Europäische Zollbeamte in China und ihr Einfluss auf die Förderung unseres Aussenhandels. Von Karl Schuemacher, Revisor bei Grossh. Badischer Zolldirektion. Druck und Verlag von J. J Reiff in Karlsruhe. Europäische Zollbeamte in China und ihr Einfluss auf die Förderung unseres Aussenhandels. von Karl Scbuemacber, Revisor bei Grossherzoglich Badischer Zolldirektion. Karlsruhe. Druck und Verlag von J.J. Reiff. 1901 Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort 5 I. Chinesisches Finanzwesen 9 II. Vorgeschichte der chinesischen Zölle 18 ITT. Die chinesische Seezollverwaltung 23 IV. Das Nationalitätsprinzip im internationalen Seezollamt 38 V. Anstellung, Beförderung und Besoldung der Zollbeamten in China 51 VI. Lebensbilder chinesischer Seezolldirektoren: 1. Sir Robert Hart 58 2. Gustav Detring 71 3. Dr. Friedrich Hirth 75 VII. Episoden auS dem Leben und Wirken anderer Seezollbeamten 88 Hierzu zwei Bildnisse: 1. Sir Robert Hart 59 2. Dr. Friedrich Hirth Vorwort. Motto: Deutschlands Verkehr Vom Fels zum Meer!*) Die Ereignisse in China lenken die Aufmerksamkeit der ganzen civilisierten Welt auf sich; mit doppeltem Interesse aber sollte der Deutsche diesen Vorgängen folgen: einmal, weil unser Vaterland durch die völkerrechtswidrige Ermordung des deutschen Gesandten, durch die Entsendung einer bedeutenden Truppenmacht und durch Stellung des Oberbefehlshabers in höherem Grade engagiert ist, als die übrigen Mächte. Sodann, weil nach Wiederherstellung des Friedens auf der ganzen Linie ein neuer Kampf entbrennen wird, der Wettkanipf um die Handelsinteressen, in dem nicht der Waffenstärkste sondern der wirtschaftlich Ueberlegene nach langem Ringen Sieger bleibt. Drei Hauptaufgaben ,verden zunächst an uns her antreten : 1. Schaffung ausreichender Garantien für Nimmer wiederkehr der vorgekommenen Greuel; 2. Feststellung und Einbringung des Kriegskostenersatzes, Versorgung der Hinterbliebenen der Ermordeten und Gefallenen, Entschädigung für erlittene Unbilden und Besitzverluste; *) Aufschrift des allegorischen Wand-Gemäldes im neuen Reichspostgebäudc in Karlsruhe.6 3. Wirtschaftliche Erschließung des chinesischen Reiches, Sicherung und Erweiterung des deutschen Anteils am Chinahandel und an der Hebung chinesischer Bodenschätze. Bei Beantwortung der zweiten Frage giebt uns die Geschichte der chinesischen Seezollverwaltung einen Finger zeig, zur Beurteilung der übrigen Fragen ist neben genauer Kenntnis dieser internationalen Institution, ihres Beamten körpers und ihres Wirkungskreises eine allgemeine Vor stellung von dem chinesischen Finanzwesen sowie ein Ein blick in den Wettbewerb der europäischen oder vielmehr kaukasischen Nationen um den Anteil am Außenhandel mit China unerläßlich. Wenn ich als „Einer, der China nicht gesehen hat." mich an vorliegende Studie gewagt habe, so kann ich dies nur damit entschuldigen, daß weder ernste Chinaforscher noch unstäte Globetrotter genügend Veranlassung und Muße finden, in die hier vorzugsweise behandelten zoll politischen und zöllnerischen Einzelheiten und Eigenheiten einzudringen, denen ich immerhin soviel Bedeutung beiniesse, daß jeder Deutsche, mindestens aber jeder deutsche Finanzbeamte und Kaufmann sich dafür interessieren sollte. Nachdem ein im Vereine badischer Finanzbeamten in Karlsruhe veranstalteter Vortrag über die Finanz- und Zollverhältnisse in China mir gezeigt hatte, wie dankbar dieses wenig bekannte und doch so sehr aktuelle -rhema ausgenommen wurde, habe ich mich zur weiteren Durch arbeitung und Veröffentlichung des gesammelten Materials entschlossen, ermutigt durch die „eindringliche Mahnung", die in der vom Geheimen Ober-Regierungsrat Kaspar herausgegebeuen „Monatsschrift für deutsche Beamte" er schienen und aus Professor vr. Heinrich Herkner's „Staats sozialismus" mir bekannt geworden ist:7 „Scheuen wir uns doch nicht, uns auch um Dinge zu kümmern, die uns zunächst nichts anzugehen scheinen, die Welt ist unendlich viel größer als unsere Schreibstube, allenthalben giebt es noch Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt, und nur dadurch können wir uns vor deni Einrosten und bureaukratischer Ver trocknung schützen, wenn wir uns bemühen, allüberall mitten ini Stronie des Lebens zu stehen, das Auge ossen und das Herz warm zu erhalten für das gewaltige Werden und Gähren um uns herum!" Karlsruhe, Dezember 1900. Schuemacher.NAI. Chinesisches Finanzwesen. Um sich in der chinesischen Finanzverwaltung einiger maßen zurechtzufinden, muß man das Reich als ein „Agglomerat von einander gewissermaßen unabhängiger Provinzialregierungen" *) oder als eine Art von Bundcsreich betrachten. Die Staatseinkünfte werden nicht von kaiserlichen Regierungsbeamten, sondern — mit Ausnahme der im dritten Kapitel behandelten Seezölle durch Agenten der Provinzialregierungen eingezogen. Das Finanzministerium berechnet gegen Ende eines Jahres den mutmaßlichen Be darf des kaiserlichen Hofes und der Regierung für das folgende Jahr und verteilt die Lieferung dieser Summe unter die verschiedenen Provinzialschatzkammern. Außer dem haben die Provinzialregierungen für Deckung ihrer lokalen Bedürfnisse zu sorgen, an minder wohlhabende Provinzen Unterstützungen an Geld oder Lebensmittel abzugeben und noch einen Ueberschuß zu Geschenken an Mitglieder der kaiserlichen Familie und an höhere Würden träger aufzu bringen. Die zur Verfügung der kaiserlichen Regierung stehen den Einnahmen sind: **) *) gerb. Heigl, Die Religion und Kultur China's S. 339. **) Ebenda S. 341 u. 350.10 — 1. der Tribut-Reis, der von einigen Provinzen in natura, von andern in Geldanschlag geleistet wird; 2. die Peking-Quote, eine Reissteuer in Silber, welche von verschiedenen Provinzen sür die Pekinger Regierung erhoben wird; 3. das Peking-Extra und Summen, sür den kaiserlichen Haushalt bestimnit (das Extra wird unter ver schiedenen Namen erhoben, z. B. als Militärreserve, Militäranslagengelder, Mehrung des Civilsalairsonds, des Militärsalairfonds; sür den kaiserlichen Haushalt giebt es die Normalbewilligung, den Zusatz, die Sonder- und noch andere Sonderbewilligungen); 4. die Einnahmen der kaiserlichen Seezollverwaltnng. Die Einnahmequellen für die kaiserlichen und die provinziellen Zwecke sind:' 1. die Grundsteuer, in Silber zahlbar, 2. die Grundsteuer, in Cerealien (Tributreis) zahlbar oder in Geld umgewandelt, siehe oben, 3. Salzsteuer, 4. Li-kin auf Transitwaren, 5. Seezölle (die sog. sreniden Zölle), 6. die einheiniischen Zölle (Kaan), teils als maritime, teils als innere bekannt, 7. Zoll und Li-kin auf einheimisches Opium, 8. Verschiedenes: a) Landübertragungsgebühren, b) Licenzenauf Psandhaushalrung nnd andereLicenzen, c) Zoll aus Hornvieh u.s.w., ck) Summen, eingehend für Erteilung von Titeln und Beamtenrang, 6. Schenkungen und Strafgelder von Beamten.11 Da diese Einkünfte teils zn kaiserlichen, teilst zu Pro vinzialen und teils zu beiderseitigen Zwecken Verwendung finden,*) da ferner für gewisse Abgaben das Tsungli-Yamen, für andere das Finanzministerium, für dritte der Promnzmlgouverneur die höchste Rechnungs-Instanz darstellt, kann von einer Finauz-Kontrole in unserem Sinne keine Rede sein, ebensowenig aber auch von genauen Ertragsziffern der einen oder andern Abgabe. Theodor von Scheve, vormals erster Jnstruktionsoffizier in Tientsin, giebt unter teilweiser Zusammenfassung mehrerer der obigen Abgabearten die derzeitigen Gesamteinuahmen aus chinesischen Zöllen und Steuern folgender maßen au: **) 1. Einnahmen der Seezollverwaltung 23 Mill.Taels-s) 2. Grundsteuer etwa -----20 3. Likin 12 " 4. Salzmonopol . 10 > „ 5. An Chinesen verpachtete Zölle an Flüssen, Kanälen und Straßen . 9^ „ 6. Opiumzwischensteuer ^'I 2 " 7. Reistribut 3 „ „ 8. Stempelgebühren 2 " i zusammen rund 83,5 Mill. Taels §öegen der Seezölle tvird aus dav lullte Kapitel verwiesen, die Grundsteuer ist in beiläufig ihrer heutigen *) Aehnliche Doppelsysteme findet nian mehrfach im Orient, so z. B. in Smyrna ein türkisches und ein fränkisches Zollamt; Dr. d. Scherzer, Smyrna, 1873 S. 42. **) Deutsche Warte 1900. Nr. 314. t) 1 ~acl vor wenig Jahren noch zn 5.60 M. angenommen, ist in Folge der Silberentwertung und des Kursverlustes gesunken und schwankt heute zwischen 3.80 M. bis 3.10 M., kommt also für Vergleichszwecke unserm Thaler ziemlich nahe.12 Gestaltung durch Kaiser Jü (2205—2478 vor Chr.) ein geführt unter Zugrundelegung dreier Bonitätsstufen. Jni laufenden Jahrhundert wurde die Grundsteuer nach dem letztmals i. I. 1783 neu ausgestellten Kataster erhoben, das i. I. 1861, weil im Taipingaufstande stark beschädigt, wieder ergänzt wurde. Außer der laufenden direkten Jahressteuer werden bei Landübertragungen 3°/o vom Werte des übertragenen Gegenstandes erhoben. Ter Likin, ein Binnenzoll auf einheimische Erzeug nisse, sowie ans bereits verzollte fremdländische Waren, tauchte erstmals i. I. 1853 aus, wurde aber i» den Jahren 1860/61 zur Deckung der wegen Unterdrückung des Taiping-Ausstandes erforderlichen Ausgaben allgemein eingeführt. Trotzdem auch hierfür ein bestimmter Tarif besteht, handelt der Kaufmann oder Warenführer mit dem chinesischen Erhebungsbeamten, der sich durch ein Trinkgeld — hier Theegeld genannt — leicht erweichen läßt. Wenn verschiedene Straßenzüge zu demselben Ziele führen, unterbieten sich die Barrierenhalter gegenseitig im Likin- Ansatz, um den Verkehr an sich zu ziehen.*) **) Wenn auch im Einzelnen geringfügig, erreicht oft die Gesamtsumme der verschiedenen Likinbelastnngen die Hälfte des Werts der Waren, wodurch diese ohnehin un berechenbare Abgabe von den ausländischen Händlern als schwerer Mißstand und ein Hemmnis freieren Handels verkehrs empfunden wird. Ein drastisches Bild dieser Verkehrsbelästigung durch endlose Wiederverzollungen ent wirft v. Hesse-Wartegg:***) „Wenn nur nicht das offi- *) gerb. Heigl, Die Religion und Kultur Chinas S. 350. **) Bergt, die Frachtsatz-Unterbietung im Konkurrenzkampf zwischen der preußischen und hessischen oder zwischen der reichsländischen und der badischen Hauptbahn! ***) Bon Hefse-Wartegg, Korea 1894, S. 18.13 zielle Raubgesindel vorhanden Ware, welches im Besitze der Beamtenposten das Volk in unerhörter Weise bedruckt Rings um Fusan (Hafenstadt an der Sudkuste von Korea) zieht sich in einem Umkreis von etwa zwölf Kilometer Radius ein Kordon von Taxstationen, wo alle aus und riach Fusan passierenden Waren verzollt werden musien. Jenseits der Bergkette fließt der wasserreiche Nak-Tong, der Hauptflnß der Provinz, mit sehr lebhaftem Schiffs- und Frachtenverkehr. Dort sind allein innerhalb an« Strecke von etwa 30 Kilonietern vier veychiedene Zoll stationen, an deren jeder Abgaben bezahlt werden muffen. Im Ganzen besitzt die Provinz 17 derartiger gesetzücher Raublöcher, in denen alle inländischen Waren e,nen Wert zoll von 1°/°, alle ausländischen einen solchen von /> /o zu zahlen haben." Da« Salzmonopol, erstmals emgefnhrt i.I. 645 vor Chr>) ist nach den Zölleii und der Grundsteuer dm wichtigste Einnahmequelle der Regierung. ®te Salzabgabe beläuft sich auf nahezu 100 °,o voni Werte, daher der ^a z- schmuggel ebenso ausgebreitet als lohnend ist. ) Die Stempelgebühren treffen Haupt,achlich drc Liegenschaftsverkäufe und die Leihhauskonzessionen. Doch steht gerade auf diesen beiden Gebieten die Abgabedesrandation in hoher Blüte, weil mangels einer unserer Grundbuchführung gleichenden Institution viele Eigentumsübergänge der Stempelersparnis wegen verheinilicht werden, während die Leihhäuser meist in Händen der obersten Beaniten sind, an die sich ein unterer Steuerbeamter mit einer Stempelforderung oder gar Mahnung rnid Betreibung iiicht heranwagt. Andernfalls müßte die Lizenzgebühr fur Leihhäuser, die bis zu 200 Taels (über 600 Mark) iui ft-erd Heigl, Die Religion und Kultur China's, S. 348. ».) Concheron-Aamot, Durch das Land der Chinesen, S. 104.14 einzelnen Fall beträgt, weit höhere Einnahinen abwerfen, wenn Leute wie Li-Hung-Tschang allein gegen 60 solcher Pfandhäuser besitzen. Die übrigen Abgabe-Arten sind aus ihrer technischen Benennung wie „Reistribnt für den kaiserlichen Hof" ohne weiteres verständlich und bedürfen keiner Erläuterung. Nach der weiter oben gegebenen Zusammenstellung beträgt die Gesamteinnahme aus Abgaben aller Art 83,5 Millionen Taels oder rund 275 Millionen Mark, während andere die Totalsumme bis zu 380 Mllionen Mark schätzen.*) Bei einer Bevölkerung von etwa 450 Millionen ergiebt sich hieraus die geradezu lächerliche Abgabe von 60—80 Pfennig pro Kopf, die Millionäre mit inbegriffen, wobei allerdings zu bedenken ist, daß obige Ziffern nicht die von den Steuerpflichtigen bezahlten oder heransgepreßten, sondern lediglich die an die Hauptkasse abgelieserten Summen darstellen. Jmnierhin muß auch einschließlich dieser „Selbstverköstigung" der chinesischen Beamten ans Konto der Steuerzahler dieser niedrige Umlagefuß als ein Beweis dafür betrachtet werden, daß bei rationellerer Finanzpolitik und gewissenhafterer Verwaltung das an Flächengehalt, Bevölkerung und Bodenschätzen unermeßlich reiche Land auch diesmal die Kriegskosten ebenso leicht aufbringen'kann, als in früheren Fällen. Die englisch-französische Kriegsschuld (1861) hat sich auf rund 120 Millionen Gulden, die japanische (1894) aus 660 Millionen Mark berechnet, während Deutschland allein bis zum 31. März 1901 (d. i. Rechnungsjahr 1900) schon 153 Millionen Mark liquidiert,**) worunter nur die Kosten der China-Expedition, nicht die Entschädigungen für Ein bußen an Leben, Leib und Gut inbegriffen sind. Für das *) s. Scobel, Geograph. Handbuch zu Andrees Atlas. **) Dritter Nachtrag zum Reichshaushaltsetat 1900.15 -Reichsrechnungsjahr 1901 (d. h. vom 1. April 1901 ab) wird weitere Vorlage gemacht werden, „sobald sich die Verhält nisse genügend überblicken lassen." Die an die beteiligten Großmächte Zu zahlende Gesamtentschädigung läßt mangels jeglicher Voraussicht der Zeitdauer und Raumausdehnung des Kriegszuges sich auch nicht annäbernd berechnen, wird aber bis einschließlich Ende dieses Jahres schon auf etwa 1200 Millionen Mark geschätzt. Der in Geld abzutragende Teil der Kriegskosten entschädigung würde im Falle der Abtretung von „^znkei essensphärcn" nebst zugehörigem Hasengebiet und Hinterland sich wesentlich verringern, auch ließe sich vielleicht das Zugeständnis der Freigabe sämtlicher Seehäfen, Binnen flüsse und schiffbaren Kanäle*) für den Frenidenhandel, sowie die Erlaubnis zur Niederlassung von Europäern an Handelsplätzen im Innern des Reiches in Geldeswert umsetzen und aus die Kviegskosken anrechnen. Aus alle x^älle aber bleibt noch eine ansehnliche Summe in Bargeld oder ©qS cfjiuefodje Kanalnetz üßertrifft das altci andern Länder und wurde schon im 7. Jahrhundert in Angriff genommen. Ein Wunderwerk ist der i. I. 1282 n. Chr. begonnene Kaiserkanal, der 1100 Kilometer lang und 80-300 Meter breit durch 8 Breite grade hinzieht und hauptsächlich zum Transport des Tributreises ^ diente. Die inneren Wasserstraßen sind z. Zt. dem Fremdhandcl vcrschloffen und könnten nur dann mit Erfolg benützt werden, wenn mit deren Freigabe auch dem europäischen Kaufmann die Nieder lassung an solchen Verkehrswegen als Händler oder Spediteur zu gelassen würde. Neue Ein- und Ausfuhr-Artikel würden sich finden und der Wert der chinesischer Exportwaren dadurch erhöht werden, daß sie - wie namentlich Seide, Wolle, Häute, Pelzwaren und Papier — im Lande selbst sortiert werden könnten. So aber geht selbst der englische Handel nur bis an die Grenzen des Reiches, die große Mehrheit der Chinesen kennt weder den Europäer noch die europäischen Erzeugnisse. (Vgl. M. v. Brandt, China, ©. 61 und Ferd. Heigl, Chinesische Religion und Kultur, S. 343.)16 mit Hilfe von Anleihen aufzubringen, schon der heilsam warnenden Wirkung wegen. Sollen zur Abtragung dieses Teiles der Kriegsschuld die lausenden Einnahmen des chinesichen Reiches beigezogen werden, so stehen zu diesem Zwecke, wie im Abschnitt „Seezollverwaltung" ausgeführt, zwei Mittel zu Gebote, entweder Erhöhung der bereits unter europäischer Ver waltung stehenden Seezölle oder Auslieferung anderer Abgabezweige (Likin, Opiumsteuer, Salz monopol) an die internationale Verwaltung. Ein dritter Vorschlag geht von dem italienischen Konsul aus: „China unterwirft sich einer von den Mächten als Garantie für die Bezahlung der Entschädigung nötig erachteten Finanzkontrolle, die in einem internationalen Kontrolamte, ähnlich der äpyptischen Staatsschnldkasse oder der Ver waltung der ottomanischen Staatsschuld, bestehen soll." Schließlich verdienen noch einige beherzigenswerte Winke Erwähnung, die der vormalige erste Instruktionsoffizier in Tientsin, Theodor von Scheve, der Kriegsschulden regelungskommission zur Verfügung stellt:*) „Die Kriegsschuld China's muß allen Provinzen anteilweise auserlegt werden, auch dürfte es sich empfehlen, diejenigen Provinzen, in welchen Fremde oder chinesische Christen ermordet worden sind, stärker zur Steuer heranzuziehen und ihnen für jede einzelne Person ein hohes Strafgeld aufzuerlegen; Kriegssteuer und Strafgeld dürfen natürlich nur den Chinesen selbst zur Last fallen." Ferner hat Herr von Scheve für den Bedarfsfall drei neue Steuerprojekte in Bereitschaft: eine chinesische Gewerbesteuer, eine Tabakbesteuerung oder Einführung des Tabakmonopols und eine Besteuerung des „Tiu" oder Reisweines. Wenn auch an der zahlenmäßig *) Deutsche Warte, 1900 Nr. 314: Die Aufbringung der Kriegs schuld Chinas.17 begründeten Rentabität dieser Reformpläne nichtzu zweifeln ist, erscheint doch die Einführung neuer Steuern in dem konservativsten aller Länder von vornherein als ein weit gewagteres und aufreizenderes Experiment, als die Er höhung bereits bestehender Abgaben unter Bei behaltung einer bewährten Verwaltung oder aber die Forterhebung längst eingelebter Landessteuern durch eine straffer funktionierende Behörde. Immerhin gebührt dem Verfasser fraglicher Abhandlung das Verdienst, entgegen vielfachen engherzigen Anschauungen dargethan zu haben, daß China unter allen Umständen in der Lage ist, seine Kriegsschuld zu zahlen und daß die Großmächte schon mit Rücksicht auf die Wirkungen der Abschreckungstheorie darauf bestehen müssen, daß Regierung und Volk die Konsequenzen ihres völkerrechtswidrigen Verhaltens kennen und fühlen lernen.II. Vorgeschichte der chinesischen Zölle. Während die in China noch heute bestehende einzige direkte Steuer, die Grundsteuer in ihrer jetzigen Gestalt mit Abstufung nach drei Bonitätsklassen sich aus das Jahr 2201 vor Chr. (Kaiser Dü) zurücksühren läßt — der sprechendste Beweis für die frühzeitige Kultur*) wie die konservative Zähigkeit der Chinesen — und das Salzmonopol in annähernd heutiger Form iin Jahr 645 vor Chr. durch den Premierminister Kuan-Tschung eingeführt wurde, sind uns über Zolleinrichtungen weit spätere Daten bekannt gewordnn. Die älteste uns überlieferte Nachricht auf diesem Gebiete entstammt der Regierunszeit des thatkräftigen Kaisers Yang-ti (605—616), der in Kantschaufu, im nordwestlichen Zipfel des jetzigen Kansu ein besonderes Zollhaus für den Verkehr mit denl Westen einrichten ließ.