Stand und Aufgabe deutschen Industrie in Ostasien. Ein Weck- und Mahnruf an dieselbe, mit einem Vorwort Don HI. uon Brandt, Wirk!. Geh.-Rot, Kaiserl. Gesandter a. D Zu beziehen durch: August Cax in Hildesheim. Stand und Aufgabe der deutschen Industrie in Ostasien. C ^ Ein Weck- und Mahnruf an dieselbe. Mit einem Vorwort von M. von Brandt, Wirkl. Geh.-Rat, Kaiserl. Gesandter a. D. Dlbtto petfiti t>. b. b. z&äzü^tt i<joJ - JSfZ Zu beziehen durch August Lax in Hildeslieim.n U p ~acTVorwort. Der Verfasser des vorstehenden an die deutsche In dustrie gerichteten Weck- und Mahnrufs ist ein Deutscher, der seit vierzig Jahren in China angesessen und tätig ist, Land und Leute, die letzteren aus allen Klassen der Be völkerung gründlich kennt, und in den Beziehungen des Auslandes zu dem großen Reich der Mitte, namentlich auch soweit Handel und Verkehr in Frage kommen, durch aus bewandert ist. Seine Ausführungen würden daher schon aus diesen Gründen Aufmerksamkeit verdienen, aber ihm stehen außerdem die statistischen Zahlen zur Seite, grobe Gesellen, mit denen nicht gut streiten ist. Und diese beweisen, daß, wenn der Wert des deutschen Handels mit China in dem letzten Jahrzehnt absolut zugenommen hat, er dies relativ nicht allein nicht getan, sondern sogar zurückgegangen ist. Das heißt 5 °/o von dem Gesamt wert des Handels Chinas mit dem Auslande stellen 1904 einen erheblich größeren Betrag dar, als 6% dies 1895 taten, weil dieser Gesamtwert selbst sich in den 10 Jahren fast um das Doppelte vermehrt hat, aber sie bedeuten einen Rückgang gegenüber sowohl der allgemeinen Steigerung des Wertes des Handels wie ganz besonders den Fort schritten, welche andere Völker in derselben Zeit zu ver zeichnen gehabt haben. Das ist keine angenehme Wahrheit, aber eine nützliche, denn, wenn es richtig ist, daß Selbsterkenntnis der Anfang jeder Tugend ist, so ist sie ganz gewiß noch mehr der jeden Erfolges.Der Grund, warum die deutsche Industrie sich wenig stens in ihren Erfolgen in China als so rückständig er weist, ist einerseits überhaupt ein Mangel an allgemeinem Anpassungsvermögen an die bestehenden Verhältnisse ihrerseits wie seitens der deutschen Bankinstitute, anderer seits die Vernachlässigung der Baumwollenindustrie, für die China das größte Absatzgebiet der Erde ist. Was den ersteren Punkt anbetrifft, so gehen die Klagen über ihn seit der Eulenburgischen Mission nach Ost-Asien 1860 wie ein roter Faden durch alle amtlichen Schriftstücke; sie haben eine Bestätigung, wenn es der selben noch bedurft hätte, durch die Berichte der 1897 nach Ost-Asien entsandten Kommission gewerblicher Sach verständiger erhalten, und sie finden sich wieder in der nachstehenden Denkschrift. In einem Zeitraum von fünf undvierzig Jahren ist also nicht die Abhilfe erfolgt, die von den mit der Frage Vertrauten allgemein als wünschens wert, mehr als das, als notwendig bezeichnet worden ist. In betreff der Vernachlässigung der günstigen Kon junktur in China für die Baumwollenfabrikate haben wir ein trauriges Beispiel, wie solche Vernachlässigungen sich rächen, an dem langjährigen Rückgang der deutschen Küsten-Schiffahrt in China gehabt, die auch heute noch nicht die Bedeutung erlangt hat, die sie vor dem Ersatz der Segelschiffe durch Dampfschiffe besaß. Die deutschen Rhedereien konnten sich nicht entschließen, dem Beispiel der Engländer zu folgen und rechtzeitig an diese Um wandlung zu gehen, so hat es langer Zeit und großer An strengungen bedurft, um das verloren gegangene Gebiet wenigstens teilweise zurück zu gewinnen. Die nächsten Jahre werden darüber zu entscheiden haben, ob der Handel mit Baumwallfabrikaten in China der deutschen Industrie endgültig verloren gehen soll oder nicht. Daß dies nicht geschehe, dazu soll die nachstehende Arbeit beitragen. Dem Kaufmann ist das was sie bringt längst bekannt, auch in industriellen Kreisen werdenwenigstens die latsachen vielen nicht unbekannt sein, aber neben diesen besonders interessierten Kreisen besteht ein anderer weiterer, größerer, das deutsche Volk, dem es nicht gleichgültig sein kann und darf, ob Deutschlands Industrie zur quantite negligeable auf dem chinesischen Markte werde. Nicht um das Geld, das in überseeischen Geschäften angelegt ist, handelt es sich, sondern um den Absatz deutscher Fabrikate auf den überseeischen Märkten Von ihm lebt der deutsche Fabrikant wie der deutsche Arbeiter, durch ihn gewinnt und erstarkt der Wohlstand des ganzen Volkes; darum sei der Weck- und Mahnruf unseres Landsmannes allen denen warm empfohlen, die sich für diese Fragen ein offenes Auge und offenes Herz be wahrt haben. Weimar, 1905. M. v. Brandt Kais. Gesandter (in China) a. D.Die welterschütternden Ereignisse im fernen Osten, die jetzt ihren Abschluß in Portsmouth gefunden haben, werden auch in wirtschaftlicher Beziehung Umwälzungen zur Folge haben, die seitens unserer Industrie und Kaufmannschaft nicht zeitig genug eingeschätzt werden können. In China bereiten sich große Dinge vor. Während die eigenen Kriege von 1840, 1860, 1883 und 1894 an diesem eigen artigen alten Kulturkoloß vorübergegangen waren, ohne ihn aus seinem lethargischen Selbstgenügen aufzurütteln - trotzdem sie Hunderttausenden das Leben gekostet, Millionen an Eigentum zerstört, Milliarden an Kriegskosten verschlungen und das Land mit Schulden belastet haben — hat die Kunde des russisch-japanischen Krieges das ganze Land ergriffen und erweckt. Die eigenen Kriege hatten nur einen bleibenden Eindruck hinterlassen, den der Furcht und des Argwohns gegen die im