Schantung und Deutsch-China : von Kiautschou ins Heilige Land von China Inhaltsverzeichnis Seite Nach Deutsch-China! 3 Tsingtau 7 Militärische Bilder 15 Am ersten Frühlingstage 21 Durch das deutsche Gebiet 28 Der Lauschan 38 Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau 44 Stadt und Bucht von Kiautschou 52 Durch die neutrale Zone von Deutsch-China 62 Nach Wei-Hsien 70 Tstngtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung 79 Chinesische Pyramiden 89 Die Kohlendistriktc von Schantung 97 Tschou-tsun, Tsou-ping und Tschang-tschou 110 Die Hauptstadt von Schantung 117 Allerlei aus Tsinan-fu 124 Die deutsche Hauptbahn durch Schantung 136 Ins heilige Land von China 144 Taingan-fu, das chinesische Mekka 149 Mein Aufstieg auf den heiligen Berg 158 Zum Grabe des Confucius 168 Die Vaterstadt des Confucius 176 Tsiu-hsien, die Vaterstadt des Mencius 189 Jentschou-fu 195 Tsining 202 Das künftige Eisenbahnnetz von Schantung 213 Sott Tsining-dschou zum Hoangho 217 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung 223 Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschast in Schantung 243 Hoangho und Kaiserkanal 250 Auf dem Hoangho stromabwärts 255 Quer durch Nord-Schantung 262 Auf dem Kaiserkanal nach Peking 268 Tschifu 281 Ost-Schantung 290m$ .. Z ckaniung und D euisclvghina Dort Riautschou ins Heilige Land von China und vom Iangtsekiang nach Peking im Jahre l8h8 vor: €m$t von fiezse-Amegg Mit ^45 in den Text gedruckten und 27 Tafeln Abbildungen, 6 Beilagen und 3 Karten Verlag von % % Weber in Leipzig Y" r Übernommen Off. W* Bibi.o U uof' Alle Rechte Vorbehalten. P BIBLIOTHEK^] BERLIKV o r w o r t. it dem vorliegenden Werke übergebe ich die Schilderung meiner diesjährigen Reise durch Schantung, die neue deutsche Interessensphäre in China, der Oeffentlichkeit, in der Ueberzeugung, daß augenblicklich kein Gebiet des Erdballs für den deutschen Leser von größerem Interesse sein dürfte. Als im November vergangenen Jahres die Nachricht von der Besitzergreifung des Hafens von Kiautschou durch die deutsche Marine nach Europa gelangte, da fragte sich alle Welt: Wo liegt Kiautschou? Welche Bedeutung hat es für Deutschland? Wie ist das Hinterland beschaffen? Welche Folgen wird dieser neue Besitz für den deutschen Handel, die Industrie, den Seeverkehr, den Geldmarkt mit sich bringen? Die wenigsten konnten darüber bestimmte Auskunft geben, denn Kiautschou ist bis vor kurzem von keinem Deutschen besucht worden, und das Hinterland dieses Hafens, obschon zu einer der fruchtbarsten und bevölkertsten Provinzen des Reiches der Mitte gehörend, war großenteils unbekanntes Land. Rasch entschlossen, reiste ich selbst bald nach der Besitzergreifung nach Kiautschou, um die dortigen Verhältnisse von den ver schiedensten Gesichtspunkten kennen zu lernen, und durchzog hierauf den größten Teil der Provinz, alle Orte besuchend, welche für Deutschland von irgend welchem Interesse fein konnten: die großen Städte und Warenmärkte, die Kohlen- und Industriegebiete, die Sitze der deutschen Mission in Schantung, sowie die Gegenden, durch welche die projektierten deutschen Eisenbahnen führen werden. — Von höchstem Interesse war der Besuch des heiligen Landes von China mit den Gebnrts- und Grabstätten des großen Rcligionsstifters Confucius und seiner Apostel, dem Mekka von China, Taingan-fu, der Gelehrtenstadt Ientschou-fu und dem heiligen Berge Taischan. Das heilige Land wird in dem vorliegenden Werke zum erstenmal vollständig geschildert und durch Ab bildungen veranschaulicht, welche nach den von mir aufgenommenen Photographien angefertigt wurden. Diese Photographien des heiligen Landes sowie des größten Teils von Schantung sind überhaupt die ersten, welche jemals gemacht worden sind.VI Vorwort. Statt nach dein Ausgangspunkte meiner Reise direkt zurückzukehren, begab ich mich in das Stromgebiet des unteren Hoangho, des „Schreckens von China", und diesen Strom befahrend, fand ich, daß die in den bisherigen Karten verzeichneten Flußläufe, ebenso wie der Sauf des unteren Hoangho selbst, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich verändert hatten. Die Beschreibung dieses Gebiets, sowie die Schilderung der, soviel ich weiß, bisher noch von keinem europäischen Reisenden untcrnoimncncn Fahrt auf dem nördlichen Teil des Kaiserkanals dürften von allgemeinem Interesse sein. Ueberäll war ich bedacht, alles Wissenswerte über Leben, Thun und Treiben der Bevölkerung, über die Mandarine, Kauflente und Industriellen zu erfahren, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft, Bergbau, Landesprodnkte kennen zu lernen, so daß ich hoffe, daß das vorliegende Werk über eines der interessantesten Gebiete Chinas zur all- seitigen Belehrung und Unterhaltung und dem Geschäftsmann zum Nutzen dienen wird. Ich werde darin durch die große Beachtung bestärkt, welche meine in der National- zeitnng, Voisischcn Zeitung und Kölnischen Volkszeitung veröffentlichten Berichte über Kiautschou und Schantung überall gefunden haben, lieber tausend verschiedene Zeitungen des In- und Auslandes haben diese Berichte ganz oder in Auszügen wiedergegeben, die auch teilweise in dem vorliegenden Buche Verwendung gefunden haben. Ebenso habe ich die im „Journal of the Royal Asiatic Society“ und in den Jahrbüchern der Kaiser lich chinesischen Zollverwaltung enthaltenen Mitteilungen über Schantung teilweise benutzt. Den Behörden von Kiautschou, sowie dein Offizierskorps der Besatznngstruppen, dann den Missionaren und Behörden in den verschiedenen Ortschaften von Schantung spreche ich hiermit für die mir zu teil gewordene herzliche Aufnahme und Unterstützung bei meinen Arbeiten ben wärmsten Dank aus. Ernst n. Helse-Wartegg.im Zadre isys. Zcbantung und Deutsch-ChinaIEinfahrt in die Bucht von Kiautschou (China). Cap Evelyn. Chiposan. Au-nul-san- Nach Deutsch-China! der ersten Monate nach der Besetzung des Hafens von Tsingtau durch die deutschen Blaujacken war es für den Reisenden keine leichte Sache, Tsingtau zu besuchen. Seit dem 14. November 1897, jenem historischen Tage, an welchem zum ersten mal die schwarz-weiß-rote Flagge auf chinesischem Boden wehte, lag die ganze Ver waltung von Tsingtau in den Händen der kaiserlichen Marine. Die einzige Verbindung mit dem an 400 Seemeilen entfernten Schanghai, und dadurch auch mit der Außenwelt, rtuiröe durch zwei kleine, von denr Befehlshaber gemietete Dampfer, Petrarch und Swatow, hergestellt, und beiläufig jede Woche einmal traf einer dieser Dampfer in Schanghai ein, um die Post, etwaigen militärischen Nachschub und den Lebensbedarf für die Be satzungstruppen abzuholen. Der Petrarch wurde überdies noch mitunter nach Japan gesandt, um dort Kohlen für die Schisse des deutschen Geschwaders einzunehmen, und auf dem Swatow waren die Räume so beschränkt, daß nur ganz besonders Bevor zugte die Erlaubnis erhielten, die Fahrt nach dem in so kurzer Zeit berühmt gewordenen Kiautschou zu unternehmen. An jenem Tage der ersten Märzhälfte, an dem diese Erlaubnis für mich eintraf, herrschte längs der ganzen chinesischen Ostküste ein böser Sturm. Sogar Dampfer wie der riesige Ernest Simons der französischen Messagerie hatten schlimme Zeiten zu über- stehen, und als ich aus meinem Fenster im Astor House zu Schanghai den Regen und Schnee wahrnahm, die von der Windsbraut umhergetrieben wurden, dazu das gefähr liche Schwanken der vielen Boote und Dschunken auf dem Woosungfluß zu meinen Füßen, da schien mir die Sache unangenehm, denn wie sollte ein so kleiner Dampfer wie der swatow gegen solches Wetter ankämpfen? Die Abfahrtszeit war für den nächsten -vag festgesetzt, und mit Bangen erwartete ich den Morgen. Glücklicherweise brachte er schönes Wetter. Eine Dampfpinasse brachte meine Leute und das viele Gepäck an Bord, und die zweitägige Fahrt auf dem Swatow von Schanghai nach Kiautschou gehört zu den schönsten der zahlreichen Seefahrten, die ich in den verschiedensten Meeren unseres Erdballs überhaupt unternommen habe. Die See war spiegelglatt, zahlreiche Delphine, ja sogar einige Walfische umspielten unfern Dampfer, und trotz der frühen4 Nach Deutsch-China! Jahreszeit konnten wir wenigen Passagiere den ganzen Tag auf Deck zubringen — glücklicherweise, denn auf dem Dampfer gab es nur eine einzige Kabine für zwei Passa giere. Die übrigen mußten in dem kleinen Salon, so gut es eben ging, die Nacht zubringen oder die Gastfreundschaft der Steuerleute und Maschinisten in ihren engen, dunkeln Kojen in Anspruch nehmen. Wir hatten unter den Passagieren den neuen kaiserlichen Postmeister von Kiautschou, dann einen Eisenbahningenieur, einen Groß- kanfmann aus Hongkong und den Inhaber der Firma Schwartzkopf & Co., die bald nach der Besetzung von Tsingtau für etwa 30 000 Dollars Waren dorthin verfrachtet hatte, iit der Hoffnung auf gute Geschäfte. Wenn ich vorhin von meinem beträchtlichen Reisegepäck sprach, so ist das in den Reiseverhältnissen in China begründet. Wer eine Reise ins Innere des Landes antreten will, wie ich sie vorhatte und wie ich deren bereits früher unternommen, der kann nicht auf gute Hotels mit Tablc d'hötc, behagliche Betten mit Wärmflaschen und elektrische Klingel zählen, sondern muß sich Betten, Kissen, Waschzeug, Nahrungsmittel, ja unter Umstünden sogar Waschwasser in Flaschen mitnehmen, denn das Wasser ist häufig zu schmutzig, um zum Waschen benutzt werden zu können. Dazu kam das Gepäck meines Photographen und seines Assistenten, die mich im Verein mit meinem Diener durch Schantung begleiten sollten, um die ersten photographischen Aufnahmen dieser vielleicht interessantesten aller Provinzen des Reiches der Mitte zu machen. Meine chinesischen Reisebegleiter mußten sich's in dem dunkeln Laderaum des Dampfers auf Kisten, Sätteln und Koffern bequem machen. Während der Swatow im Winter sonst zwei bis zweieinhalb Tage benötigte, um von Schanghai nach Tsingtau zu fahren, bekamen wir diesmal schon nach etwa 40 Stunden die große Felseninsel Toloschan in Sicht, welche für die von Süden kommenden Schiffe die Einfahrt in das neue Stück Deutschen Reiches markiert. Eine Stunde später dampften wir an den Portierlogen von Kiautschou vorbei, hohen, steil ans den Fluten aufstrebenden Felsen, und gleichzeitig trat auch das eigentliche Wahr zeichen von Kiautschou, der mächtige Lauschan, aus den ihn bis dahin verhüllenden Wolken. Wie eine tirolische Dolomitkette zieht sich dieser gewaltige Grat von Süd nach Nord. Seine zerrissenen und zerklüfteten Hänge zeigen nur wenig Spuren von Vegetation, und ebenso kahl sind auch die weiter südlich gelegenen, die Bucht von Kiau tschou umschließenden Bergrücken. Neugierig durchforschten wir mit unfern Ferngläsern die Küsten vor uns, denn dort an der von Norden weit in die Bucht vorspringenden bergigen Landzunge sollte Tsingtau liegen mit den sechs Schiffen der kaiserlichen Flotte. So sehr wir aber auch suchten, wir bekamen nichts davon zu Gesicht, und erst als wir dein Ankerplatz nahe waren, konnten wir zwischen den gelben kahlen Höhen lind dem ebenso gelben und ebenso kahlen Strande ein paar bescheidene chinesische Dörfer unter scheiden, die Dörfer, welche Tsingtau bilden. Auf einem hohen Flaggenstock über deni nächstgelegenen Dorfe flatterte die deutsche Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz, den Ort bezeichnend, wo sich der Damen des Gouverneurs befindet; an den Hängen ringsum zeigten einige andere Flaggen die befestigten Lager an, in denen die Kom pagnien des Marine-Jnfanteriebataillons untergebracht sind.5 Nach Deutsch-China! Von den Kriegsschiffen, die wir hier vor Anker zu finden hofften, keine Spur: fünf von ihnen waren einige Tage vorher um die Landzunge herum in die Bucht von Kiautschou gedampft, um dort vor Anker zu gehen; das sechste, der Cormoran, war wegen nötiger Reparaturen nach Schanghai gedampft. Nur ein paar große chinesische Dschunken lagen hier vor Anker, die ersten, welche seit der Besitzergreifung überhaupt hergekommen waren. Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen Weißen Damps- Pinassen, bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen, welche die Post für die einzelnen Kriegsschiffe abzuholen hatten. Die Passagiere und Frachten wurden in einer chinesischen Dschunke an die unfertige Landungsbrücke geführt, die noch aus der Chinesenzeit stammt, und eine Stunde nachher war ich im Namenlager untergebracht. Die erste Nachricht, die mir von den höchst zuvorkommenden und gastfreien Offizieren zu teil wurde, war, daß chinesische Vagabunden eine deutsche Militärpatrouille in der Nähe des Dorfes Niukou angefalle» hätten. Die Marinetruppen, welche im März zeitweilig die beiden benachbarten Chinesenstüdte Kiautschou und Tsimo besetzt hielten, waren einige Tage vor meiner Ankunft wieder zurückgezogen worden. Zwischen diesen Truppen und dem Hauptquartier in Tsingtau bestand telephonische Verbindung, die nach Abzug der Truppen wieder abgebrochen wurde. Eine Patrouille, bestehend aus einem Unteroffizier und mehreren Mann, hatte die Telephonapparate abgenommen und die chinesischen Arbeiter, die dabei halfen, entlohnt, was in dem einzigen hier gangbaren Gelde, den auf Stränge aufgezogenen durchlochten Cashmünzen, geschah. Ein Soldat hatte noch eine Anzahl derartiger Cash ans seinem Arme hängen. Diese Mcssing- schütze schienen die Bauern des Dorfes Niukou zu reizen; die Soldaten sahen sich plötzlich von einem Haufen Chinesen angegriffen und zu Boden geworfen, wobei einige der Bauern versuchten, den Soldaten die Gewehre zu entreißen. Der Unteroffizier rief den Soldaten noch zu, die Gewehre mit aller Kraft festzuhalten, und das thaten sie auch so, dag es den Chinesen nicht gelang, auch nur eines Gewehres habhaft zu werden. Ein auf dem Boden liegender Soldat bekam eine Hand frei und gab auf seinen An greifer Feuer ab. Die Kugel ging diesem quer durch den Leib, so daß er sofort tot zusammenstürzte. Einem andern spaltete der Unteroffizier den Schädel, worauf die sämtlichen Chinesen die Flucht ergriffen. Nun konnte die Patrouille nach Tsingtau zurückkehren. Die Ursache dieses bedauerlichen, aber ausschließlich von den Chinesen vernnlaßten Vorfalles liegt in dem Zurückziehen der Truppen. Die Chinesen waren der Meinung, daß die Deutschen zu schwach seien, um Kiautschou zu halten, und das Auf geben der Okkupation beschlossen hätten. Kurz vorher wurden die Offiziere in Tsingtau durch den Besuch von fünf katho lischen Missionaren überrascht, welche den mehrere hundert Kilometer langen Weg von ihre:: Missionssitzen in Südschantung nicht gescheut hatten, um dem Prinzen Heinrich, den sie bereits in Tsingtau vermuteten, ihren Dank für das kräftige Einschreiten des Deutschen Reiches auszusprechen. Es befanden sich darunter zwei Westfalen und ein Süddeutscher, der vierte war ein Italiener, der fünfte ein Franzose. Die Herren waren natürlich sehr enttäuscht über die Abwesenheit des Prinzen, anderseits wurden sie von6 Nach Deutsch-China! den Offizieren in so gastfreier und überaus liebenswürdiger Weise ausgenommen, daß sie mehrere Tage blieben, um nach langen Jahren wieder einmal unter Europäern zu leben. Einer von ihnen hatte neunzehn Jahre lang die Heimat nicht gesehen, und als bei einem Diner ihnen zu Ehren das vortreffliche Musikkorps des Marine-Jnfanterie- bataillons die heimatlichen Weisen spielte, traten ihm Thränen in die Augen. Die Missionare machten bei allen, die mit ihnen in Berührung kamen, den allerbesten Ein druck, und als sie endlich wieder aufbrachen, um auf ihre gefahrvollen einsamen Posten zurückzukehren, gaben ihnen die Offiziere noch eine Strecke Weges das Geleite.Tsingtau. Tsingtau ist ein armes Chinesendorf, das sich an der Südküste der die Bucht von Kiau- tschou abschließenden Landzunge nahe dem Strande des Gelben Meeres hinzieht. Von der Lan dungsbrücke führt ein Fußweg an dem von Chinesen erbauten, aber von deutschen Soldaten besetzten Brückenfort vorüber, dem Meeresstrande entlang, nach dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender, hübsch gebauter Götzentempel Präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke ragen über die mit wunderlichen Stein- siguren geschmückten Dächer der verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sind auch die größten des ganzen Ortes, denn znm Damen des Gouverneurs schreitend, sah ich zu beiden Seiten der engen Hauptstraße nur kleine niedere Chinesenhüuser mit winzigen, papierbekleideten Fensterchen. Glas ist in dieses entlegene Nest von Schantung noch ebensowenig gedrungen wie Seife. Von der Hauptstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, lind diese ist das vorläufige Europäerviertel des Ortes. Freilich zeigt auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige Chinesenhüuser mit Steinmauern, Papier fenstern und Strohdächern, aber der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die große Reinlichkeit, die überall herrscht, zeigen, daß hier unmöglich Chinesen wohnen können. In der That tragen zwei der Häuser die Namen der zwei einzigen deutschen Handelsfirmen, welche sich bis April 1898 hier angesiedelt hatten: Schwarz kopf & Co. aus Hongkong und Sictas & Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich Deutsche Post." Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz, auf welchem sich der Damen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz so eingerichtet wie alle Damen der chinesischen Mandarine. Denr von einem Militär- Posten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine hohe Schutzwand gegen die bösen Geister und der große Flaggenstock, auf dem heute die deutsche Kriegsflaggc^. weht. Ins Innere des Damen tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen Hof,Das obere Dorf oonCap Evelyn. Berge auf der Westseite der Bucht etwa 20 Kilometer südlich von der Stadt Kiautschou. Der blaue Wasserstreifen bildet die Einfahrt, etwa l—5 Kilometer breit, zur innern Deutsche Kriegsschiffe. Bucht, die sich bis weit hinter die Berge aus der rechten Seite des Panoramas erstreckt. Man vergleiche die Kartenskizze. Landungsbrücke Vrückenlager. Die im Bau befindliche Brücke. Panorama Oer kuckt von Kiautscbou von einer koke östlich Oes Briickenlagers aus gesehen. MiViletibcck SdiöncrUruü‘ Srhör/JV/css RoscnUml Linrfi'nJjc.rg FuLkcnha/f CTesim&brurmen. Weddin j lir.htenbg : Charlotte] I -biir ummi Dtsch.WUmersdf'. ca Friedri chshgfc Tempelhof' Fritz. Cöpenich GT.Lich.terfeitle» -ACrrrie/idor/' Q>Jludoir MarLenft’Met^ lichtenrade Teltow ' Strandlager. Lazarcttbaraiken. Gouvcrneursyamen. Karte der Bucht vorr Kiautschou. Die Entfernung vom Brückenlager nach der Stadt Kiautschou beträgt aus dem Landwege etwa 55 Kilometer. Der Standpunkt des Beschauers befindet sich etwa bei u von Tsintau. Die Grenzen des Panoramas rechts und links sind durch punktierte Linien angegeben, die vom Standpunkt des Beschauers ausgchen. Karte von Berlin und Umavbuna im Maststabc der nebenstehenden Karte der Kiautschoubucht zum Bcrglcich der räumlichen Verhältnisse. Eingang zum LffizierSyamen des LstiagcrS. Diederichsbcrg. Tsintau. J Nach Tsimo. Ostlagcr. Nrrillcrielager. Jltisberg.Tsingtau. 9 Von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befinden. Ein breiter Durchgang in dem der Pforte gegenüberliegenden Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden aus geschnitztem Holz ein gefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält die ntir aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs nnb die beiden Zimmer, die eben für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig ein, ja es mußten noch die dahinter befind lichen Kasernen der längst verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden. Vom Jamenlager führt ein breiter Fahrweg durch ein zweites kleines Chinesendorf zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Ostlager empor, dem Sitz des Stabes des Marine-Jnfanteriebataillons; dem Ostlager gegenüber, auf dem Plateau einer zweiten Anhöhe, liegt das Artillerie lager mit den Kasernen für die Feldbatterie und den verschiedenen Reparaturwerkstätten. Nahe der westlichen Spitze der Landzunge von Tsingtau und gegen drei Kilometer davon entfernt, liegen noch zwei andere Militärlager, das Höhen- und das Strand lager, in welchem zwei Kompagnien der Marineinfanterie untergebracht find. Das ist das ganze Tsingtau. In der Ortschaft zeigte sich schon zur Zeit meines Besuches, etwa vier Monate nach der Besetzung, deutsche Ordnung und deutsche Reinlichkeit. Auf meinen früher» Reisen im Jnlande von China habe ich nirgends eine Stadt getroffen, in welcher die Häuser numeriert gewesen wären. In Tsingtau besitzt heute jedes einzelne Haus seine Nummer, die von der Regierung angekauften Häuser tragen ein kleines schwarz- <s ilx druksch-chin-stph-r Polizist m Tsmgksm. weiß-rotes Wappenschild neben der Hausthüre aufgemalt, die gemieteten Häuser, mit den Beamtenwohnungen, Aemtern rc. eine schwarz-weiß-rote Scheibe. So sind sie leicht erkenntlich. Straßenbeleuchtung gibt es in China sonst nur in größern Städten, und auch dort sind es nicht die Stadtbehörden, sondern einzelne wohlhabende Bürger, welche eine Laterne opfern, oder die Bewohner einzelner Straßen einigen sich, um dieser Straße Beleuchtung und Bewachung zu geben. In Tsingtau standen die Laternenpfähle schon längst, aber die Lampen fehlten noch. Vielleicht nur weil es gerade Mondschein war, und bekanntlich ist Sparsamkeit auch eine der deutschen ' Tugenden. Die Polizeibehörde in Tsingtau vertritt eiu stattlicher junger Lieutenant. Zur Sicherung des Verkehrs in den Hauptstraßen untersteht ihm ein Stab von ein paar10 Tsingtau. chinesischen Polizisten. Man erkennt sie leicht an den schwarz-weiß-roten Lappen, die sie auf ihrer Kappe und ans dem linken Aermel ihrer blauen Jacke tragen. Dieser Lappen allein verleiht ihnen Autorität, denn sonst unterscheiden sic sich von ihren schlitzäugigen Mitbürgern nur dadurch, daß sie einen dicken Stock in ihrer Rechten tragen und jedem Offizier stramm wie ein deutscher Dragoner den militärischen Gruß widmen. Dem Polizeibureau unterstehen atich selbstverständlich die Hotels, Wirtshäuser und Vergnügungslokale der Hauptstadt von Deutsch-China. Von Hotels war vorläufig nur eins vorhanden. Es führte den stolzen Namen Hotel Kaiser, hatte aber keine Zimmer zu vermieten. Der Inhaber war ein spekulativer Chinese ans Schanghai, der in der Hauptstraße des Ortes eiu Chinesenhaus gemietet hatte. Im Vorderhause mit der nach der Straße gerichteten Veranda befand sich sein Kaufladen, in welchem er allerhand Konservenbüchsen, Stoffe, Stiefel, Nähzeug, Schnäpse und Biere fcilbot. Uebcr dem Eingänge prangte auf einer weißen Tafel die Inschrift: Hotel Kaiser, Inhaber: Joaking und Ahijoi. Der freundlich grinsende Inhaber hatte bereits Deutsch gelernt. Ik sabe deutch, sprach er mich unter tiefen Verbeugungen an. „Gobenol at gebene pamiscku open Otel, kommen Sie, luksi, no bebe pisi man, no habe dima, bei an bei.“ Da dieser spanisch- englisch-deutsch-chinesische Dialekt von jedem heimischen erheblich verschieden ist, will ich die deutsche Ucbersetzung dieses Deutsch gleich beifügen: „Ich kann deutsch; der Gouverneur hat mir Erlaubnis gegeben, ein Hotel zu eröffnen, kommen Sie, besehen Sie es; ich habe noch keinen Gast, weil ich keine Zimmer habe, aber nach und nach." — Die Wörter pamiscbu, luksi, pisi, bei an bei sind nicht deutsche, sondern gehören der Umgangssprache zwischen Chinesen und Europäern an, wie sie in den offenen Häfen gesprochen wird, dem sogenannten Pidschin-Englisch. — Pamiscbu ist Permission, luksi heißt look see (schaue, sieh') pisi steht für piece, d. h. Stück, denn der Chinese sagt nicht ein Mann, zwei Männer, sondern ein Stück Mann, zwei Stück Mann; bei an bei ist das englische by and by. Was im Hotel Kaiser irgendwie an ein Hotel gemahnen konnte, war ein kleines, ganz behagliches Wirtsstübchen im Hinterhause mit moderner europäischer Einrichtung. Aus dein Kaminbrette standen batterieweise Münchener und Pilsener Bier, Gin und Whisky, aber vor der Hand fehlt noch das pisi man, das „Stück Mann", mit sich an diesem Nektar zu laben. Die Soldaten des Marine-Jnfanteriebataillons haben tags über zu viel zu thun mit der Erbauung der Stadt; um 7 Uhr abends muß jeder Mann in der Kaserne sein und um 9 Uhr im Bett. Nur wenn von den Kriegsschiffen Matrosen nach der „Stadt" auf Urlaub kommen, geht es in den Kneipen lustig zu. Am bevorzugtesten unter den letzteren sind die Zauberflöte und Zum Riffpiraten, kleine nach der Straße sich öffnende Chinesenstübchen mit rohen Schenktischen, hinter denen die langbezopften Söhne Asiens ihre geistigen Genüsse feilbieten. Neben der Eingangs- thüre prangt der Erlaubnisschein für den betreffenden Besitzer, für eine gewisse Zeit seine Getränke ausschenken, zu dürfen. Jeder Schein ist in chinesischer und deutscher Sprache abgefaßt und trügt auch den chinesischen Amtsstempel des Gouverneurs mit dem deutschen Reichsadler in roter Farbe. Die Waren, welche in diesen Läden feil-Tsingtau. 11 geboten werden, sind fast ausschließlich europäischen, aber nicht immer deutschen Ursprungs. Unter den Konserven beispielsweise habe ich nur wenige von deutschen Firmen gesehen, obschon gerade diese mit ihren Erzeugnissen allen anderen gegenüber den Wettbewerb glänzend bestehen könnten. Der Grund davon ist die Bezugsquelle von Tsingtau, nämlich Schanghai. Die großen Firmen von Schanghai, welche sich auf diesen in China bei der stets wachsenden Zahl von Europäern immer wichtiger werdenden Artikel geworfen haben, sind meines Wissens nur englische und französische, darunter vor allem: Hall & Holtz, Laue & Crawford, Central Stores, die natürlich von Europa haupt sächlich englische Waren beziehen. Sy kommt es, daß die Deutschen in Deutsch-China, soweit sie nicht Militärs sind, sich mit englischem Roastbeef, englischer Oxtailsoup, eng lischer Calfs Tongue nähren müssen. Dafür sind wieder eine Menge anderer deutscher Artikel hier und in ganz Schantung verbreitet, ja sie waren schon vor der Besetzung des Kiautschoudistrikts hier vorhanden. Als beispielsweise die deutschen Marineinfanteristen die ziemlich weit im Jnlande gelegene Stadt Tsimo besetzten, fanden sic in den Kaufläden nicht nur deutsche Biere, sondern sogar chinesische Tusche, die in Deutschland her gestellt war. In der Hauptstraße von Tsingtau befindet sich wohl in jedem zweiten Hause irgend ein Kaufladen oder chinesisches Restau rant. Die meisten sind erst nach dem Einzug der deutschen Truppen entstanden. Spekulative Köpfe von Schanghai und Canton kamen in ihrem Gefolge, brachten ihre europäischen Waren mit und machen jetzt ganz leidliche Geschäfte, zumal der Wert der am meisten gang baren Münze, des kupfernen Cash, erheblich gestiegen ist. Während z. B. in vielen Städten die mexikanischen Silberdollars mit tausend und mehr Cash bezahlt werden, gehen in Schanghai nur noch 900 sogen, große Cash auf den Dollar, in Tsingtau aber nur 750, so daß bei dem heutigen Wert des Dollars (1,90 Mark) kaum noch vier Cash auf den Pfennig kommen! Immerhin sind die Lebcnsmittelpreise gering. Was mögen wohl die deutschen Hausfrauen dazu sagen, wenn sie erfahren, daß ganz frische, vorzügliche Eier das Stück zu einem Pfennig verkauft werden? Oder das Schweinefleisch zwölf Pfennige das Pfund kostet? Wildenten werden zu 40 Pfennig das Stück feilgebotcn, große Krant- köpfe, die in Schantung massenhaft gepflanzt und von hier nach allen Hafenstädten des Chinesischen Meeres ausgeführt werden, kosten zwei bis drei Pfennige. Seit meiner Abreise ist das Hotel Kaiser wieder geschlossen worden, dafür sind aber zwei neue entstanden, das Hotel Aegir und das Strandhotel. Auch eine bayrische Bierhalle mit einer Kegelbahn ist schon vorhanden, und Sonntags geht es dort sehr lustig zu. Die Jndustrieerzeugnisse, die ich in den Kaufläden feilgeboten fand, waren recht armseliger Natur, ausgenommen Porzellan- und irdenes Geschirr von sehr hübschen Formen und ansprechender Zeichnung, dann vorzügliche Stoffe ans Rohseide (Pongccl,12 Tsingtau. 'MMiua^uU i»L die in der Provinz in großen Mengen auf Handwebstühlen herge stellt und zu etwa 60 Pfennig bis zu einer Mark das Meter (bei 50 Centimeter Breite) verkauft wird. Stroh geflechte, Matten, Stroh- schnhe, sehr fest gewebte Gürteltaschen für die Cashmünzen und eben solche Strümpfe, Tabaks pfeifen mit Mundstücken aus Schantunger Speck stein, breite Messer, roh geschmiedete Nägel, das sind neben den mannig fachen Eßwaren die wichtigsten in den Kauf läden feilgebotenen Ge genstände. Zwischen den Kauf läden eingestreut sind Barbierläden, an schwar zen Zöpfen aus Men schenhaar, die von einer langen Stange herab hängen, kenntlich, dann Restaurants, die freilich nur aus einem dunklen Küchenraum bestehen oder gar ans einem auf der Straße an die Mauer angebauten offenenHerd, neben welchem die Ku lis oder Schubkarren zieher sich hinkauern, um mit Eßstäbchen und kurzen irdenen Löffelchen ihre Mahlzeiten ein-Tsingtau. 13 zunehmen. Fische sind während des Winters trotz der unmittelbaren Nähe des Meeres recht selten, vielleicht deshalb, weil häufige Stürme den kleinen Dschunken das Fischen unmöglich machen. Fleisch, besonders Schweinefleisch, ist häufiger zu finden, haupt sächlich besteht die Nahrung jedoch aus Kraut, Bohnen, Gemüsen verschiedener Art, Erdnüssen (Usu nuts), Kuchen oder Vermicelli aus Reismehl und vor allem Maccaroni, die in Schantnng massenhaft erzeugt werden. Der Wert der Maccaroniausfuhr aus der Provinz erreicht in jedem Jahre viele Millionen Mark. Als Brennmaterial fand ich nirgends Kohle in Verwendung, die doch nur etwas über hundert Kilometer von hier in so großen Mengen vorhanden ist; aber bei den vollständig mangelnden Verkehrswegen und Transportmitteln ist die Herbeischaffung der Kohle geradezu ausgeschlossen. Eine Tonne Kohle, die in Weihsien, also am Erzeugungs orte, vielleicht einige Mark kostet, würde sich in Tsingtau auf 40 Mark stellen, und welcher Chinese in Tsingtau besitzt 40 Mark für Heizmaterial? Geheizt werden die chinesischen Häuser hier überhaupt nicht, Feuer wird nur für die Herstellung der Mahl zeiten angemacht und dann sofort wieder ausgelöscht, denn nichts macht sich hier so fühlbar wie der Mangel an Brennmaterial. Die Berge ringsum haben wiederholt ihren letzten Baum und Strauch hergeben müssen, um immer wieder neu bepflanzt zu werden. Heute dient zur Feuerung nur noch allerhand Wurzelwerk, kleines Geäste, ja das Gras wird mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen! Am ersten Markttage sah ich auf dem Marktplatze vor dem Tempel eine Menge von Eseln, mit grünen Föhrennadeln bepackt, die vielleicht ans 30 bis 40 Kilometern Entfernung, von dem Lauschangebirge, herbeigeholt werden und reißenden Absatz finden. Dennoch ist die in Deutschland ver breitete Ansicht, Tsingtau sei ringsum von vollständig kahlen Bergen umgeben, irrig. General Tschang, der frühere Befehlshaber, ließ mehrere Berge mit Fichten bepflanzen; die Anhöhen hinter dem Ost- Ad dem Artillerielager zeigen sogar vielversprechenden jungen Baumwuchs, denn er bestrafte jeden Holzdiebstahl dort auf das strengste, und dieses Verbot hat auch die umsichtige Regierung unter Kapitän Truppe! aufrechterhalten. Sobald nur einigermaßen mit den dringendsten Geschäften aufgeräumt ist, wird die Be pflanzung der Berge in Angriff genommen werden. Das Volk mit Brennmaterial zu versehen, ist eine der wichtigsten und schwierigsten sich heute darbietenden Fragen. Für die deutsche Besatzung muß jedes Stück Holz, jede Tonne Kohle von Schanghai oder von Japan eingeführt werden; aber die japanische Kohle eignet sich auch nur wenig für Heizmaterial. Sic ist zu fett, schmilzt im Ofen, erzeugt viel Ruß und Rauch, und nach den Proben der Schantungkohle, die ich in Schanghai gesehen habe, ist diese ent schieden der japanischen vorzuziehen. Schon deshalb ist die Herstellung der Eisenbahn in die Kohlengebiete eine direkte Notwendigkeit. In Tsingtau sowie in den Dörfern der Umgebung prangt nun auf den Flaggenstangen an Stelle des chinesischen Drachen die deutsche Kriegsslagge und an der Stelle der Proklamationen des Chinesengenerals und der bezopften Mandarine, in welchen dem armen bedrückten Volke weitere Zahlungen, weitere Bürden auferlcgt werden, kleben an den Mauern andere Proklamationen mit einem großen roten Adler,14 Tsingtau. und in diesen Maueranschlägen wird den erstaunten Chinesen Friede und Schutz und Gerechtigkeit versprochen, wenn sie sich nur ruhig und anständig betragen. Alles ist hübsch in chinesischer Schrift gedruckt und trägt als Unterschrift: „Der kaiserliche in der Ostgegend auf dem Angesicht des Meeres auf den deutschen Soldatenschisfen regierende Admiral Ti", oder „Der kaiserlich deutsche alles zusammen verwaltende, was in Kiautschou den Deutschen gehört, und der jetzt nach den Unruhen bevollmächtigte große Beamte Tu". Das ist der in der offiziellen Welt gebräuchliche klassisch-chinesische Stil, und wie die Deutschen, so wissen auch die nunmehrigen chinesischen Unterthanen des großen Kaisers in Berlin, daß mit Ti und Tu der Admiral Diederichs und der Gouverneur Truppe! gemeint sind. Die Zopfträger haben sich mit mehr oder weniger Grazie den vorstehenden freundlichen Einladungen gefügt. Thun sie's nicht, so giebt es Hiebe, und deshalb thun sie es. Daß eine dicke Faust hier waltet, die nicht so viel Federlesens mit ihnen macht und nicht so ohnmächtig alle Räubereien durchgehen läßt, haben sie längst einsehen gelernt.Militärische Bilder. )as heute an Europäern in Deutsch-China vorhanden ist, gehört mit wenigen Ausnahmen dem Kriegerstande an, und demgemäß ist auch das ganze Leben der „roten Teufel", wie uns die Chinesen gern nennen, hier militärisch geregelt. Ein Kanonenschuß, von den Wällen des Artillerielagers abgefeuert, verkündet die Mittagstunde, und um neun Uhr abends schmettern die Trompeten der rings unr'Tsingtau gelegenen fünf Militärlager die Retraite. Der Gouverneur von Kiautschou ist Militärkommandant, Oberrichter, Bürgermeister, Landrat, Gott weiß was alles in einer Person, und die wenigen Offiziere seines Stabes teilen Drr deutsche Skemxel des Gouver neurs von Kiautschou. Vor dem Hamen des Gouverneurs. sich in die verschiedenen Obliegenheiten, welche die Vorbereitung oder die Ausführung der Befehle ihres Chefs mit sich bringen. Sinekuren sind das keineswegs. Vont frühen Morgen bis zum Zapfenstreich, und häufig stundenlang darüber hinaus siitd sic an der Arbeit, kaum Zeit findend für die frugalen Mahlzeiten, welche ein chinesischer Koch ihnen zubereitet. Der Gouverneur allein verfügt über ein Arbeits-, ein Speise- und16 Militärische Bilder. ein Schlafzimmer, denn er hat gewisse Repräsentationspflichten. Seine Offiziere aber, ebenso wie jene in den verschiedenen Lagern müssen sich vorläufig mit je einem Zimmer begnügen, denn die anderen Räumlichkeiten des Gouverneuryamens ent halten die vielen Bureaus, welche die Verwaltung eines so großen Gebietes, das gegen hunderttausend Einwohner zählt, mit sich bringt. Diese Einwohnerschaft genau anzu geben, ist wohl niemand im stände, denn die von Kiautschou wie von ganz Schantung vorhandenen Karten sind höchst ungenügend, und bis zum März 1898 wurden fast bei jeder Expedition in das Land neue Dörfer sozusagen entdeckt. Man kann sich schon daraus erklären, wie ungemein schwierig es ist, militärische Aufgaben zu lösen, zumal cs in: ganzen Gebiete an Wegei: fehlt. Glücklicherweise hat man in Berlin die Anordnung geeigneter Maßnahmen dem eigenen Ermessen des Gouverneurs über- Chiurst mik Schubkarren in Tstnglan. lassen, der, an Ort und Stelle befindlich, gewiß der Geeignetste dafür ist. Ein besserer als Kapitän Truppe! hätte kaum gefunden werden können; das Verständnis, die Ruhe und Sicherheit, mit welcher er die erforderlichen Befehle erteilte, waren bewundernswert, und dasselbe gilt auch von seinem Nachfolger, Kapitän Rosendahl. Man würde erwarten, in dem kleinen, von Bureaus umschlossenen Hofe vor seinem Damen zuweilen belebte militärische Bilder §it finden, Offiziere, Ordonnanzen, Stafetten, ein fortwährendes Kommen und Gehen wie in einem Feldlager. Davon ist keine Spur vorhanden, denn Telegraph und Telephon haben alle diese Arbeiten übernommen und ungemein erleichtert, schon durch die große Zeitersparnis allein. In einer Kammer am Thore des Damen sind mehrere Telephonapparate mit den Einschaltungen, in einer anderen Kammer die Telegraphen untergebracht, ausschließlich von wackeren verständigen Soldaten bedient. Jedes einzelne Lager ist mit dem Damen durch telephonische Leitung verbunden, ja selbst die an der Grenze stehende Kompagnie des Marine-Jnfanteriebataillous führt auf allenMilitärische Bilder. 17 ihren Wegen die Telephonleitung mit sich, und kaum wird irgend ein Ort besetzt, so arbeitet auch schon eine Stunde später der Fernsprecher. Alle Befehle, sofern sie nicht geheime Angelegenheiten betreffen, werden durch den Fernsprecher vermittelt, in jedem Bureau liegen Bücher auf, in welche die abgenommenen Befehle eingetragen werden, und diese Bücher werden dem betreffenden Kommandanten dlirch Ordonnanzen vorgelegt. Dadurch wird eine Menge Schreibereien, auch die Abkommandierung von vielleicht fünfzig Ordonnanzen erspart, welche für andere Arbeiten verwendet werden können, und an solchen Arbeiten herrscht wahrhaftig kein Mangel. Obschon die Mannschaften des Ge schwaders unter Viceadmiral von Diederichs in den ersten Monaten kaum glaubliche Auf gaben durchgeführt und Tsingtau überhaupt für Europäer wohnlich gemacht haben, so Das Arkillrrirlsgrr, van oben gesehen. fehlt es doch noch an allen Ecken und Enden. Was chinesische Kulis machen können, wird von ihnen unter der Aufsicht von Seesoldaten gemacht, alle Hausbauten, das Eindecken, Herstellen von Wegen, Straßen, Fußböden, Umfassungsmauern, Brücken über die vielen vertrockneten Flüsse, Wassertragen, Beförderung von Lasten, Baumaterial u. s. w. Diese Beförderung geschieht von den Chinesen ausschließlich auf Schubkarren, die aber nicht wie die unsrigen eingerichtet sind. Das doppelt so große Rad befindet sich an der gleichen Stelle, wo bei uns der Kasten ist, und auf der Achse dieses Rades sitzen zu beiden Seiten Tragbretter oder Bänke, auf welchen ebensogut Menschen wie Waren befördert werden. Sind diese Waren schwer, so wird der Schubkarren von einem zweiten vorn mittels Stricken gezogen. Derartiger Schubkarren (Wheclbarrows) stehen heute gewiß an fünfhundert in Tsingtau allein in Verwendung, in der ganzen Provinz Hesse-Wartegg. Schantung und Deutsch-China. 218 Militärische Bilder. mag es deren eine Million geben; denn was bei uns Eisenbahnen, Dampfschiffe, Equi pagen, Droschken, Frachtwagen sind, das sind hier Wheelbarrows. Der Proviant für die an die Grenze von Deutsch-China vorgeschobene Kompagnie wird nur auf Wheel barrows transportiert, und in den Straßen von Tsingtau sieht man von diesem Gefährt häufig ganze Batterien aufgefahren. Sie sind gar nicht so billig. Für eine Strecke von etwa vierzig Kilometer wird anderthalb Dollar, also drei Mark verlangt. Die guten Chinesen haben sich dem Bedarf angepaßt, und die Preise sind seit der Besetzung auf das dreifache gestiegen. Dabei sind aber die Kulis fleißige, willige, verständige Arbeiter, mit denen man sehr gut auskommeu und die man leicht lenken kann, nur muß stets ein Europäer bei ihnen sein. Arbeiten, welche die Chinesen nicht leisten können, werden von den Soldaten des Marine-Jnfanteriebataillons unter Major von Lossow, solvie von den 250 Fuß- Erflr Rekrulrnrnsxekküm in Druksch - China. artilleristen ausgeführt, die unter dem Kommando des Kapitünlieutenants Grapolv im Artillerielager stehen. Dieses von den Chinesen übernommene Lager ist ein wahres Arsenal geworden. Hier lvohnte vor der Besetzung der Chiucsengeneral Tschang, und in der heutigen Wohnung des Kommandanten wurde er gefangen genommen. Als die Chinesen abzogen, ließen sic außer kolossalen Nnratshaufen und Monate altem Schmutz auch gegen zwanzig gut verwendbare Kruppsche Feldgeschütze zurück, die noch heute auf einem der Plätze innerhalb des Lagers aufgefahren sind, ihr weiteres Schicksal erwartend. In den zahlreichen niedrigen, teils mit Ziegeln, teils mit Stroh eingedeckten Gebäuden sind die Fußartilleristen und eine Feldbatterie untergebracht; einzelne Gebäude mußten als Stallungen für das Sattelzeug und die Maultiere dieser merkwürdigen Feldbatterie eingerichtet werden, merkwürdig deshalb, weil die Bemannung der Batterie in Matrosen- unisorm steckt. Früher wurde mit dem Worte „Gebirgsmarine" allerhand Ulk. getrieben, aber heute giebt es in Kiautschou in der That eine „Gebirgsmarine". Cs gewährtMilitärische Bilder. 19 schon einen seltsamen Anblick, eine deutsche Feldbatterie mit kleinen chinesischen Maul tieren bespannt zu sehen; aber geradezu drollig ist es, daß auf diesen Maultieren Ma trosen reiten, mit Sporen an den Stiefeln. Der erheiternde Eindruck, den der Aufzug dieser Feldbatterie für den ersten Augenblick macht, verwandelt sich indessen in aufrichtige Bewunderung, wenn man sie auf ziemlich unebenem Terrain im Trab und Galopp exerzieren sieht. Ihr Kommandant Premierlieutenant von Plönnies hat aus diesem zu sammengestoppelten Material trotz der schwierigen Verhältnisse binnen kurzer Zeit eine vollständig schlagfertige Batterie geschaffen. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die ver meintlichen Matrosen größtenteils Feldartillcristen in Matrosenuniform sind, dafür mußten die Maultiere von den Chinesen gekauft werden, die sie bisher als Lasttiere verwendet hatten. Im Artillerielager wird auch geschmiedet, gezimmert, gehobelt und gefeilt, denn es gilt ja, die verschiedenen Lager einzurichten, ihnen Oefen, Thüren und Fenster zu geben. Noch im März waren viele Fenster im Artillerielager statt mit Scheiben mit dünnem Papier überzogen, das durch die Lufterschütterung bei dem Mittagsschuß ge wöhnlich platzte und immer wieder ersetzt werden mußte. Die wackeren Artilleristen sind zu reinen Handwerkern geworden, die Offiziere zu Maurerpolieren, aber — ä la guerre comme ä la guerre — alles wird mit Freude und Arbeitslust in Angriff genommen. Man würde es gar nicht für möglich halten, was unter den hier stationierten Offizieren für verborgene Talente geschlummert haben, die nun durch die Not geweckt worden sind. Die einen rücken mit den Truppen zum Grenzdienst aus, die anderen exerzieren, die dritten bauen Häuser, Stallungen u. s. w. oder leiten die Anlage von Brunnen. Während der ersten Monate hatten die verschiedenen hoch gelegenen Lager kein Wasser, und das selbe mußte täglich von Chinesen in Kübeln hinaufgeschleppt werden; dazu ist das Wasser- sandig, wenn auch nicht ungesund. Aber man mußte sich für den Sommer vorsehen, und deshalb wurden in allen Lagern Brunnen gegraben. Erst des Abends versammeln sich die Offiziere in den Messen der verschiedenen Lager; jedes besitzt seine eigene Offiziersmesse, in irgend einem notdürftig zurecht ge machten Jamenraume untergebracht, aber das thut der Fröhlichkeit keinen Eintrag. Im Ostlager, wo der Stab des Marine-Jnfanteriebataillons liegt, konzertiert zuweilen das vorzügliche Orchester, besonders wenn die Kameraden aus den anderen Lagern zu Tisch geladen sind. Dann werden auch die verschiedenen chinesischen Kuriositäten, welche die Herren auf ihren Streifzügen in der Stadt Kiautschou, oder in Tsimo, Nikukau, oder Tsankau erbeutet, d. h. für bare Münze gekauft haben, zur Ausschmückung des Raums verwendet: chinesische Bilder, Bronze- und Lehmfignren, Gefäße, Waffen u. s. w. Die Chinesen waren froh, so gute Abnehmer ihrer Waren zu bekommen; für Geld scheint ihnen alles feil zu sein. Einige Tage nach meiner Ankunft trat ich mit meinen Be gleitern in den sehr hübschen Tempel von Tsingtau, dem ein achtzigjähriger erblindeter Abt mit einigen sechzigjährigen Priestern vorsteht. Im Tempel stand vor der Statue Buddhas ein fußhohes Räuchergefäß aus Speckstein von reizender Form und wohl mehrere Jahrhunderte alt. Zuin Scherz- hob einer meiner Begleiter das Gefäß vom Altar und bot dem Priester einen Silberdollar dafür an. Wie groß war unser20 Militärische Bilder. Erstaunen, als der langbärtige Diener Buddhas unter tiefen Verbeugungen und Eh-, Ehrufen den Dollar in der Tasche verschwinden ließ und mit gefalteten Händen seinen Dank zu erkennen gab. Er schien ungemein geschnteichelt, daß wir das Räuchergefäß des Mitnehmens überhaupt wert fanden. Mitte März 1898 fand auf dem Exerzierplätze am Meeresstrande nahe dem Brückenlager die erste deutsche Rekrntenbesichtigung statt. Die drei Kompagnien des Marine-Jnfanteriebataillons waren dazu mit klingendem Spiel unter dem Kommando des Bataillonskommandeurs Majors von Lossow ausgerückt, und da gleichzeitig auch die Feld batterie ihre Uebungen hier ausführte, so zeigte der Platz ein Bild, wie man es Wohl in einer deutschen Garnisonstadt zu sehen gewohnt ist, nur nicht im fernen China. Das Bataillon besteht zu etwa einem Drittel aus Rekruten, die vor ihrer langen Seereise nach Ostasien nur während mehrerer Wochen militärische Ausbildung genossen hatten. Hier eingetrofsen, wurden sie sofort zu allerhand Arbeiten verwendet, mußten zeitweilig an die Grenze, dann galt es Kiautschou und Tsimo zu besetzen rc., so daß für den Exerzier platz gewiß nur sehr wenig Zeit übrig blieb. Dennoch führten sie alle Bewegungen mit solcher Sicherheit aus und marschierten im Parademarsch so stramm, daß es eine Freude war. Im ganzen sind die Besatzungstruppen über die Strapazen und Unbilden des Winters sehr gut hinweggekommen, und auch der Gesundheitszustand ist ein guter. In dem neu erbauten, aus etwa zehn Häusern bestehenden Lazarett befinden sich gewöhnlich nur wenige Kranke. Die Truppen sehen vortrefflich ans, lind die Stimmung unter ihnen ist vorzüglich, wozu wohl nicht zum wenigsten der Umstand beitragen mag, daß immer mehr die Uebcrzeugung Platz greift von der Richtigkeit des ganzen ostasiatischen Unternehmens und dem ferneren Gedeihen der jungen Kolonie, zli welcher das Ge schwader im Verbände mit dem Marine-Jnfanteriebataillon den Grundstein gelegt hat. Parademarsch der Marineinfanterie.ersten Frühlingstage. Wenn die Gegner des chinesischen Unternehmens Tsing- \/B/S \ tau und die Bucht von Kiautschou im Sonnenglanz des y/xÄ § ersten Frühlingstages gesehen hätten, so mancher von ihnen '•//'V würde sich in einen warmen Förderer verwandelt haben. Zum erstenmal, seit deutsche Soldaten ihren Fuß auf dieses Stück chinesischer Erde gesetzt haben, strahlte der Himmel in wunderbarer Klarheit, die warme Sonne ver goldete die malerischen Bergspitzen und ließ die Schneefelder des fernen Lauschan- gebirges mit seinen kühnen Felszacken hell aufleuchten. Von der Spitze des neugetauften Diederichsberges, der unmittelbar hinter Tsingtau emporsteigt, bot sich ein Rundbild von vielleicht 40 Kilometer Radius. Als ich, diesen schönen Tag benutzend, die Bergspitze erklommen hatte, lag so ziemlich das ganze deutsche Gebiet, das deutsche katholische Missionare mit ihrem Blute erkauft haben, zu meinen Füßen, und als ich voll Bewunderung meine Blicke über das wirklich herrliche Bild gleiten ließ, würde ich in diesem Moment gern auch mein Blut geopfert haben, um damit ein Stückchen Land für die fernen Landsleute zu erkaufen. Wenn von mancher Seite behauptet wird, die Gegend um Tsingtau sei kahl und reizlos, so ist dies nicht wahr. Der Winter mit seiner empfindlichen Kalte, seinen vielen Stürmen und seiner erstorbenen Natur mag auf die wenigen, welche dieses Land vor mir besucht haben, von Einfluß gewesen sein. Von meinem hohen Standpunkte sah ich die ganze Bucht von Kiautschou bis an die fernen Berge ihrer Umgrenzung ausgebreitet, mit ihren Inseln, ihren vielen Einbuchtungen, malerischen Klippen, reichbebauten flachen Küstenstrecken und steilen Vorgebirgen, die sich dazwischen einschieben. Das deutsche Geschwader lag am Eingänge der Blicht, gerade unter den starren gelben Mauern des Hvheuforts, welches Hauptmann von Hartmann, den Besetzer der Stadt Kiautschou, mit seiner Kompagnie beherbergte.22 Am ersten Frühlingstage. Näher gegen Tsingtau gewahrte ich inmitten wohlbestellter Felder das Strandfort mit den zahlreichen Damen und Soldatenhäusern, über welche sich die malerisch geschwungenen chinesischen Ziegeldächer erhoben. Im Schutze dieses Forts breitet sich tief eingesattelt zwischen zwei Landrücken ein hübsches Chinesendorf aus, umgeben von großen Frucht bäumen und Gärten, ein Bild des Friedens, so still und behaglich wie ein Dorf in der fernen deutschen Heimat; nur das Kirchlein fehlte, um das Bild zu vervollständigen. Es war gerade abends, und jeden Augenblick erwartete ich Glockengeläute zu vernehmen, das die Gläubigen zur Andacht ruft. Aber es blieb still in dieser fremden, andersgläubigen Welt, stumm auch in Tsingtau, wo doch an dreitausend Christen, dreitausend Deutsche wohnen. Aus den zahlreichen Schornsteinen schlängelten sich kleine Rauchsäulen empor, ebenfalls ein mir fremder Anblick für China, und doch so anheimelnd, denn nur wo in China Europäer wohnen, sind Schornsteine zu finden. Ringsum in den Thälern, die Anhöhen empor, wo immer nur möglich, zeigen sich gut bestellte Felder, jedes dem sandigen, von trockenen Wasserläufen zerklüfteten Boden abgerungene Fleckchen war geackert, und zwischen den Feldern bewegten sich lange Züge von Chinesen den Dörfern zu, die in den Einsattlungen verborgen liegen. Deutsch-China ist nicht kahl und baumlos, wie es in den „Briefen aus der Kiautschoubucht" geschildert worden ist. Rings um die Dörfer giebt es überall Fruchtbäume, viele Abhänge sind mit Föhren bedeckt, und vor allem zeigen die zahlreichen Grabstätten, deren konische Hügel sich überall in den Feldern er heben, sorgsam gehüteten Baumschmuck. Ja die fleißigen Chinesen haben sogar eigene Baumschulen angelegt. Was wird sich hier durch eine zielbewußte Regierung nicht alles machen lassen! Wenige Völker des Erdballs lieben die Natur, das Landleben in solchem Maße wie die Chinesen, und sie wären gewiß die letzten, um mutwillig Wälder zu ver nichten, die Berge abzuholzen und das Land dadurch den von Regenfluten herbeigerufenen Katastrophen auszusetzen. Aber der Liebe zur Natur steht der Selbsterhaltungstrieb gegenüber. Millionen von Menschen leben hier seit Jahrtausenden, Holz war in kalten Wintern ihr einziges Brennmaterial, Holz aus ihrer eigenen Heimat, denn es giebt keine Transportwege, und die zu hohen Transportkosten haben die Herbeischaffung aus anderen weniger besiedelten Gebieten unmöglich gemacht. So wurden allmählich die Berge ihres Waldschmuckes entblößt, so wüteten die an den nackten Bergen herabstürzenden Fluten immer wilder, so wurde den Flüssen die regelmäßige Wasserzufuhr entzogen, so versandete die Bucht von Kiautschou, und so wurde auch die Stadt Kiautschou aus einer einst blühenden Hafenstadt ein totes Jnlandnest mit Trümmerfeldern innerhalb der alten dräuenden Ring mauern. Auch die beiden großen Inseln Tschiposan und Potato Island in der Bucht von Kiautschou sind längst keine Inseln mehr. Mehrere Kilometer breite Sandstrecken, nur bei Hochflut mit Wasser bedeckt, verbinden sie mit dem Festlande, und schon um der weiteren Versandung der Bucht entgegenzuarbeiten, muß andie Bepflanzung der Berge gedacht werden. Freilich würde die Versandung erst nach Jahrhunderten der Schiffahrt wirklich gefährlich werden, immerhin muß man sich bei Zeiten vorschen. Damit würde nian auch der Bevölkerung das vollständig fehlende Brennholz verschaffen. Für- Kohlen wird die Eisenbahn nach den Kohlendistrikten Wei-Hsien und Poschan schon sorgen.Am ersten Frühlingstage. 23 Bei diesem Mangel an Breilinnaterial mußten bisher auch die armen Frauen und Kinder erbärmlich frieren, und ihr einziger Schutz gegen Kälte besteht darin, daß sie ihren ganzen Schatz an Kleidungsstücken anlegen, ein Kleid über das andere. Ueberkleider wie die unsrigen, die bei dem Betreten des Hauses abgelegt werden, kennen die Bauern dieses Distrikts überhaupt nicht, denn in ihren feuchten dunklen Wohnrüumen ist es ja ebenso kalt wie draußen. Sie machen es also wie die Eskimos. Bein: Herannahen des Winters lvird ein Kleid nach dem anderen angezogen, womöglich noch mit Baumwoll einlagen gefüttert, so daß die Leute, denen man während der kalten Jahreszeit in der Straße begegnet, aussehen wie blaue Baumwollballen auf zwei dicken Pfeilern. Von den Hüllden ist nichts zu sehen, bemt die dickwattierten Aermel reichen um etwa einen halben Fuß über die Hände hinaus. Den Kopf bedeckt eine wattierte, oder zuweilen auch eine Pelzmütze mit herabhängenden Ohrläppchen. Zuweilen sieht man sogar Nasen läppchen ! An dem Leibgürtel hängt vorn ein Täschchen für Tabak und ein zweites größeres für Cashmünzen, von denen die meisten einige hundert bei sich führen. An der Seite steckt die nie fehlende Pfeife mit einem etwa einen halben Meter langen Stiel, haselnuß großem halbrunden Kops und einem Mundstück aus grünem oder grauem Speckstein, vielleicht auch Glas. Die jungen Stutzer von Tsingtau stecken ihre Pfeifen hintenüber in den Nacken. Von einem Wechsel der Kleidungsstücke oder dein Ablegen derselben zu Hause ist nicht die Rede. Darum sammelt sich auch allmählich an jedem Körper eine ganze Menagerie von kleinen Parasiten an, die sich bei freier Kost und Wohnung den ganzen Winter über königlich Wohlbefinden. Beißen die Dingerchen, so können sich die guten Menagerie besitzer nicht einmal durch die dicken Wollschichten hindurch kratzen; dafür haben sie ein anderes Mittel. Sie drehen den ganzen Körper innerhalb der Woll schichten ein paarmal hin und her, und die kleine Brut wird dadurch insgesamt aus ihrem Schlaraffenleben anfgeschencht. Der Tag der Vergeltung kommt erst im Frühling. An dem ersten Sonnentage war es so warm und behaglich, daß die Bauern, die Kulis und die Schubkarrenbesitzer es ohne Gefahr, sich zu erkälten, wagen konnten, sich aus ihrer speckigen Baumwollhülle zu wickeln, und auf meinen Spaziergängen sah ich eine Menge diesbezüglicher netter Genrebildchen. Die neuen chinesischen Unterthanen des Deutschen Reiches hatten sich recht sonnige, geschützte Plätzchen an den Häusern oder in den seit langem vertrockneten sandigen Flußbetten ausgesucht, und ihre entblößten Körper teile der Sonne zuwendend, machten sic emsig Jagd, um die Beute vergnüglich in den Mund zu schieben. Wer dich beißt, den beiße wieder, scheint ihr Grundsatz zu sein, aber sonst sind sie ganz geduldige harmlose Kerle, glücklich darüber, daß die roten Teufel doch wieder Geld unter sie bringen. Mit den von Schanghai eingeführten Cash könnte man beinahe die ganze Gegend pflastern. Man denke nur: Seit Monaten sind mehrere Hunderte von Kulis tagtäglich damit beschäftigt, für die Deutschen Häuser und Wege zu bauen, Brücken und Mauern auszubessern, Wasser zu tragen und sonstige Handlangerdienste zu verrichten. Jeder Kuli erhält täglich 130 große Cash (etwa 35 Pfennig) in 13024 Am ersten Frühlingstage. durchlochten Münzen, schön auf Stränge geflochten, ausbezahlt. Das macht an einem Tage schon 50 000 bis 70 000 Münzen, und solcher Tage giebt es heute bereits über hundert! Ich sandte mit Absicht meine chinesischen Diener des Abends in die Spelunken, um nach der unter den Einheimischen herrschenden Stimmung zu forschen, und ihren Berichten nach sind die guten Bewohner der Halbinsel glücklich darüber, den Klauen ihrer Mandarine entronnen zu sein und ihren Lohn bar, ohne die gebräuchlichen Abzüge für die Mandarine zu erhalten. Dabei welche Preissteigerung! Im vergangenen Jahre erhielten sie, wenn sie überhaupt Arbeit fanden, als Tagelohn etwa 35 Cash, heute das vierfache! Dazu ist der Cash auch im Preise erheblich gestiegen. Früher kamen 1000 bis 1200 große d. h. 2000—2400 kleine Cash auf den Dollar (2 Mark), heute nur 750 bis 800 große Cash. Und dabei ist immer noch Beschäftigung für Arbeitsuchende, obschon sich die Be völkerung von Tsingtau in den ersten fünf Monaten seit der Besetzung durch die Deutschen verfünffacht hat! Ich habe es schon gelegentlich der ersten Nachricht von der Okku pation, die nach Europa kam, vorausgesagt. Damals wurde es als ein Nachteil dargestellt, daß die Stadt Kiautschou so lveit von der Seeküste und dem anzu legenden Hafen entfernt sei und daher die Arbeitskräfte mangelten. Ich schilderte dies dagegen als einen Vorteil, weil binnen wenigen Jahren eine neue Stadt unter- geregelten Verhältnissen entstehen und durch den Zuzug zahlreiche Einwohner er halten würde. Daß dies auch eintreten wird, ist heute schon jedem Besucher klar. Ebenso war es in Hongkong und Schanghai und allen anderen offenen Häfen. Die Chinesen ziehen dem Europäer nach, denn wo der Europäer ist, ist Sicherheit, Ord nung, Erwerb, Wohlstand. Wo diese neue deutsche Hafenstadt, ebenso wie die anderen notwendigen Anlagen, hinkommen werden, darüber ist man noch immer nicht ganz int reinen. Wohl ist es wünschenswert, bald Sicherheit zu gewinnen, aber es müssen Witterung, Trinkwasser, Schutz gegen Wind, Eignung für Verkehrslinien, sanitäre und Sicherheitsverhältnisse vorher genau geprüft werden, und das kann nicht an einem Tage geschehen. Eine Ueberhastung könnte für die ganze Zukunft der Stadt von größtem Schaden sein. Des halb darf man auch in Deutschland nicht ungeduldig werden. Es genüge zu wissen, daß sich die Verwaltung in den denkbar vorzüglichsten Händen befindet, und in die Lenker der neuen Ansiedelung würde jeder, der wie ich selbst Gelegenheit hätte, sie kennen zu lernen, das größte Vertrauen setzen. Vorderhand sind ja nicht einmal halbwegs richtige Karten vorhanden. Die einzige einigermaßen zuverlässige Karte ist jene, die von der englischen Admiralität An fang der sechziger Jahre hergestellt wurde, aber sie behandelt nur die Küste. Alle bis her in Deutschland angefertigten Karten sind in Bezug auf Kiautschou von wenig Wert, denn nicht einmal die Lage von Tsingtau ist richtig angegeben, und von den vielen Ortschaften, welche das deutsche Gebiet enthält, fehlen die meisten. Dazu hat in den ersten Monaten des Jahres eine Umtaufung der chinesischen Bezeichnungen, wenigstens was die Inseln und Bergspitzen anbetrifft, stattgefunden. Dieselbe hat allerdings noch nicht an entscheidender Stelle die Zustimmung erhalten, immerhin ist es ziemlich gewiß,H kX M & m & kk & 4? ft# & M. X A, « -i 4 7 E # A 2 H Miarijoildiß *'* nihaS Proklamation der Besitzergreifung von Kiantschou: Am 14. November 1897 machte Seine Excellenz der Chef des Kreuzcrgeschwaders in einer Proklamation bekannt, daß er die Kiautschoubucht in den von ihn, damals angegebenen Grenzen besetzt habe, um Bürgschaft zu haben für die Erfüllung der Sühneforderungen, welche wegen der Ermordung' deutscher Missionare in Schantung an die chinesische Negierung gestellt werden mußten. In der Proklamation wurde erklärt, daß die deutschen Behörden die friedlichen Bürger in ihrem Handel und Wandel schützen und Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten, aber Uebelthäter strenge nach den geltenden chinesischen Gesetzen bestrafen tvürden. Sollten Ruchlose etwas gegen die anwesenden Deutschen unternehmen, so verfallen sie den strengen deutschen Kriegsgesetzeu. Numnehr haben Ihre Majestäten der Deutsche Kaiser und der Kaiser von China einen freundschastlichen Yertrag geschlossen, wonach China an Deutschland einen Teil des früher besetzten Gebietes verpachtet Unsere in Tsimo und Kiautschou stationierten Truppen werden deshalb innerhalb des an uns verpachteten Gebiets, dessen Grenzen später genau bestimmt werden müssen, zurückgezogen werden Ich ermahne alle Bewohner dieses Gebietes, Ruhe und Ordnung zu halten und sich meinen Anordnungen nicht zu widersetzen. Jede Widersetzlichkeit wird nach den Gesetzen streng bestraft werden.Am ersten Frühlingstage. 25 daß die Mehrheit der neuen Namen bleiben wird. Sn heißt beispielsweise die Insel Tschiposan heute Kaiserinsel, Potato Island ist in Cormoraninsel umgetauft worden. Zwei Berge, welche sich unmittelbar hinter Tsingtau erheben und bisher bei den Chi nesen wohl namenlos waren, heißen nach den eigentlichen Gründern von Deutsch-China, Admiral Diederichs und Kapitän Truppel, der Dicderichs- und der Truppelberg. Weiter nach Osten wurde ein Berg der Kaiserstuhl, der ihm nächstgelegene Prinz-Heinrichberg getauft. Es herrschte eine Zeitlang eine wahre Wut, jeden Erdhügel mit irgend einem vornehmlich dem zarten Geschlecht angehörigen Namen zu belegen: Mathilde, Anna, Klara, Marie re. Ob diese Berggipfel ihre neuen Namen auf die Dauer behalten werden, ist noch zweifelhaft, jedenfalls konnte jeder Täufer seiner herzigen Mathilde, seiner schönen Anna, seiner zarten Klara unb seiner Herzensmarie die freudige Mitteilung machen, daß er ihrer iin fernen China iil so schmeichelhafter Weise gedacht hat. Ja, ja, das zarte Geschlecht! Es war im November des vergangenen Jahres, als der sandige Boden von Deutsch-China zum erstenmal die Abdrücke der Nägel deutscher Soldatensticfel zeigte, und bis zum April dieses Jahres ist keine Mathilde oder Anna oder Klara auch nur ans fünfhundert Kilometer Entfernung zu sehen gewesen! Drei tausend deutsche Männer schmachteten in chinesischer Einsamkeit nach ihren Schätzchen, ihren Frauen. Nicht eine einzige beglückte Tsingtau mit ihrer Gegenwart, nicht das bescheidenste Stubenmädchen war bisher zu sehen, und es ist auch wenig Hoffnung vor handen, daß es so bald besser werden könnte, denn welcher deutsche Soldat könnte ohne weiteres zweitausend Mark hergeben, um sein Lieb nach Kiautschon kommen zu lassen? Dazu kommen abermals zweitausend Mark für die Rückfahrt. Und die braven Soldaten, welche dem Deutschen Reiche ein schönes Stück des fremden Landes eroberten, und welche auf diesem entlegensten Anßenpvsten, auf dem die deutsche Flagge weht, Wache halten, unter großen Entbehrungen, diese Soldaten, welche dem deutschen Handel und der deutschen Industrie ein Gebiet erschließen helfen von der weitgehendsten Bedeutung, sie verdienen es wirklich, daß man zu Hanse ihren „strengen Fasten" ein Ende macht. Freilich ist gegenwärtig wohl noch nicht die Zeit, wo man in Tsingtau dem Schürzen- regiment freie Bahn lassen darf, aber ehe die Fraueninvasiou hier in Scene gesetzt werden konnte, müssen ja doch noch Monate der Vorbereitung vergehen, und bis dahin find gewiß schon geordnete Zustände in dem ganzen Gebiet vorhanden. Aber wie soll das geschehen? Den Reichstag anzupumpen, hat seine Schwierigkeiten. Wie wäre es, wenn man so einen großen Dampfer des „Norddeutschen Lloyd" ausrüsten würde, um all die schöneren Hälften der deutschen Soldateska nach Kiautschon zu schaffen? Es wäre nicht das erste Mal. Schon im vorigen Jahrhundert schickte Frankreich ganze Schiffsladungen von Frauen nach seiner neuen Kolonie Louisiana, und Abbe Prevost erzählt davon in seinem „Manon Lescant" in rührender Weise. Freilich waren dies ganz andere Frauen, die diesen Namen gar nicht verdienen. Um so mehr verdienen es die braven deutschen Penelopen, die Jahre lang nach ihren Gatten ebenso schmachten müssen wie diese nach ihnen.26 Am ersten Frühlingstage. Mit der Weiblichkeit hier ist es schlimm bestellt, nicht nur für die weißen Männer, sondern auch für die Chinesen selbst. Tsingtau war ja bis vor wenigen Monaten nur ein Dörfchen mit wenigen Einwohnern, darunter die Hälfte Frauen. Seit her kamen Tanscndc von Chinesen hinzu, darunter aber nur zum geringsten Teil Eine Gruz';'e des schönen Geschlechts in Deutsch-China. Frauen, und zwar von der schlimmster Sorte. Chinesische Unternehmer dachten schon daran, eine Schiffsladung lieblicher Japanerinnen kommen zu lassen, aber die japanische Regierung verbietet die Ausfuhr dieses nettesten und dauerhaftesten aller bisherigen japanischen Exportartikel. Tsingtau ist wohl der einzige Ort des Erdballes, der fünf Monate lang gegen viertausend Männer der weißen Rasse besaß und keine einzige „weiße" Frau. SelbstAm ersten Frühlingstage. 27 die Goldminen von Klondyke in der eisigen Polarregion von Alaska haben weibliche Einwohner aller europäischen Nationen, in Tsingtau aber dürfte es noch Monate dauern, bis das erste Dutzend von Repräsentantinnen des schönen Geschlechtes voll ist. Ich sage absichtlich, „die erste des schönen Geschlechts", denn die Gestalten der Chinesenweiber, die man zuweilen in den Straßen auf ihren Klumpfüßchen einherhumpeln sieht, kann man doch wohl nicht zum „schönen" Geschlecht rechnen, das wäre übergroße Höflichkeit. Wie das zarte Geschlecht von Tsingtau aussieht, möge der Leser aus deu Abbil dungen entnehmen. Ich habe zu jeder dieser Aufnahmen weder die Schönsten noch die Häßlichsten ausgesucht, es sind eben Durchschnittsexemplare. Sie werden den daheim zurückgebliebenen Frauen und Schätzchen der wackern deutschen Soldaten in China nie mals Veranlassung zur Eifersucht geben. Auffällig ist mir die starke Verkrüppelung der Füße bei den Frauen, selbst bei jenen der niedrigsten Stünde. Ich habe bisher in Deutsch - China noch keine Frau gesehen, die auf ihren natürlichen Füßen einhergegangen wäre. Eine derartige Ver breitung dieser grausamen Unsitte habe ich iit den andern Teilen Chinas, die ich bisher bereist habe, nicht wahrgenommen. Auf die sonstige Gesundheit der Frauen scheint die mit großen Schmerzen verbundene Einzwüngung und Umlegung der Zehen unter die Sohle nicht Einfluß zu nehmen, wenn man nach den zahllosen Kindern schließen darf, die überall ihre Mütter umspringen wie Küchlein die Hennen. Und doch kennt man den Storch hier nicht. An seine Stelle treten Reiher, von denen eine Familie sogar über dem Jamen des Bataillonskommandanten Herrn Major von Lossow ihr Nest auf- geschlagen hat. Freilich hier wird sie Wohl wirkungslos bleiben. Chinesischer Storch.Durch das deutsche Gebiet Die wichtigste Frage, welche in den Märztagen die leitenden Kreise von Tsingtau beschäftigte, war, auf welche Weise der neue deutsche Besitz in China Drutschr Rriegsflaggr. abgegrenzt werden sollte. In seiner Reichstagsrede im Februar 1898 hatte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes angedentet, daß die bisherigen Grenzen erweitert und das Gebiet verschiedener Ursachen halber vergrößert werden müsse. Diese Ursachen sind teils strategischer Natur, teils hängen sie mit den gesundheitlichen Verhältnissen in Kiautschou zusammen. Wer die Chinesen kennt, be fürchtet keineswegs irgend einen Angriff von ihrer Seite, weder jetzt, noch in abseh barer Zukunft. Allein Deutschland könnte mit irgend einer der in Ostasien beteiligten Mächte in Konflikt geraten; es könnte immerhin ein Angriff zu Lande möglich werden, und gegen einen solchen muß die junge Kolonie geschützt werden. Vielleicht mag so mancher in Deutschland darüber lächeln, aber wer kann wissen, wie die heute be friedigenden Verhältnisse sich nach einigen Jahrzehnten entwickelt haben werden? Ein heute gemachter Fehler könnte sich im kommenden Jahrhundert rächen. Auch England hat in den vierziger Jahren den Fehler gemacht, sich auf die Insel Hongkong zu beschränken, und mußte 1898 sein Gebiet aus dem Festlande erweitern; die Grenzen der Halbinsel Kowloon, auf welcher heute ein Teil von Hongkong liegt, sind bereits zwei Mal vorgeschoben worden. Die Verhandlungen sind glücklicherweise glatt abgelaufen, aber es ist besser, man sieht sich vor, und Deutschland kann sich beglückwünschen, daß die Vorbereitungen für die Sicherung seines neuen Besitzes wirklich mit deutscher Gründlichkeit durchdacht und ansgeführt worden sind. Die vorläufig festgesetzten Grenzen wurden nur mit dem Lineal gezogen, aber es stellte sich heraus, daß dieselben nicht verteidigt lverden können und Angriffen, Schmuggel und Räubereien ansgesetzt waren. Auch gegen eine etwaige Beschießung der neuen Ansiedelung gaben sie keinen hinreichenden Schutz. Bei der er- staunlichen Entwickelung der Geschütztechnik kann man nicht wissen, auf welche Ent fernungen man im kommenden Jahrhundert wird schießen können. Im Norden derDurch das deutsche Gebiet. 29 gegenwärtigen Grenzlinie ziehen sich nun einzelne Gebirgszüge von der Bucht von Kiautschou an das Kap Jatau, und es galt zu untersuchen, ob es nicht besser wäre, auch diese mit ius deutsche Gebiet einzubeziehen. Das letztere hat auch kein hinreichen des Trinkwasser. Ein weiterer Umstand, der berücksichtigt werden muß, ist das Klima. Die Kälte des Winters macht im Sonimer großer Hitze Platz, und diese könnte int Verein mit schlechtem Trinkwasser und andern Umständen Krankheiten verschiedener Art zur Folge haben. Da muß für einen in jeder Beziehung gesunden, kühlen Bergaufenthalt für die Verteidigung dieses neuen Besitzes des Reiches Sorge getragen werden. Das waren die wichtigsten Gründe, warum eine Erweiterung des Gebietes wünschenswert erschien. Der Wunsch, ein möglichst großes Stück von China zu besitzen, spielte glücklicherweise dabei gar keine Rolle. Ich betone das Wort „glücklicherweise", denn es wäre ein sehr verfehltes Beginnen, sich mit einer chinesischen Provinz oder dem Teil einer solchen bereichern zu wollen. Was Deutschland in China sucht, ist ein Absatz gebiet für seine gewerblichen Erzeugnisse, ein Kohlenhusen für seine Schiffe. Nichts weiter; denn China ist und wird niemals ein Land sein, wo dem deutschen Auswanderer irgend welche Zukunft blüht. Ein möglichst großes Stück Land erwerben hieße also, sich eine Menge chinesischer Unterthanen auf den Hals laden. Was die Erzeugnisse des Gebietes rings um Kiautschou betrifft, so könnten sie ebensowenig eine große Ländererwerbung rechtfertigen. Ich habe nunmehr Deutsch- China in fast allen seinen Teilen durchzogen und weiß aus eigener Anschauung, daß dort nichts für Europa zu holen ist. Ich bin deshalb auch vollkommen überzeugt, daß man die erweiterten Grenzen keineswegs aus jener Lündergier wünscht, welche z. B. die Franzosen zu beseelen scheint. Hätte eS in den ersten Monaten nach der Besetzung irgendwelche halbwegs ver wendbare Karten von Schantung gegeben, die Sache hätte einfacher geregelt werden können. Aber Karten fehlten vollständig, und was wir von dem neuen Gebiete wußten, haben wir nur durch eigene Anschauung erfahren können. Jeder Offizier, jeder Beamte, dessen Dienst ihn bisher ins Land geführt hat, half durch Skizzierung der bereisten Strecke dazu, eine Karte anznlegen. Fast täglich wurden neue Flußläufe, Tempel, Höhen, Pfade re. eingezeichnet; die verschiedenen Aufnahmen wurden dann miteinander ver glichen, korrigiert, das Ergebnis genau notiert, und so entstand nur allmählich die neue Karte. Zn einer wirklichen Vermessung hatten die wenigen so sehr überanstrengten Offiziere keine Zeit. Um die Gebietsergänzung für das deutsche Gebiet zu durchforschen und die im vorstehenden genannten Aufgaben zu lösen, ging in den ersten Frühlingstagen eine Expedition dahin ab, bestehend aus dem Kommandeur des Marine-Jnsanteriebataillons, von Lossow, dessen Adjutanten, Lieutenant von Bosse, Stabsarzt Arimont, Hanptmann von der Heydt und Lieutenant Grünewald mit einigen Ordonnanzen. Ich hatte die Er laubnis erhalten, mich dieser Expedition anzuschließen. Nun ist es so eine Sache, hier an den unwirtlichen Felsenküsten von Schantung, in einem vollständig unbekannten und30 Durch das deutsche Gebiet. zum Teil unbewohnten Gebiete, eine solche Aufgabe zu lösen. Die allernötigsten Dinge, Zelte, Lebensmittel, Bettzeug n. s. w. mußten mitgenommen werden, dazu auch der Proviant und sonstiger Lebensbedarf für die vierzig Mann des Marine-Jnfanteriebataillons, welche unter dem Befehl des Lieutenants Schelle an dein äußersten Grenzposten des deutschen Gebietes standen; denn eine solche Proviantkolonne bedarf Bedeckungsmann schaft, und die hier zur Verfügung stehenden Truppen reichten nicht aus, um den ver schiedenen Kolonnen eine hinreichende Bedeckung zu gewähren. Karren können auf den vor handenen Wegen nicht fortkommen, Tragtiere sind nicht vorhanden, und das einzige Be förderungsmittel in Deutsch-China wie in Südschantung sind Schubkarren. Freilich wäre es viel leichter, wohlfeiler, rascher, bequemer gewesen, den Verkehr mit dem an der Meeresküste gelegenen Grenzgebiete durch eine kleine Dampfpinasse herzustellen; aber vor der Hand besaß die Regierung von Kiautschon noch keine. Jeder beladene Schub karren wird von einem Kuli gezogen, von einem zweiten geschoben, und es gewährte einen seltsamen Anblick, die lange Reihe von Schubkarren, begleitet von Militär, die steilen Hänge des nach dem ersten Kommandanten von Kiautschon benannten Truppel- berges über Felsen und längs üefen Abgründen herabziehen zu sehen in die weite Ebene, welche sich jenseits des Küstengebirges bis zu dem mächtigen Lauschangebirge, und von der Kiautschoubucht bis zum Golf von Petschili ausdehnt. Sie hatten einen langen be schwerlichen Marsch vor sich, denn die Pfade spotten einfach aller Beschreibung. Bei Tagesanbruch mußten sie fortziehen, und erst am Abend trafen sie bei den ärmlichen Chinesenhäusern ein, welche unter dem Namen Schatzekau den äußersten Militürposten der neuen Kolonie bergen. Wir selbst saßen auf kleinen chinesischen Pferden, die bei jeder Gelegenheit stutzten, bockten oder den Versuch machten, mit ihren Reitern durchzu brennen. Ich werde wohl zeitlebens an die Ritte in Deutsch-China zurückdenken. Nur in den zahlreichen Dörfern selbst giebt es wirklich ebene Wege, breit genug, daß zwei Reiter nebeneinander reiten können. Zwischen den Dörfern giebt es aber nur schlechte Feld wege, zerrissen von Negenflnten, stellenweise ganz unterbrochen oder in den Feldern ver laufend. Dann wieder steile Anhöhen auf und ab, an senkrechten Abstürzen entlang, kaum breit genug für den Fuß des Pferdes. Dazu Reittiere, auf die man sich nicht verlassen konnte. Keine Haltestelle, um seinen Imbiß einzunehmen oder zu rasten; zu weilen ging es steile Gerölle herab, so daß wir absitzen und die Pferde am Zügel führen mußten. Wo immer ein Fleckchen Erde zur Bebauung geeignet war, lvar es auch be- bant, hauptsächlich mit Gerste, Bohnen und Kartoffeln, und wir bewunderten den Fleiß und die Ausdauer der genügsamen Chinesen. In den Dörfern, welche wir durchritten, zeigte sich größere Reinlichkeit und größerer Wohlstand als in jenen mancher Gebiete Deutschlands. Die Häuser sind fast durchweg aus Stein gebaut, mit Strohdächern und kleinen ummauerten Vorhöfen, in denen wir nicht selten Obstbäume, hohe Bambusstauden, ja große Kamelienbäume gewahrten, deren rote Blüten aus dem dunkelgrünen Laub hervorleuchteten. An den Enden der Hauptstraße erheben sich gewöhnlich schmucke kleine Tempelchen mit ein Paar Götzen, in der Straße selbst zuweilen auch gemauerte offene Altäre mit kleinen Buddhafigürchen. In jedem Dorfe hörten wir die steinernen Mahl-Durch das deutsche Gebiet. 31 mühlen zur Zerkleinerung der Feldfrüchte kreischen, ein runder, flach geschliffener Fels block mit einer senkrechten hölzernen Achse in der Mitte, und um diese dreht sich auf einer wagerechten Achse eine zwei Fuß breite Steinwalze im Kreise herum, geführt von einem Eselchen mit verbundenen Augen. Gewöhnlich werden diese Mühlen von Frauen bedient, welche das Getreide auf den untern Stein schütten, den Esel antreiben, Säcke herbeitragen u. s. w., trotz ihrer winzigen verkrüppelten Füße, die selbst bei den niedrigsten Fabrikarbeiterinnen in ganz niedlichen, gestickten Schuhen stecken, Füße kaum eine Spanne lang! Bei unserm Kommen lief gewöhnlich die ganze Dorfbevölkerung zusarnmen, um uns stumm anzustarren, mitunter auch freundlich zn grüßen; die Frauen aber liefen davon oder wandten uns den Rücken zu. Die in jedem Dorfe vorkommen den zahlreichen Hunde suchten das Weite, ebenso auch die kleinen, an die fremden „Barbaren" nicht gewöhnten Kinder. So ging es den ganzen Tag, zwischen Dörfern und Feldern, über Berge und durch trockene Flußläufe den fernen schwarzen Lauschanbergen zu, die mit ihren scharfen Felsspitzen unsere alleinigen Wegweiser waren. Nachmittags kamen wir ganz gegen unsere Erwartung an die Meeresküste, und auf dem flachen sandigen Strande reitend, sahen wir endlich in der Ferne, umschlossen von einem weiten Halbkreis vor kahlen zer klüfteten Bergen, eine Gruppe niedriger Steinhäuser, von denen die deutsche Flagge wehte, Schatzekan, den äußersten Posten des Kinutschougebietes- Ein trostloserer Aufenthaltsort läßt sich schwer denken, und ich kann ihn nur mit den Wärterhüusern einsamer Leuchttürme auf Felseninseln vergleichen. Auf nacktem, ödem Sandboden, ein paar Steinwürfe von der Meeresbrandung, liegen etwa zehn niedrige, elende, halb verfallene Steinhütten, mit Stroh gedeckt, ohne Umfassungsmauer, ohne Baum oder Strauch, ohne einen Grashalm in der Umgebung. Jenseits eines nur zur Zeit der hier ein Meter hohen Flut mit Wasser bedeckten Fjords liegen drei oder vier andere Steinhütten nnt verkommenen Schmugglern und Fischern, den einzigen Einwohnern von Schatzekan. Als Lieutenant Schelle mit seinen vierzig Mann des Marine-Jnfanteriebataillons hier eintraf, war die ersterwähnte Gruppe von Steinhütten unbewohnt. Sie hatte früher chinesischen Zollwächtern als Unterkunft gedient; diese waren aus irgend einem Grunde fortgezogen und hatten nur eine elende Opiumspelunke zurückgelassen. Es galt zunächst die moderigen, dunkeln Steinhütten zu reinigen. Sie waren in einem Zustande, daß kein Schwein sie bewohnt haben würde; aber Not kennt kein Gebot. Mit bewundernswertem Fleiße wurden die Ruinen gesäubert, weiß gestrichen, die Fensterrahmen mit Papier überklebt, die Fußböden mit Meeressaud bedeckt, die Hängematten aufgehängt. Küchen, Oefen, Hausthüren und dergleichen gab es keine, und man behalf sich und behilft sich noch, so gut es eben geht. Das Essen wird, wie im ^cfte, unter freiem Himmel zubereitet: der Kommandant des Postens hat ein Kämmerchen, gerade groß genug für den Luxus eines schmalen eisernen Feldbettes, einen chinesischen Stuhl, einen ebensolchen Kasten und einen Tisch, der aus den Brettern einer Kiste gezimmert wurde. Als Schmuck der Wände dienen ein paar mitgebrachte Photographien und die Mandarinsflagge, welche nebst ein paar alten eisernen Kanonen und Wall-32 Durch das deutsche Gebiet. buchsen das einzige war, das in den öden Hütten vorgefunden wurde. Trinkwasser muß ans beträchtlicher Entfernung herbeigcholt werden; Lebensmittel, selbst die allerdürftigsten, sind nicht erhältlich; das nächste Chinesendorf ist etwa eine Stunde weit, der nächste deutsche Militärposten, Litzun, drei Wegestunden weit. In dieser Einsamkeit halten die vierzig Mann mit ihrem braven Lieutenant Wache bei der schwarz - weiß - roten Flagge, die ans dem düstern Strande als Zeichen der deutschen Besetzung im Winde flattert. Die elenden Hütten von Schatzekan waren während der folgenden Tage unser Hauptquartier. So viele Besucher hatte der Kommandant des einsamen Postens an den Grenzen von Deutsch-China noch nicht zu beherbergen gehabt, und da übrigens der Kommandeur des Bataillons sich unter ihnen befand, so hatte Lieutenant Schelle außer gewöhnliche Vorbereitungen für unfern Empfang getroffen. Ein ganzes Haus, oder- besser ein ganzer Stall, der bis dahin noch wegen Mangels an Zeit und Arbeitskräften so geblieben war, wie ihn die Chinesen verlassen hatten, war frisch getüncht worden. Meeressand bedeckte den Fußboden, über die Fensterhöhlen war frisches Papier gespannt worden. Wir froren ganz erbärmlich und trachteten, ein Plätzchen in der Nähe der Holzkohlen zu ergattern, die in einem alten Topfe glühten. Als Schlafstellen waren hölzerne mit Bambusrohr überzogene Rahmen vorhanden, und diese bildeten die einzigen Möbel. Wo hätten auch hier Spiegel, Waschbecken u. bergt, aufgetrieben werden sollen? An Stelle der Thören hingen kurze chinesische Strohmatten von dem niedrigen schad haften Dache und flogen bei jeden: Windstoß ans und zu. Nicht einmal Stroh als Unterlage für unfern müden Körper war aufzntreiben gewesen. So warfen wir denn die mitgebrachten Decken ans die harten Bambnspritschen und legten unsere Mäntel zu Kopfkissen zusammen. Als gemeinschaftliches Waschbecken diente eine irdene Schüssel. Als wir in diesem feuchten, dumpfen Raume notdürftig unsere Toilette machten, hörte ich einen der Marinesoldaten etwas wie „Offizierskasino" rufen. Offizierskasino?! „Gewiß", antwortete unser Gastgeber, „kommen Sie nur mit." Und damit führte er mich in ein Nebenhaus von derselben Größe und deinsclben Aussehen wie unser „Schlaf- Hans". Die Wände waren mit Strohmatten verkleidet, ja cs hingen chinesische Bilder daran, und von der Decke schaukelte als Prachtstück eine wirkliche Petroleumlampe! Der lange Tisch war aus Kistenbrettern zusaminengenagelt und an Stelle des Tischtuches mit weißen Papierbogen bedeckt. Darauf prangten ein paar Zinnschüsseln, Zinkbecher, mit Meeressand sorgfältig abgerieben, und ein riesiger Küchenkessel als Theetopf. Eben waren wir mit unserer Besichtigung dieses Prachtlokals fertig, als die Wache das Ein treffen der Schiebkarrenkolonne meldete. Wie ein langer hellblauer Wurm schlängelte sie sich durch den trockenen Fjord die sanfte Anhöhe empor zu unser»: Lager, und bald waren wir in: Besitz der Lebens- mittel in Blechbüchsen, der mitgebrachten Weii:e, Teller und Eßbestecke. Sauerkraut und Frankfurter Wurst aus Büchsen war unser Menü, dazu Wein und heißer Thee, in Blechschüsseln aufgetragen. Alles mundete vortrefflich. In der heitersten Stimmung suchten wir spät abends unser elendes Nachtlager auf, bewacht von der Schildwache, die vor dem thürlosen Hause auf dem einsamen Seestrande auf und ab schritt, und vonHcsse-Wartcgg, SHantung und Deutsch-China. Druischr Wsrinrsoldslirn.34 Durch das deutsche Gebiet. den: Bataillonshunde Karo, der mit dem Lebensmitteltroß hierher gebummelt war, um am nächsten Tage wieder allein seinen Weg durch die chinesischen Dörfer nach Tsingtau zu finden. Die chinesischen Hunde haben einen Heidenrespekt vor Karo und suchen bei seiner Annäherung das Weite. Der europäische Pudel des Lieutenants Schelle floßt sogar den Eingeborenen selbst Schrecken ein. Sie halten das schwarze zottige Tier für einen Bären, andere fragen, was dies doch für eine Bestie sei, und schütteln ungläubig die Köpfe, wenn man ihnen sagt, dies sei ein Hund. Aber sonst sind sie keineswegs so naiv. Das Gesindel, das in den schmutzigen Hütten rings um die Fjorde des Lauschan- gebirges haust, treibt lebhaften Schmuggel, hauptsächlich mit Opium. Ju Schatzekau giebt es nur zwei oder drei Dschunken, aber in dem benachbarten, üef ins Land ein schneidenden Lauschanhafen zählte ich am nächsten Morgen vierzehn Dschunken. Die zerklüfteten Felsen des Lauschangebirges gewähren ihnen zahlreiche Schlupfwinkel, und es war wohl die Aussichtslosigkeit, den schlauen Gesellen beizukommen, welche die chine sischen Behörden veranlaßte, den Zollposten am Schatzekau aufzuheben. Die Deutschen würden mit ihnen schon fertig werden; jetzt bereits haben sie eine heillose Angst Vör den großen Schiffen der „Barbaren", welche in der Kiautschoubncht vor Anker liegen. Am Tage vor unserer Ankunft hatte die Irene Lauschau einen Besuch abgestattct, um die chinesischen Dschunken in und vor dem Hafen zu untersuchen. In der Nacht des 26. März hatten nämlich bewaffnete Chinesen einen Ueberfall des Pulverdepots in Tsingtau unternommen, waren aber nach kurzem Gefecht zurückgeworfen worden. Da die Möglichkeit vorlag, daß die Chinesen ernstere Absichten im Schilde hatten, gab der Kommandant von Tsingtau den Befehl, das ganze deutsche Gebiet von den Truppen durchstreifen zu lassen, und Admiral Diederichs ließ außerdem jede einzelne Dschunke an- halten und durchsuchen. Als ich am 29. März mittags den Strand von Tsingtau entlang spazieren ging, war ich selbst Zeuge einer solchen Jagd. Die Irene hatte einer eben in hohe See stechenden Dschunke durch einen blinden Schuß zu verstehen gegeben, daß sie dieselbe „zu sprechen" wünsche. Die Dschunke kümmerte sich aber nicht weiter um diese zarte Einladung und fuhr ihres Weges weiter. Da kam eine zweite Visiten karte des Kommandanten der Irene angeflogen in Gestalt eines Geschosses, das ein großes Loch in das Hauptscgel der Dschunke riß. Noch immer schien der Kapitän der selben nicht zu verstehen, was denn die Irene haben wollte. Deshalb dampfte die letztere der Dschunke nach, ließ ihre beiden Dampfpinassen klar machen, und alle drei Schiffe umzingelten die Dschunke derart, daß ein Entrinnen unmöglich war. Sie ließ nun ruhig gewähren, daß ein Offizier mit ein paar Mann an Bord kam und die Durch suchung vornahm. Das Ergebnis mußte wohl für die deutschen Schiffe befriedigend gewesen sein, denn sie ließen die Dschunke ihren Weg fortsetzen und dampften dann gegen Osten weiter, um die andern Häfen des deutschen Gebietes zu durchsuchen. Wie ich in Schatzekau hörte, ist auch hier nichts Verdächtiges vorgefunden worden. Hoffentlich waren die Gründe, welche den Admiral zu dieser Dschunkenjagd veranlaßt haben, triftig genug, denn solche Maßregeln bilden doch immer eine Belästigung der Schiffahrt und tragen keineswegs dazu bei, den Handel der neuen deutschen Stadt Kiautschou zu heben.Durch das deutsche Gebiet. 35 Nächst den englischen Schiffen sind in den Häfen Chinas die chinesischen Schiffe am zahlreichsten, und gewiß wird auch alles geschehen, um sie heranzuziehen, statt abzuschrecken. Neben den Schmugglern, denen das Handwerk in Schatzekau Wohl bald recht sauer werden dürfte, wohnen in der Umgebung dieses trostlosen Platzes nur noch einige wenige Chinesen, die durch Gewinnung von Meersalz ihr Dasein fristen. Ohne Unter laß sahen wir sie die je einen halben Morgen großen „Pfannen" ebnen, mit Seewasser begießen, oder die salzhaltige Kruste abkratzen und in die Behälter zur Auslaugung tragen. Rings um ihre kleinen Hütten standen zahlreiche, mit blendend weißem Salz gefüllte Körbe. Von Schatzekau führt ein schmaler Reitweg an einem trockenen Flußbett entlang aufwärts gegen die 1000 Meter hohen dunklen Granitmassen des Lauschan, und auf diesem Wege trabten wir am nächsten Morgen auf die Paßhöhe, welche Schatzekau von dem Connythal, einem der fruchtbarsten und gesegnetsten von ganz Schantung, trennt. Noch ehe wir aus den Paß gelangten, waren wir überrascht von dem schönen Baum wuchs, der hier die Anhöhen emporzieht, bis zu den nackten Felstrümmern, welche die letzteren hier überall krönen. Wo immer möglich, hatten die fleißigen Chinesen Ter rassen für ihre Felder angelegt, auf denen sich schon frische grüne Gerste zeigte. Zu weilen sahen wir Fleckchen von kaum zwei Quadratmeter Größe, sorgfältig mit Stein mauern eingefaßt. Auf halbem Wege sahen wir einen kleinen Friedhof, beschattet von mächtigen Eichen, Föhren und Pinien, eingefaßt von einer Mauer, und mit großen, schön gemeißelten Grabsteinen vor den konischen mannshohen Erdhügeln. Aber diese Bilder des Friedens wurden noch weitaus übertroffen, als wir von der Paßhöhe hinab blickten in das breite ebene Connythal. Wie die wohlgepflegten Ländereien eines euro päischen Rittergutes zeigten sich hier die Felder, beschattet von Birnbäumen in langen, regelmäßigen Reihen, unterbrochen von einzelnen Parzellen mit stattlichen Eichen oder Pinien, deren saftiges frisches Grün der Landschaft großen Reiz verlieh. Hier und dort zeigten mächtige uralte Bäume die Grabstätten verstorbener Vorfahren der jetzigen Land eigentümer an. Die meisten Grabkegel waren nüt einer Art Hagedorn bepflanzt, der eben in voller Blüte stand, und die hellgelben Blüten bedeckten buchstäblich den ganzen Hügel bis zur Spitze, ähnlich wie bei uns der dunkelgrüne Ephen die Grabsteine über wuchert. Welche Liebe und Verehrung sie ihren Müttern entgegenbringen, entnahmen wir den zahlreichen Denkmälern, die sich längs der Wege erheben: weiße mannshohe Steinplatten, mitunter gekrönt von grotesk ornamentierten Tierfiguren und Götzen, und auf der Vorderseite drei bis fünf große Schriftzeichen tragend, mit kleineren Schrift zeichen an den Seiten. Diese geben die Namen der Verstorbenen und die Jahreszahlen an, die großen Zeichen aber bedeuten Lobeserhebungen, wie z. B.: Sie war das Glück und der Segen der Familie, oder: Sie wird allen ihren Nachkommen ein leuchtendes Vorbild bleiben, oder: Reine Liebe ist die Mutter des Friedens. In der Mitte dieses köstlichen Thales steigt eine gewaltige Felsmasse empor, bedeckt mit einer Patina von graugrünem Moos. Als würde sie wie ein Denkmal ge hütet, ist sie umgeben von dunkelgrünen Grasflüchen und Bäumen.36 Durch das deutsche Gebiet. Zwischen dem Grün von italienischen Pinien, Birnbäumen, Eichen und rot blühenden Kamelienbäumen verborgen liegt etwas thalaufwärts ein großes Dorf, unser nächstes Ziel. Im scharfen Trabe ging es ans ziemlich gutem Wege dorthin; ich kam aus der Verwunderung nicht heraus über die Schönheit der dem Meeresboden ab gerungenen Felder und Obstgärten. In langen geraden Reihen standen hier statt liche Birnbäume, wohlbeschnitten, die Kronen nicht zu hoch emporstrebend, die Stämme und stärkern Aeste von der Rinde entblößt. Wie wir die Stämme mit Kalk anzustreichen pflegen, so schälen die Chinesen hier die Rinde ab, um die Bäume gegen die Insekten brut zu schützen. Das Nahen der seltenen Kavalkade von acht Reitern hatte die ganze Bevölkerung zusammengelockt, lauter gut genährte, gut aussehende Leute, in hellblauen Kitteln und weißen oder blauen Beinkleidern. Alles drängte sich um das einfache Haus des Man darins zusammen, der uns am Eingänge erwartete und den Major mit einer tiefen Ver beugung begrüßte. Es war ein großer, stattlicher Mann in den Fünfzigern, mit dem von einem Krhstallknopf gekrönten Mandarinshute auf dem lang bezopften Kopf. Auf seine Einladung, näher zu treten, sprangen wir von den Pferden, die von den um stehenden Chinesen bereitwilligst gehalten wurden, und betraten das Haus. In seinem Aeußern bescheiden wie das eines deutschen Dorfschulzen, unterschied es sich von den umstehenden Häusern nur durch eine große Holztafel über der Thüre, deren Inschrift in drei goldenen Zeichen etwa besagte: „Zum Schutze und Wohle des Volkes". Das Innere zeugte von Verwahrlosung und Armut; aber mit der letztem ist es bei dem guten Mandarin nicht weit her; denn obschon eine zweite Inschrift im Innern des Hauses besagt: „Mit Gnade sollst du erheben des Meeres Zoll", so schimpfen seine Unter- thanen und auch die Dschunkeneigentümer in dem nahen Hafen weidlich über seine Be drückungen und Erpressungen. Seit dem Einrücken der Deutschen ist das besser ge worden, und da so große Ortschaften doch einen Verwalter haben müssen, hat man den Mandarin vom chinesischen Lieutenantsrang bisher auf seinem Posten belassen. Ja, der Major sagte ihm auch gelegentlich dieses Besuches, daß er bis auf weiteres bleiben dürfe. Darauf hatte er nicht gerechnet; denn seine Soldaten hatte er längst entlassen, die Waffen sind ihm abgenommen worden, und nur eine seiner beiden Frauen befindet sich noch zur Wirtschaftsführung hier. Wir bekamen sie aber nicht zu Gesicht. Durch zwei kleine ummauerte Vorhöfe gelangten wir in das Amtszimmer, einen kleinen schmutzigen Raum mit einein staubigen Tisch, über welchem an der Lehmwand ein Mandarinschild und eine verblaßte rote Fahne prangten. Stühle waren nicht vor handen und wurden erst herbeigeholt, doch konnten nur vier von uns hier Platz finden; die andern mußten sich in die gegenüberliegende schmutzige Küche begeben. Hinter einem dritten Hofe sahen wir wohl noch ein Gebäude, doch wurde dies von der Mandarins gattin bewohnt und durfte deshalb nicht betreten werden. Ein hübscher Junge brachte Thee und vorzüglich mundendes Backwerk herbei, und nach kurzem Imbiß bestiegen wir wieder unsere Pferde und gelangten bald an die Küste des Meeres, auf welchem wir eine beträchtliche Zahl von Dschunken erblickten.Durch das deutsche Gebiet. 37 Nach einem scharfen Ritt von einer Stunde sahen wir vor uns zwischen hohen Bäumen die malerischen Dächer eines Taoistenklosters, dessen Mönche, durchweg alte gebrechliche Männer, auf den Steinblöcken vor der Eingangsthüre saßen. Aus dem Innern hörten wir das monotone Geplärre einer Kinderschule. Durch die Mönche ein geladen, näher zu treten, erblickten wir am Ende eines mit hohen Bäumen beschatteten Hofes einen stattlichen Tempel mit einer Anzahl lebensgroßer fratzenhafter Götzen und vor dem Mittlern Hauptgötzen einen Tisch mit alten Opfergefäßen, Räuchertöpfen und dem obligaten Gong, der beim Gebet angeschlagen wird, um die Götter auf die Betenden aufmerksam zu machen. Interessanter als dieser Tempel war mir ein großes Denkmal, das sich im Vor hofe befindet: eine Monolithtafel von etwa vier Meter Höhe, auf einer gewaltigen, steinernen Schildkröte aufrecht stehend und mit grotesken Tierbildern gekrönt. Die langen Inschriften auf der Vorderseite des Denksteins zu lesen, war unmöglich, da sie teils mit Moos bedeckt, teils verwittert waren, doch gelang es unserm Dolmetscher, wenigstens zu entziffern, daß das Monument aus dein zweiten Regierungsjahre des Kaisers Ta-Tsching, also aus dem Jahre 1326 unserer Zeitrechnung stammt. In der Klosterschule saßen nur wenige Kinder, Knaben und Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, emsig die Lehren des Confucius auswendig lernend, ganz so, wie ich es in meinem Buche „China und Japan"*) geschildert habe. Die kleinen Putzigen Dingerchen schienen vor den fremden Männern große Furcht zu haben, und es gelang den freundlichen München nur mit Mühe, sie zu beschwichtigen. Nach einem weitern Ritt von einigen Kilometern gelangten wir endlich an den Fuß der ersten Kette des gewaltigen Lauschangebirges, das bisher wohl noch nicht von Europäern bestiegen worden ist. Vor einer elenden Lehmhütte ließen wir die Pferde unter der Aufsicht der Ordonnanzen und machten uns auf den Weg, die steilen zer klüfteten Anhöhen zu erklimmen. *) „China und Japan" von E. v. Hesse-Wartegg. Leipzig, 1897, I. I. Weber.Parkir aus Lrm Lsusthan. Der Lauschan. )9or uns erhoben sich die Granit- und Gneismassen des Lauschangebirges in unbeschreiblicher Wildheit und in solcher Kühnheit der Formen, in solcher Oede und Ab wesenheit jedweder Vegetation, daß jeder sie gewiß für viel höher halten würde, als sie wirklich sind. Aber darüber fehlen alle genaueren Angaben, denn eine Besteigung der einzelnen Spitzen oder gar eine Aufnahme dieses Gebirgsstockes ist niemals ausgeführt worden. Die einzigen halbwegs zuverlässigen Karten sind die englischen Seekarten, wenigstens was die Küstenentwicklung betrifft, und auf diesen Karten ist die höchste Spitze mit etwa 3500 engl. Fuß angegeben. Diese höchste Erhebung bildet einen massigen, von der Küste etwa zehn Kilometer entfernten Stock, welchem die Chinesen den Namen Lau-Ting gegeben haben. Ting heißt im Chinesischen der Rangknopf auf den Hüten der Mandarine und würde im Deutschen in Bezug auf Berge etwa mit Kulm übersetzbar sein, während das Wort „Schan" Berg oder Gebirge bezeichnet. Aber war der Lau-Ting, den wir von dieser westlichen Seite des Gebirges aus sahen, wirklich der höchste des ganzen Lauschan, oder nur der höchste ans dieser Seite? Wolken umzogen die majestätische dunkelbraune Spitze, Wolken hingen auch wie Baumwolle an den Seiten der zahllosen andern Spitzen, die wie gotische Türme über den Hauptgrat des vom Meere aus in nordwestlicher Richtung laufenden Gebirgszugs sich erheben. Gegen das Meer fällt der Grat steil ab, und die Brandung umspült die un geheuren Trümmer, welche ihm vorgelagert sind. Nirgends ist die geringste Spur vonDer Lauschari. 39 Baumwuchs oder auch nur von Gras oder Sträuchern zu entdecken, nirgends eine Spur von Erde, nirgends ein Fluß, ein Gebirgsbach oder auch nur eine Quelle. Die steilen Hänge bis hinauf an die höchsten, so kühn aufstrebenden Felsnadeln sind mit gewaltigen Steintrümmern bedeckt, jede einzelne Höhe ist vielfach gespalten und geht der Zerbröckelung entgegen. Die Regenfluten haben tiefe Schluchten in diese dunkel braunen, kahlen Massen gerissen, und zur Regenzeit, wenn die Wassermassen in großen Sätzen über diese Trümmer und Felsstufen herabströmen, muß der Lauschan von der See seite aus einen noch großartigem Anblick darbieten, als wie er sich uns Ende März zeigte. Ich kann mich nur erinnern, im nördlichen Algerien, dann in Arizona, in der nördlichen Sierra Madre und auf Hawai ähnliche Wildheit gesehen zu haben. Die Dolomiten sind groß artiger. Das Berglabyrinth des Sinai ist trotz seiner größer» Höhe und Masse doch freund licher, weil es eine hellere Färbung besitzt und feine derartigen Trümmerfelder zeigt, die etwa geborstenen Lavaströmen ähneln. Und dabei ist der Lauschan rings umgeben von den frucht barsten Ebenen und Thälern. Vielleicht war es die Erinnerung an diese unmittelbar vorher ge sehenen Thäler, welche den Gegensatz verschärften, diese Wildheit kräftiger hervortreten ließen. Dort hinauf mußten nun die Offiziere aus strategischen Rücksichten, wir andern, um die Formation des Gebirgszuges, die Thäler rc. kennen zu lernen. Jenseits sollte nach den Aussagen der Einwohner ein fruchtbares Thal liegen mit dem größten Kloster der ganzen Gegend. Es wären nur wenige Li bis dahin. Ich wußte allerdings aus meinen vielen frühem Reisen, daß den Aussagen der Einwohner, abgesehen von jenen Mitteleuropas, gewöhnlich nur sehr wenig Glauben zu schenken ist. Indessen wir stiegen wohlgemut die An höhe empor über die Trümmermassen, die wenigstens unfern Füßen hinreichenden Halt boten. Statt aber jenseits das erwartete Klosterthal zu finden, zeigte sich nur eine tief ausgewaschene Schlucht, von der aus ein zweiter Grat von der gleichen Wildheit emporstieg. Wahrscheinlich lag das Thal jenseits dieses Grates. Also mühsam über Stock und Stein springend, hinunter und wieder hinauf, um auf der Höhe dieselbe Enttäuschung zu erleben. Wohl war die zer rissene Schlucht jenseits breiter, ja sogar eine elende Lehmhütte klebte an einem Felsenhang, umgeben von kümmerlichen Bäumen und Feldern, die nicht größer waren als unser Schlaf- raum in Schatzekau. Aber das war nicht das Klosterthal. Wir suchten nach dem Bewohner der Hütte und fanden ihn endlich auf einem etwa zwei Quadratmeter großen Vorsprung des steil ins Meer fallenden Grates, damit beschäftigt, dort auf mühsam herbeigeschleppter Erde einige Körner Gerste zu pflanzen. Und China hat elf Millionen Quadratkilometer- Land ! Der einsame Mann erwies sich ebenso freundlich, wie er fleißig war. Das Kloster befinde sich nur drei Li von hier, und sein junger Sohn werde uns selbst dahin führen. Wohlgemut, obschon etwas ermüdet, ging es wieder aufwärts, eine vielleicht 250 Meter hohe, steile Anhöhe empor, die das Aussehen hatte, als wäre sie von Titanen aus großen Gneistrümmern aufgebaut worden, so sehr war alles ringsum zerklüftet. Das anfänglich klare Wetter hatte sich getrübt, dicker Nebel wurde durch den Wind vom Meere her durch das Felsenlabyrinth getrieben, so daß wir, oben angekommen, nicht entdecken konnten, wie das Thal unten aussah; aber es mußte wohl das Klofterthal fein, deshalb nur fröhlich hinunter.40 Der Lauschan. Der Abstieg hatte seine Schwierigkeiten. Hier giebt es noch keinen Alpenklub, der Schutzhütten bauen und Treppen in die Felswände einhauen lassen würde, mit Seilen oder Ketten längs der Treppen und Büchsenspargel in den Hütten. Hier galt es, selbst den Weg finden über diese Ftzlstrümmer, durch Kamine, auf fußbreiten Absätzen mit über hängenden Felsen darüber und Abstürzen darunter, alles in kleinem Maßstabe, aber immer hin von recht netter Wirkung auf die Nerven. Und als wir weiter unten aus den Wolken heraus kamen, zeigte sich uns noch immer kein Klosterthal, sondern nur eine nackte, steinige Schlucht wie die vorhergehende. Glücklicherweise fanden wir an dem Abhange eine kleine Quelle mit frischem klaren Wasser; auf dem Bauche liegend, schlürften wir das köstliche Ilokkmachrn rini« chinesischen Vonkes in Schatzrktin. Naß und zogen weiter hinunter, dann die jenseitige Bergwand wieder hinauf, denn jen seits mußte doch endlich das berühmte Kloster Hiaknngtien liegen. Es ging diesmal mühsamer und gefährlicher als bisher, aber luftige Scherze und Gesang hielten die gute Laune aufrecht. Hilfsbereit unterstützte einer den andern, und so kamen wir glücklich auf die Höhe des Grates. Eben war eine neue Wolkenschicht an uns vorbeigezogen, die Sonne schien wieder hell und be leuchtete tief zu unfern Füßen das reizende Thal, in welchem wir inmitten von Pinien, Cypressen, Eichen und kleinen Bambuspflanzungen die Dächer der vielen Kloster gebäude erkannten. Die gartenähnlichen, üppigen Anlagen ziehen sich bis dicht an den Meeresstrand, wo in einem sichern, gemauerten Hafenbecken ein paar Kähne auf der tief blauen Wasserfläche schaukelten. Jenseits erheben sich wieder Berge, aber von ganz anderem Charakter, freundlicher, mit Bäumen bewachsen und mit Feldern auf den künstlichen Terrassen. Den Abschluß dieser grünen Kette bildet die spitze Pyramide des Kap Patau, wo die Küste von Schantung plötzlich nach Norden abbiegt. Drei Seemeilen nördlich vom Kap Patau sollte der deutsche Besitz enden.Der Lauschern. 