**) Weiter zurück mag vielleicht die Bezeichnung eines Thores in der Großen Mauer als „Kia-pü-kwan", d. h. „die Zoll- *) Andere Zeugen der uralten Kultur China's sind die Volks zählungen, deren älteste sich im Jahr 2238 vor Chr. Nachweisen läßt, während seit 1200 vor Chr. schon Volkszählungen in regelmäßigen Zwischenräumen vorgenommeu wurden (vergl. £). Waßmer, „die Volkszählung" in der „Zeitschrift der Vereine badischer und württembergischer Fiuanzbeamten," 1900 Nr. 13 **) M. v. Brandt, China und seineHandelsbeziehungen, 1899 S. 3.2 * 19 Karriere des M-Steines" reichen, weil durch dieses Thor der kostbare Dü, eine Art Nephrit, von Khotan nach China eingeführt wurde.*) Doch läßt sich eine Zeitangabe be züglich der Errichtung dieser Zollschranke nicht auffinden. Der obengenannte Kaiser Jang-Ti, der größte Herrscher der Sui-Dynastie, sandte zur Verstärkung seines Einflusses in Zentralasien im Jahre 607 einen höheren Beamten Namens Pei-kiu als Oberaufseher der Zölle und des Handels nach Tschang-ye und beauftragte diesen, von allen ankommenden Fremden Nachrichten über die Gesetze und Sitten ihrer Heimatländer, die Besckaffenheit der letzteren, den Zug der Berge, den Lauf der Flüsse und die Mittel der Konimunikation einzuziehen. Pei-kiu ver faßte als Ergebnis seiner Erkundigungen ein großes Werk in drei Bänden mit Beschreibung von 44 Reichen und ebensovielen erläuternden Karten, ein Werk, das leider verloren gegangen ist.**) Ueber den regen Handelsverkehr in China im siebten und achten Jahrhundert erhalten wir Auskunft durch die Nachricht, daß um das Jahr 700 in Kanton ein Markt für die Fremden eröffnet und ein kaiserlicher Kommissar zum Empfang der Eingangszölle eingesetzt wurde. Im Jahre 795 aber, — so wird in den chinesischen Annalen berichtet***), verließen sämtliche Fremde (meist Araber und Perser) die Stadt Kanton und gingen nach Cochinchina, wahrscheinlich weil die Zölle zu hoch waren und der Handel nicht hinreichenden Gewinn brachte. Von da ab fehlen in der allgemein zugänglichen Lite ratur jegliche Nachrichten über zöllnerische Vorgänge bis *) Ferd. Frhr. v. Richthofen, China, Band I S. 36. **) Frhr. v. Richthofen, China, Band I S. 529. ***) Ebenda Band I S. 570.20 zu dem erstmaligen Erscheinen der Engländer in chinesischen Seehäfen. Im Jahr 1664 wurde der erste Handelsvertrag zwischen Engländern und China in Kanton abgeschlossen: „Was der König (Kaiser?) kaufe und Reis sollten keinen Zoll bezahlen, sonstige Einfuhren 3°/» nach dem Verkauf, während Ausfuhren frei von Zoll blieben."*) Im Jahr 1720 wurde ein gleichmäßiger Zoll von 4°/o vom Wert auf alle Ausfuhren gelegt und der Einfuhrzoll auf 16 o/o erhöht, während gleichzeitig ein großes Geschenk für den chinesischen Zollinspektor (Tao-tai) und eine hohe Ver messungsgebühr für Abmessen der Schiffe verlangt wurde. Im gleichen Jahre wurde das System des Co-Hong ein geführt, d. h. das Privilegium des Handels mit den Fremden wurde einer Anzahl chinesischer sog. Hong-Kaufleute erteilt, die dafür den Behörden gegenüber die Garantie für die Bezahlung der Zölle durch die Fremden und das gute Be nehmen derselben während ihres Aufenthalts an: Lande übernehmen mußten. Nach dem sog. Opiumkrieg (1840 bis 1842) wurde die lästige Vermittlung der Hong-Kaufleute abgeschafft und durch das Abkonunen von Hongkong i. I. 1843 für etwa 60 Export- und 48 Import-Artikel feste Zölle eingeführt, auf alle im Tarif nicht aufgeführteu Waaren ein Ein-resp. Ausgangszoll von 5 °jo vom Wert gelegt, und von Handelsschiffen statt der bisherigen ziem lich willkürlichen Gebühren ein geregeltes Äwunengeld er hoben.**) Dagegen sollte nach Entrichtung der festgesetzten Zölle den chinesischen Kaufleuten sreistehen, alle Waren nach dem Innern des Reiches zu führen, ohne andere Steuern entrichten zu müssen, als eine -vranfitabgabe, »)M. v. Brandt, China und scineHandelsbeziehunge». 1899, S. 7. **) Ebenda S. 21.21 welche die bis jetzt zur Erhebung gekommenen Abgaben, nicht übersteigen dürfe.*) Die Verträge von Tientsin (1858) brachten neben Frei gabe weiterer Seehäfen für den Fremdenverkehr eine Revision des Zolltarifs, wonach die Zollsätze auf ungefähr 5°/o vom Wert festgesetzt und das bisher im Groszen (jährlich 40—50000 Kisten zu etwa 60 kg) eingeschmuggelte Opium unter die Einfuhrartikel ausgenomnien wurde. Während die chinesische Regierung sich verpflichtet hatte, keine andern und höheren Abgaben auf fremde Maaren bei ihrem Transport im Jnlande zu erheben, als die ver tragsmäßigen Zölle und obenerwähnte Transitabgabe, wurde bald darauf ein Likin, d. h. eine Kriegssteuer von 1 vom Tausend des Waarenwertes eingeführt. Die Aus dehnung dieser Steuer aus fremde verzollte Maaren wurde damit begründet, daß der Transitzoll diese nur vom See hasen bis zum Inlandsmarkt schütze, von dort ab jedoch der Transitpaß seine Giltigkeit verliere und die Ware mit jeder beliebigen Abgabe weiter belegt werden könne. Dieser vertragswidrige Zustand besteht, trotz wiederholten Einspruchs verschiedener Vertragsmächte, noch heute forr, ja an manchen Plätzen wird sogar noch eine Gemeinde steuer (Oktroi) aus die schon dreimal verzollte oder be steuerte Ware geschlagen. Kurze Zeit nach dem Vertrage von Tientsin brach der englisch-französische Krieg mit China aus, der mit *) Wie fremd den Chinesen der Begriff „bona fide“ bei Vertragsabschlüssen ist, beweist das seitens der chinesischen Regierung un mittelbar nach Unterzeichnung dieser Verträge an sämtliche Provinzialbehördcn erlassene Rundschreiben, „Alles, was in ihren Kräften stände, zu thun, um die Ausführung der in diesen Verträgen gemachten Zugeständnisse zu verhindern," vergl. M. v. Brandt, China und seine Handelsbeziehungen, 1899, S. 28.22 grausamer Folterung der zu Verhandlungen in einen Hinterhalt gelockten Europäer begann und mit der Zer störung des kaiserlichen Sommerpalastes in Peking endete. In der am 24. Oktober 1860 Unterzeichneten Konvention von Peking wurde die den Chinesen auferlegte Kriegskontribution durch die Seezölle garantiert und daher die Kontrole der ans den Fremdhandel entfallenden Ein- und Ausgangszölle einem internationalen kaiserlich chinesischen Seezollamt unter der offiziellen Bezeichnung „Hai-Kwan“ oder „Imperial Maritime Customs“ übertragen.III. Die chinesische Seezollverwaltung. Das chinesische Seezollamt (Haikwan, Imperial Mari time Customs) verdankt seinen Ursprung einer der vielen Rebellionen, welche in den Jahren 1853—1863 in China an der Tagesordnung waren und meist unter dem Namen Taiping-Aufstände bekannt sind. Im Jahr 1853 hatte eine Horde aufständischer Chinesen Shanghai okkupiert, wurden jedoch mit Hilfe französischer Seeleute bald wieder vertrieben. Im darauffolgenden Jahr wurden die See zölle in Shanghai zur Sicherung pünktlicher Abzahlung der Kriegskostenentschädigung unter ausländische Kontrole gestellt. Als bei wiederholter Rebellion die chinesischen Zoll beamten fliehen mußten, bildeten die fremden Kaufleute zur Weitererhebung der Zollabgaben eine internationale Kommission. Mit Staunen bemerkte die Zentralregierung, daß die „fremde" Kommission eine bedeutend höhere Zoll einnahme aus jenen Mißjahren der unruhigen Kriegszeit ablieferte, als die Taotai's, d. h. die chinesischen Zollinspek toren in den mit blühendem Handel gesegneten Friedens jahren.*) Das erprobte System wurde in der Konvention von Peking (24. Oktober 1860), die den englisch-französischen *) Prof. Ludw. v. Loczh, China im Welthandel, S. 15.24 Krieg (1858/60) mit China zum Abschluß brachte, verall gemeinert, die neuerdings auferlegte Kriegskontribution durch Verpfändung sämtlicher Seezölle garantiert und ein ausländisches Jnspektorat mit der Kontrole der aus den Fremdhandel entfallenden Ein- und Ansgangszölle betraut. An dessen Spitze wurde ein Engländer, Mr. Lay, als Generalzolldirektor gestellt, dem ini Jahr 1863 der heule noch auf diesem hochwichtigen Posten stehende Irländer Sir Robert Hart nachsolgte. Nachdem die englisch-fran zösische Kriegskostenentschädigung mit 120 Millionen Gulden in kurzer Zeit abgetragen war und die getroffene Ein richtung auch hierbei sich trefflich bewährt hatte, behielten die Chinesen diese tadellos funktionierende Einrichtung unter Verlegung des Generalinspektorats nach Peking auch für die Folgezeit bei und haben diesen Entschluß nicht bereut. Es wurden zunächst in jedem der dem Fremd handel geöffneten Seehäfen Jnspektorate mit fremden Beamten ((/ollootoi-s ok vustoms) an der Spitze geschaffen, deren Hauptaufgabe die Erhebung der Seezölle und deren Ablieferung an die von der chinesischen Regierung bezeichneten Bankhäuser ist. Diesen ausländischen Zollbeamten, denen die praktische Arbeit und die Leitung des Zolldienstes obliegt, ist ein chinesischer Tao-Tai oder Superintendent als Träger der internationalen Verantwortung beigegeben.*) Das Ganze ist so vortrefflich organisiert, daß sich die jähr lichen Kosten der Einhebung auf nur bis 6 7« der Gesamtzolleinnahme belaufen und letztere von 300 000 ^aels im Jahr 1858 auf 9 Millionen im Jahr 1868 gestiegen ist.**) In den letztverfloffenen beiden Rechnungsjahren *) Vortrag des chinesischen Zolldirektors Kleinwächter, „Deutsche Zoll- und Steuerbeamtcnzeitung," Berlin 1900 Nr. 22. **) D r . von Scherzer, Oestcrr.-Ungar. Expedition nach China, S. 252.vor Ausbruch der gegenwärtigen Wirren betrug die Gesamt zolleinnahme jeweils 23 Millionen -raels. Das Generalinspektorat der Seezölle hat nicht blos eine große volkswirtschaftliche, sondern auch eine gewisse Politische Bedeutung, indem ein Teil der Zolleinnahmen neben Erfüllung der Hauptausgabe (Kriegskostentilgung und später Anleihenverzinsung) zugleich zu andern Zwecken Berwendung sindet. So z. B. wurden die Kosten der zu Anfang der 1860er Jahre zur Unterdrückung des Piraten wesens und der Taipingrebellion errichteten anglo-chine- sischen Kriegsflotille, die aus 8 eisernen Dampfern bestand und einen Aufwand von 500000 Taels erforderte, zum großen Teile aus den Einnahmen der Seezollverwaltung gedeckt, ebenso auch die Kosten der Anschaffung von Kanonen booten, die als Zollkreuzer die englische Insel Hongkong umstreichen, um dem im größten Umfang betriebenen Opiumschmuggel zu steuern.* **) ) Auch die Auslagen sür die sehr kostspielige Burlingame'sche Mission (200 000 Taels). sowie sür die Errichtung und Fortführung dev Kollegiums sür fremde Wissenschaften (Tung-Wen-Kuang) in Peking wurden aus der gleichen Einnahmeguelle bestritten. ) Seit deni Jahr 1887 sind die Seezölle zur Sicherung der fälligen Couponszahlung sowie der Einhaltung des Tilgungsplanes der von China in Europa ausgenommenen Anleihen verpfändet, von denen ähnlich wie bei Grund stückshypotheken jeweils die erste den nachfolgenden mit dem Deckungsanspruch vorangeht. Diese Anleihen sind die 5-/2°/° Chinesische Anleihe von 1887 . . 5 Mill. Mark. 7 °/° Chinesische Silber-Anleihe von 1894 34 „ (zur Führung des Krieges gegen Japan) *) Coucheron-Aamot, Durch das Land der Chinesen, S. 103. **) Dr. v. Scherzer, Oesterr.-Ungar. Expedition, S. 251.26 6 °/o Chinesische Gold-Anleihe von 1895 60 Mill. Mark. Bei der folgenden (achten) 4'/-"/° Chinesischen Gold- Anleihe von 1898 (32 Mill. Mark) genügten die bereits stark zur Deckung der bisherigen Anleiheverpflichtung heran gezogenen Einnahmen aus Seezöllen schon nicht mehr als Sicherheit; es wurden daher „neben den (nach Befriedigung der Ansprüche ans älteren Anleihen) freibleibenden Ein künften der Seezollverwaltung" hier erstmals auch die Likin-Zölle und die Salzsteuer mehrerer Distrikte ver pfändet.*) Wenn die Einkünfte der Seezollverwaltung z. Zt. durch die Verzinsung dieser Anleihen auch erst zu 3 /4 ab sorbiert werden, so stellt doch die in den Tilgnngsplänen vorgesehene Einlösung ausgegebener Schuldverschreibungen stetig steigende Anforderungen an die chinesischen Finanzen. Von einer Heranziehung der Seezoll-Einkünfte zu den aus den gegenwärtigen Wirren erwachsenden Kriegskosten entschädigungen nach dein „neuesten" Vorschläge Li-Hung- Tschangs kann daher ernstlich nur dann die Rede sein, wenn man sich entweder ju einer gleichzeitigen Erhöhung der bestehenden Zollsätze entschließen könnte, oder wenn China sich bereit erklärte, auch die bis jetzt noch in den *) Ferner m urdcn noch zwei 5°/° Geldanleihen im Jahr 1898 in Höhe von 90 und von 46 Millionen Mark ausgenommen, die jedoch ausschließlich zum Bau und Betrieb von Eisenbahnen (Peking— Hankau und Peking—Schanghaikuan) dienen und durch das Grund eigentum und Betriebsmaterial dieser Bahnen garantiert sind. (Bgl. Saling, Börsenpapiere.) 6°/o 4°/° „ v. April 1895 20 von Rußland garantierte Anleihe von 1895 . . 323 Gold-Anleihe v. Mai 1895 20 Gold-Anleihe von 1896 3227 — klebrigenHänden der Provinzialgouverneure und Mandarine ruhenden Transit- und Binnenzölle, Likinabgaben und das Salzmonopol*) einem internationalen Ausschnsse ^ zum • Zwecke der Reorganisation nach deni bewährten Muster der Seezollverwaltung zu überweisen.**) Die zweite Frage, Sanierung der chinesischen Finanzen durch Auslieserung neuer Abgabegattungen an die inter nationale Verwaltung, ist noch nicht spruchreif und wird ohnehin den europäischen Staats- und Finanzpolitikern zu überlasten sein. Leichter scheint die Lösung der ersten Frage, Erhöhung der bestehenden Zollsätze aus Hwemd- handelsgüter bei einem Rückblick auf die Entwicklung dev chinesischen Seezolltarifs, wenngleich auch hier allerlei handelspolitische Rücksichten eine Rolle spielen. Der im wesentlichen noch vom Jahr 1858 stammende Zolltarif ist s. Zt. auf der ungefähren Grundlage von 5°/o. des Silberwertes der Ware festgestellt und später (1863) auf 7V/0 dieses Wertes erhöht worden. Jn^ Folge des Sinkens des Silberpreises neben gleichzeitiger Verteuerung einer großen Anzahl von Waren wegen Steigerung der Arbeitslöhne, Kohlen- und Rohmaterialien-Preise stellen jene Zollsätze heute zum großen Teil nur noch 3—4°/o des Warenwertes dar.***) Es unterliegt daher keinem Bedenken, die derzeit giftigen chinesischen Zollsätze etwa aus doppelte Höhe zu steigern, und thatsächlich hat auch die Zollbehörde in Shanghai bereits eine Erhöhung der *) Vgl. Hierwegen den Abschnitt „Chinesisches Finanzwesen.' **\ Eine derartige Reform würde ohne jegliche Erhöhung bestehen der Abgabesätze reichlich 100 Will. Mark mehr als unter bisheriger chinesischer Verwaltung abwerfen, wäre aber auch ziemlich gleich bedeutend mit der Aufgabe der wirtschaftlichen Selbständigkeit China S. ***) Unter freier Benützung von M. von Brandt's „China und seine Handelsbeziehungen."28 Scezölle auf 10°/o des Wertes und einen Zuschlag von 50 /a als Ersatz für die auszuhebeude Likinabgabe vorge- schlagen. Eine derartige Erhöhung der Zollsätze würde die Zolleinkünste um etwa 200°/«, die Verwaltungskosten des Seezollamts aber nur um vielleicht 10—20% steigern.