Waffenhandwerk über legenen, gewalttätigen und ländergierigen Weißen — das aber auch nur hauptsächlich in den Küsten-Provinzen, die direkt durch die Kriege zu leiden hatten; die große Mehr zahl der Bevölkerung im weiten Hinterlande, wo Zeitungen, Telegraphen und Eisenbahnen nicht hinreichten, hatten nur sagenhaft davon gehört. Anders mit dem jetzigen Kriege. Das im letzten Jahrzehnt zum größten Teil mit japanischem und englischem Gelde entwickelte Zeitungswesen und die Tausende von sprachkundigen Emissären, reisenden Händlern, Photographen, Lehrern, Instrukteuren, buddhistischen Mis sionaren und Fachleuten aller Art, die Japan ins Land ge schickt hat, haben die Kunde der japanischen Siege in ganz China verbreitet. Rußlands Absicht, China zu er obern, Chinas Unfähigkeit, sich des gewaltigen Feindes zu erwehren, Japans Eingreifen zu Gunsten Chinas, seine8 großartigen Erfolge zu Wasser und zu Lande, die Eroberung von Port Arthur, die Schlacht bei Mukden und die Ver nichtung der russischen Flotte, das alles ist heute weit und breit im Lande bekannt. Der Koloß ist erwacht, das Volk lauscht auf den Zehenspitzen den Siegesberichten und horcht der wundersamen Mär vom kleinen Japan, das den übermächtigen Feinden ihre Kriegskunst, ihr Wissen und ihr Können abgelauscht hat, ihre Telegraphen, Eisenbahnen und Maschinen eingeführt, ihre Waffen und Schiffe gekauft und sie jetzt mit den eigenen Waffen geschlagen hat. Die Eikenntnis, daß Japan allein durch Aneignung des fremden Wissens groß geworden und so ungeheure Erfolge erzielt hat, daß es jetzt den fremden Mächten im kriegerischen wie im friedlichen Können gewachsen ist und diese, die es _ Wle auch China bislang gefürchtet hatte, heute um seine Freundschaft werben, ist dem chinesischen Volk ebenso urplötzlich und überraschend gekommen, wie die dauernden großen Erfolge der Japaner Europa und Amerika überrascht haben. Es freut sich dieser Siege im Gefühl der Befreiung von langjähriger fremder Bevormundung; nur wenige sehen darüber hinaus und denken mit Sorge an die Zukunft und die Gefahren, die China drohen von dem früher mißachteten, ja verhaßten und jetzt so plötz lich groß und stark gewordenen kleinen Nachbar. Alle aber empfinden, daß China sich nicht länger der Über legenheit des fremden Wissens und Könnens entziehen kann und darf. Die Nutzanwendung ist zu überraschend und überwältigend gekommen; im ganzen Lande gährt es, das Volk sagt sich: was Japan kann, können wir auch, f Überall tritt der Drang nach fremdem Wissen zu Tage, nach Lehrern und Instrukteuren, die Japan zu stellen bereit ist. In Gegenden, wo früher sich kein Fremder hinwagte, werden heute von der Bevölkerung und den Beamten Lehrer und Belehrung gesucht, Eisenbahnen, Berg werke und Fabriken geplant und gebaut. Fremde Missionare, Kaufleute und Zeitungen berichten übereinstimmend aus9 allen Teilen des weiten Landes über dieses Erwachen und stellen Betrachtungen an über die Umwälzungen, die be vorstehen. Japan wird unzweifelhaft die vou ihm zielbewußt ins Leben gerufene Bewegung auch im Gange zu halten und politisch wie wirtschaftlich zu verwerten suchen. Aufgabe der andern Vertragsmächte wird es sein, darüber zu wachen, daß ihre Rechte dadurch nicht geschmälert werden, und ihrem Handel wie ihrer Industrie alle Türen geöffnet bleiben. Hand in Hand mit der oben geschilderten Bewegung ist ein stetiger Aufschwung des chinesischen Handels zu verzeichnen. Trotz des Krieges und der dadurch un sicheren Verhältnisse ist die Einfuhr im vorigen Jahre um 20 Millionen Taels gestiegen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß nach Beendigung des Krieges ein großer Auf schwung im Handel und die lange erhoffte wirtschaftliche Entwicklung einsetzen werden, und da ist es an der Zeit, Umschau zu halten und nachzuforschen, wie es mit unserem Handel steht, ob unsere Kaufmannschaft und unsere In dustrie bereit und imstande sind, ehe Japan sich von seinen Wunden erholt hat und sein Können auch auf wirtschaft lichem Gebiet betätigen kann, diese günstige Konjunktur auszunutzen. Die folgenden Zeilen sind ein Versuch, darüber Klar heit zu schaffen und Mittel und Wege zu erörtern für die Hebung unseres Handels und des Absatzes unserer Industrie erzeugnisse auf diesem großen Weltmarkt. Im Jahre 1895 betrug Deutschlands Ausfuhr nach China inklusive Hongkong (vide Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reichs) 35,4 Mill. Mk. = circa 6,2 % von Chinas Gesamteinfuhr (H. K. Tis. 172 Mill. ä 3,33 Mk. =) 573 Mill. Mk. (vide Chin. Zollstatistik). Im Jahre 1904 betrug sie (52,9 -f Hongkong 7,2 + Kiautschou 7,6 =) 67,7 Mill. Mk. Da aber ein großer Teil der Hongkongeinfuhr am Platz verbraucht oder anderweitig nach den Philippinen, Formosa u. s. w. ausgeführt wird und von der Kiautschou-Einfuhr10 über 9 /io am Platz verbleibt, so ist die deutsche Einfuhr nach China mit 60 Millionen = 5,7 % von Chinas Gesamt einfuhr (H. K. Tis. 357,4 Mill. ä 2,92) = 1044 Mill. Mk. hoch eingeschätzt. In diesem Jahrzehnt, in dem sich Chinas Einfuhr verdoppelt hat, haben uns andere Nationen über holt, wie die folgende Zusammenstellung zeigt: 1895 1904 Chinas Gesamteinfuhr: H. K. Tis. 172 Mill. H.K. Tis. 357 Mill. Deutschlands Anteil: (35,4Mill.Mk. 43,33=) (60MiU.Mk. 42,92=) „ 10,6 Mill. = 6,2 % H. K. Tis. 20,5 Mill. 5,7 °/ 0 Amerikas Anteil (Ver. St.): » 5 Mill. = 2,9% H.K. Tis. 29 Mill. = 8,1% Japans Anteil (ohne Formosa): „ 8,2 Mill. = 4,8 % H. K. Tis. 44Mill. = 12,3% Demnach hat sich die Einfuhr der Vereinigten Staaten beinahe versechsfacht