Die Erlebnisse eines Missionars in China.  P. Stenz. *— Geschildert in Tagebuchblättern von Pater Stenz. VI/ VI/ VI/ VI/ VI/ Dntck und U erlag der Paulinus-Druckerei in Crier. I$99. ®cr »«inertrag ist zu», »est«>, >«r »iissisiien beftlinint. Erlebnisse eines Missionars in China. Mit einigen Illustrationen. Geschildert in Lagebuchblättern von Pater Stenz. Der Reinertrag ist zuin Reste» der Riissienen bestimmt. Druck und Ucrlag der Paulinus-Druckcrei in Crier.tI. Auf der Reise. Endlich am 25. September 1893 war der Tag des Ab schieds aus dem lieben Missionshause gekommen. Trotz aller Abschiedsscenen waren wir „drei Chinesen" fröhlich und wohlgemuth, hatten wir ja doch das Ziel erreicht, nach dem wir Jahre lang gestrebt, war ja unser Wunsch erfüllt, den hl. Glauben hinaus zu tragen in die Reiche der Finsterniß und Hölle. Freilich ein Zug von Wehmuth ging doch durch meine Seele, als ich daran dachte, was ich verlassen mußte, Eltern, Geschwister, Freunde, Betbrü der und das traute Haus, das mir seit Jahren lieb und theuer geworden, doch dann schwebte mein Auge wieder auf der jugendlichen Schaar meiner Mitbrüder und Stu diengenossen, denen eine hl. Begeisterung aus den Augen leuchtete und die uns fast beneideten um des Zieles, das wir erreicht. O wie es durch die weiten Hallen des Mis sionshauses schallte, das schöne Abschiedslied: „Zieht denn Brüder! Gott geleite Euch zum fernen Glaubensstreite!" Ja wir weinten Thränen, aber süße Thränen der Freude, des Glücks. Ein Abschied wurde mir noch schwer, der von meinen Eltern. Auch der Missionar hat ja noch ein fühlendes Herz in seiner Brust, auch ihm wird ein Trennen schwer von den Liebsten, die er hier auf Erden hat, den Eltern. Wie ein Schwert durchzuckte es meine Seele, als sie mir die theure Hand zum letzten Male reichten und ein heißer Strom von Thränen aus ihren lieben Augen brach. — Doch wozu noch einmal diese Wunden aufreißen! Lebet wohl, ihr Lieben! Lebet wohl. Am Abende des 30. Sept. schaukelten ivir bereits auf hoher See. Die „Bayern", ein Lloyddampfer, hatte uns ausgenommen. In herrlichster Fahrt durchfurchte das stolze 1 *4 Schiff die salzigen Fluthen und eilte fast ununterbrochen von Ocean zu Ocean, an unzähligen Städten und Ländern vorüber. Ueberwältigend war der Eindruck, den diese „neue Welt" auf mich machte. Dieses weite Meer mit seinen riesenhaften Dimensionen, diese vielen Völker, die weiß, schwarz, braun und gelb an uns vorüberzogen, diese herr liche Flora mit ihren glühenden, reizenden Farben und duftenden Wohlgerüchen, diese mannigfaltige Fauna und dazu ein stets heiterer, azurblauer Himmel, sollte das Alles ein jugendliches, noch von Idealen getragenes Herz nicht überwältigen! Freilich, eines habe ich als wahr befunden, was Weber sagt: „Menschen sind die Menschenkinder Aller Zeiten, aller Zonen, Ob sie unter Birkenbüschen Oder unter Palmen wohnen." Nach sünfwöchentlicher Seereise landeten wir in Schanghai. Zur Hälfte hatten wir damit unser Ziel erreicht, ein schwerer Theil blieb uns noch übrig: Wir wollten ins Innere. Schantung war unser Bestimmungsort. Die Reise dorthin sollte nach Anweisung unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs, der uns einen Boten geschickt, auf dem Kaiserkanal vor sich gehen. Wir eilten. Doch die chinesische Behörde hatte es nicht so eilig. Hier gilt die Zeit nichts mehr, und man handelt nach dem Sprüchwort: „Komme ich heute nicht, dann komme ich vielleicht morgen." Wir hatten einen Freipaß für unser Gepäck verlangt für die zahllosen Zollstarionen an den Ufern des Kanals, doch erst nach acht Tagen wußte die löbl. Regierung, daß sie uns einen solchen nicht geben könne. Unsere Zeit suchten wir natürlich möglichst nutzbringend zuzubringen. Wir frischten im geistlichen Leben auf, was etwa gelitten — das Seefahren macht ja bekanntlich nicht heilig — wir machten Besuche in Anstal ten und Klöstern und zogen bei älteren Missionaren Erkun- digungen ein über unsere fernere Reise. Die größte Sehenswürdigkeit und der Stolz Schang hais bildet sein „Bund", die durch ihre Schönheit, Aus dehnung und die Großartigkeit ihrer Anlage Jedermann imponirende Front oder Hafenstraße. Eine lange Reihe monumentaler Bauten, im anspruchsvollsten englischen Kolonialgeschmack gehalten, fassen denselben ein in einer Länge von mehr als 3000 Fuß. Alle großen Rhederfirmen haben hier ihren Sitz aufgeschlagen, und mit Stolz und5 Genugthuung blicken die seefahrenden Nationen aus ihren Palästen auf die im Hafen ankernden mächtigen Schiffe. Amerikaner, Engländer und Franzosen haben eigene sogen. „Konzessionen" in Schanghai, die von ihren Konsuln nach Vereinbarung mit der chinesischen Regierung verwaltet werden. Noch vor nicht fünfzig Jahren war Schanghai eine chinesische Stadt nur dritten Ranges und heute gilt es als die wichtigste Handelsmetropole des Ostens. Mehr als 30 000 Schiffe vermitteln jährlich den Verkehr und Waarenaustausch der entlegensten Länder der Erde. Wir wohnten während unseres Aufenthaltes in Schang hai in der Prorus der französischen Lazaristen. In Be gleitung des dort lange stationirten Bruders Charles hat ten wir Gelegenheit, die Stadt nach verschiedensten Richt ungen zu durchkreuzen. In dem unendlichen Gewühle einer Chinesenstadt, durch die vor Schmutz starrenden engen Straßen ist es nicht leicht, sich zurechtzufinden und sich durchzuwinoen. In Vergnügungslokale, die große See stadt hat nicht wenige, konnten wir uns nicht begeben. Von Interesse war für uns der Besuch einer chinesischen Musikhalle. Obgleich der bezopfte Sohn Tschungkuis, zu mal an Marktplätzen nichts weniger als ideal gesinnt ist, so liebt er Musik und Theater doch leidenschaftlich. Für Europäer bilden solche Konzerte nur Ohrenmartern, die an das mitternächtliche Lied „beschwänzter Gäste" erin nern. Der Eintrittspreis beträgt ca. 10 Pfennige, welche Summe auch berechtigt, während der Vorstellung so viel Thee zu trinken und Melonenkerne zu knacken, als man will. Sänger und Sängerinnen tragen hier die Helden- thaten der Vorfahren unter Begleitung der verschiedensten Instrumente vor. Sehr besuchte Etablissements sind die „Opiumhöhlen". Beim Betreten einer derartigen Höhle glaubt man in ein Leichenhaus zu kominen. Trotz der oft sehr zahlreichen Besucher herrscht Grabesstille. Hager, trübäugig und von fahler, verblichener Gesichtsfarbe, ähnlich altem Pergament, sehen wir dir der schrecklichen Leidenschaft des Opiumgenusses fröhnenden Gestalten, ihr flötenartiges Pfeifenrohr mir dem winzigen Pseifenkopf und der kleinen Spirituslampe vor sich im weltvergessenen Lustrausche, der Gegenwart ihrer Neben menschen unbewußt, auf Bänken ausgestreckt, vor uns lie gen. Ein unermeßlicher Abgrund von Schlechtigkeit starrt uns in diesen Höhlen entgegen. Immer iveiter breitet sich das Laster aus, schon hat es die tiefsten Schichten des6 armen Volkes ergriffen, in absehbarer Zeit stehen wir, falls nicht kräftige Gegenmittel angewendet werden, vor dem traurigen Leichenvette eines ehemals so lebenskräf tigen Volkes. Ein größeres chinesisches Theater konnte ich leider nicht besuchen. Im Allgemeinen werden nur anständige Stücke gegeben, meist die Geschichte ehemaliger Dynastien betreffend. Frauen dürfen nicht im Theater erscheinen- auch ist der Besuch den chinesischen Christen verboten, weil sehr viel Götzendienst mit dem Theaterspielen ver bürgen ist. Weibliche Rollen sollen meisterhaft von Männern wiedergegeben werden, zumal der Chinese in seiner Jugend meistens ein sehr mädchenhaftes Gesicht hat. Den kleinen Fuß der chinesischen Schönen bildet der Schau spieler nach, indem er einen kleinen Holzblock entsprechend zurechtgeschnitzt und mit zierlichem, 3 Zoll langem Damen schuh bekleidet unter dem Fuße befestigt, ~ Mehr als alle Sehenswürdigkeiten Schanghais war für mich der Besuch einer Anstalt in dessen Nähe von In teresse, des großen Jesuitenklosters in Zrkawei. Am Nach mittage des Allerheiligenfestes holte uns ein liebenswür diger deutscher Pater, der von unserer Ankunft gehört, dorthin ab. Unser Weg führte uns durch flaches und baumloses, aber wie es schien, fruchtbares Land. Unge zählte Gräberhügel säumten den Weg ein und geben der Fahrt ein etwas ernstes Gepräge. Beim AnbUck dieser Gräber fielen mir die Worte des protestantischen Reisen den Exner ein, der in seinem Werke „China" schreibt: „Ein niedriger, halb verfallener Thurm liegt an unserem Wege, ein überaus einfaches, sich durch keinerlei Ornamentik aus zeichnendes Bauwerk, das schwerlich unser Interesse er regen würde, wenn nicht der Zweck, dem es dienen soll, beziehungsweise gedient hat, ein besonderer wäre. Wir sehen einen der in der Nähe chinesischer Städte nicht ge rade selten anzutreffenden Kinderrhürme vor uns, eine jener Leichengruven, m welche die ärmere Klasse der Be völkerung die Leichen ihrer neugeborenen Kinder zu wer fen pflegt. Das sechseckige, kaum 3 Meter über dem Bo den sich erhebende fensterlose Bauwerk befindet sich jetzt außer Gebrauch, da die Nähe der europäischen 'Niederlass ung diese Art der Todtenbestattung abgeschafft hat. Noch aber sehen wir die jetzt vermauerte schmale Oeffnung, durch welche die kleinen Leichen in den unter dem Thurm be findlichen Schacht hinabgeworfen wurden, wo sie im Laufe der Zeit unter dem verzehrenden Einflüsse des Grund-7 wassers und der Witterung vermoderten. So viel auch in der europäischen Presse die Unsitte des chinesischen Kindes mordes und der Kinderaussetzung schon angezweifelt wor den ist, so ist es doch eine Thatsache, daß beide Verbrechen noch heutigen Tages in China sehr häufig begangen werden." Jn Zikawei wurden wir von den hochwürdigen Patres auf's Freundlichste bewillkommnet und durch die Nieder lassung geführt. Ich hätte nie geglaubt, in China eine derartige Anstalt zu treffen. Alle Besucher stimmen im Lobe überein. Wir stehen hier vor einem großartigen Denkmale christlicher Liebe und christlichen Opfergeistes, christlicher Wissenschaft und Kunst, dessen edle Schönheit Alle hinreißt, ob Christ oder Nichtchrist, ob Katholik oder Protestant. Außer einem vollständig eingerichteten Kloster mit Noviziat und Scholastikat, mit herrlicher Kirche und einer Bibliothek von mehr als 20000 Bänden, fanden wir hier eine Sternwarte und ein Naturalienkabinet, welche Weltruf besitzen. In Verbindung mit einem Kollegium für höhere Unterrichtsfächer, einem Seminare und Gym nasium, steht eine überaus segensreich wirkende Waisen anstalt, die augenblicklich etwa 300 Knaben zählt, in der dieselben sogar in den verschiedensten und schwierigsten Künsten, wie Malerei und Bildhauerei, unterrichtet werden. Man hat über Mangel an erfinderischem Geiste bei Chi nesen geklagt, so daß es selbst den geschicktesten Meistern unmöglich sein soll, ohne gegebenes Modell zu arbeiten; andererseits aber, ein gegebenes Modell nachzuahmen, ver stehen sie meisterhaft. Eine Reihe sehr schön gearbeiteter Statuen und Gemälde überzeugten mich davon. Zur Erziehung der weiblichen Waisen stehen den Pa tres Schwestern zur Seite, die in ihrer liebevoll aufopfern den Thätigkeit Heldinnen gleichen. Mit Bewunderung be trachtete ich die feinen Stickarberten, die von diesen Waisen mädchen unter Anleitung der Schwestern vollendet wurden. Als wir in den Saal traten, in dem die kleinsten Kinder sich befanden, starben gerade zwei der Armen. Hunger und Entbehrung, denen sie wohl ausgesetzt waren, bevor sie in die Anstalt ausgenommen wurden, mag ihren frühen Tod wohl herbeigesührt haben. Ein wahrhaft englisches Amt ist es, das" hier die Schwestern unter dem herz zerreißenden, ewigen Klagen und Weinen der armen, meist kranken Würmchen ausüben!LhB9 n. Jangtsec-Kiang-Tschjll-Kiang. Nach achttägigem Warten erhielten wir endlich unse ren Laufpaß. Schnell noch kauften wir den nothwendigen Proviant für etivaige Krankheitsfälle, wechselten unser Geld in Silberklumpen um und schifften uns auf einem chinesi schen Dampfer zunächst nach Tschin-Kiang am „blauen Flusse" ein. Der Dampfer „Kiang-Uu", ein großer, komfor tabel eingerichteter Flußdampfer, stand unter Kommando eines überaus liebenswürdigen katholischen Amerikaners, eines Konvertiten und ehemaligen Freimaurers. Außer ungefähr 100 chinesischen Passagieren, die auf Vorderdeck im wüsten Durcheinander lagerten, waren wir die einzigen europäischen Passagiere in erster Klasse. Wir waren drei Priester und zwei chinesische Katechisten. Von letzteren war der eine „Li" ein baumstarker Mensch, mit riesigem Zopfe, treu, ergeben, kindlich und naiv gegen uns, den Chinesen gegenüber aber mit allen Eigenschaften der verschmitztesten Zopfträger begabt. Für seinen katholischen Glauben hatte er schon vieles leiden müssen; so z. B. hatte man ihn öffentlich an den Schandpfabl angebunden, ihm 100 Schläge gegeben und langsam den Bart ausgerupft. Es war gerade das Fest des seligen Perboyre, der vor 50 Jahren den Martertod durch Erdrosselung am Kreuze in China erlitt, als wir die Reise in's Innere Chinas an traten. Ein schönes Zusammentreffen! Ob es Glück für uns bedeutet? — Oder Unglück, Verfolgung, Tod ? Wir hatten spät Abends den „Kiang-Iu" bestiegen. Gegen Mitternacht wurden oie Anker gelichtet, und lang sam, majestätisch durchfurchte der stolze Dampfer den Hafen. Der Lloyddampfer „Bayern", der uns nach Schanghai gebracht, gab heute sein Abschiedsfest und weh- müthig klangen die schönen, deutschen Lieder zu unserem Schiffe herüber. Als wir uns am Morgen erhoben, hatten wir bereits den Wusung-Fluß verlassen und schaukelten auf dem mäch tigen Jangtsee-Kiang, von dem Marco Polo in seinem be rühmten Buche schreibt: „Ich versichere meine Leser, daß dieser Strom durch mehr Länder fließt, daß sein Wasser eine größere Anzahl Schiffe trägt und mehr Reichthum und Maaren als alle Seen und Flüsse des Christenthums zusammengenommen. Er gleicht mehr einem Meere als einem Flusse." Nicht zu verwundern, daß der Chinese seinen Jangtsee-kiang, „den Gürtel Chinas", sehr liebt. Philosophen entlehnen ihre Gleichnisse seiner Größe und seinem wohlthätigen Einfluß, Geschichtsschreiber verzeichnen seine Ueberschwemmungen und seinen Wassermangel als Ereig nisse, die eben so wichtig sind, wie der Sturz der Dynastieen. die Dichter finden in seinem Lobe den volkst!,üm- Uchen Gegenstand für ihre schwungvollen Gedichte. In der That glaubte auch ich mich eher auf offenem Meere als auf dem Wasser eines Flusses zu befinden. Es war eine prächtige Fahrt. Der majestätische Strom, stellen weise 10 Meilen breit, wälzte rauschend seine gewaltig gelben Fluthen unserem Dampfer entgegen. Die Ufer waren, soweit sie uns durch das stete Kreuzen des Dam pfers überhaupt sichtbar wurden, theils flach, theils bergig, zeigten gro e Fruchtbarkeit und prangten noch im herrlich sten Grün. Hier und da lagen malerisch zwischen Bäu men und Sträuchern versteckt kleine Dörfchen und Städte und hoch oben auf steilen Bergen, oft 1000—3000 Fuß hoch, Pagoden, d. i. heidnische Tempel. Der Fluß war belebt. Ganze Flottillen von Segelbooten begegneten uns. Gegen Abend des ersten Tages begann es zu regnen. In Strömen floß es vom Himmel, als wir gegen 11 Uhr in Tschinkiang landeten. Wohin sollten wir nun? Der hier stationirte Jesuitenpater, dem wir einige Tage vorher telegraphisch unsere Ankunft angezeigt hatten, schien uns nicht mehr zu erwarten; wir verstanden die Sprache nicht und konnten bei solchem Wetter auch keine Kulis finden, die unser zahlreiches Gepäck zum Kloster trugen. Erst nach einer Stunde trafen Abgesandte des Paters ein und geleiteten uns in die Misstonsniederlassung. Wir nächt lichen Störenfriede fanden noch die liebevollste Aufnahme bei dem guten Pater. Schon am folgenden Tage wollten wir weiter, doch „Geduld manmändi" rief man uns von zehn Seiten entgegen, „patientia“ Geduld ist die nothwen- digste Tugend in China, bedeutete uns der Pater. Eine wichtige Kiste, die wir am Abende vorher im Hafen zu rückgelassen hatten, wollte man uns nicht herausgeben, obgleich sie unfern Namen trug. In allen Tonarten ver suchten wir die halsstarrigen Chinesen zu bearbeiten und zur Güte zu stimmen, freundliches Zureden und Schimpfen in englischer, französischer und deutscher Sprache, selbst ein Gang zum Mandarine hatte keinen Erfolg. Wir beschlos sen daher, ohne die Kiste abzureisen. Dennoch dauerte es drei Tage, bis wir zur Abreise fertig waren, so viele Vor bereitungen hatte unser Li zu treffen. Unsere Lage war i.nangenehm. Je weiter wir in der Jahreszeit vorrückten,11 desto mehr hatten wir Gegenwind zu erwarten, die Nächte wurden bitter kalt, das Wasser im „Kaiserkanal", aus dem wir von Tschin-Kiang aus die Reise sortsetzen soll ten, sollte von Tag zu Tag sinken, sodaß Gefahr vor handen war, daß wir unterwegs im schlämme stecken blieben. Unterdessen ging mit unserem äußeren Menschen eine große Umwandlung vor, wir wurden Chinesen. Mit un seren europäischen Kleidern konnten wir uns nicht mehr zeigen. Vom rothen Knopfe, der unsere Mütze zierte, bis zu den weißen, papiernen sohlen unter den Füßen, nahm nun Alles andere Form, andere Farben an. Welch' ein Hallo, als wir uns nach dieser Metamorphose wieder sahen. Die chinesische Kleidung wollte sich noch nicht recht an unfern europäischen Körper anschmiegen. Jeder bot ein anderes Schauspiel dar. Ich trug wohl 10 Farben an mir, schwarze Tuchschuhe mit weißen Papiersohlen und grünen Streifen, weiße baumwollene Strümpfe, himmel blaue Oberhose, weiße in China auch sichtbare Unterhose, blaue Toga mit hellblauem Futter und gelben Messing- knöpfen, wollener Gürtel, tiefblauer Mantel mit veilchen blauem Futter, gelben Knöpfen und grünem Kragen, schwarze Mütze mit rothem Knopfe und — langem bis auf die Fersen herabhängendem seidenem Zopfe. 0 ga-cs mutatio rerum! In diesem Anzuge machten wir unfern ersten Aus gang in die chinesische Stadt. Man erkannte uns natür- lich sofort als Europäer, die Kleidung lag uns nicht an, und besonders verriethen uns die Bärte. In Hellen Hausen kamen uns die Kinder nachgelaufen und schrieen ihr „Jank- nitze", „europäische Teufel". Alles Volk blieb des Weges stehen. Doch unbekümmert schritten wir weiter durch die gaffende Menge. „Indessen war's doch einer, dem's zu Herzen ging, daß ihm der Zopf von hinten hing." Der Gang durch die Stadt erfüllte mich mit Weh- muth und Trauer. Welch' ein Elend, welche Armuth! Die Straßen, meist nur 1V 2 Mtr. breit, starrten von Schmutz. Aller Unrath war dort aufgehäuft. Schwarze Schweine, hungrige Hunde, Esel, Hühner, Enten und Katzen, Alles lief durcheinander und suchte sich Futter. Und mitten in diesem Schmutze lagen Bettler aller Art uno schrieen nach Brod. Dem einen fehlten die Arme, dem andern die Füße, der dritte war blind, der vierte über und über mit Aus satz bedeckt. Ach, es war unsäglich hart, an ihnen vorüber gehen zu müssen, ohne helfen zu können. Augenblicklich12 herrschte dazu eine ansteckende Krankheit in der Stadt die Diele hinwegraffte. Ich selbst sah zwei Männer auf of fener Straße mit dem Tode ringen. Gräßlicher Anblick, diese eingefallenen, abgemagerten Gestalten, mit langem', wild aufgelöstem Haare, von Schmutz halb überdeckt, da liegen zu sehen. O der Fluch, der entsetzliche Fluch des Heidenthums, wie lastet er so drückend schwer, so eisern auf unserm armen, unglückseligen Lande! China, armes China, wann kommt doch der Tag deiner Erlösung? O zerbrich die Sklavenketten, wirf sie von dir die grausigen Fesseln des Satans und eile, eile deinem Heilande und Retter entgegen, der so lange schon deiner wartet! Ach, noch herrscht Nacht, finstere, unheimliche Nacht in diesem Lande! In wenig froher Stimmung kehrten wir zum Jesuitenkloster zurück. Der Europäerhaß, den der Chinese besitzt, zeigte sich auch auf diesem kurzen Ausfluge. Obwohl Tschin-kiang eine europäische Niederlassung hat und Europäer dorr nichts Seltenes sind, wurden wir in dem Chinesenviertel doch mit einem Hagel von Schimpfwörtern überhäuft. Ausbrüche des Fremdenhasses sind daher nichts Seltenes und können täglich entstehen. Solch' europäische Ansiedel ungen liegen auf vulkanischem Boden. Im Jahre 1889 brach eine größere Europäerverfolgung aus, die auch glück licher Weise, ohne größeres Unglück angerichtet zu haben, gedämpft wurde. Der .Ostasiatische Lloyd' schildert den Verlauf dieses traurigen Vorkommnisses wie folgt: „Am 5. Februar gegen vier Uhr Nachmittags forderte einer der Siky-Polizisten, — die fremde Ansiedelung Tschin- Kiangs hat deren sechs, die außer einer Anzahl von chinesi schen Schutzmännern unter der Aufsicht eines Inspektors (eines arabischen Juden) stehen — einen Bettler ausi sich aus dem fremden Settlement zu scheeren. Da der Bettler sich nur sehr langsam anschickte, der Aufforder ung nachzukommen) so versetzte der Polizist ihm einen Stoß, in Folge dessen der Bettler zur Erde siel und Zeter- mordio schrie. Alsbald sammelte sich ein Haufe Chinesen, die den Sikh angriffen und ihn nöthigten, die Flucht zu ergreifen. Auf seiner Flucht stieß er aus zwei andere Sikh- Polizisten und das Trio versuchte nunmehr, sich gegen den tumultuirenden Haufen zu wehren. Ein Steinregen nö- thigte sie, sich in das Haus eines jüdischen Kaufmannes zu flüchten, woselbst sie sich versteckten. Der aufgeregte Haufe begann sofort das Haus mit Steinen zu bombardiren, und nachdem alle Scheiben zerbrochen, begab sich die Menge13 nach der ganz in der Nähe des englischen Konsulats ge- legenen Polizeistation und fing an, das Gebäude nieder- zureißen. Der Haufe war in der Zwischenzeit sehr ange- wachsen, und da Herr Mansfield, der englische Konsul,, sah, daß der Aufstand allgemein wurde, so schickte er einen Boten an den Kommandanten der Garnison des Tantais, welch' letzterer sich zur Zeit in Sutschau zum Besuche auf hielt, mit dem Ersuchen, ein Detachement Soldaten in die fremde Ansiedelung abzusenden, um die Aufrührer zu ver treiben. Ungefähr ein Dutzend Soldaten langten nach einer geraumen Weile bei der Polizeistation an, aber ausge nommen, daß sie den Haufen ersuchten, sich zu entfernen, trugen sie nicht das Geringste dazu bei, den Aufruhr zw unterdrücken. Herr Konsul Mansfield entsandte daher einen zweiten Boten an den General, der ein Lager, wel- ches an die fremde Ansiedlung stößt, kommandirt. Etwa fünfzig Soldaten erschienen nach etwa einer halben Stunde in oem Settlement. Es war jetzt nach 5 Uhr, etwa 6000 Chinesen hatten sich um die Polizeistation ge sammelt, doch waren von dieser Zahl nur ungefähr 500 an dem Aufstande betheiligt. Der größere Theil der Auf rührer gehörte einer geheimen Verbindung (die Weiße Liliengenossenschaft) an; als sie sahen, daß die Soldaten keine ernste Miene machten, den Aufstand zu unterdrücken, wurde ein neuer Versuch gemacht, die Station zu stürmen. Es gelang auch dem Haufen, die Thüren zu erbrechen. Drei in dem Gebäude befindlichen Sikh-Polizisten und der Inspektor flüchteten sich und entkamen mit Ausnahme des letztgenannten, welcher ergriffen und vom Pöbel, in der Absicht, ihn zu ertränken, an den Fluß geführt wurde. Eine Abtheilung Soldaten befreite den Unglücklichen und eskortirte ihn nach dem Jamen des Lautais, wo er Schutz fand. Nachdem die Polizeistation vollständig demolirt war, begab sich der Haufe nach dem Hause des Herrn Jnnocent, eines Zollbeamten, warf alle Scheiben ein und drohte, ihn zu tödten. — Da blieb denn nichts weiter übrig, als das Heil in der Flucht zu suchen, und es gelang Herrn Jnnocent nebst Frau durch eine Hiriterrhüre zu ent kommen. Das Haus wurde mittels Petroleum in Brand gesteckt. Gegen^8 Uhr Abends langte der Flußdampfer „Kiang-Iu" in Tschin-kiang an, ankerte, und eine Anzahl der Damen nebst Familien flüchteten an Bord. H. Mans field glaubte sich in seinem Hause, welches sehr stark ge- baut ist, sicher und schickte daher einen Boten an den ameri kanischen Konsul, General Jones, mit dem Anerbieten, ihu14 mit feiner Frau und seinem Kinde in dem englischen Kon sulatsgebäude aufzunehmen. General Jones nebst Familie waren aber kaum im englischen Konsulate angelangt, als auch schon der aufrührerische Haufe das Konsulatsthor zu zerbrechen anfing, sodaß es für rathsam befunden wurde zu fliehen. Im Dunkel der Nacht gelang ihnen dies, in dem ein Loch durch die Gartenmauer gebrochen wurde, und sie auf Umwegen gegen 10 Uhr den Dampfer Kiang- Iu erreichten. Das englische Konsulat wurde geplündert und in Brand gesteckt. Hierauf begab sich der Haufe nach den Wohnungen der protestantischen Missionare Hunner und Bryan und setzte deren Häuser wie auch die Kirche der Baptisten in Brand. Das amerikanische Konsulat wurde gleichfalls geplündert. Kurz nach Mitternacht zer streuten sich die Aufständischen, und um 2 Uhr Morgens war die ganze europäische Bevölkerung Tschin-kiangs an Bord des Kiang-Uu . . . Gegen 4 Uhr Nachmittags rück ten ca. 2000 Mann chinesischer Truppen in die fremde An siedelung ein. Die Aufständischen ergriffen nunmehr die Flucht und seit jener Zeit ist die Ruhe wieder hergestellt. Das englische Kriegsschiff „Mutine" langte am Nachmit tage des 7. in Tschin-Kiang an, und am Morgen des 8. wurde die englische Flagge wieder auf den Trümmern des ehemaligen Konsulatsgebäudes gehißt. Die amerikanische Flagge wurde ebenfalls an demselben Tage wieder aufge zogen und das amerikanische Kriegsschiff „Omaha" wurde nach Tschin-Kiang beordert. Die Aufrührer sollen jedoch in das Innere des Landes geflüchtet fein." — Ein Ausflug in die Umgebung der Stadt lohnte sich wohl der Mühe. Tschin-Kiang ist ein den Europäern er- öffneter Handelsplatz. Das europäische Settlement ist durch eine Mauer vom chinesischen Stadtviertel getrennt. Tschin-kiang ist herrlich zwischen Bergen gelegen. Auf einem derselben ist die Lehmfestung 'aufgebaut, in der ca. 200 Soldaten hausen. Andere Hügel sind mit prote stantischen Missionsstationen und von bessern Villen bedeckt. Vier verschiedene Sekten treiben hier Bekehrungsversuche, freilich wie überall in China, ohne besondern Erfolg. Einige Missionarinnen begegneten uns in chinesischer Kleidung. Von den herrlichen Bergen hat man die schönste Aussicht in das breite Jangtsee-Kiangthal. Die Gold- und Silber inseln fesselten besonders meine Blicke. Erstere ein hoher konischer Felsen, trägt auf ihrem Gipfel einen runden Pa villon im schönsten chinesischen Stile und zeigt an einem unfern des Felsgipfels gelegenen Abhange eine etwas ver-15 sallene siebenstöckige Pagode. Die Silberinsel darf gleich falls zu einem der sehenswerthesten Punkte im Jangtse- kiangthale gezählt werden. Die kleine, schön bewaldete, mit weißen Tempeln bebaute Insel gewährt einen überaus malerischen Anblick. Auf der Insel sind augenblicklich Forts angelegt, die den gerade an dieser Stelle schmalen Strom genügend beschützen. III. Ein Monat auf der Dschonke. Endlich am 11. November war Alles zur Abreise be reit. Unsere Barke, eine chinesische Dschonke, lang eine Viertelstunde vom Kloster entfernt. Vor uns her zogen die Gepäckträger mit unseren Kisten und Kasten, mit Decken und Proviant, hinter uns als Wächter die beiden Kate chisten. Herzlich seufzten wir auf, als wir durch all' den Wirrwar der Stadt uns glücklich bis zum Hasenplatze durchgeschoben hatten. Noch ein salto mortale und das Schifflein war bestiegen. Die Dschonke, der wir nun einige Wochen lang Leben und Gut anvertrauen mußten, war etwa 10 Meter lang, 3 Meter breit und so niedrig, daß ich nicht aufrecht darin gehen konnte. Die Hälfte des Schiffes nahm die Familie des Besitzers ein, zwei Frauen, zwei Kinder und fünf „Matrosen". An Raum hatten wir somit keinen Ueberfluß. Die Barke gewährte nach Innen und Außen ein interessantes Bild. Das Meublement bestand, ganz den Bedürfnissen entsprechend, aus einepr Tische, dessen vier Beine hilfsbedürftig waren, und drei „Schusterstühlchen". Betten waren nicht vorhanden, unsere Kisten dienten als Lagerstätte, Bretter versahen die Stelle der Federn. Uns zu Ehren war das Innere der Barke mit veilchenblauer Tapete verschiedenen Musters verziert und alle Risse und Löcher, deren nicht wenige vorhanden, mit derselben Tapete überkleistert worden. Die Fenster waren, soweit sie über haupt vorhanden, theils von Glas, theils von Papier: ein Vorzug, da es uns aus diesem Grunde weder bei Tag noch bei Nacht an frischer Lust mangelte. Das Papier, das frisch aufgeklebt worden, zerriß nämlich, sobald es einmal16 regnete, und hing am Schlüsse unserer Fahrt in mächtigen Fetzen an der Barke herunter. Unter uns im .Gepäck raume" hausten die Mäuse, über uns spannten die Spin nen ihre Netze und herrschten die Wanzen, auf „Deck" flolzirten die Hähne und Hühner, die am Morgen die Stelle der Weckuhr versahen und mich jedesmal musikalisch aufweckten, indem sie mir das Abt'sche Lied in Erinnerung brachten „Des Morgens, wenn die Hähne kräh'n". — Kurz, das Gesammtbiid mußte man recht malerisch nennen. Ein hoher Mast ragte in die Luft mit einem wohl hundertmal geflickten Segel und weithin sichtbarer Kreuzesfahne. Der Fahrpreis betrug 60000 Kopeken, ca. 40 Dollar Vier Mann trugen die Summe zum Schiffe. „Die Segel sind aufgezogen, die Wellen tanzen umher, Und heute wird weggezogen, weit über Land und Meer." Wtr hatten Mühe, uns durch alle Dschonken, Nachen und Flöße durchzuschieben. Nach rechts und links wurden Stöße versetzt, ein Heidenskandal in des Wortes verwegen- ster Bedeutung entstand um uns, Jeder, an dem wir vor- uberzogen und den wir erst von seiner Stelle verdrängen mußten, hatte zu schimpfen und zu schreien. Nach halb stündiger Arbeit war das Freie erreicht. Noch einmal setz ten wir über den „blauen Fluß" und liefen dann in den „Kaiserkanal" ein. Ein frischer Wind wehte, und unter lustigem Matrosengesange wurden segel gehißt. Glück auf zur Fahrt! ' Ach lasse nun in der Erzählung einige Daten aus memem Tagebuche folgen. 