand und zur Entschuldigung für Räu bereien und Erpressungen, die mit der ausgesuchtesten Grausamkeit ausgeübt werden. Fällt es einem Kaffern- häuptling ein, die Frau oder die Heerden eines seiner Untergebenen zu begehren, so zieht er den Doktor der Zauberei zu Räthe. Dieser würdige Mann entdeckt unter feierlichen Vorbereitungen alsbald irgend einen Fall von Krankheit in dem Stamme, den man der Hexerei znschreiben müsse, woraus der „Vater des Stammes" voll edlen Abscheus vor einem so schrecklichen Verbrechen alle seine Kaffcrn an einem festgesetzten Orte zusammen ruft. Der Doktor, der in manchen Fällen ein altes Weib ist, kömmt mit dem Volke am Sammelplätze an, prüft die Menge, und der Schuldige, den er am Ende be zeichnet, ist sicher derjenige, dessen Frau oder Rinder dieoder Äinakosö. 263 Habgier des erhabenen Fürsten erweckt haben. Sogleich ergreift man den Angeklagten und fordert ihn auf, zu erklä ren, durch welche Mittel er die angeblich im Stamme herrschende Krankheit hervorgerufen habe. Vergebens be zeugt er seine Unschuld und seine völlige Unkenntniß über den Gegenstand des Verbrechens, daö man ihm zur Last legt. Der Doktor bleibt unerbittlich und beharrt bei seiner Beschuldigung. Das arme Opfer muß die Strafe seiner Sünde leiden. Mit ausgebreiteten Händen und Füßen bindet man den Unglücklichen an Pfähle, die in die Erde cingcrammt sind. Man beginnt damit, ihm Nadeln, mit denen man die Kros näht, in's Fleisch zu stoßen. Bleibt er bei der Behauptung seiner Unschuld, so wird Honig herbeigebracht und ihm damit Gesicht und Körper geschmiert; darauf gräbt man ein Nest großer schwarzer Ameisen auf und wirst es über ihn. Nun aber ist der giftige Stich eines einzigen dieser Insekten schon eine Todesqual, welche Martern müssen erst Tau sende solcher Stiche verursachen! Mit jener unerschütter lichen und standhaften Festigkeit, welche die einzige Tugend der Kaffem ausmacht, erträgt der Dulder diese Tortur, und wenn er sich ferner weigert, sein Verbrechen zu beken nen, geht man von den „milden" Mitteln zu strengen über. Man zündet unter seinen Füßen ein Feuer an und verbrennt dieselben zu unförmlichen Stumpfen, man macht große Steine glühend, um andere Körperteile damit zu versengen, und wenn nun der Verstümmelte, dessen Marter jetzt schon Stunden gedauert hat, erschöpft, seinen Henker bittet, ihm den Gnadenstoß zu geben, so ruft man: Nein, es müsse die Gerechtigkeit ihren Lauf haben! und weiter gleiten die glühenden Steine überden Körper des Armen, bis daß sein Leben im Erlöschen ist.264 Die Lasse«, oder Ämakosä. Aber diesen letzten Funken läßt der Hexenmeister nicht verglimmen, ohne von dem Sterbenden das gewünschte Geständniß erhalten zu haben. „Liegen nicht irgend wo" -—- fragt man — „die Beweise Deiner Schuld vergraben?" —' Sie sind vorhanden; sagt endlich der Sterbende und wird znm Danke für seine Anssage von seinen letzten Leiden befreit und erdrosselt oder mit dem Knobkerrie, einer Art Keule, erschlagen. Der „Weise" führt darauf die Versammlung an einen Ort, wo