und das Verhältnis zur Gesamtein fuhr ist um 5,2 % gestiegen; Japans Einfuhr hat sich mehr als verfünffacht und ist um 7,5 % gestiegen, während Deutschlands Anteil mit der Entwicklung nicht Schritt ge halten hat und um l jz % zurückgeblieben ist, und das obgleich die Versorgung unserer Streitkräfte in Tientsin und Peking und des Kreuzergeschwaders nicht unerheblich zur Vergrößerung der deutschen Ausfuhr nach China bei getragen hat. M enden wir uns nun zu der Warenstatistik, um den Umfang und Deutschlands Anteil an den nach China ein geführten Hauptwarengattungen festzustellen, so ergibt sich das folgende Bild, zu dem zu bemerken ist, daß die deutsche und die chinesische Statistik sich nicht ganz decken. Die von Deutschland gegen Ende des Jahres ver schilften und noch auf dem Wege befindlichen, sowie andere noch unter Zollverschluß in China lagernde Waren sind in der chinesischen Zollstatistik nicht einbegriffen. Da aber die Waren vom Jahre vorher einbegriffen sind, wird11 das Gesamtbild dadurch nur in einigen Artikeln beein trächtigt. Hauptwaren- Chinas Gesamteinfuhr Deutschlands Anteil gattungen (nach d. chin. Zoll- (nach d. Statist. Statistik) Jahrbuch) Baumwollfabrikate 365 Mül. Mk. 1,7 Mill. Mk. Petroleum 83 „ „ __ Metalle, roh und in Barren, Stangen etc., sowie Metallwaren aller Art 64 ,5 „ 5,8 „ „ Zucker 54 „ „ l, 6 „ Kohlen und Koks Woll- und Halbwoll- 21 „ „ fabrikate 15,2 „ „ 4,4 „ Eisenbahn-Materialien 9 Streichhölzer 14 , „ Farbstoffe, Anilin, Indigo etc. 9,3 „ „ 7,5 „ ., f Papier- u. Schreibmater. 9 „ „ U Cigaretten 8,5 „ „ Maschinen u. Maschi- nenteile 8 » » 1 .. .. Seide und halbseidene Fabrikate etc. I ,, „ Bier, Weine etc. 6 „ „ 1,3 Konserven etc. 4,3 „ Posamentierwaren 8 >, „ 4 *) ^ 55 II ) Seife 2,5 „ „ Nähnadeln Tel.- u. elektr. Mate- 4,8 „ „ 4 rialien 1,7 „ „ _ Waffen und Patronen » 55 8,7 „ „ *) 12,9 „ „ Varia 349,7 „ „ Insgesamt 1045 Mill. Mk. 52,9 Mill. Mk. *) Zum Teil noch auf See oder zollfrei lagernd.12 Aus diesen Zahlen geht hervor, daß, abgesehen von einigen kleinen Artikeln, in denen Deutschland den Markt beherrscht (Posamentierwaren, Nähnadeln, Farbstoffe) oder mit einem grösseren Prozentsatz beteiligt ist (Wollwaren, Metallwaren, Waffen), seine Einfuhr nach China gering fügig ist, und sein Anteil am Haupteinfuhrartikel (Baum- wollfabrikaten) nur y 2 % beträgt. Deutschlands Anteil an der Gesamteinfuhr (5,7 %) steht in keinem Verhältnis zu der Zahl seiner Kaufleute und der Zahl und dem 1 onnengehalt seiner Schiffe, noch entspricht er der Leistungsfähigkeit seiner hochentwickelten Industrie und den Anstrengungen, die im letzten Jahrzehnt seitens des Reiches und der industriellen Kreise gemacht worden sind für die Hebung unseres China-Handels durch Verdoppelung dei ostasiatischen Postdampferlinien, Einrichtung der Schanghai-Tientsin Postdampferlinie, Entsendung von fach männischen Kommissionen und last not least durch die Gründung von Tsingtau. Die Ursachen für den geringen Erfolg sind aber nicht, wie vielfach augenommen wird, in der Überlegenheit der fremden Kaufleute oder Schiffe zu suchen. Die deutschen China-Kaufleute sind im Gegenteil zumeist intelligenter, fleißiger und rühriger als ihre Kon kurrenten die Japaner ausgenommen — und die deutschen Post- und Frachtdampfer stehen in jeder Be ziehung denen anderer Nationen voran. Aber unsere Kauf leute handeln in Ermangelung deutscher Waren mit fremden Waren, und unsere Dampfer befördern aus demselben Grunde mehr fremde als deutsche Waren. Die Ursachen der Geringfügigkeit der deutschen Ausfuhr nach China sind in der Hauptsache bei unserer Industrie und den Waren selbst zu suchen. Vor allem ist es unsere Baum wollindustrie, die im Rückstände ist. Es ist ihr bislang nicht gelungen, sich Eingang zu verschaffen, weil sie den Bedürfnissen und dem Geschmack der Chinesen, die seit einem halben Jahrhundert an englische Fabrikate gewöhnt sind, zu wenig Rechnung getragen hat. Sie fertigt oder13 liefert die dort gewünschten Waren überhaupt nicht oder nicht genau nach Muster und so kommt es, daß die deutschen China-Firmen zumeist fremde Baumwollfabrikate vertreiben: eine Anfrage hat ergeben, daß die von ihnen verkauften Baumwollfabrikate zu 9 /io nicht deutschen Ur sprungs sind. China ist aber das größte Absatzgebiet der Welt für Baumwollwaren. Die große Mehrzahl der 400 Millionen Chinesen trägt im Sommer einfache, im Winter wattierte Baumwollkleider und die Einfuhr, die heute nur 90 Pfennig pro Kopf beträgt, ist noch großer Ausdehnung fähig. Seit Eröffnung der chinesischen Handelshäfen (1840) hat Eng land diesen Markt beherrscht und das Volk an englische / Baumwollfabrikate gewöhnt. Bis Anfang der achtziger Jahre hatte England in China, wie auf dem Weltmärkte überhaupt keine nennenswerte Konkurrenz. Seitdem haben andere Länder ihre Baumwollindustrie über den eigenen Bedarf hinaus entwickelt und sind in den Weltwettbewerb eingetreten. England, zeitig die Gefahr erkennend, hat große Anstrengungen gemacht, sich seinen Besitz zu sichern. Ein Seeschiff-Kanal ist Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit großen Kosten von Manchester, dem Hauptsitz der Baumwollindustrie, nach Liverpool, dem Seehafen, gebaut worden, sodaß heute die Waren in Manchester an Schiffbord verladen werden, und ist kürzlich ein neues Dock von 28 Fuß Tiefe und 6 Hektar Wasserareal dazu gebaut worden, sodaß Manchester jetzt selbst Seehafen ist. Es hat ferner seinen Betrieb verbessert und verbilligt und liefert heute bessere und billigere Waren wie früher, aber trotzdem