*) Es ließe sich auf diesem Wege neben Verzinsung und Rück zahlung der chinesischen Anleihen auch noch ein Neberschus; erzielen, der zunächst zur Tilgung der jetzt auslausenden Kriegskostenentschädigungen und später zur Stärkung der Kaufkraft des chinesischen Reiches dienen würde. Wenn auch eine Erhöhung der Seezölle zunächst wenigstens teil weise den europäischen Fabrikanten und Händler trifft, so fließt die hieraus erzielte Mehreinnahme doch wieder größtenteils nach Europa zurück, sei es nun durch Ver ausgabung der Kriegskostenentschädigungen, sei es durch die unausbleibliche Reorganisation des chinesischen Heer- und Seewesens, sowie der bereits in Angriff genommenen und nach Wiederherstellung des Friedens mit Nachdruck sortzuführenden Eisenbahnlinien, Telegraphenverbindungen und sonstiger Verkehrseinrichtungen, deren Bedarf fast ausschließlich durch europäische Lieferungen gedeckt .wird. Auch die in China ansäßigen europäischen Kaufleute werden mit einer Zollerhöhung einverstanden sein, wenn bei Regu lierung des Zollvertrages durchgesetzt wird, daß beim Transport nach dem Binnenlande neben den Seezöllen zwar die bisher zugestandene Transitabgabe bis zur Hälfte des Zolles zur Erhebung gelangt, dagegen jede weitere Jnlandsbesteuerung der Handelsware zu Gunsten eines Provinzialgouverneurs (Likin) oder eines Gemeinwesens (Oktroi) wegsällt. Diese schon in den Verträgen von 1842 und 1858 vorgesehene, aber vielfach ignorierte Befreiung der bereits mit zweifacher Verzollung belasteten Einfuhr- *) Vergl. von Scheve in der „Deutschen Worte" 1900 Nr. 301 A.29 guter ließe sich unschwer durchführen, wenn den Provinzial behörden als Ersatz für die bisherigen Likin-Einnah- men*) ein gewisser Prozentsatz der erhöhten Seezollem- nahmen zugeführt würde, selbstredend unter Garantie des Verzichts auf nochmalige Jnlandsbesteuerung>,9iach dieser Ausführung können zwar die Seezölle zum ^eil und ins besondere nach Eintreten einer Zollerhöhung zur Deckung von Kriegskostenansprüchen beigezogen werden; doch ist dies nicht eine Frage der Seezollverwaltuug, sondern der hohen Diplomatie, weshalb hier auf diesen Punkt nicht weiter einzugehen ist. Die Organisations-, Besetzungs-, Beförderungs- mW Besoldungsverhältnisse im Bereiche der chinesischen Zoll verwaltung sind in einem besonderen Abschnitte geschildert - ) und mögen hier nur einige Urteile kompetenter Persönlich keiten über die Bedeutung des internationalen Seezollamtv für China, wie für den Welthandel Raum finden. feiner Schilderung „Aus dem Lande des Zopfes" stellt unser früherer Gesandter in China, Herr von Brandt, der Seezollverwaltung folgendes Zeugnis aus. die fremden Beamten im chinesischen Zolldienste anbetrifft, 1° muß denselben in jeder Weise das höchste -ob erteilt werden, das in erster Reihe freilich der Mann verdient, der seit (damals) dreißig Jahren an der Spitze desselben steht, Sir Robert Hart, als deffen eigenstes Werk die Schaffung und Erhaltung einer internationalen Behörde an gesehen werden muß, die in der ganzen Welt nicht ihresgleichen findet." Freiherr Ferdinand von Richthofen?") der wissen schaftliche Erforscher China's, nennt das Seezollamt „ein *) Wegen Definition und Bedeutung des „Likin siehe @. 12, **) Bergt. Abschnitt V, Seite 51! ***) Ferd. v. Richthofen, China, Baud I, S. 719. ,20.L ' 30 Institut, welches in außerordentlichem und nicht genug anzuerkennendem Maße positive Information über China angesammelt und be kannt gemacht hat;" und sagt an anderer Stelle*): „daß neben der eminent politischen Bedeutung das Zoll amt eine wichtige Vermittlungsrolle für den Handel spielt, indem es die Jnnehaltung der Vertrags bestimmungen fördert." Der österreichische Volkswirt, Diplomat und Welt reisende, Hofrat von Scherzer erklärt das Seezollamt als „eine der verdienstlichsten und nützlichsten Schöpfungen China's in Bezug auf den fremden Handel und die Hebung der Staatseinnahmen."**) Der Naturforscher Professor Ludwig von Loezy kommt durch seinen jahrelangen Auf enthalt in China und seine vielfachen Beziehungen zu den in- und ausländischen Behörden daselbst zu dem Urteil:***) „Deni internationalen Beamtenkorps der chinesischen Zoll verwaltung fällt die Hauptarbeit zu, China zu zivilisieren." Und gestützt auf dieses kompetente Urteil dürfen die China zöllner auch ein kaiserliches Wort in erster Reihe für sich beanspruchen und sich fühlen als die unter deni Schutze des deutschen Reiches stehenden „Vorposten auslän discher Zivilisation und christlicher Kultur!"i) Ein glänzendes Zeugnis hat die chinesische Seezoll verwaltung sich selbst ausgestellt durch die unbeanstandete Einlösung der August-Koupons der Anleihen, welche ge rade bei den mit China kriegführenden Mächten unter- *) Ferd. v. Richthofen, China, Band I S. 719, 720. **) Dr. von Scherzer, Lesterreich-Ungar: Expedition nach China S. 250. ***) Ludwig von Loczh, China im Welthandel und chinesische Sitten, S. 15. f) Kaiserliche Thronrede bei der Eröffnung deö Reichstages am 14. November 1900.— 31 gebracht waren, ein finanzielles Meisterstück, dem vielleicht nnr ein zweites ähnlicher Art znr Seite gestellt werden kann, das tadellose Fnnktionieren des Zollvereins wahrend des Kriegsjahres 1866.*) Die Einlösung spater fällig werdender Koupons konnte in Frage gestellt werden durch die seitens der geflüchteten Kaiserin angeordnete Nach- sendung der Zolleinkünfte an den derzeitigen chinesischen Hos und in der That sind bereits 300000 Taels nu Ok tober dahin abgegangen. Inzwischen haben stdoch der deutsche Konsul von Shanghai und Admiral SeYmour sich nach Nanking begeben, um weitereii Nachstndungen Einhalt zn gebieten und dafür zu sorgen, dm; die Zoll einkünfte nach wie vor den ausländischen Banken zuge- sührt werden. . • Eine hohe Anerkennung der Leistungsfähigkeit de» Seezollamts und seiiies Beamtenkörpers liegt mich m den von wissenschaftlichen Autoritäten gemachten und inzivnchen teilweise dnrchgeführten Borschlägen und Versuchen, auch einige den praktischen Interessen dienstbare Zweige wisien- schaftlicher Thätigkeit tu seinen Wirkungskreis zu ziehen. Freiherr Ferdinand von Richthofen, dem wir in leser Schilderung folgen,**) hat im Jahre 1869 dem Generalzoll direktor den Entwnf znr Errichtung eines Systemv me e- oroloqischer Stationen vorgelegt. Diese würden ihre Basis bis auf weiteres in deni mit Normalinstrumenten ver sehenen kaiserlich russischen Observatorium in Peking haben *N Als im 1866 die deutschen Bruderstämme im blutigen Kampfe lagen, erhoben die Zollstellen im ganzen deutschen Zollvereuis- aebiet unbeirrt die vereinbarten Zölle weiter und verrechneten die Einnalnnen-Ueberschüsse mit der Zentrale in Berlin, die den prozen- Malen Anteil der einzelnen im Felde sich bekämpfenden Bunde^at^ wie zu Friedenszeiten in die preußische wie m die Staatskassen der süddeutschen Alliierteii abfiihrte. **) Frhr. von Richthofen, China, Baud I. S. <21.32 und an sämtlichen dem Fremdhandel geöffneten Hafen plätzen zu errichten, mit gleichartigen und wohlgeprüften, meist selbstregistrierenden Instrumenten zu versehen sein und den Umsang ihrer Beobachtungen nach und nach mög lichst auszudehnen haben, um uctcf) Vollendung des Tele graphennetzes auch den praktischen Zwecken der Sturm warnungen zu dienen, die an dieser Küste wegen der Regel mäßigkeit der nieteorologischen Vorgänge und des gesetz mäßigen Ganges der Störungen besonders wirksam sein müßten. Der Zolldirekter war diesem Plane nicht abge neigt, und nach Ueberwindung verschiedener Schwierigkeiten konnte i. I. 1873 der meteorologischen Konferenz in Wien ein fast in allen Teilen mit dem v. Richthosen'schen Plan gleichlautender Entwurf vorgelegt werden. Man darf hoffen, daß das System meteorologischer Stationen an der Küste und im Innern von China bald demjenigen in den benachbarten russischen und englischen Besitzungen eben bürtig zur Seite stehen und zu wissenschaftlicher Bedeutung herangedeihen wird. Ein noch größeres Verdienst würde der Generaldirektor der kaiserlichen Seezölle sich erwerben, wenn er sein be währtes Interesse für wissenschaftliche Arbeiten auch in der Organisation geologischer Ausnahmen des Landes, wenn auch vielleicht zunächst nur der technisch wichtigeren Gebiete desselben, bethätigen wollte. Ein solcher Schritt würde von gleicher Bedeutung für die Wissenschaft wie für die industrielle Hebung von China sein.*) Ein anderes verdienstvolles Arbeitsfeld, das mit der Zollerhebung allerdings in engerem Zusammenhänge steht als Meteorologie und Geologie, liegt aus statistischem Ge- *) v. Richthofen, China, Band I. S. 721.3 33 biete.*) „Wo die Statistik sich in einem so primitiven Stadium** ***) ) besindet wie in China, wo es früher trotz der anerkennenswerten Bemühungen der Konsulate und der in China erscheinenden englischen Zeitungen eine Unmög lichkeit schien, genaue Angaben über die Handelvbewegung zu erhalten, da mußte es als ein großer Fortschritt be grüßt' werden, als im Jahr 1864 regelmäßige und zu- verläßige Tabellen über dieselbe veröffentlicht zu werden begannen. Entzieht sich auch in dieser Beziehung noch manches einer sicheren Schätzung, so wird doch der Export und Import aus fremden Schiffen mit großer Schärfe kontroliert und es ist ein positiver Anhalt für einen sehr- bedeutenden Teil des chinesischen Handeln gegeben. ) Auch der Naturforscher Professor Ludwig v. Loczy lobt die Jahresberichte der chinesischen Zollämter alv „Muster werke von handelsstatistischen Publikationen."-?-) Diese hervorragenden Leistungen sind einmal erklärlich durch die hohen Anforderungen, die an die Kandidaten zum L-eezoll- dienste bezüglich der allgemeinen oder aber einer fachwlssen- schaftlichen Ausbildung gestellt werden, sodann durch die zur gründlichen Erlernung der chinesischen Schriftsprache und der hauptsächlichsten Dialekte erforderliche mehrjährige Vorbereitungszeit 77 -) in verschiedenen Landesgegenden, die *) Die Anregung zu diesen Ausführungen über Statistik ver danke ich — wie manch' andere wertvolle Winke — Herrn Regier ungsassessor vr. M. Hecht. t T* **) Diese Rückständigkeit China's auf statistischem Gebiete ist um so eigenartiger, als die älteste überhaupt nachweisbare Volkszählung gerade in China »nd zwar schon im Jahr 2238 v or Chr. vorge- nommen wurde! (Bergl. O. Waßmer: „Die Volkszählung" m der Zeitschrift der Vereine bad. und württbg. Finanzbeamten 1300. Nr. 13.) ***) Frhr. v. Richthofen, China, Band I. S. 720. •f) von Loczy, China im Welthandel S. 15. tt ) Bergl. Hierwegen Abschnitt „Anstellung re. der Zollbeamten."- 34 — dem angehenden Zollbeamten Gelegenheit bietet, neben Ein arbeitung in seine Berufspflichten auch Land und Leute, Sitten und Verkehrsgebräuche kennen zu lernen. Indem der Generalzolldirektor die Stellen der Zoll kommission an den einzelnen Stationen mit Männern be setzte, welche eine hervorragende Ausbildung besaßen,*) konnte er an sie die Anforderung stellen, die Materialien zu allgemeineren Berichten über die von jedem dem Fremden verkehr geöffneten Hafen besonders abhängigen Gegenden zu sammeln und zu ordnen. So entstanden die „Reports," in denen eine Fülle interessanter und wichtiger Mitteil ungen, insbesondere über die Produkte der einzelnen Pro vinzen, enthalten sind. Einzelne dieser Berichte zeichnen sich durch Berücksichtigung des geographischen Momentes aus, während die meisten andern, obwohl gleichfalls von großen! Interesse, sich auf die Darstellung des Handels und der Ursachen seiner Flukruationen beschränken. Es steht in Aussicht, daß von den kompetenten Stellen zu sammenfassende Berichte über jede einzelne der maritimen Provinzen erscheinen werden. Die Statistik wird ihr Hauptgegenstand sein, doch diese kann nicht gefördert werden, ohne größeren Nutzen für die geographische und allgemeine Landeskenntnis abzuwerfen. Weniger günstig lautet ein Urteil des Weltreisenden v. Heffe-Wartegg über die Zuverlässigkeit der chine sischen Handelsstatistik: „Der Gesamthandel in Korea repräsentierte 1891 35 Millionen Mark, wenigstens nach den Berichten der chinesischen Zollbehörden. Aber diese Summen sind keineswegs zuverlässig, ja nach Ansicht der englischen Konsularbehörden sollten sie geradezu verdoppelt werden. Längs der koreanischen Küsten wird nämlich ein ungemein schwunghafter Schleichhandel getrieben, der durch *) gerb. grhr. v. Richthofen, China, Band I S. 721.35 die zahlreichen Inseln, die häufigen Nebel und die Ab wesenheit jeder Küstenbewachung sehr gefördert wird. Dazu kommt der Umstand, daß manche Häfen gar keine Zoll behörde haben, wie z. B. der große Hafen Ping-yang; ferner-, daß der Zoll nach dem Werte bemessen wird nnd sowohl die Chinesen wie die Japaner in dieser Hinsicht ein äußerst elastisches Gewissen haben. Die obigen Zahlen sind also keineswegs maßgebend, doch sind sie wenigstens insofern interessant, als sie bis zum Jahre 1891 eine stete Stei gerung zeigen.*) Hier scheint also trotz aller Anerkennung vor den bisherigen Leistungen der internationalen Zollbehörden aus dem Gebiete der Statistik noch ein dankbares J-eld zu liegen. Neben der bisher mit Vorliebe bearbeiteten Handelsstatistik wird eine annähernd genaue Feststellung der Bevölkerung wenigstens derjenigen Provinzen, welche ihrer maritimen Lage wegen den: Fremdenverkehr zu gänglich, also noch mit Seezollämtern ausgerüstet sind, von unschätzbarem Werte sein, da die bisherigen Ueber- lieserungen und auch die neueren wissenschaftlichen Werke in den Angaben der Seelenzahl zwischen 350, 400, 450 und 480 Millionen schwanken.**) Nicht minder interessant *) v. Hesse-Wartegg, Korea 1894, S. 218. Und an anderer Stelle (Korea 1894, S.2O): „Die Zahl der Städte in der Provinz Kiung-Sang-Do ist größer und die Bevölkerung dichter, als in an deren Provinzen. Wie viele Seelen sie umfaßt, kann nicht gesagt iverden, denn bei Bolkszählungen werden die grauen und Kinder nicht mitgezählt. Die Beamten der Regierung zählen nur die Häuser (wegen der Grundsteuer) und die sür den Militärdienst tauglichen Männer." **) Bezeichnend für die Ungenauigkeit der Bevölkerungsangabcn ist der Umstand, daß nur für die Provinz Han-su eine detaillierte Ziffer (9285377 Einwohner) mitgcteilt wird, die Seelcnzahl der übrigen 17 Provinzen dagegen meist nur in Millionen, bei einigen auch in Hunderttausenden abgerundet erscheint. (Bergt. Aerd. Heigl, Berlin, Religion und Kultur China's, 1900 S. 224.) 3 *36 wäre die Frage der Bevölkerungsdichtigkeit in den ein zelnen Provinzen, das Verhältnis der Geburts- zu den Sterblichkeitsziffern und die Richtigstellung der in Folge der Ungeheuern Raumumspannung der Hüttenviertel bis her maßlos übertriebenen Schätzungen der Einwohnerzahl chinesischer Millionenstädte. Wenn in der Handels- und Verkehrsstatistik bisher, wie S. 42 gezeigt, statt des Ursprungs- oder mindestens des Herkunftslandes der Ware, die Nationalität der Flagge, unter der die Schiffsgüter segeln, in die statistischen Ver- kehrs-Nachweisungen eingetragen wurde, mag dies in den ersten Daseinsjahren des Seezollamts aus Gründen der Ge schäftsvereinfachung eine gewisse Berechtigung gehabt haben, da neben dem von Anfang ab dominierenden britischen Schiffsverkehr nur wenig handeltreibende Nationen des Westens und diese nur in unbedeutendem Maße an dem chinesischen Außenhandel sich beteiligten. Heute aber, wo in China von 636 ausländischen Handelsfirmen 104 deut sche neben 374 englischen ansässig sind und der von deut schen Kaufleuten und Schiffen entrichtete Anteil an Ein- undAusfuhrzoll,Küstenhandelzoll, Transitzoll, Opium likin und Tonnengeld i. I. 1897 2 072 528 Taels von insgesamt 22 742104 Taels oder nahezu 10°/° der Ge- samteinahme der Seezollverwaltung betrug,*) sollte doch die ebenso oberflächliche als wahrheitsverschleiernde An schreibung der Ware nach der Flagge statt nach dem Ur sprungsland fallen, niindestens der letztere Nachweis neben dem ersteren ein- und durchgeführt werden. Auch bei wahrheitsgetreuer Anschreibung des Güter verkehrs nach Ursprungsländern wird England immer noch *) Bergt. Bi. v. Brandt', China und seine Handelsbezichnn- gen, S. 92.37 und wohl auf Jahrzehnte hinaus seine gewaltige Ueber- legenheit gegenüber den übrigen Seehandel treibenden Nationen dokumentieren können, wozu also in dieser be vorzugten Stellung sich noch mit fremden Federn schmücken? So muß der stolze Brite sich stets gefallen lassen, daß der deutsche Statistiker und Handelsgelehrte an den eng- lischerseits nachgewiesenen Ein- und Ausfuhrmengen einen gewissen Prozentsatz für die darin verborgenen, unter bri tischer Flagge segelnden Waren deutschen Ursprungs ab rechnet und den im Seezollamt konstatirten Ziffern für Deutschland zuschlägt. Also offenes Visir beim statistischen Wettkamps!IV. Das llationalitätsprinzip im intexnationalen Seezollamt. Im höhern Seezolldienst im Reiche der Mitte sind gegenwärtig 245 Angehörige der kaukasischen Rasse an gestellt, welche sich auf die einzelnen Nationen folgender maßen verteilen:*) Großbritanien 146 Frankreich 30 Deutschland**) 20 Vereinigte Staaten von Nordamerika . 12 Rußland 7 Schweden-Norwegen 7 Portugal 7 Italien 5 Oesterreich-Ungarn 4 Holland 3 Dänemark 3 Spanien***) 1 *) Osrasiatischer Lloyd, Juli 1899. **) Hierunter 5 Zolldirektoren, 1 stellvertretender Direktor und 14 sonstige Oberbeamte. ***) Auffallender Weise sind zwei Industriestaaten, Belgien und die Schweiz, nicht vertreten. Belgiens Auslandszöllner werden durch die persische Zollverwaltung absorbirt, die Schweiz hat mangels einer Handelsflotte keine wesentlichen Handelsinteressen in China zu vertreten.39 — Der Generalzolldirektor und sein Stellvertreter sind Briten, von 38 Zolldirektoren sind 21 Briten, 6 Ameri kaner, 5 Deutsche, 4 Franzosen, 1 Norweger und 1 Ungar. Bei Vergleichung dieser Ziffern drängen sich unwill- kührlich einige Betrachtungen über die augenfälligen Unter schiede in der Vertretung der einzelnen Nationen in dieser gemischten Verwaltung auf. Der gesamte kaiserlich-chinesische Seezolldienit hat ver tragsmäßig einen internationalen Charakter und auch di deutsch-englisch-chinesischen Anleiheverträge von 1896^ und 1898 stimulieren ausdrücklich nur, daß die Organisation des Seezollamts bis zur erfolgten Rückzahlung der An leihen unter Verwaltung der europäischen Mächte, keines wegs aber der Engländer stehe. Um jede Eifersüchtelei fern zu halten und die Existenz der so wichtigen Institution desto fester zu begründen — sagt Ritter von Scherzer ) — beschloß die chinesische Regierung, von jeden: der Ver tragsstaaten eine im Verhältnis zur Bedeutung seines- Handels stehende Anzahl Staatsangehöriger als Zollkommissäre in ihren Dienst zu nehmen und den selben eine vorteilhafte Stellung in China zu sichern. Wenn gleichwohl das englische Element im Seezollanit dermaßen dominirt, daß selbst Leute, die schon persönlich in China weilten, den Seezolldienst in China für ein englisches Mono pol hielten, so beruht dies einmal in der dem britischen Han delsanteil entsprechenden Ueberzahl englischer Zollbeamten, sodann in dem Umstande, daß der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Plaße eben ein Brite war, den: ev über dies vergönnt ist, noch heute nach 40jähriger Thätigkeit *) Dr Karl von Scherzer, langjähriger Generalkonsul in Smyrna, Führer einer mehrjährigen österr.