41 Gewiß war das Bild zu unfern Füßen nach der braunen Felsenwüste, die wir durchwandert hatten, ganz entzückend, aber die Freude daran war keine ungetrübte: lag doch zwischen uns und dem Kloster noch ein fünfter Felsgrat von ausnehmender Steilheit, der überschritten werden mußte, um in das berühmte Thal zu gelangen, denn an der Meeres küste gab es keine Handbreit ebenen Weges. Unsere Geduld war nun zu Ende. So nahe lag das Kloster vor uns, daß wir mit dem Fernglase die Mönche sahen, die in den Bambusgärten friedlich spazieren gingen, und doch hatten wir vielleicht anderthalb- stündiges Klettern zu überwinden. Eine Menge Königreiche wurden für eine Drahtseil bahn oder eine Hängebrücke versprochen, aber es nützte nichts, entweder mußten wir über den einen Felsgrat vorwärts, oder über die vier überstandenen zurück. Da kam dem Major der Gedanke, Freiwillige aufzurnfen, die über den Grat nach dem Kloster gehen und den Zurückbleibenden ein Boot schicken sollten. Der Adjutant Herr von Bosse meldete sich flink und hilfsbereit wie immer zuerst; ihm nach der Dolmetscher Herr Mootz, dann der Stabsarzt Di-. Arimont. Wir andern blieben auf der öden Felsenterrasse zurück, trockneten unsere Stirnen, sangen das ganze moderne Gesangsrepertoire durch und beob achteten mit den Ferngläsern unsere Reisegefährten, die mühsam, langsam, mitunter auf allen Vieren emporkletterten, um schließlich in einer vorbeiziehenden Wolke zu verschwinden. Eine Stunde verrann, und die verabredeten Pistolenschüsse als Zeichen, daß ein Boot abgesandt wurde, blieben noch immer aus. Dafür sahen wir von unserm etwa 200 Meter hohen Standpunkte ein Floß um einen der Küstenfelsen biegen. Die fünf oder sechs Chinesen, die es ruderten, lenkten direkt ans den sandigen, mit mächtigen Trümmern bedeckten Strand zu unfern Füßen. Hurra! Gute Worte konnten wir diesen Schantnng- menschen in ihrer Sprache nicht geben, aber blinkende Dollars, um uns auf ihrem nur aus znsammengebundenen Baumstämmen gebildeten Fahrzeuge nach dem Kloster zu rudern. Kaum hatte aber Hauptmann D. nach ihnen gerufen, kaum hatten sie wahrgenommen, wie flink wir, der Major an der Spitze, den steilen Hang herab, ihnen entgegen kletterten, als sie auch schon Kehrt machten und so rasch, wie sie nur konnten, davonruderten. Nun standen wir da wie drei Robinson Crusoes auf einsamem Meeresstrande, hinter uns und zu beiden Seiten nackte Felswände, vor uns das Meer mit immer höher gehenden Wellen, denn ein ziemlich heftiger Wind blies vom Kap Jatau her. Die Sehens würdigkeiten dieser namenlosen Schlucht waren bald besichtigt: ein paar kurios aus gewaschene Felsen. So warfen wir Schiffbrüchige uns denn auf den Sand und warteten. Plötzlich hörten wir uns ganz nahe ein lautes Hurra, und anfblickend gewahrten wir unsere Reisegefährten, die auf einem ähnlichen Floße, wie das geschilderte, sich unserm Strand näherten. Lieutenant von Bosse stand trotz Reitstiefeln und Sporen waghalsig auf den von jeder Welle bespülten Baumstämmen und schwenkte munter seine Mütze. Die andern Herren balancierten zwischen den acht Chinesen, welche die schweren, langen Sternruder führten. Auf dem merkwürdigen Fahrzeuge, das flach und gelünderlos, wie eine Zimmerthüre, auf den Wellen tanzte, sahen die Insassen aus wie Schiffbrüchige, welche endlich einen festen Strand gefunden haben. Trotz der ziemlich heftigen Brandung gelangten wir glücklich an Bord, aber nicht um nach dem Kloster zu42 Der Lauschan. fahren, denn dazu war wegen der hochgehenden See keine Zeit mehr vorhanden. Sollten wir nicht in der Dunkelheit unfern Weg iibcr die fünf Felsgrate des Lauschan zurück nehmen, eilt Ding der Unmöglichkeit, so mußten wir unser Leben den sechs Baumstämmen und acht Chinesen anvertrauen. Also frisch gewagt, zurück nach dem Ausgangspunkte unserer Fußwanderung, wo unsere Pferde harrten. Wir fünfzehn Menschen waren gepackt wie Heringe, denn auf dem kleinen Floße stand auch noch ein mächtiger Korb mit Kuh mist. Die Chinesen wollten den Dünger eben auf ihre Felder führen, als unsere Kameraden das Floß in Ermangelung eines andern Fahrzeuges mieteten. Ich war als letzter an Bord gesprungen, und da sonst kein Plätzchen mehr vorhanden war, mußte ich auf dem Der erste deutsche Besuch im Kloster Hia Kungkien. Misthaufen Platz nehmen, während rings um mich die andern Herren auf dem Rande des Korbes saßen, die Füße im Wasser, das bei jeder Welle zwischen den losen Stämmen durchspritzte. Meine Lage war nicht schön, aber interessant. Ich bin wohl der einzige Mensch, der jemals auf einem Misthaufen im Stillen Ocean umhergegondelt ist. Man lernt eben niemals aus. So ging es auf dem schwankenden Floß, eine Spanne vom Wellengrabe entfernt, in heftigem Winde und bei hochgehender See zurück. Die Chinesen sind gute, tollkühne Schiffer, kräftige Ruderer, und anderthalb Stunden später waren wir bei den Pferden. Am nächsten Tage wurde ein Ausflug nach dem Kloster unternommen, aber dies mal nicht über die traurige Gebirgseinöde, sondern in einer kleinen chinesischen Dschunke, Die Regierung von Deutsch-China verfügte im März nur über einen einzigen Dampfer,Der Lauschan. 43 und dieser versah den Postdienst nach Schanghai. Aber es wird doch nicht ewig so bleiben. Kurz vorher war ja eine Depesche des Prinzen Heinrich an den Geschwader kommandanten eingetroffen, welche die freudige Nachricht von der glücklich zwischen Schlla und Charybdis hindurchgek'ommenen Marinevorlage enthielt. Deutsche Stabsoffiziere werden fürderhin wohl nicht mehr ihre Dienstreisen in chinesischen Dschunken unternehmen müssen. Indessen der Ausflug gestattete keinen Aufschub; denn es galt die wichtige Frage der Grenze von Deutsch-China zu regeln. Deshalb mußte auch noch am folgenden Tage eine Besteigung des landeinwärts liegenden Hauptgrates des Lauschan unternommen werden. Cs war am 1. April, dem Geburtstag des Fürsten Bivmarck, und der ffuiall fügte es, daß die Leute des Majors von Lossow gerade an diesem Tage eine Signalstange dort oben auspflanzen konnten, auf welcher für die kurze Dauer des Aufenthaltes die deutsche Flagge gehißt wurde. Nach den gesammelten Erfahrungen erscheint der Besitz des Lauschan, und damit auch die Vorschiebung der deutschen Grenze auf drei Seemeilen nördlich des Kap Jatau nicht wünschenswert. Der Lauschan mit seinen vollständig kahlen Hängen ist nutzlos; vielleicht konnte der auf der Westseite, also gegen Tsingtau gelegene Teil verwendet werden, um dort Neservoirs zum Auffangen und Ansammeln dev Negenwafsers anzulegen; denn Tsingtau fehlt wie gesagt das gesunde Trinkwasser. Für diesen Zweck dürften aber die Hänge des noch im deutschen Gebiete gelegenen Prinz-Heinrichberges mit viel geringem Kosten verwendet werden. An wertvollen Mineralien ist im Lauschan nichts vorhanden, was die Ausbeute lohnen würde; denn es sind schon darüber eingehende Untersuchungen angestellt tvorden, und was das gewünschte Sanatorium betrifft, so giebt es auf dem ganzen Lauschan nicht ein ebenes Plätzchen, groß genug, um das Gebäude darauf zu bauen; Spazierwege müßten in den Felsen gesprengt, die Erde für Garten anlagen mühsam in Körben heraufgetragen werden, und dann würde das Sanatorium in so trauriger, gottvergessener Umgebung erst recht keinen Zuspruch haben. Wohl könnte das Kloster Hia Kungtien für billiges Geld auf eine Reihe von Jahren gemietet werden, aber es liegt zu tief und ist von Bergen so umschlossen, daß die Hitze im Sommer dort unerträglich sein dürfte. Fände sich weiter aufwärts noch ein anderes Kloster, oder auch nur ein Bauplatz, so könnten , sie verwendet werden, ohne deshalb den ganzen Lauschan ins deutsche Gebiet einzubeziehen, aus Gründen, die ich bereits am Eingang des vorigen Abschnittes dargelegt habe. Die fremden Gesandtschaften in Peking leben im Sommer ebenfalls in Tempeln auf rein chinesischem Gebiete, und bleibt der Lauschan chinesisch, so liegt er doch immer noch innerhalb der neutralen Zone, auf der die Chinesen nichts zu sagen haben, und man erspart sich die Kosten, Mühen und die Verantwortung, dieses unzugängliche Gebirgslabhrinth regieren zu müssen. Wünschenswert ist nur die Ein beziehung des tief eingeschnittenen geschützten Lauschanhafens innerhalb der deutschen Grenzen; was jenseits desselben gelegen, ist für den deutschen Besitz nutzlos. Diesen Ansichten hat sich auch die Regierung in Berlin angeschlossen und nur einen Teil des Lauschangebirges in das deutsche Gebiet einbezogen.Die zukünftige Bedeutung von Tfmgtau 7m J(fc.j.j, -nr <?#■ ‘=' 5 ^ Chinrstfchr VistkrnkLrkr Lrs Hkluxkinanns von Harkmann. JXn den letzten Märztagen trafen in Tsingtau die deutschen Zeitungen ein, welche die Reichstagsrede des Staatssekretärs von Bülow über den neuen deutschen Besitz in China enthalten. Wie im deutschen Mutter lande, so hat diese Rede auch hier auf diesem äußersten Posten desselben freudigen Widerhall gefunden. In militärischen wie in Flottenkreisen war man erfreut über die weitgehenden Bedingungen, welche der neue Vertrag mit China enthält, besonders jene bezüglich der Fünfzigkilometerzone rings um die Bucht von Kiautschou, innerhalb welcher der Durchmarsch der Truppen gestattet ist. Die Bestimmung, derzufolge die chinesische Regierung innerhalb dieser Zone keine An ordnungen oder Maßnahmen ohne Zustimmung der deutschen Regierung treffen kann, sind für die Sicherheit der neuen deutschen Ansiedelung von hoher Wichtigkeit. Die Anlage von chinesischen Festungswerken, das Ansammeln chinesischer Truppen re. sind dadurch ausgeschlossen, und sollten wirklich, was übrigens nicht anzunehmen ist, irgend welche Absichten gegen das neue Deutsch-China vom Jnlande her geplant werden, so können diese durch das Durchmarschrecht der deutschen Truppen schon an der Grenze des Gebietes, die gegen 80 Kilometer von Tsingtan entfernt liegt, vereitelt werden. Auch die Vertreter des Kaufmannsstandes billigten die Bedingungen des Ver trages in jeder Weise. Er ist in vorsichtiger Weise abgefaßt, pariert alle zweifelhaften Auslegungen und bildet im Verein mit der günstigen Lage von Deutsch-China die Grundlage zu einer sichern, friedlichen Entwickelung des neuen Hafens, stets unter der Voraussetzung, daß dieser Hafen ein Freihafen bleibt und alle Nationen sich an dem Handel vollständig gleichberechtigt beteiligen können, gerade so wie in Schanghai und den übrigen Vertragshäfen.Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau. 45 Die einleitenden Worte der Rede des Herrn Staatssekretärs bezüglich der Wichtig keit des chinesischen Marktes und der Notwendigkeit einer Eingangsthüre zu dem chine sischen Absatzgebiete sind allen deutschen Kaufleuten in China aus der Seele gesprochen. Ich brauche darauf wohl nicht mehr näher einzugehen, zumal ich seit Jahren bestrebt bin, dies in zahlreichen Aufsätzen nikd öffentlichen Vorträgen in ähnlicher Weise dar- zuthun. Die Ueberzeuguug von der Richtigkeit dieser Ausführungen ist heute in Deutsch land wohl allgenrein zum Durchbruch gekommen, ebenso wie die Erkenntnis der Not wendigkeit, die Missionare zu schützen. Wo immer Missionare wohnen, wie es in der Provinz Schantung in verschiedenen Städten der Fall ist, ist auch der Weg geebnet für den Kaufmann. Jedes Missionshaus, jedes noch so bescheidene Kirchlein in Schantung ist eine Leuchte christlicher Kultur, von der das Licht der Aufklärung ausstrahlt und einem großen Teil der Bevölkerung den Weg weist, ähnlich wie der Leuchttnrm den Schiffen auf dunkler See. Früher lag der Schutz der deutschen ebenso wie aller andern katholischen Missionen Frankreich ob. Letzteres hat diesen Schutz in lahmer Weise und auch nur dort ausgeübt, wo es seinen politischen und Handelszwecken paßte. Selbst seine eigenen Missionare hat es nicht stets nach Gebühr geschützt, wie ja die traurige Niedermetzelung der Missionare in Tientsin zur Genüge darthut. Anfangs der sechziger Jahre erfolgte diese schaudervolle That geradezu vor den Thoren von Peking. Während 35 Jahren ragten die Ruinen der verbrannten Kirche und des zerstörten Klosters auf einem verkehrsreichen Platze am Tientsin in die Lüfte, und erst 1898 ist die Sühne dafür erfolgt. Konnte das Deutsche Reich unter solchen Umständen Frankreich auch fernerhin den Schutz seiner Missionen überlassen? Durfte cs dies überhaupt noch thun? Die deutschen Missionare aller Glaubensbekenntnisse unterstehen heute dem deutschen Schutze, und daß dieser nicht nach französischem Muster erfolgte, zeigen die Folgen der Katastrophe am Küi-Ye. Nur einiger Monate hat es bedurft, gerade die Zeit für den Wechsel von diplomatischen Noten, um vollständige Sühne zu erreichen. Die Mittel zu der Erbauung der Sühnekirche sind angewiesen, alles ist erledigt. DeuDlands leitende Männer haben in einem halben Jahre das erreicht, wozu Frankreich 35 Jahre ge braucht hat. Die erläuternden Bemerkungen der Reichstagsrede des Herrn Staatssekretärs fußten übrigens auf ungenauen Mitteilungen, den einzigen, welche inr Februar in Berlin vorliegen konnten. Seither haben die deutschen Offiziere das neue Deutsch-China nach allen Richtungen erforscht, und ihren Mitteilungen wie meinen eigenen Erfahrungen zufolge sind die Verhältnisse erheblich günstiger. Deutsch-China umfaßt nicht 30 bis 50 Quadratkilometer, sondern über 300 Quadratkilometer und dürfte dem Um fang des Fürstentums Schanmburg - Lippe gleichkommen. Die genaue Größe kann noch nicht angegeben werden, weil die Offiziere noch mit der Landesaufnahme beschäftigt sind. Jedenfalls befindet sich auch noch ein Teil des mächtigen Lauschangebirges inner halb des deutschen Pachtgebietes. Ganz unrichtig ist die Ansicht, daß in diesem letzter» nur einige kleine Dörfer mit ein paar tausend Köpfen vorhanden sind. Heute schon steht es fest, daß Deutsch-China, also das Gebiet innerhalb der Pachtgrenze allein und46 Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau. nicht etwa der Fünfzigkilometerkreis, gegen 160 Dörfer und Weiler enthält mit einer Bevölkerung von mindestens 70 000 Seelen. Das Dorf Tsingtau allein be sitzt schon an 4000 Chinesen, die Insel Tschiposchan allein 5 Dörfer, und von der Spitze des neu getauften Diederichsberges sah ich selbst mit freiem Auge mindestens ein Dutzend Dörfer; für Arbeitskräfte in dem neuen Hafen ist also hinreichend gesorgt. In der Reichstagsrede ist auch erwähnt worden, daß über die Höhe des Pacht zinses noch nichts Genaues feststeht. Der Herr Staatssekretär meinte aber, daß „wir uns darüber keine grauen Haare wachsen zu lassen brauchen." Gewiß nicht, selbst wenn Deutschland denselben Pachtzins vereinbaren sollte, wie ihn die offenen Häfen, Schanghai an der Spitze, zahlen. Schanghai zahlt dem Kaiser von China eine Pacht von 1500 Cash, also etwa 3 Mark pro Mow jährlich. Auf einen Morgen gehen 6 Mow, und es wären somit 18 Mark pro Morgen zu zahlen. Heute schon würde diese Miete aufgebracht werden können, wenn man den Chinesen auf deutschem Gebiete eine Kopf steuer von einigen Pfennigen jährlich auferlegte, aber es ist wahrscheinlich, daß die Pacht summe für das ganze Gebiet in runden Zahlen, vielleicht ein paar hundert Mark, fest gestellt wird. Auf Grund eigener Anschauung und meiner während fünfundzwanzigjähriger Reisen in allen Weltteilen gesammelten Erfahrungen kann ich heute die Vermutung be stätigen, die ich schon im letzten Jahre in vielen Vorträgen ausgesprochen habe, daß nach menschlicher Voraussicht Kiautschou niemals ein Hongkong oder Schanghai werden dürfte, daß es sich aber in ganz respektabler Weise entwickeln wird, wenn gewisse Vor- bedingungen dafür erfüllt werden. Vor allen andern ist Kiautschou wohl zu einer Kohlenstation und einem Vorrats- und Reparaturhafen für die deutsche Flotte in Ost asien ausersehen. Das unterliegt kann: einem Zweifel, und die ganze bisherige Ver waltung sowie die Ernennung eines Seeoffiziers zum Gouverneur sprechen auch dafür, daß es wenigstens für die nächsten Jahre so sein soll. Dafür ist auch die Bucht von Kiautschou nach dem Urteile der hier stationierten Seeoffiziere gut geeignet. Für einen Handelshafen hat er seine Nachteile, und gewiß hätte man einen andern Hafen aus- erwählt, wenn ein solcher vorhanden gewesen wäre. Allein das war nicht der Fall, und Deutschland hat ganz ohne Zweifel das Beste genommen, das überhaupt ver fügbar war. In Bezug auf Kiautschou als Handelshafen darf man sich, ich betone es noch mals, keine allzu großen Hoffnungen machen. Es wäre sehr verfehlt und gewiß kein Freundschaftsdienst der Regierung gegenüber, wenn man bezüglich Kiantschous Triumph lieder anstimmen wollte. Indessen liegen die Verhältnisse doch, wie gesagt, ganz erheb lich günstiger, als ich selbst erwartet hatte, nur wird es selbstverständlich bedeutende Mittel erfordern, um deu Grund zu legen für die kommerzielle Blüte von Kiautschou und wirklich eine Eingangspforte zu schaffen für den deutschen Handel. In der jungen hoffnungs- und phantasiereichen Handelswelt Deutschlands wurde Kiautschou vielfach als eine Art Klondyke angesehen, wo das Gold nur so auf der Straße liegt und wo alle Bedingungen für den jungen Kaufmann und HandwerkerDie zukünftige Bedeutung von Tsingtau. 47 gegeben sind, um hierher auszuwandern und sich eine neue und sichere Existenz zu gründen. Während meiner Vortrüge in verschiedenen Städten Deutschlands habe ich diese Er fahrung persönlich gemacht, und ich erhalte noch jetzt briefliche Anfragen in dieser Hinsicht. Es sei nun gleich hier gesagt: Weder für den Kaufmann, noch für den Handwerker ist hier für die nächste Zeit irgend ein Feld vorhanden, und es dürften noch ein paar Jahre vergehen, ehe der Boden wenigstens für eine gewisse Anzahl heimatlicher junger Leute vorbereitet ist. In Kiautschou werden bis zum Jahre 1899 Kauflcute und Handwerker gar nicht gewünscht. Handwerker deshalb nicht, weil sie weder heute, noch überhaupt jemals mit den chinesischen Handwerkern in Bezug auf Arbeitslöhne konkurrieren können. Nur feinere Betriebe, wie vielleicht jene der Uhrmacher, Chemiker, Techniker, Elektriker zc., werden nach Jahren, wenn die Stadt sich einigermaßen entwickelt haben wird, Aussicht auf Erfolg haben. Und Kaufleute werden heute deshalb nicht gewünscht, weil Handel von irgend welcher Bedeutung heute noch gar nicht besteht und keine genügenden Verkehrs mittel nach dem Jnlande vorhanden sind. Man kann ein Haus nicht beziehen, solange es nicht gebaut ist, und Tsingtau ist gewissermaßen ein solches im Bau begriffenes Haus. Kaufleute würden also vorläufig ihre Zeit, ihr Geld, ihre Kenntnisse ganz aus sichtslos opfern. Selbst gewiegte Kaufleute, wie jene von Hongkong und Schanghai, können jetzt noch keine nennenswerten Geschäfte machen, wie ich aus den: Beispiel eines hier etablierten Hauses selbst gesehen habe. Häfen wie Schanghai und Hongkong, und selbst solche von geringerer Bedeutung, als es Kiautschou werden soll, können nicht über Nacht, so zu sagen mit beiden Füßen gleichzeitig, ins Dasein springen. Ich will keineswegs die Begeisterung für Kiautschou, die ich selbst habe anfachen helfen, nunmehr mit einem Wasserstrahl begießen. Derartige Dinge brauchen viel Zeit, viel Arbeit, viel Geld, und man möge lieber noch ein, zwei Jahre warten. Um dies noch weiter zu begründen, will ich auf Hongkong zurückgreifen, heute die blühendste englische Handelsstadt in Ostasien. Hongkong wurde im Jahre 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später, 1846, war der Grund für die neu zu bauende Stadt trockengelegt und überhaupt bewohnbar. Die Verhältnisse waren dort so ungünstig, Malaria und Fieber wüteten so fürchterlich, daß ein Regiment Soldaten binnen einem Jahre über 200 Mann verlor. Ja der erste Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der englischen Regierung auf Grundlage mehrjähriger Erfahrungen sogar, die Kolonie ganz aufzugeben. Und heute ist dieses Hongkong ein Welthafen von der größten Bedeutung. Wo es in Hongkong vielleicht eines Jahrzehnts bedurft hat, um die Grundlagen zu schaffen für seine heutige Größe, kann man doch nicht von Kiautschou erwarten, daß es heute schon, ein paar Monate nach seiner Besetzung, ich möchte lieber sagen „Entdeckung", aufnahmefähig sei für Handel und Industrie. In Deutschland darf man das nicht verlangen, ja, man sollte sich glücklich schützen, daß die trostlosen Verhältnisse, wie sie in Hongkong geherrscht haben, hier vollständig fehlen, und daß mit Sicherheit angenommen werden darf, binnen einem Jahrzehnt schon einen ganz erheblichen Handel zu48 Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau. besitzen, gewisse Bedingungen vorausgesetzt, von denen späterhin die Rede sein soll. Vorläufig sind die Gesundheitsverhältnisse sehr günstig, das Klima wird zu dem besten von ganz China gerechnet, die Boden-, Hafen-, Arbeitsbedingungen rc. sind sehr vorteilhaft. Es ist möglich, daß infolge des nicht ganz entsprechenden, erdigen Wassers in den Sommern der ersten Jahre der Gesundheitszustand der Truppen weniger befriedigend sein wird, und daß sie nicht von Fieber frei bleiben werden. Aber dafür wird schon jetzt mit weiser Voraussicht gesorgt. In allen Lagern, wo die Kasernen sich befinden, werden Brunnen gegraben, geregelte Abfuhr des Unrats eingeführt, und überdies wird von privaten Kreisen beabsichtigt, auf dem prächtigen Seebadestrand, eine halbe Stunde östlich von hier, ein modernes Hotel anzulegen. Mit Schanghai, das erheblich nördlicher gelegen ist als Hongkong, erging es bei seiner Gründung nicht viel besser wie mit dem letztem. Am 17. November 1843 als offener Hafen erklärt, bedurfte es mehrerer Jahre, um die Sümpfe trocken zu legen und die Flußlünfe zu regulieren. Während der ersten zwei Jahre wurden nur fünf Häuser gebaut, und 1849, sechs Jahre nach der Eröffnung, hatten sich in Schanghai erst 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern, darunter sieben Frauen; Futschou, 1842 eröffnet, brauchte sogar zehn Jahre, bis es einigen Handel bekam. Und Tsingtau soll schon heute Platz bieten für die Handelsbestrebungen des kommerziellen Jung-Dentschlands? Vor allem muß überhaupt erst der Platz gefunden werden für die neu anzu- legende Stadt, und das erfordert langdauerndes, eifriges Studium, denn ein Fehler- Würde sich auf Jahrhunderte hinaus rächen. Voraussichtlich bleibt Tsingtau und mit diesem die äußerste Spitze der von Norden in die Bucht von Kiautschou vorspringeuden Halbinsel dafür am geeignetsten. Tsingtau liegt auf der Südseite dieser Spitze, die Flotte ankert auf der Nordseite innerhalb der Bucht von Kiautschou, und dort werden auch die Anlagen und Werften für den Hafen zur Erbauung kommen. An diese dürfte sich gegen Nordosten, immer innerhalb der Bucht von Kiautschou und auf der Halbinsel, die Handelsstadt allmählich aufbauen; von hier wird auch die neue Eisenbahn längs der Ostseite der Bucht, um diese herum über Kiautschou nach Wei-hsicn und von dort nach dem Hoangho (Gelben Fluß) bei Tsinan führen. Diese Eisenbahn, deren Ingenieure bereits die erforderlichen Aufnahmen machen, wird bekanntlich ein Privatunternehmen sein und keine Reichsmittel beanspruchen. Auch die Anlagen für den Handelshafen können von Privaten ausgeführt werden. Ueber ihre Höhe einigermaßen bestimmte Angaben zu machen, wäre eine Vermessenheit. Doch ist es jedem aufmerksamen Zeitungsleser bekannt, daß ein Trockendock, Wellenbrecher, Hafendämme, Quaianlagen nicht für dreißig Silberlinge hergestellt werden können. Auch der Betrieb der Kohlengruben in den drei großen Bezirken am Wei-hsien, Poschan und Jtschou ist ein anscheinend schon gesichertes Privatunternehmen. In der That gehen die drei Dinge, Eisenbahn, Hafen und Kohlen, miteinander Hand in Hand. Ohne Eisenbahn kann aus Tsingtau kein Hafen werden, und ohne die Schantungkohle kann es in Schantung nur schwer eine Eisenbahn geben. Mit der Eisenbahn steht undCbinesiscbe Karte der Provinz Zcbaimmg.Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau. 49 füllt Tsingtau. Die benachbarte, in frühem Zeiten berühmte Handels- und Hafen stadt Kiautschon verfiel, nicht allein weil die Bucht in jenem Teile, und damit auch der Hafen versandete, sondern weil die Verkehrsmittel zu Lande ungenügende waren. Mit einer guten Straße oder einem Kanäle Hütte der Handel Kiautschous sich niemals nach Tschifu ziehen können, denn Tschifu ist von Wcihsien, der eigentlichen Pforte des kon tinentalen Teiles von Schantung, um etwa hundert Kilometer weiter entfernt als die Bucht von Kiautschon, und die Verkehrswege sind auf jener Strecke womöglich noch ungünstiger als zwischen der Kiautschoubucht und Weihfien; auch die lokalen Verhält nisse im Hafen von Tschifu sind sehr ungünstig. Was Tschifu trotzdem zu seiner heutigen Blüte verholfen hat, war der Umstand, daß es zu einein dem europäischen Schiffsverkehr- geöffneten Vertragshafen gemacht worden ist. Dadurch wurde in Tschifu die Ansiede lung fremdländischer Handelshäuser möglich, der Handel mit der ganzen Provinz Schan tung zog sich dorthin und hat 1896 einen Wert von etwa 80 Millionen Mark erreicht. Im Jahre 1896 belief sich der Wert der dort eingeführten fremden Waren auf 33 Mil lionen Mark, der Wert des Durchgangsverkehrs chinesischer Waren aus 11 Millionen und der Wert der eigentlichen Ausfuhr von chinesischen Waren auf etwa 22 Millionen Mark, zusammen also 66 Millionen Mark. Diese Summe fußt auf dem Verkehr, welcher durch das unter der Leitung Sir Robert Harts stehende fremdländische Seezollamt in Tschifu geht und auf Schiffen fremder Bauart verfrachtet wurde. Dazu kommt aber noch der sehr erhebliche Dschunkenverkehr, der immerhin einen Wert von 12 bis 15 Millionen Mark haben dürfte, so daß der heutige Warenverkehr von Tschifu gewiß auf 80 Millionen Mark Wert geschützt werden kann. Dieser Verkehr wird sicher, und zwar schon in den nächsten Jahren, zum größten Teil von Tsingtau übernommen werden, denn Tsingtau liegt dem eigentlichen Handelsmittelpunkt von China, Schanghai, um beinahe die Hälfte näher, ebenso auch den Absatzgebieten des mittleren Schantung, und es dürfte schon unter ganz gleichen Hafen- und Handelsverhültnissen wohl keinem Menschen einfallen, einen Umweg von mehreren hundert Kilometer zu machen. Dazu kommt, daß die lokalen Verhältnisse im Hafen von Tsingtau erheblich günstiger sind als in Tschifu, und daß die Schiffahrt zwischen Tsingtau und Schanghai bedeutend sicherer ist als zwischen Tschifu und Schanghai. Wie Tschifu und der Stadt Kiautschon, so fehlt auch ihrem, nunmehr deutschen, Vorposten Tsingtau jede Verbindung mit dem Hinter lande. Der schönste Hafen ist nichts wert, wenn er kein Hinterland hat, und das schönste Hinterland ist für den Hafen nichts wert, wenn keine Verkehrswege mit diesem vor handen sind. Was Hongkong groß gemacht hat, war vor allem der Perlfluß, der es mit Canton und dem reichen Hinterlande verband. Was Schanghai groß gemacht hat, ist seine Lage an dem Ausgange des Jangtsekiang-Stromgebietes. Kiautschon hat keinen solchen Fluß, aber dieser kann heutzutage durch Eisenbahnen ersetzt werden, auf denen die Waren des Hinter landes nach dem Hafen abfließen, anderseits jene des Auslandes in das Inland kommen können. Eine solche Eisenbahn kann ins Inland durch die großen reichen Gebiete von Po- schan bis Tsinan, ja, an den Kaiserkanal mit geringeren Mitteln gebaut werden als viele andere chinesische Bahnen, um welche sich die Unternehmer verschiedener Nationen streiten. Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 450 Die zukünftige Bedeutung von Tsingtau. Hat Tschifu bei bedeutend ungünstigerer Lage als Tsingtau und beinahe doppelter Entfernung von den eigentlichen Absatzgebieten doch einen jährlichen Handel von 80 Mil lionen Mark erreicht, so ist es wohl in Anbetracht der großen Aufnahmefähigkeit der reichen und fruchtbaren Provinz Schantnng für fremde Waren mit Sicherheit anzu nehmen, daß dieser Handel nicht nur, wie gesagt, auf Tsingtau übergehen, sondern daß er sich bald verdoppeln und verdreifachen wird, wenn einmal Eisenbahnen nach den Hauptmärkten bestehen. Die Eisenbahn wird Tsingtau nicht nur die Jnlandwaren, sondern auch Kohlen zuführen und aus den Kohlengruben ihren eigenen Bedarf decken. Dazu gehört aber die Anlage eines Handelshafens am Endpunkte der Eisenbahn, an der Bucht von Kiau- tschou bei Tsingtau. Das ganze Kiautschou-Unternehmen hängt an einer dreigliederigen Kette, deren Glieder die Eisenbahn, die Kohlenbergwerke und der Hafen sind. Reißt ein Glied, so füllt damit auch Kiautschou, und es wäre deshalb sehr angezeigt, daß alle drei Unternehmungen in einer sichern tüchtigen Gesellschaft, wohlgemerkt unter der genauen Kontrolle der Regierung, vereinigt würden. Diese Regierungskontrolle wird voraussichtlich später wohl einem Gouverneur anvertraut werden, der mit den Handelsverhältnissen Ostasiens aus das genaueste ver traut ist und seinerseits das Vertrauen der Großkanfleute in China besitzt, wie etwa der Leiter des Generalkonsulats in Schanghai. Nur einem solchen würde es gelingen, das Interesse der Schanghaier an Tsingtau zu erwecken, und dieses ist erforderlich, denn der Weg von Deutschland nach Tsingtau führt nicht direkt dahin, sondern über Schanghai. So groß auch Tsingtau werden sollte, es wird immer in einer gewissen Abhängigkeit von Schanghai bleiben, denn dieses ist berufen, für China das zu werden, was Neuyork für Nordamerika ist. Wenn in der Reichstagsrede des Staatssekretärs die Regulierung der Wasferlünfe erwähnt wurde, so waren damit gewiß nicht neue Kanalbauten, Aus baggern des alten Kanals Kiautschou-Kiauho oder der Flüsse gemeint, sondern nur die Herbeileitung guten Trinkwassers. War aber wirklich eine Regulierung der Wasferlünfe gemeint, so wird diese sicher erst nach Jahren erfolgen, wenn Tsingtau mit seiner Eisen bahn und seinem Hafen sich bewährt und weiterer Opfer wert gezeigt hat. Für die strategische Sicherung des Hafens genügt das unter deutscher Oberhoheit stehende Gebiet, während das sogenannte „neutrale" Gebiet, das sich in einein Umkreis von fünfzig Kilometer um die Bucht von Kiautschou zieht, dagegen wieder für den Ausbau und die Entwicklung des Handelshafens von großer Wichtigkeit ist. Die dichte Bevölkerung wird den: Hafen billige Arbeitskräfte liefern, der ungemein fruchtbare ertrag reiche Bvden Lebensmittel, zwei Grundbedingungen für die europäische Bevölkerung von Tsingtau. Innerhalb der Fünfzigkilometerzone liegen außer der Stadt Kiautschou noch drei andere Städte, Kaumi, Tschutschöng und Tsimo. Kiautschou und Kaumi gelangen in den nächsten Kapiteln zur Schilderung; Tschutschöng ist ein kleines Landstädtchen am Weiho, das seiner großen Krautköpfe und Birnen wegen eine lokale Berühmtheit erlangt hat, Tsimo dagegen hat in früheren Jahrhunderten große Bedeutung besessen. Die etwaDie zukünftige Bedeutung von Tsingtau. 51 fünftausend Einwohner zählende Stadt ist von einer hohen aus der Zeit der Ming- dynastie stammenden Ringmauer umschlossen und enthält eine Anzahl stattlicher Tempel und Mandarinshamen. Die größte Sehenswürdigkeit ist indessen die nordsüdliche Haupt straße, in welcher sich zahlreiche Steindenkmäler mit zunr Teil herrlichen Skulpturen befinden. Tsimo ist die Hauptstadt eines etwa 500 englische Quadratmeilen großen „hsien“ (Bezirks) und liegt auf der Verkehrsroute, die von Kiatitschou und dainit auch von Tsingtau über Haiyang nach Tschifu führt. Sind einmal die wichtigsten Eisenbahnen von Tsingtau nach dem mittleren und westlichen Teile von Schantung ge baut, so wird es wohl auch zur Erbauung einer Eisenbahnlinie über Tsimo nach dem östlichen Teil, der eigentlichen Halbinsel Schantung, kommen, dann wird auch Tsimo neuer Blüte entgegengehen.JJtyer in einigen Jahren vom dentschen Hanptqnartier in Tsingtan aus das so be rühmt gewordene Kiantschon besuchen wird, der dürfte sich kaum eine Vorstellung machen von den Schwierigkeiten, mit welchen dieser Stadt und Bucht W von Riautschou. Besuch heute noch verbunden ist. Im bequemen Eisenbahnwaggon sitzend, wird der Reisende an der tiefblauen Meeresbucht entlang fahren, und zwei Stunden dürften hinreichen, ihn vor den Damen des Herrn Lo, Mandarins von Kiantschon, zu bringen, vorausgesetzt, daß der blanbeknopfte alte Herr seinen etwas unsicher gewordenen Posten dann noch inne haben wird. Heute erfordert der Ritt von Tsingtan über das malerische von einem tempel gekrönten Felsen überhöhte Nüknkon nach Kiantschon in Anbetracht der aller Beschreibung spottenden elenden Wege mindestens anderthalb Tage, und zu diesem Ritt verspürte ich keine Lust, zumal ich die ganze vorhergehende Woche so zu sagen im Sattel verbracht hatte. Ich beschloß deshalb den Seeweg einznschlagen, d. h. in einer kleinen chinesischen Dschunke über die weite Meeresbucht nach Kiantschon zu segeln. Von Dampfern ist seit dem Bestände der alten Hafenstadt hier nur einmal etwas zu sehen gewesen, als die dentschen Seesoldaten in den Dampfpinassen des Geschwaders herbeifnhren, um ans Türmen und Wällen die deutsche Flagge aufzupflanzen. Man mag sich in Deutschland über das seither erfolgte Znrückziehen der Truppen gewundert haben, aber wer die nach stehende Schilderung meiner Dschnnkenfahrt lesen wird, braucht über die vollständige Wertlosigkeit von Kiantschon als Hafenstadt keinen weitern Beweis. Selbst der Dschnnkenverkehr ist so sehr znrückgegangen, daß ich zwei Tage warten mußte, um eine Dschunke zu erhalten. An dem kühlen Morgen meiner Abfahrt lag sie an dem eisernen Landnngspier in Tsingtan, den noch chinesische Soldaten für den künf tigen Kriegshafen des Reiches der Mitte gebaut haben. Ein paar Schubkarren brachten mein Gepäck ans dem Damen herbei, meine zwei Reisebegleiter, Hanptmann K. undStadt und Bucht von Kiautschou. 53 Herr S-, waren zur Stelle, und bald waren wir in dem kleinen Segelboote untergemacht. Ein drolliges Fahrzeug, zum Segeln und Rtidern eingerichtet. Der mittlere, mit neuen Strohmatten anstapezierte Raum war mit einem Strohdach versehen, so niedrig, dag wir auf allen Vieren unter Deck kriechen mußten. Der vordere Teil, ein gnadratmeter großes Loch, war für meine chinesische Dienerschaft, und das Loch am Steuer für die ans fünf zerlumpten Chinesen bestehende Bootsmannschaft. Kapitän gab es keinen. Jeder einzelne hatte alles zu sagen, jeder schrie, krakeclte, und der Stärkere behielt recht. Der eisig kalte Gegenwind machte es schwer, vorwärts zu kommen. Um zehn Uhr morgens waren wir noch immer nicht um die Südspitze der Halbinsel von Tsingtau gekommen, welche die Einfahrt in die Bucht bezeichnet. Erst dann blies der Wind flott in das zerlumpte Strohmattensegel, und wir flogen über die schaumgekrönten Wellen. Die Kälte ließ uns eine Stunde lang nicht aus unserem Strohhause kommen; als ich aber endlich von ungefähr einen Blick hinauswarf, sah ich, daß unsere fünf Schiffs- kapitäne statt nach Kiautschou direkt auf das gegenüberliegende Kap Evelyne steuerten, dem wir schon auf ein paar hundert Meter nahe waren. Mein chinesischer „Boy" wurde beauftragt, die Herren über diese falsche Richtung zu befragen, und da stellte es sich heraus, daß sie gar nicht wußten, daß wir nach Kiautschou fahren wollten. Das hat viel leicht in dem schauderhaften Dialekt am Tsingtau, teilweise aber gewiß in dem Umstand seine Ursache, daß Kiautschou in China nicht Kiautschou, sondern etwa Dschohdschu heißt. Großes Geschrei, Gezänke, Herumzerren an Segel und Steuer, und endlich hatten wir die Richtung nach Dschohdschu. Nicht ohne Bangen steuerten wir an den schwarzen Kanonenmündungen der deutschen Kriegsschiffe vorbei; denn diese hielten nach den jüngsten Ereignissen in Tsingtau, dem Ueberfall des Pulvermagazins und dem Piratenverkehr, scharfe Wache. Erst am Tage vorher waren sieben Briganten von Kiautschou nach Tsingtau gekommen; der Mandarin von Kiautschou hatte den Gou verneur von Tsingtau davon benachrichtigt, und es war scharfe Jagd auf dieses Gesindel gemacht worden. Schon ein paar Stunden darauf kam glücklicherweise die Meldung, daß die deutschen Soldaten alle sieben Räuber eingefangen hatten, sonst wären die Dampfpinassen wohl auch ans unsere Dschunke losgelassen worden. Nach zweistündigem Segeln hatten wir etwa die Hälfte der Bucht durchlaufen; ein leichtes Schütteln der Dschunke ließ uns auf Deck steigen. Wir saßen im Schlamm fest. Unsere fünf Kapitäne versuchten wohl mit langen Stangen das Boot in tieferes Wasser zu stoßen, aber es gelang nicht. Das Boot saß fest, und schließlich konnten sie sogar die zwei bis drei Fuß in den Schlamm eindringenden Stangen nicht mehr herausziehen. Deshalb hockten sie sich auf ihre Waden und steckten ihre Pfeifen an. Nun ging bei uns das Schimpfen los, doch es hals nichts. Wir mußten die Flut abwarten. Zwei Stunden verrannen, dann stieg das Wasser etwas, und wir kamen ein paar hundert Meter weiter vorwärts, um erst recht wieder im Schlamm zu stecken. Die Chinesen behaupteten, Herr Hauptmann K. sei an unserem Mißgeschick schuld; denn er hatte bei der Abfahrt seinen Bedürfnissen vom Bug des Schiffes ans freien Lauf gelassen. Wer Glück auf der Seereise haben will, muß dergleichen stets vomStadt und Bucht von Kiautschou. 54 Hinterteil aus thun. K. gab sich nun in liebenswürdigster Weise sofort dazu her, die Sache in der nötigen Weise auszugleichen, und richtig, das Schiff wurde flott und trieb mit der Flut aufwärts, einen schmalen Wasserstreifen entlang, der sich zwischen meilen breiten Schlammbänken gegen den Hasen von Kiautschou, Namens Tapotur, hinzieht. Ans diesen Bänken steckten bis nahe an der Ostküste, also auf etwa 20 Kilometer, Reihen von Stangen, ztvischen denen große schwarze Fischernetze aufgespannt waren. Das Flntenspiel erreicht hier vier bis fünf Meter, die eindringende Meeresflut bringt massen haft Fische aufwärts, und wenn die Ebbe eintritt, holen sich die Fischer von Tapotnr ihre Beute. So trieben wir stundenlang mit der Flut, alle Augenblicke stecken bleibend, bis wir einen kann, 3 Nieter breiten, tief in die Schlammbänke eingeschnittenen, vollständig wasserlosen Kanal erreichten. Von einem Hafen war weit und breit nichts zu sehen. Waren wir in einen unrichtigen Kanal geraten, so hieß es hier die Hochflut abwarten und dann nach der richtigen Einfahrt segeln. Das Wasser stieg und trieb uns immer weiter in den trockenen Kanal, bis wir einer Biegung desselben folgend, vor uns zwei große pittoreske Dschunken quer über deu trockenen Hohlweg liegen sahen. Aber dieser Hohlweg füllte sich allmählich mit Wasser, und schließlich strömte es in so großen Mengen und mit solcher Schnelligkeit ein, daß unser Boot wie ein Holzstückchen gehoben und weitergeführt wurde. Ein Aufhalten war unmöglich geworden. Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es den schweren Dschunken entgegen, so daß unsere Kapitäne nach vorwärts sprangen, um, mit den Händen sich gegen die Wände dieser plumpen Schiffe stemmend, den Stoß zu mildern. Er kam, das Hinterteil unserer Dschunke schwang sich nach vorwärts, und wir waren au den fremden Schiffen vorbei; noch mehrmals drehte sich unser Fahr zeug im Kreise, bald rechts bald links an die steilen Ufer anstoßend. Es ging so gewaltsam vorwärts, daß endlich einer der Bootsleute die Kleider vom Leibe streifte, mit einem langen, an unserem Boot befestigten Seile ins Wasser sprang und den an das Seilende gebundenen Pflock schräg in den Uferlehm stemmte, um den raschen Lauf des Bootes zu vermindern. Aber so sehr er sich bemühte, er und sein Pflock wurden immer wieder von der Gewalt des rasch treibenden Bootes fortgerissen, bis sich endlich nahe bei den ärmlichen Hütten von Tapotnr das Boot zwischen den Ufern festklemmte. Wir waren noch nicht im Hafen, aber man konnte doch ans Land springen. Nun schlugen wir mit einem Brett eine Brücke, ans dem die Kisten und Koffer von der im Wasser stehenden Schiffsmannschaft ans Land geschleift wurden, und unsere Seereise war überstanden. Wenn ich diese letztere etwas ausführlicher schilderte, so geschah es, um die traurigen Verhältnisse darzulegen, welche hier in der Bucht von Kiautschou herrschen. Sie ver sandet und verschlammt immer mehr, die Stadt Kiautschou, früher ein so belebter Hafen, liegt heute zwei volle Wegstunden weit im Jnlande, und selbst ihr heutiges Bremerhafen, Tapotnr, wird in einigen Jahren von allem Dschunkenverkehr vollständig abgeschnitten sein. Der Besitz von Stadt und Hafen Kiautschou ist aus diesem Grunde für Deutsch land vollständig wertlos, und man kann nun begreifen, warum die deutschen Truppen, nachdem sic in Kiautschou ihre Visitenkarte abgegeben hatten, den Ort wieder verließen.Stadt und Bucht von Kiautschou. 55 Auch die beiden großen zum deutschen Besitz gehörenden Inseln in der Bucht, Tschiposan und Potato Island sind wie bereits erwähnt längst keine Inseln mehr. Ein breiter Sand- und Schlammstreifen verbindet sic mit dem Festlande, und nur bei Hochflut ist diese Verbindung unterbrochen. Tsingtau dagegen und der Südostteil der Bucht hat tiefes, sicheres Wasser und der Hafen, der dort für die deutschen Kriegsschiffe und den deutschen Handel angelegt wird, hat alle Aussicht, dieses tiefe Fahrwasser auch für Jahrhunderte hinaus noch zu behalten. Ich hatte den Mandarin von Kiautschou gebeten, mir Karren für das Gepäck und zwei Soldaten als Begleitung nach Tapotur zu senden, und sie waren auch zur Stelle. Nach langer Mühe waren die Schubkarren beladen, und unsere Karawane setzte sich in Marsch, wir zu Fuß an der Spitze, um nicht den von unseren Fuhrwerken auf- geworfenen gräßlichen Staub schlucken zu müssen. Zwei Stunden lang wateten wir durch fußtiefcn Sand in der Richtung nach Kiautschou. Einen Weg dahin giebt es nicht. Auf hundert Meter in der Breite zeigen parallele Wagenspuren diese Richtung au. Sand, trockengelegter Meeresboden weit und breit, und der größte Stein, den ich auf unserem Marsche fand, war kaum faustgroß. Nur eine etwa 30 Meter hohe Düne erhebt sich gegen Südwest, gekrönt von einem seltsamen chinesischen Pavillon, ein Unter- kuuftshaus für Reisende bei schlechtem Wetter. Die Sonne war längst untergegangen, als wir die lange zinnengekrönte Vorstadt mauer von Kiautschou wahrnahmen. Glücklicherweise war das Thor, über welchem in drei chinesischen Schriftzeichen die Worte Tsung-Hei-mun, d. h. festes Seethor prangen, noch geöffnet, aber auch jenseits desselben gewahrten wir nur Felder und Friedhöfe, hie und da einige elende Hütten. Wie alle anderen Städte des östlichen China, so hat auch Kiautschou während des schrecklichen Taipingkrieges in der Mitte dieses Jahrhunderts un- gemein gelitten. Die Wüteriche haben es halb zerstört, und da es durch die Versandung des Hafens auch noch seinen Handel verlor, wird es sich kaum jemals wieder zu seiner früheren Blüte emporheben. Erst nach viertelstündigem Weitermarsch kamen wir in die Reste der einstigen Großstadt, die indessen noch immer recht ansehnlich sind. Den deutschen Kriegern, die mit frischen Eindrücken aus den reichen blühenden, aufstrebenden Städten der Heimat hierherkamen, mag Kiautschou wohl arm und verfallen vorgekommen sein, ich aber war nach den vielen Städten Chinas, die ich auf früheren Reisen gesehen habe, überrascht von den ansehnlichen Gebäuden, den vielen Kaufläden, reinlichen Straßen und zahlreichen, mitunter sehr schönen Steinbogeu, welche die letzteren überspannen. Es war zu spät, um heute noch viel davon zu sehen, und wir trachteten zunächst, uns in dem Mandarinshotcl so bequem wie möglich einzurichteu. Das Mandarinshotel isi in jeder L>tadt Chinas das größte und reinlichste, bestimmt, nur Gäste von hohem Rang aufzunehmen. So diente es denn auch als Hauptquartier für die deutschen Besatzungstruppen und als Wohnung für die Ofsiziere. Man darf aber nicht glauben, daß sich dieses Tsainfan mit irgend einem europäischen Hotel auch nur des bescheidensten Ranges vergleichen ließe, obschon der gute Mandarin Lo es für unseren Einfang auch noch festlich ausgeschmückt56 Stadt und Bucht von Kiautschon. hatte. Von der Straße führt ein weites Einfahrtsthor in einen Hof, auf welchem sich unsere Pferde und Maultiere bald frei umhertummelten. Zur Rechten erhebt sich ein langes ebenerdiges Gebäude, einem Stall ähnlich, das ein Namenbeamter uns als Wohnung anwies. Einige Stufen führen in einen Raum mit Lehmwänden und Lehmboden, in welchem sich als einzige Möbel ein wackliger Tisch und zwei Stühle befinden. Zwei Fenster, mit zerrissenen Papierbogen überklebt, lassen spärliches Licht ein; die hölzerne Thüre hat weder Schloß noch Klinke und ist nur von innen durch einen schweren Holz riegel verschließbar. Zu beiden Seiten dieses Salons befinden sich Schlafzimmer, d. h. finstere feuchte Löcher mit je zwei Holzpritschen, auf welchen Strohmatten liegen. Das war alles. Nicht viel, aber doch noch mehr, als ich es in so vielen anderen Städten Chinas gefunden habe, denn diese Räume waren wenigstens reingefegt und zeigten nicht fingerdicken Staub, Schmutz und Unrathaufen. Gewohnt an die Art des Reifens im Reiche der Mitte, hatte ich Kerzen, Waschzeug, Feldbett, Nahrungsmittel, Kochgeschirr und einen kleinen Ofen selbst mitgebracht, so daß wir uns bald behaglich fühlten. Hütten nicht im Hofe draußen die Esel nachtsüber geschrieen, Hunde gebellt, Hähne gekräht, Fuhr leute und Pferdeknechte Lärm geschlagen und die Nachtwächter ohne Unterlaß getrommelt und laut ihr Hoschau-Tsching — bewahrt das Feuer — gerufen, wir hätten sogar trotz der Kälte, die durch die fußbreite Lücke unter der Thüre eindrang, ganz gut schlafen können. Am nächsten Morgen sandte ich meine einen halben Quadratfuß große rote Karte dem Herrn Mandarin, und gleich darauf kam ein Beamter desselben, um uns in den Aamen zu geleiten. Gefolgt von einer Menge neugieriger Chinesen, begaben wir uns dahin. Voran der Jamenbeamte, dann zwei Soldaten und mein Dolmetscher, dann folgten wir Europäer, und den Zug beschlossen wieder sechs Soldaten. Wenige Schritte von unserem Hotel kamen wir an die innere Stadtmauer, einen gewaltigen, vielleicht 30 Meter starken Ban mit schmucken Thorbogen, gekrönt von einem Wachttürmchen. Jenseit des Thores erhebt sich gegen die Straße zu eine 3 Meter hohe, etwa 5 Meter breite freistehende Mauer, die den dahinter befindlichen Mandarinsyamen gegen alle bösen Geister schützen soll. Um diesen Schutz noch wirksamer zu machen, ist die Mauer mit schrecklichen Fratzengestalten bemalt, und vor ihr erheben sich zwei 4 Meter hohe Steinlöwen. Wir hatten alle Mühe, uns den Weg durch die vielen Neugierigen zu bahnen, welche die beiden ersten Höfe des Namen erfüllten; größtenteils zerlumptes Bettelvolk, das hier, wie in allen anderen Städten, gerade den Wohnsitz des höchsten Staats beamten auch zu seinem eigenen Wohnsitz macht. Wer die Aermsten und Elendesten einer chinesischen Stadt kennen lernen will, braucht nur in den Damen zu gehen. Selbst die Vicekönige können sich gegen diese schmutzige Invasion nicht schützen. Unter dem großen Eingangsthor zum dritten Hof sahen wir die hohen Käfige, in welche Verbrecher ein gesperrt und sozusagen an den Pranger gestellt werden, dann die Kangs oder Hals- bretter für geringere Uebelthäter und die elastischen Bambusstäbe, mit denen ihnen auf handgreifliche Weise das Geständnis abgepreßt wird. Jenseit des Thores auf der gegen überliegenden Seite des dritten Hofes zeigte sich uns das Tribunal, wo der Mandarin■Hesso-Wa.rlogg .Sdiantiuig’ t*-. Deiusch- China. <•ogru.pl i, . Anstalt -von. "Verlag v.J.J.'Wel) er »Leipzig. Wagner 81 Debes.Xcipzig.Stadt und Bucht von Kiautschou. 57 Gericht abzuhalten pflegte. Sein Empfangssalon befindet sich zur Rechten in einem vierten Hofe. Dieser Salon war indessen auch nicht viel besser als der unselige im Hotel. Ein Tisch in der Mitte, zwei Armstühle, mit roten Tüchern belegt, 51t beiden Seiten, dann ein paar Stühle an den Scitenwünden. Eine ganze Menge von Dienern, Soldaten, Beamten imb Gesindel folgte uns zu diesem Empfangssalon und blieb erwartungsvoll draußen stehen. Jene, welche kein Drr Präftkk Lo mm Kiaukphou und sriue yomrenbramlen. Plätzchen an der offenen Thüre ergattern konnten, bohrten sich mit dein Finger Löcher in die papiernen Fensterscheiben. Endlich wurde der Herr Mandarin angemcldct. Unter großem Cercmoniell betrat er den Saal und machte vor uns den üblichen Kautan. Be kanntlich nehmen die Chinesen bei Besuchen ihren Hut nicht ab, sonder» setzen ihn auf; sie schütteln nicht die Hände ihrer Besucher, sondern ihre eigenen. Das that auch Lo, der Mandarin. Dann wies er mir den Platz zur Linken an, denn das ist der Ehren platz, setzte mir mit beiden Händen selbst den Thce vor und ließ sich zur Seite nieder. Lo ist ein älterer Herr von gutmütigem Aussehen, den der Mandarinshut mit blauem tünopf und das lange dunkelblaue Mandarinskleid mit buntgesticktem Brustschild58 Stadt und Bucht vou Kiautschou. vortrefflich kleidet. Er war voll des Lobes über die deutschen Offiziere, deren Namen er sogar, allerdings in chinesischer Aussprache, nannte; er hoffte auf friedliches und freund schaftliches Zusammenwirken mit den neuen Nachbarn und war hocherfreut, als ich ihm die Mitteilung machen konnte, daß die sieben ihm vorgestern entsprungenen Verbrecher bereits am folgenden Tage von den Deutschen eingcsangcn worden seien. Lo ist voll Enthusiasmus für die kommende Eisenbahn, von der er sich viel für die Hebung der Stadt verspricht, lieber die Zahl der Einwohner konnte er uns nichts sagen, denn eine Volkszählung nach unserer Art ist in China überhaupt nirgends gemacht worden, doch glaubt er mit uns, daß die Bevölkerung eher über als unter 50 000 Köpfe zählt. Er versprach alles mögliche für meine Weiterreise durch die Provinz Schantung zu thun, wollte mir Soldaten als Begleitung mitgeben, ja sogar meine Wagen und Pferde selbst bezahlen, was ich natürlich mit Dank ablehnte. Eine halbe Stunde später erwiderte er mir den Besuch mit allem Mandarinspomp. Zuerst kam der Beamte mit einer riesigen Ledertasche für die Visitenkarten des Herrn Lo, dann ein großer roter Sonnen schirm, von cinein Jamendiener getragen; ihm folgten sechs Soldaten mit alten Schwer tern, wieder ein roter Sonnenschirm, und endlich die von vier Trägern getragene Sänfte,Stadt und Bucht von Kicmtschou. 59 in welcher der Mandarin saß. Lo ist ein sehr redseliger Herr und wäre gewiß noch eine Stunde in unserem Wohnstall sitzen geblieben, wenn ich nicht dadtirch das Zeichen zn seinem Aufbruch gegeben Hütte, daß ich meine Theetasse an die Lippen führte. So fort that er dasselbe und verabschiedete sich, nicht ohne zuvor meine Bitte um eine kleine Einzeichnung in mein Autographenbuch bereitwilligst zu erfüllen. Ja er malte mit Tusche und Pinsel ein ganzes Jmpromptugedicht in dasselbe und drückte auch noch sein Mandarinssiegel bei. Einen besseren und willfährigeren Nachbar als Lo können sich die Behörden von Tsingtau nicht wünschen. Hoffentlich wird er wegen seiner Freundschaft für die Deutschen von der Pekinger Regierung nicht abgesetzt. Unter Anführung einer Anzahl Mandarinbeamten und Soldaten durchwanderten wir nun die alte Stadt, die, wie gesagt, gegen alle Erwartung noch sehr viel von ihrer einstigen Größe und ihrem einstigen Reichtum aufzuweisen hat. Freilich läßt sich alles das, was Kiautschon heute besitzt, nicht mit einer Stadt gleicher Größe in Europa ver gleichen, aber für China ist das Vorhandene recht ansehnlich, und ich teile keineswegs die absprcchendcn Urteile über Kiautschon, welche hier und dort erschienen sind. Schon die Straße, in welcher der Mandarinsyamen liegt, würde jeder Stadt von Schan- tung zur Zierde gereichen. Damen folgt auf Damen, die einzelnen Thore derselben sind mit hübschen Steinskulptnren geschmückt und tragen große vergoldete Jnschriftstafeln, der Straßcnboden und die seitlichen Fußwege find von ausnehmender Reinlichkeit. Nirgends ist das kleinste Papierstückchen zu sehen, und warf einer von uns die Reste einer Cigarette weg, so wurden diese von irgend einem Passanten aufgehoben und in einen der vielen Behälter geworfen, die an verschiedenen Häusern, besonders bei Straßen kreuzungen, angebracht sind. Meine Begleiter hielten diese Behälter für Briefkasten, und ihrem Aussehen nach hätte man sic wirklich für solche halten können, wenn man nicht wüßte, daß es im chinesischen Jnlande überhaupt noch keine öffentliche Post und deshalb auch noch keine öffentlichen Briefkasten giebt. Die schönste Zierde der Mandarinstraße sind die zahlreichen Peifongs oder monumentalen Thorbogen aus Stein, welche sich von einer Straßenseite zur anderen spannen. Statt Denkmäler nach unserer Art errichten die Chinesen für ihre verdienten Männer, Frauen und Jungfrauen solche Thorbogen, und nach ihrer großen Zahl schlossen meine Begleiter, daß Kiautschon in früheren Zeiten eine besondere Menge von Berühmt heiten besessen haben müsse. Einzelne Thorbogcn sind so groß und mit so prachtvollen Skulpturen und Steinfiguren, Reitern, Tiergestalten und Hautreliefs geschmückt, daß sie auch irgend einer europäischen Stadt als Zierde dienen könnten. Sie sind indessen nicht für Verdienste nach unserem Sinne errichtet worden, wie die chinesischen Inschriften besagen. Mit dem einen Thorbogen feiert ein Chinese das tugendhafte Leben seiner Mutter, mit dem anderen die Kenntnisse seines Bruders, der die Provinzialprüfung glänzend bestanden hatte; ein dritter Bogen rühmt die Standhaftigkeit einer Witwe gegenüber ihren vielen Freiern re. Die früher berühmten Industrien der Stadt sind noch heute großenteils erhalten; ich durchwanderte ausgedehnte Straßennetze, in welchen jedes Haus irgend einen Kaufladen enthält, dessen Artikel an Ort und Stelle angefertigt werden;60 Stadt und Bucht von Kiautschou. besonders verdienen die Silber- und Bronzewaren hervorgehoben zu werden. Schmuck- gegenstände aus Silber, Fingerringe, Ohrringe, Haarnadeln re. zeigen hübsche Filigran arbeit oder erhabene Figuren von seiner Ausführung, wie ich sie sonst in China nur in Canton gesehen habe; die Opiumlampen, Kerzenständer und Oellampen aus Bronze sind mit der zartesten durchbrochenen Arbeit in hübscher Zeichnung geschmückt; hier werden metallene Pfeifenköpfe, dort hölzerne Pfeifenrohre für Tabak oder Opium gedreht, Gegenstände der verschiedensten Art gegossen, gehämmert, gefeilt, geschnitzt, alles mit Dev Nismr-Ämmkrmxrl (der „hriligeu Mukker") in Kiautschou. primitiven Werkzeugen, die ebenfalls in Kiautschou hergestellt werden. Eisen und Stahl wird über Schanghai von Europa geliefert, daraus werden hier sogar Feilen, Hobelmesser und Bohrer gemacht, dazu alle möglichen Ackerbaugeräte k . Europäische Waren traf ich in den vielen Bazaren nur sehr wenige; ich bin jedoch überzeugt, daß sich in Kiautschou schon in den nächsten Jahren ein ansehnlicher Markt für deutsche Waren finden wird, denn die Stadt, obschon nicht mehr Hafen, ist doch der Mittelpunkt eines sehr ausgedehnten, ungemein fruchtbaren Agrikulturgebietes. Die schönsten Gebäude der Stadt sind die Tempel, vor allem jener, welcher dein Gott des Krieges, Kwangtai, geweiht ist. Im Schatten hoher alter Cypressen thront dort in einem hübschen Saalban mit wunderlich geschwungenen Dächern der alte Götze,Stadt und Bucht von Kiautschou. 61 eine riesige Holzsigur, in grotesken, buntbemalten Gewändern. Auf dem Altar vor ihm stehen Opfergefäße aus Bronze, Kerzenständer, Trommeln und Glocken, die von den Betenden zuvor angeschlagen werden, um den alten Kriegsgott aus dem Schlaf zu wecken. Eine dieser Glocken zeigte alte erhabene Inschriften, und ich bot dem mich umherführenden Oberbonzen einen Silberdollar dafür. Freudig schlug er in den Handel, und die Glocke war mein. Noch prunkvoller als der Kwangtaitempcl ist jener, welchen die Kaufmanns gilben von Schanghai und Ningpo hier vor dreißig Jahren der Gnadengöttin Niam- Niam erbaut haben, einer der zierlichsten Tempel, die ich in China überhaupt gesehen habe. Gewöhnt, überall nur Verfall mtb Vernachlässigung zu finden, war ich über rascht von der zierlichen Architektur, den reichen Schnitzereien und Vergoldungen und vor allem von der großen Reinlichkeit überall, obschon in dem Tempel sich auch noch eine Kinderschule und ein Theater befindet, in welchem Wandertruppen zuweilen spielen. Zur Zeit unseres Besuches war gerade Markt, Tausende von Landleuten aus der Um- gebung belebten die Straßen und Ufer des die Stadt durchziehenden Kanals; auf einem freien Platze produzierten bunt gekleidete Schauspieler irgend ein altes Götterdrama, bewundert von Hunderten von Zuschauern; Kinder in bunten putzigen Kleidern tummelten sich umher, ließen Drachen steigen oder spielten mit Steinkngeln. Aber wo immer wir uns zeigten, wurde Theater, Kinderspiel, Handel und Wandel unterbrochen, um uns stumm zu begaffen. Europäisches Militär haben die guten Einwohner von Kiautschou kennen gelernt, Civilisten jedoch noch nicht, denn wir waren wohl die ersten, welche seit Menschenaltern sich hier gezeigt haben. Am nächsten Morgen trat ich meine lange beschwerliche Reise durch die Provinz Schantung an, geleitet von den Soldaten des Mandarins. Als' ich durch das nördliche Stadtthor zog, gewahrte ich in demselben nahe der Decke drei hölzerne Käfige, in welchen sich ebensoviel Paare einst weißer Mandarinsstiefel befanden. Sic rührten von guten Mandarinen her, welche die Be wohner der Stadt dadurch ehren wollten, daß sie sich in großer Prozession zu ihnen begaben und ihnen die Stiefel vom Fuße zogen, um sie symbolisch zu hindern, die Stadt zu verlassen. Wahrscheinlich wird zu diesen drei Käfigen bald ein vierter kommen, welcher die Stiefel des Mandarins Lo enthält, denn Lo ist wirklich ein guter Mandarin. Glocke ans dem Hauxkkemxel non Kiaukschon.jftl§ man einst Kaiser Nikolaus I. von Rußland fragte, welche Route er für die zu erbauende Eisenbahn Durch die neutrale Zone von Deutsch-China. Mkmdsrmsstirftl im SksLUHor von Ainnkschou. Petersburg-Moskau wünsche, soll er als Antwort ans der Landkarte die beiden Städte durch einen schnurgeraden Bleistiftstrich verbunden haben. Für die neue Eisenbahn von Tsingtau, dem Hafen von Deutsch-China, nach dem nächsten Kohlen distrikt von Wei-hsien würde man dasselbe thun können, denn von der Bucht von Kiautschou zieht sich eine weite Ebene, flach wie ein Tisch, in nördlicher Richtung bis zum Golfe von Petschili. Die auf vielen Landkarten angegebenen Höhenzüge in dieser Ebene gehören in das Reich der Phantasie, ebenso wie der große Pimosee, den der ge neigte Leser nördlich von Kiautschou verzeichnet finden wird. Dem Bahnbau steht dort also kein Hindernis im Wege, und einmal begonnen, wird diese Strecke binnen einem Jahre dem Verkehr übergeben werden können. Dem zukünftigen Reisenden wird Wei-hsien, diese über hunderttausend Einwohner zählende Industrie- und Handelsstadt, in wenigen Stunden erreichbar sein, während ich mehrere Tage benötigte, um sie zu erreichen. Daß mau im östlichen Schantung nicht wie im Berliner Tiergarten spazieren führt, ist natürlich, aber ans solche Schwierigkeiten, wie sie das Reisen heute noch in diesem Gebiete dar bietet, hatte ich trotz meiner bisherigen Erfahrungen in China doch nicht gerechnet. .Zunächst ist das ganze östliche Schantung, und ich möchte sagen, die ganze doch so reiche und fruchtbare Provinz nach unseren Begriffen weglos. Wohl finden sich auf den Landkarten, sogar aus den neuesten, welche im letzten Jahre in Europa angesertigt wurden, Straßen und Wege verzeichnet, welche die einzelnen Großstädte der Provinz miteinander verbinden. In Wirklichkeit sind diese Straßen nichts anderes als Verkehrs routen, aus tief in den sandigen Boden eingeschnittenen Schubkarrenfurchen bestehend. Auf einigen dieser Routen kann man wohl zweiräderige, mit zwei Maultieren bespannte Karren benutzen, doch wird jeder Reisende nur sein Gepäck diesen elenden Marterkasten anvertrauen und entweder reiten oder sich in einer auf zwei Maultieren hängendenDurch die neutrale Zone von Deutsch-China. 63 Sänfte, der sogenannten Schen-tzc, tragen lassen, vorausgesetzt, daß er solche Reise bequemlichkeit überhaupt auftreiben kann. Selbst in Kiautschou, das doch eine Dschu- stadt, d. h. eine Stadt zweiter Größe ist, war es mir schwer, die für meine Dolmetscher, Diener und zwei Photographen erforderlichen drei Karren aufzutreiben, und ich mußte den Beistand des Präfekten erbitten. Der Mandarin ist in solchen Füllen für den Reisenden geradezu unentbehrlich. Während der letztere bei direkten Verhandlungen mit den Fuhrhaltern nach Kräften überfordert wird, wenn er überhaupt dazu kommt, eine Fuhrgelegenheit zu erhalten, läßt der Mandarin einfach durch einen seiner Damenrnnners oder Sekretäre Wagen und Pferde zu bestimmten niedrigen Preisen requirieren. Die Fuhrhalter haben so große Furcht vor den Machthabern und können von diesen so be drückt und ausgebeutct werden, daß Widerstand einfach unsinnig wäre. Ich hatte glück licherweise für die Mandarine von Schantnng wertvolle Empfehlungsschreiben von Peking in der Tasche. Wie die Einwohner vor ihrem Mandarin, so zittern die Mandarine wieder vor Peking. Das Wort Tsung Li Damen wirkt wie ein Donnerkeil auf sie; ich glaube nach meinen Erfahrungen nicht, daß sie besonders große Vorliebe für reisende Europäer haben, allein wenn diese init Empfehlungsschreiben ausgerüstet sind, liegt die ganze Mandaringesellschaft vor ihnen auf allen Vieren. Zudem hatte ich den guten alten Herrn Lo, Präfekten von Kiautschou, durch eine ihm geschenkte Meerschaumspitze verpflichtet, und zur festgesetzten Stunde standen vor meinem Hotel die gewünschten drei Wagen und ein Reitpferd für mich, alles zu Dienstpreisen. Für jeden Wagen hatte ich täglich 2 Tian, d. h. 2000 kleine Cash (2 Mark 50 Pfennig), für mein Pferd einen Tiau zu bezahlen. Glücklicherweise haben die Deutschen durch die zeitiveilige Besetzung von Kiau- tschon dort den Silberdollar eingeführt, ja ich kam mit Silbergeld bis Wei-Hsien durch, sonst Hütte ich noch einen vierten Wagen für das nötige chinesische Kleingeld mit- schleppen müssen. Hundert Mark sind ja nach chinesischer Knpfcrwührung, der einzig vor handenen, etwa 80 000 kleine Cash. Um sich eine Vorstellung von dieser Menge und ihrem Gewichte zu machen, braucht man nur einen Hundertmarkschein in einzelne Mark stücke umzuwechseln und ihr Gewicht Vierhundertmal zu nehmen. Nebst den Reisewagen hatte der Präfekt von Kiautschou auch acht Mann seiner- sonderbaren Soldateska in roten Hemden, ohne Hüte und ohne Waffen zu meiner Be gleitung beigestellt. Vier Mann marschierten unter Anführung eines Jamenbeamten vor meinem Zuge einher, ein Mann hinterdrein, und so zog ich aus den Stadtmauern von Kiautschou in die weite Ebene hinaus zur nächsten Stadt, Kaumi. Diese Fürsorge für meine Sicherheit und mein teures Leben habe ich nicht etwa meinen Verdiensten zuzuschreiben, sondern einer Verordnung der Pekinger Negierung. Diese, gewitzigt durch die ungeheuren Summen, welche sic jedesmal für die Beraubung oder Ermordung eines Europäers zahlen muß, wenn sie nicht auch noch ein Stückchen Provinz verliert, hat die Mandarine jedes Hsien, d. h. Distriktes, persönlich für die Sicherheit der Reisenden innerhalb der Grenzen ihrer Herrschaft verantwortlich gemacht. Deshalb wird der Reisende heute in China sozusagen in Baumwolle gewickelt; die Routen, die er einschlägt, werden von Soldaten bewacht, die Hotels, in denen er absteigt, werden von Truppen64 Durch die neutrale Zone von Deutsch-China. besetzt und von Ort zu Ort wird ein Depeschenreiter vorausgesandt, um den benachbarten Mandarin von dem ihm bevorstehenden Besuch in Kenntnis zu setzen. Wären die Ge sandten der fremden Mächte schon vor Jahrzehnten in Peking so energisch aufgetreten wie im letzten Jahre, so wäre das Leben vieler Missionare verschont geblieben. Die Fünfzigkilometerzone, welche das Deutsche Reich sich im Umkreise der Bucht von Kiautschou reserviert hat, ist dicht bevölkert und von ungemeiner Fruchtbarkeit. Jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land ist unter Kultur. Die schönsten Weizen- und Hirsefelder, wohl geackert, gedüngt und mit Entwässerungsgräben umgeben, drängen ein ander, ja sogar der Weg, auf dem meine Karawane sich bewegte, war stellenweise mit in das anstoßende Feld eingeackert worden, oder wo die vielen nebeneinanderlaufenden Karrenfurchen es gestatteten, wurden lange Streifen dieser letzteren von den fleißigen Landleuten wieder umgeackert und besäet, so daß diese Felder sozusagen mitten im Wege liegen, während sich die Maultier- und Schubkarren rechts und links davon neue Wege bahnten, auf Kosten der Felder des Nachbarn. Die Chinesen, sonst so fleißig und sparsam und in vieler Hinsicht erfindungsreich, haben merkwürdigerweise noch nicht das Erfordernis guter Wege kennen gelernt, denn solche sind ja in dem ganzen elf Millionen Quadratkilometer umfassenden Reiche unbekannt. Wer in Ebenen, wie jene von Kiau- tschou, von einem Orte zum anderen reist, schlägt gewöhnlich die nächste Route dorthin durch die Felder ein. Die Eigentümer dieser Felder schützen sich gegen die Eindringlinge dadurch, daß sie quer über die Wagenfurchen tiefe Grüben ziehen oder meterhohe Erd- wülle aufwerfen, so die nachfolgenden Karren zwingend, ihren Weg rings um die Felder einzuschlagen, wodurch sie aber häufig die Felder des Nachbarn berühren müssen. Diese ziehen nun ihrerseits Schutzgrüben, und so wird allmählich eine Route zwischen zwei Ortschaften festgclegt, welche so lange bestehen bleibt, bis die nächsten Regengüsse die Schutzwälle schmelzen und die nächsten Ueberschwemmungen die Grüben ausfüllen. Dann beginnt der Tanz von neuem. Die Wagen fahren wieder, um dem Morast, der sich in den ansgefahrenen Routen ansammelt, auszuweicheu, in die Felder, und abermals werden Schutzgräben gezogen. So geht das nun seit der Besiedelung des Landes Jahr für Jahr. Würden die Landleute die Arbeit, die sie nur während zweier Jahre zur Ver teidigung ihres Grundbesitzes leisten müssen, zur Anlage einer festen geschotterten Straße verwenden, sic würden sich die alljährlich wiederkehrenden Schutzarbeiten ersparen. Dazu müßten sie sich allerdings vereinigen oder die Regierung, d. h. die Mandarine, müßten die Sache in die Hand nehmen und den Bauern Steuern dafür auferlegen. Eines wie das andere ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen undenkbar. Die Bauern einigen sich nicht, weil immer einige dagegen sprechen, und wenn die Mandarine für solche Zwecke auch Steuern auferlegten, so würden diese gewiß in ihre Taschen verschwinden, und es bliebe alles beim alten. Das macht das Reisen über Land so ungemein beschwerlich und anstrengend. Versuchte ich es, eine Zeitlang in dem federlosen Karren zu sitzen, der über die tief ein- geschnittenen und fest cingetrockneten Karrenfurchen dahinpolterte, so kaiu es mir wahr haftig vor, als hätte ich auf aufrechtstehenden Revolvern Platz genommen, die fortwährend'imuvU uaa aiJx!.iitjifuBäDurch die neutrale Zone von Deutsch-China. 65 abgefeuert würden. Nach zwei- oder dreistündiger Fahrt war ich ganz schwarz und blau geschlagen und konnte nur mit Mühe aus dem dunklen Karren kriechen, der nichts weiter ist als etwa ein großer, auf der Vorderseite offener Reisekoffer, welcher zwischen zwei schweren Rädern auf der Achse sitzt. Selbst die Kutscher vermeiden cs, wenn möglich, darauf Platz zu nehmen, sondern schreiten fürbaß daneben her. Von einer schnelleren Gangart als langsamem Schritt kann keilte Rede sein, und deshalb wurden im Wagen gewöhnlich nur 10 Li — etwa 5 Kilometer in der Stnilde znrückgelcgt. Dafür hat der Reisende Muße, sich Land lind Leute anzusehen. Die Dörfer folgen dicht aufeinander, lind mitunter gewahrte ich deren im Umkreise 20 bis 30, durch die vielen hohen Weiden, Espen und Fruchtbäume, welche sie umgeben, selbst in weiter Ferne erkenntlich. Durchschnittlich dürften diese Dörfer 500 Einwohner haben. Die Dorfstraßen sind in Anbetracht des Schmutzes, der sich in den Städten Chinas zeigt, von erstaunlicher Reinlichkeit, lvas tcillvcise in der großen Sorgfalt, welche die Chinesen auf den Dünger verwenden, seinen Grund hat. Nichts, lvas irgend wie zu diesem Ziveck dienen kann, geht verloren, ja es wird auf alle möglichen Abfälle förmlich Jagd gemacht. Wenn ich morgens mit meiner Karawane, welche zuweilen bei Kavallerie- begleitnng 10 bis' 12 Pferde und Maultiere zählte, mein Nachtquartier verließ, um weiter zu reisen, so erwarteten uns gewöhnlich Knaben mit Korb und Spaten bewaffnet und gaben uns das Geleite oft auf 2 bis 3 Kilometer. Sie erwarteten die — sagen wir Verdauung unserer Zugtiere, und kaum erfolgte diese, so balgten sich die Jungen darum, als wären es lauter Dukaten. Aber nicht nur das. Während unsere alten Herren mit dem Spazierstock in der Hand ihre Promenade unternehmen j pflegen die Dorf bewohner von Schantnng Korb und Spaten mitzuführen, um so das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. In den Hauptstraßen der Dörfer und kleineren Städte, wo der Verkehr eilt besonders reger ist, fand ich vor jebem zweiten oder dritten Hause, mit- unter vor jedem Hause neben der Hausthüre brnsthohe Lchmmaucrn, welche einen etwa 2 Quadratmeter großen Raum umschlossen, mit einem Eingang an der Seite. Die Benutzung dieser zweckmäßigen Lokale steht jedem Passanten frei. Je mehr sich melden, desto besser. Morgens unb abends erscheinen die sorgsamen Hausfrauen, um den Dünger ulit gepulverter Erde zu beschütten und dann zu einem Haufen zusammenzuwerfen. Im Frühjahr wird der gesammelte Vorrat vor das Hans oder auf ein freies ebenes Plätzchen geführt, dort zerkleinert und so ans die Felder gebracht. Sind diese vorbereitet, so erfolgt die Aussaat mittels eines originellen Apparates, der einem Pflug ähnelt, nur zieht.an Stelle der Pflugschar ein Eisenstachel eine dünne Furche; hinter diesem Stachel sitzen zwei oben offene Kasten hintereinander, mit Trichtern darunter; ans dem vorderen fällt der Same zu Boden, aus dem hinteren der gepulverte Dünger auf den Samen, und hinter drein folgen wieder zwei Jungen, welche die Saat mit den Füßen fest in den Boden treten. Auffällig sind die vielen roten Papierstreifen und Zettelchen, mit welchen jede einzelne Hausthür, jedes Fenster, jedes Scheunenthor in Dorf und Stadt verklebt ist. Auf und über den Thüren, an den Hauswänden daneben, wo immer ein Fleckchen, klebt auch ein Zcttelchen mit kuriosen chinesischen Schriftzeichen bemalt. Da heißt cs: Langes Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. . 5gg Durch die neutrale Zone von Deutsch-China. Leben, Glück und Segen, Hundertmal hundert Kinder und dergleichen. Sogar jeder Karren, jede Pflugschar, jeder Schubkarren, jedes Boot ist mit solchen „ckoss-xn^" (Glückspapierchen) beklebt. Zuweilen stößt man auf ein Haus, das an Stelle der roten weiße Papierchen zeigt. Dann hat sich in diesem Hause ein Todesfall ereignet, und die roten Papierchen kommen erst wieder nach überstandener Trauerzeit zu ihrem Rechte. Nicht nur die Städte und Märkte sind durchweg von hohen Ringmauern mit Gräben und Thoren umgeben, auch, viele der Dörfer, welche ich durchzog, haben Lehm- manern zum Schutz gegen Aufständische oder Räuber, Nur sind sie in den meisten Füllen halb zerfallen und würden ihren Zweck wohl nicht mehr erfüllen. Hinter dem Stadtthore pflegt gelvöhnlich ein Tempel zu stehen mit einigen bemalten Götzen, daneben oder sonst wo im Dorfe liegen die Tennen zum Dreschen des Getreides. Wohlhabendere Eine Dorpnühlr. Bauern haben auch ihre eigenen Tennen. Ist die Ernte eingebracht, so werden diese, mit festgestampftem Lehm bedeckten, kreisförmigen Plätze gekehrt, das Getreide darauf ausgebreitet und gerippte Steinwalzen darüber gerollt, die von Maultieren oder Eseln gezogen werden. In der Nähe der Tenne steht auch gewöhnlich eine Mühle, ein flacher runder Stein von etwa 2 Meter Durchmesser, auf welchem eine Steinwalze durch ein Eselchen mit verbundenen Augen im Kreise hernmgeführt wird. Das Mahlen pflegt unter Aufsicht des weiblichen Geschlechtes zu stehen; trotz ihrer verkrüppelten, winzigen Füßchen und seidenen Schuhchen humpeln sie ganz munter umher, nahmen aber gewöhnlich Reißaus, wenn sie des fremden Mannes ansichtig wurden. Ueberhanpt gab es darob immer gewaltige Auflegung. Ritt ich durch das Thor in den ft ein, so eilte die Nach richt von dem Kommen eines Fremden wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus; die splitternackten Knaben und Mägdlein, die im Verein mit den Hunden mitten ans der StraßeDurch die neutrale Zone von Deutsch-China. 67 spielten, flohen wie aufgescheuchte Rehe davon; die Frauen verschwanden hinter den Haus- thüren und guckten nur verstohlen heraus, die Männer aber liefen zusammen und folgten mir, bis ich bei dem anderen Thore wieder heraus war. Es ist aber im ganzen doch ein friedliches und freundliches Völkchen, das da wohnt, und ich habe auf meinen Reisen durch die verschiedenen Weltteile nirgends ein Volk gefunden, das im großen wie im einzelnen so leicht zu regieren ist, und wo die Autorität, selbst ohne bewaffnete Macht dahinter, so respektiert wird wie hier. Wenn die Dörfer mit Lehmmauern umgeben sind, so geschieht dies wohl auch zum Schutz gegen die Ueberschwemmnngen, die hier in diesem flachen abflußlosen Tiefland von Deutsch-China alljährlich Vorkommen, und mit denen auch die kommende Eisenbahn wird rechnen müssen. Zur Zeit der sommerlichen Regengüsse ist das ganze Land unter Wasser, ja sogar die Hauptstadt dieses Distriktes, Kamm, ist dann zuweilen wochenlang kniehoch überschwemmt. Die Bauern schützen ihre Felder dadurch, daß sie rings um dieselben meterhohe Erdwälle aufführen, ja zuweilen mit unendlicher Mühe ihr ganzes Feld um 1 bis 2 Fuß aufschütten. Die Erde dazu gewinnen sie, indem sic rings tim die Felder tiefe Grüben ziehen. Kaumi ist von Kiautschou nur 30 Kilometer entfernt und liegt innerhalb der sogenannten deutschen Jnteressenzone. Wegen der Reisevorbereitungen und Man- darinsbesuche war ich erst um 2 Uhr nachmittags von Kiautschou anfgebrochen, und es war 9 Uhr abends, als ich die feste Stadtmauer von Kaumi erreichte. Das Thor war für mich offen gelassen worden, ein Stadtbeamter mit mehreren Soldaten erwartete mich und führte mich und meine Karawane in das Hotel. Derartige Hotels dienten mir während meiner folgenden, etwa 2000 Kilometer umfassenden Land reise durch Schantung und die angrenzenden Provinzen als Nachtquartier; sie werden auch allen meinen Nachfolgern für die nächsten Jahre als Unterkunft bienen, und des halb rate ich allen, die möglicherweise eine Vergnügungs- oder Hochzeitsreise nach Schantung unternehmen sollten, sich dazu entsprechend vorznbereiten. Sie werden auch in der Provinzhauptstadt nur vier feuchte Wände vorfinden mit einem Strohdach dar über und als einzige Einrichtung einen mit fingerdickem Unrat bedeckten Tisch, zwei Stühle und eine Holzpritsche mit Tausenden von kleinen kretichenden, hüpfenden, hungrigen Einwohnern. Das ist alles. Bettzeug, Insektenpulver, Waschzeug, Küchen- und Eß- geschirr, Messer, Gabel, einen kleinen Ofen, Lebensmittel in Büchsen, ja sogar Trink- und Waschwasser werden sie mit sich führen müssen, wollen sie halbwegs ihren gewohnten Bedürfnissen entsprechend leben. Vor dem nach der Straße gewendeten Vorderhanse jedes Hotels ist wohl auch ein Restaurant; aber wer jemals einen Blick in diese geschwärzten, mit halbnackten Kulis und Kutschern dicht gefüllten rauchigen Räume geworfen hat, wird sich wohl hüten, seine Nahrung von dort zu beziehen. Zuweilen in reinlicheren Hotels wird man sich dort wohl Thee, Eier, Reis kochen lassen können, aber wer kein Freund von dem alles ^durchdringenden Knoblauchgeruch ist, wird auch das bleiben lassen. Natürlich war auch der Vorhof meines Hotels in Kaumi trotz der späten Stunde mit Hunderten Neugieriger gefüllt, von denen cs manche sich sogar in meiner68 Durch die neutrale Zone von Deutsch-China. „Stube" bequem machten. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten sie alle meine Verrichtungen, alle, selbst die geheimsten; endlich wurde mir die Sache zu bunt, und ich verjagte die Zudringlichsten, die Thüre hinter ihnen schließend. Aber so leicht waren sie nicht fortzubringen; sie postierten sich an die Fenster, durchstießen mit den Fingern die Papierscheiben, und die Belagerung hätte wohl noch stundenlang gedauert, wenn ich nicht schließlich mit hocherhobenem Stock unter sie gefahren wäre. Nun zerstoben sic, als wäre das ganze Marine-Jnfanteriebataillou von Kiautschou gegen sie im Anmarsch, und im Nu war der Hof von allen gesäubert. Ich ließ jetzt das äußere Thor schließen, stellte zwei meiner Geleitsoldaten davor als Wache ans, und ich hatte Ruhe. Diese Erfahrungen wird wohl jeder einzelne Reisende in Schantung während der nächsten Monate machen, bis sich die neugierigen Zopfträger ein wenig an das Aussehen der Europäer gewöhnt haben. Bisher waren ja ihrer so wenig nach Schantung gekommen, und ich glaube, was Kaumi selbst betrifft, war ich der erste Europäer, der es von Tsingtau, dem neuen deutschen Hafen, aus besuchte. Als ich am nächsten Morgen meinen Rundgang durch die Stadt machte, war die Zahl der Neugierigen, die mir folgten, noch größer, und meine Soldaten trachteten vergeblich, mir den Weg zu bahnen. Ich flüchtete also auf die Stadtmauer, die oben so eng war, daß wir im Gänsemarsch einherschreiten mußten. Dafür lief die Menge unter der Stadtmauer entlang. Von meinem hohen Standorte aus zeigte sich mir Kaumi mit seinen vielen Tempeln und Damen als eine wenn nicht räumlich größere, so doch dichter bevölkerte Stadt als Kiautschou, und die Einwohnerzahl dürfte mit 50 000 kaum zu hoch gegriffen sein. Kaumi ist ja der Mittelpunkt eines großen, ungemein fruchtbaren Ackerbaudistriktes; in den schmutzigen Straßen herrscht reges Leben, die Kauflüden drängen einander, aber nirgends sah ich europäische Waren,-weshalb sich hier in Bezug auf Ackerbaugerätschafteu, Werkzeuge, Lampe», Nadeln, Eisenwaren, Stoffe, Blechgeschirre u. s. w. für den deutschen Handel ein ziemlich günstiges Feld dar bieten dürfte. Nur elende japanische Streichhölzer lind billigen japanischen Krimskrams fand ich in einigen besseren Lüden. Reichtum ist in Kaumi wenig vorhanden. Der ganze Distrikt ist übervölkert in solchem Maße, daß eben während meiiler Anwesenheit zahlreiche Familien im Begriffe waren auszuwandern. Der Gyüverneur der benach barten Provinz Schansi, die weit weniger dicht bevölkert ist, hatte in Kaumi und den umliegenden Dörfern große rote Plakate ankleben lassen, in welchen jeder Auswanderer- familie in Schaust ein Halls und ein Stück Ackerland für 5 Jahre, frei von allen Abgaben, versprochen wurde. Das machten sich viele zu nutze, und während meiner Weiterfahrt sah ich lange Züge solcher Schantuugleute, die mit Kind und Kegel nach Schansi reisten. Jede Familie hatte einen großen vvul Gouverneur beigestellteu Schub karren, auf welchem Bettzeug, Kleidungsstücke und Geschirre, die ganze geringe Habe der Auswanderer verpackt war. Auf diesem Hausrat saßen die Weiber, Großmütterchen, Mutter, die Töchter, alle mit kleinen Kindern in den Armen; der xatsr familias schob den Karren, und seine Jungen zogen ihn von vorne. So ging die Reise vier Wochen lang nach Westen, bis sie ihr chinesisches Kanaan erreichten.Durch die neutrale Zone von Deutsch-China. Ein derartiger Ausgleich der Bevölkerung kann China und vor allem Schantung nur von Segen sein, denn dieses letztere, auch soweit es zu Deutschland gehört, leidet entschieden an Uebcrvölkerung. An Sehenswürdigkeiten hat Kaumi viel weniger aufzuweisen als Kiautschou oder Tsimo; einige große Tempel und steinerne Ehrenbogen in den Straßen, schmutzige Mandarinsyamen mit Bettelvolk in den Vorhöfen, und 1a8t not Isast, die vierundzwanzig Soldaten Seiner Ehren, des Präfekten. Sie sind biedere Handwerker, Schuster und Schneider, und führen zu gewöhnlichen Zeiten Ahle und Nadel. Benötigt sie der Mandarin, wie z. B. zu meiner Bedeckung, so werden sie rasch in den Damen berufen. Dort werden ihnen schwarze Hemden mit rotein Besatz an Aermeln und Kragen verab reicht, und damit sind sie für 1 bis 2 Tage Soldaten des Kreises Kaumi geworden, wie es die chinesischen Schriftzeichen auf Brust und Rücken ihres Hemdes besagen. Aber Zahlung erhalten sie keine, so daß sie mir durch Fußfall dankten, als ich vor dem Stadtthore jedem einige Pfennige Trinkgeld gab und sie wieder nach Hause sandte. Schantung- Sxirlkarten.Manimrinshut. Nach Weichsten. Nie dem deutschen Gebiete in China nächstgelegene Groß stadt ist Wei-Hsicn, 160 bis 170 Kilometer nordwestlich von Tsingtau, an der großen Hauptroute gelegen, welche Tschifu, den einzigen Freihafen der Provinz, mit deren Hauptstadt Tsinan-fn verbindet. Mit ihren mehr als 100 000 Einwohnern und dem sehr bedeutenden Handelsverkehr wird sie für das deutsche Gebiet von großer Wichtigkeit werden, zumal in ihrer Nähe, etwa 20 Kilo meter südwestlich, die großen Kohlenlager von Wei-hsicn liegen, welche den deutschen Schiffen in Tsingtau und der neuen deutschen Eisenbahn das Brennmaterial liefern sollen. Dieses Wei-hsicn war mein nächstes Reiseziel. Telegraphische Vorausbestellnng des Quartiers für meine Reisekarawane war von Kaumi aus nicht möglich, denn in der ganzen Provinz, so groß wie Süddeutschland, giebt es nur wenige Telegraphenstationen. Freilich führt der Telegraphendraht durch eine Menge anderer Städte, aber die Chinesen haben Zeit, und die wenigsten denken daran, den elektrischen Nachrichtenweg §u benutzen, während für die Zwecke der Regierung die Stationen in Tsinan, Tschifu, Tsinnin, Wei-Hsien, Jtschou und Kiautschou genügen. Ist irgend eine Regierungsnachricht von einer dieser Städte nach der anderen, z. B. Tsingtschon-fu, Taingan-fu rc. zu be sorgen, so werden sie Depeschenreitern übergeben, die tagelang längs der Telegraphen linie einherreiten, während der elektrische Funke die Nachricht wie ein Blitz vermitteln könnte. Aber wie gesagt, die Chinesen haben Zeit. So mußte auch ich den Herrn Mandarin von Kaumi bitten, gefälligst einen seiner Reiter voraus nach Tschangling zu senden, und jenen von Tschangling, das Gleiche in Bezug auf Wei-hsien zu thun. Wei-Hsien ist von Kaumi nur etwa 90 Kilometer entfernt, ich mußte aber den elenden Saumpfad benutzen und der da durch bedingten Langsamkeit meiner Reisekarawane wegen auch in Tschangling über nachten. Zudem verlor ich viel Zeit mit dem Aufsuchen des großen Pimosees, ben nicht nur die europäischen Landkarten neuesten Datums als eine 15 Kilometer lange und 10 Kilometer breite Süßwasserstäche verzeichnen, sondern der auch in geographischenNach Wei-Hsicn. 71 SBerfeit erlüiiljut itnb 6efcf)viet)cn tottb. (£§ Ijcifst bcittvt: bicfei' oee tjcitte fviifjei' beit großen Schiffahrtskanal gespeist, welcher bie Bucht von Kiautschou mit bem Golf von Petschili verbunben habe. Aber so sehr ich bie Gegenb östlich nnb norböstlich von Kaumi burchstreiste, in ben Dörfern Nachfrage hielt nnb mtf Bäume kletterte, nur biese weite Wasserfläche zu erblicken, vergeblich. Der See ist nämlich nicht vorhanben, nnb wahrscheinlich werben nachfolgenbe Reisenbe auch nur wenige Spuren bes Kanals vor- finben. Das ganze Lanb ist eine jeben Sommer großen Ucberschwemmungen unter worfene Tiefebene, nnb an ihrer tiefsten Stelle bleibt bas Wasser ein paar Monate länger als anbcrs- wo. Das mag ber Sage von bem Pimosee Nahrung gegeben haben. Im Winter nnb Früh jahr ist er aber ohne einen Tropfen Wasser, nur ist bas Lanb bort schlam mig, nnb wer es versucht, barüber zu reiten, sinkt mit seinem Pferbe fuß tief ein. Auch mit ben ans ber Karte angegebenen Fluß läufen ist es so eine Sache. Flnßläufe sinb vorhanben, boch nicht an ben in ben Karten angegebenen Stellen; bazn sinb sie auch ben größern Teil bes Jahres über wasserlos, ben Weiho ausgenommen, ber an ber Stelle, wo ich ihn auf meinem Ritt nach Wei-Hsien passierte, etwa bie Breite nnb ben Wasserreichtum bes Neckars bei Hcibelberg hat. Die über ihn führenbe Brücke besteht aus Reisigbünbeln, welche auf einem wackeligen Balkengerippe ruhen, bie Unternehmung einer Chinesenfamilie, welche in einem elcnben Häuschen am Flusse wohnt nnb von ben Karren, Reitern nnb Schubkarren wie Karawanen, welche bie Brücke benützen, Brückenzoll erhebt. Nach ben sommerlichen Regengüssen wirb bie Brücke gewöhnlich von bem reißenben Flusse fort- Grsxnnn in Sst-Schankung. geschwemmt nnb von ben Chinesen wieber aufgebaut. Da ich mit Militärbebeckung reiste wie ein Manbarin, nnb bie Manbarine in China bie größten Freiberger sinb, b. h. nie72 Nach Wei-Hsicn. und nirgends etwas bezahlen, wo sie es umgehen können, so wurde auch meiner Karawane nicht ein Pfennig abverlangt, ja meine Soldaten Vertrieben eine ganze Menge vor mir desselben Weges ziehender Karawanen, um mir Platz zu machen, ohne daß von irgend einer Seite Einspruch erhoben worden wäre. Zu beiden Seiten des Flusses dehnen sich kilometerbreite Sandslächen ans; auch jenseits derselben ist das bebaute Ackerland sandig und trocken. Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet, und da gerade ein heftiger Wind wehte, wurde die Weiterreise nach Nailiu ganz unerträglich. Dichte Sandwolken trieben mir entgegen, und Sehen und Atmen waren nahezu unmöglich; meine Kleider waren bald fingerdick mit feinem Sand bedeckt, und wie ich später beim Ocffnen meiner Neiseeffekten heransfand, war der Sand in meinen Koffer gedrungen, lag zwischen meinen frischen Photographien, zwischen den Papierbogen, in meinem Fernglasetui und Tintenfaß. Die Scharniere der photo graphischen Apparate und Meßinstrumente kreischten, meine wohl in Papier gehüllten Biskuits und Schokolade waren voll Sand. Dazu hatte das Rütteln der Karren auf den schrecklichen Wegen mein Tintenfäßchen, eine Whisky- und eine Rotweinflasche zum Verschütten gebracht, und auf dem Boden meines Reisekoffers sah es infolgedessen recht niedlich aus. Der größte Teil der Wäsche war verdorben, mit großen roten und schwarzen Flecken bedeckt, die gar nicht wieder zu entfernen waren. Und wo sollte ich im Innern von Schantnng Wäsche auftreiben? Glücklicherweise trug ich ein weißes Hemd am Leibe, und dieses mußte, in Apollinariswasser frisch gewaschen, bei jeder folgen den feierlichen Gelegenheit herhalten. Meine Stimmung beim Eintreffen in Nailiu war also gerade nicht lieblich. Dazu hatte dort gerade meinem Hotel gegenüber eine wandernde Schauspielertruppe ihr Theater aufgeschlagen, und die halbe Bevölkerung dieses mit einer Mauer umgebenen, 4000 bis 5000 Einwohner zählenden Landstädtchens >var ringsherum versammelt, um die grotesken Verzerrungen der Darsteller zu bewundern. Die knallenden Peitschen meiner Fuhrleute, das Gepolter der Wagen, das Schreien der ■ Soldaten, um uns den Weg zu bahnen, zog natürlich die Aufmerksamkeit der dichtgedrängten Menschenmenge ans uns. Ein Europäer in Nailiu! War das jemals vorgekommen? Im Nu hatte der ganze Volkshausen dem Theater den Rücken gekehrt, und über Hals und Kopf stürzte alles ans mich zu, so daß wir weder vorwärts noch rückwärts konnten. Vergeblich polterten die Musiker des Theaters ans Leibeskräften auf ihre Tamtams und Gongs; vergeblich näselten die Schauspieler ihre Gesänge weiter. Kein Mensch kümmerte sich mehr lim sie, und das Theater mußte geschlossen werden. Schließlich mußten die Soldaten ihre Stocke zu Hilfe nehmen, die bewaffnete Macht von Nailiu unter Anführung eines Mandarins rückte ebenfalls an, um uns Platz zu schaffen, und erst nach furchtbarem Balgen, Schlagen und Geschrei konnte ich mein Hotel erreichen. Ucbrigens, darf ich mich über diese Neugierde beklagen? Würde ein reisender Chinese, der etlva nach Bückeburg käme, nicht auch von Neugierigen ein wenig belästigt werden? Die Stimmung der Bevölkerung ist hier, lvie in ganz Schantnng, den Europäern, auch den Deutschen gegenüber keineswegs feindlich. Dabei ist die Kunde von derMarkt in Wei-Hsirn.74 • Nach Wei-Hsien. Besitzergreifung von Tsingtau durch die Deutschen bereits längst überall bekannt, und selbst in den kleinsten Dörfern, in denen ich zu übernachten gezwungen war, wußte man davon. Nur haben die Chinesen die ganze Sache in ihrem Sinne ausgelegt. Wie sic sich er zählen, sei Die ganze Gegend rings um Kiautschou schon seit Jahren von den Räubern arg belästigt worden, gegen die man vergeblich angekämpft hat. Es sei ein wahres Glück, daß die Deutschen Tsingtau gegen hohe Zahlung von China gemietet hätten, sie würden nun die Gegend von den Räubern befreien, und wenn die Ordnung wieder hergestellt sei, würde China den Deutschen die Miete kündigen. Auf dem Weitermarsche von Wei-Hsien stieß ich ans die ersten mit den schwarzen Diamanten von Schantung beladenen Schubkarren, lind von der geraden Richtung nach Osten abweichend, war ich bald in dem vielgerühmten Kohlengebiet von Wei-Hsien, das in dem Kapitel über die Kohlendistrikte von Schantung seine Schilderung findet. Einen Kilometer südlich von Wei-Hsien liegt eine große presbhtcrianische Mission der Amerikaner mit verschiedenen modernen europäischen Gebäuden, Wohnhäusern, Schulen, Kirche und Hospital, und dort, bei den freundlichen Iaukeemissionaren, fand ich für- einige Tage gastfreie Unterkunft. Jeder Missionar, ob Mann oder Frau, erhält ein Jahresgehalt von 4000 Mark, freie Wohnung, Vergütung aller Auslagen für Reisen rc. Sie haben sich auch demgemäß sehr behaglich eingerichtet, arbeiten im Interesse ihrer Kirche, aber gleichzeitig auch zur Ausschließung der Provinz, und wenn in Schantung verhältnismäßig so viele amerikanische Waren Eingang gefunden habe,:, so ist das wohl großenteils den amerikanischen Missionaren zuzuschreiben. Neben den Presbyterianern mit beiläufig 60 Missionaren und 800 chinesischen Christen haben auch die amerikanischen Episkopalier und Baptisten viele reich dotierte Missionen in Schantung; die Engländer besitzen Missionare der Hochkirche, dann Baptisten und Methodisten; im ganzen sind über 170 englische und amerikanische Missionare, durchweg Protestanten, in Schantung thätig. Die Franzosen besitzen in Nord- und Ostschantung wichtige katholische Missionen mit vielleicht 30 000 Christen, während sich in Südschantuug bekanntlich die deutsche katholische Mission von Steyl seit etwa 10 Jahren etabliert hat und annähernd die gleiche Zahl von Christen wie die Franzosen haben dürfte. Deutsch-protestantische Missionen sind bis April dieses Jahres in Schantung nicht vorhanden gewesen. Man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Freude die Missionare von Wei-Hsien, wie überhaupt der ganzen Provinz, das schneidige Vorgehen der Deutschen in Tsingtau begrüßt haben. Darüber habe ich unter allen nur eine Stimme gehört. Ob Amerikaner, Engländer oder Franzosen, sie fühlen sich doch als Kaukasier, und hier in dieser fernen, von allen Beziehungen mit dem Abendlande abgeschlossenen Provinz gelten ihnen auch die Deutschen' als Brüder. Sie sind nicht mehr verlassen, Spielbälle in den Händen der Mandarine, sondern fühlen die Nähe der „eisernen Faust", die sie schon durch ihr Hiersein allein schützt und ihnen größere Sicherheit gewährt. Noch freudiger begrüßen sie, die oft Jahrzehnte lang inmitten der Chinesen weilen, ohne unter Europäer zu kommen, die Eisenbahnen, und sie werden diese mit ihrem ganzen Einfluß, der mitunter gar nicht gering ist, unterstützen.Nach Wei-Hsie». 75 Wei-Hsien ist eine der bedeutendsten Städte der Provinz, der eigentliche Vcr- teilungspunkt der fremden Waren, die in Tschifu, dem einzigen offenen Hafen der Pro vinz, gelandet werden. Eine mächtige Steinmauer von 16 Meter Höhe und einer oberen Stärke von 4 Meter nmgiebt sie; von 30 zu 30 Meter stehen oben kuriose Wachthänser mit doppelten, schön geschwungenen Dächern; die vier nach den Welt gegenden gerichteten Stadtthore werden durch Türme gekrönt und durch starke steinerne Bastionen geschützt, während sich vor der Mauer rings um dieselbe ein tiefer, zum Teil mit Wasser gefüllter Wallgraben hinzieht. An der Ostseite bildet der Graben das Flußbett des Pailangho, d. h. des weißen Wolfflnsses, nach einer alten Sage so benannt, derzufolge an der Quelle dieses Flusses ein weißer Wolf eine chinesische Jung frau aufgefressen haben soll. Jenseits des Flusses breitet sich die wichtigste der ver schiedenen Vorstädte, die Ostvorstadt aus, die wieder von einer eigenen tnrmgekrönten Mauer umschlossen ist. Aber während in den vielen chinesischen Städten, die ich besucht habe, der größte Teil des Handels und der Industrie sich in den Vorstädten ansammelt, ist hier in Wei-hsien auch die City von Geschäftsstraßen durchzogen, in denen das Leben und Treiben ungemein lebhaft ist. Merkwürdigerweise ist das gegen die Vorstadt gewendete Thor der City, jenes, durch welches sich der Hanptverkehr zwischen beiden wälzt, für Fuhrwerke nicht passierbar. Nur Fußgänger und höchstens Maultiere können cs benützen. Während mehrerer Tage durchstreifte ich diese Hauptarterien des Handels von Schantnng, immer wieder fand ich Neues, Sehenswertes, besonders iit der längs deni Fluß hinlaufenden Straße der Ostvorstadt, dem Sitz der Eisenindustrie. In Hunderten von Häusern und Buden, unter Flugdüchern oder auch ganz im freien, liegen hier Eisenwerkstätten nebeneinander, und die langbezopften, halbnackten Cyklopen hämmern und feilen hier unaufhörlich, selbst noch in später Nacht. Alle möglichen Dinge werden hier verfertigt und gleichzeitig feilgeboten. Sobald ein Ackergerät, eine Schaufel, Pfanne oder Schraube heTgestellt ist, wird sie gleich vor dem Laden auf den Straßenboden gelegt lind verkauft. Mit ihren primitiven Werkzeugen stellen diese geschickten Arbeiter sogar Feilen her. Aber neben den schweren, plump geschmiedeten Nägeln mit ihren großen Köpfen fand ich doch schon die schlanken, glänzenden Draht nägel europäischen Fabrikats, und neben den schwarzen Schaufeln unb Sensen solche, die ans Neuengland oder Chicago ihren Weg hierher gefunden haben. Was würde Schantnng den Remscheider und Solinger Waren fiir ein Feld darbieten, wenn diese Gegenstände einmal im Eisenbahnwaggon und nicht auf Maultierrücken hierher gebracht werden könnten! In anderen Straßen sind Tausende mit dem Spinnen und Weben von Seide, wieder in anderen nnt dem Flechten der berühmten Strohmatten beschäftigt, welche einen wichtigen Ausfuhrartikel der Provinz bilden. Der eigentliche Sitz dieser großen und weitverzweigten Industrie ist Schaho, 60 Kilometer östlich von Wei-hsien. Der bei Schaho vorbeifließende Pcischaho ist für Flachboote schiffbar, und an seiner Mündung liegt der Hafen Tigerhead, der mit Tschifu durch eine wöchentliche Dampferlinie ver bunden ist. Auch Baumwollwebereien und Handspinnereicn giebt es in Wei-hsien, und76 Nach Wei-Hsim. eine Straße der City, jene, welche der Eisenstraße gegenüber dem Flnß entlang läuft, ist ganz mit Schirmmachern angefüllt. Vor jedem Hanse baumelt als Schild ein braun roter, orangegelber oder grüner Sonnenschirm herab; in jedem Laden wird Bambus gespalten, von geschickten Händen znsammengefügt und dann mit dem buntfarbigen Oel- papier überklebt. Zum Trocknen werden diese so hergestellten Schirme auf den Sandbänken im Flusse zu Füßen der Stadtmauer anfgespannt. Als ich, das erste Mal ans der Ostvorstadt kommend, die steinerne, nach der City führende Brücke überschritt, blieb ich bei dem Anblick dieses ackergroßen bunten Regenschirmfeldes ver wundert stehen. Das Bild, das sich mir darbot, war überhaupt so urchinesisch, ver zwickt, fremdartig, wie man sich nur denken kann, und dabei doch schön, An den Enden der Brücke die malerischen Stadtthore mit ihren aufgesetzten hohen Pavillons und auf wärts geschwungenen Dachspitzen, die langen hohen Stadtmauern mit Tempelchen und Pagoden, darunter, zwischen Mauern und Flnß, Reihen von kuriosen Hänschen und Buden, teilweise ans Pfählen im Wasser ruhend, dann die weiten Felder von roten, gelben, grünen, blauen Regenschirmen; im Hintergrund Banmgruppen, ans welchen Pa goden und hohe Flaggenstvcke mit roten Fähnchen hervorlugten, dazu das bewegte Gewühl der seltsam gekleideten schlitzäugigen Einwohner. Aber während ich am Brücken geländer stand und das seltsame Bild in mir anfnahm, bemerkte ich gar nicht, daß ich selbst allmählich zum Gegenstand der Aufmerksamkeit aller Passanten wurde. Als ich mich umblickte, stand wieder ein dichter neugieriger Bolkshanfen vor mir, zögernd, stumm, mit weit geöffneten Augen und Mäulern. Es ist eigentümlich mit diesen Zopf trägern in den Städten. Schritt ich rasch durch die Straßen, ohne mich umznsehen, so wurde ich wenig beachtet. Blieb ich nur einen Augenblick stehen, so saßen mir die Neu gierigen schon auf den Fersen, und wiederholte ich das mehrere Male, so wurde die Straße überhaupt gar nicht mehr passierbar. Zeigte ich die geringste lächelnde Miene, so brachen alle in lautes Gelächter ans, schienen höchst amüsiert und wurden zutraulich. Zog ich die Stirne zusammen und hob dabei etwa plötzlich eine Hand oder machte eine rasche Vorwärtsbewegung, so stob alles entsetzt auseinander wie vor einem entsprungenen Raubtier. Ans der Brücke standen die Leute so dicht, daß ich weder vor noch rückwärts konnte. Es war ein sonniger Tag, und ich hatte meinen Schirm mit Stahlrippen auf- gespannt, während die Nächsten um mich ihre bunten Papierschirme trugen. Ilm mir Platz zu schaffen, schwenkte ich meinen Schirm, seine Stahlrippen drückten sich in das Oelpapier der anderen Schirme, und kracks, kracks, gab es überall Löcher. Daraufhin ein Niesengelächter von allen Seiten; jeder chinesische - Schirmträger suchte eiligst vor meinem Stahlschirm das Weite, und ich konnte meinen Weg fortsetzen. In der City giebt es viele quer über die Straßen gebaute steinerne Ehrenbogen, viele solide Warenhäuser, malerische Tempel mit mächtigen, reich ornamentierten Holz portalen und hohe Mauern, hinter denen die Residenzen reicher und vornehmer Chinesen hervorragteu, denn Wei-Hsien ist eine sehr reiche Stadt, mit mehreren Taelmillionüren. Ich betone das Wort Tael, etwa 3 Mark, denn ein Cashmillionär wäre ja nur der Besitzer von 1100 Mark. Ein solcher bin ich selber. Es würde noch mehr Mil-Nach Wei-hsien. 