ist es ihm nicht gelungen, die Konkurrenz fernzuhalten. Die Vereinigten Staaten und Japan haben die großen Möglichkeiten des chinesischen Marktes, seine Ausdehnungsfähigkeit und Wichtigkeit für die Zukunft, wie die W eltwichtigkeit der Baumwollindustrie überhaupt, zeitig erkannt und durch Anpassung an den chinesischen Geschmack und Nachahmung der englischen14 Fabrikate sich allmählich Eingang verschafft und ein gut leil des chinesischen, wie auch des hinterindischen Marktes erobert. Was den chinesischen Markt anbetrifft, so liefert die folgende Aufstellung der japanischen und amerikanischen Einfuhr von Baumwollfabrikaten für die Jahre 1894 und 1903 den Beweis, daß der Handelsaufschwung dieser beiden Ländei in China hauptsächlich auf das Anwachsen der Einfuhr von Baumwollfabrikaten zurückzuführen ist. Das Jahr 1904 ist dabei außer Betracht gelassen, da der Krieg eine wenn auch nicht beträchtliche Verschiebung zur Folge gehabt hat. Die Aufstellung ist auch nicht vollständig; sie gibt nur die in der chinesischen Statistik benannten Waren, und ist die Einfuhr in Wirklichkeit größer; aber die Zahlen genügen für den Zweck. 1894 Baumwollengarn Baumwollenzeug Japan: 0,383 Mill. 1,997 „ 1903 Baumwollengarn Baumwollenzeug Tis. 2,380 Mill. 20,760 Mill. 2,532 „ Tis. 23,292 Mill. Vereinigte Staaten von Amerika: 1894 Baumwollenzeuge Tis. 5,425 Mill. 1903 Shirtings 0,707 Mill. Sheetings 9,681 „ Drills 5,331 „ Jeans 0,505 „ Tis. 16,224 Mill. Während Japans Gesamtausfnhr nach China in den 10 Jahren auf mehr als das fünffache gestiegen ist, hat mithin seine Ausfuhr von Baumwollfabrikaten nach China sich verzehnfacht. Die Ausfuhr amerikanischer Baumwoll- fabrikate nach China hat sich in dieser Zeit verdreifacht. Bemerkenswert dabei ist, daß Japans Aufschwung ledig lich in Garnen und der der Vereinigten Staaten nur in15 Zeugen ist. Ferner ist zu bemerken, daß, während Chinas Gesamteinfuhr sich seit 1894 verdoppelt hat, die Einfuhr von Baumwollfabrikaten von H. K. Tis. 53 Mill. in 1894 auf Tis. 129 Mill. in 1903, mithin über 140 °/° gestiegen ist, und daß Baumwollfabrikate durchschnittlich ca. 40 °/o von Chinas Gesamteinfuhr betragen. Von dieser in 1903 mit ca. 380 Mill. Mk. bewerteten Einfuhr war Englands Anteil (vergl. Board of Trade Statistics) ca. 160 Mill. Mk. (Zeuge), Indiens (hauptsächlich Bombay-Garne) 120 Mill. Mk., Japans (hauptsächlich Garne) 50 Mill. Mk., Amerikas Verein. St. (Zeuge) ca. 40 Mill. Mk. und Deutschlands Anteil unter zwei Mill. Mk! Von unseren Konkurrenten sind England und Amerika, abgesehen von dem Vorsprunge, den sie aut dem chinesischen Markte haben, nicht besser gestellt als wir. England muß sein Rohmaterial auch von Amerika und Ägypten beziehen, und was die Fracht nach China anbelangt, muß es möglich sein, die Kosten von den deutschen Industriegebieten ebenso niedrig zu halten wie von Manchester nach Schanghai. Amerika hat das Rohmaterial selbst, aber der Arbeitslohn ist höher und die Hinschaffung der Waren nach China auf dem langen Eisen bahn- und Seewege teurer als von Deutschland. Nur Japan arbeitet unter günstigeren Bedingungen. Es hat billigere Arbeitslöhne und billigeren Transport — der Weg ist kürzer, und die Dampfer sind höher subventioniert wie die unserigen und andere. Die früher niedrigen Arbeits löhne sind aber schon bedenklich g’estiegen und werden nach dem Kriege noch mehr steigen. Zudem fertigt es nur billigste \V are, Garne und leichteste Shirtings und ist in besseren Fabrikaten nicht leistungsfähig. Die besseren Zeuge im V erte von ca. 185 Mill. Mk. liefern England und Amerika. Wollen wir Teil haben an diesem Handel, so ist es hohe Zeit, in die Konkurrenz einzutreten, ehe Japan und Amerika zu festen Fuß gefaßt haben. Was Japan und Amerika gekonnt haben, sollten wir auch können. Unsere Industrie ist durchaus leistungsfähig. Im Jahre 190316 führte Deutschland für über 107 Mül. Mk. Baumwollen zeuge aus, hauptsächlich gefärbte und bedruckte (für 95 Milk Mk.) nach allen Weltteilen, darunter aber nur für 888 000 Mk. nach China, welches für ca. 55 Mill. Mk. bunter Baumwollzeuge aus anderen Ländern bezog! In Strumpfwaren ist unsere Industrie allen voraus. Die Aus fuhr im Jahre 1903 betrug 88 Milk Mk., aber in China sind sie noch nicht eingeführt, abgesehen von kleinen Ver suchen in Hongkong. Die Chinesen nähen allerdings ihre Strümpfe selbst aus Baumwollenzeug, aber es sollte nicht schwer halten, einen billigen derben Strumpf auch für Nordchinas Millionen herzustellen und einzuführen. Auch Japan ist unter den Ausfuhrländern für unsere Strumpf waren nicht vertreten. Während des Krieges sind hacken lose Strümpfe in England bestellt worden, und dürfte das der Anfang einer Umwälzung in der japanischen Fuß bekleidung sein. Was not tut seitens unserer Industrie ist Kenntnis und Herstellung der für China geeigneten Waren. Die Kenntnis des chinesischen Geschmacks sollte zwar da sein, denn die im Jahre 1897 nach China ge sandte Kommission von Sachverständigen hat eine Muster sammlung aller in China gangbaren Baumwollfabrikate in Berlin ausgestellt und darüber berichtet, aber eine Nutz anwendung seitens der Industrie hat sich nach Ausweis der Statistik bislang in der Ausfuhr nach China nicht be merkbar gemacht. Eine Mustersammlung der im Jahre 1903 über Tsingtau ins Hinterland eingeführten Baum- woll- und Halbwollwaren zeigt unter 80 Mustern ein ein ziges deutsches Fabrikat! Auch finden deutsche Baum wollzeuge nicht, wie vielfach angenommen wird, ihren Weg über England nach China. Dem Statistischen