-ungar. Expedition nach China, (bergt, amtlichen Bericht über diese, 1872 S. 151.)40 an der Spitze seines Werkes zu stehen, das unter der ständigen Führung seines englischen Meisters wohl unbe wußt eine englische Färbung angenommen hat. Als die russische Regierung im Dezember 1897 dem geldbedürftigen chinesischen Reiche eine Anleihe mit russischer Zinsgarantie gegen Verpfändung der chinesischen Likin-Abgabe und weit gehende Eisenbahnbau- und Betriebs-Privilegien anbot, soll sie auch die Zusicherung China's verlangt haben, daß beim Abgang des jetzigen Generalzolldirekrors ein Russe an seine Stelle trete.*) China aber neigte den günstigeren englischen Angeboten zu und machte gegen Finanzierung der an Japan zu zahlenden Kriegskostenentschädigung neben anderen Konzessionen auch die, daß, so lange das große Uebergewicht des englischen Handels über den der andern Länder bestehe, der Posten des Generalzolldirektors wie bisher so auch künftig von einem Engländer bekleidet werde. Daß bei Auswahl der Zollbeamten die theoretisch berechnete Nationalitätenziffer in der Praxis nicht immer eingehalten werden konnte, ist klar, und ebenso begreiflich erscheint auch in «lubio die Bevorzugung des englischen Elements, das schon eine Hauptbedingung der Verwen dung im Seezolldienst, die Beherrschung der englischen Sprache, den anderen Bewerbern voraus hat. So kam es denn, daß z. Zt. 60 °/o der Oberbeamtenstellen sich in englischen Händen besinden, während auf Grund der ge wiß nicht ungünstig gefärbten englischen Statistik der britische Handelsanteil nur mit 54°/o berechnet ist; ander seits sollte die Zahl der deutschen Zollbeamten bei einem Handelsanteil von etwas über 10"/<> mindestens 25 be tragen statt der z. Zt. in deutschen Händen befindlichen 20 Stellen, während merkwürdigerweise den Franzosen *) M. v. Brandt, China und seine Handelsbeziehungen. S. 47.41 Sei 51. ©attbeläScmteit 30 (IW) ein geräumt sind.*) Geringfügige Abweichungen von dem einmal aner kannten Nationalitätsprinzip wären wohl kaum zu be anstanden. weil eben die praktischen Bedürfnisse und dw Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage em ge naues Festhalten an prozentualer Natwnalltaten-Beruckpch- tigung nicht immer gestatten. Wenn dagegen den Franzo en statt der von ihnen zu beanspruchenden 12-13 Beamtenstel len deren 30. den Deutschen aber statt der zu fordernden 25 nur 20 Stellen zugeteilt werden, dann ist es Zeit btejec rücksichtslosen und geringschätzigen Behandlung des deut- scheu Elementes in der kaiserlichen Seezollverwaltungan maßgebender Stelle ein energisches Veto entgegenzustellen, denn wenn irgendwo, dann ist hier die geeignete Veran lassung, um den vielgepriesenen Anipruch des Deutschen auf ein Plätzchen an der Sonne, die dre anderen Nation n bescheint, aus Redensarten in eine befreiende That um- zusetzen! Abgesehen von der den Deutschen gegenüber be iebten Nichtbeachtung des statistisch nachgewieienen Anteils am chinesischen Außenhandel, muß ferner Protest erhoben werden gegen die Art und Weise der Feststellung der statistischen Anteilsquote der einzelnen Nationen am Ge samthandel mit China. In der statrstilchen Abteilung des Seezollamts, die völlig unter dem Einflüße des brr- *) Diese Begünstigung der Franzosen mag nach ans der Zeit berrühren, da Deutschlands Handelsbeziehungen 4» China nach mi nimal waren, während Frankreich deit gesamten Bedarf an Rohseide und Seidengespinnsten aus chinesischen Häfen nach Marseille,mp°r- tierte. Vielleicht beweist obige Differenzlerung auch, daß Frankreich nur' Politisch, Deutschland aber handelspolitisch als der gefährlichere Gegner Englands betrachtet wird.42 tischen Generalzolldirektors steht,*) wird in den Verkehrs tabellen nicht etwa nachgewiesen, wieviele Waren aus Deutschland, aus Frankreich u. s. w. eingeführt werden, sondern welche Warenmengen mit Schiffen unter eng lischer, deutscher re. Flagge in das Land gekommen sind, mit anderen Worten, alle d ent scheu Waren, die über England (London, Liverpool) nach China importiert oder aus irgend welchen europäischen Häsen (Triest, Genua) auf englischen Schiffen verladen worden sind, werden in dieser chinesischen Seehandelsstatistik als englische auf geführt. Bei diesem statistischen Anschreibungsmodus ist es erklärlich, daß im 1.1898 die britische Einfuhr mit 54% angegeben ist, während nach unparteiischen statisti schen Handelsausweisen die britische Ein- und Ausfuhr bei weitem nicht mehr die Hälfte des chinesischen Außen handels erreicht. Deutschland dagegen ist mit etwas mehr als 10% des chinesischen Handels beziffert, was entschieden zu nieder gegriffen ist, da namentlich seit der Erwerbung von Kiautschou, der Inangriffnahme der Shantung-Bahn- bauten und der Einrichtung regelmäßiger Dampferver bindungen auf dem Jangtse zwischen Shanghai und Hankau durch den.Norddeutschen Lloyd unser Außenhandel mit China wesentlich gestiegen ist. So bewertet sich unsre Ausfuhr nach China (hauptsächlich Maschinen, Eisenwaren, Baumwollgewebe, Lebensmittel) i. I. 1890 aus 29,9 Millionen Mark , 1899 „ 50,6 „ „ unsere Einfuhr aus China (vorwiegend Rohseide, Thee, Strohbänder, Tierhäute, Porzellan, Kuriositäten)**) *) Bergl. die Ausführungen über Statistik im vorigen Abschnitt **) Schon Plinius bezeichnet Seide und Felle als chinesische Exportartikel (M. v. Brandt, China S. 2); der Seidenbau selbst läßt sich sogar bis zum Jahr 2602 vor Ehr. Nachweisen, (v. Scher- zer, Oesterr.-Ungar. Expedition nach China, Anhang S. 127.)43 — ; i. I. 1890 auf 13,6 Millionen Mark „ 1899 „ 29,0 Ein klares Bild des Handelsanteils der vier meistbetei- ligten Mächte giebt folgende vergleichende Darstellung. ) wobei Rußland,das zwar bedeutenden Handel treibt, aber me) für die Nachbarprovinzen Mongolei und Mandschurei, so ie das deni russischen Hafen Wladiwostok zunächst gelegene Korea, als für das eigentliche China in Ve racht kommt, unberücksichtigt geblieben ist. (Siehe Seite 44.) Nach dieser englischerseits aufgestellten Statistik nimmt Deutschland nach allen 4 Richtungen (Schiffsverkehr, Han delsverkehr, Küstenfahrt und Gesamthandelswert) durch weg den zweiten Platz ein, im direkten Außenhandel (Ziff. 2 der Uebersicht) ist Deutschlands Anteil mit 10,49»,° und der Anteil Frankreichs mit 5,03> berechnet; gleich wohl sind letzterem Staate 80 iind Deutschlan nur Oberbeamtenstellen in der Seezollverwaltung emgeraum . Nach Professor von Loezp**) waren im Jahre 1881 in China 416 fremde Firmen init 44^6 Angestedelten vor handen, i. I. 1896 dagegen 672 Firmen und 108v Fremde. Hiervon entfallen aus England 363 Firmen niit 4364 Ansiedlern, Deutschland***) 99 „ 870 Anierika 40 ., „ ^ Frankreich 29 « " u ° Oesterreich-Ungarn 4 „ „ Schon im folgenden Iah« 1897 Mt- H-" » B-mdif) Dehhsches Handelsarchiv, 1898, Juli I.S-650. **y L.wwig v. Soest,, China im Welthandel, S^li- Ohne Berücksichtigung des Schutzgebietes Ktautschou. Im Anfang des Jahres 1900 lebten tu China 1083 Deutsche. (Bortrag des Reichstagsabgeordncten Kopsch-Bcrlin m Karlsruhe.) ^ f) M. v. Brandt, China u. s. Handelsbeziehungen, S. ol.') Nach einer ähnlichen Tabelle bvi» Jahr 1869 stand damals Nvrd-Amerika an zweiter Stelle, ist als» trotz des näheren direkten Seeweges zwischen der chinesischen Ostküste und San Franziska, bo» Deutschland in allen Posi tionen überflügelt worden. (Vergl. Dr. bon Scherzer, Oeslr. Ungar. Expedition nach China. 1872. S. 257). '9681 ^<r«vtzvu;tzI mv sitz>vm;cknvH' usqlu»sjuva;r s);r)u^ s»q VunuaztavE Slrus!p;ai0aaE45 — einen. Zuwachs von 5 deutschen Firmen -— 104, während Frankreich aus dem gleichen Stande von 29 Firmen ver blieben war. Somit behauptet auch nach der Zahl der ansässigen Handelsfirmen Deutschland den zweiten Platz, und mit Recht sagt daher ein norwegischer Weltreisender*) mit Bezug auf den Wettbewerb um den Chinahandel: »Engländer und Deutsche sind die vornehmsten Rivalen aus dem ostasiatischen Markt!« Weit günstiger als nach obiger Durchschnitts-Tabelle stellt sich Deutschlands Handelsanteil an verschiedenen dem Fremdenverkehr freigegebenen Hafenplätzen, so z. B. in Kanton i. I. 1896:**) Schiffe = 7 * Registerto ns — 7 » England 6OO 46,2 609 734 49,94 Deutschland 209 16.0 205 486 16,83 Schweden-Norw. 38 2,9 34 230 2,78 Frankreich 4 0,3 3260 0,27 In den ebenfalls dem chinesischen Seezollamt unter stellten koreanischen Seehäfen entfallen von dem gesamten Schiffsverkehr i. I. 1893 80°/« auf die benachbarten Japaner; ihnen zunächst sind daran beteiligt (wegen der Nähe des Hafens Wladiwostok) die Russen mit ea. 40000 Tonnen, Chinesen mit 30 000 Tonnen und Deutsche mit 13 000 Tonnen.***) Die Engländer, Franzosen und Ameri kaner nahmen an dem Schiffsverkehr mit Korea gar keinen Anteil, trotzdem ist der Zolldirektor in Söul — ein Eng länder ! * * * *) Coucheron-Aamot, Seeleutnant, Durch das Land der Chinesen S. 103. **) Deutsches Handels-Archiv 1898, Juli S. 141. ***) Bon Hesse-Wartegg, Korea, 1894 S. 218.46 Im Interesse energischer Förderung des deutschen Außenhandels und namentlich der Ausfuhr deutscher Jndu- strieerzeugnissc nach dem aufnahmefähigen*) Niesenreich der Mitte wäre eine stärkere Beteiligung des deutschen Elements an der internationalen Verwaltung der chinesischen Seezölle dringend zu wünschen und an kompetenter Stelle mit Nachdruck zu fordern. Denn in diesem Jahr hundert des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes**) muß *) Die Aufnahmefähigkeit China's für unsere Industrie-Artikel ist von allen Kennern des chinesischen Reiches anerkannt und wird nur von den Parteien angezweifelt, die Deutschlands „Wcltpolitik" bekämpfen. Mit Recht führt schon i. I. 1872 Ritter von Scherzer (Oesterreich - Ungarn-Expedition nach China 1868—71, S. 256) als „glänzenden Beweis für die Bedeutung des fremden Handels und die Rolle, die China im Weltverkehr sich zu erwerben ini Begriffe steht," die Schifffahrtsbcwegung in den chinesischen Seehäfen an: 1845 934 fremde Schiffe mit 372 700 Tons 1865 16 628 „ „ „ 7136301 „ vergleiche hiermit: 1896 25611 „ „ „ 25932382 „ hierunter 1858 deutsche,, „ 1658094 „ Derselbe Gewährsmann sagt an anderer Stelle S. 350: „Für einen rapiden Aufschwung des chinesischen Außenhandels wäre also hauptsächlich eine fremdenfreundlichcre Politik der chinesischen Regier ung nötig, welche Ausländern die Niederlassung und den freiesten Verkehr im Innern gestatten, die Errichtung von Eisenbahnen und Telegraphen, die Befahrung der Flüsse und Kanäle mit Dampfschiffen, endlich die Bearbeitung der reichen Bergwerke in den verschiedensten Provinzen ermöglichen würde." Ein Teil dieser letzterwähnten Vor aussetzungen eines „rapiden Aufschwungs" ist inzwischen in Erfüllung gegangen; es bleibt also nur noch die „fremdenfreundliche Politik," für die zu sorgen bei den bevorstehenden Friedensverhandlungen Sache unserer führenden Staatsmänner sein wird. **) Es sei hier nur kurz auf die Umwälzung auf dem Gebiete des Verkehrs mit Ostasien durch die russisch-sibirische Bahn, sowie durch die schon 1889 beschlossenen und angesangcnen Bahnbauten durch Zentralasien hingewiesen. In wenigen Jahren wird man von Budapest nach Peking 20 Tage statt jetzt erforderlicher 50 Tage brauchen. (L. v. Loczy, China im Welthandel, S. 16).47 die deutsche Industrie und der deutsche Außenhandel nicht nur auf den Gebieten, wo dies noch nicht der Fall, dem größten Rivalen England ebenbürtig werden, sondern da, wo der Deutsche dem Briten längst ebenbürtig oder bereits überlegen ist, muß dies auch offenkundig zur Geltung kommen. Der Einfluß, den England z. Zt. noch in Oltapen ausübt, beruht nicht allein auf seiner dominierenden Stellung in Hongkong; mindestens ebenso hoch anzuschlagen ist der indirekte Einfluß, den England dadurch auszuüben ver mag, daß die Verwaltung der chinesischen Seezölle bis heute vorwiegend durch englische Beamte ausgeführt wird. Durch Vermittlung dieser gerade an den wichtigsten Hafenplätzen und Verkehrszentren ansäßigen Zollbeamten stehen den englischen Behörden und Exporteuren viel genauere, um fangreichere und schnellere Informationen über die ge- gesamten Verkehrsbedingungen und Handelsmodalitäten zu Gebote, als denjenigen anderer Stationen. 4-ie Be setzung der Oberbeamtenstellen der chinesischen Seezoll verwaltung mit deutschen Beaniten in einer dem deutschen Handelsanteil thatsächlich entsprechenden Verhältniszahl würde daher eine wesentliche Förderung des deutschen Ein flusses in China, sowie eine nicht zu unterschätzende Unter stützung unseres Ausfuhrhandels durch Erweiterung bis heriger und Schaffung neuer Absatzgebiete für deutsche Jndustrieerzeugnisse bedeuten. Ein Beispiel hierfür liefert das Acetylenlicht der deutschen Aktiengesellschaft „Hera-Prometheus" für Carbid und Acetylen, deren Apparate im Auslande die englische, französische und italienische Konkurrenz aus dem Felde geschlagen haben. Neuerdings wurden aus Vorschlag uud Empfehlung deutscher Zollbeamten diese bewährten Hera- Apparate in China zur Beleuchtung des Seezollamts und verschiedener Zollstationen verwendet. Durch diese Be-48 Vorzeigung wurden die deutschen Beleuchtungs-Apparate nicht nur als bestes Fabrikat empfohlen, sondern auch in Interessentenkreisen China's vorteilhaft bekannt gemacht.*) Weitere deutsche Industriezweige wurden in Nahrung gesetzt durch die Shantung-Gesellschaft, die unter Mit wirkung des deutschen Seezolldirektors Detring gegründet wurde und eine Anzahl von Eisenbahnen baut, die Kiautschou mit Peking einerseits und mit Tsintausort andererseits verbinden sollen. Diese leistungsfähige Ge sellschaft, an deren Spitze der Schwiegersohn des genannten Zolldirektors, der ehemalige General-Instruktor von Han- neken steht, hat ihre Lieferungen an Schienenmaterial unfern rheinischen Stahlwerken übertragen, die zur Ueberspannung der Flüsse Wei-ho, Wulung-Ho, Kieo-Ho u. A. erforderlichen eisernen Brücken liefert die Nürnberger Maschinenbau- Aktiengesellschaft-Filiale Gustavsburg bei Mainz, dieZentral- weichen-Einrichtung ist an eine Firma in Bruchsal und die Lieferung der Drehscheiben, Herzstücke und Kreuzungen an eine Firma in Mannheim vergeben. *) Als wirkungsvolle Reklame in großem Stile wurden der im amtlichen Aufträge in den Jahren 1868—1871 veranstalteten öster reich-ungarischen Expedition nach Siam, China und Japan von österreichischen und ungarischen Industriellen Waren und Produkte (Chemikalien, Rohstoffe, Metallwaren, Kochgeschirre, Handwerkszeug, Waffen, Webewaren, Knrzwaren, Musik- und Galanteriewaren :c. :c.) zur beliebigen Verfügung übergeben. Diese Mustcrwaren wurden im Jntereffe des österreichischen Exporthandels durch die Handelskammern in Shanghai und Jokohama öffentlich ausgestellt, unterwegs aber seitens der ExpcditionSmitglieder in Gebrauch gc- genommen, als Ausstattung der bezogenen Wohnräume den Besuchern vorgezcigt, und bei passender Gelegenheit auch zu Geschenken ver wendet. (Dr. Von Scherzer, Oesterreich-Ungar. Expedition nach China und Japan, A. 254.)4 49 Ein weiteres Beispiel: In dem an China angrenzenden Lande Korea, auf das sich die internationale chinesische Seezollverwaltung gleichfalls erstreckt, beträgt die Gesamtzahl der kaukasischen Bevölkerung 73 Seelen, worunter 24 Engländer, 19 D eut s che, 13 Amerikaner, 7Russen, 4Franzosen,3Dänen, 2 Italiener und 1 Portugiese. Auch hier ist der Zoll direktor ein Engländer, Mc. Leavey Brown, dessen Haus neben dem des deutschen Konsuls als das gastlichste in Söul gepriesen wird.