er selbst vorher die Dinge vergraben hatte, die den Zauber gemacht haben sollten, als z. B. Stücke Fell, eine Handvoll Haare, Knochen u. s. w. Man lobt den Doktor um seine Wissenschaft, den Häuptling um seine Gerechtigkeit, und beide Schufte thcilcn sich in die Hinterlassenschaft des Unglücklichen, den sie meuchlerisch umgebracht haben. Die Europäer, die ihnen im Kriege in die Hände fallen, martern sie nicht selten auf schreckliche Weise, und man hat gesehen, wie die Kaffern englischen Offizieren, die sie langsam zu Tode gequält hatten, Leber und Herz ans dem Leibe rissen und bei ihren tenflichen Festen ver zehrten, in dem Glauben, daß dadurch die Kraft und Geschicklichkeit der Ermordeten auf sie übergehen werde. Ein einziger Zug genügt übrigens, die Sitten der Kaffern zu bezeichnen. Es ist dich ihr über alle Be schreibung barbarischer Gebrauch, ihre Kranken, die für unheilbar erklärt worden sind, in ein Gehölz zu tragen, wo ihrer ein lebendiges Grab, ein Schakal, ein Wolf oder ein anderes wildes Thier wartet. Nur die Häuptlinge werden in ihren Hütten bestattet.265 Inhalts-Uebersicht. Seite Afrika 5 Erster Abschnitt. Ausflüge in die Umgegend von Konstantine . ... 12 Lwcitcr Abschnitt. Die Fanti's 38 Das alte Kind 42 Der Schibutterbaum 46 Vom Lande und Volke der Ashanti's. DaS Land 49 Die Hauptstadt Kumasfi 60 Die Frauen 64 Die Adeligen 66 Von der Religion der Ashanti's 69 Tanz, Musik und Poesie 73 Dritter Abschnitt. Skizzen aus Aegypten. Der erste Morgen in Kairo 81 Ein Abenteuer in Kairo 83 Der verstohlene Moscheebesuch 85 Die Fahrt über die Nilfälle 89 Eine Wanderung zu den Pyramiden von Gizch . 93 Die Oasen Aegyptens 100 Lebensbilder aus Kordofan. Lage und Klima 103 Sitten und Gebräuche 110 17*266 Jnhalts-Ueberstcht. Seite Produkte 123 Charakter der Einwohner 135 Sklavenjagden in Kvrdofan 144 Vierter Abschnitt. Reiseschilderungen aus Hedschas und Abysstnien . . . 157 Fünfter Abschnitt. AuS vr. Knoblecher'S Entdeckungsreisen im inneren Afrika 1849 und 1850 . . 197 Ein Besuch Lei den Bary-Ncgcrn 212 Löwcnjagd bei den Azebo-Galla's 228 Der afrikanische Elephant 231 Das Nilpferd 235 Sechster Abschnitt. Szenen aus der Kolonie Port Natal in Südafrika . . 239 Die Stämme der Eingebornen des Kaplaudcs. 1. Die Buschmänner 251 2. Die Griqua's 253 3. Die Hottentotten 253 Die Kaffer« oder Amakosö 255j i ■Ji'Ä’TMBä- äÄB**** 1 1 jfl #r f ' iJk T ' L. * Ä "'^ aki^jfc ' * T rT'%■- 1 - * J-JT? 1 m*£j^ '*c * 16 w*\ * ■ jL 1 ■''SKu ^ * * ./r*> - < •**,* Ogj'f Ü I jS -. . - f J - * — H \ ' f .äjjK L Jr -*■* Ir 1 jtfkg. , ^ - '•■■ -j - ‘ ■- \ n : n* \ ■ •! ! i .1 f * / vV* W*s 1 > !! r > j af mp ' itrts- ... * • ■ ' 1^1 i, ^ 4M r F t • . 1 ä|2R’ . ■ », M. «H • }* däfiME / \ Oy' } Jfc i - . ÄQOi • i ^ ■«**■ 4 t . . ; $ I df 'MW t ' ■ «St /* ; | f ■ i 1 LÄTr dL* • ■ i f ,1T| Wr* m mp ; * jf i YTy jf T"‘ , &- k A l ; ■ H , 4' * Jf -jjL ' Jjff. -•-: W Jm.« • -qM- ■**• V v \tfijr Ä Wi 4/ J c ' "-. i ^ftgL fc-jpqi ' T»f £Vv M ^L^*£ ■ ? dS° . V»fc. r ' X hs z ttrL rw: d * ■ m**': ' f