Jahrbuch zufolge führte Deutschland im Jahre 1904 aus nach Eng land rohe, gebleichte und gefärbte Zeuge für 15 Milk Mk. und führte ein von England für 10 Milk Mk. und darf angenommen werden, daß dieses geringe Quantum für den beiderseitigen Lokalverbrauch ist. Der geringe Umfang17 beweist, daß eine Ausfuhr deutscher Baumwollzeug'e über England nicht stattfindet. Lehrreich für unsere Industrie ist der Vergleich zwischen den japanischen und den englischen und ameri kanischen Fabrikaten. Die japanischen sind von gleicher Größe, aber leichter an Gewicht und billiger, während die englischen und amerikanischen sich gleich sind im Gewicht, Preis und Qualität. Auf diese Weise — durch Lieferung von in Größe und Aussehen gleicher, aber leichterer und billigerer Ware — haben sich die Japaner Eingang verschafft. Die Amerikaner haben es anders ge macht. Sie haben sich nur wenige der gangbarsten Zeuge, grey Shirtings, grey Sheetings, Drills und Jeans ausge wählt, sich durch Lieferung bester Qualität zu zuerst billigeren Preisen Eingang verschafft und haben jetzt einen festen und jährlich steigenden Absatz von nahezu 5 Millionen Stück. Daß der letztere Weg der richtigere ist, beweist der Erfolg: Die japanische Einfuhr der ge nannten Zeuge hat sich in dem Jahrzehnt von 272 000 in 1894 auf 1058 000 Stück in 1903 — also um rund 786 000 vermehrt, während die amerikanische Einfuhr von 1297000 auf 4800 000 — um rund 3 500 000 Stück gestiegen ist. Die in China gangbarsten Zeuge sind folgende: 1903 1904 Stück Stück Wert ca. Grey Shirtings 4142 000 3 785 000 30 Mill. M White „ 2 382 000 2 768 000 31,5 „ Grey Sheetings 3510000 2 820 000 27 „ Drills 1819 000 1674000 18 „ Cotton Italians 461000 1 297 000 21 „ „ Lastings / plain and figured 1209 000 1 395 000 18,5 „ Flannel 443 000 772 000 7,9 „ T. Cloths 1 341000 1053 000 5,5 „ Jeans 337 000 529 000 4,6 „18 1903 1904 Turkey Red and Stück Stück Wert ca. dyed T. Cloths 678 000 526000 3,7 Mill. Mk. Chintzes etc. 1048000 u. s. 377 000 W. 2,6 . „ Die Eroberung des chinesischen Marktes für unsere Baumwollindustrie ist wahrlich des Kampfes und einer Kraftanstrengung wert. Daß noch Raum da ist für unsere Industrie, beweisen auch die neuesten Marktberichte (vide Handelsbeilage des Ost-Asiatischen Lloyds No. 8 und 9 von 1905). Der Bedarf für Baumwollzeuge ist so groß, daß die englischen und amerikanischen Fa briken keine Aufträge für dieses Jahr und vor Ende des Jahres keine für nächstes Jahr an nehmen wollen, obgleich die Preise sehr hoch sind! In No. 9 vom 23. Februar sagt der Bericht: „Eine weitere Woche intensivster Tätigkeit liegt hinter uns. Die Ankäufe von Manchester und New-York decken Verschiffungen für alle Perioden dieses Jahres und darüber hinaus in das erste Quartal von 1906 Zur Über raschung aller Kreise kommt dazu die telegraphische Nach- liclit von den Vereinigten Staaten, daß Deputationen der Baumwoll-Pflanzer und Baumwoll-Industriellen den Präsi denten der Vereinigten Staaten ersucht haben, ihren Ab satz nach Ost-Asien zu fördern! Was wollen sie noch mehr? Ihre Fabriken arbeiten im vollsten Umfange, sie haben Aufträge für Monate im voraus. Das einzige, was noch verbessert werden kann im Interesse der ameri kanischen Baumwoll-Industrie, ist der Transport ihrer Waren, und dazu kann die vorgeschlagene Entsendung von Sachverständigen und Delegationen nichts tun Die einzige Möglichkeit, die Ausfuhr zu vergrößern, ist Herab setzung der Preise, und das ist gerade was sie nicht wollen. .... Auch die Fabrikanten von „Standard“- Zeugen sind sehr selbständig, sie verweigern die Annahme19 aller Aufträge für Zeuge vor Ende des Jahres und dann nur zu exorbitanten Preisen! . . . Der Aufschwung im vergangenen Halbjahre (Januar- Juni 1905) ist dementsprechend ein enormer gewesen. Die Ausfuhr englischer Baumwollzeuge nach China (Yergl. Board of Trade Returns) beziffert sich für das Halbjahr auf £ 5 480 955 Strlg., eine Zunahme von ca. 40 °/o, die Aus fuhr der Vereinigten Staaten für das Jahr Juli 1904 bis Juni 1905 wird auf 25 Mill. Golddollars (100 Mill. Mk.) geschätzt (Journal of the American Asiatic Association, May 1905), was einer Zunahme von 100 % gleichkommt. Dieser außerordentliche Aufschwung in der Einfuhr amerikanischer Baumwollzeuge wird auch im Ost-Asia tischen Lloyd (Nr. 29, Schanghai 21. Juli 1905) bestätigt: „Der Ausfuhrhandel der Vereinigten Staaten von Amerika mit ( hina ist im laufenden Fiskaljahr zu einer außer gewöhnlichen Höhe gestiegen. In den acht Monaten vom Juli 1904 bis zum Februar 1905 wurden nach China für 28,3 Millionen Dollars Waren ausgeführt. Die reichliche Hälfte dieses Betrages entfiel auf das ausgeführte Baum- wollzeug, von dem über 276 1 I U Millionen Yards im Werte von 15446000 Dollar ausgeführt wurden. Die Menge der noch vorliegenden Bestellungen von Baumwollstoffen für China zur Lieferung vor dem 1. Juli lassen es unzweifel haft erscheinen, daß der Überschuß gegenüber dem Vor- jahre tili das ganze hiskaljahr noch bedeutend günstiger ausfallen wird, als für die ersten acht Monate. Die großen Bestellungen aus China aber lassen ein Vertrauen auf die Zukunft in diesem Lande erkennen, das dazu berechtigt, nach Beendigung des Feldzuges auf eine energische He bung des Handels mit ganz Ostasien zu rechnen.