77 lionnre geben, wenn Handel und Wandel von den Mandarinen nicht so bedrückt würde. Fragte ich nach dem Besitzer dieses oder jenes schönen Hauses oder Lustgartens, so hieß es gewöhnlich: ein Mandarin. Am ersten Abend kam mir ein großer Leichenzug entgegen. Voran ein alter Mann, der ein weißes Tuch trug; dann etwa 20 Kerle in grünen Kleidern mit allerhand roten Ceremonienschirmen und Parafernalien, großen roten Trommeln auf hohen Stangen re. Ihnen folgte ein Musikkorps von etwa 12 Musikern, die eine Melodie spielten, bei der man nicht wußte, ob man lachen oder Thränen ver gießen solle, dann kam eine lange Prozession von Chinesen, deren je 4 einen horizontalen Holzrahmen von Größe und Form eines Betttuches trugen. In jeden Rahmen war ein mehr oder minder feines Stück Woll- oder Seidenstoff oder Brokat von blauer Farbe gespannt; auf diesen Tüchern lagen drei große weiße Papierbuchstaben, den Namen der Verstorbenen nennend, mit kleineren Papierbuchstaben in langen Reihen zu den Seiten. Derartige Tücher wurden vielleicht 30 bis 40 hintereinander getragen, Geschenke der Freunde und Verwandten der Leidtragenden an diese. Dann folgte ein ähnlicher Rahmen, jedoch mit einem weißen Tuche, das ganz init schwarzen und roten Schrift- zeichen bemalt war. Diese geben nicht nur den Namen der Verstorbenen, sondern auch ihren ganzen Lebenslauf, ihre Vorzüge und Tugenden, dazu die Namen der Kinder, Enkel, Verwandten sc. an. Hinter diesem Tuche wurde eine große, reichvergoldete Sänfte einher- gctragen, in welcher sich das Ahnentäfelchen des Verstorbenen befand, und den Schluß bildeten eine Anzahl Armer, welche eine Menge großer Puppen trugen, aus mit Papier überzogenen Holzgerippen bestehend. Diese Puppen und Papierfiguren sollen das Wohn haus der Verstorbenen, ihre Diener, Kleidungsstücke, Schütze rc. andeuten, die bei ihrer Beerdigung verbrannt werden, damit sic alle diese Sachen im Jenseits wiederfinden. So bewegte sich der Zug zum Trauerhause, und als ich mich nach dem Namen der Ver storbenen erkundigte, sagt man mir, sic wäre nichts Besonderes gewesen, nur die siebente Frau eines Mandarins. Ja, diese Mandarine! Es wird ihnen viel in ihre Filzschuhe geschoben, was eigentlich auf die Rechnung ihrer Untergebenen zu setzen ist. Als Beispiel, tvic diese die Einwohner auspressen, folgendes Histörchen: Das Salz ist in China eine Art Regierungs monopol, und wie in allen großen Städten, so residiert auch in Wei-hsien ein Salz kommissär, der 24 Spitzel unter sich hat, welche dem Salzschmuggel aufpassen und ihn Hintertreiben sollen. Vor einigen Jahren muß das eine ganz tolle Bande gewesen sein. Zur Nachtzeit pflegten sic vor den Thüren der Wohnungen reicher Bürger Salz zu streuen, als ob diese insgeheim Salzsäcke eingeschmuggelt hätten, und am nächsten Morgen begaben sic sich zu diesen Bürgern, beschuldigten sie des Schmuggels, gaben ihnen aber zu verstehen, daß sie für ein Sümmchen von hundert Tacls, oder auch weniger, reinen Mund halten würden. So wurde das Volk in der Stadt und auf dem Lande bedrückt, bis es diesem zu viel wurde und die Vorsteher von 60 Ortschaften des Kreises beschlossen, eine Beschwerde einzureichen. Das erfuhren die Salzspitzel und beschlossen eine gemeinsame Beratung in einer der Stadt nahen Ortschaft. Das Hotel wurde einige Tage zuvor belegt. Davon bekamen aber die anderen Ortschaften Wind, und die Vor-Nach Wei-Hsien. steh er beschlossen, statt aller Beschwerden die Rache selbst in die Hand zu nehmen. An dem bestimmten Tage, als die Salzspitzel in dem Hotel zur Beratung versammelt waren, kamen die Bewohner der umliegenden Ortschaften mit Strohbündeln und Pcchfackeln an gerückt und steckten das Hotel in Brand. Nur einem Salzspitzel gelang es, zu entkommen. Alle anderen verbrannten elendiglich. Die Negierung wollte die Ortschaften für diese Barbarei züchtigen, allein diese waren auch nicht faul. Sie steckten die rote Kriegsfahne auf ihre Thore, bewaffneten sich und erwarteten die Soldaten. Als die Mandarine diese Entschlossenheit sahen, behielten sie ihre Soldaten zu Hanse und mucksten sich nicht. Einige Jahre sind seither verstrichen, und die neu ernannten Salzspitzel sind lammfromm. So weiß sich das Volk gegen Bedrückungen zu schützen, wenn sie zu sehr überhandnehmen. Vier-Tiau-Vanknokr (lMbr Größe).El[5TE][5iE]L51|gllSi rä[HHäll51Rll51fHJl51 |a]l5pSlpi 15 imu unn WM ■I Chinrppher Brirstmrschlag. Tsmgtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. Mausere guten Freunde, die Chinesen, haben ganz recht, auf ihre alte Kultur stolz zu sein; ich bin ein großer Bewunderer derselben, nur paßt sie mir nicht immer. Zum Beispiel in Bezug auf das Reisen. Ich saß in Wci-Hsien, auf dem Wege nach Westen, nach Tsinan-fu, der Hauptstadt von Schantung. Zunächst tvollte ich den Seidenbezirk der Provinz und dessen wichtigste Metropole, Tsingtschou-fu, kennen lernen, nur etwa fünfundsechzig Kilometer von Wei-hsien entfernt. Wäre die deutsche Eisenbahn fertig gewesen, ich hätte mir eine Rückfahrkarte gelöst, tväre in zwei Stunden dort gewesen und abends wieder nach Wei-hsien zu meinen Penaten in der amerikanischen Mission zurückgekehrt. Aber die Eisenbahn ist eben noch nicht da, und so galt es, wieder ein Reitpferd für mich und drei zweispännige Karren für meine Leute und mein Gepäck gu mieten, nicht nur bis Tsingtschou-fu, sondern gleich bis nach Tsinan, zu welcher Reise ich einschließlich der Ncbenausslüge 10 bis 12 Tage benötigte. Ich sandte also meinen Boy in die Stadt, um mit irgend einem Fuhrhalter das Erforderliche zu ver einbaren. Spät abends kam er mit der Botschaft zurück, in ganz Wei-hsien sei kein Karren mehr aufzutreiben, der Mandarin hätte die wenigen verfügbaren für eine Dienst reise bestellt. Das ist China. Eine der größten Handelsstädte der Provinz, mit über hundert tausend Einwohnern, hat nicht Karren genug, um einen Reisenden nach der Hauptstadt zu befördern! Elf große Verkehrsrouten laufen hier zusammen, die alle fünf Tage stattfindenden Märkte versammeln Tausende von Händlern aus nah und fern, und Wei- hsien besitzt nicht die einfachsten Transportmittel. Welch günstige Aussichten für die Eisenbahn! Um nicht vielleicht wochenlang in Wei-hsien hocken zu müssen, beschloß ich dem Mandarin zu schreiben. Aber das ist hier nicht so einfach wie bei uns, wo man dazu einen Bogen Papier und zwei Minuten Zeit braucht. Selbst Leute, welche Chinesisch so vollkommen wie nur möglich sprechen, sind nicht im stände, den einfachsten chine sischen Brief zu schreiben, ja sogar die meisten Mandarine haben dazu ihre eigenen80 Tsingtschou-fu und der Scidcndisttikt von Schantung. Schriftgelehrtcn, oder wie sie bei den Europäern heißen: teacher, lettreg oder Lehrer. Ich mußte mir olso zunächst die Mitwirkung eines solchen sichern, und dann bedurfte es erst noch mehrerer Stunden, che der Brief fertig dalag. Es war köstlich, den guten Alten dabei zu beobachten. Zunächst mußte er nach der Stadt, um Papier in der vor schriftsmäßigen Größe mit den ebenso vorschriftsmäßigen acht roten vertikalen Linien zu holen, dazu einen klmschlag mit einem breiten roten (Streifen für die Adresse. Ganz verschwitzt kam er in meine Stube zurück und fragte mich genau aus, was ich eigentlich haben wollte. Nachdem ich ihm meine Wünsche gehörig eingeblänt hatte, setzte er sich mit gewichtiger Miene an ein Tischchen, putzte die großen runden Fensterscheiben, die in seiner Brille saßen, und legte diese nc6en sich; dann holte er eine Marmorschale, Wasser und Tusche herbei lind rieb zuerst diese zurecht. Unter Pusten und Stöhnen setzte er nun seine Brille auf, tauchte den bleistiftlangen Pinsel in die Schale und Beim Schreiben und Tuscheanreiben. begann langsam, bedächtig, unter fortwährendem Nachdenken verzwickte Schriftzeichen auf das Papier zu malen. Ich saß vor ihm wie auf Nadeln, denn ich fürchtete meinen Reisetag zu verlieren. Endlich war er fertig, und mit einem gewissen Ceremoniell las er mir sein Geschreibsel vor. Ich dachte, die Sache wäre nun erledigt. Aber nein. Das war nur der Entwurf. Jetzt erst kam die Reinschrift, wozu der Schriftgelehrte frische Tusche anrieb und z» einem frischen Pinsel griff. Eine halbe Stunde verrann, bis die Zeichen zwischen die roten Linien hincinkalligraphiert waren. Nach jeder fertigen Zeile hielt der Gute das Papier weit von sich und betrachtete mit sichtlichem Wohl gefallen sein Werk. Es war zum Verzweifeln. Nun steckte er die drei Blätter, ohne sie zu falten, in den Umschlag, verklebte ihn mit gummierten Streifen und malte darauf: „An Seine Ehren den Hsien Mandarin von Wei-hsien, belieben gnädigst zu öffnen." Ich sandte diesen Brief durch meinen Boy nach der Stadt lind gab ihm der Sicherheit halber noch meinen kaiserlich chinesischen Reisepaß und meine große, rote,Tempelpark im Tsching-lung-lfr-Tempel in Tsmglschon-fu.Tsingtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. 81 chinesische Visitenkarte mit. Wieder verrannen zwei Stunden. Dann kam er mit der Visitenkarte des Mandarins und der Botschaft zurück, der hohe Herr würde sein mög lichstes thun, um Karren für mich aufzutreiben, und sie sofort senden. Ich ließ meine Effekten packen, um gleich abreisen zu können. Aber das Wort „sofort" hat bei den schlitzäugigen Zopfträgern eine nitberc Bedeutung als bei uns. Erst am nächsten Morgen kamen die Karren, gezogen von elenden Gäulen, an, und ich konnte abreisen. Solche Erfahrungen wird jeder Reisende in China vor mir gemacht haben und wird sie auch nach mir machen. Als Trost erzählte mir der Chef der amerikanischen Mission, ich sei mit beneidenswerter Schnelligkeit bedient worden. Vor drei Jahren befand er sich in Jtschon-fu, wohin die Deutschen demnächst ebenfalls eine Bahn bauen werden, und wurde von dieser größten Handelsstadt von Südschantung nach Schanghai berufen. Aber es waren weder in Jtschou-fn noch in der ganzen Umgebung Karren aufzutreiben. Er mußte volle sechzehn Tage warten, und als auch dann noch die ver sprochenen Karren nicht erschienen, bequemte er sich dazu, den viele Tagereisen erfordernden Weg auf einem Schubkarren znrückzulegen. Warum auch nicht? Auf diesen Schubkarren sitzt man viel bequemer als in den zweirüderigen Marterkasten, kann sich niederlegen, die Beine ansstrecken, genießt die freie Aussicht rings umher, während die Karrenwände diese dem Insassen entziehen. Wenn nur nicht das einige Quietschen, Knarren, Kreischen, Pfeifen der Schubkarren und das Schreien ihrer Führer gewesen wäre! Das Nahen einer Schubkarrenkarawane (und es gab deren auf dcni Wege nach Tsingtschou-fu sehr viele) konnte ich gewöhnlich schon auf einen halben Kilometer hören. Von den vielen tausend Schubkarren, die mir auf meinen Reisen durch die Provinz begegneten, gab es ilicht einen, dessen Rad nicht in der entsetzlichsten Weise gequietscht hätte. Bei einer Karawane aber klang es, als wäre ein bissiger Hund in eine Herde junger Schweinchen gefahren. Chinesischen Nerven scheint das wenig auszumachen, denn selbst die bebrillten, gelehrten Herren, welche sich auf Schubkarren in die Hauptstadt zu den Provinzprüfungen radeln ließen, schliefen und schnarchten dabei wie in einem wonnigen Himmelbett. Als ich auf meinem Wege nach Tsingtschou-fu die vielen prächtigen Steinpforten sah, welche die Grundbesitzer ihren Brüdern, Vätern, Müttern noch bei ihren Lebzeiten errichtet haben, und die mit ihren herrlichen Skulpturen, iit weißen Marmor gehauen, hier und dort aus den grünen Feldern ragen, da fragte ich mich, warum so ein reicher Grundbesitzer statt solcher Ehrenpforten nicht stellenweise Gefäße mit Wagen schmiere zur freien Benutzung der Schubkarrcnkulis anfstellt. Aber ich glaube, diese würden sie gar nicht benutzen, den Schnbkarrenkulis scheint das Quietschen und Kreischen der Räder beinahe unentbehrlich, wie die Trommel oder Dndelsackpfcife den englischen Soldaten. Einsam tagsüber auf den staubigen Wegen ihre Last einherschiebend, ist ihnen ihr Karren wie ein guter Kainerad und sein lautes Gestöhne wie der Nach hall ihres eigenen Stöhnens, ein mitschwingender Oberton; zeitweilig auf einer ebenen Wegstelle klingt das Quietschen ganz munter wie Gesang und vertreibt ihnen die Zeit; geht es bergauf, dann ächzt und krächzt der alte schwere Kasten und spricht ihnen aus der Seele, lind geht es über Steinabhänge mit ihren fuß-, ja meterhohen Hessc-Wartcgg, Schantung und Deutsch-China. g82 Tsingtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. Stufen, so schreit ihr einradiger Gefährte ach und krach, ganz wie sie selbst thun würden, wenn er es nicht für sie thäte. Warum sollten sie da ihrem Reisegefährten, der so viel Mitgefühl äußert, mit Wagenschmiere das Maul verschmieren? Die Führer von Maul- Ehrruxstrir bei Tstngkschoir-Pr, tierkarren sind vornehmer. Zwischen den Rädern jedes Karrens hängt ein Fläschchen mit Oel, und alle halben Stunden blieben meine Karrenführer stehen, um die Achse einzuölen. Die ganze Gegend zwischen Wei-Hsien und Tsingtschou-fu ist der Hauptsache nach eben, und erst südlich und westlich der letztgenannten Stadt erscheinen am fernenTsingtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. 83 Horizont Höhenzüge, dem Bergland des Mittlern Schantung zugehörend. In der That zieht sich diese Ebene von Wei-Hsien ununterbrochen nordwärts über den Hoangho und den Kaiserkanal bis nach Peking, und auf dem ganzen direkten Weg von Deutsch-China bis zu der nordischen Kaiserresidenz stellt sich dem Reisenden nicht der geringste Hügel entgegen. Das Land ist überall wohl bebaut, Acker reiht sich an Acker, nur unter brochen von den zahlreichen Dörfern, die gewöhnlich von einem Kranz von Maulbeer bäumen und Weiden umgeben sind; auch der Kakibaum, fälschlich Dattel genannt, er scheint schon mit seinen wohlschmeckenden Früchten; zuweilen liegen um die Dörfer große Obstgärten mit Birnen-, Aepfel- und Pfirsichbäumen; auch Aprikosen werden vielfach angetroffen; man pfropft Aprikosenschößlinge auf Birnbäume. Ich befand mich nun auf einem der größten Verkehrswege des Landes, der von Tschifn, dem Haupthafen, nach Tsinan, der Provinzhauptstadt, führt und sich über diese hinaus, bis nach Schansi und Honan fortsetzt. Ans den Landkarten ist dieser Weg wie eine europäische Chaussee mit doppelten Strichen angegeben, in Wirklichkeit aber besteht er wie alle andern nur aus ein paar tief ausgefahrenen Geleisen, die sich so häufig mit andern, nach den verschie denen Dörfern führenden Geleisen kreuzten, daß meine Fuhrleute mehr als ein Mal den Weg verloren, und ich sie mit dem Koinpaß auf die richtigen Geleispaare zurück führen mußte. Erst von Tschangloa, einem Städtchen mit hoher Mauer, von festen Türmen flankiert, wurde der Weg etwas besser, ja stellenweise war sogar noch das alte Pflaster vorhanden, d. h. es lagen auf dem Wege die alten gewaltigen Steinquadern dieses Pflasters so kunterbunt durcheinander, daß alle Wagen und Schubkarren diese Stellen vorsichtig in weitem Bogen umführen. Spät abends trafen wir in Tsingtschou-fu ein, am Stadtthore von einem Jamen- beamten und ein paar unbewaffnetest Soldaten erwartet. Natürlich war auch hier wieder der neugierige Volkshaufe vorhanden, der mich bis zu dem katholischen Missions hause, meinem Absteigequartier, begleitete. Wie ich dort von den französischen Priestern der Mission erfuhr, kommt es nämlich auch hier nur selten vor, daß ein Europäer hier eintrifft, einen französischen Seidenhändler aus Tschifu ausgenommen, der jedes Jahr kommt, um Scidencinkäufe zu machen, aber dieser Franzose trügt ebenso wie die Missionare aller Kirchen die chinesische Kleidung. Tsingtschou-fu ist eine der interessantesten und eigenartigsten Städte von Schan tung und blickt auf eine große Geschichte zurück. Es ist die Heimat der großen Kaiser- dynastic der Ming, welche vor der gegenwärtigen über China herrschte, und auf den weiten grünen Feldern, welche sich im Südosten der Stadt innerhalb der Stadtmauern hinziehen, zeigte man mir die Stelle, wo einstens ihr Palast gestanden hat. Aber wie in Nanking, ihrer eigentlichen Residenz, so fand ich auch hier nur einige zerstreut in den Feldern liegende Marmorblöcke davon. Von dem berühmten Schneepalast, der, aus weißem Marmor erbaut, sich unweit davon in blendender Pracht erhob, ist gar keine Spur mehr vorhanden, nur an der Stelle, wo einst Mentzins in einem Saale dieses Palastes gelehrt haben soll, erheben sich zwei aus Stein gehauene Tierfigurcn. Von den jetzigen festen Stadtmauern konnte ich die Ruinen der frühern Stadtmauer sehen, 6 *Große Brücke in Tsmgkschou-fu.Tsüigtschou-fu und der Seidendistrikt von Schaiilung. 85 Welche einen doppelt so großen Raum umschlossen haben muß; für die heutige Stadt ist selbst die jetzige Mauer viel zu groß, und die Hülste dcS Raumes besteht aus Feldern. Was sie noch an Wohlstand besitzt, verdankt sie der Seide. In keinem Teile der Provinz wird mehr und bessere Seide erzeugt als in der Umgebung von Tsing- tschou-fu; besonders die Rohseide von Liukiu, einem Dorfe 20 Kilometer südlich der Stadt, ist berühmt wegen ihrer Feinheit. Alles wird nach Tsingtschou-fu gebracht und hier zu Stoffen verarbeitet, lieber tausend Familien sind mit Weben mit) Färben von Seide beschäftigt; aber cs ist wie überall in China nur Hausindustrie, und in ganz Schantung, das doch so reich an Seide ist, gicbt es noch keinen Großbetrieb. Ich ließ mir in mehreren Seidenläden die Stoffe vorlegen und war überrascht von ihrer Fein heit, sowie der Zartheit und Gleichmäßigkeit der Farben. Dabei sind diese Stoffe so wohlfeil, daß sie einen erheblichen Ausfuhrartikel der Provinz bilden könnten, wenn — es ist die alte Geschichte — die Mandarine nicht wären. Diese geben den ganzen Seidenhandel der Stadt in die Hände eines Kommissars oder Courtiers, der ihnen für diesen einträglichen Posten 6 bis 700 Taels jährliche Pacht zahlt. Dafür treibt er sich von jedem Kaufabschluß gewisse Prozente ein. Er ist cs auch, der in Ueberein- kunft mit den Händlern die Preise nach Gewicht und Qualität der Stoffe fcstsctzt, den ganzen Seidcnhandcl kontrolliert und verbucht und ihn in den Händen der Seidengilde beisammenhült. Verschiedene Seidcnweber in der Stadt wie auf den Dörfern sagten mir, sie würden sehr gern direkt mit ausländischen Käufern in Beziehungen treten, allein sobald sie den Versuch dazu machen, wird die Sache dem Mandarin hinterbracht, und er erpreßt dann von ihnen doppelte „squeeze“, d. h. gesetzwidrige Abgaben. Neben der Seidenindustrie fand ich in Tsingtschou-fu noch zahlreiche Messer schmiede, und auch die Stahlstreifen für Feuersteine werden hier massenhaft angefertigt, denn trotz der großen Einfuhr von Streichhölzern gicbt es noch immer Distrikte in der Provinz, wo nur der Feuerstahl zur Verwendung kommt. In jedem Kleinladen bildet er einen Hauptartikel. Häufig ist er auch nur ein Vorwand für Hazardspiele. In den Hauptgeschäftsstraßen nicht nur hier, sondern auch in andern Städten fand ich längs der Stadtmauern auf dem Straßenpflaster Kleinhändler hocken, die Tabak, Streichhölzer, Erdnüsse, Feuerstahl und Schwamm, dann Fidibusse, Schnupftabak u. dergl. feilbotcn, alles auf der Erde oder in flachen Körben ausgebreitet. In der Mitte aber, gerade vor den Verkäufern, befand sich in den Boden eingelassen ein flacher Stein, wie ein Roulettetisch in verschieden bezeichnete Felder eingeteilt. Kommt irgend ein Käufer, so ersteht er den gewünschten Artikel nicht durch Kauf, sondern durch Spiel, indem er einige Cashmünzcn auf eines der Felder setzt. Dann wird gewürfelt oder aus einer Anzahl von numerierten Stäbchen eines gezogen. Die Chinesen sind eingefleischte Spieler, und überall, in Kaufläden, in den Häusern oder auf offener Straße geben sie sich Glücksspielen hin. Interessanter als die armseligen, von wenigen Tempeln und Damen unter brochenen chinesischen Straßen von Tsingtschou-fu find jene des Mohammedanerviertels. In der etwa 40 bis 50 000 Einwohner zählenden Stadt giebt es vielleicht ein Drittel36 Tsingtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. Mohammedaner, die sich ganz so kleiden wie die Chinesen, deren Häuser man aber so fort dadurch erkennt, daß sie über Thüren und Fenstern statt der Glückspapiere in chinesischer Sprache solche in arabischer Sprache aufgeklebt haben. Um die Moscheen besuchen zu können, rieten mir die französischen katholischen Missionare, mir vom Stadt mandarin Soldatenbegleitung zu erbitten. Ich sandte demgemäß den Schriftgelehrten der Mission mit meiner Karte zum Mandarin, und bald darauf erschienen drei Sol daten, die sich vor mir auf die Knice warfen und mit der Stirne den Boden berührten. Der Schriftgelehrte, der zu seinem Gange den offiziellen Pelzhut mit roten Fransen aufgesetzt und die Dienstjacke angezogen hatte, brachte mir die Visitenkarte des Manda rins mit der Meldung zurück, daß er sofort Befehl gegeben habe, alle Tempel und sonstigen Sehenswürdigkeiten öffnen zu lassen. In der That war die Hauptmoschee, die ich zunächst besuchte, wohl geöffnet, aber der bezopfte chinesisch-arabische Ulemma, der, einen weißen Turban auf dem Kopfe, mich am Eingang erwartete, ließ mich nicht eintreten. Ich bestand auch nicht darauf, denn die Moschee entpuppte sich als ein chinesischer Tempel, dessen Dach durch Holzfäulen getragen wird. Der Boden war wie in morgenländischen Moscheen mit Matten bedeckt, und in der Richtung gen Mekka befindet sich die Gebetnische. Die Steintafeln zu beiden Seiten des Einganges trugen chinesische und arabische Schriftzeichen. Wie mir der Ulemma mitteilte, leben die chine sischen Mohammedaner ganz wie die andern Chinesen, nur haben sie die arabische Zeit rechnung und feiern die kirchlichen Feste Rhamadan, Beiram ete. mit den Arabern. Kommen sic des Freitags in die Moschee, so tragen sie eine weiße, spitze Kegelmütze mit einem weißen Turban umwunden und verrichten vor dem Gebet die vorgeschriebenen Waschungen. Mit der Moschee ist auch eine mohammedanische Schule verbunden, in welcher die kleinen Jungen neben Chinesisch auch Arabisch lesen und schreiben lernen. Der Ulemma spricht auch, wie ich mich überzeugte, ganz gut Arabisch. Die größte Sehenswürdigkeit von Mugtschou-fu liegt etwa 4 Kilometer nördlich der Stadtmauer, ein herrlicher Buddhatempel, Tschinglungtse genannt, verbunden mit einem großen Kloster, in welchem wohl an hundert Mönche weilen dürften. Um ihn zu besuchen, mußten wir auf einer stattlichen Steinbrücke den mit klarem Wasser gefüllten Nan-Iang-Ho überschreiten, und die armselige, aber belebte nördliche Vorstadt von Tsingtschou-fn durchwandern. Der Tempel liegt mitten in den Feldern, beschattet von Ungeheuern chinesischen Ccdcrn, herrlichen Bäumen von hohem Alter. Eine mit blühenden Glycinen umrankte Atauer schließt den ganzen Komplex ein, der gegen meine Erwartung sehr gut erhalten ist und keine Spur voit jenem Verfall zeigt, der sich sonst überall in den Städten offenbart. Der Oberbonze, der mich am Eingang, in einen schwarzen Talar gehüllt, empfing, sagte mir auch, dem Kloster seien zur Erhaltung der Tempel- bautcn 10 000 Mau (etwa 3000 Morgen) Land zugewiesen. Selten habe ich eine so herrliche Tempelanlage gefunden, die sich den schönsten von Japan und Hinterindien zur Seite stellen kann. Der Haupttempel erhebt sich in der Mitte des zweiten Hofes, ein köstliches Gebäude mit prächtigen Holzschnitzereien und grünem Porzellandach, beschattet von riesigen Ccdcrn und umgeben von den Wohnungen der Bonzen. Im Innern stehtTsingtschou-fu und der Seidendistrikt von Schantung. 87 auf deni Hauptaltare ein vergoldeter Holzbuddha von doppelter Lebensgröße, in einer Nische, welche ganz mit vergoldeten Holzschnitzereien nach Art der arabischen Stalaktiten portale bedeckt ist. Rings um diesen Buddha stehen eine Menge kleinerer, zum Teil köstlich ausgeführter Figürchen, dazu Trommeln, Bronzeglocken und Gongs mit kunst vollen Hautreliefs bedeckt. Im dritten Hofe erhebt sich ein zweistöckiges Gebäude, das die Bibliothek des Klosters enthält, mit mehreren tausend buddhistischen Werken, viele von hohem Alter. In der Mitte der Bibliothek thront ein mächtiger sitzender Buddha von 8 bis 10 Meter Höhe, der durch beide Stockwerke bis zum Dache reicht. Die Bibliothek wird vom Proviantmeister des Klosters auch als Vorratskammer für die Feldfrüchte benutzt, denn rings um den Buddha war Weizen und Hirse anfgeschichtet, auf welche der Proviantmeister ein großes Holzsiegel anfgedrückt hatte, um etwaige Diebereien so fort zu erkennen. Beim Verlassen dieser reizenden Anlage gewahrte ich auf den Feldern vor dem Ausgange, beschattet von hohen Cypressen, die steinernen Grabmäler der ver storbenen Bonzen und einen frisch aufgeworfenen Erdhügel. Wie ich nachher erfuhr, liegt dort der letzte Oberbonze begraben, welcher in Tsingtschou-fu kürzlich von einer Frau ermordet wurde, in deren Haus er sich eingeschlichen hatte. Die Frau wurde freigesprochen und den Bonzen seither verboten, sich nach Sonnenuntergang in die Stadt zu begeben. Einige Kilometer weiter nördlich liegt, von einer hohen Steinmauer umschlossen, wie eine alte Festung, die Mandschurenstadt von Tsingtschou-fu. Hier wohnen etwa 3000 Nachkommen der mandschurischen Eroberer, Soldatenfamilien, in denen sich das kriegerische Handwerk vom Vater auf den Sohn vererbt, und die sich weit vornehmer und besser dünken als das gewöhnliche chinesische Volk. Sie heiraten nur Mädchen ihres Stammes, imb in ihrer Stadt dürfen Chinesen nicht einmal wohnen, ja es ist ihnen verboten, die mandschurische Stadt mit einem Wagen oder Schubkarren zu be treten. Man warnte inich ernstlich davor, durch die Thore zu dringen; denn ich würde gewiß gesteinigt werden. Die Missionare meiden sie und haben auch keine Bekehrungen unter den Mandschuren gemacht, obschon sie in der ganzen Präfektur über 3000 Katho liken und mehrere hundert Protestanten zahlen. Nichtsdestoweniger drang ich sogar hoch zu Roß in die Mandschnrcnstadt ein und ritt beim jenseitigen Thore wieder heraus. Die mandschurischen Damen, die sich bekanntlich durch ihre großen, nicht verkrüppelten Füße und gewaltige mit künstlichen Blumen geschmückte Frisuren vor den Chinesinnen auszeichnen, blickten etlvas verdutzt drein, als sie des Europäers ansichtig wurden, wohl des ersten, der zu ihnen gekommen. Die Männer mit ihren langen Schnurr bärten, in graue Kaftane gehüllt, machten ernste, drohende Gesichter, aber nicht das geringste Steinchen wurde nach mir geworfen. Stumm ließen sie inich passieren. Was hätten sie auch zu verbergen? Enge gepflasterte Straßen mit niedrigen Häusern, ohne Kaufläden, ohne geschäftlichen Verkehr; ein paar Offiziershamcn mit den üblichen hohen Flaggenstangen davor; hier imb dort Gärtchen, in denen mandschurische Jungen sich im Pfeilschießen übten, immer noch das Um und Auf mandschurischer Soldatcnherrlichkeit. Das war alles. Wie ich übrigens hörte, waren die meisten Soldaten dieser Festung vom Gouverneur der Provinz nach dem Westen berufen worden.88 Tsingtschou-su und der Seidendistrikt von Schantung. Im Süden der Stadt erheben sich die ersten Berge des das ganze mittlere Schantung einnehmenden Gebirges; auf einem dieser Berge gewahrte ich einen Tempel, der, wie man mir erzählte, einen „wunderthätigen" Götzen, von einer Anzahl Bonzen bedient, enthält. Tsingtschon-fu ist übrigens auch im Besitz eines europäischen Museums. Als ich von der katholischen Mission aus der benachbarten Baptistenmission meinen Besuch abstattete, war ich überrascht, in dieser eine Art chinesischer Volksschule nach europäischem Muster zu finden, mit Lehrsälen, in welchen von europäischen Lehrern den Chinesen, darunter Schüler von 40 und 50 Jahren, Mathematik, Astronomie, Technologie rc. ge lehrt wurde. Im Anschluß an diese Schule hat der Leiter derselben, Dr. Whitcwright, ein Engländer, in einem der vielen modernen Gebäude der Mission eine Art Museum eingerichtet mit Modellen europäischer Maschinen, Eisenbahnen, elektrischer Einrichtungen, Brücken, Kirchenbauten u. bergt. Dieses Museum wurde, wie Dr. Whitcwright mir er zählte , im vergangenen Jahre von 100 000 Menschen besucht (es dürften wohl erheblich weniger gewesen sein), darunter auch die Prüfungskandidaten, die sich, alljähr lich aus der ganzen Präfektur hier zusammenströmeud, in der hinter dem Museum gelegenen Prüfungshalle litterarische Grade holen wollen. Das Unternehmen ist sehr anerkennenswert, hat aber den Baptisten keineswegs zu besonders vielen Bekehrungen verholfen. Würden an die Stelle der Modelle des englischen Parlamentes, der St. Pauls-Kathedrale u. dcrgl. praktische Gegenstände, wie Werkzeuge und in China ein zuführende Handelsartikel komme», so würde damit diesen Thür und Thor geöffnet werden und das Museum so einen nicht nur den Chinesen, sondern, was mir die Haupt sache scheint, anef) den Europäern nützlichen Zweck erfüllen.Chinesische Pyramiden.! r-' Bitniocnei' BerlinChinesische Pyramiden. China ist gewiß das Land der wunderlichsten Transportmittel, was vor allem seinen Grund in dem schon besprochenen Mangel an fahrbaren Straßen hat. Sänften, getragen von Maultieren, Pflüge, gezogen von Menschen, Gespanne, bestehend aus drei Tieren, Pferd, Ochs und Esel nebeneinander, an Stelle von Karren Schlitten, an Stelle von Equipagen Schubkarren, Tragtiere verschiedenster Art, nur nicht solche, wie sie in der übrigen Welt gebräuchlich sind. Als ich von Tsingtschou-fu durch das Herz von Schantung nach der Provinz hauptstadt reiste, lernte ich ein Beförderungsmittel kennen, dem ich den Namen Segelnde Schubkarrenflotte aus Rädern geben möchte. In der Ferne gewahrte ich inmitten der grünen, wogenden Felder eine Reihe von Segeln austauchen, blau, rot oder weiß, viereckig, vom Winde geschwellt, Als diese Scgelflotte näher kam, sah ich, daß die Fahrzeuge nicht etwa Boote waren, die auf Wasser einhersegelten, sondern Schubkarren, gewöhnliche große Lastschubkarren, schwer beladen mit Kohle oder Töpferwaren aus Poschan, und gelenkt von je einem schweißtriefenden Kuli. Vor ihm steckten auf den beiden Trag- deichseln etwa mannshohe Segelstangen, und zwischen diesen waren die eigentümlichen Segel gehißt. Der Wind blies in sie aus vollen Backen und half so zur Weiter beförderung der schweren Lasten, die ohne ihn vielleicht nur durch Zuhilfenahme eines Zugtieres möglich gewesen wäre. Lange bevor man im Abendlande die Lokomotiven er funden hatte, gab es in Amerika und zwar in Marhland Schienenwege, welche zur Be förderung der Kohle aus den Alleghanpbergen nach Baltimore dienten, und man betrachtete es damals für einen großen Fortschritt, als irgend jemand aus den Gedanken kam, die Waggons mit Segeln zu versehen und durch den Wind treiben 51t lassen. Hier in Schantung stehen die Segel bei den Schubkarren gewiß schon seit Jahrhunderten in Verwendung, und auf meinen Fahrten durch die Provinz sah ich deren Tausende.90 Chinesische Pyramiden. Ueberhaupt war der Verkehr auf dieser Route zwischen Ost und West ungemein lebhaft; sogar vierraderige, schwere Karren, die ersten, die ich in Schantung gesehen, kamen mir entgegen, gezogen von sechs bis acht Tieren, Pferden, Maultieren, Eseln, Ochsen, bunt durcheinander, und beladen mit Ballen von Baumwolle, Papier, Webstoffen, Seide, Tabak. Reisende zu Pferd oder in Schubkarren, Auswanderer in langen Zügen, mit ihren Weibern und Kindern als einziger Habe auf den Fuhrwerken, Karawanen mit Kohle, Eisenwaren, Töpferwaren, Lumpen, Bohncnkuchen u. dergl. Eine Zahlung würde wohl ergeben, daß jeder zehnte Mann in Schantung ein Schubkarrenführer ist, ja ich möchte sagen, daß die Blüte der Männer, die kräftigsten, gesündesten, durchwegs Srgrlschub karren. Leute zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahren, ihre schönsten Jahre hinter dem Schub karren verbringen. Was giebt es da für Prachtgestalten! Kerle mit Armen, Schenkeln und Waden wie römische Gladiatoren, nur in ein Lendentuch und ihre eigene bronzene Haut gekleidet, den langen, rabenschwarzen Zopf drei- oder viermal um beit Kopf ge schlungen, so ziehen sie durch die Provinz. Morgens bei Sonnenaufgang (Uhren kennen sie nicht, und damit auch nicht die Stunden) sind sic schon auf, stärken sich mit einer Knoblauchsuppe, ein paar Tassen Thee, natürlich ohne Zucker und Milch, denn der erstere ist nur wenig, die letztere gar nicht bekannt, und vertilgen dazu einen riesigen Laib Brot; dann wird der Tragriemen um die Stierschultern geschlungen, der Schubkarren mit 8 bis 10 Zentnern, oft auch noch schwerer beladen, erhoben, und fort geht's ans die einsamen,Chinesische Pyramiden. 91 staubigen Wege. Um die Mittagsstunde herum traf ich sie gewöhnlich am Eingänge in die Dörfer, ihre Siesta haltend. Das erste und das letzte Haus dieser Dörfer ist gewöhnlich eine Herberge mit einem Flugdach aus Stroh davor. Hier stehen einige Tische und Bänke, sowie ein offener Lehmherd, auf welchem der Theetopf siedet und ein paar andere Gerichte, zumeist Reis, Bohnen, Gemüse zubereitet werden, in den seltensten Fällen Fleisch. Hier kaufen sie sich für zwanzig bis dreißig Cash, d. i. vier bis sechs Pfennige ihre Mahlzeit, strecken sich dann in den Schatten ihrer Schubkarren und schlafen ein Weilchen, oder sie schwatzen, oder spielen, spielen um den Verdienst des Tages, der Woche, je nach dem. Dann geht es wieder weiter, bis die Dunkelheit sie zwingt, in irgend einer Dorf spelunke einzukehren. Dort wird die dritte Mahlzeit des Tages genommen. Man sollte doch erwarten, daß sie nach vierzehn bis sechzehnstündigem Marsch, eine Last von zehn Zentnern vor sich gespannt, vor Müdigkeit umsinken müßten. Statt dessen setzen sie sich gewöhnlich zu einem Spielchen zusammen, und häufig genug wurde ich, da ich mit ihnen dasselbe Hotel, wenn auch nicht denselben Raum teilen mußte, noch um Mitternacht oder auch später von ihrem Gezanke aus dem Schlafe geweckt. Um vier Uhr am nächsten Morgen waren sic wieder auf und davon. So geht es bei ihnen Tag für Tag, Jahr für Jahr, und ihre Ausdauer ist bewunderswert. Dann haben sie sich vielleicht einige zwanzig Mark erspart, heiraten und werden Bauern. Durch die weite, ungemein fruchtbare und wohlbestcllte Ebene von Tsingtschou-fu nach Westen reitend, erreichte ich bald das Gebiet des alten Königreiches Tse-kno, das schon unter dem ersten Kaiser der Tsin-Dynastie, lange vor Christi Geburt, seine Selb ständigkeit verlor. Die Hauptstadt dieses Königreiches war Lin-tschi, etwa 10 Kilometer nördlich von meiner Route, und man hatte mir erzählt, daß dort häufig höchst inter essante Altertümer beim Pflügen der Felder zum Vorschein kämen. Als ich aber nach einer in dem Dorfe Dsche-ho elend verbrachten Nacht am nächsten Morgen nach Lin- tschi ritt, um nach derartigen Altertümern zu forschen, konnte mein Boy mir trotz eifriger Nachfrage nur ein paar alte Kupfermünzen bringen. Mit solchen Kuriositäten ist es nicht nur in Schantung, sondern auch in ganz China schlimm bestellt. Man sollte doch denken, daß es in einem Reiche von mehrtausendjührigem Bestand, dessen Kultur älter ist als jene der ägyptischen Pyramidenerbauer, von Altertümern wimmeln müßte; aber merkwürdigerweise konnte ich deren nirgends welche austreiben. All die vielen Millionen Gegenstände von Bronze, Porzellan. Email, die Skulpturen, Waffen sind verschwunden, und das kleine Aegypten bringt deren in einem Jahre mehr zum Vorschein als das große China in einem Jahrzehnt. Vielleicht wird das besser werden, wenn einmal Eisen bahnen und mit ihnen kauflustige Touristen das Land durchziehen. Sobald die Chinesen erkennen, daß solche Altertümer viel begehrte und gut bezahlte Artikel sind, werden sie darnach suchen und nötigenfalls selbst Altertümer fabrizieren, wie es schon jetzt in den großen Fremdenstädten, wie Hongkong, Schanghai und Peking der Fall ist. Heute werden die wenigen, wirklich wertvollen Sachen, die hie und da gefunden werden, von wohl habenden Chinesen selbst begierig aufgekauft, oder sie werden von den Bauern an Händler verschleudert, die sie nach Schanghai oder Peking bringen. Die größten Massen aber92 Chinesische Pyramiden. sind während der furchtbaren Taipingrevolution, dem blutigsten und verheerendsten Kriege aller Länder und Zeiten, zerstört und vernichtet worden. Indessen, es kommen, wie gesagt, immer noch zuweilen die herrlichsten Kunstwerke zum Vorschein, man darf sie aber dann nicht in der Provinz, sondern nur in den genannten Fremdenstädten suchen. Als ich gerade über diesen verhältnismäßigen Mangel an Altertümern im Ver gleich zu Aegypten nachdachte, gewahrte ich in der Ferne aus der Erde einen seltsamen Hügelzug auftauchen, der sich wie ein Ausläufer der südlich des Weges befindlichen Ge birge gegen Nordosten hinzog. Der erste dieser Hügel, etwa 14 Kilometer westlich von Tsingtschou-fu, erhebt sich etwa 200 Meter steil aus der Ebene, und das ganze obere Plateau desselben wird von einer hohen und starken Umwallung umschlossen, ohne daß ich innerhalb dieser, vielleicht 2 Kilometer langen Mauer irgend welches Haus oder Feld gesehen hätte. Derartige Mauern habe ich nicht nur in Korea gefunden, sondern auch später, im Westen und Süden der Provinz auf den steilsten und unzugäng lichsten Kuppen, und am Fuße dieser Anhöhen sah ich stets, wie auch hier, ein größeres Dorf liegen. Diese Mauern wurden von den Dorfbewohnern vor etwa 40 Jahren zur Zeit der Taipings gebaut. Sobald diese blutdürstigen Mordbanden im Anzuge waren, flüchtete sich die ganze Einwohnerschaft mit ihrer Habe auf die Anhöhen hinter die Mauern und gaben die Dörfer den Taipings Preis. Auch hierher, nach Tn-tang, waren diese Horden gekommen, und da Tu-tang als ein wohlhabender Ort bekannt war, machten sie sich daran, die Felsenfestung, in welche sich die Dorfbewohner zurückgezogen hatten, zu belagern und auszuhungern, denn dort oben auf dem kahlen, kalkigen Plateau konnte unmöglich Wasser für längere Zeit vorhanden sein. Eine Woche war verstrichen, auch die zweite, und die Taipings erwarteten schon stündlich die Uebergabe; da sahen sie, wie oben die Weiber frischgewaschene Wäsche auf den Festungsmauern zum Trocknen ausbreiteten. Wo Wasser genug vorhanden war, um sogar Wäsche zu waschen, da konnten die Belagerten natürlich noch lange nicht an die Uebergabe denken. Die Taipings brachen die Belagerung ab und zogen weiter. In Wirklichkeit war jedoch schon die halbe Einwohnerschaft dort oben vor Durst verschmachtet, und die Weiber hatten in ihrer furchtbaren Not den glücklichen Einfall gehabt, das Wäschewaschen zu fingieren. Pu-tang ist also ein chinesisches Weinsberg. Jenseits von Pu-tang fiel mir die regelmäßige Form der Hügel auf, welche sich westlich der Bergfeste quer über die Straße zogen, und zu meinem Feldglase greifend, sah ich nun, daß diese vermeintlichen Hügel Pyramiden waren. Pyramiden in China! Ich hatte von diesen noch nie etwas gehört oder gelesen, und deshalb war das Bild dieser großen Pyramidengruppe, die sich vor mir erhob, um so überraschender. Aehnliches habe ich nur einmal gesehen, als ich au einem Abend auf der Hotelterrasse von Heluan in Aegypten stand und jenseits des Nils, beschienen von der untergehenden Sonne, die ganze Pyramidenreihe von Gizeh bis Sakkara sich gegen den blauen Himmel abhob. Solche Pyramiden, von gleicher Zahl, sollte ich hier, 85 Längengrade weiter östlich, in den Küstenländern des Gelben Meeres wiederfinden! In ähnlicher SteilheitChinesische Pyramiden. 93 wie die ägyptischen Pyramiden, auch in einem ähnlichen Zustande der Erhaltung, ragen sie hier aus dem grünen Meer der wallenden Felder empor, noch mysteriöser als jene des Landes der Pharaonen. In unmittelbarer Nähe der ersten Pyramide, dicht am Wege, liegt ein von großen Weiden beschattetes Dörfchen, mit einem hübschen Tempel und einer elenden Herberge, Iü-schan-miau mit Namen. Dort stieg ich ab und hieß meine Photographen ihre Apparate auspacken, um diese seltenen Denkmäler aufzunehmen, wohl das erste Mal, daß dies geschehen ist, seit sie von einem unbekannten Volke vor undenklichen Zeiten errichtet worden sind. Wie jene der Aegypter, so sind auch diese Pyramiden Gräber von Königen einer bestimmten Dynastie, und obschon die Jahr hunderte viel von der ganzen Anlage verwischt haben, konnte ich doch erkennen, daß dieser Friedhof einer Königsdynastie einst großartig getvcscn sein muß, großartiger viel leicht als jene der Ming, die ich bei Peking und bei Nanking gesehen habe. Der ganze Komplex umfaßt cttva einen Quadratkilometer und ist durchschnittlich 3 bis 4 Meter über die Ebene erhaben. Nach den aus großen Quadern aufgeführten, stellenweise noch erhaltenen Umfassungsmauern und der ganzen Terrainbildnng zu urteilen, muß dieses ausgedehnte Plateau künstlich aufgeführt worden sein, eine übermenschliche Arbeit. Der Weg führt in einem tiefen Einschnitt mitten durch das Pyramidenfcld; stellenweise er heben sich zu den beiden Seiten des Weges mannshohe Marmortafeln, mit Inschriften bedeckt lind durch gemauerte Dächer gegen Wittcrnngscinflüsse geschützt. Fünf große uild mehrere kleine Pyramiden liegen nördlich des Weges, sechs große südlich desselben. Die Höhe der großen Pyramiden, vom Plateau aus gerechnet, schwankt zwischen 40 und 60 Meter; die höchsten sind jene, die sich von dem Dorfe in südwestlicher Richtung in einer Reihe gegen einen hohen Kalkfelscn hinziehen, auf dessen Spitze sich eine An zahl Tempel, Opferhallen imt> Steindenkmäler erhebt. Wie alle Gräber in Schantling, so sind auch diese Königsgräber nur aus Erde aufgeführt, und es wunderte mich nur, daß die Form ihrer Terrassen und Stufen so gut erhalten ist. Selbst die Wände sind glatt und vom Regen nur wenig angegriffen. Dort wo dies der Fall ist, stellte sich die Anfüllung als ein Gemenge von Lehm und Schutt mit zahlreichen Scherben dar. Die Wände jedoch bestehen aus festgeknetetenl und gestampftem Lehm. Jede Pyramide hat eine breite Stufenterrasse von 200 bis 400 Schritt Umfang und 20 bis 30 Meter Höhe, und auf dem Plateau dieses massigen Unterbaues erhebt sich, umgeben von steinernen Jnschriftstafeln, eine kleinere Stufen pyramide. Die nördlichste Pyramide besitzt keine derartige Terrasse, sondern steigt vom Boden in fünf mächtigen, gleichmäßigen Stufen empor, so daß sie mich in ihrem ganzen Aussehen lebhaft an die berühmte Stufcnpyranlide von Sakkara erinnerte. Leider sind gerade die ältesten Stciiltafclil so verwittert, daß es zwecklos gewesen wäre, die In schriften zu photographieren, und jene neueren Datums enthalten keinerlei Aufschlüsse über die Könige, an deren Gräbern sie errichtet sind, ebensowenig wie über deren Volk, das sich längst mit den Chinesen verschmolzen hat. Auch von Geschichtsbüchern, denen man dies entnehmen könnte, ist nichts vorhanden, denn der erste Kaiser der Tsindynastie, dieser Napoleon Chinas, dem es gelungen war, all die kleine» Fürstentümer und König-•nBlUt-UBtpj-H® ItOClChinesische Pyramiden. 95 reiche zu unterwerfen und unter sein Scepter zu bringen, ließ auch alle Geschichtswerke und Archive der verschiedenen kleinen Dynastien verbrennen. Als ich am nächsten Morgen meinen Weg fortsetzte, blieben die Pyramiden von Iü-schan-mian noch lange Zeit sichtbar, und erst als ich in die nördlichen Ausläufer des zentralen Berglandes von Schantung gelangte, verschwanden sie meinen Blicken. Wie wenig die Tiere von den Chinesen belästigt werden, sah ich Wieder an diesem Morgen. Rings um mich spielten und schwätzten nuinter unzählige Elsternpaare unbekümmert um die vielen Reisenden auf dem Wege. Keck blieben sie sitzen, bis ich sie mit der Reitgerte hätte berühren können, dann erst flogen sie ein paar Schritte weiter. Jedes Dorf beherbergt eine Menge Elstern, und in dieser Gegend sind sic viel leicht zahlreicher als die Spatzen. Als wir eine Zeitlang den Ufern des Tschi-Ho ent lang gezogen waren, sah ich nur wenige Schritte von mir Raben nach Fröschen fischen, Reiher und Königsfischer standen an dem sandigen Ufer und putzten sich das Gefieder, ja ein großer Geier hockte auf einem Felsblock im Wasser und ließ sich durch unser Kommen gar nicht auS seiner Ruhe stören. Plötzlich hörte der Weg vor mir auf. Ungewiß, wohin ich mich wenden sollte, blickte ich nach meinen Karrenführern zurück, und sie deuteten mit der Peitsche in das steinige Flußbett. Der große Weg von Tschifn nach der Provinzhauptstadt führt hier in der That mehrere Kilometer weit im Flußbett und kreuzt sogar wiederholt den augen blicklich allerdings ganz seichten Fluß. Wie es mit dem Reisen bestellt sein mag, wenn die sommerlichen Regengüsse das ganze Flußbett mit reißenden, gelben Fluten erfüllen, brauche ich wohl nicht zu sagen. Erst in der Nähe von Sin-tiang wird der Weg besser. Dieses Sin-tiang ist ein großer Marktflecken, eine der Hauptstationen ans der Rollte zwischen Ost- und West- Schantung, aber ich fand es auf keiner Karte angegeben. Vielleicht rechneten die Karten zeichner darauf, daß es in kurzer Zeit nicht mehr vorhanden sein dürfte, denn so zahl reiche, moderne Ruinen wie hier habe ich sonst in der Provinz nur am Hoangho gesehen. Mitten ans der Hauptstraße, umgeben von elenden Hütten, mit armseliger, zerlumpter Bevölkerung erheben sich hier Ruinen von Tempeln und großen Steinhäusern, zerfallende Mauern und Steinhaufen, alles wohl noch von der Taipingrevolution herrührend, aber dem Aussehen nach so frisch, als wäre Sin-tiang gestern von einem Erdbeben heimgesucht worden. Was diesen Eindruck erhöht, ist die unbegreifliche Nachlässigkeit der Chinesen in Bezug auf die Wege. Füllt heute aus der Hauptstraße irgend ein Steinbogen, eine Brücke, ein Hans zusammen, dann möge der liebe Herrgott für die Passanten weiter sorgen, der Chinese thut es nicht. Weder der Ortsmandarin, noch die Bürger, noch die nächsten Nachbarn, noch die Reisenden kümmern sich im geringsten darum. Die Steinhaufen, die großen, behauenen Quadern des zerfallenen Baues bleiben jahrzehntelang an derselbeil Stelle liegen, wohiil sie gefallen sind. Die Karren, Reiter und Schubkarren werden den Trümmern rechts und links ausweichen, nötigenfalls ihren Weg durch eine Seitenstraße nehmen, oder ganz um den Ort herumfahren. Ist gar keine andere Möglichkeit vor handen , so werden sie liuter Gefahr für ihre Tiere und Fuhrwerke über die Trümmer96 Chinesische Pyramiden. selbst hinwegklettern; aber keinem chinesischen Meister Hämmerlein würde das einzig mögliche Mittel in den Sinn kommen, das Hindernis aus dem Wege zu räumen, selbst wenn es nur ein einziger Steinblock wäre. Tausende von Schubkarrenführern nehmen während vieler Jahre vielleicht allmonatlich den gleichen Weg hin und zurück, jedesmal erfordert es ungeheure Anstrengung für sie und ihre Tiere, über diese Trümmer hinwegzukommen. Würden sich einmal mehrere von ihnen verbinden, um die paar Steine beiseite zu schaffen, so wäre der Weg für alle folgenden Fahrten frei; aber diese einfache Selbsthilfe scheint ihnen nur in den seltensten Fällen in den Sinn zu kommen. Ich habe das überall auf allen Wegen, in Ortschaften und auf offenem Felde wahrgenommen, hauptsächlich aber gerade in diesem Sin-tiang. In anderen Ländern benützen die Einwohner wenigstens die Trümmer zur Erbauung ihrer neuen Häuser, und Tunis beispielsweise ist ganz aus den Trümmern des zerstörten Carthago anfgebaut worden. Hier in Sin-tiang bauten sich die Leute ihre Hütten aus Lehm, den sie noch dazu weit herholen mußten, während doch die schönsten Steinquadern vor ihrer Nase lagen. Es ist überhaupt ein tolles Nest, mit einer verlotterten Bevölkerung, die ihre Haupteinnahmequelle ans dem Fremdenverkehr zu ziehen scheint. Bettler, mit allerhand Gebrechen behaftet, warfen sich mitten aus der Straße vor mir auf die Knie und baten laut um Almosen; die Besitzer der vielen Gast herbergen stellten sich mir in den Weg und luden mich ein bei ihnen abzusteigen, ja manche ergriffen die Zügel meiner Karrenpferde und versuchten die Karren gewaltsam in ihre Hotels zu zerren, so daß ich recht energisch abwehren mußte. An den Herbergs- cingüngcn standen allerhand bemalte und bepudcrte Wciblein, so aufdringlich, wie ich es sonst in Schantnng nicht bemerkt habe. Aber es half alles nichts. Dieses moderne Pompeji machte einen zu unangenehmen Eindruck, und ich war froh, als ich wieder beim anderen Thore heraus lind in der offenen Landschaft war. Auch in der sonst so fruchtbaren Gegend ringsum war alles in Ruinen. Eine Stunde westlich von Sin-tiang traf ich seit meiner Abreise von der Meereskiistc auf den ersten, übrigens nur niedrigen Höhenzug, der sich auch noch nördlich des Weges auf 5 bis 6 Kilometer fortsetzt, um sich dann in der ungeheuren Ebene des Hoangho zu verlieren. Der schöne, schwarze Marmor, den er enthält, lvird in den Dörfern zu Mühl steinen, Quadern, Säulen, aber auch zu kleineren Objekten wie Tnschschalen, Kugeln rc. verarbeitet, und in den zwei nächsten Dörfern, die ich passierte, arbeiteten die fleißigen Steinmetzen fast vvr jedem einzelnen Hause auf der Straße. Die Tempel und Ehren bogen in diesen Dörfern sind ganz aus diesem Marmor erbaut und mit zum Teil sehr schönen Skulpturen bedeckt. Jenseits des Höhenzuges breitete sich das weite Thal des aus den südlichen Gebirgen kommenden Hsi-au-fu-ho vor mir aus, und diesen wasser- reichen Fluß entlang führte mich mein Weg nun in den reichen Kohlendistrikt von Poschan, einen der wichtigsten Punkte der künftigen deutschen Eisenbahn.\ Mein erster Kutscher. Die Kohlendistrikte von Schantung. Jtu§ einer der Hauptgründe für die Wahl von Kiautschou zum deutschen Hafen in China ist das Vorhandensein von Kohlen in der Nähe dieses Hafens genannt worden. Mit Mandeln und Rosinen kann man keine Lokomotiven und Schiffe heizen; soll der Hafen gedeihen, so muß das Hinterland durch eine Eisenbahn geöffnet werden, und für diese Eisenbahn ist billige Kohle gerade so notwendig >vic für die Schiffe. Eins hängt am andern, fehlt eins, so nincht es das andere unmöglich. Kohle, und zwar gute und reichliche Kohle, ist also eine der wichtigsten Grundbedingungen für Kiautschou, zumal jetzt, wo andere Mächte im Gelben Meer festen Fuß gefaßt haben und für ihre Flotten Kohlen bedürfen, wo überdies der Dampferverkehr in Ostasien einen ungeahnten Auf schwung genommen hat und immer noch in so raschem Steigen begriffen ist, daß die vorhandenen Kohlengruben in Japan und Nord-China den Bedarf lange nicht decken Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 798 Die Kohlmdistrikte von Schantung. können. Der spanisch-amerikanische Krieg, die Besetzung von Weihaiwei und Port Arthur haben im Frühjahr 1898 eine wahre Kohlennot zur Folge gehabt, die Kohlenpreise stiegen ins ungeheuerliche. Die schwarzen Diamanten mußten von den Antipoden, aus Europa, herbeigeschafft werden, und dabei liegen großartige Mengen davon nur einige Eisenbahnstunden von Kiautschon entfernt in den Eingeweidcn der Erde. Es fehlen aber die Mittel zu ihrem Transport nach Kiautschon, so daß dort sogar für den gewöhnlichen Hausbedarf Mangel an Brennmaterial herrscht und die Bevölkerung mit Stroh, ja wie schon in einem früheren Kapitel erwähnt, mit dürrem Gras heizt, das mit den Wurzeln aus der Erde gekratzt wird. Es war deshalb natürlich, daß ich ans meinem Wege von den, deutschen Seehafen nordwärts durch die Provinz diese Kohlenlager besuchte. Obschon fast in dem ganzen mittleren Teile von Schantung Steinkohlen vorhanden sind, befinden sich, soweit bis jetzt erforscht, die bedeutendsten Kohlenlager an drei Orten: im Siiden von Wei-hsien, dann im Süden von Poschan und rings um Jtschou-fu. Ich betone: „soweit bis jetzt erforscht", denn eine richtige wissenschaftliche geologische Aufnahme des mittleren Schantung ist niemals gemacht worden, ja sogar die genannten drei Kohlenlager sind ihrer Stärke und Ausdehnung auch vollständig unbekannt; sie wurden von Chinesen entdeckt und werden auch heute noch ausschließlich von Chinesen ausgebentet. Etwa 20 Kilometer südlich von Wei-hsien kamen meiner Reisekarawane zahl reiche Schubkarren entgegen, vorn von Maultieren oder Eseln gezogen, hinten von schweißtriefenden Kulis geschoben. Auf jedem Schubkarren befanden sich zu beiden Seiten des Rades je 2 bis 4 Körbe mit Steinkohlen gefüllt, die ersten Steinkohlen von Schantung, die ich zu Gesicht bekam, denn in dem nahen deutschen Hafen Tsingtau wird nicht mit solchen, sondern mit japanischen Steinkohlen geheizt. Auf meine Frage, woher die Kohlen kämen, deuteten die Kulis nach Westen und bemerkten, dort sei die ganze Gegend voll Steinkohlen. In der Thal stieß ich schon nach einstündigem Ritt auf dem elenden, mit fußticfem Staub bedeckten Feldweg auf die ersten Gruben, und weiterhin bis zu den sanften Anhöhen im Westen war die ganze Ebene im Umkreise von mehreren Kilometern mit solchen schwarz umränderten Gruben bedeckt: viereckige Löcher von verschiedener Tiefe, bereit Boden in den meisten Fällen nüt Wasser gefüllt war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen; die Schächte waren vollständig ver lassen, Leitern, Holzwerk und Winden waren nicht vorhanden, und es war mir deshalb nicht möglich hinabzusteigen; doch sah ich bei manchen, nicht mit Wasser gefüllten, daß am Grunde, in einer Tiefe von 5 bis 13 Meter horizontale Stollen lagen. Die Gruben waren augenscheinlich bearbeitet worden, solange das Wasser diese Bearbeitung nicht unterbrach, oder solange die Kohlenadern Ertrag lieferten. Dann wurden sie aufgegeben und der Abbau an einer anderen Stelle neu ausgenommen. Erst nahe der Hügelkette stieß ich ans einige Gruben, in denen gearbeitet wurde, und das mit den einfachsten Mitteln. Während eine Anzahl Arbeiter im Stollen arbeiten, tragen andere die gewonnenen Kohlen in großen Körben aus Rindshaut zum Schacht, und dort werden die letzteren, beiläufig je 100 Catties (60 Kilo) enthaltend,Die Kohlmdistrikte von Schantung. 99 mittels gewöhnlicher Winden zu Tage gehoben und iit der Nähe der Grube in großen Haufen aufgeschüttet. Auch das Wasser wird in ähnlicher Weise aus der Grube geschafft. Natürlicherweise steigt das Wasser unter solchen Umständen zuweilen viel rascher, als es herausgeschafft werden kann, und die Grube muß daun aufgegebeu werden. Nirgends sah ich auch nur die einfachste Pumpe in Verwendung, ja ganz Schantung überhaupt nirgends eine Pumpe gesehen. Nur in J-hsien päische Pumpwerke vorhanden, doch habe ich die dortigen Kohlenwerke nicht b< mir später in Wei-Hsien die Missionare der dortigen presbyterianischen Missioi hatte sich im Jahre 1890 auch ein Grubenbesitzer aus Schanghai entschloss Maschinen aus Birmingham kommen zu lassen. Sie langten in Tschifu an und wurden wegen der vollständigen Unmöglichkeit des Landtransportes zunächst in Dschunken nach Tigerhead geschafft, einem kleinen in der Nähe von Laitschau-fu gelegenen Hafen, dem nächsten für die Kohlenfelder von Wci-hsien. Die Flußmündungen, welche auf den Land karten nördlich von Wei-Hsien längs der dortigen Bucht verzeichnet sind, bestehen nicht, ebensowenig wie die festen User; alle ans der zwischen Kiautschou und Wei-Hsien gelegenen Ebene kommenden Flüsse verlaufen schon wenige Kilometer nördlich der letztgenannten Stadt in einem Ungeheuern Küstensumpfe, der sich mit geringen Unterbrechungen bis an die neueste auf den Landkarten noch gar nicht verzeichnete Hoanghomündung hinzieht. Das nur bei läufig. Genug, die Pumpmaschinen wurden mit riesiger Mühe und erheblichen Kosten von Tigerhead auf die Kohlenfelder geschafft, wo sie liegen blieben. Aus Sparsamkeitsgründen hatte nämlich der Grubenbesitzer keinen sachkundigen Mechaniker aus Schanghai oder Tschifu mitkommen lassen; ohne einen solchen konnten die Pumpmaschinen nicht aufgestellt wer den. Bevor aber der schließlich doch verschriebene Mechanik^ anlangte, stahlen die guten Chinesen an den offen daliegenden Pumpen alle Messingbestandteile, drehten die Schrauben ab und ließen nur die schwersten Eisenteile liegen, welche sie nicht fortschleppen konnten. Der Mechaniker erklärte, unter solchen Umständen selbstverständlich mit dem Reste nichts machen zu können, ja die gestohlenen Stücke konnten nicht einmal nachbestellt werden, weil sic doch angepaßt werden mußten. Es blieb nichts übrig als eine vollständige Neulieferung von Pumpmaschinen. Aber dem Grubenbesitzer war die Luft dazu ver gangen, und so liegen denn die verrosteten Pumpenreste heute noch in der Nähe der Grube, und auf dem ganzen, viele Kilometer weiten Kohlenfelde arbeiten die Chinesen nach wie vor mit Rinderhäuten und Winden. Wahrscheinlich müssen sic des nicht zu bewältigenden Wassers halber ihre Gruben gerade dann aufgeben, wenn sic auf die reichsten Kohlenadern stoßen; ein regelrechter Betrieb von seiten europäischer Besitzer dürfte also gerade in den verlassenen Gruben große Ausbeute zur Folge haben. An den offenen Gruben wird mit Schichten von je 30 Mann, nach Bedarf auch zur Nachtzeit, gearbeitet; die Arbeiter in den Gruben erhalten einen Tagelohn von 300 kleinen Cash, nach dem heutigen Silberknrse etwa 35 Pfennig, die andern, welche an den Winden und mit Karrenziehen oder Schaufeln beschäftigt sind, 200 kleine Cash (etwa 25 Pfennig) täglich. In neuester Zeit sind östlich des bisher bekannten und ausgebenteten Kohlenfeldes, in der Ebene neue Gruben geöffnet worden, welche aber 7 * ich habe in ^ sind curo Picht. WE o en, Pump-•ijniH’j-ta’iJä äse; nun uuftjjndDie Kohlendistrikte von Schantung. 101 viel schlechtere Kohlen liefern. Unfälle durch Explosionen kommen in den Gruben nur selten vor; dagegen herrschen zwischen den Arbeitern und Grubenbesitzern wegen der Lohnzahlung fortwährende Reibereien; 1896 wurden gelegentlich eines Aufstandes der Kohlenarbeiter einige Mann getötet. Der Besitzer einer Grube, den ich über das Ver hältnis zur Regierung und die Abgaben k . befragte, antwortete, Minengesetze oder Be- stimmungen über die Ausbeutung der Gruben gebe es nicht. Entdeckt jemand Kohle ans seinem Lande, so zahlt er dem Mandarin ein Kumscha (Trinkgeld) und erhält da für die Erlaubnis, einen Schacht anznlegen; kann er dem Mandarin nicht zahlen, so beutet dieser die Kohlenlager unter Umständen selbst aus. Überhaupt sind die zahl reichen Grubenbesitzer fortwährenden Erpressungen durch die Beamten unter worfen; größere Eigentümer oder gar Gesellschaften sind nur wenige vorhanden. Jeder Eigentümer beutet seine Grube nach Belieben aus, bei großer Nachfrage läßt er Tag und Nacht arbeiten, bei geringer die Arbeit eine Zeitlang ganz unterbrechen, so daß der wirkliche Gesamtertrag der Kohlenfelder von Wei-Hsien sich jeder Be- rechnling entzieht. Das Mitnehmen Don Kohlenstücken aus den Gruben, um sie bei der nächsten sich darbietenden Gelegenheit zur chemischen Wtersuchung nach Deutschland zu senden, hätte ich mir ersparen können, denn ich fand Kohlen ans den verschiedenen Bezirken in der amerikanischen Mission von Wei-Hsien, darunter Stücke von 50 bis 60 Kilogramm Gewicht. Im allgemeinen ist die Kohle von Wei-Hsien jedoch bröckelig, erdig, wenig teerhaltig; sie brennt hell, gicbt aber wenig Wärme und viel Asche. Die früher aus den westlich gelegenen Gruben gewonnene Kohle war besser und läßt sich, nach der Ans- sage der Missionare, mit der besten Anthracitkohle vergleichen. Der Preis der Kohle stellt sich an den Gruben selbst ans etwa 500 kleine Cash pro Picul, also etwa 9 Mark pro Tonne; in Wei-Hsien kostet die Kohle schon '7500 kleine Cash pro 1000 Catties, d. h. also etwa 1,50 Mark pro 100 Kilogramm. Die beste Kohle von Schantung und wohl auch die reichsten Kohlenlager befinden sich im Herzen der Provinz südlich von Poschan. Schon auf dem Wege dahin, das breite Thal des Hsiau-fa-slusses aufwärts, begegnete ich Schubkarrenkolonnen mit präch tigen Glanzkohlen in großen Stücken. Dieselben waren für die Provinzhanptstadt Tsinan-fn bestimmt, teilweise auch für den neuen Kanal, der Tsinan-fn mit dem Golfe voir Petschili verbindet. Auf Kühnen werden die Kohlen bis an die.Küste gebracht und von dort, allerdings nur in kleinen Mengen, nach Tschifu verschifft. In der etwa 30 Kilometer nördlich von Poschan gelegenen befestigten Stadt Tsetschuan sah ich die ersten größeren Kohlenlager mit zusammen vielleicht 1000 Tonnen, nicht nur aus dem Distrikte von Poschan Herrährend, sondern auch ans dem, Hnngschan genannten Höhenzuge, der das Flußthal an der Ostseite von Tsetschuan bis Poschan begleitet. Dort liegt die Kohle an den Berghängen ziemlich offen zu Tage, ja in manchen Dörfern liegen Kohlengruben unmittelbar hinter den Häusern, und die Einwohner holen sich täglich davon, so viel sie bedürfen, wie aus einem nie versiegenden Kohlenkeller. Hinter Tsetschuan mehrten sich die Schubkarrenkolonnen, welche die schwarzen Diamanten aus Poschan nach der102 Die Kohlendistrikte vonWchantung. Tsrkschmm. erstgenannten Stadt brachten. Jeder Karren war mit etwa 8 bis 10 Centner beladen, und die Kulis er halten für die Beförderung dieser Last auf dem 30 Kilometer langen Wege 1000 kleine Cash, also etwa 1 Mark 25 Pf. Je weiter ich nach Süden kam, desto mehr engten die Höhen züge daS Flußthal ein, lind Poschan selbst ist von 500 bis 800 Meter hohen Bergen ganz umschlossen, dem Nucn-Schan im Westen, dem Ieschuen-Schan im Süden und dem Hei-Schan, d. h. Kohlenberg, im Südosten. Nur der letztere, etwa 6 Kilometer von der malerischen altertümlichen Stadt entfernt, ent hält Kohle, von der ich nahe der Stadtmauer große Mengen, viele Hunderte Tonnen enthaltend, auf- gchäuft sah. Der Stadtmandarin, ein liebenswürdiger noch junger Mann, teilte mir mit, es wären im Monat April zwei Deutsche in Poschan gewesen, um sich nach den Kohlen umzusehen. Sonst jedoch wäre seit Menschengedenken kein Euro päer nach der Stadt gekommen, was ich auch durch das Aufsehen bestätigt fand, das mein Kommen erregte. Der Mandarin war über die baldige Erbaliling einer Eisen bahn anscheinend hocherfreut. Seiner Mitteilung nach sind die ungemein zahlreichen Kohlengruben des Hei- Schan der uneingeschränkte Besitz von eben so vielen Kauflenten aus Poschan, Schanghai, Schaust re. Es besteht unter ihnen keine Einigung:Die Kohlendistrikte von Schantung. 103 jeder beutet seine Grube nach Belieben aus und hat keinerlei Abgaben an die Regierung zu leisten. Daß aber der Herr Mandarin und seine Jamenbeamten die Eigentümer in unverschämter Weise schröpfen und bedrücken, verschwieg er mir wohlweislich. Ich erfuhr es aber doch von den Einwohnern, die ich darüber befragte. Der gute Mandarin that überhaupt sehr arm; Poschan sei keine reiche Stadt, es fehle an Unternehmungsgeist und an Geld. Er sandte mir aber in mein Hotel doch eine prächtige Mahlzeit von vierzig Schüsseln mit allerhand Leckereien. Als er mich bestichte, schenkte ich ihm dafür einen silbernen Bleistift; er wußte aber nicht, was er damit beginnen sollte, worauf ich ihm die Verwendung auf einem Stück Papier zeigte. Er wie seine Adjutanten und Soldaten, die natürlich auch in mein Zimmer eingedruugen waren, beobachteten mein Thun mit gespannter Aufmerksamkeit. Mau kann daraus ersehen, daß die gute Kohlenstädt von Schantung mit europäischen Waren nicht besonders reich gesegnet ist. Sie ist vielleicht die gewerbreichste Stadt der Provinz, und doch giebt es hier nicht einen Einwohner, der jemals in Schanghai war, oder der auch nur eiu Wörtchen Englisch spricht. In Poschan sowohl wie in der benachbarten, nur durch das breite steinige Bett des Hsiau-fa-flusses von Poschan getrennten Stadt Dön-tscheng fand ich auch viele andere Industrien, Wagenbauer, Töpfereien, vor allem Glasbläsereien. Die Hauptstraße von Iöu-tscheng zeigt fast in jedem dritten Hause eine derartige Werkstatte, in welcher gewöhnlich 4 bis 6 Arbeiter mit ähnlichen Mitteln wie bei uns an der Herstellung von Glasflaschen. Perlen, Armreifen, Trinkgläsern lind auch von Stangcnglas arbeiten. Glasscheiben für Fenster habe ich nirgends gesehen, die größten Scheiben waren solche, wie sic für Laternen verwendet werden. — Die Perlen und Imitationen aus dem bei den Chinesen so beliebten Nephrit (Jade) waren von sehr hübschen Farben, und die da für erforderlichen Farbstoffe werden ebenfalls hier hergestellt. Die Leute ließen mich überall in ihre Werkstätten eintreten, verfertigten in meiner Gegenwart Flaschen oder Gläser, die sie mir mit freundlicher Miene darboten, und nirgends bemerkte ich etwas von Fremdenhaß. Nach den Kohlenminen wurde ich von Iamenbeamten begleitet. Durch die malerischen, zinnengekrönten Stadtmauern hinaus führte unser Weg im schattigen engen Thale des Hsiau-fa aufwärts; aber schon 3 Kilometer oberhalb der Stadt hörte der wasserreiche Fluß plötzlich auf, und die auf den Karten weiter südlich verzeichneten Flüsse sind in Wirklichkeit nicht vorhanden. Der Hsiau-fa entquillt nämlich hier in einem mächtigen Strom der Bergwand, und über dieser wasserreichen Lluelle erhebt sich eiu großer, sehenswerter Tempel. Die nächste Grube ist von hier noch etwa 3 Kilometer entfernt. Die ganze langgestreckte Bergwand ist dort mit zahllosen Gruben bedeckt, in denen die Kohle in 2 bis 3 Meter starken Flözen vorkommt. Das in den Gruben sich ansammelnde Wasser wird entweder durch Pferde mittels Körben aus Rindshaut gehoben oder durch hori zontale Stollen abgeleitet und sprudelt die Bergwand herab. Die Arbeiter erhalten hier einen höher« Lohn als in Wei-hsien, nämlich 500 bis 600 kleine Cash, nach dem jetzigen Silberkurse etwa 60 Pfennig täglich; ihre Arbeit ist aber auch schwieriger, denn die104 Die Kohlendistrikte von Schantung. Gruben liegen nicht in der Ebene und erreichen eine Tiefe von 25 bis 35 Meter. Auch hier sind keinerlei Maschinen oder Pumpwerke in Verwendung: die Kohle wird mittels Winden in Körben emporgezogen und dann ans Schubkarren verladen, welche sie auf schmalen Pfaden die Bergwand abwärts bringen. Auf dein Berge, an den Gruben stellt sich der Preis der ganz vorzüglichen Kohle auf 2 kleine Cash das Kilo, in der Stadt bereits dreimal so viel, d. h. also die Tonne ans 7 Mark 50 Pfennig. Was könnte in Poschan durch die Vereinigung all der kleinen Betriebe unter einer Leitung und die Anlage einiger maschineller Einrichtung alles gewonnen werden! In Tsinan-fu fand ich noch Poschankohle in Verwendung. Weiter westlich jedoch und südlich, in Uentschon-fu und in Tsining, dem Hauptsitz der deutschen katholischen Mission von Süd-Schantung, wird bereits Kohle aus bcn südlichen Kohlenfeldern gebraucht. Diese letztem scheinen die ausgedehntesten der ganzen Provinz, vielleicht von ganz China zu sein, denn sie erstrecken sich auf 100 Kilometer, von Teng-hsien, östlich des Kaiser- kanals gelegen, bis jenseits von Jtschou-fn. Fachmännische Untersuchungen sind hier nie gemacht worden, und es würde sich gewiß lohnen, eine Expedition zu diesem Zwecke dorthin zn senden und die betreffenden Ländereien aufzukaufen, zumal ja eine deutsche Eisenbahnverbindung zwischen Jtschou-fn und Kiautschou in Aussicht genommen ist. In J-Hsien, etwa 130 Kilometer südöstlich von Tsining, befinden sich ungemein reiche Kohlen lager mit europäischem Betrieb, und die dort aufgefnndene Kohle ist so fett, daß sie in Tsining mit Lehm gemischt wird. Nicht nur in Tsining, sondern auch weiter nördlich, am Hoangho, ja sogar in Tedschou, am Kaiserkanal, nahe der Grenze von Petschili, fand ich Leute damit beschäftigt, die Kohle aus J-Hsien zu zerkleinern und mit der doppelten Menge von Lehm zu vermischen. Diese Mischung wird durch Zusatz von Wasser zu einem dicken Brei, aus welchem die Arbeiter faustgroße Ballen rollen und dann trocknen lassen. So kommt die Kohle in den Kleinhandel. Also dasselbe, was man in gewissen Teilen des Rheinlandes Klütten nennt. Auch in Teng-hsien, 70 Kilometer südöstlich von Tsining, in Hsintai, 80 Kilo meter südlich von Poschan, in Schapu, nahe Ientschou-fn rc. befinden sich ergiebige Kohlengruben, aber die wichtigsten Kohlenfelder sind in diesem Distrikte doch jene von Jtschou-fu, etwa 15 Kilometer südwestlich dieser größten Stadt des südlichen Schantung ge legen. Vielleicht werden die Kohlen von Jtschou-fn früher auf den Markt von Kiau tschou oder von Tsingtau gelangen als jene von Wei-hsien oder Poschan, denn Jtschou-fu liegt nur 100 Kilometer von der Meeresküste entfernt, und dort liegt an der Mündung eines kleinen Flüßchens ein vorzüglicher Hafen, der bereits einen beträchtlichen Dschunken verkehr besitzt, Ngnntungwei. Der Mandarin von Jtschvn-fu ist bestrebt, die vorhan denen Flußläufe zur Herstellung eines Kanals zn benutzen, der Jtschou-fn mit Ngantung- wei verbinden soll, und damit würde der neue deutsche Hafen in der That billige und vortreffliche Kohlen erhalten. Dieselben sind allerdings nicht so gut wie jene von Poschan. Sie sind nach den Mitteilungen, die ich von den in Jtschou-fu stationierten Missionaren darüber erhalten, weich, bröcklig und erdig. Nur die besseren Sorten brennen auf einem offenenVorstadt oon Pvschan.Wisset Bibliothek 8eninDie Kohlmdistrikte von Schantung. 105 Rost gut. Für Heizzwecke verwenden die Missionare Koks, tvclche von den Chinesen aus den mehr bituminösen Kohlen gewonnen werden und in Jtschou-fn 5 1 U Cash pro Cattie kosten, also etwa 24 Mark pro 1000 Kilo. Zur Herstellung der Koks graben die Chinesen Löcher von etwa 1 1 / 2 Meter Weite und Tiefe, verschmieren die Wände mit Lehm und legen brennende Kohle ans den Boden, Auf diese wird die Kohlenfüllung gehäuft und das Ganze mit feuchtem Thon und Kohlenstaub bedeckt. Ein paar in diese Masse gesteckte Thonröhren dienen zum Entweichen der Gase. Von den auf solche Art gewonnenen Koks kommen fast ebenso große Mengen >vic Steinkohlen zur Ausfuhr, Chinesische Kohlenarbeiter. hauptsächlich nach Norden und Nordostcn, aber nur in die nähere Umgebung, weil gegen Westen die bessere Kohle von J-hsien mit jener von Jtschou-fn in Wettbewerb tritt, und weil bei den mangelhaften Verkehrsmitteln der Transport auf größere Entfernungen jeden Gewinn unmöglich macht. Nur in seltenen Fällen wird die Kohle von Jtschon-fu bis auf 100 und 120 Kilometer Entfernungen ausgeführt. Die Kohlenlager von Jtschou-fn umfassen ein Gebiet von etwa 25 Quadrat kilometer und liegen in einer welligen, während des Sommes großenteils lieber schwemmungen ansgesetzten Ebene, 15 Kilometer südwestlich der Stadt. In der unmittel baren Nähe derselben ist bisher keine Kohle gefunden worden. Der Mittelpunkt des Kohlendistriktes, in welchem je nach Bedarf zwischen 3000 und 10 000 Arbeiter106 Die Kohlendistrikte von Schcmtung. beschäftigt werden, ist der Marktflecken Tu-tschia-tschuang, 18 Kilometer von Jtschon-fu. Die Chinesen sagen, die LÜohle „liege in diesem Gebiete in Schichten übereinander lvie Fischschuppen", mit der Richtung Südwest-Nordost, und in einer Mächtigkeit von 1 bis 30 Meter. Die Kohlenlünder sind der Hauptsache nach in den Händen kleiner Besitzer: einzelne größere Komplexe, bis zu mehreren 100 Morgen, sind Eigentum reicher Leute, die auch ans ihrem Grund und Boden wohnen. Der Wert des Bodens ist für chinesische Verhältnisse recht bedeutend. So z. B. wird für einen chinesischen Morgen, der in der Umgebung von Jtschon-fu etiva 600 Quadratmeter umfaßt (Längen- und Flächenmaß sind bekanntlich in China fast in jedem Distrikte verschieden), bis 51 t 250 Mark verlangt. Allerdings könnte der Preis durch offiziellen Druck von seiten der Mandarine herab- geschranbt werden, doch wäre es für Europäer schlechte Politik, in ihren geschäftlichen Beziehungen zu den Chinesen hier zu solchen Mitteln zu greifen. Die Ausbeute der Kohlengruben ist augenblicklich erheblich geringer als in früheren Jahren, was auch hier auf die Erpressungen der lokalen Mandarine zurück zuführen ist, ohne deren Einwilligung keine Mine geöffnet oder bearbeitet werden kann. Ein anderer Uebelstand dieses ziemlich tiefgelegenen Kohlenfeldes ist das Wasser, das überall schon bei 18 bis 20 Meter zum Vorschein kommt und die Ausbeutung ver hindert, zumal die Chinesen hier, obschon sie wissen, daß in den: nahen J-Hsien europäische Pumpmaschinen in Verwendung stehen, das Wasser immer noch mit Winden und Kübeln aus Rindshant ausschöpfen, ein kostspieliges und langwieriges Unternehmen. Keine der Minen von Jtschou-fn reicht tiefer als 30 Meter, und deshalb ist akich über den wirklichen Kohlenreichtum nichts Verläßliches anzugeben. Stoßen die Chinesen auf eine hinreichend starke Kohlenader, so graben sic Stollen, da sic aber kein Bauholz zum Auszimmern derselben besitzen, so lassen sie zur Stütze der Decke mächtige Pfeiler aus Kohle stehen. In den schwachen Kohlenadern arbeiten die Bergleute auf dem Bauche liegend uikd stoßen die Kohle mit den Füßen ans dem Stollen. Die Löhne sind verschieden hoch. Liefert die Mine nur geringen Ertrag, so erhalten die Arbeiter nur 100 Cash, etwa 20 Pfennig täglich. Je ergiebiger die Mine, desto höher der Lohn, der in einzelnen Füllen bis 51 t 4 und 5 Mark täglich steigt. Jin Durchschnitt genommen, beträgt der Tagelohn 40 Pfennig. Der J-sni-fluß, welcher östlich von Jtschon-fu vorbeifließt und 100 Kilometer weiter südlich in den Kaiserkanal mündet, ist für die Kohlenfelder von geringer Be deutung. Sie liegen allerdings nur 10 Kilometer von ihm entfernt, aber dieser, auf den deutschen Karten J-Ho genannte Fluß hat ein anderthalb Kilometer breites, flaches und sandiges Bett und ist nur iir den Sommermonaten für Flachboote bis zu 5 Tonnen Gehalt schiffbar. Dann wird er zeitweilig benutzt, um Kohle nach dem Kaiserkanal zu schaffen, aber auch nur in geringem Maße. Wichtig für kommende industrielle Unternehmungen ist das Vorhandensein von Eisen. Die Südvorstadt von Jtschou-fn liegt auf einer niedrigen Erdwelle, welche vor zügliches Eisenerz enthält und ans dem Wege nach Tsining liegen, etwa 25 KilometerDie Kohlendistrikte von Schantung. 107 westlich von Jtschou-fu, einige Hügel mit ausgedehnten Lagern von Roteisenstein, der auch in dem vorerwähnten Marktflecken Fn-tschia-tschuang in mehreren Schmelzwerken ver wertet wird. Das zerkleinerte Erz wird mit Kohle und Kalk vermengt in irdenen Schmelztöpfen dem Feuer ausgesetzt. Sobald die Töpfe wieder erkaltet find, werden sie zerschlagen und das Eisen herausgenommen. Aus dem Gesagten geht hervor, daß Schantung große und reiche Kohlenlager besitzt, die nur des europäischen Betriebes und der Eisenbahnen harren, um für die Provinz, sowie für die europäischen Besitzer der Unternehmungen wirklich eine reiche Einnahmequelle zu werden. Ist das Kohlengebiet erschlossen, so werden auch bald die andern mineralischen Schütze von Schantung zur Hebung kommen; die Provinz ist reich an Eisen, Kupfer, Silber, Blei, dann aber auch an Asbest, Graphit, Gips, Achat, Arsenik, Marmor, Speckstein re. Besonders die Gegend südwestlich von Wei-hsien ist damit ge segnet. Wie mir Missionare erzählten, liegen dort Dörfer auf silberhaltigen Bergen, die ihren Einwohnern reichen Ertrag liefern könnten; aber die Leute sind dem Verhungern nahe, weil ihnen von den Mandarinen die Ausbeutung nicht gestattet wird. Nicht zu unterschätzen find auch die dortigen großen Micalager (Marienglas) mit Micascheibcn von Quadratfußgröße; vor allem aber scheint es mir, daß die bis jetzt fast gar nicht gekannten, von den Mandarinen geschlossenen Kupferminen für europäische Unternehmer von Bedeutung sind, und es würde sich gewiß lohnen, bald Fachleute nach Schantung zu senden, um die verschiedenen Erzlagerstätten zu untersuchen, eventuell sich die Lager zu sichern. Die Bewohner der Umgebung von Jtschou-fu erzählen auch viel von reichen Gold- und Silberlagern, besonders in den Bergen von Möng-Jin. Thatsächlich wird im Thalc des J-sui-flusses, 80 Kilometer nördlich von Jtschou-fu, Gold in erheblichen Mengen gewaschen. Bemerkenswert ist das Vorkommen von Diamanten in einem nordsüdlich laufenden, 12 Kilometer langen Hügelzug, 30 Kilometer südöstlich von Jtschou-fu. Dieselben werden nicht gegraben, sondern von den Bauern beim Pflügen ihrer Felder zusammengesucht und erreichen die Grüße einer Bohne. Die Chinesen glauben, diese Diamanten würden durch die Sommerregen hervorgebracht, was allerdings insofern der Wahrheit entspricht, als sie thatsächlich durch den Regen aus dem Erdreich gewaschen und durch die Regen bäche thalabwürts geführt werden. Kanfleute von Peking zahlen hohe Summen für diese Steine, die weniger für Schmucksachen als zum Einfügen in Bohrer verwendet werden. Ob diese Steine wirklich Diamanten sind, bedarf erst der Untersuchung. Die Chinesen behaupten, sie leuchten im Dunkeln. Alles in allem sind die Berichte, welche bisher über die Kohlenlager von Schan tung in die Welt gedrungen sind, keineswegs übertrieben, ja nach allem zu schließen, was ich von den verschiedensten Seiten zu hören bekam und sehen konnte, sind diese Kohlenlager eher größer, als bisher angenommen wurde. Die einzigen bisherigen Hindernisse für eine ergiebigere Ausbeute, selbst durch die Chinesen, sind vor allem der Mangel an Verkehrswegen, welcher es unmöglich macht, einerseits Maschinen nach den Gruben, anderseits aus den Gruben die Kohle zu so billigem Preise nach den Häfen108 Die Kohlendistrikte von Schantnng. zu schaffen, daß sie mit der von auswärts eingeführten Kohle wetteifern kann, dann das gänzliche Fehlen von Wäldern und damit von Bauholz zum Ausbau der Gruben. Deshalb fand ich auch in den Kohlcndistriktcu Gruben mitunter mit Ziegeln ausgemauert und im ganzen verhältnismäßig wenige Stollen. Ist einmal die Eisenbahn gebaut, so wird den genannten Hindernissen mit einem Schlage abgeholfen, es ist ein billiger Ver kehrsweg da, und auf diesem können auch das erforderliche Grubenholz und Maschinen dorthin geschafft werden, Ivo sic fehlen. Alles das kommt aber schließlich dem deutschen Hafen in China, unb damit auch dem deutschen Handel mit China zu nutze. Der Verlag der „Kölnischen Volkszeitung" hatte mich ersucht, aus den ver schiedenen Kohlenfundorten von Schantling Proben zu sammeln und dem Verlag ein- zusenden. Dementsprechend schickte ich durch Eilboten Proben ans den Lagern von Jtschou-fn, Wei-hsien, Jtschui, Poschan und Tsetschuan nach Tientsin, wo sie der Post zur Weiterbeförderung übergeben wurden. Der Verlag der Kölnischen Volkszeitung sandte diese Proben an die Königliche Chemisch-technische Versuchsanstalt in Berlin zur Untersuchung, und 'das Ergebnis derselben ist in folgendem an die Kölnische Vvikszeitnng gerichteten Gutachten enthalten: Die Untersuchung der der Königlichen Chemisch-technischen Versuchsanstalt im Anschluß an das von der Physikalisch-technischen Reichsanstalt Abteilung II in Char lottenburg hierher abgegebene Schreiben der Kölnischen Volkszeitnng zu Köln am 4. Juli 1898 eingesandten fünf Kohlenproben ans Süd Schantnng hat folgende Resultate ergeben: 1 . 2 . 3. 4. 5. Fundorte der Kohlen Jtschou-fn Wei-hsien Proz. Proz. Jschui Proz. Poschan Proz. Tsetschuan Proz. Wasserverlnst beim Liegen in halb mit Wasserdampf gesättigter 0,04 0,05 0,11 0,60 0,10 Luft (lufttrocken). Die Analyse der lufttrockenen Durchschnittsproben ergab: Kohlenstoff 73,05 79,41 60,74 73,70 58,50 Wasserstoff 3,95 3,95 4,09 4,13 3,34 Stickstoff 0,74 0,64 0,69 0,61 0,63 Sauerstoff . 1,94 2,76 2,58 11,10 6,41 Schwefel beim Verbrennen als schweflige Säure entweichend - 6,47 2,70 10,90 0,56 0,37 Asche . 12,83 9,95 19,16 5,92 30,16 (Darin Schwefel als Sulfate 0,11 0,05 0,02 0,03 0,03 ] Feuchtigkeit, durch Trocknen bei ) o 79 105° C. bestimmt. ) 0,59 1,84 3,98 0,59 Die vorliegenden Kohlen ans Süd Schantnng sind bis ans Probe 4 durch den hohen Gehalt an Asche und flüchtigem Schwefel wesentlich minderwertiger als die Kohlen des Saar- und Ruhrgebietes. Der Wasserstoffgehalt im Verhältnis zum Kohlenstoff-Die Kohlendistrikte von Schantung. 109 gehalt ist mit Ausnahme der Probe 3 um etwa 0,5 Proz. geringer als bei jenen Kohlen. Zu Heizzwecken dürfte sich nur die Probe 4 eignen. Berlin, den 29. August 1898. Königliche Chemisch-technische Versuchsanstalt. I. V. Rothe. Die vorstehende Analyse ist das Ergebnis der ersten zuverlässigen amtlichen Untersuchung non Kohlen aus Snd-Schantung und daher für die Beurteilung der Kohlen- selder tut Hinterland von Deutsch-China von höchstem Werte. Aus derselben ergibt sich, wie die Kölnische Volkszeitung richtig bemerkt, daß von den fünf untersuchten Proben zunächst nur die Poschankohle für Heizzwecke in Betracht kommt. Damit ist nicht aus geschlossen, daß auch in den andern Fundstätten brauchbare Steinkohle mit weniger Asche- und Schwefelgchalt sich noch finden wird, sobald die tiefem Lagen unter fach männischen Abbau genommen sein werden. Es wird ja weiter oben ausdrücklich betont, daß jetzt bei ihren mangelnden technischen Einrichtungen die Chinesen fast nur Tagebau betreiben und auch nur die obern Schichten der Lager in Angriff genommen haben. Da nun vorab die Poschankohle als brauchbare Heizkvhle festgestellt ist, so ist damit die wertvolle Sicherheit gewonnen, daß Kiautschou nach Fertigstellung der geplanten Süd-Schantnngbahn in seinem eigenen Kohlenbedarf (Lokomotiven, Industrie, Hans- Heizung) von der schlechten Japankohle unabhängig sein wird. Des weitern kann es als Kohlenstation in Ost-Asien für Handels- und Kriegsschiffe von ganz hervorragender Be deutung werden. Es hängt das in erster Linie davon ab, in welchem Maße deutscher Unternehmungsgeist und deutsches Kapital sich der wirtschaftlichen Erschließung von Süd-Schantung in Verbindung mit der nötigen geeigneten behördlichen Mitwirkung widincn werden.Tschou-tsun, Tsou-ping uird Tsthang-tfchou. M)an sollte glauben, daß doch wenigstens von dem so großen Kohlen- und Industriegebiet von Po- schau ei» fahrbarer Weg nach der Viertelmillionenstadt Tsinan-fu führen würde. Mit Nichten. Alles was die fleißige Bevölkerung von Poschan, Tsetschuan, Jön-tscheng rc. produziert, wird auch nur auf gewöhnlichen Schubkarren fort gebracht. Schubkarren bringen die Kohle, Töpfer-, Glas- und Eisenwaren nach Tsinan, oder an den neuen, erst 1891 gegrabenen Kanal, welcher von Tsinan südlich des Hoangho und parallel zu diesem, zum Golf von Petschili führt, um von dort auf Dschunken nach Tschifu befördert zu werden. Ja, dieser Weg von Poschan nördlich um das Berglaud von Mittel-Schantung herum ist wo möglich noch schlechter, steiniger, staubiger, als die andern Wege der Provinz es sind, und doch ist gerade diese Gegend ungemein fruchtbar und dicht besiedelt. Auf meinem Ritt von Poschan nordwärts nach dem großen Marktflecken Tschou- tsun war ich entzückt von den herrlichen Landschaftsbildern, die sich mir darboten. Es war Mitte April; aus dem saftigen Grün der wogenden Getreidefelder hob sich das Rot und Weiß der in vollster Blüte stehenden Aprikosen- und Pfirsichbäume ab. Die zahl reichen Weiden-, Maulbeer- und Dattelbäume rings um die Dörfer hatten ihren frischen Blätterschmuck bereits angelegt, hinter den Gartenmauern blühte der Flieder; in den Dörfern selbst überall Bilder des Friedens und des Fleißes. Die Wohnhäuser sind auch hier nur Lehmhütten, aber in den meisten Dörfern dieser Gegend erheben sich zierliche Tempel mit schöngeschwungenen Dächern aus glasierten Ziegeln in verschiedenen Farben, und auch die Tempelwände zeigen zuweilen erhabene Darstellungen ans der buddhistischen Religion, oder hübsche Ornamente, aus solchen Glasurziegeln zusammengestellt. Sehr reizvoll ist Mein Von.Tschou-tsun, Tsou-Ping und Tschang-tschou. 111 der Effekt solcher farbiger Ziegel, wenn sie in die weißen Marmorqnadern der Ehren bogen oder Thore eingelassen sind. Die ganze Dorfbevölkerung lebt und arbeitet vor den Häusern; auf den Steinstufen der Thören hocken die Weiber, mit Nähen und Flicken beschäftigt, auch wohl mit Jagen auf die kleinen Parasiten des Menschen, die sich bei den Dorfbewohnern in schauderhafter Menge vorfinden und von ihnen mit Vorliebe gegessen werden. Längs der Häuser flechten die Männer Strohmatten oder drehen Seile, die kleinen putzigen Mädchen in ihren bunten Kleidern winden Scidcnfäden auf, die nackten Jungen tummeln sich auf der Straße umher im Verein mit den vielen, schwarzen, langborstigen Schweinen und den vielen Hunden. Die Hauptstadt des ganzen Distrikts ist Tschou-tsun, einer der größten Märkte der Provinz besonders für Getreide, Rindvieh, Strohgeflechte, Seide und Stricke; aber auch für fremdländische Waren, denn gerade, als ich durch das Südthor der pittoresken, pagodengekrönten Stadtmauer einfnhr, kamen mir ein halbes Dutzend große Karren mit Warenballen aus Schanghai entgegen. Sie ent hielten Baumwollstoffe englischen Ursprungs, die von Schanghai auf dem Kaiserkanal nordwärts gesandt und dann in Wagen hierher transportiert worden waren. Tschou-tsun liegt also für viele von Schanghai kommende Waren an der Grenzlinie zwischen dem Kaiscr- kanal und dem Seewege über Tschifu. Was östlich von Tschou-tsun liegt, erhält seinen Bedarf von Tschifu, was westlich von Tschou-tsun liegt, größtenteils vom Kaiserkanal. Sobald die Eisenbahn von Kiautschou fertiggestellt ist, wird indessen der wichtigste Teil des Warenverkehrs von Schanghai wohl nach Kiautschou-Tsingtan gehen, und von dort per Eisenbahn hierher. Die meiner Reisekarawane vorausschreitenden Soldaten hatten in den regen Straßen von Tschou-tsun alle Mühe, mir den Weg durch das dichte Gewühl von Menschen, Wagen und Schubkarren zu bahnen. Ihre schweren Stöcke flogen rechts und links auf die Schultern der Kulis; Karren, die nicht rasch genug ausweichen konnten, faßte,: sie mit kräftiger Hand an und schoben sie beiseite, dabei schrieen sie so laut und mit so wichtiger Miene, als ob der Kaiser von China selbst seinen Einzug halten würde. Natürlich riefen sie dadurch nur noch mehr Neugierige herbei, und bald war die Menschenmenge so angcschwollen, daß wir in ein Seitengäßchen einbiegen und von dort schleunigst zum nächsten Stadtthore eilen mußten. Ich bekanr also von diesen, wichtigsten Getreidemarkt der Provinz nicht viel zu sehen. Was ich aber sah, war wenig verlockend, und ich beneide den zukünftigen Stationsvorstand der deutschen Eisenbahn keineswegs um seinen Posten. Besser und angenehmer wird auch jener von Tschan-tschon nicht wohnen, einer Stadt mit zerfallender Umfassungsmauer, 10 Kilometer nördlich von Tschon-tsnn am rechten Ufer des wasserreichen Hsian-fu-ho gelegen. Eine halbe Stunde vor der Stadt sah ich plötzlich aus den dichten, von der Sonne durchglühten Staubwolken auf dem Wege sechs Gestalten mit blitzenden Waffen auftauchen, aus deren Mitte ein Reiter mit einem Karabiner in der Rechten auf mich zugaloppierte. Rasch riß ich meinen Revolver ans der Sattcltasche, denn ich vermutete schon einen Räuberangriff, als der Reiter sich vom Pferde schwang und sich vor mir auf die Knie warf. Er war der Kommandant der sechs zerlumpten Soldaten, vom Mandarin von Tschang-schan ausgesandt, mich dorthin112 Tschou-tsun, Tsou-ping und Tschang-tschou. zu begleiten. Zu meiner Verwunderung schwenkten die Kerle kurz vor dem ruinen- haftcn Stadtthore nach links ab und führten mich über die Steiubrücke des Flusses nach der am jenseitigen Ufer gelegenen Vorstadt, wo ein Hotel für meine Mittagsrast vor bereitet war. Eine zweite Abteilung von Soldaten, wo möglich noch zerlumpter, stand am Eingänge, der mit roten Tüchern und roten Papierlaternen geschmückt worden war. Das Innere entpuppte sich als ein derartiges Schmutzloch, das; ich entrüstet zurücktrat und dem Befehlshaber meiner Garde gebot, mich nach einem besseren, menschenwürdigeren Hotel iin Innern der Stadt zu führen. Er berief sich auf den Mandarin. Dieser hätte gedacht, das Vorstadthotel läge auf dem direkten Wege nach Tsou-ping, der nächsten Stadt; in Tschang-Schan wäre doch nichts zu sehen rc. Ohne ihm zu antworten, schwang ich mich wieder in den Sattel und lenkte meine Karawane dem Thore der eigentlichen Stadt zu. Als die Soldaten dies sahen, eilten sie wieder an die Spitze meines Zuges, ihr Anführer aber galoppierte voraus, wohl um den Mandarin zu benachrichtigen. In der That fand ich in der Stadt selbst ein ganz annehmbares, reinliches Hotel, allerdings ohne rote Laternen und sonstige Ausschmückung für meinen Empfang, und kaum hatte ich mir's dort bequem gemacht, als auch schon der Sekretär des Mandarins eintraf, Entschuldigungen stammelte und mir den Besuch seines Herrn und Gebieters ankündigte. Ich ließ diesem für seine guten Absichten danken, ihn aber auch bitten, den Besuch zu unter lassen. Gleichzeitig gab ich ihm zu verstehen, daß wir Europäer auf Reinlichkeit hielten und vor den Thüren unserer Wohnungen stinkende Misthaufen nicht duldeten. Eben als wir nach einstündiger Mittagsrast wieder anfbrachen, kamen ein halbes Dutzend Jamen- dicner in mein Hotel, welche auf Tragstangen etwa dreißig Schüsseln mit allerhand Speisen, Süßigkeiten und Früchten für mich herbeitrugen, dazu eine irdene Flasche mit Reisschnaps. Ich konnte mich daran nicht mehr ergötzen, aber zum Zeichen meiner Dankbarkeit sandte ich dein Mandarin eine Cigarrettenspitze mit meiner Karte und zog meiner Wege. Tsou-ping, eine bedeutende, ebenfalls von einer hohen Mauer umgebene Stadt, ist nur 15 Kilometer von Tschang-Schan entfernt, und dort fand ich bei den Missionaren der englischen Baptistenmission freundliche Aufnahme. Sie besitzen dort mitten in der Stadt ein reizendes, ganz europäisch eingerichtetes Heim, leben ganz europäisch, erhalten ihren ganzen Bedarf von Tschifu, aber Missionserfolge haben sie keine aufzuweisen, ob wohl sie schon seit Jahren hier ansässig sind. Die Chinesen senden wohl sehr gerne ihre Kinder in die Schule, um Englisch zu lernen, Kranke lassen sich vom Missionsarzt behandeln, die ganze Bevölkerung kommt ihnen recht freundlich entgegen, indessen das Christentum, das die Baptisten predigen, scheint ihnen nicht besonders sympathisch zu sein, und mit Ausnahme von ein paar bezopften Alten, die in der Mission das Gnaden brot genießen, haben sich nur sehr wenige taufen lassen. Die Missionare haben sich hier ein recht friedliches Plätzchen ausgesucht; die Stadt hat keine Sehenswürdigkeiten, auch keinen Handel, aber die Umgebung ist von großem landschaftlichen Reiz, zu welchem die südlich der Stadt bis zu 1000 Meter aufsteigenden Berge mit ihren kühnen Formen nicht wenig beitragen. Natürlich kamAuswanderer bei der Mikiligsrast.Bibliothek - BeninTschou-tsun, Tsou-Ping und Tschang-tschou. 113 das Gespräch auf die kommende Eisenbahn, und da erfuhr ich, daß die alljährlichen llcberschwemmungen des Hoangho sich bis in die Nähe von Tsou-Ping ausdehnen und daß vor einigen Jahren die Stadt selbst davon bedroht war. Durch diese Ueber- schwemmungen sei 7 Kilometer westlich der Stadt iin Jahre 1891 ein neuer großer See entstanden, der bis an die das Gebirge entlang führende Straße reiche. In der That fand ich diesen Sec auf meiner Weiterreise, eine ungeheure sumpfige Wasserfläche, die sich auf etwa 15 Kilometer in nördlicher Richtung ausdehnt und auch den auf älteren Karten verzeichueten See von Hushanpo mit cinschließt. Die Ingenieure der deutschen Bahn werden deshalb vielleicht versuchen müssen, von Poschan aus einen Weg südlich des Tschang-Schan genannten Gebirgszuges nach Tsinan-fu zu finden, auf welchem Tunnel und Steigungen wohl nicht vermieden werden dürften, dafür ist die Bahn dann den llcberschwemmungen des Hoangho nicht ausgesetzt. Nach einer elenden Nacht in einer Dorfspelnnke von Schan-tu-ticn war ich schon bei Tagesanbruch wieder im Sattel, um womöglich noch am Abend mein Ziel, die Hauptstadt Tsinan-fu, zu erreichen. Statt wie gewöhnlich nur Schubkarren und schwer bepackte Maultiere auf dem Wege zu sehen, war dieser mit festlich geschmückten Menschen besetzt, die nach der nächsten Stadt Tschang-tschou wollten, denn dort war eben Markttag und große Theatervorstellung. Je näher ich Tschang-tschou kam, desto größer wurde der Zuzug aus allen Dörfern der Umgebung. Ich glaube, es giebt auf Erden kein Volk, das an Theatervorstellungen größeren Gefallen findet als die Chinesen. Kommt irgend eine der vielen Wandertruppen in einen Ort, so giebt es dort reiche Einnahme nicht nur für die Schauspieler, sondern für die Kaufläden, Hotels, Restaurants, Fuhr werksbesitzer je. Denn aus der näheren und ferneren Hingebung läuft alles zusammen, um sich an den grotesken Verzerrungen der Schauspieler, ihrem näselnden Gesang und ihren mitunter sehr kostbaren Kostümen zu ergötzen. Das chinesische Jahr besitzt ja keine Festtage wie das christliche, keine Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Maifeste und Ernte feste, nicht einmal Sonntage. Die Tage verfliegen im ewigen Einerlei, in ewiger Arbeit, und kommt dann irgend eine schauspielende Vagabnndengesellschaft des Weges, so giebt es großen Karneval, an dem arm und reich, jung und alt teilnimmt. Vor den ge waltigen Ringmauern von Tschang-tschou ging es besonders lebhaft her, denn ans allen Richtungen kamen die festlich geschmückten Neugierigen vor dem Stadtthore zusammen geströmt und hielten eine Weile an, um den Staub von den Kleidern zu schütteln, die Frisuren und Toiletten in Ordnung zu bringen und eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Tausende waren hier im Schatten der hohen Weidenbäunie gelagert, und die bunten Kleider, der groteske Auspntz der zahllosen Kinder, das ganze Leben und Treiben erinnerte lebhaft an ähnliche Bilder, die ich auf Volksfesten in Japan gesehen habe. Dieselben Dorfschönen, die ich sonst in keineswegs verlockendcni Kostüm an der Arbeit getroffen, waren heute wie Bräute aufgedonnert. Eine dicke Pudcrschicht bedeckte die Gesichter, die Augenbrauen waren schwarz gepinselt, die Wangen bis zu den Augen schön rosarot bemalt, und die Lippen waren mit Zuhilfenahme von Rouge so einladend wie Kirschen. Die meisten jungen Dämchen trugen lichtblaue Seidenjacken mit bunten Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 8114 Tschou-tsun, Tsou-Ping und Tschang-tschou. Seidenstickereien bedeckt, knallrote Pumphosen, die an den Knöcheln durch handbreite, hellgrüne Seidenbänder zusammengebunden waren, und ihre kleinen Ziegenfüßchen steckten in fingerlangen, bunten Seidenschuhen. In dem glänzend pomadisierten, glattgekämmten Haar steckten riesige Sträuße von roten und gelben Blumen, dazu eine Menge von Silbernadeln, Spangen und Kokarden, während von den Ohren große silberne Gehänge Chinesische Mädchenkyxen. herabbanmelten. So trippelten die Dämchen auf den Hacken ihrer Füßchen umher, die Zehen in der Luft. Biele kamen ganz allein ans ihrem meilenweit abgelegenen Dorfe. Kein Mensch hätte ihnen etwas zu leid gethan, oder sie auch nur scharf angesehen. Andere Weiber saßen mit ihren Kindern, oft 6 bis 8 zusammengedrängt, auf einem Schubkarren, geführt von einem einzigen Kuli, der unter der süßen Last ebenso seufzte und schwitzte, als ob er Kohlensäcke geführt hätte. Einzelne Schubkarren mochten wohl von 2 oder 3 Familien gemeinschaftlich gemietet worden sein, wahre Omnibusse, aufTschou-tsun, Tsou-Ping und Tschang-tschou. 115 denen ein Dutzend Kinder kunterbunt zusammengekauert faßen. Dann kamen auch Maul tierkarren des Weges mit vornehmen Familien. Ganz im Hintergründe eines solchen engen Marterkastens auf dem Ehrenplätze saß die Großmama mit weitgespreizten Beinen, zwischen welche sich ihre Tochter hineingezwängt hatte. Zwischen deren aufgezogenen Knien saß die Enkelin, die vielleicht auch schon Mama war, denn mit beiden Armen hielt sie zwei puppenartig anfgeputzte Kinder umschlungen. Auch zu Pferd oder Esel kamen besonders ältere Damen einhergeritten, ans ihren Tieren rittlings sitzend wie Männer. Unter ihnen fiel mir eine dicke Chinesin aitf, mit reichem Goldschmuck im Haar und winzigen Füßchen, mit denen sie auch so tapfer kokettierte, daß ihr alles nachsah. Das schien ihr große Freude zu machen. Unter den Bäumen vor den Thoren wurde, wie gesagt, Toilette gemacht, ganz wie cs unsere Damen in der Theatergarderobe thun. Zwischen ihnen hatten ambulante Barbiere ihre Werkzeugkasten aufgeschlagen und rasierten Chinesenschädel, daß es eine Freude war. Neben ihnen wurden auf kleinen Tischchen allerhand Leckereien feilgeboten, Kuchen gebacken, Getränke zubereitet. Natürlich strömte bei meinem Erscheinen auf dem Schauplätze wieder alles auf mich zu, als ob ich etwa der Tausendsassa wäre, der heute die Vorstellung gab. Ich ritt durch das Thor in die dicht gedrängte Volksmenge hinein, auf den Tempel zu, wo sich auf einem hohen Holzgerüste die Schaubude erhob. Aber dort war das Gedränge so groß, daß ich wieder Kehrt machen mußte; ich wäre gewiß nicht durchgekommen. Ueberdies hatte ich ja das für mich Interessanteste, nämlich das Publikum, gesehen; die Schauspielerei selbst ist in allen Theatern Chinas, von Canton bis nach Peking, gewöhnlich die gleiche. So ritt ich denn wieder zum Stüdtlein heraus, das übrigens noch zwei große, von eigenen Ringmauern und Wüllen umgebene Vorstädte besitzt, lind während sich die Tausende in Tschang-tschou gütlich thaten, mußte ich auf den einsamen Lößwegen Staub schlucken. Hinter Tschang-tschou beginnt nämlich schon das große Lößgebiet des Hoangho, das sich durch den ganzen Westen und Norden der Provinz bis tief nach Honan und Schansi hineinzieht. Karrenräder und Pferdehufe reißen den trockenen, ans feinstem Sand und Erdtcilchen bestehenden Alluvialboden auf, und der Wind trägt die gelockerte, staubige Schicht fort; kommen Regengüsse, so fließt das Wasser in dem Wegeinschnitt ab und schneidet diesen noch tiefer ein. Wenn das während Jahrhunderten fortgesetzt wird, so ist ans dem ursprünglich im gleichen Niveau mit der Ebene liegenden Wege eine enge, tiefe Schlucht eickstanden, niit senkrechten Wänden auf beiden Seiten. Fuß gänger pflegen diesen, gewöhnlich auch noch mit knietiefem Staub gefüllten Wegschlnchtcn auszuweichen und oben den Rand derselben entlang zu wandern. Schubkarren, Maul tierkarren und Reiter aber müssen durch diese Schluchten, die oft viele Kilometer lang sind und nirgends eine Unterbrechung oder Erweiterung zeigen, so daß, wenn zwei Wagen einander begegnen sollten, das Ausweichen unmöglich ist. Hier erst lernte ich den Wert meiner Soldatenbegleitung kennen; denn kamen wir zu einer derartigen Schlucht, so ritt einer der Soldaten voraus, um die etwa entgegenkommenden Wagen vor dem Einfahren in die Schlucht zu warnen. Mitunter kam aber dieser bezopfte Vortrab zu 8 *116 Tschou-tsun, Tsou-ping und Tschang-tschou. spät, eine Kolonne von Lastwagen war bereits eingefahren, und dann galt cs für uns in diesen heißen, staubigen, sonnigen, trockenen Schluchten mit 4 bis 8 Meter hohen Wänden zu warten, bis die Kutscher ihre Pferde ausgespannt, mit unsäglicher Mühe und Gefahr an den senkrechten Wänden entlang zurückgeführt und hinten wieder an die Wagen gespannt hatten, um diese aus der Schlucht herauszuziehen. Selbst verständlich mußte der ganze Verkehr stets mir answeichen, denn ich reiste mit kaiser lichem Paß und militärischem Geleite. Niemand wagte es, sich darüber aufzuhalten; sobald die nur durch ihren farbigen Kittel kenntlichen, häufig ganz unbewaffneten Soldaten sich zeigten, gehorchte alles ohne Widerrede. Mitunter entstehen in diesen tiefen Lößeinschnitten durch Rutschungen und Abbröckelungen der Wände Erweiterungen, welche ein Ausweichen für einzelne Karren ermöglichen. Bei Begegnungen von ganzen Karawanen aber muß stets eine von ihnen umkehren. Um diese Arbeit und Zeitvergeudung zu verhindern, pflegen die Kutscher beim Einfahren in die Schluchten mit den Peitschen zu knallen und langgezogene Warnungsrufe erschallen zu lassen. Mitunter hören sie einander auch ganz gut, aber einer hofft auf die Nachgiebigkeit des andern, beide fahren darauf los, bis sie einander auf der Nase sitzen. Dann geht die Schimpferei und Schreierei los, aber was macht's? Die Chinesen haben ja Zeit, und kommen sie nicht heute an, so doch morgen. Dazu erfreuen sie sich unbegrenzter Sorglosigkeit. Zuweilen traf ich in diesen Schluchten ein paar Schubkarren nntten im Wege, und vor ihnen hockten ihre Führer im Staube bei einem Spielchen. Meine Soldaten pflegten dann kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. Sic warfen die Schubkarren einfach nach der einen Seite um, und gewöhnlich war damit hinreichend Platz geschaffen, daß meine Karren, mit einem Rad hoch ans der Lößwand, mit dein andern auf dem Wege, vorüber fahren konnten, freilich unter beständiger Gefahr, selbst umzustürzen. Erst jenseits Lnng-Schan kamen wir wieder in die ungemein reich gesegnete Ebene von Tsinan-fu, im Süden begrenzt von den kulissenartig ineinandergeschobenen und hintereinander aufsteigenden Bergketten des mittleren Schantung, und gerade vor Thorschluß ritt ich in die Hauptstadt dieser Provinz ein.Die Hauptstadt von Schantung. UUart hatte mir erzählt, die Bevölkerung von Tsinan-fu sei gegen die Deutschen wegen der Besetzung von Kiautschou sehr aufgebracht; die Litterateu der Provinzhaupt stadt hatten sich zu einem Geheimbunde verschworen, der sich die Vertreibung der Deutschen zur Aufgabe gestellt hätte; in Tsinan-fu und in den westlichen Gebieten von Schantung lMrsche große Gärung, und deshalb wären auch 10 000 Mann chinesischer Truppen vom Gouverneur hier zusammengezogen worden. Obschon ich von frühern Gelegenheiten wußte, daß derlei Gerüchte nicht be sonders ernst zu nehmen seien, hielt ich es, vor den Thoren Tsinans angelangt, doch für weise, nicht hoch zu Roß in die Stadt einzuziehen, sondern mein Reitpferd mit einem meiner gedeckten Reisekarren zu vertauschen. In diesem war ich gegen die Blicke der Passanten geschützt und konnte doch alles sehen. Ich habe es bitter bereut, denn meine Vorsicht erwies sich später als vollständig überflüssig; von der Unruhe in der Bevölkerung merkte ich keine Spur, und tagelang durchwanderte ich, nesischcn Boy begleitet, die ganze Stadt, nur ein Schimpfwort gehört, ein drohen des Gesicht gesehen hätte. Freilich er regte die Anwesenheit eines Europäers in dieser Großstadt des chinesischen In landes Aufsehen, aber es war dasselbe Aufsehen, das die Anwesenheit eines reisenden Chinesen etwa in Nürnberg erregen würde. Ich hätte also ganz gut zu Pferde bleiben können, dann wären meine Glieder am folgenden Tage auch nicht so zerschlagen gewesen. Tsinan-fu ist nämlich keine Ausnahme Mriii Karrrnflihrer.118 Die Hauptstadt von Schaiitmig. unter den chinesischen Städten, und das Pflaster spottet einfach der Beschreibung. Es zeichnet sich allerdings gegenüber Peking dadurch aus, daß seine Straßen wirk lich mit großen rohbehauenen Steinen gepflastert sind, nur liegen diese Steine ein bißchen kunterbunt durcheinander, ein Stein liegt einen halben Fuß höher, sein Nachbar einen halben Fuß tiefer als der Straßenboden, und wer sich's nicht ausmalen kann, was es heißt, in einem federlosen zweirädrigen Karren über derartiges Pflastergerümpel zu fahren, der möge selbst hierher kommen und die Sache eine Stunde lang durchkosten. Eine Stunde lang, denn Tsinan-fu ist eine sehr große Stadt, deren äußere Ring mauern eine Länge von 42 Kilometer besitzen, und war ich auch durch das äußere Thor eingefahren, so lag mein Reiseziel, die katholische Mission, noch gute 7 Kilo meter weit entfernt. Ich ächzte in meinem dunkeln Reisekosten, der nicht größer und nicht weicher war als das Faß des Diogenes, mit der Radachse um die Wette; es war ein derartiges Rütteln, Schlagen, Stoßen, Trommeln, Poltern, daß ich mich krampfhaft an die Seitenwünde klammern mußte, um die Schläge, die besonders den bescheidensten Teil meines Körpers von unten auf bearbeiteten, möglichst abzuschwächen. Ich be- wunderte meinen Karrenführer, nicht ein Klagelaut entfuhr seinen Lippen. Der Kerl mußte wohl ganz aus Schuhleder aufgebaut sein. In der innerhalb der äußern Ringmauer gelegenen Ostvorstadt ging es noch so leidlich, nicht viel schlechter, als ich es in Peking durchgemacht habe; dann wurde das Geschrei und Gedränge in den ungemein belebten Straßen immer größer, und wir rasselten und polterten endlich im Verein mit Hunderten von anderen Wagen und Schubkarren durch den dunkeln Tunnel, welcher unter der gewaltigen inneren Stadt mauer hindurchführt. Etwa 20 Meter hoch und ganz aus Steinblöcken aufgebaut, legt sich dieser steinerne Gürtel um die City, gekrönt von zierlichen Wachthäusern von 1 oder 2 Stockwerken mit schön geschwungenen Ziegeldächern, lieber den Stadt thoren selbst erheben sich gewaltige, mehrere Stockwerke hohe Pagoden mit parallelen Reihen von Kanonenluken, ähnlich wie bei den Thoren von Peking, das ja in allem und jedem den Hauptstädten der meisten Provinzen zum Muster gedient hat. Jenseits dieses Stadtthores gelangten wir auf einen großen, von einer Stein mauer umschlossenen Platz, so dicht mit allerhand zerlumpten Buden, Garküchen, Ver kaufsstünden und Flugdächern besetzt, daß wir, in doppelten Reihen einherfahrend, mit Mühe durchkamen, und passierten auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes abermals ein gewaltiges Steinthor mit balkendicken, eisenbcschlagcncn Thorflügeln an beiden Enden des Thortunnels. Dann erst waren wir im Innern der Stadt. Sie ist mit solchen Mauern umgeben, als wären in ihr alle Schätze Indiens aufgespeichert, aber in Wirk lichkeit trügt Tsinan-fu, soweit ich es während der schauderhaften Wagenfahrt wahr- nehmen konnte, dasselbe Aussehen wie andere Städte des Reiches der Mitte, nicht besser, nicht schlechter. Die Häuser sind gerade so gebaut wie anderswo, nur stehen sie in den Hauptgeschäftsstraßen 3 Stufen hoch über dem Straßenboden, die oberste Stufe ist etwa 1 Meter breit und bildet so eine schmale Terrasse vor dem Hause, dessen Dach über sie hinwegreicht und von einigen Holzfäulen getragen wird. Kaufladen reiht sich Firmenkafel vor einem Schuhladen.Die Hauptstadt von Schantung. 