*) Herr von Moellendors, jetzt einer derobersten Beamten des chinesischenZollwesens in Shanghai, erfreute sich in den achtziger Jahren als Berater des Königs von Korea in Söul großen Ansehens und bekleidete die höchsten Würden des Königreiches. „Seiner Initiative — schreibt von Hesse-Wartegg — sind die vielen Neue rungen in dem bisher Europa so feindlichen Korea zuzu schreiben und mit seinem Weggange brachen auch diese wieder zusammen. Wäre Moellendors auf seinem verant wortlichen Posten erhalten worden, die administrativen und kommerziellen Verhältnisse des Landes hätten sich längst zum Besten gewandt und den Deutschen wäre der Löwenanteil an den Regierungsposten und deni Außenhandel übertragen worden." Diese Beispiele zeigen zur Genüge, in welchem Grade die höheren Zollbeamten in China in und außerhalb ihres dienstlichen Arbeitsgebietes ihren Einfluß zu Gunsten der Handelsinteressen ihres Heimatlandes geltend zu machen im Stande sind. Hoffen wir also, daß es nach Beendigung der gegenwärtigen Wirren dem mannhaften Auftreten unserer Diplomaten gelingen möge, dem deutschen Handel die gebührende Würdigung seitens der Leitung des inter- *) von Hesse-Wartegg, Korea 1894. S. 185.50 nationalen Seezollamts durch Erhöhung der Einstel lungsquote für deutsche Zollbeamte zu sichern. Zur Durchführnng dieser deutschen Forderung werden die jetzt oder später bevorstehenden gemeinsamen Friedens verhandlungen Wohl die günstigste Gelegenheit bieten; den geeignetsten Anhaltspunkt aber zur Aufrollung dieser Frage liefert der am 16. Oktober d. I. zwischen dem Kaiserlichen Botschafter Grasen Hatzfeld und Lord Salisbury voll zogene Notenaustausch, wonach beide Regierungen von dem Wunsche beseelt sind, „ihre Interessen in China und ihre Rechte aus bestehenden Verträgen ausrecht zu erhalten!"V. Anstellung, Beförderung und Besoldung der Zollbeamten ln China. Wenn wir auf Grund der im vorigen Abschnitt ge schilderten Thatsachen Anspruch aus Erhöhung des den Deutschen bisherzugestandenen Prozentsatzes derBeteiligung an der Verwaltung der chinesischen Seezvlle erheben, aner kennen wir zugleich die Verpflichtung, auch unsrerseits alle Hindernisse aus dem Wege räumen zu helfen und so nicht nur fordernd, sondern auch fördernd in die Schranken zu treten. Vor allem muß der wiederholt — ob mit Recht oder Unrecht — aufgestellten Behauptung, die Ober leitung des Seezollamts sei in einem gegebenen Falle genötigt gewesen, wegen mangelnden Angebotes deutscher Bewerber eine freigewordene und verabredungsgemäß durch deutsche Zollbeamte zu besetzende Stelle einem Kandidaten anderer Nationalität zu übertragen, für alle Zukunft der Boden entzogen werden. Um zu diesem Ziele zu gelangen, müssen wir in weit ausgiebigerer Weise als bisher dafür Sorge tragen, daß aus dem deutschen Beamten- und Kaufniannsstande, vielleicht auch aus Offizierskreisen, geeignete und der eng lischen Sprache mächtige Persönlichkeiten in der erforder lichen Anzahl der Generalzolldirektion sich zur Verfügung stellen. Und das sollte doch angesichts der geradezu glänzenden 4 *52 Anstellungsbedingungen für den höheren chinesischen See zolldienst, die wir der „Umschau auf dem Gebiete des Zoll- und Steuerwesens" entnehmen, nicht schwer fallen.*) Wer in den chinesischen Zolldienst eintreten will, muß zwischen 19 und 23 Jahre alt, körperlich gesund, der eng lischen Sprache mächtig sein, gewisse Kenntnisse in der allgemeinen Geschichte und Geographie haben, sowie vor allem die Fähigkeit besitzen, sich schriftlich gewandt auszu drücken. Je mehr Kenntnisse namentlich von fremden Sprachen oder von Waren er besitzt, desto leichter wird es ihm werden, es schnell zu einer höheren Stellung zu bringen. Vor dem Eintritt in den chinesischen Zolldienst hat der Bewerber eine Prüfung abzulegen. Die Vor prüfung wird sich bei solchen, die sich über ihren Bildungs grad genügend auszuweisen vermögen, lediglich aus die Beantwortung formeller Fragen beschränken. Die Haupt prüfung erstreckt sich unter allen Umständen auf die eng lische Sprache, allgemeine Weltgeschichte, Geographie und Auffatzschreibeu; außerdem aber auf Wunsch des Kandidaten auf alle solche Fächer, in denen er selbst geprüft zu werden wünscht. Es wird dabei weniger auf eine oberflächliche Kenntnis vieler Dinge, als vielmehr auf ein gründliches Beherrschen eines oder einiger Zweige der Wissenschaft gesehen. Verlangt wird ferner, daß der Kandidat seinen Militärverpflichtungen in der Heimat nachgekommen ist, **) das Patent eines Reserveofsiziers oder die Berechtigung, *) Umschau 1899 Nr. 31 vom 17. August 1899. Die oben mehr fach augeführteu „Taels" können der Einfachheit wegen und mit Rücksicht auf die ständigen Kursschwankungen rundweg durch unfern landläufigen Wertbegriff „Thaler" ersetzt werden. **) Hierzu ist die Mitteilung von Wichtigkeit, daß zwischen den beteiligten Ressorts Maßnahmen stattfinden sollen, welche den im Auslande lebenden Deutschen die Erfüllung der Wehrpflicht erleichtern werden.53 Reserveoffizier zu werden, dürfte sich als eine nicht zu unterschätzende Empfehlung erweisen. Wer die Prüfung besteht, ist für den Zolldienst quali fiziert und kann, sobald eine Vakanz vorhanden ist, ange stellt werden. Die Anstellung erfolgt zunächst probeweise aus ein Jahr. Der Bewerber erhält eine Reiseentschädigung von 100 Pfund Sterling (2000 Mark) und dann ein Monats gehalt von 150 Taels (etwa 150 Mark), wie es allen Assistenten der Klasse 4L im Zolldienst zusteht. Durch den Eintritt in den Zolldienst wird der Betreffende Kaiserlich chinesischer Beamter, ist indessen als solcher nicht der chinesischen Gerichtsbarkeit unterworfen, sondern der jenigen seines eigenen Landes, gehört mithin unter das Konsulargericht seiner Heimat. Ergiebt sich während des Probejahres, daß der Kandidat sich für den Zolldienst nicht eignet, so wird er entlassen, erhält aber eine Ent schädigung von 300 Taels für die Rückreise. Bis zum Ende des dritten Jahres muß der Beamte so viel chinesisch können, daß er die Landessprache wenigstens verstehen kann. Er hat um diese Zeit ein Examen im Chinesischen abzulegen. Besteht er dieses nicht, so kann er ausnahmsweise nur dann im Zolldienst behalten werden, wenn er sich in irgend einem Spezialfach derartig auszeichnet, daß der Generalinspektor der Zölle ans Em pfehlung des dem Betreffenden Vorgesetzten Zolldirektors seine Weiterbeschäftigung verfügt. Sonst wird er entlassen und auch ihm die Heimreise mit 300 Taels vergütet und gleichzeitig noch ein Vierteljahr Gehalt ausgezahlt. Nach dem fünften Jahr ist schließlich eine dritte Prüfung zu bestehen, in welcher auch die Fähigkeit, chinesisch zu lesen und zu schreiben nachgewiesen werden muß. Die Gehaltsverhältnisse des chinesischen Zolldienstes dürfen im allgenieinen als glänzend bezeichnet werden.54 Der Ansangsgehalt beziffert sich, wie wir gesehen haben, heute auf 1,800 Taels im Jahr, und zwar neben freier Dienstwohnung oder angemessener Entschädigung dafiir, und steigert sich, wie aus der folgenden Tabelle erhellt, bis aus jährlich 18,000 Taels. Assistenten der Klasse 4L — 1,800 Taels im Jahr „ 4A - 2,400 „ 3B — 3,000 . „ „ ., 3A — 3,600 „ „ „ 2 B — 4,200 .. 2 A — 4,800 „ 1B — 5,400 „ „ „ „ „ „ 1 A — 6,000 ,. „ „ Stellvertretender Zolldirektor 7,200 bis 8,400 Taels. Zolldirektor (38 Stellen!) 9,600 „ 18,000 „ Von diesen der „Umschau auf dem Gebiete des Zoll- und Steuerwesens" entnommenen Zahlen weichen die Angaben des österreichischen Volkswirts Ritter v. Scherzer*) in einzelnen unwesentlicheren Punkten etwas ab, bestätigen aber im Ganzen die glänzenden Anstellungsbedingungen für den chinesischen Zolldienst. Hiernach müssen die Kandidaten im Alter von 20 bis 25 Jahren stehen, eine allgemeine höhere Bildung besitzen, der englischen oder der französischen Sprache vollkommen mächtig sein und sich verpflichten, mindestens 3 Jahre im Zollamtsdienste der chinesischen Regierung zu verbleiben. Sie bringen zunächst ein Jahr in Peking zu, um sich mit dem Mandarinendialekt vertraut zu machen, der im ganzen Reiche von den chinesischen Staatsbeamten gesprochen wird und in welchem allein der offizielle Schriftwechsel statt- *) Dr. Karl ü. Scherzer, Oester.-Ungar. Expedition nach China 1868-71 S. 251.55 findet. Während seines Aufenthaltes in Peking erhält ein solcher Eleve freie Wohnung im Zollamtsgebäude und einen Jahresgehalt von 300 Pfund Sterling (— 6120 Mark). Sobald derselbe hinreichende Kenntnisse besitzt, um mit den Lokalbehörden in der chinesischen Sprache verkehren zu können, wird er nach einem der offenen Häfen entsendet, um daselbst als Zollbeamter zu fungieren. Ge wöhnlich wird er nach Ablauf eines Jahres nach einem andern Hasen versetzt, um deu Geschäftsgang in den einzelnen Häfen noch genauer kennen zu lernen. Nach 2—3 Jahren tritt eine Gehaltserhöhung von 300 auf 500 Pfund Sterling (10 200 Mark) ein und bewährt sich ein Beamter als tüchtig, so kann er seine Einnahmen rasch um ein Beträchtliches vermehren. Die Zollinspektoren (0ommi88ionsr8 ok Orwtomo) haben in der Regel einen Gehalt von 800—1200 Pfund (16 320—24 480 Mark); in den wichtigeren Häfen sind dieselben sogar noch bedeutend höher dotiert. So z. B. bezieht der Zollinspektor (Zoll direktor) von Amop und Ningpo 1600 Pfund (31 640 Mark), von Tientsin 2000 Pfund (40 800 Mark) und von Shanghai 3000 Pfund (61 200 Mark). Ueber die Höhe des Gehaltes des Generalzolldirektors ist nichts bekannt. Beim Aus tritte eines Zollbeamten nach Ablauf seiner Dienstver pflichtung erhält er den Gehalt für ein weiteres Jahr als Abfindung ausbezahlt. Ein Avancement nach dem Dienstalter giebt es nicht. Wer sich auszeichnet wird befördert, vorausgesetzt, daß höhere Stellen zu besetzen sind. Reichte früher schon die Kenntnis des Chinesischen allein aus, ein schnelles Avan cement zu sichern, so hat sich das in den letzten Jahren immer mehr geändert, und seitdem die Kenntnis der chine sischen Schriftsprache mit dem 1. März d. Js. für alle Be amten obligatorisch geworden ist, wird auch auf die sonstige56 Brauchbarkeit im Dienste das größte Gewicht gelegt. Es ist jedensalls bezeichnend, daß von den jüngeren Engländern im chinesischen Zolldienst heute etwa 80 °/-> deutsch und ebensoviel französisch, mindestens 6O°/o aber neben der eigenen diese beiden anderen Sprachen können. Ueberhaupt dürste Sprachkenntnis im chinesischen Zolldienst stets einer- ganz besonderen Anerkennung sicher sein. Es liegt daher bis zu einem sehr hohen Grade im Bereiche jedes einzelnen Beamten, sich derartig auszubilden, daß er nicht allein aus eine lebenslänglicheBeschäftigung im Zolldienst, sondern auch auf eine angemessene Beförderung rechnen kann. Heimatsurlaub wird erstmals nach siebenjähriger Dienstzeit, später alle fünf Jahre bewilligt und zwar je weils auf die Dauer von zwei Jahren unter Fortbezug des halben Gehaltes' Ein Nachteil in den Augen des europäischen Beamten dürfte es sein, daß die chinesische Zollverwaltung keine Pensionen zahlt. Indessen darf hier nicht außer Acht gelassen werden, daß die Gehalte außerordentlich hoch sind und namentlich in den oberen Stellen ein erhebliches Sparen gestatten. Auch ist der Eventualität einer Entlassung ohne eigenes Verschulden in reiferer Stellung durch obige Probezeit hinlänglich vorgebeugt, die ja beiden Parteien Zeit und Gelegenheit giebt, die Anforderungen und die Leistungen, sowie die persönlichen Eigenheiten gegenseitig kennen zu lernen. Alles in allem wird man diese Bedingungen nicht nur äußerst glänzend, sondern geradezu verlockend nennen müssen, die leider bisher nur allzuwenig bekannt und beachtet worden sind. Wenn aber diese günstigen Anstel- lungs- und Beförderungsverhältnisse seitens unserer Be hörden, Handelskammern und Fachzeitschriften zur allge- meinern Kenntnis gebracht würden, dann müßte es doch57 — bei dem heutigen Ueberflusse an gebildeten, strebsamen und wagemutigen jungen Deutschen sicher zu erreichen sein, daß das Angebot an geeigneten Kandidaten zuni chineßs )en Seezolldienst die Nachfrage übersteigt, auf daß nicht wieder, wie in früheren Jahren, mangels brauchbarer deutscher Elemente auf Ersatzleute anderer Nationalität gegriffen werden muß zum Nachteile der deutschen Han es- interessen in China und auf Kosten des Deutich- tums in Ostasien.VI. Lebensbilder chinesischer Zeezolldirektoren. 1. Generalzolldirektor Robert Hart. Wenn im Bisherigen versucht wurde, an trockenen Zahlen und nackten Thatsachen den Nachweis zu liefern, daß und in wie hohem Grade die Beamten der chinesischen Seezollverwaltung einen fördernden Einfluß aus den Aus fuhrhandel ihres Heimatslandes mit China auszuüben im Stande find, fo mögen nachstehende Schilderungen aus dem Leben und Wirken einiger der obersten Zoll beamten in China uns einen Begriff geben von ihrer sozialen Stellung und handelspolitischen Be deutung, gewissermaßen eine» seuilletonistischen Rahmen zu dem ernsten Bilde. An der Spitze der chinesischen Seezollverwaltung steht als Generalzolldirektor der Irländer- Sir Robert Hart (geboren 1835), eine der markantesten fremdländischen Persönlichkeiten Pekings, der in China mehr als 40 Jahre hindurch als Beamter der kaiserlichen Regierung eine finanzwirtschaftlich hochwichtige und zugleich als Ver trauensmann der fremdländischen Gesandtschaften eine politisch bedeutende Thätigkeit entfaltet hat.Sir tNovert Hart. Nach einer Photographie von Hone in Hongkong durch Slops Electrotype Agency in London hergestellt.NA61 Nachdem er zuerst als Dolmetsch bei den britischen Konsulaten in Ningpo und Kanton sich mit den eigen artigen Sitten und Gebräuchen dieses merkwürdigen Kul turvolkes vertraut gemacht hatte, wurde Robert Hart im I. 1863 zum Generalinspektor der kaiserlichen Seezolle ernannt, deren Einnahmen der britischen und französischen Regierung zur Deckung ihrer Kriegskostensorderungen ver pfändet worden waren. Unter Hart's umsichtiger Leitung stiegen die Zolleinkiinfte in Wenigen Jahren so über raschend,*) daß die kaiserliche Regierung nach Abtragung der Kriegsschuld dem bewährten Generalzolldirertor auch die fernere Leitung des chinesischen Seezollwesens unter so glänzenden Bedingungen überließ, daß er vielfach der bestbesoldete Beamte der ganzen Welt genannt wurde. Robert Hart har es verstanden, diirch rastlow Or- ganisationsarbeit. treffliche Beamtenauswahl und absolute Charakterfestigkeit sowohl chinesischen wie englischen Ein flüsterungen gegenüber iinter denkbar schwierigsten Ber- hältnissen und trotz lokaler und internationaler Verwicke lungen das seiner Leitung unterstellte Institut auf seine jetzige Achtung gebietende Höhe zu bringen. Dabei fand er' trotz unermüdlicher Arbeit immer Zeit genug, nicht nur allen Fremden ohne Unterschied der Nationalität ein warmherziger Freund und treuer Ratgeber, sondern auas ein unablässiger Förderer europäischer Kultur zu sein, wie die von ihm ausgegangene Gründung der »Vereinigten Literaturhalle" (Oombiueä Uitoraturo UUI) beweiN. Ä haben" — sagt Freiherr Ferdinand von Richthosen ) nicht näher aus die wohlbekannte und vielfach zur Ge - tung gebrachte Thatsache einzugehen, das; das bewunderns werte Geschick Herrn Hart's, die Umsicht, mit der er ,ur *) Näheres siehe S. 24. ___ **) v. Richthofcn, China, Band I S. 720 .62 bte höchsten Stellen die gewandtesten Kräfte ausgesucht und herangezogen hat, seine unerreichte Befähigung, mit den höchsten Beamten des Reiches zu verkehren und ihr Vertrauen zu gewinnen, das Zollamt zu einer Behörde von größtem Einstusse gemacht haben und daß die Ver treter der auswärtigen Mächte mit ihm als einer den Interessen China's hingegebenen und doch die europäische Intelligenz. Bildung und Anschauungsweise vertretenden Größe rechnen müssen!" In Folge seines vierzigjährigen Aufenthaltes in China ijt ihm dieses eigenartige Land, dessen Sprache Robert Hart wohl besser als je ein Europäer beherrscht*) und dessen Sitten er sich zum Teil anbequemte, zur zweiten Heimat geworden.