11. November. Kaum waren nur ermge Stunden gefahren, als wir plötzlich durch bar barisches Schreien und Lärmen aufgeschreckt wurden. Arg los hatten wir ein Zollhaus pasflrt. Unsere Fahne zeigte uns zwar als Europäer an, die frei passiren können, und wir stellten uns zum Beweise dieser Wahrheit vorn auf die Backe, doch die Zollwächter waren neugierig und durch suchten mit kleinlicher Genauigkeit unsere Barke. Endlich war der strengen iustitia Genüge geleistet, Die Neugierde befriedigt, und unter chinesischen Anstandsbezeugungen zo- gen die stolzen Wächter des Gesetzes wieder von dannen. Aehnlichen Musterungen hatten wir uns von nun an alle paar Kilometer zu unterziehen. Die Erhebung dieses Zolles ist in China erst seit den letzten 50 Jahren eingeführt, seit dem die Regierung zur Unterdrückung der Rebellionen größerer Summen bedurfte. Jegliche Waare. welche eine Provinz im Transit possirt, ist zollfähig. Solcher Statio nen gibt es unzählige; je nach der Größe des Handels2 17 werden solche eingerichtet. Es ist eine Art Schlagbaum- system in Form unserer früheren Chausseegeldererhebung. Man vergleicht das System auch recht passend mit unserem früheren Raubritterwesen. Eine Kontrolle über die Sta tionsvorsteher existirt nämlich nicht. Ln den meisten Fällen muß der passirende Kaufmann mit demselben feilschen. Der Zollwächter verlangt eine bestimmte Summe; der Kauf mann bietet weniger, und so feilschen sie hin und her, bis schließlich ein Einverständniß zwischen beiden Theilen er zielt ist. Gegen Abend landeten wir in Jantschau. Wir stiegen ans Land, um den dortigen Jesuitenmissionären einen kur zen Besuch zu machen. In angenehmster Unterhaltung ver gingen die Stunden des Abends. 12. November, Sonntag. Die Jesuitenmissionäre be sitzen in Jantschau eine bedeutende Niederlassung. Schon seit mehreren hundert Jahren hat hier nämlich das Christen thum Eingang gefunden. Die Christen erschienen sehr zahl reich beim Gottesdienst am Morgen und beteten nach chi nesischen Weisen, ähnlich unserem Psalmenton, ihre Mor gen- und Meßgebete. Wir machten dann einen Besuch in dem Mädchenwaisenhaus, das von sechs chinesischen Schwe stern vorzüglich geleitet wird. Es war dieselbe Anstalt, auf die bei der letzten Verfolgung zuerst Sturm gemacht wurde. Interessant war es, dem Unterrichte der kleinen Chinesinnen beizuwohnen. Alle schrieen durcheinander ihre Lektionen herunter, und da sie uns bemerkten, strengten sie ihre Kehlen noch mehr als gewöhnlich an. Die Mädchen werden in China im allgemeinen wenig mit Büchern be kannt gemacht, obgleich dieselben oft an Geist und Ver stand den Knaben durchaus nicht nachstehen. Das „Bücher- lesen" ist überhaupt ärmeren Leuten nicht möglich, da keine öffentlichen L-chulen bestehen, und die Schrift sehr schwer zu erlernen ist. In der Schule lernen die Kinder zuerst ein kleines Büchlein auswendig, dessen einzelne Sätze nur drei Worte bilden. Der Lehrer sagt Jedem seine Sätze vor, worauf der Schüler, laut seine Lektion schreiend, dieselbe dem Gedächtniß einprägt. Hierauf begibt er sich zum Lehrer zurück, legt das Buch vor ihn auf den Lisch, dreht sich um und sagt seine Lektion auswendig her. Natürlich alle Anderen lassen sich in ihrem Heidenlärm nicht stören und schreien muthig, mit Kopf und Füßen zappelnd, die Sätze sich ins Gehirn hinein. Nach dem Essen gingen wir wieder in unsere Dschonke zurück. Fruchtbare Gefilde umsäumten die Ufer des Kanals.18 Wie besät ist das Land mit kleinen Weilern und Gehöften. Es wurde Abend, und nun galt es, Vorrichtungen zum Schlafen zu treffen. Viel war dazu freilich nicht erforderlich. Schnell waren Bretter zusammengelegt, einige Decken dar über geworfen, der Revolver unter dem Kopfkissen verbor gen, und die Lagerstätte war bestellr. Die beiden Kate chisten schliefen vor der Thüre; unser Li hatte zur Vorsicht ein altes Schlachtenschwert mit verrosteter Klinge und eine noch ältere Harpune an seine Seite geschnallt. So, lieb Vaterland, magst ruhig sein! Doch der Schlaf wollte heute nicht recht in meine Glieder fahren, zum ersten Male näm lich lag ich aus der harten Pritsche. Endlich siegte die Müdigkeit doch und ließ mich in Morpheus Armen ruhen bis „früh Morgens, wenn die Hähne kräh'n". 13. November. Zum ersten Male feierten wir das hl. Meßopfer in der Barke. Die Fenster wurden mit Decken verhangen, die Thüre verrammelt, der alte Tisch diente als Altar. Gegen Mittag liefen wir mit vollein Segel in einen prächtigen See ein, den der Kanal von Ost nach West durchschneidet. Ja, wirklich, dieser Kanal verdient seinen Namen mit Recht, er ist ein kaiserliches Werk. Nur den alten Kaisern mit ihrem tyrannischen Despotismus, nur den alten Völkern in ihrer gewaltigen Masse ivar es mög lich, ein solches Werk zu schaffen. Ein Suezkanal, selbst ein Panamakanal können unfern Kaiserkanal, was Technik betrifft, nicht erreichen, von der Größe und Breite desselben gar nicht zu sprechen. Aus diesem Werke kann man er kennen, wie hoch die chinesische Kultur einst gestanden; die Nachkommen sind leider nicht im Stande, das Werk ihrer Ahnen aufrecht zu halten. Der Kaiserkanal, ursprünglich von dem großen Jö angesangen, wurde in späteren Jahr hunderten vielfach verändert und erst unter der Regierung des Kaisers K'ien long (1736—1746) endgiltig geregelt. Gebaut zur Beförderung der Steuerschiffe aus dem Süden nach Peking, wurde er aber erst später dem allgemeinen Verkehre übergeben und ist heute der bedeutendste Verkehrs weg im Norden Chinas. Ganze Flotillen von Dschacken, Nachen und Flößen durchziehen seine Wasser, in neuerer Zeit gehen selbst kleinere Dampfschiffe hinauf bis an die Schleusen hinter Koaingasu. 14. November. Trotz der vorgerückten Jahreszeit ist das Wetter herrlich. Mit Gewalt holt uns die Sonne aus unserem „Salon" heraus. Wir beschlossen, für kurze Zeit zur Abwechslung an's Land zu gehen. Eine Ruoersrange als Alpstock gebrauchend, schwingen wir uns an's Ufer2 * 19 — Doch welch' einen Bolksauflauf verursachen wir Groß und Klein. Jung und Alt. Ochs und Esel blwb beim Anblick der „Janknitze" stehen, auch die dringendste Arbeit wurde unterlassen, die Kinder liefen uns nach, ihre Schlitzäuglein waren zu klein, die „europ. Dbufel zu sehen. Selbst die Frauen kamen gemüthlich ihre Pfeifchen schmauchend, auf ihren kleinen „Bocksfüßchen" herbeigetrippelt. die Neugierde der Evastochter siegte dies mal über den chinesischen Anstand. Die Frauen Lhinas Nnd meistens sehr klein von Gestalt. Das ovalgeformte Gesicht, die kleinen geschlitzten „Mandelaugen", der qelb- r-itA 1 -“?« Teint und das reiche glänzend schwarze Haar laßt dieselben recht schon erscheinen, die Kleidung ist an- Stellung der Frauen in dem „Reiche der tit im allgemeinen eme nach europäischen Begriffen hoch't. bedauernswerthe. „Ein Knabe ist zehn Mädchen werth . lautet das chinesische Sprüchwort. Die Mädchen werden bei Aufzählung der Kinaer fast niemals genannt Sie werden in der Stille des Hauses von der Mutter auf- erzogen und im häuslichen Leben unterrichtet und dann oft schon. sehr frühe. durch die Eltern verlobt. Äiädchen- handel ist sogar nichts Seltenes, zumal wenn sie als zweite oder dritte Nebenfrau dienen. Im Alter von etwa sechs Jahren beginnt in der Regel für die Mädchen die Futzver kruppelung. Mittels festumspannter Binden werde? die 3 e .^ ertunter ö * e Sohle gebunden, bis die kleinst- mogliche Gestalt des Fußes erreicht ist. Obgleich diese Pro zedur mit heftigen L-chmerzen verknüpft ist, oft sogar größtmöglichste Sorgfalt angewandt wird^ in der Umbindung das Abfaulen der Zehen und der frühe setzen die chinesischen Schönen doch all' ihren stolz in die möglichst kleinen „Lilienfüße", Bocks- man sie treffender bezeichnen. Der Gang ®A ne,inne ^ Nt daher trippelnd und unsicher Was dieser Gewohnheit der Fußverkrüppelung be- . derselbe in Dunkel gehüllt. Manche führen P I i! er|1 ^ t des Mannes zurück; andere glauben eine Maeregel der Ehegatten darin zu erkennen, um die Frau und sie am Umherlaufen zu hindern. wJrlittnL C ? etbt Q- bte Zweifelhafte Ehre der Erfindung Kaiser/ Ll-yao-mang zu. einer Nebenfrau des Kaisers ^.isheutschu ^cr. 934). Li-yao-niang soll eine schone Gestalt und trotz einer Art Klumpfüße die graziö- feste ^anzerrn des Hofes gewesen sein. Sie psteate vor ihrem kaiserlichen Gebieter in einem besonderen Saale des20 Palastes zu tanzen, dessen Fußboden mit Lilien in Gold ausge legt war, und hier soll der Kaiser, von ihrem Tanze ent zückt, ausgerufen Habens „Jeder Schritt erzeugt eine Lilie". Die Hofdamen, so erzählt die Fama weiter, hätten sich da durch bewogen gefühlt, sich aus künstliche Weise kleine Füße zu schaffen, wodurch sich die Sitte allmählich unter dem Volke verbreitete. Die chinesische Frau ist vollständig auf den häuslichen Heerd angewiesen; öffentlichen Vergnügungen, wie Theater, darf sie nicht beiwohnen, ^doch hat die neue Mode hierin schon Vieles verändert. Sittsamkeit und Jungfräulichkeit werden von Chinesen sehr geachtet, sogar in Liedern be sungen, doch sind es seltene Tugenden unter den Heiden. Jungfrauen und Wittwen dürfen sogar steinerne Ehren bögen und Tafeln errichtet werden. Das allgemeine Gaffen der neugierigen Zopfträger verblüffte uns anfangs; wie man in der Heimath einer Zigeunerbande nachläuft, so dienten wir heute zum Schau spiel der Dörfler. Einige, die sich erdreisteten, die erbärm lichen Schimpfwörter zu rufen, wurden von unserem treuen Li, der uns auf Schritt und Tritt begleitete, gründlich ge rügt, oft sogar mit Hilfe seiner kräftigen Fäuste. Die User des Kanals sind theilweise sehr fruchtbar, theilweise aber auch öde und sumpfig. Wenn in der heißen Sommerzeit die tropischen Regengüsse sein Bett füllen, dann tritt er meistens an einigen Stellen über seine Ufer, setzt unermeßliche Länderstrecken unter Wasser und richtet Tod und Verderben, Verwüstung und Elend an. Erst in China lernt man auch wirkliche Armuth kennen, doch erträgt der gleichgiltige Sohn des „Reiches der Mitte" die selbe leicht. Von der Armuth, die man zuweilen in China trifft, hat man in Deutschland gar keinen Begriff. Welch' armseliges Ansehen bieten die kleinen Dörfchen, die wir passiren. Die gemeinsten Stallungen in Europa sind besser, als diese Behausungen armer Chinesen. Anspruchslos wohnt der Chinese mit seiner ganzen Familie in einer hohen, schwarz berauchten Lehmhütte. Ein größeres Loch mit einer Strohmatte, im günstigen Falle mit einer hölzernen Thüre versehen, dient als Ausgang, als Fenster, als Schornstein rc. Die wenigen Habseligkeiten der Familie befinden sich eben falls in dieser Hütte, meist im schmutzigsten Durcheinander. Die ärmeren Dörfchen liegen meistzwischenWeidenbäumenver- steckt. Eine kleinere oder größere Pagode besitzt jedes Dorf. 15. November. Den ganzen Tag fuhren wir zwischen Gräbern durch. Die Chinesen haben seit einigen hundert Jahren die Sitte, ihre Toten auf deren früherem Eigentume zu bestatten Sie graben den Sarg nur wenig in die Erde em und bedecken denselben je nach Rang Würde und Reichthum des Verstorbenen mit größerem oder kleine- es begreiflich, daß im Lause der Zeit ihre Zahl sehr geworden ist und man das chinesische Reich im Hinblick aus diese Gräber mit einem großen Kirchhofe verglichen hat Dev armen Chinesen größte Sorge bestehr auf Erden darin, nach dem Tode einen Sarg zu besitzen Kinder die 1Z SS? ,,'T b-i EeÜjliten al§ tugendhafte Kinder. ÜJhr erzählte ein Pater daß er einmal einem Manne, der sich um ihn verdient gemacht einen Sarg geschenkt und dafür den größten Dank geerntet habe. Ärmuthshalber bleiben die Särge auch manchmal Zeit noch unbedeckt aus freiem Felde stehen — auch ich sah deren mehrere — oder man stellt sie zu Hause in irgend Kraucht sie dort sogar als Bank, bis ein wetteres Glied der Familie gestorben ist. Beide werden dann in einen Sarg gelegt, und für beide wird eine gemeinsame erchenfeier veranstaltet. Die Leichenseierlichkeiten sind nämlich überaus theuer und bringen manchmal eine Familie an den Betielstab. Beim Tode der Eltern zeia sich nämlich die Liebe der Kinder, und Kinder die ihren gesichte chtt^Rackb?r?^^gängniß bereiten, haben im An- gesi^re ihrer Nachbarn ein großes „Gesicht" d b ÜS-hro a rocrben o^e Sarg auf's Feld geworfen ^oder e V" <£T 9 ^ngescharrt. sie dienen den zahlreichen ^ aben zum gräßlichen Fräße. Ich bin seither L $ en .^eicheiifressern öfters begegnet, ivie sie auf offenem Felde eine schauerliche Mahlzeit hielten " SderH*Ä e r n ^ nter - effe t ein ' bie Leichenbestattungs- ■ ett n ber ^binesen kennen zu lernen. Natürlich £h Ö P n ienl9 >f n Öer r, ® brilten von denen der Heiden ve?- ^F b s5' indem aller Götzendienst von jenen fernbleibt I «nm 6 S Ä ? 7 '°ll.nd t4 i 8 . An .SS ^enen veim Tode Hort man selten, das Gewissen ist in ziehuna'haben ff' ^n gleichgiltiger Charakter, seine Er- ziehung haben ihn abgestu^npfl gegen Gewissensbisse Ist die Tohesstunde herangenaht, wiro der Sterbende mit den Lwdtengewandern bekleidet, weiße Leinenkleider, die chon -bereitet waren. Bei Christen versammelt sich die gknze Gememhe, um die Sterbegebete zu verrichten. Sobald dann ^odt^nktn^^b ^rhemzug gethan, entsteht die -oütenklage. Wie aus Kommando klagen und weinen alle,22 der eine ruft: „mein Vater, mein Vater", der andere „mein Großvater", der dritte „mein Oheim, mein Oheim" usw. Ich habe einige Mal sterbenden Christen beigestanden und dieses Klagegeheul erlebt und muß gestehen, diese Szenen sind ergreifend. Bei Heiden geschieht diese Szene im enge ren Familienkreise. Kurz nach dem Tode wird von Heiden der Götzenpriester gerufen, welchem die Ausgabe obliegt, eine der drei Seelen, welche nach Ansicht der Chinesen den menschlichen Körper bewohnen, aufzufordern, den Leichnam zu verlassen und dem Elysium zuzueilen. Deßgleichen muß er erforschen, ob die dahingeschiedene Seele Menschen- oder Thiergestalt annehmen wird. Der Chinese glaubt nämlich an die Seelenwanderung. Die Seele wird von einem Teufel, Tjikuitse genannt, dem Leide entrissen und zu den Tuti (heidnischen Gottheiten) und von diesen zu den zehn Jenwang (Göttern der Unterwelt) geführt. Nachdem dort die Seele ihr Urtheil empfangen, muß sie eine Netse an- treten weit, weit fort in's Schattenreich. Schwefelsdämpfe erfüllen dort die Luft. Ein Gebäude, die „Seelenfabrik" passend genannt, ist in der Nähe. Das Gebäude hat, wie mir gcfltsilderc wurde, das Aussehen eines europäischen Ziegelosens. Nachdem die Seele, dort angekommen, die „Betäudungssuppe" gegessen, die sie ihre Vergangenheit vergessen macht, wird sie je nach Verdienst mit einem Thier felle behängen und kopfüber in eine Mühle gestürzt. Ein riesiger Teufel saßt sie am Zopfe, und wirbelt sie im Kreise herum, bis sie neugestaltet aus der „Fabrik" hervorgeht. Dem Stolzen und Hochmüthigen wird eine Löwenhaut um gehängt, der Mörder wird in eine Bärenhaut gesteckt; die Wollüstlinge müssen in Schweine oder Hunde fahren. Begreiflich ist es, daß die Chinesen vom Bonzen gern erfahren wollen, welch' Loos dem theuren Dahingeschiedenen ge worden. Mit Inbrunst beschwören die Angehörigen die Teusel bei den Verstorbenen, Gnade für Necht ergehen zu lassen. Als Bittopfer gelten Papierschnitzel, auf denen un geheure Summen Geldes ausgezeichnet sind, oder Weihrauch. Interessant ist es, wie der schlaue Zopfträgec sogar seine Gottheiten zu betrügen weiß, indem er ihnen Gold- oder Silberpapier für Gold und Silber weiht. Nachdem der Leichnam in den Sarg gelegt worden, suchen Erdwahrsager einen günstigen Platz aus zur Be- gräbnißstätte, woselbsr unrer Verbrennen von Papier das Grab gegraben wird. Die Beerdigung findet, falls das nöthige Geld vor handen, mit großem Pompe statt. Der Nam-mo-lu fordert23 zunächst die im Leichname zurückgebliebene Seele auf, den Leib in's Grab zu begleiten. Den Zug eröffnen zwei Po saunenbläser, an die sich der älteste L-ohn des Verstorbenen anschließt, der in die weiße Trauerfarbe gekleidet, in ge beugter Gestalt, von einem andern gestützt, mit einem klei nen^ Stock bewaffnet unter stetem Weinen und Klagen mühsam weiterwankt, ihm folgen die Träger von Papier- laternen, auf denen Namen, Titel und Würde des Ver storbenen ausgeschrieben sind, des ferneren die Träger großer Papierhäuser, Papierpferde ufw., welche vor dem Grabe verbrannt werden und dem Todten im Jenseits zur Benützung dienen sollen; eine Musikbande schließt oen Rei- gen. Hinter dem Sarge gehen die Leidtragenden mit Aus nahme des ältesten Sohnes des Verstorbenen, unter fort währenden heftigen Klagen. Man zerreißt sich die Kleider, man rauft sich die Haare aus, alles Zeichen der Trauer, die meistens aber nicht aus dem Herzen kommt. Anhäng liche Liebe, die über theure Verstorbene weinen könnte, scheint mir nicht allzuhäufig. Der Grabhügel bedeckt die irdische Hülle des Verstorbenen und läßt ihre Wohlthaten bald vergessen werden. 16. November. Schlechtes Wetter. Langsam zieht unser Schifflein voran. Zwar schreien und pfeifen unsere „Ma trosen" zu ihren Windgöttern, doch diese ließen sich nicht erweichen. Mit Dampf geht's halt nicht hier im Lande der «chiebkarren. Spät am Abende landeten wir in Hoain- ganfu, einer großen Stadt, woselbst wir ausstiegen und bei einem Jesuitenmiffionare übernachteten. Welch' eine Freude war es für den guten Pater, der mitten in einer fremdest heidnischen Umgebung, einsam und allein ein verachtetes Leben führt, ivieder einmal mit Europäern verkehren zu können. Sämmtliche Missionare, denen wir auf unserer weiten Reise begegneten, waren Franzosen. Es gereicht dieses Frankreich zur Ehre. Wenn es auch wahr ist, daß die katholische Kirche dort nicht in Blüthe steht, wie sie es sollte, daß das katholische Glaubensbewußtsein dort viel zu wünschen übrig läßt, es ist aber auch wahr, daß Frankreich in den letzten Jahrzehnten sehr viel zur Verbreitung des Glaubens gethan hat. Ueberall arbeiten diese Glaubens, streiter mit wackerem Muthe, mit heiliger Begeisterung, die ihnen selbst das Lob der Protestanten einbringt. Ein deut scher protestantischer Kaufmann aus Schanghai behauptete, daß fünf Jesuiten mehr und segensreicher arbeiteten, als sämmtliche protestantische Missionare. Auch hierinHoain- ganfu bewunderten wir wiederum einen Missionar, oer24 ganz und voll seinem Amte geivachsen ist und mit Heiden- müthiger Liebe seinem harten Berufe dient. 18. November. Wir mußten heute einige „Schleusen" passiren. Dieselben sollen sich, je näher wir den Bergen Schantung's kommen, häufen. Unsere Furcht, dort lange warten zu müssen, bestätigte sich nicht, da Visitenkarten, die wir von dem letzten Pater erbeten hatten unv die nebst unfern chinesischen Namen auch französische Worte trugen, uns als „großen Herren" schnell weiter halfen. Auch an Zoll stationen gaben wir in Zukunft üiese Visitenkarten ab, und die Zollabfertigung war bald erledigt. Fast sämmtliche Bewohner der bei den einzelnen Schleusen liegenden Dörfer mußten unser Schiff durch die Schleusen hindurchziehen, die an dieser Stelle 3 bis 5 Fuß hoch sino. Von dem da bei stattfindenden ohrenzerreißenden Geschrei möchte ich schweigen, „es könnte Stein' erweichen, Menschen rasend machen." Wir sollten ^als „große Herren" für all' diese Mühen und das viele Schreien 11 Dollar bezahlen, unser Li jedoch feilschte auf einige hundert Sapeken (ca. 1 Dollar) herunter. Nachdem wir die Schleusen passirt, kamen die „Ma trosen" auf's Schiff, statt wie gewöhnlich dasselbe zu ziehen. Gemüthlich hockten sie sich aus ihre Fersen und schmauch ten ihre Pfeifchen oder entledigten sich einiger „bissigen Aergernisse", die sie nicht, wie es so wohl gewöhnlich ge schehen soll, einfach tödteten, sondern mit Behagen sich zu Gemüth führten. Die chinesischen Pfeifen sind dem Cha rakter der Zopfmänner ganz angepaßt. Zum Rauchen gebraucht der Chinese nämlich theils große Blechinstrumente, die er Wasserpfeife nennt, theils Holzpfeifen mit Fingerhut großem Kopfe und langem Rohre, theils Opiumpfeifen. In dem Kopfe der Pfeifen erster Art befindet sich Wasser, und der Dampf wird durch's Wasser eingesogen. Der dazu gebräuchliche staubartige Tabak ist sehr stark und der Ge sundheit nachtheilig. Das Rauchen ist in China wohl so verbreitet, wie in keinem andern Lande. Jeder halbwüchsige Bursche trägt auf der Schulter oder am Gürtel seine Pfeife mit Tabaksbeutel, Feuerstein und Papier. Unter unseren ..Matrosen" war nur ein alter Knabe, der seinem Gesichte nach schon längst den Lenz des Lebens hinter sich hatte, dem Opium ergeben. Allerdings lange wird er's nicht mehr treiben, seine Beine schlotterten schon, seine Wangen waren eingefallen und leichenblaß, seine Augen thränten, er hustete entsetzlich. Alles Folgen des scharfen Giftes. Wie weit kann doch die Leidenschaft den25 Menschen treiben! Christen ist es unter den größten kirch lichen Strafen verboten, Opium zu rauchen oder zu ziehen oder auch nur das Land zum Opiumbau zu verpachten. Welch fürchterliche Plage das Opium für China geworden, hat sich auch im letzten Kriege mit Japan gezeigt. Oft mals, wenn der Feind gerade heranrückte, rauchten Führer und Soldaten Opium, nichts war gerüstet, zum Kampfe fehlte die Kraft, die Schlacht ging verloren. 20. November. Nun ist es schon der neunte Sonn tag, den wir auf der Reise zubringen. Mir ivar ganz wehmüthig um's Herz, als ich am frühen Morgen einsam an dem Ufer des Kanals durch die Fluren wunderte. Wonnevoll senkte die Sonne ihre Strahlen vom blauen Firmamente auf die herrliche Landschaft hernieder und breitete ein sonntägliches Gewand über die herbstlichen Fluren. Doch die Heiden haben dafür noch kein Auge, sie kennen den „Tag des Herrn" noch nicht. O nein, nicht tönen von Fern und Nah die festlichen Glocken und Glöck chen, nicht sieht man fromme Beter zum nahen Gottes haus wallen, nur düsteres Heidenthum umnachtet hier die Geister. Langsam, im Schneckenzuge rücken wir dem Ziele näher. Schon winken in der blauen Ferne Schantung's Berge. Freilich sind es nicht die duftigen Berge der He.matb, kahl starren sie in die Bucht, als ob auch auf sie der Fluch sich gelegt. Frisch weht uns ein Herbstwind entgegen, wir frieren gewaltig in unserem Salonschiffe mit seinen pa- piernen Wänden. „Räuber in der Nähe", heißt es am Abende. „Alle Waffen in Bereitschaft." Die Fahne wird eingezogen, da mit man uns nichr als Europäer erkennt. Wir fahren durch eine Gegend, die voller Räuber ist. Doch Furcht bei Seite. Eben ertönen drei schwere Böllerschüsse aus dem Nachbar- dorse, die den Unholden verkünden sollten, daß man wache. Erst vor Kurzem wurden an die er Stelle drei Jesuiten patres ausgeraubt und entsetzlich geschlagen. Selbst einen Mandarin hat man hier schon überfallen und ihm die Zähne ausgeschlagen. Freilich die dreißig abgeschlagenen Köpfe, die dort am Eingänge des Dorfes, schwarz be strichen, um sie vor Moder zu schützen, in Körben an Pfäh len hangen, zeigen die Rache, die das Gesetz genommen. Jedoch trotz aller Gesetzesschärie wird China der Räuber nicht Meister. Schantung besitzt ein Heer dieser Unholde, zu Tausenden treiben sie rhr Unwesen dorr. Soldaten sind machtlos gegen diese frechen Burschen, denen das Räuber-26 Handwerk vielfach nur ein romantisches Leben bietet. Ein einziger Mandarin soll innerhalb dreier Jahre nicht weniger als fünftausend geköpft haben, ohne dadurch aber ihre Zahl zu verringern. Wir wurden nicht behelligt. 27. und 28. November. Zwei Tage fuhren wir bei gutem Winde durch reißende Stromschnelle und liefen dann in einen herrlichen See ein: Wir sind in Schantung. Rings umgeben von schön geformten Bergen bietet der See einen lieblichen Anblick. Nicht öde und still ist dieser See, ganze Dörfer beleben ihn, Hunderte von Nachen ziehen in ge schlossenem Zuge oder einzeln zum Fischfänge aus. große Schaaren, Tausende und Tausende wilder Enten fliegen, ausgeschreckl durch uns auf. Ein Schug und mehrere der- selb n fielen getroffen in's Wasser. Beim Fischfänge be dient man sich einer Enlenart; jeder Nachen hat drei oder fünf dieser Enten. Der Reihe nach werden dieselben in's Wasser geworfen, und nicht eher tauchen dieselben wieder yervor, bis sie einen Fisch im Schnabel haben, der ihnen vom Fischer dann abgenommen wird. Wir befinden uns jetzt in dem Gebiete der Maudze. Es ist dieß ein von den gewöhnlichen Chinesen vollständig abgesonderter -Volksschlag, ohne Rechte und — ohne Pflich ten. Die Maudze sind nach chinesischer Anschauung keine Menschen, weil sie dem Kaiser keinen Tribut zahlen. Man mag sie schlagen, ja lobten, ohne daß die Regierung für sie eintritt. Ihr ganzes Leben bringen sie auf dem Wasser zu. Hab und Gut, die ganze Familie, ist in einem kleinen -Aachen geborgen. Unter sich gesellschaftlich vereint, sind sie gegen Fremde scheu. Um einigermaßen den Unterdrück ungen zu widerstehen, wählen sie sich einen „König", der nicht Maudze ist, und dem sie von sämmtlichen Einkünf ten Abgaben zahlen müssen. Dieser hat dafür die Last, sie im Winter, wenn die Seen gefroren, zu ernähren. Der Maudze ist übrigens sehr religiös beanlagt. Jeder Nachen hat seinen Schutzgott. Viermal im Jahre kommen sämmtliche Leute zusammen, um die vier Feste zu feiern. An diesen Tagen herrscht Freude. Einer stellt sich als Büßer für das ganze Volk. Er wird dafür später zu den Geistern gerechnet. Mit einem Messer schlägt er sich aus Brust und Rücken tiefe Wunden. Darauf wäscht er sich das Blut ab und schüttet das blutige Sühnwasser in den See. Eine sehr sinnreiche Ceremonie dieser armen Heiden! Die Nacht brach an; an einer kleinen Insel mitten im See legten wir an. Eine freundliche Nacht lagert sich auf27 demselben. Lieblich lugten Millionen Sternen vom schwarz blauen Firmamente hernieder auf die in Ruhe und Frieden liegenden Wasser. Melodisch noch klangen von Zeit zu Zeit die hier üblichen Fischerglöckchen herüber. Lange noch saß ich aus der Dschonke und ließ die letzten Wochen an meinem Geist vorüberziehen. Wie vor Wochen, als wir bangend um die Zukunst in Genua die Anker lichteten, der milde „Abendstern" ermunternd winkte und uns Muth cingab und Hilfe versprach, so leuchtete auch jetzt wieder ein Abend stern wonnevoll hernieder. „Ave, ave stella maris!