119 an Kaufladen. Jedes Haus ist seiner ganzen Breite nach nur ein solcher, und vom Dache baumeln allerhand buntbemalte, der Länge nach herabhängende Schilder in die Straße hinein; oder cs hängen daran hölzerne, vergoldete Stiefel, Schuhe oder Regen schirme, Kochgeschirre, Porzellantöpfc, Abzeichen der verschiedensten Art, und nicht wie etwa in Canton, nach den einzelnen Artikeln in Straßen abgeteilt, sondern bunt durch einander. Auf einen Buchladen folgt ein Schuster, neben ihm werden Regenschirme fabriziert oder Eisenpfannen feilgcboten. Daneben führen halbnackte Schneiderlein flink die Nadel und genießen dabei die Wohlgerüche, die einer Garküche nebenan entströmen. So geht es wie in einem chinesischen Kaleidoskop weiter; hier und dort ein Mandarins hamen, erkenntlich durch zwei hohe Flaggenstangen xmb eine zwischen beiden stehende Schutzmauer, hinter welcher sich das Eingangsthor zu dem ersten Iamcnhofe erhebt. Derartige Damen besitzt Tsinan-fu über 70, denn das ist die Zahl der verschiedenen Mandarine, die über Wohl und Wehe in Stadt und Land zu sorgen haben. Ueberall dieselben sich rechtwinklig schneidenden Gassen, die gerade breit genug sind, um zwei der schmalen zweirädrigen Karren oder zwei Sänften einander ausweichen zu lassen; nirgends ein freier Platz, selbst die vielen Buddha- und Confuciustempel sind mit ihren Fronten in die Straße gestellt. Hat irgend ein reicher Chinese einen großen Garten, so behält er ihn wohl für sich selbst und schließt ihn gegen die Straße durch eine hohe Mauer ab. Unsere Irrfahrt durch das Straßengewirr der Stadt dauerte so lange, daß ich schon zu fürchten begann, meinem Karrenführer wäre die wirkliche Lage der Tschiandschigao, d. h. der katholischen Mission unbekannt. Ich spähte selbst bei jeder Wendung durch die Straßen auf und ab, um irgendwo über den vielen Ziegeldächern das Kreuz zu ent decken. Vielleicht kam mir die Fahrt nur so lang vor, weil mir die Stadt noch un bekannt war. Aehnliche Erfahrungen hat gewiß jeder gemacht, der zum erstenmal in einer fremden Großstadt nach seinem Hotel kutschiert. Die Fahrt erscheint ihm unendlich lang, bis plötzlich, gerade wo er es am wenigsten erwartet, sein Wagen vor einem glänzend erleuchteten Hause mit Spiegelscheiben stehen bleibt, die Hotelglocke erschallt und ein Heer von dienstbeflissenem, befracktem Gesinde vor ihni den Katzenbuckel macht. Auch mein Wagen hielt so unversehens vor einer Pforte, aber ohne Spiegelscheiben und ohne Kellner. Ein paar alte bezopfte Chinesen blickten forschend in das Dunkel meines Wagens, dann folgte ein kurzes Pourparler mit Boy und Kutschern, dann wurden die schweren Thorc kreischend geöffnet, und mein Wagen fuhr in einen kleinen Hof, Weihrauch duft kam mir entgegen, und ich glaubte aus dem Gemäuer vielstimmigen Gesang zu ver nehmen. Kein Zweifel, ich war am Ziele. Als ich mühsam meine zerschlagenen Knochen aus dem verflixten Erdbebenkasten geschält lind wieder festen Boden unter den Stiefeln hatte, stand auch schon ein ehrwürdiger Greis mit langem weißen Barte und noch längerem weißen Haarzopf vor mir, dessen ganze Erscheinung trotz seines chinesischen Gewandes ungemein Achtung einflößend war. „Ich bin der Bischof Demarchi", sprach er mich an, „seien Sie mir herzlich willkommen; was kann ich für Sie thun?" Dieser wahrhaft christliche Empfang rührte mich, denn ich war dem ehrwürdigen Bischof voll kommen fremd und hatte mich auch vorher nicht brieflich angemeldet. Mit wenigen120 Die Hauptstadt von Schantung. Worten erklärte ich ihm den Zweck meiner Reise und bat ihn, mir ein passendes Hotel zur Unterkunft zu nennen. „Keineswegs, Sie müssen bei mir wohnen", antwortete er freundlich, befahl meinen Leuten, auszuspannen und führte mich an einer großen gotischen Kirche vorüber in einen mit Blumenbeeten geschmückten Hof. Ringsum erheben sich einstöckige klosterähnliche Gebäude mit vorgelegten, durch beide Stockwerke reichenden Galerien, die Wohnungen der Missionspriester, zur Rechten steht ein chinesisches Haus, ähnlich eingerichtet wie jene der chinesischen Mandarine, mit einem großen Empfangsraum in der Mitte und einem kleineren Gemach zur Seite. Dieses letztere wies mir der Bischof für die Dauer meines Aufenthaltes an. Es ist das gewöhnliche Absteigequartier für die Missionsbischöfe auf ihren Reisen, und der letzte Gast war Bischof Anzer gewesen. Bei der Anspruchslosigkeit, mit welcher die katholischen Missionare im Vergleich zu den Pres byterianern, Baptisten und Methodisten der englisch sprechenden Nationen hier in China leben, war ich nicht verwundert, auch hier nur mit Papier überklebte Fenster und Thüren, Ziegelboden und an Stelle des Bettes einen Holzrahmeu zu finden, der mit Rattangeflecht überzogen war. Indessen nach den Schmutz löchern, welche mir bisher in den chinesischen Städten und Dörfern als Wohnung gedient hatten, fühlte ich mich hier in diesen frisch gescheuerten und gefegten Räumen glücklich. Statt, wie gewöhnlich, meine Mahlzeiten durch meinen Boy zubereiten zu lassen, bat ich den Bischof um die Erlaubnis, an den Mahl zeiten der Missionare im Refektorium teilnehmen zu dürfen, und wie er mir sagte, war ich der erste Nichtpriester, dem dies seit der Gründung der Mission gestattet wurde. Ich hoffte in dem großen, nur mit Heiligenbildern geschmückten Raume neben dem Bischof noch andere europäische Priester zu finden, allein außer ihm weilt gegenwärtig nur noch ein europäischer Laien bruder in dieser großen und wichtigen Mission, und der Bischof hat alle Angelegenheiten derselben, selbst solche, welche in europäischen Bischofssitzen gewöhnlich den Schreibern, und ich möchte beinahe sagen, Thürstehern zufallen, persönlich zu besorgen. Als ich ihm darob meine Verwunderung ausdrückte, zuckte er die Achseln und meinte: „Was wollen Sie? — Uns fehlen die Mittel für ein zahlreicheres Per sonal, und Arbeit ist doch keine Schande? Wie Sic sehen", und dabei wies er auf 8 oder 9 chinesische Priester, die eben in den Speisesaal traten, „verfüge ich ja über Missionare, welche tagsüber mit dem Missionsdienst beschäftigt sind, mitunter wochcn- und monatelang auf Reisen gehen; für diese anstrengenden, aufreibenden Reisen bin ich zu alt, und deshalb habe ich die Arbeiten hier auf mich genommen". Die chinesischen Priester werden in dem mit der Mission in Tsinan-fu ver bundenen Seminar oder in Peking zu ihrem Berns herangebildet und versehen denselben auch mit anerkennenswerter Hingebung und großem Geschick. Während der mehr als Vistlrnkarie vr» Wsgr. Drmarchi, Bischof von Vord-Schsnkmig.iniu{j-ipspi.)(i; d> Simjirmps 'SSanjoej^- assafr , , i u- i r Warner &Deben,Leipzig-. Verlag T.J.J.Weo er, Leipzig. 57 1 °Siblicthei - öeninDie Hauptstadt von Schantung. 121 einfachen Mahlzeiten, die ich hier mit ihnen unter dem Vorsitz des Bischofs teilte, erfuhr ich eine Menge höchst interessanter Einzelheiten über die Provinz und ihre Einwohner, denn selbst Chinesen und dabei europäisch gebildet, seit vielen Jahren im Lande umher reisend , sind sie mit dessen Charakter vertrauter als irgend jemand. Ihre gewöhnliche Verkehrssprache mit dem Bischof und den andern in den verschiedenen Missionssitzcn stationierten europäischen Priestern ist die chinesische, da ich diese aber nur in sehr beschränktem Maße kenne, unterhielten tvir uns während der Mahlzeiten in lateinischer Sprache. Freilich ist das Lateinisch des Cicero, wie wir es in Europa zu lernen bekommen, nicht gerade für Reise-, Haus- und Küchenbedarf, allein mit Hilfe eines Wörterbuches fand ich mich bald zurecht. Gerade so wie in Canton und Peking, so ist auch hier in dieser großen und verkehrsreichen Stadt die Kathedrale das imposanteste und höchste Gebäude; in den letzten Jahren ist hinter den Pricsterwohnungen noch ein großes Stück Land für ein neues Seminar, Schulen und Waiscnanstalteu angekauft worden, und das Seminar mit einer zweiten prachtvollen Kirche in gotischem Stil konnte bereits vor wenigen Monaten eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden. Mit Ausnahme der neuen Petangkathedrale in Peking dürfte es in ganz China kein schöneres Missionsgebäude geben. In Europa würde der Bau wohl eine Million ver schlungen haben, hier aber war kaum ein Zehntel dieser Summe erforderlich, denn mit Ausnahme der schweren Maurer- und Dachdeckerarbeiten wurde alles von Priestern ent worfen und mit ihren eigenen Händen, selbstverständlich ohne irgendwelche Entschädigung ausgeführt. Der deutsche Pater Exlemann, von der Mission von Süd-Schantung, der Erbauer der Kathedrale des Bischofs Anzer in Tsining, entwarf die Pläne und leitete den Bau; deutsche und italienische Laienbrüder stellten die ganze innere Einrichtung her, von den Thüren bis zu dem mit prachtvollen Holzschnitzereien gezierten Altar und den Wandmalereien, und ihr selbstloses Werk macht ihnen alle Ehre. Gerade während meiner Anwesenheit hatte der Bischof die Genugthuung, daß der amtierende Provinz gouverneur. der höchste Beamte eines Gebietes mit etwa 35 Millionen Einwohnern, ihm eine Staatsvisite machte und bei dieser Gelegenheit die ganze Missionsanstalt in Augenschein nahm, ein seltenes, ja geradezu unerhörtes Ereignis, das auf die Bevölkerung tiefen Eindruck machte und zur künftigen Sicherheit der Mission nicht wenig beitragen wird. Und das kam so: ich besaß ein offizielles chinesisches Empfehlungsschreiben an den Provinzgouverneur, das ich am Tage nach meinem Eintreffen Sr. Excellcnz in seinem Damen persönlich überreichte. Der große Herr empfing mich, umgeben von seinen untergebenen Mandarinen und seiner Garde, mit großer Liebenswürdigkeit, stellte sich mir für alle Wünsche, die ich hegen sollte, zur Verfügung und versprach, meinen Besuch am folgenden Morgen zu erwidern. Bei meinem Fortgehen gab er mir durch zwei Höfe seines Iamens, die mit vielen Neugierigen gefüllt waren, das Geleite, wartete mit seinen in glänzende Prunkkleider gehüllten Mandarinen, bis ich in meiner Sänfte Platz genommen hatte, und verabschiedete sich erst dann durch Kautau, indem er sich tief ver neigte, mit ausgestrcckten Armen eine Bewegung machte, als wollte er den Staub von der Erde aufhcben, und dann seine geballten Hände zur Stirne erhob.122 Die Hauptstadt von Schantung. Kaum war ich wieder zur Mission zurückgekehrt, als sich der Kabinetschcf der auswärtigen Angelegenheiten beim Bischof melden ließ, um ihm anzukündigen, daß Se. Excellenz morgen auch ihm seinen offiziellen Besuch machen werde. Das war bis dahin noch nicht geschehen, aber der Gouverneur hatte es sich Wohl überlegt, daß es nicht gut anginge, einen Gast der Mission zu besuchen, ohne bei dieser Gelegenheit auch dem Missionsleiter seine Achtung zu bezeugen. WWW- Besuch des Gouverneurs in der katholischen Mission in Tsman-su. Am nächsten Morgen erschien in der That der Gouverneur in der Mission. Garden schritten voraus; dann folgten Mandarine üu Staatskleid, Schwertträger, Diener mit allerhand Symbolen seiner Würde, dann der große rote Sonnenschirm ans hohem Stock, und hinter diesem kam die grüne Sänfte Sr. Excellenz, von vier Trägern getragen. Ich empfing die ganze Gesellschaft am Thore und führte sie in das Empfangszinimer, wo bereits der Thee aufgetragen war. Genau nach chinesischer Etikette nahm ich die , mir dargebotcne Tasse, um sie mit beiden Händen unter tiefer Verbeugung auf den Tisch neben den Gouverneur zu stellen. Während unserer Unterhaltung erschien der Bischof. Ich lenkte die Rede auf das neue Seminar. Der Bischof frag den Gouverneur, ob erDie Hauptstadt von Schantung. 123 nicht wünsche, dasselbe zu besichtigen; und alsbald begab sich der ganze glänzende Zug durch die Höfe der Mission dahin. Ich hatte schon vorher meine beiden Photographen angewiesen, vor dem neuen Gebäude Aufstellung zu nehmen, und als der Gouverneur mit seinem Stabe die Kirche wieder verließ, hörte ich ein leises Knicksen, die Moment aufnahme war gemacht, ohne daß jemand außer mir eine Ahnung davon gehabt hätte. Als wir bei den Photographen vorbeischritten, frug ich den Gouverneur, ob er wünsche, die ganze Gruppe aufnehmen zu lassen, allein er wehrte mit beiden Händen ab: „Nicht hier, nicht hier" meinte er. Trotzdem konnte ich ihm schon ain nächsten Morgen eine schöne Photographie senden, die ganze Szene mit ungemeiner Schärfe darstellend: Der Gouverneur von Schantung in der katholischen Kirche von Tsinan-fu! So etwas ist bisher trotz Ben Akiba doch nicht dagewesen! Die katholische Mission von Tsinan-fu gehört übrigens zu den ältesten von ganz China. Schon unter Kaiser Kang-Shi, der im Jahre 1723 starb, wurde die Provinz Schantung mit dem ganzen Norden und Osten von China von Jesuiten durchzogen, und der Kaiser schenkte ihnen unter anderm auch in Tsinan-fu ein Stück Land, auf welchem sie eine Kirche bauten lind eine Missionsanstalt einrichteten. 1733 erließ der Nachfolger Kang-Shi's, Kaiser Jung Tsching, ein Edikt, demzufolge es den Priestern bei Todesstrafe verboten wurde, den päpstlichen Glaliben zu verbreiten, und damit hatte auch die Mission in Tsinan-fu ein Ende. Erst 1844 wurde dieses kaiserliche Edikt wieder abgeschafft. Nach dem Abschluß des Vertrages von Tientsin 1860 verlangten die Missionare den ihnen vor 160 Jahren geschenkten Grund uild Boden in der Haliptstadt von Schantung wieder, erhielten den selben auch und errichteten bald darauf die schöne Kathedrale, wie sie sich noch heute zeigt. Indessen war der christliche Glaube in den noch vor 1700 gegründeten Katholiken- gemeinden von Schantung trotz der Christenverfolgungen des 19. Jahrhunderts nicht auszurotten gewesen. So ist z. B. das gnilze Dorf Ma-tschia-tschuang in Ost-Schantung unweit der deutschen Fünfzigkilometerzone bei Piug-tu seit über 200 Jahren katholisch.Allerlei aus Tstnan-fu. Spaziergänger mik Singvögeln. die Einwohnerzahl von Tsinan-fu anzu- geben, ist keine leichte Sache, denn Volkszählungen nach europäischer Art sind in China nie vor- genommen worden. Die Angaben schwanken zwischen einer viertel und einer halben Million, und die Missionare halten die letztere Zahl für die richtigere. Jedenfalls ist die Hauptstadt von Schantnng eine sehr große und reiche Stadt mit zahlreichen, zum Teil prächtigen Tempeln, mohammedanischen Moscheen und mehreren katholischen und pro testantischen Kirchen. Paläste wird man hier ebensowenig finden wie in jeder andern chinesischen Stadt, allein hinter den langen Mauern, die in den vornehmeren Stadt vierteln zu beiden Seiten der Straßen stehen, wohnen in geräumigen Häusern, umgeben von großen Gärten, sehr viele reiche Leute, Mandarine, Litteraten, alt angesessene Familien von Bildung und Einfluß. Alls meinen Spaziergängen durch die Stadt mit ihrer ungemein malerischen lind reizvollen Umgebung begegnete ich vielen hübsch ans gestatteten Sänften, ein sicheres Zeichen von Wohlstand, denn sie sind in China das selbe, was bei uns die Equipagen sind. Am Abend zeigten sich in den Straßen, in den Gärten, den Feldern und in der Nähe der Stadtmauern viele in Saint iiiid Seide gekleidete Spaziergänger, zumeist junge Stutzer, ivelche in der einen Hand ihre Fächer, in der andern schöne Käfige mit ihren Lieblingsvögeln, znmeist Lerchen, Wach teln und Kanarienvögel, trugen. Während wir uns auf unfern Spaziergängen von Hiinden begleiten lassen, tragen die vor- nehmen Stutzer in China ihre Vögel spazieren. Wenn sie gerade Wachteln zu ihren Lieblingsvögel» wählen, so soll dies darin liegen, daß Wachteln als glückbringend angesehen werden. Das Spaziereutragen aber soll die Tiere zur Nachkommenschaft begeistern. Auch in den meilenlangeu schnurgeraden Geschäftsstraßen zeigt sich sehr leb hafter Verkehr. Kaufladen reiht sich an Kaufladen; sie sind größer, reicher, besser ein- nmmiimiiiiiiimi!iimimiiinnmTmTmirTmrnTO»mmiiiiiiiinn Iaji. ZirrichholUchachlrl.Allerlei aus Tfmcm-fu. 125 gerichtet und vor allem reinlicher, als ich sie sonst in den chinesischen Städten, Peking und Canton ausgenommen, gesehen habe, und die in ihnen aufgestapclten Waren zeugen von der großen Mannigfaltigkeit der Industrien von Schantung. Alles was die eigen artige Kultur der Chinesen verlangt, scheint in Tsinan-fn mit großer Kunstfertigkeit gcinacht zu werden, aber nur durch Handbetrieb. Es giebt keine Fabriken, auch keine großer» Werkstätten, sondern ausschließlich nur Kleinindustrie, und die Dampfmaschine hat mit Ausnahme des der Hauptstadt nahe gelegenen Arsenals noch nicht ihren Einzug in Schantung gehalten. Fremde, europäische oder amerikanische Waren habe ich in den Kaufläden nur wenige gefunden, und diese waren fast ausschließlich billige Verkaufsartikel. Lampen, Regenschirme mit Stahlrippen, Knöpfe, kleine Metallgegenstände, Baumwollstoffe, Garne, Posamentierwaren, z. B. die Stränge, welche die Chinesen zur Verlängerung ihrer Zöpfe ins Haar flechten, die roten Quasten, welche auf ihren Hüten prangen u. dergl.; dann billige Farbendruckbilder, Seiden- und Baumwolltücher, Wand- und Taschenuhren, Brieftaschen, Gürtelschnallen. Der ganze Bedarf an Werkzeugen und Eisenwaren wird in der Provinz hergestellt; Fensterscheiben für die Häuser der Reichern, kleine Spiegel und Glaswarcn stammen aus Poschan. Streichhölzer, Cigaretten und eine Menge schlechter, billiger Tand wird aus Japan ein geführt. Mit einem Worte, die Chinesen genügen sich vorläufig in allen ihren Bedürf nissen selbst, und wenn man, durch die Geschäftsstraßen wandernd, überall in dieser großen und reichen Stadt nur chinesische Waren sieht, könnte man an der Möglichkeit eines einträglichen Handels mit den Chinesen in Schantung zweifeln, zumal wenn inan berücksichtigt, daß rings um Schantung, im Golf von Petschili wie im Gelben Meere, große europäische Häfen liegen. Aber auf der anderen Seite muß auch bedacht werden, daß es bisher an Verkehrswegen gemangelt hat, um europäische Waren überhaupt nach Tsinan-fn zu schaffen. Dieser Mangel hat vielleicht zur Entwickelung der einheimischen Industrie mehr beigctragen als alles andere. Notwendigkeit war es, nicht eigener Unter nehmungsgeist, welche den Chinesen das Werkzeug in die Hand gedrückt hat. Erst die kommende Eisenbahn wird dem europäischen Handel die Möglichkeit geben, Tsinan-fn zu erreichen, und es ist eine Eigentümlichkeit des Chinesen, daß er sich fremden Artikeln keineswegs verschließt, sondern sie sofort kauft, sobald er ihre Nützlichkeit und Preis- Würdigkeit erkennt. Für die Europäer wird Tsinan-fn Wohl der angenehmste Aufenthaltsort von ganz Schantung werden, denn die Lage der Stadt ist entzückend; sie bietet an leiblichen Genüssen, Lebensmitteln, frischem Fleisch und Gemüse, mehr als alle anderen, das Trinkwasser ist ausgezeichnet, und der Europäer lebt auch hier unter dem Schutz der höchsten Behörden vollkommen sicher. In keiner anderen Stadt bin ich verhältnismäßig so unbeachtet geblieben; ich wanderte allein umher, auf die Märkte, in Vcrgnügungs- lokale und Theater, und wurde nirgends im geringsten belästigt. Auf den Gemüse- märktcn fand ich Mitte April schon eine Menge der verschiedensten frischen Gemüse, darunter das in ganz China berühmte Schantungkraut, Salat, Sellerie, Spinat und eine vortreffliche Art von Kartoffeln, Sanyo« genannt, eine Wurzel, bis 60 Centimeter126 Allerlei aus Tsman-fu. lang und armdick, die ganz wie Kartoffel schmeckt. Dabei gab es noch bis Ende Mai die süßen, saftigen, wenn auch harten Birnen vom vergangenen Herbst, ja sogar vor treffliche Trauben. In Tsinan werden auch Früchte eingemacht und ausgezeichnete Fruchtgelees bereitet, so daß es an wohlschmeckenden Nahrungsmitteln keineswegs fehlt. Das Klima ist gesund, weniger kalt im Winter, weniger heiß im Sommer als etwa in Tientsin oder Schanghai, nur herrscht im Norden der Stadt wegen der gegen den Hoangho sich hinziehenden Sümpfe Fieber. Die ganze Stadt steht übrigens auf sumpfigem Boden, und man braucht nur irgendwo 25 bis 50 Centimeter tief zu graben, um ans Wasser zu stoßen. Es ist aber krystallklares Quellwasser, das den Boden durch sickert. Innerhalb der Ringmauern zählt man nicht weniger als 70 Quellen, darunter einige von großer Mächtigkeit. Sie vereinigen sich zu einem das ganze Jahr über wasserreichen Fluß, welcher durch den östlichen Stadtgraben fließt, im Norden der Stadt, innerhalb der Ringmauern, einen etwa 2 Quadratkilometer großen See bildet und durch das Stadtthor, das er ganz ausfüllt, anstritt, so daß es für den Verkehr geschlossen ist. Der beständige Wasserreichtum dieses mitten in der Stadt entspringenden Flusses hat dem früheren Gouverneur von Schantung den guten Gedanken eingegeben, ihn durch einen Kanal mit dem in den Golf von Pctschili fließenden Hian-tsing zu ver binden und so einen neuen Wasserweg südlich des Hoangho und parallel mit diesem nach dem Meere zu schaffen, der eine Gcsaintlünge von 175 Kilometer besitzt. Um sich eine Idee von den Kosten der Erdarbeiten bei dem bevorstehenden Vau der deutschen Bahn machen zu können, will ich hier anführen, daß die Arbeiter pro Fang 250 große Cash, d. i. etwa 50 Pfennig erhielten. Der Fang ist ein Erdwürfel von ein drittel Meter Höhe und 1 Meter Breite und Länge. Es arbeiteten gewöhnlich vier Mann zusammen; einer grub, zwei trugen die Erde fort, und der vierte schaufelte sie auf. Trotz dieser geringen Bezahlung, aus welcher die Arbeiter auch noch ihre Wohnung und Nahrung zu bestreiten hatten, ersparte sich jeder durchschnittlich 8 Mark im Monat. Der Kanal wurde 1893 eröffnet und wird seither viel von Flachbooten und Dschunken befahren. An seiner Mündung in den Golf von Pctschili ist eine recht lebhafte Handels stadt Namens Mudschigo entstanden, welche sogar von einem Tschifu-Küstendampser regel mäßig angelaufen wird. Fragt man sich, wie es kam, daß Tsinan-fu nicht an den Ufern des Hoangho, sondern etwa 7 Kilometer südlich des Stromes, am Fuße des Gebirges angelegt wurde, so liegt die Antwort nicht so sehr in der großen Ueberschwemmungsgefahr, welcher die Uferstädte des Stromes ausgesetzt sind, als eben in den mächtigen Quellen guten krystallenen Wassers, die hier entspringen und vom Volke als geradezu heilig verehrt werden. Eine derselben liegt an der inneren Stadtinaner, hoch über dem mit Gemüse gärten und Baumanlagen bepflanzten Stadtgraben, welcher die innere Stadt von der Ostvorstadt trennt. Ein meterdicker, klarer, kalter Wasserstrahl entquillt hier dein Boden und springt sprudelnd in mehreren Absätzen die steile Wand nach dem Graben hinab, von Badehänschen und steinernen Waschbassins umgeben, wo die Frauen die Wäsche ihrer Familien waschen. In allen anderen Ländern des fernen Ostens entblößen dieAllerlei aus Tsinan-fu. 127 Wäscherinnen dabei ihre Arme und Beine, ja den ganzen Oberkörper, aber die Chinesinnen bleiben sogar bei dieser Verrichtung vollständig bekleidet und streichen nicht einmal ihre Aermel weiter auf, als gerade nötig ist. Und was ihre winzigen Ziegenfüßchen betrifft, so bleiben diese sogar zur Nachtzeit in den kleinen gestickten Seidenschuhen. Uebrigens bot diese Menge von Chinesinnen in ihren bunten Kleidern zwischen dem sie umgebenden Grün ein reizendes Bild dar; ihre Kinder, womöglich noch bunter angezogen, umsprangen sie in munterem Spiele; an den schattigen Ufern des klaren Flusses angelten chinesische Gentlemcn, andere lustwandelten in ihren Gärtchen, die sich terrassenförmig die steilen Ufer bis an die beiderseitigcil Ringniauern emporziehen; der Frühling hatte auch diese Gärtchen in ihren schönsten Schmuck gekleidet; Aprikosen, Pfirsiche, Flieder standen in vollster Blüte, und zwischen ihnen ragten die kuriosen Porzellandächer von zahlreichen Pavillons und Pagoden hervor. An allen Flußübergängen herrschte reges, buntes Leben. Zu meiner Ueberraschung gewahrte ich dort überall farbenreiche phantastische Aufzüge, vergoldete Sänften, von rotgekleideten Männern getragen, ganze Karawanen von Trägern, welche auf umgekehrten Tischen, die Beine nach oben, allerhand Hausrat, Backwerk, Speisen in Schüsseln und bunten Flittcrtand umhertrugen; manche Häuser waren mit Papierlaternen, Guirlanden aus Papierblumen, Flaggen geschmückt, und eine Menge Menschen, darunter viele Mädchen und Kinder, trugen ihre schönsten Festtags gewänder. Die Erklärung, die ich nachher erhielt, war sehr einfach. Gerade die drei Tage, die ich in Tsinan-fu zubrachte, waren von den Sterndeutern als besondere Glücks tage bezeichnet worden, und natürlich wurden diese von einer Menge von Brautpaaren für die Hochzeitsfeier bestimmt. Wer könnte es sagen, wie viele der kleinen gepuderten und geschminkten Persönchen in der großen Stadt während dieser Tage in Hymens Fesseln geschlagen wurden? Wie viele Festgelage es gegeben hat? Als ich den Missionaren der amerikanischen Mission meinen Besuch abstattete, saßen auch sic mit ihren Frauen bei einem solchen, denn der chinesische Schriftgclchrte der Mission benutzte die Glückstage für seine Hochzeit, und ich bekam so Gelegenheit, einem Festmahle beizuwohnen; aber nur die Herren nahmen daran teil, die Braut saß mit den Frauen in einem anderen Raume beim Essen und Trinken, denn lvie konnte ein so tiefstehendes Wesen, wie es nach der Ansicht der Chinesen eine Frau ist, sich mit ihrem Herrn und Gebieter an denselben Tisch setzen? Noch ein anderes Fest wurde eben in Tsinan-fu gefeiert. Die drei wasser reichsten Hauptqncllcn des Flusses, Bauditschuan, d. h. heftig kochende Quellen genannt, liegen in der Vorstadt, mitten in einem großen Tempelgrunde, und hier wird ihnen zu Ehren in jedem Jahre eilt großes Fest abgchaltcn, verbunden mit einem Jahrmarkt, der vom 15. des dritten bis zum 15. des vierten Monats währt und Tausende von Fremden ans der nahen und fernen Umgebung der Hauptstadt anzicht. Ich hatte es glücklich getroffen, denn ein derartiger chinesischer Jahrmarkt ist wirklich sehenswert, die foire de Neuilly bei Paris, oder ich möchte beinahe sagen, ein kleiner Weltausstellungs- rummel ins Chinesische übersetzt. Merkwürdig, wie sich dieselben Sitten und Gebräuche, was die Vergnügungen der Menschheit betrifft, bei allen Völkern wiederholen. Als ich•ttj-UBMj® )JtJ »NBtzur^jBEl USlHjliatzlvU MI UShlWMAllerlei aus Tsinan-su. 129 zwischen zahllose,: Menschen, den zahlreichen Schaubuden, Theatern, Restaurants, Flugdächern mit Akrobaten, Märchenerzählern, Verkäufern von allerhand Tand, Cafes chantants rc. umherwanderte, kamen mir viele ähnliche Bilder in den Sinn, die ich in den verschiedensten Ländern gesehen habe: Bei den Ausstellungen in Philadelphia, Chicago, San Franzisko, beim Karneval in Lima, bei der Osterferia in Sevilla, in Moskau, in Kiew, Konstantinopel, bei der Messe von Tanta in Aegypten, weiß Gott wo überall, aber nirgends ging es so anständig und ruhig zu wie hier. Die festlich gekleideten Menschen lustwandelten höchst ehrsam in den langen Schanbudenavenuen umher, kauften oder spielten bei den einzelnen Ständen, umkauerten die Garküchen, um sich an den Leckereien zu laben, die da unter freiem Himmel gebacken, gebraten, gesotten wurden; sie umdrängten die Theater und „Volkssänger" und lauschten aufmerksam den Märchenerzählern, welche am beliebtesten zu sein schienen. Vor diesen Märchenerzählern standen Theetöpfc und Schalen, dann metallene Tabakspfeifen auf einem Tische. Ein Diener schritt leise zwischen den Zuhörern umher und vermietete Pfeifen oder verkaufte Thee. Unsere Ringelspiele und die unentbehrlichsten Beigaben unserer Jahrmärkte, die Drehorgeln, haben noch nicht ihren Einzug in China gefeiert, aber ich glaube, es wäre ein glänzendes Geschäft damit zu machen. Die Italiener sollten es doch versuchen, vielleicht werden wir sie damit los. Dafür fand ich auf dem Jahrmärkte in Tsinan-fn schon unsere Guckkästen mit bemalten Photographien der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 und der Peterskirche in Rom. Inmitten des Jahrmarktes gewahrte ich endlich den reizenden Tempel, Lo-tu-schuan genannt, welcher auf drei Seiten das große Qucllbassin der Bauditschuan umgiebt. Galerien führen rings um dieses mit klarem Wasser gefüllte Bassin, und aus der Mitte desselben sah ich 3 fußdicke Quellstrahlen emporsprudeln. Während ich die ganze ungemein malerische und freundliche Anlage betrachtete, war ich selbst der Gegenstand eifriger Beobachtung von seiten der Chinesen, die hier auf mitgebrachten kleinen Klapp- stühlen saßen und, ihre Pfeifchen schmauchend, sich der Siesta Hingaben. Einige von ihnen traten auf mich zu, befühlten meine Kleider und besahen sich den Schnitt meiner Beinkleider, indem sie vor und hinter mir niederhockten und meine Rockschöße empor hoben; einer brach in lautes Gelächter ans, als er meine gelben Stiefel wahrnahm. Dann deutete er mit beiden Händen auf dieselben und rief: „Mensch, was hast Du denn für Schuhe an? Wie kannst Du denn in dem Zeug da gehen?" Ja, wenn wir die 400 Millionen Zopfträger dazu bekehren könnten, unsere Stiefel zu tragen! 400 Millionen Paare Stiefel! Das wäre ein Geschäft für Pirmasens, unsere deutsche Fnßbekleidungs- metropole! Obschon Tsinan-fn, wie man sieht, einen solchen Ueberfluß von Prächtigem Wasser hat, wird hier leider nur wenig gebadet. Mangel an Reinlichkeit ist eine der Haupt untugenden der Chinesen, und eine Folge davon ist die Menge von Ungeziefer, die sie trotz der eifrigsten Jagden bedeckt. An jeder stillen sonnigen Ecke kauern die armen Leute, um sich dieser Jagd hinzugeben, einzeln oder zu zweien, je nachdem. Will sich irgend ein Lastträger ausruhen, bleibt irgend ein Schubkarrenführer stehen, unterbricht Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 9130 Allerlei aus Tsinan-fu. irgend ein Handwerker die Arbeit, so ist es gewöhnlich sein erstes, sich in eine Ecke oder an eine Hausmauer zu hocken und zunächst den schmutzigen Gürtel, der seinen halbnackten Körper umspannt, nach auswärts umzulegen, denn dieser scheint der beliebteste Sammel platz der Kriechtiere, sagen >vir in diesem Falle Gürteltiere zu sein. Gerade wie tvir bei der Mahlzeit zwischen den Speisen zum Zeitvertreib die Brotkrümchen vom Tischtuch auflesen und sie zum Munde führen, gerade so — doch nein. Auch die lieben Mamas nehmen es mit der Reinlichkeit bei ihrem kleiilen Nach wuchs nicht besonders genau. Das erste und unentbehrlichste Wäschestück bei unserer holden Jugend ist die Windel, ja gewöhnlich ist diese schon in einer erklecklichen Anzahl von Exemplaren vorhanden, ehe lwch die Jugend da ist. Bei den ärmeren Klassen in China wird dergleichen als überflüssiger Luxus angesehen. In Tsinan-fu werden die Häuser der ärmeren Geschäftsstraßen ganz von den Kaufläden eingenommen, welche dann auch den Familien des Inhabers als Wohnung dienen, und da hat man mannigfache Gelegenheit, einen tiefen Einblick in die chinesische Häuslichkeit zu thun. Die kleine Welt bleibt bis zum achten oder zehnten Jahre nur in ihre eigene gelbe Haut gekleidet, und solange die Kinderchen nicht gehen können, werden sie von den Mamas bei der Ver richtung ihrer Bedürfnisse unterstützt. Glauben diese die Zeit gekommen, tvo der Ver- danungsprozeß sein unschönes Ende zu erreichen pflegt, so setzen sie sich auf einen Stuhl mitten im Laden, oder auch auf die Stufen vor der Eingangsthür und halten die kleinen nackten Würmer in der erforderlichen Lage. Geduldig warten sie ein Stündchen oder auch länger, bis der Erfolg ihre Vorsicht krönt. Aber häufig hat die Mama keine Zeit zum Warten. Sie ist vielleicht allein im Hause, Verkäuferin in einem appetitlichen Grünzengladen, oder muß spinnen und weben, himmlische Rosen flechten ins irdische Leben. Dann legt sic ihre Nachkommenschaft in einen Korb mit Sand oder Sägespänen, die nach verübter That ein bißchen nmgeschaufelt und erst nach vollständigem Verbrauch erneuert werden. Das alte Material wird langsam getrocknet und in den Gemüsegärten verwendet. Der Dünger erfreut sich überhaupt in China einer viel größeren Wertschätzung als bei uns. S'ist das reine Gold, wie in der Parabel mit dem Winzer und seinein Weinberg. In den Vorstadtstraßen von Tsinan-fu wird der Reisende vor vielen Häusern neben der Hausthüre die schon erwähnten kleinen Bedürfnisanstalten finden, deren Er trag mitunter so groß ist, daß die Bewohner der ärmlichen Lehmhütten in den Vor städten ihre ganze Miete damit bezahlen. In jedem Stadtviertel gicbt es Unternehmer, welche mit den Inhabern einer großen Zahl von Häusern, mitunter mehreren Hunderten oder Tausenden, Mietsverträge für den Dünger des ganzen Jahres abschließen. Jeden Abend ziehen die Sendboten von Haus zu Haus, um den Dünger einzusammeln und an die Stadtmauern zu führen. Sie haben ihre bestimmte Umlaufroute, wie bei uns die Zeitungsausträger. Innerhalb der Stadtmauer gicbt es große Plätze, wo der gesammelte Unrat mit Asche, Erde und zerkleinerten Bauziegeln vermengt und zu Kuchen geformt wird. In dieser Form kommt der Dünger in den Handel. Für den Gebrauch werden die KuchenAllerlei aus Tstnan-fu. 131 zerkleinert und sorgfältig pillenweise aus die Felder verteilt. Kein Wunder, daß es in Tsinan-fu so saftige, wohlschmeckende Gemüse giebt, und wenn diese schon so früh zur Reife gelangen, gewöhnlich schon Ende März, so ist es deshalb, weil die Chinesen zwischen jeder Reihe von Pflünzlein in den Gemüsegärten Schutzwände aus Maisrohr gegen die Nordwinde aufrichten. Der hübscheste Spaziergang in Tsinan-fu ist jener auf der inner» Stadtmauer rings um die ganze Stadt, denn man ist hier dem lärmenden bewegten Straßenleben entrückt, hat es aber zu Füßen der Mauer vor Augen und genießt überdies nicht nur den Ausblick auf die Berge und üppig grünen Thäler der Umgebung, sondern auch auf die ganze Stadt, deren Häuser wie in einem einzigen großen Garten liegen. Wo immer ein freies Plätzchen, pflanzt der Chinese Bäume, jeder trachtet sich ein kleines Gärtchen zu erwerben, und dort pflegt er im Verein mit seinen Weibern und Kindern einen großen Teil seiner freien Zeit zuznbringen. Nun ist die Bekleidung der Frauen in diesen durch hohe Mauern gegen fremde Blicke geschützten Gärten im Sommer recht spärlich, und da man von der Stadtmauer aus diese häusliche Intimität in allen Einzelheiten wahr- nehmen könnte, ist der Zugang zu der Stadtmauer verboten. Es bedurfte eines Befehls des Stadtkommandanten, um mir die Thore zu offnen. Von oben erst konnte ich die große Ausdehnung von Tsinan-fu erkennen. Im Gegensatz zu den meisten andern Großstädten Chinas, die ich gesehen, ist beinahe der ganze Raum innerhalb der Ringmauer überbaut; nur im Südwestcn liegen einige Ge treidefelder und nahebei die Exerzierplätze und Lager der Garnison. Der Futai (Provinz- gouverneur), der Fantai (Schatzmeister) und Nietai (Oberrichter) haben ihre eigenen Truppen, einige hundert Mann, die nur Kleidung und Nahrung bekommen, in den ver schiedenen Jamen oder auch Privathäusern mit ihren Familien wohnen und nur Sold erhalten, wenn sie zu irgend einer Dienstleistung eingezogen werden, sei es um ans Räuber zu fahnden, Unruhen zu unterdrücken, oder wie in meinem Falle, Reisenden das Geleite zu geben. In den erwähnten Militärlagern wohnt kaiserliches Militär. Eben waren einige tausend Mann Truppen aus der ganzen Provinz zusammengezogen worden. Einzelne Abteilungen wohnten in Zelten, andere in den niedrigen Lehmhäusern des Lagers. Während meiner Promenade auf der Stadtmauer war eben ein Bataillon am Exerzieren. So wie ich es erkennen konnte, trugen sie dunkelblaue oder schwarze Uni formen, die Beinkleider in die Schäfte ihrer Filzstiefel gesteckt, und als Waffen hatten sie Gewehre und Bajonette. Jede Kompagnie hatte eine Fahne von verschiedener Farbe, rot, blau, grün und schwarz, dazu gab es am rechten Flügel eine größere, rote Bataillvns- fahne. Die Truppen sahen entschieden besser aus als irgend welche andere, die ich bis her in China gesehen, und sie marschierten auch ganz stramm, die Kompagniefronten recht gut einhaltend. An der Nordseite der Stadtmauer angekommen, gewahrte ich zu meinen Füßen den vielgepriesenen See, der allerdings viel und klares Wasser hatte, aber mit Schilf durchwachsen ist. Reizende Tempel, Pagoden, Thcehäuscr stehen an seinen Ufern und spiegelten sich, beleuchtet von der Abendsonne, in der glatten Fläche. Kleine Boote, mit Vergnügtei: Gesellschaften hier und dort, an manchen Uferstellen einsame Angler, im 9 *Ausblick von brr Sksdkmauer von Tstn«n-fu.Allerlei aus Tsinan-su. 133 seichten Uferwasser Reiher, nach Beute spähend, im Schilf Wildenten, unbekümmert um die Menschen in ihrer Nähe. An der Nordseite liegt ein ganz reizender Badetempel, schöner als ich deren selbst in Japan gesehen, von den Einwohnern zu Ehren eines früheren Provinzgouvernenrs erbaut. Steinerne Bogengänge schließen ein Stück Wasser fläche ein, an den vier Ecken überhöht von ungemein zierlichen Pavillons, zu denen Freitreppen emporführen. Mehrere Gruppen chinesischer Frauen hielten dort gerade ein Picknick ab und gaben der wirklich entzückenden Anlage Farbe und Leben. Wie gerne wäre ich herabgestiegen in dieses Stückchen chinesischen Olymp, allein die Stadtmauer fällt 15 Meter tief steil herunter. Als interessante Einzelheit möchte ich erwähnen, daß in den Steinfugen dieser Mauer überall Digitalis wächst, und die fußhohen Pflanzen waren gerade mit ihren kelchartigen Lilablüten bedeckt. Jenseit der Mauer artet der See in einen weiten Sumpf aus, der sich ein paar Kilometer nördlich bis zu dein hohen Erddamme hinzieht, welcher die Stadt gegen die Ueberschwemmungen des Hoangho schützen soll. Der mächtige Strom selbst ist aber durch diesen Damm von hier aus nicht sichtbar. Eine Straße führt von Tsinan-fu bis an seine llser, wo sich der frühere Hafen der Stadt, Lu-kon, befindet. Früher war Lu-kou ein ansehnlicher Ort mit viel Verkehr und Wohlstand, allein während des Taipingkrieges wurde er von den Rebellen geplündert und zerstört, und was diesen entging, wurde von den nachfolgenden Ueberschwemmungen des Hoangho, oder wie der Strom hier genannt wird, Tatsing, böse mitgenommen. Im Jahre 1868, als die Fluten des großen Stromes sogar die Mauern von Tsinan-fn bespülten, dann 1887 stand Lu-kon mehrere Fnß tief unter Wasser, und nur die schweren steinernen Waren häuser widerstanden dem reißenden Strome. Deshalb hat Lu-kon seine einstige Be deutung ganz verloren, ein Schicksal, das übrigens allen Uferstädten des unteren Hoangho bevorsteht, wenn nicht in den nächsten Jahren der ganze Flnßlanf mit Zuhilfenahme europäischer Ingenieure reguliert wird. •— Nicht nur der See dient den Bewohnern von Tsinan als Sommerfrische. Im Süden, nur einige Kilometer von der Stadt ent fernt, erheben sich die letzten Ausläufer des zentralen Berglandes von Schantung, Berge von einigen hundert Metern Höhe. Der nächste von ihnen, Deschoa-schan-pa genannt, trägt auf seinem vollständig kahlen Gipfel eine hohe Pagode, die von den Stadtbewohnern abergläubig gehütet wird, denn sie knüpfen an die Pagode den Schutz der ganzen Stadt. Sollte dieses Wahrzeichen zusammenstürzen, so wird auch Tsinan-fu vom Erdboden ver schwinden. Ein anderer, Tschan-fo-schan genannter Berg trägt auf seinem, der Stadt zu- gewandtem Abhänge in einem ausgedehnten Piniengehölze eine sehr hübsche Tempel- anlagc, in deren Hauptgebäude sich tausend Götzenfiguren von verschiedener Größe befinden. Wenigstens behaupten dies die Mönche. Gezählt habe ich sie nicht, es kommt auch auf hundert mehr oder weniger gar nicht an. Je weiter man in das Bergland eindringt, desto malerischer, wilder wird die Gegend, und es ist leicht verständlich, daß sich die wohl habenden Klassen der Stadt hier ihre Sommerwohnungen gebaut haben. Die größte Zahl derselben liegt etwa 15 Kilometer von der Stadt mitten in den Bergen, und von diesem Buen Retiro genießt man eine entzückende Aussicht auf die Stadt und die ganze'nj-uvuM uaa usictjqBjgrAllerlei aus Tsinan-fu. 135 von dem breiten gelben Hoangho durchflossene Ebene, aus welcher wie ein vom Himmel gefallener Meteor eine steile Felspyramide, der Hoaschan, hervorragt. Bald wird ein glänzendes Schienenpaar, von Osten herkommend, zwischen den grünen wallenden Feldern blitzen, bald wird Tsinan durch das Dampfroß mit der Kultur des Abend landes verbunden sein, und eine neue Zeit wird für die Hauptstadt der schönen Provinz kommen, ihren Bewohnern wohl zum Segen. Sie leben übrigens gar nicht schlecht in Tsinan-fu. Die Steuern sind gering. Alles was Henry George, der bekannte Sozialistenführer Neuyorks, als das Ideal der Zukunft betrachtet, die Besteuerung von Grund und Boden und die Befreiung menschlicher Arbeit von allen Steuern, das war in China schon eingeführt, als es noch kein Amerika für die alte Welt gab, und als selbst die letztere noch gewissermaßen in Windeln lag. Die einzigen Abgaben, welche die Chinesen an die Regierung zu entrichten haben, beschränken sich auf eine geringe Grundsteuer. In Tsinan-fu wird diese Steuer dreimal jährlich erhoben. Die Stadt ist in kleine Bezirke eingeteilt, und der Konstabler jedes Bezirkes verteilt zu bestimmten Zeiten an alle Grundeigentümer kleine Zettel, auf welchen der Betrag in Cashmünzen verzeichnet steht, den jeder einzelne zu zahlen hat. Ein paar Tage später geht er von Haus zu Haus und zieht die verschiedenen Summen ein, indem er dafür den Betreffenden die schon im voraus ausgefertigte Quittung des Steuerbeamten einhändigt. Wider stand giebt's nicht. — Zeitweilig, bei Ueberschwemmungen, Aufständen oder in Kriegs zeiten legt die Zentralregierung in Peking jeder Provinz die Zahlung einer bestimmten Extrasteuer auf, und die Provinzbehörden müssen dann Zusehen, ans welche Weise sic das Geld eintreiben können. So z. B. mußte die Provinz in diesem Frühjahr 3 Millionen Taels als Beitrag zur Zahlung der Kriegsentschädigung an Japan nach Peking abliefern. Dazu muß jeder einzelne nach seinen Kräften beitragen, und der Provinzschatzmeister bestimmt die Summe, die jeder einzelne zu zahlen hat. Auch die Provinz oder die Stadt benötigt mitunter Extragelder für Dammbauten, zur Ausbesserung der Ringmauern und dergl., die ans ähnliche Weise eiugetrieben werden. Dabei fällt natürlich immer etwas für die Mandarine ab. Diese Herren scheinen aber in Tsinan-fu nicht allzu schlimm zu Werke zu gehen. Als ich nämlich auf meiner Weiterreise in das heilige Land von China wieder die Stadt verließ, sah ich unter dem Stadtthore ein halbes Dutzend Stiefelmonumente in Käsigen hängen, welche den abziehenden Mandarinen von der dankbaren Bürgerschaft errichtet worden sind. Sonst werden nur Diebe und Ver brecher an den Stadtthoreu in ähnlichen, nur viel größeren Käfigen an den Pranger gestellt. Bei den Mandarinen gilt das an-den-Pranger-stellcn ihrer Stiefel als Aus zeichnung. Les extremes se touchent. — Aber Mandarine und Diebe — sind das wirklich immer Extreme?Jft[<S wichtigster Punkt in den jüngsten Abmachungen des Deutschen Reiches mit China ist neben der Erwerbung von Kiautschou die Konzession zur Erbauung von Eisenbahnen*) durch Schantung Die deutsche Hauptbahn durch Schantung. M- *) Die Hauptbestimmungen dieser Konzession sind folgendem 1. Die chinesische Regierung genehmigt den Bau von zwei Eisenbahnlinien in Schantung. Die eine wird von Kiautschou und Tsingtau nach der Grenze der Provinz Schantung führen über Wei-Hsien, Tsingtschou, Poschan, Tsetschuan und Saiping. Die zweite Linie soll Kiautschou mit Chinchow verbinden, von wo aus eine Zweigbahn durch Laiwu-Hsien nach Tsinan gelegt werden soll. Mit der letzteren soll aber erst begonnen werden, wenn die Hauptlinie vollendet ist, um den Chinesen Gelegenheit zu geben, diese Linie aus die rentabelste Weise mit ihrem eigenen Eisenbahn netz in Verbindung zu bringen. Die Platze, welche die Strecke Tsinan-fu nach der Grenze der Provinz berühren wird, bleiben späterer Bestimmung Vorbehalten. 2. Zur Ausführung der Eisenbahnbauten soll eine deutsch-chinesische Gesellschaft mit den notigen Zweigniederlassungen gegründet werden; dieser Gesellschaft steht das Recht zu, Anleihen aufzunehmen und Direktoren zu ernennen. 3. Alle nötigen Abmachungen sollen in einer zukünftigen Konferenz von deutschen und chinesischen Delegierten getroffen werden. Die chinesische Regierung bietet alles auf, um den Delegierten der deutschen Eisenbahngesellschaft bei ihren Arbeiten auf chinesischem Gebiet jede erdenkliche Erleichterung zu verschaffen und weitgehendsten Schutz zu gewähren. Die Reingewinne aus den Eisenbahnen sollen unter den Aktionären, einerlei, welcher Nation sie angehören, pro rata gerecht verteilt werden. Zweck dieser Eisenbahnlinien ist nur die Entwickelung des Handels. Deutschland hat dabei keine verräterischen (so heißt es in dein Bericht) Absichten gegen China und denkt namentlich nicht an irgendwelche ungesetzliche Gebietserweiterung in dieser Provinz. 4. Die chinesische Regierung gesteht deutschen Unterthanen das Recht zu, Bergwerkseigentum auf der ganzen Eisenbahnlinie in einer Entfernung von 30 Li auf jeder Seite zu erwerben. Chinesisches Kapital darf sich an der Ausbeutung der Bergwerke beteiligen. Auch hierbei ist Deutschland nicht von verräterischen Absichten gegen China bestimmt, sondern bezweckt lediglich Hebung des Handels und Mehrung der gegenseitigen Beziehungen der Leiden Länder. Als weitere Konzessionen an Deutschland sind ferner in Aussicht genommen: Wenn die chinesische Regierung oder chinesische Private je zur Entwickelung Schantungs irgendwelche Pläne haben sollten, deren Ausführung fremdes Kapital erfordert, so sollen zunächst deutsche Kapitalisten darum angegangen werden. Ebenso sollen deutsche Lieferanten, wenn die Anschaffung von Maschinen oder anderer Materialien notwendig werden sollte, in erster Linie in Betracht kommen. Stur wenn deutsche Kapitalisten bezw. Lieferanten abgelehnt haben, wird man sich chincsischerseits an andere Rationen wenden dürfen.Kaiserliche Eedrnklafrl in Taingsn-stn3ibiiocfiek • BeninDie deutsche Hauptbahn durch Schantung. 137 genannt worden. Und das mit vollem Rechte; denn wie ich bereits in den vorstehenden Kapiteln ausgeführt habe, steht und fällt der neue Handelshafen bei Kiantschou mit der Eisenbahn. Ohne eine Schienenstraße, welche Kiantschou mit dem Hinterlande verbindet, kann der Handelshafen sich nie entwickeln, und auch als Flottenstation würde Kiantschou dann nur wenig Bedeutung haben; denn einer der wichtigsten Gründe seiner Wahl waren die verhältnismäßig nahen Kohlenlager von Wei-hsicn, Poschan und Jtschon. Ohne Eisenbahn aber sind diese Kohlenlager für die Flottenstation Kiantschou wertlos, weil der Kohlentransport auf Schubkarren oder Maultierrücken weit höher zu stehen kommt als die Beschaffung der Kohlen aus Japan, Nord-China, ja sogar Europa. Darüber sind sich wohl alle beteiligten Kreise einig, und es entsteht nur die Frage: Sind die Verhältnisse in Schantung für die Erbauung einer solchen Eisenbahn mit deutschem Kapital günstig? Die erforderlichen Millionen werden sich gewiß nicht so mir nichts, dir nichts für eine chinesische Eisenbahn finden lassen. Eine Menge von Einzelheiten müssen erforscht, untersucht werden, was besonders in Bezug auf die technische Ausführung viel Zeit und Arbeit erfordert. In der Zwischenzeit aber möchte das deutsche Publikum gewiß einigermaßen über die wirkliche Bedeutung der deutschen Konzession aufgeklärt werden. Der aufmerksame Leser dieses Buches wird sich darüber allerdings schon längst seine Meinung gebildet haben; aber der Gegenstand erscheint mir so wichtig, daß ich selbst auf die Gefahr von Wiederholungen hin die ganze Sache noch einmal in Kürze zusammcnfassen will. Während meiner Reise durch Schantung machte ich es mir zur Aufgabe, die verschiedenen für den Ban einer Eisenbahn ent stehenden Fragen nach Möglichkeit an Ort lind Stelle zu untersuchen. Dies war um so mehr geboten, als bisher nur einzelne Teile der Provinz Schantling von Deutschen bereist worden sind; auch sind Angehörige anderer Nationen, welche in diesem Jahr hundert, oder besser gesagt, überhaupt die ganze Provinz Schantung bereist haben, leicht an den Fingern abzuzählen, und Werke darüber, ausgenommen wertlose chinesische, giebt es überhaupt nicht. Es giebt auch keine Karten. Alle bisher veröffentlichten Karten wurden chinesischen nachgezeichnet, von manchen Reisenden in gewissen Teilen ergänzt, verbessert; aber gerade der zunächst in Frage kommende Teil Schantungs, jener zwischen Kiantschou und deil Kohlenfeldern von Wei-Hsien, ist bisher unbereist imb unerforscht geblieben. Auch sonst sind die vorhandenen Karten kaum verwendbar; sie enthalten Seen, Gebirge und Flüsse, welche ilicht vorhanden sind, Ebenen, auf welchen sich in Wirklichkeit Gebirge befinden, Flüsse, die nach Süden fließen, während ihre Richtung in Wirklichkeit eine andere ist w. Nicht einnial der Flußlauf des Hoangho ist richtig angegeben, lvic ich mich auf meiner Fahrt diesen mächtigen Strom abwärts selbst über zeugt habe. Alles endlich, was die meisten Karten an großen Straßen nlid Verkehrs wegen verzeichnet enthalten, ist größtenteils Phantasie. Es giebt einfach keine Straßen in Schantung. Es giebt nur Verkehrsrouten, welche die Maultiere und Schubkarren auf ihrer Reise von einem Ort zum andern einzuschlagen pflegen; mit Karren kann man nur auf einigen wenigen dieser Routen, und auch das nur strecken weise, verkehren.138 Die deutsche Hauptbahn durch Schantung. Unter solchen Verhältnissen ist die Arbeit nicht nur für den Eisenbahningenieur, sondern auch für den ihm vorauseilenden Reisenden eine schwierige. Augenblicklich befinden sich Ingenieure verschiedener deutscher Bankkonsortien in Schantung, um wenigstens die vorläufigen Untersuchungen bezüglich des Bahnbaues zu machen. In ganz Schantung, unter dem Volke, wie unter den Mandarinen, ist die Stimmung für einen Eisenbahnbau entschieden günstig; ja nach den Aeußerungen, die ich vielfach gehört habe, möchte das Volk nicht nlir eine einzige Bahn von Kiautschou nach der ProvinWanptstadt Tsinan-fu, sondern gleich ein ganzes Netz von Eisenbahnen haben. Ich habe es nicht unter lassen, die Mandarine jeder einzelnen Stadt darüber 311 befragen. In zwei Städten, Tsetschuan und Tungping, zweifelten die bezopften Herren an der Rentabilität einer Bahn, und in einer Stadt, Tschingtschou-fn, meinte der Mandarin, die Bahn könne für das Land nicht segensreich sein, weil durch sic vielen Tausenden von Schubkarrenlenkern ihr Erwerb entzogen würde. „Der größte Teil des Verkehrs der Provinz", so sagte der Herr, „wird jetzt auf Schubkarren vermittelt. Passagiere und Frachten werden auf solchen von Karrenziehern befördert; jeder Karrenzieher legt mit seinem Karren täglich etwa 50 Kilometer zurück und erhält einen Tagelohn von durchschnittlich einem Tiao (1000 kleine Cash oder 90 Pfennig). Wir haben vielleicht eine Million Karrcn- zieher in der Provinz. Wenn die Eisenbahnen kommen, was soll aus den Leuten werden?" Ganz wie einst bei uns. Aehnliche Fragen hatte ich auch auf meinen Reisen in Mexiko und Venezuela gelegentlich der dortigen Eisenbahnbauten gehört, ja als im letztgenannten Lande während meines dortigen Aufenthaltes die Bahn von Puerto Cabello nach Valencia gebaut wurde, suchten die Muleteros, welche bis dahin mit ihren Maultieren den ganzen Verkehr bewältigten, die Bahn zu zerstören, und es kam zu Aufständen. In Schantung sind solche Aufstände meinem Dafürhalten nach nicht zu befürchten, denn der Charakter des Volkes ist ein anderer, viel friedlicher und gutmütiger. Dazu sind sie in der Gewalt der Mandarine, die einen kaum glaubhaft großen Einfluß auf das Volk haben, und dann werden sic bald einsehen lernen, daß die Eisenbahn ihnen nicht nur den Verdienst nicht nimmt, sondern ihnen sogar Verkehr zuführt, den sie von den einzelnen Stationen ins Innere und umgekehrt von diesem nach den Stationen doch zu bewältigen haben werden. Der Chinese ist ein geborener Geschäftsmann. Die meisten, denen ich die Sache erklärte, waren nicht so besorgt wie der Mandarin von Tschingtschou-fu; meine verschiedenen Karrenführer und Schubkarren lenker, mit denen sich mein Dolmetscher unterhielt, begriffen die Sache sofort. Dazu hatte es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Provinz verbreitet, daß die Deutschen gute Zahler seien lind nicht von den: Tagelohn jedes einzelnen Arbeiters einen Teil für sich abzwicken, sondern voll in bar zahlen. Manche der Karrenführer warfen selbst die Frage ans, ob sie nicht bei dem Bahnban als Arbeiter verwendet lvcrdeil könnten. Sie würden es lieber thnn, als Karren ziehen. Die Hauptstrecke der zu erbauenden Bahnen wird jene von Tsingtall, nunmehr dem wichtigsten Hafen der Provinz, nach der Hauptstadt derselben, Tsinan-fu, sein, denn sie dlirchschneidet den wichtigsten, an Boden- lind Jndustrieprodukten reichsten Teil vonDie deutsche Hauptbahn durch Schantung. 139 Schantung, in welchem auch die volkreichsten Städte liegen. Aber es ist nicht nnr darauf allein zu rechnen. Ich halte es von fast eben so großem Wert für die Bahn und damit auch für Tsingtau, daß der Warenverkehr des größten Teils der Provinz Schansi, des Nordens von Hoiran und des Südens von Petschili wird herangezogen werden können. Man würde es kaum für möglich halten, daß heute dieser Warenverkehr größtenteils über das 550 Kilometer von Tsinan-fu entfernte Tschifu geht. Die Karte zur Hand: Tschifu liegt an der Nordküste der weit ins Gelbe Meer vorspringenden Halbinsel Schantung und ist als Verkehrshafen für diese Provinz, und noch mehr für Schansi und Honan, so ungünstig gelegen wie nur möglich. Der Hafen ist außerdem bei schlechtem Wetter gar nicht zugänglich, und sebst bei gutem Wetter müssen die Schiffe auf der Reede ankern, was ein Umladeu der Waren auf Leichter lind Dschunken erforderlich nincht. Dennoch hat sich dieses Tschifu, weil es eben der einzige Hafen von Schantung war und lioch heute der einzige Vertragshafen ist, ganz bedeutend entwickelt und besitzt einen Warenverkehr von etwa 80 Millionen Mark jährlich. Und das bei der voll ständigen Abwesenheit von Straßen! Nur streckenweise können, wie gesagt, die Waren auf Karren befördert werden, und in der Nähe Tschifus selbst ist diese Beförderung nur auf Maultierrücken oder Schubkarren möglich. Schansi und Honan, diese im Inland gelegenen Provinzen, erhalten fremde Waren großenteils über Tschifu, das etwa 1200 Kilometer von ihnen entfernt ist, mittels Schubkarren. Jede Tonne Ware kostet an Beförderung allein 60 Mark. Tsingtau ist nun dem mittleren Schantung, Honan ruid Schansi um nahezu 200 Kilometer näher gelegen, die Verkehrsroute führt über ebenes Land, und die Transportkosten von Waren stellen sich also von Tsingtau schon mittels Schubkarren um etwa 10 bis 15 Mark für die Tonne billiger. Wird Tsingtau Freihafen, die erste und vornehmste Bedingung für seine Entwickelung, so würde es den Verkehr von Tschifu auch ohne Eisenbahn an sich ziehen, kommt aber die Eisenbahn und damit eine noch weitere Verminderung der Transportkosten auf ein Viertel oder Fünftel der bisherigen, so liegt es wohl auf der Hand, daß der Warenverkehr zwischen Tsingtau und den genannten Provinzen sich noch in ganz bedeutender Weise heben wird. Tsinau-fu liegt nahe dem Hoangho, auf welchem sich bisher kein bedeutender Warenverkehr entwickeln konnte, weil an der Mündung dieses Riesenstromes der Hafen fehlt und wegen der von ihm an der Mündung abgesetzten Schlamin- und Erdmassen immer fehlen wird. Nur ein, noch dazu ganz kleiner Dampfer kommt wöchentlich einmal von Tschifu an die Mündung, um den geringen Warenverkehr zu vermitteln. Führt aber eine Bahn von Tsingtau nach Tsinan, so erhält der Frachtenverkehr des Hoangho aus Schansi und Honan in Tsinan Anschluß für Tsingtau, und dieses wird zum Hafen für die genannten Provinzen. Manche werden vielleicht einwenden, daß für West-Schantung und die westlich daran grenzenden Provinzen die natürliche Verkehrsstraße der Kaiserkanal sei, und daß die Eisenbahn niemals mit dieser Wasserstraße den Wettbewerb wird aufnehmen können. Ja, der Kaiserkanal! Um die Verhältnisse dort zu untersuchen, habe ich ihn selbst auf140 Die deutsche Hauptbahn durch Schantung. der Strecke von Tsinmg bis an seine Mündung bei Tientsin befahren wollen, nachdem ich die südliche Strecke schon von einer früheren Reise teilweise kannte. Aber auf dem ganzen mittleren Teile, für über 180 Kilometer nördlich vom Hoangho und für etwa ebensoviel südlich, hat er kein Wasser. Nicht einmal Kähne können zuweilen diese 300 Kilometer durchfahren. Erst iin Hochsommer hat er auf der ganzen Strecke Wasser, im Winter ist er wieder 2 Monate lang gefroren, tind wenn er trotz dieser äußerst ungünstigen Verhältnisse doch Millionen Tonnen Frachten befördert, so ist das ein Beweis, welche Aussichten sich dem Warenverkehr darbieten, und welcher Steigerung dieser fähig wäre, wenn nur gute Verkehrswege da wären. Die Eisenbahn wird zunächst für die Beförderung der Kohlen ait§ den großen Kohlendistrikten gebaut. Aber diese Kohlen werden nur einen Teil des Frachtenverkehrs der neuen Bahn bilden. Der Leser hat schon de» früheren Kapiteln entnommen, wie reich Schantung an Industrie- und Bodenprodukten der verschiedensten Art ist, und wenn davon nicht mehr nach dem bisherigen Ausfuhrhafen Tschifu gelangt, so liegt die Ursache in den geschilderten elenden Verkehrsverhültuissen. Sie gestatten keine Versendung größerer Mengen, auch keine auf weitere Entfernungen, und damit ist auch die Aus breitung der heimatlichen Jndustrieen sowie die Entwickelung des Bergbaues vollständig lahmgelegt. Bergbau- und Jndustriebezirke ohne Verkehrsmittel sind ebenso, als wären sie mit unübersteigbaren Mauern umgeben. Erhalten sie aber eine nach einem Seehafen führende Eisenbahn, so werden sie bald einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Auf meinen Reisen durch die Provinz begegnete ich täglich vielen Schubkarrenkarawanen mit Dutzenden von Karren, alle schwer bepackt mit Kohle, Metallwaren, Baumwolle, Seide, Papier, Bohnenknchen, Feldfrüchten, Töpferwaren, Glas. Der größte Teil dieser Lasten wird natürlich in Zukunft von der Eisenbahn übernommen werden; diese wird den Jndustriebezirken auch entferntere, bisher unerreichbare Märkte in anderen Provinzen eröffnen und den Jndustrieen bald einen Aufschwung geben, von dem sich die wenigsten, welche heute dort mühsam ihr Brot verdienen, etwas träumen lassen. Nur die bis herige Unzugänglichkeit der Kohlen-, Eisen- und Kupferlager hat diese an der Ent wickelung verhindert. Ja diese sind teilweise sogar unbekannt geblieben. Wer weiß beispielsweise etwas von den Kupferminen südlich von Wei-Hsicn, kaum 150 Kilometer von der Kiautschoubucht entfernt? Ich habe dort selbst zu Tage liegende Erzstücke auf gelesen, aus denen ich mit dem Taschenmesser das reine Kupfer kratzen konnte, und kein Mensch kümmert sich um sie. Eisenerze sind in vorzüglicher Qualität und in großen Mengen vorhanden, aber die Eisenbahn fehlt, um die erforderliche Kohle herbeizuschafsen, so daß es für die vielen Eisenarbeiter beispielsweise in Wei-Hsien wohlfeiler ist, sich europäisches Roheisen (hauptsächlich Staugeneisen) ans Schanghai kommen zu lassen. Im Kreise Poschan kam ich durch große Dörfer, deren Bevölkerung ausschließlich von der Erzeugung billiger Töpferwaren lebt; aber sie arbeiten nur für die uächstgelegenen Märkte, denn wie könnten so gebrechliche Waren durch die Gebirge nach weiteren Gegenden geschafft werden, ohne daß die Hälfte in Brüche geht? Viel wird nach Litsing am Hoangho geschafft und dort mittels Dschunken nach Pctschili und den mandschurischenDie deutsche Hauptbahn durch Schantung. 141 Häfen befördert. In Jön-tscheng bei Poschan, einer Stadt von etwa 10 000 Ein wohnern, fand ich fast in jedem zweiten Hause eine Glasbläserei; Jenschöng versieht weite Bezirke iit Schantung mit Glas, allein was könnte aus dieser Industrie alles werden, wenn die Eisenbahn Jenschöng lind Tsingtau verbindet, wie es auch thatsächlich beabsichtigt ist? Noch mehr. Schantung, obschvn eine Provinz mit größerer Küstenentwickelung als irgend eine andere Provinz des chinesischen Reiches, empfängt und verkauft weniger fremde Waren als die anderen, immer nur ans den genannten Gründen: Mangel an Häfen und Verkehrsmitteln. Ich habe mich bemüht, in den Bazars der verschiedenen Städte, auf den Märkten re. europäische Waren zu finden. Vergeblich! Mit Ausnahme englischer Baumwollstosse fand ich nur kleine amerikanische Gebrauchsartikel, Petroleum, dann schlechte japanische Streichhölzer und noch viel schlechtere japanische Cigaretten, das reine Gift. In der Nähe von Tschifu und Tsingtau werden in den Dörfern und auf den Wochenmärkten in den Städten leere Bier- und Weinflaschen, alte Petroleum kannen und leere Zinnbüchsen feilgeboten, aus Japan billige Gewebe, Handtücher und Stoffe. Schantung bietet also ein geradezu jungfräuliches Feld für die Einfuhr deutscher Waren, zumal die Aufnahmefähigkeit für dieselben hier größer ist als in anderen ärmeren Provinzen. Wie in ganz China, so wird sich auch hier wohl das Absatzgebiet nur langsam entwickeln; aber der entstehende Warenaustausch kommt in erster Linie der Eisenbahn zu gute. Schneller als der Frachtenverkehr dürfte sich der Personenverkehr entwickeln; Schantung ist eine der bevölkertsten Provinzen Chinas, mit über 30 Millionen Ein wohnern. Da es etwa die Größe Süddentschlands, einschließlich Elsaß-Lothringens, hat, so ist seine Bevölkerung beinahe dreimal so dicht wie dort. Aber in Wirklichkeit dürfte die Bevölkerungszahl eine noch größere sein. Niemand hat darin ein so richtiges Urteil als die Missionare, und alle, welche ich in den verschiedenen Städten gesprochen habe, stimmen darin überein, daß Schantung eher 40 als 30 Millionen Einwohner besitze. Eine Volkszählung nach unserer Art ist in Schantung nie veranstaltet worden, doch kann man wohl aus Vergleichen auf die Bevölkerungsdichtigkeit schließen. Auf meiner ganzen Reise durch den größten Teil der Provinz kain ich durchschnittlich nach je 1 1/2 Kilometer auf ein Dorf von etwa l OO Häusern, alle 10 Kiloineter auf eine Stadt, und zu beiden Seiten meines Weges auf viele Kilometer in der Runde sah ich überall Dörfer, die durch die hohen, sie umgebenden Banmpflanzungen leicht erkennbar sind. Reisen zu Pferd kosten täglich etwa 1% Mark für die Person, im Schubkarren etwas weniger, im Karren 2^ Mark, und die durchschnittliche Tagesstrecke betrügt 50 Kilometer. Die Transportkosten für die Person sind also 3 bis 4 Pfennig das Kilometer. Ist es nicht als selbstverständlich anzunehmen, daß, wer immer kann, die Eisenbahn benutzen wird, um Kosten und Zeit zu ersparen? Zwischen der beabsichtigten Strecke Tsiugtau- Tsinan-fu liegen eine ganze Anzahl^ größerer Städte, darunter 2 mit über 100 000 Ein wohnern ; nördlich und südlich davon, auf einem 100 Kilometer breiten Streifen, zwei mal so viele, deren Verkehr die Eisenbahn großenteils ebenfalls anfsaugen wird.142 Die deutsche Hauptbahn durch Schantuug. Der Betrieb der Bahn muß natürlich in deutschen Händen bleiben, tuid gegen die Sicherheit dieses Betriebes wie der Angestellten wird wohl von Chinesen kaum etwas unternommen werden, zumal wenn die Gerichtsbarkeit längs der Bahnstrecke zum Teil unter deutscher Kontrolle steht, was übrigens in Anbetracht der laxen chinesischen Gesetze geboten erscheint. Die Schantuitg durchziehenden Telegraphenleitungen sind beispicls- wcise niemals zerstört oder beschädigt worden; Räubereien kontmen wohl besonders in Notjahren häufig vor, doch sind es weniger größere organisierte Banden als einzelne Trupps von mehreren Mann, welche ihre Angriffe hauptsächlich nach eingctretcner Dunkelheit und auf vereinzelte Reisende unternehmen. Die Chinesen sind stark im Ueber- treiben; häufig wurde ich vor Räubern gewarnt, und die Mandarine, wohl uni ihre eigenen Köpfe mehr besorgt als um den mcinigen, drängten mir überall Begleitmann schaften von 4 bis 8 Mann auf, die ich aber regelmäßig vor den Thoren zu der Stadt wieder mit großem Dank zurücksandte, mich auf meinen Revolver verlassend. Ich habe aber niemals davon Gebrauch gemacht. Mein Kommen, das des ersten Europäers seit Jahren, war überall bekannt, und leicht hätten sich Räuber iit aller Gemütlichkeit auf mich vorbereiten können, zumal ich häufig genug nach Sonnenuntergang reiste, aber ich habe niemals einen Räuber gesehen, die Gefängnisse und Pranger in den verschiedenen Städten hatten nur wenige Insassen, und ich bin überzeugt, daß in Chicago oder Reuhork täglich mehr Verbrechen stattfinden als in gewöhnlichen Zeiten in ganz Schantung. Die Herstellungskosten einer Bahn sind in China im allgemeinen etwa ein Drittel bis zwei Fünftel wohlfeiler als in Europa. Die Ablösung der Gräber, welche bisher in Europa so sehr als Schreckensgespenst und als Hindernis für den Eisenbahnbau in China hingestellt worden ist, hat nach den bisherigen Erfahrungen keine größeren Schwierigkeiten gemacht als in anderen Ländern mitunter die Ablösung gewöhnlichen Bodens. Hat der Kaiser einmal die Konzession für den Bahnbau auf einer gewissen Strecke erteilt, so giebt es keinen grundsätzlichen Widerstand mehr. Dem Chinesen sind die Befehle des Kaisers heilig. Es wird eine von vornherein bestimmte Ablösungssumme gezahlt. Grundeigentum hat in Schantung allerdings einen höheren Wert als in anderen Provinzen, auch sind in Anbetracht der dichten Bevölkerung die Gräber dort viel zahl reicher, ja in manchen Gegenden wird gewiß ein Zwanzigstel bis ein Fünfzehntel des ganzen Bodens von diesen kegelförmigen, durchschnittlich mannshohen Erdhügeln ein genommen. Bestimmte Preise anzugeben, nach denen man sich einen beiläufigen Ueberschlag machen könnte, ist aber nicht möglich. Ebensowenig ist es möglich, über die sich darbietenden Terrainhindernisse zu sprechen, weil die Ingenieure die Route selbst noch nicht festgestellt haben. Von Kiautschou, oder vielmehr von Tsingtau nordwärts nach Wei-hsien, wo sich die nächsten Kohlenfelder befinden, breitet sich eine weite, kaum durch eine Erdwelle gestörte Ebene aus; von dort nach Tsinan-fu bieten sich zwei Routen dar: die eine, welche nördlich der Gebirge, dem Fuße derselben, also dem Süd- randc der Hoanghoebene entlang führt. Diese Route berührt große Städte und bewegt sich im großen und ganzen längs der bisherigen Werkehrsroute von Tschifcc nach Tsinan, doch bleiben die Kohlen- und Industriegebiete von Poschan dann etwa 50 KilometerDie deutsche Hauptbahn durch Schantmig. 143 südwärts von der Bahnlinie entfernt, und es müßte eine Zweiglinie von Tschang-Schan dem Laufe des Hsiauho entlang dorthin gebaut werden. Die zweite Route führt von Wci-Hsien durch die Gebirge über Poschan nach Tsinan. Wohl wird auf dieser südlichen Route die Herstellung einer Zweigbahn nach Poschan vermieden, dafür liegen an ihr keine Städte von Bedeutung, und es müssen Tunnels, Brücken rc. angelegt werden. Ein endgültiges Urteil darüber muß also der Zukunft überlassen bleiben. Die Frage der Schantungbahn wird bald an die deutschen Kapitalisten heran treten, und wenn dieser Zukunftsbahn in den vorstehenden Zeilen auf Grund meiner persönlichen Beobachtungen etwas ausführlicher gedacht wurde, so geschah es in der Meinung, daß es den Betreffenden lieb sein dürfte, Näheres über die Bahn und ihre Aussichten zu erfahren, bevor sie ihren Geldbeutel öffnen. Aber auch andere werden vielleicht gern etwas über die neuen deutschen Erwerbungen in China lesen wollen und erstellt sein, daß denselben in Bezug auf die Verkehrsmittel gewiß ein günstiges Prognostikon gestellt werden kann.interessanteste und landschaftlich schönste Teil von Schantnng ist das Bergland südlich des Hoangho, zwischen diesem und dem großen Kaiser- kanal. Von dem Pagodenberge in Tsinan-fu aus hatte ich mit Bewunderung die malerischen Höhen Ins heilige Land von China. züge betrachtet, die sich dort in der blauen Ferne hintereinander erheben, gekrönt von dem in ganz China berühmten heiligen Berge Taischan. Dort liegt auch das heilige Land von China, denn zu seine» Füßen ruht das Mekka des Reiches der Mitte, die berühmte, vielbesuchte Pilgerstadt Taingan; südlich von ihr befinden sich die Geburtsstätten und Begräbnisplätze des berühmten Religionsstifters Confucius und seiner Apostel, sowie die Gelehrtenstadt Jentschou-fn, der Sitz der eifrigsten Anhänger und Verteidiger des Con- fucius. Ist die geplante deutsche Eisenbahn von Tsinan-fu, der Hauptstadt von Schan- tung, über Taingan nach Jentschou-fu einmal gebaut, so wird dieses heilige Land bald einer der interessantesten Zielpunkte der Weltwanderer in ganz Ostasien werden, ähnlich wie es das Bergland von Ceylon, das Gangesthal in Indien und die Gegend um Nikko in Japan sind. Bisher ist dieses heilige Land von europäischen Reisenden nur äußerst selten be sucht worden, ja mau könnte sic au ben Fingern abzählen. Alle zehn Jahre etwa ver irrt sich irgend ein Engländer oder Amerikaner hierher, und Deutsche sind meines Wissens bis zu diesem Jahre überhaupt noch nicht unter den Besuchern gewesen. Kein Wunder, daß es mich stark nach Süden, in dieses Berglaud des Taischan hinzog, und kaum hatte ich, dank der Liebenswürdigkeit des Provinzgouverueurs, meine Reisekarawaue beisammen, so war ich auch schon auf dein Wege nach dem nur andert halb Tagereisen entfernten Taingan. Während der ersten 30 Li war dieser Weg ein guter, denn er führt auf ebenem Boden zwischen grünen wallenden Getreidefeldern lind Obstgärten dahin; dann aber erreichten wir das Gebirge, nnb es war eine wahre Qual für mich und meine Lenite, sowie für Pferde lind Maultiere, über das Stein-Klie SieindenkmSler im Park des Taischsnkemxrls in Taingan-fu.Inneres den Caischanirmpels in Tningan-fn.fiiDiioineV- Berlin,Ins heilige Land von China. 145 gerölle zu klettern, das dort einen Teil jener uralten und verkehrsreichen Kaiserstraße bildet, welche vom Thalc des Jangtsekiang nach Peking führt. Ich glaube nicht, daß diese Kaiserstraße hier künstlich angelegt und jenials irgendwie unterhalten worden ist. Die ersten Reisenden haben auf ihrer Fahrt nach Peking eben die Richtung dorthin über Stock und Stein cingcschlagcn, wie es ihnen am besten paßte, und alle andern Reisenden sind den Fußtapfen und Radspuren ihrer Vorgänger gefolgt. Die Provinz oder Kreisbehörden, Dorfgemeinden oder einzelne Wohlthäter haben bei besondern An lässen vielleicht hier und dort Brücken gebaut, die aber längst wieder verfallen sind, oder den Weg nach einer andern Richtung geleitet, wenn er ihnen au gewissen Stellen nicht paßte, ganz willkürlich, denn eine Wegbehörde giebt es in China nicht. Millionen von schweren eisenbeschlagencn Nädern haben im Laufe der Jahrhunderte tiefe Furchen in den Stein gerissen, Gerölle von den Bergen hat sie wieder bedeckt, Regenfluten haben tiefe Rinnen quer durch den Weg gewaschen oder ihn stellenweise ganz fortgeschwemmt, mitunter ist nur die Richtung allein erkennbar, und jeder Reisende nimmt seinen eigenen Weg. Bestimmt wird die ganze Route nur durch die Dörfer, in denen sich von alters her die Nachtherbergen und Mittagsstatiouen für die Wegfahrer befinden. Auffällig war mir hier wie überhaupt in ganz Schantung die geringe Ver wendung der Kamele als Tragtiere, die doch viel weiter nördlich in der Provinz Pet- schili lind in der Mongolei den größten Teil des Frachtenverkehrs besorgen. An ihre Stelle treten auch hier wie in ganz Schantung die Schubkarren, von denen ich an jedem Reisetage mehreren Hundert begegnete. Während sie in den Ebenen des Hoangho lind bei Kiautschou nur von einem Manne geschoben, oder vielleicht noch von einem zweiten Manne von vorn mittels eines Seiles gezogen werden, während im Kohlendistrikt von Poschan und Wci-Hsien ein Segel aufgespannt wird, um ihnen weitcrzuhclfen, sind die Stcinwege hier so schlecht, daß die menschliche Zugkraft und jene des Windes nicht ausrcichen. Vor jeden Schubkarreil ist noch eilt Maultier oder ein Esel gespannt, von dem zwei 5 bis 6 Meter lange Zugseile zur Achse des Schubkarrens laufen. Da der Schubkarrenlenker mit beiden Händen den Karren heben muß, so giebt es bei diesem sonderbaren Gespann keine Zügel. Soll das weit vor dem Karren laufende Zugtier rechts oder links abbicgcu, so werden ihni dazu Hoh oder Hü zugerufen, und gewöhnlich genügt das, auch bei Maultierkarren, die von Kutschern gelenkt werden; ver steht das Tier diese einfache Sprache nicht, so tritt der Schubkarrenlenker je nach Be darf, ohne stehen zu bleiben, auf das rechte oder linke Zugseil, und das Tier folgt dem Wink. Die Schutzlcdcr für die Augen liegen hier nicht wie bei uns parallel zum Tier kopfe, sondern stehen in einem rechten Winkel davon ab. Gewöhnlich sind es halbrunde dünne Holzscheibcn, mit bunten Zieraten bemalt. Auch die Menschen tragen in Schantung auf Reisen während des Sommers Schutzleder; nicht nur Schubkarreukulis, sondern auch Soldaten, Bauern, Kaufleute, selbst Mandarine. Nur wenige Reisende tragen irgend eine Kopfbedeckung, obschon Strohhüte überall für wenige Sapekcn gekauft werden können. An ihre Stelle treten eigentümlich geformte Schutzleder für die Augen. Wir haben in Europa für unsere gewöhnlichen Hesse-Wartcgg, Schantung und Deutsch-China. lg146 Ins heilige Land von China. Lampen eine Art Papierschirme, die aus einer Anzahl Blättern bestehen und zu sammengelegt werden können, wenn sie ilicht auf der Glaskligel sitzen. Ein solcher Schirm, zur Hälfte zusammengelegt, ist das „Schutzleder" für die Reisenden in Schan- tung. Machen sie sich auf den Weg, so halten sie den Schirnr mit dem schmälern Ende nach oben, an die Stirne, und winden dann darüber ihren langen Haarzopf mehrere Male um den Kopf. So wird der Schirm iu seiner Lage über den Augen festgehalten. Daß es übrigens in km einsamen Berglande, selbst auf der Kaiserstraße nicht ganz geheuer ist, konnte ich daraus entnehmen, daß die Maultierkarren von Reisenden der bessern Stände, zumal der Mandarine, stets von Soldateil begleitet wurden, die entweder ritten, zu Fuß des Weges kamen oder in einem offenen Wagen vorausfuhren. Der Wageil des Mandarins war gewöhnlich mit zwei roten oder gelben Fähnchen geschmückt, und wo möglich saß auch noch auf diesem Wagen ein Soldat mit irgend einer alten Flinte neben dem Kutscher. Einer Eigentümlichkeit des Mandarinskarrens möchte ich hier Erwähnung thun, da ich sie sonst in keinem Lande gefunden habe. Während die Radreifen bei den Karren gewöhnlicher Sterblicher glatte Eisenreifen sind, zeigen sich jene der Mandarine mit Eisenuägeln so dicht beschlagen, daß deren große, vielleicht zwei Centimeter vom Radreif abstehende Köpfe einander beinahe berühren. Die Radspuren bilden dann im Staube oder auf lehmigen Wegen zwei Reihen von fortlaufenden Ein drücken dieser Nägelköpfe. Schlitten werden in Schantung sehr wenig verwendet, obschon der Schnee mitunter Monate lang liegeil bleibt. Auf den meisten Landkarten tritt der von Tsinan ilach Taingan führende Weg 30 Li südlich der erstgenannten Stadt in ein enges Flußthal mit steilen Bergwänden ein. Das ist unrichtig. Zunächst ist der Fluß, Iu-fu-ho genannt, nur ein von dell sommerlichen Regengüssen ausgewaschenes, den größten Teil des Jahres über trockenes Flußbett; das Thal selbst aber ist eine vollkommen ebene Lößanschwemmung von 1 bis 2 Kilometer Breite und wird nicht von steilen Felswänden, sondern voll sauft ansteigen deil kahlen Höhen eiilgefaßt, von denen manche mit Tempeln lind Pagoden gekrönt sind. Stellenweise ist der Weg 3 bis 5 Meter tief in den Lößboden eingeschnitten lind gerade nur breit genug, um einen zweiraderigen Karren durchzulassen. Die Wände ragen senkrecht empor und bröckeln sich häusig, besonders nach Regengüssen, iil mehrere Tonnen schweren Stücken los. Als wir nach dein Passieren des Dorfes Guschan wieder in einen derartigen Einschnitt einfuhren, sah ich bei demselben eine Anzahl Fuhrleute lind Schub- karrenführer, welche einander halfen, ihre Fuhrwerke über einen solchen, gegen 3 Meter hohen Lößsturz zu führen, ivelchcr dcil ganzen Einschnitt ausfüllte. Bor dem Eingang in den letztem aber lag ein zertrümmerter Schubkarren und eine unförmliche, lehmbedeckte Masse, die ich bei ilüherer Betrachtung zu meinem Entsetzen als die Leiche eines Meilschen erkannte. Es war der Führer des Schubkarrens, der anl Morgen beim Passieren dieser Strecke von den herabstürzenden Massen erdrückt worden war. Als ich später in Tsining den deiitschen Missionaren gesprächsweise davon Mitteilung nlachte, erzählten sie mir, daß dergleichen Unfälle in den Lößgegenden gar keine Seltenheiten wären. Unbegreiflich er schien es mir unter solchen Umständen, lvie manche Familien in der Nähe der DörferIns heilige Land von China. 147 in Höhlen wohnen konnten, die sie sich selbst in derlei Lößwände gegraben haben. Nur die größte Armut konnte sie dazu veranlassen, und in der That erschienen mir auch die Dörfer, durch die mich mein Weg führte, sehr armselig, die Bewohner waren in Lumpen gehüllt, und die Bettler waren viel zahlreicher, als ich sie sonst in Schantung getroffen. Zumeist waren es Frauen und Kinder, die mitten im Wege kauerten und schon, als sie meiner aus der Ferne ansichtig wurden, unter fortwährenden Loja Loja-Rufen ihre Stirn in den Staub drückten. Nur ein Ort, gerade jener, welcher auf den Karten nicht verzeichnet ist, Tschingyangschu, zeigt größere Wohlhabenheit der Einwohner. Er besitzt mehrere an sehnliche Tempel, von denen einer, in der Mitte des Ortes, an der Hauptstraße gelegen, besondere Erwähnung verdient. Die Tempelwände sind ganz mit großen glasierten Fayenceziegeln bekleidet, welche in farbigen Hochreliefs Darstellungen der buddhistischen Hölle zeigen. Die einzelnen Sccnen sind von schrecklicher Realistik, zeigen aber große Kunst in der Ausführung der einzelnen Figuren wie in der Gruppierung des Ganzen. Ich habe sonst in Schantung eine derartige Verwendung von Fayenceziegeln nur selten gesehen. Schien mir Tschingyangschu der größte Ort auf dem Wege nach Taingan, so sind die merkwürdigsten Orte doch zwei nicht weit davon in steiniger Gegend gelegene Dörfer, welche den Pferden und Maultieren gewiß recht verhaßt sein dürften: jedes einzelne Haus iu biefen Dörfern enthält einen nach der Straße offenen Kaufladen, und die einzigen Artikel, welche in diesen Kaufläden feilgeboten werden, sind Peitschen: Peitschen, kurz und lang, in allen gebräuchlichen Formen und Arten und Farben, Peitschen nach Tausenden. Die ganze Bevölkerung der beiden Dörfchen lebt nur von Peitschenfabrikation, und jeder Kutscher, der hier durchfährt, pflegt eine Anzahl zu erwerben, um sic seinen Standesgenossen im Heimatsorte zu verkaufen. Die beiden Ortschaften sind aufeinander sehr eifersüchtig, und es ist schon zu Kämpfen zwischen beiden gekommen, bei denen sie die Güte ihrer Erzeugnisse nach Kräften erprobt haben. Wenn der kommenden deutschen Eisenbahn irgendwo nicht mit Wohlgefallen entgegengesehen wird, so ist es gewiß hier; denn das Dampfroß braucht feine Peitsche und wird dieser Industrie wohl bald das Lebens licht ausblasen. Von diesen Dörfern an führt der Weg nach Taingan großenteils durch das steinige Bett ausgetrockneter Flüsse oder über ausgedehnte Felder von Steingerölle, das von den nahen Bergen herabgewaschen worden ist. Diese Berge sind hier von kühnern Formen und höher; denn sie sind die Vorberge des mächtigen Taischan, der Wasserscheide zwischen dem Hoanghogebiete und den Zuflüssen des Kaiserkanals. Tic hohen, vollständig kahlen und geschwärzten Granitriesen drängen sich hier weit in die große Ebene vor, welche sich in südlicher Richtung ans Hunderte von Kilometern ans dehnt. Der Weg führt über das Steinmeer zu ihren Füßen in das Thal des Pan- slusses, den wir ans einer großen Steinbrücke überschritten, einer der wenigen Brücken ans offenem Lande, die wirklich noch benutzbar sind. Gewölbte Bogendrücken habe ich in Schantung hauptsächlich nur in den Städten gefunden, darunter einige von großer Schönheit und Festigkeit der Ausführung. Die Bogendrücken von Jentschon, Tsetschuan und Tsingtschou sind geradezu mustergültig. Auf dein offenen Lande sind die steinernen148 Ins heilige Land von China. Brücken, wie jene, die wir eben überschritten, unfern hölzernen Jochbrücken ähnlich ge ballt. An Stelle der Joche stehen hier massive Steinpfeiler, zumeist Monolithen, dicht nebeneinander iin Flußbett, unb darüber liegen horizontale Tragsteine von etwa 30 bis 40 Centinietcr Durchschnitt nnb 2 bis 3 Meter Länge. Sie liegen dicht aneinander und bilden die gewöhnlich 4 bis 5 Meter breite Brückenbahn. Mitunter sind diese Tragsteiile noch mit einem Pflaster von großen Granit- lind Kakksteinguadern bedeckt. Die Kürze der Monolithen, welche die Pfeiler bilden, bedingt es, das; die Brückenbahn nur wenig, höchstens 2 Meter über dem Fluß erhaben ist, unb bei hohem Wasserstandc sind die Brücken häufig ganz überschwemmt. Glücklicherweise war dies jetzt nicht der Fall; ja der Panho zeigte kein Tröpflein Wasser, so das; wir unbehindert in die herr liche, im üppigsten FrühlingSschmucke prangende Ebene von Taingan, in das heilige Land von China, hinübergelangen konnten. Drückr über den Szr-shm-flntz in Henkschou-fu.gespannt, als ich mich endlich dem Mekka von China, Taingan-fn, näherte. Nur wenigen Taingan-fu, das chinesische Mekka. eine Neugierde war in hohem Grade Reisenden war es bisher vergönnt, sic zu am w-g°. besuchen, und von Deutschen hat sie meines Wissens mit einer Ausnahme bis 1898 noch keiner betreten. Und doch ist dieses Taingan eine der ältesten Städte des Erdballs, die schon in einer Zeit bestanden hat, als es noch keine Pyramiden gab. Ihre Geschichte ist den Chinesen seit 42 Jahrhunderten bekannt. Kann man sich eine richtige Vorstellung von diesem Alter machen? 2 300 Jahre vor Christi Geburt besaßen die Chinesen schon ihre Chroniken, und sie berichten, daß damals unter der Regierungszeit des großen Kaisers Jaou dessen Vizekönig Schun die Provinz verwaltete. Schon kam im 74. Negierungs jahre des Kaisers Jaou nach Taingan. Er war so entzückt von der herrlichen Berg- gegend rings um Taingan, daß er ihrer auch gedachte, nachdem er als Nachfolger Jaous den chinesischen Kaiserthron selbst bestiegen hatte. Im 5. Jahre seiner Regierung, etwa 2254 Jahre vor Christi Geburt, kam er wieder nach Taingan, um sich hier von den Häuptlingen der Völkerstümme, welche damals Schantung bewohnten, huldigen zu lassen, ja er hielt sich mit seinem ganzen Hofe längere Zeit hier auf, um die Einwohner mit den Künsten und Wissenschaften der damaligen Epoche bekannt zu machen. Während seiner Residenz i» Taingan bestieg Kaiser Schun u. a. auch den höchsten Gipfel dieser Gegend, den nahezu 2000 Meter hohen Taischan, um dort oben dem Gott des Himmels und der Erde zu opfern und diesem den Berg zu weihen. Seit jeuer grauen Vorzeit ist der Taischan durch all die 42 Jahrhunderte der heilige Berg von China, Taingan aber das chinesische Mekka geblieben, nach welchem im Laufe der Zeit Hunderte von Millionen Chinesen gepilgert sind. Nun war ich selbst unter diese Pilger gegangen und näherte mich den Thoren von Taingan, hinter welchen150 Tamgan-fu, das chinesische Mekka. ich die gewaltigen, von zahlreichen Tempeln gekrönten Berge aufragen sah. Ein Viertel- stündchen vor der Stadt, inmitten der üppig bebauten grünen Ebene erhebt sich auf der Straße eiu uralter steinerner Ehrenbogen, und hier stieg ich vom Pferde, um das ganze Bild, das ich in meinem Leben doch nicht wieder sehen werde, in mich aufzuuehmcu. Von der Stadt selbst war nur wenig zu sehen: ähnliche feste Ringmauern, mit kuriosen Türmchen besetzt, wie bei anderen Städten; darüber hinaus ein Wald von hohen Baumgipfeln, zwischen denen hier und dort zahlreiche grüne und gelbe Tempeldächer hervorlugten. Weiter gegen Westen, nur 2 Kilometer von der Stadt, erhebt sich mitten aus der ivcitcn Ebene ein einsamer kahler Felsrücken, der von einer hohen, kirchturmartigen Pagode gekrönt wird. Sie wurde ans Befehl des Kaisers Wan-lei aus der Mingdynastie vor einigen Jahr hunderten ganz aus Eisen erbaut und dein Andenken seiner Mutter geweiht, welche diesen Fleck besonders liebgewonnen hatte. Er ließ auch bcn großen herrlichen Tempel zu Füßen dieses Felsens bauen und in demselben das Bildnis seiner Mutter aufstellen. Mit seinen brennend roten, weiß umränderten Mauern erhebt sich der Tempel ans einer künst lichen Plattform inmitten uralter Bäume, eine der wenig gut erhaltenen Bauten von Taingan. Wie die meisten Teinpel dieser hart geprüften Stadt wurde nämlich auch er während des großen Taipingkrieges von den Rebellen zerstört und erst vor etwa einem Jahrzehnt wieder neu erbaut. Der Mandarin von Taingan erhob dazu von den Stadt bewohnern eine eigene ©teuer im Betrage von 60 000 Taels (etwa 200 000 Mark). Aber innerhalb der Ringmauern müßte es in dieser uralten Stadt doch noch Baudenkmäler ans früheren Jahrtausenden geben. Besitzen doch alle anderen Städte der alten Welt, welche aus der Zeit Christi stammen, solche Denkmäler: Jerusalem, Damaskus, Konstantinopel, Athen, Rom, selbst von dem zerstörten Karthago, Utica, Balbeck sah ich noch gewaltige Ruinen stehen, und mit ähnlicher Spannung wie jene, die mich dort beseelte, ritt ich deshalb durch die Stadtthore. Allein ans diesem ersten Zuge durch die Stadt sah ich auch nichts anderes als dieselben schmutzigen Straßen, besetzt mit eben erdigen Gebäuden, dieselben ärmlichen Kaufläden, dieselben Menschen tvic in allen anderen Städten des großen chinesischen Reiches. War dies das uralte, hochberühmte Taingan-fu? Mein Vorgänger, der Reisende Williamson, hatte dort in den siebziger Jahren an einem Tage 70 000 Pilger vereinigt gefunden, und ihre Zahl soll in jedem Jahre mehrere hunderttausend erreichen. Wo waren sie? Wo fanden sie in dem ärmlichen Straßen gewirr Unterkunft? Freilich sah ich hier, besonders in den Vorstädten, zahlreiche Her bergen, die sich von den anderen Häusern nur burefj ihre großen Einfahrtsthore und die weiten dahinterliegenden Höfe anszeichnen, aber sie waren leer, und als ich durch die Straßen ritt, eilten alle Herbergsväter ans mich zu, um mich durch lautes Rufen, tiefe Verbeugungen und einladende Handbewegungen in ihre Hotels zu locken, während ein gewaltiger Volkshanfe hinter mir und meinen Reisekarren nachdrängte. Welches Ereignis für Taingan! Wie viele Jahre mochten wohl verflossen sein, seit ein Weißer in euro päischer Kleidung hierhergekommen war? Die Heranwachsende Generation hatte noch gar keinen solchen gesehen, denn die 3 Missionare, welche hier thätig sind, tragen chinesische Kleider und den langen Haarzopf, sind also von den Chinesen kaum zu unterscheiden.Tcnngan-fu, das chinesische Mekka. 151 Bei einem dieser Missionare fand ich zur großen Enttäuschung der Hotelwirte, die schon auf einen fetten Bissen gerechnet hatten, gastliche Aufnahme. Dr. Crawford, ein Baptistenmissionar, ist mit seiner Gattin bereits seit 46 Jahren in China thätig, und er erklärte mir auch, warum die christlichen Priester in China die Tracht der Eingebornen anzulegen gezwungen sind. In der ersten Zeit seiner Missionsthätigkeit betrachtete er es unter seiner Würde als amerikanischer Bürger, sich einen Haarzvpf wachsen zu lassen und Filzpantoffeln zu tragen. Ja die europäische Kleidung schien ihm auf seinen ersten Missionswanderungen entschieden von Vorteil, denn kaum wurde die Einwohnerschaft der verschiedenen Orte, in denen er predigen wollte, seiner ansichtig, so strömte sie auch schon um ihn zusammen, und er brauchte sich seine Zuhörer nicht erst herbeizutrommeln. Alle waren begierig zu erfahren, was der Mann mit dem hohen Filzhute, den engen Beinkleidern und Lederstiefeln ihnen zu sagen hatte, noch begieriger aber waren sie, seine seltsamen Kleidungsstücke zu untersuchen und zu befühlen. Mitte» in seinen Predigten wurde er von Neu gierigen unterbrochen, die direkt auf ihn zu kamen, um ihn zu fragen, ans was für Stoffen seine Kleider gemacht wären, oder in welcher Weise man die Ledcr- sticfcl an- und ausziehe. Der Gott, von dem er predigte, interessierte die guten Leute viel weniger als die Fragen, wie er denn ihre Sprache gelernt, woher er käme und bergt. Sie ließen nicht nach, jeder wollte etwas erfahren, und er konnte niemals zu einer zusammenhängenden Predigt kommen. Da kam er auf den Gedanken, jedesmal all die zu erwartenden Fragen im voraus zu beantworten, indem er seine Predigt etwa folgendermaßen cinlcitcte: „Meine Brüder, ich stamme ans Amerika; meine Hosen sind ans Wollstoff, den Ihr in Schanghai zu 2 Tiau die Elle beziehen könnt, meine Stiefel sind aus Kalblcdcr und werden gerade so über die Füße gezogen wie Eure Strümpfe. Eure Sprache habe ich in Peking gelernt, und ich komme, um Euch von dem einzigen wahren Gotte zu erzählen x.“ Das befriedigte die meisten seiner Zuhörer. Geduldig hörten sie seine Rede zu Ende, aber statt dann zerknirscht von den ewigen Wahrheiten sich zur Bekehrung zu melden, ging das Befragen in Bezug auf seine Kleider von neuem los. Da sah er ein, daß es das einfachste sei, sich ganz so zu kleiden, wie die Chinesen und die katholischen Missionare es thun, und seit 4 Jahrzehnten hat er keine andere Tracht am Leibe gehabt. Als ich noch in der Baptistenmission beim Mittagstische saß, kam ein Mandarin mit der Karte des Präfekten, um mich in Taingan willkommen zu heißen und mir zu sagen, vom Gouverneur sei der Befehl eingetroffen, mir alle Tempel, Damen und Sehenswürdigkeiten zu öffnen, und er selbst würde mir das Geleite geben. Es sei Vor Taingan-sii.152 Taingan-fu, das chinesische Mekka. gerade Markt, und in der Stadt wären viele Tausende von Pilgern ans allen Teilen des Reiches versammelt, weshalb offizielle Begleitung angezeigt wäre. Der Präfekt ließe mir auch seine Sänfte zur Verfügung stellen. Wie ich nachher von den Missionaren erfuhr, hatte ich es in der That glücklich getroffen, denn gerade im 4. Monat nach dem chinesischen Neujahr findet in Taingan alljährlich die große Messe statt, zu welcher Zeit auch die Pilgerfahrten am zahlreichsten sind. Doch haben diese Pilgerzüge, welche in früheren Jahrhunderten oft eine viertel bis eine halbe Million Menschen nach Taingan brachten, seit dem Taipingkriege erheb lich nachgelassen. Der langwierige blutige Krieg hat sie eine Zeit lang sogar ganz unterbrochen, denn bei den Tausenden Don mordenden und plündernden Rebellen auf allen Wegen fiel es natürlich niemandem ein, sich ans dem Hanse zu wagen. Taingan selbst wurde von den Rebellen während des Krieges nicht weniger als siebenmal eingenommen und geplündert. Alle Vorstädte und ein großer Teil der Stadt selbst wurden zerstört; auf meinen Spaziergängen stieß ich besonders außerhalb der Stadt auf ungeheure Ruinen. Der Raum, auf dem sich noch vor 50 Jahren große blühende Stadtviertel erhoben, wird heute von wallenden Getreidefeldern eingenommen, aus denen noch ein zelne Mauern, Säulen und gewaltige Steinquadern, mit herrlichen Skulpturen bedeckt, hervorragen; hier und dort stehen noch Paläste von Mandarinen oder große Tempel, ohne Dächer, ohne Thüren, mit Strauchwerk überwuchert, vollständig verlassen in der einsamen Gegend. Ihre Größe, die Skulpturen und Holzschnitzereien an den Wänden zeigen noch heute, daß sic zu den prächtigsten der ganzen Provinz gehört haben mochten. Desto trauriger ist der Eindruck, den sie heute machen. Es ist, als hätte eine große Erdbebenkatastrophe das Mekka von China heimgesucht, so furchtbar haben die schlitz äugigen Vandalen hier gehaust. Was für Kunstschätze, was für Mengen des herrlichsten Porzellans, von Email und Bronzearbeiten aus der Zeit der Blüte Chinas mögen hier zerstört worden sein! Wäre der mächtige Taischa», der von diesen Ruinenfeldern bis zu den Wolken aufsteigt, ein zweiter Vesuv, Taingan ein zweites Pompeji, die Ver heerung könnte in diesen Vorstädten nicht vollständiger sein. Mit ähnlicher Wut haben die Taipings auch im Innern der Stadt gehaust, und nur wenige Straßen sind ihnen entgangen. Taingan wird sich auch nie wieder von diesen Katastrophen erholen; früher als es »och keine Dampfer gab, mußten alle Mandarine und großen Herren, welche aus dem Süden und vom Jantsekiangthale nach Peking gelangen wollten, durch Taingan kommen, denn der große Weg nach Peking führt hier durch, und die Baptistenmission, in der ich wohnte, liegt, umgeben vvn einer Menge Pilgerherbergen, gerade in dieser Straße. Dieser Verkehr ist durch die Dampfer vollständig abgelenkt worden. Und was die vor dem Taipingkriege so zahlreichen Pilgerzüge betrifft, so blieben auch sie nach demselben während 2 Jahrzehnten ganz unterbrochen und beginnen erst jetzt sich wieder zu mehren. Das einzige, was die Taipings hier verschont haben, ist der große Taischan- tempel, welcher mit seinem Parke fast die ganze nördliche Hälfte der Stadt innerhalb der Ringmauern einnimmt, und dieser Tempel allein wäre die Reise nach Taingan wert.-’fil i od153 Tain Mi-su, das chinesische Mekka. Die ganze Anlage ist eine der großartigsten, welche ich jemals gesehen habe, und über- trisst sogar die meisten japanischen. Mächtige Mauern, flankiert von kuriosen mehr stöckigen Pagoden, umschließen einen Raum von ctlva 25 Morgen Ausdehnung, zu dem voik der Stadt ans eine Reihe von hintereinander gelegenen Thoren führt, ähnlich wie bei der kaiserlichen Purpurstadt in Peking. Diese Thore werden ausschließlich für kaiser liche Besucher geöffnet, kind da solche nur alle paar Jahrzehnte einmal Eintreffen, sind rings um dieselben eine Unzahl von Schaubuden, offenen Küchen, Verkaufsständen. Puppentheatern und anderem bunten Jahrmarktskram entstanden, der auch die weiten Vorhöfe zu dem Tempelparke und die dahin führenden Straßen erfüllt. Wir hatten alle Mühe, hier durchzukommen. Zu unseren Seiten umdrängteu die vielen Pilger die Theater und Jahrmarktsbuden, hielten die Räume rings um die Zauberer, Athleten, Märchenerzähler dicht besetzt, wälzten sich in dichtem Gedränge zahllose Menschen an den Verkaufsbuden vorbei, in denen allerhand Spielzeuge, Puppen, Süßigkeiten und Krimskrams fe geboten wurde. Ich konnte cs den meisten wohl ansehen, daß sie nicht ans der Umgegend stammten, sondern aus dem fernen Süden und Westen, aus Honan, Schansi, Pctschili herbeigekommen waren, um von hier aus den heiligen Berg Taischan zu besteigen. Allein diese Pilger tragen keine besonderen Abzeichen wie die japanischen, welche diese Pi' "rfahrten von den Chinesen übernommen haben und auch ihrerseits die heiligen Ber,,., den Fujihama und dcik Nantai San, besteigen. Dort tragen alle Pilger weiße Jaci weiße eng anliegende Beinkleider, große Strohhüte, eine Glocke in der einen und eine. !gcn Pilgerstab in der anderen Hand. Die chinesischen Pilger tragen dieselben dunkel men Kleider wie alle 400 Millionen Chinesen, nur gewahrte ich zuweilen Gruppen von Männern, die kleine dreieckige Seidenflaggen von bunter Farbe mit dem Namen S Dorfes, aus dem sie stammten, mit sich führten. Verwundert blickteik uns alle nach, xutb als sie sahen, daß die großen Thore zum Tempelpark sich vor uns öffneten, drängten sie sich in hclleik Haufen mit uns durch. Vergeblich war das Bemühen der 6 mit Knütteln bewaffneten Geleitsoldaten, sic znrück- zuhalten, und ehe ich noch die Mitte dieses herrlichen Parkes erreicht hatte, war derselbe von Neugierigen erfüllt. Nichts ist ansteckender als die Neugierde, sie greift zuweilen ohne irgcikd welches Ursache in einem Augenblicke um sich; je mehr Menschen von ihr befallen werden, desto mehr werben sie an, und die Menschenlawine ist fertig. Erwartungsvoll waren all diese Tausende von Augenpaaren auf mich gerichtet, llnbe- kümmert um sie ließ ich durch meine chinesischen Photographen den Apparat anfstcllen, um die Tempel und Denkmäler aufznnehmen. Als die Chinesen den glänzenden Messing- kasten, das hohe dreibeinige Gestell und das schwarze Tuch kvahrnahmen, mit welchem sich einer der Photographen umhüllte, mochten sie wohl irgend kvelche Verhexung oder sonstige böse Absichten ivittern, denn aus der Menge heraus begann es unter Geschrei und Schimpfworten Steine auf uns zu hageln. Ob beabsichtigt oder nicht, einige dcr- sclbeik trafen auf u. h. Ich wandte mich entrüstet um und machte Mielie, mit geschwungenem Stock auf die Uebelthüter losznspringcn. In demselben Augenblick wandte sich auch die Menge und zerstob furchtsam, mit geradezu lächerlicher Eile nach allen Richtungen.154 Taingan-fu, das chinesische Mekka. Wären die mir zunächst Befindlichen stehen geblieben, so hätte sich wohl auch kein anderer in der Beenge gerührt, aber gerade diese hatten das Hasenpanier ergriffen. Wie die Neugierde, ist auch die Furcht ansteckend. Die Soldaten benutzten diese plötzliche Panik und trieben nun, nach Leibeskräften schreiend, mit ihren Stöcken die Menge vor sich her, beit Ausgängen zu. Zwei Minuten, und die weiten Tempelgründe waren wie ausgestorben. Die Soldaten schlossen die Thore hinter den Flüchtigen. Nun erst konnte ich unbehindert das sich mir darbietende Bild erfassen. Innerhalb der hohen Ringmauern dehnt sich Steinmonumrnte. hier ein Park aus von der beiläufigen Größe und denk Aussehen des Jardin des Tuileries in Paris. Wie dort, ist auch hier der Boden befandet, dabei aber ganz von ungeheuren Cypresscn beschattet, von denen manche 1000 bis 2000 Jahre alt sein mögen. An Stelle der Pariser Marmor- und Bronzcstntkicik, allerhand olympische Götter darstellend, erheben sich hier ans dem kveitcn Grunde zerstreut ungeheure Denksteine, mit Inschriften bedeckt, stellenweise so dicht wie auf einem Friedhofe. Zumeist sind cs Steintafeln, Monolithen von Meterbreite und 3' bis 5 Meter Höhe, die ak,f ungeheuren Stcinschild- kröten stehen und akif der Vorderseite in chinesischen Zeichen Lobpreisungen auf den Gott des Himmels unb der Erde, des Confkicins, Kaisers Schun rc. enthalten. Die meisten Monumente sind wohlerhalten, aber manche, die aus früheren Jahrtausenden stammen, sind so verwittert, daß voik den Inschriften keine Spur mehr zu sehen ist, ja sie haben ihre Form verloren und stehen da lvie natürliche Felsblöcke.Taingan-fu, das chinesische Mekka. 