**) Er sah — und das ist vielleicht sein einziger Fehler — die chinesischen Angelegenheiten zu sehr in chinesischem Licht und fühlte für die rücksichtslos ihre Ziele verfolgende Kaiserin-Witwe Tsu-Si eine ge wisse Bewunderung. Nur so ist es auch erklärlich, daß dieser Kenner chinesischer Zustände, eingewiegt in das abso lute Sicherheitsgefühl, das der jahrzehntelange Aufenthalt in vertrauten Verhältnissen mit sich bringt, keine Ahnung hatte von dem so nahe bevorstehenden und schroffen Aus bruch des Ausstandes. Nachdem aber der Sturm einmal losgebrochen war und die ganze ausländische Kolonie dem Tode stündlich in's Auge sehen mußte, da erwies sich der erprobte Or ganisator der Zollverwaltung zugleich als die zuver- lässtgste Stütze der bedrohten Europäerschaar. Der frem- *) Damit soll nicht ausgeschlossen sein, daß der philologisch ge bildete Seezolldirektor Dr. Friedrich Hirth in das Wesen, die Ab- stanimung und die Dialektverwandschaft tiefer eingedrungen ist. **) Die an der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Peking vorbeiführcnde Straße trägt den Namen „Robert-Hart-Straße".63 denfreundliche Prinz Ching hatte dem durch langjährigen Verkehr liebgewonnenen alten Herrn den Vorschlag ge macht, nach Bartabnahme und Verkleidung ihm zur Flucht behilflich zu sein, was dem fließend chinesisch Sprechenden und mit Peking und Umgebung Vertrauten leicht ge worden wäre. Robert Hart jedoch weigerte sich, allein zu fliehen, harrte vielmehr standhaft bei seinen Schicksalsge nossen aus und beteiligte sich mit diesen persönlich an den Erdarbeiten und dem Beischleppen von Sandsäcken. Und während den englischen wie überhaupt allen Gesandten jeder Versuch einer Verständigung mit der Außenwelt mißglückte, gelang es dem Generalzolldirektor nicht nur, am 5. Juli eine energische Botschaft an den Prinzen Tuan wegen Schutzes des Lebens der Gesandten und übri- geiuÄeamten zu übermitteln, sondern ani 19. und am 24. Juni die bekannten Briefe nüt dem Notschrei um schleunige Hilfe an die Verbündeten in Tientsin zu be fördern.' Wenn das befürchtete, von der Presse bereits in den entsetzlichsten Details ausgemalte Schicksal der eingeschlossenen Europäerkolonie noch in letzter Stunde abgewendet werden konnte, ist dies in erster Reihe den durch Robert Hart an die Außenwelt gelangten Alarm rufen zu verdanken, die Sr. Majestät unserm deutschen Kaiser den Anlaß zu der hochherzigen Belohnungsver heißung, sowie zur Beschleunigung der Kriegsrüstungen und Truppentransporte gegeben haben. Am 24. Juni wurde das im Gesandtschaftsviertel lie gende Zolldirektionsgebäude von den Boxern und Soldaten erstürmt und niedergebrannt, wobei nicht nur sämtliche Akten des Seezollamts, sondern auch die wertvollen Brief schaften und Literalien, die Hart in den 40 Jahren seiner Verwaltung gesammelt hatte, in Verlust gerieten. Doch gelang es dem Generalzolldirektor und den meisten seiner64 28 Secunten (4 -Leutjctjc urtb 24 Ausländer Qttbei'er Ra tionalität)*) nach ber englischen Gesandtschaft zu flüchten, wo die widerstandsfähigeren Umwallungen unb die stär kere Besatzungsmannschaft vorläufigen Schutz versprachen. Wenn bald nach dieser Uebersiedelung durch Sensa tionstelegramme aus Peking der angeblich am 2. Juli eingetretene Tod Sir Robert Hart's gemeldet wurde, wenn sogar englische Blätter wie „Daily Mail" behaupte ten, dieses schicksalreiche Leben habe einen gewaltsamen Abschluß gesunden, so beweist dies wiederum, welche Be deutung dieser hervorragenden Persönlichkeit beigelegt wurde und wie sehr man geneigt war, in Robert Hart den ein zigen Mann zu erblicken, der seinen schwerbedrängten Glau bens- und Schicksalsgenossen noch Rettung verschaffen könnte, da auch die heldenmütigste Verteidigung der Ge sandtschaften durch die Schutztruppc unter Gras von Sodens todesmutiger Führung über kürz oder lang der Uebermacht hätte erliegen müssen. Glücklicherweise befand sich aber auch der todgesagte Chef der Zollverwaltung unter den Geretteten, der sofort mit ungeschwächter Kraft die Leitung wieder übernahm und ani 28. August auch die kaiserliche Pofl eröffnete und so die lang unterbrochene Verbindung mit der Heimat wiederherstellte. Wenige Tage später machte Robert Hart daraus auf- merksam, daß die von chinesischer Seite eingeleiteten „Frie densverhandlungen" nur den Zweck verfolgten, die Euro päer zu täuschen und Zeit zur Zusammenziehnng der chinesischen Truppen zu gewinnen. Er forderte zugleich die Generale der Verbündeten ans, sich auf den bevorste- *) Nach anderen Angaben sollen unter den in Peking einge schlossenen Europäern sich gegen 60 Zollbeamte befunden haben, wohl unter Einrechnung der zugehörigen Frauen und Kinder.65 henden Wiederausbruch der Feindseligkeiten vorzubereiten. Wie begründet diese Warnung war, zeigte die am 23. Sep tember erfolgte Ernennung der enropäerfeindlichen Prinzen Tuan und Tungfuhsiang zu Präsidenten und Heerführern, sowie des Boxergenerals Prinzen Tschaung zum Mitglieds des Großrates. Auch die neuesten beunruhigenden Mel dungen über die regierungsseitig unterstützte Ausrüstung von chinesischen Freiwilligen-Korps und die am kaiserlichen Hofe in Signansu geplante Veranstaltung eines allge meinen Christenblutbades sind eine nachträgliche Bestä tigung dafür, wie richtig der Generalzolldirektor trotz aller Winkelzüge und Friedensvorschläge der chinesischen Diplo maten die wahre Sachlage durchschaute. Als Robert Hart im Novemberheft der „Fortnightly Review“ seiner persönlichen Beurteilung der Lage und Stim mung in China sowie der Ursache der Boxerbewegung Aus druck verlieh, da sielen die meisten deutschen Zeitungen über diesen „besten Kenner China's" her und nannten ihn einen im Dienst und Solde der chinesischen Regierung stehenden „Chi nesenanwalt". Und warum? Weil Hart — entgegen der bisherigen landläufigen und allgemein nachgebeteten Beurteilung des „Rebellenaufstandes" — die Boxerbe wegung nach seiner innersten Ueberzeugung als eine na tionale Erhebung und eine zwar offiziell begünstigte, aber doch rein patriotische Freiwilligenbewegung zur Abwehr fremder Eingriffe darstellt. Gleichzeitig aber warnt er auch vor der „gelben Gefahr", die den westlichen Kulturvölkern droht, sobald der Boxerparriot, in Stärke von vielen Millionen mit den besten eigenen und fremden Feuerwaffen ausgerüstet und nach neuester Technik geschult, auf den Ruf seiner Regierung bereit sein wird, den Grundsatz „China den Chinesen, hinaus mit den Fremden!" nnt größerem Erfolg als bei dem diesmal66 schlecht vorbereiteten, verfrühten und daher mißlungenen Anlaufe durchzuführen. Zur Abwendung dieser Gefahr schlägt Hart, da das beste Mittel der „wunderbaren Aus breitung wahren Christentums in China" ihm selbst un möglich erscheint, eine Teilung der chinesischen Küstenpro vinzen unter die Großmächte vor.*) Bei rein sachlicher Betrachtung der ganzen Ange legenheit wird man diesem klarblickendem Manne Dank zollen müssen, daß er es gewagt hat, selbst auf die Ge fahr des Verlustes seiner Popularität und vielleicht seiner *) Aus Zweckmäßigkeitsgründen würde diese Abzweigung der Außenprovinzen vom Zentralreiche wohl durch Arrondierung der von den beteiligten Mächten bereits erworbenen und befestigten Hafenplätze oder Niederlassungen erfolgen, es wären also die Umgebung und das unmittelbare Hinterland von Hongkong an England, Shan- tung nebst Umgebung an Deutschland, das Hinterland von Port- Arthur oder die schon teilweise russtfizierte Mandschurei au Rußland, Korea au Japan, ein noch zu bestimmendes Gelände an Frankreich abzutreten und den übrigen interessirteu Mächten ebenfalls entspre chende Stützpunkte zuzuweisen. AuS den an der ausländischen Pe ripherie rasch emporblühenden Handelsstädten würde gleichzeitig von allen Seiten abendländische Kultur auf modernen Verkehrswegen nach Zentral-Chiua Vordringen und dies unermeßliche Reich in fried licher Arbeit den Segnungen christlicher Zivilisation erschließen. We sentliche Unterstützung fände diese Kulturarbeit durch Ansiedelung auserwähltcr Unteroffiziere und Soldaten des Expeditionskorps nach Ablauf ihrer Aktivitätsdienstzeit, insbesondere solcher, die in einem kaufmännischen, gewerblichen oder technischen Berufsweige ausge bildet sind. Durch Zuweisung billigen Pachtgeländes, Befreiung von Abgaben während einer mehrjährigen Uebergaugszeit und ähn liche Zugeständnisse würde hier leicht ein im Frieden wie bei Feind seligkeitsausbrüchen ebenso brauchbarer Stamm geschaffen werden, wie s. Zt. durch Niederlaffung römischer Kolonen in den germanischen Grenzländern oder wie in unfern afrikanischen Kolonien durch An siedelung ausgedienter Schutztruppenangehöriger. Ist hiermit ein mal die Grundlage gegeben, dann wird sich der Strom deutscher Auswanderer ohne Mühe nach China lenken laffen!67 einflußreichen Stellung, als Erster unter den Europäern das Kind beim wahren Namen zu nennen und so den beteiligten Westniächten Gelegenheit zu geben, gegen später wiederkehrende größere Gefahr sich rechtzeitig vorzusehen. Daß Sir Robert Hart's Auffassung der Boxerbe wegung zutreffend ist. dafür sprechen nicht nur die neuesten Nachrichten von der regierungsseitig unterstützten Bildung bewaffneter Freiwilligen-Korps in verschiedenen Provinzen, sondern auch beachtenswerte Aeußerungen europäischer wie chinesischer Kenner des himmlischen Reiches, Urteile, die dadurch an Wert gewinnen, daß sie viele Jahre vor Aus bruch der gegenwärtigen Wirren und unbeeinflußt von neueren Gefühlsströmungen niedergelegt worden sind. So schrieb schon im Jahr 1877 Freiherr Ferdinand v. Richthosen:*) „Durch die von englischen und amerikanischen Missionen zur Belehrung der Chinesen verfaßten und in Flugschriften verbreiteten Abrisse der Welt geschichte, Geographie und Geschichte einzelner Länder erfuhren die Chinesen, wie groß ihr eigenes Reich im Verhältnis zu denjenigen Europa's, mit denen sie in Be rührung gekommen waren, und wie jede einzelne dieser anscheinend mit so viel Macht und Ansprüchen auftretenden Nationen kaum der Bevölkerung einer Provinz von China entspricht. So trug der Belehrungseifer der Missionare dazu bei, den Eigendünkel der Chinesen zu vermehren und der Geringschätzung gegen die Fremden Nahrung zu geben. In neuester Zeit hat man sich nicht damit begnügt, die Zahl dieser Handhaben für diese Gering schätzung zu vermehren, sondern ist auch emsig bestrebt gewesen, den Chinesen die Waffen zu übergeben, mit denen es ihnen möglich sein wird, gegen die verhaßten Fremd en aufzutreten und diesen *) Freiherr b. Richthofen, China, Band I. S. 701.68 die Wahrung ihrer Stellung nur auf Kosten schwerer Opfer und Kämpfe zu ermöglichen!" Im Jahr 1884 schrieb der inzwischen verstorbene chinesische Admiral und Kanzler Peng-Jü-Lin:*) „Die Nationen des Westens sind nicht so hoch gesinnt wie wir, sondern versuchen unablässig Vorteil von einander zu ziehen. Jede der großen Nationen trachtet nach chine sischem Gebiet; wenn sie erst einen Hafen haben, ver langen sie nach mehreren. Nur gegenseitige Eifersucht und teilweise internationales Gesetz legen ihnen Zügel an(!), nicht das chinesische Heer und die Flotte. Di e euro päische Eifersucht und Uneinigkeit ist ein Vorteil, den der Himmel China sendet, daß es sich vorbereiten kann. Wenn Alles zum Kriege bereit ist, dann werden wir mit einem Schlage die Vergangenheit rächen!" Aehnliches prophezeite der als Weltreisender bekannte General v. Korff, dessen Schilderung gerade nicht das beste Licht auf das Auftreten der Europäer als „höhere Kulturmenschen" wirft:**) „Ueberall sieht man die Europäer mit Stöcken und Regenschirmen auf die Leute dreinschlagen, es scheint die einzige Sprache zu sein, welche Polizei und Militär mit diesen Leuten redet, und ich kann mir nicht denken, daß ein solcher Schlag, der im Augenblick vielleicht verlacht wird, nicht eine üble Aussaat sein sollte, die noch mal schlechte Früchte tragen wird. Wenn die Frau Konsul getragen wird, geht ein Polizist voran und haut mit dem Kantschu, ohne ein Wort zu sagen, rechts und links auf alles, was ihm begegnet. Hinter dem Palankin geht ein Soldat, um sofort einzuschreiten, wenn ein Chinese *) Coucheron-Aamot, Durch das Land der Chinesen, S. 22. **) Korffs Weltreise, II. Band, Japan-China, 1893 S. 207.f — 69 sich nur darüber wundern sollte. Es ist widerlich, das anzusehen." Ferner: „Jetzt erst verstehe ich alle die Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, die da zu Tage treten, wo der Chinese glaubt der Stärkere zu sein. Zank, Schimpfen und Handgreiflichkeiten unter einander, dann werden sie von der Polizei und den Fremden gehauen, daß die Stücke fliegen. Ich bin in der Meinung, daß mal ein böser Augen blickkommen kann, wo diese Behandlung zurück gegeben wird!" Auch der chinesische Zolldirektor a. D. Herr Klein wächter in Berlin teilt die Anschauung Robert Hart's in einem im November d. I. gehaltenen Vortrage:*) Das chinesische Volk sei zwar künstlich aufgestachclt zum Fremdenhaß, aber es müsse sich mit Recht verletzt fühlen durch die Ausländer. Seit die Franzosen i. I. 1883, weil sie eine Begünstigung der tonkinesischen Schwarzflaggen durch die Chinesen vermuteten, ohne War nung und Kriegserklärung plötzlich deren Forts angriffen, gaben die Chinesen auch nichts mehr auf Völker recht. Hierzu kam noch, daß 1887 der Likinzoll den ein zelnen Provinzialregierungen entzogen und der fremd ländischen Verwaltung der Seezölle überwiesen wurde, ohne daß die als Entgelt versprochene Abführung des Likin- Anteils an die Provinzen durchgeführt worden wäre. Hier durch verloren die Provinzen und Provinzialgouverneure große Einnahmen zu Gunsten der „fremden" Seezollver waltung, während ihnen die alten Lasten nicht abgenommen oder erleichtert wurden. Natürlich ist dadurch der Fremdenhaß bedeutend vermehrt worden. In Nanking wurde 1875 unter Leitung des Eng länders Macartney ein großes Arsenal erbaut, in dem *) Deutsche Zoll- und Steuerbcamtenzeituug, 1Ö00 Sir. 22. 5*70 Tausende chinesischer Arbeiter die modernsten Schußwaffen anfertigen, die, wie die Chinesen hoffen, „im Laufe der Zeit helfen sollen, die demütigenden Verträge- welche in Nanking 1842 unterschrieben wurden, zu durchbohren!"*) Ein ähnliches Arsenal ist im Be trieb in Futschau unter Leitung eines Franzosen, dem ein Stab von 50 Europäern (Ingenieuren, Lehrern, Vor arbeitern) beigegeben ist, während die 1000 Arbeiter durch die in der Provinz liegende Garnison gestellt werden. Zwei ebenso große moderne Arsenale befinden sich in Shang hai und in Tientsin (letzteres von der deutschen Ersatz expedition erstürmt), außerdem in Futschau eine Schiffs werft zum Bau von Kanonenbooten und eine nautische Kriegsschule, die in den meisten Fächern mit tüchtigen europäischen Lehrkräften besetzt ist. „Während China den Europäern die Befugnis zur rationellen Ausbeutung von Kohlenminen und Bergwerken, zur Errichtung von Zucker- Oel- und andern Fabriken, sowie einer Telegraphenleitung auf chinesischem Boden verweigert, schreitet es in mili tärischer Richtung mit der europäischen Zivilisation!"**) Wozu dies alles, wenn nicht einzig und allein zur Aus führung des vom Generalzolldirektor aufgedeckten Zu kunftsplanes einer nationalen Erhebung zur Vertreibung der Fremden? Doch zum Schluffe! Daß nach Bekanntwerden des russischen Vorschlages der Truppenzurückziehung seitens einiger Vertreter des europäischen „Konzerts" der Antrag gestellt wurde, eine» gemeinsamen internationalen Friedens unterhändler zu ernennen, und daß man diesen dornen vollen und Hochverantwortlichen Posten dem mit den *) Coucheron-Aamot, Durch das Land der Chinesen, S. 116. **) Dr. von Scherzer, Oesterreich-Ungarische Expedition nach China, S. 272.71 chinesischen Regierungsverhältnissen und Volksanschauungen am besten vertrauten Generalzolldirektor übertragen wollte, zeugt wiederuni von dem unerschütterlichen Zutrauen und den hohen Erwartungen, die die beteiligten Mächte diesem Manne entgegenbringen. Doch mag Sir Robert Hart auch der vorzüglichste Beirat bei den wegen Friedensgarantien, Kriegskosten entschädigungen und deren Zahlungsmodus zu pflegenden Verhandlungen sein, — einem Engländer, und wäre es selbst der im übrigen einwandfreie Sir Hart, kann Deutsch land niemals die Regelung der Genugthuungsfrage über lassen, nachdem der deutsche Gesandte als „Einer für Alle" sein Leben lassen mußte und schon soviel deutsches Blut geflossen ist. Die Sorge und Verantwortung hier für dürfen wir getrost unserm hochgesinnten Kaiser anheim geben. er wird die deutschen Fahnen nicht zurückrufen, bevor die Verächter deutscher Ehre gezüchtigt sind, gleich viel ob mit oder ohne Mitwirkung und Zustimmung der andern Mächte! 2. Zolldirektor Gustav Detring. Ein Lichtblick während der trüben Zeit der Ungewiß heit und der täglich wechselnden guten und schlimmen Nach richten aus Peking war die Thatsache, daß verschiedene der hervorragendsten deutschen Zolldirektoren durch ein günstiges Schicksal kurze Zeit vor Ausbruch der Unruhen teils durch Urlaubsantritt,*) teils durch Dienstreisen der Einschließung entronnen sind. *) Der Zolldirektor in Schanghai, Herr Schön ecke, ein geborener Eberswalder, ist mit längerem Urlaube bei seinen dortigen Ver wandten eingetroffen, um demnächst in der Schweiz Erholung zu suchen. Herr Schöneckc, der jahrelang in Peking, Kanton und Schang hai wirkte, war längere Zeit an der Influenza erkrankt, weshalb ihm72 Von diesen ist wohl die bekannteste und in der euro päischen Presse neben Robert Hart meistgenannte Persönlich keit Zolldirektor Gustav Detring, der langjährige Ver trauensmann, Ratgeber und Reisebegleiter des Vizekönigs Li-Hung-Tschang. Detring, ein Rheinländer von Geburt, wurde auf Grund seiner im preußischenZolldienst erworbenen Warenkenntnis, sowie der auf Reisen im Auslande er langten Vertrautheit mit den Handelsverhältnissen und der Sprache verschiedener Völker im Jahr 1873 als Kom missär China's für die Weltausstellung nach Wien berufen.*) Dort erregte seine thatkräftige Vertretung der chinesischen Interessen die Aufmerksamkeit der bezopften Würdenträger, was schließlich zur Beförderung Detrings zum Direktor der chinesischen Seezollverwaltung in der Provinz Tschili führte. Anläßlich der Europa-Reise des Vizekönigs Li-Hung- Tschang im Jahr 1896 schrieb Ernst v. Hesse-Wartegg:**) „Seine einsiußreichsten Ratgeber sind heute noch Deutsche und unter diesen kann in erster Linie der Leiter des Zollamts Tientsin, der Hauptstadt von Li's srühererProvinz, genannt werden. Zolldirektor Detring erfreut sich seit vielen Jahren der Freundschaft des Vizekönigs, seinem Rate haben die Deutschen viel zu verdanken, und er ist es auch, der den bejahrten Staatsmann auf seiner Reise durch Deutschland begleitet." Welcher Wert schätzung Detring sich seitens des chinesischen Vizekönigs ärztlicherseits ein Klimawechsel empfohlen wurde. Der ermordete deutsche Gesandte am Pekinger Hofe, Freiherr von Ketteler, erteilte ihm in einem seiner letzten Schreiben Ende Mai d. I. Urlaub, wo rauf der Zolldirektor unverzüglich nach seiner Heimat abreiste. Wenige Tage darauf brachen in China die Unruhen aus, denen Herr Schönecke so durch Zufall entronnen ist. *) Offizieller Katalog der Wiener Weltausstellung, S. 41. **) Leipziger „Illustrierte Zeitung," 1896 S. 790.73 erfreute, geht auch daraus hervor, daß letzterer den auf zwei Jahre nach Europa beurlaubten Zolldirektor im November 1896 telegraphisch nach Hongkong berief?) um sich bei Abfassung des Berichts über seine europäische Reise unterstützen zu lassen, ein Bericht, der bei dem lebhaften Interesse Detrings an der Förderung der deutschen In dustrie und des deutschen Exports nach China gewiß nach dieser Seite hin günstig ausgefallen ist. Freiherr von Richthosen, eine Autorität unter den Chinaforschern, gedenkt im Vorworte seines ersten Bandes des Prachtwerkes „China" dankbar der Unterstützung, die ihm durch den damaligen kaiserlichen Zollkommissär Detring in Tschin-kiang zu Teil geworden?