“ Interessant insofern es auch die Ausdehnung der Baumwollindustrie anderer Länder, insbesondere von China selbst, in Betracht zieht und Angaben macht, die zeigen, daß andere Länder auch bereits Anstrengungen machen, den überall stetig steigenden Bedarf an Baumwollzeugen20 auszunützen, ist das folgende Urteil eiues englischen. Fach mannes (Cotton in the Far East: London & China Telegraph vom 10. Juli) über die Zukunft der englischen Baumwoll- mdustrie und des Absatzes nach Ostasien: „Unsere Aus fuhr an Textilmaschinerie im Jahre 1902 betrug £ 4510645 im Wert. Im vergangenen Jahre stieg diese Ausfuhr auf £ 5004572 . Japan kaufte von uns im vergangenen Jahre für £ 135539 — doppelt so viel als in 1902 . Indien kaufte für über eine Million £ an Spinn- und Webe- maschinen gegen £ 770,000 im Jahre 1902 . Diese Länder entwickeln ihre Fabriken und versuchen ihren Bedarf an Baumwollfabrikaten selbst zu decken, aber trotzdem steigt der Bedarf an Garnen und Zeugen aus anderen Industrie ländern, und England erfreut sich seines vollen Anteils an dieser Zunahme. Indien hat jetzt ca. 5 000000 Spindeln, oder beinahe so viel wie Frankreich; Japan hat beinahe 2000000 Spindeln oder eben so viel wie die Schweiz und China hat ca. 3 jt, Millionen. Dennoch steigt unsere Aus fuhr nach Indien und China andauernd, und Japan ist das einzige Land, daß imstande scheint, allmählich unsere Fabrikate auf dem heimatlichen Markte zu verdrängen. Die Baum wollen-Industrie in China ist noch" in der Kindheit, die Erwartungen großer finan zieller Erfolge und großen Absatzes haben sich nicht erfüllt, und es hat sich herausgestellt, daß das Rohmaterial in China sehr viel mehr kostet, als man berechnet hatte, und daß der Arbeits lohn um mindestens 8% teurer ist als in Indien. Das einheimische handgewebte Zeug ist vorzüglich und die Hoffnung der chinesischen Baumwollindustrie basierte hauptsächlich auf der Lieferung von Garnen für diese Handwebereien. Aber China fährt fort, mehr und mehr Garn einzuführen. Im Jahre 1898 führte China vom Aus lande 250000000 Pfund ein, davon 186 000 000 aus Indien; im Jahre 1903 betrug die Garneinfuhr 365000000 Pfund, davon kamen aus Indien 250 000 000 und der Rest zumeist aus Japan.21 Japan kann im Laufe der Zeit allerdings ein Kon kurrent für fremde Fabrikanten werden, obgleich die Urteile derer, die Gelegenheit zum Studium der japanischen In dustrie an Ort und Stelle gehabt haben, widersprechend sind. Die Arbeit in beiden, chinesischen wie japanischen habiiken, ist sehr mittelmäßig und nur für minderwertige habiikate genügend, und da die Herstellung dieser groben Garne schon lange nicht mehr in den Händen von Lan- cashire ist (welches sich mehr und mehr der Herstellung der feinsten und rentabelsten Klassen der Fabrikate zu gewendet hat), ist der Erfolg der ostasiatischen Industrie für uns von keiner Bedeutung.“ Diese Ausführungen betreffs Japan und China decken sich mit dem bereits vorher angeführten Urteil der Fach leute in China und der Statistik: Japan, Indien und China stellen in der Hauptsache nur billigste Garne her, deren Absatz jährlich zunimmt; daneben aber wächst der Bedarf an besseren Zeugen, die England und Amerika liefern, von Jahr zu Jahr in ebenso großem, letzthin sogar in größerem Umfange, und ist eine Abnahme dieses Bedarfs bei der stetig wachsenden Bevölkerung und dem sichtlich zunehmenden Wohlstände auf lange Zeit hinaus nicht an zunehmen. Was die chinesische Baum Wollindustrie an belangt, ist noch zu bemerken, daß im letzten Jahrzehnt sich eine Wandlung in der Hausindustrie vollzogen hat, die immer größeren Umfang annehmen wird. Früher wurde die im Lande gebaute Baumwolle (ca. 2 V 2 Mill. Zentner) selbst versponnen und zu Zeugen verarbeitet. Heute wird ca. die Hälfte davon in japanischen und chinesischen Dampf spinnereien versponnen und dem chinesischen Markt in der Form von Garnen wieder zugeführt. Das Maschinengarn ist billiger und gleichmäßiger als das Handgarn und wird mit der Zeit das letztere ganz verdrängen. So z. B. war bis vor 10 Jahren Rohbaumwolle ein Haupteinfuhrartikel in Schantung, wo die meisten Familien im Herbst und Winter in Ermangelung anderer Arbeit beschäftigt waren,22 Baumwolle zu zupfen und zu verspinnen. Heute wird Baumwolle dort nur noch hehufs Herstellung von Watte für Winterkleider und Bettdecken eingeführt; die Einfuhr ist um 75% zurückgegangen, und japanisches Garn ist an seine Stelle getreten. Wie bei uns Hausspinnerei und Hausweberei vor der Maschinen-Spinnerei und -Weberei hat weichen müssen, so wird auch in China Handspinnerei und -Weberei aufhören, und Maschinenfabrikate werden an Stelle der Handfabrikate treten, zuerst Garne, später Zeuge; und auch der Umschwung schneller kommen wie bei uns, weil die so lange künstlich zurückgedämmte Entwicklung jetzt mit um so größerer Macht einsetzen und der Bevölkerung lohnen deren Verdienst und schneller Wohlstand bringen wird. Für unsere Baumwoll-Industrie ist es die höchste Zeit, in die Kon kurrenz einzutreten, wenn ihr dieser Markt nicht ganz ver loren gehen soll. Die jetzt sich bietende günstige Gelegen heit dürfte sobald nicht wiederkehren und voraussichtlich die letzte sein. Nur durch Fertigung der in China, wie auch in Holländisch-Indien, den Straits Settlements, den Philippinen und Indien hauptsächlich verlangten ungebleichten und gebleichten „Standard“-Zeugen, wie Manchester und Amerika sie liefern, kann sich die deutsche Industrie den ihr gebührenden Anteil sichern. Gebleichte und ungebleichte Zeuge werden allerdings in Deutschland auch gefertigt, aber in der Hauptsache nur für den eigenen Bedarf, der zudem noch aus England und der Schweiz gedeckt wird. Die Einfuhr von ungebleichten Zeugen in 1904 (vergl. Stat. Jahrbuch: „Dichte Gewebe, rohe“) betrug 11,5 Mill. Mk. im Wert, davon lieferte