155 Hier und dort erheben sich auf Steinfnndamenten auch 1 bis 2 Meter hohe Bronzevasen und Opfergefäße von herrlicher Ornamentierung xmb großem Wert. Schade, daß sie zu umfangreich waren, um von mir mitgenommen zu werden, denn daß ich davon eines oder das andere für Geld und gute Worte hätte erstehen können, schien inir außer Zweifel. Bei den Chinesen ist der religiöse Sinn sehr lan, und selbst bei den Priestern ist von Fanatismus keine Spkir vorhanden. Wie eine gewisse Sorte von Amerikanern, so kennen auch sie nur einen Gott, den Mammon. Habe ich doch, wie ich schon früher erwähnte, in Kiautschou und Tsingtau derartige Opfergefäße vom Altar weggekauft, in Peking erstand ich eine Buddhafigur im berühmten gelben Kaisertempel, und selbst die als fanatisch und christenfeindlich verschrieenen Lamamönche in der großen Lamaserei von Peking verkauften mir einen jener herrlichen Gobelins, welche in ihrem heiligsten Sanktuni rings um den Thron des Lama an den Wänden hängen. Die schönsten Bronzegefäße umstehen eine von einer Steinbalustrade umfaßte viereckige Plattform, die sich etwa 3 Meter hoch in der Mitte des Parkes erhebt und bei religiösen Zeremonien für die Verbrennungsopfer dient. Dahinter erhebt sich eine zweite noch höhere Plattform, mit behauenen Quadern eingefaßt, zu welcher eine breite Treppenflucht emporführt. Dieselbe hinaufschreitend sah ich, daß diese Plattform den Vorplatz des eigentlichen Haupttempels bildet. Dieser ist eines der größten und höchsten Gebäude, die ich in China gesehen habe. Seine dem Park zugewendete Hauptfront be sitzt eine Länge von 50 Meter, seine Breite beträgt etwa 20 Meter. Von einer Fassade in europäischem Sinn kann hier nicht gesprochen werden, denn über den 12 monumentalen Thoren, welche die ganze Front einnehmen, erhebt sich gleich das ungeheure zweistöckige Dach. Die Dächer bilden bei allen chinesischen Tempelbauten die Hauptsache. Sie springen hier mehrere Meter weit über die Tragmauern heraus und sind mit orangegelben Porzellanziegeln bekleidet. Auf bcn oberen Ecken des Daches erheben sich große Drachen ans demselben Material, und die von ihnen auslaufenden Dachkanten sind ganz mit grotesken Tierfigurcn besetzt. Die mächtigen Tragbalken der beiden Dachetagen springen über die Hauptmauern des Tempels hervor, und ihre Stirnen sind dort mit kunstvollen Holzskulpturen und bunten Malereien bedeckt. Aus der Ferne betrachtet, sehen diese Skulpturen etwa wie nebeneinandergereihte riesige Traubenbündel ans. lieber der mittleren Eingangsthüre steht zwischen dem ersten und zweiten Dache eine kaiserliche Gedenktafel mit metergroßen vergoldeten Schriftzeichen auf blauem Grunde. Rings um den ganzen Bau zieht sich eine von bemalten Holzfäulen getragene, etwa 5 Meter breite Veranda, zu der von dem Vorplatz sechs Stufen in zwei Absätzen cmpvr- führen. Die Thorflügel sind aus Holz, unten mit kunstvollen Holzskulpturen geschmückt, während in den oberen Teil durchbrochenes Lattenwerk eingesetzt ist, durch welches spärliches Licht in den fensterlosen innern Raum dringt. Der Tempel wird nur bei besonderen festlichen Anlässen geöffnet, aber ans Befehl des Gouverneurs standen mir diesmal die Pforten offen, und ich bin dem Regierer der Provinz dafür dankbar. Der Tempel enthält eine vergoldete Riesenstatue des Kaisers Schun, die ihn auf einem156 Taingan-fu, das chinesische Mekka. erhöhten massiven Thron sitzend darstellt und wohl ein Jahrtausend alt sein mag. Neben deni Kaiser sitzt eine weibliche Statue, die mir verschieden als das Bildnis der Gattin Schuns und als jenes der heiligen Mutter des Taischanberges bezeichnet wurde, ohne daß ich das Rechte herausfinden konnte. Vor den Statuen steht ein rot lackierter Opfertisch mit einigen uralten Bronzegefäßen. Das Dach wird durch massive viereckige Steinpfeiler getragen. Der größte Schatz des Tcnipels und einer der größten Kunst schätze Chinas sind die Malereien, welche die Wände ringsum bedecken und nahe an 300 Jahre alt sein mögen. Sie sind eine fortlaufende Darstellung der Besteigung des Taischan durch den ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie mit Hunderten von Figuren in Lebensgröße, der Kaiser selbst in doppelter Lebensgröße. Die Figuren, ebenso wie ihre Gruppierung, die Berglandschaften mit ihrer Perspektive rc. erinnern in der Art der Darstellung an unsere Gemälde aus der Zeit von van Eyck und Memling. Die Farben sind vorzüglich erhalten, und nirgends in China habe ich Malereien von ähnlichem Knustwert gesehen. Was aber diesen Wert noch erhöht, ist der Umstand, daß die Bilder uns den ganzen Hof des Kaisers von China mit den Trachten, Uniformen, Abzeichen, Waffen der damaligen Zeit vor Augen führen. Ich war be sonders erfreut darüber, denn sie waren mir wieder ein Beweis dafür, daß die heutigen Sitten und Trachten der Koreaner, wie ich sie vor 4 Jahren in Korea gefunden habe, ans jener Zeit dort erhalten geblieben sind. Ich habe dies in meinem Buche „Korea, Land und Leute*)" eingehend ansgeführt. Noch mehr. Auch die Trachten, Uniformen, Waffen w. der Japaner, wie sie aus japanischen Darstellungen früherer Jahrhunderte hervorgehen und zum Teil bis zur Restauration erhalten geblieben sind, dann ihre Künste und Kunstiiidustrien sind nicht japanischen, sondern hauptsächlich chinesischen Ursprungs und wurden von diesem imitativen Volk den Chinesen abgelernt. Die Wand malereien im Taischantempel, ja die ganze Anlage und Bauart desselben boten mir neue Anhaltspunkte dafür. Nur die Unkenntnis des Abendlandes in Bezug auf die frühere chinesische Kunst haben der japanischen zu der Bewunderung verholfen, welcher sie sich im Abendlande erfreut, und ist China einmal durch Eisenbahnen in ähnlicher Weise erschlossen wie Japan, dann werden die schöpferischen Leistungen der beiden Völker in das richtige Verhältnis gerückt werden, dann werden auch die Japan bewunderer in Europa einsehen, daß die schlitzäugigen Unterthanen des Mikado großenteils Nachahmer sind, die ihre frühere Kultur von den Chinesen haben, wie sie ihre gegen wärtige Europa verdanken. Auf dem Jahrmärkte und in den Kaufläden der Stadt fand ich an europäischen Produkten nichts, obschon sich hier ein vorzügliches Absatzgebiet für dieselben darbieten dürfte. Die mit jedem Jahre immer zahlreicher eintreffenden Pilger werden nicht nur selbst gute Käufer sein, sondern dadurch, daß sie aus den verschiedensten Teilen des Reiches kommen, in denen europäische Waren noch vollständig unbekannt sind, mit ihren Einkäufen auch gewissermaßen als „Musterreisende" wirken. *) „Korea" von E. v. Hesse-Wartegg. Leipzig, 1896.Taingan-fu, das chinesische Mekka. 157 An eigener Industrie besitzt Tningan nur große Strohslechtcrcien und Seiden webereien. Unter den Strohgcflechten sind hauptsächlich breitkrümpigc Strohhüte von sechseckiger Form hervorzuhebcn, die besonders viel nach Süden verkauft werden; die Seidenindustrie würde bald einen großen Aufschlvung nehmen, wenn der Druck der Mandarine nicht so sehr auf ihr lastete. Wie in den anderen Scidendistriktcn der Provinz, so verhindern auch hier die Mandarine die Ausfuhr der Seide und die ge schäftlichen Beziehungen mit ausländischen Käufern. In einzelnen Häusern sah ich auch Chinesen mit der Anfertigung von Kinderspielzengen, Kleidungsstücken und Hüten be schäftigt. Die Männer von Taingan und der Umgegend tragen hier weniger die schwarze Seidenkappe mit rotem geflochtenen Knopf, als vielmehr eine Art Filzhut von der Form, wie sie die ungarischen Bauern in der Puszta tragen. Ein merkwürdiges Produkt, das auf den Märkten von Taingan massenhaft vcr kauft wird, sind Heugabeln mit langem Stab und natürlicher Gabelung. Sic stammen hauptsächlich aus der Gegend von Mapo, 150 Kilometer südwestlich von Taingan, wo ein eigenartiger Baum, Bela genannt, künstlich dafür gezogen wird, wie etwa die Weichselbäume in Dalmatien für Pfeifenstöcke. Der Baum gabelt sich ans etwa 2 Meter Höhe ähnlich wie eine Heugabel, Hat er die erforderliche Stärke erreicht, so werden die überflüssigen Zweige abgestntzt. Dann wird der Stamm über der Wurzel abgesägt, die Rinde abgefchült, und die Heugabel ist fertig. Welches andere Land könnte sich rühmen, daß dort Heugabeln aus dem Boden wachse»? Taingan-fu war die erste Stadt von Schantung, wo ich Ortsnamen mit einem k, wie z. B. Kiautschou, Peking rc. in derselben Weise hart ausgesprochen hörte, wie cs in Schanghai und im ganzen Jangtsekiangthale gebräuchlich ist. Nördlich von Taingan, in der Provinzhauptstadt Tsinan und auf der ganzen Halbinsel Schantung bis nach Tschifu wird Kiautschou nicht mit k, sondern Tiaodschon ausgesprochen, Peking lautet Bcdsching, Kin fu, die Heimat des Confucius, Dschin-fu x. Beide Aussprachen sind also in China gebräuchlich; richtiger aber ist die weiche Aussprache, weil sie diejenige ist, deren sich die Einwohner der betreffenden Orte selbst bedienen. Uvpfpnh chinrsischrr Irsurn.Mein Aufstieg auf den heiligeir Berg. don den fünf heiligen Bergen des chinesischen Reiches ist der Taischnn, im Herzen von Schantung, der berühmteste und besuchteste, für die Chinesen etwa das, was für die Japaner der mächtige schneebedeckte Fujiyama ist. Wie dieser, so ist auch der Taischan das Ziel vieler Tausende Pilger, die in jedem Jahre ans allen Teilen des Reiches hier znsammenströmen, um den heiligen Berg zu besteigen, in den Tempeln auf seinen verschiedenen Gipfeln zu opfern und die Götter um ihre Gunst anzuflehen. Seit dem sagen- Seilirrlyxus. haften Kaiser Schun waren auch andere Kaiser und Fürsten und Tausende der höchsten Mandarine unter diesen Pilgern, ja Confueius selbst ivandelte nahezu zwei Jahrtausende später als Kaiser Schun auf diesen Pfaden, und wieder zwei Jahrtausende später pilgerte der erste Kaiser der gegenwärtigen Dynastie von China auf den Gipfel des Taischan. Bon den Fenstern meiner Wohnung in der baptistischen Mission von Tain gan fu blickte ich direkt auf den mächtigen Gipfel, der hoch über alle Berge des mittleren Schantung in die Wolken ragt, und mit dem Fernglase konnte ich sogar das monumentale Himmelsthor Nam Tie» mön wahruehiueu, das den Eingang zu der berühmten Tempelgruppe auf dem obersten Plateau des Taischan bildet, nahezu 200«) Meter über dem Meeresspiegel gelegen. In Taiugan-fu gewesen zu sein, ohne den Gipfel erstiegen zu haben, wäre etwa dasselbe, als wenn der Besucher von Luzern die Bergfahrt auf den Rigi unter lassen wollte. Wohl stehen auf dem Gipfel des Rigi meines Wissens noch keine chinesischen Götzentempel, und der Besuch des Schweizer Taischan ist dem Touristen ziemlich leicht gemacht, aber auch der lvirkliche Taischan im Herzen von Schantung istMein Ausstieg auf den heiligen Berg. 159 nicht schwer zu ersteigen. Wer weiß, ob die Fertigstellung der beabsichtigten deutschen Eisenbahn nach Taingan-fu nicht auch mit der Zeit eine Zahnradbahn auf den heiligen Berg zur Folge haben wird? Dann kann es auch zu einem Hotel „Taischan Kulm", „Taischan Staffel" und „Taischan Klösterli" kommen, und die deutschen Ansiedler in Kiautschou hätten damit einen Luftkurort zu ihrer Verfügung, wie es in ganz Asien keinen zweiten giebt. Die Sache ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn an Zuspruch würde es einer solchen Zahnradbahn gewiß nicht fehlen — pilgern doch in jedem Jahre 60 000 bis 100 000 Menschen dort hinauf zu der heiligen Mutter des Taischan, der berühmten „Lau-nai -nai", und dieser wird es gewiß ziemlich gleichgültig sein, ob die Menschen zu Fuß oder mit der Eisenbahn kommen. Wer bis zu der Eröffnung der Taischan = Zahnradbahn den heiligen Berg besteigen lvill, kann es entweder zu Fuß thun oder sich in einem Tragstnhl hinauf tragen lassen. Die Entfernung des Gipfels von der Stadt Taingan-fu zu Füßen des Berges beträgt etwa 20 Kilometer, und der Weg hinauf ist der beste, den ich auf meinen Reisen in China überhaupt gefunden habe. Breit und wohlbesandet, wandelt man auf ihm wie im Berliner Tiergarten, und dort wo die Steigung anfängt, wird er aus eben so breiten steinernen Stufen gebildet, die bis zum Gipfel führen. Es sind ihrer aller dings nicht weniger als 6000, und sie bilden wohl die längste und höchste Treppen flucht der ganzen Welt. Die Stufen sind nicht etwa in die Felsen eingeh'auen, sondern aus großen gehauenen Granitguadern gebildet und so wohl gefügt, in einem so vor züglichen Zustand, wie die Treppen des Kapitols in Rom. Und es sind ihrer, wie gesagt, 6000! Man denke sich doch eine solche Steintreppe, die etwa von Vitznau auf Rigi Kulm empvrführt! Alle Achtung vor diesem imposanten Werke der Chinesen. Wenn sie nur ihren gewöhnlichen Verkehrswegen ein Viertel von der Sorgfalt widmen würden, die sie bei der Engelsleiter auf den Taischan gezeigt haben! Ich bin ein vortrefflicher Bergsteiger überall, wo es sein muß. Kann ich aber den Gipfel auf bequemere Art als auf meinen zwei Beinen erreichen, so ist es mir doch lieber. Ich sandte deshalb meinen Boy aus, um zwei Tragstühle zu mieten, einen für mich und einen für meinen Photographen, denn der Taischan ist noch nie mals photographiert worden, niemals hat die heilige Mutter Lau nai nai aus dem Berge droben einen Photographenapparat überhaupt nur gesehen, und selbst die Europäer, welche bisher der hohen Dame ihren Besuch abgestattet haben, dürften sich auf höchstens ein halbes Dutzend beschränken. Mein letzter Vorgänger war, wie ich hörte, der eng lische Konsul Markham in Tschifu, der im Jahre 1869, also vor 30 Jahren, den Taischan bestiegen hat. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch standen die beiden Tragstühle für mich bereit, jeder von zwei ziemlich schwächlich aussehenden Kulis bedient, dazu zwei Träger für Apparat und Platten, und endlich Begleitsoldaten, welche der Mandarin von Taingan mir zur Verfügung stellte, ohne daß ich sie verlangt hatte. Dr. Crawford, mein liebens würdiger Wirt, mochte mir wohl die Zweifel ansehcn, die ich in Bezug auf die Leistungs fähigkeit der Stahlträger hegte, denn er bemerkte lächelnd, daß dieselben täglich, zuweilen160 Mein Aufstieg auf den heiligen Berg. mit viel schwereren Lasten, den Taischan bestiegen und daran so gewöhnt seien, daß ich mich ihnen vollständig anvertrancn könne. So ließ ich mich denn in dem recht unbequemen Tragstuhl auf ihre Schultern heben, und fort ging's, durch das nördliche Stadtthor hinaus in das lvüste Ruinenfeld, das sich zwischen der Stadtmauer und dem Eingang zum Taischanwcg ausbreitet. Jenseits dieser Steinwüste erhebt sich ein uraltes steinernes Paifvng ch. h. Ehrenpforte) quer über den Weg, das Eingangsthor zum Taischan. Hunderte von Pilgern drMgen sich hier zusammen, alle auf dem Wege zum Taischan; Männer der verschiedensten Alter und Stellungen, Greise, Knaben, hohe Mandarine, ebenso ivie ärmliche Kulis, dann auch zahlreiche Frauen, alle in bunter Festtagskleidung, denn die heilige Mutter Lau-nai-nai auf dem Berge oben ist ein göttliches „Mädchen für alles", und um so viel Menschen wie nur möglich anzulockeu, haben die Priester und Mönche des Taischan ihr einen besonders günstigen Einfluß zur Hebung der Unfruchtbarkeit zu geschrieben. Den Chinesen gilt nun reicher Kindersegen als das non plus ultra, der irdischen Glückseligkeit. Eine Frau ohne Kinder lvird in China mißachtet, ihr Gatte wählt sich eine zweite Frau, und um dies zu vermeiden, unter nehmen viele Frauen die ungemein mühsame und entbehrungsvolle Reise zum Taischan. Sehr viele sollen damit auch vorzügliche Resultate erzielen, zumal die Mönche die Gebete der armen Frauen kräftigst unterstützen. Obschon die meisten Frauen in Trag stühlen saßen, sah ich doch sehr viele zu Fuß hinaufwandcrn, und ich war davon nicht wenig überrascht, denn alle hatten verkrüppelte Füße und humpelten in den winzigen Seidenschuhen mühsam einher, höchstens auf einen Stab oder auf den Arm eines Mannes gestützt. Es erschien mir kaum glaub lich, daß diese armen Wesen die Besteigung des Berges auf einem an 20 Kilometer langen Wege zu Fuß ausführen konnten, doch überzeugte ich mich während meines eigenen Aufstieges davon. Hunderte von Frauen kamen mir, die Treppen langsam und mühselig herabsteigend, entgegen, andere wurden bei ihrem Aufstiege von meiner Kara wane überholt. Tie ersten Kilometer geht der Weg ziemlich eben vorwärts, zu beiden Seiten eingefaßt von halb zerfallenen Mauern, und wir wären wohl rasch vorwärts gekommen, wenn die zahlreichen Bettler nicht gelvesen wären, die mitten auf dem Wege saßen und über die wir hinwegsteigen mußten. Nirgends, selbst nicht in Lonrdes, Bourgos und Santiago de Compostella habe ich so viele und so zudringliche Bettler gesehen wie hier. Elend, mit zerzaustem Haar, in stinkende Lumpen gehüllt, gebürdeten sie Schanlung-Damenfchuh.Partie des Wege« aus Le» Taischau.Partie am Südabhang brs Taischan.4 ?''' wiss ^ P.ibJiotneV • ^ ^Mein Aufstieg auf den heiligen Berg. : 61 sich so laut und frech, als wäre der Taischan ihr Eigentum, für dessen Besuch die Pilger ihrer: Obolus entrichten müssen. Säßen sie zu beiden Seiten des Weges, so würden sie nur wenig ergattern; auch wenn sie in der Mitte auf dein Boden kauerten, würde man auf denr breiten Wege an ihnen vorbeikonnnen können. Um das zu ver hindern, haben sic eine sehr sinnreiche Einrichtung getroffen, die ich allen Bettlern in Europa eindringlich zur NachWmung cnipfehlen möchte. Jeder, der sich ein Plätzchen mitten im Wege ausgesucht, macht sich zunächst daran, aus zusammengeträgenen Steinen eine meterhohe Barrikade quer über den Weg aufzubaucn und mtv in der Mitte einen kaum mcterbrciten Durchgang freiznlassen. In diesen: Durchgang nimmt er auf dem Boden Platz. Jeder des Weges kommende Pilger muß, will er nicht die Barrikade überklettern, über den Bettler hinwegsteigen, und viele sehen sich dabei veranlaßt, ihm für die Bewilligung des Durchgangs ein paar Sapekei: zuzuwerfcn. Derlei Barrikaden giebt es ans dem Taischanwege viele, und die Chinesen lassen sich das ruhig gefallen. Was sind diese Zopfträger doch für ein gutmütiges Volk! Ich vermutete, daß viel leicht irgend eine Bcanrtencrpressnng dnhinterstecke und daß die Bcttlergenosfenschaft des Taischan für diese systematische Ausbeutung der Pilger, diese Goldgrube, eine Abgabe zu entrichten hätte, aber das ist nicht der Fall. Entgegen den Bcttlerzünften in Peking, Canton rc. bilden die Bettler des Taischan gar keine geschlossene Gesellschaft, sondern jeder kann kommen und betteln, wie es ihm beliebt. Es herrscht vollständige Gewerbcfreiheit, von der sic auch in nachdrücklichster Weise Gebrauch machen. Dort, wo der eigentliche Aufstieg allmählich beginnt, liegen eine Menge von Klöstern, Tempeln, Heiligenschreinen zwischen langen Häuserreihen verstreut, welche den Weg zu beiden Seiten einschließen, aber merkwürdigerweise fehlen hier die Verkaufs buden, offenen Garküchen, Händler mit Lebensmitteln, Süßigkeiten, Früchten, Getränken und allerlei Erinnerungen un den Taischan, wie Pilgerstäbe, Pilgerhüte, Figürchen, Fächerchen, die sonst in allen Wallfahrtsorten der christlichen, »whammedanischen und buddhistischen Welt in übergroßer Zahl angctroffcn werden. Vor dem großen Taischan tempcl in Taingan-fn breitet sich ja ein ganzer Jahrmarkt von dergleichen Dingen ans, cs ist also nicht Mangel a>: Unternehmungsgeist. Wie ich nachher erfuhr, ist der Handel auf dem ganzen Gebiet des heiligen Berges verboten. Man könnte sich in: Abendlande auch daran ein Beispiel nehmen. Dafür werden die Pilger auf andere Weise ansgebeutet. Vor jeden: Tempel und Hciligenschrcin stehen Mönche, um die Vorbeischreitenden einzutaden, ihre Andckcht zu verrichten. Alle mögliche» Götter haben hier einen Tempel, allen Bedürfnissen der Pilger in diesen: irdischen Jammer thal ist Rechnung getragen, alle Schmerzen können für ein paar Sapcken getilgt werden. Während ich, den Pragstuhl verlassend, langsan: die bequemen Stufen auswärts schritt, sah ich vor jedem Götzen Pilger bei der Andacht, und ich war überrascht von der Frömmigkeit, die sie dabei an den Tag legten, denn bisher hatte ich die Chinesen keineswegs von dieser Seite kennen gelernt. Vor jedem Götzen, ob er sich in einem großen Tempel oder nur in einen: Schrein am Wege befand, stai:d auf einem meter hohen Gestell eine Bronzetrommcl, und neben ihr lag eine Strohmatte auf dem Boden. Hcssc-Wartcgg. Schanlung und Deutsch-China. 11162 Mein Aufstieg auf den heiligen Berg. Die Pilger näherten sich unter fortwährenden tiefen Verbeugungen, warfen einige Sa- peken atif die Strohmatte und fielen schließlich auf die Knie, um mit der Stirne mehr mals deit Boden zu berühren. Sobald die Mönche die Geldmünzen auf die Matte fallen sahen, näherte sich einer von ihnen und schlug mit einem Holzstück mehrmals auf die Bronzetrommcl, dieser einige tiefe, lange nachklingende Töne entlockend, be stimmt, den schlafenden Götzen 311 Wecken und zum Anhören der Gebete des Andächtigen zu bewegen. Dieser brachte nun mit gefalteten Händen sein Anliegen vor, warf sich abermals zu Boden und setzte dann erleichtert seinen Weg fort. Die besten Geschäfte schien ein Tempel mit der vertrockneten Leiche eines vor mehr als 100 Jahren ver storbenen Abtes zu machen, der im Ruf großer Heiligkeit stand und die Erhaltung seines Kadavers ähnlichen Umstünden verdankt wie etwa die toten Kapuziner im Kon vent zu Palermo oder die Priesterleichen im Dom zu Bremen. Der alte Herr sitzt in einer Gruft mit verschränkten Beinen, als wäre er, wie Buddha selbst, nur in den glücklichen Traum des Nirwana versunken. Nahe diescin Tempel kam ich zu einem Kloster, vor welchem eine Anzahl Priester mit weibischen Gesichtszügen umherlungerten und mich ein luden, ihren mit Dutzenden grotesker Götzen geschmückten Tempel in Augenschein zu nehmen. Ihre Stimmen klangen ivie jene von Eunuchen, und als ich meinen Dolmetscher darüber befragte, teilte er mir mit zwei deutigem Augenzwinkern mit, die vermeintlichen Mönche wären — Nonnen. Nun betrachtete ich sie näher. Sie waren ganz wie Mönche gekleidet, ihr Kopfhaar war abrasiert, daß die Schädel wie Billardkugeln glänzten, in ihren Gesichtern aber spiegelte sich so große Sinn lichkeit, daß ich das Augenzwinkern meines Führers nun verstand. In der That erfreuen sich die Nonnen des Taischan keines besonderen Rufes. Ich tvollte sie photographieren, aber sie verlangten dafür eine Entschädigung von einem Tael (3 Mark) für die Person, worauf ich die Sache aufgab. Dagegen zahlte ich gerne ein paar hundert Sapeken, um ihre Zellen in Augenschein nehmen zu können. Sie sind um mehrere kleine, mit Blumenstöcken und Bronzevasen geschmückte Höfe verteilt uub ent halten nur ein breites Bett, ein Tischchen und zwei Schemel. Die Einkünfte dieses Nonnenklosters oder vielmehr seiner Insassen sollen sehr bedeutend sein. Am oberen Ende dieser merkwürdigen Tempel- und Klosterstadt erhebt sich über dem Weg eine steinerne Pforte, deren Inschrift besagt, daß Confucius gelegentlich seines Besuches vor 24 Jahrhunderten bis hierher gekommen sei. Schade, denn jenseits der Pforte breitet sich ein herrliches Felsenthal aus, durchrauscht von einem wasserreichen Gebirgsbach, der über zahlreiche Felstrümmer und Absätze von der Höhe des Taischan herabstürzt, um dem fernen Ta-wön-ho zuzueilen. In diesem entzückenden Thale führtMein Aufstieg aus den heiligen Berg. 163 der Treppenweg bald auf dem rechten, bald auf dem linken User des ücf eingeschnittenen Wasserlanfes bis an die oberste, fast senkrecht aufsteigende Felswand, ans welcher die Tempel der heiligen Mutter stehen. Nirgends in China habe ich eine so entzückende Gebirgslandschaft gesehen, nirgends eine, die mich so lebhaft an die Alpenthäler der Schweiz erinnerte lvic diese. Pittoreske Felsengrnppen wechseln ab mit blumenreichen Halden und grünen Matten, auf denen kleine Viehherden weideten; manche Häilge sind vom Gipfel bis zum Fuße mit uralten Cedern bestanden; der Weg führt häufig durch derartige schattige Cedernhaine, in denen Gruppen von Pilgern lagerten, um ihren Morgenimbiß zu verzehren und Thee zu schlürfen. Zwischen den Felsgruppen sprudelten und rauschten zahlreiche Bergbüche zu Thale; ich fühlte nach lvic etwa auf dem Wege von Rigi Klvsterli zum Kulm, oder von Lauterbrunnen hinauf zur Wengernalp. Ich dachte nicht daran, mich im Tragsessel befördern zu lassen, sondern sprang, die breite Treppe mit ihren Pilgerscharen vermeidend, durch den Wald aufwärts. Wo immer eine Felswand Raum darbietet, ist sie auch mit großen, tief in den Granit gehauenen chinesischen Schriftzeichen bedeckt, welche besagen, daß irgend ein Kaiser oder Provinz- gouverncnr oder sonst ein hoher Herr in diesem oder jenem Jahre beit Aufstieg unter nommen hat. Manche Inschriften sind Jahrtausende alt. Sonst aber wird keine Fels- wand von Schokolade- oder Hotclanzeigen verunstaltet, alles ist noch reine Natur. Die Chinesen haben für diese viel größere Achtung als manche Hotelbesitzer und industrielle Unternehmer im Abendlande. In einer Höhe von 1000 Metern erhebt sich auf einem Felsenvorsprung eine Steinpforte mit der Inschrift d. h. „mittleres Himmelsthor", und hier befindet sich das einzige Theehaus auf dem ganzen heiligen Berge, die Raststelle für die armen, schweißtriefenden Stuhlträger. Obschon ihr Handwerk äußerst beschwerlich ist, verlieren sie dabei den guten Mut nicht. Ein Unternehmer hat den ganzen Tragstuhlbetricb von den MandariMn Taingans gepachtet und vermietet die Stühle an die Träger für 100 große Cash per Aufstieg. Die Träger, 300 an der Zahl, bilden ihrerseits wieder eine Vereinigung und verlangen für das Tragen einer Person auf den Gipfel des Taischan und wieder herunter 600 große Cash, d. h. also 300 Cash pro Mann. Nach unserm Gelde ist das etwas über 60 Pfennig. Für 6 Groschen tragen diese merkwürdigen Menschen also eine Person von 70 Kilogramm Gewicht und dazu den Tragstuhl zweimal 20 Kilometer, also 10 Kilometer, auf 2000 Meter Höhe und steigen dabei 6000 Stufen hinauf und wieder herab. Das thun sic täglich jahraus und jahrein, denn die Pilgerfahrten dauern das ganze Jahr über, auch im Winter, ja zur Zeit des Neujahrsfestes sind sie am zahlreichsten. Von dem kleinen Hciligenschrein aus, der auf einem freistehenden Felsenvorsprung nahe dem mittleren Himmelsthorc steht, sah ich erst, daß wir nunmehr wieder einige164 Mein Aufstieg auf den heiligen Berg. hundert Meter hcrabsteigen mußten, um ein zweites Thal zu überschreiten. Je» seits desselben beginnt der eigentliche, recht steile Aufstieg von etwa 1200 Metern, der auf der Steintreppe zurückgclegt werdeir muß, denn zu beiden Seiten dieser Niesen treppe, die sich in einer engen Schlucht im Zickzack aufwärts windet, erheben sich senk rechte Granitwände. Hoch über diese ragt das Gipfelplateau des Taischan hinweg, das mir von meinem Standpunkt aus noch weiter erschien als von der heiligen Stadt Taingan, die ich tief unter mir wie ein vom Himmel gefallenes Schachbrett daliegen sah. So regelmäßig ist das Quadrat ihrer gewaltigen Umfassungsmauern und die Einteilung ihrer Straßen. Der Aufstieg auf der steilen Treppe wollte mir nicht recht behagen, denn trotz der langen Uebnng meiner Träger waren diese infolge des aus nehmend heißen sonnigen Tages sehr ermüdet, ich konnte auf sie nicht rechnen, und es ist gewiß keine Kleinigkeit, etwa 4000 Stufen hinauf- und wieder herabznsteigcn. Jede Bergpartie auf noch so stellen Felsen pt mir lieber als dieses einförmige Treppensteigen. Rechnet man ein gewöhnliches Stockwerk unserer Wohnhäuser auf 20 Treppenstufen, so hatte ich noch 200 Stockwerke emporzuklimmen! Unwillkürlich mußte ich an den zweieinhalbmal so hohen Fnjiyama in Japan znrückdenken, den ich vor 4 Jahren bestiegen hatte und den ich trotz seiner Halden von Schutt und vulkanischer Asche doch lieber noch einmal erstiegen hätte, anstatt den Taischan ans der geradezu unendlich scheinenden Himmelsleiter zu erklimmen. Confncius war doch recht gescheit gewesen, daß er sich den heiligen Berg nur von unten angesehen hat. Indessen vorwärts, vor wärts! Die schönen Wälder, die rauschenden Bäche lagen nunmehr unter uns, und wir marschierten in der heißen Mittagssonne 3 Stunden lang tveiter im ewigen Einerlei, wie auf einer Tretmühle die Stufen hinan, die wegen der Steilheit des Berges nur sehr schmal sind. Meine Begleitsoldaten, die wohl längst den europäischen Besucher in die Buddhistenhölle gewünscht haben mochten, waren einer nach dem andern zurück geblieben, und meine Tragkulis schwitzten derart, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihnen noch meine eigenen 70 Kilo aufzubürden. Endlich war die letzte Treppenflncht erreicht, die steilste aller bisherigen und wohl die längste auf Erden. An 1000 Stufen führen schnurgerade zwischen zwei senk rechten Granitmauern aufwärts, und oben winkt das östliche Hinnnclsthor mit seinem gelben Porzcllandach den Pilgern. Ich war selbst von der Hitze und Müdigkeit über mannt, allein die letztere schwand sofort, als ich aufwärts blickend, ans der unendlichen Stufenreihe alte Frauen cmporklcttern sah, allerdings auf Händen und Füßen, aber es waren doch Frauen! Ein Mütterchen von etwa 60 Jahren schien mir derart ermattet, daß ich ihr meinen Tragstuhl zur Verfügung stellte. Eine halbe Stunde später hatte ich das Himmelsthor erreicht und durch dasselbe tretend, befand ich mich auf einem Plateau von etwa einer Wegstunde Umfang, ans welchem sich vier kleinere Gipfel erheben, jeder von einem großen Tempel gekrönt. Auch sonst zeigen sich auf jedem verwendbaren Plätzchen dieses mit großen Felstrümmern Lesäeten unebenen Plateaus Tempel, Klöster, Denkmäler, die einen in malerischen Ruinen, die andern wohlerhalten. Der Weg führt an dem Südrand des Plateaus, hart an der fast senkrecht abfallendenMein Ausstieg aus den heiligen Berg. 163 Felswand weiter, an einzelnen Steinhütten vorbei zn einem 50 Meter hohen Felsen, auf welchem sich der größte und besuchteste Taischantempel, der Lanmo-Miao erhebt, umgeben von einer hohen, fcstungsartigcn Mauer. Gerne hätte ich vorher irgendwo gerastet, allein es giebt hier oben kein Theehans, keine Verkaufsstände von Lebens mitteln oder Andenken an den Taisthan, und so zogen wir denn weiter, die Treppen hinauf zum Lanmo-Miao, dessen Name in ganz China bekannt ist, der sich aber kcincs- wegs durch besonders imposante Bauten auszeichnet. Durch das gewaltige whor tretend, befand ich mich in einem von 4 Tempeln umschlossenen, mit großen Quadern, bepflasterten Hofe, in dessen Mitte sich ein kleiner zierlicher Pavillon erhebt. Das doppelte, geschwungen« Dach über dem Eingänge ist mit halbrunden Ziegeln aus Guß eisen bekleidet und schützt eine Veranda, die sich um den ganzen Pavillon hcrumzieht. Vor dem Eingänge steht ein großes bronzenes Opfergefäß und eine Metalltrommcl zum Wecken der heiligen Mutter.-, die in kostbare Gc- tvünder gehüllt, im Innern des Pavillons ans einem Altar thront. Diese heilige Mutter, der Segen aller unfruchtbare» Frauen, soll einst in Gestalt eines jungen, blühend schönen Mädchens den Taischan bestiegen haben und von seiner Spitze zum Himmel aufgefahren sein. Sic wird von allen Chinesen hoch verehrt, und sogar Kaiser sind zu ihr hcraufgepilgert, wie aus den beiden Prächtigen Bronzetafeln hcrvorgcht, die zu den beiden Seiten des Pavillons stehen. Diese 5 Meter hohen, 10 Centimetcr dicken massiven Tafeln stehen aus einem mit kunstvollen Hautrclicfs geschmückten Picdestal und besagen, daß Kaiser Kienlung sie zu Ehren der Lau nai nai errichtet hat. Ein Mönch führte mich zn dem hinter dem Pavillon gelegenen Haupttcmpel, der nur einmal im Jahre, am 18. des vierten Monats, von dcmProvinz- gouvcrncnr oder von einem Abgesandten desselben ge öffnet werden darf. Warum, konnte ich sehen, als der Mönch für ein paar Silber linge, die ich ihm gab, einen großen Thürladcn hinter dem Eisengitter des Tempels aufsticß. Im Innern thront ein Riescnstandbild der heiligen Mutter in goldstrotzcnden Gewändern, um den Kopf einen langen Schleier geworfen, von welchem eine teller große goldene Cashmünze hcrabhängt, das Gesicht vollständig verbergend. Der Mönch erklärte, diese durchlochte Riescnmüuze sei das Zeichen, daß die heilige Mutter alles sehe und höre, allein nach dem Zustand des Fußbodens im Tempel zu schließen, dient die Münze eher als Aufforderung für die Pilger, der Göttin möglichst viel Geld zu opfern. Der Fußboden des Tempels Ivar nämlich mindestens kniehoch mit Millionen von Münzen bedeckt, welche die frommen Pilger durch eine Ocffnuug in der Tempel- wand hcreinwarfcn — Millionen von gewöhnlichen Cashmünzen im Werte von je ein166 Mein Aufstieg auf den heiligen Berg. fünftel Pfennig, aber auch Massen von Silberbarren in den verschiedensten Größen bis zum Werte von 100 Mark. Dazwischen lagen Schmucksachen, Bänder, rote Papierchc» mit Gebeten bedeckt und eine große Zahl getragener Frauenschuhe. Der Gesamtwert dieser Masse von Opfergaben mochte immerhin 100 000 bis 200 000 Mark betragen. Wie ich nachher erfuhr, erhält den Hauptanteil an dicsein Schatze Ihre Majestät die Die schlafende Mukker. Kaiserin-Mutter von China : einen andern Teil erhält der Provinzgouverneur, der Rest gehört dem Tempelschatz. Nächst dem Laumo-Miav ist der wichtigste und besuchteste Tencpel jener, welcher den Juwang-Schangti genannten höchsten Gipfel des Taischan krönt : damit aber die auf den andern Gipfeln und Abhängen stehenden Tempel und Klöster nicht unbesucht bleiben und ihren Mönchen der Obolus der Pilger nicht entgeht, haben sie alle direkten Zugänge zu dem Gipfeltempel verbarrikadiert und den Weg in sehr sinnreicher WeiseMein Aufstieg auf den heiligen Berg. 167 so angelegt, das; jeder Pilger zuerst die meisten anderen Tempel durchschreiten muß, bis er den Hung-Mucn oder Scharlachtempel ans der Spitze erreicht. Sie enthalten aber nichts Bemerkenswertes, ausgenommen zahlreiche Denktafeln aus allen Jahr hunderten seit Consucius; eine Inschrift von etwa 100 Quadratmeter Größe ist in eine senkrechte Felsmauer cingegraben. Bevor wir den Gipfeltempel erreichten, mußten wir durch eine erst vor wenigen Jahren von dem Vizegonverneur von Schantung aus eigenen Mitteln erbaute Tempelanlagc gehen, welche in einem sehr hübsch ornamen tierten Gebäude die schlafende heilige Mutter enthält. Der Priester öffnete mir einen neben der Haupthalle gelegenen Raum, der als ein elegantes Schlafzimmer eingerichtet ist, ganz als lvürde dasselbe von einer vornehmen Chinesin benutzt werden. An einer Wand stehen zwei lebensgroße bemalte und bekleidete Holzstatuen von jungen Frauen, welche eine Damencoiffure und ein paar Damcnschühchen in ihren erhobenen Händen halten, wahrscheinlich die Kammerzofen der heiligen Mutter. Diese selbst, als hübsche lebensgroße Müdchenpuppe dargestellt, liegt mit geschlossenen Augen in einem großen Himmelbett, bis an das Rüschen mit einer schöngestickten Seidendecke zngedeckt. Der mich führende Mönch deutete mir durch Zeichen an, nicht laut zu sprechen, um den Schlummer des Fräuleins nicht zu stören. Endlich war der höchste Tempel, ein massives im Viereck angelegtes Gebäude, erreicht, lieber dem rot bemalten steinernen Thor steht in goldenen Lettern die Inschrift: In wong ting, d. h. der höchste Gott. In den Hofraum tretend, gewahrte ich auf dem Steinpflaster in der Mitte einen meterhohen nackten Felsen emporragen, von einer Holz- balnstrade umgeben, wie der berühmte Mohammedfelsen in der Omarmoschee von Jeru salem. Dieser Felsen ist der höchste Gipfel des Taischan, und der führende Mönch hatte nichts dagegen, daß ich nach über die Barrikade schwang und auf den Felsen stellte, die Stelle, von welcher die heilige Mutter, von der auch eine Statue den dahinterliegcnden Tempel schmückt, sich zum Himmel emporschwang.' Die Aussicht ist hier durch die »inliegenden Tempel verbaut, lim sie zu genießen, mußte ich noch ein Stündchen auf dem Felsgrat weiter wandern, zwischen einer Anzahl steinerner Gedenktafeln, die seit undenklichen Zeiten hier Wind und Wetter trotzen. Diese Aussicht zu schildern müßte ich die Geographie von Schantung niederschreiben, denn von hier ans sah ich in leichten Dunst gehüllt den größten Teil der Provinz, vom Kaiserkanal und dem breiten gvldenen Bande des Hoangho bis zu den fernen Bergen von Jtschou-fu: die ganze weite Ebene von Wci-Hsien, begrenzt von dem mächtigen Lauscha», jenem steilen Gebirgszuge, der den deutschen Besitz bei Kiantschou nach Osten begrenzt und den ich selbst einige Wochen vorher mit der ersten deutschen Expedition bestiegen hatte. Noch beschwerlicher als der Aufstieg auf den Taischan war der Abstieg, 6000 Stufen und 20 Kilometer Marsch! Aber ich kam doch noch rechtzeitig zum Abendbrot in das Hans meines baptistischcn Gastfreundes nach Taingan-fn zurück.Zum Grabe des Confurius. —— itf dem Gipfel des Taischan hatte der Abt des Tempels der heiligen Mütter mir das breite, gelbe Band des Ta-wvn-ho-flusses gezeigt, hinter welchem sich aus der weiten Ebene der langgestreckte Bergrücken des Schi mon- scha» erhebt. Jenseits dieses Rückens breitet sich das Thal des Sü-Hv flnsscs aus, und in diesem liegen die Städte Kiu-fn und Tsu-Hsien, die Geburtsstädte von Confucius und Mcncius. Sic bildeten mein nächstes Reiseziel. Roch müde von der Besteigung des Laischan, ritt ich an dem darausfolgenden Morgen ans dem Südthorc von Taingan fn, nur zunächst Ningyang, ein Städtchen auf dem Wege nach der großen Gelehrtenstadt Ientschon-fn, zu erreichen. Die ganze Entfernung von Taingan nach Kin-fu beträgt 90 Kilometer. Es giebt wohl einen näheren Weg nach der Heimat des Evnfncins, über Ta-wön-kn, allein derselbe lvar für meine Reisekarren nicht passierbar, lind ich war deshalb gezwungew, die große Pekingstraße noch weiter zu verfolgen, obschon auch sie den Namen „Straße" keineswegs verdient. Die Gegend südlich von Taiilgan kann wohl den fruchtbarsten von China bei gezählt lverdcil, denn die weite Ebene ist mit üppigen Getreide- und Mohnfeldern bedeckt: dazwischen sah ich auch vereinzelt Tabakpflanzungen lind Obstgärten mit Apri kosen-, Maulbeer-, Pfirsich uild Dattelbänmen, ivelch letztere aber auch hier nicht ctlva mit Dattelpalmen zu verwechseln sind. Taingan fn liegt etwa an der Norögrenzc des Mohndistriktes. Von hier an gegen Süden wurden die Mohnfelder immer häufiger. Opium gehört ja zu einem der wichtigsten Produkte von Schantung, das nicht nur ausgcführt, sondern leider auch in der Provinz selbst massenhaft geraucht wird. In beit elenden Dorfhcrbcrgen, in denen ich so oft 51 t übernachten gezwungen lvar, rauchte alle Welt Opium, und in den Städten geben sich die Einwohner leidenschaftlich diesem zweifelhaften Genüsse hin. Nach den Landkarten von Schantung hatte ich mir den südlich von Taingan gelegenen Teil der Provinz als eine kleine Schweiz vorgestcllt, mit vielen Bergzngeu und engen Pässen. In Wirklichkeit fand ich eine ungeheure Ebene vor, flach wie einFrlsinschrifkrn am Wrgi auf drn Taifchan.ahctnek • Benins'Ser Gipfel des Tsifchsm.v^'Sibliotheif 0 ^ JämnZum Grabe des Confucius. 169 Tisch, die sich weit über die Südgrenzc von Schantung bis in das Herz von Kiangsu hinzieht, und ans welcher einzelne Berge wie Felseninseln aus einem grünen Meere einporsteigen. Wie dicht diese Gegend bevölkert ist, kann man schon dem Umstande entnehmen, daß ich auf dem 25 Kilometer langen Wege von Taingair zum Ta-wön-ho 23 Dörfer Passierte, die dicht am Wege liegen. Zn den Seiten des Weges aber ans viele Kilometer sah ich noch zahlreiche andere Ortschaften in der Ebene zerstreut. Die OrtsbezeichnuiWen in Schantung bestehen gewöhnlich aus 2 oder 3 Namen, niemals aus einem einzigen, und sind sehr bezeichnend. So z. B. giebt es Namen wie Schö li Pu, Ocrs-li-pu, d. h. Zehn-Li Dorf, Zwanzig-Li-Dorf, die Entfernung des Ortes von der nächsten Stadt in Li (1 Li — 1 / 2 Kilometer) ausdrückend; oder Namen wie Nün tnn-ynan, d. h. Kirschengarten, Li-San-tien, d. h. Li San's Kaufladen, Son-tsong, d. h. oberes Heim, Li dscha-dschi, d. h. die Heimstätte der Familie Li x. Die Dörfer haben meistens eine Einwohnerzahl von 300 bis 500 Seelen. Auf dem Wege zum Ta-wön-ho traf ich nur ein Dorf von größerer Einwohnerzahl, Huan-hu-tze, das auch eine sehr schöne Pagode von mehreren Stockwerken besitzt. Den breiten, wasserreichen Ta-wön ho mußten wir in Ermangelung einer Brücke durchreiten. An der Furt lagerten einige zwanzig junge Burschen, welche ein Geschäft daraus machen, die Reisenden durch die gelben, trüben Fluten zu führen, wofür sie einige Sapeken erhalten. Damit ihnen dieser, wenn auch geringe Verdienst nicht entgehe, graben sie an ver schiedenen Stellen im Flußbett tiefe Löcher und lassen nur eine schmale, ipnen allein bekannte Furt frei. Würde es einen: Reisenden einfallen, den Fluß ohne ihre FüMing zu durchschreiten, so ist 2 gegen 1 zu wetten, daß er in eines dieser Löcher gelangt, und dann muß er die Führer erst recht herbeirufeu, damit sie Karren oder Pferd wieder herausholcn. Als meine Karawane sich näherte, sprang mir ein junger, kräftiger Bursche entgegen, entledigte sich in: Nu seines einzigen Kleidungsstückes, desjenigen, welches wir Europäer gerade anzulegen pflegen, wenn wir ins Wasser steigen, und watete vor nur langsam durch den Fluß, wobei ihm das Wasser stellenweise bis an die Hüften reichte. Bei hohem Wasserstand muß man auf Fährbooten den Fluß iibersctzen. Ist der Besuch der heiligen Stätten Chinas für den Europäer auch lange nicht so gefährlich wie jener von Mekka oder Medina, so war ich doch auf meiner gai:zen Reise hierher von den Missionaren gewarnt worden, auf ineiner Hut zu sein, und die Bevölkerung wurde mir als sehr fanatisch geschildert. Auch die Mandarine schienen dieser Ansicht zu sein, denn sie verdoppelten ihre Sorgfalt für meine teuren Knochen, ja ich kan: mir wie ein Gefangener vor, der unter starker Militärbegleitung von Ort zu Ort transportiert wird. Dcpcschcnreiter wurden von den MandariHn vorausgesandt, um die Behörden in der nächsten Stadt von meinem Konnnen zu benachrichtigen. In den Dörfern fand ich Militärpatrouillen mit Gewehr und Bajonett, und erreichte ich die Grenze eines Bezirkes, so erwarteten mich dort schon ein Offizier und scchsMann des nächsten Bezirkes, um meine bisherige Eskorte abzulösen. Der Offizier sprang von: Pferde und überreichte nur, das Knie beugend, die Karte des Schü-hsien, d. h. des Kreismandarins. Ohne weiteren Aufenthalt ging es vorwärts; in den Städten waren170 Zum Grabe des Confucius. die besten Herbergen für mich reserviert, und die Soldaten wachten über meinen Schlummer. Mir kam es indessen vor, als ob all diese Sicherheitsvorkehrungen voll ständig überflüssig wären, denn nirgends wurde ich irgendwie belästigt. Auch in Ningyang, einer befestigten Kreisstadt von etwa 5000 Einwohnern, war von dem Mandarin mein Nachtquartier bereits vorbereitet, ja als ich dort eintraf, fand ich ein halbes Hundert kleine Schüsseln in meinem Gemach, allerhand Leckerbissen enthaltend, welche der aufmerksame Kreisvorsteher mir gesandt hatte. Ich lies; ihm als Gegengeschenk einen kleinen Spiegel in Goldrahmen zustellen und verband gleichzeitig damit die Bitte, einen Brief von mir an die katholische Mission in Jentschon-fu, 40 Kilometer weiter, für mich befördern zu wollen. In der That wurde uoch iu der Nacht ein Bote dahin abgeschickt, der inorgens 6 Uhr dort eintraf. Mir war cs von Wichtigkeit, einen chinesischen Schriftgelehrten zu finden, um die Inschriften am Grabe des Confucius und in den berühmten Kaisertempeln seiner Geburtsstadt für mich zu entziffern, denn dazu reichten die Kenntnisse meines Dolmetschers nicht aus. Als ich am nächsten Morgen, aus dem Südthore von Ningyang reitend, in die Obstgärten der Umgebung kam, sah ich dicht am Wege an einem Birnbaum eine menschliche Gestalt hängen. Ich hielt sie für eine Vogelscheuche, als ich aber näher kam, sah ich zu meinem Entsetzen, das; hier in der That ein Mann von etwa 40 Jahren baumelte. Sein Gesicht war ganz friedlich, die Arme hingen steif herab. Kein Mensch war in der Nähe. Als ich in: nächsten, nur wenige hundert Schritt entfernten Dorfe die Leute auf die Leiche aufmerksam machte, blickten sie wohl neugierig hin, kümmerten sich aber weiter gar nicht unr dieselbe, als ob dergleichen Selbstmorde alltägliche Ereignisse wären. Gegen Mittag gelangte ich an den Si-Ho, ein kleines Flüßchen mit klarem Wasser, das ans den nahen Kalkbergen des Schimön-Schan kommend, sich langsam durch die schöne, fruchtbare Ebene schlängelt. In den klassischen Schriften wird dieser Si-Ho häufig erwähnt und viel besungen, denn seine schattigen Ufer waren der Tummelplatz des Confucius und seiner Apostel, als sic noch kleine Jungen waren. Jenseits des Si-Ho liegt zwischen hohen Cypressen halb verborgen eine Art Tempel mit verschiedenen Hallen, Mu-si-Shu-Iuen genannt, wo die heutigen Gelehrten ihre Confnciusstudicn machen. Aus den hohen Gedenktafeln, welche die Halle umgeben, geht hervor, daß dieses Kollegium zur Zeit der Iuendynastie gegründet wurde, und daß auch die Kaiser der Inen- und Mingdynastie cs unter stützt haben. Eine kurze Strecke weiter vermengt der Si-ho sein klares Wasser mit den roten Fluten des Sze-shui, der an Kiu-fu und Aentschon-fu vorbei in westlicher Richtung nach Tsining fließt lind dort in den Kaiserkanal mündet. Von seinen Ufern ans sah ich aus der grünen Ebene schon die starken mit Wachthäusern gekrönten Stadtmauern von Kiu-fu, der Vaterstadt des großen Heiligen Chinas, emporragen. Zwischen den hohen, dunkelgrünen Baumkronen hinter der Mauer leuchteten die orangegelben Dächer des berühmten Confuciustempels und des Palastes der direkten Nachkommen vonZum Grabe des Confucius. 171 Confucius, der gegenwärtigen Herzoge dieses Namens. Eben wollte ich in den Weg zum Nordthore der Stadt einlenken, als ich von dorther einen langen Zug ans mich zukommen sah. An der Spitze desselben wurden rote Fahnen und große Zere monienschirme einhergetragen, dahinter schritten eine Anzahl von Männern in grünen Uniformen von demselben Schnitt, wie sie die Piqueure bei den Falkenjagden in unserem Mittelalter getragen haben. Ihnen folgte ein blauweißer, gegen 3 Meter langer Kasten, auf den Schultern von 6 Trägern ruhend; dann eine mit reichen, vergoldeten Holz schnitzereien geschmückte Sanfte, und den Zug beschlossen eine Anzahl Leute, welche lebensgroße Menschen- und Tiergruppen aus weißem Papier trugen. Es war der Leichenzug eines Nachkommen des Confucius auf dem Wege zu dem Begräbnisplatz der Familie des großen Moralisten, etwa 4 Kilometer nordwestlich der Stadtmauer gelegen. Dieser Begräbnisplatz mußte also offen sein, und ich beschloß zur Vermeidung von Zeitverlust, statt in die Stadt einzuziehen, dem Zuge zu folgen. Meine Reisekarawane sandte ich direkt zur Stadt und trug überdies einem der Geleit soldaten auf, meine Karte dem Stadtpräfekten zu übergeben, um ihm von meinem Ritt nach dem Begrübnisplatze Mitteilung zu machen. Dann folgte ich langsam dem Leichen zuge durch die herrliche Cypressenallec, welche von der Stadt zu dem Friedhofe führt. Sie wurde mit all den sie schmückenden Ehrenpforten, Denkmälern und Brücken von verschiedenen Kaisern der Mingdynastic angelegt, und ich hatte so viel zu sehen und zu bewundern, daß ich bald weit hinter dem Leichenzuge zurückblieb. Die Chinesen haben die merkwürdige Sitte, ihre Flüsse vielfach brückenlos zu lassen, dafür aber die herrlichsten Marmorbrücken mit Balustraden und Steinornamenten mitten in den Feldern ans trockenem Lande zu erbauen. Auch hier wird die von uralten, großstämmigen Cypressen und Cedern beschattete Allee durch zwei derartige Brücken unterbrochen, deren Bahn aber nicht auf Pfeilern, sondern direkt auf dem Erdboden liegt. Jenseits dieser Brücken erhebt sich quer über dem Wege eine große fünsthorige Ehrenpforte, die prächtigste, welche ich in China überhaupt gesehen; die gewaltigen, weißen Marmor blöcke, aus welchen dieses wunderbare Denkmal aufgebaut ist, sind über und über mit den herrlichsten Skulpturen bedeckt, bei welchen der Drache und andere Tiere der chinesischen Mythologie als Grundmotive dienen. Die Ausführung ist von wunder barer Zartheit, die Behandlung des spröden Materials so weich und vollkommen, daß ich mich von diesem Meisterwerke chinesischer Bildhauerkunst kaum trennen konnte. Während ich voll Bewunderung vor dem Marmorbogen stand, hörte ich Schritte hinter mir, und mich umwendend, erblickte ich einen blonden Europäer in chinesischem Ge wände, der sich mir als Pater Pfistermann der deutschen katholischen Mission von Süd-Schantung zu erkennen gab. Als mein von Ningyang abgesandter Bote in dem Missionsgebüude von Ientschou-fu eintraf, befand sich Pater Pfistermann gerade dort, auf einer seiner häufigen Missiousrcisen begriffen. Sofort beschloß er in liebens würdigster Weise, mir selbst als Dolmetscher zu dienen, reiste nach Kiu-fu ab und tvar dort gleichzeitig mit meiner Reisekarawane cingetroffcn. Von dieser hatte er meinen Abstecher nach dein Grabe des Confucius erfahren und war gleich weiter geeilt,172 Zum Grabe des Consucius. um mich zu begrüßen. Er kam gerade recht, um mir die Inschrift auf der großen Ehrenpforte zu erklären, welche lautet: „Zehntausend Jahre alter, immer blühender Frühling." Zn beiden Seiten des Denkmals stehen in eigenen, offenen .Pavillons mächtige Jnschrifttafcln ans schwarzein Marinor von 8 Meter Höhe und 1 1 / 2 Meter Breite. Die eine trügt in großen Zeichen die Worte: „Großgeworden ist des heiligsten ersten Meisters Consucius geistiger Weg." Die andere: „Kaiser Kwang Li hat diese Begräbnisstätte restauriert." Wir schritten nun unter den mächtigen Cypressen tveiter und gelangten nach etwa 200 Schritten einem monumentalen Holzthor, mit kunstvollen Malereien bedeckt und mit der Inschrift: „Dies ist das heiligste Grab." Wieder 200 Schritt tveiter erreichten wir endlich die gewaltige Mauer, welche den ganzen, 30000 chinesische Moto, etwa 5000 preußische Morgen großen Begräbnisplatz umgicbt und ihn gleichzeitig gegen die Ucbcrschwemmnngen des mitunter sehr wasserreichen Sze-shtii-fltlsses schützt. Ein gewaltiges Festnngsthor aus Stein, überhöht von einem Wachthansc mit doppeltem Dache, führt durch die mehrere Meter dicke Umfassungsmauer, und wir fürchteten schon, dieses Thor verschlossen zu finden. Zit unserer Ucbcrraschung trat uns indessen hier bei den zwei großen, den Eingang flankierenden Steinlöwen ein Mandarin im bunten Staatsklcide entgegen, der sich als ein Kammerherr oder Hofbeamter des Herzogs Eon fncins vorstellte und uns unter tiefen Kautau (Verbeugungen) einlud, näher zu treten. Der Stadtpräfekt von Kiu-fn war nämlich bereits längst vom Provinzgouvcrncur angewiesen worden, mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die sonst streng verschlossen gehalten werden, zu öffnen. Ein Depcschenreitcr hatte ihn benachrichtigt, daß ich heute gegen Mittag cintreffen müsse, und wohl ahnend, daß mein erster Gang dem Grabe des Consucius gelten würde, hatte er bei dem offiziellen Hüter dieses Grabes, dem Herzog Consucius, das Nötige veranlaßt. Wie ich später herausfand, war es nicht etwa besondere Liebe für mich, welche den Stadtpräfektcn zu dieser in China leider so seltenen Eile und Fürsorge veranlaßt hatte. Er mußte wirklich fürchten, daß mir hier, in der Residenz der Nachkommen des Consucius, etwas zustoßen könnte, darum trachtete er, mich so rasch als möglich abzuschütteln und nach der nächsten Stadt zu expedieren. Besuchte ich noch vormittags das Grab des Consucius, so konnte ich nachmittags mit den übrigen Sehenswürdigkeiten fertig sein, und dann würde mich ja nichts tveiter in Kiu-fn fesseln. Aber es kam doch anders. Bon dem herzoglichen Kammerherrn geleitet, betraten tvir nun den ausgedehnten, schattigen Wald, welcher die Grabstätten des Confncius und seiner Nachkommen von 75 Generationen enthält. Der jetzige Herzog ist der direkte Nachkomme von Consucius in der 76. Generation, und sein Stammbaum reicht nachweislich auf über 2700 Jahre zurück. Welches Fürstengeschlecht gicbt es auf Erden, von tvelchem ähnliches behauptet werden könnte? Unsere ältesten Dynastien, die Bourbonen, Schwarzburg und Wettiner sind dem Consucius gegenüber reine Parvenüs, und selbst zwischen dem nachweislichen Stammvater des ältesten Fürstcngeschlechtcs von Europa, der Colonna, und jenem des Consucius liegt mehr als ein Jahrtausend!Zum Grabe des Confucius. 173 Wo giebt es auf Erden auch noch eine Grabstätte wie diese, welche bis in die Zeit der alten Aegyptcr zurückreicht und, nicht etwa aus dem Wüstensande gescharrt wie die Gräber von Setis und des heiligen Stieres, von gcgeinvärtigen Altertums- forschern angestaunt wird, sondern während der Jahrtausende ihres Bestandes uuuuter krochen bis auf den heutigen Tag benutzt wurde? Mit einer gewissen Ehrfurcht wandelten wir im Schatten der uralten Cypresseu, großstümmigeu Cedern lind knorrigen Eichen einher, von denen manche von den Aposteln des Confucius gepflanzt worden sind, und zwischen denen sich Tausende und Abertausende von Grabhügeln ausbreitcn. Jenseits des Thores führen 3 Wege in verschiedenen Richtungen durch diesen heiligen Hain; der östliche führt zu den Grabstätten der Herzoge, d. h. also der direkten Nach kommen des Confucius von Vater auf Sohn; der mittlere führt tief in den Wald zu bcu Grabstätten aus früheren Jahrtausenden, welche heute nur noch wenig besucht werden; jener zur Linken ist der Weg zum sogenannten „heiligen Grabe". Zahllose Steintafeln stehen zu beiden Seiten dieses Weges, von Kaisern verschiedener Dynastien zu Ehren des größten Mannes von China errichtet, mit Inschriften, welche die Tugenden, Lehren uitb Erfolge desselben in überschwänglichen Worten Preisen. Der kleine, hier durch den Wald sich schlängelnde Szc-shui-fluß wird auf einer schönen Marmorbrücke überschritten, und jenseits derselben erhebt sich eine steinerne Pforte (Paifong) mit der Inschrift: „Dieser Fluß heißt Sze-shui". Die Pforte führt zu jener langen Allee von Steinfiguren, wie sie alle Gräber von chinesischen Kaisern und Fürsten zeigen; ähnlich wie bei den Minggräbern von Peking imb Nanking erheben sich auch hier Paare von unförmigen Pan, d. h. Leoparden, plumpen Twan, d. h. Nas hörnern, und endlich die 5 Meter hohen Statuen von 2 Tscheng-Siang, d. h. Ministern. Da Confucius von seiten der chinesischen Kaiser der Titel „Wang", d. h. „König" ver liehen worden ist, so hat seine Grabstätte auch Anspruch auf solche Ministerstatncn; während der Mingtaiscr wurde Confucius von den Gelehrten mit dem Namen Ti, d. h. „souveräner Fürst" bezeichnet, welcher Titel jedoch von der jetzigen Regierung nicht anerkannt worden ist, wohl aus Furcht vor den herzoglichen Nachkommen des Religion» stifters, welche sich immer noch eines sehr bedeutenden Anhangs in China erfreuen. Ja während der Regierung der drei letzten, schwachen Kaiser war sogar mehrmals das Projekt anfgctaucht, den Herzog Confucius auf den Kaiserthron zu erheben. Wäre der jetzige Herzog nicht ein Thunichtgut, so säße er vielleicht schon seit mehreren Jahren auf dem Drachenthron in Peking. Um ihm jeden Anspruch auf angestammte Sou veränität zu nehmen, wurde unter der jetzigen Kaiserdynastie dem großen Heiligen der Titel „König" abgesprochen und anstatt dessen der Titel „Chi-Sheng-Sien-shi, d. h. etwa „erhabener heiliger Gelehrter" verliehen. Unmittelbar hinter den Ministerstatnen erhebt sich eine große Halle mit der Ucbcrschrift: „Weihrauchtempel". Sie dient nicht nur als Haupteingang zu der inneren Uinfassungsinauer des heiligen Grabes, sondern auch als Opferhalle für die Nach kommen des Confucius, welche sich zweimal im Jahre, im Frühjahr und Herbst, hier versainmeln, um zu opfern. Das Innere enthält Ivcder Statuen noch Ahnentafeln,174 Zum Grabe des Confucius. sondern nur einen langen Opfertisch für die Kerzen und Weihrauchgefüße. Hinter diesem Tisch offnen sich die Thore zum eigentlichen Begräbnisplatz, der, etwa einen halben Morgen groß, von einer eigenen Mauer umgeben ist. Zwischen den großen Eichen, Cederu und Cypressen, welche auch diesen Raunr erfüllen, gewahrte ich zunächst einen mit allerhand Strauchwerk überwachsenen Erdhügel von etwa 4 Meter Höhe, welcher die Gebeine von Tse-Tsc, dem Enkel von Confucius und Lehrer des größten Apostels desselben, des Mencius, birgt; westlich von der Grabstätte Tse-Tses ist ein zweiter Grabhügel mit den Gebeinen des im Jahre 532 vor Christi geborenen Sohnes des Confucius, Kung-li Pa-Yü, und zwischen beiden, im Hintergründe, liegt das Grab des Confucius selbst. Bewegten Herzens näherte ich mich dieser Stätte; ein runder Erdhügel, viel leicht 7 Meter hoch und 30 Meter im Umfang, erhebt sich hier aus dem Strauchwerk. Davor steht eine einfache, 8 Meter hohe und 2 Meter breite Steinplatte, welche in alt- chinesischen Schriftzeichen die Worte enthält: „Tschi-scheng-sien-schi-kung-tsö", d. h. „der heiligste, erhabenste Gelehrte, der verehrte Lehrer, der Philosoph Kung." Zu Füßen dieses einfachen, schmucklosen Steindenkmals steht ein etwa 2 Fuß hohes Weihrauchgefüß aus Bronze. Hier also liegen die Gebeine des Gründers einer Religion, welche heute Hunderte von Millionen Anhängern zählt. Seit zweiundcinhalb Jahrtausenden ruhen sie hier, sorgfältig gehütet von seinen Kindeslindern durch 75 Generationen, geehrt von allen Bewohnern des größten Reiches der Erde. Kaiser der verschiedensten Dynastten haben an derselben Stelle geopfert, an der ich nun stand; der letzte Kaiser, der zu den Ge beinen des großen Religionsstifters pilgerte, war Tschanliung. Aber alle Kaiser verehrten in Confucius nicht einen Gott, lute cs die Buddhisten mit ihrem Stifter thun, sondem nur den Gelehrten, den Menschen. Sie bauten ihm an seiner Grabstätte keinen mit Gold und Juwelen beladenen Prachttempel und stellten keinen Hohenpriester hier her, uni ihn anzubeten und dem Fanatismus der Pilger zu frönen; weder seine Ge beine noch seine Zähne werden als wunderthütige Heiligtümer verehrt, wie das als Zahn Buddhas verschriene Stück Elfenbein im Tempel von Kandy auf Ceylon oder wie die Barthaare des Propheten Mohammed. Es ist eine einfache, nüchterne, aber dabei doch erhabene Verehrung eines Mannes, der dem zahlreichsten Volke der Erde die Moral gepredigt und seine Lebenslaufbahn vorgezeichnet hat. Er ist keine sagenhafte, durch Legenden und fromme Bücher verzerrte Persönlichkeit, sondern eine greifbare Gestalt, ein Mann, ivie seine Zeitgenossen cs waren und deren heutige Nachkommen es sind, dabei aber doch größer als alle die Götzen, vor deren eingebildeter Macht die Völker Asiens zittern und sich in den Staub werfen. Längs der Umfassungsmauer, aber noch innerhalb derselben, erheben sich mehrere Pavillons mit Inschriften, von verschiedenen Kaisern gebaut. Einer davon steht an der Stelle, auf welcher sich der Lieblingsapostel von Confucius, Tsu-Kung, nach dem Tode seines Meisters eine Hütte baute und dort während 6 Jahren trauerte. Der Kammer herr des Herzogs, welcher uns die einzelnen Stätten erklärte, schien ebensowenig wieZum Grabe des Confucius. 175 sein bezopftes Gefolge irgendwie von der Heiligkeit der Stätten berührt. Vor dem Stadtpräfekten hatten sich alle auf die Knie geworfen, mit der Stirne im Staub, allein keiner schien auch nur die Empsindungen zu verstehen, die mich beseelten und die sie mir auch wohl anseheu mochten. Nach kurzem Verweilen verließen wir das Grab, um den Hain zu durchwandern, in welchem viele Tausende von den Nachkommen des Confücius begraben sind; ein fache hohe Erdhügel ohne jeden Grabstein bedecken ihre Gebeine; nur jene, welche sich über den nächsten Nachkommen des Moralisten oder über den Acltesteu der ver schiedenen „Clans" erheben, haben Denksteine. Wie gesagt, wird der Begräbnisplatz' heute noch fast täglich benützt; denn nicht nur die in Kiu-fu wohnenden Nachkommen des Confucius lassen sich hier begraben, sondern auch jene, welche in entfernten Pro vinzen wohnen. Ihre Hinterbliebenen sind stolz ans den großen Namen Kung, den sie führen, und wenden alles daran, um ihre Toten hier beerdigen zu lassen. Kein Clan von China ist so stolz wie der Clan Kungfutse (Confucius), und das mit vollem Recht. Beim Verlassen des Friedhofs sah ich östlich von der Weihrauchhalle eine "An zahl hoher Grabhügel, höher und imposanter als jener von Confucius selbst. Es sind falsche Kaisergräber. In früheren Zeiten, besonders unter der Io-Inin- und Schang- dynastie war cs üblich, die wirkliche Begräbnisstätte der verstorbenen Souveräne zu verbergen, und ihre Nachkommen ließen deshalb verschiedene Leichenfeiern an verschiedenen Orten zelebrieren. Ich habe einen ähnlichen Gebrauch noch jetzt in Korea gefunden.Die Vaterstadt des Confucius. ttiu fu, die Vaterstadt und der Wohnsitz des Confucius, gehört Huiknopfder Mandarine ä" ^e» älteste» Städten Chinas, den» schon lange vor seinen Leb lhalb- Grötze). zetten, litt 6. Jahrhundert vor Christi Geburt, war cs bekannt und tvird auch iu den ältesten Chroniken des chinesischen Reiches iviederholt erwähnt. Erwartungsvoll näherte ich mich deit gewaltigen Ringingnern, welche diese berühmte ^tadt umschließen. Bisher hatte ich in den mehrtausendjährigcn Städten Schaittnngs, >vic Chinas überhaupt, vergeblich nach alten Gebätiden, Burgen, Türmen aus früheren Zeitaltern geforscht, die unsere abendländischen Städte, ja auch jene des tvcstlichcn Asiens in so großer Zahl besitzen und die ihnen ein so malerisches, altertümliches Aussehen verleihen. Ich hatte die alten Hauptstädte des chinesischen Reiches besucht, auch so inanche andere Stadt, welche früher Hauptstadt eines jener zahlreichen König reiche und Fürstentümer gewesen, in die einstens China gespalten war. Keine von ihnen enthielt auch nur eine Turmrnine aus jenen Zeiten. Ein Nürnberg, Avignon, Jerusalem oder Nom wird man in China vergeblich suchen, lieberall dasselbe Einerlei von eben erdigen Lehm und SteinhäuSchen, die höchstens ein, zwei Jahrhunderte bestehen, und wenn ]ic zusammenfallen, von den Nachkommen ihrer Bewohner in derselben Armseligkeit wieder erbaut werden. Vielleicht war Kiu-fn anders; vielleicht zeigte diese von den Chinesen so hochverehrte, hciliggehaltcnc Stadt irgend welche lleberblcibsel aus der Zeit des Con fncius, altes Gemäuer, das die Gegenwart in ninnittelbaren Zusammenhang brachte mit der großen Vergangenheit Kin-fns, dieser GcbnrtSstätte der chinesischen Religion. Aber als ich durch das finstere Stadtthor in Kiu-fu cinzog, zeigte sich mir auch hier nichts anderes als ein Netz von ärmlichen, schmutzigen Güßchen mit ebenerdigen Häusern ohne Leben, ohne Verkehr, ohne Handel. Das nahe Taingair fn hat wenigstens Industrie, zahlreiche Kaufläden und großen Pilgcrverkehr. Kin fn aber, das an Heiligkeit mit Tain gan-fn tvetteifert und das Jerusalem Chinas genannt werden könnte, hat nicht einmal das. In der Hauptsache fand ich nur ärmliche Kaufläden, und obschon Confucius selbst von den Chinesen die größte Ehrfurcht und Vergötterung bezeugt wird, füllt es doch merkwürdigerweise den meisten von ihnen nicht ein, ans ihrer Pilgerfahrt nach demKaiserliche Lhrrnxsorle zwischen Aiu-fu und dem ConsurinsgraL.5 ' J 8ibliocne4<' Berlin.Drücke über Lrn'Slr-shui-siuH in Kiu-fn>Außerordentliches SBiffen und aufjetorbentlidpe geitigleit, im tyrinjip bereinigt mit bent iüerbienfte der Stopfungen, bie bie Natur erzeugt. Confurius und seine Jünger. Rebersichung der chinesischen ^christlichen: (Nach einem chinesischen Hohschnilk.) Mustertasel der Philosophie aller Generationen, biau schi sch Wan Scala Lehrer Welt 10000 extrem Realität extrem Heiligkeit mit Zwei b< 3 5 Zwischen teile s Verdienste Schöpfung zusammen verbreiten. zuerst fühlen zuerst wissen ist 10000 alte Zeit die Be ziehungen Grund lage. & S, <D 3 n n CÖ S caDie Vaterstadt des Confucius. 177 Taischan auch dem nahen Kin-fa einen Besuch abzustattcn, den Begräbnisplatz des großen Religionsstifters und den herrlichen Coufnciustempcl zu sehen, der eines der größten architektonischen Wunder des chinesischen Reiches ist. Das chinesische Volk hat sich vollständig frcigehaltcn von der Abgötterei, in welche die Anhänger anderer Reli ginnen verfallen sind. In ihrer praktischen Weise haben sie sich wohl die segensreichen Lehren ihrer ReligionSstifter zn eigen gemacht und bezeugen den letzteren dafür ihre Dankbarkeit, indem sie ihren Manen Opfer darbringen und ihnen Tempel erbauen, aber sie haben sie nicht unter ihre Götter erhoben. Die sind für die Chinesen Menschen geblieben, von demselben Fleisch und Blut wie sie selbst, und nur die Gelehrten kommen zeitweilig nach Kin-fu, um hier, wo ihrem Glauben nach die Seele des Confucius weilt, sich ihren Studien hinzngcbcn. Es wohnt auch eine erkleckliche Anzahl dieser dem Christentum feindlichen Litteratcn in Kitt su, dabei ist cs der Hauptsitz des Clans Confucius, und von den 15 000 bis 30 000 Einwohnern der Stadt führen nicht weniger als die Hälfte seinen Namen und leiten ihre Abstammung mehr oder weniger direkt von ihm ab. Aber Pilger- oder Fremden verkehr besitzt .S(iii fn sehr wenig. Das sah ich schon an der elenden Herberge, der besten der Stadt, in welcher mir der Präfekt eine Wohnung vorbereitet hatte. Kaum war ich dort in Gemeinschaft mit Pater Psistermann eingczogcn, als ich durch die Ankunft eines dritten Europäers ans das angenehmste über rascht wurde. Die Nachricht von meiner Reise durch die Provinz war auch nach dem etwa 50 Kilometer entfernten, westlich am Kaiserkanal gelegenen Tsining, dein Hanptsitz der deutschen katho lischen Mission von Süd Schantnng gedrungen. Der Chef der selben, der bekannte würdige Bischof Anzer, war von seiner Enropareise noch nicht znrückgekchrt, und an seiner Stelle war der Provikar der Mission, Pater Freinademctz, in liebens würdigster Weise herbeigeeilt, um mir seine wertvollen Dienste anzubietcn. Pater Freinadcmetz ist seit Jahrzehnten in China thatig; er erfreut sich bei hoch und niedrig des gleichen Ansehens und großen Ein ftusses bei den Mandarinen. Dazu ist er einer der besten Kenner der chinesischen Sprache und Litteratur, und sein Besuch war deshalb für mich hier, wo cs so viel zu sehen und zu erklären gab, von größtem Werte. Natürlich erregte cs unter den Stadtbewohnern, die Jahrzehnte lang keinen Europäer zu Gesicht bekommen haben, und von denen viele einen solchen überhaupt Zum ersten Male sahen, nicht geringe Aufregung, daß gleich drei auf einmal in Kiu-fn weilten. Wie mir mein Boy erzählte, war die Nachricht von dieser Invasion wie ein Lauffeuer durch die Stadt gedrungen, aus drei Europäern wurden gleich dreißig, und Io mancher der leichtgläubigen, phantasiercichcn Zopfträger mochte fürchten, daß eine bleibende Besetzung der Stadt von seiten der Deutschen beabsichtigt würde. Daran ist Hessc-Wartegg. Schantung und Deutsch-China. 12 4h Visitenkarte des Mandarins non Kiu-fn.178 Die Vaterstadt des Confucius. ja m der That etwas Wahres. Soll doch in der nächsten Zeit das deutsche Dampf roß auch seinen Einzug in Kiu-fu halten und diese hochberühmte Stadt in das Eisen bahnnetz von Schantung einbezogen werden. Kein Wunder, daß unser Komoren bald die halbe Bevölkerung auf die Beine brachte; große nab kleine Confuciusse ohne Zahl versammelten sich in denr Hofraunr unserer Herberge rmd beobachteten mit furchtsamen, argwöhnischen Augen, wie wir llnseren Salat wuschen, Büchsen mit Frankfurter Würsten und Tomatensuppe öffneten und so unbekannte kuriose Waffen, wie Messer und Gabel rmd Pfropfenzieher für das Apollinariswasser handhabten. Mitten in dieser Beschäftigung wurden mir durch einen Damendiener unterbrochen, der mir die große rote Visitenkarte des Stadtpräfekten brachte und dessen Besuch ankündigte. Wir hatten gerade Zeit, die saftigen, heißen Frank furter und die Salatschüssel beiseite zu schaffen, als wir über die vielköpfige Beobachtermenge den roten Zeremonien schirm des Mandarins erblickten. Gleich darauf wurde seine Sänfte unter Voran tritt seines phantastisch aufgeputztcn Ge folges in den Hof getragen, und Seine Ehren entstieg derselben, in die nur bei feierlichen Anlässen getragenen Prunk gewänder gehüllt. Mit gefalteten Händen neigte er sich mehrmals fast bis zur Erde, als aber diese für steife Rücken kcincS- wegs angenehmeil Turnübungen zu Ende waren und er um sich blickte, schien er hoch erfreut, Pater Freinademetz hier 51t finden. Derselbe war ihm schon von Aentschou-ffl aus wohlbekannt. Auch der Provikar war erfreut ihn zu sehen, denn der Mandarin ist ein Freund der Christeil imb des lieben Friedens. In Jentschou-fu war er so beliebt, daß bei seinem Scheiden die ganze Stadt um ihn trauerten Eine Deputation der angesehensten Bürger begab sich zu ihin, um ihm die Stiefel von dcil Füßen 311 ziehen, die nachher mit großem Zeremoniell am Stadtthor iit einem Hühnerkäsig nusgehängt wurden. Ich habe sie bei meinem Besuch von Ncntschou fn selbst gesehen. Als aber der Mandarin in seineil zweitbesten Stiefeln die Stadt doch verlassen mußte, tvaren in deil Straßen, die er zu durchziehen hatte, nicht weniger als fünfzig Tische mit Süßigkeiten und Erfrischungen aufgestellt. Bei jedem inußte er halten und bcn ihm von den Bürgern dargereichtcn Imbiß zu sich nehmen. Das mag ihiil seine chronischen Lcibschincrzen gegeben haben, über die er klagte. Jedenfalls hat es einen so feierlichen Abschied eines Mandarins ans einer Stadt Schantungs schon lange nicht mehr gegeben. Hände bei der Begrünung (der linke Damnen lrägk einen Ring).Die Vaterstadt des Confucius. 179 Natürlich mußte ich den: Mandarin erzählen, wie alt ich sei, wie viel Frauen und Kinder ich hätte, und all die gewöhnlichen Fragen des chinesischen Besuchszeremoniells beantworten. Er schien bis zu Thrünen gerührt, als er erfuhr, daß ich keine Kinder hätte. Die ganze Frage der Eisenbahn nach Kiu-fu interessierte ihn anscheinend nicht so sehr wie meine Kinderlosigkeit, und ich tröstete ihn mit der Hoffnung, daß ich ihm bei unserem Wiedersehen erfreulichere Nachrichten über meine Nachkommenschaft geben würde. Er bat mich, ihm doch zu schreiben, sobald dieses freudige Ereignis eintreten wurde; dann bedauerte er die Aermlichkcit der Herberge, in der wir uns befanden, und versprach, uns von seinem Mittagstische Speisen und Getränke senden zu wollen. Diese Süßlichkeit war mir verdächtig, ich kenne meine chinesischen Pappenheimer. Und richtig, als ich ihm meine Empfehlungsschreiben an den Herzog Confucius übergab, mit der Bitte, sie seiner bezopften Durchlaucht zuzustellen und um Audienz für mich zu bitten, da krümmte und wand er sich und zweifelte, ob dies möglich wäre. Der Herzog — nebenbei bemerkt, ein riesenhafter Chinese von strotzender Gesundheit — sei kränklich und dergleichen. Als ich dann ineine Bitte vorbrachtc, den großen Tempel zu be sichtigen, meinte er, der Tempel würde nur bei besonderen feierlichen Anlässen geöffnet, gewöhnlich nur einmal im Jahre, aber er wolle mit dem Herzog, dem erblichen Hüter der Confuciusheiligtümcr, sprechen. Ich verabschiedete ihn ziemlich frostig, indem ich meine Tasse Thec zum Munde führte. Er that dasselbe mit seiner Tasse und begab sich unter wiederholten Bücklingen wieder in seine Sänfte. Nun konnten wir unsere Frankfurter Würstchen wieder aus dem Versteck hervorholen; aber kaum hatten wir uns wieder zu Tisch gesetzt, als auch schon 6 Diener mit großen Tragkörbcu eintrafen, aus denen sie zahlreiche Schüsseln mit allerhand Zuckereien hervorholten, gebratene und gekochte Gänse, Schweinebraten, die bekannten stinkenden Eier, Haifischflossen, Reis, Reisschnaps, eingemachte Früchte und dergleichen. Indessen, der Confuciustcmpcl war mir wichtiger als dieser Leibesschmaus. Wir brachen also bald auf, um den Besuch des Mandarins zu erwidern. Er empfing uns an der Pforte seines Iamcns; in den Höfen waren seine Garden aufgestellt, kurz, er erwies uns alle erdenklichen Ehren, aber mit dem Besuch des Teuchels sei es nichts, denn dazu müsse ein Befehl des Tsungliyamen von Peking vorliegen. Hub was den Herzog beträfe, so ließe er sich entschuldigen, er sei nicht wohl. Nun wurde mir die Sache zu bunt. Ich erklärte ihm, daß ich die weite, beschwerliche Reise nach Kiu fu nicht unternommen hätte, um nur geschlossene Thüren zu finden. Ich bestünde darauf, wenn nicht den Herzog, so doch sein Empfangszimmer zu sehen, in welchem allerhand Gegenstände, Manuskripte und persönliche Erinnerungen an den alten Confucius aufbewahrt werden, und was den gewünschten Befehl vom Tsungliyamen bezüglich der Tempelöffnung beträfe, so würde ich nach Peking schreiben. Bis dahin aber würde ich in Kiu-fu bleiben. Ich bedauerte nur, daß ihm mein langer Aufenthalt dann so viele Sorgen und Unannehmlichkeiten bereiten müsse. Wieder krümmte und wand er sich, aber die Drohung wirkte. Er würde nochmals sein mög lichstes thun, wir möchten uns nach Hause begeben und bis morgen warten. Ich 12 *180 Die Vaterstadt des Confucius. dankte in verbindlichster Weise, bestand aber darauf, daß seine Schritte sofort unter nommen würden, und erklärte, das Ergebnis hier in seinem Damen abwarteu zu wollen. Daraufhin großes Palaver mit seinen Sekretären, die alle verdutzte Gesichter machten. Schließlich bat er, wir mochten uns zum Tempel verfügen, er würde das Nötige veranlassen und selbst gleich Nachfolgen. In der Thal führten uns zwei Sekretäre zum Tempel, und ivas ich dort zti sehen bekam, ließ mich alle MandaMe von Schantnng und alle herzoglichen Nachkommen des Confucius vergessen. Nach all dem, was ich in China bisher gesehen, hatte ich solche Pracht, solche Kunst, einen solchen Zustand der Erhaltung hier niemals erwartet. Weder Peking, noch ganz Japan hat eine Tcinpelänlnge aufzuweisen wie jene, welche sich in der nördlichen Hälfte der Stadt Kiu-fn befindet. Nicht weniger als 36 Morgen iverden dort von einem herr lichen Park eingenommen, mit Jahrtausende alten Cederu, Cypressen und Föhren von ungeheuren Dimensionen. Manche dieser majestätischen Bäume haben einen Umfang von mehreren Metern und ragen hoch über die Umfassungsmauer, ja über die Tempel dächer hinweg. Während wir noch bewundernd diese Banmriescn am Eingang um standen, wurden mehrere Sänften mit großem Gefolge herbeigetragen, und ihnen ent stiegen Mandarine in voller Gala, darunter der Präfekt. Er beeilte sich mir mitzuteilen, daß er es auf sich nehme, den Tempel für mich öffnen zu lassen, der Herzog aber sei mittags für mehrere Tage nach Aentschou su gereist und hätte die Schlüssel zu seinen Gemächern mit sich genommen. Darauf stellte er die verschiedenen Mandarine vor, den Tempckhüter, den ersten und zweiten Kammerherrn des Herzogs, den Bibliothekar, den Grabhüter rc. Natürlich kolossales Zeremoniell und so viele Kautau, daß meine Rückenwirbel schmerzten. Viel lieber wäre es mir gewesen, die Herrlichkeiten mit Pater Freinadcmetz allein zu besichtigen; aber die Mandarine bildeten wenigstens malerische Staffage, als ich von dem Tempel verschiedene photographische Aufnahmen machte, die ersten, seitdem Confucius das Zeitliche gesegnet hat. Wir wurden zunächst in eine etwa 50 Schritt breite und mehrere 100 Schritt lange Allee geführt, welche die eigentlichen Tempelgründe in zwei Hälften teilt und wie diese selbst von gewaltigen, uralten Cedern beschattet wird. Auf der rechten Seite erheben sich mehrere Tempel hallen und ein mächtiges, mehrstöckiges Gebäude, welches mir als die Tempelbibliothek bezeichnet wurde. Zur Linken wird die Allee von elf monumentalen Pavillons ein gefaßt, welche von verschiedenen Kaisern 511 Ehren des Confucius errichtet worden sind. Jeder Pavillon erhebt sich etwa 15 Meter vom Boden und trügt zwei schwere, mit gelben Porzellanziegeln belegte Dächer übereinander. Der First und die nach aufwärts ge schwungenen Dachspitzen sind mit grotesken Tierfiguren aus Porzellan geschmückt. Jeder Pavillon enthält eine ungeheure, freistehende Marmortafel von etwa 8 Meter Höhe und 2 Meter Breite, mit kaiserlichen Inschriften bedeckt, welche Lobpreisungen des großen Religionsstifters sein sollen. Diese gewaltigen Monolithen sind von Peking, also etwa 600 Kilometer weit hierhergeschafft worden. Bei dem elenden Zustande der Wege konnte täglich nur ein halber Kilometer zurückgelegt werden, und die Beförderung jeder Tafel erforderte daher beinahe 2 Jahre Zeit.Der Confuciusbaum und das „Thur der güldenen Stirne" in KiO-fn.182 Die Vaterstadt des Confucius. Zwischen dem dritten und vierten Pavillon erhebt sich eilt großer Tempel von entzückender Architektur, welcher nach den: Muster des Kaiscrpalastes in Peking auf Befehl des Kaisers Kang-Hi im 32. Jahre seiner Regierung errichtet worden ist. Das Porzellandach mit ungemein kunstvoll zusammengesetzten Holzarchitravcn wird von mehreren meterhohen Marmorsäulen getragen, welche mit den herrlichsten Skulpturen bedeckt sind. Diese Säulen waren die ersten Steinsäulen, welche ich in der chinesischen Baukunst verwendet fand. Bei den meisten Bauten, selbst bei den großen Tempeln iir Peking stehen nur Holzsäulen in Verwendung. Neu war es mir auch, bei diesen Säulen an Stelle der in der griechischen und römischen Architektur gebräuchlichen steifen Ornamcntierung so prachtvolle, etwa drcifingertief eingeschnittene Skulpturen zu finden, tvelchen hauptsächlich Drachen- und Blumcnmotive zu Grunde liegen. Als Fuß dieser Säulen dienen niedrige, runde Steinplatten. Kapitüler nach unserer Art sind den Chinesen unbekannt. Hier tragen die Säulen direkt die mit prächtigen Malereien und Besoldungen geschmückten Architraven, nur gehen von den Säulen als Brechung der sonst zu steifen Linien zwei ebenso geschmückte Holzflügel ans, von ähnlicher Form wie jene, Welche an den geflügelten Sonnen in der ägyptischen Architektur zu sehen sind. Eine Treppe von sechs Stufen führt zu dem Tempel empor, in der Mitte durch eine breite Steinplatte unterbrochen, welche mit Drachcnskulpturen bedeckt ist. Während die Treppen für die gewöhnlichen Sterblichen dienen, ist die schiefe Steinplatte für den Kaiser allein zum Aufgang bestimmt. Der Tempel ist eigentlich nur eine Vorhalle zu dem inneren Tempelplatze und führt auch dementsprechend den Namen: „Thor der goldenen Stirne". Bei den jähr lichen Ahnenopfcrn, die von den Nachkommen des Confucius mit außergewöhnlichem Pomp und uraltem Zeremoniell gefeiert werden, wird hier ein Musikkorps anfgestellt. Nach dem Durchschreiten dieser Halle befanden wir uns auf einem weiten, mit ungeheuren Bäumen beschatteten Platze, in dessen Hintergründe wir den eigentlichen Haupttempel wahrnahmen. Bevor wir uns jedoch dorthin begaben, inachte uns der Tempelhütcr auf eine Ceder aufmerksam, welche vor der Thorhalle in einer steinernen Umfassung steht. Ihr Stamm mag etwa anderthalb Meter im Umfang haben, das Merkwürdige an ihr ist aber, daß sie ans einem uralten, etwa 2 Fuß über dem Boden hervorstehendcn Wurzelstock herauswächst. Eine neben ihr stehende Tafel besagt, daß dieser Baum von Confucius selbst gepflanzt worden ist, demnach das ansehnliche Atter von zweiundeinhalb Jahrtausenden erreicht hat. Der große, innere Tempelplatz wird zu beiden Seiten von langen Halle» ein gefaßt, welche von dem ersten Kaiser der Mingdynastic vor etwa 600 Jahren erbaut worden sind und die Ahnentafeln der 72 Schüler und Apostel von Confucius enthalten. An jeder Seite erheben sich 36 hohe Altäre aus rotlackicrtem Holze, auf welchen die etwa fußhohen Tafeln mit den Rainen der Schüler stehen. Vor jeder Tafel befindet sich ein rotlackierter Opfertisch, und bei den Ahncnfesten zu Ehren des Confucius wird auch vor diesen Tafeln geopfert. Mitten auf dem schattigen Platze erhebt sich eine kleine Plattform, auf welcher rin offener Pavillon mit rotem Porzcllaudache steht.Die Vaterstadt des Consucius. 183 Eine Steintafel im Innern dieses Hingtan, d. h. Aprikoscnaktar genannten Pavillons, besagt, das; Consucius an dieser Stelle seinen Schülern Unterricht erteilt hat. Daneben erhebt sich ein großer Aprikosenbaum. Der Pavillon darf von gewöhnlichen Sterblichen nicht betreten .werden, denn an dieser Stelle warfen sich die Kaiser und die Großen des Reiches, welche zum Besuch des Confucinstempels kamen, zum ersten Mal nieder. Hinter dem Aprikosenpavillon erhebt sich eine zweite, etwa 2 Meter hohe D erraffe von 50 Schritt iin Geviert, die von dreifachen MarmorbUüstraden umgeben ist, ähnlich wie jene des Hiinmelstempels in Peking. Aus dieser „Mondterrassc" wird bei den Ahnen- vpsern ein aus Pfeifern, Flötisten und Trommlern bestehendes MusikkorpS aufgestellt, während zu beiden Seiten der Terrasse auf dem sandigen Boden des „Ting" genannten Tempelhofes zwei Abteilungen von je 25 Tänzern in antiken Kostümen menuettartige Zeremonientänze aufführen. Diese langsamen Opfertänze sind ein Ueberbleibsel aus uralten Zeiten und kommen in China nur noch bei den kaiserlichen Ahnenopfern und Zeremonien im Himmelstempel zu Peking vor, wie ich sie in meinem Buche „China und Japan" *) geschildert habe. In Babylon, Ninive, bei den Griechen und Römern spielte der religiöse Tanz ebenfalls eine große Rolle. In Europa hat er sich nur noch in Sevilla erhalten, wo ich den Tanz der Seises in der Kathedrale gesehen habe. Wenige Schritte hinter der Mondterrasse erhebt sich die etwas höhere gepflasterte Tempelterrasse, ebenfalls von Balustraden aus weißem Marmor umgeben. Ans dieser mit großen Quadern gepflasterten Terrasse steht der eigentliche Confuciustempcl, das größte Heiligtum des chinesischen Reiches und eines der großartigsten und herrlichsten Gebäude desselben. Ter Tempel hat eine Länge von etwa 60 und eine Breite von 30 Meter. Die Hauptsassade besteht eigentlich nur aus einem 7 Meter hohen Unterbau, um den sich eine 5 Meter breite, von Marmorsäulen getragene Veranda zieht. Auf diesem von 7 dreiteiligen Holzthüren unterbrochenen Unterbau sitzt das ungeheure doppelte Dach, das allein eine Höhe von 20 Meter besitzt, so daß der von gelben Porzellandrachen ge krönte First im ganzen 27 Meter hoch ist. Von ganz wunderbarer Konstruktion sind die mächtigen Architravcn aus Teakholz, das aus Iünnan und Birma stammt. Die ganze Holzkonstruktion, sowie die Tragbalken der Veranden und die Decke dei letzteren sind mit schönen, gemalten Ornamenten und Vergoldungen bedeckt, ähnlich jenen des berühmten Jycyasutempcls in Nikko. Die Ausschmückung dieses Tempels ist das Groß artigste, was die japanische Kunst überhaupt aufzuweisen hat; aber die Grundlage der selben ist entschieden die chinesische Kunst gewesen. Die Japaner, dieses uachahmende, adaptierende Volk pur excellence, haben wie alles andere, so auch ihre Kunst dcn Chinesen abgesehen und sie nur verfeinert, teilweise weiter entwickelt, teilweise aber auch verzerrt. Der japanische Stil ist chinesisches Barock. Zwischen den uüt orangegelben Porzellanziegeln bekleideten beiden Dächern ist über dem Hanpteingange eine 2 Meter hohe, breite Tafel in breitem Goldrahmen an gebracht, deren drei goldene Schriftzcicheu besagen^ „Tempel des idealen Menschen". *) „China und Japan" von E. v. Hesse-Wartcgg. Leipzig, 1897, I. I. Weber.184 Die Vaterstadt des Confucius. Der ganze Bau macht einen imposanten Eindruck, der durch die gewaltigen Monolithe süulen ringsherum noch erhöht wird. Diese Marmorsäulen sind das Schönste, was ich in der chinesischen Architektur überhaupt gesehen habe. Sic sind ähnlich wie die Säulen des „Thorcs der goldenen Stirne", mit drcisingerticfen Skulpturen bedeckt, doch sind sie bedeutend höher und massiger. Vor der Hauptfront stehen zehn derartige Säulen, jene an den Seiten tmd rückwärts sind sechseckig imb ohne Skulpturen. Die inneren, zur Hälfte in die Mauer eingelassenen Säulen rings um den Tempel zeigen ebenfalls Skulpturen, die dadurch kräftig hewortrctcn, daß die ursprünglich vom Meißel unberührt gebliebenen Säulenflüchen künstlich geschwärzt worden sind. Der Tempelhüter schloß nun langsam und mit wichtiger Miene die drei mittleren Thürcn ans, um dem fensterlosen, inneren Raum mehr Licht zuznführc». In der Mitte dieser großen Halle steht mannshoch über dem Boden ein Thron, auf welchem sich eine Z Meter hohe, sitzende Holzstatne des Confucius befindet. Dieses uralte Bildwerk stammt aus dem früheren Tempel, der hier, an der Stelle auf welcher das Wohnhaus des großen Rcligionsstiftcrs gestanden hat, während der Singdynastie erbaut wurde. Kaiser Hung-Wua der Mingdynastic ließ diesen einfachen Tempel nicdcrreißcn und den gegenwärtigen, viel größeren Tempel erbauen. Die Statue stellt einen kräftigen, unter setzten Mann mit ernstem, schönem Gesicht und weißem Vollbart dar. Seine Augen sind nach aufwärts gerichtet, und seine Rechte hält eine Papierrolle, lieber der Statue erhebt sich ein hoher Baldachin, von welchem gclbscidcne, mit blauen köstlichen Stickereien bedeckte Vorhänge herabfallen. Zn Füßen der Statue steht die 2 Fuß hohe Ahnen tafel mit der goldenen Inschrift: „Ruhesitz der Seele des heiligsten erhabenen Weisen Confucius," Vor diesem Sanktissimum der Chinesen stehen drei mehrere Meter lange, andert halb Meter hohe Opfertische aus rotlackiertem Holz hintereinander mit einer Anzahl von Bronzegefäßen, welche aus dem persönlichen Besitze des Confucius stammen. Andere von hohem Kunstwert sind Opsergaben verschiedener Kaiser, darunter eine Bronzevase und eine Schale, die aus der Zeit Kaiser Mous, also 2300 Jahre vor Christi Geburt herrühren! Zwei Weihranchgefäße tragen Daten aus der Schang und Pindpnastie (1700 bis 1150 vor Christo). Aus derselben Zeit stammen zwei Bronzekühc, welche von späteren Kaisern geschenkt worden sind. Am meisten interessierten mich einige große Kupfervasen, Leuchter und Weihrauchgcfüßc mit äußerst kunstvollem Eiuailschmnck nach persischen Motiven, die, wie ich später erfuhr, in der That persischen Ursprungs sind und zur Zeit der Mings dem chinesischen Kaiserhofc von einem Persischen Schah verehrt worden sind. Zu den Seiten des Confnciusaltars erheben sich zwei andere, fast eben so hohe Altäre, welch'e die Ricsenstatucn der vier Hanptsüulen der Confucianischcn Lehre enthalten: rechts die Statuen von Tse-tse und Uan-tse, links jene von Tsun-tse und Mung-tse. Die Decke des etlva 20 Meter hohen Raumes ist kassetticrt »ud enthält 384 vergoldete, mit Drachenemblemcn geschmückte Tafeln. Die kahlen Wände besitzen keinen anderen Schmuck als die mächtigen Jnschrifttafetn, welche von verschiedenen Kaisern gewidmet lvorden sind. Alle sind mit fußbreiten geschnitzten Goldrahmen um-Partie aus dem Friedhof der Familie Coufucius in Kiu-fu.•nj-niä m BnimjuoD aaq qvag» lunl ajjjicBibliothek - ' -SeriinDie Vaterstadt des Confucius. 185 geben lind enthalten über deit erhabenen goldenen Schriftzeichen auf hellblauem Grunde auch die viereckigen kleinen Kartuschen mit dem Namen der kaiserlichen Stifter, ähnlich jenen, welche die ägyptischen Herrscher auf ihren Obelisken, Tempelbautcn und Gräbern anbringen liehen. Auf der Tempclmauer hinter dem Standbilde des ConfnciuS hängen drei solche Riescntafeln mit den Inschriften: „Der Lehrer und das Vorbild für 10 000 Zeitalter"; „Seine Tugend ist so groß, daß er damit Himmel und Erde erfüllen könnte": „Die Heiligkeit seines Geistes hat der Hiinmel gegeben." Auf der gegenüberliegenden Tempelwand über dem Hauptportal hängen drei aitdcre Kaisertafeln mit den Inschriften: „Seine Lehre ist für alle Ewigkeit"; „Der Himmel ist eins, die Erde ist eins, Confucius ist eins"; „Ein Tugendvorbild für alle Zeiten." Wie bemerkt, tvird dieser heiligste Tempel des chinesischen Reiches nur zweimal im Jahre geöffnet, wenn der jeweilige Herzog Confucius und seine nächsten Verwandten die traditionellen Ahnenopfer der Seele ihres großen Vorfahren darbringen. Während der herzogliche Hofstaat und das ganze Teinpelpersonal für daS vorgeschriebene, uralte Zeremoniell in antike Gewänder gekleidet sind, tragen die nächsten Nachkonnnen, die allein den Tempel betreten dürfen, die moderne Mandarinstracht, kaum verschieden von jener, welche die mich begleitenden zahlreichen Mandarine trugen, und da sie sich bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit im Tempel befanden, konnte ich mir das Bild vorstellen, das dasselbe zur Zeit der Ahnenopfer darbietcn muß: Aus den Ränchergcfäßcn schlängeln sich zahlreiche kleine Rauchwölkchen zur Decke, der ganze Raum ist in mystischen Dunst gehüllt, und Hunderte von brennenden Kerzen beleuchten die sich vor dem Riesenftand bild zu Boden werfenden Gestalten. Auf der großen Plattform draußen ertönen die Gongs, Pfeifen, Flöten und klingenden Steine der Musikanten, erschallt der langsame näselnde Gesang des Tempelchors. Zu Füßen der Terrasse unter den uralten hoch stämmigen Ccdcrn tanzen die in antike Gewänder gekleideten, blühende Zweige tragen den Tänzer, lind auf der Mondterrasse schmoren die Opfertiere auf mächtigen Feuern, deren Ranch den ganzen Park erfüllt. Die Chinesen glauben, daß bei diesen Opfer- festen die Seele des betreffenden Verstorbenen, also hier jene des Confucius selbst, auf die von den Sängern gesungene Einladung das Ahnentäfelchen verläßt, in der That an dem ihr Vorgesetzten Festschmause teilnimmt und nach dem dritten Gange wieder in ihre hölzerne Behausung zurückkehrt. Hinter dem großen Tempel befindet sich ein kleinerer Ahnentempel für die Mutter des Confucius, und zu beiden Seiten des Tempelhofes liegen noch 10 andere -Höfe mit Ahnenteinpeln für seinen Vater, Sohn, Enkel, dann für seine Frau und einige seiner Hauptapostel. Die ganze Anlage ist in einem vorzüglichen Zustande der Erhal tung, und man kann daher ihrem erblichen Hüter, dem Herzog, die Anerkennung nicht versagen. Auf meinen Wunsch, nunmehr nach der Residenz des Herzogs geführt zu werden, begleitete mich die ganze Mandaringesellschaft mit sichtlichem Widerstreben durch186 Die Vaterstadt des Confucius. eine lange, mit Mauern eingefaßte Allee. Mir voraus schritten 40 Mann der Leid garde des Herzogs, die uns auch durch den Tempel begleitet hatten, und welcher bisher in diesen Zeilen noch nicht Erwähnung geschah. Es waren durchweg große, kräftige Kerle in Scharlachwämsern aus feinem Samt mit den Worten „Herzoglicher Leib gardist" auf Brust und Rücken. Von der rechten Schulter zur linken Hüfte trugen sie schwarze Schärpen. Wie ich erfuhr, ist die Garde seit der Besetzung von Kiautschon durch die Deutschen beträchtlich verstärkt worden. Etiva in der Mitte der Allee erhebt sich ein hölzerner Thorbogen, und dieser bezeichnet den Eingang zu den umfang reichen, von hohen Mauern umschlossenen Gründen, in welchen die zahlreichen Gebäude und die palastühnliche hohe Empfangshalle des Herzogs stehen. Eine hohe bemalte Schutzmauer, von zwei Steinlöwen flankiert, steht vor dem Eingang. Resolut schritt ich mitten zwischen der nach Tausenden zählenden Menschenmenge durch das Thor, aber in dem ersten Höfe wurde ich von Gardisten aufgehalten, welche mir sagten, die Frauen des Herzogs wären im zweiten Hofe, der Herzog selbst sei in Aentschou-fu. Tie Frauen der vornehmen Chinesen sind in China gerade so unsichtbar und unzugänglich lote in der mohammedanischen Welt, und wir mußten natürlich Kehrt machen, um nicht gegen die Grundgesetze chinesischer Lebensart zu verstoßen. In demselben Augenblick machte mich Pater Pfistermann heimlich auf einen großen Chinesen aufmerksam, der, mit dem linken Arm das Gesicht verdeckend, hinter der uns umringenden Menge an der Mauer lehnte und uns aufmerksam musterte. „Sehen sie da herüber", flüsterte er mir zu, „da steht der Herzog." Er war in seidene Gewänder gekleidet und zeichnete sich von seiner Umgebung durch seine Größe und Stämmigkcit aus. Die Mandarine knickten verlegen zusammen, als ich die Gestalt fixierte, ich konnte aber nicht umhin, ihm seine Notlüge dadurch zu entlohnen, daß ich einen tiefen Kautau vor ihm machte. Er that aber, als hätte ihm meine Begrüßung gar nicht gegolten. Die herzliche Unterhaltung mit seinen Kammerherren war nun zu Ende. Der Herzog hatte in ihren Augen dadurch, daß er sich trotz seiner vorgeschützten Abwesenheit heransgcwagt hatte, wie die Chinesen sagen, „das Gesicht verloren", d. h. er hatte sich eine Blöße gegeben, und dergleichen gilt bei den Zopfträgern als eine liefe Schmach, in diesem Falle um so mehr, als er auch die Mandarine mit verwickelt hatte. Wie man mir erzählte, ist der gegenwärtige Herzog, ein junger Mann von 24 Jahren, überhaupt ein sonderbarer Herr. Er hat nur eine offizielle Frau, die Tochter des früheren Staatsministers Suin in Peking, die ihm bisher zwei Söhne gebar. Aber er nimmt es mit der ehelichen Treue nicht sehr- genau, ist ein eingefleischter Rancher, Trinker, Spieler, Bogenschütze, liebt allerhand Sport, kleidet sich in die kostbarsten Gewänder und thut sein möglichstes, um die unter seinem Vater großen Aussichten ans den chinesischen Kaiserthron zu untergraben. Die Chinesen, selbst in seiner Residenzstadt, nennen ihn einen „Ting buchau Rin", d. h. einen sehr schlechten Kerl. Er führt den in seiner Familie erblichen Titel Kung he, d. h. Herzog, und bezieht von der Regierung eine ansehnliche Rente. Außerdem ist er Besitzer von Ländereien in verschiedenen Teilen von Schantung im Gcsamtumfange von 3600 King, etwa 60 000 preußischen Morgen, die Dotation verschiedener Kaiser der Inen undDie Vaterstadt des Confucius. 187 Mingdynastien. Noch kürzlich hat ihm der jetzige Kaiser eine Landstrecke von 10 000 Morgen in der Nahe von Jtschou-fn geschenkt. Er bezieht daraus fürstliche Einnahmen, besitzt seine eigenen Frachtboote auf dem Kaiserkanal, große Viehherden, Reismühlen, Opiumfabriken und untersteht nicht der chinesischen Gerichtsbarkeit, sondern direkt dem Kaiser. Sogar der Provinzgouvernenr muß vor ihm den neunmaligen Kautau ausführen, wie vor dem Sohne des HimmelÄ Der Herzog, einer der reichsten Männer Chinas, wenn nicht der reichste, verwendet aber seine Einkünfte nur für sich, höchstens daß er den Tempel und die Grabstätten seiner Vorfahren und zu seinem eigenen Schutze die Stadtmauern und Thore ausbessern läßt. Wohl die Hälfte der Stadt bewohner sind, wie er, Nachkommen des Confucius; aber er unterhält keine Schulen und Handschrift der; Mandarin« von Kin-fn. thut auch sonst nichts für seine Verwandten, von denen viele Handwerker, Bauern Fuhrleute und Schubkarrenführer sind. Auf meinem Wege von Kiu-fn nach Tsiu hsicn, dem Geburtsorte von Mcucius, wurde ich von Soldaten begleitet, welche alle Nach kommen des Confucius waren und mit Stolz seinen Namen führten. Aber mein Trink geld nahmen sie doch mit Freuden an. Nächst dem großen Heiligtum dcS Confucius ist unter den Tempeln Kin fus der Den miau der größte. 'Er wurde zu Ehren des Licblingsschülers von Confucius, Den, erbaut und ist dem Confucinstempel ähnlich, nur von kleineren Dimensionen. Ganz wie dort befindet sich auch hier ein Standbild des Gelehrten darin, mit der Ahnentafel, auf welcher-die Inschrift besagt: „Der vollkommene Mann, der eine Heilig keit gleich jener dcS beiligen Mannes (Confucius) erreichte." lieber dem Thore stehen188 Die Vaterstadt des Confucius. die Worte: „Thor der AMtung." In dein ebenfalls mit uralten Bäumen gefüllten Tempclgrundc erheben sich noch andere Tempel, den Eltern und nächsten Familien - gliedern Jens geweiht, und unzähliche kaiserliche Jnschristtafeln. Das für mich Sehenswerteste in dieser Anlage, die mich als Nicht-Confuciancr kaum besonders interessierte, war eine mehrtansendjährigc Silberpinie von ungeheurer Ausdehnung, einer der schönsten Bäume, die ich jemals gesehen habe. Der Stamm, 7 Meter im Umfang, ebenso wie das ganze Geäste, ist von blendendem Weiß und Glanz, so daß cs wirklich den Anschein hat, als wäre der Baum bis zu den Nadeln mit Silber über zogen, die abgestorbenen Neste aber sind kohlschwarz. Beim Heranstreten ans dem Tcmpelgrnnde bemerkte ich, daß demselben an der Südseite der ganzen, etwa 100 Meter betragenden Länge nach eine herrliche Terrasse aus weißem Marmor vorgelagert ist. Die Balustraden der drei Abstufungen sind mit schönen Skulpturen bedeckt. Es blieb uns nur der Rundgang ans der Stadtmauer übrig, von wo ans wir die verschiedenen Tempclanlagen und die zahlreichen steinernen Ehrenpforten in den engen, ruhigen Straßen der Stadt sehr gut wahrnchmen konnten. Wenn sich diese Monumente so guter Erhaltung erfreuen, so ist das hauptsächlich dem Umstande zu zuschreiben, daß Kin-fu während des Taipingkrieges von den das Land verwüstenden Rebellen verschont geblieben ist. Als nämlich die zügellosen Banden erfuhren, daß die Stadtbchvrdcn und der größere Teil der Einwohner Nachkommen von Confucius wären, Zogen sie weiter und ließen während der ganzen langen Kriegsjahre Kiu-fu in Ruhe. Sie hatten mehr Rücksicht als die Horden, welche einst Rom, Jerusalem, Moskau und Alexandrien verwüstet haben.Tstu-WeN) die Vaterstadt des Meneius. Von dm Aposteln des großen Religionsstifters Confncius erfreut sich bei den Chinesen keiner so großer Beliebtheit und Verehrung wie Meneins. War er auch nicht ein Zeitgenosse und Schüler von Con- fucius, so wurde er doch von dessen Enkel in die Grundsätze und Lehren des Mora listen eingeweiht; er erklärte und erweiterte dieselben, und seine Schriften werden jenen paoodr m Wu-hst-n. von Confncius selbst beinahe gleichgestellt. Meneius (oder Mentziusl, ans Chinesisch Mung-tse, wurde im Jahre 371 vor Christo in dem Städtchen Tsiu-Hsien geboren; dort verbrachte er sein Leben, und dort liegt er auch begraben. Tsiu-Hsien liegt nur etwa 20 Kilometer von Kiu-fu entfernt, und nachdem ich dieses kennen gelernt, machte ich mich, begleitet von Pater Freinademetz, ans den Weg nach der Heimat des Meneius. Ein schöneres Stück Land als das zwischen Kin-fu und Tsiu-Hsien gelegene hat die ganze Provinz kaum anfznweisen. Die weite, ungemein fruchtbare Ebene ist mit üppigen Getreide- und Mohnfeldern bedeckt; zahl reiche Ortschaften liegen im Schatten hochstämmiger Eichen, Weiden und Walnußbäume, überall sind fleißige Bauern auf den Feldern und in den Obstgärten thätig. Ein ganz annehmbarer Feldweg führt von dem Südthore Kiu-fus nach Tsiu-Hsien, und das erste interessante Objekt, das wir auf der Fahrt dahin antrafen, war ein großes Steindenkmal zur Linken der Straße, welches die Inschrift Wu-yü-t'an, „Regcnaltar" trügt. Die abergläubischen Chinesen sind der Meinung, daß ihnen Regen und Trockenheit von ihren Göttern bestimmt werden, und hält Nässe oder Dürre zu lange an, so wird diesen geopfert. Gewöhnlich ist es der Ortsmandari», der dies zu besorgen hat. Ist aber sein Gebet nicht erhört worden, so muß ein höherer Mandarin, von dem seines190 Tsiu-hsien, die Vaterstadt des Mencius. bedeutenderen Ranges wegen auch größerer Einfluß bei den Gottheiten vorausgesetzt wird, in der Kreishauptstadt opfern; bleibt der Erfolg auch dann aus, so muß der Provinz gouverneur, ja selbst der Kaiser im Tempel der Erde den Göttern Opfertiere darbringen, dann ist bald alles in schönster Ordnung. Das Steindenkmal auf dem Wege nach Tsiu-Hsien bezeichnet die Stelle, wo etwa 200 Schritte abseits der Regenaltar sich er hebt, eine kleine, etwa meterhohe Terrasse, aus Erdreich aufgeführt und ohne jeden Schmuck. In dieser Gegend stand vor 2400 Jahren die Hauptstadt des alten König reiches Lu, die eine Zcitlang von dein Vater des Confueius verwaltet wurde. Vergeb lich forschten wir nach einer Ruine, einem Ueberbleibsel dieser einst so großen und berühmten Stadt. Nicht einmal ans der Hügelkette, die sich vom Wege in südöstlicher Richtung hinzieht, ist die geringste Tempelruine zu sehen. Dagegen wurden wir hier, auf dem ersten Hügel, durch den Anblick eines kleinen Kiefernwaldes erfreut, des ersten, den ich bis dahin in Schantung zu sehen bekam. Schon auf mehrere Kilometer Entfernung erblickten wir das Wahrzeichen von Tsiu-hsien, eine uralte, neunstöckige Pagode, welche in der mit einer niedrigen Lehm- maner umgebenen Nordvorstadt steht. Bald darauf kam die eigentliche, aus gebrannten Ziegeln erbaute, mit Zig neu versehene Stadtmauer zum Vorschein. Der Mandarin von Kiu-fu hatte schon tags zuvor einen Boten an seinen bezopften Kollegen in Tsiu-hsien gesandt, um unseren Besuch anzuzeigen und ein Absteigequartier zu reservieren. In andere:: Städten war ich gewöhnlich schon am Stadtthore von einem Iamenbeamten und einigen Gelcitsoldatcn erwartet worden, die meine Rcisekarawane nach der Herberge führten. Zn meinem Befremden hatte sich aber hier niemand cingcfundcn. In den von elenden Hütten eingefaßten Straßen, die wir durchzogen, lief die ganze, armselige Bevölkerung zusammen, und zerlumpter Janhagel zog unter Schreien und Johlen hinter uns her, ohne daß wir selbst wußten, wohin wir uns wenden sollten. Alis die Frage meines Boy nach einer Herberge wiesen ein paar finsteren Blickes dareinschauende Chinesen zun: jenseitigen Stadtthore hinaus in die breite Vorstadtstraße, die zur Linken von einer hohen ruinenhäften Mauer eingefaßt war. Die hohen, alten Bäume, die sich dahinter erhoben, konnten uns nicht im Zweifel lassen, daß sich hier die der Seele des Mencins geweihte Tempelanlage befand. Dem großen, zerbröckelnden Eingangsthore gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, sahen wir den sonnigen Hof einer Fuhrmannsherberge und beschlossen, hier mitten unter den Schubkarrenführern, Maultieren und Eseln, die sich auf dem Hofe herumtummelten, unser Mittagsbrot cinzunehmen. Unsere vier Reisc- karren, Wohl die stattlichste Karawane, die seit Jahren in diesem verfallenden, armseligen Städtchen cingezogcn sein mochte, lenkte in die Einfahrt. Das mit Staub und Schmutz bedeckte Gastzimmer war von Fuhrleuten eingenommen, die cs aber sofort räumten, als sie der Europäer ansichtig wurden. Während wir die Vorbereitungen zu unserer Mahl- zeit, alte Wurst und noch älteres Brot, trafen, sandte ich meinen Boy zum Iamen, um den Mandarin zu fragen, warum nichts für unseren Empfang geschehen sei. Er kan: mit der Nachricht zurück, der Mandarin wäre nicht sichtbar, und die Schreiber hätten ihn kaum einer Antwort gewürdigt. Der uns umstehenden Menge schien dieseTsiu-hsien, die Vaterstadt des Mencius. 