* **) ) Die Bedeutung eines mit den chinesischen Verhält- niffen und leitenden Persönlichkeiten so vertrauten und zugleich einstußreichen Mannes mußte infolge der deutschen Gebietserwerbung in China noch mehr in den Vordergrund treten und wurde an maßgebender Stelle auch sofort er kannt. Kaum harte sich zur rationellen Ausbeutung der Provinz Shantung aus Kohlen und Eisenerze ein Kon sortiumin Berlin unter Führung des Fürsten von Fürsten berg, Grasen von Dönhoff, Friedrich Krupp und General von Hanneken gebildet, so wurde Zolldirektor Detring, *) „Deutsche Zöllner im Auslande," in der Zeitschrift des Vereins badischer Finanzbeamten, 1897 S. 50. **) Freiherr von Richthosen schildert seinen persönlichen Besuch bei Detring folgendermaßen: „In der Provinz Ngankhwei zwang mich die Ermattung meiner Träger, den beabsichtigten Weg abzu kürzen und nach dem Jangtse zu gehen, von wo ich auf dem Dampf schiff am 20. Juli 1871 nach Tschinkiang hinabfuhr. Hier fand ich bei Herrn Detring, der das Amt eines chinesischen Zollkommissars bekleidete, freundliche Aufnahme und erholte mich durch IO Tage von der Ermüdung der letzten Reise." (Ferd. Frhr. v. Richthosen, China, 1877, Band I. Einleitung, XL.)74 dessen Schwiegersohn der ebengenannte und als Reorgani sator der chinesischen Armee bekannte General ist, mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, an Ort und Stelle die Vorarbeiten einzuleiten und die nötigen Ländereien und Konzessionen zu erwerben. Gegen Ende 1898 wurde Herr Detring der chinesischen Gesandtschaft in Berlin als Legationsrat und Kommissar für Prüfung und Abnahme der auf seinen Rat nicht bei englischen, sondern bei den deutschen Schiffswerften Vulkan- Stettin und Schichau-Elbing für chinesische Rechnung er bauten Schiffe zugeteilt. Während dieses fünfmonatlichen Kommissoriums erhielt Detring als diplomatischer Beirat der chinesischen Botschaft eine Mission nach London, um mit Lo-Feng-Luh, dem chinesischen Gesandten in London, zu konferieren und die damals herrschende englisch-russische Verstimmung beseitigen zu Helsen. Nach Erledigung dieses diplomatischen Auftrages siedelte Detring wieder nach Tientsin über, von wo ihn seine dienstliche Thätigkeit auch zeitweise nach Peking rief. Letzterer Umstand veranlaßte wohl s. Zt. das Zeitungs- gerücht, daß der deutsche Zolldirektor nebst seinen beiden Töchtern sich ebenfalls unter den in Peking Eingeschlossenen befinde. Thatsächlich ist aber Detring mit seiner gesaniten Familie noch vor Ausbruch der chinesischen Wirren nach Tientsin und von da später nach Shanghai abgereist, wo selbst sein Schwiegersohn, General von Hanneken, als Eisenbahndirektor lebt.*) *) Als diese nach den Pekinger Hiobsposten doppelt erfreuliche Thatsache durch den in Berlin stationierten Leutnant W. von Han neken — der ebenfalls schon mehrere Jahre in China sich aufgehalren hatte und nun dem Stabe des Oberkommandierenden Grafen Walder- see zugeteilt ist — bekannt geworden, wurde sie von den vielen Freunden und Verehrern Detrings mit lebhafter Genugthuung be-75 Die nach dem Entsätze Pekings aufgetauchte Nach richt, daß Zolldirektor Detring ausersehen sei, Friedens verhandlungen zwischen dem deutschen Generalkonsulat m Shanghai und Li-Hung-Tschang zu vermitteln, ist wohl durch die Erinnerung daran entstanden, daß Detring vor dem Abschluß des Friedens von Simonoseki von den Chi nesen zum japanischen Ministerpräsidenten Graf Jto nach Kobe gesandt wurde, um über die Präliminarien zu ver handeln. Immerhin ist bei dem großen Einflüsse und der bei bisherigen vertrautenMissionen bewiesenen diplomatischen Begabung Gustav Detrings dessen Mitwirkung bei den bevorstehenden Friedensverhandlungen nicht ausgeschlossen, — sobald sein früherer Protektor Li-Hung-Tschang ge nügendere Vollmachten als bisher und Garantien für spätere Ratistzierung etwaiger Vertragsentwürfe seitens der kaiserlichen Regierung vorzubringen weiß. 3. Dr. Friedrich Hirth. Während Robert Hart als Organisator der See zollverwaltung und durch sein persönliches Hervortreten bei der Belagerung der Gesandtenkolonie, Gustav detring dagegen als Reisebegleiter Li-Hung-Lflchang's die -^agev- presse aller Länder beschäftigt haben, ist Professor Dr. Friedrich Hirth in München in der literarischen Welt und in wissenschaftlichen Kreisen der bekannteste und geschätzteste unter den Direktoren der chinesischen Seezollverwaltung. Nachdem Dr. Hirth in drei Abschnitten mit je zwi schenliegendem Heimatsurlaub über zwanzig Jahre im grüßHchtflmnder aber von allen Jenen, denen anläßlich der Wohl- thätigkcitsvorstellungen der Berliner Hofgesellschaft im Winter 1898 Gelegenheit geboten war, die reizenden Leistungen Fräulein Mar garethe Detring's in den Festspielen „Ein moderner Barbar", „Der Ruhmesweg" und „Brandenburgische Eroberungen" zu bewundern.76 chinesischen Zolldienst, letztmal in Chungking, *) zugebracht hatte, zerschlugen sich die wegen seiner viertmaligen Rück kehr nach China und zwar diesmal nach Peking gepflo genen Unterhandlungen, und er zog es vor, seinen Abschied zu nehmen. Wenn ihm hierdurch glücklicherweise die Schrecknisse der Gefangenschaft in Peking erspart geblieben sind, so werden seine Erlebnisse und Schilderungen aus zurückliegenden Jahren gerade zur Jetztzeit von ganz be sonderem Interesse sein.**) Im Jahre 1845 zu Gräfentonna bei Gotha geboren, widmete sich Friedrich Hirth in Leipzig, Berlin und Greiss- walde unter Ritschl, Curtius, Haupt und andern Mei stern seit 1865 der klassischen Philologie und promovirte mit einer Dissertation aus dem Gebiete der plautinischen Textkritik im Jahre 1869. Damals war es gerade, als die chinesische Regierung namentlich auch in Deutschland nach geeigneten Kräften suchte. So kam es, daß Hirth sich entschloß, der gewöhnlichen Laufbahn eines klassischen Philologen zu entsagen, um sein Glück als Zollbeamter in China zu versuchen. Wie sehr hier wieder einmal der Zufall in die Geschicke eines Menschenlebens eingegriffen hat, schildert Dr. Hirth in einem Briefe an den Verfasser dieser Abhandlung: „Geheimrat Engel, der Statistiker, den man um Empfehlung einer geeigneten Persönlichkeit angegangen hatte, wendete sich zuerst mit einem Vorschlag an Richard Kiepert,***) sodann an Ernst Kuhn.ff) Nach- Z^Chungking, am Iangtse-Kiang, Haupthandelsstadt der Provinz Szechuan, wurde 189t dem Handel mit dem Auslande eröffnet uuter gleichzeitiger Errichtung einer sog. „fremden" Zollstation. **) Vergl. Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft München 1894/95. XVI. 61. »**) Den inzwischen berühmt gewordenen Kartographen und Geo graphen. t) Professor des Sanskrit in München, Mitglied der Königl. Daher. Akademie der Wissenschaften.Dp. Ariedrich -Äirth. Nach einer dem Verfasser überlassenen Photographie.NA79 dem Beide abgelehnt hatten, weil sie bereits zu sehr in andere Studien vertieft waren, begegnete mir Engel im Juli 1869 in der Leipziger Straße, was ihn auf den Gedanken brachte, daß ich ihm am Ende aus der Ver legenheit helfen könnte. Bald waren wir einig, und so war es lediglich der zufällige Umstand, daß meine Be gegnung in der Leipziger Straße mich „meinem Engel" wieder in Erinnerung brachte, der mich dem chinesischen Zolldienst und der Sinologie in die Arme führte. Ohne diesen Zufall hätte ich mich vielleicht als Ordinarius einer Gymnasialklasse längst tot geärgert." Friedrich Hirth begab sich zunächst auf 5 Jahre nach Canton (1870—1875), wo er den süd-chinesischen Lokal dialekt kennen lernte, um sich später dem im Norden ge sprochenen Mandarindialekt und der Schriftsprache zu zuwenden, sodann nach Amoy (1875—1877), von wo er in das handelsstatistische Amt der Zentralbehörde in Shanghai berufen wurde. Hier war Hirth mit Unter brechung durch einen zweijährigen größtenteils in Dresden verbrachten Urlaub bis 1888 thätig, gehörte auch dem Ausschuß der dort domizilirten "China Branch of the Royal Asiatic Society” an, während der letzten Jahre als Präsident dieser Gesellschaft. Nach Rückkehr aus einem zweiten Urlaub (Berlin 1888—1890) war er zunächst in Kowloon (Hongkong), sodann l'/ 2 Jahre in Tamsui auf der Insel Formosa, dann 1 Jahr in Chinkiang und schließlich (1893—1895) in Chungking stationiert. Nach wiederum zweijährigem Urlaub, den er in München zu brachte, nahm Hirth im Juni 1897 seinen Abschied und lebt seitdem mit sinologischen Arbeiten beschäftigt in München, wo sich auch seine in den letzten fünf Jahren in China angelegten Sammlungen befinden. So mannigfach die Inanspruchnahme seiner Arbeits kraft durch die Berufsgeschäfte und die gründliche Erler-80 nunq der chinesischen Dialekt- und Schriftsprache war, so sehr drängte den Philologen ein unbesiegbarer Trieb, seinen Aufenthalt in diesem merkwürdigen Lande einer uralten Bildung nach Kräften auszunützen zu Forschungen über Sprache, Land und Leute, Bodenerzeugnisse, Kunst- gcwerbe, Handelsgeschichte und andere Gegenstände. So ent>tand eine Reihe von insgesammt 82 Arbeiten*), deren jede einen selbständigen neuen Beitrag zu unsrer Kenntnis des betresienden Gebietes bildet, die wir aber hier mit Rücksicht auf den Zweck und den engen Raum dieser Darstellung nur kurz streifen wollen. Neben den weiter unten genannten Werken rein wisienschaftlichen Charakters sind für die Beurteilung der chinesischen Verhältnisse kurz vor Ausbruch des gegen wärtigen Aufstandes von hervorragendem Interesse und auch dem Laien verständlich: „Tie Verwaltung der chinesischen Seezölle" (Oester- reichische Monatsschrift für den Orient, Mai und Juni 1881). „Das Benmtenwesen in China" (Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 1882), „Die Bucht von Kiau-Tfchau und ihr Hinterland" (Oesterreichische Monatsschrift 1897. XIII), „Zur Kulturgeschichte der Chinesen" (vergl. Beilage zur Mg. Ztg. 1898 Nr. 147 und 148). Bon den mehr spezialwissenschaftlich gehaltenen Werken greifen wir beispielweise heraus: Karte der Provinz Kuangtung mit begleitendem Text (A. Petermanns Mitteilungen 1872), Studien über Handelsprvdukte und Landeskunde (Oester reichische Monatsschrift für den Orient), *) Bergt. Friedrich Hirth, Schriftenverzeichnis 1869—1899 als Manuskript gedruckt bei Knorr und Hirth, München.81 — Arbeiten über Handel, Kunstindustrie, Verwaltung (in deutschen und englischen wissenschaftlichen Zert- schriften), Sinologische Werke, grundlegend in sprachlehrender, ge- schichtlich-erdbeschreibender und knnstgeschichtlicher Richtung. China and the Roman Orient, historisch-geographisches Werk, Ancient Porcelain, über die ältesten chinesischen Por zellane, Ueber fremde Einflüsse in der chinesischen Kunst (Jahres bericht der Geographischen Gesellschaft in München 1894 9ö). Freiherr v. Richthofen hebt bei Aufzählung der über China erschienenen Literalien ausdrücklich ..die Arbeiten von Herrn Hirth hervor, welcher unabhängig von den Publikationen der Zollbehörde einige Aufsätze rein geographische,i Inhalts herausgegebcn hat. Sie betreffen die Provinz Kwang-tung und die Halbinsel Lai-tschou. Ist auch das Material dazu fast ausschließlich einhei mischen Quellen entnommen, so liegt doch darin ein an erkennenswertes Verdienst, dessen Nachahmung in Hinsicht auf andere Teile des Reiches wohl zu wünschen wäre.« Und an anderer Stelle sagt derselbe Gewährsmann: , Herr Dr. F. Hirth in Canton hat in einem vortreff lichen Aufsatz (Sketch-map of the Chinese province of Kwang-tung) dasjenige zusammengestellt, was er den chinesischen Werken über die Provinz Kwang-tung ent nehmen konnte. Ihren Hauptwerk verdankt die Arbeit jedoch teils der Hand des kundigen Europäers, teils dem Umstand, daß auch europäische Quellen benutzt worden sind."*) ~*) gerb. Fr. v. Richthofen, China, Band 1. S. 394 u. 721.82 Die erste von Hirth gesammelte chinesische Bibliothek, darunter das von ihm entdeckte polyglotte Manuskript ging 1890 in den Besitz der Kgl. Bibliothek in Berlin über. In demselben Jahre erschien ein Band vermischter Schriften über China unter dem Titel: „Chinesische Studien". Vor seiner drittmaligen Rückkehr nach China im Frühjahr 1890 wurde Hirth von der preußischen Regie rung auf Grund seiner Forschungen auf chinesischem Ge biete der Professortitel verliehen. Sein weiterer fünf jähriger Aufenthalt brachte ihn nach Hongkong und nach Tamsui auf der Insel Formosa, wo er nahezu zwei Jahre als Zolldirektor thätig war und über welchen Aufenthalt er vor kurzem der Leipziger Geographischen Gesellschaft Bericht erstattete. Eine Reihe namentlich der historischen Ethnographie und der chinesischen Literaturgeschichte ge widmeter Arbeiten entstand während dieses letzten Auf enthaltes in China, so die Uebersetzung eines bisher so gut wie unbekannten chinesischen Autors Chao-Jukua, dem wir eine auf Grund gleichzeitiger Mitteilungen seitens arabischer, persischer und indischer Kaufleute entstandenen Ethnographie der im 13. Jahrhundert am Orienthandel beteiligten Völker verdanken und deren Veröffentlichung i. I. 1895 in der Asiatischen Gesellschaft in London größtes Interesse erregte. Auch heute im wohlverdienten Ruhestand beschäftigt sich der unermüdliche Forscher mit sinologischen Arbeiten, wobei ihm seine eigene, aus nahezu 4000 Bänden beste hende chinesische Bibliothek und eine Sammlung meist alter Gemälde (über 600 Werke) unterstützen. Die Hirth'sche Sammlung alter chinesischer Porzellane, hervorragend durch eine Reihe seltener Seladons, ist u. n. bei der Eröffnung des neuen Museums in Leipzig zur Ausstellung gekommen.83 Wenn ein Mann mit der vorzüglichen Vorbildung und dem Forschungsdrang eines Dr. Hirth sich über 20 Jahre in den verschiedensten Provinzen und Städten des himmlischen Reiches aufgehalten und neben der dienstlich gebotenen täglichen Fühlung mit den Eingeborenen sich mit der Sprache, den Sitten und Gebräuchen, der Lite ratur, den Kunstdenkmälern und kulturgeschichtlichen Zeugen dieses eigenartigen Volkes sich vertraut gemacht hat, dann darf er unbestritten als ein gründlicher Kenner von Land und Leuten gelten. Deshalb liefern uns die Schilderungen solcher Männer die trefflichsten Anhalts punkte zur unparteiischen Beurteilung der heutigen Zu stände und Vorgänge in China; Schilderungen, die um so einwandfreier sind, als sie aus einer Zeit stammen, in der noch niemand eine Ahnung von dem überraschenden Ausbruch der gegenwärtigen Wirren haben konnte. Ein derartig unbefangenes und zutreffendes Urteil entnehmen wir einem am 9. Januar 1896 in der Geo graphischen Gesellschaft in München gehaltenen Vortrage des Professors Dr. Hirth über seine Erfahrungen speziell als Zolldirektor an der tibetanischen Grenze: . .. „Für Aufstände gegen die Regierung, gegen die Fremden im allgemeinen und gegen die fremden Missionare im besonderen möchte ich nicht allein die Bevölkerung zur Verantwortung ziehen, die in den meisten Fällen als Opfer der Verführung zu betrachten ist. Ich glaube gerade an dem eingeborenen Publikum von Tschungking, wo ich zwei Jahre lang domizielirt war, bemerkt zu haben, daß es sich ebenso leicht gegen die Fremden aufhetzen, wie es sich leicht zu ihren Gunsten beschwichtigen läßt, wenn es den führenden Geistern gefällt, ihren Einfluß in der einen oder anderen Richtung geltend zu machen. Li-Schu-Tschang, der Taot'ai (Statthalter), dem ich in84 Zollangelegenheiten beigeordnet war, war fünf Jahre lang Gesandtschaftssekretär in London, Paris und Berlin und vor seiner Beförderung zum Chef der Begierung in Ost-Ssi-tschüan chinesischer Gesandter in Japan gewesen. Er war daher in fremden Angelegenheiten wohl bewan dert und verkehrte mit mir und dem englischen Konsul in^ denkbar freundlichster Weise. Die Folge davon war, daß die unter ihm dienenden Mandarinen sich seinem Beispiel anschlossen und daß in erstaunlich kurzer Zeit die Bevölkerung, die noch vor kurzem jeden Europäer mit Schimpfworten wie „fremder Teufel" und „fremder Hund" zu empfangen pflegte, uns geradezu fteundlich entgegenkam." Wenn Dr. Hirth diese Gesinnungsänderung der Chi nesen zu Gunsten der Europäer dem guten Beispiele des fcingebildeten und vorurteilsfreien Taotai allein zuschreibt, scheint er in edler Bescheidenheit seine eigenen Verdienste in dieser Sache zu übersehen, denn das wohlwollende Verhalten des Taotai und seiner Untergebenen ist eben doch schließlich darauf zurückzuführen, daß vr. Hirth als Beamter wie als Gelehrter und Gesellschafter es stets verstanden hat, durch sein sicheres und doch nach keiner Seite hin verletzendes Auftreten sich eine achtunggebietende Stellung zu erringen und zu erhalten, was nach seinem Weggange noch manchem Europäer und speziell manchem Deutschen zu Gute gekommen sein mag. Einen weiteren Beitrag über die oft eigenartigen „Umgangssormen" im Verkehr zwischen Chinesen und Fremden liefert folgende, einem Privatbriefe Or. Hirth's entnommene Schilderung: „Ich hatte mich in Chungking, weit im Innern am oberen Iang-tse-kiang, recht gut mit den Mandarinen und der Bevölkerung gestanden, und war daher einigermaßen6 85 überrascht, als ich auf der Rückfahrt stromabwärts von Chungking nach Jchang bei Gelegenheit eines Spazier ganges an Land in der Stadt K'ui-tschou-fu Plötzlich von einem Volkshaufen überfallen und gesteinigt*) wurde, ohne jedoch ernstlich verletzt zu werden. Ich glaube, die Feiglinge warfen absichtlich daneben und wollten mich nur irritieren. Getroffen wurde ich nur