“ „Sei gegrüßt, viel tausendmal." Friede herrschte damals an den Usern des Sees. Wer hätte geglaubt, daß einige Monate später ein wilder Sturm gegen die dort aufblühenden Christengemeinden entstehe. Ich war damals in der nicht weit entfernten großen^etadt Zinigdscho und konnte gleichsam als Augenzeuge den Sturm miterleben. In langen schmetternden Tönen verkündete die „Neujahrstrompete", oaß wiederum ein Jahr hinab gesunken in das unendliche Meer der Vergangenheit. Duftendes Räucherwerk stieg auf vor den erbärmlichen Götzen, unaufhörlich hallte die Nacht wieder von Knattern und Schießen, das dem Satan zu Ehren von seinen Knechten abgefeuert wurde. Dumpf und majestätisch feier lich tönten in gewissen Pausen die schweren Glocken der heidnischen Pagoden über die in Saus und Braus dahinjubelnde, gottlose Menge. Dieses sein höchstes Triumphfest im Jahre benutzte der Satan auch wieder, um einen mörderischen Anschlag gegen unsere junge Kirche in Schantung ins Werk zu setzen, eine der fürchterlichsten Ver folgungen wurde in dieser Nacht in's Werk gesetzt. „Nieder mit der katholischen Kirche"! Das war der Schlachtruf, der sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund ver reitete, „laßt uns Christenblur trinken" lautete das Echo auf jenes Ge töse und jenen Teufelsdienst in der Pagode. Schon seit einiger Zeit machten die Heiden des Fleckens Buolian den Christen Schwierigkeiten, die aber durch Ver mittelung des Missionars und der Katechisten stets gütlich beigelegt wurden. Der heidnische Vorsteher des Dorfes hatte schon im vorigen Sommer die Kirche in Brand stecken lassen, dafür aber strenge Buße thun müssen. Immer tiefer bohrte sich der Christenhan, in seine «eele ein. Anderntheils machte das Cyristenthum reißende Fortschritte. Dörfer mit 50 und 60 Familien meldeten sich zum Christenlhum. Die schönen Berge hallten morgens und abends wieder von den andächtigen melodischen Gesängen der Christen. Wir28 standen damit unmittelbar vor Jentschofe, dem chinesischen Mekka, dem Bollwerk des ganzen Heidenthums, das bis da- hin noch immer den fast übermenschlichen Anstrengungen des hochw. Herrn I. B. Anzer den Eintritt verweigert. Der chinesiiche Drache sah sich in seinem Neste bedroht und schnaubte Rache. Ein ganz unbedeutendes Ereigniß gab Grund dazu. Buolian ist ein Marktflecken. Hier ist es nun Sitte, daß man für die Zeit des Marktes Plätze und Tische vermiethet. Da man die Christen stets unterdrückte und ihnen weniger Geld ausbezahlte, beschwerte sich der Christeuvorsteher bei den Heiden. Es entstand eine kleine Auseinandersetzung, zuletzt ging man jedoch friedlich von dannen. Den heidnischen Gelehrten aber war dieser Zufall ein will kommener Grund zum Losschlagen gegen die Kirche. In der Neujahrsnacht wurde der Feldzugsplan entworfen. Am Neujahrstage, an dem sich alle Verwandten und Bekannten begrüßen müssen, gingen auch die angesehensten Christen zum Ortsvorsteher. Kaum aber hatten sie die Schwelle des Hauses übertreten, als sie überfallen, gebunden und geknebelt und entsetzlich geschlagen wurden Damit war das Zeichen zum Anfang einer Verfolgung gegeben, wie deren die chinesische Geschichte der letzten Jahre uns wenige zu verzeichnen hat. Bald schon züngelte die helle Flamme des Aufrubrs himmelhoch empor. Das eine Wort: „Laßt uns Christenblut trinken! Nieder mit der Christenörut!" einigte die aufgewiegelten Heiden, die zu 4—6000 Mann sich versammelten. Wilden Hyänen gleich zogen sie von einem Christenhause zum andern, stießen Alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte, plünderten, raubten und ließen hinter sich nur rauchende Trümmer zurück. Viele Christen wurden gefangen, die Flüchtlinge suchten in den nahen Bergen ihr Heil. Mit echt chinesischer Grausamkeit marterte man die armen Gefangenen und warf sie in die heidnische Pagode. Selbst Frauen und Kinder verschonte man nicht. Die Flüchtlinge irrten, Wind und Wetter aus- gesetzt, in den Bergen umher, Verwandte wagten nicht, sie aufzunehmen. Um in die Berge zu gelangen, mußten sie einen Fluß durchwaten. Mit durchnäßten Kleidern brach ten sie dort Tag und Nacht zu. Den Gefangenen hatte man meistens die Beine veroreht, zerschlagen und das Fleisch in kleine Stücke zerschnitten. Den Christenoorsteher schlug man mit einer Keule zu Boden und als er dann noch Lebenszeichen gab, durchbohrte man seine Waden mit Spießen und heftete ihn so mit dem Kopfe nach unten an29 die Wand. Die Christen blieben aber standhaft. Trotz aller Leiden sangen sie Morgens und Abends ihre gewöhn lichen Abendgebete. Mehrere sind bald daraus ihren Wun den erlegen, Ändere sind für ihr ganzes Leben zu Krüpvel geschlagen. Anfangs trat der Mandarin, trotz Ersuchen des Priesters, nickt gegen die Verfolger auf, und erst nach dem von oben ein Druck ausgeübt wurde, ivurde uns Ge rechtigkeit zu Theil. Das gewöhnliche Volk tritt dein Missionar und deni Christenthum hier nicht unfreundlich entgegen; die vielen Verfolgungen, die fast jährlich sich zutragen in China, sind das Machwerk der Mandarine und der Gelehrten. Doch zurück zu unserer Reise. Was wir in Tsching- kiang gefürchtet, trat wirklich ein, am 1. Dezember blieben wir im Schlamm stecken. Um Geld zu verdienen durch Ziehen und Ausladen der Schiffe, hatten die Bewohner eines Dorfes den Kanal absichtlich versanden lassen. Fünf Stunden lang saßen wir fest und erst nach unendlichem Geschrei, nach langem Feilschen und Handeln kamen wir frei. Uns hinderte aber der Aufenthalt, an diesem Tage in Zining zu landen. Lustig ^blies am folgenden Tage der Wind in unser zerrissenes Segel, pfeilschnell durchfurchte der Salonsegler die gelben Fluthen, ein letzter Anlauf zum Ziele. Endlich wurden die Anker geworfen, die neue Heimath war erreicht. Ein inniges Dankgebet gegen Gotr entströmte unserer Seele, der uns auf der fast dreimonatlichen Fahrt so gütig beschützt. Es ist Abend jetzt. Der erste Abend in der neuen Hei math. Wie ein Fels einsam im wilden Meere umbraust ist von schäumenden, gewaltigen Wogen, so steht unsere Kirche hier in rubigem Frieden, umtost von dem wilden Geräusche oer chinesischen Großstadt. Ein wunderherrlicher Sternhimmel wölbte sich feierlich über Zining, als ob Mil lionen lieblicher Engelsäuglein auf uns herniederlugten und uns bewachten. Dumpf und majestätisch ertönten in bestimmten Zeitabschnitten die großen Glocken der heid nischen Pagoden, — o wie er mir wehe thut, dieser Ton — ach er verkündet gar zu laut noch immer die traurige Herrschaft des Satans.30 — IV. Leben und Treiben einer chinesischen Großstadt. Ziningdscho, eine der bedeutendsten Großstädte Chinas liegt etwa 120 Wegstunden von Tschingkiang. Das Bild' einer Großstadt „des blumigen Reiches der Mitte" ist ge eignet, mancherlei Stimmungen im Menschen hervorzu bringen, heitere unv ernste, traurige und freudige. Biel Reizendes bietet sie nicht, großartige Prachtbauten und Kunst- palüste, wie sie europäische Großstädte aufzuweisen baben, sind nicht zu bewundern, herrliche Anlagen mit grünendem Rasen und duftenden Bluinen und schattigen Bäumen an denen Herz unv Sinn sich ergötzen könnte, verlangt der in Silberklumpen vernarrte Chinese nicht mehr, Kunst und Wissenschaft sind ihm ja gleichgiltig, wenn er nur Silber und Sapeken hat. Einstens war es freilich anders. Doch was die Vorahnen durch Kunst und Fleiß gebildet fällt jetzt dem zerstörenden Zahne der Zeit anheim. Die herr lichen Anlagen der großen Kaiser der Vergangenheit sind fast ohne Ausnahme am Verfalle. Ganz China ist mit Ruinen bedeckt, die eine frühere hohe Stufe der Civilisation bezeugen. Einstens mochte ein Sommerpalast des Kaisers Kien-Lang zu Wanschauschan. ein kaiserlicher Park, wie der zu Manmingyuan, ihres Gleichen auf der Welt an Pracht und Schönheit suchen, jetzt sind es nur Trümmer, die wei- nen und klagen über das in's Irdische versunkene, der Ahnen unwürdige Volk. Im Staube kriecht der „Zovf- mann" jetzt, physisch und moralisch geknechtet, zu idealem Streben untauglich gemacht; physisch geknechtet, indem ein despotisches Beamtenthum den stolzen Fuß auf seinen Jtaaen besetzt und ihn zum Sklaven macht — zum gelben Sklaven von Sitten und veralteten Gebräuchen; moralisch geknechtet, indem er den gemeinsten Leidenschaften fröhnt, dre ihn für Ideale kaum mehr fähig machen. Ziningdscho^ ist eine der wichtigsten Handelsmetropole Schantung's. Sein Klima ist nicht ungesund, die Wasser- verhälrnisse sind aber sehr schlecht, das filtrirte Wasser des mit allem Schmutz angefüllten Kaiserkanals ist das einzige Trinkwasser. Die Hitze beträgt im Sommer oft 30—40 Gr. Rm. im Schatten, die Kälte im Winter oft bis zu —15 Gr. R. Der Kaiserkanal ist es, der Zining das Leben ge geben. mit ihm steigt und fällt auch die Bedeutung der Stadt. Steht man auf der etwa 20 Mtr. hohen Stadt mauer, so bietet sich ein unifassenderAnblick über die ganze L-tadr dar. Gleichmäßig wie eine Schafherde lagern die31 Ziegeldächer der zahlreichen Häuser zu unfern Füßen, an allen vier Ecken überragt von den mächtigen Thorbauten. Nur einzelne Häuser übersteigen das durch Aberglaube vor geschriebene Höheinaß, darunter der „eiserne Thurm", eine Pagodeund die beiden Thürme der mohamedanischen Moscheen. Weit in die Ebene dehnen sich die Vorstädte aus. Die ganze Einwohnerzahl schätzt man auf 500000 bis 1 Million. In vornehmen chinesischen Kleidern, um nicht allzu sehr der schimpfenden Gassenjugend ausgesetzt zu sein, und in Begleitung eines vornehmen Katechisten machte ich ge wöhnlich meine Ausgänge in die Stadt. Auf hundert Schritte kannte man mich dennoch als Europäer und an manchen Plätzen, die besonders zur Ansammlung des lose ren Gassenvolkes geeignet waren, regnete es unaufhörlich ^Janknitze". Der „europäische Teufel" war noch die schönste Titulatur, die mir zu Theil wurde, ganz andere, die ich nicht ^auf dem Papier verewigen will, und wie sie nur ein von Schmutz und Unrath strotzender Chinesenmund vorräthig haben kann, wurden mir an den Kopf geworfen. Der „europäische Teufel" scheint schon mit den kleinen Zopf trägern auf die Welt zu kommen, auch in den kleinsten Dörfchen kennt man das Wort, ja häufig weiß man keine andere Bezeichnung für Europäer. Die Straßen Ziningdscho's, der Großstadt des „blumi gen Reiches der Mitte", strotzen von Schmutz. Aller Un rath wird dort abgelagert. Und inmitten dieses ^.baos wirken die schwarzen Schweine, die Nilpferden ähnlich sind, hungrige Hunde, Hühner, Enten, Rarten, Raben und Elstern als natürliche Reinigungspolizei. In der Luft kreist kräch zend der Aar. von Zeit zu Zeit sich ebenfalls unter die grunzende, schreiende Schaar mischend. Wehe, wenn man während der Regenzeit solche Straßen passiren muß, wenn selbst der schmale Fußsteig an den Häusern vorbei an der allgemeinen Unreinigkeit Theil nimmt. Ich mußte mehr- mals hindurch, wobei mein Pferd bis an die Kniee versank. Der in den oft Meter tief ausgehöhlten Straßen, in denen Kloaken rc. ausgeleert werden, Metzger ihr Handwerk treiben und die Fischläden ihre Waaren öffentlich seilbieten, die Garküchen mit Knoblauch und Oel schmoren und bra ten, herrschende Gestank ist oft geradezu pestilenzialisch für europäische Nasen. Nicht mit Unrecht hat man das „blu mige Reich der Mitte" auch den „gewaltigsten Schmutzplatz des Erdballs" genannt. * Die Straßen der Stadt sind bei Tag und bis in die Mitternacht hinein stets belebt. Fußgänger und Reiter32 Städter und Bauern, Kaufleute in Seide und Sammet, Handwerker in Lumpen gekleidet, Bonzen mit geschorenen Köpfen. Ausrufer und Bettler, vereinzelt auch Frauen mit ihren Bocksfüßchen. Alle müssen sich auf der nur 2 Meter breiten Straße durchwinden. Nicht selten macht auch ein Soldat in rothgestreiftem Frack und Landsknechtsuniform mit einer 2 Meter langen Engelsposaune auf der Straße seine Uebungen. Dazwischen, fahren schwerfällige chinesische Kutschen mir Mauleseln bespannt, Frachtwagen mit nicht selten einem Pferd, einem Ochsen, einem Maulesel und einem Esel bespannt, Schiebkarren schwer mit Maaren be laden oder von Menschen besetzt, oft mit einem Esel als Vorgespann und mit aufgehißtem Segel unaufhörlich unter ohrenzerreißendem Geschrei der Führer straßauf, straßab. Häustg schlagen dabei Wagen um, und damit entsteht eine allgemeine Stockung des Verkehrs. Die Polizei, an die wir Preußen mit liebeglühendem Herzen stets denken, ist bei alledem nicht nothwendig. Im höchsten Falle gibt es eine Schimpstade, zuletzt geht man doch mit freundlichen Worten seines Weges weiter. Daß ich so viele Frauen auf der Straße traf, wunderte mich, da ich früher in Europa gehört, dieselben kämen nie zum Vorschein. In den niederen Ständen ist fast kein Unterschied zwischen hier und drüben, in höheren Ständen dagegen sind die Frauen ganz aufs Haus beschränkt. Sie können der kleinen Füße wegen schon nicht weit gehen. Mädchen von 14—20 Jahren wird man auf den Straßen niemals treffen, ebensowenig eine Frau in Begleitung eines Mannes Arm in Arm. Es gilt dieß als der größte Un anstand. Ueberaus lästig bei Spaziergängen in der Sradr sind die Bettler. Nackt oder mit einigen Lumpen bedeckt, voll Unrath und Ungeziefer, mit stierem Blicke oder halb er loschenen Augen, mit aufgelöstem Haare liegen sie oft mit ten im Schmutz und Koth, die ekelhaftesten und schmutzig, sten Gestalten, die ich je im Leben gesehen. Die Armen der großen Städte Europa's, London, Wien, Berlin, die Armen in den Straßen Italiens, ja selbst die Aussätzigen vor den Thoren Jerusalems sind glücklich zu schätzen in Vergleich zu diesen Bettlern. Dem einen fehlen die Arme, dem anderen die Beine, der dritte ist blind, der vierte lahm, und alle schreien in den jämmerlichsten Tonarten mit lauter Stimme die Vorübergehenden an. Alle möglichen Phrasen und Titulaturen werden einem da an den Kopf geworfen: „Großer, alter, stets Gutes thuender Großvater, erbarme.3 33 erbarme dich meiner", „alte, liebenswürdige Xante sei mir gnädig." Um die Vorübergehenden zu erweichen, gebrau chen diese armen Menschen die entsetzlichsten Mittel. Mit Messern zerschneiden sie sich das Gesicht, mit spitzen Steinen zerschlagen sie sich die Brust, so daß das Blut den ganzen schmutzigen Körper bedeckt, ja ich habe sogar bei einer Kälte von —15 Grad Reaumur Bettler gesehen, die unbe kleidet dakauerten. V. Kultstätten. Will man den inneren Geist eines Volkes beobachten, so gehe man in seine Tempel. Ziningdscho zählt eine ganze Reihe von Götzentempel, die allerdings fast sämmt- lich früheren Zeiten angehören. Auch in dein „Drachen reiche" hat der religiöse Geist abgenommen. Was die Ahnen erbaut, können die Enkel kaum noch nothdürftig er halten. oder besser, ist dem Verfalle anheimgegeben. Ich habe mich oft gefragt, ivie denn eine solche Gleichgültigkeit gegen angeblich doch höhere Wesen möglich ist. Den Götzen ist vielfach das Dach über dem Kopfe zusammen- gesdrlen, Arme, Beine, ja selbst die Kopse sind ihnen von muthwilligen Burschen abgehauen oder vom Zahn der Zeit zerfressen worden. Wenn auch vor mehreren Jahren ein chinesischer Gesandtschaftsbeamter in Lyon mir großen echt chinesischen Redeweisen in die Welt hinausrief, in China gäbe es keine Atheisten, so war das nur eine große Lüge. Praktische Atheisten gibt es eine Menge hier. Und eine größere religiöse Gleichgültigkeit als im Reiche der Mitte kann es kaum noch geben. Des Zopfmannes religiöses Losungswort ist säen gio i djio: die drei Religionen des Confuzius, Lautze, Buddha sind gleich. Der Chinese beobachtet alle drei oder besser gesagt keine. Kommen Confuzianer, Lautzisten, Buddhisten und Mohammedaner zusammen und lassen sich in ein Religionsgespräch ein, so dauert das nur einige Minuten. Zuletzt sind Alle einig, und im Chorus sagen sie bu dang djo dang li „es gibt manche Religionen, wahr ist nur eine, wir sind alle Brüder." Uebrigens ist der Götzendienst, der getrieben wird, doch groß. Der gemeine Mann, besonders auch die Frauen, der Mann im öffentlichen Staatsdienst bringen regelmäßig ihre Opfer dar. Die Heiligthümer des Confuzius, Mentzius und anderer besonderer „Geister" werden scharenweise besucht, Hunderttausende mögen jährlich wohl zum hl. Berge Düngen oder Ischen wallfahrten, der gute Ton, Wanderlust, Neuigkeitsliebe, manchmal auch wirklich religiöser Sinn mögen diese „Frommen" dazu treiben. Ich machte einmal einen Besuch in den vornehmsten Kultstätten der Stadt. Um nicht stets dem neugierigen Gaffen ausgesetzt zu sein, nahm ich den Weg, der über die Stadtmauer führt. Unsere llirche liegt nämlich fast un mittelbar an der Mauer. Auch die Mauer trägt den Stemvel des allgemeinen Verfalles. Etwa 30 Meter hoch, abwechselnd 7—10 Meter vreit, umzieht dieselbe die innere, kleine, aber vornehme Stadt. Sie ist theils aus Ziegeln, theils aus Lehm erbaut und hat im Laufe der Zeit durch tropische Regengüsse große Risse erhalten, die natürlich nicht eher wieder hergestellt werden, bis Gefahr droht. Ueber den mächtigen Thoren sind Pagoden erbaut, in denen die Schutzgeister der Stadt wohnen sollen. Andere, in regelmäßigen Zwischenräumen errichtete Baulichkeiten sind Proviantmagazine und sollen „europäische Kanonen" und Pulver enthalten, wos mir jedoch nicht einfiel zu glauben. Selbst in Peking will, Exner sogar statt dieser ehernen Schlangen hölzerne Abbildungen gesehen haben, die drohend auf die lange Stadt herniederschauten. Unbehelligt kamen wir zum Thore hinaus. Unmittelbar vor demselben ist der Galgenplatz Ziningdscho's, einer der wichtigsten Plätze größerer Stäcte. Der Stein, auf den das Haupt der Ver brecher gelegt wird, soll hier in Zining nie von Blut rein sein. Ein Menschenleben gilt vor Gericht manchem Man darinen nicht viel. Wehmüthig schweifte wein Sinn in die Vergangenheit. Einstens waren viele Christen hier in Zining. Zwei blühende Gemeinden wurden von P. Fran ziskaner und Jesuiten geleitet. Und jetzt? — Alles ver nichtet. Mag an dieser Stelle nicht auch schon Christen blut geflossen sein? — Und die Zukunft, was wird sie uns bringen? An der großen „Ostpagode" angekommen, wurde ich sehr freundlich von einem Bonzen empfangen. Nachdem die nothwendigen Anstandsformeln heruntergeleiert waren erklärte ich ihm, daß ich die Pagode und das Bonzen kloster besichtigen möchte. Sofort eilte er, seinen Oberen herbeizurufen, der auch bald erschien. Ich hatte einen echten Bonzen vor mir, mit gänzlich geschorenem Kopfe,3 * 35 mit weiter Tunika bekleidet, das blasse, fahle Antlitz trua emen Zug von Religiosität. Mit großer Zuvorkommenheit führte uns der Herr in alle Räume des weiten Klosters Dteses ist vor ungefähr 200 Jahren erbaut worden und zahlt gegen 300 Bonzen. Im Vergleich zu anderen der artigen Anstalten soll in diesem Kloster gute Zucht herr schen. Während andere Bonzenklöster oft reine Lasterhöhlen sind, in denen vor allem die Faulheit herrscht wird bier regelmäßig gebetet, studirt, nicht Opium geraucht und ioie der Obere sagt, „keine Unzucht getrieben". Das Kloster ist reich, es besitzt 3000 Morgen Land. Es ist erempt hat barkeit Obern über sich und besitzt eigene Ger'ichts- In einem Thurm nahe dem großen Thore hing die Omrfe, die eine Hohe von 6 Meter und einen Durchmesser >°rr 3 eter t,atte - Abends, wenn die gottlose Stadt in ein Bonze, „einsam, in stiller kteie Glocke schlagen. Der Speisesaal des w K rl* Ä geräumig und auffallend reinlich. In der Mitte siehp das 2-3 Meter hohe Bild des Pasta. Wir betraten daraus die große Pagode. Ein ftschä -nliche- grotzes hölzernes Gestell wurde geschlagen, und einzelne Bonzen traten herzu, den Befehlen des Oberen zu lauschen Eine kolossale Statue stellte wieder den Pusta dar Der ^ kann sich seinen Gott natürlich nur in der feiste- denken und diese Ivar denn auch hier anqe- Tracht. Zwei grotze „Geister" mit schrecklichen Fratzen be- wachten den Gott der eine Geist mit Hörnern auf dem Kopse und einer Keule in der Faust, der andere mit einem riesigen Schwerte bewaffnet. Die eisernen Ketten, die ihm aus dem Magen heraushmgen, stellten ein Bild der zer malmenden Gewalt bar. Vor dem Götzen steht ein großes ^ ergefaß. sowie Stellagen zum Abbrennen des Weih rauchs. Eine Unmenge Silber- und Goldpapier hing an Stangen neben dem Altäre. Es sollte Silber- und Gold- uorstellen, die man dem Götzen gelobt. In einer mnl b 12? £ Itanö Me 2-3 Meter im Durchmesser öte uur zur Zeit des gemeinschaft- /.^^gbbetes gerührt wird. Ein großes Schild Kaisers Khangchi drückt den frommen Spruch aus: „Gott möge die ganze Welt (d. h. China) beschützen." . unserer Anwesenheit kamen mehrere Frauen, die Opser bringen wollten. Ehrfürchtig falteten sie die Hände die Augen zum Götzen nach oben gewandt. Dann sielen sie m die Kmee und verbeugten sich dreimal vor dem36 Götzen bis zur Erde. Jedesmal schlug ein Bonze dabei auf die Glocke. Ebenso ehrerbietig erhoben sich die Op fernden dann wieder und verbrannten Papier und Weih rauch. Ein hl. Ort des Bonzenklosters blieb uns noch zu be suchen, der „hl. Schweinestall". Zwei inächtige, schon al tersgraue Schweine wurden dort gefüttert und heilig ge halten. Diese „ewig lebenden, nie sterbenden" Schweine sind Geschenke von Leuten, die^in Krankheiten ihrer Kinder diese den Götzen geweiht, an Stelle der Kinaer aber spä ter die Schweine geben. Diese dürfen nie geschlachtet wer den. Bei ihrem Verenden werven sie.gleich Menschen in die Erde gebettet. Vor kurzem, so erzählte uns der beglei tende Bonze, sind zwei andere krepirt, die ein Alter von 100 Jahren erreicht haben sollen. (?) Ein kurzer Blick in die ganze Buddhaverehrung in China wirr uns über diese und andere Eigenthümlichkeiten des Klosters aufklären. Ein Kaiser träumte, sein Haus sei im Wanken. Ein Mann, vom Westen kommend, erbot sich, dasselbe zu stützen und sein Reich zu retten. Voll Schrecken erwachte der Kaiser und sofort schickte er Abgesandte nach dem Westen, die den Retter suchen sollten. Diese, bis nach Indien gekommen, hörten dort von einem weiien Manne, dem Fuo oder Buvdba, der damals gerade gestorben. Rathlos, weil sie zu spät gekommen, nahmen sie dennoch die Gebeine des Mannes mit. Auf dem Rückweg, der zum Theil auf einem Schiffe zurückgelegt wurde, entstand plötz lich ein heftiger Sturm, das Schifflein versank, und mit ihm die theueren Gebeine. Nur mit Mühe retteten sich die Gesandten. Doch was geschah? Ein großer Fisch kam auf sie zugeschwommen, der die Gebeine verschlungen hatte. In der Angst ihres Herzens schrieen sie laut auf: „ngo mi speie sie aus, du theurer, großer Fisch!" Dieser jedoch freute sich, seinen Hunger gestillt zu haben und gab die selben nicht heraus. (Daher auch der hölzerne Fisch vor der Pagode, auf dem zum Gebere zusammengerufen wird.) Was war zu thun? Als schlaue Chinesen wußten sie Rath. Sie schlachteten einen Esel, nach Anderen ein Schwein, und brachten dessen Knochen dem Kaiser, der hocherfreut, daß nun sein wankendes Reich eine feste Stütze habe, seinem Schatze göttliche Ehre erwies. Von da ab die Gewohnheit, bei Gelübden an Stelle des Kindes einen Esel oder ein Schwein zu opfern. Die Hauptsache der Pagode hatten wir gesehen und verabschiedeten uns von dem freundlichen Bonzen. Als37 wir aber bemerkten, auch die Pagode der Daugin (Ver ehrer desLautze) besuchen zu wollen, sagte der scheinheilige Buddhaverehrer: Das istunnöthig; deren Pagode ist kleiner als die unsrige und die Daunin haben Weiber. Nur wir allein sind jungfräulich an Leib und Geist. Wir dankten freundlichsr für die gütige Bemerkung, sagten aber, wir wollten doch dorthin gehen, damit das Gute durch's Schlechte noch mehr in's Licht trete. Interessant möchte dem Leser vielleicht der Ursprung dieser Bonzen sein. Nachdem die Eselsknochen dem Kaiser übergeben waren, befahl dieser, cs sollten alle Mandarine und das ganze Volk dieselben verehren. Erstere mußten abwechselnd Wache halten. Das war den hohen Herren, die etwas Zweifel hatten an den Knochen, doch gar zu viel, sie benutzten die Verbrecher ihrer Gefängnisse zu die- lem Dienste.^ Als diese aber zu fliehen versuchten, wurden sie an den Schädeln glatt rasirt, daher der Gebrauch der späteren Bonzen, den Kopf glatt zu scheeren. Die Bonzen heißen heute noch Zyinsäng, d. h. Gefangene. Sie genießen beim Volke nicht viel Achtung und verdienen diefe auch nicht. Ihre Klöster und oft Lasterhöhlen und rekrutiren sie sich meist nur aus der Hefe des Plebs. Mehr noch gilt dich von den Bonzinnen oder Kuze genannt. Ich habe von Heiden mir sagen lassen, daß die Bonzinnenanstalten manch mal viel Schlechtigkeit verbergen, so daß gute Mandarinen dieselben schon vollständig gereinigt und ihre Bewohner mit Schmach und Schande vertrieben haben. Die Pagode, die wir nun besuchten, >var die Schreckens pagode. Die Diener dieses Tempels heißen Daugin und verehren den Lautze. In der Pagode trafen wir mehr Ver ehrer an als in der vorher besuchten Buddha-Pagoae. Je doch bemerkten wir, daß die frommen Daugin, sobaldchiese fortaegangen, lue geopterten Weihrauchstangen auslösch ten und nachher abermals verkauften. Der Tempel ist grasartig gebaut. Halle reiht sich an Halle. Prachtvolle Säulen tragen das mit farbigen Porzellanziegeln bedeckte Dach. Die Wände sind mit Gemälden geziert, die sich auf das Leben Lautze's beziehen. Die Lautzisten stellen in i' ren Tempeln die Hölle gerne bildlich dar, auch hier war eine Hölle angebracht, die thalsächlich Schauer erregt. Die Statuen ivare» überlebensgroße Tonfiguren. In der Mitte sitzt der .Teufel", eine 3—4 Meter hohe Statue, zu Ge richt. Sein entsetzlich fratzenhaftes Gesichtz drückt höllische Grausamkeit und Wulh. zugleich beißende Schadenfreude aus. In der Hand die Feder, diktirt er die Strafe der38 Schuldigen. Ein Bild zeigt einen Missethäter. der gemah len wird. Noch soeben streckt er die Beine aus der Mühle beraus, und unter tbm schon lecken Hunde das beroor- quellende Blut auf. — Andere, wohl solche, die Grenz steine verschoben baden, erleiden die Pflugstrafe. Ein rie siger schwarzer Ochse zieht über den Rücken des Ungerech ten den eisernen Pflug. Andere werden zersägt. Die fl-ratzen sind teuflisch. Steht man längere Zeit vor diesen Bildern, glaubt man selbst das grauiige Hohngelächter di ser Teufel zu vernehmen. Die Kindermörder sino mit dem Rücken an eine feurige Säule angebunden, von vorn mißhandelt man sie in grauenerregender Weise. Andere ivieder wer den in große Kessel siedenden Wassers geschleppt. Den Treulosen zerkratzt man die Herzen, gierige Geier zerhacken die Brust der Meineidigen, während andere Aasvögel den Leuten die Augen aushacken. Doch genug des Schreck lichen. Ich glaube, es ist noch keinem Künstler gelungen, die Schrecken der Hölle so greiflich darzustellen, den Teufel so zu malen, wie den Chinesen. Ein dumvfes, fast un- heimliches Schweigen liegt über dem Ganzen. Wir hatten nickt viel Zeit, das Einzelne näher zu betrachten. Im Hof steht ein aus Eisen konstruirter alter schlanker Thurm, ein chinesisches Meisterwerk, der, wie ein Blitzableiter den Blitz, das Glück der Geister auf die Stadt herabziehen soll. Im Thore lagen gegen 20—30 alte Kanonen. Da gerade der Krieg mit Japan herrschte, mußten auch die verrotteten Möbel wieder einmal aus dem Staube hervorgeholt wer den. Unter dielen Kanonen bemerkte ich zu meinem Staunen gegen 10 europäischer Konstruktion. Eines trug die Ziffern „3 Rar. 1861". Wie dieselben hierhergelommen, ob vielleicht durcy die allen Jesuitenmissionäre, ist mir und mehr nock den Chi nesen ein Räthsel. Auf diese alte Röhre har also der Ge neral von Zinnig seine Hoffnung gesetzt. Vae Japanis! Unser Weg führte uns an zwei mohamedanischen Mo scheen vorüber. Ein ganzes Stadtviertel ist von Moha- medanern bewohnt, zählt Linnig deren doch 20 000. Ein eigenthümlicher Gesichtszug kennzeichnet dieselben, die kleine Rase ist etwas gebogen. Gegen mich waren dieselben äußerst freundlich. Als ich mich zur kurzen Rast in einem Vorzimmer der Moschee niedersetzte, kam bald Jung und Alt, Männer und Frauen herbei, um mich zu begrüßen. Die gebogene Rase der gelblich gebräunte Teint, das glänzend schwarze Haar, dazu die bunte Kleidung macht sich ausgezeichnet. Kein freches Gebühren, kein vorlauter Ton war zu be-39 merken. Sie fühlten sich etwas mit uns verwandt, kennen ja auch Manches aus dem Alten Testamente, wissen auch von Jeschu und haben zudem auch Manches von den Hei den zu erleiden. Die Moscheen in Zining sind unter Kaiser Kanghi er baut, die kleinern sogar auf dessen Kosten. Die größere hat 80 schwere Säulen, bedeckt also schon einen ganz bedeuten den Flächenraum. Im klebrigen ist dieselbe vollständig schmucklos. Wir durften auch in das „Allerheiligste" gehen, ohne daß verlangt wurde, die -schuhe zu lösen. Seitdem ich diese Zeilen geschrieben, bat sich in Zining Manches geändert. Tagtäglich gehen Europäer ein und aus, und Bischof Anzer hat eine Residenz und eine große Ka thedrale gebaut. Er, der früher in dunkler Rächt zu Fuß, als armer Bettler verkleidet, flüchten und auf einem Kirch hofe zwischen Gräbern übernachten mußte, ist jetzt einer der angesehensten Leute der Stadt. Zlveimal täglich ver künden die Glockentöne der Kirche der Heidenstadt die Zeit des Gebetes, feierlich erschallt das Gebet der Christen durch die Straßen, die katholische :-iirche„Tiencutan" isi allen bekannt. VI. Süd-Schantung. Süd-Schantung ist ein neu eröffnetes Missionsgebiet. Im Osten an das gelbe Meer angrenzend, umfaßt es den südlichen Theil der chinesischen Provinz Schantung, einen Flächenraum ungefähr von der Größe Rheinlands und Westfalens mit etwa 9 Millionen Einwohner. Des wilden Volkes und des fanatischen Heidenthums wegen, das hier an den Gräbern seiner größten „Heiligen", wie Confuzius, Mungze und Zängze stets neue Begeisterung findet, wurde in früheren Zeiten das große Gebiet ziemlich vernachlässigt. Und doch sollte gerade dieses Felo ein recht fruchtbares werden, und allenthalben sproß nun nach 15 Jahren der Baum des Christenthums kräftig hervor und treibt schon herrliche Früchte. Mit 158 Christen, die in einem Dorfe zusammenwohnten, wurde die Mission begonnen; heute zählt dieselbe mehr als 10,000 Getaufte und die doppelte Anzahl Katechumenen. Gegen 90,000 Heidenkinder konnten in letzter Stunde durch die Taufe dem Himmel zugeführt werden. Freilich schwere Stürme sind schon über die junge Pflanzung hinweggebraust und haben oft nur geknickte Pflänzchen, kalte Ruinen hinter sich zurückgelassen; immer40 stvM, ; cjHn er 61 ® run ^® r der Mission, der hochw. Herr -ösichof 'ö-jb. -^uzer, von Neuem anzufangen, aufzurichten und zu verbessern Mancher jugendliche deutsche Streiter hat fr« ™ den Ebenen des gelben Flusses sein Leben lassen müssen, doch Andere sind für ihn eingetreten und kämpfen nun an seiner statt gegen den „Drachen" des chinesischen Reiches. Der hochw. Herr Bischof Anzer, Herr Provikar Fremademetz haben schon für die Wahrheiten des Glaubens mel leiden müssen. Durch die Straßen Zhaudschofu's und Zhauchrens wurden sie von der wilden Rotte geschleppt geichlagen und als todt vor den Thoren zurückqelassen Andere Missionare wie H. Pieper, Petry haben Tage lang in - ^ ^ er Räuber Qualen und Martern ertragen die