191 Nachricht Mut einzuflößen, denn immer mehr von dem zerlumpten Gesindel drängte sich in den Hof, und die Sache schien mir recht unbehaglich, zumal da die Bevölkerung hier als europücrfeiudlich und unduldsam geschildert wird, weshalb auch nieder in Tsiu- hsien noch in Kiu-fu jemals die Errichtung von christlichen Missionen gelungen ist. Nun sandte ich meinen kaiserlich chinesischen Reisepaß in den Damen mit dem Aufträge, daß sofort ein Beamter mit einigen Soldaten hierhergeschickt werde, um uns zu schützen, andernfalls würde ich dem Provinzgouverueur Meldung machen. Das wirkt?. Ein Schreiber, begleitet von zwei zerlumpten Soldaten, traf in der Herberge ein, um mich nach meinen Wünschen 51 t fragen. Er that das aber in so flegelhafter Weise, daß es Pater Freiuademetz für angezeigt fand, ihm die Hölle ein wenig heiß zu machen. Ich sei mit Briefen vom Tsungliyamen und vom Gouverneur der Provinz versehen und wäre von den höchsten Mandarinen überall mit großer Auszeichnung empfangen worden. Ich würde das ungebührliche Betragen des Mandarins gewiß nach Peking melden. Bei dem Worte Peking klappte der arme Schreiber sichtlich zusammen. Es ist erstaun lich, welche Wirkung dieser Name in ganz China ans die offiziellen Persönlichkeiten ansübt. Als Pater Freiuademetz den Beamten verabschiedete, warf sich dieser vor mir auf den Boden und versprach, alles Nötige sofort zu veranlassen. Die gaffenden Zu schauer zogen sich, wie durch ein Zauberstäbchen berührt, ehrerbietig zurück, und es dauerte keine 10 Minuten, da kam auch schon der Mandarin selbst mit großem Gefolge in seiner blauen Sänfte herbei, um zu „kautauen" und seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Der feiste, dicke Kerl, ein bezopfter Falstaff, entwickelte einen Wortschwall, wie ich ihn noch von keinem Chinesen gehört habe. Er hätte mir eine Wohnung in seinem Damen schon gestern reserviert, seine Soldaten wären vor den Stadtthoren auf der Suche nach mir, und die Tempel der Stadt stünden bereits alle offen. Ob er auch dem jetzigen Haupte der Familie Mencius meinen Besuch angc- kündigt hätte? Nein. Der Po-tze, (der erbliche Titel des direkten Nachkommen von Mencius,) wäre nicht sichtbar. „Ich wünsche ihn aber zu sehen, und bitte, das Nötige zu veranlassen." Der Mandarin wiegte mit bedenklicher Miene seinen Kopf wie eine Porzellan- Pagode. „Auch ich möchte den Pv-tze gerne sehen", fügte er langsam hinzu. Allmählich ließ er sich die Würmer aus der Nase ziehen. Der Po-tze verdiene keineswegs die Achtung, die sein Name den Fremden einflößc. Der jeweilige oberste Repräsentant der Mencinsfamilie beziehe von der Regierung eine erhebliche Pension, gerade so wie der Herzog Confucius; er sei außerdem erbliches Mitglied der berühmten Hanlin akademie in Peking. (Han-lin heißt, nebenbei bemerkt, zu deutsch „Wald der Schreibstifte".) Die Familie hätte überdies von früheren Kaisern eine Dotation von 4500 Morgen Land in der Nähe von Tsiu-hsien erhalten, allein — wieder wackelte der Kopf des Mandarins. Nun? Der Po-tze habe einem seiner Verwandten einen Betrag von 500 Tacls gestohlen und sei damals verschwunden. Der Mandarin und seine Schergen seien schon lange auf192 Tsiu-Hsim, die Vaterstadt des MencW. der Suche nach ihm, er verberge sich aber in Jentschou-fu. Deshalb könne ich ihn nicht besuchen. Schöne Nachrichten von dem Repräsentanten des großen Mencius in der 73. Gene ration! Aber ich wollte wenigstens das Wohnhaus desselben besuchen, wo sich wertvolle Reliquien befinden sollen. Deshalb ersuchte ich den Mandarin, mich bei dem nächsten Repräsentanten, dem Oheim des Po-tze, zu melden. Auch das ginge nicht, denn auch der sei ein Dieb. Die ganze Familie sei ver lottert und habe dem Mandarin schon schwere Zeiten bereitet. Dabei schüttelte er traurig den Speckhals. Sonst aber würde er alles thnn, um uns den Aufenthalt angenchnr zu machen. Wir möchten doch recht lange bleiben, sein schämen stünde uns zur Ver fügung und dcrgl. Aber in dem traurigen, verfallenen Neste auch nur eine Stunde länger zu bleiben, als gerade nötig, kam mir nicht in den Sinn. Ich verabschiedete deshalb den dicken Herrn, und wir begaben uns sofort nach dem gegenüberliegenden Ahnentempel des Mencius. Scheu folgte uns die ganze neugierige Menge, denn nach Tsiu-hsien kommen noch weniger Europäer als nach Kin-fn, und wir mochten für die Mehrzahl der Einwohner die ersten gewesen sein, die sie überhaupt zu sehen bekamen. Die ganze Tempelanlage ist der jenigen des großen Eonfucinstempels in Kin-fn ähnlich, nur viel kleiner und verwahr loster. Durch das äußere Thor tretend, gelangten wir in eine breite, von uralten hohen Cypressen beschattete Allee, welche ans beiden Seiten von zahlreichen, 3 bis 5 Meter hohen, freistehenden Jnschrifttafeln eingefaßt wird. Diese Tafeln, die Tugenden und Kenntnisse des Mencius preisend, stammen hauptsächlich von verschiedenen Kaisern der Han-, Snng- und Anandynastie, doch befinden sich ain Ende der Allee in eigenen Pavillons auch Denksteine von den Kaisern Kanghi und Kienlnng. Eine hohe, aber an verschiedenen Stellen eingestürzte Mauer umschließt den Plan, ans welchem sich der Haupttempcl er hebt. Obschon der Mandarin uns versichert hatte, die dahinführende Pforte wäre geöffnet, fanden wir sie doch verschlossen, und wir mußten abermals in den Iamen nach den Schlüsseln schicken. In der Zwischenzeit war die uns folgende Zuschanermcnge durch die Lücken der rnincnhaften Umfassungsmauer eingedrnngen, und die Soldaten hatte alle Mühe, uns dieses schmierige Gesindel vom Leibe zu halten. Der Mandarin mußte zu nächst in das Palais deS Po-tze senden, wo die Tcmpelschlüsscl aufbewahrt werden, und als uns endlich ein Nachkomme des Mencius die Pforte aufschloß, stürmten die Hunderte vor, hinter und zwischen uns ebenfalls ein. Auch hier beschatten mehrtausendjährige Cypressen, Sebent und Eibenbüume (Taxus) den Tempelplatz, doch fehlen die Opferterrassen, die sich vor dem Confuciustempcl in Kin-fn befinden, und der Tempel selbst ist nur etwa halb so groß. Zwischen dem ersten und zweiten Dache befindet sich eine große, goldnmrahmtc Tafel mit goldenen Schrift zeichen auf blauem Grunde: „Der Tempel des sehr hervorragenden Heiligen". Die Säulen, welche die den Tempel umgebende Veranda tragen, sind weiße Marmormono lithen, zeigen aber nicht die köstlichen Skulpturen wie jene von Kin-fn. Auf dem Altäre im Innern des Tempels, dein Hauptcingange gegenüber, befindet sich eine sitzende Kolossal-Kaiserliche Pavillons im Pari! de» Lonfncinvtemprls in Hiu-fu.GroHir Confnriuslrmxrl in Kin-fn.BibliotneK BeninTsiu-Hfien, die Vaterstadt des Mencius. 193 statue des Mencius; das schöne, ausdrucksvolle Gesicht des alten Herrn wird von einent Weißen Vollbart umrahmt; • er trügt ein goldenes Barett nach altchinesischem Schnitt, und seine Gestalt ist iil lange, schwere Seidengewänder gehüllt. Die Hände sind über der Brust gefaltet. Zu seinen Füßen steht eine etwa 2 Fuß hohe Ahnentafel, welche in 5 Schriftzeichen die Worte enthält: „Sitz der Seele des berühmten Heiligen Mencius." Der Altar, oder vielmehr Schrein, welcher die Statue enthält, ist mit schönen bemalten und vergoldeten Holzschnitzereien bedeckt. Davor steht ein Opfertisch mit den gewöhn lichen Opfcrgcfüßcn, Urnen und Kerzenstänöern. Sonst ist das Innere des Tempels keineswegs bemerkenswert. Von Interesse ist nur eine brusthohe Stcintafel zur Linken des Altars, welche das in den Stein gemeißelte Porträt des Gelehrten zeigt und zu seinen Lebzeiten angefertigt worden sein soll. Der Tempel selbst wurde vom Kaiser Schen-tsung der Sungdynastie im Jahre 1068 erbaut, besitzt also das immerhin ansehn liche Alter von über 800 Jahren. In anderen, von eigenen Mauern umfaßten Höfen befinden sich kleinere Tempel oder vielmehr Hallen, welche nichts weiter als die Ahnentafeln des Vaters, der Mutter, der Gattin und des ältesten Sohnes von Mencius enthalten. Auffällig waren mir in diesen Höfen die künstlich verkrüppelten Formen der Bäume. Während diese in dem Haupttempelhofe, wie in allen anderen Tempeln Schantungs, die ich besucht habe, kerzen gerade, wie mächtige Holzfäulen zum Himmel streben und mit ihren Kronen einen herr lichen, grünen Naturdom bilden, sind sie hier schief und krumm, manche Stämme zeigen fast eine horizontale Lage und werden durch gemauerte Pfeiler gestützt, andere uralte, knorrige Stämme haben das Aussehen, als wären sie vom Blitze gespalten worden. Die meisten stammen aus der Zeit des Mencius, sind also weit über 2000 Jahre alt; aber gerade von dem im Hanpttcmpelhofe stehenden Baume, welcher von dem Gelehrten selbst gepflanzt worden ist, sind nur noch die toten Reste des Stammes übrig. Noch einfacher als der Tempel des Mencius ist jener von Tse-tse, des Enkels von Confucius und Lehrmeisters von Mencius, der ebenfalls in Tsiu-Hfien einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. Der Palast der direkten Nachkommen des Mencius, heute in der 74. Generation, erhebt sich nahe dem Tempel; wir konnten ihn aber der vorgeschilderten Umstände wegen nicht besuchen. Das Bemerkenswerteste daran soll übrigens das hohe Ehrenportal sein, das am Eingänge der Palaststraße steht und das ich ebenso wie den Tempel photographisch aufnehmen konnte, obscho» das vor dem Apparat unaufhörlich herumlanfende neugierige Gesindel die Sache keineswegs zu einer leichten machte. Eine herrliche Allee von alten Eichenbüumen, von den ersten Kaisern der Ming- dhnastie gepflanzt, führt zu dem Grabe des Mencius, das auf dem dichtbcwaldeten Ab hange eines Hügels liegt. Ein hoher Erdkegel bezeichnet die Stelle, wo der vor 2200 Jahren verstorbene Gelehrte liegt. Davor steht eine große Stcintafel mit dem Namen desselben und eine steinerne Opfernrne. Der Opfertempel, in welchem die Nach kommen des Gelehrten zweimal im Jahre die vorgeschriebencn Ahnenopfer darbringen, erhebt sich unweit des Grabes. Etwa 6 Kilometer nördlich von dieser Ruhestätte dehnt Hcsse-Wartegg, Schantung und Deulsch-China. 13 •194 Tsin-Hsien, die Vaterstadt des Mencius. sich ein schattiges, von einer kleinen Mauer umschlossenes Cypressengehölz aus, das Tausende von Gräbern enthält, der Friedhof der Nachkommen des Mencius. Der höchste Grabhügel bedeckt die Gebeine der Mutter desselben, und vor diesem befindet sich ein von zahlreichen Gedenksteinen umgebener Ahnentcmpel. Wenn Tsin-Hsien zeitweilig von chiitcsischen Pilgern besucht wird, so ist weniger Mencius die Ursache, als der Aischan, einer der fünf heiligen Berge von China, der sich etwa 12 Kilometer südöstlich von Tsin-Hsien aus der weiten Ebene erhebt. Eine gepflasterte Straße führt vom Fuße des Berges ans den 5 Kilometer davon entfernten Gipfel, der von einem Mschnan geweihten Tempel gekrönt wird. Nachdein ich aber einige Tage vorher den heiligsten aller Berge des chinesischen Reiches bestiegen hatte, fand ich mich nicht veranlaßt, auch noch ans den Iischan zu klettern. Von unten nahm er sich auch nicht schlecht ans. Weibliche Dorfbewohner.Nentschou-fu. Mu-fu, Tsiu-Hsien und Jentschon-fn bilden das heilige Stüdtetrio von Schantnng, ja des ganzen chinesischen Reiches. Jentschou-fu hat Wohl keine berühmten Grab stätten aufzuweisen, aber es ist die Stadt der Gelehrten, gleichzeitig der Hanptort des heiligen Landes von China und der Sitz der Regierung desselben. Ihr Alter reicht Paradrwaffen der Mandarine, vielleicht in noch fernere Zeiten zurück als das von Kin-fu und Tsiu-hsien, denn ihr Name Jentschon besagt, daß sie schon die Hauptstadt einer der 9 Provinzen war, in welche Kaiser In vor 4000 Jahren das chinesische Reich cingeteilt hat. Den alten Chroniken zufolge war dem Kaiser In die oberste Gottheit in einer Vision erschienen und hatte ihm diese Einteilung des Reiches anbefohlen. Hier in diesem schönsten und gesegnetsten Teile von Schantung lag auch das von beit alten Klassikern so häufig erwähnte Königreich Ln, und wie ich später ans einer verwitterten Inschrift über dem Westthore von Ientschou-fn entnahm, mußte sich die Stadt innerhalb der Grenzen dieses Staates befunden haben. Der Vater des Confncius war vor zweiundeinhalb Jahrtausenden eine Zeitlang ihr Gouverneur, und all das vereinigt sich, um der Stadt iu den Augen der Chinesen große Bedeutung zu verleihen. Diese Bedeutung ist indessen nicht nur eine historische; sie ist auch für Deutsch land in hohem Maße vorhanden, denn die Eisenbahnprojekte schließen Ientschou-fu in ihren Bereich ein, und die Stadt dürfte eine der wichtigsten Stationen aller Schantnng- linicn werden. Auf meinem Ritt von Tsin-Hsien nach Ientschon-fu war ich überrascht von der großen Fruchtbarkeit des Landes, der vorzüglichen Bebauung der Felder und dem verhältnismäßigen Wohlstände der Dorfbewohner. Die Chinesen sagen, das Land um Uentschou-fn trüge den besten Weizen von ganz China, und in der That wird ein Teil des dem Kaiser schuldigen Tributs alljährlich iu Ientschou-fu-Weizen geliefert. Auch Mohn, der weiter südlich weite Länderstrecken bedeckt, wird hier schon viel gebaut, leider nicht nur zum Nachteil der Bienenzucht, die in Schantnng eine große Nolle spielt, 13 *196 Imtschou-fu. sondern vor allem auch zum Nachteil der Menschen, denn Opium ist ihre größte Leiden schaft. Durch die Dörfer reitend, verspürte ich häufig genug selbst in den Straßen den unangenehmen Geruch dieses unheimlichen Betäubungsmittels. Hätte ich meine Reise im vergangenen Jahre um dieselbe Zeit unternommen, sie wäre wahrscheinlich nicht so glatt und angenehm verlausen wie diesmal. Auf dem Wege begegneten wir zahlreichen Maultierwagen und Schubkarren, die auf groteske Weise mit bunten Flaggen und Papierblumen geschmückt waren und deren Insassen, anscheinend den besten Gesellschaftsklassen der Zopfträger angehörend, sich toller Heiterkeit Hingaben, ohne uns indessen irgendwie zu belästigen. Nicht ein einziges Mal hörte ich das sonst so häufige Schimpfwort „fremder Teufel", nicht ein einziger, haßerfüllter Blick wurde uns zugeworfen. Pater Frcinadcmetz erzählte mir, gerade diese Menschen wären die den Europäern und Christen gefährlichsten von ganz Süd - Schantung. Sie waren Litteraten, die eben von den alljährlich in Nentschou-fu stattfindenden Wettprüfungen nach ihren Heimatsorten zurückkehrten. Ihre Fröhlichkeit und die Ausschmückung der Fuhrwerke besagten, daß sie die Prüfung glücklich bestanden hatten; andere, minder glückliche, zogen traurig und gesenkten Hauptes an uns vorüber. Im vergangenen Jahre sahen die Priester der deutschen Mission diesen Prüfungen in dem fanatischen Nentschou-fu mit Bangen entgegen. Bischof Anzer war es nur mit schwerer Mühe gelungen, -den heftigen Widerstand der Mandarine gegen die Gründung einer Mission dort zu brechen; die Bevölkerung hatte sich im höchsten Grade feindlich gezeigt, die junge Mission war wiederholt bedroht worden, und als die Frühjahrsprüfungen wieder viele Tausende von Litteraten mit ihren Familien und Bekannten nach Ientschou-fn führten, thaten die Mandarine nichts, die Mission gegen diese Fanatiker z» schützen. In der That drangen christenfeindliche Banden in die Mission ein, zerschlugen und ver wüsteten alles, was ihnen in die Hände fiel, nahmen dabei aber alles mit sich fort, was sie selbst brauchen konnten. Statt die Missethäter zu bestrafen, legten die Mandarine dem Bischof Anzer nahe, die Mission in Nentschou-fu zu schließen, denn diese Angriffe würden sich gewiß wiederholen. Die Mandarine kannten aber den Bischof noch nicht. Er sagte ihnen: „Ich bleibe, denn Euer Kaiser hat mir dazu das Recht gegeben. Könnt ihr meine Priester nicht schützen, dann tragt Ihr die Verantwortung". Sie zuckten die Achseln und ließen es geschehen, daß die Missionen in anderen Orten angegriffen, die Priester beschimpft und in den Kot gezerrt wurden, und diese Unthätigkeit der Mandarine, die Sicherheit, ziemlich straflos auszugehen, führte die, wie gesagt, gerade in Süd- Schantnng besonders fanatische und stolze Bevölkerung zu immer größeren Gewalt- thätigkeiten, die endlich in der Ermordung der beiden Missionare Nieß und Heule in Kiu-Ye ihren Höhepunkt erreichten. Darauf erfolgte die kraftvolle Intervention des Deutschen Reiches, die Besetzung von Kiautschon. Seither ist alles in schönster Ordnung; die Mandarine sind die liebens würdigsten, willfährigsten Menschen, die zwischen dem Stillen Ozean und dem Ural wohnen; sie dlickcn sich vor den Missionaren und thun alles, was sie ihnen nur an den Augen absehen können.Jentschou-fu. 197 Pater Freinademetz war während der in den letzten Tagen stattgehabten Prüfungen selbst in Dentschou-fu; kein Haar wurde ihm gekrümmt, kein Steinchen fiel auf die Misfionsmauer, und die Mandarine hüteten sie wie ihre Augäpfel, Sobald die Mandarine mit gutem Beispiele vorangehen, folgt auch die ganze Bevölkerung. Die Chinesen find wie Schafe, die ihrem Leithammel folgen. Als sie sahen, daß die Mandarine den bis dahin so verhaßten Europäern die größten Ehren erwiesen, änderten auch sie im Hand umdrehen ihr Benehmen. So konnten wir denn trotz der 20 000 Fremden, die eben innerhalb der Stadtmauer weilten, so sicher und ruhig unseren Einzug halten, als wären wir selbst chinesische Provinzgou verneure. Am Eingänge zur Mission waren 12 Soldaten mit Gewehren zur Parade aufgestellt, ans dem Thore und an der Mauer zu beiden Seiten prangten große Schutzprokla mationen aller Mandarine vom Taotai und Militärkomman danten herab bis zum Mandarin des Stadtviertels, und ich schlief in dem einfachen Missionsgebüude unter den, auf dem Dache prangenden Kreuze so sicher wie etwa in Weimar. Dentschon-sn ist eine imposante, schöne Stadt mit breiten, reinlichen Straßen, großen Kaufläden, stattlichen Damen und Privatresidenzen; zahlreiche Ehrenbogen aus weißem Marmor oder Granit erheben sich über der Hauptstraße, die Stadtmauern sind in vorzüglichem Zustande und mit reizen den Ecktürmchen geziert, und als Wahrzeichen von Dentschou-fu erhebt sich über das Weichbild der Stadt eine etwa zehn stöckige, freistehende Pagode ans Ziegeln, mit einem Bietall knauf gekrönt/ Dentschon-sn dürfte kaum mehr als 80 000 Ein wohner besitzen; aber dank der vielen Gelehrten lind Litte- raten, die sich unter diesen befinden, dank auch der Wohl habenheit eines beträchtlichen Prozentsatzes der Bürger wird Dentschon-sn zu den fünf bedeutendsten Städten der Provinz gezählt. Und das will viel sagen, denn Schantling über trifft Süddeutschland einschließlich der Reichslande an Große, das Königreich Italien an Einwohnerzahl. Auffällig war mir in den Geschäftsstraßen das Fehlen aller europäischen Waren, obschoil doch Tsining, der Hanpthafen des Kaiserkanals für die Provinz Schantnng, weniger als 30 Kilometer von Dentschou-fn entfernt ist. Was an abendländischen Produkten iir den Bazars vorhanden ist, stammt aus Amerika und wird merkwürdigerweise llicht über Schanghai auf dein wohlfeilen Wasserwege über Tsching- kiang durch den Kaiserkanal nach Dentscholi-fn eingeführt, sondern großenteils von Schanghai nach Tschifu und von dort 700 Kilometer lveit ans dem Landwege über Tsinan-fn nach Dentschon-sn gebracht. Hier in Dentschou-su wird von seiten der Dentschen der Hebel mit Aussicht ans viel Erfolg kräftig angesetzt werden müssen. Karte des kommandier. Generals von Schantnng.198 Veritschou-fu. Ich bedauerte lebhaft, einen Tag nach dem Schluß der großen Prüfungen hier her gekommen zu sein, denn diese Prüfungszett gewährt die beste Gelegenheit, einen tiefen Einblick in das Leben und Treiben der Bevölkerung zu thun. Herbergen und Privathäuser waren überfüllt, und Tag und Nacht währten die Festlichkeiten, begleitet von Umzügen, Feuerwerk, Theater u. dergl. An einzelnen Häusern standen noch drei eckige rote Fahnen aufgepflanzt, und die Thore waren mit rotem Zeug bedeckt, zum Zeichen, daß der dort wohnende Prüfungskandidat vom Glück begünstigt war. Die Prüfungen fanden in der großen Halle statt, welche sich vor dem westlichen Stadtthore auf dem Exerzierplatz der Truppen erhebt, und dort wurden auch die selt samen, militärischen Examen abgehalten. Zu denselben war ein kaiserlicher Examinator von Peking, Mitglied der kaiserlichen Hanlinakademie, des litterarischen Olymps von China, nach Ncntschon-fn gekommen. Pater Freinademetz erklärte mir auf dem Prüfnugsplatzc die Art der Offiziers prüfungen. Dieselbe weicht nur wenig von jener ab, wie ich sie in meinem Buche „China und Japan" geschildert habe. Eine Seite des Exerzierplatzes wird von einem etwa 500 Meter langen, einen halben Meter breiten und ebenso tiefen Graben eingefaßt, der an der Prüfungshalle vorbeiführt. Auf der einige Meter über dem Platz erhöhten Terrasse dieser Halle be fanden sich der kaiserliche Examinator mit seinem Stabe, sonne alle Mandarine des Kreises und der Stadt in ihren malerischen Prunkgewündern. Auf dem Platze vor ihnen standen mit Blumenguirlanden geschmückte Pferde mit breiten Sätteln, aber ohne Zügel. Jeder Kandidat mußte, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, ein Pferd besteigen und dasselbe im Galopp durch den Graben an dem Examinator vorbeiführen. Der ganzen Strecke entlang waren in kleinen Abständen Ziele anfgcstellt, und während des Rittes schoß jeder Kandidat Pfeile auf diese Ziele ab. Hatte die Mehr zahl der Pfeile ihr Ziel getroffen, so war die Prüfung glücklich bestanden, der Kandidat besaß die Eignung zum Offizier. Während unseres Besuches wurde gerade chinesischen Rekruten der deutsche Parademarsch eingedrillt, aber die dümmsten polnischen Bauern jungen benehmen sich am ersten Tage ihrer Dienstzeit nicht unbeholfener, als cs diese Zopfträger thaten. Im gewöhnlichen Leben sind sie leicht wie Federn und laufen zuweilen 100 Kilometer weit an einem Tage, aber nach ihrer Art. Werden sie zu einem andern Schritt, oder gar zum gemeinsamen Einhalten des militärischen Marsch- schrittes veranlaßt, so benehmen sie sich wie Kühe, die man lehren wollte, auf den Hinterfüßen zu gehen; sie konnten mit bestem Willen nicht ans einem Fuß stehen und den andern zum Paradeschritt Hochhalten. Die meisten fuchtelten Gleichgewicht suchend mit beiden Armen herum, manche fielen sogar zu Boden. Es N>ar zum Totlachen. Schon eine halbe Stunde nach meinem Eintreffen in Ientschou-fn hatten alle Mandarine durch Beamte ihre Karten in der Mission für mich abgeben lassen, und ich mußte ihnen, wohl oder übel, Besuche abstatten. Ich ließ mich zunächst bei den, Taotai des ganzen Kreises anmelden. Als ihm meine Karte überbracht wurde, waren eben alle Mandarine bei ihm zu einem Festmahle versammelt, das er zu Ehren des kaiserJentschou-fu. 199 lichen Examinators, Excellenz, zu geben gezwungen war. Natürlich konnte er mich nicht empfangen, aber meine Karte wanderte bei den Tischgenossen herum, und als der Examinator sie erblickte, soll er, wie ich später erfuhr, sehr erfreut gewesen sein und geäußert haben, ich sei ein warmer Freund Chinas. Er kannte mich persönlich von Peking her. Das genügte natürlich, mir bei den hohen Herren von Jentschou-fu und Thor zu öffnen. Kaum war die Mahlzeit vorüber, so kam einer nach dem an in großem Staat zu der von einer neugierigen Menschenmenge umdrängten um mich zu besuchen. Als letzter kam der kommandierende General Tieng-min-leh Jentschou, der gleichzeitig kommandierender General der ganzen Provinz ist. Ihm voraus trabte seine berittene Leibgarde, mit kurzen Schwertern bewaffnet, dann kamen Bf» vt- , Wt • - rAWr i w t tfjr-.' f . Tieng-min-leh, kommandierender General von Schantung. die Träger der Zeremonienschirme und fantastisch geformten, auf langen Stangen sitzenden Zeremonienwaffen, endlich der Karren des Generals, umgeben von 12 Schwertträgern. Militürmandarine bedienen sich bei Ausgängen oder Besuchen gewöhnlich eines zwei- rüderigen Maultierkarrens, Zivilmandarine der Sänfte. Der alte Herr war von einer Liebenswürdigkeit, >vic ich sie noch bei keinem Mandarin angetroffen hatte. Er blieb eine halbe Stunde bei mir sitzen, sprach unter anderm von Napoleon III. und Moltke, dessen Schriften, ins Chinesische übersetzt, sich in seiner Bibliothek befänden rc. Er er wähnte auch, er hätte in den chinesischen Zeitungen Schanghais und Pekings von meiner Reise gelesen, sowie von meiner publizistischen Thütigkeit zu Gunsten Chinas während des japanischen Krieges, und ich könne in China überall des freundlichsten Empfanges sicher sein. Er sei ein großer Freund der Deutschen, hätte von diesen viel200 Vmlschou-fu. gelernt und ließe auch seine Truppen nach dentschcin Muster drillen, was ich allerdings nach meinen Wahrnehmungen ans dem Exerzierplatz bestätigen kann. Während der ganzen Visite zeigte er sich auch sehr zuvorkommend den anwesenden deutschen Missio naren gegenüber, und beim Abschiede versicherte er mir, solange er Kommandant der Truppen bliebe, würde alles geschehen, um Leben und Eigentum der Missionare zu schützen. Eine halbe Stnnde darauf mußte ich der Excellenz nach chinesischer Etikette meinen Gegenbesuch machen, für den der General mir seinen eigenen Wagen zur Ver fügung stellte. Sein Damen, der größte und schönste von Jentschou-fn, nimmt einen großen Komplex im Norden der Stadt ein und ist eigentlich eine mit Mauern umgebene Citadellc, in der sich auch ein Militärlager von einigen hundert Mann Truppen befindet. Eines solchen Empfangs wie der, mit dem der General mich ehrte, bin ich noch nicht teilhaftig geworden und werde es auch nicht »nieder, solange ich lebe. Jir dem ersten Hofe war eine Militärkapelle ausgestellt, die mir zu Ehren chinesische Musikstücke spielte; als ich den zweiten Hof erreichte, donnerten die Kanonen auf deir Wällen ihren Gruß, und im dritten Hofe empfing mich der General selbst, umgeben von den Adjutanten und den Höchsten seines Offizierkorps in großer Uniform. An diesen» Tage, dem 29. April, hatte die ganze offizielle Welt des chinesischen Reiches den pelzverbrämten Winterhut mit dem leichten weißen Sommerhut vertauscht. Dieser Wechsel wird alljährlich durch eil» in der Pekinger Staatszeitung erscheinendes kaiser liches Dekret besonders anbefohlcn. In der mit kunstvollen chinesischen Gemälden, Inschriften und Bronzen geschmückten Empfangshalle war ein Tisch gedeckt, auf dem ich z», meinem Erstaunen neben aller hand chinesischen Leckereien auch europäisches Backwcrk, Cigaretten, Münchener Bier und französischen Champagner fand. Neben dei» feinen Porzellantellern lagen silberne Löffel, Messer und Gabeln, die ersten, die ich bei einem Mandarin überhaupt gesehen habe. Der General lächelte geschmeichelt, als ich meiner Ueberraschung über diesen europäischen Geschmack Sr. Excellenz Ausdruck gab. Eine Stunde verrann in» animicrtestei» Gespräch, bei dem immer mehr die abendländischen Neigungen des. Generals zu»»» Durchbruch kamen, und »vir schieden als die besten Freunde. Nach der Mission zurückgckchrt, fand ich nicht nur Geschenke von Leckereien, kandirten Früchten, Thce in Paketen und chinesischem Büchsenvbst vor, welche die Mandarine mir verehrt hatten, sondern der Stadtpräfekt hatte auch eine reichliche Mahl zeit, bestehend aus de»» gewöhnlichen chinesischen Delikatessen, gesandt. Was doch die deutschen Bajonette in Kiautschon nicht alles zu Wege gebracht haben! Ich wußte gar nicht, auf welche Weise ich all diese Liebenswürdigkeiten erwidern sollte. Ich hatte nur noch ein paar silberne Bleistifte, Spiegelchen in Goldrahmcn und Cigarcttenspitzen übrig, aber die Missionare meinten, gerade diese Sachen würden von den hohen Herren in Yentschon-fu am »»eisten geschätzt. In der That ließen sic mir durch Dainenbeamte noch eigens ihren besonderen Dank dafür ansdrücken. Hoffentlich ist diese Entente cordiale zwischen den Europäern und Chinesen eine bleibende, auch dann, wenn in der Ebene zwischen den Sorghumpflanzungen »ind denPagode von Tsm-Hfien.Drr Hauxkalkar drs Mrnruwkrmxrls in Lstu-hsien.^Bibliothek 8eriinImtschou-su. 201 Feldern von süßen Kartoffeln, die nebenbei bemerkt, von Amerika aus in China ein- geführt worden sind, sich ein neuer schöner Bahnhof erheben und die deutsche Lokomotive ihren Einzug in der uralten Großstadt des sagenhaften Königreiches Lu halten wird. Nur noch einige Jahre, und Ientschou-fu ist mit dem deutschen Hafen von Tsingtau durch einen Schienenstrang verbunden; an Stelle der amerikanischen Waren in den Bazars werden dann wohl deutsche treten, und langsam, aber sicher wird sich die industrielle Eroberung dieses gesegnete» Landes von seiten unserer Landsleute vollziehen.Schankimgxflug mik Drrigrsxann. Tsining. Wm\ all den vielen Großstädten der Provinz Schantung besitzt mit der einzigen Ausnahme von Tsinan-fu, der Provinzhauptstadt, keine so viel Handel, Industrie und Verkehr wie Tsinnin oder Tsining-dschou am Kaiserkanal, etwa anderthalb Tagereisen südlich von dem Zusammenflüsse des letzteren mit dem Hoangho gelegen. Eine Reise durch Schantung wäre unvollständig, lvollte man Tsining nicht besuchen. Es ist eine der größten und wichtigsten Städte zwischen dem Jangtsekiang und Peking, der Hauptsitz der deutschen katholischen Mission von Süd-Schantung und ein Endpunkt des pro jektierten deutschen Eisenbahnnetzes. All das veranlaßte mich, nachdem ich das berühmte heilige Land von China gesehen, mich von Ientschou-fu nicht direkt nordwärts nach Peking zu wenden, sondern in westlicher Richtung durch die große, ungemein frucht bare Hoanghoebenc nach Tsining zu fahren. Der liebenswürdige Pater Freiuadenietz hatte von Tsining die beiden bischöflichen Wagen mitgebracht, und statt wie bisher hoch zu Roß durch die blühenden Gefilde Schantungs zu ziehen, benützte ich diese mir in so zuvorkommender Weise angcbotene Fahrgelegenheit. Man darf sich aber unter den letzteren nicht etwa Equipagen vvrstcllen wie jene, deren sich die Kirchenfürsten in Europa bedienen, sondern auch nur zweirädrige Schantungkarreu. Kaum hatten wir das erste Dorf hinter Ientschon-fn erreicht, als ich beim Wenden um eine Ecke hinter mir dumpfes Gepolter, dazu Schreien und Stöhnen vernahm, und als ich mühsam aus meinem Kasten lugte, um nach der Ursache zu forschen, sah ich den Wagen, in welchem Pater Freinadeinetz und ein zweiter Missionar, P. Pfistermann, Platz genommen hatten, mit den Rädern nach oben in fußtiefein Staube liegen. Die Pferde waren ebenfalls gestürzt, der Kutscher lag unter den Pferden, der Provikar aber war eben im Begriffe, auf allen Vieren den nmgestürzten Wagen zu verlassen. Der Wagen war an der Straßenecke an einen großen Stein geprallt, die Pferde konnten nicht rasch genug angehalten werden, und der Salto mortale war geschehen. Zum großen Glück bliebTsining. 203 der arme Provikar vor einer schwereren Verletzung bewahrt, auch der Kutscher war gut davongekommen, so daß wir, nachdem der Wagen mit vereinten Kräften wieder auf die Räder gebracht worden war, unsere Fahrt nach Tsining fortsetzen konnten. Erst nach eingebrochcner Dunkelheit erreichten wir das noch offene Thor der mit einer hohen Ringmauer umgebenen Stadt und waren bald in der deutschen Mission, wo mir die Priester einen ungemein gastlichen Empfang bereiteten. Der Besuch eines Europäers, noch dazu deutschen Stannnes, ist ja hier, mitten im chinesischen Jnlande, ein sehr seltenes Ereignis, und eine Reihe von Jahren war vergangen, seit der letzte unter ihnen geweilt hat. Während meines dreitägigen Aufenthaltes in Tsining mußte ich freilich manche Stunde opfern, um ihnen von der Heimat zu erzählen, erhielt aber anderseits von ihnen die wertvollsten Aufschlüsse über Land und Leute. Die Missionare gaben mir auch abwechselnd das Geleite bei meinen Wan derungen durch die Stadt und Umgebung. Der Kaiserkanal weicht hier von seiner nordsüdlichen Hauptrichtung ab und bildet ein mehrere Kilometer langes westöstliches Knie, an welchem Tsining gelegen ist. Die eigentliche Stadt, ebenfalls von einer Ringmauer, höher und mächtiger als jene der Provinzhanptftadt, umschlossen, breitet sich auf der Nordseite aus und enthält eine Menge hochinteressanter Mandarinsyamen, Tempel, Kloster, Ehrenbogen. Dabei ist auch das Leben und Treiben hier im Gegensatz zu den anderen Städten Schantungs, ja ich möchte sagen, des ganzen China, ungemein lebhaft. In anderen Städten zieht sich der Handel und Verkehr hauptsächlich in den Vorstädten zusammen, während die eigentliche ummauerte Innenstadt nur der Sitz der offiziellen Behörden, Litteraten und wohlhabenderen Klassen ist. In Tsining ist dieser Unterschied nicht so auffällig; der Verkehr, den ich beispielsweise in der nach dem monumentalen Südthor führenden Straße und auf dem Platze vor dem Südthor selbst fand, erinnerte mich in seiner Lebhaftigkeit an Peking. An den Wänden des finsteren Thorbogens fand ich nicht weniger als 7 Paar Mandarinssticfel auf gehängt, ein Beweis, daß Tsining in der letzten Zeit von guten Mandarinen verwaltet worden ist. Jenseits des Südthors breitet sich ein weiter freier Platz aus, der von dem berühmten Kaiserkanal durchschnitten wird, aber obschon ich, gespannt auf diese große Wasscrverbindung zwischen Süd- und Nord-China, danach forschte, konnte ich weder den Kanal noch irgend welche Fahrzeuge sehen. Erst nachdem ich mich in dem Menschengewühl zwischen den zahlreichen Zelten, Flngdüchcrn, Verkaufsbuden, am bnlanten Restaurants etwas zurechtgcfnnden hatte, erblickte ich eine Stcinbrücke, und jenseits derselben breitete sich das Hüusermccr der Südvorstadt aus, mit womöglich noch geschäftigerem Leben, mit Lärmen, Schreien, Johlen, Tamtamschlagen, Getöse der ver schicdenstcn Art. Eilig lenkte ich meine Schritte zwischen den Karren, Reitern, Schub karren, Lastträgern, Fußgängern der Brücke zu, und erst unmittelbar vor ihr gewahrte ich einen etwa lp Meter tiefen Einschnitt mit fast senkrechten Erdwänden und ein paar Schmutzpfützen auf der Sohle, iit denen sich nackte Kinder mit Schweinen lind Hunden lim die Wette tummelten, und an einer tieferen Stelle lvurdcn eben Pferde204 Tsining. zur Schwemme geführt. Meine Begleiter nahmen die Verwunderung wahr, die sich auf meinem Gesichte abspiegeln mochte, lind lächelnd bestätigten sie mir, dies wäre der berühmte Kaiserkanal, dem Tsining seinen Bestand, seine Blüte verdanke. Auf Kilometer konnte ich dem tiefen Einschnitt entlang blicken, an dessen Ufern sich mit Chinesen- Häuschen besetzte Straßen hinziehen; am Nordufer liegen ein paar große Tempel, Sommerhäuser für Mandarine, und Kioske, umgeben von hübschen Gärtchen, hinter denen die gewaltige Steinmauer der inneren Stadt dräuend emporragt. Der ganze Verkehr bewegte sich auf dem Lande 51 t beiden Seiten des Kanals, und dieser selbst Christliche Chinesen (Schneider). schien mir in seiner Trockenheit und Oede eher ein Verkehrshindernis. zu sein als eine Verkehrsstraße, noch dazu, die größte zwischen Nord und Süd dieses gewaltigen Reiches. Ich hatte in früheren Jahren selbst verschiedene Strecken des Kaiserkanals be fahren und dort den denkbar regsten Verkehr getroffen; in Tschinkiang, an der Stelle, wo der Kanal den mächtigen Jangtsekinng kreuzt, hatte ich viele Tausende von großen, schwerbeladenen Booten gesehen, die dicht aneinander gedrängt, ineinander verfahren waren; in Tientsin lagen gelegentlich meines ersten Besuches die fremdartigen, bunt bemalten und bewimpelten Fahrzeuge so dicht aneinander, daß ich kaum die Wasserfläche erblickte, und von Boot zu Boot springend, trockenen Fußes das jenseitige Ufer hätte erreichen können; hier in Tsining aber lag dieser gleiche Kanal als eine schmale, fast wasserlose Erdrinne vor mir. Wie die Missionare erzählten, war der Kanal noch auf etwa 40 Kilometer weiter südlich, und nahezu 250 Kilometer nördlich, bis zur StadtTsining. 205 Te-dschou, an der Grenze von Petschili, größtenteils ohne Wasser und demgemäß auch nicht fahrbar. Erst mit den Regengüssen des Sommers steigt das Wasser in ihm hin reichend hoch, um den Bootsverkehr zu gestatten. Im Frühjahr ist der Kanal sozusagen nicht vorhanden, der ganze Warenverkehr geht über Land auf anderen Routen, im Sommer und Herbst aber kommen täglich Hunderte und Aberhunderte von Booten mit Frachten der verschiedensten Art, hauptsächlich Reis und Getreide, durch Tsining, und dann ist diese Handelsstadt die belebteste aus dem ganzen Wege zwischen dem Jangtse- kiangthalc und Tientsin. Dann giebt es für die Bazars, die langen Reihen von Her bergen, für Garküchen, Lebensmittelhündler, Theehüuser, Vergnügungslokale, Schaubuden, die sich den Kanal entlang ziehen, Arbeit, Zuspruch und reiche Einnahmen. Ein so großes und wichtiges Emporium wie Tsining kann durch die allerdings mehrmonatliche Unterbrechung des Kanalverkehrs in jedem Jahre in der Entwicklung nicht aufgehalten werden; das konnte ich sehen, als ich die Geschäftsstraßen der Südvorstadt durch wanderte. Dort wird in jedem Hause gearbeitet; jedes Hans hat irgend einen Kauf laden, in dessen Hintergründe die fleißigen Chinesen, nur mit einem Lendengurt bekleidet, klopfen, hämmern, hobeln und nähen, daß es eine Freude ist, ohne Unterlaß, von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht hinein. Auch hier sind die einzelnen Industrien der Hauptsache nach in bestimmten Geschäftsstraßen ansässig; die Schuster, Schneider, Seidenspinner, Seidenweber, Reisweinbrenner, Tabakhändler, die Messingschmiedc, Eisen arbeiter, Bambusflechter haben ihre eigenen Bezirke; es giebt nur wenige Großbetriebe, jede Familie arbeitet für sich, höchstens mit ein paar Gesellen, und für den Reisenden ist der Anblick, den diese merkwürdigen bunten Geschäftsstraßen mit ihren vielen Firmen schildern, ihren massenhaft vor den Häusern aufgestapelten Waren, die Werkstätten im Hintergründe, darbieten, ungemein interessant. Am großartigsten präsentieren sich trotz ihrer Enge die Straßen, in welchen die Bambus- und Strohflechter ihren Sitz haben; Hunderte von Läden sind hier auf beiden Seiten aneinandergereiht, mit den leichten, luftigen, ungemein geschickt und kunstvoll gearbeiteten Produkten, Stühlen, Matten, Körben, Spielzeugen, Gurten, Hüten, Gerätschaften aller Art, rings um die Eingänge aufgetürmt, so daß wir Mühe hatten, mit unseren Rossen durchzukommen. Ja, Tsining ist eine große Stadt; sie war es schon, als im Jahre 1598, also gerade vor 300 Jahren, der berühmte katholische Missionar Ricci auf seinem Wege nach Peking hier durchkam, und seither hat sie sich trotz der Unbeständigkeit des Kaiserkanals immer mehr vergrößert. Die fleißigen, mäßigen Mohammedaner, die hier wohnen, haben dazu er heblich beigetragen. Tsining ist einer der Hauptsitze der mohannucdanischen Religion in China, und dabei sind die Chinesen, die sich dazu bekennen, hier bei weitem nicht so unduldsam und fanatisch, wie ich sic in anderen Städten Schantungs gefunden habe. Sie besitzen hier 7 große Moscheen, von denen die in der Südvorstadt gelegene die bedeutendste ist. Einer meiner ersten Ausflüge war ihr gewidmet. In ihrer äußeren Anlage unterscheidet sie sich von den vielen Buddhatempeln Tsinings nur durch den Halbmond, der auf ihrem Dache prangt; auch hier mußten wir zunächst einen Hof durchschreiten, ehe wir zu ihr gelangten, und passierten dabei einen Brunnen, an welchen:206 Tsining. die Mohammedaner die vorgeschriebenen Waschungen vornehmen. An den Seiten des Hofes erheben sich zahlreiche Steindcnkmälcr mit teils chinesischen, teils arabischen Jn- schriften. Das Kommen von uns Europäern, begleitet von einem Iamenbeamtcn und mehreren Stadtsoldaten, hatte natürlich wie überall so auch hier die ganze Bevölkerung auf die Beine gebracht, und der Menschenstrom, der uns auf Schritt und Tritt folgte, lockte auch die Ulemmas der Moschee aus ihrer Nachmittagssiesta. Als ihr Oberster, ein alter Chinese, der sich durch nichts von den anderen Chinesen unterschied, sich mir näherte, fürchtete ich schon, er würde mir das Betreten der Moschee verbieten, wie ich es überall im mohammedanischen Orient, ausgenommen in den von europäischen Mächten besetzten Ländern, erfahren hatte. Allein ganz im Gegenteil. Er und seine Brüder luden mich sehr unterwürfig ein, nüherzntreten, ja wir brauchten nicht einmal die Stiefel von den Füßen zu ziehen, nur wurden wir gebeten, nicht die neuen Gebctmatten zu betreten, die im Innern der Moschee an einzelnen Stellen ansgebreitet waren. Als ich den Ulcmma, um ihn auf seine arabischen Kenntnisse zu prüfen, in dieser Sprache anredete, strahlte er ganz vor Vergnügen, und ich hatte auf meinen mehrjährigen Reisen iit mohamme danischen Ländern keinen aufgeknöpfteren, mitteilsameren Moslem getroffen. Das Hauptgebäude, die eigentliche Moschee, unterscheidet sich von den Bnddtza- tempeln nur durch die Form der Thorc, die nicht viereckig sind, sondern die schön ge schwungenen persischen Bogen zeigen; das Dach des großen inneren Raumes, der wohl 2000 bis 3000 Menschen fassen kann, wird von 52 runden Holzfäulen von etwa 20 Meter Höhe getragen, und als ich diesen Wald von Säulen in dem Dämmerlichte zuerst erblickte, erinnerte mich die ganze Anlage lebhaft an die berühmte Moschee von Cordova. Welche Ausbreitung hat doch der Mohainmedanismus gefunden! Von den Gestaden des Atlantischen Ozeans quer durch den afrikanischen und asiatischen Kontinent bis an die Küsten des Gelben Meeres ist er gedrungen, und nur die christliche Religion kann sich darin mit der mohammedanischen messen. Dieselben Formen der Andacht, dieselben sarazenischen Urformen der Tempel überall, und dazu, was nur bei der kathm lischen Religion der Fall ist, dieselbe Sprache. Die Kassetten der Holzdecke haben arabische Inschriften; Koransprüche in arabischen Schriftzügen ziehen sich den Wänden entlang, und die Säulen zeigen arabische Ornamentik. Leider ist diese letztere größten teils verschmiert, verwischt oder abgebröckelt, immerhin konnte ich an verschiedenen Säulen die schönen Linien dieser Arabesken und die reiche Vergoldung bewundern. Wie in allen Moscheen, so ist auch hier eine Kanzel und die Gebetnische vorhanden; diese ist aber, der geographischen Lage von Mekka entsprechend, nicht an der östlichen, sondern an der westlichen Moscheewand, und die chinesischen Moslemin wenden sich bei ihren Gebeten nicht gegen Sonnenaufgang, sondern gegen Sonnenuntergang. Trotz der Verwahrlosung, die sich in der Moschee überall zeigt, machte sie doch durch ihre Größe und Höhe einen imposanten Eindruck. Betende befanden sich zur Zeit meines Besuches nur wenige in ihr, mtb diese trugen einen weißen in eine Spitze anslaufenden Turban, der nach dem Gebete wieder abgelegt wird. Im gewöhnlichen Straßenverkehr ist nirgends ein derartiger Turban zu sehen. Nach den MitteilungenTsining. 207 der Ulemmas befinden sich in Tsining an 2000 mohammedanische Familien mit ungefähr 10 000 bis 12 000 Seelen, also nicht 25000, wie es verschiedentlich angegeben wurde. Von religiösem Fanatismus, der besonders in den nordwestlichen Provinzen Chinas häufig zum Durchbruch kommt, ist hier nichts wahrzunehmen, und es siel mir auf, mit welcher Herzlichkeit die mohammedanischen Schriftgelehrten meine beiden Begleiter, katholische Missionare, behandelten, obschon sie deren Stellung kannten. Die Lehren Mohammeds wurden in Tsining zuerst vor 200 Jahren durch einen Propheten bekannt, dessen Namen mir die Ulcmmas als Tsching-Tschang nannten; seine Predigten und Lehren haben sich von Vater auf Sohn bis heute vererbt, und es war mir erstaunlich, daß sich hier bei so geringen Beziehungen mit Arabien die arabische Sprache und Schrift so gut erhalten konnte. Nur wenige Mohammedaner unternehmen von hier die Pilgerreise nach Mekka, was ihnen gewiß nicht zu verdenken ist; wenn aber diese Hadschis zurückkehren, so tragen sie dafür nicht das grüne Turbantuch wie die Hadschis int Morgen lande, sondern ganz grüne Kleidung. Der Turban ist bei allen Moslemin von Schantung weiß. Interessanter noch als der Besuch bei beit Mohammedanern war mir jener in dem buddhistischen Hauptkloster von Tsining. Der Weg führte uns an den Kanal zurück, wo mir, nahe der Hauptbrücke, ein großer Geschüftsladen aufsiel, in welchem nur chinesische Gewürztunken, ähnlich den englischen Catchup und Worcester Sauce, feilgebotcn wurden. Als der zufällig anwesende Eigentümer mein Erstaunen über diese Mengen von Flaschen wahrnahm, die hier bergehoch aufgestapelt waren, trat er unter- tiefen Kautaus ans mich zu und bat mich, unter seiner Führung die Fabrik zu besichtigen, die sich nebenan dem Kanal entlang befindet. Eine Fabrik im Innern von China! Freilich keine mit mehrstöckigen Gebäuden, Maschinen und Rauchschloten, wie sie unsere Städte zieren, sondern ein Massenbctrieb nach chinesischem Muster. In den verschiedenen Hofen, welche wohl 2 Morgen Landes einnehmen dürften, befanden sich die verschiedenen Häuschen für die primitiven Destillierapparate, und zwischen diesen standen in langen Reihen große irdene Töpfe von vielleicht je 1 Kubikmeter Inhalt, mit den verschiedenen Pickles und Gewürztunken gefüllt, unter freiem Himmel. Derlei Gefäße giebt es in der Fabrik über 30000. Jedes mochte zwischen 1000 und 1500 Flaschen enthalten, was eine Gesamtmenge von 30 bis 40 Millionen Flaschen Sauce ausmacht! Und dabei werden die Gefäße in jedem Jahre mehrmals gefüllt. Diese Fabrik ist indessen nicht die einzige in Tsining; es giebt noch Fabriken eigener Art für Vermicelli, Rcis- wein, Webereien u. dergl., alle nach chinesischem Muster, alle mit großem Ertrag, denn in Tsining ermöglicht den Vertrieb dieser Produkte nicht nur der Kanal nach Nord und Süd, es laufen hier auch verschiedene Wege von Honan, Schansi, Schantung und Kiangsu zusammen, so daß die deutsche Schantung Eisenbahn entschieden nach Tsining verlängert werden sollte. Ein ganz anderes Bild, ein Bild des Friedens und Erbauens gewährte mir der Besuch des erwähnten Bonzenklosters im Innern der Stadt. Schon aus der Ferne ist cs durch eine hohe Pagode kenntlich, die erst nach dem Taipingkriege zu Ehren des208 Tsiriing. großen chinesischen Feldherrn Suin ganz aus Eisen aufgebaut wurde, ähnlich jener, die ich in Taingan fn gesehen habe. Neben dieser Pagode erhebt sich in dem ersten Hofe des Klosters ein eigenartiger Glockenturm mit mehreren schön geschwungenen Dächern übereinander und einer uralten Glocke, deren herrlicher Klang täglich zu hören ist. Die Bewohner Tsinings hängen abergläubisch an diesem Wahrzeichen der Stadt, denn einer alten Sage zufolge ist Tsining dem Untergänge geweiht, wenn die Glocke springen sollte. Im zweiten Hofe erhebt sich der dem Andenken Suins geweihte Tempel, Snin-wang- miau genannt, ein einfacher Bau, dessen Inneres aber eine Menge chinesischer Kunst schütze zeigt, Bronzen, Malereien, Holzfiguren -c. Hinter dem Tempel befinden sich in verschiedenen mit Bäumen und Blumenbeeten geschmückten Höfen die Klostergebaudc. Das größte darunter ist das Refektorium, mit einer Anzahl Tischen, wo eben die Eß- schalen, Eßstäbchen und roten Papierservietten für die Bonzen bereit lagen. Bor dem Eingänge gewahrte ich auf eigenen Gestellen zwei seltsam bemalte Fische von mindestens je 2 Meter Länge hängen. Als ich verwundert davor stehen blieb, schlug der uns führende Bonze mit einem hölzernen Schläger an den Bauch des einen Fisches. Nun sah ich, daß dies Trommeln waren, welche die Bonzen zur Mahlzeit rufen. In dem Hofe hinter dem Refektorium befinden sich die Empfangs- und Fremdenzimmer des Klosters, und hier stand der Oberbonze, umgeben von den Klosterbrüdern, um uns zu empfangen und den obligaten Thee zu kredenzen. Die Bonzen hatten durchweg glatt rasierte Gesichter und Schädel, der Oberbonze aber war zum Unterschied von den anderen, grau gekleideten in einen gelbseidenen Tatar gehüllt und trug eine eigen tümlich geformte Krone. Mit großer Zuvorkommenheit führte uns der alte Herr, obschon er kaum mehr gehen konnte, durch alle Räume, die Bibliothek und sogar in seine eigene Wohnung. Ueberall fiel mir die peinliche Sauberkeit auf, die hier im Gegensatz zu dem sonst allgemeinen Schmutz herrscht, sowie die große Zahl von Kunst gegenständen, zunächst herrliche Malereien aus Papier oder Seide. Die Gärten sind wohlgepflegt, in den Wasserbassins blüht der Lotos und an den Umfassungsmauern erhebt sich der schlanke zartgrüne Bambus. Der kaiserliche Ahnentempel, den ich am folgenden Tage mit besonderer Er laubnis des Stadtmandarins besuchte, ist lange nicht so gut erhalten wie der geschilderte, und doch ist er der kaiserlichen Dynastie geweiht. Er liegt am Nordufer des Kanals, zwischen diesem und der Stadtmauer, und trügt wie alle kaiserlichen Gebäude in China ein gelbes Porzellandach, überhöht von zwei mächtigen Flaggenstangen. Das Innere ist vollständig kahl und zeigt keine andere Einrichtung als einen Opfertisch, auf welchem ein goldumrähmtes fußhohes Täfelchen mit einer chinesischen Inschrift steht. Mein Dolmetscher entzifferte sie, wie folgt: „Zehntausend Jahre, zehntansendinal zehntausend Jahre", womit der Wunsch ausgedrückt wird, Seine bezopfte Majestät, der Kaiser, möge dieses gewiß recht ansehnliche Alter erreichen. In der That dient dieser Tempel keinen anderen Zwecken als einer Art Hochamt am Geburtstag des Kaisers. Wie mir der oberste Stadtmandarin gelegentlich seines Besuches erzählte, versammeln sich an diesem Tage (dem 28. des sechsten Monats chinesischer Zeitrechnung) sämtlicheGedenktafeln im Park des Menciustempels in Tstu-Hsten.Ehrenpforte in Vrnisrlwu-fu.«nt 1 .. Wisse, '"a Bibiiotnek BeninTsining. 209 Mandarine der Stadt und des Kreises vor diesen: Tempel unter einem nach allen Seiten offenen Steinpavillon und führen vor den: Tafelchen ihrem Range nach den Kautau ans. Die Zivilmandarine werfen sich zweimal auf die Knie und neigen dabei das Haupt siebenmal bis auf den Boden, die Militärmandarine dreimal mit je fünfmaligem Verneigen. Derlei kaiserliche Ahnentempel sollen sich in jeder größeren Stadt Chinas befinden; so behauptete wenigstens der Stadtmandarin, und so las ich es auch in ver schiedenen Büchern, ohne jedoch irgendwo einen gesehen zu haben, ausgenommen hier ii: Tsining. Wie überall in Schantuug, so waren auch die Mandarine von Tsining von außergewöhnlicher Liebenswürdigkeit mir gegenüber. Kaum war ich in der deutschen katholischen Mission abgesticgen, als sie sich auch schon der Reihe nach durch ihre Jamenbeamten mittels einer großen roten Visitenkarte anmelden ließen und in ihrem ganzen Amtsstaate bei mir erschienen. Ihnen voran kam der Präfekt oder Dschü-dschon, ein kleines, noch junges, ungemein gesprächiges Männchen, ein Freund der Deutschen und der Missionen; so beteuerte er wenigstens in Anbetracht der deutschen Bajonette und Kanonen ii: Tsingtau. Als ich ihm dc>: Besuch in seinem hübschen Ja men er widerte, mußte ich ein wenig antichambrieren, um ihm Zeit zu geben, sich in seinen Mandarinsstaat zu werfen. Der Vorhof z>: feinem En:pfangssalon enthält wie überall in den chinesischen Präfektenyamen die nach vorne offene Justizhalle mit den Tischen und Stühlen für die Beamten. Auf den: großen Mitteltischc stand zwischen Tuschschale und Schreibpinselbchälter ein Gefäß, in welchem sich mehrere Dutzend etwa fußlange Lineale aus zähem Eschenholz befanden. Warum gleich so viele, zumal doch das chinesische Schreibpapier mit roten Linien schon bedruckt ist? Die nach umstehenden Iamenbeamtm lachten, einer aber winkte einen Soldaten herbei, hieß ihn Kehrt machen und sich bücken und versetzte ihm dann mit einem dieser Lineale einen festen Streich ans den bescheidensten Teil seines Körpers. Ich war nun von der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Lineale überzeugt. Zur Rechten des Mandarinstisches prangten auf einem Gestelle große bemalte Richtschwerter aus Pappe; vor ihnen aber stand ein Tischchen, auf welchem eine Papierrolle lag, welche das kaiserliche Richterpatent für den Mandarin enthielt; neben ihr bemerkte ich ein Kästchen, etwa wie ein in gelbes Papier gewickeltes Vogelhaus; es dient zur Aufbewahrung des richterlichen Siegels. Als ich endlich beim Mandarin eintreten durfte, empfing er mich neben einen: gedeckten Tisch stehend, auf dem sich außer Tellern, Messern, Gabeln allerhand chinesische Konfitüren, europäisches Backwerk, Cigarren, Cigaretten, französischer Rotwein, deutscher Champagner (Norddeutscher Llohd-Sekt) und Münchener Bier befanden, also ganz so wie beim kommandierenden General in Ientschou-fu. Der Mandarin lächelte selbst gefällig im Bewußtsein seiner „abendländischen Civilisation" und ließ uns Platz nehmen. Während der sehr heiteren Unterhaltung, bei welcher Pater Freinademetz in liebens- würdigster Weise den Dolmetscher spielte, war der Mandarin unermüdlich im Füllen der Gläser, ivobei es ihm aber gar nicht darauf ankam, mir in meinen Champagner Bier und i>: mein Bier chinesischen Fruchtsaft zu gießen. Er klagte darüber, daß ich Hesse-Warlegg, Schantuug und Dcmsch-China. 14210 Tsining. nicht hinreichend den Leckereien zusprach, und mit reizender Naivität spießte er schließlich mit seiner eigenen Gabel, die er bisher selbst in den Mund geführt hatte, ein Stück Konfitüre und schob mir es gutmütig zwischen die Zähne. Sind diese Mandarine nicht freundliche Leute? Der putzigste unter ihnen ist wohl der Militürmandarin, ein Oberst, welcher die Schutztruppen des Kaiserkanals kommandiert und in Tsining seinen Sitz hat. Als er zur Mission kam, um mich zu besuchen, war er von einem so phantastischen Zuge begleitet wie etwa der Prinz Karneval auf dem Kölner Gürzenich. Den Zug eröffneten drei große rotweiße Fahnen von dreieckiger Form und reich gezackt; dann kam der Träger der Visitenkarte mit einer großen Tasche, ein un geheurer roter Ceremonienschirm, ein Mann mit einer großen Pauke, dem sechs Schwertträger folgten, dann erst kam der Karren des Man darins, beschattet von einem kleinen roten Schirm. Im Hofe der Mission angelaugt, schälte sich aus dem Wagenkasten ein ungeheurer Chinese, viel leicht 6 Fuß hoch, mit feistem, gutmütigem Ge sicht, und machte vor mir den Kautau. Kaum saßen wir in der Empfangshalle der Mission beim Thee, so fragte er schon, ob ich genug zu. essen und zu trinken hätte, er würde mir und den Missionaren eine Mahlzeit von seiner Küche senden, dazu ein Kistchen Kaiserthee. Essen, Trinken, das ist entschieden seine Lieblings beschäftigung, aber er ist ein guter Kerl, mit dem die deutschen Missionare sehr gut auskommen. Verläßt er einmal seinen Posten, so werden ihm die Einwohner von Tsining gewiß die Stiefel von den Füßen ziehen und sie am Stadtthor aufhängen. Weniger beliebt ist der Telegraphenmandarin. Tsining besitzt nämlich eine Tclc- graphenstation, von der man nach Peking, Schanghai, Tsingtau k. für 10 Cents, also 20 Pfennig das Wort, telegraphieren kann. Ich hatte einige Depeschen abzusenden und trat deshalb, als lvir gelegentlich beim Telegraphenyamen vorbeikamen, dort ein. Nachdem wir zwei Höfe durchschritten hatten, wurden wir von einem Beamten in die Empfangshalle geführt und gebeten, Platz zu nehmen. Nach etwa viertelstündigem Warten kam der Mandarin in der Amtstracht, um uns den obligaten Thee darznreicheu. Dann erkundigte er sich nach meinem Befinden, konversierte längere Zeit mit dem mich begleitenden Missionar, und nachdem eine geraume Zeit vergangen war, bemerkte erTsining. 211 14* en passant: „Sic wollen wohl eine Depesche absenden?" Ich hatte meine Depeschen längst einem der Angestellten übergeben und glaubte sic vielleicht schon am Ziele, als der Mandarin einen seiner Diener, die ihn umstanden, beauftragte, sie herbeizuholen. Eine Zeitlang betrachtete er die fremden Schriftzüge. Dann begann das Fragen: Was das für eine Schrift sei? in welcher Sprache? ob in Deutschland viele Menschen schreiben könnten? ob es dort auch Telegraphenbureaux in den Städten gebe u. dergl. Endlich, eine halbe Stunde mochte seit meinem Kommen verflossen sein, wurde mir die Sache doch 31 t stark, und ich ließ den Herrn Mandarin bitten, er möge die Depeschen sofort abgehen lassen. Nun ließ er seinen Sekretär kommen; dieser ließ einen Beamten holen, der, wie er sagte, der englischen Sprache mächtig, aber nicht zu Hause war. Nach einem Viertelstündchen kam er angerückt, hocherfreut, endlich einmal wieder englisch parlieren zu können. Ein unverständlicher Wortschwall entsprudelte seinem Munde, und erst nach mehrmaligem Versuch gelang es mir, ihm zu sagen, er möge doch die Depeschen absenden. „All light, all light“ (statt all right. Viele Chinesen können nämlich das 11 nicht aussprechen). Nun zählte er die Worte und ließ den Kassierer die Rechnungen ausschreiben. Währenddessen empfahl sich der Mandarin. Als ich endlich, nach etwa einer Stunde, diese Rechnungen in Händen hatte, zusammen 22 Dollars 40 Cents, wollte der Kassierer diese harten, blinkenden Silberdollars nicht annehmen. Dollars wären in Tsining nicht gangbare Münze. „Aber die Rechnungen der kaiserlichen Telegraphengesellschaft sind doch in Dollars ausgefertigt?" Ja, aber der Betrag müsse in Sapeken (ben kupfernen durchlochten Münzen) bezahlt werden. „Gut, also rechnen Sie den Betrag in Sapeken aus." Die ganze Gesellschaft begab sich nun wieder in die Geschäftslokale, um nach einer Viertelstunde mit der Sapekenrcchnung zu erscheinen. Da sah ich, daß ich für jeden Dollar 1000 große Sapeken zahlen sollte, während der Kurs nur 750 bis 800 Sapeken betrug. Natür lich protestierte ich gegen diese Beutelschneiderei. „Ja", meinte der Kassierer, „der Kurs des Dollars schwankt, er kann nächsten Monat wieder 1000 Sapeken betragen (was indessen gar nicht denkbar war), außerdem muß der Mandarin doch die Miete des Lokals, die Beamten rc. bezahlen, und da sind 1000 Sapeken für den Dollar nicht zu viel." „Gut, dann nehmt die Silberdollars!" „Das geht nicht, der Mandarin nimmt nur Sapeken." „Dann holt den Mandarin." Wieder verging eine Weile, und der Mandarin erschien unt?r tiefen Bücklingen. Er würde diesmal eine Ausnahme machen und die Dollars annehmen. Ich zählte das Geld auf den Tisch. Nun kam aber noch die Prüfung der Münzen. Es lmtrbc eine Wage geholt und jeder Dollar abgewogen; stimmte das Ge wicht, so wurden immer je zwei Dollars des Klanges wegen aneinandergeschlagen. Endlich war die Zahlung beendet. Wir konnten ben Damen verlassen.212 Tsining. Im Vorbeigehen blickte ich durch das offene Fenster in den Apparatraum. Dort stand der englisch sprechende Chinese mit einem Buche in der Hand und las. „Halloh, sind meine Depeschen fort?" „Ach ja, die Depeschen!" Dabei blickte er um sich, um sie zu suchen. „Nein, noch nicht, aber ich lverdc sie gleich abschicken." So werden in Tsining zuweilen Depeschen expediert! X X ch A- 1*\ -fr iS) t iX ■i) 4- % >4- >8l •?- i 4\\ ‘f* m 2 HL fr 4*1 .i X m .U £ A # -T "fr A fr. M- 'ik it ■i'h fr -M sl m fr K n O . •iii TÄ fr hSfK yßr. *;ri k H. ii 4h X in 'E m A H- X M- Handschrift und Siegel des Präfekten non Tsining.Das künftige Eisenbahnnetz von Schantung. (Die vom Verfasser vorgcschlagcnen Eiseiibahnlinien sind ans der Schantungkarte im Anhang deutlich bezeichnet.) -M- Doch eüber bic dem Deutschen Reiche und deutschen Unterthanen von China zugestaudenen Eisenbahukonzessioneu sind bestimmte Mitteilungen noch nicht an die Oeffentlichkeit gelangt, und nur die bereits besprochene Hauptbahn von Tsingtau über Wei-hsien und Poschan nach Tsinan-fu ist in sichere Aussicht genommen, enthielt eine im Laufe des Sommers 1898 in vielen deutschen Zeitungen veröffentlichte Karte eine Reihe von Eisenbahnlinien, deren Erbauung offenbar mit deutschem Gelde erfolgen soll, denn Schantung gehört ja ausschließlich zu der deutschen Interessensphäre in China. Hoffentlich ist darüber noch kein Beschluß gefaßt worden, denn diese Sache erfordert die reiflichste Prüfung. Es ist leicht, auf der Landkarte die einzelnen Hauptstädte mit einander durch Striche zu verbinden, wenn diese Landkarten aber unvollständig und unrichtig sind, so kann cs Vorkommen, daß die am grünen Tisch entworfenen Eisen- bahnpläne in Wirklichkeit durch Gegenden führen, welche für das Dampfroß ganz unzugänglich sind. Unzugänglich natürlich in dem Sinne, daß der Eisenbahnbau mit ungeheuren Kosten verbunden ist, die mit dem voraussichtlichen Ertrage für Jahr zehnte hinaus in gar keinem Einklang stehen. In einer Zeit, wo man schneebedeckte Alpenketten mit der Lokomotive überschreitet und eine ihrer höchsten Spitzen, die Jung frau, in Schienenfesseln schlügt, ist ja nichts unmöglich, aber nirgends so sehr wie in Schantung sollte man das Sprichwort beherzigen: „Erst wägen, dann wagen." Ans der genannten Karte ist zunächst die Eisenbahn von Tsingtau-Kiautschou über Poschan nach Tsinan-fu verzeichnet; diese Bahn muß unter allen Umständen gebaut werden, sie ist für den Bestand der neuen deutschen Kolonie erforderlich und wird sich auch voraussichtlich schon im ersten Jahre lohnen. Eine zweite Bahnlinie ist zwischen Tsingtau und Jtschou-fu, in Süd-Schantung, angegeben, und diese wurde wohl wegen der großen Kohlenfelder südlich der letztgenannten Stadt in Aussicht genommen. Die baldige Ertragsfähigkeit einer solchen Bahn scheint mir aber nicht ganz außer Zweifel zu sein. Die Kohlen von Jtschou-fu sind zwar in großen Mengen vorhanden und ziem- lich gut, doch sind sie für Jahre hinaus nicht unumgänglich notwendig, da ja die an der Siegel des Verfassers (altchinesische Zeichen). Vistkenliarlr de» Präsekten non Kinnlschou.214 Das künftige Eisenbahnnetz von Schantung. Visitenkarte des Mandarins non Tsingtschrm-fn. Bahn Tsingtau-Tsinan-fu gelegenen Kohlenfelder von Wei-Hsien und Pofchan voraus sichtlich jeden Bedarf reichlich befriedigen werden. Selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, so dürfte es vorläufig weitaus billiger lind zweckmäßiger sein, für den Kohlcn- transport von Jtschou-fu nach Tsingtau nicht eine Eisenbahn zu bauen, sondern die Kohlen in Dschunken von dem nächsten Hafen von Jtschou-fu, Namens Ngantungwei, nach Tsingtau kommen zu lassen. Dieser vortreffliche und sichere Hafen, der merk würdigerweise ans keiner mir bekannten Karte verzeichnet ist, ist von Jtschou-fu nur 90 Kilometer entfernt, und der Karrenweg dorthin führt großenteils durch ebenes Land. Freilich dürfte es nicht im Interesse von Tsingtau liegen, jenen Hafen dadurch zu einem Rivalen groß zu ziehen, daß man von Jtschou-fu eine Eisenbahn dorthin baut; denn die ans ihr zum Hafen beförderten Kohlen werden dann nicht nur nach Tsingtau, sondern wohl auch nach Schanghai ihren Weg finden. Eine Bahnlinie von Tsingtau nach Jtschon-fu würde gewiß den ganzen Verkehr der letztgenannten Stadt nach Tsingtau lenken, dagegen ist es sehr fraglich, ob dieser Verkehr schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte ein lohnender werden dürfte. Die Strecke besitzt eine beiläufige Länge von 250 Kilometer und führt großenteils durch recht gebirgiges Gebiet. Der Bahnbau ist also mit großen Kosten verbunden; dabei ist der Südosten von Schantung nur spärlich bewohnt, längs der geplanten Bahn liegen nur wenige Ortschaften, die Erzeugnisse sind sehr gering, der Verkehr gleich null. Wohl sollen die Berge in der Umgebung von J-tschou sehr mineralreich sein, doch bedarf dies noch der Bestätigung durch Fachleute. Eine dritte Bahnlinie ist auf der in Rede stehenden Karte von Tsinan-fu über Taingan und Mungyin nach Jtschou-fu verzeichnet. Was diese für einen Zweck haben soll, ist mir ganz unfaßlich, und ich würde für dieselbe nicht einen roten Heller hergeben. Es ist das reine Ringelspiel. Oder soll cs sich nur darum handeln, etwaige Touristen in Schantung auf der Eisenbahn spazieren zu führen? Ich habe einen großen Teil dieser Strecke selbst bereist, gerade so lvie die anderen, und weiß aus eigener Anschauung, daß die,Erbauung einer Bahn hier wegen des großenteils bergigen, felsigen Terrains nicht nur mit großen Kosten verbunden wäre, sondern daß sic auch voraus sichtlich auf Jahrzehnte hinaus keinen nennenswerten Ertrag liefern würde. Zwischen Tsinan-fu und Taingan-fu müßte die Bahn teilweise dem steinigen, viel gewundenen Bette eines Gc- birgsflnsses, des Iüfuho, entlang geführt werden, denn dieser bildet die beste Passage durch das ausgedehnte Bergland von Mittcl-Schantung. Taingau-fu ist wohl eine sehr be deutende Stadt mit großein Pilgerverkehr, denn unmittelbar nördlich von ihr erhebt sich der bereits geschilderte Taischan, der heilige Berg von China. Auch sonst ist der Verkehr auf dieser Strecke recht bedeutend. Ich begegnete zahlreichen Reisenden und ancf) großen Mengen von Frachten, die in Maultier- oder Schubkarren befördert wurden, und meinen Erkundigungen zufolge herrscht der Verkehr während des ganzen Jahres, lieber Taingan und Tsinan-fu führt nämlich die große Landroute von Tschinkiang am Jangtse- kiang, und damit auch von Schanghai nach Peking. Gegen die Erbauung der Strecke Taingan-Tsinan wäre also trotz den großen Baukosten nichts einzuwenden, vorausgesetzt,Das künftige Eisenbahnnetz von Schantung. 215 Laß die Fortsetzung dieser Strecke nicht in der aussichtslosen Richtung gegen Jtschou-fu weitergebaut würde. Zwischen Taingan und Jtschou-fu türmen sich nämlich eine Reihe hoher Bergketten auf, über welche nur steinige Passe führen. Dagegen ist auf der in Rede stehenden Kartenskizze eine vierte geplante Bahnlinie verzeichnet, die von Taingan-fu in südlicher Richtung nach Ientschou-fu und von dort über Tsiu-Hsicn weiter nach Süden führt. Wohin, kann ich nicht sagen, denn gerade an der interessantesten Stelle hört die Kartenskizze auf, wie bei einem Zeitungsroman die Fortsetzungen. So viel inan aber aus der Richtung erkennen kann, soll die Bahn wohl ebenfalls nach Jtschou-fu führen. Das heißt also, daß von Tsinan-fu nicht nur eine Bahn nach dieser Stadt geplant ist, sondern gleich zwei, die natürlich totgeborene Zwillingskinder sein würden. Eine einzige Bahn wird für viele Jahre hinaus dem Verkehr vollkommen genügen, und wenn eine solche gebaut werden soll, so ist die zweitgenannte Route über Ientschou-fn und Tsin- hsien unvergleichlich günstiger in jeder Beziehung. Ich bin dieser Route selbst gefolgt. Sie bietet bis weit über Tsiu-Hsicn hinaus gar keine Bodenschwierigkciten, und wenn auf den Karten dort auch allerhand Gebirge verzeichnet sind, so sind dieselben nicht etwa zu sammenhängende Gruppen oder Ketten; im Gegenteil, die ganze Gegend zwischen Taingan und Tsiu-Hsicn und auch weiter hinaus ist eben wie ein Tisch, und aus dieser weiten Alluvial- ebenc ragen vereinzelte Berge empor, die dem Bahnbau in keiner Weise hinderlich sind. Die letztgenannte Route soll wohl den ganzen Landverkehr zwischen dem Süden, d. h. dem Jangtsckiangthale und Peking, übernehmen, und in der That führt der große Ver kehrsweg zwischen den beiden Endpunkten seit Jahrhunderten übcrJtschon-fn und Tsinan-fu, übersetzt hier den Hoangho und geht weiter über Tedschon am Kaiserkanal nordwärts. Der Gedanke ist also ein sehr richtiger, aber, wie gesagt, es könnte dann nur die Bahn Tsinan-Taingan-Nentschou-fn-Tsiu-hsien-Jtschou-fn in Betracht kommen, und jene von Taingan über Mungyin muß ganz aus dem Spiele bleiben. An ihrer Stelle sollte die Bahn von Jtschou-fu, der Pekinger Route entlang, int Thale des J-Ho weiter nach Süden fortgesetzt werden. Allerdings würde dann bald die Südgrenze von Schantung erreicht sein, doch ließe sich vielleicht die Konzession zur Weiterführung der Bahn dem Kaiserkanal entlang nach Tschinkiang am Jangtsekiang und damit auch nach Schanghai erwerben. Eine solche Bahn wäre von der größten Wichtigkeit, und deutscher seits sollte alles nufgeboten werden, um die Konzession für dieselbe zu erhalten, bevor sie anderen Mächten erteilt wird, denn die Vorteile sind so ins Auge springend, daß es zur Erbauung dieser Strecken schon in der nächsten Zeit kommen muß. Die Ertrags fähigkeit einer Bahn, welche das Jangtsekiaugthal mit Peking verbindet, scheint mir über allen Zweifel erhaben. In Tschingkiang würde diese Bahn Anschluß finden an das im Ban begriffene Bahnnetz Schanghai-Sutschau-Nankiug-Hangtschau, das gewiß in den nächsten Jahrzehnten noch weiter ausgedehnt wird, im Norden aber, von Tcdschou aus, müßte die Verbindung nüt jener Bahn angestrebt werden, welche von Peking über Paoting nach Hanknu gebaut wird, und von welcher die Strecke Peking-Paoting bereits fertig ist. So würde man auch der großen mineralreichen Provinz Schaust die Hand entgegenstrecken. Vistkrnkarke bis Mandarins von Pophan.216 Das künftige Eisenbahnnetz von Schantung. Damit hätten die deutschen Schantungbahnen Anschlüsse, welche ihnen den Verkehr zwischen Süd und Nord in die Hand spielen und schon in den ersten Jahren ihres Bestandes gute Einnahmen sichern. Der Kaiserkanal, dessen Lauf diese Bahn auf eine gewisse Strecke, im Süden etwa 350 Kilometer weit, folgt, ist der Bahn nicht nur kein Konkurrent, sondern ein Förderer. Er hat den ganzen Frachtenverkehr zwischen Süd und Nord, soweit dieser nicht den Seeweg einschlägt, im Laufe der Jahrhunderte an sich gezogen und genügt gar nicht mehr zu dessen Bewältigung, so daß der Verkehr znm Teil auf Karren imb Schubkarren erfolgt. Während der Wintermonatc aber ist der Kanal zugefroren, im Frühjahr ist er auf dem ganzen Gebiete von Schantnng wasserlos, und der Frachtenverkehr wird dann größtenteils der Bahn zu gute kommen. Ringel- spielbahnen rings um Schantling zu bauen, dazu wird sich in Europa kein Geld finden lasse», aber für eine Bahn vom Jangtsekiangthal durch Schantling nach Peking gewiß. Es handelt sich darum, Anschlüsse zll erhalten, den Personen- und Frachtcnverkehr ver schiedener Gebiete an sich zu saugen; und dazu würde es auch gut sein, von Ientschou-fu eine Zweigbahn nach dem nur eine halbe Tagereise entfernten Tsining an: Kaiserkanal zu bauen, dem in den vorstehenden Kapiteln geschilderten größten Handelsplätze von Schantling und Hauptsitze der deutschen katholischen Mission. Sie würde den Anfang einer Bahnstrecke bilden, lvclchc mit Aussicht auf sichern Erfolg durch vollständig ebenes Gebiet weitergeführt werden köiliite, nach Tsautschou-fu im westlichen Schantnng und von dort nach der nur 120 Kilometer weiter gelegenen Hauptstadt von Honail, nach Kaifong am Hoangho, welcher Stadt nach den Andeutungen, die ich erhalten, noch eine große Bedeutung bevorsteht. Geht man doch in Pekinger Hofkreiscn mit der Absicht um, die Residenz des Kaisers und den Sitz der Regierung nach Kaifong zu verlegen, um so dein direkten Einflüsse der Russen und anderer Nationen zu entgehen, die sich im Golf voil Pctschili mit Bajonetten und Kanonen festgesetzt haben. Wird Kaifong früher oder später wirklich Reichshauptstadt, danil würde die deutsche Eisenbahn Kiautschon- Tsinan-Kaifong den ganzen Verkehr der Hauptstadt mit der See und dem Auslande übernehmen, Kiantschou aber zum Haupthafen der Residenz werden. Auch wenn Kaifong nicht Reichshauptstadt wird, bleibt eine Eisenbahn von Schantnng ans dorthin sehr- wichtig, beim mit ihr würde man den Handel von Honan und Schailsi sichern und ihn über die deutschen Bahnen durch die deutsche Interessensphäre in China nach devl deutschen Hafen Tsingtau lenken. Vor allem geht Schansi, wenn es einmal erschlossen wird, einer- großen Zukunft entgegen, und es wäre gut, bei Zeiten einen Anschluß dorthin zu gewinnen. Die hier ausgesprochenen Ansichten siild nicht nur die meinigen, die bloß insofern einigeil Wert besitzen, als ich, wie gesagt, den größten Teil der in Frage Kommenden Eisenbahnstreckeil selbst bereist habe; diese Ansichten werden auch von jenen geteilt, welche das Land, seine Erzeugnisse und seine Aussichten am besten kennen, nämlich den seit Jahrzehnten in Schantnng ansässigen Missionaren und den Kaufleuten in Schanghai und Tientsiil.-hcäs-T&nxw iTEEN-T; -lieiwraiv-B. fprt Arthur 5tn-Id eil G-olf "V •tselioii .vor IS 91 1896 -97 Tei-haz-m'i 'Tschi-fu* Schau Pfmg-Juti TüjerTiea Sei um -pcwcaig I "VTei- si-mnv Po-schon' Taing: l’scA^ Ts an- •tsclum -tschau* JÖo'ö Pscho^uj rn-täclxa Its ,-tfumtg- d.ninaig-lvo -kia.-'kiP- L , 1 chx) - ln,- tschärm- -tf i-’sclin. Jo hlL-'giCJlCrUL 11-ncjtcn 4 Tsiao-lar, ' 6 stLL.'v; G t e emvl Ch iles se-“Warte g - g\ SclumUaic; £Dputsch- China,. Ge o gr aph. ÄnKtalfc -von Verl agv. . 7 . .I.Hh er, L eip zi g. Wagner & 1 J e ö e s, L 61p rig „ .... ,3*3 O) - >' I 1Trc!iüti)i - in: l > Tai - «“•" . '"“‘ff «■ evr u v j M luTTan-kou. KajfteiisAdLz z e von SCHANTUNG UND UMLIEGENDEN GEBIETEN zur Übersicht der prqj.Eiseribalmen -Maß stab 1:5.250.000 50 100 150 200 250 Kilometer FertigeBnihnen Prof.deutsc/ie Tung-tsä Schändung bedmen. «==== Proj. AnscJdussbidmefL Gen'öfmlüchesÜberscinremimgsgeb.d.lFrangJio ■ujs°~Chinesische Fischer.Bibliothek ? . BernVon Tstning-d schon zum Hoangho. & * Mü 4r O Während ich, gewöhnlich begleitet von einem der gast freien und liebenswürdigen deutschen Missionare, verschiedene Ausflüge in die Umgebung von Tsining-dschou unternahm, bemühte sich der Stadtpräfckt, zwei Reisekarren für meine Weiterfahrt aufzutreiben. In den ersten Maitagen wollte ich Tsining verlassen, um den Hoangho zu besuchen, und da der Kaiserkanal wegen Wassermangels nicht befahrbar war, mußte ich die Reise zum großen Gelben Strom über Land machen. Derlei Reisen sind aber nicht so einfach wie in Europa. Selbst in eisenbahnlosen Ländern giebt es wenigstens Omnibusse, Postchaisen oder Diligencen, die regelmäßig zwischen viel kleineren Ortschaften verkehren, als die chinesischen sind. In China ist aber dergleichen vollständig unbekannt, jeder muß auf eigene Faust reisen, häufig sind alle verfügbaren Karren vermietet, lind der Reisende muß dann vielleicht wochenlang auf eine Fahrgelegenheit warten. Bischof Anzer hatte mir freilich in zuvorkommendster Weise seinen Reisekarren zur Verfügung stellen lassen, doch brauchte ich noch zwei andere für meine Leute und mein Gepäck. Der Machtspruch des Mandarins schaffte sie bald herbei, und eines Abends wurde mir der Vertrag mit dem Fuhrhalter zur Untcrfertignng vorgelegt, ein großes Dokument mit verschiedenfarbigen Siegeln wie ein Ordensdiplom. In der Uebersetzung kittete der Vertrag etwa folgendermaßen: Mietvertrag für zweispünnige Reisekarren. Wan-Schung, die alte, immerblühende Zunft. „Dieser Wagen wird vom großen Mann Hei-sse-Wa-te (mein Name) zu dem vereinbarten Tagespreis von 2 Tiau (2000 kleinen Cash) gemietet. Jeder Wagen hat Anspruch auf ein Trinkgeld. Was auf den Wagen verladen wird, hat darauf zu bleiben, und' es kann später noch mehr zngeladen werden. An Ruhetagen, wenn nicht gefahren wird, wird folgender Preis gezahlt: am ersten Tage anderthalb Tiau, an jedem folgenden Tage ein Tiau".218 Von Tsining-dschou zum Hoangho. Am nächsten Morgen stand meine Karawane vor dem Missionsthor. Die Missionare, an ihrer Spitze der ehrwürdige Provikar Pater Freinademetz, gaben mir das Geleite, und ganz gegen meine Erwartung gesellte sich Pater Pfistermann zu niir, um mir bis an den Hoangho zu folgen. Der Mandarin hatte zu meiner Sicherheit auch noch 6 Mann von seiner Garde beordert, die vor der Wagenkolonne einher marschierten. So zogen wir zum nördlichen Stadtthor hinaus in die wunderbar üppige, in yollcr Frühlingspracht prangende Ebene. Jedes Stückchen Boden war von wallenden Getreidefeldern eingenommen, oder mit Gaulean (Sorghum) bepflanzt, dessen hellgrüne zarte Sprößlei» eben zum Vorschein kamen. Hier und dort erhebt sich ein Hain von dunkelgrünen Chpressen, die Gräber verschiedener Dörfer oder einzelner Familien, bis auf viele Generationen zurück, beschattend. Keine Mauer oder grüne Hecke umgiebt sie, denn die Gräber sind allen Chinesen heilig. Im östlichen Schantung fand ich häufig in der Nähe solcher Grabstätten und zur Seite der Straße hohe marmorne Ehrenpforten oder Denkmäler in Form von anfrechtstchenden, bis zu zwei Meter hohen Steinplatten mit passenden Inschriften. Hier in dem vom Kaiserkanal und Hoangho umschlossenen Winkel fand ich an ihrer Stelle an der Straße oder auch mitten im Felde zwei Steinsünlen, welche den Anfang der zu den Gräbern führenden Allee bezeichnen. Waren die Verstorbenen Mandarine, so darf ihre Familie auf diese Grabsäulen steinerne Löwenfiguren setzen lassen. Die Dörfer, umgeben von Obstgärten und beschattet von hohen Weiden und Nußbäumcn, zeigen hier noch verhältnismäßigen Wohlstand, denn der „Schrecken Chinas", der Hoangho, sendet seine alles verheerenden Fluten niemals bis hierher; erst als wir das alte, heute nahezu trockene Flußbett des Ta-wön-ho gekreuzt hatten und uns der Kreisstadt Wen-Schang näherten, gelangten wir in das zeitweilige Ueberschwemmungs- gebiet des Gelben Flusses. Die ganze weite Ebene hier, und auf Hunderte von Kilo- metern nördlich, westlich und südlich ist nichts als eine Anschwemmung des Hoangho. Früher erstreckte sich wahrscheinlich das Gelbe Meer bis an die Gebirge von Honan und Schansi, und von der heutigen Provinz war nichts vorhanden als das Bergland des mittleren und östlichen Schantung, damals als ein Archipel zahlreicher Inseln aus dem Meere ragend, gerade so luic heute noch die Inselgruppe in der Meeresstraße, welche das Gelbe Meer mit dem Golf von Petschili verbindet. Allem Anschein nach ist hier eine Hebung des Meeresbodens eingetreten, aber was das Meer längs den Ostküsten von Honan und Schansi eigentlich in Festland verwandelt hat, war gewiß der Hoangho. Seinen Lauf bald nach Norden, bald nach Süden richtend, füllte er mit den Erdmassen, welche er mit sich führt, im Laufe der Zeiten das Meer aus und verband die damaligen Felseninseln des Schantungarchipels mit dem chinesischen Festlande. In jedem Jahre setzt er eine verschieden dicke Erdschicht in seinem unteren Stromgebiete ab, und auch die Ausfüllung des noch übriggebliebenen Meeresteiles, des Golfs von Petschili, schreitet, man könnte sagen, zusehends vorwärts, so daß an Stellen, wo noch vor einigen Jahr zehnten Wasser war, die Schiffskapitäne auf Untiefen stoßen. Natürlicherweise ist das große, durch die Ablagerungen des Hoangho entstandene Gebiet des westlichen Schantung eben wie ein Tisch, und demgemäß haben auch dieVon Tsining-dschou zum Hoangho. 219 von den Bergen des mittleren Schantung herabkommenden Flußläufe, sobald sie die Ebene erreichen, kein bleibendes Flußbett, sondern wechseln ihren Lauf fast bei jeder größeren Ueberschwemmung. Auch der Ta-Wön-Ho floß früher durch das genannte alte Bett in südwestlicher Richtung in den großen Schu-scha»-ho genannten See nördlich von Tsining, den auch der Kaiserkanal durchschneidet. Seit einer Reihe von Jahren hat er sich unmittelbar nach seinem Austritt aus den Gebirgen nach Westen gewendet und mündet in einen Nebenarm des Hoangho, nicht, wie ans manchen Karten angegeben ist, in den Kaiserkanal. Statt in Wen-schang zu übernachten, fuhren wir von der nach Norden führenden Kaiserstraße uns westlich wendend, nach dem kleinen Dorfe Ko-dia-ln, wo sich eine Mission der deutschen Katholiken befindet, und übernachteten dort in dem elenden Chinescn- hünschen, das dem in Ko-dia-ln stationierten Missionar Pater Teufel als Wohnung dient. Meine Erlebnisse dort sind in dem Kapitel über die Missionare geschildert. Am nächsten Morgen ging es weiter nach der einst großen und berühmten, heute aber verfallenen Stadt Tungping-dschon. Wir waren auf geschichtlichem Boden, denn schon in dem alten Geschichtsbuch der Chinesen, dein Schu-king, wird erzählt, daß diese Ebene — Tungping heißt nämlich deutsch „die östliche Ebene" — vor mehr als 4000 Jahren von dem ghoßcn Kaiser M zuerst besiedelt wurde. Der sechste Kaiser der Hea-dynastie wurde hier geboren, und in der Nähe der Stadt wurde auch die Schlacht geschlagen, welche dieser Dynastie ein Ende bereitete. In früheren Jahrhunderten wurde Tungping mehrmals von den Ueberschwemmungsfluten des Hoangho zerstört, zuletzt im Jahre 1344. Seither ist das Land der Uingebnng Wohl noch zuweilen überflutet worden, aber die Erdmassen, welche die Fluten bei ihrem Ablaufen zurücklassen, haben das Land allmählich erhöht, und das Ueberschwemmungsgebiet des Hoangho hat bei weitem nicht mehr dieselbe Aus dehnung wie in früheren Zeiten. Dcmcicksprcchend werden auch die Lehnnnanern, mit welchen die verschiedene!: Dörfer sich zum Schutz gegen die Fluten und wohl auch gegen die Rebellenhorden des Taiping- krieges ningeben haben, nicht mehr in gutem Stande gehalten und sind größtenteils verfallen. Auch Tungping ist von einer hohen Mauer mugcbcn, die aus gebrannten Ziegeln erbaut, dein Zahn der Zeit besser getrotzt hat; von der einstigen Blüte der Stadt ist heute nichts mehr vorhanden; von den Kaiserpalästen steht kein Stein mehr, ja man konnte mir nicht einmal die Orte angeben, wo sie sich befunden haben. Die größte Merkwürdigkeit der stillen, kaum 20 000 Einwohner zählenden Stadt ist ein hoher Turm, der einzige, den ich in der ganzen Provinz gesehen, welcher nicht die charakteristischen übereinandergesetzten Dächer der Pagoden hat, sondern in seiner Bauart unseren Kirch türmen ähnelt. Als wir uns dem Hauptarme des Ta-wön-ho-slusses näherten, fanden wir eine Menge von Schubkarren, Reitern, Maultierkarren und Fußgängern am Ufer, auf das Fährboot wartend. Kaum wurden die Bootsleute unsere Militürbedecknng gewahr, die gewöhnlich nur hohen Mandarinen zu teil wird, so ließen sie uns sofort auf das Boot220 Von Tsimng-dschou zum Hoangho. und hielten alle übrigen, schon lange harrenden Reisenden zurück, obschon noch für viele von ihnen Platz gewesen wäre, ja nicht nur das, sie ließen uns sogar weiterziehen, ohne Bezahlung zu verlangen, denn Mandarine sind von einer solchen befreit. Das ganze Land zwischen Tungping und der etwa 5 Kilometer südlich des Hoangho gelegenen Stadt Ping-e hat innerhalb der letzten drei Jahrzehnte durch Ucber- schwemmungen des Gelben Flusses ein anderes Antlitz bekommen, lind alle Karten, die ich von dieser Strecke gesehen habe, sind unrichtig. Zunächst sind in denselben die Berg züge nicht verzeichnet, welche sich zwischen der Tungping-Ping-e-straße und dem Kaiser kanal erheben und sich mit geringen Unterbrechungen etwa 50 Kilometer weit in vor- Thrifllichr Schuhmacher mm Schenkung. herrschend nord-südlicher Richtung hinziehen. Der südliche Höhenzng führt den Namen Lean-schan, der nördliche den Namen Schiong-an-schan. Nördlich von Tungping-dschon lvendct sich der Ta wön-ho plötzlich nach Norden, und sein Lauf begleitete lins ans einer Strecke von nichrcren Kilometern. Jenseits des breiten gelben Flußbandes ge- wahrten wir einen schmalen, mit Weiden bewachsenen Landstreifen, und jenseits desselben einen großen See, der noch ans keiner Karte angegeben ist. Er entstand vor etwa drei Jahrzehnten durch einen Dammbruch des Hoangho und ist seither mit jedeiil Jahre größer geworden. Der vorerwähnte Schiong-an-schan bildet feilt westliches Ufer, und erst jenseits dieses Bergrückens liegt der Kaiserkanal. Das gailzc Gebiet ist hier jährlich den Ueberschwenimungen des Hoangho nntcr- worfen, und demgemäß zieht auch die Straße nach Ping-e nicht in der EbeneVon Tsining-dschou zum Hoangho. 221 Weiter, sondern führt den Abhängen der niedrigen Kalkberge entlang, welche hier die letzten Ausläufer der Gebirge von Mittel-Schantung bilden. Die Dörfer in der Ebene sind durchweg ruinenhaft, und von ihrer Bevölkerung ist der größte Teil fortgezogen; nur die Aermsten blieben zurück und wohnen in den zerfallenden Lehmhütten. Tempel und Pagoden liegen in Trümmern, manche stecken metertief in den angeschwemmten Erdmassen, so daß ich mich tief bücken müßte, um das Thor zu passieren. Immer öder und trauriger wurde die Gegend bis etwa einige Kilometer vor Ping-e, wo mich in dem Dorfe Tschun-schian der Anblick eines schönen wohlerhaltenen Tempels über raschte, wohlerhalten deshalb, weil er auf einem etwa 2 Meter hohen Plateau steht. In dem Tempelhofe sah ich einige uralte Bäume, mit Stämmen von 7 bis 8 Meter Umfang, die mächtigsten, die ich bisher in Schantung angetroffen. Die Dunkelheit war schon angebrochen, als wir uns dem Ziele unserer Tagereise näherten. Ein paar beritttene Jamendiener, vom Mandarin gesandt, erwarteten uns vor dem Stadtthore, um uns in den Damen des Mandarins zu führen. Am Stadtthor selbst waren sechs Mann der Mandarinsgarde anfgestellt, die sich bei unserem Komnien in den Staub warfen und mit der Stirne den Boden berührten. Mit den sechs Mann, welche uns von Tungping gefolgt waren, hatten wir also ein militärisches Geleite von zwölf Mann, und dennoch waren es nicht zu viele, denn wie ich bei unserem Zuge durch die engen, dicht mit Menschen gefüllten Straßen sah, wurde eben eine große Messe abgehalten, und nur mit der größten Mühe gelang es unseren Soldaten, durch die schreiende und gaffende, auf geregte Volksmenge den Weg zu bahnen. Pater Pfistermann und ich zogen uns, so gut es ging, in den Hintergrund unserer Karren zurück, um nicht als Europäer erkannt zu werden, denn das hätte die Aufregung erst recht angcfacht, und wir waren froh, als wir endlich den Damen des Mandarins erreicht hatten und in dem Gebäude des letzten Hofes, fern von allem Verkehr, untergebracht waren. Kaum hatten wir den Staub von unseren Kleidern geschüttelt, so kamen auch schon einige Diener mit einer ans verschiedenen Gerichten bestehenden Abendmahlzeit, die der Mandarin uns senden ließ, und bald kam er auch selbst angerückt, um uns während des Essens Gesellschaft zu leisten. Er beglückwünschte uns, daß wir nnbclüstigt durch die Stadt gekommen wären, denn es seien eben viele Tausende von Fremden anwesend, um der vierzehn Tage währenden Jahresmesse beizuwohnen. Unter den Fremden waren auch viele aus dem berüchtigten Kreise Tsautschou-fu, dem Hanptsitz der Geheimsektc der „Großen Messer", welche es ans die Europäer, die Christen und zumal ans die Missionare abgesehen haben, wie ja die vor wenigen Monaten erfolgte Ermordung der beiden Missionare Nieß und Heule gezeigt hat. Auf meine Frage bezüglich der Ueberschwemmungen des Hoangho, der nur 5 Kilometer nördlich der Stadt vorbeiströmt, antwortete der Mandarin, Ping-e selbst leide darunter weniger als der umliegende gegen 1000 Quadratkilometer große Bezirk, der unter seiner Verwaltung steht. Als er hierher versetzt wurde, fand er, daß jährlich etwa ein Fünftel des Bezirks den Ueberschwemmungen ausgesetzt war, später wurden es zwei Fünftel, und im vergangenen Jahre seien sogar drei Fünftel des Bezirks Wochen-222 Bon Tsining-dschou zum Hoangho. lang unter Wasser gewesen. Die Stadt selbst liegt sa hach über der Ebene, daß sie von diesen Ueberschwemmungen nicht erreicht wird, dafür wird ihr desto schlimmer von einem kleinen Flüßchen mitgespielt, das etwa 15 Kilometer östlich in den Bergen ent springt und bei anhaltendem Regen zu einem verheerenden Strom anschwillt, der schon ganze Dörfer fortgeschwemmt hat. Vom Schlafen war während der folgenden Nacht keine Rede, denn gerade jen seits unserer Umfassungsmauer war der Mittelpunkt des Jahrmarkts, und der unbe schreibliche Lärm endigte erst bei Tagesanbruch, gerade als wir uns erheben mußten,, um unsere Reise fortzusetzen. Beim Verlassen der Stadt sahen tvir erst ihre malerische Lage; wie eine Stadt des schönen Italien zieht sie sich die ziemlich steilen Abhänge der das Hoanghothal hier begrenzenden Höhen empor, und wir bedauerten eigentlich weiter ziehen zu müssen, ohne mehr von diesem merkwürdigen Ping-e gesehen zu haben, allein das Boot, das mich den Hoangho stromauf- und stromabwärts führen sollte, harrte meiner; Pater Pfistermann, der mir bisher das Geleit gegeben hatte, mußte ebenfalls seine Missionsreise, leider in anderer Richtung, fortsetzen, lind wir nahmen vor dem Stadtthor voneinander Abschied. Ob wir uns jemals wieder sehen lvcrdcn? Allein zog ich weiter, wieder hinab in den 10 Meter tiefen Lößeinschnitt, durch welchen der Weg zum Hoangho führt und dessen senkrecht anfragende Wände mir jeden Ausblick auf die Gegend unmöglich machten. Je mehr ich mich dem großen Gelben Fluß näherte, desto flacher wurde die Wegschlucht, und endlich fuhr mein Karren ans die sandigen Ufer des Strandes. Der berüchtigte Gelbe Fluß, der Schrecken Chinas, der Hoangho mit seinen trüben Fluten, lag vor mir. Tabakspfeife der Schankunglenle (y 3 der natürliche» Grösse).Bei der: Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. Eine alte verwitterte Chinesendschunke sollte mich den mäch tigen Gelben Strom, auf welchem bisher wohl kaum ein halbes Dutzend Europäer gefahren sind, zunächst aufwärts, dann herab nach der Hauptstadt von Schantnng, Tsinan-fu, zurückbringen, und der leichte Wind trieb das Schiff ziemlich rasch dahin. Aber eine Stunde nach meiner Abfahrt erhob sich ein furchtbarer Sturm, der dichte Wolken von Sand und Staub aus den umliegenden Mein PhokogräxhrngrhUft. verdorrten Ebenen über den Strom trieb und die Weiterreise durch die hochgehcnden Wellen unmöglich machte. Mit Mühe wurde die Dschunke an den lehmigen Ufern verankert, und während der Regen in das dunkle Loch, das mir als Kabine diente, herabtroff, benutzte ich die unfreiwillige Wartezeit, um meine Besuche in den deutschen katholischen Missionen von Süd-Schantung niederzuschreiben. In der ganzen Provinz gibt es mit Ausnahme von Tschifu keine andern Deutschen als die Missionare von Steyl, welche dort, von Gefahren umdroht, ihr stilles Missionswerk ausüben, gleich zeitig aber auch den Samen pflanzen für die Ausbreitung deutscher Kultur und deutschen Handels. Seit dein Bestände der Mission, d. h. seit 14 Jahren war bis zu diesem Jahre mit Ausnahme eines Diplomaten kein Deutscher in das Missionsgebiet gekommen, dasselbe ist bisher nur aus den Berichten der Missionare selbst einigermaßen bekannt geworden und dürfte auch in Zukunft nicht so bald wieder besucht werden, denn es erfordert wochenlangc anstrengende Reisen, um hierher zu gelangen. Dazu ist gerade das Gebiet der deutschen Missionare als dein Europäer feindselig gesinnt verschrieen. In Tsautschou-fu sind deutsche Missionare durch die Straßen geschleift, geschlagen und in den Kot gezerrt worden; in Tsiu-Hsien, eben sowie iit Kiu-fn, gärt es fortwährend; in Ientschou-fu drangen noch, wie schon erwähnt, im vergangenen Jahre chinesische Studenten in die katholische Mission, um dort ihr Zerstörungswerk zu verrichten; int224 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. nahen Kü-Ye wurden vor einigen Monaten die armen Missionare Nieß und Henle ermordet, und während ich im „heiligen Lande von China", in der Umgebung von Taingan, weilte, hörte ich von einem neuen Angriff der berüchtigten Großen Messer ans das Leben des katholischen Missionars Davis, dem dieser nur dlirch Zufall ent rann. Ich selbst wurde vor dem Besuch der Missionsorte eindringlichst gewarnt, und als ich mich selbstverständlich nicht daran kehrte, sandten mir die Mandarine Depeschen reiter von Ort zu Ort voraus, um Maßregeln für meine Sicherheit zu treffen. In jedem Orte, wo ich übernachtete, wachten Jamenbeamte und Soldaten über mein Leben, und durchwanderte ich die Städte, so begleiteten mich Soldaten auf Schritt und Tritt. Diese liebevolle Fürsorge verdanke ich nicht allein der Besetzung von Kiautschou, die einen gewaltig tiefen Eindruck auf die Chinesen gemacht hat, sondern auch einer schon früher erwähnten Verordnung der chinesischen Regierung, derzufolge von nun an jeder Mandarin persönlich für die Sicherheit eines in seinem Gebiete reisenden Europäers haftet. Warum wird dieser llnterschied gemacht zwischen weltlichen und geistlichen Reisenden? Warum werden die weltlichen mit den zartesten Aufmerksamkeiten überhäuft und die geistlichen den Angriffen des Pöbels schutzlos ausgesetzt? Glaubt die chinesische Regierung etwa, daß von den europäischen Regierungen zwischen diesen beiden Gruppen ein Unterschied gemacht wird, und daß ihnen an dem Leben und der Sicherheit des gewöhnlichen Bürgers mehr gelegen ist als an jenem des Missionars? Kiautschou mag die Chinesen eines Bessern belehrt haben, indessen wäre es doch angezeigt, wenn die Gesandten angewiesen würden, den regierenden Herren in Peking die Sache nochmals, wenn nötig, mit dem Zaunpfahl, auseinanderzusetzen. Leider ist dies nämlich in Peking bis vor kurzem nicht mit dem gehörigen Nachdruck geschehen, so daß es den Anschein bekam, als nehme man es mit der Sicherheit der Missionare in der That nicht sehr ernst. Ich habe darüber recht Ueberraschendes gehört, ja es wurde dm Ansicht aus gesprochen, daß die Versäumnisse der letzten Jahre zu der Katastrophe von Kü-Ye mit beigetragen haben. Am meisten schuld an diesen Versäumnissen trügt von allen europäischen Mächten gerade Frankreich, jene Macht, welche in Europa die Kirche mit allen möglichen Mitteln bedrückt, sich im Auslande, besonders in China, als die Schlitzmacht der Katholiken auf- bläht und an diesem Vorrechte eifersüchtig festhält. Frankreich besteht sogar darauf, daß Kiautschou auch fernerhin der französischen Mission von Ost-Schantung, deren Sitz sich in Tsingtschou-fu befiildct, verbleiben soll. Ich habe dies gelegentlich meines Besuches von Tsingtschou-fu von bent Bistumverweser selbst vernommen, und derselbe hat es auch schon durch seinen Besuch von Tsingtau bethätigt. Als nämlich die deutschen Missionare von Süd-Schantliilg auf ihrer langwierigen und beschwerlichen Wanderung von Tsining nach Tsingtau auch durch Tsingtschou-fu kamen und dort in der französischen Mission abstiegen, schloß sich der dortige Provikar P. Amadce sofort der Expedition an. Obschon Franzose, wollte auch er den Dclitschen für ihr kräftiges Einschreiten danken und sich gleichzeitig nach einem passenden Grundstück für die Errichtung einer Mission Umsehen. Von deutscher Seite erfuhr der sehr liebenswürdige und freundliche Herr denBei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schautung. 225 ehrendsten Empfang, jedoch wurde seinem Ansinnen in diplomatischer Weise ausgewichen. Bei meinem Besuche in Tsingtschou-fu brachte er die Angelegenheit abermals zur Sprache und meinte, es könnten ja elsüssische Missionare für Tsingtau bestimmt werden. Frankreichs Ansprüche auf den Schutz der Katholiken in China sind bestreitbar; aber selbst wenn sie begrüitdet wären, so können sie sich doch nur auf das chinesische Gebiet erstrecken. Dadurch, daß China in seinem Vertrage mit dem Deutschen Reiche seine Hoheitsrechte über Tsingtati auf das letztere übertragen hat, gehört auch fürderhin das Gebiet von Tsingtau zum Deutschen Reiche. Diesen Ansichten haben sich auch die beteiligten Faktoren angeschlossen, denn bald nach meiner Rückkehr aus China wurde das Gebiet von Kiautschou in der That der deutschen Mission von Süd-Schan- tnng übertragen. Ich habe auf meinen Fahrten durch Schantung mit Missionaren verschiedener Nationen und Religionen, mit Engländern, Amerikanern, Schweden, Holländern, Franzosen, Italienern gesprochen, mit Baptisten, Methodisten, Presbyterianern, Anglikanern, Katho liken. Alle ohne Ausnahme sind der deutschen Regierung von ganzem Herzen dankbar für ihr kräftiges Einschreiten, das allen Missionaren in ganz China von weitgehendem Nutzen ist, ja, ich wurde gebeten, diesen Dank an angemessener Stelle zum Ausdruck zu bringen, was hiermit geschehen soll. Ebenso allgemein wie in Deutschland tadelt man auch hier die Nachlässigkeit und Saumseligkeit Frankreichs in religiösen Dingen. Der ehrwürdige Bischof Demarchi, apostolischer Vikar von Nord-Schantung, hat mit seiner ganzen Mission darunter zu leiden. Gelegentlich meines Besuches bei ihm klagte er über die schlimmen Verhältnisse im Norden der Provinz. Dort hatten im Jahre 1897 Christen in einem größern Dorfe auf dem Boden eines verfallenen Götzentempels eine Kirche gebaut. Die nichtchristlichcn Einwohner erhoben sich dagegen, vertrieben alle Christen, über 200 an der Zahl, aus dem Dorfe, zerstörten die Kirche und bauten an ihrer Stelle einen Götzentempel. Der Bischof berichtete den Vorfall an den französischen Gesandten, aber cs brauchte ein Jahr, ehe von seiten der chinesischen Regierung etwas geschah. Heute ist wohl der Tempel wieder niedergerissen, aber die Kirche ist noch nicht erbaut, die vertriebenen Christen, denen ihr ganzes Eigentum geraubt wurde, werden von den Andersgläubigen nicht in ihre Heimat zurückgelassen. Die Armen darben, von allem entblößt, seit länger als einem Jahre. Aber das Kennzeichnendste ist die Lage in Tientsin. Vor nahezu vier Jahrzehnten wurden dort der französische Konsul, eine Anzahl Priester und Nonnen, sowie ver schiedene Kaufleute ermordet, die große Kirche verbrannt und die ganze Mission zerstört. Erst kürzlich ist es der französischen Diplomatie gelungen, durchzusetzen, daß ans der Stelle der zerstörten Kirche eine neue erbaut wurde, aber wohlgemerkt, nicht von den Chinesen, sondern mit französischem Gelde! Die einzige Sühne, welche die französische Regierung, diese katholische Vormacht in China, erhalten konnte, war eine kaiserliche Schutztafcl vor dieser Kirche. Kein Wunder, daß die Missionare in China, ohne Unterschied der Nation und der Religion, über das kräftige und erfolgreiche Auftreten Deutschlands hocherfreut sind, Hesse-Wartegg, Schantung >md Deutsch-China. 15226 Ber den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. und wer erst selbst hier im Lande reist und mit den Missionaren sowie mit den Man darinen zusammenkommt, lernt einsehen, welches Ansehen sich Deutschland hier durch die jüngsten Ereignisse erworben hat. Als ich in Tsining Missionar Freinademetz meine Verwunderung aussprach, daß er ohne alle Begleitung in diesem gefährlichen Gebiete reise, wies er mit Recht darauf Bischof von Rnzrr, apostolischer Vikar von Süd-Schankmg. hin, daß die Reisepässe, welche die deutschen Vertreter den Missionaren ausstellen, jetzt nicht mehr tote Worte enthalten, uiid daß von den Mandarinen in der That alles ge schehe, um die Missionare 51t schützen, ebenso wie alle andern Reisenden. Aber es sei bei dein Mangel an Verkehrsmitteln auch für die Mandarine selbst beini besten Willen schwer, überall mit dcni nötigen Nachdruck aufzutreten, und Angriffe wie die eingangsBei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 227 erwähnten werden wohl auch in Zukunft nicht zu vermeiden sein, doch ist wenigstens das Leben der Missionare jetzt sicherer. Das leicht lenkbare chinesische Volk richtet sich im großen ganzen hauptsächlich nach den Mandarinen. Sind diese den Christen feind lich, dann ist es auch das Volk, zeigen sich die Mandarine den Christen freundlich, dann ist nichts Ernstes zu befürchten. Nach der Ansicht der Missionare ist Süd-Schantung augenblicklich in der That mit guten, ihnen gewogenen Mandarinen bedacht. Ich hatte selbst Gelegenheit, in allen von mir besuchten Städten mit den Mandarinen zu ver kehren und mit ihnen darüber zu sprechen, und glaube um so mehr an die Anfrichtig- kcit ihrer guten Gesinnungen, als es sich von jetzt ab auch um ihre eigenen Köpfe handelt. Der Reisepaß, welchen die deutsche Gesandtschaft den Missionaren in Süd- Schantung ausstellt, hat folgenden Wortlaut, dessen mitunter eigentümlich erscheinende Wendungen in der Schwierigkeit der llcbersetzung aus dem Chinesischen zu suchen sind. Die Pässe sind nämlich gleichzeitig in deutscher wie in chinesischer Sprache ausgefertigt: „Der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister des Deutschen Reiches in China ... in Sachen der Erteilung eines Schutzpasses: Auf Grund der zwischen dem Deutschen Reiche und China bestehenden Freund- schaftsvertrüge und der in andern Verträgen enthaltenen Bestimmungen, sowie der zwischen der Gesandtschaft des Deutschen Reiches und dein Tsnnglihamcn getroffenen besonder» Vereinbarungen erteile ich, der Gesandte, dem Angehörigen des Deutschen Reiches, dem Missionar Hrn. . . . diesen Paß zur Empfangnahme und als Ausweis. Da mir, dem Gesandten, wohl bekannt ist, daß Hr. ... ein namhafter Gelehrter meines Landes ist, der großes Wissen und hohe Tugend in hervorragendem Maße miteinander ver bindet, so beehre ich mich, an die hohen Minister der kaiserlich chinesischen Regierung und an die Zivil- und Militärbeamten aller Provinzen, sowie an die kaiserlichen Resi denten der Grenz- und Außengebiete das Ersuchen zu stellen, daß sic den Missionar Hrn. . . . von diesem Augenblicke ab innerhalb der Provinz Schantung gänzlich nach seinem freien Ermessen und Belieben sich hin- und herbcwegen, seine Religion predigen, wohnen, an welchem Orte es auch immer sei, Feld und Land mieten oder kaufen, katholische Kirchen, Häuser und Wohngebäude errichten lassen, ohne die geringste Behinderung und Schwierigkeit, ihn auch mit der einem Gast entgegenzubringenden Höflichkeit behandeln, bei allen Gelegenheiten sich seiner annehmen, ganz bestimmt aber nicht ihn vom Standpunkte eines unbeteiligten Zuschauers aus betrachten. Somit nun stelle ich, der Gesandte, diesen Paß ans zu dein Zwecke und um zu veranlassen, daß in allcir Orten des chinesischen Reiches, dem eigentlichen China und in den Außenlündern, in voller Erfüllung des Obigen verfahren werde, ohne irgend welche Zuwiderhandlung, dainit dadurch die ewige Darier und Gültigkeit der Bestimmungen des Freundschafts- Vertrages offenbar werde. Dieses ist wahrlich meine, des Gesaiidtcn, aufrichtige Hoffnung. Wie vorstehend ansgestellt niid übergeben dem Hrn. . . . am . . . von der Gesandtschaft des Deutschen Reiches. Unterschrift. Stempel. 