England für 6,5 Mill. Mk. und die Schweiz für 4,5 Mill. Mk., während die Ausfuhr nur 2,9 Mill. Mk. betrug, wovon die Schweiz für 0,5 Mill. Mk. nahm, und der Best sich in kleineren Beträgen auf die andern Länder verteilt. Die Gründe für den Biick- stand in diesem, auf dem Weltmarkt wichtigsten Zweige der Baumwoll-Industrie dürfen zum Teil wohl auch in der Entfernung der Fabriken vom Seehafen zu suchen sein23 — die Mehrzahl (5) sind im Elsaß, nahe der Seeküste sind gar keine — wodurch die Hinschaffung des Boli- materials und die Herschaffung der fertigen Waren erheb lich verteuert wird, sowie auch in der Abhängigkeit von den englischen Spinnereien, die noch heute einen großen Teil der von den Webereien benötigten Garne liefern. Im Jahre 1904 betrug die Einfuhr von Baumwollgarn aus England 52 Mill. Mk. und aus der Schweiz 5,9 Mill. Mk. im Wert! Daß es möglich ist, mit Manchester und Amerika zu konkurrieren, dafür liefert Holland den Beweis. Meh rere an der Wasserkante (bei Amsterdam, Nijverdal etc.) liegende Spinnereien und Webereien liefern, hauptsächlich durch deutsche Kaufmannsfirmen, Shirtings, Sheetings, Drills nach China, wo sie raschen und wachsenden Ab satz finden. Aber nicht allein die Baumwollindustrie, auch unsere anderen hochentwickelten und leistungsfähigen Industrieen sind mit wenigen schon bezeichneten Ausnahmen im Bück- stande auf dem chinesischen Markte. Sie stehen im Eufe, gerade billige Waren, wie der chinesische Markt sie ver langt, liefern zu können. Gegenwärtig ist China haupt sächlich Absatzgebiet für billige Massenartikel. Das Volk ist verarmt durch die auswärtigen Kriege und die Ver wüstungen während der letzten 60 Jahre durch die Taiping und andere Bebellionen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des heutigen China sind ähnlich den unserigen nach dem dreißigjährigen Kriege, aber bei der enormen Fruchtbarkeit des Bodens, dem vorzüglichen Klima, dem Fleiß und der großen Vermehrung des Volkes auch bei größter Armut, der Entwicklung der jetzt überall im Bau begriffenen Eisenbahnen und Bergwerke, der bevorstehenden Besei tigung der Likin Zollschranken und der zu erhoffenden Münzreform wird China in einer Generation friedlicher Entwicklung das überwunden haben, wozu Deutschland zwei Jahrhunderte gebraucht hat. Mit allmählicher Bück- kehr des Wohlstandes werden Chinas 400 Millionen eine24 enorme Aufnahmefähigkeit für fremde Waren entwickeln. Wenn in den letzten 10 Jahren trotz der großen Entwer tung des Silbers, wodurch für China eine Verteuerung der fremden Bedarfsartikel um 50 °/o eingetreten ist, und trotz der enormen Wertschwankungen des Silbers, worunter der Handel seit 1892 schwer leidet, eine Verdoppelung des Einfuhrhandels eingetreten ist, darf, falls kein neuer Krieg kommt, mit weiterer Verdoppelung, ja Verdreifachung des Handels im nächsten Dezennium gerechnet werden. Auch Waren besserer Qualität und größerer Mannig faltigkeit, sowie Luxusartikel vielfach deutscher Herkunft finden schon jetzt in den reicheren Handelszentren Canton, Schanghai, Hankow und Tientsin reichen Absatz und werden mit der Zeit in größerem Umfange und allgemeiner Aufnahme finden. Insbesondere wird aber die Entwickelung der Eisenbahnen, Bergwerke, Hochöfen und ähnlicher in dustrieller Unternehmungen eine große Nachfrage nach Dampf- und elektrischen Maschinen aller Art zur Folge haben, und wird die Maschineneinfuhr ein lukratives Ge schäft werden können. Die chinesischen Handelsverträge sichern allen Nationen freie Konkurrenz und gleiche Be handlung, und wenn demnächst die englischen Zollunions projekte wie auch die amerikanischen sich verwirklichen sollten und unseren Waren die halbe Welt verschließen oder doch ihnen den Eingang erschweren, wird der chine sische Markt für unsere Industrie unentbehrlich werden. Für die Einführung der deutschen Waren auf den chinesischen Markt muß unsere Industrie der Kaufmann schaft die Hand bieten. Die deutschen Großfirmen in China handeln heute wie gesagt in Ermangelung deutscher Waren hauptsächlich mit englischen und amerikanischen Fabri katen. Ihr Geschäft ist ein internationales, und sie sind selten in der Lage, sich um die Herkunft der Ware kümmern zu können. Sie müssen gangbare Ware führen, um schnellen Absatz zu erzielen. Die Einführung neuer Waren, deren Verkauf nicht sicher ist, bringt zu Anfang25 häufig Verluste, denn langsamer Verkauf verteuert die Ware durch Lagermiete, Verzinsung und Entwertung. Bei der Einführung muß die Industrie mit helfen durch Mit tragung des Risikos, falls anfangs ohne Gewinn oder mit Verlust gearbeitet wird. Ferner muß je eine Fabrik für den Betrieb ihrer Fabrikate eine Großfirma wählen. Die Vertretung einer Gattung Waren an einem Ort durch mehrere Firmen verschlechtert in China erfahrungsgemäß das Geschäft. In No. 29 des Ost-Asiatischen Lloyds vom 21. Juli wird auf die Schwierigkeit der Einführung neuer Waren in ähnlicher Weise hingewiesen: „Wie nun soll der Fabrikant es anfangen, hier ins Geschäft zu kommen? Er soll sich an die alte, bewährte Weise halten, nämlich sich mit Mustern an die Vertretungen der hiesigen Firmen in Europa oder an diese direkt nach China wenden. Will er etwa mehr wagen, so biete er diesen Firmen die Hinaus- sendung von kleinen Konsignationen an, damit den Chinesen seine Waren ohne Zeitverlust vorgeführt werden können. Will er die Sache in großem Stile betreiben, so sende er einen Vertreter hinaus, der die Marktverhältnisse für den besonderen Artikel an Ort und Stelle untersuchen kann. Glaubt er, daß