Halste der hiesigen Europäer ivurden schon von Räubern überfallen, beraubt, geschlagen und gequält Schon oben erzählte ich von der Verfolgung in Buoliang bei der mehrere Christen ihr Leben gelaffen, Kirchen und Priester wohnungen niedergerissen oder verbrannt wurden. Iransisi-unt! — Et portae inferi non praevalebunt eara ! VII., x Jm-Lailde der^Räubtr. Wenn ich für nachstehende Zeilen obige Ueberschrift gebrauche, so will ich meine Leser nicht mit Räubergeschich ten unterhalten, obwohl ich auch deren eine Menge aus Lager habe, sondern sie mit dem mir eigens anvertrauten Missionsdistrikte mehr bekannt machen. Ich lebe nämlich augenblicklich mitten in dem berühmten Räubergeb iere Zhaudschofu. Hier gilt das Sprichwort: „Die Räuber wachsen wie das Unkraut." Im Westen meines Distriktes hat jedes Dorf mehrere dieser Unholde aufzuweisen. Rau- ben galt zeitweise als gar nicht unehrenhaft, vornehme Burschen, Studenten, die zu Hause Langweile hatten, schlossen sich einem Hauptmann an und führten bei Nacht rhre Streiche aus, raubten, mordeten, verzechten und ver walten dann in den Götzentempeln oder in ihren „Höhlen" das geraubte Gut. Augenblicklich ist ein gewisser Still stand emgetreten. Die Mandarine haben in den letzten Jahren ganz unbarmherzig aufgeräumt. Was nur den Namen Räuber hatte, wurde schonungslos geköpft. Ein lRandarin Iü soll allein 5000 Räubern das Handwerk ae- legt daben. Er saß zuletzt nicht mehr zu Gericht; wenn er einen Räuber gefangen, ließ er ihm auf der Stelle den Kopf abschlageu und diesen als Warnungszcichen in eineni41 Korbe an der Straße aufhängen. Ganz ausrotten wird man aber diese Bande nicht. Dazu ist die chinesische Po lizei viel zu verrottet und der Volkscharakter zu wild. Die Polizisten rekrutiren sich häufig aus alten Räubern, denen der Mandarin das Leben geschenkt, damit sie in seinem Dienste arbeiten für das Wohl und Gedeihen des Volkes. €> diese „Väter des Volkes!" Ist gerade Stillstand einge treten in der Ausführung ihres Handwerks, dann vertrei ben sie sich dieZeit, indem sie selbst rauben und plündern. Sie gehören ja zur „Familie" des Mandarins und sind so ziemlich gefeit gegen Anklagen und Beschuldigungen. Die Missionen wurden schon sehr häufig ausgeruubt. Voriges Jahr wurde mein Herr Dekan, H. Henle, vollstän dig geplündert und entsetzlich geschlagen; vor kurzem noch wurde ein Christenvorsteher unseretwegen vollständig aus geraubt, eine Katechistin, mehrere Katechisten bei Nacht überfallen, ein Katechist weggeschleppt und Lösegeld für ihn verlangt. Ich selbst bin nachts schon geflüchtet und habe mich bei dem ärmsten Christen in einer Hütte ver bergen müssen. Bis jetzt bin ich noch immer mit heiler Haut davongekommen*). .. Wir haben leider gar zu wenig Schutz. Unsere „Kirchen" stnd meistens armselige Hütten, die keinen Widerstand tei lten können, und wir haben keine Drittel, festere Wohnungen zu errichten. Wo der Priester i inkommt, muß die Christen gemeinde bei Nacht wachen. Fast nicht eine ruhige Nacht verbringt man so; oft wird man durch Schüsse und Schreien aufgeschreckt, mit der Zeit nervös geworden schreckt man durch jedes Geräusch auf. Wie manchmal habe ich als Knabe die Räubergeschichten, die Abenteuer indianischer Pfadfinder gelesen und mich an Stelle dieser Helden gewünscht, aber die Wirklichkeit hat diese Jugend bilder verdunkelt. Vor einigen Tagen noch bin ich mit knapper Noth dem Tode entgangen. Ich hatte im Süden des mir an vertrauten Distriktes zwei neue Gemeinden eröffnet. Früher war das Christenthum ganz unbekannt in jenen Gegenden, und einige vornehme .veiden widersetzten sich uns. Ich hatte notbwendige Sachen dort zu regeln und ritt mit zwei Pferden in aller Frühe den 7—8stündigen Weg dort hin. Nachdem ich Alles geordnet, war es spät geworden, ich war ermüdet und wäre gern geblieben. Christen und ') Mirtlerweile ist indessen auch P. Stenz einigemale grau sam mißhandelt worden.42 Heiden baten mich zu bleiben, doch eine und stimmte Ahnung ließ mir keine Ruhe. Um 4 Uhr nachmittags noch trat ich den Rückweg an. Die Heiden des Nachbardorfes hatten nicht geglaubt, daß ich an diesem Tage noch zurück reiten würde. Sie überredeten einige Räuber, und 20—30 Mann stark, stürzten sie nachts aus das Gebetslokal, eine armselige Hütte, los. Bald hatten sie Thor und Thüren erbrochen und sofort schossen sie ihre Gewehre auf mein Bett ab. Andere warfen ihre Lanzen dorthin, andere schlu gen mit Kmtteln darauf los. „Sie wollten den Europäer, den Lehrer der Religion, erschlagen, ihm di.e Haut abziehen usw." Erst beim Anzünden der Fackel erkannten fie, daß sie nicht mich getrosten, sondern daß nur ein armer Christ, der das Haus bewachte, mit Blut bedeckt, stöhnend auf dem Bette lag. Sie suchten noch nach mir, wurden aber von den Christen, die sich unterdessen gesammelt, vertrieben Das mir von unserem Hochw. Herrn Bi'chof anver traute Gebiet hat ungefähr 12—15 Stunden im Durch messer. Es liegt 8 Stunden westlich von der großen Handelsstadt Tsining. Schon seit 13 Jahren hatte hier das Christenthum in der Gemeinde Dschandjadschman Eingang gefunden. Lange Zeit lag das Gebiet unfruchtbar. Der Hochw. Herr Bischof wurde in der Bezirksstadt fast todt- geschlagen, und der Ruf davon verbreitete sich in der gan zen Gegend. Die Neuchristen wurden unterdrückt, oft miß handelt, ihre Angelegenheiten von den Mandarinen nicht besorgt, und aus all diesen Gründen wagte man nicht, ka tholisch zu werden. Seit einigen Jahren nun hat sich das Verhältniß ge bessert, die Mandarine haben mehrmals unsere Angelegen heiten gerecht besorgt, der Name der Kirche hat augenblicklich einen guten Klang. Der Chinese sieht auf das Aeußere, was nicht großartig ist, gilt in seinen Augen nichts. Augenblicklich mag unser Dekanat ca. 80 Gemeinden haben mit 800—1000 Getauften und 3—4000 Katechumenen. Priester zählt dasselbe drei. Ich selbst habe ca. 30 Gemeinden mit 1000—2000 Christen Das Volk ist wild. Der Charakter ist aber fester und energischer als beim gewöhnlichen Zopf träger. Deßhalb findet das Cbristenthum gerade hier auch den besten uno fruchtbarsten Boden. Die Christen sind fest. Ich konnte letzten Winter die Anmeldungen zum Christen- thum nicht zur Hälfte annehmen. Mir fehlten die Mittel. Oft hat mein Herz geblutet, wenn ich diese Leute mit ein igen Trostworten auf die Zukunft abschicken mußte, ich hätte sie so gerne angenommen, jetzt, wo die Gnade sie in43 meine Arme getrieben, doch es war nicht möglich. Für mein ganzes Gebiet bekomme ich jährlich nur 1200 Mark. Davon mutz ich mit dem Diener leben, ein Pfer» unter halten, muß für die Gemeinven Katechisten stellen, mutz Häuser und Kirchen (!) bauen und noch die aufgefundenen Waisenkinder ernähren. Jede neue Gemeinde muß einen Katechisten (Lehrer) haben, 'später auch eine Katechisrin, die die Christen Gebete lehren, preoigen und besonders den Leuten das Christenthum praktisch vorzeigen. Die Leute selbst können ja mcht lesen noch schreiben und müssen also alle Gebete, wie Morgen-, Abend-, Meßgebete, Rosenkranz. Kreuzweg usw. auswendig lernen, müssen den ganzen Ka techismus wissen, eine Riesenarbeit für diese chinesischen Bauern, die nie im Leben Bücher gesehen. Als Se. Bischöst. Gnaden verflossenen Winter bei mir Visitation abhielten, glich seine Reise einem Triumphzuge. Hunderte und Tausende begleiteten ihn mit Fahnen, zu Futz und zu Pferd. Alle, die von mir aui die Zukunft ver tröstet worden waren, verlangten nun vom Bischof Kate chisten und Lehrer. Nicht iveniger als 47 Abordnungen aus verschiedenen Orten meldeten sich bei ihm an einem Tage. Mit Thränen in den Augen sagte mir der hohe Herr zu wiederholten Malen: „Ach wie viel, wie viel könnte hier geschehen!" Ich habe in diesem Jahre nur 12 Gemeinden ange- nommen Bon allen verlangte ich, daß sie für die Kirche einen Platz schenken, daß sie sür Die Zeit ihres Katechume- nates (oft 3—4 Jahre) ein Haus hergeben, als Schule und .Lirche. Dagegen stellte ich den Lehrer (mit 5—7 Mark monatl. Gehalt). Manche Gemeinden konnten kein Haus hergeben, andere behalfen sich, indeni sie ein großes, zimmer ähnliches Loch in die Erde gruben, es mit Balken, Stroh und Erde bedeckten und den ganzen Winter in diesen Höhlen zubrachten. Das waren Kirche und Schule. Ich erinnerte mich jedesmal an die Katakomben in Rom, wenn ich in diese Höhlen hinabstieg. Feucht und dumpf ivie sie sind, konnte ich mich nicht lange darin aufhalten. VIII. Tcr Missionar in China. Vor längerer Zeit schrieb ich meinem Freunde, daß ich nun .bald eine vollständige Verivandlung durchgemacht.44 Dieser fragte mich dann, ob ich auch schonUeinen Zopf hätte. Ja, selbst der Zopf fehlt mir nicht, wenngleich er bei mir gerade aus gewissen Gründen ein jämmerliches Dasein fristet und nur durch Kunst bis auf die Fersen her abhängen kann. Der Missionar in China hat sich fast in Allem den Sitten und Gebräuchen des „blumigen Reiches" anzubeguemen. Freilich oft mit schweren Opfern. Der nationalstolze Chinese hält seine Sitten für die besten, seine Kleidung für die schönste, seine Wissenschaft für die höchste, sein Baterland für das größte. Nicht wenige gibt es noch, die glauben, die ganze Welt sei dem „Sohne 'des Himmels", dem „Sohne der Sonne" unterthan und wir seien nur hierhergekommen, angelockt von dem Glanze und Ruhm chinesischer Wissenschaft unb Kunst, ja Bequemlich keit. In Hafenstädten hat man allerdings schon andere Ansichten, hier, mitten im Lande aber herrscht noch das echte Zopfthum, und nur selten verläuft sich einer hierhin, der von europäischer Kultur beleckt worden wäre. Kommt der Missionar nach China, muß er zunächst erken nen, daß all'seine Sprachkenntnisse, latein, griechisch, franzö sisch, spanisch, englisch und deutsch ihm wenig nützen. Aus all dem tsching, tschung, tsching hört er nicht heraus, was ihm be kannt an's Ohr schlägt. Stumm für seine Umgebung tritt er also die Reise in's Innere an. Früher habe ich ja diese meine Reise beschrieben, auch die erste, äußere Metamor phose, die ich in Tschinqkiang durchmachen mußte. Jetzt übrigens finde ich die chinesische Kleidung wirklich viel an genehmer und schöner, als die europäische, und wenn sich gerade zufällig einmal ein Europäer hierhin verläuft in enganliegenden Hosenbeinen und kurzen Röckchen, zwingt er selbst uns ein Lächeln auf. Das erste Jahr vergeht ganz mit Erlernen der Sprache. Dieselbe ist bekanntlich sehr schwierig zu erlernen, und nach einem Jahre wird man ohne besondere Hülfe noch nicht allein fertig werden. Ein Wort, mit denselben europäischen Buchstaben geschrieb n, hat oft fünf bis zehn verschiedene Bedeutungen, je nachdem die Betonung höher oder tiefer ist; yen z. B. heißt Wort, Auge, Salz, Tabak usw. Da wir hier nur wenig Missionare haben, wird man meist schon nach dem ersten Jahre in's Getriebe der Welt hinausgeworfen. Dort muß man sich selbst nun helfen, dort muß man sprechen, wenn man anfangs auch nicht verstanden wird. Sitten und Gebräuche eignet man sich von selber langsam an. Die Christen nehmen an den europäischen Sitten keinen Anstoß und mir Heiden verkehrt45 man anfangs nicht. Ich wurde nach ^ Jahren schon allein hinausgeschickt uno habe oft traurige Stunden gehabt. Doch Gottes Trost, die Liebe der benachbarten Mitbrüder, der schöne Beruf lassen die Wunden leicht heilen, und nach diesem Noviziate ist man froh, dasselbe durchgemacht zu haben. N^n der Pike auf ist man eingeschult, durch Er fahrung wird man klug und langsam avgeschliffen von der europw— chen Ueberkultur. Nach dem ersten Jahre empfindet man meistens erst die Folgen des Klimas. Typhus, llnterleibskrankheiten, Pocken, Fieber wechseln ab und verschonen fast keinen. Mehrere unserer Missionare haben diesen Akklimatisations- prozeß nicht überstanden. Einer meiner Confratres, der mit mir gekommen, ein kräftiger Sauertänder, hat schon nach dem ersten Jahre im Alter von 27 Jahren sein Leben opfern müssen. Auch mir hat das Klima schon übel mit gespielt. Typhus, Lungenentzündung, Dysenterie haben sich schon an mir versucht, und noch im letzten Jahre hatte ich sievenundfünfzig Mal das Fieber. Den hilflosen Zu stand in Krankheiten will ich nicht schildern, aber eines sage ich, ich habe schon Thränen geweint in solcher Lage, und die kommen mir nicht leicht. Auf der Pariser Weltausstellung soll seiner Zeit ein chinesischer Koch den ersten Preis für seine Leistungen da- oongetragen haben. Dieser Koch gehörte aber nicht einem Missionare an. O. welch grausige Grimassen muß der arme europäische Magen oft machen, bis er sich an alle die chinesischen Gerichte, in Oel gebraten, mit Knoblauch und Zwiebel gewürzt, gewöhnt hat. Europäische Gerichte gibt's nicht. Europäisches Brod, Butter, Milch, Gemüse, Alles liegt in der Vergangenheit. Wein ist nur als Meß wein bekannt, und Bier verläuft sich nur jährlich einmal hierhin in einer oder der anderen Flasche, wenn zufällig ein Europäer sich hierhin verläuft. Der Beruf des Missionars ist schwer. Die fürchterliche Hitze im.'Sommer, der strenge Winter, Hunger und Durst, tagelangeszReiten, das harte Lager am Abend, Alles vas ist schwer, aber noch nichts gegen die Sorgen und Leiden um die Christengemeinden. Jeder Sturmwind kann das schwache Sprößlein knicken, und Verfolgung muß über jede einzelne Gemeinve kommen. Auffallend bewähren sich hier die Worte des göttlichen Heilandes. Verwandte sind nicht mehr Verwandle, Freunde nicht mehr Freunde. Mit allen Mitteln sucht der Teufel die armen Seelen aus unseren Händen zu reißen. Vor einigen Monaten hat man einige46 Christen eines Verbrechens beschuldigt, das sie nicht be gangen: Der Chrntenvorsteher soll einen heidnischen Räuber seines Dorfes ausliefern, der längst viele hundert Stunden weit geflohen, all unsere Vorstellungen beim Mandarin nutzen nichts, die Christen werden gefangen genommen und emgekerkert. Schon ist ein Christ im Kerker gestorben, ein Anderer t)t wahnsinnig geworden, die Anderen sind vor ewigen Tagen gegen hohes Lösegeld in jammerhaftein Zu stand freigelassen ivorden. Alle Feinde des Christenthums suchen nun die armen Neuchristen zu belästigen, zu unter drücken, man flieht sie wie Aussätzige, man droht mit ö^oßerer Verfolgung. Gott sei Dank, bis jetzt sind noch Alle standhaft geblieben. Aber welch eine Suinme von Leiden bergen solche Zeiten für den Missionar. Kein Trost bietet sich ihm, keine Hilfe steht ihm zu Gebote. Er muß trösten, muß lindern und heilen, und Niemand ich der ihm selb,t diese Wohlthaten spendet. Freuden kennt der Mis sionar nicht mehr, oder aber sie sind mit Wermuth ge wischt. Wohl ist es ja Freude, >venn er eine Seele rettet aber da denkt er wieder an die Tausende, die er noch retten muß, die er retten könnte, wenn ihm mehr Mittel zu Gebote ständen. Kein Beruf ist schöner als der des Missionars, aber keiner wohl auch schwerer! Seit Jahren haben auch protestantische Missionare sich hier niedergelassen. In Tsining allein sind vier verschiedene Sekten vertreten. Sie verfügen über große Mittel, haben '2~ er ' r ?’ r e * n Missionar selbst gestand, fast keinen Erfolg. Ähre. Schulen und Krankenhäuser sind sehr besucht. Ein tüchtig er Arzt leitet mit einer jungen Amerikanerin ein Krankenhaus in Tsining, das oen Protestanten einen guten 1 " verschafft. Die Schüler in den Schulen erhalten Pölich 100 Sapeken Geld, genug zum Leben. Und für Geld folgt der Durchschnitts-Chinese Jedem, in den Himmel und auch in die Hölle. IX. China, tut Jahre des Kaisers Kuansö 21. Eine Episode, die ich vor einigen Tagen erlebte, ver- anlatzt mich, meinen Lesern eine Zusammenstellung aller Drangsale zu geben, die das große Chinesenreich im letz ten ^ahre heimgesucht haben. Mehr oder weniger haben47 diese ja auch auf die Missionsthätigkeit Einfluß. Als ich vor Kurzem in einem meiner Christendörfer wohnte kam eme 75jahrige christliche Frau mit ihrer Schwiegertochter zu mir. Ganz in Lumpen gekleidet, fielen sie vor mir auf die Kniee und baten mich um Hülfe für ihren 18jährigen Enkel und Sohn, die einzige Stütze der Familie der — vor Hunger am Sterben lag. Ich kannte den jungen Menschen, einen braven christlichen Jüngling, und half ihm wenigstens insoweit, daß ich ihm Medizin kaufte. Er ist nun doch schon in die Ewigkeit hinübergegangen Der vorige Winter brachte uns die Revolutionsqe- sahr. Das ganze Reich war in Unruhe. Ganze Räuber banden durchzogen Städte und Dörfer, raubten und brand schatzten. Was eine Revolution hier bedeutet weiß man aus den vierziger Jahren. Diese Revolutionäre lassen nur Trümmer hinter sich. Alles rüstete sich deßhalb zur Flucht Die Christen waren in Roth; man wollte sie nicht in die beseitigten Ortschaften zulassen. Ich ritt einmal aus dem Westen meines Gebietes, das unmittelbar an den Herd aller Unruhen grenzt, dem Osten zu. In allen größeren Dörfern war man mit Erneuerung und Errichtung von Schutzmauern beschäftigt. Es herrschte frostig kaltes Wet- tr ?m öer £> at £ r ,a l e ? bte ^ge großen Karawanen ähn- N„. Ma"ch "lies Mütterchen schleppte sich mühsam am stabe daher, Hab und Gut in einem Ballen mit sich Sn\r lni \! Mütter, ihre Kinder auf den Armen oder Rucken tragend durchwateten mit ihren verkrüppelten psußen den schnee, Furcht und Bangen war auf Aller Antlitz ausgeprägt. Die Männer mit Lanzen. Stangen oder auch verrosteten Pistolen in der Hand bildeten die Schutztruppe. Rui unsere Christen blieben zu Hause. Ich suchte sie zu trösten und zu ermuthigen. Da erhielt ich unter,veas von dem hochw. Herrn Bischof Befehl, sofort nach der Residenzstadt Tstmng aufzubrechen, falls ich überhaupt noch durch die Revolutionäre hindurchkommen könnte Andernfalls sollte ich selbst auf meine Rettung be. sorgt sein. J Einzelne Kämpfe zwischen Soldaten und Revolutio nären hatten schon stattgefunden, manche Plätze waren schon m ihrem Besitz, da stellte ihnen Gott ein Hinderniß entgegen. Immer tiefer fiel der Schnee, für Monat Marx ganz unerhört, Flüsse und Bäche schwollen zu Strömen an und eine Kälte trat ein. wie sie sonst im Dezember kaum großer ist. Den Revolutionären war die Möglichkeit ge-48 nommen, vorzudringen, die gefürchtete Revolution verlor sich in Räubereien einzelner Hausen. Millionen mag aber China allein für die Errichtung und Erneuerung der Stadt- und Dorfmauern ausgegeben haben. Die Revolutionsgefahr war vorüber, nun wüthete der Krieg im Norden. Freiwillige Aushebungen fanden statt, von allen Seiten strömten junge Leute den Heeren zu. Frei lich war es nicht Vaterlandsliebe, die diese zum Waffen» rock trieb, vielmehr Hoffnung auf Verdienst. Was liegt auch dem gewöhnlichen Chinesen am Vaterlande! Ob der Kaiser Kuansö oder Lihungtschan heißt oder ob der japa- nesische Kaiser seinen Namen hergibt, ist ihm gleich wenn nur die wichtigste aller seiner Fragen, die Magenfrage, richtig gelöst wird. Nach Beendigung des Krieges zwischen China und Japan brach die Pest aus. In den Lagern sielen Tau sende ihr zum Opfer. Die Soldaten zogen in die Heimath zurück und verbreiteten dort die schreckliche Krankheit. Ging man morgens durch die Straßen Pecking's, konnte man die Bettler in Schaaren im Schmutz todt daliegen sehen. Fuhr man die Ufer des gelben Flusses, des Kaiserkanals entlang, konnte man sie wieder, dieOpfer dieser schrecklichen Krankheit, daliegen sehen. Innerhalb 1—2 Monaten sollen in Pecking 120 Tausend Menschen gestorben sein. Zugleich mit dieser Geißel suchte Gott das Volk mit einer andern heim, mit Ueberschwemmungen. Der gelbe Fluß trat über seine Ufer und begrub in seinen Wellen Tausende von Menschen, überfluthete große Strecken Lan des und vernichtete Dörfer und Ernte. Einer meiner Mit brüder, der dort stationirt ist, erzählte mir, das Wasser sei bei ihm in einer halben Stunde haushoch gestiegen. Die ganze, weite Hoanghoebene war ein weites Meer. Unsere ganze Mission, soweit sie überhaupt eben ist, bildete einen großen See. Ich hatte oft stundenlang durch's Wasser zu reiten, gefahrvolle Reisen, da man jeden Augenblick gefaßt sein muß, in einen Teich oder Graben zu fallen. Revolution, Krieg, Ueberschweuunung, Hungersnoth, das war die Parole des letzten Jahres. Daß dabei das Christenthum nicht gedeihen kann, ist selbstverständlich Auch die Missionare waren in Lebensgefahr. China wird nicht eher zur Ruhe kommen, bis es seinen wahren Gott erkannt hat. Und vielleicht sehen wir in nicht allzuferner Zukunst noch größeren Unruhen und Um wälzungen entgegen.49 X. Ein Kapitel aus der chinesische» Rechtspflege. Nachfolgendes Ereigniß ist mir von einem Mitbruder mitgetheilt worden. L-chantjadschuang, das Dorf der Familie Schaut, sst eines der bedeutenderen Orte der Unterpräfektur Tjasiang. Weiße Pappeln und dichtkronige Weidenbäume decken mit ihrem Schatten die zerfallene Ringmauer. Ein breiter Weg, die bequemste Verbindungsstraße zweier be deutenden Christengemeinden, führt einige Schritte vom Dorfe vorbei. Obwohl die Missionäre unzählige Mal des Weges hm- und Herzogen, wollte doch Schantja selbst vom Christenthum nichts wissen. Für den freundlichen Gruß des Missionars hatten seine Bewohner nur selten etwas anderes als ein hämisches Lachen; und die erstem waren schon daran gewöhnt, gerade an dieser Stelle von einem Rudel halbnackter Rangen ein vielstimmiges „europäischer Teuiel" und andere Liebenswürdigkeiten hinter sich her schreien zu hören. Doch endlich schien in die chinesische Mauer eine .^sche gelegt. Zwei Bewohner von Schantja meldeten Uchs zum Christenthum: der eine Namens Iöv, ein Bauer unbescholten, aber ein schwächlicher Charakter, der andere' em kräftiger Bursche, Namens Schangwenbin. Er stand ™ Rufe, der belle Bruder nicht zu sein. Sein L-chimedehandwerk brachte ihn mit den verschiedensten Leuten in Verbindung. Der chinesische Schmied macht es namuch nicht, wie Weber von unserm deutschen Meister vom Amboß singt: „Da draußen auf breiter Straße, Da weht manch' kühler Wind, Wir klugen Schmiedegesellen, Wir bleiben, wo wir sind." Der bezopfte Schmied zieht von Dorf zu Dorf, indem er seine ganze Werkstatt, Hammer und Amboß, Blasebalg, Esse und Zange an einer Tragstange mit sich führt. So hat es auch Schangwenbin getrieben. Daß er da bei ein wenig in's Bummelleben gerathen, daß er das Würfeln und Kartenspielen gelernt, auch dem schwarzen Sorghoschnaps hie und da über den Durst zugesprochen war ihm schließlich nicht so sehr zu verargen. Schlimmer war, daß er den Pfahlbauern von Schantja öfter einen Schabernack gespielt, und was noch ärger, daß er sogar dem Dorfschulzen bei Gelegenheit eines Begräbnisses nach- 450 dem es zuvor zu Schlägereien gekommen, eine Katzen musik veranstaltet. Eines jedoch mußte man ihm nach sagen: seine Mutter hielt er in Ehren, und wenn sie zu weilen den Krückstock über seinen breiten Rücken schwang oder ihn stundenlang in der Ecke knieen ließ, so war der stämmige Bursche willig wie ein Kind. Daß Schangwenbin nach den obengenannten Vorkomm nissen bei seinen Mitbürgern im schwarzen Buche stand, ist selbstverständlich. Doch alles das hätte man ihm verziehen, wäre er nur nicht Christ geworden, oder hätte er es mit seinem Christenthum nicht so ernst genommen. Aber so: Würfel und Schnapsglas rührte er nicht mehr an, das Bild des Thürgottes hatte er von der Thüre abgerissen, und „als wenn er blödsinnig geworden, hockt er jeden freien Augenblick dahin und studirt diese sinnlosen Bücher des Europäers." Eine Gelegenheit, dem Hasse Ausdruck zu geben, war rasch gefunden. In einer sternklaren Novembernacht erscholl plötzlich der Ruf: Feuer! Feuer! Alles spring aus den Betten. An drei Stellen brennt es, zwei Haufen Weizen stroh und ein Haus. Auch Schangwenbin läuft auf den Dächern herum, eifrig mit Löschen beschäftigt. Kaum ist der erste Schrecken überstanden, da fallen auf Kommando des Dorfvorstehers einige kräftige Männer über Schang wenbin her, binden ihn und werfen ihn in eines der Lehm häuser. Auf die Frage, was man von ihm wolle, antwor tete man ihm, er habe dieses Feuer angelegt und nun gehe es mit ihm in's Mandarinat. Am nächsten Morgen in aller Frühe stand der andere Christ Namens Uöv schon an der Wohnung des Missionars, und es entspann sich das folgende Gespräch: „Was willst Du?" „Pater, eine nothwendige Sache! Heute Nacht hat es in Schantjadschuang gebrannt. Schangwenbin ist als Brandstifter eingezogen." „Was geht das mich an?" „Ich komme, um den Pater zu warnen. Schangwenbin will Dich um Hilfe bitten; wolle Dich nicht mit ihm ein lassen. Er ist wirklich der Thäter, und wenn die Kirche ihn beschützte, würde sie sich gründlich blamiren." „Gut, ich danke Dir für Deine Mittheilungen und für Deinen Eifer." Ist doch merkwürdig, dachte sich der Missionar, schien ein so guter Christ zu werden, und nun solche Anschläge. Man weiß doch nie, was man an diesen Chinesen hat.4 * 51 Schangwenbin ward in dieSladt Tjasiang transportirt. Die Klage, von den Dorfgrößen unterzeichnet, war vom Mandarin angenommen worden. Die Büttel, die Schrei ber,^der Mandarin selbst hatten eine gründliche Handsalbe rn Form einiger Silberstücke empfangen. Eine von dem Ortsvorsteher aufgelegte Steuer, 20 Sapelen pro Morgen Land, hatte die Prozeßgelder beschaffen müssen. So konnte der Tanz beginnen. Schangwenbin, in einem dunklen Zimmer mit Ketten geschlossen, harrt bei einem Stück trockenen Brodes der Dinge, die da kommen sollten. Am nächsten Morgen ist das erste Verhör; der Mandarin sitzt in einer nach vorn geöffneten Halle. Büttel mit Prü geln stehen zu seinen Seiten, müßiges Volk füllt den Zu schauerraum. Nachdem der Mandarin, welcher stottert die Einleitungsfragen beendet, erhält Schangwenbin zunächst eimge hundert Stockstreiche; als er trotzdem seine Unschuld betheuert, wird er an den Daumen der auf den Rücken gefesselten Hände in dre Höhe gezogen und in dieser ent setzlichen Stellung hängt er nun einige Stunden lang Schangwenbin bleibt unter all diesen Qualen bei der Be treuerung seiner Unschuld. Er wird wiederum in's Ge- fangniß geworfen; und nun wiederholt sich ein oder zivei- mal un Monat dieser Austritt. Seine Feinde triumphirten Freunde schliefen nicht. Immer stärker Schangwenbin sei unschuldig und nur N"es Chrtstenthums wegen au den Mandarin verkauft. üü 'kn* 3 ' ir,cI ^ er & i im Missionar gegen ihn gezeugt, sei durch Geld von dem Ortsvorsteher bestochen. r+ o m?rV' üiil i! 0n r ar ^ . öen Listen zu sich kommen. Yöo stellte sich gehoriamst em. Der Missionar führte ihn in fern Zimmer, verriegelte die Thür, und nun redet er das Bauerlein, dem es bei all dem ganz merkwürdig zu Muthe geworden, folgendermaßen an: ^Du hattest ehedem die Güte, mich von der Schuld des Schangwenbin in Kenntniß zu setzen. Willst Du mir nicht jagen, welche Beweise Du für Deine Aussagen hast?" -Ich habe ihn mit eigenen Augen beim Feuer ge sehen. Gewiß, Pater, ich Sünder wage nicht zu lügen." „Natürlich, Du lügst nie! Es gibt Leute, welche er- zahlen, ein gewisser Christ habe den Schangwenbin für schmutzige 20 Diau verrathen. Hast Du nichts von dieser Geschichte gehört?" fragte der Missionar weiter, während die großen Augen, deren Blitze der Chinese so sehr fürchtet das zitternde Bäuerlein durchbohren.