15 *228 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. Anmerkung: Sollte au irgend einem Orte ein Aufstand oder Unruhen ans gebrochen sein, so darf der Inhaber dieses Passes sich unter keinen Umständen dorthin begeben. Unterschrift des Empfängers". Neben diesem Passe wird den Missionaren auch noch von China ein langatmiger chinesisch-kaiserlicher Schutzbrief ausgestellt, der auf gelbes Papier gedruckt und auf gelber Seide aufgezogen ist. Jener des unglücklichen Pater Nies; ist in meinen Besitz gelangt und nebenstehend wiedergegeben. Die kaiserlichen Worte haben ihm nicht geholfen, und ebensowenig würden dieselben auch den deutschen Missionaren von Süd-Schantling in Zukunft helfen, wenn nicht hinter der gelben Seide die deutschen Kanonen hervor lugen würden. Wie ich in den Missionen selbst erfahren habe, stellt es sich nunmehr heraus, daß nicht Räubergesindel die Ermordung der beiden Missionare ans dem Gewissen hat, sondern daß die Sache ganz anders zusammcnhängt. Wie überall in China, so stehen auch in Süd-Schantung, und besonders in dem chinesischen heiligen Lande rings um Ientschon, die Litteraten dem Christentum feindlich gegenüber. Sie versuchen es zu ver hindern, daß Christen die Distrikt- und Provinzprüfungen bestehen, legen den Kandidaten heidnisches Zeremoniell ans, dem sich die Christen nicht unterwerfen können, so daß sie lieber von der Prüfung zurücktreten, und tuenden alle möglichen Mittel an, Christen von amtlichen Stellungen fernzuhalten. Dennoch gelang es einem Protestanten, den Mandarinsposten von Kü-ye zu erhalten, und er zeigte sich auch den katholischen MWonaren sehr gewogen. Natürlich war er den Litteraten ein Dorn im Auge, man versuchte ihm alle möglichen Verlegenheiten zu bereiten, und als alles nichts nützte, um den Christen von seinem Posten zu verdrängen, beschloß man die Ermordung der Missionare in Kü-ye. Sonst wäre diese wohl kaum wirklich erfolgt, trotz alles Christen hasses, dein, wie gesagt, hauptsächlich nur die Litteraten frönen, in geringerem Maße das gewöhnliche Volk und die Mandarine. Ich habe dafür zahlreiche Beweise erhalten. Während meiner Fahrt durch die Distrikte der deiitschen Mission wurde ich stets von einem oder zwei Herren der letzteren begleitet, und da ich viel mit den offiziellen Persönlichkeiten, vom Provinzgouverneur abwärts, zu verkehren hatte, wobei die Missionare mir als Dolmetscher dienten, hatte ich vielfach Gelegenheit wahrzunehmen, welch hoher Achtung, um nicht zu sagen Freundschaft, sich die Missionare bei allen Mandarinen ohne Ausnahme erfreuen. Der Chef der Mission, der Bischof von Anzer, war zu meinem großen Be dauern noch nicht von seiner Europareise zurückgekehrt, ich kann also nicht von ihm sprechen. Allein sein Stellvertreter, der Provikar Freinademetz und alle anderen Herren wurden von den Alandarinen in hervorragender Weise geehrt. Die Mandarine wiesen ihnen bei den Besuchen die Ehrenplätze an, reichten ihnen den Thee mit eigener Hand, und während des Gespräches bekundeten sie große Herzlichkeit, von der die Missionare in der letzten Zeit auch sonst viele thatsächliche Beweise erhalten hatten. Alles das geschah, wie in China allgeniein üblich, bei offenen Thürcn, um welche sich HunderteMMWMÄMMWKNNL'MWi-^ I UH- 1 m^,^|||tn^fl]f ^-<5! 1II°^'B-^ru7LNU HNMN ^M«NLI«SÄ^L^^A!liL 1 MM ^KG ^MWM^M»KUZIM^^KW'«WKS^ «IM 1 ^M^ÄI^EUE^ÄKMEM^ÄALWN WLi ^E2k^^EKM'°Md1«M^W -H^W»«l*sa S&K^JK AÄMWN -<L 1 S^ÄSJ® K« Schutzbrief für den ermordrlen Miffwimr Wetz.230 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schankmg. Von Neugierigen drängten. Die in ihrem Beiseiit den Missionaren erwiesene Achtung wird nicht ohne Wirkung auf das Volk bleiben. Derlei verbreitet sich in den chinesischen Städten mit erstaunlicher Schnelligkeit, und ich bin nach meinen Beobachtungen auch überzeugt, daß die Bewohner vonSchantung dieBesetzuug von Kiautschon den Missionaren keineswegs nachtragen. In Kiu-fu und Tsiu-Hsien hat die deutsche Mission von Süd-Schantung aus verschiedenen Gründen noch keine Niederlassung errichtet. Dafür besteht aber eine solche seit einigen Jahren in der Hauptstadt dieses allen Chinesen teuern Landkreises, in der heiligen Stadt Ientschou-fu. Allgemein hatte man in Schantung über die Kühnheit des Bischofs von Auzer gestaunt, in diesem Herde des Christenhasses eine Mission an- znlegcu, und man hatte ihr auch längst ein trauriges Ende prophezeit. Aber Gott half den: Mutigen. Der Bischof kennt seine Chinesen wie kein zweiter, und statt daß die Mission verbrannt, zerstört, vernichtet und die Missionare gesteinigt worden wären, erhebt sich heute dort im Herzen der Stadt ein schmuckes Missionshaus mit stattlicher Pforte, hübschem Garten und kleinem Kirchlein, auf welchem das Kreuzeszeichen prangt, unbe hindert von den fanatischen Scharen des Confucius oder Mencius, deren direkte Nach kommen, wenn sie nach Ientschou-fu kommen, iit derselben Straße abstcigen, wo sich die katholische Mission befindet. Ihnen zu Liebe würde kein chinesischer Confucius-Verehrer auch nur das kleinste Stcinchen auf die Christen werfen, und von den Bewohnern der Stadt haben sie auch nichts mehr zn befürchten. Der Bischof von Auzer ist nicht nur ein sehr frommer, sondern auch ein sehr kluger Mann. Keine andere Mission hatte cs bisher gewagt, das heilige Land von China, oder gar die heilige Stadt Ientschou-fu in den Bereich ihrer Thätigkeit zu ziehen. Der Bischof aber dachte sich, es sei besser, den Stier gleich bei den Hörnern zu packen, und er hat es bisher nicht zu bereuen gehabt. Ientschou-fu ist der Sitz der wichtigsten Provinzbehörden nächst Tsinan, und die Bewachung der Mission sowie der Verkehr niit den Mandarinen konnte dort viel leichter erfolgen als anderswo. Freilich gicbt es in Anbetracht des kurzen Bestandes der Mission dort noch wenige Christen, und sie werden sich auch in dieser Confucius ergebenen Stadt so bald nicht mehren, aber Ientschou-fu ist von zahlreichen Dörfern unigeben, in denen sich kleine Christengemeinden befinden, und von der Stadt als Mittel punkt aus sind sie durch den Missionspriester leichter zu besuchen. Dazu macht es auch keinen geringen Eindruck, daß dieser Priester gerade aus der Stadt der Mandarine kommt. Freilich ist das alles nur äußerer Glanz, denn bei den höchst spärlichen Mitteln der Mission können sich die Priester keine großen Sprünge erlauben. Sie werden es mir wohl gern verzeihen, wenn ich verrate, daß ich dort sehr, sehr bescheiden bei Wasser und nicht viel mehr als Brot gelebt habe, und daß es noch au Bestecken für einen europäischen Gast mangelt, denn die Herren leben u In cliinoise und gebrauchen Eßstäbchen. Ein Theelöffel ist überhaupt noch nicht vorhanden, aber das thut dem guten Mut und Missionseifer keinen Eintrag. Man kann auch ohne Theelöffel und sonstige Annehm lichkeiten der Zivilisation das Christentum predigen. Wenn die Herren sich der chinesischen Lebensweise und chinesischen Kleidung unterwerfen mußten, so hat dies seinen Grund in der Unmöglichkeit des FortkommensBci den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 231 unter anderen Umständen. In europäischer Kleidung erregt man viel zu sehr Aufmerk samkeit, wie ich aus den Hunderten und Tausenden Neugierigen entnommen habe, die mir in allen Orten uachliefen und mir bis in mein Schlafzimmer folgten, um mein Thun genau zu studieren. In den elenden Missionsdörfern, welche die Herren zu besuchen haben, giebt es natürlich kein Hotel Bristol, sondern nur erbärmliche Löcher als Unterkunft und etwas Reis, Gemüse und Gebäck als Nahrung. Dazu bedarf man keine Nachthemden und Korkzieher. Die chinesische Kleidung ist überdies sehr bequem, dem europäischen Pricstcr- gewaude ähnlich, im Winter warm, und das ist das Wichtigste. Die'erfolgreichste Thätigkeit der Missionare fällt nämlich auf den Winter, denn im Sommer sind die Bauern auf den Feldern beschäftigt, im Herbste gilt es, sich für den Winter vorzubereiten, und erst im Winter selbst haben sie Zeit, über ernstere Dinge nachzudenken, zumal dann ihr Elend den Missionszwecken zu Hilfe kommt. Bei vollem Magen und Ueberfluß denken die Chinesen wenig an den Himmel. Im Sommer sind die Missionare deshalb hauptsächlich mit den Schulen und Seminaren beschäftigt, deren es auch in Jentschou-fu eines giebt, im Winter packen sic ihre Geräte für die Messe, dann das Allernotwendigste an Reisebedarf in zwei Reisesäcke, die über das Maultier oder Pferd geworfen werden, schwingen sich in den harten Chinesensattel und ziehen hinaus in partes infidelium, bci strenger Kälte und tiefem Schnee oft 30 bis 40 Kilometer im Tage zurücklegend. Auf diesem Wege sind vielleicht sechs bis acht Dörfer zu besuchen, wo die Christengemeinden ihrer harren, um zu beichten, zu kommunizieren, die Messe zu hören, Tröstung, Stärkung zu empfangen. Spät abends kommen sie in das Dorf, wo sie ihre Nachtruhe zubringen sollen. Elende Chinesenhänser, ohne Fenster, mit schlecht schließenden Thüren, durch welche die Kälte zwischen handbreiten Spalten eindringt, nehmen die Priester auf. Eine Holzpritsche mit einer dünnen Strohmatte dient ihnen als Bett und oft gleichzeitig als Schreibtisch, wo sie ihre Eintragungen machen, Register führen jc. Zuweilen bleibt die Tinte wochenlang gefroren und muß erst am eigenen Leibe aufgetant werden. Die Tinte gefriert neuerdings in der Feder beim Schreiben, bis der warme Atem sie für einen Augenblick flüssig macht, aber es geht eben nicht anders, die Chinesen haben keine Ocfen, ebensowenig wie sie im Winter Schlitten haben. Selbst in dein Hanptsitz der Mission von Süd-Schantung, in Tsining, habe ich keine Oefen gefunden, auch nicht in den kleinen einfachen Räumen des Bischofs. Für den ersten Augenblick mag die chinesische Tracht der europäischen und amerikanischen Missionare — denn alle ohne Ausnahme legen sie in China an be fremden, aber man gewöhnt sich bald daran, ja ich habe immer schon nach ein paar Wochen Aufenthalt im Reiche der Mitte die europäische Kleidung für häßlich gefunden: selbst mit dem Zopf, den alle Missionare, vom Bischof abwärts' tragen, versöhnt man sich, auch mit dem glattrasierten Vorderschädel, nur mit etwas konnte ich mich durchaus nicht befreunden: wenn beim Kämmen der lange, reiche Haarwuchs aufgelöst über den Rücken fällt. Ich sah dies zum erstenmal bci einem flachsblonden, schwedischen Missionar in Tientsin; aber haben die Chinesen nicht das gleiche Recht, sich über unsere232 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. kurzgeklippten Haare zu wundern? Im Sommer, etwa zur selben Zeit, wenn der Kaiser in der offiziellen Staatszeitung verkünden läßt, daß er von einem bestimmten Tage an den Sommerhut aufsetzen würde, tragen die Chinesen, und mit ihnen auch die Missionare, helle, häufig ganz weiße Kleidung, was bei der großen Hitze des Schantungsommers auch begründet ist. Auch int Sommer giebt es für die Missionare viel zu thun; denn werden auch dann wenige Christenseelen gewonnen, so müssen doch die einzelnen weitzerstreuten Ge meinden besucht werden, deren es in Süd-Schantung etwa dreihundert giebt. Natürlich befinden sich in diesen Dörfern nicht etwa Kirchen im europäischen Stil, sondern nur kleine, unscheinbare Bethäuser, höchstens Kapellen mit einem anschließenden dunklen Raum, Ivo der Priester übernachten kann. Viele Bethüuser, von durchweg chinesischer Bauart, gewöhnlich mit Strohdächern, werden von den verschiedenen Christengemeinden der Mission geschenkt. Bei manchen ist wohl auch ein Wohnhaus und ein Hof oder Gärtchen vorhanden. Häufig genug ist aber die Christengemeinde zu arm, und dann muß das Bethaus von der Mission gekauft werden. In jedem Jahre tragen die ver schiedenen Gemeinden die Kosten eines einmaligen Priesterbesuches, d. h. sie geben ihm und seinem Katecheten freie Verpflegung; wiederholte Besuche erfolgen jedoch auf Kosten der Mission, denn Geldbeiträge erhält die letztere von den armen Gemeinden so gut wie gar nicht, und erst in neuester Zeit ändern sich diese Verhältnisse durch die Bekehrung wohlhabender Chinesen etwas zum Bessern. Selbstverständlich können sich die Missionare, deren die Mission von Süd- Schantung etwa dreißig zählt, bei ihren fortwährenden Streifzügeu kreuz und quer durch die Provinz nicht von Soldaten begleiten lassen. Allein oder nur begleitet von einem chinesischen Katecheten, reiten oder fahren sie in primitiven Maultierkarren ein her, bei gutem und schlechtem Wetter, häufig ohne jede andere Nahrung, als trockenes, altes Brot und ein Trunk Wasser. Zuweilen werden sie von Räubern angefallen, überall und täglich aber sind sic Beschimpfungen ausgesetzt trotz der strengen Befehle seitens der Mandarine. In der letzten Zeit hat wenigstens das Bewerfen mit Steinen nachgelassen, das früher der gewöhnliche Empfang der Missionare, besonders in Städten, war. Die Freundlichkeit der Mandarine und das gute Beispiel, das sie durch ihre Zuvorkommenheit gaben, hat darin Wunder gewirkt. Es macht immer großen Eindruck auf das Volk, wenn ihre höchsten Würdenträger mit großem Pomp das Missionshaus besuchen, was während meines Aufenthaltes in den verschiedenen Missionen wieder holt geschah, und es wird immer gut thun, wenn Europäer ihre Solidarität mit den in China ansässigen Missionaren auf jede Weise kundgeben. In dieser Hinsicht ist besonders von den in China ansässigen Europäern viel gesündigt worden; in manchen Kreisen der Gesellschaft werden die Missionare absichtlich gemieden, und so konnten die Chinesen in der That auf den Gedanken kommen, Europäer und Missionare wären zweierlei. Von Jentschou-fu ist es, wie gesagt, nur eine halbe Tagereise nach Tsiuing- dschon, dem Hauptsitze der deutschen Mission und Residenz des Bischofs. Im Innern der Stadt, nahe den mächtigen Ringmauern, erhebt sich hier, umgeben von den aus-Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 233 gedehnten, in ansprechendem Stil gebauten Seminaren und Wohnhäusern die neue gotische Kathedrale, welche dem Baumeister, Pater Erlemann, alle Ehre macht. Schon ist der gewaltige Säulenbau unter Dach, es dürften aber immerhin noch zwei Jahre vergehen, bis die Kirche ihrer hohen Bestimmung geweiht wird. Beim Durchwandern der weit läufigen Bauten konnte ich mich des Staunens nicht erwehren, mit welcher Schnellig keit, Umsicht und Beachtung der praktischen Zwecke diese Mission angelegt worden ist. Dil katholische Kirche von Tsming. Ursprünglich war ja der jetzige zweite Hauptsitz der Mission Puoly, nördlich von Ientschou-fu gelegen, als eigentliches Missionscentrum bestimmt, und es befinden sich auch heute noch unter der Leitung der Herren Patres Pieper und Horstmann dort ein Seminar, zwei Waisenhäuser mit zusammen etwa 120 Kindern, zwei Schulen mit etwa 60 Schülern und ein Asyl für alte Leute. Erst vor etwa 10 Jahren wurde das Missionscentrum nach der großen und wichtigen Handelsstadt Tsining am Kaiserkanal verlegt, in richtiger Erkenntnis, daß in einem so reichen Orte des Handels, im Mittelpunkte234 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. eines ausgedehnten Verkehrsnetzes für die Mission besser gewirkt werden könne als in einem etwas abgelegenen Dorfe. In Tsining hat Bischof Anzer im Verein mit seinen wenigen Missionaren binnen einem Jahrzehnt in der That Erstaunliches geleistet: in den neu geballten ausgedehnten Missionsgebäuden werden eben eine chinesische Druckerei liild Schriftgießerei eingerichtet; eigeile Schmiede-, Schreiner-, Drechsler- lind Zimmerwerkstätten liefern die nötigen Arbeiten für beit Kirchenbau; in andern Räumen befinden sich ein Priesterseminar zur AuMldung von chinesischen Priestern, eine Katechetenschule mit etwa 30 Schülern lind eilt Knabenwaisenhaus. Aber nicht genug damit. Der Bischof trägt sich mit dem Gedanken der Errichtung einer Schule für die besten Klassen der chinesischen Bevölkerung, in welcher auch die deutsche Sprache gelehrt werden soll. Ich sprach mit den Mandarinen von Schantnng über dieses Projekt, und alle erklärten sich hocherfrelit darüber, ja einzelne, lvie der Präfekt von Tsining selbst, versprachen, ihre eigenen Söhne in diese Schule zu schicken. In der ersten Zeit mußte die junge schwache Mission sich ihre Gläubigen holen, wo sic dieselben eben fand, und so entstanden die weit zerstreuten Christengemeinden, deren Besorgung viele zeit raubende und gefährliche Reisen und damit eine Zersplitterung der Kräfte zur Folge hat. Wie armselig und verlassen dort die Missionare zuweilen leben, sah ich gelegent lich meines Besuches von Ko-dia-lu, einem kleinen Dorfe, eine Tagereise nördlich von Tsining, in dem vom Hoangho und dem Kaiserkanal gebildeten Erdwinkel gelegen. Mein Kommen, der Besuch des ersten Europäers, war dort bekannt geworden, und als mein Wagen mit der Begleitung chinesischer Kavalleristen aus der Ferne sichtbar wurde, kam mir die ganze Dorfbevölkerung, Christen lvie Heiden, Männer, Frauen und Kinder, mit dem Dorfältesten an der Spitze, entgegen; Leila, Leila, er kommt, er kommt, erscholl es von allen Lippen, und freundliches Lächeln sah ich ans allen Gesichtern. Der Missionsverweser, Pater Teufel, führte mich nach seineni Hause, das inmitten des eng gebauten armseligen Dorfes liegt, ein elendes Chinesenhaus, mit einem zweiten daranstoßenden, das als Kirche und Dorfschule gleichzeitig dient. Beide Häuser schließen einen kleinen, mit einer Lehmmauer umgebenen Hof ein, an dessen dritter Seite eine Lehmhütte für die Küche und den Diener liegt. Eine so armselige Mission ist mir auf meinen Reisen noch nicht vorgekommen. Dazu ist das Dorf von einer Wasserlache halb umgeben, die bei warmem Wetter nicht gerade die herrlichsten Düfte aussendet. Aber es fehlt an Geld, um ein besseres, eines europäischen Priesters würdigeres Haus zu bauen, und doch erfordern die zweihundert Christen des Dorfes und zweihundert andere, die in den umliegenden Ortschaften wohnen, Seelsorge. Hoffentlich werden bald chinesische Priester ansgcbildct sein, um den armen Pater Teufel in Ko-dia-lu abzulösen. Einstweilen fügt er sich mit rührender Ergebung in sein keineswegs beneidenswertes Schicksal. Seine Christen lieben und verehren ihn; die Kinder seiner Schule hängen an ihm. Ich machte die persönliche Bekanntschaft aller; denn mit der gewöhnlichen Neugierde füllten sie den ganzen Hof, die Kirche und das einzige vorhandene Zimmer, wo ich bei Pater Teufel zu Gast war. Die Chinesen find leider enthusiastische Knoblauchesser, dazu sind sic ein wenig wasserscheu und wechseln ihre Kleider den ganzen Winter über nicht einBei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 235 einziges Mal, aus dem einfachen Grunde, weil sie keilte Kleider zun: Wechseln haben. Bald herrschte in dem kleinen Raume eine Atmosphäre zum Uebelwerden: aber ich konnte es nicht übers Herz bringen, meine christlichen chinesischen Brüder hinauszu jagen, ivic ich es sonst im Hotel 511 thun pflegte. Da kam mir der glückliche Gedanke, die Schule zu besuchen. Alles folgte mir dorthin. Mit Kennermiene beurteilte ich die chinesischen Schreibhefte der lieben, sich zutraulich an meine Kleider klebeitden Schul jungen, verteilte als Belohnung an die fleißigen ein paar Silbermünzen und zog mich dann rasch in das Wohnzimmer zurück, die Thüre hinter mir verrammelnd. Nun war ich die Gesellschaft los, nicht aber den Knoblauchgeruch und das andere! Für den armen Pater Teufel empfand ich aufrichtiges Mitleid, gepaart mit Bewunderung, ebenso wie für so viele andere Herren, welche ihr Leben in rührendster Hingebung der christ lichen Sache widmen, ohne anderes Entgelt als das Bewußtsein der erfüllten Pflicht. Nicht viel besser geht es den Missionaren in den beiden andern Missiousvrteu Waug-Tschwaug, wo die Patres Wewel und Nagler zwei Waisenhäuser und zwei Schulen leiten, und Jtschou-fu, wo Pater Bückler einer Hähern christlich-chinesischen Schule vorsteht. Abgeschieden von der Außenwelt, verbringen sie ihr Leben in Arbeit, Gefahr und Ent behrung, ohne Aussicht, jemals wieder nach Europa, unter ihre Verwandten, ihre früher» Freunde, ihre Landsleute ju kommen. Indem sie das Missionartum in China annahmen, nahmen sie gleichzeitig auch von der zivilisierten Welt Abschied, und die chinesische Erde wird auch dereinst ihre entseelten Hüllen aufnehmen. In einem kleinen Dorfe bei Tsinan-fn besuchte ich den Friedhof der Mission von Nord-Schantung. Ganz wie in den Friedhöfen der Chinesen liegen hier die Leichen auf freiem Felde unter kegelförmigen Erdhügeln, beschattet von hohen alten Cypressen. Ein Laienbruder, der vor nahezu- dreißig Jahren Europa verlassen hatte, führte mich dorthin und zeigte mir, dem ersten Europäer, der ihn in seinem Exil besuchte, die friedlichen Ruhestätten seiner längst verschiedenen Missionskollegen. Vor den Erdhügeln verkünden große Stein platten nach chinesischer Art ihre Namen. Zwei Bischöfe, die Herren Cosi und Jeremia, schlummern hier unter den alten Bäumen, dazu etwa ein Dutzend Priester, und gleich- inütig zeigte mir Frater Octavius die Stelle, wo er dereinst zu ruhen wünschte. Als ich von ihm Abschied nahm, ging die Sonne eben über der herrlichen Frühlings landschaft unter. Er umfaßte mit beiden Händen meine Rechte und, sie fest drückend, dankte er mir gerührt für meinen Besuch. „Wir sind also doch nicht so ganz ver lassen", meinte er leise, „die Europäer denken ja an uns und besuchen uns". Beschämt ivandte ich mich ab und schwang mich aufs Pferd, um davon zu galoppieren. Dreißig Jahre hatte es gedauert, ehe ein Europäer den Pater Octavius Brizzi in Hung-tia-ln bei Tsinan-fn besuchte. Dreißig Jahre! Und der gute Bruder dankte noch dafür! Es ist wahrhaft beschämend für den Deutschen, der die Missionen iin fernen China besucht, daß für dieselben so wenig geschieht und daß das Interesse an denselben wenigstens einigermaßen erst durch die grausame Ermordung zweier Missionare und durch die Erwerbung einer deutschen Handelskolonie geweckt werden mußte. Ich empfand es tief, als ich diese Missionare besuchte, die, von spärlichen Almosen lebend, ihr Leben236 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Siid-Schantung. freud- und friedlos dem Christentum, der Verbreitung des Glaubens, aber gleichzeitig auch der Verbreitung deutscher Gesittting und Kultur in China widmen und so die wahren, ersten Pioniere des deutschen Kaufmannes sind. Der Handel zieht aus ihren gefahrvollen stillen Vorarbeiten seinen Nutzen, sie bearbeiten den Boden, auf welchem der Handel später erntet und viele bereichert, und doch denkt keiner der reich gewordenen Kaufherren daran, den Beutel zu öffnen, um denen, die gewissermaßen den Grundstein gelegt haben für ihre Erwerbungen in China, wenigstens einen kleinen Beitrag für Missionszwecke zu geben. Sie selbst begehren und nehmen nichts. Sie klagen auch nicht, und gerade dieses Stummbleiben empfand ich tiefer als etwaiges Klagen. Ich wünschte, ich wäre der glückliche Besitzer eines Checkbüchleins gewesen, um unter einen recht gewichtigen Beitrag meinen Namen setzen zu können. Diese katholischen deutschen Missionen in Schantnng scheinen mir vielfach nicht vom richtigen Gesichtspunkte aus angesehen zu werden. Ob katholisch oder protestantisch, es sind deutsche Missionen, und Gott sei's gedankt, der Deutsche hat es gelernt, nicht zuerst an den Unterschied des Glaubens zu denken, wenn der Landsmann in Not und Gefahr kommt, sondern zunächst an die deutsche Nationalität. Die kaiserliche Regierung hat das glänzend bethätigt, denn ihre entscheidenden Schritte in China wären gewiß erfolgt, ob Katholiken oder Protestanten ermordet worden wären. Deutsche sind es vor allem, welche hier wirken, die einzigen Europäer in einem Gebiete, das für Deutschland noch von großem, unberechenbarem Nutzen werden wird. Diese Deutschen dürfen nicht vergessen werden, schon aus wirtschaftlichen Interessen nicht, ganz abgesehen von den christlichen. Denn gilt cs, ein Gebiet wie Süd-Schantung für den fremden Handel, zunächst also für den deutschen, zu öffnen, so kann dies nicht durch Kaufleute erfolgen, sondern die Missionare müssen zuerst als Pioniere wirken. Das wissen andere Nationen sehr gut, zunächst die Engländer und Amerikaner, und ich habe es eben auf meiner Reise wieder gesehen, wie gerade in Schantnng die englischen und amerikanischen Missionare durch ihre reichen Bezüge, ihre schönen Missionen, ihre behaglichen, europäisch eingerichteten Wohnhäuser, ihre vortrefflichen Volksschulen die Chinesen in den Stand gesetzt haben, die englische und amerikanische Kultur kennen zu lernen, in ihnen durch die Anschauung neue Bedürfnisse zu erwecken, deren Befriedigung dann dein Handel zu gute kommt. So stehen auch durch diese Vorarbeiten ihrer Missionare die Engländer lind Amerikaner im Handel von Schantung obenan. Von den Missionaren der Deutschen, wie ich sie an verschiedenen Orten gesehen habe, werden die Chinesen wohl den christ lichen Glauben lernen, aber da es den Missionaren aus Mangel an Mitteln selbst an den notwendigsten Dingen gebricht, können die Chinesen dieselben auch nicht kennen lernen. Ich habe bereits vom Pater Teufel in Ko-dia-lu und seinen einfachen Ver hältnissen erzählt; ich habe auch gezeigt, daß die Missionare mit bcxt höchsten Manda rinen, den wohlhabendsten und einflußreichsten Männern der Provinz in Berührung kommen. Das müßte ausgenutzt werden, indem man den Missionaren die Mittel zu christlich-chinesischen Schulen giebt und diese Schulen auch mit Dingen für den An-Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 237 schauungsunterricht ausstattet. Seit Jahren bin ich in deutschen Städten durch öffent liche Vorträge, in deutschen Blättern durch Aufsätze dafür cingctreten, in China Handels museen einzurichten, wie sie die Engländer und Amerikaner besitzen, und die sie im Begriffe sind, auch den einzelnen Missionen beizugeben. Es würde den Zwecken des Unterrichtes in den deutschen Missionen von Schantnng, aber auch vor allem den Zwecken des deutschen Handels in dieser großen und reichen Provinz ausgezeichnet entsprechen, wenn Industrielle der verschiedensten Gebiete der Hauptmission in Tsining Proben und Modelle aller möglichen Jndustrieerzeugnisse senden würden. Solche Modelle kosten die betreffenden Sender nur äußerst geringes Geld, und der Transport derselben bis zur Mission erfolgt zu Wasser, ist also ebenfalls geringfügig. Modelle von Lokomotiven und Eisenbahnen, Dampfschiffen, elektrischen Klingeln, Telephonen, Telegraphen, Hauseinrichtungsgegenständen, ferner Atlanten, Globen, Lehrmittel, Uhren, Messer, Spiegel, Notizbücher, Kochherde, Oefen, Werkzeuge, alles das würde den Chinesen in Süd-Schantnng eine neue Welt öffnen, denn die Engländer und Amerikaner besitzen in diesem Teile der Provinz nur sehr wenige Missionen. Diese Gegenstände sind also so gut wie gar nicht bekannt. Der Chinese in Schantnng ist wohlhabender als in andern Provinzen, und sobald er eine Sache sieht und sie für zweckmäßig findet, so ist er bald bereit, sie zu kaufen. Der Missionar von Tsining kann sich nicht dazu hergeben, Geschäfte für den deutschen Kaufmann zu machen, aber er kann Preise und Bezugsquellen nennen; nur auf diese Weise kann der deutsche Handel in Schantnng Wurzel schlagen, und die kommende Eisenbahn wird ihn weiter ausbauen. Der Missionar in Tsining seinerseits bedarf dieser Modelle teils als Lehrmittel für die Schulen, teils um die bessern Stände heranzulocken; denn die Chinesen sind neugierig, sie werden das neue Museum in hellen Scharen besuchen, eine Wahrnehmung, die ich in China vielfach gemacht habe, und das Kommen der vornehmen Chinesen tvird auch die Verbreitung und Popularisierung der christlichen Mission in den untern Stünden zur Folge haben. Christentum und christ liche Kultur gehen überall Hand in Hand; eines ist vom andern nicht zu trennen, und niit der wohlfeilen Errichtung eines solchen Missionsmusenms wäre allen Zwecken ge dient, besonders da es sich um eine so wichtige Handelsstadt und einen so großen Verkehrsmittelpnnkt handelt wie Tsining, wo alljährlich Hnnderttausende aus allen Teilen der Provinz zusammenströmen. Der Mission würde das Museum gleichzeitig viel größere Sicherheit gewähren als die Bajonette der chinesischen Soldaten; denn ans die Zerstörung einer christlichen Kirche wird es chinesischem Pöbel häufig nicht ankommen, und die bessern Klassen werden gleichgültig zusehen. Sie werden aber an dem Fort bestand der Mission weit größeres Interesse haben, wenn in dieser Mission eine Art Museum zur Aufklärung und zur Erweiterung ihrer Handelsbeziehungen vorhanden ist. Ich kam zu dem Entschluß, die öffentliche Aufmerksamkeit ans die Gründung eines derartigen Handelsmuseums hier im Mittelpunkt des Handels von Schantnng zu lenken, als gelegentlich des Festes des heiligen Joseph, welcher von Papst Pins IX. zum speziellen Schlitzpatron der Missionen in China erklärt wurde, in der Kirche von238 Bei bett Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. Tsining ein Hochamt zelebriert wurde. Die Kirche war festlich geschmückt. Der ehr würdige Provikar, Missionar Freinademetz, las die Messe, assistiert von den Patres Erlemann lind Pfistermann, während hinter meinem Betschemel mitten im Auditorium die Missionare Noyen und Heining, im Verein mit den Brüdern Augustinus, Hermann und Adolph eine Messe von Palestrina sangen. Als ich mich nach dem Auditorium umsah, das die ganze geräumige Kirche, den Vorraum, Teile der Galerie und des Hofes füllte, faild ich in den ersten Reihen die chinesischen Seininaristen der Mission, welche sich an denl Chorgesange mit vielem Verständnis beteiligten. Den Rest aber bildeten arme Leute, Männer und Frauen aus den untersten Ständen der Stadt, Bauersleute aus den umliegenden Dörfern k . Ich dachte mir, es müßten außergewöhnliche Mittel ergriffen werden, um die vornehmern Klassen der Chinesen zum Christentum heranzu- ziehen. Bei der gemeinschaftlichen Mahlzeit brachte ich den Gegenstand zur Sprache. Die Herren der Mission, der Bischof an der Spitze, sind für den Plan einer Schule für die bessern Stände und mit teilweise europäischen Unterrichtsfächern schon längst eingenommen, und der Gedanke eines dazu gehörigen Museums mit Modellen aus Europa versetzte sie geradezu in Begeisterung, doch konnte kein Entschluß gefaßt lverden, ohne die Ansicht des eben abwesenden Bischvfcs zu kennen. Die Verwirklichung des Planes könnte sofort erfolgen, denn Raum für die Aufstellung europäischer Mustersammlungen ist in dem Schulgebäude genug vorhanden, nur würde es einer Postverbinduug der Mission mit den chinesischen Seehäfen und dadurch auch mit Europa bedürfen, um das Unternehmen nutzbringend für den deutschen Handel zu gestalten. So unglaublich es auch klingen mag, es ist doch Thatsache, daß die 50 deutschen hochgebildeten Männer, welche die Mission zählt, ohne alle Post verbindung mit Europa, ja mit ihrem nächsten Nachbarorte sind. Bekanntlich ist erst 1897 die Errichtung einer kaiserlich chinesischen Post beschlossen worden, aber ehe diese das Innere von Schantung erreicht, werden noch Jahre vergehen. Wohl giebt es in China Privatpostanstalten; doch ist gerade Schantung mit solchen weniger gesegnet, und dazu sind diese Privatposten hauptsächlich solche verschiedener geschlossener Kaufmann schaftei: und Gilden, welche die Beteiligung von Fremden nicht zulassen. Sv sind denn die Missionare gezwungen, ihre Briefe durch ihre eigenen Boten entweder 500 Kilometer weit über Land zum nächsten Briefkasten in Tientsin senden zu lassen oder 800 Kilo meter weit nach Schanghai. Es kostet, trotz der Wohlfeilheit des Reifens in China und der geringen Löhne für die Boten, doch jedesmal 30 bis 40 Mark, bevor die Briefe der Mission dein Briefkasten anvertraut sind, nnb bei den geringen Mitteln der Mission können selbstverständlich derartige Boten nur ein, höchstens zwei Mal im Monat abgcsandt werden. Aehnliche Klagen hörte ich in allen Missionen von ganz Schantiiug. Katholiken nnb Methodisten, Presbyterianer, Anglikaner und Baptisten müssen ihre Briefe durch Boten nach dem nächsten Hafen senden, die Missionen des Westens nach Schanghai, jene des Nordens nach Tientsiii, jene von Mittel- und Ost-Schantung nach Tschifu. Ich habe während meiner Reise durch dieses Gebiet etwa ein Viertelhundert verschiedener Missionen besucht, überall wahre Lichtpiinktc europäischer Kultur gefunden,Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 239 liebenswürdige, gebildete, gastfreie Menschen, in den protestantischen Missionen viele Frauen mit Kindern, und diese uns so nahestehenden geistlichen Kolonien mit vielleicht dreihundert bis vierhundert Seelen haben noch keine Post, außer jener, welche sie sich mit ganz unverhältnismäßig hohen Kosten selbst eingerichtet haben. Das brachte mich auf den Gedanken, doch eine regelmäßige Postvcrbindung zwischen dem deutschen Hafen Tsingtau und dem Sitz der detitschen Mission Tsining in Anregung zu bringen, welche von der kaiserlich deutschen Post in Tsingtau verwaltet werden und alle auf der großen Verkehrsroute Tsingtau-Wei-hsien-Tsingtschou-Tsinan-fu und Tsining gelegenen Missionen berühren könnte. Für einen vierzehntägigen Dienst in Verbindung mit den deutschen Reichspostdampfern wären iin ganzen nur zwei berittene Boten erforderlich, deren Kosten nach meinen eigenen Erfahrungen insgesamt nicht mehr als 120 Mark im Monate betragen würden. Wenn von dreihundert Missionaren jeder wöchentlich nur einen Brief schriebe, so würde dies bei dem gewöhnlichen Briefporto für das Ausland von 20 Psg. monatlich 240 Mark, also das Doppelte der Botenkosten betragen. Die Postanstalt in Tsingtau hätte also sogar einen erheblichen Verdienst. Von seiten Chinas würden wohl kaum Schwierigkeiten gemacht werden, soweit meine Erkundigungen reichen, und selbst wenn solche Schwierigkeiten vorhanden wären, so könnte es sich doch nur um das chinesische Briefporto handeln. Die Missionare erklärten sich jedoch sämtlich mit Vergnügen bereit, neben den deutschen Briefmarken auch noch den Gegenwert in chinesischen Briefmarken auf ihre Briefe zu kleben, damit die chinesische Post nicht zu kurz käme. Tsingtau ist entschieden von vornherein zum Haupthafen von Schantung ausersehen, und nicht Tschifu. Die Entfernungen zwischen diesen beiden Häfen und den wichtigsten Städten Schantungs sind folgende: von Tschifu von Tsingtau Kilometer Kilometer Wei-hsien 310 175 Jtschou 550 280 Tsinan 550 400 Tschutsun 450 300 Ping-e 240 95 Tsingtschou 370 225 Tsining 760 610 3230 2085 Bei sieben Städten allein zeigt sich schon ein Gesamtunterschied von etwa 1200 Kilometer zu Gunsten Tsingtaus. Bei zweimaliger Postverbindung im Monate ergiebt dies im Jahre einen Unterschied der Botenwcge von nahezu 30 000 Kilometer. Deutschland würde nicht nur seinen eigenen Missionen gegenüber gewissermaßen eine Pflicht erfüllen, sondern auch den anderen Missionen einen Dienst erweisen, der, statt Kosten zu machen, Einnahmen bringt und dabei vom politischen und kommerziellen Standpunkt aus fruchtbar sein würde. Sobald die Eisenbahn Tsingtau-Tsinan aus dem240 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. Stadium des Projektes heraustritt, muß doch au eine Postverbindung gedacht werden, und es wäre vielleicht angezeigt, dieser Frage jetzt schon näher zu treten. Während unserer Gespräche in der Mission von Tsining kam das Thema häufig auf die beiden armen ermordeten Missionare Rieß und Heule, die heute noch immer nicht beerdigt sind, denn nach chinesischem Gesetz und Gebrauch kann die Beerdigung erst statt- sinden, wenn die mit dem Tode zusammenhängenden Prozesse entschieden sind. Das ist Die Gräber der ermordeten Missionare Viesi und Heule mit den Missionaren von Tsining. noch nicht der Fall. Die Leichen der beiden Unglücklichen stehen vorlätifig mit ihren Särgen über der Erde in festen luftdichten Ummauerungen und harren der endgültigen Beisetzung, die voraussichtlich noch in diesem Jahre erfolgen wird. Auf meinen Wunsch, die vorläufigen Gräber zu sehen, begleiteten mich mehrere Herren hinaus in die herrliche, iin schönsten Frühlingskleide prangende Landschaft von West-Schantung, nach einem etwa 9 Li von Tsining gelegenen friedlichen Dörflein. Dort hat die Mission für wenige tausend Mark eine kleine Besitzung erworben, um unter Leitung zweier Laienbrüder etwas Landwirtschaft zu treiben, Gemüse zu pflanzen und gleichzeitig ein stilles Oertchen zu haben, um während der überheißen SommertageBei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. 241 ein wenig der Rnhe pflegen zu können. Von den wenigen ärmlichen Chinesenhänsern, welche zu dem Besitz in Te-tia-tschuang gehören, ist eines zu einer Kapelle eingerichtet worden, andere dienen den Laienbrüdern, Fuhrknechten und den Einrichtungen eines gewöhnlichen Meierhofes. Hinter diesem dehnt sich, von schattigen chinesischen Lust gärten umgeben, ein großer Gemüsegarten aus, und am äußersten Ende desselben be findet sich ein etwa 100 Quadratmeter großer freier Platz. Dort liegen, nur wenige Schritte voneinander getrennt, die beiden Opfer des chincsischeit Fremdenhasses. Die Särge sind, wie gesagt, in zwei aus gebrannten Ziegeln aufgeführten Sarkophagen ein gemauert lind tragen vorläufig weder Kreuz noch Inschrift. Erschüttert blieben wir alle vor diesen einfachen Gräbern stehen. Sie sind die ersten der deutschen Missionen von Süd-Schantung, und der Platz, auf welchem sie liegen, soll überhaupt der Friedhof der Mission werden. Ich erkundigte mich, ob schon viele Beitrüge für ein der armen Missionare würdiges Denkmal von Deutschland eingelaufen wären. Darob etwas Verwunderung, etwas Verlegenheit. Und als ich die Frage wiederholte, wurde mir die Antwort zu teil, es sei noch kein Betrag gekommen. lieber Kiantschou und Tsingtau, über den neuen Hafen- und Dockanlagen, Eisen bahnen, Kohlengruben, Handelsunternehmungen aller Art hat also Deutschland die beiden Opfer vergessen, welche die direkte Veranlassung zu all diesen den Chinesen abgepreßten Konzessionen gewesen sind. Gewiß, die Regierung hat zunächst für eine Entschädigung der Mission Sorge getragen und die Chinesen veranlaßt, einen erheblichen Beitrag zur Erbauung von Sühnekirchen zu leisten. Wäre es aber nicht angezeigt, wenn die Deutschen zu Hanse auch für eine würdige Bestattung der beiden in fernsten Landen gefallenen Landsleute sorgen würden? Als die tapfere Besatzung des Iltis in China mitsamt dem Schiffe unterging, da gab das ganze Deutschland die erhebendsten Beweise seines Mit gefühls zu erkennen, alle Taschen öffneten sich für die Hinterbliebenen, Schanghai sammelte für ein würdiges Denkmal, und die wackern deutschen Seeleute sind nach ihrem Heldcntode nach Gebühr geehrt worden. Sind die Missionare Rieß und Henke nicht auch Streiter gewesen für deutsche Gesittung und Religion ans heidnischem Boden? Wäre es nicht gerecht und billig, daß auf diese beiden Armen doch wenigstens ein schwacher Strahl deutscher Dankbarkeit fiele? Es erscheint kaum glaublich, daß nicht irgendwo bereits eine Sammlung für die Errichtung eines würdigen schönen Denkmals eröffnet worden sei, und doch ist dieses eine Ehrenschuld gegenüber den gemordeten deutschen Landsleuten. Sic, die mit ihrem Blute dem Vaterlande eine Kolonie erfcmft haben, sie, die dem deutschen Handel neue Bahnen eröffnet haben, sie dürfen nicht vergessen werden und verdienen ein würdiges Grab. Die Chinesen müssen sehen, daß Deutschland seine vor dem Feinde gefallenen Söhne ehrt, sie müssen erkennen, daß das ganze Volk hinter diesen steht. So viele Bankhäuser, Geldinstitute, Industrielle, Kauflente von Deutschland haben sich sofort zur Beteiligung gemeldet, als es galt, Summen für neue wirtschaftliche Unternehmungen in China zu zeichnen. Diese selben Persönlichkeiten und Institute von Deutschland werden Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 16242 Bei den Missionaren der deutschen Mission von Süd-Schantung. hoffentlich nicht ihre Geldbeutel zuhalten, wenn es gilt, jenen durch ein Denkmal zu danken, welche durch ihren Tod diese wirtschaftlichen Unternehmungen ins Leben gerufen haben. Auf dem Hoangho stromabwärts schwimmend, erhielt ich in Tsinan, der Haupt stadt Schantungs, eine Depesche aus Tientsin, in welcher mir der Bischof von Anzer, der mittlerweile von seiner Europareise nach China znrückgekehrt war, eine Zusammen kunft in der Stadt Tungkuang am großen Kaiserkanal vorschlug. Die Depesche war mehrere Tage alt. Ich brach deshalb meine Weiterreise auf dem Hoangho ab und eilte zu dem Stelldichein. Te-dschou, eine große Handelsstadt am Kanal erreichte ich in anderthalb Tagen, um dort ein gutes Chinesenschiff für die Kanalfahrt zu mieten. Abermals anderthalb Tage nachdem ich mich eingeschifft hatte, war ich in Tung kuang, fand aber in der dortigen französischen Mission, die von Pater Bosch, einem Belgier, geleitet wird, den Bischof noch nicht vor. Pater Bosch hatte auch keine Nachricht von demselben erhalten. Eben war ich im Begriff, anfzubrechen, um dem Bischöfe auf dem Wege nach Tientsin entgegenzueilen, als sich die Thüre öffnete und ein stattlicher Mann in die Stube trat, der, von dickem Staube bedeckt, kaum zu erkennen war: es war Bischof von Anzer. Auch er hatte, um das Rendezvous nicht zu ver säumen, sein Kanalboot 80 Li unterhalb Tungkuang verlassen und war von Sonnen aufgang bis nachmittags bei furchtbarer Hitze und Staub auf einem Esel bis hierher geritten, um mich, den er schon seit Tagen hier vermutete, nicht zu lange warten zu lassen. Er war auf dem Rückwege nach seinem Missionsgebiete begriffen, und als ich ihm meine Wahrnehmungen und Vorschläge, lute sie in den obigen Zeilen zum Ausdruck gelangten, mitteilte, gab er mir freudig sein vollkommenes Einverständnis zu erkennen, besonders mit dem Projekt der Errichtung eines Museums in Tsining. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, denn wie mir Pater Bosch, der schon seit vielen Jahren hier still und vergessen seines geistlichen Amtes waltet, versicherte, war ich der erste Europäer, der ihn seit seinem Hiersein besucht hat. Leider war unser Beisammensein nur ein kurzes, denn schon nach einigen Stunden befand ich mich wieder auf meinem Schiffe, um nordwärts nach Peking zu fahren.Die „Grohen Messer", eine Geheiingesellschaft in Schantung. ssn den christlichen Missionen, die ich in den verschiedenen Städten von Schantung bcslichte, kam die Rede gewöhnlich auf einen neuen Geheimbund, die „Großen Messer" genannt, der es besonders auf die Missionare abgesehen haben soll, und dem auch die Er mordung der beiden deutschen Missionare Rieß und Heute im November 1897 zugeschrieben wird. Von den offiziellen Persönlichkeiten, die ich über diesen Geheimbund befragte, konnte oder wollte mir niemand bestimmte Nachrichten geben, ja das Vorhanden sein der „Großen Messer" wurde überhaupt ganz abgeleugnct. Die einen sagten, es gäbe keine „Großen Messer", die anderen, es hätte einen Geheimbund dieses Namens wohl gegeben, 'aber er wäre bereits wieder ausgelöst. Der kommandierende General von Schantung, der in Jentschou-fu seine Residenz hat, behauptete ebenfalls, die Da-do-hui (oder Ta-tau-hui) wären längst über die Grenzen von Schantung nach Honan und Schansi geflohen, denn die Regierung hätte einen hohen Preis ans die Köpfe der Mitglieder dieser Gesellschaft gesetzt, und die Missionare wären, solange er in Schantung kommandierte, vollständig sicher. Ich will die guten Absichten des Generals, eines sehr liebenswürdigen, aufgeklärten und europäer- freundlichen Mannes, nicht bezweifeln, doch ist es mir entschieden lieber, in meiner eigenen Haut als in jener eines Missionars von Süd-Schantung zu stecken. Gerade während ich von Tsingtschou-fn nach Tsinan-fn reiste, erhielt ich die Kunde von einem neuerlichen Mordanschlag auf den in einem Orte im Südwesten der Provinz amtierenden deutschen Pater Dewes. Dreißig Chinesen waren mit dem Vorhaben, ihm nur einen Besuch abstatten zu wollen, in die Mission gedrungen; der Missionar schöpfte Verdacht und verließ den Raum, in welchem sie sich befanden, um, wie er sagte, Thce für sic zu besorgen. Statt dessen eilte er, so rasch er konnte, zu dem Ortsmandarin. Derselbe sandte sofort eine Abteilung Soldaten in die Mission. Nach blutigem Kainpfe gelang es den Truppen, einige Chinesen festzunehmen. Diese gestanden in der That ein, daß sie mit der Absicht in die Mission gedrungen waren, den Missionar zu ermorden. 16 *244 Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschaft in Schantung. Aber nicht nur dieser Vorfall, auch die Aussagen sämtlicher Missionare der deutschen Mission, die ich darüber befragte, bestätigten mir die weite Ausbreitung der „Großen Messer" und die Möglichkeit neuer Blutthaten. Niemand kennt die Verhält nisse besser als diese Missionare, vornehmlich die katholischen. Sie sind durch ihren Beruf in ununterbrochenem, vertrautem Verkehr mit einer großen Zahl von Chinesen der verschiedensten Stände, und was die christlichen unter ihnen keinem einzigen ihrer eigenen Landsleute anvertrauen würden, das sagen sic unverhohlen dem Missionar. Würden die Mandarine, die mit der Untersuchung der Mordthaten von Kü-Ye betraut waren, mit den Missionaren Hand in Hand gearbeitet haben, statt diesen in jeder Weise heimlich entgegenzuarbeiten, die Mörder wären längst eingefangen und gebührend bestraft worden. Bis zur Besetzung von Kiantschou steckten sogar manche Mandarine mit den Geheimbündlern unter einer Decke, und erst das Auftreten Deutschlands hat ihnen ge zeigt, daß sie nicht ans dem bisherigen Wege weitergehen dürfen, wenn ihnen ihre Stellung lieb ist. Gelegentlich einer Unterredung mit dem Präfekten von Te-dschon ain Kaiser kanal kam das Gespräch auch auf die „Großen Messer". Der Mandarin meinte mit vielsagender Miene: „Deutschland baut seine chinesischen Eisenbahnen mit Missionaren", worauf ich mich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen: „Und China verliert sie durch die sträfliche Nachlässigkeit mancher Mandarine". Auf der anderen Seite nuiß es auch zugegeben werden, daß es ungemein schwierig ist, diesen Geheimbünden beiznkommen. China ist voll von geheimen Gesell schaften, von denen manche unter verschiedenen Namen schon seit Jahrtausenden bestehen*). Die gcfürchtetste und mächtigste ist die Tien-ti-hui oder Dreiheitgesellschaft, die über Hunderte von chinesischen Städten verbreitet ist und überall die geheimsten und ent legensten Schlupfwinkel zu ihren Versammlungsorten anssucht. Ihre Mitgliederzahl muß mehrere Millionen erreichen, die in verschiedene Logen verteilt sind und keinen obersten Großmeister, sondern nur fünf Großlogen in den Provinzen Folien, Kwangtung, Iünnan, Hunan und Tschekiang besitzen. Alle Mitglieder müssen sich durch die strengsten Gesetze und bei den furchtbarsten Strafen, die überhaupt ersonnen werden können, zu Gehorsam und Einhaltung der Vorschriften der Tien-ti verpflichten. So z. B. ist es den Mitgliedern bei Todesstrafe verboten, sich in irgend einer Sache an die Gerichte, Behörden oder Polizei zu wenden. Der 35. Grundartikel setzt ebenfalls die Todes strafe darauf, wenn ein Mitglied irgendwie vor Gericht Zeugcnschaft ablegt, außer cs ist falsche Zengenschaft auf Befehl der Logenleiter. Die ganze Gerichtsbarkeit der Logenmitglieder obliegt diesen Logenleitern. Man kann sich schon daraus den ungeheuren Einfluß und die Bedeutung der Tien-ti-Gesellschaft vorstellen. Sie bildet gewissermaßen einen Staat im Staate, vielleicht stärker und einflußreicher, jedenfalls aber besser organisiert als dieser, und Bohle sagt von ihr: „Sic ist die verkommenste, blutdürstigste und bedrückendste Gesellschaft, welche die Weltgeschichte kennt". *) Siehe: Die Gcheimgesellschastcn von China in China und Japan von E. v. Hesse Wartegg, I. I. Weber, Leipzig, 1897.Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschaft in Schantung. 245 Der nächst mächtigste Geheimbund ist der „Wn-wei-kiau", zu deutsch etwa: „Thue nichts", in früheren Zeiten bis 1724 auch „Weißer Lotos" genannt. Die Wu-wei-kiau wirken ans den Aberglauben der Chinesen, indem sie sich als Zauberer ausgeben, im Bund mit diabolischen Mächten. Wie bei der Tien-ti-Gesellschaft, so ist auch bei dieser der Hauptzweck die Beseitigung der Fremdherrschaft, d. h der Mand schurendynastie, aber sie gehen noch weiter und haben allen Europäern und den fremden Religionen, zunächst also auch den Missionaren, Feindschaft geschworen. „China für die Chinesen" ist ihr Grundsatz. Eine Menge der Missionarmorde und Angriffe auf die > jk Ä VL •4, Jjxi Jtr Jk- M L. S Aj tL Proklamation dir Vrhördrn von Süd-Schaninng zum Schutz drr Missionen. christlichen Missionen in den letzten Jahrzehnten wird ihnen in die Schuhe geschoben, darunter auch die Niedermetzelung der englischen und amerikanischen Missionare in: Jahre 1895. Bald nach dem Kriege, vielleicht als Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der Mandschurenregierung, entstand auch im südlichen und west lichen Schantung eilte ähnliche Geheimgesellschaft, Tjiu-dschung-tsau genannt, die allem Anschein nach nur ein Ableger der Weißen Lotosgesellschaft ist. Wenigstens wirken hier Mitglieder durch ähnliche Mittel auf die anderen Chinesen. Nach dem Glauben240 Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschaft in Schantung. der letzteren besitzen sic das Geheimnis, sich unverwundbar zu machen. Zettel, auf welchen die Formel für diese Unverwundbarkeit geschrieben steht, werden verbrannt, und die Asche wird, in Wasser aufgelöst, getrunken. Während der drei Tage ihres Novi ziats opfern sie Buddha, bearbeiten sich dazwischen mit Ziegelsteinen Arme und Brust, und die Achillessöhne sind fertig. Als einzige Waffe tragen sie eine kurze Lanze mit roten Pferdehaarbüscheln. Vor dem Kampfe halten sie ihre Fäuste geballt vor das Gesicht und niurmeln Beschwörungsformeln. Die Tji-dschung-tsan hielten ihre Hebungen im Freien ab und zeigten sich dabei in der That gegen Pistolenschüsse und scharfe Schwerthiebe unverwundbar. Welcher Zauber dabei den Zuschauern vorgemacht worden ist, entzieht sich der Beurteilung, kurz, die Chinesen glaubten steif und fest daran, und als bald nach der Gründung des Geheim bundes Räuberhorden die Gegenden von Süd- und West-Schantung unsicher machten, riefen die Einwohner der verschiedenen bedrohten Ortschaften die Tji-dschung-tsau zu Hilfe. Schon bei dem ersten Kampfe wurde der gefürchtetste Rinaldini von Schantung, Namens Iuo-Oerl-Ming, der Anführer einer Räuberbande von mehreren hundert Köpfen, von den Geheimbündlern getötet und die ganze Gesellschaft in alle Winde versprengt. Das und ähnliche glückliche Scharmützel erhöhten den Ruf der Tji-dschnng-tsau derart, daß sie bald zu großein Ansehen gelangten und selbst aus den besseren Ständen massen haften Zulauf fanden. Durch die Mitgliederschast glaubte man sich gegen Räuber angriffe geschützt, und unternahm ein Mitglied irgend eine Reise, so führte es dazu immer seine rote Lanze mit, ja es steckte sie sogar über die Thüre seines Hauses, und seltsam genug, die Räuber achteten dieses Zeichen, wo immer sie es fanden. Selbst verschiedene Ortsmandarine riefen die Tji-dschung-tsau zu Hilfe, wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte, dem Räuberunwesen zu steuern. Nun schien den Anführern des Ge heimbundes die Zeit gekommen, um die Fahne des Aufstandes zu erheben; überall organisierten sich Banden, die Ortsmandarine berichteten an die Provinzregierung nach Tsinan-fu, und von dort kam der Befehl, nunmehr mit aller Macht gegen die Auf ständischen vorzngehen. Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge der „Unverwundbaren" unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden von beit Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, loie sie in den Höfen jedes Jamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am Halse anfgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die „Unverwundbaren" so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den Tji-dschnng-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei. Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazti ist die Unzufriedenheit mit der Regierung ivie mit dem stetigen Fortschreiten der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der wohl ganz wie der letzte auch nur ein Aus wuchs der Sekte der „Weißen Lotos" sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben Ta-tau-hui oder „Gesellschaft der Großen Messer". Warum „Große Messer", iveiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls ntir eine lange, schmale zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschaft in Schantung. 247 Der Anführer der Ta-tau-hui, Namens Tschan-tsia-dschi, ist ein Greis von 70 Jahren, der gewöhnlich ans einem schwarzen Pferde reitend, in verschiedenen Orten erscheint, uni dort Anhänger für den Geheimbnnd zu gewinnen. Er ist aus Ianku in Süd-Schantung gebürtig, aber wie niemand in seiner eigenen Heimat als Prophet gilt, so zählen auch die „Großen Messer" in Ianku nur wenige Anhänger. Ihr Hauptsitz ist Tsau-tschau-fu, die westlichste Präfektur von Schantung, deren Bewohner als ungemein leicht erregbar, grausam nnb aufrührerisch gelten. Indessen nach allem, was mir die Missionare von ihnen erzählten, besitzen sie dafür auch mehr Charakter, und alle Chinesen dieses Distriktes, welche von ihnen zum Christentum bekehrt wurden, sind bessere, stand haftere Christen als in anderen Distrikten, wo es damit lange nicht so ernst genommen wird, lieber die Bewohner von Tsau-tschau-fn ist auch das Gerücht verbreitet worden, sie wären Kannibalen, und Menschenfleisch würde in der Stadt ganz offen feilgeboten. Dieses Gerücht wurde mir von allen Missionaren von Süd-Schantung als unrichtig bezeichnet. Es entstand durch einen chinesischen Schriftgelehrten, der es einem der Missionare erzählte. Dieser berichtete es nach Tsining, und so kam es in Umlauf. Wohl hat es in China zeitweilig bei großer Hungersnot, besonders in den Gegenden des Hoangho und bei Tientsin, Kannibalismus gegeben, aber er wurde stets von der Regierung ans die grausamste Weise bestraft. Die Menschenfleischfresser wurden bei lebendigem Leibe gepfählt. In Tsau-tschau-fn wird zuweilen das Fleisch Hingerichteter Verbrecher gegessen, aber nur als eine Art Fetisch, nicht etwa aus kannibalischen Neigungen oder aus Not. Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln. Sie haben auch früher, als sic von der Regierung noch nicht so verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung der Mandschu regierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu dem Zweck, um der Negierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen, haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bet häuser der katholischen Mission von Süd-Schantung niedergebrannt. In der That mußte die Regierung schon damals der Mission einen Schadenersatz von 10 000 Tian (1 Tian etwa 1 Mark 60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die Ta-tau-hni zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai (Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Iü-ta-dschen (Mandarin) von Tsau-tschau-fn war, an der Spitze von Regiernngstruppen persönlich gegen die „Großen Messer" ins Feld. Die letzteren wurden versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-Hsien hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer der „Großen Messer", Namens Liu-schö dsan. Aber das eigentliche Haupt, der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den Betrag von l000 Taels auf seinen Kopf setzt. Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten erbitterte die „Großen Messer" natürlich noch mehr. Bald darauf wurde in Kü-Ye, dem Missionssitz248 Die „Großen Messer", eine Geheimgesellschaft in Schantung. sitze der beiden unglücklichen Priester Nieß und Hcnle, ein christlicher Mandarin zum Präfekten ernannt. Die „Großen Messer" glaubten nun einen Hauptschlag gegen diese Missionare, gegen den ihnen unbequemen christlichen Mandarin und gegen die Regierung selbst anszuführen, indem sie das Todesurteil über die genannten Missionare aussprachen und bekanntlich vollstreckten. Daß diese Morde wirklich das Werk der „Großen Messer" waren, ist zweifellos. Gelegentlich meines Besuches von Tsining erzählte mir der Provikar der Mission die näheren Umstände, durch welche es ihm gelang, dies auszuforschen. Kurz vor Neujahr1898 fanden in dem Dorfe Twan-lü, in der Unterpräfektur Aü-te, Kämpfe zwischen zwei feindlichen Bauernparteien statt, und eine der letzteren rief die „Großen Messer" zu Hilfe. Mehrere hundert der letzteren eilten wirklich herbei, es kam zu blutigen Kämpfen, und auf beiden Seiten fielen über sechzig Mann. Wieder mußte Militär hcrbeigeholt werden, um Ruhe zu schaffen, und bei dieser Gelegenheit wurde ein Mann, Namens Ln, gefangen genommen und nach Aü-tc gebracht. Um seine Haut zu retten, sagte er dort aus, er kenne die Mörder der beiden Missionare. Das erfuhr Pater Freinademetz. Er begab sich sofort nach Iü-te und ließ den Gefangenen in Gegenwart des Mandarins verhören, allein die Namen der Mörder waren nicht aus ihm herauszubekommen, denn er fürchtete die Vergeltung durch die „Großen Messer". Alles was er aussagte, war, daß die als des Mordes Verdächtigen, welche im Gefängnis von Kü-hc saßen, neun Mann an der Zahl, nicht die Mörder wären. Pater Freinademetz bat nun den Mandarin, den Ge fangenen festzuhalten, weil er ihn später als einen Hauptzeugen noch benötigte. Allein bald darauf starb er im Gefängnis, wahrscheinlich durch den Mandarin beseitigt. In der Zwischenzeit drängte die Provinzialregierung auf direkte Veranlassung von Peking, die Angelegenheit zu Ende zu bringen, und der neue Mandarin von Kü-Ye bat deshalb den Provikar um seine Einwilligung zur Hinrichtung der Gefangenen. Pater Freinademetz konnte diese nicht erteilen, da er von ihrer Unschuld überzeugt war. Dennoch wurden im Monat März zwei von ihnen geköpft, denn thatsächlich hatten alle nenn, um den schrecklichen Foltern, denen sie ansgcsetzt wurden, ein Ende zu bereiten, die Mordthat eingestanden. Die wirklichen Schuldigen waren natürlich längst geflohen. Der Pekinger Regierung war berichtet worden, daß die Urheber der Morde die „Großen Messer" seien; wie war dies aber möglich? Der jetzige Proviuzialrichter hatte doch schon, als er noch Präfekt von Tsau-tschau-fu war, der Regierung gemeldet, daß er die Ta-tau-hui vollständig vernichtet Hütte. Es giebt also keine Ta-tau-hui für die Regierung mehr, sonst hätte der Provinzialrichter eingestehen müssen, daß er einen falschen Bericht eiugesandt hatte, und dainit hätte er nicht nur, wie die Chinesen sagen, „sein Gesicht verloren", er hätte auch seinen Kopf eingebüßt. Des halb kam der hohe Herr im März nochmals nach Kü-Ye, um sich den Thatsachen entgegen von den Mandarinen schriftlich bestätigen zu lassen, daß es keine „Großen Messer" mehr gäbe, lind daß die Mörder diesem Geheimbunde nicht angehörten. Mit dem Provinzialrichter kamen auch der Taotai von Jentschou-fu und der Präfekt von Tsau-tschau-fn nach Kü-Ye, und lvo so große Herren sich bemühen, mlißtc dem GesetzeÜbersetzung der Proklamation gegen die Großen Messer, April 1898. Höherer Magistratskandidat, jetzt Kreispräfekt von Tschang-wu-hsien und Kommandierender in Tsining. Belohnung. Ich habe von meinem Vorgesetzten den Befehl erhalten zur Ergreifung des in den Tschie-schien-Prozeß verwickelten Dong - shing - kui. Derselbe ist in Dang-tschung bei Tsining geboren und augenblicklich aus der Flucht. Diejenige Militär- oder Zivilperson, welche denselben festnehmen und ausliesern sollte, erhält eine Belohnung von 300 Taels. — Wer den Flüchtling auSkundschaftct, erhält 100 Taels. Diese Summen sind beim Kreisschatzmeister deponiert und werden bei der Auslieferung des Flüchtlings sofort ausgezahlt. Alle mögen dies beachten. Tsining, 13. März des Jahres 24 (1898). (Siegel des Dschü-dschou von Tsining.)Die „Großen Messer", eine Gcheimgesellschast in Schcmtung. 249 doch auf der Stelle Geilüge geschehen. Ganz wie Pater Stenz in seinem durch die Zeitungen bekannt gewordenen Berichte gesagt hat, so erzählte mir auch Pater Freinademetz, daß die Soldaten alle möglichen Leute einfingen, um sic durch schreckliche Foltern zum Loskauf oder zum Geständnis zu zwingen. Gegen siebzig wurden in die Gefängnisse geschleppt, etwa die Hälfte kauften sich los, dreißig aber starben infolge der Foltern und Krankheiten. So stand die Sache noch im Mai. Von seiten der Mission ist alles Erdenkliche geschehen, um der Mörder habhaft zu werden, und die Missionare, Provikar Freinademetz an der Spitze, haben zu diesem Zwecke eine Menge gefahrvoller und anstrengender Reisen unternommen. Sie haben die deutsche Gesandtschaft in Peking auch von allen Einzelheiten unterrichtet, aber noch immer ist der Mord der beiden deutschen Missionare nicht gesühnt. Pferd Elefant Wagen Kanone Bauer Chinesische Schachfiguren. Kanzler FeldherrHoangho und Kaiferkanal. Wei der Abreise von Tsining war cs meine Absicht gewesen, von Ping-e aus auf dem Hoangho in westlicher Richtung bis zu seiner Kreuzung mit dem Kaiserkanal zu fahren, dann dem Lauf dieses mächtigen Stromes bis zu seiner Mündung zu folgen und dort eine chinesische Dschunke zu nehmen, die mich guer über den Golf von Pctschili nach Taku, an die Mündung des Peiho bringen sollte. Bon dort über Tientsin nach Peking führt seit 1897 bereits eine Eisenbahn. Das Programm erschien mir deshalb verlockend, weil der Flußlanf des Hoangho bisher nur sehr unvollständig erforscht worden ist. Nur vier oder fünf Reisende haben den unteren Gelben Fluß von seinem Eintritt in die Provinz Schantung an befahren, darunter zwei Mutsche: Der schon mehrfach genannte Pater Freinademetz, der vom Golf von Pctschili stromaufwärts bis Ping-e kam, wo ich mich eben befand, und der königl. preuß. Baurat K. Bethge, der in den achtziger Jahren von dem Gouverneur der Provinz Schantung gebeten wurde, den Flußlauf behufs Verhinderung der alljährlichen, verheerenden Ueberschwemmungen zu untersuchen. Keiner von beiden hat jedoch meines Wissens den Hoangho geschildert, und da der Fluß im Bezug auf den Bau einer Eisenbahn von Schantung nach Peking durch Deutsche in der nächsten Zukunft außer ordentliche Bedeutung erlangen wird, beschloß ich, die Flußfahrt selbst zu unternehmen. Ans der Fahrt über den Golf von Pctschili sollte es nichts werden. Auf meine Bitte gaben sich die Mandarine in der Provinzhauptstadt Tsinan-fn alle Blühe, um an der Mündung des Hoangho eine seetüchtige Dschunke anfzutreiben. Daß es dort keine Dampfer gäbe, wußte ich allerdings; der einzige Dampfer, der die westliche Hälfte des Golfs von Pctschili beführt, ist der „Kwang-tschi" der von Chinesen geleiteten Dampfer gesellschaft „China merchants Company“, und dieser berührt nur die Rhede Tigerhead bei Laitschau-fn an der Nordküste der Halbinsel Schantung sowie den neuen Hafen Hiong-yo-go südlich der Hoanghomündung. Dampfer waren also ausgeschlossen, aber daß es dort nicht einmal zu jeder Zeit chinesische Dschunken gäbe, hätte ich nicht erwartet. Im Gouverneursyamen von Tsinan-fu wurde mir als die einzig mögliche Reise route nach Peking der Landweg nördlich durch die Provinz Pctschili angegeben, für dessen Benützung ich mich höflichst bedankte. Ich hatte eben 1000 Kilometer zu Pferd und Wagen auf den Landwegen von Schantung zugebracht und lechzte keineswegs danach, noch einmal 10 bis 14 Tage lang durch fußtiefen Staub zu wandern. Eine Mein Vookfuhrrr auf dem Hoangho.Hoangho und Kaiserkanal. 251 zweite Möglichkeit, von Schantung nach Peking zu gelangen, war von Tsinan-fu aus nach dem zwei Tagereisen entfernten Tcdscholi, nahe der Nordgrenze Schantungs am Kaiserkanal gelegen, zu reiten und von dort den Kaiml bis Tientsin zu benützen, denn oberhalb Tedschou empfängt derselbe wasserreiche Zuflüsse, und auf dieser Strecke ist er mit Ausnahme von zwei Wintermonaten das ganze Jahr über schiffbar. Diese Route schien mir die interessanteste, um aber die Flußfahrt auf dem Hoangho doch mit in mein Programm aufnehmen zu können, beschloß ich, wenigstens von Ping-e etwa 30 Kilometer stromaufwärts zu fahren, um die Kreuzung dieses Stromes mit dein Kaiserkanal kennen zu lernen, von dort stromabwärts an die Mündung des Hoangho zu segeln und dann über Land nach Tedschou zu reisen, um dort ein Kanalboot zu nehmen. Mein Segelboot für die Hoanghofahrt lag schon bereit, als ich, von Ping-e kommend, an den Stromufern eintraf. Der Mandarin von Ping-e hatte es auf Weisung vom Gouvernenrsyamcn aus bereits vor einigen Tagen für mich unb meine Leute belegt. Etwa von der Größe eines holländischen Fischerboots, >vie sie auf dem Strand von Scheveningen oder Ostende zu sehen sind, schaukelte es sich auf den bewegten trüben Wellen des reißenden Stromes, dicht am Ufer. Bug und Stern des in schreienden Farben bemalten Fahrzeugs waren um etwa 2 Fuß höher als die Mitte, wo sich ein hoher Mast erhob. Vor diesem befand sich ein etwa 2 Quadratmeter großes Loch im Verdeck, das durch den Bootsraum bis auf den mit Matten bedeckten Boden führte, und das war meine Kabine. Während meine Leute das Gepäck an Bord schafften, hatte ich Zeit, mich ein wenig nmzusehen. Auf dem diesseitigen, mit tiefem Sand bedeckten Ufer erhoben sich ein paar elende Lehmhütten, die Wohnungen der Fährleute, deren Geschäft es ist, Reisende und Frachten über den breiten Strom zu bringen. Auf dem jenseitigen Ufer gewahrte ich einen größeren Ort, Uü-schan, der sich zu Füßen eines etwa 100 Meter hoch ans der sandigen Ebene aufragenden Bergkegcls ausbreitet. Zwischen diesem und mir wälzte der Hoangho seine gelben Fluten nach Nordost, dem Meere zu. Ich hatte mir diesen Riesenstrom größer, mächtiger vorgestellt. Jahr für Jahr hatte ich von den furchtbaren Verheerungen gelesen, die er gerade hier in Schantung anznrichten pflegt. Entweder tritt er im Hochsommer, zuweilen auch im Januar, über seine Ufer, oder cs findet ein Dammbrnch statt, und dann werden die Ernten ganzer Distrikte ver nichtet, zahlreiche Städte lind Dörfer unter Wasser gesetzt, Hunderttausende voll Menschen um ihre ganze Habe gebracht. Die Ueberschwemmungsgebiete umfassen jährlich Land striche von 10000 bis 20000, zuweilen aber auch von 30000 bis 40 000 Quadrat kilometer, also eine Ausdehnung, welche nahezu jene der Rheinlande und des halben Westfalen erreicht. Der ganze nördlich des Hoangho gelegene Teil von Schantung und ein großer Teil des südlich von ihm an den Golf von Petschili grenzenden Landes ist dann unter Wasser. Wohl ist das ganze Festland von den Bergen Honans bis ans Meer das ureigene Werk des Stromes, wohl hat er mit den von dort herabgeschwemmten Schlamm- massen das Meer ausgefüllt und sozusagen die Provinz Schantung selbst geschaffen, aber mit welchen Opfern! Millionen von Menschenleben mußten dafür bezahlen; was252 Hoangho und Kaiserkanal. die Menschen auf dem neuentstandenen Lande gebaut, geschaffen, gepflanzt, vernichtete er wiederholt in einer Nacht, und auf der ungeheuren Ebene zwischen dem unteren Jangtsekiang und Peking waren seit Jahrtausenden wenige ihrer Habe sicher, denn bald hierhin, bald dorthin wendete er seinen Lauf. Es gab eine Zeit, wo er nach Norden fließend, seine trüben Fluten bis jenseits des Peiho an die Vorberge der Mongolei führte und wo der Peiho sein Nebenfluß war; hatte er dort das Land verheert, gleich zeitig aber auch durch seine Anschwemmungen erhöht, so genügte eine geringe Ursache, ein Dammbruch, um ihn statt nach Norden, nach Süden fließen, ja sogar in den Jangtsekiang münden zu lassen. Im Jahre 1194 wechselte er wieder seinen Lauf, indem er sich einen Weg gu dem nordöstlich fließenden Tsiho bahnte und dessen Flußbett zu seinem eigenen machte. Hundert Jahre später wandte er sich dem südöstlich fließenden Hoai-ho zu und mündete, dessen Flußlauf folgend, ins Gelbe Meer. 1851 kehrte er zum Tsiho zurück und mündet seither in den Golf von Pctschili. Wie lange noch? Wer könnte es sagen? Neunmal hat er in historischer Zeit seinen Lauf gewechselt, wohin wird er sich das zehnte Mal wenden? Menschliche Kraft, menschliches Wissen hat sich bisher vergeblich daran versucht, den Hoangho zu bündigen, ihn in ein festes Bett zu bannen. Vielleicht ist das, was den Chinesen nicht glückte, europäischen Ingenieuren Vorbehalten. Als ich, dank eines günstigen Windes, in meinem mit sechs Chinesen bemannten Boote seinen Lauf aufwärts fuhr, sah ich die SOcittef, welche die Zopftrügcr seit Jahrtausenden anwenden, um seine Ueberschwemmungen zu verhindern, aber es find dieselben Mittel, wie ich sie am Po, am Mississippi, an der Loire gesehen habe. Sic liegen ja am nächsten: künstliche Dämme. Jetzt, Anfang Mai, war der Wasserstaud ein sehr niedriger, dennoch ragten die Dämme nur wenige Dieter über den Wasserspiegel empor. Festes Material ist nicht vorhanden, denn das ganze Gebiet besteht ja nur aus den staubförmigen Erdteilchen, die der Hoangho selbst aus seinem Oberläufe herabgeschwemmt und hier unten ab gelagert hat. Die Dämme konnten also nur aus dieser losen Erde aufgeführt werden, und um sie vor dem Abbröckeln und Abschwemmen zu schützen, sind sie au der Fluß seite auf weite Strecken mit Flechtwerk aus Gaulean-(Sorghum-)Stengeln bekleidet, die mittels Strohseilen fest verankert sind. Um sich aber gegen Dammbrüche, die trotzdem durch Unterwaschungen bald hier, bald dort fortwährend ftattfindeu, vorzusehen, liegen an beiden Ufern des Stromes, auf den Dämmen, ungeheure Massen von Sorghum matten und -bündeln, dazu ganze Pyramiden von Erde und Steinen aufgetürmt. Freilich wäre es am zweckmäßigsten, die ganzen Dämme aus Stein herzustellen, aber wie wäre dergleichen möglich, wenn mau bedenkt, daß das Material mittels Booten aus beträcht lichen Entfernungen herbeigeschafft werden muß, und daß die Länge der Dämme viele hundert Kilometer betrügt! Steindämme längs des Hoangho wären ein Seitenstück zu der großen Chinesischen Mauer, und heute baut man solche Riesenwerke nicht mehr. Die Chinesen müssen sich also begnügen, wenigstens Steine für die Dammbrüche in Bereitschaft zu halten, müssen, sage ich, denn bringt dieser Stromriese wie durch eilten leichten Fingerdruck die Erddämme gleich auf mehrere hundert Meter zum Weichen,Hoangho und Kaiserkanal. 253 ergießen sich die gewaltigen Fluten einmal durch diese Bresche in das umliegende Tief land, dann kann dieselbe nicht mehr mittels loser Erde geschlossen werden. Zur Be wachung der Dämme ist ein eigenes Korps unter verschiedenen Mandarinen vorhanden, und kommt eilt Dammbruch vor, so werden in aller Eile Sorghummatten mit den bereitliegenden Steinen belastet und in die Bresche gesenkt; auf diese kommt eine zweite ähilliche Lage rc., bis das Flußniveau erreicht ist; so wird von beiden Seiten der Bresche gearbeitet, bis diese endlich geschlossen ist. Mitunter dauert es Wochen und Monate, und in der Zwischenzeit überfluten die dem Hoangho entströmenden Wasscrmassen Hunderte oder Tausende Quadratkilometer Landes. Da solche Dammbrüche im Unterlauf des Hoangho überall stattfinden können, so sind alich den ganzen Strom entlang derlei Erd- und Faschinenpyramiden auf den Dämmen zu sehen. Sic bilden die hervorragendsten Objekte, die man auf der Strom fahrt wahrnehmen kann, trostlos in ihrer grauen Einförmigkeit und ihrem Zweck. Alif Meilen, stromauf, stromab nichts als die grauen niedrigen, fast senkrechten Ufer, an denen die graugelben Fluten fortwährend lecken und Stück für Stück abbröckeln, um sic irgendwo an einer Bank im Strombett abzusetzen; und aus den Dämmen von 30 zu 30 Schritten erheben sich abwechselnd Faschinentürine, vielleicht 10 Meter hoch und eben so breit, und 2 Meter hohe, 10 Nieter lange Steinhaufen, mit Erde bedeckt, wie ungeheure Sarkophage. Wo die Dämme irgendwo niedriger sind, konnte ich, auf meinem Boote stehend, über sie in die grauen einförmigen Sandebenen blicken, die sich hinter ihnen ausdehnen, ohne Baumwuchs, ohne das Grün der Felder, an das mein Auge von den mittleren Teilen der Provinz her gewöhnt war. Hier und dort traurige verlassene Ruinen von Dörfern und Tempeln; steinerne Ehrenbogen ragen zur Hälfte aus dem angeschwemmten Erdboden hervor; Baumstämme mit abgebrochenen Kronen, zur Seite geneigte Pagoden, vielleicht auch ein paar ärmliche Lehmhütten, deren Be wohner ein kleines Stückchen Land bebaut und bepflanzt haben. Auf der ganzen, langsamen Fahrt gegen den starken Strom nicht ein Dorf, bis sich endlich der Strom in mehrere Teile spaltet, die ihre festen Ufer verlieren und nur einen ausgedehnten Sumpf bilden, das berüchtigte Sumpfmeer von Nan-Shan. Meine Bootsleute lenkten in den nördlichsten Arm, den einzigen, der noch einigermaßen abgegrenzte User zeigt, und eine Stunde später ankerten wir vor dem Dorfe Pa-li-miau, an der Stelle gelegen, wo der Kaiserkanal, nachdem er das Sumpfmeer des Hoangho gekreuzt hat, wieder zwischen festen Ufern seinen Lauf nach Norden fortsetzt. Unwillkürlich mußte ich an zwei andere Kreuzungen des Kaiserkanals denken, die ich in früheren Jahren gesehen: bei Tschinkiang, wo er den Jangtsekiang erreicht, und bei Tientsin am Peiho. Dort war er mit Tausenden von Frachtbooten bedeckt, es herrschte ein Leben und Verkehr wie auf den größten Weltrouten der verschiedenen Kon tinente. Hier bei Pa-li-miau fühlte ich mich nicht wie in dem ungeheuren Ameisenhaufen, China genannt, sondern wie an dem menschenleeren Oberlauf des Orinoko in Süd-Amerika oder in dem Stromgewirr des einsamen Cauada, und doch ist cs derselbe Kaiserkanal wie bei Tschinkiang und Tientsin, doch kreuzt er einen Fluß, so lang wie der Jangtsekiang.254 Hoangho und Kaiserkanal. Erst in den Sommer- lind Herbstmonaten, wenn der Kanal ans seinem ganzen Saufe Wasser hat und so den Bootsverkehr vom Jangtsekiang bis Tientsin ermöglicht, erwacht auch Pa-li-miau aus seinem Schlaf, und die vielen durchgehenden Frachtboote, hauptsächlich mit Feldfrüchten, Reis und Weizen, aber auch mit anderen Waren beladen, geben dann diesem Punkte ähnliches, wenn auch lange nicht so lebhaftes Leben und Treiben, wie es in den genannten Städten herrscht. Wir konnten, von Pa-li-miau in den südlichen Teil des Kaiserkanals einlenkend, seinem Lauf nur etwa 2 Kilometer weit folgen, dann verschwanden seine Uferdämme, weggespült von den Fluten des Hoangho, und eine kurze Strecke weiter wurde er voll einem reißenden Arm des Stromes durchschnitten. Meine Bootsleute hatten sich mit dem Segel nicht vorgesehen; trotz angestrengtem Rudern und Stoßen mit langen Stangen war es ihnen unmöglich, rasch genug das jenseitige, ebenfalls uferlose Bett des Kanals zu erreichen, unser Boot wurde immer weiter abwärts getrieben, und es hätte über menschliche Arbeit gekostet, bei dem noch dazu ungünstigen, immer heftiger werdenden Wind wieder den Kanal zu erreichen. Dazu hatte ich gesehen, was ich sehen wollte: die Unmöglichkeit, das.sogar jetzt bei niedrigem Wasserstande ganz mit trüben Fluten bedeckte Sumpfmeer von Nan-Shan mit Dampfern zu befahren. Pa-li-miau ist die äußerste Stelle, bis zu welcher der Hoangho vielleicht mit flachgehenden Dampfern befahren werden konnte. Obschon der Versuch meines Wissens noch niemals gemacht worden ist, glaube ich doch an die Möglichkeit eines Dampferverkehrs; während meiner langsamen Bootsfahrt stromaufwärts warf ich über fünfzigmal das Senkblei aus uiib fand die Stromtiefe zwischen 4 und 10 Meter schwankend; an manchen Stellen fand ich mit meiner 10 Bieter langen Leine keinen Grund. Unmittelbar vor Pa-li-miau war das Wasser auf einer Strecke üoit etwa 2 Kilometer am seichtesten, aber immerhin noch iy 2 bis 3 Meter tief. Vom Juni an beginnt das Wasser im Hoangho allmählich zu steigen, um gewöhnlich Ende August seine größte Höhe zu erreichen; die Höhe der Dämme über dem niedrigen Wasserspiegel des Monats Mai maß ich auf 6 bis 9 Meter, und nach den Aussagen der Bootsleute sowie der Flußmandarine, die ich später in Tsi-ho befragte, ist der Unterschied zwischen dem höchsten und niedrigsten Wasserstand selten größer. Dafür ist das Anschwellen kein allmähliches; häufig steigt oder sinkt der Wasserstand an einem einzigen Tage um mehr als 1 Meter. Die Strömung betrügt durchschnittlich 5 Kilometer die Stunde, eher mehr als weniger, und Strom schnellen sind auf dem ganzen Laufe von Pa-li-unan bis zur Mündung nicht vorhanden. Meine Wahrnehmungen bestärken mich in der Ansicht, daß für ein oder zwei flach gehende Dampfer der Verkehr zwischen der Provinzhanptstadt Tsinan-fn und dem Kaiserkanal in der Jahreszeit, wo dieser Wasser hat, sich allmählich zu einem lohnenden entwickeln könnte, und daß auch der Verkehr stromabwärts nach den Häfen des Golfs von Petschili zu ermöglichen wäre. Jedenfalls verdient die Angelegenheit, durch Fach leute an Ort und Stelle geprüft zu werden.Auf dem Hoangho strornabwärts. ank der starken Strömung, sowie des heftigen Windes, der das große ans Gauleanmatten zusammen gesetzte Segel meines Bootes schwellte, flogen wir beit Hoangho mit Eisenbahngeschwindigkeit abwärts. Kaum anderthalb Stunden waren vergangen, seit wir in den geeinigten Strom eingelanfen waren, als auch schon wieder der steile Düschän vor mir aufstieg, und bald darauf ging mein Boot wieder an der Landungsstelle von Ping-c vor Anker. Wir blieben nur lange genug liegen, um die vom Mandarin von Ping-e gesandte Mahlzeit einzunehmen, dann wurde die Reise wieder fortgesetzt. Ich befand mich in meinem Kabinenloch, um auf dem Boden liegend einige Notizen 51 t machen, als ich plötzlich Brandgeruch verspürte und gleichzeitig ein Knistern und Krachen vernahm, als stünde mein Boot in Flammen. Erschreckt kletterte ich auf Deck; vorn auf dem Bug stand ein Chinese mit einer Lunte aus gedrehtem Papier und entzündete der Reihe nach ein paar Feuerfrösche. Auch hier auf dein Hoangho würde kein Bootsmann eine Reise unternehmen, ohne zuvor durch Feuerwerk die bösen Geister verscheucht zu haben, die etwa um das Boot ihren Spuk treiben sollten. Bald schwammen wir wieder mitten im Strom abwärts. Ein so herrliches Landschaftsbild, wie cs sich mir während der ersten 20 Kilometer unterhalb Ping-e darbot, hätte ich auf dem Hoangho, dieser schwimmenden Sandwüste, niemals erwartet. Der Fluß und das angeschwemmte Land, das er durchfließt, haben einen so schlechten Namen, daß mir die Flußszenerie hier wie eine fortwährend wechselnde Fata morgaua vorkam. Wären die Fluten nicht gar so trübe gewesen, ich hätte mich auf den Rhein zwischen Bonn und Düsseldorf wähnen können. An beiden llfern zahlreiche Dörfer und Ansiedlungen, umgeben von blühenden Obstgärten und weiten grünen Feldern, zwischen denen sich Haine von hohen uralten Weiden erhoben; auf dem linken Ufer war alles, soweit das Auge reichte, eben wie ein Tisch, auf dem rechten Ufer bildeten die Gebirge des mittleren Schantnng mit ihren ineinandergeschobenen, hintereinander aufsteigenden256 Auf dem Hoangho stromabwärts. Kcttei: einen ungemein malerischen Hintergrund, und dazu welcher Verkehr auf dem breiten Strome selbst! War das wirklich der öde unschiffbare Hoangho? Auf der etwa 90 Kilometer langen Strecke zwischen seiner Kreuzung mit dem Kaiserkanal und Lo-Kou, dem Hafen der Provinzhauptstadt, sah ich gewiß mehrere tausend große Frachtbovte von 10 bis 30 Tonnen Fassungsraum, alle ans dem Wege stromaufwärts. In Flottillen von dreißig bis vierzig Booten lagen sie an den Ufern verankert, günstigen Wind erwartend, und ihre Mannschaften, die gewöhnlich auf Deck kauerten, Tabak oder Opium rauchten und dabei Karten oder Domino spielten, mochten uns wohl mit neidischen Blicken verfolgen, denn der ihnen so ungünstige Wind trieb uns stellenweise mit 15 bis 20 Kilometer Geschwindigkeit an ihnen vorüber. Die Strömung ist so stark, daß es nur einzelne Passagierboote unternehmen, sich mittels langen Seilen den Ufern entlang stromaufwärts ziehen zu lassen. Vierzig bis fünfzig Menschen zogen dann an dem Seile, bei jedem Schritt unisono ihr Ha-ha schreiend, um sich gegenseitig anzufeuern. Der Chinese ist kein stiller Arbeiter. Beim Hausbau, Frachtentragen, bei Erdarbeiten, kurz bei jeder körperlichen Anstrengung glaubt er die Arbeit doppelt so leicht vollbringen zu können, wenn er schreit. Gewöhnlich sind es kurze heisere Töne, die er aus der Brust heraushustet, häufig aber singt er auch, wobei der Arbeitsleiter Melodie und Text vorsingt, und häufig auf meinen Reisen in China habe ich Gesänge vernommen, die inich lebhaft an ähnliche gemahnten, wie ich sie etwa von Wallfahrern in katholischen Ländern gehört habe. Die weitaus große Mehrzahl der stromaufwärts fahrenden Hoanghoboote warten günstigen Wind ab, hissen dann die Mattcnsegel ans den hohen Masten und segeln langsam den Ufern entlang; die ganze Reise von der Strommündung zum Kaiserkanal, etwa 360 Kilometer, kann dann 2 bis 3 Wochen dauern, während die Fahrt strom abwärts auch bei Windstille nur ein Viertel dieser Zeit beansprucht. Es ist behauptet worden, der Hoangho würde von Seeschiffen oder vielmehr von Dschunken nicht befahren. Dies ist nicht richtig. Ich habe allerdings auf meiner Fahrt nur zwei Dschunken ge sehen, allein meine Bootsleute sagten mir, Dschunken kämen häufig von den Häfen des Golfs von Petschili, und dies wurde mir später von dem Flnßmandarin in Tsi-ho be stätigt. Ein Dampfer ist jedoch hier seiner Aussage nach seit Menschengedenken nicht gesehen worden, ebenso mie er sich nicht eines europäischen Reisenden ans dem Hoangho erinnern konnte. Salz, Getreide, Feldfrüchte, Strohmatten, Ziegel, endlich Steine und anderes Baumaterial für die Dämme bilden die hauptsächlichsten Frachten. Etwa 20 Kilometer unterhalb Ping-e treten die Gebirgszüge im Süden weiter zurück, und die Flnßlandschaft wird einförmiger. Die Gebirgszüge, die auf den europäischen Karten als dicht an den Hoangho herantretend verzeichnet sind, liegen mit ihren Ausläufern mindestens 15 Kilometer von ihm entfernt. Als wir auf unserer raschen Flußfahrt dieses Gebiet erreichten, wurde der Wind plötzlich heftiger unb blies uns derart in das Segel, daß wir im Flug dahinfuhren und die Mannschaft alle Auf merksamkeit anwenden mußte, um bei den vielen Krümmungen des Flusses nicht an die Ufer geschlagen zu werden. Ungeheure Stanbmasscn, vom Sturme aufgewirbelt, triebenAuf dem Hoangho stromabwärts. 257 von der trockenen Ebene des Südnfers quer über den Strom, und bald waren wir in undurchdringliche Staubwolken gehüllt, gelbrot leuchtend, von den Sonnenstrahlen durch glüht. Der feine Saud drang mir in Augen und Nase, ich spürte ihn zwischen den Zähnen, und meine Kehle war so trocken, daß ich unaufhörlich an meiner Feldflasche nippen mußte. Auch wenn meine Augen nicht durch dicke Staublagen verklebt gewesen wären, ich Hütte nichts wahrnehmen können, denn selbst mein eigenes Boot erschien mir in dieser graugelben Finsternis nur in seinen Umrissen. Ebenso schnell, wie der Sandsturm gekommen, verging er auch wieder, aber die Atmosphäre blieb noch lange mit feinem Staub geschwängert; in den Fugen und Winkeln meines Bootes, selbst in meiner Kabine lag der Sand bis zu zwei Finger dick angeweht, obschon wir in der Mitte des Stromes fahrend, 100 bis 150 Meter voin Ufer entfernt waren. 200 bis 300 Meter beträgt nämlich die Breite des Stromes, und nur auf wenigen kurzen Strecken ist sic größer. Die Tiefe des Hoangho während der raschen Fahrt zu messen war schwierig. Ich mußte das Senkbleis eine Leine, an die ich einen Stein gebunden, weit Vorausschleudern, um eine wenigstens annähernd richtige Messung zu erzielen. Die Flußtiefe ist meinen Beobachtungen zufolge sehr un gleich. Im Stromstrich selbst fand ich verschiedene Tiefen von 6 Meter an. Häufig fand meine 10 Bieter lange Leine keinen Grund. Das Flußbett hat viele Untiefen und Sandbänke, die ihren Ort fortwährend wechseln, bald hier, bald dort erscheinen, um in kurzer Zeit, oft nach einer Woche wieder zu verschwinden. Auch der Stromstrich ist bald iu der Mitte des Bettes, bald am linken, bald am rechten Ufer, was schon an den kurzen, etwa fußhohen heftigen Wellen leicht erkennbar ist. Stellenweise zieht er unmittelbar an den steilen Ufern entlang, und dort finb die Erdwände durch verankerte Reisigbündel besonders stark befestigt, gewöhnlich auch durch eine Aufschüttung großer Steine gestützt. Die Reisig- lind Steinpyramiden sind auf der ganzen Strecke bis Tsi-ho und noch weiter abwärts an beiden Ufern überall zu sehen; jeder Reisighaufen bildet einen Würfel von vielleicht 200 Kubikmeter, die mit Erde bedeckten Steinhügel sind 12 bis 15 Meter lang und 2 bis 3 Meter hoch, und die hier aufgehüuften Massen müssen viele Tanseilde von Schiffsladungen repräsentieren. Dort lvo kein derartiges Reservematerial für Dammbrllche vorhanden ist, sah ich auf 100 bis 200 Meter Ent- fernung landeinwärts gewöhnlich einen zweiten Paralleldamm, und das dazwischenliegende Land lvar mitunter von grünen Feldern eingenommen. Etwas unterhalb der Stadt Ping-hin, die nicht am Flliß, sondern einige Kilo meter landeinwärts liegt, sah ich die Reste eines Dammbruches, der, >vie ich hörte, im Jahre 1896 stattgefunden hat, und ich ließ mein Boot hier halten, um mir die Um gebung anzusehen. Hinter dem Durchbruch war ein zweiter Damm in einem großen Halbkreis errichtet worden; ich konnte aber deutlich den Lauf des Wassers in die Ebene verfolgen. Dort lvar eine Erdanschwemmnng von mehreren Fuß Höhe erkennbar, als hätte ein Lava- oder Schlämmstrom seinen Weg hierher genommen, und mitten durch sie sah ich die tiefen Spuren des Stromlaufes. Die Bäume standen vielleicht metertief in der Erde, und ein Steinbogen war durch die Ablagerungen so verschüttet, daß ich Hcsse-Wartcgg, Schantung und Deutsch-China. 17258 Auf dem Hoangho stromabwärts. kaum aufrecht darunter stehen konnte. Meine Bootsleute sagten mir, die Ablagerungen, welche der Hoangho auf seinem Ueberschwemmungsgebiet zurückläßt, wären verschieden hoch, und zeigten mir dabei die Hohe eines Fingers intb jene eines Unterarms. Auch die Missionare hatten niir erzählt, sie hätten zuweilen Häuser und Dörfer getroffen, die bis zur Fensterhöhe im angeschwemmten Erdreich steckten. Es interessierte mich, den Erdgehalt des Wassers zu untersuchen, und ich ließ deshalb einen Kübel vollschöpfen; schon nach Ablauf einer halben Stunde hatte das ursprünglich undurchsichtige Wasser eine rotgelbe Erdschicht abgesetzt. Nach einer Stunde war das Wasser klar, und die Schicht ans dein Boden war etwa 3 Millimeter dick. Man kann sich denken, welche Erdmassen der ganze Strom unter solchen Verhältnissen in einem Jahre mit sich herabführt. Man hat berechnet, daß diese Erdmassen während 25 Tagen schon hinreichen würden, um eine Insel von 36 Meter Dicke und 1 Quadrat kilometer Ausdehnung zu bilden. Das würde in einem Jahre etwa 14 Quadratkilometer Festland ausmachen, in 500 Jahren also eine Landstrecke von der Größe des Groß- herzogtums Hessen. Unter solchen Umständen kann man sich leicht ausmalen, daß der ganze Golf von Petschili mit der Zeit vom Hoangho ausgefüllt wird. Die Eindämmung des Hoangho hat auch das Bett desselben derart gehoben, daß der Wasserspiegel sich heute in der trockenen Jahreszeit etwa im gleichen Niveau mit der hinter den Dämmen liegenden Ebene befindet lind daß er sich während der Sommerflut vielleicht mehrere Meter hoch über dieselbe erhebt. Deshalb schon ist es begreiflich, daß der Hoangho in seinem Unterlaufe keinerlei Zuflüsse erhält; die ans den Karten angegebenen rechtsseitigen Zuflüsse sind in Wirklichkeit nicht vorhanden, dazu müßte ja das Wasser aufwärts fließen. Es gab früher allerdings Flnßläusc wie die auf den Karten verzeichneten, aber seit der Hoangho eingedämmt wurde, münden sie nicht in diesen, sondern in einen ganz anderen Fluß, der noch auf keiner Karte ver zeichnet ist und doch mit zn den wichtigsten von Schantung gehört. Es ist dies der Hsin-tsching-ho, der von den Quellen innerhalb der Prvvinzhanptstadt gebildet wird und nicht, wie auf den Karten angegeben ist, nach einem Lauf von nur wenigen Kilometer in den Hoangho inündet, sondern fast parallel mit dem letzteren fließend sich nach etwa 300 Kilometer langem Lauf in den Golf von Petschili ergießt. Daß dieser Fluß von den Kartenzeichnern ausgelassen wurde, erscheint unverzeihlich oder doch unverständlich, denn derselbe ist der Schlüssel für das ganze Flußnetz, welches von der neuen deutschen Eisenbahnlinie von Wei-hsien nach der Provinzhauptstadt durchschnitten wird. Bis zum Jahre 1891 war der Hsin-tsching-ho für Seedschunken schiffbar, und es herrschte auf ihm ziemlich reger Verkehr. Im Jahre 1891 wurde jedoch ans Anordnung des Goüverneurs dieser Flußlauf wegen zunehmenden Wassermangels durch einen Kanal westlich der Stadt Kauyuen in den aus den Gebirgen von Mittel-Schantung kommenden Hsian-tsching-ho gelenkt; der Unterlans des Hsin-tsching-ho vertrocknet allmählich, dafür ist der Hsian-tsching-ho kanalisiert worden, etwa 10 Kilometer vor seiner Mündung in den Golf von Petschili ist eine neue Hafenstadt Hiong-yo-go ent standen, die von dcni Tschifndampfer angelaufen wird, und dieser Hsian-tsching-ho inAuf dem Hoangho stromabwärts. 259 Verbindung mit dem Hsin-tsching-ho bildet heute nicht nur den neuen Kanal von der Hauptstadt Tsinan-fu zur See, sondern er nimmt auch alle früher in den Hoangho fließenden Wasserläufe in sich auf. Die Karten müssen dementsprechend umgeändert werden. Wind und Strömung ließen uns die 90 Kilometer lange Strecke von Ping-e bis Tsi-ho innerhalb 5 Stunden zurücklegen, 18 Kilometer die Stunde, also Dampfer- geschwindigkcit. Ans dein ganzen Wege ist Tsi-ho die einzige unmittelbar am Flusse gelegene Stadt, und da auch die Hauptroute von der Provinzhanptstadt Tsinan-fu nach Peking über Tsi-ho führt, hatte ich mir die in der Mission von Tsinan-fu meiner harrenden Briefsendungen nach Tsi-ho bestellt. Vom Flusse aus ist von Tsi-ho nichts wahrzunehmen als ein ans dem 10 Meter hohen Damm stehendes chinesisches Zollhaus; von Hafeneinrichtungen, Anlegeplätzen für die Boote u. dergl. ist hier keine Spur vor handen; die mit Steinen gefütterten Dämme fallen fast senkrecht in den Strom, der an seinem Nordufer, also auf der Seite von Tsi-ho auch noch sehr seicht ist. Es galt hier anzulegen, aber die Strömung war so gewaltig, etwa 9 Kilometer, daß meine Boots leute, das Segel nicht früh genug reffend, mit dem Boot an Tsi-ho vorbeitrieben. Erst einige Kilometer unterhalb gelang es, das Boot zu wenden und aus dem Stromstrich in das seichte langsamere Wasser am Nordufer zu bringen. Dort entledigten sich die Bootsleute ihrer Kleider, sprangen in den Fluß und wateten mit einer Leine bis dicht unter die steilen Uferdümme. Diesen entlang schreitend, zogen sie das Boot mühsam zu dem Zollhanse zurück, eine Planke wurde quer nach dem Ufer gelegt, und ich konnte landen. Als ich den steilen hohen Damm erklettert hatte und oben zwischen den Neisig- nnd Stcinpyramiden stand, die auch hier zur Ausfüllung der häufigen Dammbrüche bereitgehalten werden, sah ich erst die Ringmauern der recht bedeutenden Stadt. Wie überall, so bilden sie auch in Tsi-ho ein Quadrat, und die Südostspitze desselben ist dem Fluß zugewendet, etwa 30 Meter vom Damm entfernt. Das Dach des wie der schiefe Turm von Pisa geneigten Ecktürmchens ist in der beiläufigen Höhe der Dämme, lind wie man in Italien sagt, daß der Po höher fließe als die Dächer voll Ferrara, so kann man auch hier sagen, der Hoangho fließt höher als die Dächer von Tsi-ho. Der Boden, auf welchem die Stadt steht, ist entschieden tiefer als der Wasser spiegel des Stromes, und man kann sich denken, mit welcher Sorgfalt die Einwohner hier die Dämme pflegen, die sie alleiil vor der schrecklichsten Katastrophe schützen. In den spärlichen Werken, in welchen Näheres über beit Hoangho enthalten ist, sprechen die Verfasser ihre Verwunderung darüber aus, daß die Bewohner dieses Landes ihre Städte und Dörfer nicht auf künstlichen Erhöhungen anlegen, wie es die Aegypter thun, um sich sti gegen die Ueberschwemmungen zu schützen. Das war bisher nicht gut möglich, denn die Städte und Dörfer in Nord-Schantung waren doch schon vorhanden, als der Hoangho, den Lauf von Süd nach Nord wechselnd, seinen Weg vor fünf Jahrzehnten durch diese Gegenden nahm. Eine Stunde, nachdem ich meinen Boy zum Stadtmandarin gesandt hatte, um meine Briefe abznholen, kam ein Damenbeamter rasch aus dem Stadtthor geritten. Vor mir angekommen, sprang er vom Pferde, senkte ein Knie l,nd überreichte mir die Post-260 Auf dem Hoangho stromabwärts. stücke. Unter diesen befand sich eine Depesche des gerade in Peking weilenden Bischofs Anzer, des Chefs der dcntschen katholischen Mission von Süd-Schantnng, in welcher der Bischof eine Zusammenkunft mit mir in der Stadt Tung-Kuang ain Kaiserkanal verabredete. Der bestimmte Tag war bereits vorüber, und wollte ich den Bischof treffen, woran mir selbst auch viel gelegen war, so mußte ich die Weiterreise zur Mündung des Hoangho aufgeben und sofort den nächsten Weg nach dem vier Tagereisen entfernten Tung-Kuang einschlagen. Heute die Reise anzutreten war jedoch wegen Mangels an Reitpferden unb Karren unmöglich. Ich ließ deshalb den Mandarin von Tsi-ho bitten, einen reitenden Boten nach dein nur 17 Kilometer entfernten Tsinan-fn zu senden, um meine in der Eile geschriebenen Briefe und Depeschen zu bestellen, darunter eine Depesche an Bischof Anzer, des Inhalts, daß ich trachten würde, binnen vier Tagen in Tung-kuang einzutreffen, und einen Brief an den apostolischen Vikar der Mission von Nord-Schantung, Bischof Demarchi, mit der Bitte, mir sofort ein Reitpferd und zwei Reisewagen für den nächsten Tag nach Tsi-ho zu senden. Dann ließ ich mein Gepäck nach dem mir vom Mandarin in gastfreier Weise zur Verfügung gestellten Damen schaffen, und da ich noch den Nach mittag vor mir hatte, beschloß ich denselben zur Weiterfahrt eine Strecke stromabwärts zu benutzen. Siebzehn Kilometer unterhalb Tsi-ho kamen die Warenhäuser und Tempel der Hafen stadt von Tsinan-fn, Lo-kon, in Sicht, und bald darauf befand ich mich in diesem ver fallenden Neste, das noch vor gar nicht langer Zeit sehr bedeutenden Handel und Verkehr besessen hat. Die stattlichen aus Stein gebauten Warenhäuser sind noch sprechende Zeugen davon. Allein Lo-kou wurde von den Taipingrebellen mehrmals geplündert und teilweise zerstört,' und was sie verschonten, wurde eine Beute der Hoangho- fluten, die gerade hier häufig die Dämme durchbrechen und sogar bis an die Mauern von Tsinan-fu dringen. In der That ist das ganze Land zwischen Lo-kon und der 7 Kilometer südlich vom Hoangho gelegenen Provinzhauptstadt ein großer Sumpf; auch wo der sandige Boden anscheinend trocken ist, enthält er Wasser, und ähnlich wie auf dem Meeresstrande auf den von der Flut verlassenen Saudflächcn, sammelt sich auch hier in den Fußspuren sofort Wasser. Ja, stellenweise sinkt der Wanderer sogar ganz ein, und die Chinesen behaupten, der Boden hätte hier schon häufig Menschen, Pferde und Karren auf Nimmerwiedersehen verschlungen. Kommen sie an solche Stellen, so legen sic sich flach auf den Boden und wälzen sich darüber hinweg, oder binden Körbe an ihre Füße, um dem Boden breitere, das rasche Versinken verhindernde Flächen cnt- gegenzusetzen. Wichtiger als das, was ich in Lo-kon gesehen, war mir meine Unter haltung mit dem Flnßmandarin, der mir geradeso lute später jener von Tsi-ho bestätigte, was ich von den Missinarcn in Wei-Hsien und Tsingtschou-fu erfahren hatte, eine Sache von großer Bedeutung: Der Hoangho hat seinen Unterlauf abermals gewechselt und fließt nicht mehr durch seine bisherige Mündung, luie sie auf den Karten angegeben ist, sondern er hat, seinen Flußlanf um etwa 20 Kilometer verkürzend, unterhalb der Stadt Li-tsin den nächsten Weg zum Meere, direkt nach Osten eingeschlagen. Die heutige Mündung des Hoangho befindet sich 30 Kilometer siidlich von der auf den KartenAuf dem Hoangho stromabwärts. 261 verzeichnten; der bisherige Stromlauf ist versandet, und die oberhalb der alten Mündung gelegene Hafenstadt Tie-mönn-kwan besteht nicht mehr. Schon im Jahre 1891 grub sich der Hoangho eine neue Mündung von einer 7 Kilometer südlich von Tie-mönn-kwan gelegenen Krümmung aus, direkt östlich. 1896 durchbrach er 10 Kilometer nördlich der Stadt Li-tsin den östlichen Damm und schuf sich seine heutige Mündung; der bisherige Flußlauf wurde unterhalb der Dammbruch stelle durch einen Querdamm gesperrt, und der ganze Strom wälzt sich nun durch die neue Mündung, welcher noch keine Barre vorgelagert ist, so daß Dschunken und auch Dampfer von der See aus hinreichend tiefes Fahrwasser finden. Einige Kilometer- südlich der neuen Mündung befand sich inmitten der ausgedehnten Salzsteppen eine Stadt, Namens Niug-hai-tsun, deren Bewohner sich hauptsächlich durch Salzgewinnung ernährten. Diese Stadt wurde im vorigen Jahre aufgegeben; ihre Einwohner bauten sich neue Wohnstätten am Südufer des Stromes, und heute ist dieses Niug-hai- tsun an Stelle des verlassenen, 30 Kilometer weiter nördlich gelegenen Tie-mönn-kwan der Seehafen des Hoangho. Die Kreisstadt Li-tsin, am linken Ufer des Hoangho, die bedeutendste Stadt in der Nordostecke Schantungs mit etiva 15000 Einwohnern, ist dem Untergänge geweiht. Schon vor zwei Jahrzehnten haben die Fluten die deni Fluß zunächst gelegenen Stadt mauern unterwaschen und seither immer mehr von dem eigentlichen Grund und Boden der Stadt weggerissen. Das gänzliche Verschwinden von Li-tsin ist nur eine Frage der Zeit. Die Verhältnisse, wie sie in Li-tsin herrschen, sind dieselben in dem 30 Kilometer weiter stromaufwärts gelegenen Pn-tai, einer bedeutenden, inmitten fruchtbarer Maulbcer- und Baumwollpflauzungen gelegenen Stadt. Dort nntcrwühlt der Hoangho immer mehr seine östlichen Ufer, und in dem Bestreben, seinen Lauf zu verkürzen, dürfte es wohl zu erwarten sein, daß er sich noch innerhalb des nächsten Jahrzehnts gu dem alten Lauf des Hsin-tsching-ho Bahn bricht und diesen zu seinem Flußbett macht, ähnlich wie er im Jahre 1851 in das Flußbett des Tsi-Ho sein Kuckücksei gelegt hat und seither in diesem geflossen ist. Da die Absicht besteht, das zukünftige deutsche Eisenbahnnetz von Schantung nordwärts nach Peking oder doch an die Peking-Hankau-Bahn weiterzuführen, so muß dazu der Hoangho überbrückt werden. Diese Zeilen mögen als zeitige Warnung dienen, daß die Ueberbrückung nicht etwa unterhalb der Provinzhauptstadt ins Auge gefaßt werden möge. Dieselbe wird sich vielmehr für die Dauer ain besten bei Tsinan-fn selbst durchführen lassen.r Luer durch Nvrd-Schantung. Schankung in alichinrfischrn Schriflr-ichrn. -^ls ich abends von meinem Ausfluge wieder in Tsi-Ho eintraf, fand ich beim Zollhause einen Biandarin niedrigen Grades und sechs Soldaten, die mich mit einem Karre» erwarteten, um mich nach den: Jamen zu geleiten. Meine Bootsleute warfen sich vor mir in den Staub, als ich ihnen zu dem bedungenen Lohne noch 2000 kleine Cash Trinkgeld überreichen ließ, denn ich hütete mich wohl, die Stränge, auf welchen die Münzen steckten, zu berühren. Diese Geld würste gehen durch so viele schmutzige Hände, daß sie hier noch mehr als die Münzen in Europa AnstccknngSstoffe enthalten müssen. Wenn ich in den ersten Tagen meines Aufent Halts in China derlei Wiirste handhabte, waren meine Handflächen gewöhnlich schwarz von Schmutz, und ich überließ deshalb die Geldsäcke meinem Boy, dabei aber genaue Rechnung haltend, denn die Chinesen sind ja auch nur Menschen. Der Flußdamm von Tsi-ho ist der höchste, den ich am Hoangho gesehen; auf der Landseite gegen 40 Meter hoch, oben 12 Meter, unten etwa 50 Meter breit, so daß sich der tiefe, stanberfüllte Graben zwischen ihm und den Stadtmauern wie eine Schlucht ausnimmt. Auf dem Damme erheben sich stattliche Weidenbüume, und in ihrem Schatten arbeiteten Hunderte von Kulis an der noch weiteren Ausfüllung dieses gewaltigen Werkes. Statt dies aber mit Steinen oder doch Ziegeln zu thnn, luden die Kulis den flüchtigen Staub des Grabens in ihre Schub karren oder Tragkörbe und schleppten ihn mühsam den steilen Abhang hinauf, von wo ihn der Wind wieder schubkarrenweise in den Graben hinabblies. Staub, Staub überall, alles in einförmiges, ödes Gran hüllend. Ein Damm führt auch von dem Hoangho über das tiefliegende Land dahinter zum Stadtthore, und erst in der Stadt selbst senkt sich der Boden allmählich gegen Norden zu. Nach langer Fahrt durch die dichtbelebten, verkehrsreichen Straßen langten wir beim Namen an, mein Karren fuhr durch mehrere Höfe und hielt endlich vor meinem Logis, dem besten, das ich bisher in Schantnng G\ W\ Biftitnharfe de» Mandarin» von M-ho.Quer durch Nord - Schantung. 