die Firma, an die er sich zuerst gewandt hat, seine Interessen nicht energisch genug vertritt, so mag er es mit einer andern versuchen. Es wäre jedoch verkehrt, gleich von Anfang an seine Erzeugnisse in viele Hände zu geben, besonders wenn es sich um Artikel handelt, deren Wert nicht ohne weiteres festzustellen ist. Die Folge wird sein, daß der ohnehin schon kleine Ver dienst noch geschmälert wird und sich niemand so recht für die Einführung interessiert. Manche Fabrikanten können hierin den Grund für den Rückgang ihres chine sischen Geschäfts suchen. Der Fabrikant muß sich aller dings von vornherein darüber klar sein, daß die Einführung von Waren in China nur durch langjährige und stetige Arbeit erreicht werden kann, und daß an die Verpackung26 und die Aufmachung mitunter die denkbar größten An sprüche gestellt werden. Ist sein Artikel aber erst ein geführt, und trägt er fortlaufend den ihm von seiner Ver tretung übermittelten ausführbaren Wünschen der chinesischen Käufer Rechnung, so wird er auch die Frucht seiner aufgewandten Mühe und Geduld ernten.“ Ein weiterer Mißstand, auf den auch die nach China entsandte fachmännische Kommission aufmerksam gemacht hat und der gehoben werden muß, wenn wir konkurrieren wollen, ist folgender: die englische Industrie, Kaufleute und Banken arbeiten zusammen. Die englische Ware wird c. i. f. (= charges, insurance, freight inklusive) gehandelt, d. h. die Industrie liefert zu telegraphisch vereinbarten Preisen nach China, die Bank trassiert auf die verschiffte Ware, und der Kaufmann liefert sie ab gegen Zahlung. Die deutsche Industrie liefert zumeist nach Hamburg oder Bremen auf Bestellung, und ist es Sache des Kaufmanns, die Ware zu finanzieren, zu befördern und in China zu verkaufen -— dadurch wird das Geschäft umständlicher, unsicherer, und werden die Waren teurer als die englischen. Dem kann abgeholfen werden durch Vereinigung der In dustrie, der Rhedereien, der Banken und der Kaufmann schaft. Diese Reform ist dringend nötig für die Aus dehnung unserer Einfuhr nach China, insbesondere aber für die Einführung der Massenartikel wie Baumwollfabrikate u. s. w. auf diesen Weltmarkt, die nur cif gehandelt werden. Alles dieses wird aber die Einfuhr deutscher Fabrikate nur langsam und allmählich heben können. Für eine schnellere Einführung unserer Fabrikate, insbesondere der tausend kleinen Artikel, in deren Herstellung unsere In dustrie groß ist, und die die Chinesen noch nicht kennen, und die Entwicklung unseres Handels überhaupt ist eine deutsche Industrieausstellung das einzige Mittel. Es würde das die erste Ausstellung in China sein und sicher Erfolg haben — aber nur, wenn wir den anderen Nationen27 zuvorkommen. Die Amerikaner haben seit Jahren eine Maschinenausstellung geplant, sind jedoch über Zeitungs anregungen nicht hinausgekommen. Auch Japan hat schon an eine Industrieausstellung gedacht, wird aber, ehe die Nachwehen des Krieges überwunden sind, das Projekt nicht zur Ausführung bringen können. Der Zeitpunkt gleich nach dem Kriege ist günstig. Der Handel Chinas ist in stark aufsteigender Bewegung begriffen, und das Interesse an fremden Erzeugnissen aller Art hat in der letzten Zeit bereits allgemein Aufmerksamkeit erregt. Die Ausstellung könnte in bescheidenen Grenzen gehalten werden, vielleicht in der Art eines großen Warenbazars mit einer auserwählten Maschinenabteilung und reichlich versehen mit allen möglichen Ausstattungsstücken und Anziehungs mitteln für das chinesische Publikum. In Anbetracht der großen Ausdehnung des Reiches, zur Erzielung einer grö ßeren und anhaltenderen Wirkung, sowie auch für die bessere Deckung der Kosten sollte sie den Charakter einer Wanderausstellung haben. Im Frühjahr und Herbst könnte sie in den deutschen Niederlassungen in Hankow und Tientsin und im Frühjahr darauf in Tsingtau ab gehalten werden. In Tsingtau sollte sie endgültig ver bleiben und für permanente Ausstellungs- und Museums zwecke dienen. Jährlich könnte dort ein Sommerbazar abgehalten werden für Neuheiten heimischer Industrie erzeugnisse, deren Vorführung und Verkauf die ansässigen Kaufleute übernehmen könnten. Ein vielleicht noch besserer Plan wäre, sie in den größten Handelsplätzen Chinas, im Herbst in Kanton und im Frühling in Schanghai abzu halten (die Sommermonate sind zu heiß) und sie von Schanghai nach Tsingtau zu senden. Alle diese Häfen sind durch mittelgroße Dampfer erreichbar, und in der Zeit zwischen den Ausstellungen könnten neue Warenvorräte und Ausstellungsobjekte von Deutschland beschafft werden. Das Konsulat und die Kaufmannschaft in Schanghai werden am besten entscheiden können, ob es lohnender in KantonK DRUCK VON AU3USTUXIN HILDESHEIM. 28 und Schanghai oder in Hankow und Tientsin ist, und die beste Auskunft geben können über den Umfang der Aus stellung, die geeignetsten Ausstellungsobjekte, die Beschaf fenheit der nötigen Baulichkeiten und den Platz dafür, sowie über die Verwaltung, die praktischste Art des Ver kaufs, vielleicht durch die deutschen Ortsfirmen oder durch Gruppenvertretung der Industrieen, über Frachtraten und andere in Frage kommende Verhältnisse. Nur Kraftaustrengungen dieser Art, praktisch und ökonomisch geleitet, unter vereinter Mitwirkung aller Fak toren — des Reichs-, der Finanz- und Industriekreise und dei Kaufmannschaft — können unserer Baumwollindustrie wie überhaupt unserer Industrie, den ihr gebührenden Anteil am Weltmärkte und unseren Erzeugnissen schnelleren Eingang und größeren Absatz in China und ganz Ost asien verschaffen.—™