„Nein Pater, ich weiß nichts; ich habe kein Geld be kommen!" entgegnete in immer schwächerer Tonart der Bauer. „Mensch, gestehe! Deine Schliche sind mir doch be kannt. Draußen stehen die Leute, durch welche ich Dich in's Mandarinat bringen lasse. Nur ein rasches Geständniß kann Dich retten. Bekenne oder ....!" donnerte er von neuem gegen den Bauer, der unterdessen niedergekmet ist und das Haupt wie ein Pendel auf- und niederbeugt. „Pater, ich weiß nichts, ich habe nichts", stottert er noch einmal, indem er zur Betheuerung die Hand auf die Magen gegend legt. „Wie, Du willst Dich mit Lügen retten? Heda! bringt die Stricke! bindet ihn! Marsch zum Mandarinat!" „Halt, Pater, ich gestehe alles. Ja, ich armer Sünder habe gelogen. Der Ortsvorsteher hat mich gezwungen, und mir 20 Diau gegeben, damit ich beim Pater durchsetze, damit die Kirche 'sich nicht für Schangwenbin verwende. Jetzt thut's mir ja leid." „Gut, Du kannst gehen und ich sage Dir zum Abschied, daß wir solche Judasseelen, wie Du eine bist, in der Kirche nicht gebrauchen können." Also Schangwenbin wirklich unschuldig und als Be kenner seines Chcistenthums wegen gefoltert. Da that wohl schleunige Hilfe Noth. Der Missionar wandte^ sich daher schriftlich an den Mandarin, indem er ihm den Sach verhalt mittheilte, und ihn bat, den Christen in Freiheit zu setzen. Dieser Brief hatte die Folge, daß man Schang wenbin von jetzt ab ruhig in seinem Gefängniß ließ. Kaum hatten die Gegner diesen Umschwung der Stimmung erfahren, als sie einen Klagesturm in Bewegung setzten. Neue Steuern wurden auferlegt, und vor allem sollte der armeAöv, weil er aus der Schule geplaudert, seinen Geld beutel ziehen; man verlangte von ihm 50 Diau, und da er sich weigerte, diese zu zahlen, verklagte man ihn auch als Brandstifter. Nun war aber guter Rath theuer. Ob wohl er so schrecklich „sein Gesicht verloren", so muß er dießmal auch den Missionar aufsuchen. Der Letztere verspricht ihm zu helfen, falls er vor dem Mandarin der Wahrheit Zeugniß gebe und seinen früheren Lerrath ein gestehe. Noth lehrt beten, ja sie lehrt sogar einen lügenhaften Zopfmann die Wahrheit sagen. So reicht nun auch Mo eine Klageschrift ein, in der er vorerst seine eigenen Fehler eingesteht, alsdann den Schangwenbin vertheidigt und end-53 lich die Ortsvorsteher von Schantja des falschen Zeug nisses bezichtigt. Jedoch die Silberstücke haben dein Man darin Gehör und Gesicht benommen; als einige Tage später der Herr Provikar in dieser und anderen Angelegen heiten ihm einen Besuch abstatten wollte, ließ er sich ent schuldigen, er habe Leibschmerzen und könne keine Gäste empfangen. Die Europäer schienen ihm in der That Leibschmerzen zu machen; denn als kurz nachher noch einmal ein Katechist im Mandarinate vorsprach, ließ er einen Schivall von Schimpfreden gegen die Missionare los, daß es dem armen Katechisten ganz Angst dabei wurde. Trotzdem wagte er nicht, gegen Schangivenbin, dessen lln- schuld auch er wohl kannte, weiter vorzugehen. Die Ortsvorsteher von Schantja fühlten sich aber, trotzdem der Mandarin so für sie Partei nahm, noch nicht sicher. Wenn man nur den lästigen Schangivenbin aus dem Wege schaffen könnte! Zu diesem Ziele führt nuc ein einziger Weg, und mit den zusammengesteuerten Sapeken läßt sich schließlich auch dieser Weg gangdar machen. Wie dem nun auch sei, Schangivenbin wurde plötzlich krank, er klagte über Schmerzen im Leibe und magerte zusehends ab. Seine Mutter, die ihn in seinem Kerker besuchte, wurde fast ohnmächtig beim Anblick der Jammergestalt, die ihr auf dem feuchten Boden entgegenkam. An den Händen und Füßen schwere Ketten, die Kleider halb verfault, das Haupt- und Barthaar wirr und struppig, das Gesicht gelb und eingeschrumpst wie das eines Todten. Nachdem sie sich ausgeweint, sprach Schangivenbin: „Mutter, vertraue auf den Priester, er meint's gut mit uns; werde eine gute Christin und sorge, daß Du bald getauft wirst; wenn doch auch ich die Gnade der Taute hätte, dann wäre mir alles andere gleich. Daß ich hier leide, ist ja Gottes Wille, und deßhalb wollen wir auch nicht klagen." Mit diesen im Munde eines Katechumenen bewunderungswürdigen Worten hatte er sie verabschiedet. So war nun fast ein Jahr seit der Gefangennahme oes Schangivenbin verstrichen. Die Missionare und nament lich der hochwürdigste Herr Bischof hatten sich überzeugt, daß die Anklagen gegen ilm nur dem Religivnshaß ent sprangen, und daß dieser Mann ein braver Christ sei. Der Bischof glaubte deßhalb noch. einmal einen Schritt zur Rettung desselben wagen zu müssen. Der Herr Provikar Freinademetz, welcher in' Tsining weilte, mußte dem Prä fekten von Tsining, dem nächsten Oberen des Mandarin von Tjasiang, einen Besuch abstatten und ihn bitten, den54 Prozeß selbst zu übernebmen. Ter Präfekt, Obermandarin Pung, zeigte sich nicht abgeneigt: Schangwenbin wurde nach Tsining transportirt, und Herr Pung gab die Nach richt: „An dem 7ten im 9ten Monat werde ich das Ler- hör anstellen und nach demselben hoffentlich in der Lage sein, den Schangwenbin in Freiheit zu setzen." Wie freuten sich die Christen bei dieser Nachricht, wie jubelte vor allem die alte Mutter! Auch unter die Heiden war die Nachricht gedrungen und hatte wie ein Blitz ein geschlagen; erst sprachlose Angst, dann ein Laufen und Rennen, ein Geldsammeln, eine fteberhafte Thätigkeit; was soll das bedeuten? Das Verhör war angesetzt. Die beiden Katechisten Dschoufungdschang und Dschoumautjing rüsteten sich eben, zum Mandarinate zu gehen, um dort den Verlauf des Ver höres zu erfahren und schangwenbin nach seiner Frei sprechung aufzusuchen. Plötzlich kommt ein Bote desMan- darins mit einem an den Herrn Provikar adressirten Briefe des Inhalts: „Es thut mir leid, Ihnen die unangenehme Mittheilung machen zu müssen, daß Schangwenbin heute Morgen im Gefängniß gestorben ist. Ich halte den Pro zeß hiermit für erledigt." Sonderbar, einen Schritt vor der Freisprechung und nun todt! Den inneren Zusammen hang ahnt jeder, ihn auszusprechen hatte zuerst die alte Mutter des Verstorbenen den Muth. Sie läuft zum Man- darinat, und nachdem durch einige Schläge auf der Klage trommel und durch lauten Ruf der Mann citirk ist, wirft sie sich weinend vor dem Herrn nieder: „Großer Mann, wo ist mein Sohn? Gib mir meinen Sohn!" — „Dein Sohn ist heute an einer Krankheit gestorben, ich werde ihm einen Sarg kaufen und dann die Missionare bitten, daß sie ihrerseits auch einige Diau zum Begräbniß beisteuern. Gehe also nur ruhig heim." — „Wie, großer Mann, Du sagst mir das? Ich habe immer gehört, Du wärest unser Vater und unsere Mutter, Du wärest klug und gerecht wie der reine Himmel, und Du sagst, mein Sohn sei an einer Krankheit gestorben? Nein, mein Sohn ist vergiftet. Großer Mann, schaffe mir Recht!" — „Nun, sei doch ruhig", sagte der Mandarin, „Dein Sohn ist nicht vergiftet, der Uzuo (Kriminalarzt) hat die Leiche untersucht, die Glieder eines Vergifteten sind beweglich, Dein Sohn hat aber die natür» liche Todtenstarre; hier, unterzeichne die Prozeßakten, daß Dein Sohn an Krankheit gestorben sei, und dann gehe!" — „Wie, ich unterzeichnen? Niein Sohn ist vergiftet! Gib mir meinen Sohn!" — „Unterschreibe, Weib!" donnerte derMandarin, und ein augendienerischer Büttel reißt das arme Weiblein beim Aermel, drückt ihr den Pinsel in die Hand und will sie zwingen, das Kreuz zu malen, ivelches als Unterschrift gilt. „Nein", kreischt die alte Frau, „ich unter schreibe nicht, lieber sterben!" — „Die beiden Katechisten Dschoufungdschang und Dschou- mautjing haben Dich aufgehetzt, die Lumpen werde ich schon kriegen!" „Großer Mann", antwortete die Frau, „wo ist doch Deine Gerechtigkeit? Warum doch nennt man Dich den reinen Himmel?" Der Mandarin schien zu fühlen, daß sich diese Sache doch nicht so einfach vertuschen lasse. „Gut", sagteer, „ich werde noch einmal eine Untersuchung der Leiche anstellen und dann entscheiden." Nach einigen Tagen erschienen einige Sänfteträger mit einer Sänfte vor der Thüre der katholischen Missionsstation und brachten dem Herrn Provikar die folgende Einladung des Mandarins: „Bitte, kommen Sie mit dieser Sänfte zu dem Platze so und so. Ich werde die Leiche des Schang- wenbin untersuchen lassen und möchte, daß Sie oder einer Ihrer Bertreter als Zeuge dabei zugegen seien, aber lassen Sie mir die beiden Katechisten Dschoufungdschang und Dschoumautjing vom Halse." Das war doch ein vernünf- tiges Wort. Da aber der Herr Provikar glaubte, daß seine Anwesenheit in der Menschenmenge, welche sich bei dieser Gelegenheit ansammeln müßte, keinen nennenswerthen Nutzen oaben würde, so schickte er den Katechisten Dschang- lantien; dieser setzte sich in die Sänfte, die beiden Dschou. gegen welche der Mandarin eine solche Abneigung hegte, liefen incognito hinterher. Aus dem Platze lag die Leiche des Schangwenbin mit einem Tuche bedeckt, mit Würmern bedeckt, ein häßlicher Leichengeruch erfüllte die Luft. Die Mutier kauerte zu den Füßen desTodten; eine dichte Men schenmenge wogte rings umher. Allerlei Urtheile wurden laut: „Da haben wir's sa wieder; auch ein schlechter Kerl, haben es ja immer gesagt, in der katholischen Kirche gibts nichts als Räuber und Brandstifter." „Nur nicht zu eilig", sagte ein anderer, „wollen gleich sehen, wo die Schuldigen sind. Und übrigens habe ich in der Kirche, wo ich doch oft aus- und eingehe, bis jetzt nichts Schlechtes gesehen." „Ach was, Du hast auch von der Zaubermedizin der Eu ropäer getrunken." Endlich kommt der Mandarin mit seinem Gefolge. Nachdem ec aus der Sänfte gestiegen, macht er dem Katechisten die offizielle Verbeugung uno56 setzt sich dann auf einen Stuhl zu den Häupten des Tobten. An der linken Seite der Kateasist, zur rechten der Uzuo, Gerichtsarzt, zu den Füßen des Todten kauert unbeweglich die alte Mutter. Zur Seite stehen die Kläger des Schang- wenbin. Das Tuch wird zurückgeschlagen, ein Ausdruck des Entsetzens geht durch die Menge. Welches Bild der Verwesung wird da sichtbar! Der Mandarin nimmt nun aus den Händen des Uzuo eine lange silberne Nadel: „Seht", sagte er, „diese Nadel gilt als Zeugniß; wenn sie, in den Leib des Todten gestochen, schwarz wiro, und wenn sich die Schwärze nicht abreiben läßt, so liegt Vergiftung vor, wenn nicht, ein natürlicher Tod; habt Ihr verstan den?" Die llmstehenden nicken. „Gut, fangen wir an." Der Uzuo nimmt die Naoel und sticht sie einen halben Fuß tief in den Unterleib des Todten. Die große Menge harrt in erwartungsvollem Schweigen. Nach fünf Minuten zieht der Uzuo die Nadel hervor und hält sie dem Mandarin zu Gesicht: tief schwarz! Mit einem Lappen und Wasser beginnt er die Reinigung, er putzt und putzt, die Nadel scheint immer schwärzer zu werden. Alles ist nur Auge. Die Kläger zur Seite, drei Graubärte von Schantja, werden abwechielnd roth und gelb. Endlich überreicht der Uzuo die Nadel dem Mandarin. Der letztere hält sie in die Höhe und sagt das eine Wort: „Gift!" Ein Murmeln läuft durch die Menge. Und nun wendet sich der Man darin an die Kläger: „Schangwenbin ist vergiftet, wer das gethan hat, werdet Ihr am besten wissen." „Großer Mann", sagte der erste der drei, die unterdessen niederge kniet. „ich weiß nichts davon." „lind Du?" — „Großer Mann, nach meiner Ansicht hat die Mutter ihren Sohn vergiftet, um so den Prozeß zu gewinnen." „Schweig", ruft der Mandarin, „und nun werdet Ihr Euren Prozeß von neuem anfangen." Hiermit erhebt er sich, die drei werden zum Mandarinat transportirt. Schweigend hat die alte Mutter bis jetzt gesessen. Jetzt steht auch sie auf, indem sie laut sagt: „Es gibt doch noch einen Gott im Himmel!" Dschoumautjing war unterdessen schon zur Residenz gestürmt, wo man den Ausgang der Untersuchung mit Sorge erwartete: „Ha", rief er schon von weitem, „nun bin ich doch kein Lump! Schangwenbin ist vergiftet, und der Prozeß gewonnen! Gott sei Dank!" Ja, Gott sei Dank! Aber wie war das nun alles ge kommen? Bald kam die Wahrheit an's Tageslicht. Die Vorsteher von Schantja hatten etwa 1000 Mark an dieGefängniswärter von Tjastang gezahlt, daß diese den Schangwenbin vergifteten. Man hatte mit dem Mordver suche begonnen, jedoch nicht gewagt, ihn auszuführen. Eine neue Spende an die Büttel in Tsining hatte das Werk vollendet. Auch der Uzuo war bestochen, und darum hatte er das erste Mal auf natürlichen Tod erkannt. Zu ihrem Unglück hatten die Heiden sich selbst betrogen: Da sie die Sache für beendigt hielten, so hatten sie dem Uzuo einige Diau von der ausbedungenen Summe abgezwackt. Aus Rache ließ nun dieser sie allzumal hineinfallen. Nach diesem Ergebniß war der Prozeß leicht beendigt. Hätte man dem Gesetze freien Laus gelassen, so wäre es jetzt dem Mandarin von Tjastang und noch mehr den Heiden von Schantja an den Kragen gegangen. Wie das aber gewöhnlich in China geht, wenn man keinen Ausweg mehr sieht, verlegt man sich auch hier auf's „Friedensprechen". Die Borsteher von Schantja waren nunmehr gelenkig wie ein Rohr. Sie zeigten sich zu allen Bedingungen bereit, wenn sie nur mit dem Leben davon kämen. Die Mutter des Vergifteten tagte: „Was nützt es mir, wenn man noch einen zweiten Menschen ftödtet; man soll mir nur etwas geben, daß ich meinen Sohn beerdigen und selbst leben kann; um das Uebrige kümmere ich mich nicht." So wurde denn nach langen Verhandlungen endlich festgesetzt: „Die Heiden von Schantja errichten einen Denk stein, auf dem sie die Geschichte dieses Prozesses und die Unschuld des Schangwenbin den künftigen zehntausend Geschlechtern überliefern; ferner sorgen sie für eine feier liche Beerdigung des Ermordeten; und endlich überreichen sie der alten Mutter eine so große Geldsumme, daß sie be quem davon leben kann." So wird der Friede hergestellt, der Mandarin gibt da zu sein Placet, und die Ehre der katholischen Kirche, die durch diesen Prozeß so schwer gelitten, ist in Tjastang wieder hergestellt. Die Rechtspflege im „himmlischen Reiche" beleuchten ferner treffend folgende Ereignisse, die ich selbst erlebt habe. In diesem Frühjahre ivurde ein großer Raub ausge- sührr in Cindjazi. Ein burgähnliches Gebäude wurde von Räubern eingenommen, in Brand gesteckt, der Eigenthümer verbrannt. Lange war in dieser Gegend Ruhe gewesen, um so schärfer sollte denn auch dieser Raub geahndet wer den. Gegen 50 Polizisten und Büttel durchstreiften die Gegend, Soldaten zogen von Ort zu Ort, und suchten die Räuber. Diese hatten sich natürlich längst aus dem Staube58 gemacht. Der Mandarin aber wollte auf jeden Fall Räuber haben, eher durften die Polizisten nicht zur Stadt zurückkommen. In solchen Fällen ist leicht Rath gefunden. Die Dörfer, in denen Räuber waren, und diese sind den Bütteln als ehemaligen Kollegen ganz genau bekannt, mußten die Räuber ausliefern, event. enormes Geld be zahlen. Verwandte der eigentlichen Räuber wurden für diese eingesteckt. In kurzer Zeit hatte man aus der nicht reichen Gegend über 50000 Mk. ausgepreßt. Zum Glück fand man auch einige wirkliche Räuber. Wir hatten in der Gegend mehrere Christengemein den. Eines Morgens geht ein 65jähriger Christ hinaus auf's Feld. Vor dem Dorfe trifft er fünf Büttel, die ihn fragen, wie er heiße, wo die Räuber seien u. s. w. Der Mann antwortet, die Räuber seien längst fort, im Dorfe seien nur brave, einfältige Leute. „Dann packen wir Dich", war die Antwort und sofort wuroe Hand angelegt. Der arme Greis wurde zu Boden geworfen, gebunden und so auf der Straße weitergeschleppr. Mit echt chinesischer Grausamkeit traktirte man ihn dazu noch mit Knütteln. In seiner Roth rief nun der Alte unfern Herrgott an. „Tiencu kholien uo!“ „Herr, erbarme Dich meiner!" Die Polizisten wurden stutzig. Der Gefangene war Christ! — sie fürchteten die Anklage des Priesters und ließen den Gefangenen liegen. Der Katechist des Dorfes, von der Sache benachrich tigt, geht zum Haupte der Polizei und beklagt sich über die Handlungsweise seiner Leute. Man verspricht ihm für die Zukunft Ruhe, schickt nun aber, aus Furcht, ihre Bru- taliiäten würden nun bekannt, heimlich eine Anklage gegen dic^ Christen an den Mandarin, dieselben seien Aufrührer, ließen nicht zu, daß sie Räuber fingen usw. Ganz uner wartet erschien schon am folgenden Tage ein Rudel Poli zisten im Dorfe und verhaftete sechs Mann, die reichsten des Dorfes, darunter einen Heiden. Dieser wurde sofort gegen achtzig Diau Lösegeld freigelassen, die Christen wur den mitgeschleppt. Im Mandarinace angekommen, werden Alle ohne weiteres mit 500 Stockstreichen bestraft, eine un menschliche Strafe, die den ganzen Körper mit offenen Wunden bedeckt, so daß das Fleisch in Fetzen herabhängt. Dann wurden sie ins Gefängniß der schweren Verbrecher geworfen. Der chinesische Kelter ist ein Ort, der jeder Be schreibung fpottet.. Tags über mit schweren Ketten bela den, können sich die Gefangenen etwas bewegen. Nachts liegen sie wie Thiere da auf bloßer Erde, angeschmiedet59 mit Kopf und Füßen an zwei Balken. In diesen Höhlen des Entsetzens, in denen der Auswurf der Menschheit zu sammengepfercht ist, ist von Ordnung natürlich keine Rede. Tage lang bleibt der Unrath liegen und verpestet die Luft. Hunger und Durst quälen die Gefangenen. (Die Ge fangenen müssen von den Ihrigen ernährt werden, erhal ten aber auch die von den Verwandten geschickten Nahr- ungsmittel nicht zu ein Drittel.) Dazwischen denke man sich das Stöhnen und Fluchen der Opfer. Wahrhaftig eine Höhle der Pest, ein Abbild der Hölle! Unsere Christen lagen schon mehrere Tage im Kerker, als der Missionar den Mandarin besuchte und ihm die Unschuld derselben darlegte. Die Christen sollen denn auch wirklich freigelassen werden. Aber noch waren die unteren Instanzen zu befragen und diese wollen Geld. Unterdessen stirbt schon einer der Gefangenen. Ein zweiter wird wahn sinnig im Kerker, dic Anderen liegen hoffnungslos da; krank und abgemattet sehen auch sie dem nahen Tode ent gegen. Drei Wochen lang wurde gefeilscht um den Löse preis, endlich einigte man sich um 150 Mk., eine Summe, die die Christen obdachlos und vollständig mittellos macht. Der chinesischen Justiz war Genüge geleistet, dem Christen thum war wieder ein Stoß gegeben worden, der Jahre lang nicht heilen wird. Ein anderes Beispiel. Ich hatte in dem größten Dorfe meines Diüriktes eine neue Gemeinde eröffnet, die zu den besten Hoffnungen berechtigte. Mehrere hundert Menschen kamen zum Unterricht, ja der größte Theil des Dorfes schien sich bekehren zu wollen. Das war dem Dorfvor steher gegen den Strich. Er bohrte heimlich an den Leu ten, schüchterte dieselben ein und brachte es auch ivirklich dahin, daß Biele nicht mehr wagten, katholisch zu werden. Dieser Dorfvorste >er hatte sich aus ganz armen Verhält nissen innerhalb weniger Jahre emporgeschwungen. Seine Unterdrückungen waren aber auch weit bekannt. Despo tisch schwang er die Geißel über seinem Dorfe, überlieferte die Unbotmäßigen unter irgend einem Grunde dem Man- darin, bei dem er viel vermochte, und sorgte dann schon, daß dieselben nicht mehr freikamen oder doch tüchtige Bußen zahlen mußten. Einmal hatte der Dorfschulze drei christliche Familien dem Mandarin als Mörder überliefert. Nachher erklärte der Dorfschulze, der Mandarin wolle die Christen frei las sen, wenn ihm 1200 Mark Lösegeld bezahlt ivürden. Die Christen, vollständig unschuldig an den Verbrechen, mit60 bem Dorfschulzen aber verfeindet, gaben zunächst dem Dorf schulzen dreihundert Mark, um sie an den Mandarin ab- zuliesern. Zufällig erfuhren sie, daß das Geld in den Ta schen ihres Feindes bleibe, und nun entschließen sie sich zum Prozesse auf Leben und Tod. Sie suchen einige Win keladvokaten auf und stellen diesen die 1200 Mark, eine un geheure Summe, gänzlich zur Verfügung. Das Geld bringt bald Fluß in die Geschichte, das ganze Mandarinat wird geschäftig, der Dorfschulze fürchtet. ' Dem Mandarin waren 100 Loth Silber versprochen worden. Nach chinesischem Gebrauch ruft er nun Freunde zu sammen, die für ihn „Frieden sprechen" sollen; dieses ge lingt denn auch. Alle Betheiligten werden zur bestimmten Zeit vor den Mandarin geladen, um dort öffentlich den Frieden zu besiegeln. „Habt ihr Frieden gesprochen?" — „Ja, großer Mann." „Wie habt ihr den Frieden zu Stande gebracht?" Ein Christ inußte antworten. „Beide Theile wollen freiwillig Frieden haben. Alle Schulden sind bezahlt. Noch sind 100 Loth Silber übrig, die der große Mann in Verwahrung hat." — „Was", schrie der Mandarin, „ich, der große Mann, soll Deine lumpigen 100 Loth Silber haben? Was sprichst Du für eine Sprache! Ich sage Dir, dafür, daß Du mich derart öffentlich blamirst, sollst Du büßen, Du wirst nicht frei werden. Schergen, ergreifet ihn und seinen Freund und werfet sie in den Kerker!" Kein Wort der Erwiderung durfte gesprochen werden, unvorsichtig hatte der eine die Wahrheit gesagt, und dafür wurden beide eingekerkert. Als nach einigen Tagen der Missionar zufällig dem Mandarine einen Besuch abstattete, sagte dieser, daß er zwei Christen eingesperrt habe. Der Missionar bat ihn nun, die Worte des Christen nicht böse aufzusaffen, derselbe sei ein ungebildeter Mann, der nicht wisse, wie man vor dem großen Manne sprechen müsse; der große Mann, dessen Güte allgemein bekannt sei, möge Gnade ergehen lassen. Durch diese und ähnliche ohren kitzelnde Phrasen wurde das Herz des „Vaters des Volkes" gerührt, die Christen wurden frei. Die Christen, die ganz unschuldig als Mörder verklagt worden waren, batten sich nun vor dem Mandarine ganz rein gewaschen. Obne Geld, Mörder — mit Geld, ehrliche Menschen! Fiat justitia! Die hauptsächlichsten Todesarten in China sind Er drosseln, Köpfen und Zerstückeln. Es gibt aber auch noch andere, viel schrecklichere Todesarten. Der Mandarin Iö,61 der hier im Räubergebiete Jhaudschofu besondere Voll, machten hatte und auch frei die Todesstrafe verhängen durfte war wegen seines gar freien Gebrauches dieser Voll macht angeklagt worden. Er bestellte deßhalb auf einmal SO Mulung's, die er an der Pforte seines Mandarmates aufstellte. 'Es sind das Käftge aus Bambusstöcken, in welchen der Verbrecher in der glühendsten Sonnenhitze schmachten muß. Zwei den Hals umschließenden Quer bretter balten den Kopf so hoch, daß die Fußspitzen kaum den Boden berühren. Langsam werden die Steine unter seinen Füßen weggenommen, immer mebr wird der Leib gestreckt. Rur Wasser wird dem Unglücklichen gegeöen, so viel er will. Dieses treibt den Leib so auf, daß er oft vor dem Tode schon platzt. Ich mußte öfters an dem Mandarinate oorbeireiten und konnte derartige Unglückliche sehen. Ein geradezu grauenhafter Anblick. Große Verbrecher, die besonders viel der Mensch heit geschadet, erhalten noch schrecklichere Strafen. Vor einiger Zeit wurde ein Räuber an das Thor unserer Bezirksstadt angenagelt. Er hatte den Sohn des Soldatenmandarins, getödtet. XI. Der Teufelsdicnst in China. Eines der heiligen Länder Chinas ist Tjasiang. Es ist der Sitz des ..dritten Heiligen". Zhengze genannt. Mehr wie anderswo blüht denn auch in Tjasiang der Götzen dienst. Die schönen Berge, die sich in langer Kette durch das Gebiet erstrecken, sind großentheils mit Pagoden ge ziert. die allerdings wie die alten Burgen am Rhein jetzt vielfach verfallen sind. Denn auch im Heidenthum ist eine religiöse Gleichgiltigkeit entstanden. Im Osten Tjasiang's hält der Funghuan (Pfau) Wache über Land und Volk. Auf schön geformtem, ähnlich einem Riesenvogel gebildeten Berge thront die Pagode des Götzen. Im Westen hat der Drache" seinen Sitz aufgeschlagen in dem sog. Woliung- dung, „Höhle des schlafenden Drachen". Dorthin zieht er sich in eine Höhle zurück, wenn er von seiner Wolkensahrt, wo er Blitz und Donner ausgesandt, ermüdet zurückkehrt; dort legt er an den heißen Sommertagen sein grauen haftes Haupt zum Schlafe nieder auf den wasserfeuchten. Dolomitsels.62 Großartig sind die Opfer, die dem Satan dargebracht werden. Das ganze Leben, auch das politische ist mit Götzendienst durchwebt. Hunderte von Stunden wandert der Pilger über die bestaubten Landstraßen dahin, um in irgend einer Pagode sein Gelübde zu erfüllen. Große Büßer schlagen, wenn sie Dörfer und Städte durchwandern, den Tamtam, damit Alle sich an ihrem Beispiel erbauen.' Nichts Seltenes ist es. daß einer, beim Heiligthum ange- fommen, zur Erfüllung seines Gelübdes im hl. Wahnsinn sich vom steilen Felsen herabsturzt und mit zerschmetterten Gliedern seinen Götzen sich opfert. Kommt der kleine Zopf- rräger zur Welt, bringen die Seinen dem Teufel Weihrauch dar; der Name, der ihm beigelegt wird, z. B. Hund, Ochs, Maulesel, schlechtes Mädchen (letzteres Knabennamen) ist vom Aberglauben eingegeben. Man will den Teufel be trügen, „der gern Knaben sterben läßl, indem man dem Knaben einen Mädchennamen gibt." Schreitet der Jüng ling zur Ehe, spielt Weihrauch und Papier eine große Rolle. Geht der Chinese in die Ewigkeit ein, dann bittet er den Däwang, den Teufel, wieder um Gnade und Nach sicht. Er könnte ja als Maulesel an die Krippe seines Feindes angebunden werden oder als Ochs die Lastendes selben in Ewigkeit tragen müssen (Seelenivanderung). Welch ein Auflauf, wenn in Flüssen die hl. Schlange ge funden wird, die Ueberschwemmungen verhindert und ver ursacht. Mit großartigem Pompe wird sie prozessionsweise von Mandarinen in eine Pagode begleitet, dort mit Weih rauch verehrt, von Hoch uno Niedrig besucht. Und wenn sie gestorben, bringen die höchsten Würdenträger sie zu Grabe. Die Würdenträger, selbst der Kaiser nicht ausgenom men, müssen am 1. und 15. jeden Monates die Pagoden besuchen, sie sollen als „Väter des Volkes" diesem ein gutes Beispiel geben. Das ganze öffentliche Leben ist mit Götzendienst durchwoben. Das neue Jahr wird mit Schießen und Knattern dem Teufel zu Ehren begonnen, das alte Jahr mit Götzendienst beendigt. Der Gott des Kochheerdes wird mit Weihrauch gerufen oder, wie z. B. vor Neujahr, für einige Tage in Ferien geschickt, damit er dem „großen himmlischen Großvater" günstige Rechnung ablege. Der Gott des Brunnens wird mit Weihrauch ver ehrt, Straßen, öffentliche Plätze. Termen, Alle haben ihre Schutzgütten llnd ivenn die Maudze an den „vier Festen Jahres" Zusammenkommen, tritt einer als Sühnopfer für die Schulden Aller auf, schlägt sich mit einem scharfenMesser über's Kreuz und die Brust und schütter das „Sühneblut" in die tobenden Wasser des See's. Geradezu entsetzlich ist es, was die Heiden unter dem Joche des Satans zu leiden haben. Es ist nicht ein Re giment der Liebe, das dieser führt, sondern der Furcht. Teufelsbesessungen sind nichts Seltenes. Nachstehend einige „Teufelsgeschichten", die sich in meiner Nähe zugetragen haben und nicht geleugnet werden können. Ich berichte Ihnen dieselben, selbst auf das Risiko hin, als „Unkulti- virter" in Eurova verschrieen zu werden. Da das „blumige Reich der Mitte" ganz vorwiegend ein ackerbautreibender Staat ist, ist man sehr auf günstige Witterung angewiesen. Das Land ist in vielen Gegenden übervölkert und wenn die Waizen- oder Herbsternte nicht günstig ausfällt, ist mehr oder weniger ein Hungerjahr zu erwarten. Kein Wunder, daß zu Zeiten, wo der nothwen- dige Regen ausbleibr, großartige Vorkehrungen getroffen werden, die erzürnte Gottheit zu besänftigen oder zu über reden, Regen zu schicken. In Prozessionea wird der Götze herumgetragen oder der Sonne tagelang ununterbrochen ausgesetzt, damit er einmal endlich selbst einsehe, wie heiß es ist und wie nothwendig der Regen. In Städten schließt man das „Südthor", damit der trockene Wind nicht weiter könne. In einigen berühmteren Pagoden wird besonders um Regen gebeiet. In der Nähe einer meiner Christengemeinden liegt ein solcher „Gnadenort". Tanfuschaen. Jedes Jahr fast wird hier nach der Waizenernte um Regen gebetet. Als ich vor einigen Tagen wich in der Christengemeinde aufhielt, kamen einige Bonzen dorthin, uin Geld zu sammeln. Eine Summe von 80—100 Diau muß erbettelt werden. Von den Heiden trägt jeder sein Scherflein bei. Für diese Summe kauft man papierne Maulesel, Pferde, Wagen usw. An dem be stimmten Tage strömen nun Tausende und Tausende zu der Pagode; alle haben sich heute des Genusses von Knob lauch und Zwiebeln enthalten. Drei Männer, im Aller von 50—60 Jahren, sitzen mir übergeschlagenen Beinen vor dem kolossalen Götzenbilde. Die Augen sind ihnen mit Gold papier verbunden, die fromm gefalteten Hände hal ten Weihrauch. Alle die papiernen Hauslhiere werden vor die drei aufgestellt; die Menge kniet lautlos, andäch tig vor der Pagode. Dann schlagen einige Götzenpriester mit aller Gewalt auf die danebenstehenden Glocken und Riesentrommeln. Die drei Männer fangen nach einiger Zeit an zu zittern, zunächst an den Händen, dann mit dem64 Kopfe, immer mehr, immer stärker, bis zuletzt der ganze Oberkörper Bewegungen macht und die Männer mit dem Kopfe den Boden berühren. Plötzlich springen dieselben auf in meterhohem Sprunge, einige handfeste Bur- schen halten sie fest, bis sie wieder ruhiger geworden. Das ist der Augenblick, in dem man um Regen bitten muß. Die papiernen Esel werden verbrannt, schwere Klumpen Silberpapier, die Silber vorstellen, werden geopfert und dann angefragt, wann der Regen falle. Manchmal sagt einer der drei Männer sofort, er wolle den Pussa Gott fragen, manchmal antwortet er gar nicht und im letzteren Falle ist keine Hoffnung vorhanden. Will er Pussa befra gen, so wird er vor dessen Bild geführt, wo derselbe einige Augenblicke ruhig niederkniet. Fällt Regen, so sagt er bald, an dem und dem Tage fällt Regen. Läßt sich Pussa aber nicht erweichen, dann wird diese Prozedur nach drei Tagen wieder erneuert. Hilft auch das noch nichts, so ist keine Hoffnung da, die Gottbeit will strafen. Im Norden Tjasiang's liegt eine neuchristliche Ge meinde Jandjadschuan. Schon vom Anfang an berechtigte die Gemeinde zu den schönsten Hoffnungen. Jedoch die Frauen und Mädchen waren nicht katholisch. Bei der Ab geschlossenheit des Frauengeschlechtes in China ist deren Bekehrung nicht leicht. Sie wagen anfangs nicht, sich dem Priester zu nähern und nur durch Katechistinnen (christl. Jungfrauen) ist Einfluß auf dieselben zu gewinnen. Andern- theils ist gerade die Bekehrung der Frauen überaus nothwendig, weil ohne diese das Christenthum keinen festen Halt hat. Auch in Jandjadschuan hatte man sich endlich geeinigt, eine Katechistin einzuladen. Sie sollte bei dem wohlhaben den Christenvorsteher, einer sehr achtbaren Familie, wohnen. Der Tag war festgesetzt, an dem der Schiebkarren abgehen sollte, die Jungfrau abzuholen. Da am Vorabende empfindet das älteste läjähr.Mävchendes Vorstehers derartige Schmerzen am ganzen Leibe, daß sie laut aufschreit und aus einem Zimmer ins andere läuft. Es ist ihr, als wenn sie mit dünnen Ruthen geschlagen werde, und wirklich ist der ganze Leib mit blauen Malen bedeckt. Deutlich hört sie und ihre Umgeb. ung eine Stimme, die sie warnt, die christliche Jungfrau