263 gefunden, denn Tsi-Ho ist auf der großen Landronte nach Peking gelegen, und der Damen wird häufig von hohen Mandarinen als Absteigequartier benutzt. Hier hoffte ich auf die Möglichkeit eines Bades, das mir so lange versagt war, und da ein Heer von Dienern mich umstand, so ließ ich den Aeltesten der letzteren danach fragen. Er schaute verwundert drein, denn dergleichen hatte noch nicht einmal der Provinzgouverneur von ihm verlangt. Da er meinen Boy nicht recht zu verstehen schien, zeichnete ich ihm mit einigen Strichen einen Bottich und daneben eine Wasserschüssel, für den Fall, daß der erstere nicht vorhanden sein sollte. Jetzt verstand er mich und rief seinem nächsten Untergebenen den Auftrag zu. Dieser legte seine hohlen Hände an die Seiten seines Mundes und wiederholte schreiend den Befehl einem im nächsten Hof stehenden Diener, der nun seinerseits das Gleiche that, gegen ein paar Kulis gewendet, die im zweiten Hofe standen. Diese liefen sofort, „einen Bottich, einen Bottich!" schreiend, geschäftig auseinander. In der Zwischenzeit machte ich inir's in dem hübschen Gastzimmer, das sogar einen Fußboden aus gebrannten Ziegeln hatte, bequem. Eine halbe Stunde verrann, kein Bottich. Ich gebot meinem Boy, die mich noch immer neugierig umstehenden Diener daran zu mahnen. Sofort kam wieder Bewegung in sie, und abermals wurde „Bottich, Bottich" nach den anderen Höfen gerufen. Ein Viertelstündchen verrann, kein Bottich. Nun sandte ich den Boy, selbst nachznsehen. Im zweiten Vorhof fand er einen Kuli, der verlegen mit einem kleinen, eilt paar Liter fassenden Kübel dastand. Er stand schon so seit geraumer Zeit, wartend, bis ihm ein wirklicher Iamendiener das Gefäß abnähme, um es mir zu bringen, denn er selbst traute sich nicht zu dem „großen Herrn" in den Damen. Alles muß der Etikette gemäß vor sich gehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte. Das einfachste war, in der Stadt einen großen, irdenen Kübel kaufen zti lassen, und endlich hatte ich ein Gefäß, in dem ich wenigstens stehen konnte. Nun galt cs, Wasser zu beschaffen. Wieder pflanzte sich der laute Ruf „Wasser" durch die verschiedenen Höfe fort, wieder verging ein halbes Stündchen, dann nochmaliges Rusen, endlich holte incin Boy das Wasser selbst, das beste lind reinste, das in der Stadt zu haben war, Quellwasser, wie die Diener sagten; aber ich mußte nach dem Bade eine Flasche Apollinariswasser öffnen, um den Lehm von meinem Körper zu spülen. Natürlich war das Bad eines Europäers der reine Cirkus für die Insassen des Mandarinyamens; jede der papiernen Fensterscheiben wurde mit dem Finger durchstochen, durch jede Oeffnung blickten neugierige Augen. Aber was war da zu machen? Ich konnte doch nicht in meinem — sagen wir Badekostüm — von Fenster zu Fenster eilen und frisches Papier darüberklcben? Endlich, um 9 Uhr abends, kam auch meine Mahlzeit, die der Mandarin geschickt hatte, aus einer Menge Speisen bestehend. Seine Ehren der Mandarin leistete mir Gesellschaft, und während ich an seinem Reisschnaps nippte, trank er meine letzte Flasche Wein und rauchte von meinen letzten Cigaretten. Ein Gericht, eine Art Kuchen, etwas fettig, mundete mir trotz des fremdartigen Geschmacks besonders, aber ich werde in meinem Leben nie wieder solche, überhaupt chinesische Kuchen essen. Ich schlief die Nacht über nur in kurzen Zwischenräumen, denn der Kuchen war in Ricinusöl gebacken,264 Quer durch Nord -Schautung. das in der Nähe von Tsi-Ho viel gewonnen wird. Es bildet ein Lieblingsgewürz für die Chinesen, ist ja auch unter Umstünden recht nützlich, aber — diese Nacht! Frühmorgens rasselten die nur vom Bischof von Tsinan-fu gesandten Reisekarren in den Hof, aber ohne Reitpferd, und ich mußte deshalb den ganzen, 100 Kilometer langen Weg durch das staubige Ueberschwemmungsgebiet des Hoangho nordwärts an die Grenze von Petschili im Karren zurücklegen. Hier konnte ich erst sehen, welchen Fluch dieser Hoangho für Nord-Schantnng bildet. Der ganze, nördlich des Gelben Flusses gelegene Teil der Provinz gehört zu dem eigentlichen Ueberschwemmungsgebiet und wird, wenn nicht alljährlich, so doch alle paar Jahre einmal in den Sommer monaten überflutet. Der Boden ist, so tief ich graben mochte, nichts als eine feine, staubartige Ablagerung des Hoangho; die große Trockenheit hatte den Staub gelockert, der Wind hob ihn in dichten Wolken auf und schüttete it)ii wie ans Körben über uns. Das Land war wohl auch hier von den fleißigen Chinesen bebaut, aber die Felder boten einen traurigen Anblick dar. Hie und da zeigten sich elende Dörfer mit zer fallenden Lehmhütten und flachen Lehmdächern an Stelle der südlich des Hoangho vorkommenden steileren Ziegel- und Strohdächer. An den Dorfeingüngen fehlten die im Süden vorhandenen Tempel, die Einwohner waren in Lumpen, menschliche An siedlungen überhaupt seltener als im Süden. Das ist ja begreiflich. Wem könnte es einfallen, in dieseni Gebiet, das vielleicht ein Jahr lang von den verheerenden Uebcr- schwemmungen verschont bleibt, um im folgenden heimgesucht git werden, sich auf die Dauer anzusiedeln! Alle Werke von Menschenhand sind in Gefahr, ein paar Monate später von trüben Hoanghofluten verschlungen, von den Erdablagerungen mit der Zeit begraben zu werden. Der Hoangho hat die ganze Kultur früherer Jahrhunderte zerstört, und die neuen, armseligen Ansiedler schaffen eben nur das Nötigste, um zwischen Winter und Sommer eine Ernte zu erzielen; eine neue Kultur ist also nicht entstanden. Hier und dort gewahrte ich noch Ueberreste»der alten. So z. B. erhebt sich einige Kilometer von der zerfallenden, mauernmgebenen Stadt Ping-Auan mitten in den Feldern eine hohe, siebenstöckige Pagode; stellenweise passierte ich Ruinen marmorner Ehrenbogen, Ruinen von Tempeln. Das Einzige, was dieser öden, verstaubten, ver lassenen Gegend ein etwas freundlicheres Ansehen gicbt, sind die vielen alten Bäume, hauptsächlich die sogenannten Dattelbäume, dann Maulbeerbäume und hohe Weiden. Diese beschatten auch mit ihren mächtigen Kronen den elenden Weg mit seinen fußticf ausgefahrenen Geleisen. Die auf beit Karten verzcichneten Flnßläufe sind trocken, manche durch den Staub halb verweht oder gar nicht mehr vorhanden, und die schönen Steinbrücken, die einst darüberführten, liegen mit ihrer Bahn direkt auf der Straße oder in den Feldern. Dazu diese Einsamkeit! Höchstens alle Stunden begegnete ich irgend einem Schubkarren oder einem Wanderer, noch seltener einem Manltierkarren. Die Pferde- und Manltierschwänze werden hier in zwei Zöpfe geflochten und mit Bändchen geschmückt, ähnlich wie es junge Dämchen im Abendlande mit ihrem Haarwuchs zu thnu pflegen. Die wenigen Frauen, die ich traf, trugen ihr Haupthaar höher aufgebunden, als es im Süden Schantnngs geschieht, und ihr schwarzer Roßhaar- oder SeidenchignonQuer durch Nord - Schantung. 265 ragt einige Zoll über den Kopf empor. Dazu scheinen sie ihre geringen Ersparnisse mit Vorliebe in langen Silbernadeln anzulegen, mit denen sie ihr Haar schmücken. Alle zwei bis drei Kilometer stehen an der elenden Route — von Straßen kann hier wohl nicht gesprochen werden — eigentümliche Wachthäuser für die Straßcnpolizei, die aber trotz des vielen Raubgesindels, das die Gegend hier unsicher macht, oder vielleicht gerade deswegen, durch ihre Abwesenheit glänzt. Auf der ganzen, an 100 Kilo- meter langen Strecke bis an die Grenze von Petschili sah ich nicht einen einzigen Soldaten dieses Korps. Man sagte mir jedoch, jedes Wachthaus würde zur Nachtzeit von mehreren besetzt. Das Innere dieser Lokale sah nicht danach aus. Manche stehen auf einer etwa 5 Meter hohen Erdpyramide und zeigen nach vorne eine von einer meterhohen Schutzmauer eingefaßte Veranda, andere stehen in gleicher Höhe mit dem Straßenboden, und von ihren Ecken laufen diagonal zwei mannshohe und mehrere Meter lange Lehmwünde aus. Ihren Zweck konnte ich mir nicht erklären. Die weiß- gestrichenen Mauern tragen in riesigen, schwarzen Schriftzeichen die Bezeichnung „Wachthaus der Straßenpolizei", dann die jeweiligeir Entfernungen bis zur nächsten Stadt. Das Innere der Häuschen ist jeder Einrichtung bar, nicht einmal Strohmatten lagen auf dem Boden, dafür zeigten sich überall Beweise dafür, daß diese Negierungs bauten von den Passanten für Zwecke benützt werden, zu denen man gewöhnlich die Einsamkeit und Dunkelheit aufsucht. Beides ist reichlich vorhanden. Die Route führt hier ausnahmsweise nicht durch die beiden einzigen Städte, Iü-tschcng und Ping-Yuan, sondern außerhalb der in Trümmern liegenden Stadt mauern entlang. Im ganzen genommen machte dieser Teil von Nord-Schantnng einen ungemein traurigen Eindruck auf mich, zumal ich eben aus den herrlichen Gefilden von Mittel- und Süd-Schantnng kam. Der deutsche Unternehmungsgeist wird also hier kaum ein einträgliches Feld finden, aber soll das deutsche Eisenbahnnetz einen Anschluß an die Bahn Peking-Hankau, oder überhaupt eine Fortsetzung nach Norden gegen die Provinz Schansi oder gegen Peking selbst finden, was für die Zukunft der deutschen Bahnen von großer Wichtigkeit ist, so wird wohl am besten gerade diese Strecke gewählt werden müssen. Freilich ist dafür ein langer Damm erforderlich, um die Bahn gegen die Ueberschwemmnngen zu schützen, aber Erdarbeiten sind in China mit sehr geringen Kosten durchzuführen. Weiter stromaufwärts, also westlich, ist die Gegend nicht so häufigen Ueberschwemmnngen ausgesetzt, aber man würde auf dieselben doch rechnen und die Bahn daher ebenfalls auf einem Damm anlegen müssen. Dazu ist die von mir empfohlene Route die direkteste zwischen Tsinan-fu, der Hauptstadt Schantnngs, und Peking, und sie führt über Tedschou, dem großen Hafen des Kaiscr- kanals, der von dieser Stadt angefangen in nördlicher Richtung das ganze Jahr über Wasser hat, und wo die Schiffahrt nur im Winter zeitweilig durch Eisbildung unter brochen wird. In der Nähe dieses Tedschou stieß ich auf einen ungeheuren Baum am Wege, den mir meine chinesischen Begleiter als einen heiligen Bodhibaum bezeichneten. Schon ans der Ferne bemerkte ich, daß der dicke Stamm ganz mit roten Tüchern umwunden266 Quer durch Nord-Schantung. war, und näher kommend, sah ich eine Anzahl Menschen, Männer und Frauen, um ein kleines Tempelchen versammelt, das im Schatten dieses Baumes steht. Auf ver schiedenen Aesten steckten kleine bunte Fähnchen, verschiedene Menschengruppen hockten auf dem Boden und tranken Thee, andere knieten vor den fratzenhaften Götzen im Tempelchen und schlugen ihre Stirnen in den Staub. Ich hielt die Sache für ein fröhliches Picknick, aber es war ein ernster Zweck damit verbunden. Wenn in einer Familie jemand hoffnungslos erkrankt, so begeben sich die Angehörigen des Kranken zu dein Bodhibaum, um dort den Götzen zu opfern. Dann pflücken sie von den mit Fähnchen geschmückten Aesten Blätter und brauen davon einen Thee, den der Kranke trinken muß. Dann wird er unfehlbar gesund. Drei Kilometer weiter sah ich die Ring mauer von Tedschon vor mir auftauchen. An dem pittoresken, von einem Türmchen gekrönten Thore erwartete mich bereits die Garde des Mandarins, sechs Soldaten in roten zerlumpten Kitteln, ohne Waffen, und von ihnen begleitet, zog ich durch die engen Straßen, direkt zum Kaiserkanal, wo ihrer Aussage nach drei Kanalboote meiner be reits harrten. Tedschou ist eine ungemein malerische Stadt, mit mehr Leben und Ver kehr, aber auch mehr Verfall als die meisten Städte Schantnngs, die ich gesehen. Ver fall insofern, als von seiten der Mandarine augenscheinlich gar nichts geschieht, um die Ringmauern in Ordnung zu halten, die Straßen zu reinigen, die Pfützen und Teiche innerhalb der Stadt abzuleiten, oder ihnen doch feste Ufer zu geben, Bäume zu pflanzen und dergl. Nirgends in Schantnng, selbst nicht in Tsi-Ho, springt die grenzenlose Verwahrlosung und die Mißwirtschaft der Mandarine so sehr ins Auge wie hier, und doch kümmern sich die Einwohner nicht darum, leben für sich lind ihren Erwerb und lassen für alles, was nicht innerhalb ihrer eigenen Wohnung ist, den lieben Herrgott sorgen. Den Chinesen, auch in anderen Städten, scheint jeder Gemeinsinn zu mangeln. Von ihren Mandarinen verlangen sic nur, daß sie sie nicht zu sehr schröpfen und bedrücken. Auch die Kreis- und Provinz behörden haben anscheinend nur geringen Sinn für den Zustand der Städte, Flüsse, Straßen, Brücken. Dazu bleiben sie nicht lange genug auf einem Posten. Durchschnittlich drei Jahre, dann werden sie nach einem andern Kreis versetzt. Ihre Stellung ist ja auch nicht von ihren Leistungen und von der Ehrlichkeit ihrer Ver waltung abhängig, sondern von ihren Beziehungen zu den Machthabern und der Höhe Kindergarten in Tedschou.Quer durch Nord - Schantung. 267 der Geldsummen, die sie ihnen zahlen. Ich könnte die Mandarine mehrerer Städte nennen, welche, als der neue Provinzgouverneur von Schantung seinen hohen Posten antrat, demselben Geschenke bis zu 10 000 Taels (etwa 30000 Mark) in Silberbarren darbrachteu. Derlei kleine Gefälligkeiten erhalten ihnen das Wohlwollen der hohen Herren, sie behalten ihre Stellungen und können in Ruhe und Sicherheit der Be völkerung die Schrauben ansetzen, um sich für die gebrachten Opfer schadlos zu halten. Was gehen diese Herren die zerfallenden Stadtmauern an? Oder der Schmutz in den Straßen? Eine Eigentümlichkeit der letzteren ist es hier, daß das Straßenbett 1 bis 2 Meter- tiefer liegt als die Fußwege zu beiden Seiten und die an diese angebauten Häuser. In Peking ist der mittlere, für Karren, Sänften und Reiter bestimmte Teil vieler Straßen um eben so viel höher als die Seitemvcge, hier ist das Umgekehrte der Fall. Am jenseitigen Ende des Häusergewirres, aber noch innerhalb - der Stadtmauer, dehnt sich ein wüster, mit Hausruinen und Trümmern bedeckter Platz aus, dessen nörd liche Hälfte von einer vielleicht 2 Morgen großen stinkenden Pfütze eingenommen wird. Jenseits des Platzes zieht sich die aus Ziegeln aufgeführte, mit Zinnen versehene Stadt mauer entlang; ein etwa 30 Meter langes Stück dieser Mauer mit dem Erdwall, auf dem sie steht, hat sich von dein Rest losgetrennt und ans der einen Seite um einige Meter gesenkt. Durch den so entstandenen breiten Spalt kann man bequem nach und aus der Stadt gelangen. Wann das geschehen ist? Vielleicht vor 20 oder 30 Jahren, und ich bin überzeugt, daß diese Mauer auch nach dem gleichen Zeitraum diese Senkung zeigen wird, wenn nicht Gefahr von Rebellen drohen sollte. Dann werden derlei Schäden nicht etwa von Grund aus artsgebessert, sondern einfach mit Lehm verschmiert. Als ich durch das alte Stadtthor fahrend, die gute Stadt Tedschon wieder hinter mir hatte, sah ich erst, daß sic gar nicht am Kanal, sondern ein paar Kilometer weit davon entfernt liegt. Jenseits der Ringmauer breiten sich in der Ebene weite Gärten und Felder aus, und erst nach halbstündiger Fahrt gelaugte ich in die ungemein belebte, große Vorstadt von Tedschou, welche an den Kanalufern entstanden ist. 12 bis 15 Meter tief unter dem Kanaldamm sah ich das schmale Bett dieses berühmten Verkehrsweges zwischen Nord- und Süd-China. An den Ufern lagen Hunderte von Booten, darunter auch die drei Mandarinsboote, welche der Präfekt von Tedschou zur Auswahl für mich hierher beordert hatte, und einige Stunden später fuhr ich auf dein Kanal über die Grenze von Schantung.Auf dein Kaiserkanal nach Peking. f) lisch on der Kaiserkanal den weitaus wichtigsten Verkehrsweg zwischen dem Süden und Norden Chinas bildch ist er seltsamerweise von europäischen Reisenden nur streckenweise befahren worden, ja ich glaube nicht, daß einer von ihnen jemals den ganzen Weg von Hangtschou, dem südlichen Anfangspunkte des Kanals, und Peking, eine Strecke von über 1800 Kilometern, zurückgelegt hat. Nachdem ich den südlichen Teil des Kaiserkanals auf früheren Reisen kennen gelernt hatte, bot sich mir nun Gelegenheit, auch die nördliche, gegen 500 Kilometer lange Strecke, zwischen der Nordgrenze Schantungs und Peking, zu bereisen. Auch hier könnte ich meine Vorgänger an den Fingern einer Hand abzählen, und wie mir der Kapitän meines Schiffes selbst initteilte, war ich der erste Europäer, den er über haupt gesehen, einzelne katholische Missionare ausgenommen. In Tedscholl bietet der Kanal ein ganz anderes Bild dar als iit Tsining. Beiläufig 30 Meter breit, mit 12—15 Meter hohen, steilen Lehmwänden, zieht er sich hier von Süd nach Nord; an der Stadtscite ankerten mehrere Hunderte von Fahrzeugen, in einer unabsehbar langen Reihe: große, ungeschlachte Führboote mit hohen Masten lind eiilgezogenen Mattensegeln; elegante Mandarinboote mit schönen Holzschnitzereien bedeckt, ähnlich den prächtigen Bllnilcilbooten, diescil schwimmenden Restaurants lind Vergnügungslokalen in Canton; hier und dort förmliche Holzpaläste mit langen Fenster reihen, mit bunten Flaggen und Wimpeln auf Bug und Stern und grell bemaltcni Schiffskörper: die Boote hoher Mandarine, wenn sie bei ihrer Versetzung von einem Posten ans einen andern nach Peking reisen müssen, um sich dort zu melden und dabei die Hände jener zu schmieren, die ihnen zu ihren neuen Posten verhvlfen haben. Auf dcil rasch dahinfließenden gelben Fluten selbst schwammen verschiedene Bovtflottillen, die einen mit geschwellten Segeln abwärts gegen Peking, die andern wurden mühsam vonAuf dem Kaiserkanal nach Peking. 269 Kulis an fangen Seilen stromaufwärts gezogen. Auf den hohen Uferdämmen aber tummelten sich Tausende von Zopfträgern zwischen den Marktbuden umher, andere standen am Kanalnfer und verfolgten neugierig alle meine Bewegungen, um jedoch sofort wieder Reißaus zu nehmen, als ich meinen Photographenapparat aufstellen und gegen sie richten ließ. Sie hielten das glänzende Ding wohl für eine Kanone. Während der Zeit wurden drei Mandarinboote im Kanal für meine Besichtigung vor bereitet. Alle Fahrzeuge für den Passagierverkehr sind Eigentum einer Gesellschaft, welche in Tedschou ihren Sitz hat und neben zahlreichen eleganten Privatbooten auch Omnibusboote besitzt, die mit ziemlicher Regelmäßigkeit, soweit es Wind und Wetter eben gestatten, zwischen den einzelnen Kanalhäfen Verkehren. Das Passagiergeld beträgt 1 Cash für jeden znrückgelegten Li, d. h. etwa einen halben Pfennig für 1 Kilometer. Man kann also für nicht mehr als 2 Mark bis Peking fahren. Für dieselbe Strecke müßte ein Reisender in Europa in der dritten Wagenklasse 20 Mark, also das zehnfache bezahlen. Die Mahlzeiten liefert ihnen das Bootspersonal für je 5—6 Pfennige. Die Dampferlinien anf dem Jangtsekiang und auf dem Gelben Meere haben einen großen Teil der Mandarine, Litteraten und Kaufleute — aus diesen drei Klassen rekrutieren sich ausschließlich die Reisenden — vom Kaiserkanal abgelenkt, denn lieber unternimmt man einen großen Umweg und zahlt den dreifachen Preis, als sich der langsamen und einförmigen Fahrt anf dein Kanal auszusetzen. Vergnügungs- oder Hochzeitsreisende giebt es in China überhaupt nicht. Dadurch ist der Verkehr der eleganten, sogenannten Mandarinboote in den letzten Jahrzehnten immer mehr zurück gegangen, und ist erst die von deutscher Seite projektierte Eisenbahn von Schantung nach Pe king im Betrieb, so wird der Passagierverkehr auf dem Kanal voraussichtlich ganz aufhören. Jetzt schon liegen die Mandarinboote oft viele Monate unbenutzt da, und die Bootsleute meiner drei Fahrzeuge mußten die letzteren erst scheuern und fegen, Thüren, Fenster und Fußböden ausbessern, ehe es die Iamenbeamten gestatteten, daß ich sie in Augen schein nahm. Endlich lud mich der die Sache beaufsichtigende Mandarin ein, näher zu treten. Die drei Boote unterschieden sich nur durch ihre Größe und dementsprechend durch ihren Preis. Das größte derselben, geräumig genug, um ein Dutzend europäischer Reisenden aufzunehmen, kostete 40 Tiau für die ganze Reise nach Tientsin, das mittlere 27, das kleinste 23 Tiau. Der Tiau ist die in ganz Schantung, ja in ganz China gebräuch liche „Münzeinheit", wenn dieser Ausdruck überhaupt angewcndet werden kann. Ein Tiau ist nämlich keine Münze, sondern ein paar Geldwürste von je 30 Ccntimeter Länge. Jede Wurst enthält 250 dnrchlochte Bronzemünzen, wie nebenstehend abgcbildet, die auf einen Strang aufgezogen und an beiden Enden festgebnuden sind. Das Gewicht eines derartigen Wurstpaares beträgt durchschnittlich 2 Kilo, der Wert aber beläuft sich auf etwa 1 Mark 60 Pfennig. Da es int Innern Chinas häufig schwer füllt, Silber barren gegen derartige Bronzemünzen einzutauschen, mit diesen: Tausche überdies erheb liche Verluste verbunden sind, so mußte ich, wollte ich nicht in Zahlungsverlegenheitcn kommen, gewöhnlich 20 bis 30 Tiau, also 40 bis 60 Kilo Münzen mit anf die Reiseheukige VerKrhrsmiinzen von Schantung, alle vom gleichen Wert (natürliche Größe) Chinesische Münzen von 2000 Ms 4000 Jahren Aller. Alle Münzen vom Jahre 2000 vor Christi bis zum vorigen Jahrhundert.Auf dem Kaiserkanal nach Peking. 271 nehmen. Wohl giebt es auch Banknoten, wie die untenstehende, doch werden sie nur in den Orten, in denen sie von Bankhäusern ausgestellt wurden, oder in der nächsten Umgebung als Zahlung angenommen. Ich fand das mittlere Boot als das geeignetste für meine Fahrt, gleichzeitig auch das reinste, denn der Fußboden war neu gelegt worden, die Fenster waren mit frischen Papierscheiben überklebt, alles war nett und sauber, so daß ich hoffen durfte, von dem auf Kanalbooten massenhaften Ungeziefer nicht allzusehr belästigt zu werden. In seiner Einrichtung erinnerte mich das Boot an die Dahabyeh, auf ivelcher ich vor Jahren den Nil herauf gefahren bin. Die Hintere Hälfte des Verdecks war ganz von einer hölzernen Kabine eingenommen, die in zwei Teile geteilt war, ein Vorzimmer für meinen Diener und ein ziemlich geräumiges Gemach für mich. Der hintere Teil des letzteren wurde von einer kniehohen Plattform eingenommen, auf welcher die Reisenden ihr Nachtlager Herrichten; der vordere Teil war mein Wohnzimmer mit einem hübsch geschnitzten Tisch und zwei Stühlen als einzige Möbel. In der Mitte des Schiffes erhob sich ein hoher Mast für das aus geflochtenen Strohmatten bestehende Segel, und der vordere Teil des Verdecks diente für die Schiffsmannschaft, die sich bei schlechtem Wetter und zur Nachtzeit unter das Deck in den Schiffsrumpf verkroch. Die Mahl zeiten wurden unter beständiger Feuersgefahr auf den Holzdielen des offenen Verdecks zubereitet, denn eine Küche gab es ebensowenig wie ein anderes, notwendiges Lokal. Verdauungsprozesse mußten angesichts der Schiffsmannschaft und aller sonst auf dem Kanal des Weges ziehender Schiffe direkt über Bord abgewickelt werden. Aber der Mensch gewohnt sich an alles. Meine Koffer und Kisten und Geldwürste waren bald an Bord; auf dem Hinter teil des Schiffes wurde eine weiße Fahne mit meinem Namen und Rang gehißt, sechs Kulis waren unter dem auf den Ufern umherlungernden Gesindel bald zusammen getrommelt, und alles war zur Abfahrt bereit. Wie in ganz China gebräuchlich, ließ mein Kapitän auch auf meinem Schiffe nunmehr einige Schwärmer abbrennen, um die bösen Flußgeister zu verscheuchen, das Boot wurde mit langen Stangen in die Mitte des Kanals gestoßen, das Segel gehißt, und fort ging's bei günstigem Winde, über die Grenzen von Schantnng in die Provinz Petschili, meinem nächsten Ziele Tientsin entgegen. Um rascher vorwärts zu kommen, hatte ich mit dem Lau-da, d. h. Kapitän vereinbart, auch die Nacht zur Weiterfahrt zu benützen. Mein Boy hatte mir mein gewöhnliches Nachtlager, ein paar Decken und ein Kopfkissen, auf. der Plattform zurecht- gclegt, und kaum war die Dunkelheit angebrochen, so lag ich auch schon in den Federn, den Schlaf erwartend. . Aber damit sollte cs in dieser Nacht nichts werden. Der Wind hatte sich gelegt, und hätte mein Kapitän das Boot einfach im Kanal treiben lassen, so wäre er zu langsam vorwärts gekommen, um sich das ihm versprochene Extratrinkgeld von 5 Tian zu verdienen. Auf den Kanalbooten wird selten gerudert; die Wassertiefe, 2 bis 3 Fuß, ist so gering, daß es sich besser lohnt, die Boote mit langen, in den Kanalgrund272 Auf dem Kaiserkanal nach Peking. Tism-Vanknoke. gestemmten Stangen weitcrzustoßen. Der Kapitän rief also meinen sechs Geleitsoldaten, die der Mandarin von Tedschou zu meiner Sicherheit mitgeschickt hatte, und die auf dem Kanalufer einhertrabten, zu, im nächsten Ort sechs Klilis anzu werben. Die armen Kerle kamen auch wirklich ganz traurig an Bord, traurig deshalb, weil sie nun ein paar Stunden lang zur Nachtzeit das Boot vorwärtsstoßen lind dann wieder nach ihrem Hei matsorte zurückwandern mußten. Noch dazu ohne Bezahlung, denn ich reiste mit kaiserlichem Paß und Militärbedeckung, >vie ein hoher Mandarin, und für Mandarine müssen derlei Dienste, wie schon mehrfach gesagt wurde, ohne jedwede Bezahlung geleistet lverdcn. Ich beauftragte meinen Boy, ihnen bei ihrer Ablösung 1 Tiau zu geben, lind versuchte, einzuschlafen. Wer hätte aber bei dem dumpfen Ge- trampel der Kulis zu beiden Seiten meines Nachtlagers cinschlafcn können? Mit ihren langen Stangen bewaffnet, liefen sie nach denr Bug des Schiffes, steckten die langen Stangen in den Kanalgrund, steinmteu ihre Schultern dagegen und trampelten nun bis zum Steuer; dort wurden die Stangen aus dem Wasser gezogen, die Kulis liefen wieder bis zu dem Blig zurück, und die Geschichte begann voll neuem. Das hätte eilte» müden Reisenden auch nicht im Schlafe stören kön nen. Allein der Chinese hat nun einmal die schon früher erwähnteAns dem Kaiserkanal nach Peking. 273 Gewohnheit, bei der Arbeit zu schreien, zu singen oder doch laut zu stöhnen. Je schwerer die Arbeit, desto lauter das Geschrei, als ob die Arbeit mit der Kehle ver richtet werden könnte. Dazu haben die Kanalkulis die merkwürdige Angewohnheit, mit den Füßen möglichst stark das Verdeck zu bearbeiten; sie stampften derart, daß bei jedem Fußtritt die Dielen meiner Kammer bebten. Ich schrie dem Kapitän zu, den Kerls das Schreien und Stampfen zu verbieten. Während fünf Minuten ging alles nach Wunsch Aber dann begann das Schreien und Stampfen, ohne welches'sie augenscheinlich nicht arbeiten können, von neuem. Nach mehrmaligen Versuchen, Ruhe zu bekommen, gab ich die Sache auf. Es hätte ja auch gar nichts genützt, denn alle Augenblicke kamen große Frachtboote mit Reis, Getreide, Salz, Strohmatten, Holz x. schwer beladen an uns vorüber, und auf jedem dieser Boote herrschte der reine Teufelskarneval. Auf den stromabwärts fahrenden Booten wurde mit Stangen gestoßen, die auf wärts fahrenden Boote aber wurden an langen Seilen durch vierzig bis fünfzig Kulis, die im Gänsemarsch am Ufer entlang schritten, gezogen, und um sich munter zu halten, schrieen und sangen sie unaufhörlich. Ein Anführer sang ein paar Takte vor, und die fünfzig anderen wiederholten sie unisono. Ich habe in meinem Leben kein lauteres und länger anhaltendes Lärmen gehört als auf dem chinesischen Kaiserkanal, nirgends habe ich auch größeren Nachtverkehr getroffen. Wie die Cabs auf der Londoner Chcapside drängten die Schiffe einander, in der herrschenden Dunkelheit nur durch ihre matten, roten Lichter kenntlich. Manche Schiffe hatten aus Nachlässigkeit oder Sparsamkeit gar kein Licht; dann tauchte plötzlich in unmittelbarer Nähe unseres Schiffes aus der Finsternis ein nur durch seine Umrisse und durch das Geplätscher der au den Bug schlagenden Wellen kenntliches Ungetüm auf; die Gefahr des Zusammenstoßes verstärkte noch das Geschrei und Gepolter. Mit Stangen und Enterhaken wurde eine derartige Carambolage verhindert, und kaum war unser Schiff der einen Gefahr entgangen, so zeigte sich vielleicht gleich nachher ein zweites Schiff. Zu dem Lärm draußen gesellte sich noch das Knabbern der Ratten, denen durch die neuen Dielen die Schlupflöcher zugeuagelt worden waren, und die sich nun neue Löcher durch das Holz beißen mußten. Plötzlich fühlte ich ein ziemlich großes Insekt über mein Gesicht laufen : bald darauf unternahm ein zweites diese Promenade; cs schien überhaupt rings um mich und auf mir selbst recht viel Leben zu herrschen. Ich machte Licht, und nun sah ich, daß es in meiner Kabine an daumengroßen Schwaben wimmelte. Mir schauderte bei dem Anblick dieser schwarzen Bestien. Mit dem Schlaf war cs nun doch vorbei, ich versuchte mir also durch die Jagd die Zeit zu vertreiben. Der Fußboden war bald mit Leichen bedeckt, und was noch lebte, hatte sich zwischen den Dielen wieder verkrochen. Solange ich das Licht brennen ließ, war von den klugen Biestern nichts zu sehen, aber ich konnte es nicht brennen lassen, denn ich besaß nur noch eine Kerze, und diese mußte mir auch während der folgenden fünf Nächte bis nach Tientsin dienen. Freilich haben auch die Chinesen Kerzen, aber diese sind aus rotgefürbtem, stinkendem Talg hergestellt, und der Docht besteht aus gedrehtem Papier, so daß sie nur sehr wenig Licht, dafür aber desto mehr Gestank und Rauch geben. Vor einer chinesischen Kerze hätten die klugen Schwaben Hesse-Wartcgg, Schantuug und Deutsch-China. 18274 Auf dem Kaiserkanal nach Peking. auch niemals Reißaus genommen. Es war nur das ihnen ungewohnte grelle weiße Licht meiner einzigen Stearinkerze, das ihnen zu imponieren schien, das Licht und meine Pantoffel. Was war zu thun? Mich nochmals als Promenadedeck für die Schwaben benutzen lassen? Nimmermehr. Und ich konnte doch fünf Nächte lang nicht auf dem Schiffe mit den Stoßknlis um die Wette spazieren gehen? Da kam mir ein glück licher Gedanke. Ich hatte auf meinen Landreisen zur Nachtzeit, um dem massenhaften Ungeziefer in den elenden Herbergen möglichst auszuweichen, einen Bettrahmen benutzt, der mit Segelleinwand überzogen war und auf zusammenklappbaren Füßen stand. Auf die Leinwanddecke legte ich meine Plaids und auf diese mich selbst. Dieses Bett allein konnte mich vor der Schwabeninvasion retten. Ich weckte meinen schnarchenden Boy und hieß ihn auf der Plattform meines Gemachs das Bett aufstellen. Dann nahm ich meine Waschschüssel und meinen Wasserkübel, stellte sie unter zwei der Bettfüße und füllte sie mit Wasser. Die Schwaben hätten darüberschwimmen müssen, um auf mein Bett zu gelangen, und sie können bekanntlich nicht schwimmen. Nun fehlten mir aber die Gefäße für die beiden anderen Bettfüße. In meinem Vorzimmer befanden sich meine Speisevorräte in Zinnbüchsen. Ich öffnete eine Biskuitbüchse, wickelte die Biskuits in Papier und hing sie an dünne Bindfäden an die Decke, so daß die schwarze gefräßige Brut nicht dazu gelangen konnte, und die Büchse selbst mit ihrem Deckel gab mir die zwei für die anderen Bcttfüße nötigen Wassergefäße. Nun war ich persönlich wenigstens vor den Schwaben sicher, und als ich mich gegen Morgen endlich wieder zu Bett legte, freute ich mich königlich, den Biestern ein Schnippchen geschlagen zu haben. Nicht mir während der Nacht, auch am Tage ist die Kanalreise von Schantung nach Peking keineswegs mit besonderen Annehmlichkeiten verknüpft. Schon beim Auf- ftehcn von dem kärglichen Nachtlager beginnen die Schwierigkeiten mit dem Waschen. Wohl fuhr ich auf einem wasserreichen Kanal einher, aber sein Wasser ist womöglich noch ärger mit Erde und allerhand Unrat geschwängert als jenes des großen Hoangho, den ich kurz zuvor befahren hatte. Schwimmen doch auf seinem schmalen Bette zwischen Tschingkiang und Tientsin Hunderttansende von Booten, während des Sommers und Herbstes dürften über eine Million Menschen auf ihm wohnen, und der Kanal nimmt den ganzen Unrat ans. Der schlammige Kanalgrnnd wird durch die zum Vorwärtsstoßen der Boote benutzten Stangen fortwährend anfgerührt, so daß sich das Wasser im Glase vollständig undurchsichtig zeigt. Ich hätte es nicht mit dem Mikroskope untersuchen mögen. Und doch ist dieses Kanalwasser das einzig vorhandene im Umkreis von vielen Kilometern, die Landleute benützen es zum Bewässern ihrer Felder, die Bewohner der vielen, längs des Kanals liegenden Städte und Dörfer zum Trinken, ja es soll nach der Aussage der Missionare, die ich in den Städten sprach, sogar sehr gesund sein, wenn sich die darin schwimmenden Schlammteilchen durch mehrstündiges Stehen auf dem Boden abgelagert haben. Filter fand ich nirgends in Verwendung. Ich ließ mir gewöhnlich am Abend mehrere Gefäße vollschöpfen, und des Morgens war das Wasser hinreichend klar geworden, um wenigstens zum Waschen benutzt zu werden. Zn meinemAus dem Kaiserkanal nach Peking. 275 Thce hatte ich mir aus den Gebirgen von Mittcl-Schantnng Quellwasser, in geleerte Apollinarisslaschen gefüllt, mitgenommen. Wohl giebt es auch auf dem ganzen Gebiete zwischen dem Kaiserkanal und den Küsten des Golfes von Petschili zahlreiche Quellen, aber das Wasser ist überall erdig, in vielen Orten auch übelriechend und ungesund, so daß die Einwohner das Kanalwasser als ein wahres Labsal zu betrachten scheinen. Es ist wenigstens fließendes Wasser. Die vielen Flnßläufe, welche ans den Landkarten dieses Gebietes verzeichnet sind, haben den größten Teil des Jahres über keinen Tropfen Wasser oder existieren überhaupt nicht. Der wichtigste dieser Flnßläufe ist der Lao- Huang-Ho, nämlich das Flußbett des Hoangho vor etwa tausend Jahren. Im Grunde genommen sind auch alle anderen Flnßläufe südlich und nördlich davon, bis an den Peiho, nichts anderes als alte Flußläufe des Hoangho, der in seiner Unbeständigkeit sich bald hierhin, bald dorthin wandte, ja man könnte füglich behaupten, daß an den ganzen Küsten des Gelben Meeres von Tieiktsin bis an die Mündung des Jangtsekiang keine Strecke von 100 Kilometer liegt, wo der Hoangho nicht einmal seine Mündung gehabt hatte. Nun haben sich aus früheren Zeiten die einmal angegebenen Flnßläufe auf den Landkarten erhalten und sind auch in die neueste Wäbersche Karte ausgenommen worden, so daß dieses Gebiet aussieht, als sei es von wasserreichen Flüssen dnrchzogeik, während das gerade Gegenteil der Fall ist. Die ans der Wäberschen Karte angegebenen Flüsse Makiaho und Mnchuho sind den Einwohnern dieser Gegenden, mit denen ich gesprochen, unbekannt, ich habe auch an den betreffenden Stellen keine Flußläufe gesehen. Dagegen hat der Kienho, der bei der großen Stadt Tschangdschvu, als den Kanal mit dem Meere verbindend, angegeben ist, im Somnier, wenn das ganze Land über schwemmt ist, hinreichende Wassertiefe, um den Dschnnkenvcrkchr mit dem Meere zu gestatten. Im übrigen bestehen auf dein Kaiserkanal ähnliche Verhältnisse wie auf dem Hoangho. Der Kanal verdient gar nicht den Namen eines solchen, denn er ist ja nur das durch Dämme eingeengte kind fcstgelegte Bett des ans den Gebirgen von Schanfi kommenden Weiho, und selbst für die zwischen diesem Flusse und dem Hoangho gelegene Strecke des Kanals ist ein altes Flußbett benutzt worden. Im Frühjahr ist die durch den Kanal nach Tientsin, in den Peiho strömende Wassermenge gering, die Strömung ist langsamer und setzt infolgedessen auch massenhaft Schlamm nnb Erde an; auf diese Weise wird das Kanalbett erhöht, und es haben sich allmählich ähnliche Zustände entwickelt wie beim Po in Italien. Bei hohem Wasserstandc ist der Spiegel an vielen Stellen höher als das umliegende Land, und cs erfordert starke, hohe Dämme, um verderbenbringende Durchbrüche zu verhindern. Auf den Dämmen liegen auch an verschiedenen Strecken Stein- und Reisighanfen zur Ausfüllung entstehender Durch brüche bereit, und die Kanalmandarine halten hier durch ein eigenes Militärkorps beständige Aufsicht. An manchen Stellen fand ich den Kanalspiegel selbst bei dem niedrigsten Wasserstande des Frühjahres höher als das angrenzende Land, denn die Bauern haben zur Bewässerung ihrer Sorghum-, Hirse-, Mais- und Weizenfelder Punnel durch die Kanaldämme gegraben und regulieren den Wasserzufluß aus dem Kanal nach ihren Feldern durch Schleusen. 18*276 Auf dem Kaiserkanal nach Peking. Die gebräuchlichste Art der Bewässerung der Felder ist jedoch dieselbe, wie ich sic am Nil in Aegypten fand, nur womöglich noch umständlicher, denn nördlich von Tedschou auf einer Strecke von über 100 Kilometer sind die Kanaldämme 10 bis 12 Meter hoch, und das Wasser muß mühsam in Körben über dieselben hinweg be fördert werden. Merkwürdigerweise verwenden die Chinesen auch hier keine Pumpen. Um das Kanalwasscr über die Dämme zu heben, graben sie in die inneren Seitenwünde derselben vier bis fünf Stufen von zwei Meter Breite und der gleichen Höhe und ver tiefen diese Stufen zu kesselförmigen Behältern. Dann bekleiden sie die letzteren, ebenso wie die zwischen den Behältern befindlichen Lehmwände des Kanaldammes mit Stroh matten, damit sic, da nur aus losem Lehm bestehend, nicht abgespült werden. Zum Schöpfen bedienen sich die Landleute wasserdicht geflochtener Körbe, die vielleicht zehn bis zwölf Liter Wasser fassen mögen. Die Körbe sitzen in der Mitte zwischen zwei parallelen, etwa sechs Meter langen Stricken, an deren Enden sich Holzknebel befinden. Zkiin Schöpfen stellen sich zwei Kulis auf die unterste Stufe des Dammes und erfassen die Knebel, in jeder Hand einen, so daß der Wasserkorb in der Mitte zwischen ihnen schwebt. Durch Ausstrecken der Arme und Vorlegen des Körpers geben die Stricke so weit nach, daß der Korb in den Kanal taucht und sich mit Wasser füllt. Dann legen die Kulis den Körper zurück lind ziehen die Stricke mit einem Ruck an sich, wodurch der Wasser korb bis auf die Höhe der zweiten Stufe des Dammes emporgeschnellt lvird. Gleich zeitig ziehen sie deil äußeren der beiden Stricke strammer an, dadlirch wird der Korb gegen die Dammseite zu umgestülpt und das Wasser in den Behälter der zweiten Stlife geleert. Beiin Zurückfallen des Korbes lassen die Kulis die Stricke wieder nach, der Korb füllt sich im Kailal von neuem, uild so geht die Arbeit den ganzen Tag über. Auf der zweiten, dritten, vierten Dammstnfe stehen andere Kulis, welche das Wasser in ähnlicher Weise auf die nächst höhere Stufe heben, bis es schließlich von der Höhe des Dammes in die dahinterliegenden Felder herabrieselt. Pumpen mit Windmühlenbetrieb würden natürlich diese Arbeit ungemein vereinfachen, aber die Kanalmandarine sind dagegen, ebenso, wie gegen jede zu umfangreiche Ausschöpfung des Kanalwassers über- halipt, weil dadurch die Wassertiefe verringert und dainit auch die Schiffahrt gefährdet wird. Zeitweilig, bei geringem Wasscrstande, wird das Ausschöpfen überhaupt auf der ganzen Kanallinie verboten. Wegen der großen Höhe der Dämme sind allch die Mastbäume der Kanalboote sehr hoch,: jedes Boot hat nur einen Mast, auf dem ein ungeheures, aus Matten zusammengesetztes, viereckiges Segel gehißt wird. Diese Segel hclfeik tvohl den strom aufwärts, also ikach Süden fahrenden Booten, aber selbst bei starkem Winde kann dainit allein die Strömung nicht überwunden werden, und alle aufwärts fahrenden Boote werden deshalb durch Kulis gezogen. Längs der ganzen Kanalstrecke mag es wohl eine Million derartiger Zngklilis geben. Pferde und Maultiere kommen in China viel teurer zu stehen als Menschen, weshalb ich sie auch nur äußerst selten in Verwendung fand. Von der Spitze des starken Mastbanines führt ein langes Seil an das Kanalufer, und an diesem ziehen, je nach der Größe des Bootes, 30 bis 50 Kulis, indem sic eineAuf dem Kaiserkanal nach Peking. 277 schwächere, einige Meter lange Leine an dem Zugseile festmachen. Gewöhnlich ist die Leine in zwei Teile gespalten, zwischen welche ein armlangcr Knüttel der Quere nach befestigt ist. Dieses einfache Kummet werfen die Kulis um eine Schulter, falten die Hände über dem Rücken, legen den Körper vor und schreiten so im Gänsemarsch unter fortwährendem Gesang oder stoßweisem Stöhnen dein Kanalufer entlang. Alle vier bis sechs Stunden werden sie abgelöst. Die Zugleinen der aufwärts fahrenden Schiffe versperren natürlich den abwärts fahrenden Schiffen den Weg. Kommt eines der letzteren in Sicht, so machen auf ein Kommando des Kapitäns die Zngkulis Kehrt und laufen ein paar Schritte zurück; da durch sinkt das schlaffgewordene Zugseil ins Wasser bis auf den Kanalgrund, und das abwärts fahrende Schiff segelt darüber hinweg. Dann werden die Zugkulis wieder angetrieben, das Seil hebt sich aus denk Wasser und zieht das Schiff weiter strom aufwärts. Bei dcni ungeheuren Verkehr auf dem Kaiserkanal konnte ich dieses Spiel fast jede Viertelstunde sehen. Gewöhnlich läuft es auch glatt ab, allein der Kanal hat zahlreiche, scharfe Krümmungen; die Kapitäne der abwärts fahrenden Schiffe passen wohl auf und schreien den Entgegenkommenden Warnungsrufe zu, doch fehlt es zuweilen für die letzteren an Zeit, ihre Zugseile nachznlassen, und dann giebt es ein heilloses Durch einander; das Seil wird zerrissen, die beiden Boote stoßen aneinander, hochgeladene Boote kippen vielleicht um oder verlieren doch citieit Teil ihrer Ladung. Ist auch keine ernste Beschädigung vorgekommen, so treibt das aufwärts gehende Boot unter allen Umständen mit der Strömung wieder abwärts, und es erfordert un endliche Mühe, natürlich auch furchtbares Poltern, Lärmen, Schreien aus allen Kehlen, um das Boot wieder an den Ufern zu verankern rmd das Zugseil in Ord nung zu bringen. Ain schlimmsten erging es einem mit Bauholz aus Fnkien hochbeladenen Boote. Mein Boot prallte so heftig an dasselbe an, daß wir alle zu Boden stürzten; das Frachtboot aber neigte sich zur Seite, und die Bauhölzer glitten eines nach dem andern iik die trüben Fluten, um von diesen rasch fortgetrieben zu werden. Die Bootsmann- jchaft gebärdete sich wie besessen, das Geschrei pflanzte sich auf allen andern Booten fort, von allen Seiten sprangen Kulis ins Wasser, um die Hölzer aufzufangen, und rauften und prügelten sich um dieselben; es war das reine Tollhaus. Der Kapitän des verunglückten Bootes hatte natürlich beträchtliches Bergegeld zu zahlcir, nikd noch lange hörten wir das Geschrei imb Gepolter hinter uns. . Die Städte und Dörfer die ich passierte, liegen zum Teil in Ruinen. Auf der ganzen Strecke zwischen dem Hoangho und Tientsiir befindet sich keine Schleuse, feine Brücke, erst in der Nähe der Millionenstadt Tientsin sah ich wieder Zeichen ähnlicher Wohlhabenheit kvie in der Provinz Schantung; der Verkehr auf dem Kanal wurde immer lebhafter, immer gefährlicher. Aber geschickt manövrierten Kapitän und Mann schaften zwischen den zahlreichen Booten hindurch, obschon sic nach der fünf Tage und fünf Rächte dauernden, fast ununterbrochenen Fahrt todmüde waren. Die Kulis standen mit langen Enterhacken bewaffnet auf dein Bkig, und wollten Schiffe ihrem Geschrei278 Auf dem Kaiserkanal nach Peking. nicht weichen, so benützten sie rücksichtslos die langen Stangen, ja sie hakten sie in die fremden Boote ein, um das unsere rascher vorwärts 51 t ziehen, ohne daß die Insassen derselben Protest erhoben hätten. Meine in roten Uniformjacken steckenden Geleitsoldatcn und die Flagge auf meinem Boote mochten sie glauben machen, es befände sich ein hoher Mandarin an Bord, und Mandarine erfreuen sich auf Reisen der umfassendsten Privilegien. An den Ufern mehrten sich die Ansiedlungen, Dörfer, Städte, ja ich gewahrte mitten in dem Gewirre von Häusern, Tempeln mit kurios geschwungenen Dächern und mehrstöckigen Pagoden schon große Fabriken mit rauchenden Schornsteinen, das sicherste Zeichen europäischer Kultur und der Nähe einer europäischen Niederlassung. Der Kanal war hier an 60 bis 80 Meter breit, und hatte schon auf der bisher zurückgelegten Strecke der ungemein lebhafte Verkehr mein Staunen erweckt, so überstieg derselbe hier in der Nähe von Tientsin alles, was ich in China bisher gesehen. Es war im Grunde genommen begreiflich, denn der Kanal ist ja eine große Verkehrsroute, ähnlich wie eine unserer Haupteisenbahnlinien. Auf diesen sehen wir vielleicht alle Viertelstunden Züge laufen, aber die Größe des Verkehrs lernen wir erst in den Bahnhöfen der Haupt- stationen kennen. Tientsin ist eine derartige Hauptstation des Kaiserkanales, sogar die wichtigste und größte desselben auf seinem ganzen 1800 Kilometer langen Wege von Hangtschou bis Tungtschou bei Peking. Bei einer nach Hunderttansenden zählenden Menge von Fahrzeugen kann man sich leicht vorstellen, was das heißt. Schon einige Kilometer vor Tientsin war der Kanal von diesen Booten buchstäblich bedeckt; lange Reihen davon lagen dicht neben- und ineinander, vielleicht fünfzig oder noch mehr der Breite nach von Ufer zu Ufer, und das Fortkommen wurde so schwierig, daß meine Bootsleute das Segel eiuziehen und, sich mit Händen und Füßen gegen die umliegenden Boote stemmend, den Weg für mein Fahrzeug bahnen mußten. Es dauerte mehrere Stunden, ehe wir wirklich nach der Millionenstadt Tientsin gelangten. Obschon ich diese zweitgrößte Stadt des Reiches der Mitte von früher kannte, sah ich doch erst diesmal den am meisten malerischen, eigenartigsten Teil derselben, jenen, in welchem sich der großartigste Verkehr von ganz China konzentriert. Vom Verdecke meines Bootes sah ich das Häusermeer dieser großen Handelsmetropole mit ihren bis in den Kanal gebauten Warenlagern. Ans beiden Ufern drängten sich Hundert tausende geschäftiger Menschen mit Lasten beladen, Lasten ziehend, Karren führend, im Karren sitzend, zir Pferd oder Maultier oder in Sänften getragen; in den engen Straßen wälzte sich diese Menschenmasse, absonderlich, bunt, lärmend, gestikulierend, auf lind Glieder. Bkintbemalte Mauern, Pagoden, Tempel, Ehrenpforten, Mandarinsyamen mit hohen Flaggenstangen, Tausende von bemalten oder vergoldeten Aushängeschildern in den Straßen, Farbe, Leben, Bewegung, Lärm überall, am meisten aber auf dem Kanäle selbst, wo sich Zehntausende von Booten drängten, Boote in allen Farben, mit grotesken Orna menten beinalt, mit roten Bcschwörungszettelchen beklebt; auf dem Bllg glotzten ungeheure Fischaugen, auf den Masten wehten luftig bunte Wimpel, am Steuer flatterten allerhand Flaggen mit eigentümlichen großen Schriftzcichcn, und auf jedem Verdeck arbeiteten,Auf dem Kaiserkanal nach Peking. 279 schrieen Dutzende von Menschen. Die Boote waren so dicht nebeneinander, daß ich bequem, von einein zum andern springend, ans Festland hätte gelangen können. Wo diese Boote wohl herkamen? Wo sie hinwollten? Was sic für Lasten, für Waren haben mochten? Die Menschen, die sic bemannten, waren in ihrem Aussehen verschie den, sie sprachen verschiedene Sprachen, stammten aus den verschiedensten Teilen dieses ungeheuren, einen halben Kontinent umfassenden Reiches, aber eS waren doch durchweg Chinesen — nicht ein einziger Angehöriger einer fremden Nation befand sich unter ihnen, nur ich allein! Selbst in Canton oder Peking oder Schanghai habe ich keinen so großartigen, so erdrückenden Eindruck des ungeheuren Handels und Wandels der Chinesen bekommen wie hier, während der Stunden, die ich mit meinem Boote auf dem Kaiserkanal iit Tientsin zubrachte. Mit unglaublichen An strengungen hatten wir end lich die große Brücke erreicht, welche die beiden Stadt hälften miteinander verbindet, und auf welcher täglich Hnnderttansende von Men schen, Wagen, Karren, Pfer den, Maultieren, Kamelen Verkehren; doch ist diese Brücke vielleicht die elendeste irgend einer Großstadt des Reiches. Ans unförmigen Pontons liegen lose Quer balken, zerfahren, holperig, mit Löchern und fußbreiten Spalten, ohne Geländer gegen das Wasser, so daß nicht selten Passanten, ja Wagen und Pferde darüber hinausgedrückt werden und in den Kanal stürzen. Mein Kapitän meinte, hier müßte ich landen, denn die Brücke könnte nicht geöffnet werden. Das Landen und Ausladen meiner Gepäckstücke war aber inmitten dieses Wirrwarrs zu Wasser und zu Lande eine Unmöglichkeit. Ich sandte also meinen Boy mit meinem Reisepaß zuin Brückenmandarin mit der Bitte, die Brücke öffnen zu lassen. Eine halbe Stunde verrann, dann erhielt die Brückenmannschaft den Befehl, mein Boot dnrchzulassen. Gongschlüge warnten die Passanten. Wie besessen stürzten noch alle, die ans der Brücke waren, hinüber und herüber, die Kutscher hieben auf ihre Pferde ein, daß die Karren auf den holperigen Balken fußhoch emporsprangen. Die Sänftenträger rannten, was sic konnten, und selbst als die Brücke schon ein, zwei Schritte weit geöffnet war, sprangen noch die guten Leutchen über den Spalt. Endlich war der Raum breit genug, um durchznfahren. Jenseits aber war das Gedränge der Boote womöglich noch dichter, und ich sah gar keine Aussicht, durchzukommen. Da280 Auf den: Kaiserkanal nach Peking. nahte sich mir, von Boot zli Boot springend, ein junger Mandarin, das bezopfte Haupt von einein Tellerhute mit weißem Knopfe bedeckt, in der Rechten eine Waffe wie eine lange Zirkuspeitsche. Der Peitschenstiel war ein dickes Bambusrohr, so lang wie eine Angelrute, und daran hing ein mehrere Meter langer, mehrfach geknoteter Strick. Nach dem er vor mir den Kautau gemacht, stellte er sich auf beit Bug meines Bootes und übernahm die Führung desselben, auf so eigentümliche und geschickte Art, daß ich ihn wahrhaftig bewunderte. Er schrie nicht und gestikulierte nicht, ganz gegen alle Chinesenart. Er gebrauchte nur seine Peitsche. Mit raschem Blick hatte er die Sachlage übersehen und wußte genau, auf welchem Wege er mich durch das Labyrinth von Booten in freies Fahrwasser bringen konnte, Dazu mußten die Boote, die fünf, sechs Reihen breit vor uns lagen, Platz machen. Er sprang zunächst über mehrere hinweg und ließ dann seine Peitsche sprechen. Mit unglaublicher Sicherheit siel das Peitschenende ans den Rücken des betreffenden Kapitäns, und kaum hatte dieser den Schlag empfangen und sich umwendend den Mandarin erkannt, als er auch schon sein Boot weiterführte, um dem nächsten Platz zu machen. Abermals spielte die Peitsche, das zweite Boot wurde in den vom ersten geräumten Platz gedreht, und so ging es fort, bis wir um eine Bootslänge vorwärts konnten. Dann wiederholte sich die Taktik des Mandarins bei der nächsten Reihe, dann bei der dritten, und eine halbe Stunde später waren wir im freien Fahrwasser. Nun machte der Mandarin wieder seinen Kautau, nahm von mir einen Vierteldollar Trinkgeld dankbar entgegen und ließ sich, auf das nächste Boot springend, von diesem ans llfer rudern. Ich war in Tientsin. Zn meiner Linken erhob sich der Jamen des Vizekönigs von Petschili, während so langer Jahre die Residenz von Li-Hung-Tschang, und ein paar hundert Schritte weiter sah ich die neuerstandene französische Kirche mit ihren Türmen und kaiserlichen Schutztafeln, seit vergangenem Jahre ans den Trümmern jener Kirche wieder erbaut, die vor nahezu vierzig Jahren von fanatischen Chinesen geplündert und verbrannt worden war. Eine Stunde später legte mein Boot am „Bund" der europäischen Ansiedelung, dem „Astor Hotel" gegenüber, an, meine Irr fahrten im chinesischen Jnlande waren vorüber, ich befand mich wieder unter Europäern.per kaiserliche Reisepass des Uerfassers für Zcdantung. Petschili und die Mongolei im 3ahre isos.Tschifu. er in den letzten Jahrzehnten von irgend einem chinesischen oder japanischen Hafen nach Tientsin oder Peking gefahren ift, dem wird anch Tschisn bekannt sein, denn die meisten zwischen dem Gelben Meere and dein Golf von Petschili verkehrenden Dampfer laufen Tschifu an. An der Nordküste der Halbinsel Schantung gelegen, war cs bis zur Besetzung von Kiautschou durch die Deutschen der einzige dein fremden Verkehr geöffnete Hafcii, die einzige Zwischenstation von Schanghai oder Nagasaki nach Tientsin, und hat als solche für die Außenwelt eine Bedeutung erlangt, die es in Wirklichkeit keineswegs verdient. Den meisten Reisenden, welche es in der kälteren Jahreszeit besucht haben, ist es gewiß in trauriger Erinnerung geblieben — eine weite, offene Bucht mit hochgehenden, von den häufigen Stürmen gepeitschten Wellen, nur gegen Norden einigermaßen durch eine felsige, weit iiis Meer springende Halbinsel geschützt; ohne Wellen brecher, Anlegestellen, Hafenanlagen irgend ivclcher Art; im Hintergründe kahle, sandige Küsten, an denen die weißen Kämme der Brandung emporlecken, unterbrochen von ein paar Hügeln, an deren Fuß unscheinbare Ansiedlungen liegen, iind gegen Westen umfaßt von hohen, steilen, kahlen Bergzügen. Während die Schiffe in allen anderen Häfen Chinas sicheren Schutz finden, in manchen direkt ain Ufer anlegen können, müssen sic in Tschifu weit draußen mitten in der Bucht liegen bleiben, und häufig sind Wind und Wellen so heftig, daß weder Passagiere, noch Waren gelandet werden können, so daß die Schiffe nach vielstündigem, ja sogar mehrtägigem Warten unverrichteter Sache ihre Weiterreise antreten müssen. Tschifu ist nämlich der einzige, wirkliche Seehafen von China; alle anderen offenen Häsen liegeil in tief ins Land einschneidenden Buchten oder an Flußmündungen, so daß die Hafenverhältnisse nirgends so ungünstig sind wie hier. In der That ist jeder Besucher von Tschifli verwundert darüber, daß die Engländer nach ihrem erfolg-282 Tschisu. reichen Kriege gegen die Chinesen 1860 gerade dieses Tschifn für einen offenen Handels hafen sich ausbedungen haben. Eigentlich war der ursprünglich von ihnen begehrte und seitens der chinesischen Regierung ihnen auch zugestandene Schantunghafen jener von Tengtschou-fu, an derselben Küste einige 60 Kilometer weiter westlich gelegen, aber dieser Hafen erwies sich als womöglich noch ungünstiger, so daß später Tschifn an dessen Stelle trat. Man kann aus der Wahl dieser beiden Häfen sehen, daß auch die sonst so geriebenen Engländer mitunter in ihrer Kolonialpolitik Schwabenstreiche begehen, denn als ein solcher muß die Wahl Tschifus bezeichnet werden. Damals stand ihnen neben anderen Häfen auch jener von Kiautschou offen, und Kiautschou ivar ihnen gewiß eben so bekannt wie Tengtschoufn und Tschifn. Berichtet doch der englische Konsul Trnglschou-fu. Clement Allen an seine Regierung folgendes: „Die Südküste von Schantung (itnb nicht die Nordküste) verfügt über zahlreiche, gute, natürlich geschützte Häfen, unter welchen Kiautschou der vorzüglichste und bedeutendste ist." Dennoch wurde Tschisu gewählt, und jetzt, wo Kiautschou durch die Deutschen aufgebaut und mit Eisenbahnen nach dein Jnlande versehen wird, ist dieses Tschifn den: allmählichen Niedergange geweiht. Es spricht sehr für den Reichtum der Provinz Schantung und für die kommer ziellen Bedürfnisse ihrer Einwohner, daß Tschifn bei seiner denkbar ungünstigen Lage in Bezug auf den Handel Schantungs sich überhaupt zu dem entwickelt hat, was cs heute ist. Das unmittelbare Hinterland dieses Hafens, nämlich die weit ins Meer vvrspringende Halbinsel Schantung, spielt dabei eine geringe Rolle, denn dieser Teil der Provinz ist der am tvenigsten besiedelte, unfruchtbarste und kahlste non ganz Schantung. DieTschifu. 2S3 Chinesen nennen ihn das Kuhhorn, weil, wie es in einem englischen Konsularberichte heißt, „dort nichts wachsen will." Erst bei der großen Ebene von Kiautschon, welche die gebirgige Halbinsel von den westlichen Teilen der Provinz trennt, beginnt das eigentliche Hinterland von Tschifu. Die Wege, welche von diesem letzteren, einer der reichsten Kornkammern von China, nach Tschifu führen, spotten jeder Beschreibung; wie in ganz Schantnng, so sind sie auch hier nur elende, tief in die Felder eingeschnittene Geleisspuren, in den Bergen aber vielleicht noch elendere Saumpfade, so daß der Wagen verkehr zwischen dem Hinterlande und seinem Hafen ganz ausgeschlossen ist. Man be denke nur: eine Provinz so groß und so bevölkert wie eine europäische Großmacht, mit einer Sceküstc von mehreren hundert Kilometern hat nur einen einzigen, offenen Seehafen, und dieser Seehafen ist nur auf Saumpfaden zu erreichen! Es ist, als be säße Frankreich, das keine viel größere Bevölkerung hat als Schantnng, an seinen ganzen Küsten nur einen offenen Hafen, diesen Hafen noch dazu an der denkbar un günstigsten Stelle, etwa Brest, an der äußersten Spitze der Halbinsel Bretagne, und statt aller Eisenbahnen nur Saumpfade, tvclchc die Verbindung der verschiedenen Landes teile über die Gebirge mit dem Hafen Herstellen. Dennoch hat der Handel der Provinz feinen Weg nach Tschifu gefunden, und dort,' wo noch vor dreißig Jahren nur ein paar elende chinesische Dschunken verkehrten, dort hat sich ein Verkehr von 2500 Dampfern mit 2^ Million Tonnen jährlich entwickelt, und der Wert des Handels erreicht eine Gesamtsumme von nahezu 80 Millionen Mark! Damit dürfte Tschifu aber auch seinen Höhepunkt erreicht haben, denn es ist wohl selbstverständlich, daß dieser Handel sich nach der Eröffnung von Kiautschon zum Freihafen dorthin ziehen wird, denn dieses letztere liegt den fruchtbaren und bevölkerten Teilen von Schantnng lim ein paar hundert Kilometer näher, die Zufahrten und Ankerplätze sind sicherer, geschützter, und in der nächsten Zeit werden die Hafenbauten ein direktes Ein- und Ausladen der Waren ohne Zuhilfenahme von Leichterschiffen gestatten. Das allein würde hinreichen, um den ganzen Handel von Tschifu nach Tsingtau zu lcilkcn, kommen aber noch durch die Deutschen billige, sichere, rasche Verkehrsmittel hinzu, so kann von eineni Fortbestände Tschifns als Ausfuhrhafen von Schantnng nicht weiter die Rede sein, und der Mordstahl der Chinesen, welcher die armen, deutschen Missionare in West-Schantnng getroffen, hat auch Tschifu beit Todesstoß versetzt. In Bezug auf die Namen herrscht zwischen Tschifu und Kiautschpu eine gewisse Analogie. Ebenso wenig wie dem deutschen Hafen der Name Kiautschon zukommt, ebensowenig hat auch der englische ein Recht auf den Namen Tschifu. Der lvirkliche Name des deutschen Hafens, Tsingtau, ist in Deutschland wie in Europa überhaupt nicht recht volkstümlich geworden, und obschon die Stadt Kiautschon anderthalb Tagereisen von dem deutschen Hafen entfernt liegt lind gar nicht zum deutschen Gebiet gehört, dürfte dieser Name doch allmählich auf Tsingtau übertragen werden. In Tschifu tagen die Verhältnisse ähnlich. Als die Chinesen den Engländern beit neuen Vertragshafen zngestanden, Wal es beabsichtigt, denselben in der Nähe des kleinen Chinesendorfes Tschifu anzulegen, welches im Schutze des Bluff an der Sceküstc liegt. Dieser Bluff ist, oder vielmehr284 Tschifu. war, eine langgestreckte, felsige Insel, welche im Laufe der Zeit durch einen mehrere Kilometer langen, sandigen Landstreifen mit dem Festlande verbunden wurde und im Verein mit einer, ihm östlich vorgelagerten Inselgruppe die Bucht von Tschifu gegen die offene See nach Nord und Ost abschließt. Dort bei diesem Chinesendorfe ist auch entschieden der günstigste Ankerplatz für die Schiffe, ebenso lute die günstigste Stelle für Hafenanlagen. Aber ganz unbegreiflicherweise wurde dem einen Schwabenstreiche, der Wahl dieses Ortes an Stelle von Kiantschon, von den Engländern ein zweiter beigesellt: man gab das sichere, gegen die ungemein heftigen Nordwinde des Winters vollkommen geschützte Tschifu auf und wählte an seiner Stelle das ganz offen daliegende Chinesendorf Ientai, Tschifu gegenüber und 5 Kilometer davon entfernt. Ientai heißt so viel wie Rauchhöhe, weil auf der weit in die Bucht vorspringenden Höhe in früheren Zeiten bei Annäherung von Piraten Rauchsignale abgegeben wurden. Dort auf dieser Höhe ist im Laufe der drei Jahrzehnte, welche seither verstrichen sind, die europäische Ansiedlung entstanden, mit einer über 30000 Einwohner zählenden Chinesenstadt dahinter. In Tschifu selbst heißen Ansiedlung und Chinesenstadt Ientai, tum Unterschied von dem Dorfe Tschifu; in ganz China und Europa aber heißt Ientai Tschifu, und der Name Ientai ist außerhalb Tschifu geradezu unbekannt. Wahrscheinlich wird es, wie gesagt, dem Namen Tsingtau ähnlich ergehen wie Ientai. Der dritte unbegreifliche Fehler, der bei diesem Schmerzenskinde von Schantnng begangen wurde, war der, daß von den damaligen Autoritäten des neuen Hafens niemand daran dachte, ein Stück Land, etwa den ganzen RMhhügel, ausschließlich für eine europäische Ansiedlung zu reservieren, wie es in fast allen anderen offenen Häfen mit den europäischen Settlements der Fall ist. Den herbeiströmenden chinesischen Ansiedlern lag also nichts im Wege, sich ebenfalls auf dem Tower Hill mitten zwischen den allmählich entstehenden Bungalows und modernen, von Gürten umgebenen Villen der Europäer ihre schmutzigen, elenden Lehmhütten zu erbauen, und als der ganze Bau grund dort vergeben war, dicht daran anschließend in der Ebene weiterzubauen. Diese Chinesenstadt mit ihren krummen, engen, an verschiedenen Stellen durch Unratshaufen gar nicht passierbaren Gäßchen ist keineswegs eine willkommene Beigabe zu dem großen Seebadeorte Tschifu, dem Ostende von China, dem Rendezvous der in China lebenden Europäer während der heißen Jahreszeit. Tschifu ist nämlich der beliebteste Sommeraufenthalt für die Fremden geworden, und wer diesen Ort im Juli oder August besucht, der würde den im Winter so windigen, kalten, trostlosen Hafen kaum wiedererkennen. Fährt man ans einem der vielen im Gelben Meere verkehrenden Dampfer an einem schönen Sommertage in die von Felsen- inseln umschlossene Bucht ein, so wird man verleitet, Tschifu unter allen offenen Häfen Chinas die Palme zuzusprechen. Die weite Wasserfläche ist mit zahlreichen Schiffen bedeckt, und häufig ankern dreißig bis vierzig Kriegsschiffe hier, denn Tschifu ist die Sommerstation der fremdländischen Geschwader in Ost-Asien, zu denen sich das chine sische Nordgeschwader und zuweilen auch japanische Kriegsschiffe gesellen, um in dem nahen Golf von Petschili Manöver und Schießübungen abznhalten.Tschifu. 285 Diese Flotten mit ihren nach Tausenden zählenden Mannschaften verleihen Tschifu natürlich während des kurzen Sommers ungemein viel Leben, und die Hunderte von Offizieren verschiedener Nationen, die Musikkorps der Schiffe, der gesellige Ber kehr zieht die Fremden aus dem heißen Tientsin, aus dem im Sommer überfluteten Peking und dem schwülen Schanghai vielleicht ebensosehr an wie das angenehme Klima und die schöne Umgebung. Aus dem üppigen Grün der Gärten auf dem Tower Hill, dem Mittelpunkte des schönen Bildes, treten die modernen Villen der europäischen Kaufleute und fremden Konsuln hervor, überragt von Flaggenstöcken mit wehenden Flaggen; an dem weichen, molligen Strande zu Füßen des Tower Hill aber laden den Fremden ein paar hübsche, mit allem modernen Comfort ansgestattete Hotels ein, in denen sich ähnlich bewegtes, elegantes Leben zeigt wie etwa in einem Seebade der Heimat. Indessen dürfte Kiantschon mit seinem minder begünstigten Rivalen an der Nordküste auch in dieser Hinsicht bald in Wettbewerb treten, denn der Meeresstrand ist in Tsingtau ebenfalls vortrefflich, deutsche Hotels werden dort bald entstehen, das Offizierkorps der deutschen Land- und Seemacht wird dem fremden Besucher in gesell schaftlicher Hinsicht gewiß ebenso viel bieten wie das russische oder englische in Tschifu, und voraussichtlich werden die fremden Geschwader in Zukunft auch ebenso häufig nach dem deutschen Hasen kommen tvic nach dem englischen. Dazu ist die Seereise von Schanghai, Ningpo und allen anderen offenen Häfen von Süd-China nach Kiautschou um einen Tag kürzer, so daß sich Kiautschou für Schanghai mit der Zeit etwa zu dein entwickeln dürfte, was Margate für London ist. Es hat wahrhaftig den Anschein, als ob die in Tschifu (englisch Chefoo ge schrieben) ansässigen Europäer, etwa zweihundert an der Zahl, eine Vorahnung davon gehabt hätten, daß dieser Hafen auf keine besondere Entwickelung rechnen kann, denn sie haben in Bezug auf Hafenanlagen mtb industrielle Gründungen eine merkwürdige Zurück haltung gezeigt. Wird in China sonst irgendwo ein neuer Hafen dem Fremdenverkehr geöffnet, so ist es gewöhnlich die erste Sorge, den Schiffs- und Warenverkehr zu erleichtern. Es sind aber drei Jahrzehnte vergangen, ehe man auch nur eine kleine Landungsbrücke zum Zollamte herstellte, woran allerdings auch der Widerstand der Mandarine mit schuld war. Nach tvic vor sind die Schiffe auf der ungeschützten Reede von d)cntai Wind und Wellen ausgesetzt, so daß sic den Anker heben und nach der Reede des Dörfchens Tschifu dainpfcn müssen, um dort besseres Wetter abzuwarten, welches das Auf- und Abladen der Waren in die Leichterschiffe gestattet. Bis vor kurzem mußten diese Waren auf dem Strand vor dem Zollhaus«: im Freien anfgestapelt werden, und da die Brandung, sowie das seichte Uferwasser auch die Leichterschiffe nicht hcrankommen lassen, so mußten die Kulis durch das Wasser waten, im Winter ein besonders hartes und gefährliches Unternehmen. An industriellen Anlagen wurde nur eine Seidenspinnerei, Filanda genannt, gegründet, die aber keine nennenswerten Geschäfte machte und mit allen modernen Maschinen und den Dampfmotoren schließlich in den Besitz von Chinesen überging. Das erste, was diese thatcn, war, die Spinnerei für Handbetrieb einzurichten. Die286 Tschifu. Maschinen wurden sich selbst überlassen und sind längst vom Rost zerfressen und un brauchbar; die Transmissiousriemen wurden durch Handkurbeln ersetzt, welche von Kulis gedreht werden, lind einige hundert Zopfträger, darunter viele Knaben, sind damit beschäftigt, die Seide von den Cocons abzuhaspeln. Ein paar wohlhabende Chinesen haben in letzter Zeit auch die Traubenkultur in die Hand genommen. Auf großen Landstrecken in der Umgebung gedeiht die Weinrebe vortrefflich; diese Weingärten wurden aufgekauft und unter der Leitung eines Europäers die Weinfabrikation be gonnen. Ein ähnliches Unternehmen dürfte sich auch in Kiautschon lohnen. Ich habe in Schantung und Petschili bei verschiedenen fran zösischen Missionaren Wein getrunken, den sie selbst ans die primi tivste Art ansSchantnng- trauben hergestellt haben. Er ist ganz vortrefflich. Die wichtigste Industrie in Tschifu ist die Eisenindustrie, welche aber ganz in den Hän den der Chinesen ist und über fünftausend Arbeiter beschäftigt. Europäische Etablissements sind keine vorhanden, nicht einmal Reparaturwerkstätten,die sich doch bei dem großen Schiffsverkehr gewiß lohnen sollten. In Kiautschon würden solche Werkstätten Aussicht auf sicheren Erfolg haben und auch dazu beitragen, die Schiffe von Tschifu nach dem deutschen Hafen zu ziehen. Die chinesischen Schmiede importieren hauptsächlich altes Eisen, dann Stangen eisen und Blech und verarbeiten es ans ungemein geschickte Art zu Ackerbauwerkzengen, Dschunkenbestandteilen, Kesseln, Hufeisen re. Besonders an letzteren herrscht großer Bedarf, denn täglich treffen in Tschifu au dreitausend Packtierc ans dem Jnlande ei» und gehen schwer bepackt wieder zurück. An altem Eisen allein wurden 1896 gegen 200 000 Pikuls (a 60,5 Kilo) im Werte von beinahe einer Million Mark in Tschifu ein- Chinesische Cash-Vanlrnole (in Kiautschon im Verkehr).Tschifu. 287 geführt. Deutschen Eisenwerken in Kiautschou würde es also keineswegs an geschickten Arbeitern fehlen. Für die Entwickelung KiautschoM ist es von Wichtigkeit, daß die sich dort nieder lassenden Deutschen, ebenso wie die heimatlichen Industriellen die hauptsächlichsten Ein- uud Ausfuhrartikel von Tschifu kennen lernen, denn sie repräsentieren nicht nur die wichtigsten Erzeugnisse der Provinz, sondern auch den Bedarf derselben. Ich lasse dem nach eine Liste derselben folgen, gestützt auf den kürzlich erschienenen Bericht des kaiser lichen Zollamtes für das Jahr 1896. Die früher sehr große Einfuhr von indischem Opium hat infolge der sich immer mehr entwickelnden heimischen Opiumgewinnung in Schantung ungemein nachgelassen. Englischen Konsnlarberichten zufolge soll die Provinz heute bereits 30 000 Pikuls Opium im Werte von etwa 15 Millionen Mark produzieren, und es sollen gegen eine Viertel million preußische Morgen unter der Mohnknltnr stehen. An Baumwollwaren wurden 1896 vor allem indische Baumwollgarne im Werte von 8 Millionen Mark, japanische im Werte von iy 4 Million Mark eingeführt. Der nächst wichtigste Artikel waren amerikanische Sheetings, 217 000 Stück im Werte von 2 Y 2 Million Mark; an englischen Sheetings wurden nur 61 000 Stück im Werte von 600 000 Mark, an japanischen 5000 Stück eingeführt; dann kommen graue Shirtings, 283 000 Stück, weiße 60 000 Stück; gefärbte oder geblümte Shirtings werden nur in geringen Mengen bezogen. Von den Drills stehen wieder die ameri kanischen obenan mit 106 000 Stück im Werte von 1 Million Mark. Die englischen, indischen, holländischen und japanischen Drills zusammen erreichen nur 27 000 Stück, also ein Viertel des amerikanischen. T-Cloths erreichten 1896 eine Einsuhrinenge von 185 000 Stück. Wollwaren haben nur eine geringe Einfuhr aufzuweisen, weil das Volk im Winter Schafpelze und mit Baumwolle gefütterte Kleider trügt. Der Wert der eingcführten Wollwaren beträgt etwa x / 2 Million Mark. Von großer Wichtigkeit sind Metalle; zunächst altes Eisen im Werte von 1 Million Mark, dann Stabeisen, 44 000 Pikuls im Werte von 350 000 Mark, Stahl, 12 000 Pikuls im Werte von 150 000 Mark, 1700 Pikuls Zinn, 7600 Pikuls Draht, 4000 Pikuls Blei, 2500 Pikuls Eisenblech; auch Knpserdraht, Kupferrohre, Kupferbleche finden in Schantnng immer größeren Absatz. Petroleum wurde 1896 in einer Menge von 2 388 000 Gallonen aus Amerika und 343 000 Gallonen aus Rußland eingeführt; seit 1889 hat sich die Einfuhr des russischen Petroleums verzehnfacht, jene des amerikanischen verachtfacht; an Zündhölzchen wurden 1896 800 000 Gros, davon 600 000 allein aus Japan eingeführt. Bemerkenswert ist ferner die Einfuhr von Zucker, nämlich 89 000 Pikuls brauner, 35 000 Pikuls weißer, 20 000 Pikuls raffinierter Zucker; Anilinfarben im Werte von 350 000 Mark, Nadeln im Werte von 120 000 Mark, Kohle 31000 Tonnen, haupt sächlich nach Tschifu für die fremden Schiffe, schwarzer Pfeffer im Werte von 300 000 Mark, feines Papier 4300 Pikuls im Werte von 160 000 Mark, Knöpfe 45 000 Gros im Werte von 60 000 Mark; daran reihen sich mit Werten von 10 bis 20 000 Mark Arsenik, Borax, Kampfer, Kerzen, Zement, Cigarren und Cigaretten,288 Tschifu. Uhren, Mehl, Fensterglas, Lampen, Parfüms, Schreibwaren, Seife, Regenschirme, Stanniol w. An diesen Einfuhren vom AnSlandc ist Hongkong in hervorragendstem Maße mit über 2 Millionen Taels beteiligt, dann Japan mit 1 Million Taels, Korea 322 000 Taels, England 158 000 Taels, die russische Alandschurei 69 000 Taels und die europäischen Kontinentalstaaten mit 16 000 Taels. Von chinesischen Erzeugnissen, welche in Schantung, d. h. in Tschifu eingeführt wurden, stehen rohe Baumwolle und Baumwollwaren, hauptsächlich ans Schanghai, mit 660 000 Taels Wert obenan, dann Papier, ebenfalls aus Schanghai, mit beiläufig demselben Wert, dann Seidenwaren, vor allem Pongeeseide mit 300 000 Taels Wert: Zucker (ans Swatow) 600000 Taels; Webstoffe 200 000 Taels; Tabak 100 000 Taels; Opium 100000 Taels; Samshu (Reiswein) 130000 Taels; seidene Kappen 71000 Taels: dazli eine Unmenge von anderen Artikeln, welche zeigen, in welchem Maße sich die heimische Industrie in den chinesischen Hafenstädten entwickelt hat. In der Ausfuhr nehmen Strohgeflechte mit 10 000 Pikuls im Werte von iy 2 Millionen Taels die erste Stelle ein, doch ist die Ausfuhr dieses Artikels entschieden in rascher Abnahme begriffen, hauptsächlich wegen der unzuverlässigen Arbeit, besonders was die feineren, von Europa bestellten Artikel anbetrisft. Den Strohgeflechten zunächst stehen Bohnenknchen, d. h. Bohnen, ans welchen das Ocl gepreßt worden ist, lind die in großen Kuchen in Form der Schweizerkäse scheiben hauptsächlich nach Swatow als Düngemittel für die Zuckerrohrfelder ansgeführt werden. Ihr Wert belief sich 1896 auf 1340 000 Taels, Rohseide wurde im Wert von 820000 Taels ausgeführt, imt> auch dieser Artikel ist im Rückgang begriffen, teils wegen der schlechten Verkehrswege, teils wegen der Unzuverlässigkeit der Lieferung. Pongeeseide würde viel mehr begehrt werden, wenn die Chinesen sich die Mühe geben würden, die gewünschte Qlialität genau herzustellen und die Liefernngszeit einzuhalten. In Bezug alif den Geschäftssinn stehen die Bewohner von Schantung entschieden hinter jenen der anderen Provinzen zurück, sie nähern sich in ihrer Sorglosigkeit mehr dein Koreaner, und es wäre verfehlt, die den Chineseir im ganzen großen zugeschriebenen Charaktereigenschaften ohne weiteres auch auf die Schantungleute zu übertragen. Die Ausfuhr an Pongeestosfen, welche nicht nach Stücken, sondern nach dein Gewichte gemessen werden, erreichte 1896 einen Wert von 415000 Taels, Seidenabfälle 121000 Taels, Stückscide 123000 Taels. Im ganzen wurden Seidenprodukte im Wert von l 1 /., Millionen Taels ausgeführt. Neben Bohnenknchen wurden auch Bohnen in großen Mengen und in einem Werte von 80 000 Taels ausgeführt; erheblich wichtiger ist ein anderes Produkt ans Bohnenmehl, nämlich Vermicelli, deren Wert über 800 000 Taels erreichte, und die nach den verschiedensten Teilen Chinas verschifft werden. Die Ausfuhr an Oel, aus Erdnüssen gepreßt, hatte einen Wert von 160000 Taels, Bohnenöl 14000 Taels. Früchte spielen in der Ausfuhr ebenfalls eine große Nolle, z. B. die sogenannten Datteln (keineswegs solche, wie wir sie kennen, sondern pflaumenartige Früchte) wurden im Werte von 110 000 Taels, frische Birnen, Nüsse, Mandeln, Erdnüsse im Werte von 40 000 Taels ausgeführt.Tschifu. 289 Die vorstehenden sind nur die wichtigsten Ausfuhrartikel. Dazu kommen noch eine Menge anderer, welche heute keine größere Bedeutung besitzen, weil die Verkehrs wege und vielleicht auch die Märkte fehlen, die aber bedeutender Entwickelung fähig find. Es wird die Aufgabe der deutschen Kaufleute und Industriellen sein, die Berichte über die verschiedenen Erzeugnisse Schantnngs eingehend zu studieren, um ihnen, wenn irgend möglich, Märkte zu öffnen und ihren Absatz zu steigern, denn dadurch wird auch die Kauf kraft des Volkes von Schantung und in zweiter Linie der Absatz deutscher Waren in dieser Provinz gehoben. Man kann von Schantung nicht erwarten, daß es nur kaufen soll, man muß dem Volke auch an die Hand gehen und ihm die Wege öffnen, Geld zu erwerben, mit welchem es schließlich doch wieder deutsche Waren kaufen wird. Schon jetzt wird mehr nach Schantung eingeführt, als es ausführt, und der Unterschied wird von dem Volke dadurch gedeckt, daß es feine nach Honan und Schansi ausgesührten Produkte von dort bar bezahlt erhält. Dieser Warenaustausch ist aber großer Ent wickelung fähig, und sind einmal die Eisenbahnen gebaut und tüchtige Kaufleute in Kiautschou angesiedelt, dann wird er in einem Jahrzehnt das doppelte und dreifache des bisherigen erreichen. Als Hindernis des baldigen Absatzes von deutschen Waren in Schantung muß die japanische Konkurrenz hervorgehoben werden. Die Japaner führen in Schantung elende, liederlich gearbeitete Produkte ein, die sie mit europäischen Marken versehen und dadurch das Ansehen der europäischen Waren herabsetzen. Derlei japanische Waren sind hauptsächlich Streichhölzer, Regenschirme, Strnmpfwaren, Stoffe, Waffen, Werk zeuge, Uhren, Lampen. Es wird geraume Zeit dauern, ehe man den Chinesen den Unterschied zwischen guten europäischen Waren und schlechten japanischen Nach ahmungen beibringen kann. Arnmlüden in der Hauxlstrntzr von Estngkau. Hcssc-Wartegg, Schantung und Deutsch-China. 19Ost-Schantung. Wbschon der östliche Teil von Schantung, die weit ins Meer springende Halbinsel dieses Namens, für die deutschen Inter essen von weit geringerer Bedeutung ist als der westliche Teil derselben, so enthält sic neben dem geschilderten offeiwn Hafen Tschifu doch einige Städte und Gegenden, welche in dem vor liegenden Werke über die Provinz Schantung geschildert zu werden verdienen, zumal auch die Halbinsel innerhalb der neutralen Fünfzig kilometerzone zwischen dem deutschen und chinesischen Besitz gelegen ist. Die ganze Provinz ist in zchir von Taotais regierte Präfekturen, sogenannte Fn eingeteilt, welcher Name auch den Hauptstädten dieser Präfekturen angehängt wird. Diese Präfekturen sind ihrer Größe und Einwohnerzahl nach folgende: Tsingtschou, Tsinan, Jentschou, Jtschon, Tengtschou, Tsautschou, Tnngtschang, Laitschou, Taian (oder Taingan) und Wuting. Jede einzelne Präfektur ist wieder in Hsien oder Kreise abgeteilt, von denen Tsinan-fu die größte Zahl, nämlich 16, Laitschou-fu mit 5 die kleinste Zahl besitzt. Zwischen den Fli- lind den Hsien stüdten giebt es auch Dschoustüdte, welche die Sitze der Behörden eigener Bezirke sind, aber den Behörden der Fu unterstehen. So besitzt die Präfektur Laitschou-fu zlvei Dschoustädte, nämlich Kiautschou uild Pingtu. Als höhere Art der Dschoustüdte sind die Tschihli-dschou oder direkten und unmittelbaren Dschoustüdte hervorzuheben, >vie in Schantung die Städte Tsining und Lintsching, welche eine eigene Verwaltung habe». Die Halbinsel Schantung ist in zwei Präfekturen, Tengtschou und Laitschou, mit etwa 5 1 / 2 Millionen Einwohner geteilt. Die ganze östliche Hälfte der Halbinsel wird von der Präfektur Tengtschou eingenommen. Ihre gleichiramige Hauptstadt liegt an der Nordküste, etwa 85 Kilometer nordwestlich von Tschifu und war früher ein sehr bedeutender Hafenort, der jedoch durch die fortschreitende Versandung des Hafens immer mehr zurückgegangen ist und heute kaum mehr als 40000 Einwohner enthält. Bemerkens wert ist der große Unterschied zwischen der Zahl ihrer männlichen und weiblichen Ein wohner; ans 22 000 der ersteren kommen nur 18 000 der letzteren, und einer allgemein Mrffmg-Vpnrmlainxr aus Kiauisthou.Ost-Schantung. 291 Verbreiteten Ansicht zufolge liegt dies in der Beiseiteschaffung neugeborener Mädchen und der Vernachlässigung, welche die überlebenden zu erfahren haben. Das Zurückgehen des Handels, der Mangel an Erwerbsquellen hat hier in einem höheren Maße zur Ver armung der Bevölkerung geführt, und daß Mädchen unmittelbar nach der Geburt von den Hebammen beiseitegeschafft werden, ist leider nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Teilen Chinas gebräuchlich. Von den Eltern selbst wird dieses Verbrechen selten begangen; das Kind wird gewöhnlich der Hebamme übergeben oder vielleicht an einer Polizeistation oder an dem Kreuzungspunkt von Straßen weggelegt. Wird es gefunden, bevor cs dem Hunger oder den Unbilden der Witterung unterlegen ist, so wird es gewöhnlich einem der vielen in den Städten bestehenden Waisenhäuser übergeben und dort großgezogen. Die Regierung hat den Kindermord in mehreren kaiserlichen Edikten verdammt und mit Strafe belegt; er ist auch in den meisten Gegenden nicht so häufig, wie es angenommen wird, nur in Teng- tschon scheint er überhand genommen zu haben. Uneheliche Kinder werden stets be seitigt. Auch bei Knaben kommt es zuweilen vor, besonders wenn sie mit Gebrechen be haftet sind, oder wenn die abergläubischen Eltern der Meinung sind, daß das Kind von bösen Geistern besessen ist. So erzählte mir u. a. der Provikar der katholischen Mis sion in Tsining, daß kürzlich ein Knüblein in das dortige Waisenhaus gebracht wurde, das auf der Brust von Raben ganz zerhackt war. Ein christlicher Chinese sollte es vor den Stadtmauern gefunden und noch recht zeitig nach der Mission gebracht haben, so daß es am Leben blieb. ZU In Tsining und Tsantschou-fu kommt das Weglegen von neu- ^ geborenen Töchtern besonders in Zeiten von Hungersnot sehr häufig vor. Gewöhnlich werden die armen Wesen schon im Elternhause getötet, die Leichen aber nahe der katholischen Kirche über die Stadtmauer geworfen, wo sie von Hunden und Raben gefressen werden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Igo guinia, pango örr“ d. h. „Eine Tochter ein halber Sohn", und wenn in einer Familie der Reihe nach mehrere Töchter geboren werden, so wird häufig auch in den besseren Ständen eine Tochter geopfert, in der Hoffnung, daß bei der Seelcnwandcrnng ihre Seele doch in den Körper eines Knaben kommen dürfte. In den meisten Großstädten befinden sich eigene „Kindertürme", gemauerte Behälter, in welche die Leichen neugeborener Kinder geworfen werden, um die Be lg* dä. % M 4 / £ ch M j 'fsf cS- A ' 4 \ & A L? "4» A h lg, -t L I&- yX T 4 A ISJ Ho -Ä a iC 4 Sfr 4 & A ev <9 -f 4 ■it- -t 'Ä ?■? 44 & 4z 4 4 k / A H n A Brief des Präfekten von Kiautfchou an den Verfasser. % 41292 Ost-Schantung. erdigungskosten 51 t ersparen. Aber cs ist unrichtig, daß sie zur Aufnahme weg gelegter lebender Kinder dienen. Dreißig Kilometer westlich von Tengtschou liegt, auf der Hauptroute von Tschifu nach Tfinan, inmitten eines der reichsten Kreise von Schantung die Stadt Huang-hsien. Wie mir die Missionare von Tengtschou erzählten, ist Huang-hsien der Sitz einer der ältesten und reichsten Familien der Provinz, Namens Ting, der auch der chinesische Admiral Ting, Befehlshaber der nördlichen Flotte im jüngsten Kriege mit Japan, an gehörte. Auch in Wei-hsien und anderen Städten von Schantung stammen die wohl- habendsten Kaufleute aus Huang-hsien; die Einwohner dieses Kreises werden als sehr stolz geschildert und geben sich nicht zu gewöhnlichen Arbeiten her, sondern lassen Arbeiter aus anderen Kreisen kommen. Dem Christentum stehen sie sehr gleichgültig gegenüber. So erzählte mir ein amerikanischer Missionar, der dort Belehrnngsversuche unternahm, Auf drr Höhe von Tengtschou-fu. daß die in chinesischer Schrift gedruckten Traktätchen, Bibeln lind Gebete nirgends so eifrige Abnehmer fänden wie hier, ohne daß sich irgend jemand zur Bekehrung meldete. Als der Missionar darüber nachforschte, fand er, daß die christlichen Schriften von den chinesischen Schuhmachern zu Pappendeckeln gepreßt und als solche zur Herstellung von Schuhsohlen verwendet wurden. Seither hat er die Verteilung christlicher Schriften aufgegeben. Siebzig Kilometer südwestlich von Tengtschou liegen die von den Einwohnern der Umgebung vielbenutzten Schwefelquellen von Tschau-Yan; solche Quellen kommen übrigens auch westlich von Tschifu, sowie im Gebirgsland des Herzens von Schantung vor. 78 Kilvnteter südlich von der PräfektnrstaÄ liegt Tschi hsia hsien, berühmt wegen seiner Granit- und Marmorbrüche; auch Gold wird hier tit größeren Quantitäten gefunden. Die bedeutendste Stadt an der Südküste ist Hai pang hsien, etwa 130 Kilometer von Kiantschou und etwa eben so weit von Tengtschou inmitten eines ausgedehnten Salz-distriktes gelegen. Der direkte Weg von Kiautschou nach Tschi- fn führt über diese Stadt, sowie über das 40 Kilometer weiter nördlich liegende Lai-Yang-Hsien, eine der bedeutendsten und wohl habendsten Städte des östlichen Schantung, inmitten einer frucht baren Gegend, die besonders ihrer Birnen wegen berühmt ist. Die Stadt ist von einer starken Ring mauer umgeben und enthält in ihren Straßen zahlreiche Ehren pforten. Sit der Umgebung kommen auch viele Maulbeer bäume für die Zucht von Seiden raupen vor. Diese Bäume tragen leine Früchte, sondern werden nur auf starken Laub wuchs gezogen, und die Blätter find in der That handgroß. Baumwolle und Tabak, zwei Hauptprodukte der Pro vinz, werden hier wenig gebaut. Die Hauptdistrikte derselben sind Aentschou-fn, Jschui, Möng-in und Tsautschou-fu. Dagegen wird stellenweise in den Ebenen Indigo sowie auch Raps ge baut. Erdnüsse, hauptsächlich zur Oelbereitung, ebenso wie die Sesampflanzen sind überall zu finden. Von Hai-hang-hsien führt ein Pfad, auch für Schubkarren benutzbar, der Süd küste Schan- Das Denkmal für dir mit dem deutschen Kanonenboot Iltis nnkergrgangrnen tungs entlang nach der an der Affigere und Wannfchaflen für Schanghai. Südostspitze der Halbinsel ge legenen Bucht von Schi-tao, in deren Nähe der „Iltis" gescheitert ist. Der Markt flecken Schi-tao, ist bedeutender als manche Kreisstadt der Provinz und so günstig gelegen, daß es, einmal dem Fremdenverkehr geöffnet, als Seebad und Sommeraufenthalt294 Ost-Schantung. vielleicht Tschifu und Tsingtau überflügeln dürfte. Ein Karrenweg führt von Schi-tao durch dicht bevölkertes Gebiet über die armselige Kreisstadt Wen-tcng hsien und Ning-hai-dschon nach Tschifu. In der Nähe von Ning-hai-dschon liegen Gold- minen, welche schon zur Zeit der Mingdynastie bearbeitet wurden, und wo heute noch stellenweise nach Gold gegraben wird. Der Ertrag ist aber kein großer; die Einwohner des Distriktes ernähren sich Haupt sächlich durch die Fabrikation von Vermieelli, Zwieback und Seide. Viel bedeutender ist die nur 15 Kilometer westlich von Tschifu gelegene Kreisstadt Fu-schan-hsien, die, vbschon nur sehr klein, an den neun Markttagen jedes Monats viele Tausende Fremder anzieht, die dort ein recht loses Leben zu führen scheinen, wenigstens ist die Stadt voll von Spielhöllen, Opiumhäusern und dergl. Etwa zwei Wegstunden nördlich davon 'erheben sich einige interessante Grab hügel. Siebergen die sterblichen Ueberreste der Könige eines kleinen, aber mächtigen Königreichs, das sich hier lange Zeit unabhängig von dem großen China erhielt und lebhaften Handel mit Korea mtb Japan trieb. Die Ringmauern der Hauptstadt dieses Reiches sind noch heute nördlich des Marktfleckens Kang-Yü zu sehen. Der wichtigste Hafen Schantungs, nächst Tschifu und Kiautschon, das von beit Engländern besetzte Wci Hai wei, liegt 80 Kilometer östlich von Tschifu, gerade gegen über von dem russischen Kriegshafen Port Arthur, an der Küste von Liao-Tong. Die Küste bildet dort eine tiefe, durch die vorgelagerte Insel Liu-kungtao geschützte Bucht, an deren Westseite die von einer hohen Ringmauer umschlossene Stadt Wei-hai-wei liegt. Die chinesischen Marineanlagen befinden sich auf der Insel. Der westliche Teil der Halbinsel wird ganz von der Präfektur Laitschon-fu ein genommen, deren gleichnamige Hauptstadt nahe der Küste des Golfs von Petschili liegt. Ungeachtet ihrer 80 000 Einwohner ist sie von geringer Bedeutung. Die Hauptindustrie ist das kunstvolle Schneiden von Kugeln, Buddhafignren, Götzen, Urnen rc. aus dem in der Nähe der Stadt massenhaft vorkommenden Speckstein, der pulverisiert, auch zur Fabrikation einer Seifenart verwendet wird. Ich habe derlei Produkte aus Laitschou-fn auch in Wei-Hsien, Kiautschon, selbst in Tsingtau gefunden. Die wichtigsten Städte der Präfektur sind die schon geschilderten Wei-Hsien, Kiautschon, Kanmi und Zimo (auch Tschi-mei genannt). Etwa halbwegs zwischen der letztgenannten Stadt und Laitschou-fn liegt Pingtn, eine Dschonstadt, inmitten eines ungemein fruchtbaren Weizendistriktes. Auf beit Bergen werden viele Fettschwanzschafe und Ziegen gezogen, die oft in Herden von vielen Hunderten Vorkommen, ebenso wie auch in den Bergen vonMittel- Schantung. 45 Kilometer nordwestlich von Pingtn liegen Goldminen, deren Betrieb noch vor einigen Jahren mit ausländischen Maschinen unter europäischer Leitung erfolgte. Sind die projektierten Eisenbahnen von Tsingtau nach dem Westen der Provinz gebaut, und ist der Erfolg ein günstiger, so dürfte doch die Herstellung einer Eisenbahn von Tsingtau über Pingtn nach Tschifu in Betracht gezogen werden, weshalb die vorstehenden kurzen Bemerkungen über den östlichen Teil der Provinz hier Platz finden mögen.Verzeichnis geographischer Werke Kes Verfassers. China und Japan. Erlebnisse, Studien, Beobachtungen ans einer Reise.um die Welt. Mit 4-1 Voll bildern, 132 in den Text gedruckten Abbildungen, Beilagen und einer Gcncrallarte von Ostasien. Leipzig, I. I. Weber, 1897. Preis kartoniert 18 Mark. In Originaleinband (Krokodilleder mit Metallornamenten) 25 Mark. Korea, eine Sommcrrcise in das Land der Morgenruhe. Leipzig, Carl Reistner. Preis 7 Mark. Tausend und ein Tag im Occident. Leipzig, Carl Reistner. 2 Bände. 2. Auslage. Preis 6 Mark. Kuriosa aus der Neuen Welt. Leipzig, Carl Reistner. Preis 5 Mark. Andalusien und ein Ausflug nach Marokko. Leipzig, Carl Reistner. Preis 8 Mark. Mississippifahrten. Reiscbildcr auS dem amerikanischen Süden. Leipzig, Carl Reistner. Preis 8 Mark. Prairiefahrteu. Leipzig, Gustav Weigel. Preis 3 Mark. Nordamerika, seine Städte und Naturwunder, Land und Leute. 2. Auflage. 4 Bände. Leipzig, Gustav Weigel. Preis 20 Mark. Canada und Neufundland. Freiburg i. B-, Herders Verlag. Preis 8 Mark. Mexiko, Land und Leute. Wien, C. Holzels Verlag. Preis 10 Mark. Tunis. Wien, Hartlebcns Verlag. Preis 8 Mark. Chicago, eine Weltstadt im amerikanischen Westen. Stuttgart, Union, Deutsche Verlagsaustalt. Preis 4 Mark. Siam, das Reich des Meisten Elefanten. Leipzig, I. I. Weber. (Unter der Presse.) Au beziehen durch zeöe MuchhundLung. Druck von I. I. Weber In Leipzig.China und Japan ♦ ♦ ——Ei,,,,». Erlebnisse, Studien, Beobachtungen aus einer Reise um die Welt.. von ernst von fiesse Aattegg. \ / /C Mit 44 Vollbildern, \52 in den Text gedruckten Abbildungen, Beilagen und einer Generalkarte von (Vftasien .. . Preis Kanonier» 1$ Mark, in Originaleinband (Krokodilleder mit Meiallornamenten) 25 Mark ..Inhaltsverzeichnis des UJerkes China und Japan. Hongkong. — Macao. — Auf dem Perlfluß. — Canton. — Die sibirische Pest. — Gerichtspflege. — Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln. — Wie chinesische Jungen das ABC lernen. — Meine erste chinesische Mahlzeit. — Speisen und Getränke der Chinesen. — Längs der chinesischen Ostküste. — Schanghai. — Europäische Republiken in China. — Chinesische Seide und ihre Metropole. — Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen. — Der Haarzopf der Chinesen. — Tschinkiang. — Der große Kanal. — Nanking. — Wie die Chinesen Theater spielen. — Chinesischer Thee und seine Metropole. — Hankau als Handelsstadt. — Eigentümlichkeiten der chinesischen Jnlandstädtc. — Tientsin. — Die Hauptstadt des chinesischen Reiches. — Kwang-Su, der Kaiser von China. — Hofhaltung beim Kaiser von China. ■— Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe. — Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen. — Wie die Chinesen Verdienste ehren. — Die kleinen Füße der Chinesinnen. — Die Mandarine. — Litterarische Wettpriifungen. — Die geheimen Gesellschaften Chinas. — Chinesisches Zeitungswesen. — Geld- und Bankwesen. — Wie die Chinesen ihre Briefe befördern. — Chinesisches Militär. — Die christlichen Missionsanstalten in China. — Die Christenverfolgungen in China. — Die Bedeutung des chinesischen Marktes für Europa. — Deutschland und Japan in China. — China als Konkurrent von Europa. Nagasaki. — Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe. — Iokohama. — Die Hauptstadt des Mikadoreichcs. — Der Kaiser von Japan und sein Hof. — Die vornehme Gesellschaft. — Die Japanerin. — Japanische Frauentoilette. — Japanische Jugend. — Hymens Fesseln bei den Japanern. — Eine Erdbeben katastrophe. — Modernes Theaterwcsen in Japan. — Danjuro, der Salvini von Japan. — Japan im Roman. — Das Heerwesen der Japaner. — Straßcnleben in Tokio. — Spazierfahrten im mittleren Japan. — Kioto, die alte Hauptstadt von Japan. — Nesan-, Maiko- und Gaischa-Mädchen. — Wie die Japaner in ihrem Lande reisen. — Osaka, eür Birmingham des fernen Ostens. — Auf dem Gipfel des Fudschiyama. — Jkao, ein japanisches Karlsbad. — Nikko, eine japanische Tempelstadt. — Japan als Industriestaat. — Kampfer, ein Monopol der Japaner. — Japans neueste Erwerbung. Erster Teil: 6I)ina. Zweiter Cell: Japan.(D. Verlag von 3- 3. Weber in Leipzig. Tm PbaraoneiUande Ein Lesebuch für Aegyptenreisende und Aegyptenfreunde von Eonrad Beyer Mil 25 Abbildungen und einer Harte von Aegypten Preis 5 mark, in Leinwand gebunden 6 Mark Inhaltsverzeichnis: s J Nach dem Pharaonenlande. — Grundriß einer Geschichte des Pharaonenlandcs: Altes Reich. — Mittleres Reich. — Die Hyksos. — Pcrserherrschast. — Die Ptolemäer. — Die Römerherrschast. — Die Byzantiner. — Mohammedanische Regenten. — Mameluckenherrschast. — Türkenherrschast. — Aegypten als Vicekönigrcich. — Englischer Einfluß. — Einwohner, Religion und Landessprache. — Vokabularium und Redensarten zum Nachschlagen bei den im Text vorkommcndeu Phrasen. Alexandrien. — Durchs Delta. — Die Wüstenstadt Kairo. — Aegyptischc Feste und Religion: Acgyptische Hochzeit. — Das Fest der Beschneidung. — Die Leichenfeier. — Das Einbalsamieren der Leichnanie. — Altägyptische Religion und Mythologie. — Entstehung der griechischen Mythologie aus der ägyptischen. — Der Ursprung der israelitischen Religion in der altägyptischen: rr) Herstammung der zehn Gebote, b) Schöpfungsgeschichte, c) Die Lehre vom Teufel und Sündenfall, d) Gute Engel, e) Die mosaische Sittenlehre, f) Unstcrblichkeits- glaube, g) Kultus, h) Die Pocsieform bei den Juden inid Aegypteru, i) Aegyptische Lehren, die zum Christentume überzulciten scheinen, k) Lebeusgeschichtc Mosis in ägyptischer Darstellung: l. Jehovah erscheint im wesentlichen als Lvkalgott, 2. Die Offenbarungen des Moses, 3. Wie die Theologie Mosis aufgesaßt wurde, I) der Islam, m) Aegyptische Feste und Aufzüge der Gegenwart. — In Kairo und Umgebung: Oeffentliche Anlagen. — Moscheen. — Die Universität. — Aegyptisches Schulwesen. — Die Citadclle. - Hotels. — Altkairo. — Zu den Pyramiden. — Nach Sakkara. — Die Mamcluckengräber und der versteinerte Wald. — Heliopolis und die Hieroglyphenschrift. — Roda, das Nilfest. — Bulak. — Gezireh. — Museuni der Altertümer. — Die Nilfahrt. — Von Kairo bis Belliane. — Von Kene bis Theben. — Die alte Theben nebst Umgebung: Luxor und Karnak. — Die Königsgräbcr. — Sehenswürdigkeiten im Thale von Theben. — Arabisches Diner. — Von Theben nach Assuan. — Assuan, Elcfantiiie, Philä und die Katarakte. — Eine nächtliche Phautasia in der Wüste. — Zum zweiten Katarakt. — Abu Simbel. — Wadi-Halfa. — Rückfahrt nach Kairo. — Von Kene nach Kairo bei Assiut. — Von Assiut bis Beni-Hassan. — Von Beni-Hassan bis Kairo. — Von Kairo nach den, Lande Gosen. — Heimkehr.Uerlag von ]. % (lieber in Ceipzig. Unter der Presse befindet sieb: von 6. von Resse=ülartegg. mit 120 in den Cext gedruckten und 17 tafeln Abbildungen, sowie I Karte von Siam; in gleicher Ausstattung wie „Scbantung und Deutsch--China“. Das Reich des missen Elefanten Ttlhült* *^ er *^ enams,rcim Bangkok, die ITiärcbenstadt - tsmulalongkorn, llll/UII« König von Siam Die Residenz des Königs - Die Königinnen und der barem Die weissen Elefanten Festlichkeiten am Königsbofe — Die vornehme Gesellschaft von Bangkok - (.Uie Siam regiert wird - Die Buddbistentempel der bauptstadt Klöster, Priester und Schulen — Wohnungen der Siamesen — Die Bazare von Bangkok — Uergnügungen und Dolksfeste der Siamesen - Das Cbeater in Siam — Die Schrecken von Wat Saket — Die Chinesen — Jrauenleben und boebzeiten - Gerichts» pflege, Gefängnisse und Rinricbtungen — Die Wehrmacht von Siam — Bang--pa--in, das Dcrsailles von Siam Eine Königsstadt in Ruinen — Das schwimmende Ajutbia Elefanten und ihre Jagd — Die Cierwclt von Siam — Aberglaube, Geisterfurcht und Gottesgerichte — Ackerbau und Bodenprodukte — nutzbäume von Siam — Kobsitscbang, ein siamesisches Ostende — Ceakbolz und seine Gewinnung — Siamesische Münzen Palmblattbücher in Siam — Siams Könige — Der Eisenbahnbau in Siam — Uergangenheit und Zukunft von Siam. Ci Ant wetteifert mit China und Japan in Bezug auf das hohe Interesse und den eigen» VlWHI tüinliehen Zauber, den der ferne Osten Asiens auf die Europäer seit jeher aus- geübt hat. Dabei übertrifft das Band des weissen Elefanten, bei verhältnismässig hoher Kultur, an Ursprünglichkeit nicht nur China und Japan, sondern vielleicht alle anderen Länder des Erdballs. Märchenhaft sind die Paläste und Cempel von Bangkok, von seltsamer Eigen art der glanzvolle Rof des Königs, von unglaublicher üeppigkeit das Lier- und Pflanzenleben in den Urwäldern und Dschungeln dieses hinterindischen Cropenlandes. Der Buddhismus mit seiner Armee von Priestern hat hier seine höchste Blüte erreicht, ist aber durchsetzt mit krassem Aberglauben und heidnischen ßebräuchen. ln Siam treffen Indier, lllalayeu und Mongolen, drei der merkwürdigsten Rassen des Erdballs, aufeinander, und dreifach ist demnach das Interesse, das die dortige Kultur dem Europäer darbietet. Dennoch weist der sonst so reiche Bücherschatz der Deutschen insgesamt nur zwei oder drei Merke darüber auf, und in den letzten Jahrzehnten hat Siam überhaupt keinen Schildern mehr gefunden. Ernst von Resse-Martegg beschreibt in dem oben angekündigten Merke seinen Besuch in Siam mit oft bewährter Meisterschaft, und seine anschaulichen Schilderungen des Lebens und der Festlichkeiten am Königshofe, in Cempeln und auf Märkte», auf den Flüssen und im Dschungel werden durch zahlreiche, prachtvolle Abbildungen illustriert.eutscb Asiatische Bank * in Shanghai * mit Zweigniederlassungen in Berlin, Cientsin, Csintau (Kiautscboubucbt), Bankow u. ßalcutta. verantwortliches Aktienkapital 5 Millionen Shanghai Caels. A* & Die Deutsch Asiatische Dank widmet ihre übätigkeit der Pflege des allgemeinen Bankgeschäfts, insbesondere der Handelsbeziehungen Deutschlands zu den Märkten Ostasiens. Die Deutsch Asiatische Bank übernimmt das Inkasso von Wechseln mit oder ohne Dokumente auf alle Plätze Ostasiens und Indiens, sowie alle sonstigen dank massigen Geschäfte zu coulanten Bedingungen. Sie wird bestrebt sein, das Absatz gebiet fiir die Erzeugnisse der deutschen Industrie erweitern zu helfen. in Berlin, Die nachbenannten Bankhäuser und deren Filialen sind zur Uermittelung des Uerkehrs mit der Deutsch-Asiatische» Bank bereit: General-Direktion der Seebandlungs-Societät Direktion der Di$konto--0e$ell$cbaft Deutsche Bank S. Bleicbröder Berliner Bandels-ßesellscbaft Bank für Bändel und Industrie Robert (Warschauer 6t ßo. lDendelssobn 6t ßo. ID. JT. von Rothschild 6t Söhne | Jacob S. B. Stern I norddeutsche Bank in Barnburg zu Baniburg, Sal. Oppenheim jun. 6t ßo. in Köln, Bayerische Bypotheken- und (Uechselbank in München. in Frankfurt a. Main,norddeutscher Lloyd, Bremen. Dampfschiffahrts - Gesellschaft. Regelmäßige schnell- und Postdampfer-Verbindungen zwischen kremen und Ostasien. Reichspostdampferlinie, alle ^ Wochen, Mittwochs, über Antwerpen, Southampton, Genua, Neapel, Port-Said, Suez, Aden, Tolombo, Singapore, Hongkong nach Shanghai. Anschlußlinien: Hongkong — Yokohama, alle ^ Wochen; Singapore Neu Lulnea, alle 8 Wochen. Ferner Zweiglinie: Singapore — Dell. Sremen-Iustralien. Reichspostdampfcrlinie, alle ^ Wochen. Anlaushäfen bis Tolombo wie auf der Vstafiatischen Linie, von Tolombo weiter nach Freemantle, Adelaide, Melbourne u. S^dne^. Schnelldampferlinien: öremen-Newyork. Dampfer Kaiser Wilhelm der Große, Dampfer Kaiser- Friedrich. Mzeanfahrt 5 bis <5 Tage. Dampfer Pavel, Spree, Lahn, Saale, Aller und Trave 2 mal wöchentlich. Ferner Dampfer der Barbarossaklasse von je 10000 Tonnen. öenua-Newyork. Schnelldampferlinie. Dampfer Kaiser wilhem II., Tms, Werra, Fulda. Bremen—BaMrnore Bremen—£a Piata Bremen—Balneston ^ Bremen—Brasilien.D \ rekte r cleülschisr £\wß*.- Occmimlirl circa l» laue w ^ W l^M^ grossen Die Flöthe der Gesellschaff besteh! - aus fö:-grossen «oean- MdX Dampfern MM . ' V" ■ H st-un d Sehne lldam pfejd i e ns h *d Cherbour 3 . mih einem Raumqehalf von insgesammf H 406,94-2 lon§.NWPR-, Hambnrg-Newyork Hambnrg-Havre Hamburg-Antwerpen Hamburg-Portland Ham burg-Bal t i more Hamburg-Boston Hamburg-Philadelphia Hamburg-Neworleans Hambnrg-Westindien Hamburg-Mexiko Hamburg-Canada Hamburg-Ostafrika Hamburg-Ostasien Hamburg-Südamerika Die Hamburg-Amerika Linie ist die bei Weitem grösste Dampfschiffs-Gesellschaft der Welt, sie steht mit Bezug auf Vollkommenheit und Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe unübertroffen da. Unter den 77 Ocean- Süd-Brasilien Stettin-Newyork Newyork-Mittelmeer Genua-La Plata Orientfahrten Nordlandfahrten dampfern der Gesellschaft sind nicht weniger als 20 Doppelschrauben-Dampfer neuesten Systems. Nähere Auskunft erteilt: die Hamiiurg-Amerika Linie, Abt. Personenverkehr, Jlunthiirg, lloventleth 18—2 I, sowie deren Vertreter.N12<149975913010Zckanmng und [)m$cjv€bina Von Aiautschou ins Heilige Land von China und vom Iangtsekiang nach Peking im Jahre J898 von 11 €rit$t v« Mit H5 in b 6 Beilagen iir 12 13 14 ÜL 16 Uerla < 1.0 i W — «I i= | 1.1 v ± um i »-1 1.25 1.4 1.6