von einem Erd klumpen an der Schulter und mein treuer Wachtelhund erhielt ein ähnliches Geschoß auf die Stirn. So oft ich mich plötzlich umdrehte, um den Hund mit den Worten „Hektor, faß!" auf die Lumpen zu hetzen, stieben diese in jäher Flucht auseinander, um die Hetze auf's Neue zu beginnen, sobald ich ihnen wieder den Rücken kehrte. Ich erfuhr erst in Jchang, daß in den wenigen Tagen seitdem ich Chungking verlassen hatte, die ganze Provinz mit Ausnahme der von einem fremdenfreundlichen Man darin regierten Stadt Chungking in hellen Aufruhr aus gebrochen war. Von diesem Ereignis abgesehen, bin ich wohl öfter vom Janhagel belästigt worden, habe jedoch sonst keinen besondern Grund, mich über unfreundliches Auftreten der Bevölkerung zu beklagen. Ich habe die kleinen Attaken der Chinesen immer mit einem gewissen Humor zu erwidern versucht. Die schimpfenden China männer lassen den Europäer bald in Ruhe, dem sie es ansehen, daß er sich über ihre Kindereien höchstens amüsiert!" Demselben vr. Hirth verdanken wir einen sehr be herzigenswerten Vorschlag zur Vermeidung einer Wieder holung der chinesischen Greuel und vor allem der Ge fährdung des Lebens der berufsmäßig an den chinesischen *) In der letzten Zeit hat wenigstens das Bewerfen mit Steinen nachgelassen, das früher der gewöhnliche Empfang der Missionare besonders in Städten war. (v. Hesse-Wartegg, Shantung und Deutsch-China, S. 282.)86 Kaiserhof gebundenen Europäer In den „Münchner N. N." vom 7. August 1900 schlägt Hirth als einzig wirksames Radikalmittel die Verlegung der Residenz aus dem schwer und zur Regenzeit gar nicht erreichbaren Peking nach Nanking oder Hangschow vor, je nach Wahl der Kaiser familie. Während Peking für die Gesandten ein Gefäng nis mit jederzeit verschließbaren Thoren darstelle, sei Nanking, das übrigens schon wiederholt (zuletzt von 1368—1421) Reichshauptstadt gewesen, der Dampfschiff fahrt zugänglich und in 2 Tagen von Shanghai zu er reichen. Hangschow dagegen sei eine der schönsten Städte der Welt und ebenfalls früher schon Residenz (1129—1262), in deren unmittelbare Nähe, von Hongkong, Kiautschou und Port-Arthur aus, die größten Kriegsschiffe in wenigen Tagen gelangen können. Wenn man dem mandschurischen Herrscherhause ernstlich auf den Leib ginge und ihm die Alternative stellte, entweder von einer anderen Dynastie verdrängt zu werden oder aber von der Meeresküste aus weiter zu regieren, würde wohl letzterer Ausweg vorge zogen werden. Zum Schluffe noch eine köstliche Episode, die ebenso sehr den tiefgewurzelten Fremdenhaß der Chinesen, als auch den kaltblütigen Humor vr. Hirth's beleuchtet:*) „In Chungking saßen an der Hausthür eines wohlhaben den Bankiers regelmäßig, wenn ich aus dem Zollamte nach meiner Privatwohnung zurückkehrte, einige den besseren Klassen angehörige junge Leute, die sich das Vergnügen machten, mir die Worte ”yang kou-ir”, d. h. „fremder Hund" nachzurufen. Ich dachte, vielleicht kann ich das Gefühl der Beschimpfung, gegen das ich mich vergeblich sträubte, dadurch loswerden, daß ich das nächste Mal meinen Hektor hinter mir herlaufen lasse. Aber da kannte **) Aus einem Briefe an den Verfasser vom 22. August 1900.87 ich meine Pappenheimer schlecht. Als ich mit meinem Hektar vorbeipromenirte, ertönten die Worte: "liang ko yang kou-ir”, d. h. „zwei fremde Hunde!" Ich war voll kommen entwaffnet. Ich weiß nicht, wie sich schließlich der Hang zum Necken bei diesen Leuten verloren hat. Sie mochten wohl merken, daß ich mich nicht sonderlich darüber aufregte und daher das Schimpfen sich nicht lohnte." Wären alle Europäer, die Beamten und Missionare nicht ausgenommen, den Chinesen gegenüber mit gleicher Menschlichkeit. Selbstbeherrschung und Klugheit aufgetreten, wie unser Landsmann Or. Hirth, dann wäre die an und für sich begreifliche Abneigung der Chinesen gegen die Eindringlinge nicht zu diesem Fremdenhaß und seinen entsetzlichen Auswüchsen gesteigert worden. e*VII. Episoden aus dem Leben und wirken anderer Seezollbeamten. Während über die Lebensschicksale der in den vor stehenden Abschnitten dargestellten Persönlichkeiten mir durch jahrelange Nachrichtensammlung,*) wie auch durch persönlichen Schriftwechsel reichliches Material zur Ver fügung stand, sind bezüglich anderer Seezollbeamten meist nur abgerissene Skizzen oder kurze Erwähnungen in der Tagespresse zugänglich geworden. Immerhin mögen diese persönlich wie ursächlich zusammenhanglosen Schil derungen im Anschluß an obige Lebensbeschreibungen dazu dienen, das Gesamtbild vom Leben und Wirken der Zoll beamten im chinesischen Dienste zu vervollständigen. Der zur Zeit in Berlin im Ruhestande lebende Zoll direktor a. D. Klein Wächter wurde i. I. 1863 an das Zollamt in Shanghai berufen. Der dortige Tao-Tai (ein jedem Zollamt beigeordneter Superintendent oder Statt halter als Vertreter China's) suchte eine Art chinesischer Nebenregierung einzusühren, indem er die Anordnungen *) Besonders reiche Ausbeute verdanke ich den Schätzen der Gr. Badischen Hof- und Landcsbibliothek sowie der liebenswürdigen Uebcrlassung der Büchersammlung des Chinaforschers Professors Dr. Futterer in Karlsruhe.89 Kleinwächters nur dann durch sein chinesisches Unterpersonal ausführen ließ, wenn sie — natürlich gegen Geld — einen roten Genehmigungsstrich erhalten hatten. Der deutsche Zolldirektor suchte diese Nebenregierung zu beseitigen; da rüber kam es zu immer schärferen Reibereien, bis der Taotai mit dem Anmarsch eines chinesischen Regimentes gegen die europäische Niederlassung drohte. Nun befahl der Zolldirektor seinen Beamten, sein wohlbefestigtes Dienst gebäude zu besetzen, in das alle Frauen und Kinder ver bracht worden waren. Außerdem wies er den Befehls haber eines ihm in seiner amtlichen Eigenschaft unter stellten chinesischen aber unter europäischer Führung stehenden Kanonenbootes an, sobald bewaffnete Chinesen am Ufer quai sich zeigten, auf sie zu feuern. Als infolge dieser energischen Maßregeln alles ruhig blieb, ernannte der Zoll direktor den chinesischen Superintendenten zum verantwort lichen Stellvertreter und begab sich zur Berichterstattung nach Peking. Dort ward der Streit von der Zentralregierung (Tsungli-Damen) beigelegt, der Deutsche bekam Recht, wurde aber gleichzeitig nach einem andern Seehafen versetzt. *) In Wuhu bei Shanghai wurden am 12. Mai 1891 die Missionshäuser und das englische Konsulat vom chine sischen Pöbel gestürmt und die Kathedrale sowie die Wohn häuser der ausländischen Zollbeamten niedergebrannt. Die Missionare und ihre Schützlinge flüchteten auf einen in der Nähe des Ufers liegenden alten Schiffsrumpf, der englische Konsul Colin Ford konnte sich nur retten, indem er in der chinesischen Tracht seines Dieners nach dem Zoll amt entfloh. Inzwischen war das Zollpersonal unter Waffen gerufen und im Begriff, sich auf den Pöbel zu stürzen, wenn der Zolldirektor nicht glücklicherweise die *) Deutsche Zoll- und Steuerbeamtenzeitung, Berlin 1900 Nr. 22.90 Mannschaft gezügelt hätte. Wäre ein Schuß gefallen, dann würde der rasende Haufen vermutlich alles nieder gemetzelt haben. So aber wurde die Menge durch die wohlbewaffnete Besatzung des Zollamts im Schach gehalten, bis die Ankunft einiger Kanonenboote die Ordnung wieder herstellte. *) Bei Eröffnung des Vertragshasens Jchang und Ein richtung eines Zollamtes mußten sich die Zollbeamten in der ersten Zeit mit den wenigen verfügbaren Räumlich keiten begnügen. Als Dienstgebäude und Wohnung des Zolldirektors, Grafen d'Arnaux, diente ein alter Tempel, der außerhalb der Stadtmauer liegt. Dort hatten auch der Hafenmeister und einige Diener ein geräumiges Logis gefunden, die übrigen Zollbeamten nahmen mit den Bequemlichkeiten vorlieb, welche die verankerten Hausboote boten. Die Missionare hatten sich dagegen elegante ge mauerte Häuser in der Nähe des Zollamtes gebaut; eben war die amerikanische Station eingeweiht — und am 2. September 1891 lag alles in Trümmern! Unter Führung des Boxer-Agitators Kolao-hui, der die Missionare des Knabenraubes beschuldigte, stürmte die fanatische Volksmenge die Missionsgebäude und das pracht volle Kloster und brannten sie nieder. Die Schwestern entkamen unter dem Geleit des PaterBraun, eines früheren Bonner Studenten und deutschen Offiziers, der ihnen trotz mehrfacher Verwundung einen Weg zum Flusse bahnte. Seinen Traditionen getreu — schreibt der norwegische Leutnant zur See Coucheron-Aamot in seinem Buche „Durch das Land der Chinesen" S. 159 — stand das Personal desZollamts auf der Wacht, bis *) Coucheron-Aamot, Durch das Land der Chinesen, S. 22; der Name dies Zolldirektors ist leider nicht erwähnt.91 an die Zähne bewaffnet, unter dem Kommando des Zoll direktors Grasen d'Arnaux. Der Pöbel stürmte nach dem Eingang des früheren Tempels, aber beim Anblick der Martini-Henryflinten und Colt-Revoler wurden die ersten unruhig und fragten einige der müßig zuschauenden chinesischen Soldaten, ob sie glaubten, daß die Europäer schießeu würden? Da die Soldaten versicherten, daß sie blutige Stirnen bekommen würden, wenn sie sich am Zoll amte vergriffen, machte der ganze Hausen „Kehrt" und verschwand vom Schauplatze. Nicht ein einziger der Meu terer wurde verhaftet, nicht aus Mangel an Willen von seiten des Magistrats, sondern aus Machtlosigkeit gegen über der drohenden Haltung des Volkes. Nach Ankunft eines Regierungskanonenbootes kam bald „alles wieder in Ordnung." Im Jahr 1895 wurden in Wusui am Jangtsze mehrere Missionare und der Zollamts-Inspektor von fana tischen Eingeborenen ermordet. Ein englisches Kriegsschiff kam alsbald den Fluß herauf und sorgte für die nötige „Genugthuung," in die auch verschiedene Hinrichtungen inbegriffen waren.*) Am 9. Mai 1898 kam es in Schaschi, zwischen Hankow und Jtschang. zu ernsten Ruhestörungen, wobei das Zollgebäude und eine Anzahl den Aus ländern gehörende Privathäuser niedergebrannt wurden.**) Anch in diesem Falle ließ die „Genugthuung" nicht lange auf sich warten. Ein lehrreiches Beispiel für die Art und Weise, wie die Chinesen allein mit Aussicht auf raschen und sicheren Erfolg zu behandeln sind, giebt uns und unfern Diplomaten Vize-Admiral Reinhold Werner in folgender Schilderung :***) *) Paul Lindenberg: „Um die Erde." Badische Presse 1898, Beiblatt. **) „Deutsche Warte," vom 12. Mai 1898. ***) Werner, Bilder aus der deutschen Seekriegsgeschichtc, S. 550.92 »Eine ernstere Angelegenheit erledigten in energischer und schneidiger Weise im Jahre 1882 die Kreuzerfregatten „Stosch" und „Elisabeth" sowie das Kanonenboot „Pfeil" unter Befehl des Kapitäns zur See von Blanc in Amoy in China. Von der dortigen Zollbehörde waren Zucker- siedepfannen mit Beschlag belegt, die einem Deutschen gehörten, der aus Formosa eine Zuckersiederei anlegen wollte, und zwar erfolgte die Beschlagnahme unter dem Vorwände, daß China in Formosa ein Monopol für der gleichen habe. Auf die betreffende Beschwerde in Peking war zwar die Herausgabe der Pfannen schon längere Zeit angeordnet, doch die chinesischen Zollmandarinen schienen sich an den Befehl nicht zu kehren und der deutsche Geschwaderchef machte deshalb kurzen Prozeß. Er ließ durch ein starkes bewaffnetes Landungskorps die Straßen der chinesischen Stadt vom Landungsplätze bis zum Zoll- hause absperren, dessen Thor erbrechen und die Pfannen auf das deutsche Konsulat bringen, das sich auf einer kleinen Insel in der Nähe von Amoy befand. Letzteres ist eine Stadt von 100 000 Einwohnern, von Militär be setzt und von mehreren Küstenforts und Kanonenbooten verteidigt. Die kühne Handlungsweise der kleinen deutschen Schar muß deshalb den Chinesen so gewaltig imponiert haben, daß keinerlei Widerstand geleistet wurde."*) *) Wie weit man bei den Chinesen mit Nachgiebigkeit kommt, zeigt die Geschichte der französischen Ansiedelung in Tientsin. Bor vier Jahrzehnten wurde dort der französische Konsul, eine Anzahl Priester und Nonnen sowie verschiedene Kaufleute ermordet, die große Kirche verbrannt und die ganze Mission zerstört. Erst kürzlich ist es der französischen Diplomatie gelungen, durchzusetzcn, daß auf der Stelle der zerstörten Kirche eine neue erbaut wurde, aber wohlgemerkt, nicht von den Chinesen, sondern mit französischem Gelde! Die einzige Sühne, welche die französische Regierung erhalten konnte, war — eine kaiserliche Schutztafel vor dieser Kirche! Kein Wunder93 Heber die Schicksale der mit den Gesandten in Peking eingeschlossenen und wieder befreiten Zollbeamten, deren Zahl auf 28 angegeben wird, sind mit Ausnahme des über Sir Robert Hart bereits Mitgeteilten nur wenige Nachrichten in die Oeffentlichkeit gedrungen. Als zum engeren Stabe des Generalzolldirektors gehörig werden genannt: James Rüssel Brazier, Chef-Sekretär mit Frau, Kindern und Schwester und R. E. Bredon, Konimissioner und Deputatsinspektor.*) Von den 4 deutschen Zollbeamten, die die Schrecknisse jener Belagerung mit auszuhalten hatten, findet sich Einer in sehr ehrenvoller Weise na mentlich erwähnt: Das am 10. Dezember 1900 im eng lischen llnterhause verteilte Blaubuch über die China-An gelegenheiten enthält einen ausführlichen Bericht des Gesandten Maedonald über die Belagerung von Peking, worin verschiedene Ausländer hervorgehoben werden, die sich während der Bedrängnis der Gesandtschaften ausge zeichnet haben. Unter diesen werden Herr v. Strauch bei der kaiserlichen Zollbehörde, früher in der preußischen Armee, und Or. Velde besonders genannt mit dem Anträge, Lord Salisbury möge diese beiden Namen der deutschen Regierung empfehlen. Wenn nun auch die in Peking befreiten Beaniten in Sicherheit gebracht sind, so ist immer noch zu bedenken, daß in den von europäischen Truppen nicht besetzten oder durch zeitweiliges Erscheinen geschützten chinesischen Landes- — sagt von Hesse-Wartcgg — daß die Missionare in China ohne Unterschied der Religion über das kräftige und erfolgreiche Auftreten Deutschlands hocherfreut sind, und wer erst selbst hier im Lande reist und mit Missionaren und Mandarinen zusammenkonimt, lernt ein- sehen, welches Ansehen sich Deutschland hier durch die jüngsten Ereig nisse erworben hat. (Bon Hesse-Wartegg, Schantung und Dentsch- Cbina S. 225.) *)• lllustrated London News, Juli 1900.94 teilen noch Tausende von Europäern, darunter etwa 800 Deutsche wohnen. Sind doch allein in den 22 dem Fremd handel geöffneten chinesischen Häfen je ein europäischer Zolldirektor oder Zollinspektor mit insgesamt etwa 200 Zollbeamten der verschiedensten Nationalität stationiert, und wiederholt auch aus diesen Seestädten sehr beunru higende Nachrichten eingetroffen. So wurde in Hankau am 20. August ein Aufstandsversuch unternommen und die englische Bank, sowie das Zollamtsgebäude angegriffen, letzteres auch in Brand zu stecken versucht. Dem Vize könig Tschangtschitung gelang durch energische Maßregeln die rechtzeitige Unterdrückung dieses Ausstandes durch Verhaftung der Angreifer und Enthauptuug der Rädels führer. Auch in Shanghai, wo mangels jeglicher Fühlung mit dem in Peking eingeschlossenen Generalzolldirektor der Zollkommissär Taylor durch den Vizekönig von Nanking mit der selbständigen Wahrnehmung der Geschäfte eines General-Inspektors der Seezölle betraut wurde, sind mehr fach Beunruhigungen der Europäer gemeldet worden. Angesichts der seit Jahren gefährdeten und jetzt mehr als je bedrängten Lage dieser Hunderte von europäischen Beamten und Handeltreibenden in den chinesischen Hafen städten wäre dringend zu wünschen, daß ein zielbewußter Vorstoß und ein rücksichtsloses Zugreifen die verantwort lichen Urheber des Aufstandes der verdienten Bestrafung zuführt und so der Wiederholung der erlebten Schrecknisse ein für alle Mal vorbeugt. Denn nur eine öffentlich sichtbar empfundene Züchtigung der wahren Schuldigen kann den Chinesen die Ueberzeugung beibringen, daß ein Angriff auf Gut und Leben der Europäer und insbe sondere der Deutschen sich dermaßen schwer am eigenen Leibe rächt, daß es sich für ewige Zeiten empsiehlt, im Verkehr mit den „Fremden" wenigstens die auch den95 Chinesen wohlbekannten völkerrechtlichen Ueberlieferungen zu achten! Sind einmal im Reiche der Mitte wieder geordnete Zustände geschaffen, dann muß es aber auch heilige Pflicht des „zivilisierten" Europäers sein, das nationale und religiöse Empfinden des uralten Kulturvolkes nicht ohne Not zu verletzen, andernfalls er sich an späterer Wieder kehr noch schlimmerer Greuel und Massenmorde moralisch mitverantwortlich fühlen müßte. Nur bei Schonung der Stammeseigenart und der Kultusgebräuche des chinesischen Volkes kann sein unseliger aber erklärlicher Fremdenhaß in andauernd friedlichem Personenverkehr und Güteraus tausch allmählig einer geschäftsmäßigen Gleichgiltigkeit und schließlich einer stillschweigenden Anerkennung der gegen seitigen charakteristischen Vorzüge weichen. Unser liebes deutsches Vaterland aber möge unter Graf Waldersee's militärischer und des neuen Reichs kanzlers Graf Bülow diplomatischer Führung mit blankem Ehrenschild aus den chinesischen Verwicklungen hervorgehen, neugekräftigt durch wertvolle Zugeständnisse in Handels und wirtschaftspolitischer Richtung wie durch Erschließung neuer und aufnahmefähiger Absatzgebiete in Ostasien, auf daß die schweren Opfer an Gut und Blut nicht umsonst dargebracht sind und sich immer mehr und mehr der diesem Büchlein Vorgesetzte Wahlspruch erfülle: »Deutschlands Verkehr Vom Fels zum Meer!"NANAft. tNANASl 12<1330943NANA