einzuladen. Das arme Mädchen verspricht Alles, läuft aber sofort zum Priester, der gerade anwesend im Dorfe war. Dieser tröstet die Familie und bewegt sie, dennoch am folgenden Tage die Katechistin einzuladen. In der Frühe des Morgens wird nun das jüngere Schwesterchen gleichfalls krank, noch schlimmer als gestern ihre Schwester.5 65 Jedoch dieses Mädchen hat schon gelernt, das Kreuzzeichen zu machen, und mit diesem verjagt es den Peiniger. So fort holt man nun aber die Katechistin ab, und seither ist Ruhe im Dorfe und in der Familie. In einem anderen Dorfe Domianli war eine Heidin schwer erkrankt. Die herbeigerusenen Teufelsdoktoren konn ten sie nicht heilen. Eines Tages war der Priester im Dorfe, und die christlichen Frauen bewogen die Kranke, den Priester einmal auszusuchen. Noch war sie etwa hundert Schritte von der Kirche entfernt, als sie plötzlich zu toben anfing. Sie schrie und fluchte in einer Weise, daß das ganze Dorf zusammenlief. Sie wollte nicht zu dem euro päischen Teufel, der schlage, vertreibe sie, ließ ihr keine Ruhe u. s. w. Eine Fluth von chinesischen Schimpfworten begleitete diese Zornesausbrüche. Doch die Frauen und ihr eigener heidnischer Mann schleppten sie in die Kirche Der Priester wußte noch gar nicht, was vorging. Kaum hatte er sich auf der Thürschwelle gezeigt, als das Toben von Neuem begann. Ruhig lud sie der Priester in's Zim mer ein. Alle seine freundlichen Worte wurden mit Schrmpfreden erwidert. Einen schauderhaften Anblick bot das Weib dar. Unaufhörlich schrie dasselbe, sie ginge nicht ««.dem Dorfe, er solle sich fortmachen, er brauche das Chrptenthum nicht zu predigen, es sei doch umsonst, sie iverde ihm früh oder spät noch einmal irgendwie schaden u. s. w. Da sprach der Priester im Geheimen den Exor zismus und machte ein Kreuz über sie. Im selben Augen blick fiel sie wie leblos zusammen, kam aver bald wieder zu sich. Wie aus tiefem Schlafe ausgeivacht, fragte sie die Umstehenden, wo sie sei, sie fühle sich jetzt ganz gesund. Der Prie,ter predigte ihr nun die Lehren des Christen thums und ermahnte sie, den Götzendienst aufzugeben Froh und dankbar ging sie von dannen. Am folgenden Tage jedoch besuchte sie die Pagode, um den Götzen für ihre Genesung zu danken. Im selben Augenblicke wurde sie auch wieder von ihrer Krankheit befallen. Das einige Fälle, die ich erlebt habe. Das Regiment des Teufels ist entsetzlich, so daß sogar viele armen Heiden, um den Nörgeleien zu entgehen, katholisch werden. Manche Häuser können von Heiden gar nicht mehr bewohnt wer den, für Spottpreise werden sie uns oft angeboten und sind dann vollständig ruhig. Interessant ist es, die Heiden über das Wirken des Teufels sprechen zu hören. Man er zählte sich Dinge, die unglaublich scheinen, von Heiden und Christen aber entschieden als wahr behauptet werden66 Der Teufel wird gefürchtet. Viele Heiden suchen daher auch durch Vermittelung von Christen Weihwasser zu er halten, das sie stets und oft in auffallender Weise beschützt. E XII. Eine MissionserncuerHg. Meinen Lesern möchte ich an dieser Stelle einmal eine meiner vielen Miffionsreisen schildern. Aus dieser Schil derung wird man auf's Neue erkennen, mit welchen „An nehmlichkeiten" das Leben eines Missionärs verbunden ist. Ganz im Westen meines Gebietes liegt eine kleine Ge meinde, Hodjafan. Ich batte vor der Waizenernte sämmt- liche Christendörfer besucht und Missionserneuerung vorge nommen. Die Endstation war Hodjafan. Heiß brannte die Maisonne hernieder, und zum schnellsten Trabe trieb ich mein Pferd an, ihr möglichst bald zu entfliehen. In einem breiten Sacke, der quer über das Pferd gelegt wird, trug ich nach chinesischer Sitte mein Bett sowie sämmtliche Meßsachen und sonst Nothwendiges. Noch war ich eine weite Strecke vom Dorfe entfernt, als ich schon vor dem selben einen großen Menschenhaufen erblickte. Tie Christen holten mich vorschriftsmäßig ab, und die Heiden schlossen sich ihnen an. Vor dem Dorfe stieg ich vom Pferde. Doch die „Kirche"? Ich war noch niemals hier gewesen und hätte sie allein nicht gefunden. Ein Christ gab mir Aus kunft. Durch ein kleines, schmales Thürchen mutzte ich ge bückt hindurch und stand nun unmittelbar der „Kirche von Hodjafan" gegenüber, d. h. einer Lehmhütte mit^ einem Strohgeflecht als Thüre und einem kleinen Loch als Fenster. Das Innere, ein Raum von 2 Spannen Länge und l 1 ,^ Spannen Breite mit vier armdicken, krummen Renaissance- „Säulen", d. h. Stützen, die das Dach, das sich schon zur Hälfte bedenklich gesenkt, nothdürftig noch in Schwebe hiel ten. Die Höhe betrug noch nicht 2 Meter. Der Raum war ausgefüllt mit einem Tisch, einem Stuhl ohne Lehne und einem Brettergestell, das als Bett dienen sollte. Ich hatte schon manche „Kirche" der Mission gesehen, aber eine solche hatte ich bis dahin noch nicht das Glück zu finden. Nach kurzem Gebet und Segen begannen die Begrüß ungen der Christen und Heiden. Hundertmal mußte ich wiederholen, „daß ich schon gegessen habe", „daß es heute .noch5 * 67 heiß fei", „woher ich komme", „ob ich Thee habe" u. s. w. Fast wäre mir in der heißen Hütte wirklich die Ungeduld gekommen, doch ich spülte dieselbe mit dem lauwarmen Wasser, das die Stelle des Thee's vertrat, herunter und suchte mit der freundlichsten "Mene die stets lächelnden Chinesen noch zu überrreffen. Endlich war dieses Cere- rnoniell vorüber. Die Heiden hatten den „geistigen Vater" der Christen mit dem langen Barte sattsam gesehen und zogen sich allmählich zurück. Ich blieb mit meinen unge fähr dreißig Christen allein. Sofort hielt ich eine Predigt, darauf prüfte ich den Katechismus und fragte die Gebete ab. Ich konnte recht zufrieden sein. Als Abendessen dien ten mir einige Stücke gekochten Brodes, einige Eier und lauwarmes Wasser. Nach dem gemeinschaftlichen Abend gebete bereitete ich die Getauften auf die hl. Beichte vor. Da zwei Männer zum ersten Male beichteten, mußte ich geraume Zeit auf diese Vorbereitung und Beichte verwen den. Es war elf Uhr, als ich mich auf die Pritsche nieder legen konnte. Hatte ich am Tage keine Ruhe, so Nachts noch weniger. Stechmücken durchschwirrten die Luft, und eine hungrige Meute anderer hier nicht zu nennender Insekten fiel über mich her. Schon um ein Uhr entstand Leben im Hofe. Die ersten Christen waren schon wieder da. Ich rief es sei noch zu früh, doch mehr und mehr kamen die Christen und summten vor der Thüre ihren Katechismus herunter fodaß ich schlaftrunken um 1V 2 Uhr schon wieder auf die Beine mußte. Nachdem ich mein Morgengebet verrichtet, setzte ich mich zum Beichthören hin. Darauf Vorbereitung auf die hl. Kommunion. Ich hatte auf das kniefällige Bitten dreier Alten von 78, 77 und 76 Jahren diesen die erste hl. Kommunion bewilligt. Den Katechismus kannten sie sehr gut, selbst die langen Kommuniongebete hatten sie auswendig gelernt, weßhalb ich von einer größeren Vor bereitung absah. Dann ordnete ich den Altar. Dazu diente ein alter, baufälliger Tisch. Die Christen knieten vor der Thüre. Ich muß Ihnen gestehen, ich schämte mich, in dieser sch,varz. berauchten Hütte das hl. Opfer darzubringen, doch was blieb mir anders übrig? Nach der hl. Messe hielt ich noch eine Predigt und ermahnte die guten Leute zur Standhaf tigkeit in Erfüllung ihrer Christenpflichten. Fast kam es mir nicht über die Lippen, sie zu ermahnen, täglich ihr Morgen- und Abendgebet regelmäßig gemeinsam in dieser „Kirche" zu verrichten. Der Priester kann sich bei ihnen68 nicht aufhalten, im Christenthum können dieselben kaum vorwärts kommen. Nach dem Morgenimbiß zog ich dann meiner Residenz zu. Eine Art Schwermuty hatte mich befallen. Das Loos des Missionars ist doch manchmal gar so hart. Auch hier sollte ich noch trösten. XIII. Am Hoangho. Alles unter Wasser. Seit einigen Tagen war der Regen in Strömen gefallen; Wege, Felder und theilweise sogar die Dörfer waren überschwemmt. Ich mutzte dringender Geschäfte wegen nach der Bischöflichen Residenz Ziningdscho, ein Weg von ungefähr 30 Stunden. Gepäck konnte ich nicht mitnehmen, nur die nothwendigsten Decken und Kleider, sowie die Meßsachen packte ich nach chinesischer Sitte in einen Sack, der zugleich als Unterlage beim Reiten dient. Die Pferde standen bereit, zwei kräftige mongolische Thiere, die Wind und Wetter, Hitze und Wasser Widerstand zu leisten vermochten. Behutsam ging's voran. Mein Diener ritt vorauf, ich folgte in respektvoller Entfernung seinen Spuren. Bald sanken wir tief ein in dem aufgeweichten Felde, bald stürzte mein Diener in kleine Gruben oder über niedriges Gesträuch, bald glitten die Thiere aus, — ein geradezu schrecklicher Weg. Vor einem Dorfe erkundigte ich mich nach dem besten Wege. Die ganze Dorfjugend war dort versammelt, die Rangen tummelten sich im schmutz igen Wasser, gemüthlich schmauchten die alten Spießbürger unter dem Thore ihr Pfeifchen. „Alter Bruder, wohin geht's nach dem gelben Flusse?" „Nach Süden." „Ist der Weg sicher, gut zu gehen?" „Schui dschedau.“ „Ich weiß es nicht." Sein verschmitztes Gesicht machte mich stutzig. Mein Diener war unterdessen vorwärts geritten, und Hals über Kopf stürzte er mit seinem Thiere in einen Teich. Schal- lendes Gelächter der gelben Gesellschaft. Das Thier kam auf mich zugeschwommen, während der Diener erst nach langem Zappeln das Trockene fand. Pudelnaß, ohne Schuhe, bestieg er wieder das Pferd. Wir zogen nun behutsamer weiter und hatten bald für einige Stunden trockenes Land. Die Sonne brannte ge»69 radezu „giftig", senkrecht sandte sie ihre Strahlen auf un sere fahl geschorenen Schädel. In der Abenddämmerung erst gelangten wir zum Flusse. In einer Herberge, deren vier Wände aus Kaulian- stroh bestanden, fanden wir mit unseren Thieren in einem Raume Unterkommen. Traurige Nacht. Meine Kleider und Decken waren theilweise^ durchnäßt, die Tuchschube mit Papiersohlen ausgeweicht, dieStrümpfe naß, alsBett diente eine Matte auf dem Boden. In Gottes schützende Arme egte ich mich nieder, vor Ermüdung fielen mir bald die Ä agen zu. Der Hoangho, nach seinem schmutzigen Lehmwasser „gelber Fluß" genannt, hatte wieder einmal seine Dämme durchbrochen und wie fast jährlich eine Wanderung in die benachbarten Fluren gemacht. Wie bekannt, hat er vor einigen Jahren sich sogar ein ganz neues Bett gesucht und unendlich viel Elend angerichtet. Zwei Riesendämme engen ihn ein auf jedem Ufer, doch auch diese halten den gewaltigen Wogen in der Regenzeit oder im Winter nicht Stand. Der gelbe Unhold läßt größere Schiffe nicht auf sich fahren, Lebmbänke bindern daran. Auch zur Zeit meiner illeise hatte er wieder entsetzliches Unheil angerichtet. An zwei Stellen ivar er durch die Dämme gebrochen und hatte seine schmutzigen Wasser aus dem höher gelegenen Bette in die weite Ebene gestürzt. Ein weiter, uferloser See lag vor mir. Die Fluthen rolll ten tosend mit stürmischer Gewalt daher. Ein Wagestück mit den zerbrechlichen alten chinesischen Kähnen den Unhold zu übersetzen. Mehrere Stunden weit trieben wir abwärts Die Tbiere waren festgebunden, mein Diener legte sich mit dem Gesichte zu Boden gewandt nieder, wie ein Spielball tanzte der alte Nachen auf den wilden Wellen, die Fugen krachten, die Thiere schnaubten, die Matrosen schrieen, aus das Schrecklichste gefaßt saß ich am Kiele und bak Gotl um Hilfe und Schutz. Endlich kamen ivir dem gegenüber liegenden Damme näher. Die Gefahr war überwunden. Ich bat die Schiffer, uns noch weiter zu fahren, voch um keinen Preis waren sie dazu zu bewegen. So wurden wir denn auf den Damm ausgesetzt. Der ganze Damm war mit Menschen besetzt, eine hundertköpfige Menge kam uns entgegen. Wie nun weiterkommen? Kein Schiff war in Sicht. Einstweilen brachten ra;i unsere Habseligkeiten an's Land uno setzten uns, die Pferde am Zügel haltend, darauf. Dem glücklichen Zufall waren wir übergeben, der uns ein Schiff entgegenbrachte, das uns nach Zining'dscho oder an trockenes festes Land führte.70 An Leidensgefährten fehlte es uns nicht. Viele hun dert Menschen hatten hierhin ihr Hab und Gut gerettet. Unter Vlatten, Zelttüchern oder provisorischen Lehmhütten hatten sie sich einquartirt. Wie ein unruhiger Ameisen haufen war die kleine Erdscholle schwarz bedeckt. Welch' ein Elend bedeckte diese Scholle. Nur der phlegmatische Chinese mit seinem tief eingewurzelten Glauben an's Fatum kann solche Schicksalsschläge so ruhig über sich ergehen lassen. Denn viel Trauer" konnte ich nicht bemerken. Die Männer rauchten, schwätzten oder spielten, die Weiber waren mit ihren Kindern beschäftigt, die nackten oder halb gekleideten Kinder tummelten sich zwischen den Hütten um her. Der Mandarin schickte von Zeit zu Zeit Brod und Waizen herüber. Ich unterhielt mich mit den Armen. Als der Strom durchbrach, war es Nacht. Mehrere Dörfer ivurden sofort weggespült, kein Mensch wurde gerettet. In einem Dorfe hatten sich 200 Menschen auf ein thurmähnliches Gebäude geflüchtet; auch dieses konnte den Wogen nicht trotzen und begrub unter seinen Ruinen die Armen. Stundenweit ein ungeheurer See, aus dem nur die Wipfel der Bäume auf ehemaliges Leben hindeuten! Ich wanderte zwischen den Hütten einher und traf in ziemlicher Entfernung von meinem Landungsplatz einige altchristliche Familien, die ebenfalls Alles in den Fluthen verloren hatten. Das Dorf war zerstört, die Kirche einge fallen, die Familien zerstreut. Mir war nun geholfen. Meine Siebensachen wurden herbeigeholt, ich wurde in eine Lehmhütte einquartirt. Trotz alles Elendes herrschte nun Freude und Jubel in dem kleinen Häuflein Christen. Ich las am folgenden Morgen die hl. Messe in der Hütte. Ein Fruchtkahn nahm mich am folgenden Morgen auf und vrachte mich nach stundenlanger Fahrt an festes Land. Nie mehr werde ich diese Stunden am Hoangho vergessen. XIV. Tas Blutbad in Dschaudjadschiiang. Einer der traurigsten Tage in der Missionsgeschichte Süd-Schantung's ist ver 2. November 1897. Ein furcht bares Gewitter, das schon lange drohend ichwarz über derStation Aschandjadfchuang (Südschanlung), auf welcher die Leiden PI\ Mes und Kcnle am 1. Nov. 1897 ermordet wurden.Mission schwebte, hat sich an diesem Tage entladen und zwei edle Missionare, die hochw. PP. Nies und Henle hin weggerafft. Trauriger Schicksalsschlag für die arme Alls- fion! Wichtig aber, insofern durch dieses Gewitter die "uft gereinigt wurde und ein Umschwung eintrat von Sei len der Regierung in Behandlung der Missionare und Christen. Auch mich hätte das Gewitter bald sortgerissen durch Gottes unendliche Güte blieb ich verschont als ein ziger überlebender Zeuge dieser Blut- und Rachethat der heidnischen Sekten. Durch eine eigene Fügung Gottes kamen wir am 2. November morgens in Dscbandjadschuang zusammen, P. Henle, um mir in einer Schwierigkeit und beim Feste zu helfen, P. Nies, um in einer besonderen Angelegenheit nach Zhauchien zu P. Penlen zu reisen. Es regnete, man konnte mcht weiter reisen. Lange hatten wir uns nicht gesehen und so plauderten wir bis in die späte Abendstunde hin- ein. Die Christen waren schon längst zur Ruhe an diesem wüsten Novemberabende, wir sangen noch einige Lieder mit Zitherbegleitung, übten zuletzt das lieguiem ein für den folgenden Allerseelentag. Das schöne Miserernini mei, miseremini mei, saltem vos amici mei, war das Schlußlied Bei dem Mangel an Betten überließ ich dem p. Nies mein Lager, ich selbst ging in ein kleines Privatzimmer zur Ruhe, das neben dem großen Thore lag. Die Gegend war ruhig, weßhalb wir jede Vorsichtsmaßregeln vernach lässigten. Schon seit Monaten hatte man in dieser Gegend nichts mehr von Räubereien gehört. Ich lag gerade im ersten Schlummer, als vor meinem Fenster ein Schuß siel. Räuber da! Fn einem Augen blick sträng ich an die Thüre, die ich nicht verriegelt hatte. Schuß folgte auf Schuß. Ein entsetzliches Schreien, als ob "osen Geister der Hölle losgelassen wären, tönte durch die Nacht. Mein Zimmer wurde durch den Fackelschein von außen vollständig erleuchtet, scha, scha! „Mordet, mor- öet!" rief die Bande. Da klirrten die Fensterscheiben des benachbarten Zimmers, Stoß auf Stoß erdröhnte gegen die Thure, endlich ein Trinmphgeschrei, dann ein furchtbares Gewrrre. Vor meiner Thüre stanben, wie ich hörte, zwei Niann als Wache. Ich hatte nichts zur Hand, als eine kleine Elsenstange mit der ich mich zur Wehre setzen wollte. Nicht lm geringsten dachte ich. daß man es auf's Leben abgesehen, vielmehr hielt ich das Ganze für eine Räuberei. Da kommt eine Bande aus dem Nachbarzim- mer und schreit nach mir „mit dem langen Barte" Mein73 Zimmer grenzte an die Sakristei. Dieselbe wurde erbrochen, ich hörte, wie die Bande fluchend durch die Kirche zog, vermeinend, daß ich geflohen. Einige Augenblicke, dann war Todtenstille. Die Christen hatten sich vereinigt und gingen auf die Mörder los. Ich höre ein trauriges Röcheln im Nebenzimmer. Trotz aller Gefahr eilte ich hinaus, um den Mitbrüdern eventuell zu helfen. Noch immer dachte ich nicht an das Schrecklichste. Da kamen die Mörder zurück, um auch mir noch „die Haut abzuziehen". Ich war unschlüssig, wich aber nicht. Zwei Mann standen vor mir mit Lanzen in der Hand, ich rief ihnen zu — es ivaren Christen, die kamen mich zu be schützen. Wir gingen in das Zimmer; ach, welch ein An blick! Das Zimmer eine Blutlache. Auf einem Bette lagen btc beiden Herren, P. Henle noch röchelnd, P. Nies wahr scheinlich schon tndt. P. Nies war zu P. Henle geflüchtet, und wie gute Freunde im Leben, fanden sie auch im Tode sich wieder. Ich sah nach den Wunden, es war keine Hoff nung mehr, Henles Augen waren schon gebrochen, ich rief den Herren zu. ich bat sie um ein einziges Wort, keine Antwort mehr. Ich gab ihnen in Eile die letzten Sakra mente, dann war Stille, Todtenstille. Die Christen weinten und klagten. Ich selbst siel vor Erschöpfung zusammen. Nachdem ich mich mit Hilfe der Christen erholt, schrieb ich Briefe an den Mandarin und nach Ziningdscho an den hochwst. Herrn Provicar. Das Zimmer sah geradezu schrecklich aus. Der Boden war. mit Blut bedeckt, selbst die Wände zeigten Blutspuren. Alles war geraubt oder zertrümmert. Die Nacht brachte ich in diesem Raume zu. Eine schreckliche Nacht. Wie lang sam verschwanden die Stunden! Nie in meinem Leben werde ich diese Todtenwache vergessen. Zwei meiner theuer- sten Mitbrüder, meine Gäste lagen da, vollständig im Blute, gestorben an meiner statt. Endlich brach der Morgen an. Ich las die hl. Messe. Wahrhaftig ein trauriges Aller seelenfest! Die Christen waren trostlos. Selbst die Heiden des Dorfes weinten und klagten. Gegen Mittag kamen die Mandarine, um die Leichen zu besichtigen. Auch sie wein ten, auch sie hatten in den theuren Verstorbenen „Freunde" verloren. Abends kamen auch der hochwst. Herr Provicar und mehrere Patres, denen ich Nachricht gegeben, an. Tausende und Tausende von Menschen strömten herbei, wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet. Bei der Leichenschau sah man erst, mit welcher Wuth die Mörder verfahren. Jeder mußte sich sagen, daß Feind-76 schaft oder Rache hier im Spiele waren. P. Nies zählte 13 schwere Wunden, P. Henle 9, sämmtliche waren direkt aufs Leben abgesehen. P. Nies war der Kaps zerspalten. Arm und Lunge vollständig durchstochen, der Unterleib zeigte mehrere Wunden, selbst die Beine waren geradezu mit größeren oder kleineren Wunden bedeckt. P. Henle hatte die meisten Wunden am Unterleib, die Finger der beiden Hände, mit denen derselbe wahrscheinlich das Messer gefaßt, waren fast abgeschnitten. Die Herren wurden in Särge gelegt und auf das Landgut der Mission, in die Nähe Ziningdscho's gefahren. Die nächsten Tage vergingen mit Einfangen von Räu bern. Innerhalb 3—4 Tagen wurden ca. 40 Mann ge- fangen. — alle unschuldig. Erst nach 8 Tagen kam man auf die richtige Fährte. Es wurden geraubte Sachen ge sunden. Räuber eingefangen, die sich als schuldig bekann- ten. Ob es die richtigen sind? — Die Volksstimme ver neint es, und wer die Art der chines. Justizpflege kennt, wird zweifeln. Ein schweres Geheimniß liegt dunkel über der Blutthat. Nach Wochen endlich erfuhr man, daß Alles ein Werk der dadohui „der Gesellschaft vom großen Messer" war, eine geheime heidnische Sekte, die den? Christenthum sehr feindlich ist und schon im letzten Jahre die große Ver folgung in Schenchien angezettelt. Der Anführer war Dschau-tien-dyi, ein Greis von über 70 Jahren. Mit mehr als 100 Mann war er vom Norden gekommen, hatte einige Tage vorher in Leanchaen die Kirche ausgeplündert, hat aber H. P. Ziegler, der gerade abgereist, nicht ge troffen. 500Loth Silber sind von der Regierung auf seinen Kopf gesetzt. Dank der deutschen Regierung ivurde die Sache hier ernst genommen. Wie diese dieselbe besorgte, ist ja hin länglich aus Zeitungen bekannt. Hier im Innern fürchtete man wirklich, daß die deutschen Soldaten Rache nähmen. Alles ist Fügung Gottes! Längst hatte der Vicekönig durch seine hinterlistigen Ränke diese That vorbereitet. Er wollte als Europäerfresser uns Alle, auch die Kaufleute, aus dem Lande vertreiben. Gott hat es anders gefügt, beider mußten aber die beiden Missionare doch den Ränken dieses Menschen erliegen. H. P. Nies war über 13 Jahre in China thätig und hatte schon viel, viel erlitten, viel auch gearbeitet im Wein berge Gottes. H. P. Henle war seit 9 Jahren hier und stets in dem wildesten Gebiete, Zhaudschofu beschäftigt. Er hatte besonders durch seine Klugheit und sein außerordent-77 liches Sprachentalent, verbunden mit großer Frömmigkeit, eine große Zukunft vor sich. Gott hat sie zu sich genom men. Fiat voluntas Dei! Ich bin nun schon das zweite Mal in diesem Jahre einem solchen Tode entgangen. Ob auch das dritte Mal? — Seither führe ich ein recht abenteuerliches Leben. Man hat mir durch Zettel gedroht, vor dem 15. des 12. chines. Monates mich zu morden, man soll selbst Pferoe gekauft haben, um mich unterwegs zu fangen. In gefährlicheren Gegenden nehme ich Soldaten mit. Nachts bin ich stets von den Christen bewacht, in kleinen Gemeinden suche ich heimlich Abends ein Versteck auf, gewöhnlich bei den ärmsten Christen, sei es in der Kirche oder im Stalle oder in einer anderen Hütte. Ich vertraue aus Gottes Schutz, ohne dessen Willen mir nichts geschieht. XV. Drei Tage Gcfailgcnschast in Tjaetou. Liebe Eltern! Ihr werdet, gute Eltern, gewiß auch von mir selbst die Ereignisse erfahren wollen, die Ihr wohl schon längst aus andern Berichten kennt. Ich erinnere mich nicht gern dieser Tage. Blutverlust und noch jetzt übrig gebliebene körperliche Leiden haben mich sehr nervös gemacht, sodaß ich bei Erinnerung mancher Einzelheiten jetzt noch unwill kürlich zittere. Ich werde wohl noch Monate, vielleicht Jahre lang 'an den Folgen dieser Mißhandlungen leiden. Wäre ich doch damals gestorben! Ich glaube, daß ich gut mich vorbereitet hatte in jenen Tagen. Und nur meines christlichen Glaubens wegen und weil ich Missionar war, hatte ich das Alles zu leiden. Durch die übermäßigen Schmerzen, körperliche und seelische Leiden war ich gleich sam stumpf geworden gegen die Außenwelt. Kleinere körperliche Foltern machten keinen Eindruck mehr, Schimpfen und Schmähungen ließen mich kalt. Ich war erst seit zwei Tagen in dem mir neu zuge wiesenen Missionsdistrikt. Um meine Christengemeinde kennen zu lernen, reiste ich Dienstag 10. November nach Tjaetou, einer kleinen Gemeinde mitten im Gebirge, unweit78 der deutschen Interessensphäre. Ich sand die Christen in Aufregung. Man wollte in dem Bezirke das Christenthum nicht zulassen. Schon früher hatte der Mandarin, im Nerein mit den Gelehrten, einem meiner Vorgänger P. Bartels einen Brief geschrieben, worin er bat, nicht in ihr Land zu kommen, sie hätten mit der Lehre des Konfuzius genug. P. Gebhardt mußte vor wenigen Jahren flüchten man zündete die Kirche an, vertrieb die Christen. Seither war es ruhiger geworden, und von allen Seiten meldeten sich Leute zum Christenthum. Eben weil wir noch so un bekannt waren mit Land und Leuten, konnten wir auch nicht genügend untersuchen, ob die Christen alle gute Leute waren und die Regeln hielten. Wir hatten keine Nieder lassungen, der Priester konnte nur alle zwei, drei Monate dieselben besuchen. Auch unter den Christen von Tjaetou waren einige, die uns keine Ehre machten und die unseren guten Namen mißbrauchten. Ich hatte das von meinem Vorgänger er fahren und begab mich dorthin, um dieselben zu ermahnen, resp. aus der Kirche auszuschließen. Es war gerade großer Markttag in dem 1 li entfernten Tjetonzi. Ungeheure Menschenmassen hatten sich versammelt. Ich hatte Soldaten des Mandarins bei mir, und ohne auch nur einmal ge schimpft zu werden, zog ich durch die Menge. Es war nie ein Europäer in diese Gegend gekommen. Nach meiner Ankunft bei den Christen schickte ich sofort Leute aus, die Dorsvorsteher der benachbarten Dörfer zu mir zu bitten und ihnen meine Visitenkarte als Begrüßung zu schicken. Auffallend kam nur ein einziger, gerade der, dessen Leute spater mich auch nicht angriffen. Es war das ein schlechtes Zeichen, und ich ließ daher durch den Anführer der Soldaten, die der Mandarin mir zum Schutze beigegeben, einen Diener des Mandarins (ölie) rufen, um ihn dieserhalb zu fragen. Er entschuldigte sich, wuja kungfu, er habe keine Zeit. Also, der, der mich beschützen sollte, hatte nicht einmal Zeit, mich zu sprechen. Ich gab ihm wieder Nachricht, er brauche nicht zu kommen, ich werde in der Stadt mich mit seinem Prinzipal auseinandersetzen. Das half. Sofort erschien der junge Mensch, entschuldigte sich tausendmal und erklärte mir, es sei gar nichts zu fürchten re, Unterdeffen muß aber schon eine Machination in Stand gesetzt worden sein. Die Christen erhielten Nachricht, man versammele sich und wolle uns Nachts überfallen. Ich er munterte sie und verbot ihnen auch, bei mir im Zimmer und Hof zu schlafen, um sie zu ermuthigen.79 Die Nacht ging ruhig vorbei. Ich las am Morgen die hl. Messe und rüstete mich zum Aufbruch. Da kam ein Heide aus der Nachbarschaft, um seine in Tjaetou ver heiratete neuchristliche Schwester abzuholen. Er sagte, es seien mehrere Tausend Menschen in dem 1 Stunde entfernten Fanze versammelt, um mir aufzulauern und das Christen- dors zu vernichten. Kurz nachher kamen schon Leute, die meldeten, die umliegenden Berge würden besetzt, man höre schießen. Ich ging selbst vors Dorf, ermunterte die Frauen und Kinder auf der Straße, die sich mir weinend und jammernd entgegenwarfen. Wirklich in mehreren Reihen umzingelte man in der Ferne das Dörfchen. Sofort gab ich dem olie Nachricht, der auch mit seiner Begleitung, 8 Mann, ohne Waffen, herbeikam und den Leuten entgegen ritt. Immer näher und näher rückte die Bande dem Dorfe, immer drohender wurde das Geschrei und Geheul, immer häufiger fielen Schüsse. Sollte ich fliehen? — Man bat mich zu bleiben, die armen Leute hofften in mir Schutz. Konnte ich meine Heerde im Stiche lassen und das Weite nehmen? Die Christen waren kopflos geworden, mein Kate chist desgleichen. Die Straße wurde verbarrikadirt, große Gewehre, Lanzen und chines. Kanonen herbeigebracht. Ich hätte Mühe, sie vor dem Schießen zu bewahren. Wir waren in der Minderzahl und hätten durch einen Schuß unwiederbringlich unser aller Verderben heraufbeschworen. Der ölie kam zurück. Traurig meldete er mir, die Aufständischen verlangten meine Auslieferung und 6 Chri sten. Ich stellte mich bereit, hinüberzugehen, als ein Ge lehrter kam und sagte, ich brauche nicht zu gehen, 6 Christen allein sollten gehen, es geschehe ihnen nichts. Der Christen vorsteher hatte die Schuld, das Christenthum hier einge führt zu haben, ihn und die 5 ersten Christen verlangte man. Ich war ja erst 2 Tage in der Mission, vollständig unbekannt, daher sollte ich frei sein. (Es sollte die ganze Geschichte nur dazu dienen, mich einzuschüchtern, die An- . führer wollten mich nicht mißhandeln, waren aber später nicht Herr mehr über ihre Horden.) Ich rief die Christen und ermahnte sie, überzugehen, natürlich dursten sie ihren Glauben nicht verleugnen. Ich vermuthete, daß sie auch auf unfern guten Namen hin Heiden Unrecht gethan und befahl ihnen, dieses Unrecht gut zu machen. Gerade die ses wurde nach Außen auch als Grund der Gefangen nahme angegeben. Aber nur 3 Christen wagten mit den Banden zu verhandeln. Ich stellte mich daher selbst wie der zur Verfügung, man wollte mich nicht. Natürlich80 fonnte ich den Christen nicht befehlen. Draußen wurde die Atmung immer drohender. Das Dorf war umzingelt Äian schrie nach den Christen, eventuell werde man ^an- grerfen, die Christen wollten sich vertheidigen, ich muhte Snen und bitten - ach. es war eine schwere Swnde Zuletzt gmgen die 6 Christen zu den Heiden über, um dort zu verhandeln und sie nach ihrem Begehr zu fragen. Dort wurden sie sofort gebunden. Ein junger Christ wollte sich nicht binden lassen. Der Vorsteher er- mahnte ihn: „Laß Dich nur binden, der Priester wird schon Rache für uns nehmen." J Kaum war das Wort gefallen, als ein furchtbares 8 ". .R-ch-, Rache! Tl-d.n den s ,> ■ A°cht ihn nieder! usw." Was war vorqefallen^ kem Diener kam herbei: „Priester, sie -vollen letzt noch I"mme mir schnell nach." Ich ging schnell demsell en nach in eme kleine Gasse, — es -var eine Sackgasse wehr möglich. E-ne christliche Frau rief mich ™ ^ ^a"llin. Schon umschwärmten die Schaa- Lause^mÄ ""•* P UC ^ enb ÖCt§ H°us. Der Mann des Hauses führte mich m einen verborgenen Winkel. Schon |g£ e hl 1 ™ Nachbarsfamilie eingebrochen. Da. dröhnend sielen die schwachen Thürflügel meines Hauses ein die L" ® r »US» Ä™ bÄtaw’fB&f 9 "“* 1 """ "Ui>°"bUckUch stubewaffnet, wie ich war, trat ich aus dem Veriteck heraus, ^ch wollte den Menschen einige Worte sagen doch man horte mich nicht. Einer ergriff mich am Barte 30%)Tann w dj r< n Öe " kleinen Hof herein. Es waren circa Eck?^s mich losschlugen, mich aus einer Ecke in die andere stiegen. In einem Augenblicke war ick, meiner Kleider bis aus die Unterhose beraubt, die Hände aus dem Rucken gebunden. Mit langen Säbeln schlug wan mir vor die Schienbeine, mit Lanzen stieß man mich f 0 a wich über den Kopf, ich -var bewußt- los. Ich sollte mich dann aufrichten, ich konnte nickt ausru steckten 'T ÜOr öie Augen, um sie mir EHM AUS mich ein anderer wieder anderswohin. Man trat mich mit Fußen, ein Schlag sollte mir die -Füße abhauen, streifte aber nur die Zehen. Stückweise riß man Alle^ da" und Zopf aus usw. Es ist unmöglich, das “Äft ®T Setttn Wtdlt ' >it,m6 81 Endlich kam ein Anführer und gebot Einhalt. weiß nicht, wie ich überhaupt lebend aus diesem Gemetzels gekommen. An einem Stricke wurde ich dann durch's Dorf ge führt. Am Ende desselben standen gegen 50 Mann in Spalier aufgestellt, mit langen Lanzen und Knütteln be waffnet. Ich wurde zwischen die Bande geworfen und mußte Spießruthen laufen. „Hier haben wir ihn, der unser Land erobert", rief mein Führer. Ich fiel unter den Streichen zusammen, man riß mich wieder auf und schleppte mich vor's Dorf. Ich sollte aufgehängt werden. — Ein Knabe kletterte aus einen Baum und befestigte den Strick. Da kam andere Ordre, ein Strick wurde mir um die Füße' geworfen, und ich fiel vornüber auf die Brust. Hände und Füße wurden in einen Knäuel zusammengezogen aus dem Rücken so fest, daß ich glaubte, die Glieder gingen ab. Mit einem Fuße trat der Mensch die Schlinge zu. Dort mag ich eine Stunde im Sande gelegen haben. Ach, welch ein Seelenschmerz, welch eine Folter! Hunderte von Menschen, Greise und Kinder, umringten mich, schimpf ten und spotteten. Den ganzen Unrath chinesischer Schlech tigkeit ergossen sie aus ivrem Munde über mich. Ich pre digte ihnen einige Worte, sagte ihnen, weßhalb ich eigent lich nach China gekommen, Eltern und alle Liebe in der Heimath verlassen, — Hohngelächter und Schmähungen waren Die Antwort. Die Wunden schmerzten, vom Kopfe rieselte unaufhör lich Blut in den Sand; ich hatte Athemnoty, ganze Blut ballen mußte ich ausspucken, endlich lag ich fast ohnmächtig da. Ich dachte an die Ewigkeit, ich dachte an meine lie ben Mitbrüder, Henle und Nies, die gerade ein Jahr vor her vor meinen Augen verblutet, — ich dachte an meine guten Eltern, — ich betete, o ich konnte so gut beten in jenen Augenblicken. Da kam einer der wildesten Henker und rief dem Volke zu, es sei beschlossen worden, mir bei lebendigem Leibe die Haut abzuziehen und mich dann zu köpfen. Allgemeines Freudengeschrei! Er wetzte sein Messer auf meinem Rücken und begann in's Fleisch einzuschneiden. Dann nahm er den Säbel und schnitt mir in den Hals. Doch plötzlich schnitt er die Stricke los und riß mich auf die Beine Wie besinnungslos taumelte ich im Kreise umher. Ich verlor dabei sogar mein einziges Kleidungsstück und mußte knie fällig bitten, mir doch dieses wiederzugeben. Nun ging's weiter. An einem Stricke wurde ich An-82 s' -gs geführt, später losgelassen. Mich hielt die Aufreg ung aufrecht. Ungefähr eine Wegestunde weit mußte ich über Berge, durch Flüsse, durch Dörfer, allgemein das Ge- spötte der Menschen. Selbst Frauen und Mädchen schäm ten sich nicht, mich zu betrachten. Ich konnte da so recht die heidnische Schlechtigkeit erkennen. Ging ich schnell, er- hielr ich Schläge, ging ich langsam, wurde ich auch ge schlagen. Mußte ich über Flüsse, ging ich absichtlich durch's Wasser, um mich abzukühlen. Gegen Mittag endlich langte ich in einer großen Pagode an und wurde dort vor derselben an eine Säule gestellt. Die gefangenen Christen saßen vor mir, ich m.ißte stehen, ihnen war nichts geschehen. Sie durften trinken, mir wurde selbst ein Trunk Wasser versagt; ihre Fesseln wurden ge lockert, die mei.ngen nicht. Ich bat um ein Hemd, Hohn war die Antwort. Mitten in der Sonnenhitze stand ich so wohl zwei Stunden lang da, ich weiß nicht, wie ich das ausgehalten habe. Endlich kam ein Greis, oer mir die Fesseln loser machre; die Stricke waren in's Fleisch ge drungen und schmerzten furchtbar, da sie herausgerissen wurden. Die Zunge klebte mir am Gaumen, der Greis brachte mir in einem Eimer Wasser, ich mußte zum Ge- spötte der Zuschauer trinken wie die Thiere. Endlich durfte ich mich auch setzen. Ich fiel in Fieber. — Gegen Abend wurde ich in die Pagode geschleppt und dort vor einem Götzenbilde auf den nassen Boden nieder gelegt. Links von mir lagen die Christen auf Stroh, rechts von mir die Diener. Ein zerlumpter Junge wurde uns zur Bedienung gegeben, während die Anführer und das Volk mit den den Christen geraubten Schweinen Freuden schmaus hielten. Der Mensch machte nach Außen den Ein druck eines Lümmels und Halboerrückten, doch behandelte er mich im Vergleich zu den Anderen ausnehmend gut. Er gab mir seine alte, zerfetzte Decke, die mir zwar nur den Oberkörper bedeckte, er löste heimlich meine Fesseln unter der Decke gänzlich, doch so, daß ich selbst dieselben zu jeder Zeit wieder festziehen konnte. Nachts wurde eine Wache organisirt. Gegen Mitternacht kamen die Häupter und erkundigten sich näher über mich. Ich nahm die Ge legenheit wahr, ihnen zu predigen. Ich bat sie später um Verbindung meiner Wunden, um eine Decke, erhielt auch schöne Worte, doch keine Thaten. Ich zitterte am ganzen Leibe und bat die Christen um ein Hemd, — vergebens. Ich bat sie zweimal, dreimal — keine Antwort. Da zün deten die Heiden ein Feuer an, um mich anzubrennen. Ein6 * 83 Narr saß vor mir, dem ein junger Mensch sein eigenes Messer gab, um mich damit zu tödten. Wohl zwei stun den lang habeich diesem Menschen unverwandt in die Augen geschaut. Mehrmals stachelte man ihn auf, er lachte er griff nach oem Mess er. ich hielt ihn mit meinenBlicken in schach Endlich brach der Morgen an. Was sollte dieser Tag' wohl bringen? Die Christen wurden aufgerufen, ihre Fesseln enger gezogen. Auch ich sollte mich erheben.' Ich konnte nicht mehr aufstehen. Die Wunden an Faßen und Beinen waren geschwollen, die beiden durchstochenen Arme schmerzten, der Rücken war steif. Man riß mich auf ich fiel wieder zusammen. Langsamer ging man dann zu Werke, ich erholte mich etwas. Da hätte ich dou, gedacht daß man Erbarmen mit mir habe. Wir sollten auf die Spitze des Berges. Ich sagte entschieden, daß ich nicht werter könne, man solle mich hier todtschlagen, doch un- barmherzig stieß man mich vorwärts. Ein Heide aber gab mir sein eigenes Hemd, dem Christenoorsteher wurden ge waltsam die Schuhe ausgezogen und mir gegeben. Ich habe in meinem Leben nie einen ähnlichen Berg bestiegen Steil, fast senkrecht ging's hinauf. Vorn zog man an einem Strick und hinter mir stieß man mit Stöcken. In der Mitte des Berges war eine hohe Mauer gebaut, ein Schutz wall zu Zeiten der Revolution. Mehrere Stunden hat der Aufstieg gedauert. Endlich standen wir vor zwei Riesen quadern. senkrecht über uns erhob sich ein kleiner Götzen tempel. Die beiden Quader lagen schräg über einander es war ein Loch durch sie gebrochen, durch das wir kriechen mußten, um endlicki auf der Spitze anzulangen. Wie schon gesagt, krönte ein kleiner Tempel die Spitze. Feierlich gaben die Heiden den Götzen die Verehrung, bevor wir in die Pagode eingelassen wurden. Wir waren die Opfer. Ich ftel ohnmächtig zusammen. — Wie lange ich dort gelegen habe, weiß ich nicht. Als ich die Augen aufschlug, mag es 10 Uhr gewesen sein Eben war man beschäftigt, die Christen unter sich anzu binden, mein Diener wurde vor das Fenster in der Sonnen hitze festgebunden. Nun kam auch die Reihe an mich. Von neuem und fester band man die Hände auf den Rücken, beseitigte einen Strick daran, den man über einen Balken warf, und zog mich in die Höhe. Es war mir, als ob die Arme aus den Gelenken gingen; noch etwas höher, und meine Arme waren gebrochen. Ich fragte meinen Henker, weßhalb doch alle diese Tor turen. Wollten sie Geld zur Auslieferung, es würde ihnen84 sicher gegeben, wollten sie mich lobten, so sollten sie es doch bald thun. Ich wurde gar keiner Antwort gewürdigt. Lange konnte ich es nicht mehr aushalten, ich bereitete mich auf den Tod vor und ermahnte auch die Christen, standhast zu bleiben. Jetzt hörte ich, der Mandarin sei gekommen. Da man schon zu weit mit mir gegangen, wollte man auch dem Mandarin Aufruhr machen, in allgemeiner Revolution kämen sie am besten weg. Ich könnte, wenn ich die Freiheit hätte, die Soldaten von Tsintau rufen und Rache nehmen usw. usw. Die Schmerzen wurden fast unerträglich. Da kam Hilfe. Einer der Anführer kam mit zwei Beamten des Mandarins auf den Berg. Zunächst schnitt er die Stricke durch und setzte mich auf den Boden. Als ich das erste gute Wort da hörte, das erste Trosteswort, fiel ich in ein Weinkrampf. Ich weinte und weinte, schluchzte laut auf und konnte mich nicht halten. Der Anführer war noch zweifelhaft, ob er mich sofort vom Berge herunterholen konnte, doch die guten Worte der Beamten ließen ihn bewegen. Mit unendlicher Mühe kam ich herunter. Auf der Mitte des Berges angelangt, hatte man uns unten bemerkt und sofort erscholl ein Fluchge schrei, ich müsse oben bleiben. Gegen 100 Mann kamen mit Lanzen und Schwertern uns entgegen. Einer der Be amten ging deßhalb voraus, um zu unterhandeln, während ich mich auf den Felsen setzte. Lange dauerten die Ver handlungen, der Anführer selbst mußte noch hinuntergehen, um endlich zu erwirken, daß ich in die große Pagode herab geführt werden dürfe. Mein armer Diener aber mußte wieder zurück zu den Christen auf die Bergesspltze. Beim Herabsteigen vom Berge wurde ich mehrmals ohnmächtig. Ein Mann faßte mich vorn an der Brust, ein zweiter zog nach hinten, zwei stützten mich unter den Armen. Am Nachmittage langte ich wieder in dem Tempel an, den ich am Morgen verlassen hatte. Ich konnre nun überhaupt nicht mehr gehen. Immerfort erfaßte mich ein Schwindel, die Wunden schwollen an. Und nun begannen die Ver handlungen. Einen ganzen Tag noch bedurfte es, um die Menschen zu befriedigen. Tausende von Menschen waren herbeigeftrömt. Die Anführer der Bande waren in Ver legenheit gerathen. Sie hatten mich eigentlich nur ein schüchtern wollen, daß ich nicht mehr dort missionire und konnten nun nicht mehr Herr werden über ihre Horden. Daher mußte ich auch die vielen Martern bestehen. Sie85 fürchteten aber nun die strafende Gerechtigkeit, fürchteten auch Deutschland, an dessen neuesten Kolonial-Grenzen die That geschehen. Die einen wollten mich daher einfach töd- ten, die andern wollten Frieden sprechen. Letztere Partei siegte. Lange schwankte der Kampf und bange Stunden mußte ich noch erleben. Ich Unterzeichnete dann endlich ein Aktenstück, daß ich ihnen keinen Prozeß später machen werde. Am Morgen des dritten Tages endlich waren alle An gelegenheiten geregelt. Der Mandarin hatte eine Sänfte geschickt, um mich abzuholen. Doch wieder entstanden Schwierigkeiten. Die Räuber und das schlechte Gesindel wollten von Neuem meinen Tod. Da aber traten die Besseren vor, mit dem Säbel in der Hand machten sie Bahn. Als ich endlich in die Sänfte einstieg, erscholl ein Geschrei, als ob die ganze Hölle losgebrochen sei. Das ganze Volk zog schreieno hinter mir her. Vor Tjaetou an gelangt, woselbst der Mandarin weilte, stand eine Bande von vielleicht 100 Mann aufpostirt, die mich nicht weiter ziehen lassen wollte, und beinahe hätte es einen Kampf noch abgesetzt. Die Guten siegten. Hinter mir flogen die Lanzen durch die Sänfte, verletzten mich aber nicht. In Tjaetou wurde noch vom Mandarin verlangt daß er die Christen schlage. Jeder der gefangenen Christen er> hielt 800 Stockstreiche. Sie wurden zum Schein vom Man darin gebunden in die Stadt geschickt. Gegen Abend gab mir der Mandarin Bescheid, daß ich noch zur Stadt auf brechen solle. In einer Sänfte wurde ich getragen und kam gegen 4 Uhr Morgens im Mandarinate an. Sofort wurden meine Wunden gewaschen und verbun den. Ich hatte starkes Fieber. Husten, die Anzeichen einer schweren Krankheit. Der Mandarin gab mir Medizin die ausgezeichnet wirkte. Nach 7 bis 8 Tagen kamen die Herren P. Wewel und Froewies von Jtschoufu (150 Km. entfernt) Herr P. Provicar kam nach 10 Tagen mit einer kleinen Dampspinasse an im Hafen (9 Km. v. d. Stadt). Einige Herren aus Tsintau holten mich ab. Feierlich brachte mich der Mandarin an's Meer. Gegen Abend, nach 8stündiger Fahrt, langte ich im Hasen von Tsintau an. Die Wunden heilten schnell, mit Ausnahme derjenigen am Fuße Am Schlimmsten waren die Quetschungen und Schläge mit Knütteln. Ich zählte 15 schwerere Messer- und Lanzen wunden. Nach etwa 2 Monaten konnte ich ohne Stütze gehen, doch werde ich vielleicht mein Leben lang die Fol gen tragen müssen. Die Knochen schmerzen jetzt noch immer86 der Rücken ist voll Rheumatismus, ein Finger der rechten Hand ist durch das Binden schwer verletzt. — Die Gelehrten wollen das Christenthum nicht in Git- schau. Da andere Mittel nichts fruchteten, griffen sie zu diesem Mittel. Doch sie sollten sich täuschen. Hätten sie mich auch todtgeschlagen, zehn Andere wären für mich ein getreten. So aber will ich selbst noch, so Gott es zuläßt in Gitschau Stadt und auch in Tjaetou das Kreuz auf pflanzen. Also um mich seid unbesorgt. Betet für mich. XVI. Quer durch Süd-Schäntuug. Die chinesische Provinz Schantung hat durch die Be setzung von Tsintau und der Kiautschou-Bucht in Deutsch land größeres Interesse erregt. Deutsches Militär hält das Thor derselben im Osten bewacht, deutsche Konsortien haben sich gebildet, um die reichen Schätze derselben zu heben und deutsche katholische Missionare arbeiten schon längst im südlichen Theile, um Religion und Kultur zu verbreiten. Waren deutsche Reisende früher nie im Innern Schantungs gesehen worden, so sind dieselben seit der Be setzung Tsintaus den Zopsträgern keine Seltenheit mehr, v. Richthofen hat vor Jahren einmal einen Streifzug durch die Gebirge gemacht, nach ihm ist Konsul von Seckendorf nach Jentschoufu gegangen, wurde aber schimpflich genug behandelt und mußte gleichsam flüchten. Seit einem Jahre häufen sich die Besuche immer mehr, und geiviß trugen die Schilderungen der Reiseerlebnisse dieser Herren viel bei zur allgemeinen Kenntniß und Erschließung der Provinz. Im Folgenden möchte ich die Thätigkeit der deutschen kathol. Missionare schildern int Zusammenhänge mit einer Reise, die ich aus dem äußersten Westen nach Tsintau, dem äußersten Osten, machte. Gerade jetzt wird es die Aufgabe der kath. Missionen sein, mächtig Hand anzulegen. Je mehr das Land erschlossen wird und dem europäischen Handel zugänglich, um so mehr muß gearbeitet werden, daß die wahre Kultur, die nur mit dem Christenthum aufblühen kann, Eingang findet. Möchten es die deutschen Katholiken nicht verkennen, welche Aufgabe die Mission in China hat. Wie hat es Japan gegangen? Mit dem Umschwung der87 Dinge trat ein Jndisferentismus ein, der das Land einmal zum Ruin führt und der jede Missionsthätigkeit fast un fruchtbar mackt. Mit Vertheilen von Bibeln und Traktätchen, die der neugierige Orientale verschlingt, zieht noch kein Christenthum in's Land, dazu gehört gründliche Arbeit, Umkehr von verderblichen Sitten und Gebräuchen. Ich war bis dahin in dem „Räuberlande" Zhandschoufu thätig. Es ist ein fruchtbares Gebiet und verhältnißmäßig blüht Wohlstand dort. Aber ein wildes Volk bewohnt diese weiten Ebenen. Räubereien sind an der Tages- resp. Nacht ordnung, Revolutionen sind von hier ausgegangen und haben immer hier viel Anhänger gefunden. Das Volk ist wild, aber hat Charakter und unterscheidet sich dadurch wesentlich von seinen Nachbarn und dem Durchschnitts chinesen. Raufen und Schlagen sind an der Tagesordnung; Gewehre, Waffen sind die gewöhnlichen Spielzeuge, aber ihr Muth ze chnet sie auch aus vor den anderen „gelben Sklaven". In manchen Gegenden gibt es fast kein Dorf, das nicht seine berühmten Räuber hätte, und soll der Mandarin Iö allein während seiner dreijährigen Amts zeit deren 5000 zu Tode befördert haben. „Die Alten waren todt, die Jungen folgen ihnen im Handwerk nach." „Un kraut vergeht nicht", sagen die Leute. Die Missionsthätig- keit ist daher sehr gefährlich hier. Jast alle Missionare, die das Gebiet verwalteten, wissen davon zu erzählen, und auch ich habe genug Erfahrung gemacht. Meine älteren Kate chisten und selbst Katechistinnen wurden schon alle beraubt und überfallen. Der Tod der beiden Patres Henle und Nies ist ja auch in diesem Gebiet erfolgt. Aber wegen des festen Charakters und einer natür lichen Anlage und Liebe zu bestimmtem Gottesdienst (das Sektenwesen ist allgemein) findet auch die kath. Kirche gerad' in diesem Gebiete ihre schönsten Erfolge. Tschantjat- schuan, der Schauplatz des Massakre im vorigen Jahre, war die erste Gemeinde. Sie ist zur Muttergemeinde ge-' worden von Hunderten anderer Gemeinden. Wie dort einst vor 15 Jahren die Bauleute der Kirche in der einen Hand Schaufel und Kelle und in der anderen die Lanze halten mußten, so hat^auch später fast jede Gründung einer neuen Station große Schwierigkeiten gemacht, aber dennoch wuchs das Christenthum zu einem ganz großartigen Baum heran. Vor 15 Jahren war nicht ein einziger Christ in jener Gegend, jetzt mögen vielleicht in 300—400 Gemeinden mehr als 10000 Getaufte unü 10—20000 Katechumenen den einen wahren Gott verehren. Ich konnte die Anmeldungen zum88 Christenthum nicht mehr überschauen. Zehn, fünfzehn De putationen kamen an einem Tage, um sich Katechisten von mir zu erbitten. Und diese Christen sind gute Christen. Was die Zhaufuaner einmal angefangen, das setzen sie auch gründlich durch. Mir fällt da ein Beispiel einer Gemeinde Tschoutjalou ein. Die Leute waren etwas lau, der Missio nar zeigte ihnen deßhalb sein Mißfallen, indem er nicht mehr dorthin ging. Oft ritt er am Dorfe vorbei, doch ging er nicht hinein. Die Neuchristen merkten bald den Pfeffer und stellten selbst sich Regeln auf. „Wer Abends oc>er Morgens nicht zum Gebete kam, mußte 5 Pfd. Oel geben." „Wer Abends nach dem Gebete nicht Gebete lernte, mußte 3 Pfd. geben." „Wer fluchre (ein chinesisches Laster), erhielt 50 Schläge auf die Hand." „Wer Karten spielte, erhielt 100 Schläge" u. s. w. Bald ivar es in der Umgegend bekannt geworden, daß die Christen von Tsch. sehr eifrig geworden. P. Henle ging deßhalb auch in das Dorf hinein. Mit welcher Freude er aber da empfangen wurde! In der Kirche angekommen, sah er die obige Gesetzestafel. Er fragte einen Knaben, ob er auch schon Schläge erhalten. „Ja." „Und du?" fragte^er einen zweiten. „Auch ich." „Aber wer hat noch keine Strafe erhalten?" „Alle", war die Antwort," außerdem N. N- haben Stockstreiche gekostet." Alte Leute, die sich vergessen hatten und mal wieder gründlich geschimpft, stellten sich freiwillig beim Karechisten zum Empfang der Strafe. Wahrhaftig eine sonderbare Methooe, die aber auch nur in Zhandschoufu möglich ist. Diesem Erfolge sind allerdings auch viele Leiden vorhergegangen. Es würde interessant sein, einmal eine Geschichte dieser Mission zu schreiben. Wie viele Opfer liegen nicht zwischen dem ersten Ueberfall des jetzigen Bi schofs in Zhaufu und dem Tode der beiden PP. Henle und Nies! Der Bischof wurde vor den Thoren der Stadt fast todtgeschlagen, P. Provicar Freinademctz in der Stadt Zhauhien durch die Straßen geschleppt, P. Bilstermann öfters von den Räubern mit dem Tode bedroht, P. Buis in dem Soldatenlager gefangen gehalten, P. Henle in Hoci von Räubern überfallen und geschlagen, P. Henninghaus mußte vor den Raubgesellen der^ekte vom „großen Messer" flüchten, P. Bücker, Henninghaus und Ziegler wurden in Schoutchan überfallen, auch ich habe mehrmals Bekannt schaft mit den Räubern machen müssen P. Henle und Nies endlich wurden so grausam ermordet. Im südlichen Zhaufu tobte ein Jahr lang die Nerfolgung. Sämmtliche Kirchen wurden vernichtet, die Christen verjagt. Mehr als89 20 Katechisten und 2 Katechistinnen wurden ausgeraubt. Kurz eine lange Kette von Leiden und Gefabren umgibt die Kirche Zhaudschoufu's, aber auch ein herrlicher Kranz von Gemeinden umgibt die erste Mutterkirche. Gottes furcht und Nächstenliebe sind an Stelle von Götzendienst und Haß getreten, Wahrheit und Recht haben die Lüge und Korruption verdrängt, Jungfräulichkeit und Sittsam- keit find aufgesproßt in diesem vorher so steinigen und versumpften Heidenboden. 8 Missionare können jetzt die Arbeit nicht mehr bewältigen, in 7 Bezirksstädten sind Resivenzen angelegt und mehrere Hundert Kirchlein und Gebetslokale dienen jetzt dem einen Gott zur Ehre. Gebe Gott, daß der herrliche Baum noch weiter und lange, lange Jahre, immer prächtigere, duftende Blüthen hervor bringe! Wegen des Mordprozesses in Tschantjakchuan hatte ich mir manche Feinde gemacht. Es waren Unschuldige vom Mandarin eingekerkert, die zwar Räuber und schlechte Sub jekte, aber am Morde der beiden Missionare nicht bethei ligt waren. Ihre Freunde glaubten die jetzigen Missionare verantwortlich zu machen. Die wirklich Schuldigen wur den auf mein Betreiben gesucht, auch sie wollten sich rächen. Der Bischof versetzte mich daher in den äußersten Osten der Provinz, 500 Kilom. von dort entfernt. Noch einmal besuchte ich meine Hauptgemeinden, um den Nachfolger einzuführen. Im Norden sah es eben traurig aus. Der „gelbe Fluß" war gerade aus seinen Ufern getreten, als ich in jener Gegend ankam. Meter hoch walzte sich die schmutzige Fluth aus dem höher gele genen Bette des Flusses über die Ebene dahin und mühte, vergrub Meilen weit Alles unter sich, was ihm in den Weg sich setzte. Ungezählte Dörfer fielen ihm zum Opfer, die Menschenleben, die er verlangte, sind unbekannt. Auch mehrere meiner Christengemeinden ivurden weggeschwemmt. Tausende und Tausende armer Flüchtlinge versammelten sich auf dem großen Damme, die oft nichts gerettet als das nackte Leben. Dort kamen Menschenleichen ange schwemmt, dort sah ich einen Ochsen, der am Halfter einen Menschenarm nach sich zog, dort lagen todte Rinder und verhältnißmäßig viele Frauen, die dem Element nicht entfliehen konnten. Manche waren ganz durchnäßt, Andere nur zur Hälfte; Alles schrie nach Hilfe. Ach, solche Noth muß man gesehen ha.>en. Der Mandarin bat mich u,n Brot oder Geld. Er bat um 200 Diau (250 Mk.) Ich konnte ihm das nicht geben, schickte aber mehrere chines.90 Doktoren und Apotheker hin, die Medizin vertheilten an die vielen Kranken. Innerhalb eines halben Monats konnte der eine Katechist 105 sterbende Kinder taufen. In der Nähe des Dammes hatte ich in diesem Jahre einen Thurm gebaut von ca. 10 Mir. Höhe. Das Wasser rauschte über die Zinnen hinweg, so hoch war die Fluth. Ich wollte gerne vor meiner Abreise in den Osten noch einmal Puoly sehen, eine altchristliche Gemeinde jen seits des Flusses. Aber niemand wollte mich übersetzen. Das Wasser war dort 50—100 Kilom. breit. Will man von Süd-Schantung schreiben, muß man von Puoly sprechen. Es ist die erste Gemeinde der Mission, eine altchristliche Gemeinde, die schon mehrere hundert Jahre besteht. 1882 wurde dem jetzigen Bischof I. B. von Anzer die südliche Hälfte der Provinz Schantung abge treten von dem damaligen Franziskanerbischof in Zinaenfu. Die einzige Gemeinde der ganzen Mission war Puoly mit ca. 150 Christen. Wenn man jetzt die Zahl der Getauften und Katechumenen auf ca. 40,000 rechnet, muß man sich wundern über den Erfolg, v. Anzer war allerdings auch hier an der Stelle. Man rieth ihm ab, diese „Wildniß" zu betreten, nach 1 Monat hätte er schon den Kopf ver loren, doch ihn kümmerte das nicht. Mit Gottvertrauen fing er an und arbeitete und kämpfte, bis er eine sichere Stellung errungen. Der große Erfolg ist ihm zu ver danken. Als von Anzer nach Puoly kam, war nichts da, wo er sich niederlassen konnte: er wohnte in einer christl. Fa milie. Bald harte er sich aus Lehm eine eigene Hütte er baut; bald hatte er aus Lehm auch ein kleines Gebetslokal errichtet. Das war der Anfang der jetzigen großen Residenz. Ich war vor einem halben Jahre dort und mußte staunen über diese Bauten und diese Einrichtungen. Eine schöne gothische Kirche er hebt sich in der Mitte. Dießseits der Straße liegen die Wohnungen des Bischofs und der Missionare, Speisesaal, in dem ein künstlerisch angelegter Pater das Missionshaus Steyl gemalt, Rekreationssaal und Bibliothekzimmer. Da ran schließen sich in einem großen Viereck die Küche und das Seminar, die zwei höheren chinesischen Schulen, das Knavenwaisenhaus. Ein dann sich anstoßendes Viereck enthält die verschiedensten Werkstätten und die Oekonomie. Das Ganze ist der großen Räubergesahr wegen wie eine kleine Festung gebaut, die Dächer sind flach, an den vier Ecken erheben sich Thürme. Jenseits der Straße ist das91 Mädchenwaisenhaus, in dem einige chinesische Jungfrauen die Aufsicht führen. In der Umgegend von Puoly hat sich ebenfalls ein ganzer Kranz von Gemeinden gebildet. Bei meiner An wesenheit in Puoly lernte ich so recht den Unterschied der altchristlichen und neuchristlichen Gemeinden kennen. Die einen haben den Glauben, der den anderen fehlt. Neu christliche Gemeinden und einzelne Christen können fromm und eifrig sein, und dennoch wird man sie von alten Ge- meinden, die vielleicht weniger nach Außen die Frömmigkeit zeigen, unterscheiden. Die einen sind Kindern, die anderen sind erwachsenen Männern gleich. Auffallend ist es in China, wie die Tugend der Jungfräulichkeit unter den Christen Anklang findet. Wenn auch die Heiden „Jung, frauen" achten und ihnen Ehrenbögen und steinerne Denk mäler setzen, so sind sie doch selten und vielleicht zweifel haften Kalibers; in christlichen Gemeinden finden sich fast immer Mädchen, die, dem Beispiel ihrer Katechistin fol gend, Jungfrauen bleiben wollen. Sie leben unter be stimmten Regeln zu Hause und unterrichten die Frauen. Puoly mag solcher Jungfrauen mindestens 10 haben. In dem Waisenhause werden die befähigteren Knaben zu Ka techisten ausgebildet, die anderen lernen Handwerke und Oekonomie; die Mädchen lernen die häuslichen Arbeiten. Wie den anderen Kindern, so müssen auch ihnen die Füße verkrüppelt werden, eine Unsille, die aber nothwendig ist, um die Kinder später zu verheirathen. Nicht wenig Last mag das bei so vielen Kindern sein. Die Waisenkinder werden aus dem ganzen westlichen Tyeile der Mission hierhin geschickt. In den ersten Jahren bis zum 6. Jahre werden sie in christlichen Familien unter- gebracht, später in's Waisenhaus geschickt. Wahrlich, „das Werk der Kindheit Jesu" hat in China schon Großes ge leistet. Allein in Süd-Schantung wurden durch dieses Werk bis jetzt über 90000 Kinder gerettet, die allerdings meist nach der Taufe in den Himmel gegangen sind. Wegen des großen Wassers konnte ich dießmal nicht nach Puoly reisen. Ich ritt vom gelben Flusse zurück über Tjasian nach Zining-Tjasian; meine erste Mission, meine erste Liebe interessirt mich noch immer. Der jetzige Missionar P. Dewes hat geradezu erstaunliche Erfolge. Das schöne Ländchen ist im Süden von herrlich geformten Bergen durchzogen, im Norden begrenzt es ein See. Wenn ich früher an den Usern des See's Abends mein Brevier betete und von Tschutja, Nantja, Jantja, Uantjazo, Sezuenpu92 u. s. w. die Glocken zum Abendgebete läuten hörte, dann dachte ich an den schönen Rhein oder an die Maas, dann erinnerte ich mich der Heimath, wo die Abendglocken Ruhe und Frieden sangen. Bei der letzten Visitationsreise des Bischofs sollen allein in der Stadt Tjasian sich gegen 5000 Christen versammelt haben. Es war ein schwerer Ritt von Tschantjatschuan nach Zining. Mehr wie in früheren Jahren war der Regen ge fallen, die Wege standen unter Wasser. Von den 40 Kilo metern mußte ich wohl 30 durch's Wasser machen. Mein Diener ritt vorauf. Er fiel mehrmals bei unverhofft tiefen Stellen oder Löchern in's Wasser, ich vermied diese Stellen dann. Doch einmal fand auch mein Pferd keinen Boden mehr, mit dem Pferde mußte ich schwimmen. Meine Hose, Strümpfe waren durchnäßt, die Tuchschuhe hatte ich ver loren, meine Decken und Meßsachen, die der Missionar in einem Sacke aus dem Pferde immer mit sich führt, waren auch mehr oder weniger beschädigt. Dank der Hitze trockneten die Kleioer am Leibe. Gegen Abend kam ich in Zining an. Uever Zining brauche ich nicht näher zu schreiben. (S. früh. Aufs.) Die Hl. Geistkirche ist vollendet. Eine In- schrist besagt, daß diese Kirche vom Kaiser selbst gebaut ist, zwei große Denkmäler erzählen uns aus kaiserlichem Munde die Mordthat von Tschantjatschuang in mandschurischer und chinesischer Sprache und Schrift. Seitdem ich den früheren Brief schrieb, ist ein großer Umschwung in der Stadt zu Gunsten des Christenthums vor sich gegangen. Die vier Vorstädte haben alle christliche Gemeinden, an Sonn- und Feiertagen ist die 800—1000 Mann fassende Kirche gefüllt. Da ich soweit zum Osten reiste, machte ich auch meinen todten Mitbrüdern in Dätjatschuan (1 Stunde von Zining) einen Besuch. Noch immer stehen die Särge über der Erde in einem Steingewölbe verborgen. Da nach chinesischer Sitte die Sühne nicht eher vollendet ist, bis die Mörder gefangen sind, können die Todten nicht begraben werden. Ein scharfer Schmerz durchschnitt meine Seele, mit Weh- muth und Trauer betrat ich das Bambuswäldchen, in dem die Todten liegen. Ich sollte dort liegen. — Die ganze Szene ihres grausigen Todes trat wieder vor mein Auge. Wehmüthig neigte ich mich an die kalten Steine des Gewölbes. Leise wehte der Wind durch die grünen Bambuszweige, ein Vöglein sang den Lieben ein süßes Liedchen zu, ach sie schla fen so ruhig, so still — — Mir war ba§ Herz so schwer, so übervoll von Leid, ich mußte weinen. Doch es waren93 Thränen, die Frieden bringen. Kann hier denn auch an deres wohnen als Friede? Kann hier denn auch andere Gesinnung uns erfüllen als Liebe? Wie Helden und Hei lige sind sie gestorben, um ihren friedlosen, liebeleeren Mitmenschen Liebe und Frieden zu bringen. Menschlich ist das laute Klagen; Christlich ist es, still zu tragen Trenmingsschmerz, und nur zu fleh'n Um ein frohes Wiedersehen. Neu gestärkt, trat ich den Rückweg nach Zining an. Es soll dies Gärtchen einst der Sammelplatz aller hiesigen Missionen sein. Klein sind die Zellen, still ist das Plätzchen, hier herrscht ja ewiges Schweigen. Wer hätte gedacht, daß schon nach 3 Wochen ein neuer Bewohner hier sein Zelt aufschlagen würde! P. Tschan, ein chinesischer Priester, war Mittags noch gesund und Abends eine Leiche. Die Umgebung von Zining bietet an Naturschönheiten nichts, doch ist sie wohlhabend. Die Bewohner sind feige, verschmitzte Menschen. Mehr wie ihre Brüder im Westen sind sie auf „ein Geschäftchen" bedacht und wissen es da ausgezeichnet, Andere „um die Ohren zu hauen." Dieses Krämerthum hindert auch etwas die Ausbreitung des Christenthums. Augenblicklich bestehen schon viele Christen gemeinden in der Umgegend, die aber vielmehr Arbeit be dürfen als die gleiche Zahl in Zhandschoufu. Allein im Be zirke Zining und seinen Unterpräfekturen wirken 5 Missio- nare. Ihre Arbeit häuft sich derart, daß weitere 5 Kräfte nothwendig wären, um sie zu überwältigen. Für den Handel ist Zining eine Centrale in Schan- tung. Einstweilen hat Japan im Außenhandel den Vor rang. Mit dem Bahnbau und dem Hafen Tsintau dürfte derselbe in deutsche Hände übergehen. — Von Tsintau erhielt ich eine Depesche, daß ich sofort mit P. Provicar aufbrechen und in Hantschuan den hochw. Bischof Anzer treffen solle. Meine Habseligkeiten lud ich auf einen Schiebkarren, der für die 500 Kilometer und retour 14 Dio (16 Mk.) erhielt, meine Decken und Meßgeräthschaften lud ich aus einen Maulesel und mein Pferd. P. Provicar fuhr bis Jenfu (30 Kil.) im Wagen. Der Weg war schlecht, für den Wagen fast unpassirbar. Bei einem Dorfe siel dann dieser auch ganz auf die Seite. Derartige Unterbrechungen sind in China alltäglich und kaum der Rede werth, obgleich manchmal viel Unheil un gerichtet werden kann. Vor einigen Wochen z. B. wurde ch unterwegs krank, die Christen von Tschantja hörten94 davon und holten mich per Wagen ab. Viel Wasser stand auf den Wegen, ich ermahnte den Kutscher, stets vorsichtig zu fahren. Wir waren noch ca. 2 St. von der Station entfernt, als wir durch ein großes Dorf fuhren. Mitten auf der Straße befand sich ein Tümpel, ich rief noch „Vor. sicht!", doch, es war geschehen: Ich lag mit dem Wagen mitten im Wasser. Der Maulesel in der Deichsel fiel mit um und wäre fast ertrunken, ich kroch aus dem Wagen kasten durch's Wasser. Alle meine Habseligkeiten lagen im Wasser, den Kelch mußte ich aus dem Schlamm wieder suchen, ich selbst war von oben bis unten durchnäßt, eine Jammerstgur. Nachdem wir unsere Habseligkeiten wieder gesucht, wurde der Wagen aufgerichtet, angespannt und „weiter gings der Heimath zu." Auch diesmal verursachte der Wagenfall eine Unter brechung, doch passirte kein Unglück. Nachmittags laugten wir in Jenfu an bei dem guten, nun schon verstorbenen P. Tschan. Jentschoufu, der Sitz eines Tauthc's, ist eine in ganz China berühmre Stadt. Sie mit Kiufu bilden das hl. Land, indem der große Konfuze gelebt und gearbeitet hat. Sie hat als solche auch den Ruf der Gelehrsamkeit. Ihre Gelehrten hier sind stolzer noch als die übrigen des Reiches, sie haben ja mit dem Grabe und den Heilig- thümern des alten Weisen die Wissenschaft gepachtet. Als Handelsstadt reicht Jenfu bei Weitem nicht an Zining heran, könnte aber durch den Bahnbau, bei dem es als Knotenpunkt der Bahnen von Tsintau, Zinaenfu und Bien- leang vorgesehen ist, Bedeutung erlangen. Weil Jenfu in chinesischen Augen eine solch heilige Bedeutung hat, strebte Bischof Anzer von Anfang an dar nach, sich hier niederzulassen. Es wurde ein Kampf auf Leben und Tod. Der Bischof hatte sich heimlich Häuser angekauft, sie wurden ihm einkassirt, er ging mehrmals selbst in die Stadt und wurde zweimal vertrieben, erlitt dabei sogar Mißhandlungen. Beim letzten Mal rettete er sich nur dadurch, daß er mit seiner bekannten Energie den Mandarin am Arme faßte und ihn als Schutz sich vor die Wagenöffnung setzte. Da Frankreich überhaupt und beson ders in dieser Angelegenheit der Mission keine Sühne er wirkte, stellte der Bischof seine Mission (1890) unter deut schen Schutz und als erste That sollte die Besorgung der Jentschoufuer Angelegenheit paradiren. Freiherr v. Secken- dorff, kaiserlicher Konsul in Tientsin, kam ins Innere und zog selbst nach der hl. Stadt. Hören wir über diese Ver- Handlungen den P. Provikar, der den Konsul begleitete:95 „Die Kunde unserer Ankunft war uns längst vorausgeeilt, und wir fanden die Thore der Vor stadt verschlossen. Herr von Seckendorfs öffnete selbe ohne viel Umstände und ritt hinein durch die Hauptstraße der Vorstadt, nach einem Wirthshause oder Absteige-Quartiere spähend; aber die Gasthäuser waren verbarrikadirt und fest verschlossen. Ein Mann aus der Begleitung des Herrn Konsuls wußte unter der Hausthüre durchkriechen und die vorgestemmten Holzblöcke entfernen, und wir konnten ab- steigen. Das Volk blieb ruhig; ein Paar chinesische Schrift zeichen, welche die von Zinaenfu mitgegebenen Soldaten auf dem Rücken trugen und die sie als Soldaten des Vize königs legitimirten, hielten die Stadt in Schranken. Un geschoren konnten wir sogar durch die lange Hauptstraße ziehen, um ein anderes Wirthshaus, das indessen vom Unter- Präfekten recht konfortabel eingerichtet war, zu beziehen. „Alle Behörden wurden nun besucht, von oben bis unten, zunächst der Tanthe (der höchste Beamte von Süd- Schantung), ein junger Mann von 32 Jahren, ein überaus klarer Kopf, der leider wohl seiner Jugend wegen nicht durchzugreisen wagt und von den Gelehrten abhängig ist; hieraus der Tschin-the (General), ein Mann, freundlich, wie selten ein chinesischer Mandarin (Anmerk.: ist heute noch in Jenfu), gut bekannt mit europäischen Zuständen, unge mein interessirt um Persönlichkeiten wie Krupp, Moltke u. s. w. Er hatte die Aufmerksamkeit, dem Herrn Konsul frische Milch, Champagner, Cigarren, nebst seiner wunder hübschen Photographie zum Geschenke zu bringen; endlich der Präfekt und Unterpräfekt, elfterer mit ein Paar Luchs augen im Gesichte, die die ganze Bosheit, welche sein Herz vergiftet, ziemlich gut zum Ausdruck bringen; letzterer ein ganz alter, kaum zurechnungsfähiger Haudegen, der, wie die Chinesen zu sagen pflegen, vielleicht besser daheim Kindsmagd spielte, als draußen in der Welt den Mandarin machte. Die Gegenbesuche gestalteten sich sehr feierlich. Es war eine Lust, die stattliche Mannschaft des Generals in ihrem rothen Gala-Kostüm zu durchmustern mit ihren wuchtigen Lanzen, Messern und verrosteten Hinterladern, sowie die Pracht-Exemplare von Pferden und Mauleseln mit goldstrahlendem Geschirre; dazu die unzähligen Ober und Unterbeamten mit weißen, blauen und andersfarbigen Knöpfen auf ihrem Ceremonienhut, und endlich die höheren Mandarine selbst in ihrem reichen, buntseidenen, blumigen Galaornate, dem gegenüber die einfache, schwarze Kleidung des Herrn Konsuls recht sehr in den Hintergrund trat.96 „Nach den Höflichkeitsbesuchen begannen die gegenseitigen Verhandlungen und Berathungen. Die Forderungen des Konsuls gingen dahin, es müsse das vom Hochw. Herrn Bischöfe innerhalb der Stadt rechtlich erworbene Grund stück herausgegeben werden, wenigstens ein anderes, gleich großes, günstig gelegenes. Die Mandarine stutzten und schützten vor, augenblicklich die Sache unmöglich so weit erledigen zu können, da das Volk die Fremden absolut nicht in der Stadt dulden würde. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, bis endlich eines schönen Morgens die ganze Stadt mit rothen Schmähschriften übersäet war, folgenden Inhaltes: „Wir, der Magistrat der ganzen Stadt, haben den 15. dieses 12. Monates als Termin an gesetzt, an dem die europäischen Teufel geprügelt und ver trieben werden sollen; Sammelplatz: Simati." „Der 15. kam, und die Straßen füllten sich mit einer unabsehbaren Menschenmenge, die wie wild aufgeregte Meereswogen hin- und herstürinte. Simati war wie ein Wespennest, in das man unsanft hineingebohrt hat, allda war die Waffenverth eilung und wurden alle Ränke ge schmiedet. Es ist da nämlich das vom Hochw. Herrn Bischöfe erworbene Grundstück, wo man unser Haus nieder- gerissen und nun ein prachtvolles Tschung-schäng joen (Akademie zur unverfälschten Lehre) erbaut hat. Wie kampfeslustig und löwenmuthig die Menge sein mochte, davon kann man sich einen Begriff machen, wenn man be denkt, daß man 48 Sektionen, jede Sektion 500 Krieger, stellen mußte, wie uns nachher hinterbracht wurde. Um 12 Uhr sollte losgeschlagen werden. Und richtig, es war eben Mittag, als von ferne ein wildes Brausen sich ver nehmen ließ und immer näher kam. Wilde Hurrahs und rohes Geschrei erfüllte die Straßen, und unter Trommel schlag und Paukenschall war die Rotte schon daran, das von der Behörde eben verschlossene Gasthansthor zu sprengen. Eine Besatzung von etwa 30 Mann, welche im Laufe des Vormittags von den verschiedenen Mandarinaten uns zur Deckung geschickt worden, lauter harmlose Leute, weder Ruthe noch Peitsche in der Hand, stemmten sich, als wären sie ebensoviele Holzklötze, an das Thor des Wirths» Hauses, um das Eindringen des Pöbels zu verhindern. „Um die ganze Komödie zu Ende zu spielen, erscheint ganz plötzlich jener alte Unterpräfekt in seinem Tragsessel. Das Thor geht auf, und während die Menge draußen zu wartet, tritt er herein, beruhigt uns und versichert dem Konsul, der Pöbel müsse ihn erst todtschlagen, bevor er7 — 97 dem Konsul etwas anhaben könne. Der Konsul seinerseits versichert dem Mandarin mit dem blanken Revolver in der Hand, er werde die ersten sechs, die von der Rotte herein zustürzen wagten, in den Ltaub hinstrecken; dann sei er auch bereit, mit der Reichsfahne in der Hand für den Kaiser zu sterben Der Konsul hatte das Spiel gut durchschaut. Abends schrieb er dem Tauthe einen Brief, in dem er den Präfekten für alle Skandale verantwortlich machte; am nächsten Tage ging's fort nach Zining. Als der Ko-nsul das Westthor erreichte, stürmte noch plötzlich eine mit Stöcken bewaffnete Rotte hervor, fürchterlich brüllend: „da, scha!" (Schlagt zu, haut ihn tobt), die aber wie ebenso viele Hasen in alle vier Winde flogen, als der berittene Europäer Umkehr machte und ihnen den blanken Sechsläufer entgegen hielt; lauter gedungenes Gesindel, das um einige Sapeken in die Hölle spränge." So also endigte der Besuch des Konsuls des großen deutschen Reiches. Ich habe nie gehört, daß dafür eine Sühne geworden. Kurz nach diesem Besuche errichteten die Gelehrten einen großen Denkstein, in dem sie uns Eu ropäer gleichsam als Wilde bezeichneten, die in den ersten 40 Jahren Jenfu, die Stadt der Gelehrsamkeit, nicht be treten durften. Schon vor mehrern hundert Jahren bestand hier eine Kirche, die aber durch Verfolgungen und Mangel an Missionären vollständig vernichtet ist.' Ein Denkstein, der dieses erzählt, wurde von den Gelehrten vergraben. Den Kirchenplatz kennt in Jenfu jedes Kind. Ob die Nach kommen jener Christen sich bekehren werden? Bischof Anzer ließ sich nicht abschrecken. Jminer und immer versuchte er, die Stadt zu gewinnen. Er mußte fliehen aus dem Westthore und kam zum Ostthore wieder hinein. Es ist ihm geglückt. Jetzt ist Ruhe in Jenfu, und wird eine der Sühnekirchen vom Kaiser hier gebaut. In letzter Zeit haben sich auch einige Christengemeinden um die Stadt gebildet. * , Au Sehenswürdigkeiten hat die Stadt nichts. Ein zehnstöckiger Thurm überragt dieselbe, die Mandarinate, Jahrhunderte alte Bauten, sind zerfallen, die Stadt macht den Eindruck eines großen, schönen Dorfes. Mit c. 80000 Einwohnern zählt es aber zu den 5 größten Städten Schan- tungs. Auffallend ist, daß in einem Götzentempel zwei „Götzen stehen. Simadon und Tangüohen „P. M. Ricci unb Adam Schall". Der eine hat einen Rosenkranz um den Hals. Ihrer Gelehrsamkeit und ihrer hervorragenden Thatigkeit wegen sind sie unter die Götzen versetzt.98 Wir trafen in Jenfn zwei Herren, die die geplante Bahnstrecke in Schantung besichtigten. Der oberste Leiter des Unternehmens, F. Hildebrandt, war zugleich ein enge rer Landsmann von mir, und ich freure mich sehr über diese Begegnung. Der Herr ist schon seit mehreren Jahren in China lhätig und hat über chinesische Berhältnisse ein sehr gediegenes Urtheil, kennt chinesische Zustände ausge zeichnet. Ich bewunderte in ihm das würdige Auftreten und die Meinung, tue man sonst bei Reisenden ivenig fin det, das; Chinesen und Lumpen nicht identisch seien, daß man auch den Chinesen als Menschen behandeln müsse. Nachdem wir den Sonntag in Jentschoufu verbracht, zogen wir nach „Osten". Der Chinese bezeichnet bekannt lich alle Wege mir Nennung der Himmelsgegenden. 15 Kilom. von Jenfu liegt Kinsu, der Geburts- und Sterbe- Ort des großen „Heiligen" China's, Konfuzius, chinesisch Kungtze. Noch heute lebt dort der Nachkomme als Herzog und „Heiliger". Von wertem erblickt man schon ^die hohen Mauern der Stadt, der vielleicht berühmtesten Stadt des „himmlischen Reiches". Chinesisches Mekka wird der Ort auch genannt. Doch darf man nicht denken, daß die Chi nesen auch hierhin wie nach Mekka pilgern, dafür ist der gelbe Mann zu realistisch gesinnt. Es hat den Namen, weil es den Mittelpunkt des Konfuzianismus bildet. Das Grab des „Heiligen" befindet sich in der Stadt und wild nur selten gezeigt. In letzter Zeit wurde es mehreren Reisenden gestattet, das Heiligthum zu betreten. Was soll ich von diesem Grabe sagen? Es ist ein Lehmhügel, wie alle chinesischen Gräber, die Pagode in der Nähe iit im Verfall begriffen, wie alle Götzentempel China's und wie ganz China selbst. Der fetzige Nachkomme ist dazu auch viel zu schlecht und verkommen, als daß er restaurieren ließe. Ja, diese „Heiligen" des „himmlischen Reiches der Mitte"! China hat deren drei und verehrt resp. nennt auch die Nachkommen noch so. Kungtze. Mungtze und Z'engtze. Der Kaiser hat sie mit reichen Dotationen^beschenkt, und sie genießen Vorrechte, wie sie sonst kein Sterblicher hat. Wie mir aber in Jenfu ein Chinese sagte, sind die Nach kommen des Kungtze und Mungtze vielleicht die schlechtesten Subjekte, die heute in dem ganzen Reiche existieren. Als vor einiger Zeit Herr von Hesse-Wartegg den Mungtze im benachbarten Tschou'hien seyen wollte, erzählte ihm der Mandarin, das sei unmöglich, weil er einem Verwandten 500 Loth Silber gestohlen und deßyalb nicht an's Tages licht komme. Kungtze ist moralisch schlecht und hat es7 * 99 fertig gebracht, daß die ganze Stadt ihm folgt. Die schlech ten Weiber werden aus Kinfu bezogen und damit habe ich genug gesagt. Der Leser kann sich den Zusammenhang denken. Eine prachtvolle Cypressenallee, die schon Hunderte von Jahren gepflanzt sein mag, führt aus dem Nordthor zu dem Begräbnißplatz des Kungtze, der nicht weniger als 7000 Morgen groß ist. Die Umgebung der Stadt ist historisch berühmt. Kinfu mit Jenfu bilden das alte Reich der Familie Lu, in dem Konfuzius zeitweise Minister war. jKonfuzius wird vielfach als Religionsstifter ange sehen. Er ist aber nichts weniger als dieses. Sein Ver dienst besteht darin, daß er die alten Sprüche früherer Weisen gesammelt und in Schulen verbreitet hat.j In der Nähe der Stadt befinden sich einige alte Gräber und 'i agoden, die für die Geschichte bemerkenswerth sind, so östlich von der Stadt, einige Li entfernt, das Grabmal des Jentze, des Kaisers Schan, und Tschoukungmu, ebenfalls ein alter Kaiser China's. Alte Cypressenhaine beschatten diese Todtenstätten und versetzen uns unwillkürlich in die alten Zeiten zurück, in denen das große Reich noch mäch tig seine Krast entfaltete. Unser nächstes Ziel war Uawchuang, ein großes Waisenhaus in der Präfektur Jschui, 200Kilom. von Jenfu enifernt. Ich habe den Weg zwei Mal zurückgelegt, jedes Mal verschiedene Strecken. D>eß Mal wählten wir den nördlichen, da der südliche, kürzere durch Wegelagerer un sicher gemacht wurde. Auf letzterem ist auch "nur" ein Ort bemerkenswerth, in der Nähe eines kleinern Bergsee's. Es ist ein Dörfchen, in dem einst Kaiser Khanhi auf seiner Reise nach dem Süden Rast gemacht. Ueberall, wo der chinesische Kaiser übernachtet, muß ihm ein Schloß gebaut werden. Auch hier mag einst ein solcher Bau hervorge zaubert worden sein. Jetzt ist nur mehr die verfallene Mauer zu sehen, und einige steinerne Denkmäler, die Dorf bewohner haben das Material gebraucht, um ihre Häuser aufzubauen. In einem Sumpfe entdeckte ich ein steinernes Schiff, auf dem, wie mein Begleiter glaubenssest erzählte, der „Sohn des Himmels" einst den Teich befahren. Mitten unter den Ruinen quoll eine meterbreite Quelle herrliches Wasser hervor, das schon außerhalb des Dörfchens ein kleines Flüßchen bildete. Nachoem wir Kinfu dieses Mal verlassen, mußten wir bald einen breiten Fluß durchreisen. Ich habe leider ver gessen, die Flüsse und Flüßchen zu zählen, die wir auf100 dieser Reise durchreiten mußten, es mögen mehr als 100 sein. Wenn im Sommer die tropischen Regen vom Him mel fallen, schwellen diese Flüsse theilweise zu mächtigen Strömen an, dieß Mal war das Wasser nicht breiter als die Maas bei Venloo. Wir folgten der Spur eines Schieb karrens, der vor uns von Chinesen gezogen wurde. Jen seits des Flusses kamen wir bald in's Gebirge, und damit wurde die Reise beschwerlich. Denn nun hören die breiten Wege auf, und bergauf, bergab, über Gestein und Geröll, an Schluchten und Abhängen vorbei, schlängelt sich der Fußpfad schmal hier durch. Wir wollten 90 Kilom. heute reisen und mußten daher noch schnell reiten. Das Mittagsmahl wurde sehr frugal in einer er bärmlichen Herberge eingenommen. Es wurde dunkel, und immer noch fanden wir keinen Ort zum Uebernachten. Einmal kamen wir zu einer Herberge, doch die wagte nicht, uns in dieser gefährlichen Zeit aufzunehmen. Dieselbe lag außerhalb des Dorfes, und wir selbst wagten nicht, zu bleiben. 2 li von dort sollte eine bessere sein. Mühsam zogen wir weiter. Die Pferde stolperten über die Steine auf dem Wege, wir stiegen ab und führten dieselben am Zügel. Doch aus den 2 li wurden 5 und mehr und immer noch waren wir nicht am Ziele. Da erblickten wir in der Ferne ein mattes Licht, hoffentlich war es der gesuchte Ort. Wir hatten den Weg in's Dorf verfehlt und be fanden uns im Gerölle eines trockenen Flusses. Ein breites Hausthor zeigte uns die Herberge an. Wir klopften an, — keine Antwort. Wir riefen — keine Antwort. Immer lauter machten wir uns bemerkbar, da kreischte aus einem hin teren Hofe eine Weiberstimme: „Was wollt ihr noch so spät?" „Schnell macht das Thor auf, wir wollen über nachten hier." „Wir haben schon seit einem halben Jahre das Wirthshaus geschlossen, hier könnt ihr nicht bleiben." Also wieder keine Aufnahme. Ein alter Chinese hatte uns bemerkt und führte uns freundlichst auf die Hauptstraße des Dorfes, wo wir denn ein Wirthshaus fanden. Es war besetzt mit Karrenschiebern, die uns aber auf gute Worte hin das einzige Zimmer überließen und unter dem Thore die Nacht verbrachten. Für uns war nichts zu haben als Brot und Thee, doch wir freuten uns, überhaupt Unter kommen gefunden zu haben. Pater Provikar legte sich auf den Boden, ich war eben mit Auskleiden beschäf tigt, als die Dorfglocke (im Götzentempel) läutete und furchtbarer Lärm auf der Straße entstand. Mein Diener kam herbei: „Priester, steh' auf, die Räuber sind im Dorf."101 Also schon wieder diese Bande! — Ich eilte hinaus, Pater Provikar stand ebenfalls auf. die Thore wurden verrammelt der Wirth suchte seine alten Lanzen hervor, — ein Durch einander, das jeder Beschreibung spottet. Im Osten des Dorfes sollten die Räuber bei einem reichen Bauern sein und schon das Waizenstroh auf der Tenne angezündet haben. Ich sagte dem Wirthe ernst, er sei ver antwortlich, wenn uns etwas geschehe, niein Diener schüch terte ihn ein; er sagte dann demselben heimlich, wir brauchten nichts zu fürchten, er stände mit der Banoe in Freundschaft, sie wagten nicht, ihm Unannehmlichkeiten zu machen. Das ganze Dorf war auf den Beinen, und den braven Dorfbewohnern war es zu verdanken, daß die Raub gesellen zurückgetrieben wurden. Natürlich war an Schlafen nicht mehr viel zu denken. Den zweiten Tag über mußten wir an vielen Kohlen gruben vorbei. Die Präfektur Mungje ist sehr kohlenreich, und neuerdings beginnen die Chinesen ihre Schätze zu heben. Aber die primitiven Werkzeuge, das Grundwasser, dessen die Leute nicht Herr werden können, der schwierige Transport auf Eseln und Schiebkarren machen diese Gruben selten rentabel. An manchen Stellen waren Berge von Kohlen aufgehäuft. Ein Segen iväre es für diese sonst so armen Gegenden, wenn sie ihre Schätze erwerben könnten, dre in den Bergen liegen. Am Abend kamen wir in einem christlichen Dörfchen an. das ganz versteckt zwischen zwei Bergen liegt. Eine einzige Familie bildet dieses Dörfchen. Der „Alte" regiert wie ein Patriarch über seine Söhne und Enkel. Er ist wohlhabend geworden, hat viel Land und mehrere Heerden und ist von der Außenwelt fast ganz abgeschlossen. Welch' eine Freude, als der P. Provikar, unter dem sie vor 10 Jahren katholisch geworden, wieder einmal unter sie trat. Jede Arbeit wurde aufgehoben. Wie wenn der Vater nach langer Abwesenheit wieder unter ferne Kinder kommt, so wurden wir hier begrüßt. Ich glaube, gegen 30 Köpfe hatte der „Patriarch", ein rüstiger Grers von über 70 Jahren, zu regieren. Söhne und Töch- * er und Enkel kamen herbei, die Freude strahlte ihnen auf dem Gestchte. Schnell wurde ein Huhn geschlachtet und Essen vorbereitet, wir plauderten bis in die späte Nacht, an schlafen dachte keiner. Endlich gegen Mitternacht leg ten wir uns zur Ruhe. Nachdem wir am andern Morgen die hl. Messe gelesen, rrtten wir von dannen. Weit noch begleitete uns die ganze Familie, der jüngste Sohn ritt noch eine Stunde102 weit mit uns. Dieser dritte und letzte Tag, bevor wir nach Uantschuang kamen, war der beschwerlichste der ganzen Reise. Wir mußten über einen hohen Berg, den Tizeschän (Leiterberg), und späte Nacht wurde es, bevor wir das Waisenhaus erreichten. Hätte P. Provikar die Wege nicht so genau gewußt, wir hätten unmöglich in der Dunkelheit weiterkommen können. Reiten konnte man nicht mehr, ich fiel mehrmals über große Steine, die im Wege lagen, an hohen Flußufern vorbei, durch Schluchten tasteten wir voran, bis wir endlich vor dem Thore der Kirche standen. Schon am folgenden Tage traf der Bischof von Tsintau aus ein, und am zweiten Tage setzten wir unsere Reise nach dem Osten fort. In Uanschuan hatte der Bi schof das Christenthum vor mehr als 13 Jahren einge führt. Die Christen wohnen in den Bergen zerstreut, und mühevoll ist hier deßhalb die Missionsarbeit. Das Waisenhaus selbst liegt prachtvoll in einem roman tischen Thale. Brd. Hermann hat hier ein gothisches Kirchlein gebaut, das weithin sichtbar ist. Gegen 50 Knaben und 60 Mädchen sind hier in zwei Häusern ähnlich Puoly untergebracht. Ein Laienbruder leitet die Oekonomie. Die Gegend ist arm, doch bei rechter Bebauung des Bodens liefert derselbe genügenden Unterhalt. Es ist die Gegend des guten Tabaks, der wie Jenfu Tabak sicher einmal Ausfuhrartikel wird. P. Naegler hat es verstanden, aus wilden Trauben einen vorzüglichen Rothwein herzustellen. Rege Thätigkeit herrschte im Hause. Die Bohnen (Herbst ernte) wurden gedroschen, die Tabakernte gehalten, die chinesischen Feigen getrocknet, alles von Waisenkindern unter Aufsicht älterer' Christen. Die Mädchen waren mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, mit Nähen und Stricken unter Aufsicht zweier Jungfrauen. Eines der älteren Mäd chen mußjedesmal mehrere kleineMädchen besorgen. Auch dieses Haus ist ein Denkmal der Opferwilligkcit deutscher Kinder. Die folgenden Tage waren noch recht anstrengend. Wir ritten über Jschui, Tjütschou nach Gitschau, ließen das große Missionsgebiet von Jtschoufu südlich liegen. Abends wohnten wir in Christengemeinden, die hier schon häufig zu treffen sind. Die guten Bergbewohner liefern ausgezeichnetes Material zum Christenthum. In Jtschoufu sind augenblicklich die Bekehrungen so zahlreich, daß die dortigen Missionare in Verlegenheit kommen. Die Gegend hat nicht viel Verkehr. Gewiß liefern die Berge, die uns bis Gitschau begleiten, unendliche Schätze in ihrem Innern, doch bis jetzt ist Niemand, der sie hebt.108 — In Jtschoufu scheinen Europäer bald die Kohlen- und Eisengruben zu eröffnen. Auch Gold und Silber, Diaman ten werden hier gefunden, doch ihr Gewinn scheitert stets an den chinesischen primitiven Verhältnissen und verrückten Ansichten. Durch Eröffnung der Berge wird das fung-schui (Glück) vertrieben. Ich kenne ein kleines Thälchen, in dem alle Dörfer in freien Stunden sich mit Goldwäschen be schäftigen. Das dort gelegene Christendörfchen wäscht jähr lich für etwa 200 Dio Gold. Doch muß man wissen, es wird nur Gold gewaschen in freien Stunden, meist zur Herbst- und Winterzeit mit unendlich einfachen Instrumen ten. Wo solche Goldflitter und -Körnchen in Massen vom Wasser mitgespült werden, sollte man meinen, müßten auch Goldadern sich befinden. Die Silbergruben rentiren sich nicht, weil die Chinesen das Schmelzen nicht verstehen. Das ist auch der Grund, iveßhalb der hiesige Eisenstein nicht gehoben wird. Als ich^in Tjütschou ankam, war Tags zuvor in der stadt ein Silberladen ausgeraubt worden, von Räubern aus Zhantschoufu. Roch am selben Tage wurden fünf gefangen, denen wohl das Handwerk gelegt werden wird. In Gitschau kam ich in mein neues Missionsgebiet. Es erstreckt sich der Küste entlang, grenzt nördlich an das deutsche Gebiet, südlich an die Provinz Kiang-naen. Schon lange hat das Christenthum hier Eingang gefunden, doch nur in einzelnen Familien. Meine Hauptstation ist das Dörfchen Duschän. Es ist nicht leicht hier zu missioniren. Das Ländchen ist berühmt durch seine großen Gelehrten, die überall eine Lanze gegen uns einlegen. Was hat nicht Duschän z. B. ausgeftanden. Der Priester Pater Gebhardt mußte flüchten, hinter ihm steckte man Kirche und Dorf in Brand, schlug den Vorsteher, der uns eingeladen, daß er sein Leben lang ein Krüppel bleibt. Und wie hier, so mußte Fuß breit Erde mit Kampf abgerungen werden. Von Gitschau gelangten wir in zwei Tagen an die Bucht von Kiautschou, nach Sövtjatau. In einer kleinen Barke setzten wir in 4 Stunden nach Tsintau hinüber. Das Leben unter diesen Europäern kam mir in mancher Beziehung sonderbar vor. Seit 5 Jahren war ich mit Aus nahme einiger weniger Missionen (und das auch nur für Sttutden) mit Europäern nicht mehr zusammengekommen. r mtc 9 Ibdoch bald zurecht. Nach 8 Tagen nahm lch Abschied und fuhr allein in einer Barke der Küste ent lang meinem Bestimmungsorr zu.m InH.ittsverzeichniß. Seite Auf der Reife 3 Jangtfee-Kiang-Tfchin-Kiang 9 Ein Monat auf der Dschonke 15 Leben und Treiben einer chinesischen Großstadt 30 Kultstätten 33 Süd-Schantung 39 Im Lande der Räuber 40 Der Missionar in China 43 China im Jahre des Kaisers Kuansö 2t 46 Ein Kapitel aus der chinesischen Rechtspflege 49 Der Teufelsdienst in China 61 Eine Missionserneuerung 66 Am Hoangho 68 Das Blutbad in Dschandjadschuang 70 Drei Tage Gefangenschaft in Tjantou 77 Lluer durch Süd-Schantung 86Gin Missionar auf Reisen. igÄ®!
